eBooks

Böhmen und Sachsen auf dem Weg nach Santiago und Jerusalem

0518
2026
978-3-381-14492-1
978-3-381-14491-4
Gunter Narr Verlag 
Hartmut Kühne
Jan Hrdina
10.24053/9783381144921

Der Band dokumentiert die Jahrestagung der Deutschen Sankt Jakobusgesellschaft in Ústí nad Labem / Aussig im Jahre 2023. Das Thema der Tagung war zum einen der mittelalterliche Jakobuskult in Böhmen und Mähren sowie Reisen aus diesen Gebieten nach Santiago. Den zweiten Schwerpunkt bildeten die zeitlich parallelen Jerusalemreisen des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen und des böhmischen Adligen Johann Lobkowitz auf Hassenstein im Jahre 1493, dessen umfangreicher tschechischer Reisebericht hier erstmals in einer deutschen Übersetzung vorgelegt wird. Neben einer kritischen Sichtung der Quellen zu diesen Reisen werden auch die materiellen Überlieferungen, die von diesen Unternehmungen zeugen (sollen), untersucht.

9783381144921/9783381144921.pdf
<?page no="0"?> - BÖHMEN UND SACHSEN AUF DEM WEG NACH SANTIAGO UND JERUSALEM Hartmut Kühne, Jan Hrdina (Hrsg.) <?page no="1"?> Böhmen und Sachsen auf dem Weg nach Santiago und Jerusalem <?page no="2"?> Jakobus-Studien 22 im Auftrag der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft herausgegeben von Klaus Herbers und Robert Plötz im Auftrag der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft herausgegeben von Klaus Herbers und Peter Rückert 27 <?page no="3"?> Hartmut Kühne / Jan Hrdina (Hrsg.) Böhmen und Sachsen auf dem Weg nach Santiago und Jerusalem <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381144921 © 2026 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 0934-8611 ISBN 978-3-381-14491-4 (Print) ISBN 978-3-381-14492-1 (ePDF) ISBN 978-3-381-14493-8 (ePub) Umschlagabbildung: © Gothaer Pilgertafel, Vorderseite, Detail. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 9 13 39 61 67 83 149 165 257 317 Inhalt Jan Royt „Heiliger Nepomuk“ - persönliche Erinnerungen an die Baronin Johanna von Herzogenberg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hartmut Kühne/ Jan Hrdina Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jan Royt Die Verehrung des heiligen Jakobus und seine Ikonographie in Böhmen . . Petr Jokeš Einige Bemerkungen über den Sankt Jacobs Kult im mittelalterlichen Mähren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jaroslav Svátek Adelige Pilgerfahrten und Reisen aus den spätmittelalterlichen böhmischen Ländern nach Spanien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Thomas Krzenck Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein als Schriftsteller, Diplomat, Reisender und Bruder des Humanisten Bohuslav von Hassenstein - zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Michaela Ottová/ Aleš Mudra Die Nachwirkung der Pilgerfahrt Johanns von Lobkowitz auf Hassenstein in der Architektur und Kunst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Thomas Lang „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise Friedrichs des Weisen und Herzog Christophs von Bayern 1493 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eva Heuer in Zusammenarbeit mit Hartmut Kühne Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Thomas Krzenck (Übersetzer) Die Jerusalemfahrt des böhmischen Adeligen Johann von Lobkowitz auf Hassenstein im Jahre 1493 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> 487 493 499 Summaries . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> Foto: Petra Flath, Adalbert Stifter Verein. Dieses Buch ist der Erinnerung an Johanna von Herzogenberg (1921-2012) gewidmet, die von 1999 bis 2009 Vizepräsidentin der Deutschen Sankt Jakobus Gesellschaft war. Ihr war das Gespräch zwischen Tschechen und Deutschen über die gemeinsame Vergangenheit ein Herzensanliegen, dem wir mit diesem Buch ein kleines Kapitel hinzufügen möchten. <?page no="9"?> 1 Johanna von H E R Z O G E N B E R G , Marianische Geographie an böhmischen Wallfahrtsorten. Der Weisse Berg; Rimau in Südböhmen, der Heilige Berg, in: Alte und moderne Kunst 16 (1971), S.-9-21. „Heiliger Nepomuk“ - persönliche Erinnerungen an die Baronin Johanna von Herzogenberg Jan Royt Meine erste Begegnung mit der Baronin Dr. Johanna von Herzogenberg erfolgte durch die von ihr verfassten und initiierten Publikationen. Als junger Assistent am Institut für Kunstgeschichte und Ästhetik der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität begann ich 1992 mit der Vorbereitung meiner Habilitati‐ onsschrift zum Thema Bild und Kult in Böhmen im 17. und 18. Jahrhundert und las mit Interesse ihren Beitrag Marianische Geographie an böhmischen Wallfahrtsorten, der sich mit der Darstellung von Gnadenstatuen und -bildern (Marienatlanten) an böhmischen Wallfahrtsorten befasste. 1 Johanna von Herzogenberg betrachtete die von ihr benutzten Marienatlanten zu Recht als eine tschechische Besonderheit. Für meine Arbeit benötigte ich noch den Katalog zur Ausstellung Wallfahrt kennt keine Grenzen: Themen zu einer Ausstellung des Bayerischen Nationalmuseums und des Adalbert Stifter Vereins (München 1984), der in unseren Bibliotheken nicht vorhanden war. Da ich wusste, dass der Adalbert Stifter Verein, deren langjährige Geschäftsführerin und Vorstandsmitglied die Baronin war, an der Herausgabe des Katalogs betei‐ ligt war, wandte ich mich an ihre langjährige Freundin, Frau Doc. Jana Kybalová (1928-2018), mit der Bitte, mir den Kontakt zu ihr zu vermitteln. Zu meiner angenehmen Überraschung schickte mir Johanna von Herzogenberg innerhalb einer Woche nicht nur den Katalog, sondern auch weitere Publikationen. Das war der Beginn unserer persönlichen Zusammenarbeit - zunächst bei einer Ausstellung über den Heiligen Johannes von Nepomuk, die 1993, im Jubiläumsjahr seines Todes vorbereitet wurde. Hauptveranstalter war das Bayerische Nationalmuseum, vertreten durch seinen Direktor Dr. Reinhold <?page no="10"?> Baumstark (* 1944), den Landeskonservator und Kunsthistoriker Dr. Petr Volk (1937-2016) sowie Dr. Johanna von Herzogenberg. Partner auf tschechischer Seite waren das Nationalmuseum in Prag (Dr. Lubomír Sršeň, * 1949) und die Königliche Kanonie der Prämonstratenser in Strahov (P. Dr. Evermod Gejza Šidlovský, * 1955). Ich selbst war für die Auswahl der Exponate auf tschechischer Seite verantwortlich. Gleichzeitig wurde ich gebeten, für den Katalog einen Beitrag über den Kult des Heiligen Johannes von Nepomuk in Prag zu verfassen. Es handelte sich dabei um eines der ersten internationalen Ausstellungsprojekte in der freien Republik. Unvergesslich waren die Reisen zu den Nepomuk-Sehenswürdigkeiten in der ganzen Republik, als ich meine ehrwürdigen Gäste aus Bayern in einem rostigen Škoda 105 herumfuhr und die Gastätten auf dem Land oft nur Bier und „Utopenci“ (Würstchen mit Zwiebeln in Lake) anboten, was nicht ein‐ fach ins Deutsche zu übersetzen war. Johanna von Herzogenberg bewies in den angespannten Situationen, von denen es bei der Vorbereitung einer so anspruchsvollen Ausstellung nicht wenige gab, die ihr eigene Gelassenheit und Freundlichkeit. Die Ausstellung, die zunächst in den Räumlichkeiten der Königlichen Kanonie der Prämonstratenser in Strahov, Prag, und anschließend im Bayerischen Nationalmuseum in München stattfand, präsentierte Kunstge‐ genstände zur Nepomuk-Thematik aus ganz Europa, nicht zuletzt dank der hervorragenden Kontakte der Baronin. Zum Anlass der Ausstellung wurde vom Bayerischen Nationalmuseum ein umfangreicher Katalog mit dem Titel Johannes von Nepomuk (1393-1993) in deutscher Sprache herausgegeben, zu dem die Baronin einen Fachbeitrag beigesteuert hat. Sie war auch an den Texten eines kurzen Führers in tschechischer Sprache beteiligt. Mit der Zeit hatte ich eine enge Freundschaft zu ihr aufgebaut; immer wenn sie mich anrief oder wir uns persönlich trafen, sprach sie mich in ihrem einzigartigen Tschechisch und ihrem besonderen Akzent mit „Svatý Nepomuk [Heiliger Nepomuk]“ an. Für mich als „Nichtadeligen“ war es ein besonderes Erlebnis, zu einem gesellschaftlichen Treffen in den Geburtsort der Baronin auf das Schloss Sychrov (Kr. Liberec) eingeladen zu werden, an dem sowohl die tschechische als auch die europäische Aristokratie teilnahmen. Auch nach Ende der Nepomuk-Ausstellung kühlten unsere freundschaftli‐ chen Beziehungen nicht ab, und wann immer sie nach Prag kam und bei den Prämonstratensern in Strahov zu Gast war, trafen wir uns regelmäßig. Im Jahr 1998 lud ich die Baronin ein, an der Karlsuniversität einen öffentlichen Vortrag zum Thema „Kunstgeschichtsunterricht an der deutschen Karl-Ferdinands-Uni‐ versität“ zu halten. Sie erzählte dabei in spannender Weise von ihrem Studium an der Philosophischen Fakultät der Deutschen Karlsuniversität in Prag während 10 Jan Royt <?page no="11"?> des Zweiten Weltkriegs. Sie erinnerte sich an ihre Lehrer, insbesondere an die renommierten Mediävisten Karl M. Swoboda (1889-1977) und Erich Bachmann (1910-1991), und ging kurz auf das tragische Schicksal von Lidice ein. Sie sprach darüber, dass der Krieg auch ihre Familie hart getroffen hatte: Zwei Brüder fielen als einfache Soldaten an der Ostfront, ein dritter kam bei einem tragischen Unfall ums Leben. Als aktives Mitglied der deutschen St. Jakobus-Gesellschaft lud sie mich zu einem Vortrag über den Jakobskult in Böhmen ein, den ich 2004 auf einer Tagung der Gesellschaft in Jihlava (Iglau) hielt, wo sich eine der bedeutendsten Jakobskirchen Böhmens befindet. Als kleine Dankesgeste für alles, was sie für die Versöhnung zwischen Tschechen und Deutschen sowie für die Unterstüt‐ zung einer Reihe gemeinsamer Kulturprojekte und Persönlichkeiten aus dem tschechischen Umfeld geleistet hat, habe ich die Baronin für die Verleihung der Goldmedaille der Karlsuniversität vorgeschlagen, die sie 2007 erhalten hat. Ich weiß, dass sie sich darüber sehr gefreut hat, ebenso wie über den T. G. Masaryk-Orden, den ihr der Präsident der Tschechischen Republik Václav Havel (1936-2011) 2003 für ihre Verdienste um unser gemeinsames Vaterland verliehen hat. Es gibt noch einen weiteren Ort, der mich mit der Baronin Johanna von Herzogenberg verbindet, nämlich die kleine St.-Jakobus-Kirche in Letařovice (Kr. Liberec) mit ihrer Kassettendecke, auf der die Legende des Heiligen Jakobus gemalt ist, und mit ihrer Empore, auf der die Schutzpatrone der böhmischen Länder dargestellt sind. Die gemalte Legende des Heiligen Jakobus in Letařovice, die hinsichtlich der Anzahl der Episoden die umfangreichste Legende des Heiligen Jakobus in Böhmen ist, widmete sich die Baronin in ihrem Buch Der Heilige Apostel Jakobus Major: Leben und Legende; sechzig Tafeln der Holzdecke in der Friedhofskirche von Letařovice (Prag 2000). Seit sieben Jahren nehme ich regelmäßig an der Wallfahrtsprozession in Letařovice teil und gedenke der Baronin stets dankbar in meinen Gebeten. Wir waren uns auch einig, dass unsere gemeinsame Liebe dem Böhmerwald gilt, über den die Baronin in ihrer Publikation Zwischen Donau und Moldau. Bayerischer Wald und Böhmerwald. Das Mühlviertel und Südböhmen (München 1968) schrieb. Mit großem Interesse besuchte sie wiederholt die Ausstellung „Der heilige Johannes Nepomuk in der Volkstradition“, die im Jubiläumsjahr 1993 im Böhmerwaldmuseum in Kašperské Hory organisiert wurde und an deren Gestaltung ich beteiligt war. In ihrem Testament bedachte sie dann den schönen Wallfahrtsort in Strašín (Kr. Klatovy), den sie sehr liebgewonnen hatte. Sie wünschte sich, dass anstelle von Blumengeschenken bei ihrer Beerdigung Geldbeträge für die Rekonstruk‐ „Heiliger Nepomuk“ - persönliche Erinnerungen an die Baronin Johanna von Herzogenberg 11 <?page no="12"?> 2 Johanna von H E R Z O G E N B E R G , Bilderbogen. Aus meinem Leben, München 1999; Z mého života, Ústí nad Labem 2002. tion des Wallfahrtsortes Strašín gespendet werden sollte. Ich weiß auch, dass sie mehrfach die Polizeibehörden in Bayern kontaktierte, um die gestohlene Madonna von Strašín wiederzufinden. Ich war sehr erfreut, dass der Verlag Albis International in Ústí nad Labem eine tschechische Übersetzung ihrer biographischen Erinnerungen herausge‐ bracht hat. 2 Als ich die traurige Nachricht erhielt, dass sie für immer von uns gegangen war, wurde mir bewusst, dass sie trotz der schweren Lebensumstände am Ende des Krieges und kurz danach im Zwangsexil nicht verbittert wurde und ihrer Heimat treu geblieben war, wie sie es in ihren Werken und ihrer verdienstvollen Tätigkeit für den Adalbert Stifter Verein bewiesen hatte, in deren Rahmen sie vielen tschechischen Künstlern und Forschern half. Gott hat Baronin Johanna von Herzogenberg ein gesegnetes Alter gewährt. Als sie vor das gnädige Antlitz des Herrn trat, hat sicherlich der heilige Johannes Nepomuk, den sie so sehr verehrte, für sie Fürsprache gehalten. Ich bin stolz darauf, zu ihren Freunden gezählt zu haben, und höre noch immer, wie sie mich humorvoll „Heiliger Nepomuk“ nennt. 12 Jan Royt <?page no="13"?> 1 Robert P L ÖT Z (Hg.), Europäische Wege der Santiago-Pilgerfahrt ( Jakobus-Studien 2), Tübingen 1990. 2 Ryszard K N A P IŃ S K I (Hg.), Kult św. Jakuba Większego Apostola w Europie Środ‐ kowo-Wschodniej, Lublin 2002. 3 Klaus H E R B E R S / Dieter R. B A U E R (Hg.), Der Jakobuskult in Ostmitteleuropa. Austausch - Einflüsse - Wirkungen ( Jakobus-Studien 12), Tübingen 2003. Einführung Hartmut Kühne/ Jan Hrdina Santiago de Compostela liegt von Deutschland aus westwärts. Dennoch hatte die Deutsche Sankt Jakobus-Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten immer wie‐ der auch Ostmitteleuropa als Raum der Jakobusverehrung und des europäischen Pilgerverkehrs im Blick. 1988 kam die Jakobusgesellschaft auf ihrer zweiten Jahrestagung 1988 in Schloss Schney bei Bamberg zusammen, um unter dem Eindruck der Initiative des Europarates, der die Jakobswege im Vorjahr zur ersten Europäischen Kulturroute erklärt hatte, über die „Europäischen Wege der Santiago-Pilgerfahrt“ zu beraten. Im Blick waren dabei neben den spanischen, französischen und deutschen Wegen auch die historischen Routen in der Schweiz, Tirol und Skandinavien 1 . Dass Ostmitteleuropa damals noch fehlte, wurde Ende der 1980er Jahre wohl noch von kaum jemandem in Westdeutsch‐ land ernsthaft bemerkt. Erst als die Wiederentdeckung der kulturellen Einheit Europas nach dem Ende des Kalten Kriegs in den 1990er einsetzte, weitete sich der Blick nach Osten. Im April 1998 fand eine von der Akademie der Diö‐ zese Rottenburg-Stuttgart in Zusammenarbeit mit der Päpstlich-Theologischen Akademie in Krakau organisierte Tagung zum Jakobuskult in Ostmitteleuropa in der polnischen Königsstadt am Wawelhügel statt 2 . Ihre Ergebnisse wurden in deutscher Sprache 2003 in einem Band der Jakobus-Studien veröffentlicht, der zugleich einige Beiträge der 1998 im Kloster Marienthal veranstalteten Jahrestagung der Jakobus-Gesellschaft aufnahm 3 . Wie ließe sich die kulturelle Gemengelage der hier angeschnittenen Themen besser beschreiben als durch die geographische Situation des in Sachsen gelegenen katholischen Frauenklosters Marienthal, dessen Mauern direkt an die Neiße und damit seit dem Ende des <?page no="14"?> 4 Die Zisterzienserinnen Abtei Marienthal wurde 1234 von der böhmischen Königin Kunigunde von Staufen mit Unterstützung ihres Gemahl Wenzels I., des böhmischen Königs gegründet. Bis zum 17. Jahrhundert stand das Kloster im Rahmen der Länder der Böhmischen Krone unter starkem böhmischen Einfluß. 5 Daniel D O L E Ž A L / Hartmut K Ü H N E et al. (Hg.), Wallfahrten in der europäischen Kultur - Pilgrimage in European Culture. Tagungsband Příbram 26.-29. Mai 2004 - Proceedings of the Symposium Příbram, May 26th-29th 2004 (Europäische Wallfahrtsstudien 1), Frankfurt a.-M. u.-a. 2006. 2. Weltkrieges an die Grenze zu Polen stoßen und das zugleich nur wenige Kilometer von der Tschechischen Republik entfernt ist? 4 Im Jahr 2004, als die Tschechische Republik, Polen, Ungarn und fünf weitere Staaten Ostmitteleuropas Teil der Europäischen Union wurden, tagte die Jako‐ bus-Gesellschaft mit etwa einhundert Teilnehmern in der Stadt Jihlava/ Iglau an der mährisch-böhmischen Grenze. Unter dem Leitbegriff des Patronats wurde thematisch eine Brücke zwischen den böhmischen Landespatronen und dem Pilgerpatron Jakobus geschlagen. Am Zustandekommen dieser Tagung hatte die damals bereits 83jährige Johanna von Herzogenberg (1921-2012) einen gewichtigen Anteil. Die in 1943 in Prag promovierten und 1946 aus der Tschechoslowakei vertriebene Kunsthistorikerin war ein frühes und prägendes Mitglied der Jakobus-Gesellschaft und von 1999 bis 2009 deren Vizepräsidentin. Sie sah ihre Lebensaufgabe darin, sich für den kulturellen Austausch und das Gespräch zwischen Tschechen und Deutschen über die durch historische Irrwege und Verbrechen geschlagenen Wunden hinweg einzusetzen. 2004 referierte sie in Iglau über den hl. Wenzel als böhmischen Landespatron. Ihr Lebenswerk wurde auf der Tagung mit der Vorführung des 2003 entstandenen Dokumentarfilms „Die lange Reise der Baronin auf der Elbe“ über ihre Vita gewürdigt. Eine Drucklegung der Beiträge dieser Tagung kam allerdings nicht zustande. Im selben Jahr 2004 beteiligten sich die beiden Herausgeber des hier vorlie‐ genden Bandes an der Organisation einer international besetzten Tagung über „Wallfahrten in der europäischen Kultur - Pilgrimage in European Culture“, die im Mai 2004 im böhmischen Marienwallfahrtszentrum Příbram veranstaltet wurde. Es waren vor allem jüngere tschechische, polnische und deutsche Kolleginnen und Kollegen, die hier jenseits der traditionellen Themen einer von Marxismus dominierten Geschichtswissenschaft einen die Disziplinen der Geschichte, Volkskunde, Kunst- und Kirchengeschichte einschließenden Aus‐ tausch über die vernachlässigten Praktiken von Nah- und Fernwallfahrten vom Frühmittelalter bis in die Gegenwart in den verschiedenen Ländern Europas suchten 5 . Von den guten Erfahrungen dieser großen Tagung inspiriert haben wir, die Herausgeber dieses Bandes, auch in den folgenden Jahren versucht, 14 Hartmut Kühne/ Jan Hrdina <?page no="15"?> 6 Felix E S C H E R / Hartmut K Ü H N E (Hg.), Die Wilsnackfahrt. Ein Wallfahrts- und Kommuni‐ kationszentrum Nord- und Mitteleuropas im Spätmittelalter (Europäische Wallfahrts‐ studien 2), Frankfurt a.-M. u.-a. 2006. 7 Hartmut K Ü H N E / Lothar L A M B A C H E R / Konrad V A N J A (Hg.), Das Zeichen am Hut im Mit‐ telalter. Europäische Reisemarkierungen - Symposion in memoriam Kurt Köster (1912- 1986) und Katalog der Pilgerzeichen im Kunstgewerbemuseum und im Museum für Byzantinische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin (Europäische Wallfahrtsstudien 4), Frankfurt a.-M. u.-a. 2008. 8 Hartmut K Ü H N E / Lothar L A M B A C H E R / Jan H R D I N A (Hg.), Wallfahrer aus dem Osten. Mittelalterliche Pilgerzeichen zwischen Ostsee, Donau und Seine (Europäische Wall‐ fahrtsstudien 10), Frankfurt a.-M. u.-a. 2013. 9 Hartmut K Ü H N E / Christian P O P P (Hg.), Pilgern zu Wasser und zu Lande ( Jakobus-Studien 24), Tübingen 2022. Tagungen zu bestimmten Themen des europäischen Wallfahrtswesens zu or‐ ganisieren, um besonders den Austausch zwischen deutschen, tschechischen und polnischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu fördern und so die jahrhundertealte kulturelle Verbundenheit und Synchronität unserer Heimatländer wieder freizulegen. So organisierten wir gemeinsam mit ande‐ ren Kolleginnen und Kollegen 2005 eine Tagung zur Wilsnackfahrt in dem ehemaligen Wallfahrtsort im Norden Brandenburgs 6 , 2006 ein Kolloquium zur europäischen Pilgerzeichenforschung in Berlin 7 und 2010 gewissermaßen in Fortführung des ersten Treffens ein weiteres in Prag 8 . Mit diesen Bemühungen hatten wir zunächst den Eindruck ganz im Strom der Zeit zu schwimmen. Die Euphorie, mit der die europäische Einigung 2004 gefeiert wurde, herrschte zunächst auch im Bereich der Wissenschaft und deren Förderung. Je mehr sich aber im politischen Raum abzeichnete, dass die kulturelle Einheit ganz Europas nicht nur ein Geschenk war, welches uns unerwartet in den Schoß fiel, sondern zunehmend auch zu einer schwierigeren Aufgabe wurde, die gemeistert werden wollte, erlahmte auch unsere Energie, um den angestrebten Dialog jenseits des persönlichen Austausches aufrecht zu erhalten. Mit der von uns vorbereiteten Jahrestagung von 2023 in Ústí nad Labem/ Aussig knüpften wir also in gewisser Hinsicht an gemeinsame Unternehmungen an, die seit mehr als zehn Jahren geruht hatten. Dass die Tagung in Tsche‐ chien schließlich zustande kam, hatte verschiedene Gründe. Die Überlegung, an die nichtpublizierte Jahrestagung von 2004 thematisch anzuknüpfen, war bereits seit längerer Zeit im Präsidium und im wissenschaftlichen Beirat der Jakobus-Gesellschaft erwogen worden. Der entscheidende Impuls dazu kam aus einer ganz unerwarteten Richtung, nämlich durch einen Vortrag, der auf der Jahrestagung 2020 in Stade gehalten wurde, die unter dem Thema „Schiffspil‐ gerfahrten“ stand 9 . Unter den dorthin zu einem Vortrag eingeladenen Personen war auch die Kunsthistorikerin Eva Heuer, die 2007 an der Friedrich-Alexan‐ Einführung 15 <?page no="16"?> 10 Eva H E U E R (geb. Mayer), Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493. Magisterarbeit an der Philosophischen Fakultät I der Fried‐ rich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg 2007. der-Universität Erlangen-Nürnberg eine Magisterarbeit über die sog. „Gothaer Pilgertafel“ vorgelegt hatte, ein spätmittelalterliches Tafelbild mit der Ansicht des Heiligen Landes, die seit langem mit der Erinnerung an die Pilgerfahrt des Kurfürsten Friedrichs des Weisen nach Jerusalem im Jahre 1493 verbunden ist. Trotzdem sowohl die Pilgerfahrt des späteren Schutzherrn Martin Luthers als auch die Pilgertafel in der Kunst-, Kirchen- und Landesgeschichte immer wieder einmal behandelte Themen waren, hatte Eva Heuer (damals noch unter ihrem Geburtsnamen Eva Mayer) mit ihrer Magisterarbeit erstmals versucht, einen breiten und kritischen Überblick über die Quellenlage zu dieser Reise des sächsischen Kurfürsten zu gewinnen 10 . Zugleich hat sie als erste in Frage gestellt, dass die Entstehung der Gothaer Tafel ursprünglich mit der Erinnerung an Friedrich den Weisen zusammenhing und vielmehr vermutet, diese - das heutige Bild dominierende - Figur sei eine spätere Zutat gewesen. Durch diese beiden Fragestellungen stellte die Erlanger Magisterarbeit von 2007 einen beachtlichen Wurf dar. Aus der ursprünglichen Absicht der Absolventin, das Thema in Form einer Dissertation weiter auszubauen, wurde durch andere Le‐ bensentscheidungen nichts. Allerdings wirkten die Fragestellungen auch ohne eine Veröffentlichung nach, denn der Diplomat und Historiker Mordechai Lewy kannte den Text und verwendete ihn in als Argument in einem Vortrag, wodurch er wiederrum mir, Hartmut Kühne, 2015 bekannt wurde. Ich nahm daraufhin zu der Verfasserin Kontakt auf, was schließlich in die Vortragseinladung nach Stade im Jahre 2020 mündete. Unter den Bedingungen des ersten Pandemieherbstes kam die Jahrestagung in Stade zwar glücklicherweise zustande, nicht aber der persönliche Vortrag von Frau Heuer, deren Referat deshalb nur verlesen werden konnte. In der an den Vortrag anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass grundlegende Fragen in Bezug auf die Pilgerfahrt Friedrichs des Weisen unge‐ klärt waren bzw. immer wieder kolportierte Informationen sich als unsicher erwiesen. Auch machte der Vortrag klar, dass eine in diesem Zusammenhang wichtige Quelle, der umfangreiche Reisebericht des böhmischen Adligen Johann von Lobkowitz, der parallel mit dem sächsischen Kurfürsten in das Heilige Land reiste und ihm dabei auch begegnete, in einer tschechischen Edition zugänglich war, aber durch die Sprachbarriere in Deutschland bisher nicht rezipiert werden konnte. So entstand die Idee, den Vortrag von Frau Heuer nicht in den Tagungsband mit aufzunehmen und stattdessen das Thema der Pilgerreise Friedrichs des Weisen noch einmal separat zu behandeln. Die ersten Überlegungen zielten darauf ab, diese Texte in einem separaten Band der 16 Hartmut Kühne/ Jan Hrdina <?page no="17"?> Jakobus-Studien mit Hinblick auf den 500. Todestag des sächsischen Kurfürs‐ ten im Jahr 2025 möglichst vor diesem Jubiläum zu veröffentlichen. Durch die Diskussionen dieser Idee im wissenschaftlichen Beirat der Gesellschaft veränderte sich diese Planung aber zugunsten einer neuen Jahrestagung in der Tschechischen Republik, die einerseits den 2004 nicht zu Ende gewobenen Faden des Jakobuskultes und der Santiagofahrten in Böhmen und Mähren nochmals aufnehmen, zugleich aber auch die (partiell) gemeinsame Reise des sächsischen Kurfürsten und des böhmischen Adligen beleuchten sollte. Als Tagungsort war zunächst Kaaden/ Kadaň, die ehemalige königliche Stadt am Eger/ Ohře, im Gespräch, wo Johann II. Hassenstein von Lobkowitz ein Franziskanerkloster gefördert hat, in dessen Architektur sich noch heute Reflexe auf die im Jahre 1493 unternommene Pilgerfahrt nach Jerusalem finden lassen. Die schlechte Er‐ reichbarkeit Kaadens mit öffentlichen Verkehrsmitteln ließ uns aber nach einer Alternative suchen, die wir schließlich in Aussig/ Ústí nad Labem fanden. Dass wir damit auch an die Biographie von Johanna von Herzogenberg anknüpften, die ihre Kindheit im heutigen Aussiger Stadtteil Brná nad Labem verbrachte und in Aussig zur Schule ging, war uns zunächst nicht bewusst. Wir möchten uns freilich vorstellen, dass die Kunsthistorikerin gleichsam im Verborgenen als Patronin über unser Unternehmen wachte. Wie ist es sonst zu erklären, dass die im September 2023 veranstaltete Jahrestagung auch insofern an die Unternehmung von 2004 anknüpfte, als zwei der damals Vortragenden auch diesmal als Referenten beteiligt waren: Der Prager Kunsthistoriker Jan Royt hatte 2004 über die böhmischen Landespatrone gesprochen und nun referierte er über die Darstellung des Apostels Jakobus in der böhmischen Kunst. Der Aussiger Archivar Vladimír Kaiser entdeckte 2004 sein Interesse am Beschreiten des Jakobsweges und berichtete am runden Tisch in Iglau von seinen ersten Etappen, auf denen er damals bereits bis nach Schluchsee im Breisgau gelangt war. 2023 konnte er in einem launigen Abendvortrag von seinen Erfahrungen berichten, die ihn schließlich bis nach Santiago und Finisterre geführt hatten. 1 Zum Jakobuskult in den böhmischen Ländern Unter den Patronaten im mittelalterlichen Böhmen belegt der hl. Jakobus d. Ä. nur einen Platz im ‚Mittelfeld‘. Seine Verehrung war zwar durchaus populär, konnte aber niemals in Konkurrenz zur Verehrung Christi, Mariens und oder auch mit den Kulten der Landespatrone, besonders dem des hl. Wenzels, treten. Im kirchlichen Bereich wird meist der Fokus auf Kalendarien, Reliquienver‐ zeichnisse und Benefizienlisten gelegt, um die liturgische Verehrung, den Besitz von Reliquien und besonders die Verbreitung der Jakobus-Patrozinien verfolgen Einführung 17 <?page no="18"?> 11 Zu Patrozinien im mittelalterlichen Böhmen vgl. Zdeněk B O H ÁČ , Patrocinia jako jeden z pramenů k dějinám osídlení [Die Patrozinien als eine der Quellen zur Sied‐ lungsgeschichte], in: Československý časopis historický 21 (1973), S. 369-388, hier S. 376 (Tabelle mit der Anzahl der romanischen Kirchen Böhmens, ca. 1000-1250, mit ihren Patrozinien); erste Quellenbelege zu Jakobus-Patrozinien kurz nach der Mitte des 12. Jahrhunderts, bis 1250 sind 17 Kirchen mit diesem Weihetitel bekannt. Der Hispanist Baďura gibt nach mündlicher Mitteilung von Boháč an, dass in Böhmen bis zum Jahr 1420 über 90 Kirchen entstanden sind, die dem hl. Jakobus geweiht waren. Vgl. Bohumil B AĎ U R A , Styky mezi Českým královstvím a Španělskem ve středověku [Die Beziehungen zwischen dem Königreich Böhmen und Spanien im Mittelalter], in: Táborský archiv 7 (1995-1996), S.-5-87, hier S.-28, Anm. 108. zu können 11 . Exemplarisch für diesen Bereich des Kultes behandelt der Beitrag von Petr Jokeš, der sich seit langem mit der Erforschung der Kirchenpatrozinien Mährens im Mittelalter beschäftigt, die Bedeutung des Jakobus-Patroziniums für das mittelalterliche Mähren. Der hl. Jakobus d. Ä. gehörte hier zu den populärsten Schutzheiligen. Von der Christianisierung Mährens bis zu den Hussitenkriegen entstanden mindestens 45 Jakobskirchen. Allerdings ist in Mähren vor dem 12. Jahrhundert keine einzige Jakobskirche zu finden. Der Kult taucht in dieser Region erst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts auf - veranlasst vermutlich durch bayerischen Einfluss oder auch durch Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela. Die älteste Jakobus-Kirche ist die in Černín aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, was die Vermutung einer Herkunft des Patroziniums aus dem Donauraum stützt, da der Ort im Südwesten Mährens liegt. Das 13. Jahrhundert war eine Blütezeit des Jakobus-Kultes mit insgesamt 24 Neugründungen. Zunächst konzentrierte sich der Kult auf Süd- und Süd‐ westmähren. Eine Verbindung zu Räumen mit deutscher Besiedlung (z. B. in den Bergstädten Jihlava und Jemnice) ist in vielen Fällen erkennbar. Allerdings wurde der Kult sehr bald auch in der tschechischen Bevölkerung rezipiert, was die zahlreichen Jakobskirchen in rein tschechischen Gebieten belegen. Der Kult war in Nordmähren deutlich schwächer ausgeprägt als im Süden und Südwesten. Bis 1419 entstanden weitere 20 Kirchen. In der „Rangliste“ der populärsten Patrozinien des mittelalterlichen Bistums Olmütz belegte der hl. Jakobus mit 45 Kirchen den vierten Platz und war damit sogar bedeutender als der Landespatron St. Wenzeslaus (44). Ein wesentlicher Aspekt der Verehrung des hl. Jakobus betrifft den Besuch seines Grabes in Nordwestspanien. Erste Hinweise auf Jakobus-Pilger aus Böhmen finden sich am Ende des 12. Jahrhunderts, so die 1192 geplante, aber nicht realisierte Pilgerreise des Prager Bischofs Heinrich Břetislav (gest. 1197, reg. 1182-1197). Sehr seltene Belege finden sich auch im 13. und in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts und betreffen vor allem den Adel und die Geistlichkeit 12 . 18 Hartmut Kühne/ Jan Hrdina <?page no="19"?> 12 B AĎ U R A , Styky (wie Anm. 11), S. 5-87, bes. S. 26-29 (1238, Zbraslav, Mundschenk Königs Wenzel I., testamentarisches Vermächtnis von sechs Mark für die Pilgerfahrt; 1312, Ulrich von Brandýs, eine Strafwallfahrt für den Todschlag des Prager Bürgers Peregrin Puš (vgl. dazu Formulář biskupa Tobiáše z Bechyně (1279-1296) [Das Formularbuch des Bischofs Thobias von Bechyně (1279-1296)], hg. von Jan Bedřich N O V Á K , Praha 1903, S. 109, 1279-1290); ein Testimoniale (littera testimonialis) des Prager Bischofs Thobias von Bechyně für einen Pfarrer beati Jacobi apostoli sepulcrum et limina visitandi. Siehe dazu auch die Beiträge von Petr Jokeš, Jan Royt und Jaroslav Svátek in diesem Band. 13 B AĎ U R A , Styky (wie Anm. 11), S.-26-49, 61-87. Erst für das ausgehende Mittelalter fließen die Quellenbelege zu Besuchen böhmischer Pilger oder allgemeiner böhmischer Reisender zum Jakobusgrab reichlicher. Mit derartigen Belegen beschäftigt sich der Beitrag von Jaroslav Svátek, der sich hier auf die Untersuchung adeliger Reisen aus dem Königreich Böhmen auf die Iberische Halbinsel durch die umfassende Studie von Bohumil Baďura stützt. Es ist das Verdienst dieses tschechischen Hispanisten, auf die erhaltenen Geleitbriefe im Archiv der Krone von Aragon zu Barcelona aufmerk‐ sam gemacht zu haben; er wertete das auf Böhmen bezügliche Material aus und edierte es 13 . Als Hauptmotive für diese Reisen identifizierte Baďura den Besuch des Jakobus-Grabes in Compostela (als conditio sine qua non aller adligen Reisen dieser Zeit), die peregrinatio academica nach Salamanca und den Kampf gegen die Muslime. Sváteks Beitrag widmet sich unter Berücksichtigung neuer Quellen den adeligen Spanien-Fahrten im Jahre 1415. In diesem Jahre reisten Václav von Donín, Ctibor von Kozí und insbesondere Heinrich von Kravaře und Plumlov nach Spanien und z.T. auch weiter darüber hinaus. Der letztgenannte Heinrich, der Berater und Verbündete König Sigismunds von Luxemburg (1368- 1437), erhielte Empfehlungsschreiben für weitreichende Ziele, darunter für den portugiesischen Hof, nach Granada und für eine mögliche Überfahrt nach Marokko. Indizien aus Chroniken legen seine Teilnahme an der Eroberung des nordafrikanischen Ceuta im August 1415 nahe, womit er der erste bekannte Böhme an der afrikanischen Küste gewesen wäre. Im zweiten Teil befasst sich Sváteks Beitrag mit der bekannten und besser dokumentierten Gesandtschaft Leo von Rosentals (1465-1467). Diese Gesandtschaft brach im November 1465 von Prag auf und reiste über Burgund, England und Frankreich auf die Iberische Halbinsel. Die Reise ist durch die Tagebücher des Nürnberger Bürgers Gabriel Tetzel (gest. 1479) und des böhmischen Adligen Václav Šašek von Bířkov (gest. nach 1493) gut dokumentiert, wobei besonders letzteres Tagebuch, das in einer lateinischen Übersetzung von 1577 überliefert ist, eine Fülle von Geleitbriefen enthält. Durch seine inhaltliche Analyse zeigt Svátek, dass im Mittelpunkt von Šašeks Erzählung vor allem Leo von Rosental steht und der Text einem Ritter‐ roman ähnelt, der in der böhmischen Literaturtradition verankert ist. Ebenso Einführung 19 <?page no="20"?> 14 Eine Übersicht zu den Pilgerzeichenfunden bis 1998 bzw. bis 2006 bietet Tomáš V E L Í M S K Ý , K nálezům středověkých poutních odznaků v českých zemích [Zu den Funden der mittelalterlichen Pilgerzeichen in den böhmischen Ländern], in: Archaeologia historica 23 (1998), S. 435-455; D E R S ., Reflection of Pilgrimages in the Material Culture of the Czech Middle Age, in: D O L E Ž A L / K Ü H N E , Wallfahrten in der europäischen Kultur (wie Anm. 5) S. 253-270. Vgl. neuedings (Funde bis 2018) Jan H R D I N A , Poutě, odpustky a poutní odznaky pozdního středověku jako námět pro historickou kartografii [Wall‐ fahrten, Ablässe und Pilgerzeichen des Spätmittelalters als Thema für die historische Kartografie], in: Etnografický atlas Čech, Moravy a Slezska IX. Duchovní a hmotné aspekty zbožné peregrinace [Ethnografischer Atlas von Böhmen, Mähren und Schlesien IX. Geistige und materielle Aspekte der Pilger- und Wallfahrten], hg. von Markéta H O L U B O V Á et al., Praha 2020, S. 7-33, bes. Karte I/ 4: Die Funde der mittelalterlichen Pilgerzeichen und Devotionalien in den böhmischen Ländern. Die Funde aus Mähren stellte zusammen Petra M A Z ÁČ O V Á , Doklady středověkého poutnického života na Moravě ve světle hmotných a písemných pramenů [Belege des mittelalterlichen Pilger‐ lebens in Mähren im Lichte materieller und schriftlicher Quellen], Unveröffentlichte Dissertation, Institut für Theorie und Geschichte der bildenden Künste, Palacký-Uni‐ versität, Olomouc 2017. 15 Zu den Funden neuerdings Lukáš H L U B E K , Nález svatojakubské mušle ve městě Litovli [Fund einer Jakobsmuschel in der Stadt Litovel], in: Archeologie a vlastivěda. PhDr. Pavlu Michnovi k sedmdesátým narozeninám [Archäologie und Heimatkunde. PhDr. Pavel Michna zum 70. Geburtstag], hg. von Josef U N G E R (Vlastivědný věstník moravský 66, Supplementum 2), Brno 2014, S. 35-38; Jana G R Y C / Andrzej Marek W Y R W A , Muszla pielgrzymia z Góry Zamkowej w Cieszynie: nowy punkt na mapie dróg do grobu św. Jakuba w Composteli [Die Pilgermuschel vom Schlossberg in Teschen: ein neuer Punkt war aber auch der religiöse Aspekt dieser Reise von zentraler Bedeutung, denn Leo von Rosental besuchte zahlreiche Wallfahrtsorte, besichtigte Reliquien und interessierte sich für Heiligenlegenden. Der Höhepunkt dieser Pilgerdimension war der Besuch des Grabes des hl. Jakobus in Santiago. Neben den Quellenbelegen für den Besuch einzelner, in der Regel hochgestell‐ ter Personen am Jakobusgrab stellen Funde von Pilgermuscheln weitere Indizien zur Verfügung, welche diese mittelalterliche Pilgerbewegung dokumentieren. Am Beginn der 2020er Jahre sind aus den tschechischen Ländern - unter Einschluss von grenznahen historischen Gebieten mit der starken Beziehung zu ihnen - rund 40 mittelalterliche Pilgerzeichen und ähnliche Devotionalien belegt 14 . Diese archäologischen Funde dokumentieren vor allem die Fern- und überregionalen Pilgerfahrten des 13. und 14. Jahrhunderts. Dank ihrer idealen Materialbeschaffenheit, wodurch sie den natürlichen Verfallsprozessen wider‐ stehen, sind aus Böhmen und Mähren (sowie dem angrenzenden ehemaligen Herzogtum Teschen und Ratibor) bereits sechs bzw. acht Jakobsmuscheln - respektive ihrer Bruchstücke - erhalten geblieben, die überwiegend aus dem 13. und 14.-Jahrhundert stammen 15 . 20 Hartmut Kühne/ Jan Hrdina <?page no="21"?> auf der Karte der Wege zum Grab des heiligen Jakobus in Compostela], in: Archaeologia historica 35 (2010), S.-443-449. 16 Antonín Z Ů B E K , Nález svatojakubské mušle ze středověkého hřbitova při kostele sv. Jakuba v Brně [Der Fund einer Jakobsmuschel aus einem mittelalterlichen Friedhof bei der St.-Jakobs-Kirche in Brünn], in: Archaelogia historica 65 (2013), S.-401-404. 17 Über den bislang offenbar unveröffentlichten Fund berichten G R Y C / W Y R W A , Muszla pielgrzymia (wie Anm. 15), S.-447, laut einer Mitteilung des Archäologen Jan Frolík. 18 Jan K L Á P Š T Ě , La coquille de pèlerin de Most, in: Ľ archeologie et la culture spirituelle du moyen age, hg. von Jan F R O L Í K et al. (Památky archeologické 83), Praha 1992, S. 154-159. 19 Petr Č E C H , Žatec v raném středověku [Saaz im Frühmittelalter], in: Žatec [Saaz], hg. von Petr H O L O D ŇÁ K / Ivana E B E L O V Á , Praha 2004, S.-111-112. 20 V E L Í M S K Ý , Reflection (wie Anm. 14), S.-268. Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei eine Muschel (Durchmesser 140 mm, 13.-14. Jh.) aus einem mittelalterlichen Grab an der St.-Jakobus-Kirche in Brno (Brünn), denn sie ist das einzige Exemplar, das in einem eindeutigen Begräbnis-Kontext gefunden wurde. Das Pilgerzeichen war vielleicht ursprüng‐ lich am Hut angebracht, der im Grab auf dem Bauch des Verstorbenen gelegt wurde. Dieses Pilgerzeichen könnte also ein indirekter Beweis dafür sein, dass ein Mitglied der örtlichen Gemeinde in Brünn diese Pilgerreise unternommen hatte 16 . Dieser Grabfund ist in Tschechien eine Ausnahme. Nur die 2006 im Beinhaus in Lažany (Laschan, Bez. Chrudim) gefundene Muschel (13.-14. Jh.) könnte evtl. auch ursprünglich zu einer Grabausstattung gehören 17 . Weitere Funde von Pilgerzeichen stammen entweder aus älteren Sammlungen oder aus archäologischen Situationen profanen Ursprungs. Dies ist auch bei den Jakobusmuscheln der Fall, die bei Ausgrabungen ab den 1970er bis zum Jahr 2015 gefunden wurden. Ein Fund stammte aus einem Brunnen auf einem Bürgergrundstück in der mittelalterlichen königlichem Stadt Most (Brüx) - datiert in die 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts 18 . Eine weitere Muschel stammt aus dem Keller eines Hauses in der Königsstadt Žatec (Saaz) in Nordwestböhmen - den stratigraphischen Zusammenhängen nach aus dem späten 12. oder 13.-Jahrhundert 19 . Eine Muschel wurde unter dem Boden der kaiserlichen Stallungen auf der Prager Burg entdeckt. Sie kam spätestens Ende des 16. Jahrhunderts in den Erd‐ boden; ihre unmittelbare Beziehung zu einer geleisteten Wallfahrt ist allerdings fraglich 20 . Erst im Jahre 2014 wurde eine Muschel als museales Objekt aus der ehemaligen königlichen Stadt Litovel (Littau, Mittelmähren) veröffentlicht, die bereits 1953 beim Abbruch eines alten Hauses (13.-17. Jahrhundert) entdeckt worden war. Aus den benachbarten schlesischen Gebieten sind bisher zwei Muscheln bekannt: aus Racibórz (Ratibor), ein Fund in einem Grundstück am Ring, also dem Stadtplatz, aus dem 13. bis 14. Jahrhundert 21 . In Těšín Einführung 21 <?page no="22"?> 21 Andrzej Marek W Y R W A , Święty Jakub Apostoł. Malakologiczne i historyczne ślady pe‐ regrynacji z ziem polskich do Santiago de Compostela [Malakologische und historische Spuren der Pilgerfahrten von Polen nach Santiago de Compostela], Lednica - Poznań 2009, S.-47. 22 G R Y C / W Y R W A , Muszla pielgrzymia (wie Anm. 15), S.-443-449. 23 Diese Behauptung stützt sich auf schriftliche Quellen (vor allem Stadtbücher), während archäologische Quellen (siehe oben) ein etwas anderes Bild vermitteln. 24 B AĎ U R A , Styky (wie Anm. 11), S. 5-87, bes. 26-49, 61-87; Jan H R D I N A , Civis peregrinus Bohemicus: Fernwallfahrten böhmischer Bürger im Spätmittelalter, in: Roma - Praga, Praha - Řím. Omaggio a Zdeňka Hledíková, hg. von Zdeněk H O J D A / Martin S V A T O Š et al. (Bollettino dell'Istituto storico ceco di Roma, Supplemento), Praha 2009, S. 173-187, bes. S.-183-186; vgl. dazu auch den Beitrag von Jaroslav Svátek in diesem Band. 25 Michael M I T T E R A U E R , Ahnen und Heilige. Namensgebung in der europäischen Ge‐ schichte, München 1993; Konrad K U N Z E , Jakobus in (nieder)deutschen Familiennamen, in: Der Kult des Apostels Jakobus d. Ä. in norddeutschen Hansestädten, hg. von Hedwig R Ö C K E L E I N ( Jakobus-Studien 15), Tübingen 2005, S.-181-213. 26 Robert Š I M Ů N E K , Rodová jména, příjmí a rodové tradice české šlechty v pozdním středověku [Geschlechternamen, Zunamen und Familientraditionen des böhmischen Adels im Spätmittelalter], Acta onomastica 46 (2005), S.-116-142. (Teschen) entdeckte man an der Rundkirche des hl. Nikolaus und Wenzel eine Muschel, die möglicherweise auch aus in einem mittelalterlichen Grab stammt (13.-14.-Jahrhundert) 22 . Im Vergleich mit den anderen in der Tschechischen Republik gefundenen Pilgerzeichen steht die Anzahl der Muscheln aus Compostela gleich hinter der Menge von Abzeichen und Devotionalien aus Aachen (zehn Funde). Gerade das Marienmünster in Aachen war im Spätmittelalter für die Bewohner der Länder der Böhmischen Krone neben Rom das Hauptziel von Pilgerfahrten und Strafwallfahrten. Pilgerfahrten nach Rom oder Aachen wurden im Laufe der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts in den böhmischen Städten gewissermaßen zum allgemein üblichen gesellschaftlichen Standard. Umgekehrt tendierten fromme Reisen ins Heilige Land und auch nach Compostela eher zur Exklusivität, so dass wir von solchen Reisen in den vorhussitischen Städten 23 - vielleicht mit der Ausnahme von Prag - fast nichts hören. Im Gegensatz dazu fand man gerade in den Kreisen des Adels zu dieser Zeit - und ebenfalls im 15. Jahrhundert - einen besonderen Geschmack daran 24 . Ein weiteres Untersuchungsfeld, in dem sich der Jakobus-Kult widerspiegelte, war die Beliebtheit des Vornamens Jakobus; ein Thema, dem die Linguisten und Historiker von alters her gerne ihre Aufmerksamkeit schenkten. Aus der letzten Zeit sei dafür besonders auf die Forschungen des österreichischen Historikers Michael Mitterauer hingewiesen 25 . Das Studium der Personennamen im Mittelalter ist freilich auch in Tschechien ein gut beackertes Feld 26 . Beginnend mit dem 12. Jahrhundert lassen sich in den böhmischen Ländern verschiedene 22 Hartmut Kühne/ Jan Hrdina <?page no="23"?> 27 Codex diplomaticus et epistolaris Regni Bohemiae, Bd. 1, hg. von Gustav F R I E D R I C H , Prag 1904-1907, S.-494. 28 Liber ordinationum cleri, hg. von Antonín P O D L A H A , Praha 1922. 29 Eva D O L E Ž A L O V Á , Svěcenci pražské diecéze 1395-1416 [Weihekandidaten in der Prager Diözese, 1395-1416], Praha 2010. 30 D O L E Ž A L O V Á , Svěcenci (wie Anm. 29), S. 119-124, Tabelle 9 - Liste der 130 meistens benutzen Personennamen bei geweihten Klerikern und ihren Vätern. In der Generation der Väter kommt Jakobus 911 Mal (4,25 %), in der Generation der Kleriker 791 Mal (3,69 %) vor. 31 Hana P Á T K O V Á , Bratrstvie k cti božie. Poznámky ke kultovní činnosti bratrstev a cechů ve středověkých Čechách [Bruderschaften zur Ehre Gottes. Bemerkungen zur Verzeichnisse mit Personennamen aufgrund von Urkunden und Handschrif‐ ten zusammenstellen. Erste Quellenbelege zum Namen „Jakobus“ werden ins 12. Jahrhundert datiert 27 . Aber erst ab dem späten 14. Jahrhundert reden wir über wirklich repräsentative Namenskomplexe, die das ganze gesellschaftliche Spektrum einbeziehen. So ist im Archiv des Prager Domkapitels ein Liber ordinationum cleri erhalten 28 . Die Handschrift enthält die Eintragungen über die Weihekandidaten im Prager Bistum von 1395 bis 1416. Nach der mühsamen Auswertung, die von Eva Doležalová jüngst unternommen wurde, hat sich ge‐ zeigt, dass dieses Hilfsmittel der Kirchenverwaltung mehr als Sechzehntausend (! ) Kleriker (von Akolythen, über Sub- und Diakone bis zu Priestern) registriert 29 . Diese Ordinationslisten ermöglichen es, die Beliebtheit der Vornamen in zwei Generationen, nämlich bei den Weihekandidaten selbst und bei ihren Vätern (z. B. Johannes Jacobi als Vor- und Vatersname) festzustellen. Die jeweiligen Väter sind ungefähr zwischen 1345-1370 und die Söhne zwischen 1375-1390 geboren, so dass wir aus diesen zwei Stichproben auf eine aufsteigende oder sinkende Beliebtheit eines Namens in der 2. Hälfte des 14.-Jahrhunderts schlie‐ ßen können. Zu den beliebtesten Namen gehörten biblischen Namen aus dem Neuen Testament wie Johannes (Position 1-1), Peter (4-4), Matthäus (8-7), Andreas (9-8), Paul (12-9), Simon (14-14) und auch frühchristliche Namen wie Nicolaus (2-3), Martin (7-5) und Georg (13-10) 30 . Relativ weit vorn steht auch der hl. Jakobus, der in beiden Generationen den sechsten Platz belegte. So kann man behaupten, dass sein Name damals einer der häufigsten männlichen Namen (nach Johannes, Wenzeslaus, Nikolaus, Petrus und Martin) war. Systematische Untersuchungen des Jakobuskultes und der Santiagofahrten haben immer wieder auch die regionalen Jakobusbruderschaften in den Blick genommen. Glücklicherweise gehört die Erforschung mittelalterlicher Bruder‐ schaften zu den wenigen Themen der böhmischen Kirchengeschichte des Spät‐ mittelalters, die bereits gründlich behandelt wurden. Die folgenden Angaben sind daher der einschlägigen Monographie von Hana Pátková entnommen 31 . Einführung 23 <?page no="24"?> Kulttätigkeit von Bruderschaften und Zünften im mittelalterlichen Böhmen], Praha 2000, S.-31-35. 32 P Á T K O V Á , Bratrstvie (wie Anm. 31), S.-32. 33 P Á T K O V Á , Bratrstvie (wie Anm. 31), S.-32-33. Auch hier lohnt es sich, zunächst die grundlegenden historiographischen Zusammenhänge hervorzuheben. Die böhmischen Länder als Teil des Heiligen Römischen Reiches liegen an dessen östlichem Rand, also in beträchtlicher Entfernung von Compostela. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts kam es unter der Herrschaft der Dynastie der Luxemburger zu einer deutlichen West-Orientierung des Landes, die jedoch durch die religiöse Reformation (ab etwa 1410) und die Hussitenkriege (1419-1437) abgeschwächt wurde. Das Königreich wurde zu einem Land mit zwei Konfessionen (utraquistisch und katholisch), wobei die katholische Seite deutlich schwächer war. Nach den Vor‐ stellungen der Utraquisten sollte der gereinigte Glaube ohne äußere Zeremonien (auch ohne Wallfahrten, Ablässe und Bruderschaften) auskommen und das religiöse Leben sollte sich nur innerhalb der Grenzen des Pfarrsprengels abspie‐ len. Die katholische Kirchenverwaltung konnte im südlichsten Teil Böhmens und in weiten Teilen West- und Nordwestböhmens aufrechterhalten werden. Gerade in diesen Gebieten entstanden nach der Beruhigung der Lage im späten 15.-Jahrhundert auch Bruderschaften, die dem hl. Jakobus geweiht waren. Die älteste Bruderschaft ist in Pilsen, der wichtigsten katholischen Stadt des Königreichs, belegt. Sie war seit 1498 am Jakobusaltar in der Margaretha-Kirche bei den Dominikanern tätig und wurde von Pilsner Bürgern gegründet. Com‐ postela-Pilger nahmen in der Bruderschaft eine bevorzugte Stellung ein; sie stand jedoch auch anderen Bürgern offen. Die genaue Zusammensetzung der Bruderschaft kennen wir jedoch nicht, da das Bruderschaftsbuch nicht erhalten geblieben ist. Die Mitglieder trafen sich viermal jährlich an den Quatemberta‐ gen, an denen Seelenmessen für verstorbene Mitglieder abgehalten wurden. Der Festtag des hl. Jakobus wurde mit einer feierlichen Messe begangen. Belegt sind zahlreiche Ablässe und testamentarische Vermächtnisse für die Bruderschaft 32 . Ein Zentrum des Katholizismus in Nordwestböhmen war Kadaň (Kaaden), wo vor 1512 die St.-Jakobus-Bruderschaft an der St.-Michaeli-Kirche bei den Minoriten gegründet wurde. Bekannt sind besonders testamentarische Vermächtnisse von Kaadener Bürgern zu ihren Gunsten. Die Bruderschaft wird auch in einem Konflikt zwischen dem Ortspfarrer und den Minoriten (1515) erwähnt 33 . Eine ganz andere Situation bezeugen die Quellen für die Jakobusbruderschaft in Broumov (Braunau), in der kleinen Untertanenstadt der Benediktiner in Ost‐ böhmen. Abt und Konvent der Benediktiner in Břevnov (mit Sitz in Broumov) 24 Hartmut Kühne/ Jan Hrdina <?page no="25"?> 34 P Á T K O V Á , Bratrstvie (wie Anm. 31), S.-33-34. 35 P Á T K O V Á , Bratrstvie (wie Anm. 31), S.-34-35. 36 P Á T K O V Á , Bratrstvie (wie Anm. 31), S. 35; Jan H R D I N A , Die Topographie der Wallfahrtsorte im spätmittelalterlichen Böhmen, in: Geist, Gesellschaft, Kirche im 13.-16. Jahr‐ hundert, hg. von František Š M A H E L (Colloquia mediaevalia Pragensia 1), Praha 1999, S. 191-206, hier S. 202-203; D E R S ., Spuren böhmischer und mährischer Pilger in Bayern und Franken im Spätmittelalter, in: Bayern und Böhmen. Kontakt, Konflikt, Kultur, hg. von Robert L U F T / Ludwig E I B E R (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum 111), München 2007, S.-59-83, hier S.-70-74. erließen im Jahr 1512 die Statuten für diese Korporation, die am Jakobusaltar in der Pfarrkirche des hl. Petrus und Paulus errichtet wurde. In den Statuten finden sich keine Erwähnungen von Pilgerfahrten und Pilgern. Es geht vor allem um liturgische Bestimmungen: wöchentlich eine Messe am genannten Altar, Seelenmessen und Opfergaben der Mitglieder an den Quatembertagen, ihre Teilnahme an Begräbnisfeiern. In Rom wurde für die Bruderschaft 1515 ein Sammelablass von zwölf Kardinälen erlangt 34 . Die jüngste Jakobusbruderschaft wirkte in der ersten Hälfte des 16.-Jahrhunderts in der westböhmischen königlichen Stadt Tachov (Tachau), wobei sich unsere Kenntnisse nur auf jüngere Statuten aus der Zeit nach 1547 stützen 35 . Zusammen mit den sonstigen böhmischen Bruderschaften zur Ehre Mariens, der hl. Anna und des Heiligen Rosenkranzes sind die Jakobskorporationen ein Beweis für die steigenden Ausprägungen der Frömmigkeit an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert. Dies korrespondierte mit der allgemeinen Entwicklung in den benachbarten vorreformatorischen Territorien des Reiches, von der die katholischen Gebieten Böhmens beeinflußt wurden 36 . Gewissermaßen ein Gesamtpanorama des Jakobuskultes in Böhmen präsen‐ tiert der einführende Beitrag des emeritierten Professors für Kunstgeschichte an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität in Prag Jan Royt über die Verehrung des hl. Jakobus und seine Ikonographie in Böhmen, der zeitlich von den frühesten mittelalterlichen Bildzeugnissen bis zum Barock reicht und neben Böhmen am Rande auch Mähren in den Blick nimmt. Die wohl älteste Darstellung des Heiligen in Böhmen ist ein Stifterrelief an der Fassade der Jakobskirche im Dorf Jakub bei Kutná Hora (Weihe 1165). Der älteste erhaltene Jakobszyklus findet sich auf Wandmalereien in der Kirche von Rovná (letztes Viertel 12. Jh.), der das Martyrium des Apostels darstellt. In der Prager Altstadt wurde die Jakobskirche der Minoriten (Grundstein 1232) nach Erwerb von Reliquien durch Ottokar I. Přemysl (gest. 1230) gegründet. St. Jakobus Patrozinien waren besonders in den Bergstädten beliebt, wo die Hauptkirchen von Jihlava und Kutná Hora dem Heiligen geweiht wurden. Einführung 25 <?page no="26"?> 37 Dazu und zum Folgenden vgl. Hartmut K Ü H N E , Friedrich der Weise im Heiligen Land: Fakten und Fiktionen, in: Friedrich der Weise. Reichsfürst und Landesherr an einer Zeitenwende, hg. von Enno B Ü N Z / Stefan R H E I N (Schriften der Stiftung Luthergedenk‐ stätten 28), Leipzig 2025, S.-406-428. Die biblische Verwandtschaft mit Christus, bekannt als Trinubium Sanctissi‐ mae Annae (die dreifache Ehe der hl. Anna), taucht als Bildmotiv in Böhmen erstmalig am Ende des 14. Jahrhunderts auf, etwa als Wandgemälde in der Prager Kirche St. Apollinaris. Die ältesten Darstellungen des Apostels als Pilger finden sich in Böhmen auf dem Taufbecken in Hradec Králové (1406) und in der Teynkirche in Prag (1414). Die Jakobus-Ikonographie des Spätmittelalters wird besonders durch das Retabel des Meisters der Kreuzigung aus Raigern (um 1436) veranschaulicht, das Szenen aus der Jakobslegende zeigt. Besondere Aufmerk‐ samkeit verdient das Altarretabel von 1521 aus der Mariä-Himmelfahrtskirche in Most (Brüx). Er zeigt auf seinen Flügeln Szenen aus der Legende des Heiligen, aber veranschaulicht auch die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela etwa durch die Darstellung des Hühner-Wunders. Ein Stifter aus der Adelsfamilie Guttenstein gab den Altar vermutlich in Erinnerung an eine Pilgerreise in Auftrag. Das Pilgerthema wird hier durch Abbildungen der Heiligen Sebald und Alexius zusätzlich betont. Selten, aber ikonographisch bedeutsam, ist die Darstellung des Heiligen als Matamoros (Maurentöter) in der Barockausstattung der Kunratitzer Jakobskirche. 2 Zu den Jerusalemreisen des Jahres 1493 Am 23. Mai 1493 stach in Venedig eine Galea subtilis, ein etwas kleineres und schnelleres Schiff als die gewöhnlichen venezianischen Handelsgaleeren, in See, um den sächsischen Kurfürsten Friedrich und die knapp 100 gemeinsam mit ihm reisenden Personen in das Heilige Land zu befördern 37 . Eine gute Woche später, am 1. Juni 1493, lief die reguläre Pilgergaleere unter dem Regiment des im venezianischen Pilgergeschäft erfahrenen Patrons Agostino Contarini aus, die in etwa doppelt so viele Passagiere beförderte. Während das Schiff des Kurfürsten bereits am 21. Juni Jaffa erreichte und die Reisegruppe nach ihrer etwa zehntägigen Tour durch das Heilige Land schon am 5. Juli von Jaffa aus nach Venedig zurückkehrte, erreichte die Galeere Contarinis erst am 6. Juli den Hafen von Jaffa, also einen Tag nach der Abfahrt der ersten Gruppe. Durch unglückliche Umstände saß die Reisegesellschaft hier zunächst 14 Tage fest, bevor sie am 24. Juli doch noch Jerusalem erreichte und am 7. August von Jaffa aus heimkehren konnte. Während die Contarini-Reisegruppe am 30. September 1493 die Lagunenstadt erreichte, war die Gesellschaft des sächsischen 26 Hartmut Kühne/ Jan Hrdina <?page no="27"?> Kurfürsten hier bereits am 2. September angelangt, obwohl sie auf dem Rückweg in Rhodos noch einen ‚Staatsbesuch‘ absolviert hatte. Das hier knapp skizzierte Geschehen des Jahres 1493 war nicht außergewöhn‐ lich. Im 15. Jahrhundert lag der Pilgertransport in das Heilige Land fest in den Händen venezianischer Patrone, gewissermaßen den Vorläufern heutiger Kreuzfahrt-Unternehmer, die den Jerusalempilgern all-inklusive-Pakete von und bis Venedig offerierten und dabei von der Republik Venedig streng über‐ wacht wurden. So verließen in der Regel nie mehr als zwei - häufig wohl auch nur ein - Pilgerschiff pro Jahr Venedig Richtung Jaffa, was die Zahl der westeuropäischen Jerusalempilger auf etwa maximal 300 Personen pro Jahr limitierte, da wohl nie mehr als 200 Pilger pro Schiff unterwegs waren, in der Regel eher die Hälfte oder zwei Drittel. Ungewöhnlich an den Heilig-Land-Rei‐ sen des Jahres 1493 war allenfalls, dass der sächsische Kurfürst ein eigenes Schiff charterte, statt sich dem ‚regulären‘ Pilgertransport anzuschließen, wie es etwa sein Großcousin Heinrich der Fromme (1473-1541) fünf Jahre später tat. Freilich waren auch der Onkel Friedrichs, der sächsische Herzog Albrecht der Beherzte (1443-1500) im Jahre 1476 und Friedrichs Großonkel, der Thüringer Landgraf Wilhelm der Beherzte (1425-1482) im Jahre 1461 mit eigens gechar‐ terten Schiffen nach Jaffa gereist - regierende Reichsfürsten hatten andere Ansprüche und unterlagen anderen Notwendigkeiten im Hinblick auf Sicherheit und Repräsentation, als Prinzen oder in der Erbfolge nachgeordnete fürstliche Personen. Obwohl das hier beschriebene Setting der Jerusalem-Pilgerfahrten allen, die sich in den letzten Jahrzehnten ernsthaft mit den spätmittelalterlichen Jerusalemreisen befasst haben, selbstverständlich ist, finden sich in der Literatur zur Pilgerreise Friedrichs des Weisen zahlreiche Irrtümer, die zu einem guten Teil auf der Identifikation der beiden unterschiedlichen Reisegruppen des Jahres 1493 beruhen. Daher meinte man, die Informationen aus den Berichten der auf dem Schiff des Agostino Contarini fahrenden Pilger als Auskünfte zur Reise des sächsischen Kurfürsten lesen zu dürfen. Hinzu kam, dass in der Frühphase der Forschungen zu den spätmittelalterlichen Pilgerreisen am Ende des 19. Jahr‐ hunderts eine literarische Fälschung in den Kanon der einschlägigen Quellen Eingang fand, die - trotz inzwischen zahlreicher Entlarvungsversuche - immer noch als authentisches Dokument gelesen wird, weil sie in den einschlägigen Handbüchern als solches ausgewiesen ist. Gemeint ist ein historischer Aben‐ teuerroman über Herzogs Christoph von Bayern (1449-1493), der 1493 an der Pilgerreise in Gesellschaft des sächsischen Kurfürsten Friedrich - übrigens ein Neffe von ihm - teilnahm und auf der Rückreise in Rhodos verstarb. Geschrieben hatte den Roman der bayerische Literat Franz Trautmann (1813-1887) schon Einführung 27 <?page no="28"?> 38 Franz T R A U T M A N N , Die Abenteuer Herzogs Christoph von Bayern, genannt der Kämpfer. Ein Volksbuch, darin gar viel Frohes, Düsteres und Wundersames aus längst vergange‐ nen Zeiten zum Vorschein kommt […] für Alt und Jung erzählt, 2 Bde., Frankfurt a. M. 1852/ 1853. Die dritte Auflage erschien 1880 im Pustet-Verlag Regensburg, New York und Cincinnati. 39 Reinhold R ÖH R I C H T / Heinrich M E I S N E R , Hans Hundts Rechnungsbuch (1493-1494), in: Neues Archiv für Sächsische Geschichte und Altertumskunde 4 (1883), S. 37-100, hier S.-38. 1853; sein eigentlicher Erfolg setzte aber erst 1880 mit der dritten Auflage ein, die mit historischen Noten versehen war 38 . Trautmann präsentiert im Anhang zu seiner Romanerzählung drei Quellen: Ein Brief Christophs an seine Frau, den er ihr während der Hinfahrt nach Jaffa von der Insel Hvar schrieb, wurde in der Ausgabe als Faksimile abgebildet. Ein zweiter Brief eines gewissen Andreas Sluder aus München berichtet über den Aufbruch Herzog Christophs zur Pil‐ gerfahrt gemeinsam mit dem Kurfürsten von Sachsen, und teilt eine Namensliste der Mitreisenden mit, deren Clou darin besteht, dass Lukas Cranach (1472-1553) im Gefolge Herzog Christophs in das Heilige Land gereist sein soll. Schließlich bietet Trautmann Auszüge aus dem „Pilgramsbuch“, das Herzog Christoph angeblich persönlich verfasste und das Notizen aus seinen letzten Lebenstagen vom 25. Juni 1493 (Weg von Jaffa nach Ramla) bis zum 9. Juli (Abfahrt von Zypern) enthält. Ob Trautmann diese Texte tatsächlich in der Absicht verfasste, Fälschungen zu produzieren, lässt sich schwer sagen. Als er aber von den beiden Vätern der deutschen Palästina-Reiseforschung, dem Bibliothekar und späteren Direktor der Berliner Staatsbibliothek Heinrich Meisner (1849-1929) und dem Berliner Gymnasialprofessor Reinhold Röhricht (1842-1905) um Auskunft zum Verbleib dieser Dokumente gebeten wurde, hat er seine Falsifikate durch eine dreiste Lüge zu schützen versucht: Der Literat begründete die Unmöglichkeit, die Originale herbeizuschaffen mit dem Hinweis, er habe die Quellen in der von Aretinʼschen Bibliothek auf Schloss Haidenburg in Niederbayern gefunden, sie seien aber bei dem Brand des Schlosses 1871 untergegangen - was Röhricht und Meisner dem historisch bewanderten Dichter abkauften 39 . Dieser Ritterschlag durch die beiden Großmeister der Palästina-Reiseforschung hat maßgeblich zur Verschleierung dieses Falsifikats beigetragen. Die Geltung dieser Dokumente als historische Quellen endgültig zu erschüttern ist ein besonderes Anliegen des Beitrags von Thomas Lang in diesem Band. Die beiden ohne jeden Zweifel äußerst verdienstvollen Berliner Forscher haben darüber hinaus auch zur Verschleierung der Quellenlage über die Jerusa‐ lemreise Friedrichs des Weisen beigetragen, indem sie 1883 in der Einleitung zur Edition des Rechnungsbuches dieser Reise behaupteten, dass sie 28 Hartmut Kühne/ Jan Hrdina <?page no="29"?> 40 R ÖH R I C H T / M E I S N E R , Rechnungsbuch (wie Anm. 39), S.-37. 41 Vgl. Reinhold R Ö H R I C H T / Heinrich M E I S N E R , Deutsche Pilgerreisen nach dem Heiligen Lande, Berlin 1880, S.-510f. 42 Reinhold R Ö H R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (1493), in: Zeitschrift des deutschen Palästinavereins 17 (1894), S.-98-114, 185-220, 277-301. 43 Dietrich H U S C H E N B E T T , Friedrichs des Weisen Jerusalemfahrt, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon (2., völlig neu bearb. Aufl.), Bd. 2, Berlin/ New York 1979, Sp. 965 f.; dazu Nachträge in: Bd.-11, Berlin/ New York 2004, Sp. 469. [u]nter den vielen deutschen Jerusalemfahrten des späteren Mittelalters […] eine hervorragende Stelle ein[nimmt] und zwar nicht bloss wegen der Bedeutung der Hauptpersonen, sondern auch infolge des reichen Quellenmaterials, welches uns darüber vorliegt 40 . Zu diesem Quellen zählten die Forscher neben dem Rechnungsbuch aus dem Ernestinischen Gesamtarchiv und den Trautmannschen Falsifikaten auch den ausführlichen Reisebericht des schlesischen Ritters Hans von Zedlitz (gest. 1510), der freilich gar nicht in der Gesellschaft des Kurfürsten, sondern auf der Contarini-Galeere unterwegs war, was den beiden Gelehrten aber offenbar nicht recht klar war 41 . Erst zehn Jahre später edierte Röhricht den Reisebericht des Hans von Zedlitz 42 . Die Handbuchliteratur orientierte sich bei der Darstellung der Pilgerfahrt des sächsischen Kurfürsten aber stärker an den vollmundigen Äußerungen von 1883 als an den späteren Detailforschungen Röhrichts, so dass selbst ein Kenner der spätmittelalterlichen Reiseliteratur wie der Germanist Dietrich Huschenbett (1930-2017) im renommierten Verfasserlexikon zur Pil‐ gerreise Friedrichs des Weisen noch 2004 einen Artikel schreiben konnte, der zahlreiche Fehlinformationen enthielt: Die Bedeutung dieser Pilgerschaft wird dadurch unterstrichen, daß sich F. weitere fürstliche Pilger anschlossen, darunter Herzog → Christoph von Bayern (den Lucas Cranach begleitete […]), → Boguslav von Lobkowitz und auf Hassistein, → Heinrich von Zedlitz, Botho von Stolberg […], die vereinigte Reisegesellschaft mittel- und ostdeutschen Adels soll ab Venedig 189 Teilnehmer gezählt haben 43 . Die Diskrepanz zwischen dem gängigen Handbuch-Wissen zu der Jerusa‐ lem-Reise des sächsischen Kurfürsten und der notwendigen Unterscheidung der Überlieferungen zu den beiden Pilgergruppen des Jahres 1493 wurde nach dem oben im ersten Abschnitt erwähnten Vortrag von Eva Heuer auf der Jahrestagung in Stade 2020 manifest und motivierten dazu, die zweite Abteilung der Jahrestagung von 2023 den beiden parallelen Pilgergruppen zu widmen. Dieses Thema ist besonders gründlich vorbereitet worden, denn schon im November 2020 gab es eine erste Online-Beratung, an der neben Eva Heuer auch Einführung 29 <?page no="30"?> Thomas Lang als bester Kenner der Überlieferungen zum kursächsischen Hof und seiner Rechnungsführung um 1500 und der Historiker Mordechai Lewy teilnahmen, der sich besonders für die gerne zur Illustration der Pilgerfahrt des Kurfürsten herangezogene „Gothaer Pilgertafel“ und ihren ikonographischen Kontext interessierte. Bei dieser Besprechung wurde rasch klar, dass eine wesentliche Voraussetzung für die sinnvolle Weiterarbeit an den hier berührten Fragen eine deutsche Übersetzung des Reiseberichtes des Johann von Lobkowitz sein müsste. Für diese Aufgabe empfahl sich der Leipziger Historiker Thomas Krzenck, der uns bereits durch zahlreiche Übersetzungen historischer Quellen‐ texte aber auch historischer Beiträge aus dem Tschechischen bekannt war. Nachdem er sich grundsätzlich bereit erklärt hatte, diese Arbeit zu übernehmen, mussten noch der wissenschaftliche Beirat der Jakobusgesellschaft und ihr Prä‐ sidium davon überzeugt werden, dass eine solche Investition wissenschaftlich sinnvoll und dem Vereinszweck entsprechend sei, was schließlich u. a. durch zwei gutachterliche Empfehlungen von Reinhard Buchberger (Wien) und Petr Hlaváček (Prag) gelang. Der Jakobusgesellschaft gebührt daher unser beson‐ derer Dank für diese außerordentliche Unterstützung des Tagungsvorhabens und der vorliegenden Publikation. In ganz besonderem Maße ist aber Thomas Krzenck für die ungeheure Mühe der schwierigen Übersetzung zu danken und seine geduldige Bereitschaft, immer neue Rückfragen und Hinweise zu seinem Text zu berücksichtigen; eine Bereitschaft, die sicher weniger dem bescheidenen Übersetzerhonorar als seinem bei der Arbeit aufgeflammten Interesse an der Thematik geschuldet war. Dass Thomas Krzenck schließlich auch noch einen umfangreichen Beitrag zur Familie von Lobkowitz auf Hassenstein und insbe‐ sondere zu den beiden nach Jerusalem reisenden Brüdern Johann und Bohuslav beisteuerte, ehrt ihn und ergänzt seine Übersetzung und den vorliegenden Band auf das Beste. Mit dem Jerusalemreisenden Johann von Lobkowitz kam zugleich auch die Stadt Kaaden als ‚Residenz‘ dieser adligen Familie in den Blick und insbesondere die Anlage des von Johann gegründeten Konvents der Franziskaner-Observanten, mit dem sich das Kunsthistoriker-Ehepaar Michaela Ottová und Aleš Mudra seit langem beschäftigen. Sie waren so zu der Überzeu‐ gung gelangten, dass die spirituellen Erfahrungen des Adligen in Jerusalem ihn zu einem einzigartigen Ausstattungsprogramm in seiner Heimat inspirierten. Zentral dafür war die Umsetzung einer heiligen Topographie: Klosterteile wurden sehr wahrscheinlich zu Nachahmungen von Bauten in Jerusalem, wobei die ganze Anlage als „zweites Golgatha“ - im Hinblick auf die Distanz zum Rathaus der Stadt - interpretiert wurde. Räumlichkeiten wie das Coenaculum und die Kapelle des Heiligen Grabes wurden in ihren Abmessungen und Details 30 Hartmut Kühne/ Jan Hrdina <?page no="31"?> 44 Eine Ausnahme bildet der Beitrag von Mordechai L E W Y , Die Gothaer Pilgertafel, in: Pilgerspuren: Wege in den Himmel/ Von Lüneburg an das Ende der Welt, hg. von Hartmut K Ü H N E , Petersberg 2020, S.-223-225. 45 K Ü H N E , Friedrich der Weise im Heiligen Land (wie Anm. 37). exakt repliziert. Der Klosterbrunnen imitierte den Brunnen von Siloah, ein Ort der Heilung und Erkenntnis. Dass wichtige Ergebnisse der inzwischen fast 20 Jahre alten Magisterarbeit von Eva Heuer nun endlich in Form eines umfangreichen Aufsatzes im Rahmen dieses Tagungsbandes publiziert werden, ist nicht allein ihrer anregenden Rolle bei der Genese des ganzen Unternehmens geschuldet, sondern vor allem dem Umstand, dass es bislang trotz eines gerade in jüngerer Zeit durch zahlreiche Ausstellungen dokumentierten Interesses an dem Bild keine substantiellen Forschungen dazu gibt 44 . Der Beitrag von Thomas Lang leistet insbesondere eine Klärung zu der am Beginn dieses Abschnitts skizzierten Quellenlage und wird hoffentlich zur end‐ gültigen Verabschiedung der von Trautmann erfundenen Dokumente aus dem Kanon spätmittelalterlicher Quellen beitragen. Dass Thomas Lang bei seinen Recherchen auf ein weiteres, zur Rechnungsüberlieferung der Jerusalemfahrt des Kurfürsten gehöriges Dokument gestoßen ist, das bislang völlig unbekannt war und von ihm hier erstmals ediert wird, beweist einmal mehr seinen archivalischen Spürsinn. Auf diese Weise wird nicht nur die Reisegesellschaft auf dem vom Kurfürsten gecharterten Schiff besser greifbar, sondern auch die Finanzierung des Unternehmens durch die Beiträge der Mitreisenden. Bei der nur knapp skizzierten jahrelangen Vorbereitung einer solchen Tagung bleibt es nicht aus, sich als Organisator auch selbst mit den behandelten Themen intensiv zu beschäftigen. Deshalb plante ich (Hartmut Kühne) zunächst einen eigenen Beitrag zur Jerusalemreise des sächsischen Kurfürsten; ich hatte aber mein einschlägiges Pulver insofern bereits verschossen, als ich mit einem Vortrag über die Pilgerfahrt Friedrichs des Weisen an der im November 2023 von der Historischen Kommission für Sachsen-Anhalt und den LutherMuseen in Witten‐ berg veranstalteten Tagung „Friedrich der Weise. Reichsfürst und Landesherr an einer Zeitenwende“ teilnahm und einen Beitrag in dem zugehörigen Tagungsband veröffentlichte 45 . Diesen Text hier nochmals gewissermaßen als zweiten Aufguß zu servieren, schien mir nicht angemessen zu sein, weshalb ich auf einen eigenen Beitrag verzichte. Allerdings soll wenigstens noch kurz auf ein Thema eingegangen werden, das ebenfalls in dem ursprünglich geplanten Aufsatz behandelt werden sollte, aber inzwischen bereits durch andere Publikationen beleuchtet wurde. Gemeint ist die Frage nach dem materiell-symbolischen Ertrag der Reise des Kur‐ fürsten, also nach jenen Objekten, mit denen sich die höfische oder auch öffentliche Einführung 31 <?page no="32"?> 46 Vgl. den Überblick bei Carola F E Y , Fürstliche Wallfahrt im Spätmittelalter zwischen Aufwand und Ertrag, in: Hofwirtschaft. Ein ökonomischer Blick auf Hof und Residenz in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, hg. von Gerhard F O U Q U E T / Jan H I R S C H B I E G E L / Werner P A R A V I C I N I , Ostfildern 2008, S. S.-457-474. 47 R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Deutsche Pilgerreisen (wie Anm. 41), S. - 508. 48 Der Hinweis bezieht sich auf Veit Ludwig von S E C K E N D O R F F , Ausführliche Historie des Lutherthums und der heilsamen Reformation […], Leipzig 1714, Sp. 536-538. 49 R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Rechnungsbuch (wie Anm. 39), S. 58. Obwohl die Abrechnung erst am 16. Juli 1493, also bereits auf der Rückreise in Zypern erfolgte, scheint es sich um eine Zahlung während des Aufenthalts im Heiligen Land gehandelt zu haben. Ob die Pilgergruppe des Kurfürsten den Jordan besuchte, ist unsicher, aber m. E. unwahrscheinlich. Erinnerung an diese Reise verband. Die größte Menge von Objekten, die im Kontext solcher Heilig-Land-Reisen im 15. Jahrhundert an die fürstlichen Höfe kamen, stammten freilich gar nicht aus Palästina, sondern es waren textile Luxusgüter, Teppiche, Seidenstoffe oder auch Metallarbeiten etc., die man vorzüglich in Vene‐ dig oder auch auf Rhodos erwarb; darin glichen die Einkaufslisten des sächsischen Kurfürsten denen seiner Standesgenossen. 46 Die bildliche Repräsentation dieser Reise wird in dem Beitrag von Eva Heuer zur „Gothaer Pilgertafel“ behandelt, in der auch die einst in der Wittenberger Stiftskirche befindliche Reisetafel in einem Exkurs angesprochen wird. Es gibt aber noch zwei weitere Bereiche, in denen die Forschung schon seit längerem eine starke Nachwirkung der Pilgerfahrt vermutete, nämlich in der Reliquiensammlung der Wittenberger Stiftskirche und in der Gründung der Heilig-Kreuz-Kapelle bei Torgau. Auch hier haben Heinrich Meisner und Reinhold Röhricht unglückliche Fährten gelegt, als sie nämlich 1880 in ihrem Überblicksband zu den „Deutsche[n] Pilgerreisen nach dem Heiligen Lande“ behaupteten, der Kurfürst habe von seiner Reise reiche Reliquienschätze (gegen 20000 Nummern! ) mitgebracht 47 . Dabei haben sie auf die Darstellung Veit Ludwig von Seckendorffs (1626-1692) in seiner ‚Reformationsgeschichte‘ über die Reliquien der Wittenberger Stiftskirche verwiesen, in der freilich keine Angaben über eine Herkunft der Wittenberger Reliquien aus dem Heiligen Land zu entde‐ cken sind 48 . Auch in der Rechnungsüberlieferung finden sich keinerlei Hinweise auf den Erwerb von Reliquien im Heiligen Land durch den Kurfürsten, sieht man einmal von einer unbedeutenden Zahlung an einen armen man fur ein glas mit Jordanswasser ab 49 . Einzig für eine prominente Wittenberger Reliquie ist die Erwerbung während der Pilgerfahrt des Kurfürsten schon von den Zeitgenossen immer wieder kolportiert worden, nämlich von einer Daumenreliquie der hl. Anna, die Friedrich als Geschenk des Johanniter-Hochmeister Pierre d’Aubusson (1423-1503) auf der Rückreise aus dem Heiligen Land erhalten hatte; die Schenkung der Reliquien in Rhodos hob jedenfalls Christoph Scheurl (1481-1542) in seiner Wittenberger Promotionsrede im Jahre 1508 hervor 50 . Ein Jahrzehnt später erwähnt 32 Hartmut Kühne/ Jan Hrdina <?page no="33"?> 50 Christoph S C H E U E R L , Oratio doctoris Scheurli attingens litterarum prestantiam, nec non laudem ecclesiae collegiatae Vittenburgensis, Leipzig 1509 (VD 16 S 2803), Bl. B5r. 51 Der entsprechende Auszug des Berichtes ist gedruckt bei Enno B Ü N Z , Wittenberg 1519. Was ein Reisender von der Stadt wahrgenommen hat, und was nicht: Mit einer Teiledition der Aufzeichnungen Hans Herzheimers, in: Das ernestinische Wittenberg. Stadt und Bewohner, hg von Heiner L Ü C K (Wittenberg-Forschungen 2,1), Petersberg 2013, S. 9-24, hier S.-21. 52 Vgl. Johanna L I E D K E , Das Wittenberger Heiltum: Frömmigkeit, Kunst und Politik zwischen Spätmittelalter und Reformation (Leucorea-Studien zur Geschichte der Reformation und der Lutherischen Orthodoxie 42), Leipzig 2023, S.-219. 53 F E Y , Fürstliche Wallfahrt (wie Anm. 46), S.-472. Vgl. dazu auch L I E D K E , Das Wittenberger Heiltum (wie Anm. 52), S.-112-114. 54 Vgl. F E Y , Fürstliche Wallfahrt (wie Anm. 46), S. 469. Zur Reliquiensammlung Pfeffingers vgl. Enno B Ü N Z , Die Heiltumssammlung des Degenhart Pfeffinger, in: „Ich armer sundiger mensch“. Heiligen- und Reliquienkult am Übergang zum konfessionellen Zeitalter, hg. von Andreas T A C K E (Schriftenreihe der Stiftung Moritzburg 2), Göttingen 2006, S. 125-169. Dass Pfeffinger nicht im Gefolge von Herzog Christoph, sondern bereits in dem des sächsischen Kurfürsten nach Jerusalem reiste, dokumentiert der Beitrag von Enno B Ü N Z , Degenhart Pfeffinger (1471-1519), in: Sächsische Lebensbilder, Bd. 8, Stuttgart 2025 (in Vorbereitung). sie auch der bayerische Adlige Hans Herzheimer (1454-1532) nach seiner Besich‐ tigung der Wittenberger Stiftskirche Anfang des Jahres 1519 51 . Die Zahlung für ein silbernes Annenreliquar an einen Nürnberger Goldschmied im Jahre 1496 scheint mit dem Erwerb dieser Reliquie in Verbindung zu stehen 52 . Jenseits dieser einen Reliquie, deren Herkunft aus Rhodos mehr oder minder gut belegt ist, könnten durchaus weitere Mitbringsel von der Heilig-Land-Reise des Kurfürsten im späte‐ ren Wittenberger Heiltum einen Platz gefunden haben. Besonders Carola Fey hat darauf aufmerksam gemacht, dass einige Reliquiare des Wittenberger Heiltums Objekte enthielten, die als typische Sekundär- oder Berührungsreliquien aus dem Heiligen Land erscheinen, wie Partikel Vom Grab Christi, Von der Geißelsäule Christi etc 53 . Diese Stücke ähneln verwandten Stücken aus der Reliquiensammlung des späteren sächsischen Landrentmeisters und engen Vertrauten des Kurfürsten, Degenhart Pfeffinger (1471-1519), der seinen Dienstherrn auf der Reise in das Heilige Land begleitete 54 . Möglicherweise sammelte also der Kurfürst selbst oder jemand aus seiner Entourage solche Steinchen oder Erdkrümel an den biblischen Erinnerungsorten auf, wie es der 1480 und dann nochmals 1483 nach Jerusalem gereiste Ulmer Dominikaner Felix Fabri als eigene Praxis des Sammelns von Stein‐ chen und Dornen anschaulich in seinem Evagatorium beschreibt. Allerdings wird man bedenken müssen, dass zum Zeitpunkt der Jerusalemfahrt des Kurfürsten die spätere, üppige Erweiterung der Reliquienausstattung der Wittenberger Stiftkirche noch gar nicht im Blick war; jedenfalls begann eine entsprechende Sammeltätigkeit frühestens mit der Weihe der noch im Bau befindlichen Stiftskirche durch den päpstlichen Ablasslegaten Raimund Peraudi im Februar 1503, also zehn Jahre Einführung 33 <?page no="34"?> 55 Vgl. dazu L I E D K E , Das Wittenberger Heiltum (wie Anm. 52), S.-105-108. 56 Thomas L A N G , „1 gülden 3 groschen aufs Heyltum geopfert“ - Fürstliche Rechnungen als Quellen zur Frömmigkeitsgeschichte, in: Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Refor‐ mation in Mitteldeutschland. Wissenschaftlicher Begleitband zur Ausstellung „Umsonst ist der Tod“, hg. von Enno B Ü N Z / Hartmut K Ü H N E , Leipzig 2015, S.-81-148, bes. S.-137-142, das Quellenzitat hier S.-141. 57 Vgl. Jörg A N S O R G E / Hartmut K Ü H N E , „Judaspfennige“ und „Melanchthon-Schekel“ - vor- und nachreformatorischen Kopien der biblischen 30 Silberlinge, in: Zeichen der Identität. 500 Jahre Reformationsmedaillen 1521-2021, hg. von Gerd D E T H L E F S / Stefan R H E I N (Schrif‐ ten der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt 26), Leipzig 2023, S. 17-51, bes. S.-20-35. 58 Vgl. L A N G , Fürstliche Rechnungen (wie Anm. 56), S.-210, das Zitat hier in Anm. 124. 59 R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Deutsche Pilgerreisen (wie Anm. 41), S . - 508. nach der Jerusalemreise 55 . Ein entsprechender „Ertrag“ der Pilgerfahrt dürfte also allenfalls mittelbar für das Wittenberger Heiltum ‚abgefallen‘ sein und spielte im Hinblick auf die zahlenmäßige Ausstattung der Reliquiensammlung nur eine untergeordnete Rolle. Allerdings gibt es einen merkwürdigen Sachverhalt, der die Jerusalemreise des Kurfürsten und das Wittenberger Heiltum möglicherweise doch auf symbolische Weise verbindet. Durch die Forschungen von Thomas Lang wissen wir, dass spätestens seit 1512 an der Stiftskirche Allerheiligen neben den auch sonst an Wallfahrtskirchen vertriebenen Pilgerzeichen sogenannte Judaspfennige an die Besucher verkauft wurden, also Nachgüsse oder Nachprägungen von pfennign gleich den, ßo unser hergot umb verkaufft wurd ist  56 . Diese Nachgüsse waren offenbar sehr populär; jedenfalls brachte ihr Verkauf mehr ein, als jener der Pilgerzeichen. Wir wissen (noch) nicht, wie diese Nachgüsse aussahen, können aber vermuten, dass es sich um Imitate einer in Rhodos verehrten hellenistischen Tetradrachme handelte, die im Reliquienschatz des Johanniter-Hochmeisters als Judaspfennig bewahrt wurde; Nachgüsse dieser Münze wurden im 15. Jahrhundert immer wieder an Besucher verschenkt oder verkauft, die auf der Fahrt nach Jaffa in Rhodos einen Zwischenstop einlegten 57 . Dass der sächsische Kurfürst auf der Pilgerfahrt verschiedene antike Münzen erwarb und Goldmünzen an den heiligen Stätten anrührte, ist gut dokumentiert; ebenso, dass er in einer privaten Truhe neben anderen wertvollen Insignien und Devotionalien auch 5 silbern Judas pfennige bewahrte 58 . Dieser Spur sollte weiter nachgegangen werden; wohin auch immer die Suche führt, sie wird wohl kaum erweisen, dass die Pilgerfahrt des Kurfürsten in einem absichtsvollen Zusammenhang mit der Aufwertung des Wittenberger Heiltums stand. Der zweite von Röhricht und Meisner 1880 behauptete Konnex zwischen der Jerusalemfahrt von 1493 und der in der Kirche des heil. Kreuzes zu Torgau von ihm [dem Kurfürsten] erbaute Nachbildung des heiligen Grabes  59 findet sich bereits in der von der Hand Spalatins stammenden Vita des Kurfürsten, der über 34 Hartmut Kühne/ Jan Hrdina <?page no="35"?> 60 Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 28. 61 Vgl. ebd., Anm. 30. 62 Besonders durch die verdienstvolle Arbeit des Torgauer Regionalhistorikers Jürgen Herzog dürften inzwischen die aus der lokalen Überlieferung stammenden Informati‐ onen gut zugänglich sein, vgl. Jürgen H E R Z O G , Vorreformatorische Kirche und Refor‐ mation in Torgau (Schriften des Torgauer Geschichtsvereins 10), Beucha/ Markkleeberg 2016, S.-82-91. 63 Vgl. dazu Hartmut K Ü H N E , Frömmigkeit vor und nach der Reformation: Die Wallfahrt zur Heilig-Kreuz-Kapelle und der Leipziger Wunderbrunnen, in: Das religiöse Leipzig. Stadt und Glauben vom Mittelalter bis zur Gegenwart, hg. von Enno B Ü N Z / Armin K O H N L E (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Leipzig 6), Leipzig 2013, S. 63-85, bes. S. 73-79; D E R S ., Kreuzwege, Heilig-Kreuz-Kapellen und Jerusalempilger im Raum der mittleren Elbe um 1500, in: Heiliges Grab - Heilige Gräber. Aktualität und Nachleben von Pilgerorten, hg. von Ursula R Ö P E R / Martin T R E M L , Berlin 2014, S.-50-60. die Aussegnung Friedrichs vor dem Antritt seiner Jerusalemreise im Beisein seiner Brüder Erzbischof Ernst und Herzog Johann in Torgau berichtet und gleichzeitig erwähnt, dass damals der Grundstein für die Heilig-Kreuz-Kapelle gelegt worden sei; allerdings handelt es sich bei dieser Mitteilung offenbar um eine von Spalatin selbst entworfene Nachricht und keineswegs um die Abschrift einer ihm vorliegenden Quelle, wie Thomas Lang in seinem Beitrag zu diesem Band gezeigt hat 60 . Ebenso konnte Thomas Lang nachweisen, dass diese Kapelle bereits knapp zwei Jahre vor dem Beginn der Pilgerfahrt existiert haben muss 61 . Die Kapelle, über deren Funktion als Wallfahrtskirche wir inzwischen relativ gut unterrichtet sind 62 , stand sicher in einer engen Beziehung zu dem Erfahrungs‐ raum, den die Konjunktur der Heilig-Land-Reisen im späten 15. Jahrhundert und deren mediale Vergegenwärtigung eröffneten, denn ab etwa 1480 erlebte der Bau von Anlagen, die an die Jerusalemer Via Dolorosa und das Heilige Grab erinnerten, in ganz Deutschland eine erstaunliche Konjunktur 63 . Dass diese Anlagen stets oder zumindest häufig mit individuellen Jerusalemreisen zusammenhingen und gewissermaßen den Niederschlag einer konkreten Reise durch den Stifter repräsentierten, war zwar schon in der frühen Neuzeit ein beliebter Erzähltops. Inwiefern er aber tatsächlich zutrifft und sich zumindest ein größerer Anteil dieser Anlagen auf solche individuellen Reiseerfahrungen zurückführen lässt, ist eine offene Frage, die durch künftige Forschungen erst noch zu klären ist. Einführung 35 <?page no="36"?> 64 Georg R A T H G E B E R , Beschreibung der Herzoglichen Gemälde-Gallerie zu Gotha […], Gotha 1835, S.-98, Anm. 70. 65 Carl A L D E N H O V E N , Katalog der Miniaturen und der Sammlung von Waffen, Geräth und Kleidern im Herz. Museum zu Gotha, Museum Schloss Friedenstein, Inv. Nr. 104 (verfasst 1879-1890), S. 181, Nr. 1. Wir danken Ulrike Eydinger und Agnes Strehlau (beide Gotha) für ihre hilfreichen Auskünfte. 66 Vgl. zum Venezianischen Zimthandel Wilhelm H E Y D , Geschichte des Levantehandels im Mittelalter, Bd.-2, Stuttgart 1889, S.-659-665. Abb. 1: Zimtbaum. Zuletzt sei noch auf ein in der bisherigen Literatur fast völlig übersehenes Objekt hingewiesen, ein Stück getrocknete Rinde des Zimtbaums, das der Kurfürst 1493 von seiner Reise mitgebracht haben soll und welches sich anders alle sonst bezeugten Mitbringsel dieser Reise zumindest noch im 19. Jahrhunderts im Gothaer Schloss Friedenstein befand: ein Stückchen Zimmetholz […], welches Friedr.[ich] aus dem heil.[igen] Lande mitgebracht haben soll  64 . Nach dem von Carl Aldenhoven angelegten Inventar war es noch bis 1890 vorhanden - danach verliert sich seine Spur 65 . Der echte Zimt aus Ceylon/ Sri Lanka, eine teure Spezerei, die um 1500 als Droge in Apotheken gehandelt wurde, dürfte der Kurfürst freilich kaum im Heiligen Land, sondern in Venedig erworben haben 66 . Sollte dieses inzwischen verschollene Stück tatsächlich 1493 von Friedrich dem Weisen mitgebracht worden sein, so wäre dies zumindest ein gewisser Haftpunkt für Philipp Melanchthons die religiöse Dimension der Pilgerfahrt des Kurfürsten wegargumentierende Behauptung, diese Unter‐ 36 Hartmut Kühne/ Jan Hrdina <?page no="37"?> 67 Philipp M E L A N C H T H O N , Oratio de Friderico Duce Sax. Electore, in: Corpus Reformato‐ rum, hg. von Carl Gottlieb B R E T S C H N E I D E R , Bd. 11, Halle 1843, Sp. 962-975, hier Sp. 964f. nehmung sei eine Bildungsreise gewesen und habe dem ‚Kulturtransfer‘ und insbesondre der Beschaffung von Heilmitteln aus der Levante gedient 67 . *** Am Ende dieser Einleitung bleibt uns noch die schöne Pflicht der Danksagung für das Gelingen der Jahrestagung 2023 und der Herstellung dieses Bandes. Zunächst möchten wir allen Kolleginnen und Kollegen für ihre engagierte Bereitschaft danken, mit ihren auf der Tagung gehaltenen und diskutierten Bei‐ trägen sowie deren Druckfertigmachung diesen Band überhaupt erst möglich gemacht zu haben. Dies gilt auch für den Abendvortrag von Vladimír Kaiser, dem emeritierten Direktor des Stadtarchivs Ústí nad Labem (Aussig), in dem er uns durch seine persönlichen Erfahrungen auf den Pilgerfahrten zu Jakobus un‐ terhalten und erfreut hat. Frau Mgr. Jana Hubková, Ph.D. vom Oblastní muzeum v Ústí nad Labem [Regionalmuseum in Ústí nad Labem] danken wir für ihre Stadtführungen und Herrn Mgr. Tomáš Okurka, Ph.D. vom selben Museum für seine Führungen durch die beeindruckende Ausstellung „Naši Němci“ (Unsere Deutschen), für die er als Co-Autor mitverantwortlich war. Pater Mgr. Miroslav Šimáček, dem Pfarrer und Erzdechanten der Römisch-katholischen Pfarrei - Erzdekanat Ústí nad Labem (heute Administrator in spiritualibus in Tanvald) danken wir für die anrührende Erfahrung der gemeinsamen Sonntagsmesse mit Pilgersegen in der Stadtpfarrkirche Mariae Himmelfahrt. Dem Management und den Angestellten des Hotels Clarion möchten wir für die gute technische Vorbereitung und den reibungslosen Ablauf der Veranstaltung Dank sagen. Bei Zuzana Jürgens, der Geschäftsführerin des Adalbert Stifter Vereins, bedanken wir uns für das unkomplizierte Zur-Verfügung-Stellen des Fotos von Johanna von Herzogenberg am Beginn dieses Bandes. Hans Hohmann (Leipzig) hat uns sehr hilfreich und engagiert bei der Registererstellung unterstützt. Der Jakobus Gesellschaft möchten wir für die Ermöglichung dieses Buches durch einen Druckkostenzuschuß danken. Prag/ Berlin, am Gedenktag des hl. Johannes von Capistran 2025 Jan Hrdina und Hartmut Kühne Einführung 37 <?page no="39"?> 1 Henri M A R T I N , La parenté de Notre-Dame, in: Bulletin Monumental, Paris: Société Française d’Archéologie 1923, S. 162-170; Beda K L E I N S C H M I D T , Die heilige Anna. Ihre Verehrung in Geschichte, Kunst und Volkstum, Düsseldorf 1930, S. 252-282; Mane M I T G A U , Die Heilige Sippe in Legende und Darstellung, in: Genealogie, Familie und Volk, Deutsche Zeitschrift für Familienkunde 6 (1963), S. 546-551; Anne S T A N T O N - R U D L O F F , La Genealogy Commence Kinship and Difference in the Queen Mary Psalter, in: Studies in Iconography 17 (1996); Karl A M O N , Die Heilige Sippe, in: Ausseerland Pfarrblatt 5 (2007), S. 3-4; Jan R O Y T , Slovník biblické ikonografie [Wörterbuch der biblischen Ikonographie], Praha 2006, S. 251-253; Daniela R Y W I K O V Á , Reliéfy Svaté Rodiny ze Stonavy a zobrazování Kristovy ženské genealogie v umění pozdního středověku [Reliefs der Heiligen Sippe von Stonava/ Steinau und die Darstellung der weiblichen Genealogie Christi in der Kunst des Spätmittelalters/ Holy Family from Stonava and the Motif of Christ's Female Genealogy in Late Medieval Art], in: Těšínský muzejní sborník 5 (2012) [2013], S. 131-158; Helena D ÁŇ O V Á / Renata G U B Í K O V Á , Kristovo příbuzenstvo [Verwandschaft Christi], in: Všemu světu na útěchu. Sochařství a malířství na Chomutovsku a Kadaňsku 1350-1590 [Aller Welt zum Trost. Bildhauerei und Malerei in den Regionen Chomutov/ Komotau und Kadaň/ Kaaden 1350-1590], Chomutov 2014, S. 186-190; Jan K L O B U Š I C K Ý , Motiv svatého Příbuzenstva v křesťanské tradici a jeho aplikace ve výtvarném umění se zvláštním zřetelem na Českou republiku [Das Motiv der Heiligen Verwandtschaft in der christlichen Tradition und seine Anwendung in der bildenden Kunst unter besonderer Berücksichtigung der Tschechischen Repub‐ lik], Nepublikovaná disertační práce na Ústavu dějin křesťanského umění Katolické teologické fakulty Univerzity Karlovy v Praze [Unveröffentlichte Dissertation am Institut für die Geschichte der christlichen Kunst, Katholisch-Theologische Fakultät der Karlsuniversität in Prag], Praha 2016. Die Verehrung des heiligen Jakobus und seine Ikonographie in Böhmen Jan Royt Die Ikonographie des hl. Jakobus des Älteren ist sehr komplex, wie sich auch an den Befunden aus dem mittelalterlichen Böhmen zeigen lässt. Geboren wurde Jakobus nach dem Zeugnis des Neuen Testaments als Sohn des Fischers Zebedäus und seiner Frau Maria Salome. Der Bruder des Jakobus war der hl. Johannes der Evangelist. Zusammen mit ihren Eltern werden sie häufig in dem Bildthema der Verwandtschaft Christi (Trinubium) 1 dargestellt, das erstmalig am Ende des 14. Jahrhunderts auftaucht. Es handelt sich dabei um ein <?page no="40"?> 2 Jan R O Y T , Mistr třeboňského oltáře [Meister der Wittingauer Retabels], Praha 2013, S.-75-77. nicht-kanonisches Thema, das sich zwar auf neutestamentliche Texte bezieht (Mt 12,46; 27,56; Mk 15,40; Joh 2,12; 7,3-5; 19,25; Gal 1,19), aber auf die Schriften kirchlicher Schriftsteller wie Bischof Haymo von Halberstadt (reg. 840-853), Fulbert von Chartres (um 950-1028/ 1029), die Goldene Legende des Jakobus von Voragine (um 1228-1298) und die Offenbarung der heiligen Colette Boille (1380-1447) zurückgeht. Der Goldenen Legende zufolge war die hl. Anna dreimal verheiratet (Trinubium Sanctissimae Annae). Aus jeder Ehe ging eine Tochter mit dem Namen Maria hervor. Aus der Ehe mit Joachim wurde die Jungfrau Maria geboren, aus der Ehe mit Kleophas die Maria des Kleophas und schließlich aus der Verbindung mit Salomas die Maria Salome. Diese drei Marien heirateten ebenfalls und bekamen Kinder: Die Jungfrau Maria war mit Josef verlobt und empfing Christus durch den Heiligen Geist. Maria Kleophas heiratete Alphäus, mit dem sie vier Söhne hatte: Jakobus den Jüngeren, Josef den Gerechten, Simon und Judas Thaddäus. Die dritte Maria heiratete Zebedäus, einen Fischer aus Galiläa. Sie bekamen zwei Söhne: Jakobus den Älteren und Johannes den Evangelisten. Auf einem Wandgemälde aus den 1380er Jahren in der Prager Kirche St. Apollinaris findet sich eine der ältesten Darstellungen des Trinubium-Themas in Europa 2 . Abb. 1: Verwandtschaft Christi, Heilige Sippe, Schutzmantelmadona, Heilige Jungfrauen - Märtyrerinnen, St. Wenzel um 1380, Fresco-secco-Malerei, Prag, St. Apollinariskirche. Foto: Jan Royt. 40 Jan Royt <?page no="41"?> 3 Jaroslav P E Š I N A , Česká malba pozdní gotiky a renesance: deskové malířství 1450-1550 [Böhmische Malerei der Spätgotik und Renaissance: Tafelmalerei 1450-1550], Praha 1950, S.-45. 4 Jan R O Y T , Gotické deskové malířství v severozápadních a severních Čechách [Die Ta‐ felmalerei in Nordwestböhmen und Westböhmen um 1340-1. Hälfte 16. Jahrhundert], Praha 2015, S.-116-117. 5 R O Y T , Gotické deskové malířství (wie Anm. 4), S.-118-121. 6 Roman L A V IČ K A , Pozdně gotické kostely na rožmberském panství [Spätgotische Kirchen im Dominium der Rosenberger], České Budějovice 2013, S.-192. 7 The Codex Calixtinus and the Shrine of St. James, hg. von John W I L L I A M S / Alison S T O N E S , Tübingen 1992. 8 Kevin P O O L E , The Chronicle of Pseudo-Turpin (English translation), New York 2014. 9 Jacobus de Voragine, Legenda aurea. Vulgo historia lombardica dicta, hg. von Theodor Grässe, Dresden/ Leipzig 1801, S.-295-305. Zu den weiteren Beispielen für das Motiv der Verwandtschaft Christi gehören die Mitteltafel des Altars in Hradec Králové (Königgrätz) 3 , die Tafel im Schloss in Duchcov (Dux) 4 , der Altar in Cínovec (Zinnwald, Severočeská galerie výtvar‐ ného umění, Nordböhmische Kunstgalerie in Leitmeritz) 5 und das Wandgemälde in der Vorhalle der Kirche in Horní Stropnice (Strobnitz) aus der Zeit um 1510 6 . Der Apostel Jakobus war an den meisten der wichtigen Ereignisse im Leben Christi beteiligt. Er erlebte die Verklärung Christi auf dem Berg Tabor (Lk 9, 28b-36), das Wunder der Auferstehung der Tochter des Jairus (Mk 5, 21-43) und das Gebet Christi am Ölberg (Mt 26, 36-46). Er nahm am letzten Abendmahl des Herrn (Mt 26, 20-29) teil, wobei Jakobus und sein Bruder Johannes in den meisten Darstellungen in der Nähe Christi sitzen. Jakobus erlebte auch das Pfingstereignisin der Gemeinschaft der Apostel (Apg 2, 1-11). Zu den wichtigsten literarischen Quellen für das Verständnis der Ikonogra‐ phie des hl. Jakobus d. Ä. gehört der so genannte Codex Calixtinus (Liber Sancti Jacobi) 7 , der sich im Archiv der Kathedrale von Santiago de Compostela befindet. Verfasst wurde der Codex im Umfeld des Klosters von Cluny um 1160. Er umfasst fünf Bücher, die die liturgischen Texte zur Feier des heiligen Jakobus sowie Homilien, Gebete und Wunder, die legendenhafte Geschichte der Übertragung der Reliquien des hl. Jakobus, die Chronik des Erzbischofs Turpin (Pseudo-Turpin) 8 , sowie den Bericht über die angebliche Expedition Karls des Großen nach Spanien und nicht zuletzt 23 Wunder des hl. Jakobus enthalten. Die Goldene Legende des Jakobus von Voragine 9 gibt einen großen Teil dieser Wunder wieder. Zu den interessanten Quellen über das Leben und die Wunder des heiligen Jakobus zählt auch die so genannte Geschichte des Pseudo-Abdias. Eines der Attribute des Jakobus ist die Pilgertracht, die aus einem kurzen Ge‐ wand und einem langen Mantel mit Kapuze, oft ohne Ärmel, besteht. Außerdem kann er Stiefel tragen oder barfuß sein. In einer Hand hält er einen Pilgerstab, Die Verehrung des heiligen Jakobus und seine Ikonographie in Böhmen 41 <?page no="42"?> 10 Annette S C H E R E R , Mehr als nur Andenken. Spätmittelalterliche Pilgerzeichen und ihre private Verwendung, in: Spiegel der Seligkeit. Privates Bild und Frömmigkeit in Spät‐ mittelalter, hg. von Georg Ulrich G R O ẞ M A N N , Nürnberg 2000, S. 131-136; Anja G R E B E , Pilgrims and Fashion: The Functions of Pilgrims' Garments, in: Art and Architecture of the Late Medieval Pilgrimage in Northern Europe and the British Isles, hg. von Sarah B L I C K / Rita T E K I P P E , Leiden 2005, S. 3-27, Abb. 1 f.; Anja G R E B E , Jakobus in Franken im Spiegel der Bildkünste des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, in: Jakobus in Franken. Kult, Kunst und Pilgerverkehr, hg. von Robert P L Ö T Z / Peter R Ü C K E R T , Tübingen 2018, S.-97-134. 11 Josef Š R Á M E K , Křtitelnice z chrámu sv. Ducha v Hradci Králové. Památka na zaniklý klášter v Podlažicích u Chrudimi a cenný doklad českého středověkého zvonařství a konvářství [Taufbecken aus der Heilig-Geist-Kirche in Hradec Králové/ Königgrätz. Ein Andenken an das untergangene Stift in Podlažice/ Podlaschitz bei Chrudim und ein wertvolles Beispiel für die böhmische Glockengießerei und Kannengießerei des Mittelalters], in: Chrudimské vlastivědné listy 23 (2014), Nr.-2, S.-9-10. 12 Š R Á M E K , Křtitelnice (wie Anm. 11). 13 Bohumil B AĎ U R A , Styky mezi českým královstvím a Španělskem ve středověku [Die Beziehungen zwischen dem Königreich Böhmen und Spanien im Mittelalter], in: Táborský archiv 7 (1995/ 1996), S.-5-87, hier S.-27. der nach der Überlieferung der „dritte Fuß des Pilgers“ ist, in der anderen ein Buch - das Zeichen eines Apostels, der das Evangelium verbreitet. Der üblicherweise lange Stab dient als Stütze und, der Legende nach (Pseudo-Ab‐ dias), zum Vertreiben von Dämonen. Der angebliche Stab des Jakobus ist in der Kathedrale von Compostela zu sehen. Eventuell trägt er auch einen Hut mit einer Muschel oder einen Beutel mit einer Muschel ( Jakobsmuschel, Pecten jacobeus). In seltenen Fällen trägt er auch einen Kürbis-Wasserbehälter, der an einen Stock gebunden ist. Das Jakobsgewand ist identisch mit dem, das von den Pilgern auf dem Weg nach Santiago getragen wurde. Die Wallfahrer können ebenfalls Pilgerabzeichen an ihren Gewändern oder Hüten getragen haben. In den Sammlungen des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg befindet sich ein solcher Pilgermantel aus dem Jahr 1571, den Stefan III. Praun von aus Santiago nach Nürnberg mitbrachte 10 . In Böhmen findet sich die früheste Darstellung des heiligen Jakobus als Pilger auf einem Taufbecken aus dem Jahr 1406 in der Heiliggeistkirche in Hradec Králové (Königgrätz), aus dem aufgelösten Benediktinerkloster in Podlažice (Podlaschitz) 11 . Desweiteren ist er in dieser Form auf einem Taufbecken aus dem Jahr 1414 in der Teynkirche in Prag zu sehen 12 . Die Informationen über böhmische Jakobspilger des Mittelalters sind relativ gering. Der wahrscheinlich älteste Bericht über eine Reise von Böhmen nach Santiago de Compostela stammt aus dem Jahr 1192, als Bischof Heinrich Břetislav (reg. 1182-1197) auf dem Weg nach Compostela von Kaiser Heinrich VI. geschlagen wurde und nach Böhmen zurückkehren musste 13 . Wir wissen 42 Jan Royt <?page no="43"?> 14 Josef E M L E R , Regesta diplomatica nec non epistolaria Bohemiae et Moraviae, Pars II., Annorum 1253-1310, Prag 1882, Nr.-2786. 15 Jeanne V I E L L I A R D , Pèlerins d´Espagne à la fin du Moyen Âge, in: Analecta sacra tarraconensia: Revista de ciències historicoeclesiàstiques 12 (1936), S.-265-300. 16 Jan F R O L Í K / Jan K L Á P Š T Ě / Zdeněk S M E T Á N K A / Jaromír Ž E G K L I T Z , L´ archeologie et la culture spirituelle du Moyen Age (Quatre miniatures), in: Památky archeologické 83 (1992), S. 154-159; Jan K L Á P Š T Ě , Archeologie středověkého domu v Mostě (čp. 226) [Archäolo‐ gie der mittelalterlichen Stadt Most/ Brüx] (Mediaevalia archeologica 4), Praha/ Most 2002, S.-132. 17 Antonín Z Ů B E K , Nález svatojakubské mušle ze středověkého hřbitova při kostele sv. Jakuba v Brně [Fund einer Jakobusmuschel vom mittelalterlichen Friedhof an der Kirche des hl. Jakob in Brno/ Brünn], in: Archeologické rozhledy 65 (2013), Nr. 2, S. 401-402, hier S.-402. 18 Z Ů B E K , Nález (wie Anm. 17), S.-401-404. 19 Jan F R O L Í K , Kostel sv. Václava v Lažanech a počátky středověkého osídlení Skutečska [Die St.-Wenzel-Kirche in Lažany/ Laschan und die Anfänge der mittelalterlichen Besiedlung der Region Skuteč/ Skutsch], Praha 2017. 20 Commentarius brevis et iucundus itineris atque peregrinationis, pietatis et religionis causa susceptae ab Illustri et Magnifico Domino, Domino Leone, libero barone de Rosmital et Blatna…ante centum annos Bohemice conscriptus et nunc primum in latinam linguam translatus et editus, Olomouc 1577. nicht, ob Herrn Oldřich von Brandýs die Reise zum Grab des hl. Jakobus in Compostela tatsächlich unternahm, da sie ihm 1312 als Bußmaßnahme für die Ermordung des Prager Bürgers Peregrin auferlegt wurde 14 . Über einige Pilger aus Böhmen, z.-B. Wilhelm Zajíc-Hase von Valdek (Waldek) (gest. 1438), Wenzel von Donín (Dohna) und einen Beneš von Dubé (Dauba) erfahren wir aus unterschiedlichen Begleitschreiben 15 . Den wahrscheinlich ältesten Beleg liefert der Fund einer Jakobsmuschel in Most (Brüx), die stratigraphisch auf das 13. Jahrhundert datiert wurde 16 . Andere Jakobsmuscheln wurden unter dem Boden des Kaiserlichen Stalls auf der Prager Burg 17 , in einem Grab an der St. Jakobs-Kirche in Brünn 18 und im Beinhaus in Lažany (Laschan) gefunden 19 . Aus der Reihe der bekannten böhmischen Pilger sei an Wenzel Šašek von Bířkov (um 1440-1480) erinnert, der in seinem Reisetagebuch mit dem Titel Tagebuch über die Fahrt und Wanderung des Herrn Lev von Rosental und Blatná aus Böhmen bis ans Ende der Welt in den Jahren 1465-1467, das uns nur aus einer lateinischen Übersetzung des Olmützer Bischofs Stanislav Pavlovský 20 aus dem Jahr 1577 Die Verehrung des heiligen Jakobus und seine Ikonographie in Böhmen 43 <?page no="44"?> 21 Johann Andreas S C H M E L L E R , Des böhmischen Herren Leo´s von Rožmital Ritter, Hof- und Pilger-Reise durch die Abenlande 1465-1467 (Bibliothek des Literarischen Vereins in Stuttgart 7), Stuttgart 1844; Cesta pana Lva z Rožmitálu po západní Evropě roku 1465- 1467 [Die Reise des Herrn Leo von Rosmital durch Westeuropa in den Jahren 1465- 1467], hg. von František A. S L A V Í K , Telč 1890. Moderne Übersetzung ins Tschechische: Václav Š A Š E K Z B Í Ř K O V A , Deník o jízdě a putování pana Lva z Rožmitálu a z Blatné z Čech až na konec světa [Václav Šašek von Bířkov. Tagebuch über die Reise und die Wanderung des Herrn Lev von Rožmitál/ Rosenthal und Blatná/ Blatna von Böhmen bis ans Ende der Welt], Praha 1951. Moderne Ausgabe der lateinischen Übersetzung von Bischof Stanislav Pavlovský, Commentarius brevis et iucundus itineris atque peregrinationis, pietatis et religionis causa susceptae ab Illustri et Magnifico Domino, Domino Leone, libero barone de Rosmital et Blatna, hg. von Karel H R D I N A , Praha 1951. 22 B AĎ U R A , Styky (wie Anm. 13), S.-44-45. 23 Anežka M E R H A U T O V Á / Dušan T Ř E Š T Í K , Románské umění v Čechách a na Moravě [Roma‐ nische Kunst in Böhmen und Mähren], Praha 1983, S.-202-207. 24 Jiří M A Š Í N , Románská nástěnná malba v Čechách a na Moravě [Romanische Wandma‐ lerei in Böhmen und Mähren], Praha 1954, S.-35-38. bekannt ist 21 , äußerst detailliert seinen Besuch in der Kathedrale von Santiago de Compostela beschreibt 22 . Im Dorf Jakub in der Nähe von Kutná Hora (Kuttenberg) befindet sich an der Fassade der Jakobskirche die älteste Darstellung des heiligen Jakobus in Böhmen. 23 Höchstwahrscheinlich handelt es sich um eine der ältesten Kirchen in Böhmen, die dem heiligen Jakobus geweiht waren. Oberhalb des Portals mit dem Tympanon, das Christus als Majestas Domini zeigt, lässt sich ein Relief erkennen, auf dem Stifter abgebildet sind, die dem heiligen Jakobus ihre Verehrung erweisen. Wir entnehmen die Namen der Stifter der Altarurkunde, die 1845 in einem Bleikasten in der Altarmensa gefunden wurde: Auftraggeber war der Prager Bischof Daniel I. (reg. 1148-1167). Die Gründung der Kirche erfolgte durch die Adelige Marie mit ihren Söhnen Slavibor und Pavel, wohl zum Andenken an ihren verstorbenen Ehemann Slavibor (gest. 1146). Ein Indiz für die Bedeutung des Gebäudes ist die Tatsache, dass der tschechische Fürst Vladislav II. (1110-1174) und seine Frau Judith (um 1130-nach 1174) der Kirchweihe im Jahr 1165 beiwohnten. An der Kirchenfassade sind auch die Figuren der böhmischen Landespatrone St. Wenzel, St. Adalbert und St. Prokop zu sehen. Diese Reliefs zählen zu den bedeutendsten Denkmälern der romanischen Bildhauerei in Böhmen. Die Jakobskirche in Rovná unweit von Stříbrná Skalice (Silber Skalitz) wurde im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts wahrscheinlich von den Bauhüttenwer‐ kern des Klosters in Sázava (Sazau) gebaut 24 . Hierbei handelt es sich um einen einfachen einschiffigen Bau mit einer Apsis im Osten und einem Turm im 44 Jan Royt <?page no="45"?> Westen. An der Westmauer stand eine Herrschaftstribüne. An den Wänden des Kirchenschiffs befinden sich Wandmalereien mit Szenen aus dem Leben der Jungfrau Maria und des heiligen Nikolaus aus den Jahren 1170-1240. Unter dem Chorraum sind Bruchstücke des Lebenszyklus des heiligen Prokop zu sehen. Beherrschendes Thema in der Apsiskonche ist die Majestas Domini mit den Symbolen der Evangelisten. Im unteren Bereich sieht man einen Streifen mit den Aposteln und noch weiter unten Fragmente der Legende aus dem Leben des heiligen Jakobus. Abb. 2: St. Jakobus mit Stiftern und die Figuren der böhmischen Landespatronen St. Wenzel, St. Adalbert und St. Prokopius, um 1165, Steinrelief, Jakub bei Kuttenberg. Foto: Jan Royt. Der sitzende König ist nur bruchstückhaft erhalten, vor ihm erkennt man ein Figurenfragment mit einem Pilgerstab, höchstwahrscheinlich handelt es sich um den heiligen Jakobus. Im Hintergrund des Königs steht ein Wachmann mit einem Schwert in der Hand. Es handelt sich vermutlich um das Motiv des heiligen Jakobus vor Herodes Agrippa. Dem folgt eine stark beschädigte Komposition, bei der sich das Thema wohl an den Text des Markusevangeliums (Mk 1, 29-31) anlehnt. In diesem Text heißt es, dass die Apostel Johannes und Jakobus, Söhne des Fischers Zebedäus, die Heilung der Schwiegermutter von Simon miterlebten. In der letzten Szene wird das Martyrium des Heiligen dargestellt. Hier sitzt König Herodes auf dem Thron, und auf seinen Befehl hin enthauptet der Henker den heiligen Jakobus. Zweifellos ist dieser Zyklus der älteste erhaltene Jakobszyklus in Böhmen. Die Verehrung des heiligen Jakobus und seine Ikonographie in Böhmen 45 <?page no="46"?> 25 František E K E R T , Posvátná místa král. hl. města Prahy [Heilige Stätten der königlichen Stadt Prag 1, Praha 1883, S. 420-447; Emanuel P O C H E , Kostel a klášter sv. Jakuba v Praze [Die Kirche und der Konvent des hl. Jakobus in Prag], Praha 1942. Abb. 3: Zyklus aus dem Leben des hl. Jakobus, letztes Viertel des 12. Jahrhunderts, Fresco-secco-Malerei, St. Jakobskirche in Rovná bei Stříbrná Skalice (Silber Skalitz). Foto: Jan Royt. Mit dem Erwerb von Reliquien des heiligen Jakobus durch Ottokar I. Přemysl (um 1160-1230) ist die Entstehung der spätromanischen Jakobskirche in der Prager Altstadt verbunden 25 . Die ursprüngliche Verfassung der Kirche ist nicht bekannt. Wenzel I. (um 1205-1253), der Sohn von Ottokar I. Přemysl, rief die Minoriten nach Prag und ließ sie in der ursprünglichen Jakobskirche ansiedeln. Diese wurde abgerissen und an ihrer Stelle wurde 1232 der Grundstein für eine neue Klosterkirche gelegt. Die Fertigstellung des Klosters erfolgte im Jahr 1244. Die Lage des Klosters war wichtig, denn es befand sich in der Nähe des Altstädter Ringes und des so genannten Ungelts, wo der Zoll von den Kaufleuten erhoben wurde. Welche Bedeutung das Kloster für die böhmischen Herrscher besaß, beweist die Tatsache, dass im Refektorium des Klosters das Krönungsbankett von König Johann von Luxemburg (1296-1346) stattfand. Infolge eines Brandes 46 Jan Royt <?page no="47"?> 26 Oldřich J. B L A Ž Í Č E K , Sochařství baroku v Čechách. Plastika 17. a 18. věku [Bildhauerei des Barocks in Böhmen. Skulpturen des 17. und 18.-Jahrhunderts], Praha 1958, S.-96. 27 Pavel P R E I S S , Václav Vavřinec Reiner [Wenzel Lorenz Reiner], Praha 1970, S.-104. im Jahr 1318 wurden die Kirche und das Kloster vom Königspaar Johann von Luxemburg und Eliška Přemyslovna (Elisabeth von Böhmen) (1292-1330) aufwendig wiederaufgebaut. Die Bauarbeiten an der Klosterkirche dauerten bis 1374, als der Prager Erzbischof Johann Očko von Vlašim (nach 1315-1380) die Kirche weihte. Dominiert wurde die Kirche von drei Türmen, was für Bauten der Minoriten untypisch ist. Zur Zeit der Hussitenkriege wurde das Kloster vor der Zerstörung bewahrt. Der Umbau erfolgte unter der Herrschaft Rudolfs II. (1552-1612) am Ende des 16. Jahrhunderts. Im Jahr 1689 brannten die Kirche und ein Teil des Klosters nieder. Mit dem Wiederaufbau wurde der Architekt Johann Simon Pánek (1654-1734) betraut. An der Fassade befinden sich große Stuckskulpturen von Ottavio Mosto 26 (1659-1701) aus den Jahren 1695-1701, (Abb. 4) die die Heiligen Franz von Assisi, Antonius von Padua und den heiligen Jakobus als Pilger darstellen. Den Hauptaltar ziert ein Gemälde des hervorragenden Hochbarockmalers Wenzel Lorenz Reiner (1689-1743) mit dem Motiv des Martyriums des hl. Jakobus 27 . Abb. 4: Ottavio Mosto: Hl. Jakobus als Schutzpatron der Pilger, 1695-1701, Stuckrelief, St. Jakobuskirche, Prag. Foto: Jan Royt. Die Verehrung des heiligen Jakobus und seine Ikonographie in Böhmen 47 <?page no="48"?> 28 Wilfried F R A N Z E N , Mistr Rajhradského oltáře, oltářní retábl sv. Jakuba-Stětí sv. Jakuba [Meister des Altars von Raigern, Altarretabel der Enthauptung des hl. Jakobus], in: Karel IV. Císař z Boží milosti [Karl IV. Kaiser von Gottes Gnaden], hg. von Jiří F A J T , Praha 2006, S.-618-619. Abb. 5: Meister der Kreuzigung aus Raigern: Gefangennahme des hl. Jakobus, um 1436, Tafelmalerei, Nationalgalerie Prag. Foto: Jan Royt. Für die Prager Jakobuskirche - nach anderen Meinungen für die St. Jakobus - Kirche in Brünn - wurde ein Altarretabel mit Motiven aus dem Leben Christi und des hl. Jakobus vom Meister der Kreuzigung aus Raigern (1410-1440) in Auftrag gegeben. Es wird angenommen, dass der Altar um 1436 vom Kaiser und König Sigismund von Luxemburg (1368-1437) in Auftrag gegeben wurde, um die während der Hussitenkriege zerstörten Werke zu ersetzen. 28 Erhalten blieben fünf Tafeln mit marianischen Themen (Verkündigung Mariä, Mariä Heimsuchung, Anbetung Christi, Anbetung der Könige, Opfer Christi) und acht mit dem von der Legenda aurea inspirierten Jakobszyklus. Vier Tafeln mit Jakobusthemen befinden sich in der Nationalgalerie in Prag (Hermogenes schickt Philetus zu Jakobus, Philetus bindet Hermogenes los, Hermogenes erhält das Zeichen, Gefangennahme des hl. Jakobus), (Abb. 5) eine Tafel (Die Enthauptung des hl. Jakobus) in der Mährischen Galerie in Brünn, zwei Tafeln ( Jakobus schickt Philetus den Schleier, Jakobus heilt den Kranken) in österrei‐ chischem Privatbesitz und eine Tafel (Die Überführung des Leichnams des Heiligen) im Kunsthistorischen Museum in Wien. An den Aussentafeln des 48 Jan Royt <?page no="49"?> 29 František M A T O U Š , Mittelalterliche Glasmalerei in der Tschechoslowakei, Prag 1975, S. 64-69; Dějiny českého výtvarného umění [Geschichte der bildenden Kunst in Böhmen] I/ 2, Praha 1989, S.-490-491. Altars sah man vier Tafeln mit der Legende des Hermogenes, gekennzeichnet durch einen purpurnen Hintergrund, der von goldenen Sternen bedeckt wurde: Hermogenes schickt Philetus zum hl. Jakobus, der hl. Jakobus schickt Philetus einen Schleier, Philetus bindet Hermogenes los, Hermogenes erhält ein Zeichen. Bei der Öffnung des Altars wurden Tafeln mit Szenen aus dem Martyrium des heiligen Apostels sichtbar: die Gefangennahme des hl. Jakobus, die Heilung der Kranken durch den hl. Jakobus auf dem Weg zu seiner Hinrichtung, die Enthauptung des hl. Jakobus, die Überführung des Leichnams des hl. Jakobus. Die wahrscheinlich älteste Darstellung des hl. Jakobus mit dem Attribut der Pilgermuschel findet sich in Böhmen auf einer Glasmalerei (2. Viertel des 14. Jahrhunderts) aus der St. Jakobs-Kirche in Žebnice (Zebnitz, Schebnitz) (Abb. 6), die sich heute im Diözesanmuseum in Pilsen befindet (Eigentum des Westböhmischen Museums in Pilsen) 29 . Abb. 6: Hl. Jakobus, Glasmalerei, 2. Viertel des 14. Jahrhunderts, Westböhmisches Museum in Pilsen. Foto: Jan Royt. Die Verehrung des heiligen Jakobus und seine Ikonographie in Böhmen 49 <?page no="50"?> 30 Magister Theodoricus. Dvorní malíř císaře Karla IV. [Magister Theodoricus. Hofmaler Kaiser Karls IV.], hg. von Jiří F A J T , Praha 1997, S.-408-409. 31 Zu den Patrozinien vgl. den Beitrag von Petr Jokeš. 32 Jaromír H O M O L K A / Josef K R Á S A / Václav M E N C E L / Jaroslav P E Š I N A / Josef P E T R ÁŇ , Pozdně gotické umění v Čechách [Spätgotische Kunst in Böhmen], Praha 1978, S.-374-377. Eine Darstellung des hl. Jakobus kann natürlich auch in der Gemäldesammlung von Meister Theodoricus 30 (bezeugt 1359-1368) (Abb. 7) und seiner Werkstatt in der Kapelle des Heiligen Kreuzes in der Burg Karlstein gefunden werden. In diesem Fall hält der heilige Apostel in seiner rechten Hand ein Schwert, in seiner linken ein Buch und ein kleines Kreuz. In der unteren Leiste gibt es ein Loch für eine Reliquie aus dem Besitz von Kaiser Karl IV. (1316-1378). Abb. 7: Meister Theodoricus und seine Werkstatt: St. Jakobus, vor 1365, Kapelle des Heiligen Kreuzes, Burg Karlstein. Foto: Jan Royt. Im Böhmen war die Widmung von Kirchen an den hl. Jakobus vor allem in den Bergstädten sehr beliebt. Sicherlich ist es kein Zufall, dass die beiden Hauptkir‐ chen der bedeutendsten Bergstädte der böhmischen Kronländer, Jihlava (Iglau) und Kutná Hora (Kuttenberg), dem heiligen Jakobus geweiht wurden 31 . Wir können nur bedauern, dass das Retabel des Hauptaltars der Stadtkirche St. Jakob und der Jungfrau Maria in Kutná Hora nicht erhalten blieb. Seine Predella fertigte Hanus Efeldar (1. Hälfte 16. Jh.) im Jahr 1515 an 32 . Daraus lässt 50 Jan Royt <?page no="51"?> 33 Valentin Z O D L , Denkwürdigkeiten der Stadt-Pfarr-Kirche Skt. Jakob in Iglau b.l., Iglau 1880; Antonín B A R T Ů Š E K / Arnošt K Á B A , Umělecké památky Jihlavy [Kunstdenkmäler in Jihlava/ Iglau], Havlíčkův Brod 1960; Michal P A T R N Ý / Štěpán K O N Í Č E K / Aleš M U D R A , Farní kostel sv. Jakuba Většího v Jihlavě [Die Pfarrkirche des hl. Jakobus der Ä. in Jihlava/ Ig‐ lau], Stavebně-historický průzkum, prosinec 2005, nepublikováno [Baugeschichtliche Untersuchung, Dezember 2005, unveröffentlicht]. 34 František M A R E Š / Jan S E D L ÁČ E K , Soupis památek historických a uměleckých v království Českém, Politický okres prachatický [Topographie der Historischen und Kunst-Denk‐ male im Königreiche Böhmen, Politischer Bezirk Prachatice/ Prachaticz], Praha 1913, S.-212-246; L A V IČ K A ,-Pozdně gotické kostely (wie Anm. 6), S.-254-259. sich schließen, dass das Altarretabel zu den größten der Spätgotik in Böhmen gehörte. Da die Kirche ihnen geweiht wurde, lässt sich eine Statue der Jungfrau Maria und des heiligen Jakobus vermuten, vergleichbar mit derjenigen in Levoča (Leutschau) in der Slowakei. Die in den Jahren 1350 bis 1420 errichtete Kirche wurde als dreischiffige Halle mit vier Kapellen konzipiert. Den Hauptaltar schmückt ein wunderschönes Gemälde des Spätbarockmalers Franz Xaver Palko (1724-1767) mit der Darstellung des Martyriums des hl. Jakobus. Bei der Jakobskirche in Iglau 33 handelt es sich um einen dreischiffigen Saalbau, der zur Zeit der Gründung von Iglau als Bergstadt in den 1240er Jahren erbaut wurde. In den Jahren 1373-1379 wurde die Kirche zu einem dreischiffigen Saalbau mit einem Doppelturm an der Fassade umgestaltet. Nach dem großen Stadtbrand von 1523 erfolgte ein Umbau. An einer Säule der Kirche ist bis heute eine Statue des hl. Jakobus aus dem Ende des 15. Jahrhunderts (1496? ) zu sehen, die dem österreichischen Bildhauer Lorenz Luchsberger (1471-1501) aus Wiener Neustadt zugeschrieben wird. Den Hauptaltar aus dem Jahr 1777 ziert ein Gemälde mit dem Motiv der Enthauptung des hl. Jakobus, gemalt 1763 von Jan Nepomuk Steiner (1725-1793). Auf dem Hauptplatz in Iglau steht eine Mariensäule aus dem Jahr 1690, zu der auch eine Statue des hl. Jakobus des Älteren gehört. Eine repräsentative Vertreterin der Spätgotik ist die Jakobskirche in Pracha‐ tice (Prachatitz) 34 . Die dreischiffige spätgotische Kirche stammt aus den Jahren 1468-1513, das Presbyterium wurde im zweiten Drittel des 14. Jahrhunderts errichtet. Vom ursprünglich auf dem Hauptaltar befindlichen großen gotischen Retabel blieben vier Reliefs mit Motiven aus dem Leben der Jungfrau Maria (Verkündigung, Geburt, Anbetung der Heiligen Drei Könige, Tod der Jungfrau Maria) aus dem Jahr 1514 erhalten, die auf den Meister der Beklagung von Zvíkov (Klingenberg) zurückgeführt werden. Ausgehend von einer Analogie zum Altar von Meister Paul von Levoča (um 1460? -um 1542? ) in der Jakobskir‐ che in Levoča bin ich der Meinung, dass sich die Statue des hl. Jakobus - des Schutzpatrons der Kirche - mit Sicherheit in der Arche befand. Die erwähnten Die Verehrung des heiligen Jakobus und seine Ikonographie in Böhmen 51 <?page no="52"?> 35 Rudolf N E U M A N N , Stilkritische Untersuchungen der Baugeschichte der katholischen Pfarrkirche in Glatz im Mittelalter unter Berücksichtigung der Einflüsse böhmischer Architektenschulen (Glatzer Heimatschriften 15), Glatz 1927, S. 27; Joseph K Ö G L E R , Nachrichten von der Pfarrkirche zu Glatz, in: Die Chroniken der Grafschaft Glatz: Band 2: Die Pfarrei- und Stadtchroniken von Glatz - Habelschwerdt - Reinerz mit den zugehörigen Dörfern, neu bearb. und hg. von Dieter P O H L (Geschichtsquellen der Grafschaft Glatz.-Reihe A: -Ortsgeschichte-NF 2), Modautal 1993,-S. 20-63. 36 Romuald K A C Z M A R E K / Jakub W I T K O W S K I , Zarys dziejów sztuki w Kłodzku [Abriss der Geschichte der bildenden Kunst in Kłodzko/ Glatz], in: Kłodzko, dzieje miasta [Kłodzko/ Glatz, Geschichte der Stadt], hg. von Ryszard G Ł A D K I E W I C Z , Kłodzko 1998, S.-196. Reliefs bilden einen Teil eines frühbarocken Altars mit einer Madonnenfigur in der Mitte, im Altaraufsatz mit der Statue des hl. Jakobus als Pilger mit einem Stab in der Hand. Die Grafschaft Glatz (pl. Kłodzko, tsch. Kladsko) war zwischen 1137 und 1742 Teil der historischen Länder der Böhmischen Krone. Aus diesem Grund erwähne ich die bemerkenswerte Jakobskapelle aus der Zeit um 1500, die aus dem südlichen Seitenschiff der Kirche der Mariä Himmelfahrt in Glatz herausragt 35 . Die Konsolen, aus denen die Rippen des Gewölbes herausragen, haben die Form von Jakobsmuscheln. (Abb. 8, 9) An der Außenseite der Kapelle befindet sich eine Nische mit einer kleinen spätgotischen Statue des hl. Jakobus in Pilgerkleidung. Die Kapelle wurde von der Jakobusbruderschaft genutzt 36 . Abb. 8: Jakobskapelle, um 1500, St. Mariä-Himmelfahrt‐ kirche, Glatz. Foto: Jan Royt. - Abb. 9: Hl. Jakobus, Statue im Außenbereich der Jakobuska‐ pelle, um 1500, St. Mariä-Him‐ melfahrtkirche, Glatz. Foto: Jan Royt. 52 Jan Royt <?page no="53"?> 37 R O Y T , Gotické deskové malířství (wie Anm. 4), S.-169-171. Die Flügel des Schreinaltars 37 der fünften Kapelle auf der Evangelienseite der Mariä-Himmelfahrtskirche in Most (Brüx) aus dem Jahr 1521 stellen die Legende des hl. Jakobus und die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela mit Abbildungen des hl. Sebald und des hl. Wendelin dar. Das Zentrum des Altars, vermutlich mit der Statue des hl. Jakobus, blieb nicht erhalten. Die Außenseite der linken doppelseitigen Bildtafel zeigt oben die Jakobuspredigt und unten die Stifterszene mit den Familienmitgliedern der Adelsfamilie Guttenstein (Wappen). (Abb. 10, 11) Abb. 10: Schreinaltar mit Gemälden aus dem Leben des Hl. Jakobus, geöffnet, 1521, Mariä-Himmelfahrtskirche, Most (Brüx) . Foto: Jan Royt. Die Verehrung des heiligen Jakobus und seine Ikonographie in Böhmen 53 <?page no="54"?> 38 František D O L E N S K Ý / František Š I M E K / Vojtěch Z E L I N K A , Nová Zlatá legenda [Neu Gol‐ dene Legende], Praha 1928, S.-208-209. Abb. 11: Schreinaltar mit Gemälden aus dem Leben des Hl. Jakobus, geschlossen, 1521, Mariä-Himmelfahrtskirche, Most (Brüx) . Foto: Jan Royt. Die rechte doppelseitige Bildtafel stellt oben die Enthauptung des hl. Jakobus und unten die Überführung seines Leichnams nach Santiago de Compostela dar. Alle Szenen zeigen Renaissance-Architektur; der Hintergrund ist ornamental und vergoldet. Die Tafeln auf der Außenseite zeigen sodann das Hühner-Wun‐ der des hl. Jakobus. Der Goldenen Legende von Jakobus de Voragine 38 zufolge pilgerten ein deutscher Mann und sein Sohn im Jahr 1190 nach Santiago de Compostela. Bei Tolosa kehrten sie in einem Gasthaus ein, wo sie speisten und übernachteten. Nachts steckte ihnen der böse Wirt einen Silberbecher in den Beutel (Szene auf der Außenseite des linken Flügels oben). Beim Abschied beschuldigte der Gastwirt Vater und Sohn des Diebstahls. Die beiden sagten daraufhin: „Hast du es bei uns gefunden, dann sind wir schuldig“. Daraufhin wurden beide dem Richter vorgeführt und er verurteilte den Sohn zum Tod durch den Strang, was alsbald ausgeführt wurde (Szene auf der Außenseite des rechten Flügels oben). In großer Not reiste der Vater allein zum Grab des hl. 54 Jan Royt <?page no="55"?> 39 Seine erste Ehefrau war Margarete von Roupov, seine zweite Frau Anna von Roupov, mit der er drei Söhne und sieben Töchter hatte. Jakobus, um den Heiligen für seinen Sohn anzuflehen. Nach 36 Tagen kehrte der Vater zurück, blieb unter dem Galgen stehen, an dem sein Sohn hing, und stellte fest, dass dieser lebte. Der Sohn sagte ihm, dass ihn der hl. Jakobus selbst in der großen Seligkeit des Himmels am Leben erhielte. Der Vater begab sich daraufhin sofort zum Richter, der an einem Tisch saß und Hühner aß. Der Vater offenbarte ihm, dass sein Sohn am Leben sei. Der Richter sagte voller Spott: „Er ist genau so wenig lebendig wie diese Hühner auf dem Teller“, doch nach diesen Worten erwachten die Hühner auf dem Teller sofort zum Leben (Szene auf der Außenseite der rechten Tafel unten). Anschließend befahl der Richter, den Sohn vom Galgen zu befreien und den Gastwirt daran aufzuhängen (Szene auf der Außenseite der linken Tafel unten). Der Auftraggeber des Altars war anscheinend ein Mitglied der Familie Guttenstein, die mit ihrem Wappen als anbetend kniender Mann gemeinsam mit Frau und Kind gemeinsam mit der thronenden Figur des hl. Jakobus und anderen dabei stehenden Pilgern abgebildet ist. Möglicherweise wurde der Altar als Erinnerung an eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela oder aber als Ersatz für eine zugesagte, aber nicht realisierte Pilgerreise zum Grab des hl. Jakobus geschaffen. Die Guttensteins waren sehr fleißige Pilger. So reiste beispielsweise Jetřich (Dietrich) von Guttenstein (gest. 1513) 1493 zusammen mit Johann Lobkowitz von Hassenstein (1450-1517) ins Heilige Land. In Anbetracht der Datierung des Altars würde Wolf von Guttenstein (gest. 1545), der zweimal verheiratet war 39 , am besten als Pilger nach Compostela passen. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass es sich um einen seiner vier Brüder handelt: Burian Johann IV. (gest. 1521), Jetřich (Dietrich) (gest. 1513), Christoph (gest. 1518), Heinrich (gest. 1530? ). Das Pilgerthema wird auf dem Altar durch die Anwesenheit des römischen Heiligen Alexius - des Schutzpatrons der Pilger - auf dem Altaraufsatz (ein Diener schüttet Abfälle aus einem Gefäß auf den schlafenden heiligen Alexius) und des Nürnberger hl. Sebald in Pilgerkleidung und mit einer Kirche in der Hand auf dem festen Flügel unterstrichen. Das Sebaldusgrab in der Nürnberger Sebaldskirche wurde in der Zeit vor der Reformation von vielen Pilgern besucht. Die untere Szene auf der Innenseite des rechten Flügels ist sehr interessant. Zu sehen ist hier die Familie der Herren von Guttenstein, wie das Wappen verrät. Der Ikonographie zufolge wurde der Altar wohl um 1530 als Votivaltar angefertigt, wahrscheinlich anlässlich des erfolgreichen Abschlusses einer Pilgerreise nach Santiago. Leider wissen wir nicht, wie das Zentrum des Altars aussah, das nicht erhalten blieb. Wir nehmen an, dass dort eine Statue des hl. Jakobus stand, so wie auf dem Altar der heutigen Die Verehrung des heiligen Jakobus und seine Ikonographie in Böhmen 55 <?page no="56"?> 40 Antonín P O D L A H A , Posvátná místa království Českého. Vikariáty Českobrodský, Čer‐ nokostelecký, Mnichovický, Prosecký [Die heiligen Stätten des Königreichs Böhmen. Die Vikariate: Český Brod/ Böhmisch Brod, Černý Kostelec/ Schwarzkosteletz, Mnicho‐ vice/ Mnichowitz, Prosek/ Prossek], Praha 1907, S.-262-265. 41 Umělecké památky Prahy. Velká Praha A/ L [Kunstdenkmäler Prags. Das große Prag A/ L], hg. von Pavel V L Č E K et al., Praha 2012, S.-783. Schlosskirche von Winnenden. Ähnlich wie in Winnenden könnte auch die Altarmitte in der Kirche Maria Himmelfährt von Most (Brüx) ausgesehen haben. Aus der St. Jakobskirche in Zbraslav (Königsaal) stammt ein Renaissancealtar aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Heute steht er im Chor der Tschechoslowa‐ kischen Hussitischen Kirche in Zbraslav. In der Mitte des Altars befindet sich eine Madonnenstatue. Zu ihrer Rechten steht eine Figur des hl. Jakobus und links eine seines Bruders, des hl. Johannes des Evangelisten. Die Jakobskirche in Kunratice (Kunraticz) 40 verfügt über eine wertvolle Barockausstattung mit interessanter Jakobs-Ikonographie. Ursprünglich stand an ihrer Stelle ein frühgotischer Bau aus dem 13. Jahrhundert; seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts war es eine Pfarrkirche mit dem Patronatsrecht der Prager Patrizierfamilie Olbramovic; sie befand sich im Bereich der Festung, die um 1332 Frenclin Jakubův (1. H. des 14. Jh.) aus dem Patriziergeschlecht Velflovic und nach ihm Prokop Černý (Niger) Olbramovic (1368-1411) innehatten 41 . Von den geraden Umfassungsmauern sind in der heutigen Sakristei noch Teile vorhanden. Die Kirche war von Anfang an dem hl. Jakobus d. Ä. geweiht. Den Umbau in die heutige hochbarocke Form hat vermutlich Thomas Haffenecker (1669-1730) auf Kosten des Prager Richters Johann Ernst, Graf von der Goltz (1740-1792) nach einem Entwurf von Franz Maxmilian Kaňka (1674-1766) durchgeführt. In der Ikonographie der Kirche spielen die mit dem hl. Jakobus verbundenen The‐ men eine entscheidende Rolle. Im Kuppelgewölbe befindet sich ein Wandgemälde mit der Darstellung der Schlacht von Clavijo (844), (Abb. 12) in der Ramiro I. (um 790-850), der asturische Herrscher, mit Hilfe des hl. Jakobus, der zu Pferd und mit einem Schwert in der Hand erschien, die Mauren besiegt haben soll. 56 Jan Royt <?page no="57"?> 42 Bonizo, Liber de vita christiana, hg. von Ernst P E R E L S , Berlin 1930, S.-320. 43 Alžběta G Ü N T H E R O V Á et al., Súpis pamiatok na Slovensku [Verzeichnis der Denkmäler in der Slowakei], T. III., Bratislava 1969, S.-418. Abb. 12: Wandgemälde mit der Darstellung der Schlacht von Clavijo, Detail, um 1735, St. Jakobskirche, Kunratice bei Prag. Foto: Jan Royt. Grundlage für diese Abbildung ist das so genannte Privilegio votos (oder Diplom von Ramiro), das besagt, dass die Christen den Mauren jedes Jahr 100 Mädchen (50 aus adligen Familien und 50 aus dem Volk) als Tribut geben sollten. Doch Ramiro beschloss, dieser „Steuer“ nicht zu zahlen und entschied sich zum Kampf. Am Vorabend der Schlacht erschien ihm der hl. Jakobus mit dem Versprechen, ihm zu helfen. Daher wird der hl. Jakobus auch als Matamoros - Maurentöter - angerufen und als vorbildlicher christlicher Krieger (miles christianus) zu Pferd dargestellt, wobei dieser historische Begriff im Zusammenhang mit dem Ersten Kreuzzug von Bonizo de Sutri (um 1045-1094) in seinem Liber de vita christiana verwendet wurde. 42 Die älteste Abbildung des hl. Jakobus als „Maurentöter“ befindet sich in der Kathedrale von Santiago de Compostela; sie entstand um 1240. Aber in Böhmen ist diese Darstellung eher selten. Die Figur des hl. Jakobus zu Pferd kann auf dem Altar der St. Jakobus-Kirche in dem slowakischen Dorf Vrakúň gefunden werden 43 . Auf der Fahne der Freiwilligen aus der Stadt Kladruby (Kladrau), die im Auftrag von Kaiserin Maria Theresia (1717-1780) die Provinzgrenze bewachten, war der hl. Jakobus als miles christianus abgebildet. Diese Fahne blieb leider nicht erhalten, da sie beim Brand der Stadt 1843 in Flammen aufging. Die Verehrung des heiligen Jakobus und seine Ikonographie in Böhmen 57 <?page no="58"?> 44 Johanna von H E R Z O G E N B E R G , Der Heilige Apostel Jakobus Major in Letařovice: Leben und Legende; sechzig Tafeln der Holzdecke in der Friedhofskirche von Letařovice, Praha 2005; Tomáš E D E L , Českodubsko v památkách 12.-20. století [Die Region Český Dub/ Böhmisch Aicha in den Denkmälern des 12. und 20. Jahrhunderts], Český Dub 2006, S.-28-39. 45 Jarmila K R ČÁ L O V Á , Křeč - Kostel sv. Jakuba Většího [Křeč/ Kretsch - Kirche Jakobus des Älteren], in: Gotická nástěnná malba v zemích českých I. 1300-1350 [Gothische Wandmalerei in den böhmischen Ländern I. 1300-1350], hg. von Jaroslav P E Š I N A , Praha 1958, S.-258-263. Des Weiteren wird in der Kuppel der Kirche in Kunratice eine Prozession von Christen mit der Statue des hl. Jakobus gezeigt - vermutlich ein Hinweis auf die Pilgerreise nach Santiago de Compostela. Im Gewölbe des westlichen Chorraums befindet sich eine Darstellung der Enthauptung des hl. Jakobus. Im Gewölbe des Altarraums ist ein Wandgemälde zu sehen, das die Verklärung Christi auf dem Berg Tabor zum Thema hat, die von den Aposteln Johannes und Petrus und Jakobus d. Ä. bezeugt wurde. Im Rahmen der Umbauarbeiten blieb der mittelalterliche Teil der Kirche, der an das Ende der Kirche angebaut ist, erhalten. Er ist mit Wandmalereien aus der Zeit um 1500 verziert. Zusammen mit den Symbolen der Evangelisten ist hier auch eine fragmentarisch erhaltene Figur des hl. Jakobus zu sehen. Der Raum dient als Sakristei. Zum Schluss möchte ich noch zwei ländliche Kirchen mit dem Jakobus-Pat‐ rozinium erwähnen, zu denen ich eine persönliche Beziehung habe. Die erste ist die mittelalterliche Landkirche St. Jakobus in Křeč bei Tábor, die ich während der Ferien regelmäßig zu Gottesdiensten besuche, die zweite die prächtig geschmückte Kirche St. Jakobus in Letařovice (Letarschowitz) bei Český Dub (Böhmisch Aicha) 44 , die von der Baronin Johanna von Herzogenberg (1921- 2012) sehr geschätzt wurde. Jedes Jahr nehme ich hier an der Fronleichnamsfeier teil, die unter großer Anteilnahme der Gläubigen in traditionellen Trachten abgehalten wird. Zu diesem Fest, das von dem Verein „Dubáci“ organisiert wird, lade ich Sie alle herzlich ein. Es ist wirklich eine schöne spirituelle Erfahrung. Hier werde ich mir der christlichen Grundlagen unseres gemeinsamen Europas zutiefst bewusst. Das Dorf Křeč (östlich von der Stadt Tábor) gehörte zur Herrschaft der Rosenberger. Die Kirche des hl. Jakobus, die auf einem kleinen Hügel über dem Dorf steht, dominiert den Ort. Erbaut wurde sie in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Die Wände der Apsis sind mit Wandmalereien versehen, die sich mit der Passion Jesu befassen und um 1340 angefertigt wurden. 45 Der Hauptaltar aus dem späten 18. Jahrhundert enthält ein Gemälde des hl. Jakobus als Pilger, das im Jahr 1872 von dem Maler Matěj Kuntzek gemalt wurde. 58 Jan Royt <?page no="59"?> Eine bemerkenswerte Ausschmückung mit Jakobsmotiven weist die Jakobs‐ kirche in Letařovice bei Český Dub auf. An der Decke des Kirchenschiffs befinden sich 91 Bildfelder. Auf 60 von ihnen ist die Jakobslegende dargestellt, ausgeführt von einem unbekannten Maler im Jahr 1722. (Abb. 13) Abb. 13: St. Jakobslegende, um 1722, Decke des Kirchenschiffs, St. Jakobuskirche, Letařovice. Foto: Jan Royt. Inspiriert ist sie von der Goldenen Legende des Jakobus von Voragine. Außerdem gibt es Ansichten der Jakobskirche in Wien, der Kathedrale von Santiago de Compostela und der Kirche in Letařovice, bei der die Pilgerprozession ankommt. Die Verehrung des heiligen Jakobus und seine Ikonographie in Böhmen 59 <?page no="60"?> Derselbe Künstler malte auch die Figuren der böhmischen Schutzheiligen auf dem Sims des Chorraums. Eine Kopie der barocken Statue des hl. Jakobus mit einem Pilgerstab, deren Original sich heute im Inneren der Kirche befindet, steht in der Nische der Westfassade. Aus der Kirche stammt der utraquistische Altar (um 1550, Nationalmuseum in Prag) mit einer Nische für das Sakrament in der Mitte und den Figuren des hl. Jakobus (Abb. 14) und des hl. Wenzels an den Flügeln. Abb. 14: Utraquistischer Altar aus Letařovice, um 1550, Nationalmuseum Prag. Foto: Archiv Jan Royt. Wie der berühmte Dichter Dante in seiner Vita Nuova schrieb, ist ein Pilger jener, der im Laufe seines Lebens Santiago besucht. Diejenigen, die bereits eine solche Reise unternommen haben, können das bestätigen, während ich noch immer auf meine Pilgerfahrt nach Santiago warte. 60 Jan Royt <?page no="61"?> 1 Für die wichtigsten Publikationen, die die bisherige Forschung zusammenfassen, sei verwiesen auf: Petr J O K E Š / Monika R Y C H L Í K O V Á , Výzkum patrocinií na jihozápadní Moravě [Die Erforschung der Patrozinien in Südwestmähren], in: Časopis Matice moravské (ČMM) 112,1 (1993), S. 55-76; Petr J O K E Š , Soupis patrocinií na jižní Moravě [Das Verzeichnis der Patrozinien in Südmähren], in: ČMM 132,1 (2013), S. 113-149; D E R S ., „…beate Marie virginis gloriose, in cuius honorem eadem parrochialis ecclesia sit consecrata…“ Pohledy do světa středověkých patrocinií na jižní Moravě [„…beate Marie virginis gloriose, in cuius honorem eadem parrochialis ecclesia sit consecrata…“ Einblicke in die Welt der mittelalterlichen Patrozinien in Südmähren], in: ČMM 133,1 (2014), S. 3-24. Auf Englisch: Petr J O K E Š , Medieval South Moravian Patron Saints - A Survey, in: Zeszyty Naukowe Uniwersytetu Jagiellońskiego, Prace Historyczne 143,3 (2016), S.-481-499. 2 Ladislav H O S Á K , K svatováclavským patrociniím na Moravě [Zu den St.-Wenzels-Pat‐ rozinien in Mähren], in: ČMM 89,3-4 (1970), S.-184-188. 3 Petr J O K E Š , Patrocinium svatého Mikuláše a středověká Morava. Pro pana profesora Libora Jana k životnímu jubileu [Das Hl.-Nikolaus-Patrozinium und das mittelalterliche Mähren. Für Herrn Professor Libor Jan zum Lebensjubiläum], hg. von Bronislav C H O C H O L ÁČ / Jiří M A L Í Ř / Lukáš R E I T I N G E R / Martin W I H O D A , Brno 2020, S.-181-189. 4 Ladislav H O S Á K , Patrocinium sv. Petra jako doklad vývoje moravských sídel [Das Patrozinium des hl. Petr als ein Nachweis für die Entwicklung mährischer Siedlungen], in: ČMM 91,3-4 (1972), S.-324-328. Einige Bemerkungen über den Sankt Jacobs Kult im mittelalterlichen Mähren Petr Jokeš Es ist leider kaum zu leugnen, dass die Patrozinienkunde im Mähren immer noch in den Anfängen liegt. Daher kann mein Beitrag leider nicht so ausführlich sein, wie ich wollte. Jedoch gibt es durchaus einige interessante Ergebnisse der Patrozinienforschung 1 . Manche mährischen Kirchenpatrozinien wurden intensiver erforscht; so zum Beispiel der hl. Wenzel 2 , hl. Nikolaus 3 und hl. Petrus (Peter) 4 . Aber merkwürdigerweise gibt es in der historischen Literatur fast keine Publikationen, ja nicht einmal Erwähnungen von Sankt Jakob dem Älteren. Dies ist tatsächlich seltsam, weil dieser Apostel im mittelalterlichen Mähren zu den populärsten Schutzheiligen gehörte. <?page no="62"?> 5 Zdeněk B O H ÁČ , Patrocinia jako jeden z pramenů k dějinám osídlení [Die Patrozinien als eine der Quellen zur Siedlungsgeschichte], in: Československý časopis historický (ČsČH) 21 (1973), S.-376. 6 Fontes rerum bohemicarum 2, hg. von Josef E M L E R , Prag 1874, S.-281. 7 Fontes rerum bohemicarum 2 (wie Anm. 6), S.-283. 8 Codex diplomaticus et epistolarius Bohemiae 3,1, hg. von Gustav F R I E D R I C H , Prag 1942, S.-227, Nr.-181. 9 Antonín Z Ů B E K , Nález svatojakubské mušle ze středověkého hřbitova při kostele sv. Jakuba v Brně [Der Fund einer Jakobusmuschel aus dem mittelalterlichen Friedhof an der St.-Jakobus-Kirche in Brünn], in: Archeologické rozhledy 65 (2013), S.-401-404. Jedenfalls wissen wir von dem mährischen mittelalterlichen Jakobskult noch ganz wenig, weshalb ich meinen Beitrag nur als „Bemerkungen“ bezeichnen möchte. Aber seien wir nicht pessimistisch! Es gibt fraglos Erkenntnisse über den mittelalterlichen Jakobskult in Mähren, die wir hier präsentieren können. Da ist zunächst die Quantität. Obwohl die Grundforschung zu den mährischen Kirchenpatrozinien noch gar nicht zu Ende gebracht wurde, können wir schon jetzt feststellen, dass seit der Christianisierung Mährens im 9. Jahrhundert bis zum Ausbruch der Hussitenkriege in diesem Land mindestens 45 Jakobskirchen entstanden sind; die Fälle von zwei anderen Kirchen sind umstritten. Die Anzahl von Gründungen einzelner Jakobskirchen änderte sich im Laufe der Zeit. In der ältesten Zeit - von der Christianisierung Mährens bis zum Anfang des 12. Jahrhunderts - ist in Mähren keine einzige Jakobskirche zu finden. Das entspricht übrigens der Situation in Böhmen, wie sie Zdeněk Boháč beschrieb, der Begründer der tschechischen Patrozinienkunde. Nach Boháč tauchte der Jakobskult in unserem Teil Europas erst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts auf, wohl unter bayerischem Einfluss, namentlich von dem Kloster St. Jakob in Regensburg. Der andere Faktor, von dem Boháč spricht, waren die Pilgerfahrten nach Santiago de Compostella 5 . Den Annahmen von Boháč entsprechen die ältesten Erwähnungen des Jakobskults. Es geht vor allem um die misslungene Reise des Bischofs Heinrich Břetislav nach Compostela im Jahre 1192 6 . Im Jahre 1212 wurden die Reliquien des hl. Jakob, Mauritius, Thaddäus und Thomas nach Prag übertragen 7 . Schließ‐ lich vermachte im Jahre 1238 der böhmische Adlige Zbraslav, der Mundschenk Königs Wenzels I., testamentarisch sechs Mark für einen seiner Leute, der nach Santiago de Compostela pilgern wollte 8 . Jedoch wissen wir nicht, ob jemand diese Möglichkeit auch nutzte. Andere Nachweise für den Jakobskult sind die archäologischen Funde mittelalterlicher Pilgerzeichen. Aber in den böhmischen Ländern sind solche Funde leider selten, wie die Muscheln des hl. Jakob aus Brüx (Most) und aus Brünn 9 . Aber diese Funde stammen erst aus dem Spätmittelalter - konkret aus dem 13. oder 14.-Jahrhundert. 62 Petr Jokeš <?page no="63"?> 10 Zu allen diesen Kirchen siehe Petr J O K E Š , Farní organizace na středověké západní Moravě [Die Pfarrorganisation im mittelalterlichen Westmähren], Brno 2011. Die älteste der Forschung bislang bekannte Jakobskirche in Mähren ist die Dorfkirche in Černín, etwa 15 Kilometer nordwestlich von Znaim, die nachweisbar aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts stammt. Diese Kirche stützt unsere Vermutung, dass der Jakobskult aus Bayern nach Mähren kam - oder im weiteren Sinne aus dem Donauraum, der südwestlich und südlich von Mähren liegt, denn Černín befindet sich im südwestlichen Teil Mährens. Auch weitere Jakobskirchen entstanden übrigens in west- oder südwestmährischen Gebieten: um das Jahr 1200 jene in Kamenice, Stařeč und Blížkovice, und bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts in Jemnice, Brno, Pohořelice, Jakubov, Kněžice, Jihlava, Slavkov u Brna und in Hodonice 10 . Abb. 1: Mährische Jakobskirchen um 1200. Entwurf und Zeichnung: Petr Jokeš. Das 13. Jahrhundert war eine Blütezeit des Jakobskultes in Mähren, weil auch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zahlreiche Jakobskirchen entstanden. Kon‐ kret es geht um die Kirchen in Dalečín, Vratěnín, Krhov, Olbramovice, Roštín, Osová Bítýška, Cvrčovice, Omice, Lesnice, Vílanec, Želetice bei Znaim, Tečovice, Želetice bei Hodonín und in Olmütz. Das macht insgesamt 24 Jakobskirchen im Einige Bemerkungen über den Sankt Jacobs Kult im mittelalterlichen Mähren 63 <?page no="64"?> Laufe des 13. Jahrhunderts. Merkwürdig ist, dass erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts Jakobskirchen auch außerhalb von Süd- und Südwestmähren entstanden: es geht um die Kirchen in Roštín, Lesnice, Tečovice und Olmütz. Abb. 2: Mährische Jakobskirchen um 1300. Entwurf und Zeichnung: Petr Jokeš. Wenn wir die Geschichte der Ortschaften mit Jakobskirchen einbeziehen, sehen wir, dass eine ganze Reihe von ihnen - gesichert oder zumindest wahrscheinlich - in Verbindung mit der deutschen Besiedlung stand. Namentlich betrifft dies die Städte Jihlava, Brno und Jemnice. Bedeutsam ist, dass Jihlava und Jemnice Bergstädte waren. Jedoch finden sich Jakobskirchen auch in ehemaligen deutschsprachigen Dörfern und Märkten: in Hodonice, Vratěnín, Olbramovice, Cvrčovice, Želetice bei Znaim und im nordmährischen Lesnice. Dies zeigt eine Verbindung von Jakobskult mit dem deutschen Einfluss; andererseits gibt es auch viele Jakobskirchen in jenen Regionen, in denen die deutsche Besiedlung nur schwach war oder überhaupt fehlte. Auch hier wir können verschiedene Beispiele nennen, wie die Jakobskirchen in Černín, Stařeč, Kněžice, Dalečín, Krhov, Roštín, Osová Bítýška, Omice oder Tečovice. In allen diesen Orten gab es wohl keine deutsche Bevölkerung. Dieser Befund zwingt zu dem Schluss, dass die Ankunft des Jakobskults in Mähren sicherlich mit dem deutschen Einfluss verbunden war; freilich fanden die Tschechen sehr bald an diesem Heiligen 64 Petr Jokeš <?page no="65"?> ebenfalls Gefallen und später wurde der hl. Jakobus im gleichen Maß von den Tschechen wie auch von den Deutschen verehrt. Abb. 3: Mährische Jakobskirchen um 1419. Entwurf und Zeichnung: Petr Jokeš. Allerdings ist es noch wichtig darauf hinzuweisen, dass der Jakobskult in Nord‐ mähren viel weniger intensiv war als im Süden und speziell im Südwesten. Dies betrifft die Tschechen ebenso wie die Deutschen: ein gutes Beispiel dafür sind die großen deutschsprachigen Gebieten Nordmährens, wo sich mittelalterliche Jakobskirchen nur selten finden. Auch im 14. Jahrhundert und im Zeitabschnitt unmittelbar vor den Hussi‐ tenkriegen war der hl. Jakobus in Mähren sehr populär. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstanden acht neue Jakobskirchen und ab der Mitte des 14. Jahrhunderts bis zum Jahre 1419, also bis zum Anfang der Hussitenkriege, nochmals zwölf, insgesamt also 20, einschließlich einiger Stadtkirchen. Zusammenfassend können wir feststellen, dass der hl. Jakobus im Mittelalter einer der populärsten Schutzheiligen in Mähren war, auch wenn seine Beliebt‐ heit in Nordmähren etwas schwächer war. Er galt als ein wichtiger Schutzpatron im Milieu der mährischen mittelalterlichen Städte, und zwar sowohl in den bedeutendsten (Brünn, Olmütz, Iglau), als auch jenen Städten mit regionaler Einige Bemerkungen über den Sankt Jacobs Kult im mittelalterlichen Mähren 65 <?page no="66"?> 11 Siehe Petr J O K E Š , Patrocinia městských kostelů na západní a jižní Moravě [Die Patrozinien der Stadtkirchen in West- und Südmähren], in: Městský farní kostel v českých zemích ve středověku [Die Stadtpfarrkirche in den böhmischen Ländern des Mittelalters] (Documenta Pragensia Supplementa 6), Praha/ Dolní Břežany 2015, S. 199- 210. 12 Außer der zitierten Literatur habe ich in diesem Text auch die Materialien aus meiner noch nicht publizierten Monographie über die mährischen Kirchenpatrozinien benutzt. Ausstrahlung ( Jemnice, Boskovice, Lipník nad Bečvou) 11 . Er war aber auch als Patron von zahlreichen Dorfkirchen populär. Wenn wir eine „Rangliste“ der populärsten Heiligen des mittelalterlichen Bistums Olmütz erstellen, finden wir den hl. Jakobus mit 45 Kirchenpatrozinien an vierter Stelle. Es ist sicher auch interessant, die „Gewinner“ zu präsentieren: die Mutter Gottes (106), Johannes der Täufer (59) und Peter oder Peter und Paul (55). Weniger Kirchen als dem hl. Jakobus waren zum Beispiel dem Hauptpatron des Landes und des Bistums, dem heiligen Wenzeslaus (44) geweiht. Dasselbe gilt für andere wichtige Heilige wie Bartholomäus, Nikolaus, Laurentius oder Martin. Abschließend können wir festhalten, dass der hl. Jakobus der Ältere, obwohl er erst relativ spät in Mähren erschien, am Anfang des 15. Jahrhunderts zu einem wichtigen und untrennbaren Teil der mährischen Patrozinienwelt geworden war 12 . 66 Petr Jokeš <?page no="67"?> 1 Bohumil B AĎ U R A , Styky mezi Českým královstvím a Španělskem ve středověku [Die Beziehungen zwischen dem Königreich Böhmen und Spanien im Hochmittelalter], in: Táborský archiv 7 (1995-1996), S.-5-87. 2 Fontes rerum Bohemicarum, Bd. 2, hg. von Josef E M L E R , Prag 1874, S. 281: Dominus quoque episcopus ad limina sancti Jacobi apostoli causa orationis viam tenuit, quem imperator propter pecuniam sibi pollicitam detinuit, et sic impeditus reversus est in Bohemiam. Adelige Pilgerfahrten und Reisen aus den spätmittelalterlichen böhmischen Ländern nach Spanien Jaroslav Svátek Bei der Untersuchung der im Spätmittelalter veranstalteten adeligen Reisen aus dem Königreich Böhmen auf die Iberische Halbinsel können wir uns auf die grundlegende zusammenfassende Studie von Bohumil Baďura stützen, die vor fast 30 Jahren veröffentlicht wurde. 1 Baďura zählt drei Hauptgründe auf, die die böhmischen Reisenden zu einem solchen Schritt veranlasst haben könnten: 1) ein Besuch am Grab des heiligen Jakobus in Compostela, 2) peregrinatio academica im Zusammenhang mit dem Ruhm der Universität in Salamanca, 3) der Kampf der iberischen Staaten gegen die Muslime. Die Reisen aus dem ersten Grund sind genauso wie bei Reisenden aus allen anderen Teilen des christlichen Europas, am besten dokumentiert. Wir können diesen Besuch am Jakobus-Grab also als eine Konstante oder vielmehr als eine conditio sine qua non aller adligen Reisen dieser Zeit betrachten. Die ältesten, obgleich schlecht dokumentierten Aufzeichnungen aus dem tschechischen Umfeld über Reisen auf die Iberische Halbinsel beziehen sich auf die Pilgerfahrt nach Santiago. Wir wissen von der Absicht des Bischofs (und späteren Fürsten) Heinrich Břetislav, im Jahr 1192 eine Pilgerreise zum Grab von Jakobus zu unternehmen, bei der er von Kaiser Heinrich VI. aufgehalten wurde und sein Ziel nie erreichte. 2 Ein weiteres unvollständiges Dokument ist die Pilgerfahrt von Oldřich von Brandýs im Jahr 1312, der mit einer Bußwallfahrt nach Compostela bestraft wurde. In diesem Fall wissen wir jedoch nicht, ob <?page no="68"?> 3 Regesta diplomatica nec non epistolaria Bohemiae et Moraviae, Bd. 3, 1311-1333, hg. von Josef E M L E R , Prag 1890, Nr. 70, S. 30: Preterea Vlricus de Brandiss similiter in persona propria peregrinando limina beati Jacobi eodem anno, postquam a captiuitate solutus fuerit, visitabit. Siehe auch B AĎ U R A , Styky (wie Anm. 1), S. 28, wo man auch weitere Literatur findet. 4 Für eine Zusammenfassung siehe die Studie Hana P Á T K O V Á , Bratrstvie ke cti božie: poznámky ke kultovní činnosti bratrstev a cechů ve středověkých Čechách [Bruder‐ schaften zur Ehre Gottes: Anmerkungen zur kultischen Tätigkeit von Bruderschaften und Zünften im mittelalterlichen Böhmen], Praha 2000, S. 31-35. Siehe auch andere Beiträge in diesem Band. 5 Karel S T A N Ě K , Ve službě Bohu a za čest krále. Portugalská expanze v Maroku (1415-1769) [Im Dienste Gottes und zur Ehre des Königs. Portugiesische Expansion in Marokko], Praha 2018, S.-46-74. er sie unternommen hat. 3 Viele indirekte Beweise lassen sich aus der Existenz der Jakobusbruderschaften und den Kirchenweihen in Böhmen und Mähren ableiten. 4 Ein wesentlicher Beitrag von Baďuras umfangreicher Studie besteht in der Auswahl des Quellenmaterials: nämlich den erhaltenen Geleitbriefen im Archiv der Krone von Aragon (ACA) in Barcelona. Diese Geleitbriefe verraten uns zumindest die Absichten ausgewählter Personen, sich an bestimmte Orte auf der Iberischen Halbinsel zu begeben, und können daher als eine Art Filter verwendet werden. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die in den betreffenden Geleitbriefen geplanten Reisen auch tatsächlich im geplanten vollen Umfang tatsächlich stattfanden. Ich stütze mich zwar auf diese Studie, möchte sie allerdings mit den Schlussfolgerungen verschiedener anderen Studien kombinieren, die in den letzten drei Jahrzehnten über die Beziehungen zwischen böhmischen Reisenden und Spanien geschrieben wurden (ich erhebe hier jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit). 1 Reisen der böhmischen Adeligen im Jahr 1415 Das Jahr 1415 hat in der tschechischen bzw. böhmischen Geschichte eine sym‐ bolische Bedeutung. Die Aufmerksamkeit der Historiker hat sich hauptsächlich auf das Drama von Jan Hus konzentriert, das mit seiner Verbrennung am 6. Juli gipfelte. Für die Geschichte der Iberischen Halbinsel sind jedoch mindestens zwei andere Ereignisse mit diesem Jahr verbunden, die im Zusammenhang mit unserem Thema erwähnt werden sollten. Am 21. August gelang es dem portugiesischen König und seinem internationalen Kontingent, im zweiten Anlauf den Hafen von Ceuta (arabisch Septa) zu erobern. Dieses Datum gilt symbolisch als der Beginn der überseeischen Expansion des portugiesischen Königreichs und der schrittweisen Eroberung des afrikanischen Kontinents. 5 68 Jaroslav Svátek <?page no="69"?> 6 Das Ereignis wurde vor kurzem dargestellt in dem Band Aymat C A T A F A U / Nikolas J A S P E R T / Thomas W E T Z S T E I N (Hg.), Perpignan 1415: Un sommet européen à l’époque du Grand Schisme d’Occident, Zürich 2018. 7 B AĎ U R A , Styky (wie Anm. 1), S.-75, Anhang XVII. 8 Ebd., S.-76-79, Anhänge XVIII-XXI. 9 Ebd., S.-75, Anhang XVII. 10 Ebd., S.-84, Anhang XXVI. Das zweite Ereignis ist das politische Gipfeltreffen zwischen dem römischen König Sigismund und Ferdinand I. von Aragon und Papst Benedikt XIII. 6 Dieser Gipfel fand von Mitte September bis Anfang November in Perpignan, damals in Aragon, statt. Obwohl sein Hauptziel, die Abdankung des Papstes von Avignon zugunsten des bereits laufenden Konzils von Konstanz, nicht erreicht wurde, war die Anwesenheit Sigismunds in der Region dennoch von geopolitischer Bedeutung. In der Zeit, die von diesen Ereignissen umrahmt wird, befinden sich mehrere böhmische Adlige auf dem Weg nach Südwesteuropa. Nachforschungen in den erhaltenen Dokumenten des erwähnten katalanischen Archivs zeigen, dass zwei von ihnen am 15. Februar jenes Jahres in Valencia aufhielten, wo sie eine Urkunde von König Ferdinand I. erhielten. Diese Urkunde wurde zusammen mit mehreren Empfehlungsschreiben vor allem an Václav (Wenzel) von Donín (aufgeführt als Bensisflau de Don) für sechs Monate ausgestellt. Die Dokumente enthalten einen abschließenden Vermerk, dass alles Geschriebene auch für den zweiten Adligen Ctibor von Kozí (Estibor de Cosi) gilt. 7 Einzelne Empfehlungsschreiben wurden dann vom König von Aragon für die kastilische Regentin Katharina von Lancaster, ihren Sohn König Johann II., König Karl III. von Navarra, den Bischof von Palencia, den Grafen von Foix und zwei weitere Adlige (Martin Ferrandez und Alonso Ferrandez de Aguilar) ausgestellt. 8 Die Diktion der Briefe deutet auf die mögliche Reiserichtung der beiden Böhmen hin: das Königreich Kastilien und das Emirat Granada. Ihre Reise nach Santiago de Compostela ist ebenfalls sehr wahrscheinlich, wie der Ausdruck corpora sanctorum et eorum basilicas  9 in der Narratio des Dokuments nahelegt, obwohl das Grab des Heiligen Jakobus in keinem der Briefe ausdrücklich erwähnt wird. Es ist auch nicht klar, wie lange und wohin die beiden böhmischen Adligen gemeinsam reisten. Die einzige Gewissheit ist die Anwesenheit von Wenzel von Donín am Ende des Jahres (genauer gesagt am 27. Dezember) in Perpignan, wo er (nun ohne Ctibor von Kozí) und acht Mitglieder seines Gefolges ein Geleitbrief für seine Reise durch Frankreich zum römischen König erhielten. 10 Von den weiteren Schicksälen des Ctibor von Kozí wissen wir hingegen nichts. Adelige Pilgerfahrten und Reisen 69 <?page no="70"?> 11 Zu seiner Person siehe Tomáš B A L E T K A , Páni z Kravař: z Moravy až na konec světa [Herren aus Kravaře: von Mähren bis ans Ende der Welt], Praha 2004, S. 114-129 und Petr E L B E L , „Scio, quod vos Moravi estis timidi et michi non fideles“. Moravané ve strukturách dvora Zikmunda Lucemburského [Die Mährer in den Strukturen des Hofes von Sigismund von Luxemburg], in: Mediaevalia historica Bohemica 12/ 2 (2009), S.-43-132, hier S.-54-55. 12 Geleitsbrief ausgestellt in Valencia am 14. Mai 1415 wurde wiederum von Baďura herausgegeben, B AĎ U R A , Styky (wie Anm. 1), S. 79-80: (…) Serenissime princeps, magni‐ ficum et nobiles viros Petrum Cheh, magne curie vestre marescalcum, et He[nricum] de Plumloro, baronem regni Boemie, consiliarios vestros, si et intuitu litterarum vestrarum et honoris non qualiter meruere sed ut quinimus [de] ulnis [? ] regie benignitate assumpseri‐ mus recomissos per hec nostra confinia transeuntes ipsa regia meciatur sinceritas potentate illam per nos generositatis sede receptos, qua serenitatem vestram nostrates viceversa nec ambigimus recepturam, parati ad quevis placida votis vestris. Abb. 1: Stilisiertes Porträt Heinrichs von Kravaře und Plumlov. Zur gleichen Zeit, nur drei Monate später, am 14. Mai, befand sich der mährische Mitglied des Herrenstandes Heinrich von Kravaře und Plumlov (Plumenau/ Plu‐ mau) in Valencia. 11 Der Text des Empfehlungsschreibens besagt, dass er vom Hof König Karls VI. von Frankreich kam und dort als Berater von Sigismund von Luxemburg tituliert war. 12 Er war Teil einer größeren Gesandschaft, zu der auch andere Sigismund nahestehende Personen gehörten: Herzog Ludwig II. von Brieg und Liegnitz, der Oberstlandmarschall des Königreichs Ungarn Peter Cseh von Levice und der deutsche Ritter Georg Certtes. Aus den jeweiligen Geleitbriefen erfahren wir über die Größe des Gefolges der einzelnen Adligen, wobei Heinrich von 20 Reitern auf seiner Reise nach Spanien begleitet werden 70 Jaroslav Svátek <?page no="71"?> 13 Ebd., S. 82: Sub eisdem forma, signo, data atque mandato, mutatis mutandis, expedite fuerunt alie littere sequentes pro Henrico de Gravar milite domino de Plomlau, directe principibus infrascriptis: Primo regi Castelle predicto, incipiens ut supra. Item regine Castelle predicte, incipiens ut supra. Item regi Portugallie predicto, incipiens ut supra. Item regi Granade predicto, incipiens ut supra. Item regi de Benamarin et de Ffez, incipiens Don Ferrando por la gracia de Dios Rey d'Aragon e de Sicilia al muyt alto Princep Buçayda Rey de Benamarin e de Ffez, nuestro muyt caro e muyt amado hermano, salut como a Rey etc., ut supra. 14 Siehe den Brief von Johannes Hus auf dem Konzil von Konstanz, der am 10. Juni 1415 in Konstanz geschrieben wurde und an „Freunde in Böhmen“ gerichtet ist, in: Bohuslav H A V R Á N E K / Josef H R A B Á K / Jiří D AŇ H E L K A (Hg.), Výbor z české literatury husitské doby [Anthologie der tschechischen Literatur der Hussitenzeit], Bd.-1, Praha 1963, S.-195. 15 Jeanne V I E L L I A R D / Robert A V E Z O U (Hg.), Lettres originales de Charles VI conservées aux Archives de la Couronne d'Aragon à Barcelone, in: Bibliothèque de l’École des chartes 97 (1936), S. 317-373, hier S. 356-357: Et quia, serenissime princeps et frater carissime, sicuti virum fortem decet et nobilem, accedere proponit de proximo ad Yspaniarum Arragonie et Guernade regna dilectus noster Henricus de Gravar et de Blommeneau, miles de partibus Almanie (…). soll. Neben der üblichen Absicht, das Grab des heiligen Jakobus in Compostela zu besuchen, stand es Heinrich frei, an den Hof des Königs von Portugal, der Königin von Kastilien und sogar in das Emirat Granada zu reisen und über das Meer nach Marokko zu segeln, dank einer Reihe von Empfehlungsbriefen, die unter anderem an den damaligen Herrscher von Fez und Benamarin gerichtet waren. 13 Für den Sommer 1415 müssen wir also mit der Teilnahme von drei böhmi‐ schen Adligen rechnen, von denen der letzte, Jindřich von Kravaře und Plumlov, noch zu Beginn des Jahres stark für Jan Hus auf dem Konzil von Konstanz eingesetzt hatte. Hus selbst nennt ihn in einem Brief vom 10. Juni unter denen, die: (…) oft als tapfere Verteidiger Gottes gegen das ganze Konzil auftraten und für seine Befreiung plädierten. 14 Über Konstanz reiste Heinrich weiter westlich nach Frankreich, wo seine Anwesenheit durch eine von der königlichen Kanzlei in Paris am 25. März ausgestellte Urkunde bestätigt wird. 15 Wir wissen nicht genau, wie der mährische Adlige, der zunächst die böhmische Reformpartei un‐ terstützte und versuchte, ihren Hauptprotagonisten zu befreien, seine Meinung änderte. Auf jeden Fall aber verließ er Konstanz als Berater, und damit auch Verbündeter, Sigismunds. Seine Zuneigung zu diesem Herrscher kam dann nach dem Ausbruch der hussitischen Revolution voll zum Ausdruck, als Heinrich im November 1420 in der Schlacht von Vyšehrad in Sigismunds Heer schwer verwundet wurde und starb. Adelige Pilgerfahrten und Reisen 71 <?page no="72"?> 16 Vgl. B AĎ U R A , Styky (wie Anm. 1), S. 35, und B A L E T K A , Páni z Kravař (wie Anm. 11), S.-119. 17 Joseph N È V E , Antoine de la Salle, sa vie et ses ouvrages, Paris 1903, S. 143: […] seigneur de Plomellau baron, et messire Henry de Donru, chevalliers de Poullaynne, bien encompaigniez […]. 18 Roser S A L I C R Ú I L L U C H , Caballeros cristianos en el Occidente europeo e islámico, in: Klaus H E R B E R S / Nicolas J A S P E R T (Hg.): „Das kommt mir Spanisch vor.“ Eigenes und Fremdes in dem deutsch-spanischen Beziehungen des späten Mittelalters (Geschichten und Kultur der Iberischen Welt 1), Münster 2004, S.-217-287, hier S.-244-246. 19 Gomes Eannes D E Z U R A R A , Crónica de tomada de Ceuta por el Rei D. Jo-o I., hg. von Francisco Maria Esteves P E R E I R A , Lisboa 1915, S.-104. Für die Rekonstruktion der vollständigen Reise Heinrichs gibt es aber noch einen wichtigen Hinweis, der in der tschechischen Forschung bisher übersehen wurde. Hier sprengen wir den Rahmen des Werkes von Baďura und anderer Publikationen, die nur betonen, dass Heinrich es genug Zeit gegeben haben könnte, um seine weitreichende Reisepläne nach Nordafrika zu verwirklichen. 16 Das Werk des französischen Schriftstellers Antoine de la Sale Du réconfort de Madame de Fresne (Über dem Trost der Dame von Fresne) beschreibt die bereits erwähnte Eroberung des maurischen Hafens von Ceuta (Septa im arabisch) im August 1415 durch König Johann I. von Portugal, an der dieser Franzose nach seinen eigenen Worten selbst teilnahm. Unter anderem taucht hier der Name Herr von Plomelau und Herr Heinrich von Donru, Ritter aus Polen, auf. 17 Auf die Ähnlichkeit des Prädikats Plomellau mit den Varianten von Heinrichs Namen in den überlieferten Geleitbriefen (Blomenau) hat die katalanische Historikerin Roser Salicrú i Lluch schon vor einiger Zeit hingewiesen. Sie hat ihre Analyse jedoch nicht zu Ende geführt, weil sie in ihrer einschlägigen Studie über die christlichen Ritter in der Region al-Andalus nicht zu einer eindeutigen Identifizierung mit historisch belegten Personen kam. 18 Das Gedicht von Antoine de la Sale ist zwar späteren Datums (1457/ 1458), spiegelt aber die persönliche Teilnahme des Autors an diesem wichtigen Ereignis wider (Antoine war etwa 30 Jahre alt). Bemerkenswert ist, dass der Herr von Plomelau hier in einer Aufzählung von Rittern vorwiegend französischer Her‐ kunft vorkommt, so dass er sich bei der Eroberung der Stadt in besonderer Weise ausgezeichnet haben muss (abgesehen von den Franzosen erwähnt er keine anderen Ausländer in der portugiesischen Armee namentlich). Die Anwesenheit des Großherzogs von Deutschland und eines prominenten Barons (gramde duque dAllmanha e huum barom) wird in diesem Zusammenhang auch in der Chronik der Eroberung von Ceuta (Crónica da tomada de Ceuta) durch König Johann I. des portugiesischen Chronisten Gomes Eanes de Zurara erwähnt - hier ist die Identifizierung schon komplizierter. 19 Während der Herzog, 72 Jaroslav Svátek <?page no="73"?> 20 Ebd.; vgl. auch S A L I C R Ú I L L U C H , Caballeros cristianos (wie Anm. 18), S.-246. 21 Anton S C H W O B , Oswald von Wolkenstein. Eine Biographie, Bozen 1977, S.-111-119. 22 Bis heute gilt Martin Kabátník, ein Reisender und Kaufmann, der 1491 Ägypten besuchte, als der erste uns namentlich bekannte Tscheche in Afrika. wahrscheinlich der bereits erwähnte Ludwig von Brieg und Liegnitz, nicht an der Eroberung von Ceuta teilnahm und den Heeressammelplatz in Lissabon verließ, um über Santiago de Compostela nach Norden zurückzukehren, blieb der oben erwähnte Baron beim portugiesischen König und leistete ihm während des Feldzugs gute Dienste. 20 Vergleicht man jedoch die für Heinrich in Valencia und in Perpignan ausge‐ stellten Geleitbriefe, so stellt man fest, dass das Kontingent des mährischen Herrn bei seiner Rückkehr aus Spanien 10 Reiter mehr umfasste als auf dem Hinweg. Der Grund für diese Zuwachs könnte daher sein bedeutender Erfolg bei der Eroberung des Hafens sein. Für die tschechische Forschung, die diese Tatsache noch nicht berücksichtigt hat, ist dies auf jeden Fall eine wichtige Information. Wenn man zumindest dem relativ wenig verstümmelten Prädikat Plomellau bei Antoine de la Sale Glauben schenken darf, steht Heinrich von Plumlov in einer Reihe mit den bekannten Teilnehmern des Portugalfeldzuges, an dem neben dem französischen Dichter selbst und anderen auch der bedeu‐ tende deutsche Dichter Oswald von Wolkenstein teilnahm. 21 Er wäre dadurch auch der erste bekannte Böhme, der die afrikanische Küste betrat. 22 2 Die Reise des Leo von Rosental Während die Reisen der böhmischen Ritter nach Spanien und Marokko im Jahr 1415 von vielen Fragezeichen begleitet waren, ist unter den Reisen der Adligen aus den böhmischen Ländern auf die Iberische Halbinsel der Besuch Gesandten Leo von Rosental (Lev z Rožmitálu) im Jahr 1466 viel bekannter und besser dokumentiert. Obwohl es sich hierbei um ein in der tschechischen und deutschen Geschichtsschreibung (sowie anderer Geschichtsschreibungen) recht Adelige Pilgerfahrten und Reisen 73 <?page no="74"?> 23 Aus der umfangreichen Literatur wähle ich die Arbeiten von Michael S T O L Z , Die Reise des Leo von Rožmital. Wandlungen der Pilgeridee in einem deutschen Bericht des Spätmittelalters, in: Deutsche Jakobspilger und ihre Berichte, hg. von Klaus H E R B E R S ( Jakobus-Studien 1), Tübingen 1988, S. 97-122; Françoise M I C H A U D -F R É J A V I L L E , Dange‐ reux Occident. Le voyage de Léon de Rožmitál jusqu’à Saint-Jacques de Compostelle (1465‒1466), in: Cahiers de Recherches Médiévales 3 (1997), S. 57‒69; Peter J O H A N E K , ‚Und thet meinem herrn gar gross eer‘. Die rittersreis des Lev von Rožmital, in: Literatur - Geschichte - Literaturgeschichte. Festschrift für Volker Honemann zum 60. Geburtstag, hg. von Nine M I E D E M A / Rudolf S U N T R U P , Frankfurt a. M. 2003, S. 455-480; und Werner P A R A V I C I N I , Bericht und Dokument, Leo von Rožmitál unterwegs zu den Höfen Europas (1465‒1466), in: Archiv für Kulturgeschichte 92 (2010), S.-253-307. beliebtes Thema handelt, erlaube ich mir zunächst eine kurze Rekapitulation des Verlaufs der gesamten Reise. 23 Die Gesandtschaft brach „am Katharinentag“, d. h. am 25. November 1465, von Prag aus auf und erreichte über Nürnberg und die andere Städte Frankfurt am Main. Entlang des Rheins erreichte sie die Niederlande und machte in Brüssel am Hof Philipps des Guten, Herzogs von Burgund, ihren ersten bedeutenden Halt. Nach einem etwa dreiwöchigen Aufenthalt Ende Januar und Anfang Februar 1466 brachen die Gesandten von dort zum Hof von König Eduard IV. von England in London auf. Die Überquerung des Ärmelkanals auf dem Weg nach und aus England wurde durch Seestürme erheblich erschwert, denen eine auf Adlige reduzierte Gesandtschaft mit den notwendigen Dienern und 36 Pferden begegnen musste. Die Gesandten sollen über vierzig Tage in London verbracht haben. Bei ihrer Rückkehr auf den Kontinent besuchten sie den sizilianischen König René von Anjou in Saumur an der Loire und den französischen König Ludwig XI. im nahe gelegenen Meung-sur-Loire. Nach der Überquerung der Garonne bei Bordeaux nimmt Tetzels Erzählung einen etwas düsteren Ton an: Er beschreibt die Härten der Gesandtschaft, die die ständige Hitze und die unwirtlichen Bedingungen des Baskenlandes und mit der Zeit auch aller anderen Regionen der Iberischen Halbinsel ertragen musste. Er dokumentiert auch die politische Situation vor Ort, als der „alte“ und der „junge“ König, d. h. Heinrich IV. (1425-1474) und sein jüngerer Bruder Alfons von Kastilien (1453-1468), gegeneinander um den kastilischen Thron kämpften. Auf der anderen Seite wurden Leo und sein Gefolge von Johann II. von Portugal (1455- 1495) herzlich empfangen, den die Gesandtschaft in Evora besuchte, und in Saragossa vom gleichnamigen König von Aragon. Das letzte Ziel und einer der Höhepunkte der Reise war ein Besuch in Santiago de Compostela. Auch hier hatte die tschechische Gesandtschaft Pech, denn sie wurde buchstäblich in einen Konflikt zwischen dem örtlichen Erzbischof Alonso II. de Fonseca, der in der Kathedrale zusammen mit anderen Priestern umzingelt war, und 74 Jaroslav Svátek <?page no="75"?> dem örtlichen Adligen Bernaldo Yañez de Moscoso verwickelt. Trotz dieser Schwierigkeiten gelang es Leo und seinen Begleitern schließlich, den wichtigen Wallfahrtsort zu erreichen. Die Gesandtschaft kehrte dann über Katalonien und Südfrankreich nach Italien zurück, wo sie nach einem Treffen mit dem Herzog von Mailand, Galeazzo Maria Sforza (1444-1467), die Städte Verona, Vicenza und Padua besuchte und vom Dogen in Venedig empfangen wurde. Ihre Rückkehr über die Alpen wurde durch einen Besuch bei Kaiser Friedrich III. (1415-1493) in Graz und später bei seiner Frau Eleonora von Portugal gekrönt. Georg von Podiebrad Machtrivale, König Matthias Corvinus von Ungarn (1443-1490), lehnte jedoch ab, die Gesandten zu empfangen. Von Wien aus kehrte die gesamte Gesandtschaft auf einem Umweg über Blatná nach Prag zurück, wo sie zu Beginn des Jahres 1467 eintraf. Abb. 2: Titelblatt der lateinischen Ausgabe des Tagebuchs von Václav Šašek von Bířkov. Die Dokumentation dieser wichtigen Reise ist für damalige Verhältnisse sehr reichhaltig. Wir haben zwei fast gleichwertige Texte der Teilnehmer an der Gesandtschaft, die den Verlauf der Reise auf die Iberische Halbinsel abdecken. Es handelt sich um die Aufzeichnungen des Nürnberger Bürgers Gabriel Tetzel, die in einer einzigen Handschrift aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts Adelige Pilgerfahrten und Reisen 75 <?page no="76"?> 24 Gemeint ist die Handschrift München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm. 1279, fol. 128v-178r. 25 Diese Ausgabe ist in drei Exemplaren erhalten: Brno, Moravská zemská knihovna, ST1-0897.739; Praha, Knihovna Národního muzea, 49 E 23; und Praha, Národní kni‐ hovna České republiky, 50 F 13. 26 Joachim S C H M E L L E R (Hg.), Des böhmischen Herrn Leoʼs von Rožmital Ritter-, Hof- und Pilger-reise durch die Abendlande 1465‒1467, Stuttgart 1844; Für Zitate aus dem Text von Šašek verwende ich die Ausgabe Karel H R D I N A (Hg.), Commentarius brevis et iucundus itineris atque peregrinationis, pietatis et religionis causa susceptae ab Illustri et Magnifico Domino, Domino Leone, libero barone de Rosmital et Blatna, Praha 1951. Die Erzählung der Reise von Rozmital wurde ins Englische und Französische übersetzt, siehe Malcolm L E T T S (Hg.), The Travels of Leo of Rozmital through Germany, Flanders, England, France, Spain, Portugal and Italy, 1465-1467, Cambridge 1957 und Denise P É R I C A R D -M É A (Hg.), De la Bohême jusqu’à Compostelle. Aux sources de l’idée d’union européenne, Biarritz 2008. 27 P A R A V I C I N I , Bericht und Dokument (wie Anm. 23). 28 Nur in S C H M E L L E R , Des böhmischen Herrn (wie Anm. 26), S.-136-142. 29 Diese Tendenz zeigt sich in den tschechischen Übersetzungen, die häufig verwendet werden, siehe František A. S L A V Í K (Hg.), Cesta pana Lva z Rožmitála po západní Evropě roku 1465-1467 [Die Reise des Herrn Lev von Rožmitál durch Westeuropa in den Jahren 1465-1467], Telč 1890; und Rudolf U R B Á N E K (Hg.), Ve službách Jiříka krále [Im Dienste König Georgs], Praha 1940. erhalten sind. 24 Der zweite ist das Tagebuch des böhmischen Adligen Václav (Wenzel) Šašek von Bířkov, das nicht in der ursprünglichen alttschechischen Fassung erhalten ist, sondern nur in einer lateinischen Übersetzung, die von Stanislav Pavlovský, dem späteren Bischof von Olmütz, etwa hundert Jahre nach der Reise erworben und gedruckt wurde. 25 Die Ausgabe dieser Quelle aus dem Jahr 1577 enthält außerdem eine beein‐ druckende Anzahl von 22 Urkunden, genauer gesagt, Geleitbriefen, die die Vorbereitung und den Verlauf der Reise dokumentieren. Erst die früheste Ausgabe von Joachim Schmeller aus dem Jahr 1844 berücksichtigt alle diese Dokumente, die uns vorliegen. 26 Die Fülle des dokumentarischen Materials ist schon von Werner Paravicini ausgewertet worden, so dass ich dieses Thema diesmal beiseite lasse. 27 Neben den Tagebüchern von Tetzel und Šašek und den bereits erwähnten Dokumenten findet sich hier auch eine Ablassliste für Orte in Palästina, die Teil der 1577 erschienene Übersetzung von Pavlovský war. 28 Die Geschichtsschreibung des späten 19. und des gesamten 20. Jahrhunderts konzentrierte sich jedoch vor allem auf den Vergleich der beiden Tagebücher, was sich auch in ihrer häufigen parallelen Veröffentlichung widerspiegelte. Eigentlich konzentrieren sich diese Ausgaben auf den Reisebericht des böhmi‐ schen Edelmanns und die Nürnberger Aufzeichnungen in spielen darin eher eine untergeordnete und ergänzende Rolle. 29 Viel (vielleicht zu viel) Mühe wurde auf 76 Jaroslav Svátek <?page no="77"?> 30 U R B Á N E K , Ve službách (wie Anm. 29), S. XXVI-XVII, XXXIII und XXXVII-XLVII. Dieser Ansatz wird in Frage gestellt in der neueren Studie von Michaela M A L A N Í K O V Á , Ke vzniku cestopisu Václava Šaška z Bířkova a možnostem jeho interpretace [Über die Entstehung des Reiseberichts von Václav Šašek von Bířkov und die Möglichkeiten seiner Interpretation], in: Studia Historica Brunensia 55 (2008), S. 21-33, hier S. 23, Anm. 12. 31 M A L A N Í K O V Á , Ke vzniku cestopisu (wie Anm. 30). 32 S T O L Z , Die Reise (wie Anm. 23). 33 H R D I N A , Commentarius (wie Anm. 26), S. 13. Weder Šašek noch Tetzel reflektieren in diesem Zusammenhang, dass diese Reliquien vor einem halben Jahrhundert in Prag im Rahmen des Festes der Reliquienweisung ausgestellt wurden. den Vergleich der beiden Reiseberichte und insbesondere der sozialen Milieus der beiden Reisenden aufgewendet. 30 Ein weiteres Problem war die Überbeto‐ nung des diplomatischen „Auftrags“ der Reise: Dass die Diktion der beiden Hauptquellen, d. h. der Tagebücher Tetzels und Šašeks, dies nicht widerspiegelte, hat die bisherige Forschung mit einem Zensureingriff des späteren Bischofs Pavlovský zu erklären versucht, der die direkten Verbindungen des katholischen Adligen Leo zum Hussitenkönig Georg auslöschen wollte. Eine gründliche interne Analyse zeigt jedoch, dass Šašeks (aber weitgehend auch Tetzels) Text in erster Linie den Protagonisten, den Anführer der Gesandschaft, Leo von Rosental, in den Vordergrund stellen sollte und damit eher den Ritterromanen ähnelt, die in der böhmischen Literaturtradition beispielsweise durch (den deutschschreibenden) Heinrich von Freibergs Erzählung über den Ritterfahrt Johanns von Michelsberg vertreten sind. 31 Die zweite (in der tschechischen Geschichtsschreibung natürlich) übersehene Tatsache ist der religiöse Aspekt der Reise, den ich hier herausarbeiten möchte. 3 Die Reise des Leo von Rosentals Pilgerfahrt Die Pilgerdimension der Reise von Rosentals, auf die Michael Stolz 32 in seiner analytischen Studie hingewiesen hat, ist keineswegs als eine Nebensache zu betrachten. Im Verlauf der Reise besuchte der böhmische Gesandte neben den Höfen von Monarchen auch eine Reihe von Wallfahrtsorten von lokaler und überregionaler Bedeutung. Fast obligatorischer Bestandteil des Besuchs in jeder größeren Stadt war die Besichtigung der bedeutenden Kirchen und der darin aufbewahrten Reliquien. Schon in Nürnberg hatten die böhmischen Reisenden Gelegenheit, eine Reihe von Reliquien zu sehen, die zum kaiserlichen Schatz gehörten, 33 in Canterbury, England, sahen sie natürlich das Grab des heiligen Thomas Becket, einschließlich der reichen Reliquienschätze, die mit diesem Heiligen verbunden sind. In der französischen Stadt Tours besuchten Adelige Pilgerfahrten und Reisen 77 <?page no="78"?> 34 H R D I N A , Commentarius (wie Anm. 26), S. 77-79. Das Tagebuch von Tetzel erzählt eine ähnliche Geschichte, aber in kürzerer Form, siehe S C H M E L L E R , Des böhmischen Herrn (wie Anm. 26), S.-179. 35 H R D I N A , Commentarius (wie Anm. 26), S.-73. sie das Grab des heiligen Martin und auf der Rückreise in Venedig die Gräber der heiligen Lucia und des heiligen Markus - die Liste ließe sich fortsetzen. Das Hauptziel dieser Pilgerreise war jedoch das Grab des heiligen Jakobus des Älteren, der auch der Stadt Santiago de Compostela seinen Namen gab und sich in der dortigen Kathedrale befand. Der Besuch dieses bedeutenden Wallfahrtsortes stellte auch einen Wendepunkt dar, nicht nur, weil es sich um das „Ende der Welt“ handelte, wie das Tagebuch von Šašek hervorhebt, wenn es beispielsweise die Geschichte von den Schiffen wiedergibt, die der König von Portugal von dort aus aussandte, um weiter westlich liegende Länder zu finden. 34 Sowohl Tetzels als auch Šašeks Erzählungen schildern auf dramatische Weise, wie die Gesandschaft von Leo von Rosental große Schwierigkeiten hatte, das Grab des heiligen Jakobus zu erreichen, weil (wie oben bereits erwähnt) der örtliche Erzbischof Alonso II. unter der Belagerung von Bernaldo Yañez de Moscoso stand. Die böhmischen Boten mussten drei Tage warten, bevor sie in die belagerte Kathedrale gelangen konnten. Leo von Rosental versuchte, den Zugang zu erbitten und argumentiert, dass er die Höfe christlicher Könige und Fürsten besucht und viele Länder bereist habe, sogar heidnische, und dass er mit dem frommen Wunsch hierher gekommen sei, den heiligen Ort zu sehen, an dem die Gebeine des heiligen Jakobus begraben sind. Und dass er selbst und alle seine Begleiter seit langem von dem großen Wunsch beseelt waren, diesen Ort mit eigenen Augen zu sehen.  35 Obwohl dieser Wunsch in den vorangegangenen Seiten des Tagebuchs von Šašek nicht ausdrücklich geäußert wird, widmet Václav Šašek (und in gerin‐ gerem Maße auch Gabriel Tetzel) bei der Beschreibung des Aufenthalts der Gesandtschaft in Galicien einigen Legenden, die mit der Person des Heiligen Jakobus des Älteren in der Region verbunden sind, recht viel Raum. Bei einem Besuch im nahegelegenen Padrón erinnert er sich an die Legende der heidnischen Königin Lupa, die sich den Versuchen des heiligen Jakobus, sie zum christlichen Glauben zu bekehren, widersetzte und nach seinem Tod versuchte, die Überführung des Leichnams des Heiligen nach Compostela zu verhindern. In beiden Tagebüchern finden wir auch die Legende von der wundersamen Quelle, die sprudelte, nachdem Jakobus mit seinem Stab auf eine Stelle geschlagen hatte. Das Tagebuch von Šašek greift dann auch die Version auf, dass dieser Heilige zuerst in Galizien gepredigt habe und von dort nach Jerusalem zurückgekehrt 78 Jaroslav Svátek <?page no="79"?> 36 Dieser Verweis auf die Apostelgeschichte (Apg 12) wurde möglicherweise vom Über‐ setzer Stanislav Pavlovský in das Werk eingewoben, siehe H R D I N A , Commentarius (wie Anm. 26), S.-73. 37 H R D I N A , Commentarius (wie Anm. 26), S.-73-74. 38 H R D I N A , Commentarius (wie Anm. 26), S.-76. 39 Vgl. I A C O P O D A V A R A Z Z E , Legenda aurea con le miniature dal codice Ambrosiano C 240 inf., hg. von Giovanni Paolo M A G G I O N I , Firenze/ Milano 2007, Bd.-1, S.-726-738. 40 Šašek schildert dieses Erlebnis mit einer humorvollen Einlage über Jan Žehrovský, „der ganz blass und blau wurde, so dass wir ihn kaum herausziehen konnten, weil das Loch sehr eng war“, weshalb Herr Leo selbst es vorzog, nicht hineinzugehen. H R D I N A , Commentarius (wie Anm. 26), S. 72: Iohannes Zehroviensis in eam ses demittens totus exanguis et nigrefactus defecit, ut eum vix extraheremus, namque foramen erat admodum arctum. Quod Dominus [Leo], qui etiam ingredi volebat animadvertens a proposito discessit. 41 H R D I N A , Commentarius (wie Anm. 26), S. 42: Ultra Angliam ad occiduum latus iacet insula Hybernia, in qua est specus sancti Patricii. sei, wo er den Märtyrertod starb. 36 Einen großen Teil der Erzählung nimmt dann die Legende von der Überführung des Leichnams des Jakobus ein. 37 Schließlich findet sich hier auch der Widerhall einer späteren Tradition, anhand der es zu einem wundersamen Erscheinen des Schutzpatrons von Galicien in der ansonsten nicht dokumentierten Schlacht von Clavijo im Jahr 844 (Santiago matamoros) kam. 38 Es ist möglich, dass Václav Šašek alle diese Informationen unterwegs aufgeschnappt hat, aber es ist auch sehr wahrscheinlich, dass er sein erworbenes Wissen mit Legendenquellen kombiniert hat, angefangen bei der Legenda Aurea. Hier stoßen wir auf diese Topoi, auch wenn sie im Gegensatz zum Tagebuch des böhmischen Boten nicht immer mit den entsprechenden geografischen Orten verbunden sind. 39 Die Erzählungen von Šašek und Tetzel geben ziemlich getreu die Praxis wieder, die beim Besuch von Pilgerstätten im Zusammenhang mit den Jakobs‐ legenden üblich war. Neben der Erprobung der heilenden Wirkung der oben erwähnten Quelle sehen wir, wie Mitglieder der böhmischen Gesandtschaft die Höhle im Felsen des heiligen Jakobus betreten, in der er gepredigt habe. 40 Diese Szene erinnert auch an die berühmte Pilgerfahrt zum so genannten Purgatorium des heiligen Patrick, bei der sich die Pilger ebenfalls in eine enge Höhle begaben und mehrere Stunden darin verbrachten. Šašek selbst erwähnt übrigens die Existenz dieses Ortes bei der Beschreibung von England. 41 Das Tagebuch verschweigt auch nicht den Grund, warum die Mitglieder der Gesandtschaft versuchten, sich in den engen Raum der Jakobshöhle zu zwängen: Wer diese Höhle mit frommem Geist betritt, erlangt Vergebung vieler Sünden (…). Der Papst gewährt denjenigen, die die Grotte betreten, einen großen Ablass, weil der heilige Adelige Pilgerfahrten und Reisen 79 <?page no="80"?> 42 H R D I N A , Commentarius (wie Anm. 26), S. 72: Qui eam speluncam religioso animo ingreditur, multorum peccatorum veniam consequitur. (…) Eam speluncam ingredientibus multorum delictorum remissio a summo pontifice conceditur. Nam sanctus Iacobus, cum concionans ab ethnicis lapidibus impeteretur, in illud antrum se recipere consueverat. 43 In seinem Werk führt Wey aus, dass für den Besuch der Kathedrale von Santiago die Möglichkeit bestand, einen Ablass für ein Drittel der Sünden zu erhalten konnte (est ei remissa tercia pars omnium peccatorum suorum) und dass diese Ablässe vor Ort von Papst Calixtus II. eingeführt wurden (1119-1124). Siehe The Itineraries of William Wey, Fellow of Eton College, hg. von George W I L L I A M S / Bulkeley B A N D I N E L , London 1857, S.-159-160. 44 H R D I N A , Commentarius (wie Anm. 26), S. 76: Ad hanc aram conspicitur falx, qua sancto Iacobo caput amputatum est (…), baculus, quo divus innitens orbem terrarum peragrare solebat (…). Postea nobis monstratum est caput Iacobi minoris, cognomento Alphei, et spina de corona Christi frustumque sanctae crucis. Contemplati sumus etiam alias sanctorum reliquias plurimas, quae non nominantur neque ostenduntur nisi anno iubilaeo. 45 H R D I N A , Commentarius (wie Anm. 26), S. 76: vexillum divi Iacobi, quo Christiani proelium cum ethnicis ineuntes usi sunt. (…) catena, qua divus constrictus erat. 46 The Itineraries of William Wey (wie Anm. 43), S.-159. Jakobus, als er während seiner Predigt von den Heiden mit Steinen beworfen wurde, diese aufsuchte.  42 Es handelte sich also um eine relativ weit verbreitete Praxis, wie beispielsweise der Reisebericht des englischen Pilgers William Wey beweist, der diese Orte zwanzig Jahre vor der Gruppe des Leo von Rosental besuchte. Er hinterließ eine Liste der heiligen Orte mit Informationen über die von dem Papst gewährten Ablässe sowie eine Liste der Reliquien, die in Padrón und in Santiago selbst zu sehen waren. 43 Es macht also viel Sinn sein Itinerar mit dem Tagebuch von Šašek zu vergleichen. Noch größere Übereinstimmungen zeigen die beiden Texte bei der Beschreibung der Reliquien in der Jakobskathedrale selbst. Der böhmische Adelige erwähnt in seiner Beschreibung der Stätte nacheinander: die Sichel, mit der der heilige Jakobus enthauptet wurde (…), den Stab, auf den sich der Heilige auf seinen Reisen durch die Welt stützte (…). Dann werden uns der Kopf von Jakobus dem Jüngeren, genannt Alphäus, und ein Dorn aus der Krone Christi sowie ein Splitter vom Heiligen Kreuz gezeigt. Wir sahen auch viele andere Reliquien der Heiligen, die hier nicht aufgelistet sind und nur im Erlassjahr gezeigt werden. 44 Zu dieser Aufzählung fügt er noch die Standarte des heiligen Jakobus hinzu, die an seine Verdienste im Kampf gegen die Mauren erinnert, und schließlich die Kette, mit der der Heilige gefesselt war. 45 Die Aufzählung von William Wey ist konzentriert, in einer Art Liste, aber wir können eine große Anzahl von Übereinstimmungen mit Šašeks Text erkennen. 46 80 Jaroslav Svátek <?page no="81"?> Der Besuch des Grabes des heiligen Jakobus in Compostela kann daher als Höhepunkt der spirituellen Dimension der Reise von Leo von Rosental und als eines ihrer Hauptziele bezeichnet werden. Trotz der ungünstigen Bedingungen gelang es der böhmischen Pilgergruppe, dieses Ziel zu erreichen. Weder die Zeugnisse von Šašek noch von Tetzel schmälern dieses Ziel in irgendeiner Weise, im Gegenteil, sie geben viele wundersame Geschichten und Legenden wieder, die mit dem gesamten Wallfahrtsgebiet in Galizien verbunden sind. Diese Geschichten finden sich in beiden Tagebüchern in den Passagen zu dieser Phase der Reise in größerem Umfang als Einschübe, werden aber gleichzeitig angemessen in die Gesamterzählung integriert. „Das Ende der Welt“ hatte also für die böhmische Gesandschaft in diesem Sinne nicht nur eine geographische Bedeutung. *** Die obige Übersicht zeigt, dass die Besuche von Adeligen aus den böhmischen Ländern auf der iberischen Halbinsel nicht zahlreich und schon gar nicht regelmäßig dokumentiert waren. Aus dem kleinen Quellenkorpus ragen die Zeugnisse der Empfehlungsbriefe aus dem Jahr 1415 und die bekannte ritterliche Pilgerreise des Leo von Rosental heraus. In der Zwischenzeit gibt es praktisch keine direkten Berichte über Besuche böhmischer Reisender auf der Iberischen Halbinsel. Die Aufgabe für die weitere Forschung sollte jedoch darin bestehen, die Bemühungen von Bohumil Baďura fortzusetzen und, wenn möglich, diplo‐ matisches Material lokaler spanischer Provenienz zu sammeln und auszuwerten und es mit Quellen des historischen Wissens über das entferntere Mitteleuropa zu verbinden. Die Uneinheitlichkeit der geographischen Begriffe, insbesondere die sehr vage Vorstellung des geographischen Rahmens Alemania in kastili‐ schen, aragonischen und anderen Urkunden, stellt dabei ein Problem, aber auch eine Herausforderung dar. Gleiches gilt für die ständige Zusammenstellung der Namen der Teilnehmer an den Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela, aber auch zu anderen Orten auf der Iberischen Halbinsel. Die immer intensiveren Kontakte zwischen den verschiedenen Historiographien und die digitale Wei‐ tergabe von Primärquellen bieten größere Möglichkeiten, ein noch plastischeres Bild des Reisens in dieser Region im Mittelalter zu zeichnen und die Pilgerwege, die zum Grab des heiligen Jakobus führen, mit realen historischen Figuren zu bevölkern. Adelige Pilgerfahrten und Reisen 81 <?page no="83"?> 1 * Diese Studie entstand unter Verwendung der Datenbank Czech Medieval Sources online, gehostet vom Wissenschaftsinfrastrukturprogramm LINDAT/ CLARIAH-CZ (https: / / lindat.cz), finanziert vom Ministerium für Bildung, Jugend und Sport der Tschechischen Republik (Projekt Nr. LM2023062). Zu den grundlegenden genealogischen Daten der älteren Linie der Lobkowitz auf Hassenstein vgl. Petr M A Š E K / Stanislav K A S Í K / Marie M Ž Y K O V Á , Lobkowiczové, Prag 2002, S.-61-65, hier S.-61. 2 Zum Kontext des Thesenanschlags vgl. exemplarisch Thomas K A U F M A N N , Geschichte der Reformation, Frankfurt a.M./ Leipzig 2009, S. 139-146. Die Formulierung „aus Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein als Schriftsteller, Diplomat, Reisender und Bruder des Humanisten Bohuslav von Hassenstein - zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie* Thomas Krzenck 1 Einleitung Als Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein am 21. Januar 1517 im nordwest‐ böhmischen Kaaden (Kadaň) in seinem 68. Lebensjahr verstarb (womit er die durchschnittliche Lebenserwartung seiner Zeitgenossen nicht unwesentlich übertraf), verließ ein Adeliger die irdische Welt, der als Diplomat, Schriftsteller und bedeutender Repräsentant eines aufsteigenden Geschlechts, vor allem je‐ doch als Reisender in die Geschichte einging und der mit seinem Bericht über die Pilgerfahrt zum Heiligen Grab in Jerusalem 1493 - einem der umfangreichsten und detailliertesten seiner Zeit - dauerhaft Spuren hinterließ 1 . Gut neun Monate später sollte im rund 240 km entfernten kursächsischen Wittenberg der Augustinermönch Martin Luther, zugleich Theologieprofessor an der jungen, aber aufstrebenden und vom Landesherrn geförderten Univer‐ sität (Leucorea) mit seinen 95 Thesen gegen den Missbrauch des Ablasses aus rechter warer liebe vnd sonderlichem vleis die Welt an der Schwelle vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit dauerhaft verändern 2 . 1517 gilt gemeinhin <?page no="84"?> rechter warer liebe …“ findet sich in der deutschen Fassung der 1557 von Philipp Melanchthon herausgegebenen 95 Thesen Luthers. Zum Ablasshandel im zeitgeschicht‐ lichen Kontext wiederum vgl. Hartmut K Ü H N E / Enno B Ü N Z / Peter W I E G A N D , Johann Tetzel und der Ablass, Berlin 2017. 3 Zu 1517 als „Epochenjahr“ grundlegend Heinz S C H I L L I N G , 1517. Weltgeschichte eines Jahres, München 2017. Unter dem Aspekt der Globalgeschichte Wolfgang B E H R I N G E R , Der große Aufbruch. Globalgeschichte der Frühen Neuzeit, München 2023. Zu Böhmens Stellung im Reich vgl. Alexander B E G E R T , Böhmen, die böhmische Kur und das Reich vom Hochmittelalter bis zum Ende des Alten Reiches (Historische Studien), Husum 2003. 4 Zu dieser Herrschergestalt siehe Alan M I K H A I L , Gottes Schatten. Sultan Selim und die Geburt der modernen Welt, München 2021. 5 Vgl. Theodor H I R S C H / Max T Ö P P E N / Ernst S T R E H L K E (Hg.), Scriptores rerum Prussicarium. Die Geschichtsquellen der Preussischen Vorzeit bis zum Untergange der Ordensherr‐ schaft, 5 Bde., Leipzig 1861-1875, hier Bd. 5, S. 351. Zum Kontext wiederum Walther H U B A T S C H , Albrecht von Brandenburg. Deutschordens-Hochmeister und Herzog von Preußen, 1490-1568, Heidelberg 1960 sowie Jürgen S A R N O W S K Y , Der Deutsche Orden, München 2007. als „Epochenjahr“, freilich nicht allein mit Blick auf Luthers Initialzündung der Reformation im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, zu dem auch Böhmen formal noch immer - mit gewissen Sonderrechten ausgestattet - gehörte 3 . Die Dimensionen eines „Epochenjahres“ unter den heute so betrachteten globalgeschichtlichen Aspekten lassen exemplarisch die drei nachfolgenden Ereignisse erkennen. Am 23. Januar 1517 fand die seit 1250 bestehende Herr‐ schaft der Mameluken über Ägypten und Syrien in der Schlacht von Raydaniyya in der Nähe Kairos mit der Niederlage gegen die weiter expandierenden Osmanen unter Sultan Selim I., dem Gestrengen (1470-1520), ihr blutiges Ende, wenngleich die Mameluken unter der Oberaufsicht der Türken als regierende Oberschicht Ägypten weiter verwalteten 4 . Gut einen Monat später, am 24. Februar 1517, traf Dietrich von Schöneberg (1484-1525), Hauptberater Markgraf Albrechts von Brandenburg-Ansbach, Hochmeister des Deutschen Ordens, und des hoemeisters underhembd  5 , in Moskau ein und schloss nach Verhandlungen gut zwei Monate darauf, am 10. März, einen Vertrag über gegenseitigen militär‐ ischen Beistand gegen die polnisch-litauische Union, der unter dem Eindruck der habsburgisch-jagiellonischen Verständigung und der Wiener Doppelhoch‐ zeit von 1515 eine Annäherung zwischen dem in seiner Bedeutung sinkenden Ordensstaat und dem seit der mehr als vier Jahrzehnte währenden Regierung Iwans III. (1462-1505) im Aufstieg begriffenen Großfürstentum Moskau als „Drittem Rom“ in die Wege leitete und im Kriegsfall eine russische Finanzhilfe vorsah 6 . Schließlich: Am 4. März 1517 erreichte der spanische Konquistador Francisco Hernández de Córdoba († 1517) als erster Europäer im Rahmen 84 Thomas Krzenck <?page no="85"?> 6 Zum Kontext Manfred H I L D E R M E I E R , Geschichte Russlands. Vom Mittelalter bis zur Oktoberrevolution, München 2013. Zum Dritten Rom wiederum Wilhelm L E T T E N B A U E R , Moskau, das dritte Rom. Zur Geschichte einer politischen Idee, München 1961. 7 Bernal Díaz del Castillo, Geschichte der Eroberung von Mexiko, hg. und bearb. von Georg A. N A R C Iẞ , Frankfurt a.-M. u.-a. 2009. 8 Vgl. František P A L A C K Ý , Stařj letopisowé česstj od roku 1378 od 1527 čili pokračowánj w kronikách Přibjka Pulkawy a Benesse z Hořowic, z rukopisů starých wydané [Die Alten Böhmischen Annalenschreiber seit 1378 bis 1527 bzw. die Fortsetzung in den Chroniken des Přibík Pulkava und des Beneš von Hořovice, aus alten Handschriften ediert], Prag 1829. Palacký selbst besaß von 19 verschiedenen Texten Kenntnis. Zur Bedeutung des Quellenkorpus im historiographischen Kontext vgl. František K U T N A R / Jaroslav M A R E K , Přehledné dějiny českého a slovenského dějepisectví [Od počátků národní kultury až do sklonku třicátých let 20. století]? [Überblick zur Geschichte der tschechischen und slowakischen Geschichtsschreibung (Von den Anfängen nationaler Kultur bis zum Ende der 1930er Jahre)], Prag 1997, S. 50-52 sowie Petr Č O R N E J , Staré letopisy české ve vývoji české pozdněstředověké historiografie [Die Alten Böhmischen Annalen in der Entwicklung der spätmittelalterlichen Geschichtsschreibung], in: Acta Universitatis Carolinae. Philosophica et historica. Studia historica: Problémy dějin historiografie 4 (1998), S. 33-59. Eine Übersicht zu den seinerzeit bekannten zwei Dutzend Handschrif‐ ten findet sich in der neutschechischen Ausgabe der Alten Böhmischen Annalen. Vgl. hierzu Jaroslav K A Š P A R , Staré letopisy české. Přehled dosavadních výzkumů [Die Alten Böhmischen Annalen. Übersicht über die bisherigen Forschungen], in: Ze starých letopisů českých, hg. von Jaroslav P O R Á K / Jaroslav K A Š P A R , Prag 1980, S. 453-467, hier S.-454-458. Editorisch vgl. zuletzt Alena M. Č E R N Á / Petr Č O R N E J / Markéta K L O S O V Á (Hg.), Staré letopisy české 1: Texty nejstarší vrstvy [Die Alten Böhmischen Annalen 1: Texte der ältesten Schicht] (Fontes rerum Bohemicarum, Series Nova/ Prameny dějin českých, Nová řada 29), Prag 2003 sowie D I E S ., Staré letopisy české 2: Východočeská větev a některé související texty [Die Alten Böhmischen Annalen 2: Der ostböhmische Zweig und einige zusammenhängende Texte] (Fontes rerum Bohemicarum, Series Nova/ Prameny dějin českých, Nová řada 29, III. díl), Prag 2018. einer gut ausgerüsteten Expedition von Kuba aus die (in ihrem nördlichen Teil heute zu Mexiko gehörende) Halbinsel Yucatán und leitete damit die spanische Eroberung Mexikos ein 7 . Ereignisreich gestaltete sich das Jahr 1517 auch in der böhmischen Heimat Johanns II. von Lobkowitz auf Hassenstein selbst, wie die „Alten Böhmischen Annalen“ (Staré letopisy české), ein Korpus narrativer Quellen, von zumeist anonymen Autoren mehrerer Generationen in einem Zeitraum von gut 90 Jah‐ ren zwischen 1432 und 1527 verfasst und in ihrem Namen auf den böhmischen Landeshistoriker und Vater der modernen tschechischen Geschichtsschreibung František Palacký (1798-1876) zurückgehend, berichten 8 . In den Texten selbst ist unter anderem die Rede davon, dass im März jenes Jahres 1517 eine Feuersbrunst die nicht einmal 50 km von Kaaden entfernt gelegene nordböhmische Stadt Brüx heimsuchte, eine große Trockenheit und damit verbundene Teuerungen bei Getreide herrschten, der Magister Paul von Saaz, Administrator des Prager Kon‐ Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 85 <?page no="86"?> 9 Vgl. P A L A C K Ý , Stařj letopisowé česstj (wie Anm. 8), S. 339-344; P O R Á K / K A Š P A R , Ze starých letopisů českých (wie Anm. 8), S.-406-412. 10 Zu den Rahmendaten der Pilgerreise, Quellen und Literatur vgl. Europäische Reisebe‐ richte des späten Mittelalters. Eine analytische Bibliographie 1: Deutsche Reiseberichte (Kieler Werkstücke. Reihe D: Beiträge zur europäischen Geschichte des späten Mit‐ telalters, hg. von Werner P A R A V I C I N I , Bd. 5), Frankfurt a. M. u. a. 2001, S. 244-247. Vgl. zuletzt auch Thomas L A N G , Der reisende Kurfürst Friedrich der Weise. Von Jaffa nach Wittenberg, in: Wohnen - reisen - residieren: herrschaftliche Repräsentation zwischen temporärer Hofhaltung und dauerhafter Residenz in Orient und Okzident, hg. von Dorothe S A C K / Daniela S P I E G E L / Martin G U S S O N E (Beiträge zur Bauforschung und Denkmalpflege 15), Petersberg 2016, S.-175-185. sistoriums der Utraquisten, ein „unerschütterlicher Verteidiger der göttlichen Wahrheit“ am 4. Juli verstarb, im September am Himmel ein Komet auftauchte, mit einem Richtung Österreich weisenden Schweif, Anfang November die Altstädter Gemeinde und einige Kürschner und Händler über die Vertreibung der Juden aus der Stadt berieten und sich nach St. Katharina (Ende November 1517) in Prag die drei Stände im Landtag versammelten und neue führende Repräsentanten, das heißt Hauptleute des Königreichs Böhmen, wählten 9 . Es ist natürlich äußerst unwahrscheinlich, ja ausgeschlossen, dass sich der Altgläubige Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein mit Luthers Thesen auch nur vage hätte in irgendeiner Gestalt identifizieren können, wenngleich der Hassensteiner, um den „Wallfahrts-Kritiker“ Luther zu zitieren, aus rechter warer liebe vnd sonderlichem vleis Buße getan, konkret: die heiligen Stätten in Jerusalem auf seiner Pilgerfahrt besucht hatte, wobei er in seinem „Reisebericht“ sorgfältig jene Orte vermerkte, an denen man den frommen Pilgern Ablass gewährte. Johann II. hatte also „Buße“ getan - so, wie im Übrigen auch Luthers Landesherr, Kurfürst Friedrich III., der Weise (1463-1525), bei seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land 1493 10 , auf der er am Beginn darüber hinaus in Venedig als dem Ausgangsort der Fahrten ins Heilige Land mit Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein zusammengetroffen war, womit sich ein gewisser Kreis schließt. Ziel der vorliegenden Studie ist es, die vielseitige Persönlichkeit des Johann von Lobkowitz auf Hassenstein zu würdigen und zu verorten: im Kontext der Geschichte seines Herrengeschlechts, wobei besonders sein jüngerer - ebenso vielseitiger und in seiner Bedeutung stark nachwirkender - Bruder, Bohuslav von Lobkowitz, in den Fokus rückt, in der wechselvollen Geschichte seiner böhmischen Heimat und insonderheit der Stadt Kaaden sowie nicht zuletzt innerhalb der Geschichte der überlieferten Berichte von Jerusalemfahrten im ausgehenden Spätmittelalter. 86 Thomas Krzenck <?page no="87"?> 11 Zu deren Geschichte vgl. aus der älteren Literatur v. a. Constantin von W U R Z B A C H , Lobkowitz, das Fürstenhaus, Genealogie, in: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich 15, Wien 1866, S. 310-314. Aus tschechischer Perspektive wiederum Jan H A L A D A , Lexikon české šlechty (erby, fakta, osobnosti, sídla a zajímavosti) [Lexikon des böhmischen Adels (Wappen, Fakten, Persönlichkeiten, Sitze und interessante Fakten)], Prag 1992 sowie J A N Ž U P A N IČ / František S T E L L N E R / Michal F I A L A , Encyklopedie knížecích rodů zemí Koruny české [Enzyklopädie der Fürstenfamilien in den Ländern der Böhmischen Krone], Prag 2001. 12 Vgl. Lukáš G A V E N D A , Páni Hasištejnští z Lobkovic na sklonku středověku [Die Herren Hassenstein von Lobkowitz im ausgehenden Mittelalter]. Diplomarbeit, Karlsuniversi‐ tät Prag 2008, S. 10, Anm. 11. Hier auch der Verweis auf die Quellen, damals im Státní oblastní archiv Litoměřice, pobočka Žitenice, fond Lobkowiczové roudničtí - Rodinný archiv, I. odd., sign. E5/ 47c, heute im Familienarchiv in Nelahozeves. Zur Geschichte der Familie eingehend Friedrich B E R N A U , Hassenstein. Ein Beitrag zur Geschichte des Erzgebirges, B. Leipa 1893, S.-70. 2 Die Anfänge der Herren von Lobkowitz auf Hassenstein Als Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein allem Anschein wohl 1450 das Licht der Welt erblickte, konnte seine Familie auf einen ungefähr sieben Jahrzehnte zurückreichenden Stammbaum zurückblicken, der sich allmählich zu verästeln begann und in dessen Verlauf die Lobkowicz rasch zu einem wirtschaftlich gut situierten und machtpolitisch etablierten Adelsgeschlecht aufstiegen 11 . Am Beginn der Ahnenreihe steht als erster schriftlich erwähnter Angehöriger der Ritter Maresch oder Martin von Aujest († nach 1390) aus dem unweit von Böhmisch Leipa ( Č eská Lípa) gelegenen, gleichnamigen Dorf bei Habstein ( Jestřebí), dessen Wirken noch in die Zeit des römisch-deutschen wie böhmischen Königs und späteren Kaisers Karl IV. fällt, über den freilich sonst - mit Ausnahme der Tatsache, dass er den wenig vorteilhaften Beinamen „der Arme“ erhielt - nichts bekannt ist. Dessen Sohn Nikolaus wiederum gilt als eigentlicher Begründer des Geschlechts. Nikolaus (1390-1435) war der dritte und jüngste Sohn des Maresch, der zwar den väterlichen Beinamen „der Arme“ „erbte“, mit Blick auf die Erbfolge hingegen leer auszugehen schien. Ursprüng‐ lich, wie in solchen Fällen üblich, für eine geistliche Laufbahn bestimmt und an der Artistenfakultät der Prager Universität immatrikuliert, wurde er angesichts der Tatsache, dass seine beiden älteren Brüder Blaschek († vor 1397) und Wenzel, Pfarrer in mehreren nordböhmischen Kirchen 12 , ohne Nachkommen blieben, de facto zum physischen ‚Retter‘ des Geschlechts: Verheiratet war Nikolaus mit Anna von Nechvalice († vor 1411); ob sich der Witwer nach deren Tod Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 87 <?page no="88"?> 13 So B E R N A U , Hassenstein (wie Anm. 12), S. 74. Möglicherweise liegt hier eine Verwechs‐ lung mit Žofie (Plichtová von Žirotín) vor, der bezeugten Gemahlin Nikolausʼ II. von Lobkowitz. So jedenfalls überzeugend G A V E N D A , Hasištejnští (wie Anm. 12), S. 15, Anm. 30. 14 Vgl. G A V E N D A , Hasištejnští (wie Anm. 12), S.-11. 15 Eine Übersicht der Signatare bei Václav N O V O T N Ý , Hus v Kostnici a česká šlechta. Poznámky a dokumenty [Hus in Konstanz. Anmerkungen und Dokumente], Prag 1915, S.-65-71. 16 Zum Kuttenberger Dekret grundlegend Martin N O D L , Das Kuttenberger Dekret von 1409. Von der Eintracht zum Konflikt der Prager Universitätsnationen, Köln/ Wei‐ mar/ Wien 2017. Zu Nikolaus‘ vermeintlicher Rolle beim Kuttenberger Dekret wiederum Václav N O V O T N Ý , M. Jan Hus. Život a učení. Díl I, 1 [Magister Jan Hus. Leben und Lehre, Teil I, 1], Prag 1919, S.-344, Anm. 1. nochmals eine Gemahlin nahm, wie in der älteren Forschung behauptet, bleibt umstritten 13 . Dieser Nikolaus sollte der Erste sein, der in einer Urkunde vom 27. Februar 1410 als Nikolaus de Ujezd alias de Lobkowicz erscheint und der dank seines Fleißes und seiner Fähigkeiten eine bemerkenswerte Karriere vom verarmten Edelmann zu einer einflussreichen Persönlichkeit am Hofe des böhmischen Königs Wenzel IV. (1361-1419), dessen Gunst er errang, durchlief. 1401 stieg er zum Schreiber in der zweitreichsten Stadt Böhmens, in der „Silberschatztruhe“ Kuttenberg, auf, 1417 gar zum obersten böhmischen Landschreiber. Dies brachte nicht allein wachsende Anerkennung, sondern zugleich materiellen Gewinn: Hierzu zählten neben dem vermutlich 1407 erfolgten Erwerb des Dorfes Milče‐ ves bei Saaz, verbunden mit dem Patronatsrecht für die Kirche in Radičeves, nur wenig später, nämlich 1409/ 10, neben dem erzbischöflichen Neratowitz das benachbarte, bald namengebende Dorf Lobkowitz in Mittelböhmen, unweit von Melnik. Seinem Bruder Wenzel stiftete Nikolaus in der Lobkowitzer Kirche 1413 eine Altarpräbende 14 . Nikolaus soll anfänglich mit der gemäßigten Reformbewegung um den Prager Theologen und charismatischen Prediger an der Bethlehemskapelle Johannes Hus (ca. 1371-1415) sympathisiert haben, freilich erscheint sein Name nicht im späteren Protestschreiben des böhmischen und mährischen Adels Anfang September 1415 gegen Hussens Verbrennung in Konstanz 15 . Auch die tradierte Überlieferung, Nikolaus habe bei der Vorbereitung und Durchführung des Kuttenberger Dekrets König Wenzel IV. im Jahre 1409 - durch das das Stimmen‐ verhältnis an der Prager Universität grundlegend zugunsten der einheimischen natio bohemica geändert wurde - maßgeblichen Anteil gehabt, konnte bereits Václav Novotný (1869-1932) in seiner Hus-Biographie 1919 unter Hinweis auf die Verwechselung mit dem Kuttenberger Urbarschreiber Nikolaus Augustini widerlegen 16 . Spätestens in den letzten Regierungsjahren Wenzels IV. wandte 88 Thomas Krzenck <?page no="89"?> 17 Vgl. Ferdinand S T R E J Č E K (Hg.), Jana Hasištejnského z Lobkovic Putování k Svatému Hrobu [ Johann Hassensteins von Lobkowitz Pilgerfahrt zum Heiligen Grab], Prag 1902, S. VII. 18 Vgl. Petr Č O R N E J , Velké dějiny zemí Koruny české 5: 1402-1437 [Große Geschichte der Länder der Böhmischen Krone 5: 1402-1437], Prag/ Litomyšl 2000, S.-185f. 19 Vgl. P A L A C K Ý , Stařj letopisowé česstj (wie Anm. 8), S.-41-42. sich Nikolaus von der Reformbewegung ab und stellte sich aktiv auf die Seite der katholischen Gegenpartei. Nach seiner Krönung zum böhmischen König am 28. Juli 1420 soll Sigismund von Luxemburg Nikolaus von Lobkowitz angeblich mit dem Schwert des hl. Wenzel zum Ritter geschlagen haben 17 . 3 Der Erwerb der Burg Hassenstein - die Herren von Lobkowitz in den innerböhmischen Machtkämpfen Doch zurück in das Jahr 1418 und zugleich zurück zu den quellenmäßig gesicherten Daten. Die bereits seit den 1390er Jahren vorherrschende fragile machtpolitische Situation im „allerchristlichsten“, jedoch krisengeschüttelten Königreich Böhmen führte wiederholt auch zu bewaffneten und kriegsähnli‐ chen Konflikten im Lande, wobei sich König Wenzel IV. zahlreichen adeligen Widersachern gegenübersah 18 . Ein solcher, daraus resultierender bewaffneter Zusammenstoß spielte sich 1418 ab, wobei die Alten Böhmischen Annalen folgendes berichten: Im Jahre des Herrn 1418 und bereits eine Weile davor begann der Ritter und Herr von Plauen einen Krieg gegen den König und er unterstützte Tista von Praumberg. König Wenzel sandte sein Heer zuerst gegen den Plauener und eroberte die Burgen Hassenstein und Stiedra 19 . Dieser Vorgang, dessen konkrete Hintergründe hier nicht weiterverfolgt wer‐ den, der freilich zugleich die enge Verflechtung adeliger Interessen im böh‐ misch-sächsischen Grenzraum vor Augen führt, sollte sich allerdings mit Blick auf unsere Thematik als folgenreich erweisen. Während der aus einem weitverzweigten - nach seinem im vogtländischen Plauen benannten und seit dem beginnenden 12. Jahrhundert belegten - Adelsgeschlecht stammende Heinrich I. von Plauen, (formaler) Herr auf Petschau und auf Königswart sowie Reichspfleger in Eger († 1446), seine Unterlegenheit gegenüber dem König erkennen musste und sich dem Landesherrn auf Gnade und Ungnade unterwarf, profitierte Nikolaus „der Arme“ von der Unterstützung des Luxemburgers, der ihm die Burg Hassenstein übertrug. Dies war der ertragreiche Lohn dafür, dass Nikolaus an der Spitze eines militärischen Aufgebots zur Unterstützung der die Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 89 <?page no="90"?> 20 G A V E N D A , Hasištejnští (wie Anm. 12), S. 11. Sollte der König die Burg nicht wieder zu seinen Lebzeiten auslösen können (was de facto geschah), sollte die Veste als Lehen der Böhmischen Krone in Händen des aktuellen Lehensträgers verbleiben. 21 Vgl. B E R N A U , Hassenstein (wie Anm. 12), S.-67-69. Burg Hassenstein bereits belagernden und aus Prager und Egerer Bewaffneten bestehenden Verbände auf Weisung des Landesherrn herbeigeeilt war und damit entscheidend dazu beitrug, die Veste zu erobern. Abb. 1: Die Burgruine Hassenstein 1869. Ein folgenreicher Akt! Während der in den Alten Böhmischen Annalen oben erwähnte Heinrich von Plauen als Gefangener in die Hauptstadt geführt wurde, verpfändete König Wenzel IV. Nikolaus die eroberte Burg am 14. Mai 1418 für die Summe von 4.000 Schock Groschen unter der Bedingung, deren Tore dem Landesherrn und seinen Beamten stets offen zu halten 20 . Fortan nahmen Nikolaus von Lobkowitz und sein Geschlecht damit unter den Niederadeligen im nordwestlichen Böhmen einen bedeutenden Platz ein. 21 Dies unterstreicht exemplarisch die Heranziehung des Lobkowitzers für diplomatische Missio‐ nen, wie beispielsweise die Anwesenheit des Nikolaus am 27. Juni 1419, ein 90 Thomas Krzenck <?page no="91"?> 22 Stadt und Burg wurden aufgrund ihrer exponierten Lage im 14. Jahrhundert mehrfach an Sachsen verpfändet, und auch seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts befand sich Brüx wiederum in Pfandschaft der Markgrafschaft Meißen und bildete einen hart bedrängten Stützpunkt der Gegner des Hussitismus. Zum Kontext vgl. Karlheinz B L A S C H K E , Geschichte Sachsens im Mittelalter, Berlin 1990. 23 Ludwig S C H L E S I N G E R (Hg.), Stadtbuch von Brüx, Prag 1876, S.-76, Nr.-164. 24 Vgl. Die Hussiten. Die Chronik des Laurentius von Březová 1414-1421. Aus dem Lateinischen und Alttschechischen übersetzt, eingeleitet und erklärt von Josef B U J N O C H , Graz/ Wien/ Köln 1988, S.-209. 25 Feria sexta post Procopii - Expedicio d. Nicolai de Hassistein de hospicio a Brozone V gr. Vgl. Josef P E L I K Á N (Hg.), Účty hradu Karlštejna z let 1423-1434 [Die Rechnungen der Burg Karlstein aus den Jahren 1423-1434], Prag 1948, S.-39. Jahr nach der Eroberung der Burg Hassenstein, bei der Konfirmation eines Friedensschlusses zwischen König Wenzel und dem meißnischen Markgrafen in Brüx (Most) 22 , wo Nikolaus an der Seite der königlich-böhmischen Räte Wilhelm von Hasenburg, Heinrich von Elsterberg und Albrecht von Colditz (die Namen stehen symptomatisch für die engen, freilich zugleich nicht unprob‐ lematischen Beziehungen) mit den Räten des Markgrafen von Meißen einen zeitlich begrenzten Frieden schloss - ebenfalls in der Position eines königlichen Bevollmächtigten. 23 In den Folgejahren erscheint Nikolaus mehrfach in den Wirren der ausge‐ brochenen Hussitenkriege unerschütterlich auf katholischer Seite, so beispiels‐ weise Anfang Februar 1421 bei einem militärischen Vorgehen gegen die Saazer, deren gleichnamige Stadt zu dieser Zeit eine Hochburg des nordböhmischen Hussitismus bildete. In der zeitgenössischen Chronik des Laurentius von Březová heißt es dazu: Eben zur selben Zeit, als die Saazer aus ihrer Stadt auf Raub ausgingen, erlitten sie einen großen Verlust an ihren Leuten. Denn Nikolaus, genannt Chudy, zusammen mit den Bürgern von Brüx und Komotau [zwei katholischen Zentren - Th. Krzenck] sowie jenem ganzen Distrikt, die sich zu einem allgemeinen Frieden verpflichteten, fielen vereint über die Saazer feindlich her, und nachdem sie viele verwundet hatten, nahmen sie noch mehr gefangen, wobei einige auf beiden Seiten gefallen waren  24 . Mit kriegerischen oder diplomatischen Aktionen mag auch die Erwähnung des Nikolaus von Lobkowitz in den Rechnungen der Burg Karlstein zusammenhängen, in denen der Herr auf Hassenstein für den 7. Juli 1424 Erwähnung findet, als ihm durch einen gewissen Broz fünf Schock Groschen de hospicio ausgezahlt wurden 25 . Mit der auf einem waldbedeckten Urkalksteinfelsen, 627 m über dem Mee‐ resspiegel gelegenen - heute nur noch als Ruine erhaltenen, freilich museal zugänglichen - Burg Hassenstein gelangte eine strategisch vorteilhaft gelegene Befestigungsanlage in den Besitz des Niederadeligen Nikolaus von Lobkowitz Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 91 <?page no="92"?> 26 Zur Burg Hassenstein aus der älteren Literatur noch immer maßgeblich B E R N A U , Has‐ senstein (wie Anm. 12) und August S E D L ÁČ E K , Hrady, zámky a tvrze Království českého 14: Litoměřicko a Žatecko [Burgen, Schlösser und Vesten des Königreichs Böhmen 14: Die Regionen Leitmeritz und Saaz], Prag 1923, S. 128-138. Vgl. darüber hinaus aus burgengeschichtlicher Perspektive Dobroslava M E N C L O V Á , Die Burgruine Hassenstein, Chomutov 1971. Den aktuellen archäologischen und historischen Forschungsstand präsentieren Jiří C R K A L / Milan S Ý K O R A , Hrad Hasištejn a jeho role v rámci šumburského panství [Die Burg Hassenstein und deren Rolle in der Herrschaft Schönburg], in: ArcheoMontan (2014), S.-137-150. 27 Vgl. Theodor S C H Ö N , Geschichte des Fürstlichen und Gräflichen Gesamthauses Schön‐ burg 1: Urkundenburg der Herren von Schönburg (1182-1419), Waldenburg 1901, S. 77, Nr. 235. - Friedrich von Schönburg war ein böhmischer Hochadeliger aus dem Ge‐ schlecht der thüringisch-sächsischen Adelsfamilie von Schönburg (deren Stammburg an der mittleren Saale bei Naumburg lag), das im ausgehenden 13. Jahrhundert einen steilen gesellschaftlichen Aufstieg im Königreich Böhmen, deren Lehensmannen die Schönburger seit dem 14. Jahrhundert waren, erlebte. Zur Adelsfamilie im Überblick vgl. Enno B Ü N Z , Schönburg, Herren von, in: Neue Deutsche Biographie 23, Berlin 2007, S.-399f. (hier auch weitere Literaturhinweise). 28 Maiestas Carolina. Der Kodifikationsentwurf Karls IV. für das Königreich Böhmen von 1355. Auf der Grundlage der lateinischen Handschriften hg. von Bernd-Ulrich H E R G E M Ö L L E R (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum 74), München 1995, S.-54. 29 Sächsisches Staatsarchiv, 10001 Ältere Urkunden, Nr. 03241 (Hauptstaatsarchiv Dres‐ den) - 1350, Juli 10. 30 Codex diplomaticus Saxoniae I B II, hg. von Otto P O S S E / Hubert E R M I S C H , Leipzig 1902, S. 9f., Nr. 20 - 1396, März 4. Offenkundig hatten sich die Schönburger mehr oder weniger erfolgreich bemüht, die eigentlich auf die Person des böhmischen Königs und seiner Nachfahren 26 . Die fortan für einen Zweig des sich im 15. Jahrhunderts in zwei Linien aufspaltenden Geschlechts derer von Lobkowitz namengebende Veste erscheint 1348 erstmals in den Quellen. In einer Urkunde verlieh Markgraf Friedrich II. der Ernsthafte von Meißen dem Adeligen Friedrich V. von Schön‐ burg († 1350/ 1352), Herr auf Hassenstein, die sächsische Stadt Geithain auf Lebenszeit 27 . 1355 findet sich der Assenstain zudem in der Maiestas Carolina Karls IV. als (unverwirklicht gebliebenem) Kodifikationsentwurf für das Königreich Böhmen unter jenen 13 Städten und 14 Burgen, die verpfändet werden durften 28 . In der Folge treten Friedrich von Schönburg und seine Nachfolger aus diesem sächsisch-thüringischen edelfreien - zeitweilig auch in Böhmen ansässigen - Adelsgeschlecht wiederholt in sächsischen Urkunden als Zeugen oder Empfän‐ ger in Erscheinung: 1350 etwa bei der Übertragung einer halben Mark Jahreszins und dreier Hufen pflügbaren Landes an das 1150 gegründete Zisterzienserin‐ nenkloster Marienthal im nordsächsischen Sornzig durch Friedrich III., Landgraf zu Thüringen und Markgraf zu Meißen 29 oder 1396, als sich Fritz von Schönburg, Herr zu Hassenstein, mit seiner Burg in den Dienst des Markgrafen Wilhelm I. des Einäugigen stellte 30 . 1417 schließlich wird Fritz von Schönburg als letzter 92 Thomas Krzenck <?page no="93"?> fixierte Lehensabhängigkeit des Hassenstein unter Ausnutzung der machtpolitischen Gegebenheiten zu lösen. 31 Vgl. Jörg K. H O E N S C H , Kaiser Sigismund. Herrscher an der Schwelle zur Neuzeit 1368- 1437, München 1996 (hier vor allem das Kapitel „Der Kampf um das böhmische Erbe 1419-1422“, S.-279-310). 32 Mit Blick auf die weitereichenden Verpfändungen kirchlicher Güter jetzt maßgeblich Stanislav B Á R T A , Zástavní listiny Zikmunda Lucemburského na církevní statky (1420- 1437) [Pfandurkunden Sigismunds von Luxemburg auf Kirchengüter (1420-1437)], Brno 2016. 33 Archiv český I, Prag 1840, S.-537f., Nr.-233. 34 Vgl. B Á R T A , Zástavní listiny Zikmunda Lucemburského (wie Anm. 32), S.-176, Nr.-137. 35 S C H L E S I N G E R , Stadtbuch Brüx (wie Anm. 23), S.-80, Nr.-176. Besitzer des Hassenstein erwähnt, dem besagter Heinrich von Plauen folgte, doch stellte dies nur eine flüchtige Episode in der Geschichte des Hassenstein dar. Nikolaus der Arme von Lobkowitz - der Beiname erscheint angesichts der erreichten Stellung freilich keineswegs mehr zutreffend - durfte sich bis zu seinem Tode 1435 seines wachsenden Besitzstandes erfreuen, auch wenn die blutigen Auseinandersetzungen der Hussitenkriege diese Freude zuweilen erheblich trübten. In der Gunst Sigismunds von Luxemburg stehend bemühte sich Nikolaus, den eigenen Besitz systematisch zu festigen und auszubauen. Bereits 1420 verschrieb der neue - zwar Ende Juli in Prag gekrönte, jedoch angesichts der Ablehnung eines Großteils der Stände kaum anerkannte - böh‐ mische König 31 , stets finanziell klamm und auf weitreichende Verpfändungen angewiesen 32 , Nikolaus von Lobkowitz die Burg Frauenberg (Hluboká nad Vltavou) mit all ihren Einnahmen und Besitzungen. Dies geschah zusammen mit Pfraumberg (Přimda) , Brüx und Furchtenberg (Nový hrad) in Mähren 33 . Im Jahr darauf bestätigte Sigismund Nikolaus von Lobkowitz und seinen Erben in Tschaslau ( Č áslav) die Einnahmen aus nicht näher beschriebenen Jahreszinsen sowie den Besitz von Dörfern, die bislang mehreren Klöstern (u. a. jenen in Sedletz/ Sedlec und Königsaal/ Zbraslav) gehört hatten 34 . 1421 bekannte Sigis‐ mund in einem Majestätsbrief, Nikolaus von Lobkowitz habe die genannten drei Burgen (also Pfraumberg, Brüx und Furchtenberg) von den Adeligen Boreš von Riesenburg und Heinrich von Lažany für gewisse Summen eingelöst; Sigismund übernahm diese nun selbst und verschrieb im Gegenzug die entsprechenden Geldsummen besagtem Nikolaus für die Burg Frauenberg, worauf dieser bereits ältere Verschreibungen Sigismunds und seines Vorgängers besaß 35 . Im gleichen Jahr finden wir Nikolaus von Lobkowitz in kriegerischer, d. h. antihussitischer Aktion an der Seite des Markgrafen von Meißen, Friedrichs des Streitbaren, zusammen mit weiteren böhmischen Adeligen wie Sigmund Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 93 <?page no="94"?> 36 S C H L E S I N G E R , Stadtbuch Brüx (wie Anm. 23), S.-80, Nr.-174. 37 Vgl. Jutta Charlotte V O N B L O H / Dirk S Y N D R A M / Brigitte S T R E I C H (Hg.), Mit Schwert und Kreuz zur Kurfürstenmacht. Friedrich der Streitbare, Markgraf von Meißen und Kurfürst von Sachsen (1370-1428), München/ Berlin 2007. 38 S C H L E S I N G E R , Stadtbuch Brüx (wie Anm. 23), S. 85, Nr. 191. Zu den Ursachen der Gefangenschaft vgl. B E R R N A U , Hassenstein (wie Anm. 12), S.-73. 39 Ihre Reflektion fanden die Verhandlungen in der zeitgenössischen Chronik des Bartošek von Drahonitz. Vgl. Jaroslav G O L L (Hg.), Fontes rerum Bohemicarum 5, Prag 1893, S. 591-628. Aus der neuesten Literatur vgl. Dušan C O U F A L , Turnaj víry. Polemika o kalich na Basilejském koncilu 1431-1433 [Das Turnier des Glaubens. Die Polemik über den Kelch auf dem Basler Konzil 1431-1433], Prag 2020. Zum Kontext wiederum Š M A H E L , Die hussitische Revolution 3 (MGH Schriften 43, 1-3), Hannover 2002, Kap. VIII. von Wartenberg und Hlawač von Duba beim Entsatz des von hussitischen Verbänden belagerten Brüx, das in blutiger Schlacht befreit wurde - ein äußerst seltener Sieg der katholischen Kräfte in einer sonst fast nahtlosen Serie von Niederlagen gegen hussitische Aufgebote 36 . Vier Jahre darauf jedoch musste der ritter zcum Hassensteyn Friedrich dem Streitbaren, inzwischen aufgrund seines militärischen Engagements an der Seite Sigismund von Luxemburg in den Kurfürstenstand erhoben 37 , einen Schuldbrief über 300 Schock Groschen übergeben, da letzterer mich uß sulchem gefengkenisse, do mich der Sigmund von Wartenberg herre czu Teczschin etzliche czit ynne gehad had  38 . In diplomatischer Mission finden wir den alternden Nikolaus am Ende seiner beachtlichen Karriere im Kontext der Vorbereitungen auf das Basler Konzil. Anfang Mai 1431 reiste der Hassensteiner gemeinsam mit dem Burggrafen der als uneinnehmbar geltenden „Gralsburg“ Karlstein, Zdeslav von Buřenice, nach Prag, wo beide als Abgesandte Sigismunds von Luxemburg den letztlich erfolg‐ reichen Versuch unternahmen, die hussitische Seite, also Prager und Taboriten, zu Verhandlungen mit dem - noch nicht von den Ständen anerkannten - König nach Eger einzuladen. Die Mission ist dabei einzuordnen in die lange und zähe Reihe diplomatischer Bemühungen seit 1429, die militärische Konfrontation zwischen den außerhalb Böhmens als Ketzer verschrienen Hussiten und ihren katholischen, von Papst und Sigismund ideologisch angeführten Gegnern mit friedlichen Mitteln zu lösen 39 . Das eigentliche Ende der Hussitenkriege elf Jahre später erlebte Nikolaus nicht mehr, er starb 1435 und fand in Pressnitz (Přísečnice), einer 1974 aufgege‐ benen Kleinstadt auf dem Kamm des Erzgebirges (wo sich heute ein Stausee befindet), in der dortigen Nikolaikirche vor dem Altar der hl. Dorothea seine letzte Ruhe. Immerhin: Das Weiterleben des bereits etablierten Adelsgeschlechts war gesichert, hinterließ Nikolaus I. von Lobkowitz doch zwei Söhne: Den nach dem Vater benannten Nikolaus (II.) und Johann mit dem Beinamen Popel, die 94 Thomas Krzenck <?page no="95"?> 40 Archiv český IV, Prag 1840, S.-400f., Nr.-6. 41 Zum Kontext vgl. Č O R N E J , Velké dějiny V (wie Anm. 18), S.-36-151. beide die dritte Familiengeneration repräsentierten. Die beiden Brüder verwal‐ teten zunächst den Familienbesitz gemeinsam, ehe 1445 eine Aufteilung der Güter erfolgte, wobei Nikolaus II. unter anderem die Burg Hassenstein erhielt, Johann Popel seinerseits die Burg Frauenberg mit Zubehör und Lobkowitz 40 . Die Brüder gelten als Begründer der Linien Hassenstein von Lobkowitz und Popel von Lobkowitz. Abb. 2: Zeichnung des Stadtkerns von Pressnitz (Přísečnice) , 1591, von Matouš Ornys (1525-1600). Es waren unruhige Jahre in Böhmen nach dem Ende der Hussitenkriege, der Verkündung der Basler (Iglauer) Kompaktaten 1436, dem Tode Sigismunds von Luxemburg (1437) und dem Ableben seines Schwiegersohnes und Nachfolgers als römisch-deutscher und böhmischer sowie ungarischer König, Albrechts II. von Habsburg (1397-1439) nur zwei Jahre später. In den beiden sich anschließen‐ den Jahrzehnten prägte die schwierige und konfliktreiche Suche nach Stabilität die fragile innenwie religionspolitische Situation, in der sich regionale, landes- und reichspolitische - häufig konträr ausgerichtete - Interessen miteinander verbanden und gleichsam in ein hochexplosives Minenfeld verwandelten 41 . Hier galt es für die politischen Akteure im Lande wie in der Region geschickt zu agieren. Dies traf selbstverständlich auch für Nikolaus II. von Lobkowitz auf Hassenstein zu, der in den ausgehenden 1440er Jahren ein - zunächst vor- Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 95 <?page no="96"?> 42 Aus der älteren Literatur noch immer grundlegend Rudolf U R B Á N E K s vierbändige Darstellung der tschechischen Geschichte des Zeitalters Georgs von Podiebrad unter dem Titel Věk poděbradský [Das Zeitalter Podiebrads], Prag1915-1962. Zum Kontext vgl. Š M A H E L , Die Hussitische Revolution 3 (wie Anm. 39) Kapitel VIII sowie Č O R N E J , Velké dějiny 5 (wie Anm. 18), S. 36-271. Vgl. darüber hinaus Uwe T R E S P , Ein Aufsteiger als König von Böhmen. Von der Ablehnung zur Anerkennung: Georg von Podiebrad und die Fürstentreffen am Beginn seiner Königsherrschaft 1459-1462, in: Potestas 5 (2012), S. 133-155. Vgl. darüber hinaus im familiengeschichtlichen Kontext Ondřej F E L C M A N / Radek F U K U L A et al., Poděbradové. Rod českomoravských pánů, kladských hrabat a slezských knížat [Die Podiebrads. Das Geschlecht böhmisch-mährischer Herren, Glatzer Grafen und schlesischer Fürsten], Prag 2008. 43 Vgl. František Š M A H E L , Pax externa et interna: Vom Heiligen Krieg zur erzwungenen Toleranz im hussitischen Böhmen (1419-1485). Wiederabdruck in: Europas Mitte in Bewegung. Das Königreich Böhmen im ausgehenden Mittelalter, hg. von D E M S ., Göttingen 2021, S.-99-156, hier S.-139. übergehendes - Bündnis mit Georg von Podiebrad (1420-1471) einging, jenem „Aufsteiger“, der aus dem alteingesessenen Geschlecht der Herren von Kunstadt und Podiebrad in Ostböhmen stammte und rasch nationale Bedeutung erlangte. Dies alles geschah vor dem Hintergrund der Thronvakanz seit dem Ableben Albrechts II. von Habsburg und dem machtpolitischen Vakuum im Königreich zweierlei Volks mit seinem wohl oder übel tolerierten Doppelglauben (hier Hus‐ siten in der Mehrheit, dort Katholiken in der Minderheit). 1448 jedenfalls konnte sich Georg von Podiebrad im Handstreich der Landesmetropole bemächtigen 42 . Mit Georg von Podiebrad trat nach dem Ende der hussitischen Revolution in Böhmen eine Persönlichkeit auf der aktionsreichen politischen Bühne in den Vordergrund, der sich als bedachtsamer Stratege, dynamischer Politiker sowie, wenn erforderlich, auch als fähiger Kriegsmann bewähren sollte 43 . Im Zusammenwirken mit dem führenden Kelchrepräsentanten Jan Rokycana (1390/ 97-1471) vermochte Georg von Podiebrad in den Jahren 1448-1452 den Utraquismus zu vereinen und dessen Existenz zu sichern. Einen bedeutsamen Schritt auf dem Weg zum böhmischen Thron bedeutete die - nachfolgend von Ladislaus Postumus konfirmierte - Wahl zum Landesverweser bzw. Gubernator 1448 (offizielle Bestätigung 1452), wobei Georg seinen Einzug in Prag militärisch durchsetzen musste und dabei den Prager Oberstburggrafen Menhard von Neuhaus festsetzen ließ. Als katholisches Gegengewicht entstand 1449 die von Ulrich II. von Rosenberg angeführte Strakonitzer Liga. In diesem Spannungsbogen aus vorsichtigem Taktieren und Paktieren be‐ wegte sich nun auch der Herr auf Hassenstein. Hinter dem Übertritt zur gerade gebildeten Partei des Podiebraders mag für Nikolaus II. wohl die Ab‐ sicht gestanden haben, seine Besitzungen gegen die utraquistischen Nachbarn, die Herren Aleš und Peter von Sternberg sowie Wilhelm von Schönburg, 96 Thomas Krzenck <?page no="97"?> 44 So B E R N A U , Hassenstein (wie Anm. 12), S.-79. 45 Archiv český 1, S. 495, Nr. 5. Vgl. auch Michael U R B A N , Die Burggrafen zu Meißen aus plauischem Geschlechte in Böhmen, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen 44 (1906), S.-210-219. 46 Vgl. zuletzt Lukáš P Á T Ý , Strakonická jednota. Protivníci Jiřího z Poděbrad v souboji o moc v Království českém (1449-1452) [Die Strakonitzer Liga. Die Gegner Georgs von Podiebrad im Kampf um die Macht im Königreich Böhmen (1449-1452)]. Rigoro‐ sum-Arbeit, Karlsuniversität Prag 2015, S.-79. 47 G A V E N D A , Hasištejnští (wie Anm. 12), S.-17. 48 Blažena R Y N E Š O V Á - Josef P E L I K Á N (Hg.), Listář a listinář Oldřicha z-Rožmberka [Brief- und Urkundenbuch Ulrichs von Rosenberg], Bd.-3, Prag 1954, S.-110f., Nr.-132. 49 Archiv český 4, S.-405f., Nr.-13. 50 S C H L E S I N G E R , Stadtbuch Brüx (wie Anm. 23), S.-116, Nr.-254. abzusichern 44 . Zugleich gelangte der Herr auf Hassenstein durch Abkauf der Pfandrechte für Kaaden von deren bisherigem Inhaber, Heinrich von Plauen, erstmals in den Besitz dieser Stadt 45 . Freilich: Bereits kurze Zeit später, Ende April 1449, nahm Nikolaus II. eine 180-Grad Kehrtwendung ein und schloss sich der gegnerischen (nur gut zwei Jahre bestehenden) Strakonitzer Liga mit dem mächtigsten katholischen Baron des Landes, Ulrich II. von Rosenberg, an - was im Übrigen Nikolausʼ Bruder, Johann Popel, bereits von Beginn an getan hatte 46 . Selbstredend musste auch die Pfandstadt Kaaden dem Seitenwechsel folgen. Die Strakonitzer Liga suchte angesichts der über die Landesgrenzen hinausreichenden Bedeutung des innerböhmischen Konflikts zugleich außer‐ halb der Landesgrenzen Unterstützung und fasste dabei die ohnehin im Lande machtpolitisch involvierten sächsischen Wettiner ins Auge. Nikolaus II. begab sich in diesem Kontext auch für die Jahre unter den Schutz des sächsischen Kurfürsten 47 . Der Hassensteiner berichtet in einem Schreiben an Ulrich von Rosenberg vom 13. Oktober 1449 von seiner Reise nach Meißen, wo er insgeheim mit Kurfürst Friedrich dem Sanftmütigen (1412-1464, regierte seit 1428) über eine Unterstützung des katholischen Bündnisses in Böhmen verhandelte 48 . Zugleich beklagte sich der Absender über seine Nachbarn, die Herren von Sternberg, die ihn bedrängen würden. Zeitgleich drangen beunruhigende Nach‐ richten zum Hassensteiner vor, Georg von Podiebrad rüste zum Kampf und wolle mit einem großen Aufgebot gegen den Wettiner und insonderheit dessen Stadt Brüx ins Feld ziehen 49 . Im Januar 1450 fanden in diesem Kontext in Brüx Verhandlungen in Anwe‐ senheit Nikolausʼ II. von Lobkowitz auf Hassenstein statt, worüber ein Schreiben des Adeligen Heinrich von Kolowrat an Ulrich von Rosenberg informiert 50 . Kaaden seinerseits schloss, dem Vorbild seines Pfandherrn folgend, gemeinsam mit der Strakonitzer Liga, Böhmisch Budweis und Pilsen als katholischen Bastionen, einen dreijährigen Bündnisvertrag mit dem sächsischen Kurfürs‐ Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 97 <?page no="98"?> 51 G A V E N D A , Hasištejnští (wie Anm. 12), S.-17. 52 Archiv český 4, S.-410f., Nr.-21, 22. 53 B E R N A U , Hassenstein (wie Anm. 12), S.-86f. mit Verweis auf das entsprechende Urkun‐ denmaterial. ten 51 . Die Tinte auf dem Vertrag war jedoch kaum getrocknet, da holte die bittere Realität die böhmische Bündnisseite ein. Georg von Podiebrad machte seine Drohung wahr und zog mit militärischem Aufgebot heran, während die versprochene militärische Hilfe aus Sachsen ausblieb. Alleingelassen erlitt die Strakonitzer Liga eine empfindliche Niederlage, die umso verheerender ausfiel, weil Podiebrads Truppen einen Teil der Herrschaft Hassenstein verwüsteten - als Rache für Nikolausʼ Abfall. In einem Briefwechsel zwischen der Stadt Saaz und Nikolaus II. von Anfang August 1450 ging es um die Freilassung gefangener Untertanen, wobei der Has‐ sensteiner den Rat in der 25 km von Kaaden entfernten Stadt wenig erfolgreich aufforderte, hier aktiv zu werden. In einem Schreiben an Ulrich von Rosenberg wenige Monate später berichtete der Lobkowitzer noch einmal dezidiert von den erlittenen Schäden auf seinen Gütern, die größer als im Krieg gewesen seien (wětší nežli kdy u wálkách), und den noch immer in Gefangenschaft gehaltenen Untertanen 52 . Der Herr auf Hassenstein, politisch isoliert und im Stich gelassen, sah jetzt nur eine Möglichkeit: Im Interesse von Ruhe und Ordnung musste er sich dem aktuell Stärkeren beugen, das heißt sich erneut auf die Seite Georgs von Podiebrad schlagen. Immerhin: Auf dem Prager St.-Katharinen-Landtag Ende 1450/ Anfang 1451 wurden die Fehden zwischen der Podiebrader und der Strakonitzer Partei beigelegt, in der Folge verpflichtete sich Georg unter ande‐ rem, die eroberte Feste Lobkowitz an Johann Popel zurückzugeben. Auch die Gefangenen kamen auf freien Fuß. Auf dem nachfolgenden St. Georgen-Landtag in Prag im April 1452, auf dem die Wahl des Podiebraders zum Landesverweser vollzogen wurde, finden wir Nikolaus II. von Lobkowitz auf Hassenstein unter denjenigen, die für die Wahl stimmten. Und der Hassensteiner blieb auf der Seite des Podiebraders, was selbstredend auch für die Pfandstadt Kaaden galt. Naturgemäß lockerte sich damit freilich auch das Bündnis Nikolausʼ II. mit dem sächsischen Kurfürsten. Die nachfolgende militärische Konfrontation, die sich - nach erfolgter Urfehde-Ansage - an der Besetzung von Städtchen und Schloss Schlettau im Erzgebirge durch den Hassensteiner Söldnerhauptmann Niklas Dachs entzündete, endete mit einer Niederlage des Lobkowitzers 53 . 98 Thomas Krzenck <?page no="99"?> 54 Zu den Peripetien in Nikolausʼ Positionen eingehend B E R N A U , Hassenstein (wie Anm. 12), S. 78-92. Auch in Reichsangelegenheiten war Nikolaus von Lobkowitz involviert, wie verschiedene Fehdebriefe zeigen. Ein Beispiel stellt jener, leider im Zweiten Weltkrieg verlorene, Fehdebrief des Bischofs Friedrich zu Minden an Nikolaus von Lobkowitz von 1453 dar. Vgl. Sächsisches Staatsarchiv, 10005 Hof- und Zentralverwal‐ tung (Wittenberger Archiv), Nr. Loc. 4325/ 01, Bl. 155 (Kriegsverlust). 55 Vgl. das Lemma Kaaden in Joachim B A H L C K E / Winfried E B E R H A R D / Miloslav P O L Í V K A (Hg.), Handbuch der historischen Stätten - Böhmen und Mähren, Stuttgart 1998, S. 241-245. Zur spätmittelalterlichen Stadtgeschichte von Kaaden vgl. darüber hinaus Petr H L A V ÁČ E K , Dějiny františkánského kláštera v Kadani [Die Geschichte des Fran‐ ziskanerklosters in Kaaden], Kaaden 1998 sowie D E N S ., Kadaň mezi středověkem a novověkem. Deset kapitol z kulturních a náboženských dějin severozápadních Čech [Kaaden zwischen Mittelalter und Neuzeit. Zehn Kapitel aus der Kultur- und Religi‐ onsgeschichte Nordwestböhmens], Ústí nad Labem 2005. 4 Der folgenreiche Erwerb der Pfandschaft Kaaden Wie bereits dargelegt, hatte das erste kurzzeitige Bündnis mit Georg von Podiebrad Nikolaus II. von Lobkowitz auf Hassenstein die zukunftsweisende Pfandschaft der Stadt Kaaden eingebracht, die fortan für die Adelsfamilie eine zentrale Rolle in ihrem Herrschaftsbereich mit Blick auf deren machtpolitische, kulturelle und konfessionelle Rolle sowie Ausstrahlung bilden sollte 54 . Die zwischen Duppauer Bergen und Erzgebirge gelegene, erstmals 1183 als Kadan super Egram fluvium erwähnte Siedlung war Ende des 12. Jahrhunderts durch Schenkung der Gemahlin Herzog Friedrichs von Böhmen dem Johanniterorden überlassen worden, doch entzog mehr als sechs Jahrzehnte später (1261) König Přemysl Ottokar II. dem Orden den strategisch wichtigen Markflecken, erhob diesen seinerseits zur königlichen Stadt und stattete diese mit umfangreichen Rechten und Privilegien aus 55 . Auf Grundlage des gewährten freien Zuzugs für Zuwanderer kamen in der Folge verstärkt Siedler aus Sachsen und Franken in die sich entfaltende Stadt, die in ethnisch-nationaler Hinsicht rasch eine deutsche Dominanz erhielt. Parallel zur städtischen Schwerpunktverlagerung nach Nordwesten - im Vergleich zur anfänglichen Marktsiedlung - ließ Přemysl Ottokar II. am südlichen Stadtrand auf einem Felsen über der Eger eine gotische Burg errichten, die fortan den Mittelpunkt der landesfürstlichen Verwaltung bildete und auf der der purcravius de Cadan residierte. Um 1306 setzte eine Reihe wiederholter Verpfändungen von Stadt, Burg und umliegenden Dörfern ein: Erster Pfandherr war Friedrich (III.) von Schönburg († 1312) aus jenem Geschlecht, das einige Jahrzehnte später - wie bereits gesehen - auch als Besitzer der Burg Hassenstein in den Quellen auftaucht. Nach kurzer hussitischer Besatzung 1421 folgte die Herrschaft deutscher Kreuzfahrer unter dem kaiserlichen Rat und Feldhauptmann Sigismunds von Luxemburg, Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 99 <?page no="100"?> 56 1454 überließ Nikolaus II. von Lobkowitz auf Hassenstein dann Kaaden König Ladislaus Postumus. 57 Hierzu jetzt im zeitgeschichtlichen und symbolträchtigen Kontext Martin N O D L , Praha 15. století. Konfliktní společenství [Prag im 15. Jahrhundert. Eine Konfliktgemein‐ schaft], Prag 2023, S.-71-77. 58 Vgl. Jaroslav B Í L E K / Ladislav J A N G L / Jan U R B A N , Dějiny hornictví na Chomutovsku [Die Geschichte des Bergbaus in der Region Komotau], Chomutov 1976, S.-26. 59 Frederick G. H E Y M A N N , George of Bohemia. King of Heretics, Princeton 1965. 60 Zum Kontext wiederum Č O R N E J , Velké dějiny V (wie Anm. 18), S. 172. Zu den kaiser‐ lichen, in Brünn ausgefertigten Privilegien und Verträgen vgl. Antonín H A A S (Hg.), Archiv Koruny české 6. Katalog listin z-let 1438-1526, Prag 1958, S.-68-71. Erkinger I. von Seinsheim (1362-1437), der die Stadt 1422 als Pfandbesitz erhielt. In der Folge wechselten die Pfandherren Kaadens wiederholt, wobei vor allem lokale Adelige an Einfluss gewannen - darunter die Herren von Hassenstein 56 . Noch wenige Monate vor seinem Tode bestätigte wiederum König Ladislaus Postumus (1440-1457, nachgeborener Sohn Albrechts II. von Habsburg, seit 1453 rex Bohemiae) Nikolausʼ Geschlecht den Besitz des Lehens Hassenstein, wobei als Relator der Urkunde der inzwischen - auch mit der Stimme des Nikolaus von Lobkowitz auf Hassenstein - auf dem Landtag zum Landesverwe‐ ser gewählte Georg von Podiebrad erscheint, der 1459 im Altstädter Rathaus in einem Aufsehen erregenden Akt von den Ständen zum böhmischen König gewählt wurde 57 . Mit Blick auf das lange Zeit angespannte Verhältnis zwischen Nikolaus und Georg war es ein gütlicher Ausgang, sicherlich auch den macht‐ politischen Gegebenheiten geschuldet (auch der Tatsache, dass Nikolaus sich mit dem sächsischen Kurfürsten entzweite), wobei der neue König am 17. Mai 1459 dem Hassensteiner und dessen Geschlecht ein großzügig gestaltetes Privileg für Schürfrechte in einem erzhaltigen Umkreis von drei Meilen um die Burg verlieh, das später immer wieder konfirmiert wurde 58 . Georg von Podiebrad, dieser König der Ketzer, wie ihn ein amerikanischer Biograph ein halbes Jahrtausend später nennen sollte, konnte also auch aus Gründen der Staatsraison „vergeben“ 59 . Der 3. August 1459 sollte für das Geschlecht der Herren von Lobkowitz einschneidende Bedeutung besitzen, als in Brünn Kaiser Friedrich III. und König Georg von Podiebrad Verhandlungen über eine Verständigung und Annäherung beider Monarchen führten, was in der Praxis zur offiziellen und feierlichen Belehnung Georgs mit den böhmischen Ländern durch Friedrich III. führte 60 . Als nunmehriger Parteigänger des böhmischen Königs war auch Nikolaus II. von Lobkowitz auf Hassenstein in der südmährischen Stadt zugegen, bot sich doch die seltene Möglichkeit, den führenden politischen Handlungsträgern nahe zu sein. Ein lohnenswertes Unterfangen, das einen vielleicht nicht unbedingt zu 100 Thomas Krzenck <?page no="101"?> 61 Regesta Imperii XIII H. 26 Nr. 570 - Online-Quellen zur Reichsgeschichte. Das Original der Urkunde gilt als verschollen, lediglich eine Replik aus der frühen Neuzeit blieb erhalten. Vgl. G A V E N D A , Hasištejnští (wie Anm. 12), S. 19, Anm. 44. Die offizielle Aner‐ kennung ihres Geschlechts als Angehörige des Herrenstandes durch den böhmischen Landtag erfolgte erst im Jahre 1479. Hierzu und zu den Rahmenbedingungen vgl. Josef M A C E K , Jagellonský věk v českých zemích 2: Šlechta [Das Zeitalter der Jagiellonen in den böhmischen Ländern 2: Der Adel], Prag 1994, S.-30f. 62 G A V E N D A , Hasištejnští (wie Anm. 12), S.-19. 63 Vgl. Anna C O R E T H , Der „Orden von der Stola und den Kanndeln und dem Greifen“ (Aragonesischer Kannenorden), in: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs, Wien 1952, S.-34-62. 64 Vgl. G A V E N D A , Hasištejnští (wie Anm. 12), S.-20. erwartenden Erfolg für die eigene Adelsfamilie brachte. Gemeinsam wurden Nikolaus II. und sein Bruder Johann Popel sowie deren männlichen Erben in Brünn eingedenk ihrer, wie es heißt, Dienste, die ihre Vorfahren den römischen Kaisern und Königen und sie selbst Friedrich III. von Habsburg (1415-1493, seit 1440 römisch-deutscher König und seit 1452 römischer Kaiser) sowie dem Reich erwiesen hatten (vieles war hier offenkundig formalisiert), mit Rat der Fürsten, Edlen und Getreuen und […] aus kaiserlicher Machtvollkommenheit […] zu rechten edlen Freiherren mit allen Privilegien und Rechten, die damit verbunden waren erhoben 61 . Damit in Verbindung stand zugleich das exklusive Recht, mit rotem Wachs zu siegeln. Darüber hinaus wurde das Wappen der Adelsfamilie Lobkowitz „aufgewertet“ und mit neuen Attributen versehen, darunter einer Krone als Symbol der Zugehörigkeit zum Herrenstand 62 . Am darauffolgenden Tag erfolgte eine weitere symbolträchtige Erhöhung: Nikolaus II. von Lobkowitz auf Has‐ senstein wurde, gemeinsam mit seiner Gemahlin Sophie von Ž irotín, in den prestigeträchtigen - auf die Marienverehrung ausgerichteten - aragonischen, 1403 von Ferdinand I. von Aragon (1380-1416) im Kampf gegen die Mauren gestifteten Kannenorden aufgenommen, dem bereits Sigismund von Luxemburg oder Oswald von Wolkenstein angehört hatten und den eine goldene Kanne mit drei hervorbrechenden Lilien als Bild der Reinheit der Gottesmutter im Wappen zeigte 63 . Drei Jahre später, am 8. Juli 1462, endete die irdische Lebensbahn des Nikolaus von Lobkowitz 64 . Erstmals sind wir dabei in der Familiengeschichte der Lobkowitz auf Hassenstein über das genaue Datum des Ablebens und den Ort des Begräbnisses eines Angehörigen informiert. Ein aus Sandstein gefertigter Grabstein an der Wand des nördlichen Vestibüls der Franziskanerkirche in Kaaden, genauer: in der nach der Mitte des 15. Jahrhunderts errichteten Wall‐ fahrtskapelle der 14 Heiligen Helfer, zeigt das Wappen der Familie Lobkowitz Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 101 <?page no="102"?> 65 G A V E N D A , Hasištejnští (wie Anm. 12), S. 65, Anm. 210; Jetzt auch Jan C H L Í B E C / Jiří R O H ÁČ E K , Monumenta mortis et memoriae, Prag 2023, S. 242-243 (zum Grabstein mit der Inschrift). Zum Franziskanerkloster und seiner Geschichte wiederum Petr H L A V ÁČ E K , Retrospektiva dějin františkánského kláštera čtrnácti sv. pomocníků v Kadani v 15. století: geneze, rozkvět, úpadek [Retrospektive der Geschichte des Franziskanerklosters der 14 Heiligen Helfer in Kaaden im 15. Jahrhundert: Genese, Blüte, Verfall], in: Ústecký sborník historický (2001), S. 79-106 sowie D E R S ., Nový Jeruzalém? Příběh františkánského kláštera čtrnácti s. pomocníků v Kadani [Ein neues Jerusalem? Die Geschichte des Franziskanerklosters der 14 Heiligen Helfer in Kaaden], Kaaden 2013. 66 G A V E N D A , Hasištejnští (wie Anm. 12), S. 20. Zur Genealogie der älteren Hassensteiner Linie wiederum M A Š E K / K A S Í K / M Ž Y K O V Á , Lobkowiczové (wie Anm. 1), S.-61f. 67 Vgl. exemplarisch Petr H L A V ÁČ E K , Die Familie von Lobkowicz als Vermittler der kul‐ turellen Wechselwirkungen im böhmisch-sächsischen Grenzraum um 1500, in: Neues Archiv für sächsische Geschichte 88, 2017, S. 225-234 sowie D E N S ., Der böhmisch-säch‐ sische Grenzraum im Spätmittelalter und in der Frühneuzeit zwischen Integration und Desintegration, in: Grenzraum und Transfer. Perspektiven der Geschichtswissenschaft in Sachsen und Tschechien (Chemnitzer Europastudien 5), hg. von Miloš Ř E Z N Í K , Berlin 2007, S. 83-94. Aus anderer Perspektive vgl. auch Sachsen - Böhmen 7000. Sasko - Čechy 7000. Liebe, Leid und Luftschlösser, Chemnitz 2018 (hier besonders Kapitel D - Krise/ krize). und die Umschrift: Anno d(omi)ni mil(lesim)o. / cccc o lxii o feria quinta ante f(estum) / mar(garet)te virg(inis) / obiit Gene/ roſus / vir D(omi)n(u)s nicolaus de lobko/ wicz req(u)i/ escat / i(n) pace  65 . Der Verstorbene hinterließ vier unmündige Kinder - den vielleicht zwölfjährigen Johann (II.), die etwas jüngeren Nikolaus (III., † um 1499) und Jaroslav († zwischen 1486-90) sowie den ein- oder zweijährigen Bohuslav († 11. 11. 1510), über deren Wohl und Wehe als Vormund zunächst deren Onkel Johann Popel wachte 66 . 5 Johann II. und die vierte Generation des Adelshauses Lobkowitz In den nachfolgenden Jahrzehnten rückte die bereits vierte Generation der Lobkowitz auf Hassenstein in das Zentrum der Geschichte des Adelshauses, und zwar unter familien-, lokal- und nationalsowie kulturgeschichtlich (hier, mit Blick auf den böhmisch-sächsischen Grenzraum, im Spannungsfeld zwischen „Integration“ und „Desintegration“) gleichermaßen relevanten Aspekten 67 . Es ist dies vor allem die Geschichte der beiden Brüder Johann II. und Bohuslav von Lobkowitz auf Hassenstein. Während erster vornehmlich als Verfasser der Geschichte seiner eigenen Wallfahrt zum Heiligen Grab in Jerusalem in der Nachwelt fortlebte, war es die humanistisch geprägte Tätigkeit als Schriftsteller und Bibliophiler, die Bohuslavs Ruhm über seinen Tod hinaus lebendig hielt. 102 Thomas Krzenck <?page no="103"?> 68 Vgl. Petr H L A V ÁČ E K , Jan Hasištejnský z Lobkowicz aneb františkánství mezi Kadaní a Jeruzalémem [ Johann Hassenstein von Lobkowitz oder das Franziskanertum zwischen Kaaden und Jerusalem], in: Proměny františkánské tradice: od teologie a filosofie ke kultuře a umění, Prag 2019, S.-247-264, hier S.-247. Abb. 3: Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein erteilt seinem Untertanen Nickel im November 1466 das Recht zum Betreib einer Schenke. Johann II. - vermutlich erhielt er auf der Burg Hassenstein, vielleicht auch in Kaaden eine seinem Stande gemäße Erziehung und Ausbildung, zumal über eventuelle Universitätsstudien keinerlei Nachrichten in den Quellen überliefert sind 68 - lässt sich 1464 erstmals quellenmäßig fassen, als der vormalige utraquis‐ tisch erzogene, jedoch später zum Katholizismus konvertierte und in den Jahren 1461-1468 als Administrator des Erzbistums Prag amtierende Theologe Hilarius von Leitmeritz (1412/ 13-1468) eine zwölf Schock Groschen umfassende, jährlich an einen Altardiener aus dem Familienbesitz zu entrichtende monetäre Stiftung des jungen Hassensteiners für den Dorotheenaltar in der - heute nicht mehr existierenden - Kirche des hl. Nikolaus in Pressnitz, wo sein Großvater Nikolaus der Arme begraben lag, in den Libri erectionum offiziell eintragen ließ. Zwei Jahre später erscheint Johann von Lobkowicz gesessen auf Hasensteyn erneut in den Schriftquellen, als er im November 1466 in einer Pergamenturkunde Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 103 <?page no="104"?> 69 Archiv Národního muzea, Sbírka pergamenů A, Sign. Perg-A525. Der Verfasser dankt PhDr. Milena Běličová für den Hinweis auf die heutige Signatur und die Zusendung eines Digitalisats. 70 In einem familieninternen Teilungsvertrag der Brüder von Vřesovice erscheint Johann II. als Zeuge. Vgl. August M Ü L L E R (Bearb.), Quellen- und Urkundenbuch des Bezirkes Teplitz-Schönau bis zum Jahre 1500, Prag 1929, S.-343-345, Nr.-820. 71 Vgl. Jaroslav B O U B Í N , Česká „národní“ monarchie [Die „nationale“ böhmische Monar‐ chie], Prag 1992. seinem Untertanen Nickel das Recht erteilte, in Gaischwitz (Kyšovice) nördlich von Hassenstein eine Schenke zu betreiben. Zugleich erhielt der Begünstigte das dortige Richteramt, verbunden mit der Aufgabe, die nahe Grenze des Familienbesitzes zu bewachen und für die Sicherheit der Herrschaft zu sorgen 69 . Es war ein unruhiges sechstes Jahrzehnt im 15. Jahrhundert in Böhmen, in das auch Johann II. von Lobkowitz seděním na Hasysteynie, wie es in einer Pergamenturkunde von 1467 heißt 70 , angesichts der erreichten Machtstellung seines Hauses im Königreich im Allgemeinen und in dessen nordwestlichem Teil im Besonderen wiederholt involviert war. Im Mittelpunkt stand Georg von Podiebrad, als dessen Parteigänger sich, wie wir sehen konnten, bereits Johanns Vater, Nikolaus II. von Lobkowitz, am Ende profiliert hatte. Zwar war der Landesverweser Georg von Podiebrad Ende Februar 1458 von einer utraquistischen Ständemehrheit im Altstädter Rathaus der Landeshauptstadt nach sechsjähriger Verweserschaft zum König gewählt worden, doch musste sich der Herrscher seine Krönung knapp zweieinhalb Monate später durch Geschenke, Versprechungen und Verpflichtungen gegenüber der einheimischen katholischen Minderheit als Oberhaupt eines konfessionell-politisch gespalte‐ ten Landes erkaufen, was auch für die Zukunft Konfliktpotential in sich barg und die „nationale“ Monarchie wie ein in Seenot geratenes Schiff ins Wanken brachte 71 . Als Landesherr bemühte sich Georg gerecht und im Einklang mit den Basler Kompaktaten zwischen Utraquisten und Katholiken im Land der seit 1436 offiziell geltenden, wenn auch fragilen Doppelkonfessionalität zu regieren. Die ersten Regierungsjahre gestalteten sich mit Ausnahme einer Münzaffäre erfolg‐ reich, allerdings vermochte Georg - ungeachtet zahlreicher diplomatischer Bemühungen - angesichts des Widerstands der römischen Kurie keine starke internationale Position zu erringen, die sich der Landesherr erhoffte und die sich zur Absicherung des Kelchglaubens als notwendig erwies. Das Angebot eines Titels als römisch-deutscher König und einer gemeinsamen Regierung mit Friedrich III. von Habsburg, welches die Wittelsbacher Georg in den Jahren 1460-1461 unterbreiteten, erwies sich in der Praxis als nicht durchführbar, zumal die deutschen Territorien keinen hussitischen Herrscher akzeptierten. 104 Thomas Krzenck <?page no="105"?> 72 Zum Kontext Š M A H E L , Die hussitische Revolution 3 (wie Anm. 39), Kap. VIII (v. a. S.-1848-1861). 73 Josef S T R N A D (Hg.), Listář královského města Plzně a druhdy poddaných osad [Urkun‐ denbuch der königlichen Stadt Pilsen und ihrer Untertanendörfer], Teil II 1450-1526, Pilsen 1905, S. 130f., Nr. 14, Zum Kontext wiederum vgl. Č O R N E J , Velké dějiny zemí Koruny české (wie Anm. 18), S.-227-272 (hier S.-228). Mit der Verkündigung der Aufhebung der Basler (Iglauer) Kompaktaten durch den Papst verhärteten sich die Fronten, ein von Pius II. geplanter Kreuzzug gegen den „Ketzerkönig“ Georg von Podiebrad kam allerdings wegen des Todes des Heiligen Vaters nicht zustande. Doch der König hatte ohnehin genug innen‐ politische Probleme, musste er sich doch in seinem eigenen Herrschaftsgebiet mit der gegen ihn gerichteten Grünberger Allianz (Zelenohorská jednota) seiner katholischen Widersacher auch militärisch auseinandersetzen. Und zu allem Übel exkommunizierte der neue Papst Paul II. (1417-1471, regierte seit 1464) Georg 1466 offiziell 72 . Der päpstliche Legat und Fürstbischof von Breslau, Rudolf von Rüdesheim (1402-1482), den der Papst bevollmächtigt hatte, sämtliche Anhänger Georgs von Podiebrad ebenfalls mit dem Bann zu belegen, sollten sie sich nicht von dem aus dem heiligen Schoß der katholischen Mutter Kirche ausgeschlossenen Ketzerkönig lossagen, sandte Anfang April 1466 ein Schreiben an die Brüder von Fictum (Vitzthum) als Repräsentanten eines weitverzweigten, hauptsächlich in Thüringen beheimateten und in zahlreiche Linien aufgesplitterten Adelsge‐ schlechts, das sich in seinem Roßlaer Zweig im 15. Jahrhundert hauptsächlich in Böhmen fortpflanzte. Der Legat verlangte dabei von den Empfängern des Schreibens, dem König die Hilfe gegen das katholische Pilsen zu verweigern. Auch Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein erhielt eine solche Aufforde‐ rung, ohne dieser Folge zu leisten 73 . Der etwa 17-jährige Hassensteiner wahrte König Georg - ungeachtet des eigenen katholischen Bekenntnisses - die Treue, die dieser ihm wenig später auch einträglich entlohnen sollte. Politisches Zweckbündnis und persönliches Glaubensbekenntnis mussten also keineswegs eine Einheit bilden. Wirklichkeit, Machtstrukturen und Realitätsgespür führten zuweilen dazu - der Hassensteiner stellt hier keineswegs eine Ausnahme dar -, dass konfessionelle Grenzen überschritten wurden. Deutlich zeigte sich, dass die Risse im politischen Machtgefüge des noch immer mit den Folgen des ersten Hussitenkrieges von 1420-1436 zu kämpfenden Landes über rein im Glauben artikulierte Bindungen hinausgingen. Wer sich dem entgegenstellte, den ließ der Hassensteiner - soweit dies in seinen Möglichkeiten als Obrigkeit stand - rücksichtslos verfolgen, wie die Inhaftierung des Predigers Paul Twark 1470, der gegen König Georg von Podiebrad das Wort auf der Kanzel erhob und Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 105 <?page no="106"?> 74 Archiv český 6, Prag 1872, S. 108-110 (Schreiben des Hilarius von Leitmeritz vom 4. Mai 1467) sowie S C H L E S I N G E R , Stadtbuch von Brüx (wie Anm. 23), S.-161, Nr.-366. 75 Vgl. G A V E N D A , Hasištejnští (wie Anm. 12), S. 24; B E R N A U , Hassenstein (wie Anm. 12), S.-96. 76 Vgl. Jaromír Č E L A K O V S K Ý / Gustav F R I E D R I C H (Hg.), Codex iuris municipalis regni Bohe‐ miae 3: Privilegia královských měst venkovských v-Království českém z-let 1420-1526 [Privilegien königlicher Landstädte im Königreich Böhmen von 1420-1526], Prag 1948, S.-482f., Anm. zu Nr.-278 (nachfolgend nur CIM). zugleich den Utraquismus in Böhmen verdammte, auf der Burg Hassenstein eindrucksvoll unterstreicht. Die fast in Sichtweite der Burg Hassenstein gelegene Stadt Kaaden (nur gut 15 km trennten beide für Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein so wichtige Orte, in denen sich die jüngere Vergangenheit und die aussichtsreiche Zukunft des Geschlechts vermengten) forderte der Administrator des Prager Erzbistums von Pilsen aus Anfang Mai ebenfalls auf, dem durch den Heiligen Vater im Jahr zuvor für abgesetzt erklärten König von Böhmen die Gefolgschaft aufzukündigen, was der Kirchenmann - da die Aufforderung offenkundig wirkungslos blieb - zwei Monate später noch einmal unter Androhung der Ver‐ hängung des Interdikts mit aller Dringlichkeit wiederholte 74 . Die offenkundig in ihrem Verhalten uneinige Stadt selbst schien zu schwanken - einige Bürger dachten im Ernst daran, sich vom Landesherrn loszusagen. Da wurden Fakten geschaffen, als Heinrich, der Sohn des Landesherrn, Kaaden im Handstreich militärisch besetzte 75 . Noch schlimmer: Das Unterkammergericht des Landes belegte Anfang August 1467 zahlreiche Bürger der Stadt Kaaden aufgrund ihrer antiköniglichen Haltung mit der schmerzhaften Strafe der Verbannung (nicht wenige Kaadener scheinen nach Sachsen emigriert zu sein). Drei Jahre später bereuten etliche von ihnen offenkundig ihre vormalige Widerspenstigkeit und wurden daraufhin auf Weisung des Königs oder Johanns II. (? ) aus einem zuvor angelegten Verzeichnis der Verräter gestrichen 76 . Die keineswegs einfache und unangefochtene Stellung Johanns II. von Lob‐ kowitz auf Hassenstein mag eine in den Alten Böhmischen Annalen überlieferte „Historie“ beleuchten, die zugleich die, im Großen wie im Kleinen, konfliktrei‐ che Zeit in den ausgehenden 1460er Jahren anschaulich illustriert. Der anonym gebliebene, offensichtlich jedoch gut unterrichtete Autor der entsprechenden Passage teilt dem Leser eine authentisch klingende Geschichte mit, die ihm seinen Worten zufolge der Herr auf Hassenstein im Jahr 1468 persönlich erzählt habe (Pan Hasištejnský mi vyprávěl), ohne dass wir freilich ein genaueres Datum erfahren 77 . In jenen Zeiten (v těch dobách), das heißt während der Kriegsereignisse in Böhmen am Ende der Ära Georgs von Podiebrad, sei der Kaplan des Herrn auf Hassenstein, der sich wohl mit der politischen Haltung 106 Thomas Krzenck <?page no="107"?> 77 P O R Á K / K A Š P A R , Ze starých letopisů českých (wie Anm. 8), S. 201. Im Vergleich zur Edition durch František Palacký haben Porák und Kašpar diesen und andere Texte zusätzlich aus verschiedenen Vorlagen aufgenommen (vgl. ebd., S.-500). 78 P O R Á K / K A Š P A R , Ze starých letopisů českých (wie Anm. 8), S.-202. 79 CIM 3 (wie Anm. 76), S.-440, Nr.-254. 80 CIM 3 (wie Anm. 76), S. 536, Nr. 309. seines Brotgebers nicht einverstanden zeigte, zum Feind übergelaufen und habe dabei Pressnitz auf den Lobkowitz’schen Gütern an die Kreuzritter verraten, wo diese gerade plünderten. Die Bewohner des Grenzstädtchens in den Bergen nutzten die Kirche des Heiligen Nikolaus, die offenbar auch eine Verteidigungs‐ funktion? erfüllte, als Zufluchtsort. Johann von Lobkowitz auf Hassenstein erfuhr von der Belagerung und kam mit militärischer Unterstützung eines Verbündeten seinen bedrohten Untertanen zu Hilfe. Immerhin: Pressnitz lag de facto in Sichtweite von Kaaden. Als die Kreuzfahrer vom herannahenden Aufgebot des Hassensteiners Kenntnis erhielten, habe sie, so der Chronist, große Furcht ergriffen und sie hätten überstürzt alles liegen gelassen, ihre Waffen eingeschlossen, so dass Johann II. bei seinem Eintreffen lediglich einen kleinen Jungen in einem Kreuzfahrerkleid vorfand. Wenngleich der erzürnte Burg- und Pfandherr zuvor geschworen hatte, jeden gefangenen Kreuzfahrer verbrennen zu lassen, ließ er am Ende Gnade vor Recht walten: Also rissen sie ihm einfach das rote Kreuz vom Rock und er musste es essen. Dies alles, so beendet der Chronist seine Historie, sei wirklich geschehen 78 . 6 Johann II. - Pfandherr und königlicher Diplomat Wahrheitsgehalt hin, Wahrheitsgehalt her: Die bereits angedeutete Entlohnung für die Treue Johanns II. gegenüber dem bedrohten König Georg von Podiebrad folgte wenig später. Am 10. August 1469 begann eine bedeutende Etappe in der Geschichte des Hauses Lobkowitz, als der Landesherr den Hassensteiner zum Hauptmann von Kaaden auf Lebenszeit ernannte - eine Rangerhöhung und Stellung in der königlichen Stadt, der Georg erst sechs Jahre zuvor alle Rechte seiner herrscherlichen Vorgänger bestätigt hatte 79 . Georg übertrug in einem Ende Oktober des gleichen Jahres in Prag noch einmal aufgesetzten Schreiben dem jungen Johann II. als unserem getreuen und lieben [Gefolgsmann)], der uns gezeigt hat, demonstriert und auch künftig noch besser wird zeigen können … mit gutem Vorbedacht und Rat unserer Getreuen unsere Stadt Kaaden mit allem Zubehör, Einnahmen und Gewinnen, die zu dieser Stadt gehören  80 . Den Bewohnern der Stadt trug der König auf, Johann II. folgsame Untertanen zu sein. Wie aber sahen die neuen Rechte über Kaaden aus und welche Pflichten Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 107 <?page no="108"?> 81 Vgl. G A V E N D A , Hasištejnští (wie Anm. 12), S.-25. 82 CIM 3, S. 620f., Nr. 365. Neben der vierbändigen Darstellung der Jagiellonenzeit innerhalb der spätmittelalterlichen Geschichte Böhmens aus der Feder von M A C E K , Jagellonský věk (wie Anm. 61) vgl. v. a. Č O R N E J , Velké dějiny zemí Koruny české 6: 1437-1526 [Große Geschichte der Länder der Böhmischen Krone 6: 1437-1526], Prag/ Litomyšl 2007, Kap. VI. 83 Vgl. Uwe T R E S P , Erbeinung und Fehde zwischen Sachsen und Böhmen. Die Fehde des Jan von Lobkowitz gegen die Albertiner, in: Fehdeführung im spätmittelalterlichen Reich. Zwischen adeliger Handlungslogik und territorialer Verdichtung, hg. von Julia E U L E N S T E I N / Christine R E I N L E / Michael R O T H M A N N (Studien und Texte zur Geistes- und Sozialgeschichte des Mittelalters 7), Affalterbach 2013, S.-179-202. 84 Vgl. M A C E K , Jagellonský věk v českých zemích 2 (wie Anm. 61), S. 112f. Ausführlich hierzu auch B E R N A U , Hassenstein (wie Anm. 12), S.-99-106, 110f. ergaben sich daraus? Der Hassensteiner sollte die Stadt für den Landesherrn verwalten und für die dem König zustehenden Einnahmen Sorge tragen - mit Ausnahme derjenigen Gelder, die Georg bereits zuvor Friedrich von Schönburg (verbunden mit dem Landrichteramt) und Apel von Vitzthum sowie deren Erben verschrieben hatte 81 . De facto wurde damit nach 15 Jahren die Pfandschaft der Stadt Kaaden in Händen der Lobkowitz von Hassenstein erneuert, die nun ihrerseits mit Johann II. an der Spitze konsequent daran gingen, Kaaden als Herzstück ihres Familienbesitzes auszubauen. Eine weitere Erhöhung der Pfandsumme für die Brüder Johann und Nikolaus III. ist für August 1475 und erneut für Jaroslav I. und Bohuslav für Januar 1478 (jeweils durch den neuen König Vladislav aus dem Geschlecht der Jagiellonen) in diesem Zusammenhang verbürgt 82 . Zugleich konzentrierten die Lobkowitz ihre Bemühungen darauf, die älteren Familienbesitzungen angesichts der - wie sich gezeigt hatte - immer wieder aufgetretenen Bedrohungen fester und dauerhafter an sich zu binden. Diese Gefährdungen entsprangen lokalen, regionalen und grenzüberschreitenden Machtinteressen größerer wie kleinerer Adelsfamilien, die sich wiederholt zu einem explosionsartigen Gemisch verbanden. In den Jahren 1471, 1474- 1478 und erneut 1493-1494 erschütterten diese Konflikte das Erzgebirge. Ein Protagonist war dabei Johann II., der hier auf die Ambitionen der sächsischen Herzöge Ernst (1441-1486, Kurfürst seit 1464) und Albrecht des Beherzten (1443-1500) stieß, die zu beiderseitigen Überfällen und gewaltsamen Konflikten mit sächsischen Berittenen führten, so dass König Vladislav eingreifen musste 83 . Doch geschlossene Waffenstillstände erwiesen sich nicht selten als brüchig 84 . Bereits Anfang Januar 1469 bat Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein den Landesherrn um eine Erhebung seines Dorfes Priesen/ Březno bei Komo‐ tau/ Chomutov zum Städtchen und mit eigenem Markt, was der König wenig später, am 20. Januar, in Kuttenberg/ Kutná Hora auch gewährte. Appellations‐ 108 Thomas Krzenck <?page no="109"?> 85 Vgl. Sbírka pramenů práva městského Království českého 4,2. Privilegia nekrálovských měst českých z let 1453-1500 [Quellensammlung der Stadtrechte des Königreichs Böhmen 4,2. Privilegien der nichtköniglichen Städte Böhmens aus den Jahren 1453- 1500], Prag 1960, S.-135-137, Nr.-408 sowie, S.-21, Nr.-480. 86 P O R Á K / K A Š P A R , Staré letopisy české (wie Anm. 8), S. 219. P A L A C K Ý , Stařj letopisowé česstj (wie Anm. 8), S.-178. Zum Kontext wiederum Č O R N E J , Velké dějiny zemí Koruny české 6 (wie Anm. 82), S.-406-408. 87 Archiv český 4, S.-233f., Nr.-6. 88 Zum Kontext Č O R N E J , Velké dějiny zemí Koruny české VI (wie Anm. 82), S. 430 sowie Josef M A C E K , Tři ženy krále Vladislava [Die drei Gemahlinnen König Vladislavs], Prag 1991, S. 29f. Johann II. von Lobkowitz berichtet in seinem späteren Bericht über die Pilgerfahrt indirekt hierüber. Vgl. S T R E J Č E K , Jana Hasištejnského z Lobkovic Putování (wie Anm. 17), S.-47, fol. 67r. 89 Zum Hintergrund vergleiche Mario M Ü L L E R , Brandenburg, Schlesien und Ungarn im Glogauer Erbfolgestreit (1476‒1482), in: Albrecht Achilles (1414-1486). Burggraf von Nürnberg - Kurfürst von Brandenburg, hg. von Mario M Ü L L E R , Neustadt a. d. Aisch 2014,-S.-339-377. 90 Vgl. Č O R N E J , Velké dějiny zemí Koruny české 6 (wie Anm. 82), S.-430. gericht in Streitfragen wurde Komotau, so dass auch hier Magdeburger Recht galt 85 . Darüber hinaus wurde Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein - de facto in die Fußstapfen seines Vaters tretend - vom König mit einer diplomatischen Mission betraut, was ein enges Vertrauensverhältnis zu dem Jagiellonen auf dem böhmischen Thron dokumentiert. Im Mai 1471 zählte Nikolaus III. zu den Teilnehmern des Kuttenberger Landtags, auf dem der polnische Prinz Vladislav am Montag nach Christi Himmelfahrt zum neuen böhmischen König gewählt wurde 86 . Spätestens seit 1473 ist der Hassensteiner auch als Ratgeber des neuen Landesherrn bezeugt, was ein Schreiben Johanns II. an Beneš von Kolowrat auf Liebstein, Hauptmann des Kreises Schlan/ Slaný, von Ende Juli dieses Jahres deutlich macht 87 . Vier Jahre später reiste Johann II. von Lobkowitz auf Hassen‐ stein mit eben diesem Adeligen im Auftrag seines Landesherrn über Nürnberg und Trier nach Luxemburg, wo die beiden Abgesandten dann erfolglos über eine Heirat des böhmischen Königs Vladislav mit Maria von Burgund († 1482), der Erbin des Herzogtums Luxemburg, verhandelten 88 . Zwar war Vladislav II. bereits seit dem Vorjahr mit der zwölfjährigen Witwe des kurz zuvor verstor‐ benen Herzogs Heinrich XI. von Glogau (1429/ 35-1476), Barbara von Glogau (1464-1515), Tochter des Markgrafen Albrecht Achilles von Brandenburg (1414- 1484), per procurationem verheiratet 89 , doch wurde die Ehe nie vollzogen, so dass der böhmische König gewinnbringend nach einer Alternative Ausschau hielt, die Maria von Burgund vorübergehend ins Spiel brachte, welche aber wenig später in Gent den habsburgischen Thronerben Maximilian I. ehelichte 90 . Immerhin: Wie Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein in seinem gut drei Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 109 <?page no="110"?> 91 Vgl. S T R E J Č E K , Jana Hasištejnského z Lobkovic Putování (wie Anm. 17), S. 47. Zu den auch an anderen Orten aufbewahrten Heiligen Nägeln vgl. Mechthild S C H U L Z E -D Ö R R ‐ L A M M , Heilige Nägel und heilige Lanzen, in: Byzanz - das Römerreich im Mittelal‐ ter. = Byzantium - the Roman Empire in the Middle Ages. = Byzance - l'Empire Romain au moyen age 1: Welt der Ideen, Welt der Dinge. = World of ideas, material world. = Monde des idées, monde des objets, hg. von Falko D A I M / Jörg D R A U S C H K E -(Rö‐ misch-Germanisches Zentralmuseum zu Mainz, RGZM. Forschungsinstitut für Vor- und Frühgeschichte. Monographien-84, 1) Mainz 2010, S.-97-171. 92 S T R E J Č E K , Jana Hasištejnského z-Lobkovic Putování (wie Anm. 17), S.-47. 93 Vgl. Heinrich K O L L E R / Paul Joachim H E I N I G / Alois N I E D E R S T Ä T T E R (Hg.), Regesten Kaiser Friedrichs III. (1440-1493), Heft 26 - Die Urkunden und Briefe aus den Archiven und Bibliotheken der Tschechischen Republik, Wien/ Köln/ Weimar 2012, S. 313, Nr. 701. Zu Matthias Corvinus: František Š M A H E L , Matthias Corvinus. Der böhmische König, in: Der Herrscher in der Doppelpflicht. Europäische Fürsten und ihre beiden Throne, hg. von Heinz D U C H A R D T , Mainz 1997, S. 29-49 sowie aus tschechischer Perspektive Antonín K A L O U S , Matyáš Korvín (1443-1490): Uherský a český král [Matthias Corvinus (1443-1490): ungarischer und böhmischer König], České Budějovice 2009. Vgl. zudem Jörg K. Hoensch, Matthias Corvinus. Diplomat, Feldherr und Mäzen, Graz/ Wien/ Köln 1998. Jahrzehnte später entstandenen Bericht über seine Pilgerfahrt nach Jerusalem berichtet, besichtigte er in Trier in der erzbischöflichen Hauptkirche einen hier als besondere Reliquie verehrten Heiligen Nagel. Seit dem 4. Jahrhundert immerhin besaß nämlich der Trierer Dom der Legende nach einen von der Kaiserin Helena dem Trierer Gotteshaus geschenkten 21,4 cm langen, in einem Tragealtar aufbewahrten und bei Prozessionen mitgeführten Nagel, mit dem Christus ans Kreuz geschlagen worden war 91 . Angebliche Teile solcher Nägel hatte der Hassensteiner bereits in seiner böhmischen Heimat auf der Burg Karlstein sowie in Nürnberg nach eigener Aussage gesehen 92 . Erfolglos endete nach der Luxemburgmission auch eine andere Bemühung, in deren Brennpunkt der Hassensteiner stand. Als Kaiser Friedrich III. Anfang Dezember 1477 in einem Schreiben den edeln unnsm und des reichs liben getruen Johannsen von Hasenstein aus erkennbar habsburgischem Interesse aufforderte, den Gegenkönig Vladislavs II. von Böhmen, Matthias Corvinus (1443-1490) - als defensor fidei war dieser 1469 zur Exekution des päpstlichen Bannspruchs an der Spitze eines Kreuzzugsheeres in Mähren eingefallen - zu unterstützen, lehnte der Empfänger des Schreibens dies vehement ab 93 . Johann II. blieb felsenfest an der Seite seines ebenfalls streng katholischen Landesherrn. Eine Wallfahrt zur Kapelle der Vierzehn Heiligen Helfer in Kaaden 1478, auf die sich drei wichtige machtpolitische Akteure im gespaltenen Königreich Böhmen jener Zeit - Johann Filipec (1431-1509, Bischof von Großwardein und Administrator von Olmütz, Stephan Zápolya († 1499), einflussreicher ungarischer Magnat, sowie Heinrich der Jüngere von Podiebrad (Hynek; 1452-1492) als Sohn des 110 Thomas Krzenck <?page no="111"?> 94 Joannis Dlugossii, Annales seu Cronicae incliti Regni Poloniae. Liber duodecim, 1462- 1480, hg. von Danuta T U R K O W S K A , Krakau 2005, S.-413. 95 Archiv český 9, S. 237, Nr. 931. Der genannte Pilger Wenzel (Václav) hatte bereits in Diensten von Johanns II. Vater Nikolaus gestanden. 96 G A V E N D A , Hasištejnští (wie Anm. 12), S.-27. verstorbenen Georg von Podiebrad - begaben, verfolgte das Ziel, Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein, der offenkundig eine hohe Reputation genoss (im Jahr darauf fanden der Hassensteiner und seine unmittelbare Verwandtschaft Aufnahme in den böhmischen Herrenstand), zumindest für Verhandlungen zwischen den beiden böhmischen Königen zu gewinnen, wie der polnische Chronist Jan Długosz in seiner Chronik vermerkte 94 . Von der persönlichen Frömmigkeit des Hassensteiners zeugt in diesem Kontext seine Unterstützung für den Pilger Wenzel von Frimburg, für den er Anfang Juni 1478 beim Burg‐ grafen von Böhmisch Krumau Fürsprache hielt 95 . Und noch einmal agierte der Hassensteiner, zehn Jahre nach der erfolglosen Luxemburgreise, als königlicher Diplomat, wobei die damit verbundene Mission zweifellos ein politisch höheres Gewicht besaß. Diesmal gehörten der dreiköp‐ figen Delegation neben Johann II. der hochgebildete, laut Überlieferung zufolge jedoch auch zuweilen sich grausam gebärdende Magnat Půta Švihovský von Riesenberg († 1504), der bereits in jungen Jahren zum höchsten Richter im Kö‐ nigreich Böhmen berufen worden war und der das Amt eines Hauptmanns der Kreise Pilsen (Plzeň) und Prachen (Prácheň) innehatte, sowie der Administrator des Erzbistums Prag, Pavel Pouček von Talmberg (vor 1460 - 1498), Doktor der Dekrete und Ritter des Ordens der Kreuzherren und Wächter vom Heiligen Grab, an. Diese drei Gesandten reisten nach Rom, um für Vladislav II. vor Papst Innozenz VIII. (1432-1492, Papst seit 1484) an des Königs Stelle den Gehorsamsschwur zu leisten - eine notwendige Prozedur und Voraussetzung für die päpstliche Anerkennung der legitimen Herrschaft des Jagiellonen als böhmischer König. Diesmal war die Reise von Erfolg gekrönt 96 . Auch hier, in der Ewigen Stadt, nutzte Johann II. von Lobkowitz auf Hassen‐ stein seinen Aufenthalt, um Wallfahrtsstätten und Reliquien zu besichtigen. Dies geschah keineswegs ausschließlich, weil dies für einen Christen einen untrennbaren Bestandteil bei einem Rombesuch bildete. Johann II. ließ sich hier inspirieren - um dann auch aus „seinem“ Kaaden de facto ein kleines Rom zu machen. Aus diesem Grunde bat der Hassensteiner den Papst um die Erteilung mehrerer Privilegien, wobei er den Heiligen Vater auch darüber in Kenntnis setzte, die Umgebung von Kaaden sei voller Häretiker und Abtrünniger im Glauben. Johann II. ließ wissen, diejenigen unter ihnen, die ihre Sünde erkennen würden und in die volle Gemeinschaft der katholischen Kirche zurückzukehren Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 111 <?page no="112"?> 97 CIM 3, S.-765-767, Nr.-448. 98 Národní archiv Prag, fond Řád františkánů, Urkunde Nr. 71. Über Johann II. heißt es hier: …dilectus filius, nobilis vir Johanes de Hassenstain, dominus oppidi Caden, … Regni Bohemie baro, per carissimum in Christo filium nostrum Vladislaum, Bohemie regem illustrem, pro obedientia nobis et Sedi apostolice prestanda orator destinatus, de propria salute recogitans, cupiens terrena in celestia et transitoria in eterna felici comertio commutare, feruore deuotionis accensus de propriis bonis suis, sibi a Deo collatis, extra dictum oppidum unam domum pro usu et habitatione fratrum ordinis minorum construi et edificari facere ceperit illamque dante Domino perficere intendant. 99 Zur Genealogie wiederum M A Š E K / K A S Í K / M Ž Y K O V Á , Lobkowiczové (wie Anm. 1), S. 62. 1461 als Geburtsjahr ergibt sich auf der Grundlage zweier jüngerer Erwähnungen. Vgl. beabsichtigten, hätten freilich niemanden, der ihnen helfe, da sie aufgrund ihres Alters und ihrer Armut nicht nach Rom reisen könnten und somit in der Isolation verblieben. Der Papst kam der Bitte des Hassensteiners nach. Die erste Urkunde Innozenzʼ VIII. vom 18. Juni 1487 ermächtigte den Pfarrer von Kaaden, die aufrichtig Reue zeigenden ehemaligen Häretiker und Abtrünnigen wieder in die Kirche aufzunehmen und ihnen die Absolution zu erteilen. Sofern über die Wohnsitze von Häretikern ein Interdikt verhängt werden sollte, so würde das Verbot der Anbetung nicht für Kaaden gelten. Außerdem dürfe der Pfarrer, notfalls anstelle des Kaplans, jeden Samstag in der Pfarrkirche eine feierliche eucharistische Prozession abhalten. Wer daran teilnahm, erhielt 100 Tage Ablass 97 . Das zweite Schreiben des Papstes vom selben Tag betraf die Unterstützung des gerade erst errichteten Franziskanerklosters der Vierzehn Heiligen Helfer. Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein vergaß dabei vor dem Heiligen Vater keineswegs zu betonen, dass er das Kloster auf seinem eigenen Besitz habe erbauen lassen. Ein Pilger, der das Kloster an den Tagen des heiligen Georg, des heiligen Vitus und des heiligen Christophorus, die zu den Schutzheiligen des Wallfahrtsortes gehörten, besuchte, würde ebenfalls einen Ablass erhalten 98 . 7 Bohuslav von Lobkowitz auf Hassenstein - Bruder, Humanist, Bibliophiler und Reisender Innerhalb seines Adelsgeschlechts war Johann II. von Lobkowitz auf Hassen‐ stein keineswegs der einzige Angehörige, der das italienische Milieu persönlich näher kennenlernte. Bereits ein Jahrzehnt vor ihm hatte es seinen jüngeren Bruder Bohuslav (1461? -1510) in den ersehnten Süden gezogen, wo er sich gut sieben Jahre zu Studienzwecken aufhielt, dabei dem in Böhmen zu beobachten‐ dem Trend folgend, an ausländischen Universitäten zu studieren und zugleich Lebenserfahrungen zu sammeln 99 . Letzteres sollte im Zeitalter der Renaissance 112 Thomas Krzenck <?page no="113"?> Epistulae 2, S. 224 bzw. die Studien von Jan M A R T Í N E K , Ke kritice a datování básnického díla Bohuslava z Lobkovic [Zur Kritik und Datierung des dichterischen Werks des Bohuslav von Lobkowitz], in: Listy filologické 103 (1980), S. 239 sowie D E N S ., De chirographo Bohuslai de Lobkowicz, in: Listy filologické 107 (1984), S. 153. Anfänglich kümmerte sich der Onkel Johann Popel von Lobkowitz († 1470) um die Erziehung, später Bohuslavs älterer Bruder Johann II. Wohl noch in seiner böhmischen Heimat erwarb sich Bohuslav von Hassenstein elementares Grundwissen. Ein zeitgenössisches Porträt existiert ebensowenig wie im Falle des älteren Bruders Johann II., die früheste Darstellung findet sich in einem 1672 von Jan Adrien Gerhardt de Groos (etwa 1650- 1730) angefertigten, heute in der Nationalbibliothek Prag aufbewahrten Kupferstich. 100 Aus der umfangreichen Literatur vgl. exemplarisch Rainer B A B E L (Hg.), Grand Tour. Adeliges Reisen und europäische Kultur vom 14. bis zum 18. Jahrhundert, Ostfildern 2005 sowie Mathis L E I B E T S E D E R , Kavalierstour - Bildungsreise - Grand Tour: Reisen, Bildung und Wissenserwerb in der Frühen Neuzeit, Köln 2004. Aus böhmischer Perspektive grundlegend Jaroslav P Á N E K , Výprava české šlechty do Itálie v letech 1551-1552 [Die Reise des böhmischen Adels nach Italien in den Jahren 1551-1552], České Budějovice 2 2003. 101 Vgl. Kamil B O L D A N / Emma U R B Á N K O V Á , Rekonstrukce knihovny Bohuslava Hasištejn‐ ského z Lobkovic. Katalog inkunábulí roudnické lobkovické knihovny [Die Rekonstruk‐ tion der Bibliothek des Bohuslav Hassenstein von Lobkowitz. Katalog der Inkunabeln der Raudnitzer Lobkowitz-Bibliothek], Prag 2009. den Anlass für sogenannte adelige Kavalierstouren bilden 100 . Bohuslavs iter Italicum führte den Hassensteiner 1475 an die Universität Bologna, die sich nicht allein als juristische Bildungsstätte eines weit über die Grenzen der Apennin‐ halbinsel ausstrahlenden Ruhms erfreute, sondern an der zugleich bedeutende Humanisten lehrten. Zu diesen zählten während des Studienaufenthalts von Bo‐ huslav der Rechtsgelehrte Ludovicus Bologninus (1446-1508), der bedeutende humanistische Philologe und Kenner antiken Schrifttums Filippo Beroaldo der Ältere (1453-1505) oder der Humanist und Dichter Battista Mantovano (1448- 1516), deren Werke später auch in die humanistisch geprägte Bibliothek des Bohuslav von Lobkowitz auf Hassenstein gelangten 101 . Die humanistischen Studien an der bereits im ausgehenden 11. Jahrhundert gegründeten Universität und der Stadt mit ihren antiken, bis in die Etruskerzeit zurückreichenden Wurzeln scheinen Bohuslav von Lobkowitz auf Hassenstein gefesselt zu haben, bildeten doch die studia humanitatis - mit Grammatik, Rhetorik, Geschichtsschreibung, Poetik und Moralphilosophie - einen festen Bestandteil des Lehrprogramms und unter den künftigen Juristen, Medizinern und Theologen erfreuten sich die Studienstoffe dank ihrer Mannigfaltigkeit und freien Auswahl großer Beliebtheit, zudem entwickelte sich Bologna auch bereits im 14. Jahrhundert zu einem Zentrum astronomischer Forschungen in Italien - ein Fach, für das auch Bohuslav, einem Modetrend folgend, großes Interesse Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 113 <?page no="114"?> 102 Alena H A D R A V O V Á / Kamil B O L D A N , Bohuslav Hasištejnský z Lobkovic a astronomie [Bohuslav Hassenstein von Lobkowitz und die Astronomie], in: Sborník Národního muzea v-Praze, řada Literární historie 52 (2007), Nr.-1-4, S.-25-32. 103 Zum Kontext vgl. Roman L A V IČ K A / Robert Š I M Ů N E K , Páni z Rožmberka 1250-1520: Jižní Čechy ve středověku: kulturněhistorický obraz šlechtického dominia ve středověkých Čechách [Die Herren von Rosenberg 1250-1520: Südböhmen im Mittelalter. Ein kul‐ turgeschichtliches Bild des adeligen Dominiums im mittelalterlichen Böhmen], České Budějovice 2011. 104 Vgl. hierzu die Antwort Bohuslavs an den Krumauer Dekan, verfasst wohl Anfang 1477, in: Bohuslav R Y B A , Spisy Bohuslava Hasištejnského z Lobkovic 1: Spisy prosaické [Die Schriften Bohuslav Hassensteins von Lobkowitz 1: Prosaische Werke], Prag 1993, S. 119, Nr.-6. 105 Vgl. B O L D A N / U R B Á N K O V Á , Rekonstrukce knihovny Bohuslava Hasištejnského (wie Anm. 101), Anm. 140, S.-109. 106 Zu diesem vgl. das Lemma von Franz Josef W O R T B R O C K , Peter Schott d. J., in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Bd.-8, 2 1992, Sp. 831-838. hegte, wovon die über 100 Werke Astronomica in seiner Bibliothek Zeugnis ablegen 102 . Ein Jahr nach Bohuslav kam im Übrigen auch der Erbe des vermögendsten und einflussreichsten böhmischen Adelsgeschlechts, Peter IV. von Rosenberg (1462-1523) zu Studienzwecken nach Bologna, begleitet von seinem Präzeptor Alexander von Krumau († 1496) 103 . Anfang 1477 wurde Bohuslav gebeten, den offenkundig schlecht lernenden Magnatensprössling zu beaufsichtigen und bei dessen Studien zu unterstützen, wozu sich der angesprochene adelige Stan‐ desgenosse auch entschloss 104 . Die Freundschaft zwischen dem 16-jährigen Be‐ treuer und dem nur ein Jahr jüngeren Schüler dokumentiert eine zeitgenössische kommentierte - heute in der Prager Nationalbibliothek aufbewahrte - Ausgabe der Komödien des berühmten antiken Dichters Terentius (195/ 184-159 oder 158 v. Chr.), die Peter erwarb, in Bologna neu binden ließ und zur Vervollkommnung seiner Lateinkenntnisse nutzte, wobei er auf das Vorsatzblatt die Wappen beider Adelsgeschlechter - der Herren von Rosenberg und derjenigen von Lobkowitz auf Hassenstein - mit der Feder zeichnete 105 . Die große Neigung zum dichterischen Schaffen bildete das Fundament für eine weitere Freundschaft. Wie andere Zeitgenossen auch, führte Bohuslav von Hassenstein eine ausgedehnte Korrespondenz, insbesondere mit humanistisch gebildeten Standesgenossen, zu denen der Sohn der bedeutenden und einfluss‐ reichen Straßburger Politikers Peter Schott d. Ä. (1427-1504), Peter Schott der Jüngere (1460-1490), gehörte, der 1480 in Bologna das Doktorat beider Rechte erwarb, sich dann der Theologie zuwandte und früh an der Pest verstarb 106 . In einem überlieferten Brief von 1482 an diesen aus der Feder des Bohuslav von Hassenstein heißt es einleitend in deutscher Übersetzung, die enge Freundschaft 114 Thomas Krzenck <?page no="115"?> 107 Vgl. Bohuslav Hasištejnský z Lobkovic, Básně a listy [Gedichte und Briefe], Brno 2022, S. 9. Grundlegend zur überlieferten Korrespondenz Jan M A R T Í N E K / Dana M A R T Í N K O V Á , Bohuslai Hassensteinii a Lobkowicz Epistulae, 2 Bde., Leipzig 1969. 108 Vgl. Giuseppe P A R D I , Titoli dottorali conferiti dallo studio di Ferrara nei sec. XV e XVI, Lucca 1900, Nachdruck Bologna 1970, S.-60-61. 109 R Y B A , Spisy Bohuslava Hasištejnského (wie Anm. 104), S. 9, Nr. 7 mit Verweis auf das umstrittene Datum 1483. zwischen Absender und Empfänger hervorhebend und ganz im Geiste des Humanismus: Peter ist auf dem Weg zu den Palästen Roms und den Ufern des Tiber, er geht plötzlich weg, schon erblick ich ihn nicht mehr. Weine mit mir, o Himmel, klagt mit, ihr Sterne, ihr stürmischen Gewässer, beweint meinen Fall. Tränen verschleiern meine Augen mit einem durchsichtigen Schleier, als ob mein eigener Vater in die nächste Welt hinüberginge. Ich habe vor kurzem meine geliebten Brüder verlassen und nun habe ich die Hälfte von mir selbst verloren. Er war mein Herakles, mein Orestes, mein Patroklos und mein Nisos. Warum, verräterische Fortuna, bist du noch immer gegen mich, warum, um Gottes willen, bin ich von meinem Petrus getrennt? Damit ich weiß, wie wichtig es ist, einen Freund zu haben, damit ich durch deine Schuld noch mehr leide? War es nicht genug, dass ich das Haus meines Vaters verlassen und diese Verbannung durchmachen musste?   107 Peter Schott beendete sein Studium in Bologna 1480, Bohuslav wechselte im Jahr darauf an die Universität Ferrara, wo der nobilis Baro am 26. November 1482 das Doktorat des kanonischen Rechts erwarb 108 . Vermutlich 1483 kehrte Bohuslav in seine böhmische Heimat zurück, sofern das Datum wirklich stimmt, wandte er sich bereits im April dieses Jahres von der Burg Hassenstein an Peter Schott 109 . 1485 besuchte Bohuslav seinen Bologneser Studienkollegen dann in Straßburg, wo er auch die Bekanntschaft des bedeutendsten deutschen Predigers im ausgehenden Mittelalter, Johann Geiler von Kaysersberg (1445- 1510), machte. In Bohuslavs weiterem Leben wechselten Zeiten, in denen er sich zunächst der Verwaltung seiner ererbten Güter widmete oder zurückgezogen auf dem Lande aufhielt (vita contemplativa), mit jenen Perioden, in denen er sich bemühte, eine angemessene Stellung in der weltlichen oder kirchlichen Ad‐ ministration zu erzielen, um seine erlangte humanistische Bildung adäquat zur Geltung bringen zu können, was zahlreiche Absolventen bewegte, eine Anstellung an herrscherlichen Höfen zu suchen. 1487/ 1488 brachte schließlich den Erfolg: Bohuslav fand Aufnahme in der königlichen Kanzlei Vladislavs II. auf der allmählich ihr Aussehen im Geiste der Renaissance verändernden Prager Burg, an deren Spitze in den Jahren 1479/ 1480-1503 Johann von Schellenberg Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 115 <?page no="116"?> 110 Vgl. Andrea S T E J S K A L O V Á , Jan ze Šelmberka na dvoře Vladislava Jagellonského [ Johann von Schellenberg am Hofe Vladislav Jagiellos], Hradec Králové 2008 (Bachelorarbeit). 111 Zur königlichen Kanzlei vgl. Josef M A C E K , O listinách, listech a kanceláři Vladislava Jagellonského (1471-1490) [Über Urkunden, Briefe und die Kanzlei Vladislav Jagiellos (1471-1490)], in: Sborník archivních prací 2,1 (1952), S.-100f., 122. 112 Zu den Ansichten Bohuslavs mit Blick auf Vladislav II. vgl. Jan M A R T Í N E K / Dana M A R T Í N K O V Á , Quo modo Bohuslaus Hassensteinius a Lobkowicz res a Vladislao rege Hungariae et Bohemiae gestas aestimarit? , in: Zborník Filozofickej fakulty Univerzity Komenského, Graecolatina et orientalia 6, Bratislava 1974, S.-81-103. 113 Vgl. Ivana K Y Z O U R O V Á (Hg.), Básník a král. Bohuslav Hasištejnský z Lobkovic v zrcadle jagellonské doby [Dichter und König. Bohuslav Hassenstein von Lobkowitz im Spiegel der Jagiellonenzeit], Prag 2007, S.-16. 114 Vgl. Václav Vladivoj T O M E K , Dějepis města Prahy 8, Prag 1891, S.-32. 115 M A R T Í N E K / M A R T Í N K O V Á , Bohuslai Hassensteinii a Lobkowicz Epistulae (wie Anm. 107), S.-9, Nr.-1,51. Zum Kontext K Y Z O U R O V Á , Básník a král (wie Anm. 113), S.-16. (1447-1508) als Oberstkanzler stand, der sich engagiert bemühte, gebildete Universitätsabsolventen für die Arbeit zu gewinnen und der darüber hinaus zu Beginn des 16. Jahrhunderts zu den zwölf reichsten Adeligen in Böhmen gehörte 110 . Bohuslav von Lobkowitz auf Hassenstein übte das Amt eines königlichen Sekretärs aus, ihm oblag dabei die persönliche Korrespondenz des Jagiellonen‐ herrschers, in dessen unmittelbarer Nähe er sich nunmehr bewegte 111 . Der Hassensteiner schätzte nach eigenem Bekunden die humanitas des Königs, bedauerte aber, wie andere auch, zugleich dessen Nachgiebigkeit und geringe Entscheidungsbereitschaft in zahlreichen Fragen 112 . Zugleich konnte Bohuslav in seiner neuen Stellung einen humanistisch geprägten Kreis junger Hofbeamter um sich versammeln, die Interesse am antiken Erbe, lateinischen humanisti‐ schen Studien und Dichtkunst zusammenführte. Zu diesem Kreis gehörten unter anderem der Schreiber der königlichen Kanzlei Kristián Pedík, Bohuslavs älterer Kommilitone in Bologna, oder Jan von Pibra, Schreiber an den Landtafeln, Bohuslavs späterer Informant über das Geschehen bei Hofe, der kurz nach der Wahl Vladislavs II. zum König von Ungarn und Kroatien nach Buda übersiedelte 113 . Bereits als königlicher Beamter erwarb Bohuslav von Lobkowitz auf Has‐ senstein ein Haus auf dem Kleinseitner Platz 114 . Die Eindrücke seines Prager Aufenthalts hielt Bohuslav unter anderem in zwei Schriftstücken fest - etwa in einem Brief an den besagten Schreiber Pedík, in dem er das Äußere der Prager Agglomeration beschrieb, zugleich aber auch ohne Scheu seine Prager Zeitgenossen kritisierte, denen er vorhielt, sie würden zuerst daran denken, ihre Bäuche zu füllen und dem Müßiggang frönen 115 . 116 Thomas Krzenck <?page no="117"?> 116 Vgl. hierzu auch das Lemma Bohuslav Hasištejnský z Lobkovic mit einer Übersicht zu den Handschriften sowie einem ausführlichen Werkverzeichnis in: Josef H E J N I C / Jan M A R T Í N E K , Rukověť humanistického básnictví v Čechách a na Moravě [Handbuch der humanistischen Poesie in Böhmen und Mähren] 3, Prag 1969, S.-170-203. 117 Vgl. Josef E M L E R (Hg.), Pozůstatky desk zemských Království českého r. 1541 pohořelých 2 [Fragmente der 1541 verbrannten Landtafeln des Königreichs Böhmen], Prag 1872, S.-443f. 118 Karel V I N A Ř I C K Ý , Sebrané spisy. Veršem i prosou 2 [Ausgewählte Werke in Vers und Prosa], Prag 1875, S. 210 (hier die tschechische Übersetzung des ursprünglich lateinischen Gedichts). In den nachfolgenden Jahren 1490-1493 bestimmten zwei Ereignisse das Leben Bohuslavs: zum einen eine weite Studienreise nach Italien, Asien und Afrika an den Gestaden des Mittelmeers, zum anderen das letztlich gescheiterte Projekt, den Hassensteiner als neuen Olmützer Bischof zu installieren - zwei sich zeitlich tangierende Projekte. Über Bohuslavs Mittelmeereise sind wir nicht durch ein überliefertes Diarium (wie im nachfolgenden, noch zu schildernden Falle seines älteren Bruders Johanns II.) unterrichtet, sondern durch mehrere Briefe Bohuslavs an einen kleinen Kreis von Empfängern, das Gedicht Ke čtrnácti svatým pomocníkům sowie ein Elogium des Hieronymus Balbo, der einige Teile aus der Dichtung des Hassensteiners übernahm und ergänzte 116 . So lässt sich auch der Reiseweg des böhmischen Adeligen im Großen und Ganzen gut rekonstruieren. Bohuslav sehnte sich danach jene Orte aufzusuchen, von denen er bislang nur gelesen hatte, um sich nunmehr das antike Geschehen zu verge‐ genwärtigen. Kurz nachdem es zwischen Bohuslav und seinen Geschwistern zu einem Vertrag über die Aufteilung der ererbten Güter gekommen war 117 , ging es für den Hassensteiner über Bayern und Tirol, entlang des Inntals im Frühjahr 1490 über die Alpen (Brenner) nach Norditalien, wo Bohuslav zunächst Mailand und Genua aufsuchte. Von der mächtigen Hafen- und Handelsstadt ging es vermutlich per Schiff nach Rom, wobei der Hassensteiner in seinem - hier in deutscher Übersetzung zitierten und die Reise thematisierenden - Gedicht Ad quattuordecim auxiliatores (tschech. Ke čtrnácti svatým pomocníkům, deutsch: An die 14 Heiligen Helfer) den Beginn seiner Reise wie folgt beschrieb: Ihr habt mich in der Tat geführt, als ich den Po und die Donau gesehen habe, die Trebia, die langsam fließt, ihren klaren Strom, ich habe den Inn gesehen, der auf den Alpenhügeln entspringt, ich habe die Häuser der Insubrer, der Ligurer, auch der Römer gesehen  118 . Von Rom aus begab sich Bohuslav durch die Täler von Umbrien und der Toskana nach Pisa, von dort aus wohl über Florenz nach Bologna, seinen vormaligen Studienort, weiter über Padua nach Venedig. Am 16. Mai 1490 schrieb Bohuslav Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 117 <?page no="118"?> 119 Josef T R U H L ÁŘ , Listář Bohuslava Hasištejnského z Lobkovic [Briefbuch Bohuslav Has‐ sensteins von Lobkowitz], Prag 1893, S.-29, Nr.-24. 120 T R U H L ÁŘ , Listář Bohuslava (wie Anm. 119), S.-30, Nr.-25. von Lobkowitz auf Hassenstein von hier aus an seinen Straßburger Freund Peter Schott über seine Reisepläne: Ich habe beschlossen, mich über Syrien, Arabien und Ägypten nach Indien zu begeben, doch viele Kaufleute rieten mir von diesem Vorhaben ab, da sie behaupteten, die Route sei für uns völlig unpassierbar. Ich werde mich daher bemühen, das, was ich mit meinen eigenen Augen nicht sehen kann, zumindest weitgehend durch eingehende Erkundigungen zu erfahren. Ich beabsichtige außerdem, auf meinem Rückweg nach Norden einen Abstecher zu machen und (so Gott will) die ägäische Küste und die von vielen gefeierten Inseln zu besuchen, und dann Byzanz selbst, die Hauptstadt eines einst christlichen, jetzt muslimischen Reiches. Hüte Dich davor, jemandem davon zu erzählen, damit ich mich nicht lächerlich mache, falls ich meine Pläne jemals ändern sollte  119 . In der Dogenstadt schiffte sich Bohuslav nach kurzem Aufenthalt ein, entlang der Küsten Illyriens und Dalmatiens ging es auf der „klassischen“ Route zur Insel des Odysseus Ithaka, nach Korfu, an Kreta vorbei weiter nach Rhodos und Zy‐ pern. Die nächsten Ziele bildeten Syrien und Palästina, den Besuch Jerusalems eingeschlossen. Doch die Stadt, einst Ziel der letztlich gescheiterten Kreuzzüge der Christen und seit dem Fall von Akkon 1291 unter ägyptisch-mamlukischer Verwaltung, bildete keineswegs das abschließende Ziel der Reise Bohuslavs mit dem Besuch der heiligen Stätten, wie dies drei Jahre später bei seinem älteren Bruder Johann II. der Fall sein sollte. Es ging nämlich weiter nach Ägypten, wo der noch immer neugierige Reisende Memphis und Alexandria besuchte, von wo aus Bohuslav Anfang November 1490 den Prager Oberstkanzler Johann von Schellenberg über seine Reise informierte 120 . Von hier aus setzte der Hassensteiner seinen Fuß auf ein genuesisches Handelsschiff, um die Kykladen zu besuchen, die Meerenge des Hellespontes zu durchfahren und die Ruinen Trojas - in der antiken Dichtung immer wieder besungene Orte - zu sehen. Doch vollständig realisieren ließen sich diese Pläne keineswegs. Nachdem man in See gestochen war und Chios passiert hatte, geriet das Schiff in einen starken Gewittersturm, der es um die Dodekanes-Insel Karpathos Richtung Zypern abtrieb. So gelangte Bohuslav per Zufall an die Ufer Kilikiens, Pamphyliens und Lykiens - und weiter sodann an Inseln wie Kos, Samos und Lesbos vorbei bis zum Hafen in Smyrna, dem heutigen Izmir in der Türkei. Von hier aus ging es zunächst über Land in die lydische Stadt Thyateira (heute Akhisar), nach Ephesos und Eryther, dann wiederum per Schiff an Lesbos 118 Thomas Krzenck <?page no="119"?> 121 T R U H L ÁŘ , Listář Bohuslava (wie Anm. 119), S.-32f., Nr.-27. 122 T R U H L ÁŘ , Listář Bohuslava (wie Anm. 119), S.-28, Nr.-28. 123 T R U H L ÁŘ , Listář Bohuslava (wie Anm. 119), S.-34, Nr.-29. und anderen Inseln vorbei bis Methon (Methoni) auf der Peleponnes, worüber Bohuslav Stefan Piso, einen Landsmann Peter Schotts, in einem Brief Mitte April 1491 in Kenntnis setzte 121 . Und weiter ging die Entdeckungsreise Bohuslavs nach Sizilien, wo der Hassensteiner den Ätna erblickte, sodann wiederum an die afrikanische Küste bis Tunis und zu den Ruinen Karthagos. Die Rückreise führte über das südliche Kalabrien und Tarent, nochmals durch ungünstige Winde nach Kreta und schließlich, diesmal ganz ohne Probleme, nach Venedig, wo den Reisenden die Nachricht erreichte, er sei zum Olmützer Bischof gewählt worden, was er sogleich in einem von der Lagunenstadt aus verfassten Schreiben am 11. August 1491 erwähnten Stefan Piso mitzuteilen wusste, von dem er selbst in der Zwischenzeit zwei Briefe erhalten hatte 122 . Zwei Monate später weilte Bohuslav von Lobkowitz nach knapp anderthalb Jahren wieder in seiner böhmischen Heimat - um einen Freund ärmer und eine Enttäuschung reicher 123 . Zunächst zeigte er sich in einem Schreiben an den Prediger Johann Geiler von Kaysersberg, erschüttert über die in der Zwischenzeit eingetroffene Nachricht vom Tod seines Freundes und einstigen Mitkommilitonen Peter Schott, der einer Pestepidemie mit nur 31 Jahren zum Opfer gefallen war. Zugleich zeigte sich Bohuslav enttäuscht über den unerwarteten Ausgang der Olmützer Bischofspläne. Von Beginn an hatte sich Bohuslav als strenger Katholik zu profilieren gesucht, als jüngerer Bruder Johanns II. lag es, auch den adeligen Sitten folgend, nahe, dabei eine kirchliche Karriere einzuschlagen und das in Ferrara erlangte Doktorat im kanonischen Recht schien dies zu bestätigen. Nach Bohuslavs Rückkehr aus Italien im Winter 1482-1483 ernannte ihn König Vladislav II. zum Wyschehrader Propst, doch die Ambitionen des Hassensteiners waren damit keineswegs gestillt. Nach dem Tode des Olmützer Bischofs Protasius von Boskowitz und Č erná Hora († 1482), eines hochgebildeten und humanistisch ausgerichteten Kirchenmannes, der das von ihm seit 1457 geleitete Bistum durch macht- und religionspolitisch schwieriges Fahrwasser zu steuern vermochte, brachen für die Diözese unruhige Zeiten an und am Ende standen fast anderthalb Jahrzehnte verschiedene, einander abwechselnde Administratoren an der Spitze des Bistums, jedoch kein gewählter Bischof! Nach dem Tode des durch Papst Alexander VI. (1431-1503, Papst seit 1492) ernannten neuen Administrators Ardicino della Porta (1434-1493), der vor seinem Ableben auf sein Amt ver‐ zichtete, ohne jemals Olmützer Boden betreten zu haben, entschied sich das Domkapitel für Bohuslav von Lobkowitz. Auch einflussreiche Würdenträger Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 119 <?page no="120"?> 124 Vgl. Jan M A R T Í N E K , Bohuslav z Lobkovic a severozápadní Čechy [Bohuslav von Lobko‐ witz und Nordwestböhmen], in: Zprávy a studie Krajského muzea v Teplicích 15 (1982), S.-59f. 125 M A R T Í N E K / M A R T Í N K O V Á , Bohuslai Hassensteinii a Lobkowicz Epistulae (wie Anm. 107), S.-70, Nr.-58, 6. 126 Josef T R U H L ÁŘ , Humanismus a humanisté za krále Vladislava II. [Humanismus und Humanisten unter König Vladislav II.], Prag 1894, S.-116-120. 127 Vgl. Joseph F Ó G E L , Bohuslav Lobkovic von Hassistejn unter den Humanisten Ungarns, in: Ungarische Rundschau für historische und soziale Wissenschaften 2, 1913, S. 937- 945. in Rom votierten für den Kandidaten, doch machte Alexander VI. von seinem Ernennungsrecht Gebrauch und entschied sich - dem eigenen Nepotismus folgend - für seinen Neffen Juan de Borjia (oder Borgia) (1446-1503) als neuen Bischof. Dieser Vielpfründer bekleidete das Amt sogar pro forma bis 1497, ohne jemals in Olmütz zu erscheinen. Die Pläne und Hoffnungen Bohuslavs von Lobkowitz hatten sich damit zerschlagen, zurückgezogen lebte er bis 1494 in Flöhau bei Podersam/ Blšany in der Region Saaz in einem kleinen - heute nicht mehr bestehenden und auch archäologisch kaum mehr nachweisbaren - Kastell, das seinem Bruder Nikolaus gehörte, Besitzer der angrenzenden Herrschaft Litschkau/ Líčkov 124 . Nach dem Misserfolg in der Frage der Olmützer Kandidatur schien Bohuslav von Lobkowitz geradezu von Pessimismus überwältigt zu sein, der sich in den Worten äußerte ein weiser Mann sollte öffentliche Aktivitäten in einem durch schlechte Manieren verdorbenen Staat vermeiden  125 . Dennoch widersetzte er sich keineswegs dem Drängen des einflussreichen und literarisch tätigen Rates am Hofe Vladislavs II. in Buda, Jan Šlechta (1466-1525), der einer alten böhmischen Wladykenfamilie (Kleinadel) entstammte und den vormaligen Sekretär drängte, doch eine Stellung bei Hofe anzunehmen 126 . Der königliche Hof zu Buda übte im Vergleich zu Prag eine weitaus größere Strahlkraft aus und war vom Geist der Renaissance geprägt, darüber hinaus gab es hier einen Kreis von Humanisten, was es Bohuslav von Lobkowitz zweifellos erleichterte, der Aufforderung nachzukommen 127 . Dessen ungeachtet hielt es Bohuslav nur ein Jahr hier aus, bis Ende April 1503, dann zeigte er sich der feinfühlig registrierten, von Heucheleien und Intrigen geprägten Welt bei Hofe überdrüssig und kehrte, auch mit Blick auf seine Einnahmen als Sekretär ernüchtert, in das ruhigere Erzgebirgsvorland seiner Heimat zurück, zumal - unter finanziellen Gesichtspunkten - das erst‐ mals 1459 noch von Georg von Podiebrad gewährte und 1490 von Vladislav II. erneuerte Privileg des Silberbergbaus in der eigenen Herrschaft (in der Regel ein königliches Regal) größere Einnahmen versprach 128 . 120 Thomas Krzenck <?page no="121"?> 128 Vladislav II. erneuerte im Jahre 1500 noch einmal dieses Privileg (erweitert auch für andere Erze) für ein Vierteljahrhundert. Vgl. K Y Z O U R O V Á , Básník a král (wie Anm. 113), S.-17. 129 Eine Werkübersicht in: H E J N I C / M A R T Í N E K , Rukověť humanistického básnictví 3 (wie Anm. 116), S. 170-203. Zur Persönlichkeit Bohuslavs von Lobkowitz auf Hassenstein im kulturgeschichtlichen Kontext der Jagiellonenzeit K Y Z O U R O V Á , Básník a král (wie Anm. 113). Zum Kontext des Humanismus in den böhmischen Ländern um 1500 grundlegend der Sammelband Hans-Bernd H A R D E R / Hans R O T H E (Hg.), Studien zum Humanismus in den böhmischen Ländern, Köln/ Wien 1988. 130 K Y Z O U R O V Á , Básník a král (wie Anm. 113), S.-74. Die letzte Lebensdekade Bohuslavs von Lobkowitz stand ganz im Zeichen des familiären Engagements und der Einforderung der noch ausstehenden Gelder seines Hofdienstes in Buda, wobei dieses Problem erst im Februar 1507 erfolgreich gelöst werden konnte. In den Jahren 1504-1508 unterstützte Bohuslav seinen Bruder Johann II. in dessen Streit mit der Pfandstadt Kaaden. Ansonsten widmete sich der Hassensteiner seinen literarischen Vorlieben und seiner privaten Humanistenschule, was ihm in erheblichem Umfang seine finanzielle Unabhängigkeit gestattete. Im März 1509 finden wir Bohuslav unter den Teilnehmern der Prager Krönung des Königssohnes Ludwig II. (1506-1526), im darauffolgenden Jahr verstarb Bohuslav kinderlos und unverheiratet mit nicht einmal 50 Jahren. Seine letzte Ruhestätte fand der gelehrte Humanist, der eine umfangreiche, annähernd 200 Briefe in geschliffenem Latein umfassende Korrespondenz mit zahlreichen Zeitgenossen führte, 500 Gedichte unterschied‐ lichen Genres und drei Traktate (darunter De avaritia) der Nachwelt hinterließ, in der Familiengrablege der Pressnitzer Kirche 129 . Die Nach- oder besser Langzeitwirkungen seiner humanistischen Studien in Italien sollten wie bereits angedeutet ihren Niederschlag in Bohuslavs berühmter Bibliothek finden, die lange Zeit als verloren galt. Habent sua fata libelli! Anfänglich auf der Burg Hassenstein befindlich, gelangte sie später nach Komotau/ Chomutov, und als Ende der 1580 Jahre Bohuslav Joachim von Hassenstein die Herrschaft Komotau gegen das Georg von Lobkowitz gehörende Dominium Jung Bunzlau/ Mladá Boleslav eintauschte, gelangte die Bibliothek in den Besitz des Zweiges der Popel von Lobkowitz 130 . In den Wirren der böhmischen Geschichte des 17. Jahrhunderts finden wir die Bibliothek nach einigen Irrwegen schließlich seit 1671 in der neu errichteten Familienresidenz der Lobkowitz in Raudnitz an der Elbe/ Roudnice nad Labem, wo sie weitere 270 Jahre überdauerte, jedoch in den sich ständig vermehrenden Beständen, die zehn Schlossräume einnahmen, verschwand. 1941 wurde der gesamte Besitz von Max Fürst von Lobkowitz (1888-1967), der 1938 nach England emigrierte und dort als Legationsrat an der Botschaft der tschechoslowakischen Exilregierung Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 121 <?page no="122"?> 131 K Y Z O U R O V Á , Básník a král (wie Anm. 113), S.-74. 132 B O L D A N / U R B Á N K O V Á , Rekonstrukce knihovny (wie Anm. 101), S. 26. Darüber hinaus siehe K Y Z O U R O V Á , Básník a král (wie Anm. 113), S.-74. 133 K Y Z O U R O V Á , Básník a král (wie Anm. 113), S.-38. 134 K Y Z O U R O V Á , Básník a král (wie Anm. 113), S. 80f. mit weiteren Hinweisen auf die Spezialliteratur. 135 Zu diesem vgl. insbesondere Franz P O S S E T , Unser Martin. Martin Luther aus der Sicht katholischer Sympathisanten (Reformationsgeschichtliche Studien und Texte 161), und schließlich als Botschafter wirkte, durch die deutschen Besatzer konfisziert, die Sammlungen in das Prager Klementinum, die heutige Nationalbibliothek, überführt, wo sie wiederum mehrere Jahrzehnte unberücksichtigt ihr Dasein fristeten. Nach der Wiederentdeckung, Katalogisierung und Rekonstruktion wurde die Bibliothek im Zuge der Restitutionen in den 1990er Jahren den Eigentümern, der Familie Lobkowitz, zurückgegeben 131 . Der beachtliche Bestand umfasst 757 Drucke aus dem Besitz des Bohuslav von Lobkowitz auf Hassenstein, die dieser bereits seit seinen Bologneser Studienzeiten in den 1470er Jahren zusammenzutragen begann; allein bei seiner Rückkehr aus Italien 1483 führte Bohuslav etwa 200 Drucke mit 132 . Daneben kennen wir 18 lateinische Handschriften, die gleiche Zahl an griechischen Manuskripten sowie einen dickleibigen, hebräischen Pentateuch - alles in einem Umfang von 110.500 bedruckten Blättern. Etwa ein Viertel der Bibliothek ist nicht mehr erhalten. Aus 23 Städten bzw. dortigen Offizinen stammen die von dem bibliophilen Bohuslav mit nimmermüdem Eifer erworbenen Drucke, wobei Venedig mit 271 Schriften klar vor Straßburg (44) und Leipzig (41) dominiert 133 . Im Kontext zeitgenössischer Privatbibliotheken im Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit nimmt die Bibliotheca Hassensteiniana einen bedeutenden Platz ein. Unter den mitteleuropäischen Humanisten und Zeitge‐ nossen Bohuslavs ragte zweifellos die Büchersammlung des Rechtsgelehrten, Historikers und politischen Ratgebers Kaiser Maximilians I., Konrad Peutinger (1465-1547), heraus, die 2200 Bände umfasste, während der niederländische Universalgelehrte Erasmus von Rotterdam (1469-1536) „lediglich“ über 400 Titel in seiner Sammlung vereinte 134 . Der Katalog von Bohuslavs Bibliothek gewährt einen weitreichenden Ein‐ blick in die geistige Welt ihres Besitzers, die Rezeption der einzelnen Gedanken‐ ströme beziehungsweise die Quellen seines literarischen Werks. De facto als „Agent“ fungierte dabei der humanistisch eingestellte Eichstätter und Augsbur‐ ger Kanoniker Bernhard Adelmann (ca. 1457/ 59-1523), vormaliger Kommilitone aus Ferrara, der als getreuer und unermüdlicher Stützpfeiler von Bohuslavs ausländischem „Lieferantennetz“ agierte - und später auch zum Freund Martin Luthers wurde 135 . Die Funktion des Bibliothekars nahm seit der Mitte der 1480er 122 Thomas Krzenck <?page no="123"?> Münster 2015, S. 25-49 sowie Konrad H E Y D E N R E I C H , Bernhard Adelmann von Adel‐ mannsfelden. Humanist von der Ostalb forciert den Verlauf der Frühreformation, in: Schwäbische Heimat, 69,3 (2018), S.-306-313. 136 T R U H L ÁŘ , Listinář Bohuslava Hasištejnského (wie Anm. 119), S.-32, Nr.-27. 137 K Y Z O U R O V Á , Básník a král (wie Anm. 113), S.-75. 138 Vgl. hierzu auch Filip K A R F Í K , Bohuslav von Lobkowicz auf Hassenstein und der Florentiner Platonismus, in: Florentine Platonism and Central Europe, hg. von Jozef M A T U L A , Olomouc 2001, S.-41-71. 139 Vgl. B O L D A N / U R B Á N K O V Á , Rekonstrukce knihovny (wie Anm. 101), Kat.-Nr. IV. 140 Vgl. K Y Z O U R O V Á , Básník a král (wie Anm. 113), S.-75. Jahre bis zu seinem frühzeitigen Tod der aus Deutschland stammende Stefan Piso ein, den Bohuslav in einem Brief vom 16. April 1491 während seiner Mittelmeerreise bat, die Bibliothek vor allen Gefahren, insonderheit vor Motten, zu schützen 136 . Die Bücher waren auf der Burg Hassenstein in den jeweiligen Regalen nicht mit ihren Rücken nach außen aufgestellt, sondern, der zeitgenössischen Gewohnheit folgend, den vorderen Buchschnitten. Die Bibliothek war in meh‐ rere Sachbereiche unterteilt: den Autoren entsprechend standen gleich an der Spitze Dichter, ihnen folgten Ärzte, Philosophen, Theologen, Juristen, Astrono‐ men, am Ende dann griechische Schriftsteller 137 . Die thematische Bandbreite der Bibliothek war sehr umfangreich - von mittelalterlichen theologischen Traktaten, juristischen Handbüchern, medizinischen Kompendien bis hin zu Werken der Astronomie und Geschichtsschreibung 138 . Wie andere Humanisten auch bemühte sich Bohuslav von Lobkowitz auf Hassenstein, wertvolle alte Kodizes aufzuspüren und zu erwerben, wovon ein illuminiertes Evangeliar aus dem 10. Jahrhundert Zeugnis ablegt 139 . Neben der lateinischen ist darüber hinaus gerade die griechische Literatur stark vertreten, wobei sich Bohuslav bemühte, nicht allein lateinische Abschriften griechischer Werke im Original zu studieren, sondern zugleich seltene griechische Originale zu erwerben. Einige davon wurden nach Bohuslavs Tod nach Wittenberg ausgeliehen, wo sie Martin Luther und Philipp Melanchthon zu Studienzwecken dienten, auf dem Rückweg freilich 1525 bei einer großen Feuersbrunst in Komotau ein Opfer der Flammen wurden 140 . Ob Bohuslav von Lobkowitz auf Hassenstein als Humanist die sieben Jahre nach seinem Ableben ausbrechende Reformation Martin Luthers mit ihren weitreichenden Folgen gutgeheißen hätte, sei dahingestellt. Der festverankerte katholische Glauben war ihm Halt und Richtschnur sein ganzes Leben lang. Als Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 123 <?page no="124"?> 141 Bereits 1509 - also ein Jahr vor dem Tod des Verfassers - erschienen bei dem ersten bedeutenden Reformationsdrucker Melchior Lotter dem Älteren (1470-1549) in Leipzig die Opuscula Bohuslai Baronios de Hassenstayn que hoc volumine continentur im Druck. 1808 würdigte der aus Italien stammende Ignaz Cornova (1740-1822), Jesuit, Vordenker der Aufklärung, Prager Freimaurer und Professor für Geschichte an der Karlsuniversi‐ tät, den Hassensteiner in der Abhandlung Der große Böhme Bohuslaw von Lobkowitz und zu Hassenstein: nach seinen eigenen Schriften geschildert, Prag 1808. Um die Edition der Briefe Bohuslavs haben sich vor allem - nach dem Briefbuch des adeligen Humanisten durch den Buchhändler, Literaturwissenschaftler und Übersetzer Josef Truhlář (1840- 1914) 1893 - Jan M A R T Í N E K / Jana M A R T Í N K O V Á , Bohuslai Hassensteinii a Lobkowicz epistulae 1: Epistulae de re publica scriptae, Leipzig 1969, 2: Epistulae ad familiares, ebd. 1980, verdient gemacht. Vgl. darüber hinaus die kritische Edition Marta V A C U L Í N O V Á (Hg.),-Bohuslaus Hassensteinius a Lobkowicz: Opera poetica, München/ Leipzig 2006. humanistisch geprägter Bibliophiler jedenfalls hat Bohuslav seinen festen Platz in der historischen Erinnerung gefunden 141 . Abb. 4: Bohuslav von Lobkowitz auf Hassenstein. 124 Thomas Krzenck <?page no="125"?> 142 Neben den wiederholt zitierten Studien von Petr Hlaváček sei hier exemplarisch auf zwei Aufsätze verwiesen. Stanislav S O U Č E K , A Czech Nobleman’s Pilgrimage to the Holy Land: 1493, in: Turks, Hungarians and Kipchaks: A Festschrift in Honor of Tibor Halasi-Kun ( Journal of Turkish Studies 8, 1984), S. 233-240; Olivier M A R I N , Obraz turecké hrozby v díle „Putování k Svatému hrobu“ od Jana Hasištejnského z Lobkovic (1493) [Das Bild der Türkengefahr im Werk „Pilgerfahrt zum Heiligen Grab“ von Johann Hassenstein von Lobkowitz], in: Pavel S O U K U P / Jaroslav S V Á T E K (Hg.), Křížové výpravy v pozdním středověku. Kapitoly z dějin náboženských konfliktů, Prag 2010, S. 138-154. Vgl. darüber hinaus D E N ., Le péril turc au miroir du Pélerinage au Saint-Sépulcre de Jean Hasištejnský de Lobkovice (1493), in: La noblesse et la croisade à la fin du Moyen Âge (France, Bourgogne, Bohême), Toulouse 2009, S.-233-253. 143 Zu Cosmas vgl. jetzt Martin W I H O D A , Kosmas, Praha 2024. 144 Vgl. Bertold B R E T H O L Z (Hg.), Die Chronik der Böhmen des Cosmas von Prag, Berlin 1923, II. Buch, Kap. LI, S.-158. 8 Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein als Jerusalemfahrer im Kontext böhmischer Reisender ins Heilige Land Doch kehren wir zu Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein zurück, den wir bei seiner diplomatischen Romreise 1487 verlassen hatten. Neben den geschilderten Aktivitäten des Hassensteiners waren es in erster Linie zwei Be‐ reiche, die dessen besondere Aufmerksamkeit seit den ausgehenden 1480er und beginnenden 1490er Jahren erforderten: die Verwaltung der eigenen Dominien um die Burg Hassenstein sowie der planmäßige Ausbau der Pfandstadt Kaaden. Unterbrochen - oder als eine Art verbindendes Element dienend - wurde dies durch die Pilgerfahrt des Hassensteiners zum Heiligen Grab nach Jerusalem. Die Pilgerreise nach Jerusalem war zweifellos ein oder vielmehr der Höhepunkt im Leben von Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein, die in der Tradition der in diesem Kontext verankerten böhmischen wie nichtböhmischen Reisen steht und in der Literatur einige Aufmerksamkeit erfahren hat 142 . Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein war - von seinem jüngeren Bruder Bohuslav einmal abgesehen - keineswegs der erste böhmische Adelige im Hochbzw. Spätmittelalter, der sich auf eine Reise nach Jerusalem begab. Hier kann bereits von einer längeren Tradition gesprochen werden. Nachrichten über böhmische Pilger in das Heilige Land reichen bis in die Zeit des Chronisten Cosmas von Prag (um 1045-1125) zurück 143 , der über eine Reise des Prager Kanonikers Ozzel (d. h. Osel = Esel) nach Jerusalem vor 1092 berichtet 144 . Seit den 1120er Jahren verdichtet sich, wiederum auf Cosmas fußend, diesbezüglich die Überlieferung, wobei der Prager Chronist auch auf den Jerusalembesuch des Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 125 <?page no="126"?> 145 Zum Kontext vgl. Marie B L Á H O V Á , Možnosti a formy cestování ve středověkých Čechách a jejich odraz v soudobé historiografii [Die Möglichkeiten und Formen des Reisens im mittelalterlichen Böhmen im Spiegel der zeitgenössischen Geschichtsschrei‐ bung], in: Acta Universitatis Purkynianae, Philosophica et Historica, Studia Historica 2, 1965, S. 39-52 (hier S. 45). 1137/ 38 finden wir im Übrigen Heinrich Zdík erneut im Heiligen Land, wo der Prälat die Ordensregel der Augustiner annahm. Im Jahr darauf finden wir den Bischof auf dem zweiten Laterankonzil. Vgl. Jana H R B ÁČ O V Á et al., Jindřich Zdík (1126-1150): Olomoucký biskup uprostřed Evropy [Heinrich Zdik (1126-1150). Ein Olmützer Bischof im Zentrum Europas], Olomouc 2009. 146 Vgl. Gerhard W O L F , Die deutschsprachigen Reiseberichte des Spätmittelalters, in: Der Reisebericht, hg. von Peter J. B R E N N E R , Regensburg 1988, S.-81-116 (hier S.-87-89). 147 Maria Elisabeth D O R N I N G E R , Topographie des Heiligen Landes. Zu den Pilgerreisen im Mittelalter am Beispiel von Hans Tucher, in: Ringvorlesung WS 2002/ 2003: Orient und Okzident des Mittelalters. Kontakte und Konflikte, Universität Salzburg 2003. 148 Zur Ebstorfer Weltkarte exemplarisch Jürgen W I L K E , Die Ebstorfer Weltkarte, Bielefeld 2001. 149 Vgl. Folker R E I C H E R T , Erfahrung der Welt. Reisen und Kulturbegegnung im späten Mittelalter, Stuttgart 2001, S.-12. Olmützer Bischofs Heinrich Zdik (etwa 1080-1150) verweist, der 1123 eine Reise ins Heilige Land unternahm 145 . Im ausgehenden Mittelalter stieg die Zahl der ins Heilige Land Reisenden nach dem schmachvollen Ende der Kreuzzüge. Auch wenn die von Gerhard Wolf 1988 genannte Zahl von allein 65 Schriftzeugnissen unterschiedlicher Provenienz aus verschiedenen Ecken Europas diesbezüglich nicht mehr aktuell ist, zeigt sie doch eine wachsende Zahl derartiger Dokumente 146 . Der Grund für Reisen und peregrinationes maiores in diese Region - neben jenen ebenfalls „klassischen“ Fernwallfahren nach Santiago de Compostela und Rom - lag dabei auf der Hand: Das Heilige Land und die Geburts- und Wirkungsstätte Christi (zugleich Ort seiner Kreuzigung und Auferstehung) sowie seiner Apostel bildete de facto den Ausgangspunkt der christlichen Lehre 147 . Alle christlichen Weltkarten des Mittelalters richteten folglich, wie etwa die um 1260 entstandene und in der British Library aufbewahrte Londoner Mappa mundi oder die größte, aus 30 zusammengenähten Pergamentblättern bestehende und 1943 verbrannte Ebstorfer Weltkarte (um 1300), ihre Orientierung nach Jerusalem aus 148 . Man pilgerte folgte zum Mittelpunkt bzw. ins Zentrum der Welt, das sich seit dem Fall von Akkon 1291 in muslimischer respektive mamlukischer Hand befand. Adelig-ritterliches Reisen ging dabei wie im Falle Johanns II. von Lobkowitz auf Hassenstein von „ökonomischer Abkömmlichkeit“ (Max Weber), also dem Anspruch auf Freiheit von wirtschaftlichen Zwängen bei „gleichzeitiger Verfügbarkeit von Zeit und Mitteln“ (Folker Reichert) aus 149 . Während für Bohuslav von Lobkowitz auf Hassenstein innerhalb seiner Mittelmeerreise Jerusalem lediglich eine Zwischenstation darstellte, bildete 126 Thomas Krzenck <?page no="127"?> 150 Zu Martin Křivoústý im Kontext böhmischer Jerusalemfahrten vgl. Vojtěch B A Ž A N T , Vnímání prostoru v českých cestopisech 15. století [Die Wahrnehmung des Raumes in tschechischen Reiseberichten des 15. Jahrhunderts], Karlsuniversität Prag 2012 (Diplomarbeit) sowie D E N S ., Prostor Svaté země v českých cestopisech 15. století [Der Raum des Heiligen Landes in tschechischen Reiseberichten des 15. Jahrhunderts], in: Fenomén cestopisu v literatuře a umění střední Evropy, hg. von Jiří H R A B A L , Olomouc 2015, S. 55-67. Grundsätzlich kontextualisiert jetzt in Vojtěch B A Ž A N T / Jaroslav S V Á T E K , Středověké cestopisy v českých zemích [Mittelalterliche Reiseberichte in den böhmischen Ländern], Prag 2024 (zu Křivoústý hier S.-332-341). 151 Zur Jerusalemreise des Bakkalars Martin bereits Josef J I R E Č E K , Cesta do Jeruzaléma z l. 1490 [Der Weg nach Jerusalem aus dem Jahre 1490], in: Časopis Musea Království českého 35 (1861), S. 272-273. Zur tschechischen Übersetzung des Reiseberichts wie‐ derum Jaroslav K O L Á R , České znění Cesty do Jeruzaléma Martina Křivoústého [Die tschechische Fassung der Reise nach Jerusalem des Martin Křivoústý], in: Strahovská knihovna 18-19 (1983-1984), S. 67-95 (die Edition hier auf S. 75-89). Vgl. jetzt auch B A Ž A N T / S V Á T E K , Středověké cestopisy (wie Anm. 150), S.-342-345. 152 K O L Á R , České znění Cesty do Jeruzaléma (wie Anm. 151), S.-70. 153 Zum Kontext wiederum B A Ž A N T , Vnímání prostoru (wie Anm. 150), S.-22-25. sie für zwei andere Böhmen vor der Pilgerfahrt Johanns II. das eigentliche Ziel. Dabei handelte es sich zum einen um den kaum bekannten und quellen‐ mäßig äußerst fragmentarisch fassbaren Bakkalar Martin genannt Schiefmund (tschech. Křivoústý), der vermutlich in den Jahren 1474-1475 seine Via in Ierusalem unternahm 150 . Eine Übersetzung ins Tschechische der ursprünglich lateinischen Fassung seines schmalen - lediglich in einer Prager Handschrift überlieferten - Reiseberichts, erhalten in einer Abschrift von 1573, wurde bereits 1490 angefertigt, also bald nach Fertigstellung des lateinischen Originals 151 . Der Bakkalar Martin reiste dabei von Venedig als traditionellem Ausgangspunkt der Jerusalem-Wallfahrten zunächst entlang der Ostküste der Apenninhalbinsel zu Fuß nach Süden bis Tarent, von dort mit dem Schiff über Korfu nach Methoni (Modon) auf den Peleponnes, weiter mit einem großen Schiff über Rhodos nach Famagusta auf Zypern, dann in das libanesische Tripoli, von hier aus auf Maultieren nach Damaskus, um anschließend in südwestliche Richtung bis zum Jordan zu gelangen, zum Berg Tabor, über Galiläa und die Stadt Rama nach Jerusalem. Die Rückreise erfolgte über Zypern, Rhodos, Kreta, Modon (Methoni) und Korfu entlang der dalmatinischen Küste wieder nach Venedig auf der klassischen Route 152 . Unmittelbar vor Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein unternahm ein weiterer Landsmann aus Böhmen eine gut einjährige Jerusalem-Wallfahrt: Martin Kabátník (1428-1503), ein Angehöriger der Unitas Fratrum  153 . Der aus Leitomischl/ Litomyšl stammende Bürger hinterließ der Nachwelt ebenfalls einen Bericht seiner Reise, den er freilich - selbst Analphabet - einem Mitrei‐ senden, dem Bakkalar Adam, diktierte, der diesen zudem mit einem eigenen Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 127 <?page no="128"?> 154 Vgl. die Edition auf der Grundlage der Handschrift in der Bibliothek des Prager Metropolitankapitels von Justin P R Á Š E K (Hg.), Martina Kabátníka cesta z Čech do Jerusalema a Kaira r. 1491-92 [Martin Kabátníks Reise von Böhmen nach Jerusalem und Kairo im Jahre 1491-92], Prag 1894. Zum Kontext wiederum Cesta z Čech do Jeruzaléma a Egypta Martina Kabátníka z Litomyšle a na té cestě sepsání rozličných zemí, krajin, měst a způsobův jich i také obyčejův lidí vnově vytištěná. Léta Páně 1539 (Litomyšl) [Reise von Böhmen nach Jerusalem und Ägypten von Martin Kabátník aus Litomyšl und auf dem Weg eine Beschreibung verschiedener Länder, Landschaften, Städte und deren Wege und auch Sitten der Menschen nachgedruckt. Im Jahre des Herrn 1539 (Leitomischl)], in: Mezi houfy lotrův se pustiti. České cestopisy o Egyptě 15.-17. století [Sich unter die Schurken mischen. Böhmische Reiseberichte über Ägypten vom 15.-17. Jahrhundert], hg. von Lucie S T O R C H O V Á , Prag 2005, S. 1-18. Zum Kontext B A Ž A N T / S V Á T E K , Středověké cestopisy (wie Anm. 150). 155 Vgl. P R Á Š E K , Martina Kabátníka cesta z Čech do Jerusalema a Kaira (wie Anm. 154), S. 1. Zu den Unterschieden katholischer und utraquistischer Wallfahrer aus Böhmen generell vgl. Jaroslav S V Á T E K , Zbožné cestování. Katolické a utrakvistické poutnictví [Fromme Reisen. Katholische und utraquistische Pilgerfahrten], in: Husitské re-for‐ mace: proměna kulturního kódu v 15. století, hg. von Pavel S O U K U P / Pavlína C E R M A N O V Á , Prag 2019, S.-201-225. 156 P R Á Š E K , Martina Kabátníka cesta z Čech do Jerusalema a Kaira (wie Anm. 154), S.-2. 157 Vgl. B A Ž A N T , Vnímání prostoru (wie Anm. 150), S.-23. Vorwort versah 154 . Hier wird auch ein Grund für die Jerusalemreise genannt: Vier Brüder, also Angehörige der Unitas Fratrum, sandte man von Böhmen aus in die Welt, um festzustellen, ob es noch ein Volk auf der Erde gäbe, welches nach Art und Ordnung der ersten heiligen Kirche lebe 155 . Alle brachen gemeinsam von Böhmen aus auf, in Konstantinopel trennte man sich dann: ein Bruder ging in die griechischen Länder, einer in die tatarischen Gebiete nach Moskau, ein dritter blieb vor Ort und Bruder Martin setzte die Reise nach Ägypten und Jerusalem fort 156 . Alle sollten Kontakte knüpfen zu jenen Gemeinden, in denen, so hoffte man, die Regeln der Urkirche noch Gültigkeit besaßen. Dass dieser Reisebericht in der Folge reges Interesse hervorrief, belegen die zahlreichen Auflagen bzw. Drucke seit 1539 157 . Im Bericht des Martin Kabátník dominiert auf den ersten Blick der beschreibende Charakter all dessen, was der Pilger auf seiner Reise erblickte. Ausgehend von den detaillierten Beschreibungen der Städte und den Hinweisen auf die einheimische Kleidung, lässt Martin Kabátník keinen einzigen der lokalen Bräuche und örtlichen Traditionen aus, womit er den Leser in seinen Bann zu ziehen versuchte. Der Reisebericht ist in einer an eine mündliche Rede erinnernden Form verfasst. Wenngleich auch Kabátník alle wichtigen Stätten des Lebens Christi aufsuchte und diesen eine ihnen gebührende Beschreibung widmete, spielen sie doch keine derart maßgebliche Rolle wie bei Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein. Was die Motivation für ihre religiöse Wallfahrt anbetrifft, 128 Thomas Krzenck <?page no="129"?> 158 Bohdan M A Ł Y S Z , Problematika wyznaniowa w relacjach Czechów podróżujących na bliski wschód w II połowie XV wieku [Religiöse Themen in den Berichten von Tschechen, die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in den Nahen Osten reisten], in: Portolana. Studia mediterranea 2: Religie świata śródziemnomorskiego, Krakau 2006, S.-211f. 159 Vgl. B A Ž A N T / S V Á T E K , Středověké cestopisy (wie Anm. 150), S.-346-351. 160 Vgl. hierzu ausführlich Jaroslav S V Á T E K , Tschechische Übersetzungen deutscher Reise‐ berichte im späten 15. Jahrhundert. Der „Traktat über das Heilige Land“ und das „Leben Mohammeds“, in: Bohemia 58 (2018), S.-324-342. standen bei Martin Kabátník und Martin Křivoústý die Legitimation des ei‐ genen Glaubens und die Abgrenzung gegenüber der römischen Kirche im Vordergrund 158 , während der Katholik Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein seinem offiziellen katholischen Bekenntnis sichtbar Ausdruck verlieh. Der erst ein Jahrzehnt nach seiner Rückkehr von der Peregrinatio maior zum Heiligen Grab in Jerusalem verfasste, lediglich in einer Papierhandschrift von 1515 in der Prager Nationalbibliothek vollständig überlieferte und 180 Folienblätter umfassende Bericht Johanns II. von Lobkowitz auf Hassenstein fußt auf einem nicht erhaltenen, im Verlaufe der Pilgerreise geführten Diarium. 1902 wurde dieser Bericht von dem böhmischen Mittelschulprofessor Ferdinand Strejček (1878-1963) erstmals ediert - sechs Jahrzehnte, nachdem der Slawist und Bibliothekar František L. Čelakovský (1799-1855) die Abschrift des Has‐ sensteiners aufgespürt hatte 159 . Des Hassensteiners Bericht steht in seinem Bekanntheitsgrad eindeutig hinter jenen spätmittelalterlichen Reiseberichten von Zeitgenossen. Erwähnung verdienen hier der Ulmer Dominikaners Felix Fabri (1438-1502), der Mainzer Jurist und erzbischöfliche Beamte Bernhard von Breydenbach (um 1440-1497) und der Konstanzer Patrizier Konrad Grünemberg († 1494), Verfasser der nach 1486 entstandenen, ebenfalls reich illustrierten Pilgerfahrt ins Heilige Land. Dessen ungeachtet muss sich Johanns Schilderung in alttschechischer Sprache (im vorliegenden Band erstmals in deutscher Übersetzung präsentiert) mit Blick auf Umfang und Inhalt keineswegs hinter den genannten Berichten verstecken. Inwieweit Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein im Kontext der Nieder‐ schrift durch die um 1500 in Böhmen zu verzeichnende Verbreitung von Über‐ setzungen ausländischer Pilgerberichte ins Tschechische beeinflusst wurde, muss Spekulation bleiben, lässt sich andererseits als Motivationsgrund nicht ausschließen. Der früheste bekannte tschechische Buchdrucker Mikuláš Štětina genannt Bakkalar, der aus Oberungarn stammte, vermutlich in den 1480er Jahren ins westböhmische Pilsen kam und sich dort seit 1493 quellenmäßig fassen lässt, brachte 1498 den in zwei Wiegendrucken überlieferten Traktat O zemi svate in seiner Pilsener Offizin heraus 160 . Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 129 <?page no="130"?> 161 Vgl. Petr H L A V ÁČ E K , Církevně-politický a spirituální profil Jana Hasištejnského z Lobko‐ wicz [Das kirchenpolitische und spirituelle Profil Johann Hassensteins von Lobkowitz], in: Mýtus Ulrich Creutz. Vizuální kultura v Kadani za Jana Hasištejnského z Lobkowicz (1469-1517), hg. von Michaela O T T O V Á / Aleš M U D R A , Litoměřice/ Prag 2017, S.-48-53. 162 Petr H L A V ÁČ E K , Nový Jeruzalém? Spirituální rozměr kadaňské rezidence Jana Hasiš‐ tejnského z Lobkowicz († 1517) [Ein neues Jerusalem? Die spirituelle Dimension der Kaadener Residenz Johann Hassensteins von Lobkowitz († 1517)], in: Dvory a rezidence ve středověku, hg. von Jana D V O ŘÁČ K O V Á -M A L Á / Jan Z E L E N K A , Prag 2006, S.-237-272. 163 Petr H L A V ÁČ E K , Čtrnáct svatých Pomocníků. K pozdně středověké spiritualitě elit a její christocentrické dimenzi [Die 14 Heiligen Helfer. Zur spätmittelalterlichen Spiritualität der Eliten und deren christozentrischer Dimension], Prag 2014, S.-166f. 164 Petr H L A V ÁČ E K , Proč biskup Benedikt z Valdštejna navštívil roku 1493 Kadaň? [Warum besuchte Bischof Benedikt von Waldstein im Jahre 1493 Kaaden? ], in: Památky, příroda, život. Vlastivědný čtvrtletník Chomutovska a Kadaňska 38,3 (2006), S.-21-24. 165 Vgl. H L A V ÁČ E K , Jan Hasištejnský z Lobkowicz aneb františkánství mezi Kadaní a Jeruzalémem (wie Anm. 68), S.-247-262 (hier S.-254). 9 Das kirchenpolitische und spirituelle Profil Johanns II. von Lobkowitz auf Hassenstein Die im Spannungsfeld von religiösen und touristischen Ritualen angesiedelte Peregrinatio maior Johanns II. selbst gewährt in einzigartiger Weise Einblicke in das kirchenpolitische und spirituelle Profil des Hassensteiners, das heißt in seine geistige Welt 161 . Die Jerusalemfahrt begann dabei nicht erst mit dem eigentlichen Reiseantritt, sondern besitzt ihre franziskanisch geprägte Vorgeschichte, die bis in die 1470er Jahre zurückreicht. Bereits 1473 agierte der Kaadener Pfandherr bei der Gründung des Franziskanerkonvents der Vierzehn Heiligen Helfer in der nordwestböhmischen Stadt, das bald zu einem führenden Kloster im gesamten Königreich Böhmen aufsteigen sollte 162 . Acht Jahre später übertrug König Vladislav II. die Fundatorenrechte auf Johann II., dessen Brüder und deren Nachkommen, wobei die Kirche in der Folge zugleich als Hauptnekropole der Lobkowitz auf Hassenstein dienen sollte 163 . Im Frühjahr 1493 weilte Benedikt von Waldstein (um 1440-1505), seit 1485 Bischof von Cammin und einer der Unterstützer von Johanns Bruder Bohuslav bei der Anwartschaft auf den Bischofsstuhl in Olmütz, in Kaaden und bereitete den Hassensteiner auf seine bevorstehende Pilgerreise nach Jerusalem de facto geistlich vor 164 . Kaaden und insonderheit sein Franziskanerkonvent profilierte sich an der Wende vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit unter dem Patronat Johanns II. von Lobkowitz auf Hassenstein als „wichtiges spirituelles und intellektuelles Zentrum mit einer christozentrisch und reformorientiert ausgerichteten Fröm‐ migkeit, wobei die Ordensbrüder im eschatologischen, auf Jerusalem als Haupt‐ schauplatz des Geschehens ausgerichteten Ort, ihr Seelenheil suchten“ 165 . Petr Hlaváček hat darauf verwiesen, dass zahlreiche Indizien dafür sprechen, gerade 130 Thomas Krzenck <?page no="131"?> 166 Vgl. Petr R A K , Kadaň doby Ulricha Creutze [Kaaden in der Zeit von Ulrich Creutz], in: Mýtus Ulrich Creutz (wie Anm. 161), S.-18-27. 167 Vgl. mit Quellenbelegen H L A V ÁČ E K , Nový Jeruzalém? (wie Anm. 65), S.-250. 168 H L A V ÁČ E K , Nový Jeruzalém? (wie Anm. 65), S.-258f. 169 Vgl. hierzu auch unter kulturgeschichtlichen Aspekten Jan C H L Í B E C , Jan Hasištejnský z Lobkowicz a výtvarná kultura Benátek [ Johann Hassenstein von Lobkowitz und die bildnerische Kultur Vernedigs], in: Acta Musei Nationalis Pragae - Historia litterarum 61,1-2 (2007), S.-69-75. im Franziskanerkonvent der Vierzehn Heiligen Nothelfer eine Art „Kaadener Jerusalem“ beziehungsweise „Kaadener Golgatha“ zu erblicken, auch wenn sich diese Annahme freilich unmittelbar erst aus Quellen des 16. Jahrhunderts rekonstruieren lässt. Vom 1401 erstmals erwähnten Rathaus 166 der Stadt führte eine heilige gasse zum heyligen thor, wobei dieses Stadttor eine Marienstatue barg und der Weg von hier aus durch eine Vorstadt und den Kreuzweg direkt bis zum Kloster führte 167 . Möglicherweise deuten darüber hinaus mehrere liturgische Handschriften auf die Familie Lobkowitz auf Hassenstein, darunter das in der Prager Nationalbibliothek aufbewahrte und aus dem Jahre 1494 stammende sogenannte Lobkowitz-Brevier sowie das Lobkowitz-Gradual in Prag, durch einen katholischen Adeligen vor 1500 in Auftrag gegeben 168 . Von Kaaden startete Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein (vermutlich ohne zuvor, wie bei Pilgern häufig üblich, ein Testament aufgesetzt zu haben) am 15. April 1493 seine abenteuerliche Reise, die ihn über Bayern und Tirol zunächst an den Ausgangsort der weiteren Peregrinatio maior führte: nach Venedig, wo er am 5. Mai 1493 eintraf und damit die Lagunenstadt zum zweiten Mal betrat, nachdem er sechs Jahre zuvor als königlicher Diplomat Vladislavs II. auf seiner Mission nach Rom bereits einmal venezianischen Boden betreten hatte. Auch wenn das eigentliche Ziel der Pilgerfahrt Jerusalem bildete, zählen die den Denkmälern, Gewohnheiten und vor allem die den Reliquien Venedigs gewidmeten Passagen zu den ausführlichsten in Johanns Bericht 169 . Immerhin 25 Tage hielt sich der Hassensteiner hier auf. In weitaus größerem Umfang als die gewöhnlichen Jerusalemfahrer, die in der Lagunenstadt Zwischenstation machten, vermochte Johann II. in diesem Kon‐ text die topografischen, sozialen und politischen Verhältnisse in der Serenissima zumindest in groben Zügen zu erfassen, was seiner adeligen Herkunft, vor allem jedoch seinem Renommee als vormaliger Abgesandter König Vladislavs II. von Böhmen geschuldet sein dürfte. Die Besichtigung des wie ein Augapfel von der Republik gehüteten Schiffswerks und Zeughauses, des Arsenals, der Besuch des Dogenpalastes, dessen marmorne Pracht bereits Konrad Grünemberg tief beeindruckt hatte, die Einblicke in die Staatsverwaltung der Dogenrepublik Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 131 <?page no="132"?> 170 Der Verfasser dank Dr. Hartmut Kühne sehr herzlich für die Einsicht in seinen Vortragstext vor der Drucklegung: Hartmut K Ü H N E , Friedrich der Weise im Heiligen Land: Fakten und Fiktionen, in: Friedrich der Weise. Reichsfürst und Landesherr an einer Zeitenwende, hg. von Enno B Ü N Z / Stefan R H E I N (Schriften der Stiftung Lutherge‐ denkstätten 28), Leipzig 2025, S.-406-428.- 171 Konkret zur Türkengefahr in der Schilderung der Pilgerfahrt Johanns II. von Lobkowitz auf Hassenstein vgl. M A R I N , Obraz turecké hrozby (wie Anm. 143), S.-138-154. 172 Vgl. L A N G , Der reisende Kurfürst Friedrich der Weise (wie Anm. 10), S. 175-186, hier S.-176. 173 Bereits 1441 wird ein Zaccaria Contarini als Pilgerführer für Jerusalemfahrer erwähnt. Vgl. Kurt H E L L E R , Recht, Kultur und Leben in der Republik (697-1797), Wien 1998, S. 40. sowie die Teilnahme am Sposalizio del Mare - also in toto der berühmte Blick hinter die Kulissen - mag hiervon Zeugnis ablegen. Auch die Zusammenkunft mit dem ernestinischen Kurfürsten, Friedrich dem Weisen von Sachsen, der parallel zu Johann in der Lagunenstadt weilte und mit einem leichten zeitlichen Vorsprung vor diesem - im zweiten, eigenen Schiff - die Jerusalemfahrt unternahm 170 , spricht für das hohe Ansehen des Hassensteiners, ebenso der Empfang durch den Dogen Agostino Barbarigo (1419-1501) sowie die Teilnahme des Hassensteiners an der feierlichen Begrü‐ ßung der Herzoginnen von Mantua, Ferrara und Mailand. Die meiste Zeit seines Aufenthalts in Venedig nutzte Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein freilich für den Besuch der zahlreichen Klöster in der Stadt und auf umliegenden Inseln sowie der darin aufbewahrten und verehrten Reliquien. Bereits seit dem 12. Jahrhundert finden sich diesbezüglich in Venedig eigene „Pilger-Beamte“, die sog. Cattaveri, die den ausländischen Pilgern ihre Dienste anboten. Die keineswegs ungefährliche Reise auf einer Galeere entlang der klassi‐ schen Seeroute Richtung Heiliges Land - immerhin galt es den Unbilden des Meeres, möglichen Überfällen durch Piraten sowie der Konfrontation mit den gefürchteten Osmanen zu trotzen 171 - erfolgte dabei zu erheblichen Teilen im Machtbereich der Serenissima, was die zahlreichen venezianischen Stützpunkte wie Modon, auf Korfu und Kretasowie in Zypern, wo die Dogenrepublik bis 1571 das Sagen hatte, bezeugen. Die gesamte Fahrt erwies sich als ein teures Unterfangen. Zum Vergleich: Allein die Pilgerreise Friedrichs des Weisen verschlang 30-40 % der gesamten kursächsischen Landeseinnahmen, was nicht zuletzt der Größe der Pilgergruppe geschuldet war 172 . Nach dreiwöchigem Venedig-Aufenthalt schiffte sich Johann II. von Lobko‐ witz auf Hassenstein am 31. Mai 1493 auf der Pilger-Galeere des Agostino Contarini ein, der als professioneller „Reiseführer“ über vielfache - in seiner Fa‐ milie mehr als halbes Jahrhundert vererbte 173 - Erfahrungen als Jerusalemfahrer verfügte und dem jeder an Bord mitreisende Pilger zuvor (in einem Vertrag 132 Thomas Krzenck <?page no="133"?> 174 Die Hälfte der Summe wurde in Venedig, die andere Hälfte erst im Heiligen Land gezahlt. 175 Vgl. H L A V ÁČ E K , Jan Hasištejnský z Lobkowicz aneb františkánství (wie Anm. 68), S. 155. 176 Dies vermutet H L A V ÁČ E K , Jan Hasištejnský z Lobkowicz aneb františkánství (wie Anm. 68), S.-256. 177 Vgl. H L A V ÁČ E K , Nový Jeruzalém (wie Anm. 161), S.-248. 178 Vgl. S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 17), S.-3, 99. 179 Vgl. Reinhold R O E H R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz, in: Zeitschrift des deutschen Palästinavereins 17 (1894), S. 98-114, 185-200, 277-301. Johanns II. Gemeinschaft erscheint als eine von fünf auf S.-300 genannten Gemeinschaften. 180 Vgl. S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 17), S. 99-102. Zur Reisegruppe insgesamt siehe Europäische Reiseberichte des späten Mittelalters 1 (wie Anm. 10), S.-251, Nr.-100. festgehalten) die Summe von 50 Dukaten als Kostenpauschale zu bezahlen hatte 174 . Das gesamte Prozedere war eingebunden in die venezianische Pilger- und „Touristen“-Industrie, die sich dabei der hochentwickelten franziskanischen Infrastruktur im Mittelmeerraum bediente 175 . Ob oder inwieweit Johann II. für seine Reise angesichts seines Kaadener Engagements in diesem Zusammenhang Empfehlungsschreiben böhmischer Franziskaner mit sich führte - etwa des Kaadener Guardians Eusebius von Neumarkt oder des Provinzialvikars der böhmischen Franziskaner-Observanten Paulinus von Löwenberg - muss Speku‐ lation bleiben 176 . Im Verlaufe seiner Reise besuchte Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein die Klöster der Franziskaner-Observanten in Venedig, auf der Insel St. Michael (Pasman), im dalmatinischen Lesina (Hvar), in Ragusa (Dubrovnik), auf Kreta, Rhodos, in Jerusalem sowie in Bethlehem bzw. deren Spital in Rama 177 . Johann II. reiste keineswegs allein, bereits seit Böhmen begleitete ihn, neben seinem persönlichen Koch Blažek, der westböhmische Adelige Dietrich von Guttenstein († 1513), dessen einflussreicher Vater Burian II. (um 1430-1488) seit 1475 bis zu seinem Tode das Amt des Oberstkämmerers im Königreich Böhmen bekleidet hatte 178 . Hinzu kamen vier böhmische Niederadelige (Georg Gfeler, Johann Leuthold von Ejprnic/ Oberznike, Nikl Gries bzw. Geys aus Tachau und Jan Mlade aus Vilemov), die zusammen die Behemische Gesellschaft bildeten, wie sie ein weiterer Teilnehmer der Peregrinatio maior, der schlesische Ritter Heinrich von Zedlitz († 1510), dem wir ebenfalls einen Reisebericht verdanken, titulierte 179 . Hinzu kamen 185 weitere Personen, von denen der Hassensteiner am Ende seines Pilgerberichts immerhin 136 konkrete Namen von Herren, Grafen und ‚guten Leuten‘ aus mehreren Ländern nennt, gelegentlich auch deren Stellung erwähnt - insgesamt handelte es sich um eine bunte ethnisch-nationale (nahezu ausschließlich männliche) Gemeinschaft auf Zeit, die die gleichen gesellschaftlichen Werte teilte 180 . Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 133 <?page no="134"?> 181 Vgl. H L A V ÁČ E K , Náboženské a „turistické“ rituály poutí do Svaté země, in: Rituály, ceremonie a festivity ve střední Evropě 14. a 15. století, hg. von Martin N O D L / František Š M A H E L (Colloquia mediaevalia Pragensia 12), Prag 2009, S.-247-262, hier S. S.-344f. 182 R E I C H E R T , Erfahrung der Welt (wie Anm. 149), S.-138. 183 R E I C H E R T , Erfahrung der Welt (wie Anm. 149), S.-140. 184 Vgl. H L A V ÁČ E K , Jan Hasištejnský z Lobkowicz aneb františkánství (wie Anm. 68), S. 148f. Am 6. Juli, einem Sonnabend, erreichte die Galeere nach mehr als einmona‐ tiger Reise und zahlreichen Zwischenstopps schließlich Jaffa, doch dauerte es bis zum 17. Juli, bis die Pilger nach erfolgter Genehmigung durch den Emir von Ramla ihre Visa erhielten und - mit Unterstützung des als Vermittler agierenden Vikars des Franziskanerklosters auf dem Berge Sion in Jerusalem - an Land gehen durften und somit den Boden des Heiligen Landes betraten, wobei es in der unmittelbaren Folge eine genaue festgeschriebene Prozedur einzuhalten galt. Jeder Pilger musste am geöffneten Zelt des Emirs vorbeilaufen und seinen Namen nennen, was der Vikar laut wiederholte. Diese wurde durch zwei Schreiber genau notiert. Am folgenden Tage schließlich bestimmten die Beamten des Emirs die von den Pilgern entsprechend ihres gesellschaftlichen Ranges zu entrichtende Taxe. Dann nahmen sich professionelle muslimische Führer der Pilger an, die auf Eseln oder Maultieren endlich gen Jerusalem aufbrechen konnten 181 . Drei wesentliche Aspekte verliehen einer Reise nach Jerusalem auch im 15. Jahrhundert Attraktivität: Zum einen unterhielten - bei Johanns II. bekann‐ ten, intensiven Beziehungen zu diesem Orden zweifellos bedeutsam - die Franziskaner seit 1335 eine dauerhafte Niederlassung auf dem Berg Sion bei Jerusalem, wobei Guardian und Konvent „ihre vornehmliche Aufgabe darin erblickten, das lateinische Christentum in der Heiligen Stadt zu repräsentieren und Pilgern, die nach Jerusalem kamen, Seelsorge und Unterstützung im Alltag zuteil werden zu lassen“ 182 . Daneben war es der an zahlreichen Stätten gewährte Plenarablass (u. a. in der Thomaskapelle auf dem Berg Sion, der Helenakapelle, dem Heiligen Grab und dem Kalvarienberg), der die tief gläubigen Pilger aus dem Abendland geradezu magnetisch anzog. Schließlich galt eine Reise zum Heiligen Grab auch - ein nicht zu unterschätzender weltlicher Gesichtspunkt - vor dem Hintergrund der wochenlangen Unbilden der See - als eine „Herausforde‐ rung an Mannesmut und Mannesehre“ 183 . Letztere hatte der Turnierteilnehmer Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein ja bereits auf heimischem Boden 1482 in Prag unter Beweis gestellt 184 . Zweifellos können das Spätmittelalter und die beginnende Frühe Neuzeit als große Zeit der Jerusalemfahrten betrachtet werden, auch wenn die quantitativen Zahlen der Pilger ins Heilige Land für sich genommen gering ausfallen und 134 Thomas Krzenck <?page no="135"?> 185 R E I C H E R T , Erfahrung der Welt (wie Anm. 149), S. 137-142. Reichert schätzt, dass im 14. Jahrhundert etwa 120-600 Pilger, im 15. Jahrhundert 150-500 Pilger jährlich ins Heilige Land reisten. 186 P A R A V I C I N I , Europäische Reiseberichte des späten Mittelalters (wie Anm. 10). Ungeach‐ tet der diskutierbaren Zahlen (102 deutschsprachige Berichte für das 15. Jahrhundert - 27 aus der ersten Hälfte, 76 aus der zweiten Hälfte) ist die enorm steigende Zahl an Berichten unstrittig, wobei das Jahr 1493 besonders herausragt. 187 Vgl. https: / / www.bavarikon.de/ object/ bav: BSB-HSS-00000BSB00005445? lang=de (16.02.2025). 188 Vgl. Randall H E R Z , Die „Reise ins Gelobte Land“ Hans Tuchers des Älteren (1479-1480). Untersuchungen zur Überlieferung und kritische Edition eines spätmittelalterlichen Reiseberichts, Wiesbaden 2002. 189 Vgl. H L A V ÁČ E K , Jan Hasištejnský z Lobkowicz aneb františkánství (wie Anm. 68), S. 259. kaum 500-600 pro Jahr überschritten haben dürften 185 . Auf der anderen Seite muss auf die sich verdichtende Quellenüberlieferung, das heißt die Zahl der überlieferten Reiseberichte, verwiesen werden, in die auch die Peregrinatio maior Johanns II. von Lobkowitz auf Hassenstein einzuordnen ist 186 . Wie Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein die Heilige Stadt mit ihren christlichen Pilgerstätten visuell wahrnahm, lässt wohl der zwischen 1475 und 1500 in Nürnberg (? ) entstandene Jerusalemplan erahnen, der heute in der Bayerischen Staatsbibliothek aufbewahrt wird und Jerusalem aus der Vogelper‐ spektive, den Blick von Osten nach Westen - gleichsam vom Ölberg aus - gerichtet, zeigt 187 . Neben den heiligen Stätten ist dabei auch eine Gruppe von Pilgern zu erkennen. Die Skizze stammt vermutlich, wie eine Notiz auf der Rückseite angibt, von Sebald Rieter (1426-1488), Ratskollege und Mitbruder von Hans Tucher (1428-1491), dem aus einer Nürnberger Patrizierfamilie stammenden Oberhaupt des Tucherʼschen Handelshauses, der 1479/ 80 seine berühmte Pilgerreise ins Heilige Land unternahm 188 . Wie der von Strejček edierte Bericht Johanns II. von Lobkowitz auf Hassen‐ stein, der in diesem Band erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt, zeigt, hielt sich die Pilgergruppe des böhmischen Aristokraten vom 6. Juli 1493, als man vor der Stadt Jaffa vor Anker ging und erst nach zwölf langen Tagen endlich - nach Regelung der üblichen Procedere - Land betreten durfte, bis zum 3. August 1493 im Heiligen Land auf. Für den Besuch der heiligen Stadt Jerusalem als „mentalem Zentrum der Welt, als Ort von Christi Leben, Tod und Kreuzigung sowie der erwarteten Parusie“ selbst, standen dabei zehn Tage (23. Juli - 1. August) zur Verfügung 189 . Was Johanns II. Bericht über diesen Aufenthalt auszeichnet, ist die Ausführ‐ lichkeit der Beschreibungen beim jeweiligen Besuch der einzelnen Pilgerstätten. Um die in einem Spital als Ort des Nachtlagers untergebrachten Pilger kümmer‐ ten sich wie allgemein üblich Franziskanermönche aus dem Kloster Sion, die Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 135 <?page no="136"?> 190 S T R E J Č E K , Jana Hasištejnského z Lobkovic Putování k Svatému Hrobu (wie Anm. 17), S.-68. 191 S T R E J Č E K , Jana Hasištejnského z Lobkovic Putování k Svatému Hrobu (wie Anm. 17), S.-59. Es handelt sich um einen Sieben-Jahres-Ablass. 192 Tal Josaphat (benannt nach dem König von Juda im 9. Jahrhundert v. Chr.). Es ist der Symbolname für jenen Ort des endzeitlichen Gottesgerichts aus dem biblischen Buch des Propheten Joel und bedeutet „JHWH“. Zur Zeit der Kreuzzüge ist vallis Josphat der übliche Name des Kidrontals. So hieß das Benediktinerkloster im Bereich von Mariengrab und Garten Gethsemane Sancta Maria in valle Josaphat. 193 S T R E J Č E K , Jana Hasištejnského z Lobkowicz Putování k Svatému Hrobu (wie Anm. 17), S.-60. den Jerusalemfahrern in mehreren Sprachen Erklärungen boten. So heißt es im Bericht unter anderem: Im Anschluss hat er [der Barfüßer - Th. K.] diese Predigt insgesamt noch einmal in Italienisch gehalten. Und nachfolgend auch die beiden anderen Priester: einer in Französisch und der andere in Deutsch, wobei dieser [letztgenannte - Th. K.] Priester viele Fehler machte, als er in Deutsch sprach, so dass er die ganze Geschichte anders erzählte als jener in Latein  190 . Fixe Punkte im Besichtigungsprogramm der heiligen Stätten in Jerusalem waren die Grabeskirche als Hauptheiligtum mit ihrer Fülle an Erinnerungsorten - etwa dem Ort der Kreuzigung, dem Kalvarienberg, dem leeren Grab oder dem Nabel der Welt. Dazu kamen die Via dolorosa mit einzelnen Stationen des Kreuzweges, der Ölberg mit seinen heiligen Stätten, wo Christus Blut geschwitzt hat und aufgefahren ist und das Mariengrab. Mit dem Besuch der einzelnen Stätten ist in der Regel auch ein Ablass - Voll- oder Teilablass - verbunden, was Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein am Ende der entsprechenden Passagen in seinem Bericht verzeichnet. So heißt es beispielsweise an einer Stelle: Wiederum von hier aus etwa ein halbes Stadium entfernt Richtung der Stadt Jerusalem, von dort aus sandte Christus der Herr die Apostel aus, sie mögen nach der Heiligen Schrift predigen, wie in der Bibel geschrieben steht: „Gehet hin in alle Welt und prediget etc.“. Und hier erwirbt man die Ablässe Sedm leth, Sedm kareen  191 . Oder an anderer Stelle: Weiter von dort aus auf den Hügel schreitend, gibt es [fol. 89r] wiederum einen anderen Felsen. Dies ist der Ort, wo Christus der Herr stand und seinen Jüngern vom Jüngsten Gericht predigte, an dem er kommen werde zu richten die Lebenden und die Toten im Tal Jozaffat.  192 Und dieses Tal Jozaffat liegt zwischen der Stadt Jerusalem und dem Ölberg. Es kein breites Tal, sondern sehr eng. Hier erwirbt man die Ablässe Sedm leth, Sedm kareen  193 . 136 Thomas Krzenck <?page no="137"?> 194 (heute) Via Dolorosa. 195 Amtssitz des Präfekten (Statthalters) Pontius Pilatus des römischen Kaisers Tiberius in der Provinz Judäa. 196 S T R E J Č E K , Jana Hasištejnského z Lobkowicz Putování k Svatému Hrobu (wie Anm. 17), S.-63-64. 197 popsali nas w chramu (dt. Sie zählten uns für die Kirche ab). Und weiter: Als wir danach zum Stadttor gelangten und in die Stadt eintraten, liegt zur rechten Hand unweit des Tores die Muttergotteskirche, die die heilige Helena zu Ehren der Gottesmutter errichten ließ. Hier an dieser Stelle, an der das Gotteshaus steht, befand sich das Haus des heiligen Joachim. Und in diesem Haus und an dieser Stelle wurde die Gottesmutter geboren. Die Heiden beten in diesem nach ihrem Glauben [fol. 94v] das Gottesgebet, doch lassen sie keinen einzigen Christen hier eintreten. Als ich dort an der Tür stand, habe ich versucht hineinzuschauen. Ich aber konnte nichts in dem Haus erkennen, da es dunkel war, spät und nach Sonnenuntergang. Hier kann man Vollablässe erwerben. Im Anschluss sind wir diese Gasse weiter gegangen  194 , zum Haus des Pilatus, das sich rechter Hand befand.  195 Dies aber war verschlossen, so dass wir nicht hineingehen konnten. In diesem Haus aber wurde Christus von den Juden angeklagt, gegeißelt, verhöhnt und zum Tode verurteilt. Hier erwirbt man die Ablässe Sedm leth und Sedm kareen  196 . Hinzu kamen zahlreiche Messen und die Anwesenheit bei Predigten, wo zugleich der „Gaststatus“ der christlichen Pilger in muslimisch beherrschter Umgebung zum Ausdruck kommt: Als wir uns fertiggemacht hatten, begaben wir uns dorthin und versammelten uns vor der Kirche, vor der sich ein ziemlich großer Platz [fol. 97r] erstreckt. Auf diesem Platz aber standen viele Heiden, Frauen und Männer, und auch einige ketzerische Christen, die auch Christen sein möchten. Doch sie haben viele Artikel in ihrem Glauben, in denen sie sich vom allgemeinen christlichen Glauben unterscheiden, wobei es mehrere Gruppen hiervon gibt, und eine jede Gruppe hat ihren eigenen Glauben, wie man mir dort berichtete, wobei ich am Ende meiner Darstellung hierüber berichten will [popsali nas w chramu] 197 . Und als wir vor die Pforte der Kirche gelangten, da saß der wiederholt genannte Abrahym, der Schreiber des Königs Sultan, zur rechten Hand der Kirchenpforte mit einigen Mamelucken, während zur linken Hand unser Patron saß. Und man ließ jeden von uns der Reihe nach abzählen, wie viele von uns in die Kirche gelassen werden sollten. Und als wir dort hineintraten, da ging der Patron hinter uns als letzter. Darüber hinaus auch einige Heiden, doch gebot ihnen Abrahym hinauszugehen. Die geschlossene Pforte hat man dann verriegelt. Und hier [fol. 97v] sind dann die Barfüßer und Mönche verschiedener Orden, die sich aus den umliegenden Ländern mit uns gemeinsam auf die Pilgerreise begeben hatten, zusammen mit uns vor die Kapelle gegangen, in der sich das Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 137 <?page no="138"?> 198 Vgl. S T R E J Č E K , Jana Hasištejnského z Lobkowicz Putování k Svatému Hrobu (wie Anm. 17), S.-65. 199 S T R E J Č E K , Jana Hasištejnského z Lobkovic Putování k Svatému Hrobu (wie Anm. 17), S.-97-98. 200 Vgl. E M L E R , Pozůstatky Desk zemských Království českého (wie Anm. 117), S. 443f. G A V E N D A , Páni Hasištejnští z Lobkovic (wie Anm. 12), S. 28, Anm. 78, vermutet, den Impuls für die Teilung sei im Bemühen der Brüder zu erblicken, nach dem Tode ihres Bruders, des angeblichen Kriegsmannes Jaroslav I., über den sich nahezu keinerlei Nachrichten erhalten haben. Grab Gottes befindet. Hier haben wir zu Gott dem Herrn gebetet, die Barfüßer und Priester begannen dabei das Salve Regina zu singen. Und derart singend begaben wir uns nun in die Muttergotteskapelle, die sich in der Nähe des Göttlichen Grabes befindet  198 . Der Weg zurück nach Europa gestaltete sich nicht weniger abenteuerlich als die Reise nach Jerusalem selbst, auch wenn sich die Fahrtroute deckte. Am 30. September jedenfalls traf man, auch wenn im letzten Drittel der Reise ein heftiges Unwetter die Reisenden auf der Galeere in Todesangst versetzt hatte, wieder wohlbehalten in Venedig ein, wo die Jerusalemfahrer im Kloster des heiligen Nikolaus als dem Patron der Seefahrer und Pilger an einer traditionellen Dankesmesse teilnahmen. Den dreitägigen Aufenthalt in der Lagunenstadt nutzten Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein, sein Koch Blažek sowie der Reisegefährten Dietrich von Guttenstein für den Kauf von Geschenken und Souvenirs, dann begab man sich auf den Heimweg, der sich in seinen Stationen mit der Hinreise deckte. Am 30. Oktober 1493 konnten die Jerusalemfahrer nach sechseinhalb Monaten Abwesenheit wieder ihren Einzug in Kaaden feiern 199 . 10 Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein als Pfand- und Grundherr Kaum wohlbehalten in seiner nordwestböhmischen Heimat eingetroffen, musste sich Johanns II. von Lobkowitz auf Hassenstein wieder dem Alltag als Kaadener Pfandherr widmen und seine Güter verwalten, nachdem ja im Juni 1490 das Familiengut der Lobkowitz zwischen den drei Brüdern Johann II., Bohuslav und Nikolaus III. aufgeteilt worden war und dieser Vorgang seinen Eintrag in den Landtafeln gefunden hatte 200 . Die Gesamtheit der jeweiligen Dominien der jeweiligen Brüder umfasste dabei sowohl fruchtbare Niederungen als auch bergige Flächen mit ausreichend Wild zum Jagen sowie Holz, welches zu Heiz- und Bauzwecken genutzt werden konnte. Johann II. übte neben seinem Amt als Pfandherr der Königsstadt Kaaden zugleich das Patronatsrecht über das Kloster der Klarissinnen in Jungfernteinitz (Panenský Týnec) bei Laun aus, 138 Thomas Krzenck <?page no="139"?> 201 G A V E N D A , Páni Hasištejnští z-Lobkovic (wie Anm. 12), S.-29. 202 Vgl. S C H L E S I N G E R , Urkundenbuch Saaz (wie Anm. 23), S.-213, Nr.-488. 203 Vgl. den knappen Hinweis bei M A C E K , Jagellonský věk v českých zemích 2 (wie Anm. 61), S. 113. Eingehender hierzu B E R N A U , Hassenstein (wie Anm. 12), S. 99-106 sowie 110f. 204 Vgl. CIM III, Anm. zu S.-926f., Nr.-540. 205 CIM III, S.-956-960, Nr.-555. welches er durch väterliche Vermittlung von der Familie seiner Mutter, den Herren von Žirotín, geerbt hatte 201 . Neben dieser administrativen Tätigkeit musste sich Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein den erneut aufflammenden bewaffneten Zusammenstößen mit der albertinischen Linie der sächsischen Wettiner widmen. Dies führte unter anderem dazu, dass der Hassensteiner am 13. November 1494 Herzog Georg von Sachsen einen Fehdebrief wegen wiederholter und nicht gut gemachter Beschädigung seiner Kaadener Untertanen seitens Meißnischer Angehöriger sandte 202 . Bekannt ist, dass den Kaadener Pfandherren zu dieser Zeit nahezu 40 böhmische Herren und Ritter unterstützten 203 . Die Familiengeschichte der Lobkowitz selbst lässt sich um 1500 anhand überlieferter Urkunden zumindest in groben Zügen rekonstruieren. Spätestens im ersten Drittel des Jahres 1499 verstarb Nikolaus III. von Lobkowitz auf Hassenstein, da in einem königlichen Schreiben vom 4. Mai dieses Jahres die Rede davon ist, die hinterblieben Erben sollten sich um den Nachlass küm‐ mern 204 . König Vladislav II. fühlte sich den Lobkowitz auf Hassenstein als seinen Untertanen in besonderer Weise verpflichtet, konnte auf der anderen Seite aber nicht die Augen davor verschließen, wie diese versuchten, die königliche Stadt Kaaden als (zeitlich begrenzte) Pfandschaft immer mehr zu beherrschen. Nach dem Tode Nikolausʼ III. bat Johanns Bruder Bohuslav den Landesherrn, auch seinen und seines Bruders Nachfahren die Pfandrechte zu konfirmieren. Vladislav II. tat dies 1501, indem er - einem Kompromiss im Ringen zwischen Kaadener Bürgern und Pfandherr gleich - die Geltungsdauer der Pfandschaft nach Johanns II. Tod auch auf die nachfolgende, mittlerweile fünfte Generation dieser Adelsfamilie erweiterte, wenngleich sich der Landesherr zugleich die Möglichkeit vorbehielt, Kaaden wieder auszulösen 205 . Wohl am 10. November 1510 verstarb Bohuslav von Lobkowitz auf Hassen‐ stein, so dass Johann II. nunmehr, seine eigenen Kinder sowie Neffen einmal außer Acht gelassen, allein zurückblieb. Dies sollte nicht ohne Auswirkungen auf das Verhältnis Pfandherr - Kaadener Bürger bleiben, die auf mehr Eigen‐ ständigkeit pochten. Das gewachsene Selbstbewusstsein der Bürgerschaft führte immerhin dazu, dass Vladislav II. in einer am 11. Mai 1511 in Buda ausgefertig‐ Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 139 <?page no="140"?> 206 CIM III, S.-1093-1096, Nr.-617. 207 Vgl. G A V E N D A , Páni Hasištejnští z-Lobkovic (wie Anm. 12), S.-3. 208 Vgl. P A L A C K Ý , Stařj letopisowé česstj (wie Anm. 8), S. 278. K A Š P A R / P O R Á K , Ze starých letopisů českých (wie Anm. 8), S.-339, Nr.-859. 209 K A Š P A R / P O R Á K , Ze starých letopisů českých (wie Anm. 8), S. 347-349. Nicht bei Palacký! ten Urkunde der Bitte von Bürgermeister, Ratsherren und ganzer Gemeinde stattgab, Burg Kaaden und Stadt nach dem Tod Johanns II. von der Verpfändung zu befreien 206 . Die Angelegenheit sollte als Darlehen an den König abgewickelt werden, der sich in einer langen feierlichen Proklamation verpflichtete, Stadt und Burg Kaaden nicht mehr zu verpfänden. Bis zur Begleichung des Darlehens sollten die Bürger von Kaaden die königlichen Einkünfte aus der Stadt und der Burg behalten (zusätzlich zu den notwendigen Einkünften des neuen Statthal‐ ters für den Unterhalt der Burg). Über den weiteren Fortgang der Entwicklung in besagtem Jahr sind wir nicht unterrichtet, doch dürfte Johann II. dies als königlichen Wortbruch betrachtet haben. Jedenfalls schickte Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein am Dienstag vor Weihnachten, also am 23. Dezember 1511, seine Beamten dem Brauch folgend nach Kaaden, um den neuen Rat der Stadt turnusgemäß kurz vor Anbruch des neuen Jahres in sein Amt einzuführen 207 . Über den Ablauf und den Inhalt der damit verbundenen (allem Anschein nach spannungsgeladenen) Gespräche gibt es keine Aufzeichnungen, feststeht hingegen, dass es zu einem Zwischenfall kam, als Johann II. der Gemeinde das Siegel und die Schlüssel der Stadttore konfiszierte und sich weigerte, diese Insignien wieder auszuhändigen. Der Pfandherr traf - provokativ oder unbedacht - weitere, für die Kaadener ungünstige, wenngleich nicht näher überlieferte Entscheidungen und ließ die Situation weiter eskalieren. Die Stadt beschloss daraufhin, sich gegen die Beschlagnahmung ihrer Insignien vor höheren Instanzen zur Wehr zu setzen. Konkret bedeute dies, die Angelegenheit vor das Ende Februar 1512 tagende Landesgericht zu bringen. Die Kaadener gewannen hier gegen ihren Herrn, notierte der unbekannte Autor in den Alten Böhmischen Annalen und vergaß dabei, um seinen Ausführungen Gewicht zu verleihen, nicht hinzuzufügen, er habe als Augenzeuge an der Seite der Bürger an den Verhandlungen teilgenommen 208 . In einem satirischen Gedicht auf die politischen Verhältnisse im Königreich Böhmen heißt es für das Jahr 1512 zudem, auch die páni z Hasištejna, also die Herren von Hassenstein, hätten sich wie andere Adelsgeschlechter, wenngleich sie nicht an der Regierung beteiligt seien und keinerlei privilegierte Ämter ausübten, quasi wie wichtige politische Akteure gebärdet, was ein bezeichnendes Licht auf deren Mentalität wirft 209 . 140 Thomas Krzenck <?page no="141"?> 210 K Y Z O U R O V Á , Básník a král (wie Anm. 113), S.-75. 211 František Z E M A N (Hg.), Urozeného pána pana Jana z Lobkowicz na Hasištejně Zpráva a naučení jeho synu Jaroslavovi … [Des hochwohlgeborenen Herrn Herrn Johann von Lobkowitz auf Hassensteins Bericht und Lehre für seinen Sohn Jaroslav…], Prag 1876. Erstmals herausgegeben wurde dieses kleine Werk von František Bol. Květ auf Grundlage der Raudnitzer Handschrift bereits in Prag im Jahre 1851. 212 Eine Analyse und Kontextualisierung dieser Schrift bei Václav M I L L E R / Marie R A C K O V Á , Jan Hasištejnský z Lobkovic: K správě a naučení synu Jaroslavovi [ Johann Hassenstein von Lobkowitz: Zur Anleitung und Belehrung für den Sohn Jaroslav], in: Jazyk a literatura v historické perspektivě, hg. von Zoe H A U P T O V Á / Zdena T R Ö S T E R O V Á / Karel K A M I Š , Ústí nad Labem 1998, S. 117-150. Vgl. zuletzt auch Václav Ž Á K , Naučení synu Jaroslavovi Jana Hasištejnského z Lobkovic jako pramen k dějinám mentalit [Die Belehrung für den Sohn Jaroslav von Johann Hassenstein von Lobkowitz als Quelle zur Geschichte der Mentalitäten], Karlsuniversität, Prag 2002 (Diplomarbeit). 213 Z E M A N , Jana z Lobkovic Naučení (wie Anm. 211), S.-11. 11 Johann II. als „Schriftsteller“ und Ratgeber Die geschilderten Ereignisse fallen in die letzten Lebensjahre Johanns II. von Lobkowitz auf Hassenstein, mit dessen Tod zu Beginn des Jahres 1517 eine äußerst bedeutsame Etappe in der Geschichte dieses Adelshauses ihr Ende fand. Ein Dezennium zuvor, wohl 1506 oder 1507, hatte Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein bereits eine Art Lebensbilanz gezogen, die er seinen Nachfah‐ ren ans Herz legen wollte. Für seinen aus der zweiten Ehe mit Magdalena von Törring stammenden Sohn Jaroslav (1483-1529) ließ er ein Wappenbuch anlegen, welches das gestiegene Ansehen der bis zu diesem Zeitpunkt in zwei Linien aufgespaltenen Adelsfamilie (Lobkowitz von Hassenstein, Popel von Lobkowitz) dokumentierte 210 . Neben Familieneintragungen, die besonders Jaroslav und dessen Vorfahren betrafen, und die später bis 1511 fortgeführt wurden, enthielt die Handschrift zugleich die tschechischsprachige Zpráva a naučení synu Jaroslavovi o tom, co činiti a čeho nechati (Bericht und Belehrung für den Sohn Jaroslav darüber, was zu tun und was zu lassen ist) 211 . Dabei handelt es sich um eine didaktisch-erzieherische Schrift, die Johann II. kurz zuvor (1504) mit dem Ziel verfasst hatte, seinem Sohn die eigenen Lebenserfahrungen zu vermitteln und darzulegen, wie sich in den unterschiedlichsten Situationen ein junger Adeliger und künftiger Wirtschafter verhalten solle 212 . Einleitend heißt es hier: So vernimm nun die Ratschläge deines Vaters, und lese und befolge dieselben immer wieder fleißig und neige dein Ohr diesen zu und dein Herz und denke über deren Sinn nach  213 . Dem schließen sich die Aufforderung zu Gottesfurcht und Frömmigkeit sowie die Mahnung, dem König als seinem Herrn die Treue zu wahren, an, gefolgt von der gebotenen Achtung und Ehrung von Vater und Mutter. Diese kleine, in Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 141 <?page no="142"?> 214 Hierfür spricht die Abschrift des Textes und seine spätere Verbreitung. Vgl. Z E M A N , Zpráva a naučení jeho synu Jaroslavovi (wie Anm. 211), S. 10 sowie M I L L E R / R A C K O V Á , K-správě a naučení synu Jaroslavovi (wie Anm. 212), S.-120. 215 Vgl. David K O R Y T A , Albrecht Rendl z Oušavy: významný člen nevýznamného rodu [Alb‐ recht Rendl von Oušava. Ein bedeutendes Mitglied eines unbedeutenden Geschlechts], Karlsuniversität, Prag 2016 (Diplomarbeit). Die Schrift Rendls edierte Jaromír Č E L A ‐ K O V S K Ý , in: Český časopis historický 8 (1902), S.-68-70. 216 Josefa V A Š I C A , Ludvík z Pernštýna: Naučení rodičům [Ludwig von Pernstein: Anleitung für Eltern], Stará Říše na Moravě 1928. 217 František S U Š I L , Naučení Baltazara z Tetova [Anleitung Balthasars von Tetov], in: Moravan - kalendář na rok obyčejný 8,100, (1859), S.-89-98. 218 Z E M A N , Zpráva a naučení jeho (wie Anm. 211), S.-14. 219 M I L L E R / R A C K O V Á , K-správě a naučení synu Jaroslavovi (wie Anm. 212), S, 125f. 36 Kapitel unterteilte Schrift, die wohl auch von nachfolgenden Generationen des Adelshauses als eine Art Leitfaden der Erziehung diente 214 , ist im Kontext ähnlicher Beispiele böhmischer Provenienz zu verorten: der 1520 verfassten Naučení pana Albrechta Rendla synům dané aus der Feder des Prager Burggra‐ fen, Mitverfassers der Vladislavʼschen Landesordnung und Unterkämmerers Albrecht Rendl von Uschau/ Oušavy (1522) 215 , der Schrift Ludvíka z Pernštejna naučení rodičům  216 sowie der Naučení Baltazara z Tetova  217 . Bei Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein stehen anfänglich Fragen der körperlichen Züchtigung des Kindes sowie Ermahnungen zur Frömmigkeit im Fokus. Die Kapitel sind in einer logischen Reihenfolge angeordnet, wobei es sehr stark um Ehefragen aus der Sicht der Eltern geht. Die Lehre betont die richtige Wahl der Ehefrau, die nach reiflicher Überlegung getroffen werden soll, denn eine böse Frau ist in der Regel rachsüchtig. Sehr interessant klingt die Passage über die Informationsbeschaffung durch die erwachte Ehefrau: Frage den, der ihr Gewissen sein soll, damit er nicht enttäuscht wird und sich in Gestalt eines Engels einen Teufel einbildet. Denn du wirst ihn nicht verkaufen können und ihn wieder als Schade verkaufen  218 . Natürlich gibt es auch Kapitel wirtschaftlicher Natur, in denen wir viel über die Beziehungen zu den Bediensteten erfahren, und es ist bemerkenswert, dass die Familie im Gegensatz zu den Kindern vor körperlicher Züchtigung geschützt ist 219 . Und: Geldverdienen sei keine Sünde, was als ein Beweis für den Wandel im Denken unter dem Einfluss des Humanismus gelten kann. Zum Thema Frömmigkeit der Hassensteiner und ihrer Zeitgenossen finden sich im Übrigen auch materielle Zeugnisse. Zwei heute im Museum Chomutov aufbewahrte Holzstatuen, 116 bzw. 117 cm hoch, zeigen die heilige Katharina von Alexandria und die heilige Barbara mit ihren jeweiligen Attributen - dem Rad und Schwert (letzteres nur fragmentarisch) als Zeichen des Martyriums der durch den römischen Kaiser Maxentius zu Beginn des 4. Jahrhunderts 142 Thomas Krzenck <?page no="143"?> 220 Vgl. K Y Z O U R O V Á , Básník a král (wie Anm. 113), S.-70f. aufgrund ihres christlichen Glaubens hingerichteten christlichen Jungfrau und dem Turm und Kelch bei der heiligen Barbara, einer Märtyrin des 3. Jh., die sich ebenfalls weigerte, ihren Glauben und ihre Jungfräulichkeit für Christus aufzugeben und deshalb in einem extra dafür errichteten Turm eingekerkert und später hingerichtet wurde. Beide Heilige genossen im Mittelalter hohes Ansehen und galten als Vorbilder sowie Beschützerinnen. Die beiden um 1510 angefertigten Holzfiguren befanden sich ursprünglich auf der Burg Hassenstein und gehörten zu den Vierzehn Heiligen Nothelfern, deren Kult auch Bohuslav von Lobkowitz wie beschrieben dichterisch verehrte, so dass sie als direkte Zeugnisse der Frömmigkeit des Humanisten und seines Bruders Johann II. zu betrachten sind und als deren Schöpfer Ulrich Creutz möglicherweise in Frage kommt 220 . 12 Die Kaadener Grabtumba und das Epitaph im Franziskanerkloster Letztgenannter schuf auch die berühmte Grabtumba Johanns II. von Lobkowitz auf Hassenstein im Kaadener Franziskanerkloster (vgl. die Abb. 10 im Beitrag Ottová/ Mudra), dem der Adelige besondere Fürsorge hatte angedeihen lassen und die im Kontext franziskanischer Frömmigkeit in jener Zeit zu betrachten ist. Seit den 1450er Jahren begann unter dem Einfluss der raumgreifenden Mission des aus Italien stammenden franziskanischen Bußpredigers Johannes Capistranus (1386-1456) abrupt die Aktivität und Popularität des Ordens der Franziskaner-Observanten auch im Königreich Böhmen zu steigen. Zahlreiche neu errichtete - architektonisch interessante - Klöster entwickelten sich zu bedeutenden kulturellen Zentren, an denen reich bestückte Klosterbibliotheken (Bechin/ Bechyně), wertvolle Wandmalereien (Pilsen, Kaaden, Bechin, Olmütz) und qualitätvolle figurale Grabplastiken entstanden, wobei hinter diesem Grün‐ dungswerk führende böhmische Adelsgeschlechter standen - im Falle von Kaaden die Lobkowitz auf Hassenstein. Besondere, ja herausragende Bedeutung mit Blick auf Ausführung und Zeugnis für die Frömmigkeit einer einzigartigen Persönlichkeit kommt dabei der Grabtumba Johanns II. von Lobkowitz auf Has‐ senstein als des laut Inschrift primus fundator huius monasterii zu - der einzigen erhaltenen Grabtumba ihrer Art in Böhmen des sogenannten, wohl nach der Großen Pest von 1348/ 49 aufgekommenen sog. Transi-Typs als besonderer Form Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 143 <?page no="144"?> 221 Zum Transi-Typus der spätmittelalterlichen Grabplastik vgl. noch immer grundlegend Kathleen C O H E N , Metamorphosis of a Death Symbol: The Transi Tomb in the Late Middle Ages and the Renaissance, Berkeley 1973. Zum Kontext vgl. auch den Beitrag von Michaela Ottová - Aleš Mudra in diesem Band. 222 Vgl. Jan C H L Í B E C , Náhrobek Jana Hasištejnského a místo pozdně gotické sepulkrální plastiky ve františkánských klášterních kostelech [Das Grabmonument Johann Has‐ sensteins und der Platz der spätgotischen Sepulkralplastik in franziskanischen Klos‐ terkirchen], in: Umění 44, 1996, S. 235-244 (hier S. 242). Darüber hinaus ist auf weitere Arbeiten von Chlíbec zu verweisen. Vgl. exemplarisch Jan C H L Í B E C , Klášterní kostel Čtrnácti sv. Pomocníků jako rodová nekropole [Die Klosterkirche der Vierzehn Heiligen Helfer als Familiennekropole], in: Františkánský klášter v Kadani jako ohnisko kulturního a technologického transferu, hg. von Petr H L A V ÁČ E K , Kadaň 2018, S. 139-167 sowie D E R S ., Sebereprezentace rodové aristokracie v jagellonských Čechách [Selbstre‐ präsentation der Familienaristokratie im jagiellonischen Böhmen], in: Imago, imagines. Výtvarné dílo a proměny jeho funkcí v českých zemích od 10. do první třetiny 16. století 1, hg. von Kateřina K U B Í N O V Á / Klára B E N E Š O V S K Á Prag 2019, S.-448-467. 223 Aleš Mudra vertritt demgegenüber die Auffassung, es handele sich um Johanns Sohn Jaroslav. Vgl. den Beitrag dazu in diesem Band. der Grabplastik, die den Verstorbenen auf dem Rücken liegend als skelettierte Leiche bzw. im Stadium der Verwesung zeigt 221 . Die heutige Plazierung der Grabtumba an der Nordseite des Presbyteriums ist zweifellos nicht die ursprüngliche, worauf die linke Seitenwand der Tumba deutet, die reliefartig acht Wappen (an denen sich die Fragmente der ursprün‐ glichen farbigen Inschriften finden) sowie architektonische Elemente zeigt, die bei der heutigen Position in erheblichem Umfang durch den Pfeiler des Triumphbogens verborgen werden. Die Grabplatte aus weißem Marmor stellt Johanns toten Körper als Gerippe dar, partiell umhüllt im Lendenbereich durch ein spiralförmig gewickeltes Tuch. Der massive Schädel ruht auf einem formgestalteten Stein, der wiederum Buße und Demut symbolisiert, während sich um den Hals und den linken Fuß zwei Schlangen winden. Im unteren Teil der Tumba aus Kalkstein sind Ratten, Eidechsen und eine Schlange verstreut - für dieses Grabmonument traditionelle Symbole. Die drei architektonisch gestalteten Wände zeigen die geschmückten Wappen der mit den Lobkowitz auf Hassenstein verwandten Familien mit polychromen Resten. Inmitten der unteren Kannele ist ein Schild mit dem Meisterzeichen angebracht, an dessen Seiten der Name VLRICH CREVCZ 222 . Zur Grabtumba selbst findet sich im gleichen Kloster der sog. Lobkowitz-Epi‐ taph als Pendant - ein überlebensgroßes Relief eines Adeligen in voller Majestät mit dem Familienbanner in der Hand - am Ende des Presbyteriums auf der Hauptachse der Kirche. Der Standort deutet darauf hin, dass es sich um Johann II. von Lobkowitz, den Klosterstifter handelt, auch wenn das Relief außer der auf dem Sockel eingemeißelten Jahreszahl 1516 keinerlei Inschrift zeigt 223 . Das 144 Thomas Krzenck <?page no="145"?> 224 Vgl. C H L Í B E C , Náhrobek Jana Hasištejnského (wie Anm. 222), S.-242. 225 Vgl. H L A V ÁČ E K , Nový Jeruzalém? (wie Anm. 65), S.-241. 226 Vgl. R A K , Kadaň doby Ulricha Creutze (wie Anm. 165), S.-27. 227 So Petr H L A V ÁČ E K . Vgl. H L A V ÁČ E K , Die Familie von Lobkowicz als Vermittler der kulturellen Wechselwirkungen (wie Anm. 67), S.-226. Epitaph erfüllte vermutlich die Funktion eines Denkmals für eine bedeutende Persönlichkeit, die sich um den Franziskanerorden Verdienste erwarb 224 . Immer‐ hin: Außer dem reinen Sterbedatum (21. Januar 1517) stehen uns zum Ableben des Hassensteiners keinerlei Schriftquellen zur Verfügung - ebenso wie bei seinem Bruder Bohuslav fehlt ein Testament. Auch wissen wir nicht, ob es einen, wie bei Johanns II. Stellung als Pfandherr zu vermuten, Trauerumzug gab 225 . Der Tod Johanns II. brachte für Kaaden die Befreiung aus der Pfandschaft, wobei es dem Rat mit Unterstützung weiterer böhmischer Königsstädte (die Organisation oblag dabei allem Anschein nach dem Rat der Prager Altstadt) gelang, die geforderte Summe von 18.000 Schock Groschen für den Freikauf aus der Pfandschaft der Lobkowitz im Jahre 1519 aufzubringen. Damit fand ein wichtiges, für die Geschichte dieser nordwestböhmischen Königsstadt prägendes Kapitel nach vier Jahrzehnten seinen Abschluss 226 . 12 Schlussbemerkungen Gut anderthalb Jahrhunderte liegen zwischen dem ersten Auftreten des „Stamm‐ vaters“ des Hauses Lobkowitz in der Regierungszeit des Luxemburgers Karl IV., des Ritters Maresch oder Martin von Aujest, und dem Tode Johanns II. von Lobkowitz auf Hassenstein. Innerhalb von gut vier Generationen erlebte dieses Adelsgeschlecht vor dem Hintergrund gewichtiger machtpolitischer Verschiebungen in Böhmen einen bemerkenswerten Aufstieg und etablierte sich an der Schwelle zur frühen Neuzeit und den angesehenen Adelsgeschlechtern im Königreich Böhmen. Zwei Persönlichkeiten innerhalb der Familie Lobkowitz treten dabei besonders hervor: Johann II. und sein jüngerer Bruder Bohuslav, die beide zugleich sehr anschaulich die mannigfaltigen kulturellen Wechselwir‐ kungen im böhmisch-sächsischen Grenzraum verdeutlichen. Der angesehene königliche Diplomat und Ständepolitiker Johann II. und der „humanistische Literat mit gesamteuropäischer Perspektive“ 227 Bohuslav von Lobkowitz auf Hassenstein pflegten intensive Kontakte auf beiden Seiten der Grenze. So wirkte an der berühmten humanistischen Akademie Bohuslavs beispielsweise der thüringische Dichter Johannes Sturnus von Schmalkalden als Pädagoge 228 . Den Studierenden standen auf der Burg Hassenstein dabei nicht allein eine stetig wachsende Bibliothek, sondern auch Weltkarten und Globen Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 145 <?page no="146"?> 228 H L A V ÁČ E K , Die Familie von Lobkowicz als Vermittler der kulturellen Wechselwirkungen (wie Anm. 67), S.-227. 229 H L A V ÁČ E K , Die Familie von Lobkowicz als Vermittler der kulturellen Wechselwirkungen (wie Anm. 67), S.-228. 230 Für die genauen Quellenverweise dankt der Verfasser Thomas Lang (Wittenberg) herz‐ lich. Lang hat hier die höfischen Küchen- und Reisebücher sowie Kammerrechnungen im Landesarchiv Thüringen - Hauptstaatsarchiv Weimar zwischen 1485 und 1522 genau ausgewertet. Daraus geht u. a. hervor, dass Kurfürst Ernst von Sachsen im Dezember 1485 den Boten Hans Franken zu Johann II. von Hassenstein gesandt hatte (LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5498, fol. 11v). Am 24. November 1493, also nach der Rückkehr von der Jerusalemfahrt, schickte der Torgauer Hof einen Boten mit Briefen des Kurfürsten von Torgau nach Kaaden (LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5130, fol. 5r). Knapp vier Monate später, am 14. März 1494, weilte Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein mit 25 Pferden persönlich zu Besuch in Torgau, wo er von Kurfürst Friedrich III. und Herzog Johann von Sachsen im Haupthoflager empfangen wurde (LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb5522, unfol. unter dem Datum). zur Verfügung. Bohuslav von Lobkowitz unterhielt eine weitreichende Korres‐ pondenz mit bedeutenden, humanistisch ausgerichteten Persönlichkeiten, zu denen auch „Saxones“ gehörten, darunter der 1486-1567 belegte Paul Morgen‐ stern als Absolvent der Universität Leipzig und Abt des Zisterzienserklosters Grünhain im sächsischen Erzgebirge sowie Martin Pollich (um 1455-1513), Arzt, Philosoph, Astrologe und Gründungsrektor der Leucorea, der 1482 als Leibarzt Friedrichs des Weisen belegt ist und der den Ernestiner auf dessen Jerusalemfahrt 1493 begleitete. In der Handels-, Universitäts- und Messestadt Leipzig besorgten Bohuslavs Agenten dem Hassensteiner neue Bücher. Die Burg Hassenstein mit ihrem die Grenze überschreitenden Ruf zog zugleich die Aufmerksamkeit sächsischer Humanisten und Kirchenreformatoren auf sich, wie das Beispiel der berühmten Philologen und Hebräisten Joachim Camerarius (1500-1574) bezeugt, der um 1520 die Bibliothek in der nordwestböhmischen Veste aufsuchte und hier eine griechische Handschrift entdeckte 229 . Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein wiederum trug maßgeblich dazu bei, seine Pfandstadt Kaaden zu einem Kunst- und Kulturzentrum auszubauen, was insbesondere in der von ihm geförderten Franziskanerkirche seinen Nie‐ derschlag fand. Für den Adeligen besaß die Pilgerreise 1493 einerseits gleichsam konstitutive Bedeutung für die persönliche, christozentrisch orientierte Fröm‐ migkeit, zum anderen vermochte Johann II. auf der Jerusalemfahrt bereits seit mehreren Jahren bestehende Kontakte zum sächsischen Hof zu intensivieren 230 . In der Korrespondenz von Johanns Bruder Bohuslav finden wir die Bestätigung, dass der Hassensteiner sich bei Kurfürst Friedrich dem Weisen aufgehalten 146 Thomas Krzenck <?page no="147"?> 231 Vgl. T R U H L ÁŘ , Listář Bohuslava Hasištejnského z Lobkovic (wie Anm. 119), S. 62, Nr. 55 (Brief an Martin Pollich). 232 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5132, fol. 391r. Der kursächsische Rentmeister zahlte zwischen dem 15. Mai und 1. November 1496 an Meister Jorgen von Kaaden 313 Schock Groschen. Den Hinweis verdankt der Autor wiederum Thomas Lang (Wittenberg). 233 Zu Ablauff vgl. Petr H L A V ÁČ E K , Der franziskanische Theologe und Chronist Eberhard Ablauff de Rheno und seine Tätigkeit im böhmisch-sächsischen Raum, in: Die böhmi‐ schen Franziskaner im ausgehenden Mittelalter, hg. von Petr H L A V ÁČ E K (Studien zur Kirchen- und Kulturgeschichte Ostmitteleuropas), Stuttgart 2012, S. 165-172. Zu Ulrich Creutz grundlegend O T T O V Á / M U D R A , Mýtus Ulrich Creutz (wie Anm. 160). Zu Cranach und Böhmen wiederum exemplarisch Magdalena N E S P Ě Š N Á H A M S Í K O V Á , Cranach und Böhmen. Die sächsische höfische und kirchliche Repräsentation im Spiegel der Malerei der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Böhmen, in: Ecclesia als Kommunikationsraum in Mitteleuropa (13.-16. Jahrhundert), hg. von Eva D O L E Ž A L O V Á / Robert Š I M Ů N E K (Ver‐ öffentlichungen des Collegium Carolinum 122), München 2011, S.-339-360. 234 Vgl. hierzu ausführlich Aleš M U D R A , K funkcím donátorských portrétů v presbytáři klášterního kostela čtrnácti svatých pomocníků v Kadani [Zu den Funktionen der Stifterporträts im Presbyterium des Klosters der Vierzehn Heiligen Helfer in Kaaden], in: Studia Mediaevalia Bohemica 10 (2018) S.-65-84. 235 Vgl. H L A V ÁČ E K , Čtrnáct svatých Pomocníků (wie Anm. 163), S.-218-250. hatte 231 ; 1496 sandte Johann II. zudem seinen Baumeister Jorgen von Kaaden nach Torgau, um dort die steinerne Brücke zu vollenden 232 . Nach Kaaden kamen auf der anderen Seite aus den wettinischen Herrschafts‐ gebieten der franziskanische Theologe Eberhard Ablauff († 1528) sowie der Bildhauer Ulrich Creutz (vor 1500? - nach 1536? ) 233 . Als herausragendes Bei‐ spiel für den sächsischen Einfluss in der nordwestböhmischen Königsstadt gelten die (aus der Werkstatt stammenden) Cranachʼschen Wandmalereien in der Franziskanerkirche der Vierzehn Heiligen Nothelfer, die zwischen 1520 und 1530 Jaroslav von Lobkowitz auf Hassenstein, der Sohn Johanns II., im Presbyterium in Auftrag gab 234 . Die fast naturalistische Abbildung des Kaadener Konvents - gleichsam als Symbol des himmlischen Jerusalem - sowie die Züge von Angehörigen der Lobkowitz wiedergebenden Porträts der biblischen Akteure (der hl. Josef von Arimathäa in der Kreuzigungsszene etwa zeigt das Antlitz des alternden Johann II.) lässt sich gleichsam als „ostentatives Bekenntnis zur eigenen christozentrischen Spiritualität“ interpretieren 235 . Mit seiner Grabtumba und den Wandmalereien ist der 1517 verstorbene Johann II., dessen Geschlecht bis heute fortlebt, lebendig geblieben - dem Wahlspruch der Familie Lobkowitz „Popel jsem, a popel budu“ (Asche bin ich, Asche werde ich), der für die Vergänglichkeit des irdischen Lebens steht, zum Trotz. Zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie 147 <?page no="149"?> 1 Petr H L A V ÁČ E K , Církevně-politický a spirituální profil Jana Hasištejnského z Lobkowicz [Das kirchenpolitische und spirituelle Profil von Johann von Lobkowitz auf Hassen‐ stein], in: Mýtus Ulrich Creutz. Vizuální kultura v Kadani za Jana Hasištejnského z Lobkowicz (1469-1517) [Der Mythos Ulrich Creutz. Visuelle Kultur in Kaaden unter Johann von Lobkowitz auf Hassenstein], hg. von Michaela O T T O V Á / Aleš M U D R A , Litoměřice 2017, S. 48-53; Petr H L A V ÁČ E K , Jan Hasištejnský z Lobkowicz aneb františ‐ kánství mezi Kadaní a Jeruzalémem [ Johann von Lobkowitz auf Hassenstein oder das Franziskanertum zwischen Kaaden und Jerusalem], in: Proměny františkánské tradice. Od teologie a filosofie ke kultuře a umění [Veränderungen in der franziskanischen Tradition. Von Theologie und Philosophie zu Kultur und Kunst], hg. von Petr H L A V ÁČ E K , Praha 2019, S. 247-262. Vgl. jetzt auch den Beitrag von Thomas Krzenck in diesem Band. 2 Petr H L A V ÁČ E K , Náboženské a „turistické“ rituály poutí do Svaté země aneb cesta Jana Hasištejnského z Lobkowicz do Jeruzaléma [Religiöse und „touristische“ Rituale der Pilgerfahrten ins Heilige Land oder die Reise des Johann von Lobkowitz auf Hassenstein Die Nachwirkung der Pilgerfahrt Johanns von Lobkowitz auf Hassenstein in der Architektur und Kunst Michaela Ottová/ Aleš Mudra Johann von Lobkowitz auf Hassenstein spielt in der Geschichte des tschechi‐ schen Pilgerwesens eine bedeutende Rolle. Er stammte aus einem Adelsge‐ schlecht, das seine Güter vor allem während der Hussitenkriege erwarb. Als Vertreter der zweiten Generation der Familie, die erst 1479 in den Adelsstand erhoben wurde, baute er seine gesellschaftliche Stellung zielstrebig aus und bemühte sich um die Sicherung des Familienbesitzes im Nordwesten Böhmens. Sein Sitz wurde die königliche Pfandstadt Kaaden, wo er vor allem als Gründer und Mäzen des Franziskanerklosters der Vierzehn Nothelfer in die Geschichte einging und auch das Projekt der Familiennekropole verwirklichte (Abb. 1) 1 . Als Diplomat des böhmischen Königs Vladislav II. unternahm er zahlreiche Auslandsreisen, zum Beispiel nach Luxemburg, Venedig und Rom, wo er Papst Innozenz VIII. besuchte. Entscheidend für uns ist jedoch seine Pilgerreise ins Heilige Land, die er 1493 zusammen mit anderen Adligen aus Böhmen und den deutschen Ländern unternahm 2 . Er hat uns einen ausführlichen Reisebericht <?page no="150"?> nach Jerusalem], in: Rituály, ceremonie a festivity ve střední Evropě 14. a 15. století [Rituale, Zeremonien und Festivitäten in Mitteleuropa im 14. und 15. Jahrhundert], hg. von Martin N O D L / František Š M A H E L , Praha 2009, S.-339-345. 3 O T T O V Á / M U D R A , Mýtus (wie Anm. 1), S. 258, Kat. Nr. 38; Jana Hasištejnského z Lobkovic Putování k svatému Hrobu [Die Pilgefahrt von Johann Lobkowitz auf Hassenstein zum Heiligen Grab], hg. von Ferdinand S T R E J Č E K , Praha 1902. Vgl. die deutsche Übersetzung von Thomas Krzenck in diesem Band. 4 U. a. Aleš M U D R A / Michaela O T T O V Á , Kadaň [Kaaden], in: V oplatce jsi všecek tajně: Eucharistie v náboženské a vizuální kultuře Českých zemí do roku 1620 [In der Oblate bist du ganz und gar verborgen: Die Eucharistie in der religiösen und visuellen Kultur der böhmischen Länder bis zum Jahr 1620], hg. von Aleš M U D R A , Praha 2017, S. 309-336; H L A V ÁČ E K , Církevně-politický (wie Anm. 1); Michaela O T T O V Á / Aleš M U D R A , Sochařské vybavení kláštera a kostela Čtrnácti svatých pomocníků v Kadani z doby Jana Hasištejnského z Lobkowicz [Skulpturenausstattung des Klosters und der Kirche der Vierzehn Heiligen Nothelfer in Kaaden aus der Zeit von Johann von Lobkowitz auf Hassenstein], in: O T T O V Á / M U D R A , Mýtus (wie Anm. 1), S.-126-141. 5 Michaela O T T O V Á / Markéta P A V L Í K O V Á , Vizuální charakteristika, stylové předpoklady a emocionální působení kadaňských Ukřižovaných ve světle technologických analýz [Visuelle Merkmale, stilistische Voraussetzungen und emotionale Wirkung der Gekreu‐ zigten von Kaaden im Lichte technologischer Analysen], in: O T T O V Á / M U D R A , Mýtus (wie Anm. 1), S.-142-159. hinterlassen, der in einem längeren Abstand vom Ereignis, nämlich nach 1504, geschrieben wurde 3 . Heute, nach einer Reihe von detaillierten Untersuchungen durch einige Forscher, erscheint Johann von Lobkowitz als ein gebildeter und zutiefst frommer Mann, der der römischen Kirche treu war und die üblichen Moral- und Frömmigkeitsmodelle der Zeit bewahrte; aber in einigen Hinsichten kann man ihm seine Individualität, ja sogar seine Einzigartigkeit nicht abspre‐ chen 4 . Diese Einzigartigkeit zeigt sich heute in dem aufwendigen Ausstattungspro‐ gramm im Presbyterium der Klosterkirche, aber auch in den miteinander kor‐ respondierenden baulichen und dekorativen Elementen des Klosters, wo sie nun als spezifische Erinnerungen an die heiligen Stätten in Jerusalem identifiziert werden, die an die mit der Passionsgeschichte Jesu Christi verbundenen Orte erinnern. Zum anderen zeigt sich seine Faszination und tiefe Verehrung für das leibliche Opfer Christi am Kreuz, die sich in einer beispiellosen Auftragsvergabe für Darstellungen des gekreuzigten Christus’ manifestierte, deren veristische und ausdrucksstarke Form beim Betrachter eine persönliche Erfahrung des leiblichen Todes Christi am Kreuz hervorrief 5 . Die christozentrisch orientierte Frömmigkeit des Johannes fand ihren Widerhall in weiteren künstlerischen Ausführungen, die für den Raum des Klosters Kaaden bestimmt waren. Das Thema von Christus - die Bedeutung seines leiblichen Opfers für die Erlösung des Menschen - bzw. von Johannes und der gesamten Familie Lobkowitz - 150 Michaela Ottová/ Aleš Mudra <?page no="151"?> 6 Petr H L A V ÁČ E K , Nový Jeruzalém? Příběh františkánského kláštera Čtrnácti sv. Pomoc‐ níků v Kadani [Geschichte des Franziskanerklosters der Vierzehn Heiligen Nothelfer in Kaaden], Kadaň 2013; Jan R O Y T , Nástěnné malby v klášteře Čtrnácti sv. pomocníků v Kadani [Wandmalereien im Kloster der Vierzehn Heiligen Nothelfer in Kaaden], in: Bez hranic. Umění v Krušnohoří mezi gotikou a renesancí [Ohne Grenzen. Kunst im Erzgebirge zwischen Gotik und Renaissance] (Ausstellungskatalog der Nationalgalerie in Prag), hg. von Jan K L Í P A / Michaela O T T O V Á , Praha 2015, S.-511-513, Kat. Nr. VIII-19; Magdalena N E S P Ě Š N Á H A M S Í K O V Á , Lucas Cranach a malířství v českých zemích (1500- 1550) [Lucas Cranach und die Malerei in den böhmischen Ländern (1500-1550)], Praha 2016, S. 69-84; M U D R A / O T T O V Á , Kadaň (wie Anm. 4), S. 309-316; Jan R O Y T , Nástěnné malby v chóru klášterního kostela [Wandmalereien im Chor der Klosterkirche], in: O T T O V Á / M U D R A , Mýtus (wie Anm. 1), S. 96-104; Aleš M U D R A , K funkcím donátorských portrétů v presbytáři klášterního kostela Čtrnácti svatých pomocníků v Kadani [Zu Funktionen der Donatorenporträts im Presbyterium der Klosterkirche der Vierzehn Heiligen Nothelfer in Kaaden], in: Studia Mediaevalia Bohemica 9 (2018), S.-65-84. schwingt z. B. in den herausragenden Wandbildern aus dem Kreis von Lucas Cranach mit. In den Gemälden werden neben Johannes, seiner Frau Magdalena von Törring und seinem Sohn und Erben Jaroslav II. auch die realen Verhältnisse von Kaaden dargestellt 6 . Abb. 1: Franziskanerkirche der Vierzehn Nothelfer in Kaaden, Südseite des Chores. Foto: Aleš Mudra. Die Nachwirkung der Pilgerfahrt Johanns von Lobkowitz auf Hassenstein 151 <?page no="152"?> 7 Michaela O T T O V Á / Aleš M U D R A , Kadaňský klášter františkánů observantů jako memo‐ riální místo rodu Lobkowiczů v kontextu místního nového Jeruzaléma [Das Franziska‐ nerkloster in Kaaden als Gedenkstätte für die Familie Lobkowitz im Kontext des lokalen Neuen Jerusalem], Vortrag auf der Konferenz „Die Franziskaner in den Ländern der Böhmischen Krone und Sachsen zwischen der Reform, Reformation und Gegenreforma‐ tion (15.-17. Jahrhundert)“, Stadtmuseum in Kaaden, 19.-22.9.2018, https: / / www.acad emia.edu/ 123522448/ Kada%C5%88sk%C3%BD_kl%C3%A1%C5%A1ter_franti%C5%A1k %C3%A1n%C5%AF_observant%C5%AF_jako_memori%C3%A1ln%C3%AD_m%C3%AD sto_rodu_Lobkowicz%C5%AF_v_kontextu_m%C3%ADstn%C3%ADho_nov%C3%A9ho _Jeruzal%C3%A9ma_Das_Franziskanerkloster_in_Kada%C5%88_als_Gedenkst%C3%A 4tte_f%C3%BCr_die_Familie_Lobkowitz_im_Kontext_des_lokalen_Neuen_Jerusalem (4.9.2024). 8 S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 3), S. XIV, 47, 64-65 (96? ); M U D R A / O T T O V Á , Kadaň (wie Anm. 4), S.-312. Johannes auf der Pilgerfahrt ins Heilige Land Für unser Thema der Reflexion der Pilgerreise in Kunst und Architektur ist von Bedeutung, dass zur gleichen Zeit wie Johannes von Lobkowitz auch der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise ins Heilige Land schiffte. Wir wissen, dass Johannes jenes Haus besuchte, das der Kurfürst bewohnte, während er in Venedig auf sein Schiff wartete. Johannes blieb in späteren Jahren in persönlichem Kontakt mit Kurfürst Friedrich und sie teilten ikonografische und typologische Prinzipien der Kunst in Bezug auf die Stätten der Passion Christi und auf Reliquien 7 . Aus dem Reisebericht wählen wir hier nur die Motive aus, die zur Interpre‐ tation der in Kaaden erhaltenen Denkmäler der bildenden Kunst beitragen können. Johannes von Lobkowitz achtete vor allem auf die Ablässe, die mit dem Besuch der einzelnen heiligen Stätten verbunden sind: Jeder Absatz, in dem ein Ort beschrieben wird, endet mit einem Satz in roter Farbe über die Höhe der Ablässe. Dies war in den europäischen Reiseberichten jener Zeit üblich, aber nicht obligatorisch. Überall gibt er vollständige Listen der aufbewahrten Reliquien an und beschreibt das Aussehen der Innenräume und die Ausstattung der Kirchen. Bei einigen der Passionsreliquien bekundet er Zweifel an ihrer Echtheit. Wie sein Bruder, der berühmte Dichter Bohuslav von Lobkowitz auf Hassenstein, hält er die Beurteilung skeptischer Positionen nicht für wichtig. Ob es sich um die Nägel Christi handelt, von denen es sechs gibt, oder um den Schleier der Veronika, von dem es zwei gibt, sagt er „der Herr Gott weiß am besten, was wahr ist“ 8 . Die gleiche Haltung nimmt er ein, wenn er eine Diskrepanz zwischen der Heiligen Schrift und den verschiedenen Versionen der Führer in Palästina wahrnimmt. Es ist nicht wichtig, die volle Wahrheit zu erfahren; 152 Michaela Ottová/ Aleš Mudra <?page no="153"?> 9 S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 3), S.-14. 10 S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 3), S.-83. 11 O T T O V Á / M U D R A , Sochařské vybavení (wie Anm. 4), S. 139; O T T O V Á / M U D R A , Mýtus (wie Anm. 1), S.-188-191, Kat. Nr.-8, 9. 12 O T T O V Á / M U D R A , Sochařské vybavení (wie Anm. 4), S. 139; O T T O V Á / M U D R A , Mýtus (wie Anm. 1), S.-252, Kat. Nr.-35. das ist Sache Gottes. Was zählt, ist die fromme Absicht. Der materielle und räumliche Rahmen der biblischen Ereignisse scheint für Johannesʼ Erfahrung der Pilgerreise grundlegend gewesen zu sein. Insbesondere die zahlreichen Steine, die der Erlöser berührt hat, werden registriert. Die Beschäftigung mit den heiligen Maßen ist allgegenwärtig und persönlich: Er zählt ständig die Stufen und Schritte, wobei er sie meist nicht aus anderen Reiseberichten übernimmt, sondern erklärt, dass sie meine sind, die so weit sind, wie ich gehen konnte  9 . Die genauen Beschreibungen der Steine und ihrer Entfernungen bestätigen, dass der Schreiber tatsächlich dort war, wo der menschgewordene Gott die Erde berührte, und dass es ihm daher möglich ist, ihm in den Himmel zu folgen. Die Entfernungen der heiligen Stätten von einander wurden dann verglichen und auf die Verhältnisse in Kaaden übertragen, was es ermöglichte, sich mental in den räumlichen Kontext der heiligen Stadt zu versetzen und in physischen Kontakt mit den wichtigsten Orten der Heilsgeschichte zu treten. Besondere Aufmerksamkeit widmet er den an den verschiedenen heiligen Orten brennenden Lampen 10 . Andachtsbilder von Christus, ihre Funktion und ihr Wirken außerhalb des Klosters An die Intensität der spirituellen Erfahrung des Johannes von Lobkowitz wäh‐ rend der Pilgerreise erinnern die plastischen Darstellungen des gekreuzigten Christus, die in der Brust ein Loch zum Einsetzen von Reliquien in ein gläsernes Oculus aufwiesen (Abb. 2) 11 . Wir vermuten, dass Johannes solche Gegenstände aus dem Heiligen Land mitbrachte. Wie wir wissen, verehrte er auch andere Reliquien im Geiste jenes „Reliquiensammelns“, wie es der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise betrieb. Solche nicht näher bezeichneten Reliquien wurden kürzlich in der Katharinenkapelle des Kaadner Klosters in der Altarmensa gefunden (Abb. 3). Es handelt sich um Fragmente von organischem Material, Textilien, Stein und Knochen, die in einem Glasfläschchen aufbewahrt werden. Das Fläschchen entstand im 15. Jahrhundert im Mittelmeerraum 12 . Die für jeden Pilger wertvollen „Souvenirs“ sind ein weiterer Beweis für die Komplexität der Erfahrung der Johannes-Wallfahrt und ihre Bedeutung für Fragen des Seelen‐ Die Nachwirkung der Pilgerfahrt Johanns von Lobkowitz auf Hassenstein 153 <?page no="154"?> 13 Michaela O T T O V Á , Pozdně gotické řezbářství v Kadani. K problematice výzdoby kláštera Čtrnácti svatých pomocníků [Spätgotische Holzschnitzerei in Kaaden. Zur Problematik der Ausstattung des Klosters der Vierzehn Heiligen Nothelfer], in: Doba jagellonská v zemích české koruny (1471-1526) [Die Jagiellonen-Zeit in den Ländern der Böhmischen Krone (1471-1526)], hg. von Viktor K U B Í K , Praha 2005, S. 167-183; O T T O V Á / P A V L Í K O V Á , Vizuální charakteristika (wie Anm. 5), S.-154-155. heils. Die Einbeziehung eines Reliquienobjekts in die Statue des gekreuzigten Christus’ scheint sehr originell. Dies ist ein ungewöhnliches Phänomen zu Beginn des 16. Jahrhunderts und es sollte die Erfahrung der Passion Christi in der monastischen Umgebung intensivieren. Abb. 2: Meister der Kaadner Kruzifixe: Der Gekreuzigte aus dem Kreuzgang des Franziskanerklosters in Kaaden, um 1516. Foto: Aleš Mudra. - Abb. 3: Reliquienampulle aus der St. Kathari‐ nenkapelle des Franziskanerklosters in Kaaden, 15.-Jahrhundert. Foto: Aleš Mudra. Diese Schnitzwerke wurden in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts in einer Kaadner Werkstatt geschaffen, deren Bildhauer ihre Ausbildung im Stil des Nürnbergers Veit Stoss nicht verleugnen 13 . Die Skulpturen sind anatomisch genaue, aber ausdrucksstark stilisierte Darstellungen sterbender Menschen. Die visuelle Intensität des Bildes vom physischen Sterben Christi am Kreuz, im Moment seines letzten physischen Atems, wurde nicht nur durch die 154 Michaela Ottová/ Aleš Mudra <?page no="155"?> 14 O T T O V Á / P A V L Í K O V Á , Vizuální charakteristika (wie Anm. 5). Behandlung des Leidens im Gesicht und am nackten Körper, sondern auch durch die lebendige Farbgebung der Inkarnate und die Intensität des Blutes, angeheizt. Der Verismus der Darstellung wurde durch die Verwendung von Perücken aus Menschen- oder Pferdehaar unterstrichen, die mit einer Dornenkrone aus den stacheligen Zweigen echter Büsche auf dem Kopf befestigt wurden (Abb. 4) 14 . Diese monumentalen Skulpturen stehen in direktem Zusammenhang mit der Auftragstätigkeit von Johann von Lobkowitz. Zwei waren für die Räume des Franziskanerklosters bestimmt, andere für Kirchen in Kaaden und Umgebung. Ein wichtiger Punkt für das Verständnis der Funktion dieser Darstellungen ist die Annahme, dass sie Teil der Altaraufsätze waren, auf denen das bildhaueri‐ sche Werk aus der Nähe betrachtet und erlebt werden konnte. Abb. 4: Meister der Kaadner Kruzi‐ fixe: Christus in der Rast mit Echt‐ haar aus dem Franziskanerkloster in Kaaden, um 1515-1520. - Abb. 5: Panorama des Heiligen Landes im Kreuzgang des Franziska‐ nerklosters, um 1495-1500. Foto: Aleš Mudra. Die Nachwirkung der Pilgerfahrt Johanns von Lobkowitz auf Hassenstein 155 <?page no="156"?> 15 Zur Wittenberger Reisetafel vgl. den Beitrag von Eva Heuer in diesem Band. 16 Es handelte sich um den Hofmaler Cuntz; der Hofmaler Jhan aus den Niederlanden nahm, anders als in der älteren Literatur behauptet, nicht an der Reise teil; vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, bes. Anm. 70, 71, und 201. 17 M U D R A / O T T O V Á , Kadaň (wie Anm. 4), S.-335-336. 18 Petr H L A V ÁČ E K , Nový Jeruzalém? Spirituální rozměr kadaňské rezidence Jana Hasiš‐ tejnského z Lobkowicz († 1517) [Das neue Jerusalem? Die spirituelle Dimension der Residenz von Johann von Lobkowitz], in: Dvory a rezidence ve středověku [Höfe und Residenzen im Mittelalter], hg. von Dana D V O ŘÁČ K O V Á -M A L Á , Praha 2006, S. 237-272, hier 250-251; M U D R A / O T T O V Á , Kadaň (wie Anm. 4), S.-317. 19 S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 3), S. XVI. Heilige Topographie in Kaaden In den letzten 20 Jahren wurden in Kaaden zahlreiche Entdeckungen gemacht und die Forschung ist deutlich fortgeschritten. Der Jerusalemer Kontext wurde nicht nur in den freilegten Wandmalereien identifiziert, sondern auch im Gebäude selbst: Der Schlüssel zur Deutung der Gebäudeteile als Nachahmungen von Bauten im Heiligen Land könnte in der großformatigen Malerei des Jerusalemer Panoramas im Kreuzgang liegen, die leider nur noch in Fragmenten erhalten ist (Abb. 5). Zum Panoramabild des Heiligen Landes wurde wohl für jeden Erinnerungsort eine entsprechende biblische Szene zugeordnet. Ein solches Bild mit einem Porträt des Kurfürsten Friedrichs des Weisen befindet sich im Schloss in Gotha, das lange nicht sehr begründet als eine Kopie des mittleren Teils eines Tripty‐ chons, einer so genannten Reisetafel aus der Schlosskapelle in Wittenberg, galt 15 . Der Entwurf der Reisetafel war wahrscheinlich das Werk eines Künstlers, der die heiligen Stätten aus Autopsie kannte (ein Maler begleitete den Kurfürsten auf seiner Reise nach Jerusalem) 16 . Wie die Porträts von acht Mitgliedern der Nürnberger Handelsfamilie Ketzel auf der Rückseite der Gothaer Tafel andeuten, wurde sie wahrscheinlich von Wolf Ketzel, dem Reisebegleiter Friedrichs, in Auftrag gegeben oder erworben. Es ist daher leicht vorstellbar, dass Johannes von Lobkowitz, ein weiterer Teilnehmer dieser Pilgerfahrt von 1493, während seines Besuchs in Wittenberg in 1495 eine Reproduktion desselben Gemäldes erwarb, die zur Vorlage für das Wandgemälde im Kreuzgang wurde 17 . Schon die Lage des Klosters in der Landschaft wurde von den Zeitgenossen mit Golgatha assoziiert, wie das Gemälde im Presbyterium der Klosterkirche belegt (Abb. 6) 18 . Nach den Worten des Johannes von Lobkowitz soll die Entfernung vom Haus des Pilatus nach Golgatha dieselbe sein wie vom Rathaus in Kaaden zum Kloster, also zum Fuß des „zweiten Golgatha“ 19 . Im Reisebericht reflektiert Johannes auch das Coenaculum in besonderer Weise: Es gibt einen Ort, an dem Christus am Gründonnerstag speiste, wo er den Aposteln die Füße wusch und ihnen den Heiligen 156 Michaela Ottová/ Aleš Mudra <?page no="157"?> 20 S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 3), S.-76. 21 H L A V ÁČ E K , Nový Jeruzalém? (wie Anm. 18); Petr M A C E K in Zusammenarbeit mit Lukáš G A V E N D A , Klášter františkánů-observantů v Kadani. Podoba a vývoj stavby za Jana Hasištejnského z Lobkowicz [Das Kloster der Franziskaner-Observanten in Kaaden. Gestalt und Entwicklung des Gebäudes unter Johann von Lobkowitz auf Hassenstein], in: O T T O V Á / M U D R A , Mýtus (wie Anm. 1), S. 74-87, hier 83; O T T O V Á / M U D R A , Sochařské vybavení (wie Anm. 4), S.-139. 22 S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 3), S.-76. Geist sandte. Es kommt ihm nicht in den Sinn, dass dies alles in einem einzigen Raum geschah, der in Breite und Länge in etwa 12 Schritte zusammengefasst  20 . Nach seiner Rückkehr ließ Johann von Lobkowitz offenbar im zweiten Stock des Klosters einen Raum errichten, der durch sein Gewölbe, das nach Innen gerichtete Portal und auch durch seine Abmessungen auf das Coenaculum verweist (Abb. 7) 21 . Abb. 6: Franziskanerkirche der Vierzehn Nothelfer in Kaaden, Süddseite des Cho‐ res, Beweinung, Detail des Klosters un‐ ter Golgatha, um 1516-1517. Foto: Aleš Mudra. - Abb. 7: Franziskanerkloster in Kaaden, Coenaculum über dem Nordflügel des Kreuzgangs, um 1500. Foto: Aleš Mudra. Über dem Kreuzgang des Klosters Zion beschreibt er den Raum, in dem Christus den Aposteln die Füße wusch 22 . In Kaaden, im ersten Stock über dem Kreuzgang, ließ er einen Raum errichten, der durch Gewölbe und Wandgemälde mit dem Motiv der Passionsreliquien wieder über den praktischen Sinn erhoben wird (Abb. 8). Es stellt sich die Frage, ob sich auch dieser Raum auf das Zionskloster bezieht. Im Kloster auf dem Berg Zion vermerkt Johannes auch, dass sich hinter der Wand hinter dem Hochaltar, 15 Schritte vom Altar entfernt, der Ort befindet, Die Nachwirkung der Pilgerfahrt Johanns von Lobkowitz auf Hassenstein 157 <?page no="158"?> 23 S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 3), S.-76. 24 M A C E K / G A V E N D A , Klášter (wie Anm. 21), S. 85-87; im Allgemeinen: Jens M. W E N I N G , Siloah - Quelle des Lebens. Eine Kulturgeschichte der Jerusalemer Stadtquelle, Münster 2021. 25 S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 3), S.-60. an dem das Lamm gebraten wurde, das der Herr Christus und seine Jünger beim letzten Abendmahl aßen  23 . Ist es nur ein Zufall, dass sich an einem Ort, der im Kaadner Kloster mit denselben Worten beschrieben werden könnte, ein Backöfchen für Hostien in der Wand befindet? Abb. 8: Franziskanerkloster in Kaaden, Durchgang über dem Nordflügel des Kreuzgangs (wo Christus den Aposteln die Füße wusch? ), um 1500. Foto: Aleš Mudra. Der Brunnen des Kaadner Klosters, der von sehr hoher Qualität und sorgfältiger Verarbeitung ist, hatte von Anfang an wenig Wasser und daher nur symbolische Bedeutung; es gibt Belege aus den Jahren um 1500, dass das Kloster mit Wasser durch Bleirohre versorgt wurde. In seiner Bauweise unterscheidet er sich erheblich von der damals üblichen Form von Brunnen. Er besteht aus einer Kombination von Einschnitten in den Fels und einer Auskleidung mit Präzisionsblöcken wie beim Brunnen von Siloah 24 . Johannes erwähnt in Übereinstimmung mit anderen mittelalterlichen Reiseberichten, dass die Jung‐ frau Maria die Windeln Christi im Brunnen von Siloah gewaschen hat 25 , und 158 Michaela Ottová/ Aleš Mudra <?page no="159"?> 26 S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 3), S.-69. 27 M A C E K / G A V E N D A , Klášter (wie Anm. 21), S.-86-87. dass nach dem Evangelium das Wunder der Heilung eines Blindgeborenen dort stattfand - der Ort symbolisiert also Sehendwerden und Leben. Eine persönliche, unvermittelte Erfahrung ist der Hinweis auf kaltes, sauberes und trinkbares Wasser. Der letzte identifizierte Ort der Jerusalemer Topographie in Kaaden ist die Kapelle des Heiligen Grabes. Nach der Beschreibung des Johannes von Lobkowitz ist sie gewölbt und hat keine Fenster. Wenn man sie betritt, gibt es zunächst eine kleine Kammer, eine zweite kleine Tür, und dahinter, gleich rechts, ist der Altar, unter dem sich das Grab Gottes befindet (Abb. 9) 26 . Die Kapelle im Erdgeschoss neben dem Kreuzgang entspricht dieser Konstellation in Kaaden 27 . Dem Reisebericht zufolge brannten in der Kapelle elf Lampen. Das Gewölbe der Kapelle von Kaaden ist stark durch Rauch verschmutzt, so dass dort viel gebrannt und wenig gelüftet wurde (das Fenster wurde durchgebrochen und die Wand des Vorraums abgebrochen erst später). Die Lampen brannten wahrscheinlich ununterbrochen, nach dem Muster der heiligen Orte. Auch in Mitteleuropa haben sich ausnahmsweise hängende Öllampen erhalten, wie wir sie aus Abbildungen in Jerusalemer Reiseberichten oder aus Szenen der Visitatio Sepulchri kennen. Abb. 9: Franziskanerkloster in Kaaden, sog. Krankenkapelle (ursprünglich Kapelle des Hl. Grabes), um 1500. Foto: Aleš Mudra. Die Nachwirkung der Pilgerfahrt Johanns von Lobkowitz auf Hassenstein 159 <?page no="160"?> 28 M U D R A / O T T O V Á , Kadaň (wie Anm. 4), S. 311-312; O T T O V Á / M U D R A , Mýtus (wie Anm. 1), S. 178, Kat. Nr. 3; Michaela O T T O V Á , Ulrich Creutz v Kadani [Ulrich Creutz v Kaaden], in: Františkánský klášter v Kadani jako ohnisko kulturního a technologického transferu [Das Franziskanerkloster in Kaaden als Zentrum des kulturellen und technologischen Transfers], hg. von Petr H L A V ÁČ E K , Kadaň 2018, S.-115-137. 29 O T T O V Á / M U D R A , Mýtus (wie Anm. 1), S.-184, Kat. Nr.-6; O T T O V Á , Ulrich Creutz (wie Anm. 28). Die zwei letzten Dinge Auch zwei der chronologisch letzten Objekte, die Johann von Lobkowitz für das Kaadner Kloster konzipierte und in Auftrag gab, standen in Zusammenhang mit der Jerusalem-Wallfahrt. Zum einen war es sein eigener Grabstein aus den Jahren 1516-1517, auf dem nachträglich das Sterbedatum 1517 eingemeißelt wurde (Abb. 10). Dies beweist, dass er noch zu Lebzeiten von Johannes und damit sehr wahrscheinlich auf seine Veranlassung hin geschaffen wurde. Die Gesamtgestaltung kehrt den damals beliebten Typus des vertrockneten Leich‐ nams, ein mit Haut überzogenes Skelett, um. Der Auftraggeber wird so als Büßer dargestellt, der sich der Vergänglichkeit seines Körpers bewusst ist und auf die Auferstehung wartet. Hinzu kommt als neues Einzelmotiv ein rechteckiger Stein, auf dem der Schädel des Verstorbenen ruht (Abb. 11). Der Stein soll vermutlich an die spirituelle Erfahrung des Johannes auf seiner Pilgerreise erinnern. In seinem Reisebericht schildert er ein Ereignis im Tempel des Heiligen Grabes, wo er auf dem Stein, der den Mittelpunkt der Welt markiert, zwei Stunden lang schlief. Offenbar war es Johannesʼ Wunsch, nach seinem Tod symbolisch in der Nähe des Grabes Christi zu liegen, wo die wundersame Auferstehung stattfand. Mitten in der Welt liegend, wird er also beim Jüngsten Gericht als einer der Ersten auferstehen. Er schläft an dem Ort, an dem er den vollkommenen Ablass erhalten hat, was seinen Anspruch auf das Himmelreich beweist 28 . Der bevorstehende physische Tod des Johannes, der durch das Bild des Zerfalls der körperlichen Überreste auf der Grabplatte veranschaulicht wird, steht in engem Zusammenhang mit den oben erwähnten „lebendigen“ Darstellungen Christi, des toten Körpers, der über den Tod triumphiert. Erst durch den Tod eröffnet sich die Möglichkeit des ewigen Lebens mit Christus, die grundlegende eschatologische Ebene jeder Darstellung des Gekreuzigten. Das zweite Steinwerk aus derselben Zeit und vom selben Künstler, Ulrich Creutz, der auf seinem Weg von Franken nach Sachsen kurz in Kaaden tätig war, ist das Epitaph von Johannesʼ Sohn Jaroslav (Abb. 12) 29 . Während die Tumba auf die Memoria ausgerichtet war, zielt die Statue Jaroslavs auf seine künftige Anerkennung als Herr von Kaaden nach dem Tod seines Vaters und auf den Fortbestand der Familie. Das Relief des stehenden, triumphierenden Ritters, das wahrscheinlich 160 Michaela Ottová/ Aleš Mudra <?page no="161"?> zwischen zwei vertikalen Wappenbändern der Familie Lobkowitz und der Familie seiner Frau eingestellt wurde, vervollständigt die Komposition von Johannesʼ Tumba in einer Konfiguration, die dem Konzept der Grabstätte von Friedrich dem Weisen entspricht. Dieser ließ sich in der Wittenberger Schlosskirche unter dem Grabstein vor dem Hochaltar beisetzen, der durch ein Triumph-Epitaph mit Wappen unter dem Nordfenster ergänzt wird. Die Medien sind unterschiedlich, aber die Platzierung und Anordnung sind die gleichen. Abb. 10: Ulrich Creutz: Grabmal für Johann Lobkowitz von Hassenstein, 1516, Franzis‐ kanerkirche der Vierzehn Nothelfer in Kadaň, Nordwand des Chores. Foto: Aleš Mudra. Die Nachwirkung der Pilgerfahrt Johanns von Lobkowitz auf Hassenstein 161 <?page no="162"?> Abb. 11: Ulrich Creutz: Grabmal für Johann Lobkowitz von Hassenstein, Detail, 1516, Franziskanerkirche der Vierzehn Nothelfer in Kadaň, Nordwand des Chores. Foto: Aleš Mudra. Abb. 12: Ulrich Creutz: Epitaph von Jaroslav Lobkowitz von Hassenstein, 1516, Franzis‐ kanerkirche der Vierzehn Nothelfer in Kaaden, Ostwand des Chores. Foto: Aleš Mudra. 162 Michaela Ottová/ Aleš Mudra <?page no="163"?> Zum Schluss Leider wissen wir nichts über die Art und Weise, wie diese Werke, die sich auf die Jerusalem-Pilgerreise des Johannes von Lobkowitz beziehen, zur Zeit ihrer Ent‐ stehung genutzt wurden. Wir haben keine Informationen darüber, wie sie von der Familie des Auftraggebers wahrgenommen wurden oder welche Rolle sie im Betrieb des Klosters spielten. Ihre Vielfältigkeit und Vielschichtigkeit in Bezug auf Medien, Ikonographie oder Bedeutungsakzente lässt jedoch vermuten, dass auch das Spektrum der Funktionen breit strukturiert war. Es ist bezeichnend für die Ausrichtung der zeitgenössischen vorreformatorischen Frömmigkeit, dass sie nicht nur zur passiven Wahrnehmung bestimmt waren, sondern auch zur aktiven Teilnahme einluden. Die Nachwirkung der Pilgerfahrt Johanns von Lobkowitz auf Hassenstein 163 <?page no="165"?> 1 Diesen Beitrag hat der Vf. als freien Vortrag auf der Tagung der Deutschen St. Jakobus Gesellschaft e. V. in Ústí nad Labem (Aussig) 30. September 2023 gehalten. Die Konzeption folgte den geplanten Vorträgen auf der Tagung selbst (u. a. zur Reise selbst und zur Ketzel-Tafel) und in Absprache mit Hartmut Kühne (Berlin), der am 24. November 2023 in Wittenberg einen ähnlichen Vortrag für die Friedrich-der-Weise-Tagung der Luther-Gedenkstätten Sachsen-Anhalt und das ISGV ausarbeitete. Hier konzentriert sich die schriftliche Ausarbeitung auf die Belege des gefälschten Pilgramsbuchs Hans Trautmanns und die Vorstellung einer bisher übersehenen Quelle, die diese Fälschung eindeutig belegen kann. Vgl. auch Hartmut K Ü H N E , Friedrich der Weise im Heiligen Land: Fakten und Fiktionen, in: Friedrich der Weise. Reichsfürst und Landesherr an einer Zeitenwende, hg. von Enno B Ü N Z / Stefan R H E I N (Schriften der Stiftung Luthergedenkstätten 28), Leipzig 2025, S.-406-428. „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise Friedrichs des Weisen und Herzog Christophs von Bayern 1493 Thomas Lang 1 Von Fälschungen, Pauschalreisen und frommen Fürsten 1 Bis heute beeinflusst eine Fälschung unser Bild von Pilgerreisen ins Heilige Land um 1500. Über fast 150 Jahre hat ein Abenteuerroman die historische und kunsthistorische Forschung gefoppt. Trotz zahlreicher Widersprüche und Kritik in der Forschung sind Auszüge aus dem sogenannten ‚Pilgramsbuch‘ Herzog Christophs von Bayern (1449-1493) in wissenschaftliche Nachschlagewerke gelangt. Darin berichtet er über die gemeinsam mit Kurfürst Friedrich III. von Sachsen (1463-1525) im Sommer 1493 unternommene Seereise ins Heilige Land. Wie in diesem Beitrag anhand anderer zeitgenössischer Quellen gezeigt werden soll, handelt es sich beim ‚Pilgramsbuch‘ eindeutig um eine Fälschung, die ursprünglich als Stilvariante in einem Roman gedacht war. Jedoch, damit bildet eine Fiktion eine der Grundlagen für unser Wissen über das Heilige Land um 1500. <?page no="166"?> 2 Vgl. zur Einführung Hartmut K Ü H N E , Art. 4.1 Die Spätmittelalterlichen Pilger, in: Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation in Mitteldeutschland. Katalog zur Ausstellung „Umsonst ist der Tod“, hg. von Hartmut K Ü H N E / Enno B Ü N Z / Thomas T. M Ü L L E R im Auftrag der Mühlhäuser Museen, des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig und des Kulturhistorischen Museums Magdeburg, Petersberg 2013. S.-142f. 3 In der Wittenberger Schlosskirche hielten um 1520 93 Geistliche an 24 Altären und drei Chorstiftungen pro Jahr insgesamt 8.994 gesungene und gelesene Messen LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 204, fol. 10r-v; ebd., Reg. O 154, fol. 69r-70v. Vgl. zum Allerhei‐ ligenstift in der Schlosskirche Gottfried W E N T Z , Das Kollegiatstift Allerheiligen in Wittenberg, in: Fritz B Ü N G E R / Gottfried W E N T Z (Bearb.), Das Bistum Brandenburg, Teil 2 (Germania Sacra, 1. Abteilung, 3, 2: Die Bistümer der Kirchenprovinz Magdeburg), Berlin 1941, S. 75-164; vgl. zu den ältesten Reliquienweisungen in Wittenberg Hartmut K Ü H N E , ostensio reliquiarum. Untersuchungen über Entstehung, Ausbreitung, Gestalt und Funktion der Heiltumsweisungen im römisch-deutschen Regnum (Arbeiten zur Kirchengeschichte 75), Berlin/ New York 2000, S. 404f. bzw. S. 400-425 und Thomas L A N G , „1 gulden 3 groschen aufs Heyltum geopfert" - Fürstliche Rechnungen als Quellen zur Frömmigkeitsgeschichte, in: Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation in Mitteldeutschland. Wissenschaftlicher Begleitband zur Ausstellung "Umsonst ist der Tod", hg. von Enno B Ü N Z / Hartmut K Ü H N E (Schriften zur Sächsischen Geschichte und Volkskunde 50), Leipzig 2015, S. 81-148, hier S. 126-134; vgl. nun zur Wittenberger Reliquiensammlung Johanna L I E D K E , Das Wittenberger Heiltum. Frömmigkeit, Kunst und Politik zwischen Spätmittelalter und Reformation (Leucorea Studien zur Geschichte der Reformation und Lutherischen Orthodoxie 42), Leipzig 2023. 4 Vgl. dazu auch die Äußerungen seines Hofchronisten und Hofgeistlichen Georg Spalatin in der Vita des Kurfürsten: Christian Gotthold N E U D E C K E R / Ludwig P R E L L E R (Bearb.), Ge‐ org Spalatins historischer Nachlaß und Briefe, Bd. 1: Das Leben und die Zeitgeschichte Friedrichs des Weisen, Jena 1851, S. 76-91, hier S. 27f. Vgl. zu den Stiftungen in der Torgauer Schlosskirche St. Martin: Jürgen H E R Z O G , Vorreformatorische Kirche und Reformation in Torgau (Schriften des Torgauer Geschichtsvereins 10), Markkleeberg 2016, S. 41-82; vgl. zum Weimarer St. Martinsstift in der Schlosskapelle u. a. Volker G R A U P N E R , Städtisches und kirchliches Leben in Weimar kurz vor und während der Vorreformation, in: Vor- und Frühreformation in thüringischen Städten (1470-1525/ 30), hg. von Joachim E M I G / Volker L E P P I N / Uwe S C H I R M E R (Quellen und Forschungen zu Thüringen im Zeitalter der Reformation 1), Köln/ Weimar/ Wien 2013, S. 377-402, S. 384; vgl. zum Altenburger Georgenstift Markus A N H A L T , Das Kollegiatstift St. Georgen in Altenburg auf dem Schloss 1413-1537. Ein Beitrag zur Stiftsforschung (Erfurter theologische Schriften 32), Leipzig 2004; bereits die umfangreiche ältere Forschung hat Das Spätmittelalter gilt als frömmstes Zeitalter der Christenheit. Ein Aus‐ druck des frommen Lebens war das Pilgern zu Stätten des Wirkens Christi oder Grabstätten von Aposteln, Märtyrern und Heiligen 2 . Als ausgesprochen fromm im altkirchlichen Sinn galt auch Kurfürst Friedrich III. von Sachsen, genannt der Weise. Er ließ nicht nur in seiner Wittenberger Stiftskirche eine der größten Reliquiensammlungen seiner Zeit zusammentragen und dort jährlich fast 9.000 gesungene und gelesene Messen abhalten 3 , er förderte zudem ähnliche Stiftungen in Torgau, Weimar und Altenburg etc. 4 , besuchte fast täglich Messen, 166 Thomas Lang <?page no="167"?> die Julius Löbe und Friedrich Wagner bilden die Grundlage für die Arbeit von Anhalt vgl. die Nachweise ebd. 5 Der Hofgeistliche und Hofchronist Spalatin lobte des Kurfürsten Liebe zum Gotteswort in einem Kapitel von dessen Vita; vgl. N E U D E C K E R / P R E L L E R , Nachlass (wie Anm. 4), S. 29f. Um 1500 ließ der Kurfürst von seinem Lübecker Faktor Heinrich ein Buch mit Evangelien erwerben: 4 fl Froschil zcalt fur ein passionale unnd ewangeliu(m)buch meyner gned(igen) fraw(e)n gesannd; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4173, fol 25r. 1509 befand sich ein vorlutherisches Evangelium in der kurfürstlichen Schlafstube des Lochauer Jagdschlosses: herczog(en) Fryderichs slaff cammer […] 1 ewangely büch; ebd., Reg. Aa 1134, fol. 26r. Der Bornaer Geleitsmann Michael von der Straßen erwarb auf dem Leipziger Jubilatemarkt 1513 für den Kurfürsten ein Buch mit Heiligenlegenden und den Evangelien: 1 fl ein buch(,) do die legenden und ewangelij inne stehen(,) ist erkauff(t) und den Krabatte(n) ken Thorgaw geschigket in m(eines) g(nädigs)ts hern stub(e)n zw anthwurtt(en); ebd., Reg. Bb 4221, fol. 12r. 1520 befand sich der vorlutherische Evangelienkommentar des Hugo von Saint-Cher in des Kurfürsten Drechselstube im Altenburger Schloss: Im drehe stublein: ein buch heist sexta pars Hugonis; ebd., Reg. Aa 1158, fol. 77r. Friedrichs Bruder Johann bestellte sich schon in der Palmwoche vor Ostern 1495 eine komplette Bibel: 2 ßo 48 gr fur ein gancz bibel m(einen) g(nädigen) h(e)rrn h(erzog) Hans (e)n gein Torgau gesandt am dinstag nach palmar(um); ebd., Reg. Bb 4152, fol. 132v. 6 Hier sei u. a. auf die Predigt „Die Himmlische Fundgrube“ von Johannes von Paltz (1447- 1511) verwiesen, die der Kurfürst 1491 auf seine Kosten drucken und verteilen ließ. 1502 erwarb der Kurfürst die gesamte bei Erfurter Buchhändlern liegende Restauflage; vgl. Oliver D U N T Z E , Ein Verleger sucht sein Publikum: Die Straßburger Offizin des Matthias Hupfuff (1497/ 98-1520) (Archiv für Geschichte des Buchwesens. Studien 4), München 2007, S. 146-148; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4145, fol. 5v; ebd., Reg. Aa 2494, fol. 21r. 7 Vgl. dazu zusammenfassend Armin K O H N L E , Friedrich der Weise von Sachsen von Sachsen (1463-1525). Eine Biographie, Leipzig 2024, S.-200-203. 8 Vgl. die zum Teil von Georg B U C H W A L D , Zur mittelalterlichen Frömmigkeit am kurfürst‐ lichen Hof kurz vor der Reformation, in: Archiv für Reformationsgeschichte 27 (1930), S. 62-110 edierten Belege aus Rechnungen. Seine Listen sind jedoch nicht vollständig. Z. B. nennt Buchwald (ebd., S. 70) für 1505 die Besuche des Kurfürsten in Köln (7. Juli) und Aachen (3. August) 1505; es fehlen jedoch die Besuche der Reliquiensammlungen in Erfurt (9. März), Wittenberg (7. April), Marburg (30. Juni), Neuss (15. Juli), Köln (28. Juli) und Düren (2. August) aus der gleichen Rechnung: 1 fl haben m(einem) g(nädigen) hern auffs heyltum zcu Erfort gelegt, da mit m(einem) g(nädigen) hern bestrichen; 12 fl fur 48 bucher zcu Erfort kaufft dy hymlisch fundgrub genandt; […] [Wittenberg: ] 1 fl 3 gr aufs heyltum geopfert; […] 2 fl zcu Marpurck zcu sandt Elisabet ufs heiltum; […] [Köln: ] 3 fl aufs heyltum zcu heyligenn dreyenn konigenn; […] [Neuss: ] 1 fl fur zcaychenn m(einem) g(nädigen) hern czu News […] [Köln: ] 1 fl zu sandt Johanß ufs las lateinische und vorlutherische deutsche Evangelienausgaben 5 , beförderte Predigten zum Druck, die ihm gefielen 6 , trieb die Klosterreform voran 7 , und besuchte nicht zuletzt zahlreiche regionale und lokale Wallfahrtsorte, ließ sich in Aachen, Leuven, Wilsnack, Köln, Altötting, Nürnberg, Heiligenleichnam usw. die Reliquien weisen und Pilgerzeichen kaufen 8 . „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 167 <?page no="168"?> heyltum geopfertt; […] [Düren: ] 3 fl 15 ½ gr fur sand Anna zceichenn m(einem) g(nädigen) hern zcu Dewerinn kaufft […] [Aachen] 1 fl 15 gr fur zaichenn m(einem) g(nädigen) hern zcu Ach; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4187, fol. 10v, 15r, 25v, 30r-33r. Vgl. zur Erforschung der Wallfahrten Siegfried B R Ä U E R , Wallfahrtsforschung als Defizit der reformationsgeschichtlichen Arbeit. Exemplarische Beobachtungen zu Darstellungen der Reformation und zu Quellengruppen, in: Spätmittelalterliche Wallfahrt im mittel‐ deutschen Raum. Beiträge einer interdisziplinären Arbeitstagung (Eisleben, 7.-8. Juni 2002), hg. von Gerlinde S T R O H M A I E R -W I E D E R A N D E R S / Hartmut K Ü H N E / Wolfgang R A D K E , Berlin 2002, S.-15-50; vgl. zudem L A N G , 1 gulden (wie Anm. 3). 9 Hartmut K Ü H N E , Art. 4.2 Reisen in das Heilige Land, in: K Ü H N E / B Ü N Z / M Ü L L E R , Alltag und Frömmigkeit (wie Anm. 2), S.-150-152. Abb. 1: Grabplatten der Landgrafen Ludwig III. von Thüringen (1151/ 52-1190) und Ludwig IV. von Thüringen (1200, reg. 1217-1227) mit Pilgermuschel, Platten um 1330, ursprünglich im Kloster Reinhardsbrunn, Foto um 1890. Doch wie für jeden frommen Christen des Spätmittelalters waren auch für den sächsischen Kurfürsten das Heilige Land und Jerusalem das bedeutendste Pilgerziel 9 . Zum einen war man dort so nah, wie es nur möglich war, an der christlichen Heilsgeschichte, zudem handelte es sich um eine exklusive, teure 168 Thomas Lang <?page no="169"?> 10 Eliyahu A S H T O R , Venezia e il pellegrinaggio in Terrasanta nel basso medioevo, in: Archivio Storico Italiano 143 (1985), S. 197-223, hier S. 213-216, freundlicher Hinweis von Hartmut Kühne. 11 Vgl. André T H I E M E , Pilgerreisen wettinischer Fürsten im späten Mittelalter, in: Der Jakobuskult in Sachsen, hg. von Klaus H E R B E R S / Enno B Ü N Z ( Jakobus-Studien 17), Tübingen 2007, S. - 175-217, S. - 203-213. 12 Vgl. die Schatullenrechnung Hans Hunds unter dem Sonntag nach Egidi (2. September) 1492: 4 fl tranckgelt zu Reinhartsborn im closter als m(ein) g(nädiger) h(err) mit samt m(einem) g(nädigen) h(errn) von Maydeburg ein nacht da lagen sontags; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4139, fol. 68r. Zu den Währungen: 1 ßo = 1 Schock a 60 gr = Groschen, 1 gr entspricht 12 d = denar/ Pfennig, 1 fl = rheinische Gulden zu je 21 gr, 1 doc = Zeccino/ venzianische Dukate zu je 102 Kreuzer oder 408 Pfennige, nach Umrechnung Hundts jedoch 360 Pfennige/ 30 Groschen, mt = Matapan/ Venezianischer Groschen zu je 20 ß = soldo oder 6 ½ Kreuzer oder 26 Pfennige. 13 Vgl die Schatullenrechnung Hans Hunds unter dem Sonntag nach Egidi (2. September) 1492: 3 ungerische guld hat m(ein) g(nädiger) h(err) an lantgrave Ludewigs heilthum ruren lasse, ein m(ein) g(nädiger) h(err) von Magdburg geben, die andern zcbben von eim pater noster vorloren ead(em) die; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4139, fol. 68r. 14 Vgl. dazu K Ü H N E , Friedrich der Weise (wie Anm. 1), S.-406f. und zudem nicht ungefährliche Reise. Während jedes Jahr zehntausende Pilger überregionale und lokale Wallfahrten aufsuchten, konnten nur etwa hundert bis dreihundert Pilger aus ganz Europa eine Fahrt ins Heilige Land unternehmen 10 . Friedrich der Weise hatte sich bei seinen Plänen zum Besuch der Heiligen Stätten nicht nur am Vorbild seines Onkels Albrecht orientiert, der 1476 ins Heilige Land reiste, sondern auch an zwei seiner Vorfahren 11 . Am 2. September 1492 hatte er mit seinen Brüdern im Kloster Reinhardsbrunn die Gräber der Landgrafen Ludwig III. (1151/ 52, reg. 1172-1190) und Ludwig IV. von Thüringen (1200, reg. 1217-1227) besucht 12 . Ludwig IV. war auf dem Weg zum Kreuzzug in das Heiligen Land 1227 verstorben und Ludwig III. auf der Rückreise vom dritten Kreuzzug auf Zypern. Beide wurden in Mitteldeutschland als Pseudoheilige verehrt; ihre nachträglich geschaffenen Grabplatten zierte eine Muschel als Pilgerzeichen. Friedrich ließ daher ihre Gräber mit Gold berühren und anschlie‐ ßend dieses Gold in mehrere Paternoster-Gebetsketten einarbeiten, die er auch an seine Brüder verschenkte 13 . Vermutlich plante er schon zu diesem Zeitpunkt eine Reise ins Heilige Land, wie auch daran deutlich wird, dass mehrere später mitreisende Adlige, wie Degenhart Pfeffinger, Melchior Adelmann und Asmus Leminger (vgl. Anhang), im Herbst 1492 an seinem Hof Aufnahme fanden. Ob nur fromme Gründe oder auch eine Steigerung des Prestiges hinter diesen Plänen standen, bleibt offen. Der Erwerb des Rittertitels am Heiligen Grab garantierte zumindest am sächsischen Hof eine gewisse Vorrangstellung und war im Vergleich mit dem Erwerb dem Schlachtfeld weniger riskant 14 . Auch hier weist die Aufnahme des Ritters vom Heiligen Grab Heinrich von Schaumburg „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 169 <?page no="170"?> 15 Vgl. dazu K Ü H N E , Friedrich der Weise (wie Anm. 1), S. 408; nach A S H T O R , Venezia (wie Anm. 10), S.-205-213. 16 Vgl. dazu K Ü H N E , Friedrich der Weise (wie Anm. 1), S. 408 f, nach Leonhard L E M M E N S , Die Franziskaner im heiligen Lande, 1. Teil: Die Franziskaner auf dem Sion (1355-1552), Münster 2 1925, S.-37-60 zur Rolle der Franziskaner. 17 Vgl. dazu K Ü H N E , Friedrich der Weise (wie Anm. 1), S. 409, nach Jyri H A S E C K E R , Die Johanniter und die Wallfahrt nach Jerusalem (1480-1522) (Nova mediaevalia 5), Göttingen 2008, bes. S.-71-76. 18 Vgl. K Ü H N E , Reisen (wie Anm. 9), S.-150-152. 19 Vgl. dazu K Ü H N E , Friedrich der Weise (wie Anm. 1), S. 408, nach A S H T O R , Venezia (wie Anm. 10), S.-215f. 20 Vgl. Hartmut K Ü H N E , Zwischen Totschlag und Tourismus. Spuren von Wallfahrt und Pilgerschaft im mitteldeutschen Umfeld Luthers; in: Luthers Lebenswelten, hg. von Harald M E L L E R / Stefan R H E I N / Hans-Georg S T E P H A N (Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle 1), Halle 2008, 377-387, hier S. 382. Vgl. Ruth Schilling, Schiffe als sozial Räume. Hierarchie- und Körpervorstellungen auf spätmittelalterlichen († 1516) in die Reisegruppe des Kurfürsten, der zudem in die Reisevorbereitun‐ gen eingebunden war, auf eine Vorausplanung des Ritterschlages hin (s. u. Anhang). Die Organisation der Pilgerreisen nach Jerusalem lag im Spätmittelalter bei Venezianischen Reedern, die jährlich ein bis drei Schiffe ausrüsteten, um Pilger ins Heilige Land zu bringen 15 . Sie nahmen Kontakt mit den mamlukischen Obrigkeiten im Heiligen Land und den Franziskanern vom Berg Sion auf und vereinbarten die Rahmenbedingungen für Geleit, Transport und Führung der Pilger 16 . Im Heiligen Land selbst lag die Organisation bei den Franziskanern, die mit den mamlukischen Geleitsführern und regionalen Obrigkeiten die Reiseroute, Unterbringung und die Modalitäten für den Besuch der Heiligen Stätten verein‐ barten 17 . Die Franziskaner waren es auch, die als kulturkundige Fremdenführer den Pilgern die biblischen und apokryphen Stätten des Heils samt ihren Abläs‐ sen erläuterten 18 . Der Preis für eine Überfahrt lag zwischen 30 und 50 Gulden, je nachdem, ob man sich selbst verpflegte oder auf die oft beklagte Bordküche zurückgriff. Hinzu kamen, wenn nicht anders vereinbart, die Abgaben für das Geleit, die Entlohnung für die Reittiere und deren Führer, die Führung durch die Franziskaner und für den Zugang zu den Städten im Heiligen Land sowie Trinkgelder, die allerorten mehr erpresst als erbeten wurden 19 . Gegen Ende des 15. Jahrhunderts sind sogar an Pauschaltourismus erinnernde Rundreisen belegt, die von Antwerpen nach Santiago de Compostela, Rom und Jerusalem führten und mit an Werbezettel erinnernden Einblattdrucken beworben wurden 20 . 80 Gulden und 10 Gulden Bestellgebühr waren für diese 170 Thomas Lang <?page no="171"?> Pilgerreisen, in: Pilgern zu Wasser und zu Lande, hg. von Hartmut K Ü H N E / Christian P O P P ( Jakobus-Studien 24), Tübingen 2022, S.-97-118, hier S.-100. 21 Vgl. den Reisebericht Falk E I S E R M A N N / Folker R E I C H E R T , Der wiederentdeckte Reisebe‐ richt des Hans von Sternberg, in: H E R B E R S / B Ü N Z , Jakobuskult (wie Anm. 11), S. 219-248, S.-219-248, hier 231. 22 Vgl. die Pilgerliste auf der Reise mit der Galee von Agostino Contarini: Hans von Grünenberg, Reise ~1490, FB Gotha Chart-A-00541, fol. 10r. 23 Helmut B R A L L -T U C H E L , Art. 4.2.2. Bernhard von Breydenbach: Reise in das Heilige Land, in: K Ü H N E / B Ü N Z / M Ü L L E R , Alltag und Frömmigkeit (wie Anm. 2), S.-152f. 24 Vgl. die Teiledition des Reisevertrags von Breydenbach bei S C H I L L I N G , Schiffe (wie Anm. 20), S.-109f. 25 Vgl. die Sonderrechnung mit den Auslagen des Türknechts Jürgen Kitzscher für Herzog Johann vor einem Eintrag zu Palmarum (12. April) 1495: 2 ½ gr vonn dem buch inn zubind(e)nn, das man nennet die merfart; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4152, fol. 87r. 26 So waren u. a. Friedrichs Hofräte Herr Ernst I. von Schönburg (um 1458-1489) und der Oberhofrichter Götz vom Ende zu Kayna und Rochsburg (1449-1527), sein Leibarzt Dr. Valentinus Becke aus Schmiedeberg (um 1440-1490), sein Sächsischer Landvogt Heinrich Löser zu Pretzsch (bel. 1456-1493), der Hofadelige Ritter Dietrich von Schleinitz zu Seerhausen (1460-1528) etc. mit Herzog Albrecht von Sachsen 1476 ins Heilige Land gezogen; UB Heidelberg, Cod. Pal. Germ. 117, fol. 101r-102v. Auch auf dieser Reise starben drei Gefolgsleute Herzog Albrechts. Reise zu zahlen, die Reiseberichten nach auch Aufenthalte in Lissabon, Málaga und einen Besuch des hübschen sumrhaus, am mer ligenden, mit sundrn lustigen gerten, springnden brunen in Palma de Mallorca beinhaltete 21 . Das bedeutete jedoch nicht, dass man solche Pilgerfahrten mit heutigen touristischen Reisen gleich setzten kann, wenn z. B. aus der Reisegruppe des Conrad Grünemberg im Jahr 1486 acht von 43 angeführten Mitreisenden star‐ ben, sagt dies schon genügend 22 . Aus Reiseberichten wie jenem von Bernhard von Breidenbach (1434/ 40-1497), dessen „Peregrinatio in terram sanctam“ seit 1486 in einem lateinischen und einem deutschen Druck vorlag, konnten jene, die ins Heilige Land zu pilgern beabsichtigten, erfahren, was sie auf der Reise beachten mussten, wem sie begegnen konnten und wo sie welche Ablässe erhalten würden 23 . Selbst kleine Sprachführer und Beispielverträge waren in seinen Zusammenstellungen enthalten 24 . Es bleibt unklar, ob eine Version der ‚Meerfahrt‘, die der Bruder des sächsischen Kurfürsten vor Ostern 1495 binden ließ, sich schon vor der Reise des Letzteren in dessen Besitz befand 25 . Friedrich der Weise war sich aus seinem Umfeld über alle Unwägbarkeiten und Gefahren der Reise bewusst 26 und stellte vor seiner Abreise ins Heilige Land, am 19. März 1492 in Torgau, in Anwesenheit seiner Brüder, Herzog Johann (1468, reg. 1525-1532) und Erzbischof Ernst von Magdeburg (1464, reg. 1476-1513), sowie seines Vetters, Herzog Georgs von Sachsen (1471, reg. 1500-1539) sein „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 171 <?page no="172"?> 27 Vgl. die Neuedition des Testaments in: Briefe und Akten zur Kirchenpolitik Friedrichs des Weisen und Johanns des Beständigen 1513 bis 1532. Reformation im Kontext früh‐ neuzeitlicher Staatswerdung, Band 1: 1513-1517, Armin K O H N L E / Manfred R U D E R S D O R F , bearb. von Stefan Michel, Beate Kusche und Ulrike Ludwig unter Mitarbeit von Vasily Arslanov, Alexander Bartmuß und Konstantin Enge, Leipzig 2017, S.-51-55, Nr.-1. 28 Hier zitiert nach der Entwurfsversion des Berichtes: LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 7r-v. Der Bericht von der Aussegnung im Entwurf stammt von Spalatins Hand und ist in der Vita Friedrich des Weisen vor dem eigentlichen Bericht eingefügt, der eine andere Handschrift trägt. In der Edition von Christian Gotthold Neudecker und Ludwig Preller sind die Hände und Verschiebungen nicht berücksichtigt; vgl. N E U D E C K E R / P R E L L E R , Nachlass (wie Anm. 4), S.-76-91. 29 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 7r; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Nachlass (wie Anm. 4), S.-26. 30 Vgl. die Kammerrechnung des Hoflagers zu Torgau unter der Woche vom Sonntag Dionysius (9. Oktober) 1491: 8 guldin magistro Andreo Wonsidel, der zw Rom ist gewest, umb die brief zw bestettigung des capelins beym heiligen crewtz dawß [! ] so man hin gen Leiptzk will zciehen, macht an muntz 2 ßo 48 gr; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4144, fol. 39r. Am Sonntag Quasimodogeniti (29. April) 1492 ließ der Kurfürst in dieser Kapelle oder aber am gleichnamigen Altar in der Torgauer Pfarrkirche Kerzen aufstellen: 21 gr zum heiligen crewtz zu einer kertzen von wegen beider meiner g(nädigen) h(er)rn am sontag obgeschrib(e)n; ebd., fol. 65r. 31 Vgl. die Kammerrechnung zu Torgau in der Woche von Invocavit (20. Februar) 1491: Item 42 gr er Berchtolde einem mönch(,) der zum heiligen grab will ziehen, uß bevelh meiner gnedigen herrn; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4142, fol. 75r. Testament aus 27 . Von der Aussegnung und der Abreise zur Pilgerfahrt berichtet der Hofgeistliche und Chronist Georg Spalatin (1485-1545) in seiner Vita des sächsischen Kurfürsten, die über zehn Jahre nach dessen Tod in Reinschrift vollendet war: In der wochen letare […] ist sein c(hurfürstlich) g(naden) zu Torgaw in unser lieb(en) frawen kirchen außgesegneth und von iren beid(en) brudern hertzog(en) Ernst(en) ertzbischof zu Maydburg und hertzog J(o)hansen churfurst(en), zusampt dem statfolck p(ro)cession weise beleytt / fol. 7v/ und der erste steyn zum heilig(en) creutz vor Torgaw gelegt word(en)  28 . Spalatin hatte vom Mitpilger und späteren vertrauten Kämmerer Degenhart Pfeffinger (1471-1519) und dem ebenfalls mitgereisten Beichtvater Jacob Voit († 1522) davon erfahren 29 . Einige Fehler haben sich so eingeschlichen: So kann man die Existenz der Heilig-Kreuz-Kapelle vor Torgau am Weg nach Leipzig schon im Oktober 1491 belegen 30 . Einige Monate zuvor hatte der Kurfürst die Reise des Torgauer Mönchs Berthold ins Heilige Land gefördert 31 . Wenn die Planungen für eine Pilgerreise mit der Einrichtung dieser Heilig Kreuz Kapelle zusammenhingen, sind sie also in den Jahren 1491/ 92 zu verorten. Das Spalatin sich hier irrte, ist nicht verwunderlich. Er weilte zwar ab 1508 am Hof, 172 Thomas Lang <?page no="173"?> 32 Die Behauptung von Armin Kohnle, Herzog Johann sei mit dem Kurfürsten nach Venedig gereist, beruht auf einem Irrtum; K O H N L E , Friedrich (wie Anm. 7), S. 141. Die Angaben im Bericht, dass Friedrich hertzog zu Sachssen und Churfurst etc. mit sampt seiner c. G. brudern auf Montag nach sant Ma(r)cks tage kein Venedig komen, bezieht sich auf die Pilgerbrüder. Deutlich wird das u. a. beim Aufbruch des Schiffes: in ein closter gefaren nahe bey der pforten gnant zu sant Niclauß und da ein mesß gehort, und sich mit sampt s. c. g. bruder, lasen aussegenen; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 7v. Bei diesem Verständnisfehler ist es befremdlich, dass K O H N L E , Friedrich (wie Anm. 7), S. 351, Anm. 464 meint, mit Verweis auf den Bericht und der Frage „warum sollte Spalatin hier etwas Falsches berichten“, die Angaben von Oertzen-Becker widerlegen zu können; vgl. Doreen von O E R T Z E N B E C K E R , Kurfürst Johann der Beständige und die Reformation (1513-1532). Kirchenpolitik zwischen Friedrich dem Weisen und Johann Friedrich dem Großmütigen, Köln/ Weimar/ Wien 2017, S.-38. 33 Vgl. die verorteten Nennungen des Herzogs als Aussteller im Missivenregister und die Rückkehr nach Torgau am 3. April 1493; LATh-HStA Weimar, EGA, Kopialbuch F 21, fol. 19r-v, 46v, 56v, 62v, 69r-v; ebd., Reg. Bb 5129, fol. 152v-169r. 34 Vgl. das Gedicht zur Meerfahrt Herzog Christophs von Hans Schneider, ediert bei Rein‐ hold R ÖH R I C H T / Heinrich M E I S N E R , Deutsche Pilgerreisen nach dem Heiligen Lande, Berlin 1880, S.-301; weitere Details dazu folgen weiter unten. 35 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 7a. Vgl. Ingetraut L U D O L P H Y , Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen 1463-1525, Göttingen 1984 (ND Leipzig 2006), S. 144 (Linz). ist aber erst ab Ende 1516 als Hofgeistlicher im näheren Umfeld des Kurfürsten zu verorten. Die Mitteilung aus zweiter Hand notierte der Chronist frühstens dreißig Jahre nach den Ereignissen. Nur die folgenden Reiseorte Eilenburg und Leipzig bietet sein Bericht noch an, die weiteren Reisestationen Naumburg, Kahla und Coburg lassen sich nur aus anderen Überlieferungen ableiten. Von Coburg aus reisten Friedrich und seine Pilgerbrüder allein weiter 32 . Herzog Johann kehrte über Weimar nach Torgau zurück, wie sowohl Rechnungsquellen wie auch Kopialbücher des Hofrats belegen 33 . Über Bamberg, Nürnberg und Weißenburg reiste der Kurfürst indes weiter nach Landsberg am Lech, wo er auf seinen Onkel Herzog Christoph von Bayern traf und diesen - bayerischen Berichten nach - wortreich zur Mitreise überredete 34 . Unsicher bleibt ein nur von Spalatin kolportierter Abstecher zum alten König Friedrich III. (1415, reg. 1440-1493): Wie auch dieser Churfurst zu Sachssen zum heiligen grab haben wollen raisen(,) haben sie iren weg zum Ro(mische)n Kayser Fridrich des namens dem dritten(,) hern kayser Maximilians Vater(,) genom(m)en  35 . In den Entwürfen von Spalatins Vita des Kurfürsten ist diese Notiz auf einem Zettel ergänzt und zwischen Spalatins Vorwort und dem eigentlichen Reisebericht eingefügt. Ein Besuch während der Reise nach Venedig beim sich damals in Linz aufhaltenden Kaiser wäre lediglich von Landsberg am Lech (6./ 7. April 1493) „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 173 <?page no="174"?> 36 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5510, fol. 3r; ebd., Reg. Bb 5511, fol. 3r; Reinhold R Ö H R I C H T / Heinrich M E I S N E R , Hans Hundts Rechnungsbuch (1493-1494), in: Neues Archiv für Sächsische Geschichte 4 (1883), S. 37-100, hier S. 44; vgl. Joseph C H M E L (Bearb.), Regesta chronologico-diplomatica Friderici III. Romanorum Imperatoris (Regis IV), 2 Bde., Wien 1838/ 1840 (ND Hildesheim 1962), Nr. 8928 (Linz, 6. April), Nr. 8929 (Linz, 13. April). 37 Auf der Rundreise zur Erbhuldigung des Kurfürsten Friedrich 1486 wurden z. B. an aufeinanderfolgenden Tagen Urkunden in den 106 km voneinander entfernten Städten Coburg und Plauen ausgestellt; Georg Paul H ÖH N / Christian Friedrich D O T Z A U E R , Sachsen-Coburgische Chronik, Coburg 1792, Bd. 2, S. 324; Curt von R A A B , Regesten zur Orts- und Familiengeschichte des Vogtlandes 2: 1485-1563 (Beilage zu den Mitteilungen des Altertumsvereins Plauen i. V. 13), Plauen 1898, S. 1, Nr. 2. Bei der Rückreise aus den Niederlanden legte der Kurfürst gelegentlich längere Strecken zurück: So zog er am 9. November 1494 82 km von Treis an der Lumda nach Hersfeld; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5518, fol. 147v-150r. Für den 29. Juni 1502 kann man sogar eine Tagesreise von 125 km zwischen Erfurt und Steinau an der Straße berechnen; ebd., Reg. Bb 5135, fol. 392r; Regesta Imperii XIV, 4,2, Nr. 19847. Noch 1513 ist der Kurfürst auf Reiseetappen aus und nach Hessen von über 80 km belegt. Z. B. brach er am 15. Juli nach dem Morgenmahl in Kassel mit etwa 130 Berittenen auf und traf zum Nachtmahl im 82-km entfernten Eisenach ein; vgl. LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5332, fol. 60r-61v. 38 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5510, fol. 3r-v; ebd., Reg. Bb 5511, fol. 3r-v; R ÖH R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 44f.; Reinhold R Ö H R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (1493), in: Zeitschrift des Deutschen Palästinavereins 17 (1894), S.-98-114, 185-200, 277-301, hier S.-101f. aus und vor dem Eintreffen in Innsbruck am 14. April 1493 möglich 36 . Das hätte eine Reise von knapp 600 km in etwa sieben Tagen bedeutet. Zwar sind einzelne Tagesetappen des Kurfürsten samt Gefolge und Ersatzpferden von 80-120 km belegt, dies aber an sieben Apriltagen durchzuhalten, wäre extrem anspruchs‐ voll 37 . Hinzu kommt, dass der Kurfürst kaum vor Ende der Osterfeierlichkeiten von seinem Onkel Christoph von Bayern nach Linz aufgebrochen sein wird und auch der Aufenthalt beim Kaiser mit mindestens einer Übernachtung anzusetzen wäre. Die Reise wäre also möglich, ist aber sehr unwahrscheinlich. Auch der weitere Weg nach Venedig ist nur über vermischte Quellen zu erschließen: Von Innsbruck zog der Kurfürst über den Alpenpass bei Matrei (15. April) nach Sterzing (Vipiteno, 16. April), von dort nach Toblach (Dobbiaco, 19. April), weiter über Conegliano (22./ 23. April), wo der sächsische Kurfürst und der bayerische Herzog mit einem italienischen Adligen turnierten; weiter ging es über Treviso (24. April) nach Venedig (29./ 30. April) 1493 38 . All diese Reisestationen fehlen bei Spalatin, dessen kolportierter Reisebericht erst am 29. April 1493 in Venedig einsetzt. Hier sollten die Pilger ihre Überfahrt bei venezianischen Reedern wie Agostino Contarini buchen und nach einer Messe ins See stechen. Auf dem beengten Raum des Pilgerschiffes in Richtung Palästina segelten die Pilger von Küstenhafen zu Küstenhafen, von Insel zu Insel 174 Thomas Lang <?page no="175"?> 39 Die Reiserechnungen des Kurfürsten und der von Georg Spalatin kolportierte Reisebe‐ richt nennen als Reisestationen u. a. das Kloster Rovigno (Pula, 24. Mai), Zara (Zadar, 26. Mai), Lesina (Hvar, 27. Mai), vor Melida (Mljet, 28. Mai), vor Sipan (Sipanska Luka/ Lopud, 31. Mai), Ragusa (Dubrovnik, 31. Mai), vor dem Berg Casara (Sazan? , 5. Juni), Korfu (7. Juni), Methoni (Modon, 9. Juni), Kreta (Candia, 12. Juni), Rhodos (13. Juni), Paphos (Baffo, 17. Juni) auf Zypern vor Jaffa (Tel Aviv Jafo, 21. Juni); R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 52, 55; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S.-80; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5510, fol. 18v. und konnten bei guter Witterung nach 40 Tagen vor Jaffa (heute Tel Aviv) vor Anker liegen 39 . Auf der Reise haben die Pilger zahlreiche Eindrücke sammeln können. Ungewohnte Speisen, unbekannte Tiere, fremdartige Gottesdienste und orientalische Waren, mehr oder weniger glaubwürdige Erzählungen von biblischen und historischen Begebenheiten, die Befestigungen Famagustas, die Salinen auf Zypern, die Mühlen, Gärten und das Hospital von Rhodos: All das dürfte das Weltbild der Reisenden nachhaltig geprägt haben. Abb. 2: Ansicht von Rhodos, aus Konrad von Grünembergs Bericht über die Pilgerfahrt ins Heilige Land 1486, erstellt um 1487. „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 175 <?page no="176"?> 40 Die Schilderung der Heiligen Stätten in Palästina nimmt zum Beispiel im Reisebuch des Nürnberger Patriziers Hans VI. Tucher (1428-1491) den allergrößten Teil der Schilderungen seiner Reise im Jahr 1479/ 80 ein, die ihn auch nach Ägypten führte. Vgl. z. B. BSB München, Cgm. 24, fol. 27v-48v im Prachtband mit 52 Blatt. Der Reisebericht ist kritisch ediert von Randall H E R Z , Die „Reise ins Gelobte Land“ Hans Tuchers des Älteren (1479-1480). Untersuchungen zur Überlieferung und kritische Edition eines spätmittelalterlichen Reiseberichts (Wissensliteratur im Mittelalter 38), Wiesbaden 2002. 41 N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S.-83f. 42 S. u. und vgl. R ÖH R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S.-38. Die gut ein bis zweiwöchigen Rundreise durch Palästina zu den Stätten der christlichen Heilsgeschichte in Jerusalem, Bethlehem und dem Jordan sowie gelegentlich auf einer längeren Tour sogar zum Berg Sinai gehörten für christ‐ liche Pilger zur bedeutsamsten Erfahrung der Wallfahrt. Ausführlich erscheinen daher in den Reiseberichten die aufgesuchten biblischen und apokryphen Orte mit ihrem jeweiligen Ablass: Marias Wohnhaus, das Haus Kaiphas, das Gefäng‐ nis Jesu, die Geburtskrippe, der Ort, an dem die Heiligen Könige Geschenke darbrachten, ja selbst der Brunnen, an dem Maria angeblich die Windeln Jesu wusch, natürlich auch der Ölberg, der Garten Gethsemane, das Tal Josaphat mit dem Marien- und Annengrab, die goldene Pforte in Jerusalem, das Haus des Herodes, das Haus der Maria Magdalena, der Kalvarienberg und natürlich das Heilige Grab, in dem man eine Nacht wachte und zum Ritter geschlagen werden konnte 40 . Doch von den Reisen durch das Heilige Land ist im zitierten Bericht von Ge‐ org Spalatin kaum etwas zu lesen, fast so, als hätte die Reise nur ans Heilige Grab geführt und allein den Ritterschlag als Ziel gehabt 41 . Umso begeisterter war die Pilgerreisen-Forschung, als sie in den 1880er Jahren auf eine bisher übersehene Quelle aufmerksam wurde, die schon 1853 das erste Mal veröffentlicht worden war 42 . Und damit begann die lange Wirkungsgeschichte von zwei gefälschten Quellen in der Forschung. 2 Der „Heidenkampf von 1493“ - Vom Romankapitel zur Pseudo-Quelle Eine zentrale Stelle in dieser neubzw. wiederentdeckten Quelle ist die Schilde‐ rung eines Kampfes von Herzog Christoph von Bayern gegen 30 Gegner, derer er etwa 18 unweit von Ramla erschlug. Die gesamte Darstellung wäre selbst in einem Roman von Karl May (1842-1912) als zu aufschneiderisch aufgefallen: 176 Thomas Lang <?page no="177"?> 43 Franz T R A U T M A N N , Die Abenteuer Herzogs Christoph von Bayern, genannt der Kämpfer. Ein Volksbuch, darin gar viel Frohes, Düsteres und Wundersames aus längst vergange‐ nen Zeiten zum Vorschein kommt, von frühesten Jahren des Helden an, bis Derselbe in das heilige Land pilgerte und bei seiner Heimkehr auf der Insel Rhodus selig verstarb. Für Alt und Jung erzählt von Franz Trautmann, Zweiter Teil, Frankfurt a. M. 1853, Teil 2, S.-417f. 3. Julii [1493 bei Ramla] Und heut auf eine halbe Tagesreis von Jerusalem gewunn ich churfürst friedrichen die freiheit und errettet ihn vom Verderben aus einem Ueberfall. Item er hat sich von uns ohne Sorg geschieden. Das sah ein Türk und thät ein groß geschrei erheben, daß irer schier an die dreißig anruckten, mit meins schwähers sohn ihr gespött zu treiben. Und ich das sehn von der weite, wohl auf, und schrei: „Was wollt ihr verflucht türkisch Bluthund? Wöllt etwan ihr unglaubig gesind einen frummen deutschen fürsten anfassen.“ Da lachten sie drob. Ich aber: „Das mag euch das mehr nit frommen! “ Und über stock und gestein auf sie zu, daß das roß unter mir brach. Dann ich mich aufgerißen und lauf auf sie zu. Da ruckt ein theil auf mich ein. Unter die warf ich zween stein, einen schuch lang und hoch jedweden, die trafen die vornehmsten, daß sie vom roß stürzten, und weiters unter die andern. Und als wir zusammentrafen, ließ ich mein schwert walten, daß sie entflohen und auf den andern theil zu ritten. Zwo aber waren hinter einem erdwall und wollten auf mich mit pfeilen schießen. Die schlug ich mit zwo Streichen auseinander und lauf weiter, gleich den Abhang, daß mir der schweis herablief. Und seh durch ein lucken meins schwäher sohn, der hett sich auf hohes Felsengestein an einer Cyserna salviert, da wollten die türkischen nach und schrein voll muth, weil sie sich mit im allein dünkten. Auf dieß ich gleich einen satz und wieder einen und hinab durch dorngesträuch und ruf: Ich komm! Weil dann der Friedrich mein stim vernahmb, aber nicht sah, glaubte er, ich sei nit auf der spur und rief: Christoph, hie! Christoph, hie! Und schlag wie das Wetter drein, daß ich schier selber verwundert was, so flog mir das schwert im ringstreich, und thet einen mächtigen satz von einem Ort zum andern. Da sie das ersachen und ihrer wieder drei an unterschiedlichem Ort erschlug und meinen namen mehr hörten, erhoben die andern ein greulich geschrei und rannten mit ausruf meins Namens davon, deren mochten mehr nimmer sein, denn irer ein zwölfe an der zahl  43 . Es handelt sich hier um die Schilderung eines „Heidenkampfs“ (Heidelore Böcker) aus dem sogenannten ‚Pilgramsbuch‘ Herzog Christophs von Bayern, welches der Romancier Franz Trautmann (1813-1887) 1853 im zweiten Teil „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 177 <?page no="178"?> 44 Auch der erste Teil erschien nach der Angabe auf dem Titelblatt 1853, ist aber in einigen Bibliotheken mit dem Erscheinungsjahr 1852 angegeben. Der zweite Teil ist definitiv erst 1853 erschienen; T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43). Vgl. zur Einordnung der Quelle als Beispiel für den „Heidenkampf “ auf Pilgerfahrten im Spätmittelalter; Heidelore B Ö C K E R , Art. Reise, in: Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe, hg. von Werner P A R A V I C I N I , bearb. von Jan H I R S C H B I E G E L / Jörg W E T T L A U F E R (Residenzenforschung 15 II.1), Ostfildern 2005, Teilband 1, S.-133-139. 45 T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), Teil 1, S.-29, 257; ebd., Teil 2, S.-234, 420. seines Volksbuches „Abenteuer Herzogs Christoph von Bayern“ erstmals pub‐ lizierte 44 . Abb. 3: Bewaffnete Sarazenen kämpfen vor Ramla gegeneinander, aus Konrad von Grünembergs Bericht über die Pilgerfahrt ins Heilige Land 1486, erstellt um 1490. Die jeweils 17 Kapitel der beiden Bände des Abenteuerromans sind meist mit jugendbuchartigen Überschriften („Die Jungfrau von Pavia“, „König, Narr und Herzog“), selten mit biographischen Titeln versehen („Herzog Christoph’s Gefangenschaft und Befreiung“, „Herzog Christoph’s Tod und Begräbniß“) 45 und arbeiten mit kurzer wörtlicher Rede, aber auch mit Gedankenspielen der Akteure, mit aktionsgeladenen Beschreibungen und poetischen sprachlichen 178 Thomas Lang <?page no="179"?> 46 T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), Teil 2, S.-420; ebd., Teil 1, S.-254. 47 Friedrich Wilhelm B R U C K B R Ä U , Christoph der Kämpfer, Herzog von Bayern, oder: Der Löwenbund. Historische Erzählung von Friedrich Wilhelm Bruckbräu. Mit einem Stahlstiche, Augsburg 1844. 48 Vgl. B R U C K B R Ä U , Christoph (wie Anm. 47), S. 318; T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), Teil 2, S.-429f. 49 Hier sei u. a. auf die langjährigen Auseinandersetzungen mit seinem Bruder Albrecht IV. von Bayern verwiesen, die von fehdeartigen Zuständen bis zum offenen Krieg 1478 reichten, der zahlreiche bayerischen Adlige u. a. auch Nikolaus von Abensberg das Leben kostete und letztlich dazu führte, dass Christoph eine päpstliche Absolution durch eine Pilgerreise zu erlangen gelobte; vgl. Siegmund R I E Z L E R , Art. Sigmund Ritter von, „Christoph“ in: Allgemeine Deutsche Biographie 4 (1876), S.-232-235. Bildern. So beugt bei Trautmann schon einmal eine Passionsblume ihr Haupt wehmütig ins Sterbegemach Christophs oder der bayerische Herzog, der für Kunigunde von Österreich (1465-1520), die Gemahlin seines Bruders Albrechts von Bayern (1447-1508), schwärmt, wünscht sich insgeheim, dass diese zu ihm fliehen würde 46 . Trautmanns Abenteuerroman stellt in gewisser Weise eine ausgeschmückte Fortentwicklung der knapp zehn Jahre älteren historischen Erzählung: „Chris‐ toph der Kämpfer, Herzog von Bayern“ (1844) von Friedrich Wilhelm Bruckbräu (1792-1874) dar 47 . Schon dort finden sich die literarisch überformte Erzählungen von der Pilgerreise und dem Tod Herzog Christophs. Doch wenn z. B. bei Bruckbräu vor Herzog Christophs Sarg ein Wappenträger und zwei Bischöfe liefen, wie es auch zeitgenössische Gedichte berichten, waren es bei Trautmann ein Herold, ein Ritter mit Banner, eine große Zahl Geistlicher, von denen zwanzig begleitet von neun Posaunisten sangen. Dem Sarg liefen bei Trautmann zudem voran: zwölf Rhodeser Jungfrauen, die Astern und Lilien streuten 48 . Dies mag das Vorgehen Trautmanns bei der Adaption seiner Vorlage und das Verhältnis der beiden Romane treffend illustrieren. Es handelt sich bei Trautmanns „Abenteuer Herzogs Christoph von Bayern“ um einen Heldenroman, in welchem Herzog Christoph als bärenstarker und schier unbezwingbarer, aber zugleich frommer, mildtätiger und liebenswürdiger Volksheld gezeichnet werden sollte. Daran orientierte sich die Auswahl der Begebenheiten, die verzerrende Schilderung, die wörtliche Rede und auch die meist den Anekdoten folgenden moralischen Konsequenzen der Handlungen. Die jähzornigen, brutalen, hinterhältigen und leichtfertigen Wesenszüge des hageren und tatsächlich ungewöhnlich starken Herzogs (evtl. litt er an einer Myostatin-Anomalie? ) übergeht Trautmann dabei oder deutet sie in einen Wandel vom unchristlichen zum christlichen Leben um 49 . „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 179 <?page no="180"?> 50 B R U C K B R Ä U , Christoph (wie Anm. 47), S. 162f.; T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), Teil 2, S.-19-22. 51 T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), Teil 2, S.-23. 52 T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), Teil 1, S. 130 „XII. Ein Stück aus Herzog Christoph’s und Albertus‘ Ausgaben“; ebd., Teil 2, S.-408f., 411 etc. Auch eine Turnierbegegnung mit einem polnischen Adligen auf der Lands‐ huter Fürstenhochzeit 1474, die tatsächlich stattgefunden hat und die der Herzog gewann, indem er nach langwierigen Verzögerungen ungestüm auf den unvorbereiteten Gegner zupreschte und ihn vom Pferd stieß, zeigt den flexiblen Umgang Bruckbräus und Trautmanns mit ihrem historischen Material, wie auch die graduellen Unterschiede zwischen beiden Romanen. Während bei Bruckbräu viele sich bereit fanden gegen den Polen zu kämpfen und der Kaiser als besten Kämpfer Christoph wählte, wagte bei Trautmann keiner bis auf den bayerischen Herzog gegen den polnischen Woiwoden anzutreten. Und während bei Bruckbräu Christoph zumindest einmal gegen den am Sattel festgebundenen Woiwoden scheiterte, entlarvte bei Trautmann der Bayer den Polen vor dem Aufeinandertreffen als Betrüger und konnte so ungeschlagen siegen 50 . Bei Bruckbräu verstirbt der Pole noch in Landshut, bei Trautmann floh der gedemütigte Verlierer vom Fest und musste als moralische Konsequenz seines Betrugsversuchs fern seiner Heimat in einer Herberge sein Leben lassen 51 . Auch hier zeigt sich die Tendenz Trautmanns, seinen Stoff dramatisch und moralisch zu überformen. Den für uns aber entscheidenden Unterschied zwischen Trautmann und Bruckbräu bilden in Sprache und Zuschreibung Trautmanns Kapitel 1.XII, 2.XV und 2.XVI. Diese enthalten schon in der ersten Auflage von 1853 Auszüge aus vermeintlichen Originalquellen, bei denen der Autor versucht, historische Dokumente zu paraphrasieren oder nachzuahmen, alles mit dem Ziel, seinen Roman durch Authentizität suggerierende Zwischenkapitel auszuschmücken. Einige Eigenheiten der Sprache um 1500 sind wiederzuerkennen, u. a. die Einleitung von Absätzen mit einem „Item“ (Und auch/ Sowie) in lateinischer Schrift, zusammengefasste Rechnungen, kopierte Pilgerlisten oder ein einge‐ streutes „ehrnhoch“ 52 . Bei einigen verwendeten jüngeren Begriffen muss man entweder davon ausgehen, dass der Autor - wie damals auch bei Editionen durchaus üblich - die Quellensprache paraphrasierend modernisierte oder aber 180 Thomas Lang <?page no="181"?> 53 Deutlich werden die modernisierten Begrifflichkeiten in der Rechnung (Kap. 1.XII) z. B. bei „schadensersatz, da ime der Behaimb seine leute erschlug“, ebd., Teil 1, S. 130. Der Begriff Schadensersatz ist laut DRW erst im 18. Jahrhundert aufgekommen; im 15. und 16.-Jahrhundert erscheinen stattdessen Schadbuße oder Schadengeld; DRW XII (2013), Sp. 48, 67-69. Das durchgängig zu findende „für“ bei Zahlungen erscheint in der Zeit in der Regel als „vor“. Auch die Bezeichnung „pagen“ für Edelknaben bzw. „jungen“ oder Herrnknechte ist in dieser Zeit kaum etabliert. 54 Im Detail scheint es sich um vermischte Auszüge von Schatullenausgaben, also von den persönlichen Auslagen der Fürsten, zu handeln. In der Regel liefen die Aufzeichnungen des Türknechts als Schatullenwart taggenau, andere Verantwortliche, z. B. Zeugmeister oder Kaplan, reichten Zettel ihrer Auslagen für Rüstungen und Waffen bzw. für fromme Gaben, Kerzen, Paternoster etc. mit gesonderten Zetteln bei Kämmerern oder Rentmeistern ein. Einige Preise erscheinen etwas hoch, so u. a. 20 Gulden für einen Panzer, was aber mit hohen Trinkgeldern für gute Arbeit zu begründen wäre. 55 T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), Teil 2, S.-404, 411. versehentlich altertümlich wirkende Begriffe in eine Quelle schrieb, die damals selten bis gar nicht geläufig waren: z.-B. „schadenersatz“ 53 . Das Kapitel XII. von Trautmanns ersten Band enthielt auf den Seiten 130 bis 134 Auszüge aus den Privatausgaben der Fürsten. Einige Inkohärenzen des Rechnungsauszug (1.XII), wohl ein Auszug aus vermischten Schatullenrech‐ nungen, kann man mit der zusammenfassenden Schreibweise begründen 54 . In Trautmanns zweitem Band war im Kapitel XV. auf den Seiten 406 bis 410 ein Brief von Andreas Sluder aus München nach Wien an einen Hans Weinmann vom 30. April (st. quirinustag) 1493 abgedruckt (ab jetzt Sluder-Brief genannt). Darin meldet Sluder aus München dem bis heute nicht nachzuweisenden Wiener Kaufmann Hans Weinman u. a. die geplante Reise der Pilger um Herzog Chris‐ toph und Kurfürst Friedrich und legt zudem eine Pilgerliste bei, die auch Georg Ketzel umfasst. Im Brief erläutert Sluder die Hintergründe für die Teilnahme Georg Ketzels und listet das angeblich fünfköpfige Gefolge Herzog Christophs auf. Darunter solle sich auch Lucas Cranach befinden, der für die Fürsten die Heiligen Orte abreißen und verzeichnen solle. Das Kapitel XVI. im gleichen Band zeigte auf den Seiten 411 bis 419 einen Auszug „Aus Herzog Christoph’s Pilgramsbuch“ 55 . Die Beschreibung setzt im Heiligen Land um Ramla am 25. Juni unvermittelt ein und endet mit einer Nachricht vom 6. Juli (demnach auf Zypern). Beide Dokumenten-Einschübe werden wie gewöhnliche Kapitel behandelt und besitzen keine gesonderten Vorbemerkungen, grenzen sich aber durch ihren Stil ab. Trautmanns Roman war so erfolgreich, dass noch zu Lebzeiten des Autors zwei Neuauflagen (1856, 1880) erfolgten. Die dritte Auflage des Abenteuerbu‐ ches von 1880 war erheblich reicher illustriert und enthielt zwischen den Kapiteln XV. und XVI. eingefügt den letzten Brief Herzog Christophs in die „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 181 <?page no="182"?> 56 Franz T R A U T M A N N , Die Abenteuer Herzogs Christophs von Bayern, genannt der Kämp‐ fer. Ein Volksbuch, darin gar viel Frohes, Düsteres und Wundersames aus längst vergangenen Zeiten zum Vorschein kommt, von frühesten Jahren des Helden an, bis Derselbe in das heilige Land pilgerte und bei seiner Heimkehr auf der Insel Rhodus selig verstarb. Für Alt und Jung erzählt von Franz Trautmann, Dritte, vermehrte und mit historischen Noten versehene, reich illustrierte Auflage, Regensburg/ New York/ Cincinnati 1880, Teil 2, S.-448f. 57 T R A U T M A N N , Abenteuer 1880 (wie Anm. 56), Teil 2, S.-473-496. 58 T R A U T M A N N , Abenteuer 1880 (wie Anm. 56), Teil 2, S.-479. 59 T R A U T M A N N , Abenteuer 1880 (wie Anm. 56), Teil 2, S.-493. 60 T R A U T M A N N , Abenteuer 1880 (wie Anm. 56), Teil 2, S.-493f. 61 Vgl. z. B. Franz T R A U T M A N N , Die Abenteuer Herzog Christophs von Bayern genannt der Kämpfer. Ein Volksbuch, darin gar viel Frohes, Düsteres und Wundersames aus längst vergangenen Zeiten zum Vorschein kommt, von frühesten Jahren des Helden an, bis derselbe in das Heilige Land pilgerte und bei seiner Heimkehr auf der Insel Rhodus selig verstarb. Für alt und jung erzählt von Franz Trautmann. Dritter Abdruck der dritten, mit historischen Noten versehenen, reich illustrierten Auflage, Regensburg 1921. Heimat vom Dienstag (ertag) in der Pfingstfeier (28. Mai) 1493 aus Lyßa (= Lesina/ Hvar) 56 . In der dritten Auflage von 1880 waren zudem schon im Titel „historische Noten“ angekündigt, diese dann als „Historische Bemerkungen“ auf den Seiten 473 bis 496 im Anhang platziert. Darin sind zahlreiche Erläuterungen, Einordnungen und bisweilen Quellenauszüge und -angaben zu finden, die heute wissenschaftlichen Anforderungen nicht mehr genügen würden 57 . So wird man aus Trautmanns ‚Quellenangabe‘ für das Kapitel 1.XII: „Alte Rechnung aus Archivalien“ kaum klüger als man zuvor war 58 . Der Brief Andreas Sluders und das ‚Pilgramsbuch‘ erhalten nicht einmal einen solchen ‚Nachweis‘. Ganz anders der neu hinzugekommene Brief, da dieser als Teil der Landeshistorischen Sammlung des Hofbibliothekars und Hofarchivars Andreas Felix von Oefele (1706-1780) ausgewiesen wird 59 . Aus Oefeles Sammlung stammten auch weitere Ergänzungen zum Nachlass und zum Begräbnis Herzog Christophs 60 . Posthum erschienen von dieser kommentierten dritten Auflage von Traut‐ manns Roman von 1880 mehrere z. T. prunkvoll kolorierte Nachdrucke, die allerdings einige Druckfehler enthielten (1905, 1910, 1921, 1925) 61 . Das heißt, es war diese dritte erweiterte und kommentierte Auflage, die die größte Anzahl an Lesern erreicht haben dürfte. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die vermeintlichen Quellenauszüge Trautmanns ursprünglich eine Stilvariante in seinem Roman darstellten und erst mit dem Einfügen weiterer Quellen und dem Anfügen der „historischen Bemerkungen“ einen authentischen Anschein gewannen. Die im Abenteuer- und Fantasy-Genre durchaus übliche Nutzung von Pseudo-Quellen und ähnlichen Historismen erinnern an den Abenteuerroman der „Schwarze Nebel“ von Michael Crichton („Eaters of 182 Thomas Lang <?page no="183"?> Dead“, 1976, verfilmt als „The 13th Warrior“, US 1999). In Crichtons Roman geht ein Auszug aus dem Reisebericht von Ahmad Ibn Fadlān (921/ 22) fließend in seine fantastische, auf dem altenglischen Beowulf-Epos (um 700) fußende Geschichte über. Kein Historiker wäre jemals auf den Gedanken gekommen, Crichtons Ausführungen in eine Quellensammlung zur Reisegeschichte aufzunehmen. Warum ist dies bei Trautmanns Roman anders? - Abb. 4: Illustriertes Titelblatt mit Kupferstich und Kapitelanfang des ‚Quellenteils‘ von Hans Trautmanns Abenteuerbuch 1880. Trautmann war - zumindest beim Erscheinen der dritten Auflage - für belesene Kunsthistoriker kein Unbekannter und hatte im Laufe seines Lebens viele Kon‐ takte knüpfen können, die eine solche Verbreitung beförderten. Als Sohn eines Hofjuweliers war er früh mit den schönen Künsten und der Landesgeschichte in Berührung gekommen und hatte schon als Schüler begonnen, Gedichte zu schreiben. In seiner Zeit als Jurist am Münchener Stadtgericht von 1837 bis 1844 konnte er aus den Erfahrungen der Jugend schöpfen und erste Gedichtbände und Dramen publizieren, von denen ihm die Kurzgeschichte „Herzog Christophs Wurf und Sprung“ von 1844 wohl den Weg zu einer kurzzeitigen Anstellung am Bayerischen Hof ebnete. Seine erste Ausgabe von Herzog Christophs „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 183 <?page no="184"?> 62 R ÖH R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S.-38. Abenteuerbuch entstand in einer emsigen Schaffensphase nach der Aufgabe seiner Stelle als bayerischer Sekretär. Um 1850 verfasste Trautmann mehrere Dramen und vor allem regionalhistorisch angeregte Geschichtensammlungen u. a. zu fränkischen Geschichten Til Eulenspiegels („Eppelin von Geilingen“, 1852), den Münchener Stadtgeschichten („Die gute alte Zeit“, 1855), zu Wiener Glücksrittern („Chronik des Petrus Nöckerlein“, 1856) etc. und zudem kleinere Schriften für die „Fliegenden Blätter“ und die „Hauschronik“. Kunstinteressier‐ ten und Kunsthistorikern wird er durch sein Handbuch über „Kunst und Kunstgewerbe vom frühesten Mittelalter bis Ende des 18. Jahrhunderts“ (1869) bekannt geworden sein. Einige Jahre darauf erschien die dritte Auflage von Trautmanns Roman, welche, wie erwähnt, zahlreiche Nachdrucke bis 1925 erlebte. Trautmanns kunsthistorische Expertise, seine „Historischen Bemerkungen“ im Anhang der dritten Romanauflage und die nun tatsächlich herangezogene Quelle aus Oefeles Sammlung erweckten den Eindruck, dass auch Trautmanns sonstige Kapitel nicht der Fantasie entstammten, sondern auf echten Quellen fußten. Nur so ist es zu erklären, dass die bedeutenden Pilgerfahrt-Spezialisten Reinhold Röhricht und Heinrich Meisner 1883 den Romanautor Franz Traut‐ mann anschrieben und ihn nach den ihnen bisher unbekannt gebliebenen Quellennachweisen zur Pilgerreise Herzog Christophs von Bayern befragten. Die briefliche Antwort Trautmanns stellten sie einer Edition zur Pilgerreise Friedrich des Weisen voran: „Diese letzteren Aktenstücke gab Franz Trautmann aus der freiherrlichen von Aretinʼschen Bibliothek auf Schloss Haidenburg in Niederbayern, das leider vor ungefähr 10 Jahren durch Feuer zerstört wurde, in seinem Buche ‚Herzog Christophs von Bayern Abenteuer‘ […] heraus.“ 62 Zwar waren mit dem Schlossbrand von 1871 die angeblichen Original-Quel‐ len verloren, jedoch erschien die Familie Aretin als Besitzer von bisher unent‐ deckten Quellen als durchweg unverdächtig: Nicht nur war der Freiherr Adam von Aretin (1769-1822), der 1762 das Schloss Haidenburg erworben hatte, um 1803 mitverantwortlich für die Säkularisation von Klostergut, sondern vor allem war sein Bruder, der Historiker und bayerische Hofbibliothekar Johann Christoph von Aretin (1772-1824), als Wiederentdecker der Carmina Burana bekannt geworden. Täuschen ließen sich die Pilgerreiseexperten Röhricht und Meisner zudem dadurch, dass ihnen Trautmann ein Faksimile des letzten Briefs Herzog Christophs zukommen ließ 63 . Dieser stammte jedoch gar nicht aus der von Aretinschen Bibliothek, sondern aus der Sammlung Oefeles. 184 Thomas Lang <?page no="185"?> 63 R ÖH R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S.-38, Anm. 3. 64 Tatsächlich haben Röhricht und Meisner auf die eher unzuverlässigen panegyrischen Familienchroniken des Hauses Sachsen aus dem 17. Jahrhundert und Schlosskirchen‐ chroniken aus dem 18. Jahrhundert zurückgegriffen; vgl. R ÖH R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 37f. Dort zitieren sie u. a. Mattheus F A B E R , Kurtz‐ gefaßte Historische Nachricht Von der Schloß- und Academischen Stiffts-Kirche zu Aller-Heiligen in Wittenberg und deroselben Ursprung, Einweyhung […]/ Samt einer Vor-Rede Herrn Gottlieb Wernsdorffs […] und mit vollständigem Register Ans Licht gestellet von Matthaeus Faber und Gottlieb Wernsdorf, Wittenberg ²1730 (VD 18 101986628), S. 201f. und Sigmund von B I R K E N , Chur- und Fürstlicher Sächsischer Hel‐ den-Saal Oder kurtze/ jedoch ausführliche Beschreibung der Ankunft/ Aufnahme/ Fort‐ pflanzung und vornemster Geschichten dieses höchstlöblichen Hauses, samt Dessen Genealogie/ Wappen und Kupfer-Bildnisen als eine Sächsische Chronik zusammenge‐ tragen und vorgestellet durch Sigmund von Birken/ in der höchstlöbl. Fruchtbringenen Geselleschaft den Erwachsenen, Nürnberg bei Johann Hofmann 1677, S. 520 und Johann Sebastian M Ü L L E R , Des Chur- und Fürstliche Hauses Sachsen/ Ernestin- und Albertinische Linien/ Annales von 1400 bis 1700, worinnen Gebuhrten/ Reißen/ Heyra‐ then/ Todes-/ An- und Erbfälle/ Vormundschafften/ Landes-Theil- und Huldigungen […], Weimar 1700, S.-56. 65 R ÖH R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S.-98-114, 185-200, 277-301. 66 In paraphrasierter Form präsentierten Christian Gotthold Neudecker und Ludwig Preller den Reisebericht als Anhang zu Spalatins Vita Friedrich des Weisen: Friedrichs des Weisen Leben und Zeitgeschichte; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 76-91; damit folgten sie Gottfried Immanuel G R U N D I G / Johann Friedrich K L O T Z S C H (Bearb.): George Spalatins Leben Friedrichs des Weisen Churfürstens zu Sachsen, in: Sammlung vermischter Nachrichten zur Sächsischen Geschichte, Chemnitz 1770 (VD18 90032241), S. 1-194, hier S. 169-194, die nach einer Gothaer Abschrift der eigentlich in Weimar liegenden Vorlagen den Reisebericht ebenfalls als Anhang edierten. Spalatin hatte den Bericht hingegen in den Lebenslauf eingebaut. Die Vorlagen befinden sich in den testamentarisch an den Hof übergebenen alten Unterlagen Spalatins im Ernestinischen Gesamtarchiv in Weimar: LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25 (Reinschrift) und ebd., Reg. O 25b (Entwurf). Der Nimbus des Fachbuchautors mit Verbindungen an den bayerischen Hof sowie zu den Gebrüdern Aretin scheinen alle Zweifel über die fehlende Quelle und die offensichtlichen Ungereimtheiten überstrahlt zu haben. Meisner und Röhricht sahen in dem „bisher unbekannten Brief des Andreas Sluder aus München an Hans Weinmann in Wien (30. April 1493)“ (2.XV), im „letzten Brief des Herzogs Christoph in seine Heimat (28. Mai 1493)“ und im „Pilgrams‐ buch desselben“ zuverlässige neue Quellen, die das bisherige Quellenkorpus erweitern. Zu diesem Zeitpunkt bestand dieses aus den eher unzuverlässigen Chroniknachrichten des 17. und 18. Jahrhunderts 64 , dem Reisebericht von Hein‐ rich von Zedlitz 65 sowie dem 1770 und 1851 gedruckten anonymen Reisebericht aus dem Umfeld des sächsischen Kurfürsten, den der Hofgeistliche und Chronist Georg Spalatin (1485-1545) kolportierte 66 . „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 185 <?page no="186"?> 67 T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), S.-409. 68 R ÖH R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S.-42f. 69 Die von Röhricht und Meisner edierten Nennungen datieren auf den 29. September und 2. Oktober 1493 in Innsbruck in der zusammenfassenden Futterrechnung „Johann molern uf ein pferd“ und ein Trinkgeld von einem Gulden vor der Abreise in Richtung Schwatz. Zudem ist er am 28. Oktober 1493 in Nürnberg mit einem nachträglich gezahlten Zehrgeld von acht Gulden für die Reise zum Kurfürsten nach Venedig belegt (im Herbst 1493; vgl. Anm. 71). Die folgenden Einträge sind bei der An- und Abreise vom Torgauer Hoflager in Leipzig (2. November) und Eilenburg (15. Dezember 493) und damit in der Heimat zu lokalisieren; vgl. R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S.-37, 71, 78, 94, 100. 70 Vgl. die (All)-Gemeine Ausgabe des Rentmeisters Hans Leimbach zwischen Exaudi (19. Mai) 1493 und Exaudi (11. Mai) 1494: 14 ßo an 40 guldin meyster Johann maler zu zerung und ein wechsel briefe gein Kracken am montag nach Margarethe [15. Juli 1493]; 15 ßo 24 gr an 44 guldin hat meister Johann uf den selbn wechsel brief zu Kracken entpfangen, die ich Mordeysen zu Leiptzk wider zcallt habe; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4147, fol. 179r (markiert). Offensichtlich war Meister Johann am 15. Juli auf einem eigens angekauften Pferd im Wert von neun Gulden nach Krakau aufgebrochen: 4 ßo 9 gr für ein Pferd Meister Johann dem Maler daruff wegk geschickt am Montag nach Kiliani [15. Juli 1493] an 9 fl; ebd., fol. 133r (Pferd); vgl. die Variante ebd., Reg. Bb 4150, fol. 77v. Röhricht und Meisner gingen sogar so weit, dass sie versuchten, offensicht‐ liche Widersprüche des ‚Sluder-Briefes‘ mit der von ihnen edierten zeitgenös‐ sischen Rechnungsquelle vom sächsischen Hof zu glätten. So versuchen sie den laut Brief Andreas Sluders im Gefolge Herzog Christophs von Bayern reisenden Lucas Cranach den Älteren in ihren Rechnungen wiederzufinden 67 . Sie behaup‐ ten kurzerhand, „Johannes Moler“, der in ihren Rechnungsbüchern erscheint, könne „kein anderer gewesen sein als Lucas Cranach, dessen eigentlicher Name Johannes (Sunder) war“ 68 . Dieser Satz enthält so viel wirre und falsche Annahmen, dass es schwerfällt, überhaupt darauf einzugehen. Erstens gibt es zwar bei Namensnennungen einige Varianz: So ist Lucas oft Laux, Benedikt oft Dictes/ Dicturs, Bartholomeus oft Mewes etc. Aber aus einem Lucas wird kein Hans, Jhan oder Johannes. Ebensowenig ist der Name Sunder in irgendeiner Form für Cranach geläufig. Zweitens erscheint „Johann“ eben nicht - wie von Röhricht und Meisner aber auch von Gurlitt und andernorts behauptet - unter den Begleitern des Kurfürsten im Heiligen Land, sondern taucht im Rechnungsbuch nur auf der Rückreise in Venedig und Nürnberg auf 69 . Denn als Herzog Christoph und Kurfürst Friedrich am 15. Juli 1493 vom Heiligen Land kommend vor Paphos auf Zypern lagen, brach Meister Johann Moler gerade vom Hoflager nach Krakau auf 70 . Kaum zurückgekehrt, sandte ihn der Hof am 9. August (Vorabend Laurenti) 1493 mit zehn Gulden Zehrgeld nach Venedig, um den Kurfürsten zu empfangen, 186 Thomas Lang <?page no="187"?> 71 Der Hinweis auf die Entsendung nach Venedig noch bevor der sächsische Kurfürst dort wieder eingetroffen war, datiert auf die erste Augusthälfte 1493: 3 ßo 30 gr an 10 guldin Meister Johann dem maler zu zerung nach Venedig am freitag vigilia Laurenti [9. August]; ebd., Reg. Bb 4147, fol. 180v (markiert). Vgl. Cornelius G U R L I T T , Die Kunst unter Kurfürst Friedrich dem Weisen (Archivalische Forschungen 2), Dresden 1897, S. 26; dort sind beide Einträge falsch datiert, da Gurlitt den Abrechnungszeitraum (19. Mai 1493 bis 11. Mai 1494) nicht beachtet. 72 Vgl. zu diesem Matthias D O N A T H , „Meister Jhan der niderlendische Maler“. Ein flämi‐ scher Maler am Hof Friedichs des Weisen und seine Werke für die Meißner Fürsten‐ kapelle und die Wittenberger Schloßkirche, in: Ecclesia Misnensis (2001), S. 51-76. Einige der von Donath gesuchten Rechnungsbelege zu Meister Jhans Arbeiten sind in Reisebüchern zu finden: LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5518, fol. 48r (Portrait Prinz und Prinzessin), fol. 86r-v (Sammelrechnung Johann Moler mit Engelsgruß, Anna und St. Christoph), 112r (Sammelrechnung Johann Moler: Marienbild, St. Georg, Gefangennahme Christi, Bankett mit Totentanz, Badeszene). Eindeutig ist die Herkunft das Malers erstmals in einem Rechnungsbeleg des Zehntmeisters Hans von Leimbach belegt, der zwischen zwei Einträgen von Ende 24. August (Bartholomei) und dem 22. September (Maurici) 1491 eingefügt ist: 7 ½ fl hab ich zalt fur ein pferdt dem maler maister Hansen sein frawen uß Nyderlandt zu holen und hab dan ander vor u(m)b 6 v(er)kauft, re(stan)t 1 ½ fl; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4145, fol. 4v. Vgl. zudem die Kammerrechnung vom 11. März (Invokavit) 1492: 3 ßo 30 gr meister Hannsen dem niderlendisch(e)n Maler uf Rechnung geben us bevelh des marschalgks Michel von Tentstet am mittwoch nach invocavit; ebd., Reg. Bb 4144, fol. 56v. Vgl. G U R L I T T , Kunst (wie Anm. 71), S.-20-32, der versuchte die Belege für „niderlendischen maler meister Johan“ bzw. „meister Jhan dem niederlendische maler“ zusammenzutragen; ebd., S. 21. Leider sind ihm bei der Datierung mehrere Fehler unterlaufen (z. B. Krakau-Reise 1494 statt 1493), zudem vertrat auch er eine Teilnahme Jhans an der Pilgerreise des Kurfürsten, die er aber nicht belegt; vgl. ebd., S.-22, 26. Vgl. auch die vorhergehende Anmerkung. der sich allerdings zu diesem Zeitpunkt noch auf Methoni in Griechenland befand 71 . Drittens handelt es sich bei Johann Moler in Wirklichkeit um den Hofmaler Meister Jhan aus den Niederlanden, wie schon Cornelius Gurlitt 1897 belegte und Matthias Donath 2001 bis ins Detail beschrieb 72 . 3 Die Langlebigkeit von Legenden - Das ‚Pilgramsbuch‘ und der ‚Sluder-Brief ‘ in der Forschung Die fachliche Autorität von Röhricht und Meisner sorgte dafür, dass Herzog Christophs ‚Pilgramsbuch‘ und auch der ‚Sluder-Brief ‘ mit seinen Aussagen zur Teilnahme Lucas Cranach d. Ä. an der Pilgerreise bald in kunsthistorische Nach‐ schlagewerke gelangten. So verteidigte Hedwig Michaelson im bedeutenden Repertorium der Kunstwissenschaft den ‚Sluder-Brief ‘ in ihren Abhandlungen zu Adam Krafft und Lucas Cranach als authentische Quelle: „An der Echtheit des Briefes ist nicht zu zweifeln“ 73 . Michaelson stützte sich dabei darauf, dass „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 187 <?page no="188"?> 73 Hedwig M I C H A E L S O N , Adam Krafft’s sieben Stationen, in: Repertorium für Kunstwis‐ senschaft 22 (1899), S. 395f., Zitat S. 396; Als einziger Beleg diente ihr, dass viele andere Namen aus der dem Brief Sluders anhängenden Pilgerliste auch in den edierten Rechnung Röhrichts und Meisners auftauchten. Cranach erschien dort allerdings nicht. Auch stellte sie in einer Fußnote fest, dass Wolf und nicht Georg Ketzel in den Familienaufzeichnungen als Teilnehmer der Pilgerreise angegeben wird. Sie mutmaßte, dass dieser vielleicht „seine Stelle dem Verwandten Wolf “ abgetreten und erst später nach Jerusalem gezogen sei. Bereits Joseph Heller hatte gezeigt, dass es sich bei der Nennung Georg Ketzels in der Pilgerliste Spalatins wohl um einen Irrtum handeln musste; Joseph H E L L E R , Versuch über das Leben und die Werke Lucas Cranachs, mit einer Vorrede von Bibliothekar Jäck, Bamberg 1821, S.-117f., Anm. 59 74 Vgl. Hedwig M I C H A E L S O N , Etwas aus Cranach des Aelteren Jugendzeit, in: Repertorium für Kunstwissenschaft 22 (1899), S.-475-477, Zitat S.-475. 75 M I C H A E L S O N , Cranach (wie Anm. 79), S.-476. 76 M Ü L L E R , Annales (wie Anm. 64), S. 56; G R U N D I G / K L O T Z S C H , Spalatins (wie Anm. 66), S.-1-194, hier S.-169-194. 77 N E U D E C K E R / P R E L L E R , Nachlass (wie Anm. 4), S.-89-91. 78 Werner S C H A D E , Die Malerfamilie Cranach, Dresden 1874, S.-377 mit Anm. 20. der „bairische Archivar, Hofrat Fr. Trautmann“ diesen Brief „nebst anderen archivalischen Funden“ dargeboten hätte 74 . Michaelson ging im zweiten Beitrag auf Kritik ein und zog selbst die Teilnahme Cranachs an der Pilgerreise in Zweifel, verteidigte aber dennoch die Echtheit des ‚Sluder-Briefes‘. Als Beleg diente ihr, dass sowohl die Pilgerliste im ‚Sluder-Brief ‘ wie „der von ihm ganz unabhängige Spalatin“ die gleichen Personen anführten, auch wenn einzelne möglicherweise nicht mitreisten 75 . Nur zur Erinnerung: Eine erste Version der Pilgerliste erschien in den Sächsischen Haus-Annalen von Müller 1700, eine erste Edition des Reiseberichtes von Spalatin mit dessen Pilgerliste ist bereits 1770 - abgelegen unter den „Vermischten Nachrichten zur Sächsischen Geschichte“ - von Gottfried Immanuel Grundig und Johann Friedrich Klotzsch nach einer unvollständigen Abschrift der Forschungsbibliothek Gotha publiziert worden 76 . Bei ihnen fehlen daher einige mitreisende Adlige, u. a. Hans Hundt, Wolf von Weißenbach, Hans Münch und Jörg von Zedlitz. Gut 80 Jahre nach Grundig und Klotzsch, 1851, haben Christian Gotthold Neudecker und Ludwig Preller Spalatins Reisebericht und Pilgerliste nach der Vorlage des Hauptstaats‐ archiv Weimar ediert 77 . Zwei Jahre darauf, 1853, erschien die erste Ausgabe von Trautmanns Abenteuerbuch mit dem ‚Sluder-Brief ‘ und seiner Pilgerliste. Noch Dekaden später, 1974, verteidigte der Cranach-Spezialist Werner Schade die Echtheit des ‚Pilgramsbuchs‘ auf Grund des Faksimiles des Briefes Herzog Christophs, den Trautmann in die dritte Auflage der Abenteuer aus den Samm‐ lungen Andreas Felix von Oefeles übernommen hatte 78 . Für ihn waren damit auch die weiteren Quellen authentisch, so dass er auch den ‚Sluder-Brief ‘ samt 188 Thomas Lang <?page no="189"?> 79 S C H A D E , Malerfamilie (wie Anm. 78), S.-13. 80 Dietrich H U S C H E N B E T T , Art. „Herzog Christoph von Bayern (1449-1493)“, in: Verfas‐ serlexikon 1 (1978), Sp. 1229; freundlicher Hinweis von Hartmut Kühne, Berlin vom 20.06.2024. 81 Dietrich H U S C H E N B E T T , Art. „Friedrichs des Weisen Jerusalemfahrt“, in: Verfasserlexikon 11 (2004), Sp. 469; freundlicher Hinweis von Hartmut Kühne, Berlin vom 20.06.2024. Vgl. K Ü H N E , Friedrich der Weise (wie Anm. 1), S.-417. 82 Europäische Reiseberichte des späten Mittelalters. Eine analytische Bibliographie, Teil 1: Deutsche Reiseberichte, hg. von Werner P A R A V I C I N I , bearb. von Christian H A L M (Kieler Werkstücke, Reihe D. Beiträge zur europäischen Geschichte des späten Mittelalters 52), Frankfurt a.M./ Berlin/ Bern u.-a. 2 2001, S.-247-249, Nr.-98. 83 H A L M / P A R A V I C I N I , Reiseberichte (wie Anm. 82), S.-248, Nr.-98. einer Teilnahme Cranachs an der Pilgerreise des sächsischen Kurfürsten für wahrscheinlich hielt 79 . Wenige Jahre später adelte das Verfasserlexikon des Mittelalters den ‚Slu‐ der-Brief ‘ und das ‚Pilgramsbuch‘ durch die Aufnahme in den Artikel zum Autor Christoph von Bayern 80 . Das Verfasserlexikon ist eines der bedeutendsten Nachschlagewerke für Germanisten und Historiker, damit waren nun nach der Kunstgeschichte auch in diesen Fachbereichen Trautmanns ‚Pilgramsbuch‘ und ‚Sluder-Brief ‘ als Quellen etabliert. Noch 2004 hat Dietrich Huschenbett in seinem Artikel zur Reise Friedrich des Weisen im Verfasserlexikon beide Quellen als authentische Parallelüberlieferung aufgenommen 81 . Zwar gab es zu diesem Zeitpunkt bereits bedeutende Gegenstimmen in der Germanistik, unter Kunsthistorikern und Historikern (s. u.), aber die erneute Nennung im zentralen Nachschlagewerk wirkt wie eine Bestätigung des älteren Artikels zu Christoph von Bayern. Stützen konnte sich Huschenbett bei seiner erneuten Aufnahme der Roman‐ teile als Quellen darauf, dass auch das Handbuch der Europäischen Reiseberichte des Mittelalters von 1994 das ‚Pilgramsbuch‘ Herzog Christophs von Bayern mit gemutmaßter Autorenschaft des bayerischen Dichters Hans Schneider (um 1450-1513) in seinen Kanon aufgenommen hatte. In diesem grundlegen‐ den Nachschlagewerk wird das ‚Pilgramsbuch‘ mit einem Gedichtfragment Schneiders vermischt und als Reisebuch Herzog Christophs von Bayern als Parallelbericht für die Reise des Kurfürsten angeführt 82 . Das ‚Pilgramsbuch‘ würde u. a. „knappe, tagebuchartige Notizen“ sowie eine „Schilderung, wie er [Herzog Christoph] seinen Neffen, den Kurfürsten aus der Hand der Türken befreit“, enthalten 83 . Zur Quellenkritik wird dort angemerkt, dass das 1493 angelegte ‚Pilgramsbuch‘ „verschollen“ sei. Stattdessen wird als Quellenangabe auf das Gedichtfragment Schneiders verwiesen, der allerdings kein Begleiter auf „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 189 <?page no="190"?> 84 Vgl. R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Pilgerreisen (wie Anm. 34), S.-297-307. 85 Cordula N O L T E , Erlebnis und Erinnerung. Fürstliche Pilgerfahrten nach Jerusalem im 15. Jahrhundert, in: Fremdheit und Reisen im Mittelalter, hg. von Irene E R F E N / Karl-Heinz S P I E ẞ , Stuttgart 1997, S.-65-92, u. a.S.-90. 86 B Ö C K E R , Reisen (wie Anm. 44), S.-137. 87 T H I E M E , Pilgerreisen (wie Anm. 34), S. 198 mit Anm. 99 mit Verweis auf N O L T E , Erlebnis (wie Anm. 85), S.-85. der Reise war, sondern vom Koch Herzog Christophs von dessen Reise und Tod auf der Rückreise erfuhr 84 . Im Repertorium wurde das ‚Pilgramsbuchs‘ nicht nur in ein weiteres Nachschlagewerk aufgenommen, sondern dessen Quellenqualität durch die Vermengung mit einem authentischen Gedicht und der Zuschreibung an einen bekannten Autoren sogar noch gesteigert. Daher verwundert es nicht, dass Cordula Nolte 1997 das ‚Pilgramsbuch‘ als eine hervorragende Quelle beschrieb, die mit ihrer Schilderung des Kampfes Herzog Christophs auch die Thematik „Frömmigkeit und Gewalt“ berühren würde 85 . Mit diesem Beitrag hat Nolte wiederum den Grundstein für die Übernahme der beiden fragwürdigen Quellen in das Handbuch „Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich“ im Jahr 2005 gelegt. Dort heißt es im Artikel zum Reisen von Heidelore Böcker „Heiden‐ kampf und Pilgerfahrt aber verschwinden nicht völlig. Die Aufzeichnungen Hzg. Christophs von Bayern (1493) belegen das. […] Pilgerfahrt und Heidenkampf waren erlaubt, erwünscht, mit Ablässen prämiert“ 86 . In den Quellen Böckers fehlt zwar Trautmann, aber der Beitrag von Cordula Nolte ist zitiert. Damit sind Trautmanns ‚Pilgramsbuch‘ und der ‚Sluder-Brief ‘ auch im 21. Jahrhundert in drei zentralen wissenschaftlichen Nachschlagewerken als authentische Quellen verzeichnet: dem Verfasserlexikon des Mittelalters, dem Handbuch für Höfe und Residenzen und den Europäischen Reiseberichten des Mittelalters. Daher sind die Auszüge aus dem Roman bis heute immer wieder in Forschung und Vermittlung zu finden. André Thieme zitierte in seiner Zusammenstellung der Pilgerreisen der sächsischen Fürsten von 2007 unter dem Aspekt der ritterlichen Behauptung die Schilderungen des „Heidenkampfes“ aus dem Pilgramsbuch nach Cordula Nolte: „Aus Jerusalem kommend, hatte sich schon zuvor der bayerische Herzog Christoph kurz vor der Abreise die Gelegenheit eines Überfalls auf Kurfürst Friedrich nicht entgehen lassen und ‚wie das Wetter‘ unter den Heiden gewütet“ 87 . Auch die bei Thieme zitierten Auseinandersetzungen auf der Pilgerreise Herzog Albrechts 1476 lesen sich im Reisebericht des Hans von Mergenthal weniger extrem als in späteren chronikalischen Mitteilungen: Die Schiffsbesatzung und nicht die Pilger nutzte demnach die Gelegenheit, dass der Patron sich unweit der Küste aufhielt, um 190 Thomas Lang <?page no="191"?> 88 Angeblich töten Herzog Albrecht und die ausrückenden Bewaffneten kurz vor der Abreise des Pilgerschiffs bei der Befreiung des gefangen gehaltenen Patrons zwei Araber; T H I E M E , Pilgerreisen (wie Anm. 34), S. 198 mit Verweis auf Folker R E I C H E R T , Von Dresden nach Jerusalem. Albrecht der Beherzte im Heiligen Land, in: Herzog Albrecht der Beherzte. Ein Sächsischer Fürst im Reich und in Europa, hg. von André T H I E M E (Quellen und Materialien zur Geschichte der Wettiner 2), Köln/ Weimar/ Wien 2002, S. 53-72, hier S. 64f. In Hans von Mergenthals Bericht ist zwar die Befreiung des Patrons durch die Schiffsbesatzung geschildert, aber nichts von Getöteten zu lesen: Am Sontag frue nach Laurenti furen zwo barcken mit Galiotten in iren harnisch hinuber an das Land/ so stunde der Patron zum griffe/ also das die Galiotten den Patron mit wehrhaffter Handt in das Schiff brachten/ und schlugen der Heiden viel wundt; Hans von M E R G E N T H A L , Gründliche und warhafftige beschreibung Der löblichen vnd Ritterlichen Reise vnd Meerfart in das heilige Land nach Hierusalem […], hg. von Hieronymus Weller, Leipzig durch Zacharias Bärwald 1586 (VD16 M 4835), fol. Liir. Die Pilger wollten dem Geleitsmann 50 Gulden zukommen lassen, was durch diese Auseinandersetzung verhindert wurde. 89 Die Tafel der Ausstellung „Frührenaissance in Mitteldeutschland. Macht. Repräsenta‐ tion. Frömmigkeit“ vom 24.11.2024 bis 02.03.2025 in der Moritzburg in Halle/ Saale befand ich im Raum 2 zur Frömmigkeit neben einer Darstellung der Schlosskirche. 90 Eduard F L E C H S I G , Cranachstudien, 2 Bde., Leipzig 1900, Bd.-1, XIIf. 91 Bei aller sachlich nötigen Kritik ist das Bedienen von Klischees wie „echt weibliche Gefühlslogik“ für „das Fräulein Michaelson“ durch F L E C H S I G , Cranachstudien (wie Anm. 90), S. XII von kaum verbogener, unsachlicher Frauenfeindlichkeit geprägt. 92 M I C H A E L S O N , Cranach (wie Anm. 79), S. XIIf. 93 R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S.-38. diesen in eine Barke zu ziehen, wobei sie jene, die ihn zurückziehen wollten, mit Gewalt davon abbrachten 88 . Noch 2025 war in der Ausstellung zur Frührenaissance in Halle/ Saale auf einer Ausstellungstafel zu Friedrich dem Weisen als frommer Fürst und Pilger vermerkt, dass sich dem sächsischen Kurfürsten auf die Reise ins Heilige Land 1493 zahlreiche Adlige anschlossen: „Darunter befand sich auch Herzog Christian [! ] von Bayern (1449-1493), der auf der Rückreise verstarb und von seinem Maler Lucas Cranach begleitet wurde.“ 89 Hier findet sich also die aus Trautmanns ‚Sluder-Brief ‘ stammende Behauptung, dass Cranach Hofmaler Herzog Christophs gewesen sei und ihn auch ins Heilige Land begleitet habe. Eduard Flechsig ordnete den ‚Sluder-Brief ‘ schon 125 Jahre zuvor „als eine dichterische Erfindung Franz Trautmanns“ ein und war verwundert, dass dieser tatsächlich als Quelle wahrgenommen wurde 90 . Er verteidigte gar den „liebenswürdige[n]“ Dichter Franz Trautmann. Dieser hätte derartiges nicht beabsichtigt 91 . Das ist - wie auch Flechsigs misogyne Ausfälle gegen Michaelson - nicht zu halten 92 . Spätestens mit dem Brief Trautmanns an Röhricht und Meisner, in dem er eine Herkunft der Quelle angab, die nicht mehr verfügbar war, ist dem Romanautor eine Täuschungsabsicht zu unterstellen 93 . Doch bereits „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 191 <?page no="192"?> 94 T R A U T M A N N , Abenteuer 1880 (wie Anm. 56), Teil 2, S.-473-496. 95 H E L L E R , Versuch (wie Anm. 73), S. 111-120; Christian S C H U C H A R D T , Lucas Cranach des Aeltern Leben und Werke. Nach urkundlichen Quellen bearbeitet, Teil 1, Leipzig 1851, S.-37-41.vgl. M Ü L L E R , Annales (wie Anm. 64), S.-56. 96 H E L L E R , Versuch (wie Anm. 73), S.-117f., Anm. 59. 97 Vgl. S C H U C H A R D T , Cranach (wie Anm. 95), S.-38. 98 S C H U C H A R D T , Cranach (wie Anm. 95), S.-37-46. 99 F L E C H S I G , Cranachstudien (wie Anm. 90), S. XIII. 100 L U D O L P H Y , Friedrich (wie Anm. 35), S.-353, Anm. 86. 101 L U D O L P H Y , Friedrich (wie Anm. 35), S.-106. die Vermengung der Herkunft mit authentischen Quellen in der dritten Auflage seines Abenteuerbuches und die Kommentierung in einem historischen Anhang weisen in diese Richtung 94 . Flechsig konnte sich bei seinen Zweifeln an der Teilnahme Cranachs an der Pilgerreise auf ältere Kritik an chronikalischen Mitteilungen von Christoph Schuchardt stützen. Dieser hatte die 1821 von Joseph Heller aus Johann Sebas‐ tian Müllers Sächsischen Haus-Annalen von 1700 übernommene Behauptung angezweifelt, dass Lucas Cranach an der Reise teilgenommen hatte 95 . Auch Heller selbst waren einige Ungereimtheiten aufgefallen 96 . Für Schuchardt war allein schon Müllers Behauptung, dass Cranach „sonst Müller genannt“ würde, ein Zeichen von mangelnder Quellenkenntnis oder Leseunkundigkeit des An‐ nalisten Sebastian Müller 97 . Die Behauptung das Cranach eigentlich Moller oder Molner hieß, hatten noch die Pilgerreisespezialisten Röhricht und Meißner 1883 von Müller übernommen (s. o.). Schuchardt selbst durchsuchte bereits die Rechnungsbücher der Reise, konnte dort aber keine Belege für Cranach finden, machte hingegen zahlreiche Hinweise darauf ausfindig, dass sich Müller irrte 98 . Flechsig folgte also Schuchardt und zweifelte daher an der Authentizität des ‚Sluder-Briefes‘ von Trautmann. Als einzige authentische Zutat in Trautmanns Roman sah Flechsig die Pilgerliste im ‚Sluder-Brief ‘ an 99 . Die Biographin Kurfürst Friedrich des Weisen, Ingetraut Ludolphy, sah wie Flechsig in Trautmanns Roman eine reine Fiktion und wies noch einmal darauf hin: „Was dessen [Herzog Christophs] ‚Biograph‘ Trautmann (679-687) über die Reise und das gemeinsame Erleben mit Friedrich schildert, ist in vielem romanhafte Erfindung“ 100 . Genau genommen handelt es sich um einen Abenteuerroman, so dass man m. E. eher begründen müsste, warum darin etwas Authentisches erkennen will. Auch im ‚Sluder-Brief ‘ erscheint Ludolphy zumindest die Nennung Cranachs interpoliert, wenn man nicht sogar „an der Originalität dieses Briefes zweifeln“ wolle 101 . 1993 verfasste die Kunsthistorikerin und Grafikspezialistin Ursula Timann ein Manuskript mit dem Titel „Warum der Sluder-Brief nicht echt sein kann“, 192 Thomas Lang <?page no="193"?> 102 Ursula T I M A N N , „Warum der Sluder-Brief nicht echt sein kann“, Germanisches Natio‐ nalmuseum Nürnberg; vgl. Monika L Ü C K E , Quellen zur Biographie Cranachs, in: Monika L Ü C K E , Lucas Cranach der Ältere (1472-1553), in: Mitteldeutsche Lebensbilder, Men‐ schen im Zeitalter der Reformation, Band 2, hg. von Werner Freitag, Köln/ Weimar/ Wien 2004, S.-33-54. Vgl. den Beitrag von Eva Heuer in diesem Band. 103 Armin K U N Z , Die Jerusalemfahrt Lucas Cranachs d. Ä. Quellenkritische Untersuchung der Überlieferungsgeschichte eines (kunst)historischen Topos, in: Archiv für Kulturge‐ schichte 78 (1996), S.-87-114. 104 K U N Z , Jerusalemfahrt (wie Anm. 103), S.-105. 105 Vgl. Klaus G R A F , Das von Franz Trautmann erfundene ‚Pilgramsbuch‘ Herzog Chris‐ tophs von Bayern, in: Archivalia 25. April 2014 (zuletzt ergänzt 02. August 2017); https: / / archiv.twoday.net/ stories/ 790549607/ & https: / / archivalia.hypotheses.org/ 4508; letzter Zugriff 2025-03-01. 106 Helga C Z E R N Y : Der Tod der bayerischen Herzöge im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit 1347-1579: Vorbereitungen - Sterben - Trauerfeierlichkeiten - Grablegen (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 146), München 2005, S.-211. welches bis heute ungedruckt im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg liegt, jedoch 2004 von Monika Lücke bekannt gemacht und 2007 von Eva Heuer (vormals Mayer) in ihrer Magisterarbeit verarbeitet wurde 102 . Neben der ungewöhnlichen Namensangabe Cranach im ‚Sluder-Brief ‘, was m.-E. kein zwingendes Argument ist, verwies sie auf Anachronismen in der Pilgerliste, auf die unten noch eingegangen wird. Weniger Jahre danach, 1996, setzte sich der Kunsthistoriker Armin Kunz kritisch mit der Überlieferungsgeschichte zur angeblichen Jerusalemfahrt Lucas Cranachs auseinander 103 . Sein Ergebnis: Es handelt sich beim ‚Sluder-Brief ‘ wie dem ‚Pilgramsbuch‘, um „eine von großer historischer Kenntnis genährte und eben deshalb irreführende Fälschung“ 104 . Auf dieser Forschungsgrundlage begann Klaus Graf 2014 in seinen Archiva‐ lia eine Sammlung zum „von Franz Trautmann erfundene[n] ‚Pilgramsbuch‘ Herzog Christophs von Bayern“ anzulegen und diese bis heute um neue Funde zu erweitern. Inzwischen sind gut ein Dutzend Belege für die Verwendung von Trautmanns ‚Pilgramsbuch‘ als Quelle in der Forschung aufgeführt; der letzte Eintrag befasst sich mit einem kulturgeschichtlichen Aufsatz von 2017, bei dem allein die Existenz vergleichbarer Reiseberichte als Echtheitsbeleg genügte 105 . Häufiger lässt sich jedoch eine bekannte ältere Argumentation finden. Das schon von Michaelson für die Echtheit des ‚Sluder-Briefes‘ ins Feld geführte und nun auch für das ‚Pilgramsbuch‘ wiederholte Argument für dessen Authentizi‐ tät: „An der Echtheit des Tagebuchs ist m. E. nicht zu zweifeln. Es stimmt vor allem bei den Zeitangaben, wie Ankunft in Jerusalem und Abreise von dort mit dem Bericht Spalatins überein“ (Helga Czerny) 106 . Die große Deckungsgleichheit der Angaben im ‚Pilgramsbuch‘ mit den Angaben im - von Georg Spalatin „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 193 <?page no="194"?> 107 G R A F , Trautmann (https: / / archivalia.hypotheses.org/ 4508; letzter Zugriff 2025-03-01); vgl. Christina A N T E N H O F E R : Topographien des sterbenden Körpers: Sakrale und profane Raumstrukturen in den Testamenten der deutschen Reichsfürsten des Mittelalters, in: Corpus Intra Muros. Eine Kulturgeschichte räumlich gebildeter Körper, hg. von Ulrich Leitner, Bielefeld 2017, S. 173-204, hier S. 505. Vgl. N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S.-76-91; M Ü L L E R , Annales (wie Anm. 64), S.-56. 108 Vgl. Klaus G R A F , Das von Franz Trautmann erfundene ‚Pilgramsbuch‘ Herzog Chris‐ tophs von Bayern, in: Archivalia 25. April 2014 (zuletzt ergänzt 02. August 2017); http s: / / archiv.twoday.net/ stories/ 790549607/ & https: / / archivalia.hypotheses.org/ 4508. 109 Vgl. den Artikel „Pilgramsbuch“ in den Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters, in: https: / / www.geschichtsquellen.de/ werk/ 5069; Bearbeitungsstand, 10.09.2019; letzter Zugriff 2025-03-01. kolportierten - Reisebericht belegt für Czerny, Michaelson und andere die Echtheit. Für Claus Graf eher nicht: „Warum wohl? “ kontert er; der Reisebericht Spalatins war 1770 und 1851 ediert worden, die darin enthaltene Pilgerliste und Reiserahmendaten sogar schon 1700 in Müllers Sächsischen Haus-Anna‐ len 107 . Mit seiner Zusammenstellung erhofft Graf, dass „Wissenschaftler von der Verwertung dieser Quelle für die Zeit um 1493 künftig Abstand nehmen und sie als das werten, was sie ist, nämlich eine archaisierende Fiktion des 19. Jahrhunderts“ 108 . Teilerfolge konnte Graf damit erzielen. Das Repertorium „Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters“ der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ordnet auf Grundlage der Forschungen von Armin Kunz und Klaus Graf das „Pilgramsbuch“ als „Fälschung/ Fiktion“ ein 109 . Wie am Beispiel der Ausstellung zur „Frührenaissance in Mitteldeutschland“ von 2024/ 25 gezeigt, verhindert dies jedoch nicht die Rezeption der alten Nachschlagewerke und zahlreichen sonstigen Publikationen und damit die Übernahme von Angaben aus dieser Fälschung. Daher erscheint eine erneute und gründliche Darlegung mit Hilfe einer bisher nicht beachteten Quelle sinnvoll. Für die Widerlegung des Hauptargumentes für die Echtheit des ‚Pilgramsbu‐ ches‘ und ‚Sluder-Briefs‘ Trautmanns, muss man erstens zeigen, dass sich: 1. das ‚Pilgramsbuch‘ und der ‚Sluder-Brief ‘ auf den von Georg Spalatin kolportierten und 1851 edierten Reisebericht mit Pilgerliste zurückführen lassen und von diesem kopiert sind; 2. die Angaben im von Spalatin kolportierten Reisebericht und der Pilgerliste, die auch im ‚Pilgramsbuch‘ und ‚Sluder-Brief ‘ erscheinen, zum Teil irrig sind und auf Irrtümern Spalatins beruhen; 3. die eigenständigen Schilderungen im ‚Pilgramsbuch‘ nicht auf realen Ereignissen fußen, sondern nachweislich fiktionalen Charakter besitzen. 194 Thomas Lang <?page no="195"?> 110 R ÖH R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S.-37. 111 H A L M / P A R A V I C I N I , Reiseberichte (wie Anm. 82), S.-244-260, Nr.-97-104. 112 H A L M / P A R A V I C I N I , Reiseberichte (wie Anm. 82), S.-244-247, Nr.-97. 113 G R U N D I G / K L O T Z S C H , Leben Friedrichs (wie Anm. 66), S. 169-194; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Nachlass (wie Anm. 4), S. 26f., 76-91; vgl. die frühe Edition der Pilgerliste und Reiser‐ ahmendaten M Ü L L E R , Annales (wie Anm. 64), S. 56. Neudecker und Preller haben die Edition von Grundig und Klotzsch nach der Gothaer Vorlage - (FB) Gotha, Cod. Chartac. Fol. n. 194 - als mangelhaft und unvollständig beschrieben und im Vergleich mit ihrer als „durchaus unzuverlässig und unbrauchbar“ bezeichnet; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Nachlass (wie Anm. 4), S. 19. Möglicherweise diente die Gothaer Abschrift auch Müller für seine Vorarbeiten. Wie stichhaltig die negative Bewertung der älteren Edition durch Neudecker und Preller ist, müsste noch einmal an den Originalen geprüft werden. Im Zeitrahmen dieser Arbeit war das nicht zu leisten. 114 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 7r-25v (Entwurf); ebd., Reg. O 25, fol. 10r-28r (Reinschrift). 115 H A L M / P A R A V I C I N I , Reiseberichte (wie Anm. 82), Nr.-98, S.-247-249. 4 ‚Unter vielen deutschen Jerusalemfahrten hervorragend‘ - Quellen zur Pilgerreise von 1493 Der Vergleich des ‚Pilgramsbuchs‘ mit anderen Reiseberichten von 1493 sollte keine Probleme bereiten: Die erwähnten Pilgerreise-Experten Reinhold Röh‐ richt und Heinrich Meisner sahen schon im 19. Jahrhundert die Pilgerreise ins Heilige Land im Jahr 1493 als eine der am besten mit Quellen belegten Reisen des Spätmittelalters an 110 . Auch das Handbuch der Europäischen Reiseberichte des Mittelalters von 1994 listet unter den Nummern 97 bis 104 sieben angeblich parallele Berichte dieser Pilgerreise auf 111 . • Erstens, den angesprochenen von Georg Spalatin kolportierten anonymen Reisebericht, der zwischen 1535 und 1539 entstanden ist und die Reise von Venedig ins Heilige Land und zurück behandelte. 112 Die paraphrasierenden Editionen von 1770 durch Grundig und Klotzsch sowie von 1851 durch Neudecker und Preller trennen die Einleitung und den in die Vita eingebet‐ teten Reisebericht und edieren diesen auf 25 bzw. 17-Seiten einerseits nach der Kopie in Gotha und andererseits nach der Reinschrift aus Weimar von 18 Blatt 113 . Die Bearbeiter konnten entsprechend die Ergänzungen Spalatins insbesondere in der Einleitung des Entwurfs nicht kenntlich machen 114 . • Zweitens, das zitierte ‚Pilgramsbuch‘ Herzog Christophs von Bayern, das im Handbuch der Europäischen Reisebericht dem Dichter Hans Schneider zugeschrieben wird, und angeblich direkt im Umfeld des Herzogs und der Reise 1493 entstanden sein soll 115 . Ein Original ist wie beschrieben nicht vorhanden; die auszugsweise ‚Edition‘ von ‚Sluder-Brief ‘ mit Pilgerliste und ‚Pilgramsbuch‘ umfasst 13 Seiten 116 . „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 195 <?page no="196"?> 116 T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), Kap. XV., S. 406-410, Kap. XVI., S. 411-419. 117 R ÖH R I C H T / M E I S N E R , Pilgerreisen (wie Anm. 34), S.-301-307. 118 H A L M / P A R A V I C I N I , Reiseberichte (wie Anm. 82), Nr.-99, S.-249f. 119 H A L M / P A R A V I C I N I , Reiseberichte (wie Anm. 82), Nr.-100, S.-251-253. 120 Jan H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / Ferdinand S T R E J Č E K , Putování k Svatému hrobu [Pilger‐ fahrt zum Heiligen Grab], Prag 1902, S. 1-98 Reisebericht von Kadaň nach Kadaň, S.-99-104 Pilgerlisten, S.-105-110. 121 H A L M / P A R A V I C I N I , Reiseberichte (wie Anm. 82), Nr.-101, S.-253-255. 122 R Ö H R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S. 98-114, 185-200, 277-301, darin S. 300f. die Pilgerliste. 123 Theodor S C H Ö N , Eine Pilgerfahrt in das Heilige Land im Jahre 1494, in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 13 (1892), S.-435-469. 124 H A L M / P A R A V I C I N I , Reiseberichte (wie Anm. 82), Nr.-102, S.-255-257. 125 H A L M / P A R A V I C I N I , Reiseberichte (wie Anm. 82), Nr.-103, S.-257f. • Drittens, das erwähnte Gedicht des Hans Schneider, das in mehreren Fragmenten erhalten ist. Auf sieben Seiten und 250 Zeilen versucht es eine posthume Würdigung und verbindet diese mit Schilderungen von der Pilgerreise und dem Begräbnis aus zweiter Hand 117 . • Viertens, ein verschollener Reisebericht des Nicolaus Schultheiß zu Stol‐ berg von 1494 über die Pilgerreise und Hochzeit Grafen Bothos III. von Stolberg, von dem sich bisher nur Hinweise in der regionalhistorischen Forschung finden ließen; selbst die Teilnahme Bothos wird angezweifelt 118 . • Fünftens, der in diesem Band erstmals ins Deutsche übersetzte Reisebericht des Johann von Lobkowitz auf Hassenstein, der in späteren Abschriften des 18. Jahrhunderts und Kopien des Originals von 1506/ 15 erhalten ist 119 . Der Umfang von 179 Blatt bzw. 110 Druckseiten in der tschechischen Edition zeigt schon die Bedeutung und akribischen Schilderungen dieses Reiseberichts auf, der zudem zwei ausführliche Pilgerlisten enthält 120 . • Sechstens, der Reisebericht des Heinrich von Zedlitz, der in Abschriften von 1555 erhalten ist, und im Original 64 Blatt und 55 Seiten in der Edition umfasst 121 . Auch in diesem Bericht sind neben der umfangreicheren Beschreibung der Reiseumstände die Pilgerlisten hervorzuheben, die zwar unvollständig sind, dafür jedoch einzelne Reisegruppen erwähnen 122 . • Siebentens, der anonyme und fragmentarisch erhaltene Reisebericht von 1494 aus dem Umfeld von Ludwig von Greifenstein, mit Schilderungen vom Heiligen Land und von der Rückreise per Schiff bis Parenzo im Umfang von 34 Seiten 123 . Diesen Quellen ordnete das Handbuch der Europäischen Reiseberichte nach damaligem - inzwischen überholtem - Forschungsstand der Reisegruppe von Zedlitz und Lobkowitz 1493 zu 124 . • Achtens, der abschriftlich erhaltene Reisebericht des Reinhard von Bemel‐ berg und Konrad von Parsberg 125 . Der Bericht von 121 Blatt in der Abschrift 196 Thomas Lang <?page no="197"?> 126 Vgl. die online verfügbare Version des Berichts über eine Pilgerreise nach Jerusalem Reinhards von Bemelberg der UB Gießen, HS 165; www.digisam.ub.uni-giessen.de/ ub g-ihd-hn/ content/ titleinfo/ 3361247; letzter Zugriff 2025-03-01. 127 Vgl. Wilhelm F R I C K E , Die Itinerarien des Konrad von Parsberg, des Reinhard von Bemelberg und ihrer Mitreisenden über eine Pilgerreise nach Jerusalem im Jahre 1494. Zugleich ein Beitrag zur Erforschung von Fremdenfurcht und Fremdenfeindschaft im Spätmittelalter, Bochum 2000; Gerhard F O U Q U E T , Die Reise eines niederadligen Anonymus ins Heilige Land im Jahre 1494, in: Die Reise eines niederadeligen Anonymus ins Heilige Land im Jahre 1494, hg. von Gerhard F O U Q U E T (Kieler Werkstücke E, Beiträge zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 5), Frankfurt a.M./ Berlin/ Bern etc. 2007, S.-133- 254. 128 Es handelt sich um den Reisebericht des Brabanter Ritter Jan van Berchem und die eher summarischen Beschreibungen des Heiligen Landes durch den Leidener Claes van Dusen; vgl. K Ü H N E , Friedrich (wie Anm. 1), S.-419f. 129 Vgl. Jan H I R S C H B I E G E L / Delev K R A A C K (Bearb.): Europäische Reiseberichte des späten Mittelalters. Eine analytische Bibliographie, Teil 3: Niederländische Reiseberichte, hg. von Werner P A R A V I C I N I , nach Vorarbeiten von Detlev K R A A C K bearb. von Jan H I R S C H B I E G E L (Kieler Werkstücke. Reihe D 14), Frankfurt a. M. 2000, Nr. 21, S. 150-153; Jyri H A S E C K E R , Die Johanniter und die Wallfahrt nach Jerusalem (1480-1522) (Nova mediaevalia 5), Göttingen 2008, bes. S.-71-76. 130 H I R S C H B I E G E L / K R A A C K , Niederländische Reiseberichte (wie Anm. 129), S.-153. 131 H A L M / P A R A V I C I N I , Reiseberichte (wie Anm. 82), Nr.-104, S.-258-259. 132 Vgl. z. B. die Auslagen Hans Hundts vom 6. April 1488 bis 17. März 1493: Mein Hans Hund, als ich erstlich zu dem durchleuchten hochgebornen furstenn und herren herren von 1603 zeichnet sich ebenfalls durch genaue Beobachtung und zahlreiche Beschreibungen aus 126 . Auch hier ist der Forschungsstand im Reisehandbuch mit einer Zuordnung zur Pilgerreise von 1493 inzwischen überholt, wie noch zu zeigen sein wird 127 . • Neuntens, Hartmut Kühne hat unlängst darauf aufmerksam gemacht, dass zwei weitere niederländische Pilger 1493 nach Jerusalem gereist sind: der Dolmetscher Claes von Dues aus Haarlem und der Adlige Jan von Berchem 128 . Lediglich Jan van Brechem bietet spezifische Aussagen zur Reise von 1493. Der Reisebericht des Brabanter Ritters war bisher nach Aktenaufschrift ins Jahr 1494 datiert, soll nach Überprüfung von Jyri Hasecker jedoch von der Reise 1493 handeln 129 . Das Original in Gent bietet anders als angenommen keinen Bericht über eine Reise auf den Sinai, sondern die gewöhnliche Seereise von Venedig nach Jaffa auf 83 Seiten 130 . • Zehntens, als eigenen Reisebericht führt das Handbuch der Europäischen Reiseberichte die Auslagen des kurfürstlichen Türknechts Hans Hundt an 131 . Eigentlich handelt es sich dabei um Auszüge aus etablierten Rechnungsse‐ rien des Hofes: Der für die Privatausgaben des Kurfürsten verantwortliche Türknecht führte auf Reisen gelegentlich taggenau Buch über seine Ausla‐ gen aus der sogenannten Schatulle bzw. Schatullentruhe 132 . Ediert haben „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 197 <?page no="198"?> Friderich herzcogen zu Sachssenn churfursten etc. […] meinem gnedigsten herren kommen und zum thurknecht auffgenommen und was ich also auß bevehl und von wegen seiner g. eingenommen und ausgeben habe; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4319, fol. 1r. Vgl. für die Zeit nach den Editionen von Röhricht und Meißner vom 11. September 1494 bis 29. März 1495: LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5520. 133 R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S.-37-100. 134 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5510, mit der Variante ebd., Reg. Bb 5511 sowie ebd., Reg. Bb 5515 (1493/ 94). 135 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5513; ebd., Reg. Bb 5514; ebd., Reg. Bb 5515. 136 R ÖH R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S. 102, 300; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 103; vgl. die Einleitung der Pilgerliste in der Neuedition in diesem Band. 137 Vgl. die Empfehlungen Oswalds von Wolkenstein an den Pfalzgrafen Ludwig III. bei Rhein (1378-1436) für dessen Palästinareise vom 9. September 1425: Die Lebenszeug‐ nisse Oswalds von Wolkenstein. Edition und Kommentar, Band 2: 1420-1428, Nr. 93- Röhricht und Meisner 1883 dabei auf 63 Seiten Auszüge aus sogar zwei dieser Schatullenrechnungen 133 , nämlich eine von 28. März (Donnerstag nach Judica) 1493 in Bamberg bis 27. Oktober (Sonntag nach Severi) 1493 zu Coburg mit 77 Blatt sowie in Auszügen die daran anschließende Rechnung bis 13. Juli (Sonntag Margarete) 1494 von 57 Blatt 134 . • Elftens existieren drei fast deckungsgleiche, bisher übersehene Pilger‐ brüder-Rechnungen, welche u. a. die Einnahme Hans Hundts von den Begleitern des Kurfürsten verzeichnen 135 . Es handelt sich also um eine Art Pilgerliste, die 1493 im Vor- und Umfeld der Reise aus Abrechnungsgründen entstand. Damit scheinen elf Berichte der gleichen Pilgerreise bekannt zu sein, was mehr als überdurchschnittlich wäre. Nur, diese Angaben täuschen! Die Quellenlage ist erheblich schmaler und weniger zuverlässig als auf den ersten Eindruck hin zu erwarten ist. Ein grundlegendes Problem der Reiseberichte ist, dass es 1493 nicht ein, sondern zwei Pilgerschiffe gab, von denen eines erheblich früher ins Heilige Land fuhr: Sowohl Jan von Lobkowitz auf Hassenstein (5.) wie auch Heinrich von Zedlitz (6.), die zwei der erwähnten Reiseberichte von 1493 verfasst haben, vermelden, dass der Kurfürst eine eigene Galee subtil bzw. Galia sottil gebucht hatte 136 . Dabei handelt es sich um ein wendiges für den Krieg geeignetes Schiff mit Rammsporn, Lateinersegel und drei Ruderern pro Pinne (Trireme). Schon 1428 hatte Oswald von Wolkenstein (1377-1445) dem pfälzischen Kurfürsten empfohlen, lieber ein eigenes Schiff zu buchen, statt das reguläre Pilgerschiff zu nutzen 137 . Für diese eigene Galee suchte der sächsische Kurfürst nun Mitrei‐ sende, die eine etwas höhere als übliche Reisegebühr entrichten wollten. 198 Thomas Lang <?page no="199"?> 177, hg. von Anton S C H W O B unter Mitarbeit von Karin Kranich-H O F B A U E R / Ute Monika S C H W O B / Brigitte S P R E I T Z E R , Wien/ Köln/ Weimar 2001, Nr.-163, S.-236f. 138 Vgl. die Ausgaben des Rentmeisters von Exaudi (19. Mai) 1493 bis Exaudi (11. Mai) 1494 unter den Ausgaben auf das Heilige Land: 16 ßo 48 gr 4 ßi hat Petter Stoltz an 48 guldn 4 ßi in 6 wochen hin und herwider bis gein Venedig mit 2 pferd verzert, als er meym g(nädigs)t(en) hern die galle bestelln sollt; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4147, fol.-156r. 139 R ÖH R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S.-102. Abb. 5: Pilgergaleeren vor Jaffa, aus Konrad von Grünembergs Reise ins Heilige Land 1486, um 1490 erstellt. Auslagen des Leipziger Rentmeisters für Peter Stoltz, der sechs Wochen lang nach Venedig gereist war, als er meym g(nädigs)t(en) hern die galle bestelln sollt, legen nahe, dass der Kurfürst von Beginn an geplant hatte, ein eigenes Schiff anzumieten 138 . Die Galee für den Sachsen scheinen die Venezianer im Arsenal eigens für diese Reise umgerüstet zu haben. Heinrich von Zedlitz hatte den Kurfürsten auf dem Schiff ebendort angetroffen: was der Fürste von Sachsen in der galee, die im die Venediger bestelten und zurichten liessen. Do er mich gesehn hat, ist er zu mir gegangen unnd gesprochen: ‚das ist der Czelder, den wir raiten sollen‘ 139 . Auch die späteren Reisebegleiter, den Ritter des Grabesordens Heinrich von Schaumberg und den Hofrat Dr. Mathias Bestoltz (bel. 1470- „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 199 <?page no="200"?> 140 Vgl. die Ausgaben des Rentmeisters von Exaudi (19. Mai) 1493 bis Exaudi (11. Mai) 1494 unter den Ausgaben auf das Heilige Land: 14 ßo an 40 guldin Er Heinrichn von Schawmb(ur)g und doctor Stoltz(en)n zu zerung gein Venedig(,) als sie meyn g(nädigs)t(en) h(er)r vorhin schickt; 14 ßo den Vockern zcallt fur allerley kuchinspeyß(,) die sie meyn g(nädigs)t(en) h(er)rn von Augspurg uf die galle bestellt hab(en)n an 40 fl; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4147, fol. 156r. 141 Vgl. K Ü H N E , Friedrich (wie Anm. 1), S. 417; R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Pilgerreisen (wie Anm. 34), S.-509. 142 R Ö H R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S.-190. 1506), hatte der Kurfürst vor der Abreise aus Torgau vorausgeschickt, um die Reise vorzubereiten, zudem hatte er Proviant von den Augsburger Fuggern auf die Galeere liefern lassen 140 . Hartmut Kühne hat darauf hingewiesen, dass Pietro Foscolo als Kommandant der Galee subtil des sächsischen Kurfürsten fungierte 141 . Das Schiff unter Foscolos Leitung verließ mit Herzog Christoph, Kurfürst Friedrich und ihren Begleitern an Bord am 22. Mai 1493 Venedig und reiste damit über eine Woche früher ab als die reguläre Pilgergalee unter Agostino Contarini (30. Mai/ 1. Juni). Erstaunlich schnell traf die Galee des Sachsen und Bayern am 21. Juni 1493 vor Jaffa ein; die Pilger zogen drei Tage darauf an Land. Bereits am 5. Juli 1493 brach die Galee mit Salven, gehissten sächsischen Flaggen und Trompetenstößen von dort zur Rückreise auf. Zu diesem Zeitpunkt befand sich das reguläre Pilgerschiff noch auf See. Heinrich von Zedlitz berichtet unter dem 5. Juli 1493 von einer Begegnung der zwei Schiffe: sindt die Fürsten von Sachsen und der von Beiern mit Ihrer Galee von hailigen Lande gezogenn, wir haben sie wol gesehn ziehen oder [= aber] haben nicht gemainet, das es die Fürsten sein soldenn  142 . Erst am Folgetag erreichte Zedlitz auf Contarinis Pilgerschiff den Liegeplatz vor Jaffa. Das bedeutet jedoch, dass alle Pilger, die von ihrer Reise auf der gewöhnlichen Pilgergaleere berichten, maximal als Quelle für die gemeinsame Zeit in Venedig vor dem 22. Mai 1493 anzusehen sind. Denn die Seereise und der Aufenthalt im Heiligen Land erfolgten getrennt. Nichtsdestotrotz können Berichte der Pilger von Contarinis Galee dazu dienen, das Umfeld für Pilgerreisen im Heiligen Land in diesem Jahr abzuklären, übliche Verfahren und Verhaltensweisen zu veranschaulichen. 200 Thomas Lang <?page no="201"?> 143 N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 82, 84-86, 89; R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 53-55, 58-60; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5510, fol. 10v-11v, 16v-19v, 22r-23v; ebd., Reg. Bb 5513, fol. 5r. 144 Hier aus den Notizen von Heinrich von Zedlitz gezogen: R Ö H R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S.-110, 190 f., 193 f., 294. 145 Vgl. die ausführlichere Tabelle zu den im von Georg Spalatin kolportierten Reisebericht und Hans Hundts Rechnungen erwähnten Reisestationen K Ü H N E , Friedrich (wie Anm. 1), S.-426f. 146 R Ö H R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S.-102, 104. Galee subtil des Kurfürsten 143 Pilger-Galeere Andrea Contarinis 144 Reisegruppe 81/ 82 Personen/ Pilger 189 Personen/ Pilger Abreise von Venedig 22. Mai 1493 30. Mai/ 01. Juni 1493 Ankunft vor Jaffa 21. Juni 1493 06. Juli 1493 Betreten des Heiligen Landes 24. Juni 1493 12. Juli 1493 Erstes Eintreffen in Jerusalem 27. Juni 1493 23. Juli 1493 Abreise von Jaffa 05. Juli 1493 07. August 1493 Ankunft vor Rhodos 22. Juli 1493 21. August 1493 Ankunft in Venedig 02. September 1493 (Hans Hundt) 30. September 1493 Tab. 1: Rahmendaten der zwei Pilger-Galeeren von 1493 145 Zu diesen für detaillierte Informationen zur Fahrt des Kurfürsten ausfallenden Quellen gehören leider auch die umfangreichsten und detailliertesten Berichte. Der Adlige Heinrich von Zedlitz, der schon beim ersten Treffen in Conegliano versucht hatte, einen Platz auf der Galee subtil des Kurfürsten zu ergattern, reiste letztlich doch mit der gewöhnlichen Pilgergaleere. Noch am 4. Mai 1493 hatte der Kurfürst versucht, ihn und andere Pilger für eine Reise auf seiner Galeere zu gewinnen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Zedlitz schon einen Vertrag mit Contarini unterzeichnet 146 . Von den Verhandlungen mit Contarini am 3. Mai 1493 berichtet Zedlitz, dass die Pilger auf Grund der späten Abreise die anfangs geforderten 60 Gulden auf 50 Gulden pro Person herunterhandeln konnten. Contarini sollte zudem auch die Kost sowie die Auslagen für das Geleit und die Pacht der Esel tragen. Jede Partei erhielt zum Abschluss einen Teil des Vertrags „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 201 <?page no="202"?> 147 R ÖH R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S.-104. 148 H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-5. 149 R Ö H R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S.-300. 150 Vgl. die nach Herkunftsregionen geordnete Liste der Pilger auf der Galeere Contarinis: Duryncy: Harabie Bot z Sstolbergku, bratr wlastnii knieze Henrycha toho, kteryz s kniezem Ffrydrychem saskym na druhee lodij gel; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-99. 151 Hier nach dem freundlichen Hinweis von Hartmut Kühne (Berlin): H A S E C K E R , Die Johanniter (wie Anm. 14), S.-52, Anm. 45; vgl. K Ü H N E , Friedrich (wie Anm. 1), S.-420. in Form einer Carta Partita/ Charter Partie (2 ausgeschnitten Zedeln gemacht) 147 . Ähnliches berichtet auch Jan von Lobkowitz 148 . Wie Zedlitz zudem bemerkt, gehörten beide zur böhmischen Gesellschaft von 14 Adligen unter Führung von Lobkowitz; sie teilten Küche und Vorräte miteinander: In der Galee, do ich vffe gewest bin, do stehet der deutsch Adel mit namen hirnoch ge‐ schrieben, vnnd welche gesellschofft bey eynander gewest sind: Die Bemische Geselschafft Herr Jan von Hasensteyn, Wolf Graff zu Orlinpergk, Getrzich (Var. Gerrtzig) [= Dietrich], herr von Guttenstein, Hans Lentil Obrnizke (Var. Obrintzka), Jan Wmlade (Var. Winlade), Nickel Geys (Var. Griss), Frydrych von Reyzensteyn, Hainze von Rebiz, Caspar Caplar, Rudloff von Plawniz, Jorge von Czebitz, Christoff List vnd Ich Hannze Czedliz Ritter etc. bin mit den oben beschriebenen Inn der gesellschafft gewest vnd haben eyne Kuche vnnd Tisch mit eynander gehabt  149 . Zedlitz berichtet auch, dass Botho von Stolberg eine eigene Gesellschaft mit drei Adligen hielt. Somit fallen die drei Berichte von Zedlitz (6), Lobkowitz von Hassenstein (5) und der ohnehin verschollene Bericht des Grafen von Stolberg (4) als Berichte über den Aufenthalt des Kurfürsten im Heiligen Land aus. Die lokalhistorische Forschung zum Grafen von Stolberg hat seine Teilnahme an der Reise angezweifelt und stattdessen vermutet, dass dessen Bruder Graf Heinrich X. der Jüngere von Stolberg (1467-1508) allein an der Reise teilnahm. Tatsächlich ist Botho zu spät eingetroffen, um mit seinem Bruder Heinrich auf dem Schiff des Kurfürsten mitzureisen. Lobkowitz führt Botho genau wie Zedlitz als Passagier der gewöhnlichen Pilger-Galeere Contarinis an und verweist auf den mit dem Fürsten reisenden Bruder Heinrich 150 . Gleiches gilt wohl auch für den Reisebericht des Jan van Berchem (9). Dieser kolportiert, dass er in Venedig auf den Kurfürsten von Sachsen und Herzog von Bayern getroffen sei, die mit zahlreichen deutschen Adligen zehn bis zwölf Tage vor seinem Schiff abreisten, was Jan und seine zwei Begleiter zu Mitreisenden von Zedlitz und Lobkowitz machen würde 151 . Jedoch fehlt sein Name sowie die Namen seiner Mitreisenden, Joes van Megelfruyt und Jaques Momer, in 202 Thomas Lang <?page no="203"?> 152 H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-101f. 153 H I R S C H B I E G E L / K R A A C K , Niederländische Reiseberichte (wie Anm. 129), S. 150; H A S I - Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-102. 154 H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-5f. 155 H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-20f. 156 H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-12. der sonst recht genauen Liste von Lobkowitz 152 . Hingegen erscheinen dort der französische Adlige Guillaume de Hangest und sein Kaplan Albin Saguinelle, die mit Jan auf den Sinai gezogen sein sollen 153 . Es fallen also aus unserer Parallelüberlieferung die Berichte von Zedlitz (6), Lobkowitz (5), Stolberg (4) und Berchem (9) aus; somit würden noch sieben wei‐ tere Quellen von der Reise bleiben. Jedoch können auch die ausgeschlossenen Quellen für den Kontext als auch die gemeinsame Zeit in Venedig herangezogen werden. Jan von Lobkowitz berichtet z. B. sehr detailliert vom Arsenal in Venedig, der Militärwerft mit ihren drei riesigen Hallen und dutzenden Bootshäusern von 90 Schritt Länge und 30 Schritt Breite mit über 1.000 Arbeitern, Zimmerleuten, Schmieden, Seilern und Segelmacherinnen 154 . Auch das Grab des heiligen Simeon in Zara beschreibt er so genau, dass dieses als mögliches Vorbild für sein eigenes Grabmal in Kaaden (Kadaň) gedient haben könnte 155 . Auch von einem Treffen mit dem sächsischen Kurfürsten am 16. und 17. Mai 1493 berichtet Lobkowitz. Demnach hätte dieser wie ein Staatsgast eine eigene Villa am Meer vom Dogen gestellt bekommen. Ein herrlicher Garten, vier Kammern mit Betten und Spiegeln, geschmückt mit Teppichen, Kunstgegenständen, Bildern und prachtvollen Kaminen standen ihm zur Verfügung. Lobkowitz hätte gemeinsam mit dem sächsischen Kurfürsten und Herzog Christoph in Venedig kostbare Schmuckstücke und andere Warenauslagen besichtigt 156 . Trotz dieser Nähe zu den Fürsten sollte Lobkowitz sich - wie erwähnt - mit einer eigenen böhmischen Reisegesellschaft auf der gewöhnlichen Pilger-Galeere einbuchen. „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 203 <?page no="204"?> 157 UB Gießen, Hs 165, fol. 12r-v. Abb. 6: Ansicht von Venedig aus der Vogelperspektive von Süden aus gesehen, Jacopo deʼ Barbari um 1500, Ausschnitt mit Villa mit Garten am Meer. Diese Reisegesellschaften auf Pilgerschiffen dienten der gegenseitigen Absi‐ cherung und physischen sowie finanziellen Unterstützung. So berichtet auch Reinhardt von Bemelberg davon, dass er sich mit fünf anderen Adligen und ihren Dienern zusammenschloss, die eine gemeinsame Kasse hielten und einen gemeinsamen vielsprachigen Dolmetscher bestallten: versprachen uns und verlobten uns zusamb in ein compagnia unnd bruderschaaft unnd wir hetten [inklusive der Diener] acht stenndt innen in der gallee(,) wie gemeltt als ich Reinhardt von Bemmelberg […](,) versprachen unnd gelübten sich auch gegen uns und wann mier wochennttlich in ein campagnia zuer außgaben geltt zuesamen leegen, so muest ein yeder für seinen diener besonders leegen unnd wier dingetten zur Venedig noch ein annderen dienner, welcher unnser dollmattsch was(,) Jörg Schöefman genannt, der was von Saltzburg gebürttig(,) aber mitt hauuß saße er zue Venedig, wel[c]her schon zuem achten mall in heiligen lanndt gewesen wardt unnd khundt welsch, wynndisch, albanisch, harawattisch, kriechische und ein guetten thaill der haidnischen Sprachen  157 . Auch für den Vergleich mit den Schilderungen im ‚Pilgramsbuch‘ eignet sich Be‐ melbergs Reisebericht, denn er schildert z. B. den Versuch einiger Straßenräuber, seine Reisegruppe am 2. Mai unweit des Klosters Andechs zu überfallen: Item auf disen ersten tag unnserer fartt khamen 4 starkhe haillose dropfen unnd straßrauber unnder wegen an uns, wel(c)he uns begertten zue plindernn unnd berauben  158 . 204 Thomas Lang <?page no="205"?> 158 UB Gießen, Hs 165, fol. 4v. 159 UB Gießen, Hs 165, fol. 4v. 160 UB Gießen, Hs 165, fol. 5v. 161 Vgl. die im Reisebericht vorhandenen Datierungen: Freittag an Sannt Jacobs tage = 25. Juli (1494) Jaffa und Erichtag [=Dienstag] an Sannt Marttins tage = 11. November (1494) Seefeld; UB Gießen, Hs 165, fol. 46r, 118v. F R I C K E , Itinerarien (wie Anm. 127); F O U Q U E T , Reise (wie Anm. 127), S.-133-254. 162 S C H Ö N , Pilgerfahrt (wie Anm. 123), S.-452. Als Adligem ist Bemelberg die Abwehr dieses Versuchs keinen Halbsatz wert, selbst das Unwetter erschien ihm bedrohlicher: aber ire böeses vorhaben hatt jnen nicht geratten wellen unnd an disem tag was das wetter gar ungeschtümb unnd es regnet gar sere vast, hett auch ein seer großes wetter mitt donnderen unnd plicze  159 . Dies sei ausdrücklich als Vergleich zu den großsprecherischen Schilderungen in Trautmanns Roman erwähnt. Auch sonst ist der Reisebericht Bemelbergs ungemein illustrativ, bietet u. a. einen frühen Bericht von einem Besuch im Castello Visconte in Cusago, wo sie am 20. Mai vom Markgrafen Francesco II. Gonzaga (1484-1519) persönlich durch die Räume geführt wurden und das Gestüt mit allein 40 türkischen Pferden präsentiert bekamen 160 . Auch schildert der Bericht, dass die Pilger auf der Galeere bei Sonnenuntergang vor Venedig ein Salve Regina und etliche Antiphonen sangen und dabei die großen möer visch, welche man delfinos nennet, wie eine Herde im Meer vorbeiziehen sahen. Nur stammt diese Schilderung vom 12. Juni, einem Zeitpunkt, zu dem sowohl die Galee subtil des Kurfürsten wie auch das reguläre Pilgerschiff von Contarini längst auf See waren. Wie auch mehrere weitere Datierungen nahe legen, stammt der Reisebericht von 1494 und ist inzwischen zwei Mal inhaltlich ausgewertet worden 161 . Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Bericht Ludwigs von Greifenstein. Seine Schilderungen enthalten ebenfalls gutes Vergleichsmaterial zur Einordnung von Trautmann, jedoch ist auch hier die chronologische Zuordnung leider irrig. Am Donnerstag nach dem auf den 10. August fallenden Heiligentag Laurenti suchte Greifensteins Reisegesellschaft das Haus des Pilatus in Jerusalem auf. Bei einer Pause vor dem Tempel sahen sie, wie erst sechs und dann fünf Pilger mit Ketten um den Hals ins Gefängnis abgeführt wurden. Sie ließen sich daraufhin aus Furcht auf wenig belebten Gassen zu ihrer Herberge führen und wurden dennoch von Einheimischen mit Steinen beworfen. Erst am folgenden Morgen erfuhren sie die Ursache für die Verhaftungen. Einige Pilger hatten sich weithin hörbar unterhalten, wie das lannd und die stat guot zue gewinnen wär und wie sys gewinen wollten  162 . Da ohnehin das Gerücht umging, dass einige christliche Herrscher beabsichtigten Jerusalem zu erobern, hielt man den Pilgern vor, als Kundschafter einen Angriff vorzubereiten. Letztlich musste „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 205 <?page no="206"?> 163 S C H Ö N , Pilgerfahrt (wie Anm. 123), S.-453. 164 S C H Ö N , Pilgerfahrt (wie Anm. 123), S.-454. 165 S C H Ö N , Pilgerfahrt (wie Anm. 123), S.-455. 166 Z. B. freytag an unser lieben frauen schydung tag = Freitag Assumptio Maria, 15. August 1494 (im Jahr 1493 fällt Assumptio Maria auf einen Donnerstag); sunntag an sant Parttelmes tag = Sonntag Bartholomäus, 24. August 1494 (im Jahr 1493 fällt St. Bartholomäus auf einen Samstag), S C H Ö N , Pilgerfahrt (wie Anm. 123), S.-452, 454. 167 H A L M / P A R A V I C I N I , Reiseberichte (wie Anm. 82), S. 247f., Nr. 98 mit Biographie des Autors und dem Werk allerdings summiert unter Herzog Christoph von Bayern Reisebericht. der Patron je gefangenem Pilger 30 Gulden zahlen 163 . Auf der gesamten Reise von Jerusalem nach Jaffa war die Pilgergruppe Angriffen, Beleidigungen und Steinwürfen ausgesetzt. Bei der Ankunft hinderten die mamlukischen Wach‐ mannschaften die Pilger daran, sich auf die Galeere einzuschiffen; selbst einige an Land geruderte Galioten setzte die mamlukische Wachmannschaft fest. Die Pilger fürchteten schon zuvor in Ramla, dass die haiden uns lüffen und uns erschliegen  164 . Resümierend hielten sowohl der Pilger wie auch der Guardian der örtlichen Franziskaner fest, es wäre zuvor nie geschehen, dass Pilger derart hart angegangen wurden. Entsprechend froh waren die Pilger als sie schließlich - wenn auch mit grosser unru und gar hartt - in die parcken gelangten 165 . Hier sei daran erinnert, dass die Ursache für diese Unruhe laut geäußerte Begehrlichkeiten und Eroberungsfantasien waren, nicht das Erschlagen von Dutzenden mamlukischer Wachen. Nun legen die Datierungen auch hier nahe, dass es sich um einen Bericht von 1494 handelt, wie ursprünglich auch ange‐ nommen 166 . Um Laurentius, also am 10. August, hatten 1493 beide Pilgerschiffe dieses Jahres Jaffa längst hinter sich gelassen. Die Beobachtung des Guardians aus dem Jahr 1494, dass es in den Vorjahren kaum zu solchen Übergriffen gekommen war, und zugleich die heftigen Reaktionen bei kleineren Anlässen, machen den Spielraum für Pilger im Heiligen Land deutlich. Damit sind aber zwei weitere Reiseberichte als Quellen für die Pilgerreise im Jahr 1493 ausgefallen: Die Berichte von Greifenstein (7) und Bemelberg (8) stammen von 1494. Damit bleiben von vormals elf vermeintlichen Parallelbe‐ richten nur noch fünf übrig, auf die hier nun genauer eingegangen wird. 5 Steltzner, Landvogt und Ritter Cäsar - Die Quellen der Galee subtil und die Fälschungen im ‚Sluder-Brief ‘ Zuerst ist hier das Gedicht von Hans Schneider über die Meerfahrt Herzog Christophs von Bayern (3) anzusprechen 167 . Wie bereits erwähnt, hat Schnei‐ der den Herzog nicht begleitet, aber von einem Begleiter über diese Reise erfahren. Höchstwahrscheinlich diente ihm der zwei Mal im Gedicht erwähnte 206 Thomas Lang <?page no="207"?> 168 Meister Hans ist im Text mehrfach als Quelle genannt: Des durchleichtigen hochgeporn fürsten und hern/ hertzog Cristofels von Pairn mör fart auf dazu aller-/ kurczest den rechten grund wie in maister Hans Schnei-/ der von Augspurg seiner genaden sprecher hat mügen/ erfinden […] der lag noch in groser kranckhait/ und wist nit umb dieses laid,/ das jm sein her gestorben was,/ doch maister Hans(,) der sagt im das/ daz glaupt er kam und dacht im pitter […]/ Alss maister Hans der koch mir klagt,/ dem ist auch laid meins hern tod,/ da mit die red ain ende hat; R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Pilgerreisen (wie Anm. 34), S.-297-307. 169 Ein Aufenthalt anlässlich der Fastnacht in Torgau (Freitag nach Esto Michi 1493) ist wahrscheinlich: Die Rückreise nach Bayern wurde mit zwei Gulden bezahlt; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4147, fol. 178r. 170 R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Pilgerreisen (wie Anm. 34), S. 304-307. Er ist nicht identisch mit dem von Spalatin angeführten Melchior Adelmann. Dieser war ein Gefolgsmann des Kurfürsten und ist noch 1494 am sächsischen Hof nachzuweisen; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4146, fol. 57r, 84r-v (1492 Adilmann mit vier Pferden und im Opfergeld); ebd., Reg. Bb 4152, fol. 143v (1494 Adilman mit drei Pferden). 171 R Ö H R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S.-290. 172 R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Pilgerreisen (wie Anm. 34), S.-301-303. Koch Hans als Quelle 168 . Dieser erscheint auch kurz vor der Pilgerreise in der sächsischen Rechnungsüberlieferung 169 . Diese Konstellation setzt Schneider in eine ähnliche aber zeitlich viel engere Verbindung zum Geschehen wie den sächsischen Hofchronisten Georg Spalatin. Nur sind die Medien ihres Lobes auf den verstorbenen Herrscher unterschiedlicher Art. Schneiders Gedicht zur Meerfahrt selbst ist ein Loblied auf den Fürsten und zum größten Teil eine Abhandlung über die ‚Ars moriendi‘, also das selige Ableben seines Herrn. Gut die Hälfte des Gedichts, die Zeilen 120 bis 250, berichtet von der Erkrankung nach dem Genuss von Melonen und Wasser auf Rhodos, der Vorbereitung des Fürsten auf den Tod, dessen Beerdigung, den Tod seines Begleiters Marx Adelmann und zwei weiterer Adliger, Hans Grensing (grensum) und Wilhelm von Einsiedel (ainsidel) 170 . Schneiders Angaben bestätigt auch Heinrich von Zedlitz in seinem Reisebericht: Als die Pilger um Zedlitz und Lobkowitz am 21. August in Rhodos anlegten - der Kurfürst hatte vier Wochen zuvor Rhodos verlassen - waren sie erschreckt, vom Tod Herzog Christophs, Wilhelm Einsiedels, des Grensing und Adilmans zu hören 171 . Von der Reise selbst berichten im Gedicht Schneiders hingegen nur die Zeilen 40 bis 125, dass Kurfürst Friedrich den bayerischen Herzog in Landsberg zur Reise überredet hätte, dieser mit kleinem Gesinde nach Venedig gezogen sei, wo es erneute Überredungskünste brauchte, ihn von der Fahrt über das Meer zu überzeugen. Über den Aufenthalt im Heiligen Land erfährt man nur von drei Tagen Liegezeit vor Jaffa, der Reise nach Jerusalem und dem Empfang des Sakraments am Heiligen Grab, der Frömmigkeit und Beliebtheit des Herzogs, der selbst im Heiligen Land erkannt worden sei 172 . Kein Wort über einen ritterlichen „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 207 <?page no="208"?> 173 LATh-HStA Weimar, EGA, O 25 (Reinschrift, 76 Blatt); ebd., Reg. O 25b (Entwurf, 73 Blatt). 174 Vgl. zur modernisierenden Anpassung der Quelle bei der Edition von Neudecker und Preller die Versionen des Drucks, der Reinschrift und des Entwurfs der Einleitung. Der Druck bietet: Von dieses Churfürsten Meerfahrt zum heiligen Grabe. Dieser Churfürst ist im Jahr nach Christi Geburt 1493 eben im 30. Jahr seines Alters, wie s. Churf. G. mir selbs Georgio Spalatino am Sant Peter und Pauls Tage im Jahr 1523 zu Lochau nach dem Mittagsmahl gesagt, ungefährlich mit diesen Worten: ‚Heut sind es eben dreissig Jahr, daß ich zum heiligen Land war‘; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 27. Die Reinschrift enthält (Abweichungen fett markiert, Groß- und Kleinschreibung angepasst und nicht markiert): Von dieses churfursten meerfart zcum heiligen grab, Dieser churfurst ist im jar nach Christi geburt viertzehenhundert und drey und neuntzigsten eben im dreissigsten jar seines alders, wie sein c. g. mir selbs George Spalatino an sant Peter und Pauls tage im jar funffzehenhundert dreyundzcweintzig zcu Lochaw nach dem mittags malh gesagt, ungeferlich mit diesen worten, Heut sindt es eben dreissig jar das ich zcum heyligen landt war; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25, fol. 10r. Der Entwurf bietet: Von dises churfurst meerfart zum heiligen grab. Diser churfurst ist im jar nach Christi geburt 1400 und dreyund neuntzigsten, eben im dreissigsten jar seines alders(,) wie sein c. g. selbs mir G. Spalatino an sant Peter und Pauls tag im jar 1523 zcu Lochaw nach / dem/ mittagsmal gesagt(,) ungeferlich / mit disen worten/ Heut sind es eben dreissig jar(,) das ich zum heilig(en) land war; ebd., Reg. O 25b, fol. 7r. Kampf gegen „türkische Bluthunde“ (Trautmann) vom Dichter Schneider, der doch die Ritterlichkeit seines verstorbenen Herrn im gleichen Gedicht lobpreist. Das Gedicht legt also nahe, dass weder der Koch Herzog Christophs noch sein Hofdichter Kenntnis von einem Kampfgeschehen hatten, wie es im ‚Pil‐ gramsbuch‘ geschildert wird. Als weitere Quellen für den Abgleich mit dem von Trautmann kolportierten ‚Pilgramsbuch‘ (2) verbleiben uns daher die Schatullenrechnung Hans Hundts (10), die Pilgerbrüder-Rechnung desselben (11) und der Reisebericht von Georg Spalatin (1). Der Reisebericht Georg Spalatins stand im Zusammenhang mit dessen histo‐ riographischer Arbeit an den Viten der Kurfürsten von Sachsen. Die Grundlage für die Edition Neudeckers und Prellers von 1851 bildet eine von zwei Akten, die mit dem Nachlass Spalatins in das Ernestinische Gesamtarchiv gelangten 173 . Neudecker und Preller folgten der Reinschrift, arbeiten dabei jedoch nicht buchstabengenau, sondern mit paraphrasierender meist wortgenauer Wieder‐ gabe in modernisierter Rechtschreibung 174 . Dabei kommt es gelegentlich zu Irrtümern, die sich selbst in der Namensliste abzeichnen - mehr dazu weiter unten. Einer der größten Eingriffe der Edition ist das Ausscheiden des eigentlich in die Vita eingegliederten Reiseberichts. Bei Neudecker und Preller bricht nach der Einleitung Spalatins und der von einem Zettel übernommenen Notiz zum Besuch des Kurfürsten beim Kaiser der Text ab und wird in den Anhang 208 Thomas Lang <?page no="209"?> 175 N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S.-27 176 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 8r-v. 177 N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S.-52. 178 Hier nach der Übersetzung von Luzi S C H U C A N , Das Gedicht des Georg Sibutus auf das Wittenberger Turnier von 1508, eingeleitet, paraphrasiert und in Auszügen übersetzt von Luzi Schucan, in: Akten des Kolloquiums zur Basler Cranach-Ausstellung 1974, Basel 1977, S. 37-52, hier S. 49 nach der Grundlage von Georg Daripinus S I B U T U S , Fri‐ derici & Ioannis Illustriss. Saxoniae principu(m) torniamenta per Georgium Sibutu(m) Poe(ta) & Orator Lau(reata) heroica celebritate decantata, Wittenberg bei Johann Rhau-Grunenberg 1511 (VD16 S 6270), fol. Dr-v. verlegt 175 . Als Einleitung dient die - in der Reinfassung ebenfalls von einem Zettel übernommene - Stellungnahme Spalatins: Wie auch dieselbig meerfardt gin Hierusalem mir Spalatino zu ko(m)men(,) hab ich hernach gesetzt und daran gar nichts wollen noch wissen zcuendern  176 . Diese Behauptung Spalatins ist, wie noch zu zeigen sein wird, so nicht zu halten. Ein großer Teil der Vita des Kurfürsten ist nach meist lobenswerten Charak‐ tereigenschaften gegliedert. Davon ist zur Einordnung relevant, dass Georg Spalatin auch festhält, Kurfürst Friedrich hätte sich durchaus seiner Haut zu erwehren gewusst. Seit frühester Jugend hätte er sich in Ritterspielen geübt, nahm auch mit dem rennen also zu, daß er nicht allein mit Grafen, Rittern, Fürsten, sondern auch zuvielmaln mit röm(ischen) kais(erlichen) Ma(jestä)t Kaiser Maximilian selbs gerannt hat. So hab ich Spalatinus von Herrn Sebastian von Mistelbach Ritter, [bevor] der Hofmarschall starb, selbst gehört, daß ihm seine Tage nie kein Renner zugekommen wär, der härter getroffen hätt. War auch ein guter tornierer, so war er ein guter Jäger und Weidmann, pirscht gern, war ein guter Schütz  177 . Auch der Hofdichter Georg Sibutus (um 1483-1528) rühmte den Kurfürsten und seinen Bruder in einem Turniergedicht von 1511: Kurfürst Friedrich aber ist nicht weniger waffenkundig und ebenso kampffreudig wie Herzog Johann. Beide haben schon, als sie noch Knaben waren, im Spiel schwere Kämpfe ausgefochten; sie lernten fremde Kampfsitten auswendig und scheuten nicht die besten Ringplätze. Beide haben sie unzählige Siege davongetragen. Diese beiden haben bei uns erstmals die Lanzenkämpfe eingeführt und die Turniere im Kampfrund und die neue Kunst des Kampfes mit gezückten Dolchen  178 . „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 209 <?page no="210"?> 179 Die hernach geschriben haben gestochen: Hg. Fridrich von Sachsen hat 13 vel gemacht und ist ain gevallen; hertzog Hanns von Sachsenn 6 vel; FB Gotha, Chart. B 55, fol. 21r; Reinhard S E Y B O T H (Bearb.), Deutsche Reichstagsakten. Mittlere Reihe. Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Band 2: Reichstag zu Nürnberg 1487, Göttingen 2001, Bd.-2, S.-663, Nr.-500. 180 Vgl. das Turnierbuch mit Familienchronik von Marx Walther belegt den Sieg Walthers beim Gesellenstechen in Augsburg 1484 gegen herczog Cristof von Bey(er)n; BSB München, Cgm 1930, fol. 15r. 181 Gegen Maximilian trat der Kurfürst vermutlich zuletzt beim sogenannten Perlenrennen in Augsburg am 15. Mai 1510 im Alter von 47 Jahren an; Dirk B R E I D I N G , Rennen, Stechen und Turnier zur Zeit Maximilians I., in: Cornelieke Lagerwaard (Bearb.), „Vor Halbtau‐ send Jahren…“. Festschrift zur Erinnerung an den Besuch des Kaisers Maximilian I. in St. Wendel, St. Wendel 2012, S. 51-82, hier S. 75; Quirin von L E I T N E R , Freydal. Des Kaiser Maximilian I. Turniere und Mummereien, Wien 1882, Bd. 2, S. XCV. Im Folgejahr stieß der Kurfürst bei der Stuttgarter Hochzeit am Rande der Alemannischen Fastnacht 1511 den böhmischen Herrn Wenzel von Schwihau (Švihov) aus dem Sattel; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. D 49, fol. 18v. Im Sommer 1512 fragte Friedrich bei seinem Vetter in Dresden nach, da einem zugeschickten Turnierzeug die Tartsche also das Turnierschild Abb. 7a: Marx Walther im Turnier gegen Herzog Christoph von Bayern, Turnier‐ buch und Familienchronik des Marx Wal‐ ther, Augsburg 1506-1511. Abb. 7b: Gesellenstechen des Hofgesindes Königs Maximilian I. zu Nürnberg 1491, nach dem Turnierbuch Kaiser Friedrich III. und Maximilians. Es handelt sich dabei um mehr als reine Panegyrik. So nahm Kurfürst Friedrich 1487 auf dem Reichstag zu Nürnberg am offenen Gesellenstechen teil. Dreizehn Gegner fegte er aus der Turnierbahn und nur einmal kam er selbst zu Fall 179 . Hier ist auch anzumerken: Bei vergleichbaren Turnieren in Nürnberg stießen selbst Patrizier gelegentlich den von Hans Schneider bis zu Franz Trautmann gerühmten und angeblich unschlagbaren Turnierritter Herzog Christoph von Bayern vom Pferd 180 . Bis in das Alter von über 50 Jahren trat Kurfürst Friedrich auf der Reichsbühne, bei Fürstenfesten oder zur Fastnacht in der Heimat in die Turnierschranken und schlug dabei u. a. Kaiser Maximilian 181 . Im ‚Pilgramsbuch‘ 210 Thomas Lang <?page no="211"?> fehlte; Sächs HStA Dresden, 10024 Geheimer Rat, Loc. 08498/ 01, fol. 20r. Zur Fastnacht in Weimar 1513 ließ sich der Kurfürst seine Turnierrüstung aus Torgau heranführen (rennzeug), nahm also an den Fastnachtsturnieren persönlich teil; ebd., Reg. Bb 5529, fol. 68r. 182 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 9r; vgl. ebd., O 25, fol. 11r. 183 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25, fol. 25r-v; ebd., Reg. O 25b, fol. 68v. 184 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 24v, 68r-v. 185 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 24v; ebd., fol. 25r-v. 186 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 23v; ebd., Reg. O 25, fol. 26r. erscheint der sächsische Kurfürst hingegen als ständig vor sich hin kränkelnder, hilfsbedürftiger Schwächling, dem sich Herzog Christoph annahm. In der Realität war der Kurfürst Friedrich alles andere als eine ‚Damsel in distress‘ und nicht auf einen rettenden Ritter angewiesen. Zum Reisebericht, der in der Entwurfsfassung noch von anderer Hand eingefügt ist, vermerkt Spalatin, dass dise vertzeichnus von der ritterbruder eynem der mit und darbey gewest zusa(m)men getrag(en) und beschrib(en) sey worden  182 . Der Bericht schließt in der Reinschrift Spalatins mit dem Hinweis, dass in diesem jar 1535 nur noch zwei der Ritterbrüder leben würden, Herr Wolf von Weißenbach aus Schönfels und Hans von Meusbach 183 . Im Konzept ist der Reisebericht in den Schilderungen des Aufenthalts zu Ragusa unterbrochen, der Rest des Berichts folgt einige Dutzend Blatt darauf. Die Ankunft in Venedig, die Nachricht über den Tod des Kaisers etc. sind dort von Spalatins Hand ergänzt 184 . Im Anschluss an den ersten Teil des Reiseberichts folgt - im Konzept eingelegt - die von anderer Hand geschriebene Pilgerliste. Diese endet mit der Datierung auf das Jahr 1539 und dem Hinweis, dass kaum mehr als drei oder vier von den zuvor Genannten noch am Leben seien 185 . Damit ist die Liste auf 1539 und nicht auf 1535 zu datieren. Wichtig ist hieran nun, dass Spalatin und der Schreiber ihr zeitgenössisches Wissen in diese Pilgerliste einfließen ließen, die sie über 40 Jahre nach der Fahrt erstellten. Noch auffälliger ist jedoch die Aktualisierung der Stellungen am Hof: • Der Türknecht Hans Hundt erscheint in Spalatins Pilgerliste als landtvogt zu Sachssen  186 . Diese Stellung trat er jedoch erst 1496 an, nachdem er die Schatullentruhe und damit das Amt des Türknechts an Degenhart Pfeffinger „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 211 <?page no="212"?> 187 Vgl. die Übergabe der kurfürstlichen Schatulle an Degenhart Pfeffinger im Juni 1496: Uf dinstag nach Bonifacy anno 96to hab ich Hans Hundt Ritter diss nach verczeichent golt(,) das ich in meins gnedigsten hern herczog Friderichs kurfursten laden gehabt(,) hab Degenhart Pfeffinger uber antwurt; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4157, fol. 2r. Vgl. das Schatulleninventar: Verzeichnis aller cleynod und was ich Hans Hund yn meins gnedigsten hern laden gehabt, das mir sein gnaden zuvor waren befohlen, das ich dann nach folgens lauts aus bevell seiner gnaden Degenhart Pfeffinger vberantwort habe. Uf mitwoch nach Trinitate anno etc. 96; ebd., Reg. Aa 1121, fol. 52r. Erst seitdem erscheint Hans Hundt nicht mehr als Türknecht, sondern ritter und landtvoigt zu Sachß(en); ebd., Reg. Bb 4163, 1r (Zitat); ebd., Reg. Bb 121, fol. 14r; ebd., Reg. Bb 4147, fol. 483r, 486v, 487r, 529r. 188 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4147, fol. 140r (Beschiedgeld als sächsischer Land‐ vogt 1493); ebd., Kopialbuch B 7, fol. 69v (als Landvogt Urkunden-Zeuge 1491), 146r (als Landvogt Urkunden-Zeuge 1492) 189 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 24r; ebd., Reg. O 25, fol. 27r. 190 Vgl. Gustav B A U C H , Der sächsische Rat und Humanist Heinrich, Herr in Teuchern, in: Neues Archiv für Sächsische Geschichte 26 (1905), S.-41-62, hier S.-43. 191 Hrosvita von G A N D E R S H E I M , Opera Hrosvite illustris virginis et monialis germane gente Saxonica orte nupera Conrado Celte Inventa […], Nürnberg durch die Sodalitas Celtica 1501 (VD16 ZV 22183), fol. Av. 192 Vgl. das Konzept Spalatins: Caspar Spett, Sebastian von Mistelbach, Margkardt von Ammendorf, (Lorenz von) Krossigk, Wolf von Weißenbach, Conrad Metzsch, Anshelm von Tettau, Rudolf von der Planitz zu Planitz, Leupold von Hermannsgrün, Jörg von Zcebitz, Jobst von Feilitzsch, Heinrich Munch, Hans Münch, Utz vom Ende, Cesar Pflug, Siegmund von Maltitz, Jörg von Hopfgarten, Heinrich von Bünau zu Teuchern; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 23v. übergeben hatte 187 . Zur Zeit der Pilgerreise 1493 übte noch der Ritter Heinrich Löser zu Pretzsch das Amt des Sächsischen Landvogts aus 188 . • Heinrich auf Teuchern wird in Spalatins Liste auf Grund der zahlreichen Bünaus am Hof mit seinem höfischen Spitznamen vorgestellt: Steltzner genan(n)t  189 . Dieser Spitzname geht auf die Folgen des Reichstagsturniers zu Worms 1495 - also zwei Jahre nach der Jerusalemreisen - zurück, auf dem sich Bünau derart das Bein brach, dass er lebenslang auf eine Krücke angewiesen war 190 . Diese Krücke war ein so markantes Kennzeichen, dass sie sogar als sein Attribut „des Steltzners“ auf dem Widmungsholzschnitt der Werke von Hrosvita von Gandersheim des Conrad Celtis-wiederzufinden ist 191 . • Sowohl Hans Hundt als auch Heinrich von Bünau, wie auch alle anderen Ritter des Heiligen Grabes tragen in der Pilgerliste Georg Spalatins die im Heiligen Land erworbenen Rittertitel 192 . In der höfischen Überlieferung wird hingegen nur Heinrich von Schaumburg vor der Reise mit dem Ehren‐ titel Herr bzw. Er Heinrich von Schaumburg versehen. Die Titel spielten in der höfischen Hierarchie eine große Rolle. Nicht nur bei höfischen 212 Thomas Lang <?page no="213"?> 193 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 24v; ebd., Reg. O 25, fol. 27r. 194 Mit chronikalisch erhaltenen Urkundenabschriften Michael Böhmes ist belegt, dass Jakob Vogt schon im November 1492 als Guardian in Torgau fungierte; Michael Böhme, Chronik von Torgau bis zum Jahr 1627, SLUB Dresden, Mscr.Dresd.d.1 fol. 199v. Ab 1496 ist er als Guardian in Oschatz belegt; vgl. Nikolaus M Ü L L E R , Wittenberger Bewegung 1521 und 1522. Die Vorgänge in und um Wittenberg während Luthers Wartburgaufenthalt. Briefe, Akten und dergleichen und Personalien, Leipzig 2 1911, S. 121 f, Anm. 2. Vgl. hingegen L U D O L P H Y , Friedrich (wie Anm. 35), S. 361, die angibt, dass Vogt im Februar 1492 als Kustos von Meißen diente, bald darauf aber nach Nordhausen versetzt worden war. Der Kurfürst ersuchte den Minister der Provinz Sachsen um eine Verlegung seines Beichtvaters Jakob Voigt in ein anderes Kloster um Torgau (Verweis auf LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Kk 1062, im Findbuch irrig 1482). Vermutlich ist er erst darauf Vogt als Guardian in Torgau eingesetzt worden. Festen und Sitzordnungen etc. waren die Ritter gesondert ausgewiesen und standen im Rang über anderen Adligen. Auch das Richteramt im Sächsischen Hofgericht durfte nur ein Ritter ausüben. • Der Franziskaner Jakob Vogt († 1522), der mitgereiste Beichtvater des Kurfürsten, erscheint in Spalatins Liste als her Jacob Voit der gardian von Torgaw 193 . In den Rechnungsquellen der Reise erscheint durchgängig nur ein Bruder bzw. Vater Guardian; Anfang 1492 gehörte Jakob Vogt noch dem Konvent in Nordhausen an; der Kurfürst bat um dessen Verlegung in ein Kloster um Torgau und schickte Wagen, um Vogt nach Torgau zu holen; für eine Funktion als Guardian der Torgauer Franziskaner haben sich für November 1492 wenige chronikalische Belege erhalten; 1496 verlegten die Franziskaneroberen ihn auf Bitten des Kurfürsten nach Oschatz und erst 1504 ist er erneut im Torgauer Franziskanerkloster nachgewiesen 194 . Im Bericht Spalatins mögen solche Anachronismen nicht verwundern, ist er doch aus der Perspektive der Nachlebenden der 1530er Jahre verfasst. Im vorgeblich zeitgenössischen ‚Sluder-Brief ‘, der vor der Abreise im Mai 1493 zur Pilgerfahrt erstellt worden sein soll, sind weder die Rittertitel, die erst Wochen später im Heiligen Land erworben wurden, noch die Ämter, die erst Jahre nach der Reise angetreten wurden, noch Spitznamen, die auf Verletzungen beruhen, die die Person Jahre später erlitt, ohne eine Zeitmaschine zu erklären. „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 213 <?page no="214"?> Abb. 8: Widmungsholzschnitt der Werke von Hrosvita von Gandersheim des Conrad Celtis, mit Heinrich zu Teuchern, genannt der Steltzner, samt Krücke, auf die er seit 1495 angewiesen war. Ausdrücklich in Spalatins Liste ausgespart waren gewöhnliche Hofdiener wie Köche, Barbiere und Stallmeister. Von einigen der Mitreisenden konnte Spalatin die vollständigen Namen nicht in Erfahrung bringen, bei anderen ergänzte er irrig Namen mit Hilfe ihm bekannter Kontaktpersonen des Hofes, die im Heiligen Land gewesen waren. Theoretisch wäre also ein Auslassen des Malers Lucas Cranach, zumal dieser laut ‚Sluder-Brief ‘ im Gefolge Herzog Christophs von Bayern und nicht in jenem des Kurfürsten reiste, möglich. So erscheint z. B. dessen Koch Hans auch nicht in den Pilgerlisten Spalatins oder des Johann von Lobkowitz. Dagegen spricht jedoch, dass Spalatin mit Cranach 1539 seit Jahren befreundet war und ihn zumindest als überlebenden Pilger aufgeführt hätte. 214 Thomas Lang <?page no="215"?> 195 Meins genedigsten hern unnd der bruder rechnung uf der reis zum heyligen lanndt. / fol. 2r/ Rechnung mein Hansen Hundts aller einname und ausgabe(,) so ich vonn meins gnedigsten herrn unnd der bruder wegen(,) die mit sein f(ürstlich) g(naden) von Venedig auß zum heiligen grabe und herwieder gezcogrnn seindt(,) entpfangen und ausgeben habe im 93 jar; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5513, fol. 1r, 2r (insgesamt 8 Blatt); vgl. ebd., Reg. Bb 5514, fol. 1r, 2r (insgesamt 8 Blatt); ebd., Reg. Bb 5514, fol. 1r, 2r (insgesamt 8 Blatt). 196 Einname hungrisch gulden […] Summa aller einname gemeiner doc 3.600 doc thut rh(einisch) 4.950 guld(en); LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5514, fol. 3r-v; Einname Abb. 9: Ecco homo an der Nordwand des Nordschiffs in der Altenburger Schlosskirche St. Georgen, 1488. Hier kommt nun die bisher übersehene Quelle Hans Hundts ins Spiel: die Pilgerbrüder-Rechnung (11). Es handelt sich um eine in drei Kopien erhaltene Rechnung über die Pilgerbrüder, die der Kurfürst für die Reise in der von ihm gebuchten Galee subtil gewonnen hatte 195 . Hans Hundt führte Buch über die Einnahmen von zunächst 50 ungarischen Gulden und später noch einmal 20 venezianischen Dukaten bzw. Zechinen, die der Kurfürst von jedem der Mitreisenden einnehmen ließ, und ebenso über die Ausgaben von diesen Einnahmen 196 . So warb die Gruppe u. a. für 250 Zechinen Francisco Delli als trutzschelman also Dolmetscher an. Jedoch überschneiden sich die Ausgaben mit „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 215 <?page no="216"?> doc de zcecko […] Summa aller einame doch de zcecko thut 2.175 doc thut reinisch 3.045 guld(en); ebd., fol. 4r, 5r. 197 So erscheinen sowohl in der Schatullenrechnung Hans Hundts wie auch in der Pilgerbrüder-Rechnung die Zahlungen an den Patron im Heiligen Land zu Jerusalem und Ramla von 494 duc 1 gr; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5514, fol. 6r; vgl. ebd., Reg. Bb 5511, fol. 20r. 198 Summarum aller Einame 7.995 guld(en); LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5514, fol. 5r; vgl. ebd., Reg. Bb 5513, fol. 5v. 199 In der ersten Sammlung sind 72 Personen verzeichnet, darunter 26 Pilger, die nur für sich selbst Geld einlegten; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5514, fol. 2r-3v. Unter den Einnahmen der Zechinen (docata de Zcecko) verzeichnet Hans Hundt als neue Einzahler mit je 50 Dukaten pro Person den Abt von Chemnitz (Heinrich von Schleinitz) mit insgesamt drei Personen, Magnus von Hain und (Lorenz) Krosig mit vier Personen, Aßmus Lemi(n)ger und Wolf Ketzel jeweils für sich selbst. Wolf von Ketzels Zahlung ist auf den 23. Juni (Sonntag vor Johannis Baptiste) 1493, datiert, also jenen Tag, an dem die Pilger von der Galee an Land kamen. Unklar bleibt, warum der zuvor und drauf nicht aufgeführte Anthonius Ebners nur 25 doc zusammen mit den Vorgenannten entrichtete, ebd., fol. 4r. Neu erscheint zudem Georg Wurm mit 20 doc, der möglicherweise im Gefolge des Herzogs von Anhalt reiste, da dieser in der zweiten Abrechnung statt für drei nur noch für zwei Personen bezahlte. Die ungarischen Gulden setzte Hundt mit 1,395 rheinischen Gulden und den Zeccino mit 1,4 rheinischen Gulden an. 200 Vgl. die Einname hungrisch gulden: 1.050 doc von meins genedisten hern wegen entpfangen fur sein gnadt und seiner gnaden diene ruf 21 person eingelegt; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5514, fol. 3r; vgl. ebd., Reg. Bb 5513, fol. 3r. 201 So führt die Schatullenausgabe Hans Hundts (10) jene an, für die der Kurfürst beim Betreten des Heiligen Landes die Trinkgelder vorstreckte: Als mein gnedigter herre aus der galleen auf das hailig land faren wolt, sein gnaden und seiner genaden brudern zu zerung geben: 5 doc meinem gnedigsten hern, 15 doc Ern Sigmund Pflug, 7 doc Ern Heinrich von Schamb(ur)g, 5 doc doctor Stoltzen [= Matthias Bestoltz, Jurist], 5 doc doctor [Martin Pollich, Leibarzt, genannt] Mellerstad, 5 doc dem Guardian [vmtl. Beichtvater Jakob Vogt], 5 doc bruder Schopritz, 5 doc dem [Anarg von] Wildenfels, 11 doc Er Heinrich Monch, 2 doc Hans Monch, 5 doc Caspar Speten, 5 doc [Sebastian von] Mistelbach, 5 doc Hans Hundt, 5 doc Voit Krahen, 5 doc Hundlein [Reimprecht Hundt], 5 doc Fritz [vmtl. Schmagel] boten, 5 doc Claus koch, 5 doc Michel koch, 5 doc Hans koch, 5 doc [Michel] Domatzsch, 5 doc Hans [Hesse] schmidt, 5 doc Heintz balbirer, 5 doc Henßlen [Winckelbauer] narren, 1 doc Cuntz melern; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5511, fol. jenen der Schatulle Hans Hundts und sind insgesamt ungenauer abgerechnet 197 . Insgesamt verwaltete Hundt für die Pilgerbrüder einen Gegenwert von fast 8.000 rheinischen Gulden 198 . Damit war die kleinere, schnellere und besser ausgestattete Galee für die 81 bzw. 82 Pilgerbrüder doppelt so teuer wie die Reise mit Contarinis Pilgerschiff 199 . So entrichtete der Kurfürst für sich und mehr als 20 Diener in der ersten Sammlung rund 1.050 ungarische Gulden, in der zweiten 500 Dukaten für 25 Personen 200 . Diese Diener lassen sich zum Teil über andere Rechnungen und Pilgerlisten erschließen; unter ihnen befand sich auch der Hofmaler Cuntz, Urheber des Ecce homo in der Altenburger Stiftskirche 201 . Auch 216 Thomas Lang <?page no="217"?> 10r. Vgl. zu Maler Cuntz, der mindestens von 1483 bis 1499 mit zahlreichen Arbeiten in den Hofrechnungen belegt ist: G U R L I T T , Kunst (wie Anm. 71), S. 5-12; D O N A T H , Meister Jhan (wie Anm. 70), S. 70; vgl. zu seiner Tätigkeit am Wandgemälde in der Torgauer Schlosskirche 1488/ 89: Item 3 gr 1 d von 8 maß lyne zu oel gemach[t] und das Cuntz Maler zum gemelde in die kirch geantwert; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 293, fol. 45r; vgl. das Jahr zuvor: Item 4 gr 12 maßs leyne zu oel gemacht den malernn; ebd., Reg. Bb 292, fol. 41r. Vgl. den Editionsanhang. 202 150 doc vonn Cesar Pflugen Wilhelm von Einsiedel uf 3 p(er)son entpfangen; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5513, fol. 3v. 203 R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Pilgerreisen (wie Anm. 34), S.-301. 204 150 doc von meinem genedigen hern herzog Cristof eimpfangen uf drei person; […] / fol. 4r/ […] 60 doc von meinem g(nädigen) h(errn) herzog Cristof entpfangen; […] / fol. 4v/ […] 80 doc Lorentz vonn Krosig und Magnus vom Hain uff vier p(er)son; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5514, fol. 3r, 4r-v. 205 R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Pilgerreisen (wie Anm. 34), S.-304, 306f. 206 Item mit unserm hertzogen gehen viel der seinen, auch Diener seind irer 5 Mann. Dabei ist der Johannes, sein koch, der ist ein ehrlicher mann. Der erst vor ihm wars nit und könnt euch viel von melden, wie er seinen herrn betrog - der Philipp, so die Gertraud durch des herzogen wurf und sprung gewonnen(,) ist auch dabei. Der hat sein Dienst für ein zeit lang einem Andern geben, hat sein hausfrawen in Gotts schutz gen München gesetzt und den hertzog gepeteen, er sollt ime mit zum hl. Grab ziehn laßn. So im auch gewillfart wurde. / S.-409/ Und weil ich dann weiß, wie Ir der edlen frummen kunst freund und irs gedeihens lust habt, auch man einem meiste guete gelegenheit wirdet, ist euch zu verkünden, wie daß unser beeder ehrnhoch und kunstreich Lucas Kranach mitziehet auf der fürsten geheiß, daß er jeglichen heiligen orts nach notturft und wahl der herrn aufs genauist und best aufriß und verzeichnung mache; T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), S.-408f. Cäsar Pflug zu Eythra (um 1450-1524) und der später auf Rhodos verstorbene Wilhelm von Einsiedel († 1493) entrichteten so 150 ungarische Gulden für sich und einen Diener 202 . Sämtliche Mitreisende sind so meist zwei Mal mit der jeweiligen Anzahl ihrer Diener erfasst. Damit lassen sich mehrere Irrtümer in jener Pilgerliste ausfindig machen, die Georg Spalatin 1539 kolportierte; aber auch Fehlangaben im ‚Sluder-Brief ‘ sind so zu belegen. So zeigen die Listen, dass Herzog Christoph von Bayern, wie auch Hans Schneider angab, tatsächlich nur mit klain gesind reiste 203 : • Herzog Christoph von Bayern zahlte nur für sich und zwei Begleiter 204 . Wie wir vom Dichter Hans Schneider wissen, handelte es sich bei diesen Begleitern um seinen Koch Hans und den Diener Marx Adelmann 205 . Im von Trautmann kolportierten ‚Sluder-Brief ‘ wird hingegen behauptet, dass fünf Diener mit dem Herzog ins Heilige Land gezogen seien: Neben dem Koch Johannes wollten ein Philipp und „unser beeder ehrnhoch und kunstreich Lucas Kranach“ mitziehen, letzterer um die besuchten Orte abzuzeichnen 206 . Die letztere Angabe hat, wie gezeigt, für Auseinandersetzungen in der Kunstgeschichte gesorgt und ist mit Recht angezweifelt worden. Die Pil‐ „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 217 <?page no="218"?> 207 Einame doc de zcecko: […] 50 doc von Wolf Keczel entfangen sontags vor Johan(n)is; […] / fol. 5r/ […] 20 doc Wolf Keczell; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5514, fol. 4r, 5r. 208 T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), Bd.-2, S.-408. 209 T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), Bd.-2, S.-407. 210 Genannt ist Ketzel als Letzter unter den geistlichen(,) prelaten und gelerthen, […] Georg Ketzel von Nürmberg; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 24v; ebd., Reg. O 25, fol. 27r. 211 N E U D E C K E R / P R E L L E R , Nachlass (wie Anm. 4), S. 90; vgl. die sich nach Spalatin richtenden Angaben bei M Ü L L E R , Annales (wie Anm. 64), S. 56; G R U N D I G / K L O T Z S C H , Leben Fried‐ richs (wie Anm. 66), S.-194. 212 In der Liste der Pilger, die sich auf der Reise Herzog Heinrichs von Sachsen am Heiligen Grab zu Rittern schlagen ließen, erscheinen auch: Georg Khetzell, Sebaldt Khetzell; Reinhold R Ö H R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Herzogs Heinrich des Frommen von Sachsen, in: Zeitschrift des Deutschen-Palästina-Vereins 26 (1901), S. 1-25, hier S.-25. Vgl. H E L L E R , Versuch (wie Anm. 73), S.-117f., Anm. 59. gerbrüder-Rechnung macht deutlich, dass Herzog Christoph nur von zwei Dienern begleitet wurde, unter denen sich weder Cranach noch Philipp befanden. • Auch der Nürnberger Patrizier Wolf Ketzel ist, wie erwähnt, in der Pilgerbrüder-Rechnung mit zwei Einträgen als einziger Ketzel belegt; er zahlte wie einige andere Pilgerbrüder erst direkt vor dem Betreten des Heiligen Landes am 23. Juni (Sonntag vor Johannis Baptiste) 1493 seine erste Rate, diese jedoch in Zechinen 207 . Er hat diese Reise also definitiv angetreten. Trautmanns ‚Sluder-Brief ‘ führt jedoch blumig am Ende der Pilgerliste item genannt unser des Martinus Kötzel gottsfürchtiger sohn Georg an 208 . Auch der Brief spricht davon, dass sich der Vater Martin Ketzel darüber freuen würde, dass sein des Köztels Sohn Georg gen heilig Land zög; und davon, dass Sebald Schreier Sluder geschrieben habe, der Georg Kötzel ziehe mit und wöll gefahr und ungemach erdulden, wie sie sein vater erlitten  209 . Die im ‚Sluder-Brief ‘ so wortreich verkündete Teilnahme Georg Ketzels ist nun mit der Pilgerbrüder-Rechnung eindeutig zu widerlegen. • Schon in Spalatins Entwürfen der Pilgerliste von 1539 findet sich die Angabe, dass Georg Ketzel an der Pilgerreise teilgenommen habe 210 . Von dort gelangte die Angabe in die erste Edition der Pilgerliste in Müllers Sächsischen Hausannalen 1700 und in die Editionen Grundig und Klotzschs von 1770 sowie Neudeckers und Prellers von 1851 211 . Schon früh gab es Hinweise darauf, dass Spalatin einfach die Namen verwechselt hat, denn Georg Ketzel reiste mit der Gruppe um Herzog Heinrich von Sachsen 1498 nach Palästina, wie der Reisebericht Steffan Baumgartners und auch die Ketzelsche Familienüberlieferung belegen 212 . Der Irrtum Spalatins ist damit zu begründen, dass er Georg Ketzel als Kontaktmann des Kurfürsten 218 Thomas Lang <?page no="219"?> 213 Georg Ketzel ist zwischen 1502 und 1524 als Agent oder Unterhändler des Kurfürsten in Nürnberg belegt. Er bestellte im Auftrag des Kurfürsten bei den Nürnberger Handwer‐ kern Kunsthandwerk, Goldschmuck, Harnische, Waffen, Drechselzeug etc. und streckte dafür zum Teil die Bezahlung vor. 1524 erhielt er eine lebenslange Verschreibung über 50 Gulden in Anerkennung seiner Dienste; LATh-HStA Weimar, EGA, Kopialbuch F 14, fol. 79v; ebd., Reg. Aa 3013, fol. 6r, 13r-14r, 49r, 75r; ebd., Reg. Bb 4175, fol. 108v; ebd., Reg. Bb 4187, fol. 18r; ebd., Reg. Bb 4188, fol. 15r; ebd., Reg. Bb 4213, fol. 18r, 52r; ebd., Reg. Bb 4216, fol. 20r; ebd., Reg. Bb 4239, fol. 34r; ebd., Reg. Bb 4140, fol. 43r-v; ebd., Reg. Bb 4247, fol. 61r; ebd., Reg. Bb 4251, fol. 46v; ebd., Reg. Bb 4258, fol. 12v. 214 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5513, fol. 3r, 4v. Czezar Fflug, Haugolt Fflug, Anshelm von Tetow; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 103. Vgl. zu diesem Jens K U N Z E , Art. Pflugk (Pflug), Cäsar (Cesar), zu Eythra, in: Sächsische Biografie, hg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e. V., bearb. von Martina S C H A T T K O W S K Y , Online-Ausgabe: http: / / www.isgv.de/ saebi/ (5.11.2016). 215 N E U D E C K E R / P R E L L E R , Nachlass (wie Anm. 4), S. 90; M Ü L L E R , Annales (wie Anm. 64), S. 56; T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), S.-407. 216 Vgl. die Pilgerbrüderrechnung bei der zweiten Zahlung: Lorentz vonn Krosig zusammen mit Magnus vom Hayn für insgesamt vier Personen; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5513, fol. 4v; ebd., Reg. Bb 5514, fol. 5r Lobkowitz nennt Lorencz z Krorzikrozn; in Nürnberg kannte und wusste, dass dieser ins Heilige Land gereist war 213 . Da nun im ‚Sluder-Brief ‘ gleich mehrmals der falsche Name erscheint, kann man diese Angabe schlecht als Verwechslung abtun. • Ähnlich gestaltet sich der Fall beim oben erwähnten Cäsar Pflug, der zwei Mal in der Pilgerbrüder-Rechnung genannt ist und zudem in der Pilgerliste des Jan von Lobkowitz angeführt wird 214 . Auch hier folgt Trautmanns 1853 veröffentlichter ‚Sluder-Brief ‘ den Editionen von Müllers Sächsischen Hausannalen von 1700 und der Pilgerliste Spalatins in der Edition Neude‐ cker und Prellers von 1851, welche statt Cäsar Pflug den albertinischen Hofadligen Caspar Pflug als Teilnehmer auf der Reise verzeichnen 215 . Dass es sich dabei um eine fehlerhafte Abschrift handelt, wird weiter unten noch mit zusätzlichen Quellen belegt. • Auffällig ist zudem, dass in Trautmanns Pilgerliste einige Vornamen genannt sind, die bei Spalatins Edition fehlen. So kennt Spalatin sowohl vom Adligen Krosigk wie dem Chemnitzer Abt Schleinitz, dem Laienbruder Zschöpperitz und dem zweiten Adligen aus dem Haus Hayn nur die Nachnamen. Der ‚Sluder-Brief ‘ hat in all diesen Fällen auch Vornamen. In den Fällen, in denen wir sie mit der Pilgerbrüderrechnung, den Listen von Lobkowitz oder anderen Belegen gegenprüfen können, erweisen sich diese Namen als irrig: So erscheint Lorentz von Krosigk sowohl in der Pilgerbrüder-Rechnung wie auch leicht verballhornt bei Lobkowitz, der ‚Sluder-Brief ‘ hingegen nennt ihn Eberhart Crosig 216 . Auch der aus den Ingolstädter Matrikeln und Humanistenbriefwechseln bekannte Abt „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 219 <?page no="220"?> H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 104. Vgl. T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), Teil 2, S.-407. 217 Vgl. Fanny M Ü N N I C H , Der sächsische Adel an den Universitäten Europas. Universitäts‐ besuch, Studienalltag und Lebenswege in Spätmittelalter und beginnende Frühneuzeit (Quellen und Forschungen zur sächsischen und mitteldeutschen Geschichte 45), Stutt‐ gart 2020, S. 960f., Nr. 142; Die Matrikel der Ludwig-Maximilians-Universität Ingolstadt - Landshut - München. Teil 1: Ingolstadt. Bd. 1: 1472-1600, hg. von Götz Freiherr von P Ö L N I T Z / Georg W O L F , München 1937, Sp. 139. 218 Christian H E S S E , Amtsträger der Fürsten im spätmittelalterlichen Reich: Die Funktions‐ eliten der lokalen Verwaltung in Bayern-Landshut, Hessen, Sachsen und Württemberg 1350-1515, mit 8 Tabellen (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 70), Göttingen 2005, S. 667; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4138, fol. 39r; ebd., Reg. Bb 5129, fol. 94v; vgl. hingegen T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), Teil 2, S.-407. Heinrich von Schleinitz, wird im ‚Sluder-Brief ‘ zu Adolphus Schleunitz  217 . Beim zweiten Adligen aus dem Haus Hayn, den Andreas Sluder angeblich als Hilpert von Hayn kennt, wäre zumindest darauf hinzuweisen, dass kurz vor der Abreise der Pilgergruppe aus Torgau der vormalige Amtmann von Saalfeld und Roßla, er Marcus von Hayn, aus den Niederlanden dorthin zurückkehrte 218 . Mit dieser neuen Quelle, Hans Hundts Pilgerbrüder-Rechnung, ergaben sich also gleich zwei Hinweise auf Fehlangaben im Reisebericht Spalatins, die Trautmann höchstwahrscheinlich aus den Editionen in den ‚Sluder-Brief ‘ über‐ nommen hat. Die entsprechenden Angaben im ‚Sluder-Brief ‘ widersprechen mehreren Quellen aus dem direkten Umfeld der Pilgerreise und zum Teil darüber hinaus reichenden Quellen. Hinzu kommen gleich mehrere Belege, dass der ‚Sluder-Brief ‘ mit seinen ausführlichen Angaben zum Gefolge Herzog Christophs und zu bei Spalatin fehlenden Vornamen irrige Angaben macht, die nun aus dem Zusammengehen von Rechnungsquellen und den Gedichten Trautmanns widerlegt werden können. 220 Thomas Lang <?page no="221"?> 219 R ÖH R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S.-37-100. Abb. 10: Ausgaben an die Pilgerbrüder im Gefolge des Kurfürsten vor dem Betreten des Heiligen Landes u. a. mit Cuntz Maler in Hans Hundts Reisebuch ins Heilige Land am 23./ 24. Juni 1493. Bei der Frage, ob es sich bei den identischen Abweichungen im ‚Sluder-Brief ‘ und der Editionen um das Ergebnis von Abschriften handelt oder aber um unabhängige Irrtümer gleicher Art, wird hier eine weitere Quelle herangezogen: das Rechnungsbuch des kurfürstlichen Türknechts Hans Hundt (10), welches Röhricht und Meisner 1883 ediert haben 219 . Wie erwähnt, umfasst die Edition eigentlich Auszüge der seriellen Rechnungsserie der Privatkasse des Kurfürsten. Jene Akte mit der Laufzeit von 28. März bis 27. Oktober 1493, die sich mit der Reise nach Jerusalem befasst, ist in zwei Abschriften erhalten, die leicht voneinander abweichen. Röhricht und Meißner haben nur die Reg. Bb 5510 für ihre Edition herangezogen. Im besten Fall können die Varianten Schreib- oder „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 221 <?page no="222"?> 220 R ÖH R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 62; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5510, fol. 26r; vgl. Reg. Bb 5511, fol. 26r. Zahlreiche ähnliche kleine Abweichungen finden sich in den Varianten: stannen vs. stancen, Sava vs. Sara, ebd., Reg. Bb 5510, fol. 26v, 27r; ebd., Reg. Bb 5511, fol. 26v, 27r. 221 Vgl. die Auszahlungen von 50 bis 250 Gulden und kleiner Summen von bis zu 30 Zechinen an Michael Dommatzsch vor allem auf der Hin- und Rückreise; dessen Ausgaben summieren sich auf insgesamt 2.497 fl; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5511, fol. 3r-5r. Vgl. die Auslagen von Ambrosius für die Pilgergruppe auf der Reise in Tippfehler ausbessern: z. B. steht statt dem geckischen hut von Röhricht und Meisner in der Variante Bb 5511 krichisch hauben  220 . Abb. 11: Einnahme in ungarischen Gulden und Zechinen von den Pilgerbrüdern aus Hans Hundts Pilgerbrüderrechnung 1493. Wichtig zur Einordnung der Akte ist, dass es sich bei jenem Teil, der von der Reise ins Heilige Land berichtet, nicht um ein Reisebuch im eigentlichen Sinne handelt. Vielmehr wurde es bis zum Verlassen von Poreč wie eine Schatullen‐ rechnung geführt, die laufenden Ausgaben scheinen Michael Dommatzsch und Ambrosius (für die Pilgerbrüder) in anderen Rechnungen geführt zu haben 221 . 222 Thomas Lang <?page no="223"?> Höhe von 3.016 Zechinen oder 4.222 Gulden; ebd., Reg. Bb 5513, fol. 6r-v; ebd., Reg. Bb 5514, fol. 7r-v. Ab dem Mittwoch nach Nativitate Mariae (11. September) 1493 kann man Hans Hundts Rechnungsbuch als gewöhnliches Reisebuch ansehen, in dem ein Großteil der Kosten der Reise in täglicher Rechnungslegung erfasst sind; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5510, fol. 28v; ebd., Reg. Bb 5511, fol. 28v; R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S.-63. 222 Vgl. das Rechnungsbuch Hans Hundts unter der Allgemeinen Ausgabe am 5. Juni (Mitt‐ woch nach Trinitatis) 1493 zwischen Dubrovnik und Korfu: 4 doc meinem gnedigsten her geben dar ein hat sein gnad locher geslagen und an die heiligen stad ruren lassenn; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5511, fol. 8v. Eine Woche darauf ist unter dem 12. Juni (Mittwoch nach Bonifatius) 1493 zu Kreta vermerkt: 1 doc den barfußer monchen zu Candia(,) die meinem gnedigst(en) hern das heilthum geweist haben; ebd., fol. 9r. Vgl. ebd. den 24. Juni (Freitag nach dem Sonntag nach Bonifatius) zu Rhodos: 2 doc fur funfzcig zceichen resurreccio; ebd., fol. 18v. 223 Vgl. Hans Hundts Rechnungsbuch unter dem 16. Juli (Dienstag nach Margarethe) 1493 zwischen Paphos und Rhodos: 4 mt einem armen man fur ein glas mit Jordans wasser; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5511, fol. 21v. Vgl. ebd. die Auslagen unter dem 25./ 26. Juli (Donnerstag und Freitag nach Arnolfi) 1493 auf Rhodos: 1 doc einer frawen die mit ire krichische cleid(er) weiset […] 4 doc 4 dentzernn, die fur m(einen) g(nädigen) h(errn) tantzten […] fritag: 24 doc fur zcbben große turkisch debicht, 18 doc fur 6 debicht, 1 doc 5 mt m(ein) g(nädiger) h(err) geopffert, 2 mt umb gots wiln, 40 doc 2 mt 1 ß fur 25 debicht dovon sind ir 4 er Sigmund Pflug wurdenn […] 5 ß fur 2 fliegen wedel […] 6 mt dem apteker fur seltzam samen obs; ebd., fol. 22v. 224 Vgl. das Rechnungsbuch Hundts unter der Zechinen-Auslagen für den 7. Juli (Sonntag nach Udalrici) 1493 zu Salina/ Larnaka: 1 doc einem armen gallioten den Hugolt Pflugs knecht lam hieb; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5511, fol. 20v. Das heißt, bei Hans Hundt werden nur Auslagen der Privatkasse des Fürsten über Trink- und Spielgelder, Almosen, Opfergelder, Einkäufe von Luxuswaren, Waffen, seltenen Speisen etc. aufgeführt. So ist dort z. B. nachgewiesen, dass der Kurfürst einen ungarischen Gulden durchbohren ließ, um damit die heiligen Orte und Reliquien berühren zu können, oder Wallfahrtszeichen der Auferste‐ hung in Rhodos erwarb 222 . Genauso ist dort festgehalten, dass der Kurfürst auf der Rückreise Gläser mit Jordanwasser und dutzende Teppiche erwarb, Tänzer für ihre Darbietung und eine Griechin dafür entlohnte, ihre Kleidung zu erläutern 223 . Selbst Entschädigungen für einen Galioten, den ein Knecht Haugold Pflugs lahm schlug, sind dort zu finden 224 . Grundsätzlich lässt sich jedoch beobachten, dass die Auslagen für Almosen meist viel geringer ausfielen als jene für das Spiel oder den eigenen Luxus. Das heißt, diese Rechnung enthält einen Bruchteil der tatsächlichen Ausgaben eines gewöhnlichen Reisebuchs, in dem u. a. Küche, Keller, Futter, Übernach‐ tungskosten etc. enthalten sind. Die Auslagen Hundts für den Kurfürsten sind nach Währungen in Rubriken geordnet, folgen aber innerhalb der Rubriken chronologischer Sortierung und sind zum Teil mit Wochentag und Aufenthalts‐ „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 223 <?page no="224"?> 225 Vgl. die Schatullenausgabe Hans Hundts an Dukaten auf dem Weg zwischen Rhodos und Kreta vom Dinstag [nach Jacobi = 28. Juli 1493]: 48 doc 12 mt 4 ß hat Cesar Pflug m(einem) g(nädigen) h(errn) an 1 duc 66 reinisch guld(en) oberm spiel geliehen habe ich im eod(em) die zalt; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5111, fol. 24r; vgl. R ÖH R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S.-60. 226 1 doc Zesar Pflug m(einem) g(nedigsten) h(ern) zu Candia geliehen unnd den trometern doselbst geben, habe ich im eod(em) die [28. Juli 1493] zalt; 1 doc Zesar Pflug m(einem) g(nedigsten) h(ern) zu Jherusalem geliehen; habe ich im zalt eod(em) die; 5 m Cesar Pflug m(einem) g(nedigsten) h(ern) zu Roma geliehen, habe ich im eod(em) die zalt; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5111, fol. 24r. 227 N E U D E C K E R / P R E L L E R Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S.-42, 60f. 228 Czezar Fflug, Haugolt Fflug, Anhelm von Tetow; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 103. 150 doc vonn Cesar Pfugen Wilhelm von Einsiedel uff 3 p(er)son entpfangen […] 40 doc Cesar Pflug […] 20 doc Wilhelm von Einsidel; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5513, fol. 3r, 4v. 229 An Meißnischen und Thüringischen von Adel: 1. Caspar Pflug/ Ritter/ 2.) Haubold Pflug/ 3. Sigmund von Maltitz/ Ritter; M Ü L L E R , Annales (wie Anm. 64), S. 56; Meißner und Thüringer. Caspar Pflug, Ritter. Haubold Pflug. Siegmund von Maltitz, Ritter; G R U N D I G / K L O T Z S C H , Leben Friedrichs (wie Anm. 66), S.-193; Meißner und Düringer: Caspar Pflug Ritter, Haubold Pflug, Sigmund von Maltitz Ritter; N E U D E C K E R / P R E L L E R Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90; Aber von meißen und thüringer adel. Caspar Pflug. Ritter, Haupold Pflug. Ritter, Sigmund von Maltitz; T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), Bd. 2, S.-407. ort versehen. Zu beachten ist, dass Zahlungen zum Teil ein bis zwei Tage später von Zetteln übertragen, notiert und abgerechnet werden konnten; das gilt insbesondere, wenn Mitreisende Geld auslegten. Das erklärt auch kleinere Verschiebungen bei Reisedatierungen. So legte zum Beispiel der schon erwähnte Cäsar Pflug am 30. Juli 1493 für den Kurfürsten zwischen Rhodos und Kreta zahlreiche Zechinen und einige Gulden für das Spiel aus 225 . Die Gelegenheit nutzte Pflug offensichtlich, um beim Türknecht Hundt zugleich alte Schulden des Kurfürsten für auf Kreta, in Jerusalem und Ramla vorgestreckte Summen zurückzufordern 226 . Auch sonst erscheint Cäsar Pflug häufiger in den Rechnun‐ gen 227 . Wie erwähnt, ist er zudem in der Pilgerliste von Lobkowitz und in Hans Hundts Pilgerbrüder-Rechnung genannt 228 . Dies ist ein Hinweis darauf, dass die Pilgerlisten in Trautmanns ‚Sluder-Brief ‘ entweder von jener in der Edition des Spalatin-Reiseberichts von 1851 von Neudecker und Preller oder aber aus Müllers Annalen von 1700 kopiert worden sind (die Edition von Grundig und Klotzsch von 1770 scheidet der Lücken wegen als Vorlage aus), denn: Vergeblich sucht man den in Rechnungen belegten Cäsar Pflug in den edierten Listen sowie dem Brief Andres Sluders. Dort erscheint hingegen an immer gleicher Stelle in der Pilgerliste: Caspar Pflug mit jenem Rittertitel, den dieser erst im Heiligen Land erworben hatte 229 . In den Originalen des Berichts Spalatins erscheint hingegen in der Reinschrift Cesar Pflug Ritter. 224 Thomas Lang <?page no="225"?> 230 Meißner und Duringer, Cesar Pflug ritter, Hauboldt Pflug, / fol. 27r/ Sigmundt von Maltitz Ritter; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25, fol. 26v-27r; Meyßner und Doring, Czesar Caspar Cesar Pflug, ritter, Hawbolt Pflug, Sigmundt von Maltitz ritter, LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 24r. 231 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5513, fol. 3r, 4v; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-103. Im Entwurf von Spalatins Pilgerliste ist der Name Caspar ausgestrichen und von gleicher Hand und Tinte erst durch Zcesar dann durch Cesar ersetzt 230 . - Abb. 12: Entwurf der Pilgerliste mit den korrigierten Einträgen zu Caesar Schleinitz und Heinrich von Bünau, sowie Georg Ketzel von Nürnberg in Georg Spalatins Vita des Kurfürsten Friedrich des Weisen um 1539. Bei der Behauptung, dass Caspar Pflug ins Heilige Land gereist sei, handelt es sich also um einen Fehler in den Editionen von Neudecker und Preller, Grundig und Klotzsch sowie bei Müller, der in der Reinschrift des von Spalatin kolportierten Reiseberichts nicht vorhanden und im Entwurf korrigiert ist! Dass es sich um einen Fehler der Editionen und nicht Spalatins handelt, belegen zudem weitere Pilgerlisten, die Cäsar Pflug als Teilnehmer der Reise nennen 231 . Wenn nun aber statt Cäsar der Name Caspar Pflug, der sowohl bei „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 225 <?page no="226"?> Müller als auch in der Edition von Neudecker und Preller irrig genannt ist, im vorgeblich zeitgenössischen ‚Sluder-Brief ‘ erscheint, dann liegt nahe, dass keine originale Pilgerliste, sondern eine der beiden Editionen von 1851 und 1700 dem Druck des angeblichen Briefes von 1853 zu Grunde lagen. Bei der inzwischen vorgetragenen Ballung an identischen Irrtümern - beim Landvogt Hans Hundt vor 1496, beim noch nicht auf die Krücke angewiesenen ‚Steltzner‘ Heinrich von Bünau, bei den Rittertiteln schon vor Antritt der Pilgerreise, bei den ergänzten falschen Vornamen und nun Caspar statt Cäsar Pflug - kann man auch nicht mehr von zufälligen Fehlern sprechen. Der ‚Sluder-Brief ‘ samt Pilgerliste ist eine um Erfindungen erweiterte Kopie dieser Editionen; ihm liegt keine andere unabhängige Quelle zu Grunde. 6 Kamele, Schwerter und ein Ritterschlag - Fälschungen im ‚Pilgramsbuch‘ Im vorigen Abschnitt haben wir mit den drei kurz vorgestellten Quellen der Pilgergruppe um Kurfürst Friedrich von Sachsen und Herzog Christoph von Bayern, nämlich der Schatullenrechnung Hans Hundts (10), der Pilgerbrüder-Rechnung (11) und dem von Georg Spalatin kolportierten Reisebericht (1) belegt, dass der von Trautmann gebotene ‚Sluder-Brief ‘ eine Kopie mit Fälschungsanteil ist, die den älteren Editionen von Spalatins Reisebericht und Pilgerliste folgt. Selbst Abschreibfehler der Editionen sind im ‚Sluder-Brief ‘ übernommen. Hinzu kommt, dass mehrere Angaben im ‚Sluder-Brief ‘, wie zeitgenössische Quellen belegen, falsch oder irreführend sind. Damit sind die ersten zwei Anforderungen für einen Fälschungsnachweis soweit sie den ‚Sluder-Brief ‘ und die darin enthaltene Pilger-Liste betreffen, erfüllt. Was noch fehlt, ist die dritte Anforderung: Der Nachweis, dass die im ‚Pilgramsbuch‘ angegebenen Ereignisse, die in anderen Reiseberichten fehlen, fiktional sind und nicht den belegbaren Begebenheiten entsprechen. Hier können mehrere Beispiele angeführt werden, in denen das im ‚Pilgramsbuch‘ Geschilderte mit den vorgestellten Quellen und der Praxis der Pilgerreisen im Heiligen Land in dieser Zeit kollidiert. Hier wäre erstens auf das Framing im ‚Pilgramsbuch‘ verwiesen, dass den sächsischen Kurfürsten durchgängig als kränklich und hilfsbedürftig zeigt. Laut diesem soll nur Friedrichs Leibarzt den Kurfürsten vor Schlimmerem bewahrt haben: Dr. Martini Pollich’s Abwehr befolgt, so den Fridrich mit kinen wortn vom bad zurückscheucht, so der Fridrich des candierweins bei gesundem leib ueberviel 226 Thomas Lang <?page no="227"?> 232 B I R K E N , Helden-Saal (wie Anm. 64), S.-520. 233 N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 37 führen ihn unter den Leibärzten als sonderlich zum heiligen Land und Grab Herrn Doctor Martinus Mellerstat an. Auch in der dortigen Pilgerliste erscheint er als Doctor Martin Mellerstadt; ebd., S. 90. Auch Edition nach der Gothaer Abschrift bietet: sonderlich zum heiligen Land und Grab, Herrn D. Martin Mellerstadt und D. Martin Mellerstadt; G R U N D I G / K L O T Z S C H , Leben Friedrichs (wie Anm. 66), S.-23, 193. 234 Vgl. T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), S. 56 (Martinus Polictzius v. Mellerstadt des churfürsten Fridrich arzeneydoktor); M Ü L L E R , Annales (wie Anm. 64), S. 56 (Martin Polichius, von Mellerstadt), B I R K E N , Helden-Saal (wie Anm. 64), S. 520 (Martin Polichium von Mellerstadt/ der Arzney Doctorn/ und Churfürstl. Leib-Medicum). 235 Vgl. Hans Hundts Rechnungsbuch unter dem 24. Juli (Mittwoch nach Arnolfi) zu Rhodos: 6 doc im bade zu bade gelt, 3 mt einem bader jungen; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5511, fol. 22r. Zahlungen an Dr. Mellerstadt sind dort nicht verzeichnet, nur Auslagen für Käufe des Juristen Dr. Matthias Bestoltz (doctor Stoltz). Die Ausgaben zu Famagusta und Rhodos sprechen in ihrem Spektrum von einem repräsentativen und wenig eingetrübten Besuch: der Ankauf von Degen, Edelsteinen, Dutzenden Teppichen, griechischer Kleidung, Hauben und Schuhen, seltsamen und einheimischen Gulden, Körnern für Paternoster-Ketten, Pomeranzen, Obstsamen, Sittichen, Rosenwasser, Bal‐ sam-Öl, Ketten für den Hofnarren Hans, die Trinkgelder an Pfeifer, Trompeter, Harfner, Geiger und Lautenschläger, Spielverluste und der Auslosung an Köche und Kellner am Hof zu Rhodos etc.; ebd., fol. 21v-23v; R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S.-57-60. 236 Vgl. hingegen Mark M E R S I O W S K Y , Rechnung, in: Jan H I R S C H B I E G E L / Jörg W E T T L A U F E R (Bearb.), Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich III.: Hof und Schrift, hg. von Werner P A R A V I C I N I (Residenzenforschung 15.III), Ostfildern 2007, S. 531-551, S. 537, der bei Rechnungen grundsätzlich das hier verwendete argumentum e silentio ausschließt. Für ihn ergibt sich dies aus der verstreuten Rechnungslegung (z. B. Sonder‐ rechnungen, verschiedene zuständige Kassen) und der sporadischen Überlieferung. Die Überlieferung der Reiserechnungen in mehreren Kopien, die belegten Sonderzahlungen getrunken un in der hitz zum wasser wöllt  232 . Einerseits wäre anzumerken, dass Martin Pollich (um 1455-1513) in den höfischen Verwaltungs- und Rech‐ nungsquellen aber auch in Spalatins Vita des Kurfürsten durchgängig mit dem üblichen Spitznamen doctor Mellerstadt (nach dem Herkunftsort Mellrichstadt) bezeichnet wird 233 . Nur bei Trautmann, in den Sächsischen Haus-Annalen von Sebastian Müller und in Sigmund von Birkens Sächsischem Heldensaal wird er auch mit dem Familiennamen „Dr. Martin Pollich von Mellerstadt“ angesprochen 234 . Andererseits ist in den Rechnungen eben der Besuch des Bades in Rhodos durch den Kurfürsten eindeutig belegt: im bade zu bade gelt; ganz im Gegensatz dazu, findet man keinerlei Arznei- und Arztrechnungen während der Reise, welche man wohlgemerkt in späteren Lebensjahren des Kurfürsten häufiger findet 235 . Bei der vorgestellten Gemenge- und Überlieferungslage kann dieses Fehlen durchaus als stichhaltiger Gegenbeweis gelten 236 . Schon Armin „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 227 <?page no="228"?> an die entsprechenden Rechnungsführer und deren detaillierte Ausgaben lassen hier kaum Raum für dieses Argument. 237 K U N Z , Jerusalemfahrt (wie Anm. 108), S.-101. 238 Vgl. das ‚Pilgramsbuch‘ unter dem 3. Juli bei Ramla: Und über stock und gestein auf sie zu, daß das roß unter mir brach; T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), S.-417. 239 R Ö H R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S.-102. 240 Vgl. die Beschreibung von Ritter Grünenberg bei seiner Reise von Jaffa nach Ramla 1486: Item wier lagent ze Raman vom sunntag bis zinstag (! ), und umb vesper zit, sausent wier aber uff die essel; enim essel triber genant Zachye Mukre, bracht mir sine kind in frundlicher mainung, den gab ich ainen marzel ze letze, und do wier koment für Jaffen stundent wier ab den Eseln; BLB Konstanz, Cod. St. Peter Pap 32, fol. 49v. Noch 1517 ritt die die Pilgergruppe des sächsischen Hofes unter Bernhard von Hirschfeld auf Eseln durch das Heilige Land; vgl. Friedrich August von M I N C K W I T Z , Des Ritters Bernhard von Hirschfeld im Jahre 1517 unternommene und von ihm selbst beschriebene Wallfahrt zum heiligen Grabe. Aus einem in der großherzoglichen Bibliothek zu Weimar befindlichen Manuscripte, in: Mittheilungen der Deutschen Gesellschaft zur Erforschung Vaterländischer Sprache 1 (1856), S.-31-106, hier S.-56f. passim. 241 R Ö H R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S.-104. 242 H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 51; R Ö H R I C H T , Jerusa‐ lemfahrt (wie Anm. 38), S.-279. Kunz hielt die Anekdote für aus dem „Fürstlich Sächsischen Helden-Saal“ des Sigmund von Birken übernommen und für komplett fiktiv 237 . Doch es gibt erheblich mehr Auffälligkeiten. So ist Herzog Christoph laut ‚Pilgramsbuch‘ im Heiligen Land nicht nur auf einem Ross in den Kampf geritten 238 , sondern hätte auch am 26. Juni 1493 bei Ramla angeblich auf dem kamellthier gesessen 239 . Später wäre der bayerische Herzog sogar zu fueß pilgramt und hätte seinem kameelthier […] etlich arminianisch bischöf geliehen, die angeblich mit den Pilgern zum Heiligen Grab zogen. Hier ist zur Einordnung zu sagen: Die Pilger im Heiligen Land ritten bei derartigen Kurzbesuchen fast immer auf Eseln, sehr selten auf Pferden, nicht jedoch auf Kamelen (Camelus ferus, nicht Dromedaren) 240 . Im Jahr 1493 regelten sogar die Verträge mit dem Patron, wer das esel geldt und wer die Trinkgelder für die Eselsführer zahlte 241 . Sowohl Jan von Lobkowitz als auch Heinrich von Zedlitz berichten von Eseln und Maultieren, welche sie und die Pilger als Reittiere nutzten, während Pferde und Kamele dem mamlukischen Geleit als Reittiere zum Transport von Zelten, Vorräten und Spießen dienten 242 . Eine Sonderbehandlung im Heiligen Land durften weder Herzog Christoph noch Kurfürst Friedrich erhoffen, sie reisten - wie Spalatins Reisebericht anführt - inkognito und ritten daher auf Eseln. So berichtet es auch der mitreisende Pilger aus der Gruppe des Kurfürsten aus Jaffa am 24./ 25. Juni 1493: 228 Thomas Lang <?page no="229"?> 243 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5514, fol. 18v; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nach‐ lass (wie Anm. 4), S.-83. 244 Vgl. Hans Hundts Rechnungsbuch unter dem 24. Juli 1493 auf der Rückreise vom Heiligen Land in Rhodos: 3 doc hoemeisters stalknecht(,) die m(einem) g(nedigsten) h(ern) ein esel(,) dar auf sein gnad reith(,) brachten; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5511, fol. 22r; vgl. R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 58 (irrig „hofemeister“ statt Hochmeister). 245 T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), S.-411f. 246 T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), S.-411. 247 Der Sultan in Egypten soll selbmals aus dieses jungen Fürsten starcken Händen und Armen geschlossen haben/ daß er aus einem hohen Stammen müsse entsprossen seyn; B I R K E N , Helden-Saal (wie Anm. 64), S.-520. Do blieben wir die nacht in dem loch ligen, und auf den dienstag frue kamen die esel(,) da wir auf reiten solten. Da zcalt man(n) uns wider zcu den eseln(,) erhuben wir uns umb sieben und ritten nach Rama, da gleiten sie uns hin mit gutem fride  243 . Selbst auf Rhodos ritt der Kurfürst, wie es sich für einen frommen Pilger gebührte, auf einem Esel beim Besuch der dortigen Kirchen 244 . Hier wäre nun auch die Frage zu klären, woher Herzog Christoph jenes Pferd haben sollte, auf dem er am 3. Juli 1493 zur angeblichen Befreiung seines Neffen ausritt. Auf der Galee subtil war kein Platz für die Pferde und der Transport im Heiligen Land war ohnehin geregelt. Die Pferde waren in Venedig zurückgeblieben. Auch die geschilderte Begegnung Herzog Christophs mit armenischen Bischöfen, die sich spontan der Pilgergruppe mit lange ausgehandelten Geleitsbriefen anschlossen, wirkt unwahrscheinlich 245 . Der alternative Reisebericht Spalatins weiß davon nichts. Ähnlich verhält es sich mit dem im Pilgramsbuch geschilderten Treffen und Geschenkeaustausch mit einem Scheich, der bei Trautmann wohl eine Karawane anführte. Der bayerische Herzog versuchte diesen angeblich zu bekehren: Dieser sei auf Grund seiner Tugend und Schön‐ heit wohl werth, daß er zum wahren glauben bekehrt wurd. Davon mocht er nichts wissen  246 . Möglicherweise geht die Angabe für dieses Treffen und den Geschenketausch mit hochrangigen Muslimen auf eine im „Fürstlich Sächsi‐ schen Helden-Saal“ herbeifantasierte Begegnung Kurfürst Friedrichs mit dem ägyptischen Sultan Qayit-Bey (1416, reg. 1468-1496) zurück, die schon in den ältesten Quellen mit Konjunktiv („soll haben“) als Sage eingeordnet wird 247 . Der Versuch, einen Muslim zum christlichen Glauben zu bekehren, wie ihn das ‚Pilgramsbuch‘ so beiläufig andeutet, war für Pilger im Heiligen Land jedoch alles andere als ungefährlich und hätte in der Regel Konsequenzen gehabt, wie die zweite Reisegruppe des Jahre 1493 um Heinrich von Zedlitz erfuhr. Auf der Rückreise in Ramla warf man den Pilgern vor, sie hätten einen Einheimischen „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 229 <?page no="230"?> 248 R ÖH R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S. 287; vgl. H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-87 ohne die Nennung der Ursachen. 249 T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), S.-412. 250 Für den 12. August 1486 hinter Ramla beschreibt Grünenberg: So zertragend sich die haiden mit ain andren, und werden unainß und zukkend ire saibel und schwert und huewend(,) stachend(,) schlugend frisch ze samen mit alen waffen. Uns bilgrim was schwär zu ze sechen […] In mainung, also ob solicher anfang auff uns enden wurd. Item die haidnischen heren rittend wider und für und richten und staltn solicher struf und krieg ab […] under dem selb(en)n huffen ward ainer mit ainer lantzen durch stochen; FB Gotha, Chart-A 541, fol. 52r-53r. 251 R Ö H R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S. 193. Vgl. das Konzept vom anonymen Bericht Spalatins: Montag Sant Johannis Baptiste nach mittage zogen wir aus der gallehen in eine vorstorte stat heist Gaffa [= Jaffa] dann uns der uberste von Rama geleit zu gesagt hatte(,) dan wir dem gardian gein Jerusalem botschafft gethan hetten(,) das er wolt komen und uns gleit bringen(,) schreib er unserm patron wider(,) er solt ime zur kennen geben(,) wievil der pilgram weren(,) so wolt er sich bevliessen umb das gleit zum christlichen Glauben bekehrt und beabsichtigt, ihn mit auf die Galeere zu nehmen. Daraufhin setzten ihre Geleitsleute den Schiffspatron, den Übersetzer und einen Galioten fest und drohten zehn Pilger gefangen zunehmen und zum Sultan in Gefangenschaft zu führen. Letztlich erpressten die Mamluken und der Schreiber des Sultans ein hohes Lösegeld vom Patron 248 . Dies zeigt den engen Spielraum, in dem sich Pilger im Heiligen Land in den 1480ern und 1490ern bewegten. Im ‚Pilgramsbuch‘ gibt es diesen engen Spielraum nicht. Herzog Christoph beschreibt, wie er selbst am 26. Juni drohend-imponierend arabische Scheichs vertrieben habe, die feindlich angeruckt; sie hätten angeblich erkannt, dass er nit allein zur Hand mit dem rosenkranz  249 . Diese Reaktion würde sichtbare Wehr‐ haftigkeit und die Notwendigkeit für die Pilger, diese zu zeigen, voraussetzen. Die Pilger zahlten für den Abwehr vor derartigen tätlichen Angriffen durch das berittene mamlukische Geleit in Ramla und Jerusalem, was jedoch nicht vor Anfeindungen, Beleidigungen, Schmähungen, leichten körperlichen Übergrif‐ fen und Steinwürfen schützte. So war die Pilgergruppe Konrad von Grünem‐ bergs wenige Jahre zuvor in einen Streit von zwei berittenen Gruppen geraten. Das Geleit trieb die Gruppen auseinander, wobei einer der Reiter zu Tode kam, sorgte aber so für die Sicherheit der Pilger 250 . Diesen Schutz durch das berittene Geleit nahmen auch 1493 die Pilger in Anspruch, wie nicht nur der von Spalatin kolportierte Reisebericht und Hans Hundts Rechnungsbuch für die erste Pilgergruppe, sondern auch die Berichte für die zweite Pilgergruppe von 1493 vermelden: des Soldans schreiber der Abrehr [= Abraham] und etliche haiden habenn uns mit etlichen Pferden belait, also sinndt wir geriten In grosser hize 10 welsche Mailen bis gegen Rama 251 . Der sächsische 230 Thomas Lang <?page no="231"?> uns zuerlangen; auf den tag kam der uberste von Rama und sagt uns sicher geleit zu; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 15v; vgl. ebd., Reg. O 25, fol. 18r; vgl. N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 82. Vgl. unter der Abrechnung an Zechinen für den Montag Johannes Baptiste (24. Juni) 1493: 500 doc hab ich dem patron uf dem schif fur mein gned(igstten) hern und seiner gnaden diener vor tribut und geleid gelt geantbbort, manntags Johannis; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5511, fol. 22r; vgl. R ÖH R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S.-56. 252 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 19r; vgl. ebd., Reg. O 25, fol. 21r; vgl. N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S.-85. 253 Vgl. LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 18v; vgl. ebd., Reg. O 25, fol. 20v. 254 Vgl. N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 85 Vgl. die nachträgliche Entlohnung für das Hissen der Flagge, später auch für die Musiker und Büchsenschüt‐ zen auf der Galee subtil: 6 doc dem comito vor meins g(nedigs)t(en) hern fanne am heiligen lande auß zu machen; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5511, fol. 21v; vgl. R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S.-57f. 255 Vgl. die Ermahnung des Guardians aus Jerusalem an die Pilger zu Ramla 1517: Zum andernn, so soltten wir ihe keine waffen oder wehre tragen ufs heilige landt; M I N C K W I T Z , Hirschfelds Wallfahrt (wie Anm. 240), S.-57. 256 Hier nach der Predigt des Guardians im Kloster am Sionsberg vor Jerusalem 1517 zitiert: M I N C K W I T Z , Hirschfelds Wallfahrt (wie Anm. 240), S.-59. 257 Vgl. die oben zitierte Beschreibung aus dem ‚Pilgramsbuch‘ unter dem 3. Juli 1493 zu Ramla: Und als wir zusammentrafen, ließ ich mein schwert walten, daß sie entflohen und auf den andern theil zu ritten; T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), S.-417. Kurfürst war so zufrieden mit dem Geleit, dass er sogar beabsichtigte, den Hauptmann der Geleitsleute auf das Schiff einzuladen: unser g(nädig)ster herr hett auch den ubersten(,) der uns beleit hat, gerne in die gallehen gehapt und lies in laden. Er wult aber nicht hin eyn  252 . Eine verständliche Zurückhaltung, nachdem dieser zuvor versucht hatte, Geld vom Schiffspatron zu erpressen, weil das begründete Gerücht umging, es wären Fürsten unter den Pilgern 253 . Dies hatte sich nun bestätigt, da der Kurfürst nach der Rückkehr auf das Schiff - wie auch Rechnungen belegen - seine Fahne hatte hissen, Trompeten blasen und Büchsen abfeuern lassen 254 . Kurzum, die Beziehung der Pilgergruppe um Herzog Christoph und Kurfürst Friedrich zum mamlukischen Geleit war zwar nicht unbelastet, hielt sich aber im üblichen Rahmen. Andererseits hatten die Pilger auch keine andere Möglichkeit sich gegen ernsthafte Angriffe zur Wehr zu setzen, denn sie durften eigentlich keine Waffen mit ins Heilige Land nehmen, sie bestenfalls auf dem Pilgerschiff lassen 255 . Sie sollten sich stattdessen mit dem harnische der gedult rüsten wie dereinst Christus 256 . Sicher kann man sein, dass das offene Führen von Schwertern nicht möglich war. Das Fehlen eines Schwertes macht es jedoch schwer, mit diesem zu drohen, geschweige denn, dieses zu ziehen und über ein Dutzend Gegner niederzumähen, wie es das ‚Pilgramsbuch‘ beschreibt 257 . Das offene Führen von Waffen stand der Idee des Pilgerns ins Heilige Land in dieser Zeit diametral „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 231 <?page no="232"?> 258 R ÖH R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S.-193f. 259 H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 56. Vgl. für 1517 M I N C K W I T Z , Hirschfelds Wallfahrt (wie Anm. 240), S. 57f. Vgl. für 1486 den Pilgerbericht Konrad von Grünenbergs: BLB Konstanz, Cod. St. Peter Pap 32, fol. 31v-32v. 260 BLB Konstanz, Cod. St. Peter Pap 32, fol. 32v; vgl. FB Gotha, Chart. B 55, fol. 50r-v. 261 BLB Konstanz, Cod. St. Peter Pap 32, fol. 32v; vgl. FB Gotha, Chart. B 55, fol. 50r-v. 262 T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), S.-413. entgegen. Dies wird auch in der Predigt deutlich, die der Franziskaner-Guardian von Jerusalem in der Regel im Spital vor Ramla vor den Pilgern hielt, bevor er ihnen die Ablässe im Heiligen Land erläuterte 258 . Jan von Lobkowitz, wie auch Pilgergruppen späterer und frühere Jahre, beschreiben den Inhalt der Predigt, wie folgt: Danach ermahnte er die Pilger, sie mögen allen verbalen und körperlichen Anfechtungen der ‚Heiden‘ widerstehen. Vielmehr sollten sie alles in Christusnachfolge und um des Herrgotts Willen demütig, still und geduldig erleiden. Hingegen sollten sie es vermeiden, Streit oder Kampf mit den ‚Heiden‘ zu suchen. Denn dies würde als Verstoß gegen den Geleitsbrief gewertet und sich gegen alle Pilger auswirken 259 . Wie gering solche Anlässe sein konnten, beschreibt erneut Grünemberg: Auf der Rückreise der Pilger durch Ramla riss einem arg gepiesackten niederländischen Pilgerbruder der Geduldsfaden und er schlug ainen haiden in sin angesicht  260 . Binnen kürzester Zeit war ein bedrohlicher Menschenauflauf im Pilgerhospital entstanden, Grünenbergs Reisegefährte stand kurz davor, erwürgt zu werden. Dennoch war die Reisegruppe bedacht, die Sache gütlich mit Handsalben (Trinkgeldern) zu regeln, denn die Pilger fürchteten, d(a)z gancz Raman über uns geloffen wär  261 . Noch einmal zur Erinnerung: Der Anlass war hier eine Schlägerei, nicht das Umbringen von Dutzenden bewaffneten Begleitreitern. Während also mehrere beschriebene Begebenheiten im ‚Pilgramsbuch‘ vor‐ sichtig gesagt sehr ungewöhnlich scheinen und den Erfahrungen zahlreicher anderer Pilgerberichte widersprechen, ähnelt des ‚Pilgramsbuch‘ in einer Eigen‐ heit dem von Spalatin kolportierten Reisebericht. In beiden Quellen fehlen die Angaben über die zu erwerbenden Ablässe an den besuchten heiligen Stätten fast ganz. Während das Heilige Grab und der Kalvarienberg im ‚Pilgramsbuch‘ umfangreicher beschrieben sind als in Spalatins Reisebericht, wird der Rundgang am ersten Tag in Jerusalem nur angeschnitten. Herzog Christoph entschuldigt dies damit, dass diese Orte und Ablässe im anderen büchlein(,) das mehrest in copey bracht(,) notiert wären 262 . Damit dies in Zukunft andere fromme Pilger nutzen könnten. 232 Thomas Lang <?page no="233"?> 263 Das Motiv ist ein konfessionelles und wird von Spalatin gleich mitgeliefert: Es seien ehrliche Leute gewesen und sie hätten, wenn sie schon das Gotteswort gehabt hätten, anders gehandelt; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25, fol. 10v. 264 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 17r. 265 LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 17-v. 266 Vgl. unter der Abrechnung an Zechinen und dem Sonntag dem Vorabend Johannes Baptiste (23. Juni) 1493: 2 doc ins closter zu Bethlahem geben; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5511, fol. 22r. 267 Sonnabent zu nacht umb zwolff da schlug Er Heinrich von Schawmberg unsern gned(igs)ten hern hertzogen Fridrich zu Sachssen und churfurst etc. zu ritter(,) dann er vormals auch zum heiligen grabe und zu sant Katherina gewest was und das er vormals da was(,) zu ritter geschlagen wurden(,) und darnach schlug sein gnad die andern hochgebornen fursten und graven hern und edeleut, die sich dann wulten schlagen lassen(,) der dann etlich und [Lücke] was; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 17v-18r; vgl. ebd., Reg. O 25, fol. 20r; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 84. G R U N D I G / K L O T S C H , Nachrichten (wie Anm. 66), S. 182 haben hier anstatt der Lücke: Edelleute, die sich denn wollten schlagen lassen, deren denn manche waren. Die Ursache für dieser lückenhafte Schilderung mag sein, dass Georg Spalatin und sein Vorlagenschreiber - entgegen ihren Beteuerungen - in den Reisebe‐ richt eingriffen 263 . Sie kürzten den älteren Reisebericht im evangelischen Sinne, indem sie die Besuche an den Heiligen Orten sowie die erworbenen Ablässe aus den Beschreibungen entfernten. Der Ankündigung, dass am Tag nach dem Eintreffen in Jerusalem die Führung zu den heiligen stett(,) die umb Jerusalem seindt, erfolgen würde, schließt sich nach zwei Heilsorten die summarische Bemerkung an: und sunst vil mer heyliger stette wie fur gaben die zceit, mit vil ablas und vorgebung pein und schuldt wie dan der gebrauch was(,) da der Romisch und bebstisch ablas noch galt  264 . Dazu ergänzt Spalatin mit eigener Hand unten und oben im Seitenumbruch: und sonst allerley nach irer gewonheit die zeit(,) do der Romisch ablas vil gewissen und hertzen vorfureth; als nemlich im closter zwischen Hierusalem und Bethleem. Im closter zu Bethleem  265 . Ebenjener Besuch in Bethlehem fehlt jedoch in Trautmanns ‚Pilgramsbuch‘, obwohl der Aufenthalt der Reisegruppe auch mit der Zahlung für Messen im dortigen Kloster belegt ist 266 . Hingegen ist das ‚Pilgramsbuch‘ bei der Ritterweihe am Heiligen Grab auskunftsfreudiger als Spalatins Reisebericht. Nach der Mitteilung, dass sich Kurfürst Friedrich von Heinrich von Schaumburg zum Ritter des Grabes schla‐ gen ließ und darauf alle zu Rittern schlug, die das wollten, ist sowohl im Konzept wie in der Reinschrift eine Lücke gelassen 267 . Lediglich Hans Hundts Auslagen für den Kurfürsten belegen, dass dieser nicht nur für seinen Ritterschlag am Heiligen Grab sechs Gulden zahlte, sondern auch für Anarg von Wildenfels, Caspar Spedt und Sebastian Mistelbach je vier Gulden auslegte 268 . Die Pilgerliste „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 233 <?page no="234"?> 268 R ÖH R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 56f.; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5511, fol. 19v, 20r. 269 T R A U T M A N N , Abenteuer 1853 (wie Anm. 43), S.-417. 270 Das Konzept des von Spalatin kolportierten Reiseberichts bietet für die Tage vom 2. bis 5. Juli 1493: Da beleitten uns die heyden weg [von Jerusalem] und ritten bis schier um mitternacht(,) do lagerten wir uns eyn stund oder zwo nyder(,) bis die heyden(,) die uns beleitten(,) hatten gessen, dann ir gewonheit ist(,) das sie den hew moneth ire vaste halten und nicht eher esßen(,) sie sehen dann die stern am himel; da sie gessen hatten, erhuben wir uns wider und ritten gen Rama (,) da wir vorgewest waren; da wir dar kamen mit der / fol. 18v/ sunnen aufgang auf den mittwochen(,) und blieben den tag da bis auf den dornstag umb neuen. Da erhuben wir uns wider und kamen umb eins nach mittage gen Gaffa [= Jaffa] an das meer, als liessen sie uns nach der gallehe als balt fahren; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 18r-v; vgl. ebd., Reg. O 25, fol. 20v; vgl. N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 84f. Das Rechnungsbuch Hans Hundts führt verstreut als Ausgaben für diesen Ruhetag zu Rama an: [erster Aufenthalt am 25. Juni 1493] 12 doc fur 12 heidnische gulden zu Roma; […] [zweiter Aufenthalt am 3./ 4. Juli] 2 doc m(ein) g(nädige) h(err) bey Pfeffinger zu Roma geschickt; 3 doc m(ein) g(nädiger) h(err) zu Roma hat sein gnad fur ein heusocken [=Mantel] geb(e)n; 494 doc 1 gr dem patron uf dem heiligen lande zu Jherusalem und Roma uber die vorige 500 doc geantwort; […] [nachträglich am 10. Juli auf Zypern] 4 m doctor Stoltz m(einem) g(nädigsten) h(errn) zu Romo geliehen(,) habe ich im zalt; […] [nachträglich am 24. Juli führt zudem weitere Begleiter an, die, wie erwähnt, den Rittertitel in Jerusalem erwarben. Hier ist nun die Nachricht im ‚Pilgramsbuch‘ vollständiger: Und heute schlug einer wol bekannt Heinrich von Schauenburg, so vor uns in Jerusalem und zum ritter geschlagen was, Fridericum meins Schwähers sohn zu ritter und schlug der wieder selbs Ir fünf zu rittern. Item es ist einer bei uns, namens Georg Kötzel von Nürnberg, deß Vater die fäll unsers herrn und heilands bis golgatha abgemessen hat auf schritt läng  269 . Und damit überführt sich Trautmann selbst der Fälschung nicht nur des ‚Sluder-Briefs‘, sondern auch des ‚Pilgramsbuchs‘. Denn, wie bereits oben mit der Pilgerbrüder-Rechnung bewiesen, war nicht Georg Ketzel, sondern Wolf Ketzel auf der Galee subtil des Kurfürsten Friedrich ins Heilige Land gereist. Die geschwätzige Ergänzung Trautmanns zum Ritterschlag mit der Erwähnung Georg Ketzels sollte dazu dienen, eine Verbindung zwischen dem ‚Sluder-Brief ‘ und dem ‚Pilgramsbuch‘ herzustellen und somit beide authenti‐ scher erscheinen zu lassen. Genau das Gegenteil hat er damit bewirkt. Somit ist auch der dritte und letzte Beweis erbracht, dass es sich bei Trautmanns ‚Pilgramsbuch‘ und dem ‚Sluder-Brief ‘ um Fälschungen handelt. Wir müssen nun nicht einmal mehr die komplett irrwitzigen Schilderungen des Kampfes Herzog Christophs gegen Dutzende Gegner analysieren und im Detail zeigen, dass jegliche Spuren für dieses Ereignis und den daraus gewöhn‐ licherweise resultierenden Folgen in sämtlichen anderen Quellen fehlen 270 . Es 234 Thomas Lang <?page no="235"?> auf Rhodos] 10 doc doctor Stoltz fur 10 heidnische guld(en) zu Roma außgeben(,) habe ich ym zalt eod(em) die; […] [nachträglich am 30. Juli zwischen Rhodos und Kreta] 5 m Cesar Pflug m(einem) g(nedigsten) h(ern) zu Roma geliehen(,) habe ich im eod(em) die zalt; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5511, fol. 19v, 20v, 24r; R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 56f., 60. Wie hier oben deutlich geworden ist, hätte ein solcher Kampf unmittelbare Folgen für die Pilger gehabt. Sie wären spätestens in Jaffa daran gehindert worden, dass Pilgerschiff zu besteigen. Vermutlich wäre die gesamte Gruppe wegen Verletzung des Geleitsbriefs in die Sklaverei geführt worden. Der Kurfürst hätte Unsummen für die Auslösung entrichten müssen und nicht nur die zweite Hälfte der Zahlung an den Patron für die Rückreise. Zum Vergleich: Das Auslösen von neun Pilgern hatte 1494 mit 270 Gulden zu Buche geschlagen und der Patron der zweiten Pilgergruppe von 1493 hatte gegenüber Lobkowitz angegeben, dass er über 1.000 Gulden zusätzlich wegen der Gerüchte über die Bekehrung von Einheimischen hätte ausgeben müssen; vgl. R ÖH R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S.-287; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-87. handelt sich bei der Rettungsaktion nur um den Höhepunkt der literarischen Fiktionen Trautmanns, die schon beim Reitkamel, dem Ross und dem Schwert des bayerischen Herzogs begannen und sich in den Begegnungen mit dem Scheich und den armenischen Bischöfen fortsetzten. 7 Fritz Trautmann als bayerischer Karl May Sowohl beim Brief des Andres Sluder wie beim ‚Pilgramsbuch‘ aus der Hand Herzog Christophs handelt es sich um literarische Fiktion, die sich an kurz zuvor erschienenen Reiseberichten orientierten. Die in Trautmanns erster Ausgabe der Abenteuer Herzogs Christoph von Bayern als vermeintlich authentische Quellen zur Pilgerreise des Herzogs an der Seite Kurfürst Friedrichs von Sachsen eingeführten Kapitel waren ursprünglich wohl als Stilvarianten gedacht. Sie erhielten jedoch durch die Zugabe authentischer Quellen und eines historischen Anhangs in der Neuausgabe des Abenteuerbuches von 1880 einen vermeint‐ lichen Quellencharakter. Mit Trautmanns Nachricht an die Pilgerfahrt-Spezia‐ listen Reinhold Röhricht und Heinrich Meisner 1883 über eine authentisch scheinende Provenienz, der zugleich die Nachricht über die Vernichtung des ‚Pilgramsbuches‘ und ‚Sluder-Briefes‘ beigefügt ist, muss man Trautmann eine Fälschungsabsicht unterstellen. Der Nimbus des hofnahen Kunsthistorikers Trautmann hat dazu beigetragen, dass seine als Quellen ausgegebene Romankapitel den Eingang in historische Nachschlagewerke fanden und bis heute als authentische Quellen zitiert wer‐ den. Seit über hundert Jahren wird mehr oder weniger vergeblich darauf hingewiesen, dass es sich beim sogenannten ‚Sluder-Brief ‘ um eine Fälschung „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 235 <?page no="236"?> handelt. Seit den Arbeiten von Armin Kunz von 1996 kann man dies als eindeutig belegt ansehen. Seit 2000 verdichtet sich auch die Kritik am ‚Pilgramsbuch‘. Dem Versuch, die Fälschung des ‚Pilgramsbuches‘ zu beweisen, wirkte er‐ schwerend entgegen, dass mehrere Reiseberichte der Reisegesellschaft Herzog Christophs und Kurfürst Friedrichs falsch zugeordnet worden sind. Sie stamm‐ ten zum Teil von 1494 oder aber aus dem zweiten Pilgerschiff, welches das Heilige Land erst erreichte, als der bayerische Herzog und sächsische Kurfürst schon wieder auf dem Rückweg waren. Sie scheiden damit als direkte Quellen aus. Zahlreiche Anachronismen machten schon zuvor deutlich, dass die Pilgerliste in Trautmanns ‚Sluder-Brief ‘ und auch der Brief selbst vermutlich gefälscht waren: Warum trugen die Ritter vom Heiligen Grab schon jene Titel, die sie erst im Heiligen Land erwerben sollten? Warum führte Heinrich von Bünau schon 1493 einen Spitznamen, den er erst einem Turnierunfall von 1495 verdankte? Wieso sollte Georg Spalatin in seiner Pilgerliste ausgerechnet seinen Freund Lucas Cranach d. Ä. vergessen, während nur der Brief des Andres Sluder diesen als Teilnehmer der Pilgerfahrt nennt? Diese Zweifel kann man erweitern um die Fragen: Warum besitzen einige der Mitreisenden bei Sluder im Unterschied zu Spalatin Vornamen, die nachweislich falsch sind? Warum führt Hans Hundt den Titel des Landvogts, den er erst 1496 erhielt? Die Antwort auf die ersten zwei und die letzte Frage lautet, dass Trautmann die Liste aus den zwei Jahre zuvor edierten Vorlagen Georg Spalatins kopierte und dabei übersah, dass Georg Spalatin aus seiner Perspektive, über 40 Jahre nach der Fahrt, berichtete, und so dessen Anachronismen in den ‚Sluder-Brief ‘ übernahm, der angeblich vor der Abreise der Pilger erstellt worden sei. Der eindeutige Beleg, dass Trautmann sich an den älteren Editionen bediente, bieten ein Abschreibfehler und eine irrige Namensergänzung Georg Spalatins, die der Romanautor natürlich übernahm. Sowohl die alte Edition von Sebastian Müller in den Sächsischen Haus-Annalen von 1700 wie auch die Edition von Gotthold Neudecker und Ludwig Preller von 1851 nennen in ihrer Pilgerliste irrigerweise Caspar Pflug statt des mitgereisten Cäsar Pflug. Cäsar ist nicht nur in den Rechnungen Hans Hundts und einer bisher übersehenen Pilgerbrü‐ derliste als Teilnehmer der Reise nachzuweisen, sondern steht auch in den handschriftlichen Vorlagen Georg Spalatins an der Stelle, wo die Editionen Caspar Pflug lesen. Trautmann hat den Irrtum der Editoren übernommen und damit einen deutlichen Hinweis geliefert, dass seine Liste abgeschrieben ist. Noch verhängnisvoller ist der zweite Fehler der Editionen, bei dem diese Georg Spalatins Vorlage folgen: Spalatin hatte irrig angenommen, dass Georg Ketzel mit dem Kurfürsten ins Heilige Land gereist war und diesen in die - wie 236 Thomas Lang <?page no="237"?> gezeigt - von ihm aktualisierte Pilgerliste aufgenommen. Spalatin kannte Georg als Kontaktmann des Hofes in Nürnberg und wusste, dass dieser nach Jerusalem gezogen war, nur: Georg Ketzel hatte Herzog Heinrichs von Sachsen 1498 nach Palästina begleitet. Hingegen belegt die neu vorgestellte Pilgerbrüder-Rechnung nun unwiderleglich, dass Wolf Ketzel statt Georg 1493 diese Reise unternahm. Trautmann indes hatte die Nachricht über die Reise Georg Ketzels in seinem ‚Sluder-Brief ‘ weitläufig ausgeschmückt und Georg dann sogar im ‚Pilgrams‐ buch‘ erwähnt. Trautmann lässt Herzog Christoph nach der Darstellung des Ritterschlags am Heiligen Grab in Jerusalem auch über den angeblich mitge‐ reisten Georg Ketzel und dessen Vater berichten. Was von Trautmann wohl als verstärkende Verschränkung der beiden von ihm verfassten Quellen gedacht war, belegt nun eindeutig die Fälschung beider Quellen. Damit wird auch klar, woher die zahlreichen Ungereimtheiten in seinen ‚Pilgramsbuch‘ stammen und wieso Herzog Christoph über Pferde, Kamele und Waffen verfügte, obwohl er unbewaffnet auf einem Esel reiten sollte. Wieso er zudem ungestraft und folgenlos Dutzende mamlukische Wachen erschlagen konnte, während anderen Pilgern schon laut geäußerte Eroberungsfantasien, Gerüchte über Bekehrung von Einheimischen oder Ohrfeigen gegen muslimi‐ sche Peiniger zum Verhängnis wurden: Es handelt sich beim ‚Pilgramsbuch‘ um ein Kapitel in einem Abenteuerroman! In Zukunft sollten die von Trautmann kolportierten Quellen nicht anders als ein Karl May-Roman gelesen werden. „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 237 <?page no="238"?> 271 Die Edition richtet sich nach LATh-HStA Weimar, EGA, Reg Bb 5514; fast wortgleiche Varianten sind unter ebd., Reg. Bb 5512 und ebd., Reg. Bb 5513 zu finden. Hier ist nur die Reg. Bb 5513 abgeglichen worden. Lediglich wenn die Namen stark abweichen, ist diese Form in den Anmerkungen ebenfalls angegeben. 272 Die LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. 5513, fol. 1r hat hier: Meins genedigsten hern unnd der bruder rechnung uf der reis zum heyligen lanndt. Ganz offensichtlich war die Kopie Reg. Bb 5514 für einen der mitreisenden Fürsten als Beleg gedacht. 273 Fehlt in Reg. Bb 5513. Editorischer Anhang: Meins gnädigsten Herrn Rechnung auf dem Heiligen Land - Pilgerbrüder-Rechnung Hans Hundts 271 Rechnung d(er) bruder uf dem heiligenn lanndt  272 Einame unnd ausgabe LanndgraveIn  273 / fol. 2r/ - Abb. 13: Titel und erstes Blatt von Hans Hundts Pilgerbrüderrechnung 1493. Rechnung mein Hansenn Hunds aller einame und ausgabe(,) so ich von meins genedigstenn herrn unnd der bruder wegen(,) die mit sein furstlichen gnaden von Venedig aus zum heiligen grabe und her wider gezcogenn seindt(,) entpfangen und ausgeben habe im 93 jare / fol. 3r/ 238 Thomas Lang <?page no="239"?> 274 Die genannten 21 Personen decken sich mit der Zahlung von 50 Gulden pro Person. In der zweiten Zahlung entrichtet der Kurfürst rechnerisch sogar 20 Dukaten für 25 Personen, demnach also für 24 Diener. Diese Bediensteten erscheinen zum großen Teil in anderen Pilgerlisten und Rechnungen. Am deutlichsten wird die Gruppe, als der Kurfürst beim Betreten des Heiligen Landes seine Diener mit Zehrgeld ausstattete: (1) der Stiftsherr Siegmund Pflug, (2) der Ritter Heinrich von Schaumburg, (3) der Hofjurist Dr. Matthias Bestoltz aus Aachen (doctor Stoltzen; vgl. Anm. 323), (4) der Leibarzt Martin Pollich aus Mellrichstadt (doctor Mellerstad), (5) der Beichtvater und Franziskaner Jakob (bruder guardian), (6) der Bruder Zschöpperitz (bruder Schopritz), (7) der Einrösser Anarg von Wildenfels (bel. 1486-1516), (8) der Amtmann zu Weida Ritter Heinrich Mönch (bel. 1480-1507), (9) der Amtmann zu Jena Hans Mönch (bel. 1487-1522), (10) der Hofadlige Casper Spät/ Spedt (bel. 1486-1531), (11) der Einrösser Sebastian von Mistelbach (bel. 1487-1519), (12) der Türknecht Hans Hundt zu Altenstein von Wenkheim (bel. 1487-1504? ), (13) Veit Krah nach 1491 am Hof (evtl. Kammerknecht Veit Gruhl), (14) der Einrösser Reimprecht Hundt (bel. 1490-1517, Hundlein), (15) der Bote Fritz (vmtl. Schmagel, bel. 1488-1500), (16) der Koch Meister Claus (bel. 1483-1500), (17) der Mundkoch Meister Michel (bel. 1491-1525), (18) der Koch Hans (bel. 1493-1497), (19) Kammerknecht und Jenaer Schösser Michel Dommatzsch (bel. 1493-1495), (20) der Schmied Hans Hesse (bel. 1491-1518), (21) der Barbier Heintz (bel. 1486-1499), (22) der Hofnarr Hans Winckelbauer aus Straubing (bel. 1487-1527), (23) der Hofmaler Cuntz zu Leipzig (1483-1500); vgl. LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5511, fol. 10r. Als letzter fehlender Diener käme Melchior Adelman (bel. 1487-1495) in Frage, der vor und nach der Reise als Adilman mit mehreren Berittenen am Hof belegt ist und daher nicht mit dem verstorbenen Marx Adelman identisch sein kann. Vgl. zu den Personen u. a. das Gefolge auf dem Reichstag zu Nürnberg 1487: S E Y B O T H , Reichstagsakten (wie Anm. 179), S. 656, Nr. 500; die Opfergeld-, Sold-, Gewand- und Beschiedlisten von 1487, 1490, 1492: LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4138, fol. 123v-138v; Ebd., Reg. Bb 4142, fol.-168r-176v; ebd., Reg. Bb 4146, fol. 68v-69v, 74r-87v. 275 Nach dem Gedicht von Hans Schneider handelt es sich bei den zwei Begleitern Herzog Christophs um den Koch Hans und den Knecht Marx Adelmann; R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Pilgerreisen (wie Anm. 34), S. 304, 306 f.; vgl. die Nachricht über Adelmanns versterben; R ÖH R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S.-290. 276 Philipp zu Anhalt, Fürst zu Anhalt (1466-1500), von 1490 bis 1496 mit sieben bis acht Pferden als Adliger am ernestinisch-sächsischen Hof nachgewiesen, trägt 1495 in Worms die 1. Lehnfahne des Kurfürsten, 1496 im Gefolge des Kurfürsten auf der Leipzig Hochzeit, 1500 erringt auf der Torgauer Fürstenhochzeit den ersten Preis im Gesellenstechen und tritt auch sonst häufig in Turnieren für und gegen die sächsischen Fürsten an; vgl. u. a. Carl August Hugo B U R K H A R D T , Die Vermählung des Herzogs Einname hungrisch gulden [= ungarische Gulden] • 1.050 doc von meins genedigsten hern wegen entpfang(e)n fur sein gnadt und seiner gnaden diener uf 21 person  274 eingelegt • 150 doc von meinem genedigen hern herzog Cristof empfangen uf drei person 275 • 150 doc von dem von Anhalt 276 uf drei person entpfangen, dinstags nach Jubilate [30. April 1493, Treviso] „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 239 <?page no="240"?> Johann von Sachsen 1.-5. März 1500, in: Neues Archiv für sächsische Geschichte und Altertumskunde 15 (1894), S. 283-298, hier S. 288; Erich H A E N E L , Der sächsischen Kurfürsten Turnierbücher in ihren hervorragendsten Darstellungen auf vierzig Tafeln, Frankfurt a. M. 1910, S. 11, Nr. 7, S. 12, Nr. 15, S. 13, Nr. 18, S. 15, Nr. 34, S. 17, Nr. 55, S. 20, Nr. 71, S. 21, Nr. 77; Heinz A N G E R M E I E R , Deutsche Reichstagsakten. Mittlere Reihe. Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Band 5: Reichstag zu Worms 1495, Bd. 1: Akten, Urkunden und Korrespondenzen, 2 Bde., Göttingen 1981, S. 1155, Nr. 1594, S. 1695f., Nr. 1855; Gerrit D E U T S C H L Ä N D E R , Unter mächtigen Fürsten. Die Fürsten von Anhalt und ihr Verhältnis zu Hohenzollern und Wettinern um 1500, in: Atelier. Vorbild, Austausch, Konkurrenz. Höfe und Residenzen in der gegenseitigen Wahrnehmung, hg. von Anna Paulina O R L O W S K A / Werner P A R A V I C I N I / Jörg W E T T L A U F E R (Mitteilungen der Residenzen-Kommission Sonderheft 12) Kiel 2009, S. 9-19, S. 12. Belegt in den Pilgerlisten bei N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-103. 277 Heinrich X. , Graf zu Stolberg, Herr zu Wernigerode (1467-1508), Zwillingsbruder von Botho von Stolberg, von 1486 bis 1493 mit sieben Berittenen am ernestinisch-sächsi‐ schen Hof nachgewiesen, in dessen Gefolge u. a. auf den Reichstagen in Nürnberg 1487, 1491 und auf der Torgauer Hochzeit 1500, 1504 im Aufgebot nach Hessen, von 1506 bis 1508 albertinischer Statthalter in Friesland; Botho Graf zu S T O L B E R G -W E R N I G E R O R D E , (Bearb.), Regesta Stolbergica. Quellensammlung zur Geschichte der Grafen von Stolberg im Mittelalter, hg. von Georg Adalbert von M Ü L V E R S T E D T , Magdeburg 1885, Nr. 2670, S.-1505f.; H A E N E L , Turnierbücher (wie Anm. 275), S. 11, Nr. 8, S. 13, Nr. 23, S. 14, Nr. 27, S. 15, Nr. 35, S. 19, Nr. 73, S. 23, Nr. 98. Belegt in den Pilgerlisten bei N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-103. 278 Adam, Graf und Herr von Beichlingen (1465-1538), Prokurator des Landgrafen Wilhelm III. von Thüringen in Rom, 1490 bis 1493 als Adliger mit fünf bis sechs Pferden am ernestinisch-sächsischen Hof, 1509 bis 1535 Richter am Reichskammergericht, 1535 bis 1537 Magdeburgischer Hofmeister; H A E N E L , Turnierbücher (wie Anm. 275), S. 12, Nr. 13, S. 14, Nr. 29, S. 27, Nr. 123; Michael S C H O L Z , Residenz, Hof und Verwaltung der Erzbischöfe von Magdeburg in Halle in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts (Residenzenforschung 7), Sigmaringen 1998, S. 329; Uwe S C H I R M E R , Untersuchungen zur Herrschaftspraxis der Kurfürsten und Herzöge von Sachsen. Institutionen und Funktionseliten (1485-1513), in: Hochadelige Herrschaft im mitteldeutschen Raum (1200-1600). Formen - Legitimation - Repräsentation, hg. von Jörg R O G G E / Uwe S C H I R ‐ M E R (Quellen und Forschungen zur sächsischen Geschichte 23), Leipzig/ Stuttgart 2003, S. 305-378, S. 344. Belegt in den Pilgerlisten bei N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 103. 279 Balthasar II., Graf von Schwarzburg, Herr zu Schwarzburg, Königsee und Langewie‐ sen (1453-1525), 1487 bis 1492 Adliger und 1493 bis 1513 als Rat und Gesandter am ernestinisch-sächsischen Hof nachgewiesen, 1514/ 15 Rat bei Herzog Johann in Weimar; vgl. u. a. Karl Eduard F Ö R S T E M A N N , Auszüge aus den Hofstaats-Rechnungen des Herzogs Johann zu Sachsen von 1513-1518, in: Neue Mitteilungen aus dem Gebiet historisch-antiquarischer Forschungen 5 (1841) 4, S. 33-76, S. 59f., 63, 67; Carl August • 200 doc von dem von Stolberg 277 uf 4 person entpfang(e)n • 100 doc von dem von Beichlingen 278 uf zcbbn p(er)son empfang(en)n • 100 doc von grave Baltazarnn 279 uf zcbbn person empfang(en)n 240 Thomas Lang <?page no="241"?> Hugo B U R K H A R D T , Das tolle Jahr zu Erfurt und seine Folgen 1509-1523, in: Archiv für Sächsische Geschichte 12 (1874), S. 337-426, hier S. 380, 394; Hans V I R C K , Die Ernestiner und Herzog Georg von 1500 bis 1508, in: Neues Archiv für Sächsische Geschichte 30 (1909), S. 1-75, hier S. 37, 41, 54; H A E N E L , Turnierbücher (wie Anm. 275), S. 15, Nr. 40, S. 16, Nr. 42; Andreas M E I N H A R D I , Über die Lage, die Schönheit und den Ruhm der hochberühmten herrlichen Stadt Albioris, gemeinhin Wittenberg genannt. Ein Dialog, herausgegeben für diejenigen, die ihre Lehrzeit in den edlen Wissenschaften beginnen, aus dem Lateinischen. Übersetzung, Einleitung und Anmerkungen von Martin Treu, Leipzig 1986, S. 86; S C H I R M E R , Herrschaftspraxis (wie Anm. 277), S. 344. Belegt in den Pilgerlisten bei N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S.-90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-103. 280 Anselm/ Anshelm von Tettau zu Mechelsgrün und Zschockau (bel. 1460 bis 1534), Sohn des Apel von Tettau, 1477 Studium in Leipzig, 1486 bis 1491 belegt im Gefolge des Kurfürsten neben Albrecht und Asmus von Tettau, 1496 bis mindestens 1519 sitzt er als Ritter Oberhofgericht, 1499 bis 1508 fungiert er als Berghauptmann auf dem Schneeberg, um 1511/ 12 als Rat des Kurfürsten, von 1516 bis mindestens 1525 am Hof Herzog Johanns mit vier Berittenen als Rat tätig, nimmt im Bauernkrieg im Gefolge Kurfürst Johanns an der Belagerung Mühlhausens und dem Scharmützel vor Meiningen teil; vgl. u. a. F Ö R S T E M A N N , Hofstaatsrechnungen (wie Anm. 278), S. 76; R A A B , Regesten (wie Anm. 37), Bd. 2, S. 34, Nr. 113, S. 44, Nr. 144; H A E N E L , Turnierbücher (wie Anm. 275), S. 19, Nr. 65, 67, 68, S. 20, Nr. 69; S C H I R M E R , Herrschaftspraxis (wie Anm. 277), S. 375f.; H E S S E , Amtsträger (wie Anm. 218), S. 601, Nr. 2047; Julia K A H L E Y ẞ , Die Kirchenrechnungen der Zwickauer Kirche St. Marien (1441-1534). Edition und Analyse ausgewählter Rechnungen (Bausteine aus dem Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde 34), Dresden 2016, S. 26, 28 f.; M Ü N N I C H , Adel (wie Anm. 216), S. 1066, Anm. 1695. 281 Hans Sack zu Mühldorf (bel. 1490 bis min. 1521), seit 1491 als Adliger mit zwei Berittenen am Hof nachgewiesen, 1495 in Worms, 1496 in Leipzig, 1500 und 1513 bei den Torgauer Hochzeiten im Gefolge des Kurfürsten belegt, 1524/ 25 ein N. Sack am Lochauer Hoflager des Kurfürsten, 1525 nimmt er im Bauernkrieg im Gefolge Kurfürst Johanns an der Belagerung Mühlhausens und dem Scharmützel vor Meiningen teil; vgl. u. a. Karl Heinrich Friedrich Chlodwig von R E I T Z E N S T E I N , Archivalische Mittheilungen 2: Verzeichnis der von Kurfürst Friedrich und Johann, Herzögen zu Sachsen, zum Reichstage nach Worms 1521 aufgebotenen Grafen, Herren und Ritter (Aus dem Gemeinschaftlichen Hauptarchiv in Weimar), in: Zeitschrift des Vereins für thüringische Geschichte und Altertumskunde 4 (1860/ 61), S. 138-144, hier S. 140; S C H I R M E R , Herrschaftspraxis (wie Anm. 277), S. 348; Curt R A A B , Regesten zur Orts- und Familiengeschichte des Vogtlandes 1: 1350-1485 (Beilage zu den Mitteilungen des Altertumsvereins Plauen i. V. 13), Plauen 1893/ 94, S. 256, Nr. 1061. Belegt in den Pilgerlisten von Spalatin und Lobkowitz; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S.-90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-103. 282 Ulrich genannt Utz vom Ende zu Arnshaugk (bel. 1487 bis min. 1528), 1487 bis 1495 als Adeliger am kurfürstlich-sächsischen Hof mit zwei bis drei Berittenen nachgewiesen, 1488 im Aufgebot des Kurfürsten in die Niederlande, u. a. 1487 und 1491 im Gefolge • 50 doc von Anshelm von Tettaw 280 entpfangen • 50 doc von Hans Sack 281 entpfangen • 50 doc von Utzen vom Endt 282 entpfangen „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 241 <?page no="242"?> des Kurfürsten auf den Reichstagen in Nürnberg belegt, 1495 führt er in Worms die elfte Lehnfahne des Kurfürsten, 1495 Hochzeit mit Unterstützung des Kurfürsten, 1496 auf der Leipziger Fürstenhochzeit, 1496 bis 1498 fungiert er als Amtmann auf der Wartburg zu Eisenach, 1499 bis 1501 Amtmann auf der Dornburg, 1500 und 1513 auf den Hochzeiten in Torgau und 1520/ 21 im Gefolge des Kurfürsten in Worms belegt; A N G E R M E I E R , Reichstagsakten (wie Anm. 275), S. 1155, Nr. 1594, S. 1695f., Nr. 1855; S C H I R M E R , Herrschaftspraxis (wie Anm. 277), S. 344; H E S S E , Amtsträger (wie Anm. 218), S. 683. Belegt in den Pilgerlisten und Rechnungen bei R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 62, 78; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S.-90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-104. 283 Marckart von Amendorf zu Pouch (bel. 1486-1513), 1486 bis 1488 Adliger mit zwei Berittenen am kurfürstlich-sächsischen Hof und auf dem Reichstag zu Frankfurt nachgewiesen, 1513 auf der Torgauer Hochzeit als einer der Fürstentischdiener. Belegt in den Pilgerlisten und Rechnungen bei R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 63; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-104. 284 Anthonius von Rosenau (bel. 1509-1522), mindestens 1509 bis 1522 Amtmann/ Amts‐ pächter zu Neuhaus (Föritztal) mit vier Pferden und Richter zu Coburg tätig, 1496 im Gefolge des Kurfürsten auf der Leipziger Hochzeit und 1500 auf der Torgauer Hochzeit sowie 1520/ 21 auf dem Wormser Reichstag nachgewiesen; vgl. u. a. F Ö R S T E M A N N , Hofstaatsrechnungen (wie Anm. 278), S. 76; LATh-HStA Weimar, EGA, Kopialbuch F 38, fol. 205r (Amtsverschreibung). Fehlt in Spalatins Pilgerliste, ist bei Lobkowitz genannt: H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-104. 285 Wilhelm von Greuss (bel. 1490 bis 1515), 1490/ 91 Einrösser und 1492 bis 1496 Adliger mit zwei Berittenen am kurfürstlich-sächsischen Hof nachgewiesen, 1494 reist er im Gefolge des Kurfürsten in den Niederlanden, 1495 in dessen Gefolge bei der Belehnung in Worms, 1498 in Innsbruck beim Gesellenstechen, evtl. im Gefolge des Kurfürsten, 1512/ 15 bei Turnieren am bayerischen und königlichen Hof belegt; vgl. u. a. Hans-Helmut P Ö S C H K O , Turniere in Mittel- und Süddeutschland von 1400 bis 1550. Katalog der Kampfspiele und der Teilnehmer, Diss. phil., Stuttgart 1987, S. 149, 305. Fehlt in der Pilgerliste bei Spalatin, ist aber evtl. identisch mit dem in der Pilgerliste von Lobkowitz genannten Wylem von Grayzham; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-104. 286 Degenhart Pfeffinger zu Salberskirchen bzw. Salmannskirchen und Zangberg (1471- 1519), Erbmarschall von Niederbayern, 1491 bis 1495 Adliger mit zwei Berittenen am kurfürstlich-sächsischen Hof nachgewiesen, 1494 mit dem Kurfürsten in den Niederlanden, 1495 belegt bei dessen Belehnung in Worms, 1496 bis 1513 Türknecht und Vertrauter des Kurfürsten, also solcher in dessen direktem Umfeld unterwegs u. a. 1497/ 98 in Süddeutschland, Österreich, Freiburg im Breisgau und Feldzug nach Burgund und Brabant, ebenso 1501 in Nürnberg, 1509 in Worms, 1510 in Augsburg, fungiert von 1513 bis 1519 Kämmerer, war häufig mit diplomatischen Missionen am Kaiserhof und in Süddeutschland betraut, etwa 1515 Hochzeit mit Erntraut von Seiboltstorff, 1515 bis 1519 errichtet er mit Unterstützung des Kurfürsten ein palastartiges Anwesen • 50 doc von Marckart von Amendorf 283 entpfangen • 50 doc von Anthon(ius) von Rosenaw 284 entpfangen [neu] • 50 doc von Wilhelm von Grews 285 entpfangen [neu] • 50 doc von Degenhart Pfeffinger 286 entpfangen 242 Thomas Lang <?page no="243"?> in Torgau gegenüber der Pfarrkirche; vgl. u. a. M E I N H A R D I , Dialogus (wie Anm. 278), S.-88f.; S C H I R M E R , Herrschaftspraxis (wie Anm. 277), S.-345; Enno B Ü N Z , Die Heiltums‐ sammlung des Degenhart Pfeffinger, in: „Ich armer sundiger mensch“: Heiligen- und Reliquienkult am Übergang zum konfessionellen Zeitalter, hg. von Andreas Tacke (Schriftenreihe der Stiftung Moritzburg 2), Göttingen 2006, S. 125-169; Uwe S C H I R M E R , Kursächsische Staatsfinanzen (1456-1656). Strukturen - Verfassung - Funktionseliten (Quellen und Forschungen zur sächsischen Geschichte 28), Stuttgart 2006, S. 271 f, 280, 331; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Gg 2215 (Nachlass mit Hausinventar). In den Rechnungen und Listen der Pilgerreise belegt bei N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90, 160 f.; R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 48, 56, 58, 62; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-104 (Degenhart z Phefynku). 287 Freiherr Heinrich XII., Herr von Gera und Herr zu Schleiz (1438-1500), 1481 kaiserlicher Rat, 1492 bis 1495 als Adliger mit sechs Berittenen am kurfürstlich-sächsischen Hof nachgewiesen, 1495 bei der Belehnung des Kurfürsten in Worms belegt; A N G E R M E I E R , Reichstagsakten (wie Anm. 275), S. 1155, Nr. 1594, S. 1695f, Nr. 1855. In den Rechnungen und Listen der Pilgerreise belegt bei N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90; R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 76, 88, 98-100; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-103. 288 Heinrich von Bünau zu Teuchern und Gröbitz (vor 1462-vor Nov. 1506), genannt Steltzner (ab 1495) und Goldener Ritter, 1476/ 77 Studium in Erfurt und Leipzig, 1480 Bakkalar der Artes in Leipzig, 1484 Studium in Ingolstadt mit Heinrich von Schleinitz (s. u.), 1486 bis 1488 unter den kurfürstlich-sächsischen Räten genannt, 1494/ 95 erlernt Griechisch, Aufnahme in die Sodalitas litteraria Rhenana, 1492 bis 1498 als Rat am Hof nachgewiesen, mit dem Hof u. a. 1494 in den Niederlanden unterwegs, 1495 führte bei der Belehnung in Worms die sechste Lehnfahne des Kurfürsten, erlitt dort seine Turnierverletzung, 1494 bis 1497 als Beisitzer am Oberhofgericht für die Albertiner belegt, 1496 vmtl. auf der Leipziger Hochzeit (mehrere Heinrich von Bünaus gleichzeitig am Hof), 1497/ 98 in Süddeutschland, Österreich und in Freiburg im Breisgau mit dem Hof, 1502 bis 1505 am Hof und als Rat bei Verhandlungen belegt, 1501 bis 1507 ein Ritter Heinrich von Bünau für die Ernestiner als Beisitzer am Oberhofgericht; vgl. u. a. B A U C H , Bünau (wie Anm. 190), S. 41-62; A N G E R M E I E R , Reichstagsakten (wie Anm. 275), S. 1155, Nr. 1594, S. 1695f., Nr. 1855; Dieter S T I E V E R M A N N , Friedrich der Weise und seine Universität, in: Attempto - oder wie gründe ich eine Universität. Die Universitätsgrün‐ dungen der sogenannten zweiten Gründungswelle im Vergleich, hg. von Söhnke Lorenz (Contubernium. Tübinger Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte 50), Stuttgart 1999, S. 175-207, hier S. 194; S C H I R M E R , Herrschaftspraxis (wie Anm. 277), S. 351; Thomas L A N G / Anke N E U G E B A U E R , Die Leucorea, Wittenberg und das Reich: eine Universitätsgründung und ihr kulturelles, personelles und politisches Umfeld, in: Das ernestinische Wittenberg: Die Leucorea und ihre Räume, hg. von Heiner L Ü C K et. al. (Wittenberg-Forschungen 4), Petersberg 2017, S. 11-52, hier S. 27; M Ü N N I C H , Adel (wie Anm. 216), S.-563-565, Nr.-205. In den Rechnungen und Listen der Pilgerreise der Reise von Spalatin und Lobkowitz belegt, hat vor der Reise in Venedig 30 doc beim Kurfürsten geliehen; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 34, 90; R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 47, 57, 61, 65, 71, 82, • 100 doc der von Gera 287 uf zbbu p(er)son eingelegt • 50 doc von Heinrichvon Bunaw 288 entpfangen „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 243 <?page no="244"?> 86; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 103; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4149, fol. 7v. 289 Hans von Meusebach zu Schwerstedt und zu Bottelstedt (bel. 1487-1525), 1490 bis 1493 als Adliger mit zwei Pferden am kurfürstlich-sächsischen Hof nachgewiesen, 1500 und 1513 auf den Torgauer Hochzeiten und 1520/ 21 im Gefolge des Kurfürsten in Worms belegt; vgl. u. a. R E I T Z E N S T E I N , Verzeichnis (wie Anm. 280), S. 141 S C H I R M E R , Herrschaftspraxis (wie Anm. 277), S. 347. Ist belegt in den Pilgerlisten von Lobkowitz und Spalatin: N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90 (Hans von Meißbach); H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 104 (Hanuss von Mayzbach). 290 Cunz von Rosenberg (bel. 1487-1493), trat auf dem Reichstag zu Nürnberg 1487 im Stechen gegen Sixtus von Seckendorf an, sonst nicht weiter in Quellen des sächsischen Hofes belegt; FB Gotha, Chart. B 55, fol. 24r. Ausscheiden aus der Reisegruppe des Kurfürsten auf Korfu am 15. August 1493 mit geplanter Reise über Neapel nach Rom, verstarb nach der Rückkehr vom Heiligen Land und ist den Pilgerlisten von Lobkowitz und Spalatin belegt; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 87, 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 103 (Kuncz von Rozmbergk); R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 55; R Ö H R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S.-294. 291 Seifried Holzschucher (bel. 1493-1498), vermutlich aus der Nürnberger Patrizierfamilie Holzschuher von Harrlach stammend, ist sonst nicht am sächsischen Hof belegt; tritt 1498 in einem Scharfrennen zu Nürnberg gegen Heinrich Baumgartner an; P Ö S C H K O , Turniere (wie Anm. 284), S.-152. Fehlt in den Pilgerlisten von Spalatin und Lobkowitz. 292 Georg/ Jörg von Hopfgarten zu Hopfgarten und Mülverstedt, ab 1500 Herr zu Haineck (bel. 1486-1516), 1486 bis 1488 als Hofadliger mit vier Pferden am kurfürstlich-sächsischen Hof nachgewiesen, 1494 im Gefolge des Kurfürsten in den Niederlanden und 1497 mit fünf Berittenen in dessen Gefolge in Süddeutschland und 1499 am Weimarer Hoflager belegt, 1500 und 1513 auf der Torgauer Hochzeit, 1512 auf der Freiberger Hochzeit, 1520/ 21 im kurfürstlichen Gefolge in Worms zu finden; S C H I R M E R , Herrschaftspraxis (wie Anm. 277), S. 347, 358. Ist auf den Pilgerlisten von Lobkowitz und Spalatins genannt, hat auf der Rückreise der Pilgerfahrt dem Kurfürsten eine Goldkette für 53 Gulden verkauft und über 100 Gulden zum Spiel geliehen; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5511 fol. 50r; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 87, 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 103 (Girzik z Hoffgarthu); R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S.-53, 74. 293 Wilhelm von Harras auf Oßmannstedt (bel. 1493-1496), aus dem thüringischen Adels‐ geschlecht, das auch den albertinischen Untermarschall Dietrich von Harras stellte, stammend, vor der Reise ist Wilhelm nicht am kurfürstlich-sächsischen Hof belegt, 1495 bei der Belehnung des sächsischen Kurfürsten zu Worms führt er als H. Wilhalm von Hartal Ritter die zehnte Lehnfahne, 1496 als Sohn Ulrichs von Harras im Gefolge des Kurfürsten auf der Leipziger Hochzeit nachgewiesen; vgl. u. a. A N G E R M E I E R , • 50 doc von Hans von Meußbach  289 entpfangen • 50 doc von Cuntz von Rosenberg 290 entpfangen • 50 doc von Seifrid Holtzschacher 291 entpfangen [neu] / fol. 3v/ • 50 doc von Jorg von Hopfgarten 292 entpfangen • 100 doc von Wilhelm von Harras 293 uf 2 p(er)son entpfangen [neu] 244 Thomas Lang <?page no="245"?> Reichstagsakten (wie Anm. 275), S. 1155, Nr. 1594, S. 1695f., Nr. 1855. Wilhelm in der Pilgerliste Spalatins, ist aber bei Lobkowitz genannt; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-104 (Wylem z Harasu). 294 Jobst von Feilitzsch, vmtl. auf Treuen (1428-1511), 1485 als Turnierteilnehmer in Ansbach belegt, hat 1491 in Nürnberg vom Kurfürsten Leibgedinge-Brief für sein Frau Else ausstellten lassen, 1493 zu Venedig Geld an den Kurfürsten geliehen, um 1512 postumes Portrait mit Hl. Petrus auf Altarflügel von Lucas Cranach d. Ä. angefertigt; CDA ID, PRIVATE_NONE-P102b; R A A B , Regesten (wie Anm. 280), Bd. 1, S. 256, Nr. 1062; P Ö S C H K O , Turniere (wie Anm. 284), S. 288. In den Pilgerlisten von Spalatin und Lobkowitz und auf der Rückreise in Venedig und Innsbruck erwähnt; N E U D E C K E R / P R E L ‐ L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 104 (Josst z Ffaylcze); R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S.-75. 295 Cäsar Pflug zu Eythra und Knauthain (um 1450/ 55-1524), Sohn des Leipziger (Amts-)Hauptmanns Nickel Pflug, 1469 Studium in Leipzig und Bologna, von 1488 bis 1524 für die Albertiner im Oberhofgericht sitzend, 1483 bis 1487 als Adliger am kurfürstlich-sächsischen Hof belegt, mit dem Hof in Frankfurt 1486, ab 1499 Leipziger Amtmann, vor 1510 als albertinischer Gesandter beim Deutschen Orden nachgewiesen, fungierte 1510 bis 1524 als albertinischer Rat, in dieser Funktion u. a. 1522 beim Kurfürsten in Lochau, hatte nach 1514 mehrere tausend Gulden an den Herzog verliehen; S C H I R M E R , Herrschaftspraxis (wie Anm. 277), S. 368; S C H I R M E R , Staatsfinanzen (wie Anm. 285), S. 149; K U N Z E , Art. Pflugk (wie Anm. 214); Christoph V O L K M A R , Reform statt Reformation. Die Kirchenpolitik Herzog Georgs von Sachsen 1488-1525 (Spätmittelalter, Humanismus, Reformation 41), Tübingen 2008, S. 95f.; D E R S . Territoriale Funktionseliten, Ständebildung und politische Partizipation im Machtbe‐ reich der Wettiner, in: Der Vertrag von Rippen 1460 und die Anfänge der politischen Partizipation in Schleswig-Holstein im Reich und in Nordeuropa. Ergebnisse einer internationalen Tagung der Abteilung für Regionalgeschichte der CAU zu Kiel vom 5 bis 7. März 2010, hg. von Oliver A U G E / Burkhard B Ü S I N G (Kieler Historische Studien 43; zeit + geschichte 24), Ostfildern 2012, S. 373-385, hier S. 381-383. Mehrmals in den Rechnungsbüchern auf der Reise in Jerusalem, Ramla, Rhodos, Kreta; bei Neudecker und Preller an seiner statt irrig Caspar Pflugk ediert (vgl. oben), korrekt bei Lobkowitz H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 103; R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 60f.; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25, fol. 26v; ebd., Reg. O 25b, fol. 24r. 296 Wilhelm von Einsiedel auf Gnandstein (um 1472-1493), 1476 studiert in Leipzig zusammen mit seinem Bruder Haugold von Einsiedel, 1486 bis 1491 als Adliger mit drei bis vier Berittenen am kurfürstlich-sächsischen Hof nachgewiesen, schon 1486 im Gefolge Kurfürst Ernsts zu Frankfurt belegt, auf der Rückreise vom Heiligen Land in Rhodos erkrankt zurückgelassen und dort verstorben. Erwähnt in den Pilgerlisten von Spalatin und Lobkowitz, der Reisebeschreibung von Zedlitz sowie dem Gedicht von Schneider; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 86f., 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 104 (Wylem z Enzydle); • 50 doc von Jobst von Veiltzsch  294 entpfangen • 150 doc von Cesar Pflugen 295 und Wilhelm von Einsiedel 296 uf drey person entpfangenn [neu, irriger Fehleintrag bei Spalatin] „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 245 <?page no="246"?> R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Pilgerreisen (wie Anm. 34), S. 307; R Ö H R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S.-29. 297 Haugold Pflug (bel. 1483-1505), 1483 bis 1505 als Adliger mit zwei bis fünf Berittenen am kurfürstlich-sächsischen Hof nachgewiesen, im Gefolge der Kurfürsten u. a. auf den Reichstagen 1486 in Frankfurt und 1487 in Nürnberg belegt, 1492 mit Herzog Johann am Königshof in Innsbruck und Tirol unterwegs, 1496 auf der Torgauer Hochzeit und 1497/ 98 in Süddeutschland, Österreich, Freiburg im Breisgau im Gefolge des Hofes belegt, 1500 auf der Torgauer Hochzeit, nahm an zahlreichen Turnieren teil, trat u. a. mehrmals gegen Herzog Johann an; vgl. u. a. H A E N E L , Turnierbücher (wie Anm. 275), S. 19, Nr. 66, S. 20, Nr. 70, S. 20, Nr. 76, S. 21, Nr. 79, 80, S. 22, Nr. 90, 91, S. 23, Nr. 95, S. 24, Nr. 100. In den Pilgerlisten von Spalatin und Lobkowitz genannt. Der mit abgerechnete Knecht Haugolds schlug, wie erwähnt, auf Zypern einen Galioten lahm; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5511, fol. 20v; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 103 (Hangolt Fflug); 298 Dietrich von Schlieben (bel. 1492-1534? ), ist 1492 als Adliger mit vier Berittenen am kurfürstlich-sächsischen Hof belegt. möglicherweise ist er identisch mit dem späteren Preußischen Hofmarschall († 1534); W A L T H E R H U B A T S C H / E R I C H J O A C H I M , Regesta Historico-Diplomatica Ordinis S. Mariae Theutonicorum 1198-1525, Teil I: Index Tabularium Ordinis S. M. Theutonicorum. Regesten zum Ordensarchiv, Bd. I/ 3: 1511-1525, Göttingen 1973, S. 134. Er fehlt in Spalatins Pilgerliste, ist aber in Lobkowitz Liste erwähnt; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 104 (Getrzich z Ssliben). 299 Die Sultzer bzw. Sulzer erscheinen als turnierfähiges Augsburger Geschlecht mit den Vertretern Hans und Dominicus in einem Stechen 1481 zu Augsburg; P Ö S C H K O , Turniere (wie Anm. 284), S. 102. Sulzer fehlt auf den Pilgerlisten von Spalatin und Lobkowitz, Hans Hundts Pilgerbrüder-Rechnung bietet in allen Versionen nur den Nachnamen: Sultzern, Sultzer; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5513, fol. 3r, 4v. 300 Hans Grensing (bel. 1486-1493), verwandt mit dem Amtmann von Dippoldiswalde Balthasar Grensing, 1486 bis 1491 als Einrösser und Adliger drei Pferden am kurfürst‐ lich-sächsischen Hof nachgewiesen, im Gefolge der Kurfürsten auf den Reichstagen 1486 zu Frankfurt und 1491 zu Nürnberg belegt, im engeren Umfeld Herzog Johanns zu verorten, u. a. mehrmals dessen Turniergegner; H A E N E L , Turnierbücher (wie Anm. 275), S. 10, Nr. 2, 4, S. 14, Nr. 25. Grensing ist in den Pilgerlisten von Lobkowitz und Spalatin genannt; er ist auf der Rückreise in Jerusalem erkrankt und auf Rhodos geblieben und dort verstorben; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 104 (Hans zu Gremsgku); N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 86, 90; R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Pilgerreisen (wie Anm. 34), S. 307; R Ö H R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S.-29. 301 Leupoldt von Hermannsgrün (bel. 1493-1521), 1483 als Edelknabe und ab 1486 bis 1493 als Einrösser am kurfürstlich-sächsischen Hof nachgewiesen, mit dem Hof auf den • 100 doc von Hawgolt Pflugen 297 uf zcbbu person entpfang(en) • 50 doc von Dittrich von Slieben 298 entpfangen [neu] • 50 doc von Sultzern 299 entpfangen [neu] • 50 doc von Hansen Grensig 300 entpfangen • 50 doc von Lewpolt von Hermanßgrun 301 entpfang(e)n 246 Thomas Lang <?page no="247"?> Reichstagen 1486 in Frankfurt und 1487 in Nürnberg unterwegs, erfüllt die Funktion eines Türknechts für Herzog Johann, reist mit diesem 1492 nach Tirol und Innsbruck an den Königshof, tritt im Turnier mehrfach gegen den Herzog an, ist nach der Pilgerreise nur noch auf den Hochzeiten zu Torgau 1500 und 1513 belegt; vgl. Theodor von K O L D E , Friedrich der Weise und die Anfänge der Reformation. Eine kirchenhistorische Skizze mit archivalischen Beilagen, Erlangen 1881, S. 46, Nr. V; H A E N E L , Turnierbücher (wie Anm. 275), S. 10, Nr. 3, S. 16, Nr. 44, S. 17, Nr. 53; S C H I R M E R , Herrschaftspraxis (wie Anm. 277), S. 347. Er erscheint auf den Pilgerlisten von Spalatin und Lobkowitz, ist auf der Rückreise in Rhodos bei den erkrankten Wilhelm von Einsiedel und Hans Grensing geblieben und vermutlich mit dem zweiten Pilgerschiff zurückgekehrt, erhält 50 doc an Schiff- und Trankgeld zu Venedig; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 86, 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-104; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4149, fol. 7v. 302 Cuntz von Maltitz zu Elster, ist evtl. identisch mit einem von 1488 bis 1491 am kurfürstlich-sächsischen Hof belegten Edelknaben, der 1492 nach Celle entsandt wurde. Ist in den Pilgerlisten von Spalatin und Lobkowitz genannt, verstarb nach der Rückkehr vom Heiligen Land in Venedig; R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 54, 72; R Ö H R I C H T , Jerusalemfahrt (wie Anm. 38), S. 294; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-104. (Kuncz z Malticz). 303 Hans von Feilitzsch zu Heinersgrün (bel. 1485-1518/ 1525? ), kurz vor der Pilgerfahrt 1491 bei Gesandtschaftsreisen und 1492 als Adliger mit zwei Berittenen am kurfürst‐ lich-sächsischen Hof belegt, ist evtl. identisch mit Hans von Feilitzsch ohne Rittertitel, der 1525 im Bauernkrieg im Gefolge Kurfürst Johanns belegt ist; vgl. LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4146, fol. 84r-v. Feilitzsch erscheint in den Pilgerlisten von Spalatin und Lobkowitz: N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 104 (Hanus z Ffaylcze). 304 Rudolf von der Planitz zu der Planitz, genannt der Alte (bel. 1486-1513), Cousin des Hofrats Hans und Rudolf des Jüngeren von der Planitz zu Wiesenburg, ist vor der Pilgerreise nur 1486 kurzfristig am kurfürstlich-sächsischen Hof belegt, fungierte 1495 bis 1513 als Zwickauer Amtmann sowie 1502 bis 1506 und 1510/ 11 als Werdauer Amtmann, ist 1500 und 1513 auf den Torgauer Hochzeiten belegt; erscheint in den Pilgerlisten von Spalatin und Lobkowitz, blieb auf der Rückreise erkrankt auf Kreta zurück; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 88, 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-103 (Rudolff z Plaunicz). 305 Cunz Metzsch zu Mylau (bel. 1474-1527), 1486 als Hofadliger u. a. bei Turnieren, 1488 mit fünf Pferden im sächsischen Aufgebot in die Niederlande nachgewiesen, im Gefolge des Kurfürsten auf den Hochzeiten 1496 in Leipzig und 1500 bzw. 1513 in Torgau belegt, ab 1507 gelegentlich als kurfürstlicher Rat von Haus aus tätig, ist 1513 bis mindestens 1522 Hofrat Herzog Johanns, in dieser Funktion auf dem Reichstag zu Worms 1520/ 21, erhält ab 1513 von Herzog Johanns ein lebenslanges Gnadengeld, ab 1518 gemeinsam mit Ehefrau Clara Slatenbach; vgl. u. a. F Ö R S T E M A N N , Hofstaatsrechnungen (wie Anm. 278), S. 69; R E I T Z E N S T E I N , Verzeichnis (wie Anm. 280), S. 139; R A A B , Regesten (wie • 50 doc von Cuntz von Maltitz 302 entpfangen • 50 doc von Hans von Veiltzsch 303 entpfangen • 50 doc von Rudolf von der Plawnitz 304 entpfang(en) • 100 doc von Cuntz Metzschen 305 und Jorgen von Zcedwitz  306 enntpfangen „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 247 <?page no="248"?> Anm. 37), Bd. 2 S. 36f., Nr. 119, S. 91, Nr. 323, S. 97f., Nr. 344f.; H A E N E L , Turnierbücher (wie Anm. 275), S. 10, Nr. 1; S C H I R M E R , Herrschaftspraxis (wie Anm. 277), S. 344; D E U T S C H L Ä N D E R , Dienen (wie Anm. 275), S. 236, Anm. 1470. Ist in den Pilgerlisten von Spalatin und Lobkowitz belegt, leiht dem Kurfürsten auf Kreta 200 doc zu 280 fl und erhält selbst dort Geld geliehen und auf der Rückreise zu Nürnberg Stallmiete gestellt; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 103 (Kuncz Metss); R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 61, 88; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4149, fol. 7v. 306 Jörg von Zed(t)witz, evtl. identisch mit dem Einrösser Zebitzer/ Zedtwitz, der 1490/ 91 am kurfürstlich-sächsischen Hof belegt ist, 1509 ist ein Ritter Georg von Zedtwitz mit Dienstgeld vom kurfürstlich-sächsischen Hof versehen; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4198, fol. 163r; ebd., Reg. Bb 4142, fol. 145r. Hier sind zwei abweichende Identifikationen möglich: der Ritter Georg von Zedtwitz († 1515), Sohn des Sittich von Zedtwitz, und andererseits der Raubritter Jorg von Zedtwitz zu Liebenstein/ Libštejn (bel. 1486-1519), Sohn des Linhart von Zedtwitz. Den letztere setzte der Egerer Amtmann 1496 wegen Totschlags am Richter zu Haslau in Acht, 1499 enterbte ihn sogar der Vater, er führte von 1506 bis 1519 eine Fehde gegen die Stadt Eger um die Burg seines Vaters; vgl. Heinrich G R A D L , Regesten der von Zedtwitz, I./ II. Reihe, in: Vierteljahresschrift für Heraldik, Sphragistik und Genealogie 12 (1884), S. 20-72; D E R S ., Regesten der von Zedtwitz, II. Reihe, in: Vierteljahresschrift für Heraldik, Sphragistik und Genealogie 13 (1885), S. 316-363, hier nach Sonderdruck S. 47, Nr. 141, S. 50f., Nr. 158, S. 73f., Nr. 223, S. 77f., Nr. 237-239, S. 80-82, Nr. 244, 246, S. 83f., Nr. 249f., S. 85f., Nr. 256. Als Jorg von Zebitz in Spalatins Pilgerlisten und bei Lobkowitz als Girzik z Czedwicz, Strayczy (streundende Zedtwitz? ); N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 104 (Girzik z Czedwicz, Strayczy). 307 Sigmund von Maltitz, ab 1503 Herr zu Reichstädt (bel. 1472-1524), 1472 verheiratet mit Klara von Schönburg zu Stolberg, um 1480 in der Hofordnung Herzog Albrechts als Frauenhofdiener erwähnt, war von 1480 bis 1486 Amtmann zu Torgau, wechselte darauf an den albertinisch-sächsischen Hof, wo er 1490 bis 1496 als Marschall und Rat belegt ist, bestellte 1492 Bleiden für Torgau in Dresden, 1499 bis 1524 ist er als Amtmann auf dem Schellenberg (heute Moritzburg) nachweisbar, er gilt als Erfinder des Nasspochwerks; Arthur K E R N , Deutsche Hofordnungen des 16. und 17. Jahrhunderts, Bd. 2: Braunschweig, Anhalt, Sachsen, Hessen, Hanau, Baden, Württemberg, Pfalz, Bayern, Brandenburg-Ansbach (Denkmäler der deutschen Kulturgeschichte 2), Berlin 1907, S. 31; S C H I R M E R , Herrschaftspraxis (wie Anm. 277), S. 361f; H E S S E , Amtsträger (wie Anm. 218), S. 682; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5563, fol. 264v (1524). In den Pilgerlisten von Spalatin und Lobkowitz, bei Lobkowitz allerdings nur mit Vornamen genannt, zugleich aber in anderen Rechnungen als Teilnehmer belegt: hat 28 fl im Heiligen Land an den Kurfürsten geliehen; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 104 (Sygmund z N.); LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4149, fol. 7v. 308 Caspar von Zed(t)witz (bel. 1481-1496? ), vmtl. einer der Söhne von Sittich von Zedtwitz († 1492), 1481 ein Caspar von Zedtwitz auf einem Heidelberger Turnier (unsicher • 50 doc von Sigmundt von Maltitz 307 entpfangen • 50 doc von Caspar von Zcedwitz 308 empfangen 248 Thomas Lang <?page no="249"?> da bei Rüxner belegt), ist evtl. identisch mit dem Einrösser Zebitzer/ Zedtwitz, der 1490/ 91 am kurfürstlich-sächsischen Hof belegt ist; vgl. u. a. G R A D L , Regesten (wie Anm. 305), S. 48-50, Nr. 148f., Nr. 157; P Ö S C H K O , Turniere (wie Anm. 284), S. 477; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90 (Caspar von Zebitz); H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-104 (Casspar z Czedwicz, Strayczy). 309 Götz von Seinsheim (bel. 1484-1493, Gottzen von Seinsßheim, Gotz vonn Senßheim), sonst nicht im Umfeld des sächsischen Hofes belegt; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5513, fol. 3r, 4r. Die Senßheim ordnet Pöschko dem jüngeren Grafengeschlecht der Seinsheim zu, jedoch existierten noch die älteren Linien zu Hohenkottenheim und Wässerndorf. Götz von Seinsheim ist 1484 auf einem Turnier zu Stuttgart belegt (unsicher da von Rüxner); P Ö S C H K O , Turniere (wie Anm. 284), S. 428. Seinsheim fehlt in der Pilgerliste Spalatins, ist jedoch bei Lobkowitz verballhornt als Gotcz z Haynshaymu zu finden; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-103r. 310 Herr Hans von Schwarzenberg (1463-1528), ist sonst nicht am sächsischen Hof belegt, jedoch 1501 bis 1522 am Bamberger Bischofshof und 1526/ 27 am Preußischen Hof aktiv; vgl. u. a. Jan H I R S C H B I E G E L , Nahbeziehung bei Hof - Manifestationen des Vertrauens. Karrieren in reichsfürstlichen Diensten am Ende des Mittelalters (Norm und Struktur 44), Köln/ Weimar/ Wien 2015, S. 254-263. Erscheint in beiden Pilgerlisten und ist in den Rechnungen erwähnt, scheidet auf der Rückreise in Korfu am 15. August 1493 von der Pilgergruppe, um über Neapel nach Rom zu reisen; soll auf dem Weg Opfergelder für den Kurfürsten in Loreto überbringen; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 88, 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 103r (Pan Hanuss z Sswarczenbergku): R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S.-61f. 311 Jakob I. von Fraunhofen (bel. 1487-1508), Sohn des Theseres III. von Fraunhofen, hat keine weiteren Beziehungen zum sächsischen Hof, ist 1487 bis 1508 Hauptmann in Burghausen (Oberbayern), 1501 bis 1503 Pfleger in Neumarkt (Oberbayern), 1508 Herr zu Schwindegg; vgl. Ernest G E Iẞ , Die Reihenfolgen der Gerichts- und Verwaltungs‐ beamten Altbayerns: nach ihrem urkundlichen Vorkommen vom XIII. Jahrhundert bis zum Jahre 1803: 1. Abt.: Oberbayern, München 1865, S. 39 (irrig Wilhelm von Fraunhofen), und S. 100. Ist in den Pilgerlisten von Spalatin und Lobkowitz genannt, scheidet auf der Rückreise in Korfu am 15. August 1493 von der Pilgergruppe, um über Neapel nach Rom zu reisen; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 88 (Jacob von Fronhofen), 90 (Jacob von Franhofen); H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-103r (Jakub z Ffrawenhoffu). 312 Wolf von Weißenbach zu Schönfels (um 1470 bis 1535), nach der Pilgerreise erst 1500 mit der Torgauer Hochzeit wieder im Umfeld des Hofes nachgewiesen, fungierte darauf 1507 bis 1535 kurfürstlich-sächsischer Rat zum Teil von Haus bzw. Amt aus, in dieser Funktion 1509/ 10 Gesandter beim Kaiser und auf dem Reichstag zu Augsburg, auch auf der Hochzeit in Torgau und auf dem Reichstag in Worms 1520/ 21 belegt, fungierte 1507 bis 1515 und 1535/ 36 als Besitzer und Ritter im Oberhofgericht und 1509 bis 1514 als Amtmann zu Altenburg, dann von 1514 bis 1524 als Amtmann zu Zwickau und mindestens 1530 bis 1533 auch zu Werdau, ist 1529 als Rat im Kriegsfall für das • 50 doc von Gotzen von Senßheim 309 entpfangen [neu] • 50 doc von Er Hansen von Swartzb(er)g 310 entpfangen • 50 doc von Jacof von Frawenhoven 311 entpfangen • 50 doc von Wolf von Weißbach 312 entpfangen „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 249 <?page no="250"?> Vogtland bestimmt worden; vgl. u. a. F Ö R S T E M A N N , Hofstaatsrechnungen (wie Anm. 278), S. 35, 37, 42, 46-48, 59, 68; Georg M E N T Z , Johann Friedrich der Großmütige 1503-1554, Erster Teil: Johann Friedrich bis zu seinem Regierungsantritt 1503-1532 (Beiträge zur neueren Geschichte Thüringens 1), Jena 1908, Bd. 1, S. 126f., Nr. 17; H E S S E , Amtsträger (wie Anm. 218), S. 685; S C H I R M E R , Herrschaftspraxis (wie Anm. 277), S. 344; S C H I R M E R , Staatsfinanzen (wie Anm. 285), S. 320. In den Pilgerlisten von Spalatin und Lobkowitz und den Rechnungen auf Rückreise in Nürnberg erwähnt; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S.-90 (Wolf von); H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 103 (Wolff z Weysenbachu). R ÖH R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 88, Anm. 393 behaupten irrig: „Spalatin nennt ihn Marquard von W.“ Sie scheinen dabei wohl in der Zeile verrutscht zu sein, in der Edition wie in den Weimarer Versionen erscheint Wolff von Weyssepach Ritter oder Wolff von Weissenbach Ritter als erster unter den Vogtländern; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 23v; ebd., Reg. O 25, fol. 26v. In der Edition der Liste von G R U N D I G / K L O T S C H , Nachrichten (wie Anm. 66), S. 192f. und damit vermutlich auch in der Gothaer Abschrift fehlt hingegen Wolf von Weißenbach. 313 Heinrich von Schleinitz aus Seerhausen († 1527), Abt des Chemnitzer Benediktiner‐ klosters 1483 bis 1522, studierte 1479 zusammen mit Haubold von Einsiedel in Leipzig und 1484 in Ingolstadt, gilt als Humanist und stellte eine Klosterbibliothek von 600 Büchern zusammen; vgl. u. a. M Ü N N I C H , Adel (wie Anm. 216), S. 960, Nr. 1425. Schleinitz ist in Pilgerlisten von Spalatin und Lobkowitz nur mit der Funktion als Chemnitzer Abt und bei Spalatin zusätzlich mit Nachnamen erwähnt; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4147, fol. 171r; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 103 (Opat z Kameniczkeho klasstera). 314 Magnus vom Hayn/ vom Hain (evtl. auch von Hagen), ist zuvor nicht am Hof belegt; er ist in den Pilgerlisten von Spalatin und Lobkowitz genannt; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spa‐ latins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90 (zween von Hayn, einer heißt Magnus); H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 104 (Magnus z Haynu). Beim dem in den Pilgerlisten genannten zweiten vom Hayn könnte es sich um Markus/ Marx vom Hain handeln, der 1474 bis 1482 Amtmann von Saalfeld und 1483 bis 1488 als Amtmann zu Roßla und in dieser Funktion 1486 als Diener am kurfürstlich-sächsischen Frauenhof zu Roßla nachgewiesen ist, 1487 reiste er als Stellvertreter des Kurfürsten zur Erbhuldigung nach Hessen (Erbverbrüderung), er kehrte zur Fastnacht 1493 aus den Niederlanden nach Torgau zurück; H E S S E , Amtsträger (wie Anm. 218), S. 667; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4138, fol. 39r; ebd., Reg. Bb 5129, fol. 94v. 315 Lorentz von Krosigk/ Crossig († 1534), ab 1487 Herr zu Alsleben, ab 1522 Herr zu Beesen, war verheiratet mit Catharina von Hoym; vgl. u. a. Rudolf von K R O S I G K , Nachrichten zur Geschichte des Dynasten- und Freiherren-Geschlechts von Krosigk, zusammengestellt aus Urkunden, autentischen Schriftstellern, Archiv- und Familien-Nachrichten, Berlin Summa aller einname gemeiner doc 3.600 doc thut rh(einisch) 4.950 guld(en) / fol. 4r/ Einname doc de zcecko [= venezianische Zechinen] • 150 doc vom Abt von Kemnitz 313 entpfangen auf 3 p(er)son • 200 doc von Magnus vom Hayn 314 und Krosig 315 auf 4 p(er)son entpfangenn 250 Thomas Lang <?page no="251"?> 1856, S. 47, 90. Er ist in der Pilgerliste von Lobkowitz als Lorencz z Krorzikrozn genannt, erscheint auch bei der zweiten Zahlungsrate in der Pilgerbrüder-Rechnung mit Vornamen (Lorentz von Krosig), bei Spalatin ist nur der Nachname Crossig genannt; vgl. N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S.-104. 316 Antoni Ebner, entstammte der Nürnberger Patrizierfamilie Ebner, die ab 1508 Herren von Eschenbach waren. Ein Antonius Ebner ist als Teilnehmer am Nürnberger Fast‐ nachtsturnier 1454 belegt; P Ö S C H K O , Turniere (wie Anm. 284), S. 68, 279. Er fehlt sonst in den Pilgerlisten auch eine zweite Zahlung ist nicht belegt. Er hat möglicherweise das Pilgerschiff früher verlassen. 317 Asmus Lemiger/ Leminger ist vermutlich identisch mit jenem Leminger, der erstmals zusammen mit Adilmann am 23. November (Clementi) 1492 mit vier Pferden am kurfürstlich-sächsischen Hof belegt ist und an Weihnachten 1492 Opfergeld vor die edillute erhielt; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4146, fol. 84r-v. Während in der Pilgerbrüder-Rechnung die Lesung Lennger oder Lemmger möglich wäre, ist dieser jedoch in Hans Hundts Rechnungsbuch auf der Reise eindeutig als Lemiger/ Leminger zu erkennen, so leiht er dem Kurfürsten in Venedig und auf Kreta Geld; R ÖH R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 46, 60; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5511, fol. 6v, 24r; ebd., Reg. Bb 5513, fol. 4r, 5r; ebd., Reg. Bb 5514, fol. 4r-v. Möglicherweise entstammt er der fränkischen Söldnerfamilie um Wilhelm und Heinz Leminger, die in den 1440er und 1450er Jahren zu Nürnberg als berittene Knechte dienten und Ende der 1450er als Stadtdiener und Einwohner belegt sind; Karl H E G E L (Bearb.): Die Chroniken der fränkischen Städte. Nürnberg, zweiter Band, hg. von der Historischen Commission bei der Königlichen Academie der Wissenschaften, Leipzig 1864, S. 80, 260, 490, 496; vgl. zu Heinz Leminger u. a. Staatsarchiv Nürnberg, Reichsstadt Nürnberg, Losungamt, 35 neue Laden, Urkunde 1182 (1443); ebd., Urkunde 1203 (1456); ebd., Urkunde 3322 (1459). 318 Wolf Ketzel/ Kötzel aus Nürnberg (1472-1544), Patrizier und Bannerträger der Stadt Nürnberg, zieht 1515 wegen Streitigkeiten nach Würzburg, 1517 vom Nürnberger Stadtrat ausgeschlossen; vgl. die Artikel zu Portraitmünze Wolf Ketzels von 1525 in den Beständen des Nürnbergischen Nationalmuseums: www.objektkatalog.gnm.de/ objekt / Med271; letzter Zugriff: 2025-03-10. Spalatin nennt ihn irrig Georg Ketzel, der erst 1498 eine Pilgerreise unternahm (s. o.); LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5513, fol. 4r, 5r; ebd., Reg. Bb 5514, fol. 4r, 5r; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S.-90. 319 Die Summe würde für 25 Personen also den Fürsten und 24 Diener sprechen, so dass weitere drei Personen hinzugekommen sein könnten. Vgl. dazu die Anm. 274. • 25 doc [! ] von Anthony Ebner 316 entpfangen [neu] • 50 doc von Aßmus Lemiger 317 uf ein person entpfang(e)n [neu] • 50 doc von Wolf Ketzel 318 entpfangen sontags vor Johan(n)is [23. Juni 1493, Jaffa] [neu, irriger Fehleintrag in den Editionen] • 500 doc von meinem g(nädigsten) h(errn) entpfangen für seine gnadt und seiner gnaden diener  319 • 60 doc von meinem g(nädigen) h(errn) herzog Cristof entpfang(e)n • 40 doc der von Anhalt 320 „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 251 <?page no="252"?> 320 Zahlt in der ersten Sammlung noch für drei Personen, hier nur für zwei. Vgl. die folgende Anmerkung und die Ausgabe mit dem Vermerk eines zurückgelassenen Begleiters Hans von Eberstein. Die dort gegengerechnete Ausgabe dürfte jedoch in der Einnahme nicht gekürzt sein. 321 Georg Wurmb möglicherweise aus der Linie von Heichelheim aus dem weit verzweig‐ ten Adelsgeschlecht ist im Gegensatz zu Valentin und Balthasar Wurmb (1458-1526) sonst nicht am sächsischen Hof belegt. Er fehlt bei der ersten Zahlung der Pilger und ist möglicherweise einer der Begleiter Philipps von Anhalt, der in der ersten Sammlung mit drei und der zweiten Sammlung mit zwei Personen berechnet ist. In der Pilgerliste von Spalatin ist er genannt, laut diesem blieb er bei dem erkrankten Zedwitz auf Kreta (um den 4. August 1493) zurück; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S.-88, 90. Er fehlt in der Liste von Lobkowitz. • 80 doc der von Stolbergk • 40 doc der von Beichlingen • 40 doc grave Baltazar von Swartzb(ur)g • 40 doc der von Gera • 20 doc Er Hans von Swartzb(er)g • 20 doc Jacof von Frawenhoven • 20 doc Gotz von Senßheim • 20 doc Hanns Sack • 20 doc Cuntz von Rosenberg • 60 doc der apt von Kemnitz • 40 doc Cesar Pflugk • 40 doc Hawgolt Pflug • 20 doc Wilhelm von Einsiedel • 20 doc Jorg von Hopfgarten / fol. 4v/ • 40 doc Wilhelm von Harras • 20 doc Hans Grensing • 20 doc Lewpolt von Hermanßgrun • 20 doc Dittrich von Slieben • 20 doc Jobst von Veiltzsch • 20 doc Sultzer • 20 doc Seifridt Holtzschacher • 20 doc Hans von Veiltzsch • 20 doc Utz vom Ende • 20 doc Marckart von Amendorf • 20 doc Anthoni(us) von Rosenaw • 20 doc Georg Wurm 321 • 20 doc Sigmund von Maltitz • 80 doc Lorentz von Krosig und Magnus vom Hayn uf vier person 252 Thomas Lang <?page no="253"?> 322 Lucas Gassner scheint, wie Neudecker und Preller vermuten, ein Kontaktmann zur venezianischen banco di Ser Andrea di Garzoni zu sein, bei welcher der Kurfürst am 11. April 1493 10.000 Zechinen entlieh; R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Pilgerreisen (wie Anm. 34), S. 509; vgl. R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 41f., 44, 46, 52, 54. Seine Auslagen in Venedig hat Gassner zum größten Teil erst nach der Rückkehr des Kurfürsten von Hans Leimbach aus der Rentkasse - neben einem kleinen Geschenk - erstattet erhalten. Vgl. die Ausgabe zu Venedig und Innsbruck von Exaudi (19. Mai) 1493 und Exaudi (11. Mai) 1494: 893 ßo 17 gr hat der rentmeyster zu Venedig Laucas Gassner zcallt fur mein g(nädigs)t(en) hrn, das er fur sein gnade lawt seiner rech(nung) an 1.856 duc 14 pern(e)r als das stuckweyß ußgeben verz(e)ch(n)et ist an 2.552 rh fl 15 gr; 3 ßo 51 gr an 11 rh fl Laucas Gassner zcallt fur ein pallas hatt er ufschrift mein g(nädigs)t(en) h(er)rn sein gnaden gein Yspruck gesant fur 8 duc; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4150, fol. 87r; vgl. ebd., Reg. Bb 4149, fol. 157r (Variante). 323 Der Jurist Dr. Matthias Bestoltz aus Aachen (bel. 1492-1506), hatte 1470 bis 1476 in Basel und 1479 in Löwen studiert, ist 1493 bis 1506 als kurfürstlich-sächsischer Rat und Gelehrter Beisitzer im Oberhofgericht belegt und erscheint spätestens 1494 bis 1505 mit drei Pferden am Hof, 1496 ist er im Gefolge des Kurfürsten auf der Leipziger Hochzeit und 1497 auf der Reise in den Königsdienst in Süddeutschland und Österreich nachzuweisen; vgl. u. a. RAG-ID: ngUK0P779Us59jqQoT9jgSgT. Er erscheint in den Pilgerlisten von Spalatin und Lobkowitz und ist durchgängig in den Rechnungen • 20 doc Hans von Meusebach • 20 doc Rudolf von der Plawnitz • 20 doc Anßhelm von Tettaw • 20 doc Cuntz Metzsch • 20 doc Wolf von Weißbach • 20 doc Aßmus Lennger • 20 doc Wilhelm von Greus • 20 doc Caspar von Zcedwitz • 20 doc Degenhart Pfeffinger / fol. 5r/ • 20 doc Heinrich von Bunaw • 20 doc Jorg von Zcedwitz • 20 doc Wolf Ketzelh • 20 doc Cuntz von Maltitz [4r] Summa aller einame doc de zcecko thut 2.175 doc thut reinisch 3.045 guld(en) Summarum aller einame 7.995 guld(en) / fol. 6r/ Ausgabe von meins genedigsten hern und der bruder wegen gemein doc • 1.000 doc dem patron durch Lucas Gaßner 322 und doctor Stolczen 323 geantbbert dornnstag assumpc(i)o(nis) d(omi)ni [16. Mai 1493, Venedig] „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 253 <?page no="254"?> nachgewiesen. Als einer der Begleiter, die im direkten Umfeld des Kurfürsten zu verorten sind, zahlte der Kurfürst für ihn die Einlage in die Pilgerbrüder-Rechnung und wird u. a. beim Betreten des Heiligen Landes mit Zehrgeld bedacht; H A S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 103; R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S.-46, 48, 51, 53 f, 56, 58-60, 62, 77, 79, 81, 91 f. 324 Als Hanuss z Ebrsstaynu bei Lobkowitz und als Philipp von Ewerstein bei Spalatin; H A ‐ S I Š T E J N S K Ý Z L O B K O V I C / S T R E J Č E K , Putování (wie Anm. 120), S. 104; N E U D E C K E R / P R E L L E R , Spalatins Nachlass (wie Anm. 4), S. 90; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25, fol. 27r (Philipp von Ewerstein); ebd., Reg. O 25b, fol. 24r (Philipp von Ewerstein). Er stammt vermutlich nicht aus dem fränkischen Grafen- und Freiherrengeschlecht von Eberstein, da er als Gefolgsmann Philipp von Anhalts und ohne Grafentitel erwähnt wird. 325 Ambrosius führte die laufenden Ausgaben für die Pilgerbrüder auf der Reise ins Heilige Land aus diesen Zuweisungen Hans Hundts. Er wird auf der Reise auch mit Auslagen für den Kurfürsten auf Rhodos und Kreta, in Methoni, in Durazzo und auf Lesina (Hvar), in Poreč, Venedig und Treviso erwähnt; R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 36), S. 50, 55 f., 58. Den Namen Ambrosius führen im sächsischen Hofumfeld zu dieser Zeit nur der Jessener Geleitsmann Brosius Henigk (bel. 1492-1497) und der spätere Armenprokurator Ambrosius Maler aus Leipzig (bel. 1488-1512), der 1488 noch als Geleitsmann zu Leipzig fungierte. Letzterer würde jedoch mit seinem Bakkalarstitel genannt sein; vgl. H E S S E , Amtsträger (wie Anm. 218), S. 600; Friedrich Albert von L A N G E N N , Herzog Albrecht der Beherzte. Stammvater des königlichen Hauses Sachsen. Eine Darstellung aus der der sächsischen Regenten-, Staats- und Cultur-Geschichte des XV. Jahrhunderts, großentheils aus archivalischen Quellen von Dr. F. A. von Langenn königlich sächsischen geheimen Rathe, Ritter des Civilverdienst-Ordens, Leipzig 1838, S.-564 • 600 doc dem patron von der bruder wegen durch doctor Stolczen unnd Lucas Gaßner geantbbert sontag exaudi [19. Mai 1493, Venedig] • 298 doc 12 gr hat Lucas Gasner in der banck unnd sunst von m(einem) g(nädigen) h(errn) und der bruder wegen, lauts seiner zcettel zcalt und mir zu geschriben, des ich yn in rechnung entnomen • 25 doc habe ich dem von Anhalt als Eberstein 324 zu Korfun kranck ligenn bleib, an seinem eingelegten gelde wider geben nach zu las m(einem) g(nädigen) h(errn) und der bruder [7./ 8. Juni1493, Korfu] • 798 doc hab ich Ambrosius 325 zu Venedig und von Venedig aus biß an das heilig landt und wider bis gein Rodis nach laut seiner hantschrift geantbbert, als auch Ambrosius uf freitag nach Jacobi berechent hat zu Rodis [26. Juli 1493, Rhodos] • 400 doc hab ich dem patron gebenn aus bevelh meins genedigsten hernn unnd der bruder sonobent nach Egidi [7. September 1493, Treviso] • 10 doc 6 m Schalko uf zcbbei meneth solt und anders, so er uf der galleen von m(eines) g(nädigen) h(errn) und der bruder wegenn ausgeben, hat im Leimbach 326 betzalt unnd mir zugeschriben, des ich yn entnomen / fol. 6v/ 254 Thomas Lang <?page no="255"?> 326 Hans von Leimbach aus Colditz (um 1445-1513), Sächsischer Zehnt- und Rentmeister und Leipziger Kaufmann; S C H I R M E R , Staatsfinanzen (wie Anm. 285), S.-281-283. 327 Dr. Siegmund Pflug zu Lamperswalde (um 1455/ 60-1510), Domherr zu Meißen, 1476- 1478 studierte in Leipzig, vor 1486 Dr. decr., war seit 1486 Domherr zu Meißen und Merseburg, 1488 Domherr zu Magdeburg, 1506 Dompropst zu Merseburg, 1507 Dompropst zu Meißen, 1509 Kanoniker zu Bautzen; M Ü N N I C H , Adel (wie Anm. 216), S. 899f., Nr. 1209; S C H I R M E R , Staatsfinanzen (wie Anm. 285), S. 159, 221. Wie oben erwähnt im Gefolge des Kurfürsten unterwegs und von diesem mit Zehrgeld für das Heilige Land ausgestattet; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5511, fol. 10r. 328 Er diente demnach der Pilgergruppe als Dolmetscher. • 1 doc Ambrosius an seinem solde aus entpfelh Er Sigmundt Pflugs 327 Leimbach entricht unnd mir zugeschribenn • 44 doc Lucas Gaßner geschriben Ambrosius lauts seiner rechnung zubetzalenn, hat mir Leimbach zugeschr(ieben) Sum(m)a aller ausgabe gemeiner doc 3.176 doc 12 mt 2 ß Thut reinisch 4.368 guld(en) 8 gr 9 d / fol. 7r/ Ausgabe doc de Zcecko [= Zechinen/ Venezianische Dukaten] • 250 Franciso Delli dem trutzschelman  328 , durch Lucas Gaßnern geben mantag nach Exaudi • 1.700 doc dem patron von m(einem) g(nädigen) h(errn) und der bruder wegen zu Gaffa am ancker geantwert, sontag fur Johannes [23. Juni 1493, vor Jaffa] • 494 doc 1 gr dem patron uf dem heiligen lande zu Jherusalem, und Roma uber die vorigen 1.700 doc(,) die ich im uf der galleen geben(,) geantbbert • 265 doc habe ich Ambrosius von Venedig aus bis an das heilig landt unnd wider bis gein Rodis lauts seiner hantschrift geantbbert, als er uf freitag nach Jacobi zu Rodis berechent hat [26. Juli 1493, zu Rhodos] • 20 doc Ambrosius geantbbert sontag nach Jacobi zu Rodis [28. Juli 1493, Rhodos] 65 doc. Ambrosius geantbbert zu Candia sonnobend nach advincula Petri [3. August 1493, Kreta] • 15 doc Ambrosius geantbbert dornstag nach Sixti zu Modun [8. August 1493, Methoni] • 30 doc Ambrosius geantbbert zu Korfun mitwoch nach Laurenti [14. August 1493, Korfu] • 10 doc Ambrosius geantbbert zu Thuracia dinstag nach assumpc(i)o(n)e Marie virginis gloriosissime [20. August 1493, Durazzo] „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise 255 <?page no="256"?> • 11 doc Ambrosisus geantwert zu Rogus am abent Bartholomei [6r] [23. August 1493, Ragusa/ Dubrovnik] / fol. 7v/ • 9 doc Ambrosius geantbbert mantag nach Bartholomei [26. August 1493, auf See zwischen Korcula und Hvar] • 6 doc Ambrosius geantbbert mantag nach Bartholomei [26. August 1493, auf See zwischen Korcula und Hvar] • 15 doc Ambrosius geantbbert zu Lesena dinstag nach Batholomei [27. August 1493, Hvar] • 20 doc Ambrosius geantbbert zu Parentz freitag nach Bartholomei [30. August 1493, Poreč] • 105 doc 23 gr dem patron an dem gelt, das ich yme uf dem heyligen lande unnd in der galleen an den 2.300 doc geantbbert habe(,) uber bliebn(,) dovon hat er dem comito, baron, compendie, galliotten und ander schifs personen lauts seiner uber geben zcettel enticht unnd bezcalt Summa aller ausgabe doc Zcecko 3.016 doc Thut reinisch 4.222 guld(en) 8 gr 3 d / fol. 8r/ Sum(m)a sum(m)arium aller außgabe 8.590 fl 17 gr [7r] So sum(m) der einame von sum(m)a der außgabe gezcogen, laut ditz registers ubertrith die ausgab die einame 595 guld(en) 17 gr bleyben die bruder m(einem) g(nädigen) h(errn) schuldig(,) daran sein gnad nach anzcalh der person ab zu zcihenn geburt 256 Thomas Lang <?page no="257"?> * Der von Eva Heuer 2024 zur Publikation eingereichte Beitrag war eine Synthese aus ihrer Magisterarbeit (vgl. Anm. 3) und den unpublizierten Vorträgen Die (gemeinsame) Heilig Land Fahrt des Kurfürsten Friedrich des Weisen und des Johann von Lobkowitz und Hassenstein im Jahre 1493 ( Jahrestagung in Stade 2020) und Die Nürnberger Pilgertafel und andere realienkundliche Spiegelungen der Reise Friedrichs des Weisen ( Jahrestagung in Aussig 2023). In seinem Umfang eignete er sich nicht zum Abdruck in diesem Band. Deshalb stellte die Verfasserin es Hartmut Kühne als Herausgeber frei, ihre Arbeit zu kürzen und dort zu ergänzen, wo die Forschung inzwischen fortgeschritten war. Insofern handelt es sich bei diesem Beitrag um ein ‚hybrides‘ Projekt, dem vorrangig daran liegt, allen, die sich künftig mit der Gothaer Pilgertafel beschäftigen werden, eine möglichst breite Informationsbasis zur Verfügung zu stellen. Zu danken ist Thomas Lang, Schkeuditz und Bart Holtermann, Göttingen, für ergänzende Hinweise. 1 Es handelt es sich um eine beidseitig bemalte Fichtenholztafel mit den Maßen 68,8 x 78,5 cm, die im Schlossmuseum Gotha unter der Nummer SG 77 inventarisiert wurde. Das Bild wurde u. a. im Rahmen des Reformations 2015 in Torgau ausgestellt (vgl. Luther und die Fürsten. Selbstdarstellung und Selbstverständnis des Herrschers im Zeitalter der Reformation, Katalogband, hg. von Dirk S Y N D R A M / Yvonne W I R T H / Doreen Z E R B E , Dresden, 2015, S. 243, Nr. 167) und bei der in den USA gezeigten Schau „Here I stand …“ (Schätze der Reformation (Katalogband), hg. von Colin B. B A I L E Y et al., Dresden, 2016, S. 120f., Abb. 103, Nr. 103). Zuletzt wurde es 2024 bei der Hallenser Ausstellung „Frührenaissance in Mitteldeutschland“ gezeigt (vgl. Frührenaissance in Mitteldeutschland. Macht. Repräsentation. Frömmigkeit.Katalog, Kunstmuseum Mo‐ ritzburg Halle/ Saale 2024, Dresden 2024, S. 175). Auch in der gerade erschienenen Biographie des sächsischen Kurfürsten illustriert es dessen Pilgerreise: Armin K O H N L E , Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen. Eine Biographie, Leipzig 2024, S. 144 und Farbabb. 8. Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 Eva Heuer in Zusammenarbeit mit Hartmut Kühne* Im Schlossmuseum Gotha befindet sich ein Gemälde, das seit über vierhundert Jahren in eine enge Beziehung zu der Jerusalemreise des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen 1493 gerückt wurde * . In den letzten drei Jahrzehnten wurde die Vorderseite des Werkes mehrfach in der Literatur abgebildet und in Ausstellungen gezeigt, um diese Pilgerfahrt zu illustrieren 1 , galt es doch als <?page no="258"?> 2 Eva H E U E R (geb. Mayer), Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493. Magisterarbeit an der Philosophischen Fakultät I der Fried‐ rich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg 2007. ein Werk, das der fürstliche Pilger anlässlich seiner Palästinareise in Auftrag gegeben haben soll. Abb. 1: Gothaer Pilgertafel, Vorderseite. Das Gemälde war der Gegenstand einer 2007 abgeschlossenen Magisterarbeit, die in diesem Beitrag vorgestellt wird 2 . Die Entstehungsgeschichte dieser Tafel war damals - wie auch noch heute - weitgehend ungeklärt, weshalb hier ver‐ sucht werden soll, die Entstehung, den Bildinhalt und die Rezeption dieser Tafel aufzuhellen. Auch wenn sich die folgende Darstellung inhaltlich an der damals vorgelegten Magisterarbeit orientiert, unterscheidet sich der Beitrag doch im Aufbau von dieser. Im Folgenden wird zunächst ein kritischer Forschungsbe‐ richt zur Überlieferung der Pilgertafel geboten, da in der älteren Literatur viele 258 Eva Heuer <?page no="259"?> 3 Vgl. dazu auch auch Hartmut K Ü H N E , Friedrich der Weise im Heiligen Land: Fakten und Fiktionen, in: Friedrich der Weise. Reichsfürst und Landesherr an einer Zeitenwende, hg. von Enno B Ü N Z / Stefan R H E I N (Schriften der Stiftung Luthergedenkstätten 28), Leipzig 2025, S.-406-428. 4 Die Auffindung aller unveröffentlichten Quellen ist der Forschungsarbeit des Schloss‐ museums in Gotha zu verdanken. Im Folgenden werden die Ergebnisse aus den beiden relevanten Gothaer Ausstellungskatalogen zusammengefügt, kommentiert und ergänzt: Gotteswort und Menschenbild: Werke von Cranach und seinen Zeitgenossen, Katalog zur Ausstellung auf Schloß Friedenstein zu Gotha vom 1. Juni bis 4. September 1994, hg. von den Museen der Stadt Gotha, Gotha 1994, S. 54f., Nr. 1.25; Ernst der Fromme (1601-1675), Bauherr und Sammler, Katalog zum 400. Geburtstag Herzog Ernsts I. von Sachsen-Gotha und Altenburg, aus den Sammlungen der Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha’schen Stiftung für Kunst und Wissenschaft, hg. von Gotha Kultur, Gotha 2001, S.-52, Nr.-1.26. irrtümliche Angaben zu ihr umlaufen, die auch heute noch tradiert werden. Seit dem Abschluss der Magisterarbeit ist die Forschung allerdings weitergegangen, teilweise auch im Rückgriff auf die bislang unpublizierte Arbeit, worauf am Ende des forschungsgeschichtlichen Teils eingegangen wird. In einem zweiten Schritt werden die Bildinhalte sowohl der Vorderals auch der Rückseite detailliert beschrieben, um in die Einzelheiten des Bildes einzuführen. Dabei wird auch auf Quellen zurückgegriffen, die in den Kontext der Reise des sächsischen Kurfürsten gehören bzw. diese illustrieren. Der quellenkritische Teil der Magisterarbeit ist für diese Veröffentlichung nicht berücksichtigt worden, weil er durch den in diesem Band gedruckten Beitrag von Thomas Lang und die Edition des Reiseberichtes des Johann von Lobkowitz auf Hassenstein sowie den zugehörigen Beitrag von Thomas Krzenck teilweise überholt ist 3 . Der abschließende, dritte Teil des Beitrags beschäftigt sich mit den Pilger-Rei‐ seandenken der männlichen Mitglieder der Familie Ketzel, denn die Tafel gehört ganz eindeutigt in den Kontext dieser Nürnberger Händlerfamilie und ihrer speziellen Pilger-Memoria. 1 Kritischer Forschungsbericht zur Gothaer Pilgertafel 1.1 Quellen zur Pilgertafel von 1602 bis 1945 Quellen, die etwas über den Auftraggeber, den ursprünglichen Eigentümer, den Maler oder die Entstehungszeit der Tafel verraten, sind nicht überliefert oder konnten noch nicht gefunden werden. Offensichtlich ist zunächst nur, dass die Abbildung an die Jerusalemreise Friedrichs des Weisen im Jahr 1493 erinnert. Die Pilgertafel befand sich spätestens seit 1644 in Gotha 4 . Die früheste bekannte Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 259 <?page no="260"?> 5 LATh-HStA Weimar, A 551a: Inventar über die Hinterlassenschaft des Herzogs Fried‐ rich Wilhelm I. von Sachsen-Altenburg 1602/ 03, fol. 214 ff., 15ff. 6 Otto P O S S E , Die Wettiner, Genealogie des Gesammthauses Wettin Ernestinischer und Albertinischer Linie mit Einschluss der regierenden Häuser von Grossbritannien, Belgien, Portugal und Bulgarien, hg. von M. K O B U C H , Reprint der Orig.-Ausg. Leipzig, Berlin, Giesecke & Devrient 1897, mit Berichtigungen und Erg. der Stammtafeln bis 1993, Leipzig 1994, Tafel 8. 7 LATh Gotha, Kammer Stadt Gotha, Nr. 469: Inventar des Gothaer Kaufhauses von 1644, Inventarium In der Fürstl. Residenz den 17. Novemb. Anno 1644, fol. 31. 8 Das Kaufhaus befand sich im heutigen Rathausgebäude. Dazu: Ernst der Fromme (1601-1675), Bauherr und Sammler (wie Anm. 4), S.-30. 9 Ebd. 10 Erste Erwähnung der Kunst Cammer 1653 erfolgte in den Kammerrechnungen, Gotha 1653/ 54. Die Kammer war nach einer Grundrisszeichnung des Baumeisters Andreas Rudolph von 1667 im zweiten Obergeschoss des Westturms untergebracht. Dazu: Juliane Ricarda B R A N D S C H , Die Friedensteinische Kunstkammer Herzog Ernst I. des Erwähnung der Tafel findet sich im Inventar über die Hinterlassenschaft des Herzogs Friedrich Wilhelm I. von Sachsen-Weimar (1562-1602) aus den Jahren 1602/ 03: Eine gemahlte Tafel […], daran das churf. Sächs. Wapen, neben Churfürst Friedrichen Biltnuß, Vndt Kniet in einem Küriß, oder gantzen Harnisch abgemahlt, Sambt S. Churf. Gn. Titel vndt Jharzahl AO. 1493  5 . Der Herzog war ein Enkel des Kurfürsten Johann Friedrich I. von Sachsen (1503-1554), welcher wiederum ein Neffe Friedrichs des Weisen war 6 . Die zeitlich nächste Erwähnung folgt 1644 im so genannten Kaufhausinven‐ tar: In Ihrer Fürstl. Gna. der Hertzogin großen Gemach […] 1. Wie Churfürst Fried‐ rich ins gelobte Landt gezogen  7 . Bei der Hertzogin handelt es sich um Elisabeth Sophia von Sachsen-Altenburg (1619-1680), eine Enkelin von Friedrich Wilhelm I. Elisabeth Sophia war seit 1636 mit Ernst dem Frommen von Sachsen-Gotha (1601-1675) verheiratet. Ernst der Fromme war ein Neffe von Friedrich Wilhelm I. von Sachsen-Altenburg, dem bereits erwähnten Großvater von Elisabeth Sophia. Elisabeth Sophia und Ernst der Fromme lebten in den ersten Jahren ihrer Ehe in Weimar. 1640 wurde Ernst Landesherr des neu gebildeten Herzogtums Sachsen-Gotha. Noch im gleichen Jahr zog er mit seiner Familie nach Gotha. Bis zur Fertigstellung der neuen Residenz im Schloss Friedenstein im Jahre 1646 wohnte die herzogliche Familie im Kaufhaus am Markt 8 . Das Kaufhausinventar von 1644 verzeichnet den gesamten damals aus Weimar mitgebrachten Besitz an Gemälden 9 . Die Pilgertafel stammt demnach aus dem Privatbesitz der Herzogin Elisabeth Sophia. 1646 zog die herzogliche Familie in die neuen Herrschaftsräume. In den 1650er Jahren ließ Ernst der Fromme in seinem Residenzschloss eine Kunstkam‐ mer einrichten 10 . Mit der Einrichtung und Verwaltung der Kammer wurde der 260 Eva Heuer <?page no="261"?> Frommen von Sachsen-Gotha und Altenburg (1601-1675), in: Ernst der Fromme (1601- 1675), Bauherr und Sammler (wie Anm. 4), S.-21-29. 11 Schlossmuseum Gotha, Archiv: Inventarium über die Kunst Cammer, aufgerichtet den 29. Februarii 1659 (lt. fol. 42 bis 1672 ergänzt). 12 LATh Gotha, Geheimes Archiv, YY.VIII a Nr. 2/ 9: Inventarium über die Kunst Cammer, 1656, fol. 1, Nr.-22. 13 Schlossmuseum Gotha, Archiv: Inventarium über die Kunst Cammer, aufgerichtet den 29. Februarii 1659, fol. 2, Nr.-15. 14 Schlossmuseum Gotha, Archiv: Inventarium über die Kunst Cammer, 1659, fol. 2, Nr. 15. 15 Ernst der Fromme (1601-1675), Bauherr und Sammler (wie Anm. 4), S.-36. 16 Und somit auch die Gothaer Pilgertafel. Zum Testament Friedrichs I.: B R A N D S C H , Die Friedensteinische Kunstkammer (wie Anm. 10), S.-28f., Anm. 61. 17 B R A N D S C H , Die Friedensteinische Kunstkammer (wie Anm. 11), S.-21. 18 Schlossmuseum Gotha, Archiv: Loc. 1, Nr. 1, Kunstkammer-Inventarium 1721, ohne Angabe. 19 Schlossmuseum Gotha, Archiv: Inventarium Über die fürstl. Friedensteinische Kunst Cammer 1733 verfertiget, welche ihrer jetzigen Beschaffenheit nach bestehet, fol. 172, Nr.-47. 20 Schlossmuseum Gotha, Archiv: Ytt. VIII., (C) T 2a, Inventarium über die Herzogl. Kunst-Cammer auf Friedenstein, 1764, fol. 184, Nr.-35. 21 Die Galerie mit einem Umfang von zwölf Räumen war in der mittleren Etage des Westturms untergebracht. Dazu: Ute D Ä B E R I T Z , Kunst- und Wunderkammern: Die Friedensteinische Kunstkammer der Herzöge von Sachsen-Gotha-Altenburg, in: Neu Hofbeamte Hiob Ludolf (1624-1704) betraut. Unter seiner Leitung wurde das erste Inventar der Kunstkammer im Jahre 1656 erstellt. Ein zweites Inventar folgte 1657 durch Hiob Ludolf und Georg Rumpel, es wurde bis 1672 ergänzt 11 . Im Inventar von 1656 wird die Pilgertafel wie folgt erwähnt: Churfürst Friedrichs Reiß ins gelobte Land  12 . In gleicher Weise erscheint die Tafel im Inventar von 1657 13 und in der erweiterten Fassung von 1659 14 . Nach dem Tod Ernsts des Frommen 1675 und seiner Frau 1680 wurden deren gesamte gemeinsame Be‐ sitztümer unter den neun Kindern verlost 15 . Der älteste Sohn, Friedrich I. (1646- 1691), wurde nach dem Tod seines Vaters Herzog von Sachsen-Gotha-Altenburg. Infolge von Erbstreitigkeiten unter den Brüdern verfügte Friedrich I. in seinem Testament, dass die Friedensteinische Kunstkammer im Schloss verbleiben müsse 16 . Nach dem Tod Friedrichs I. 1691 ließ sein Sohn und Nachfolger Friedrich II. (1676-1732) die Kammer neu ordnen und inventarisieren 17 . Das Inventar war 1721 fertig gestellt, und auch in ihm ist der Bestand der Gothaer Pilgertafel nachgewiesen 18 . Weitere Inventare, in welche die Gothaer Pilgertafel eingetragen ist, stammen aus den Jahren 1733 19 und 1764 20 . Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Kunstkammer schrittweise aufgelöst. Bis in das Jahr 1824 ließ Herzog Friedrich IV. (1774-1825) vor allem aus den Beständen der ehemaligen Kunstkammer eine Gemäldegalerie im Schloss Friedenstein einrichten 21 . Ein erstes Inventar der neuen herzoglichen Gemälde‐ Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 261 <?page no="262"?> entdeckt, Katalog 2: Thüringen - Land der Residenzen, 2. Thüringer Landesausstellung Schloss Sondershausen, 15. Mai-3. Oktober 2004, hg. von Konrad S C H E U R M A N N , Jördis F R A N K , Jena 2004, S.-74. 22 Erst nach der Regentschaft Friedrichs des IV. (reg. 1822-1825). 23 Schlossmuseum Gotha, Archiv: Verzeichnis der Gemählde bey der Herzoglichen Bil‐ dergallerie in Gotha, Gotha 1826, fol. 60, Nr.-79. 24 Georg R A T H G E B E R , Beschreibung der Herzoglichen Gemälde-Gallerie zu Gotha und vieler im Chinesischen Kabinet, in der Sammlung der Abgüsse von Bildwerken, im Münzkabinet, in den Vorzimmern des Naturalienkabinets, in der Sammlung der Miniaturgemälde, Holzschnitte und Kupferstiche und auf der Bibliothek befindlichen Gegenstände, Gotha 1835. 25 R A T H G E B E R , Beschreibung (wie Anm. 24), S.-98. 26 Ebd. 27 Johann Sebastian M Ü L L E R , Des Chur- und Fürstliche Hauses Sachsen/ Ernestin- und Albertinische Linien/ Annales von 1400 bis 1700, worinnen Gebuhrten/ Reißen/ Heyra‐ then/ Todes-/ An- und Erbfälle/ Vormundschafften/ Landes-Theil- und Huldigungen […], Weimar 1700, S.-56. 28 Julius Heinrich S C H N E I D E R , Die Herzogliche Gemälde-Gallerie, Gotha 1868, S. 37, Nr. 117. Schneiders Inventar wurde in erweiterter Form weitere Male aufgelegt. Die Einträge zur Gothaer Pilgertafel sind in jeder Ausgabe identisch. 29 Nach den Entwürfen des Wiener Architekten Franz von Neumann (1844-1905). 30 Carl Aldenhoven war Direktor des Herzoglichen Museums auf Schloss Friedenstein. 1890 wurde er zum Direktor des Kölner Wallraf-Richartz-Museums berufen. galerie aus dem Jahr 1826 22 zeigt, dass auch die Pilgertafel ihren Platz in den neuen Ausstellungsräumen gefunden hatte 23 . Im Jahre 1835 folgt die Veröffent‐ lichung eines Inventars der Herzoglichen Gemäldegalerie zu Gotha durch Georg Rathgeber 24 . Bei ihm wird die Gothaer Pilgertafel erstmals auch kunsthistorisch kommentiert: Es ist ein schlechtes aber doch historisch interessantes Werk  25 . Er hält die Tafel für das Werk eines unerfahrenen Arbeiters, der weder Rom noch Jerusalem mit eigenen Augen gesehen habe. Er beendet seine Ausführungen wie folgt: … kann niemand das Bild dem Lucas Cranach zuschreiben wollen, der selbst mit dem Churfürsten jene Gegenden besucht hatte  26 . Diese Bemerkung deutet an, dass die Tafel zuvor Lucas Cranach zugeschrieben worden sein muss. Er ist der Meinung, Cranach habe Friedrich den Weisen auf seiner Reise 1493 begleitet, was erstmals der Weimarer Hofarchivar Johann Sebastian Müller (1634-1708) behauptet hatte 27 . Ein weiteres Inventar wurde 1868 von Julius Heinrich Schneider angefertigt, der die Pilgertafel ohne Datierung einem Unbekannten Meister zuschrieb 28 . Auf Wunsch Herzog Ernsts II. von Sachsen-Coburg und Gotha (1818-1893) wurde im Park von Schloss Friedenstein ein Museumsbau errichtet 29 . Die gesamten Sammlungsbestände der Herzoglichen Gemäldegalerie wurden seit der Museumseröffnung im Jahre 1879 in den neuen Räumen ausgestellt. Carl Aldenhoven (1842-1907) 30 unterzog die Sammlungen in den Jahren von 1879 bis 262 Eva Heuer <?page no="263"?> 31 Carl A L D E N H O V E N , Herzogliches Museum: Katalog der Herzoglichen Gemäldegalerie, Gotha 1890, S.-67, Nr.-312. 32 Ebd., Anmerkung S.-125. 33 Zu dem Hofmaler Meister Jhan, der den Kurfürsten allerdings nicht auf der Pilgerfahrt begleitete, vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band (hier bes. Anm. 72), zu dem Hofmaler Cuntz, der an der Reise tatsächlich teilnahm, vgl. ebd., Anm. 201. 34 Karl Purgold arbeitete von 1890 bis 1939 als Direktor am Herzoglichen Museum in Gotha. 35 Karl P U R G O L D / Eberhard S C H E N K Z U S C H W E I N S B E R G , Das Herzogliche Museum, mit einem Anhang: Die herzoglichen Anstalten für Kunst und Wissenschaft seit 1934, in: Gotha- Das Buch einer deutschen Stadt, Heft 8, hg. von Kurt S C H M I D T , Gotha 1937. 36 P U R G O L D / S C H E N K Z U S C H W E I N S B E R G , Das Herzogliche Museum (wie Anm. 35), S.-96f. 37 P U R G O L D / S C H E N K Z U S C H W E I N S B E R G , Das Herzogliche Museum (wie Anm. 35), S.-97. 38 Ebd. 1890 einer Neuinventarisierung. Der Katalog zur Herzoglichen Gemäldegalerie von 1890 ordnet die Gothaer Pilgertafel wie folgt ein: Deutscher Meister des XVI. Jahrhunderts  31 . In einer Anmerkung liest man folgenden Kommentar: Wahrscheinlich von einem Maler Johann und Conz, welche den Kurfürsten auf der Fahrt begleiteten. Auf der Rückseite sind die Glieder der Familie Ketzel dargestellt, welche zum heiligen Grabe wallfahrten  32 . Aldenhoven ist somit der erste, der auch die Rückseite der Tafel würdigt und der auf die Begleitung des Kurfürten auf seiner Reise durch zwei andere Hofmaler hinweist 33 . Während der Amtszeit Karl Purgolds (1850-1939) 34 gingen die Gothaer Sammlungen 1928 in den Besitz der neu gegründeten Stiftung für Kunst und Wissenschaft über. Zusammen mit Eberhard Schenk zu Schweinsberg veröf‐ fentlichte Purgold 1937 die letzte Beschreibung der Sammlungsbestände vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 35 . Bei ihm erscheint die Gothaer Pilgertafel unter der Überschrift Bildnisse thüringischer Fürsten  36 . Ohne das Gemälde näher zu beschreiben, schätzt er es mit seinen falschen Architekturen […], als Bild ganz gering, nur von gegenständlichem Interesse  37 . Von solchem Interesse sei besonders die Rückseite der Tafel: […] wo fünf Abtheilungen mit je einem vor seinem Wappenschild knieenden Ritter durch beigesetzte Inschriften als Heinrich, …rich, Martin, Sebalt und Michel Ketzel bezeichnet werden, welche in den Jahren 1389, 1452, 1453, 1468, 1498 und 1503 verschiedene Fürsten auf der Wallfahrt zum heiligen Grabe begleitet hatten 38 . Tatsächlich sind acht Mitglieder der Familie Ketzel auf der Tafel dargestellt. Purgold nennt aber nur fünf Abteilungen, allerdings sechs Ketzel. Auf Heinrich Ketzel folgt bei Purgold Friedrich, der 1452 zum Heiligen Grab gepilgert sein soll. Die Tafel zeigt aber gar keinen Ketzel, der 1452 nach Palästina reiste. Friedrich ist vielmehr der Name jenes Fürsten, mit dem Georg Ketzel 1453 Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 263 <?page no="264"?> 39 Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg. 40 Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges erlitten die Bestände der Gothaer Sammlungen schwere Verluste. Nach zahlreichen Diebstählen und illegalen Verkäufen durch Muse‐ umsmitarbeiter während des Krieges wurden die gesamten Bestände als Beutekunst in die ehemalige Sowjetunion gebracht. Erst 1958/ 59 konnten dieselben wenigstens zu 80-85 Prozent zurückgewonnen werden. Auch die Gothaer Pilgertafel muss sich darunter befunden haben. Anlässlich des 400. Geburtstages Ernsts des Frommen zeigt die heutige Stiftung Schlossmuseum Friedenstein eine der barocken Präsentation nachempfundenen Dauerausstellung zur Kunstkammer. Hierfür wurden alle erhaltenen Sammelstücke der ehemaligen Kunstkammer Ernsts des Frommen nach dem Inventar von 1656 wieder zusammengeführt, darunter auch die Gothaer Pilgertafel. Dazu: D Ä B E R I T Z , Kunst- und Wunderkammern (wie Anm. 21), S.-75. 41 Christian S C H U C H A R D T , Lucas Cranach des Aeltern Leben und Werke, Bd. 1, Leipzig 1851, S.-43f. 42 A L D E N H O V E N , Herzogliches Museum (wie Anm. 31), S.-67, Anmerkung S.-125. 43 S C H U C H A R D T , Lucas Cranach (wie Anm. 41), S.-43. unterwegs war 39 . Das Jahr 1453 nennt Purgold zwar, aber den entsprechenden Ketzel nennt er …rich statt Georg. Die Namensendung …rich gehört zu Ulrich Ketzel. Dieser pilgerte 1462 nach Jerusalem und diese Jahreszahl fehlt bei Purgold. Martin Ketzel (1468) erwähnt er zwar, die Pilgertafel erinnert aber an zwei Heiligland-Reisen Martins. Ausgerechnet Wolf Ketzel, der 1493 an der Pilgerfahrt Friedrichs des Weisen teilnahm, fehlt in seiner Aufzählung, ebenso Georg Ketzel (1498). Soweit die Ergebnisse der schriftlichen Überlieferungen zu der Pilgertafel, die freilich nichts über die Entstehungsgeschichte der Tafel aussagen, aber immerhin ihre Provenienz seit 1602 sichern. Es zeigt sich auch, dass die Tafel im 19. Jahrhundert wegen ihrer malerischen Qualität nicht besonders geschätzt wurde 40 . 1.2 Zur kunstgeschichtlichen Erforschung der Tafel Die ersten Äußerungen zur Gothaer Pilgertafel im Rahmen einer kunstge‐ schichtlichen Abhandlung stammen von dem Goethe-Sekretär und Kustos der Weimarer großherzoglichen Kunstsammlungen Johann Christian Schuchardt (1799-1870) 41 . Wie Rathgeber ist er der Meinung, die einzelnen Bildinhalte seien nicht nach der Natur gemalt worden. Er vertritt somit einen anderen Standpunkt als Aldenhoven, der ja vermutete, einer der den Kurfürsten auf der Pilgerreise begleitenden Maler habe die Tafel angefertigt 42 . Cranach als Maler schließt Schuchardt aus 43 . Ausführlicher beschreibt er die Rückseite der Tafel, die wie bei Purgold nicht schlüssig ist. Er behauptet, es seien sechs Ketzel dargestellt: Unter der ersten Abtheilung steht: Heinrich Ketzel […], unter der dritten: […] und ich Wolff Ketzel mit Inen 1493. Obgleich noch drei Ketzel: Jorg, Sebalt und Michel 264 Eva Heuer <?page no="265"?> 44 S C H U C H A R D T , Lucas Cranach (wie Anm. 41), S.-44. 45 S C H U C H A R D T , Lucas Cranach (wie Anm. 41), S. 44. 46 Reinhold R Ö H R I C H T / Heinrich M E I S N E R , Hans Hundts Rechnungsbuch (1493-1494), in: Neues Archiv für sächsische Geschichte und Alterthumskunde 4 (1883), S. 37-100, hier S. 38; Reinhold R Ö H R I C H T , Deutsche Pilgerreisen nach dem Heiligen Lande, Neue Ausgabe, Innsbruck 1900, S.-175. 47 Robert B R U C K , Friedrich der Weise als Förderer der Kunst, Studien zur deutschen Kunstgeschichte, Straßburg 1903, S.-202-205. 48 Bruck war durch seine Archivstudien in Weimar auf Elsner gestoßen und hatte ihn durch die Publikation eines Aufsatzes erst dem Vergessen entrissen: Robert B R U C K , Der Illuminist Jakob Elsner, in: Jahrbuch der königlich-preußischen Kunstsammlungen 24 (1903), S.-302-317. 49 B R U C K , Friedrich der Weise (wie Anm. 47), S.-203. 50 B R U C K , Friedrich der Weise (wie Anm. 47), S.-204. 51 B R U C K , Friedrich der Weise (wie Anm. 47), S.-203. auf den drei folgenden Zeichnungen vorkommen, […] 44 . Wolf Ketzel ist auf der Tafel nicht im dritten, sondern im fünften Feld dargestellt. Georg Ketzel (1453) im zweiten Feld nennt er nicht. Ulrich (1462) und Martin (1468 und 1476) fehlen ganz. Seine Beschreibung der drei Ketzel nach Wolf stimmt mit der Zeichnung auf der Gothaer Pilgertafel überein. Bei Michel Ketzel liest er als Schirmherren der Wallfahrt Graf Heinrich von Henneberg  45 statt Graff herman von hennenberg. Schuchardt vermutete, dass Wolf Ketzel der Auftraggeber der Tafel war. Das ist nicht abwegig, aber seine Begründung ist nicht haltbar. Schuchardt zitiert ganz richtig die Beschriftung und ich Wolff Ketzel mit Inen. Dann schreibt er weiter: bei den Andern heißt es bloß: und mit Ime. Doch ein Blick auf die Tafel zeigt, dass es dort tatsächlich vund ich Jorg ketzel mit Ime 1453, vnd ich Martin ketzel mit Ime, vnd ich Jorg ketzel mit Ime 1498, vnnd ich Sebalt ketzel mit Ime, vnd ich michel ketzel mit Ime heißt. Die beiden Pioniere der Palästina-Reiseforschung Heinrich Meisner (1849- 1929) und Reinhold Röhricht (1842-1905) beziehen sich im Rahmen der Jerusa‐ lemreise Friedrichs des Weisen 1493 immer wieder auf die Tafel 46 , ohne diese wirklich beurteilen zu können. Interessanter ist, was der Kunsthistoriker Robert Bruck (1863-1942) 1903 über die Gothaer Pilgertafel schreibt 47 . Er hält die Tafel für ein Werk des Nürnberger Buch- und Wappenmalers Jakob Elsners (1460- 1517) 48 , eine Weltdarstellung im Stil von Joachim Patinir. 49 Da aber die Bildinhalte doch kleinlicher und befangener seien, als bei Patinir, könne das Gemälde nur von dem spitzen Pinsel eines Illuministen stammen 50 . Nach eingehendster Vergleichung schreibt er die Vorderseite der Tafel Elsner zu 51 . Des Weiteren stellt er einen Bezug zu Memlings Sieben Freuden und sieben Schmerzen her: Wir sehen wie bei Memlings sieben Freuden und sieben Schmerzen Mariä die Häuser in Jerusalem offen und erkennen die Szenen, die sich einst in ihnen oder auf den Plätzen Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 265 <?page no="266"?> 52 Ebd. 53 Dazu: Alexander W I E D , Weltlandschaft, in: Die Flämische Landschaft 1520-1700, Eine Ausstellung der Kulturstiftung Ruhr Essen und des Kunsthistorischen Museums Wien, hg. von Kulturstiftung Ruhr, Villa Hügel Essen, 23. August-30. November 2003, Lingen 2003, S. 40-42; Detlef Z I N K E , Patinirs „Weltlandschaft“: Studien und Materialien zur Landschaftsmalerei im 16. Jahrhundert, (Europäische Hochschulschriften, Reihe 28, Bd.-6), Frankfurt a.-M. 1977. 54 B R U C K , Friedrich der Weise (wie Anm. 47), S.-204f. 55 B R U C K , Friedrich der Weise (wie Anm. 47), S.-204. 56 B R U C K , Friedrich der Weise (wie Anm. 47), S.-205. 57 B R U C K , Friedrich der Weise (wie Anm. 47), S.-204. 58 Valmar C R A M E R , Der Ritterschlag am Heiligen Grabe. Zur Entstehung und Frühge‐ schichte des Ritterordens vom Heiligen Grabe, in: Das Heilige Land in Vergangenheit und Gegenwart, hg. von Valmar C R A M E R / Gustav M E I N E R T Z (Gesammelte Beiträge und Berichte zur Palästinaforschung 2), Köln 1940, S. 137- 99, hier S. 160, Anm. 32 und S.-198, Anm. 5. 59 C R A M E R , Der Ritterschlag (wie Anm. 58), S.-179, Anm. 53. 60 C R A M E R , Der Ritterschlag (wie Anm. 58), S.-179, Anm. 53. und Strassen der Stadt abspielten  52 . Durch Bruck gewann das Gemälde endlich an kunsthistorischem Interesse: Die Gothaer Pilgertafel, wahrscheinlich ein Werk des Nürnberger Buchmalers Jakob Elsner, in Anlehnung an Memling und Patinirs Weltlandschaften  53 . Bruck vermutet weiter, dass die Rückseite der Tafel erst später angefertigt wurde 54 . Da Friedrich der Weise und sein Wappen an so hervorragender Stelle abgebildet seien, sieht er in Wolf Ketzel den Besteller der Vorderseite 55 . Die Rückseite habe wahrscheinlich Michel Ketzel in Auftrag gegeben, nachdem er von seiner Jerusalemfahrt 1503 zurückgekehrt war 56 . Zuletzt muss auch bei Bruck angemerkt werden, dass er bei der Aufzählung der Ketzel auf der Rückseite aus Ulrich Erich macht und nur die erste Pilgerfahrt Martin Ketzels 1468 nennt 57 . Der Kölner Privatgelehrte Valmar Cramer (1889-1958) schrieb 1940, die Gothaer Pilgertafel habe Lucas Cranach im Auftrag Friedrichs des Weisen gemalt 58 , denn der Maler habe vom Kurfürsten die Anweisung bekommen, die Sehenswürdigkeiten des Hl. Landes an Ort und Stelle aufzunehmen  59 . Lukas Cranach fertigte nach der Heimkehr zwei große Gemälde zur Erinnerung an die Pilgerfahrt des Kurfürsten Johann Friedrich an, von denen das eine […] den Kurfürsten vor den hl. Orten kniend darstellt, das andere eine getreue Nachbildung des Hl. Grabes zeigte. Es war für die Hl.-Kreuz-Kirche in Torgau bestimmt und existiert heute nicht mehr 60 . Cramer nennt keine Quellen, die seine Behauptungen stützen könnten. Er schreibt außerdem, das Gemälde sei zur Erinnerung an die Pilgerfahrt des Kurfürsten Johann Friedrich angefertigt worden, wobei es sich wohl um eine 266 Eva Heuer <?page no="267"?> 61 Theodor A I G N , Die Ketzel. Ein Nürnberger Handelsherrn- und Jerusalempilgerge‐ schlecht (Schriftenfolge der Gesellschaft für Familienforschung in Franken 12), Neu‐ stadt/ Aisch 1961. 62 A I G N , Die Ketzel (wie Anm. 61), S.-69. 63 A I G N , Die Ketzel (wie Anm. 61), S.-70. 64 Lukas Cranach-Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphik, Ausstellung im Kunstmuseum Basel, 15. Juni-8. September 1974, Bd. 1, hg. von Dieter K O E P P L I N / Tilman F A L K , Basel 1974, S.-60, Nr.-10. Vgl. jetzt auch Pnina A R A D , Frederick III’s Holy Land Installation in Wittenberg during the Cultural Transition of the Reformation, in: Viator 48.1 (2017), S.-219-252. 65 Lukas Cranach-Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphik (wie Anm. 64), S.-60, Nr.-10. 66 Fritz B E L L M A N N / Marie-Luise H A R K S E N / Roland W E R N E R , Die Denkmale der Lutherstadt Wittenberg, Weimar 1979, S.-250. 67 B E L L M A N N / H A R K S E N / W E R N E R , Die Denkmale (wie Anm. 66), S.-250. Verwechslung der Namen handelt, denn Kurfürst Johann Friedrich war der Neffe Friedrichs des Weisen, der nie in Jerusalem gewesen ist. Die Ausführungen Cramers sind daher insgesamt mit großer Skepsis zu betrachten. Für die Interpretation der Tafel war die Monografie von Theodor Aign (1886- 1973) über die Familie Ketzel aus dem Jahre 1961 ein Meilenstein 61 . Aign hat sich intensiv mit den Ketzel-Gedächtnissen beschäftigt, zu denen die Rückseite der Gothaer Pilgertafel zweifellos gehört. Auch er konnte im Rahmen seiner ausführlichen Studie keine Archivalien zur Pilgertafel finden. Die Urheberschaft der Tafel hielt er nach Bruck für geklärt und deklariert sie als ein Werk Jakob Elsners 62 . Im Gegensatz zu Bruck ist er der Meinung, Wolf Ketzel habe beide Seiten der Tafel in Auftrag gegeben 63 . Im Rahmen einer Ausstellung zu Lucas Cranach in Basel 1974 wurde die Gothaer Pilgertafel erstmals im Zusammenhang mit zwei Teilstücken einer Karte des Heiligen Landes genannt, die Lucas Cranach fertigte 64 . Cranach wird als Urheber der Gothaer Pilgertafel ausgeschlossen, Jakob Elsner als Maler in Frage gestellt. Ohne weitere Begründung wird die Tafel einem Nürnberger Maler zugeschrieben 65 . 1979 wird die Gothaer Pilgertafel in dem Kunstinventar von Wittenberg genannt 66 . Die Denkmalpfleger Fritz Bellmann (1911-1993) und Marie Luise Harksen (1901-1986) vermuteten, die Pilgertafel sei die Kopie vom Mittelteil eines Triptychons, das sich bis zu seiner Zerstörung im Jahre 1760 in der Schlosskirche in Wittenberg befand 67 . Dieses Triptychon sollte angeblich von Friedrich dem Weisen gestiftet und von Lucas Cranach um 1495 gemalt worden sein. Schon Schuchhardt hielt es auch für möglich, dass das gothaer Bild mit dem wittenberger eins und dasselbe ist, da es an letzterm Orte abhanden gekommen ist  68 . Daher soll im folgenden Exkurs auf das Wittenberger Triptychon näher eingegangen werden. Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 267 <?page no="268"?> 68 S C H U C H A R D T , Lucas Cranach (wie Anm. 41), S.-44. 69 Balthasar M E N Z , Itinera sex a diversis Saxoniae ducibus et electoribus, diversis tempori bus in Italiam omnia, tria etiam in Palaestinam et terram sanctam facta: una cum brevi narratione, quae ibi relatu digna viderint & quae inde domum secum reportarint; addi tis iis, quae etiamnum Hierosolymis praesertim, Romae & Wittenbergae ab advenis ob servari maxime merentur, Wittenberg 1612, S. 37-48. Schon zuvor hat Balthasar Menz in seinen Syntagma Epitaphiorum die Tafel beschrieben, wobei er auf die Totenrede Philipp Melanchthons auf Friedrich den Weisen zurückgriff: DE TABVLA. In qua pictum est iter Friderici Electoris Hierosolymitanum eregione suggesti, supra ianuam cochleae, qua ascenditur in pergulam, suspensa est tabula, in qua peregrinatio Friderici Electoris in terra sancta obambulantis & dilige(n)ter omina perlustrantis, elega(n)ter picta est, insertis etiam veterum in ista region oppidorum ‚ereipiois‘ & additis inscriptionibus rerum magnarum, quae in singulis locis gestae sunt. Vide orationem de Friderico Electore, quaer extat Tomo II. Declamat. Philippo fol. 715; Balthasar M E N Z , Syntagma Epitaphiorvm. Qvae inclyta spetemviratvs Saxonici metropoli Witeberga, diversis in locis splendide honorificeque erecta conspiciuntur […] Magdeburg 1604, S. 54f. In der etwas jüngeren deutschen Version, übersetzt von Georg Lauterbeck, heißt es bei Melanchthon: Es ist aber diser Fu(e)rst in dem hoch zu(o)loben/ das er die Reiß nicht allein vmb seinetwillen vnd von seines nutzes wegen fu(e)rgenommen/ vnd die Land beschauwen wo(e)llen/ sondern auch andern zum besten/ Derwegen er auch treffliche scho(e)ne Tafeln malen/ vnd darinnen mit fleiß verzeichnen lassen/ welcher ende die alten Stett gelegen gewesen. Darneben auch/ so vil in der ku(e)rtze geschehen mu(e)gen/ fleissig verzeichnen lassen/ was an einem jedern ort nam(m)hafftiges geschehen/ Dann etwa grosse Fu(e)rsten vnd Herren solches im brauch gehabt/ wann sie frembde Lender durchreyset/ daß sie solche ding mit sich zu hauß bracht/ Nicht wie jeczunder gewo(e)nlich geschicht/ das einer eine newe form eins Hu(o)ts/ od(er) seltzame Straußfedern/ Sondern die abconterfeyhung und beschreibung der Land vnd Stett/ vnd derer ding so zu(o) wissenschafft der Historien dienlich seyn/ Auch allerley ko(e)stliche Recept/ Pflaster/ vnd dergleichen/ so zur Artzney geho(e)rig/ wie dann dieser Fu(e)rst derselben vil auß Palestina/ Cypra/ Rhodiß/ Methone/ Corcina/ vnd auß der Statt Venedig mitgebracht hat; Philipp M E L A N C H T H O N / Georg L A U T E R B E C K , Zwo schöne treffliche unnd herrliche Orationes von Herzog Friderichen und Hertzog Johansen Gebrüdern, beide(n) Churfürsten zu Sachssen […], Frankfurt am Main 1563 (VD16 M 3375), fol. 13r-v. Exkurs zur Wittenberger Reisetafel Der Wittenberger Poet und Universitätslehrer Balthasar Menz der Jüngere (um 1537-1617) erwähnte 1612 im Zusammenhang mit der Pilgerfahrt Friedrichs des Weisen ein Tafelbild, zuvor hat er es schon 1604 die Tafel beschrieben, wober er auf Philipp Melanchthons Grabrede auf Friedrich den Weisen zurück‐ griff 69 . Es soll über der Tür zur Emporentreppe der Wittenberger Schlosskirche gehangen haben. Über das Bildthema berichtet der Wittenberger Theologe und Stiftspropst Johann Meisner (1615-1681) im Jahre 1668: An jener Stelle hängt eine Tafel, auf der die Pilgerreise Friedrichs des Kurfürsten im Heiligen Land, bei der er alles sorgfältig besichtigte, elegant dargestellt ist. Sie umfasst 268 Eva Heuer <?page no="269"?> 70 Johann M E I S N E R , Jubilæum Wittebergense, Das ist, Wittenbergisches Jubelfest In der Churfürstlichen Sächsischen Schloß-Kirche zu Wittenberg am 31. Octobr. gefeyert, An welchem Tage vor Hundert und Funffzig Jahren … Luther seine erste Disputation wieder des Babstes Ablaß an der Kirchenthür daselbst angeschlagen hat: Sambt einem Lateinischen Anhang von Anfang und erster Erbawung der Schloß-Kirchen, Privilegien, Ornat und Epitaphien, so in derselben vor diesen vorhanden gewesen, und noch sind, Wittenberg 1668, S. 149f: Ejus loco suspensa est tabula, in qua peregrinatio Friderici Electoris in terra sancta obambulantis & diligenter omnia perlustrantis, eleganter picta est, infertis etiam veterum in ista regione oppidorum […], & additis inscriptionibus rerum magnarum, quae in singulis locis gestae sunt. 71 Matthaeus F A B E R , Kurtzgefaste Historische Nachricht von der Schloß- und Acade‐ mischen Stiffts-Kirche zu Aller-Heiligen in Wittenberg und deroselben Ursprung, Einweyhung, Privilegiis Gottes-Dienste, Einkünften, Zierathen und besondern Merck‐ würdigkeiten, Wittenberg 1717, S.-111f. 72 Georg S P A L A T I N , Historischer Nachlaß und Briefe, hg. von Christian Gotthold N E U D E C K E R / Ludwig P R E L L E R , Jena 1851, Beilage 1, S.-76-91. auch die alten Städte dieser Region […] und fügt Inschriften über die großen Taten hinzu, die an jedem Ort vollbracht wurden…  70 Man könnte sich vorstellen, dass mit rerum magnarum gestae sunt figürliche Szenen gemeint sind, wie sie sich auch auf der Gothaer Pilgertafel finden. Zu erfahren ist außerdem, dass Friedrich auf der Tafel betend dargestellt ist. Die nächste Nachricht stammt von dem Küster der Schlosskirche Matthäus Faber aus dem Jahre 1717: Zur Lincken hochgedachten Chur-Fürstens hanget eine grosse Taffel mit Flügeln/ welche die Oerter des Heil. und Gelobten Landes mit beygezeichneten Nahmen/ vorstellet/ nemlich wo der Sohn GOttes/ unser liebster JEsus/ Mensch empfangen/ geboren/ auferzogen und getaufft worden/ wo er gelehret und geprediget/ seine heilsame Lehren und Predigten mit vielen Wunder=zeichen und grossen Thaten herrlich und gnugsam bestetigt/ nach Ein‐ setzung des H. Abendmahls/ sein heiliges und unschuldiges bittres Leiden und Sterben/ vor das menschliche Geschlecht gerne/ und geduldig/ ausgestanden/ im heiligen Grabe gele‐ gen/ […]/ nebenst andern merckwürdigen Begebenheiten/ welche Oerter alle Chur-Fürst Friederich der Dritte und Weise, Hertzog zu Sachsen u. Höchstseel. Ged. A. C. 1493. […] persönlichen besuchet hat. Wie dessen Itinerarium und diese Reise=Taffel/ mit darben verzeichneten Schriftlichen Hauptwörtern/ bezeuget  71 . Während Meisner nur von einer Tafel gesprochen hat, erfährt man von Faber, dass es sich um eine Tafel mit zwei Flügeln gehandelt hat, was der Annahme eines Triptychons näherkommt. Neben den christologischen Szenen beschreibt er andere merckwürdige Begebenheiten. Die einzelnen Stätten scheinen mit Hauptwörtern beschriftet gewesen zu sein. Mit dem Itinerarium könnte er den von Spalatin überlieferten Reisebericht des Kurfürsten meinen 72 . Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 269 <?page no="270"?> 73 Ernestus Fridericus W E R N S D O R F I U S , Iter Friderica III. Sax. elect. Hierosolymitanum a Luca Cranachio in tabula lignea depictum describet, Wittenberg 1767, S.-3. 74 M Ü L L E R , Annales (wie Anm. 27), S.-56. So auch zitiert von W E R N S D O R F I U S , Iter Friderica (wie Anm. 73), S.-7. 75 W E R N S D O R F I U S , Iter Friderica (wie Anm. 73), S.-7. 76 Ebd. Es handelt sich um folgenden Druck: Wolfgang F R A N Z , Historischer Erzehlung Der Beyden Heiligthümen/ nemblich eines/ So in der Schloßkirchen zu Wittenberg im anfang der Reformation Herrn D. Lutheri vorhanden gewesen. Das Ander/ So zu Hall in Sachsen nach der angefangenen Reformation Herrn D. Lutheri vollkommentlicher gemacht worden, Wittenberg 1618. Der Druck bietet Nachdrucke der Heiltumsbücher von Wittenberg und Halle und eine polemische Einleitung dazu. 77 Christian Siegismund G E O R G I , Wittenbergische Klage-Geschichte, hg. von Evangeli‐ sches Predigerseminar Wittenberg (Nachdruck der Ausgabe Wittenberg 1760), Stuttgart 1993, S.-51, 5 und Tab. III. Der Wittenberger Theologieprofessor Ernst Friedrich Wernsdorf (1718-1782) schreibt die Tafel 1767 in einer eigenen, nur acht Druckseiten umfassenden Schrift erstmals Cranach zu: Diese Holztafel wurde im Auftrag Friedrichs des Weisen von Cranach dem Älteren bemalt (Eam de ligno tabulam iussu Friderici Sapientis a Cranachio Seniore pictam)  73 , wobei er sich auf den Hofarchivar Johann Sebastian Müller bezieht, der die Teilnahme Cranachs an der Reise behauptete, um im Auftrag des Kurfürsten alles remarquables uf der Reyse entwerffen und abmahlen zu lassen  74 . Die Tafel soll die Form eines kleinen Altars gehabt haben, mit zwei Flügeln, die in der Mitte ein- und ausgeklappt werden können (duobus alis quae in medio complicari et expandi possunt); die Höhe der Tafel betrage fünf rheinische Fuß und die Breite drei Fuß, fünf Zoll und ein achtel Zoll oder aber fünf Dresdner Fuß und fünfdreiviertel Zoll sowie drei Fuß und neun Zoll, was etwa einer Höhe von 157 cm und einer Breite von knapp 110-cm entsprechen dürfte 75 . Aus dem Titel seiner Veröffentlichung geht außerdem hervor, dass es sich um eine Holztafel gehandelt haben muss. Wie er auf die Zuschreibung an Cranach kommt, ist unklar. Er nennt Meisner und Faber in den Literaturangaben, die aber Cranach nicht erwähnten. Außerdem verweist er auf eine Schrift des Wittenberger Propstes Wolfgang Franz (1564-1628) aus dem Jahre 1618, der ebenfalls über die Tafel geschrieben haben soll: Wolfgang Franzius, Erzählung der Heiligthümer in der Schloßskirche zu Wittenberg, Wittenberg 1618 in 8. p. 12  76 . Allerdings wird die Tafel hier nicht erwähnt. Im Siebenjährigen Krieg wurde die Wittenberger Schlosskirche 1760 bom‐ bardiert, so dass ein Brand ausbrach, bei dem der Kircheninnenraum zerstört wurde 77 . In seiner Schrift Wittenbergische Klage-Geschichte hielt der Witten‐ berger Universitätstheologe Christian Siegmund Georgi (1702-1771) noch im selben Jahr den ursprünglichen Zustand des Kircheninnenraums fest. Er ließ einen Kupferstich nach der Vorlage von C. G. Gilling anfertigen, den er seiner Veröffentlichung beifügte. Dieser Stich skizziert die Positionen aller Kunstdenk‐ 270 Eva Heuer <?page no="271"?> 78 Ebd. 79 Eine Handzeichnung aus der Zeit vor 1760 zeigt dieselbe Nische im Chorraum der Wittenberger Schlosskirche. Aufgrund der Übereinstimmungen scheint die Darstellung in Georgis Veröffentlichung als zuverlässige Quelle annehmbar zu sein. mäler, die sich im Kirchenraum befanden. Jedes Exponat ist mit einer Nummer versehen, unter der es im Katalogteil benannt ist. Der Eintrag zu Nummer 5 lautet: Eben dieses Glorwürdigsten Churfürstens Reise=Tafel im gelobten Lande, so er […] durchreiset  78 . Auf dem Kupferstich befindet sich die Tafel in einer Blendnische auf der Nordseite des Chorraums. Die Skizze zeigt zwar nicht den Bildinhalt der Tafel, aber sie zeigt das Objekt Nummer 5 als Tafel mit zwei Flügeln, dabei sind Mitteltafel und Flügel von derselben Größe. Ob die Skizze maßstabstreu ist, kann nicht ohne weiteres gesagt werden 79 . Abb. 2: Kupferstich mit Ansicht der Wittenberger Schlosskirche von innen nach Norden. Interessant ist auch der Werkverbund: Die drei Werke links von der Reisetafel zeigen nach Georgi den Kurfürsten aus Ertz, in Lebens-Grösse, und im Churfürst‐ lichen Habit, (Nr. 3), eine eherne Tafel, worauf sich Lateinische Verse, zu Ehren dieses Theuersten Churfürsten, befinden, (Nr. 4) und Eben Desselben Statue, oder Dessen aus Marmor gehauenes und geharnischtes Bildniß, nach welchem der Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 271 <?page no="272"?> 80 G E O R G I , Wittenbergische Klage-Geschichte (wie Anm. 77), S.-50f. und Tab. III. 81 Samuel Psik S C H A L S C H E L E T H , Historisch-geographische Beschreibung Wittenbergs und seiner Universität nebst ihren gegenwärtigen Zustande, Frankfurt a.M./ Leipzig 1795, S.-186f. 82 Joseph H E L L E R , Versuch über das Leben und die Werke Lucas Cranach’s, Mit einer Vorrede vom Bibliothekar Jäck, Bamberg 1821, S.-112, Anm. 47. 83 Leopold W I T T E , Die Erneuerung der Schlosskirche zu Wittenberg, eine That evangeli‐ schen Bekenntnisses, Auf Grund der amtlichen Quellen dargestellt, Wittenberg 1893, S.-37f. Gottselige Churfürst auf den Knien mit aufgehabenen Händen, gleichsam betend, lieget  80 . Alle drei Exponate sind Gedächtnisse an den Kurfürsten. Friedrich als Geharnischter in Gebetshaltung lässt an seine Darstellung auf der Gothaer Pilgertafel denken. Folgt man den Beschreibungen der Mitteltafel aus den vorher genannten Quellen, stellt sich die Frage, was auf den beiden seitlichen Flügeln abgebildet gewesen sein soll. Eigenartig ist nämlich, dass deren Bildinhalte bisher nie angesprochen wurden. Über den weiteren Verbleib der Tafel berichtet der Aufklärungsphilosoph Johann Gottlob Heynig (1772-1837) unter seinem Pseudonym Schalscheleth 1795, dass die Mitteltafel des Triptychons den Brand von 1760 überstanden habe: Etwas wichtiger ist in der alten Sacristey die Reisetafel Friedrichs des Weisen von Lucas Cranach verfertiget, […]. Es sind darauf alle Städte und Oerter, die Friedrich auf seiner Reise nach dem gelobten Lande besucht und gesehen hat, mit lebendigen Farben gezeichnet. Sie war sonst in der Kirche selbst, weil sie aber in der Unordnung, worein diese Kirche durch die kaiserl. Bomben gesetzt wurde, sehr verunstaltet und beschädigt worden ist; so mußte sie, ihres Ansehens schändlich beraubt, in diesen dunklen Ort wandern, wo sie gar vermodern soll  81 . Demnach ist die Reisetafel Friedrichs nach dem Brand 1760 in der Sakristei der Kirche aufbewahrt worden. Auch ein weiterer Zeuge sagt, sie sei 1821 noch in der Schlosskirche zu Wittenberg, […], vorhanden gewesen 82 . Der Theologe Leopold Witte (1836-1921) berichtet von einer vorübergehen‐ den Auslagerung des Inventars aus der Schlosskirche: Am 8. Juli 1885 seien von einer Kommission aus Berlin die nötigen Maßregeln zur Einleitung des Restaura‐ tionsbaues beraten worden; es wurde entschieden, die vorhandenen Denktafeln und Altargeräte sind an die Militärverwaltung zu vorläufiger Aufbewahrung zu übergeben  83 . Möglicherweise befand sich die Wittenberger Reisetafel darunter. Spätestens von da an verliert sich ihre Spur. Es wäre möglich, dass ihr Verbleib anhand damaliger Militärakten nachweisbar ist, soweit es diese nach den beiden Weltkriegen überhaupt noch gibt. 272 Eva Heuer <?page no="273"?> 84 S C H U C H A R D T , Lucas Cranach (wie Anm. 41), S.-44. 85 Ingetraut L U D O L P H Y , Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen 1463-1525, Göttingen 1984, S.-353, Anm. 90 mit Erwähnung der Tafel. 86 Hessen und Thüringen.Von den Anfängen bis zur Reformation. Eine Ausstellung des Landes Hessen, Landgrafenschloß Marburg 27.5.1992-26.7.1992, Wartbug, Eisenach 26.8.1992-25.10.1992, Spangenberg 1992, S.-264f., Nr.-503c. 87 Ebd., S.-265. 88 Elmar B O R D F E L D , Geschichte des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem, in: Die Waage. Zeitschrift der Grünenthal GmbH Aachen, Sonderheft 3: Ritterorden in Deutschland, Oktober 1993, S.-124-129, hier S.-129. 89 Eva B A M B A C H -H O R S T , Die Bildnisse Friedrichs des Weisen, Die Schematisierung eines Herrscherbildes zwischen Heiligenkult und Reformation, Frankfurt a.-M. 1993, S.-125. Nach den hier vorgestellten Quellen muss offen bleiben, inwiefern die Witten‐ berger Reisetafel und Gothaer Pilgertafel ähnlich waren oder ob die eine sogar die Kopie der anderen war, wie verschiedentlich vermutet wurde. Auch die Frage, ob Cranach die Wittenberger Tafel im Auftrag Friedrichs des Weisen gemalt hat, kann nicht beantwortet werden. Sicher gesagt werden kann aber, dass die Gothaer Pilgertafel und die Wittenberger Reisetafel zwei verschiedene Objekte sind, und nicht, wie Schuchhardt für möglich gehalten hatte, eins und dasselbe  84 . *** Aber nun zurück zur Forschungsgeschichte der Pilgertafel! Von Ingetraut Ludolphy (1921-2014), der Kirchenhistorikerin und Biografin Friedrichs des Weisen, wird die Herstellung der Gothaer Pilgertafel nicht thematisiert 85 . Im Ausstellungskatalog Hessen und Thüringen wird lediglich der politische Zweck des Bildprogramms erwähnt: 86 Die Pilgerreise Friedrichs des Weisen zu den heiligen Wirkungsstätten Christi in Palästina, […], bekräftigte seine Autorität in Glaubensdingen. Das “Gedächtnisbild” protokollierte das auratische Erlebnis  87 . In einem Aufsatz des Journalisten Elmar Bordfelds über die Geschichte des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem von 1993 wird die Tafel mit dem irreführenden Bildtitel Erinnerung an den Kreuzzug Friedrichs des Weisen abgebildet 88 . Interessanter sind dagegen die Äußerungen der Kunsthistorikerin Eva Bambach-Horst in ihrer Dissertation zu den Darstellungen Friedrichs des Weisen. Sie schreibt: die Tatsache, daß die Mitglieder der Familie Ketzel auf der Rückseite der Tafel angebracht sind, spricht sehr dafür, daß es sich um eine Kopie eines vorhandenen Bildes für die Familie Ketzel handelt 89 . Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 273 <?page no="274"?> 90 B A M B A C H -H O R S T , Die Bildnisse (wie Anm. 89), S.-126. 91 S C H U C H A R D T , Lucas Cranach (wie Anm. 41), S.-44. 92 Ebd. 93 B A M B A C H -H O R S T , Die Bildnisse (wie Anm. 89), S.-126. 94 Ebd. 95 L U D O L P H Y , Friedrich der Weise (wie Anm. 85), S.-494 (Abbildung). Und weiter heißt es hier: Wenn sie ein Original in Auftrag gegeben hätten, wären sie sicher in die Darstellung der Vorderseite einbezogen worden. Das Vorbild könnte ebenso gut von Jakob Elsner stammen wie von einem der beiden Maler, die Friedrich auf seiner Jerusalemfahrt begleitet hatten  90 . Bambach-Horst vermutet also, dass es zwei Tafeln gleichen Inhalts gegeben hat: Eine frühere mit den Grabesrittern der Familie Ketzel im Vordergrund, und die Kopie davon, auf der man statt der Ketzel Friedrich den Weisen angebracht hatte. Dieser Gedanke macht Sinn, weil so erklärbar würde, warum die Ketzel auf der Gothaer Pilgertafel rückseitig dargestellt sind. Das erste Werk jenem Maler zu‐ schreiben zu wollen, der Friedrich den Weisen auf der Wallfahrt nach Jerusalem begleitet hatten, macht dagegen wenig Sinn, wenn man davon ausgeht, dass der Maler der Tafel von einem Mitglied der Familie Ketzel beauftragt wurde. In Hinblick darauf hat Bambach-Horst Schuchardt 91 zitiert, der auch von einem der Gothaer Pilgertafel ähnlichen Gemälde spricht, damit aber die schon erwähnte, inzwischen verschollene Triptychontafel der Wittenberger Schlosskirche meint. Von der Wittenberger Tafel nimmt Schuchardt an, sie könnte von einem Maler, der Friedrich den Weisen nach Jerusalem begleitet hatte, angefertigt worden sein 92 . Die Wittenberger Tafel nennt Bambach-Horst im Folgenden auch. Die Quellen würden allerdings berichten, die Stätten Jerusalems seien beschriftet gewesen, und somit könnte man die Wittenberger Tafel als Vorbild für die Gothaer Pilgertafel ausschließen 93 . Hier zeigt sich, dass Bambach-Horst die Gothaer Pilgertafel nur in einer schlechten Abbildung gesehen haben kann, wie könnte man sonst die zahlreichen Beschriftungen übersehen? Hilfreich ist ihr Datierungsversuch. Bambach-Horst hat sich das Wappen Friedrichs des Weisen näher angesehen, sie schreibt: Zumindest die Kopie [Gothaer Pilgertafel] kann aber erst 1508 oder später angefertigt worden sein, da sie das kurfürstliche Wappen mit dem dunklen Feld oben zeigt, also in der neuen Farbverteilung  94 . Weiter fällt ihr die Ähnlichkeit Friedrichs des Weisen mit einer Kalksteinstatue des Kurfürsten auf, die sich in der Schlosskirche Wittenberg befindet 95 und in die Jahre zwischen 1507 und 1520 datiert wird; inzwischen ist die Statuette eindeutig der Augsburger Daucher-Werkstatt zugewiesen und mit Belegen zur Aufstellung auf 1520 datiert 96 . Bambach-Horst datiert dieselbe in das Jahr 1537, 274 Eva Heuer <?page no="275"?> 96 So z. B. L U D O L P H Y , Friedrich der Weise (wie Anm. 85), S. 566. Vgl. dagegen mit den neusten Erkenntnissen Arndt K I E S E W E T T E R , Die Wittenberger Fürstenstandbilder in ewiger Anbetung - ein Werk der Augsburger Daucher-Werkstatt, in: Das ernestinische Wittenberg: Residenz und Stadt, hg von Leonhard H E L T E N / Enno B Ü N Z / Armin K O H N L E unter Mitarbeit von Tilman P F U C H und Marianne S C H R Ö T E R (Wittenberg-Forschungen 5), Petersberg 2020, S.-221-235. 97 B A M B A C H -H O R S T , Die Bildnisse (wie Anm. 89), S.-126. 98 Ebd. 99 Ebd. 100 Gotteswort und Menschenbild (wie Anm. 4), S.-54f., 1.25. 101 Armin K U N Z , Die Jerusalemfahrt Lucas Cranachs d. Ä. Quellenkritische Untersuchung der Überlieferungsgeschichte eines (kunst)historischen Topos, in: Archiv für Kulturge‐ schichte 78 (1996), S.-87-114, S.-109. 102 Ulrich M E R K L , Buchmalerei in Bayern in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, Spätblüte und Endzeit einer Gattung, Regensburg 1999, S.-60. 103 Ebd., S.-60, Anm. 23. und zieht den Schluss, dass die Gothaer Pilgertafel wegen des kurfürstlichen Wappens nach 1508 und wegen der Ähnlichkeit mit der Statue Friedrichs um 1537 oder später entstanden sein muss 97 . Die Figur Friedrichs des Weisen auf der Vorderseite der Gothaer Pilgertafel scheint ihrer Meinung nach von der Malerei Cranachs beeinflusst, nicht aber von ihm selbst gemalt zu sein, denn eine ganzfigürliche Darstellung Friedrichs passe nicht in das Konzept Cranachs 98 . Die Malerei Jakob Elsner zuschreiben zu wollen, lehnt sie ab 99 . Im Gothaer Ausstellungskatalog Gotteswort und Menschenbild lässt man die Frage nach dem Maler offen und geht von einem Deutschen Meister nach 1522 aus 100 . Dem Gemälde soll die Heiligland-Karte von Lucas Cranach aus den Jahren 1522/ 23 zugrunde liegen. Diese sei bereits 1524 als Illustration der Bibelübersetzung des Züricher Verlegers Christoph Froschauer wiederholt worden. Der Kunsthistoriker Armin Kunz erwähnt die Gothaer Pilgertafel 1996 in einer quellenkritischen Untersuchung der vermeintlichen Jerusalemfahrt Lukas Cranachs und stellt fest, dass es bei dem Gemälde keinerlei stilistischen Hinweis auf Cranach gebe 101 . Der Kunsthistoriker Ulrich Merkl beschäftigte sich 1999 nochmals mit der Frage, ob Jakob Elsner die Gothaer Pilgertafel gemalt haben könnte 102 . Er weist nach, dass Jakob Elsner sowohl als Illuminist als auch als Tafelmaler tätig war. Nachdem Elsner 1499 ein Porträt von Jörg Ketzel gemalt habe, könne es gut sein, dass er noch weitere Aufträge von den Mitgliedern der Familie Ketzel angenommen hat 103 . Die kleinteilige Maltechnik spräche sehr dafür, dass die Gothaer Tafel von einem Illuministen angefertigt wurde. Aufgrund der dilettantischen Perspektive des Stadtprospekts lehnt es Merkl jedoch ab, die Tafel Elsner zuzuschreiben. Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 275 <?page no="276"?> 104 Ernst der Fromme (1601-1675), Bauherr und Sammler (wie Anm. 4), S.-52, 1.26. 105 Fritz G R O S S E , Image der Macht. Das Bild hinter den Bildern bei Ottheinrich von der Pfalz (1502-1559), Petersberg 2003, S.-190. u. 187, Abb. 155, 156. 106 G R O S S E , Image der Macht (wie Anm. 105), S.-190. 107 G R O S S E , Image der Macht (wie Anm. 105), Fn. 1332. 108 G R O S S E , Image der Macht (wie Anm. 105), S.-187, Abb. 156. 109 Gotteswort und Menschenbild (wie Anm. 4), S. 54f., 1.25; R Ö H R I C H T , Deutsche Pilger‐ reisen (wie Anm. 46), S.-172-177. 110 G R O S S E , Image der Macht (wie Anm. 105), S.-190. 111 Ebd. Im Gothaer Ausstellungskatalog Ernst der Fromme ist gleiches zu lesen wie in Gotteswort und Menschenbild  104 . Allerdings heißt es nun, der Deutsche Meister nach 1522 habe sich an der Illustration einer Bibelübersetzung des Züricher Verlegers Christoph Froschauer orientiert, und diese Illustration habe den Holzschnitt Cranachs mit der Darstellung des Heiligen Landes von 1522/ 23 zum Vorbild. 2003 erwähnte der Kunsthistoriker Fritz Grosse die Gothaer Pilgertafel in seiner Dissertation 105 . Er hält sie für ein ehemals zweiteiliges Tafelgemälde, von dem nur die rechte Hälfte erhalten ist: Das ehemals zweiteilige Tafelgemälde, von dem nur die rechte Hälfte erhalten ist, zeigt in weiter Landschaft eine Simultandarstellung heiliger Stätten und der Passion  106 . Es ist nicht klar, ob das Reisegefolge auch auf der linken Tafel abgebildet war  107 . Dementsprechend lautet sein Kommentar zu den Ketzel-Pilgern auf der Rückseite der Gothaer Tafel: Rückseite mit den knienden Gefährten des Friedrichs 108 . Wie Grosse darauf kommt, ist nicht nachvollziehbar. Als Literaturangabe nennt er den Ausstellungskatalog Gotteswort und Menschenbild und Röhrichts Pilgerreisen  109 , wo sich aber jene Aussagen nicht finden. Interessant ist dagegen Grosses Hinweis auf die Ähn‐ lichkeit der Gothaer Pilgertafel mit zwei Tapisserien von Pfalzgraf Ottheinrichs Jerusalemreise 110 . Außerdem stellt er das paradoxe Bildmotiv Evangelischer Kur‐ fürst als Grabesritter in Jerusalem zur Diskussion. Er sagt: Die Entstehung dieses Motivs für den nun evangelischen Kurfürsten, kann […] als ein ins Protestantische gewandelter Gegenstand aufgefaßt werden, der mit dem Friedenskaiserthema verflochten ist  111 . Auch wenn Friedrich der Weise Martin Luther vor den Gegnern seiner neuen Lehre geschützt hat, ist die Qualifizierung als nun evangelischen Kurfürsten mehr als problematisch und würde allenfalls bei einer sehr späten Entstehung der Tafel kurz vor dem Lebensende Friedrichs 1525 zutreffen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich bei der Gothaer Pilgertafel um ein Gemälde handelt, dessen Entstehungsgeschichte bisher nicht geklärt werden konnte. 276 Eva Heuer <?page no="277"?> 112 Vgl. dazu den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, dort bes. Anm. 201. 113 Carola F E Y , Wallfahrtserinnerungen an spätmittelalterlichen Fürstenhöfen in Bild und Kult, in: Mittelalterliche Fürstenhöfe und ihre Erinnerungskulturen, hg. von Carola F E Y / Steffen K R I E B / Werner R Ö S E N E R (Formen der Erinnerung 27), Göttingen 2007, S. 141- 165, hier bes. S.-152-154. 114 Bart H O L T E R M A N N , Pilgrimages in Images. Early Sixteenth-Century Views of the Holy Land with Pilgrims' Portraits as Part of the Commemoration of the Jerusalem Pilgrimage in Germany; Utrecht, 2013, bes. S. 46-54 (digital unter https: / / studenttheses.uu.nl/ han dle/ 20.500.12932/ 13159, letzter Zugriff am 12.9.2025). 115 Mordechai L E W Y , Die Gothaer Pilgertafel, in: Pilgerspuren: Wege in den Himmel/ Von Lüneburg an das Ende der Welt, hg. von Hartmut K Ü H N E , Petersberg 2020, S.-223-225. Alle überlieferten Angaben zu Maler und Auftraggeber sind rein spekulativ: Wer könnte die Tafel angefertigt haben? War es jener Hofmaler, der Friedrich den Weisen auf der Pilgerfahrt begleitete 112 , war es Jakob Elsner oder gar Lucas Cranach? Nach welchen Vorlagen wurde die Tafel angefertigt? Was hat es mit den zwei angeblichen Gemälden Cranachs auf sich, die er anlässlich der Heimkehr Friedrichs des Weisen aus dem Heiligen Land gemalt haben soll? War die Heiligland-Karte Cranachs die Vorlage der Gothaer Pilgertafel oder eine heute verschollene Triptychontafel aus der Wittenberger Schlosskirche? Nachtrag zur Forschungsgeschichte ab 2007 Da die Darstellung der Forschungsgeschichte in der Magisterarbeit, welche die Grundlage dieses Beitrags bildet, 2007 endet, soll hier noch auf drei Publi‐ kationen hingeweisen werden, die sich mit dem Thema später beschäftigten. Bereits 2007 publizierte die Historikerin Carola Fey einen Beitrag zu bildlichen Wallfahrtserinnerungen an spätmittelalterlichen Fürstenhöfen, in dem die Go‐ thaer Tafel einen zentralen Platz erhielt, der aber freilich keine neuen Fakten zur Entstehung der Tafel über das bis dahin bekannte beibringen konnte 113 . 2013 behandelte Bart Holtermann die Tafel im Rahmen seiner Utrechter Ma‐ gisterarbeit über Darstellungen des Heiligen Landes und Pilgerporträts im 16. Jahrhundert 114 . Schließlich ist noch zu ergänzen, dass sich der Historiker Mordechai Lewy auch unter dem Eindruck der Lektüre der Magisterabeit von Eva Heuer mit der Gothaer Tafel befasste; er hat seine Beschäftigung mit der Tafel 2020 in einem längeren Katalogartikel zusammengefasst 115 . Für die Frage der Urheberschaft der Tafel ist nach Lewy eine Einschätzung wichtig, die von dem Kunsthistoriker Rainer Hausherr (1937-2018) angestoßen wurde. Dieser hatte beobachtet, dass auf dem Epitaph der Adelheid Tucher aus dem Jahr 1482 die Stadtansicht Jerusalems von große[n] kastenförmige[n] Gebilden […] mit kreisförmigen Löchern in den Flachdächern geprägt sei 116 , die sich unschwer Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 277 <?page no="278"?> 116 Reiner H A U S S H E R R , Spätgotische Ansichten der Stadt Jerusalem. Oder: War der Haus‐ buchmeister in Jerusalem ? , in: Jahrbuch der Berliner Museen 29./ 30 (1987/ 1988), S. 47- 70, hier S.-64. 117 H A U S S H E R R , Spätgotische Ansichten (wie Anm. 116), S.-67. 118 Mordechai L E W Y , Die Wahrnehmung des Stadtbildes von Jerusalem in der Malerei des Spätmittelalters, in: Pilgerspuren: Wege in den Himmel/ Von Lüneburg an das Ende der Welt, hg. von Hartmut K Ü H N E , Petersberg 2020, S.-270-282, hier S.-274f. 119 L E W Y , Die Gothaer Pilgertafel (wie Anm. 115), S.-223. 120 Eine Darstellungsform, die mit dem Begriff Simultanbild belegt ist, vgl. Ehrenfried K L U C K E R T , Die Erzählform des spätmittelalterlichen Simultanbildes, Tübingen 1974; Ehrenfried K L U C K E R T , Die Simultanbilder Memlings, ihre Wurzeln und Wirkungen, in: als Darstellung der heute noch existierenden gedeckten Basare identifizieren lassen. Aus dem Vergleich dieses Bildes mit anderen Nürnberger Jerusalem-An‐ sichten aus der Zeit um 1480 folgerte Hausherr eine Nürnberger Tradition der Darstellung Jerusalems, die u. a. eben durch diese eigentümliche Darstellung der gedeckten Basare definiert sei 117 . Lewy hat diese Beobachtung aufgegriffen und postulierte, dass es am Ende des 15. Jahrhunderts eine Nürnberger Schule im Sinne einer in Nürnberg verbreiteten Bildkonvention gegeben habe, die das Stadtbild von Jerusalem eben durch diese gedeckten Basare kennzeichnete 118 . Die Tafel darf unter der Prämisse jener Nürnberger Schule also als ein in Nürnberg entstandenes Produkt gelten. 119 2 Die Darstellungen auf der Vorderseite der Gothaer Pilgertafel Die Vorderseite der Tafel zeigt den weiten Blick auf Jerusalem und die heiligen Stätten Palästinas. In einem vielfältigen Nebeneinander von Architektur und Landschaft lassen sich zahlreiche Szenen entdecken. Akteure sind Gestalten aus dem Alten Testament, aus dem Leben Christi, ebenso Heilige, wie auch einheimische Menschen und Tiere Palästinas, und nicht zuletzt auch eine Gruppe von Pilgern. Unter all den Einzeldarstellungen ist zunächst keine Hauptszene mit unter‐ geordneten Nebenszenen erkennbar. Gemessen an ihrer Größe sind alle Szenen und Figuren - außer Friedrich und dem Pilgerschiff am unteren Bildrand - gleichgestellt. Alles scheint sich gleichzeitig zu ereignen. Auch ein Hintereinan‐ der der Einzelszenen, bedingt durch die zeitliche Abfolge ihres Geschehens, ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Da das Pilgerschiff besonders hervorge‐ hoben wird und auch immer wieder Pilger zu entdecken sind, kann man wohl sagen, dass die Tafel nicht primär Jerusalem und seine Heiligen Stätten zeigt, sondern den Ablauf einer Pilgerreise 120 . Deshalb folgen in der hier gebotenen 278 Eva Heuer <?page no="279"?> Das Münster 27 (1974), S. 284-295. Vgl. auch Markus H Ö R S C H , Pirckheimer und Scheurl als Stifter. Über das niederländische Credo-Triptychon in Nürnberg-Fischbach und andere Simultanbilder des 15. und 16. Jahrhunderts, in: Kunst - Politik - Religion, Studie zur Kunst in Süddeutschland, Österreich, Tschechien und der Slowakei, Festschrift für Franz Matsche zum 60. Geburtstag, hg. von Markus H Ö R S C H , Elisabeth O Y -M A R R A , Petersberg 2000, S.-37-68. 121 S P A L A T I N , Historischer Nachlaß (wie Anm. 72), Beilage 1, S. 76-91; vgl. dazu K Ü H N E , Friedrich der Weise (wie Anm. 3), S. 410-414, sowie den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band. 122 Vgl. dazu die Edition des Reiseberichtes in diesem Band und den zugehörigen Beitrag von Thomas Krzenck über den Reisenden, seine Familie und den Reisebericht. 123 Reinhold R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (1493), in: Zeitschrift des Deutschen Palästinavereins 17 (1894), S.-98-114, 185-200, 277-301. 124 Seit diese Vermutung in der Magisterarbeit 2007 erstmals formuliert wurde, gab es eine Reihe von Versuchen, das Team des Museums Schloss Friedenstein zu einer entsprechenden Untersuchung des Bildes durch Röntgen- oder Infrarotaufnahmen zu bewegen, um diese These zu überprüfen. Leider ist es bislang nicht gelungen, eine entsprechende Initiative anzustoßen. Beschreibung nach Friedrich dem Weisen und seinem Wappen - ausgehend vom Pilgerschiff - die Einzelszenen in der Reihenfolge, wie sie die Pilger erlebt haben werden. Als Hilfsmittel dienen die Bibel und die relevanten Aufzeichnungen zur Pilgerfahrt Friedrichs des Weisen, also besonders der von Georg Spalatin in seiner Vita Friedrichs des Weisen übernommene Pilgerbericht eines anonymen Mitreisenden 121 und die Aufzeichnungen von den zeitlich fast parallelen Reisen im Sommer 1493, die wir Johann von Lobkowitz 122 und Heinrich von Zedlitz 123 verdanken. Grundsätzlich ist zunächst festzuhalten, dass die Bemalung der Tafelvorder‐ seite mit einer dicken Schicht Firnis überzogen ist. Die Farbschichten darunter weisen starke Risse auf. Es ist anzunehmen, dass der Schlussfirnis aus kon‐ servatorischen Gründen erst später aufgetragen wurde. Malschichtausbrüche über der gesamten Bildfläche sind retuschiert. Einzig die Figur Friedrichs und sein Wappen sind frei von Retuschen, was an eine spätere Aufmalung beider Motive denken lässt. Der Pinselstrich um die Figur Friedrichs zeigt, dass erst der Kurfürst gemalt wurde, und dann der Hintergrund um ihn herum. Ein derart grober Pinselstrich ist sonst nicht zu finden. Auch das könnte ein Indiz dafür sein, dass Friedrich der Weise nachträglich aufgemalt wurde. Zum Teil sind Unterzeichnungen und Übermalungen erkennbar. Betroffen sind Gesichter, Wappen, Ordensinsignien, Teile von Rüstungen und Inschriften 124 . Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 279 <?page no="280"?> 125 Über die Entwicklung des kurfürstlich-sächsischen Wappens vgl. Die Wappen und Flaggen der Herrscher und Staaten der Welt, J. Siebmacher’s großes Wappenbuch, Bd. 1, 2.1 Friedrich der Weise und sein Wappenschild Im linken Drittel des Vordergrundes kniet Friedrich der Weise im Harnisch nach links gewendet auf einer Anhöhe. Abb. 3: Detail der Gothaer Pilgertafel: Friedrich der Weise und sein Wappenschild. Sein Blick ist auf Jerusalem gerichtet, die Hände sind zum Gebet erhoben. Er trägt einen Bart und auf dem Kopf eine goldfarbene Haube. Sein Helm mit aufwendigem Federbusch ist auf der Erde abgelegt. Bei der Harnischbrust handelt es sich um eine glatte Kugelbrust, auf die ein rotes Kreuz gemalt ist. Weitere Elemente des Harnisches sind am Oberarm geschobenes Armzeug, Ellbogenkacheln mit Muscheln und an den Schultern Flüge mit hochgezogenem Brechrand. Über dem Harnisch trägt Friedrich einen längsgestreiften Rock mit goldenem Saum. Die Farbfolge der Streifen ist wie die vom Federbusch des Helms schwarz - weiß - grau. Zum Beinzeug gehören einfache Kniekacheln mit Muscheln und geschobene Harnischschuhe mit Sporen. Um seine Hüften ist ein Schwert mit rundem Knauf und c-förmig geschwungener Parierstange gegürtet. Unter ihm nennt eine Beschriftung seinen Namen und das Jahr der Wallfahrt ins Heilige Land. Links von Friedrich befindet sich sein Wappen 125 . Das Wappenschild ist deutlich größer als der Kurfürst selbst. Es handelt sich um ein 12-feldriges 280 Eva Heuer <?page no="281"?> (Reprografischer Nachdruck von Siebmacher’s Wappenbuch, Nürnberg Bd. 1, 1. Abt. (1856), 2. Abt. (1870), 6. Abt. (1878)), Neustadt a. d. Aisch 1978, S.-18f. 126 In der Regel schauen Wappentiere auf dem Papier nach links, dann ist es nicht erforderlich, die Blickrichtung zu erwähnen: Hier weicht die Blickrichtung des Löwen von dieser heraldischen Norm ab, weswegen sie genannt wird. Auch im Folgenden wird so verfahren. 127 Ebenso gut könnte es sich um das Wappen des Herzogtums Jülich handeln: Es gibt Interpretationen anderer Abbildungen des kursächsischen Wappens, in denen für dieses Heroldsbild Jülich angenommen wird. Hier handelt es sich wegen des Kleinods darüber zweifellos um Meissen. 128 Eduard F L E C H S I G , Cranachstudien, Bd. 1, Leipzig, 1900, S. 18-25. Das Thema bedürfte allerdings einer neuerlichen Prüfung. Rundschild mit dreifachem Helm und Helmzier. Das Schild ist zweimal gespal‐ ten, dreimal geteilt und dadurch in 12 nahezu gleichgroße Felder gegliedert. Jedes Feld zeigt ein Heroldsbild. Nicht alle Heroldsbilder auf dem Wappenschild sind sofort eindeutig identifizierbar. Die Zählung der Felder beginnt auf dem Bild links oben. Weitergezählt wird Reihe für Reihe von links nach rechts. Das erste Feld zeigt einen Löwen auf schwarzem Grund mit Blick auf dem Papier nach rechts 126 . Die roten Farbreste lassen vermuten, dass der Löwe ursprünglich rot-silber geteilt war, es sich also um das Heroldsbild der Landgrafschaft Thüringen handelt, auch wenn der Grund schwarz und nicht blau ist. Im zweiten Feld ist das Herzogtum Sachsen dargestellt: Vier schwarze Querbalken auf goldenem Grund, schräg rechts mit einem grünen Rautenband belegt. Das dritte Feld steht für die Markgrafschaft Meißen: Ein schwarzer, ungekrönter Löwe mit roter Zunge auf goldenem Grund 127 . Das vierte Feld und sechste Feld zeigen beide einen goldenen, rotgezungten Adler in Schwarz, Blickrichtung des Adlers im vierten Feld auf dem Papier nach rechts. Wahrscheinlich steht das vierte Feld für die Pfalz Thüringen, das sechste für die Pfalz Sachsen oder umgekehrt. Hier verhält es sich wie im ersten Feld: Der Adler der Pfalz Sachsen müsste auf blauem Grund erscheinen, nicht auf Schwarz. Dazwischen befindet sich im fünften Feld das kursächsische Wappen des Erzmarschalkamtes des Heiligen Römischen Reiches: Ein schwarz-silber geteiltes Feld, belegt mit zwei roten, gekreuzten Schwertern, deren Spitzen nach oben gerichtet sind. Für die heraldische Farbe Silber hat der Maler wohl ein dunkleres Weiß verwendet, das im Laufe der Zeit vergilbt ist, und jetzt ocker bis braun erscheint. Wichtig an der heraldischen Darstellung ist, dass die Fabverteilung des Kurwappens sich 1507/ 1508 veränderte, worauf zuerst Eduard Flechsing aufmerksam machte: War bis 1507 der obere Teil des Feldes mit Silber belegt, so wechselte Silber ab 1508 in den unteren Teil 128 . Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 281 <?page no="282"?> 129 Dieser Helmtyp wird in der Heraldik „Bügelhelm“ genannt, ist aber nicht identisch mit dem historischen Bügelhelm, sondern meint den im 15. und 16. Jahrhundert gebräuchlichen Kolbenturnierhelm. 130 Vgl.: Die Wappen und Flaggen der Herrscher und Staaten der Welt, J. Siebmacher’s großes Wappenbuch, Bd.-1 (wie Anm. 125), S.-19. Erst bei genauem Hinsehen ist zu erkennen, dass der Löwe im achten Feld gold-silber gespalten ist. Ein gold-silber gespaltener Löwe in Blau steht für Pleissen. Hier ist der Grund des Feldes schwarz statt blau. Hier hat der Maler wohl entgegen der heraldischen Korrektheit auf die Verwendung blauer Farbe verzichtet und stattdessen Schwarz genommen. Das achte Feld ist silber-rot gespalten und steht für die Regalien, für die Ausübung der fürstlichen Macht, besonders des Blutbanns, der den Inhabern der großen Reichslehen zustand. Im neunten Feld folgt das Wappen der Grafschaft Orlamünde: Ein schwarzer Löwe mit roter Zunge in einem goldenen mit roten Herzen besätem Feld. Das zehnte Feld zeigt die Grafschaft Brehna: In Gold drei rote Schröterhörner. Im elften Feld scheinen zwei schwarze Pfähle auf goldenem Grund die Grafschaft Landsberg zu nennen. Auch bei den Landsberger Pfählen wurde Blau durch Schwarz ersetzt. Das zwölfte Feld steht für die Grafschaft Altenburg: Eine rote, gold-besaamte Rose in Silber. Über der Wappentafel befinden sich drei goldene Bügelhelme mit Helmzier 129 . Der mittlere und rechte Helm stehen auf dem Oberrand der Tafel, der linke ‚schwebt‘ gewissermaßen darüber. Auf dem mittleren, bekrönten Helm sitzt ein ebenfalls bekrönter, zugespitzter Hut von Gold und Schwarz elf Mal geteilt, belegt mit einem grünen Rautenband. Der Krone des Hutes sind Pfauenfedern aufgesetzt. Flankiert wird der Hut von zwei offenen Büffelhörnern, die jeweils mit fünf Fahnen besteckt sind. Die Fahnentücher sind schwarz-silber geteilt. Die Fahnenstangen sind rot, die Helmdecken schwarz-gold. Der Hut mit den Pfauenfedern ist das Kleinod des sächsischen Wappens, die schwarz-silber geteilten Fahnentücher und die roten Fahnenstangen erinnern nochmals an das Amt des Kurfürsten. Der linke Helm ist ebenfalls bekrönt. Über der Krone sitzen zwei Büffelhörner mit offenen Mundlöchern, die mit fünf Kleestengeln besteckt sind. Hörner und Kleestengel sind silberfarben. Auf den Kleestengeln lassen sich außerdem auch Spuren goldener Farbe erkennen. Die Helmdecken sind schwarz-silber. Nach Siebmacher besteht das Kleinod der Landgrafschaft Thüringen aus zwei geschlossenen, mit goldenen Kleestengeln besteckten silbernen Hörnern. Die Anzahl der Kleestengel war im 15./ 16. Jahrhundert auf fünf je Seite festgelegt, die Helmdecken hatten die Farben blau-silber 130 . Auf der Pilgertafel sind die Hörner zwar offen und die Kleestengel, wenn auch mit goldenen Farbspuren, silber. Bei den Helmdecken dagegen könnte es genauso 282 Eva Heuer <?page no="283"?> sein, wie bei den Wappen, nämlich, dass der Maler statt blau schwarz verwendet hat, und nachdem sich der Helm direkt über dem Wappen der Landgrafschaft Thüringen befindet, ist anzunehmen, dass es sich trotz der eben genannten Einwände um das Kleinod desselben handelt. Der rechte, ungekrönte Helm trägt einen männlichen Rumpf mit gestülptem Hut auf dem Haupt. Sowohl das Kleid des Rumpfes als auch der Hut sind rot-silber gespalten. Der Stulphut ist mit einer Krone und Pfauenfedern besteckt. Der untere Rand des Kleides läuft in rot-silbernes Rankenwerk aus und ent‐ spricht den Helmdecken. Bei der Darstellung dieser Helmzier handelt es sich um das Kleinod der Markgrafschaft Meissen, was der Wappentafel darunter gleichkommt. 2.2 Das Pilgerschiff und Jaffa In der rechten unteren Bildecke ankert das Pilgerschiff im Meer. Der Ausschnitt zeigt die Pilger kurz nach ihrer Ankunft im Heiligen Land. Während die Schiffbesatzung Kanonen abfeuert, um Geleit anzufordern, werden die Pilger in einer kleinen Barke an Land gebracht. Ihre erste Station ist Jaffa. Abb. 4: Detail der Gothaer Pilgertafel: Die Pilgergaleere vor Jaffa. Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 283 <?page no="284"?> 131 Vgl. K Ü H N E , Friedrich der Weise (wie Anm. 3), S.-425 mit Anm. 105. 132 Der Fockmast ist der vorderste Mast auf allen mehrmastigen Segelschiffen. 133 S P A L A T I N , Historischer Nachlaß (wie Anm. 72), S.-82f. 134 R Ö H R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-190f. 135 Ebd. Bei dem Pilgerschiff handelt sich um eine dreimastige Galee mit langem, schmalem Rumpf. Tatsächlich reiste Kurfürst Friedrich allerdings mit einer klei‐ ner Galea subtilis nach Jaffa 131 . Auf dem Topp des Großmastes in der Mitte des Schiffes ist im Mastkorb die weiße Flagge mit dem roten Jerusalemkreuz gehisst. Vier Männer sind damit beschäftigt, das Großsegel zu bergen oder zu setzen. Der Mann an Deck scheint einen Ritterhelm zu tragen. Die Gesichtsmerkmale sind, wie bei den meisten Figuren auf dem Bild, durch Punkte und Striche skizziert. Am Heck befindet sich ein überdachtes Achterkastell, an dessen Dachfirst eine weitere Flagge mit Jerusalemkreuz gehisst ist. An das Achterkastell grenzt nach hinten ein rechteckiger Verschlag. Darauf sind zwei Geharnischte zu erkennen, von denen einer eine Kanone abfeuert, der andere mit einer Figur aus dem Achterkastell kommuniziert. Über die Bordwand hinaus ist ein Viehverschlag angebracht. Darin sind zwei Tiere zu erkennen, darunter wahrscheinlich ein Esel. Zudem ist die Galee mit einer großen Zahl Rudern ausgestattet. Im Wasser versucht eine Figur von einem Beiboot aus, sich auf das Schiff zu ziehen oder sich vom Schiff auf das Beiboot herunter zu lassen. Am Bug steht vor dem Fockmast 132 eine weitere Person an einer Kanone. Eine Gruppe von Pilgern wird in einem kleinen Boot ans Ufer gerudert. Die Pilger tragen einen schwarzen Mantel mit rotem Kreuz auf dem Rücken und einen schwarzen Pilgerhut. Die vorderste Person im Boot scheint den Menschen am Ufer zu winken. Diese Szene findet sich in dem von Spalatin überlieferten Reisebericht, in dem es heißt: auf den Abend kamen wir bei das heilige Land neben Gaffa. Da warfen wir den Anker […] nach Mittage […] zogen wir aus der Gallehen in eine verstörte Stadt, heißt Gaffa, […]. Da wir aus der Barke kommen und auf das Land traten, da ist vergeben, wie sie meinten, Pein und Schuld  133 . Heinrich von Zedlitz schreibt ebenfalls über die Ankunft vor der Küste Jaffas und erläutert, warum vom Schiff aus Kanonen abgefeuert werden: Also hat vnser Patron geraum In dem Meer lassen Ancker werffen vnd mit bochssen schissen lassenn, das ist ein Zaichen, das man gleite begert, also haben die heiden auch mit bochssen geschossen vnd sich viel heiden dohin funden hatten  134 . In der Darstellung der Tafel befinden sich die ersten Pilger bereits an Land, wo sich viel heiden dohin funden hatten  135 . Die Einheimischen tragen hier weiße 284 Eva Heuer <?page no="285"?> 136 S P A L A T I N , Historischer Nachlaß (wie Anm. 72), S.-83. 137 R Ö H R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-191. 138 R Ö H R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-192. Gewänder und Turbane. Auf einem Felsen am Ufer sitzen zwei von ihnen. Der Vordere blickt einem einheimischen Reiter nach. Der Hintere beobachtet, wie die Pilger von zwei weiteren einheimischen Personen in gewölbte Grotten gewiesen werden. An der linken Felswand reichen sich ein Pilger und ein Einheimischer die Hände. Der Pilger verbeugt sich dabei, die andere Person steht unter einem pultförmigen Dachvorsprung. Am linken Uferrand sind vor einer dreiteiligen Felsformation zwei weitere Personen mit blauen Gewändern zu sehen: Der dem Felsen nähere kniet am Boden, die Unterarme auf einer weißen, ovalen Fläche, die an einer Randstelle zum Wasser hin ausläuft. Hier ist zu vermuten, dass es sich um einen Moslem in Gebetshaltung mit Gebetsteppich handelt. Rechts daneben richtet ein zweiter den Blick auf die ankommenden Pilger. Er trägt etwas in der rechten Hand, möglicherweise einen zusammengerollten Gebetsteppich. Links hinter den Grotten machen sich Pilger mit Geleit zu Fuß und auf Eseln auf den Weg. Ein Bewaffneter weist den Pilgern die Richtung. Über den Grotten stehen zwei Türme von rechteckigem Grundriss, mit rechteckigen Eingängen und Fensterschlitzen, oben mit aufgesetztem Zinnenkranz. Die Türme symbolisieren die Stadt Jaffa, denn zwischen den Türmen findet sich die Beschriftung gaffa [ Jaffa]. Auf dem linken Turm zündet ein Einheimischer eine Kanone, auf dem rechten ist eine Flagge gehisst. Rechts neben dem Turmpaar stehen zwei wohl bewaffnete Einheimische. Weiter vorne hocken zwei weitere Figuren mit langen Gewändern schräg vor einem Zelt, rechts neben ihnen steht eine bewaffnete Person. Der erste Kontakt zwischen Pilgern und Einheimischen in Jaffa wird auch in den Reiseberichten erwähnt, ebenso die im Bild zu sehenden Grotten. Im Reisebericht Spalatins heißt es: Da führt man uns vor den Obersten […], da zahlt man uns in ein alt wüst Gewölbe und musst ein jeder sagen, wie er hieß und den Namen seines Vaters. […] auf den Dienstag frühe kamen die Esel, da wir auf reiten sollten. […] und ritten nach Rama, da gleiten sie uns hin mit gutem Friede  136 . Heinrich von Zedlitz schreibt: Item an der Mitwoch […] zogen die Pilgernn auf bercken [= Barken] In die gewelbe, do In den der Haide eynen Mumalucke [= Mamlucken] zuschickte, der sie behüttete  137 . Auch die zwei Türme der Stadt Jaffa werden hier genannt 138 . Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 285 <?page no="286"?> 139 Vgl. die Edition des Reiseberichts des Johann Hassensteins von Lobkowitz von Thomas Krzenck in diesem Band, fol. 75v. 140 R Ö H R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-191. Jaffa ist auch auf der Pilgertafel auf einem Berg gelegen. Auf dem Gemälde wie im Text sind die Türme besetzt. Auf der Pilgertafel wird auf dem linken Turm eine Kanone gezündet. Nach Heinrich von Zedlitz handelt es sich demnach wohl um einen Ritus, bei dem die „Heiden“ das Abfeuern einer Kanone von den neu angekommenen, Geleit fordernden Pilgern erwidern, um zu signalisieren, dass die Pilger an Land erwartet würden. Das auf dem Gemälde beschriebene Zelt könnte das des Herrn von Gessro, also Gaza, sein, er selber eine der vor dem Zelt sitzenden Figuren. Rechts vom Pilgerschiff ragt eine Felsformation aus dem Wasser. Die Beschrif‐ tung darauf lautet S. petus stein. Die Schriftfarbe ist weiß, darunter befindet sich ein weiterer Schriftzug gleichen Wortlauts in roter Farbe. Am Felsen lehnt eine Gestalt mit einer Angel, die der Beschriftung zufolge Petrus darstellen soll. Bei Johann von Lobkowitz erfährt man, dass es sich um die Stätte handelt, wo St. Petrus einst gefischt haben soll - eine Felswand, die sich vier welsche Meilen von der Galee aus im Meer erhob, auf der sich der heilige Petrus häufig ausruhte und Fische fing. Nach einer legendarischen Überlieferung soll Petrus in der Stadt Jaffa als Fischer gelebt haben. 139 Zedlitz berichtet über seinen Besuch auf dem Petersstein: bin ich mit andern Pilgernn auff einer bercken gefarenn auf eynen gellingen stain, der im Meer lait, do Sandt Peter vffe gefischet hat, vnnd der stein wol ij welsche meylen von der Galee, do dan die haiden zornig dorumb waren vnd liessen eynen auffm lande Rinnen auf eynem Pferde, […], wen sie es vordrus, das wir hin sold, die weil wir nicht gleite hetten  140 . Darüber hinaus erzählt er, die Einheimischen seien aufgebracht gewesen, da die Pilger im Alleingang ohne schützendes Geleit St. Petrus besucht hatten. Interessant ist hier die Schilderung von dem Reiter, der offenbar nach den Pilgern suchen sollte. Wie oben beschrieben, ist auch auf dem Gemälde ein solcher Reiter dargestellt. 2.3 Der Weg nach Rama Links von Jaffa sieht man mitten in der Landschaft einen auf Säulen gesetzten Baldachin, unter dem wahrscheinlich ein Moslem kniend und mit hoch erhobe‐ nen Armen zu beten scheint. 286 Eva Heuer <?page no="287"?> 141 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-193. Abb. 5: Detail der Gothaer Pilgertafel: Ramla und Lydda. Die Pilger reiten auf Eseln, begleitet von mehreren Einheimischen und einem Mönch, an ihm vorbei. Über den Weg von Jaffa nach Rama (= Ramla) schreibt Heinrich von Zedlitz: Mittage hat man vns die Esel brocht, do sindt wir auff die Esel gesessen vnnd des Soldans schreiber der Abrehr [= Araber] vnd etliche haiden habenn vns mit etlichen Pferden belait, also sinndt wir geriten In grosser hize x welsche Mailen bis gegen Rama  141 . Auf der Tafel kommen die Pilger vor Rama zum Stehen. Kennzeichen der Stadt sind zwei Rundtürme mit Haubendächern, ein überkuppelter Rundbau, ein Arkadenhof sowie einige wenige Quaderbauten. Um die Gebäudegruppe schließt sich ein Stadtmauerring. Möglicherweise stellen die Türme Minarette dar. An den kleineren Turm schließt sich rechts ein Schiff mit Pultdach oder perspektivisch verzerrtem Flachdach an, das von einer Tambourkuppel überragt wird. Zwischen Kuppelbau und dem größeren Turm ist ein Arkadenhof einge‐ fügt. Die Arkadenbögen sind rund. Vor den Arkaden steht jeweils ein Pilger mit dem Rücken zum Hof. In der Stirnseite der Hofmauern befindet sich eine runde Maueröffnung, durch die ein Pilger in das Hofinnere steigt. Darüber ist ein rotes Kreuz gemalt. Vor der Maueröffnung scheinen ein Pilger und ein Einheimischer miteinander zu sprechen. Elemente des Stadtmauerrings sind eine quaderförmigen Blendmauer, ein rechteckiger Turm und zwei Torbauten, beide mit spitzbogigen Maueröffnun‐ Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 287 <?page no="288"?> 142 Hier hat bzw. haben der oder die Schreiber zweimal Roma statt Rama geschrieben. Dieselbe Verwechslung der Vokale findet sich im Rechnungsbuch von Hans Hundt, soweit das Original vom Herausgeber der Schrift richtig transkribiert wurde: 10 heidnisch gulden zu Roma ausgeben, Cesar Pflug meinem gnedigsten hern zu Roma geliehen, R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hans Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 46), S.-58, S.-60. 143 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-193. 144 Eine interessante Beobachtung ist am Unterbau des Turmes zu machen: Hier sind schwarze Punkte aufgemalt, die im Zusammenhang mit der Darstellung keinen Sinn ergeben. Die Punkte sind fast zu präzise für Vermalungen oder versehentliche Farb‐ kleckse. Die aneinander gereihten Punkte scheinen eher Buchstaben zu beschreiben. Es sieht aus wie ein S (? ) und ein U. Könnte es sein, dass der Maler an dieser Stelle unauffällig seine Initialen integriert hat? gen. Auf dem rechten Torbau lautet die Beschriftung in roter Schrift Roma, darunter in weißer Schrift ROMA  142 . Die wesentlichen Architekturmerkmale dieser Stätte beschreibt Heinrich von Zedlitz sehr genau: do habenn wir Pilgernn alle eyner noch den andern in das loch vnd durch das loch müssen gedockt gehenn, wen es Nieder was, do hatten vns die haidenn allen einen noch dem andern eigentlich gezalt, also sinndt wir In dem Spital die nacht bliben vnd ist ein hupisch Spital von viel gewelben, das in eynem gewelbe allewege x oder xx sein, dosselbe Spital hat lossen bauen der Erlaucht hochgebohrne Fürst Philippus herzogk zu Burgundien 143 . Hinter der Stadtanlage steht auf einer Anhöhe in der Landschaft ein Gestell aus drei Balken, daran hängt eine blutende, entkleidete Person - offenbar eine Hinrichtung. Von Rama führt ein Weg nach „Emmaus“, das von den spätmittelalterlichen Pilgern mit dem antiken Lydda (heute Lod) in einen Topf geworfen wurde; auf dem Gemälde findet sich die Stätte hinter Friedrich dem Weisen. Innerhalb eines vorne unterbrochenen Stadtmauerrings stehen zwei rechteckige Türme hinter Bäumen. Der linke Turm trägt ein Flachdach, der rechte ein Kuppeldach. Zwischen den Türmen steht ein kleinerer, rechteckiger Bau mit Flachdach und Rundfenstern. Darauf lautet die rote Beschriftung Emauß. Auf dem linken Turm steht in Weiß geschrieben Emaus  144 . Aus östlicher Richtung, also von oben führt ein schmaler Weg direkt nach Emmaus. Zwei Männer, wegen der Heiligenscheine und Wanderstöcke wohl die Emmaus-Jünger, folgen diesem Weg. Ein Stück weiter oben befindet sich zwischen Bäumen ein einzelnes kleines Haus mit Satteldach, rechts oberhalb von Emmaus steht vor einem Felsen ein zweites Haus, ebenfalls mit Satteldach. Haus und Felsen sind mit etwas geradlinigen verbunden, von dem man nur vermuten kann, dass es sich um einen Steg handelt. Hier scheint das Gemälde inhaltlich verändert worden zu sein. 288 Eva Heuer <?page no="289"?> 145 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-194. 146 K R Z E N C K , Johann Hassensteins von Lobkowitz (wie Anm. 139), fol. 82v. 147 R Ö H R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-194. Unterhalb des Hauses lassen sich nämlich noch Reste von einer Figur erkennen: Man sieht schwache Umrisslinien und den Teil eines Kopfes. Unterhalb des Weges, der von Rama nach Emmaus führt, nahe dem Mee‐ resufer, ist das Martyrium des hl. Georg und die hier ursprünglich von den Kreuzfahrern erbaute Kirche dargestellt. Im Vordergrund kniet Georg im Har‐ nisch. In Gebetshaltung erwartet er die Vollstreckung seiner Hinrichtung. Er trägt einen Heiligenschein, auf Harnischbrust und -rücken ist ein rotes Kreuz gemalt. Hinter Georg holt der Scharfrichter mit seinem Schwert aus, um ihm den Kopf abzuschlagen; links ist in roter Schrift auf weißer Beschriftung zu lesen: S. Georg. Die roten Buchstaben darunter lassen sich nicht mehr erkennen. Unter den Händen Georgs befinden sich weitere rote Schriftzeichen. Es sind drei Buchstaben, von denen der letzte ein g ist. Die ersten beiden scheinen ein h und ein a oder u zu sein. Allerdings ergibt sich daraus kein sinnvolles Wort. Hinter der Hinrichtungsszene befindet sich die ehemalige Kirche des Hl. Georg, die nach der Eroberung Lods durch die Ayyubiden in eine Mosche verwandelt wurde: Neben einem rechteckigen Bau mit Flachdach ist ein rechte‐ ckiger Turm mit quadratischem Unterbau, der mit einem Kuppelbau verbunden ist, von einer Mauer umschlossen. Der Helmaufbau des Turmes besteht aus zwei Umgängen, einem trichterförmigen und einem runden. Das Dach darüber scheint ein Haubendach zu sein. Auch hier könnte wieder ein Minarett gemeint sein. Heinrich von Zedlitz berichtet von dem Besuch der Pilger bei St. Georg während ihres Aufenthalts in Rama: vnd die haiden vns gelait zu Sanndt Ghorgen, ist ij welsche Meilenn von der stadt Rama, vnnd do ist eine schone Kirchen gewest, vnd die haiden habenn sie zerbrochen, der Koer an der Kirche steht noch, do ist der stein, do Sandt Georg enthaupt ist  145 . Offenbar war die Stätte des Hl. Georg im Jahre 1493 eine Ruine, was auch Johann von Lobkowitz bestätigt 146 . Dazu passt die Gestalt der Stadtmauer auf dem Gemälde. Der sich an das mutmaßliche Minarett anschließende Kuppelbau könnte der erhaltene Chor der Georgskirche sein, den Heinrich von Zedlitz anspricht. Von Rama aus ziehen die Pilger auf dem Bild weiter in Richtung Westen. Sie reiten auf Eseln und befinden sich in Begleitung einheimischer Führer. Über Hügel und durch ein kleines Waldstück führt ihr Weg direkt nach Jerusalem: do sindt wir fort geritten eynen steinichten harten wegk vnnd hoch gebirge die gantze nacht  147 . Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 289 <?page no="290"?> 148 Möglicherweise handelt es sich um liturgisches Gerät. Schräg über Rama lagert eine Gruppe von Einheimischen; die Beischrift lautet: ein heydenisch her. Abb. 6: Detail der Gothaer Pilgertafel: ein heydenisch her. Die meisten Figuren sind orientalisch gekleidet. Sie tragen lange weiße, rote und gelbe Gewänder, auf den Köpfen Turbane. Links sitzen bzw. liegen sechs von ihnen um einen runden Teppich, dahinter stehen drei weitere Personen, von denen der mittlere nur schwer zu erkennen ist. Dem dunklen Gewand und der Kopfbedeckung nach zu urteilen, könnte es sich um einen Pilger handeln. Rechts daneben befinden sich zwei weitere Figuren: Der eine scheint vor dem anderen auf die Knie zu fallen und seine Hände zu berühren. Dahinter schlagen drei vermutlich geharnischte Männer das Zelt auf, vor dem erhaben ein Einheimischer sitzt. Diesem sind zwei auf einem Teppich sitzende Personen zugewandt. Davor vermutlich ein Moslem, der dabei ist, auf Knien über seinem Gebetsteppich zu beten. Ganz rechts zielt eine Figur mit Pfeil und Bogen auf einen sich nähernden Reiter, der wiederum einen anderen zu verfolgen scheint. Dazwischen grasen Pferde, eines der Tiere könnte genauso gut ein Hund sein. Auffällig sind außerdem zwei hohe 5-balkige Kreuze, deren Bedeutung nicht klar ist; möglicherweise handelt es sich um liturgisches Gerät 148 . Ob bei der Beschriftung heydenisch her „Heer“ oder „Herr“ gemeint ist, lässt sich nicht genau sagen. Trotz der Waffen, die für ein „Heer“ sprächen, darf eine Erwähnung im Reisebericht Heinrichs von Zedlitz nicht ignoriert werden. Er schreibt nämlich über eine Situation, die die Pilger bereits in Jaffa erfahren hatten, wie folgt: die haidenn […] mit vns den bergk hinauff gegangen hinder vns vnd vor vns bis für das gezelt, was forn vffe, vnd er [= der Sultan] 149 sass auff der Erden auf eynen tepicht, vnd 290 Eva Heuer <?page no="291"?> 149 Heinrich von Zedlitz nennt den „heidnischen Herrn“ Soldan (Sultan): R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-192f. 150 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-192f. 151 Offensichtlich ein Schreibfehler. bey Im vnd vor Im auf beiden seiten sindt bei den xx heidnischer hernn gesessen, vnd welcher heidnischer herr aller erst des morgens zu Im kwam, der ging für dem hernn vnd fiel auf ein Knie vnd Kost den heren auf seine Knie  150 . Die Szene, die Heinrich von Zedlitz hier beschreibt, würde durchaus den Charakter der Darstellung auf dem Gemälde treffen. Demnach wären hier ein Sultan und an die xx heidnische hernn abgebildet. 2.4 Die Stadt Jerusalem Unterhalb Jerusalems zeigt sich die Davidszitadelle als Gebäude mit Festungs‐ charakter: Links ein rechteckiger Turm mit zinnenbewehrtem Aufbau, rechts ein massiver, rechteckiger Baukörper mit offenem Abschluss. Verbunden sind die Türme durch einen niedrigeren Querbau. Auf dem rechteckigen Baukörper ist eine weiße Flagge mit roter Harfe gehisst. Dazu lautet die rote Beschriftung David Schloß, darunter die weiße Davils Schloß  151 . Abb. 7: Detail der Gothaer Pilgertafel: Jerusalem, unterer (westlicher) Teil. Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 291 <?page no="292"?> 152 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-199. Jerusalem ist von einer Stadtmauer umgeben. Davon zu sehen ist auf dem Bild der nordwestliche und südliche Teil. Der westliche Teil der Mauer ist vom linken Bildrand abgeschnitten. Im südlichen Teil der Mauer befindet sich ein zweites Stadttor: Ein rechteckiger Torbau mit spitzbogigem Säulenportal, spitzbogigen Zwillingsfenstern, darüber eine Rippenkuppel. Auf Höhe von Davids Schloss wird der Verlauf der Mauer unregelmäßig, die Mauerhöhe nimmt ab, bis sie seitlich ausläuft. Der Grundriss der Stadt Jerusalem ist kreisförmig, zwei Hauptwege, die sich in der Mitte kreuzen, teilen die Stadt in vier verschieden große Segmente. Die Bauwerke im Stadtbild haben vorwiegend orientalischen Charakter, vereinzelt lassen sich auch Stilmittel der gotischen Architektur feststellen, wie z. B. Spitzbögen oder Maßwerk. Kennzeichnende Bauformen sind kastenförmige Häuser mit kleinen Fenstern und flachen Steindächern, bei denen die Ränder von der eigentlichen Dachfläche abgetrennt sind. Weitere Gebäudetypen sind runde und quadratische Zentralbauten mit verschiedenen Kuppelformen, u. a. auch in Form von Türmen mit Umgängen, sowie Tempel‐ bauten. Viele Häuser sind nur durch Wiedergabe einer Fassade angedeutet. Die Ansichten der Gebäude wechseln zwischen An- und Aufsicht. Unmittelbar vor den Stadtmauern stehen zwei Muslime mit Eseln. Die Pilger sind dabei, in die Heilige Stadt zu gehen, ein Stadtbewohner scheint sie in Empfang zu nehmen. Die Pilger schreiten in Zweiergruppen voran. Sie werden von zwei Mönchen in Richtung Heiliggrab-Kirche gewiesen, die sich im oberen Stadtteil befindet. Oben sind einheimische Männer und Frauen, mit langen, weißen Gewändern zu sehen, die Frauen sind verschleiert, die Männer tragen Turbane. Die zahlreichen winzigen Figuren überall in der Stadt sind bis auf wenige Ausnahmen Akteure aus dem Leben Christi. Jede Personengruppe ist an der Kleiderfarbe zu erkennen: Die Pilger tragen Schwarz, die Einheimischen Weiß und die Figuren der Passionsgeschichte sind in bunte Farben gekleidet. Die Beschreibung der Heiligen Stätten innerhalb der Stätten Jerusalems beginnt im unteren Stadtteil. So berichtet Heinrich von Zedlitz von der Ankunft in der Heiligen Stadt: Item do sindt wir In die stadt kommen Jerusalem, vnd auff die rechte Hand am hineingehen ist das haus, dor Inne die Jungkfraw Maria geboren ist, do ist vorgebung aller sünden  152 . Dort, wo die Pilger auf der Abbildung Jerusalem betreten, steht rechts auch ein einzelnes Haus mit Flachdach. Es wirkt sehr unscheinbar, der Reisebeschreibung nach könnte aber das Geburtshaus der Maria gemeint sein. 292 Eva Heuer <?page no="293"?> 153 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-199. Am Bildrand links ist die Verurteilung Christi durch Pontius Pilatus darge‐ stellt. Der Ausschnitt zeigt die Szene, in der Jesus Christus durch Pilatus zum Kreuzestod verurteilt wird. Christus mit Heiligenschein steht bloß mit einem roten Umhang neben Pilatus unter einem Rundbogen-Portal. Das Prätorium ist durch eine Fassade nur angedeutet. Über dem Portal sieht man ein rundbo‐ giges Zwillingsfenster mit Maßwerk. Unter der Fensterzone lautet die rote Beschriftung ebenso, wie die weiße darunter: pylaty. Die Personen vor der Treppe zum Prätorium entsprechen wohl den Hohenpriestern, die den Tod Christi fordern. Rechts von dieser Personengruppe sind schwach Konturen einer Unterzeichnung zu erkennen: In ihnen meint man eine Figur mit Turban und Säbel zu erkennen. Die Stätte, die sich rechts an das Haus des Pilatus anschließt, ist nicht eindeutig identifizierbar. Eine Beschriftung fehlt hier. Dargestellt ist eine Fassade mit Rundbogen-Portal, darüber zwei waagrechte Fensterschlitze. Rechts angrenzend ein Strebepfeiler mit Strebebogen: Das könnte der dem Verständnis des Malers entsprechende, oben zitierte Schwibbogen sein. Durch das Portal sieht man Jesus Christus, mit Heiligenschein und weißem Gewand, der von zwei Personen an den Armen festhalten wird. Die Vermutung liegt nahe, dass hier Geißelung und Verspottung Christi durch Pilatus dargestellt ist. Ein Detail deutet aber darauf hin, dass es sich auch um die Verspottung Christi durch die Soldaten des Herodes handeln könnte. Im Lukasevangelium heißt es: Sprevit autem illum Herodes cum exercitu suo et inlusit indutum veste alba et remisit ad Pilatum. (Lk 23, 11) Auch in der Abbildung trägt Christus ein weißes Gewand. Da weder die Dornenkrone Christi noch sonstige Marterinstrumente in dieser Szene gezeigt werden, liegt die Vermutung nahe, dass es sich um die Verspottung Christi handelt. Dementsprechend ist hinter dieser Stätte das Haus des Herodes dargestellt. Auch hier wird nur die Schauseite vom Haus des Herrschers gezeigt. Herodes, mit den Attributen Krone und Szepter, thront vor einem profilierten Spitzbogen-Portal. Den Fassadenabschluss bildet eine Art Brüstungsgesims mit drei aufgesetzten Zierformen. Auf der roten Schrift über dem Portal lautet die weiße herodes. Item dornoch kwomen wir an die stadt In der Gassen, do die Jungfraw Maria mit Maria Magdalena vnd andern Frauen gestanden ist vnd gewartet hot, bis sie vnnsern lieben herrn gesehnhat das Creuze tragen, […] Item do kwomen wir für das haus, do die heilige fronica gewont, […]. Item dornoch kwomen wir für das haus der hailigen Bosserin Maria Magdalena  153 . Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 293 <?page no="294"?> 154 Vgl. oben Anm. 114-116. 155 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-199. Die drei Stätten die Zedlitz hier hintereinander nennt, scheinen auf dem Ge‐ mälde zu einem Ort zusammengefasst zu sein. Rechts von der Verspottungsszene Christi stehen vor einem Haus drei Frauen mit Heiligenschein. Die mittlere ist durch das Schweißtuch Christi mit Veronika identifizierbar. Die anderen beiden Frauen sind demnach die Jungfrau Maria und Maria Magdalena. Unterhalb der drei Frauen sieht man auf dem Bild nahe den Stadtmauern zwei Figuren, von denen die linke der Kleidung nach ein Söldner sein könnte. Dieser schlägt die andere Person, die ein blaues Gewand trägt. Ein Stück weiter oben ist die Kreuztragung Christi dargestellt. Simon aus Kyrene, dargestellt mit blauem Gewand, hilft Jesus, das Kreuz zu tragen, (Lk 23, 26, Mk 15, 21). Aufgrund der Kleiderfarbe ist geklärt, dass die erstgenannte Szene zeigt, wie Simon von Kyrene dazu gezwungen wird, Jesus zu helfen, (Mk 15, 21). Christus, der das Kreuz trägt wird auf dem Bild von einem Soldaten in ein langes, tonnengewölbtes Gebäude geführt. Am Ende des Baus schließt sich ungefähr rechtwinklig ein ähnliches Gebäude an. Das erste Gebäude ist in Ansicht, das zweite in Aufsicht dargestellt. In den Tonnendächern beider Gebäude befinden sich jeweils drei kreisförmige Löcher. Auch das zweite Gebäude ist vorne offen, die Öffnung ist jedoch von der Längsseite des ersten Baus weitgehend verdeckt. Es handelt sich um die Darstellung der schon oben erwähnten, gedeckten Basare, die charakteristsich für die Jerusalemansichten der „Nürnberger Schule“ sind. 154 Weiter oben sieht man einen Soldaten, wie er Jesus aus dem Gebäude herauszieht. Christus hat seine Hinrichtungsstätte erreicht: Vor ihm liegt die Heiliggrab-Kirche. Rechts von der Kreuztragungsszene unten sieht man auf ein Haus mit abgetreppten Blendgiebeln. Aus einer offenen Rundbogentür schaut ein bei Tisch sitzender Mann auf eine Person, die unbekleidet am Boden liegt und scheinbar von zwei Hunden angesprungen wird. Über dem Gesims lautet die weiße Schrift auf der roten: Reichman. Es handelt sich demnach um die Szene vom reichen Mann und armen Lazarus. Lazarus liegt von Geschwüren gepeinigt vor dem Haus des reichen, um dort dessen Tischabfälle zu essen. Zu Lazarus gesellen sich Hunde und lecken seine Geschwüre. (Lk 16, 19-21). Diese Station beschreibt auch Zedlitz: Item dornoch sinndt wir kommen zu des Raichen Mannes haus, der Lassro vorsagte die broselein, die vonn Tische fielen  155 . Im rechten Winkel des eben beschriebenen Gebäudeverbundes sieht man in ein offenes Haus mit Tonnendach. Im Giebelfeld lautet die weiße Schrift auf der roten: der Juden schul. Um einen Tisch sitzt eine Gruppe von Personen: Am Kopf Jesus Christus, erkennbar an seinem braunen Gewand und Heiligenschein. Die 294 Eva Heuer <?page no="295"?> 156 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-195. anderen Personen tragen rote Kleider und spezifische Kopfbedeckungen, die nicht zu deuten sind. Ein Stück weiter oben ist in diesem Teil der Stadt noch das alte Pilgerspital dargestellt. Die weiße Beschriftung auf der roten lautet: Spital der pilgram. Im oberen Stadtteil zeigt sich nahe den Stadtmauern das Haus des Hohen‐ priesters Kaiphas. Dieser war maßgeblich am Zustandekommen des Urteils gegen Christus beteiligt, (Mt. 26, 1-5). Kaiphas steht an der Tür seines Hauses, wo er zu drei Personen zu sprechen scheint. Die weiße Beschriftung auf der roten lautet: Cayphas. Über diese Pilgerstätte schreibt Zedlitz: das ist das haus Caiphe, vnd als man In das haus kompt, […], do ist gewest das feuer, do die Juden vnssern hernn Jhesum viel schmochtheit gethone haben, vnnd ist eine Kirche in dem haus, […] ist der steinn, der vor dem hailigen grabe gelegen ist  156 . Abb. 8: Detail der Gothaer Pilgertafel: Jerusalem, oberer (östlicher) Teil. Rechts vom Haus des Kaiphas schaut man in das Haus Simons des Aussätzigen. Der biblischen Überlieferung gemäß sitzt Jesus mit seinen Jüngern zu Tisch. Jesus, auch hier wieder mit braunem Gewand und Heiligenschein, sitzt auf der linken Seite, ihm zu Füßen eine Person, bei der es sich um die Frau zu handeln scheint, die Christus mit Salböl begießt. Der Bibel nach begießt diese sein Haupt, im Gemälde scheinbar die Füße: Cum autem esset Iesus in Bethania in domo Simonis leprosi acessit ad eum mulier habens alabastrum unguenti pretiosi et effudit super caput ipsius recumbentis. (Mt 26, 6-7). Wenn man Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 295 <?page no="296"?> 157 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-286. 158 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-195. recumbentis irrtümlicherweise auf mulier und nicht auf ipsius bezieht, würde man annehmen die Frau hätte sich niedergelassen. So könnte die Szene zu erklären sein. Im Reisebericht von Zedlitz ist diese Stätte ebenfalls erwähnt. Bereit aus der Bibelstelle ist hervorgegangen, dass sich das Haus in Bethanien befand. Dementsprechend beschreibt Zedlitz die Stätte auch nicht während des Aufenthalts in der Stadt Jerusalem, sondern auf dem Weg nach Jerusalem, wo er an den Stätten Bethaniens vorbeikommt: Item nohendt bey dem hause Bethania ist das hauss Simonis des Aussätzigen, do vnnser lieber herr Maria Magdalena die sunde vorgeben hat  157 . Vielleicht ist die Frau, die Jesu auf dem Bild zu Füßen liegt, Maria Magdalena. Auffällig ist aber, dass die Beschriftung im Bild Symon leprosi heißt, also die lateinische Version. Im Matthäus-Evangelium folgt unmittelbar auf die Stelle des Kaiphas die der Salbung Christi, (Mt. 26, 3 und Mt. 26, 6-7). Das spricht eher dafür, dass im Bild - dem Bibeltext entsprechend - die Salbung Christi und nicht Maria Magdalena dargestellt ist. Rechterhand vom Haus des Simon sieht man die Goldene Pforte. Über einem rundbogigen Doppeltor lautet die weiße Beschriftung: gulden pfort. Die ursprünglich rote Beschriftung scheint von einem Busch übermalt zu sein. Rechts von der Goldenen Pforte befindet sich der Felsendom. Dabei handelt es sich um einen runden Zentralbau mit Umgang und Zwiebelkuppel. Auf der Kuppel ist ein Halbmond angedeutet. Die weiße Schrift auf der roten lautet: templ Salomonis. Unterhalb des Tempels steht ein Gebäude mit Arkadenmauer im Unterge‐ schoß. Hier lautet die weiße Beschriftung auf rot: Annas haus. Vor dem Haus stehen drei Personen um ein Feuer. Einer von ihnen trägt einen Heiligenschein. Hinter dem Feuer steht eine hohe Säule, oben auf dem Kapitell sitzt ein Hahn. Hier hat der Maler zwei Stätten zusammengefasst. Diese finden ihre Erklärung wieder bei Zedlitz, denn nach seinen Angaben waren im Haus des Kaiphas verschiedene heilige Stätten untergebracht, von denen bereits zwei genannt wurden; eine weitere bezieht sich auf die Verleugnung des Apostels Petrus: vnnd der liebe Sanndt Petrus des hern an der thür verlocknet hat, man gewaist, man gewaist vns auch den steinn, do das loch Inne ist, do der Han gesessenn hat vnd gekreet. […] Item Kaum ein gewende danvonn ist das hauss Anne, hat man vnns auch hingefürtt  158 . Gemäß dem Bibeltext war Petrus Jesus nach dessen Gefangennahme zum Palast des Kaiphas gefolgt ( Joh. 18, 12-27, Mk 14, 66-72). Passend dazu sieht man 296 Eva Heuer <?page no="297"?> 159 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-195. rechts von Annas Haus den gefangen genommenen Jesus Christus, wie er einer Person vorgeführt wird, die demnach Kaiphas ist. Auf dem Gemälde ist diese Stätte nicht im oder vor dem Haus des Kaiphas dargestellt, sondern vor Annas Haus. Aus dem Zitat von Zedlitz geht aber auch hervor, dass sich das Haus der Anna in einer Entfernung von kaum einem gewende befunden hat. Zu Annas Haus schreibt er weiter: do der hohe Altar stet, do ist die stadt, als vnnsser lieber herr Jhesus vor Anne gebunden gestanden ist vnnd so hartt an sein Gebenedeytes Anlitz geschlagen, do ist auch vorgebunge aller Sünden  159 . Im linken Teil der oberen Stadt befindet sich die Kirche des Heiligen Grabes. Auf einem Vorhof sieht man Christus, der unter seinem Kreuz gefallen ist. Hinter dem Vorplatz erhebt sich die Kirche des Heiligen Grabes. Man schaut auf eine Fassade mit spitzbogigem Doppelportal, einer Fensterzone mit ebenfalls spitzbogigen Zwillingsfenstern, darüber eine Rundkuppel. Auf dem Scheitel der Kuppel sitzt der auferstandene Christus, rot bekleidet, mit Heiligenschein und Segensgestus. Rechts daneben die rote Siegesfahne mit weißem Kreuz. Unter der Kuppel lautet die weiße Schrift auf rot: heylig grab. Links von der Kirche steht ein viergeschossiger, quadratischer Turm. An seinen Ecken führen sich absetzende Strebepfeiler bis in die Höhe des dritten Geschosses, die in mehrfachen Abschrägungen nach unten immer breiter werden. Die Geschoss‐ gliederung erfolgt durch spitzbogige Drillingsfenster. Den Turmabschluss bildet ein vermutlich achteckiger, mit spitzen Giebeln gekrönter Aufbau, der eine Rippenkuppel trägt. Rechts neben dem Kirchenportal führt eine Treppe in einen überkuppelten Vorbau. Rechts von der Treppe steht eine Säule ohne Kapitell. Darüber zeigt sich in einem spitzbogigen Fenster der gekreuzigte Jesus Christus. Dort lautet die weiße Beschriftung auf rot: Calpharie. An die rechte Seite des Vorhofes grenzt ein dreischiffiger Bau. Jedes Schiff trägt ein Satteldach. Die Form der Giebel wiederholt sich in drei aneinander gereihten spitzen Blendbögen auf der Fassade. Deren Bogenspitzen reichen bis unter das Dach. In jedem Blendbogen befindet sich ein rechteckiger Eingang, darüber jeweils ein rotes Kreuz. Hinter der Anlage ist das Opfer Isaaks dargestellt. Vor zwei Büschen sieht man Abraham. Er hat die Hand auf den Kopf Isaaks gelegt und holt gerade mit dem Messer aus, um seinen Sohn zu opfern. Ein Engel hält ihn zurück. Links von Abraham ist vermutlich der Widder dargestellt, den er statt des Sohnes zum Brandopfer gibt. Dementsprechend brennt hinter Isaak ein Feuer, (1. Mose 22, 6-13). Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 297 <?page no="298"?> 160 Von dem Hinweis „weiße Beschriftung auf roter“ wird von nun an abgesehen. Eine Erwähnung der Schriftfarbe folgt nur noch dann, wenn es sich anders verhält. 161 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-198. 162 Ebd. 2.5 Der Ölberg Hinter den Stadtmauern Jerusalems erhebt sich der Ölberg (ölperg) 160 . Abb. 9: Detail der Gothaer Pilgertafel: Ölberg. Ganz am linken Bildrand der Gothaer Pilgertafel sieht man zwei Personen, die dabei sind, mit Steinen auf eine kniende Figur zu werfen, die einen Heiligen‐ schein trägt. Der Beschriftung zufolge ist es der Hl. Stefan, der hier gesteinigt wird: S. steffan. Bei Zedlitz heißt es: vnnd vor dem thore der stadt […] do der hailige Sanndt Stephan gesteiniget  161 . Ein Stück weiter oben befindet sich die Stätte der Himmelfahrt Mariens. Die Beschriftung lautet: maria grab. Zu sehen sind acht Apostel mit Heiligenschein, wie sie das Grab der Maria umringen. Sie sehen zu, wie Maria, von Engelsge‐ stalten begleitet, in den Himmel fährt: do die Jungfraw Maria gen himmel gefaren ist vnnd dem hailigen Sanndt Tomas Iren gürtel lossen fallen  162 . Rechts von Marias Grab ist die Szene dargestellt, in der der Christus kurz vor seiner Gefangennahme in Gethsemane über Jerusalem weint, (Mt 26, 36-46). Man sieht Jesus Christus von hinten. Er kniet in Gebetshaltung am Fuße des Ölbergs und klagt über Jerusalem. Rechts daneben sitzen drei Figuren mit Heiligenschein am 298 Eva Heuer <?page no="299"?> 163 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-197. 164 Ebd. 165 Ebd. 166 Ebd. 167 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-196. Fuße des Ölbergs. Diese Szene ist nicht beschriftet, aber nach Zedlitz handelt es sich um Petrus, Johannes und Jakobus: Item do furten sie vns an dem berge hinieder bas, […], do Petrus, Joannes, Jacobus geschlaffen haben, […] 163 . Von dort bietet das Gemälde einen Blick in die Ferne. Man sieht die Silhouette der Stadt Nazareth (rote und weiße Beschriftung: nazareth), hinter der sich ein Berg erhebt. Die Landschaft dahinter ist Galiläa (galileysch Land). Interessant ist, dass auch Zedlitz vom Ölberg aus Galiläa gesehen hat: auff dem berge hat man vns gewaist Gallilea  164 . Von der Himmelfahrtskapelle oben führt ein schlangenlinienförmiger Weg hinab in Richtung des Tempels Salomons. An ihm orientieren sich die figürli‐ chen Szenen. Auf dem Gipfel des Berges ist die Stätte von Christi Himmelfahrt dargestellt. Über einem kastenförmigen Bau mit Rundbogenöffnung erhebt sich Christus in einer Mandorla. Wie auf der Kuppel der Heiliggrab-Kirche trägt er ein rotes Gewand, seine rechte Hand ist zum Segensgestus erhoben, in der linken Hand hält er die Fahne des Triumphes. Die rote Beschriftung lautet hymelfart, die weiße darüber hymelfarrt. Zedlitz berichtet über das Gebäude der Himmelfahrtskapelle: do ist ein grosse Kirch gewest vnnd ist ein teil zubrochen, vnd die haidenn vorschliessen auch dieselbe Kirche, vnd ist ein loch, do man hinein kriechen mus, do sossn die haiden vor  165 . Seinen weiteren Angaben zufolge wurde in der Kirche der Stein gezeigt, auf dem Christus stand, bevor er in den Himmel fuhr. Auf diesem sehe man noch seine Fußabdrücke 166 . Auf dem Ölberg sind vier figürliche Szenen dargestellt. Die zweite Szene zeigt Maria, der ihr Tod von einem Engel verkündet wird. Über der Marienszene und weiter unten, rechts vom Weg, ist Jesus mit seinen Jüngern dargestellt. Zedlitz nennt zwei heilige Stätten auf dem Ölberg, die hier passen könnten: Einmal beschreibt er die Stätte, an der Jesus seinen Jüngern das Vaterunser lehrte, dann die Stätte, an der er seinen Jüngern vom Jüngsten Gericht erzählte 167 . Eindeutig ist dagegen die Handlung direkt unter der Marienszene. Jesus wird von den Soldaten abgeführt, einer scheint mit einem Stock von hinten auf ihn einzuschlagen. Eine Figur mit gelbem Gewand liegt am Boden. Dabei muss es sich um den Knecht Malchus handeln, dem Simon Petrus mit dem Schwert das Ohr abschlägt, ( Joh. 18, 10). Rechts am Berghang ist Betanien dargestellt. Hier steht ein einfacher Rund‐ bau mit Flachkuppel (bethania). Es handelt sich nach Zedlitz um die Stätte, in Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 299 <?page no="300"?> 168 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-285. 169 Ebd. deren Nähe das Haus Simons des Aussätzigen gewesen sein soll. Von Betanien selbst sagt er, dort habe die hailige Sanndt Marta gewohnt, die Christus dort oft beherbergt haben soll 168 . Auch Lazarus sei hier erweckt worden 169 . Am Fuße des Ölbergs wird durch eine Gebäudegruppe der Ort Betfage angezeigt. Die Nähe zur Goldenen Pforte auf dem Gemälde passt zu dieser Vermutung. Die Beschriftung lautet: bethphage. Links davon stehen zwei Figu‐ ren mit Heiligenschein, dabei zwei Esel. Hier scheint es sich um die Szene zu handeln, in der Jesus mit seinen Jüngern nach Betfage und Betanien kommt und zwei Jünger den Esel für den Einzug in Jerusalem holen lässt (Mk 11, 1). 2.6 Kloster Zion, tal Josephat und Umgebung Rechts neben der Stadt Jerusalem befindet sich der Berg Zion. Abb. 10: Detail der Gothaer Pilgertafel: Tal Josaphat. Gezeigt wird eine einschiffige Kirche. Das Kirchenschiff trägt ein Flachdach, der runde Kirchturm eine Zwiebelhaube. Unter der Fensterreihe ist die Längsseite des Kirchenschiffs offen. Man sieht Figuren mit Heiligenschein zu Tisch sitzen; es handelt es sich um den Abendmahlsaal. Rechts von der Kirche steht ein einzelnes kleines Haus. Auf dem Kirchendach lautet die Beschriftung: Syon. Die Gebäude sind zur Hälfte von einem Mauerring umgeben. Darunter ist ein 300 Eva Heuer <?page no="301"?> 170 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-194. 171 Ebd. 172 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-198. 173 Ebd. 174 Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. von Elmar S E E B O L D , Berlin 24 2002. 175 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-196. weiterer Mauerring zu sehen. In dem eingegrenzten Bezirk stehen Büsche und Bäume. Vor der Abendmahlskirche sieht man auf Felder. Von Zedlitz erfährt man, dass es sich bei der Anlage um das Kloster der Barfussir Brüder, also die Niederlassung der Franziskaner, handelt 170 . Vor dem Kloster, so schreibt er, sei das Wohn- und Bethaus der Jungfrau Maria, wo sie auch verstab 171 . Dementsprechend sieht man auf einem der Felder ein Grab mit der Beschriftung: Scheidung mariae. Unterhalb vom Ölberg ist der Beschriftung zufolge das tal Josephat darge‐ stellt. Durch das Tal fließt der Fluss Kidron (Cedro). Dort, wo der Fluss am Tempel Salomos vorbeiläuft, ist eine steinerne Brücke zu sehen. Von dieser heißt es bei Zedlitz: vber eine korze steinerne Brücke, do der flis Cedron undergihet, wen er fleust, vn do vor das hailige Creuze gelegen hat zum stege, ehe der herr geliden hat, vnndt die hailige Sanndt Sibilla das erkandt hat, das der herr an dem holze laiden sollte, vnd hat nicht woldt darvber gehen  172 . Rechts vom Zion sieht man eine Szene von zwei Figuren, von denen eine steht, während die andere am Boden sitzt. Die stehende Figur könnte Flügel haben, die andere könnte dem braunen Gewand nach Jesus sein. Ein Heiligenschein, mit dem er sonst dargestellt wird, fehlt. Zedlitz beschreibt in diesem Zusammenhang eine Stätte, an der Christus gebetet habe, vnnd do geschwitzet blutigen schweis; daraufhin sei ein Engel gekommen und habe ihn getröstet 173 . Die Beschriftung lautet: die wet - im Altsächsischen ein Ausdruck für Schweiß (swet) 174 . Demnach scheint es sich in der Abbildung um die von Zedlitz beschriebene Stätte zu handeln. Rechts davon ist das Martyrium des Propheten Jesaja (yzayar) dargestellt; er wird von zwei Figuren zersägt. Oberhalb des Kidron sieht man eine Art Bach mit der Beschriftung mariaprun. Hier könnte es sich nach Zedlitz um die Stätte handeln, wo Maria vnssern herren hembd vnd windeln gewaschen  175 . Schräg darüber ist ein kastenförmiger Bau dargestellt, auf dem zwei Personen stehen. Die Beschriftung lautet: gottesacker. Nach Zedlitz handelt es sich um den Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 301 <?page no="302"?> 176 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-196. 177 Ebd. Acker, der für die 30 Judas-Silberlinge gkauft wurde 176 . Passend dazu sieht man an der Wand des Ölbergs den erhängten Judas (Judas). Rechterhand von Judas schauen sechs Figuren mit Heiligenschein aus Fels‐ höhlen hervor. Die Beschriftung lautet: 12. potenkluft. So heißt es bei Zedlitz: In den gantzen Felss, dor Innen sich die hailigen Jünger Inne verborgen haben, als vnser Lieber Herr gemartert worden ist, […] 177 . Durch eine Felsschlucht blickt man auf die Stadtsilhouette von Betsaida, die Beschriftung hierfür lautet bethsemini. Weiter in der Ferne liegt das Tote Meer (todt mer). Dort sind fünf brennende Orte dargestellt. Links vom Meer liegt Schilo (Sylo), rechts der Sinai (perg Synay), dahinter Alexandria (alexandria). Abb. 11: Detail der Gothaer Pilgertafel: Tal Josaphat. Rechts vom Tal Josephat erhebt sich eine Gebirgskette. In den Bergen sieht man David (david) und Goliath (golyath). Goliath trägt einen Harnisch, während David dabei ist, mit seiner Steinschleuder auszuholen. Auf dem Berg davor ist die Heimsuchung Mariae mit Maria und Elisabeth dargestellt (heymsuchung marie). Hinter der Gebirgskette liegt in der Ferne ein riesiges Felsmassiv, auf dessen Gipfel man zwei Figuren erkennt: Eine schwarze Gestalt, die den Teufel darstellt, und Christus. Daneben steht ein kleines, kastenförmiges Gebäude. Über dem Berg steht in roter Farbe wustung geschrieben. Nach Zedlitz befinden sich zwei Kapellen auf dem Berg: Dort, wo Christus einst 40 Tage gefastet hat, habe Helena eine Kapelle errichten lassen. 302 Eva Heuer <?page no="303"?> 178 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-285. 179 R ÖH R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 123), S.-284. Höher auf dem Berg sei eine zweite Kapelle an der Stelle, an der Christus vom Teufel in Versuchung geführt wurde 178 . Demnach handelt es sich bei dieser Darstellung um den Berg der Versuchung. Unterhalb des Berges liegt auf der rechten Seite die Stadt Jericho (Jhricho). Vom Himmel herab strahlt ein Stern auf Bethlehem (betlehem). Dorthin sieht man die Pilger auf Eseln reiten. Bethlehem wird hier durch einen größeren Ge‐ bäudekomplex repräsentiert. Charakteristisch sind zwei verschiedene Türme, beide mit Umgang und Kuppel. Die Geburtsstätte mit der Heiligen Familie zeigt sich in einem offenen „Schauraum“, in dessen Wänden sich unten Rund‐ bogenöffnungen befinden. An diesen Raum grenzt einer der Türme, der mit einer Art Torbau verbunden ist, vor dem zwei Muslime zu stehen scheinen. Rechts neben diesem Gebäudeteil ist ebenfalls in einem offenen Raum der Kindermord des Herodes dargestellt; dementsprechend lautet die Beschriftung: unschuldigen kinderlein. Hier befand sich eine Niederlassung der Franziskaner, vor der sich auf dem Bild eine Szene abspielt: Zu sehen sind zwei Figuren mit einer Schafherde und einem Hund, von oben kommt ein Engel. Diese Szene zeigt nach dem Lukasevangelium Hirten auf dem Feld vor Bethlehem, denen ein Engel verkündet, dass der Heiland geboren sei, (Lk 2, 8-11). Rechts von Bethlehem ist der Prophet Habakuk (abacuk) aus dem Danielbuch (Dan 14,33-42) dargestellt, den ein Engel an den Haaren in die Luft hebt. Hinter Bethlehem sieht man auf den Jordan. Im Jordan sind badende Figürchen in Art von „Strichmännchen“ dargestellt. Dementsprechend schreibt Zedlitz: frue haben wir Pilgerin gebadt In dem Jordan  179 . Die letzte noch nicht benannte Szene der Gothaer Pilgertafel befindet sich ein Stück weit unter dem Hirtenfeld. Zwischen Palmen ist eine Gruppe Araber (araben) dargestellt. Hier ist die Malerei in einem sehr schlechten Zustand, so dass sie nicht genau zu erkennen ist. Auch meint man Unterzeichnungen zu sehen. Bei den Arabern stehen zwei Straußenvögel und ein Kamel. 3 Die Rückseite der Tafel im Kontext der Memorialbilder der Nürnberger Familie Ketzel Im frühen 15. Jahrhundert zog die Familie Heinrich Ketzel d. Ä. von Augsburg nach Nürnberg. Seit 1422 war sie dort ansässig. In Nürnberg zählte sie zu den ehrbaren jedoch nicht ratsfähigen Geschlechtern. Sechs Generationen hindurch verdienten sich die Ketzel vom 15.-16. Jahrhundert ihren Lebensunterhalt Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 303 <?page no="304"?> 180 Mordechay L E W Y , Die Gothaer Pilgertafel (wie Anm. 115), S.-223. 181 A I G N , Die Ketzel (wie Anm. 61), S.-66f. 182 Friedrich R H E N A N U S , Martin Ketzels von Augsburg Reise nach dem Gelobten Land i. J. 1476, von ihm selbst beschrieben, in: Altes und Neues für Geschichte und Dichtkunst, Bd.-1, hg. von F. H. B O T H E / H. V O G L E R , Potsdam 1832, 28-103. 183 A I G N , Die Ketzel (wie Anm. 61), S.-68. als Großhändler, vornehmlich im Gewürz- und Metallhandel. So brachten sie es zu großem Reichtum und Grundbesitz. Die männlichen Ketzel suchten Heiratsverbindungen zu den ratsfähigen Patrizierfamilien. Nach der Heirat wurden sie als „Genannte“ in den Großen Rat Nürnbergs gewählt. Dabei galten sie aber nicht als Patrizier und konnten somit auch nicht in den Inneren Rat gewählt werden. Um ihr gesellschaftliches Ansehen in Nürnberg zu erhöhen, schlossen sich die männlichen Ketzel auf Pilgerreisen nach Jerusalem dem hohen Adel an. Acht männliche Familienmitglieder von ihnen pilgerten in der Zeit von 1389 bis 1508 neunmal ins Heilige Land und ließen sich dort zum Ritter des Heiligen Grabes schlagen. Paulus, der letzte männliche Ketzel starb im Jahre 1588 180 . Um ihre Reisen in Erinnerung zu halten, ließen verschiedene Mitglieder der Familie unterschiedliche Reiseandenken anfertigen. Ein Verzeichnis aller bekannten Ketzel-Gedächtnisse von 1438 bis ins 17. Jahrhundert findet sich in der Monographie von Theodor Aign 181 . Die Ketzel hinterließen Grabsteine, Totenschilde, Gedenk- und Pilgertafeln, Glasscheiben, Bildnis-Medaillen, Port‐ rätstiche und andere Erinnerungsobjekte. Martin Ketzel verfasste außerdem einen Reisebericht über seine Pilgerfahrt ins Heilige Land im Jahre 1476 182 , und auch von einer Heilig-Grab-Kapelle in Nürnberg haben wir Kenntnis. 183 Diese wurde leider im 2. Weltkrieg zerstört, wie auch etliche andere Gegenstände bedauerlicherweise im Laufe der Zeit verloren gingen. Auch die Darstellung auf der Rückseite der Gothaer Pilgertafel gehört zu den Erinnerungsmahlen der Ketzel-Familie. Da diese im Gegensatz zur Vorderseite der Tafel in jüngerer Zeit bei Ausstellungen nie gezeigt und auch selten in der Literatur abgebildet wurde, ist es sinnvoll, die Rückseite zunächst detailliert zu beschreiben, bevor eine Deutung versucht wird. 3.1 Die Darstellung auf der Rückseite der Tafel Auf der Rückseite der Gothaer Tafel ist ein zentrierter weiß gemalter Streifen auf roten Grund durch schmale Säulen in acht hochrechteckige Felder gegliedert. 304 Eva Heuer <?page no="305"?> Abb. 12: Rückseite der Gothaer Pilgertafel mit den Rittern der Ketzel-Familie. Die Höhe des Malgrundes beträgt 23-cm. In jedes Feld ist ein nach (heraldisch) links kniendes, ritterlich gerüstetes Mitglied der Nürnberger Familie Ketzel mit Wappen gezeichnet. Alle acht Ketzel halten die Hände zum Gebet erhoben. Ihre Wappen zeigen jeweils eine auf einem Dreiberg sitzende langgeschwänzte Meerkatze, die in der rechten Pfote eine Kugel und um den Leib einen Gürtel mit Ring trägt. Über den Wappentafeln befinden sich Helm und Helmzier. Die Typen der Helme sind verschieden, die Helmzier besteht jeweils aus Helmdecken und der Meerkatze auf dem Dreiberg. Oben nennen Inschriften die Namen der einzelnen Ketzel und der Fürsten, unter denen die Wallfahrt stattfand, sowie das Jahr der Reise. Zudem ist jeder Ketzel mit verschiedenen Ordensinsignien ausgezeichnet, die im Einzelnen noch genannt und erläutert werden. Allen gemeinsam ist das fünffache Jerusalemkreuz. Während die anderen Ordensinsignien jeweils im Bereich der Helmzier angebracht sind, stehen die roten Jerusalemkreuze isoliert von den anderen Abzeichen im Blickfeld der einzelnen Ketzel. Im ersten Feld kniet Heinrich Ketzel. Über ihm lautet die dreizeilige Inschrift in Fraktur: H[e]inrich ketzel Zug Zum heiligen/ grab und auf den pergk/ Synay katherine grab 1389. Heinrich, vollbärtig und barhäuptig, trägt einen Harnisch mit einem Bauchreifen aus drei geschweiften Folgen, darunter einen Rock aus Kettengeflecht. Über der Harnischbrust trägt er einen Kettenpanzerkragen, des weiteren Schulterstück, Ober- und Unterarmzeug, sowie Beinröhren mit zugespitzten Kniefolgen und spitzen Kniekacheln mit großen, glatten Muscheln, dazu lange, geschobene Schnabelschuhe mit Sporen. Zu seiner Rechten trägt er einen Nierendolch, zu seiner Linken ein Schwert. Trotz der Farbabblätterun‐ gen im Gesichtsbereich ist erkennbar, dass es sich bei ihm um einen Mann fortgeschritteneren Alters mit schütterem, weißem Haar handelt. Zu seinem Wappen gehören drei Abzeichen: eine Kanne mit drei Blumen, welche den aragonesischen Kannenorden symbolisiert, ein Schwert mit Gürtel, Zeichen des zyprischen Schwertordens, und ein Rad mit Nabe und Kurbel, das den St. Ka‐ Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 305 <?page no="306"?> 184 Zur Identifikation der Ordenszeichen vgl. A I G N , Die Ketzel (wie Anm. 61), S.-82-94. 185 Die genaue Anzahl der Kronen lässt sich wegen Abblätterungen der Malschicht nicht bestimmen. Zudem handelt es sich hierbei um ein Ordenszeichen, dessen Bedeutung nicht klar ist. tharina-Orden auf dem Sinai bezeichnet 184 . Der Helm über seinem Wappenschild ist bis auf zwei Sehschlitze geschlossen. Im zweiten Feld nennt die fünfzeilige Inschrift Georg Ketzel: Friderich von gottes [gn]adenn/ Marg[r]aue Zu Branndennburg/ vnnd churfurst Zug Zum hey-/ lig[e]n grab. vnnd ich Jorg/ ketzel mit Ime 1453. Georg, dargestellt mit Oberlip‐ penbart und Haube, trägt einen Harnisch mit Reifenrock aus drei Folgen mit ge‐ zackten Rändern und Schamausschnitt, seitlich daran gespitzte, an den Rändern sechsfach gekehlte Beintaschen. Die Harnischbrust scheinbar gefältelt durch drei Längsgrate, dazu Schulterbuckel mit Brechrand, Ober- und Unterarmzeug, sowie Beinröhren mit geschobenen Kniefolgen und runden Kniekacheln mit kleinen Muscheln. Die Harnischschuhe haben so genannte Kuhmaulform, daran Sporen. Zu seiner Rechten trägt Georg einen Scheibendolch, zu seiner Linken ein Schwert mit Radnabenknauf. Ihm sind neben dem Jerusalemkreuz ebenfalls drei weitere Ordensinsignien zugeordnet: Das Zeichen des aragonesischen Kannenordens, eine Muschel unter sechsstrahligem Stern, was Santiago de Compostela symbolisiert, und das Zeichen des zyprischen Schwertordens. Der Helm über Georgs Wappen gleicht dem Heinrichs. Das dritte Feld zeigt Ulrich Ketzel. Die dreizeilige Inschrift über ihm lautet: [Ul]rich ketzel f[uhr] auff [de]m/ was[s]er au[ß] dem nyder[land]/ Zum heyl[ige]n grab 1462. Ulrich trägt einen Helm mit abschlächtigem Rundvisier und Kinnreff. Die Erkennbarkeit der einzelnen Harnischteile ist hier durch Farbabblätterungen besonders beein‐ trächtigt. Zu Ulrichs Harnisch gehört ein Reifenrock mit vier oder fünf s-förmig geschwungenen Folgen, daran kurze Bein- und Gesäßtaschen, oben Kettenpan‐ zerkragen, Schultern und Armzeug, unten Beinröhren mit runden Kniekacheln und kurze Schnabelschuhe mit Sporen. Zu seiner Linken trägt Ulrich ein Schwert mit Radnabenknauf. Seine zusätzlichen Abzeichen: Aragonesischer Kannenorden, zyprischer Schwertorden und ein Schiff mit sieben oder neun Kronen 185 . Der Helm über seinem Wappen ist ein Stechhelm. Im vierten Feld ist Martin Ketzel dargestellt. Die zwei Inschriften lauten: Ott vo[n] gote[s] gnad[e]n/ he[r]tzog [von] [Ba]yrn/ Zug Z[um] [h]aligen/ grab [un]d [ich] martin/ ketzel mit Ime/ 1468 und Albrecht v[o]n/ gots [gna]dn/ hertzog [v]on/ Sachsen Zug/ Zum heiligen/ grab vnd ich/ martin ket[z]el/ m[it] [Ime]. Der Kopf Martin Ketzels ist wegen Farbschichtabblätterungen kaum erhalten. Sein Harnisch besteht aus einem Reifenrock von zwei bis drei nach unten höher werdenden Folgen, an dessen unterer Bein- und Gesäßtaschen befestigt sind. Oben vierfach gescho‐ 306 Eva Heuer <?page no="307"?> 186 Vgl. dazu Heinrich M Ü L L E R , Albrecht Dürer: Waffen und Rüstungen, Mainz 2002, (Der Hl. Georg 1502/ 1503, Abb. 96). bene Schultern scheinbar mit Brechleiste, Armzeug mit Armkachel und eine glatte, in der Mitte gegratete Harnischbrust. Am Hals ein scheinbar gezackter Kragen. Elemente des Beinzeugs sind zugespitzte Kniefolgen, Kniekacheln mit großen Muscheln, sowie spitze geschobene Schnabelschuhe mit Sporen. Zu seiner Rechten trägt er ein Schwert. Den Inschriften zufolge war Martin zweimal im Heiligen Land, dementsprechend sind in seinem Feld zwei Jerusalemkreuze abgebildet, außerdem Das Zeichen des aragonesischen Kannenordens. Der Helm auf seiner Wappentafel ist ein Stechhelm. Das fünfte Feld zeigt Wolf Ketzel. Die fünfzeilige Inschrift lautet: Friderich von gottes gnaden herzog/ von sachse[n] vnnd churfurst etc./ vnnd hertzog cristoff von Bayrn/ Zugen Zum heyligen grab vnd ich/ wolff ketzel mit Inen 1493. Wolf Ketzel trägt ein Barett mit Federgarnitur und einen Halbharnisch mit kurzem, stark tailliertem Reifenrock, seitlich daran, fünffach geschobenen Beintaschen, darunter eng anliegende, längsgestreifte Strumpfhosen 186 und Kuhmaulschuhe. Die Harnischbrust mit Kragen ist um den Mittelgrat nochmals V-förmig gegratet oder gekehlt. Dazu Armzeug mit einfachen Schultern und Ellbogenkacheln. Bewaffnet ist Wolf Ketzel mit einem Schwert zu seiner Linken. Seine Ordens‐ zeichen sind ein Jerusalemkreuz, zyprischer Schwertorden und aragonesischer Kannenorden. Auf seiner Wappentafel sitzt ein Stechhelm. Im sechsten Feld kniet Georg Ketzel: He[in]rich von gots gnadenn/ Hertzoig von sachsen Zug Zu[m]/ heyligen grab vnd ich Jorg/ ketz[el] mit Ime 1498. Georg Ketzel trägt eine Netzhaube. Sein Harnisch hat über den Schultern Vorderflügen mit flach auf‐ gebogenen Brechrändern, das Ellbogenstück über dem Armzeug hat scheinbar textilen Charakter. Über dem Harnisch trägt Georg Ketzel einen gesäumten Faltenrock, darunter Beinzeug mit zugespitztem Geschübe und Kniekacheln mit Muscheln, dazu kurze, geschobene Schnabelschuhe mit Sporen und ein Schwert zu seiner Linken. Ordensinsignien sind das Jerusalemkreuz und das gegürtete Schwert des zyprischen Schwertordens. Der Helm über seinem Wappen ist ein grand bacinet mit rundem Hundsgugelvisier. Im siebten Feld kniet Sebalt Ketzel als einziger mit dem Rücken zum Betrachter. Die ihm zugeteilte Inschrift lautet: Heinrich [vo]n gottes gnade[n]/ hertzog von sachsen Zug Z[u]m/ heiligen grab vnnd ich Se[ba]lt/ ketzel mit Ime 1498. Die Malschicht in diesem Feld ist besonders stark beschädigt, so dass vom Oberkörper Sebalts kaum etwas zu erkennen ist. Unter dem Harnischrock trägt er Beinröhren, am rechten Bein sind zugespitzte Kniefolgen und eine Kniekachel mit Muschel zu sehen, an den Harnischschuhen Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 307 <?page no="308"?> 187 Hartmut S C H O L Z , Die mittelalterlichen Glasmalereien in Nürnberg (Corpus vitrearum medii aevi - Deutschland 10, 2), Berlin 2013, S.-325. 188 Georg Andreas W I L L , Der Nürnbergischen Münz-Belustigungen Theil 4 […], Nürnberg 1767, S.-183-185. Sporen. Auch er trägt ein Schwert zu seiner Rechten. Ordenszeichen sind das Jerusalemkreuz und das des zyprischen Schwertordens. Im achten und letzten Feld heißt die Inschrift über Michel Ketzel: Graff herm[an] von hennenberg/ Zug Zum heiligen grabe vnd/ ich Michel ketzel mit Ime/ 1503. Er trägt eine visierlose Helmglocke und einen Dreiviertelharnisch. Über der Harnischbrust hat er einen Waffenrock mit kurzen, gezaddelten und geschlitzten Ärmeln, dazu Armzeug, textile Beinkleider mit Kniekacheln, an den Schuhen Sporen. An einem Gurt zu seiner Linken ein Schwert, zu seiner Rechten ein Scheibendolch. Rechts vor ihm am Boden liegend ein Schaller. Michael Ketzel ist mit drei Ordenssymbolen ausgezeichnet: dem Jerusalemkreuz, dem zyprischen Schwertorden und dem aragonesische Kannenorden. Der Helm über seiner Wappentafel ist eine Hundsgugel. 3.2 Weitere Reiseandenken des Nürnberger Handelsherren- und Jerusalempilger-Geschlechts Ketzel als Zeugnisse für die Pilgerfahrt Friedrichs des Weisen Wie bereits mehrfach erwähnt, lässt sich die Darstellung der Ketzel-Ritter in den Zusammenhang weiterer Objekte einordnen, die hier ebenfalls knapp vorgestellt werden sollen. Zunächst soll es um die inzwischen verlorenen Ketzel-Fenster im ehemaligen Benediktinerkloster St. Egidien in Nürnberg gehen. Der Gründungsbau des Klosters wurde um 1150 von König Konrad III. (1138-1152) und seiner Gemahlin Gertrud für die iroschottischen Mönche gegründet 187 . Die dreischiffige Pfeilerbasilika wurde im Laufe der Jahrhunderte verändert, modernisiert und renoviert. So erhielt die Kreuzgangverglasung im Auftrag des Abts Johannes Radenecker mit finanzieller Beteiligung mehrerer Nürnberger Geschlechter im Jahre 1501 eine komplette Neuverglasung mit dem bilderreichen Zyklus aus dem Leben des Hl. Benedikt. Auch im südlichen Langhaus wurde neu verglast: Um 1510 stifteten die Ketzel eines der neuen Fenster. Da die Kirche und das Kloster mit Ausnahme von Chor, Querschiff, Sakristei und Kapellen im Jahre 1696 einem verheerenden Brand zum Opfer fielen, muss man zur Rekonstruktion der Fenster auf die Beschreibung in Wills Münz-Belustigungen zurückgreifen 188 : Dieser Ritter Gedächtniß war in der alten Egidler-Kirche, in einem Fenster daselbst auf der Emporkirche an der Mittagsseite, […], und verdienet, […], aufbewahret zu werden. 308 Eva Heuer <?page no="309"?> 189 S C H O L Z , Die mittelalterlichen Glasmalereien (wie Anm. 187), S.-336f. 190 W I L L , Münzbelustigungen 4 (wie Anm. 188), S. 183-185. Vermutlich diente Will ein handschriftliches Einzelblatt des 17. Jahrhunderts mit identischem Wortlaut in der Nürnberger Stadtbibliothek als Vorlage (zu Nor. H. 177). 191 Abbildung bei S C H O L Z , Die mittelalterlichen Glasmalereien (wie Anm. 187), S. 339. Das Original der Zeichnung befindet sich in der Staatlichen Graphischen Sammlung München, Inv. Nr.-41 Z. 192 S C H O L Z , Die mittelalterlichen Glasmalereien (wie Anm. 187), S.-339. 193 A I G N , Die Ketzel (wie Anm. 61), S.-74. 194 A I G N , Die Ketzel (wie Anm. 61), S.-39. 195 A I G N , Die Ketzel (wie Anm. 61), S.-73. Scholz hat die Komposition des Fensters auf Grundlage von Wills Beschrei‐ bung rekonstruiert und beschreibt die Anlage des Fensters als eine auf zwei Zeilen und vier Bahnen ausgedehnte Komposition 189 . Im unteren Register seien die vier lateinischen Kirchenväter, Gregor, Augustinus, Ambrosius und Hiero‐ nymus zu sehen gewesen, sitzend und jeweils begleitet von einem knienden Ketzel-Grabesritter. Im zweiten Register habe man über alle vier Bahnen die Anbetung der Heiligen Könige mit Maria, dem Jesuskind und dem heiligen Joseph sehen können, wiederum auf jeder Scheibe mit dem Bild eines Jerusa‐ lemfahrers aus der Stifterfamilie. Anlass der Stiftung war wohl demnach, ein Gedächtnis für alle acht Grabesritter der Familie sichtbar zu errichten. Nach Will waren folgende acht Mitglieder der Ketzel-Familie dargestellt (die Jahreszahl bennet das Reisedatum) Heinrich (1389), Georg (1453), Ulrich (1462), Martin (1472), Wolf (1493), Georg (1498), Sebald (1498), Michal (1498) 190 . Überliefert ist eine Federzeichnung des Hans Süß von Kulmbach, auf welcher der Grabesritter Michael Ketzel d. Ä. mit seinen Ordensinsignien neben dem Mohrenkönig Kaspar kniet; Ordensinsignien sind hier das Schwert mit Gürtel, das für den cyprischen Schwertorden steht, das Krückenkreuz, Zeichen des Ordens und der Ritter des Heiligen Grabes und die Kanne mit drei Blumen, welche für den aragonesischen Kannenorden steht 191 . Sie gilt als Entwurf für das Ketzel-Fenster in der alten Egidienkirche und wird um 1508 datiert. 192 In der Werkstatt des Veit Hirschvogels soll das Fenster nach der Vorlage von Hans Süß ausgeführt worden sein 193 . Aign hält Wolf Ketzel für den Stifter des Fensters, da dieser in zweiter Ehe mit Barbara Tetzel 1504 in das ratsfähige Geschlecht der Tetzel eingehei‐ ratet hatte, welche ihr „Gedächtnis“ hauptsächlich in der alten Egidienkirche hatten 194 . Zudem habe Wolf Ketzel zu Füßen Marias kniend den Ehrenplatz im Fenster, wodurch Aign seine Annahme als bestätigt sieht. Aign vermutet Hans Süß ebenfalls als Urheber der anderen sieben Scheiben des Fensters 195 . Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 309 <?page no="310"?> 196 Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, Inv. Nr. Gm581. Digitale Abbildung: http: / / objektkatalog.gnm.de/ objekt/ Gm581 Kulturgeschichtlich eigenartige Darstellungen sind die Ketzel-Pilgertafeln, von denen sich zwei in Nürnberg erhalten haben. Die erste Nürnberger Pilgertafel entstand wohl zeitnah zum Ketzel-Fenster gegen 1509-1520 196 . Abb. 13: Nürnberger Pilgertafel 1. Die Tafel zeigt acht kniende Grabesritter mit gefalteten Händen im Harnisch. Beiwerk sind die jeweiligen Ordenszeichen, acht große Ketzelwappen mit dem Wappentier Meerkatze sowie sieben kleinere Wappen der Ehefrauen. Die Inschriften darunter benennen den Namen des jeweiligen Grabesritters, den des Fürsten, dessen Pilgerfahrt man sich angeschlossen hatte, und das Jahr der Reise. In der oberen Tafelhälfte sind fünf Ketzel nebeneinander in Feldern dargestellt, darunter befinden sich ebenfalls fünf nebeneinanderliegende Felder, von denen nur drei „besetzt“ sind. Es ist anzunehmen, dass zwei Felder zur etwaigen Aufnahme weiterer Ketzel-Grabesritter frei blieben. Als Zeugnis für die Pilgerfahrt Friedrichs des Weisen 1493 interessiert hier Feld fünf der oberen Reihe: Wolf Ketzel wird bärtig, barhäuptig, als Hinweis auf seine Rolle als Fähnrich der Nürnberger im Schweizerkrieg mit einer Fahne dargestellt. Die Fahne ist rot und weiß, darin ist ein Madonnenbild zu sehen, 310 Eva Heuer <?page no="311"?> 197 A I G N , Die Ketzel (wie Anm. 61), S.-72 198 A I G N , Die Ketzel (wie Anm. 61), S.-33. 199 Kurt L Ö C H E R , Germanisches Nationalmuseum: Die Gemälde des 16. Jahrhunderts, Stuttgart 1997, S.-372-377. 200 Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Inv. Nr. Gm582. 201 Friedrich H. H O F M A N N , Wallfahrtsbilder vom Heiligen Land, in: Der Kunstwanderer, Halbmonatsschrift für Alte und Neue Kunst für Kunstmarkt und Sammelwesen (1927), S.-137-139, hier S.-138, Abb. 1. dabei steht das Wappen der Ehefrau Barbara Tetzel. Abzeichen sind: Kanne mit Blumen, Schwert mit Gurt und das Jerusalemkreuz. Die Beschriftung dazu lautet: Wolf Kezel zug zum heyligen grab mit herzog friderich von sachsen Churfürst und herzog Cristoff von Bairn 1493 Jar. Aign hält Georg II. Ketzel, Bruder von Wolf Ketzel, für den Stifter 197 : Seine Gemahlin war seit 1509 Martha Haller. Bemerkenswert ist an dieser Stelle folgende Information: Georg II. führte den väterlichen Handelsbetrieb nach dessen Tod fort, zeitweise auch zusammen mit Wolf Ketzel. Zu Georgs Kunden zählte u. a. Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen. Am 15. Juli 1507 stellte der Fürst Georg, Wolf, Sebald d. Ä. und Martin d. J. Ketzel einen Wappenbrief aus. Die Handelsbeziehungen zum kursächsischen Hof bestanden nach Friedrichs Tod 1525 weiter 198 . Eine ähnliche Tafel, die auch als zweite Nürnberger Pilgertafel bezeichnet wird, befindet sich auf der Rückseite der unteren Hälfte einer Ketzel-Bilder‐ stammtafel und gedenkt der neun Pilgerfahrten der schon genannten acht Ketzel-Grabesritter 199 . Auf der Vorderseite im rechten unteren Eck ist die Tafel auf den 31. August 1595 datiert 200 . Die Tafel ist senkrecht und waagerecht in insgesamt acht Felder gegliedert. Das erste Feld der oberen Reihe zeigt die Topographie um Jerusalem. Jedes weitere Feld der oberen Reihe enthält Ordenszeichen, Wappen und Namen der Fürsten, mit denen die einzelnen Ketzel pilgerten. Die Felder der unteren Reihe beinhalten Ordenszeichen, Wappen und Namen der acht Grabesritter Ketzel und dazu das jeweilige Datum der Pilgerfahrt mit Inschriften in Fraktur. Weitere Informationen zu Maler oder Stifter der Tafel sind nicht überliefert. In ähnlicher Weise wie die erste Pilgertafel wird im fünften Feld der oberen Reihe Friedrich des Weisen, mit dem Wolf Ketzel ins Heilige Land zog, genannt. Als letztes Exemplar einer Pilgertafel muss noch ein heute verschollenes Ge‐ mälde vorgestellt werden, das ebenfalls an die Pilgerfahrten der Ketzel erinnert. Man kann nicht sagen, welcher Ketzel es anfertigen ließ. Ausschlaggebend ist, dass es sich bei diesem Ketzel-Gedächtnis um ein Gemälde handelt, das der Gothaer Pilgertafel täuschend ähnlich sieht 201 . Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 311 <?page no="312"?> 202 Friedrich H. H O F M A N N , Denkmäler des Ordens vom hl. Grab in Bayern, in: Das Bayerland, 23.-Jahrgang, Nr.-32 (1912), S.-647. 203 Fritz Traugott S C H U L Z , Nürnbergs Bürgerhäuser und ihre Ausstattung, Bd. 1, Das Milchmarktviertel, II. Hälfte, Leipzig und Wien 1937, S.-513. 204 A I G N , Die Ketzel (wie Anm. 61), S.-70f. Abb. 14: Powerscourt-Tafel (oberer Teil). Diese sog. Powerscourt-Tafel stammte ursprünglich aus Nürnberg, auch wenn sich ihr ursprünglicher Standort nicht eindeutig belegen lässt. Möglicherweise hing sie einst in der Sebalduskirche in Nürnberg 202 . Leider fehlt ein entsprechen‐ der Nachweis. Schulz dagegen belegt das Haus Zum Goldenen Schild in Nürnberg als ehemaligen Standort des Gemäldes im 19.-Jahrhundert: Rechts vom Eingang hing eine große Kötzelsche (Ketzelsche) Familientafel, Jerusalem, das heilige Grab, wandernde und betende Pilger vorstellend. […] Möglicherweise ist diese Tafel identisch mit der, die später in den Besitz des Lord Powerscourt in London kam 203 . Aign bestätigt die Angabe von Schulz 204 . Die älteste ihm bekannte Erwähnung der Tafel im Haus Zum Goldenen Schild sei in der so genannten Topochrono‐ graphia um 1685 finden 205 . Ungeklärt bleibt, seit wann, bis wann und warum 312 Eva Heuer <?page no="313"?> 205 Topochronographia reipublicae Norimbergensis, 6. Teil, aus dem Ende des 17. Jh, 623. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Hs 7178. 206 A I G N , Die Ketzel (wie Anm. 61), S.-71. 207 Mervyn Edward Wingfield Powerscourt (1836-1904), 7 th Viscount Powerscourt. 208 Heute: Powerscourt Estate, Enniskerry, Co. Wicklow. 209 Mervyn Edward Wingfield P O W E R S C O U R T , A description and history of Powerscourt, London 1903, S.-62f. 210 P O W E R S C O U R T , A description (wie Anm. 209), S.-62f. 211 https: / / powerscourt.com/ 212 Ebd. 213 Bei Christieʼs wurden 1984 verschiedene Kunstgegenstände der Slazengers versteigert. Die Pilgertafel befand sich nicht darunter. Vgl.: Christie's on the Premises. Powerscourt, Enniskerry, Co. Wicklow. The Property of Mr. & Mrs. Slazenger. Old Master Pictures, French, English and Irish Furniture, Silver, Sculpture and a Collection of Arms and Armour, Which will be sold at Auction. London and Dublin 1984. 214 Im Inventar von House Powerscourt heißt es: […] representing successive knights of the family of Ketzel of Nuremberg, with many shewing their pilgrimages to the Holy Sepulchre, beginning 1389, successively down to 1503, with kneeling figures of the knights die Tafel im Haus zum Goldenen Schild hing 206 . Sicher ist dagegen, dass sich das Gemälde im Jahre 1903 im Privatbesitz von Mervyn Edward Wingfield Powerscourt befand 207 . Die Tafel erscheint im Inventar von Powerscourt House  208 in Old Dublin, das der Hausherr Mervyn Edward Wingfield Powerscourt verfasst und 1903 herausgegeben hat 209 . Wie das Gemälde nach Powerscourt House in Irland gekommen ist, und wo es hing, beschreibt der Viscount wie folgt: Lobby at foot of white stairs. […] Over the door of Lady Powerscourt’s Sitting Room, […]. Very curious picture, brought from Nuremberg by Frederick, fourth Marquis of Londonderry 210 . Da der Marquis Friedrich von Londonderry 1872 gestorben ist, lässt sich sicher sagen, dass die Tafel spätestens 1872 von Nürnberg nach Irland gebracht wurde. Nach dem Tod von Mervyn Edward Wingfield Powerscourt im Jahre 1904 blieb das Schloss für weitere zwei Generationen im Besitz der Powerscourts. Im Jahre 1961 ist es vom neunten Viscount an die Familie Slazenger verkauft worden 211 . Am 4. November 1974 brach im Schloss ein Brand aus: fire broke out on the top floor […] all of the principal reception rooms and bedrooms were destroyed. […] fire destroyed the glorious interior with its precious treasures, leaving behind only the exterior walls of the house  212 . Die Pilgertafel wurde wohl bei diesem Brand vernichtet 213 . Eine bildliche Vorstellung vom Aussehen der Tafel lässt sich nur aus der recht kleinen und grobkörnigen Schwarz-Weiß-Abbildung aus dem Jahre 1927 gewinnen. Allerdings weisen alle Beschreibungen der Tafel darauf hin, dass diese neben einem Blick auf das Heilige Land auch eine Darstellung von knienden Rittern aus der Familie Ketzel geboten habe, die am unteren Rand des verschollenen Gemäldes dargestellt gewesen waren 214 . Besonders ausführlich Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 313 <?page no="314"?> and their coats-of-arms. Also a view of the Holy Land, with the Holy City, Mount Sinai, and various other places, andincidents in their pilgrimages, martyrdoms, etc. P O W E R S C O U R T , A description (wie Anm. 209), S.-62f. 215 So bereits 1907 Fritz Traugott S C H U L Z , Die Heilig-Grab-Kapelle im Spitalhof in Nürn‐ berg, in: Die Denkmalpflege, 9 (1907), S. 89-91, hier S. 91. Zuletzt: Ders., Nürnbergs Bürgerhäuser (wie Anm. 203), S.-513. 216 H O F M A N N , Denkmäler des Ordens vom hl. Grab in Bayern (wie Anm. 202), S.-646-651. 217 H O F M A N N , Denkmäler des Ordens vom hl. Grab in Bayern (wie Anm. 202), S.-647. 218 Es handelt sich um eine Mitteilung von Bertold von Haller an das Germanische Nationalmuseum per Email vom 24. Januar 2023: In der grafischen Slg. des Hallerarchivs liegt ein Skizzenblatt von Wilder, das die Ketzelritter noch vom Original dieser Tafel zeigt. […] Wilders Abzeichnung betrifft aber, wie seiner Beschreibung von 1854 am Ende zu entnehmen ist, „eine große Kötzelische Familientafel, Jerusalem, das heilige Grab, wandernde u. betende Pilger, vorstellend, unten sind 8 knieende Ritter Közel mit Wappen, Ordensbezeichnungen, Turniergeschenken, Unterschriften von 1389.bis 1503. gehend, abgebildet“. https: / / objektkatalog.gnm.de/ wisski/ navigate/ 10184/ view (letzter Zugriff 12.9.2025). wurde die Tafel sogar mehrfach 215 von Fritz Traugott Schulz (1875-1951), dem langjährigen Hauptkonservator am Germanischen Nationalmuseum beschrie‐ ben. Ausführlich berichtete er 1912 216 : Dargestellt ist Jerusalem und Umgebung mit den Vorgängen aus der biblischen Geschichte; im Vordergrunde die Schilderung einer Schlacht und einer Wallfahrer-Ga‐ leere. Darunter knien in Nischen acht Mitglieder der Familie Ketzel, die in Jerusalem den Ritterschlag erhielten, mit ihren Wappen und den Insignien ihrer Orden. Die Beischriften lauten: „Ich heinreich Ketzel zug zum heyligen grab und auf katherina pergk synay 1389. - Ich Jorg Ketzel zug zum heyligen grab mit marggraf Friderich churfurst auß der marck 1453. - Ich ulrich ketzel fur auf dem wasser auß dem nyderland zum heyligen grab 1462. -Ich Mertein Ketzel zug zwir (zweimal) zum heyligen grab mit hertzog Ott von Bairn 1468 und mit hertzog albrecht von sachsen 1472. - Ich wolff Ketzel zug zum heyligen grab mit hertzog Friderich von sachsen churfurst und hertzog Cristoff von Bairn 1493. - Ich Jorg Ketzel zug zum heyligen grab mit hertzog heinrich von sachsen 1498. - Ich Sebolt Ketzel zug zum heyligen grab mit hertzog Heinrich von Sachsen 1498. - Ich Michel Ketzel zug zum heyligen grab 1503 mit graf herman von hennpergk“ 217 . Erst kürzlich ergab sich ein Hinweis darauf, dass sich im Familienarchiv der Nürnberg-Ritter auf der Tafel von 1854 befindet 218 . Durch diese genaue Beschreibung der Ritter aus der Ketzel-Familie erweist sich die Powerscourt-Tafel als Pendant zur Gothaer Pilgertafel, nur dass bei ihr die Ketzel-Pilger am unteren Bildrand angebracht waren, während sie auf der der Gothaer Pilgertafel auf der Rückseite erscheinen, allerdings eben 314 Eva Heuer <?page no="315"?> 219 L E W Y , Die Gothaer Pilgertafel (wie Anm. 115), S.-224. 220 Vgl. oben Anm. 128. 221 L E W Y , Die Gothaer Pilgertafel (wie Anm. 115), S.-224. in derselben Reihenfolge, wie sie auch auf der Powerscourt-Tafel zu sehen waren. Die Unterzeichnungen auf der Gothaer Tafel unterstützen Mordechay Lewys Vermutung, dass es sich bei den hier untersuchten Heilig-Landbildern um ein Serienprodukt, vermutlich aus einer Nürnberger Werkstatt handelte 219 . Da die Darstellung des sächsischen Kurfürsten wahrscheinlich eine spätere Zutat ist, stellt sich die Frage, wann diese Veränderung an der Gothaer Tafel vorgenommen wurde. Durch die Veränderungen der Farben im kursächsichen Wappen war ohnehin bereits 1507/ 1508 als Datum post quem gegeben 220 . Mordechay Lewy hat darauf verwiesen, dass die Umwidmung der Tafel mit der Erteilung des Wappenbriefs für die Brüder Georg II. und Wolf Ketzel am 15. Oktober 1507 zusammenhängen könnte, zumal sich der sächsische Kurfürst als Generalstatthalter des Hl. Römischen Reiches Deutscher Nation ohnehin 1507 und 1508 immer wieder für längere Zeit in Nürnberg aufhielt 221 . Dieser Spur sollte weiter nachgegangen werden. Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 315 <?page no="317"?> 1 Jana Hasištejnského z Lobkovic putování k Svatému hrobu, hg. von Ferdinand S T R E J Č E K , Praha 1902 nach der Handschrift, Prag, Nationalbibliothek, XVII A 13. 2 Böhmische Bürgertestamente des 15. Jahrhunderts, hg. von Thomas K R Z E N C K (Quellen zur Geschichte und Landeskunde Ostmitteleuropas 9), Marburg 2019. Die Jerusalemfahrt des böhmischen Adeligen Johann von Lobkowitz auf Hassenstein im Jahre 1493 Auf der Grundlage der Edition von Ferdinand Strejček von 1902 ins Deutsche übertragen von Thomas Krzenck Thomas Krzenck (Übersetzer) Der vorliegende Bericht des böhmischen Adeligen Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein reflektiert dessen Jerusalemfahrt im Jahre 1493. Johann II. hat diesen gut anderthalb Jahrzehnte später auf der Grundlage von nicht erhaltenen Tagebuchaufzeichnungen zu Papier gebracht (oder diktiert? ). Im Jahre 1902 hat der tschechische Realschullehrer Ferdinand Strejček diesen Bericht erstmals auf der Grundlage der einzigen überlieferten Prager Handschrift ediert 1 . Die jetzt erstmals vorliegende Übertragung ins Deutsche basiert auf der Strej‐ ček-Edition, wobei sich der Übersetzer bemüht hat, möglichst nah am Text zu bleiben, ähnlich wie im Falle seiner Übersetzung böhmischer Bürgertestamente aus dieser Zeit 2 . In der Edition von Strejček kursiv gestaltete Textstellen wurden 1: 1 übernommen. Dies betrifft auch die in tschechisch dazugesetzten Stellen. Die Fußnoten stammen vom Übersetzer; die Identifikation der mitreisenden Personen in den Pilgerlisten am Ende des Textes haben die Herausgeber des vorliegenden Bandes unter Benutzung des Beitrags von Thomas Lang in diesem Band und mit dessen weitergehender Beratung vorgenommen. Dies betrifft insbesondere die Anmerkungen 734-795. *** <?page no="318"?> 3 Kaaden (tschech. Kadaň), Stadt in der Region Aussig. 4 Chiesch (tschech. Chyše), Stadt in der Region Karlsbad, 1475 zum Städtchen erhoben. 5 Welhartitz oder Wellartitz (tschech. Velhartice), Gemeinde unweit von Klattau (Klatovy) in Westböhmen. 6 Czwisle (Zwiesel). 7 Die Degenberger als ursprüngliche Ministerialen der Grafen von Bogen waren ein bedeuten‐ des Adelsgeschlecht im Bayerischen Wald. 8 Tekendorff (Deggendorf). Mit dem Aussterben der Babenberger und der Grafen von Bogen (1242) ging die ehemalige Grafschaft Deggendorf in den Besitz der Wittelsbacher über. 9 Albrecht IV. der Weise von Bayern-München (1447-1508). 10 Ekenffeld (Eggenfelden) kam 1259 in den Besitz der Wittelsbacher. 11 Georg der Reiche (1455-1503), Herzog von Bayern-Landshut. 12 Etink (Neu-Ötting), erstmals 1296 als Stadt erwähnt; seit Anfang des 13. Jahrhunderts im Besitz der Wittelsbacher Herzöge. 13 Alt Ethynk (Altötting). [Fol. 1r] Von dem hochwohlgeborenen Herrn, Herrn Johann von Lobkowitz und auf Hassenstein mit seinem Reisebegleiter, dem hochwohlgeborenen Herrn, Herrn Dietrich von Guttenstein, nach Jerusalem zum Heiligen Grab Jesu Christi, unseres Erlösers, im Jahre 1493 Anfänge und glückliche Ausführung der Pilgerfahrt. [fol. 2r] Im Jahre der göttlichen Geburt Eintausend Vierhundert Dreiundneunzig, am Montag nach dem Weißen Sonntag [15. April], habe ich Johann von Lobkowitz und auf Hassenstein mich von Kaaden 3 aus auf die Reise zum Heiligen Grab begeben und ich bin an diesem Tage in das vier Meilen entfernte Chiesch gereist 4 . Und hier habe ich Herrn Dietrich von Guttenstein, meinen Begleiter, wiedergetroffen. Und am Folgetag, am Dienstag [16. April], sind wir gemeinsam die sechs Meilen nach Pilsen gereist. Am Mittwoch [17. April] haben wir uns nach Welhartitz begeben, ebenfalls sechs Meilen entfernt 5 . Am Donnerstag [18. April] sind wir von Welhartitz aus in das Städtchen Czwizle fünf Meilen über das Gebirge auf einem sehr schlechten Wege gereist 6 . Dieses Städtchen gehört dem Herrn von Degenberg 7 . Am Freitag [19. April] sind wir von diesem Städtchen aus in das Städtchen Tekendorff, fünf Meilen entfernt, gereist 8 . Dieses Städtchen gehört dem Fürsten Albrecht von München 9 . Am Sonnabend [20. April] sind wir von Deggendorf aus nach Ekenffeld, eine Kleinstadt, sechs Meilen entfernt, weitergereist 10 . Und auch dieses Städtchen gehört dem Fürsten Georg von Bayern 11 . Am Sonntag vor St. Georg [21. April] sind wir von Ekenfeld aus nach Etink, eine Stadt, drei Meilen entfernt, gereist 12 . Dies ist [fol. 2v] eine nicht sehr große Stadt, doch finden sich darin vornehm errichtete Häuser. Auch diese Stadt gehört dem oben genannten Fürsten Georg. Und von dieser Stadt Ethink vier Meilen entfernt, in Alt Ethynk, gibt es ein Kloster 13 . Vor diesem Kloster aber befindet sich eine Muttergotteskapelle, 14 zu der viele Pilger 318 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="319"?> 14 Gnadenkapelle (Heilige Kapelle). Aus dem 8.-10.-Jahrhundert stammend, wurde der Bau im 15. Jahrhundert im gotischen Stil erweitert; seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert weithin bekannter und besuchter Wallfahrtsort. 15 Sstan (Stein), Burg und Siedlung an der Traun, heute Stadtteil von Traunreuth. 16 Thoryngar (Toerring), oberbayerisches Hochadelsgeschlecht, das seit dem 13.-Jahrhundert in Stein an der Traun residierte. 1369 wurden die Grafen von Toerring (auch Törring) zu den Herren von Tüßling. 17 Roznhaym (Rosenheim). 18 Wirkgl (Wörgl am Inn). 19 Vdolee inske (tschech. Udolí inské). 20 Sswacz (Schwaz, Tirol). strömen, und ebenso eine Vielzahl von Menschen aus den umliegenden Ländern pilgern hierher, da hier große Wunder geschehen. Mir wurde dabei verlässlich berichtet, dass sich zu den Ostertagen, nämlich den zurückliegenden, an die 30000 Pilger hier eingefunden hätten. Am Montag vor St. Georg [22. April] sind wir von Ethynk aus nach Sstan, drei Meilen weiter, gereist 15 . Hier befindet sich die Burg der Herren Thoryngar und wir blieben hier in Sstan bis zum nächsten Tag, einem Dienstag [23. April], ganztätig 16 . Am Mittwoch danach [24. April] fuhren wir dann von Sstan nach Roznhaym über vier Meilen 17 . Und auch dieses Städtchen gehört dem Fürsten Georg von Bayern. Am Donnerstag zu Sankt Markus [25. April] sind wir dann von Roznhaym in das Städtchen Wirkgle, sechs Meilen entfernt, gereist 18 . Auch dieses Städtchen untersteht dem oben genannten Fürsten. Am Freitag [26. April] dann von Wirkgl aus drei Meilen weitergezogen und zu einer Brücke gelangt, die [fol. 3r] über einen nicht sehr großen Fluss führt. Und an dieser Brücke endet das Herrschaftsgebiet des Fürsten Georg von Bayern. Gleich auf der anderen Seite der Brücke beginnt das Land des römischen Königs, das im Deutschen Inntal genannt wird, wo man im Tschechischen Inske sagen würde, [vdolee inske] 19 . Denn hier fließt talwärts ein Fluss, der In(n) genannt wird. Und nach diesem Fluss und dem Wasser hat die gesamte Landschaft ihren Namen Inske vdolee. Die gesamte Landschaft hat auf beiden Seiten sehr hohe und zuweilen zugleich sehr steile Berge. Und talaufwärts gibt es saubere Städtchen und Dörfer, und in diesen [leben] reiche Menschen. Zudem ist die Landschaft zwischen diesen Bergen sehr lieblich: kleine Dörfer und Wiesen, manchmal eine Viertel Meile in der Länge sich zwischen den Bergen erstreckend, mitunter auch länger oder eben kürzer. Von dieser oben beschriebenen Brücke eine Meile entfernt liegt eine hübsche Kleinstadt des römischen Königs mit Namen Sswacz 20 . In diesen Bergen oberhalb des Städtchens gibt es viele Schächte, in denen Silber gewonnen wird. Und in dem Städtchen selbst zahlreiche Hütten, in denen man das Silber einschmelzen lässt. In diesem Städtchen gibt es einige hundert Bergknappen, reine Knechte (Burschen). Und hier in diesem Städtchen haben wir gespeist. Anschließend sind wir etwa III Meilen [fol. 3v] weitergezogen nach Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 319 <?page no="320"?> 21 Insspurk (Innsbruck). 22 Matron (Matrei in Osttirol). 23 Ssterczink (Sterzing in Südtirol). 24 Prawnek (Bruneck im Pustertal). 25 Bryxen (Brixen, ital. Bressanone) 26 Niderdorf (Niederdorf, Pustertal/ Südtirol). 27 Gurcz (Görz). 28 Nidersdorff (Niederdorf, Pustertal/ Südtirol). 29 Panstwi benadczke (Herrschaft/ Republik Venedig). 30 Monet (? ). 31 Gaudepont (? ). Insspurk, eine Stadt des römischen Königs 21 . Hier sind wir über Nacht geblieben. Am Sonnabend [27. April] nach dem Essen reisten wir weiter nach Matron, einem Städtchen, vier Meilen von hohen Bergen umgeben 22 . Doch war der Weg keineswegs schlecht. Und hier befindet man sich bereits im Etschtal. Dieses Land gehört ebenfalls dem römischen König. Am Sonntag [28. April] nach der Messe sind wir von Matrei aus in das Städtchen Ssterczink vier Meilen weitergezogen 23 . Auch dieses Städtchen ist hübsch und erstreckt sich länglich. Hier gibt es schön gebaute Häuser. Am Montag vor Sankt Jakobus und Philippus [29. April] sind wir dann von Ssterczynk in die Stadt Prawnek, sieben Meilen entfernt, weitergereist, über der sich eine Burg erhebt; Burg und Stadt sind sehr schön gebaut 24 . Burg und Stadt gehören dem Bischof von Bryxen 25 . Und der Bischof ist Untertan des römischen Königs. Am Dienstag [30. April], als die Vigil der Heiligen Jakobus und Philippus gehalten wurde, reisten wir nach dem Mahl von Prawnek nach Nidersdorf, einem drei Meilen entfernten Städtchen 26 . Dieses Städtchen gehört dem Grafen von Gurcz 27 . Am Mittwoch auf den Tag der Heiligen Jakobus und Philippus [1. Mai] sind wir von Nidersdorff aus ungefähr eine halbe Meile auf einem guten Weg gereist 28 . Nachfolgend sind wir dann zur Rechten talabwärts zwischen sehr hohen Bergen gereist. Und nachdem wir eine Halbdrittelmeile [fol. 4r] von diesem Städtchen entfernt waren, befindet sich dort eine Schenke. Vor dieser Schenke wiederum verläuft die Grenze zwischen der Grafschaft Görz und der Herrschaft [Republik - Th.K.] Venedig 29 . Und hier beginnt das Gebiet der Republik Venedig. Wir haben an diesem Tag einen sehr schlechten und steinigen Weg zurückgelegt. Wir sind von der genannten Schenke aus noch drei Meilen an diesem Tag bis in ein Dorf gereist, das Monet heißt 30 . Am Donnerstag auf den Tag des Heiligen Sigismund [2. Mai] sind wir von Monet in ein Dorf gereist, das heißt Gaudepont, VI Meilen entfernt, und der Weg war äußerst schlecht, steinig und von großen Bergen umgeben 31 . Den ganzen Tag hat es ohne Unterbrechung geregnet. Am Freitag auf den Tag des Heiligen Kreuzes [3. Mai] sind wir von Gaudepont in ein Städtchen gereist, das da heißt Kunigslan, (sic! ), VI Meilen wiederum auf einem sehr schlechten und steinigen sowie von hohen Bergen umgebenen Weg 32 . Und den 320 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="321"?> 32 Kunigslan (ital. Conegliano, zum Gebiet der Republik Venedig gehörend). 33 Terwiz (ital. Treviso). 34 Terwiz (ital. Treviso). 35 Mastris (ital. Mestre). Für Venedig benutzt der Erzähler ausnahmslos die tschechische Bezeichnung „Benatky“. 36 Terwiz (ital. Treviso). 37 Benatky (ital. Venezia). 38 Dem sog. Patron oblag es, den Transport des Pilgers ins Heilige Land und den Besuch der dortigen Pilgerstätten abzusichern. Er sorgte für deren Sicherheit, ebenso für vertragliche Abmachungen mit den Muslimen und Franziskanern, die sich um die heiligen Stätten kümmerten. Als Patron für Johann von Lobkowitz auf Hassenstein agierte Agostino Contarini, Angehöriger einer der zwölf venezianischen Patrizierfamilien. 39 Benatky (ital. Venezia). ganzen Tag ist wiederum ohne Unterbrechung Regen auf uns gefallen. Am Sonnabend nach dem Tag des Heiligen Kreuzes [4. Mai] sind wir von Kunigslan in die Stadt Terwizu, drei Meilen entfernt, auf dem gleichen Weg gereist, und wiederum den ganzen Tag bei Regen 33 . Und hier haben wir unser Lager genommen. Und auch diese Stadt Terwiz ist ziemlich groß. 34 Es gibt hier viele Mühlen. Und sie gehört zur Herrschaft Venedig. Und hier in Terwiz wird nachgerade alles nach Venedig geliefert, was man für Brot bedarf. Sodann am Sonntag [5. Mai] [fol. 4v] nach der Messe und nach dem Mittagsmahl zu Sankt Florian sind wir II Meilen nach Mastris gereist 35 . Dies ist ein nicht sehr großes Städtchen, in dem es viele Juden gibt, und hier haben wir uns etwa eine Stunde ausgeruht. Und danach sind wir auf unseren Pferden nach Terwiz zu unserem Wirt zurückgekehrt, damit er sich um diese [Pferde - Th. K.] bis zu unserer Rückkehr kümmere 36 . Anschließend haben wir uns auf ein kleines Schiff begeben, das die Welschen [Italiener - Th. K.] Barka nennen, und wir sind flussabwärts nach Venedig gefahren, etwa eine halbe Meile 37 . Hier sind wir auf das Meer gestoßen. Von hier aus ist es wiederum eine gute halbe Meile bis Venedig, wo wir um XXII Uhr angelegt haben. Hier sind wir dann in eine Gastwirtschaft gegangen, die da heißt „Zum Weißen Löwen“. Am Montag nach Sankt Florian [6. Mai] kam zu uns in die Gastwirtschaft Augustyn Cantoryn, der Patron des Pilgerschiffs 38 . Und wir haben hier mit ihm einen Vertrag abgeschlossen, dass er uns in das Heilige Land führe und mit Geleitschreiben gegenüber den dortigen Heiden ausstatte, damit wir sicher das Heilige Grab und andere heilige Stätten besichtigen können. Auch solle er uns wiederum sicher nach Venedig zurückführe 39 . Und hier und dort mit Essen und Trinken versorge; dafür solle er von jedem von uns 50 Dukaten erhalten. Diesen Vertrag zwischen uns [fol. 5r] haben wir auf einer Cedula untereinander festgehalten, wovon der genannte Patron eine und wir die andere genommen haben. Am gleichen Tag gegen Abend sind wir auf der Barke eine halbe Meile von Venedig in das Meron [miesteczko meron] genannte Städtchen gefahren, das auf einer kleinen Insel im Meer liegt 40 . In diesem Städtchen gibt es wie mir scheint an die 70 Handwerker Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 321 <?page no="322"?> 40 Meron (ital. Murano). 41 Der Autor verwendet anstelle des (korrekten) Titels „Doge“ stets „Herzog“ bzw. „Fürst“. Da auch Konrad Grünenberg in seinem Bericht der Pilgerfahrt von 1486 die Bezeichnung Herzog verwendet, haben wir diese belassen. 42 Augustin Barbadicus = Agostin Barbarigo (1419-1501), Doge von Venedig 1486-1501. 43 Gemeint ist der Dogenpalast. 44 Marsyonal (Arsenal von Venedig) . 45 Srubicze = synonym für Tarasnice (deutsch Tarasnitze oder „Terrabüchse“): auf einer Holzlafette montiertes, übergroßes Handfeuerrohr. oder mehr und allesamt sind Glasmacher. Diese stellen hier ungeheuer glänzende Sachen aus Glas her: Rosenkränze, kleine Tassen und vergoldete Gläschen, allesamt einzigartig. Diese verschiedenen Dinge werden stets in großer Menge hergestellt, und wer kommt, kann diese hier kaufen. Am Dienstag vor dem heiligen Stanislaus [7. Mai] am Morgen sind wir zum Herzog 41 von Venedig [knijeze Benatske] gegangen, mit Namen Augustin Barbadicus 42 . Dabei haben wir ihm den Vertrag gezeigt, den wir mit dem Patron abgeschlossen hatten. Bei dieser Gelegenheit haben wir darum gebeten, er möge dem Patron auferlegen, dieser solle sich uns gegenüber so verhalten, wie in diesem Vertrag festgeschrieben ist. Und wir wollen gleiches tun. Der Herzog hat dies in unserer Anwesenheit umgehend auch getan und dem Patron dies mit aller Strenge geboten. Zugleich hat er den Vertrag auch seinem Kanzler gegeben [fol. 5v], damit dieser ihn in das Kanzleiregister eintrage. Nachfolgend hat uns der Herzog alle seine Räumlichkeiten am Hofe gezeigt, die sämtlich sehr prachtvoll gestaltet sind 43 . Und imposante Treppen und Räume, prachtvolle Türen und Fenster, groß, allesamt aus Alabaster. Mit prunkvollen Arbeiten gezimmerte Säle, die man nicht besser bauen kann. Und die Böden sind oben überaus eindrucksvoll gestaltet. Alles ist zudem prunkvoll mit reinem Dukatgold versehen. Am Mittwoch auf Sankt Stanislaus [8. Mai] habe ich das Haus gesehen, das man Marsyonal [Duom marsyonal] nennt, in dem die Venezianer ihre Werkstätten und verschiedene Waffen, Geschütze sowie Munition aufbewahren 44 . Und dieses Haus ist verschlossen, so dass nicht jeder dorthin einfach hineingehen kann ohne Zustimmung von Beamten, die hier in diesem Haus von den Herzögen und den Herren eingesetzt sind. Dieses Haus ist sehr groß in seinem Umfang. In diesem Haus gibt es sechs große Hallen, die haben ein Ausmaß von gut 60 oder 70 Metern in der Länge und 20 in der Breite. In allen diesen Hallen gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen Waffen: gewaltige eiserne Armbrüste [fol. 6r] und Schwerter sowie blecherne Rüstungen: Helme, Beile, Pfeile, kleine Armbrüste, Arkebusen, Gewehre und alle anderen Rüstungen in großer Vielzahl, wie man sich diese nur denken kann. Riesige Waffen, darunter aber auch leichte Geschütze wie Tarasnitzen 45 finden sich in diesem Haus. In diesem Gebäude gibt es darüber hinaus zwei riesige Hallen [dwa placzy welika], jede von ihnen hat vier Ecken. Auch ist in diesen Hallen das Wasser tief, welches vom Meer aus dort hinein- und hinausfließt. 322 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="323"?> 46 Kloster Sankt Georg - Kloster San Giorgio vor San Marco gegenüber im Wasser. 47 Kloster des heiligen Antonius - Sant’Antonin Venedig. 48 Obrazy misternce (dt. Wunderbilder). Überall um diese Halle erheben sich Gebäude, groß wie Ställe, ein jedes dieser Häuser etwa 30 Schritte in der Breite oder Tiefe und 80 oder 90 in der Länge. Und in jedem dieser Häuser befinden sich Galeeren und andere Schiffe, die allesamt sehr groß sind, einige bereits fertiggestellt, einige werden noch gebaut. In diesem Haus arbeiten zahlreiche Handwerker Tag für Tag außer an Feiertagen. Mir wurde als verbürgt gesagt, dass sich jeden Tag mehr als 1000 Arbeiter in dieser Halle aufhalten und diese Galeeren und Schiffe bauen: Zimmerleute [fol. 6v], Schmiede, die Lanzen herstellen, Seilwinden sowie alle möglichen andere Dinge. Und es gab dort annähernd 100 alte und jüngere Frauen, die Windsegel fertigen, welche sie selbst als „wela“ bezeichnen und die für sämtliche Galeeren und großen Schiffe sowie auch die kleineren Boote benötigt werden. Die dritte dieser Hallen wird für den gleichen Zweck genutzt, ist aber noch nicht vollständig vollendet. Diese letztgenannte Halle wird wesentlich größer sein als die beiden anderen, sowohl in der Breite als auch in der Länge. Und dies alles ist besonders ummauert. Ein großes Tor führt vom Meer in diese Halle. Es gibt eine prächtige Pforte und sehr viele Fenster. Und sofern Bedarf besteht, dann können die Galeeren und anderen großen Schiffe auf Walzen aus diesen Hallen ins Wasser gleiten. Und dieses eine Tor geht hinaus ins Meer, und wird, wenn es notwendig ist, geöffnet. [klasster S o Girzij] 46 Am Freitag nach Sankt Stanislaus [10. Mai] bin ich im Kloster des Heiligen Georg gewesen. Hier hat man uns die Reliquie gezeigt: das Haupt des heiligen Georg. Dazu dessen linke Hand mit allen Fingern samt Fleisch am Knochen bis zum Ellbogen. Hier habe ich auch die linke Hand der heiligen Lucia, ebenfalls sämtliche Finger mitsamt dem Fleisch, [fol. 7r] sodann den Vorderschädel mit der Nase des heiligen Jakobus des Geringeren, des Apostels, und das Haupt des heiligen Eustachius gesehen. In ebendiesem Kloster ruhen der gesamte Körper des heiligen Eustachius sowie die Heiligen Kosmas und Damian. [Klasster S o Anthonina] 47 Am Sonnabend vor Christi Himmelfahrt [11. Mai] bin ich auf einer Barke in das Kloster des heiligen Antonius gefahren. Hier hat man uns vor allem nach‐ folgende Reliquien gezeigt: einen Dorn aus der Dornenkrone, die Christus unser Herr auf dem Haupt trug, das Haupt des heiligen Johannes des Almosengebers sowie zahlreiche weitere Reliquien. Und in diesem Kloster befinden sich acht Bilder [Obrazy misternce] 48 mit Kreide gemalt und gebrannt und so meisterhaft angefertigt, dass man, drei Schritte vor ihnen stehend, den Eindruck gewinnt, sie seien noch am Leben. Dies vermag kein Lebendiger zu glauben, der dies Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 323 <?page no="324"?> 49 kterzij sau gmeny (dt. diese werden (nachfolgend) genannt). 50 Maria Jakobäa (Maria Kleophae). In Joh 19, 25 findet Maria Kleophae als eine der Frauen unter dem Kreuz Erwähnung, in der entsprechenden Stelle bei Mt 27, 56 erscheint unter den Frauen am Kreuz eine „Maria … Mutter des Jakobus und des Josef “, in Lk 24, 10 ist Maria die Mutter des Jakobus. nicht selbst gesehen hat, dass nämlich dieses Meistwerk von Menschenhand geschaffen sein könnte. Ich selbst hätte dies nicht geglaubt, hätte ich es nicht mit eigenen Augen erblickt. [kterzij sau gmeny] 49 Es handelt sich um die nachfolgenden Bilder: Zuerst das Bild des vom Kreuz abgenommenen Christus des Herrn, der da gleichsam mit dem Haupte auf einem Kissen ruhend liegt; das zweite [fol. 7v] Bild der Gottesmutter, die ebenfalls mit ihrer rechten Hand unter dem Haupte gebettet ist. Und auch dieses Bild ist Trauer hervorrufend angefertigt und mit plastisch wirkenden Augen, gleichsam als ob sie lebendig wäre und ohnmächtig zu Boden sinken würde. Das dritte Bild ist jenes der heiligen Maria Salome, die die Gottesmutter mit ihren Händen umfasst, damit diese nicht zu Boden falle. Das vierte Bild ist jenes der heiligen Maria Jakobaea, die stehend Tränen vergießt 50 . Das fünfte Bild stellt die heilige Maria Magdalena dar, ebenfalls weinend dastehend und die Hände ringend, und ihre Tränen bedecken ihr Antlitz, gleichsam die Tränen eines lebendigen Menschen darstellend, wenn dieser weint: und so ist ihr Antlitz auf den Betrachter gerichtet. Das sechste Bild zeigt den heiligen Johannes, der ebenfalls Tränen vergießt. So sind diese sechs Bilder meisterhaft gefertigt und mit Farben gemalt, dass bei einem jeden der Eindruck entsteht, die Dargestellten zeigten lebendige Gestalten. Denn dieses Bild der Gottesmutter hat das Aussehen einer menschlichen Gestalt, wenn sie ohnmächtig wird, und das Bild des heiligen Johannes und der drei Marien gleicher Gestalt, als ob lebendige Menschen Tränen vergießen. Das siebente Bild zeigt Nikodemus in welschen Gewändern [fol. 8r], und auf die Knie gesunken, wobei er auf dem Haupt ein rotbraunes Birett trägt, abgenutzt als ob es alt wäre, und ein weißes Tuch unter diesem Birett, so wie wie man sich in welscher Art zu kleiden pflegt. Und das Gewand hat er umgürtet. Zudem hat er unter dem Gewand eine Art Eisen und einen Hammer. In der linken Hand hält er drei Nägel. Und alle diese Sachen: Kleider, Gewänder, Hammer, Stock, Nägel sind farbprächtig. Und die Gestalt wirkt sehr lebendig. Ihre Kleider durch die Farbe, Stock, Hammer, Nägel ebenfalls durch ihre Farbe, selbiges gilt für die eherne Gestalt, der Griff am Hammer als sei er aus zeitgenössischem Holz angefertigt. Dieser Griff sieht aus wie aus Eichenholz gemacht. Das achte Bild zeigt Josef von Arimathäa, ebenfalls eine von Trauer gezeichnete Gestalt. Der Stoff ist nach welscher Sitte und die Tracht ist aus blauem Schamlott gefertigt, 51 ja nahezu alles ist aus echtem Schamlott gefertigt 324 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="325"?> 51 Ssamlat - dt. Schamlott, aus Kamelhaaren gefertigter, teurer Importstoff. 52 Kloster Sant‘ Elena in der Lagune von Venedig. 53 Kirche San Biagio (San Biagio al Forni) im Osten Venedigs. 54 Oblatenteller = Hostienteller. und wird durch einen Gürtel mit Tasche zusammengehalten. Der Gürtel selbst erweckt den Eindruck, als ob er echt sei. Ebenso die Tasche, das Gewand, das um Christus unseren Herrn geschlungen ist. Und [fol. 8v] die Kopftücher aller drei Mariengestalten sind ausgefranst als ob sie echt wären. Ebenso alle diese Bilder: deren Gesichter, die Hände, Finger, Nägel und Adern sowie sämtlicher Schmuck in den Händen und an den Fingern, in den Händen und außen, an denen nicht das geringste Detail fehlt, gleichsam als ob ein lebendiger Mensch dort stünde. Ein Mönch, der mir das alles gezeigt hat, konnte berichten, dieser Meister, der das alles erschaffen habe, sei für sein Werk mit 600 Dukaten entlohnt worden. [Klasster S e Eleny] 52 Am Sonntag vor Christi Himmelfahrt [12. Mai] bin ich auf einer Barke zum Kloster der heiligen Helena gefahren. Man geht hier in die Kirche, linkerhand befindet sich eine Kapelle, und in dieser Kapelle ruht die oben genannte heilige Helena. Hier also habe ich ihren heiligen Körper betrachtet. Und auf ihrer Brust ruht ein Kreuzlein vom Kreuz des Herrn Christus und dies ist schwarz und oval, wie ein kleiner dicker Finger, dergestalt —/ ——/ —/ -. Dieses Kreuzlein trug die heilige Helena zu ihren Lebzeiten bei Tag und Nacht stets bei sich. Und lang ist dieses kleine Kreuz wie der fünfte Teil des Ellenbogens. Darüber hinaus finden sich an ihrem Körper zahlreiche weitere Reliquien. Dieses Kloster liegt auf einer kleinen Insel vor der Stadt. Nach der Messe sind wir von dort aus [fol. 9r] wieder in die Stadt zurückgekehrt. Und hier haben wir die Kirche des heiligen Blasius aufgesucht [Kostel S o Blazege] 53 . In dieser Kirche lesen zwei Priester die Messe: der eine nach dem Ritus der römischen Kirche, der zweite entsprechend der griechischen Sitte. Der erste Priester, der der römischen Gewohnheit folgt, liest die Messe, der dem griechischen Ritus folgt, zelebriert die Messe singend. Die Schüler sangen allesamt griechisch Kyrieleyson, Christeleyson und Amen ganz wie die unseren. Und der Geistliche sang zudem die Epistel sowie die ganze Lesung. Er erhob nicht den Leib und das Blut Gottes, auch weihte er nicht den göttlichen Körper in der Oblate, so wie unsere Priester dies tun. Ehe er das ungesäuerte Brot nahm, hat er von diesem Brot je ein Stück an den vier Ecken abgetrennt, etwa zwei Finger in der Breite. Und dies hat er auf den Oblatenteller gelegt, der kaum größer war als der, den unsere Priester benutzen, allerdings tiefer 54 . Der Kelch war genau der gleiche, den auch unsere Priester verwenden. Danach gab er, ebenso wie es die Priester tun, Wein und Wasser in den Kelch. Und er segnete den Oblatenteller und den Kelch. Im Anschluss Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 325 <?page no="326"?> 55 Msse rzeczkeho knieze (dt. Messe des griechischen Priesters). brach er dann die Stücke des Brotes oder aber den göttlichen Leib in vier Teile. Eines dieser Stücke beließ er auf dem Korporale [fol. 9v]. Und die übrigen Stücke tauchte er in den Kelch. Im Anschluss nahm er das Korporale mit dem Leib Gottes in die rechte und den Kelch in die linke Hand, wendete sie gegen die anwesenden Laien und sprach einige griechische Worte, verbarg seine Stirn mit dem Korporale. Ungeachtet dessen konnte man sein Antlitz unter dem Korporale erblicken. Dann wandte er sich wiederum zum Altar, nahm in die rechte Hand dieses Stück [Brot - Th.K.] und legte es auf den Oblatenteller, den er abstellte. Auch stand während der Messe ein Grieche [Msse rzeczkeho knieze] 55 hinter dem Priester selbst und schlug ungefähr eine halbe Stunde fortwährend das Kreuz über sich, berührte mit der Hand den Boden und danach ganz und von einem Arm zum anderen. Im Anschluss wandte er sich an die Laien und sagte dreimal hintereinander in Griechisch: „Sychoryte me tua martalon“. - Ich selbst fragte einen Italiener, der hier ebenfalls zusah, in Latein, was der Grieche gesprochen habe. Und er antwortete mir, dieser habe gesagt: „Vergebt mir sündigem Menschen! “ Danach wandte sich dieser Grieche wiederum dem Altar zu. Und dabei spendete ihm der Priester, einen silbernen Löffel aus dem Kelch nehmend, den Leib und das Blut des Herrn. Und [fol. 10r] dieser Priester wandte sich erneut dem Altar zu und nahm den im Kelch verbliebenen Rest. Im Anschluss daran goss er sich, ebenso wie dies unsere Priester tun, Wein über die Finger und gab die Ablution. Anschließend legte der Schüler, der ihm beim Zelebrieren der Messe geholfen hatte, den Rest dieses Brotes in die hölzerne Schale, aus der der Priester dieses Stück zum Leib Christi herausgebrochen hatte, und jenes Brot war wie eine große gute Wecke gebacken, und er brachte diese einem alten Griechen, der zu einem Messer griff und das Brot in kleine Stücke in besagte Schale schnitt. Nachfolgend nahm der erwähnte Schüler diese Schale mit dem genannten Brot und stellte sie auf den anderen Altar, der dem ersten nahestand, damit der Priester hier die Messe zelebriere. Und damit trat der Priester von seinem Altar an jenen heran, auf dem sich die Schale mit dem beschriebenen Brot befand. Er sprach segnend über diesem etwas in griechischer Sprache und schlug das Kreuz. Abschließend ging er wiederum zu seinem ersten Altar. Er sprach wenige Worte und wandte sich an die Laien und erteilte diesen den Segen durch das Kreuzschlagen, so wie auch unsere Priester dies zu tun pflegen. Und im Anschluss [fol. 10v] nahm er die Schale und reichte sie allen Griechen und den übrigen Laien, die danach verlangten, Männern wie Frauen. Hier habe ich mich wiederum an den ersten Italiener gewandt und ihn gefragt, was dies zu bedeuten habe. So berichtete er mir, dass die Griechen die eine oder 326 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="327"?> 56 Im Text Swata mina = heilige Minne, d.-h. Agape. 57 Wygezd knizeczy proti markrabinie - ein fürstlicher Ausflug in die Markgrafschaft (Mantua). 58 Doge von Venedig. 59 Im Text Ssperloch (dt. Sperlach =Plane). 60 Der venezianische Herzog = der Doge von Venedig. 61 Aksamit (Axamit) = im 4. Jahrhundert entwickelte und bis zum 16. Jahrhundert verwendete Bindung für Gewebe (Sammet). andere Gewohnheit pflegen, wobei sie an einem jeden Sonntag diese heilige Erinnerung 56 weihen und dem einfachen Volk spenden. Und auch die Griechen erweisen sich als sehr fromm und mit großer Sorgfalt bei der Heiligen Messe, ihre Häupter dem Altar zuneigend. Stets schlagen sie dabei ein Kreuz nach dem anderen, die Hand an die Stirn führend und den Boden berührend. Und von einem Arm die Finger zum anderen führend, wie bereits oben beschrieben. [Wygezd knizeczy proti markrabinie etc.] 57 Am Dienstag vor Christi Himmelfahrt [14. Mai] nach dem Mahl ist der vene‐ zianische Herzog 58 mit seinen Herren und Räten auf der Galeere Suptyle in die Markgrafschaft Mantua gereist. Und diese Galeere war sehr groß, lang wie breit, an die 50 Fuß oder sogar mehr in der Länge und zwölf Fuß etwa in der Breite, vielleicht auch mehr. Auch war diese Galeere prachtvoll ausgestattet, alles wie auf einem Wagen mit einer Plane, ganz mit rotem Atlasstoff überzogen 59 . Und alles um das Schnitzwerk herum [fol. 11r] ist alles prachtvoll und vergoldet. Und der Sitz wie aus reinem Atlasstoff. Und alles ist mit prachtvollen Stoffen, Läufern und Teppichen ausgelegt. Im hinteren Teil der Galeere an deren Ende standen zwei Bänke, von zwei prachtvoll goldgewirkten Leinentüchern bedeckt. Auf der einen Bank saß der venezianische Herzog selbst, auf der anderen der obengenannte Markgraf 60 . Über diesen beiden Bänken hatte man wiederum ein prächtiges goldgewirktes Leinentuch angebracht und festgenagelt. Die Galeere wurde nachfolgend zum herzoglichen Palast [Dogenpalast - Th. K.] geleitet. Zudem hatte man einen Laufsteg vorbereitet, so dass der Herzog, von seinem Palast aus mit trockenem Fuß auf diesem auf die Galeere gelangen konnte. Auf dem genannten Schiff hatte man längsseits für jeweils vier Personen lange Bänke, wiederum allesamt mit prächtigen Läufern und Polstern geschmückt, damit die Damen, die mit dem Herzog zum Markgrafen fuhren, hier sitzen konnten. Und danach versammelten sich jene Damen, die hierzu auserwählt waren, auf den Barken und nahmen auf der oben beschriebenen fürstlichen Galeere Platz, wobei die Damen kostbare goldgewirkte Gewänder von teurem Aksamit trugen und Schmuck [fol. 11v] von teuren Steinen 61 . Auch zierten ihre Kleidung teure Knöpfe sowie Perlen und sie trugen prächtig Ringe an ihren Fingern mit teuren Steinen. Darüber hinaus kleidete sie weiterer Schmuck Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 327 <?page no="328"?> 62 Klenoty, kterez mieli na sobije panije benatczke (dt. Der Schmuck, den die venezianischen Damen trugen). 63 Czentulanowe - aus dem Italienischen: einer von 100 Herren. 64 Galeoti (ital. Galeotti), venezianische Männer zwischen 18 und 40 Jahren. [Klenoty, kterez mieli na sobije panije benatczke] im Wert von mehreren 100 000 Golddukaten 62 . Andere wiederum trugen Schmuck im Wert von 5000, weitere für 6000, wiederum andere für X, schließlich eine weitere [Dame - Th. K.] für XV Tausend. Eine andere für XX tausend Golddukaten. Über eine Dame wurde mir glaubhaft berichtet, sie trage für XL Tausend Golddukaten Schmuck. Und die genannte Galeere hatte zwei Ebenen: Eine obere für den Herzog und die Herren des Rates, die da heißen Czentulanowe 63 . Und die oben genannten Damen und deren Diener. Die zweite, untere Ebene, in der Seeleute die Ruder bedienten, die da Galeoti genannt werden 64 . Von diesen gab es auf jeder Seite 38. Und dieselben ruderten diese Galeere und verwalteten die Ruder. Vor dieser Galeere selbst befand sich ein anderes Schiff, auf dem gab es 20 Galeoti mit Rudern, die durch ein enges Seil miteinander verbunden waren. Mit ihrer Zugkraft halfen sie die herzogliche Galeere zu ziehen. Und zu diesem Schiff gab es [fol. 12r] wiederum auf jeder Seite acht kleine Ruderboote, immer eines hinter dem anderen. Auf jedem dieser kleinen Boote gab es acht oder zehn Knechte. Diese alle halfen die herzogliche Galeere zu ziehen. Und so segelte dann der Herzog mit seinem Gefolge auf der Galeere, wobei er neben der gewöhnlichen italienischen Kleidung mit Goldfäden durchwirktes Tuch trug, welches in unsere Länder in dieser prächtigen golddurchwirkten Form nicht gelangt. Vor ihm befanden sich Trompeter mit silbernen Trompeten und Flöten; die einfachen Trompeter beherrschten ihr Instrument nur sehr wenig, einfach nur: Tra ra ra. Im Anschluss kam zum Herzog über diesen Steg, den man vorbereitet hatte, ein Herr auf die Galeere, der diesem Zeitpunkt einer Gesandtschaft des Königs von Neapel beim Herzog angehörte. Hinter diesem Herren schritt ein weiterer Herr, der ebenfalls der Gesandtschaft zugehörte und vom Herzog von Mailand kam. Hinter den Herren gingen die Angehörigen des fürstlichen Rates, hinter ihnen ihre Diener auf der Galeere. Darüber hinaus schritten dort auch einige aus unserer Gemeinschaft, da man dies niemandem [fol. 12v] verwehrte, zumal einigen diese Herren selbst, diese wahrnehmend, empfohlen hatten dorthin zu gehen; denn die Herren Venezianer haben diese Angewohnheit und gewähren den Landfremden die Ehre einen Anspruch zu haben und dies anzuschauen. Und besonders gilt dies für bedeutende und hochwohlgeborene Personen. Als der Herzog auf der Galeere kam, ging er zu seinem Platz, den man ihm vorbereitet hatte, am Ende der Galeere, wo sich die prachtvollen Sitzbänke befanden. Er schritt dabei würdevoll zwischen diesen obengenannten Herren, die auf den für 328 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="329"?> sie vorbereiteten Bänken in Viererreihen saßen. Und jeder dieser Herren erhob sich vor dem Herzog und verneigte sich, als er an ihnen vorbeischritt. Sodann begannen die 17 obengenannten Schiffe die große Galeere zu ziehen und die ganze Formation teilte sich. Die LXXVI oben erwähnten Ruderknechte, die sich auf dem fürstlichen Schiff auf der unteren Ebene unter jener des Herzogs [Dogen - Th. K.] befanden, zogen das Schiff mit ihren Rudern auf dem großen Kanal abwärts. Auch waren die übrigen sechs Schiffe sehr prachtvoll ausgestattet, wobei jedes dieser Boote ebenfalls über zwei Decks verfügte. In jedem dieser Unterdecks gab es XII [fol. 13r] oder XIIII Ruderknechte, die ebenfalls das Schiff ruderten. Auf dem Oberdeck war jedes dieser Schiffe im Inneren und von außen prachtvoll mit prunkvollen Wandtapisserien und Teppichen ausgestattet. Und es gab darüber hinaus Sammet- und Dammastgewebe sowie Atlasstoffe, so dass man keinerlei Holz sehen konnte. Auf jedem Schiff gab es VIII oder X Fahnen, einige vergoldet, andere ganz einfach. Und auf dem Oberdeck eines jeden Schiffes fanden sich XX oder XXX Personen, die fein gekleidet waren. Auf jedem Schiff Flötenspieler, Trompeter und Trommler. Auf jedem dieser Schiffe zeigten sich einige dieser Musiker maskiert, sie saßen vorn auf dem Schiff, so dass sie jeder sehen konnte, der hierhin schaute, und man hatte sie mit unterschiedlichen Gewändern und Kleidungsstücken ausgestattet: die einen als Mönche, andere als Türken, wiederum andere als Heiden, weitere als Juden, andere als Griechen, jeder nach der entsprechenden Sitte gekleidet, manche als alte Großmütter, so überaus hässlich, wie dies hässlicher und unansehnlicher nicht sein kann. Und an besagtem Tag fand sich eine [fol. 13v] erhebliche Zahl von tausend kleinen Booten ein, die als Barken bezeichnet werden, und von denen einige mit drei und wiederum andere mit vier Personen besetzt waren, während auf anderen fünf Personen saßen, diese wiederum maskiert, wobei ein Teil vor dem herzoglichen Schiff fuhr, während ein anderer Teil sich dahinter befand. Alle Barken fuhren sehr dicht beieinander. Und der Herzog kam zum Kloster Corpus Christi, wobei er mit seinem Schiff und den Herren und Räten anlegte und in das Kloster ging, während die Damen sämtlich auf dem Schiff verblieben und hier auf den Herzog warteten. Nach ungefähr zwei Stunden traf die Markgräfin auf einem sehr prachtvoll ausstaffierten und geschmücktem Schiff ein, wie oben über sie geschrieben steht, nachdem der Herzog sie und einige Herren seines Rates vier italienische Meilen von der Stadt hatte rufen lassen. Und hinter diesem Schiff fuhren zwei weitere ihrer Schiffe, nämlich ihr Gefolge, die brachten Kleidung. Und als sie das Ufer bei dem Kloster erreichten, wartete der Herzog auf sie; man vereinigte sich mit den Schiffen der Markgräfin und der Damen, die also insgesamt an die 30 [Schiffe - Th. K.] oder mehr zählten. Es trafen zudem [fol. 14r] einige Grafen mit ihren Gemahlinnen ein, allesamt Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 329 <?page no="330"?> 65 Kramy kupeczke (dt. Kaufläden bzw. -stände). 66 Waygezd kniezeczy (dt. Abreise des Fürsten). 67 Stadium (lat.): im Original hier hony (Längenmaß, 125 Schritte). ebenfalls in prachtvolle Gewänder gekleidet. Alle zierten prunkvolle große Ketten. Die Markgräfin war eine sehr schöne Frau. Zugleich sehr nobel, wie es uns als den dort Anwesenden schien. Und Gott der Herr hatte bei ihr wirklich an alles gedacht, nichts vergessend. Weder Anmut noch Schönheit. Auch sie ging zu diesem Kloster und traf mit dem Herzog an der Klosterpforte zusammen. Hier bereitete man ihr einen sehr freudigen Empfang, reichte ihr die Hand und gemeinsam gingen sie an Bord des herzoglichen Schiffes. Im Anschluss wandten sie sich wiederum dem Festmahl zu, das für die Markgräfin vorbereitet worden war, in einem sehr prächtigen Haus. Als man dieses nunmehr erreichte, ging die Herzogin mit ihrem Gefolge, während die hohen Herren sich ihrem eigenen Hof zuwandten. [Kramy kupeczke] 65 Am Mittwoch vor Christi Himmelfahrt [15. Mai] nach dem Mahl haben wir uns entschlossen, zu den Kaufständen zu gehen, um zu schauen, was dort angeboten wurde, zumal zu dieser Zeit ein Jahrmarkt stattfand. So haben wir die Herberge verlassen, und als wir auf den Markusplatz kamen, haben wir eine Vielzahl prächtiger Dinge erblickt, die man dort feilbot, von prächtigen Kleinoden, Ringen, teuren Steinen bis zu Perlen sowie verschiedene andere [fol. 14v] Sachen aus Gold und aus Silber fand man hier in großer Menge. Hier haben wir darüber hinaus zahlreiche schöne Frauen erblickt, sehr herausgeputzt, die sich hier diese Dinge anschauten und dabei von einem Stand zum anderen gingen. Da erklangen die Glocken zur Vesper in Sankt Markus. Wiederum fanden sich eine große Zahl schöner Frauen und Männer ein, prunkvoll herausgeputzt, dabei eine Dame neben der anderen mit teurem Schmuck, Ringe und Kleinode tragend, zumal man ihnen auferlegt hatte, sich für die oben erwähnte Markgräfin herauszuputzen, die auf das Geläut hin eintreffen sollte und die dann mit dem Fürsten auch ankam. Und wiederum haben alle Venezianerinnen ihren Schmuck in der Kirche des heiligen Markus auf dem großen Altar ausgestellt, so dass ihn jeder sehen konnte. [Waygezd kniezeczy] 66 Am Donnerstag zu Christi Himmelfahrt [16. Mai] am Morgen haben der Herzog von Venedig mit der oben genannten Markgräfin und ihren Gräfinnen und Jungfrauen und Herren sowie den Höflingen, die mit ihnen gekommen waren, sowie mit den Räten die Galeere betreten, die sie von ihrem Hof aus aufwärts auf dem Großen Kanal [fol. 15r] gegen die Sonne beförderte. Ungefähr nach drei welschen Meilen haben wir zwei Burgen passiert, von denen die eine etwa ein Stadion 67 oder ein halbes von der anderen entfernt steht, und auf diesen Burgen haben die Herren Venezianer zahlreiche große und kleine 330 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="331"?> 68 Stadium (lat.): im Original hier hony (Längenmaß, 125 Schritte). 69 patryarcha benatsky swietil morze (dt. Der Patriarch weihte das Meer). 70 Vermählung des Dogen mit dem Meer (ital. Festa della Sensa), stets an Christi Himmel‐ fahrt. Vgl. Johannes F R I E D , Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik, München 2004, hier S.-157-166. 71 San Nicolò di Lido. 72 kniez ffrydrych, Saske knijeze (dt. Herzog Friedrich III. Weise von Sachsen, seit 1486 Kurfürst). Geschütze, die sie emsig warten, da die Burgen als Tor nach Venedig dienen. Denn sämtliche Waren auf den Galeeren und auf Booten, die nach Venedig von den Heiden, den Türken, den slawischen und den kroatischen Ländern, aber auch aus dem Königreich Sizilien und von anderswoher aus dem Osten, wo die Sonne aufgeht, gelangen, diese alle müssen zwischen diesen beiden Burgen hindurch nach Venedig transportiert werden. Hierher kamen an diesem Tag wiederum gut tausend Barken und entsprechende Personen auf diesen. Im Anschluss sind wir auf das Meer gefahren, zwei oder drei Stadien 68 entfernt von den oben genannten Burgen, und hierher 69 kam auch der Patriarch von Venedig auf seiner Galeere mit zahlreicher Dienerschaft, hin zu der herzoglichen Galeere. An dieser Galeere legte er an und er trug vor sich ein goldenes Kreuz. Und hier weihte er das Meer [patryarcha benatsky swietil morze], dabei Gebete sprechend und segnend, wie dies seit alters her der Brauch ist [fol. 15v], und zwar am Tage Christi Himmelfahrt. Im Anschluss nahm der Herzog von Venedig wiederum nach altem Herkommen, das stets an diesem Tag gepflegt wird und zur Anwendung kommt, einen Ring und tauchte ihn an eine Schnur gebunden drei Mal in das Meer, wobei von dem Ring gesagt wird, er gehöre dem heiligen Markus 70 . In der Folge entstand hier ein großes Geschrei durch die Menschen, Trompetenschall, Flötenspiel und Trommelwirbel. Danach wandte man sich wiederum der Stadt zu. Die oben genannten Burgen passierend, einige Stadien entfernt zur linken, liegt St. Nikolaus 71 , wo sich der Herzog mit der Markgräfin in das dortige Kloster begaben und der Messe beiwohnten. Nach der Messe begab man sich wiederum auf die Galeere, wobei der Herzog die Markgräfin in ihre Unterkunft begleitete, in der man ihr ein Mahl vorbereitet hatte, und die Höflinge hatten dies alles vorbereitet, damit es an nichts fehle und damit es weder an Essen noch an Trinken mangele. [kniez ffrydrych, Saske knijeze] 72 An diesem Tag weilte ich bei Herzog Friedrich von Sachsen, seiner Gnaden, in dessen Haus, das ihm der venezianische Herzog, solange er [der Herzog/ Kur‐ fürst - Th. K.] hier weilte, hatte herrichten lassen, damit dieser über seine Residenz verfüge. Dieses Haus lag außerhalb der Stadt [fol. 16r] dem Meer zugewandt. Es war prunkvoll ausgestattet mit herrlichen Gärten, in denen es die verschiedensten Blumen und Kräuter gab. In diesem Haus war der Flur Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 331 <?page no="332"?> 73 o kramijech kupeczkych (dt. Über die Kaufmannsbuden bzw. -läden). 74 Herzog Christoph der Starke von Bayern-München (1449-1493) hatte an den Höfen des ungarischen Königs Matthias Corvinus und des römisch-deutschen Königs bzw. Kaisers Friedrich III. gedient. 1493 unternahm er mit Kurfürst Friedrich III von Sachsen eine Wallfahrt ins Heilige Land. Auf der Heimreise erkrankte er auf Rhodos und starb. 75 klasster Swate luczye (dt. Kloster der heiligen Luzia). Kloster und Kirche Santa Lucia, 1861-1863 im Zuge des Eisenbahnbaus und der Errichtung des Bahnhofs abgetragen. 76 Kloster des heiligen Hiob (ital. San Giobbe), 1493 geweiht. Hier predigte auch der heilige Bernhardin von Siena. ziemlich lang, doch nicht sehr breit, alles mit prächtigen Tapeten und Teppichen geschmückt, Zu beiden Seiten lagen jeweils IIII Kammern, wobei man vom Flur aus in jedes Zimmer gehen konnte. Und die Kammern hatte man wiederum mit prunkvollen Wandbehängen und Teppichen ausgestattet. In jeder dieser Kammern stand eine ansehnliche Bettstatt, dazu ein prunkvoller Spiegel, groß und in einen Goldrahmen gefasst, alles sehr kostbar. Und in jeder Kammer gab es einen prächtigen Kamin, so dass jeder, der dies nicht wusste, annehmen konnte, er sei aus weißem Marmor gefertigt, dazu imposante Bilder und Tiere sowie allerlei Wundergestalten, die ein Goldschmied angefertigt zu haben schien; so meisterhaft ist das Werk gefertigt. Und wenn es Marmorarbeiten gewesen wären, hätte ein Kamin sicherlich kaum unter 100 Golddukaten angefertigt werden können. Dieser eine Kamin, der kostete freilich sechs oder sieben Golddukaten; denn er ist lediglich aus Kreide gemacht und im Feuer gebrannt. [o kramijech kupeczkych] 73 Am Freitag danach [17. Mai] sind wir wiederum zwischen den Kramläden mit dem frommen Fürsten Christoph, dem bayerischen [fol. 16v] Herzog, herumgestreift, einmal nur wir zwei 74 . Hier haben wir wiederum an diesem Tag viele prachtvolle Schmuckstücke und teure Sachen erblickt. Uns beiden schien es, dem Herzog und mir, dies alles sei noch viel prächtiger als beim ersten Male. [klasster Swate luczye] 75 Am folgenden Sonntag [19. Mai] sind wir im Kloster der heiligen Jungfrau Lucia gewesen. Im Anschluss an die Messe hat man uns ihren ganzen Körper ge‐ zeigt. Dieser ruht in einer Kapelle in ebendiesem Kloster zur rechten Hand, wenn man das Gotteshaus betritt. Von hier aus sind wir wiederum auf einer Barke zu einem anderen Monasterium gefahren, nämlich demjenigen des heiligen Hiob und des heiligen Bernardin 76 . Dieses Kloster untersteht den Franziskanern. Hier haben sie uns den vollständigen Körper des heiligen Lukas, des Evangelisten, gezeigt, der in der Sakristei aufbewahrt wird. In dem genannten Kloster befindet sich eine Kapelle und in dieser ein Bild der Gottesmutter, von dem mir der Guardian dieses Klosters berichtete, dass es große Wunder vollbringen würde. 332 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="333"?> 77 Klasster Swateho ffrantisska (dt. Kloster des heiligen Franziskus). Die Laguneninsel San Francesco del Deserto wurde im 13. Jahrhundert neu besiedelt, 1220 nahm der aus Ägypten und Palästina zurückgekehrte Prediger Franz von Assisi hier seinen Wohnsitz. Nach 1233 erbauten die Minoriten ein Kloster, dass 1420 aufgegeben und 1453 durch die Frati Minori Osservanti-renoviert und erweitert wurde. 78 Ital. San Francesco della Vigna. 79 Chiesa Madonna. Dell’Orto, ursprünglich dem heiligen Christophorus geweiht, dem Schutzpatron der Fährschiffer, Reisenden und Händler. 80 Giny klasster swateho ffrantisska (dt. ein anderes Kloster des heiligen Franziskus). Gemeint ist San Francesco della Vigna mit dem weithin sichtbaren Campanile. 81 Basilika St. Jakob in der Prager Altstadt (ehemaliges Minoritenkloster). In diesem Monasterium gibt es einen schönen Garten mit Weinreben, darüber hinaus wächst hier prächtiges Obst. [Klasster Swateho ffrantisska] 77 Am Montag [20. Mai], am Dienstag [21. Mai], am Mittwoch [22. Mai], am Donnerstag [23. Mai] und am Freitag [24. Mai] haben wir jeden Tag für unsere Reisevorbereitungen genutzt, und alle Besorgungen getroffen. Am Sonnabend vor dem Heilig-Geist-Fest [25. Mai] sind wir in der Messe im Franziskanerkloster gewesen, dieses trägt den Namen „Zum heiligen [fol. 17r] Franziskus im Weinberg“ 78 . Dieses Kloster ist ein sehr prachtvoller Bau. Es besitzt gepflegte Gärten, in denen verschiedene Obstbäume stehen. Von hieraus sind wir wiederum in ein anderes Monasterium gefahren, das „Zum heiligen Christophorus“ heißt 79 . In diesem Kloster leben etwa 70 Mönche. Sie tragen (spezielle) Kleidung, nämlich Kapuze und Skapulier, alles blau. Hier haben uns die Mönche in ihrer Sakristei die Reliquien gezeigt: nämlich einen Dorn von der Krone Christi des Herrn, einen Zahn des heiligen Christophorus. Und einen ganzen Knochen von seinem Fuß, das Haupt der heiligen Jungfrau Barbara, deren ganzer Körper hier in diesem Kloster aufbewahrt wird. Dabei handelt es sich nicht um jene heilige Jungfrau Barbara, die wir hier in unseren Ländern kennen, sondern es ist eine andere. Man hat uns darüber hinaus viele andere Reliquien gezeigt. [Giny klasster swateho ffrantisska] 80 Von hier aus sind wir auf der Barke zu einem weiteren Kloster gefahren. Hier leben Mönche wie in Prag zu Sankt Jakobus 81 . Die Mönche haben uns persönlich berichtet, dass sie an die 200 seien in ihrem Monasterium. Es gibt eine große prachtvolle Kirche, in der sich im Chor ein Gestühl befindet, wo auf jeder Seite dreifach die Stundengebete gesungen werden. Der ganze Chor ist überaus prächtig, mit Stuckwerk verziert. Und in diesem Stuckwerk [fol. 17v] finden sich Lauten, Harfen, Vögel in Käfigen sowie viele andere Dinge. Dies alles ist eben und prächtig bestückt, und eine jede Sache in eigener Farbe und Aussehen. Jeder dieser Vögel hat seine eigene Farbe und sein Aussehen, gleichsam wie lebendig wirkend. Und nahezu keinerlei Einzelteile, als sei Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 333 <?page no="334"?> 82 Gemeint ist Erasmo da Narni, genannt Gattamelata oder Gattamelà (1370-1443), ein italienischer Condottiere, der u. a. in Diensten der Republik Venedig stand. Der Sitzname bedeutet soviel wie „gefleckte Katze“. 83 Sucha koczka (dt. dürre Katze). 84 Padew = Padua. 85 Kostel Swateho Saluatora (ital. Chiesa San Salvador). 86 San Zaccharia. 87 Swateho ondrzege (dt. Sanktwaren prachtvoll Andreas). Gemeint ist das Kloster Sant’Andrea della Zirada in Venedig. 88 Das 1329 von reichen Venezianerinnen gestiftete Kloster wurde 1479 umfangreich erneuert. es aus einem Stück Holz geschnitzt. In diesem Kloster findet sich ein sehr hoher Campanile, so dass alle Venezianer diesen erblicken können. In diesem Campanile gibt es ein Schneckengewölbe, weiträumig und sehr ausladend, so dass man gleichsam auf einem Pferd in diesem Turm nach oben reiten könnte. In diesem Kloster befinden sich viele prachtvolle Grabstätten, wundervoll aus Stein gemeißelt. Einige von ihnen sind prunkvoll vergoldet. In einigen dieser Gräber ruhen venezianische Herzöge, in anderen wiederum einige Herren Czentulanen. Hier ruht zudem in einem Grab ein venezianischer Hauptmann mit Namen Gattamuge 82 , was in tschechischer Sprache „Sucha koczka“ bedeutet 83 , von dem sie berichten und verkünden, er habe sehr klug und heldenhaft in den Schlachten gehandelt. Und der genannte Hauptmann habe für die Venezianer die Stadt Padew unterworfen 84 . Padew, welches eine größere Stadt als Venedig ist, wie alle zu berichten wissen, [fol. 18r] und wie es mir ebenfalls schien. Wie man mir als sicher berichtete, haben die Herren Venezianer diese Stadt Padwa [Padua - Th. K.] mit Zöllen und Steuern belegt, die sie hier haben, und die 130 000 Dukaten beträgt. Auch habe ich an diesem [Tag - Th. K.] das Kloster der Mutter Gottes besucht, zu dem sie italienisch sagen „Ad mariam deserui“. Es handelt sich um ein prachtvolles Gotteshaus und darin leben 60 Mönche. [Kostel Swateho Saluatora] 85 Am Sonntag am Tag des Heiligen Geistes [26. Mai] haben wir der Messe in Sankt Salvator beigewohnt. An diesem Tag haben wir dann die Herberge nicht mehr verlassen, da es die ganze Nacht bis Mittag geregnet hat. Am Montag nach dem Heilig-Geist-Tag [27. Mai] sind wir in das Kloster des heiligen Zacharias gefahren 86 . Hier ruhen die Gebeine des heiligen Zacharias. In diesem Kloster leben an die 100 Nonnen, wie mir berichtet wurde. [Swateho ondrzege] 87 Von hier aus sind wir weiter zu Sankt Andreas gefahren. Das Monasterium wurde damals erneuert und ist sehr prachtvoll, darin leben Mönche nach dem Gesetz der Kartäuser 88 . Hier hat man uns zahlreiche Reliquien gezeigt. 334 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="335"?> 89 wygezd knizeczy proto knieznie ferarske (dt. Ausfahrt des Dogen zur Herzogin von Ferrara). 90 Ludovico Sforza, genannt il Moro (1452-1508), Herzog von Mailand 1494-1499 und 1500. Seit 1491 verheiratet mit Beatrice d’Este (1475-1497) , Tochter des Herzogs Ercole I. d’Este von Ferrara, Modena und Reggio und der Eleonora, Infantin von Aragon. 91 Galeazzo Maria Sforza (1444-1476), Herzog von Mailand, wurde 1476 nach seiner Rückkehr von einer Strafaktion gegen den Herzog von Burgund in der Basilica di Santo Stefano Maggiore von drei Adeligen ermordet. 92 Ital. Malamocco, Ort auf dem Lido. 93 Kloster San Clemente auf der gleichnamigen Insel. 94 Ital. Malamocco, Ort auf dem Lido. Am gleichen Tag reiste der venezianische Herzog in oben beschriebener Weise zur Herzogin von Ferrara und zur Herzogin von Mailand, Tochter der Herzogin von Ferrara [wygezd knizeczy proto knieznie ferarske] 89 , diese junge Herzogin ist verheiratet mit Herzog Ludwig [fol. 18v] von Mailand 90 , dem leiblichen Bruder des Herzogs von Mailand, den sie Galeacius Marie nannten, und der vor einigen Jahren in der Kirche von seinen Untertanen getötet wurde 91 . Mir wie auch anderen schien es, dass die herzogliche Galeere, auf dem er zu den genannten Herzoginnen fuhr, noch prunkvoller ausgestattet war als jenes erste Schiff, als er zur Markgräfin von Mantua reiste, und auch andere Boote, von de‐ nen zuerst genannten, waren prunkvoll dekoriert. Darüber hinaus befanden sich mehr Menschen auf den Schiffen und Barken als im ersten Fall. Und so haben wir gerätselt: die einen meinten, es seien dreimal 100 000, die anderen hingegen schätzten viermal 100 000 Personen auf den Schiffen und Barken neben denen, die in den Gassen und aus den Häusern schauten, die mir persönlich noch mehr zu sein schienen; denn vor sämtlichen Häusern in dieser Gasse, die man den Großen Kanal nennt, fanden sich dichtgedrängt die Menschen zusammen. Und in jedem Haus schaute aus den Fenstern dichtgedrängt die dreifache, ja vierfache Menge. Der Herzog [der Doge - Th. K.] sandte den Herzoginnen die Herren des Rats der Zehn entgegen, einige Räte auf einem großen Schiff, das man in welscher Sprache subitili Galea nennt, das wiederum sehr prachtvoll geschmückt und mit Atlasstoff und prunkvollen Tapeten dekoriert worden war. [fol. 19r] Und die genannten Herren fuhren den Herzoginnen auf fünf welsche Meilen von Venedig aus in das Städtchen entgegen, das im Italienischen Malamoko heißt 92 , wobei dieses Städtchen auf einer kleinen Insel im Meer liegt. Der Herzog selbst verblieb auf der halben Wegstrecke von Venedig mit anderen im Kloster des heiligen Clemens 93 . Hier verweilte der Herzog ebenso. Seine oben genannten Herren des Rates, die den Herzoginnen entgegengesandt worden waren, erwarteten diese in dem bereits erwähnten Städtchen Malamoko 94 . Da sich jedoch deren Ankunft verzögerte, sind wir auf unserer Barke von dort aus Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 335 <?page no="336"?> 95 Nawy welikee (dt. Große Schiffe). 96 Kloster San Clemente auf der gleichnamigen Insel. 97 Kniezny zwany k uobiedu (dt. Die Herzoginnen sind zum Mahl eingeladen). über eine welsche Meile zu den beiden Schiffen gefahren [Nawy welikee], die auf dem Meer vor Anker lagen, um sie zu suchen 95 . Denn so große (Schiffe) gab es in ganz Venedig nicht, und wegen ihrer Größe konnten sie nicht in den Hafen der Venezianer einlaufen und anlegen. Und hierher sind wir mit unserer Pilgergruppe hingefahren und haben uns das größere Schiff angeschaut. Es handelte sich um jenes Schiff, welches meiner Schätzung nach LXXX Schritte lang ist und welches ich der Länge nach abschreiten konnte. Und 21 Schritte in der Breite. Es verfügte über vier Decks. Hingefahren haben uns die Galeoti, die auf diesem Schiff dienten, und auf den beiden Hinterdecks konnte man 2000 Fässer Wein lagern, wobei sie Fässer haben, die, wie mir scheint, pro Fass drei oder III und ein halbes Prager Viertel fassen. Man erzählte [fol. 19v] uns, dass sie diese Schiffe mit Sand beschweren und dass die Schiffe sieben Ellen im Wasser Tiefe besitzen mussten, wenn man mit diesen fahren wollte. Von dort aus sind wir wiederum zu dem oben genannten Städtchen Malomoko gefahren. Und dort traf es sich, dass die oben genannten Herzoginnen ebenfalls eintrafen. Sie stiegen auf das Schiff um, das der Herzog ihnen entgegengeschickt hatte. Mit diesem fuhren sei sodann zum Kloster des heiligen Clemens 96 . Als sie hier ankamen, ging ihnen der Doge entgegen und begrüßte sie in aller Würde und sie fuhren auf seiner Galeere mit ihren Gräfinnen und Jungfrauen, von denen es insgesamt 50 oder mehr gab. Und auch die Grafen und Herren sowie die Ritterschaft, in bedeutender Zahl, sie alle nahmen auf der Galeere des Dogen Platz, auf dem Trompetenmusik, Trommeln und Flöten erklangen. Sie fuhren zur Unterkunft in das Haus des Herzogs von Ferrara, welches man ihnen prunkvoll bereitgestellt hatte, und die Amtsträger waren hierfür zuständig gewesen, damit ihnen hier alle Bedürfnisse, Essen und Trinken zur Verfügung standen. Und damit sie keinerlei Mangel leiden mussten. Der Doge kam vor die Unterkunft, verabschiedete sich von den Herzoginnen und ging zu seinem eigenen Palast. Dabei hatte man angeordnet [fol. 20r] und befohlen, dass in allen Häusern in der gesamten Stadt nahezu an jedem Fenster überall Teppiche aufgehängt wurden, ebenso um die Türen und Eingänge der Häuser. Die Fenster aber, an denen Frauen (sic! ) sich aufhielten, diese alle waren mit prächtigen Tapeten und Wandteppichen geschmückt und ausgelegt. Zumal gerade ein Jahrmarkt stattfand und die oben beschriebenen Herzoginnen weilten hier mehrere Tage und besuchten die Kramläden in der Stadt um nachzuschauen, was man hier verkaufte. [Kniezny zwany k uobiedu] 97 336 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="337"?> 98 zawody na lodkach (dt. Schiffsrennen). 99 1 Miglio Veneto/ Venezianische Meile = 1000 Passi = 1738,876 Meter. 100 Der Name ist nicht verzeichnet (Canal Grande? ). 101 Innerhalb der Regata gab es eine Regata delle Donne. 102 Zlatt (Golddukaten). 103 Im Original hier Ssarlat. 104 o swornosti benatczkee (dt. über die venezianische Eintracht). 105 Als Terra ferma (amtlich: Domini di Terraferma) werden jene Gebiete im östlichen Oberitalien bezeichnet, die die Republik Venedig seit dem 15. Jahrhundert unterwarf und die zusammen mit dem Dogado (d. h. der Stadt Venedig und dem Küstenstreifen von Loreo und Grado bis nach Chioggia) sowie dem Stato di Mar (Mittelemeerbesitz der Republik) die Gesamtheit des Stato da Terra Venezia bildeten. 106 Zlatt (Golddukaten). Am folgenden Dienstag [28. Mai] dann lud der Doge die drei oben genannten Herzoginnen allesamt zu einem Mahl ein. Im Anschluss daran fand ein Tanz‐ vergnügen statt. Zu diesem waren alle Landfremden eingeladen, die sich dies anzuschauen wünschten. [zawody na lodkach] 98 Am Mittwoch darauf [29. Mai] schickte man zu einem Wettrennen XI kleine Schiffe auf vier welsche Meilen 99 und diese mussten dabei durch die ganze Stadt fahren, und zwar durch eine ausladende Straße 100 . Auf jedem dieser Schiffe be‐ fanden sich vier Frauen, die diese Boote lenkten 101 . Und dasjenige Schiff, das als erstes das festgelegte Ziel erreichte, dieses erhielt XXV zlatt 102 , das zweite bekam XV zlatt, das dritte dann X zlatt und schließlich das vierte sodann VIII zlatt. Alle übrigen Boote erhielten jeweils vier Golddukaten. Und gleich im Anschluss [fol. 20v] begann ein anderes Rennen, an dem erneut XI derartige kleine Boote teilnahmen. Hier fuhren auf jedem dieser Boote vier junge Männer, die die Ruder bedienten. Und die erste Gruppe, die als erste das Ziel durchfuhr, erhielt ein dunkelrotes Tuch 103 , diejenige, die dieser Gruppe nachfolgte, erhielt ein Stück Damaststoff, und die dritte wiederum XXV zlatt [Golddukaten - Th. K.]. Alle anderen hingegen, die letzten eingeschlossen, bekamen nichts. [o swornosti benatczkee] 104 Und so ist die berühmte Stadt Venedig durch ihre Eintracht und Einheit untereinander zu einer umfangreichen und großen Herrschaft gelangt, hat viele große und bedeutende Inseln sowie am Meeresufer Burgen und Städte unter ihre Herrschaft gebracht und fest an sich gebunden 105 . Darüber hinaus viele weitere kleinere Städte, die sie Kastelle nennen. Und die genannte Stadt Venedig ist viel größer als Prag, Alt- und Neustadt zusammen. Wenn der Herzog [der Doge - Th. K.] stirbt, dann wählt der Rat der Zehn aus den alten Familien, den neuen Fürsten und Herrn. Diesem erweisen dann alle ihre Ehrerbietung als ihrem Herrn. Jedoch darf [fol. 21r] ohne den Rat der Herren Czentulanen, die in diesem Rat ihren Sitz haben, nichts unternommen werden. Und sie erhalten, wie man mir berichtete, Viertausend Golddukaten im Jahr 106 . Wenn Gesandtschaften Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 337 <?page no="338"?> 107 radda benatczka (dt. Der venezianische Rat). 108 Im Bericht heißt es „na weliku Sijen“ (ital. Serrata). von Königen oder Fürsten hierherkommen, lädt der Doge sie zu einem Male, eine solche Macht besitzt er, doch geschieht dies keineswegs auf eigene Rechnung, sondern die Gemeinde kommt hierfür auf. [radda benatczka] 107 Zum Rat, wenn dieser sich versammeln soll, geschieht dies im Dogenpalast zur großen Serrata 108 . Und es gibt hier Bänke, wie man sie auch in einer Kirche für gewöhnlich findet. Hier berät man sich und ein jeder gibt hier seine Stellungnahme ab. Im Rat versammeln sich mehrere Hundert. Mir hat man berichtet, dass wenn man hier in der Frage der zu beratenden Angelegenheit keine gemeinsame Lösung findet, was die größere Partei will, würde eine Person eher zur größeren Partei wechseln, so dass beschlossen wird, was die größere Partei beabsichtigt. Die gesamte Stadt Venedig ist sehr prunkvoll. Und der Herzogspalast ist sehr imposant gestaltet: prunkvolle große Säulen - und hiervon mehrere - sowie beeindruckende kleinere Zimmer; und die Möbel darin sind prächtige Schnitzarbeiten und vergoldet [fol. 21v], alles aus reinem Gold; die Fenster und Schlösser in den Türen sind sämtlich aus weißem Marmor gehauen und prunkvoll gestaltet, so als hätte ein Goldschmied diese gemacht. Die Kirche des heiligen Markus im Dogenpalast selbst ist im Inneren sehr prachtvoll gestaltet, seit alters her ist es hier dunkel. Und in dieser Stadt sind die Häuser groß und prunkvoll erbaut, und es finden sich in dieser viele prachtvolle Kirchen und Klöster, ebenso im Umfeld der Stadt sowie auf den Inseln. Mir scheint also, dass in Venedig und auf den umliegenden Inseln, die nahe liegen, nämlich eine Viertelmeile und eine halbe Meile entfernt, es hier Priester und Mönche gibt, weitaus mehr als es in ganz Böhmen Mönche und sämtliche Geistlichen beider Parteien gibt. Mir wurde dabei sicher berichtet, dass sich in Venedig 76 Klöster befinden, und von den übrigen Kirchen neben den Monasterien sind es 67. Und die Bewohner dieser Stadt ernähren sich und leben sämtlich vom Handel. Sie reisen in die heidnischen Gebiete, zu den Türken, um zu handeln. Und sämtliche Spezereien, nämlich Malvasier und viele andere Waren, dies alles wird in Venedig gelagert. Von hier aus liefern sie es [fol. 22r] in unsere Länder: nach Böhmen, nach Polen und in alle anderen umliegenden deutschen Länder und auch nach Ungarn sowie nach Österreich. Und die Herren Venezianer erheben hiervon einen hohen Zoll, für alles, was in Venedig gekauft wird und man ausführen möchte. Derartige Zölle erheben sie in allen ihren Städten und Städtchen, die ihnen untertan sind, und zwar dergestalt, dass ein jeder, der Waren in die Stadt auf den Markt führe, um diese hier zu verkaufen, vom geringsten bis zum höchsten, Zoll bezahlen muss. In jeder Stadt und jedem 338 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="339"?> 109 Klasster Swateho mikulasse (Kloster des heiligen Nikolaus), Wohl San Nicolò di Lido. 110 Gemeint ist Prokop von Sazava (um 970-103), Priester und Gründer des Benediktiner‐ klosters Sazau (Sázava) in Böhmen, einer der böhmischen Landespatrone, 1204 von Innozenz III. heiliggesprochen. 111 Parenzo, Istrien (heute Kroatien), seit 1267 bis zum Ende der Dogenrepublik 1797 im Besitz Venedigs. Städtchen ihrer Herrschaft gäbe es Amtsträger, die für die Einsammlung dieser Zölle verantwortlich seien und sich darum kümmerten, dass diese Zölle auch eingesammelt werden. Man hat mir hier versichert, dass auf diese Art und Weise in ihren Territorien, die sie besitzen und halten, in jedem Jahr an die 20 mal 100 000 Dukaten eingesammelt werden. Und sie führten seinerzeit keinerlei Kriege, als ich dort gewesen bin, da sie stets auf dem Meer auf Galeeren und großen Schiffen mehrere tausend Söldner unterhalten und immer bis heute haben, wegen der Piraten, um die Seewege zu verteidigen, damit den Kaufleuten, die zu Handelszwecken in die heidnischen Gebiete und zu den Türken [fol. 22v] fahren, Sicherheit gewährleistet werde. [Klasster Swateho mikulasse] 109 Am Donnerstag nach Aussendung des Heiligen Geistes [30. Mai] sind wir aus Venedig auf Barken zu einer Galee übergesetzt, um unsere Reise zum Heiligen Grab anzutreten. Diese Galee lag vier welsche Meilen von unserer Herberge entfernt vor Anker. Auf der Fahrt dorthin haben wir das Kloster des heiligen Nikolaus besucht, das auf der Fahrt dorthin lag, wobei wir durch die Pforte zwischen den beiden Burgen, von denen bereits die Rede war, auf die Galee gelangten. Hier [in dem Kloster - Th. K.] haben wir gebeichtet, und die Mönche dieses Klosters haben uns ihre Reliquien gezeigt, darunter auch zwei Knochen der rechten Hand, die dem heiligen Prokop gehört haben sollen 110 . Wie sie aber hierher aus Böhmen gelangten und ob sie echt sind, das weiß allein Gott! Im Anschluss sind wir wiederum auf unsere Barken gestiegen und mit Gottes Hilfe auf unsere Galee gefahren, die eine Meile von diesem Kloster des heiligen Nikolaus entfernt wartete, und wir sind direkt zur Vesperzeit dort angekommen. Am Freitag danach [31. Mai] sind wir den ganzen Tag an diesem Ort vor Anker gelegen, um auf unseren [fol. 23r] Patron zu warten, der dort am selben Abend eintraf. Hier haben wir bis Mitternacht verweilt. Und zu Mitternacht, als der Mond aufging, haben wir das Segel(tuch) gesetzt, zu dem sie italienisch „wela“ sagen, und wir sind mit Gott losgesegelt. Am Sonnabend vor dem Dreifaltigkeitstag [1. Juni] sind wir den gesamten Tag über gesegelt bis gegen halb zwei in der Nacht. Dann haben wir den Anker ins Meer gelassen. Am Sonntag zu Dreifaltigkeit [2. Juni] sind wir am Morgen etwa zwei Stunden an diesem Tag zu dem Städtchen gekommen, das Parenza 111 genannt wird [o miestu Parenzu] 112 , und das nicht sehr groß ist. Es gehört den Herren von Venedig. Es Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 339 <?page no="340"?> 112 o miestu Parenzu (dt. Über die Stadt Parenzo). 113 Stadium (lat. Entfernungsmaß), im (Alt)Tschechischen 125 Schritte (nach dem Maß) der Prager Städte. 114 Gemeint ist Byzanz. 115 o polu, miestu zborzenem (dt. Über Pola, die zerstörte Stadt). Gemeint ist Pula (heute Kroatien), das im Italienischen Pola heißt und seit 1150 der Herrschaft der Venezianer unterstand. 1335 zerstörten die Bewohner das Kastell und einen Befestigungsturm. 116 Golfo di Quernero. liegt am Meeresufer 100 welsche Meilen von Venedig entfernt. Hier haben wir die Galee eine welsche Meile von der Stadt gelassen und sind auf Booten in die Stadt gefahren. Einige Stadien 113 von dieser Stadt entfernt liegt eine kleine Insel, auf der sich auf einem Hügel das Kloster des heiligen Nikolaus erhebt, in dem mehrere Mönche lebten. Hier haben wir der Messe beigewohnt und nach derselben sind wir in das Städtchen gefahren, wo wir bis zum Abend blieben. Am gleichen Abend kehrten wir auf die Galee zurück. Die Umgebung des genannten Parenzo besitzt eine schöne Landschaft, hier wird viel Wein angebaut, [fol. 23v], ebenso Getreide und andere Dinge. Und alles gehört den Herren von Venedig, wobei die ganze Landschaft Istrien heißt und vor Zeiten den Griechen 114 untertan war. [o polu, miestu zborzenem] 115 Am Montag danach [3. Juni], etwa zwei Stunden vor Tagesanbruch, haben wir bis etwa zwei Uhr am Mittag die Reise fortgesetzt und schafften immerhin XXIII welsche Meilen von Parenzo entfernt, dann hatten wir Gegenwind, mussten den Anker werfen und sind vor Ort geblieben. Am Dienstag nach Dreifaltigkeit [4. Juni], als Wind aufkam, sind wir weitergefahren und haben dabei eine zerstörte Stadt zur Linken passiert, vielleicht drei oder vier welsche Meilen entfernt, diese Stadt nennen sie Pola und sie gehört den venezianischen Herren. Vor Jahren ist sie eine große Stadt gewesen, heute leben darin auch noch Menschen, jedoch nicht viele. In der Stadt gibt es einen sehr großen und hohen Palast, der von der Galee aus sehr gut zu sehen war und von dem berichtet wird, Alexander der Große habe ihn erbauen lassen. Und dieser Palast besitzt viele hohe Fenster, so viele, wie ein Jahr Tage zählt. Diese Stadt liegt XXX welsche Meilen von Parenzo entfernt. Mir wurde über den Palast erzählt, er gleiche einer Fata Morgana, man habe viele Male versucht, die Steine abzubrechen und abzutransportieren, um ihn an anderer Stelle zu errichten, als wäre dieser ganze Palast [fol. 24r] aus einem Stein gehauen. Doch immer, wenn man die Steine abbrach und sie forttransportierte, dann gingen diese Steine in der Nacht stets verloren und man fand am darauffolgenden Tage in der Frühe das Werk wie zuvor wieder. Als wäre nichts passiert und die Herren Venezianer hätten die Stadt zerstört. Mit dem Material errichteten sie andere Gebäude in Venedig. An diesem Tag haben wir den Golf passiert, den man im Italienischen Golffo Quernero nennt 116 . Und 340 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="341"?> 117 Zansago (ital. Sansego, kroat. Susak), Insel in Istrien. 118 Wohl die Insel Cres mit dem Hauptort Osor (ital. Ossero), bis 1797 in venezianischer Hand. 119 Sewa = Selva, kleine Insel unweit der größeren Insel Cres. 120 Melada (kroat. Melěda), Insel im Adriatischen Meer. 121 Jadro (ital. Zara, kroat. Zadar), Stadt im heutigen Kroatien, 1409-1797 unter der Herrschaft der Venezianer. 122 o miestu yadru (dt. Über die Stadt Jadra). 123 Žatec (dt. Saaz), in Nordwestböhmen, 1265 zur königlichen Stadt erhoben. man reist über diesen an die LX welsche Meilen oder mehr. Im Anschluss sind wir auf diesem Golf gefahren und gelangten zu einer Insel, die man Zansago nennt 117 . Diese passierten wir zur rechten Hand. Zur linken Hand aber ließen wir eine andere Insel, die man Osero nennt 118 , wobei beide den Herren Venezianern gehören. Sie sind jedoch nicht besiedelt, weil sie so steinig sind. Hier haben wir den Anker gelassen und sind zwischen diesen Inseln verblieben. [Insula Sewa] 119 Am Mittwoch danach [5. Juni] sind wir zu einer Insel gefahren, die man Sewa nennt. Die haben wir dann rechter Hand gelassen. Das slowenische Land sodann zur linken Hand. Den ganzen Tag herrschte ein starker Wind mit Regen und großen Wellen, dass es die Galee hin und her warf und wir selbst große Angst hatten. Andere wiederum, brachen das, was sie gegessen hatten, wieder aus. Hier mussten wir erneut die Anker ins Meer [fol. 24v] lassen und bei der oben genannten Insel, Sewa genannt, verweilen. Am Donnerstag zu Fonleichnam [6. Juni], fiel starker Regen hernieder, der nur für ungefähr zwei Stunden am Tag aufhörte. Wir setzten die Fahrt dennoch fort und haben dabei viele Delphine schwimmen gesehen, die an der Galee selbst vorbeisprangen. Diese Delphine sind Meeresfische. Sie können aus dem Wasser hochspringen und gleichsam Purzelbäume über dem Kopf schlagen. Und so haben wir zur rechten Hand etwa zwei welsche Meilen eine Insel passiert, die man Melada nennt 120 . Dann ging es weiter, wobei wir etwa zwei Stunden des nachts zu einer Stadt gelangten, die sie italienisch Zara und slowenisch Jadro nennen 121 . Ungefähr zwei Stadien von dieser Stadt entfernt, haben wir geankert und sind hier über Nacht geblieben. [o miestu yadru] 122 Am Freitag danach [7. Juni] fuhren wir auf Barken in diese Stadt Jadra und haben dort die Messe besucht. Diese Stadt ist ziemlich groß, fast doppelt so groß wie die Stadt Ž atec oder mehr 123 . Sie gehört ebenfalls den venezianischen Herren. In ihr wird griechisch und italienisch gesprochen, zu einem Großteil jedoch slowenisch. In der Umgebung dieser Stadt sind die Menschen in den Dörfern alle Slawen. Die Stadt liegt auf einer Insel unweit des Meeresufers. Zwischen dieser Stadt und dem slowenischen Land erstreckt sich das Meer [fol. 25r] überall mit breiten Buchten, wie auch die Moldau bei Prag. In dieser Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 341 <?page no="342"?> 124 Kroat. Crkva sv. Šimun. 125 Simeon erkannte in Jesus im Tempel in Jerusalem den kommenden Messias, doch ist über eine Beschneidung Jesu durch Simeon nichts bekannt. Vgl. Lk 2, 25-35. 126 Sigismund von Luxemburg (1368-1437), ungar., röm.-dt. und böhmischer König, seit 1433 Kaiser. Stadt sitzt ein Erzbischof. Es gibt in der Stadt viele Kirchen und Priester. Ein Gotteshaus ist dem heiligen Simeon geweiht 124 . In dieser Kirche befindet sich linker Hand des großen Altars eine Kapelle, in der auch der heilige Simeon begraben ist, und es handelt sich um jenen heiligen Simeon, der den Gottessohn im Tempel erkannte. Dieser Simeon ruht in einem eisenbeschlagenen Schrein, mit sechs oder sieben verschlossenen Schlössern. Sie zeigten uns allen, die wir dort waren, seinen Leichnam. Wenn sie den Schrein öffnen, ruht sein Haupt auf der rechten Hand. Und sein Haupt sowie sein Gesicht sowie die Nase sind noch ganz erhalten, wobei das Antlitz geschrumpft und ausgetrocknet ist. Von der Nase fehlt vorn ein kleines Stück. Füße, Hände, Finger, alles ist noch vollständig, wirkt jedoch ledern, geschrumpft und ausgetrocknet. Die oberen Zähne fehlen vollständig, die unteren hingegen sind vollständig und eng beieinanderstehend. An der rechten Hand zieren einige Finger teure Steine. Und auf seinem Schoß liegt eine Kappe, wie dies dem jüdischen Gesetz folgend Sitte war und die er einst auf dem Haupte trug, als er Gott den Herrn beschnitt 125 . Neben seinem Fuß liegen zwei silberne Hände, in denen sich verschiedene [fol. 25v] Reliquien befinden. Um sein Haupt wiederum liegen mehrere silberne Bilder, einige sind vergoldet, die einen etwas größer, andere hingegen kleiner. Über ihnen hängt eine große Goldkette, ich schätze im Wert von 300 ungarischen Golddukaten. Auch hängen in der Truhe an Schnüren viele prächtige Goldfinger mit teuren Steinen oder ohne solche, die man dem heiligen Simon zu Ehren opfert. Und diese prächtige Truhe, in dieser oben erwähnten Kapelle befindet sich hinter dem Altar in besagter Kapelle. Über dem Altar jedoch ist das prunkvolle Grab, versilbert, vergoldet, ein herrliches Werk, drei Ellen lang und II und eine halbe Elle in der Höhe sowie sieben und ein Viertel Ellen in der Breite. Ich glaube, es ist aus vielen Tausend Teilen gefertigt. Und der Priester, der uns dies zeigte, erzählte mir in Latein über dieses Grab, dass es eine ungarische Königin habe anfertigen lassen. Jadra [Zadar - Th. K.] gehört nämlich zum Königreich Ungarn. Kaiser Sigismund habe dieses den venezianischen Herren für eine bedeutende Summe verpfändet 126 . Jener Priester erzählte mir von dem Körper des Heiligen, wie dieser hierher gelangt sei: Dies geschah vor 500 Jahren oder noch weiter zurückreichend, als die christlichen [fol. 26r] Könige zusammen mit weiteren christlichen Fürsten viele Menschen in das Heilige Land schickten, damit sie das Heilige Grab erobern sollten, unter ihnen der König von Ungarn, der damals 342 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="343"?> 127 Jadro (ital. Zara, kroat. Zadar). 128 Kralowa vherska (dt. ungarische Königin). 129 Gemeint ist Elisabeth von Bosnien (1340-1387), durch Heirat mit Ludwig I. Königin von Ungarn, Kroatien und Polen. herrschte, ebenso wurden seine beiden bedeutenden Lehnsherren mit ihrem Anhang aus Ungarn auf diese Reise gesandt. Und als sie das Heilige Grab der Christen eroberten hatten, welches sich in Jerusalem befindet, ebenso in Bethlehem, haben sie auch die Umgebung in dieser Landschaft mit zahlreichen heiligen Stätten eingenommen und alles vollendet. Und die beiden ungarischen Herren haben hierher zwei sterbliche Überreste von Heiligen gebracht, nämlich jene des heiligen Simon und des heiligen Ezechiel, des Propheten, wobei sie [die Priester - Th. K.] uns das Haupt des genannten heiligen Ezechiel auch zeigten. Und im Anschluss, nachdem die ungarischen Herren wieder in ihre Heimat zogen, da geschah es, dass der erste durch göttliche Fügung verstarb, als sie in die Stadt Zara kamen 127 . Der zweite Herr aber, der am Leben blieb und in dieser Stadt gekommen war, überließ die beiden sterblichen Überreste der Heiligen in Zara, dieser Stadt, zu treuen Händen den Bürgern. Da er ihnen freilich nicht mitteilte, dass es sich um die Leichname von Heiligen handelte, dachte man, es handele sich um heidnische [fol. 26v] Körper. Und damit fuhr er heimwärts nach Ungarn. Als er aber dort ankam, verstarb er durch göttliche Fügung ebenfalls. Auf dem Sterbebett erst bekannte er, es handele sich um die Überreste von Heiligen, wobei er deren Namen verriet. Er ließ den Bürgern in Zara ausrichten, sie mögen diese Überreste bestatten. Danach hat die ungarische Königin [Kralowa vherska] 128 , die von dem obengenannten Körper des heiligen Simon Kenntnis erhielt, den silbernen und vergoldeten, bereits erwähnten Schrein anfertigen lassen 129 . Sie reiste persönlich in diese Stadt Zara mit dem Schrein und der Absicht, die sterblichen Überreste darin aufzubewahren und nach Ungarn zu überführen. Als man nun aber die erwähnten sterblichen Überreste des Heiligen in den silbernen Schrein bettete und damit heimzureisen beabsichtigte, da verschwand in der ersten Nacht dieser Körper des Heiligen aus dem Schrein und man fand ihn in der erstgenannten Stadt Zara wieder. Als die obengenannte Königin von diesem Wunder vernahm, der Leichnam des Heiligen sei verloren gegangen, und zugleich hörte, er befände sich wieder in Zara an seinem ersten Aufbewahrungsort, da sandte sie den silbernen Schrein erneut nach Zara, damit man diesen zu Ehren des heiligen Simon dort über seinem Grab aufhänge. Diese Stadt aber [fol. 27r] liegt in einer eindrucksvollen Landschaft, so dass um sie herum im Umkreis von zwei Meilen überall eine ertragreiche Gegend zu erblicken ist. Hier gibt es Getreide, Wein, Mandeln sowie zahlreiche andere Dinge in Hülle und Fülle. Und dieser ganze Landstrich ist slawisch. Dahinter Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 343 <?page no="344"?> 130 hory Charwatske (kroatische Berge). 131 Insula Sancte Michael. Gemeint ist das Fort St. Michael (kroat. Utvrda sv. Mihovila) auf der Insel Ugljan bei Zadar. 132 Franziskaner. 133 kostelik S o klimenta (dt. Kirchlein des heiligen Clemens). 134 o miestu Jadru (dt. Über die Stadt Jadro - ital. Zara, kroat. Zadar) 135 Priorat der Heiligen Kosmas und Damian (Samostan Ćokovac, Priorat sv. Kuzme i Damjana) ist ein Benediktinerkloster auf der dalmatinischen Insel Pašman (Kroatien). Das seit dem sechsten Jahrhundert bestehende Monasterium gehörte bis in das 15. Jahr‐ hundert zu den einflussreichsten seiner Art in Kroatien. Die Mönche verwendeten in der Liturgie die altslawische - d. h. glagolithische - Sprache, weshalb sie auch illyrische erheben sich große Berge [hory Charwatske] 130 , die man die kroatischen Berge nennt. Von hier aus, nämlich von Zara, kann man innerhalb von fünf Tagen bei den Türken sein. Und die Türken suchen häufig Kroatien heim und hinterlassen große Schäden. Wiederholt sind sie auch besiegt worden; zumal hier in Kroatien sehr gute und aufrechte Menschen leben. Auch liegt unweit dieser Stadt Zara zur rechten Hand eine Insel im Meer, vielleicht drei oder vier welsche Meilen von der Stadt entfernt, die sie Insula Sancte Michael nennen 131 . Die ist mehrere Meilen lang und breit und liegt fast gegenüber der Stadt Zadar. Auf dieser Insel gibt es ein Kloster auf einem steilen Hügel, das da heißt zum Heiligen Michael. Dies ist ein Monasterium der Barfüßer. 132 Darüber hinaus befinden sich gegenüber der Stadt Zara jenseits des Flusses, der die Stadt umgibt, am Ufer mehrere kleinere Kirchen. An dem Tag, als wir die beschriebenen Dinge in Zara erblickt haben, haben wir unsere Reise fortgesetzt und sind wohl an die fünf welsche Meilen weitergereist, wobei uns ein starker Wind entgegenblies [fol, 27v], so dass wir die Anker ins Meer gelassen haben und so zwischen dieser Insel des heiligen Michael und dem slawischen Land liegen blieben. Man berichtete mir, dass diese Insel des heiligen Michael an die zwei- oder zweieinhalbtausend Dörfer zählt, und dass in diesen sehr reiche Menschen leben. Und dass die genannte Insel ebenfalls den Herren Venezianern gehört. [kostelik S o klimenta] 133 Am Sonnabend nach Fronleichnam [8. Juni] sind wir früh am Morgen weiter‐ gesegelt. Wiederholt hat es an diesem Tage geregnet. Wiederum mussten wir gegen einen schlimmen Wind segeln. Den ganzen Tag haben wir nicht mehr als fünf Meilen geschafft und wir mussten die Anker lassen. So blieben wir bei dem Kirchlein des heiligen Clemens, welches sich von uns aus zur linken Hand befand, sieben oder acht Stadien entfernt. [o miestu Jadru] 134 Am folgenden Sonntag [9. Juni], als es hell wurde, sind wir von hier aus weitergesegelt. An diesem Tag haben wir auf der Reise ein anderes prächtiges Kloster erblickt, jenes des heiligen Cosmas und Damian, welches von uns aus zur rechten Hand von der Insel des heiligen Michael liegt 135 . Es handelt sich um 344 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="345"?> oder glagolitische Mönche genannt wurden. Karl IV. erhielt durch Papst Clemens VI. 1346 die Erlaubnis, Mönche aus Kroatien zur Gründung der Abtei Emaus in Prag zur Pflege der glagolitischen Liturgie zu berufen. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit handelte es sich um Mönche aus Ćokovac, da kurz zuvor das Kloster von Venezianern geplündert und zerstört worden war. 136 Benediktiner mit schwarzem Habit. 137 Staree Jadro (dt. Alt-Zadar, ital. Zara vecchia, kroat. Stari Zadar). Als bedeutendste mittelalterliche Stadt an der Ostküste der Adria stellte sich Zadar bereits seit dem 11. Jahrhundert mehrfach unter den Schutz Venedigs, rebellierte freilich mehrfach gegen die Lagunenstadt (u. a. 1242). Zwischen 1409 und 1797 befand sich die Stadt dauerhaft im Besitz der Republik Venedig. 138 Nowe Yadry (dt. Neu-Zadar, kroat. Novi Zadar). 139 Jaycze (bosn. Jajce), die erst 1396 gegründete Stadt war bis 1463 (1. Eroberung durch die Osmanen) Sitz der bosnischen Könige. Nach der Schlacht bei Mohács 1526 kam die Stadt dauerhaft unter osmanische Herrschaft. 140 Sybenygo (ital. Sebenico, kroat. Šibenik), kroat. Stadt in der Region Dalmatien, 1116- 1124, 1125-1133 sowie 1412-1797 unter venezianischer Herrschaft. 141 Sspalato (ital. Spalato, kroat. Split). Die als griechische Kolonie im 4. oder 3. Jh. v. Chr. gegründete Stadt erlebte eine wechselhafte Geschichte, im Mittelalter aufgrund ihrer strategischen und handelspolitischen Lage als Küstenstadt immer wieder Objekt der einen prachtvollen Bau, einer Burg gleich auf einem hohen Hügel thronend. In diesem leben schwarze Mönche 136 . Dem Kloster gegenüber auf der anderen Seite am Ufer, von uns aus zur linken Hand, liegt ein zerstörtes Städtchen [fol. 28r], welches man Staree Jadro nennt und das einst eine ziemlich große Stadt gewesen ist 137 . Irgendein ungarischer König hat sie vor Zeiten erobert und zerstören lassen. Staree Jadro liegt XVIII italienische Meilen von der Stadt Nowe Yadry entfernt 138 . An diesem Tag sind wir neben hohen Bergen gesegelt, die wir zur linken Hand passierten. Hierbei handelt es sich um die bosnischen Berge. Von dort aus kann man, wie mir berichtet wurde, in fünf Tagen Jayczy erreichen, eine Stadt mit einer Burg, die der ungarische König in Besitz hat 139 . Hierbei handelt es sich um die Hauptstadt des bosnischen Königreichs, so wie Prag in Böhmen dasselbe ist. Das Königreich Bosnien gehört seit alters her zum Königreich Ungarn. Doch die Türken haben es auch bereits unter ihre Herrschaft gebracht, wobei der König von Ungarn hier noch einige Burgen besitzt. Ansonsten gehört alles den Türken. An diesem Tag haben wir auch zur linken Hand am Meeresufer eine Burg auf einer Anhöhe erblickt. Die daruntergelegene Stadt steht unter der Herrschaft der Herren von Venedig und man nennt sie Sybenygo 140 . Von hier aus sind wir IX oder X welsche Meilen gesegelt. An diesem Tage haben wir viele Inseln zur linken wie zur rechten Hand erblickt, die wir umfahren haben. Und hinter diesen Inseln [fol. 28v] liegen wiederum zwei befestigte Städte der Herren von Venedig: die eine nennt man Sspalato und die andere Trau 141 . Da uns die Insel die Sicht verdeckte, konnte Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 345 <?page no="346"?> Begierde durch Kroaten, Byzantiner, Venedig und Ungarn. Die Stadt geriet erstmals 1076-1076 und 1097-1105 unter venezianische Herrschaft, erneut 1327-1357, dann wieder ab 1422. - Trau (dt., ital. Trau, kroat. Trogir) liegt 15 km westlich von Split. Die von den Griechen gegründete Siedlung wurde von Slawen, Ungarn und Sarazenen erobert und fiel 1420 dauerhaft an Venedig (bis 1797). 142 Kostelik S o Jana malwazye (Kirchlein des hl. Johannes Malvasie). 143 Candia (=Kreta), Insel in venezianischem Besitz. Nach dem Vierten Kreuzzug (1202- 1204) und der Eroberung Konstantinopels fiel Kreta an die Republik Venedig, die die Insel als Regno di Candia von Iraklion aus verwaltete. 144 Zolta (kroat. Šolta), bis 1537 in venezianischem Besitz. 145 Kostelik v S o archandiela (dt. Kirchlein zum Heiligen Erzengel). wir diese allerdings nicht sehen. Den ganzen Tag über sind wir an der Insel vorbeigesegelt und haben sie vielleicht fünf Stadien zur linken Hand hinter uns gelassen. Auf dieser Insel befindet sich ein recht großes Kirchlein, in das etwa 200 oder an die 300 Menschen hineinpassen, wie mir scheint. Das Kirchlein ist dem heiligen Johannes in Malvasia geweiht. [Kostelik S o Jana malwazye] 142 Es trägt diesen Namen deshalb, weil man, als man dieses Kirchlein errichtete, hier den ganzen Kalk mit Malvasier anrührte. Dies aber geschah auf folgende Weise: ein reicher Kaufmann aus Venedig segelte auf einem großen Schiff aus Candia 143 mit Malvasier beladen heran, an Bord mehrere hundert Fässer hiervon, die er auf Candia erworben hatte, da dort die Malvasier-Traube wächst. Er fuhr Richtung Venedig, doch am Tage des heiligen Johannes kamen ein gewaltiger Sturm und ein Unwetter auf. Das Schiff wurde an das Meeresufer gedrängt, wobei sich an diesem Ufer scharfe Klippen befinden, die drei oder vier Ellen aus dem Wasser herausragen. Als aber das Schiff an diesen Felsenklippen zu zerschellen drohte, da betete der Kaufmann zum heiligen Johannes [fol. 29r] dem Täufer, er werde ein Kirchlein stiften und hier errichten lassen. Und sämtlichen Kalk, der hierfür vonnöten sei, mit Malvasier anrühren. Da trieb das mit Malvasier beladene Schiff durch einen starken Sturm und die Wellen auf die Klippen zu, übersprang diese gleichsam wie ein Pferd eine Einzäunung ohne allen Schaden, in wundersamer Weise, wie nur ein so großes Schiff eine solch gewaltige Klippe ohne Schaden zu überspringen vermochte; und dies alles geschah durch göttliche Fügung. Der Kaufmann gab postwendend den Befehl, sämtlichen Kalk von anderen Inseln hierher zu bringen und er ließ das Kirchlein seinem Versprechen folgend erbauen. Am gleichen Tag passierten wir linker Hand auf acht welsche Meilen eine Insel der Herren von Venedig, die man Zolta nennt 144 . Diese Insel ist etwa XXX welsche Meilen groß. Sie ist mit Menschen besiedelt, sehr bergig und steinig. Auch sind wir an diesem Tag linker Hand an der Insel entlang gesegelt, auf der ein kleines Kirchlein steht, dass man zum heiligen Erzengel nennt. [Kostelik v S o archandiela] 145 Hierin lebt ein Eremit. Von hier aus sind wir zu einer 346 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="347"?> 146 Lezyna (ital. Lesina, kroat. Hvar), Name der viertgrößten Insel in der Adria vor der dalmatinischen Küste. Die langgestreckte Insel (knapp 68 km) wechselte im Mittelalter wiederholt die Herrschaft. 1278 unterstellten sich die Bewohner der Herrschaft Vene‐ digs, Mitte des 14. Jahrhunderts der ungarischen Krone, bevor 1409 erneut Venedig die Oberhand gewann. 147 Miesteczko lezyna (dt. Das Städtchen Lesina). Die gleichnamige Stadt (kroat. Hvar), deren Anfänge bis in das 1. vorchristliche Jahrtausend zurückgehen, stand seit 1278 unter dauerhafter Herrschaft Venedigs (1797). 1282 begannen die Venezianer mit dem Bau einer mächtigen Festungsanlage, die erst 1551 vollendet wurde. 148 Die dem hl. Nikolaus geweihte Steinkapelle erscheint in den Schriftquellen als Kapelle „de monte“ oder „od brda“ (vom Berg). Sie wurde Ende des 15. Jahrhunderts durch die Einwohner von Vrbani und Svirče mit Unterstützung von Schiffsbesitzern aus Vrboska errichtet. 149 Klasster m. bozije (dt. Kloster der Gottesmuter). Das Franziskanerkloster wurde ab 1461 für durchreisende Seeleute errichtet. 150 Nesstiestij (dt. Malheur, Missgeschick, Unglück). Insel gefahren, auf derselben befindet sich eine Kapelle, die man zum heiligen Peregrin nennt. Diese lag von uns aus [fol. 29v] zur linken Hand etwa sechs Stadien entfernt. Gegen Abend selbst kamen wir zu einer Insel, die man Lezyna nennt, zu einem Städtchen, dass ebenfalls, dem Namen der Insel folgend, Lezyna heißt 146 . [Miesteczko lezyna] 147 Hier in dessen Hafen haben wir zwei Stadien von der Stadt entfernt, den Anker gelassen, uns auf Barken begeben, sind in die Stadt gefahren, um uns diese anzuschauen. Oberhalb dieser Stadt erhebt sich auf einer Anhöhe eine Burg, die die Herren Venezianer zu einer starken Festung ausgebaut haben, da sich unweit hiervon die Türken befinden. Wie mir berichtet wurde, sind es fünf oder sechs welsche Meilen von dieser Insel über das Meer bis zu den Türken. Und diese Insel gehört den Herren von Venedig. Die Insel nimmt, wie man mir erzählte, eine Länge von LXXX welschen Meilen ein. Über der Burg von Lesina erheben sich steile Felsen und verdecken das Hinterland. Auf dem Hügel befindet sich eine Kapelle die dem heiligen Nikolaus geweiht ist 148 . Auch gibt es auf diesem Hügel allerhand Gehölze und duftende Gewürze. Bei diesem Städtchen liegt, wen man in den Hafen einfährt, zur rechten Hand etwa drei Stadien von dem Städtchen entfernt, ein Kloster der Barfüßer, welches „Zur Gottesmutter“ genannt wird [Klasster m. bozije] 149 , das von Almosen der Pilger und Kaufleute lebt, die zu den Türken und den Heiden reisen, um Geschäfte zu machen. [fol. 30r] Und diese Insel ist nicht sehr liebreizend, sondern bergig und steinig, so dass hier Menschen mühsam leben und Handel betreiben können. Gegenüber diesem Städtchen gibt es zahlreiche kleine Inseln, die ebenfalls sehr steinig sind. [Nesstiestij] 150 Am Montag vor Sankt Veit [10. Juni] sind wir sehr früh auf den Barken von der Galee in das oben erwähnte Kloster der Barfüßer gefahren. Hier haben wir an Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 347 <?page no="348"?> 151 Kurczula (kroat. Korčula), etwa 47 km lange, wenig fruchtbare Adriainsel vor der Küste Süddalmatiens. Sie fiel kurz vor dem Jahre 1000 erstmals an Venedig, ab dem Vierten Kreuzzug immer wieder, zwischen 1420 und 1797 dauerhaft. 152 kurczula miesteczko (dt. Das Städtchen Korčula). 153 Den Bewohnern unter Führung ihres Comes Zorzi Viaro gelang es 1483, eine neapoli‐ tanische Flotte aus 35 Schiffen zurückzuschlagen. König von Neapel war zu dieser Zeit Ferdinand (Ferrante) I. von Aragon (1424-1494). 154 Klasster m. b. (dt. Kloster der Mutter Gottes). 155 Ragusa (ital. Ragusa, kroat. Dubrovnik). Im Mittelalter Stadtrepublik, die weitreichende Handelsbeziehungen in Südosteuropa sowie im Mittelmeerraum unterhielt. Die Stadt, seit 980 Sitz eines Erzbischofs, stand von Anfang an unter dem Schutz von Byzanz, verbündete sich um 1200 mit Bosnien und stand 1205-1358 zeitweilig unter der Herrschaft Venedigs, danach unter der Oberhoheit der kroatisch-ungarischen Könige bis zur Schlacht bei Mohács 1526. der Messe teilgenommen und ein Teil der Franziskaner von unserer Galeere hat hier ebenfalls der Messe beigewohnt, um Gott den Herrn zu bitten, er möge uns guten Wind gewähren. Und nach der Messe sind wir wiederum auf die Galee zurückgekehrt. Von da an hatten wir wirklich einen guten Wind und wir sind an einer Insel vorbeigesegelt, die man Kurczula nennt 151 . Sie gehört ebenfalls den Herren von Venedig und ist besiedelt [fol. 30v]. Diese Insel umfasst 60 welsche Meilen. Wir passierten sie nahe zur rechten Hand. Wir segelten vorbei am Kloster des heiligen Nikolaus, welches unmittelbar am Ufer liegt. Es folgt nach ungefähr drei welschen Meilen ein kleines Städtchen, das den gleichen Namen wie die Insel trägt: kurczula [kurczula miesteczko] 152 und das sehr stark befestigt ist und in einer Meeresbucht liegt, dabei gleichsam im Meer liegt. Man berichtete mir, dass der neapolitanische König zehn Jahre zuvor die Stadt stürmen wollte und vor der Stadt XXIII Galeeren lagen und XVIII große Schiffe. Und auf diesen befanden sich an die XII tausend Menschen 153 . Zur genannten Zeit waren nicht sehr viele Männer aus dieser Stadt daheim. So haben die Frauen den Sturmangriff abgewehrt. Der König von Neapel verlor dabei viele Männer und musste unter großer Schande und hohen Verlusten von dannen ziehen. Und zur rechten Hand erblicken wir hohe Berge und Steinwände. Hinter dieser obengenannten Stadt Korczula aber liegt, vielleicht vier welsche Meilen entfernt, auf einem hohen Hügel das Muttergottes-Kloster. [Klasster m. b.] 154 Und hier beginnt die Herrschaft der Stadt Raguza 155 . [Raguz] Von hier aus sind es noch LXXV welsche Meilen [fol. 31r] bis Ragusa. Und die Berge, die sich linkerhand von uns erheben, gehören den Herren von Ragusa. Unterhalb dieser Berge zum Meer hin liegen Weinberge und Getreidefelder. Doch diese sind nicht sehr groß und die Berge steinig. Diesen Landflecken unterhalb der Berge nennt man Sambuczella. Die hohen Berge zusammen und diese Landschaft, die vor der oben genannten Stadt beginnt, nennen sie Pola, bis nach Ragusa reichend, und 348 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="349"?> 156 Melida (ital. Meleda, kroat. Mljet), Insel, 30 km nordwestlich von Dubrovnik. In der Antike bereits ein berüchtigstes Seeräubernest gehörte die Insel seit dem 6. Jahrhundert zum Byzantinischen Reich, gelangte 1151 in den Besitz der aus Pulsano (Apulien) stammenden Benediktiner. 1410 fiel sie an die Republik Ragusa. 157 demezo Insula (dt. Insel Demezzo). 158 Demezzo (ital. Mezzo, kroat. Lopud), Adria-Insel nordwestlich von Dubrovnik. 159 hory bosenske (dt. Die bosnischen Berge). 160 miesto raguz (dt. Die Stadt Ragusa). alles bildet Dalmacia. An diesem Tag [11. Juni] sind wir hier entlang gesegelt und haben dabei zur rechten Hand eine Insula passiert, die man Melida [melida] nennt 156 . Diese Insel gehört ebenfalls den Herren von Ragusa und sie ist ziemlich steinig, so dass auf der Insel weder Wein noch Getreide wächst. Und zur linken Hand sahen wir sehr hohe Berge. Diese nennt man die bosnischen Berge. Ihnen gegenüber liegt die oben genannte Insel. Hier haben wir die Nacht über Anker geworfen. Am Mittwoch vor Sankt Veit [12. Juni], eine Stunde vor Tagesbeginn, sind wir bei gutem Wind weitergesegelt. An diesem Tag haben wir die Insel umrundet [demezo Insula] 157 , die man Demezo nennt 158 . Diese passierten wir zur linken Hand. Diese Insel ist sehr hügelig und steinig, in Ufernähe finden sich hier und dort kleine Flecken, die man angelegt hat. Hierin finden sich Weingärten [fol. 31v] und Flächen, auf denen Getreide angebaut wird. Im Anschluss sind wir auf dem Meer gesegelt, wobei wir zur rechten Hand keinerlei Inseln mehr passierten, und zur linken Hand schauten wir auf die bosnischen Berge. [hory bosenske] 159 So gelangten wir zu einer kleinen felsigen Insel, die wir rechter Hand auf mehrere Stadien Entfernung passierten. Auf ihr steht ein Kirchlein des heiligen Andreas, in dem zwei Einsiedler leben. Auf dieser oben genannten kleinen Insel, soll, wie man wir versicherte, vor Zeiten ein Mönch als Einsiedler gelebt haben, der durch eine alte Frau und deren Zaubersprüche behext wurde, dergestalt, dass wenn er ihr diene, eine schöne und bedeutende Frau aus dem Lande Bosnien, deren Land der Insel gegenüberliegt, stets zu ihm auf die Insel kommen werde. Und diese kleine Insel ist gut XII welsche Meilen oder mehr vom Ufer des Landes Bosniens entfernt. Da geschah es in der Folge, dass der Bruder dieser Dame Kenntnis erhielt, seine Schwester sei ertrunken. An diesem Tag gegen Mittag kamen wir in den Hafen dieser Stadt, die man im Italienischen Raguz [miesto raguz] nennt 160 . Im Slawischen aber heißt sie Dubrawnik. Hier haben wir die Anker geworfen, etwa zwei Stadien von der Stadt entfernt. [fol. 32r] Und auf Barken sind wir in die Stadt gefahren. Diese Stadt Ragusa ist von der Insel Lezyna CXX welsche Meilen entfernt und hat einen Erzbischof. Es gibt hier zahlreiche prächtige Kirchen und Klöster. Das Barfüßer-Kloster des heiligen Franziskus ist prachtvoll erbaut. Es besitzt schöne Gärten, in denen verschiedene Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 349 <?page no="350"?> 161 Fürst: In Dubrovnik übt der sog. Rektor dieses Amt aus. 162 Czentulanen = Ratsherren (Großer Rat). 163 Rathuz (dt. Rathaus). Früchte und Pomeranzen wachsen, ebenso Wein. Auch hat die Stadt einen Fürsten, dem alle als Obrigkeit Anerkennung zollen 161 . Dessen Herrschaft dauert nicht länger als vier Wochen wie hier in Böhmen das Bürgermeisteramt. Und wenn diese vier Wochen verstrichen sind, dann wählt man einen anderen Fürsten. Doch darf dieser Herr nichts ohne den Rat der Herren Czentulanen unternehmen, die ihm als Rat an die Seite gestellt sind 162 . Auch haben sie in der Stadt ein prachtvolles Rathaus [rathuz] 163 , in dem es ebenso prunkvolle Räume gibt. Und hier muss jeder, der das Fürstenamt ausübt, in diesem Rathaus bei Tag und bei Nacht anwesend sein. Wenn aber die Zeit da ist, nämlich die vier Wochen, dann muss ihn jedermann hier finden, der etwas von ihm benötigen sollte. Und man reicht ihm hier auf Kosten der Gemeinde Speisen und Getränke, solange er sein Amt ausübt. Die genannte Stadt Ragusa ist sehr stark befestigt. Tiefe Gräben [fol. 32v] führen in einer Doppelreihe um sie herum, mit Steinen versehen. Die Stadt ist groß und schön gebaut. Sie liegt an einem hohen Felsen, nahezu ausnahmslos im Meer, die Häuser hier sind hoch und gewölbt. Und wenn man sich der Stadt und ihrem Hafen nähert, sieht man zur linken Hand eine Bastei [Bassta] und um diese herum breite und tiefe Gräben, die aus dem Stein gehauen wurden. Diese Bastei ist groß wie eine kleine Burg. Die Herren aus Ragusa besetzen diese sehr zahlreich, was auch vonnöten ist: das türkische Land nämlich umgibt die Stadt nahezu überall. Dabei besetzen sie die Bastei in nachfolgender Weise, dass nämlich stets einer der Herren [Ratsherren - Th. K.], die sie Czentulani nennen, mit den auf der Bastei Wache haltenden Männern über Nacht anwesend sein und bis zum nächsten Tag bis zum Sonnenuntergang verweilen muss. Dabei kennt niemand den genauen Tag vorab, wann er dort Dienst zu leisten hat; erst am Abend nämlich besprechen die Ratsherren mit dem Herzog [Rektor - Th. K.], wem letzterer den Befehl erteilt, wobei der Auserwählte dann ohne jede Ausrede gleich von der Zusammenkunft mit dem Fürsten auf die Bastei eilen muss und nicht erst sein eigenes Haus aufsuchen darf [fol. 33r], um der Weisung nachzukommen. Und der auf diese Art und Weise Bestimmte begibt sich schnurstracks auf die Bastei, ohne alle Ausrede und ohne Halt zu machen, zumal viele Türken gegen die Stadt anzurennen drohen, aber die Basei darf unter keinen Umständen durch diese eingenommen werden. Jedermann, aber die Bastei aufsucht, darf von hier nicht nach unten gehen, bevor nicht der Herzog einen anderen Mann gesandt hat: Erst jetzt darf er die Bastei wieder verlassen. Jeder, der auf die Bastei geschickt wird, soll, solange er hier weilt, genug zu essen und zu trinken erhalten. Um diese Stadt herum gibt es von 350 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="351"?> 164 Swatosti widieli (dt. Die Heiltümer gesehen) 165 Kirche der Mutter Gottes der Barmherzigkeit, älteste Wallfahrerkirche in der Stadt für Seefahrer und Einheimische, erstmals 1279 erwähnt. der Landseite her überall große Befestigungsanlagen, die aus gehauenen Steinen gefertigt sind. Und die Gräben sind tief und breit, wie bereits berichtet worden ist. Gleich hinter den Gräben gibt es oberhalb der Stadt ein langes Gebirge, sehr hoch und schroff, aus diesem fließt Wasser, eine große Quelle, an der sich oben Mühlen befinden, eine hinter der anderen, die das Wasser weiterleiten. Ein Teil dieser Mühlen befindet sich auch in der Stadt. Diese Stadt Ragusa ist sehr stark befestigt und uneinnehmbar, solange sie mit Trinkwasser versorgt wird, solange kann sie verteidigt werden. Und es ist schmal zwischen dem Berg oberhalb der Stadt und den städtischen Gräben, so dass hier keinerlei feindliches Heer lagern kann. Ein oder zwei Wege führen aus dem türkischen Lande hierher [fol. 33v]. Mir wurde zudem berichtet, dass der türkische Kaiser diese Stadt sehr benötigt; denn man führt ihm im Voraus XV Tausend Gold(dukaten) an Steuern ab. Dies geschieht deshalb, damit hierher alle Kaufleute durch sein Herrschaftsgebiet aus dieser Stadt ausfahren können, um ihren Handelsgeschäften nachzugehen. Und die türkischen Bauern pflegen nahezu jeden Tag mit Getreide nach Ragusa zu kommen, auf den Markt mit Eseln, die das Getreide transportieren. Hier wiederum kaufen sie, was sie benötigen. Auch der türkische Kaiser braucht die Stadt, denn vor deren Mauern befindet sich ein Häuschen, und die Raguser haben hier ihren Beamten, der von allen Waren von den Türken, was diese in der Stadt kaufen, Zoll erhebt. Und diesem Beamten stehen zwei Schreiber zur Seite, einer von den Raguser Herren, der andere vom Kaiser, und sie schreiben alles auf, was an Zoll eingenommen wird. Im Anschluss teilen sie dies. Man berichtete mir dabei, dass jeder von ihnen für seinen Anteil an die XIIII Tausend Golddukaten erhält, der andere zuweilen mehr. So haben wir uns die Stadt angeschaut und sind im Anschluss auf unsere Galee zurückgekehrt. [Swatosti widieli] 164 Am Donnerstag vor Sankt Veit [13. Juni] sind wir am Morgen auf Barken zur Messe gefahren. Wir waren in der Messe in [fol. 34r] in der (Kirche der) Gottesmutter 165 . Von dort aus sandten wir zum Herzog und ließen ihn bitten, man möge uns die Reliquien zeigen, die sich in dieser Kirche in der Kapelle befinden. So haben wir in dieser Kirche auf die Antwort gewartet. Und der Herzog befahl dies und sandte einige von seinen Räten zu uns, damit sie uns diese zeigen mögen. So haben uns die Priester dieser Kirche nachfolgende Heiligtümer gezeigt: Zuvörderst wurde uns ein großes Stück des Kreuzes des Herrn Christus präsentiert, etwa eine halbe Elle lang und einen halben Finger breit sowie gut einen Finger tief, versilbert und vergoldet. Nachfolgend zeigte Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 351 <?page no="352"?> 166 Einen besonderen Schatz im Dom zu Dubrovnik nimmt das angebliche Leichentuch Christi ein, das in einer Silbertruhe aus dem 16. Jahrhundert aufbewahrt wird und einer Legende nach Wunder bewirkte. Die Mönche von Prijeko, wo sich das Leichentuch normalweiser befand, trennten hiervon Stücke ab, da sie der Meinung waren, diese brächten Schutz und Glück. Nach einiger Zeit tauchte das Stück wieder auf. Darüber hinaus berichtete man, das Leichentuch brenne nicht. 167 Czechowe (dt. Tschechen, Böhmen). 168 Vladislav II. (1456-1516) aus dem polnischen Geschlecht der Jagiellonen, seit 1471 König von Böhmen, ab 1490 König von Ungarn und Kroatien. man uns eine Truhe aus Kristall, vielleicht eine Elle lang und eine halbe Elle in der Höhe. In dieser Truhe befanden sich gebleichte und grobe Gewänder, gleichsam wie ein für einen Groschen gebleichter Zwillich. Und man berichtete uns, dass es sich um jene Gewänder handelte, in die die Jungfrau Maria Christus den Herrn gewickelt habe, als sie ihn, dem Alten Testament folgend, in den Tempel zur Opferung brachte. Weiterhin erzählten uns Weltliche wie Geistliche gleichermaßen, die mit uns hier weilten, dass sich diese Gewänder in dem Schrein mit der Zeit entfalten würde. Und die Stücke würden wieder zusammenwachsen 166 . Zudem zeigte man uns das Haupt [fol. 34v] des heiligen Blasius und dessen Arme, alle in Silber und Gold gefasst, und der Leichnam des heiligen Blasius selbst ist in dieser Stadt bestattet. Dieser ist der Patron der Raguser und der Erbe, so wie der heilige Wenzel der Patron von uns Böhmen ist. In dieser Truhe, in der sich die Reliquien befinden, gibt es noch zahlreiche weitere versilberte Heiligtümer. Nachdem wir diese erblickt hatten, gingen wir in die Schenke mit den anderen Pilgern. Dort saß auch der Herzog [Rektor - Th. K.] mit einigen seiner Ratsherren vor seiner Residenz, wo er seinen Wohnsitz hatte. Hier traten wir vor ihn, er begrüßte uns sehr freundlich und zuvorkommend. Hier dankten wir ihm im Namen aller in Italienisch, dass er uns erlaubt hatte die Reliquien anzuschauen. Danach fragte er uns, aus welchem Land wir kämen. Da haben wir ihm geantwortet, wir seien Czechowe  167 und Untertanen unseres Herrn, des Königs, der ungarischer und böhmischer König ist 168 . Da lud er uns in seinen Hof ein und wir gingen mit ihm in einen Saal. Hier haben wir zusammengesessen. Dabei hat mich einer aus seinem Rat, der Latein beherrschte, allerhand gefragt, über den König, unseren Herrn, und was ich wusste, dies habe ich ihm berichtet. Im Anschluss gingen wir mit diesem Herzog [fol. 35r] in einen anderen Raum. Man präsentierte uns Kuchen nach italienischer Art, der Tisch war fein gedeckt, als ich mich jedoch wiederholt an diese Tafel begab, da waren schließlich von diesem Essen nur mehr noch Konfekt sowie anderes Gebäck wie Brezeln sowie Malvasier vorhanden. Abschließend haben wir dem Herzog gedankt. Er gab uns zwei Herren aus seinem Rat an die Seite, die mit uns durch die Stadt gingen. Dabei begleiteten sie uns bis zum 352 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="353"?> 169 Insula koczka (dt. Katzeninsel). Es könnte sich um die Insel Susač (ital. Cazza) handeln, auf der sich eine Kirche des hl. Blasius befindet. 170 kralowstwije Dalmacia (dt. Königreich Dalmatien). 171 Der Verfasser spricht durchgehend vom „türkischen Kaiser“, wenn er den osmanischen Sultan meint. 172 Die in ihren Anfängen bis in die Antike zurückreichende Hafenstadt Kathero (monte‐ negrinisch Kotor, ital. Cattaro) gehörte seit 1369 zunächst vorübergehend Venedig, dann Ungarn-Bosnien und seit 1420 dauerhaft wiederum den Venezianern bis 1797. 173 Die montenegrinische Hafenstadt Budna (ital. Budua) gehörte seit 1186 zu Serbien, seit 1442 dann zu Venedig. 174 Die montenegrinische Hafenstadt Bar (ital. Antivari) gehörte bis 1183 zu Byzanz, dann wechselten die eigentlichen Herren mehrfach, bis sich seit 1443 (bis 1571) dauerhaft Venedig durchsetzte, bevor für 350 Jahre die Osmanen folgten. 175 Die südlichste Stadt Montenegros (montenegrin. Ulcinj) erlebte im Mittelalter wech‐ selnde Herrschaften (Byzanz, Serbien, Venedig, Osmanen). 176 Die heute zu Albanien gehörende Hafenstadt Durrës (ital. Durazzo), deren Anfänge bis in das 7. vorchristliche Jahrhundert zurückreichen, erlebte im Mittelalter wechselnde Herrschaften - Byzanz, Normannen, 1205 erstmals Venedig. 1272 proklamierte Karl von Anjou das Regnum Albaniae. 1292 folgte Serbien, seit den 1380er Jahre sicherte sich Meeresufer. Hier stellte uns der Herzog höchstpersönlich seine mit Teppichen ausgelegte Barke zur Verfügung. Auch gab er uns mehrere große Flaschen mit, aus Glas, mit Korb umflochten, mit Malvasier. Und hierzu noch als Konfekt mehrere Schachteln und andere Dinge. Darüber hinaus noch weitere Sachen. Als wir auf das Meer hinausfuhren, haben wir diese mit den uns geschickten Herren gesegnet, und sind auf der Barke zu unserer Galee zurückgekehrt. Sodann sind wir aus dem Hafen von Ragusa ausgelaufen. Wir passierten dabei zur rechten Hand Ragusa und vielleicht eine Meile entfernt eine Insel, die sie koczka nennen. [Insula koczka] 169 Auf dieser befindet sich ein Kloster. Der Wind war uns sehr gewogen. Zur linken Hand befanden sich hohe Berge. Dies alles nennt man noch dalmatinisch. Und das Königreich [fol. 35v] Dalmacia [kralowstwije Dal‐ macia] 170 gehört rechtlich zum Königreich Ungarn. Der größere Teil des Landes untersteht dem türkischen Kaiser 171 , die küstennahen Gebiete hingegen den Herren Venezianern. Im ganzen Landstrich unterhalb des Gebirges befinden sich Weingärten und Getreidefelder. Da uns der Wind hold war, sind wir den ganzen Tag und die ganze Nacht weitergesegelt. Der Gebirgsfuß ab Ragusa gehört auf sechzig oder siebzig welsche Meilen den Herren von Ragusa. Nachfolgend beginnt ein Land, das man Albania nennt. Auch hier herrscht der türkische Kaiser über alles, was sich im Lande befindet, ebenso über einige Städte entlang des Meeresufers. Ebenso besitzen die Venezianer einige Städte an diesem Meeresufer, insbesondere: Kathero 172 , Budna 173 , Antyberi 174 , Dulczyngo 175 und Duraczo 176 . Die Stadt Durazco ist eine sehr große Stadt und liegt XVIII welsche Meilen von Sskutera entfernt 177 . Die Burg und die Stadt sind gleichermaßen sehr Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 353 <?page no="354"?> auch die Republik Venedig hier in machtpolitisch komplizierter Gemengelage ihren Einfluss auf die strategisch vorteilhaft gelegene Stadt. 177 Die nordalbanische Stadt Skutera (alban. Shkodra), gelegen zwischen dem Skutari-See und den Flüssen Kir, Drin und Buna, kann auf eine fast 3000jährige Geschichte zurück‐ blicken und gehörte seit 1396 zur Republik Venedig, ehe es 1479 die Osmanen eroberten. Shkodra galt als bedeutender Handelsort im Grenzbereich zwischen Osmanen und Lateineuropa. 178 Hier irrt der Berichterstatter! 179 1479 wurde Shkodra von den Osmanen nach langer Belagerung der Burg Rozafa erobert 180 hrad a miesto walona (dt. Burg und Stadt Walona). Gemeint ist die südalbanische Hafenstadt Vlora an der Straße von Otranto, die im Mittelalter stark umkämpft war. 1081 plünderten Normannen im Kampf gegen die Byzantiner die Stadt. Nach den Staufern beanspruchte Karl von Anjou die Stadt, die seit 1272 zum Regnum Albaniae gehörte. 1343 geriet die Stadt unter serbische Herrschaft, 1417 plünderten die Osmanen die Stadt als ersten Adriahafen, 1478 ein zweites Mal. imposant und stark befestigt, die Stadt selbst liegt auf einer Insel 178 . Und der alte türkische Kaiser, Vater des jetzigen, hat die Stadt, so wurde mir berichtet, lange Zeit erobern wollen. Mehrfach rüstete er dabei zum Sturmangriff auf diese, konnte sie aber nicht bezwingen. Denn in ihren Mauern hielten sich aufrechte [fol. 36r] Menschen auf und mehrere tausend Türken haben sie beim Sturmangriff getötet, so dass der Kaiser schmachvoll abziehen musste. Erst einige Zeit später unterwarfen sich die Insel und dieses Schloss, Stadt und Burg, diesem Kaiser dergestalt, dass die Kaufleute der Herren Venezianer in allen Ländern bis zu einer bestimmten Frist und in den festgelegten Jahren ihren Handel in Kaufmannsangelegenheiten sicher betreiben konnten. Und nachdem die Herren Venezianer dieses Schloss entsprechend des Vertrages, den sie mit diesem Kaiser geschlossen hatten, diesem Kaiser abgetreten hatten, konnten sämtliche Einwohner dieser Stadt Sskutera auf ihren Besitzungen verbleiben und der Kaiser ließ ihnen zugleich ihren Glauben 179 . Allerdings wollte niemand von ihnen hierbleiben, sondern sie siedelten sämtlich nach Venedig über und nahmen alles mit, was sie tragen konnten, um des christlichen Glaubens willen. Und die Herren Venezianer gaben ihnen ihrer Beständigkeit im Glauben wegen und aufgrund ihres Heldenmuts, dass sie sich vor den Türken derart während der Belagerung verteidigt hatten, in Venedig ein anderes Gewerbe, so dass ein jeder nach seinem Stand leben konnte, dem einen mehr, dem anderen weniger. [hrad a miesto walona] 180 [fol. 36v] Am Freitag vor Sankt Veit [14. Juni] hatten wir einen guten Wind. Wie segelten weiter und ließen linker Hand ein Land hinter uns, das man Albania nennt. Wir passierten dieses etwa in einer Entfernung von vierzig welschen Meilen. Hier befindet sich am Meeresufer eine Burg auf einem Hügel und unterhalb desselben erstreckt sich eine ziemlich große Stadt. Stadt und Burg 354 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="355"?> 181 Gemeint ist Vlora. 182 Sazemo (ital. Saseno, albanisch Sazani), strategisch bedeutsame Insel an der albanischen Adriaküste, bis 1797 im Besitz der Republik Venedig. 183 kralowstwije napulske (dt. Das neapolitanische Königreich). 184 Czimera: Gemeint ist Himara (griech. Chimárra), eine Kleinstadt am Ionischen Meer im südlichen Albanien, deren Anfänge bis in vorrömische Zeit zurückreichen. Um 1420 stand die ganze Region unter der Herrschaft der Osmanen - mit Ausnahme von Himara. Die Türken übten hier nur nominell die Oberherrschaft aus. Ein erfolgloser türkischer Feldzug 1492 sicherte Himara Autonomie. werden Walona genannt 181 . Die Burg gehört dem türkischen Kaiser. Und dieser Kaiser hat vor diesem Schloss viele Schiffe liegen, die man Subtile-Galeeren nennt und die zum Transport geeignet sind. Wie man mir berichtete, wird deren Zahl stets aufgefüllt. Linker Hand passierten wir eine Insel, die man Sazemo nennt 182 . Sie lag direkt zwischen uns und dem obengenannten Schloss Walona. Auch diese Insel halten die Türken. Mir schien, sie war unbesiedelt, soweit ich dies sehen konnte. Am gleichen Tag haben wir zur rechten Hand nur das Meer erblickt. Wir sind auch die ganze Nacht weitergesegelt, zumal sich uns der Wind gewogen zeigte. [kralowstwije napulske] 183 Am Sonnabend zu Sankt Veit [15. Juni] herrschte nur geringer Wind, so dass wir lediglich langsam vorankamen. Und zur rechten Hand, etwa sechzig welsche Meilen entfernt, haben wir ziemlich hohe Berge erblickt. Hier lag das Königreich Neapel. Und zur linken Hand wiederum, etwa X oder XI welsche Meilen entfernt, haben wir an diesem Tag [fol. 37r] hohe Berge erblickt, die man Czimera nennt 184 . Diese Czimera-Berge sind keine Insel, das ganze Land ist sehr bergreich und steinig, sofern wir dies sehen konnten. Das Gebiet grenzt an das Land des türkischen Kaisers. Und diese Landschaft Czimera ist 100 welsche Meilen lang und LX Meilen breit. Die Menschen in diesem Landstrich sind ihre eigenen Herren und wollen niemandem Untertan sein. Man nennt dieses Volk nach dem Land Albania „Albanier“. Es gibt hier viele Dörfer, viel Vieh, Getreide und Wein. Man berichtete mir, dass niemand in dieses Land zu gelangen vermag, denn auf äußerst schmalen Wegen durch sehr große Gebirgszüge. Und wenn sie sich bedroht fühlen, dann besetzen sie diese Pfade und Pässe und verteidigen diese, so dass niemand zu ihnen gelangt. Die Menschen und Bewohner dieses Landstrichs nehmen alles, was sie benötigen und woher sie dies bekommen können: von Christen, Heiden und Türken, am meisten jedoch hindern sie den türkischen Kaiser und seine Untertanen daran, ihnen selbst etwas zu nehmen, auch wenn er ihr Nachbar ist und sie an dessen Gebiet grenzen, und sie zu ihm trockenen Fußes in sein Land gelangen können. Mir wurde auch versichert, dass in dem Jahr zuvor, noch ehe ich hier gewesen bin, es so viele Raubüberfälle und Diebstähle gab, dass der türkische Kaiser alle Kräfte aufbot, Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 355 <?page no="356"?> 185 Ffanno (griech. Fano), nördlichste der ionischen Inseln, nördlich von Korfu. 186 Merlera (griech. Melera), ionische Insel bei Korfu. 187 Insula kraffon (dt. Die Insel Kraffon). Gemeint ist das griechische Korfu. 188 Korfon (griech. Korfu), wechselte im Mittelalter wiederholt den Besitzer. Ostrom, Sara‐ zenen und Normannen folgten infolge des 4. Kreuzzuges zahlreiche Adelsgeschlechter (u.-a. Karl von Anjou), 1383 fiel die Insel schließlich an Venedig (bis 1797). 189 kostelik S. katerziny (dt. Das Kirchlein der hl. Katharina). [fol. 37v] um sie zu unterwerfen. Und als er diesen Landstrich auf den schmalen Pfaden besetzen wollte und sie dies erfuhren, haben sie dieses Gebiet besetzt und mit aller Macht gegen ihn verteidigt, so dass er nicht zu ihnen gelangen konnte. Und mehrere tausend seiner Soldaten wurden getötet und er musste sich unter großer Schmach und Schimpf zurückziehen. In dieser Landschaft Czimera pflegen die Bewohner den Brauch und die Sitte, dass ein jeder glauben kann, was er wolle, und so haben diese Albaner verschiedene Glaubensrichtungen in ihrem Volk. Sei er nun ein Christ, ein Türke oder ein Heide, und mag er der größte Unedle sein, er kann bei ihnen Aufnahme finden, und er hat ein sicheres Geleit, solange er lebt, ohne jedwede Aufkündigung. Sie gewähren volle Freiheit alle sie umgebenden Nachbarn zu berauben, zu überfallen, zu bestehlen und zu ermorden. Und sie leben völlig isoliert. Untereinander prägen sie falsche Golddukaten und anderen Münzen verschiedener Prägung und hierin sind sie meisterhaft gegenüber anderen. An diesem Tage passierten wir zur rechten Hand die unten beschriebene Insel, die man Ffanno nennt 185 . Und [fol. 38r] eine andere Insel, nämlich Merlera, vielleicht zwei welsche Meilen von uns entfernt 186 . Hinter diesen Inseln lagen zwei weitere Inseln, insbesondere das größere Merlera. Die Entfernung von uns betrug etwa VI welsche Meilen. Und die zweite Insel nennen sie das kleinere Merlera, diese lag von uns aus etwa X oder XI welsche Meilen entfernt. [Insula kraffon] 187 Nachfolgend haben wir an diesem Tag zur rechten Hand ungefähr I und eine halbe welsche Meile entfernt eine Insel gesehen, die sie Korfon nennen 188 . Und diese Insel gehört ebenfalls den Herren von Venedig. Sie hat einen Umfang von mehr als 300 welschen Meilen und ist sehr ertragreich und fruchtbar an Getreide, Wein, Feigen, Mandeln, Holtzöl; von diesem allen gibt es hier ausreichend. Die Insel ist gut besiedelt und sie besitzt viele Dörfer und Kastelle und auf der Insel leben reiche Menschen. Und an der Insel unweit im Meer entlang segelnd haben wir am Ufer das kleine Kirchlein der heiligen Katharina erblickt [kostelik S. katerziny] 189 , etwa eine welsche Meile von uns entfernt. Anschließend sind wir unweit eines verlassenen und zerstörten Städtchens vorbeigesegelt, das man Kazopo nennt 190 . Mir wurde als verbürgt berichtet, dass dieses Städtchen 356 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="357"?> 190 Kazopa (griech. Kasopo), gemeint ist wohl Kasiopi, eine kleine Hafenstadt im NO der Insel Korfu, wo die Venezianer 1084 die Normannen in einer Seeschlacht besiegten. 1267-1386 waren die Anjou des Königreichs Neapel hier die Herren, wovon noch heute die Ruinen des Kastells zeugen. 191 Suppato, nach Lobkowitz eine große Stadt unterhalb der Cimero-Berge, gegenüber der Insel Korfu. Es gibt die Sybotae-Inseln (Sybotae insulae) gegenüber der Südspitze der Insel Korfu im Osten. Die (gleichnamige) Hauptsiedlung mochten damals vom Schiff aus als Ort auf dem Festland erscheinen. 192 klasster matky bozije (dt. Muttergotteskloster). Das aus dem 13. Jahrhundert stamm‐ ende Kloster bei dem Ort Paleokastritsa wurde 1403 durch die Genuesen zerstört, 1469 jedoch wiederaufgebaut. 193 Augustyn Cantorin (ital. Agostino Contarini), vgl. Anm. 38. 194 o miestu Czimera (dt. Über die Stadt Czimera). 195 Butniro (ital. Butrinto, alban. Butrint), heute eine Ruinenstadt im Süden Albaniens, deren Anfänge in die Antike zurückreichen und die im Mittelalter von Byzantinern, verlassen ist und dass sich unweit dieses Städtchens [fol. 38v] eine Felsenwand im Meer erhebt. Und dieselbe Felsenwand, in die eine große Höhle führt, habe ich gesehen und sie ist in der Tat riesig, da hier ein Drachen seinen Sitz hatte. Dieser wandte sich gegen das Städtchen und nahm die Menschen und verspeiste sie, und so lag die Stadt dann verlassen da. Auf der anderen Seite des Meeres unterhalb der Berge liegt das Land Czimero, wie zuvor bereits berichtet, und es gibt hier eine weitere Stadt, die ich aus der Weite sehen konnte, die man Suppato nennt und die ziemlich groß ist 191 . Auch berichtete man mir, dass diese ebenfalls durch den durch den Drachen vernichtet wurde und bis heute verwaist ist. Doch es sind noch Bauten und große Mauern vorhanden. Nahe des obengenannten Städtchens Kazopo liegt auf dieser Insel Korffon unweit des Meeresufers das Kloster der Gottesmutter, [klasster matky bozije] 192 , worin griechische Mönche leben. In diesem Kloster befindet sich ein Bild der Gottesmutter, von dem es heißt, es bewirke große Wunder. Eines dieser Wunder besagt, dass die Lampe, welche vor diesem Bild brennt, auch wenn sie nicht groß ist, anders als andere Lampen dies zu tun pflegen, wenn man sie mit Öl füllt und den Docht erneuert, sie ein ganzes Jahr weiter brennt, ohne dass man sich kümmern oder Öl nachgießen müsste. So brennt die Lampe stets ohne alles Nachfüllen. Mir hat dies als verbürgt unser Patron Augustyn Cantorin berichtet 193 . Darüber hinaus erzählte er mir [fol. 39r] über diese Lampe, ihm sei mehrfach als gesichert erzählt worden, dass vor Zeiten diese altertümliche Lampe, als man sie nachfüllte, fortan ganze sieben Jahre brannte. Da die Menschen, die in der heutigen Welt leben, allerdings anders sind als früher, so brennt die Lampe heute nicht mehr so lange, wie dies einst der Fall war. [o miestu Czimera] 194 Weiter segelnd haben wir unterhalb der Berge von Czimera eine Stadt erblickt, die man Butniro nennt 195 . Diese Stadt ist ziemlich groß. Sie ist zudem, Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 357 <?page no="358"?> Slawen, Normannen und den Anjou umkämpft war. 1318/ 40 bis 1797 herrschte hier die Republik Venedig. 196 miesto korffon (dt. Die Stadt Korfu). Korfu (griech. Kerkyra) befand sich seit 1204 im Besitz der Republik Venedig. wie man mir erzählt hat, stark befestigt. Sie liegt in einer Meeresbucht. Hier leben ausschließlich Griechen. Auch diese Stadt gehört den Herren von Venedig. Und der türkische Kaiser hat immer wieder versucht, diese zu erobern und versuchte mehrfach einen Sturmangriff, doch blieb er erfolglos, nahm großen Schaden und viele seiner Soldaten wurden getötet. An diesem Tag zu Sankt Veit [15. Juni 1493], etwa zwei Uhr in der Nacht, sind wir in den Hafen der Stadt Korffon [miesto korffon] 196 eingefahren, den diese Stadt nach der gleichnamigen Insel trägt. Es ist die Hauptstadt dieser Insel. Wir haben hier die Anker geworfen und sind im Hafen auf der Galee verblieben. [fol. 39v] Am Sonntag nach dem heiligen Veit [16. Juni] sind wir in der Frühe auf Barken in die Stadt Korfonn gefahren. Hier haben wir in der Kirche der heiligen Ursula an der Messe teilgenommen. Die Stadt Korffon ist nicht sehr groß, besitzt jedoch große Vorstädte. Unser Patron hat mir erzählt, dass diese Stadt, sollte es notwendig sein, XX Tausend Menschen zur Verteidigung binnen einer Stunde aufbieten kann. In dieser Stadt gibt es zwei Burgen, beide finden sich auf hohen Felsen, eine Burg inmitten der Stadt und die zweite Veste in einer Ecke oberhalb des Meeres. Diese beiden Burgen sowie die Stadt liegen im Meer, so dass kaum ein Viertel der Stadt zu erkennen ist. Und sie ist von Bastionen und tiefen Gräben geschützt und umgeben. Das ganze Werk wurde aus Stein gehauen. In der Stadt selbst sowie vor derselben gibt es zahlreiche Kirchen, neben einer römischen Kirche auch eine griechische. Gesprochen wird in der Stadt zumeist Griechisch, aber auch Italienisch, freilich nicht so häufig wie eben Griechisch. Und diese Insel ist fruchtbar, es gibt Getreide, Wein, Feigen, Mandeln. Die ganze Insel gehört den Herren von Venedig. Vor Zeiten lebte hier irgendein bekannter griechischer [fol. 40r] Mann, der, als er starb, zwei Söhne und eine Frau hinterließ. Die Frau besaß ein Heiratsgut auf dieser Herrschaft. Und als seine Söhne durch göttliche Fügung starben, verkaufte seine Witwe diesen Besitz an die Herren von Venedig für 100 000 ungarische Golddukaten. Dies hat mir der Patron unserer Galee erzählt. Von anderen Personen wiederum habe ich anderes vernommen. Dergestalt, dass zwei Brüder hier herrschten und alles gemeinsam entschieden. Die Venezianer ihrerseits halfen dem einen Bruder, den zweiten von hier zu vertreiben und abzuschieben. Nachfolgend haben sie freilich diesen zweiten Bruder, der bei ihnen große Schulden besaß, bedrängt und ihm ihre Hilfe verweigert, so dass er mit ihnen, wie mir erzählt wurde, ohne Absicht einen Vertrag abschließen musste, dass sie ihm nach 358 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="359"?> 197 o zemi, gijez rziekagij Arabia (dt. Über das Land, das się Arabia nennen). Gemeint ist allerdings Albania = Albanien. 198 Welikee morze (dt. Das große Meer). 199 Pakasu und Klein Pakasu (griech. Paxos und Antipaxos), griech. Inseln im Ionischen Meer. 1386 fiel Paxos an die Republik Venedig, 1537 plünderten türkische Truppen die Insel, metzelten die Bevölkerung nieder oder versklavten diese. 1797 endete die venezianische Herrschaft. 200 Sancta Maria (ital. Santa Maura, griech. Leukas/ Lefkada), griech. Insel im Ionischen Meer. Zunächst byzantinischer Flottenstützpunkt, gehörte die Insel von 1185 bis 1479 zur Pfalzgrafschaft Kefalonia und Zakynthos, 1479-1502 sowie 1504-1684 hielten die Türken die Insel besetzt. 201 Czeffronia (griech. Kefalonia), Insel im Ionischen Meer, die im Mittelalter Byzanz, den Normannen und seit dem Vierten Kreuzzug 1204 Venedig gehörte. 1479-1502 folgten kurzzeitig die Osmanen, dann gewann Venedig wiederum die Oberhand. 202 Hory Tureczke (dt. Die türkischen Berge). 203 Zancto (griech. Zakynthos), drittgrößte und südlichste der Ionischen Inseln. Byzanti‐ nern und Normannen folgte ab 1204 Venedig (dauerhaft freilich erst ab 1482). eigenem Ermessen für die Herrschaft Geld gaben. Wie man mir berichtete, hat er so kaum ein Drittel der realen Summe erhalten. [o zemi, gijez rziekagij Arabia] 197 An diesem Tag haben wir um zwei Uhr am Mittag von dieser Stadt Korfon aus vom Hafen dieser Insel Korfu unsere Reise fortgesetzt, die wir rechter Hand hinter uns gelassen haben. An diesem Tag sahen wir [fol. 40v] große Berge zur linken Hand. Und diese Berge und dieses Land nennt man Arbania. Dieses Land gehört ebenfalls dem türkischen Kaiser. Hier leben viele Griechen. Der türkische Kaiser gewährt ihnen ihren Glauben. Bei diesem Gebirge oberhalb des Meeres auf einem Berg steht das Kirchlein des heiligen Nikolaus. Wir sind die ganze Nacht weitergesegelt, da wir einen guten Wind für unsere Reise hatten. [Welikee morze] 198 Am Montag nach Sankt Veit [17. Juni] sind wir zum großen Meer gelangt, so dass wir zur rechten Hand nichts anderes als Wasser und den Himmel erblickten. Und zur linken Hand sahen wir zwei Inseln: die eine nennt man Pakasu und die zweite Klein Pakasu 199 . Beide Inseln gehören den Herren von Korffon. Im Anschluss sind wir weitergesegelt. Zur linken Hand haben wir eine große Insel passiert, die man Sancta Maria 200 nennt, und die zweite Insel hießt Czeffronia 201 . Und diese Insel Czefronia hat einen Umfang von 100 welschen Meilen. Beide Inseln gehören dem türkischen Kaiser. Wir sind die ganze Nacht gesegelt, jedoch nicht sehr weit gekommen, da nur ein sehr schwacher Wind wehte. [Hory Tureczke] 202 Am Dienstag danach [18. Juni] haben wir zur linken Hand die [fol. 41r] türkischen Berge passiert. Wir hatten jedoch keinen guten Wind, so sind wir gegen zwei Uhr in der Nacht zu einer Insel gelangt, die man Zancto 203 nennt Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 359 <?page no="360"?> 204 Romania. Mittelalterliche romanische Bezeichnung der Halbinsel Morea (Peleponnes). 205 Auf Morea. 206 Auf Morea. 207 Modon (griech. Methoni), Hafenstadt in Messenien am südwestlichen Ende der Pe‐ leponnes, seit 1125 bzw. 1206 unter venezianischer Herrschaft. 1498 eroberten die Osmanen die Stadt. 208 Zemie Czysarze Tureczkeho (dt. Das Land des türkischen Kaisers). 209 Wahrscheinlich ist eine der Strofaden-Inseln, wohl Stamfani, gemeint. 210 Zumiko (griech. Samikon). 211 Madon (Modon), vgl. Anm. 207. 212 Miesto Modon a ginee wieczy (dt. Die Stadt Modon und andere Dinge). und die wir zur rechten Hand ließen, um unweit davon die Anker zu werfen, so dass wir hier über Nacht blieben. Am Mittwoch danach [19. Juni] segelten wir an dieser obengenannten Insel Zancto entlang, die 60 welsche Meilen lang ist und die den Herren von Venedig gehört. Zur linken Hand passierten wir an diesem Tag das Land des türkischen Kaisers, das Romania heißt 204 . Wir erblickten an diesem Tag unweit des Meeresufers zwei Burgen des türkischen Kaisers, wobei die eine Kastello Turnezo genannt wird 205 . Es sind eine Burg und eine Stadt, und beide liegen auf einer Anhöhe: Burg und Stadt. Wir segelten an ihnen vorbei etwa acht welsche Meilen entfernt. Die zweite Burg heißt Beluidere und liegt ebenfalls auf einer Anhöhe über dem Meer 206 . Wir segelten hieran vorbei, etwa XVI italienische Meilen. Und diese Burg Beluidere liegt LX italienische Meilen von der Stadt Modon entfernt 207 . Über diese Stadt wird weiter unten berichtet. [Zemie Czysarze Tureczkeho] 208 Am Donnerstag vor Sankt Johannes dem Täufer [20. Juni] segelten wir weiter und passierten zur linken Hand eine Insel der Venezianer, die man Prodano nennt 209 . Und nach dieser folgte linker Hand ein Land [fol. 41v] des türkischen Kaisers, das man Morea nennt. In diesem besitzen die Venezianer ein Schloss, das sie Zumiko nennen 210 . Dieses scheint stark befestigt zu sein, zumal es auf einem ziemlich hohen Hügel liegt. Diese Burg befindet sich XII italienische Meilen von Madon entfernt 211 . Um diese herum erstreckt sich eine fruchtbare Landschaft, dort gibt es Getreide und Wein. Unterhalb der genannten Burg befindet sich ein Bollwerk, etwa zwei Stadien oder ein und eine halbe groß, stark befestigt, wie man mir berichtet hat. Darüber hinaus gelangt man auf diese Burg ausschließlich über die Bastion. Hier entlangfahrend haben wir am Meeresufer das Kirchlein des heiligen Nikolaus gesehen. Und an diesem Tag, etwa zwei Uhr in der Nacht, sind wir zum Hafen der Stadt Madon gelangt. Hier haben wir die Anker gelassen und sind die Nacht über auf der Galee verblieben. [Miesto Modon a ginee wieczy] 212 360 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="361"?> 213 Arbanasi (Albaner). 214 Zidee y ginij rozlicznij lidee (dt. Juden und andere verschiedenartige Leute). 215 Candia (Kreta). Nach der byzantinischen Epoche fiel die Insel mit dem Vierten Kreuzzug an die Republik Venedig (Regno di Candia). 216 Kostelik S o Bernhardina (dt. Das Kirchlein des heiligen Bernhard). Am Freitag danach [21. Juni] in der wir in diese Stadt Madon zur Messe gefahren. Die Messe haben wir im Kloster des heiligen Franziskus besucht und diese Stadt ist gut befestigt. Sie ist von drei Seiten vom Meer umschlossen. Die vierte Seite aber ist vom Land umgeben, es gibt dreifache Gräben, die sehr tief sind. In jedem Graben aber finden sich starke und hohe Bastionen mit seitlichen Fenstern. Und in jeder Bastion zahlreiche Geschütze. Sämtliche Gräben [fol. 42r] an der Bastion sind dabei aus Stein gehauen. Es ist eine stark befestigte Stadt. In dieser gibt es zahlreiche prachtvolle kleinere und größere Geschütze zwischen den Toren. Und auf denselben und überall, wo dies erforderlich ist. In der Stadt selbst leben zum größten Teil Griechen. Und diese Griechen haben ihren Erzbischof gemäß ihren eigenen Glauben. Daneben gibt es noch einen zweiten Bischof, nach unserem römischen Glauben. Diese Stadt Madon gehört den Herren von Venedig. Sie haben hier ihre eigenen Hauptleute, bei denen es sich um geborene Venezianer handelt, die alles verwalten müssen. Auch wenn in der Stadt die Griechen dominieren, herrschen doch größtenteils die Italiener. Auch ist die Stadt mit Ziegelsteinen bedeckt und die Dächer sind sehr niedrig. In der Stadt leben viele Juden, Arbanasi 213 und Zigeuner. [Zidee y ginij rozlicznij lidee] 214 Sie haben vor der Stadt kleine Häuschen, alle sehr armselig. Sie alle leben vom Handel oder Handwerk, jedermann, so weit er kann. Und diese Arbanasi haben einen eigenen Glauben, sie sind weder wahre Christen noch wahre Juden noch rechte Türken. Von jedem Glauben haben sie einige Teile übernommen, was ihnen passt, und halten daran fest [fol. 42v]. Also insgesamt christlich, jüdisch, türkisch. Die Landschaft aber ist fruchtbar an Wein, Getreide, Feigen, Mandeln, Limonen, Pomeranzen und verschiedenen Obstsorten. Der Wein aber, der hier wächst, ist ziemlich schwer, so dass man einen Rausch bekommt und vorsichtig trinken muss, so ungewohnt ist er, weshalb wir ihn halb mit Wasser mischen mussten. Nahe dieser Stadt gewinnen sie Salz und zwar dergestalt, dass sie einen Platz säubern, ebenso wie man einen Tisch reinigt. Man legt kleine Gräben an, die mit Meerwasser gefüllt werden. Und aus diesem Wasser, wenn es eingelassen ist, wird durch die Sonnenwärme das Salz abgetrennt, so dass man es nicht kochen muss. Von dieser Stadt Modon sind es noch 300 italienische Meilen bis Candia 215 . [Kostelik S o Bernhardina] 216 Am Sonnabend vor Johannes dem Täufer [22. Juni] sind wir um zwei Uhr am Tag vom Hafen von Modon ausgelaufen und der Wind war uns hold. Eine Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 361 <?page no="362"?> 217 Sapiencia (ital. Sapienza, griech. Sapientza), unbewohnte Insel vor der Südwestküste der Peloponnes-Halbinsel. 218 Ingryza (? ). Landstrich auf dem Peloponnes, unweit von Modon (Methoni). 219 Kawerero (griech. Schiza, auch Kabrera genannt), kleine griechische Insel westlich von Kap Akritas vor der Südwestküste der Peloponnes. 220 Zemie Morea (dt. Das Land Morea). Gemeint ist die Halbinsel Peloponnes. 221 Korona (griech. Koroni), griechische Kleinstadt im südöstlichen Messenien, etwa 30 km östlich von Methoni. Sie spielte im 11. Jahrhundert gemeinsam mit Methoni eine Schlüsselrolle im Handel und in den venezianisch-byzantinischen Beziehungen. Im Jahre 1200 eroberte der genuesische Seeräuber Leo Vetrano die Stadt, die aber schon fünf Jahre später in die Hände Wilhelms I. von Champlitte, Teilnehmer am Vierten Kreuzzug, fiel, der die Stadt 1206 an die Republik Venedig abtrat. 222 miesto Korona (dt. Die Stadt Korona). 223 Bracedemagine (? ), zerstörte venezianische Burg am Meer unweit der Stadt Koroni. Meile von Modon zur linken Hand ragte ein Felsen aus dem Meer, auf dem das kleines Kirchlein des heiligen Bernhardin errichtet worden war. Zur rechten Hand lag eine sehr steinige Insel, die man Sapiencia nennt 217 . Und [fol. 43r] diese Insel gehört den Modonern. Als ich sie erblickte, schien es mir keineswegs, was freilich nützlich gewesen wäre, dass auf ihr etwas wachse. Und bei dieser Insel liegt ein kleines Muttergottes-Kirchlein. Zur linken Hand, vielleicht eine Meile von Modon entfernt, erstreckt sich eine fruchtbare Landschaft von vielleicht zwei welschen Meilen in der Länge, ebenso in der Breite, die man Ingryza nennt 218 . Es ist eine sehr fruchtbare Landschaft, mit Wasser, Wein, Getreide, Pomeranzen, alles wächst hier sehr gut. So setzten wir unsere Fahrt fort, wobei zur rechten Hand eine Insel lag, die man Kawerero nennt 219 . Und wir segelten von hier aus kaum ein Stadium vorbei. Die Insel ist etwa zwei welsche Meilen lang und gehört den Herren Venezianern. Sie ist sehr bergig und felsig. [Zemie Morea] 220 Nachfolgend passierten wir an diesem Tag zur linken Hand ein Land, das man Morea nennt. Der größere Teil dieses Landes gehört dem türkischen Kaiser. Die Venezianer aber besitzen am Ufer des Meeres in diesem Lande eine Stadt auf einem Hügel, die sie Korona 221 nennen. [miesto Korona] 222 Und wir segelten von dieser Stadt aus etwa 20 welsche Meilen. Man berichtete mir, die Stadt sei sehr gut umbaut und von starken Bastionen und Gräben bewehrt. Dies sei notwendig wegen der türkischen Nachbarn, [fol. 43v], die gleich hier in der nahen Umgebung der Stadt lebten. Und jeden Tag besuchten sie den Markt, den der türkische Kaiser mit den Venezianern vereinbart hat. Auch liegt an dem Meer eine zerstörte Burg, die man Braczedemagine 223 nennt und die venezianisch gewesen ist, wobei die Venezianer diese vertraglich an den türkischen Kaiser übergeben haben, der sie zerstören ließ. Sodann befindet sich zur gleichen [d. h. linken - Th. K.] Hand ein großes felsenreiches und bergiges Land, das 362 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="363"?> 224 Gaumatepan (griech. Akrotirio Tenaro, auch: Kap Matapan), Südspitze der Halbinsel Mani auf der Peloponnes. 225 Czerigo (ital. Cerigo, griech. Kythira), griechische Insel vor der Südostspitze der Peloponnes. Im Mittelalter von Venedig beherrscht und 1537 von den Osmanen erobert. 226 Paris Helena (dt. Paris und Helena). 227 Gaumalia (Cap Malia), Gebirge an der Südspitze der Peloponnes. 228 Owo (Ovo), Eiland bei der Insel Cerigo (Kythira). 229 Czaczeryno (ital. Cerigotto, griech. Andikythira), griechische Insel zwischen Kythira und Kreta. Im Mittelalter gehörte diese der Republik Venedig, die die Insel 1207 stark befestigte, doch blieb die Insel weiterhin das Ziel von Piratenangriffen. 230 Candia Insule (dt. Die Insel Kreta). man Gaumatepa nennt 224 . Und neben diesen Bergen erstreckt sich eine große Bucht, die sie Golff nennt. Hieran rechter Hand weitersegelnd, haben wir eine Insel passiert, die man Czerigo nennt 225 . Wir sind hieran vier oder fünf welsche Meilen vorbeigesegelt. Und diese Insel ist, wie mir scheint, etwa VI welsche Meilen lang. Man berichtete mir, es handele sich um jene Insel, von der Paris die schöne Helena entführte. [Paris Helena] 226 Und hinter dieser Insel unweit des Meeres liegen große Berge, diese nennt man Gaumalio 227 , und zwischen diesem Gebirge Gaumalio und dem Gaumatepan-Gebirge liegt diese Bucht Golff, in der die Türken, wie mir berichtet wurde, und Seeräuber ihre Stützpunkte haben und von wo aus sie Schaden anrichten. Nachfolgend sind wir zu einer kleinen Erhebung gelangt, [fol. 44r], felsenreich, die man Owo nennt 228 . Und dieses Eiland lag zwischen uns und den obengenannten Insel Czerygo. Und hier kamen wir, wenngleich wir guten, ja ausgezeichneten Wind hatten, ungefähr zwei Stunden nicht von diesem Eiland weg, stets haben wir uns mit der Galee um dieses Eiland gedreht, so dass wir alle ganz verwundert waren. Mir hat dies unser Patron erklärt, der bereits elfmal mit Pilgern ins Heilige Land gereist ist. Dies sei ihm immer aufs Neue passiert, auch wenn der beste Wund wehe. In der Folge passierten wir zur rechten Hand eine Insel, die man Czaczeryno nennt 229 . Dies ist sehr felsenreich und bergig. Wie sind den ganzen Tag gesegelt bis in die halbe Nacht hinein hatten wir einen hervorragenden Wind. Und in der zweiten Nachthälfte wurde der Wind ruhiger und wir blieben hier. [Candia Insule] 230 Am Sonntag danach [23. Juni] war uns der Wind sehr gewogen und wir erreichten die Insel Candia. Hier setzten wir unsere Reise fort, die Insel zur rechten Hand lassend, etwa LX welsche Meilen von der Stadt Candia selbst. Dort freilich wandte sich der Wind am Abend gegen uns, dennoch sind wir die ganze Nacht hier entlang an dieser Insel auf dem Meer weitergesegelt. [fol. 44v] Am Montag, dem Tag des göttlichen Johannes des Täufers [24. Juni] peitschte der Wind uns entgegen, so dass wir uns mit der Galee auf dem Meer drehten und unsere Reise nicht fortsetzen konnten. [kostelik S o Pawla] 231 Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 363 <?page no="364"?> 231 kostelik S o Pawla (dt. Das Kirchlein des hl. Paulus). 232 Welikost Insule Candia (dt. Die Größe der Insel Candia). 233 Miesta w Insuli Candij (dt. Die Städte auf der Insel Candia). 234 Candia (ital. in der Zeit der venezianischen Herrschaft Candia, griech. Iraklio). Der Zeit der arabischen und byzantinischen Herrschaft folgten ab 1206 im Zuge des Vierten Kreuzzuges die Venezianer, die hier einen „Duca“ (Herzog) installierten und Candia als dessen Residenz auserkoren. Zugleich wurde die Stadt Sitz eines römisch-katholischen Erzbischofs. 1261 gelang es dem Kaiserreich Nikaia Konstantinopel zurückzuerobern, womit Candia zum wichtigsten venezianischen Hafen in der Ägäis aufstieg. Ab 1462 wurden die Befestigungsanlagen angesichts der wachsenden osmanischen Bedrohun‐ gen ständig erweitert. 235 Retino (griech. Rethymno), drittgrößte Stadt auf Kreta. Während des Vierten Kreuzzu‐ ges endete 1204 die byzantinische Epoche in der Geschichte und die Insel und die Stadt fielen 1210 an Venedig. 236 Kania (griech. Chania), Hafenstadt auf Kreta. 237 Sytya (griech. Sitia). 238 Zwierz rozliczna (dt. Verschiedenartige Tiere). Am Dienstag danach [25. Juni] in der Frühe haben wir auf der Insel Candia einen sehr hohen und steilen Berg erblickt. Auf diesem steht ein kleines Kirchlein, das dem heiligen Paulus geweiht ist. Und dieses Kirchlein liegt etwa fünf oder sechs italienische Meilen von der Stadt Candia entfernt. Wie man mir berichtete, habe der heilige Paulus hier den christlichen Glauben in dieser Stadt Candia gepredigt, die man damals zu Zeiten des heiligen Paulus Greta nannte. Und die Griechen wollten ihn töten, so dass er auf diesen Berg geflohen ist. [Welikost Insule Candia] 232 Diese Insel Candia ist, wie mir scheint, ziemlich groß und erstreckt sich über Sieben Hundert welsche Meilen und sie besitzt große Berge und Gebirge. Dennoch ist sie ein imposantes und außerordentlich fruchtbares Land. Es ist sehr warm auf dieser Insel, auch gibt es große Hitze, doch haben wir während unseres Aufenthaltes die hohen Berge erblickt, auf denen Schnee lag. [Miesta w Insuli Candij] 233 [fol. 45r] Auf dieser Insel Candia gibt es, wie mir unser Patron erzählt hat, vier Städte. Die Hauptstadt, in der ich gewesen bin, nennt man nach der Insel ebenfalls Candia 234 . Die zweite Stadt nennt man Retino 235 , die dritte Kania 236 und die vierte Sytya 237 . Candia aber ist, wie ich gehört habe, die größte von ihnen. Auch hat man mir berichtet, dass es auf dieser Insel an die 100 Kastelle und an die XIIII Tausend Städtchen und Dörfer gibt, in denen jeweils etwa sechs hundert Bauern leben, in anderen wiederum acht, in weiteren neun hundert Bauern. Alle haben sie eine große Menge Vieh, das viel Käse und Butter liefert. Und alles ist sehr preiswert. [Zwierz rozliczna] 238 364 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="365"?> 239 O malwazye (dt. Über den Malvasier). 240 Czukr a rozliczna owotcze (dt. Zucker und verschiedene Obstsorten). Auch gibt es auf der obengenannten Insel zahlreiche verschiedene Tierarten, darunter Hirsche, Rehe, Wildschweine, Kärntner Ziegenböcke, Gämsen, Hasen; und darüber hinaus verschiedene Vogelarten. Und die Wachteln, die es hier gibt, die ich gesehen und auch gegessen habe, sind etwas kleiner als die unserigen. Sie scheinen mir aber nicht so hungrig zu sein. Sie haben rote Schnäbel und Füße. [O malwazye] 239 Diese Insel ist darüber hinaus sehr fruchtbar und ertragreich [fol. 45v] an Getreide, Wein, nämlich Malvasier, der von hier aus in alle umliegenden Länder ausgeführt wird. Anderen Wein haben sie hier gar nicht, nur Malvasier würde hier wachsen. [Czukr a rozliczna owotcze] 240 Auch wachsen auf dieser Insel Zucker und verschiedene gute Obstsorten: Pomeranzen, Limonen, diese sind sehr lecker, gut und süß. Auch finden sich auf dieser Insel zahlreiche Zypressenwälder, so dass die Bewohner dieser Insel nahezu alles hieraus machen und bauen können. Auch ist diese Insel Candya üppig, wie mir der Patron erzählte, und dass es hier eine Landschaft gibt, etwa XXX italienische Meilen im Umfang, auf der man das Getreide zweimal im Jahr ernten könnte, was man bereits versucht habe. Doch die Herren Venezianer wollen nicht zweimal aussähen, und zwar aus nachfolgendem Grund. Dieses Land ist von hohen Bergen und Felsen gleichsam wie mit Mauern umgeben, so dass niemand, mit Ausnahme einiger Stellen zwischen den Felsen, auf engen Pfaden, die man hier angelegt hat, vordringen kann. Man könnte sich dieses Land aneignen und sich die gesamte Insel unterwerfen. Und sich gegen die Venezianer, ihre Herren, erheben, wie dies die Schweizer gegen die österreichi‐ schen Herzöge getan haben. Auch wurde mir versichert [fol. 46r], dass auf dieser Insel keinerlei Schaden anrichtende Tiere lebten, also weder Wolf noch Fuchs noch Luchs oder Bär, und keinerlei anderes Schaden hervorrufendes Getier. Und auch keinerlei Schlangen oder Stiere oder irgendwelche anderen Dinge. Man hat mir berichtet, es habe auf dieser Insel sieben Königreiche und sieben gekrönte Könige gegeben. Und dass die Insel den Namen Kreta trug und jetzt Candia heißt. An diesem Tag, gegen drei Uhr, sind wir in der Stadt angekommen, die nach der Insel Candia heißt. Wir sind in den Hafen zwischen zwei Türmen eingefahren, von denen eine hohe Mauer bis zur Stadt selbst führt. Hier im Hafen haben wir die Anker geworfen. Auch ist es ziemlich eng zwischen diesen Türmen. Und wenn sich ein Feind nähert, dann wird von einem Turm zum anderen eine Kette gezogen, so dass niemand in den Hafen mit einem Schiff eindringen kann und hier keinerlei Schaden anzurichten vermag. Nachfolgend sind wir auf Barken Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 365 <?page no="366"?> 241 Die Basilika des heiligen Markus ist eines der wichtigsten venezianischen Zeugnisse in Iraklio. Erbaut 1239, wurde sie bei einem Erdbeben 1303 zerstört, aber umgehend wiederaufgebaut. 242 Vlicze w m. Candij (dt. Die Gassen in der Stadt Candia). 243 Gubernator. 244 Czentulanen = Ratsherren. in die Stadt gefahren und haben die Kirche des heiligen Markus aufgesucht 241 . Im Anschluss sind wir von hier aus zu Sankt Franziskus in das Kloster der Barfüßer gegangen. Hier waren wir zur Messe. Schließlich haben wir uns in eine Schankwirtschaft begeben. Die Stadt Candya besitzt keinerlei Marktplatz. [fol. 46v] Die Gassen führen von einem Tor zum anderen und sind ziemlich lang. Vom Meer kommend muss man nach oben laufen bis zum anderen Tor. Auch ist die Stadt ziemlich groß und besitzt große Vorstädte, in denen Juden leben, wie man mir berichtete, die haben an die 300 Häuser. Und keiner dieser Juden darf Wucher treiben, sondern lebt vom Handel und anderen Gewerben. Auch besitzt diese Stadt einige prachtvoll errichtete Häuser, andere wiederum sind sehr einfach. Alle diese Häuser haben kein Dach und keine Decke, gleichsam als ob sie ausgebrannt wären, sondern sehen oben aus wie mit Böden aus Balken und Brettern bedeckt. Und hierauf wiederum ruht eine Kalkschicht, die ist derart fest eingezogen, so dass keinerlei Regen durchdringen kann. Man hat für den Fall, dass starker Regen sich ergießt, dafür gesorgt, dass das ganze Regenwasser dennoch abläuft. [Vlicze w m. Candij] 242 In dieser Stadt Kandia gibt es neben dieser einen Gasse noch Seitengassen, manche sind sehr eng und sehr schmutzig und ungepflastert. Diese Stadt Candia liegt fast zur Hälfte im Meer, und was von dieser Stadt dem Land zugewendet ist, das hat man sehr stark mit großen Bastionen aus gehauenen Steinen [fol. 47r] und dicken Mauern umgeben. Und wir haben hier reifen Wein in Trauben gefunden. In derselben Stadt befindet sich gegenüber der oben genannten Kirche des heiligen Markus zur rechten Hand, wenn man vom Meer her kommt, der prachtvolle Palast des oben erwähnten Fürsten von Candia 243 , in dem der Rat tagt. Und dieser Fürst ist ein echter Venezianer und wird vom Herzog [Dogen - Th. K.] und den Herren Venezianern eingesetzt. Das Fürstentum und die Herrschaft dieses Fürsten von Candia währen nicht länger als 24 Monate. Danach schicken die venezianischen Fürsten und die Herren Venezianer einen anderen ihnen genehmen Mann in diese Stadt. Auch diesem Fürsten stellen sie als Ratgeber einen Hauptmann und vier Czentulanen zur Seite 244 . Alle fünf Männer sind dabei geborene Venezianer, ohne deren Rat und Wissen der Fürst nichts unternehmen darf und nicht handeln kann. Und diesem Fürsten stehen zudem andere Bürger zur Seite, die ebenfalls Ratschläge geben. In dieser Stadt 366 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="367"?> 245 Die Anfänge dieser Kirche reichen in das Frühmittelalter zurück. Nachdem Kreta im Vierten Kreuzzug an Venedig gefallen war, wurde die Kirche römisch-katholische Kathedrale des Erzbistums Candia (Iraklio). Sie birgt die Schädelreliquie des Heiligen Titus. 246 Kterak pani benatczane k te insuli Candi przissli (dt. Wie die Herren Venezianer zu dieser Insel Candia gelangten). 247 Fränkischer König: Philipp von Schwaben, röm.-dt. König 1198-1208. 248 1204 fiel Kreta im Zuge des Vierten Kreuzzuges an die Republik Venedig: der Beginn der sog. Venetokratie. Kreta avancierte zur wichtigsten venezianischen Kolonie, wobei in sechs Provinzen (analog zu den Sestieri der Mutterstadt) annährend 4.000 Venezianer Candya befindet sich die Hauptkirche des heiligen Titus 245 . In dieser sitzen der Erzbischof und zahlreiche Kanoniker. Mir scheint dabei nicht, soweit ich dies [fol. 47v] verstanden habe, dass Erzbischof und Kanoniker reich seien. Auch gibt es auf dieser Insel acht weitere Bischöfe, die dem Erzbischof unterstehen, doch sie alle sind arm. In dieser Stadt Candya spricht man italienisch, der größere Teil freilich griechisch. Und die Bauern auf dieser Insel sowie die übrige Bevölkerung, sie alle sind Griechen. [Kterak pani benatczane k te insuli Candi przissli] 246 Unser obengenannter Patron hat mir darüber berichtet, wie diese Insel Candia an die venezianische Herrschaft gelangte: Es ereignete sich, dass der Kaiser in Konstantinopel, in dessen erblichem Besitz sich diese Insel Candia befand, von seinen Untertanen und anderen Unterstützern derselben in Konstantinopel ver‐ trieben wurde. Daher bat er den fränkischen König und die Herren Venezianer um Hilfe, die mit einer starken Flotte an Galeeren und Schiffen diesem Kaiser zu Hilfe eilten und hierherkamen 247 . Sie brachten den Kaiser in der oben genannten Herrschaft wieder an die Macht. Nachfolgend hat dieser Kaiser den fränkischen König und die Herren Venezianer für deren Arbeit und ihre Aufwendungen entlohnt. Und er gab dem fränkischen König zahlreiche wertvolle Kleinodien aus Gold [fol. 48r], perlenbesetzt und aus teuren Steinen gefertigt. Den Herren Venezianern übergab er diese Insel Candia und so führen sie diese bis heute in ihrem Besitz. Doch der fränkische König besitzt kein Geld, mit dem er die Söldner bezahlen könnte, und so hat er den ihm vom Kaiser geschenkten Schmuck den Herren Venezianern für dreihunderttausend Dukaten verkauft, so dass die Herren Venezianer diese Kleinodien bis heute besitzen. Diese habe ich schon zweimal gesehen. Nachdem die Herren Venezianer diese Insel Candia in Besitz hielten, geschah es nach einigen Jahren, dass sich diese Insel vollständig gegen diese Herren Venezianer wandte. Diese freilich erhielten hiervon rechtzeitig Kenntnis, sie zogen mit großer Macht vor Ort und sorgten dafür, dass alles ruhig bliebe. Einige von ihnen, die die Sache initiiert und sich gegen sie [die Venezianer - Th. K.] empört hatten, ließen sie hinrichten 248 . In Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 367 <?page no="368"?> auf die Insel kamen und hier Güter in Besitz nahmen. In gut zehn Aufständen suchten die Kreter diese Herrschaft erfolglos zu bekämpfen (längster Aufstand unter Alexios Kalergis 1283-1299). Zwischen den katholischen Venezianern und den orthodoxen Griechen bestand ein strenges Heiratsverbot. 1363-1366 rebellierten die venezianischen Siedler selbst - letztlich erfolglos - gegen die harte Fiskal- und Handelspolitik ihrer Mutterstadt. 249 Das Franziskuskloster galt bis zu seiner Zerstörung durch das Erdbeben von 1856 als eines der reichsten und bedeutsamsten kretischen Klöster und bewahrte wertvolle byzantinische Fresken. 250 Insula Staudia (dt. Die Insel Staudia). Gemeint ist die unbewohnte Insel Dia (Standia), nördlich von Kreta. Während der Herrschaft Venedigs diente diese Insel anstelle des kleinen und flachen Hafens von Candia (Iraklio) als Liegeplatz großer Handelsschiffe. der Folge haben sich diese Herren Venezianer mit ihrem Fürsten beraten und sie beschlossen, 70 Herren Czentulanen aus Venedig, die dort geboren waren, nach Candy zu entsenden. Doch kein einziger war ein natürlicher Freund des anderen. Und der venezianische Fürst und die Herren Venezianer sandten diese hierher, und ließen sämtliche Burgen, Kastelle [fol. 48v], Städtchen und Dörfer unter den 70 Czentulanen aufteilen, so dass jeder von ihnen etwas erhielt und nutzen konnte. Und diese Güter vermachten sie den Czentulanen und deren Erben und Nachfolgern mit allem Besitz erblich, so dass diese hiervon den Herren Venezianern keine Abgaben leisten mussten, mit jener Ausnahme, dass jeder der Angesiedelten eine Zahl an Berittenen oder Fußsoldaten zu stellen hatte, die er entbehren könne, und mit diesen bereitstehe, wann immer dies notwendig sei und man es ihm befehlen werde. Sobald einer von ihnen sterben würde, dann sollte dessen Sohn und Erbe unmittelbar nach Venedig reisen und vom Fürsten und den Herren den Besitz als Lehen empfangen und dabei zugleich Treue und Gehorsam gegen sie schwören und sie in allen Dingen als seinen Herren anerkennen. So besaßen die Herren Venezianer auf diese Weise keinerlei Güter auf dieser Insel, mit Ausnahme der vier oben genannten Städte, wobei sie in jeder Stadt ihre Beamten besaßen, die den Zoll von allem erhoben, was, von wo auch immer, auf den Markt gelangte. Und dieser Zoll erbrachte, wie man mir berichtet hat, viele Tausende Dukaten. [fol. 49r] Am Mittwoch nach Sankt Johannes dem Täufer [26. Juni] waren wir im Barfüßerkloster zum heiligen Franziskus 249 . Dieses ist ein sehr prachtvolles, großes und herrlich erbautes Kloster. Hier hat man uns Reliquien gezeigt, insbesondere ein Stück vom Kreuz des Herrn Christus, einen Knochen des heiligen Laurentius, einen Zahn des heiligen Franziskus, den Schädel des heiligen Stefan, einen Teil des Zingulums des heiligen Bernhardin, wie die Barfüßer ihn tragen, einen Handknochen des heiligen Simon Juda. Nachdem wir diese gesehen hatten, sind wir wieder auf die Galee gefahren. [Insula Standia] 250 368 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="369"?> 251 Skalka ffalkonera (dt. Das Falkoneri-Gebirge). 252 Ffalkonera (griech. Falkonera), unbewohnte griech. Insel, 70 km südlich der Peloponnes. 253 Santurin (griech. Santorin), griech. Archipel im Süden der Kykladen. Die Insel fiel 1207 im Zuge des Vierten Kreuzzuges an Venedig, 1265-1296 nochmals an Byzanz und nachfolgend wieder an die Republik Venedig. 254 Sstampalia (griech. Astypalea), griech. Insel der südlichen Sporaden in der Ägäis. Seit 1207 gehörte die Insel mit einer kurzen Unterbrechung am Ende des 13. Jahrhunderts - 330 Jahre der venezianischen Adelsfamilie der Querini. Nach wiederholter Plünderung durch Piraten, die eine Entvölkerung und Verödung der Insel zur Folge hatte, ließen sich Siedler aus Tinos Anfang des 15.-Jahrhunderts hier nieder. 255 Bisskopia (griech. Tilos, auch Episkopi), eine der 12 Hauptinseln der Dedokanes in der südlichen Ägäis. 1309-1522 herrschte hier der Johanniterorden. 256 Nesseria (Messaria), griech. Insel in den südlichen Sporaden. 257 Geli longia. Der Editor vermutete hier die Insel Kos in der östlichen Ägäis. Zwischen dem 13.-15. Jahrhundert wechselten hier Venezianer, Byzantiner, Genuesen und Johan‐ niter als Herrschaften. 258 Patmos, griechische Insel in den südlichen Sporaden, mutmaßlicher Schöpfungsort der Offenbarung des Johannes. Am Donnerstag danach [27. Juni], als die Sonne aufging, haben wir den Hafen von Candia verlassen. Nachdem wir ungefähr acht welsche Meilen von dieser obengenannten Insel Candia gesegelt waren, erblickten wir zur linken Hand eine andere Insel, die man Standia nennt. Diese ist eine bergige und steinige Insel. Es gibt hier nichts, weder nützliche Pflanzen, noch Getreide oder Wein. Wie man mir berichtet hat, ist die Insel 100 welsche Meilen lang und ungefähr 50 oder 60 welsche Meilen breit. Am Ende dieser Insel segelten wir zur linken Hand mehrere Stadien unweit eines Felsplateaus, wobei auf dem Felsenplateaus ein Kirchlein des heiligen Remigius errichtet ist. In diesem Kirchlein lebt ein Eremit, [fol. 49v] ein Grieche, und wie man mir erzählte, tut er dies seit annähernd 50 Jahren und er hat dieses Kirchlein niemals verlassen. Andere griechische Bürger aus der Stadt Candia schicken ihm alles Notwendige, vom Essen bis hin zum Trinken. [Skalka ffalkonera] 251 Danach sind wir weitergesegelt. Und zur rechten Hand befand sich eine kleine Felseninsel, etwa ein Stadium groß, das man Ffalkonera nennt 252 . Und diese Insel passierend haben wir nichts gesehen außer Wasser und Himmel. Danach sind wir bis zu diesem Abend weitergesegelt und haben zur linken Hand eine Insel gesehen, die man Santurin nennt 253 , und diese schien mir nicht sehr groß zu sein. In dieser Nacht hatten wir einen sehr guten Wind und wir ließen zur linken Hand die unten beschriebenen Inseln, insbesondere Sstampalia 254 , Bisskopia 255 , Nesseria 256 , Geli longia 257 und Patmos 258 . Doch konnten wir diese nicht erblicken, da es Nacht war, während wir sie bei Tage gesehen hätten. Auf dieser Insel Patmos gibt es ein Kloster, in dem, wie man mir berichtet hat, ungefähr sechzig griechische Mönche leben. Und eine halbe italienische Meile Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 369 <?page no="370"?> 259 Capiana (? ), Insel in den südlichen Sporaden. 260 Sskorffa (? ), Insel in den südlichen Sporaden. 261 Porczylete (Porcilete), vielleicht Porcelli bei Sstampalia (Astypalea, siehe Anm. 254). 262 Konstantinopel wurde 1453 durch Mehmed II. „den Eroberer“ eingenommen. entfernt von diesem Kloster befindet sich der Eingang in einen Felsen oder eine Höhle, wobei der heilige Johannes der Evangelist an jenem Ort jene Bücher verfasste, die man die Offenbarung des heiligen Johannes nennt. In dem Felsen [fol. 50r] gibt es einen Tisch, an dem er gesessen und geschrieben hat. In dieser Nacht passierten wir zur rechten Hand die nachfolgenden Inseln: Capiana 259 , Sskroffa 260 sowie drei kleine Inseln, die man Porczylete nennt 261 . Auch wurde mir von glaubwürdigen Personen als verbürgt viel über diese Insel Patmos berichtet Man erinnere sich daran, wie der türkische Kaiser mit Namen Otman VLi, der Konstantinopel erobert habe 262 , mit einem großen Aufgebot an Menschen auf diese Insel Patmos kam und alles mitnahm, was er hier fand, auch die Mönche in dem oben genannten Kloster sowie alles, was sie bei sich hatten. Als er dann wiederum von dort heimwärts aufbrechen wollte, kam ein großer Sturm auf, so dass er eine Rückkehr nicht wagen konnte und fürchten musste, alle würden umkommen. Doch der große Sturm dauerte fort, so dass dieser Kaiser nicht mehr ausharren wollte und mit allen seinen Untergebenen, die bei ihm waren, fürchtete, wenn sie noch länger blieben, verhungern zu müssen. So rief der Kaiser die Mönche des oben genannten Klosters sowie andere Gefangene zu sich, die sich auf dieser Insel befanden, und sprach zu ihnen, sie sollten ihren Gott [fol. 50v] bitten, er möge ihm [dem türkischen Sultan - Th. K.] einen guten Wind senden, damit er wieder heil und gesund nach Hause zurückkehren könne, wofür er ihnen allen die Freiheit geben würde. Diese Mönche und Gefangenen wandten sich an den Kaiser, er möge ihnen dies garantieren und versprechen, dies auch wirklich zu tun und sie freilassen, dann würden sie auch ihren Gott bitten. Und nachdem der Kaiser ihnen das Versprechen gegeben hatte, da sanken sämtliche Gefangenen auf die Knie und beteten mit großer Inbrunst und großem Fleiß zu ihrem Gott, den sie baten, Gott dem Herrn möge es geruhen, dem Kaiser einen guten Wind zu geben, damit sie alle freikämen. Unmittelbar darauf geschah dies dann auch, indem sich der große Sturm beruhigte und dem Kaiser ein guter und sanfter Wind gewährt wurde, so dass er nach Hause zurückkehren konnte. Und dieser Kaiser ließ daraufhin umgehend alle aus dem Kerker frei. Alles, was man ihnen konfisziert hatte, dies befahl er ihnen zurückzugeben. Seit dieser Zeit aber gestattete er keinem, dass man ihnen auch nur etwas wegnahm, und er ordnete an, den Mönchen in diesem Kloster große Unterstützung und Almosen in jedem Jahr, bis zu seinem eigenen Tode, zu geben. [Gmena Insulij mnohych] 263 370 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="371"?> 263 Gmena Insulij mnohych (dt. Die Namen zahlreicher Inseln). 264 Lero (griech. Leros), Insel im Ägäischen Meer. Im Jahre 1314 nahm der Johanniterorden in Rhodos die Insel ein. 265 Calnymo (griech. Kalymnos), griech. Insel in der Ägäis. 266 Cristiana (? ), griech. Insel, die Lobkowitz an das asiatische Ufer zwischen Sporaden verortet, nicht aber zu den Kykladen zählt, wo es eine Insel Christiana gibt. 267 Symea (griech. Symi), griech. Insel des Dodekanes in der südöstlichen Ägäis. 268 Skarpata (griech. Karpathos, ital. Scarpanto), griech. Insel, nach Rhodos die zweitgrößte des Dodekanes. 1204 fiel die Insel im Vierten Kreuzzug an Venedig. 269 Casso (griech. Kasos), südlichste griech. Insel des Dodekanes, rund 70 km nordöstliche von Kreta. 270 Nassara (griech. Nissyros? ), griech. Insel in der südlichen Ägäis. 271 Karky (griech. Chalki), griech. Insel in der Ägäis, zu dem Dodekanes gehörend. Bis 1204 zu Byzanz gehörend, folgten danach wechselnde Herrschaften, bis 1523 die Osmanen die Insel einverleibten. 272 Großmeister der Johanniter von Rhodos. 1493 herrschte Pierre d‘Aubusson (1423-1503), seit 1476 40. Großmeister der Johanniter, seit 1489 Kardinal der römischen Kirche. 273 hrad a kostelik mistra rodyzskeho (dt. Burg und Kirchlein des Meisters von Rhodos). [fol. 51r] Am Freitag zur Vigil der heiligen Petrus und Paulus, der Apostel [28. Juni], segelten wir weiter, wobei wir zur linken Hand die nachfolgenden Inseln passierten: Lero 264 , Calnymo 265 , Cristiana 266 , Symea 267 . Und zur rechten Hand befand sich eine Insel mit Namen Sskarpata 268 . Diese Insel gehört den Herren Venezianern. Weitersegelnd, ebenfalls zur rechten Hand, passierten wir die nachfolgenden drei Inseln: Casso 269 , Nassara 270 , Karky 271 . Alle diese drei Inseln gehören dem Meister von Rhodos 272 . Auf dieser Insel Karky gibt es eine Burg und ein Kirchlein [hrad a kostelik mistra rodyzskeho] 273 zum heiligen Nikolaus, die der Meister von Rodos besetzt hat. Erneut wurde mir als verbürgt von unserem Patron sowie von zahlreichen anderen glaubwürdigen Personen berichtet, dass die Bewohner dieser Insel Karky, die hier seit vielen Jahren leben, sämtliche Gerätschaften besitzen, aus Eisen woraus die Geschütze sind, ebenso Pflugscharen, Pflüge, Hacken, Scharrwerkzeug, und das dies lange hält und weder zerbricht, noch repariert werden muss. Denn die Schmiede kürzen sie, so dass keine Reparatur notwendig ist, wie dies ursprünglich der Fall war. Und die Bauern und Bewohner dieser Insel besitzen derartige Gerätschaften, über die bereits ihre Vorfahren [fol. 51v] verfügten. Auch kann man auf dieser Insel, wenn jemand etwas stiehlt, das nicht wegtragen. Selbst wenn jemand ein Vieh kauft, kann er damit nicht weggehen, bevor er es nicht bezahlt hat. An diesem Tag zur Mittagszeit passierten wir zur linken Hand die Burg des Meisters von Rhodos, insbesondere die St.-Peter-Veste. Doch konnten wir sie selbst nicht wegen einer anderen Insel erblicken. Wie mir von einem hochwohlgeborenen Manne berichtet wurde, der dies dem Gesetze nach wohl war, wie auch der Meister von Rhodos dies ist, und der sich in dem Schloss aufgehalten hatte, Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 371 <?page no="372"?> 274 O Insulech (dt. Über die Inseln). 275 Karia = Karien, Landschaft im Südwesten Kleinasiens in der heutigen Türkei. 276 o Insuli rodyske (dt. Über die Insel Rhodos). 277 Von tschech. daněk = kleiner Dammhirsch. und wie mir dies ebenfalls von anderen vertrauenswürdigen Menschen erzählt wurde, kann es als gewiss gelten, dass es in dieser Burg des heiligen Petrus große Hunde gibt, die in der Nacht in dieser Burg herumlaufen. Und da diese Veste am türkischen Ufer liegt, halten diese Hunde in der Nacht Wache, und wenn sie einen Türken in der Nacht aufspüren oder auf seine Spur gelangt sind, dann jagen sie dieser Spur nach wie ein Jagdhund einen Hirsch verfolgt. Wenn sie ihn finden, dann reißen sie ihn gleich in Stücke und er kann sich ihrer nicht erwehren. Am Morgen aber, wenn der Tag anbricht, dann warten sie vor der Burg und jeder erhält sein Stück Brot zum Essen. Wenn sie aber [fol. 52r] irgendeinen Christen, der bei den Türken gefangen war und fliehen konnte, in der Nacht finden, dem tun sie nichts an, sondern freuen sich mit ihm, als ob er ihr Bekannter sei. Und sie springen um ihn herum und zeigen ihm den Weg zu dieser Burg. Diese Veste liegt 100 welsche Meilen von Rhodos entfernt am Meeresufer an das Land der Türken grenzend. Und sie hat keinerlei Besitz, sondern der Meister von Rhodos versorgt sie und sie ist mit seinen Männern besetzt. [O Insulech] 274 An diesem Tag gelangten wir vor die Insel Rhodos. Diese befand sich zur rechten Hand sechs oder sieben welsche Meilen entfernt. Und zur linken Hand, etwa sieben welsche Meilen weit, sahen wir die türkischen Berge. Dieses türkische Land hier nennen sie Karia 275 . Doch sind die Berge hier nicht so hoch wie jene zuvor, dafür sehr stein- und felsenreich. Mir scheint, dass sich hier nicht viel ernten lässt. [o Insuli rodyske] 276 Die Insel Rhodos ist sehr steinreich und gebirgig und es gibt hier wenig Wein und Getreide. Wie man mir berichtete, würde sämtliches Getreide und Wein, die hier geerntet werden, kaum zwei Monate für die Bewohner dieser Insel reichen. Also transportieren sie von der Insel [fol. 52v] Candia Getreide und andere Güter auf Schiffen hierher und kaufen diese. Diese Insel hat, wie man mir erzählte, einen Umfang von 1 ½ C welschen Meilen. Hier leben Tiere, die man Danielikowe 277 nennt, nur wenig größer als ein Reh und diesem ähnlich, sie haben aber breitere Schwänze. Auch gibt es hier Kärntner Ziegen. Dazu ausreichend Hasen und Rebhühner, doch sind diese größer als unsere hiesigen. Und sie haben rote Lefzen und Füße. Auch habe ich große Vögel gesehen wie Auerhähne, doch besitzen diese einen kleinen Kopf wie ein Haselhuhn. Und wenn das Haselhuhn rote Ohren besitzt, dann haben diese hier weiße. Sie haben auch Federn ähnlich wie ein Auerhahn, sie sind jedoch dunkelgrauer als diese. 372 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="373"?> 278 A tu przipluli do Rodyzu (dt. Und hier sind wir in Rhodos angekommen). 279 Ordensspital. 280 Pierre d’Aubusson (1423-1503), seit 1476 Großmeister des Ordens. 281 Ketraky gest zpuosob domu, genz slowe infirmaria (dt. Ketraky heißt die Art des Hauses, das man Infirmaria nennt). 282 Der Bau wurde 1440 (oder 1449? ) begonnen und erst 1489 fertiggestellt, anderen Quellen sprechen von 1478. Die große Krankenhalle des Hospitals befand sich im Obergeschoss (51 m lang, 12 m breit, 7,50 m hoch) und durch eine lange Reihe achteckiger Säulen zweigeteilt. Daran schlossen sich kleinere Räume wie Küchen, Speisesäle und Vorratsbzw. Verwaltungszimmer an. Auf den Brüsten haben sie weiße Flecken, wie sie einem Habicht auf der Brust schwellen. Und hier sechs oder sieben italienische Meile, ehe wir in die Stadt Rhodos gelangt sind, haben wir auf der Insel Rhodos auf einem großen Hügel eine Kirche erblickt, die nennt man Kirche der Jungfrau Maria De Salerno. Es gibt einen großen Pilgerstrom zu dieser Kirche. In der Kirche sind mehrere Priester, Kreuzherren des Ordens von Rhodos. An diesem Tag etwa zwei Uhr [fol. 53r] vor dem Abend sind wir in den Hafen der Stadt Rhodos eingelaufen und vor Anker gegangen. Einige von uns sind auf Barken in die Stadt gefahren. [A tu przipluli do Rodyzu] 278 Am Sonnabend, am Tag der heiligen Petrus und Paulus [29. Juni], am Morgen, haben wir die Messe in der Pfarrei zur Gottesmutter besucht. Nach der Messe aber sind wir in die Kirche des heiligen Johannes des göttlichen Täufers gegangen, wobei diese Kirche in der Burg selbst liegt, die die Residenz des Meisters von Rhodos [Großmeisters - Th. K.] ist. Nach der Besichtigung dieser Kirche haben wir die Gastwirtschaft aufgesucht, zur linken Hand unweit dieser oben genannten Kirche befindet sich ein prachtvoll errichtetes Haus mit Neben‐ gebäuden. Dieses wird italienisch Infarmaria genannt 279 . Dieses Haus hat vor etwa zehn Jahren an dieser Stelle der Meister von Rhodos neu errichten lassen, Herr Peter von Dauboson aus Frankreich, ein adeliger Herr und Kriegsmann gegen die Türken 280 . Wenn man aus der Burg heraustritt, führt der Weg durch ein großes Tor. Über einige Steinstufen gelangt man in die Burg. Zudem gibt es ein zweites Tor, dieses führt in eine Gasse, durch die man von der Burg in die Stadt gelangt. Diese Gasse ist ziemlich lang. Zu beiden Seiten befinden sich Häuser und die Gasse ist gepflastert, mit gehauenen und quadratischen Steinen. In der Mitte jedoch ist sie gepflastert [fol. 53v] mit kleinen Steinen. [Ketraky gest zpuosob domu, genz slowe infirmaria] 281 Dieses Haus Infirmaria [Spital - Th. K.] 282 hat man gänzlich aus gehauenen Steinen errichtet und im Inneren ist es ganz viereckig. Und von unten herauf führt aus mit gehauenen Steinen überwölbter steinerner Kreuzgang nach oben. Wenn man auf diesem geht, ist dieser wiederum so prachtvoll gearbeitet, wie Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 373 <?page no="374"?> 283 Pomo granata (dt. Granatäpfel). dies bei einem solchen Kreuzgang nur möglich ist. Überall gibt es große und breite Fenster und wenig Mauerwerk zwischen denselben, zumal Fenster an Fenster grenzt, durch die man in das Gebäude hineinschauen kann. Und alles ist prächtig ausgemalt. Überall grenzt Kammer neben Kammer. In jeder Kammer ein oder zwei Betten, und in den Kammern Wallfahrer, die zum Heiligen Grab pilgern und die hier ein Nachtquartier finden, wer dies benötigt, zumal es keine guten Gastwirtschaften gibt. Auch befindet sich zwischen diesen Kammern eine prächtige Kapelle. Der obere Kreuzgang freilich ist nicht steinüberwölbt, sondern es sind nur grobe Balken und Bretter dort oben. Und der Boden ist aus Kalk und darauf (Wasser) gegossen und so gemacht, dass man darauf laufen kann und das Regenwasser überall ablaufen kann. Auch befindet sich in diesem Gebäude eine saubere Zisterne mit sehr gutem [fol. 54r] Trinkwasser. Alles ist so gebaut, dass man auch zum hinteren und zum oberen Gang Wasser aus diesem Brunnen transportieren kann. Und von diesem oberen Gang gelangt man in einen prachtvollen Garten, der sehr gepflegt ist und in dem Weinreben wachsen, unter denen du wie in einem Keller läufst. In diesem Garten gibt es verschiedene Obstsorten, darunter Pomo Granata 283 , Pomeranzen, Feigen und anderes Obst. In diesem Garten befindet sich ein prachtvoll gearbeiteter Brunnen aus gehauenen Steinen neben der Zisterne, aus der das Wasser in diesen Brunnen geleitet wird. Mit diesem Wasser wird auch das Obst gewässert, das im Garten wächst, da in dieser Landschaft nur selten Regen fällt und eine große Hitze herrscht; würde man hier nicht bewässern, würde alles vertrocknen. Auch hat in diesem Hause der Meister von Rhodos verfügt, dass jeder Mensch und Christ, welchen Ordens auch immer, sei er nun nieder- oder höhergestellt, der hierherkommt und der krank ist und Gott anbetet, er umgehend Aufnahme findet. Für die Arzneien sowie die anderen Bedürfnisse, nämlich Essen und Trinken [fol. 54v] sowie Bettzeug, ist gesorgt. Sobald eine bedeutende Person kommt, gibt man ihr ein eigenes Zimmer; für weniger bedeutendere Männer ist die prachtvolle und ziemlich lange Halle gedacht, in dem die vorbereiteten Betten in Doppelreihe stehen und in denen einige Kranke liegen. Diese Betten sind mit sauberen weißen Laken bezogen. Und auf jedem Bett findet sich eine rote Überdecke aus Tuch, denn dort ist es nicht so kalt wie hier. Und bei jedem Bett führt eine Tür auf den äußeren Laubengang, so dass der Kranke, sofern er dies wünscht, hier an die Luft hinaus gehen kann und er tritt auf den äußeren Labengang. Hier hat er auch einen Abort. Zudem gibt es in diesem Haus eine große Küche, und in dieser arbeiten mehrere Köche, die den Kranken das Mahl bereiten. Darüber hinaus ist festgelegt, dass ein jeder Kranke einen Diener hat, 374 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="375"?> 284 Coloses = Colossos. 285 Brief des Paulus an die Kolosser (Pauli epistola ad Colossenses). 286 hrad w rodyzu (dt. Die Burg in Rhodos). der ihn betreut und ihn mit dem versorgt, was er benötigt. Auch stehen hier zwei Doktoren, Ärzte bereit, die die Kranken zweimal täglich aufsuchen: am Morgen einmal und einmal am Abend. Am Morgen bringen diese Doktoren Wasser, wenn der Kranken dies benötigt, aus der Apotheke zu dem Kranken, und es wird gleich auf [fol. 55r] einer Cedula verzeichnet, was er benötigt und unmittelbar dem Apotheker durch diesen Magister gereicht. Die hierfür zur Verfügung stehenden Beamten besorgen dies umgehend in der Apotheke und sollen hierfür mehrere Golddukaten erhalten. Und als Medizin soll dem Kranken nichts anderes gegeben werden als das, was die besagten Doktoren auf der Cedula aufschreiben, nämlich welche Arznei er erhalten solle. Jene Beamten, die sich hierum zu kümmern haben, müssen dies dergestalt tun, wie die Doktoren dies aufschreiben und anordnen. Diese Angelegenheiten sind dreien anvertraut: einem Kreuzherrn und zwei Schreibern, die hier alle anwesend sind. Und jeden Tag am Morgen treffen sich die drei genannten Personen in dem Haus und erhalten von den Doktoren Instruktionen, was jeder Kranke benötigt, wer welche Medizin und welches Essen oder Trinken jeder Kranke erhält: und dies muss umgehend ohne Verzug den Instruktionen der Doktoren gemäß ausgeführt werden. Auch habe ich dies dort selbst gesehen, als man den Kranken auf Silberschalen Essen reichte, auch trinken sie aus Silberbechern und essen mit silbernen Löffeln. Auch, welcher Kranke dort ist und Geld versteckt. Was er besitzt und wenn er es verbürgt, das wird eingesammelt, doch [fol. 55v] gibt man ihm alles zurück. Man muss ihm nichts aushändigen von dem, sofern er hier gewesen ist, niemandem, es sei denn er möchte aus gutem Willen dem Bediensteten etwas geben, der ihn betreut hat. Sofern jemand Bargeld besitzt, vermacht er dies seinem Freund, in welchem Land dieser auch sei, dies alles verzeichnen die drei Beamten und auch seinen Namen, aus welchem Land er stammte. Wenn Pilger im anderen Jahr hierherkommen, dann wird gefragt, aus welchem Land sie stammen, und man bittet sie, sie mögen nach ihrer Rückkehr diese Tatsache seinen Freunden bekanntgeben, dass er nämlich verstorben sei und dass er ihnen dieses und jenes vermacht habe, damit diese jemanden schicken können. Wenn sie dies tun, wird ihnen an Ort und Stelle alles ausgehändigt. Die Stadt Rhodos hieß zu Zeiten des heiligen Paulus Coloses, [Coloses] 284 , als der heilige Paulus den Kolossern eine Epistel sandte 285 . [hrad w rodyzu] 286 Die Burg in Rhodos liegt gegenüber der Stadt und ist weder allzu stark befestigt noch besitzt sie Gräben und sie befindet sich in einer Ecke der Stadt. Gegenüber Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 375 <?page no="376"?> 287 Lobkowitz spielt hier auf die Verhältnisse in seiner Heimat an. Strakonitz (tschech. Strakonice). Im Jahre 1243 schenkte der südböhmische Adelige Bavor von Strakonitz einen Teil der dortigen Burg mit der zugehörigen Kirche den Johannitern, denen bald die gesamte Burg und die um diese gelegene Herrschaft gehörte. Einer Belagerung durch die Hussiten vermochten sich die Johanniter erfolgreich zu erwehren. 288 Kleine Dammhirsche (vgl. Anm. 277). der Landseite hingegen hat sie tiefe und breite Gräben zweifacher und dreifacher Natur. Hier leben viele Kaninchen, auch der Meister [Großmeister der Johanni‐ ter - Th. K.] erscheint hier aufgrund des ausgezeichneten Wildbrets. Und alles ist mit gehauenen Steinen [fol. 56r] ummauert. Türme und Mauern dieser Burg sind sehr stark. Hier hat der Großmeister seinen Hof, der der höchste des ganzen Ordens mit dem weißen Kreuz ist, ähnlich wie der von Strakonitz es ebenfalls in diesem Orden ist 287 . Als ich dort gewesen bin, hat man mir versichert, an seinem Hofe lebten 400 adelige Herren, die das Kreuz wie er selbst tragen. Und es gäbe keine Priester, sondern nur jenen, den sie im Orden haben und der das Kreuz trägt. Unter den Rittern finden sich Männer unterschiedlicher Sprache wie Franzosen, Hispanier, Italiener, Katalanen sowie aus den umliegenden deutschen Ländern, unter ihnen zahlreiche aus dem Lande des Großmeisters. Und einige sind Höflinge und dienen diesem Großmeister. Wenn sie einige Jahre ihren Dienst verrichtet haben, dann gehen sie in den Ruhestand und der Großmeister verleiht ihnen ein Amt und eine Kommende in jenem Land, aus dem sie von Geburt her stammen, so dass ein jeder sein Geschäft, solange er lebt, einträglich ausüben kann. Dieser Meister versorgt alle mit Essen und Getränken. Wie man mir freilich berichtete, sehr unzureichend. Am meisten essen sie Ziegenfleisch an diesem Hofe. Auch besitzen diese Höflinge Pferde und Maulesel, auf denen sie bei Umritten reiten, zur Jagd und zu Jagdvergnügen [fol. 56v] mit Habichten, zumal sie über genügend Kaninchen verfügen. Ebenso jene Tiere, die man Danyelikowe 288 nennt. Auch verfügt der Meister von Rhodos über eine eigene Galeere sowie Schiffe und Träger, wenn er mit den Türken keine Verhandlungen führt oder auch mit dem König Sultan, dann befiehlt er seinen Höflingen 100, 200, 300, so viele notwendig, zu erscheinen. Er stellt ihnen auch andere Leute zur Seite, die dann auf dieser Galeere und den Schiffen Platz nehmen, zu den türkischen Bergen segeln, die XII oder XIIII Meilen von Rhodos liegen. Und hier, wenn sie auf dem Wege ein türkisches Schiff entdecken, dann kapern sie es, sofern dies möglich ist, beschlagnahmen es und nehmen die Türken gefangen; sofern sie aber auf dem Meer nichts entdecken, dann gehen sie an Land und überfallen die hier liegenden türkischen Dörfer und nehmen Gefangene und Vieh, ebenso andere Dinge, die sie hier finden, laden alles auf ihre Schiffe und ziehen wieder heimwärts. Dem Meister aber 376 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="377"?> 289 Biskolt = aus dem Italienischen Biscotto: doppelt gebackenes und mit Zucker angerich‐ tetes Brot. 290 Kapla w kuoru (dt. Die Kapelle im Chor). übergeben sie dessen Anteil an den Gefangenen, während sie ihre Hälfte der Gefangenen verkaufen. Und diese müssen wie Esel arbeiten, was man ihnen gebietet, für diejenigen, die sie kaufen. Was die großen und starken Burschen unter ihnen anbetrifft, die müssen auf den oben genannten Schiffen an Eisen gekettet und mit Ketten an den Füßen, wenn es notwendig ist, die Schiffe rudern, und dies alles so lange, bis [fol. 57r] ihre Freunde eine bestimmte Summe an Dukaten zahlen. Ein anderer bleibt mehrere Jahre dort, und man hört, in großem Elend und Jammer, wobei er weder vernünftige Kleider noch Essen oder Trinken erhält, sondern ausschließlich trockenes Brot, das man Biskolt nennt 289 . Dieses aber ist sehr hart und muss mit Wasser aufgeweicht werden. Dies gibt man nicht einmal den Ochsen und hierzu müssen sie Wasser trinken. Ich sah diese [Gefangenen - Th. K.] auf einem der Schiffe, an die hundert von ihnen angekettet, doch waren sie alle Christen. Unter ihnen waren solche, die man verkauft hatte, andere hatten sich vom Rad, vom Galgen, da sie den Tod verdient hätten, hierher verdingt, und diese mussten angekettet bleiben bis an ihr Lebensende. Und sie verhielten sich wie die anderen Tiere. Mit den Türken pflegte der Meister von Rhodos, solange ich dort weilte, einen Waffenstillstand auf dem Lande, während sie sich, wenn diejenigen von Rhodos mit den Türken auf dem Meer zusammentrafen, gegenseitig bekämpften und jeder sich nahm, was er zu nehmen imstande war. Mit dem König Sultan, der Jerusalem in Besitz hält, wo sich das Heilige Grab befindet, haben sie kein Abkommen. Wenn sie also in sein Land kommen und ihre Schiffe verlassen, dann suchen sie die in der Nähe des Meeres gelegenen Dörfer auf, plündern diese, nehmen Gefangene und Vieh und fahren wieder heimwärts. Doch sind es bis zu diesem seinem Land vielleicht gut VII C [fol. 57v] welsche Meilen. Auch befindet sich vor der Burg des Meisters die Kirche des heiligen Johannes, des göttlichen Täufers, die dem Orden mit dem Kreuz gehört. Das Gebäude dieser Kirche ist nicht gewölbt, mit Ausnahme des Chores. In dieser Kirche gibt es eine bedeutende Zahl von Kreuzherrn dieses Ordens, die hierin in dieser Kirche alle Stunde den Gesang erheben. [Kapla w kuoru] 290 Im Chor dieser Kirche zur rechten Hand liegt eine neue, prachtvoll gestal‐ tete Kapelle, die der Meister neu errichten ließ. Hier pflegt er an der Messe teilzunehmen. Zur linken Hand am großen Altar befindet sich eine weitere Kapelle, die Sakristei. Hier kleiden sich die Priester an, wenn sie die Messe zu zelebrieren haben, und hier werden die Reliquien aufbewahrt. Unterhalb der genannten Burg hält der Meister in den Gräben zudem Edelhirsche, Hirschkühe Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 377 <?page no="378"?> 291 17. Juli. 292 24. August. 293 28. September. 294 Pomagranata (dt. Granatäpfel). 295 Pewnost miesta rodyzu (dt. Die Befestigung der Stadt Rhodos). und Dammhirsche, darüber hinaus hat er vor diesen Gräben einen Garten, umgeben von einer Mauer, in dem Strauße und verschiedene andere Vögel leben, die es in unseren Ländern nicht gibt, Hühner aus Indien, von denen habe ich einige erblickt, die sehen aus wie Auerhähne, haben einen kleinen Kopf und oben eine Krone wie ein Pfau. Und Federn haben sie, weder grau noch blau, sondern sie sind sehr reinfarbig. [fol. 58r] Drei Stadien oder aber zwei von dieser Burg entfernt Richtung Sonnenuntergang liegt am Meer das kleine Kirchlein des heiligen Antonius, neu errichtet von diesem Meister von Rhodos. An dieses Gotteshaus grenzt ein schöner Garten, in dem ich gewesen bin. Hier finden sich Reben, an denen Wein wächst. Ich habe gesehen, dass in diesem Garten ein anderer Rebstock an einer Stelle reif gewesen ist, ein anderer hingegen noch unreif, [die Trauben - Th. K.] größer als eine Erbse, ein dritter blühte gerade erst. Dies besagt, dass es genauso ist, wie man mir glaubwürdig berichtete, dass nämlich der Wein in diesem Garten dreimal reift: Einmal zur heiligen Margarethe 291 , zum anderen zu Sankt Bartholomäus 292 , zum dritten Mal schließlich zu Sankt Wenzel 293 . Auch wachsen in diesem Garten zahlreiche andere Obstsorten - Pomeranzen, Pomagranata 294 - und es gibt eine Zisterne, aus der das Wasser zum Obst geleitet wird und dieses bewässert und auch den Wein zweimal täglich, am Morgen (sic! ) und am Abend, da hier eine große Hitze herrscht. [Pewnost miesta rodyzu] 295 Die Stadt Rhodos ist überaus stark befestigt, doch wurde das Werk bislang noch nicht vollendet, da der Meister von Rhodos sie noch immer befestigen lässt und jeden Tag an die 400 Arbeiter daran wirken, als ich dort gewesen bin; die einen arbeiten an den Gräben, andere wiederum behauen die Steine [fol. 58v]. Ich glaube nicht, dass, wenn das Werk vollendet ist, es eine stärker befestigte Stadt geben dürfte. Diese Stadt Rhodos ist fast zur Hälfte vom Meer umgeben, zumindest der größere Teil, und sie besitzt imposante und breite Tore, wobei sich zwischen denselben Bastionen aus urwüchsigem Felsen erstrecken, die allerdings bearbeitet, herangeschafft und angepasst wurden. Und jedes dieser Bollwerke ist in der Breite etwa 20 Schritte stark. Auch gibt es noch ein weiteres Bollwerk, das von der Stadt zur linken Hand verläuft, und zwar von den Stadtmauern hin zum Meer. Auch dieses ist felsenreich und wie die anderen bearbeitet. Es ist an die vier Stadien lang, von der Stadt aus gerechnet. Und auch diese Mauer liegt ganz im Meer. Auf derselben wiederum gibt es drei ringförmige 378 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="379"?> 296 Vgl. hierzu den farbigen Holzschnitt in der Schedelschen Weltchronik von 1493. 297 Im Original steht hier Cztwrtnicze. 298 Tarasnitze = Handfeuerrohr. Türme, und auf jedem von ihnen Windräder 296 . Und hinter diesen Türmen auf dem Damm steht das kleine Kirchlein des heiligen Nikolaus, gänzlich aus gehauenem Stein und gewölbt, welches dieser Meister von Rhodos ebenfalls neu hat errichten lassen, ein oder zwei Jahre, bevor ich dort gewesen bin. Von diesem Kirchlein ungefähr mehrere Stadien Richtung Meer entfernt gibt es ein rundes Felsplateau, nicht sehr hoch, genau am Ende dieses Walls, und auf diesem Felsplateau steht ein runder Turm, alles ist aus gehauenen Steinen errichtet. Und um denselben ein Außenwerk, ebenfalls alles aus gehauenen Steinen [fol. 59r] und mit einer ziemlich starken Mauer herum. Hier bin ich im Inneren gewesen und habe es mir angeschaut, auf dem Turm hingegen war ich nicht. Und in diesem Außenwerk standen Geschütze, vier Kartaunen 297 und eine sehr lange Tarasnitze 298 . Es gab ziemlich große Fenster, von wo aus man schießen konnte, wann auch immer (sic! ) feindliche Schiffe sich diesem Turm näherten, und zwischen diesem St.-Nikolaus-Turm und dem zuvor beschriebenen Kirchlein des heiligen Antonius liegt eine besondere Anlegestelle, an der die Schiffe festmachen. Und das Meer strömt wie durch eine Art Trichter zur Stadt hin, etwa ein halbes Stadium oder doppelt so viel in der Breite. Auf der anderen Seite, zur Stadt in den Hafen einfahrend, gibt es zur linken Hand wiederum ein anderes Bollwerk in gleicher Art wie das erste, das von der Stadt ungefähr drei Stadien in der Länge zum Meer führt. Am Ende des Bollwerks steht ein ziemlich hoher und dick ummauerter Turm. Auch um diesen führt ein Außenwerk, ebenfalls von dickem Mauerwerk umgeben. Und zwischen diesem Turm und der Stadt stehen 13 Rundtürme, nicht sehr groß, auf denen zudem 13 Windräder stehen, da es dort kein fließendes Wasser gibt. Zwischen diesen beiden Bollwerken jedoch, nämlich jenem, wo diese Windräder nicht sind, und dem zweiten Bollwerk, dem St.-Nikolaus-Turm, befindet sich noch ein weiterer [fol. 59v] kleiner Wall, von der Stadt Richtung Meer etwas zwei Stadien in der Länge. Am Ende dieses Walls wiederum steht ein hoher viereckiger, aus gehauenen Steinen errichteter Turm. Und auf demselben findet sich in jeder Ecke ein Erker aus gehauenen Steinen. Zwischen diesem Turm und der Stadt ist die Mauer sehr hoch, hinter diesen Bollwerken bis zur Stadt führend. Hier aber liegt der innere Hafen, wo die Schiffe anlegen, am Stadttor selbst. Die Stadt Rhodos umgrenzt eine Mauer aus gehauenen Steinen, die ist ziemlich hoch und XVI meiner eigenen Füße stark. Sie hat mehrere Türme, XL wiederum ziemlich hoch und aus gehauenen Steinen errichtet. Und diese Türme sind im Inneren gewölbt. Sie besitzen keinerlei Dach, sondern jeden dieser Türme umgrenzt oben eine Zarge aus Kraksteinen Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 379 <?page no="380"?> 299 Przikopy okolo rodyzu (dt. Die Gräben um Rhodos). 300 Cysarz tureczky przitahl k rodyzu (dt. Der türkische Kaiser erschien vor Rhodos). 301 Mehmed II. „der Eroberer“ (1432-1481), nahm 1453 Konstantinopel ein und war sieben‐ ter Sultan des Osmanischen Reiches. Er lag zwischen 1463 und 1479 mit der Republik Venedig im Krieg, um die venezianische Seehegemonie zu beenden. Zwischen dem 23. Mai und 28. Juli 1480 belagerte Mehmed II. - nach einem ersten Landungsversuch Anfang Dezember 1479 - Rhodos mit einer gewaltigen Streitmacht (rund 170 Schiffe, und nach und nach 70.000-100.000 Mann an Infanterie, Kavallerie und Artillerie. Auf Seiten der Belagerten standen hingenen wohl 7.000 Bewaffnete, darunter etwa 600 Ordenritter und 1.500 Söldner. Gewaltige Schäden an den Befestigungsanlagen zurücklassend, scheiterte die Belagerung an internen Streitigkeiten im osmanischen Lager. 302 Bayezid II. „der Fromme/ veli“ (1447-1512), seit 1481 türkischer Sultan. 303 Vli = wohl Abkürzung für der Große bzw. der Fromme. als Umgang, so dass man, wenn man hier steht, im Bedarfsfall Steine nach unten schleudern kann. Und der Abstand zwischen den jeweiligen Türmen beträgt etwa ein halbes Stadium. Zwischen diesen Türmen gibt es auf der Stadtmauer weder einen Umgang noch ein Dach, sondern nur die einfachen Wände. [Przikopy okolo rodyzu] 299 Um diese Stadt Rhodos ziehen sich tiefe Gräben, einige sind bereits fertigge‐ stellt, andere noch in Arbeit, und diese sind tief, mitunter zweifach oder dreifach [fol. 60r] ausgemauert und sämtlich aus gehauenen Steinen und sehr breit. Und zwischen diesen Gräben befinden sich wiederum ziemlich hohe und dicke Wälle, die aus der aus den Gräben heraustransportierten Erde bestehen. Auf diesen Wällen gibt es Luken, aus denen aus großen und kleineren Geschützen im Bedarfsfall geschossen werden kann. Diese Wälle sind alle mit gehauenen Steinen ummauert. Und aus der Stadt führen durch die Wälle und Gräben unter der Erde gewölbte Gänge, und aus den Luken in jedem Graben kann man parallel aus kleineren Geschützen und aus Arkebusen schießen und Sturmangriffe abwehren, sollten in diese Gräben Feinde einfallen. Dies alles ist gründlich vorbereitet. [Cysarz tureczky przitahl k rodyzu] 300 Es geschah im Jahre seit der göttlichen Geburt Eintausend Vierhundert achtzig, im Monat Mai am 23. Tage, dass der alte türkische Kaiser 301 , der Vater des jetzigen Kaisers 302 , dessen Name Otman vli 303 war, der ein sehr kriegerischer Herr gewesen ist und in seiner Herr‐ schaftszeit viele Christenvölker unterwarf, worüber einige Chronisten berich‐ ten. Wie mir von glaubwürdigen, zum Heiligen Grab pilgernden Personen auf der Reise berichtet wurde, die von diesen Ereignissen tiefergehende Kenntnisse besaßen, dass sie [fol. 60v] alle diese Dinge von ihm erfuhren, hat er in seiner Herrschaftszeit ein zweifaches Kaisertum errungen: das eine im Namen Trapez‐ unts 304 , das zweite jenes von Konstantinopel. Und das zwölffache Königreich bedeutet insbesondere: Pontum 305 , Bitiniam 306 , Kapadoczyam 307 , Paslogoniam 308 , 380 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="381"?> 304 Kaiserreich Trapezunt: Nachfolgestaat des Byzantinischen Reiches zwischen 1206 und 1461 in Kleinasien. 305 Pontum = Pontos an der Südküste des Schwarzen Meeres. 306 Bitiniam = Bithynia, einst römische Provinz im nordwestlichen Kleinasien. 307 Kapadoczyam = Kappadokien in Zentralanatolien. 308 Paslogoniam = Paphlagonien. Antiker Name einer Landschaft an der mittleren Nord‐ küste Kleinasien am Schwarzen Meer, die im Westen an Bithynien, im Osten an Pontus und im Süden an Phrygien und Kappadokien grenzte. Nach der Eroberung Konstantinopels im Vierten Kreuzzug 1204 entstanden in den Provinzen byzantinische Nachfolgestaaten. 309 Ciciliam = Sizilien. 310 Pamfiliam = Pamphylien. Antike Landschaft an der mittleren Südküste Kleinasiens zwischen der heutigen Großstadt Antalya nach Osten bis zum Taurusgebirge. 311 Liciam = Lykien. Landschaft im Südwesten Kleinasiens. 312 Cariam lydiam = Karien (lat. Caria). Antike Landschaft im Südwesten Kleinasiens in der heutigen Türkei, im Altertum selbständiges Königreich. 313 Frygiam = Phrygien. Antike Bezeichnung einer Region im westlichen Zentral-Klein‐ asien in der heutigen Türkei, benannt nach den Phrygern. 314 Moream = lateinische Bezeichnung der Halbinsel Peloponnes. 315 Bulgariam = Bulgarien. 316 Achariam = Achai (? ). Landschaft in der nordwestlichen Peloponnes. 317 Achraniam = Arcanania (? ). Bergland in Westgriechenland, seit 1480 zum Osmanischen Reich gehörend. 318 Kulij mnozstwij prziprawil (dt. Er bereitete eine Menge Geschosskugeln vor). 319 Eine zeitgenössische Darstellung der Belagerung findet sich in der 1482-1483 verfassten und mit 52 Miniaturen ausgestatteten Handschrift Lat. 6067 in der Bibliothèque national de France. Ciciliam 309 , Pamfiliam 310 , Liciam 311 , Cariam lidyam 312 , Ffrygiam 313 , Moream 314 , Bulgariam 315 , Achariam 316 , Achraniam 317 . Darüber hinaus der größere Teil von Maczedanij und Epirum. Und an bedeutenden großen Städten zweihundert und etwas mehr. [Kulij mnozstwij prziprawil] 318 Dieser oben genannte Kaiser war keineswegs gestillt von seinem eigenen Ehr‐ geiz und er wollte sich einen noch größeren Teil der Christenheit unterwerfen. So traf er seit vielen Jahren, wie man mir berichtete, intensive Vorbereitungen und ließ große Geschütze und eine Unmenge an Kugeln für diese anfertigen, hergestellt aus harten Steinen, mit der Absicht, die Stadt Rhodos und diese ganze Insel zu unterwerfen 319 . An dem oben genannten Tag zog er mit großer Streitmacht herbei, ebenso mit Galeeren und anderen Schiffen sowie mit etwa 40.000 ausgewählten Männern. Und mit diesen kam er persönlich, wobei er auf den Galeeren vierzehn große Sturmgeschütze und Kugeln in großer Vielzahl mit sich führte. Die Stadt Rhodos [fol. 61r] ließ er von zwei Seiten belagern: von Lande und vom Meer aus. Diese seine oben genannten Kanonen positionierte er an drei Stellen, insbesondere am Kirchlein des heiligen Antonius, über das zuvor Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 381 <?page no="382"?> bereits berichtet wurde, vier Geschütze oder große Kanonen, von denen er über das Meer auf den oben genannten St.-Nikolaus-Turm feuern ließ. Und von dort vom Meer zum Hügel etwa zwei Stadien richtete er wiederum drei Geschütze und große Kanonen gegen die Burg und schoss von hier aus auf dieselbe. An der dritten Stelle Richtung Sonnenaufgang hatte er sieben Geschütze oder große Kanonen aufgestellt, aus denen er auf die Stadtmauer feuern ließ. Mit größter Intensität freilich ließ er auf den St.-Nikolaus-Turm schießen in der Hoffnung, sollte er diesen erobern, dann könnte man über die Bastionen, die von diesem Turm des heiligen Nikolaus zur Stadt führen, besser hier eindringen, da die Stadt in diesem Teil vom Meer über keinerlei Gräben verfügte. Wenn er diesen Turm des heiligen Nikolaus oben derart um ein Stockwerk zerstört hätte, dann wäre es das Beste, zum Sturm auf das obere Tor zu blasen. So schickte er einige hundert Kämpfer, annähernd zweitausend oder mehr, wie man mir berichtete, nämlich die Besten auf der großen Galeere, damit sie an dem Turm anlegten und diesen Turm des heiligen [fol. 61v] Nikolaus stürmten. Er ließ eine hölzerne Brücke vorbereiten, die sie auf der genannten Galeere mitführten, damit sie an dem Turm anlegen könnten und den günstigsten Zugang für den Sturmangriff besäßen, zumal es überall Felsen darum gab, so dass man für den Zugang keinerlei weitere Schiffe brauchte. Als aber die Türken mit der Galeere etwa einige Stadien vom oben genannten Turm des heiligen Nikolaus landeten, da sank dank der Hilfe des allmächtigen Gottes, der seine Getreuen in der Not nicht im Stich lässt, die besagte Galeere mit allem, was sich auf dieser befand, und nicht das geringste Lebenszeichen ward von der Besatzung mehr gesehen. Dies haben unserem Patron in meinem Beisein zwei bedeutende Bürger erzählt, die in Rhodos wohnen. Und so hat also dieser türkische Kaiser, als nichts nach seinem Willen geschah, befohlen, umso emsiger aus den Kanonen auf diese Stadt zu feuern, nämlich aus den sieben Geschützen, wie zuvor geschrieben. Wie mir persönlich der Waffenkonstrukteur des Meisters von Rhodos berichte, der bei der Belagerung anwesend war, wurde aus diesen Geschützen wiederholt fast achtzigmal am Tag gefeuert und die Stadt verfügte nicht über derart viele Gräben [fol. 62r] vor ihren Mauern wie heute. Es gab lediglich eine Mauer und einen einzigen, nicht sehr tiefen Graben. Und als diese Mauer aus den Kanonen aus einer Entfernung von zwei oder zweieinhalb Stadien Entfernung beschossen wurde, da ließen das Gefolge des Meisters von Rhodos und die Bürger zu dieser Zeit die Häuser in der Stadt niederreißen und errichteten im Inneren eine neue Mauer, nicht sehr hoch, etwa drei Menschen oder etwas mehr in der Höhe und davor einen kleinen Graben, doch sahen die Türken von diesem Bollwerk nichts. So lagen diese Mauer und diese Gräben ziemlich schlecht da [für den Angreifer - Th. K.], da sie in dem Augenblick, um sie leicht zu nehmen, von den Türken 382 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="383"?> 320 27. Juli. nicht gesehen wurden. Und am Tag des heiligen Pantaleon 320 wurde am Morgen in der Dämmerung mit großem Geschrei, Fanfarenklang und Trommelwirbel der Sturmangriff zurückgeschlagen. Denn Gott der Herr kämpfte für sie [die Verteidiger - Th. K.], die Burg und die Stadt waren ein großer Zwinger, und nur wenige Menschen gab es, um sich überall des Sturmangriffs zu erwehren. So befahl der Meister von Rhodos zuerst, dass jeder, sobald der Sturmangriff begann, seinen Platz kannte, wo er zu sein hatte und wo er den Angriff abwehren sollte. Als die Stadtmauer fast bis auf den Grund zerstört war, [fol. 62v], da kam der Meister selbst mit 36 seiner Höflinge, die er als die besten von allen ausgewählt hatte und auf die er die größten Hoffnungen setzte, herbeigeeilt, und wehrte mit diesen Obengenannten den Sturmangriff von 3000 Türken oder mehr ab, wie man mir berichtet hat. Und sie alle, mit Ausnahme des Meisters selbst sowie sechs anderen, wurden auf den Mauern getötet, dabei ritterlich dem Sturmangriff sich erwehrend, da sie einer derart großen Zahl von Türken nicht standzuhalten vermochten. Dabei hat den Meister einen dieser Mauren mit einer Lanze durchbohrt und ihn am Hals verletzt, so dass er hier nach unten auf die Stadtseite fiel. Dies sah ein anderer Christ, ein Dienstmann des Meisters von Rhodos, nämlich was seinem Herrn geschah, und er schwor sich diesen zu rächen, wobei er überaus heldenhaft diesem Mauren und Türken trotzte, ihn mit der Lanze durchbohrte und dabei tötete. In diesem Augenblick, als den Christen Schlimmes drohte und die Zahl der die Mauern erklimmenden Türken stetig zunahm, da erbarmte sich Gott der Allmächtige und vollbrachte ein großes Wunder. Die Türken aber erfasste Furcht. In dieser Situation, da Jungfrauen und Frauen in dieser Stadt zusammen mit ihren Kindern um ihr Leben fürchteten, da trug er dann ein Banner [fol. 63r] auf dem die Passion des Herrn gemalt war, und er führte Wein und Brot mit sich für jene, die sich dem Sturmangriff der Türken widersetzten, damit sie sich stärken konnten - denn besagter Sturmangriff dauerte mehrere Stunden und die Christen waren arg in Bedrängnis geraten und die Zahl der Türken, die auf die Mauer drängten, wuchs immer mehr an. Da aber geschah es, dass die oben genannten Frauen und Jungfrauen die Gasse entlang jenem Ort entgegen gingen, an dem die Türken den Sturmangriff führten. Und als sie bereits auf den zerstörten Mauern standen, da erblickten die Türken die besagten Frauen und Jungfrauen. Und durch Gottes Zutun befiel sie eine große Furcht angesichts dieser vielen Frauen und Mädchen. Die Angst wurde derart gewaltig, dass sie, die Herannahenden erblickend, zurückwichen und von der Mauer stürzten und eingedenk ihrer Niederlage die Flucht ergriffen. Die Hinteren sahen ihre Vorderleute fliehen und taten es Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 383 <?page no="384"?> 321 píď, Längenmaß = etwa 20-cm. ihnen unverzüglich gleich wie Verblendete und wurden geradezu überrannt. Und als verbürgt wurde mir zudem berichtet, dass die Türken, die bei diesem Sturmangriff hier weilten, zu glauben meinten, alle (die Frauen und Jungfrauen - Th. K.) seien bewaffnet. Da verloren sie jede Hoffnung, brachten nichts mehr zustande [fol. 63v] und nahmen Reißaus. Nach dem Sturmangriff betrachtete der türkische Kaiser sein gesamtes Vorgehen und sah, dass der Aufwand, den er viele Jahre mit gewaltigen Anstrengungen betrieben hatte, umsonst gewesen war. Drei Monate hatte er hier gelagert und mit allem Fleiß abgewartet, doch konnte er keinerlei Fortschritt verbuchen, sondern hatte nunmehr allen Schaden und er ließ den Kanonenbeschuss einstellen. Und so lagerte er nach dem Sturm hier in seinem Kriegslager und wartete bis zum fünften Tag ab, damit niemand sagen konnte, er sei überstürzt nach dem Sturmangriff abgezogen und habe in Schande die Flucht ergriffen. Doch nachdem die fünf Tage verstrichen waren, da begab er sich mit dem Rest seiner Leute auf die Galeere und die anderen Schiffe und segelte in sein Heimatland zurück. Und wie mir als sicher verbürgt berichtet wurde, ließ er zurück, was man ihm zerstört hatte, als er dort lagerte. Dies betraf das, was sie [die Türken - Th. K.], wie zuvor beschrieben, am St.-Nikolaus-Turm verfeuert hatten, nämlich an die 15000 [Kugeln - Th. K.] oder mehr in diesen drei Monaten, als der Kaiser hier gelagert hatte. Auch wurde mir berichtet, dass aus den großen Geschützen VI Tausend Mal geschossen wurde und es eingeschlagen hat. Und fünf [fol. 64r] und 60mal. Wer will, kann diese Geschützkugeln dort besichtigen. Zuvor gehst du vom Hafen in die Stadt, am Stadttor an den beiden Reihen entlang, die nicht sehr lang sind. Und in der Burg zwischen den Gräben, wenn du zu diesem Kirchlein des heiligen Antonius gehen willst, aber auch in der Stadt, hier und dort, sieht man noch andere Einschüsse in der Stadtmauer und den beschossenen Türmen, aber auch im Meer liegen Teile. Diese gewaltigen Kugeln sind zudem aus hartem Stein gefertigt. Nach geraumer Zeit, als der türkische Kaiser abgezogen war, ließ der Meister von Rhodos die großen Geschütze zu diesen Kugeln einschmelzen, die sie gefeuert hatten, damit sie ihr Ziel erreichten, wobei zwei im Hofe hier auf der Burg liegen, die eine 36 kleine piedí 321 in der Länge. Und das andere 28 piedí. Da waren aber auch zwei kleinere Kugeln, die ich gesehen habe. Nach einiger Zeit sandte der türkische Kaiser eine Delegation zum Meister von Rhodos wegen einer anderen Sache, und er ließ durch die Gesandtschaft unter anderem den Meister [fol. 64v] von Rhodos bitten, er möge ihm diese Kugeln wiederum verkaufen, die da vor Rhodos noch lagen, wobei er ihm für eine Kugel, sei sie nun klein oder groß, zehn Golddukaten zu geben versprach. Der Meister von 384 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="385"?> 322 Längenmaß (siehe Anm. 321). 323 Konecz Insule rodyzske (dt. Das Ende der Insel Rhodos). Rhodos (sic) seinerseits gebot ihm, nochmals nach Rhodos zu kommen, er wolle ihm umsonst wiederum eine solche Botschaft senden, wie er ihm die besagte geschickt habe. Dieser Meister von Rhodos war an der Stelle, wo er nach unten mit der einstürzenden Mauer gefallen war, als die Türken dieser erstürmen wollten, von jenem Mauren verletzt worden, wie bereits zuvor geschrieben. Er ließ an dieser Stelle ein kleines Kloster errichten, sehr eindrucksvoll erbaut, im Namen des heiligen Pantaleon und ließ persönlich ein Grabmahl errichten, in dem er nach seinem Tode zur letzten Ruhe gebettet werden wollte. Und dieser Meister von Rhodos ließ aus Stein über dem Eingang in dieses Kloster die ganze Chronik darstellen, wie er den Sturmangriff erlebte hatte und wie er selbst verwundet worden war. Und in dem Gotteshaus selbst leben zehn Barfüßer. Die Burg aber, die Stadt, sämtliche Mauern und Häuser, sind sämtlich aus gehauenen Steinen eindrucksvoll erbaut. [fol. 65r] Am Sonntag nach Sankt Petrus und Paulus [30 Juni] haben wir die Messe zum heiligen Johannes in der Kirche vor der Burg besucht. Hier hat man uns nach der Messe die nachfolgenden Reliquien gezeigt: Zuvörderst ein Stück vom Kreuz des Herrn Christus etwa einen Pied 322 lang oder auch mehr. Und zwei Stücke neben diesem größeren, etwa in der Länge des kleinen Fingers. Sodann zeigten sie uns das Geldstück, für das Christus der Herr an die Juden verkauft wurde. Nachfolgend zeigten sie uns die rechte Hand des heiligen Johannes, eine Elle lang, in dieser Hand den Daumen und die beiden kleinsten Finger neben diesem. Die beiden anderen Finger aber fehlten. Und keiner konnte mir sagen, wo diese Finger geblieben waren. Im Anschluss die Hand des heiligen Laurentius, dann die Hand des heiligen Blasius und danach einen Knochen der Hand des heiligen Stefan. Auch lag hier ein Kreuz aus Messing, da erzählten sie mir, es stamme von jener Zinnschale, aus der Gott der Herr den Aposteln nach dem letzten Abendmahl die Füße gewaschen habe. Ein Kreuzherr sagte mir es sei verbürgt, dass wer Schüttelfrost [Fieber - Th. K.] habe und hieraus trinke, umgehend gesunde. Auch hat man uns [fol. 65v] zahlreiche weitere und in Silber gefasste und mit Fenstern versehene Reliquien gezeigt. Zudem präsentierte man uns das ziemlich lange Horn eines Einhorns. [Konecz Insule rodyzske] 323 Und so haben wir uns die Reliquien angeschaut und sind auf den Barken wieder auf die Galee gefahren. Im Anschluss sind wir zur Mittagsstunde aus dem Hafen von Rhodos ausgelaufen, wobei der Wind ausgezeichnet wehte, so dass wir unsere Reise über etwa vierzig welsche Meilen fortsetzen konnten. Dies ist das Ende [unseres Aufenthalts auf - Th. K.] der Insel Rhodos. Zur linken Hand Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 385 <?page no="386"?> 324 Patera = Patara, antike Stadt an der Mittelmeerküste Lykiens in der heutigen Türkei. 325 Nikolaus von Myra (zwischen 276/ 280-zwischen 326 und 365) wurde in Patara geboren und wirkte später als Bischof von Myra, um den sich zahlreiche Legenden und Wundergeschichten rankten. Eine offizielle Heiligsprechung fand jedoch nie statt. 326 hory Tureczke (dt. Die türkischen Berge). 327 Septekagij = Südwestspitze Lykiens. Der Name bedeutet „siebenfaches Kap“. Das türkische Wort „kaia“ taucht in zahlreichen Namen auf und bedeutet „Gebirge“. 328 Sedm hlav (dt. Sieben Köpfe). 329 Kastelloruzo = Kastelorizo (ital. Castelrosso, „Rote Festung“), griech. Insel im östlichen Mittelmeer, etwa drei Kilometer vor der türkischen Küste. 1306 wurde die Insel durch die Ritter des Johanniterordens erobert, die die Insel zu einer mächtigen Festung ausbauten und 1440 einen Angriff des Mamelucken-Sultans erfolgreich abwehrten. Sechs Jahre später ließ sich König Alfons V. von Aragon, Sizilien und Neapel von Papst Nikolaus V. die Insel überschreiben und die Festung instandsetzen. 330 Kakabus = Kekova. Kleine türkische Insel an der lykischen Küste. Auf der Inselnordseite liegen die teilweise versunkenen Ruinen der antiken Stadt Dolichiste, die im 2. Jahr‐ hundert von einem Erdbeben zerstört, später wiederaufgebaut wurde, doch führte ein weiteres Beben im 10. Jahrhundert dazu, dass die Ruinen heute partiell unter Wasser liegen. 331 Miesto mirra (dt. Die Stadt Mirra). Gemeint ist die antike Stadt Myra. Der Ort wurde im Jahre 809 durch die Araber geplündert, später unter den Byzantinern von islamischen Seldschuken erobert, wobei italienische Kaufleute aus Bari die sich bietende Gelegen‐ heit nutzten, und die Gebeine des Bischofs Nikolaus 1087 in ihre Heimat brachten. 332 Ffinika = Phineka, antike Stadt in der heutigen Türkei (Provinz Antalya). erstreckten sich die türkischen Berge, die man Natalia nennt. Und auf diesen Bergen befand sich eine zerstörte Stadt, mit Namen Patera 324 , in der der heilige Nikolaus geboren wurde 325 . [hory Tureczke] 326 Weiter segelnd haben wir an diesem Tag zur rechten Hand nichts anderes gesehen als das Meer. Und linkerhand die Türkischen Berge, die man italienisch Septekagij 327 nennt, wobei wir tschechisch Sedm hlaw sagen würden 328 . Bei diesen Bergen gibt es eine nicht sehr große Insel, auf der sich eine Burg des Königs von Neapel befindet, die man Kastelloruzo nennt 329 , und unweit dieser Veste liegen stets einige Galeeren und Schiffe des Königs von Neapel vor Anker. Und die Burg muss wegen der Türken mit einer starken Besatzung ausgerüstet sein, [fol. 66r] da man mit letzteren in unmittelbarer Nachbarschaft lebt. Diese Festung habe ich vom Schiff aus gut gesehen. Am Ende dieser Bucht liegt eine zerstörte Stadt, von der es heißt, sie war dereinst eine große Stadt, VIII italienische Meilen in der Länge und ebenso in der Breite, und diese nannte man Kakabus 330 . Zu sehen sind im Wasser noch die Mauern aus gehauenen Steinen, Fenster. Und die Stadt, so sagt man, sei versunken. [Miesto mirra] 331 Des Weiteren liegt bei diesen Bergen eine verlassene und zerstörte Stadt, in der der heilige Nikolaus als Bischof lebte. [Miesto ffinika] 332 386 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="387"?> 333 Hory a morze (dt. Berge und Meer). 334 Kaptychylidonie = Kap Chelidonia, Kap an der Südküste Anatoliens, die die westliche Bucht von Finike vom Golf von Antalya trennt. 335 Golff Swate Eleny (dt. Der Golf der heiligen Helena). 336 Golffosantalie = Golf der heiligen Helena (Golf von Antalya). 337 Flavia Julia Helena (248/ 250-330), Mutter des römischen Kaisers Konstantin, mit der sich die Legende von der Kreuzauffindung verbindet (röm.-kath. Feiertag am 3. Mai). Seit den 390er Jahren ist die ursprüngliche Version dieser Legende überliefert, der zufolge Helena ins Heilige Land reiste, wo das Kreuz Christi um 325 nach Hinweisen des Bischofs auf Anweisung der Kaiserin bei Grabungsarbeiten gefunden wurde. Einen Teil der Kreuzreliquien nahm Helena angeblich nach Konstantinopel mit, der Rest verblieb in Jerusalem. Sodann liegt dort wiederum eine verlassene und zerstörte Stadt, die man Ffinika nennt und von der man noch zahlreiche Mauern sieht. [Hory a morze] 333 Am Montag nach Sankt Petrus und Paulus [1. Juli] segelten wir weiter und hatten dabei zur linken Hand Berge, die man italienisch Kaptchylidonie nennt 334 . Als wir diese Berge passiert hatten, haben wir auf beiden Seiten nichts außer dem Meer erblickt. [Golff Swate Eleny] 335 [fol. 66v] Am Dienstag vor Sankt Prokop [2. Juli] hatten wir einen guten und nicht zu starken Wind, als wir den Golf durchquerten. Und dieser Golf ist eine Meeres‐ bucht, die in das Land des türkischen Kaisers führt. Auch hier haben wir nichts als von beiden Seiten das Meer gesehen. Diesen Golf nennt man italienisch Golffosantalie 336 , gleichsam als würde man sagen der Golf der heiligen Helena. Auch wurde mir berichtet, dass viele Schiffe mit ihren Besatzungen in diesem Golf gesunken sind, als sie hier entlangfuhren, in fernen Zeiten, aber auch bis in unsere Zeit. Und dass Kaiser Konstantin nach dem Martyrium des Herrn Christus, als er Jerusalem und die umliegenden Länder eroberte, und die heilige Elena 337 , die Mutter dieses Kaisers Konstantin, zum Heiligen Grab fuhren, die Juden in Jerusalem dazu zwangen, ihnen das Kreuz zu zeigen, die Lanze und auch die Nägel, mit denen der Herr Christus ans Kreuz geschlagen wurde. Danach haben sie die Dinge, als sie sie gefunden hatten, mit nach Hause genommen. An dieser Stelle durchquerte sie [Helena - Th. K.] diesen oben genannten Golf und erhielt Kunde darüber, dass hier zahlreiche Menschen mit ihren Schiffen untergegangen und ertrunken seien. Und sie beschloss, einen dieser Nägel [vom Kreuz Christ - Th. K.] in das Meer in diesen [fol. 67r] Golf zu werfen, und seit dieser Zeit geschehen derartige Unglücke nicht mehr und es ertrinken auch keine Menschen mehr. Auch hat man mir berichtet, dass diese heilige Elena aus einem dieser Nägel ihrem Sohn Konstantin ein Zaumzeug anfertigen ließ, mit welchem dieser Kaiser, wann immer er in den Kampf zog, um gegen seine Feinde zu kämpfen, stets jenes Pferd satteln ließ, auf dem er sitzen sollte und er ließ Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 387 <?page no="388"?> 338 Medyolanie = Mailand. 339 O hrzebijech bozijech (dt. Über die göttlichen Nägel). 340 Tyr = Trier. Hier hielt sich Lobkowitz zweifellos auf seiner Reise nach Luxemburg auf. 341 Karsstayn = (Burg) Karlstein bei Prag. 342 Normbercz = Nürnberg. 343 Czyprske kralowstwije (dt. Königreich Zypern). 344 Gemeint ist Jakob II. (um 1440-1473). Dieser heiratete 1472 Caterina Cornaro (1454- 1510). Die Tochter eines venezianischen Patriziers galt als außergewöhnliche Schönheit, so dass Jakob II., König von Zypern, beim Dogen Francesco Foscari durch seinen Gesandten um ihre Hand anhielt. Der Senat von Venedig entschied darauf, Caterina zu adoptieren, sie als „Tochter der Republik“ thronen zu lassen und mit der Mitgift einer Königin auszustatten. Das politische Kalkül der Seerepublik bestand jedoch darin, für den Fall, die Königin würde ohne Erben sterben, Zypern in seinen Besitz zu bringen. Die Hochzeit fand zunächst 1468 durch einen Bevollmächtigten statt, doch erst vier Jahre später reiste Caterina nach Zypern, wo die richtige Hochzeit stattfand. Jakob II. verstarb bereits 1473, daraufhin brachen Nachfolgekämpfe aus, aus denen formell die Republik Venedig als Siegerin hervorging. Caterina regierte als Königin von Venedigs Gnaden bis 1489 und lebte nach ihrer Rückkehr in Asolo im Hinterland Venedigs bis zu ihrem Tode. dieses mit dem Zaumzeug reiten: So siegte er stets gegen seine Feinde und schlug diese. Dieses Zaumzeug aber hängt heute in der Hauptkirche in Medyolanie 338 . Und die Lampe davor brennt bei Tag und Nacht. Dies alles hat man mir erzählt, als wir es gesehen haben. [O hrzebijech bozijech] 339 Auch haben mir einige bedeutende Herren aus Frankreich, die mit uns auf der Galee waren, als verbürgt berichtet, sie würden ebenfalls einen solchen Nagel mit sich führen. Danach habe ich einen derartigen Nagel in Tyr 340 in der erzbischöflichen Hauptkirche gesehen. Auch sah ich ein Stück dieses Nagels auf dem Karsstayn 341 hier in Böhmen. Gleichfalls erblickte ich ein Stück eines solchen Nagels in Normbercz 342 . Man hat mir darüber hinaus berichtet, dass es VI derartige Nägel geben soll. Und zwar [fol. 67v] dergestalt: Als man Christus den Herrn mit Nägeln mit Nägeln ans Kreuz schlug, schienen ihnen [den Männern - Th. K.] diese zu schwach zu sein, so dass man sie wieder herauszog. Mit anderen stärkeren Nägeln hat man ihn dann ans Kreuz geschlagen. Ob dies so geschehen ist, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, dies weiß nur Gott allein. [Czyprske kralowstwije] 343 Am Mittwoch vor Sankt Prokop [3. Juli] um die Mittagsstunde sind wir vor der Insel Zypern eingetroffen, und diese Insel ist ein Königreich und etwa VII c italienische Meilen groß. Wir sind neben dieser gesegelt, passierten sie zur linken Hand zwei welsche Meilen entfernt. Und diese Insel hatte vor jener Zeit, als ich dort weilte, wenige Jahre zuvor einen König, dem die Venezianer eine bürgerliche Jungfrau, die sie als Tochter präsentierten, zur Gemahlin gaben 344 . Sie statteten sie mit zweimal 100 000 Golddukaten aus, als dem König und der 388 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="389"?> 345 Nykazy = Nikosia. 346 1489 fiel Zypern an die Serenissima. 347 Caterina wurde zur Abdankung gezwungen. 348 Asolo, Castello della Regina. 349 Meronie = Murano. 350 Baffa (griech. Paphos), antike Hafenstadt im Südwesten Zyperns, die im 7. Jahrhundert von den Arabern geplündert wurde und unter den Byzantinern verfiel. 1103 starb hier König Erik I. von Dänemark auf einer Pilgerreise nach Jerusalem und wurde hier bestattet. 1191 eroberten Kreuzfahrer unter dem Kommando König Richards I. Löwenherz die nahegelegene Burg Saranda Kolones (beim Erdbeben 1222 zerstört). Im 13. Jahrhundert fiel die Insel an das Haus Lusignan, die ein Kastell zur Überwachung der Zuckerrohrplantagen errichten ließen. 351 Czyprsk = Zypern. 352 Czukr roste (dt. Es wächst Zucker). Königin der einzige Sohn geboren wurde. Danach starben an einem Tag der König und sein Sohn, die beide in einem Grab bestattet sind. Und die Herren Venezianer sandten, als sie vom Tod dieses Königs Kenntnis erhielten, ihre Galeeren und Schiffe und auf diesen an die XL Tausend Leute oder mehr. Als sie dort [auf Zypern - Th. K.] ankamen, bemächtigten sie sich der Hauptstadt, [fol. 68r], deren Name Nykazy 345 lautet. Und im Anschluss des ganzen Königreichs 346 . Sie brachten die Königin nach Venedig 347 . Hier schlossen die Fürsten und die Herren Venezianer mit ihr einen Vertrag, in dem sie ihr zu ihren Lebzeiten ein Schloss auf dem Lande zuwiesen 348 . Dieses Schloss aber, dies habe ich nach meiner Rückkehr aus Venedig, gesehen. Mir wurde dabei berichtet, sie verfüge über gute Renten und Einkünfte aus Geld- und anderen Zahlungen. Und sie [die Venezianer - Th. K.] senden ihr jährlich X Tausend Golddukaten. Auch habe ich persönlich diese Königin gesehen, wie sie am Fenster in ihrem Haus in dem Städtchen in Meronie 349 stand, zwei welsche Meilen von Venedig entfernt auf einer Insel gelegen, auf der ausschließlich Glasmacher wohnen. [miesto baffo] 350 Und an diesem Tag war entlang der Insel Czyprsk 351 zur rechten Hand nichts als das Meer zu erblicken. Zur linken Hand aber lag auf dieser Insel eine Stadt am Meer, die man Baffa nennt. Vor langer Zeit war diese eine ansehnliche Stadt. Jetzt aber ist sie zu einem Großteil zerstört. Auf dieser Insel gibt es Berge, doch sind diese weder sehr groß noch sehr hoch, und gegen Süden gibt es viel Wein [anbau - Th. K.], Getreide sowie alle [fol. 68v] möglichen Obstsorten. Und der Wein in den Trauben ist sehr süß. Es ist ein sehr guter Wein, der hier getrunken wird. Hier auf Zypern selbst ist er für die Einheimischen sehr stark und schwer zu genießen und ungewohnt, weil sie alles harzen, indem man Harz von Kiefern beimengt. [Czukr roste] 352 Auch wächst auf dieser Insel Zucker und dieser wächst in Gärten und ähnelt dem Schilfrohr an Fischteichen. Man pflanzt dieses im Monat Mai und es wach‐ Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 389 <?page no="390"?> 353 miest XV (dt. XV Städte). 354 Nykazya = Nikosia. 355 Fama gusta = Famagusta, Hafen- und Handelsstadt an der Ostküste Zyperns, die seit dem 13. Jahrhundert - nach dem Erwerb durch den fränkischen Kreuzritter Guido von Lusignan, vormals König von Jerusalem, 1292 - einen glanzvollen Aufstieg zur reichsten Stadt des östlichen Mittelmeers erlebte. Die Stadt wurde katholischer Bischofssitz und östlichster Außenposten der römischen Kirche, an dem sich nach dem Fall von Akkon 1291 zahlreiche Adelige, Ritter und Kaufleute ansiedelten. Famagusta wurde mit mächtigen Befestigungsanlagen umgeben, im Umkreis der Kathedrale siedelten sich Ritterorden und zahlreiche Händlerkolonien an. Genua und Venedig gewannen in der Folge zunehmend an Einfluss und konkurrierten um die Vormachtstellung. 356 Czernus = Cerines (Keraunia), Hafenstadt an der Nordwestküste Zyperns. 357 Baffa = Paphos (siehe Anm. 350). 358 Danyeluow = kleine Dammhirsche. 359 Constanczya (griech. Salamis, lat. Constantia), antike Stadt auf Zypern, nördlich von Famagusta. 360 Suol Dielagij (dt. Sie stellen Salz her). sen wie beim Knoblauch Blüten aus diesem Rohr, diese werden eingewurzelt und wachsen. Und im Monat Oktober kann man sie ernten. In diesem Zuckerrohr im Inneren findet sich in Röhrchen der kristallene Zucker. Anschließend wird dieses Rohr in kleine Stücke geschnitten, gestampft und gepresst wie Wein. Danach ist der Saft, der herausfließt, anfänglich schwarz und trübe. Er wird in Becken aufgekocht [bis das Wasser verdunstet - Th. K.] und es verdunstet, der Zucker setzt sich nach unten ab, wenn er gekocht ist und sieht ziemlich unansehnlich aus. Und somit wird daraus Zucker, der zuerst schwarz ist. Nachfolgend überkocht man diesen mehrfach, und je öfter dies geschieht, desto weißer und besser wird er, aber auch teurer, da er gestampft wird. Auf dieser Insel Zypern gab es dereinst, wie [fol. 69r] mir berichtet wurde, 15 große Städte [miest XV] 353 , doch jetzt sind es nicht mehr als vier Städte: Die erste Stadt heißt Nykazya 354 , in der die Könige von Zypern Hof zu halten pflegen. Hier in dieser Stadt haben sie einen Erzbischof. Die zweite Stadt heißt Fama gusta 355 , die dritte Czernus 356 , die vierte Baffa 357 . In diesen drei [letztgenannten - Th. K.] Städten residiert jeweils ein Bischof. Auch gibt es auf dieser Insel zahlreiche Tierarten: Hirsche, Wildschweine, Danyeluow 358 , Rehe, Gämsen, Wildziegen, Hasen. Die Schlangen die hier leben, sind überaus giftig und es gibt sehr viele. Auch ist das Fleisch auf dieser Insel allgemein sehr unbekömmlich, so dass, wer es isst, von Schüttelfrost erfasst wird. Die Hühner sind sehr gut und ziemlich wohlgenährt. Zudem ist es auf dieser Insel insgesamt sehr heiß und das Wasser hier ist nicht sehr gut. Auf dieser Insel ist die heilige Katharina in der Stadt, die da heißt Constanczya 359 , geboren. Doch ist diese Stadt bereits zerstört und verlassen. [Suol Dielagij] 360 390 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="391"?> 361 Misso = Limisso. Gemeint ist die Hafenstadt Limassol an der Südküste Zyperns, deren Geschichte eng mit dem Dritten Kreuzzug verbunden ist, in dessen Verlauf der englische König Richard Löwenherz den byzantinischen Kaiser Isaak Komnenos gefangen nahm und die Insel unter anglonormannische Verwaltung stellte. In Limassol selbst feierte Richard seine Hochzeit mit Berengaria von Navarra. Die Stadt selbst erlebte bis 1570 einen Aufschwung und stand ab 1489 unter venezianischer Herrschaft. Auf dieser Insel fabrizieren sie sauberes weißes Salz, das man nicht mehr kochen muss; dieses wird an einem Ort [fol. 69v] in der Ebene, unmittelbar am Meer gelegen, gewonnen, wo es flach wie ein Tisch ist. Und dies wird bereitet, indem das Meerwasser an diesen Ort geleitet wird, wie es ihnen passt, jedoch nicht tief. Und so kondensiert dieses Meerwasser durch die große Hitze und das Salz lagert sich ab. Doch gibt es auf dieser ganzen Insel, wenngleich reich an vielen Dingen. auch Mängel und vor allem eine schlimme Sache, dass nämlich in jedem Jahr oder alle zwei Jahre hier ein großes Erdbeben stattfindet, wobei viele Kirchen und Häuser in den Städten zerstört werden. Der zweite Mangel: Geh auf keinen Fall barfuß nach Sonnenuntergang, sonst bekommst Du gleich Schüttelfrost. Wenn du unter dem Dach liegst, dann und wenn der Tau auf dich tropft, dann ist dies, als ob du mit heißem Wasser überschüttet würdest. Wenn Du unter dem Dach liegst, dann kommen die Wanzen und großen Läuse, die sie „Läuse des Pharaos“ nennen, wenn sie dich erblicken, dann stürzen sie sich auf dich. Nur unweit von jenem Ort, wo sie hier das obenerwähnte Salz gewinnen, liegt auf dem Berg ein Kloster, in dem griechische Mönche leben. Auch hat man mir berichtet, dass in diesem Kloster [ein Kreuz - Th. K.] in der Luft hing, einfach so, dabei handelte es sich um das Kreuz [fol. 70r] jenes guten Schächers, der neben dem Herrn Christus zur Rechten hing. Als mir dies freilich erzählt wurde, nämlich zu der Zeit, als ich selbst dort gewesen bin, da ist der größere Teil des Klosters drei Jahre zuvor durch ein großes Erdbeben zerstört worden. An diesem Tag etwa gegen vier Uhr in der Nacht sind wir zu der zerstörten Stadt gekommen, die man Misso 361 nennt. Und hier haben wir, etwa vier Stadien von der Stadt entfernt, die Anker ins Meer gelassen und sind hier über Nacht geblieben. Diese Stadt Misso war dereinst eine große Stadt, doch ist sie von irgendeinem englischen König vor mehreren hundert Jahren zerstört worden. Dies geschah aus dem Grund, da sich zutrug, dass sich die Tochter des Bruders dieses englischen Königs auf einer Pilgerfahrt zum Heiligen Grab befand, und zwar mit ihrem Gefolge: Frauen und Jungfrauen sowie einigen Räten und anderen bedeutenden Personen. Diese kamen zu der Stadt Misso, um jene Vorräte zu kaufen, die sie zum Essen und Trinken auf ihrer Reise benötigten. Da hörte der König von Zypern, zu dieser Zeit ein Jüngling und noch ohne Frau, von [fol. 70v] der Abreise dieser Jungfrau und von deren großer Schönheit. Und Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 391 <?page no="392"?> emsig pries er die Stadt Misso. Sollte sie wiederum hier vorbeikommen, dann solle man ihm dies unverzüglich melden, egal ob bei Tag oder bei Nacht. So geschah es, dass diese Jungfrau wiederum hierher gelangte, um Vorräte kaufen zu lassen. Diese Information gaben jene, denen der König dies aufgetragen hatte, unverzüglich an diesen weiter. Der König zögert keinen Augenblick, und kam aus Nykaza, jener Stadt, in der sich der Hof befand, in diese Stadt Misso. Und er ließ diese Jungfrau zu sich in eine Herberge kommen, wobei er diese Jungfrau zuvor höflich und freundschaftlich willkommen geheißen hatte. Er lud sie an diesem Abend zur Tafel mit Essen und Trinken; letzteres konnte er am besten. Am darauffolgenden Tage, als diese brave Jungfrau ihre Reise in die Heimat fortsetzen wollte, da bat dieser König sie inständig, sie möge ihn doch nach Nykazy begleiten, wo sich der Hof befand. Und sie reiste in diese Stadt Nykazy, die nur wenige italienische Meilen entfernt von Misso lag. Diese brave und sittsame Jungfrau wehrte sich lange dagegen, zumal alles [fol. 71r] gegen ihren Willen geschehe - dies sagte ihr wohl ihr Herz und sie beriet sich mit ihren Herren und Räten, die ihr ihr Vater für diese Reise zur Seite gestellte hatte. Und so reiste sie mit ihrem gesamten Gefolge zusammen mit diesem König in dessen Stadt Nykaza. Als sie dort eintraf bewirtete sie dieser König noch prunkvoller mit Essen und Trinken als beim ersten Mal. Und der König erblickte ihre große Schönheit und verliebte sich unendlich in sie. Als er mit ihr beim Festmahl zusammensaß, da bat er sie ihm den Ehestand zu versprechen. Diese brave Jungfrau sprach in weiser Rede zu ihm und gab ihm die wohlüberlegte Antwort, es gezieme sich nicht, dies ohne den Willen ihres Herrn Vaters zu tun, dies entspräche den Gepflogenheiten. Und dieser König wollte, ungeachtet der von der Jungfrau erhaltenen Antwort, einfach nicht von seinem ursprünglichen Begehren ablassen, sondern dieses weiterverfolgen. Da er am Ende jedoch einsehen musste, bei seinem Werben keinerlei Erfolg in seinem Vorhaben zu haben, dachte er sich [fol. 71v] folgende Niederträchtigkeit aus: Als die ehrenwerte Jungfrau schlafen gegangen war und in ihrem Bett lag, das man ihr bereitet hatte, und ihre Jungfrauen es ihr in der danebenliegenden Kammer gleichgetan hatten, da schien für den König der Augenblick gekommen. Da er den Schlüssel zu jener Kammer besaß, in der die Jungfrau schlief, öffnete er das Zimmer und legte sich zu ihr in deren Bett, wo diese arglos ruhte und glaubte sicher zu sein. Danach schritt er zur Tat, wohl gegen deren Willen. Nach seinem Beischlaf verließ der König sie wieder. Am darauffolgenden Tag vertraute sich die Jungfrau, die wusste, was ihr geschehen war, in weiser Voraussicht niemandem an, weder den anderen Jungfrauen noch den Frauen in ihrem Gefolge. Doch war sie sehr traurig und wehmütig und konnte die Tränen kaum zurückhalten. Nachfolgend kehrte sie nach Misso zurück. Hier bestieg sie 392 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="393"?> 362 Haytmane w kralowstwije Czyprskem (dt. Die Hauptmänner im Königreich Zypern). 363 Mit dem Berg ist der Karmel-Berg gemeint. wiederum ihr Schiff und segelte nach Hause. Nachdem Gott der Allmächtige ihr wieder geholfen hatte, unbeschadet in ihre Heimat zurückzukehren, Zypern [fol. 72r], vertraute die Jungfrau jene Niedertracht, die ihr jener König von Zypern angetan hatte, unter großem Jammer und unter Tränen ihrem Vater an, der dies mit großer Betrübnis in seinem Herzen zur Kenntnis nahm. Er zögerte nicht, sich an seinen Bruder, den englischen König, zu wenden, und schilderte ihm mit großer Erbitterung die Niedertracht, die seiner Tochter angetan worden war. So beratschlagte er mit seinem Bruder, dem englischen König, im Geheimen und sie ließen darauf ihre Untertanen zur Tat schreiten. Man bestieg an die 200 Galeeren und Schiffe und rüste sie mit XL Tausend Mann aus. An die 50000 bewaffnete Mannen, mit Spießen und anderer Gerätschaft, kamen aus dem ganzen Königreich, bestiegen die erwähnten Schiffe und segelten nach Zypern. Sie hatten dabei stets einen guten und vorteilhaften Wind auf ihrer Reise, ohne Unwägbarkeiten des Meeres. Und sie legten durch Gottes Hilfe in kurzer Zeit die weite Reise zurück und erreichten das Königreich Zypern [fol. 72v] schneller als erhofft. Der König von Zypern stand ohne jedwede Unterstützung allein. Nachdem der englische König nun mit seinen Schiffen angekommen war, zog der durch das Königreich Zypern in diese Stadt Nykaza, wo sich der Hof des dortigen Königs befand. Alle Städte auf dem Weg dorthin nahm er ein und befahl sie zu zerstören. Danach zog er nach Nykaza, eroberte dieses und befahl ebenfalls, alle zu töten. Unter den Getöteten befand sich auch der ruchlose König, der so für seine Tat bezahlen musste und den somit die Rache für seinen Frevel traf. Und die Stadt Nykaza wurde ebenfalls zerstört. Auch wenn diese Städte dann wiederauferstanden, waren sie doch nicht mehr so groß wie einst. In der Folge richteten Erdbeben bis heute immer wieder Verwüstungen an und das Land ist ziemlich verlassen. [Haytmane w kralowstwije Czyprskem] 362 Am Donnerstag zu Sankt Prokop [4. Juli] haben wir in Misso Vorräte gekauft, die wir benötigten. In diesem Königreich Zypern haben die venezianischen Fürsten [Dogen - Th. K.] und die Venezianer 25 Hauptmänner stationiert, die Abgaben [fol. 73r] und Zölle im ganzen Land erheben. Am Donnerstag nach Sankt Prokop [11. Juli] sind wir in der Frühe von Misso abgereist und hatten dabei guten Wind auf unserer Reise. Wir segelten auf dem Meer und sahen hierbei nichts anderes als den Himmel und das Wasser. Ungefähr drei Stunden vor dem Abend erblickten wir das Heilige Land. Unweit des Meeresufers auf einem Berg sahen wir ein Kloster gleich einer Burg, das erstrahlte, als ob es neu errichtet worden sei 363 . Man berichtete mir von diesem Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 393 <?page no="394"?> 364 klasster czisty (dt. Ein schönes Kloster). 365 Auf dem Berge Karmel in Palästina wurde um 1150 eine Niederlassung von Kreuz‐ fahrern oder Pilgern gegründet. Als Ordensgründer wird Berthold von Kalabrien angesehen und die Gemeinschaft nannte sich Orden der Brüder der seligsten Jungfrau Maria vom Berge Karmel. 366 Czesarea = Caesarea, Hafenstadt im heutigen Israel zwischen Tel Aviv und Haifa, nördlich der antiken Stadt Caesarea Maritima. Nach der Einnahme durch Sultan Baibars 1275 verfiel diese Stadt und blieb lange Zeit verlassen. Kloster, es sei zu Ehren der Jungfrau Maria erbaut worden, doch nunmehr verlassen. Von hier aus segelten wir an die XXX welsche Meilen weiter. [klasster czisty] 364 Mir hat der Patron von diesem Kloster erzählt, es handele sich um ein Monasterium jenes Mönchsordens, den man Karmeliter nennt und der von hier aus nach dieser Regel zu leben begonnen habe 365 . Weder der König-Sultan noch dessen Vorfahren ließen dieses Kloster jemals zerstören, denn die Dächer auf diesem werden stets erneuert, damit die Mauern keinen Schaden erleiden. So weiter segelnd passierten wir das Heilige Land zur linken Hand. So im Vorüberfahren scheint es mir, dass es sich um ein fruchtbares Land handelt. Es gab keine hohen Berge. Und am Meer liegend erblickten wir am Ufer eine Stadt, die man [fol. 73v] Czesarea nennt 366 . Es scheint eine ziemlich große Stadt zu sein, die ein römischer Kaiser erbauen ließ, den sie Cäsar nennen und der ihr seinen Namen gab. Später, nach dem Martyrium des Herrn Christus, hat Kaiser Konstantin diese erobert und zerstört. Auch wenn sie wiederaufgebaut wurde, ist sie doch nicht mehr so prachtvoll wie einst und auch nicht mehr so groß. Anschließend sind wir weitergefahren, und als es etwa zwei Uhr in der Nacht gewesen ist, haben wir große Feuer am Ufer des Heiligen Landes gesehen, denn die Heiden entzünden diese und pflegen diesen Brauch, wenn sie Galeeren oder andere Schiffe auf dem Meer erblicken, dann zeigen sie dies durch diese Feuer an. Und unmittelbar darauf eilen alle aus der Umgebung herbei und kommen zu Fuß zum Meeresufer, um festzustellen, wer da kommt, zumal die von Rhodos oder Katelanen und andere Piraten haben hier wiederholt Schaden angerichtet, sie bei Nacht bestohlen: mit ihren Schiffen ankerten sie, kamen an Land, überfielen die umliegenden Dörfer, töteten die Menschen in diesen und zogen dann wieder ab. Und diese Heiden merkten dies und verteidigten sich [fol. 74r] gegen jene, soweit sie konnten, damit ihnen kein weiterer Schaden entstand. Wenn es sich um Pilger- oder Kaufmannsschiffe handelt, die des Handels wegen zu den Heiden fahren, dann schicken sie auf einer Barke einige Leute ans Ufer, und diese bitten um ein Geleitschreiben für ihr Schiff. Diese Heiden informieren hierüber den Herrn Hauptmann, der in dieser Umgebung amtiert. Und dieser Hauptmann stellt im Namen des Königs-Sultan und in seinem eigenen Namen 394 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="395"?> 367 tuto Giz przipluli k Swatee zemi (dt. Hier sind wir bereits im Heiligen Land angekom‐ men). 368 Jaffa, heute Tel Aviv-Jaffa in Israel. Das 1909 gegründete Tel Aviv bildete ursprünglich einen Vorort der antiken Hafenstadt Jaffa und wurde 1950 mit dieser vereinigt. Die Stadt wurde im Ersten Kreuzzug im Juli 1100 durch Gottfried von Bouillon eingenommen und war als Jerusalems nächstgelegener Hafen strategisch bedeutsam. Nach der Schlacht bei Hattin 1187 eroberte Sultan Saladin Jaffa, der die Stadt drei Jahre später schleifen ließ. Im September 1191 wiederum besetzte im Dritten Kreuzzug ein Heer unter Richard Löwenherz kampflos die Ruinen. 1260 eroberten die Mamluken unter Baibar I. Jaffa und beendeten die Herrschaft der Kreuzfahrer. 369 Lachter = im Bergbau übliches Längenmaß. In Marienberg im Erzgebirge (also unweit der Heimat von Lobkowitz in Kaaden) maß ein Lachter = 1,9849m. 370 Zpiewali Te deum laudamus (dt. Się/ Wir sangen das Te Deum laudamus). einen Geleitbrief aus. Aber mitunter hält er es mit seinen Geleitbriefen nach eigenem Gutdünken. [tuto Giz przipluli k Swatee zemi] 367 Am Sonnabend nach dem heiligen Prokopius [6. Juli], etwa zwei Uhr am Tage, sind wir im Heiligen Land gegenüber der Stadt Jaffa angekommen, die dereinst eine große und bedeutenden Stadt gewesen ist 368 . Heute findet sich hier nicht ein einziges Haus, mit Ausnahme zweier an einem Abhang am Ufer stehender Türme, jeder etwa zehn Lachter 369 in der Höhe, sowie am Ufer selbst zwei gewölbte Räumlichkeiten, in denen die Pilger sich aufhalten und auf die Esel warten, auf denen sie nach Jerusalem reiten sollen. Und hier haben wir die Anker geworfen, etwa eine welsche Meile von diesen beiden oben genannten Türmen entfernt, denn nirgendwo anders können die Pilger [fol. 74v] mit ihren Schiffen ankern als bei Jaffa, und von hier geht es schnurstracks nach Jerusalem. Hier haben wir auch unmittelbar am Ufer auf ihren Pferden Heiden reiten sehen und andere wiederum zu Fuß bei diesen beiden Türmen [erblickt - Th. K.]. Und diese beiden Türme sind stets besetzt. Der König-Sultan hat auf diesen einen Beamten mit einigen Fußsoldaten stationiert, die hier als Wächter ihren Dienst versehen, nach Schiffen auf dem Meer Ausschau halten und umgehend Signal geben und aus Arkebusen schießen, wenn man sich diesen Türmen nähert. Diese Stadt Jaffa hat Kaiser Konstantin erobert und nach Christi Himmelfahrt zerstören lassen. Seit jener Zeit ist sie bis auf den heutigen Tag verlassen. Hier haben wir nach altem Brauch stehend auf der Galee angefangen das „Te Deum laudamus“ zu singen. [Zpiewali Te deum laudamus] 370 , welches ich kannte. Und der Patron schickte auf einer Barke seinen Schreiber und einen Dolmetscher, den die Heiden in ihrer Sprache Tuczmon nennen, den der Patron aus Rhodos aus diesem Grunde mitgenommen hat, da er Italienisch, Griechisch und die heidnische Sprache beherrschte. Hier haben die beiden den Patron angekündigt [fol. 75r] und sie erbaten in seinem Namen für uns als Pilger einen Geleitbrief, damit man uns diesen aushändige. Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 395 <?page no="396"?> 371 Rama = Ramla. Die wohl 716 gegründete und bei einem Erdbeben 1068 nahezu vollständig zerstörte Stadt (im heutigen Israel) erlangte nach dem Ersten Kreuzzug als Sitz einer Seigneurie des Königreichs Jerusalem erneut Bedeutung. Zwischen 1101 und 1105 wehrten die Kreuzfahrer in drei Schlachten vor Ramla wiederholte Rückeroberungsversuche der ägyptischen Fatimiden erfolgreich ab. Die Kreuzfahrer ließen in Ramla eine imposante Pfarrkirche, die Johannesbasilika, errichten. 372 Gazar = Gaza. Die antike Hafenstadt profitierte von ihrer Lage am Ende der sog. Weihrauchstraße. Unter König Balduin I. von Jerusalem eroberten die Kreuzfahrer die Stadt, 1152 übergab Balduin III. die Stadt an die Templer, die sie zu einer starken Festung ausbauten. Nach der Schlacht bei Hattin fiel die Stadt kampflos an Saladin - und zwar im Austausch gegen den in der Schlacht in Gefangenschaft geratenen Großmeister der Templer Gerard de Ridefort. 1239 und 1244 unterlagen die Kreuzfahrer nahe der Stadt muslimischen Heeren. Unter den ägyptischen Mamelucken stieg Gaza zum Verwaltungssitz für den Küstenstreifen bis Caesarea Maritima auf. 373 Gazara = Gaza. 374 Samson = Simson, alttestamentliche Gestalt aus dem Buch der Richter, Kapitel 16. 375 Czekali Gleytu (dt. Sie/ Wir erwarteten das Geleitschreiben). 376 Skalka Swateho Petra (dt. Der Felsen des heiligen Petrus). 377 Gleyt dan (dt. Das Geleitschreiben erteilt). Jene jedoch, die hier waren, also die Heiden, hatten keine Befugnis uns zu begleiten. Nachdem unsere beiden oben Genannten zwei Pferde gefunden hatten, ritten sie in die Stadt Rama XII welsche Meilen vom Meer gelegen 371 . Von dort aus schickte man sie weiter nach Gazar 372 zu jenem Herrn, der hier im Namen des Königs regiert (sic! ). Dieser soll auch anstelle des Königs die Pilger geleiten. Diese Stadt Gazara 373 ist jener Ort, an dem Samson gegen seine Feinde kämpfte 374 . Und somit verblieben wir auf dem Meer und mussten auf ihre Rückkehr und den Geleitbrief warten. [Czekali Gleytu] 375 Am Sonntag [7. Juli], am Montag [8. Juli] und am Dienstag [9. Juli] danach brachten die Heiden uns auf Kamelen und auf Eseln zum Meeresufer Spieße und verkauften hier Brot, Hühner, Birnen, Melonen, Weintrauben und Granatäpfel. Und wir schickten auf Barken Männer dorthin, dass sie uns diese Dinge käuflich erwarben, dass, was jeder benötigte, für seinen Bedarf. Noch niemand von uns bedeutenderen Pilgern darf dort zu ihnen an das Ufer ohne Gleitschreiben. [Skalka Swateho Petra] 376 [fol. 75v] Am Mittwoch nach Sankt Kilian [10. Juli] setzten wir zu zwanzig Personen auf einer Barke von der Galee gegen Mittag an das Ufer über, etwa vier oder fünf Stadien vom Ufer entfernt, zu einer Felswand, die sich vier welsche Meilen von der Galee aus im Meer erhob. Diese heißt Felsen des heiligen Petrus, auf dem der heilige Petrus häufig ausruhte und Fische im Meer fing, da er in dieser Stadt Jaffa wohnte, ehe er zum Jünger des Herrn Christus wurde. Und hier lebte er als Fischer. Man zeigte uns sein Haus, in dem er gewohnt hatte, dessen Mauern zerstört dalagen. [Gleyt dan] 377 396 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="397"?> 378 Przigeli pani pohansstij (dt. Die heidnischen Herren trafen ein). 379 Gazar = Gaza (Stadt). 380 Przipluli k Jaffie miestu (dt. Się/ Wir kamen in der Stadt Jaffa an). Danach am Donnerstag [11. Juli], am Freitag [12. Juli], am Sonnabend [13. Juli], am Tag der heiligen Jungfrau Margarethe, und sodann am Sonntag [14. Juli], am Montag [15. Juli], am Dienstag [16.Juli] brachten uns die Heiden das Geleitschreiben, damit wir dort einkaufen durften, wer wollte - denn der Bedarf an Essen war ziemlich groß - und auch andere Einkäufe, nämlich von Perlen, von teuren Steinen, Rubinen, Saphiren, Türkisen [machen konnten - Th. K.]. Auch die kranken Pilger besaßen ein Geleitschreiben. Jene ließen wir auf Barken dorthin bringen. Und sie verweilten dort in den Gebäuden unterhalb dieser Türme bis wir alle [fol.-76r] dorthinkamen. [Przigeli pani pohansstij] 378 Am Mittwoch nach Sankt Margarethen [17. Juli] um zwei Uhr am Tage trafen der Herr aus Gaza und der Herr aus Ramla sowie Abrahym, der Schreiber des Königs-Sultan, hier ein. Wie mir berichtet wurde, [galt er als - Th. K.] ein großer Liebhaber, und sie hatten an die fünfzig Pferde und alles in weißen Gewändern. Jeder trug zudem einen roten Mantel, mit Brokat verziert. Und sie führten an die sechzig Kamele mit sich, die Spieße, Zelte und anderen Bedarf trugen. Hier haben sie die Zelte aufgebaut, an die zwanzig, und zwar um die beiden Türme herum. Alle Zelte waren weiß. Eines betrat der aus Jerusalem herbeigeeilte Ältere aus dem Barfüßerkloster in der dortigen Stadt, den sie Vikar nennen, und an seiner Seite ein weiterer Franziskaner. Und dieser brachte auf die Galee dem Patron das Geleitschreiben des Herrn von Gazar 379 . Dabei beriet sich dieser Vikar mit dem Patron, im Anschluss bestiegen beide die Barke - einige Bedienstete und Trompeter nahm mein Patron mit - und sie fuhren zum Ufer [fol. 76v] zu diesen heidnischen Herren unter Fanfarenklang. [Przipluli k Jaffie miestu] 380 Am Donnerstag vor dem Tag der heiligen Maria Magdalena [18. Juli] am Morgen, als die Sonne aufging, schickte uns der Patron seinen Kammerdiener auf die Galee aus Jaffa, damit wir alle nach Jaffa kämen, zumal wir ein sicheres Geleitschreiben besäßen. Und so fuhren wir auf den Barken dorthin. Gleich am Ufer, als wir ausstiegen, erwarteten uns der oben genannte Vikar und der Schreiber der Herren. Wir mussten alle den beiden folgen, auf einen Hügel, etwa zwei Stadien entfernt, und hier führte man uns zum Zelt des oben genannten Herrn von Gazar. Wir alle mussten hier vor dem Zeit Aufstellung nehmen, doch stand das Zelt offen, so dass wir alle dort ungehindert hineingehen konnten. Hier nun saß dieser Herr von Gazar der heidnischen Sitte zufolge allein auf einem Teppich. Und hinter ihm stand ein mit einer seidenen Decke überzogener Tisch hinter seinem Rücken. Und zur rechten Hand, etwa zwei Schritte von ihm entfernt, saßen ebenfalls auf der Erde auf Teppichen der Herr aus Rama, Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 397 <?page no="398"?> 381 Mamelikowe = Mamluken (Sklaven). 382 popisowali Gmena (dt. Sie verzeichneten die Namen). den sie Abrahym Krasso nennen. Neben [fol. 77r] ihm Abrahym, der Schreiber des Königs-Sultans. Und zur linken Hand saßen gut erkennbar die anderen sieben Herren, ähnlich den Herren Ältesten. Dies waren die Räte des Herrn von Gazar. Auch sie saßen alle auf der Erde auf Teppichen. Und unser Patron weilte ebenfalls in diesem Zelt. Danach sprachen sie mit dem Vikar und die Schreiber des Patrons konnten ebenfalls in das Zelt treten. Anschließend saß jeder auf der Erde auf einem Teppich, auch unser Patron sprach, und im Zelt und um das Zelt herum standen deren Diener, die man Mamelikowe nennt 381 , ähnlich den älteren Burschen und Gesellen. Nachfolgend fragte der Vikar einen jeden von uns Pilgern und wir mussten den Namen unseres Vaters und unserer Mutter sowie unseren eigenen Namen nennen. Der Vikar wiederholte dies sogleich laut und deutlich. [popisowali Gmena] 382 Und der obengenannte Herr aus Rama sowie Abrahym, der königliche Schrei‐ ber, beide, reichten uns ihre Hand, und beide verzeichneten sie unsere Namen. Auch der Schreiber unseres Patrons verzeichnete diese unsere Namen. Im An‐ schluss gingen wir wieder nach unten Richtung Meer zu den beiden gewölbten Gebäuden. Hier suchte sich jeder [fol. 77v] seinen Platz, wo er die Nacht zubringen könne, da an diesem Ort alle Pilger zwei oder drei Tage zubringen mussten. Nachfolgend sandte unser Patron dem Herrn aus Gazar Geschenke, insbesondere Glasschalen und Gläser, wie ich sie mir ebenfalls aus Venedig nach Böhmen mitgenommen habe, wie einige hier sagen. Und man glaubte, sie seien aus Kristall gemacht, doch sind sie dies nicht, sondern aus Glas. Auch schickte er ihm Leuchter aus Kupfer, Schalen aus Ton, glasiert, da die Heiden diese sehr lieben. Solche Dinge vermögen sie in ihrem Lande nicht anzufertigen. Auch sandte er ihm mehrere Habichte, zumal - wie man mir berichtete - in diesen Ländern keinerlei derartige Vögel nisten, sondern man diese aus slawischen Ländern oder aus Kroatien auf Galeeren und auf anderen Schiffen, auf denen Pilger ins Heilige Land oder Kaufleute reisen, hierher bringt. Die Habichte aber sind dort bei den Heiden sehr teuer, so dass man für einen solchen Habicht zwanzig Dukaten bezahlt, XXIIII und, wenn er groß und schön ist, zahlt man dreißig Golddukaten. Danach am [fol. 78r] Abend gingen wir zwischen den Zelten der Heiden umher und schauten uns deren Pferde an, unter denen es sehr schöne gab, andere wiederum waren sehr durchschnittlich. Und sie hatten auch teure Kamele, auf denen sie Essen und andere Dinge - Gänse, Hühner - mit sich führten. Zudem brachten sie Ziegen für das Mahl mit. Auch die sind gleich wie die hiesigen [böhmischen? - Th. K.], nämlich dergestalt, dass sie große 398 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="399"?> 383 Smlauwa s panem z Gazaru (dt. Ein Vertrag mit dem Herrn von Gaza). 384 wosly nam prziwedli (dt. Sie haben uns Esel gebracht.). 385 Dietrich von Guttenstein († 1513), böhmischer Adeliger und Mitglied der Pilgergruppe. Einer von fünf Söhnen des im böhmsich-bayerischen Grenzraum beheimateten Adeli‐ gen Burian II. von Guttenstein, der in den innerböhmischen, konfessionell bedingten Auseinandersetzungen Mitglied des sogenannten Grünberger Bundes war und 1469 zum obersten Hoflehenrichter aufstieg. Ohren besitzen, die ihnen nach unten hängen wie Jagdhunden. Auch führten sie Schafe und Böcke mit sich, die breite Schwänze haben, eine halbe Handfläche oder zwei in der Breite, wie ein Biberschwanz. Wir schauten dem Herrn von Gazar zu, der auf dem Boden auf Teppichen saß und vor dem XII oder XIII aufwendig zubereitete und gekochte Speisen standen, als ob man in Böhmen wäre, und volle Schalen, alles war dabei mit Zucker bestreut. [Smlauwa s panem z Gazaru] 383 Am Freitag vor dem Tag der heiligen Maria Magdalena [19. Juli], erst am Abend selbst, vereinbarte unser Patron mit dem Herrn von Gazar und mit Ab‐ rahym, dem Schreiber des Königs-Sultans, welches Geleitschreiben er für jeden von uns [fol. 78v] Pilgern ausstellen sollte. Und er [der Patron - Th. K.] musste für jeden Pilger XII venezianische Golddukaten zahlen. Dies vereinbarten sie gemeinsam, der Herr von Gazar reiste dann in der halben Nacht ab. Er ließ mit dem obengenannten Abrahym einige Pferde hier, etwa vierzig Tiere seiner Höflinge, die die Heiden Mamelucken nennen, damit sie uns nach Jerusalem geleiteten. [wosly nam prziwedli] 384 Am Sonnabend danach [20. Juli], etwa zwei Uhr vor dem Mahl, brachten sie uns Esel für die Reise hierher nach Jaffa, auf denen wir Pilger dann weiter nach Jerusalem reiten sollten. Sie geboten uns zudem aufzusitzen. Und so gingen wir alle, die wir hier weilten, etwa zwei Stadien von jenen oben genannten Gewölben entfernt, in denen wir uns befanden, vom Meer aus hierher, wo die Esel auf uns warteten. Unter den Tieren befanden sich auch Eselinnen sowie männliche und weibliche Maultiere, zu einem größeren Teil jedoch Esel, ich selbst sollte dabei ein gutes und auf den Füßen ausdauerndes Maultier erhalten. Wie man sagt, ohne Fehl und Tadel. Und Herr Getrzich von Guthstayn 385 ritt auf einem weiblichen Tier. Alle anderen aus meiner Pilgergruppe [fol. 79r] ritten auf Eseln. So kamen wir mit Hilfe des lieben Gottes zu der Stadt, die man Rama nennt. Diese Stadt Rama liegt zwölf welsche Meilen vom Meer und von Jaffa entfernt. Hier zwischen dem Meer und der Stadt Rama erstreckt sich eine eindrucksvolle und fruchtbare Landschaft, doch gibt es viele abgelegene und heruntergekommene ungepflegte Dörfer. Zwischen Rama und Jaffa, wohin wir uns begeben wollten, wird jeder davor gewarnt, das Wasser aus den dortigen Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 399 <?page no="400"?> 386 Miesto Rama (dt. Die Stadt Rama). Brunnen zu trinken, da es sehr ungesund ist. 21 derartige Brunnen gibt es dort, wer daraus trinkt, wird sehr krank werden. Wie mir der Patron hierzu berichtete, erholen sich hiervor nur wenige, viele sterben. Und es war sehr heiß an diesem ganzen Tag. Wir gelangten danach etwa um vier Uhr vor dem Abend zu dieser Stadt Rama. [Miesto Rama] 386 Und dort gewährte man uns nicht gemeinsam Einlass, so dass wir von den Eseln absteigen und zu Fuß in die Stadt gehen mussten; die Heiden nämlich pflegen die Sitte, dass sie Christen nicht in ihren Städten Einlass gewähren, insbesondere bei Tage, [fol. 79v] da sie gleich mit Steinen auf diese werfen. Als wir nun in die Stadt kamen, befindet sich unweit des Stadttores zur rechten Hand ein Spital, von einer hohen Mauer umgeben, dass der gute und berühmte Fürst und Herr, Herr Philipp, Herzog von Burgund, seligen Gedenkens, auf seine eigenen Kosten mit Erlaubnis des Königs Sultan hat erbauen lassen, wobei dieser oben genannte Herzog Philipp eine besondere Botschaft dem König Sultan sandte und ihn darin bat, er möge ihm dies gestatten, damit er nämlich jenes Spital auf seine eigenen Kosten errichten lassen könne, damit sich hierin Pilger, die in das Heilige Land zum göttlichen Grabe reisen und wallfahren, in diesem Spital ausruhen und ein Nachtlager finden könnten. Denn ursprünglich sahen sich, wie mir berichtet wurde, alle Pilger, die nach Rama kamen, einer großen Beengtheit ausgesetzt, so dass ein Großteil von ihnen auf der Gasse lagern musste. Wasser zum Trinken und auch zum Kochen mussten sie teuer bei den Heiden käuflich erwerben. Als wir uns nun der Pforte dieses Spitals näherten, ließ der aus dem Orden [fol. 80r] der Barfüßer kommende Vikar aus Jerusalem einem nach dem anderen in dieses Spital eintreten. Der oben genannte Herr aus Rama, dem dies vom König Sultan befohlen worden war, und der oben genannte Abrahym, der Schreiber des Königs Sultan, warteten dort im Spital und zählten, wie viele wir seien, um von jeder Person der Vereinbarung gemäß zwölf Goldgulden zu erhalten. Nachfolgend, nachdem sie uns auf diese Weise gezählt hatten, verließen beide das Spital. Unser Patron aber hatte seinen Türsteher an der Pforte, dem er befahl, niemanden zu uns zu lassen, ehe er dies nicht erlaube. Ich aber suchte mit meinem Anhang den Keller in diesem Spital auf, der sich zur linken Hand befand. Vor uns lag eine Zisterne, aus der jeder Pilger so viel Wasser nehmen kann, wie er für seinen Bedarf benötigt, für das man sonst ziemlich teuer bezahlen müsste. Und in diesem Spital ist ein viereckiger Platz, um den herum Gewölbe stehen, in denen die Pilger nächtigen. Wiederum von der Pforte aus gibt es einen zweiten Platz sowie weitere Gebäude. Wir waren mehr als 200 Pilger, allerdings hatten wir alle [fol. 80v] in diesen Gewölben ausreichend Platz für unser Nachtlager und unseren Bedarf, jede Gruppe gemeinsam. Dieses Spital 400 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="401"?> 387 Ramus = Ramla. 388 Titus Flavius Vespasianus (39-81), röm. Kaiser und Nachfolger seines Vaters Vespasian, der im Jüdischen Krieg im Jahre 69 Jerusalem und seinen Tempel zerstören ließ. 389 Wikarz z Gerusalema slauzil mssi (dt. Der Vikar aus Jerusalem hat eine Messe gelesen). wird von den Barfüßerbrüdern aus Jerusalem vom Berge Sion geleitet und sie schließen es zu, damit kein Heide ohne ihren Willen dort hineingehen kann. Hier in Rama aber haben sie einem aus einer Gruppe, die ebenfalls Christen sein wollen, jedoch keine wahren Christen sind und die sie „blaue“ Christen [Gürtelchristen? - Th. K] nennen, diese Aufgabe übertragen. Dieser besitzt den Schlüssel, und wenn Pilger ankommen, dann lässt er sie herein. Die Pforte aber ist das gesamte Jahr über verschlossen. Nachfolgend aber brachten uns die Heiden und jene oben genannte Gruppe schlimmer Christen unterschiedliche Speisen zum Essen: gekochte und gebackene Hühner, und eine Art Krapfen sowie verschiedenes Obst wie Granatäpfel - Kernäpfel - sowie Äpfel, Birnen und hervorragende Melonen und süße Pflaumen, rote, weiße große Erdbeeren wie Pflaumen, und verschiedene Weintrauben wie gelbe Erdbeeren langestreckt. Und [fol. 81r] alle ausgesprochen süß. Darüber hinaus haben uns diese Heiden und heidnischen Jungen viele andere Sachen verkauft: irgendwelche Dornen und Kränze, die sie trugen. Und kleine Hölzer und Dinge, die nichts kosteten, für die sie aber Geld haben wollten, und zwar viel, da sie uns Christen für derart dumm hielten, dass wir ihnen dafür das gaben, was sie uns sagten. Diese Stadt Ramus 387 ist vor vielen Jahren eine große Stadt gewesen von alters her, doch von Titus Vespasianus zerstört worden, da sie ihm nicht den Zehnten zahlten, wie dies üblich war 388 . Jetzt ist alles unbefestigt, man kann überall hingehen. Um die Stadt herum und in der Stadt selbst gibt es viele Bäume, an denen Datteln wachsen. Diese Datteln wachsen ebenso wie die Weintrauben, so dass sie massenhaft auftreten, gleichsam wie große Hüte hängen sie an diesem Baum. [Wikarz z Gerusalema slauzil mssi] 389 Am Sonntag, zur Vigil der heiligen Maria Magdalena [21. Juli], um zwei Uhr in der Frühe vor dem Tagesanbruch, hat der Vikar aus Jerusalem, ein Barfüßer, die Messe gelesen [fol. 81v] in der Kapelle in diesem Spital. Und nach der Messe predigte er Latein zu den Pilgern und unterrichtete sie, wie sie sich geben und verhalten sollten. Zuvörderst, dass ein jeder mit frommem und demütigem Herzen seine Sünden bereue und die heiligen Orte aufsuche, also das Heilige Grab und andere heilige Stätten. Und jeder solle dies mit starkem und festem Glauben ohne jeglichen Zweifel an sämtlichen Ablässen tun, die zu diesem Zwecke dieser heiligen Stadt gegeben sind, jedem [Ort - Th. K.] besonders. Auch ermahnte er uns weiter, wir mögen zusammen geduldig allen Anfechtungen stets standhalten, sei es durch Tat oder Rede, wem immer dies Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 401 <?page no="402"?> 390 Lidie = Lydda (bis 1948 galt der griechische Name, heute Lod), einst Dorf bei Jerusalem (heute 75.000 Ew.). Aufgrund seiner Lage zwischen Jaffa und Jerusalem war Lydda ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, verlor aber nach der arabischen Gründung Ramlas an Bedeutung. Die in der Zeit der Kreuzzüge errichtete und später zerstörte Kirche des hl. Georg wurde Ende des 19.-Jahrhunderts wiederaufgebaut. 391 miesto lidya (dt. Die Stadt Lydda). vonseiten der Heiden geschehe. Wir sollten dies alles um des lieben Herrgotts Willen erleiden, wie Christus der Herr dies ebenfalls zur Zeit seines Todes getan habe, demutsvoll, still und geduldig. Auch belehrte er uns dahingehend, dass, wenn wir den Kampf suchten und uns mit den Heiden streiten wollten, wir hierbei nichts gewönnen, sondern die Heiden wegen des einen von uns, der einem ihrer Landsleute [fol. 82r] etwas antue, sofort sagen werden, wir hätten gegen den Geleitbrief verstoßen. Sämtliche anderen Pilger müssten dann für diesen einen büßen und dadurch könnte es zu großem Ungemach kommen. Schließlich ließ er uns auch wissen, wir wären alle verflucht und hätten diese Pilgerfahrt ohne Erlaubnis des Heiligen Vaters, des Papst, angetreten. Wenn wir jedoch hoffentlich nach Jerusalem gelangten, werde er uns alles zeigen und die Beichte abnehmen, und uns alle hiervon erlösen. Auch berichtete er, sollte jemand von uns gegen einen anderen Zorn oder böse Absichten hegen, dann möge er den anderen um Verzeihung bitten. Und er solle dies alles aus seinem Herzen vollständig verbannen. Diese lateinische Ansprache trug ein anderer Priester auch in Italienisch der Italiener wegen vor. Ebenso geschah dies in Französisch und zuletzt auch in Deutsch, damit jeder Pilger alles verstand und begreifen konnte. Im Anschluss gingen wir alle aus dem Spital durch die Pforte und dort erwarteten uns [fol. 82v] die Esel. Wir stiegen sodann auf die Esel und ritten nach Sankt Georg in Lidie 390 , das liegt zwei italienische Meilen von Rama entfernt und ist ein Dorf, war vormals aber eine Stadt. Hier in Lidie gibt es eine prächtige Kirche des heiligen Georg - alles ist aus gehauenen Steinen errichtet, doch heute zerstört, ein Chor steht aber noch. Bei diesem lebt in einem Haus ein kleiner griechischer Priester, der in dieser Kirche gewohnheitsmäßig eine griechische Messe zelebriert. In diesem Chor befindet sich ein aus gehauenem Stein gefertigter Altar. Unter diesem Altar aber gibt es gegenüber dem großen Altar eine schmale Pforte, durch die sich ein Mann gut hindurchzwängen kann. Hier liegt ein viereckiger Stein aus weißem Marmor, der misst etwa eine Viertel Elle in der Länge und Breite. Wie man mir berichtete, ist es jener Stein, auf dem der heilige Georg niederkniete, als man ihm sein Haupt abschlug. Und es gibt Ablässe in dieser Kirche etc. [miesto lidya] 391 402 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="403"?> 392 Ramla. 393 wikarz mssi slauzil (dt. Der Vikar las eine Messe). 394 Johannisbrotbaum. Dieses Lidia aber war dereinst eine große Stadt, doch wurde sie durch Titus Vespasianus, als er sie eroberte, zerstört. Nachfolgend stiegen wir auf die Esel und [fol. 83r] ritten wieder nach Rama 392 . [wikarz mssi slauzil] 393 Am Montag, dem Tag der heiligen Maria Magdalena [22. Juli], zwei Stunden vor dem Morgengrauen, hat uns der oben genannte Vikar Barfüßer in der Kapelle eine Messe gelesen und nach ihm zwei andere Barfüßer, einer nach dem anderen, so dass die Messen vor dem Sonnenaufgang zu Ende gewesen sind. Diese müssen deshalb am Morgen gehalten werden, weil die Heiden, bevor bald die Sonne aufgeht, gleich herbeigeeilt kommen, ohne gegessen zu haben, wie oben geschrieben steht, und sie schlagen ohne Unterlass an die Pforte. Wenn man ihnen diese aber nicht öffnet, würden sie, wie mir erzählt wurde, diese gewaltsam zerstören. Wir haben dies im Spital gesehen, wie sie störten, mit den Armen wild gestikulierend und dabei schreiend und tobend. An diesem ganzen Tag sind wir in Rama geblieben. Dies geschah aus nachfolgendem Grund: Der Herr Hauptmann aus Rama, der uns von Amts wegen die Esel besorgen sollte, damit wir auf diesen nach Jerusalem reiten könnten, wollte dies nicht tun, ehe ihm der Patron nicht etwas für seine Arbeit gäbe. Und letzterer musste ihm III und LX Dukaten bezahlen. Erst dann ordnete er an, die Esel zu holen, die [fol. 83v] er uns am gleichen Abend sandte. Sofort gebot man uns, wir sollten aufsitzen. Also haben wir das Spital verlassen, sind vor das Stadttor gegangen auf einen Hügel und haben dort die Esel bestiegen, fast gegen halb zwei Uhr in der Nacht. Und wir sind gen Jerusalem geritten. Hier in der Stadt Pachalota haben die heidnischen Frauen uns mit Steinen beworfen, so dass wir eiligst weiterziehen mussten. Einige Pilger sind dabei von den geworfenen Steinen verletzt worden. So sind wir etwa XII italienische Meilen weitergezogen, wobei der Mond aufging. Wir erreichten ein Gebirge, zwischen den Bergen konnten wir gut auf X italienische Meilen einen schlechten und steinigen Weg erkennen, der ziemlich schlimm ist, und große Berge. Nachfolgend sind es noch VIII italienische Meilen auf diesem schlechten Weg bis Jerusalem, wie oben beschrieben. Jedoch haben wir auf allen diesen Bergen und Hügeln den ganzen Weg über keinerlei Bäume erblickt, nur niedriges Gestrüpp und in den Tälern hier und dort Olivenbäume. Dazu solche Bäume, an denen das Sankt-Johannisbrot wächst 394 . Und es war sehr heiß an diesem Tage. Ich glaube nicht, dass von uns allen, die wir hier gewesen sind [fol. 84r], irgendeiner schwören könnte, er sei nicht erschöpft gewesen. Ich aber kann sagen, dass ich, so wahr ich lebe, noch nie so erschöpft war. Der Sattel nämlich, auf dem ich ritt, Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 403 <?page no="404"?> 395 Przigeli k Geruzalemu (dt. Wir kamen nach Jerusalem). 396 Grabeskirche oder Kirche vom Heiligen Grab. 397 Chorherrenstift auf dem Berg Sion bei Jerusalem, südlich der Altstadt. Eines der vier lateinischen, nach der Eroberung Jerusalems 1099 errichteten Stifte. Stiftung Gottfrieds von Bouillon, der die Einrichtung mit entsprechendem Zubehör ausstattete. Anfänglich wohl von Säkulargeistlichen bewohnt, wurde das Stift zwischen 1130 und 1136 reguliert und nahm die Augustinerregel an. Der Vorsteher Gunterus führte 1160 den Titel eines Priors, ab 1166 den des Abts mit dem Status eines Suffragans des Patriarchen von Jerusalem (Recht des Tragens von Mitra, Ring und Pektoralkreuz). mit Lumpen und zugleich Fell ausgelegt, auf jeder Seite eine halbe Elle dick, und über dem Sattel ein Strick und auf jeder Seite anstelle von Striemen ein Brett zum Sitzen, so dass ich beim Absitzen kaum von meinem Maultier kam sowie die Füße bewegen konnte, um ohne Hilfe abzusteigen, derart taten mir die Beine weh. [Przigeli k Geruzalemu] 395 Am Dienstag nach Sankt Maria Magdalena [23. Juli] um zwei Uhr vor dem Mittag kamen wir alle in Jerusalem an, wir saßen von den Maultieren und Eseln ab, etwa zwei Stadien von der Stadt entfernt. Wir gingen zu Fuß und mit großer Mühe nach der Reise in die Stadt. Mir machten Halt vor der Kirche, in der sich das Grab Christi befindet, doch war diese Kirche verschlossen 396 . - Am Eingang dieser Kirche jedoch gab es ziemlich große Gucklöcher, so dass jeder dort hineinsehen konnte. - Und so betete jeder von uns schnell ein Vaterunser, sofern [fol. 84v] ihm danach war. Anschließend gingen wir alle in das Spital, das für die Pilger errichtet ist, damit sie darin ein Nachtlager fänden, zumal sie anderswo aufgrund des Mangels keinen Gasthof finden können. Dieses Spital ist imposant erbaut und ziemlich lang wie breit. Hier wurde jedem von uns der Platz zugewiesen, einer neben dem anderen, wo jeder liegen sollte. Jedem stehen etwa zwei Ellen Platz in der Breite zu. Und auf einem jeden Platz liegt eine aus Schilf geflochtene Matte und auf dieser ein Teppich sowie ein kleines Kissen aus Fell. Diese ganzen Sachen verleihen die Barfüßer aus dem Kloster auf dem Berge Sion 397 an die Pilger, damit sie etwas zum Ausruhen haben. Wir setzten uns auf den Boden und jeder von uns begann zu essen, das, was er mit sich geführt hatte. Nachfolgend hat sich unsere Gruppe erhoben, damit wir uns nach einem Gasthaus erkundigen konnten. Und man zeigte uns ein solches unweit des Tores zur linken Hand bei einem Heiden, wo man durch das Eingangstor zum Kloster auf dem Berge Sion geht, was wir auch getan haben. Am Mittwoch zur Vigil des heiligen Jakob [24. Juli], des [fol. 85r] heiligen Apostels, am Morgen vor dem Sonnenaufgang, haben uns die Barfüßer geweckt, und wir gingen sehr früh, und noch vor dem Sonnenaufgang waren wir im Kloster auf dem Berge Sion. Auch wenn er heißt ‚Berg Sion‘, so ist es doch von der Stadt Jerusalem schnell über einige Steinstufen erreichbar, die aus dem 404 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="405"?> 398 A tu sau odpustky plnee (dt. Hier gibt es Vollablässe). 399 Sedm leth = Sieben Jahre Ablass. 400 Sedm kareen = Sieben Karenen. Die Karene meint ursprünglich ein vierzigtägiges strenges Fasten, später jenes Ablassquantum, das dieser Buße entsprach. Nachfolgend wird stets ausschließlich die deutsche Übersetzung angeführt. Stadttor führen, wodurch man geradewegs bis zu diesem Kloster selbst gelangt. Nachfolgend geht man über XIII Stufen in dieses Kloster. Dieses ist eigentlich nicht sehr groß. Hier lebt stets eine Gemeinschaft von 28 Barfüßermönchen. Und dieses Kloster befindet sich etwa drei Stadien von der Stadt entfernt und ein gepflasterter Weg führt dorthin. Dort haben wir die Messe besucht. Als der Priester den Leib Christi spendete, hat er uns alle aufgefordert, wir sollten die heiligen Orte aufsuchen und damit nicht zögern, da es tagsüber sehr heiß sei. Danach sind wir aus diesem Kloster die Stufen wieder hinabgegangen. Der Barfüßer-Guardian des Bethlehem-Klosters trat auf die Stufen und zeigte uns die heiligen, weiter unten beschriebenen Stätten. Und er tat dies in Latein, im Anschluss auch in Italienisch. Und er erzählte [fol. 85v] dabei, welche Ablässe es an den einzelnen Orten gäbe. Nachfolgend erzählte ein anderer Barfüßer dies auch in französischer Sprache, ein anderer danach in Deutsch. Zuvor aber zeigte er uns den Ort, an dem die Jungfrau Maria, die Gottesmutter, 14 Jahre nach Christi Himmelfahrt ihr Haus und ihre Wohnung hatte. Dieser Ort aber ist von den Stufen des oben genannten Klosters etwa ein halbes Stadium entfernt. Und hier, wo dieses ihr Haus lag, zeigte man uns jenen Ort, an dem die Gottesmutter starb. An dieser Stätte befindet sich zur Erinnerung ein großer gehauener Stein. Hier erhält man Vollablässe. Zugleich hat man uns auch unweit dieser Stätte jenen Ort gezeigt, an dem der hl. Johannes vor der Gottesmutter die Messe gelesen hat, zwölf Schritte von diesem Ort, an dem die Gottesmutter verstarb. [A tu sau odpustky plnee] 398 Auch ist in diesem Haus der Gottesmutter nach deren Tod der hl. Matthäus von den Aposteln an diese Stätte gekommen und zum Apostel berufen worden. Diese Stätte hat man uns dann gezeigt. Auch hier erwirbt man [fol. 86r] Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. [Sedm leth  399 und Sedm kareen  400 ] Hier wiederum, in diesem Haus wurde der heilige Jakobus, Apostel, zum Bischof von Jerusalem gewählt. Hier erwirbt man Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Und hier an jenem Ort, an dem das Haus der Gottesmutter stand, hat die heilige Helena zu ihren Lebzeiten aus Verehrung gegenüber der Jungfrau Maria ein schönes Kloster errichten lassen, doch haben die Heiden dies bis auf die Grundmauern zerstört. Wiederum von den Stufen des oben genannten Klosters sind wir in das genannte Kloster gegangen, zur linken Hand etwa Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 405 <?page no="406"?> 401 Der Acker wurde von jenen 30 Silberstücken ( Judas-Schillinge) des Judas Ischariot gekauft, der diesen Lohn von den Hohepriestern für seinen Verrat an Jesus erhalten hatte, das Geld aber später in den Tempel warf. Der Name Blutacker beinhaltet verschieden Attribute: Das Feld ist vom Blut des Verräters durchtränkt und ein aus christlicher Perspektive verachtenswerter Ort. In Apg 1, 18-19 heiß es: Der (gemeint ist Judas - Th. K.) hat einen Acker erworben mit dem Lohn für seine Ungerechtigkeit. Aber er ist vornüber gestürzt und mitten entzwei geborsten, sodass alle seine Eingeweide hervorquollen. Und es ist allen bekannt geworden, die in Jerusalem wohnen, sodass dieser Acker in ihrer Sprache genannt wird: Hakeldamach, das heißt Blutacker“. Damit erfüllte sich die Prophezeiung des Jeremia (32,9) und des Sacharja 11,13. Der Überlieferung nach befindet sich der Ort am Nordabhang des heutigen Dschebel Dêr Abu Tôr bei Gehinnom, südlich von Jerusalem, etwa 100 Meter südlich der sogenannten ersten Mauer. vier Schritte entfernt, befindet sich jene Stelle, an der die Gottesmutter nach der Auferstehung des Herrn zu ihren Gebeten ging. Hier aber erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Wiederum ungefähr zehn Schritte von der Klostermauer Richtung Stadt entfernt gibt es einen großen Stein, den uns die Barfüßer zeigten, und auf diesem Stein stand Christus der Herr und predigte seinen Jüngern [fol. 86v]. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Unweit hiervon wiederum gibt es einen zweiten großen Stein, auf dem die Jungfrau Maria, die Gottesmutter, sitzend der Predigt ihres Sohnes lauschte. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Wiederum von hier aus etwa ein halbes Stadium entfernt Richtung der Stadt Jerusalem, von dort aus sandte Christus der Herr die Apostel aus, sie mögen nach der Heiligen Schrift predigen, wie in der Bibel geschrieben steht: „Gehet hin in alle Welt und prediget etc.“ Und hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von hier aus sind wir weiter Richtung Sonnenaufgang und in die Stadt ein halbes Stadium vom Kloster aus gegangen. Dort hat man uns jenen Ort gezeigt, wo nach dem Tode der Jungfrau Maria die Apostel ihren heiligen Körper zu Grabe trugen. Die Juden aber wollten die Totenbahre mit Körper umstürzen (sic! ). Als aber einer von ihnen die Totenbahre anpackte und berührte, erlahmte er umgehend. Und sie vermochten die Totenbahre nicht umzustürzen. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und [fol. 87r] sieben Karenen. Von hier aus wiederum gingen wir Richtung Sonnenuntergang einen sehr schlechten, steilen und steinigen Weg unter dem Kloster auf dem Berge Sion entlang. Als wir im Tal angelangt waren, gingen wir wieder zu einem Hügel. Dort zeigte man uns den Töpferacker, der für jene dreißig Münzen erworben wurde, für die Christus der Herr verkauft worden ist. 401 Dieses Feld aber liegt an der Seite. Es ist sehr steinreich und misst gut XVI Schritte in der Länge und 406 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="407"?> 402 Hon, latein. Stadium = 125 Schritte. 403 Syloe = Siloah. 404 Bezug genommen wird auf das Martyrium des Propheten Jesaja. Die Schilderung eines jüdischen Verfassers stammt vermutlich aus dem 1. Jh. v. Chr. und berichtet, wie Jesaja unter König Manasse sein Martyrium erlebt. Nach der Anklage durch den Lügenpropheten Belchira soll Jesaja mit dem Tod durch die Säge bestraft werden. Jesaja flüchtet in einen Baum, wo er lebendig auf grausame Weise zersägt wird. 405 Natatoria Syloe = Quelle Siloah. 406 Kupadlo Syloe = Schwemme Siloah (Ort zum Baden). 407 Joh 9, 1-7. 408 Lk 2, 21 („Darbringung“ Christi im Tempel). ebenso viele in der Breite. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von dort aus ein halbes Stadium 402 auf dieser Seite befindet sich ein Versteck, in dem einige Apostel aus Angst vor den Juden Zuflucht suchten, als man Christus den Herrn ergriff. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von hier aus gingen wir wiederum dem Sonnenaufgang entgegen. Wir kamen in ein Tal, das man das Tal Syloe nennt 403 . Und in diesem Tal stehen große Bäume, die wachsen und umpflanzt [fol. 87v] und mit Steinen ummauert sind, ungefähr bis zur Taille in der Höhe. Dies aber ist der Ort, an dem jene Bäume wachsen, wo man zwischen Bäumen den heiligen Jesaja in Teile zersägte 404 . Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von hier aus sind wir nach unten weitergegangen; genau in diesem Tal zwischen dem oben genannten Kloster und der Stadt befindet sich eine Zisterne mit einer großen Quelle, die hier entspringt und die man auf Latein „Natatoria Syloe“ 405 nennt und auf Tschechisch „Kupadlo Syloe“ 406 . Und die Heiden behalten ihre Kleidung an, wenn sie hier ein Bad nehmen. Und dies ist jener Ort, an dem Christus der Herr einem Blinden von der Gesundung predigte, wenn er hier bade; und als er dies tat, wurde er gesund, wie hierüber in der Schrift geschrieben steht 407 . Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Danach wiederum gingen wir eine kurze Strecke zu dem Hügel, etwa ein Stadium von der oben genannten Badestelle Syloe entfernt. Hier aber zur rechten Hand gibt es eine saubere Zisterne im Felsen. Dorthin gelangt man über [fol. 88r] 18 abwärtsführende Stufen. Das Wasser ist rein, es fließt und eignet sich gut zum Trinken. Wir Pilger haben nahezu alle hieraus getrunken. An dieser Zisterne aber hat die Jungfrau Maria, wie man uns berichtete, als sie Christus den Herrn, ihren Sohn, im Tempel opfern sollte, die Windeln gereinigt 408 . Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 407 <?page no="408"?> 409 Jakobus, Sohn des Alpäus oder der Jüngere, gestorben um 62 in Jerusalem. 410 Grabmahl des Abschalom (antikes Grabmonument im Kidrontal nahe Jerusalem aus dem 1.-Jahrhundert Abs(ch)alom war der rebellische Sohn König Davids. 411 hora oliwetska (dt. Der Ölberg). 412 Tal Josaphat (benannt nach dem König von Juda im 9. Jahrhundert v. Chr.). Es ist der Symbolname für jenen Ort des endzeitlichen Gottesgerichts aus dem biblischen Buch des Propheten Joel und bedeutet „JHWH hat gerichtet“. Zur Zeit der Kreuzzüge ist vallis Josphat der übliche Name des Kidrontals. So hieß das Benediktinerkloster im Bereich von Mariengrab und Garten Gethsemane Sancta Maria in valle Josaphat. Nachfolgend gingen wir von hier weiter zur rechten Hand durch das Tal auf den Ölberg. Und hier, nur wenige Schritte über diesem Tal, ist eine Höhle im Felsen, in der der heilige Jakob, der Apostel, der Kleinere, aus Angst vor den Juden weilte, als Christus der Herr ergriffen wurde 409 . Weder aß noch trank er hier solange, bis Christus der Herr am Ostersonntag von den Toten auferstand und sich ihm offenbarte. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Auch befindet sich hier in der Nähe das Grab des Absolon, rund wie ein Turm, aus einem [fol. 88v] Stein gemacht 410 . [hora oliwetska] 411 Von hier aus gingen wir auf dem Hügel weiter aufwärts zum Ölberg auf einem sehr unbequemen und steinigen Weg. Neben diesem Weg aber befindet sich zu beiden Seiten in Richtung des Hügels eine aus Trockensteinen errichtete Mauer. Auf der Hälfte des Weges, ehe man auf dem Hügel ankommt, ist ein Stein, an dem die Jungfrau Maria, die Gottesmutter, nach Christi Auferstehung in den Himmel jeden Tag alle jene heiligen Orte aufsuchte, an denen Christus der Herr gefangen genommen, gekreuzigt wurde und in den Himmel aufgestiegen ist. Dies tat sie bis zu ihrem Tode. Und diese heiligen Orte aufsuchend, pflegte sie oftmals auf dem oben genannten Stein auszuruhen. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von dort aus sind wir weiter nach oben gegangen. Hier sind ein Felsen und jener Platz, an dem Christus der Herr seine Jünger das Vaterunser lehrte. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Weiter von dort aus auf den Hügel schreitend, gibt es [fol. 89r] wiederum einen anderen Felsen. Dies ist der Ort, wo Christus der Herr stand und seinen Jüngern vom Jüngsten Gericht predigte, an dem er kommen werde zu richten die Lebenden und die Toten im Tal Jozaffat 412 . Und dieses Tal Jozaffat liegt zwischen der Stadt Jerusalem und dem Ölberg. Es ist kein breites Tal, sondern sehr eng. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von dort aus wiederum ging es weiter auf den Hügel, wobei wir zur rechten Hand jene kleine Mauer überstiegen, die neben dem Weg entlangführt. Hier steht eine kleine, zerstörte Kirche, dem hl. Markus zu Ehren errichtet. Und 408 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="409"?> 413 Swata Pelagie = Heilige Pelagia, angeblich gestorben auf dem Ölberg in Jerusalem, gilt in der Kirchengeschichte als eine der großen Büßerinnen, deren Vita nach 450 ein unter dem Pseudonym schreibender Autor in griechischer Sprache verfasste, der sich als Augenzeuge präsentiert. Der in mehreren Sprachen überlieferten Vita zufolge ließ sich Pelagia von einer Prostituierten, Schauspielerin und Tänzerin unter dem Einfluss der Predigt des ägyptischen Bischofs Nonnos bekehren, taufen und lebte fortan als Wohltäterin der Armen am Jerusalemer Ölberg. 414 Pelagia von Jerusalem († 280) wird in der katholischen Kirche als Heilige und als Schutzpatronin der Schauspieler und Komödianten verehrt. 415 Himmelfahrtskapelle in Jerusalem, auf der höchsten Stelle des Ölbergs östlich der Altstadt gelegen, und zwar genau an jener Stelle, von der aus der Überlieferung zufolge Christus zum Himmel aufgefahren ist (Apg 1,9). Der im Jahre 387 von einer frommen Römerin gestiftete oktogonale Kirchenbau wurde nachfolgend mehrfach zerstört. Um 1150 errichteten die Kreuzfahrer das vermutlich überdachte Erdgeschoss der heutigen Kapelle, die nach der Eroberung Jerusalems durch Saladin 1187 in eine Moschee umge‐ baut wurde. Angesichts der steigenden Zahl der nach Jerusalem strömenden Pilger ließ dort befindet sich jener Ort, an dem die Apostel das „Ich glaube an Gott etc.“ verfassten. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Ein wenig weiter nach oben gehend erreichten wir den Gipfel des Ölbergs. Wir gingen Richtung Sonnenaufgang auf dem Weg direkt nach oben. [fol. 89v] Wir erreichten ein kleines Kirchlein, das zur rechten Hand unseres Weges lag. Dieses nennt man Swata Pelagie 413 , die eine große Sünderin gewesen ist. Dann aber bereute sie ihre Sünden im Felsen in der Höhle, die ich ebenfalls in dieser Kirche gesehen habe. Erst nach dem Tode der heiligen Pelagia ließ die heilige Helena das Kirchlein über dieser Höhle erbauen 414 . Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Und dieses Kirchlein ist im Besitz der Heiden und sie sagen hierin ihre Gebete auf. Wenn das Gotteshaus voll von Heiden ist, dann lassen sie nicht gern christliche Pilger hinein. Mich selbst haben zwei Heiden erst nach dem zweiten Versuch hineingelassen und mir dabei venezianische Marketa-Münzen abgenommen, worüber ich weiter unten berichten werde. Von hier aus sind wir Richtung Sonnenaufgang kurz weitergegangen und wir kamen zu einer anderen Kirche, ebenfalls zur rechten Hand, dies ist jene Kirche, die die heilige Helena errichten ließ. [fol. 90r] Diese Kirche ist vollständig aus gehauenen Steinen erbaut. Allerdings hat man nahezu alle Gewölbe oben zerstört. Man muss einige Stufen nach oben gehen, um in diese Kirche zu gelangen. Vor dieser Kirche aber hockten einige Heiden-Mamelucken, die jener Abrahym dorthin geschickt hatte, der Schreiber des Königs Sultan. Wir betraten diese Kirche durch kleine Pforten. Und die Heiden zählten uns, einen nach dem anderen. Als wir dort eintraten, befand sich nur wenige Schritte zur rechten Hand eine achteckige rundförmige Kapelle 415 . Achtzehn Klafter im Umfang, Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 409 <?page no="410"?> Saladin in unmittelbarer Nähe eine Moschee erbauen, so dass die Himmelfahrtskapelle über Jahrhunderte fast ausnahmslos Christen nutzen. Bei der Kapelle handelt es sich um einen einfachen Bau mit einem Durchmesser von etwa 6,60 m, wobei das - im Äußeren oktogonale - Erdgeschoss Blendarkaden mit romanischen Kapitellen schmücken. Das Oktogon selbst leitet über in einen ebenfalls achteckigen, von vier schmalen Fenstern belichteten Tambour mit abgerundeten Ecken aus der Zeit Saladins. Darüber erhebt sich eine schmucklose Kuppel. Im Boden befindet sich eine kleine rechteckige Einfassung mit Blick auf den ursprünglichen Felsen mit dem angeblichen rechten Fußabdruck Christi. 416 Origianer = jüdische Christen? Auf dem II. Konzil von Konstantinopel im Jahre 553 wur‐ den der Theologe Origenes (um 185-um 254) und seine Anhänger als Ketzer verurteilt. Wird hierauf angespielt? Die Kontrolle über den Zugang zur Himmelfahrtskapelle lag allerdings in muslimischen Händen, wie auch der gemeinsam mit dem Berichterstatter reisende Heinrich von Zedlitz bezeugt. Vgl. Reinhold R Ö H R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (1493), in: Zeitschrift des Deutschen Palästinavereins 17 (1894), S. 98-114, 185-200, 277-301, hier S. 197: [die Himmelfahrt-]Capel, die keinn fenster hat, die auch die haiden zuschliessenn. 417 Odpustly plnee (dt. Vollablässe). erleuchtet und prachtvoll aus gehauenem Stein gefertigt und oben von einem in Stein gehauenem Gewölbe bedeckt. Und sie hat keinerlei Fenster, nur kleine Türen, durch die man hineingelangt. Durch diese Türen, wenn sie geöffnet sind, fällt Licht hinein, jedoch wenig. Allerdings brennen in dieser Kapelle einige Lampen. Und auch jeder von uns Pilgern hatte seine Kerze, damit geleuchtet werde und wir gut [fol. 90v] zu sehen vermochten. In der Mitte dieser Kapelle aber befindet sich jener Ort, an dem Christus der Herr in Anwesenheit der Jungfrau Maria, seiner Mutter, und der heiligen Apostel von diesem Ort aus in den Himmel aufstieg. An dieser Stelle liegt ein Stein aus weißem Marmor, vielleicht eine Elle in der Länge und in der Breite. Und in diesem Stein ist der Abdruck eines rechten Fußes zu sehen. Die Zehen in diesem Abdruck zeigen Richtung Sonnenuntergang. Und diese Kirche und die heilige Stätte bewachen die schlimmen Christen, die man Origiani nennt 416 . Hier kann man Vollablässe erwerben. [Odpustly plnee] 417 Von dieser Kirche aus sind wir auf direktem Wege Richtung Sonnenaufgang gegangen. Dabei kamen wir zu einer Mauerecke, wobei die Mauer einen Weinberg umfasst. Und hier an dieser Ecke befindet sich jener Ort, an dem der Engel der Jungfrau Maria, der Gottesmutter, erschienen ist, zu der Zeit, als sie ihrer täglichen Gewohnheit folgend, hierher pilgerte und den Ort aufsuchte. Diese heiligen Stätten sollen aufgesucht werden. [fol. 91r] Und hier an dieser Stelle überreichte ihr der Engel den jungen Trieb eines Ölbaums und prophezeite 410 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="411"?> 418 Einer anderen Version zufolge soll der Engel Marias bevorstehenden Tod vorausgesagt und ihr einen Palmzweig als Zeichen der Aufnahme in das Paradies überreicht haben. Ein Jahr vor der Pilgerreise Johanns von Lobkowitz auf Hassenstein malte Hans Holbein d. Ä. sein Ölbild „Der Tod der Gottesmutter“, auf dem der Engel der im Bett ruhenden Maria mit der linken Hand den Trieb eines Olivenbaums überreicht, während er in der rechten Hand einen Palmzweig hält. 419 Galiläa. 420 Mk 16, 1-7. 421 In römischer Zeit war Israel in drei Provinzen aufgeteilt: Judäa, Samaria und Galiläa im Norden des Landes, wo auch mit dem Leben und Wirken Jesu verbundene Orte wie Nazaret und der See Genezareth lagen. 422 Lk 19, 41-46. ihr die Stunde ihres Todes 418 . Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Weiter Richtung Sonnenaufgang von dem oben genannten Ort aus - etwa zwei Stadien von dort - zeigte man uns ein großes viereckiges Haus. Doch die Heiden lassen keinen Christen in dieses Haus gehen, das man Galilea nennt 419 . Einige meinen, es handele sich um jenes Galilea, von dem der heilige Markus der Evangelist im Osterevangelium berichtet, wie die heilige Maria Magdalena zusammen mit der anderen Maria Christus am Grabesort aufsuchte, denn der Engel hatte ihnen verkündet, sie mögen gehen und seinen Jüngern sowie Petrus berichten, dass er [Christus - Th. K.] auferstanden sei und sie sollten sich nach Galilea etc. begeben 420 . Andere wiederum berichten, dies sei nicht jenes Galilea, welches in der Heiligen Schrift gemeint ist 421 , denn Christus der Herr ging nicht hierher, [fol. 91v] sondern in die Landschaft Galilea, einen Landstrich, der, wie mir berichtet wurde, von Jerusalem drei oder vier Tagesreisen entfernt liegt. So geschah es an einem dieser beiden Orte, was Gott der Herr am besten weiß, wobei wir dieses oben genannte Haus Galilea nicht besucht haben, man uns dennoch die Ablässe anzeigte und auch gewährte, ohne dass wir persönlich dort gewesen seien. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von hier aus gingen wir weiter zur linken Hand auf dem abwärts führenden Weg in Richtung der Stadt Jerusalem, und zwar mehrere Stadien, wobei sich auf der Mitte des Weges zwischen zwei nach unten führenden Mauern ein Felsen befindet, auf dem Christus der Herr saß und über Jerusalem weinte 422 . Und seinen Jüngern zeigte er die Verderbtheit und Zerstörung dieser Stadt an. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Auf diesem oben genannten Weg weiter nach unten gehend befindet sich ein weiterer Felsen direkt am Rande. Und auf diesem Felsen stand der heilige Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 411 <?page no="412"?> 423 Christus betet im Garten Gethsemane - Mt 26, 43-44 (Mk 14, 32-42; Lk 22, 39-46). 424 Malchus, im Neuen Testament Diener des Hohepriesters Kaiphas. Joh 18, 10. 425 Mt 26, 55-57. 426 Plnee (dt. Voll[abläss]e). 427 Das Goldene Tor ist ein zugemauertes Tor an der Ostseite des Jerusalemer Tempelbergs. Es gilt als jenes Tor, wo sich die Eltern Marias, Joachim und Anna, begegneten, und durch das Jesus auf einem Esel in Jerusalem einritt. Einige Quellen der Kreuzfahrerzeit berichten, das Tor sei nur für die Palmsonntagsprozession geöffnet gewesen. 428 Lk 19, 28-45. 429 Lk 22, 44. Thomas [fol. 92r] und sah die Gottesmutter in den Himmel aufsteigen. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Weiter abwärts befindet sich unweit dieses Weges zur linken Hand ein kleiner Felsen, an dem die Apostel, der heilige Petrus, der heilige Johannes und der heilige Jakobus schliefen, als Christus der Herr zu seinem himmlischen Vater vor seinem Tode betete 423 . Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Ein Stück weiter untern, etwa zehn Schritte von dem oben genannten Ort entfernt an der Mauerecke, befindet sich der Ort, an dem der heilige Petrus Malchus das Ohr abhieb 424 . Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von dieser Stelle etwa neun Schritte entfernt Richtung Sonnenuntergang befindet sich eine aus Trockenstein gefertigte Ecke. Hier ist der Ort, an dem Christus der Herr von den Juden ergriffen und gefesselt wurde 425 . Hier kann man Vollablässe erwerben. [plnee] 426 Nachfolgend gingen wir diesen oben genannten Weg weiter nach unten und kamen an eine Wegkreuzung, die [fol. 92v] nach unten führte oder durch das Tal Jozaffat unterhalb der Stadt Jerusalem. Hier diesen Weg fortschreitend erblickten wir über uns den heiligen Weg zum Stadttor, dass man das Goldene Tor nennt 427 . Durch dieses Tor ist Christus der Herr am Palmsonntag nach Jerusalem in den Tempel Salomons gekommen 428 . Und hier werden uns von den Barfüßern Ablässe erteilt, wenn wir auf dieses Tor schauen. Dieses aber ist verschlossen, gewöhnliche Menschen passieren dies nicht wie andere Stadttore. Und hier erteilt man Vollablässe. Und auf diesem Weg gingen wir durch dieses Tal zur rechten Hand Richtung Mittag, etwa XV Schritte vom Wege kamen wir zu einer Höhle, die in den Felsen geschlagen worden war, gleichsam einem Keller. Beim Eintritt in diese Höhle befindet sich zur linken Hand jener Ort, an dem Christus der Herr zu seinem Vater betete. Und er schwitzte blutigen Schweiß, wie hierüber in der Schrift geschrieben steht 429 . Und in dieser Höhle ist in den Felsen eine große 412 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="413"?> 430 Helenakapelle, heute Teil der Grabeskirche. Die Kapelle ist eine richtige Kirche und wird in den Quellen auch als magna ecclesia bezeichnet. 431 Kreuzauffindungsgrotte, die unterhalb der Helenakapelle in einem alten Steinbruch errichtet wurde. Nach der Zerstörung der Grabeskirche im Jahre 1009 wurde sie bis 1048 wiederaufgebaut. Sie lag ursprünglich außerhalb der Grabeskirche und wurde erst mit dem Wiederaufbau zusammen mit der Helenakapelle in die Grabeskirche integriert. 432 Plnee (dt. Voll[abläss]e). 433 Czedron = (Bach) Kidron. Vgl. Joh 18, 1. Öffnung geschlagen, so dass hier Licht einfallen kann. Diese Stelle ließ die heilige Helena herrichten und ausschlagen, damit dort Licht sei 430 . Und dieser oben beschriebene Ort [fol. 93r] liegt nicht weit entfernt von jener Stelle, an der man Christus ergriff. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von dort aus gingen wir aus dieser Höhle wieder auf den Weg Richtung Sonnenaufgang. Unweit hiervon zur rechten Hand liegt neben dem Wege im Tal zwischen der Stadt Jerusalem und dem Ölberg die Kapelle der Gottesmutter, die die heilige Helena nach dem Tode der Gottesmutter erbauen ließ. In diese Kapelle gelangt man über XXXVIII Steinstufen abwärts bis zum Ende der Grotte 431 . Und abwärts führen von der Tür dieser Kapelle XVI Stufen, wobei sich zur rechten Hand dieser Stufen das Grab der heiligen Anna, der Mutter Marias, befindet. Auf der gegenüberliegenden Seite jedoch zur linken Hand ist das Grab des heiligen Joachim, des Vaters der Jungfrau Maria. Und wenn man in der oben genannten Kapelle weiter nach unten geht, dann ist es dort sehr dunkel, da es hier keinerlei Fenster gibt, so dass wir ein Licht mit uns nehmen mussten. Auf dem Wege dorthin, zur linken Hand, gibt es eine Zisterne, [fol. 93v], aus der man sehr gutes Wasser trinken kann. Und zur rechten Hand von dieser Zisterne gingen wir durch niedrige Pforten in eine dunkle, kleine Kapelle. Der Altar hier ist aus weißem Marmor gefertigt. Und unter diesem Altar befindet sich das Grab der Gottesmutter, in dem sie nach ihrem Tode aufbewahrt wurde. Das wirkliche Grab freilich kann niemand sehen, da sich darüber der Altar erhebt. Hier kann man Vollabläse erwerben. [plnee] 432 Von dieser Kapelle aus sind wir über eine kleine steinerne Brücke Richtung Stadt gegangen. Hier an dieser Stelle, an der sich die Brücke befindet, wächst jenes Holz, aus dem das Kreuz gefertigt wurde, das hier viele Jahre lag und die Menschen gingen darüber. Dann aber wurde Christus an diesem gekreuzigt. Es handelt sich um jenen Ort, über den der heilige Johannes in seiner Passionsgeschichte schreibt: „Und Jesus ging über den Bach Kidron.“ 433 Und es herrschte eine große Trockenheit, als ich dort gewesen bin. Wie man mir berichtete, fließt dort kein Wasser, ehe nicht Regen in riesigen Mengen fällt. Dann gingen wir über diese Brücke zur Stadt ungefähr ein halbes Stadium [fol. 94r] zu einem Hügel. Und dies ist der Ort, an dem der heilige Stefan Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 413 <?page no="414"?> 434 Stefan/ Stephanus: im Neuen Testament einer der Diakone der Jerusalemer Urgemeinde, der als erster Märtyrer des Christentums gilt. Als Gotteslästerer verschrien wurde er von einer aufgebrachten Menge vor den Stadttoren, der Überlieferung nach beim Damaskus-Tor, gesteinigt. Vgl. Apg 6/ 7. 435 (heute) Via Dolorosa. 436 Amtssitz des des Präfekten (Statthalters) Pontius Pilatus des römischen Kaisers Tiberius in der Provinz Judäa. 437 Der Begriff stammt aus dem Tschechischen. Pavlačka bedeutet einen offenen Hausein‐ gang, in Teilen Österreichs wird damit ein umlaufender Laubengang der Innenhöfe gesteinigt wurde. Wir schritten auf diesem Pfad zur Stadt nach oben weiter, so dass sich diese Stelle von uns aus zur linken Hand befand. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Und nachfolgend gingen wir auf diesem Pfad etwa zwei Stadien und gelangten zum Stadttor. Dieses Stadttor aber nennt man das Tor des heiligen Stefan und zwar aus dem Grunde, da der heilige Stefan durch dieses Tor zu seiner Steinigung geführt wurde 434 . Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Als wir danach zum Stadttor gelangten und in die Stadt eintraten, liegt zur rechten Hand unweit des Tores die Muttergotteskirche, die die heilige Helena zu Ehren der Gottesmutter errichten ließ. Hier an dieser Stelle, an der das Gotteshaus steht, befand sich das Haus des heiligen Joachim. Und in diesem Haus und an dieser Stelle wurde die Gottesmutter geboren. Die Heiden beten in diesem nach ihrem Glauben [fol. 94v] das Gottesgebet, doch lassen sie keinen einzigen Christen hier eintreten. Als ich dort an der Tür stand, habe ich versucht hineinzuschauen. Ich aber konnte nichts in dem Haus erkennen, da es dunkel war, spät und nach Sonnenuntergang. Hier kann man Vollablässe erwerben. Im Anschluss sind wir diese Gasse weiter gegangen 435 , zum Haus des Pilatus, das sich rechter Hand befand 436 . Dies aber war verschlossen, so dass wir nicht hineingehen konnten. In diesem Haus aber wurde Christus von den Juden angeklagt, gegeißelt, verhöhnt und zum Tode verurteilt. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Und dieses Haus des Pilatus liegt an der Ecke. Neben diesem Pilatus-Haus führt von dieser Gasse, durch wir schritten, zur rechten Hand eine andere Gasse zu dem Hügel aufwärts. Alle Stufen sind aus Stein und führen nach oben zu dem Haus, in dem Herodes wohnte, und der Herr von Jerusalem, nämlich der Hauptmann des Königs Sultan, wohnt jetzt darinnen. Doch bin ich selbst nicht in diesem Haus gewesen. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Weiter gingen wir durch diese Gasse und dort verläuft oberhalb der Gasse [fol. 95r] oben ein gemauertes Gewölbe wie eine Pawlaczka 437 . Und hier sind 414 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="415"?> bezeichnet. In den entsprechenden Pawlatschenhäusern erfolgt der Zutritt in die Wohnungen ausschließlich über die Pawlatschen um den Pawlatschenhof. 438 Lk 23, 28. 439 Simon von Kyrene. Vgl. Mk 27, 32. 440 Heilige Veronika († 70? ). Biografisch liegen kaum gesicherte historische Daten vor. Der aus der griechischen und lateinischen Sprache zusammengesetzte Name „vera ikon“ bedeutet „Das wahre Antlitz“. 441 Mt 9, 20-22. zwei Steine oben im Gewölbe eingelassen aus weißem Marmor, jeder länger als eine Elle in der Länge und auch in der Breite, was man gut sehen kann. Dies aber sind jene beiden Steine, von denen auf einem Christus gestanden hat, als man ihn zum Tode verurteilte. Auf dem anderen stand Pilatus, als er ihn zum Tode verurteilte. Und die oben genannte heilige Helena konnte bei beiden nicht mit Sicherheit erkunden, welches der rechte Stein war, auf dem Christus der Herr gestanden hatte, so dass sie beide in dieses Gewölbe einbauen ließ. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Weiter von hier aus gehend lag uns zur linken Hand eine Erhebung, etwa XV oder XVI Ellen in der Höhe, ein kleines zerstörtes Kirchlein. Dies aber ist jener Ort, an dem die Jungfrau Maria, die Gottesmutter, mit anderen Jungfrauen und Frauen stand, um Christus den Herrn, ihren Sohn, zu erblicken, als man ihn hierher zur Hinrichtung zum Tod brachte. Hier aber sah sie ihn, den mit dem Dorn (sic! ) gekrönten und blutbefleckten, [fol. 95v] und sank klagend nieder und ward ohnmächtig. Die heilige Helena aber ließ dieses Kirchlein errichten. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von hier aus weitergehend gelangten wir in die angrenzende Gasse. Und hier zur linken Hand in dieser Gasse ist der Ort, an dem Christus der Herr das Kreuz trug und stehenblieb und viele sah, die weinten, als sie ihn anblickten, er aber wandte sich an sie und sagte: „Töchter Jerusalems, weint nicht um mich, sondern weint über eure Kinder! “, wie in der Schrift geschrieben steht 438 . Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Hier ist auch gleich jene Stelle, an der die Juden Simon von Czyreno zwangen, als er vom Feld kommend durch das Tor ging, das unweit von uns zur rechten Hand lag, damit er Christus dem Herrn half das Kreuz zu tragen 439 . Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Weiter gingen wir von hier aus durch diese Gasse zur linken Hand. So gelangten wir vor das Haus der heiligen Veronika 440 , dieses lag vor uns zur rechten [fol. 96r] Hand. Und gleich vor diesem Haus auf der Gasse befindet sich jener Ort, an dem Christus der Herr zum Tode geführt wurde, die heilige Veronika zu ihm trat und ihm ein Tuch reichte, damit er sein heiliges Antlitz für sie abwische 441 . Und Christus der Herr wischte mit ihrem Tuch sein Gesicht Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 415 <?page no="416"?> 442 Das Schweißtuch der Veronika (Sudarium Christi) ist Teil der christlichen Überlieferung, der zufolge eine Frau namens Veronika ihr Tuch Christus auf seinem Wege nach Golga‐ tha gereicht habe, um Schweiß und Blut von seinem gemarterten Antlitz abzuwischen, wobei sich das Gesicht Jesu auf wundersame Weise auf dem Schweißtuch als sog. Ve‐ ronika-Bild einprägten. Einst eine der kostbarsten und am meisten verehrten Reliquien befindet sich heute in einem Tresor im Veronika-Pfeiler, einem der Vierungspfeiler im Petersdom. 443 Innozenz VI., Papst 1352-1362. 444 Bezug genommen wird hier auf den ersten Romaufenthalt Karls IV anlässlich seiner Kaiserkrönung im Frühjahr 1355, als der Luxemburger seinen Aufenthalt in der Ewigen Stadt auch als Pilgerfahrt inszenierte und dabei u. a. gemeinsam mit dem Kardinal von Ostia das „vera ikon“, das legendäre Schweißtuch der Veronika in der Peterskirche besichtigte, was die besondere Vorliebe Karls für Passionsreliquien zum Ausdruck brachte. 445 Über ein Bild der Veronika mit dem Schweißtuch auf der Burg Karlstein berichtet Friedrich Schlegel im Deutschen Museum 1813, Bd.-3, Wien 1813, S.-268-269. 446 Lk 16, 19-21. ab, gab ihr dieses zurück, und in dieses Tuch haben sich sein heiliges Antlitz und sein Gewand abgedrückt, so wie Christus der Herr war, gleich als ob ein Maler dies gemalt habe 442 . Dieses zeigt man in Rom noch heute, und als ich dort gewesen bin, habe ich es gesehen. Andere berichten auch, dieses heilige Tuch befände sich auf dem Karlstein. Kaiser Karl seligen Angedenkens habe den Heiligen Vater, den damals regierenden Papst 443 gebeten, dieser möge ihm dieses [Tuch - Th. K.] der heiligen Veronika in Rom ausleihen, solange er in Rom weile, damit er nach diesem ein anderes malen lasse; und danach habe Karl das wahre Tuch behalten und dem Papst an dessen Stelle das gemalte gegeben 444 . Und hier [fol. 96v] auf dem Karlstein habe ich es auch gesehen 445 . Gott der Herr weiß am besten, welches das wahre ist. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Weitergehend gelangten wir vor das Haus der heiligen Maria Magdalena. Dies lag von uns aus zur rechten Hand. Hier zeigte man uns das Haus jenes Reichen, der Lazarus keinen Brosamen von seinem Tische geben wollte 446 . Und das Haus ist über die Gasse gebaut, so dass wir darunter die Gasse weitergehen konnten. Wir kamen danach zu Gewölben, unter denen man durchschreiten konnte und unter diesen Gewölben befand sich die Gemeindeküche, in der man alles, was man zum Essen benötigt und haben möchte, erhalten kann. Aber auch Kram(laden)bedarf und Apotheken gab es dort. Auch haben sie dort viel Obst verkauft. Im Anschluss gingen wir in unseren Gasthof. Ungefähr zwei Stunden vor dem Abendmahl schickte der Patron nach uns, damit wir uns in die Kirche begeben, in der sich das Gottesgrab befindet. Als wir uns fertiggemacht hatten, gingen wir dorthin und versammelten uns vor der Kirche, vor der sich 416 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="417"?> 447 popsali nas w chramu (dt. Sie zählten uns für die Kirche ab). ein ziemlich großer Platz [fol. 97r] erstreckt. Auf diesem Platz aber standen viele Heiden, Frauen und Männer, und auch einige ketzerische Christen, die auch Christen sein möchten. Doch sie haben viele Artikel in ihrem Glauben, in denen sie sich vom allgemeinen christlichen Glauben unterscheiden, wobei es mehrere Gruppen hiervon gibt, und eine jede Gruppe hat ihren eigenen Glauben, wie man mir dort berichtete, wobei ich am Ende meiner Darstellung hierüber berichten will. [popsali nas w chramu] 447 Und als wir vor die Pforte der Kirche gelangten, da saß der wiederholt genannte Abrahym, der Schreiber des Königs Sultans, zur rechten Hand der Kirchenpforte mit einigen Mamluken, während zur linken Hand unser Patron hockte. Und man ließ jeden von uns der Reihe nach abzählen, wie viele von uns in die Kirche gelassen werden sollten. Und als wir dort hineintraten, da ging der Patron hinter uns als letzter. Darüber hinaus auch einige Heiden, doch gebot ihnen Abrahym hinauszugehen. Die geschlossene Pforte hat man dann verriegelt. Und hier [fol. 97v] sind dann die Barfüßer und Mönche verschiedener Orden, die sich aus den umliegenden Ländern mit uns gemeinsam auf die Pilgerreise begeben hatten, zusammen mit uns vor die Kapelle gegangen, in der sich das Grab Gottes befindet. Hier haben wir zu Gott dem Herrn gebetet, die Barfüßer und Priester begannen dabei das Salve Regina zu singen. Und derart singend begaben wir uns nun in die Muttergotteskapelle, die sich in der Nähe des Göttlichen Grabes befindet. Man gelangt über fünf Steinstufen in diese. Wenn man hier hineingeht, dann sieht man zur rechten Hand darinnen drei Altäre: einen großen Altar in der Mitte und auf jeder Seite einen Altar. Dort haben wir alle das Salve [Regina - Th. K.] zu Ende gesungen. Ein Barfüßer hat in Latein eine fromme Andacht gehalten. Dabei hat er erzählt, dass Christus der Herr nach seiner Kreuzigung an diesem Ort, wo sich der große Altar befindet, zuerst der Jungfrau Maria, seiner lieben Mutter, erschienen sei. Auch hat er berichtet, dass sich zur linken Hand des großen Alters ein Stück vom Kreuz von Christus [fol. 98r] dem Herrn in Silber gefasst und vergoldet, befindet, dass wir uns alle gemeinsam angeschaut haben. Vor diesem befindet sich ein eingelassenes Gitter in der Wand, doch man kann durch dieses gut hineinschauen. Des Weiteren erzählte er uns, dass zur rechten Hand des großen Alters über diesem Altar sich ein Stück jener Säule befände, an der Christus der Herr gegeißelt worden sei. Auch gäbe es über diesem Altar eine viereckige Öffnung in der Mauer wie ein Fenster. Und darüber ein hölzernes lockeres Gitter. Die Säule aber dort hinter dem Gitter, die könne man mit der Hand dort frei erreichen und berühren. Es ist eine Säule aus Marmor, so wie man diesen auch in Böhmen findet. Ich glaube, Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 417 <?page no="418"?> 448 Joh 20, 15. 449 Joh 20, 17. ungefähr fünf Viertel Ellen in der Höhe und eine halbe Elle in der Stärke. Auch berichtete er uns noch, in der Mitte dieser Kapelle sei es geschehen, dass die heilige Helena die Kreuze aller drei gefunden habe - nämlich: jenes, an dem [fol. 98v] Christus der Herr gehangen habe, sowie jene Kreuze, nämlich des guten wie des bösen Lotterbuben. - Sie konnte aber nicht sicher erkennen, welches von diesen das wahre Kreuz des Herrn Christus gewesen sei. Und sie dachte hierüber nach und wollte sicher gehen, welches nun das richtige sei. Da aber traf es sich und geschah, dass man einen toten Körper zum Grabe trug. Und die heilige Helena erblickte diesen Körper und gebot, man möge ihn an jenen Ort bringen, an dem sich die drei Kreuze befanden. Sie befahl, ihn auf eines der Kreuze zu legen, doch nichts geschah. Und nachfolgend auf das andere, doch wiederum passiert nichts, da keines dieser beiden Kreuze das wahre war. Als man jedoch diesen Körper auf das dritte Kreuz legte, da erhob sich dieser Tote und wurde wieder lebendig. Erst in diesem Augenblick erkannte die heilige Helena, dass dies das rechte Kreuz sei. Diese Kapelle aber steht unter der Obhut der Barfüßer. Danach geboten sie einem jeden das Vaterunser und Gegrüßt seist Du, Maria zu beten. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von hier aus schritten wir alle in der Prozession fort. Und vor der Kapelle geht es über die fünf [fol. 99r] Stufen abwärts, wobei einige Schritte von den Stufen entfernt sich ein großer Stein befindet, rund wie ein Mühlstein, jedoch größer. Dies ist der Ort, also der Stein, wo Christus der Herr nach seiner Auferstehung stand und er der heiligen Maria Magdalena erschien und sprach: „Frau, warum weinst du und wen suchst du? “ 448 Wie in der Schrift geschrieben steht. Von diesem Stein aus aber, an die fünf Schritte näher zur Kapelle des Göttlichen Grabes, findet sich ein zweiter runder Stein. Dies ist jene Stelle, an der die heilige Maria Magdalena stand und Christus den Herrn erblickend, ihn für den Gärtner hielt und fragte, wohin er den Körper von Christus dem Herrn getragen habe. Daraufhin entgegnete ihr Christus der Herr: „Maria, rühre mich nicht an etc.“ 449 Hier wiederum forderte man uns auf, ein jeder von uns solle das Vaterunser und Gegrüßt seist du, Maria beten. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von hier aus gingen wir aus der Kapelle zur linken Hand in eine andere Kapelle, die man den Kerker Christi nennt. Hier befinden sich eine Öffnung im Felsen und ein Altar. [fol. 99v]. Und unter diesem Altar ist jene Stelle, an der Christus der Herr gefesselt saß, während die Juden Löcher in das Kreuz bohrten 418 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="419"?> 450 Joh 19, 23-24. 451 Helenakapelle, heute Teil der Grabeskirche und deren tiefster Punkt. 452 Kreuzauffindungskapelle. 453 Georgianer = Georgier. 454 A sau tu odpustky plnee (dt. Hier gibt es Vollablässe). 455 Joh 19, 1-3. 456 Indiani = Äthiopier. 457 A tu sau odpustky plnee (dt. Hier gibt es Vollablässe). und sie schlugen zugleich eine Höhle in den Felsen, so dass sie das Kreuz darin aufstellen konnten. Die Aufsicht über diesen Ort obliegt den Griechen. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von dort aus gingen wir in eine andere kleine Kapelle, unweit der ersteren. Und in dieser kleinen Kapelle steht ein Altar an jener Stelle, an der die Juden um das Gewand von Christus dem Herrn losten und würfelten 450 . Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Unweit hiervon gelangten wir zur Kapelle der heiligen Helena. Dies aber ist jene Kapelle, in der die heilige Helena bei ihrer Arbeit die Messe hörte. In diese Kapelle gelangt man über XXX Steinstufen nach unten 451 . Und darinnen stehen zwei Altäre. Wenn man in die Kapelle eintritt, dann befindet zur rechten Hand eine Vertiefung, die über XII Stufen nach unten führt. Hier ist im Felsen eine Aushöhlung geschlagen. Dies ist jene Stelle, an der [fol. 100r] die heilige Helena das Heilige Kreuz Christi und die Lanze sowie Nägel und die Dornenkrone gefunden hat, ebenso wie die beiden anderen Kreuze 452 . Und diese Kapelle und dieser Ort steht unter der Obhut der Georgianer 453 . Hier erwirbt man die Ablässe: A sau tu odpustky plnee  454 . Aus dieser Kapelle wiederum hinaustretend, befindet sich zur linken Hand nur wenige Schritte entfernt wiederum eine andere Kapelle und in dieser ebenfalls ein Altar. Unterhalb dieses Alters gibt es eine viereckige Öffnung, etwa eine Elle in der Höhe und auch in der Breite. Darüber ist ein hölzernes Gitter angebracht, so dass ein jeder dort mit der Hand ungehindert hineingreifen kann. In dieser Öffnung sieht man hinter dem Gitter einen runden Stein gleich einer Säule, von grauer Farbe. Dieser ist ungefähr eine Elle lang und eine halbe Elle stark. Es handelt sich um jenen Stein, auf dem Christus der Herr saß, als man ihn verspottete und man ihn mit der Dornenkrone krönte 455 . Die Aufsicht über diesen Ort obliegt den Indiani 456 . A tu sau odpustky plnee  457 . Von hier aus einige Schritte weitergehend gelangten wir zu einer Treppe. Diese muss man an die [fol. 100v] XVI Stufen nach oben steigen, um in die Kapelle zu gelangen, die man Kalvarienberg nennt. Dies aber ist jener Ort, an dem Christus der Herr gekreuzigt wurde. Und als wir dort oben in der Kapelle ankamen, hielt uns der Barfüßer in Latein eine sehr schöne und fromme Predigt Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 419 <?page no="420"?> 458 Lk 23, 39-43. über diesen heiligen Ort, diesen dabei über alle Maßen preisend, da er unter allen anderen Orten, wie er betonte, der allerheiligste Ort ist, zumal Christus der Herr hier lebendig und tot erschienen ist. Auch dass er [Christus - Th. K.] alle Menschen durch sein heiliges Blut erlöst habe. Auch, dass er hier für alle seine Feinde zu Gott, seinem Vater, betete - nicht allein für diejenigen, die ihn gekreuzigt und gemartert und ihn verspottet hatten. Sondern zugleich auch für diejenigen Feinde und für uns für alle Sünden, wodurch wir ihn bis zum heutigen Tage kreuzigen. Auch hat er hier an diesem Ort seinen letzten Willen vor seinem Tode verkündet, seinen [fol. 101r] größten Schatz, den er vor allen anderen liebte, seine liebe Mutter, die er der Jungfrau Maria und Johannes anempfohlen hat. Und an diesem Ort hat er große Wunder bewirkt: Longinus den Blinden hat er sehend gemacht, einem bußfertigen Übertäter, der bislang nicht Gutes getan habe, dem verzieh er und vergab ihm alle seine Sünden, und er versprach ihm das Paradies, in das er noch am gleichen Tage mit ihm eintreten werde 458 . Auch vieles andere hat er gepredigt, sodass es nur wenige unter uns gab, die nicht Tränen vergossen hätten. Sodann erzählte er weiter, dass, auch wenn das Heilige Grab ein großer heiliger Ort sei, käme doch nichts nachfolgendem gleich: Denn bei dem Heiligen Grab geschah nichts anderes, als dass nämlich Christus der Herr in ihm aufbewahrt worden sei und dass er darin seine Allmacht offenbart habe, indem er von den Toten auferstand. Doch an diesem oben genannten Ort, dem Kalvarienberg, seien die oben erwähnten Dinge passiert, dort nämlich habe sich unsere Erlösung [fol. 101v] aller menschlichen Sünden vollzogen. Denn niemand könne von der Bürde, sei die Tat schlecht oder gut, erlöst werden. Und an diesem Ort habe er sich als wahrer Gott und wahrer Mensch gezeigt; als wahrer Gott, indem er den von Geburt an blinden Longinus, als er seine heilige Seite mit der Lanze öffnete, und jenem Longinus mit diesem seinem heiligen Blut, das an der Lanze nach unten lief, dessen Augen benetzt habe, so dass dieser gleich darauf sehend wurde. Zum anderen ist der Fels an dieser Stelle geborsten, worüber ich weiter unten berichte, und er barst auch an anderen Orten. Und Nebel breiteten sich im ganzen Lande aus. Die Sonne verdunkelte sich, so dass Dionysos, ein großer Gelehrter und Sternendeuter in Athen zu dieser Zeit, als man Christus den Herrn am Kreuz marterte, seinen Schülern von der Sonnenfinsternis berichtete, dass es unmöglich sei, dass es dunkel werden könne, solange Vollmond herrsche. Und zu dieser Zeit wurde es unvermittelt finster. Er aber sprach: [fol. 102r]: „Sicher ist: Die ganze Welt stürzt ein, da der Gott aller Natur unter Gewalt leidet.“ Als es wieder hell ward und er sah, dass die Welt im Gleichgewicht geblieben war, da hatte Gott Gewalt erlitten. Doch 420 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="421"?> 459 Vgl. Apg 17, 34-36. 460 Mt 27, 54. 461 Mt 27, 51. diesen Gott kannte er nicht. Und er ließ in Athen dem unbekannten Gott einen Altar errichten. Danach aber erkannte dieser Weise jenen Gott, dass es sich um Jesus Christus handelte durch den heiligen Paulus, wie hierüber in den Taten der Apostel geschrieben steht 459 . Und der Zenturio und andere sahen die Wunder, die bei seinem [Christi - Th. K.] Martyrium geschahen, da er sprach: „Dieser da war gewiss der Sohn Gottes“ 460 , wie hierüber in der Passsionsgeschichte des heiligen Matthäus geschrieben steht: „Und der Felsen spaltete sich und die Gräber öffneten sich. Und viele Körper standen von den Toten auf.“ 461 Auch lässt sich der wahre Mensch daran erkennen, dass er diesen ganzen Schmerz und die Pein, die er an seinem heiligen Körper erlitten hat, ihm zugleich wie jedem [fol. 102v] anderen Menschen Schmerz bereitete. Auch hätte er durch seine Allmacht erreichen können, dass er an seinem heiligen Leib wie ein wahrer Gott keinerlei Schmerzen erlitt. Dies aber pflegte er nicht zu tun, damit sichtbar werde, er sei ein wahrer Mensch. Hier handelte er wie ein wahrer Gott, wie zuvor geschrieben steht: dem von Natur aus blinden Longinus geschah ein Wunder, der Fels spaltete sich mit seinem heiligen Tod - das Leiden erlangte die göttliche Macht über die menschliche Natur - Und da er ein wahrer Mensch gewesen ist, hat er Schmerz und Leid an seinem heiligen Körper ertragen. Im Anschluss hat er [der Barfüßer - Th. K.] diese Predigt insgesamt noch einmal in Italienisch gehalten. Und nachfolgend auch die beiden anderen Priester: einer in Französisch und der andere in Deutsch, wobei dieser [letztgenannte - Th. K.] Priester viele Fehler machte, als er in Deutsch sprach, so dass er die ganze Geschichte anders erzählte als jener in Latein. Dieser Ort Kalvarienberg ist derart beschaffen: Zunächst geht man über jene XVI Stufen nach oben, und auf drei [fol. 103r] Schritte von den Stufen weg gelangt man in jene Kapelle, und zur linken Hand gibt es eine Öffnung, in der das Kreuz Christ gestanden hat. Und oberhalb derselben befindet sich ein Stein aus weißem Marmor und in diesem Stein ist ebenfalls eine Öffnung, genauso groß wie jene im Felsen. Diese Öffnung aber ist rundlich und quer eine Spanne groß und rund und alles ist in Marmor; im Felsen und an die II ½ Spannen klein in der Tiefe. Zur rechten Hand dieser Öffnung, etwa auf zwei Schritte, gibt es eine steinerne Vertiefung, rundlich, etwa I ½ Ellbogen in der Höhe. Dies aber ist jener Ort, wo die Säule steht, an der sich die Öffnung befunden hat und darinnen hat das Kreuz des guten Schächers gestanden. Auf der anderen Seite aber zur linken Hand steht ebenfalls eine kleine derartige Säule wie die erste. Dies wiederum ist jener Ort, wo das Kreuz des zweiten bösen Schächers gestanden hat, der gegen Christus Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 421 <?page no="422"?> 462 A na teemz mijestie sau odpustky plnee (dt. An diesem Ort erwirbt man Vollablässe). 463 Joh 19, 38-40. 464 Jakobiten - eine der sieben Konfessionen in der Grabeskirche. 465 A sau tu odpustky plnee (dt. Hier gibt es Vollablässe). den Herrn lästerte. Zwischen dem Ort, an dem das Kreuz von Jesus Christus dem Herrn stand, und jenem des Kreuzes des bösen Schächers gibt es im Felsen eine Spalte, und in derselben könnte bequem ein Mensch [fol. 103v] liegen. Und dieser Spalt im Felsen geht durch den Boden durch die zweite Kapelle, die sich unter jener des Kalvarienberges befindet, bis in den Boden. Diesen heiligen Ort aber haben seit vielen Jahren die Barfüßer beaufsichtigt. Doch ist den Barfüßern dieser Ort durch Geschenke und Versprechungen des Königs von Georgien entzogen und den Georgiern anvertraut worden, auch einer Gruppe, damit sie diesen verwalteten. A na teemz mijestie sau odpustky plnee  462 . Von hier aus vom Kalvarienberg geht es wiederum abwärts auf der oben genannten Treppe über die Stufen etwa XVII Schritte. Von jenen Portalen, die in die Kirche führen, XIIII Schritte, gelangten wir an jenen Ort, wo Christus der Herr vom Kreuz genommen wurde, und die Jungfrau Maria, seine Mutter, zu Boden sank. Und er wurde gesalbt mit Spezereien und der Sitte folgend zum Begräbnis vorbereitet, wie damals üblich 463 . Diese heilige Stelle ist der Erde gleich. Weder hier noch in der Umgebung gibt es einen Altar, sondern allein das Grab, so dass ein Mensch schlecht (sic! ) [fol. 104r] liegen könnte. Alles ist mit Marmorsteinen besetzt wie eine sich drehende Radnabe, und diesen heiligen Ort hat eine Gruppe böser Christen, die man Jakobiten nennt, inne 464 . A sau tu odpustky plnee  465 . Von hier aus gingen wir weiter zu dieser kleinen Kapelle des Heiligen Grabes. Und es sind von dort aus XXX Schritte. Als wir zu diesem Kapellchen kamen, haben wir uns alle niedergekniet und vor diesem Kapellchen zu Gott gebetet. Und danach hat man diese kleine Kapelle aufgeschlossen und wir gingen jeweils zu zweit oder zu dritt dort hinein, einer nach dem anderen. Jeder von uns aber hat ein Gebet gesprochen, danach gingen wir hinaus und andere hinein. Dieser heilige Ort aber und das Kapellchen sind wie folgt errichtet und sehen wie folgt aus: zuvörderst ist alles rund und 20 Klafter groß. Und alles mit weißem Marmor verkleidet, glatt und gewölbt und es gibt keinerlei Fenster. Und es ist folgender Art: die Hauptpforten, wenn du hineintrittst, sind groß und breit [fol. 104v], so wie Türen, die in eine Kammer führen zu sein pflegen; die Türen jedoch, mit denen man diese wiederum abschließt, sind aus Holz, wie grobes Stückwerk gefertigt. Und wenn du durch diese Haupt- (sic! ) Portale gehst, befindet sich ein Gewölbe davor, in dem können etwa XI oder XII Männer Platz finden. Hier aber gibt es steinerne Türen, etwa zwei Ellenbogen in der Höhe. Und sieben Viertel 422 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="423"?> 466 Mk 16, 1-6. Ellenbogen in der Breite. In diesem oben genannten Gewölbe vor diesen Türen, noch vor jenem Ort, wo sich das Heilige Grab befindet, liegt ein viereckiger Stein, einen halben Ellenbogen dick und lang und etwa zwei Spannen breit. Dies aber ist jener Stein, auf dem der Engel saß, als Maria Magdalena mit der anderen Maria, als sie das Grab Christi suchten, dieses nicht fanden und der Engel, der auf dem Stein saß, sagte: „Er ist nicht hier, den ihr sucht. Er ist auferstanden etc.“. Wie in der Osterbotschaft geschrieben steht, die der heilige Markus verfasst hat 466 . Und wenn du hier [fol. 105r] durch die kleinen oben genannten Türen gebeugt gehst, dann kommst du in das zweite Kapellchen, gleich zur rechten Hand neben diesen Türen steht ein Altar aus weißem Marmor, glatt lasiert. Und unter diesem Altar erst befindet sich das wahre Heilige Grab. Doch niemand von uns Pilgern allen hat dieses wahre Heilige Grab gesehen. In diesem Gewölbe jedoch, in dem sich dieser oben genannte Altar befindet, können kaum sechs Personen sich aufhalten. Über diesem Altar brennen XI Lampen. Die Barfüßerbrüder des Klosters auf dem Berge Sion haben mir berichtet, einige hundert Jahre zuvor, nach dem Aufsteigen von Christus dem Herrn in den Himmel, habe man allen Pilgern, die zum Heiligen Grab eine Wallfahrt unternommen hatten, dieses wahre Heilige Grab gezeigt. Und es gibt Pilger, die Messer und Decken mit sich führen und große Stücke vom Heiligen Grab mitnehmen, wie es ihnen beliebt. Aus diesem Grunde zeigt man einem jedem [fol. 105v] nicht das ursprüngliche [Grab - Th. K.], denn würde man dieses jedermann zeigen, dann hätten sie [die Pilger - Th. K.] es schon längst abgetragen und nichts wäre übriggeblieben. Die Barfüßer aber, die hier die Aufsicht führen, zeigen demjenigen, der hiervon Kenntnis besitzt und der darum bittet, das wahre Grab; dies geschieht jedoch selten und man muss großes Glück haben, damit einem dies passiert, wie mir unser Patron berichtete, der hier vor fünf Jahren gewesen ist und den der Guardian vom Berge Sion, der hier die Aufsicht führt und die Schlüssel hiervon besitzt, mit sich nahm und ihm dies gestattete, da sie einen sehr guten Kontakt pflegten, womit er [der Guardian - Th. K.] seinen besonders guten Willen offenbarte. Er erzählte mir auch, dass es damit folgende Bewandtnis habe: Vor diesem oben genannten Altar ist eine steinerne Öffnung verborgen, wobei ich den Stein auch gesehen habe, und hier, wenn man den Stein wegnimmt, geht es über mehrere Stufen nach unten. Dort gibt es ein eisernes Gitter, das verschlossen ist. Und erst hinter diesem eisernen Gitter befindet sich das wahre Heilige Grab. Hier aber gibt es, wie er mir berichtete, einen weichen Felsen wie Ton, aus dem dieses [fol. 106r] Grab ausgehauen worden ist. Dieses aber ist ungefähr einen halben Ellenbogen tief aus dem Felsen geschlagen und etwa Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 423 <?page no="424"?> 467 A tu sau odpustky v toho Swateho hrobu plnee (dt. Hier an dem Heiligen Grab erwirbt man Vollablässe). 468 wsseczka Swata mijesta gednijem Chramem obdielana (dt. Sämtliche heiligen Orte sind in dieser Kirche vereint). einen halben Ellenbogen in der Breite. Es ist lang wie dieser Altar und darüber befindet sich die Kapelle. Die Länge dieses Altars macht eine Halbdrittelelle und etwas mehr. A tu sau odpustky v toho Swateho hrobu plnee  467 . Und so umherschauend, ruhten sich die einen aus, während die anderen um‐ herschweiften und sich die Kirche im Inneren ansahen, ebenso die Orte dieser Gruppen schlimmer Christen, die sie hierbei beobachteten und belauschten, auf welche Weise und in welcher Form sie ihre Gebete sprechen. Als es aber auf Mitternacht zuging, begannen die Barfüßermönche, die die Pilger hierher geführt hatten, die Heilige Messe zu lesen, einer nach dem anderen - als einer zur Seite trat, folgte ihm unmittelbar ein anderer - und zwar an jenen heiligen Orten, nämlich am Altar des Heiligen Grabes und auf dem Kalvarienberg, an den beiden Altären sowie an dem dritten an jener Stelle, an der Christus der Herr vom Kreuz genommen und balsamiert worden ist, da hatte man einen Tisch [fol. 106v] hingestellt, damit die Priester hier zelebrieren konnten. Insgesamt aber habe ich an keinem anderen Orte das Zelebrieren einer Messe gesehen als an diesen drei zuvor genannten Stellen. [wsseczka Swata mijesta gednijem Chramem obdielana] 468 Die wiederholt erwähnte heilige Helena hat sämtliche heiligen Orte, von denen hier die Rede ist, durch diese eine Kirche vereint und überbauen lassen, so dass sie alle von ebendieser Kirche eingegrenzt sind. Und diese Kirche ist ganz aus Stein gehauen und mit Gewölben versehen. Und wenn man in diese Kirche durch die Portale geht, dann befindet sich zur rechten Hand ein ziemlich hoher Turm, viereckig, ebenfalls prachtvoll aus gehauenen Steinen errichtet und oben ein Gewölbe aus gehauenen Steinen. Die ganze Kirche besitzt Gewölbe. Und es gibt darinnen Marmorsäulen, hoch, mächtig, glasiert, über denen sich Kirchengewölbe erheben. Über dieser kleinen Kapelle, in der sich das Heilige Grab befindet, da ist eine weitere Kapelle, in der brennen oben [folg. 107r] mehrere Lampen. Und genau über der Kapelle oben im Kirchengewölbe befindet sich eine große Öffnung, rundlich, etwa vier Spannen breit, durch die Licht in die Kirche fällt, zumal diese Kirche keine Fenster besitzt. In dieser Kirche gibt es neben den Barfüßern, denen dort der Guardian vom Berge Sion vorsteht, sieben andere Gruppen, die ebenfalls Christen sein wollen, jedoch keine wahren sind, sondern ketzerische Christen, denn sie vertreten zahlreiche Irrlehren, die mit dem allgemeinen christlichen Glauben unvereinbar sind 469 . Sie haben in dieser Kirche einige heilige Orte inne, wie ich weiter unten noch berichten werde, was 424 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="425"?> 469 Neben den Barfüßern waren dies: Griechen, Georgier, Jakobiten, Indier/ Äthiopier, Syrer und Armenier. 470 Chram nam otewrzeli (dt. Man öffnete uns die Kirche). 471 Mt 2, 1-10. 472 Berg Karmel. 473 Himmelfahrt des Elias. Vgl. 2 Kön 2, 11. 474 Abakuk = Habakuk (in der Vulgata Abacuc), Gerichtsprophet im Alten Testament, wirkte etwa 630 v. Chr. Spätere Legendenbildung machte aus ihm einen in Judäa lebenden Propheten, der für den in Babylon in der Löwengrube sitzenden Daniel eine Mahlzeit zubereitete und von einem Engel zu Daniel und wieder zurück befördert wurde. Vgl. auch die folgende Anm. 475 Dan 14, 33-39. nämlich jede einzelne Gruppe glaubt und welche Riten sie pflegen. [Chram nam otewrzeli] 470 Am Donnerstag, dem Tag des heiligen Jakobus, des Apostels [25. Juli], unge‐ fähr zwei Uhr am Tag kam der wiederholt genannte Abrahym uns abzuholen und schloss die Kirche auf. Also haben wir die Kirche verlassen und jeder von uns Pilgern ging in seine Herberge. An diesem Tag zur Vesper ließ uns der Patron [fol. 107v] rufen, damit wir uns versammelten und in das Kloster auf dem Berge Sion gingen und von hier aus nach Bethlehem. Und so versammelten wir uns, gingen dorthin und fanden die Esel bereit, die auf uns warteten und wir begaben uns nach Bethlehem. Bethlehem liegt von Jerusalem aus Richtung Sonnenuntergang fünf welsche Meilen entfernt. Der Weg ist sehr schlecht und steinig und etwa auf der Hälfte des Weges zwischen Jerusalem und Bethlehem zeigten uns die Barfüßer jene Stätte, an der den Heiligen Drei Königen der Stern wieder leuchtete, den sie verloren hatten, als sie gen Jerusalem reisten. Und dieser leuchtete ihnen, wie hierüber in der Schrift geschrieben steht 471 . Hier gibt es die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von hier von der Stadt aus zeigten sie uns einen Berg, der von uns aus zur linken Hand lag 472 . Auf diesem Berg aber lebte und hatte seinen Sitz der Vater des heiligen Elias des Propheten, der durch Gottes Hilfe auf einem feurigen [fol. 108r] Wagen in den Himmel aufstieg 473 . Und an diesem Ort wurde der heilige Elias der Prophet geboren. Hier gibt es die Ablässe, wer auf diesen Ort schaut, von sieben Jahren und sieben Karenen. Von hier aus setzten wir die Reise fort und man zeigte uns jenen Ort, an dem der Engel den Propheten Abakuk 474 vom Berge nahm und ihn nach Babylon zum Propheten Daniel führte, der zwischen Löwen gestürzt war, wie hierüber im Alten Testament geschrieben steht 475 . Diese Stätte lag zur rechten Hand unweit entfernt. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 425 <?page no="426"?> 476 Jakob, Sohn Isaaks und Rebekkas, Enkel Abrahams, einer der Erzväter der Israeliten. 477 Geleitsmann, Begleiter. Weitergehend zeigte man uns zur rechten Hand einen Berg und eine zerstörte Mauer. Hier stand das Haus des Jakobus des Patriarchen 476 . Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Wir gingen diesen Weg weiter, neben dem Weg zur rechten Hand zeigte man uns das Grab Rachels, der Frau des oben genannten Patriarchen Jakob. Und dieses ist rund wie ein Turm und oben [fol. 108v] mit einem Stein bedeckt, gleich einer Halbkugel. Hier erwirbt man die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Und nachfolgend etwa eine Stunde vor dem Abend kamen wir nach Bethlehem. Hier sind wir vor der Kirche von den Eseln abgesessen und in die Kirche gegan‐ gen. Hier aber saßen die heidnischen Glayczmanowe 477 vor den Kirchenportalen und haben uns einer nach dem anderen gezählt. Sie ließen uns durch die kleinen Pforten eintreten, jeder musste dies nacheinander tun, danach haben sie die Türen verschlossen. Diese Kirche und dieses Kloster jedoch hat zu Ehren der Jungfrau Maria die heilige Helena erbauen lassen. Es ist eine imposante Kirche, und ich habe auf der ganzen Reise von Venedig aus beginnend in allen Ländern keine prächtigere Kirche gesehen. Die Barfüßer verwalten diese, und es gibt stets acht von ihnen darinnen. Und dieses Kloster misst LXXVII meiner Schritte in der Länge und XXXVIII Schritte in der Breite. Es gibt keine Gewölbe, nur über dem großen Altar ist sie gewölbt und zu beiden Seiten [fol. 109r] neben dem großen Altar befindet sich auf jeder Seite ein Altar, darüber gibt es ebenfalls ein Gewölbe. Und diese Kirche besitzt 50 Marmorsäulen, prachtvoll und ziemlich hoch, jede etwa XV Ellenbogen in der Höhe und ziemlich massiv, annähernd eine halbe neuntel Spanne. Diese Säulen stehen in Reihen in diesem Kloster, nämlich in vier Reihen, also auf jeder Seite in zwei Reihen. In dieser Kirche ist alles mit weißem Marmor am Boden ausgelegt, gut glasiert, so dass alles wie ein Spiegel wirkt. Es ist alles mit großen Platten ausgelegt, drei Ellenbogen und vier andere Steine in der Länge und ebenso in der Breite. Im Chor aber um den großen Altar sowie bei den beiden anderen Altären an den Seiten ist alles aus dem oben genannten Marmor gefertigt, und die Steine sind prachtvoll miteinander verbunden. Und im Anschluss eine halbe Stunde nach unserer Ankunft im Kloster holten uns die dort lebenden Barfüßer aus ihrem Kreuzgang zu einer Prozession mit Bannern und sie gingen uns voraus, wir hinter ihnen. Hier im Kreuzgang [fol. 109v] gelangten wir zu den Pforten und wir gingen XVI Stufen nach unten. Hier aber befindet sich ein Gewölbe mit einem einzigen Fenster. 426 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="427"?> 478 Heiliger Hieronymus (347-420), Gelehrter, Theologe, Kirchenlehrer. Floh 385 aus Ostia, um zu den biblischen Stätten Palästinas zu pilgern und starb in Bethlehem. 479 Eusebius von Cremona († 423), reiste mit Hieronymus ins Heilige Land, wo er in Bethlehem ein Kloster gegründete. Eine Tradition besagt, er sei hier gestorben und die Krypta dort sei ihm gewidmet, eine andere Tradition besagt, er sei in Italien begraben. 480 A sau tu odpustky plnee (dt. Hier gibt es Vollablässe). Und als wir dorthin hinuntergingen von dieser Treppe da kamen wir zur rechten Hand XVIII Schritte entfernt zu einer in den Felsen geschlagenen Höhle, einem Keller gleich. Hier hinten in dieser Höhle ist in den Felsen eine kleine Öffnung geschlagen worden wie ein kleiner Keller, hierin befindet sich das prächtige Grab des heiligen Hieronymus, aus weißem Marmor gefertigt 478 . Und in diesem Grab wurde der heilige Hieronymus nach seinem Tode aufbewahrt und er hat viele Jahre darinnen gelegen. Auch hatte dieser heilige Hieronymus an diesem Ort zu seinen Lebzeiten eine Wohnung viele Jahre. Und hier an diesem Ort in dieser Höhle hat er das Alte und das Neue Testament ausgelegt, ebenso den Psalter aus der griechischen Sprache in die lateinische übertragen. Gleich in der Nähe von diesem Grab des heiligen Hieronymus, wenige Schritte zur linken Hand, ist wiederum im Felsen eine zweite kleine Höhle herausgeschlagen, und darinnen ist das Grab des heiligen Eusebius, [fol. 110r] der ein Schüler des heiligen Hieronymus war 479 . Doch liegt keiner von beiden mehr in den Gräbern, weder der heilige Hieronymus noch der heilige Eusebius. Sie haben nach ihrem heiligen Sterben viele Jahre hier geruht und sind nach Rom überführt worden. Und hier gibt es die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von hier aus schritten wir in der Prozession in die Kirche und gingen zuerst zu diesem Altar, der sich zur rechten Hand des großen Altars befindet. Hier sangen die Priester das Salve Regina. Am gleichen Ort erzählte uns der Guardian von Bethlehem, dass an dieser Stelle, an der der Altar stehe, Christus der Herr dem Brauch des Alten Testaments zufolge beschnitten worden sei. [A tu sau odpustky plnee] 480 Von hier aus gingen wir wieder auf die andere Seite zu diesem zweiten Altar, der zur linken Hand liegt. Hier hat man uns erzählt, dass sich an dieser Stelle, wo der Altar [fol. 110v] steht, die Heiligen Drei Könige mit den Opfergaben trafen, die sie Christus dem Herrn darbrachten, nachdem sie ihn gefunden hatten. Und hier gibt es die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von diesem Altar aus führt wieder Richtung Kirchenpforten, XII Schritte zur linken Hand, eine rundliche Treppe nach unten über fünf Marmorstufen. Hier aber gibt es Türen, die geschlossen werden, von dort aus wiederum, durch diese Türen, geht man über zehn weitere Stufen abwärts in eine Kapelle, die sich in der Erde unter dem Kirchenchor befindet. Wenn man hier hineingeht, dann Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 427 <?page no="428"?> 481 A tu sau odpustky plne (dt. Hier gibt es Vollablässe). 482 Gsau na kazdem zwlasstnije plnee odpustky (dt. Hier gibt es an jedem [Ort] eigene Vollablässe). steht gleich zur linken Hand ein Altar an der Stätte, an der Christus der Herr geboren wurde, direkt unter diesem Altar. [A tu sau odpustky plne] 481 Von diesem Altar und der Stätte, an der Christus der Herr geboren wurde, geht man vier Schritte zur rechten Hand über fünf weitere Stufen nach unten in eine weitere Höhle, die in den Felsen geschlagen wurde, und in der, über [fol. 111r] diese fünf Stufen gehend, unmittelbar neben der untersten Stufe jener Ort liegt, an dem die Krippe stand, in der Christus der Herr lag, als er zwischen einem Ochsen und einem Esel geboren ward. Alles ist hier an dieser Stätte mit weißem Marmor verkleidet und glattgeschliffen, gleichsam als sei die Truhe [die Krippe - Th. K.] drei Ellenbogen etwa in der Länge und einen halben Ellenbogen in der Breite und noch etwas mehr in der Tiefe gefertigt gewesen. Und wenn man einmal sein Antlitz der Höhle entgegen wendet, dann findet sich zur linken Hand zwei Schritte in Richtung der oben genannten fünf Stufen, die dorthin führen, jener Ort, an dem die Jungfrau Maria mit Christus dem Herrn saß und ihm die Brust reichte. In dieser oberen Kapelle, in der Christus der Herr geboren ward, befindet sich, wenn man dort hineingeht, zur rechten Hand von dieser Stelle, an der er geboren ward, hinten in der Kapelle an der Mauer jener Ort, an dem die Jungfrau Maria mit Christus dem Herrn saß, als diesem die Heiligen Drei Könige die Opfergaben brachten. Und gleich [fol. 111v] zur rechten Hand dieser Stätte gibt es ein Loch im Felsen. Als die Heiligen Drei Könige Herrn Christus ihre Opfergaben bringen wollten, da leuchtete, so wird berichtet, jener Stern, der ihnen den richtigen Weg wies, den sie gehen sollten, auf dieses Haus, in dem Christus der Herr geboren ward. In Anwesenheit der Heiligen Drei Könige ist dieser Stern durch dieses Loch neben der Mutter Gottes hineingefahren, gleichsam als wollte er ihnen sagen: „dies ist jener, den ihr sucht.“ In dieser Kapelle an jenen heiligen Stätten Gsau na kazdem zwlasstnije plnee odpustky  482 . Nachdem wir dies besucht hatten, gingen wir aus der Kirche in den Kreuzgang, und haben das gegessen, was wir besaßen. Und an dem Abend kam der Guardian aus diesem Kloster persönlich, den ich zuerst in Jerusalem kennengelernt hatte, zu mir und berichtete mir, er wolle um Mitternacht kommen, mich wecken und mir etwas Besonderes zeigen; und so tat er dies und weckte mich. Er führte mich über eine vierte [fol. 112r] ziemlich steile Treppe nach unten und zeigte mir das Grab jener unschuldigen Kinder, die Herodes um Christi des Herrn willen hatte ermorden lassen. Nach der Besichtigung gingen wir in die Kirche in jene Kapelle, in der Christus der Herr geboren ward. Hier wurde bereits die Messe gelesen. Wir haben hier mehrere Messen besucht. Und so zelebrierte man die 428 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="429"?> 483 Bethlem chtieli borziti (dt. Sie wollten Bethlehem zerstören). 484 Inmontana Judee = judäisches Bergland. 485 Lk 2, 8-12. 486 Lk 1, 5-12. Messe etwa zur zweiten Tagesstunde, stets ein Priester nach dem anderen. Auch gibt es in dieser Kapelle vier Altäre. [Bethlem chtieli borziti] 483 Am Freitag nach dem heiligen Jakobus dem Apostel [26. Juli] erzählte mir, bevor wir dieses Kloster verließen, ein Barfüßer aus diesem Kloster in Bethlehem und hielt es für verbürgt, dass ein Sultan, ein Vorfahr des jetzigen, drei Mal Arbeiter nach Bethlehem gesandt hatte, damit sie das Kloster zerstörten, da er selbst mit diesen Säulen, die hier stehen, und diesem prächtigen Stein etwas anderes bauen wollte. Als die herbeigekommenen Arbeiter jedoch mit der Zerstörung beginnen wollten, da erlahmten sie und keiner konnte auch nur eine Hand [fol. 112v] bewegen. Und seit dieser Zeit hat kein Sultan mehr versucht, die Kirche zu zerstören. Auch hat mir dieser Barfüßer erzählt, einstmals habe die Arbeiter eine große Schlange vertrieben, die aus der Zisterne kam, die sich zwischen dieser Stätte, an er sich die Heiligen Drei Könige mit ihren Opfergaben versammelten, und der Kapelle, in der Christus der Herr geboren ward, befindet. Und die Heiden pochten an die Kirchenpforte, damit wir uns wieder entfernen sollten. So sind wir hinausgegangen, haben die Esel bestiegen und der Guardian aus Bethlehem mit uns. Wir reisten Inmontana Judee 484 und es nahte der Moment, an dem man uns jenen Ort zeigte, an dem die Engel den Hirten, die da hüteten, die Geburt von Christus dem Herrn verkündeten, wie darüber in der Schrift geschrieben steht 485 . Und weiter ging es nur schlecht, wir stiegen von den Eseln und gingen zu Fuß ungefähr vier oder fünf Stadien. Danach sind wir auf einen Berg gestiegen. Wir gelangten zu einer Kapelle, die die heilige Helena hat erbauen lassen. An dieser Stätte, an der sich die Kapelle befindet, stand ursprünglich das Haus [fol. 113r] des heiligen Zacharias, des Vaters des heiligen Johannes des Täufers Gottes. Und es gibt zwei Kapellen, eine über der anderen, und beide sind zerstört und ohne Dächer. Die obere Kapelle aber ist jener Ort, an dem der heilige Zacharias durch göttlichen Willen verstummte. - Dies geschah, weil er dem Engel nicht glauben wollte, den Gott der Herr zu ihm geschickt hatte, um ihm zu verkünden, die heilige Elisabeth, seine Frau, habe einen Sohn geboren 486 . Auch geschah es an diesem Ort, an dem die heilige Elisabeth einen Sohn gebar, dass der heilige Zacharias sich selbst verordnete Vorbereitung zu treffen, um aufzuschreiben, und er schrieb mit eigener Hand, was er diesem sagen würde, insbesondere die folgenden Worte: „Johannes wird dein Name sein“, wie hierüber in der Schrift geschrieben steht 487 . Und gleich nach diesem Brief, den er geschrieben hatte, konnte der Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 429 <?page no="430"?> 487 Lk 1, 13. 488 Lk 1, 39-40. 489 Magnificat anima mea Dominum. Hiermit beginnt der Lobgesang Marias und eines der drei Cantica im Lukasevangelium. LK 1, 46: „Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn,-und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes.“ 490 Erodes = Herodes. 491 Judäa. 492 A sau tu odpustky plne (dt. Hier gibt es Vollablässe). heilige Zacharias wieder sprechen. Er lobpreiste Gott den Herrn und sprach an dieser Stätte Benedictus dominus deus, tu canticu. [fol. 113v] Und hier gibt es die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von dieser oberhalb gelegenen Kapelle gingen wir die Stufen abwärts zur Mauer der unteren Kapelle, wobei sich, als wir dies taten, zur linken Hand dieser Kapelle jener Ort befindet, an dem die Jungfrau Maria über den Berg zur heiligen Elisabeth ging und diese grüßte, wie in der Schrift geschrieben steht 488 . An dieser Stätte sprach die Jungfrau Maria diesen Psalm „magnificat anima mea dominum etc“ 489 . Und auf der anderen Seite zur rechten Hand genau gegenüber dem oben genannten Ort gibt es eine Öffnung in der Mauer. An dieser Stelle ist die Mauer nicht sehr stark, denn gleich hinter der Mauer befindet sich ein Felsen. Dies ist jene Stelle in der Öffnung, an der der heilige Johannes, der göttliche Täufer, als kleines Kind, sein Zimmer hatte. Und als Erodes 490 zu dieser Zeit, als Christus der Herr geboren ward, seine Jünger in dieses Land Judee 491 sandte, ließ er [Herodes - Th. K.] die unschuldigen Kinderlein ermorden. Als sie aber hierher [fol. 114r] zu diesem Haus des heiligen Zacharias kamen und darin nach Kindern Ausschau hielten, um sie zu ermorden (sic! ) nach dem Befehl des Herodes, da öffnete sich auch dieser Felsen hinter ihnen, hinter dem seine Mutter den heiligen Johannes verborgen hielt, damit ihn die von Herodes Ausgesandten nicht fanden. Und sie schloss sich wieder durch göttliche Fügung, so dass sie ihn nicht entdeckten. Als sie wieder weggingen, da öffnete sich die Mauer erneut, so konnte seine Mutter den heiligen Johannes wieder zu sich nehmen. Und man sieht in diesem Felsen, gleichsam wie in Wachs gedrückt, ein geöffnetes Röslein. A tu sau odpustky plne  492 . Und hier, nachdem wir die Esel bestiegen hatten, ritten wir von hier aus fünf oder sechs Stadien weiter. Wir kamen dann zu einer Kirche, die die heilige Helena im Namen und zur Ehre des heiligen Johannes, des göttlichen Täufers, hatten erbauen lassen, da es ursprünglich das Haus des heiligen Zacharias gewesen ist. Hier aber ist jene Stätte in dieser Kirche, an der der heilige [fol. 114v] Johannes geboren ward, und diesen Ort habe ich mit den anderen Pilgern gesehen. Hierzu muss man nach unten gehen, wie in einer dunkle Bierschenke, und es ist ziemlich finster. Vor Zeiten war dies eine sehr prächtige Kirche. Doch 430 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="431"?> 493 A sau tu odpustky plne (dt. Hier gibt es Vollablässe). 494 A sau tu odpustky plne (dt. Hier gibt es Vollablässe). 495 ssli sme do Chramu (dt. Wir gingen in die Kirche). die Gewölbe sind zu einem Großteil zerstört, mit Ausnahme des Chors, dieser steht. Und die Heiden haben darinnen ihr Quartier und sie halten dort Esel, Kälber und Kühe, und es muss Gott den Herrn schmerzen, was aus diesem göttlichen Haus geworden ist. A tu sau odpustky plne  493 . Von dort aus sind wir weiter zu einem Berg gereist, auf den ein sehr langer und sehr schlechter sowie steiniger Weg führt, der schlimmer nicht sein kann, und wir kamen zur Kirche des heiligen Kreuzes. Diese Kirche aber liegt an der Seite. Und in dieser Kirche hinter diesem Altar befindet sich in der Erde ein viereckiges Loch, etwa einen Dreiviertel Ellenbogen groß. An dieser Stelle wuchs der Baum des heiligen Kreuzes, an dem Christus gekreuzigt wurde. Diese Kirche aber beaufsichtigen die Georgier. A tu sau odpustky plne  494 . [fol. 115r] Zählend von dieser Kirche ist es eine welsche Meile bis Jerusalem. Wir kamen dort zur Mittagszeit an und man ließ uns wieder nicht in die Stadt hinein. Wir mussten etwa ein Stadium von der Stadt entfernt absitzen und zu Fuß gehen. So gelangten wir in eine Schenke, dort gab es lediglich eine Wassersuppe mit Öl und Brot sowie Weintrauben. [ssli sme do Chramu] 495 Hier schickte wiederum der Patron nach uns, damit wir uns vorbereiteten, in die Kirche des Heiligen Grabes zu gehen. Und so bereiteten wir uns vor, etwa eine Stunde vor dem Abend gingen wir dorthin in einer Prozession, wir alle hinter den Priestern und haben alle jene heiligen Stätten hier in dieser Kirche besucht wie beim ersten Mal. Hier aber vor dem Heiligen Grab selbst haben einige schlimme Christen, die man in Latein Cristiani de Cinctura nennt, Schamlatts, Tamine, Paternoster und Perlen sowie Edelsteine verkauft. Und hier war etwa um Mitternacht ein Bruder des Barfüßerordens - [fol. 115v] ein Mensch von achtzig Jahren oder auch älter, denn er selbst erzählte, dass er seit ungefähr fünfzig Jahren in diesem Kloster auf dem Berge Sion lebte, und er war kein Priester, sondern ein Ordensbruder. - Und dieser schlug die Pilger zu Rittern, wer ein Ritter zu sein wünschte. Auch haben wir dort nach der Prozession uns in der Kirche umgeschaut und uns jene heiligen Stätten angesehen, die die anderen Gruppen schlimmer Christen beaufsichtigen. Und nach diesen Dingen sind wir in die Kapelle des Heiligen Grabes in den Chor gegangen, denn in diesem Chor befindet sich ein viereckiger Stein und in diesem in der Mitte ein Loch. Dies ist jene Stätte, wo der Stein liegt, die der Mittelpunkt der Welt sein soll. Und ich habe mich auf diesem Stein ausgeruht und etwa zwei Stunden geschlafen. Dann begannen die Priester gleich zu Mitternacht die Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 431 <?page no="432"?> 496 pusstieni sme do Chramu (dt. Wir wurden in die Kirche gelassen). 497 byli sme w klassterze v msse (dt. Wir waren im Kloster in der Messe). 498 A tu sau odpustky plnee na tom Swatem mijestie (dt. Und hier gibt es Vollablässe an dieser heiligen Stätte). 499 A sau tu odpustky plne (dt. Hier gibt es Vollablässe). 500 A sau tu odpustky plne (dt. Hier gibt es Vollablässe). Messe zu lesen und zelebrierten diese bis etwa zwei Uhr früh am Tag. [pusstieni sme do Chramu] 496 Am Sonnabend nach dem heiligen Jakobus [27. Juli] um zwei Uhr bei Tages‐ beginn hat man uns aus der Kirche gelassen und ein jeder ging in seine Herberge. Und danach am Abend schickte der Patron zu uns allen [fol. 116r] Wallfahrern, damit wir am Morgen in das Kloster auf dem Berge Sion kämen. Nach der Messe sollten wir zu den Barfüßern gehen. [byli sme w klassterze v msse] 497 Am Sonntag nach dem heiligen Jakobus [28. Juli] am Morgen vor Sonnenauf‐ gang gingen wir in das oben genannte Kloster, wo man die Messe zelebrierte. Und nachdem alle Messen gelesen worden waren, da wandte sich am großen Altar ein Barfüßer an uns, um uns mit den heiligen Orten vertraut zu machen, die sich in dieser Kirche befinden: Zuvörderst mit jener Stätte, an der der große Altar steht, da hat Christus der Herr mit den Jüngern am Gründonnerstag das Abendmahl genommen und hier das Neue Testament eingesetzt. A tu sau odpustky plnee na tom Swatem mijestie  498 . Hinter diesem großen Altar, hinter der Wand gegenüber XIIII oder XV Schritte nach unten von diesem Altar, ist jener Ort, wo sie das Lamm brieten, das Christus der Herr mit den Jüngern an seinem letzten Abend aß. Und zur rechten Hand vom großen Altar drei [fol. 116v] Schritte von diesem Altar entfernt, steht ein anderer Altar. An dieser Stelle hat Christus der Herr nach dem Abendmahl den Jüngern die Füße gewaschen. Und unter diesem Altar auf dem Boden zeigten sie uns den Stein, auf dem Christus der Herr kniete, als er dem heiligen Petrus die Füße wusch. A tu sau odpustky plnee  499. Von hier aus gingen wir in der Prozession wieder zurück etwa XVI Schritte vom großen Altar. Und wir gingen auf der Seite durch eine Tür hinaus, die nach oben in den Kreuzgang dieses Klosters führt, gelangten oberhalb des Gewölbes zum Kreuzgang, bis wir wieder zu der Mauer gegenüber dem großen Altar kamen. Hier hinter diesem Altar und hinter dem zweiten Altar, wo Christus der Herr den Jüngern die Füße gewaschen hat, gingen wir über eine Steintreppe mehrere Stufen nach oben. Hier befindet sich eine Kapelle, die aber zerstört ist. Es handelt sich um jene Stätte, an der Christus der Herr nach seinem Aufstieg in den Himmel an dieser Stelle den Aposteln den Heiligen Geist sandte. A tu sau odpustky plnee  500 . 432 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="433"?> 501 Joh 20, 19-26. 502 Joh 20, 27. 503 A sau tu odpustky plne (dt. Hier gibt es Vollablässe). 504 ohledowali Swataa mijesta (dt. Wir besichtigten die heiligen Stätten). 505 Joh 18, 16-17. 506 Joh 18, 18. [fol. 117r] Von hier aus wiederum gingen wir durch die kleinen Türen. Und weiter über die Stufen nach unten bis zum Kreuzgang. Hier im Kreuzgang unten in einer Ecke neben der Kirchenmauer befindet sich eine kleine Kapelle, in dieser ein Altar. Dies ist jene Stätte, an der sich Christus der Herr nach der Auferstehung von den Toten den Aposteln durch die geschlossenen Türen zum zweiten Male innerhalb einer Woche offenbarte, und der heilige Thomas befand sich unter ihnen 501 . Anfänglich wollte er den Aposteln nicht glauben, was sie ihm erzählten, dass sie Christus den Herrn gesehen hätten. Und an dieser Stätte sprach Christus der Herr zum heiligen Thomas, er solle seine teuren Wunden befühlen und nicht länger ungläubig sein, wie hierüber in der Schrift geschrieben steht 502 . A tu sau odpustky plnee  503 . Alle diese oben genannten Stätten, nämlich, wo Christus der Herr das Abend‐ mahl nahm, wo er den Aposteln die Füße wusch, und auch, wo er ihnen den Heiligen Geist sandte, dies alles geschah, wie mir scheint, meinem Verstande nach in einem einzigen Raume, denn alle diese heiligen Orte sind beieinander [fol. 117v] und liegen in der Breite und in der Länge etwa XII Schritte voneinan‐ der entfernt. Nachdem wir alle diese heiligen Stätten besichtigt hatten, gingen wir in den Konvent, in dem die Barfüßer ihren Sitz haben. Hier setzten wir uns alle an einen langen Tisch. Und die Barfüßer bewirteten uns mit Essen und Trinken. [ohledowali Swataa mijesta] 504 Nach diesem Mahl bat ich den Guardian aus Bethlehem, er möge uns einen Bruder aus dem Orden schicken, der uns die heiligen Stätten zeige, die wir anfangs nicht besucht hatten. Und er führte uns zuerst zum Haus des Kaiphas. Dieser Ort befindet sich ungefähr ein halbes Stadium vom Kloster auf dem Berge Sion entfernt und wir gingen in dieses Haus durch kleine Türen. Diese führen in jenes Haus, welches die Stätte ist, an der der heilige Petrus Gott den Herrn verleugnete und die Türhüterin zu ihm sprach: „Ich weiß sicher, dass du einer der Jünger dieses Menschen bist“ 505 . Und von jenen Türen, zu denen wir kamen, X Schritte entfernt ist jener Ort, an dem sie ein Feuer hatten, an dem sich jene aufwärmten, die Christus den Herrn [fol. 118r] gefangengenommen hatten 506 . Hier hat zum zweiten Male der heilige Petrus, der sich an diesem Feuer wärmen wollte, Christus den Herrn verleugnet, wiederum von jenen angesprochen, die um dieses Feuer standen 507 . Und jene Stätte, an der das Feuer Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 433 <?page no="434"?> 507 Joh 18, 25. 508 Joh 18, 26. 509 Joh 20, 1. 510 A sau tu odpustky plne (dt. Hier gibt es Vollablässe). 511 Hannas, Schwiegervater des Kaiphas. Bischof = Hohepriester. Vgl. Joh 18, 12. 512 Joh 18, 12. brannte, ist von einer Mauer umgeben, ungefähr kniehoch. Von dieser Stelle wiederum fünf Schritte zu rechten Hand in der Mauer befindet sich ein Loch so groß, dass wenn man herantritt, man mit der Hand hineingreifen kann. Und es ist viereckig, etwa einen halben Ellenbogen in der Breite und nicht ganz einen halben Ellenbogen in der Tiefe. In diesem Loch saß jener Hahn, der krähte, als der heilige Petrus Christus den Herrn verleugnete 508 . Danach etwas weiter zur rechten Hand gingen wir in ein kleines Kirchlein, in dem ein Altar steht. Auf diesem Altar liegt ein großer Stein, mit dem das Grab von Christus dem Herrn geschlossen ward. Die drei Marien, die Christus den Herrn nach dessen Auferstehung suchten, sprachen über diesen Stein untereinander: „Wer hat uns diesen Stein von der Grabkammer weggerückt? “ 509 Denn er war sehr groß [fol. 118v]. Wie hierüber in der Schrift geschrieben steht. Und dieser Stein ist länger als ich mich strecken kann und ungefähr zwei Ellenbogen in der Breite und in der Mitte fast zwei Ellenbogen dick. An den Rändern überall herum ist viel von ihm abgeschlagen, so dass er kaum noch einen Ellenbogen stark ist. Von diesem Altar, an dem sich dieser Stein befindet, zur rechten Hand, sind in der Mauer zwei kleine Türen, so dass der, der hier hindurchgehen will, sich bücken muss. Und hier ist dieser Kerker, in den Christus der Herr eingeschlossen war, als sie ihn zu Kaiphas führten. In diesem [Kerker - Th. K.] saß er, bis es Tag wurde. Dieser ist eng, so dass ich mich strecken kann, um die Wand zu berühren. Und dies ist eine heilige Stätte. Diese Kirche halten und beaufsichtigen die Armenier. A tu sau odpustky plnee  510 . Von hier aus ungefähr wieder heraustretend, gingen wir etwa ein halbes Stadium der Stadt Jerusalem entgegen. Dabei gelangten wir zu jener Stätte, an der das Haus des Hohepriesters Annass 511 stand. Hier gibt es wiederum ein kleines Kirchlein an jener [fol. 119r] Stätte, an die Christus der Herr geführt und verspottet wurde. Und hier an dieser Stelle gab ihm jener einen Backenstreich, der zu ihm sprach: „Wirst du dem Bischof antworten? “, wie in der Passionsgeschichte geschrieben steht 512 . Vor dieser Kirche selbst steht ein Olivenbaum. So hat uns dieser Barfüßer, der dies als verbürgt berichtete, erzählt, dass dieser Olivenbaum jener sei, an dem man Christus ergriff und ihn in dieses Haus führte. Und er erzählte, dass bis zum Ende der Welt dieser Olivenbaum nicht eingehen werde. Diese heilige Stätte und dieses Kirchlein halten in ihrer 434 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="435"?> 513 Suriani = Syrer. 514 Pontius Pilatus, von 26-36 Präfekt des römischen Kaisers Tiberius in der Provinz Judäa. 515 Joh 19, 1-5. 516 A sau tu odpustky plne (dt. Hier gibt es Vollablässe). 517 Mt 26, 75. Macht und beaufsichtigen die Suriani 513 . Und hier gibt es die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. An diesem Tag, etwa zwei Stunden vor dem Abend, haben sich einige Pilger von uns zusammengetan, und wir gingen gemeinsam, um das Haus des Pilatus aufzusuchen. Als wir dorthin kamen, gingen wir in das Haus hinein, wobei unweit der Türpforte dieses Hauses zur rechten Hand ein viereckiges Zimmer [fol. 119v] liegt, oben zerstört, doch die Seitenmauern stehen noch. Und an dieser Stätte wurde Christus der Herr vor Pilatus 514 beschuldigt und an dieser Stelle auch gegeißelt, mit der Dornenkrone gekrönt, verspottet und sodann zum Tode verurteilt 515 . Und jeder von uns musste ein venezianisches Geldstück, Marketa genannt, zahlen, damit uns der Hausherr in das Haus einließ. A tu sau odpustky plnee  516 . Auch haben wir uns die Kirche angeschaut, und hier jene Stätte, an der die Jungfrau Maria geboren wurde, da hier das Haus ihres Vaters stand. Und vor dieser Kirche ist eine Fläche wie ein Kirchplatz. Wir schauten in diese Kirche durch die Türen, da die Heiden keinen Christen hier hineinlassen, da sie selbst dort ihre Gebete sprechen. Auch gibt es hier keinerlei Altar. Von dort aus ging es in die Herberge, wir baten den Patron, uns Esel zu geben, da man uns am Morgen im Kloster auf dem Berge Sion erwartete. Am Montag nach dem heiligen Jakobus [29. Juli], als es Tag [fol. 120r] war, gingen wir zur Messe auf den Berg Sion. Und hier nach der Messe sind wir auf die Esel gestiegen, und zwei Barfüßer begleiteten uns. Zuerst waren wir in der nahen Umgebung und haben unter anderem jene Stätte besucht, an der, von uns aus zur rechten Hand, die Juden die Jungfrau Maria mit der Totenbahre umstoßen wollten, als die Apostel diese nach deren Tod trugen. Von hier aus ist es nicht weit bis zu jener Stätte auf dem Weg selbst. Hier finden sich mehrere große Steine. Dies ist der Ort, an dem der heilige Petrus, nachdem er Christus den Herrn verleugnet hatte, weinte und dies bereute 517 . Von hier aus kehrten wir auf dem Wege in die Stadt Jerusalem zurück, und ließen jene Orte zur linken Hand, und oberhalb des Weges ist eine große Mauer aus gehauenem Stein, ziemlich hoch, hinter der man eine Kirche sieht. Die ist nicht so groß wie der Tempel des Salomo. Und diese ist durch den Ölberg verdeckt. Hier erzählte man uns, dass die Jungfrau Maria, die Gottesmutter, in ihrer Kindheit von ihren Eltern in diese Kirche [fol. 120v] zur Opferung gebracht wurde. Und dass sie dort XIIII Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 435 <?page no="436"?> 518 Absolon = Abschalom, antikes Grabmonument im Kidron-Tal nahe Jerusalem. 519 Judas Iskariot, im NT einer der zwölf Jünger Jesu, der dessen Festnahme ermöglichte. 520 Mt 27, 5. 521 Mt 21, 19. 522 Mt 26, 6-13; Mk 14, 3-9; Joh 12, 1-8. 523 Mt 26, 6-7. 524 Mt 26, 10. 525 A sau tu odpustky plne (dt. Hier gibt es Vollablässe). Jahre gelebt habe. Weiter gingen wir den Weg nach unten, dort befand sich der Tempel Salomos. Doch kann man diesen von hier aus nicht sehen, da der Ölberg beide Kirchen verdeckt. Und in diese Kirche dürfen weder Juden noch Christen hineingehen; würde dies jemand versuchen, der würde getötet oder er müssen seinem Glauben abschwören. Auch ist diese Kirche, auch wenn man diese den Tempel Salomos nennt, nicht von jenem Salomo errichtet worden, sie befindet sich an jener Stätte, an der Salomo seinen Tempel errichten ließ. Aber sie trägt ihren Namen nach eben jener Kirche Salomos. Und diese Kirche ist die dritte oder vierte nach jener Salomos. Weiter kamen wir in das Tal Josafat, das unten liegt zwischen der Stadt Jerusalem und dem Ölberg. Es ist ein enges Tal, und wir gingen durch dieses Tal, ließen dabei das Grab des Absolon 518 zur [fol. 121r] rechten Hand und liefen diesen sehr schlechten und steinigen Weg zum Gipfel hoch. Und hier etwas zur rechten Hand zeigte man uns eine alte Mauer, dort stand das Haus des Judas Ischariot 519 . Den schlechten (sic) Weg fortsetzend, zeigte man uns jenen aus einer Wurzel erwachsenen Baum, an dem sich Judas erhängte 520 . Und oberhalb dieses Baumes ist ein Felsen; wiederum weiter und höhergehend, zeigte man uns jene Stätte, an der ein Stein liegt, an dem jener Feigenbaum stand, den Christus der Herr dort verfluchte, als er sah, dass dieser keine Früchte trug 521 . Auch habe ich dort an diesem Stein selbst gesehen, an dem der verfluchte Feigenbaum stand, dass dort ein anderer Feigenbaum wächst. Es gibt hier über und über Feigenbäume. Dieser freilich war unter ihnen ganz kahl als ob er verwelkt sei. Und weiter gingen wir auf den Berg. Wir kamen auf diesem Wege nach mehreren Stadien der Mittagszeit entgegen nach Bethanien. Dieses Bethanien befindet sich zwei welsche Meilen von Jerusalem entfernt. [fol. 121v] In diesem Bethanien aber stand das Haus Simons des Aussätzigen 522 . Und seine Mauern sind verfallen. Hier aber an dieser Stätte, als Christus im Haus bei diesem Simon dem Aussätzigen war, da trat die heilige Maria Magdalena zu ihm mit einer teuren Salbe und salbte ihn 523 . Und da wurden ihr alle ihre Sünden von Christus dem Herrn vergeben 524 . A tu sau odpustky plnee  525 . Nachdem wir von den Eseln abgesessen waren, gingen wir zu Fuß den Pfad nach unten unterhalb des oben genannten Hauses in ein Dorf, dass unterhalb liegt, etwa ein Stadium. Und wir gingen zu einem muslimischen Bauernhof mit 436 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="437"?> 526 Hassenstein spricht stets von „Heiden“ (pohané). 527 Lazarus von Bethanien, nach dem Johannesevangelium durch Jesus von den Toten auferweckt. Vgl. Joh 11, 1-45. 528 Das Lazarusgrab war bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts über die Krypta der Klosterkir‐ che St. Lazarus zugänglich. kleinen Türen und gelangten zu einer Kapelle, die sich unterhalb jenes Berges befindet, auf dem das Haus des obengenannten Simon des Aussätzigen lag. Diese Kapelle ist ziemlich breit, wenn man hier hineingeht. Sie besitzt zwei Türen, die verschlossen werden. Im Inneren jedoch ist nichts [fol. 122r] verändert. Von der einen Tür haben die muslimischen Bauern einen Schlüssel und von der anderen die Barfüßer vom Berge Sion. Und die Muslime 526 beten in der Kapelle entsprechend ihrer Gewohnheit. Die Barfüßer wiederum zelebrieren von Zeit zu Zeit an einem Altar die Messe, wie ich weiter unten erzählen werde. Hier, als uns die Barfüßer ihre Tür öffneten und wir in die Kapelle eintraten, befindet sich gleich an der Tür, wenn du hineingehst, zur linken Hand das Grab des heiligen Lazarus 527 aus weißem Marmor, oben überall glattpoliert, wie dies bei einem Grab so üblich ist. Und unter diesem Grab in der Erde liegt das wahre Grab des heiligen Lazarus, in dem der heilige Lazarus vier Tage gelegen hat 528 . Und Christus der Herr hat ihn aus diesem Grabe von den Toten auferstehen lassen, und von diesem Grab sind es 25 Schritte genau der Tür entgegen, durch die wir in die Kapelle gingen, und hier befindet sich eine Treppe über die wir sieben Steinstufen [fol. 122v] nach oben zu den Türen gingen. Wenn du durch diese Tür dort hineingehst, dann befindet sich gleich neben besagter Tür zur linken Hand ein Altar an jener Stätte, an der Christus der Herr stand und Lazarus rief, er möge aus seinem Grabe auferstehen. Als ihn Christus der Herr an diesem Ort von den Toten auferstehen ließ, von dieser Tür zwei Schritte gerade in Richtung der Tür, befindet sich ein viereckiges Loch in der Erde. Und durch diese Öffnung bin ich gekrochen. Als ich dies tat, da befindet sich zur rechten Hand unter der Erde ungefähr vier oder fünf Schritte entfernt, eine kleine dunkle und in den Felsen gehauene Höhle, in der die heilige Maria Magdalena sieben Jahre nach der Auferstehung von Christus dem Herrn in den Himmel ihre Sünden bekannte. Und hier hielt sie sich bei Tag und in der Nacht auf. Und hier gibt es die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Nachdem wir uns dies angeschaut hatten, gingen wir gegen Mittag [fol. 123r] ungefähr fünf oder sechs Stadien. Dann kamen wir zu einer eingestürzten Mauer, die auf dem Berg steht. Hier an dieser Stelle befand sich das Haus der heiligen Maria Magdalena, in dem sie in ihren ersten Jahren lebte, ehe sie ihre Sünden beichtete und die Welt verließ. Und hier gibt es die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 437 <?page no="438"?> 529 Martha von Bethanien. Vgl. Lk 10, 38. 530 Joh 11, 21. 531 Betfage = hebräisch Haus der unreifen Feigen. Kleine Stelle im Osten des Ölbergs, zwischen Bethanien und Jerusalem. 532 Lk 19, 29-30. 533 Lk 24, 50-51. 534 kostelik Swate pelagie (dt. Das Kirchlein der heiligen Pelagia). Von hier aus weiter zur linken Hand gingen wir dem Sonnenaufgang entgegen etwa zwei Stadien oder eineinhalb. Und hier wiederum steht ein zerfallenes Haus mit einer Mauer. Dies war das Haus der heiligen Martha, der Wirtin von Christus dem Herrn, als Christus der Herr sich oftmals mit seinen Jüngern hier aufhielt 529 . Und hier gibt es die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von dort aus weiter Richtung Jerusalem gehend, von diesem Haus der heiligen Martha aus gut ein halbes Stadium entfernt, da sind ein Felsen und ein runder Stein, der sieht aus wie geröstet und misst ungefähr einen halben Klafter in der Breite. Und hier [fol. 123v] ist jene Stätte, an der, als Christus der Herr mit seinen Jüngern hierher kam und sich ausruhte, die heilige Martha ihn hörte, aus ihrem Haus kam und zu ihm sprach: „Herr, wäret ihr hier gewesen, so wäre mein Bruder nicht gestorben,“ nämlich der heilige Lazarus, wie hierüber in der Schrift geschrieben steht 530 . Hier gibt es die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von hier aus gingen wir weiter nach Jerusalem etwa eine halbe welsche Meile. Dann gelangten wir wiederum zu einer zerstörten Mauer. Die nennt man Betffage 531 . Dies ist jener Ort, von dem aus Christus der Herr am Palmsonntag zwei seiner Jünger nach einem jungen Esel nach Jerusalem sandte, auf dem er dann selbst dorthin geritten ist, wie hierüber in der Schrift geschrieben steht 532 . Und hier gibt es die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von Bethffage kamen wir zum Ölberg in jene Kirche, wo jene Stätte ist, von der aus Christus der Herr in den Himmel auffuhr, wie [fol. 124r] hierüber geschrieben steht 533 . Und hier mussten wir erneut den Heiden eine Marketa [Münze - Th. K.] geben, damit sie uns dorthin ließen. [kostelik Swate pelagie] 534 Neben dieser Kirche selbst, von hier aus gen Sonnenuntergang gehend, befindet sich das Kirchlein der heiligen Pelagia, wie zuvor darüber berichtet, wenngleich beim ersten Male niemand von uns Pilgern dort gewesen ist. Doch beim zweiten Male hat man uns, wenngleich man uns Geld abnahm, dorthin gelassen. Und dieses Kirchlein ist nicht sehr groß. Man muss über XI Stufen hinab dorthin gehen. Danach geht man geradeaus von dieser Treppe, dort befinden sich zwei kleine Türen. Durch diese geht man dann in die dunkle, aus dem Felsen geschlagene Höhle. Und gleich dort, zur rechten Hand, befindet sich 438 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="439"?> 535 Der heilige Gürtel wird an verschiedenen Orten als Reliquie Mariens verehrt. Der Offenbarung zufolge hatte Maria diesen während ihrer Schwangerschaft aus Kamelhaar gefertigt und übergab diesen nach ihrer Aufnahme in den Himmel dem Apostel Thomas. 536 Mt 26, 36-37. 537 Swata mijesta ohledawali (dt. Wir haben die heiligen Stätten gesehen). 538 Abdon und Sennen (um 250): unter Kaiser Decius (reg. 249-251) zwei persische Märtyrer. das Grab der heiligen Pelagia. Doch diese liegt nicht darin; sie ist aber irgendwo andershin verlegt worden - wohin, dies vermochte ich nicht zu erfragen. Und weiter Richtung dieser Türen, wo das Grab ist, führen wiederum andere [fol. 124v] Türen zu einer anderen Höhle, die aus dem Felsen geschlagen wurde. Hier befindet sich jene Stelle, an der die heilige Pelagia ihren Wohnsitz hatte, bei Tag und bei Nacht und XII Jahre lang ihre Sünden beichtete. Und die Heiden haben dieses Kirchlein unter ihrer Kontrolle und verwalten es. Hier gibt es die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Von hier aus gingen wir auf einem steinigen Weg der Stadt Jerusalem entgegen nach unten und besuchten jene heiligen Stätten, an denen wir beim ersten Male gewesen sind, worüber ich zuvor bereits berichtet habe, und dies sind folgende Orte: dort, wo Christus der Herr über Jerusalem weinte, wo die Jungfrau Maria, die Gottesmutter, in den Himmel aufstieg und dem heiligen Thomas ihren Gürtel hinterließ 535 , wo der heilige Johannes, der heilige Petrus, der heilige Jakobus schliefen, als man Christus den Herrn gefangen nahm, sowie weitere heilige Stätten, wie zuvor berichtet wurde. Und danach gingen wir aufwärts durch das Tal Jozaffat, dem [fol. 125r] Sonnenuntergang unterhalb der Stadt entgegen. Hier unten zwischen Jerusalem und dem Ölberg sind die Mauern niedergerissen. Dort lag der Garten Gethsemane, in dem Christus der Herr seine Jünger zurückließ, als er zu Gott, seinem Vater, betete, wobei er den heiligen Johannes, den heiligen Petrus und den heiligen Jakobus mitnahm, wie hierüber in der Schrift geschrieben steht 536 . Und dieses Gethsemane lag uns zur rechten Hand, als wir dort entlanggingen. Kaum ein halbes Stadium aber von dieser Stätte, an der Christus der Herr zu seinem göttlichen Vater betete, gingen wir und gelangten zum Kloster auf dem Berge Sion. Und hier saßen wir von den Eseln ab und gingen in unsere Herberge. [Swata mijesta ohledawali] 537 Am Dienstag, dem Tag des heiligen Abdon [30. Juli], waren wir in der Messe auf dem Berge Sion 538 . Nach der Messe haben wir jene heiligen Stätten besucht, die hier in der unmittelbaren Umgebung liegen. Im Anschluss begaben wir uns in unsere Herberge auf dem Weg, etwa zwei Stadien [fol. 125v] vom Kloster entfernt oder ein wenig mehr, zur rechten Hand; und wir gingen durch kleine Türen in die Kirche des heiligen Apostels Jakobus. Und wenn du in jene Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 439 <?page no="440"?> 539 Apg 12, 1-2. 540 Georgier. 541 Hon (tschech.) = Stadium (Entfernungsmaß). 1 Stadium = 125 Schritte. 542 Czo drzij kral zoldan (dt. Was der König-Sultan besitzt). 543 Mamluken-Sultanat (1250-1517), seit 1390 herrschte die Burdschi-Dynastie. Zur Zeit des Besuches des Johannes von Lobkowitz auf Hassenstein war die konkret Al-Malik al-Aschraf Saif ad-Din Abu l-Nasr Kait-Bay, 1468-1496 Sultan von Ägypten und Syrien. 544 Saaz (tschech. Žatec), 1265 von König Přemysl Ottokar II. zur Königsstadt in Nordböh‐ men erhoben. Kirche eintrittst, dann befindet sich zur linken Hand in der Mauer eine kleine Kapelle. Darin wiederum ein Altar. An diesem Ort aber, wo der Altar steht, da ist der heilige Jakobus hingerichtet worden 539 , und diese Kirche verwalten die Georgianer 540 . Und hier gibt es die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. Nachdem wir aus diesem Kirchlein herausgetreten waren, sind wir ungefähr zwei Stadien gelaufen 541 . Und hier direkt auf dem Wege liegt ein großer, behaue‐ ner Stein. Dies ist jene Stätte, an der Christus der Herr in der Ostersonntagnacht nach seiner Auferstehung sich den drei Marien zeigte. Und hier gibt es die Ablässe von sieben Jahren und sieben Karenen. An diesem Tag zur Vesperzeit schickte der Patron nach uns, damit wir in die Kirche des Heiligen Grabes gingen. Wir kamen hier ungefähr eine Stunde vor dem Abend an. Man ließ uns in die Kirche. Wir schritten hier wiederum [fol. 126r] in einer Prozession und suchten dabei die heiligen Stätten in der Kirche auf. Und die Messe zelebrierten die Priester, wie hierüber bereits berichtet wurde. [Czo drzij kral zoldan] 542 Und diese Stadt Jerusalem sowie die umliegenden Gebiete gehören sämtlich dem König Sultan, dem ägyptischen König 543 . Sie war einst eine große Stadt, jetzt jedoch ist hier vieles zerstört und verlassen. Dessen ungeachtet ist sie [ Jerusalem - Th. K.] meiner Meinung nach noch immer eine große Stadt, ebenso groß wie zweimal Saaz im Umfang ohne die Vorstädte 544 . Und sie liegt abseits und in einem großen und steinigen Gebirge und besitzt nicht den Charakter einer Festung und ließe sich durch die Christen leicht erobern, wenn sie wollten. Dennoch wäre sie künftig schwer gegen den König Sultan zu halten, höchstens mit großem Aufwand und vielen Anstrengungen. Meine Vorstellung reicht hier jedoch nicht aus, wenn die Christen sie eroberten, ob sie sie zu halten vermöchten, sie liegt erhöht und einige Meilen vom Meer entfernt. Sie ist schwer zu versorgen und für die Christen zu retten, denn der König [fol. 126v] Sultan, ihr Herr, ist ein mächtiger Mann und hat eine Vielzahl von Menschen unter sich, wie ich noch darlegen werde. Um diese Stadt in jenem Gebirge gibt es eine Vielzahl von Olivenbäumen, auf denen Öl wächst. Außerdem finden sich um diese Stadt viele 440 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="441"?> 545 Yakeho massa vziwagij (dt. Welches Fleisch man hier ißt). 546 Rame = Ramla. 547 Georgier. 548 Syrer. 549 Inder. 550 Benannt nach dem Eremiten (dem heiligen) Maron, der im 5. Jahrhundert in der Bergregion um Aleppo lebte. Die Maroniten halten an der katholischen Kirchenlehre (Dogma) mit dem Papst als oberstem Kirchenoberhaupt fest, haben jedoch ein eigenes Kirchenrecht und pflegen die eigene aramäisch-antiochenische Liturgie. 551 Naprzed wijera Rzimskaa (dt. Zuvörderst der römische Glauben). Weingärten, und der Wein ist hervorragend süß in den Trauben, die habe ich hier gegessen. [Yakeho massa vziwagij] 545 In dieser Stadt haben sie ausreichend Ochsen- und Hammelfleisch; Kamele schlagen sie und essen sie danach, und Hühner und Hennen gibt es genug. Nichts ist preiswert, besonders Brot nicht, denn sämtliches Getreide für Brot muss aus den benachbarten fruchtbaren Gebieten von Rama 546 und anderswoher auf Kamelen, Eseln in diese Stadt Jerusalem über mehrere Meilen herangeschafft werden, da sie keine Wagen haben und diese angesichts der schlechten Wege auch nicht benutzen könnten. [fol. 127r] Auch ist es sinnvoll zu wissen, dass in dieser Kirche des Heiligen Grabes achterlei Christen zu finden sind, die man Christen zu nennen pflegt, doch sind sie keine wahren Christen, mit Ausnahme der Barfüßer. Die anderen nämlich halten allesamt, auch wenn sie Christen heißen und diesen Namen haben wollen, in jeder Gruppe im Gegensatz zum allgemeinen christlichen Glauben an irrgläubigen Ansichten fest, wie ich weiter unten ausführe. Und diese achterlei Christen sind diese: Zuvörderst haben die ersten unseren ge‐ meinsamen Glauben, dies sind die Barfüßer, die zweiten die Griechen, die dritten die Georgianer 547 , die vierten die Jakobiten, die fünften die Surinawer 548 , die sechsten die Indianer 549 , die siebten die Armenier und als achte die Maronyten 550 . [Naprzed wijera Rzimskaa] 551 Den gleichen Glauben haben in dieser Kirche die Barfüßer. [fol. 127v] Und hier sind bei Tag und bei Nacht zwei von ihnen. Sie haben ihr Quartier, wo sie essen und schlafen, gleich neben der Kapelle der Gottesmutter, die sich in dieser Kirche befindet. Dabei besteht sie betreffend folgende Gewohnheit, dass der Guardian des Klosters auf dem Berge Sion sie mit Essen und Trinken versorgt und ihnen aus seinem Kloster Brüder dorthin schickt. Auch ist geregelt, dass diejenigen, die er entsendet, an welchen Tagen sie in der Kirche zu sein haben, und wenn es an der Zeit ist, dass diese Brüder wieder aus der Kirche gehen sollen, dann schickt der Guardian zwei andere Brüder zum Beamten des Königs Sultan dorthin, und dieser [Beamte - Th.K.] hat von der oben genannten Kirche Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 441 <?page no="442"?> 552 Sinai. 553 A tijz Bosaczy drzije tato Swata miesta w Chramie (dt. Und diese Barfüßer beaufsich‐ tigen diese heiligen Stätten in der Kirche). die Schlüssel. Er muss sie hineinlassen und auch wieder herauslassen. Dann schließt er die Kirche rasch wieder zu. Und wie mir vom Guardian und anderen Barfüßern aus dem Kloster auf dem Berge Sion berichtet wurde, ist der König Sultan sehr freundlich zu den Barfüßern. Er lässt keinerlei Unrecht gegen diese zu. Er hat sie einem Herrn, [fol. 128r] anempfohlen, der nach dem König hier als bedeutendster Verweser residiert. Und sollte ihnen hier irgendein Unrecht geschehen, dann können sie zu diesem Herrn gehen, und dieser ist ihnen, wie man mir berichtete, sehr zugetan und gestattet keinerlei Unrecht gegen sie. Auch hat man mir erzählt, dass es sich irgendwann vor gar nicht allzu langer Zeit zutrug, dass der Herr von Jerusalem, der ein Hauptmann des Königs Sultan gewesen ist, in das Kloster kam, ihnen das Essen wegnahm, das sie für sich selbst zubereitet hatten. Und als dieser Herr, dem sie anempfohlen waren, nach Jerusalem kam, und sie wegen dieser Sache klagten, hat er ihn auspeitschen lassen und ihn umgehend von der Hauptmannschaft abberufen. Auch hat man mir berichtet, dass der König Sultan keinerlei andere Regeln der Mönchsorden in seinem Lande zulässt als jene der Barfüßer, und diese haben mehrere Klöster in diesem Lande, nämlich in Jerusalem, in Bethlehem und unterhalb des Berges Synay 552 , wo Gott der Herr Moses die Zehn göttlichen Gebote [fol. 128v] gab. Auch entrichten die Barfüßer keinerlei Steuern an diesen König, weder von ihren eigenen Klöstern noch von den heiligen Stätten, die sie in der Kirche des Heiligen Grabes beaufsichtigen. Die anderen Gruppen aller übrigen dieser sieben [Kirchen, Ordensgemeinschaften - Th. K.] müssen Steuern zahlen, wenn sie mit den königlichen Beamten Vereinbarungen treffen. [A tijz Bosaczy drzije tato Swata miesta w Chramie] 553 Zuvörderst verwalten sie die Kapelle, in der sich das Heilige Grab befindet. Hier verschließen sie auch dieses Heilige Grab. Zudem untersteht ihnen die Kapelle der Gottesmutter, und sie beaufsichtigen darüber hinaus einen Altar auf dem Kalvarienberg in einer Ecke neben der Stelle, an der der böse Schächer gekreuzigt wurde. An diesem Altar beim Heiligen Grab und an den Altären in der oben genannten Kapelle der Gottesmutter darf keine der anderen bereits genannten Gruppen ohne Willen und Genehmigung der Barfüßer eine Messe lesen. Auch [fol. 129r] verwalten diese Barfüßer in der Kapelle, in der das Heilige Kreuz gefunden wurde, einen Altar zur linken Hand an dieser Stätte, wo das Heilige Kreuz gefunden worden ist. [A pale na tiechto mijestech dolepsanych tolik lamp] 554 442 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="443"?> 554 A pale na tiechto mijestech dolepsanych tolik lamp (dt. Und es brennen an diesen unten beschriebenen Orten zahlreiche Lampen). 555 Rzeczka wijera (dt. Der griechische Glauben). Zuvörderst in der Kapelle des Heiligen Grabes gibt es drei Lampen, in der Muttergotteskapelle drei Lampen, auf dem Kalvarienberg vor dieser Öffnung im Felsen, in der das Kreuz stand, drei Lampen. Und in der Kapelle, in der das Heilige Kreuz gefunden wurde, eine weitere. An der Stätte, an der Christus vom Kreuz genommen und gesalbt wurde, gibt es ebenfalls eine Lampe. [Rzeczka wijera] 555 Diese Griechen haben einen Glauben, der in vielen Dingen mit dem allgemei‐ nen christlichen Glauben nicht übereinstimmt, wie mir hier auch die Barfüßer berichtet haben. Zuerst halten sie daran fest, dass der Heilige Geist ausschließ‐ lich von Gottvater ausgeht [fol. 129v] und nicht vom Sohn, zum anderen glauben sie, dass kein Priester den göttlichen Leib in der Oblate weihen kann, sondern lediglich in gesäuertem Brot, und sie sagen, dass Christus der Herr dies auch getan habe und in gesäuertem Brot seinen heiligen Leib beim letzten Abendmahl seinen Jüngern spendete. Auch meinen sie und glauben nicht, dass wer vor dem Jüngsten Gericht stirbt, dass dessen Seele in den Himmel oder die Hölle aufsteige, sondern dass sie sich an einem Ort befinde, der weder Frohsinn noch Jammer kenne, weder Gut noch Böse, dass sie keinerlei Pein erleide; sondern erst nach dem Jüngsten Gericht; wer Gutes getan habe, der komme in den Himmel, und wer Böses getan habe, in die Hölle. Wenn das Jüngste Gericht anstehe, dann sei eine schlimme oder eine gute Tat alles eins, so dass dessen Seele weder in die Hölle noch in den Himmel gelange. Auch essen sie am Samstag Fleisch nach ihrem Brauch. Darüber hinaus, wem eine Frau nicht gefalle, der könne sich eine andere suchen. Ihre Priester haben [fol. 130r] Frauen, und wem die Frau sterbe, der könne keine andere nehmen. Die Messe zelebrieren ihre Priester in Ornaten wie unsere Geistlichen. Den göttlichen Leib weihen sie in gesäuertem Brot und zu ihren Messen spenden sie nicht wie unsere Priester. Auch haben ihre Priester keine Tonsur wie unsere Priester, sondern lange Bärte. Ihre Kinder taufen sie wie wir im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Auch haben sie auf ihren Altären überall im Allgemeinen die Gottesmutter mit dem Kind. Und auch andere gemalte Heilige haben sie. Dem Heiligen Vater, dem Papst, wollen sie nicht Untertan sein und Gehorsam schulden, sondern meinen, dass er und wir alle, die wir ihm Gehorsam leisten, deshalb im Bann stehen, da wir uns nicht wie sie verhalten. Und dass sie den wahren Glauben besitzen, wie ihn Christus der Herr festlegte, in gesäuertem Brot seinen heiligen Leib weihend. Da sich auch der Papst im Bann befindet, sind sie ihm keinen Gehorsam [fol. 130v] schuldig. Auch gibt es unter ihnen Patriarchen, Erzbischöfe und Bischöfe. Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 443 <?page no="444"?> 556 Tyto swata mijesta drzije w Chramie (dt. Diese heiligen Stätten verwalten się in der Kirche). 557 A palee na tiechto mijestech dolepsanych tolik lamp (dt. Und es brennen an diesen unten beschriebenen Orten so viele Lampen). 558 Georgianska wijera (dt. Der georgische Glauben). 559 Nestorianer. 560 A tijez Georgiani drzije tato Swataa mijesta (dt. Und diese Georgier verwalten diese heiligen Stätten). Diese können ebenfalls Frauen haben, so wie dies bei ihren Priestern Brauch ist. Zudem gestatten sie nicht gern, wenn sie nicht müssen, unseren Priestern die Messe in ihren Kirchen oder an ihren Altären zu zelebrieren, da sie meinen, wir seien im Bann und mit uns unsere Priester. [Tyto swata mijesta drzije w Chramie] 556 Zuerst verwalten sie den Chor in der Kirche und den großen Altar. Auch kümmern sie sich um die hiesige Kapelle, in der der Altar steht und in der Christus der Herr saß, als sie sich versammelten. Und sie schlugen die Öffnung aus dem Felsen, wo das Kreuz stehen sollte. [A palee na tiechto mijestech dolepsanych tolik lamp] 557 Zuvörderst im Chor vor dem großen Altar [fol. 131r] gibt es eine [Lampe - Th. K.] Und auf dem Kalvarienberg zwei, in der Kapelle des Heiligen Grabes drei, im unten beschriebenen Kerker eine, in der Kapelle der heiligen Helena, wo sie das Kreuz fand, eine; an der Stelle, wo die Juden würfelten und um das Gewand von Christus dem Herrn spielten, eine weitere. [Georgianska wijera] 558 Diese haben einen Glauben und sie gleichen sich zu einem größeren Teil im Glauben mit den Griechen und zelebrieren die Messe in den griechischen Kirchen und halten sie an deren Altären ab. Und auch die griechischen Priester zelebrieren die Messe in deren Kirchen und an deren Altären. Darüber hinaus gab es hier eine Gruppe und diese hatte ebenfalls einige Stätten in dieser Kirche, und man nennt sie Nestoriani 559 . Doch kommen sie hier nur selten vor. Und diese stimmen mit den oben Genannten im Glauben überein, denn sie haben hier ihre Orte [fol. 131v]; von Zeit zu Zeit kommen sie hierher und müssen dafür, damit man sie in diese Kirche lässt, den Heiden wie den Christen auch Geld geben. Und wenn sie in die Kirche kommen, dann zelebrieren ihre Priester die Messe an den griechischen Altären und jenen der Georgier. [A tijez Georgiani drzije tato Swataa mijesta] 560 Zuvörderst verwalten sie den Kalvarienberg, zum anderen halten sie jene Stätte an der das Heilige Kreuz gefunden wurde, drittens die Kapelle, die unter dem Kalvarienberg liegt. Und in dieser Kapelle sind die Gräber, in denen einige christliche Könige und Fürsten ruhen, die hier in Jerusalem verstorben sind, 444 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="445"?> 561 A palee na tiechto mijestech dolepsanych tolik lamp (dt. Und es brennen an diesen unten beschriebenen Orten so viele Lampen). 562 Jakobitska wijera (dt. Der jakobitische Glauben). 563 A drzije tato Swataa mijesta (dt. Und się verwalten diese heiligen Stätten). 564 A pale tyto lampy (dt. Und es brennen diese Lampen). 565 Surianska wijera (dt. Der syrische Glauben). 566 A drzije tato Swataa mijesta (dt. Und się verwalten diese heiligen Stätten). während sie das Heilige Grab und das Heilige Land in ihrem Besitz hielten. [A palee na tiechto mijestiech dolepsanych tolik lamp] 561 [fol. 132r] Zuvörderst auf dem Kalvarienberg haben sie drei Lampen vor dieser Öffnung, in der das Kreuz von Christus dem Herrn stand; in der Kapelle des Heiligen Grabes drei Lampen; in der Kapelle, in der das Heilige Kreuz gefunden wurde, drei Lampen. Und in der Kapelle, die sich unter dem Kalvarienberg befindet, auch drei Lampen. Und an der Stelle, an der Christus der Herr vom Kreuz genommen und balsamiert worden ist, eine Lampe. [Jakobitska wijera] 562 Diese haben einen nichtigen Glauben, wobei sie teilweise wie Christen und teilweise wie Juden leben, dergestalt, dass sie auch wie Christen im Wasser im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen. Und nach der Taufe beschneiden sie wie die Juden und feiern Sonntag und Sonnabend. Auch essen sie keinerlei Schweinefleisch wie die Juden. Und sie haben auf ihren Altären Bilder [fol. 132v] der Gottesmutter mit dem Kindlein. Auch finden sich unter ihnen Bischöfe, die ihnen ihre Priester weihen. Die Messe zelebrieren ihre Priester in Ornaten. Und sie weihen dabei den göttlichen Leib in ungesäuertem Brot sowie wie auch die Griechen und Georgier. (sic! ) [A drzije tato Swataa mijesta] 563 Zuerst verwalten sie jene Stätte, an der Christus der Herr vom Kreuz genom‐ men und balsamiert wurde. Auch haben sie die Kapelle, die dem Kapellchen, in dem sich das Heilige Grab befindet, angegliedert ist. Und in dieser Kapelle singen sie ihrem Ritus folgend und dienen Gott dem Herrn und sie pflegen ihre Bräuche. [A pale tyto lampy] 564 In der Heiligen Kapelle brennen drei Lampen, auf dem Kalvarienberg eine. Und an jener [fol. 133r] Stätte, an der Christus der Herr vom Kreuz genommen und balsamiert wurde, eine weitere. [Surianska wijera] 565 Diese ähneln sich in ihrem Glauben den Jakobiten in allen Stücken und haben unter sich Bischöfe, die ihnen ihre Priester weihen. [A drzie tato Swara mijesta] 566 Zuvörderst beaufsichtigen sie die Kapelle der heiligen Helena und sie haben ihren Sitz in dieser Kirche zur linken Hand, wenn man in das Gotteshaus eintritt, zwischen den Marmorsäulen gegenüber der Jakobitenkapelle, in der sie sich für Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 445 <?page no="446"?> 567 A pale tyto lampy (dt. Und es brennen diese Lampen). 568 Yndyanska wijera (dt. Die Glauben der Inder). 569 A drzije tato Swataa mijesta (dt. Und się verwalten diese heiligen Stätten). 570 A pale tyto lampy (dt. Und es brennen diese Lampen). 571 Armenska Wijera (dt. Der armenische Glauben). 572 A nedrzije zadneho Swateho mijesta (dt. Und sie verwalten keinerlei heilige Stätten). gewöhnlich aufhalten und die Messe nach ihrem Brauch zelebrieren und hier ihre anderen Gebeten sprechen. [fol. 133v] [A pale tyto lampy] 567 Zuvörderst in der Kapelle des Heiligen Grabes haben sie drei Lampen, auf dem Kalvarienberg eine. Und an der Stätte, wo Christus der Herr vom Kreuz genommen und gesalbt wurde, eine weitere. [Yndyanska wijera] 568 Die Genannten vergleichen sich zum größeren Teil mit den Jakobiten und mit den Syrern; außer dass sie nach der Taufe mit einem heißen Eisen sich auf das Antlitz brennen lassen, auf die Wange. Auch haben diese in ihren Reihen weder Priester noch Bischöfe, sondern die jakobitischen und syrischen Bischöfe weihen ihnen ihre Priester. [A drzije tato Swata mijesta] 569 Zuvörderst verwalten sie die Kapelle, in der sich unter dem Altar jener Stein befindet, auf dem Christus der Herr [fol. 134r] saß und mit der Dornenkrone gekrönt wurde. Auch haben sie eine besondere Kapelle, wenn man in die Kirche geht zur linken Hand, fast genau gegenüber jener Stätte, an der Christus der Herr vom Kreuz genommen und gesalbt wurde. [A pale tyto lampy] 570 Zunächst in der Kapelle des Heiligen Grabes haben sie zwei Lampen, auf dem Kalvarienberg eine und an der Stätte, an der Christus der Herr vom Kreuz genommen und gesalbt wurde, eine weitere. [Armenska Wijera] 571 Diese halten sich in einigen Stücken an unseren christlichen Glauben, nämlich in der Taufe, indem sie taufen wie wir und indem [fol. 134v] deren Priester in den heiligen Messen den Leib Christi in einer Oblate wie unsere spenden. Und sie glauben und bekennen, dass die römische Kirche und deren Glauben die heilige Kirche verkörpere. Und sie knien auch bei den Messen unserer Priester nieder, wenn diese den göttlichen Leib emporheben, und sie verhalten sich sehr ehrenvoll und fromm bei den Messen unserer Priester. Dennoch haben sie einige irrgläubige Ansichten in ihrem Glauben, wie mir der Barfüßer alle diese Dinge berichtete, jedoch nicht zu Ende zu erzählen vermochte, welches nun die häretischen Ansichten seien, die sie vertreten. Und sie haben in ihren Reihen Bischöfe und Priester. [A nedrzije zadneho Swateho mijesta] 572 Sie haben eine Kapelle, wenn man in die Kirche geht, zur linken Hand von der Pforte, XVIII [fol. 135r] Stufen aufwärts, dann gelangt man in diese, und hier halten sie sich auf. Hier zelebrieren sie nach ihrem Ritus ihre Messe und andere heilige Handlungen für Gott den Herrn, Die oben genannten Armenier 446 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="447"?> 573 A pale tyto lampy (dt. Und es brennen diese Lampen). 574 Maronytska wijera (dt. Der Glaube der Maroniten). Maroniten = eine der größten und ältesten Religionsgemeinschaften im Libanon. Vgl. auch Anm. 550. 575 A nedrzie zadneho Swateho mijesta (dt. Und sie verwalten keinerlei heilige Stätten). 576 A pale tyto lampy (dt. Und es brennen diese Lampen). haben vor Zeiten, als man, wie mir berichtet wurde, das Jahr seit der Geburt des Gottessohnes Eintausend Vierhundert Fünfundsiebzig schrieb, da hat ihnen der König Sultan diese heilige Stätte entzogen, den Kalvarienberg, durch die Bitte und Geschenke des armenischen Königs. Und diese heilige Stätte übertrug er den Georgiern, die zuvor die Armenier seit vielen Jahren verwaltet hatten. Seit dieser Zeit haben sie in der Kirche keine einzige heilige Stätte. [A pale tyto lampy] 573 Zuvörderst in der Kapelle des Heiligen Grabes brennen zwei Lampen, auf dem Kalvarienberg [fol. 135v] eine. Ebenso an der Stätte, an der Christus der Herr vom Kreuz genommen und gesalbt wurde, eine. [Maronytska wijera] 574 Diese kommen auch unserem Glauben nahe wie die Armenier in ihren Stücken. Jedoch vertreten sie zugleich einige sektiererische Ansichten in ihrem Glauben, die ich jedoch hier nicht bis zum Ende erfragen konnte. Sie sind insgesamt sehr ehrenhaft und fromm und bei den Messen unserer Priester knien sie nieder, wenn der göttliche Leib gesegnet wird. In ihren Reihen haben sie keinerlei Bischöfe noch Priester, denn sie sind alle Laien. [A nedrzie zadneho Swateho mijesta] 575 Sie haben nur die Kapelle zur rechten [fol. 136r] Hand der Gottesmutter, die die Barfüßer verwalten, und sie zelebrieren hier ihre Riten und sprechen ihre Gebete darin. [A palee tyto lampy] 576 Zuvörderst in der Kapelle des Heiligen Grabes brennen zwei Lampen und auf dem Kalvarienberg eine, wo das Kreuz von Christus dem Herrn stand, vor dieser Öffnung eine. Und an der Stätte, an der Christus der Herr vom Kreuz genommen und gesalbt wurde, eine weitere. Zudem haben mir die Barfüßer aus dem Kloster auf dem Berge Sion berichtet, dass von allen diesen irrgläubigen Gruppen keine so unfreundlich zu uns ist wie die Griechen und Georgier. Und dass sie es nicht gernhaben, dass unsere Priester an ihren Altären und in ihren Kirchen die Messe zelebrieren. Doch durch den Befehl des Königs Sultan müssen sie dies [fol. 136v] zulassen, was sie freilich aus gutem Willen jedoch nicht tun würden. Auch zelebrieren die Griechen und Georgier die Messe an keiner dieser heiligen Stätten in der Kirche, die die Barfüßer verwalten und in ihrer Macht haben, da sie meinen, dass unsere ganze Partei sich deshalb im Bann befände, weil wir daran festhalten, dass der Heilige Geist „gut“ vom Sohn Gottes und von Gottvater ausgeht (sic! ), und dass im konczylium N. 577 hierüber beschlossen Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 447 <?page no="448"?> 577 Konzil von Nikäa, 325. Es geht um das filioque. 578 Konzil von Ferrara/ Florenz 1438/ 39. 579 Roty (dt. Gruppen). 580 Z Chramu wypusstieni (dt. Sie ließen uns aus der Kirche). 581 Möglicherweise ist die als Opferplatz Abrahams gedeutete Steinplatte gemeint, über die u. a. der Nürnberger Hans Tucher 1479 berichtet: Jtem aussen am tempel, hyntter dem berg Caluarie, ligt ein preitter stein als ein grabstein, darauff Abraham seinen sun Ysaack geopffert wolt haben; Randall H E R Z , Die „Reise ins Gelobte Land“ Hans Tuchers des Älteren (1479-1480). Untersuchungen zur Überlieferung und kritische Edition eines spätmittelalterlichen Reiseberichts (Wissensliteratur im Mittelalter 38), Wiesbaden 2002, S.-411. wurde, dass der Heilige Geist nur von Gottvater ausgehe und dass es hierbei auch geblieben sei und es niemand geändert hätte. Wer dem etwas hinzufüge oder wegnähme, der befinde sich im Bann. Unsere römische Partei habe im Conczylium fferarskem 578 hinzugefügt, dass es bei dem ersten geblieben sei: „der von Gottvater ausgeht“, und dass unsere hinzufügt hätten: „und vom Sohn“, einzig dieses Wort. Und daher, weil unsere das Wort hinzugefügt haben „den Sohn Gottes“ betreffend, und dagegen [fol. 137r] geblieben sind, befinden wir uns alle mit unserer Priesterschaft im Bann. [roty] 579 Auch sind die beiden Gruppen, nämlich die Armenier und die Maroniten, wie ich berichtet habe, die für die Barfüßer und für uns angenehmste Partei. Und dass sie es gern sehen und sich darüber freuen würden, wenn die Christen das Heilige Grab eroberten. Und dass sie Gott darum bitten, dies so rasch wie möglich geschehen zu lassen. [Z Chramu wypusstieni] 580 Am Mittwoch, nach dem Tag des heiligen Abon [31. Juli], um 1 ½ Uhr am Tag, haben sie uns aus der Kirche gelassen. Und vor der Kirche befinden sich zwei Steine in der Pflasterung. Die einen behaupten, dass Christus der Herr an dieser Stelle unter das Kreuz gefallen und ohnmächtig geworden sei, als man ihn zur Hinrichtung führte. Der andere Stein ist nahe dieser Kirche 581 , darauf erkennt man zwei Abdrücke nebeneinander. Hier haben einige der schlimmen Christen auf uns gezeigt [fol. 137v] und zu diesem Stein geführt und mit den Händen Richtung Himmel gezeigt. Wir hatten keinen Dolmetscher bei uns, der uns dies hätte deuten können, was sie meinen, so dass wir alle annahmen, dies sei die Stätte, an der die Jungfrau Maria, die Gottesmutter, stand, als die Juden Christus den Herrn kreuzigten, und von hier aus zugeschaut habe. Denn der Kalvarienberg ist nicht weit von diesem Ort entfernt, mir scheint, XXV Schritte, so dass ich von diesem Ort alles, was es gab, sehen konnte. An diesem Tage zur Mittagszeit gingen wir in das Kloster auf dem Berge Sion und wir haben jene heiligen Stätten aufgesucht, die sich in unmittelbarer Nähe des Klosters befinden. Und neben diesem Kloster gegenüber der Stadt Jerusalem befindet 448 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="449"?> 582 Ramla. 583 zase byli w ramie (dt. Wir waren wieder in Ramla). 584 o haytman w ramie (dt. Über den Hauptmann in Ramla). sich eine kleine, nicht sehr hohe Mauer, über die man schauen kann, die mit beiden Enden in Richtung des oben genannten Klosters weist. Und innerhalb dieser Mauer gibt es einen kleinen Platz ähnlich einem Kirchhof. Und [fol. 138r] hierhin führt eine eiserne Tür unter dem Kloster auf dem Berge Sion. Vor dieser Tür brennt stets eine Lampe bei Tag und bei Nacht. Dabei darf kein Christ in diesen Kirchhof gehen, auch nicht zu diesen Türen, denn er würde, wie man mir berichtete, umgehend getötet. Denn die Heiden beten hier, was man hinter der Mauer sehen kann. Mir wurde erzählt, dass sich dort die Grabstätten jüdischer Könige befinden, auch dass David und Salomon hier ruhen. Hier sind wir etwa zwei Stunden in dem Kloster geblieben. Und die Barfüßer brachten uns ausreichend Brot und Wein. Nachfolgend haben wir ungefähr eine Stunde vor der Vesper die Esel bestiegen und sind zu der Stadt Rama 582 geritten, wo wir etwa gegen Mitternacht vor der Stadt eintrafen. Die Heiden haben uns zwei Stadien vor der Stadt befohlen, von den Eseln abzusitzen und zu Fuß durch die Stadt bis zum Spital zu laufen. [zase byli w ramie] 583 Am Donnerstag vor dem heiligen Sixtus [1. August] und am nachfolgenden Freitag [2. August] [fol. 138v] blieben wir in Rama. Und hier sind alle Dinge vom Essen, nämlich Brot, Hühner, Eier und sämtliches Obst, viel preiswerter als in Jerusalem, wenn auch das Wasser hier schlechter ist als in Jerusalem. [o haytman w ramie] 584 Und der königliche Hauptmann in Rama, mit Namen Abrahym Krasso, hat uns seinem ihm anvertrauten Amt gemäß, nämlich Esel bis zum Meer nach Jaffa zur Verfügung zu stellen, diese nicht zur Verfügung stellen wollen, ehe wir Pilger nicht auch etwas bezahlten. Er schickte zu uns Pilgern seine Dienstleute, die uns drohten, einige von uns auszuwählen und zum König Sultan nach Alkayro zu bringen. So musste unser Patron, der bei uns war, diesem Abrahym LX Golddukaten zahlen. Und der Patron hat mir geschworen, dass er ihm ungeachtet (sic! ) der Verträge, die er mit dem Herrn von Gazar geschlossen hatte, von dem wir [fol. 139r] einen Geleitbrief anstelle des Königs Sultan besaßen, für alle tausend Golddukaten geben musste. Und dass er noch mehr haben wollte. Dieser Abrahym Krasso sandte unserem Patron einen alten Pelz als Geschenk durch seine Dienstleute. Der rote Schamlatt auf diesem Pelz war ziemlich gut, er mochte vier Goldgulden gekostet haben. Aber der Pelz war von einem Pferd, Lamm, Wolf und aus irgendeinem Leder. Alles war schlechtes Leder, dass ich für diesen Pelz keine X Groschen bezahlt hätte. Und die Dienstleute des oben genannten Abrahym, die diesen Pelz brachten, wollten auf die Schnelle nicht Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 449 <?page no="450"?> 585 Czekali patrona (dt. Wir warteten auf den Patron). vom Patron weichen; er musste ihnen, ob ihm dies nun gefiel oder nicht, XXVI Golddukaten geben, wenn er sie los werden wollte. Am Sonnabend vor dem heiligen Sixtus [3. August], erst ungefähr eine Stunde vor der Vesper, brachten sie uns die Esel, auf die wir aufstiegen, und wir ritten nach Jaffa. Wir trafen dort etwa eine Stunde [fol. 139v] vor dem Abend ein. Hier kamen unsere Galeoti von der Galee auf Barken zu uns ans Ufer. Und hier, als wir in die Barken steigen und zur Galee fahren wollten, suchten uns die Heiden daran zu hindern. Einige von uns hielten sie zurück, wollten sie nicht auf die Barke lassen und sie wurden verprügelt. Und andere stießen und rissen sie weg. Erst nach einer geraumen Weile sandte der oben genannte Abrahym einen seiner Männer, damit man uns in Ruhe ließe. Dessen ungeachtet, als wir auf die Barke gehen wollten, wurden einige von uns festgehalten und erhielten furchtbar Prügel, wobei sie verlangten, dass wir ihnen Geld geben sollten, dies wäre (sic! ) für das Trinken gedacht. Einige der Unsrigen mussten ihnen deshalb venezianische Münzen geben. Wir aber eilten allesamt auf die Barken, wobei einige bis zum Rücken und andere wiederum bis zur Taille durchs Wasser waten mussten. So gelangten wir mit Hilfe des lieben Gottes auf die Galee und dankten mit Erleichterung [fol. 140r] Gott, dass er uns von diesen Unwürdigen befreit hatte, die weder irgendwelche Ehre noch Glauben besaßen. Die sich ganz unwürdig und glaubenslos verhielten und niemandem gewähren, was sie ihm versprechen. So fuhren wir schnurstracks auf die Galee, zumal die Sonne hinter dem Berg verschwand. Wer aber auf dieser Reise irgendeine Wunde erlitten hatte, der kurierte sich jetzt aus. [Czekali patrona] 585 Am Sonntag [4. August] und am Montag vor dem heiligen Sixtus [5. August] ankerten wir hier auf der Galee auf dem Meer, ungefähr eine welsche Meile vom Ufer entfernt; denn die unwürdigen Heiden wollten den Patron nicht frei‐ lassen. Sie hielten ihn gewaltsam fest, wollten Baumwolle und aus Baumwolle bestehende Sachen von ihm, woraus sie Barchent herstellen. Auch musste er ihnen andere Sachen verkaufen. Am Dienstag, dem Tag des heiligen Sixtus [6. August] kam zur Mittagszeit der Patron zu uns auf die Galee gefahren [fol. 140v]) und wir verblieben hier bis zum Abend. Die ganze Nacht wurden auf der Galee notwendige Arbeiten ausgeführt. Am Mittwoch, dem Tag des heiligen Donatus [7. August], als es hell wurde, wurde das Segel gesetzt, da wir einen guten Wind hatten, und so segelten wir den ganzen Tag und die ganze Nacht. 450 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="451"?> 586 Misso = Limassol. 587 Girzik Gffelerz = Georg Gfeler, Mitglied der Pilgergruppe. 588 Jan Mlade (Wmlade), aus Vilémov/ Willomitz, Mitglied der Pilgergruppe. 589 Rodyz miesto (dt. Die Stadt Rhodos). 590 Rodyz = Rhodos. Am Donnerstag [8. August], am Freitag [9. August] segelten wir bei Tag und bei Nacht, da wir einen guten und sogar einen sehr guten Wind für unsere Reise hatten. Am Sonnabend [10. August] ungefähr zwei Stunden vor Mittag, am Tag des heiligen Laurentius, gelangten wir zur Insel des Königreichs Zypern. Auf dem Meer hatten wir den Wind gegen uns, so dass wir hier verweilen mussten und die Anker warfen, etwa eine welsche Meile von der Misso genannten Stadt entfernt 586 . Am Sonntag nach dem heiligen Laurentius [11. August] gelangten wir zu der zerstörten Stadt, Misso genannt, und drei [fol. 141r] Stadien etwa von dieser Stadt entfernt, warfen wir den Anker. Hier bestiegen wir die Barken und fuhren in die Stadt zur Messe und danach kauften wir die zum Essen notwendigen Dinge: Brot, Eier, Hühner. Und hier nächtigten Girzik Gffelerz 587 und Jan der Jüngere 588 in dieser Nacht in besagter Stadt bei irgendeinem Priester, dessen Haus von Brettern verdeckt ist. Und es gab Lücken zwischen diesen Brettern, durch die der Regen fiel. Außerdem war es heiß, so dass, als die Tropfen fielen, diese sich einbrannten wie ein Zeichen, gleichsam wie durch Kochen auf Leder erkennbar. Am Montag danach [12. August] blieben wir hier den Tag und die Nacht. Am Dienstag [13. August], drei Stunden vor Sonnenaufgang, segelten wir von hier fort, dabei hatten wir einen guten Wind bis zum Mittag, danach wehte er uns entgegen. Am Mittwoch [14. August] und am Donnerstag [15. August], dem Tag der Himmelfahrt der Gottesmutter, segelten wir an den türkischen Bergen [fol. 141v] vorbei, die uns zur rechten Hand lagen, und der Wind war uns nicht hold. Am Freitag [16. August] und am Sonnabend [17. August] sowie am Montag [18. August] war es sehr still, so dass wir nirgendwohin segeln konnten. Am Dienstag [19. August] hatten wir guten Wind von Polo her. [Rodyz miesto] 589 Am Mittwoch danach [20. August], etwa zwei Stunden vor dem Mittag, fuhren wir nach Rodyz 590 in den Hafen und hier sind wir auf Barken umgestiegen und in die Stadt gefahren. Und jeder von uns ging in die Schankwirtschaft. Danach am Abend gingen einige von uns zum Schlafen in dieses Haus, was man Infirmaria nennt, und dass der Meister von Rhodos für kranke Pilger hat Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 451 <?page no="452"?> 591 Pierre dʼAubusson (1476-1503). 592 Rhodos. 593 Schamlatt (ital. camelotto), Stoff aus Kamelwolle. errichten lassen, wie zuvor bereits berichtet, denn die Herbergen sind schlecht, und wir hatten nichts, worauf wir liegen konnten. Hier in dieser Infirmaria hat man mir und meinem Mitpilgerer zwei [fol. 142r] Kammern gegeben und in jeder zwei Lagerstätten. Und hier reichte man uns weißes Brot und Wein. Hier haben wir genächtigt. Am Donnerstag vor dem heiligen Bartholomäus [21. August] sind wir am Morgen mit unserem Patron in die Burg des Meisters von Rhodos gegangen. Dieser Meister ist ein Franzose und er trägt den Namen Petrus Dauboson 591 . Er ist ein feiner Mensch, alt, um die 70 Jahre, und er hat einen langen und grauen Bart. Bei ihm waren, als man uns in sein Zimmer führte, seine Räte, etwa XII, sowie sein Kanzler; alles imposante Männer, in sauberen Kleidern, und sie tragen große Goldketten am Hals, die sind 100 Golddukaten für jede Kette wert. Und vor seinem Zimmer fanden sich viele seiner Höflinge und alle Kreuzherren seines Ordens. Hier, als man uns in das Zimmer zu ihm brachte, begrüßte er unseren Patron und reichte einigen von uns [fol. 142v] die Hand. Er sprach selbst gut eine Stunde mit unserem Patron im Stehen. Auch wir alle standen. Und im Anschluss gingen wir in unsere Herbergen. Am Freitag zur Vigil des heiligen Bartholomäus [22. August] am Morgen sind wir in die Messe in die Kirche des heiligen Johannes des Täufers vor der Burg des Meisters von Rhodos gegangen. Und hier in der Kapelle haben sie uns die nachfolgenden Reliquien gezeigt: nämlich einen Dorn aus der Dornenkrone, mit der Christus der Herr gekrönt wurde. Auch einen Dorn, der hing in einem runden Kristall (Gefäß), so dass er gut zu sehen war. Einige Ritter aus dem Orden dieses Meisters von Rhodos, von denen einige Latein und andere auch Deutsch konnten, haben mir als verbürgt erzählt, es sei wahr, dass dieser Dorn stets an jedem Karfreitag, wenn daneben die Uhr drei Mal schlägt, erblühe und eine reine weiße Blüte trage und dass diese bis zur sechsten Stunde dieser Uhr blühe. Und dass dies alle sehen [fol. 143r], die an diesem Tag hier seien, und zu dieser Zeit kämen. Auch hat man uns hier einen Arm der heiligen Jungfrau Katharina gezeigt. Und es gibt zahlreiche andere Reliquien. Dies alles haben wir besichtigt, dann ging jeder von uns in seine Herberge. Am Sonnabend, dem Tag des heiligen Bartholomäus [23. August], und nach‐ folgend am Sonntag (24. August) waren wir hier in Rodyz 592 und haben uns gekauft, was wir wollten, Schamlatts 593 , Teppiche und teure Steine, denn von allem findet man hier ausreichend. Und zum Abend packten wir unsere Sachen und fuhren auf den Barken auf die Galee. Hier ungefähr um zwei Uhr in der 452 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="453"?> 594 Candia = Iraklion (Kreta). 595 Nava (lat. navis), Schiffstyp im Mittelmeer, ähnlich der Kogge und Karavelle. Häufig auch als Karacke bezeichnet. Dreimaster. 596 Gryff = Grippa, Segelschif mit zwei Masten. 597 Ssust = Schutte (? ). 598 Modon = Methoni, Hafenstadt am südwestlichen Ende der Peleponnes. 599 Quaglio Porto (tschech. křepelčí port = Hafen, in dem die Wachteln zuletzt ausruhen, ehe sie über das Meer an die Küste Kretas fliegen. Nacht haben wir das Segel gesetzt und sind mit Gottes Hilfe weitergesegelt, wir hatten einen guten Wind für unsere Reise. Am Montag darauf [24. August] und auch am Dienstag [25. August], dem Tag des heiligen Rufus, sind wir, da wir einen guten Wind hatten, weitergesegelt. Am Mittwoch vor dem heiligen Ägidius [26. August], etwa zur dritten Stunde vor dem Abend, fuhren wir [fol. 143v] in den Hafen der Stadt Candia 594 ein und hier haben wir die Anker im Hafen geworfen. Hier sind einige von uns auf Barken in die Stadt gefahren, einige wiederum sind über Nacht auf der Galee geblieben. Am Donnerstag [29. August], am Freitag [30. August] und am Sonnabend [31. August] blieben wir dann hier in Candia. Und hier hat ein jeder gekauft, was er benötigte. Es gab hier noch genug Wein in Trauben sowie Melonen, die hat man hier verkauft. Darüber hinaus lagen hier im Hafen zahlreiche Schiffe: Nawas 595 , Gryff 596 und Ssust 597 , die Malvasier einkauften und auf die Schiffe luden für andere Länder, nämlich nach Hispanien, Frankreich, nach England und auch nach Venedig. Am Sonntag, dem Tag des heiligen Ägidius [1. September], etwa zwei Stunden vor Sonnenaufgang, sind wir aus dem Hafen von Candia hinausgefahren und auf unserer Reise weitergesegelt. Am Montag [2. September] und am Dienstag [3. September] sind wir bei Tag und bei Nacht gesegelt. Doch der Wind war uns nicht hold. [fol. 144r] Am Mittwoch nach dem heiligen Ägidius [4. September] hatten wir den ganzen Tag und auch die ganze Nacht einen ausgezeichneten Wind für unsere Reise. Und ungefähr zwei Stunden vor Sonnenaufgang gelangten wir zu den türkischen Bergen, etwa XL welsche Meilen von der Stadt Modon 598 . Diese türkischen Berge an jenem Ort, während wir in die Stadt Modon nicht fuhren, nennen sie in welscher Sprache „Porta dequagia“, gleichsam als würde man sagen „krzepeliczij port“ 599 . Und die Wachteln, die aus diesen unseren Ländern hierher fliegen, die sammeln sich am Meer bei diesem Ort und fliegen dann in großen Schwärmen über das Meer. Unser Patron hat mir als verbürgt berichtet, dass dies der Wahrheit entspricht und dass er erstaunt gewesen ist, dass sie sich in großen Schwärmen sammeln und von hier aus über das Meer fliegen. Und Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 453 <?page no="454"?> 600 „Wachtelhafen“. 601 Bartholomäustag = 24. August. wer aufhört zu fliegen und nicht mehr weiterkann, der fällt ins Meerwasser, und hier versucht er [fol. 144v] jeden Flügel nach oben zu bringen, damit ihn der Wind antreibe wie ein Schiffssegel. Zugleich erzählte er [der Patron - Th. K.], er sei erstaunt gewesen, dass auf diese Weise an die drei oder viertausend segelten. Und dass ihrer trotzdem viele ertrinken. Unser Patron berichtete mir, dass in dieser oben genannten Stadt, die man krzepeliczij port nennt 600 , eine Vielzahl von Wachteln die Türken aus den umliegenden Dörfern fingen, und zwar auf nachfolgende Weise: sie haben geknüpfte Netze auf nicht allzu langen Stangen, rund wie ein Sieb, in der rechten Hand, und in der linken Hand einen eisernen Rost wie ein halber Hut. Und in diesen Rost legen sie ein trockenes Hölzchen, dass hell brennt. Auf diese Art, wenn die dunkle Nacht angebrochen ist, ungefähr um zwei oder drei Uhr in der Nacht, gehen diese Jäger aufs Feld mit ihrem Gerät. Und sie gehen die Felder derart leuchtend ab, gerade [fol. 145r] wie der Schnitter auf den Wiesen - einer neben dem anderen - und mit diesem Feuer. Hier aber kommen die Wachteln zu diesem Licht gelaufen, dass sie suchen und durch dieses kleine Netz werden sie herbeigelockt und gefangen; und so jagen sie die ganze Nacht bis zum Sonnenaufgang. Sie fangen sie in großer Menge bei der Jagd in der Nacht, wie man mir berichtete, so an die siebzig oder achtzig, ein andermal auch weniger. Diese Jagd beginnt zu Sankt Bartholomäus 601 . Sie dauert danach zwei Wochen. Und ich habe dies selbst von der Galee aus gesehen; es war von uns aus ungefähr eine Viertelmeile über dem Meer, dass ihrer gut an die achtzig oder mehr mit solchen Lichtern gefangen wurden. Und am darauffolgenden Tag, als wir auf Modon zu fuhren, da trugen die Türken die Wachteln, die sie über Nacht gefangen hatten, auf den Markt in die Stadt und verkauften sie dort lebend. [fol. 145v] Am Donnerstag nach dem heiligen Ägidius [5. September] hatten wir einen schlimmen Wind, der uns entgegenwehte. Und zur Vesper setzte ein großer Regen ein und es regnete etwa eine Stunde ohne Unterlass. So standen wir den ganzen Tag still, nachdem wir den Anker geworfen hatten. Erst zur Nacht wehte uns ein guter Wind vom Pol her, so dass wir unsere Reise fortsetzen konnten. Am Sonnabend zur Vigil der Geburt der Jungfrau Maria [7. September] etwa zur dritten Stunde am Tage liefen wir in den Hafen von Modon ein. Hier haben wir den Anker geworfen und sind auf Barken in die Stadt übergesetzt. Wir haben die Messe im Kloster des heiligen Franziskus besucht. 454 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="455"?> 602 Korffon = Korfu. 603 Gemeint ist das 1232 von König Wenzel I. in der Prager Altstadt gegründete Minoriten‐ kloster des heiligen Jakob. 604 Jan Mlade (Wmlade) aus Vilémov. 605 Otranto, Hafenstadt in Apulien. 606 Rzim = Rom. Am Sonntag [8. September] und am Montag [9. September] blieben wir in Modon, da wir keinen guten Wind hatten, zumal er uns direkt entgegenwehte. Am Dienstag danach [10. September] sind wir aus dem Hafen von Modon ausgelaufen. Und es war windstill, so dass wir kaum vorankamen. [fol. 146r] Am Mittwoch [11. September], am Donnerstag [12. September] und am Freitag [11. September] war es ebenfalls windstill, so dass wir nirgendwo hinkamen, sondern auf einer Stelle auf der Galee ausharrten. Am Sonnabend, dem Tag des Heiligen Kreuzes [14. September], kam erst gegen Abend ein guter Wind vom Pol her auf. Am Sonntag nach Heilig Kreuzerhöhung [15. September] hatten wir den gesamten Tag einen ausgezeichneten Wind für unsere Reise. Am Montag danach [16. September], ungefähr vier Uhr in der Nacht, sind wir in den Hafen von Korffon eingelaufen 602 . Und hier haben wir den Anker geworfen, und blieben den Rest der Nacht auf der Galee. Am Dienstag am Morgen [17. September] sind wir auf Barken in die Stadt gefahren und waren hier in der Messe in der Vorstadt im Kloster der heiligen Ursula. Hier sind Mönche wie zu Sankt Jakob in Prag 603 . Und hier nach dem Mahl, hat ein größerer Teil von uns die Barken bestiegen und wir sind wiederum [fol. 146v] auf die Galee gefahren. Einige andere Deutsche hingegen sowie Jan der Junge 604 , die blieben hier und haben später selbst Schiffe gesucht und sind zu der Otrento 605 genannten Stadt gesegelt, da sie durch das Königreich Neapel nach Rzim 606 und nach Hause reisen wollten. An diesem Tag sind wir aus dem Hafen von Korffon ausgefahren zur Mittagszeit und es wehte ein sehr starker Wind, der es ausgezeichnet mit uns meinte. Und so sind wir stürmisch vorangesegelt, so dass es uns schien, jede Stunde an die vier Meilen voranzukommen und zuweilen sogar mehr. Am Abend selbst legte sich der Wind und es war sehr still, so dass wir die ganze Nacht wenig und fast gar nicht vorankamen. Am Mittwoch danach [18. September] war es den ganzen Tag und die ganze Nacht unablässig wechselhaft: eine Weile Wind, eine Weile Regen, eine Weile Stille. [fol. 147r] Am Donnerstag danach [19. September] hatten wir einen ausge‐ zeichneten Wind. So segelten wir etwa bis zur Vesper schnurstracks Richtung der Stadt Ragusa, die man slawisch Dubrawnik nennt 607 . Wir waren von dieser Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 455 <?page no="456"?> 607 Ragusa = Dubrovnik. 608 Melida = Mljet, Insel in der kroatischen Adria, etwa 30 km nordwestlich von Dubrovnik. 609 Kurczula = Korčula, Insel vor der Küste Süddalmatiens. 610 Lezyna (kroat. Hvar, ital. Lesina), Hafenstadt auf der gleichnamigen dalmatinischen Insel. Von 1278 bis 1797 unter venezianischer Herrschaft, wichtigster Adriahafen und Transitzentrum. Eine zeitgenössische Abbildung findet sich bei Konrad Grünenberg, Von Konstanz nach Jerusalem. Eine Pilgerfahrt zum Heiligen Grab im Jahre 1486 (Handschrift Badische Landesbibliothek, Bl. 12v). 611 Solta (kroat. Šolta), dalmatinische Adriainsel gegenüber von Split. 612 Kauczeysta = Capocesto, Gebirge in Dalmatien. an die fünf oder sechs welsche Meilen entfernt. Und so segelten wir die ganze Nacht und hatten einen ausgezeichneten Wind, wobei wir zur linken Hand die Melida 608 genannte Insel und einige weitere Inseln ließen. Am Freitag [20. September] zur Vigil des heiligen Matthäus hatten wir einen ausgezeichneten Wind, so dass wir etwa zwei Stunden vor dem Mittag zwischen der oben genannten Insel Melida und der Insel Kurczula 609 entlangfuhren, wie darüber bereits zuvor berichtet. Und hier fuhren wir etwa zwei Stunden vor dem Abend bei einem guten Wind in dem Städtchen Lezynye 610 in den Hafen ein, wo wir die Anker warfen, ungefähr drei Stadien von dem Städtchen entfernt, wo wir verblieben. Hier legten auch vier [fol. 147v] große Galeeren aus Venedig mit uns im Hafen an, wobei jede diese Galeeren Trompeter und Trommler sowie Pfeifenspieler an Bord hatte. Und diese oben genannten Galeeren segelten zu den Heiden in die Stadt Alexandria zu Handelsgeschäften und zum Kauf von Gewürzen, denn von dort aus bringen sie in unsere Länder Pfeffer, Ingwer, Zimt, Gewürznelken, Muskat, Muskatblüten, Weihrauch, Myrrhe und andere Dinge. Am Sonnabend, dem Tag des heiligen Matthäus des Evangelisten [21. Septem‐ ber], am Morgen, als die Sonne aufging, verließen wir den Hafen von Lezyna, wobei wir einen ausgezeichneten Wind hatten, doch nicht sehr groß. Am Abend legte sich dieser, so dass die Galeoti die Segel der Galee einholen mussten. Und wir segelten zu einer Insel, genannt Solta 611 , in den Hafen und hier warfen wir die Anker und blieben dort über Nacht. Am Sonntag nach dem heiligen Matthäus [22. September] vor Sonnenaufgang verließen wir den Hafen wieder [fol. 148r] und hatten auf dem Meer einen ausgezeichneten Wind. Etwa zur Mittagsstunde an diesem Tage segelten wir an der Kapelle des heiligen Johannes des „Malvasiers“ vorbei, von der bereits berichtet wurde, weshalb die Kapelle diesen Namen trägt. Und von dieser Kapelle etwa fünf welsche Meilen entfernt, wo wir entlang‐ fuhren, liegen steinige, jedoch nicht sehr große Berge und diese haben den Namen Kauczeysta 612 . 456 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="457"?> 613 Vgl. Anm. 595. 614 Vgl. Anm. 596. 615 Vgl. Anm. 612. 616 Johann(es) oder Peter. Und hier an dieser Stelle gegenüber diesen Bergen beginnt und gelten wie unten beschrieben das Recht wie die Gewohnheit, und seit alters her wird dies auf allen venezianischen Galeeren so gehalten, auf Navas 613 und auch auf Gryppae 614 und anderen Schiffen, wenn diese mit Kaufmannswaren wieder heimwärts nach Venedig von wo auch immer her kommen, sei es aus dem Heiligen Land mit Pilgern oder aber mit Kaufmannswaren von den Heiden, den Türken. Nämlich, wenn man sich dem Ort dieser Berge nähert, dann muss jeder Patron drei Richter bestimmen. Und diese drei müssen [fol. 148v] diesem Patron schwören, dass sie jeden gerecht behandeln. Und hier, wenn auf der ganzen Reise einer einem anderen etwas geborgt hat oder einer von einem anderen etwas kaufte und diesem die Schuld nicht begleichen wollte, dann kann derjenige, dem er etwas schuldet, jeder, wenn er zu dieser oben genannten Stelle Kauczesta 615 kommt, diesen seinen Schuldner, der ihm etwas schuldet, vor diese drei oben erwähnten und eingesetzten Richter bringen. Dies geschieht folgendermaßen: Wenn unter diesen drei sich zwei befinden, hat jeder von diesen beiden in der Hand ein eisernes oder hölzernes Schäufelchen. Wenn derjenige nun, der beschuldigt, dass ihm dieser oder jener eine bestimmte Zahl venezianischer Groschen schuldet und ihm diese nicht zurückzahlen will, dann geht dieser eine mit diesem Schäufelchen zu diesem Schuldner, den er anklagt, und berührt ihn mit diesem Schäufelchen und [fol. 149r] spricht dabei wie folgt: „Dieser Jan oder Petr“ 616 - er nennt ihn mit seinem Namen - „ich beschuldige dich, dass du soundso viel Groschen schuldest. Wenn du ihm dies schuldest, bezahle es ihm! Wenn du es ihm nicht bezahlst, dann erscheine, morgen um diese Zeit und zu dieser Stunde vor uns, den eingesetzten Richtern! “ So motiviert spricht dieser Schuldner mit seinem Gläubiger und zahlt ihm, was er diesem schuldet, und alles ist gut. Wenn er dies jedoch nicht tut und ihm nicht gibt, was er ihm schuldet, dann muss er am darauffolgenden Tag vor diese Richter treten. Hier werden diesem Gläubiger dessen Rechte zuerkannt. Hier vernehmen dies beide Parteien, und er [der Richter - Th. K.] fällt sein Urteil zwischen ihnen gemäß der Gerechtigkeit und seinem Anschein. Und wenn die drei Richter Recht gesprochen haben, dann besitzt dies Gültigkeit, und keine Partei kann sich mehr auf höheres Recht über dieses Urteil hinweg [fol. 149v] berufen. Diese drei Richter sollen nicht weiter urteilen und Recht sprechen als über die Schuld, die da reicht bis sechs Marcello venezianische Groschen, was der Hälfte von Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 457 <?page no="458"?> 617 Saud o wyssij dluh (dt. Das Gericht über eine höhere Schuld). 618 Polumotorie (Polaticum Promontorium) = Punta di Promontorio (Istrien). 619 Plauli od yadra miesta (dt. Wir segelten von der Stadt Yadra = Zadar). 620 o porazcze Charwatuow (dt. Über die Niederlage der Kroaten). Gemeint ist die Schlacht auf dem Krbava-Feld am 9. September 1493, in der die Osmanen unweit der Stadt Udbina die Kroaten vernichtend schlugen, was zum Zerfall der kroatischen Länder führte. 621 Hadrembassan = Hadum-Jakub Pascha, bosnischer Sandschak-Bey. Letzterer über‐ schritt im Spätsommer 1493 mit ungefähr 8000 Kämpfern die Flüsse Una und Kupa und fiel in der Steiermark ein. Hier verwüstete er die Städte Cilli und Pettau. Auf dreizehn ungarischen Gulden oder deren Dukaten entspricht. [Saud o wyssij dluh] 617 Sollte die Schuld jedoch höher sein als X Marcello, dann kann, wer diese nicht bezahlen will, sich an das höhere Gericht nach Venedig wenden. Und von dieser Stelle des oben genannten Kauczesta bis ein halbes Hundert welscher Meilen bis zu der genannten Insel Polumotorie 618 , gilt dieses Recht und das Gericht dieser derartigen drei Richter. Und weiter danach, wenn man die Insel mit der Galeere oder der Nava passiert, dann kann sich niemand mehr an dieses Gericht wenden, sondern erst in Venedig an die hierfür eingesetzten Beamten. Wenn jedoch aus den vorgenannten [fol. 150r] Motiven, sollte jemand einen anderen vor der Zeit rechtlich belangen, noch ehe man mit der Galeere die oben genannte Insel Polumotorie passiert hat, dann können die drei [Richter - Th. K.] Recht sprechen zwischen den Parteien und festlegen, wenn man zu den zwei Burgen in Venedig gelangt, bei denen man in den Hafen nach Venedig einläuft. An diesem Abend kamen wir zu einer nicht sehr großen Insel. Hier haben wir die Anker bei dieser Insel geworfen, denn es war sehr still und um Mitternacht kam dann ein guter Wind auf. Und so haben wir dann unsere Reise fortgesetzt. [Plauli od yadra miesta] 619 Am Montag nach dem heiligen Matthäus [23. September], während wir segel‐ ten und uns noch XX welsche Meilen von der Stadt Yadra entfernt befanden, die man in welscher Sprache Zara nennt, da wurde es sehr windstill. Nachfolgend kam etwa zwei Stunden vor dem Mittag ein guter Wind auf, und wir segelten [fol. 150v] zur Vesper und gelangten zu der Stadt Yadra. Hier haben wir die Anker geworfen, zwei Stadien vor der Stadt. Und wir sind auf die Barken gestiegen und in diese Stadt Yadra gefahren. Hier erzählte man uns schlimme Nachrichten, dass nämlich die unwürdigen Verderber der Christenheit, die Türken, die Kroaten vernichtend geschlagen und getötet hatten. Dies geschah am 15. Tag vor unserer Ankunft am Tag des heiligen Gorgonius. [o porazcze Charwatuow] 620 Und auf diese Weise hatte es sich zugetragen: ein Hauptmann des türkischen Kaisers [Sultan - Th. K.] mit Namen Hadrembassan 621 , der die besten Türken um sich versammelte, die er finden konnte und die einige Tausend Pferde besaßen 458 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="459"?> dem Rückzug nach Bosnien verwüsteten die Türken dann das kroatische Zagorje und brandschatzten die Stadt Modruš. 622 Labach = Laibach (Ljubljana). 623 Yaycze = Jajce (dt. veraltet Jaitze), Stadt in Zentralbosnien. 624 Gemeint ist Juraj Vlatković, Ban von Jajce. 625 Sstyrsko = Steiermark. - etwa um die neun oder XI tausend - zog über die kroatischen Berge in das gleichnamige Land und von hier aus weiter in das Land des römischen Königs zu der Labach 622 genannten Stadt in Kärnten. Hier aber in diesem Land töteten sie Menschen und trieben andere, [fol. 151r] Männer, Frauen, Jungfrauen und junge Burschen, mit sich fort. Der Graf und die Herren sowie die kroatische Ritterschaft versammelten sich und eilten ihnen Richtung dieser Berge entgegen, da die Türken von dort aus in das Land eingefallen waren. Hier lagerten sie. Dabei hatte man, wie man mir berichtete, an die drei tausend Pferde und etwa VIIII Tausend Fußsoldaten. Unter ihnen befanden sich einige Grafen und bedeutende kroatische Herren, darunter der kroatische Ban, der Ban aus Yaycze 623 aus dem Lande Bosnien 624 . Und hier sandte der Hauptmann des römischen Königs in Sstyrsko 625 mit Namen Czakl Jakub, wie man mir berichtete, [eine Botschaft - Th. K.] zu ihnen, damit sie ausharrten und nichts bis zu seinem Eintreffen unternahmen, zumal er ihnen mit mehreren hundert Pferden und einigen tausend Fußsoldaten zu Hilfe kommen werde. Doch die Kroaten wollten nicht ausharren, zumal sie sich hoffnungsvoll zeigten, da sie die Türken einige Jahre zuvor in diesen Bergen wohl zweimal besiegt hatten. [fol. 151v] Die Ehre sollte lieber ihnen gebühren, da sie hofften, die Türken wiederum wie zuvor zu schlagen, da sie sich den Türken gegenüber siegesgewiss wähnten. Und als die Türken hiervon Kenntnis erhielten, nahmen sie die zuvor auf ihrem Zug gefangenen Genommenen, trieben sie in einen Schacht und schlugen allen, die wehrfähig waren und zum Waffentragen taugten, die Köpfe ab, da sie fürchteten, wenn sich diese mit den Kroaten vereinigten, sie diesen helfen würden, sie selbst zu töten. Dies also taten die Türken, sie ordneten ihre Verbände und schickten einen in die Berge, wo die Kroaten sie erwarteten. An die dreitausend Reiter der Türken haben dann einen nicht sehr großen Fluss überquert. Und der Befehl lautete, dass, sollten die Kroaten sie zurücktreiben, die anderen [Türken - Th. K.] diese aus dem Hinterhalt, was die Ersteren außer Acht ließen, angreifen, da die Kroaten von einem solchen Hinterhalt keine Kenntnis besaßen, zumal sie diese dort nicht sehen konnten; [fol. 152r] so also jagten die Kroaten den Türken hinterher aus den Bergen ins Feld und in die Ebene. Hier begannen sie die Schlacht, gerieten aneinander und schlugen aufeinander ein. Und mehrere hundert Türken wurden getötet. Da ergriffen letztere die Flucht und begaben Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 459 <?page no="460"?> 626 Jadra = Zadar. 627 In Gefangenschaft gerieten von der kroatischen Streitmacht Ban Emerik Derčenin, Nikola Frankopan von Tržac und Karlko Gušić. sich in zu ihren im Hinterhalt lauernden Verbänden. Und die Kroaten folgten ihnen, zeigten sich guten Mutes angesichts des vorteilhaften Beginns. Nun aber griffen die im Hinterhalt lagernden Türken ein, die einen von vorn und die anderen von hinten, stürzten sich auf sie und schlugen sie vernichtend. Mir berichtete hierüber ein guter hochgeborener Mensch, ein Kroate, der hierher in die Stadt Jadra 626 gekommen war, als ich selbst dort weilte, und er sprach sehr wehmutsvoll hierüber, dass er in dieser Schlacht seinen eigenen Bruder sowie sechs enge Verwandte verloren habe, wie er erzählte (sic! ). Er sei auf dem Schlachtfeld gewesen und habe die getöteten Körper gesehen - [fol. 152v] der Arme, und dass sie fast (sic! ) eine Meile in der Länge und gut in der Breite dalagen, wie Garben eng, ein Körper neben dem anderen. Fast allen hatten sie die Köpfe abgeschlagen. Und die Nasen hatte man ihnen abgeschnitten und der Leichtigkeit wegen mitgenommen, denn der Kaiser zahlte ihnen für jedes Haupt, welches sie mitbrachten, zwei Goldstücke. Die abgeschnittenen Nasen, die sie als Trophäe mit sich führten, um zu zeigen, wie viele man getötet habe. Er berichtete mir auch, dass an die X tausend Menschen getötet worden seien. Zu diesen zählten: der Graf Gwan von Czitin, der Sohn des kroatischen Bans, ein prächtiger junger Bursche, und viele gute, adelige Ritter, adelige Leute wurden getötet sowie an die siebzig Priester und Mönche ebenfalls. Und in Gefangenschaft gerieten folgende: der kroatische Ban, der Ban von Bosnien und Yaycze, der Graf Mikulas von Ffrankrhayn, Graf Wylem von N. 627 Zudem viele andere [fol. 153r] gute und hochgeborene Menschen. Die sie nicht töteten, die nahmen sie alle gefangen und führten sie mit sich - an die fünfzehnhundert Menschen. Und er berichtete zudem, dass nur wenige Menschen in dem gesamten Land verblieben, fast alle waren getötet oder gefangengenommen. Denn alle Menschen, alte wie junge, waren hierhergezogen und glaubten sich siegesgewiss, den Feind zu schlagen, wie dies zuvor mehrere Male geschehen war an diesem Orte, wo man sie besiegte. Er erzählte mir darüber hinaus, dass ein derartiger Schmerz und ein solches Weinen zu hören waren, dass selbst das steinernste Herz die Getöteten beweint hätte; dass viele Väter und Mütter alle ihre Söhne und Töchter verloren: die Söhne waren getötet und die Töchter hinweggeführt. Viele Frauen hatten ihren Mann verloren, der getötet oder in Gefangenschaft geraten war. Und viele andere hatten ihre Frauen verloren, die man geraubt [fol. 153v] und gefangengenommen hatte; und in anderen Dörfern findet man an die fünf oder sechs Witwen mit kleinen Kindern, während die Männer alle getötet oder gefangengenommen wurden. Auch erzählte er mir, dass man nie 460 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="461"?> 628 Charbawa = Krbava (kroat. Bitka na Krbavskom Polju). 629 Vdwinecz = Udbina (kroat.). 630 Ancona, Stadt an der italienischen Adriaküste. 631 Loreto, Gemeinde bei Ancona mit einem bedeutenden Wallfahrtsort (Basilika vom Heiligen Haus in Loreto). 632 pluli od Jada (dt. Wir segelten von Zadar fort). zuvor in der menschlichen Erinnerung derart von den Türken benutzten Waffen gesehen habe, wie dies hier geschehen sei, gleich wie die Christen Panzer, Halsschutz, Rücken- und Vorderschutz und Helme besaßen. Und diese Schlacht und Niederlage begann am Tag des heiligen Gorgonius etwa drei Stunden vor dem Mittag in einer kroatischen Gegend, die man (sic! ) Charbawa 628 nennt, in der Burg, die da heißt Vdwinecz 629 , sechzig welsche Meilen von der Burg des obengenannten Yadra und nach unserer böhmischen Meile ein Zwölftel. - Gott der Allmächtige möge den in der Schlacht getöteten armen Seelen deren Sünden vergeben und das ewige Leben schenken. Und den Gefangenen, dass sie im christlichen Glauben ausharren und aus dem Kerker befreit werden! [fol. 154r] Am Dienstag danach [24. September] am Morgen waren wir in der Messe in der Kirche des heiligen Simeon, und nach der Messe haben wir in der Gastwirtschaft gegessen und sind anschließend wieder auf die Galee zurückgekehrt. Und hier kam in der Nacht gegen vier Uhr ein sehr gewaltiger Sturm auf mit Regen und starken Blitzen. Dies dauerte fast die ganze Nacht fort, so dass wir dem lieben Gott dankten, im Hafen zu liegen. Denn hätten wir einen derartigen Sturm auf dem großen Meer außerhalb des Hafens erlebt, wäre es schlimm um uns gestanden. Und mich hat der liebe Gott offenkundig von dem Vorhaben bewahrt, denn am Abend zuvor hatte ich die Absicht auf einem kleinen Schiff in die Ankona 630 genannte Stadt zu segeln. Und von dort weiter zur Gottesmutter nach Loreto 631 , einer kleinen Kapelle, zu der durch göttliche Fügung die Kammer aus Nazareth transferiert wurde, in der die Jungfrau [fol. 154v] Maria war, als sie der Engel Gabriel begrüßte und ihr anvertraute, sie werde Christus den Herrn gebären. Ich hatte bereits das Schiff ausgewählt, auf dem ich segeln wollte. Zugleich wollten wir an diesem Abend mit dem Schiff auslaufen, denn der Patron wollte mit uns in der Nacht lossegeln, da nahezu die ganze Nacht der Mond schien. Doch zu meinem großen Glück, war keiner aus meiner Gruppe da noch ein anderer, der mit mir dorthin segeln wollte, und so blieb auch ich allein. [pluli od Jada] 632 Am Mittwoch danach [25. September], dies war jener Tag, an dem wir aus dem Hafen dieser Stadt Yadra ausliefen. Und es war sehr still, aber danach kam ein Wind auf, der freilich für unsere Reise nicht vorteilhaft gewesen ist. Dessen ungeachtet segelten wir etwa fünf welsche Meilen von Yadra aus. Hier kam Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 461 <?page no="462"?> 633 XV mi do Parenczu miesta (dt. 15 Meilen bis zur Stadt Parenzo). 634 Porec (ital. Parenzo), kroatische Hafenstadt an der Westküste der Halbinsel Istrien. 635 Getrzich z Guttsstayna = Dietrich von Guttenstein. am Abend ein großer Wind auf, der uns genau entgegenwehte, mit schwarzen Wolken, so dass wir ein großes Gewitter erwarteten. Da segelten wir wieder zurück [fol. 155r] in den Hafen der Stadt Yadra und warfen die Anker, ungefähr zwei Stadien von der Stadt entfernt. Am Donnerstag danach [26. September] am Morgen dann hatten wir einen guten, wenn auch schwachen Wind. So sind wir sechs oder sieben welsche Meilen gesegelt. Danach kam ein starker Wind auf, der uns gut gesonnen war, so dass wir den gesamten Tag XV welsche Meilen segelten und erst am Abend die Anker warfen. Schließlich kam um Mitternacht ein großer Wind mit starkem Regen auf. Am Freitag vor dem heiligen Michael [27. September], setzte am Morgen ein starker Wind ein, der sich für unsere Reise als sehr gut erwies. Doch war er ungewöhnlich kräftig, so dass wir das große Segel, nämlich das Windsegel, einholten und mit dem kleinen Segel weiterfahren mussten. Der Wind war stürmisch, so dass alles pfiff. Und eine Stunde vor dem Mittag brach ein [fol. 155v] Sturm aus mit großen Wellen, dies war ganz furchtbar, so dass die Galee hin und her schaukelte und wir uns alle in großer Angst und in großer Sorge befanden, es könne ein großes Gewitter folgen, welche die Seeleute Fortuna nennen. Und so sind wir mit Gottes Hilfe zum Ufer gefahren und haben die Anker gelassen, etwa eine welsche Meile von demselben. Hier sind wir dann über Nacht geblieben. [XV mi do Parenczu miesta] 633 Am Sonnabend, dem Tag des heiligen Wenzel [28. September], waren wir noch an die XV welsche Meilen von Parenzo 634 entfernt. Am Morgen segelten wir, als die Sonne aufging, und den ganzen Tag über hatten wir keinen guten Wind und konnten so die Stadt Parenzo auch nicht erreichen. So warfen wir die Anker IIII welsche Meilen oder auch fünf von Parenzo entfernt. Am Sonntag, dem Tag des heiligen Michael [29. September], am Morgen vor Sonnenaufgang, nahm der Patron mich, Herrn Getrzich von Guthsstayn 635 und andere aus unserer Pilgergruppe auf die Barke, und wir setzten direkt nach Parenzo über [fol. 156r]. Mit der Galee mussten wir mehr als eine Meile segeln, um dann in die Barke umsteigen zu können und dem Wind zu trotzen. Und so kamen wir nach Parenzo vor die Stadt, wobei die Stadt Parenzo von Venedig einhundert welsche Meilen entfernt liegt. Hier ließ man uns nicht von der Barke und sagte, dass eine Pest vom Königreich Sizilien her drohe und dass man ihnen durch den Potestà, nämlich ihren Hauptmann, befohlen habe, niemanden einzulassen, der von dort herkomme. Danach kam dieser Hauptmann, den sie Potestat nennen, mit einigen Bürgern aus der Stadt zu uns ans Ufer und sie sprachen mit unserem 462 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="463"?> 636 Nowe miesto (dt. Neustadt). Patron, entschuldigte sich und baten, wir sollten ihnen nicht böse sein, sie hätten vom Herzog und den Herren Venezianern den strengen Befehl, niemanden in die Stadt zu lassen, der von der Pest [aus dem Pestgebiet - Th. K.] herkomme. Unser Patron musste ihnen schwören und dabei zwei Finger auf die [fol. 156v] Heilige Schrift legen, dass wir keineswegs dort gewesen sind und dass niemand auf der Galee an dieser Krankheit gestorben sei, erkrankt war oder noch ist. Und danach gingen wir zur Messe in das Kloster des heiligen Nikolaus auf einem Hügel unweit der Stadt. Nachdem wir hier die Messe besucht hatten, sind wir wieder zur Stadt gefahren und in diese gegangen und haben in einer Schankwirtschaft gegessen. Nach dem Mahl hat uns unser Patron auf unsere Bitte hin eine Barke organisiert, die uns schneller nach Venedig bringen sollte, als mit der Galee und mit großen Schiffen, mit denen man nicht so rasch vorwärtskomme. Und wir haben vereinbart, dass man uns für sechs Dukaten bis nach Venedig bringe. Wir geleiteten unseren Patron auf die Galee und segneten ihn, setzten auf die Barke über, die wir zuvor ausgehandelt hatten und segelten davon. Wir gelangten von Parenzo aus X welsche Meilen entfernt zu einem Städtchen der Herren Venezianer, das den Namen trägt Nova Ciuitas, gleichsam als ob man sagte [fol. 157r] Nowe miesto 636 . Danach fuhren wir von diesem Städtchen etwa sieben und acht welsche Meilen, und hier kam ein sehr starker Gegenwind auf, so dass der Patron dieser Barke der Sicherheit wegen nicht mit uns die Reise fortsetzen wollte; wir fuhren wieder zurück zu dem oben genannten Städtchen Nowa Ciuitas, legten hier an und begaben uns in eine Schankwirtschaft. Es ist ein kleines und schlechtes Städtchen, in dem man wenig Nutzbringendes finden konnte, bevor die Herren Venezianer erneut begannen, sie mit Mauern und Türmen zu versehen. Auch leben wenig Menschen in dieser Stadt. So haben wir in einer Schankwirtschaft zu Abend gegessen und danach, etwa zur dritten Stunde in der Nacht, als der Mond aufgegangen war, sind wir wieder auf die Barke gestiegen und haben mit Gottes Hilfe unsere Reise fortgesetzt. Auch hatten wir den Eindruck, der Wind sei schwach, aber günstig. Wir fuhren entlang eines Landes [fol. 157v] auf einem Umweg, worüber wir mit dem Patron sprachen - denn er konnte gut slawisch und verstand uns - und wir sollten in Küstennähe unweit des Landes reisen. Und er riet uns, derart zu handeln, und wir fühlten uns durch seine Fürsprache sicher, haben uns hingelegt und geschlafen. Er aber hat getrunken und dabei vergessen, dass der mächtige Wind uns vom Lande wegtrieb, was wir erst merkten, als wir uns wieder auf dem großen Meer befanden. Hier haben uns große Wellen umspült und die Barke wie Garben auf und ab geschüttelt, so dass es hoch und runter ging. Wasser drang Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 463 <?page no="464"?> 637 Mastris = Mestre. 638 Terwizo = Treviso. 639 Kunczslan = Conegliano, Stadt im Herrschaftsgebiet Venedigs. 640 Cadan = Kadaň (dt. Kaaden), nordböhmische Stadt und Ausgangspunkt der Pilgerfahrt. in die Barke ein, so dass stets zwei das Wasser mit Gefäßen entfernen mussten. Da überfiel uns alle eine große Angst, so dass ich nicht glaube, irgendeiner von uns, sofern er am Leben ist, könnte sich jemals in größerer Angst befunden haben; denn so etwas ähnliches hatten wir noch nicht erlebt, und wir glaubten alle ersaufen zu müssen; und obwohl der Mond schien und es klar war, sahen wir doch keinerlei [fol. 158r] Berge, vermochten kein Land zu erblicken. Wir alle glaubten, wir müssten sterben und jeder von uns, sofern er noch am Leben ist, dürfte nie frommer gewesen sein als in diesem Moment. Dies alles dauerte sechs oder sieben Stunden. Da haben wir uns alle geschworen, wir würden eine Pilgerfahrt zur Gottesmutter nach Loreto unternehmen, und jeder würde dort sein Opfer darbringen. Und sofort, nachdem wir dies gesprochen hatten, begann sich der Sturm zu legen und ein guter Wind kam auf, ohne derartige große Wellen, so dass wir die Reise fortsetzen konnten. Am Montag, dem Tag des heiligen Hieronymus [30. September], kamen wir mit Gottes Hilfe gegen ein Uhr am Tag in Venedig an, im Hafen zwischen den beiden Burgen nahe dem Kloster des heiligen Nikolaus. Hier waren wir in der Messe und nach dieser fuhren wir in die Stadt in unsere Herberge. [fol. 158v]. Und ich empfehle niemandem, hierher auf einer kleinen Barke zu fahren, da es unvorteilhaft ist; denn hier liegt der Golf, über den man viele Meilen fahren muss, ohne dass man Berge oder ein Land erblickt. Häufig gibt es hier, wie man mir erzählte, Fortuna, diese Meeresgewitter. Und man zählt von diese Noua ciuitas bis nach Venedig neunzig welsche Meilen. Mir scheint, dass wir diese in acht Stunden bis Venedig zurückgelegt haben. Ich denke, dies sind nach unseren böhmischen Meilen XXII und eine halbe, die wir in den acht Stunden gefahren sind. Am Dienstag [1. Oktober], am Mittwoch [2. Oktober], am Donnerstag [3. Oktober] war ich hier in Venedig und habe verschiedene Sachen eingekauft. Am Freitag, dem Tag des heiligen Franziskus [4. Oktober], am Morgen nach dem Frühstück, sind wir auf einer Barke bis in das Städtchen Mastris 637 gefahren, wo uns die Pferde erwarteten. Hier haben wir die Pferde bestiegen [fol. 159r] und sind bis Terwizo 638 geritten. Am darauffolgenden Sonntag dann [6. Oktober] reisten wir nach dem Mit‐ tagsmahl bis Kunczslan 639 und nahmen von hier aus dann jenen Weg, auf dem wir auch hierhergekommen waren, und ich habe die gleichen Übernachtungen gemacht wie zuvor. Ich traf wiederum in Cadan 640 etwa um zwei Uhr in der 464 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="465"?> 641 Radd (dt. froh). 642 Benatky = Venedig. 643 Czo gest mil po morzi z benatek az k boziemu hrobu (dt. Dies sind die Meilen über das Meer von Venedig zum Heiligen Grab). 644 Yadra (kroat. Zadar). 645 Leczyna (kroat. Hvar). 646 Kurczula (kroat. Korčula). 647 Dubrawnik (Dubrovnik, ital. Ragusa). 648 Korffon (griech. Korfu). 649 Modon (griech. Methoni). 650 Candia (griech. Iraklion). 651 Rodyz (griech. Rhodos). 652 Czypr = Zypern. 653 Rama = Ramla. Nacht an diesem Mittwoch nach dem heiligen Simon und Judas, den göttlichen Aposteln radd  641 . [fol. 159v] Item von Cadan aus ist diese oben beschriebene Reise, die ich dorthin unternommen habe, nach unseren Meilen X c VI bis Benatky 642 lang gewesen. [Czo gest mil po morzi z benatek az k boziemu hrobu] 643 Item über das Meer reist man von Venedig zum Heiligen Grab nachfolgende welsche Meilen: Zuvörderst von Venedig nach Parenza C Meilen; Von Parenza nach Yadra 644 CL Meilen; Von Yadra nach Leczyna 645 CXX Meilen; Von Leczyna nach Kurczula 646 L Meilen; Von Kurczula nach Dubrawnik 647 LXXX Meilen; Von Dubrawnik nach Korfon 648 III c Meilen; Von Korffon nach Modon 649 III c Meilen; Von Modon nach Candi 650 III c Meilen; Von Candij nach Rodyz 651 III c Meilen; Von Rodyz nach Czypr 652 IIII c Meilen; Von Czypr nach Jaffa III c Meilen. [fol. 160r] Und dieses Jaffa liegt, wie zuvor beschrieben, am Meeresufer, und von dort aus reist man über Land und im Trockenen bis nach Jerusalem: von Jaffa nach Rama 653 XII Meilen, von Rama nach Jerusalem XL Meilen. Und von diesen XL ti Meilen, wenn man von Rama reist, sind es etwa XV Meilen guten Weges, der Rest freilich bis nach Jerusalem, ist ein schlechter und steiniger Weg, wie er nicht schlimmer sein kann. Und so ist die Summe alles dieser welschen Meilen von Venedig bis nach Jerusalem zum Heiligen Grab Zweitausend und ein halbes Hundert und zwei Meilen. Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 465 <?page no="466"?> 654 Johann von Lobkowitz auf Hassenstein. Die (deutschen) Namen der Teilnehmer von Hassensteins Pilgergruppe finden sich zuerst bei Reinhold R ÖH R I C H T , Deutsche Pilger‐ reisen nach dem Heiligen Lande, Innsbruck 1900, S. 181-183 und wurden von dort ohne genaue Identifizierung übernommen von Christian H A L M (Bearbeiter), Europäische Reiseberichte des späten Mittelalters. Eine analytische Bibliographie, hg. von Werner Paravicini. Teil 1: Deutsche Reiseberichte, Frankfurt a.-M. 1994, S.-251f. 655 Dietrich von Guttenstein. 656 Georg Gfeler. 657 Johann Leuthold von Ejprnic (Oberznike). 658 Nikl Gries (Geys) aus Tachau. 659 Jan Mlade (Wmalde) aus Vilémov. 660 Graf Wolfgang von Ortenburg (gest. 1519). Und so, vier welsche Meilen für eine unsrige gerechnet, wären es von Venedig bis Jerusalem sechs Hundert und XIII Meilen. Andere freilich rechnen drei welsche Meilen für eine unsrige. Mit selbst scheint [fol. 160v], sofern ich dies gesehen habe, dass von deren drei Meilen auf dem Meer sich mit unsriger eine Meile vergleichen lässt. Und somit wären es VIII c Meilen und XIII Meilen von den unsrigen. Item die Galee, auf der wir fuhren, war in der Länge XXXIII meiner Schritte lang und in der Breite ungefähr VI oder VI und einen halben Schritt. Und wir alle waren zusammen mit den Galeoti, als wir zuvörderst in Venedig die Galee bestiegen, ein halbes Hundert und VII Personen. Und es gab hier viele kleine und große Seile, so dass ich nicht glaube, Prag und die Berge ausgenommen, dass an einem Ort in Böhmen sämtliche kleinen und großen Seile zusammen derart viele sind, dass sie jene Seile aufwiegen, die auf der Galee mitgeführt worden sind. [fol. 161r] Und aus diesen Ländern reisten die Herren Grafen sowie gute Menschen auf dieser unserer Galee mit uns: aus Böhmen: Herr Jan Hasysteynsky 654 , Herr Getrzich z Gutsstayna 655 , Girzik Gffelerz z Aksso 656 , Jan Laytolt z Eybrnicz 657 , Nickl Grysz aus Tachow 658 , Jan Mladie aus Wylemow 659 , Blazek, Koch des Herrn von Hassenstein, Girzik, Diener des Jan Mladie. aus Bayern: Graf Wolff von Ortmberk 660 , Ffrydrych Mautnar von Koczenssteyn 661 , 466 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="467"?> 661 Friedrich Mauthner von Gotzenstein. 662 Gaspar von Kappeln (Caplar). 663 Heinrich Treichtlinger (Teichaussir). 664 Paul von Altenburg. 665 Graf Philipp II. von Waldeck-Eisenberg (1453-1524). 666 Heinrich VII. von Immighausen, ab 1473 waldeckischer Rat. Vgl. zur Person Hermann S T E I N M E T Z , Die waldeckischen Beamten vom Mittelalter bis zur Zeit der Befreiungs‐ kriege, in: Geschichtsblätter Waldeck 44 (1952), S.-22-62, hier S.-24. 667 Nicolaus Oschmar. 668 Wilhelm von Gresten, evtl. aus der Bielefelder Familie von Gresten, offenbar zum Gefolge des Grafen Philipp gehörig. 669 Hermann von Ziederschen, offenbar zum Gefolge des Grafen Philipp gehörig. 670 Peter. 671 Graf Botho III. von Stolberg. Vgl Eduard J A C O B S , Über die Meerfahrten der Grafen Heinrich d. J. und Botho zu Stolberg nach Jerusalem, März - September 1493 und 6. April 1493 bis 9. Februar 1494, in: Zeitschrift des Harz-Vereins für Geschichte und Alterthumskunde 3 (1870), S.-1014-1019. 672 Friedrich III. von Sachsen (Friedrich der Weise). 673 Friedrich Schenk von Limburg (Limbach), wohl Friedrich VI. Schenk von Lim‐ purg-Speckfeld (1468-1522). 674 Wolf von Guttenberg. Evtl. Wolf II. Wolff Gudenberg von Iter, Rat des hesssichen Landgrafen Wilhelm I. 675 Georg von Selberg (Folbergk). Casspar von Kapla 662 , Henrych Truchtlinger 663 , Pawel von Altenburk 664 . [fol. 161v] aus Hessen: Filip, Graf von Waldek 665 , Hendrych von Imickhauz 666 , Nycklas Oschsnar, Kaplan des Grafen Philipp 667 , Wylem Gresten 668 , Herzman von Zijederdissen 669 , Petr, Koch des Grafen 670 . aus Thüringen: Graf Bot von Sstolbergk 671 , der Bruder dieses Herzogs Henrych, der mit dem Fürsten ffrydrych von Sachsen 672 auf dem anderen Schiff reiste. aus Franken: Herr Ffrydrych Ssenk von Limperk 673 , Herr Wolff von Gutemberk 674 , Herr Girg von Sselberk 675 , Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 467 <?page no="468"?> 676 Wilhelm von Afferbach. 677 Die ersten vier Personen werden als Ritter klassifiziert. 678 Sigmund von Thüngen (um 1465-1522), später Würzburger Amtmann in Karlstadt. 679 Johann von Helmstadt (Hobistet). 680 Georg Truchseß von Wetzhausen (1465-1552), ab 1499 Abt des Klosters Auhausen an der Wörnitz. 681 Hans Georg von Absberg zu Absberg und Dornhausen, brandenburgischer Amtmann von Crailsheim, Vater des berüchtigten Raubritters Hans Thomas von Absberg (1477- 1531). 682 Sigmund Fuchs (von Rügheim? ), fränkisches Adelsgeschlecht. 683 Raff von Tolhaym. 684 Peter Schenk. 685 Heinrich Ernst, Koch. 686 Anton Lorber. 687 Kilian Ekl. 688 Johann von Stadia, Dr., der spätere kaiserliche Rat Hans von Stadion (gest. um 1537). 689 Ludwig von Württemberg (Ritter). 690 Dr. Johann Iklinger. 691 Johann Reger. 692 Johann Ryss. 693 Nicolaus Bot. Herr Wylem von Awerbach 676 , 677 Sigmund von Tinigen 678 , Johann von Helmstat 679 , Girg Truksas 680 , Hans Girg von Abssperk 681 , Sigmund Fuchs 682 , Raff von Tolhayn 683 , Priester Petr, Kaplan des Herrn Ssenk 684 , Henrych Ernst, Koch des Herrn Ssenk 685 , Antonius Lorber 686 , Cylian Waltffoyt 687 . aus Schwaben: Herr Johan von Stadia, Ritter und Doktor 688 , Ludwik von Wirtemberk 689 , Doktor, Johann Jklinger 690 , Johann Reger 691 , Johan Rysz 692 , Nyclas Bot 693 . [fol. 162v] aus Österreich: Herr Krystoff 694 , 468 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="469"?> 694 Christoph von Hornfeld. 695 Rudolf von Hornfeld, Bruder des Christoph. 696 Tic von Soarnek. 697 Dietrich von N. 698 Heinrich von Zedlitz (gest. 1510). Vgl. R Ö H R I C H T , Die Jerusalemfahrt des Heinrich von Zedlitz (wie Anm. 416). 699 Christoph List. 700 Christoph von Polentz. 701 Thomas Schwan. 702 Deslaw Manaw. 703 Nicolaus, Kaplan. 704 Claus Warmer. 705 Peter Wolfsmar. 706 Fehlt in H A L M , Europäische Reiseberichte (wie Anm. 654). 707 Michael von Eperies (slow. Prešov). 708 Thomas von ? 709 Gregor von Buda. 710 Gallus von Szeged oder Szigetvár (? ). Herr Rudolff 695 , Rudolf, Knecht, Kolman, deren Koch. aus Preußen: Ticz von Sparnek 696 , Getrzich von N. 697 . aus Schlesien: Hyncz von Czedlicz 698 , Krystoff Lise 699 , dessen Knecht. aus der Mark: Herr Krystoff von Polencz 700 , Ritter, Thomas Sswan 701 , D’szlaw Manaw 702 , der Priester Nyclas 703 , Kaplan, Clausz Warmer 704 , Petr Wolpmar 705 . [fol. 163r] aus Ungarn  706 : der Priester Michal von Epriass 707 , der Priester Thomass sseczkoczgi 708 , der Priester Rzehorz von Budin 709 , der Priester Hawel von Czyget 710 , Ssimon Captas von Ygob 711 . Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 469 <?page no="470"?> 711 Simon Captas von ? 712 Braun Lank aus Liebenfels. 713 Dr. Felix Grebel. 714 Nicolaus von Antdorf (Antwerpen, Magister). 715 Friedrich von Reitzenstein. 716 Heinrich von Rebiz. 717 Just aus Balow. 718 Nicolaus von Antohrff (Antwerpen); siehe auch Anm. 714 - fehlt in H A L M , Europäische Reiseberichte (wie Anm. 654). 719 Cornel Kramer aus Anthorff (Antwerpen). 720 Gerhard aus Leiden. 721 Klaus aus Dort (Dordrecht? ). 722 Florian aus Kansten. 723 Peter Adrian aus Dort (Dordrecht? ). 724 Claus aus Dusen. 725 Johann aus Middelburg. 726 Adrian (Minorit). Er und die drei anderen Priester werden als Barfüßer geführt. 727 Eberhard (Minorit). aus der Schweiz: Brawn Lancz von Libenfels, Doktor 712 , ffelix Grebl 713 . aus den Bamberger Bergen: Magister Niclas von Anthdorff 714 , ffridrych von Raczeosteyn 715 , Hevmcz von Rebicz 716 . aus Flandern: Josst Balaw 717 , Niclas von Anthorff 718 , Kornelius, Kaufmann aus Anthorff 719 . aus Holland: [fol. 163v] Gerbarth von Layden 720 , Clausz von Dort 721 , Fflorian von Canssten 722 , Petr Adrian von Dort 723 , Clausz von Dusen und von Harlam 724 . aus Zeeland: Johann von Mittelburgk 725 , Cornelius, der Priester Adrian 726 , der Priester Ebrharth aus Deszberk 727 , 470 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="471"?> 728 Barnardin (Minorit). 729 Johannes (Minorit) - fehlt in H A L M , Europäische Reiseberichte (wie Anm. 654). 730 Sowohl die Personen aus England wie auch alle nachfolgenden Teilnehmer der Pilgerreise aus Britannien, Spanien, Frankreich usw. fehlen in H A L M , Europäische Reiseberichte (wie Anm. 654). 731 Dieser Priester und die beiden folgenden Geistlichen werden als Barfüßer geführt. der Priester Bernandin aus Herbach 728 , der Priester Jan 729 . aus England  730 : Herr Johan von Putler, Herr Johann von Gaystan, Johan Ffpenser, Wawrzinecz Dobiller [fol. 164r] Thomas Litteneg, der Priester Wylem Ffelb, der Priester Johannes Stewsen, der Priester Jan Corth. aus Britannien: Frau Johanna, Gräfin von Perier, die Jungfer Magdalena. Ihre Dienerin, der Priester Petr, ihr Kaplan, Petr Dinkonborth, ihr Koch. aus Hyspanien: Johan von Garsye, Petr von Sanoy, der Priester Przewor von Moro, Petr von Mittando, der Priester Jan Kumptor von Spadi, der Priester Negnyra 731 , der Priester Augustyn, der Priester Ffrantissek vom Heiligen Kreuz. [fol. 164v] aus Ffrankraych: Herr Wylem von Hangest, Herr in Agilers, Herr Juo von Insule, Herr in Andres, Magister Hugo Cadi, Magister Johannes, der Priester Albin, Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 471 <?page no="472"?> 732 Ergänzend ist für diesen sowie den nachfolgenden Barremie hinzugefügt „aus Ochta‐ xelen“ (? ). 733 Dieser und die beiden folgenden Herren werden ergänzend als Ritter bezeichnet. Bartholomieg Canuo von Lugdon, Petr, Koch der oben genannnten Herren, Petr Pryto, Johan Ronseam, der Priester Olmer von Willers, Joys von ffort, Gerhart Wellen von Gesnem, Claude Toren, Johann von Sanomennee, Johan Baranger 732 , Symon Barremie, Hugo Conget, Petr Birotten, der Priester Granyan von Synai, Piro von Ryffert. [fol. 165r] aus dem Hennegau: Magister Thomass von Masswolt, der Priester Thomass von Monlin, der Priester Julian von Gewer, Johan Blandion. aus Polen: Jakub von Rynssij, Mikulass Gerssi, Wachlaw, der Priester Mikulass, Kanoniker in Krakau. aus Slawonien: Mathyass Kuda, Lukass von Piaso, der Priester Petr. aus der Lombardei: Herr Dominik 733 , Herr Babtista, Herr Csop, [fol. 165v] der Priester Petr, 472 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="473"?> 734 Herzog Christoph der Starke von Bayern-München (1449-1493). 735 Philipp I. von Anhalt-Köthen († 1500). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 276. 736 Herzog Balthasar II. von Schwarzburg (1453-1525). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 279. 737 Graf Heinrich X. der Jüngere von Stolberg (1467-1508). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 277. 738 Graf Adam von Beichlingen. (1465-1538), oberster Kammerrichter am Reichskammer‐ gericht in Speyer, Obermarschall des Kf. Friedrichs des Weisen. Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 278. 739 Freiherr Heinrich XII., Herr von Gera und Herr zu Schleiz (1438-1500). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 287. 740 Herr Hans von Schwarzenberg (1463-1528). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 310. der Priester Andiel, Philip von Siena, Marek von Parma. Und auf diesem unserem Schiff, welches man als Galee bezeichnet und auf dem wir von Venedig aus reisten, waren wir insgesamt CCCCL und VI Personen. Und danach, ehe wir im Heiligen Land ankamen und sich einige von uns trennten, da waren wir, als wir im Heiligen Land anlegten, nur noch CLXXXV Pilger, und Galeoten, die das Schiff lenkten, diese waren zwei Hundert und vier. [fol. 166r] Und in diesem Jahr und zu dieser Zeit reisten auf dem anderen Schiff, auf der Galee Subtil, der Fürst Frydrych, Herzog von Sachsen und Kurfürst etc., ihre Gnaden, die fuhren ebenfalls zum Heiligen Grab und mit seiner Gnaden fuhren die nachfolgend genannten Herren und Grafen sowie guten Menschen: Fürsten, ihre Gnaden: Herzog Ffrydrych, Herzog von Sachsen und Kurfürst etc. Herzog Krysstoff, Herzog von Bayern und München 734 . diese Grafen und Herren: Herr Philipp, Herzog von Anhalt 735 , Herr Baltazar, Graf von Sswarczpurk 736 , Herr Hendrych Graf von Sstolbergk 737 , Herr Adam, Graf von Pachlingk 738 , Herr Hendrych von Gerow 739 , Herr Hanuss von Scwarczenbergk 740 , Herr Margk von Wildenfelszen 741 . [fol. 166v] diese Ritter und guten Menschen: Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 473 <?page no="474"?> 741 Der kursächsische Einrösser Anarg von Wildenfels (bel. 1486-1516. Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 274 und 210. Er fehlt bei H A L M , Europäische Reiseberichte (wie Anm. 654)! 742 Ritter Heinrich von Schaumburg († 1516). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 274, 140 und 267. 743 Dr. Siegmund Pflug zu Lamperswalde (um 1455/ 60-1510). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 274 und 327. 744 Heinrich von Bünau zu Teuchern und Gröbitz (vor 1462-1506). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 288. 745 Heinrich von Schleinitz aus Seerhausen († 1527), Abt des Chemnitzer Benediktiner‐ klosters. Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 313. 746 Der Jurist Dr. Matthias Bestoltz (bel. 1470-1506). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 323, 140, 210 und 274. 747 Ist nicht in anderen Reiseberichten oder am kurfürstlichen Hof nachzuweisen. H A L M , Europäische Reiseberichte (wie Anm. 654) will in ihm einen promovierten herzoglichen Rat sehen. In den frühen 1490ern Zeit sind mit fraglichem Vornamen im Hofumfeld nur der Hofbäcker Steffan Beßkaw und gelegentlich Steffen S(ch)laginhaufen sowie ab 1494 der Landsknecht Steffan Butner belegt. Erst 1503 tritt Steffen Schlick, Herr zu Elbogen als Adliger mit entsprechenden Vornahmen in den Hofdienst. 748 Heinrich Mönch (bel. 1480-1507), Amtmann zu Weida. Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 274. 749 Cäsar Pflug zu Eythra und Knauthain (um 1450/ 55-1524). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 295. 750 Haugold Pflug (bel. 1483-1505). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 297. 751 Anselm/ Anshelm von Tettau zu Mechelsgrün und Zschockau (bel. 1460 bis 1534). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 280. 752 Rudolf von der Planitz zu der Planitz, genannt der Alte (bel. 1486-1513). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 304. 753 Cunz (Conrad) Metzsch zu Mylau (bel. 1474-1527). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 305. Herr Hendrych von Sswamberk 742 , Herr Zykmund Fflug, Doctor 743 , Herr Hendrych von Bunaw 744 , der Abt aus dem Kloster Kamenicz 745 , N. Stolcz, Doctor und fürstlicher Rat 746 , Herr Ssteffan von Guttenbergk 747 , Hendrych Minych, fürstlicher Marschall 748 , Czesar Fflug 749 , Hangolt Fflug 750 , Anshelm von Tetow 751 , Rudolff von Plaunicz 752 , Kuncz Metss 753 , Hanuss Hundt 754 , 474 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="475"?> 754 Hans Hundt zu Altenstein von Wenkheim (bel. 1487-1504? ), kurfürstlicher Türknecht. Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 274. 755 Cunz von Rosenberg (bel. 1487-1493). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 290. 756 Jakob I. von Fraunhofen (bel. 1487-1508), bayerischer Adliger. Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 311. 757 Götz von Seinsheim (bel. 1484-1493). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 309. 758 Hans Sack zu Mühldorf (bel. 1490 bis min. 1521). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 281. 759 Nicolaus von Wiedersberg (Niclas Widersberger), von 1487 bis 1515 am kursächsischen Hof als Einrösser belegt; vielfach auch bei Reisen ins Reich und Turnieren im Gefolge des Kurfürsten belegt. Er könnte einer der bisher nicht bekannten Begleiter des Kurfürsten sein. Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 274. 760 Wolf von Weißenbach zu Schönfels (um 1470 bis 1535). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 312. 761 Jörg von Zed(t)witz. Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 306. Dieser und der nachfolgender Kaspar werden ergänzend als von Czedwicz, Onkel, bezeichnet. 762 Caspar von Zed(t)witz (bel. 1481-1496? ). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 308. 763 Hans von Feilitzsch zu Heinersgrün (bel. 1485-1518/ 1525? ). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 303. 764 Ulrich genannt Utz vom Ende zu Arnshaugk (bel. 1487 bis min. 1528). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 282. 765 Marckart von Amendorf zu Pouch (bel. 1486-1513). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 283. 766 Anthonius von Rosenau (bel. 1509-1522). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 284. 767 Hans Grensing (bel. 1486-1493). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 300 und 170f. Kuncz von Rozmbergk 755 , Jakub von Ffrawenhoff 756 , Gotcz von Haynshaym 757 , Hanuss Sak 758 , Mikulass von Widersspergk 759 , Wolff von Weysenbach 760 , [fol. 167r] Girzik 761 , Casspar 762 , Hanuss von Ffaylcze 763 , Vez von End 764 , Markwarth von Amenstorff 765 , Anthon von Rozenow 766 , Hanuss von Gremszgk 767 , Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 475 <?page no="476"?> 768 Wilhelm von Einsiedel auf Gnandstein (um 1472-1493. Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 296 und 170f. 769 Georg/ Jörg von Hopfgarten zu Hopfgarten und Mülverstedt, ab 1500 Herr zu Haineck (bel. 1486-1516). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 292. 770 Wilhelm von Harras auf Oßmannstedt (bel. 1493-1496). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 293. 771 Jobst von Feilitzsch, vmtl. auf Treuen (1428-1511). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 294. 772 Leupoldt von Hermannsgrün (bel. 1493-1521). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 301. 773 Sigmund von Maltitz, ab 1503 Herr zu Reichstädt (bel. 1472-1524). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 307. 774 Cuntz von Maltitz zu Elster (gest. 1493). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 302. 775 Der Einrösser Sebastian von Mistelbach (bel. 1487-1519). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 274, 192, 201 und 268. 776 Der kursächsische Hofadlige Casper Spät/ Spedt (bel. 1486-1531). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 274, 192, 201. 777 Herr Albrecht von Wolfstein erscheint auch in Hundts Rechnungen der Pilgerreise zu Rhodos und Kreta; Reinhold R ÖH R I C H T / Heinrich M E I S N E R , Hans Hundts Rechnungs‐ buch (1493-1494), in: Neues Archiv für Sächsische Geschichte 4 (1883), S. 37-100, S. 42, 49. Ein Wilhelm von Wolfstein ist von 1491 bis 1503 als Hofadliger mit 100 fl Dienstgeld nachgewiesen. Auf der Rückreise von der Wallfahrt erscheint er in Innsbruck, Salzburg und Nürnberg in den Rechnungen; R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 778), S.-42, 71, 75, 79, 83, 86-88, 90. 778 Dietrich von Schlieben (bel. 1492-1534? ). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 298. 779 Wohl Marx Adelmann, der in Rhodos verstorbene Begleiter des bayerischen Herzogs Christoph. Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 170, 205, 274. 780 Asmus Lemiger/ Leminger, seit 1492 am kursächsischen Hof belegt. Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 317. Wylem von Enzydie 768 , Girzik von Hoffgarth 769 , Wylem von Haras 770 , Josst von Ffaylcze 771 , Lipolt von Hermansgrun 772 , Sygmund von N. 773 , Kuncz von Malticz 774 , Sebestian von Mistlbach 775 , Kasspar von Sspet 776 , Albrecht von Wolffstayn 777 , Getrzich von Ssliben 778 , Markus Edlmon von Edlmanssfeld 779 , [fol. 167v] Erasymus von Laymingk 780 , 476 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="477"?> 781 Degenhart Pfeffinger zu Salmannskirchen und Zangberg (1471-1519), Erbmarschall von Niederbayern, von 1496 bis 1513 Türknecht des sächssichen Kurfürsten. Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 286. 782 Moritz Marschalk, Einrösser (bel. 1491 bis 1497), belegt auch in Hans Hundts Rech‐ nungsbuch R Ö H R I C H T / M E I S N E R , Hundts Rechnungsbuch (wie Anm. 778), S.-51. 783 Wilhelm von Greuss (bel. 1490 bis 1515). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 285. 784 Hans von Meusebach zu Schwerstedt und zu Bottelstedt (bel. 1487-1525). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 289. 785 Magnus vom Hayn/ vom Hain. Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 314. 786 Lorentz von Krosigk/ Crossig († 1534). Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 315. 787 Hans von Eberstein, Gefolgsmann des Grafen Philipp von Anhalt. Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 324. 788 So nicht am kursächsischen Hof nachzuweisen. Evtl. identisch mit dem von 1493 bis 1509 am Hof belegten Wasserbrenner und Geistlichen Johannes Roßental. 789 Evtl. Bartholomeus von Trotha (Bartholome von Trott), der auch 1495 im Gefolge des Kurfürsten zu Worms genannt ist. 790 Cunz von Koschwitz. Ist in dieser Form nicht am kursächssichen Hof belegt. Denkbar wäre, dass es sich um den in der Entourage des Kurfürsten reisenden Kunz Maler/ Cunz Maler handelt, von dem auch sonst kein Beiname überliefert ist. Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 201 und 274. Allerdings spricht das in der Bezeichnung von Koschwitz angedeutete Adelsprivileg wohl eher gegen diese Annahme, wobei es sich um eine Herkunftsbezeichnung nach dem Ort Kochwitz südlich von Kemberg handeln könnte. 791 Vermutlich identisch mit dem Edelknaben Groß, der seit 1492 am Hof belegt ist; Johannes Groß, der 1507 bis mindestens 1526 als Geleitsmann zu Jessen diente, ist vermutlich mit diesem identisch. 792 Sonst nicht am Hof, den Reiseberichten oder Rechnungen belegt. Degenhart von Pheysynk 781 , Maurycz Marssalek, 782 Wylem von Grayzham 783 , Hanuss von Mayzbach 784 , Magnus von Hayn 785 , Lorencz von Krorzikozn 786 , Hanuss von Ebrstayn 787 , Hanuss von Rostembergk 788 , Bartholomieg von Droth 789 , Kuncz von Kosswicz 790 , Hanuss Grosz von Grosz 791 , Degnhart von Dwur 792 , Erharth von Gersstenbergk 793 , Hanuss Stang 794 , Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 477 <?page no="478"?> 793 Er ist möglicherweise identisch mit einem Gerstenberg, der als Knecht Adam Graf von Beichlingens im Februar 1495 in den Rechnungen des sächsischen Hofes als Übermittler eines Turnierpferdes genannt ist; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5520, fol. 14r. Er könnte Beichlingen schon auf dieser Reise begleitet haben. Das Geschlecht der von Gerstenberg ist später um Erfurt ansässig. 794 Ein Hans Stang erscheint 1491 als Pferdeverkäufer in den Rechnungen des kurfürstli‐ chen Hofes; LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 4137, fol. 201r. 795 Ein Edelknabe mit dem Nachnamen Krawh/ Croh ist seit 1491 am kursächsischen Hof belegt; Veit Krah erscheint zudem in Reiserechnungen im Gefolge des Kurfürsen, evtl. identisch mit dem Kammerknecht Veit Gruhl. Vgl. den Beitrag von Thomas Lang in diesem Band, Anm. 274 und 201. 796 O Swate zemie (dt. Über das Heilige Land). 797 O Jordanu (dt. Über den Jordan). 798 Mt 4, 1-11; Mk 1, 12-13; Lk 4, 1-13. 799 1 Mos 19, 1-29. 800 Swate miesto (dt. Die Heilige Stadt). 801 O moczy krale zoldana (dt. Über die Macht des Königs Sultan). Wijt Kro 795 . [fol. 168r] [O Swate zemie] 796 Auch ist es hilfreich zu wissen, dass, gleich am Ufer bei Jaffa beginnend und bis zum Jordan reichend, dies alles das Heilige Land ist. [O Jordanu] 797 Und es sind von Jerusalem bis zum Jordan ungefähr X unsrige Meilen oder aber etwas mehr. Auf diesem Weg gibt es einen Berg, auf dem der Teufel Christus den Herrn in Versuchung führte, ihm seine Herrschaft und alles geben wolle, sofern er vor ihm kniee und ihn anbete, wie hierüber in der Schrift geschrieben steht 798 . Und es ist ein sehr hoher Berg. Dieser befindet sich unweit vom Jordan in einer heute zerstörten Stätte, doch leben wenige Menschen in dieser. Unweit hiervon liegt das Tote Meer, in dem Sodom und Gomorra versanken 799 . Dies ist gut zu erkennen. [Swate miesto] 800 Und die Stadt Jerusalem, wenngleich in dieser die Heiden sind und sich aufhalten, so nennen wir sie doch [fol. 168v] die Heilige und sehen sie als solche an. Auch die Heiden, Türken und Juden nennen sie die Heilige [Stadt - Th. K.]. Sie wird auch stets im Neuen und im Alten Testament, wenn sie Erwähnung findet, als Heilige Stadt bezeichnet. Und im Alten Testament wird keine andere Stadt derart häufig genannt wie Jerusalem, und so ist es auch im Neuen Testament. [O moczy krale zoldana] 801 Der König Sultan, dem diese Stadt Jerusalem gehört, ist ein mächtiger Herr und er besitzt eine große und ausgedehnte Herrschaft. Und seine Herrschaft beginnt am Meeresufer bei Jaffa, einer vormals großen Stadt, wie bereits berichtet wurde. Jetzt aber sieht man davon nur mehr wenig, nur hüben und drüben erkennt man Gräben und Wälle, wo bei dieser Stadt die Pilger vom 478 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="479"?> 802 Kairo. 803 O hospodarziech w miestie A o gich ztrawie (dt. Über die Hauswirte und über deren Nahrung). 804 miesto Alkyro lezij w Egyptie (dt. Die Stadt Kairo liegt in Ägypten). 805 1 böhmische Meile = 7480 Meter. 806 Agatstein = Bernstein. Meer aufs Land steigen, die zum Heiligen [fol. 169r] Grab zu einer Pilgerfahrt kommen und wandern. Von hier aus bis nach Jerusalem und um Bethlehem nennt man dieses Land Judäa. Und von Jerusalem sind es ungefähr XV Tage für eine Pilgerfahrt in die Stadt Alkayro 802 , in der der König Sultan residiert. Hier hat er seine Burg. Und diese Stadt Alkayro ist den Nachrichten zufolge sehr groß, wie mir einer berichtet hat, der dort gewesen ist. Wer schon in Prag gewesen ist, dann ist es [in Kairo - Th. K.] wie viermal oder auch fünfmal so groß wie in Prag und die Zahl der hier Lebenden ist sehr hoch. Mir wurde als verbürgt berichtet, dass wenn in Prag die zahlenreichste Zusammenkunft oder ein Jahrmarkt stattfindet, dass dort jeden Tag überall und alle Gassen voll sind von dichtgedrängten Menschen. Auch wurde mir als verbürgt erzählt, dass einige Jahre zuvor, bevor ich mich auf der Pilgerfahrt befand, in dieser Stadt Alkayro eine große Pest wütete, an der jeden Tag [fol. 169v] fünfzehn bis sechzehn, zuweilen auch siebzehn Tausend und mehr mehr Menschen starben. Und diese Pest dauerte drei Monate; an dieser starben vierundzwanzig Mal einhunderttausend Menschen im Verlaufe dieser drei Monate. [O hospodarziech w miestie A o gich ztrawie] 803 Und weiter berichtete man mir über diese Stadt, dass die Menschen den Brauch pflegen, dass kein Hauswirt und Bewohner in seinem Haus Essen kocht oder backt, zumal es eine Vielzahl von Gemeindeküchen gibt und dass dort für alle Bewohner ausreichend gekocht und gebacken wird - Rindfleisch, Kamelfleisch, Kalbfleisch, Hammelfleisch, Hühnerfleisch, Hähnchen, Kapaune und von Zeit zu Zeit alles gekocht, gebacken, so wie es jeder mag, und dies alles ist ausreichend und genauso gut, als wenn es jeder selbst kaufen würde. Und in dieser Stadt gibt es angesichts der [fol. 170r] großen Hitze und Trockenheit unheimlich viel Staub. Sie haben hier an die dreitausend Kamele, um in diese Stadt Wasser zu transportieren, den Staub zu lindern und sauberzumachen, damit nicht alles verstaubt. [miesto Alkyro lezij w Egyptie] 804 Und diese Stadt Alkyro liegt in Ägypten. Das ganze Land aber nennt man das ägyptische. Unweit von dieser Stadt Alkyro, vielleicht drei der unsrigen Meilen 805 , hat der König einen Garten, in dem Balsam wächst. Und dieser hat Reben wie Wein, aus dieser Rebe fließt Balsam direkt wie Saft aus dem Holz oder aus dem Baum. Der wahre Balsam hat eine gelbe Farbe, sauber wie Agatstein 806 . Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 479 <?page no="480"?> 807 Felix Arabia. 808 Rhabarber. 809 O drahem kamenij (dt. Über Edelsteine). 810 O mameliczych (dt. Über die Mamluken). Auch herrscht dieser König Sultan über das arabische Land, das, wie man mir berichtete, sehr groß ist. Dieses Arabien ist dreigeteilt. Und es trägt dreierlei [fol. 170v] Namen; die einen nennen es Arabia pusta, das heißt sehr wüst, wie man mir erzählte. Andere nennen es Arabia skalnata - es gibt hier Felsenreiche und große Gebirge -, die Dritten hingegen sagen Arabia sstiasstna 807 . Und dieses Land ist fruchtbar und hat von allem, und es wachsen darin Weihrauch, Myrrhe, Ingwer, Zimt, Reubarbarum 808 und viele andere Sachen, von denen der König Sultan großen Nutzen hat durch die christlichen Kaufleute in jedem Jahr, wenn sie die oben genannten Dinge in den am Meeresufer gelegenen Städten dieses Königs kaufen, etwa in Alexandria auf dem Basar und dann zu uns in unsere christlichen Länder bringen. Auch hat man mir als verbürgt berichtet, dass in diesem Land in Arabien die Menschen und ihre Körper einen wunderbaren Duft verströmen. Dieser wirkt wohltuend auf Menschen aus anderen Ländern. Dieser König Sultan herrscht auch über das Rote [fol. 171r] Meer, über das die Söhne Israels, kommend (sic! ) aus Ägypten, gingen, als sie Gott der Herr aus dem Dienst beim König Pharao herausführte. Und in diesem Meer findet man prachtvolle, große Rubine. In der Herrschaft dieses Königs liegt eine Stadt, die nennen sie Mekka. Und in dieser Stadt ist Machomet begraben, der diesen Heiden und Türken ihren Glauben, was sie glauben sollen, gegeben hat. [O drahem kamenij] 809 Mir wurde berichtet, dass in dieser Stadt Mekka sich ein teurer und sehr wohlfeiler Stein befindet. Die Stadt [Mekka - Th. K.] liegt von Alkahyro, wie man mir erzählte, 25 Pilgertage entfernt. Die Türken und Heiden fahren dort hin und gehen auf Pilgerreise zu Machomet und seinem Grab, so wie wir Christen nach Jerusalem zum Heiligen Grab pilgern. Dieser König, als ich in Jerusalem gewesen bin, [fol. 171v], hat, wie mir berichtet wurde, an seinem Hofe Höflinge, die man Mamluken nennt, und es sind deren mehr als zwanzig Tausend. Man erzählte mir, dass es einst weniger waren als heute, und dass sich deren Zahl auf XXV oder gar XXX Tausend und mehr mit der Zeit vergrößert hat. [O mameliczych] 810 Von diesen Mamluken und Höflingen des Königs weiß man, dass sie ur‐ sprünglich Christen gewesen sind. Dann haben sie den Glauben gewechselt und den Glauben des heidnischen Machomet angenommen. Dies aber geschah auf nachfolgende Weise, indem die Türken mit der Zeit Fahrten zu den Chris‐ ten unternahmen, nämlich nach Kroatien, die Steiermark und andere Länder 480 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="481"?> 811 Im Original raczy = Zweitname der im Königreich Ungarn lebenden Serben. 812 Sluzba se dawa (dt. Dienst leisten). 813 o zpuosobu lidij (dt. Über die Sitten der Menschen). unseres Herrn, des römischen Königs. Hier haben sie Menschen entführt, junge Männer und Jugendliche, die sie dann, wie mir scheint, umerzogen. Die übrigen haben sie an die Heiden verkauft. Und hier [fol. 172r] haben sie sie zu ihrem Glauben geführt. Und wenn sie XVI und XVII Jahre alt sind, dann schlägt man sie zu Rittern und gibt ihnen ein Pferd, und dann reiten sie mit Lanzen wie die Serben 811 und die Türken und die anderen mit Bögen wie die Tartaren und mit Köchern, in denen sie Pfeile haben. Auch schließen sich manche Christen in den umliegenden Ländern ihnen an, wenn sie in ihrem eigenen Lande etwas Unedles getan haben, so dass sie fliehen müssen, und sie zu den Heiden gehen. Hier nehmen sie deren Glauben an und werden beim König Höfling und Mameluke. [Sluzba se dawa] 812 Und hier tut er danach Dienst beim König und auf seinem Pferd, wofür er jeden Tag einige Silbermünzen von diesem erhält, die sie Maydyny nennen. Der Dukaten oder das Goldstück dieses Königs entspricht fünfundzwanzig Maydyny und es handelt sich um gutes [fol. 172v] Silbergeld. Und danach, sofern er sich mutig und kühn erhält und sich im Scharmützel mit den Feinden bewährt, sich aufrecht zeigt und hart, dann wird ihm der Sold erhöht und er bekommt mehr als zuvor. Später, wenn er dem König dient und sich anständig verhält und aufrecht ist, dann setzt ihn der König in das Amt des Hauptmanns in einer Stadt oder auf einer Burg ein. Hier leistet er seinen Dienst und erhält Geld vom König. Auch muss er dafür eine bestimmte Zahl an Leuten und Pferden für den König aufbieten, wenn dieser es befiehlt. Unter diesen Heiden gibt es weder Herren noch Grafen noch Landedelleute, mit Ausnahme jener Mamluken, denen der König eine Hauptmannschaft in einer Stadt verleiht, dieser [fol. 173r] ist der Herr der Stadt, wie man sagt, nämlich der Herr von Gazar, der Herr von Jerusalem etc. Doch währet deren Herrschaft nicht für immer, denn wenn er sich nicht gehorsam in seinem Amt und der Hauptmannschaft zeigt, dann nimmt ihm der König diese wieder weg. Und er gibt sie einem anderen. Nichts gehört ihnen persönlich, weder die Burg noch die Stadt oder das Städtchen, nicht einmal ein Dorf oder ein Feld, denn alles gehört dem König allein, und die Hauptleute und Mamluken, diese Höflinge, die ihren Sold erhalten, haben dies vom König. [o zpuosobu lidij] 813 Und es gibt unter ihnen ehrsame und einander ähnliche und manngewordene Jünglinge, die alle einen Bart tragen. Diese Mamluken sind alle bekleidet mit weißen Kutten aus reinem Leinen. Und sie gürten sich mit einem Tuch wie mit einem Tischtuch. Auf den [fol. 173v] Häuptern tragen sie große Turbane, Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 481 <?page no="482"?> 814 o chodu mamelikuow (dt. Über die Tätigkeit der Mamluken). 815 o zenach pohanskych (dt. Über die heidnischen Frauen). 816 branie pohane krzestianom nasledowati pohanek (dt. Die Heiden hindern die Christen daran die Heidinnen zu verfolgen). 817 o Arabijech (dt. Über die Araber). mit einem prächtigen roten Band zusammengeschnürt. Bei anderen von ihnen wiederum sind diese großen Turbane mit einem prächtigen dünnen Leinentuch zusammengehalten, welches man hier Synalboff oder Heidentuch nennt. Und niemand anders darf derartige rote Turbane tragen, allein diese Mamlu‐ ken. [o chodu mamelikuow] 814 Manche von ihnen gehen barfuß, andere wiederum in Schuhen und sie stecken die Zehen so in die Schuhe und die Füße mit dem Spann. Und der Mameluke zieht ihn nicht auf den Rücken an der Ferse, bevor er in dem Schuh läuft. [o zenach pohanskych] 815 Ihre heidnischen Frauen gehen in Mänteln, das Haupt ist verdeckt und sie haben vor dem Gesicht eine Art dichtes, gewebtes Gitter aus schwarzer Seide, so dass man aufgrund der Dichtheit ihr Antlitz nicht erblicken kann, [fol. 174r] man kann nicht erkennen, ob sie hässlich oder ob sie schön sind, nur sie allein können durch dieses Gitter gut sehen. Sie scheinen jedoch allesamt edel und vital zu sein, haben vornehme Füße und Hände, und was noch bedeutender ist, sie gehen in weißen Schuhen, sehr sauber, so wie sie diese hier machen. Andere wiederum haben die Hände bemalt etwa zur Hälfte bis zum Ellenbogen und auch die Fingernägel malen sie mit roter Farbe an. Und diese Farbe ist haltbar und keinerlei Wäsche kann ihnen schaden. [branie pohane krzestianom nasledowati pohanek] 816 Und jeden beliebigen Christen, den die Heiden mit einer Heidin anträfen, und sei es nur eine gewöhnliche Prostituierte, den würden sie ergreifen. Wenn er zur Tat schritte, dann muss er von seinem christlichen Glauben abschwören oder aber es kostet ihn ohne alle Gnade seinen Kopf! [fol. 174v] Ihre Fußsoldaten und Reiter, die Mamluken, die, wie ich gesehen habe und wie man mir berichtete, alle reiten können, wobei die einen eine Hiebwaffe am Gürtel tragen, andere wiederum eine Lanze wie die Türken oder Serben. Und eine Pavese auf dem Rücken, weitere wiederum Pfeil und Bogen, wie die Tartaren dies zu tun pflegen. Ihre Sporen haben sie an der nackten Ferse. Und Sattel haben sie, die sind tief zum Sitzen und weitläufig, und breite und geräumige Steigbügel und gute Pferde, die sind ziemlich groß und schnell. [o Arabijech] 817 Und es gibt in diesem Land noch andere Reiter - die Araber. Diese sind von Rechts wegen Erben dieses arabischen Landes. Doch die Heiden haben sich ihrer 482 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="483"?> 818 Die sog. Schwarze Armee des ungarischen Königs Matthias Corvinus, eine Art ste‐ hendes Söldnerheer, mit Soldaten böhmischer, deutscher, kroatischer und polnischer Herkunft, das zuletzt 28.000 Mann umfasste. 819 Sluzebnij (dt. Dienstleute). 820 pohanska wijera (dt. Der heidnische Glauben). 821 Czo drzie o pana Krystu (dt. Was sie über Jesus Christus denken). 822 o pannie marygi (dt. Über die Jungfrau Maria). bemächtigt und ihnen das Land weggenommen und ihr König, der Sultan, besitzt [fol. 175r] jetzt alles. Sie selbst haben jedoch nichts, sie liegen überall im Lande mit dem Heer und mit Frauen und mit ihren Kindern herum, besitzen weder eine Burg noch eine Stadt, sie leben in der Wüste und säen sich ihr Getreide zum Lebensunterhalt. Und man findet sie nicht an einem Ort, sondern hier tausend, dort zweitausend, andernorts wiederum dreitausend und zuweilen nur ein paar hundert von ihnen. Wenn sie der König Sultan für etwas benötigt, dann ruft er nach ihnen und sie sind ähnlich dem schwarzen Heer 818 des Königs Matthias von Ungarn. [Sluzebnij] 819 Und diese, wie mir berichtet wurde, entreißen wie jene vom Schwarzen Heer alles, wenn sie etwas nicht zum Essen und zum Trinken erhalten, und sie verhalten sich wie diese Araber, die ebenfalls so handeln und Sachen nehmen. [fol. 175v] Das bäuerliche Volk unter ihnen ist sehr fromm und von den Mamluken unterworfen wie das übrige Vieh. Was dieser heidnische Bauer auf den Markt bringt, um es zu verkaufen, besonders Dinge zum Essen, das nehmen ihm die Mamluken weg und beschlagnahmen es für sich. Und wenn der Bauer ihnen widerspricht, dann greifen sie zum Stock. Nachdem er vor ihnen auf die Füße gefallen ist, küsst er diese und bittet darum, man möge ihm vergeben. Und diese heidnischen Bauern haben Bestialisches in ihrem Essen, das habe ich mit eigenen Augen gesehen, sie geben diesem Brot und Melonen bei sowie Stücke von Kamelhaut und sie trinken von deren [Kamelen - Th. K.] Milch und mischen alles mit der Hand zusammen. Sie vermischen alles, essen [fol. 176r] mit großem Appetit ähnlich den Jagdhunden, wenn sie diesen nach der Jagd Tierhautstücke geben. [pohanska wijera] 820 Ihr Glauben ist heidnisch, er ist ihnen von Machomet geschaffen und festge‐ legt, und besagt folgendes: Zuvörderst glauben sie an Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Machomet halten sie für den ihnen von Gott für die wahre Glaubenslehre gesandten Propheten. [Czo drzie o pana Krystu] 821 Von Christus dem Herrn glauben sie nicht, er sei ein Gott gewesen, sondern ein großer Prophet und dass er von der reinen Jungfrau geboren sei. Und dass ihn die Juden ohne Schuld und des Hasses wegen kreuzigten. [o pannie marygi] 822 Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 483 <?page no="484"?> 823 Modlitby (dt. Gebete). 824 Machometuow zakon (dt. Mohammeds Gesetz). 825 branij piti wina (dt. das Trinken von Wein ist verboten). 826 Koran. 827 wina dosti magij (dt. Sie besitzen ausreichend Wein). 828 Pohan rodily nemuoz byti zoldanem (dt. Ein als Heide geborener kann nicht Sultan werden). Von der Jungfrau Maria glauben sie, sie sei vor der Geburt (Christi) Jungfrau gewesen. Und eine reine Jungfrau auch nach der Geburt geblieben. [modlitby] 823 Bei ihren Gebeten sinken sie andachtsvoll [fol. 176v] auf die Erde und legen die Finger auf die Erde und beten auf den Knien. [Machometuow zakon] 824 Dieser Machomet hat ihnen das Gesetz formuliert und ihnen vorgeschrieben, dabei gestattete er ihnen, jeder können sich Frauen nehmen, wie viele ihm gefallen und er wolle. Und damit hat er sie Stück für Stück zu seiner erdachten Irrlehre geführt, so dass es geschah, dass ein jeder von ihnen Frauen besitzt, wie er will. [branij piti wina] 825 Das Trinken von Wein hat er ihnen in seinem von ihm erlassenen Gesetz untersagt, dass sie Alkoran nennen 826 . Trotzdem trinken einige verstohlen, doch öffentlich dürfen sie keinen Alkohol trinken; wenn diese die Älteren dabei erwischen, dann schlagen sie sie mit einem Stock. [wina dosti magij] 827 Der Wein wächst ausreichend und sie haben diesen in ihrem Lande. Sie haben Weingärten und die Juden kaufen diesen in Trauben [fol. 177r] und auch die anderen Gruppen, die ebenfalls Christen sein wollen, es jedoch nicht sind, wie zuvor bereits berichtet wurde. Diese trinken ihn und mischen ihn ihren Getränken bei. Aus dem Rest machen die Heiden Rosinen, die sie essen, und sie [die Rosinen - Th. K.] sind, wie mir scheint, besser als die unsrigen, die von den Türken stammen und nach Venedig und von dort aus in unsere Länder gebracht werden. [Pohan rodily nemuoz byti zoldanem] 828 Keiner von den als Heiden Geborenen kann Sultan werden, es sei denn, er stammt von den Mamluken; denn wenn der König Sultan stirbt, dann folgt von seinen Söhn von Rechts wegen niemand, um nach ihm König und Sultan zu werden, sondern einer der Mamluken und königlichen Höflinge, der die Burg von Alkahyro und die Stadt beherrscht. Wer die meisten Mamluken auf seiner Seite hat [fol. 177v], die er durch Geschenke gefügig macht, der wird deren Herr und König, so wie es seit alters her der Brauch ist, dass keinen König Sultan irgendeiner seiner Söhne beerbt. Erst jetzt unter diesem letzten Sultan, als ich dort gewesen bin, hat sich dies nach seinem Tode geändert, so dass sein Sohn die Herrschaft an sich gerissen hat und deren König und Herr wurde. Dieser war, so wie man über ihn urteilte, sehr ungeeignet und durch und durch 484 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="485"?> 829 moczy kralem vczinien (dt. Er wurde durch Gewalt König). 830 tomu se zprotiwili (dt. Dagegen erhoben sie sich). 831 An-Nasir Muhammad IV., Sultan der Mamluken in Ägypten 1496-1498. 832 Az-Zahir Qansuh I. Abu Said, 1498-1500 Sultan der Mamluken in Ägypten. 833 Maximilian I. (1459-1519). verrückt, er tat viele verrückte Dinge. Auch verhielt er sich ungerecht gegenüber seinen Untertanen und den Christen, Kaufleuten, die zu Handelsgeschäften aus christlichen Ländern in sein Land kamen. Dies geschah auf nachfolgende Weise: Der König hatte verfügt, nämlich der alte König Sultan, sein Vater, dass der Sohn nach ihm herrschen [fol. 178r] sollte und dabei vereinbart, dass der türkische Kaiser seine Tochter seinem Sohn gebe. Und so haben sie beide beschlossen, dass wenn der alte König Sultan sterben sollte, der türkische Kaiser seinen Sohn und dessen Gemahlin helfe, damit er König und Sultan werde, und seine Tochter Königin und Herrin; und so geschah es auch, dass der Sohn Herr und König wurde, auch wenn dies den Sitten und althergebrachtem Recht widersprach, wie man mir berichtete, dass keinerlei geborener Heide König und Sultan werden könne, sondern lediglich einer der Mamluken. Und dieser könne von Rechts wegen kein Sultan sein, es sei denn, er wäre sieben Mal verkauft worden. Dies wäre seit alters [fol. 178v] her ihr Recht. [moczy kralem vczinien] 829 Ebendieser König freilich hat gegen dieses Recht und die Sitte sich ihrer alteingesessenen Macht bemächtigt und ist ihr Herr, da er ein geborene Heide ist und niemals verkauft wurde, wie dies dem Recht folgend hätte geschehen müssen. [tomu se zprotiwili] 830 Wie ich jedoch vernahm, haben einige sich gegen ihn erhoben und es brach ein Krieg zwischen ihnen aus. So geschah es, man schrieb das Jahr der Geburt von Christus dem Herrn Fünfzehnhundert Vier, wie mir als verbürgt ein Bruder Zykmund, ein Barfüßer, erzählte, der in diesem Jahr aus dem Heiligen Land kam, dass ein Hauptmann den oben genannten Sultan 831 tötete. Dieser wurde nach ihm selbst Sultan und Herr; allerdings nicht lange. 832 Und es gab in kurzer Zeit einige [fol. 179r] Sultane. Einige wurden ermordet, einige kamen in Haft, aus der niemand wieder freikam, auch wenn sie sich ehernhaft verhielten. Doch die Wachen achteten darauf, dass sie nicht mächtig werden konnten. Ffinis. feria IIII . post Martini [ 14. November] Anno 1515. [fol. 179v] Im Jahre der Geburt von Christus dem Herrn XV c VIIII o zwischen dem Tag des heiligen Ägidius und dem der heiligen Petrus und Paulus, haben König Maximilian, römischer Kaiser 833 , Karolus und der französische König 834 Die Jerusalemfahrt des Johann von Lobkowitz 485 <?page no="486"?> 834 Ludwig XII. (1462-1515). 835 Ferdinand II. von Aragon (1452-1516). 836 Bezug genommen wird auf die Niederlage bei Agnadello, die den Verlust der Lombardei und fast des gesamten Besitzes auf der Terra ferma zur Folge hatte. sowie der König von Spanien 835 den Venezianern nahezu alle ihre Herrschaften konfisziert, die sie auf dem Festland hatten im welschen Land und auf dem Meer, dass an Korinth und an die Steiermark grenzt. 836 Und zu dieser Zeit ließen die Herren Venezianer in Venedig jeden Einzelnen schriftlich festhalten. Und sie verzeichneten diese nachfolgenden Zahlen: Männer in Sayle (? ), zwischen XX und LX Jahren, die da waren einhundert‐ tausend und sechzigtausend; Männer, die waffenfähig sind, ungefähr achtzigtausend; [fol. 180r] Frauen, Kinder und ältere Leute, die nicht für die Waffen taugend, dreimal einhunderttausend und XX tausend; Prostituierte, öffentlich, registriert, neben den heimlichen, über die man nichts weiß, XI tausend VI c LIIII Prostitierte. Summa derjenigen gesamt fünfmal einhunderttausend und eintausend VI o LIIII Personen. Amen. 486 Thomas Krzenck (Übersetzer) <?page no="487"?> Summaries Jan Royt: Die Verehrung des heiligen Jakobus und seine Ikonographie in Böhmen The iconography of St. James the Great in Bohemia is a complex and richly documented field, the forms of which the author examines on the basis of iconographic sources from the Middle Ages and the Baroque period. The Codex Calixtinus and the Legenda aurea play a central role in understanding the iconography. The most prominent feature of the saint is his pilgrimʼs attribute, consisting of a pilgrimʼs staff, cloak, and scallop shell. Early depictions of him as a pilgrim in Bohemia can be found on baptismal fonts in Hradec Králové (1406) and in Pragueʼs Týn Church (1414). The oldest known depiction of the saint in Bohemia is a donor relief on the façade of St. Jamesʼ Church in Jakub near Kutná Hora, consecrated in 1165. The oldest surviving cycle depicting the saintʼs martyrdom is documented in murals in the church in Rovná (last quarter of the 12th century). The biblical relationship with Christ, known as Trinubium Sanctissimae Annae ( James as the brother of John the Evangelist), is first documented in Bohemia at the end of the 14th century, for example in a mural in the Church of St. Apollinaris in Prague. In the late Middle Ages, the altarpiece by the Master of the Crucifixion from Rajhrad (Raigern, around 1436) represents iconography by depicting scenes from the legend of St. James. A remarkable example is the shrine altar from Most, dating from 1521. The wings of this altar illustrate the legend of St. James and the pilgrimage to Santiago de Compostela. Scenes such as the sermon and beheading of the saint and the miracle of the roast chickens are depicted. This altar was probably donated by a member of the noble Guttenstein family, whose coat of arms can be seen there, in memory of a pilgrimage. An iconographically rare but significant representation from the Baroque period is the saint as Matamoros (Moor-slayer) in the St. James Church in Kunratitz near Prague. Petr Jokeš: Einige Bemerkungen über den Sankt Jacobs Kult im mittelalterlichen Mähren The research on medieval patrocinia in Moravia is still in its early stages, and this unfortunately also applies to the patrocinia of St James. However, we already <?page no="488"?> have some knowledge on this topic - and this article tries to summarize it. First of all, it concerns the number of churches dedicated to this patron saint: for the period from the beginning of Christianity in Moravia to the Hussite wars we can count 45 St James churches (for the other two the situation is uncertain). The number of St James churches gradually increased during the Middle Ages, but it is characteristic that, unlike some other popular saints, St James did not appear as a patron saint in Moravia until relatively late - only in the second half of the 12th century. This corresponds to the situation in Bohemia as described by the founder of modern Czech patronage research, Zdeněk Boháč. The oldest church of St. James in Moravia, according to current knowledge, is the rural church in Černín in the south-west of the country. In this part of Moravia the following St. James churches in Kamenice, Stařeč and Blížkovice were also founded, which corresponds to the opinion formulated by Z. Boháč, that the cult of St. James penetrated into the Czech lands from the south-west, from Bavaria or from the wider Danube area. In the later period, the area of St. Jamesʼ churches gradually expanded from south-western Moravia to the rest of the country, so that by the time of the Hussite wars, we can already encounter the patronage of St. James practically throughout Moravia. Jaroslav Svátek: Adelige Pilgerfahrten und Reisen aus den spätmittelalterlichen böhmischen Ländern nach Spanien References to pilgrims from the Czech lands to the Iberian Peninsula in the Middle Ages are relatively scarce and scattered in time. In terms of sources and historical relevance, the two most significant time periods, exclusively associated with noble expeditions during the 15th century, are the ones that this paper traces. The first focuses on the documented but lesser-known journeys of nobles in the important year 1415, when a key event in Czech history occurred, namely the burning of Master John Hus at the Council of Constance, but also the symbolic beginning of the Portuguese expansion associated with the conquest of African Ceuta. The Spanish journeys of Ctibor of Kozí and especially of Jindřich (Henry) of Plumlov and Kravaře, documented in sources of various provenance, connect these events in a remarkable way. The second part of the paper recalls the course of one of the most famous Czech noble journeys, namely the expedition of Lev of Rožmital and his retinue in 1465-1467. The text focuses on a hitherto underestimated but in many ways crucial aspect of the St James pilgrimage, expressed among other things by a sequence of miracles and an overview of the relics associated with the devotional visit to Santiago de Compostela. The accounts of the sources, namely the travel diaries of Václav 488 Summaries <?page no="489"?> Šašek of Bířkov and Gabriel Tetzel, members of Levʼs retinue, do not stand alone among the late medieval accounts of the tomb of St James the Great and are therefore compared in this paper with a slightly earlier description of the site from the pen of the English cleric William Wey. Thomas Krzenck: Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein als Schriftsteller, Diplomat, Reisender und Bruder des Humanisten Bohuslav von Hassenstein - zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie This article places the Bohemian nobleman Johann II von Lobkowitz auf Hassenstein (1450-1517) in the context of his time as a representative of a Bohemian aristocratic family that experienced a steep rise in power within a few decades in the 15th century and recognises his multifunctional significance and charisma. John II went down in history above all as a traveller and left a lasting mark with his report on the pilgrimage to the Holy Sepulchre in Jerusalem in 1493 - one of the most extensive and detailed of its time. The author traces the beginnings of the Lords of Lobkowitz on Hassenstein, who acquired Hassenstein Castle in north-west Bohemia during the power and religious political conflicts of their time and developed the town of Kaaden (Kadaň) into a centre of power in the region with cultural and religious influence. In addition to Johann II von Lobkowitz auf Hassenstein, the focus is also on his more famous brother Bohuslav (1461? -1510), who went down in history as a well-connected humanist, traveller and bibliophile. The author reflects on John IIʼs role as a traveller to Jerusalem in the context of Bohemian travellers to the Holy Land in the second half of the 15th century and at the same time acknowledges the first translation of his travelogue from Old Czech into German in this volume. Michaela Ottová/ Aleš Mudra: Die Nachwirkung der Pilgerfahrt Johanns von Lobkowitz aus Hassenstein in der Architektur und Kunst Jan Hasištejnský initiated the creation of a family necropolis within the Francis‐ can monastery in Kadaň. His pilgrimage to the Holy Land in 1493 was intricately reflected in the monasteryʼs decorative and spatial programme, incorporating direct references to Jerusalemʼs sacred sites. The veristic and expressive statues of the Crucified Christ—containing relics in their chests—were designed to stimulate an intense personal experience of Christʼs physical suffering and death. This effect was heightened by lifelike flesh tones, vividly painted blood Summaries 489 <?page no="490"?> flowing from the wounds, wigs made of real hair, and crowns of thorns crafted from genuine spiny branches. In his travel account, Jan emphasized indulgences, relics, and precise measurements of the holy places, which were applied to the monasteryʼs construction. This allowed to undertake a mental pilgrimage, entering the spatial and spiritual landscape of the Holy City and engaging with the narrative of salvation history. A panoramic mural of Jerusalem in the ambulatory guided the interpretation of the site as a reflection of the Holy Land. Even the monasteryʼs location in the surrounding landscape evoked Golgotha. The upper floor featured a replica of the Coenaculum, with a space below recalling Christ washing the apostlesʼ feet. Next to the ambulatory stood other symbolic elements such as the oven for the Paschal lamb, the well of Siloam, and a Chapel of the Holy Sepulchre. Janʼs tombstone, showing him as a desiccated corpse with his head on a stone, alludes to the omphalos in the Church of the Holy Sepulchre. There, where he had received plenary indulgence, he claims salvation without the need for purgatory. This contemplation of mortality, expressed through the vivid imagery of bodily decay, aligns meaningfully with the powerful visual representations of the suffering yet triumphant Christ installed in the adjacent rooms. Thomas Lang: „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise Friedrichs des Weisen und Herzog Christophs von Bayern 1493 The pilgrimage of Elector Frederick III of Saxony and Duke Christoph of Bavaria to the Holy Land in 1493 is considered one of the best documented pilgrimages of the late Middle Ages. Nevertheless, a suspected forgery continues to influence the perception and interpretation of this journey to this day: The so-called “Pilgramʼs Book of Duke Christoph”, which was published in 1853 as part of an adventure novel by Franz Trautmann. Despite valid doubts about the authenticity of this Pilgramsbuch, it has found its way into handbooks. This article presents the known and one unknown source for the journey with the objective of proving the Pilgramʼs Book to be a forgery. Even an initial examination of the ten parallel accounts of the journey recorded in the Handbücher der Europäischen Reiseberichte des Mittelalters makes evident that five of the accounts of the 1493 journey to Jerusalem cannot be used to describe the course of the journey. Thus the Saxon Elector and the Bavarian Duke and over 80 companions did not travel on Augostino Contariniʼs regular pilgrim galley, but on a faster ship 490 Summaries <?page no="491"?> of their own, which departed earlier from Venice and therefore reached and left the Holy Land before the regular pilgrim galley arrived. The more important is the newly presented list of pilgrims who deposited money for the journey on the Electorʼs ship. On the basis of these invoices and the surviving lists of participants and numerous contradictions, it can now be clearly proven that the writer Franz Trautmann took both his list of pilgrims and the framework data of his fictitious “Pilgramsbuch” from a travelogue by Georg Spalatin recorded 40 years after the journey. Eva Heuer in Zusammenarbeit mit Hartmut Kühne: Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 This article deals with the Gotha Pilgrimʼs Table, a painting created after 1503 that presents a detailed view of the Holy Land. The painting, a wood panel painted on both sides, has long been kept in Friedenstein Castle in Gotha and has been in the possession of the Ernestine dukes of Thuringia since 1602. The depiction of the kneeling Elector Frederick the Wise in the foreground of the painting recalls the journey to the Holy Land undertaken by this important representative of the Ernestine ruling family in 1493. However, this part of the painting does not appear to be original; the prince and his coat of arms were probably added some time after the painting was completed. This article traces the history of the painting from 1602 onwards, clarifies its relationship to a ‘travel panel’ formerly located in the Wittenberg Castle Church, and traces the history of research on the painting to date. In a second part, the painting and its individual parts are presented in detail. In the third part, the connection with similar pictorial mementos of the Ketzel family of Nuremberg is discussed, as the reverse side of the pilgrim panel depicts a corresponding gallery of Knights of the Holy Sepulchre from the Ketzel family. Summaries 491 <?page no="493"?> Abbildungsverzeichnis Vorsatzblatt: Foto Johanna von Herzogenberg. Foto: Petra Flath, Adalbert Stifter Verein. Jan Royt: Die Verehrung des heiligen Jakobus und seine Ikonographie in Böhmen Abb. 1: Verwandtschaft Christi, um 1380, Fresco-secco-Malerei, Prag, St. Apollinariskir‐ che. Foto: Jan Royt. Abb. 2: St. Jakobus mit Stiftern und die Figuren der böhmischen Landespatronen St. Wenzel, St. Adalbert und St. Prokopius, um 1165, Steinrelief, Jakub bei Kuttenberg. Foto: Jan Royt. Abb. 3: Zyklus aus dem Leben des Hl. Jakobus, letztes Viertel des 12.-Jahrhunderts, Fresco-secco-Malerei, St. Jakobskirche in Rovná bei Stříbrná Skalice (Silber Skalitz). Foto: Jan Royt. Abb. 4: Ottavio Mosto: Hl. Jakobus als Schutzpatron der Pilger, 1695-1701, Stuckrelief, St. Jakobuskirche, Prag. Foto: Jan Royt. Abb. 5: Meister der Kreuzigung aus Raigern: Gefangennahme des Hl. Jakobus, um 1436, Tafelmalerei, Nationalgalerie Prag. Foto: Jan Royt. Abb. 6: Hl. Jakobus, Glasmalerei, 2. Viertel des 14.-Jahrhunderts, Westböhmisches Museum in Pilsen. Foto: Jan Royt. Abb. 7: Meister Theodoricus und seine Werkstatt: St. Jakobus, vor 1365, Kapelle des Heiligen Kreuzes, Burg Karlstein. Foto: Jan Royt. Abb. 8: Jakobskapelle, um 1500, St. Mariä-Himmelfahrtkirche, Glatz. Foto: Jan Royt. Abb. 9: Hl. Jakobus, Statue im Außenbereich der Jakobuskapelle, um 1500, St. Mariä-Him‐ melfahrtkirche, Glatz. Foto: Jan Royt. Abb. 10: Schreinaltar mit Gemälden aus dem Leben des Hl. Jakobus, geöffnet, 1521, Mariä-Himmelfahrtskirche, Most (Brüx). Foto: Jan Royt. Abb. 11: Schreinaltar mit Gemälden aus dem Leben des Hl. Jakobus, geschlossen, 1521, Mariä-Himmelfahrtskirche, Most (Brüx). Foto: Jan Royt. Abb. 12: Wandgemälde mit der Darstellung der Schlacht von Clavijo, Detail, um 1735, St. Jakobskirche, Kunratice bei Prag. Foto: Jan Royt. Abb. 13: St. Jakobslegende, um 1722, Decke des Kirchenschiffs, St. Jakobuskirche, Letařovice. Foto: Jan Royt. Abb. 14: Utraquistischer Altar aus Letařovice, um 1550, Nationalmuseum Prag. Foto: Archiv Jan Royt. <?page no="494"?> Petr Jokeš: Einige Bemerkungen über den Sankt Jacobs Kult im mittelalterlichen Mähren Karte Nr.-1: Mährische Jakobskirchen um 1200. Entwurf und Zeichnung: Petr Jokeš. Karte Nr.-2: Mährische Jakobskirchen um 1300. Entwurf und Zeichnung: Petr Jokeš. Karte Nr.-3: Mährische Jakobskirchen um 1419. Entwurf und Zeichnung: Petr Jokeš. Jaroslav Svátek: Adelige Pilgerfahrten und Reisen aus den spätmittelalterlichen böhmischen Ländern nach Spanien Abb. 1: stilisiertes Porträt Heinrichs von Kravaře und Plumlov, aus: Bartosz Paprocki z Glogol i z Paprockiej Woli, Zrcadlo Slawneho Margkrabstwij Morawskeho […], (Der Spiegel der Markgrafschaft Mähren), Olmütz 1593, Bl. 401r, Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Signatur MF 1683, https: / / data.onb.ac.at/ rep/ 1066BD9C. Abb. 2: Titelblatt der lateinischen Ausgabe des Tagebuchs von Václav Šašek von Bířkov, Commentarius brevis,et iucundus itineris atque peregrinationis,pietatis & religionis causa susceptae, Olmütz 1577, Prag, Bibliothek des Nationalmuseums, sign. 49 E 23. Thomas Krzenck: Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein als Schriftsteller, Diplomat, Reisender und Bruder des Humanisten Bohuslav von Hassenstein - zwei Repräsentanten einer berühmten Adelsfamilie Abb. 1: Die Burgruine Hassenstein 1869, aus: August Sedláček, Hrady, zámky a tvrze Království českého [Burgen, Schlösser und Festungen des Königreichs Böhmen], Bd.-14, Praha 1923, S.-129. Abb. 2: Zeichnung des Stadtkerns von Pressnitz (Přísečnice), 1591, von Matouš Ornys (1525-1600), Nationalarchiv, Bestand Staré Montanum [Altes Montanum] (MM), Karton 905. Abb. 3: Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein erteilt seinem Untertanen Nickel im November 1466 das Recht zum Betreib einer Schenke, Archiv des Nationalmuseums, Sbírka pergamenů [Sammlung der Pergamente] A, Sign. Perg-A525 (alte Sign. A 460), Portal Vademecum.nm.cz. Abb. 4: Bohuslav von Lobkowitz auf Hassenstein, aus: Abbildungen böhmischer und mährischer Gelehrter und Künstler in Kupfer gestochen und verlegt von Johann Balzer, Prag 1772. Digitalisat der Universität Frankfurt am Main nach dem Exemplar der UB Marburg (https: / / publikationen.ub.uni-frankfurt.de/ frontdoor/ index/ index/ ye ar/ 2008/ docId/ 9559). Michaela Ottová/ Aleš Mudra: Die Nachwirkung der Pilgerfahrt-Johanns von Lobkowitz auf Hassenstein in der Architektur und Kunst Abb. 1: Franziskanerkirche der Vierzehn Nothelfer in Kadaň (Kaaden), Südseite des Chores. Foto: Aleš Mudra. 494 Abbildungsverzeichnis <?page no="495"?> Abb. 2: Meister der Kaadner Kruzifixe: Der Gekreuzigte aus dem Kreuzgang des Fran‐ ziskanerklosters in Kadaň, um 1516 (auf der Ausstellung Mythos Ulrich Creutz, Litoměřice 2017), Nationalgalerie in Prag, Inv. Nr. P 3004. Foto: Aleš Mudra. Abb. 3: Reliquienampulle aus der St. Katharinenkapelle des Franziskanerklosters in Kadaň, 15.-Jahrhundert. Foto: Aleš Mudra. Abb. 4: Meister der Kaadner Kruzifixe: Christus in der Rast mit Echthaar aus dem Franziskanerkloster in Kadaň, um 1515-1520, Böhmisch-Mährische Provinz vom Hl. Wenzel des Franziskanerordens der Minderen Brüder, Leihgabe in der Nationalgalerie in Prag, Inv. Nr. VP 1846. Foto: Nationalgalerie in Prag. Abb. 5: Panorama des Heiligen Landes im Kreuzgang des Franziskanerklosters, um 1495-1500. Foto: Aleš Mudra. Abb. 6: Franziskanerkirche der Vierzehn Nothelfer in Kadaň, Süddseite des Chores, Beweinung, Detail des Klosters unter Golgatha, um 1516-1517. Foto: Aleš Mudra. Abb. 7: Franziskanerkloster in Kadaň, Coenaculum über dem Nordflügel des Kreuzgangs, um 1500. Foto: Aleš Mudra. Abb. 8: Franziskanerkloster in Kadaň, Durchgang über dem Nordflügel des Kreuzgangs (wo Christus den Aposteln die Füße wusch? ), um 1500. Foto: Aleš Mudra. Abb. 9: Franziskanerkloster in Kadaň, sog. Krankenkapelle (ursprünglich Kapelle des Hl. Grabes), um 1500. Foto: Aleš Mudra. Abb. 10: Ulrich Creutz: Grabmal für Johann Lobkowitz von Hassenstein, 1516, Franziska‐ nerkirche der Vierzehn Nothelfer in Kadaň, Nordwand des Chores. Foto: Aleš Mudra. Abb. 11: Ulrich Creutz: Grabmal für Johann Lobkowitz von Hassenstein, Detail, 1516, Franziskanerkirche der Vierzehn Nothelfer in Kadaň, Nordwand des Chores. Foto: Aleš Mudra. Abb. 12: Ulrich Creutz: Epitaph von Jaroslav Lobkowitz von Hassenstein, 1516, Franzis‐ kanerkirche der Vierzehn Nothelfer in Kadaň, Ostwand des Chores. Foto: Aleš Mudra. Thomas Lang: „Gewunn ich Churfürst Friedrichen die freiheit? “ - Quellen und Fälschungen zur Pilgerreise Friedrichs des Weisen und Herzog Christophs von Bayern 1493 Abb. 1: Grabplatten der Landgrafen Thüringen Ludwig III. von Thüringen (1152/ 53-1190) und Ludwig IV. von Thüringen (1200, reg. 1217-1227) mit Pilgermuschel, Platten um 1330, ursprünglich im Kloster Reinhardsbrunn, Foto um 1890. Nach Lehfeldt, Paul/ Voss, Georg: Bau- und Kunst-Denkmäler Thüringens, Bd. 3, Heft 11: Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha, Landrathsamt Waltershausen, Amtsgerichtsbezirke Ten‐ neberg, Thal und Wangenheim, Jena 1891, zw. S.-22 und 23 (https: / / digitalesammlun gen.uni-weimar.de/ viewer/ image/ PPN632944528/ 33/ ). Abbildungsverzeichnis 495 <?page no="496"?> Abb. 2: Ansicht von Rhodos, aus Konrad von Grünembergs Bericht über die Pilgerfahrt ins Heilige Land 1486, erstellt um 1487, Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. St. Peter pap. 32, Bl. 20v-21r (urn: nbn: de: bsz: 31-1272). Abb. 3: Bewaffnete Sarazenen kämpfen vor Ramla gegeneinander, aus Konrad von Grünembergs Bericht über die Pilgerfahrt ins Heilige Land 1486, erstellt um 1490, Gotha, FB Universität Erfurt, Chart. A 541, fol. 53r (https: / / dhb.thulb.uni-jena.de/ rsc/ viewer/ ufb_derivate_00015277/ Chart-A-00541_00106.tif). Abb. 4a/ b: Illustriertes Titelblatt mit Kupferstich und Kapitelanfang des ‚Quellenteils‘ von Hans Trautmanns Abenteuerbuch 1880. Abb. 5: Pilgergaleeren vor Jaffa, aus Konrad von Grünembergs Reise ins Heilige Land 1486, um 1490 erstellt, Gotha FB Universität Erfurt, Chart. A 541, fol. 10v-11r (https: / / dhb.thulb.uni-jena.de/ rsc/ viewer/ ufb_derivate_00015277/ Chart-A-00541_00090.tif). Abb. 6: Ansicht von Venedig aus der Vogelperspektive von Süden aus gesehen, Jacopo deʼ Barbari um 1500, Ausschnitt mit dem Arsenal, Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, ID: 866-100. Foto: Dietmar Katz (https: / / recherche.smb.museum/ ima ges/ 5462525_2500x2500.jpg#5567856; https: / / cartography.veniceprojectcenter.org/ ). Abb. 7a: Marx Walther im Turnier gegen Herzog Christoph von Bayern, Turnierbuch und Familienchronik des Marx Walther, Augsburg 1506-1511, Bayerische Staatsbibliothek München, Cgm 1930, fol. 11r (https: / / www.digitale-sammlungen.de/ de/ view/ bsb0003 8795? page=23). Abb. 7b: Gesellenstechen des Hofgesindes Königs Maximilian I. zu Nürnberg 1491, nach dem Turnierbuch Kaiser Friedrich III. und Maximilians, Bayerische Staatsbibliothek München, Cod.icon. 398, fol. 22r (https: / / daten.digitale-sammlungen.de/ ~db/ bsb0000 2178/ images/ index.html? id=00002178&; nativeno=22r). Abb. 8: Widmungsholzschnitt der Werke von Hrosvita von Gandersheim des Conrad Celtis, mit Heinrich von Bünau zu Teuchern, genannt der Steltzner, samt Krücke, auf die er seit 1495 angewiesen war, Exemplar Thüringer Universitäts- und Landesbibli‐ othek, ThULB Jena Electoralis. 2 Art.lib.IX,2 (https: / / collections.thulb.uni-jena.de/ rsc / viewer/ HisBest_derivate_00001134/ BE_1055_0002.tif). Abb. 9: Ecco homo an der Nordwand des Nordschiffs in der Altenburger Schlosskirche St. Georgen 1488, Werk von Cuntz Maler. Foto: Jürgen M. Pietsch. Abb. 10: Ausgaben an die Pilgerbrüder im Gefolge des Kurfürsten vor dem Betreten des Heiligen Landes u. a. mit Cuntz Maler in Hans Hundts Reisebuch ins Heilige Land am 23./ 24. Juni 1493, LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5514, fol. 9v-10r. Abb. 11: Einnahme in ungarischen Gulden und Zechinen von den Pilgerbrüdern aus Hans Hunds Pilgerbrüderrechnung 1493, LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. 5514, fol. 3v-4r. Abb. 12: Entwurf der Pilgerliste mit den korrigierten Einträgen zu Caesar Schleinitz und Heinrich von Bünau, sowie Georg Ketzel von Nürnberg in Georg Spalatins Vita des Kurfürsten Friedrich des Weisen um 1539, LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. O 25b, fol. 24r-v. 496 Abbildungsverzeichnis <?page no="497"?> Abb. 13: Titel und erstes Blatt von Hans Hunds Pilgerbrüderrechnung 1493 - LATh-HStA Weimar, EGA, Reg. Bb 5514, fol. 2r, 3r. Eva Heuer in Zusammenarbeit mit Hartmut Kühne: Das Gedächtnisbild zur Jerusalemwallfahrt Friedrichs des Weisen im Jahre 1493 Abb. 1: Gothaer Pilgertafel, Vorderseite, Fichtenholz, 68,8 mal 78,5 cm, Schlossmuseum Gotha, Inv. Nr. SG 77, https: / / gotha.digital/ item/ digicult_mods_00532253. Abb. 2: Kupferstich mit Ansicht der Wittenberger Schlosskirche von innen nach Norden aus Christian Siegismund Georgi: Wittenbergische Klage-Geschichte, Wittenberg 1760, Taf. 3, Abb. nach dem Exemplar der Universitäts- und Landesbibliothek Sach‐ sen-Anhalt Halle (urn: nbn: de: gbv: 3: 3-40760). Abb. 3: Detail der Gothaer Pilgertafel: Friedrich der Weise und sein Wappenschild, Schlossmuseum Gotha, Inv. Nr. SG 77, https: / / gotha.digital/ item/ digicult_mods_0053 2253. Abb. 4: Detail der Gothaer Pilgertafel: Die Pilgergaleere vor Jaffa, Schlossmuseum Gotha, Inv. Nr. SG 77, https: / / gotha.digital/ item/ digicult_mods_00532253. Abb. 5: Detail der Gothaer Pilgertafel: Ramla und Lydda, Schlossmuseum Gotha, Inv. Nr. SG 77, https: / / gotha.digital/ item/ digicult_mods_00532253. Abb. 6: Detail der Gothaer Pilgertafel: ein heydenisch her, Schlossmuseum Gotha, Inv. Nr. SG 77, https: / / gotha.digital/ item/ digicult_mods_00532253. Abb. 7: Detail der Gothaer Pilgertafel: Jerusalem, unterer (westlicher) Teil, Schlossmu‐ seum Gotha, Inv. Nr. SG 77, https: / / gotha.digital/ item/ digicult_mods_00532253. Abb. 8: Detail der Gothaer Pilgertafel: Jerusalem, oberer (östlicher) Teil, Schlossmuseum Gotha, Inv. Nr. SG 77, https: / / gotha.digital/ item/ digicult_mods_00532253. Abb. 9: Detail der Gothaer Pilgertafel: Ölberg, Schlossmuseum Gotha, Inv. Nr. SG 77, ht tps: / / gotha.digital/ item/ digicult_mods_00532253. Abb. 10: Detail der Gothaer Pilgertafel: Tal Josaphat, Schlossmuseum Gotha, Inv. Nr. SG 77, https: / / gotha.digital/ item/ digicult_mods_00532253. Abb. 11: Detail der Gothaer Pilgertafel: Tal Josaphat, Schlossmuseum Gotha, Inv. Nr. SG 77, https: / / gotha.digital/ item/ digicult_mods_00532253. Abb. 12: Rückseite der Gothaer Pilgertafel mit den Rittern der Ketzel-Familie, Schloss‐ museum Gotha, Inv. Nr. SG 77. Abb. 13: Nürnberger Pilgertafel 1, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, Inv. Nr. Gm581. Abb. 14: Powerscourt-Tafel (oberer Teil). Abbildung nach Friedrich H. Hofmann, Wall‐ fahrtsbilder vom Heiligen Land, in: Der Kunstwanderer, Halbmonatsschrift für Alte und Neue Kunst für Kunstmarkt und Sammelwesen (1927), S.-137-139, hier S.-138, Abb. 1. Abbildungsverzeichnis 497 <?page no="499"?> Register Die folgenden Verweise beziehen sich auf die Seitenzahlen in diesem Band. Ist die Seitenzahl mit einem f. verbunden, bedeutet dies, dass die genannte Seite und die folgende gemeint ist; bei einem ff. wird auf die genannte Seite und die beiden folgenden verwiesen. Aachen-22, 167 Abensberg, Nikolaus (Niclas) von, deutscher Ritter (1441-1485)-179 Ablauff, Eberhard, Franziskanischer Theologe († 1528)-147 Absberg zu Absberg und Dornhausen, Hans Georg von, brandenburgischer Amtmann von Crailsheim (1477- 1531)-468 Abschalom, Sohn König Davids-408, 436 Adam, Notar in Litomyšl-127 Adelmann, Marx-207, 217, 476 Adelmann von Adelmannsfelden, Bernhard, deutscher Humanist (1457/ 59-1523)-122 Adelmann von Adelmannsfelden, Melchior, schwäbischer Adliger, Begleiter Friedrichs III. auf dessen Reise ins Heilige Land (1468-1508) 169, 207, 239 Adrian, mitreisender Minoriten-Priester-470 Afferbach, Wilhelm von, Mitreisender 468 Ahmad Ibn Fadlān, Autor eines Reiseberichts (921/ 22)-183 Aign, Theodor, deutscher Genealoge (1886-1973)-267, 304, 309, 311 f. Akkon-118, 126 Albin, mitreisender Priester-203, 471 Albrecht (der Beherzte), Herzog von Sachsen (1465-1500)-27, 108, 169 Albrecht II., römisch-deutscher König (1438-1439)-95 f., 100 Albrecht IV. (der Weise), Herzog von Bayern (1467-1508)-318 Albrecht von Brandenburg (Albrecht Achilles), Kurfürst von Brandenburg (1470-1486)-109 Albrecht von Brandenburg-Ansbach, Herzog in Preußen (1525-1568)-84 Aldenhoven, Carl, Museumsdirektor (1842-1907)-36, 262, 264 Alexander (der Große), König von Makedonien (336-323 v.-Chr.)-340 Alexander VI., Papst (1492-1503)-119 f. Alexander von Krumau, Präzeptor († 1496)-114 Alexandria-118, 302, 456, 480 Alfons V., König von Aragon, Neapel und Sizilien (1416-1458)-386 Alfons von Kastilien (el Inocente), Fürst von Asturien (1464-1468), Gegenkönig (1465-1468)-74 Alighieri, Dante, italienischer Dichter (1265-1321)-60 Al-Malik al-Aschraf Saif ad-Din Abu l-Nasr Kait-Bay, Sultan von Ägypten und Syrien (1468-1496)-440 <?page no="500"?> Alonso II. de Fonseca, Erzbischof von Santiago de Compostela und Sevilla (1460-1507)-74, 78 Altenburg-166, 216, 282 Altenburg, Paul von, Mitreisender-467 Altötting-167, 318 f. Alt-Zadar (ital. Zara vecchia, kroat. Stari Zadar)-345 Amendorf zu Pouch, Marckart von (bel. 1486-1513)-242, 252, 475 Ancona-461 Andiel, mitreisender Priester-473 An-Nasir Muhammad IV., Sultan der Mamluken in Ägypten 1496-1498-485 Antivari (dt. Bar)-353 Antwerpen-170 Ardicino della Porta, Kardinal (1489- 1493), vom Papst ernannter Administrator des Olmützer Bistums-119 Aretin, Johann Adam Freiherr von, bayerischer Staatsmann (1769- 1822)-184 f. Aretin, Johann Christoph Freiherr von, Publizist und Historiker (1772- 1824)-184 f. Asolo-388 f. Assisi, Franz von, Heiliger (1182-1226) 47, 333, 349, 361, 368, 454 Augsburg-303 Augustyn, mitreisender Priester-471 Aujest (Újezd), Blaschek von († vor 1397)-87 Aujest (Újezd), Maresch (Martin) von (der Arme), Ritter († nach 1390)-87, 145 Aujest (Újezd), Nikolaus von (der Arme), s. Lobkowitz, Nikolaus I.-87 f. Aujest (Újezd), Wenzel von, Pfarrer in Nordböhmen-87 f. Avignon-69 Az-Zahir Qansuh I. Abu Said, Sultan der Mamluken in Ägypten (1498-1500) 485 Babtista, mitreisender Ritter-472 Babylon-425 Bachmann, Erich, böhmisch-deutscher Kunsthistoriker (1910-1991)-11 Baďura, Bohumil, tschechischer Historiker (1929-2014)-19, 67, 72, 81 Baibars I., Sultan von Ägypten und Syrien (1260-1277)-394 f. Balbus, Hieronymus, italienischer Humanist (um 1450-1535)-117 Balduin I., König von Jerusalem (1100- 1118)-396 Balduin III., König von Jerusalem (1143- 1163)-396 Balow, Just aus, Mitreisender-470 Balthasar II., Graf von Schwarzburg (1453-1525)-240, 252, 473 Balzer, Johann, böhmischer Verleger (1738-1799)-494 Bambach-Horst, Eva, Kunsthistorikerin (geb. 1960)-273 f. Bamberg-13, 173, 198 Baranger, Johan, Mitreisender-472 Barbara von Brandenburg, Herzogin von Glogau, Königin von Böhmen (1474- 1515)-109 Barbari, Jacopo de’ ( Jakob Walch oder Jakob der Welsche) italienischer Maler (zwischen 1440 und 1470 - vor Juli 1516)-204, 496 Barbarigo, Agostino, Doge von Venedig (1419-1501)-132, 322, 327-331, 335 ff. Barcelona-19, 68 Bari-386 Barremie, Symon, Mitreisender-472 Basel-94 f., 104 f., 267 500 Register <?page no="501"?> Baumstark, Reinhold, deutscher Kunsthistoriker (geb. 1944)-10 Bautzen-255 Bayezid II. \„der Fromme/ veli\“ (1447- 1512)-380 Beatrice d’Este (1475-1497)-335 Bechyně (dt. Bechin)-143 Becke, Dr. Valentinus, Leibarzt Friedrichs des Weisen (um 1440-1490)-171 Beichlingen, Adam von, Oberster Kammerrichter am Reichskammergericht (1465- 1538)-240, 252, 473 Bellmann, Fritz, Denkmalpfleger (1911- 1993)-267 Bemelberg, Reinhard von-196, 204 ff. Benedikt von Nursia, Abt und Ordensgründer (um 480-547)-308 Benedikt von Waldstein, Bischof von Cammin (1485-1498)-130 Benedikt XIII., Papst (1398-1423)-69 Berengaria von Navarra, Königin von England (1191-1199)-391 Berhardin aus Herbach, mitreisender Minoriten-Priester-471 Berlin-15 Bernhardin von Siena OFM, Heiliger, (1380-1444)-368 Beroaldo, Filippo der Ältere, italienischer Gelehrter (1453-1505)-113 Berthold, Mönch aus Torgau-172 Beßkaw, Steffan, kursächsischer Hofbäcker-474 Bestoltz, Dr. Mathias, kurfürstlich-sächsischer Rat, Jurist (bel. 1470-1506) 199, 216, 227, 239, 253, 474 Betfage-300 Bethanien-296, 436 f. Bethlehem-133, 233, 303, 343, 425-429, 442, 479 Betsaida-302 Birken, Sigmund von, Deutscher Dichter, Schriftsteller (1626-1681)-227 Bířkov, Václav (Wenzel) Šašek von, böhmischer Adliger († nach 1493)-19, 43, 75-81, 489 Birotten, Petr, Mitreisender-472 Blandion, Johan-472 Blatná (dt. Blatna)-43, 75 Blažek, Koch Johanns II. von Lobkowitz auf Hassenstein-133, 138 Blížkovice (dt. Lispitz)-63, 488 Blšany (dt. Flöhau bei Podersam)-120 Böcker, Heidelore, deutsche Historikerin (1943-2019)-177, 190 Boháč, Zdeněk, tschechischer Historiker (1933-2001)-62, 488 Boille, Colette, Äbtissin (1380-1447)-40 Bologna-113-117, 122 Bologninus, Ludovicus, italienischer Rechtsgelehrter (1446-1508)-113 Bonizo de Sutri, Bischof von Sutri (1078- 1094)-57 Bordeaux-74 Boskovice (dt. Boskowitz)-66 Bot, Nicolaus, Mitreisender-468 Brandýs, Oldřich von († nach 1323), böhmischer Adliger-19, 43, 67 Breidenbach (Breydenbach), Bernhard von, Mainzer Domherr (um 1440- 1497)-129, 171 Bressanone (dt. Brixen)-320 Břevnov, Benediktinerstift-24 Březno (dt. Priesen)-108 Březová, Laurentius von, böhmischer Chronist (um1370-um 1437)-91 Brná nad Labem (dt. Birnau), Stadtteil in Register 501 <?page no="502"?> Ústí nad Labem-17 Brno (dt. Brünn)-21, 43, 48, 62-65, 100 f. Broumov (dt. Braunau)-24 Bruck, Robert, deutscher Kunsthistoriker (1863-1942)-265, 267 Bruckbräu, Friedrich Wilhelm, deutscher Schriftsteller (1792-1874)-179 f. Bruneck (Pustertal)-320 Brüssel-74 Buda, Gregor von, mitreisender Priester-469 Buda, heute Budapest-116, 120 f., 139 Budua-353 Bünau zu Teuchern und Gröbitz, Heinrich von (Steltzner genannt), Rat Friedrichs des Weisen (vor 1462-um 1506)-212, 214, 226, 236, 243, 253, 474 Buřenice, Zdeslav von, Burggraf von Karlstein († 1433)-94 Butner, Steffen, Landsknecht (bel. ab 1494)-474 Butniro (ital. Butrinto, alban. Butrint)-357 Cadi, Hugo, Magister, Mitreisender-471 Caesarea-394 Calixtus II., Papst (1119-1124)-80 Camerarius, Joachim, deutscher Philologe (1500-1574)-146 Canterbury-77 Capistranus, Johannes, franziskanischer Bußprediger (1386-1456)-143 Čáslav (dt. Tschaslau)-93 Casspar, Mitreisender-475 Caterina Cornaro, Königin von Zypern (1474-1489)-388 Cattaro-353 Čelakovský, František Ladislav, tschechischer Dichter (1799-1855)-129 Celje (dt. Cilli)-458 Celtis, Conrad, deutscher Humanist und Dichter (1459-1508)-212 Černín (dt. Czernin)-18, 63 f., 488 Certtes, Georg, deutscher Ritter-70 České Budějovice (dt. Böhmisch-Budweis)-97 Český Dub (dt. Böhmisch Aicha)-58 f. Český Krumlov (dt. Böhmisch Krumau)-111 Ceuta-19, 68, 72 f., 488 Chalki-371 Champlitte, Wilhelm I. von, französischer Ritter, Teilnehmer des 4. Kreuzzugs († 1209)-362 Chioggia-337 Chomutov (dt. Komotau)-91, 108 f., 121, 123, 142 Christoph (der Starke), Herzog von Bayern-München (1449-1493)-27 ff., 33, 165, 173 f., 176-181, 185 f., 189 f., 195, 200, 203, 206, 210, 217, 226, 228- 232, 235, 237, 251, 332, 473, 490 Chyše (dt. Chiesch)-318 Cínovec (dt. Zinnwald)-41 Claus, Koch (bel. 1483-1500)-239 Claus aus Dort (Dordrecht), Mitreisender-470 Claus aus Dusen, Mitreisender-470 Clavijo-56 f., 79 Clemens VI., Papst (1342-1352)-345 Cluny-41 Coburg-173, 198 Colditz-255 Colditz, Albrecht von, böhmischer Adliger († 1448)-91 Conegliano-174, 201 Conget, Hugo, Mitreisender-472 Constanczya (griech. Salamis, lat. Constantia)-390 Contarini, Agostino, venezianischer 502 Register <?page no="503"?> Reeder-26 f., 29, 132, 174, 200 f., 205, 216, 321, 357, 367, 382, 394, 398 ff., 423, 431 f., 449 f., 453 f., 463, 490 Cornel, Antwerpener Kramer-470 Cornova, Ignatz, böhmischer Historiker (1740-1822)-124 Corth, Jan, mitreisender Priester-471 Cosmas von Prag, böhmischer Chronist (um 1045-1125)-125 Cramer, Valmar, Kölner Privatgelehrter (1889-1958)-266 Cranach, Lucas, deutscher Maler, Grafiker und Buchdrucker (1472-1553)-28 f., 147, 151, 181, 186-189, 191 ff., 214, 218, 236, 262, 264, 266 f., 270, 272 f., 275 ff. Cres (ital. Cherso)-341 Creutz, Ulrich, Bildhauer, tätig auch in Kadaň (vor 1500-nach 1536) 143 f., 147, 160 Crichton, Michael, amerikanischer Schriftsteller, Regisseur (1942- 2008)-182 Crosig, Eberhard, falsche Bezeichnung für Lorenz von Krossigk im Sluder-Brief-219 Csop, mitreisender Ritter-472 Cuntz (zu Leipzig), Hofmaler (bel. 1483- 1500)-216, 239 Cusago-205 Cvrčovice (dt. Urspitz)-63 f. Dachs, Niklas, Söldnerhauptmann-98 Dalečín (dt. Daletschin)-63 f. Damaskus-127 Daniel I., Bischof von Prag (1148-1167) 44 Decius, römischer Kaiser (249-251)-439 Deggendorf-318 de la Sale, Antoine, französischer Schriftsteller (um 1385-um 1460)-72 f. Delli, Francisco, Dolmetscher-215, 255 Dietrich von N., Mitreisender-469 Dinkonborth, Petr, Koch der Gräfin von Perier-471 Długosz, Jan, polnischer Historiker (1415-1480)-111 Dobbiaco (dt. Toblach)-174 Dobiller, Wawrzinecz, Mitreisender-471 Doležalová, Eva, tschechische Historikerin (geb. 1972)-23 Dolichiste-386 Dominik, mitreisender Ritter-472 Dommatzsch, Michael, Kammerknecht und Jenaer Schösser (bel. 1493- 1495)-222, 239 Donín (Dohna), Václav (II.) von, lausitzer Adliger, Rat des römisch-deutschen Königs Wenzel IV. (bel. ca.1380- 1420)-19, 43, 69 Dresden-191, 210, 248 Dubé, Hynek Hlawač von, böhmischer Adliger († 1423)-94 Dubé (Dauba), Beneš von, böhmischer Adliger-43 Duchcov (dt. Dux)-41 Dues, Claes von, Dolmetscher aus Harlem-197 Düren-167 f. Durrës (ital. Durazzo)-255, 353 Eanes de Zurara, Gomes, portugiesischer Chronist (1410-1474)-72 Eberhard aus Deszberk, mitreisender Minoriten-Priester-470 Eberstein, Hans von, Gefolgsmann des Grafen Philipp von Anhalt-254, 477 Ebner, Anthonius, Nürnberger Patrizier-216, 251 Ebstorf-126 Eduard IV., König von England (1461- 1470/ 1471-1483)-74 Register 503 <?page no="504"?> Efeldar (Elfelder), Hans (Hanus), böhmischer Maler (erste Hälfte 16. Jh.)-50 Eger (tsch. Cheb)-89 f., 94, 248 Eggenfelden-318 Eilenburg-173 Einsiedel, Haugold von, Adliger-245 Einsiedel auf Gnadenstein, Wilhelm von, Adliger (um 1472-1493)-207, 217, 224, 245, 247, 252, 476 Ejprnic (Oberznike), Johann Leuthold von, böhmischer Adliger, Mitreisender-133, 466 Ekl, Kilian, Mitreisender-468 Eleonora von Portugal, Kaiserin, Ehefrau Friedrichs III. (1436-1467)-75 Elisabeth Sophia, Herzogin von Sachsen-Altenburg (1640-1680)-260 Elisabeth von Böhmen (Eliška Přemyslovna), Königin von Böhmen (1311-1330)-47 Elisabeth von Bosnien, Königin von Ungarn, Kroatien und Polen (1340- 1387)-343 Elisabeth von Ungarn, Herzogin von Böhmen († 1189)-99 Elsner, Jakob, Nürnberger Buch- und Wappenmaler (1460-1517)-265, 267, 274 f., 277 Elsterberg, Heinrich von, in Böhmen ansässiger Adliger († nach 1434)-91 Emerik Derčenin, kroatischer Ban-460 Emmaus-288 f. Ende, Götz vom, Ritter, Oberhofrichter, herzoglicher Rat (1449-1527)-171 Ende zu Arnshaugk, Ulrich (Utz) vom, (bel. 1487-min. 1528) 212, 241, 252, 475 Ephesos-118 Epriass, Michael von, mitreisender Priester-469 Erasmus von Rotterdam, Universalgelehrter (1469-1536)-122 Erfurt-167, 174, 241 Erik I., König von Dänemark (1095- 1103)-389 Erlangen-16 Ernst, Heinrich, Koch des Schenk von Limburg-468 Ernst I. (der Fromme), Herzog von Sachsen-Gotha und Altenburg (1640- 1675)-260, 276 Ernst II., Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha (1844-1893)-262 Ernst von Sachsen, Erzbischof von Magdeburg (1476-1513)-35, 171 f. Ernst von Thüringen, Kurfürst von Sachsen (1464-1486)-108, 146 Erythrai (im Text Erither genannt)-118 Eusebius von Cremona, Schüler des Hieronymus († 423)-427 Eusebius von Neumarkt, böhmischer Franziskaner-133 Evora-74 Ewerstein, Philipp von (Hanuss z Ebrsstaynu bei Lobkowitz)-254 Faber, Matthaeus, Chronist († 1750)-269 f. Fabri, Felix, Schriftsteller (um 1438/ 1439- 1502)-33, 129 Famagusta-127, 227, 390 Feilitzsch, Jobst von (1428-1511)-212, 245, 252, 476 Feilitzsch zu Heinersgrün, Hans von (bel. 1485-1518/ 1525)-247, 252, 475 Ferdinand I., König von Neapel (1458- 1494)-348 Ferdinand I. von Aragon, König von Aragon, Sizilien und Sardinien (1412- 1416)-69, 71, 101 504 Register <?page no="505"?> Ferdinand II. von Aragon, König von Sizilien, Kastilien, Aragon und Neapel (1468-1516)-486 Fernández de Córdoba, Alonso, Beamter in Córdoba-69 Fernández de Córdoba, Martin, Beamter in Córdoba? -69 Ferrara-115, 119, 122, 132, 335 Fey, Carola, deutsche Historikerin (geb. 1960)-33, 277 Ffelb, Wylem, mitreisender Priester-471 Ffort, Joys von, Mitreisender-472 Ffpenser, Johan, Mitreisender-471 Ffrantissek von Heiligen Kreuz, Mitreisender-471 Flechsig, Eduard, deutscher Kunsthistoriker (1864-1944)-191 f. Florenz-117 Florian aus Kansten, Mitreisender-470 Foix, Johann I., Graf von († 1436)-69 Foscolo, Pietro, venezianischer Reisepatron-200 Francesco Foscari, Doge von Venedig (1423-1457)-388 Francesco II. Gonzaga, Markgraf von Mantua (1484-1519)-205 Frankfurt a.M.-74, 242, 245 ff. Franz, Wolfgang, Wittenberger Theologe (1564-1628)-177, 270, 490 Fraunhofen, Jakob I. von (bel. 1487- 1508)-249, 252, 475 Fraunhofen, Theseres III. von-249 Freiberg, Heinrich von, böhmischer Dichter des 13. Jh.-77 Freiburg i. Br.-242 f., 246 Frenclin, Jakubův, Prager Patrizier (erste Hälfte 14. Jh.)-56 Friedrich I., Herzog von Sachsen-Gotha-Altenburg (1672- 1691)-261 Friedrich II., Herzog von Sachsen-Gotha-Altenburg (1693- 1732)-261 Friedrich II. (der Ernsthafte), Markgraf von Meißen (1323-1349)-92 Friedrich II. (der Sanftmütige), Kurfürst von Sachsen (1428-1464)-97 f., 100 Friedrich III., König/ Kaiser (1440- 1493)-75, 100 f., 104, 110, 173 Friedrich III. (der Strenge) Landgraf von Thüringen, Markgraf von Meißen (1349-1381)-92 Friedrich III. (der Weise), Kurfürst von Sachsen (1486-1525)-16 f., 26-29, 31- 36, 86, 132, 146, 152 f., 156, 161, 165 f., 169, 171, 173 f., 181, 184, 186, 189-192, 197-201, 203, 207-211, 226, 228 f., 231, 233-236, 257, 259-262, 264-270, 272- 280, 284, 288, 310 f., 331, 467, 473 Friedrich IV., Herzog von Sachsen-Gotha-Altenburg (1822- 1825)-261 Friedrich IV. (der Streitbare/ der Ältere), Markgraf von Meißen (1381-1428) 93 f. Friedrich Wilhelm I., Herzog von Sachsen-Weimar (1573-1602)-260 Frimburg, Wenzel von, Pilger-111 Fritz (vmtl. Schmagel), Bote (bel. 1488- 1500)-216, 239 Froschauer, Christoph, Buchdrucker und Verleger (1490-1564)-275 f. Fröschel (Froschil), Heinrich, Lübecker Faktor Friedrichs III.-167 Fuchs, Sigmund, Mitreisender-468 Fulbert von Chartres, Bischof von Chartres (1006-1028)-40 Galeazzo Maria Sforza, Herzog von Mailand (1466-1476)-75, 335 Register 505 <?page no="506"?> Gandersheim, Hrosvita, deutsche Dichterin (um 935-um 973)-212 Garsye, Johan von, Mitreisender-471 Gassner, Lucas-253 Gaudepont-320 Gaystan, Johann von, Mitreisender-471 Gaza-286, 396, 481 Gebhart aus Leiden, Mitreisender-470 Geiler von Kayserberg, Johann, Prediger in Straßburg (1445-1510)-115, 119 Geithain-92 Gent-109, 197 Genua-117 Georg (der Bärtige), Herzog von Sachsen (1500-1539)-139, 171 Georg (der Reiche), Herzog von Bayern-Landshut (1479-1503)-318 Georgi, Christian Siegmund, Wittenberger Theologe (1702- 1771)-270 f. Georg von Podiebrad, König von Böhmen (1458-1471) 75, 77, 96-100, 104 f., 107 f., 111, 120 Gerard de Ridefort, Großmeister des Templerordens (1184-1189)-396 Gerssi, Mikulass, Mitreisender-472 Gertrud von Sulzbach, Königin (1138- 1146)-308 Gesnem, Gerhart Wellen von, Mitreisender-472 Gewer, Julian von, mitreisender Priester-472 Gfeler, Georg, böhmischer Niederadliger, Mitreisender-133, 451, 466 Gilling, Christian Gottlieb, deutscher Theologe (1735-1789)-270 Goltz, Johann Ernst (Wenzel), von der, böhmischer Adliger (1740-1792)-56 Görz-320 Gotha-36, 156, 188, 195, 257, 259 f., 262 f., 491 Gottfried IV. von Bouillon, Herzog von Niederlothringen (1087-1100)-395, 404 Graf, Klaus Martin, Historiker und Archivar (geb. 1958)-193 f. Granada-19, 69, 71 Graz-75 Grebel, Felix, Mitreisender-470 Grensing, Balthasar, Amtmann von Dippoldiswalde-246 Grensing, Hans, Adliger am kurfürstlich-sächsischen Hof (bel. 1486-1493)-207, 246 f., 252, 475 Gresten, Wilhelm von, Mitreisender-467 Greuss, Wilhelm von, Adliger am Kurfürstlich-sächsischen Hof (bel. 1490-1515)-242, 253, 477 Gries, Nikl aus Tachau, böhmischer Niederadliger-133, 466 Gronenberg, (Rhau-Grunenberg) Johann, Buchdrucker († zwischen 1523 und 1527)-209 Groos, Jan Adrian Gerhard de, tschechischer Kupferstecher († 1730)-113 Groß, Johannes, Geleitsmann zu Jessen (bel. 1507-1526)-477 Grundig, Gottfried Immanuel, Historiker (1740-1809)-188, 195, 218, 224 f. Grünemberg, Konrad, Konstanzer Bürger († 1494)-129, 131, 171, 230, 232 Grünhain, Zisterzienserkloster in Sachsen-146 Guido von Lusignan, König von Jerusalem und Zypern (1153-1194)-390 Gunterus, seit 1166 Abt des Chorherrenstifts auf dem Berg Sion-404 506 Register <?page no="507"?> Gurlitt, Cornelius Gustav, Kunsthistoriker, Architekt (1850- 1938)-186 f. Guttenberg, Stephan von, herzoglicher Rat-474 Guttenberg, Wolf von, Mitreisender (evtl. Wolf II. Wolff Gudenberg von Iter, Rat des hessischen Landgrafen Wilhelm I.)-467 Guttensstein, Christian von, böhmischer Adliger († 1518)-55 Guttenstein, Burian II. von, böhmischer Adliger (1462-1489)-133, 399 Guttenstein, Burian Johann IV. von, böhmischer Adliger († 1521)-55 Guttenstein, Dietrich ( Jetřich) von, böhmischer Adliger († 1513)-55, 133, 138, 202, 318, 399, 466 Guttenstein, Heinrich von, böhmischer Adliger († 1530? )-55 Guttenstein, Herren von, böhmisches Adelsgeschlecht-26, 53, 55, 487 Guttentstein, Wolf von, böhmischer Adliger († 1545)-55 Habakuk, alttestamentarischer Prophet-303 Hadum-Jakub Pascha, bosnischer Sandschak-Bey-458 Haffenecker, Thomas, Tiroler Baumeister (1699-1730)-56 Haidenburg, Schloss in Niederbayern-28 Haifa-394 Haller, Martha, Gemahlin des Georg II. Ketzel († 1533)-311 Hangest, Guillaume (Wylem) de, französischer Adliger-311 Hannas, Schwiegervater des Kaiphas-434 Hans, kursächsischer Hofnarr-227 Hans (der Meister), Koch (bel. 1493- 1497)-29, 189, 214 Harksen, Marie Luise, Kunsthistorikerin (1901-1986)-267 Harras auf Oßmannstedt, Wilhelm von (bel. 1493-1496)-244, 252, 476 Hasenburg, Wilhelm von, königlich-böhmischer Rat († 1441)-91 Hassenstein (tsch. Hasištejn), Burg-89 ff., 93 ff., 99 f., 103, 106, 115, 121, 123, 125, 143, 145 f. Hassenstein von Lobkowitz, Bohuslav, böhmischer Humanist (1461/ 1462- 1510)-29 f., 86, 102, 108, 112-126, 130, 138 f., 143, 145 f., 152 Hassenstein von Lobkowitz, Bohuslav Joachim, kaiserlicher Rat (1546- 1605)-121 Hassenstein von Lobkowitz, Jaroslav (I.) († zwischen 1486-1490)-102, 108, 138 Hassenstein von Lobkowitz, Jaroslav (II.) (1483-1529) 141, 144, 147, 151, 160, 162 Hassenstein von Lobkowitz, Johann II., königlich-böhmischer Kämmerer (1450-1517)-16 f., 30, 55, 83, 85 ff., 102- 113, 117 ff., 121, 125-147, 149 f., 152 f., 155-163, 196, 198, 202 f., 207, 214, 219, 224, 228, 232, 235, 241-254, 259, 279, 286, 289, 317 f., 321, 357, 371, 376, 388, 395, 466 Hassenstein von Lobkowitz, Nikolaus II. († 1462)-88, 94-102, 104, 111 Hassenstein von Lobkowitz, Nikolaus III. († um 1499)-102, 108 f., 120, 138 f. Hausherr, Rainer, Kunsthistoriker (1937- 2018)-277 Havel, Václav, tschechischer Schriftsteller, Politiker und Präsident (1936-2011)-11 Haymo von Halberstadt, Bischof von Register 507 <?page no="508"?> Halberstadt (840-853)-40 Hayn, Hilpert von, Pilger aus dem „Sluder-Brief “-220 Hayn, Magnus von, (bel. 1493)-216, 250, 252, 477 Hayn, Markus (Marx) von, Amtmann von Saalfeld und Roßla-220, 250 Heiligenleichnam bei Altenburg-167 Heinrich (der Fromme), Herzog von Sachsen (1473-1541)-27, 218, 237, 314 Heinrich Břetislav, Bischof von Prag (1182-1197)-18, 42, 62, 67 Heinrich der Ältere von Münsterberg, Sohn Georgs von Podiebrad, Graf von Glatz (1448-1498)-106 Heinrich der Jüngere von Podiebrad, Herzog von Münsterberg (1462- 1472)-110 Heinrich IV. (der Unvermögende), König von Kastilien und Léon (1454-1474)-74 Heinrich VI., König/ Kaiser (1169- 1197)-42, 67 Heinrich X., Graf von Stolberg (1467- 1508)-202 f., 240, 252, 473 Heinrich XI., Herzog von Glogau, Crossen und Freystadt (1469-1476)-109 Heinrich XII. (der Mittlere), Freiherr von Gera zu Schleiz, kaiserlicher Rat (1438- 1500)-243, 252, 473 Heinrich Zdik, Bischof von Olmütz (1126- 1150)-126 Heintz (Barbier) (bel. 1486-1499)-239 Helena von Konstantinopel, Hl., Mutter Kaiser Konstantins des Großen (248/ 250-330)-110, 137, 302, 325, 387, 405, 409, 413 ff., 418 f., 424, 426, 429 f., 444 f. Heller, Joseph, Kunstsammler, Kunstforscher (1798-1849)-192 Henigk, Brosius (Ambrosius), Jessener Geleitsmann, Rechnungsfüher auf der Pilgerfahrt Friedrichs III. (bel. 1492- 1497)-222, 254 ff. Hennenberg, Herman Graf von-265 Hermannsgrün, Leupoldt von, Türknecht (bel. 1493-1521)-212, 246, 252, 476 Hernández de Córdoba, Francisco, spanischer Konquistador († 1517)-84 Herodes Agrippa, König von Judäa und Samaria (41-44)-45, 176, 293, 303, 414, 428, 430 Hersfeld-174 Herzheimer, Hans, bayerischer Adliger (1454-1532)-33 Herzogenberg, Johanna von, Kunsthistorikerin (1921-2012)-7, 9-12, 14, 17, 37, 58 Hesse, Hans, Schmied (bel. 1491- 1518)-216, 239 Heynig, Johann Gottlob (Pseudonym Schalscheleth), Philosoph und Historiker (1772-1837)-272 Hieronymus, Kirchenlehrer (347- 420)-309, 427 Hilarius von Leitmeritz, böhmischer Theologe (1412/ 13-1468)-103, 106 Himara (griech. Chimárra)-355 Hirschfeld, Bernhard von, Ritter (1490- 1551)-228 Hirschvogel, Veit, Glasmaler (1461- 1526)-309 Hlaváček, Petr, tschechischer Historiker (geb. 1974)-130 Hluboká nad Vltavou (dt. Frauenberg), Burg-93, 95 Hodonice (dt. Hödnitz)-63 f. Holbein, Hans d. Ä., deutscher Maler (1460-1524)-411 508 Register <?page no="509"?> Holzschuher, Seifried (bel. 1493- 1498)-244, 252 Hopfgarten zu Hopfgarten und Mülverstedt, Jörg (Georg) von, Hofadliger am sächsisch-kurfürstlichen Hof (bel. 1486-1516)-212, 244, 252, 476 Hornfeld, Christoph von, Mitreisender-468 Hornfeld, Rudolf von, Mitreisender-469 Horní Stropnice (dt. Strobnitz)-41 Hradec Králové (dt. Königgrätz)-26, 41 f., 487 Hundt, Reimprecht (bel. 1490-1517)-216, 239 Hundt zu Altenstein von Wenkheim, Hans, kurfürstlicher Türknecht (bel. 1487-1504)-188, 197 f., 208, 211 f., 215, 220 f., 223, 226, 230, 233, 236, 239, 474 Hupfuff, Matthias, Buchdrucker († 1520)-167 Hus, Jan ( Johannes), böhmischer Theologe und Reformator (um 1370- 1415)-68, 71, 88, 488 Huschenbett, Dietrich, deutscher Germanist und Philologe (1930- 2017)-29, 189 Hvar (ital. Lesina)-28, 133, 182, 256, 347, 456, 465 Iklinger, Dr. Johann, Mitreisender-468 Immighausen, Heinrich VII. von, waldeckischer Rat (bel. ab 1473)-467 Ingolstadt-219, 243 Innozenz III., Papst (1198-1216)-339 Innozenz VI., Papst (1352-1362)-416 Innozenz VIII., Papst (1484-1492)-111 f., 149 Innsbruck-174, 320 Insule, Juo von, Mitreisender-471 Iraklion (ital. Candia)-346, 363 f., 366 f., 369, 453, 465 Isaak Komnenos, byzantinischer Kaiser (1185-1191)-391 Ithaka-118 Iwan (Ioann) III. Wassiljewitsch (der Große), Großfürst von Moskau (1462- 1505)-84 Jaffa-26 ff., 34, 134 f., 175, 197, 200, 206 f., 228, 251, 283-287, 290, 395 ff., 399, 449 f., 465, 478 Jajce-345, 459 Jakobus der Ältere, Apostel († um 44)-11, 14, 17 f., 22-26, 37, 39-45, 47-58, 60 ff., 65 ff., 69, 78-81, 299, 405, 412, 439 f. Jakobus der Jüngere, Apostel († 62) 40, 80, 408 Jakobus de Voragine, Erzbischof von Genua (1292-1298)-40 f., 48, 54, 59, 79 Jakub (dt. Sankt Jakub), Dorf in Mittelböhmen-25, 44, 487 Jakubov (dt. Jakobau)-63 Jemnice (dt. Jamnitz)-18, 63 f., 66 Jericho-303 Jerusalem 16 f., 26 f., 29 f., 33, 35, 78, 83, 86, 102, 110, 118, 125-131, 133-136, 138, 147, 150, 153, 156, 159-163, 168, 170, 176 f., 190, 193, 197, 205, 207, 221, 224, 230, 232 ff., 237, 262, 264 f., 267, 273 f., 276, 278, 280, 289, 291 f., 296 ff., 300, 304, 311 f., 314, 318, 343, 377, 387, 395, 399, 403-414, 417-425, 428, 431-436, 438-449, 465 f., 478, 480 f., 489 f. Jesaja, alttestamentarischer Prophet-301, 407 Jestřebí (dt. Habstein) nahe Česká Lípa (dt. Böhmisch Leipa)-87 Jihlava (dt. Iglau)-11, 14, 17 f., 25, 50 f., 63 ff., 95, 105 Register 509 <?page no="510"?> Johann (der Beständige), Herzog, Kurfürst von Sachsen (1525-1532)-146, 171, 173 Johann aus Middelburg, Mitreisender-470 Johannes, Magister, Mitreisender-471 Johannes ( Jan), mitreisender Minoriten-Priester-471 Johann Filipec, Bischof von Großwardein (1477-1490)-110 Johann Friedrich I. (der Großmütige) Kurfürst und Herzog von Sachsen (1547-1554)-260, 266 Johann I., König von Portugal (1385- 1433)-68, 72 Johann II., König von Kastilien und León (1406-1454)-69 Johann II. (der Strenge), König von Portugal (1481-1495)-74 Johann II. (der Treulose), König von Aragon (1458-1479)-74 Johann Očko von Vlašim, Erzbischof von Prag (1364-1378)-47 Johann von Luxemburg (der Blinde), König von Böhmen (1311-1346)-46 Jorgen von Kaaden, Baumeister-147 Juan de Borja (Borgia) (der Ältere), Kardinal (1492-1503)-120 Judith von Thüringen, Königin von Böhmen (1158-1172)-44 Juraj Vlatković, Ban von Jajce († 1493) 459 Kaaden-151, 154 f., 157 f., 162 Kabátník, Martin, böhmischer Schriftsteller, Pilger (1428-1503)-73, 127 ff. Kadaň (dt. Kaaden)-17, 24, 30, 83, 85 f., 97-101, 103, 106 ff., 110 ff., 121, 125, 130 f., 138 ff., 143-147, 149-160, 203, 318, 464 f., 489, 494 Kahla-173 Kaiphas, Jerusalemer Hohepriester-176, 295 f., 433 Kairo-84, 449, 479, 484 Kalabrien, Berthold von (um 1140-1195), Gründer des Karmeliten-Ordens-394 Kalergis, Alexios, Anführer des kretischen Aufstandes (1283-1299) 368 Kamenice, Bez. Jihlava (dt. Kamenitz)-63, 488 Kania (griech. Chania)-364 Kaňka, Franz Maximilian, böhmischer Architekt (1674-1766)-56 Kappeln (Caplar), Gaspar von, Mitreisender-202, 467 Karl der Große, fränkischer König/ Kaiser (768-814)-41 Karl III. (der Edelmütige), König von Navarra (1387-1425)-69 Karl IV., böhmischer und römischer König/ Kaiser (1346/ 1355-1378)-50, 87, 92, 145, 416 Karlko Gušić, kroatischer Adliger-460 Karlstein (Burg) bei Prag-50, 91, 94, 110, 388, 416 Karl VI. (der Wahnsinnige/ der Vielgeliebte), König von Frankreich (1380-1422)-70 Karl von Anjou, König von Sizilien (1266- 1285)-353 f., 356 Karthago-119 Kašperské Hory (dt. Bergreichenstein)-11 Kassel-174 Katharina von Alexandrien, Hl. und Märtyrerin-142, 306, 356, 390, 452 Katharina von Lancaster (1373-1418)-69, 71 Kazopa (dt. Kasiopi, griech. Kasopo)-357 Kefalonia-359 Keraunia (Cerines)-390 Ketzel, Georg I.,1453 in Jerusalem-264 f., 510 Register <?page no="511"?> 306, 309, 314 Ketzel, Georg II., Kaufmann aus Nürnberg, 1498 in Jerusalem-181, 218, 234, 236 f., 264, 275, 307, 309, 311, 314 Ketzel, Heinrich, Kaufmann aus Nürnberg, 1389 in Jerusalem 263 f., 303, 305, 309, 314 Ketzel, Martin, Kaufmann aus Nürnberg, 1472 in Jerusalem (vor 1456-nach 1507)-263-266, 306, 309, 311, 314 Ketzel, Michael, Kaufmann aus Nürnberg-263 f., 266, 308 f., 314 Ketzel, Paulus, Kaufmann aus Nürnberg († 1588)-304 Ketzel, Sebald, Kaufmann aus Nürnberg, 1498 in Jerusalem-263 f., 307, 309, 311, 314 Ketzel, Ulrich, Kaufmann aus Nürnberg, 1462 in Jerusalem-263-266, 306, 309, 314 Ketzel, Wolf, Kaufmann aus Nürnberg, 1493 in Jerusalem (1472-1544) 156, 216, 218, 234, 251, 253, 264, 266 f., 307, 309 ff., 314 Kitzscher, Jürgen, Türknecht-171 Kladruby (dt. Kladrau)-57 Kłodzko (dt. Glatz, tsch. Kladsko)-52 Klotzsch, Johann Friedrich, Historiker (1726-1789)-188, 195, 224 f. Kněžice (dt. Knieschitz, bei Iglau)-63 f. Köln-167 Kolowrat, Heinrich von, böhmischer Adliger († 1467)-97 Kolowrat auf Liebstein, Beneš von, Hauptmann des Kreises Schlan († 1495/ 1497)-109 Konrad III., König (1138-1152)-308 Konstantin (der Große), römischer Kaiser (306-337)-387, 394 f. Konstantinopel-128, 370, 380 Konstanz-69, 71, 88 Korčula-256, 348, 456, 465 Korfu (griech. Kerkyra)-118, 127, 132, 244, 249, 254 f., 356-359, 455 Koroni (dt. Korona)-362 Koschwitz, Cunz von, Mitreisender-477 Kozí, Ctibor von (1390-1437), böhmischer Adliger-19, 69, 488 Krafft, Adam, deutscher Bildhauer und Baumeister (1455/ 60-1509)-187 Krah, Veit, kursächsischer Gefolgsmann-239, 478 Krakau-13, 186 Krasso (Grasso), Abraham (Abrahym), Schreiber des Sultans in Ramla (bel. 1480-1495) 137, 397-400, 409, 417, 425, 449 f. Kravaře und Plumlov, Heinrich von (um 1391-1420), mährischer Herr-19, 70- 73, 488 Křeč (dt. Kretsch)-58 Kreta (ital. Candia)-127, 132, 224, 255, 363 ff., 367 f. Krhov (dt. Kerhow)-63 f. Křivoústý, Martin, Bakkalar, utraquistischer Priester, Pilger 127, 129 Krosigk (Crossig), Lorentz von († 1534)-219, 250, 477 Kuda, Mathyass, Mitreisender-472 Kunigslan (ital. Conegliano)-320 Kunigunde von Österreich, Gemahlin von Herzog Albrecht IV. und Herzogin von Bayern (1505-1508)-179 Kunratice (dt. Kunratitz)-26, 56 ff., 487 Kuntzek, Matěj, böhmischer Maler (zweite Hälfte 19. Jh.)-58 Kunz, Armin, Kunsthistoriker-193 f., 228, 275 Register 511 <?page no="512"?> Kutná Hora (dt. Kuttenberg) 25, 44, 50, 88, 108 f., 487 Květ, František Bolemír, tschechischer Slawist (1825-1864)-141 Kybalová, Jana, tschechoslowakische Kunsthistorikerin (1928-2018)-9 Kyšovice (dt. Gaischwitz)-104 Kythira (ital. Cerigo)-363 Ladislaus V. (Ladislaus Postumus), König von Ungarn und Böhmen (1440- 1457)-96, 100 Landsberg am Lech-173, 207, 282 Landshut-180 Lank, Dr. Braun aus Liebenfels, Mitreisender-470 Lažany, Heinrich von, böhmischer Adliger († 1431? )-93 Lažany (dt. Laschan)-21, 43 Lazarus von Bethanien, Heiliger-294, 300, 416, 437 f. Leimbach, Hans von, Sächsischer Zehnt- und Rentmeister (1445-1513)-254 f. Leipzig-122, 124, 146, 172 f. Leitner, Quirin Ritter von, österreichischer Historiker (1834- 1893)-210 Lemiger/ Leminger, Asmus, (bel. ab 1492)-169, 216, 251, 253, 476 Leminger, Heinz-251 Leminger, Wilhelm-251 Lesnice (dt. Lesnitz)-63 f. Letařovice (dt. Letarschowitz)-11, 58 ff. Leuven-167 Levice, Peter (Cseh) von, Oberstlandmarschall (1390-1440)-70 Levoča, Paul von, Bildhauer (um 1460-um 1542)-51 Levoča (dt. Leutschau)-51 Lewy, Mordechay, israelischer Diplomat und Historiker (geb. 1948) 16, 30, 277 f., 315 Líčkov (dt. Litschkau), Ortsteil von Liběšice-120 Lidice (dt. Liditz)-11 Limassol-391, 393, 451 Limpurg-Speckfeld, Friedrich VI. Schenk von, Mitreisender (1468-1522)-467 Linz-173 Lipník nad Bečvou (dt. Leipnik)-66 Lissabon-73, 171 List, Christoph, Mitreisender-202, 469 Litomyšl (dt. Leitomischl)-127 Litovel (dt. (Littau)-21 Litteneg, Thomas, Mitreisender-471 Ljubljana-459 Lobkovice (Lobkowitz) nahe Mělník (Melnik)-88 Lobkowitz, Max(imilian), von, Fürst (1888-1967)-121 Lobkowitz, Nikolaus I. (Chudý) von, Herr von Hassenstein (1390-1435)-88-91, 93 f., 103 Lochau-208, 245 London-74, 126, 312 Londonderry, Friedrich, 4. Marquis von (1805-1872)-313 Lorber, Anton, Mitreisender-468 Lorentz von Krosigk/ Crossig, sächsischer Adliger, Mitreisender († 1534) 212, 216, 219, 252 Loreto-461, 464 Löser zu Pretzsch, Heinrich, kursächsischer Landvogt und Erbmarschall († 1493)-171, 212 Lotter, Melchior, deutscher Buchdrucker (1470-1559)-124 Luchsberger, Lorenz, österreichischer Bildhauer (1471-1501)-51 512 Register <?page no="513"?> Ludolf, Hiob, kurpfälzischer Hofbeamter (1624-1704)-261 Ludolphy, Ingetraut, deutsche Theologin und Historikerin (1921-2014)-192, 273 Ludovico Sforza (il Moro), Herzog von Mailand (1494-1499/ 1500)-335 Ludwig I. (der Große), König von Ungarn, Kroatien und Polen (1342-1382)-343 Ludwig II., Herzog von Brieg und Liegnitz (1399-1436)-70, 73 Ludwig II., König von Böhmen, Ungarn und Kroatien (1516-1526)-121 Ludwig III. (der Bärtige) Pfalzgraf und Kurfürst von der Pfalz (1378-1436) 198 Ludwig III. (der Fromme oder der Milde), Landgraf von Thüringen (1172-1190)-169 Ludwig IV. (der Heilige), Landgraf von Thüringen (1217-1227)-169 Ludwig von Greifenstein (1465-1495) 196, 205 Ludwig XI., König von Frankreich (1461- 1483)-74 Ludwig XII., König von Frankreich (1498- 1515)-486 Lugdon, Bartholomieg Canuo von, Mitreisender-472 Luther, Martin, Reformator (1483- 1546)-16, 83, 86, 122 f., 276 Luxemburg-109, 149 Lydda (hebr. Lod)-288 f., 402 f. Magdalena, Dienerin der Gräfin von Perier-471 Magdeburg-171 Mailand-75, 117, 132, 328, 335 Málaga-171 Malamocco-335 Maltitz, Siegmund von, Marschall und Rat am albertinisch-sächsischen Hof (bel. 1472-1524)-248, 252, 476 Maltitz zu Elster, Cuntz von, Mitreisender († 1493)-212, 247, 253, 476 Manasse, König von Juda (um 696 v. Chr.- um 642 v.-Chr.)-407 Manaw, Deslaw, Mitreisender-469 Mantovano, Battista, italienischer Dichter und Humanist (1448-1516)-113 Mantua-132, 327, 335 Marburg-167 Maria Jakobäa (Kleophae), Mutter des heiligen Jakobus-40, 324 Maria Magdalena, neutestamentliche Heilige-176, 293 f., 296, 324, 411, 416, 418, 423, 436 f. Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn & Böhmen, Kaiserin (1740-1780)-57 Maria von Burgund, Herzogin von Burgund (1457-1482)-109 Marie, Gemahlin Slavibors (12. Jh.)-44 Marienthal (Kloster)-13, 92 Maron von Beit († 410), Eremit im Orient-441 Marschalk, Moritz, kursächsischer Einrösser (bel. 1491-1497)-477 Martha von Bethanien, Heilige-438 Martin von Tours, Bischof von Tours (um 316-397)-78 Masswolt, Thomass von, Mitreisender 472 Matrei (Osttirol)-174, 320 Matthias Corvinus, König von Ungarn (1458-1490)-75, 110, 332, 483 Mauthner von Gotzenstein, Friedrich, Mitreisender-466 Maxentius, römischer Kaiser (um 306- 312)-142 Maximilian I., König/ Kaiser (1486- 1519)-109, 122, 209 f., 485 Register 513 <?page no="514"?> May, Karl, deutscher Schriftsteller (1842- 1912)-176, 237 Megelfruyt, Joes van-202 Mehmed II. (der Eroberer), Osmanischer Sultan (1432-1481)-370, 380 ff., 384 Meiningen-241 Meisner, Heinrich Benno, Bibliothekar, Historiker (1849-1929) 28, 32, 184-187, 191, 195, 198, 221, 235, 265 Meisner, Johann, Wittenberger Theologe (1615-1681)-268 Meißen-97 Mekka-480 Melanchthon, Philipp, deutscher Humanist (1497-1560)-36, 84, 123, 268 Melida (Mljet)-349, 456 Memling, Hans, deutscher Maler (1433/ 40-1494)-266 Memphis (Ägypten)-118 Menz, Balthasar d.-J., Wittenberger Poet und Universitätslehrer (um 1537- 1617)-268 Mergenthal, Hans von, Kanzler und Rentmeister im Herzogtum Sachsen († 1488)-190 Merseburg-255 Mestre (dt. Mastris)-321, 464 Methoni (Madon)-361 Methoni (Modon)-119, 127, 132, 187, 255, 360 f., 453 ff., 465 Metzsch zu Mylau, Cunz (Conrad), sächsischer Adliger (bel. 1474- 1527)-212, 247, 253, 474 Meung-sur-Loire-74 Meusebach zu Schwerstedt und zu Bottelstedt, Hans von, Adliger (Bel. 1487-1525)-244, 253, 477 Michaelson, Hedwig, Universitätsdozentin (1864/ 65- 1926)-187, 191, 193 Michel (Mundkoch) (bel. 1491-1525)-216, 239 Michelsberg, Johann von-77 Mikulass, mitreisender Krakauer Priester-472, 475 Milčeves (dt. Miltschowes), heute Stadtteil in Žatec-88 Mistelbach, Sebastian von, kursächsischer Einrösser (bel. 1487-1519)-209, 212, 216, 233, 239, 476 Mittando, Petr von, Mitreisender-471 Mitterauer, Michael, österreichischer Historiker (1937-2022)-22 Mladá Boleslav (dt. Jung Bunzlau)-121 Mlade (Wmlade) aus Vilémov, Jan, böhmischer Niederadliger, Mitreisender-133, 202, 451, 455, 466 Modruš-459 Mohammed, islamischer Prophet (um 570-632)-480, 483 f. Moler, Johann, auch Meister Jhan, Hofmaler Friedrichs des Weisen-186 f. Momer, Jaques-202 Mönch/ Munch, Heinrich, Amtmann zu Weida (bel. 1480-1507)-212, 239, 474 Monet-320 Monlin, Thomass von, mitreisender Priester-472 Morgenstern, Paul, Abt des Zisterzienserklosters Grünhain (bel. 1486-1507)-146 Moro Przewor von, mitreisender Priester-471 Moscoso, Bernaldo Yañez de, kastilischer Adliger († 1466)-75, 78 Moskau-84, 128 Most (dt. Brüx)-21, 26, 43, 53 f., 56, 62, 85, 91, 93 f., 97, 487 514 Register <?page no="515"?> Mosto, Ottavio, Bildhauer (1659-1701)-47 Müller, Johann Sebastian, Historiker, Archivar (1634-1708)-188, 192, 225 ff., 236, 262, 270 Münch (Mönch), Hans, Amtmann zu Jena (bel. 1487-1522)-188, 212, 216, 239 München-10, 28, 135 Murano (dt. Meron)-321 Narni, Erasmo da, italienischer Condottiere (1370-1443)-334 Naumburg-92, 173 Nazareth-299, 461 Nechvalice, Anna von († vor 1411)-87 Negnyra, mitreisender Priester-471 Neratovice (dt. Neratowitz)-88 Neudecker, Christian Gotthold, Kirchenhistoriker (1807-1866)-188, 195, 208, 219, 224 ff., 236 Neuhaus, Meinhard von, Oberstburggraf von Böhmen (1398-1449)-96 Neumann, Franz von, Wiener Architekt (1844-1905)-262 Neu-Ötting-318 Neuss-167 Nickel, Richter in Kyšovice-103 f., 202 Nicolaus, Kaplan, Mitreisender-469 Nicolaus von Antdorf, Mitreisender-470 Niederdorf (Südtirol)-320 Nikola Frankopan von Tržac, kroatischer Adliger-460 Nikolaus Augustini, Kuttenberger Urbarschreiber-88 Nikolaus von Myra, Bischof von Myra (279/ 289- zwischen 326 und 365) 22, 45, 61, 66, 331, 339 f., 347 f., 359 f., 386 Nikosia-389 f. Nolte, Cordula, deutsche Historikerin (geb. 1958)-190 Nonnos von Edessa, Bischof von Edessa († 471)-409 Nordhausen-213 Nova Ciuitas-463 Novi Zadar (dt. Neu-Zadar)-345 Novotný, Václav, tschechischer Historiker (1869-1932)-88 Nový hrad (dt. Furchtenberg), Burg-93 Nürnberg-16, 33, 42, 55, 74, 77, 109, 135, 154, 156, 167, 173, 186, 193, 210, 219, 234, 237, 278, 303 f., 308, 310, 312 f., 315, 388 Oefele, Andreas Felix von, Hofbibliothekar und Hofarchivar (1706-1780)-182 Olbramovic, Prokop Černý (Niger), Prager Patrizier (1368-1411)-56 Olbramovice (dt. Wolframnitz)-63 f. Olomouc (dt. Olmütz)-18, 63 ff., 76, 110, 117, 119 f., 130, 143 Omice (dt. Womitz)-63 f. Ortenburg, Wolfgang von, Mitreisender Graf († 1519)-466 Oschatz-213 Oschmar, Nicolaus, Kaplan des Grafen, Mitreisender-467 Osová Bítýška (dt. Ossowa Bitischka) 63 f. Otranto-455 Ottheinrich von der Pfalz, Pfalzgraf-Kurfürst (1522-1559)-276 Ottokar I. Přemysl, König von Böhmen (1198-1230)-25, 46 Ottokar II. Přemysl (der Eiserne), König von Böhmen (1253-1278)-99 Ozzel, Prager Kanoniker (2. Hälfte des 11. Jhs.)-125 Pachalota-403 Padrón-78, 80 Padua-47, 75, 117, 334 Padua, Antoninus von, Heiliger (um Register 515 <?page no="516"?> 1195-1231)-323, 378 f. Palacký, František, böhmischer Historiker (1798-1876)-85 Paleokastritsa-357 Palko, Franz Xaver, deutscher Maler (1724-1767)-51 Palma de Mallorca-171 Paltz, Johannes von, deutscher Theologe (1445-1511)-167 Pánek, Johann Simon, Architekt (1654- 1734)-47 Panenský Týnec (dt. Jungfernteinitz)-138 Paphos (dt. Baffo) auf Zypern-175, 186, 223, 389 f. Paravicini, Werner, deutscher Historiker (geb. 1942)-76 Paris-71 Parma, Marek von, Mitreisender-473 Parsberg, Konrad von-196 Patara-386 Patinir, Joachim, flämischer Maler (1475/ 80-1524)-265 Pátková, Hana, tschechische Historikerin (geb. 1967)-23 Patmos-369 f. Paul II., Papst (1464-1471)-105 f. Paulinus von Löwenberg, böhmischer Franziskaner-133 Paulus, Apostel († um 60)-364, 375, 421 Pavel, Sohn Slavibors, böhmischer Adliger (12. Jh.)-44 Pavlovský, Stanislav, Bischof von Olmütz († 1598)-43, 76 f. Pedík, Kristián, böhmischer Hofbeamter († vor 1505)-116 Pelagia von Jerusalem, Heilige († 280) 409, 438 f. Peraudi, Raimund, päpstlicher Ablasskommissar (1435-1505)-33 Peregrin Puš (13./ 14. Jh.), Prager Bürger-19, 43 Perier, Johanna von, Gräfin von Perier, Mitreisende-471 Perpignan-69, 73 Peter, Kaplan des Schenk von Limburg 468 Peter, Koch des Grafen von Waldeck-467 Peter Adrian aus Dort (Dordrecht), Mitreisender-470 Petr, Kaplan der Gräfin von Perier-471 Petr, mitreisender Koch-472 Petr, mitreisender Priester aus der Lombardei-472 Petr, mitreisender Priester aus Slawonien-472 Petrus (Simon Petrus), Apostel († um 64/ 67)-23, 58, 61, 66, 286, 296, 299, 396, 411 f., 432-435, 439 Peutinger, Konrad, Jurist und Humanist (1465-1547)-122 Pfeffinger zu Salmannskirchen und Zangberg, Degenhart, Türknecht Friedrichs des Weisen (1471-1519)-33, 169, 172, 211, 242, 253, 477 Pflug, Cäsar (auch Cesar), zu Eythra, albertinischer Rat (um 1450/ 55- 1524)-212, 217, 219, 224 ff., 236, 245, 252, 474 Pflug, Haugold, Adliger (bel. 1483- 1505)-223, 246, 252 Pflug zu Lampertswalde, Dr. Siegmund, Domherr zu Meißen (um 1455/ 60- 1510)-239, 255, 474 Philipp I. von Anhalt-Köthen († 1500) 239, 251, 254, 473 Philipp III. (der Gute), Herzog von Burgund (1419-1467)-74, 288, 400 Philipp von Schwaben, römisch-deutscher König (1198- 516 Register <?page no="517"?> 1208)-367 Phineka-386 Piaso, Lukass von, Mitreisender-472 Pibra, Jan von, böhmischer Hofbeamter-116 Pierre d’Aubusson, Johanniter-Großmeister, Kardinal (1423-1503)-32, 34, 371, 373, 376, 382- 385, 452 Pilsen (tsch. Plzeň)-24, 49, 97, 105 f., 111, 129, 143, 318 Pisa-117 Piso, Stefan, Bibliothekar-119, 123 Pius II., Papst (1458-1464)-105 Planitz zu der Planitz zu Wiesenburg, Rudolf (der Jüngere) von der-212, 247 Planitz zu Planitz, Rudolf (der Ältere) von der, Amtmann (bel. 1486-1513)-247, 253, 474 Plauen-89 Plauen, Heinrich von, Hofrichter und Burggraf von Meißen († 1446)-89 f., 93, 97 Podlažice (dt. Podlaschitz)-42 Pohořelice (dt. Pohrlitz)-63 Polentz, Christoph von, Mitreisender-469 Pollich, Martin (Mellerstad), Leibarzt (um 1455-1513)-146, 216, 226, 239 Pontius Pilatus, römischer Präfekt (26- 36)-137, 156, 205, 293, 414 f., 435 Popel von Lobkowitz, Georg, kaiserlicher Hofbeamter (um 1551-1607)-121 Popel von Lobkowitz, Johann I. († 1470)-94, 97 f., 101 f., 113 Poreč (ital. Parenzo)-196, 222, 256, 339 f., 462 f., 465 Porto Kagio (Quaglio Porto, krzepeliczij port)-453 Powerscourt, Mervyn Edward Wingfield, irischer Kunstsammler-312 ff. Prachatice (dt. Prachatitz)-51 Prácheň (dt. Prachen)-111 Prag 10, 14 f., 19, 21 ff., 25 f., 40, 42 f., 46, 48, 56, 60, 62, 74 f., 77, 86 f., 90, 93 f., 96, 98, 100, 103 f., 107, 111, 114 ff., 120 ff., 127, 129, 131, 134, 145, 317, 333, 336 f., 341, 345, 455, 466, 479, 487 Praun, Stephan III., Nürnberger Bürger (1544-1591)-42 Preller, Ludwig, Altphilologe, Altertumswissenschaftler, Hochschullehrer (1809-1861)-188, 195, 208, 224 ff., 236 Příbram (dt. Pribram)-14 Přimda (dt. Pfraumberg), Burg-93 Přísečnice (dt. Preßnitz) 94 f., 103, 107, 121 Prokop(ius), Heiliger, Abt (ca. 970- 1053)-44 f., 339 Protasius von Boskowitz und Černá Hora, Bischof von Olmütz (1457-1482)-119 Pryto, Petr, Mitreisender-472 Ptuj (dt. Pettau)-458 Pula (ital. Pola)-340, 348 Purgatorium des heiligen Patrick, Lough Derg-79 Purgold, Karl, Museumsdirektor (1850- 1939)-263 f. Putler, Johan von, Mitreisender-471 Qayit-Bey (Kait-Bay), ägyptischer Sultan (1468-1469)-229 Radenecker, Johannes, Abt von St. Egidien in Nürnberg (um 1440-1504)-308 Radičeves (dt. Reitschowes), Stadtteil in Žatec-88 Ragusa (kroat. Dubrovnik)-133, 211, 256, 348-353, 455 Ramiro I., König von Asturien (842- 850)-56 f. Register 517 <?page no="518"?> Ramla-28, 127, 133 f., 176 f., 181, 206, 224, 228 ff., 232, 245, 285, 287-290, 396, 399- 403, 441, 449, 465 Rathgeber, Georg, Bibliothekar (1800- 1875)-262, 264 Ratibor (pl. Racibórz, tsch. Ratiboř)-20 f. Rebiz, Heinrich von, Mitreisender 202, 470 Regensburg-62 Reger, Johann, Mitreisender-468 Reichert, Folker, deutscher Historiker (geb. 1949-126 Reiner, Wenzel Lorenz, Maler (1689- 1743)-47 Reitzenstein, Friedrich von, Mitreisender-470 Rendl von Uschau, westböhmischer Adliger († 1522)-142 René von Anjou, König von Neapel (1435- 1480)-74 Retino (griech. Rethymno)-364 Rhodos-27, 32 ff., 118, 127, 133, 175, 207, 217, 223 f., 227, 229, 254 f., 371-385, 451 f., 465 Richard I. (Löwenherz), König von England (1189-1199)-391, 395 Riesenburg, Boreš (X. und XIV.) von, böhmische Adlige, 14./ 15. Jh.-93 Rieter, Sebald, Kaufmann aus Nürnberg (1426-1491)-135 Röhricht, Reinhold, deutscher Historiker (1842-1905) 28 f., 32, 34, 184-187, 191 f., 195, 198, 221, 235, 265 Rokycana, Jan, utraquistischer Theologe (1390/ 94-1471)-96 Rom-22, 25, 84, 111 f., 115, 117, 120, 125 f., 131, 149, 170, 262, 416, 427, 455 Ronseam, Johan, Mitreisender-472 Rosenau, Anthonius von (bel. 1509- 1522)-242, 252, 475 Rosenberg, Cunz von (bel. 1487- 1493)-244, 252, 475 Rosenberg, Peter IV. von, Landeshauptmann von Böhmen (1462-1523)-114 Rosenberg, Ulrich II. von, Statthalter von Böhmen (1403-1462)-96 ff. Rosenheim-319 Rosental, Leo von (Lev z Rožmitálu), böhmischer Adliger und Gesandter (um 1410-1485) 19 f., 43, 73 f., 77 f., 80 f. Roštín (dt. Roschtin)-63 f. Roudnice nad Labem (dt. Raudnitz an der Elbe)-121 Roupov, Anna von, böhmische Adlige-55 Roupov, Margarete von, böhmische Adlige-55 Rovigno (kroat. Rovinj)-175 Rovná bei Stříbrná Skalice-25, 44, 487 Rudolf II., König/ Kaiser (1572-1612)-47 Rudolf von Rüdesheim, päpstlicher Legat, Fürstbischof von Lavant und Breslau (1463-1482)-105 Rudolph, Andreas, Baumeister (1601- 1679)-260 Rumpel, Georg, ernestinischer Kammerdiener (1631-1702)-261 Ryffert, Piro von, Mitreisender-472 Rynssij, Jakub von, Mitreisender-472 Ryss, Johann, Mitreisender-468 S(ch)laginhaufen, Steffen, kursächsischer Höfling-474 Saaz, Paul von, Rektor der Universität in Prag (um 1450-1517)-85 Sack zu Mühldorf, Hans, Adliger (bel. 1490-min. 1521)-241, 252, 475 Saguinelle, Albin-203 Saint-Cher, Hugo von (um 1200-1263) 167 Saladin, Sultan von Ägypten und Syrien 518 Register <?page no="519"?> (1171-1193)-395 f., 409 Salamanca-19, 67 Salicrú i Lluch, Roser, katalanische Historikerin-72 Samikon-360 Sancho de Rojas, Bischof von Palencia (1403-1415)-69 Sanomennee, Johann von, Mitreisender-472 Sanoy, Petr von, Mitreisender-471 Santiago de Compostela-13, 17 f., 20, 22, 24, 26, 41-44, 53 ff., 57-60, 62, 67, 69, 71, 73 f., 78, 80 f., 126, 170, 306, 487 f. Saragossa-74 Saumur-74 Sázava (dt. Sazau)-44 Schaumburg, Heinrich von, Ritter des Grabesordens (†-1516)-169 Schaumburg, Heinrich von, Ritter des Grabesordens († 1516)-199, 212, 233, 239, 474 Schellenberg, Johann von, Oberstkanzler des Königreichs Böhmen (1447- 1508)-115, 118 Schenk zu Schweinsberg, Eberhard, Deutscher Kunsthistoriker (1893- 1990)-263 Scheurl , Christoph (II.), Jurist, Nürnberger Ratskonsulent (1481- 1542)-32 Schilo-302 Schlegel, Friedrich, deutscher Philosoph (1772-1829)-416 Schleinitz aus Seerhausen, Heinrich von, Chemnitzer Benediktinerabt († 1527); im „Sluder-Brief “ fälschlich Schleunitz genannt-216, 219 f., 250, 252, 474 Schleinitz zu Seerhausen, Dietrich von, Ritter (1460-1528)-171 Schlettau-98 Schlick, Steffen, Herr zu Ellbogen, kursächsischer Adliger (bel. ab 1503)-474 Schlieben, Dietrich von, Adliger am Kurfürstlich-sächsischen Hof (bel. 1492-1534)-246, 252, 476 Schmeller, Johann Andreas, Germanist (1785-1852)-76 Schneider, Hans, Spruchdichter, Herold (um 1450-nach 1513)-189, 195 f., 206 f., 210, 217 Schneider, Julius Heinrich, herzoglich sächsischer Hofrat (1811-1884)-262 Schney, Schloss bei Bamberg-13 Schöefman, Jörg, Dolmetscher-204 Schönburg, Ernst Herr von, Hofrat Friedrichs des Weisen (um 1458- 1489)-171 Schönburg (Šumburk), Friedrich (Fritz) von, Herr auf Hassenstein († nach 1417)-92 Schönburg (Šumburk), Friedrich III. von - (†-1312), in Böhmen angesiedeltes Adelsgeschlecht-99 Schönburg (Šumburk), Friedrich V. von, Herr auf Hassenstein, böhmischer Adliger († 1350/ 1352)-92 Schönburg (Šumburk), Friedrich von, böhmischer Adliger († um 1492)-108 Schönburg (Šumburk), Wilhelm von, böhmischer Adliger († um 1450)-96 Schönburg zu Stolberg, Klara von-248 Schöneberg, Dietrich von, Offizier (1484- 1525)-84 Schopritz (Bruder Schopritz)-219, 239 Schott, Peter der Ältere, Straßburger Politiker (1427-1504)-114 Schott, Peter der Jüngere, deutscher Register 519 <?page no="520"?> Jurist, Theologe und Humanist (1460- 1490)-114 f., 118 f. Schuchardt, Christoph, deutscher Zeichner und Kunsthistoriker (1799- 1870)-192, 264, 274 Schultheiß zu Stolberg, Nicolaus, Verfasser eines verschollenen Reiseberichts von 1494, Mitreisender-196 Schulz, Fritz Traugott, Hauptkonservator in Nürnberg (1875-1951)-312, 314 Schwan, Thomas, Mitreisender-469 Schwarzenberg, Hans von (1463- 1528)-249, 252, 473 Schwaz (Tirol)-319 Seckendorf, Sixtus von-244 Seckendorff, Veit Ludwig von, Justizrat und Chronist (1626-1692)-32 Sedlec (dt. Sedletz)-93 Seiboltstorff, Erntraut-242 Seinsheim, Erkinger I. von, kaiserlicher Rat (1362-1437)-100 Seinsheim, Götz von (Gotcz von Haynshaym) (bel. 1484-1493)-249, 252, 475 Selberg (Folbergk), Georg von, Mitreisender-467 Selim I. (der Gestrenge), Sultan des Osmanischen Reiches (1512-1520)-84 Shkodra-353 Sibutus, Georg, Hofdichter (um 1483- 1528)-209 Šidlovský, Evermod Gejza (geb. 1955)-10 Siena, Philip von, Mitreisender-473 Sigismund von Luxemburg, römischer König/ Kaiser (1368-1437, reg. 1411- 1437)-19, 48, 69 ff., 89, 93 ff., 99, 101, 342 Sigmund von Thüngen, Amtmann in Karlstadt (um 1465-1522)-468 Simeon, neutestamentlicher Prophet-203, 342 f. Sinai-176, 197, 203, 302, 306, 442 Sipan (Sipanska Luka/ Lopud)-175 Slavibor, böhmischer Adliger († 1146)-44 Slavibor, Sohn Slavibors, böhmischer Adliger (12. Jh.)-44 Slavkov bei Brünn (dt. Austerlitz)-63 Šlechta zu Všehrd, Jan, böhmischer Humanist (1466-1525)-120 Sluder, Andreas, aus München, fiktiver Verfasser des Sluder-Briefes von 1493-28, 181, 185-191, 195, 218, 220, 235 f. Smyrna (Izmir)-118 Soarnek, Tic von, Mitreisender-469 Solta (kroat. Šolta)-456 Sornzig-92 Spadi, Jan Kumptor von, mitreisender Priester-471 Spalatin (eigtl. Burkhardt), Georg, Hofgeistlicher und Chronist (1485- 1545)-34 f., 172 ff., 176, 185, 188, 193 ff., 207 ff., 211, 214, 217-220, 224 ff., 230, 232 f., 236, 245, 269, 279, 284, 491 Spett (Speten, Spät), Caspar, Hofadliger (bel. 1486-1531)-212, 233, 239, 476 Sršeň, Lubomír, tschechischer Kunsthistoriker (geb. 1949)-10 Sseczkoczgi, Thomas, mitreisender Priester-469 Sspalato (ital. Spalato, kroat. Split)-345 Stade-15 f., 29 Stadia, Dr. Johann von, kaiserlicher Rat († um 1537)-468 Stang, Hans, Pferdeverkäufer (bel. 1491)-477 Stařeč (dt. Startsch)-63 f., 488 520 Register <?page no="521"?> Štědrá, Štědrý hrádek (Burg)-89 Stein-319 Steinau-174 Steiner, Jan ( Johann) Nepomuk, böhmischer Maler (1725-1792)-51 Stephanus, Diakon der christlichen Urgemeinde, erster Märtyrer des Christentums († um 34)-368, 414 Sternberg, Aleš von, böhmischer Adliger (1390-1455)-96 Sternberg, Peter von, böhmischer Adliger (1420-1454)-96 Sterzing (ital. Vitipeno)-174, 320 Štětina, Mikuláš, (genannt Bakkalar), tschechischer Buchdrucker (bel. 1493)-129 Stewsen, Johannes, mitreisender Priester-471 Stolberg, Botho III. (der Glückselige), Graf von Stolberg (1467-1538)-29, 196, 202, 467 Stoltz, Peter-199 Stolz, Michael, schweizerisch-deutscher Germanist (geb. 1960)-77 Stoss, Veit, Bildhauer (1447-1533)-154 Strakonice (dt. Strakonitz)-376 Strašín (dt. Straschin)-11 Straßburg-115, 122 Straßen, Michael von der, sächsischer kurfürstlicher Rat, Geleitsmann in Borna-167 Strejček, Ferdinand, böhmischer Mittelschulprofessor und Editor (1878-1963)-129, 135, 317 Stříbrná Skalice (dt. Silber Skalitz)-44 Sturnus von Schmalkhalden, Johannes, Dichter-145 Sultzer (Sulzer), Dominicus-246, 252 Sultzer (Sulzer), Hans-246, 252 Sunder, Johann (1472-1553), eigentlicher Name Lucas Cranachs-186 Suppato-357 Süß, Hans von Kulmbach, Maler, Zeichner und Grafiker (um 1480-um1522)-309 Švihovský von Riesenberg, Půta, böhmischer Adliger († 1504)-111 Švihovský von Riesenberg, Wenzel, böhmischer Adliger (nach † 1511)-210 Svirče-347 Swoboda, Karl Maria, böhmisch-österreichischer Kunsthistoriker (1889-1977)-11 Sybenygo (ital. Sebenico, kroat. Šibenik)-345 Sychrov (dt. Sichrow), Schloss-10 Synai, Grayan von, mitreisender Priester-472 Sytya (griech. Sitia)-364 Szeget, Gallus von, mitreisender Priester-469 Tábor-58 Tachov (dt. Tachau)-25, 133 Talmberg, Pavel Pouček von, Administrator des Prager Erzbistums (1484-1498)-111 Tarent-119, 127 Tečovice (dt. Tetschowitz)-63 f. Tel Aviv-175 Terentius, Dichter der Antike (195/ 184- 159 oder 158 v.-Chr.)-114 Teschen (pl. Cieszyn, tsch. Těšín)-20 f. Tettau zu Mechelsgrün und Zschockau, Anselm von, Ernestinischer Rat (bel. 1460-1534)-212, 241, 253, 474 Tetzel, Barbara, Gemahlin des Wolf Ketzel-309, 311 Tetzel, Gabriel, Nürnberger Bürgermeister († 1479)-19, 74-79, 81, Register 521 <?page no="522"?> 489 Theodoricus, böhmischer Hofmaler (bel. 1359-1368)-50 Thieme, André, deutscher Historiker (geb. 1969)-190 Thobias von Bechyně, Bischof von Prag (1278-1296)-19 Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury (1162-1170)-77 Thüringen, Sigmund von, Würzburger Amtmann in Karlstadt (1465-1522) 467 Thyateira (Akhisar)-118 Tiberius Iulius, römischer Kaiser (14- 37)-137, 414, 435 Timann, Ursula, deutsche Kunsthistorikerin-192 Tista, Burgraf von Pfraumberg (Přimda)-89 Titus, Hl., Erster Bischof von Kreta († 105)-367 Tolhaym, Raff von, Mitreisender-468 Tolosa-54 Toren, Claude, Mitreisender-472 Torgau 32, 34 f., 146 f., 166, 171 ff., 200, 213, 220, 266 Törring, Magdalena von, zweite Gemahlin von Johann II. von Lobkowitz auf Hassenstein-141, 151 Tours-77 Traunreuth-319 Trautmann, Franz, Schriftsteller und Fälscher des Pilgramsbuchs (1813- 1887)-27 f., 31, 177, 179 f., 183 f., 188, 190-193, 205, 208, 210, 217, 220, 226 f., 229, 234-237, 490 f. Treichtlinger (Teichaussir), Heinrich, Mitreisender-467 Treis an der Lumda-174 Treviso-174, 239, 254, 321 Trier-109 f., 388 Tripoli (Libanon)-127 Trogir (dt. Trau)-345 Troja-118 Trotha, Bartholomeus von (Bartholome von Trott) (bel. ab 1495)-477 Truhlář, Josef, tschechischer Literaturhistoriker und Bibliothekar (1840-1914)-124 Tucher, Adelheid († 1482)-277 Tucher, Hans, Nürnberger Kaufmann (1428-1491)-135 Tunis-119 Twark, Paul, katholischer Prediger-105 Udbina-461 Ulcinj-353 Ústí nad Labem (dt. Aussig)-12, 15, 17, 37 Valdek (Waldeck), Wilhelm Zajíc (Hase) von, böhmischer Adliger († 1438)-43 Valencia-69 f., 73 van Berchem, Jan, Ritter aus Brabant-197, 202 f. Velhartice (dt. Welhartitz)-318 Venedig-26 f., 29, 32, 36, 75, 78, 86, 117 ff., 122, 127, 131 ff., 138, 149, 152, 173 f., 186, 195, 197, 199 f., 202-205, 207, 211, 229, 238, 253 ff., 320-323, 325, 331, 333 ff., 337-340, 345, 348, 354, 356, 389, 398, 457 f., 462, 464 ff., 484 Verona-75 Veronika, Heilige († um 70)-152, 294, 415 Vespasianus, Titus Flavius, römischer Kaiser (39-81)-401, 403 Vetrano, Leo, Seeräuber († 1206)-362 Viaro, Zorzi, korčulanischer Comes-348 Vicenza-75 Vílanec (dt. Willenz)-63 Vitzthum, Apel von, thüringischer in Böhmen angesiedelter Adliger († 522 Register <?page no="523"?> 1474)-108 Vladislav II., König von Böhmen, Ungarn und Kroatien (1471-1516)-108 f., 111, 115 f., 119 f., 130 f., 139, 149, 352 Vladislav II., König von Böhmen (1158- 1172)-44 Vlora-354 f. Voit (Vogt), Jacob, Franziskaner, Beichtvater Friedrichs des Weisen († 1522)-172, 213, 216, 239 Volk, Peter, deutscher Kunsthistoriker (1937-2016)-10 Vrakúň-57 Vratěnín (dt. Fratting)-63 f. Vrbani-347 Vrboska-347 Wachlaw, Mitreisender-472 Waldeck, Philipp II. von, Graf von Waldeck-Eisenberg (1453-1524)-467 Walther, Marx (Markus) Autor eines Turnierbuchs (1456-1511)-210 Warmer, Claus, Mitreisender-469 Wartenberg, Sigismund von, Herr zu Tetschen (Děčín) († 1439)-94 Weber, Max, deutscher Soziologe (1864- 1920)-126 Weimar-166, 173, 188, 195, 260 Weinmann, Hans, aus Wien, angeblicher Adressat des „Sluder-Briefes“-181, 185 Weißenbach zu Schönfeld, Wolf von, kurfürstlich-sächsischer Rat (um 1470-1535)-188, 211 f., 249, 253, 475 Weißenburg-173 Wenzel I., König von Böhmen (1230- 1253)-46, 62 Wenzel IV., König von Böhmen (1363- 1419), römisch-deutscher König (1376- 1400)-88 ff. Wenzel von Böhmen, böhmischer Fürst und Nationalheiliger (um 908- 929/ 935) 14, 17 f., 22 f., 44 f., 60 f., 66, 352 Wernsdorf, Ernst Friedrich, Theologe und Kirchenhistoriker (1718-1782)-270 Wernsdorf, Gottlieb, Theologe und Historiker (1668-1729)-185 Wetzhausen, Georg Truchseß von, Abt des Klosters Auhausen (1465- 1552)-468 Wey, William, englischer Pilger (um 1407-1476)-80, 489 Wiedersberg, Nicolaus von, kursächsischer Einrösser (bel. 1487- 1515)-475 Wien-48, 59, 75, 181, 185 Wiener Neustadt-51 Wildenfels, Anarg von (bel. 1486-1516) kursächsischer Einrösser-233, 239, 473 Wilhelm (der Beherzte), Landgraf von Thüringen (1425-1482)-27 Wilhelm I. (der Einäugige), Markgraf von Meißen (1382-1407)-92 Wilhelm II. (der Reiche), Markgraf von Meißen (1407-1425)-91 Will, Georg Andreas, deutscher Historiker (1690-1740)-309 Willers, Olmer von, Mitreisender-472 Wilsnack-15, 167 Win(c)kelbauer, Hans, Hofnarr (bel. 1487-1527)-216, 239 Winnenden-56 Witte, Leopold, deutscher Theologe (1836-1921)-272 Wittenberg-31-34, 83, 123, 146, 156, 161, 267 f., 270, 272, 274, 491 Wolfsmar, Peter, Mitreisender-469 Wolfstein, Albrecht von, Mitreisender 476 Wolfstein, Wilhelm kursächsischer Hofadliger (bel. 1491-1503)-476 Register 523 <?page no="524"?> Wolkenstein, Oswald von, deutschsprachiger Dichter und Ritter (um 1377-1445)-73, 101, 198 Wörgl (am Inn)-319 Worms-212 Wurm (Wurmb), Georg-216, 252 Wurmb, Balthasar (1458-1526)- Wurmb, Valentin-252 Württemberg, Dr. Ludwig, mitreisender Ritter-468 Würzburg-251 Ygob, Ssimon Captas von, Mitreisender-469 Zagorje-459 Zakynthos-359 Zansago (ital. Sansego, kroat. Susak)-341 Zápolya, Stephan (Istvan), ungarischer Magnat († 1499)-110 Zara (dt. Jadro, kroat. Zadar) 203, 341-344, 458, 461, 465 Žatec (dt. Saaz)-21, 85, 88, 91, 98, 120, 341, 440 Zbraslav, Mundschenk Königs Wenzel-I-19, 62 Zbraslav (dt. Königsaal)-56, 93 Žebnice (dt. Zebnitz)-49 Zed(t)witz, Georg von, Mitreisender-248 Zed(t)witz, Jörg von,-247, 253 Zed(t)witz, Sittich von († 1492)-248 Zedlitz, Heinrich von, schlesischer Ritter, Mitreisender († 1510)-29, 133, 185, 196, 198 f., 201 ff., 207, 228 f., 245, 279, 284, 286-290, 292, 294-297, 299, 301 ff., 410, 469 Zedlitz, Jörg von, Adliger Mitreisender-188, 212 Zedtwitz/ Zedwitz, Caspar von, Mitreisender (bel. 1481-1496)-248, 253 Žehrovský von Kolovraty, Jan, böhmischer Adliger (nach 1434- 1473)-79 Želetice (dt. Schelletitz), Bez. Hodonín-63 Želetice (dt. Selletitz)-63 f. Ziederschen, Hermann von-467 Žirotín, Sophie von, Gemahlin von Nikolaus II. von Lobkowitz auf Hassenstein, († 1459)-88, 101, 139 Zolta (kroat. Šolta)-346 Zwiesel-318 Zypern-28, 32, 118, 127, 132, 169, 175, 181, 388-391, 451, 465 524 Register <?page no="525"?> Jakobus-Studien im Auftrag der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft herausgegeben von Klaus Herbers und Peter Rückert Bisher sind erschienen: Band 1 Klaus Herbers (Hrsg.) Deutsche Jakobspilger und ihre Berichte 1988, 175 Seiten, zahlr. Abb. €[D] 19,- ISBN 978-3-8233-4000-3 Band 2 Robert Plötz (Hrsg.) Europäische Wege der Santiago-Pilgerfahrt 2. durchges. Auflage 1993, VIII, 232 Seiten €[D] 23,- ISBN 978-3-8233-4001-0 Band 3 John Williams / Alison Stones (eds.) The Codex Calixtinus and the Shrine of St. James 1992, XIV, 262 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-8233-4004-1 Band 4 Ursula Ganz-Blättler Andacht und Abenteuer Berichte europäischer Jerusalem- und Santiago-Pilger (1320-1520) 3. Auflage 2000, VII, 425 Seiten €[D] 34,- ISBN 978-3-8233-4003-4 Band 5 Klaus Herbers / Robert Plötz (Hrsg.) Spiritualität des Pilgerns Kontinuität und Wandel 1993, 152 Seiten €[D] 19,- ISBN 978-3-8233-4005-8 Band 6 Thomas Igor C. Becker Eunate (Navarra): Zwischen Santiago und Jerusalem Eine spätromanische Marienkirche am Jakobsweg 1995, 135 Seiten, zahlr. Abb. €[D] 19,- ISBN 978-3-8233-4006-5 Band 7 Klaus Herbers / Dieter R. Bauer (Hrsg.) Der Jakobuskult in Süddeutschland Kultgeschichte in regionaler und europäischer Perspektive 1995, XIV, 401 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-8233-4007-2 Band 8 Klaus Herbers (Hrsg.) Libellus Sancti Jacobi Auszüge aus dem Jakobsbuch des 12. Jahrhunderts Ins Deutsche übertragen und kommentiert von Hans-Wilhelm Klein (†) und Klaus Herbers 1997, 150 Seiten, 2., durchges. Aufl. 2018 €[D] 24,90 ISBN 978-3-8233-8215-7 Band 9 Klaus Herbers / Robert Plötz (Hrsg.) Der Jakobuskult in »Kunst« und »Literatur« Zeugnisse in Bild, Monument, Schrift und Ton 1998, XII, 303 Seiten, zahlr. Abb. €[D] 39,- ISBN 978-3-8233-4009-6 <?page no="526"?> Band 10 Klaus Herbers (Hrsg.) Stadt und Pilger Soziale Gemeinschaften und Heiligenkult 1999, XIV, 248 Seiten, zahlr. Abb. €[D] 24,- ISBN 978-3-8233-4010-2 Band 11 Luís M. Calvo Salgado Die Wunder der Bettlerinnen Krankheits- und Heilungsgeschichten in Burgos und Santo Domingo de la Calzada (1554-1559) 2000, X, 500 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-8233-4011-9 Band 12 Klaus Herbers / Dieter R. Bauer (Hrsg.) Der Jakobuskult in Ostmitteleuropa Austausch - Einflüsse - Wirkungen 2003, X, 387 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-8233-4012-6 Band 13 Robert Plötz / Peter Rückert (Hrsg.) Jakobuskult im Rheinland 2004, VI, 279 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-8233-6038-4 Band 14 Klaus Herbers (Hrsg.) Jakobus und Karl der Große Von Einhards Karlsvita zum Pseudo-Turpin 2003, XVI, 246 Seiten €[D] 29,90 ISBN 978-3-8233-6018-6 Band 15 Hedwig Röckelein (Hrsg.) Der Kult des Apostels Jakobus d.Ä. in norddeutschen Hansestädten 2005, 261 Seiten €[D] 42,- ISBN 978-3-8233-6039-1 Band 16 Klaus Herbers (Hrsg.) Die oberdeutschen Reichsstädte und ihre Heiligenkulte Tradition und Ausprägung zwischen Stadt, Ritterorden und Reich 2005, XII, 232 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-8233-6192-3 Band 17 Klaus Herbers / Enno Bünz (Hrsg.) Der Jakobuskult in Sachsen 2007, VI, 340 Seiten, zahlr. Abb. €[D] 42,- ISBN 978-3-8233-6332-3 Band 18 Klaus Herbers / Peter Rückert (Hrsg.) Augsburger Netzwerke zwischen Mittelalter und Neuzeit Wirtschaft, Kultur und Pilgerfahrten 2009, VI, 256 Seiten, zahlr., teils farbige Abb. €[D] 42,- ISBN 978-3-8233-6447-4 Band 19 Klaus Herbers / Peter Rückert (Hrsg.) Pilgerheilige und ihre Memoria 2012, 277 Seiten, zahlr., teils farbige Abb. €[D] 42,- ISBN 978-3-8233-6684-3 Band 20 Klaus Herbers / Hartmut Kühne (Hrsg.) Pilgerzeichen - „Pilgerstraßen“ 2013, 212 Seiten, zahlr., teils farbige Abb. €[D] 34,- ISBN 978-3-8233-6779-6 Band 21 Volker Honemann / Hedwig Röckelein (Hrsg.) Jakobus und die Anderen Mirakel, Lieder und Reliquien 2015, 258 Seiten, zahlr., teils farbige Abb. €[D] 42,- ISBN 978-3-8233-6981-3 <?page no="527"?> Band 22 Robert Plötz / Peter Rückert (Hrsg.) Jakobus in Franken Kult, Kunst und Pilgerverkehr 2018, 244 Seiten, zahlr., teils farbige Abb. €[D] 48,- ISBN 978-3-8233-8159-4 Band 23 Hartmut Kühne / Gunhild Roth (Hrsg.) Andacht oder Abenteuer Von der Wilsnackfahrt im Spätmittelalter zu Reiselust und Reisefrust in der Frühen Neuzeit 2020, 376 Seiten, zahlr., teils farbige Abb. €[D] 58,- ISBN 978-3-8233-8388-8 Band 24 Hartmut Kühne / Christian Popp (Hrsg.) Pilgern zu Wasser und zu Lande 2022, 502 Seiten, zahlr., teils farbige Abb. €[D] 58,- ISBN 978-3-8233-8541-7 Band 25 Klaus Herbers / Peter Rückert (Hrsg.) Pilgern - Heil - Heilung 2023, 221 Seiten, zahlr., farbige Abb. €[D] 38,- ISBN 978-3-381-10131-3 Band 26 Javier Gómez-Montero / Florian Weber (Hrsg.) Gastfreundschaft - Pilgerherbergen - Hospitalwesen 2024, 213 Seiten, zahlr., farbige Abb. €[D] 38,- ISBN 978-3-381-12541-8 Band 27 Hartmut Kühne / Jan Hrdina (Hrsg.) Böhmen und Sachsen auf dem Weg nach Santiago und Jerusalem 2026, 524 Seiten, zahlr., farbige Abb. €[D] 58,- ISBN 978-3-381-14491-4 <?page no="528"?> 978-3-381-14491-4 www.narr.de Der Band dokumentiert die Jahrestagung der Deutschen Sankt Jakobusgesellschaft in Ústí nad Labem / Aussig im Jahre 2023. Das Thema der Tagung war zum einen der mittelalterliche Jakobuskult in Böhmen und Mähren sowie Reisen aus diesen Gebieten nach Santiago. Den zweiten Schwerpunkt bildeten die zeitlich parallelen Jerusalemreisen des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen und des böhmischen Adligen Johann Lobkowitz auf Hassenstein im Jahre 1493, dessen umfangreicher tschechischer Reisebericht hier erstmals in einer deutschen Übersetzung vorgelegt wird. Neben einer kritischen Sichtung der Quellen zu diesen Reisen werden auch die materiellen Überlieferungen, die von diesen Unternehmungen zeugen (sollen), untersucht. Hartmut Kühne, Jan Hrdina (Hrsg.)