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Familiennamenatlas der Deutschschweiz (FDS). Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete

Bd. I: Graphie und Phonologie, Bd. II: Morphologie und Syntax, Bd. III: Lexik und Benennungsmotive

0904
2026
978-3-381-14512-6
A. Francke Verlag 
Luise Kempf
10.24053/9783381145126
CC BY-SA 4.0https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de

Der dreibändige Atlas bietet erstmals eine umfassende Darstellung und Analyse der vielfältigen Deutschschweizer Familiennamen. In 110 thematischen Artikeln untersucht er systematisch Grammatik, Lexik und Benennungsmotive und bringt dabei Sprache und Kultur des Mittelalters wie auch der Frühen Neuzeit ans Licht. Er zeigt, wie sich Familiennamen zwischen Dialekt und Standard bewegen, eigene Strukturen entwickeln und so einzigartige Einblicke in die Sprachgeschichte eröffnen. Ein innovatives Kartierungsverfahren rekonstruiert Namenareale über mehrere Zeitstufen und macht Stabilität wie auch Migration sichtbar. Neben den deutschsprachigen Namen werden in Auswahl französische, italienische und rätoromanische Namen einbezogen. Dadurch treten sowohl die für die Schweiz charakteristischen Sprachkontaktphänomene als auch die Spezifika der deutschsprachigen Namen deutlich hervor. Mit über 500 kommentierten Karten ist der Atlas ein Referenzwerk für Fachpersonen der Bereiche Germanistik, Romanistik, Linguistik, Dialektologie, Sprachgeschichte, Namenforschung und Schweizer Geschichte. In Band I werden Themen der Graphie und Phonologie behandelt. Diese gliedern sich in die Bereiche Vokalismus, Konsonantismus sowie graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene. Band II untersucht Themen der Morphologie und Syntax. Diese gliedern sich in die Bereiche Flexion, Wortbildung, Verbindungen mit Präposition und/oder Artikel sowie Verbindungen mit verbalen, nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen. Band III gilt Themen der Semantik, Lexik und Benennungsmotivik. Behandelt werden Familiennamen aus Rufnamen, Herkunftsnamen, Wohnstättennamen, Berufsnamen und Übernamen.

Schweizerischer Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung10.13039/5011000017119783381145126/9783381145126.pdf
<?page no="0"?> ISBN 978-3-381-14511-9 Der dreibändige Atlas bietet erstmals eine umfassende Darstellung und Analyse der vielfältigen Deutschschweizer Familiennamen. In 110 thematischen Artikeln untersucht er systematisch Grammatik, Lexik und Benennungsmotive und bringt dabei Sprache und Kultur des Mittelalters wie auch der Frühen Neuzeit ans Licht. Er zeigt, wie sich Familiennamen zwischen Dialekt und Standard bewegen, eigene Strukturen entwickeln und so einzigartige Einblicke in die Sprachgeschichte eröffnen. Ein innovatives Kartierungsverfahren rekonstruiert Namenareale über mehrere Zeitstufen und macht Stabilität wie auch Migration sichtbar. Neben den deutschsprachigen Namen werden in Auswahl französische, italienische und rätoromanische Namen einbezogen. Dadurch treten sowohl die für die Schweiz charakteristischen Sprachkontaktphänomene als auch die Spezifika der deutschsprachigen Namen deutlich hervor. Mit über 500 kommentierten Karten ist der Atlas ein Referenzwerk für Fachpersonen der Bereiche Germanistik, Romanistik, Linguistik, Dialektologie, Sprachgeschichte, Namenforschung und Schweizer Geschichte. In Band I werden Themen der Graphie und Phonologie behandelt. Diese gliedern sich in die Bereiche Vokalismus, Konsonantismus sowie graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene. Band II untersucht Themen der Morphologie und Syntax. Diese gliedern sich in die Bereiche Flexion, Wortbildung, Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel sowie Verbindungen mit verbalen, nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen. Band III gilt Themen der Semantik, Lexik und Benennungsmotivik. Behandelt werden Familiennamen aus Rufnamen, Herkunftsnamen, Wohnstättennamen, Berufsnamen und Übernamen. Kempf (Hrsg.) Bde. I-III FAMILIENNAMENATLAS DER DEUTSCHSCHWEIZ Luise Kempf (Hrsg.) FAMILIENNAMENATLAS DER DEUTSCHSCHWEIZ Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete Bände I bis III Bearbeitet von Luise Kempf, Simone Berchtold, Linda Steiner, Esther Loosli, Martina Heer, Jeffrey Pheiff, Elia Ackermann und Selma Vonlanthen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1"?> Luise Kempf (Hrsg.) Familiennamenatlas der Deutschschweiz (FDS) Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete Band I: Graphie und Phonologie Bearbeitet von Luise Kempf, Simone Berchtold, Linda Steiner, Esther Loosli, Martina Heer, Jeffrey Pheiff und Elia Ackermann Unter Mitwirkung von Lara Schaub und Selma Vonlanthen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="2"?> Umschlagabbildung: Kartenausschnitt Emmental (Quelle: Bundesamt für Landestopografie swisstopo) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. Prof. Dr. Luise Kempf Universität Bern Institut für Germanistik Länggassstrasse 49 CH-3012 Bern luise.kempf@unibe.ch https: / / orcid.org/ 0000-0001-9594-2997 Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (Projekt 204495). Die im Rahmen dieses Bandes veröffentlichten Karten sind als Datenpublikation im BORIS-Portal zugänglich: https: / / doi.org/ 10.48620/ 96042. Detaillierte Metadaten sowie Informationen zu Lizenzierung und Nachnutzung sind dort hinterlegt. Der Quellcode für das Kartierungsprogramm des FDS soll auf GitHub unter folgender URL bereitgestellt werden: https: / / github.com/ tivano-software/ fds-cartography. DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381150625 © 2026 · Luise Kempf Das Werk ist eine Open-Access-Publikation. Es wird unter der Creative-Commons-Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen | CC BY-SA 4.0 (https: / / creativecommons.org/ licenses/ by-sa/ 4.0/ ) veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, solange Sie die/ den ursprünglichen Autor: innen und die Quelle ordentlich nennen, einen Link zur Creative-Commons- Lizenz anfügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Werk enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative-Commons-Lizenz, sofern sich aus der am Material vermerkten Legende nichts anderes ergibt. In diesen Fällen ist für die oben genannten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einf luss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Internet: www.narr.de | eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach ISBN 978-3-381-15061-8 (Print) ISBN 978-3-381-15062-5 (ePDF) ISBN 978-3-381-15063-2 (ePub) Verfügbar im Bundle mit den Bänden II und III unter ISBN 978-3-381-14511-9 (Print) und ISBN 978-3-381-14512-6 (ePDF). Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="3"?> Danksagung Mit dem «Familiennamenatlas der Deutschschweiz» hoffen wir, die bis dato klaffende Lücke bezüglich einer systematischen Untersuchung der Deutschschweizer Familiennamen ein gutes Stück weit schliessen zu können. Genauso sehr hoffen wir aber auch, dass von diesem Werk wichtige Impulse für die weitere Erforschung des Schweizer Familiennamenbestands ausgehen. Ohne die Mitwirkung zahlreicher Einzelpersonen und Institutionen wäre ein Vorhaben dieses Umfangs nicht zu realisieren gewesen. Daher möchte ich an dieser Stelle allen, die einen Beitrag geleistet haben, recht herzlich danken. Dem Projektantrag gingen einige Arbeiten voraus. Bei einem Round-Table-Gespräch am 5. September 2020 fanden sich - trotz Pandemiebedingungen - zahlreiche Expert: innen bereit, ihre wertvollen Erfahrungen zu teilen und mit uns über Strategien, Möglichkeiten und Grenzen des geplanten Projekts bzw. der Antragstellung zu diskutieren. Dafür geht ein herzlicher Dank an: Hans Bickel, Helen Christen, Antje Dammel, Michiel de Vaan, Markus Gasser, Elvira Glaser, Martin Hannes Graf, Yan Greub, Nathalie Henseler, Rita Heuser, Yvonne Kathrein, Simon Kistler, Richard Kunze, Damaris Nübling, Michael Prinz, Thomas Franz Schneider, Inga Siegfried-Schupp, Luzius Thöny, Michelle Waldispühl und Alexander Werth. Zu danken habe ich auch dem Dekanat der Philosophisch-historischen Fakultät und der Leitung der Universität Bern (damals, 2019, vertreten durch Stefan Rebenich resp. Christian Leumann) für die grosszügige Unterstützung des Projektantrags durch eine Anschubfinanzierung. Es war ein Glücksfall, dass unser Anliegen bei den zuständigen Mitarbeitenden des Bundesamts für Statistik auf offene Ohren und Interesse stiess. Für ihre Unterstützung danke ich entsprechend Kathrin Freire, Christoph Freymond und Cédric Grandchamp. Seitens des Historischen Lexikons der Schweiz war uns Christian Baumann behilf lich, dem ich ebenfalls danken möchte. Weiterer Dank gilt Damaris Nübling und Rita Heuser, die uns als Vertreterinnen des (bereits abgeschlossenen) Projekts «Deutscher Familiennamenatlas» genehmigten, den Code des projekteigenen Kartierungsprogramms in die Entwicklung unserer Software miteinzubeziehen. Für die kritische Lektüre des Projektantrags und hilfreiche Rückmeldungen gebührt Damaris Nübling und Anke Lensch mein herzlicher Dank. Meine Dankbarkeit gilt auch allen beteiligten SNF-Mitarbeitenden und mitwirkenden Gutachtenden, die sich unserem Projektantrag und der Abwicklung des Projekts gewidmet haben, besonders Katharine Weder und Regula Graf. Schon im Vorfeld wie auch während der Projektlaufzeit durften wir mit dem eng verwandten Projekt «Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon» zusammenarbeiten und insbesondere auch auf dessen etymologische Datenbank zugreifen. Für diese so erfreuliche und fruchtbare Kooperation geht ein spezieller Dank an Martin Hannes Graf, Simone Berchtold und Dieter Studer-Joho. Ich danke ausserdem unseren (offiziellen) Projektpartnerinnen und -partnern für den fachlichen Austausch, den wir z. B. im Rahmen von Arbeitstreffen, Workshops oder gemeinsamen Lehrveranstaltungen geniessen durften: • Schweizerisches Idiotikon (vertreten durch: Hans Bickel, Christoph Landolt) • Glossaire des patois de la Suisse romande (vertreten durch: Yan Greub, Dorothée Aquino) • Centro di dialettologia e di etnografia (vertreten durch: Paolo Ostinelli) • Institut dal Dicziunari Rumantsch Grischun (vertreten durch: Carli Tomaschett, Ursin Lutz) • Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (vertreten durch: Rita Heuser, Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz; Damaris Nübling, Deutsches Institut, Johannes Gutenberg-Universität Mainz) • Joachim Eibach und André Holenstein, Historisches Institut, Universität Bern Als erste fertige Artikel vorlagen, stellten sich dankenswerterweise einige Fachkolleginnen und -kollegen als externe Lektor: innen zur Verfügung. Sie haben die von uns ausgewählten Artikel gewissenhaft, kompetent und konstruktiv im Single-blind-Verfahren begutachtet. Dafür danke ich herzlich: Sandro Bachmann, Michele Badilatti, This Fetzer, Matthias Friedli, Rita Heuser, Kristin Kopf, Daniel Kroiß, Christoph Landolt, Ursin Lutz, Damaris Nübling und Luzius Thöny. Je weiter das Projekt fortschritt, umso mehr standen wir in Kontakt mit dem Narr-Verlag. Mein herzlicher Dank für die konstruktive Zusammenarbeit geht an alle Beteiligten, besonders Tillmann Bub und Stephanie Fischer. Den beiden vom Narr-Verlag bestellten anonymen Gutachter: innen gebührt ein grosser Dank für die gewissenhaften, kompetenten und konstruktiven Gutachten, die uns sehr bei der Finalisierung des Atlas geholfen haben. Neben den bereits genannten externen Personen und Institutionen möchte ich auch denjenigen danken, die an der Universität Bern oder als Beauftragte am Projekt mitgewirkt haben. Ein besonderer Dank gilt allen Redaktorinnen und Redaktoren, unter deren engagierter und fachkundiger Mitarbeit dieser Atlas entstanden ist. Neben dem Verfassen eigener Artikel haben sie zahlreiche weitere Aufgaben übernommen - etwa die Begutachtung von Beiträgen anderer Redaktionsmitglieder, die Teilnahme an vielen Redaktionssitzungen sowie die Präsentation des Projekts in wissenschaftlichen und öffentlichen Kontexten. Darüber hinaus haben sie sich in ihren jeweiligen Spezialbereichen in besonderer Weise verdient gemacht: Mein besonderer Dank gilt Linda Steiner für ihr Wirken als stellvertretende Projektleiterin, bei dem sie durch ihre herausragenden Leistungen in Koordination, Planung und Teamführung wesentlich zum Erfolg des Projekts beigetragen hat. Simone Berchtold danke ich herzlich dafür, dass sie uns die Zusammenarbeit an der Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="4"?> etymologischen Datenbank ermöglichte und darin zahlreiche für unser Projekt unverzichtbare Arbeiten ausführte. Mit ihrem onomastischen Fachwissen und grossen Engagement war sie von Beginn an eine zentrale Stütze der Redaktion. Martina Heer gebührt mein spezieller Dank für ihre engagierte Mitwirkung bei der Antragstellung, im Datenmanagement und in der Finanzplanung. Ein besonders herzlicher Dank geht an Esther Loosli für ihre aussergewöhnlichen Leistungen in der Literaturverwaltung, der Koordination der Arbeiten der Hilfsassistierenden sowie im Lektorat und Korrektorat sämtlicher Artikel. Jeffrey Pheiff und Elia Ackermann haben sich im Rahmen temporärer Arbeitsverträge mit grossem Engagement und hoher Fachkompetenz in die Redaktionsprozesse eingebracht. Ihnen danke ich besonders für ihre Beiträge in ihren jeweiligen Spezialgebieten der historischen (Morpho-)Syntax resp. der Indogermanistik und des deutsch-rätoromanischen Sprachkontakts. Für die Unterstützung der Redaktionsarbeiten danke ich herzlich den beteiligten Hilfsassistierenden - nicht nur, aber insbesondere für die folgenden Leistungen: Selma Vonlanthen und Lara Schaub für ihre gewissenhafte, passionierte und massgebliche Mitwirkung bei den Vorsondierungen zum Lexik-Band, der Umsetzung von Formalien und der Einrichtung der Templates. Sie haben bei vielen Arbeiten dieser Bereiche den Löwenanteil geleistet. An Selma Vonlanthen geht ausserdem ein grosser Dank dafür, dass sie im Rahmen einer Mutterschaftsvertretung temporär als Redaktorin mitwirkte und ihre Expertisen im Lexik-Band einbrachte. Vanessa Blum und Nina von Allmen danke ich herzlich für die genaue und f leissige Mitbearbeitung zahlreicher Einträge in der etymologischen Datenbank und für weitere Redaktionszuarbeiten in der ersten Projektphase; Sara Brawand für die Mitwirkung v. a. bei Formatierungsarbeiten, Joana Tinner für die Mitarbeit bei den Fahnenkorrekturen sowie Tino Calzaferri, Petra Passeraub und Nicolas Schatzmann für die Unterstützung bei der Durchführung des Round-Table-Gesprächs. Zu danken habe ich auch allen IT-Mitarbeitenden, im Einzelnen: Andrés Fischer für das Design von Postern und Lesezeichen, des FDS- Logos und der Projektwebsite sowie für deren Betreuung; Savo Ostojic für die Mitentwicklung der Projektwebsite; Aaron Werlen für Aktualisierungen der Website; Matthias Lehner für die Erstellung der Backend-Architektur, die Datensicherung und die Implementierung neuer Releases und Datendumps; für Letzteres und die Backend-Maintenance Philipp Lammerskitten. Dem Team von Tivano Software GmbH danken wir für die gemeinsame Entwicklung und die Herstellung unseres Kartierungsprogramms, dabei ganz besonders Richard Kunze, der als leitender Programmentwickler seine einzigartige Kombination aus Informatik- und Onomastikexpertise zum Einsatz brachte (Backend und Systemarchitektur); ausserdem Joshua Brutscher und Hüseyin Korkut (Frontend) sowie Marko Rotkvić (Absprachen und Planung der Arbeitsschritte). Es bleibt zu wünschen, dass auch künftige onomastische Forschungsprojekte von solch fruchtbaren fachlichen und interdisziplinären Kooperationen profitieren dürfen. Bern, 30.04.2026, Luise Kempf 4 Danksagung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="5"?> Inhalt A Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 B Graphie und Phonologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 1 Vokalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 1.1 Schreibvariation e / ä für germ. ë . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 1.2 Schreibvariation Primärumlaut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 1.3 Fehlende und durchgeführte Umlautung . . . . . . . . . . . . . 54 1.4 Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten . . 65 1.5 Entrundung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 1.6 Rundung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 1.7 Erhalt oder Verdumpfung von mhd. ā . . . . . . . . . . . . . . . . 89 1.8 Senkung von mhd. i, u, ü . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 1.9 Diphthongwandel von mhd. ei, ou, öu . . . . . . . . . . . . . . . 103 1.10 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 1.11 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ū . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 1.12 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. iu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 1.13 Diphthong- und Monophthongschreibungen von mhd. ie, ue, üe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 1.14 Schreibvariation i/ y . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152 1.15 Längen- und Kürzenanzeige . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 1.16 Synkope . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 2 Konsonantismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 2.1 Nasalschwund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 2.2 Assimilationen und Dissimilationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 2.3 Zweite Lautverschiebung: Tenuesverschiebung . . . . . . . 204 2.4 Variation ch / h für germ. χ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217 2.5 Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut . . . . . . . . . . . . . 226 2.6 Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut . . . . . . . . . . . . . . 236 2.7 Schreibvariation bei Plosiven im Auslaut . . . . . . . . . . . . . 246 2.8 Schreibvariation t / th . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261 3.1 Schreibvariation C/ K im Anlaut von Patronymen . . . . 261 3.2 Graphematische Adaptionen bei Migration innerhalb der Deutschschweiz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266 3.3 Integration französischer Familiennamen ins Deutsche 274 3.4 Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche . . . . . . . . . . . 284 3.5 Integration deutscher Familiennamen ins Französische 301 3.6 Integration rätoromanischer Familiennamen ins Italienische . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311 Kurzbiographien der Autor: innen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="6"?> Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="7"?> A Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz 1 Aufbau der Einleitung Die vorliegende Einleitung ist folgendermassen aufgebaut: Zunächst werden in Abschnitt 2 der Forschungsstand, die Voraussetzungen des Projekts und die Ziele des Atlas erläutert. Der darauffolgende Abschnitt 3 beschreibt wichtige Eckdaten des Atlas und Prinzipien, die bei seiner Gestaltung verfolgt wurden, - konkret: seinen Aufbau, die Konstitution und Auswahl der einzelnen Artikelthemen, den Aufbau der Artikel sowie deren Autorschaft und das Vorgehen der Redaktion. Abschnitt 4 erläutert die Datengrundlage, die etwas komplexer ist und sich aus drei Komponenten zusammensetzt: historische Namendaten, rezente Namendaten sowie philologische Informationen zu diesen Namen aus der etymologischen Datenbank, die Berchtold/ Graf (i. V.) zugrunde liegt. Darauf aufbauend beschreibt Abschnitt 5 die Kartierung - dabei die grundlegende Darstellung der Schweiz, ihre Gliederung in Grossräume und v. a. unser Kartierungsprogramm und die Kartierungsprinzipien. Ebenfalls aufbauend auf der Beschreibung der Datengrundlage folgt Abschnitt 6 zum Thema Familien(namen). Darin dient ein geschichtlicher Abriss zur Verankerung zentraler Begriffe und zur Datenkritik bezogen v. a. auf die Frage der Geschlechter und die Frage der Schreibung. Abschnitt 7 definiert weitere zentrale Begriffe, nämlich zu Benennungsmotiven, Toponymen und den Landessprachen, während Abschnitt 8 abschliessend noch die Schreibkonventionen und Abkürzungen offenlegt. 1 2 Forschungsstand, Voraussetzungen, Ziele 2.1 Forschungsstand Familiennamen (im Folgenden «FamN») sind aufgrund ihrer sozialen Relevanz und historischen Bedeutsamkeit ein lohnendes Forschungsobjekt. Durch ihre frühe Entstehung und eher konservative Tradierung erlauben sie Einblicke in mittelalterliche Sprache und Kultur. Der vorliegende Atlas entstammt einem vierjährigen SNF-geförderten Forschungsprojekt mit dem Titel «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblick auf die romanischen Sprachgebiete» (kurz «FDS»). Der Initiative zum Projekt ging eine Forschungssituation voraus, die zum einen den Erfolg von Familiennamengeographie vielfach erwiesen hatte und zum anderen für die Schweiz eine diesbezügliche Lücke aufwies. Das Fehlen eines Schweizer Familiennamenatlas wurde besonders deutlich im europäischen Vergleich. Für andere Länder und Regionen liegen Familiennamenatlanten oder vergleichbare Online-Präsenzen vor: • Deutschland: «Deutscher Familiennamenatlas» (DFA 2009-2018) • Baden-Württemberg: Klausmann (2007) • Bayern: Klausmann (2009) • Rheinland-Pfalz, Hessen, Saarland: Steffens (2013) • Hessen: Ramge (2017) • Oberösterreich: Hohensinner (2011) • Luxemburg: «Luxemburgischer Familiennamenatlas» (LFA 2012-2021) • Niederländischer Sprachraum: Marynissen (AFNeT 2022-2024) • England: Barker et al. (2007) • Grossbritannien: Archer (2011) Nachdem die ersten Bände des DFA (2009-2018) erschienen waren, schrieb Rabanus (2014: 496) den Herausgebenden den «Verdienst zu, die Namenkunde […] vom Rand ins Zentrum der Sprachwissenschaft geführt und zu einem wertvollen Instrument für historische und systematische Sprachwissenschaft gemacht zu haben». Neben dem Erfolg der Atlanten waren für unser Projekt auch die zahlreichen Aufsätze zur (digitalen) Familiennamengeographie impulsgebend, die in den letzten Jahren - oft aus dem Kontext der Atlasprojekte - publiziert wurden (z. B. in den Sammelbänden von Hengst/ Krüger 2009, Hengst/ Krüger 2011 und Heuser/ Nübling/ Schmuck 2011 sowie in einem thematischen Doppelheft zur Personennamengeographie in den «Beiträgen zur Namenforschung. Neue Folge» BNF NF 2020). Vielfach wurde der enorme Ertrag der Familiennamengeographie für Sprachgeschichte und historische Dialektologie an Fallstudien demonstriert. So zeichnen etwa Kunze/ Kunze (2003) ein differenziertes Raumbild der Apokope anhand einschlägiger FamN. Dammel/ Schmuck (2008; 2009) legen mittels FamN historische Dialekträume offen (z. B. ein Gebiet der Entrundung im Spiegel von FamN wie Müller > Miller in Bayerisch-Schwaben). Dräger/ Kunze (2009) porträtieren u. a. die Diminutivform -lein, die sich nur in FamN, nicht in Dialekten erhalten hat. Nübling/ Schmuck (2015: 655) zeigen, dass die Grenze zwischen nördlicher ken / chen-Diminution (z. B. Kuhnke ← Kuonrad ) und südlicher l-Diminution (z. B. Kuhnle ← Kuonrad ) bei FamN viel weiter nördlich liegt als in rezenten Dialekten. Da FamN einen älteren Sprachstand widerspiegeln, lässt dies den Schluss zu, dass die ken / chen-Variante diachron expandiert ist. Schmuck (2009; 2011) und Nübling/ Schmuck (2010) beleuchten FamN als Quelle von Grammatikalisierungen (ing -Diminution bzw. s-Plural). Dass FamN auch für siedlungs- und kulturgeschichtliche Fragen eine wertvolle Datenquelle darstellen, ist ebenfalls in vielen Publikationen gezeigt worden. BerufsN 2 kodieren Informationen zu mittelalterlichem Handwerk, Landwirtschaft und Verwaltung (Nölle- 1 Ich danke Esther Loosli, Simone Berchtold, Linda Steiner, Selma Vonlanthen und Lara Schaub für ihre Unterstützung beim Erstellen dieser Einleitung. Dies reichte von der (Co-)Autorschaft der Abschnitte 3.4, 7.2, 7.3 und 8 über die sorgfältige inhaltliche und formale Revision bis zum Erstellen des gesamten Literaturverzeichnisses. Richard Kunze danke ich für die genauen Angaben zur Herkunft der Geodaten und zu deren Nachbearbeitung. 2 Im Folgenden verwenden wir zahlreiche Abkürzungen des Typs FamN, BerufsN für Familienname(n), Berufsname(n) usw. Hier steht jeweils das N für -name(n), weshalb wir auf die Angabe der Vollformen verzichten. Diese und alle weiteren Abkürzungen finden sich auch in Abschnitt 8 «Schreibkonventionen und Abkürzungen». Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="8"?> Hornkamp 1992; Casemir 2009; Heer 2018). ÜberN zeugen z. B. von Bräuchen, Kleidermoden, Ernährung (Kunze 1996) und bieten seltene, sonst kaum greifbare Hinweise zu sozialem Umgang, Werten und Normen (vgl. Kunze 2006 zum Thema Trauer und Trost; Kohlheim 2009 zu «barbarischen» Zügen wie Streitsucht, Tücke, Prahlerei in FamN). Patronyme/ Metronyme zeugen von historischen Namengebungstraditionen und dabei besonders von Heiligenverehrung (s. Berchtold 2016). WohnstättenN informieren über die Beschaffenheit von Siedlungs- und Kulturräumen, HerkunftsN über Migration: Typischerweise finden sich FamN zu kleinen Siedlungen mehrheitlich im nahen Umland (z. B. Rutishauser), solche zu Grossstädten oder Regionen in weiterem Radius (z. B. Zürcher, Allgäuer). Methodisch relevant sind neben etlichen anderen Beiträgen bspw. auch diejenigen von Kunze/ Kunze (2003) und Felske/ Hellfritzsch (2009) sowie die Einleitung des DFA (DFA 1 2009: XXV-XXXVII). Sie diskutieren verschiedene Kartierungsverfahren, z. B. absolute vs. relative Kartierung, Kreisvs. Flächenkartierung, Einzelnamenvs. Gruppendarstellungen, Gesamtdeutschlandvs. Ausschnittskarten sowie verschiedene geographische Feinheitsgrade (z. B. dreivs. vierstellige Postleitzahlbezirke) und verschiedene Skalierungen der Kreise. 3 Flores Flores/ Gilles (2020) ziehen neben Telefonbuchdaten von 1942 und 1996 auch Verlustlisten des Ersten Weltkriegs als Datenquelle heran und zeigen damit, wie aufschlussreich diachrone Namenkartierungen sind. Zudem unterziehen sie die Daten einer Isonymieanalyse, 4 die in einer Clusterkartierung des Namenbestands resultiert, welche den Vergleich mit Dialekträumen ermöglicht. In der Schweizer Onomastik konzentrierten sich die grösseren Forschungsprojekte bisher auf die Toponomastik. Die meisten Kantone sind inzwischen durch Ortsnamenbücher abgedeckt, weitere folgen. 5 Jüngst ist das «Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch» (VSNB 2024) erschienen. Die Webpräsenz ortsnamen.ch (o. J.) führt Daten aus abgeschlossenen und laufenden Projekten digital zusammen. Die Erforschung der Schweizer FamN lag jedoch bis vor wenigen Jahren «im Argen» (Debus 2012: 122) bzw. fristete gemessen an der Ortsnamenforschung «ein nahezu inexistentes Dasein» (Berchtold 2017: 401). Monographisch liegen immerhin einige etymologisch orientierte regionale bzw. lokale Namenbücher, meist älteren Datums, vor. 6 Einige neuere Aufsätze lassen erahnen, welch spannende linguistische Erkenntnisse von einer systematischen Analyse des Schweizer Familiennameninventars zu erwarten wären, können jedoch «nicht mehr sein als eine Schneise im Wald» (Kully 2009: 389). So stellen Kully (2009), Seidl (2011), Berchtold (2011; 2017; 2019a; 2019b; 2019c), Berchtold Schiestl/ Heer (2020) formale und inhaltliche Besonderheiten der Deutschschweizer FamN heraus, etwa die charakteristischen PräpositionsN wie Zenzünen (← ze den Zünen ‘bei den Zäunen’) oder das Nebeneinander dialektaler und standardsprachlicher Lautungen bzw. Schreibungen wie in Schnyder vs. Schneider. 7 Graf (2018a; 2018b) adressiert die spannende Frage namenspezifischer Bildungsmuster und ordnet SatzN wie Nievergelt (← nie vergelten für einen immer Säumigen) oder endungslose Verbstämme wie Bind, Schiess als solche ein. 8 In unserer Vorstudie zu einem Schweizer Familiennamenatlas (Berchtold Schiestl et al. 2020) ergaben sich u. a. Erkenntnisse zu Alter und Schichtung von Bildungsmustern wie -er und -mann, zur Sonderrolle des Walliser Höchstalemannischen, zu Eigenheiten der deutsch- und italienischschweizerischen Diminution sowie zu historischen Berufsfeldern. 2.2 Voraussetzungen Durch den beschriebenen Forschungsstand war deutlich geworden, dass ein Schweizer Familiennamenatlas ein überfälliges und lohnendes Unterfangen sein würde. Es stellten sich konsequenterweise Fragen der konkreten Machbarkeit. Das Ziel des Atlas würde darin bestehen, die Schweizer oder zumindest Deutschschweizer FamN gesamthaft in den Blick zu nehmen und alle wichtigen grammatischen und lexikalischen Themen zu adressieren. Ein solches Ziel lässt sich aber nur mit a. einem übergreifenden etymologischen Nachschlagewerk und b. f lächendeckenden digitalen Namendaten verfolgen. Zu a.: Ein übergreifendes Nachschlagewerk für die Deutschschweiz hatte bis kurz vor Projektbeginn gefehlt. Mit dem Projekt «Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon» (Berchtold/ Graf i. V.; s. Abschnitt 4.4 «Etymologische Datenbank» sowie Graf 2019) war jedoch ein geeignetes Unterfangen bereits so weit gediehen, dass diese entscheidende Hürde genommen war. Durch ein Kooperationsabkommen zwischen beiden Projekten war es möglich, die zugrunde liegende etymologische Datenbank so weit fertigzustellen, dass alle «alteingesessenen» 9 deutschsprachigen FamN darin abgedeckt sind, und die Inhalte der etymologischen Datenbank in die Datenbasis des Kartierungsprogramms einzuspeisen, das für unser Atlasprojekt erstellt wurde (s. Abschnitt 5.3 «Kartierungsprogramm»). Die rätoromanischen FamN der Schweiz deutet das «Rätische Namenbuch» (RNB 3 1986), auf das sich auch Berchtold/ Graf (i. V.) für die etymologische Datenbank stützen. Weniger gut abgedeckt sind die FamN der italienisch- und französischsprachigen Landesteile. Für erstere kann das Referenzwerk für die FamN Italiens, Caffarelli/ Marcato (2008), konsultiert werden, für letztere Morlet (1997). Die Namenbestände der Schweiz sind jedoch in keiner der beiden Sprachen mit den Lexika der Nachbarländer auch nur annähernd abgedeckt. So ergibt eine Stichprobenauswertung von 300 französischen bzw. frankoprovenzalischen Schweizer FamN, dass nur 40 % in Morlet (1997) figurieren. 3 Wir beziehen uns in den nachfolgenden Beschreibungen der Methodik vorrangig auf den DFA (2009-2018), da dieser Atlas einen grossen und an unser Gebiet angrenzenden Teil des deutschsprachigen Raumes abdeckt sowie methodisch in vielerlei Hinsicht Pate gestanden hat, auch wenn unser Vorgehen in einigen Punkten ein anderes ist. 4 Die Isonymieanalyse erfolgt dabei via Lasker-Distanzen (Lasker 1985), Clusteranalyse nach Ward (1963), multidimensionale Skalierung (MDS) und Häufigkeitsdifferenzindex (HDI). 5 Vgl. die Unterseite «Regionale Projekte» auf ortsnamen.ch (o. J.). 6 Deutschsprachige FamN: Tobler-Meyer (1894), Studerus (1926), Surläuly (1927), Lösch (1936), Baumgartner (1983), RNB 3 (1986), Schobinger/ Egli/ Kläui (1994), Fähndrich (2000) und mit einer stärker kulturhistorischen Ausrichtung Mischke (2015). Mit Henseler (2026) ist kurz vor Projektende des FDS ein weiteres etymologisch ausgerichtetes Werk erschienen, und zwar mit regionalem Schwerpunkt auf Schwyzer FamN. Für die romanischsprachigen Landesteile: Aebischer (1923, nur zu Freiburger FamN), RNB 3 (1986, zu Graubünden, vollständiger rätoromanischer Namenbestand), Lurati (2000, zu italienischen FamN der Schweiz, nicht vollständig). Für Liechtenstein: FLNB II (2008). 7 Vgl. das Kapitel II-3 «Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel» und den Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī». 8 Vgl. die Artikel II-4.1 «Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen» und II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 9 Gemeint sind hier die FamN der ältesten Datenschicht «vor 1800» des FNB (1989), vgl. Abschnitt 4.1 «Historische Datenschichten». 8 A Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="9"?> Bezüglich b., einer f lächendeckenden digitalen Datenbasis, kamen mehrere günstige Umstände zusammen. Diese seien hier kurz umrissen, während Abschnitt 4 «Datengrundlage» alle verwendeten Daten eingehender beschreibt. Durch das «Familiennamenbuch der Schweiz» (FNB 1940; 1968-1971; 1989) liegt eine umfassende Aufstellung der Schweizer FamN vor, die sogar eine diachrone Tiefe aufweist, indem sie drei Zeitschichten abdeckt (vor 1800, 1800-1900 und 1901-1962). Die Sammlung verzeichnet die FamN jeweils mit allen zugehörigen Gemeinden und ist in der dritten Auf lage via «Historisches Lexikon der Schweiz» (kurz «HLS») digital abrufbar (e-FNB 1989). Freundlicherweise stellte uns das HLS die zugrunde liegende Datenbank (e-FNB 1989) zur Verfügung. Ebenfalls erfuhren wir Unterstützung durch das Bundesamt für Statistik (kurz «BFS»), das uns dankenswerterweise ermöglichte, die Bevölkerungsdaten des Jahres 2020 für unser Projekt zu nutzen. Somit kann der FDS aus einer aussergewöhnlich reichhaltigen Datenbasis schöpfen. Um diesen Datenreichtum optimal erschliessen zu können, bedurfte es einer projekteigenen Kartierungssoftware. Diese sollte die aus der Forschung bekannten Darstellungsmöglichkeiten und zudem diachrone Kartierungen unterstützen. Für die Programmierung konnten wir Richard Kunze, der bereits die Kartierungssoftware des DFA (2009-2018) erstellt hatte, sowie weitere Mitarbeitende der Firma Tivano Software GmbH, Neu-Isenburg (Deutschland), gewinnen. Zudem erhielten wir durch die Projektverantwortlichen des DFA (2009-2018) die Erlaubnis, den vorhandenen Programmcode weiterzuverwenden. Auch punkto redaktioneller Kompetenzen konnte das FDS-Projekt von Personal- und Wissenstransfer profitieren, nämlich durch folgende vorgängige oder parallele Affiliationen: Elia Ackermann - SNF-Projekt «Die Flurnamen des Kantons St. Gallen» (TopSG) (vorgestellt in Ackermann 2023); Simone Berchtold - Projekt «Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon» (Berchtold/ Graf i. V.) und TopSG; Martina Heer - Projekt «Ortsnamenbuch des Kantons Bern» (BENB I 1976 ff.); Luise Kempf - DFG- Projekt DFA (2009-2018); Esther Loosli - DFG-Projekt «Unserdeutsch» (vorgestellt in Maitz/ König/ Volker 2016); Jeffrey Pheiff - Projekte «Regionalsprache.de» (REDE; Schmidt et al. 2020 ff.) und «Syntax hessischer Dialekte» (SyHD 2017); Linda Steiner - TopSG; Selma Vonlanthen - SNF-Projekt «Swiss German Dialects Across Time and Space» (SDATS; Leemann et al. 2025). Mit all diesen Voraussetzungen erschien das Forschungsvorhaben nicht nur potenziell ertragreich, sondern auch effektiv umsetzbar. Tatsächlich wurde die erste Antragstellung beim Schweizerischen Nationalfonds (kurz «SNF») in der Linie Projektförderung bewilligt. Allerdings war die Projektlaufzeit, wie in dieser Linie üblich, auf vier Jahre gedeckelt. Aus diesem Grund und in Anbetracht des Forschungsstands konnte kein Gesamtschweizer Familiennamenatlas angestrebt werden. Nur mit einer Einschränkung auf die Deutschschweiz erschien das Projekt realistisch. Um jedoch dem für die Schweiz charakteristischen Mehrsprachigkeitskontext gerecht zu werden, adressieren wir zahlreiche Interferenzphänomene 10 sowie ausgewählte Phänomenbereiche der Romania. 2.3 Ziele und Zielpublikum Das Anliegen unseres Atlas besteht darin, erstmals ein sprachgeographisches Gesamtbild des Deutschschweizer Familiennamenbestands zu zeichnen. Die Analyse orientiert sich an den sprachlichen Ebenen: Systematisch sollen alle grammatischen und lexikalischen Themen im Atlas dokumentiert werden, die für den Deutschschweizer Namenbestand zentral sind. Das Ziel liegt in einem umfassenden linguistischen Verständnis der Deutschschweizer FamN. Der Atlas soll offenlegen, welche grammatischen, lexikalischen und benennungsmotivischen Merkmale im Deutschschweizer Familiennamenbestand vorkommen. Diese Bestandsaufnahme ermöglicht eine Einschätzung dazu, welche Eigenschaften den Deutschschweizer Namenschatz besonders auszeichnen - sei es durch absolute Häufigkeit oder durch Kontrast zu benachbarten Familiennamenbeständen. Es wird geprüft, inwieweit die FamN historisch-dialektale Sprachmerkmale widerspiegeln bzw. inwieweit sie umgekehrt onomastische oder graphematische Eigendynamiken manifestieren. In ersterem Fall können die FamN den Kenntnisstand zur (historischen) Dialektologie der Deutschschweiz erweitern, in letzterem namentheoretische Überlegungen weiter empirisch absichern oder modifizieren. Entsprechend der Zielsetzung ist der FDS nach sprachlichen Ebenen gegliedert und folgt darin anderen Familiennamenatlanten wie dem DFA (2009-2018) oder dem AFNeT (2022-2024). Die ersten beiden Bände des FDS gelten grammatischen Themen, der dritte der Lexik und den Benennungsmotiven. Die Artikel des Atlas widmen sich nicht etwa einzelnen FamN, wie es bei einem Lexikon der Fall wäre, oder gar einzelnen Regionen, sondern ausgewählten linguistischen Themen, zu denen dann alle einschlägigen FamN oder passende Namensamples kartiert werden (bspw. umfasst der Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī» neben FamN wie Schnider und Wyss noch über 300 weitere FamN). Zu Genauerem s. Abschnitt 3 «Atlas: Aufbau, Artikel und Autorschaft». Der FDS ist als linguistische Fachpublikation angelegt und richtet sich an ein entsprechendes Publikum. Zu denken ist dabei in erster Linie an Forschende und Studierende, die sich für dialektologische, onomastische und sprachgeschichtliche Fragestellungen sowie für Diglossie, Variation und Wandel oder Sprachkontakt interessieren. Die Artikel des Atlas zeigen, welche Themen und Phänomene im Deutschschweizer Familiennamenbestand vertreten sind und gehen, soweit es die genutzten Daten erlauben, analytisch auf diese Themen ein. Damit bietet das Werk fundierte Grundlagen und erschliesst der nachfolgenden Forschung zahlreiche Möglichkeiten: So lässt sich der Atlas für Metaanalysen nutzen, die die Artikel auf übergreifende Aspekte hin auswerten (z. B. Sprachkontakt). Zudem fungieren die Artikel als Orientierungshilfen, die aufzeigen, wo sich vertiefte Nachforschungen in historischen Originalquellen besonders lohnen würden. Der FDS kann aufzeigen, welche Themen insgesamt für die (Deutsch-)Schweiz relevant sind. Jedes dieser Themen könnte man etwa durch eine Auswertung von lokalen Archivalien (bspw. Urbaren oder Zunftordnungen) weiter vertiefen, wobei solche thematischen Zugriffe wie auch regionale Vertiefungsstudien oft ergiebig genug für eine eigene Master- oder Doktorarbeit sein dürften. Neben dem linguistischen Fachpublikum möchte der FDS auch Forschende und Studierende anderer Disziplinen ansprechen, allen voran der Geschichtswissenschaft. Wie im Abschnitt 2.1 «Forschungsstand» gezeigt, haben interdisziplinäre Studien die Relevanz von FamN z. B. für kultur-, religions- oder migrationsgeschichtliche 10 Bspw. die Graubündner Ca-Namen (z. B. Cabernard, Caheinz), die sich aus rätorom. ca(sa) ‘Haus’ und einem mitunter germanischen Grundwort zusammensetzen (z. B. Cadieli ← ca(sa) d’Uoli zu Ulrich), s. Artikel II-2.19 «Familiennamen mit Präfix Ca-». 2 Forschungsstand, Voraussetzungen, Ziele 9 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="10"?> Fragestellungen erwiesen. Weiter kann der Atlas für genealogisch Forschende von Interesse sein. Diese Disziplin bearbeitet eine ähnliche Materie, jedoch mit anderen Zielen und Methoden. Während für die linguistischen Fragen prinzipiell eine möglichst breite Abdeckung durch eine Vielzahl einschlägiger FamN wichtig ist, wird die Genealogie für den familiengeschichtlichen Erkenntnisgewinn i. d. R. eine bestimmte Linie in Zeit und Raum zurückverfolgen. Dennoch können sich beide Disziplinen fruchtbar austauschen und gegenseitig informieren. 11 Wissenschaftliche wie auch populärwissenschaftliche Folgepublikationen wären also äusserst wünschenswert. Dabei bietet der Atlas Grundlagen, Daten und Anknüpfungspunkte für viele mögliche Themenstellungen. Davon seien im Folgenden einige exemplarisch genannt: • regionale Schreibtraditionen und Vorlieben bezüglich Einf lüssen der Standardschreibung • allgemeine bzw. zusammenfassende Vergleiche von Dialekträumen und Namenräumen • die Frage der Konservierung archaischer Varianten 1. im Höchstalemannischen (z. B. Superlativsuffix -ost in Ritzingen VS; s. Artikel II-1.2 «Flektierte Adjektivformen»), 2. nach Migration in anderssprachige oder dialektal entfernte Räume (z. B. die nicht-diphthongierte Form Fry in rätoromanischbzw. italienischsprachigen Gemeinden; s. Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī»), 3. in opaken Namen eher als in transparenten (z. B. Erhalt von mhd. ī in Spiri zu mhd. spīre ‘Spier-, Turmschwalbe’; s. Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī») • sozioonomastisch: die Abgrenzung/ Differenzierung zwischen gleichnamigen Familien durch Schreibvariation (z. B. Froelich / Fröhlich / Frölich in Brugg AG,Tschümperle / Tschümperli/ Tschümperlin in Alpthal SZ und Oberiberg SZ) • ‘Bewegte Namen’ durch Migration und Sprachkontakt (z. B. Houber, Schouler in der französischsprachigen Schweiz; s. Artikel I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische») • generell Migrationsphänomene, sowohl aus dem Ausland als auch innerhalb der Schweiz. Die kombinierte Kartierung verschiedener Zeitschichten gibt Aufschluss über Migrationsströme innerhalb der Schweiz, z. B. über Landf lucht aus isolierten Alpentälern und die Anziehungskraft urbaner/ industrieller Zentren der Deutschschweiz und der Romandie. Die Kartierung zeitgenössischer FamN zeigt die territoriale Präsenz neuer Sprachgemeinschaften, wie z. B. portugiesischstämmiger Bevölkerung in der Westschweiz (vgl. Berchtold/ Steiner 2026). • mittelalterliche Berufe, Normen, Lebensweisen im Spiegel der Lexik von FamN (vgl. z. B. die Artikel III-4.6 «Berufs(über)namen zum Textil-, Leder- und Pelzhandwerk», III-5.9 «Übernamen nach gesellschaftlich-biographischen Aspekten» und III-5.10 «Übernamen nach gesellschaftlich-wirtschaftlichen Aspekten») 3 Atlas: Aufbau, Artikel und Autorschaft 3.1 Aufbau des Atlas Der erste und der zweite Band des Atlas umfassen grammatische Themen, namentlich Graphie und Phonologie im ersten sowie Morphologie und Syntax im zweiten Band. Dabei werden im ersten Band die Blöcke «Vokalismus» und «Konsonantismus» abgedeckt, im zweiten die morphologischen Blöcke «Flexion» und «Wortbildung» sowie die syntaktischen Blöcke «Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel» und «Verbindungen mit verbalen, nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen». Zusätzlich galt es, Adaptionen und Kontaktphänomene zu adressieren. Im ersten Band findet sich ein eigener Block «Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene», da die Phänomene sich i. d. R. nicht nach Vokalismus vs. Konsonantismus aufteilen lassen; im zweiten Band sind Artikel zu Kontaktphänomenen in die allgemeinen thematischen Blöcke integriert. Graphie und Phonologie sind eng miteinander verf lochten, was in den Artikeln jeweils ref lektiert wird (vgl. z. B. Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī»). Nur wenige Artikel betreffen ausschliesslich die Schreibung, darunter bspw. der Artikel I-3.1 «Schreibvariation C/ K im Anlaut von Patronymen». Morphologie und Syntax lassen sich eher trennen. So zählen wir z. B. den Artikel II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe» zur Morphologie (Flexion), den Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» ebenfalls zur Morphologie (Wortbildung) und die Artikel zu FamN mit Präpositionen und ggf. Artikeln (z. B. Abderhalden) zur Syntax. Doch gibt es auch funktionale Überschneidungen zwischen Morphologie und Syntax, etwa bei den Bildungsmustern von Herkunfts- und WohnstättenN: Bspw. fallen der unerweiterte FamN Moos und die beiden abgeleiteten Formen Moser und Moosmann in den Bereich der Morphologie, während die Zusammenrückung Immoos mit Präposition-Artikel-Enklise der Syntax zuzuordnen ist. 12 Der dritte Band gilt der Lexik und den Benennungsmotiven. Zu jedem der fünf Benennungsmotive (Patronyme/ Metronyme, HerkunftsN, WohnstättenN, BerufsN inklusive BerufsüberN, ÜberN) werden die ergiebigsten und relevantesten Themen behandelt. Das Kapitel zu FamN aus Ruf N enthält bspw. Artikel zu FamN aus Konrad, Martīnus und Christiānus sowie zwei Artikel zu Metronymen. 13 Bei den anderen Benennungsmotiven richten sich die Artikel nach semantischen Kategorien. Bspw. gibt es bei den ÜberN die drei grösseren Bereiche Körper-, Wesens- und biographische Merkmale, zu denen dann Einzelthemen wie Gesicht/ Haut/ Haare oder Füsse/ Beine/ Gang behandelt werden. Für die Reihung der einzelnen Artikel innerhalb eines Kapitels (z. B. Vokalismus, Wortbildung, WohnstättenN usw.) gilt Folgendes: Es stellte sich heraus, dass die Anordnung durch ein einziges, homogenes Prinzip - etwa das alphabetische - nicht sinnvoll bzw. 11 Bspw. schien aus linguistischer Sicht der FamN Wang(e)ler ein Kandidat für eine nd -Velarisierung, zumal am selben Ort, Ruswil (LU), auch Wandeler ansässig ist; die Genealogie hat für ersteren FamN jedoch Einwanderung aus dem Schwarzwald nachgewiesen (Wandeler 2020), wo sich der FamN zu Wang ‘Wiesenabhang’ oder oberdt. Wanger < Wagner ‘Wagen-, Radmacher, Fuhrmann’ stellt (s. Artikel I-2.2 «Assimilationen und Dissimilationen»). Umgekehrt kann der Atlas Genealog: innen helfen einzuschätzen, aus welchen Räumen ein FamN seiner Form nach überhaupt stammen kann und aus welchen nicht. 12 S. die Artikel II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.7 «Familiennamen auf -mann» sowie das Kapitel II-3 «Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel». 13 S. die Artikel III-1.1 «Patronyme zu germanischen Rufnamen: kuoni», III-1.7 «Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Martīnus», III-1.8 «Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Christiānus», III-1.11 «Metronyme: Gesamtdarstellung» und III-1.12 «Metronyme: Häufige Fälle». 10 A Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="11"?> nicht möglich ist. Daher sind die Artikel jeweils so angeordnet, dass verwandte Themen benachbart erscheinen. Bspw. finden sich im Kapitel zu Vokalismus die fünf Artikel, die mittelhochdeutsche Monophthonge bzw. Diphthonge thematisieren, in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander; Gleiches gilt für diejenigen Artikel im Kapitel zu ÜberN, die auf körperliche Merkmale eingehen, usw. 3.2 Konstitution der Themen Als Ausgangsbasis für die Themenauswahl dienen folgende Strata der Schweizer FamN: Aufgrund der (germanistisch-)linguistischen Perspektive des Projekts liegt der dezidierte Fokus auf den deutschsprachigen, alteingesessenen FamN der Schweiz (zu deren genauerer Definition vgl. Abschnitt 4.2 «Datenschichten im Überblick»). Dennoch kann und soll keine hermetische Abgrenzung zu den drei romanischen Landessprachen erfolgen: In den zahlreichen Kontaktphänomenen liegt gerade eine Besonderheit des Schweizer Familiennamenbestands (z. B. Gantenbein zu rätorom. canta bein ‘singt gut’, s. Artikel I-3.4 «Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche»). Daher werden zu ausgewählten Phänomenen auch FamN der drei romanischen Landessprachen einbezogen. Solche FamN, die auf Zuwanderung aus dem Ausland nach 1800 zurückgehen, werden im Atlas im Allgemeinen nicht berücksichtigt. In anderen Kontexten - speziell im Zusammenhang mit Fragen der Migration - können sie jedoch einen interessanten Datenschatz darstellen. Sie werden entsprechend in separaten Aufsatzpublikationen thematisiert, die im Rahmen des FDS-Projekts entstanden sind, bspw. in Berchtold/ Steiner (2026). Die Frage, wie bei einer gegebenen Datengrundlage einzelne Artikelthemen konstituiert werden, gestaltet sich für die drei Bände je etwas unterschiedlich. Insgesamt folgte die Themenfestlegung sowohl der vorgängigen Forschungsliteratur (zu FamN und zu Dialekten) als auch der Analyse des Datenmaterials. Der Literatur liessen sich zahlreiche Impulse entnehmen, die allerdings nicht immer ergiebig durch die vorliegenden FamN bespielt werden konnten. Ein Beispiel ist die Velarisierung von nd zu ng, wie sie etwa im KSDS (2019: 262) auf der Karte 101 zu Hund dokumentiert ist. Es handelt sich um ein wichtiges raumbildendes Dialektmerkmal. Da sich allerdings nur vier FamN dem Phänomen zuordnen lassen, wurde dieses in den Artikel I-2.2 «Assimilationen und Dissimilationen» integriert. Bezogen auf die Themenkonstitution im Bereich Graphematik/ Phonologie werden im DFA 1 (2009: XXXIX-XL) drei Herangehensweisen beschrieben: 1. Durch eine Orientierung an historischen Lautsystemen würde sich etwa folgende Frage ergeben: Wie wird ein germanischer, alt- oder mittelhochdeutscher Laut X in den FamN der Datengrundlage realisiert? 2. Ausgehend von sprachgeschichtlichen Prozessen liessen sich Themen wie «Senkung», «Rundung» oder «Entrundung» setzen. 3. In strikt synchroner Ausrichtung am verwendeten Material käme man zu Themenstellungen wie «Varianz a, ä, e». Unter diesen Ansätzen wählt der DFA (2009-2018) den dritten. Die Artikel sind also nach synchroner Varianz betitelt; allerdings «werden Hinweise zur historischen Entwicklung […] in den jeweiligen Kartenkomplexen gegeben» (DFA 2 2011: XXVI). Bei der Arbeit am hier genutzten Datenmaterial zeigte sich, dass jeder der drei Ansätze lohnend sein kann und dass die Ansätze bei vielen Themen eng miteinander verf lochten sind. Eine durchgängige Orientierung an nur einem Ansatz kam daher nicht infrage. Stattdessen sind alle drei Zugriffsweisen vertreten, manchmal in Rein-, doch meistens in Mischform. Gemäss dem ersten Ansatz am historischen Lautsystem ausgerichtet sind bspw. die Artikel I-1.1 «Schreibvariation e / ä für germ. ë» und I-2.4 «Variation ch / h für germ. χ». Diese Zugriffsweise war hier deshalb interessant, weil zu prüfen war, ob die Schreibvarianz in den FamN die unterschiedlichen Lautentwicklungen des germanischen Ausgangslauts widerspiegelt - was im Fall von germ. ë tendenziell verneint und im Fall von germ. χ mit einem Mischbefund beantwortet wird. Gemäss dem zweiten Ansatz an Sprachwandelprozessen ausgerichtet sind z. B. die Artikel I-2.1 «Nasalschwund» und I-2.3 «Zweite Lautverschiebung: Tenuesverschiebung». Hier kommen systematische Wandelprozesse zur Sprache. Die meisten Artikel des ersten Bandes «Graphie und Phonologie» folgen hauptsächlich diesem Ansatz, so etwa I-1.5 «Entrundung», I-1.6 «Rundung», I-1.7 «Erhalt oder Verdumpfung von mhd. ā» sowie I-2.2 «Assimilationen und Dissimilationen». Dabei ist aber nicht strikt zwischen den ersten beiden Ansätzen zu trennen, da die Fokussierung auf einen bestimmten Lautwandelprozess automatisch bestimmte historische Ausgangslaute (z. B. diejenigen, die gerundet oder entrundet werden können) voraussetzt. Dem dritten Ansatz, der Fokussierung einer synchron vorfindlichen Varianz, folgt bspw. der Artikel I-2.8 «Schreibvariation t / th» (in Namenpaaren wie Marty - Marthy oder Walter - Walther). Ein sehr ergiebiges Thema ist die Frage der (fehlenden) frühneuhochdeutschen Diphthongierung, da massenhaft Dubletten wie Schnyder - Schneider, Studer - Stauder, Grüter - Greuter auftreten. 14 Bei diesen handelt es sich jedoch weitgehend um Schreibvarianten, denn die relevanten historischen Dialekte haben jeweils die Monophthonge bewahrt. Folglich sind die Artikel nach dieser Variation benannt (gemäss Ansatz 3), obwohl es ein (unterbliebener) Lautwandelprozess ist, der dieses Phänomen besonders interessant macht. Im zweiten Band «Morphologie und Syntax» bestimmen primär Formtypen die Konstitution der Artikel, z. B. II-2.5 «Familiennamen auf -ling» oder II-2.19 «Familiennamen mit Präfix Ca-». Dies entspricht sowohl dem dritten Ansatz als auch dem zweiten, denn FamN, die synchron ein bestimmtes Formativ aufweisen, spiegeln damit zugleich den historischen Prozess wider, bei dem dieses Formativ an das Grundwort angetreten ist. In einigen Fällen war der Formtyp so ergiebig, dass die Materie auf mehrere Artikel aufgeteilt wurde. So liegen zu FamN mit Präposition (und Artikel) nun insgesamt sechs Artikel vor, zur Komposition zwei. 15 Das überaus häufige Suffix -er wird in zwei Artikeln bearbeitet, die seinen Gebrauch in BerufsN einerseits sowie Wohnstätten- und HerkunftsN andererseits untersuchen; zusätzlich erwies es sich als sinnvoll, den funktional abweichenden patronymischen bzw. metronymischen Gebrauch separat, dafür in Verbindung mit -mann in gleicher Funktion zu behandeln. 16 Einige Artikel sind noch stärker an Prozessen orientiert, so diejenigen zum unorganischen t-Antritt, zu Latinisie- 14 S. die Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī», I-1.11 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ū» und I-1.12 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. iu». 15 S. das Kapitel II-3 «Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel» resp. die Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» und II-2.18 «Komposita: Formvarianten im Kontrast». 16 S. die Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner», II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen» und II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen». 3 Atlas: Aufbau, Artikel und Autorschaft 11 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="12"?> rungen oder zur morphologischen Integration rätoromanischer FamN ins Deutsche. 17 Umgekehrt kommen auch Analysen vor, die weniger auf den ursprünglichen Bildungsprozess fokussieren, sondern eher die Frage stellen, welche schon vorher existenten komplexen Wörter zu FamN wurden. V. a. ist das im Artikel zu FamN aus Adjektiven auf -ig und -lich der Fall; hier kann anhand der FamN gezeigt werden, dass die alte dialektale Suffixform -li für -lich früher noch stärker verbreitet war als im 20. Jh. Im dritten Band «Lexik und Benennungsmotive» richtet sich die Artikeleinteilung bei den Patronymen/ Metronymen nach dem zugrunde liegenden Ruf N - behandelt werden nur die häufigsten -, bei den anderen Benennungsmotiven nach semantischen Kategorien. Bei letzterer Artikeleinteilung wurde ein Vorgehen gewählt, das sich sowohl an der Forschungsliteratur als auch am Familiennamenbestand orientiert. In einer Vorsondierung wurde jeweils das gesamte Material zu einem Benennungsmotiv daraufhin durchgesehen, ob die aus der Literatur erwartbaren Kategorien vertreten sind und ob weitere Kategorien aus dem Material erwachsen. Daraus ergab sich, welche Themen eigene Artikel rechtfertigen und welche mit anderen kombiniert oder ganz verworfen werden müssen. Bspw. erwies sich bei den ÜberN die Kategorie ‘Faulheit/ Trägheit’ (vgl. Kohlheim 1996: 1255) mit nur wenigen FamN wie Lemp(en) zu schwzdt. Lämp ‘arbeitsscheuer Mensch’ u. ä. als nicht ertragreich, sodass sie keinen eigenen Artikel erhält, sondern im Verbund mit weiteren Motivgruppen im Artikel III-5.3 «Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel» behandelt wird. Unter den körperlichen Merkmalen hingegen treten rund 60 FamN zum ‘Gang’ einer Person auf, etwa Deppeler, Stämpfli und Wenk, sodass dieses Thema priorisiert wird. Zur Frage nach dem Ansatz lässt sich sagen, dass die Patronyme bzw. Metronyme eher im Sinne des ersten Ansatzes, nämlich ausgehend von einer historisch zugrunde liegenden Form, untersucht werden, die anderen Benennungsmotive nach dem dritten Ansatz, denn hier wird vom vorliegenden Material in der Datenschicht ausgegangen und nicht etwa von bestimmten Wortfeldern in historischen Dialekten bzw. Sprachstufen. 3.3 Selektion der Themen und Namen Anders als beim DFA (2009-2018) musste bei der Arbeit am vorliegenden Atlas nicht aus einer Vielzahl überschüssiger Themen oder FamN streng selektiert werden. Die meisten Themen, die relevant und hinreichend ergiebig erschienen, konnten aufgenommen werden. Worin die Bedeutsamkeit eines Themas liegt, wird in den Grammatik-Bänden jeweils am Anfang eines Artikels dargelegt. Im Lexik-Band ergibt sich die Bedeutsamkeit automatisch dadurch, dass das Thema in der generellen Vorsondierung (s. Abschnitt 3.2 «Konstitution der Themen») als ergiebig identifiziert wurde. Zu den Relevanzkriterien zählen die folgenden: • Ist das Phänomen für die Schweizer Familiennamenlandschaft charakteristisch aufgrund seiner Frequenz und/ oder seines Kontrasts zu anderen europäischen Namensystemen? • Ist das Phänomen empirisch-linguistisch bedeutsam, da es sich bspw. an Dialektkartierungen anschliessen lässt oder aber fehlende bzw. lückenhafte Dialektforschung ergänzt? • Ist das Phänomen theoretisch-linguistisch bedeutsam, wie bspw. Fälle von sprachkontaktbedingter Namenanpassung oder namenspezifischen Bildungsmustern? Auch bezüglich des Einschlusses einschlägiger FamN zu einem gegebenen Thema bestand nicht die Notwendigkeit allzu starker Selektion (anders als im DFA 2009-2018, wo die Namenmenge mitunter durch eine Mindesttokenschwelle eingedämmt werden musste). Bei einigen Themen, die aus linguistischen Gründen interessant sind, standen sogar nur wenige FamN zur Verfügung (bspw. beim erwähnten Thema der nd -Velarisierung). Viele FamN sind in mehreren Artikeln einbezogen (so ist z. B. Wyssmann sowohl beim Thema Schreibung von mhd. ī als auch beim Thema FamN auf -mann und zusätzlich bei den ÜberN einschlägig). Das mehrfache Einbeziehen von FamN führt insofern nicht zu Dopplungen in der Kartierung, als in den Karten meistens grössere Namengruppen dargestellt sind und nur selten eine Zusammenstellung ausgewählter EinzelN (und auch hierbei nicht dieselbe Zusammenstellung an mehreren Stellen). Alle FamN, die in den Kartierungen vorkommen oder im Artikelabschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz» genannt werden, sind im Familiennamenregister am Ende des dritten Bandes aufgeführt. 18 Den mehrfach einbezogenen FamN stehen andere FamN gegenüber, die an keiner Stelle inkludiert sind. Davon betroffen sind v. a. solche FamN, für die zum Zeitpunkt der Bearbeitung keine etymologische Deutung in Berchtold/ Graf (i. V.) oder in sonstigen relevanten Nachschlagewerken vorlag (z. B. Bronz, altbelegt in Bosco/ Gurin TI). Eine vollumfängliche Abdeckung aller historisch oder rezent belegten FamN konnte nicht angestrebt werden, da es sich beim FDS nicht um ein Lexikonprojekt handelt. Dennoch war es uns ein Anliegen, zumindest die häufigsten FamN systematisch geprüft und bei Eignung berücksichtigt zu haben, da diesen eine perzeptive Relevanz als charakteristische Deutschschweizer FamN zukommen dürfte. Was die häufigsten FamN sind, kann nicht anhand der historischen Datenschichten festgestellt werden, da hier keine echten Frequenzen (im Sinne von Anzahl der Namenträger: innen) vorliegen, sondern nur Angaben zur Anzahl der Orte, an denen ein FamN belegt ist. Deswegen wurden hier aktuelle Bevölkerungsdaten des BFS herangezogen. Zum einen wird am Ende jedes Artikels angegeben, welches die drei häufigsten kartierten FamN, gemessen an der Datenschicht «2020» (s. Abschnitt 4.3 «Rezente Datenschichten»), sind. Zum anderen wurden die 100 im Jahr 2021 häufigsten FamN pro Kanton überprüft (BFS 2022: STATPOP 2021). Dabei wurden die verzeichneten FamN - falls sinnvoll und noch nicht geschehen - einem geplanten Thema zugeordnet. Zugleich konnte ausgeschlossen werden, dass diese frequenten Namen ein bis dahin noch nicht geplantes Thema neu konstituiert hätten. Eine Auswahl unter vielen denkbaren Themen und verfügbaren Namen war v. a. bei den Patronymen notwendig. Unter allen Benennungsmotiven sind die Patronyme dasjenige mit den meisten Types (d. h. verschiedenen FamN). Zwar folgen die ÜberN mit einer fast vergleichbaren Typenvielfalt, doch lassen sich hier dank semantischer Bündelungen viele FamN en bloc behandeln, was bei Patronymen nicht möglich ist. Daher wurde bei letzteren frequenzbasiert ausgewählt. 17 S. die Artikel II-2.13 «Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut», II-2.20 «Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche» und II-2.21 «Latinisierungen». 18 Das Kapitel «Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände» enthält ferner ein Abbildungs- und ein Kartenverzeichnis aller drei Bände. 12 A Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="13"?> Was die romanischsprachigen FamN angeht, war das Vorgehen ein anderes, da ihnen grundsätzlich nur Ausblicke gelten sollten. Die umfassende Aufarbeitung der FamN der romanischsprachigen Landesteile würde mindestens ein eigenes Forschungsprojekt rechtfertigen, dessen Durchführung in naher Zukunft ein grosses Desiderat darstellt. Im FDS wurden romanischsprachige FamN oder Phänomene nur in begrenztem Umfang und unter Berücksichtigung folgender Konditionen aufgenommen: 1. Wenn es sich um genuine Sprachkontaktphänomene handelt (z. B. Artikel I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische») oder um solche, bei denen hybride FamN reihenhaft vorkommen (z. B. die Artikel II-4.3 «Mehrgliedrige Familiennamen mit den Zusätzen dit, soit, alias» oder II-2.19 «Familiennamen mit Präfix Ca-», in denen FamN wie Küffer-dit-Barrillier oder Cahenzli figurieren). 2. Wenn es nicht sinnvoll oder notwendig erschien, romanischsprachige FamN aussen vor zu lassen, bzw. es vielversprechend war, sie aufzunehmen (z. B. Artikel III-1.6 «Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Petrus»). 3. Vereinzelt wird auch rein oder weitgehend romanischsprachigen Themen ein Artikel gewidmet, und zwar in solchen Fällen, die sich gut für den Vergleich mit anderen Artikeln eignen (z. B. die Artikel II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de» oder I-3.6 «Integration rätoromanischer Familiennamen ins Italienische» - hier bieten sich Vergleiche zu den FamN mit der Präposition von resp. zu den anderen Artikeln, die fremdsprachige Integration behandeln, an). 3.4 Aufbau der Artikel Im Folgenden wird der Aufbau für die Artikel der Grammatik-Bände erläutert. Die Artikel des dritten Bandes «Lexik und Benennungsmotive» weisen einen anderen Aufbau auf, der in der Kurzeinleitung zu ebenjenem Band dargelegt wird. Der Aufbau der Grammatik- Artikel folgt einem gleichbleibenden Schema. Dieses besteht aus mindestens sieben obligatorischen Abschnitten, die in jedem Artikel enthalten sind, wodurch eine Vergleichbarkeit der Artikel und eine kohärente Struktur gewährleistet ist. Der fakultative Abschnitt «Ausblick» wird fallweise ergänzt. Die Textfunktion der jeweiligen Abschnitte wird im Folgenden erläutert. Die Artikel beginnen mit einer Auswahl von «Schlagwörtern», die zentrale onomastische, grammatische oder historische Themen des Artikels zum Ausdruck bringen und im Register der Fachausdrücke resp. im historischen Sachregister am Ende des dritten Bandes alphabetisch aufgeführt werden. Die Schlagwörter dienen gleichzeitig dazu, Bezüge zwischen den verschiedenen Artikeln des Atlas herzustellen, bspw. zwischen all jenen Artikeln, die sich (ausführlicher) mit Interferenz oder dem er-Suffix auseinandersetzen. «Gegenstand und Fragestellung»: Dieser Abschnitt enthält folgende drei Unterabschnitte, die in den Kartenkomplex einleiten. In «Gegenstand und Relevanz» wird das Thema des Kartenkomplexes kurz umrissen, indem die onomastische, linguistisch-dialektologische und/ oder sprachgeschichtliche Relevanz genannt und das kartierte Phänomen kontextualisiert wird. Im Unterabschnitt «Hintergrund» werden die linguistisch-dialektologischen und/ oder sprachgeschichtlichen Grundlagen ausgeführt, soweit sie für das Verständnis des Gegenstands notwendig sind. Der Zusammenhang mit der gross-, aber auch der kleinräumigen Laut-, Schrift- oder morphologischen Entwicklung wird erläutert und weiterführende Literatur genannt. Bspw. wird, wo dies relevant ist, die zweite (sogenannte hochdeutsche) Lautverschiebung erklärt und mit Blick auf die deutschsprachige Schweiz diskutiert. Der letzte Teilabschnitt erläutert die «Fragestellung(en)» des Artikels. Die Frage nach der Verbreitung des Phänomens stellt eine Grundfrage des FDS dar und ist daher jeweils mitgemeint, wird aber teilweise auch explizit genannt. Das Dokumentieren der Phänomene ist ein grundlegendes Anliegen. Es werden aber explizit linguistische Fragestellungen wie bspw. das Verhältnis von Namen- und Dialekträumen oder die Frage nach Spuren eines bestimmten Lautphänomens im Schriftbild der Namen genannt. Bei Artikeln mit mehreren Karten wird ein kurzer Überblick über die Karten gegeben, sodass deutlich wird, wie das Phänomen resp. die Fragestellungen in den Karten aufgefächert werden. Der Abschnitt «Erste Karte» (ggf. «Zweite Karte» usw.) beginnt mit dem Unterabschnitt «Namenauswahl». Darin wird die Auswahl der jeweils kartierten FamN kurz und eindeutig benannt, ebenso die verwendete(n) Datenschicht(en). Die Karten enthalten i. d. R. keine EinzelN, sondern alle Namen oder eine Auswahl an Namen, die der jeweiligen Fragestellung entsprechen. Falls eine Auswahl getroffen oder mit einschlägigen Beispielen aus der Literatur gearbeitet wurde, wird dies angegeben. An diesen Textteil schliesst die Karte mit einer Tabelle an, in der alle kartierten FamN aufgelistet werden. Die Namen werden nach den kartierten Gruppen geordnet und innerhalb dieser Gruppen alphabetisch aufgeführt. Nach der Auf listung werden die Anzahl der Types und die Anzahl der Tokens genannt. 19 Für Kreise und Flächen wird angegeben, ob es sich um eine relative oder absolute Darstellung handelt und welche Werte bei der Grössendarstellung resp. welcher Feinheitsgrad (historische Gemeinden, Gemeinden, Bezirke, Kantone, Land) gewählt wurden (zu diesen Parametern s. ausführlich Abschnitt 5.3 «Kartierungsprogramm»). Nach der Tabelle folgen «Detailangaben zur Namenauswahl»: Die Auswahl der Namen wird in diesem Unterabschnitt genauer besprochen, d. h., dass einerseits der Rechercheprozess beschrieben wird, andererseits kurze Angaben zu ausgewählten Etymologien und Benennungsmotiven bzw. Motivgruppen gemacht werden. Ebenso werden allfällige Ausschlüsse aus der Kartierung genannt und begründet. Auch die auf der Karte ersichtliche Gruppierung und ggf. bestimmte Bildungstypen werden hier besprochen. Danach wird im Unterabschnitt «Kommentar» das Kartenbild in seiner räumlichen Erscheinung ausführlich beschrieben. Die Beschreibung bezieht sich auf geographische Einheiten, die in der Schweiz gebräuchlich sind. Dazu gehören Kantone oder Grossregionen (z. B. Nordostschweiz, Ostschweiz usw.), aber teilweise auch einzelne Gemeinden. Ebenso werden Angaben zur Frequenz des Namentyps bzw. der Namentypen gemacht sowie augenscheinliche Befunde (sofern gegeben) aus der Karte angesprochen. Unter «Ergebnisse» werden die Kartenbilder synoptisch zusammengefasst und die Fragen zum Komplex beantwortet. Hauptergebnisse und allfällige Nebenbefunde, die sich zusätzlich zu den Fragestellungen ergeben haben, werden erläutert. Es folgt der Teil «Ergänzungen und Vergleichsfälle». Hier werden zu den kartierten FamN die häufigsten drei Namen gemäss Datenschicht «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen) mit Häufig- 19 «Types» bedeutet verschiedene FamN, «Tokens» meint die Gesamtzahl an Vorkommen. Da die kartierten FamN stets alle genannt werden, verzichten wir auf die Angabe der Typenzahl, wenn es sich um weniger als sechs Types handelt: Bei derart kurzen Listen ist die Anzahl Namen sofort ersichtlich und somit halten wir die Tabellen schlank und leserfreundlich. Auch bei Ausschnittskarten beziehen sich die Type- und Tokenangaben immer auf die gesamte Schweiz. I. d. R. sind Ausschnittskarten jedoch ohnehin so gewählt, dass keine Vorkommen ausserhalb des dargestellten Bereichs liegen. 3 Atlas: Aufbau, Artikel und Autorschaft 13 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="14"?> keitsangaben gelistet. Die Vergleichsfälle beziehen sich in erster Linie auf die entsprechenden Kapitel im DFA (2009-2018) sowie Parallelen zu weiteren Nachbarländern, sofern Literatur vorhanden ist. Fakultativ wird in diesem Abschnitt auch auf Parallelen in der Toponymie bzw. im nicht-onymischen Wortschatz hingewiesen oder auf EinzelN eingegangen, die zum Phänomen gehören oder in ihrer Entwicklung ähnlich sind und dadurch das Phänomen ergänzen. Der fakultative Abschnitt «Ausblick» ergänzt den Gegenstand mit Aspekten, die über das eigentliche onomastische Phänomen hinausgehen und es an sprachgeschichtliche, schriftgeschichtliche oder soziohistorische Kontexte anschliesst. Die Artikel schliessen mit den Verzeichnissen der «Datenquellen» und der verwendeten «Literatur». Gegenüber dem DFA (2009-2018) ist die Artikelstruktur insofern anders, als nicht zwischen Haupt- und Nebenkarten unterschieden wird; die quantitative Basis wird nicht mit regulären Ausdrücken angegeben, sondern es werden nur alle kartierten Types aufgelistet. Da manche Phänomene durch den Artikel erstmalig ausführlich besprochen werden, war es notwendig, den Gegenstand sowie den Hintergrund ausführlich zu erörtern, wodurch manche Artikel länger ausfallen. 3.5 Autorschaft und Redaktionsschritte Jede Autorin bzw. jeder Autor folgte mit ihren/ seinen Artikeln dem oben beschriebenen standardisierten Aufbau aus obligatorischen und fakultativen Abschnitten. Darüber hinaus hatten die Autor: innen weitgehende Autonomie, was bspw. die Anzahl der Karten, deren Gegenstand und Gruppeneinteilung, die Ausführlichkeit der Textteile und die Auswahl der zitierten Literatur betrifft. 20 Jeder Artikel wurde einer mindestens zweifachen internen Begutachtung (i. d. R. durch eine weitere Redaktorin bzw. einen weiteren Redaktor sowie durch die Herausgeberin) und ausserdem einer oder zwei externen Begutachtungen unterzogen und entsprechend überarbeitet. Bei Zweifach- oder Mehrfach-Autorschaft werden die Autor: innen jeweils nach absteigendem Anteil an der Mitwirkung genannt, bei gleichen Anteilen in alphabetischer Reihenfolge. 4 Datengrundlage Alle Karten des Atlas sind mit dem projekteigenen Kartierungstool erstellt, dem eine postgreSQL-Datenbank zugrunde liegt. Diese Datenbank umfasst vier Zeitschichten - drei historische und eine rezente - sowie drei Sonderdatenschichten (s. u.). Ausserdem enthält sie etymologische und weitere Informationen zu den alteingesessenen Schweizer FamN, die wir aus Berchtold/ Graf (i. V.) beziehen. Im Folgenden werden die Datenquellen, die Datenschichten und die philologischen Zusatzinformationen erläutert. 4.1 Historische Datenschichten Anders als Deutschland verfügt die Schweiz über ein landesweites historisches Verzeichnis von FamN und zugehörigen Orten - das «Familiennamenbuch der Schweiz» (FNB 1940; 1968-1971; 1989). Neben der Erstauf lage von 1940 liegen eine erweiterte und eine korrigierte Auf lage von 1968-1971 bzw. 1989 vor. Das FNB (1940; 1968-1971; 1989) geht auf eine Initiative der Schweizerischen Gesellschaft für Familienforschung (SGFF) zurück. Die erste Auf lage (FNB 1940) entstand unter Mitwirkung des Eidgenössischen Amtes für Zivilstandswesen und der Zivilstandsämter der Schweiz. Die Daten wurden von den Zivilstandsbeamt: innen sämtlicher Schweizer Gemeinden aus den jeweiligen Familien- und Bürgerregistern zusammengestellt. An der zweiten Auf lage (FNB 1968-1971) hat das Eidgenössische Statistische Amt, heute das Bundesamt für Statistik (BFS), mitgewirkt. Die Daten der dritten Auf lage (FNB 1989) wurden 1990 vom Historischen Lexikon der Schweiz (HLS) erworben und digitalisiert. Sie sind öffentlich im Internet abfragbar (e-FNB 1989) und bilden die Basis unserer Artikel. 21 Die dahinterstehende Datenbank hat uns das HLS freundlicherweise zur Verfügung gestellt, sodass wir sie in die projekteigene Datenbank integrieren konnten. 22 Die Daten des FNB (1940; 1968-1971; 1989) umfassen in allen Auf lagen drei Zeitschichten: a. vor 1800, b. 1800-1900 und c. 1901-1939 bzw. 1901-1962 (ab der zweiten Auf lage). Im Atlas beziehen wir uns auf diese Datenschichten mit den Bezeichnungen «vor 1800», «19. Jh.» und «20. Jh.». Grundsätzlich sind in den FNB- Daten für jeden FamN die Orte verzeichnet, an denen er vorkommt, d. h., an denen Personen dieses Namens ein Bürgerrecht haben. Die erste Auf lage (FNB 1940) enthält noch Einträge für Einzelpersonen, die an einem Ort den betreffenden FamN tragen. In der zweiten (FNB 1968-1971) und dritten Auf lage (FNB 1989) - somit in unseren Daten - sind Einzelpersonen nicht mehr inkludiert, da durch deren Tod oder Heirat der Name am Ort früher oder später nicht mehr vertreten ist. 23 Ebenfalls verzichtet das FNB (1940; 1968-1971; 1989) auf FamN, die zum Zeitpunkt der Datensammlung bereits ausgestorben waren. D. h., dass in unseren Daten nur solche FamN enthalten sind, die 1962 noch durch lebende Namenträger: innen in der Schweiz repräsentiert waren (inklusive solcher FamN, die heute ausgestorben sind). Dies ist zwar eine bedauerliche Beschränkung der Daten, jedoch eine pragmatisch nachvollziehbare und unumgängliche: Seit der Entstehung der FamN ab dem 12./ 13. Jh. sind unzählige FamN abgegangen. Sie alle zu sammeln, wäre aus linguistischer Sicht zwar ausserordentlich wünschenswert, würde jedoch unbezifferbare Ressourcen verlangen (vielleicht kann hier in Zukunft eine maschinelle Auswertung von 20 Für lexikalische Angaben zu historischen Sprachstufen sowie schweizerdeutschen Dialekten wurden standardmässig konsultiert: die dem Lexikon Berchtold/ Graf (i. V.) zugrunde liegende etymologische Datenbank, das DWb (1854-1961), Lexer (1872-1878) und das Id. (1881 ff.). Auf weitere Quellen wie etwa Schützeichel (2012), das EtymWB (1993) usw. wird jeweils eigens verwiesen. 21 Zu den einzelnen Auf lagen s. jeweils die darin enthaltenen Einleitungen; zur ersten Auf lage (FNB 1940) ausserdem Oehler (1939; 1941) und zur zweiten (FNB 1968-1971) Hagmann (1958). Zu den Vorteilen des FNB (1940; 1968-1971; 1989) gegenüber Telefonbuchdaten als Quelle für die Namenforschung s. Seidl (2011). 22 Unser herzlicher Dank für die wohlwollende und unkomplizierte Unterstützung gilt Christian Baumann. 23 Eine Nacherhebung der in der ersten Auf lage (FNB 1940) genannten FamN von Einzelpersonen hätte sich für unser Projekt nicht gelohnt, da diese Nennungen fast ausschliesslich die für uns weniger interessante c-Schicht und/ oder solche FamN betreffen, die auch durch andere Einträge repräsentiert sind. 14 A Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="15"?> Originaldokumenten wie Kirchenbüchern und Urbaren die Datenerfassung ermöglichen). 24 Die älteste Datenschicht (a-Schicht) des FNB (1940; 1968-1971; 1989) versammelt alle schon vor 1800 mit Bürgerrecht verzeichneten Namen. Sie umspannt damit mehrere Jahrhunderte. Beim Adel bzw. bei Patrizier: innen in den Städten können die Bürgerrechte schon sehr früh belegt sein, bspw. für den Namen von Schmid in Zürich bereits 1204, für von Wattenwyl in Bern 1226. Die meisten Einträge datieren jedoch aus späteren Jahrhunderten. Die Daten der a-Schicht zeigen gegenüber den anderen Schichten die geringste sprachgeographische Verrauschung, da noch ein relativ hoher Anteil der Namenträger: innen am Ort der Namenentstehung ansässig ist bzw. das Bürgerrecht innehat. Bei jedem Eintrag im FNB (1940; 1968-1971; 1989) ist die Angabe eingeschlossen, seit wann ein Bürgerrecht auf diesen Namen vorliegt - entweder nur als Angabe der Zeitschicht oder genauer als Angabe des Jahres der Einbürgerung. In etlichen Fällen (nämlich, wenn es bekannt war) ist zusätzlich ein «Herkunftsort» angegeben, von dem die betreffende Familie ursprünglich stammte. Die Art der Einträge sei am Beispiel Brunner gezeigt. Der Name figuriert u. a. in Küsnacht (ZH), Wiesendangen (ZH) und Zürich (ZH) pauschal «vor 1800» (= in der Schicht «a»). In Regensberg (ZH) ist Brunner mit Einbürgerung im Jahr 1770 und Herkunftsort Wiesendangen verzeichnet. Diese Daten zeigt Tabelle 1, die auf den Angaben im e-FNB (1989: s. v. Brunner) basiert. Name Kanton Gemeinde Einbürgerung Herkunftsort Brunner ZH Küsnacht a Brunner ZH Wiesendangen a Brunner ZH Regensberg 1770 (Wiesendangen ZH) Brunner ZH Zürich a Brunner ZH Zürich 1590, 1614 (Küsnacht ZH) Tabelle 1: Auszug aus den FNB-Daten zum FamN Brunner, vor 1800 Die Daten enthalten keine Angaben zur Anzahl der namentragenden Personen oder Familien. Gelegentlich kommen zwei oder mehr Einträge für einen Namen am selben Ort in derselben Datenschicht vor, wie in Tabelle 1 für Brunner in der Stadt Zürich. Generell verbirgt sich aber hinter einem Eintrag eine nicht näher bestimmte Anzahl an Personen bzw. Familien, sodass auf der Ebene einzelner Orte keine Frequenzen vorliegen. Auf der Ebene grösserer Einheiten, namentlich Bezirke oder Kantone, kann die Anzahl an Orten, in denen der betreffende FamN mit Bürgerrecht verzeichnet ist, annäherungsweise als Frequenzangabe gelesen werden - was aber nicht an die Detailliertheit echter Frequenzdaten (also solcher mit Anzahl Namenträger: innen) heranreicht. Es muss dabei auch berücksichtigt werden, dass Bezirke oder Kantone mit vielen Orten bzw. Gemeinden leichter eine hohe Anzahl an Vorkommen erreichen. Die b- und die c-Schicht verzeichnen jeweils die neuerworbenen Bürgerrechte im 19. resp. 20. Jh., meistens mit einer Angabe zur Herkunft. So findet sich bspw. Brunner in Winterthur (ZH), Einbürgerung 1851, Herkunft Zürich (ZH); ein weiterer Eintrag für Brunner in Winterthur (ZH) im 19. Jh. bleibt ohne Jahr und Herkunft (vgl. e-FNB 1989: s. v. Brunner). 25 Die b-Schicht verzeichnet also viele Fälle neuerworbener Bürgerrechte, die auf Migration - meist Schweizer Binnenmigration - zurückgehen. Sie inkludiert aber auch solche Namen, deren Träger: innen lange Zeit ohne Bürgerrecht (als sogenannte Heimatlose oder Landsassen, s. u.) am betreffenden Ort gelebt hatten und erst im 19. Jh. aufgrund des Bürgerrechtsgesetzes eingebürgert wurden (FNB 1 1940: 23-24). Diese Fälle sind für unser Projekt von genauso hohem Interesse wie die FamN der a-Schicht. Aus diesem Grund haben wir die b-Schicht vollständig auf solche FamN überprüft, bei denen es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um alte Deutschschweizer FamN handelt (Details s. u.). Die Daten der c- Schicht sind wesentlich umfangreicher als die der a- oder b-Schicht. Die vielen neuerteilten Bürgerrechte gehen einerseits auf gesteigerte Schweizer Binnenmigration zurück, andererseits - und zu einem hohen Anteil - auf Zuzug aus dem Ausland. Somit ist diese Schicht für die Erfassung des autochthonen Schweizer Familiennamenbestands kaum von Interesse. Sie eignet sich vielmehr für die Darstellung von Migration - die hier weniger im Fokus steht, aber vereinzelt zur Sprache kommt, vgl. Artikel II-4.3 «Mehrgliedrige Familiennamen mit den Zusätzen dit, soit, alias». Neben den im FNB (1940; 1968-1971; 1989) angelegten Schichten a («vor 1800»), b («19. Jh.») und c («20. Jh.») umfasst unsere Datenbank auch eine Datenschicht «Herkunft». Sie beruht ebenfalls auf FNB-Daten und soll dazu dienen, die früheste Distribution, nämlich die der a-Schicht, zu ergänzen. In diese Datenschicht haben wir nicht alles aufgenommen, was im FNB (1940; 1968-1971; 1989) unter «Herkunft» gelistet ist. Sie umfasst Einträge aus FamN und zugehörigem Herkunftsort aus den Zeitschichten a und b, jedoch nur dann, wenn dieselbe Kombination aus FamN und Ort nicht schon in der a-Schicht vorhanden ist (so würde für Brunner weder Küsnacht ZH noch Wiesendangen ZH auftauchen, da diese Kombinationen bereits in der a-Schicht vertreten sind; s. o.). Wir möchten mit der Datenschicht «Herkunft» frühe Wohnorte erfassen, die in der a-Schicht nicht figurieren, weil kein Bürgerrecht vorlag, die aber dennoch für die Herkunft eines Namens einschlägig sein können. Angaben zu Herkunftsorten aus der b-Schicht schliessen wir deshalb ein, weil manche Schweizer FamN überhaupt erst in der b-Schicht auftreten und dabei aber einen ursprünglichen Schweizer Herkunftsort verzeichnen. Ein Beispiel wäre der FamN Breiti: Er figuriert erstmals in der b-Schicht, und zwar in der Gemeinde Hitzkirch (LU), unter Verweis auf den Herkunftsort Rickenbach (LU) (vgl. e-FNB 1989: s. v. Breiti). Die Karten des Atlas basieren überwiegend auf der a-Schicht oder einer Kombination aus a-Schicht und «Herkunft». Dies bringt die Ursprungsorte eines Phänomens i. d. R. am besten zur Geltung, in den Daten von 2020 ist oft die Verrauschung durch Migration zu hoch (in manchen Fällen bringen jedoch die Daten von 2020 aufgrund der 24 Ein Eindruck über den Umfang der abgegangenen FamN lässt sich aus der in Oehler (1939: 21-22) beigefügten Liste des Zivilstandsbeamten Leo Hof zu «lebenden und ausgestorbenen» Namen von Bürgergeschlechtern der Gemeinde Zwingen im Berner Jura gewinnen. Obschon sich damit erahnen lässt, wie viele FamN dem Projekt durch die Beschränkung auf die Daten des FNB (1989) entgangen sein müssen, sind wir dennoch überzeugt, die wichtigsten grammatischen und lexikalischen Themen erfasst zu haben - wenn auch nur exemplarisch anhand jener FamN, die bis 1962 nicht abgegangen waren. 25 Die einzelnen Migrationsverläufe - die manchmal wiederholte Migration einer Familie durch die drei Zeitschichten vermuten lassen - können wir im Atlas nicht darstellen, da unser Fokus nicht auf Einzelfällen liegt und die Datenbank entsprechend nicht dazu ausgelegt ist, solche zu verfolgen. Karten mit entsprechenden Migrationspfeilen lassen sich auf familiennamen.ch (o. J.) anzeigen. 4 Datengrundlage 15 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="16"?> Frequenzen Namenräume besser zum Vorschein, vgl. die erste und die zweite Karte im Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī»). 26 Die Entscheidung über die Nutzung der Datenschichten liegt stets im Ermessen der Redaktor: innen und kann nicht überall erläutert werden; jeder Beitrag ist das Ergebnis sorgfältiger redaktioneller Abwägungen und Entscheidungen. Die Schicht «Herkunft» bringt manchmal Fälle mit sich, die nicht zu einem klareren Bild beitragen, bspw. weil sie auf Migration zurückgehen. Eine andere Möglichkeit, den autochthon Deutschschweizer Namen gerecht zu werden, die erst in der b-Schicht auftauchen, ist der gezielte Einschluss ausgewählter EinzelN. Für diesen Zweck haben wir den relevanten Teil der b-Schicht-Namen daraufhin untersucht, ob es sich um autochthone Deutschschweizer FamN handeln könnte (also eine Analyse auf ‘Helvetizität’). Der relevante Teil besteht aus 2'216 FamN, die in der b-Schicht neu auftauchen und für die keine Herkunft aus dem Ausland vermerkt ist. Darunter sind auch romanischsprachige FamN wie Castagnola oder Chatelet, die wir bei der Analyse weitgehend unberücksichtigt liessen. Unter den deutschsprachigen FamN haben wir 362 als höchstwahrscheinlich schweizerischen Ursprungs identifiziert. Häufig - nämlich in 291 Fällen - erwies sich ein FamN geographisch und/ oder formal klar als Variante eines bereits in der a-Schicht dokumentierten FamN. Bspw. stellt sich Kaeslin (Basel BS seit 1866, Herkunft Beckenried NW) zum FamN Käslin, der in Beckenried (NW) alteingesessen ist (vgl. e-FNB 1989: s. v. Kaeslin, Käslin). Die Schreibvarianten sind i. d. R. mit Migration an einen anderen Ort in Verbindung zu bringen. V. a. die folgenden zwei Artikel behandeln die formalen Adaptionen als zentralen Gegenstand und schöpfen aus dieser Quelle (d. h. der Helvetizitätsanalyse): Der Artikel I-3.2 «Graphematische Adaptionen bei Migration innerhalb der Deutschschweiz» behandelt Fälle wie Kaeslin. In einem weiteren Artikel steht die Integration fremdsprachiger FamN (s. Artikel I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische») im Fokus. Hier werden Fälle wie die französisierte Form Schwitzguébel aus dt. Schwizgebel (etymologisch Schwyz + Gäbel zu Gabriel ) behandelt. Weitere 71 FamN wurden aufgrund von Angaben in der Literatur sowie sprachlichen und/ oder geographischen Merkmalen als einschlägig identifiziert. Bspw. lässt sich der FamN Birsfelder (Muttenz BL, 1843) zu mehreren Flur- und SiedlungsN Birsfeld(en) in Basel- Stadt und Basel-Landschaft stellen, während er für Deutschland in der Datenbank des DFA (2009-2018) nicht belegt ist. Diese Namen sind interessant, da es sich bei ihnen um autochthone Deutschschweizer FamN handeln dürfte, die allein aufgrund fehlenden Bürgerrechts nicht in der a-Schicht auftauchen. Im Jahr 1850 wurde das «Bundesgesetz, die Heimathlosigkeit [sic! ] betreffend» geschaffen (Holenstein/ Kury/ Schulz 2018: 152-154; vgl. auch Weingart 1942a: 68). Dieses sah vor, dass alle Kantone ihren «Heimatlosen» - also Personen ohne Gemeindebürgerrecht - ein solches zu verschaffen hatten. Kantonale Gesetze und Massnahmen folgten. So wurde bspw. im Kanton Bern 1861 der Status der Landsassen und Heimatlosen abgeschafft, die betreffenden Personen über bestimmte Verfahren verschiedenen Gemeinden zugeteilt (Weingart 1942a: 69). Ein Beispiel ist der Name Klötzli: Er lässt nicht nur morphologisch einen helvetischen Ursprung vermuten, sondern findet sich auch in Weingarts (1942b: 112) «Verzeichnis der bernischen Landsassen und Heimatlosen eingebürgert 1861» unter der Rubrik «ewige Einwohner». 27 Zu diesem Namen liegen 17 Einträge in der b-Schicht vor, was Einbürgerungen in 17 verschiedenen Berner Gemeinden widerspiegelt (vgl. e-FNB 1989: s. v. Klötzli). Die Heimatlosen machten um 1850 «rund ein Prozent der Bevölkerung» aus (Holenstein/ Kury/ Schulz 2018: 154); somit dürfte ihr Fehlen in der a-Schicht die Kartenbilder nicht zu stark beeinträchtigen. Dennoch haben wir uns bemüht, die als höchstwahrscheinlich helvetisch identifizierten FamN der b- Schicht wo möglich in die Artikel zu integrieren. 4.2 Datenschichten im Überblick Die unten stehende Übersichtstabelle (Tabelle 2) fasst die wichtigsten Informationen zu den historischen Datenschichten zusammen und integriert zugleich die drei Datenschichten von 2020, die im Anschluss genauer erläutert werden. In der ersten Spalte ist in Anführungszeichen die Bezeichnung jeder Datenschicht genannt, die wir in den Artikeln des Atlas verwenden. In Tabelle 2 sind diejenigen Typezahlen fett hervorgehoben, die für uns besonders relevant sind: Die 7'876 deutschsprachigen FamN der a-Schicht bilden zusammen mit den 362 als Deutschschweizer FamN der b-Schicht identifizierten FamN den Kernbestand der alteingesessenen Deutschschweizer FamN, der für uns im Zentrum des Interesses steht. Das Attribut «alteingesessen» koppeln wir also, bedingt durch die Schichtenbildung im FNB (1940; 1968-1971; 1989), an ein vor 1800 vorhandenes Bürgerrecht und somit an eine willkürliche Jahreszahl. Es sind dabei auch Fälle von Zuwanderung bis 1799 eingeschlossen, bspw. der FamN Waldvogel in Schwyz SZ seit 1798, Herkunft Österreich (vgl. e-FNB 1989: s. v. Waldvogel ). Dies mag sich nicht mit der umgangssprachlichen Vorstellung von «alteingesessen» decken - die sich oft auf einen noch längeren Zeitraum beziehen dürfte -, ist aber dadurch zu rechtfertigen, dass Migration immer schon ein Teil der sprachlichen und kulturellen Realität war und es schlichtweg nicht möglich ist, für jeden der rund 8'000 relevanten Namen festzulegen, ob er über Jahrhunderte ‘migrationsfrei’ und ‘echt helvetisch’ sei (weil diese Attribute ohnehin weitgehend Konstrukte wären). Ebenfalls als Übersichtstabelle konzipiert ist Tabelle 3. Sie enthält die 50 häufigsten FamN für die historische Schicht «vor 1800» sowie die rezente Schicht «2020» und führt die jeweiligen Tokens an. Ergänzend zu der vorliegenden Zusammenstellung werden in den Artikeln im Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle» je die drei häufigsten FamN der kartierten Namenauswahl für die Schicht «2020» genannt. Wo angezeigt, thematisieren wir auch die Häufigkeit von spezifischen FamN in der Schicht «vor 1800». 4.3 Rezente Datenschichten Die rezenten Datenschichten entstammen der Bevölkerungsstatistik 2020 (STATPOP 2020) des Bundesamts für Statistik (BFS), dessen zuständige Mitarbeiter: innen sie uns freundlicherweise und unter hohen Sicherheitsauf lagen zur Verfügung gestellt haben. 28 In einem 26 Weitere Vergleiche zwischen historischen und rezenten Daten finden sich in Artikeln des Kapitels II-3 «Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel». 27 Gemeint sind Personen, die - bisweilen mit kantonalem, aber ohne kommunalem Bürgerrecht - an einem Ort sesshaft waren, jedoch «ohne Nutzniessungsrecht [oder] Anteilh [sic! ] an irgend einem gemeinen Guth [sic! ]» (Weingart 1942b: 104). 28 Unser herzlicher Dank für ihr Interesse, ihr Vertrauen und ihre Unterstützung gilt Kathrin Freire, Christoph Freymond und Cédric Grandchamp. 16 A Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="17"?> Vertrag über die Nutzung der Daten wurde zur Gewährleistung des Datenschutzes festgelegt, dass keine Ergebnisse veröffentlicht werden, die auf weniger als fünf Beobachtungen beruhen. 29 Die ursprüngliche Quelle dieser beim BFS gesammelten Daten sind die Aufzeichnungen der Zivilstandsämter (Stand 31.12.2020). In allen drei BFS-Schichten entspricht ein Datensatz (= 1 Token) einer Namenträgerin bzw. einem Namenträger. Somit verfügen die Daten über echte Frequenzen, was hilfreich sein kann, um die Kerngebiete eines Phänomens gegenüber nur mässig oder gering beteiligten Gebieten zur Geltung zu bringen (vgl. z. B. die entsprechenden Karten im Kapitel II-3 «Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel»). In dem an uns gelieferten Datenpaket sind sämtliche Personen vertreten, die 2020 in der Schweiz zur ständigen Wohnbevölkerung zählten. Dies schliesst einerseits Schweizer Staatsbürger: innen und andererseits dauerhaft in der Schweiz lebende Personen ein (letztere sind v. a. Aufenthalter: innen und Niedergelassene, also Personen mit Bresp. C-Ausweis; nicht enthalten sind u. a. Kurzaufenthalter: innen und Asylsuchende). Die beiden Bevölkerungsgruppen sind separat gefasst in den Schichten «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen) und «2020 nicht-CH» (sonstige ständige Wohnbevölkerung), was sich angesichts unseres Kerninteresses an Schweizer FamN als sinnvolle Partitionierung erweist. 30 Die beiden genannten Datenschichten beziehen sich auf die Wohnorte. Für die Gruppe der Schweizer Staatsbürger: innen gibt es zusätzlich noch die Datenschicht «2020 Heimatorte», die stattdessen jeweils den Heimatort verzeichnet. Der Begriff Heimatort meint im Schweizer Kontext die «Gemeinde, in der ein Schweizer bzw. eine Schweizerin das Bürgerrecht besitzt» (Ammon/ Bickel/ Lenz 2016: 325). Es handelt sich hier also um die gleiche Art von Ortsinformation, wie sie auch in den historischen Datenschichten vorliegt. Der Heimatort entspricht heute allerdings nicht mehr zwingend dem Geburtsort und/ oder dem Wohnort, sondern lässt sich eher als die Gemeinde der Vorfahren beschreiben. Der Heimatort wird genauso vererbt wie der FamN (früher durch den Vater, heute wahlweise durch einen Elternteil), was ihn für die Kartierung von FamN besonders interessant macht. In dieser Schicht liegen somit Daten Datenschicht Eigenschaften Tokens = Datensatz Types = Anzahl verschiedener Namen FNB-a-Schicht = «vor 1800» Verzeichnet Bürgerrechte eines Namens an einem Ort (ohne Einzelpersonen, ohne Anzahl Namenträger: innen, ohne vor 1962 abgegangene Namen) 48'152 15'417 Davon deutschsprachig: ca. 7'876 «Herkunft» (Quelle: FNB 1989, eigene Einschränkungen) Ergänzungsdatenschicht: Hier fassen wir die Angaben zu «Herkunftsorten» zusammen, die für a- und b-Schicht-Namen vorliegen, sofern die Kombination aus Ort und Name nicht schon in der a-Schicht vorkommt. 12'867 Davon Herkunft CH: 3'145 8'279 Davon Herkunft CH: 2'163 Davon neu gegenüber a-Schicht: 655 FNB-b-Schicht = «19. Jh.» Wie a-Schicht, doch nur zwischen 1800 und 1900 neu verzeichnete Bürgerrechte 29'229 12'544 Davon neu gegenüber a-Schicht, Herkunft CH oder unbekannt: 2'216 Davon deutschsprachig und ‘helvetisch’: 362 FNB-c-Schicht = «20. Jh.» Wie a-Schicht, doch nur zwischen 1901 und 1962 neu verzeichnete Bürgerrechte 134'775 35'605 Davon neu gegenüber a- und b-Schicht: 4'346 BFS-CH 2020 = «2020» Vom BFS für unser Projekt bereitgestellte Daten der Bevölkerungsstatistik 2020 (STATPOP 2020) 1 Datensatz entspricht 1 Einwohner: in mit Schweizer Staatsbürgerschaft + zugehörigem Wohnort 6'458'467 466'035 BFS-Heimatorte 2020 = «2020 Heimatorte» Wie «2020», aber 1 Datensatz entspricht 1 Einwohner: in mit Schweizer Staatsbürgerschaft + zugehörigem Heimatort 6'458'467 466'035 BFS-nicht-CH 2020 = «2020 nicht-CH» Wie «2020», aber 1 Datensatz entspricht 1 Einwohner: in ohne Schweizer Staatsbürgerschaft + zugehörigem Wohnort 2'104'698 591'419 Tabelle 2: Übersicht der sieben Datenschichten mit Merkmalen und Umfang 29 Aus Datenschutzgründen können wir diese Daten nicht öffentlich zur Verfügung stellen. Wir verweisen jedoch auf das vom BFS bereitgestellte Angebot «Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung für die Schweiz nach Sprachregion für das Jahr 2024» (BFS 2025: STATPOP 2024). Dieser Datensatz enthält alle FamN mit drei oder mehr Namenträger: innen. 30 Die ausgesprochen hohen Typezahlen der BFS-Datenschichten (vgl. Tabelle 2) gegenüber den historischen Daten erklären sich einerseits durch Zuwanderung seit 1962, andererseits durch grosse Mengen an Heirats-DoppelN, die oft nur einmalig belegt sind. 4 Datengrundlage 17 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="18"?> vor, die einerseits Frequenzen haben, wie es nur bei rezenten Daten möglich ist, sich aber andererseits durch das System der Heimatorte noch näher am hier interessierenden historischen Stand befinden als die Wohnortdaten der Schicht «2020». Ein rein historisches Bild erhält man allerdings nicht, denn bei Umzügen oder Heirat kann sich der Heimatort geändert haben. 31 Ausserdem enthält die Datenschicht «2020 Heimatorte» auch alle Personen, die zwischen 1800 und 2020 aus dem Ausland eingewandert sind und in einer Schweizer Gemeinde eingebürgert wurden. Sofern es sich um FamN handelt, die homograph mit den von uns ausgewählten FamN sind (also i. d. R. deutschsprachige), lassen sie sich nicht mehr von Fällen alteingesessener Schweizer FamN unterscheiden. Aus diesen Gründen hat sich in der Praxis oft gezeigt, dass eine Kartierung der a-Schicht doch ein klareres Bild abgibt als eine der Schicht «2020 Heimatorte». 4.4 Etymologische Datenbank Mit «etymologische Datenbank» meinen wir hier und im gesamten Atlas immer diejenige, die dem Projekt «Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon» (Berchtold/ Graf i. V.; s. auch Graf 2019) zugehört. Diese Datenbank enthält alle FamN der a-Schicht. In einer Kooperation zwischen beiden Projekten wurden die schon sehr weit gediehenen Einträge bezüglich der nachfolgend beschriebenen drei Kategorien weiterbearbeitet bzw. fertiggestellt. 32 All diese Informationen wurden dann regelmässig in die Datenbank des FDS-Kartierungsprogramms eingespeist, sodass sie auch über dieses abfragbar sind. 33 1. Sämtliche 15'417 FamN sind bezüglich der Sprache kategorisiert. So sind bspw. die FamN Bau(e)r/ Bur/ Paur als deutsch eingeteilt; hybride FamN sind allen beteiligten Sprachen zugeteilt, z. B. Cahenzli (← rätorom. casa ‘Haus’ + dt. Henzli) als deutsch und rätoromanisch. 2. Alle deutschund/ oder rätoromanischsprachigen Schweizer FamN sind mit einer etymologischen Rang Schicht «vor 1800» Tokens = Anzahl Bürgerrechtseinträge Rang Schicht «2020» Tokens = Anzahl Einwohner: innen 1 Müller 431 1 Müller 49'935 2 Meier 300 2 Meier 32'070 3 Schmid 273 3 Schmid 29'436 4 Keller 225 4 Keller 22'369 5 Huber 208 5 Weber 18'880 6 Meyer 181 6 Huber 17'351 7 Weber 176 7 Schneider 17'138 8 Brunner 146 8 Steiner 16'671 9 Baumann 138 9 Meyer 16'311 10 Frei 131 10 Gerber 14'517 11 Schneider 128 11 Baumann 13'881 12 Steiner 118 12 Brunner 13'852 13 Wyss 111 13 Frei 13'758 14 Widmer 107 14 Fischer 13'539 15 Roth 99 15 Moser 13'103 16 Bühler 96 16 Zimmermann 13'022 17 Frey 94 17 Widmer 12'484 18 Zimmermann 94 18 Graf 12'393 19 Suter 90 19 Wyss 12'265 20 Moser 89 20 Roth 10'905 21 Kaufmann 85 21 Suter 10'634 22 Bachmann 82 22 Bucher 10'554 23 Fischer 82 23 Baumgartner 10'536 24 Graf 80 24 Bachmann 10'478 25 Peter 79 25 Studer 9'947 26 Schweizer 78 26 Lüthi 9'858 Rang Schicht «vor 1800» Tokens = Anzahl Bürgerrechtseinträge Rang Schicht «2020» Tokens = Anzahl Einwohner: innen 27 Baumgartner 77 27 Kaufmann 9'806 28 Kunz 75 28 Bühler 9'569 29 Bucher 74 29 Berger 9'508 30 Hug 74 30 Kunz 9'286 31 Favre 72 31 Hofer 9'025 32 Pfister 70 32 Marti 8'856 33 Studer 69 33 Lehmann 8'776 34 Furrer 66 34 Christen 8'421 35 Marti 66 35 Wüthrich 8'225 36 Lehmann 64 36 Arnold 8'101 37 Maurer 64 37 Frey 7'889 38 Egli 63 38 Egli 7'807 39 Senn 62 39 Koch 7'744 40 Hartmann 58 40 Zürcher 7'506 41 Hofmann 58 41 Pfister 7'164 42 Ammann 57 42 Stalder 7'131 43 Näf 55 43 Gasser 7'128 44 Sutter 55 44 Schweizer 6'988 45 Fuchs 53 45 Koller 6'982 46 Tanner 53 46 Fuchs 6'962 47 Koch 52 47 Bieri 6'826 48 Küng 52 48 Wenger 6'756 49 Michel 52 49 Peter 6'711 50 Hofer 51 50 Kohler Burri 6'688 6'688 Tabelle 3: Häufigste FamN der Schweiz in den Schichten «vor 1800» und «2020» 31 Eine kleine, nicht-repräsentative Probeauswertung lässt annehmen, dass sich der Anteil derjenigen Bürger: innen, deren Heimatort noch einem Bürgerort der a-Schicht entspricht, etwa um drei Viertel bewegen dürfte. 32 Wir bedanken uns herzlich bei Martin Hannes Graf für die unkomplizierte, konstruktive und wohlwollende Zusammenarbeit, die ein besonderer Glücksfall für unser Projekt war. 33 Die Kategorisierungen wie auch die etymologischen Beschreibungen unterlagen bzw. unterliegen laufender Überarbeitung, was in den Artikeln jeweils durch die Angabe des Abfragedatums Berücksichtigung findet. Unser herzlicher Dank gilt Dieter Studer-Joho, der uns als Programmierer der etymologischen Datenbank mit Rat und Tat zur Seite stand und freundlicherweise immer wieder einen Daten-Dump bereitstellte, der in die Datenbank des FDS-Kartierungsprogramms eingespeist werden konnte. 18 A Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="19"?> Beschreibung versehen. 34 Diese kann in der etymologischen Datenbank selbst wie auch in unserem Kartierungsprogramm durchsucht werden. So ist bspw. eine Abfrage nach all jenen FamN möglich, in deren etymologischem Eintrag das Wort Eisen vorkommt, was z. B. beim rätoromanischen FamN Fratschöl (zu lat. ferrum ‘Eisen’ für den Schmied) oder beim deutschen FamN Wildisen (aus mhd. wilde, wilt ‘ungezähmt, wild’ und mhd. īsen ‘Eisen, Waffe, Rüstung’ für den Waffenschmied) der Fall ist. 3. Alle etymologisierten FamN sind auch auf ihr Benennungsmotiv hin annotiert. Dies umfasst die fünf klassischen Benennungsmotive (FamN aus Ruf N, HerkunftsN, WohnstättenN, BerufsN, ÜberN; zu Genauerem s. Abschnitt 7.1 «Benennungsmotive»), allerdings werden hier Metronyme (FamN nach einem weiblichen Ruf N) und BerufsüberN (nach einem Produkt, einer Begleiterscheinung o. ä. wie Hammer für den Schmied) separat geführt. Zudem sind die beiden Kategorien «Sonstige» und «Problemfall» enthalten - erstere für FamN, bei denen zwei oder mehr Benennungsmotive gleich wahrscheinlich sind (z. B. Affolter als Wohnstätten- oder HerkunftsN zu einem der häufigen Toponyme Affoltern zu mhd. apfalter, affalter ‘Apfelbaum’), 35 letztere für solche FamN, bei denen die Deutung insgesamt problematisch ist, v. a. weil sich das zugrunde liegende Etymon nicht eindeutig klären lässt. Die etymologische Datenbank bietet ausserdem ein Suchtool, mit dem sich Namenpaare finden lassen, die sich nur in einem definierten Graphem oder einer definierten Graphemfolge unterscheiden. Das Tool wurde beim Zusammenstellen von Namensamples häufig genutzt, die Resultate erfordern jedoch stets philologisches Nachfiltern. So liefert die Anfrage <au> vs. <u> - die man etwa mit Blick auf graphisch (nicht-)realisierte frühneuhochdeutsche Diphthongierung stellen könnte - neben echten Dubletten wie Baumann / Bumann auch etymologisch nicht-zusammengehörige Fälle wie Gaugler zu schwzdt. Gaug(g)ler ‘Spassmacher, Narr’ und Gugler zu mhd. gugel(e) ‘Kapuze’. Zwischen den Artikeln des vorliegenden Atlas und der etymologischen Datenbank besteht auch insofern eine enge Verzahnung, als wir i. d. R. nur exemplarische Etymologien anbieten können (gerade bei grossen Samples mit mehreren Dutzend oder gar mehreren Hundert FamN) und auch diese oft nur in verkürzter Form. Für vollständige Etymologien verweisen wir generell auf Berchtold/ Graf (i. V.). Auch wenn die Leserschaft sich an manchen Stellen weitere Etymologien wünschen mag, hätte es doch den Rahmen des Atlas gesprengt, alle behandelten FamN zu etymologisieren - was ausserdem Redundanzen gegenüber Berchtold/ Graf (i. V.) mit sich gebracht hätte. Wir verweisen also stattdessen auf dieses Werk, dessen Veröffentlichung für die nahe Zukunft geplant ist; zudem finden sich die Etymologien der 100 häufigsten FamN sowie vieler weiterer ausgewählter Fälle bereits auf familiennamen.ch (o. J.). Zusätzlich sei auf die regionalen Namenbücher verwiesen, die in Abschnitt 2.1 «Forschungsstand» genannt sind. 5 Kartierung Im Folgenden werden die Grundlagen des projekteigenen Kartierungsprogramms erläutert, sodass das Vorgehen bei der Kartierung und v. a. die resultierenden Karten nachvollzogen werden können. 5.1 Grundkarte des Atlas Karte 1 zeigt die Grundkarte des FDS, in die die ausgewählten FamN als Flächen und/ oder Kreise eingetragen werden. Das Kartenmaterial stammt aus zwei Online-Angeboten des Bundesamts für Landestopografie (kurz «swisstopo»). 36 Grundsätzlich arbeiten wir mit geographischen Einheiten der Gegenwart, auch wenn politische Grenzen und Einheiten sich seit der Zeit der Familiennamenentstehung geändert haben. 37 Es wäre nicht möglich gewesen, für jedes Namendatum die geographischen Gegebenheiten seiner Zeit abzubilden, schon allein deshalb nicht, weil unsere Namendaten - insbesondere die Daten der relevantesten Schicht «vor 1800» - bereits in sich zeitlich heterogen sind. Hinzu kommt, dass für das Kartierungsprogramm eine pragmatische Lösung bezüglich bereits vorliegender Geodaten benötigt wurde. Die Grundkarte (Karte 1) zeigt die Schweiz in ihren heutigen Landesgrenzen mit den wichtigsten Seen und Flüssen, wobei diese zur besseren Wiedererkennbarkeit stellenweise über die Landesgrenzen hinausragen. Zur Orientierung im Raum blenden wir in den meisten Karten die Kantonsgrenzen (Stand 2012) und die Kantonskürzel (s. Abschnitt 8.7 «Kantone») ein, da die Kantone bis heute als sozial und dialektal bedeutende Gliederungseinheiten fungieren. Auf eine Beschriftung der Städte verzichten wir aus Gründen der Übersichtlichkeit. Defaultmässig sind die zehn grössten Städte als Quadrat angezeigt; es sind dies im Uhrzeigersinn und im Westen beginnend: Genf (GE), Lausanne (VD), Bern (BE), Biel (BE), Basel (BS), Luzern (LU), Zürich (ZH), Winterthur (ZH), St. Gallen (SG) und schliesslich Lugano (TI). 38 Die Fläche der Schweiz ist mit einer 34 Die rätoromanischen FamN sind eingeschlossen, da sie im RNB 3 (1986) gedeutet sind, die italienisch- und französischsprachigen FamN dagegen bisher weitgehend aussen vor gelassen, da hier der Forschungsstand dürftiger ist und tiefere Nachforschungen notwendig wären (vgl. Abschnitt 2.1 «Forschungsstand»). 35 Für FamN aus Toponymen lässt sich häufig nicht zwischen Wohnstätten- und HerkunftsN unterscheiden, was wir in den einschlägigen Artikeln entsprechend ref lektieren. Darüber hinaus scheinen ambige Motivzuordnungen oder konkurrierende Deutungen etwas seltener aufzutreten als im DFA (2009-2018), was mit dem kleineren Einzugsgebiet zu tun haben könnte (vgl. z. B. die fünf Deutungsmöglichkeiten für Berner in Kunze 2004: 154, derer einige regional beschränkt sind, indem sie auf Toponyme wie Bern(e) Bezug nehmen oder Entrundung oder Metathese voraussetzen, z. B. Börner zu Born ‘Brunnen, Quelle’). 36 Die Daten für die Feinheitsgrade Land, Kanton, Bezirk und Gemeinde (s. Abschnitt 5.3 «Kartierungsprogramm») und für die Topographie im Hintergrund stammen von swisstopo (2022b); verwendet wurde die Datenversion von Januar 2022. Die Daten wurden unsererseits wie folgt nachbearbeitet: 1. Oberlangenegg und Unterlangenegg (BE) wurden kombiniert, weil die meisten Einwohner: innen im Ort Schwarzenegg leben und die geographische Aufteilung von Schwarzenegg auf die beiden Gemeinden mit unserem Material nicht sauber abbildbar ist. 2. Das Gebiet für den Staatswald Galm wurde den Einheiten Bezirk See, Kanton Freiburg und Land Schweiz zugewiesen. 3. Die Punktgeometrien für die Anzeige der Kreisdiagramme wurden aus der Flächengeometrie berechnet, und zwar so, dass die Kreise für Gemeinden, deren Gemeindegebiet Wasserf lächen enthält, auf dem Land liegen. Die Daten für den Feinheitsgrad historische Gemeinde (s. Abschnitt 5.3 «Kartierungsprogramm») stammen von swisstopo (2022a), ebenfalls in der Datenversion von Januar 2022. Die Punktgeometrie auf diesem Level wurde ebenfalls wie oben unter 3. beschrieben nachbearbeitet. 37 Für historische Karten zu territorialen Entwicklungen vgl. Zanoli/ Walter (2022). 38 Die Städtequadrate sind jeweils im geometrischen Zentrum des heutigen Gemeindegebiets platziert; ebenso die Kreisdiagramme des Feinheitsgrads Gemeinde, vgl. dazu Abschnitt 5.3 «Kartierungsprogramm». Für Kreisdiagramme der feinkörnigeren Ebene historische Gemeinde legen wir jedoch die Koordinaten des Ortszentrums zugrunde, die für diesen Feinheitsgrad vorliegen. Dies 5 Kartierung 19 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="20"?> topographischen Schattierung unterlegt, was zwar bisweilen mit Flächendarstellungen der Namen konkurrieren mag, aber für ein geographisches Verständnis der Schweiz wichtig ist, prägen doch die Berge wesentlich die Raumstruktur und die Verkehrswege. Die topographische Schattierung ist regulierbar von 0 (unsichtbar) bis 100 (sehr plastisch) und steht in Karte 1 auf dem Defaultwert 38. Für die Karten des Atlas wurden hier verschiedene Werte gewählt, je nachdem, ob die Topographie als wichtig hervorgehoben oder, wenn störend, etwas abgeblendet werden sollte. Für die FDS-Karten wurde in den meisten Fällen eine Gesamtdarstellung der Schweiz im dazu passenden Format 3: 2 gewählt. In manchen Fällen - wenn sich das Phänomen auf bestimmte Teile des Landes beschränkt - wurde stattdessen eine Ausschnittskarte erstellt, die die relevante Region vergrössert und andere Teile der Schweiz ausblendet. Diese Karten können auch die Formate 4: 3 oder 16: 9 haben. 5.2 Sprachen- und Grossräume der Schweiz In den Beschreibungen der Kartenbilder nehmen wir bei Bedarf auch Bezug auf weitere Gliederungsebenen der Schweiz, ohne dass wir diese zusätzlich in den Karten anzeigen könnten. Eine wichtige Einteilung ist die nach den vier Landessprachen. Wir verzichten auf deren Darstellung in unseren Karten, da eine Flächendarstellung mit jener der Namen und eine Liniendarstellung mit jener der Kantone zu stark konkurrieren würde. Zudem haben sich die Sprachgrenzen diachron etwas verschoben und schliesslich sind in den Sprachkontaktzonen viele Bezirke oder Gemeinden gemischtsprachig, was eine adäquate Darstellung in unseren Karten zusätzlich erschwert hätte. Daher zeigen wir an dieser Stelle eine Karte aus dem Web-Angebot des BFS (2019a), und zwar diejenige für das früheste verfügbare Jahr - 1860 (vgl. Karte 2). 39 Dargestellt ist pro Gemeinde die dominante der vier Landessprachen (blau für Französisch, rot für Deutsch, orange für Rätoromanisch und grün für Italienisch). Eine blassere Schattierung bedeutet, dass der Anteil der dominanten Sprache bei unter 80 % oder gar unter 60 % liegt. Vergleicht man Karte 2 mit der jüngsten verfügbaren Kartierung von 2010-2014 (vgl. BFS 2019b), fällt v. a. die Verdrängung des Rätoromanischen durch das Deutsche ins Auge, am grossf lächigsten im Oberengadin. Karte 1: Grundkarte des FDS (Datenquellen: swisstopo 2022a, 2022b) hat bspw. den Vorteil, dass Kreisdiagramme für Gemeinden in den Alpentälern tatsächlich die Lage des Ortes selbst (meist im Talgrund) anzeigen. Als Konsequenz sind allerdings die Kreisdiagramme dieses Feinheitsgrads nicht konzentrisch mit den Städtequadraten. Dies betrifft nur die grossen, mit Quadrat markierten Gemeinden, sofern auf diese überhaupt Kreisdiagramme entfallen. Die Abweichung fällt optisch v. a. bei der Stadt Bern auf, deren heutiges Gemeindegebiet sich einseitig weit nach Westen erstreckt, sodass Stadtkern und geometrisches Zentrum deutlich in der Lage differieren. 39 Bilddatei mit freundlicher Genehmigung des BFS erhalten am 24.09.2024. 20 A Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="21"?> Des Weiteren verwenden wir zur Beschreibung der Kartenbilder gängige Termini, die grössere Räume der Schweiz benennen. Mit Ostschweiz beziehen wir uns auf eine Region, die die folgenden Kantone umfasst: Schaffhausen, Thurgau, St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, Glarus und Graubünden. Der Begriff Nordostschweiz wiederum umfasst die Kantone Zürich, Schaffhausen, Thurgau, St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden und Glarus, wobei letzterer Kanton bisweilen auch zusammen mit Graubünden und den südlichen Teilen des Kantons St. Gallen der Südostschweiz zugeordnet wird. Ein im Atlas wie andernorts häufig gebrauchter Begriff ist Innerschweiz resp. synonym dazu Zentralschweiz (vgl. e-HLS 2015: s. v. Innerschweiz (Zentralschweiz)). Zu diesem Grossraum zählen die Kantone Luzern, Obwalden, Nidwalden, Zug, Schwyz und Uri. Der Begriff Nordwestschweiz beschreibt ein Gebiet bestehend aus den Kantonen Basel- Stadt und Basel-Landschaft sowie aus den Kantonen (oder im engeren Sinne aus einigen Bezirken der Kantone) Aargau und Solothurn. Der gängige Terminus Romandie bezeichnet die französischsprachige Schweiz (vgl. Ammon/ Bickel/ Lenz 2016: 602). Eine weitere wichtige Gliederung der Schweiz ist die entlang der Gebirge verlaufende geographische Dreiteilung in Jura - Mittelland - Alpen (vgl. e-HLS 2009: s. v. Mittelland (Region); e-HLS 2013: s. v. Alpen; e-HLS 2019: s. v. Jura (Region)). 40 In Karte 3 sind diese drei Räume in Grün, Hellbraun und Beige dargestellt. Die Aufteilung ist deshalb so wichtig, weil das Mittelland sehr viel stärker besiedelt ist als die Gebirgsräume, was bei absoluten Namendistributionen immer berücksichtigt werden muss. 5.3 Kartierungsprogramm Beim projekteigenen Kartierungsprogramm handelt es sich um eine javabasierte Web-Applikation. Diese wurde von Tivano Software GmbH - unter hauptsächlicher Mitwirkung von Richard Kunze (Backend und Systemarchitektur) und Joshua Brutscher (Frontend) - in Kooperation mit der Herausgeberin (konzeptionelle Mitwirkung, Koordination der Nutzererfahrungen) entwickelt (Kunze/ Brutscher/ Kempf 2024). Die folgenden Abschnitte beschreiben die klassische Kartierung ausgewählter Namen(gruppen) mittels Kreis- oder Flächendarstellung, wie sie sich schon in anderen Atlanten bewährt hat Karte 2: Sprachregionen der Schweiz 1860 (Quelle: BFS 2019a) 40 Zum Begriff Voralpen, der die klassische Dreiteilung teilweise ergänzt, vgl. e-HLS (2015: s. v. Voralpen). 5 Kartierung 21 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="22"?> (vgl. Abschnitt 2.1 «Forschungsstand»). Darüber hinaus umfasst die Applikation auch eine Methode zur geostatistisch basierten Clusterkartierung. Da diese jedoch noch nicht ausreichend erprobt ist und im Atlas nicht zum Einsatz kommt, verweisen wir hier lediglich auf geplante Folgepublikationen zu diesem Thema. Erstellen der Namenfilter: Zu Beginn jeder Kartierung erstellt die Nutzerin bzw. der Nutzer die gewünschten Filter. Diese entsprechen den Namen(gruppen), die später in der Karte separat dargestellt und entsprechend in der Kartenlegende aufgeführt werden (z. B. Filter 1: FamN auf -li, Filter 2: FamN auf -le). Beim Anlegen eines Filters stehen mehrere Abfragefelder zur Verfügung, in denen über reguläre Ausdrücke oder Dropdownmenüs die Variablen unserer Datenbank angesteuert werden. Bezüglich der Namenauswahl hat es sich bewährt, diese vorgängig mithilfe der etymologischen Datenbank genau zu ermitteln und dann gezielt so - also als Liste aller ausgewählter Namen im Suchausdruck - einzugeben. Grundsätzlich erlauben aber sowohl die etymologische Datenbank als auch unser Kartierungsprogramm die Namensuche mittels regulären Ausdrucks und die gleichzeitige Einschränkung der Sprache. So würde man für le-Diminutive wie Strässle den Ausdruck «.*le» (‘endet mit den Buchstaben <le>’) eingeben und mit «Sprache = Deutsch» Fehltreffer wie frz. Belleville ausschliessen. Weitere Fehltreffer wie Indermühle oder Grenzfälle wie Dudle (zu schwzdt. dūd(e)le(n) ‘auf der Sackpfeife spielen u. ä.’) müssen durch philologische Auswertung ein- oder (hier eher) ausgeschlossen werden. Zusätzlich oder alternativ lässt sich der Filter über die Abfragefelder «Namentyp» (entspricht dem Benennungsmotiv), «Etymologie», «Ort» und «Datenschicht» weiter einschränken. Man könnte also bspw. einen Filter für deutschsprachige FamN auf -le erstellen, die in der Schicht «vor 1800» im Kanton St. Gallen auftreten und der Kategorie ÜberN angehören, vgl. Abbildung 1. Aus den zuvor gespeicherten Filtern wird die Abfrage aufgebaut. Meistens werden hier Varianten (z. B. linvs. lein-Diminutive) oder zu einem Thema einschlägige EinzelN (z. B. Fröhlich, Schickli, Wohnlich) zusammengestellt; genauso ist aber auch eine diachrone Auswahl möglich, z. B. zeigt Berchtold (2024: 249) die Migration des FamN Flückiger durch die kombinierte Kartierung der a-, b- und c-Schicht. Zur Auswahl der Zeitschicht(en) sei Folgendes angemerkt: Eine Kombination der Zeitschicht «2020» mit Filtern zu historischen Schichten führt selten zu gelungenen Kartenbildern. Da die rezenten Daten mehrere Einträge pro Ort (= Namenträger: innen) aufweisen können und die Namen sich zudem oft in einer Vielzahl von Orten verbreitet haben, zeigt sich i. d. R. ein Bild, bei dem die rezenten Daten die historischen vollkommen erdrücken. Nur bei der Kartierung von EinzelN oder Gruppen seltener FamN kann diese Kombination gelingen. Andernfalls ist es sinnvoller, historische und rezente Kartenbilder vergleichend nebeneinander zu stellen (vgl. die Artikel im Kapitel II-3 «Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel»). Bei der Kartierung der rezenten Daten kann man jeweils darauf hoffen, dass der Ausgangsort eines Namens oder Phänomens durch höhere Tokenzahlen so sehr heraussticht, dass er die Streuungen durch Migration in den Hintergrund rücken lässt. Anders als im DFA (2009-2018) gelingt dies jedoch für die hier viel kleinräu- Karte 3: Dreiteilung der Schweiz in Jura - Mittelland - Alpen (Quelle: Péron 2008, CC BY-SA 3.0) 22 A Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="23"?> migere Kartierung selten. Allzu oft stechen weniger bedeutsame Orte heraus, an denen Namenträger: innen sich vielleicht überproportional vermehrt haben oder an denen durch die geringe Einwohnerzahl recht schnell ein hoher Prozentsatz erreicht ist. Wenn aber umfangreichere Namensamples kartiert werden, nivellieren sich derartige Einzelszenarien und die Frequenzen können dazu beitragen, Namenräume zur Geltung zu bringen (s. Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī»). Jedem Artikel liegt ein Auswahlprozess zugrunde. Stets einen Vergleich der Zeitschichten zu zeigen, wäre nicht genug gewinnbringend gewesen. Nach dem Auswählen der Filter kann man sich die Abfrageergebnisse als Tabelle anzeigen bzw. ausgeben lassen, die für die gewünschte geographische Grösse (z. B. Kanton, Bezirk, Gemeinde) die ausgewählten FamN und deren Tokenzahl aufführt. Schliesslich wird die aus einem oder mehreren Filtern bestehende Abfrage kartiert. Die Kartierungsoberfläche bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten, deren relevanteste im Folgenden erläutert werden. Die Wahl einer bestimmten Darstellungsweise dient immer dazu, die Vorkommen möglichst klar und adäquat zu visualisieren. Dennoch ergibt sich nicht immer ein zusammenhängendes, schlüssiges und/ oder mit der Erwartung bezüglich der Dialekträume übereinstimmendes Raumbild. Wir kartieren generell räumliche Distributionen, die sich zu den gewählten Themen ergeben, auch wenn die Distributionen diffus sein sollten und keine weiteren Schlüsse zulassen. Geographische Einheiten verschiedener Feinheitsgrade: In der Datenbank unseres Kartierungsprogramms mussten die Namendaten aus der historischen und der rezenten Quelle zusammengeführt und mit einheitlichen Geodaten verschiedener Feinheitsgrade gematcht werden. Die FNB-Daten von 1989 rekurrieren noch auf ein anderes Inventar an Gemeinden als die BFS-Daten von 2020 es tun. Dabei ist das historische Inventar i. d. R. ein feineres, da in den letzten Jahrzehnten viele Gemeinden fusioniert haben und insbesondere Vororte grösserer Städte eingemeindet wurden. 41 Das Kartierungsprogramm unterstützt Darstellungen in fünf geographischen Feinheitsgraden: Land, Kanton, Bezirk, Gemeinde und historische Gemeinde. Für alle Datenarten ist alles wählbar, allerdings sind bei Kartierungen der BFS-Daten für solche historischen Gemeinden, die heute keine selbstständigen Gemeinden mehr sind, keine Treffer enthalten. Die Auswahl der geographischen Ebene traf die Bearbeiterin bzw. der Bearbeiter abhängig von Gegebenheiten der Daten und des Raumbilds. So zeigte sich bspw. bei der Kartierung eines Samples mit über 300 FamN in der rezenten Datenschicht «2020» (resultierend in 81'752 Tokens, Karte 47 im Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī»), dass Kreisdarstellungen der Ebene Bezirk die Karte sehr viel übersichtlicher machten, als solche einer feineren Ebene es erlaubt hätten (vgl. auch Karte 236 im Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung»). Noch eine Bemerkung zum Verhältnis historischer Daten zu rezenten geographischen Einheiten: Wir verwenden die geographischen Einheiten der genannten Feinheitsgrade als Mittel zur Orientierung im Raum. Wenn wir bspw. schreiben, dass Vorkommen eines Namenphänomens in der Schicht «vor 1800» geballt im Wahlkreis Werdenberg (SG) auftreten (der sich erst 2003 konstituierte), so ist das nicht als Anachronismus zu lesen, sondern als verkürzte Schreibweise dafür, dass die FamN in jenem Raum auftreten, der geographisch dem heutigen Wahlkreis Werdenberg entspricht. Abbildung 1: Beispielfilter ÜberN auf -le, deutschsprachig, vor 1800, Kanton St. Gallen 41 Für die Zuweisung der ehemaligen (historischen) Gemeinden zu den im FDS verwendeten heutigen Gemeinden wurde in einem ersten Schritt versucht, die ehemalige Gemeinde über das «Amtliche Ortschaftenverzeichnis» von swisstopo (2022) einem gleichnamigen Ortsteil der heutigen Gemeinde zuzuordnen. Wo dies nicht möglich war, wurde die Gemeinde mithilfe des Verzeichnisses «eCH-0135 Datenstandard Heimatort» (Verein eCH 2012) derjenigen heutigen Gemeinde zugeteilt, mit der sie fusioniert ist (wenn diese Gemeinde mehrere Ortsteile hat, dann dem jeweiligen Hauptort bzw. dem Ortsteil, der denselben Namen wie die Gemeinde trägt). Zusätzlich wurden einige manuelle Korrekturen bei den Zuordnungen vorgenommen (die bspw. durch offensichtliche Tippfehler oder abweichende Schreibweisen in den Rohdaten notwendig wurden). 5 Kartierung 23 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="24"?> Kreise und Flächen: Für jede Karte erfolgte die Auswahl zwischen Kreisdiagrammen, Flächenschattierung oder einer Kombination aus beidem. Kreise betonen die einzelnen Örtlichkeiten und zeigen die Anteile mehrerer Namenvarianten an jeder Örtlichkeit, während Flächen die Verbreitungsgebiete der jeweils dominanten Namenvariante erkennen lassen und durch eine deckendere Schattierung zugleich die besonders ausgeprägten Zentren visualisieren können. Die Kombination beider Darstellungsweisen vereint potenziell deren Vorteile; oft mussten wir jedoch von Flächenfärbungen absehen, da die Gemeindegebiete im Alpenraum grosse, unbesiedelte Flächen einschliessen (bpsw. schliesst die Walliser Gemeinde Fieschertal grosse Teile des Aletschgletschers ein) und damit deren vollf lächige Einfärbung von der eigentlichen Namenverteilung abgelenkt hätte. Bei beiden Darstellungsweisen stehen die Hauptoptionen absolute und relative Skalierung zur Auswahl. Bei ersterer bestimmt die absolute Frequenz über die Grösse der Kreise oder den Deckungsgrad der Flächen (z. B. erhält ein Ort mit 3 Tokens einen grösseren Kreis als einer mit 2 - egal, wie gross oder namenreich die beiden Orte insgesamt sind), bei letzterer der Anteil des Namen(phänomen)s an allen Tokens am Ort, und zwar aus allen kartierten Datenschichten zusammengerechnet. 42 Die absolute Skalierung ist für nieder-, die relative für hochfrequente Namen(phänomene) geeignet. Bei absoluter Kartierung dominiert in vielen Fällen das stärker besiedelte Mittelland, während die alpinen Regionen verblassen. Die relative Kartierung schafft hier Abhilfe, birgt aber ihrerseits die Gefahr, dass sehr kleine Orte zu stark herausstechen (vgl. Fussnote 42). Da wir in den meisten Fällen die a-Schicht ausgewählt haben und diese geringe Tokenzahlen aufweist, zeigte sich i. d. R. die absolute Skalierung als beste Wahl. Geometrisch bzw. visuell gestalten sich die Skalierungen folgendermassen: Die Bearbeiterin bzw. der Bearbeiter legt für Kreise wie für Flächen den Mindest- und den Maximalwert auf einer Skala von 1 bis 100 fest (z. B. Kreise minimal 12, maximal 50, vgl. Abbildung 2). Bei Kreisen sind die Grössen 0 und 100 aus optischen Gründen willkürlich festgelegt; bei Flächen entspricht 0 vollkommener Transparenz, 100 einer vollkommen deckenden Färbung. Die Applikation weist nun dem minimalen Vorkommen der Abfrage (z. B. 1 Token) den minimalen Wert zu (z. B. Kreisgrösse 12), dem maximalen Vorkommen entsprechend den grössten (z. B. 11 Tokens, Kreisgrösse 50). Dazwischen werden die Kreise bzw. Flächen linear skaliert - die Kreise nach ihrem Durchmesser, die Flächen nach Transparenzgrad. Abbildung 2 zeigt einen Ausschnitt aus der Benutzeroberf läche, Karte 4 das zugehörige Kartenbild (das Beispiel ist entnommen aus dem Artikel III-2.1 «Herkunftsnamen zu Schweizer Toponymen»). Im mittleren und rechten Block von Abbildung 2 sind die Bedienfelder für Kreise und Flächen erkennbar (die Kreisdiagramme sind ein-, die Flächenschattierungen ausgeschaltet). Zusätzlich zur Wahl der geographischen Ebene, dem absoluten oder relativen Modus und den Skalenwerten der Darstellung lässt sich die Farbe jeder Gruppe auswählen. Die Auswahl der Farbe erfolgt über eine Palette - in Abbildung 2 ausgeklappt für den FamN Fricker. Die Palette ist so aufgebaut, dass die ersten drei Reihen wie auch die fünfte Spalte gut kontrastierende Farben liefern, die ersten vier Spalten dagegen Farbskalen, die dazu geeignet sind, zusammengehörige Namen(typen) Abbildung 2: Ausschnitt der Kartierungsoberfläche 42 Ein Beispiel: Die ehemalige Gemeinde Isenf luh im Berner Oberland verzeichnet in der a-Schicht 4 Types mit insgesamt 4 Tokens (Amacher, Hiss, Sterchi, Wyss), in der b-Schicht kommen Mohr und Moor (eingewandert aus Deutschland) hinzu. Werden beide Schichten zusammen kartiert, kommt Isenf luh auf 6 Tokens und ein einzelner FamN auf 16,67 % - sofern der Feinheitsgrad historische Gemeinde ausgewählt ist. Kartiert man nach Gemeinde, fallen die Daten unter Lauterbrunnen (in das Isenf luh 1973 eingemeindet wurde). Nun wäre jeder Name eines von 33 Tokens und käme also auf 3,03 %. 24 A Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="25"?> oder die vier aufeinanderfolgenden Zeitschichten abzubilden (vgl. die Karte zu Flückiger diachron in Berchtold 2024: 249). Sofern keine Farbauswahl getroffen wird, werden die Farben in einer Defaultreihenfolge den kartierten Filtern zugewiesen. Bei dieser Reihenfolge wurde eine gute Unterscheidbarkeit priorisiert; die ersten acht Farben sollten auch für Personen mit einer Form von Farbfehlsichtigkeit unterscheidbar sein. 43 Beim Erstellen der Artikel wurde stets darauf geachtet, dass die Farbwahl durch die Karten eines Artikels hinweg konsistent bleibt (bspw. sind im Artikel I-1.6 «Rundung» die gerundeten Varianten immer in warmen, die ungerundeten stets in kalten Farben dargestellt). 6 Familien(namen): Geschichte, Begriffe und Datenkritik In diesem Abschnitt erfolgt ein kurzer historischer Abriss der Familiennamenentstehung, der die Basis für Begriffserklärungen (z. B. Beiname) und eine Datenkritik bildet. Die Diskussion dieser Themen könnte ein ganzes Buch oder mehrere füllen, muss aber hier zwangsläufig skizzenhaft und auf die relevantesten Aspekte beschränkt bleiben. 6.1 Begriff Familie diachron An erster Stelle sollte der Begriff Familienname - genauer dessen Erstglied - ref lektiert werden. Gegenüber dem weitgehend synonymen Terminus Nachname lässt er sich auch auf Personennamensysteme anwenden, die den FamN voran- und den Ruf N nachstellen, wie bspw. im Ungarischen. Der Begriff trägt explizit dem Umstand Rechnung, der die Namenart ausmacht - nämlich die Gleichnamigkeit unter Verwandten, bedingt durch Namenerblichkeit. Wenn es allerdings um den Zeitpunkt der Entstehung von FamN geht - das ausgehende Mittelalter -, darf der Begriff Familie nicht in seinem heute (auch) gebräuchlichen engeren Sinne als Kernfamilie - bestehend aus Mutter, Vater und Kindern - gedacht werden. Diese Vorstellung ist erst nach 1800 im Bürgertum aufgekommen (Eibach 2022: 2). Zuvor war der zentrale Begriff vielmehr das Haus in der Bedeutung einer Hausgenossenschaft, zu der u. a. auch Grosseltern, Karte 4: Beispielkarte HerkunftsN zu Schweizer Toponymen, vor 1800 43 Die Eignung bei Farbfehlsichtigkeit wurde mit Adobe Color, Copyright © 2022 Adobe, überprüft. Zu Zwecken der Dokumentation und Weiterverwendung nennen wir nachfolgend die Hexadezimalwerte der Farbpalette. Eine vollständige oder partielle Weiterverwendung ist erlaubt, jedoch muss stets die vorliegende Einleitung als Quelle genannt werden. Änderungen gegenüber der Originalpalette sind kenntlich zu machen. Farben nach Anordnung in der Palette (von links nach rechts): f1b6d3, fbeb25, 9bd690, c0d9fc, 5a83da; c173a5, f4932a, 77b52b, 6fc3cd, c129b9; 903255, d53525, 39733d, 208d98, ffcc33; 46021b, 5a0a02, 012d07, 005058, 000457. Defaultreihenfolge für die automatische Farbwahl: 1. 208d98, 2. ffcc33, 3. 000457, 4. d53525, 5. f4932a, 6. c0d9fc, 7. c173a5, 8. 39733d, 9. 903255, 10. 5a83da, 11. 9bd690, 12. 6fc3cd, 13. f1b6d3, 14. 77b52b, 15. 005058. 6 Familien(namen): Geschichte, Begriffe und Datenkritik 25 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="26"?> weitere Verwandte und das Gesinde zählten. 44 Seit dem 18. Jh. beginnt das Wort Familie den Begriff Haus - zunächst noch im Sinne von Hausgenossenschaft - zu verdrängen (DWb 3 1854-1961: Sp. 1305). Das Lehnwort aus lat. familia tritt im Deutschen ab dem 16. Jh. in der Kanzleisprache auf und hat zunächst den heute ebenfalls noch gebräuchlichen weiteren Sinn ‘Stamm, Geschlecht, Sippe’ (Stöwer 2025). Diese Bedeutung ist für die FamN der Vormoderne eher angemessen als die der Kernfamilie; denn bei der Erblichkeit der frühen «Familiennamen» geht es im Wesentlichen um Verwandte männlicher Linie - wie unten noch beschrieben wird -, jedenfalls nicht um die Kernfamilie im heutigen Sinne bzw. im Sinne der bürgerlichen Familie ab dem 18. Jh. 6.2 Entstehung der Familiennamen aus Beinamen Die Entstehung der FamN reicht im Südwesten des deutschen Sprachraums zurück bis ins Spätmittelalter. Hier entstanden die FamN schon im 12. und 13. Jh. und damit deutlich früher als in anderen deutsch- und germanischsprachigen Gebieten. 45 Der erste Schritt aus einem System der Einnamigkeit (das z. B. noch im Althochdeutschen vorherrschend war) ist das vermehrte Auftreten von sogenannten Beinamen (im Folgenden «BeiN»). Frühe Belege führt Debus (2009: 85-88) schon für das Frühmittelalter an und hier werden bereits dieselben fünf Benennungsmotive erkennbar, wie sie in den späteren (mittel-)europäischen Familiennamensystemen regelmässig auftreten. Personen werden charakterisierend und damit identifizierend nach ihrem Ursprung (Vater oder selten auch Mutter, Wohnstätte, Herkunftsort) oder ihren Merkmalen (Beruf oder sonstige Gewohnheit/ Eigenschaft) benannt (s. Abschnitt 7.1 «Benennungsmotive»). BeiN sind damit streng genommen keine Namen, da sie über eine lexikalische Semantik verfügen, die gerade nicht verblasst, sondern relevant für die Charakterisierung des Trägers bzw. der Trägerin ist. Um BeiN im engeren Sinne handelt es sich allerdings erst, wenn sie als Namenzusätze regelmässig (usuell) sind. Von den später aus ihnen entstehenden FamN sind sie dadurch abzugrenzen, dass sie erst im Laufe des Lebens vergeben werden, «sich auf eine Einzelperson beziehen», zu dieser passen, mehrfach vorliegen und wechseln können (Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 145-146). Formal sind sie oft dadurch charakterisiert, dass sie durch eine Präposition und/ oder einen Artikel oder ein Bindeglied (genannt, dictus, heisset usw.) mit dem Ruf N verbunden sind. 46 Während in den Schriftzeugnissen des Früh- und Hochmittelalters zwar immer wieder BeiN zu finden sind, wird die zweinamige Personennennung doch erst deutlich später die Regel. Dabei schreitet der Südwesten des deutschen Sprachraums voran, was einerseits durch frühe Zweinamigkeit in Italien und Frankreich beeinf lusst ist, andererseits wesentlich mit Städtebildung und Städtewachstum zusammenhängt. Für Zürich bspw. zeigt Baumgartner (1983: 81-82), dass in Urkunden ab 1155 regelmässig Zweinamigkeit herrscht. Auch in anderen mittelalterlichen Zentren ist die Zweinamigkeit spätestens seit dem 13. Jh. die Regel, so in Basel, Freiburg im Breisgau, Strassburg, Worms, Köln, Regensburg (Nübling/ Kunze 2023: 14). Ein wesentlicher Faktor ist die starke Rufnamenkonzentration, 47 die dazu führte, dass bei wachsender Einwohnerzahl die Distinktivität der Ruf N nicht mehr gegeben war - während gleichzeitig zunehmender Schriftsprachgebrauch in Handel und Verwaltung die eindeutige Identifizierung der betreffenden Personen notwendig machte (vgl. Kunze 2004: 58-61). FamN entstanden über einen langen Prozess, bei dem BeiN sukzessive erblich wurden. Eine Vorreiterrolle spielte der Adel. Hier konnten FamN Erbansprüche auf Besitz und Status zum Ausdruck bringen. In der Folge konnte sich das Tragen von FamN zum Prestigemerkmal entwickeln und beim Bürgertum zur Statusmarkierung und Abgrenzung gegenüber nicht-besitzenden Schichten fungieren. Zu den geographischen und Stadt-Land-Unterschieden kommen also auch soziale Unterschiede in der Datierung der Familiennamenentstehung. Die Entwicklung von BeiN zu erblichen FamN ist nicht nur an sich ein diffuser und gestaffelter Prozess, sondern auch schwer zu diagnostizieren. Ob es sich bei zweinamigen Personennennungen um erbliche FamN handelt, kann manchmal gar nicht mehr ermittelt werden, jedoch helfen einige Kriterien (Debus 2009: 97-98), so die Gleichnamigkeit von Geschwistern oder Vater und Sohn oder der Gegensatz zwischen BerufsN und tatsächlich ausgeübtem Beruf (z. B. Herman Pfannensmit der garnzuger ‘Garnzieher’; Kunze 2004: 58). In Breslauer Bürgerbüchern erreicht letzteres Kriterium bei den BerufsN im späten 14. Jh. einen Anteil von ca. 85 % (Kunze 2004: 58). 6.3 Familiennamen und Frauen Gerade mit Blick auf den Namengebrauch bei Frauen ist für historische Zeiträume von einer heutigen Vorstellung von Familienname als ‘Name der Kernfamilie’ abzusehen. Nur beim Adel war es bereits im Mittelalter üblich, dass die Ehefrau den Namen ihres Mannes übernahm, wobei sie den Namen ihrer Herkunftsfamilie als Zusatz beibehielt. Für alle anderen sozialen Schichten muss davon ausgegangen werden, dass Frauen bis ins 14. Jh. überhaupt keinen eigenen FamN führten - dies ergibt zumindest Dziubas (1966: 160) Analyse früher Quellen aus Freiburg im Breisgau. Ab dem 14. Jh. festigte sich dieser Studie zufolge die Praxis, dass Frauen den FamN des Vaters in movierter Form führten (z. B. die Fischerin zu einem FamN Fischer). Schott (1986) untersucht ebenfalls Freiburger Quellen sowie solche aus Zürich und kontrastiert damit gezielt eine katholische und eine reformierte Stadt. Die Entwicklungen ähneln sich und können so zusammengefasst werden: In nicht-adligen Gesellschaftsschichten behielten Frauen i. d. R. bis ins 17. Jh. auch nach der Heirat ihren GeburtsN - also den des Vaters - bei. Erst im 17. Jh. übernahm das gehobene städtische Bürgertum vom Adel die Praxis der Namensübertragung vom Ehemann auf die Frau - welche sich dann im städtischen Raum auf breitere Schichten ausweitete. Somit war in den Städten erst in der Frühen Neuzeit bzw. in der neuhochdeutschen Sprachperiode die bis ins 21. Jh. übliche Praxis verbreitet, auf dem Land sogar erst später. 44 Vgl. das «ganze Haus» (Brunner 1968) oder, nach neuerem Forschungsstand, das «offene Haus» (Eibach 2022). In den rätoromanischen FamN mit Präfix Ca- (z. B. Capaul ) hat sich der Begriff des ‘Hauses’ in die Namengrammatik eingeschrieben (s. Artikel II-2.19 «Familiennamen mit Präfix Ca-»). 45 S. Baumgartner (1983: 129), Kunze (2004: 61), Fähndrich (2009), Debus (2012: 124), Hanks/ Parkin (2016: 217), Marynissen (2020: 226). Für einen Überblick über die europäischen Personennamensysteme vgl. die Beiträge in Brendler/ Brendler (2007). 46 Für FamN mit vergleichbaren Bindegliedern vgl. Artikel II-4.3 «Mehrgliedrige Familiennamen mit den Zusätzen dit, soit, alias». 47 Ab dem 11. Jh. nahm die Rufnamenvielfalt stark ab, sodass immer mehr Personen denselben Namen trugen (Kunze 2004: 60-61). In Davos (GR) und Langwies (GR) z. B. trug bis zum 18. Jh. mehr als ein Fünftel der Männer den Ruf N Hans (Kunze 2004: 46-47). 26 A Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="27"?> Bezogen auf die von uns verwendeten Daten bedeuten diese namengeschichtlichen Entwicklungen, dass für die a-Schicht («vor 1800») von einem heterogenen Bild ausgegangen werden muss. Bei den vor dem 17. Jh. verzeichneten Einträgen handelt es sich, wenn die Namentragenden nicht dem Adel angehören, um die FamN der männlichen Bevölkerung. Eine Grenzlinie, ab wann es die FamN der gesamten Bevölkerung sind, lässt sich schon aufgrund der sozialen und der Stadt-Land-Unterschiede nicht ziehen. Doch auch die Daten erlauben eine solche Teilung nicht, steht doch in vielen Einträgen des FNB (1940; 1968-1971; 1989) nur «a», nicht aber ein genaues Jahr vermerkt. Bspw. liegen für Zürich in der a-Schicht 109 Einträge ohne, 134 Einträge mit Jahreszahl vor (davon 87 vor 1600, 47 ab 1600; vgl. e-FNB 1989: s. v. Gemeinde Zürich). Die hohe Quote der Einträge mit Jahreszahl hängt mit Zuwanderung zusammen, denn für diese Einträge ist fast immer ein Herkunftsort genannt. Für Zug (ZG) stehen sieben Einträgen mit Jahreszahl ganze 30 ohne gegenüber (vgl. e-FNB 1989: s. v. Gemeinde Zug). Es muss also insgesamt eingeräumt werden, dass der Atlas sich zu einem nicht näher zu bestimmenden Anteil auf die FamN der männlichen Bevölkerung bezieht. Wir erwarten nicht, dass sich die wesentlichen Befunde zu Grammatik, Lexik und Benennungsmotiven geändert hätten, wäre das Geschlecht der Namenträger: innen ausgewogener. Vier Punkte sind allerdings zu nennen, bezüglich derer die Geschlechterfrage und -unausgeglichenheit Folgen hat. Die ersten drei betreffen historische Gegebenheiten, die sich als solche unserem Einf luss entziehen; der vierte Punkt betrifft unsere Datenauswahl und erfordert daher zumindest eine kritische Würdigung. 1. Dass mit den frühen Bei- und FamN v. a. Männer benannt wurden, dürfte seinen Niederschlag in der Art der Benennungsmotive und besonders in der Zusammensetzung der BerufsN gefunden haben. So weist Steffens (2014: 65) darauf hin, dass beruf liche Tätigkeiten von Frauen im Nahrungsmittel- und Textilgewerbe für grössere Städte des Spätmittelalters nachgewiesen sind. Entsprechend wäre wohl der Anteil dieser Gewerbe an den BerufsN gegenüber bspw. metallverarbeitenden Gewerben höher ausgefallen, wäre die Familiennamenentwicklung nicht zunächst auf Männer gerichtet gewesen. 2. Die offenbar geringere gesellschaftliche Bedeutung der Frauen im ausgehenden Mittelalter spiegelt sich auch in FamN wider, die auf den Namen oder die Bezeichnung einer anderen Person zurückgehen. Dies sind zum einen die ÜberN aus Verwandtschaftsbezeichnungen. Hierbei kommen Frauenbezeichnungen in den Deutschschweizer FamN der a-Schicht nicht vor (z. B. Eidam, Neff , Schwager, Schwestermann, Vetterli, vgl. Artikel III-5.8 «Übernamen nach Verwandtschaft»). Zum anderen sind dies die FamN aus Ruf N. Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 9) vermerken, dass «[g]elegentlich […] der Name der Frau weitervererbt [wurde], wenn sie bspw. der wirtschaftlich stärkere Teil war […] oder ihren Mann lange überlebte: die Iten im Zugerland sind die Nachkommen einer Ita». Die Frequenzangabe «gelegentlich» können wir wie folgt konkretisieren: Unter den Deutschschweizer FamN der a-Schicht stehen 1'473 Patronymen lediglich 75 Metronyme gegenüber. 3. Das ungleiche Geschlechterverhältnis hat sich auch in die Morphologie der deutschsprachigen FamN eingeschrieben: Die maskulinen Suffixe -er (mit den Varianten -ler, -ner) und -mann figurieren in den Deutschschweizer FamN ähnlich prominent wie in anderen deutschsprachigen Gebieten. Das Zweitglied -sohn tritt allerdings nur in fünf FamN der a-Schicht (vgl. Karte 234 im Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung») und damit deutlich seltener als im niederdeutschen oder nordgermanischen Sprachraum auf. Das Zweitglied -tochter kommt überhaupt nicht vor. 48 4. Ein ebenfalls morphologischer Aspekt ist der der Movierung. Movierte Formen wie (Ennelj) Meÿerin, (Appolonia) Westerholtzina (Heer 2024: 225-228) kommen bei Bei- und FamN von Frauen bis ins 19. Jh. vor (Steffens 2014: 56). Es handelt sich nicht um fest gewordene oder namenbildende Morphologie, sondern um f lexible. Sie tritt in historischen Dokumenten wie Urkunden, Verträgen und Urbaren variabel und kontextabhängig, mit grosser intra- und intertextueller Variation in Erscheinung. Da die Endungen nicht fester Bestandteil der FamN geworden sind, figurieren sie nicht in den Einwohnerverzeichnissen, auf denen die Daten des FNB (1940; 1968-1971; 1989) beruhen. Hätten wir als Quellen historische Dokumente beigezogen, so wäre im Atlas mindestens ein Artikel zu diesem Phänomen enthalten. Auf eine solche Ausweitung der Datenquellen mussten wir jedoch aus Gründen der Machbarkeit verzichten (vgl. Abschnitt 4.1 «Historische Datenschichten»). Zudem stehen im FDS die in das Familiennameninventar eingeschriebene Grammatik und Lexik im Fokus, weniger der Namengebrauch, der wohl mindestens ein weiteres Forschungsprojekt gleichen Umfangs rechtfertigen würde. Immerhin können wir auf die Monographie Heer (2024) verweisen, die anhand historischer Originalquellen (Berner Urbare des 16. Jh.) historische Benennungsformen und -praktiken untersucht und dabei der Benennung von Frauen ein umfangreiches Kapitel widmet. 6.4 Einführung der Zivilstandsämter und Fixierung der Schreibung Mit dem Erblichwerden der FamN waren diese noch keinesfalls «fest» - weder im Sinne eines unveränderlichen Namengebrauchs noch im Sinne einer fixierten Schreibung. Die erhebliche Variation trotz bereits bestehender FamN ist bspw. für Berner Urbare des 16. Jh. nachgewiesen worden (Heer 2024). Hier wird häufig - wie heute noch in ländlichen Regionen üblich - der FamN um eine Wohnstättenbezeichnung ergänzt oder gar durch diese ersetzt, vgl. Wendell Klewo [Patronym] ab dem gůtt zum Sta ᵉ g [Wohnstättenbezeichnung] und im selben Urbar an anderer Stelle Wendeliß zum Sta ᵉ g gůtt (Heer 2024: 245). Erst «mit der Einführung des staatlichen Zivilstandswesens» 1876 kam es zur Festschreibung der FamN (Graf 2019: 121). Genauer: 1860 schuf der Bund das Eidgenössische Statistische Bureau (später BFS; e-HLS 2013: s. v. Statistik), 1867 ein «für alle Kantone verbindliches System» zur Erhebung und Weiterleitung von Zivilstandsdaten (e-HLS 2021: s. v. Zivilstandswesen). Noch war die Erhebung häufig in den Händen des Klerus und die Säkularisierung rief Widerstand hervor. Erst 1876 führte ein entsprechendes Gesetz zur Schaffung von Zivilstandskreisen sowie zu landesweit einheitlichen Verfahren bei der Aufzeichnung von Zivilstandsdaten (e-HLS 2021: s. v. Zivilstandswesen). Ab diesem Zeitpunkt kann schweizweit mit einer amtlich und verbindlich festgelegten Schreibweise der FamN 48 Einen Kontrast zu beiden letztgenannten Punkten bildet das isländische System aus Metronymen und Patronymen, die bei jeder Namenträgerin das Element -dóttir, bei jedem Namenträger das Element -son beinhalten (s. Kvaran 2007). 6 Familien(namen): Geschichte, Begriffe und Datenkritik 27 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="28"?> gerechnet werden (auch wenn danach noch einzelne Änderungen möglich waren). Die Daten des FNB (1940; 1968-1971; 1989) basieren auf den Zivilstandsregistern von 1939 (bzw. 1962 für die in der zweiten Auf lage hinzugekommenen Neueinbürgerungen 1940-1962). Im Nachwort der ersten Auf lage wird dazu erläutert: «Bei der Schaffung der Bürgerregister im Anfang des vergangenen Jahrhunderts und bei der Einführung der Zivilstandsregister im Jahre 1876 sind überall die Namen so übernommen worden, wie sie in den Ausweisen, den Taufscheinen und Kirchenbucheintragungen vorlagen. Dabei ist vielfach eine zufällige, von den Pfarrern nach ihrem persönlichen Gutfinden gehandhabte Schreibweise übernommen worden» (Oehler 1941: 6). Im Weiteren plädiert Oehler (1941: 6) dafür, dass man die Schreibweisen der FamN vereinheitlichen solle, wie dies im Kanton Uri geschehen sei. 49 Für die Namenforschung ist die unterbliebene Vereinheitlichung natürlich ein Glücksfall. Denn die Variation in der Schreibung, auch in der Morphologie, könnte Zeugnis ablegen von mittelalterlichdialektalen Verhältnissen oder frühneuzeitlichen Schreibtraditionen. Dabei ist mit einer Schichtung und mehrfachen Überformung der letztendlich im FNB (1940; 1968-1971; 1989) verzeichneten Schreibweisen zu rechnen. Während die spätmittelalterlichen Schreibweisen, so vorhanden, noch stärkere Dialektmerkmale getragen haben dürften, sind die frühneuzeitlichen Kanzleien schon um Vereinheitlichung bemüht und vermeiden allzu Dialektales. Für die stärkere Dialektnähe älterer Formen sprechen zum einen Fälle, bei denen sich alte und dialektnahe Formen erhalten haben, wenn die Namenträger: innen in einen anderen Sprachraum ausgewandert sind, in dem der Name nicht üblich und somit nicht von vereinheitlichender Schreibung betroffen war (z. B. die nicht-diphthongierte Form Fry in rätoromanischbzw. italienischsprachigen Gemeinden, vgl. Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī»; die appenzellerische Form Obertüfer im luzernischen Neuenkirch, vgl. Artikel I-1.12 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. iu»). Zum anderen zeigen es Sondierungen historischer Daten, z. B. weisen Schreibungen von FamN zum Lexem Stahl < ahd. stahal je älter, desto mehr noch Spuren des Gutturalfrikativs auf (wie bspw. in <Stachel>, 1571, s. Artikel I-2.4 «Variation ch / h für germ. χ»). Das Bemühen der frühneuhochdeutschen Schriftlichkeit um überregionale Schreibweise und Vermeidung von Dialektmerkmalen zeigt sich darin, dass anlautendes dialektales Chsich lediglich in einem einzigen FamN (Cherno ‘Kern’, Dornach SO) gehalten hat und alle anderen Fälle wohl durch überregionale Schreibtraditionen überformt - also zu einer K-Schreibung angepasst - sind (zu dahingehenden Weisungen und Schreibvorlagen s. Artikel I-2.3 «Zweite Lautverschiebung: Tenuesverschiebung»). Da die FNB-Daten auf Übernahmen aus autochthonen Textdokumenten wie Ausweisen, Taufscheinen und Kirchenbüchern beruhen, können wir zumindest auf einige Lokal- und Regionalmerkmale in unseren Daten hoffen. Zwischen der Festschreibung der FamN 1876 und der für uns entscheidenden Sammlung 1939 ist der Schweizer Familiennamenschatz unseres Wissens keiner systematischen Modernisierung unterzogen worden. Was sich allerdings in der Zeit zuvor - zwischen der schon angesprochenen Zeit der Kanzleischriftlichkeit und 1876 - ungesteuert an Variantenausscheidung, Modernisierung und Anpassung an das geschriebene Standarddeutsche vollzogen hat, ist nur schwer in Gänze zu ermessen. Schon im DFA 1 (2009: LIX-LX) wird auf die Forschungslücke bezüglich solcher Prozesse in der eigentlich so wichtigen Zeit vom 17. bis zum 19. Jh. hingewiesen und nach wie vor liegt hierin ein Desiderat. Das Fehlen einer digitalen schweizweiten Aufstellung historischer Daten aus weiter zurückreichenden Perioden kann nicht vollständig kompensiert werden. Wir haben auch darauf verzichtet, den Artikeln des Atlas systematische Sondierungen regional-historischer Namenbücher beizufügen, wie dies im DFA (2009-2018) geschehen ist. Anders als im DFA (2009-2018) weisen unsere Daten selbst schon eine diachrone Tiefe auf. Zudem diente im DFA (2009-2018) die historische Sondierung u. a. auch als Gegengewicht zur Bevölkerungsveränderung durch den Zweiten Weltkrieg und dessen Nachwirkungen (DFA 1 2009: XXXII), wofür in der Schweiz keine Parallele besteht. Dennoch haben wir im Redaktionsprozess, wo relevant, historische Formen geprüft - zum einen durch Konsultieren der historischen Sondierungen des DFA (die bereits fünf Namenbücher zur Schweiz miteinschliessen, s. DFA 1 2009: LXXVIII), zum anderen ggf. durch Überprüfung weiterer Quellen. Diese Recherchearbeiten haben aber i. d. R. ergeben, dass wir mit unseren Daten bzw. unseren Kartierungen bereits diejenigen Gebiete zeigen konnten, die auch gemäss der historischen Namenbücher für ein Phänomen einschlägig oder dominant sind (z. B. die Artikel II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen» inklusive weiterer Bildungstypen bei diesen Benennungsmotiven, II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen» und II-2.6 «Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich»). 7 Weitere zentrale Begriffe 7.1 Benennungsmotive Das Thema der Benennungsmotive ist nun schon mehrfach angeschnitten worden, bedarf aber noch einiger Klärung im Detail. Die fünf Benennungsmotive lassen sich mit van Langendonck (2007: 281) klassifizieren in origin vs. characterization: Ersteres umfasst neben Wohnstätten- und HerkunftsN auch solche nach dem Ruf N des Vaters oder der Mutter; letzteres vereint Über- und BerufsN inklusive der BerufsüberN. Ersteres benennt eine Person nach etwas (Ort/ Person), wozu sie gehört, letzteres nach etwas, das zu ihr gehört. Mit der Einteilung in die genannten fünf Benennungsmotive (s. auch Tabelle 4) folgen wir einem gängigen Vorgehen in der deutschsprachigen und sonstigen (mittel-)europäischen Familiennamenforschung (z. B. Kunze 2004; van Langendonck 2007; Debus 2009; Kully 2009; DFA 2009-2018; AFNeT 2022-2024 und viele andere mehr). 50 Tabelle 4 zeigt die fünf Benennungsmotive und führt zu jedem die 49 Tatsächlich finden sich in den Daten der a-Schicht im Kanton Uri fast keine Variationen, lediglich das Paar Frei - Frey; jedoch bspw. zu Imhof kein Imhoff , zu Kempf kein Kämpf , zu Schmid kein Schmied usw. 50 Exemplarisch sollen noch zwei Schweizer Familiennamenbücher genannt werden: Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 10-12) führen ÜberN als «andere Familiennamen», folgen aber davon unbenommen dem gleichen Einteilungssystem. Auch das RNB 3 (1986: 18-19) verwendet im Kern dieselben fünf Benennungsmotive, auch wenn die FamN aus Ruf N aufgrund der Materialfülle prominenter figurieren und die vier anderen Motive als ÜberN im weiteren Sinne überschrieben werden; hinzu kommen die Rubriken «Namen nach literarischen Vorbildern» und «Namen unbekannter Herkunft». 28 A Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="29"?> grundlegendsten Subklassifizierungen mit Beispielen aus der Datenschicht «vor 1800» auf. 51 Danach folgen Erläuterungen zu allfälligen Besonderheiten oder einzelnen Zuordnungen. FamN aus RufN werden auch Patronyme / Metronyme genannt oder gar pars pro toto Patronyme. In den meisten Fällen dürfte der Ruf N des Vaters (bzw. seltener der der Mutter) namengebend gewesen sein, es kann sich jedoch auch um eine andere Person gehandelt haben, die in Bezug auf die benannte Person eine prominente Rolle spielte (DFA 1 2009: XXXVI; vgl. auch Artikel III-1.11 «Metronyme: Gesamtdarstellung»), sodass die Begriffe Patronym / Metronym in einem weiten Sinne aufzufassen sind. Die Begriffe Vatername / Muttername vermeiden wir im Atlas, da sie zweideutig sind und neben ‘Patronym’/ ‘Metronym’ auch den Ruf N des Vaters bzw. der Mutter meinen könnten. Der Terminus sekundäre Patronyme bezieht sich auf FamN mit einer patronymisch lesbaren Endung wie Wyssen ‘des Weissen’ mit schwachem Genitiv oder Pfisterer ‘Feinbäcker’ + patronymisches -er. 52 Wir ordnen solche Namen ihrem primären Benennungsmotiv zu, also demjenigen, das sich aus dem Grundwort ergibt (z. B. Wyssen zu ÜberN, Pfisterer zu BerufsN). Wohnstätten- und HerkunftsN werden bisweilen zusammengefasst. Empirisch ist die Trennung zwischen beiden oft schwierig, da die Namen auf den gleichen Etyma basieren können, z. B. lässt sich Steiner entweder als HerkunftsN zu Stein am Rhein bzw. einem ähnlichen SiedlungsN oder aber als WohnstättenN zu einem FlurN Stein(en) deuten. Theoretisch ist die Unterscheidung aber bedeutsam, da WohnstättenN die Ansässigen, HerkunftsN die Zugewanderten bezeichnen - mit weitreichenden sozialen Implikationen und formalen Ref lexen (so werden HerkunftsN in unseren Daten niemals diminuiert, z. B. gibt es keine *Zürcherli, *Allgäuerli o. ä.; vgl. Berchtold Schiestl et al. 2020: 460-461). Zu HerkunftsN ist noch anzumerken, dass auch sie in einem weiteren Sinne zu verstehen sind, denn sie können «auch durch andere Beziehungen zu der betreffenden Örtlichkeit motiviert sein» (DFA 1 2009: XXXVI). Unter BerufsN fassen wir, wie in Tabelle 4 aufgeführt, auch FamN nach Ämtern. 53 Hinzu kommen zwei hybride Kategorien, die bisweilen auch anders zugeordnet werden. FamN wie Haslimeier, Wiedenmeier u. ä. klassifizieren wir als lokalisierte BerufsN, da sie in der Hauptsache auf den Beruf zurückgehen und zusätzlich die Wohnstätte angeben - was gerade bei einem häufigen Beruf bzw. BerufsN wie Meier ‘Gutsverwalter, Grossbauer’ der Distinktion gedient haben dürfte. 54 Die zweite hybride Kategorie sind die BerufsüberN. Sie rekurrieren sowohl auf Eigenschaften einer Person im weitesten Sinne (z. B. ein Werkzeug, mit dem die Person häufig hantiert) als auch auf deren Beruf, der diese Eigenschaft bedingt. Bei der Erstellung des Atlas folgten wir zunächst Kohlheim (2011) darin, die BerufsüberN den ÜberN zuzuordnen. Später im Arbeitsprozess änderten wir diese Auffassung: Aus empirischer Sicht stehen die Deutschschweizer BerufsüberN den BerufsN näher, da Werkzeuge oder Produkte prominenter figurieren als (berufsbedingte) Aussehens- oder Verhaltensmerkmale. Aus theoretischer Sicht schliessen wir uns Überlegungen unserer Projektpartner: innen des DFD (o. J.) an: Streng genommen könnte man alle Benennungsmotive unter ÜberN subsummieren, da sie alle im weitesten Sinne auf persönliche oder biographische Eigenschaften bzw. Merkmale rekurrieren (vgl. die Einteilung im RNB 3 1986, das tatsächlich BerufsN wie auch Wohnstätten- und HerkunftsN unter ÜberN fasst). Dann müsste man aber innerhalb der weit gefassten Klasse der ÜberN wieder Unterkategorien eröffnen, was auf empirischer Basis wieder zu BerufsN führen würde. Sofern man BerufsN als Kategorie führt, ist es jedoch am sinnvollsten, die direkt berufsbedingten Eigenschaften (wie das usuelle Hantieren mit einem Hammer) zu diesen zu fassen, da sie letztlich auf den Beruf abzielen, wenn auch indirekt. Da wir die Zuordnung der BerufsüberN im Laufe des Projekts geändert haben, kann die Handhabung zwischen den Artikeln variieren, denn es wäre Benennungsmotiv Untergruppen und Beispiele aus der Datenschicht «vor 1800» FamN aus Ruf N Patronyme: Karlen ← Karl, Tschannen ← Jean Metronyme: Barben ← Barbara, Frehner ← Verena HerkunftsN Siedlung: Zürcher, Solothurnmann Land/ Provinz: Toggenburger, Elsässer Volk/ Stamm: Bayer, Hess WohnstättenN Naturräumliche Merkmale: Bachmann, Bühler zu mhd. bühel, büel ‘Hügel’ Kulturräumliche Merkmale: Zumthor, Hofstätter zu Hofstatt, Hofstätte ‘ländliches Heimwesen mit Umschwung’ BerufsN Direkte BerufsN: Schmid, Fischer, Brodbeck Nach Ämtern: Messmer ‘Kirchendiener’, Burgermeister Lokalisierte BerufsN: Haslimeier ‘Gutsverwalter/ Grossbauer am Haselgehölz’ Indirekte BerufsN (BerufsüberN): Schwyn ‘Schweinehirt, -züchter, -händler’, Hämmerli ‘Schmied u. ä.’ ÜberN Körperliche Merkmale: Wyssen zu weiss, Dirren zu dürr, Feissli zu mhd. veiz ‘beleibt, wohlgenährt’ Wesensart/ Verhalten: Wohlgemuth, Häderli zu mhd. hader ‘Streit, Zank’ Biographische/ soziale Merkmale: Findling, Schwestermann Tabelle 4: Die fünf Benennungsmotive mit Untergruppen 51 In der Tabelle sind typische und anschauliche Beispiele für die (Unter-)Gruppen der Benennungsmotive zusammengestellt. Bei den meisten Namen kämen auch gewisse Bedeutungskonkurrenzen infrage, bspw. könnte sich Zürcher neben der Stadt Zürich auch auf das Herrschaftsgebiet beziehen. Solche Konkurrenzen werden hier ausgespart, in den Artikeln jedoch i. d. R. behandelt. 52 S. die Artikel II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe» und II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». 53 FamN nach Titeln und Standesbezeichnungen wie Graf , Herzog, König fallen allerdings unter die ÜberN, da sie i. d. R. auf die Lebensumstände oder das Verhalten und nicht auf einen tatsächlich innegehabten Herrschaftstitel zurückgehen. 54 S. Karte 232 im Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». 7 Weitere zentrale Begriffe 29 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="30"?> unverhältnismässiger Aufwand gewesen, alle Kartierungen gemäss der neuen Linie zu ändern. Die Kategorie der ÜberN ist im Atlas insofern eng gefasst, als wir nicht (wie das RNB 3 1986) weitere gängige Benennungsmotive darunter subsummieren. Die Kategorie umspannt mit den Bereichen Wesen/ Verhalten, körperliche Merkmale sowie biographische und soziale Eigenschaften/ Verhältnisse immer noch ein motivisch eher weites Feld. 7.2 Toponyme In den Artikeln des Atlas wird auch auf geographische Namen Bezug genommen. Für die Bezeichnung dieser Namen werden die Oberbegriffe Toponym und ÖrtlichkeitsN synonym verwendet. Diese Begriffe umfassen zahlreiche Subkategorien wie SiedlungsN, FlurN, GewässerN, GebietsN, GebirgsN usw. Zur Unterscheidung zwischen Siedlungs- und FlurN dient primär das Merkmal +/ - besiedelt: Während der Begriff SiedlungsN zur Benennung von Städten, Dörfern und ähnlichen Orten dient, bezieht sich FlurN auf (ganz oder überwiegend) unbesiedelte Flächen wie Berge, Täler, Gewässer sowie auf gerodetes Land, Weiden usw. FlurN werden im weiteren Sinne auch als Mikrotoponyme bezeichnet, da ihre Ausdehnung kleinräumig ist; im Gegensatz dazu steht der Begriff Makrotoponyme, der Städte, Regionen oder grössere Gebiete benennt, die durch Grossräumigkeit gekennzeichnet sind. Auf den Begriff Ortsname wird verzichtet, da er sowohl Oberbegriff im Sinne von ÖrtlichkeitsN als auch als Unterbegriff im Sinne von SiedlungsN sein kann. Für die Deutung der Schweizer Toponyme wird i. d. R. auf das Online-Portal ortsnamen.ch (o. J.) zurückgegriffen. Dabei wird als Quelle die jeweilige Datennummer angegeben, über die das Toponym dort auffindbar ist - etwa für den FamN Rutishauser die Nummer 6002409, die dem Toponym Rutishausen (TG) zugeordnet ist. 7.3 Landessprachen In den Artikeln werden verschiedene Begriffe verwendet, um auf das Varietätenspektrum des Deutschen in der Schweiz Bezug zu nehmen: Deutsch wird als neutraler Terminus in Abgrenzung zu den drei anderen Landessprachen verwendet; analog zur Formulierung im Artikel 4 der Bundesverfassung: «Die Landessprachen sind Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch». Daneben wird der Begriff Schweizerdeutsch gebraucht, der als Sammelbegriff für die in der Schweiz gesprochenen alemannischen Dialekte gilt (e-HLS 2018: s. v. Deutsch; Christen 2019: 246; Christen/ Schmidlin 2024: 22-23). Zur Binnengliederung dieser Dialekte wird auf die in der Dialektologie etablierte Einteilung in Nieder-, Hoch- und Höchstalemannisch zurückgegriffen (Christen/ Schmidlin 2024: 27-30) sowie teilweise mit der im Schweizer Alltag hochrelevanten Bezugsgrösse Kanton (vgl. Christen 2010: 274) gearbeitet (z. B. Walliserdeutsch als Sammelbegriff für die Dialekte im deutschsprachigen Teil des Kantons Wallis). Für die grossräumige Dialekteinteilung wird auf Niedervs. Hochdeutsch sowie Mittel- und Oberdeutsch referiert. Die überregionale, normierte Varietät des Deutschen wird als Standardsprache, Standardvarietät oder Standarddeutsch bezeichnet. Dialekt und Mundart werden im FDS als synonym betrachtet (Christen/ Schmidlin 2024: 23). Französisch wird im vorliegenden Atlas als Makroterminus für die galloromanischen Varietäten verwendet, die in der französischsprachigen Schweiz gesprochen werden oder wurden - sowohl für die Standardsprache als auch für die Dialekte. Sprachlich gehören die meisten Mundarten der französischen Schweiz, ebenso wie jene in Südostfrankreich und im Aostatal, zum Frankoprovenzalischen. Lediglich die Dialekte des Juras lassen sich der nordfranzösischen Sprachgruppe der Langues d’oïl zuordnen. Nach dem gleichen Prinzip umfasst Italienisch das Standarditalienische sowie die lombardischen Dialekte der italienischen Schweiz. Rätoromanisch bezeichnet alle in Graubünden gesprochenen rätoromanischen Idiome (e-HLS 2012: s. v. Dialekte). Im Atlas wird auf den Terminus Bündnerromanisch verzichtet, der in der Romanistik oft zur Unterscheidung von den anderen rätoromanischen Sprachgruppen des Dolomitenladinischen und des Friaulischen verwendet wird (e-HLS 2012: s. v. Rätoromanisch). 8 Schreibkonventionen und Abkürzungen 8.1 Sprachliche, orthographische und typographische Konventionen Die Artikel im Atlas sind überwiegend (je nach Autor: in) in Schweizer Standarddeutsch verfasst und weichen daher in der Grammatik, in der Lexik und in der Graphie z. T. von anderen deutschen Standardvarietäten ab (vgl. u. a. Ammon/ Bickel/ Lenz 2016: LXXIII-LXXVII; VG 2018; Christen/ Schmidlin 2024: 37-40). Dies zeigt sich bspw. bei zusammengesetzten Wörtern mit resp. ohne Fugenelement, bei der Bildung von Pluralformen, im häufigeren Gebrauch von welcher/ welche / welches als Relativpronomen oder im Vorkommen von Helvetismen wie allfällig ‘gegebenenfalls, evtl. vorkommend’ (Ammon/ Bickel/ Lenz 2016: 25). Exemplarisch für graphische Besonderheiten sei das Fehlen des Graphems <ß> angeführt, für das in der Deutschschweiz konsequent die Schreibung <ss> verwendet wird. Auch das typographische Erscheinungsbild des FDS folgt Deutschschweizer Konventionen, sodass u. a. doppelte Anführungszeichen in der Form «…» erscheinen und bei mehr als dreistelligen Zahlen ein Tausenderstrich ' gesetzt wird. Nicht nur in Artikeln zu FamN des Deutschschweizer Sprachraums, sondern auch in Artikeln, die französische, italienische und/ oder rätoromanische FamN behandeln, finden die typographischen Konventionen der Deutschschweiz Anwendung. Zudem werden die Kantonsbezeichnungen in den Artikeln immer in deutscher Sprache angegeben, auch wenn ein Kanton (z. B. Freiburg, Tessin) ganz oder teilweise zu einem der drei romanischsprachigen Landesteile gehört. 55 Andere politische bzw. geographische Bezeichnungen wie Namen von Gemeinden und Bezirken werden mehrheitlich in derjenigen Amtssprache geschrieben, die am entsprechenden Ort bzw. im entsprechenden Gebiet (häufiger) gesprochen wird. Für die Bezeichnung von Personen werden im Atlas grundsätzlich gendergerechte Formulierungen (meist mit Doppelpunkt) verwendet; wenn sich eine Aussage ausschliesslich auf ein Geschlecht bezieht (z. B. nur Männer, die aus einer Ortschaft ausgewandert sind), erfolgt ein entsprechender Hinweis als Fussnote. Über diese grundsätzlichen Regelungen hinaus hatten die Autor: innen weitgehende Freiheiten in der Ausformulierung ihrer Artikel. 55 Für die offiziellen romanischsprachigen Bezeichnungen der Schweizer Kantone vgl. die Schreibweisungen der Schweizerischen Bundeskanzlei (2015: 56-57). 30 A Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="31"?> 8.2 Zitierstil Für alle Artikel im Atlas wurde eine grössere Auswahl an Literatur konsultiert. Jede Quelle, auf die ein Artikel Bezug nimmt, wird im Fliesstext in der Form einer Kurzangabe genannt. Ausführlichere bibliographische Angaben inklusive des letzten Zugriffsdatums bei Online-Quellen folgen jeweils am Ende eines Artikels. Der ausgewählte Zitierstil für die Quellennachweise richtet sich nach den Konventionen in der germanistischen Sprachwissenschaft und wurde eigens für den FDS erstellt. 56 Für Kürzel, mit denen auf gewisse Quellen verwiesen wird, vgl. die Auf listung im Abschnitt 8.6 «Institutionen und zitierte Werke». Wie im Abschnitt 4 «Datengrundlage» ausführlich beschrieben, stützen sich die Artikel einerseits auf historische Daten des FNB (1989), die uns vom HLS zur Verfügung gestellt wurden, und andererseits auf rezente Daten des BFS (STATPOP 2020). Diese beiden Datenquellen erscheinen wie die Kartierungsgrundlagen (vgl. Abschnitt 5.1 «Grundkarte des Atlas») nicht im Literaturverzeichnis der Artikel, sondern werden im Artikelabschnitt «Datenquellen» aufgeführt und zudem pro Artikel im Fliesstext nur einmal ausgewiesen. 8.3 Symbole X < Y X geht lautgesetzlich zurück auf Y (z. B. nhd. Geiss < mhd. geiz) X ← Y X geht anderweitig (nicht-lautgesetzlich) zurück auf Y (z. B. Glausen ← des Klausen Sohn) X > Y X entwickelt sich lautgesetzlich zu Y (z. B. mhd. bruoder > nhd. Bruder) X → Y X entwickelt sich anderweitig (nicht-lautgesetzlich) zu Y (z. B. Komparation ahd. obar → ahd. obarōsto, Diminution Stock → Stöckli) X + Y X und Y (z. B. FamN Aenishänslin ← Subst. Änis ‘Anis’ + Ruf N Hans) * Rekonstruierte, nicht-bezeugte oder ungrammatische Form (z. B. germ. *timbra- ‘Bauholz’, FamN *Grof neben Graf , *Lehfrau neben Lehmann) Platzhalter für eine undefinierte Anzahl an Zeichen bei Abfragen von Datenbanken (z. B. Hof * für alle Toponyme, die mit Hof beginnen) ◌̄ Historische oder dialektale Länge eines Vokals (z. B. ahd. mulīn ‘Mühle’, mhd. nāter ‘Schneider’, lat. sūtor ‘(Flick-)Schuster’, schwzdt. tūss ‘still, kleinlaut’) ◌́ Wortakzent (z. B. erstbetontes ahd. Há(g)inric) . Silbengrenze (z. B. FamN Spit.te.ler) | Morphemgrenze (z. B. mhd. sattel |er) […] Phonetische Transkription (z. B. [ɛ]) Exemplarisches Namenglied (z. B. FamN von der [Heide], FamN [Weiden]meier) Auslassung oder Ergänzung bei direkten Zitaten Übersetzung von direkten Zitaten / …/ Phonologische Transkription (z. B. / χ/ ) <…> Schreibung (z. B. <ae>) ‘…’ Bedeutung (z. B. mhd. wīz ‘glänzend, weiss’) Uneigentlicher, bspw. ironischer, Wortgebrauch (z. B. ‘richtige’ Schreibweise) «…» Formales Schema von FamN (z. B. «Namenelement + Präposition von + Namenelement») Direktes Zitat Quellentitel im Fliesstext Verweis auf einen Artikelabschnitt (z. B. «wie im Abschnitt «Hintergrund» erläutert…») ‹…› Ersatz doppelter Anführungszeichen in direkten Zitaten / Graphische, lautliche oder morphologische Varianten von Namen (z. B. FamN Schneider/ Schnyder) (…) Kurzschreibung für graphische, lautliche oder morphologische Varianten von Namen (z. B. FamN Beck(er), FamN Glo(o)r) Allenfalls getilgte oder eingeschobene/ angetretene Vokale und Konsonanten (z. B. schwzdt. gester(t) ‘gestern’, mhd. has(e) ‘Hase’, schwzdt. usse(r)t ‘ausserhalb, ausser’) Die Schreibung historischer bzw. dialektaler Belege wurde im FDS grundsätzlich nicht vereinheitlicht, sondern jeweils aus den Originalquellen übernommen. Für eine überblicksartige Darstellung der IPA-Zeichen und der Teuthonista-Lautschrift, die in den Artikeln gelegentlich zur Anwendung kommen, sei auf Niebaum/ Macha (2014: 20-23) und Kleber (2023: 36-40) verwiesen. Für das Transkriptionssystem des SDS (1962-1997), das eine Weiterentwicklung der Lautschrift nach Böhmer-Ascoli darstellt und für gewisse Lexeme in den FDS-Artikeln übernommen wurde, vgl. die Unterseite «Transkriptionssystem» auf dem Online-Portal sprachatlas.ch (o. J.). 8.4 Fachbegriffe AdelsN Adelsname(n) Adj. Adjektiv AusgangsN Ausgangsname(n) BeiN Beiname(n) BergN Bergname(n) BerufsN Berufsname(n) BerufsüberN Berufsübername(n) BesitzerN Besitzername(n) BurgN Burgname(n) DoppelN Doppelname(n) EchoN Echoname(n) EigenN Eigenname(n) EinwohnerN Einwohnername(n) EinzelN Einzelname(n) FamilienbeiN Familienbeiname(n) FamN Familienname(n) fem. feminin FlurN Flurname(n) FlussN Flussname(n) FremdN Fremdname(n) GasthausN Gasthausname(n) GebietsN Gebietsname(n) GebirgsN Gebirgsname(n) GeburtsN Geburtsname(n) 56 Wir danken Denis Maier von der Universität Bern für seine wertvolle fachliche Unterstützung im Umgang mit Zotero. 8 Schreibkonventionen und Abkürzungen 31 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="32"?> GeländeN Geländename(n) GewässerN Gewässername(n) HäuserN Häusername(n) HausN Hausname(n) HeiligenN Heiligenname(n) HerkunftsN Herkunftsname(n) Hof N Hofname(n) HumanistenN Humanistenname(n) InsassenN Insassenname(n) InterferenzN Interferenzname(n) KoseN Kosename(n) KurzN Kurzname(n) LänderN Ländername(n) LandschaftsN Landschaftsname(n) mask. maskulin MigrantenN Migrantenname(n) neutr. neutral ÖrtlichkeitsN Örtlichkeitsname(n) OrtsneckN Ortsneckname(n) PatrizierN Patriziername(n) PersonenN Personenname(n) Plur. Plural PräpositionsN Präpositionsname(n) PrunkN Prunkname(n) Ruf N Rufname(n) SatzN Satzname(n) SiedlungsN Siedlungsname(n) Sing. Singular SpitzN Spitzname(n) StädteN Städtename(n) StadtN Stadtname(n) StammesN Stammesname(n) StandesN Standesname(n) StrassenN Strassenname(n) Subst. Substantiv Tauf N Taufname(n) ÜberN Übername(n) VölkerN Völkername(n) VolksN Volksname(n) WohnstättenN Wohnstättenname(n) ZuN Zuname(n) ZweitN Zweitname(n) 8.5 Dialekte, Sprachen und Sprachstufen aengl. altenglisch afries. altfriesisch ahd. althochdeutsch alem. alemannisch altalem. altalemannisch altdt. altdeutsch altfränk. altfränkisch altfrz. altfranzösisch altital. altitalienisch altoberdt. altoberdeutsch alträtorom. alträtoromanisch anord. altnordisch asächs. altsächsisch bair. bairisch berndt. berndeutsch bündnerdt. bündnerdeutsch dt. deutsch engad. engadinisch engl. englisch fnhd. frühneuhochdeutsch fränk. fränkisch frankoprov. frankoprovenzalisch frz. französisch gall. gallisch germ. germanisch got. gotisch griech. griechisch hebr. hebräisch hochalem. hochalemannisch höchstalem. höchstalemannisch indogerm. indogermanisch ital. italienisch lat. lateinisch lombard. lombardisch mhd. mittelhochdeutsch mitteldt. mitteldeutsch mittelfrz. mittelfranzösisch mittellat. mittellateinisch mittelniederdt. mittelniederdeutsch niederdt. niederdeutsch niederl. niederländisch nhd. neuhochdeutsch oberdt. oberdeutsch oberital. oberitalienisch rätorom. rätoromanisch rom. romanisch schwäb. schwäbisch schwzdt. schweizerdeutsch spätgriech. spätgriechisch spätlat. spätlateinisch spätmhd. spätmittelhochdeutsch standarddt. standarddeutsch vorahd. voralthochdeutsch vordt. vordeutsch vorröm. vorrömisch vulgärlat. vulgärlateinisch walliserdt. walliserdeutsch westgerm. westgermanisch 32 A Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="33"?> 8.6 Institutionen und zitierte Werke AFNeT Atlas der Familiennamen im niederländischen Sprachgebiet APNB Appenzeller Namenbuch ASTAT Landesinstitut für Statistik der Autonomen Provinz Bozen - Südtirol AWb Althochdeutsches Wörterbuch (online) BABS Bundesamt für Bevölkerungsschutz BENB Ortsnamenbuch des Kantons Bern BFS Bundesamt für Statistik BNF NF Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge BSNB Namenbuch Basel-Stadt DFA Deutscher Familiennamenatlas DFD Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands DRG Dicziunari Rumantsch Grischun DWb Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (online) DWDS Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache DWN Digitales Wörterbuch Niederdeutsch e-FNB Familiennamenbuch der Schweiz (online) e-FWB Frühneuhochdeutsches Wörterbuch (online) e-HLS Historisches Lexikon der Schweiz (online) EtymWB Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (online) EWA Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen (online) e-WSK Wörterbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (online) FamOs Familiennamen Österreichs (online) FEW Französisches Etymologisches Wörterbuch FLNB Liechtensteiner Namenbuch FNB Familiennamenbuch der Schweiz (gedruckt) GlMwb Glarner Mundartwörterbuch GPSR Glossaire des patois de la Suisse romande HBLS Historisch-biographisches Lexikon der Schweiz HSS Historischer Südwestdeutscher Sprachatlas HWR Handwörterbuch des Rätoromanischen Id. Schweizerisches Idiotikon KSDS Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz LexMA Lexikon des Mittelalters (online) LFA Luxemburgischer Familiennamenatlas LSG Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen RfdR Amtliches Regelwerk der deutschen Rechtschreibung RNB Rätisches Namenbuch SDS Sprachatlas der deutschen Schweiz SONB Solothurnisches Namenbuch swisstopo Bundesamt für Landestopografie SZNB Schwyzer Namenbuch TNB Thurgauer Namenbuch VALTS Vorarlberger Sprachatlas mit Einschluß des Fürstentums Liechtenstein, Westtirols und des Allgäus VG Variantengrammatik des Standarddeutschen (online) VSI Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana VSNB Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch WeNB Werdenberger Namenbuch WSL Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft 8.7 Kantone AG Aargau AI Appenzell Innerrhoden AR Appenzell Ausserrhoden BE Bern BL Basel-Landschaft BS Basel-Stadt FR Freiburg GE Genf GL Glarus GR Graubünden JU Jura LU Luzern NE Neuenburg NW Nidwalden OW Obwalden SG St. Gallen SH Schaffhausen SO Solothurn SZ Schwyz TG Thurgau TI Tessin UR Uri VD Waadt VS Wallis ZG Zug ZH Zürich 8.8 Sonstige Abs. Absatz Bd. Band Bde. Bände bspw. beispielsweise bzw. beziehungsweise ca. circa CH Confoederatio Helvetica d. h. das heisst et al. et alii (= und andere) evtl. eventuell ff. fortfolgend Fol. Folio ggf. gegebenenfalls Hrsg. Herausgeberschaft i. d. R. in der Regel i. V. in Vorbereitung Jh. Jahrhundert m ü. M. Meter über Meer Nr. Nummer o. ä. oder ähnliche(s) o. J. ohne Jahr 8 Schreibkonventionen und Abkürzungen 33 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="34"?> PLZ Postleitzahl r recto (= Vorderseite, rechte Seite) resp. respektive s. siehe s. o. siehe oben s. u. siehe unten s. v. sub voce (= unter dem Ausdruck) sic! sīc erat scriptum (= so stand es geschrieben) Sp. Spalte St. Sankt u. und u. a. unter anderem u. ä. und ähnliche(s) usw. und so weiter v verso (= Rückseite, linke Seite) v. a. vor allem vgl. vergleiche vs. versus (= gegen(über), im Gegensatz zu) z. B. zum Beispiel z. T. zum Teil Die im Rahmen dieses Bandes veröffentlichten Karten sind als Datenpublikation im BORIS-Portal zugänglich: https: / / doi.org/ 10.48620/ 96042. Detaillierte Metadaten sowie Informationen zu Lizenzierung und Nachnutzung sind dort hinterlegt. Der Quellcode für das Kartierungsprogramm des FDS soll auf GitHub unter folgender URL bereitgestellt werden: https: / / github.com/ tivano-software/ fds-cartography. Digitale Ausgaben des Gesamtwerks und der einzelnen Bände stehen auf der eLibrary des Narr-Verlags unter den folgenden URL zur Verfügung: Gesamtwerk - https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381145126, Band I - https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381150625, Band II - https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381150724, Band III - https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381150823. 9 Referenzen 9.1 Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. 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Der Gegenstand ist relevant, weil er Einblick in den historischen Prozess der Familiennamenschreibung in der Schweiz gibt. Hintergrund: Für das klassische Mittelhochdeutsche werden drei kurze e-Laute angenommen, die auf verschiedene etymologische Vorstufen zurückgehen - germ. ë, Primär- und Sekundärumlaut - und sich in ihren Öffnungsgraden unterschieden haben (Paul et al. 2007: 87-91; Schmidt 2020: 319). Während für den Primärumlaut wie in ahd. gesti ‘Gäste’ (Plural zu ahd. gast) geschlossene Lautung angenommen wird, wird für germ. ë wie in ahd. wëban ‘weben’ halboffene und für den Sekundärumlaut wie in mhd. mähtec ‘mächtig’ offene Artikulation postuliert. Im Folgenden soll von diesen drei Lauten germ. ë hinsichtlich seiner Wiedergabe in der Schrift und seiner Lautentwicklung im Schweizerdeutschen umrissen werden. Diese Entwicklungen sind nicht gänzlich von jenen der beiden anderen e-Laute zu trennen, da diese drei bereits ab dem Mittelhochdeutschen zusammenfallen und im Neuhochdeutschen - sofern keine anderen Lautentwicklungen wie Dehnung usw. eingetreten sind - lautlich als [ɛ] realisiert werden (Moser 1929: 117-118; Ebert et al. 1993: 39; Krech et al. 2009: 59). 1 Als Regelgraphie für germ. ë gilt sowohl im Altals auch im Mittelhochdeutschen <e> (Paul et al. 2007: 90; Braune/ Heidermanns 2023: 35, 49). Ab dem Mittel- und Frühneuhochdeutschen kommen durch die Erweiterung des Grapheminventars weitere Möglichkeiten hinzu, um e-Laute zu schreiben, wie <a ᵉ > oder <ä> (Ebert et al. 1993: 39; Paul et al. 2007: 27). In der Folge zeigt sich im Oberdeutschen eine Tendenz, den Sekundärumlaut mit einem a-basierten Graphem zu bezeichnen, während <e> für die anderen beiden Laute verwendet wird. Im Hochalemannischen wird <a ᵉ > aber auch für germ. ë verwendet (Moser 1929: 119). Ebert et al. (1993: 40) halten grundsätzlich fest, dass aus den historischen Schreibungen kaum abzulesen ist, «inwieweit noch eine lautliche Grundlage für eine [graphematische] Differenzierung besteht». Es ist aber anzunehmen, dass «für die offenste Qualität in einer Landschaft» (Ebert et al. 1993: 40) a-basierte Grapheme wie <a ᵉ >, <ä> usw. verwendet werden. Die Dialekte der Deutschschweiz zeigen bezüglich der lautlichen Realisierung von germ. ë eine Zweiteilung, wenn man die kleineren Gebiete mit Diphthongierung zu eα im St. Galler Rheintal oder Senkung zu a in Teilen des Kantons Uri hier vernachlässigt (SDS I 1962: Karten 22-25, 26; KSDS 2019: 224-225): Diese Zweiteilung besteht aus einem neutralen [e] und einem überoffenen, gesenkten [æ]. Die Raumbilder der Dialektkarten sind aber nicht einheitlich und unterscheiden sich je nach lautlicher Umgebung. So ergeben die Positionen vor ch (h) wie in sechs, recht, schlecht (SDS I 1962: Karte 22, 26), vor r (+ Konsonant) wie in Ferse, Berg, sterben (SDS I 1962: Karten 23-24, 26) oder im einsilbigen Wort vor Lenis wie in Mehl, Steg, Weg (SDS I 1962: Karte 25, 26) ein jeweils leicht anderes Kartenbild. Als gemeinsamer Nenner kann aber Folgendes festgehalten werden: Die Lautung als überoffenes [æ] zeigt die grösste Verbreitung (ab ZH westwärts); als geschlossener Raum tritt demgegenüber die Ostschweiz auf (SH, TG, SG, AI, AR), hier gilt mehrheitlich eine neutrale [e]-Lautung (KSDS 2019: 224-225). Sofern die überoffene Lautung, die nicht zum standardsprachlichen Inventar gehört, mit dem normalen Alphabet (d. h. nicht mit phonetischer Umschrift) abgebildet wird, wird dazu das Graphem <ä> verwendet, wie bspw. im KSDS (2019: 224-225) für Späck ‘Speck’ oder in Mundartwörterbüchern (Gallmann 2009: 39; Christoph Merian Stiftung 2010: 16). 2 Auch Kully (2009: 372) geht bei Eigenheiten von Deutschschweizer FamN auf diesen Laut ein: «Die Senkung des germanischen e zu ä, die v. a. im westlichen Schweizerdeutschen durchgedrungen ist, zeigt sich in den Paaren: Räber - Reber, Wäber - Weber, Schärer - Scherer». Er legt somit nahe, dass die Schreibvarianten der Namen als Abbild von Erhalt oder Senkung anzusehen sind, wobei <ä> für die offene gesenkte Lautung steht. Als graphische Variante zu <ä> kann in FamN auch <ae> geschrieben werden wie in Wäber - Waeber. 3 Diese Schreibung tritt für das vorliegende Phänomen in wenigen Namen auf und wird ebenfalls berücksichtigt. Fragestellung: Vor diesem Hintergrund ist die folgende Frage von Interesse: Wird germ. ë, das in den schweizerdeutschen Dialekten unterschiedliche Qualitäten aufweist, in FamN unterschiedlich verschriftet? Auf der ersten und der zweiten Karte wird das Phänomen als Gesamtes dargestellt, auf der zweiten Karte wird jedoch hochfrequentes Weber/ Wäber/ Waeber ausgeschlossen. Die folgenden vier Karten bilden dann jeweils eine Teilmenge der ersten Karte ab und 1 Zu den anderen beiden e-Lauten resp. Graphien vgl. die Artikel I-1.2 «Schreibvariation Primärumlaut» und I-1.4 «Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten». 2 Diese Schreibweise wird bspw. auch vom Verein Züritüütsch (o. J.) in den «Empfehlungen zur Schreibweise des Zürichdeutschen» vorgeschlagen. 3 Vgl. Artikel I-1.4 «Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten». Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="42"?> gehen der Frage nach, ob es allenfalls für verschiedene Benennungsmotive unterschiedliche Areale gibt. Dazu werden die drei Benennungsmotive BerufsN, ÜberN/ BerufsüberN sowie Patronyme berücksichtigt. Wohnstätten- und HerkunftsN werden aufgrund der niedrigen Typenfrequenz (total vier Namenpaare) nicht in einer eigenen Karte dargestellt. Erste und zweite Karte {5, 6}: Variation von <e>, <ä> und <ae> für germ. ë Namenauswahl: Die ersten beiden Karten widmen sich allen FamN - unabhängig vom Benennungsmotiv - aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 4 die germ. ë enthalten und diesen Laut in der Schreibung als <e>, <ä> oder <ae> aufweisen. Die erste Karte umfasst alle Namen, wohingegen auf der zweiten Karte hochfrequentes Weber / Wäber/ Waeber ausgeschlossen wird (s. dazu die vierte Karte). Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen germ. ë als <e>: Bechtiger, Benz, Benziger, Berni, Bertsch, Bertschi, Betschmann, Bindschedler, Brem, Flecklin, Hollenweger, Kech, Ledermann, Nef , Neff , Reber, Rebsamen, Recher, Schedler, Scherer, Scherrer, Scherz, Schwegler, Segesser, Sesseli, Steger, Trechsel, Weber, Zehndler. 29 Types, 364 Tokens. germ. ë als <ä>, <ae>: Bächtiger, Bänz, Bänziger, Bärni, Bärtsch, Bärtschi, Bätschmann, Bindschädler, Bräm, Fläcklin, Hollenwäger, Käch, Kaech, Lädermann, Laedermann, Naef , Naeff , Näf , Näff , Räber, Räbsamen, Rächer, Schädler, Schaerer, Schärer, Schärrer, Schärz, Schwägler, Sägesser, Sässeli, Stäger, Trächsel, Wäber, Waeber, Zähndler. 35 Types, 239 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 15-50, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 5: Daten zur ersten Karte {5} Abgefragte Namen germ. ë als <e> ohne Weber: Bechtiger, Benz, Benziger, Berni, Bertsch, Bertschi, Betschmann, Bindschedler, Brem, Flecklin, Hollenweger, Kech, Ledermann, Nef , Neff , Reber, Rebsamen, Recher, Schedler, Scherer, Scherrer, Scherz, Schwegler, Segesser, Sesseli, Steger, Trechsel, Zehndler. 28 Types, 188 Tokens. germ. ë als <ä>, <ae> ohne Wäber/ Waeber: Bächtiger, Bänz, Bänziger, Bärni, Bärtsch, Bärtschi, Bätschmann, Bindschädler, Bräm, Fläcklin, Hollenwäger, Käch, Kaech, Lädermann, Laedermann, Naef , Naeff , Näf , Näff , Räber, Räbsamen, Rächer, Schädler, Schaerer, Schärer, Schärrer, Schärz, Schwägler, Sägesser, Sässeli, Stäger,Trächsel, Zähndler. 33 Types, 228 Tokens. Karte 5: FamN mit <e>, <ä> oder <ae> für germ. ë, vor 1800 4 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 42 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="43"?> Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 10-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 6: Daten zur zweiten Karte {6} Detailangaben zur Namenauswahl: 5 In der etymologischen Datenbank (Stand 12.05.2023) sind insgesamt 123 Namendubletten aufgeführt, die Variation von e / ä / ae aufweisen. 93 Namenpaare, deren e-Lautung nicht auf germ. ë zurückgeht oder deren Etymologie unklar bzw. nicht identisch ist, wurden von der Kartierung ausgeschlossen. Lediglich 29 Namenpaare enthalten tatsächlich germ. ë und haben dieselbe Etymologie. Von diesen Namenpaaren haben sechs auch eine Namenform mit ae-Graphie (Kaech, Laedermann, Naef , Naeff , Schaerer, Waeber) und kommen somit als Tripletten vor; auf den vorliegenden Karten werden <ä> und <ae> als Varianten aufgefasst und zusammen kartiert. Die ausgewählten FamN gehören mehrheitlich zum Benennungsmotiv der BerufsN wie Reber/ Räber (zu mhd. rëbe ‘Rebe, Weingarten; Weinbauer’), Scherer/ Scherrer / Schärer/ Schärrer (zu mhd. schërære, schërer ‘Barbier, Wundarzt, Bader’), Schedler/ Schädler (zu mhd. schëdeler ‘Hersteller von Schüsseln; Küfer’) oder Segesser / Sägesser (zu mhd. sëgense ‘Sense’) und zu den ÜberN wie Brem / Bräm (zu mhd. brëme ‘Bremse, Stechf liege’ für eine Person mit aufsässigem Verhalten), Kech / Käch / Kaech (zu mhd. quëc, këc ‘lebendig, frisch’, auch ‘munter, mutig’) oder Nef / Neff / Näf / Näff / Naef / Naeff (zu mhd. nëve ‘Neffe’, im weiteren Sinne auch ‘Verwandter allgemein’). Wenige FamN zählen zu den Patronymen und Herkunftsbzw. WohnstättenN: Erstere enthalten entweder den germanischen Ruf N Berchtold (aus ahd. bëraht, brëht ‘hell, glänzend’ + ahd. waltan ‘herrschen, mächtig sein’; z. B. FamN Bertsch / Bärtsch, Bertschi/ Bärtschi, Betschmann / Bätschmann) oder den Ruf N Bernhard (aus ahd. bër ‘Bär’ + ahd. hart, herti ‘hart, stark’; z. B. FamN Benz / Bänz, Berni/ Bärni). Letztere beziehen sich zum einen auf die Landschaftsmerkmale Steg (< mhd. stëc, stëg ‘schmale Brücke, Steg’; FamN Steger/ Stäger) und Weg (< mhd. wëc, wëg; FamN Hollenweger / Hollenwäger). Zum anderen gehen sie auf Toponyme zurück, die im Hauptton germ. ë enthalten: So sind die FamN Bechtiger / Bächtiger vom Toponym Bechten (Mosnang SG) und Benziger/ Bänziger vom Toponym Bänzigen (Glarus Süd GL) abgeleitet. Karte 6: FamN mit <e>, <ä> oder <ae> für germ. ë ohne Typ Weber, vor 1800 5 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 1.1 Schreibvariation e/ ä für germ. ë 43 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="44"?> Kommentar: Auf der ersten Karte zeigen sich zwar punktuell im Mittelland, im Berner Oberland (BE) sowie im Prättigau (GR) Räume mit äbzw. ae-Schreibungen, gesamthaft überwiegt die Schreibung mit <e> aber deutlich. Diese Dominanz ist mehrheitlich dem FamN Weber zuzuschreiben, der mit 176 Tokens von insgesamt 603 Tokens knapp ein Drittel der Gesamtdaten ausmacht. Wenn Weber subtrahiert wird, wie auf der zweiten Karte, dann tritt die e-Dominanz in den Hintergrund, denn ohne diesen hochfrequenten EinzelN fällt die höhere Tokenzahl den FamN mit <ä>, <ae> zu und die ä- / ae- Räume im Mittelland treten deutlicher hervor, so zwischen dem Emmental (BE) und dem Suhrental (AG, LU) und auch mehrheitlich im Kanton Zürich sowie im nördlichen Teil des Kantons St. Gallen. Namen mit ae-Schreibung machen 27 Tokens aus, gemessen am kartierten Sample bewegen sie sich im niederfrequenten Bereich (4,47 %). Dritte und vierte Karte {7, 8}: Variation von <e>, <ä> und <ae> in Berufsnamen Namenauswahl: Die folgenden beiden Karten greifen aus der Gesamtmenge der ersten Karte diejenigen FamN heraus, die auf Berufsbezeichnungen basieren. Die dritte Karte bildet alle BerufsN ohne Weber / Wäber/ Waeber ab, die vierte Karte zeigt diese drei Namen separat. Abgefragte Namen germ. ë als <e> in BerufsN: Bindschedler, Ledermann, Reber, Recher, Schedler, Scherer, Scherrer, Schwegler, Segesser, Trechsel, Zehndler. 11 Types, 107 Tokens. germ. ë als <ä>, <ae> in BerufsN: Bindschädler, Lädermann, Laedermann, Räber, Rächer, Schädler, Schaerer, Schärer, Schärrer, Schwägler, Sägesser, Trächsel, Zähndler. 13 Types, 83 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 7: Daten zur dritten Karte {7} Karte 7: BerufsN mit <e>, <ä> oder <ae> für germ. ë ohne Typ Weber, vor 1800 44 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="45"?> Abgefragte Namen germ. ë als <e>: Weber. 176 Tokens. germ. ë als <ä>, <ae>: Wäber, Waeber. 11 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-65, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 8: Daten zur vierten Karte {8} Detailangaben zur Namenauswahl: Die ausgewählten Namenpaare sind in Auswahl bereits bei der ersten Karte etymologisiert, vgl. die dortigen Angaben. Kommentar: Bei BerufsN ist die e-Schreibung mit 283 Tokens - gemessen am Gesamtsample der e-Graphien (364 Tokens) - äusserst frequent und prägt entsprechend die Raumbilder der beiden Karten: Auf der dritten Karte erstreckt sich das Verbreitungsgebiet der e-Schreibung einerseits in der Ostschweiz (v. a. SG und TG), andererseits in Teilen des (übrigen) Mittellands, dort mit Ballungen im östlichen Aargau, in Basel-Landschaft sowie in den Kantonen Bern, Luzern und Zürich, obwohl diese dialektal überoffene Aussprache von germ. ë zeigen (KSDS 2019: 224). FamN mit den Schreibvarianten <ä>, <ae> sind seltener. Sie sind in den Kantonen Bern, Aargau und Zürich verbreitet, jedoch kaum in der Ostschweiz. Dieser letzte Befund deckt sich mit dem im KSDS (2019: 225) dokumentierten Fehlen einer überoffenen Realisierung in der Ostschweiz. Die vierte Karte zeigt für die Namen Weber / Wäber/ Waeber das räumliche und quantitative Nebeneinander der drei Schreibformen: Die Varianten mit ä / ae finden sich geographisch nah beieinander in der westlichen Deutschschweiz, wobei die Graphie mit <ae> deutlich häufiger auftritt: Auf sie entfallen 8 Tokens ausschliesslich im Kanton Freiburg, während <ä> lediglich 3 Ortspunkte aufweist (einmal in BE, zweimal in FR). Die auffallend starke Dominanz von <e> im Mittelland könnte an der Häufigkeit des Lexems und der Anlehnung an den geschriebenen Standard liegen, die bei frequenten Lexemen eher zu erwarten ist als bei seltenen und opaken Namen. Karte 8: Variation von <e>, <ä> und <ae> im BerufsN Weber, Wäber, Waeber, vor 1800 1.1 Schreibvariation e/ ä für germ. ë 45 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="46"?> Fünfte Karte {9}: Variation von <e>, <ä> und <ae> in Über- und Berufsübernamen Namenauswahl: Die fünfte Karte greift aus der Gesamtmenge der ersten Karte diejenigen FamN heraus, die zum Benennungsmotiv der ÜberN und BerufsüberN gehören. 6 Abgefragte Namen germ. ë als <e> in ÜberN und BerufsüberN: Brem, Flecklin, Kech, Nef , Neff , Rebsamen, Sesseli, Scherz. 8 Types, 28 Tokens. germ. ë als <ä>, <ae> in ÜberN und BerufsüberN: Bräm, Fläcklin, Käch, Kaech, Naef , Naeff , Näf , Näff , Räbsamen, Sässeli, Schärz. 11 Types, 100 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 9: Daten zur fünften Karte {9} Detailangaben zur Namenauswahl: Kartiert wird eine Teilmenge des Gesamtsamples, wie es bei der ersten Karte beschrieben und teilweise etymologisiert ist. An dieser Stelle sollen die Etymologien von weiteren ÜberN bzw. BerufsüberN kurz festgehalten werden: Flecklin / Fläcklin stellen sich zu mhd. vlëc(ke) ‘Lappen, Flicken’ wohl nach der Kleidung, Rebsamen / Räbsamen zu schwzdt. Räbsame(n) ‘Same der weissen Rübe’ für einen Rübenbauern und Sesseli/ Sässeli zu mhd. sëzzel ‘Sessel’ für den spezialisierten Hersteller derartiger Sitzmöbel. Kommentar: Das Raumbild der fünften Karte unterscheidet sich insofern von jenen der dritten und vierten Karte, als die FamN mit <ä>, <ae> ein gehäuftes Auftreten in den Kantonen St. Gallen, Zürich, Luzern und Solothurn aufweisen. Die hohe Konzentration in der Ostschweiz ist dem FamN Näf geschuldet, der über die Hälfte der Tokens der ä-/ ae-Schreibungen ausmacht (55 von 100) und hauptsächlich in St. Gallen und Zürich verbreitet ist. Die Varianten mit <e>, <ä> und <ae> treten gerade beim Typ Näf räumlich zusammen auf, teilweise am selben Ort wie Nef und Naef in Urnäsch (AR) oder Näf und Naef in Meilen (ZH). Schreibvarianten am selben Ort können allenfalls auch mit dem Wunsch nach Differenzierung der Familien zusammenhängen. ÜberN bzw. BerufsüberN, die mit <e> verschriftet werden, sind niederfrequent und eher punktuell über das Mittelland verteilt. Karte 9: Über- und BerufsüberN mit <e>, <ä> oder <ae> für germ. ë, vor 1800 6 BerufsüberN werden hier Kohlheim (2011: 252) folgend nicht als «Sondergruppe innerhalb der Berufsnamen», sondern als «berufsmotivierte Übernamen» eingeordnet. 46 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="47"?> Sechste Karte {10}: Variation von <e> und <ä> in Patronymen Namenauswahl: Die sechste Karte greift aus der Gesamtmenge der ersten Karte diejenigen FamN heraus, die zum Benennungsmotiv der Patronyme gehören. Abgefragte Namen germ. ë als <e> in Patronymen: Benz, Berni, Bertsch, Bertschi, Betschmann. 39 Tokens. germ. ë als <ä> in Patronymen: Bänz, Bärni, Bärtsch, Bärtschi, Bätschmann. 22 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 10: Daten zur sechsten Karte {10} Detailangaben zur Namenauswahl: Kartiert wird eine Teilmenge des Gesamtsamples, wie es bei der ersten Karte beschrieben und etymologisiert ist. Patronyme, die etymologisch germ. ë enthalten, weisen keine Variante mit <ae> auf. Alle hier kartierten FamN sind abgeleitete Kurzformen von Ruf N mit verschiedenen Suffixen (-i, -mann, -tsch, -z). 7 Kommentar: Das Kartenbild zeigt verschiedene, nicht-zusammenhängende Räume, in denen die vorliegenden Patronyme gehäuft auftreten: Benz ist mit über der Hälfte der Tokens (25 von 39) der häufigste FamN mit e-Schreibung und konzentriert sich hauptsächlich im Nordosten - sehr dicht im Kanton Zürich, wo auch das etymologische Pendant mit <ä> auftritt, aber auch in den Kantonen Aargau, Thurgau, St. Gallen und Schwyz. Der Raum im Prättigau (GR) geht auf den FamN Bärtsch zurück. In der westlichen Deutschschweiz (SO, BE) hingegen ist die Form Bärtschi typisch. Das Pendant Bertschi tritt im Aargau und im Kanton Zürich auf. Die anderen Types sind niederfrequent und nur an vereinzelten Ortspunkten bezeugt. Ergebnisse Wie die sechs Karten zeigen, treten in der Deutschschweiz sowohl FamN mit e-Schreibung als auch solche mit ä-/ ae-Graphie für germ. ë auf. Quantitativ ergibt sich mit 364 Tokens <e> zu 239 Tokens <ä>, <ae> ein Verhältnis von ca. 2: 1. Wenn der hochfrequente Typ Weber Karte 10: Patronyme mit <e> und <ä> für germ. ë, vor 1800 7 Vgl. die Artikel II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y», II-2.3 «Familiennamen auf -(t)z und -(t)sch» und II-2.8 «Suffixkombinationen mit -li, -le, -z, -tsch und -mann». 1.1 Schreibvariation e/ ä für germ. ë 47 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="48"?> nicht berücksichtigt wird, sind Formen mit <ä>, <ae> jedoch häufiger. Eine Korrelation von <e> und <ä>, <ae> in Namen mit den Gebieten der Dialektlautung kann allerdings nicht festgestellt werden: Die Schreibvarianten korrespondieren nicht mit der Verbreitung der unterschiedlichen Lautqualitäten in der dialektalen Realisierung. Im Dialekt überwiegt räumlich das offene [æ] in der westlichen Deutschschweiz (KSDS 2019: 224-225), in diesem Raum dominieren aber nicht die Namengraphien mit <ä> oder <ae>. Es zeigen sich im Namenbestand mehrheitlich Mischgebiete; so finden sich auch e-Graphien in der westlichen und ä-/ ae-Graphien in der östlichen Deutschschweiz. Je nach Benennungsmotiv unterscheiden sich die Arealbildungen: Bei BerufsN und Patronymen überwiegt <e>, bei ÜberN bzw. BerufsüberN <ä>, <ae>. Die standardsprachliche Schreibung scheint die Schreibung der Namen, zumindest diejenige der transparenten, überformt zu haben. So überwiegt beim transparenten FamN Weber die e-Graphie, beim (wohl weitgehend) nicht mehr transparenten FamN Näf , dem nhd. Neffe entspricht, oder bei Patronymen wie Bärtsch(i) hingegen die ä-Graphie. Bei den ÜberN, die meist der Kategorie der intransparenten FamN zuzuordnen sind, dominieren - wie erwähnt - gesamthaft ä-/ ae-Graphien. Die Frage, ob hohe lexematische Transparenz eines FamN dessen standardnahe Schreibung begünstigt, wird im Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī» im Abschnitt «Ausblick» näher diskutiert und tendenziell bejaht. Auch für das vorliegende Sample kann festgehalten werden, dass intransparentere Namen häufiger mit <ä>, <ae> verschriftet werden. Es ist jedoch zu bedenken, dass dieser Aspekt hier nicht systematisch untersucht wurde. Bei der Realisierung von FamN mit germ. ë ist davon auszugehen, dass e / ä / ae hauptsächlich eine graphematische Variation darstellen und nicht die lautlich-dialektalen Realisierungsvarianten abbilden. So werden FamN im Kanton Zürich, egal ob mit <e> oder <ä>, <ae> geschrieben, offen artikuliert, wie Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 37, 40, 124, 170) bspw. für Benz «Bänz», Bindschedler «Bindschädler», Näf «Nääf» oder Weber «Wäber» festhalten. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Weber (18'880 Tokens), Scherrer (4'897 Tokens) und Schärer (4'760 Tokens). Ersterer Name gehört nicht nur in der rezenten Datenschicht, sondern auch vor 1800 zu den häufigsten FamN der Schweiz überhaupt; vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Der Wechsel e / ä zeigt sich auch in anderen etymologisch zusammengehörenden Namenpaaren, die nicht auf germ. ë zurückgehen, wie in Leber / Läber zu mhd. lē, lēwes (Genitiv Sing.) ‘Hügel’ oder Stenz / Stänz zum Ruf N Konstantin. Vergleich mit benachbartem Ausland: Auf FamN mit germ. ë wird im DFA 1 (2009: 122) in der Karte 51 zu den FamN Steger, Stöger innerhalb des Komplexes zur Monophthongvarianz e, ö verwiesen. Dabei wird der Typ Stäger aufgrund seiner geringen Frequenz von der Kartierung ausgeschlossen. Im DFD (2025: s. v. Stäger) wird Stäger mit einer Häufigkeit von 69 Tokens berücksichtigt, wobei auf die Schweiz als Hauptverbreitungsgebiet verwiesen wird. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Braune, Wilhelm/ Heidermanns, Frank (2023): Althochdeutsche Grammatik I: Phonologie und Morphologie (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 5.1). 17., neu bearbeitete Auf lage. Berlin, Boston: De Gruyter. Christoph Merian Stiftung (Hrsg.) (2010): Neues Baseldeutsch Wörterbuch. Basel: Merian. DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. DFD = Griebel, Julia (2025): Stäger. Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). http: / / www.namenforschung.net/ id/ name/ 50257/ 1 (letzter Zugriff 20.01.2025). Ebert, Robert P. et al. (1993): Frühneuhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 12). Tübingen: Niemeyer. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 12.05.2023). Gallmann, Heinz (2009): Zürichdeutsches Wörterbuch (Grammatiken und Wörterbücher des Schweizerdeutschen in allgemeinverständlicher Darstellung 3). Zürich: Neue Zürcher Zeitung. Kohlheim, Rosa (2011): Hammer, Stahl und Mehlhose: Berufsnamen oder Übernamen? 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(1962): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. I: Lautgeographie I: Vokalqualität. Bern: Francke. Verein Züritüütsch (o. J.): Empfehlungen zur Schreibweise des Zürichdeutschen. https: / / www.xn- -zrittsch-65ada.org/ zueritueuetsch/ schreibweise (letzter Zugriff 12.05.2023). Simone Berchtold, Martina Heer 1.1 Schreibvariation e/ ä für germ. ë 49 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="50"?> 1.2 Schreibvariation Primärumlaut Schlagwörter: germ. ë, morphologisches Schreibprinzip, Vokalqualität Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel gilt FamN wie Beck, Vetter oder Wullschleger, die etymologisch einen Primärumlaut enthalten. Als Primärumlaut wird jener Laut bezeichnet, der aus dem Wandel von germ. *a zu ahd. e vor i, j resultierte und der bereits in althochdeutschen Handschriften als <e> geschrieben wurde (Paul et al. 2007: 88). In den alemannischen Dialekten wird dieser Laut teilweise eher geschlossen, teilweise eher offen ausgesprochen (SDS I 1962: Karten 15-18; KSDS 2019: 192-193, 222-223). Der Gegenstand ist relevant im Kontext der West-Ost-Gliederung der schweizerdeutschen Dialekte. Hintergrund: Der Primärumlaut ist ein assimilatorischer Wandelprozess, bei welchem germ. *a der Stammsilbe durch ein i, j der Folgesilbe palatalisiert wurde. Dadurch entstand im Althochdeutschen ein neues e-Phonem, das vom älteren germ. ë unterschieden blieb (Sonderegger 1979: 106; Braune/ Heidermanns 2023: 43). 1 Dieser Umlaut tritt in Paradigmen und Wortbildungen auf, in denen i-haltige Flexions- oder Derivationssuffixe vorkommen, wie in der Pluralform ahd. lembir ‘Lämmer’ zum Substantiv ahd. lamb ‘Lamm’ oder im Substantiv ahd. lengī ‘Länge’, einem Abstraktum zum Adjektiv ahd. lang. Zeitlich wird dieser Wandel im 8. Jh. angesetzt (Schmidt 2020: 270; Braune/ Heidermanns 2023: 35). Der Primärumlaut wird in althochdeutschen Quellen mittels <e> graphisch markiert (Paul et al. 2007: 72): «Bis zum Ende des 10. Jahrhunderts (Notker) wird nur der Primärumlaut / a/ > / e/ bezeichnet. Erst das mhd. Vokalsystem wird auf graphisch sichtbare Weise um die neue Reihe der gerundeten Vorderzungenvokale (/ ö, ü/ usw.) erweitert» (Braune/ Heidermanns 2023: 84). Diese neue Reihe an Umlauten wird, da sie «erst im Übergang zum Mittelhochdeutschen fassbar werden» (Schmidt 2020: 270), auch als Sekundärumlaute bezeichnet. 2 Zusammenfassend spricht man von beiden Wandelprozessen als i-Umlaut. Die Aussprache des Primärumlauts kennt in den schweizerdeutschen Dialekten zwei Realisierungen: westlich offenes [ɛ] vs. östlich geschlossenes [e] (Christen 2019: 249; KSDS 2019: 223). Diese Zweiteilung reiht sich in die West-Ost-Gegensätze innerhalb der Dialekte der Deutschschweiz ein (KSDS 2019: 33). Fragestellung: Die Karte widmet sich dem Ref lex des Primärumlauts in FamN. Dabei stellt sich die Frage, ob der Laut, der in den Dialekten unterschiedliche Qualitäten aufweist, in FamN allenfalls unterschiedlich verschriftet worden ist. Karte {11}: Primärumlaut als <e> und <ä>, <ae> Namenauswahl: Ausgewählt wurden einschlägige Namen aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 3 die Primärumlaut enthalten. Die Thematik erlaubt es nicht, ein systematisches Sample zu erheben, da nicht alle FamN mit e- oder ä-/ ae-Schreibung überprüft werden können. Daher werden dem Artikel Beispiele aus der Literatur (SDS I 1962: Karten 15-18, 35, 37-38; SDS II 1965: Karten 30-32; Paul et al. 2007: 88; Kully 2009: 370; Braune/ Heidermanns 2023: 43-44) zugrunde gelegt, die eine repräsentative Verteilung in der deutschsprachigen Schweiz erwarten lassen. Abgefragte Namen Primärumlaut als <e>: Beck, Becker, Bek, Bekk, Belz, Brenn, Brenner, Brodbeck, Deck, Decker, Eng, Engeloch, Engemann, Engesser, Enggist, Engimann, Hecht, Herbert, Herbst, Herger, Heri, Hermann, Herport, Herrli, Herrmann, Herrsche, Hersberger, Hersche, Hersperger, Hert, Hertel, Hertenstein, Hertig, Hertli, Hertzeisen, Herzig, Herzog, Jeger, Jegger, Jegher, Kempf , Kesseli, Kesselring, Kessi, Kessler, Senften, Sterchi, Sterki, Surbeck, Vest, Vetter, Wollschlegel, Wullschleger. 53 Types, 319 Tokens. Primärumlaut als <ä>, <ae>: Jaeger, Jäger, Kämpf , Kämpfen, Kämpfer, Naegeli, Nägeli, Nägelin. 8 Types, 76 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 20-80, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 11: Daten zur Karte {11} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Für das Erstellen des Samples wurde in der etymologischen Datenbank (Stand 16.04.2025) überprüft, ob zu den in der Literatur angeführten Lexemen mit Primärumlaut in der Schicht «vor 1800» FamN existieren. Einige der in der Literatur genannten Beispiele wie Bett oder Kelle zeigen keine Ref lexe in FamN; häufig liegt Primärumlaut in Flexionsformen vor (z. B. Komparativform ahd. lengiro ‘länger’ oder Plural gesti ‘Gäste’), welche im historischen Deutschschweizer Onomastikon selten vertreten sind (z. B. Enggist). 5 1 Vgl. Artikel I-1.1 «Schreibvariation e / ä für germ. ë». 2 Für ausführlichere Hintergründe zum Umlaut vgl. die Artikel I-1.3 «Fehlende und durchgeführte Umlautung» sowie I-1.4 «Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten». 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 5 Vgl. Artikel II-1.2 «Flektierte Adjektivformen». 50 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="51"?> Die ausgewählten FamN gehen jeweils auf ein Etymon mit germ. *a zurück, das im Althochdeutschen als <e> erscheint. Im Folgenden werden einige Beispiele ausgeführt: • Der FamN Beck (inklusive Varianten) ist ein Nomen agentis zu germ. *bak-jōn, ahd. becko. 6 • FamN mit dem Element Enggehören zum Adjektiv germ. *angu- ‘eng’. • FamN mit dem Element Her(r) stellen sich zum Substantiv germ. *harja-, ahd. heri. • Die FamN Jeger / Jäger und Wullschleger sind mit dem Suffix ahd. -ări abgeleitet. 7 • Sterchi/ Sterki ist ein Abstraktum auf -ī zum Adjektiv germ.*starku. 8 • Vetter geht auf westgerm. *fadur(w)jōn ‘Vatersbruder’ zurück. 9 • Bei dem FamN Wollschlegel liegt eine Nomen-instrumenti-Bildung zum Verb germ. *slah-a- ‘schlagen’ auf ahd. -ilo vor. Nicht berücksichtigt wurden die FamN Wollschläger, Treger/ Träger und Stehler, die Kully (2009: 370) zwar beim Phänomen anführt, die aber in der Schicht «vor 1800» nicht enthalten sind. Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Heri, Hermann), ÜberN (Herbst, Vest), BerufsN (Beck, Jäger), BerufsüberN (Kesseli, Nägeli), WohnstättenN (Engimann, Engesser) und HerkunftsN (Hersberger, Hertenstein). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die sich aber einem einschlägigen Etymon resp. einschlägigen Etyma mit Primärumlaut zuordnen lassen wie Hecht oder Kämpf / Kempf . Kommentar: Die Karte zeigt, dass e-Schreibungen (mit 319 Tokens) weitaus häufiger sind als ä-/ ae-Schreibungen (76 Tokens). Erstere finden sich mehr oder weniger in der ganzen Deutschschweiz inklusive Graubünden, hier z. T. auch in romanischsprachigen Ge- Karte 11: Realisierung des Primärumlauts, vor 1800 6 Vgl. Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 7 Im AWb 4 (1952 ff.: Sp. 1780) sowie im EtymWB (1993: s. v. Jäger) wird als althochdeutsche Form jagāri mit lang ā im Suffix angegeben, was einen Sekundärumlaut ergeben müsste. Lüssy (1974: 62-63) erklärt das Vorkommen von Primärumlaut in er-Ableitungen folgendermassen: Es ist von zwei Suffixen auszugehen, nämlich von einem kurzvokalischen ahd. -ări und einem langvokalischen ahd. -āri. Während das langvokalische Suffix Sekundärumlaut bewirkt, ruft das kurzvokalische Primärumlaut hervor. Gemäss Lüssy (1974: 28) weisen viele germanische Dialekte in diesem Suffix Kürze auf. Bei dreisilbigen Lexemen setzt Lüssy (1974: 27) eine «Zwischenstufe der Totalassimilation» an: Der Umlaut der Stammsilbe wird «durch ein i in der folgenden Silbe umgelautet, das seinerseits durch Totalassimilation an das i, j in der dritten Silbe entstanden ist» (Lüssy 1974: 27). So rekonstruiert er für Jeger folgende Vorformen, die Primärumlaut ergeben: ahd. jagări > *jegiri > jeger. Auch Braune/ Heidermanns (2023: 265) diskutieren die Länge des Vokals im Suffix sowie dessen geographisches Auftreten im hochdeutschen Sprachraum. 8 Vgl. Artikel II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y». 9 Vgl. Lüssy (1974: 28) mit folgenden Vorformen zu Vetter: «ahd. fetiro < fatureo < *fatarjo»; (west-)germanische Etyma stammen aus dem EtymWB (1989) sowie Kluge (2012). 1.2 Schreibvariation Primärumlaut 51 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="52"?> bieten wie im Val Surses oder in Scuol, sowie mit Streubelegen im französischsprachigen Teil der Schweiz (Kantone JU, FR, VD, VS). Ballungsgebiete der e-Realisierung erscheinen zum einen im Westen in den Kantonen Freiburg (v. a. in den Bezirken See und Sense) und in Bern (v. a. in den Verwaltungskreisen Bern-Mittelland und Emmental) sowie in den nordwestlich angrenzenden Kantonen Solothurn, Basel-Landschaft und Aargau. Ebenso tritt e-Graphie gehäuft in der Nordost- und Ostschweiz auf, so in den beiden thurgauischen Bezirken Frauenfeld und Weinfelden sowie in den Kantonen St. Gallen (v. a. in den Wahlkreisen Toggenburg und Sarganserland), Graubünden (v. a. in der Region Prättigau/ Davos) und Zürich. Der häufigste Name im Sample ist Herzog mit 40 Tokens. Fallweise liegen kleinregionale Verbreitungen vor: Bspw. ist nur im Kanton Bern der FamN Sterchi (14 Tokens) dokumentiert, ausschliesslich im Thurgau kommt Kesselring (8 Tokens) vor. Die höchste relative Häufigkeit von <e> erreicht der Kanton Uri mit 3,83 % (13 Tokens); diese Häufigkeit geht ebenfalls auf EinzelN - konkret Herger und Kempf - zurück. Das Auftreten der FamN mit ä-Schreibung ist massgeblich von Familiennamennestern geprägt. So zeigen sich in der vorliegenden Karte u. a. Cluster für Nägeli im Kanton Zürich und im Verwaltungskreis Interlaken-Oberhasli (BE), für Jäger in den Kantonen Graubünden, St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden sowie vereinzelte Belege in verschiedenen weiteren Regionen der Deutschschweiz (TG, ZH, AG, SZ, BE, VS), für Nägelin im Bezirk Waldenburg (BL) und für Kämpfen im Wallis. FamN mit <ae> können als Streubelege eingeordnet werden. Ergebnisse Die Karte zeigt, dass Namen mit Primärumlaut in der gesamten Schweiz vorkommen, auch ausserhalb des deutschsprachigen Gebiets. Darüber hinaus weist das Sample das Graphem <e> als hauptsächliche Realisierung des Primärumlauts aus. Dies zeigt auch die absolute Häufigkeit von 319 Ortspunkten für e-Schreibungen. Die Ballungszentren der ä-Formen ergeben sich durch die hohe Frequenz einzelner Namen, v. a. Nägeli (29 Tokens) und Jäger (24 Tokens), daneben noch Kämpfen (9 Tokens), was die Type-Token-Relation der untersuchten FamN unterstreicht: Auf lediglich 8 ä-/ ae-Types entfallen 76 Ortspunkte. Das Raumbild der Karte lässt keine West- Ost-Gliederung wie in den entsprechenden Dialektkarten erkennen. Im Gegenteil: Die Mehrheit der ä-/ ae-Graphien ist in den östlichen Kantonen zu finden (45 der 76 Ortspunkte), wo die Dialektlautung aber einem geschlossenen [e] entspricht. Die Schreibung erfolgt hier also nicht ausspracheorientiert, sondern sie ist dem morphologischen Prinzip geschuldet. Dabei wird der morphologische Zusammenhang einer Form mit einer Grundform durch ähnliche Grapheme ausgedrückt (Nübling et al. 2017: 253-256; Elmentaler 2018: 277, 280-282): <a> und <ä> sind sich ähnlicher als <a> und <e>. So wird im FamN Jäger die Morphemidentität zum Verb jagen, in Nägeli jene zum Lexem Nagel und in Kämpfen jene zu Kampf gefestigt, analog zu nhd. Länge - lang (und nicht *Lenge als Fortführung von ahd. lengī ). Ein möglicher Grund für die fehlende graphische Auszeichnung der dialektalen Lautung könnte sein, dass der Kontrast zwischen offenem [ɛ] und geschlossenem [e] zu gering ist, als dass dieser bei der schriftlichen Wiedergabe berücksichtigt wurde. Teilweise können die ä-Schreibungen wohl auch als Neuerungen eingestuft werden: So listet das Walliser Wappenbuch (1946: 141) für Kämpfen lediglich historische Schreibformen mit <e>: Kempfen, Kenfen, Kempf , Kempffen, Kempfo, Kempha. Der Befund zur dialektbezogenen Schreibung verhält sich anders als jener von germ. ë, das teilweise überoffen als [æ] realisiert und häufiger mit <ä> wiedergegeben wird. 10 Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im BFS-Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle BFS): Herzog (3'975 Tokens), Beck (3'326 Tokens) und Kessler (3'326 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: FamN mit Primärumlaut werden im DFA 1 (2009: 2-5) nicht explizit ausgewiesen, aber bspw. auf Karte 1 zur Monophthongvarianz a, ä, e der BerufsN Glaser, Gläser, Gleser indirekt abgebildet. I. d. R. geht die Varianz in den kartierten Namen auf Sekundärumlaut zurück. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur AWb = Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig (1952 ff.): Althochdeutsches Wörterbuch. Digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities bereitgestellt durch die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. https: / / awb.sawleipzig.de/ AWB (letzter Zugriff 16.04.2025). Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. 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Artikel I-1.1 «Schreibvariation e / ä für germ. ë». 52 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="53"?> Elmentaler, Michael (2018): Historische Graphematik des Deutschen. Eine Einführung (Narr Studienbücher). Tübingen: Narr Francke Attempto. EtymWB = Pfeifer, Wolfgang et al. (1989): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 3 Bde. Berlin: Akademie. EtymWB = Pfeifer, Wolfgang et al. (1993): Jäger. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. https: / / www. dwds.de/ wb/ etymwb/ J%C3%A4ger (letzter Zugriff 16.04.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 16.04.2025). Kluge, Friedrich (2012): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 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Walliser Wappenbuch = Kantonsarchiv unter Mithilfe der beiden historischen Vereine des Kantons Wallis unter den Auspizien des Staatsrates (1946): Armorial Valaisan. Walliser Wappenbuch. Zürich: Orell Füssli. Martina Heer, Simone Berchtold 1.2 Schreibvariation Primärumlaut 53 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="54"?> 1.3 Fehlende und durchgeführte Umlautung Schlagwörter: Chronologie, Trema, Vokalqualität, Wortkörperschonung Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Im folgenden Kartenkomplex werden FamN behandelt, die etymologisch die Vokale a, o, u sowie die Diphthonge ue und au enthalten, die zu ä, ö, ü, üe, äu umgelautet werden können. Lüssy (1974: 185-197) widmet dem Umlaut in Namen und persönlichen Nomina 1 ein Kapitel und hält fest, dass Namen oft auffallend umlautlos sind. Er begründet dies mit dem «Bestreben, den Wortkörper unverändert zu erhalten» (Lüssy 1974: 178). Auch Kully (2009: 370) nimmt diesen Punkt auf: [Es] existiert in der deutschen Schweiz eine gewisse Tendenz zur Umlautlosigkeit, was zu Namen wie Blaser anstatt Bläser, Forster ‘Bannwart, Aufseher über Flur, Zaun, Weide, Wald und Wasser’ neben Förster, Kohler anstatt Köhler, Rauber anstatt Räuber, Brugger neben Brügger, Burger anstatt Bürger, Graber anstatt Gräber, Fankhauser anstatt *Fankhäuser, Kalbermatten anstatt *Kälbermatten führt. Hier interessiert deshalb, inwieweit Umlaute in der Schreibung der FamN auftreten oder ob (und wo) sich stattdessen eher eine Umlautvermeidung zeigt. Der Gegenstand ist hinsichtlich der Frage nach Umlautungsprozessen und der Schonung des Namenkörpers relevant. Hintergrund: Der Umlaut im Deutschen ist ein assimilatorischer Lautwandelprozess, bei dem ein Vokal der Stammsilbe durch einen Vokal der Folgesilbe partiell angepasst wird: Es erfolgt eine regressive Assimilation (Lüssy 1974: 1-2; Elmentaler 2018: 289-297; Schmidt 2020a: 67-68; Schmidt 2020b: 270-271; Braune/ Heidermanns 2023: 83-86). Von den verschiedenen Umlauten interessiert im Folgenden der sogenannte i-Umlaut. Bei diesem Prozess kann man einen phonetisch-phonologischen, einen graphematischen und einen morphologischen Aspekt unterscheiden. Der phonetisch-phonologische Assimilationsprozess beginnt bereits im Althochdeutschen und ist in allen germanischen Sprachen (ausser dem Gotischen) wirksam (Braune/ Heidermanns 2023: 83). Dabei werden die hinteren althochdeutschen Vokale und Diphthonge a, o, u, ou, ue der Stammsilbe durch ein i, ī, j der Folgesilbe palatalisiert (e-WSK 2021: s. v. Umlaut). Diese Veränderung setzt in althochdeutscher Zeit ein, wobei in den ältesten Quellen allerdings nur die Umlautung von a greifbar ist, da nur dieser Wandel mit <e> verschriftet wird. Diese erste Stufe wird daher «Primärumlaut» 2 genannt (Schmidt 2020b: 271; Braune/ Heidermanns 2023: 83-84). Die Umlautbezeichnung von a vor bestimmten Konsonantengruppen wie ht, hs, Konsonant+w (Schmidt 2020b: 270-271) sowie die Umlaute der anderen Vokale und Diphthonge werden erst geschrieben, als die umlautauslösenden Faktoren geschwunden sind. 3 Man bezeichnet sie daher als «Sekundärumlaut». Phonologisch gesehen nimmt man aber an, dass Primär- und Sekundärumlaut zeitgleich stattfanden (Nübling 2013: 16), da ab dem 10. Jh. durch die Nebensilbenabschwächung die umlautauslösenden Bedingungen wegfielen (Elmentaler 2018: 291). Geschrieben wurde aber nur der Primärumlaut, da für diesen bereits das lateinische Graphem <e> vorhanden war (Dräger/ Kunze 2010: 8); für die Sekundärumlaute mussten erst «neue Grapheme und Diakritika gefunden werden» (Nübling 2013: 16). Zum Verschriftlichungsprozess dieses Wandels führt Elmentaler (2018: 55) Folgendes aus: «Erst ab der frühneuhochdeutschen bzw. spätmittelniederdeutschen Zeit bildete sich hierfür ein Kennzeichnungssystem heraus, zunächst mit einem diakritischen e (lo ᵉ sen, ro ᵉ sten), später mit dem doppelten Akut (lősen, rősten) oder dem Trema (lösen, rösten)» (vgl. auch Dräger/ Kunze 2010: 8-11). 4 Zusätzlich zur graphischen Kennzeichnung wird der Umlaut im Frühneuhochdeutschen morphologisiert (Ebert et al. 1993: 34-35; Nübling 2013) und er übernimmt in der Folge grammatische Funktionen: Einerseits wird Umlaut zur Kennzeichnung von Plural nach dem Vorbild der i-Stämme wie Sing. ahd. gast ‘Gast’ - Plur. gesti ‘Gäste’, Sing. kraft ‘Kraft’ - Plur. krefti ‘Kräfte’ ausgebaut (Hartweg/ Wegera 2005: 153; Braune/ Heidermanns 2023: 279-280, 284-285), andererseits tritt er «vor i-haltigen Ableitungssilben wie -inne (götinne), -isch (höfisch), -lich (götelich) sowie bei Diminutiven auf -līn (hölzelīn, töhterlīn)» auf (Paul et al. 2007: 93). Des Weiteren erscheint Umlaut bei Nomina agentis mit dem Suffix -er (ahd. -ari, -āri) wie in ahd. jagāri > mhd. jeger ‘Jäger’ (Lüssy 1974: 62-63). Umlautung tritt im deutschen Sprachraum aber nicht überall gleichermassen ein. Für das Oberdeutsche spricht man von der sogenannten Umlautfeindlichkeit (Lüssy 1974: 81-84; Lüssy 1983). Diese zeigt sich heute noch in den Dialekten der Deutschschweiz bei u vor den velaren Plosiven ck / gg: «Die Deutschschweiz wird dabei in zwei Hälften geteilt, nämlich ein nordöstliches Gebiet mit nichtumgelautetem -u-, also Rugge, drucke, Brugg, und ein südwestliches mit umgelautetem -ü-, also Rügge, drücke, Brügg (bzw. entrundet Rigge, Rigg usw.)» (KSDS 2019: 231). 5 Zusätzlich wirkten bestimmte auf den Vokal folgende Laute dialektal umlauthindernd: pf , tz, tsch, s, 1 Unter persönlichen Nomina für Menschen und Tiere versteht Lüssy (1974) Gattungsbezeichnungen wie Mannli ‘kleiner Mann’ (Lüssy 1974: 194) oder Galtli ‘galte Kuh, Ziege’ (Lüssy 1974: 186; vgl. auch Id. 2 1881 ff.: Sp. 237). 2 Vgl. Artikel I-1.2 «Schreibvariation Primärumlaut». 3 Vgl. dazu Braune/ Heidermanns (2023: 84): «Da aber bis spätestens 10./ 11. (z. T. schon im 8.) Jahrhundert die phonetischen Umlautbedingungen - Schwächung von / ī ̆/ zu [ə] (§ 58 f.), Schwund von / j/ (§ 118) - weggefallen waren, müssen diese Umlaute vor diesem Zeitpunkt eingetreten, aber drei bis vier Jahrhunderte unbezeichnet geblieben sein». 4 Vgl. Artikel I-1.4 «Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten». 5 Zu weiteren historisch belegten Doppelformen vgl. Ebert et al. (1993: 35-36). 54 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="55"?> ld / lt und Nasal+Konsonant (SDS I 1962: Karten 54-60; Paul et al. 2007: 95; KSDS 2019: 230-231). Die dialektalen Verhältnisse sind insofern komplex, als sich die einschlägigen Lexeme in der Realisierung von Umlaut und Nicht-Umlaut jeweils anders verhalten (KSDS 2019: 231), «aber ungefähr parallel verlaufende Isoglossen ausbilden» (Christen 2019: 254). 6 Auch nicht alle der oben genannten i-haltigen Suffixe lösen gleichermassen Umlaut aus: «Die Suffixe -nisse und -ære (ahd. -āri, nhd. -er) bewirken mhd. nur selten Umlaut; es finden sich vancnisse neben gefencnisse ‘Gefängnis’, grebnisse neben grabnisse, gartenære neben gertenere, völger neben volger» (Paul et al. 2007: 73). Bei Nomina agentis auf -i zeigt sich Umlaut nur, wenn dieser bereits in der Basis vorhanden ist wie Hösli zu hösle(n) (Id. 2 1881 ff.: Sp. 1699; Szadrowsky 1918: 89; Lüssy 1974: 192). Durch dieses Nebeneinander von Varianten und die Ausgleichsprozesse zu einer überregionalen Schriftsprache kommt es im Dialektwortschatz zu einer Schichtung von älteren umlautlosen Formen wie Wachter gegenüber neuerem Wächter (Id. 15 1881 ff.: Sp. 397). Szadrowsky (1918: 163) notiert ausserdem, dass bei den l-Ableitungen (mask. -el, fem. -ele und mask. -li(n)g) der Umlaut nicht durchgängig eingetreten sei. Trotz oder gerade wegen der angeführten hemmenden Ursachen ist die Umlautmarkierung im Oberdeutschen früher festzustellen als im Mitteldeutschen (Paul et al. 2007: 73). Fleischer (1966: 70-72) erklärt dies mit der früher einsetzenden Phonologisierung und Grammatikalisierung des Umlauts besonders im Oberdeutschen: «Im Norden, wo der Umlaut ‹heimisch› war und unter den entsprechenden Bedingungen stets eintrat, blieb er als Phonemvariante (Allophon) länger unbezeichnet» (Fleischer 1966: 71). Umlautung in Namen - genauer in Ruf N - soll hier noch eigens ausgeführt werden, da in dieser Substantivklasse zum phonetischen und graphischen zusätzlich ein semantisch-pragmatischer Aspekt zu Varianten führt. Lüssy (1974: 185-197) widmet dem Umlaut in seiner dialektologischen Untersuchung, in der er v. a. Quellen des 19. und 20. Jh. auswertet (Lüssy 1974: XIV-XV), ein Kapitel zur «Diminution von Namen und persönlichen Nomina». PersonenN erscheinen gemäss Lüssy (1974: 188) im dialektalen Sprachgebrauch normalerweise im Diminutiv und lassen daher Umlaut erwarten; er hält allerdings fest, dass v. a. PersonenN im dialektalen Gebrauch auffallend umlautlos seien. 7 Lüssy (1974: 186) begründet dies mit dem «Bestreben, den Wortkörper unverändert zu erhalten». Es kommen in den Namen zwar umgelautete und umlautlose Formen parallel vor, die umlautlosen Formen sind jedoch häufiger (Lüssy 1974: 189). In der Folge wirft Lüssy (1974: 190) «die Frage nach der Schichthaftigkeit der Namen» auf, womit er die chronologische Abfolge der umgelauteten und nicht-umgelauteten Namenformen meint. Um diese Frage zu beantworten, macht er einen historischen Exkurs und untersucht dazu Zürcher Quellen vom 14. bis zum 16. Jh. Dabei kann Lüssy (1974: 190) zwei Dinge feststellen: 1. Die Namen sind in diesem Zeitraum immer umgelautet (Typus Hensly); umlautlose Formen lassen sich für Zürich nicht belegen. 2. Namen werden mit dem Suffix -li abgeleitet, das Suffix -i erscheint nicht in den untersuchten Zürcher Quellen. Das Nebeneinander von Umlaut und Nicht-Umlaut in Namen wie Kobi - Köbi ergibt sich Lüssy (1974: 191) zufolge aus einer Art Umkehreffekt: Wenn der vorherrschende Typ Umlaut zeigt, verliert sich das Affekthafte durch Abnützung und muss wiederum neu in der Sprache aktiviert werden. 8 Dazu werden zu den umgelauteten Namen wie Köbi neue umlautlose Formen wie Kobi gebildet, in denen das Affekthafte wieder neu belebt wird. Ergebnis sind «Doppelformen mit semantischer Differenzierung» (Lüssy 1974: 191), wobei Umlaut semantisch gegensätzlich gebraucht werden kann: Er kann sowohl positiv-zärtlich als auch negativ-derb verstanden werden. Entscheidend ist jeweils der Kontext. Wenn dann mit der Zeit umlautlose Formen überwiegen, können diese Wiederum das Affekthafte verlieren und das Abwechseln von Namen mit und ohne Umlaut kann «durch mehrmaliges Umschlagen der Verhältnisse» fortgesetzt werden (Lüssy 1974: 191). In diesen affektgesteuerten Fällen ist Umlaut also losgelöst von einer lautlichen oder morphologischen Umgebung und ein semantisch-pragmatischer Aspekt kommt ins Spiel. Wird nun dieser Umkehreffekt auf die Entwicklung der FamN angewendet, genauer auf die Gruppe der Patronyme, kann man erklären, wie es synchron zu Dubletten kommt: Da FamN ab dem 13. Jh. bis zum 17. Jh. entstanden sind, können sowohl ältere umgelautete als auch jüngere nicht-umgelautete Ruf N zu FamN geworden sein. Fragestellungen: Ausgehend von der skizzierten Ausgangslage sind folgende Fragen von Interesse: Wie verhalten sich die Umlautresp. Nicht-Umlaut-Räume der FamN zu den entsprechenden dialektalen Räumen? Die erste Karte gibt eine Gesamtschau und vergleicht Dubletten mit und ohne Umlaut; die zweite Karte untersucht das Auftreten von u vor umlauthindernder Konsonanz. Die Frage, ob die genannten i- und l-Diminutive sowie die Derivate auf -er, -ler und -ner gleichermassen Umlaut hervorrufen, wird auf der dritten, der vierten und der fünften Karte berücksichtigt: Die dritte Karte widmet sich den l- Diminutiven, die vierte Karte den i-Diminutiven und die fünfte Karte den Ableitungen auf -er, -ler, -ner. Die Thematik erlaubt es nicht, ein systematisches Sample zu erheben, da nicht alle Namen mit Trema- oder Digraphieschreibung überprüft werden können. 9 Deshalb wurde für die folgenden Karten mit Namendubletten und etymologischen Pendants gearbeitet. 6 Auffallend ist, dass «das südwestschweizerdeutsche Rügg(e), drücke, Brügg(e) trotz lautlicher Übereinstimmung mit dem Hochdeutschen geographisch ganz isoliert ist» (KSDS 2019: 231), denn die umliegenden oberdeutschen Dialekte kennen nur die u-Lautung. 7 Lüssy (1974: 187) führt v. a. aus alpinen Gebieten ein paar umlautlose Siedlungs- und FlurN wie Acherli, Flueli, Stutzli an. 8 Vgl. Lüssy (1974: 190): «Dabei trägt die umgelautete Form den affektischen Ton. Die übliche Form ist ja die umlautlose, Umlautung aber eine Veränderung des Wortkörpers, die semantisch ambivalent ist: entweder wirkt sie verfeinernd […], zärtlicher oder dann derb». 9 Die Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 22.05.2023) allein nach inlautender Tremaschreibung <ä>, <ö>, <ü>, <äu>, <üe> ergibt 1'542 FamN; diese Trefferzahl bezieht die FamN der deutsch- und rätoromanischsprachigen Schweiz mit ein. 1.3 Fehlende und durchgeführte Umlautung 55 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="56"?> Erste Karte {12}: Fehlende und durchgeführte Umlautung in Dubletten Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle Namen, die in der etymologischen Datenbank als Dubletten auftreten und sich in fehlender bzw. durchgeführter Umlautung unterscheiden, bspw. Baumgartner - Baumgärtner, Jaggi - Jäggi/ Jaeggi oder Pfluger - Pflüger. Die Karte dokumentiert die Verbreitung dieser FamN in der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 10 kontrastiv. Abgefragte Namen FamN mit Umlaut: Aerni, Bächer, Bärfuss, Baumgärtner, Bäumli, Beder, Bläuenstein, Böhler, Böhni, Böhny, Böll, Böller, Bösch, Brücker, Brüggemann, Brüggimann, Brügger, Brünisholz, Brüsch, Büeler, Bürki, Dübi, Elsässer, Flück, Foerster, Gälli, Göttier, Gräser, Hägi, Hängärtner, Hänsli, Häsler, Hengärtner, Höhener, Höppeler, Hörner, Hörni, Hügi, Hürst, Jäggi, Jütz, Kaeser, Käser, Kläy, Knöpfli, Köhler, Köpp, Krämer, Kröpfli, Kübli, Küenzi, Kühn, Küry, Läng, Läuffer, Lüdi, Lüdin, Lüssi, Lütz, Mäder, Maeder, Märk, Meder, Moehr, Möhr, Möri, Müggler, Niederhäuser, Nüssli, Oberhäuser, Pfründer, Rämi, Räschle, Räuber, Röthlin, Rüdin, Rüedi, Rüesch, Rüfli, Rüsch, Rüssi, Rütsch, Rütsche, Rütschi, Schlüchter, Schüepp, Spähni, Spoerry, Spöri, Spörri, Spühler, Städler, Stämpfli, Stäuber, Stäubli, Stöcklin, Stoecklin, Stücky, Süri, Süry, Thäler, Thürler, Trächsel, Wächter, Wäcker, Wälter, Wälti, Zündel, Zurflüh, Züst. 110 Types, 499 Tokens. FamN ohne Umlaut: Arni, Bacher, Bader, Barfuss, Baumgartner, Baumli, Blauenstein, Bohler, Bohni, Bohny, Boll, Boller, Bosch, Bruckner, Brugger, Bruggmann, Brunisholz, Brusch, Bueler, Burki, Dubi, Elsasser, Fluck, Forster, Galli, Gottier, Graser, Hagi, Hangartner, Hansli, Hasler, Hengartner, Hohener, Hoppeler, Horner, Horni, Hugi, Hurst, Jaggi, Jutz, Kaser, Klay, Knopfli, Kohler, Kopp, Kramer, Kropfli, Kubli, Kuenzi, Kuhn, Kury, Lang, Lauffer, Ludi, Ludin, Lussi, Lutz, Mader, Mark, Mohr, Mori, Muggler, Niederhauser, Nussli, Oberhauser, Pfrunder, Rami, Raschle, Rauber, Rothlin, Rudin, Ruedi, Ruesch, Ruosch, Rufli, Rusch, Russi, Rutsch, Rutschi, Rutscho, Schluchter, Schuepp, Spahni, Spori, Spuhler, Stadler, Stampfli, Stauber, Staubli, Stocklin, Stucki, Stucky, Suri, Sury, Thaler, Thurler, Trachsel, Wachter, Wacker, Walter, Walti, Zundel, Zurfluh, Zust. 104 Types, 757 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 10-80, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 12: Daten zur ersten Karte {12} Karte 12: Umlaut und Nicht-Umlaut in Dubletten, vor 1800 10 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 56 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="57"?> Detailangaben zur Namenauswahl: 11 In der etymologischen Datenbank (Stand 22.05.2023) wurden Paare gesucht, die sich in der Schreibung <u>/ <ü>, <o>/ <ö>/ <oe>, <a>/ <ä>/ <ae>/ <e>, <au>/ <äu>/ <eu> sowie <ue>/ <üe> unterscheiden. Die automatische Suche ergab 181 Paare, die in einem nächsten Schritt manuell überprüft und einem Bildungsmuster zugeordnet wurden. Die Digraphieschreibungen <ae>, <oe> wurden gleich gewertet wie <ä>/ <e>, <ö>; 12 die Graphie <ue> hingegen ist keine Variante zur Tremaschreibung <ü>, da sie dialektal den Diphthong mhd. ue wiedergibt. 13 Die ungleiche Anzahl an Types entsteht, weil bei etymologischen Pendants oft keine 1: 1-Entsprechungen vorhanden sind; bspw. entsprechen dem Type Bruggmann die beiden Types Brüggemann, Brüggimann oder dem Type Rüesch die beiden Types Ruesch und Ruosch. Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Jäggi, Walti), ÜberN (Lang, Möhr zu mhd. mōr ‘Schwarzer; Mann mit dunkler Hautfarbe’), BerufsüberN (Stäuber zu mhd. stouben, stöuben ‘Staub aufwirbeln’), BerufsN (Graser, Foerster), WohnstättenN (Bueler, Zurflüh) und HerkunftsN (Elsasser, Niederhäuser). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die aber dem Phänomen zuzuordnen sind (Knopfli). Formal liegen hier l-Diminutive (Bäumli/ Baumli), i-Diminutive (Böhni/ Bohni), Ableitungen auf -er, -ler, -ner (Häsler/ Hasler, Wächter / Wachter), Nomina agentis auf -i (Lüssi/ Lussi zu mhd. lūʒen ‘verborgen liegen, sich versteckt halten, lauern’) und nicht-abgeleitete Namen (Läng / Lang) vor. 14 Die FamN Spoerry, Spöri, Spörri, Spori wurden berücksichtigt, obwohl nicht klar ist, ob ein Diminutiv zu mhd. spor(e) ‘Sporn’ oder ein Nomen agentis auf -i zum Verb mhd. spor(e)n vorliegt. Aufgrund unklarer oder mehrdeutiger Etymologie wurden folgende Namenpaare ausgeschlossen: Brogli/ Brögli, Hossli/ Hössli, Kobel/ Koebel, Kohli/ Köhli, Nolli/ Nölli, Rolli/ Rölli, Romer / Römer, Rotschi/ Rötschi, Schopfer / Schöpfer, Troller / Tröller. Die Etymologie von Schafer ist ebenfalls unklar. Zu Burger resp. Namen mit -burger gibt es keine Bürger-Dubletten. Nicht aufgenommen wurden Lutzelschwab / Lützelschwab und Muller / Müller, da die umlautlosen Formen lediglich in der französischsprachigen Schweiz vorkommen. 15 Auf ähnliche Weise sind die Paare Jori/ Jöri, Parli/ Pärli, Toni/ Töni betroffen: Sie wurden nicht berücksichtigt, weil die nicht-umgelauteten Formen nur in der italienischresp. rätoromanischsprachigen Schweiz auftreten. Kommentar: Die erste Karte weist ein deutlich häufigeres Auftreten der nicht-umgelauteten Namenformen auf; dies zeigt sich auch im Verhältnis der Tokenzahlen von 757 vs. 499. Ein Blick auf die räumliche Verteilung macht deutlich, dass in den Kantonen des Mittellands (SO, BL, AG, ZH, TG, SH, SG) die Anzahl Tokens mit nicht-umgelauteten FamN einen Anteil von 60-70 % erreicht; im Kanton Bern ist das Verhältnis mit 152 umgelauteten vs. 168 nichtumgelauteten Namen fast ausgewogen. In den Kantonen Appenzell Ausserrhoden, Freiburg und Schwyz herrschen mit 57,1 %, 65,9 % resp. 70,5 % umgelautete Namen vor. Mit über 80 % nicht-umgelauteten Namenformen sind in der Deutschschweiz die Kantone Basel- Stadt, Glarus, Zug, Uri, Nidwalden und Wallis zu nennen. An vielen Ortspunkten wie bspw. in den Kantonen Thurgau und St. Gallen, aber auch im Berner Oberland treten sowohl umgelautete wie auch nichtumgelautete FamN auf, was an den zweifarbigen Kreisen zu erkennen ist. Der häufigste FamN ohne Umlaut ist Baumgartner (77 Tokens), der häufigste mit Umlaut ist Mäder (30 Tokens): Diese beiden FamN sind ohne spezifische Gebietsbildung nördlich einer Linie Niederried bei Interlaken (BE) und Engi (GL) verbreitet. Die ausgewählten FamN als Ganzes zeigen keine Raumbildung, wie sie im eingangs vorgestellten dialektalen Wortschatz auftritt (SDS I 1962: Karten 54-60; KSDS 2019: 230-231). 11 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 12 Vgl. Artikel I-1.4 «Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten». 13 Vgl. Artikel I-1.13 «Diphthong- und Monophthongschreibungen von mhd. ie, ue, üe». 14 Zinsli (1960: 146-147) sieht im Umlaut des Positivs läng eine Analogie zu den Steigerungsformen länger und längst; vgl. SDS II (1965: Karte 89) zur Verteilung der Formen lang - läng in den Mundarten. 15 Vgl. Artikel I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». 1.3 Fehlende und durchgeführte Umlautung 57 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="58"?> Zweite Karte {13}: Fehlende und durchgeführte Umlautung in Familiennamen mit u vor umlauthindernder Konsonanz Namenauswahl: Ausgewählt wurden jene FamN der ersten Karte, die den Vokal u resp. ü vor umlauthindernder Konsonanz enthalten, wie Brügger - Brugger. Ziel ist es, das Kartenbild mit den dialektalen Karten zu u im SDS I (1962: Karten 54-60) zu vergleichen. Dokumentiert wird die Verbreitung dieser FamN in der Schicht «vor 1800». Abgefragte Namen FamN mit Umlaut: Brücker, Brüggemann, Brügger, Brüggimann, Flück, Jütz, Lüssi, Lütz, Müggler, Nüssli, Pfründer, Rüssi, Rütsch, Rütsche, Rütschi, Stücky, Zurbrügg. 17 Types, 70 Tokens. FamN ohne Umlaut: Bruckner, Brugger, Bruggmann, Fluck, Jutz, Lussi, Lutz, Moosbrugger, Muggler, Nussli, Pfrunder, Russi, Rutsch, Rutschi, Rutscho, Stucki, Stucky, von Vigier-von Steinbrugg. 18 Types, 102 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 13: Daten zur zweiten Karte {13} Detailangaben zur Namenauswahl: Kartiert wird eine Teilmenge des Gesamtsamples, wie es bei der ersten Karte beschrieben worden ist. Das Sample wurde mit drei Namen ergänzt, die etymologisch mhd. brucke, brücke enthalten: Moosbrugger, von Vigier-von Steinbrugg sowie Zurbrügg. Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Jütz / Jutz, Lütz / Lutz, Rüssi/ Russi, Rütsch / Rutsch, Rütsche / Rütschi/ Rutschi/ Rutscho), 16 ÜberN (Flück / Fluck, Müggler / Muggler, Nüssli/ Nussli, Stücky / Stucki/ Stucky), BerufsN (Lüssi/ Lussi, Pfründer / Pfrunder), WohnstättenN (Brücker/ Brügger/ Bruckner/ Brugger, Brüggemann / Brüggimann / Bruggmann, Moosbrugger) und HerkunftsN (von Vigier-von Steinbrugg). Kommentar: Die zweite Karte mit der Varianz u / ü zeigt keine Südwest-Nordost-Raumbildung, wie sie im eingangs vorgestellten dialektalen Wortschatz (Rücken, Brücke usw.) auftritt (SDS I 1962: Karten 54-60; KSDS 2019: 230-231). Es treten zwar der Sensebezirk (FR), das Berner Oberland und Gebiete in der Zentralschweiz (UR, SZ) mit umgelauteten Namenformen in den Vordergrund. Im Berner Mittelland dominiert hingegen mit 24 Ortspunkten der hochfrequente EinzelN Stucki. Die Nordostschweiz zeigt sich ebenfalls als Mischgebiet: Im Raum nördlich des Zürichsees bis Winterthur (ZH) bspw. treten die FamN Fluck, Muggler neben Lüssi, Nüssli auf. Das Wallis tritt kaum in Erscheinung, da hier umgelautete Vokale entrundet Karte 13: Umlaut und Nicht-Umlaut in FamN mit u, vor 1800 16 Zum FamN Rutscho vgl. Artikel II-2.14 «Germanisches Grundwort mit Suffix -o». 58 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="59"?> wurden (z. B. Brigger). 17 Umlaut und Nicht-Umlaut bilden im Appellativwortschatz je nach Lexem andere Isoglossen; dieser Umstand könnte auch bei den verschiedenen Namen zu Lautgrenzen führen, die nicht gleich verlaufen. Dritte Karte {14}: Fehlende und durchgeführte Umlautung bei l-Diminutiven Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle l-Diminutive der ersten Karte; sofern vorhanden wurden weitere graphematische Varianten wie Kupli zu Kübli/ Kubli aufgenommen. Die Namen werden entsprechend der Fragestellung, ob das Suffix mhd. -līn Umlaut auslöste oder nicht, kontrastiv dargestellt. Die Karte dokumentiert die Verbreitung dieser FamN in der Schicht «vor 1800». Abgefragte Namen l-Diminutive mit Umlaut: Bäumli, Bäumlin, Hänsli, Knöpfli, Kröpfli, Kübli, Nüssle, Nüssli, Räschle, Röthlin, Rüfli, Städeli, Städelin, Stämpfli, Stäuble, Stäubli, Steuble, Stöcklin, Stoecklin. 19 Types, 63 Tokens. l-Diminutive ohne Umlaut: Baumli, Hansli, Knopfli, Kropfli, Kubli, Kupli, Nussli, Raschle, Raschli, Rothlin, Rufli, Stadlin, Stampfli, Staubli, Stocklin. 13 Types, 51 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 14: Daten zur dritten Karte {14} Detailangaben zur Namenauswahl: Die etymologische Datenbank (Stand 19.10.2023) weist 574 FamN aus, die als l-Diminutive eingeordnet werden; 18 davon werden 305 mit einem Zeichen für Umlaut wie <ä>, <ae>, <ö> usw. geschrieben. 19 Gemessen an dieser Zahl ist auffallend, dass nur das obige Sample als Dubletten auftritt. Demzufolge ist die Anzahl der nicht-umgelauteten Formen bei FamN mit l-Diminutiv signifikant geringer. An weiteren Varianten wurden hier Nüssle zu Nüssli/ Nussli und Raschli zu Räschle / Raschle berücksichtigt; zudem wurden die etymologischen Pendants Städeli, Städelin, Stadlin ergänzt. Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Hänsli/ Hansli, Rüfli/ Rufli), ÜberN (Kröpfli/ Kropfli), BerufsüberN (Kübli/ Kubli/ Kupli), WohnstättenN (Bäumli/ Bäumlin / Baumli) und Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die aber Umlaut vs. Nicht- Umlaut zeigen (Stöcklin / Stoecklin / Stocklin). Karte 14: Umlaut und Nicht-Umlaut bei l-Diminutiven, vor 1800 17 Vgl. Artikel I-1.5 «Entrundung». 18 Vgl. Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven». 19 Schreibungen mit <e> wurden bei dieser Zählung nicht berücksichtigt, da dieses Graphem sowohl germ. ë als auch Umlaut wiedergeben kann, vgl. Artikel I-1.1 «Schreibvariation e / ä für germ. ë». 1.3 Fehlende und durchgeführte Umlautung 59 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="60"?> Kommentar: Auf der dritten Karte treten Gebiete mit umgelauteten und nicht-umgelauteten l-Diminutiven auf, die mehrheitlich durch das häufige Vorkommen eines EinzelN etabliert werden: Bei den nicht-umgelauteten Namen bildet der FamN Stampfli ein Namennest im Kanton Solothurn; der FamN Staubli ist lediglich im aargauischen Reusstal bezeugt und südlich schliesst Baumli im luzernischen Sursee an. Im Osten clustert einerseits der FamN Raschle im Toggenburg (SG) und andererseits der FamN Kubli im Kanton Glarus. Umgelautete Namen zeigen sich hingegen vermehrt in den Kantonen Bern mit Stämpfli und Kübli. In der nordwestlichen Schweiz bildet Stöcklin in Basel-Landschaft ein Familiennamennest; nordöstlich tritt Nüssli (ZH) kleinstregional auf. Innerhalb der vorliegenden Namenauswahl ist das Verhältnis mit 63 umgelauteten zu 51 nicht-umgelauteten Tokens nahezu ausgewogen. Vierte Karte {15}: Fehlende und durchgeführte Umlautung bei i-Diminutiven Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle Namen der ersten Karte, die mit dem Suffix ahd. -ī(n) abgeleitet sind; sofern vorhanden wurden weitere graphematische Varianten wie bspw. Bürge, Bürgi, Bürgin usw. zu Burki/ Bürki aufgenommen. Die FamN werden entsprechend der Fragestellung, ob das Suffix Umlaut auslöste oder nicht, kontrastiv dargestellt. Die Karte dokumentiert die Verbreitung dieser FamN in der Schicht «vor 1800». Abgefragte Namen i-Diminutive mit Umlaut: Aerne, Aerni, Aerny, Böhni, Böhny, Böni, Bürge, Bürgi, Bürgin, Bürgy, Bürke, Bürki, Bürky, Dübi, Erne, Erni, Erny, Gälli, Hörni, Hügi, Jaeggi, Jaeggy, Jäggi, Jäggin, Jegge, Jeggi, Küenzi, Küry, Lüdi, Lüdin, Möri, Rähmi, Rämi, Rüdin, Rüedi, Rüssi, Rütsche, Rütschi, Spähni, Späni, Stücky, Süri, Süry, Wälte, Wälti, Wälty, Welte, Welti, Weltin. 49 Types, 315 Tokens. i-Diminutive ohne Umlaut: Arni, Bohni, Bohny, Burki, Burky, Dubi, Galli, Horni, Hugi, Jaggi, Jaggy, Kuenzi, Kury, Ludi, Ludin, Mori, Rami, Rudin, Ruedi, Russi, Rutschi, Spahni, Stucki, Stucky, Suri, Sury, Walti. 27 Types, 118 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-80, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 15: Daten zur vierten Karte {15} Detailangaben zur Namenauswahl: Das umlautauslösende Diminutivsuffix -ī(n) wird graphisch unterschiedlich als <e>, <i>, <in>, <y> realisiert. Diese Varianten werden hier im Unterschied zur ersten Karte alle aufgenommen. Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Aerni/ Arni, Bürki/ Burki, Hügi/ Hugi, Jäggi/ Jaggi, Rüssi/ Russi, Wälti/ Walti), ÜberN (Böhni/ Bohni, Spähni/ Spahni) und WohnstättenN Karte 15: Umlaut und Nicht-Umlaut bei i-Diminutiven, vor 1800 60 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="61"?> (Hörni/ Horni). Enthalten sind auch die FamN Möri/ Mori (Patronym oder ÜberN zu lat. Maurus ‘Maure’) mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die aber dem Phänomen zuzuordnen sind. Kommentar: Die vierte Karte legt eine deutliche Präferenz für umgelautete i- Diminutive in der Deutschschweiz offen. Einerseits zeigen sich mehr umgelautete Namentypes im Sample, andererseits ist die Anzahl Tokens mit Umlaut (315) fast dreimal so gross wie jene ohne Umlaut (118). Südlich von Köniz (BE) verdichten sich nichtumgelautete FamN und dominieren das gesamte Berner Oberland; zusätzlich treten im nördlichen Kantonsgebiet von Bern, im angrenzenden Solothurn und auch in Basel-Landschaft FamN ohne Umlaut häufiger auf. Von den kartierten FamN sind Erni mit 41 und Stucki mit 24 Ortspunkten die frequentesten. Ersterer gehört zum Benennungsmotiv der Patronyme, das im vorliegenden Sample die Hauptgruppe darstellt. Fünfte Karte {16}: Fehlende und durchgeführte Umlautung bei er-Ableitungen Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle Derivate auf -er, -ler, -ner der ersten Karte. Die Namen werden entsprechend der Fragestellung, ob das Suffix Umlaut auslöste oder nicht, kontrastiv dargestellt. Die Karte dokumentiert die Verbreitung dieser FamN in der Schicht «vor 1800». Abgefragte Namen Ableitungen auf -er, -ler, -ner mit Umlaut: Bächer, Baumgärtner, Beder, Böhler, Böller, Brücker, Brügger, Büeler, Elsässer, Foerster, Gräser, Hängärtner, Häsler, Hengärtner, Höhener, Höppeler, Hörner, Kaeser, Käser, Köhler, Krämer, Läuffer, Mäder, Müggler, Niederhäuser, Oberhäuser, Pfründer, Räuber, Schlüchter, Spühler, Städler, Stäuber, Thäler, Thürler, Wächter. 35 Types, 147 Tokens. Ableitungen auf -er, -ler, -ner ohne Umlaut: Bacher, Bader, Baumgartner, Bohler, Boller, Bruckner, Brugger, Bueler, Elsasser, Forster, Graser, Hangartner, Hasler, Hengartner, Hohener, Hoppeler, Horner, Kaser, Kohler, Koller, Kramer, Lauffer, Mader, Muggler, Niederhauser, Oberhauser, Pfrunder, Rauber, Schluchter, Spuhler, Stadler, Stauber, Thaler, Thurler, Wachter. 35 Types, 414 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 16: Daten zur fünften Karte {16} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst ÜberN (Höppeler zu mhd. hoppeln ‘hüpfend springen, humpeln’, Muggler zu schwzdt. (älter) muggle(n) ‘dumpfe, stöhnende Laute von sich geben; murren; keuchen’), BerufsN (Krämer, Pfrunder), Karte 16: Umlaut und Nicht-Umlaut bei Derivaten auf -er, -ler, -ner, vor 1800 1.3 Fehlende und durchgeführte Umlautung 61 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="62"?> WohnstättenN (Bacher, Baumgartner), HerkunftsN (Elsasser, Oberhauser) und Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die aber dem Phänomen zuzuordnen sind (Häsler, Horner). Kommentar: Gegenüber der ersten Karte zeigen hier die Namen ohne Umlaut eine noch stärkere Dominanz: Die Tokenzahlen stehen bei den ausgewählten Derivaten im Verhältnis 414 zu 147. Der mit Abstand häufigste Name ohne Umlaut ist Baumgartner mit 77 Tokens (das umgelautete Pendant Baumgärtner kommt auf lediglich 1 Token), gefolgt von Kohler mit 42, Forster mit 40 und Hasler mit 30 Tokens. Diese vier FamN machen nördlich einer gedachten Linie zwischen den Ortschaften Pizy (VD), Schattenhalb (BE) und Pfäfers (SG) den Grossteil der umlautlosen Namen aus. Der häufigste umgelautete FamN ist Mäder mit 30 Tokens, der in der gesamten Deutschschweiz - mit einem Schwerpunkt im Nordosten - vertreten ist; sein nicht-umgelautetes Pendant Mader verzeichnet hingegen lediglich 6 Tokens. Ergebnisse Die Schreibung von Deutschschweizer FamN ref lektiert sowohl umgelautete als auch nicht-umgelautete Vokale, wobei im Gesamten umlautlose Namen mit 757 zu 499 Tokens überwiegen. Dieses Ergebnis korreliert mit der eingangs beschriebenen oberdeutschen Umlautfeindlichkeit, die sich auch im Namenmaterial fortsetzt. Zudem stützt sie Lüssys (1974: 178) Annahme, dass angestrebt wird, den Wortresp. den Namenkörper unverändert zu erhalten. Die Namenkarten stimmen mit den Dialekträumen gemäss SDS I (1962: Karten 54-60) nicht überein; die klare dialektale Zweiteilung tritt so in den Namenräumen nicht auf (vgl. zweite Karte). Die vorliegenden Karten zeigen, dass die Regionen unterschiedlichen Anteil an den beiden Möglichkeiten haben: Der Nordosten bspw. hält zwar mehrheitlich an der umlautlosen Schreibung fest; er tritt aber auf allen Karten auch mit umgelauteten Formen in Erscheinung. Ebenso sind im Südwesten nicht exklusiv umgelautete Namenformen zu finden. Auch mit Blick auf die untersuchten Derivate zeigen sich bei der (Nicht-)Umlautung verschiedene Präferenzen: Bei den FamN mit l-Diminutiv ist auffallend, dass es nur wenige Namen gibt, die als Dubletten auftreten. Die Mehrheit der l-Diminutive zeigt, sofern der Vokal umlautfähig ist, Umlautgraphien wie Gräflin, Würmli oder Zöbeli. Diese Namen haben keine Pendants, weshalb sie hier nicht berücksichtigt wurden. Insgesamt kann festgehalten werden, dass das Suffix regelhaft Umlaut auslöste. Die vierte Karte zu i-Diminutiven ist die einzige, auf der Namen mit Umlaut (72,8 %, 315 Tokens) häufiger sind als nicht-umgelautete Namen. Im kartierten Sample treten besonders häufig Patronyme auf; den Befund in diesem Benennungsmotiv kann man mit Lüssys (1974: 190-191) eingangs beschriebener Chronologie untermauern: Die umgelauteten FamN sind die älteren Bildungstypen; sie entwickelten sich aus umgelauteten Ruf N vom Typ Jäggi über BeiN zu FamN. Die später neu gebildeten umlautlosen Formen vom Typ Jaggi entsprechen einer chronologisch jüngeren Namenschicht und konnten sich nicht mehr überall zu FamN entwickeln. Die Abfolge Umlaut → Nicht-Umlaut könnte mit einer umfassenderen quellenbasierten Untersuchung - aufbauend auf Lüssys (1974) Zürcher Quellen - gestützt werden. Umgekehrt überwiegen auf der fünften Karte bei Derivaten auf -er, -ler, -ner mit 73,8 % die nicht-umgelauteten FamN deutlich und prägen das Kartenbild. Das Suffix ruft - wie einleitend erwähnt - nicht zwingend Umlautung hervor, was auch auf die hier ausgewählten Namendubletten zutrifft. Dieser Befund wird auch bestätigt, wenn man bspw. alle FamN (nicht nur Dubletten) mit dem Bestandteil Haus+er in der Schicht «vor 1800» auszählt: 26 Types mit dem nicht-umgelauteten Element -hauser stehen 7 Types mit dem umgelauteten Element -häuser gegenüber. Die Verteilung von Umlaut und Nicht-Umlaut ist allenfalls auch durch die Bildungsweise gesteuert: Zur Ableitung Gärtner gibt es in der Schicht «vor 1800» zwar kein Pendant *Gartner, historisch ist diese Form aber belegt, bspw. 1535 im Kanton Bern Marti Garttner der schmidt (vgl. Ramseyer unveröffentlicht). Als Grundwort in Komposita hingegen kommt die Wortform -gartner häufiger vor: Haupttyp ist Baumgartner, das Pendant Baumgärtner hingegen tritt nur in Rothrist (AG) auf; Hangartner ist ebenfalls häufiger als Hängärtner. Im Grundwort ist somit die ältere, nicht-umgelautete Form frequenter. Diese Verteilung stimmt mit dem Befund überein, dass Komposita ältere Strukturen besser bewahren (Nübling/ Kunze 2023: 199). 20 Umlautlosigkeit überwiegt auch bei FamN, die zum Adjektiv mhd. lanc gehören: Lang (43 Tokens) ist weitaus häufiger als das umgelautete Pendant Läng (1 Token), obwohl der umgelautete Stammvokal dialektal in einem grossen Gebiet der westlichen Deutschschweiz und auch in den Schweizer Walsermundarten zu beobachten ist (SDS II 1965: Karte 89). Aufbauend auf diesen Ergebnissen bieten sich zusätzliche, vertiefende Studien mit grösserem Sample zum Auftreten von Umlaut und Nicht-Umlaut in den verschiedenen Ableitungskategorien an. Ob Nicht-Umlaut bei FamN zusätzlich den Zweck erfüllt, sie von den entsprechenden Appellativen zu unterscheiden, wie bspw. Kohler Onym vs. Köhler Appellativ , oder ob hier die von Lüssy (1974: 178 ) postulierte Schonung des Namenkörpers zum Tragen kommt, ist ebenfalls noch zu untersuchen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Baumgartner (10'536 Tokens), Kohler (6'633 Tokens) und Lang (4'615 Tokens). In Müllheim (TG) treten die FamN Jäck, Jäckh, Jäk sowie in Zeinigen (AG) Jeck auf. Es handelt sich um suffixlose Namen mit Umlaut, zu denen in der etymologischen Datenbank keine umlautlosen Formen *Jack oder *Jagg belegt sind. Die Frage ist, ob das Suffix hier getilgt wurde (Jäckli → Jäck) oder ob der Umlaut ohne Suffix produktiv geworden ist (Jack → Jäck). Eine kurze historische Sondierung zeigt Folgendes: Fähndrich (2000: 211) führt bei Jeck ausschliesslich Belege mit Suffix an, wie Jecli, Ja ᵉ cklis oder Ja ᵉ cklerin. In den Belegreihen von Jäck und Jäggi im RNB 3 (1986: 294) werden umlautlose und umgelautete Namenbelege nebeneinander angeführt, wie 1508 Claus Jagg und 1524 Hans Jäca guot sowie Formen mit i- Suffix 1718 Francisca Jacki und 1743 Margreth Jägi. Die Belegreihen suggerieren eine gewisse Austauschbarkeit der Namenformen. Winteler (1876: 214) schreibt bezüglich der Verhältnisse in der Mundart von Kerenzen (GL) dazu: «Der Umlaut hat sich indessen so emanzipirt [sic! ] und ist in dem Masse dynamisch geworden, dass er allein, ohne die Verkleinerungssilbe, zu pejorisiren [sic! ] vermag». Als Beispiele nennt er Jäck (zu Jakob) und Bällts (zu Balthasar). Daraus 20 Vgl. dazu die Diskussion im Artikel II-2.18 «Komposita: Formvarianten im Kontrast». 62 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="63"?> lässt sich die These ableiten, dass der Umlaut in den Namenformen eine gewisse Selbstständigkeit entwickelt hat und nicht mehr zwingend an ein Suffix gebunden ist. Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 1 (2009) wird die Varianz der Vokale a, o, u in je einem Kapitel behandelt: Das Kapitel «Monophthongvarianz a, ä, e» kartiert den Tonvokal in FamN wie Glaser, Kastner, Hafner und Gasser (vgl. DFA 1 2009: 2-65); das Kapitel «Monophthongvarianz o, ö» illustriert u. a. die FamN Kohler / Köhler und Forster / Förster (vgl. DFA 1 2009: 174-203) und das Kapitel «Monophthongvarianz u, ü» untersucht den Tonvokal in FamN wie Brücke und Mücke oder in Kurzformen zu Konrad (vgl. DFA 1 2009: 290-325). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Braune, Wilhelm/ Heidermanns, Frank (2023): Althochdeutsche Grammatik I: Phonologie und Morphologie (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 5.1). 17., neu bearbeitete Auf lage. Berlin, Boston: De Gruyter. Christen, Helen (2019): Alemannisch in der Schweiz. In: Herrgen, Joachim/ Schmidt, Jürgen Erich (Hrsg.): Sprache und Raum. Ein internationales Handbuch der Sprachvariation. Bd. 4: Deutsch (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 30.4), 246-279. Berlin, Boston: De Gruyter Mouton. 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Teil 1: Einführung, Vorgeschichte und Geschichte. 12., verbesserte und erweiterte Auf lage. Stuttgart: Hirzel. Schmidt, Wilhelm (2020b): Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium. Teil 2: Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Frühneuhochdeutsch. 12., verbesserte und erweiterte Auf lage. Stuttgart: Hirzel. SDS I = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1962): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. I: Lautgeographie I: Vokalqualität. Bern: Francke. SDS II = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1965): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. II: Lautgeographie II: Vokalquantität - Konsonantismus. Bern: Francke. Szadrowsky, Manfred (1918): Nomina agentis des Schweizerdeutschen in ihrer Bedeutungsentfaltung (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 12). Frauenfeld: Huber. 1.3 Fehlende und durchgeführte Umlautung 63 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="64"?> Winteler, Jost (1876): Die Kerenzer Mundart des Kantons Glarus in ihren Grundzügen dargestellt. Leipzig, Heidelberg: Winter. Zinsli, Paul (1960): Lautlich abgewandelte Flurnamenpaare in der westlichen deutschen Schweiz. Zeitschrift für Mundartforschung 27(3), 143-159. Simone Berchtold 64 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="65"?> 1.4 Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten Schlagwörter: Anlaut, Diakritikum, Inlaut Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel widmet sich FamN, die eine graphematische Markierung der Umlaute von a, o und u durch Digraphie (<ae>, <oe>, <ue>) oder Trema (<ä>, <ö>, <ü>) aufweisen. Dabei geht es um die Schreibvariation der Umlaute von a, o, u, unabhängig davon, welcher Umlaut (Primär-, Sekundärumlaut, Umlaut der Lang- oder Kurzvokale) 1 ursprünglich zugrunde liegt. Beide Formen der Umlautschreibung (Digraphie, Trema) erscheinen in inlautender Position, wo sie bei Namenpaaren variierend auftreten können (z. B. Schaefer / Schäfer, Schroeter / Schröter). 2 In wortinitialer Position werden die FamN in der Schweiz jeweils nur mit Digraphie (z. B. Aelpler, Oelhafen, Uebelmann) realisiert, im Gegensatz zur Schreibung der Toponyme (Ächerli, Ötikon). Die unterschiedliche Erscheinung der Umlaute gibt Einblick in den historisch-graphematischen Prozess der Familiennamenschreibung in der Schweiz. Hintergrund: Seit althochdeutscher bzw. mittelhochdeutscher Zeit hat sich die Schreibung der Umlaute regional unterschiedlich entwickelt (Ebert et al. 1993: 35; Paul et al. 2007: 72-73, 88; Elmentaler 2018: 294): «In oberdeutschen Handschriften treten sie [die Umlautbezeichnungen] schon im 14. Jahrhundert auf, im mitteldeutschen Raum breiten sie sich dagegen erst Ende des 15. Jahrhunderts (Hessisch) bzw. in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts (Mittelfränkisch, Ostmitteldeutsch) aus» (Elmentaler 2018: 294). Demnach weist die Umlautschreibung hinsichtlich ihrer Gestalt, ihrer geographischen Verbreitung und des zeitlichen Erscheinens unterschiedliche Entwicklungsstufen auf, die eine konsequente Umlautkennzeichnung ausschliessen. Die verschiedenen Formen von graphischer Markierung des Umlauts können chronologisch wie folgt dargestellt werden: 3 • <e>: In den Texten des 8. Jh. wird der Primärumlaut mittels <e> graphisch gekennzeichnet, da das lateinische Alphabet zu jener Zeit über keine weiteren Umlautzeichen verfügte (z. B. ahd. gast, Plur. gesti < *gastiz, nhd. Gäste; Sonderegger 1979: 106; Speyer 2007: 50). • Diakritische Buchstaben: Ab dem 13. Jh. werden diakritische Buchstaben (häufig e oder i) an die Schriftzeichen des Ausgangslauts angefügt. Dabei werden die Diakritika meist in übergestellter Position (Supraposition) wie z. B. <a ᵉ >, <o ᵉ >, <u ᵉ > eingesetzt. Diese Form der Umlautkennzeichnung wurde vereinzelt bis ins 18. Jh. genutzt. • Diakritische Zeichen wie Striche, Häkchen, Trema: Hauptsächlich in frühneuhochdeutscher Zeit werden zur Umlautkennzeichnung Striche (z. B. <à>, <ò>, <ù>), Häkchen (z. B. <ă>, <ŏ>, <ŭ>) oder Punkte (Trema) (z. B. <ä>, <ö>, <ü>) verwendet, die durch Reduktion der supraponierten Buchstaben entstanden sind. • Digraphien: Eine weitere Möglichkeit der Umlautbezeichnung bietet sich durch die Juxtaponierung diakritischer Buchstaben, die entsprechend als Digraphien (z. B. <ae>, <oe>, <ue>) auftreten. Mit der Einführung des Buchdrucks kommt es in den gedruckten Texten zur einheitlichen Handhabung der Umlautkennzeichnung, die sich im 17. Jh. weitgehend etabliert hat: «Die Umlaute werden durch übergeschriebenes e bezeichnet. Bei initialem Majuskelgebrauch wird e oft nachgestellt (Ae, Oe)» (Ebert et al. 1993: 35), denn supraponiertes <e> benötigte bei den Majuskeln mehr Zeilenabstand und war deshalb für den Druck nicht geeignet. Schliesslich hat sich die Verwendung des Tremas zur graphischen Markierung der Umlaute durchgesetzt, weil die übergestellten Punkte im Druck, im Gegensatz zu supraponiertem <e>, weder bei den Majuskeln noch bei den Minuskeln zusätzlichen Platz einfordern (Dräger/ Kunze 2010: 10; Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 158). Im deutschsprachigen Raum hat sich gegenwärtig die Graphie mit Trema (<ä>, <ö>, <ü>) als Markierung der Umlaute von a, o, und u v. a. im appellativischen Wortschatz etabliert. Weniger einheitlich gestaltet sich die Markierung der Umlaute bei EigenN, insbesondere bei FamN und Toponymen, die sich im Namengut verfestigt haben und deshalb unterschiedliche graphische Markierungen des Umlauts zeigen (Digraphie vs. Trema). 4 Deutschschweizer FamN und Toponyme weisen einen unterschiedlichen Gebrauch der graphischen Markierung von Umlauten in initialer und inlautender Position auf: So erscheinen die initialen Umlaute in der Schreibung der Toponyme mit Trema (<Ä>, <Ö>, <Ü>) und/ oder mit Digraphie (<Ae>, <Oe>, <Ue>), wie z. B. Ächerli/ Aecherli, Äschi/ Aeschi, Ötikon, Öhningen oder Ühlingen. Bei den etymologisch 1 Mit Primärumlaut wird der bereits im Althochdeutschen verschriftete Wandel von a > e vor i, j benannt, der in den Handschriften als <e> erscheint (z. B. mhd. lanc, lenger, lengeste, ahd. lang, lengiro, lengisto; Paul et al. 2007: 88). Weitere umlautfähige Vokale wurden erst später palatalisiert und erscheinen in mittelhochdeutschen Texten. Sie werden als Sekundärumlaute bezeichnet. Vgl. die Artikel I-1.2 «Schreibvariation Primärumlaut» und I-1.3 «Fehlende und durchgeführte Umlautung». 2 Die Variation <ue>/ <ü> zeigt sich in inlautender Stellung lediglich bei den drei Familiennamenpaaren Kuenzi/ Künzi, Ruesch / Rüsch, Ruetsch / Rütsch. Die Schreibvariation geht in allen drei Fällen auf den Umlaut des Diphthongs ahd. uo > mhd. üe zurück, weshalb sie in diesem Artikel nicht weiter berücksichtigt wird. 3 Zur Übersicht vgl. Paul et al. (2007: 72), Dräger/ Kunze (2010: 8-10), Elmentaler (2018: 290-292) und Braune/ Heidermanns (2023: 43, 83-84). 4 Zum Umlaut in FamN vgl. auch die Artikel I-1.2 «Schreibvariation Primärumlaut» und I-1.3 «Fehlende und durchgeführte Umlautung». 1.4 Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten 65 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="66"?> entsprechenden FamN hingegen ist der initiale Umlaut jeweils nur mit einem Digraph verschriftet (Aecherli, Aeschi, Oetiker, Oehninger oder Uehlinger). Schreibungen mit Trema in initialer Position treten im Deutschschweizer Familiennamenbestand nicht auf. Die variierende Umlautschreibung bei Majuskeln wird in den «Weisungen der Bundeskanzlei zur Schreibung und zu Formulierungen in den deutschsprachigen amtlichen Texten des Bundes» wie folgt begründet (Schweizerische Bundeskanzlei 2015: 36): «Umlaute in Grossbuchstaben werden als Ä, Ö, und Ü geschrieben und nicht als Ae, Oe, Ue. Ausgenommen von [dieser] Regel sind Eigennamen mit althergebrachter Schreibung». Kully (2009: 367-368) vermutet, dass diese Schreibung durch die fehlenden Tasten der Schreibmaschine in der Schweiz forciert worden sein könnte: «Da wir [in der Schweiz] wegen unserer französischsprachigen Miteidgenossen die Sonderzeichen é, è, ê, à, â und ç benötigten, enthielt die Klaviatur nicht genügend Tasten, weshalb Konzessionen gemacht werden mussten, die im Verzicht auf Ä, Ö, Ü und ß bestanden». Dazu ist einschränkend anzumerken, dass Schreibmaschinen erst im 19. Jh. entwickelt und vorerst in den USA ab 1873 industriell hergestellt wurden; in Europa kamen sie erst im 20. Jh. als Massenprodukt zum Einsatz (e-HLS 2009: s. v. Mechanisierung; Brockhaus Enzyklopädie Online o. J.: s. v. Schreibmaschine). Die FamN in der Schweiz wurden hingegen 1876 «in der Form, wie sie in den Kirchenbüchern standen, in die Zivilstandsregister übernommen» (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 9). Die Fixierung der FamN geht somit dem Gebrauch der Schreibmaschine voraus. Während Deutschschweizer FamN im Anlaut ausschliesslich Digraphien zeigen, weist die Umlautschreibung im Inlaut der FamN Variation auf: Sie kann mit Digraphie (Schoenau) oder Trema (Schönau) erfolgen. Es ist nicht auszuschliessen, dass in der Deutschschweiz die Schreibvariation bei FamN auch durch den Einf luss fremdsprachiger Schreibgewohnheiten entstanden ist, bspw. im Interferenzraum zwischen der deutschsprachigen und der französischsprachigen Schweiz durch den Kontakt mit romanischen Schreibkonventionen. 5 Fragestellung: Die erste Karte widmet sich der Umlautkennzeichnung im Anlaut und zeigt die unterschiedliche Frequenz und Verbreitung von FamN mit <Ae>, <Oe> und <Ue>. Die zweite Karte gilt der Variation von ae / ä in der Umlautschreibung von a im Inlaut. Dabei werden Familiennamendubletten kartiert, bei denen der Umlaut mittels Digraphie <ae> oder Trema <ä> verschriftet ist. Die dritte Karte erfasst mit <e> eine weitere Form der Umlautkennzeichnung. Anhand von Namentripletten wird die Verbreitung der Umlautmarkierungen <ae>, <ä> und <e> im Vergleich aufgezeigt. Analog zur zweiten Karte geht es in der vierten Karte um die oe-/ ö-Schreibvariation des Umlauts von o im Inlaut. Abschliessend werden in der fünften Karte alle FamN aus der zweiten und der vierten Karte gemeinsam kartiert, um einen Gesamtüberblick über die Verbreitung der Umlautverschriftung Digraphie vs. Trema zu bieten. 6 5 Vgl. Artikel I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». 6 Die Karten basieren auf der historischen Schicht «vor 1800». Zu den Schreibvariationen in späteren Zeitschichten vgl. Artikel I-3.2 «Graphematische Adaptionen bei Migration innerhalb der Deutschschweiz». 66 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="67"?> Erste Karte {17}: Familiennamen mit <Ae>, <Oe> oder <Ue> im Anlaut Namenauswahl: Die erste Karte gilt FamN mit Umlauten von a, o, oder u in initialer Position, die mit Digraphie <Ae>, <Oe> oder <Ue> gekennzeichnet sind (z. B. Aelpler, Oechsli, Uehlinger). Schreibvariation zwischen den Umlautmarkierungen tritt im Anlaut der FamN nicht auf, da Markierung mit Trema (<Ä>, <Ö>, <Ü>) im historischen Schweizer Familiennamenbestand nicht existiert (s. o.). Ausgewählt wurden alle in der etymologischen Datenbank enthaltenen einschlägigen Fälle aus der Zeitschicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB). 7 Diese wurden mittels Sucheingaben «Ae» «Oe» und «Ue» ermittelt. Zum Ausschluss von Namen s. u. Abgefragte Namen Typ <Ae>: Aebi, Aebin, Aebischer, Aebisegger, Aeby, Aecherli, Aegerter, Aehrenbold, Aellen, Aellig, Aelpler, Aemisegger, Aemmer, Aenishänslin, Aerne, Aerni, Aerny, Aeschbach, Aeschbacher, Aeschi, Aeschimann, Aeschlimann, Aeschmann. 23 Types, 120 Tokens. Typ <Oe>: Oechsli, Oechslin, Oederlin, Oefeli, Oefelin, Oegerli, Oegger, Oeggerli, Oehen, Oehler, Oehninger, Oehrli, Oeler, Oelhafen, Oeli, Oeri, Oertle, Oertli, Oertly, Oes, Oesch, Oeschger, Oester, Oetiker, Oetliker, Oetterli, Oettle, Oettli. 28 Types, 71 Tokens. Typ <Ue>: Uebelin, Uebelmann, Uehlinger. 4 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 10-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 17: Daten zur ersten Karte {17} Detailangaben zur Namenauswahl: 8 In der etymologischen Datenbank (Stand 14.03.2024) treten insgesamt 54 einschlägige FamN auf. Namen wie Aeberhard, Aeberli und Aebersold (alle zu mhd. ëbur ‘Eber’), deren Digraphie auf einem ursprünglich germ. ë und nicht auf einem Umlaut basiert, wurden von der Kartierung ausgeschlossen. Am häufigsten sind FamN mit <Oe> (28 Types), jene mit Ue- Schreibung sind hingegen selten (3 Types). Sowohl bei den FamN mit Aeals auch bei den FamN mit Oe-Schreibung sind alle fünf Benennungsmotive vertreten: Patronyme wie Aerne (zum Ruf N Arnold ) oder Oesch (zum Ruf N Oswald ), WohnstättenN wie Aecherli (Diminutiv zu schwzdt. Acher ‘Acker’) oder Oester (zur Himmelsrichtung Ost), HerkunftsN wie Aebischer (zum Ort Äbische in BE) oder Oehninger (zum Ort Öhningen in Deutschland), BerufsN wie Karte 17: FamN mit <Ae>, <Oe> oder <Ue> im Anlaut, vor 1800 7 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 8 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 1.4 Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten 67 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="68"?> Aelpler oder Oehler (zu mhd. öler ‘Ölmüller’) sowie ÜberN wie Aenishänslin (Änis ‘Anis’ und Ruf N Hänsli) oder Oehrli (Diminutiv zu mhd. ōr(e) ‘Ohr’). Die drei FamN mit <Ue> sind ÜberN (Uebelin und Uebelmann zu mhd. übel ‘böse, grimmig, schlecht’) bzw. HerkunftsN (Uehlinger zum Ort Ühlingen in Deutschland). Kommentar: Die erste Karte zeigt unterschiedliche Verbreitungsgebiete der drei Umlautschreibungen. FamN mit <Ae> treten hauptsächlich im Kantonsgebiet von Bern auf, wobei die FamN Aeschlimann (13 Tokens) und Aebi (11 Tokens) prominent erscheinen. Der FamN Aeby mit der Endung -y ist zudem im benachbarten Kanton Freiburg frequent (13 Tokens). FamN mit der Digraphie <Oe> treten hingegen in den nordöstlichen Gebieten der Schweiz, in den Kantonen Aargau, Zürich und Thurgau in Erscheinung. Ein Familiennamennest bildet der FamN Oettli, der nur im Thurgau bezeugt ist. FamN mit Ue-Schreibung kommen vereinzelt in den Kantonen Aargau, Basel-Stadt und Schaffhausen vor. Zweite Karte {18}: Dubletten mit <ae> oder <ä> im Inlaut Namenauswahl: Die zweite Karte gilt Familiennamendubletten, die die Umlautmarkierungen <ae>/ <ä> im Inlaut aufweisen (z. B. Baechler / Bächler, Schaefer/ Schäfer). Ausgewählt wurden alle in der etymologischen Datenbank enthaltenen einschlägigen Fälle aus der Zeitschicht «vor 1800», die als Dubletten auftreten. Zum Ausschluss von Namen s. u. Abgefragte Namen Typ <ae>: Baechler, Baeder, Daepp, Gaegauf , Haeberlin, Haefeli, Haefelin, Haegler, Haemmerli, Haenggi, Haenni, Jaeger, Jaeggi, Kaeser, Maeder, Maendly, Naegeli, Raetzo, Schaefer, Staehelin, Waeckerling. 21 Types, 35 Tokens. Typ <ä>: Bächler, Bäder, Däpp, Gägauf , Häberlin, Häfeli, Häfelin, Hägler, Hämmerli, Hänggi, Hänni, Jäger, Jäggi, Käser, Mäder, Mändly, Nägeli, Rätzo, Schäfer, Stähelin, Wäckerling. 21 Types, 244 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 10-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 18: Daten zur zweiten Karte {18} Detailangaben zur Namenauswahl: Die etymologische Datenbank (Stand 14.03.2024) weist insgesamt 21 passende Namenpaare aus. Die entsprechenden Dubletten wurden in einem ersten Schritt mittels automatischer Suche ermittelt (Abfrage: ae vs. ä) und danach manuell sortiert. Namendubletten, deren inlautende Digraphie auf einem ursprünglich germ. ë basiert und nicht auf einen Umlaut zurückgeht, wurden von der Kartierung ausgeschlossen (z. B. Karte 18: Dubletten mit <ae> oder <ä> im Inlaut, vor 1800 68 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="69"?> Naef / Näf , Schaerer / Schärer oder Waeber/ Wäber). 9 Unberücksichtigt blieben zudem FamN, die gemäss der etymologischen Datenbank nicht sicher deutbar sind (z. B. Haering / Häring). Die 21 Namenpaare verteilen sich auf vier Benennungsmotive, wobei die meisten FamN (11 Types) wie Haefeli/ Häfeli (zu mhd. haven ‘Hafen, Topf ’) oder Daepp / Däpp (zu schwzdt. täppe(n) ‘langsam gehen oder arbeiten; schleichen’) als BerufsüberN oder ÜberN zu kategorisieren sind. Die restlichen FamN basieren auf Ruf N lateinischen Ursprungs wie Haenggi/ Hänggi, Haenni/ Hänni (zum Ruf N Johannes) oder Jaeggi/ Jäggi (zum Ruf N Jakobus), auf Wohnstättenbezeichnungen wie Baechler / Bächler (zu mhd. bach ‘Bach’) oder Haegler / Hägler (zu mhd. hagen, hac ‘Einfriedung, Umhegung, Dorfumzäunung’) sowie auf Berufsbezeichnungen wie Kaeser/ Käser (zu mhd. kæse ‘Käse’) oder Schaefer/ Schäfer (zu mhd. schæfære ‘Schäfer’). Kommentar: Die zweite Karte zeigt eine klare Raumverteilung der beiden Schreibvarianten. Die deutlich frequentere Variante mit Trema ist über die ganze Deutschschweiz verbreitet. Sie erscheint hauptsächlich mit jeweils mehr als 15 Tokens von Westen nach Osten in den Kantonen Freiburg, Bern, Solothurn, Aargau, Zürich, Thurgau und St. Gallen. Die meisten FamN dieses Typs treten im Kanton Bern auf, wobei dort rund ein Drittel der Namen (35 %, 24 Tokens) auf Hänni entfallen. Ein weiterer frequenter Name ist Nägeli im Kanton Zürich (15 Tokens). FamN mit ae-Markierung begegnen hingegen v. a. an der Peripherie des ä-Verbreitungsgebiets im deutsch-französischen Interferenzraum. So treten sie primär im französischsprachigen Teil des Kantons Freiburg auf; vereinzelt auch in den Kantonsgebieten Solothurn und Bern sowie im französischsprachigen Teil des Wallis. In diesem Gebiet sowie in der Nord- und Ostschweiz erscheinen vermehrt auch ä-/ ae-Namendubletten am selben Ort, was auf eine Differenzierungsfunktion zwischen ansonsten gleichnamigen Familien hindeuten könnte - so etwa in Freiburg (FR, Rätzo / Raetzo, Mändly / Maendly), in Murten (FR, Mäder/ Maeder), in Vinelz (BE, Hämmerli/ Haemmerli) oder in Füllinsdorf (BL, Hägler / Haegler) und in Landquart (GR, Bäder/ Baeder). Dritte Karte {19}: Tripletten mit <ae>, <ä> oder <e> im Inlaut Namenauswahl: Die dritte Karte ergänzt die zweite Karte um etymologisch identische FamN, bei denen der Umlaut von a mit <e> realisiert ist. Es sind demnach Familiennamentripletten kartiert, deren Umlaut entweder mit Digraphie (<ae>), mit Trema (<ä>) oder mit e-Schreibung gekennzeichnet wird (z. B. Jaeger/ Jäger/ Jeger, Kaeser / Käser/ Keser). Ausgewählt wurden alle in der etymologischen Datenbank enthaltenen einschlägigen Fälle aus der Zeitschicht «vor 1800», die als Tripletten auftreten. Zum Ausschluss von Namen s. u. Karte 19: Tripletten mit <ae>, <ä> oder <e> im Inlaut, vor 1800 9 Vgl. Artikel I-1.1 «Schreibvariation e / ä für germ. ë». Die Schreibungen Naef , Schaerer, Waeber werden dort kartiert. Sie finden sich in der Schicht «vor 1800» wie folgt: Naef v. a. in den Kantonen St. Gallen und Zürich; Schaerer in Hausen am Albis (ZH) und Fontaines (NE); Waeber vielfach und ausschliesslich im Kanton Freiburg. Somit weisen auch diese FamN teilweise auf Sprachkontakt als Faktor für Digraphie hin. 1.4 Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten 69 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="70"?> Abgefragte Namen Typ <ae>: Baechler, Haenggi, Haenni, Jaeger, Jaeggi, Kaeser, Maeder, Maendly, Schaefer, Staehelin. 10 Types, 23 Tokens. Typ <ä>: Bächler, Hänggi, Hänni, Jäger, Jäggi, Käser, Mäder, Mändly, Schäfer, Stähelin. 10 Types, 170 Tokens. Typ <e>: Bechler, Henggi, Henni, Jeger, Jeggi, Keser, Meder, Mendly, Schefer, Stehelin. 10 Types, 21 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 10-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 19: Daten zur dritten Karte {19} Detailangaben zur Namenauswahl: Die etymologische Datenbank (Stand 14.03.2024) weist insgesamt zehn entsprechende Familiennamentripletten aus. Die Namen wurden wie folgt ermittelt: Ausgehend von den 21 Namenpaaren der zweiten Karte (s. o.) wurde die etymologische Datenbank nach einem entsprechenden Namenpendant mit e-Schreibung durchsucht. Für knapp die Hälfte der Dubletten findet sich eine Entsprechung mit e-Realisierung des Umlauts. Zu den Etymologien der Namen s. die Angaben bei der zweiten Karte. Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass FamN mit <e> praktisch gleich frequent sind wie jene mit <ae>. In räumlicher Hinsicht treten sie - bis auf das Namennest von Schefer in Appenzell Ausserrhoden - lediglich vereinzelt auf. Dubletten mit ä / e-Variation, die möglicherweise der Differenzierung zwischen verschiedenen Familien dienen, finden sich einzig im bernischen Trub (Bächler/ Bechler) und in der Stadt Basel (Stähelin / Stehelin). Vierte Karte {20}: Dubletten mit <oe> oder <ö> im Inlaut Namenauswahl: Analog zur zweiten Karte zeigt die vierte Karte die Verbreitung von Familiennamendubletten mit oe / ö-Variation im Inlaut (z. B. Froelich / Frölich, Koechlin / Köchlin). Ausgewählt wurden alle in der etymologischen Datenbank enthaltenen einschlägigen Fälle aus der Zeitschicht «vor 1800», die als Dubletten auftreten. Zum Ausschluss von Namen s. u. Abgefragte Namen Typ <oe>: Froelich, Froelicher, Goetschi, Goetschmann, Koechlin, Koenig, Koerber, Loeliger, Moeli, Moeschler, Schoenauer, Schroeter, Stoecklin,Voellmy. 14 Types, 18 Tokens. Typ <ö>: Frölich, Frölicher, Götschi, Götschmann, Köchlin, König, Körber, Löliger, Möli, Möschler, Schönauer, Schröter, Stöcklin, Völlmy. 14 Types, 59 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Karte 20: Dubletten mit <oe> oder <ö> im Inlaut, vor 1800 70 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="71"?> Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 10-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 20: Daten zur vierten Karte {20} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 14.03.2024) sind insgesamt 14 entsprechende Familiennamenpaare enthalten. FamN mit oe- oder ö-Kennzeichnung umfassen somit einen Drittel weniger Types als jene mit ae- oder ä- Markierung (21 Types, s. o). Die Namenauswahl wurde wiederum mittels automatischer Suche und anschliessender manueller Sortierung zusammengestellt. FamN, deren Dubletten nicht sicher deutbar sind (z. B. Kilchoer/ Kilchör, Kroemler / Krömler), wurden von der Kartierung ausgeschlossen. Die Namenpaare lassen sich allen fünf Benennungsmotiven zuordnen: FamN aus Ruf N hauptsächlich germanischen Ursprungs wie Goetschi/ Götschi (zum Ruf N Gottfried aus ahd. got ‘Gott’ und ahd. fridu ‘Frieden’) oder Voellmy / Völlmy (zum Ruf N Volkmar aus ahd. volc ‘Volk, Stamm, Schar’ und ahd. māri ‘berühmt’), FamN aus Herkunfts- oder Wohnstättenbezeichnungen wie Schoenauer/ Schönau (zum Flurnamentyp Schönau), FamN aus Berufsbezeichnungen wie Koerber/ Körber (abgeleitet mit -er zu mhd. korp für den Korbmacher) oder Schroeter / Schröter (zu mhd. schrōtære ‘Schneider, Goldpräger; derjenige, der Wein- und Bierfässer auf- und ablädt’) sowie ÜberN wie Froelich / Frölich, Froelicher/ Frölicher (zu mhd. vrœlich ‘froh, heiter’) oder Koenig / König (zu mhd. künic, künec ‘König’). Kommentar: Die FamN mit Digraph erscheinen in einem Type- Token-Verhältnis von beinahe 1: 1. Sie sind hauptsächlich im nordwestlichen Gebiet der Schweiz (Kantone BL, BS) sowie im Kanton Freiburg verbreitet und kommen damit u. a. im deutsch-französischen Interferenzgebiet vor (in den freiburgischen Bezirken Broye, Saane und See sowie im Verwaltungskreis Berner Jura). Die etymologischen Pendants mit ö-Graphie sind über das Mittelland verteilt, konzentrieren sich aber überwiegend in den Kantonen Bern und Basel-Landschaft. Im Kanton Bern ist hauptsächlich der FamN König frequent. Fünfte Karte {21}: Dubletten mit <ae>, <ä> und <oe>, <ö> im Inlaut Namenauswahl: Die fünfte Karte bündelt die Dublettenpaare der zweiten und vierten Karte kontrastiv: FamN mit Digraph (Blautöne) werden jenen mit Trema (Rottöne) gegenübergestellt. Ausgeschlossen sind folglich die Namen mit e-Schreibung, die auf der dritten Karte berücksichtigt wurden. Karte 21: Dubletten mit <ae>, <ä> und <oe>, <ö> im Inlaut, vor 1800 1.4 Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten 71 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="72"?> Abgefragte Namen Typ <ae>: Baechler, Baeder, Daepp, Gaegauf , Haeberlin, Haefeli, Haefelin, Haegler, Haemmerli, Haenggi, Haenni, Jaeger, Jaeggi, Kaeser, Maeder, Maendly, Naegeli, Raetzo, Schaefer, Staehelin, Waeckerling. 21 Types, 35 Tokens. Typ <oe>: Froelich, Froelicher, Goetschi, Goetschmann, Koechlin, Koenig, Koerber, Loeliger, Moeli, Moeschler, Schoenauer, Schroeter, Stoecklin,Voellmy. 14 Types, 18 Tokens. Typ <ä>: Bächler, Bäder, Däpp, Gägauf , Häberlin, Häfeli, Häfelin, Hägler, Hämmerli, Hänggi, Hänni, Jäger, Jäggi, Käser, Mäder, Mändly, Nägeli, Rätzo, Schäfer, Stähelin, Wäckerling. 21 Types, 244 Tokens. Typ <ö>: Frölich, Frölicher, Götschi, Götschmann, Köchlin, König, Körber, Löliger, Möli, Möschler, Schönauer, Schröter, Stöcklin, Völlmy. 14 Types, 59 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 10-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 21: Daten zur fünften Karte {21} Detailangaben zur Namenauswahl: Zur detaillierten Namenauswahl sowie zu den Deutungen der Namen s. die Angaben zur zweiten und zur vierten Karte. Kommentar: Das Kartenbild zeigt drei Ballungszentren in der Deutschschweiz: Zum einen treten beide Umlautmarkierungen im nordwestlichen Gebiet, an der Sprachgrenze zur französischsprachigen Schweiz (Kantone BE, SO und FR) auf. Mit hoher Frequenz erscheinen v. a. Kennzeichnungen mit Trema in Basel-Landschaft, im Aargau und in der (Nord-)Ostschweiz (Kantone ZH, TG, SG, GR). Beide Schreibvarianten sind, bis auf die Vorkommen im Kanton Luzern, kaum in der Innerschweiz verbreitet. Als Kerngebiet der digraphischen Schreibung tritt die Region zwischen den Kantonen Freiburg und Bern und dem Kanton Solothurn hervor. Ergebnisse Die FamN der Deutschschweiz weisen nur im Inlaut Schreibvariation bei der Umlautmarkierung auf: Während Umlaute von a, o und u im Anlaut immer als Digraph erscheinen, werden die Umlautvokale von a und o im Inlaut mit Digraph, Trema oder - im Falle des umgelauteten a - mit <e> wiedergegeben. Umgelautetes u tritt in der Schicht «vor 1800» nicht in inlautender Position auf. Die Schreibung mit Trema ist bei den Umlautvokalen von a und o frequenter als jene mit Digraph. FamN mit Trema sind - mit Ausnahme der Innerschweiz - über die Deutschschweiz verbreitet, wobei sie sich in drei Gebieten konzentrieren. Eine grosse Ballung zeigt sich im Westen (hauptsächlich in den Kantonen Bern und Freiburg) entlang der Sprachgrenze zur französischsprachigen Schweiz sowie angrenzend im Nordwesten in den Kantonen Solothurn, Basel-Landschaft, Basel- Stadt und Aargau. Zudem erscheinen Namen mit Trema mit hoher Frequenz im Nordosten der Schweiz (Kantone ZH, TG, SG). FamN, die Umlautmarkierung mittels Digraph aufweisen, sind weniger frequent und treten in den gleichen Gebieten auf, v. a. aber im französischdeutschen Interferenzgebiet. Obwohl die Namen nur vereinzelt im französischsprachigen Gebiet verbreitet sind, ist aufgrund des Kartenbilds nicht unwahrscheinlich, dass die Schreibung der FamN in vielen Fällen durch Kontakt mit romanischen Schreibkonventionen beeinf lusst worden sein könnte. Wie bereits erwähnt, existiert in der Schicht «vor 1800» im Anlaut von Deutschschweizer FamN nur die Schreibung mit Digraph (<Ae>, <Oe>, <Ue>). Das Kartenbild ist dabei geprägt von EinzelN wie Aeschlimann (Emmental BE) mit regionalspezifischem Vorkommen; zufällig ergeben sich im Ganzen unterschiedliche Verbreitungsräume: FamN mit <Ae> sind tendenziell eher im Westen verbreitet, FamN mit <Oe> treten hingegen mehrheitlich im Osten der Schweiz auf. FamN mit <Ue> finden sich vereinzelt im Norden. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Für Typ <Ae>, <Oe>, <Ue> Aeschlimann (3'679 Tokens), Aebi (3'016 Tokens), Aebischer (2'444 Tokens); für Typ <ae>/ <ä>/ <e> Käser (3'938 Tokens), Mäder (3'666 Tokens), Hänni (3'191 Tokens) und für Typ <oe>/ <ö> König (2'671 Tokens), Stöcklin (681 Tokens), Goetschi (287 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im Gegensatz zu den Schweizer Schreibkonventionen, wo sich aus historisch-graphematischen Gründen kein Trema als Umlautkennzeichnung bei Grossbuchstaben in FamN ergeben hat, findet sich bei FamN in Deutschland sowohl Tremaschreibung als auch Digraphie. Einen Überblick zur Variation von <Ae>/ <Ä>, <Oe>/ <Ö> und <Ue>/ <Ü> in FamN Deutschlands geben Dräger/ Kunze (2010: 13-25) basierend auf dem Datenmaterial des DFA 1 (2009; z. B. Aechter / Ächter, Aeckerle / Äckerle), wobei Ä-Schreibung im Anlaut selten ist. Weitere Beispiele für Namendubletten sind Oechsle / Öchsle, Oelschlegel/ Ölschlegel, Ueberall/ Überall oder Ueberschär / Überschär. In diesem Zusammenhang sei auch auf den Abschnitt «Oechsle, aber Wölfle: Schreibung von Umlauten» in Nübling/ Kunze (2023: 215-219) verwiesen. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. 72 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="73"?> Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Braune, Wilhelm/ Heidermanns, Frank (2023): Althochdeutsche Grammatik I: Phonologie und Morphologie (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 5.1). 17., neu bearbeitete Auf lage. Berlin, Boston: De Gruyter. Brockhaus Enzyklopädie Online (o. J.): Schreibmaschine. https: / / brockhaus. de/ ecs/ enzy/ article/ schreibmaschine (letzter Zugriff 16.01.2025). DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. Dräger, Kathrin/ Kunze, Konrad (2010): Umlautzeichen in deutschen Familiennamen. Zunamen. Zeitschrift für Namenforschung 5(1-2), 8-39. Ebert, Robert P. et al. (1993): Frühneuhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 12). Tübingen: Niemeyer. e-HLS = Veyrassat, Béatrice (2009): Mechanisierung. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 013844/ 2009-12-29/ (letzter Zugriff 16.01.2025). Elmentaler, Michael (2018): Historische Graphematik des Deutschen. Eine Einführung (Narr Studienbücher). Tübingen: Narr Francke Attempto. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 14.03.2024). Kully, Rolf M. (2009): Form und Inhalt der Deutschschweizer Familiennamen. In: Hengst, Karlheinz/ Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. Bd. 1: Deutsche Familiennamen im deutschen Sprachraum (Onomastica Lipsiensia 6.1), 365-392. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. Nübling, Damaris/ Fahlbusch, Fabian/ Heuser, Rita (2015): Namen. Eine Einführung in die Onomastik (Narr Studienbücher). 2., überarbeitete und erweiterte Auf lage. Tübingen: Narr Francke Attempto. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. Paul, Hermann et al. (2007): Mittelhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 2). 25., neu bearbeitete Auf lage. Tübingen: Niemeyer. Schobinger, Viktor/ Egli, Alfred/ Kläui, Hans (1994): Zürcher Familiennamen. Entstehung, Verbreitung und Bedeutung der Namen alteingesessener Zürcher Familien. Zürich: Zürcher Kantonalbank. Schweizerische Bundeskanzlei (2015): Schreibweisungen. Weisungen der Bundeskanzlei zur Schreibung und zu Formulierungen in den deutschsprachigen amtlichen Texten des Bundes. 2., aktualisierte Auf lage 2013 (korrigierte Ausgabe 2015). https: / / www.bk.admin.ch/ bk/ de/ home/ dokumentation/ sprachen/ hilfsmittel-textredaktion/ schreibweisungen.html (letzter Zugriff 16.01.2025). Sonderegger, Stefan (1979): Grundzüge deutscher Sprachgeschichte. Diachronie des Sprachsystems. Bd. I: Einführung - Genealogie - Konstanten. Berlin, New York: De Gruyter. Speyer, Augustin (2007): Germanische Sprachen. Ein vergleichender Überblick. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Martina Heer 1.4 Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten 73 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="74"?> 1.5 Entrundung Schlagwörter: Alemannisch, niederfrequent, schriftsprachlicher Einf luss, Vokalqualität Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Artikel werden FamN kartiert, die etymologisch einen gerundeten Vokal enthalten, der entrundet werden kann. Dieses Phänomen betrifft die gerundeten mittelhochdeutschen Kurz- und Langvokale ü, iu, ö, œ sowie die gerundeten Diphthonge öu und üe. Hierbei interessiert, inwiefern Entrundungsgraphien in den FamN nachgezeichnet werden können, auch in Kontrast mit nicht-entrundeten Pendants. Der Gegenstand ist relevant mit Blick auf die dialektale Gliederung der schweizerdeutschen Dialekte. Hintergrund: Sprachhistorisch ist der Lautwandel der Entrundung von mhd. ü, iu, ö, œ, öu und üe seit dem 12. Jh. in bairischen und ab dem 15. Jh. in südwestdeutschen Quellen zu beobachten und wird in weiterer Folge charakteristisch für den hochdeutschen Sprachraum mit wenigen Ausnahmen, zu denen Teile des Hochalemannischen gehören (HSS I 1979: 180; Paul et al. 2007: 86). Ab dem genannten Zeitraum finden sich in den frühneuhochdeutschen Schreibsprachen die Graphien <i> für mhd. ü, iu wie in mhd. küssen > fnhd. kissen ‘Kissen’, <e> für mhd. ö, œ wie in mhd. körb > fnhd. kerb ‘Körbe’, <ei> für mhd. öu wie in mhd. vröude > fnhd. freid ‘Freude’ und <ie> für mhd. üe wie in mhd. müeʒen > fnhd. miessen ‘müssen’ (Ebert et al. 1993: 75-76), wobei diese Neuerung nur zögerlich in den Handschriften aufgenommen wird und sich im Allgemeinen nicht zur Normalschreibung entwickelt (HSS I 1979: 180). So ist es auch zu erklären, dass dieser Wandel, der zwar in den Mundarten eine grosse räumliche Ausdehnung erfuhr und konsequent durchgeführt wurde, nur in wenigen Lexemen schriftlich fixiert worden ist wie in mhd. bülez > nhd. Pilz oder mhd. ströufen > nhd. streifen (Ebert et al. 1993: 76). Im Neuhochdeutschen haben sich für die besprochenen Laute folgende Regelgraphien etabliert: mhd. ü, iu wird <ü> und mhd. ö, œ wird <ö> geschrieben. Die gerundeten Diphthonge machen zum Neuhochdeutschen hin teils graphematische, teils lautliche Veränderungen durch: Mhd. öu wird im Frühneuhochdeutschen durch <eu>, <äu> wiedergegeben, wovon sich <äu> allmählich durchsetzt (Schmidt 2020: 409). 1 Mhd. üe wird monophthongiert und dieser Lautwandel wird auch in der Schreibung durch <ü> und <üh> ref lektiert. 2 In den schweizerdeutschen Mundarten ist das Phänomen der Entrundung Mitte des 20. Jh. v. a. für das deutschsprachige Wallis, Walserorte in Graubünden, die Kantone Obwalden, Nidwalden und Uri sowie Teile der Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft charakteristisch und es findet seine Fortsetzung im angrenzenden Dialektraum Deutschlands (Bohnenberger 1913: 59-62; SDS I 1962: Karten 54-57, 107; KSDS 2019: 84, 88). Der Entrundungsraum in der westlichen Deutschschweiz war ursprünglich grösser. Jutz (1931: 148) hält fest, dass sich dieses Gebiet «im Nordwesten der Schweiz von Basel längs der deutsch-französischen Sprachgrenze gegen Süden bis zum Nordrand des freiburgischen Sensebezirkes hingezogen hat». Baumgartner (1922: 67) konnte entrundete Formen noch Anfang des 20. Jh. in Orten am linken Ufer des Bielersees erheben. Er räumt aber ein, dass nur noch die ältere Generation die entrundeten Formen verwendete. Ähnliches stellt Henzen (1927: 87-89) für die deutschen Mundarten im Kanton Freiburg fest: Auch hier ist Entrundung nur noch teilweise vorhanden. Fragestellungen: Inwiefern decken sich die Mundartareale und die Namenareale bezüglich dieses Phänomens? Zeigen die Namenräume im Vergleich zu den Dialektarealen ein anderes, allenfalls grösseres Verbreitungsgebiet der Entrundung an? Mit Blick auf diese Fragen gibt die erste Karte einen Gesamtüberblick über das Phänomen; die folgenden vier Karten widmen sich jeweils dem Auftreten eines Vokals oder Diphthongs: mhd. ö (zweite Karte), mhd. ü (dritte Karte), mhd. öu (vierte Karte) resp. mhd. üe (fünfte Karte). Die sechste Karte ist kontrastiv angelegt und vergleicht Entrundungsgraphien mit nicht-entrundeten Pendants. Erste Karte {22}: Entrundung Namenauswahl: Für die erste Karte wurden Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB) 3 ausgewählt, in denen die etymologischen Kurz- und Langvokale mhd. ü, iu, ö, œ sowie die Diphthonge öu und üe mit Schreibungen auftreten, die als Entrundungsgraphien zu werten sind. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit Entrundung ö > e: Anthenien, Betticher, Denz, Echser, Eheim, Ettlin, Exer, Exner, Fälmi, Jergen, Jerjen, Steckli, Techtermann, Tenisch, Tenz, Thenen, Tscheer, Yergen. 18 Types, 28 Tokens. FamN mit Entrundung ü > i: Biner, Binner, Bittel, Briggeler, Briggen, Brigger, Briker, Diriwächter, Dirren, Hischier, Inderbinen, Kimmerling, Lambrigger, Rittiner, Schilplin, Stickelberger, Thierwächter, Zillig, Zinner, Zurbriggen. 20 Types, 43 Tokens. FamN mit Entrundung öu > ei, ey: Eyen, Eyer, Eyster, Kleisli, Ley, Nein, Neiner, Vonei, Voney. 9 Types, 19 Tokens. 1 Vgl. Artikel I-1.9 «Diphthongwandel von mhd. ei, ou, öu». 2 Vgl. Artikel I-1.13 «Diphthong- und Monophthongschreibungen von mhd. ie, ue, üe». 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 74 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="75"?> FamN mit Entrundung üe > ie: Ambiel, Biechler, Bieglin, Biel, Bieler, Brielmann, Hiebler, Jehle, Jehli, Kiefer, Kieffer, Kienz, Riebli, Riedi, Rieger, Riegg, Riesch, Rietsche, Rietschi, Rietschin, Schieli, Schnieper. 22 Types, 63 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-85, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 22: Daten zur ersten Karte {22} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Die Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 12.12.2023) nach den Beschreibungen «Entrundung», «Rundung», «entrundet», «gerundet» ergibt 87 Namen, die manuell geprüft wurden. 5 Aufgrund unklarer oder mehrdeutiger Etymologie wurden folgende 22 Namen ausgeschlossen: Bieli, Bielmann, Bielser, Biland, Britsch, Denger, Düllmann, Illi, Jeker, Kienle, Kipfer, Kreit, Küpfer, Lüscher, Meisel, Mieg, Minnich, Niehans, Reuter, Rittener (nur VD), Steiby (nur französischsprachiger Teil des Kantons FR) und Wüger. Zu den Benennungsmotiven vgl. die Angaben bei den folgenden Karten. Kommentar: Die erste Karte zeigt das deutschsprachige Wallis als deutliches Entrundungsgebiet, in dem alle vier Entrundungstypen auftreten. Ähnliches kann man auch für den Kanton Uri festhalten. Weitere Entrundungsgraphien treten im Mittelland auf, wobei hier v. a. der Raum von der Sprachgrenze im Westen bis ins zürcherische Niederweningen entsprechende Formen zeigt. Dominant ist hier die Entrundung von üe > ie. Die Ortspunkte in der Nordostschweiz können ähnlich wie jene in der französischsprachigen Schweiz als Streubelege eingeordnet werden. Auffallend ist auch das Gebiet in Graubünden zwischen Sedrun und Chur: Die Ortspunkte werden fast ausschliesslich vom FamN Riedi konstituiert, der neben Bürglen (UR) und Wassen (UR) in neun Bündner Gemeinden vorkommt. Dies sind nicht nur, aber v. a. rätoromanisch- oder ehemals rätoromanischsprachige Gemeinden in der Surselva und der Region Viamala. Hier ist dementsprechend nicht von der deutschen Entrundung, sondern von der für dieses Gebiet typischen rätoromanischen Entrundung von ü > i auszugehen (Eichenhofer 1999: 170-171). Von den vier Entrundungstypen tritt üe > ie mit 22 Types und 63 Tokens am häufigsten auf. Karte 22: FamN mit Entrundung, vor 1800 u. Herkunft 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 5 Fälle mit Rundung werden im Artikel I-1.6 «Rundung» gesondert behandelt. 1.5 Entrundung 75 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="76"?> Zweite Karte {23}: Entrundung von mhd. ö Namenauswahl: Die zweite Karte stellt Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» dar, die etymologisch mhd. ö enthalten und sich in der graphischen Wiedergabe des Vokals als <e> auszeichnen. Abgefragte Namen FamN mit Entrundung ö > e, vor 1800 u. Herkunft: Anthenien, Betticher, Denz, Echser, Eheim, Ettlin, Exer, Exner, Fälmi, Jergen, Jerjen, Steckli, Techtermann, Tenisch, Tenz, Thenen, Tscheer, Yergen. 18 Types, 28 Tokens. Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 23: Daten zur zweiten Karte {23} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Anthenien, Denz, Tenz zu Antonius; Jergen, Jerjen, Yergen zu Georg), 6 ÜberN (Techtermann zu schwzdt. Tochtermann, Töchtermann ‘Schwiegersohn’; Tscheer zu schwzdt. Tschöör ‘dummer, einfältiger Mensch’) und BerufsN (Betticher zu fnhd. bötcher ‘Hersteller von Fässern’; Echser, Exer, Exner zu mhd. ohsenære ‘Ochsenhirt’). Enthalten ist auch der FamN Steckli (Diminutiv zu mhd. stoc ‘Stock’) mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, der aber dem Phänomen zuzuordnen ist. Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass e-Graphien für mhd. ö vermehrt südlich einer Linie Bern-Luzern auftreten. Einen arealen Schwerpunkt bilden wiederum der Kanton Wallis, auf den 9 der 28 Tokens entfallen, sowie die Zentralschweiz, wo die FamN Ettlin (OW, NW) und Echser, Exer (UR) raumbildend auftreten. Karte 23: FamN mit Entrundung von mhd. ö, vor 1800 u. Herkunft 6 Während der FamN Antenen im Kanton Bern formal als Nebensilbenabschwächung Antonen > Antenen zu erklären ist, ist für Anthenien im Wallis aufgrund älterer Schreibvarianten mit <ö> Anthönien, Anthönigen (Walliser Wappenbuch 1946: 11) von einer entrundeten Namenvariante auszugehen. Ebenso wird für die Walliser Namen zu Georg aufgrund älterer Schreibformen Joergyen, Joergen (Walliser Wappenbuch 1946: 134) eine Entstehung Jörgen > Jergen angenommen. 76 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="77"?> Dritte Karte {24}: Entrundung von mhd. ü Namenauswahl: Die dritte Karte stellt Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» dar, die etymologisch mhd. ü enthalten und sich in der graphischen Wiedergabe des Vokals als <i> auszeichnen. Abgefragte Namen FamN mit Entrundung ü > i, vor 1800 u. Herkunft: Biner, Binner, Bittel, Briggeler, Briggen, Brigger, Briker, Diriwächter, Dirren, Hischier, Inderbinen, Kimmerling, Lambrigger, Rittiner, Schilplin, Stickelberger, Thierwächter, Zillig, Zinner, Zurbriggen. 20 Types, 43 Tokens. Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 24: Daten zur dritten Karte {24} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Zillig zum Ruf N Zullo), ÜberN (Kimmerling zu mhd. kumber, kummer ‘Bedrängnis, Mühsal’; Schilplin zu schwzdt. Schülpe(n) ‘grosse, von der Pf lugschar aufgestülpte Erdscholle’), BerufsN (Bittel zu mhd. bütel ‘Gerichtsbote’), WohnstättenN (Brigger zu mhd. brügge ‘Brücke’) und HerkunftsN (Stickelberger zum Toponym Stückelberg in Österreich; Rittiner zum Toponym Rittinen VS zu mhd. riute ‘Rodung’). Enthalten ist auch der FamN Hischier (zu walliserdt. Hīschi ‘Häuschen’) mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, der aber dem Phänomen zuzuordnen ist. Der Name Kümmerling soit Kimmerling wurde nicht aufgenommen. 7 Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass Namen mit Entrundung von ü > i im deutschsprachigen Wallis und im Kanton Uri dominieren. Von den 20 kartierten Types sind folgende 12 in den gewählten Zeitschichten exklusiv walliserisch: Biner, Binner, Bittel, Briggeler, Brigger, Dirren, Hischier, Inderbinen, Lambrigger, Rittiner, Zinner und Zurbriggen. Vereinzelt treten Entrundungsgraphien auch ausserhalb des dialektalen Entrundungsgebiets auf wie Briggen in Spiez (BE), Thierwächter in Wohlen bei Bern (BE), Schilplin in Brugg (AG), Diriwächter in Safenwil (AG) oder Zillig in Muolen (SG). Karte 24: FamN mit Entrundung von mhd. ü, vor 1800 u. Herkunft 7 Vgl. Artikel II-4.3 «Mehrgliedrige Familiennamen mit den Zusätzen dit, soit, alias». 1.5 Entrundung 77 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="78"?> Vierte Karte {25}: Entrundung von mhd. öu Namenauswahl: Die vierte Karte stellt Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» dar, die etymologisch mhd. öu enthalten und sich in der graphischen Wiedergabe des Vokals als <ei>, <ey> auszeichnen. Abgefragte Namen FamN mit Entrundung öu > ei, ey, vor 1800 u. Herkunft: Eyen, Eyer, Eyster, Kleisli, Ley, Nein, Neiner, Vonei, Voney. 9 Types, 19 Tokens. Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 25: Daten zur vierten Karte {25} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Kleisli zum Ruf N Nikolaus), HerkunftsN (Eyster zum SiedlungsN Eisten VS zu mhd. öust ‘Schafstall’) sowie BerufsN bzw. ÜberN (Ley zu mhd. lëwe, löuwe, leu ‘Löwe’; Nein, Neiner für jemanden, der einem neunköpfigen Rat angehörte). Die Namenvarianten Nein, Neiner beruhen auf diphthongierten Formen von mhd. niun(er) > Neun(er), die später entrundet wurden (Id. 4 1881 ff.: Sp. 768; RNB 3 1986: 663). Zwei WohnstättenN (Eyen, Eyer) und zwei HerkunftsN (Vonei, Voney) gehen auf mhd. ouwe ‘Au, Land am Wasser’ zurück. Kommentar: Die ausgewählten FamN weisen ähnlich wie die dritte Karte das Wallis als Entrundungsraum aus. Mit regionalen Schwerpunkten treten die FamN Eyen, Eyer im Kanton Bern und Vonei,Voney im Kanton Luzern auf. In beiden Kantonen liegen entsprechende Toponyme vor wie 1321 dz gůt in der Eia oder 1535 bÿ der eÿ in Bern (BENB I/ 1 1976: Sp. 66) oder Ey in Luzern (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 51001633). In den Belegreihen zu Berner Toponymen ist auch die umgelautete Zwischenstufe mhd. öu nachweisbar wie 1427 in Öya, in der Öy (BENB I/ 1 1976: Sp. 66-68). 8 Der nördlichste Ortspunkt mit Entrundungsgraphie ist der Name Kleisli in Niederweningen (ZH), der gemäss Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 103) als «Chläisli» ausgesprochen wird. Der südöstliche Ortspunkt ist Neiner im rätoromanischsprachigen Parsonz (GR). Karte 25: FamN mit Entrundung von mhd. öu, vor 1800 u. Herkunft 8 Vgl. auch die Anmerkungen zu Au im BENB I/ 1 (1976: Sp. 49). 78 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="79"?> Fünfte Karte {26}: Entrundung von mhd. üe Namenauswahl: Die fünfte Karte stellt Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» dar, die etymologisch mhd. üe enthalten und sich in der graphischen Wiedergabe des Diphthongs als <ie> auszeichnen. Abgefragte Namen FamN mit Entrundung üe > ie, vor 1800 u. Herkunft: Ambiel, Biechler, Bieglin, Biel, Bieler, Brielmann, Hiebler, Jehle, Jehli, Kiefer, Kieffer, Kienz, Riebli, Riedi, Rieger, Riegg, Riesch, Rietsche, Rietschi, Rietschin, Schieli, Schnieper. 22 Types, 63 Tokens. Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 26: Daten zur fünften Karte {26} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Jehle, Jehli zu Üeli; Rietsche, Rietschi, Rietschin zu einer Kurzform von Rudolf ), BerufsüberN (Schieli zu mhd. schuo(ch) ‘Schuh’), BerufsN (Kiefer, Kieffer zu mhd. küefer ‘Hersteller von Fässern’) und WohnstättenN (Ambiel zu mhd. bühel, büel ‘Hügel’; Brielmann zu mhd. brüel ‘wasserreiche Wiese’). Enthalten ist auch der FamN Rieger (zum Ruf N Ru(o)diger oder zu mhd. rüegære ‘Ankläger’) mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, der aber dem Phänomen zuzuordnen ist. Kommentar: Die fünfte Karte zeigt im Gegensatz zu den bisherigen Karten weniger Vorkommen im Wallis, dafür sind vermehrt Fälle im Nordwesten ab einer Höhe Biel-Solothurn zu verzeichnen. Die Belege in Graubünden wurden bereits in der ersten Karte beschrieben; gesamt entfallen 16 Ortspunkte auf diesen Kanton. Daneben rücken die nordwestlichen Kantone Aargau, Basel-Landschaft und Solothurn mit 21 Ortspunkten ins Blickfeld. Teilweise treten EinzelN gebietsbildend auf, so Jehle mit 3 Tokens am Hochrhein (AG), Kief(f )er mit 5 Tokens in der Stadt Solothurn und in umliegenden Gemeinden (SO). Karte 26: FamN mit Entrundung von mhd. üe, vor 1800 u. Herkunft 1.5 Entrundung 79 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="80"?> Sechste Karte {27}: Entrundung versus keine Entrundung Namenauswahl: Auf der sechsten Karte werden abschliessend FamN mit und ohne Entrundungsschreibungen kontrastiv dargestellt. Zu den FamN der ersten Karte wurden, sofern vorhanden, Dubletten resp. etymologische Pendants ohne Entrundungsgraphie ausgewählt. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit Entrundung: Ambiel, Anthenien, Betticher, Biechler, Bieglin, Biel, Bieler, Biner, Binner, Bittel, Brielmann, Briggeler, Briggen, Brigger, Briker, Denz, Diriwächter, Dirren, Echser, Eheim, Ettlin, Exer, Exner, Eyen, Eyer, Eyster, Fälmi, Hiebler, Hischier, Inderbinen, Jehle, Jehli, Jergen, Jerjen, Kiefer, Kieffer, Kienz, Kimmerling, Kleisli, Lambrigger, Ley, Nein, Neiner, Riebli, Riedi, Rieger, Riegg, Riesch, Rietsche, Rietschi, Rietschin, Rittiner, Schieli, Schilplin, Schnieper, Steckli, Stickelberger, Techtermann, Tenisch, Tenz, Thenen,Thierwächter,Tscheer,Vonei,Voney,Yergen, Zillig, Zinner, Zurbriggen. 69 Types, 153 Tokens. FamN ohne Entrundung: Ambühl, Brücker, Brügger, Brühlmann, Büel, Büeler, Bühler, Büttel, Dönz, Dürler, Dürr, Fölmi, Jörg, Kläusli, Küenzi, Küffer, Kümmerling, Leu, Oehen, Oettli, Rüedi, Rüeger, Rüegg, Rüesch, Rüetschi, Rütsche, Rütschi, Rüttener, Schüeli, Stöckli, Stückelberger, Thönen, Thöni, Tönz, Zenzünen, Züllig, Zurbrügg. 37 Types, 415 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Flächen 10-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 27: Daten zur sechsten Karte {27} Detailangaben zur Namenauswahl: Als FamN ohne Entrundung wurden in einem ersten Schritt formale Entsprechungen gesucht wie Brücker zu Briker, Dönz zu Denz, Oehen zu Eheim, Oettli zu Ettlin, Leu zu Ley oder Rüttener zu Rittiner. Die unterschiedliche Realisierung von Konsonanten <ck> - <k>, Suffixen <li> - <lin> oder Vokalen im Nebenton spielt für das Phänomen keine Rolle. Durch dieses Verfahren konnten 31 FamN mit Rundungsgraphie ermittelt werden. Wo keine formalen Entsprechungen vorhanden waren, wurden etymologische Pendants eruiert. Um das Kartenbild aber nicht zu überfrachten, fanden nicht alle infrage kommenden etymologischen Pendants Berücksichtigung, sondern jeweils nur der frequenteste Typ. Konkret wurden noch folgende sechs Entsprechungen aufgenommen: Dürr zu Dirren (beide zum Adjektiv dürr ‘vertrocknet’); Jörg zu Jergen, Jerjen, Yergen; Dürler zu Diriwächter, Thierwächter (alle zu mhd. türe ‘Tür’); Küenzi zu Kienz (Kurzformen zum Ruf N Konrad ); Thöni zu Anthenien, Tenisch (alle zum Ruf N Anton) und Zenzünen zu Zinner (beide zur Pluralform von mhd. zūn ‘Hecke, Umzäunung’). 28 Namen mit Entrundungsgraphie konnten keine Pendants zugeordnet werden wie Biner (keine FamN mit *Bün-), Eyer (keine Karte 27: FamN mit und ohne Entrundung, vor 1800 u. Herkunft 80 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="81"?> FamN mit *Öuw -) oder Techtermann (keine FamN mit *Töchter-). 9 Als etymologische Pendants zu mhd. üe wurden teilweise auch Namen mit den Graphien <ü> und <üh> kartiert, da sie mundartlich i. d. R. als Diphthong realisiert werden, wie Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 28, 51, 139) für zürcherische FamN belegen (z. B. Ambühl ausgesprochen als «Ambüel», Bühler als «Büeler», Rütsch(i) als «Rüetsch(i)»). Kommentar: Auf der abschliessenden Karte mit relativer Flächenkartierung treten die jeweils dominierenden Schreibungen hervor: Es wird deutlich, dass Rundungsgraphien im gesamten Mittelland und im Alpenvorland zu finden sind, während Entrundungsgraphien diesen Raum südlich und nördlich rahmen. Das deutschsprachige Wallis, die südlichen Kantone der Zentralschweiz sowie Teile Graubündens weisen die höchste Farbintensität für Entrundungen auf. Im nördlichen Entrundungsgebiet entlang des Hochrheins ist die Farbgebung deutlich abgestuft, aber immer noch dominant gegenüber den Rundungsgraphien. Ergebnisse In den FamN wird die sprachgeschichtlich jüngere Entrundung in der Schreibung grundsätzlich ref lektiert, wobei es sich in Bezug auf Types und Tokens um ein niederfrequentes Phänomen handelt. Die Namenkarten stimmen mit den Dialekträumen, wie sie der SDS I (1962) ausweist, in der Grundtendenz der Entrundungsgebiete im Süden und entlang der Sprachgrenze im Westen und Nordwesten überein: FamN mit Entrundungsgraphien zeigen sich v. a. in jenen Regionen, in denen der Lautwandel auch heute noch verbreitet ist (im Wallis, in Uri und im Raum Basel). Vereinzelte Entrundungsschreibungen treten aber auch ausserhalb der dialektalen Entrundungsgebiete auf, so in der Ostschweiz mit dem FamN Zillig neben Züllig. Parallelen dazu finden sich in Toponymen dieses Raums wie in Biessenhofen (TG), das in der heutigen Schreibung und Lautung mit ie die Entrundung von üe zu ie zeigt (vgl. ortsnamen.ch o. J.: Nr. 802004462). Gemäss den Belegreihen zu diesem Toponym im TNB 1 (2003: 268) lässt sich die Entrundung zeitlich ins 15. Jh. datieren, da sich in diesem Jahrhundert beide Schreibformen zeigen. 10 Weitere Beispiele führt das APNB 1 (1958: 229-231) für beide Appenzell (AI, AR) an. Dies zeigt, dass Entrundungen historisch auch in der Ostschweiz vorkamen und sowohl in Anthroponymen als auch in Toponymen überdauert haben, während sie in den dortigen Mundarten heute fehlen. Die Namenräume zeigen im Vergleich zu den Dialektarealen also ein grösseres Verbreitungsgebiet der Entrundung an. Dies lässt eine ursprünglich grössere Verbreitung des lautlichen Phänomens in der Schweiz vermuten. Das Vorkommen von Entrundungsgraphien in bundesdeutschen FamN stützt diese These. Nach Ausweis einzelner Kartenbilder im DFA 1 (2009; s. die Kartenauswahl im Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle») treten Entrundungen häufig in den Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern auf. Der Schweizer Entrundungsraum schliesst an diese Gebiete an. Der hochdeutsche Sprachraum als Entrundungsraum lässt sich somit in der Schreibung der FamN nachzeichnen. Der rätoromanische und der französische Sprachraum treten ebenfalls mit Entrundungen in Erscheinung; diese sind aber unabhängig vom deutschen Lautwandel zu betrachten. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN mit Entrundungsgraphien sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Ettlin (1'031 Tokens), Zurbriggen (899 Tokens) und Eyer (659 Tokens). Hyperkorrekte Rückgängigmachung einer vermeintlichen Entrundung ist im FamN Keust anzutreffen. Dieser gehört wie der FamN Keist etymologisch zu schwzdt. Cheist ‘Keim, Zweig; auch Same von Menschen und Tieren’. Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 1 (2009) werden die entsprechenden Phänomene in folgenden Abschnitten dargestellt: «Tonvokal in Oertel, Oettel, Dehmel, Rösch» auf den Karten 57-61 (DFA 1 2009: 134-143), «Tonvokal in Kürschner, Büttner, Pütz, Küchler, Schüle» auf den Karten 66-69 (DFA 1 2009: 150-159), «Tonvokal in Kurzformen aus Rüdiger, in Künzel, Bürkle u. ä.» auf den Karten 70-76 (DFA 1 2009: 160-173), «Tonvokal in -reuther, Leupold, Leuthold, Scheufler, Schäuble» auf den Karten 223-227 (DFA 1 2009: 532-541) sowie «Tonvokal in Kurzformen aus Rudolf ; Diphthong uo, ue» auf den Karten 228-229 (DFA 1 2009: 543-545). Weitere Fälle finden sich auf Karte 197 zu Teufel, Deibel, Düwel (DFA 1 2009: 461). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur APNB 1 = Sonderegger, Stefan (1958): Die Orts- und Flurnamen des Landes Appenzell. Grammatische Darstellung (Appenzeller Namenbuch 1). Frauenfeld: Huber. Baumgartner, Heinrich (1922): Die Mundarten des Berner Seelandes (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 14). Frauenfeld: Huber. BENB I/ 1 = Zinsli, Paul (Hrsg.) (1976): Ortsnamenbuch des Kantons Bern [Alter Kantonsteil]. I: Dokumentation und Deutung. Erster Teil: A-F. Bern: Francke. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. 9 Es gibt zwar den FamN Tochtermann; da Entrundung aber einen gerundeten Vokal ö voraussetzt, stellt die Form mit o kein lautliches Pendant dar und ist hier nicht relevant. 10 Mit dem Suchausdruck «Entrundung» finden sich auf ortsnamen.ch (o. J.) 16 Toponyme im Thurgau (Abfrage am 12.12.2023) wie bspw. Schliechti in Weinfelden (TG), das über eine umgelautete Form zu mhd. sluoht ‘Wassergraben, tiefes Wassergerinne’ (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 6022706) zu stellen ist. 1.5 Entrundung 81 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="82"?> Bohnenberger, Karl (1913): Die Mundart der deutschen Walliser im Heimattal und in den Außenorten (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 6). Frauenfeld: Huber. DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. Ebert, Robert P. et al. (1993): Frühneuhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 12). Tübingen: Niemeyer. Eichenhofer, Wolfgang (1999): Historische Lautlehre des Bünderromanischen. Tübingen, Basel: Francke. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 12.12.2023). Henzen, Walter (1927): Die deutsche Freiburger Mundart im Sense- und südöstlichen Seebezirk (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 16). Frauenfeld: Huber. HSS I = Kleiber, Wolfgang (1979): Historischer Südwestdeutscher Sprachatlas. Aufgrund von Urbaren des 13. bis 15. Jahrhunderts. Bd. I: Text (Einleitung, Kommentare und Dokumentationen) (Bibliotheca Germanica 22a). Bern, München: Francke. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Jutz, Leo (1931): Die alemannischen Mundarten. Abriss der Lautverhältnisse. Halle (Saale): Niemeyer. KSDS = Christen, Helen/ Glaser, Elvira/ Friedli, Matthias (Hrsg.) (2019): Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz. 7., verbesserte Auf lage. Frauenfeld: Huber. ortsnamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): ortsnamen.ch. Das Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung. https: / / www.ortsnamen.ch/ de/ (letzter Zugriff 12.12.2023). Paul, Hermann et al. (2007): Mittelhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 2). 25., neu bearbeitete Auf lage. Tübingen: Niemeyer. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Schmidt, Wilhelm (2020): Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium. Teil 2: Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Frühneuhochdeutsch. 12., verbesserte und erweiterte Auf lage. Stuttgart: Hirzel. Schobinger, Viktor/ Egli, Alfred/ Kläui, Hans (1994): Zürcher Familiennamen. Entstehung, Verbreitung und Bedeutung der Namen alteingesessener Zürcher Familien. Zürich: Zürcher Kantonalbank. SDS I = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1962): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. I: Lautgeographie I: Vokalqualität. Bern: Francke. TNB 1 = Nyffenegger, Eugen/ Bandle, Oskar (2003): Die Siedlungsnamen des Kantons Thurgau. Herkunft und Bedeutung der Namen der Ortschaften, Weiler und Höfe im Kanton Thurgau. Halbbd. 1: Einführung und historisches Namenlexikon A-I. Halbbd. 2: Historisches Namenlexikon K-Z und Verzeichnisse (Thurgauer Namenbuch 1). Frauenfeld, Stuttgart, Wien: Huber. Walliser Wappenbuch = Kantonsarchiv unter Mithilfe der beiden historischen Vereine des Kantons Wallis unter den Auspizien des Staatsrates (1946): Armorial Valaisan. Walliser Wappenbuch. Zürich: Orell Füssli. Simone Berchtold 82 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="83"?> 1.6 Rundung Schlagwörter: Alemannisch, lexemgebunden, niederfrequent, Vokalqualität Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Artikel werden FamN kartiert, die etymologisch einen ungerundeten Vokal enthalten, der gerundet werden kann wie Löffel aus mhd. leffel ‘Löffel’ oder Würth aus mhd. wirt ‘Ehemann, Hausherr’. Dieses Phänomen betrifft die mittelhochdeutschen Kurz- und Langvokale e, ē und i, ī. Hierbei interessiert die Variation zwischen Rundung und Nicht-Rundung in der Schreibung der FamN. Der Gegenstand ist relevant mit Blick auf die dialektale Gliederung der schweizerdeutschen Dialekte. Hintergrund: Sprachhistorisch tritt das Phänomen der Rundung seit Anfang des 13. Jh. in alemannischen und ab dem 14. Jh. in schwäbischen und ostfränkischen Quellen auf, in den anderen oberdeutschen Sprachräumen erscheint es selten (Erni 1949: 25; Paul et al. 2007: 85; Schmidt 2020: 406-407). Anders als die Entrundung ist die Rundung ein assimilatorischer Prozess; 1 der Wandel e > ö tritt häufig in der Umgebung von Labialen und Affrikaten sowie in der Nachbarschaft von l oder sch auf wie leffel > löffel oder schepfen > schöpfen (Paul et al. 2007: 20, 85), während i > ü häufig in geschlossener Silbe erscheint wie finf > fünf oder flistern > flüstern (Paul et al. 2007: 78). Bis in die neuhochdeutsche Sprachperiode hinein zeigen Rundungsgraphien diatopische Präferenzen: «Im Alem[annischen] sind Belege wie öpfel, schwöster, frömd, gesöl, zwüschen, wüssen, müschen etc. bis ins 17. Jh. hinein auch in Drucken nicht selten, während sie im übrigen Gebiet von der zweiten Hälfte des 16. Jhs. an stark rückläufig sind» (Ebert et al. 1993: 77). Für Bern stellt Erni (1949: 96-97) den Übergang zu nicht-gerundeten neuhochdeutschen Schreibformen im 18. Jh. fest. Dieser Übergang resp. die graphische Rückgängigmachung wird auch in der neuhochdeutschen Standardsprache deutlich. Rundungsgraphien sind nur in wenigen Fällen wie bspw. Hölle (< mhd. helle), Löffel (< mhd. leffel ), Löwe (< mhd. lewe), schwören (< mhd. swern), Schöffe (< mhd. scheffe) oder zwölf (< mhd. zwelf ) standardsprachlich geworden (Ebert et al. 1993: 77; KSDS 2019: 249; Schmidt 2020: 406). 2 In den schweizerdeutschen Mundarten kommt es zu Rundungen von mhd. e, ē und mhd. i, ī; das Phänomen ist aber je nach Lexem unterschiedlich weit verbreitet und teilweise fast komplementär verteilt: Während die gerundete Form Öpfel ‘Apfel’ die grösste Ausdehnung zeigt, ist das Geltungsareal der gerundeten Form Schwöster ‘Schwester’ weniger gross. Die nicht-gerundete Ausgangsform Epfel gilt gemäss SDS I (1962: Karten 160-161) nur noch in den Innerschweizer Kantonen Obwalden, Nidwalden und Uri, im Wallis, in beiden Appenzell sowie vereinzelt in Graubünden, Schwester hingegen auch in der westlichen Deutschschweiz (in den Kantonen BS, SO, BE, FR). Komplementär zu Schwester/ Schwöster verhält sich das Lexem Chetti/ Chötti ‘Kette’ (SDS I 1962: Karte 162): Hier ist die gerundete ö-Form ein westliches Phänomen (v. a. Kantone SO und BE). Auch bei den Kartenbildern zu i > ü zeigen sich jeweils unterschiedliche Räume: Während Rippe / Rüppe eher eine Ost-West-Verteilung mit Rundung im Westen aufweist (SDS I 1962: Karte 163), ist es bei Brille / Brülle eine Nord-Süd-Verbreitung mit Rundung im Norden (SDS I 1962: Karte 164). Die Formen Kittel/ Küttel ‘Rock des Mannes’ kommen beide einerseits im Nordwesten, andererseits in der Nordostschweiz vor (KSDS 2019: 204-205). Als gemeinsamer Nenner kann für die Mundarten der Deutschschweiz festgehalten werden, dass «der äusserste Süden immer die ungerundeten Formen» (KSDS 2019: 209) wie Epfel oder Brille aufweist. Fragestellungen: Ausgehend von diesem Hintergrund sind folgende Fragen von Interesse: Wie verhalten sich die Namenareale gegenüber den Mundartarealen bezüglich des Phänomens der Rundung? Tritt die gerundete Realisierung lexemgebunden auf ? Die erste Karte enthält FamN mit mhd. e, ē, die dritte Karte FamN mit mhd. i, ī. Die zweite und die vierte Karte dienen jeweils als Ergänzung: Sie zeigen die Namentypes resp. eine Auswahl derselben je einzeln, um eine allfällige lexemgebundene Verteilung deutlich zu machen. 1 Vgl. die Artikel I-1.5 «Entrundung» und I-2.2 «Assimilationen und Dissimilationen». 2 Zur Rundung resp. Hebung von mhd. ā zu ō vgl. Artikel I-1.7 «Erhalt oder Verdumpfung von mhd. ā». 1.6 Rundung 83 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="84"?> Erste und zweite Karte {28, 29}: Rundung von e zu ö Namenauswahl: Ausgewählt wurden Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 3 in denen der etymologische Kurzbzw. Langvokal mhd. e, ē mit ö-Schreibung auftritt. Sofern vorhanden wurden den gerundeten FamN etymologische Pendants mit der regulären Entsprechung von mhd. e, ē gegenübergestellt. Ergänzend zur Gesamtdarstellung in der ersten Karte bildet die zweite Karte die Namentypes einzeln ab, um die lexemgebundene Verteilung aufzuzeigen. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit Rundung e > ö: Löffel, Löffler, Rösch, Oederlin, Wörndli. 22 Tokens. FamN ohne Rundung e > ö: Etter, Etterlin, Resch, Werndli. 33 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 28: Daten zur ersten Karte {28} Karte 28: Rundung und Nicht-Rundung von e zu ö (Sammeldarstellung), vor 1800 u. Herkunft 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 84 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="85"?> Abgefragte Namen Rösch: 10 Tokens. Löffel, Löffler: 9 Tokens. Wörndli: 2 Tokens. Oederlin: 1 Token. Resch: 1 Token. Werndli: 2 Tokens. Etter, Etterlin: 30 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 30-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 29: Daten zur zweiten Karte {29} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Die Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 11.01.2024) nach den Beschreibungen «Rundung» und «gerundet» ergibt die kartierte Namenauswahl. Nicht aufgenommen wurden FamN mit mhd. e, ē wie Schwestermann, die kein gerundetes Pendant haben. Die Namenauswahl umfasst die Patronyme Werndli/ Wörndli, die ÜberN Etter/ Etterlin / Oederlin zu schwzdt. (älter) Etter ‘Oheim (Bruder des Vaters)’ und Resch / Rösch zu mhd. resch(e) ‘schnell’, den BerufsN Löffler und den BerufsüberN Löffel. Die Anordnung auf der zweiten Karte erfolgt nach absteigender Tokenzahl und nicht alphabetisch; die nicht-gerundeten Pendants werden nach der Reihenfolge der Rundungsgraphien abgebildet. Kommentar: Die erste Karte legt offen, dass sich das Phänomen nur in der Nordhälfte der deutschsprachigen Schweiz zeigt und gemessen an den Tokens niederfrequent ist. Das Bild lässt in der Tendenz eine West-Ost-Gliederung erkennen, wobei die gerundeten FamN grösstenteils zwischen Hergiswil bei Willisau (LU) und Müntschemier (BE) auftreten. Anhand der zweiten Karte wird deutlich, dass diese Räume durch drei EinzelN etabliert werden: Rösch und Löffel bilden den westlichen Rundungsraum und Etter den östlichen Kontrastraum (TG, SG, AI, AR). Der FamN Etter formt zusätzlich auch einen Kleinraum im Westen (Seebezirk FR, Seeland BE), wo er den Rundungsraum (Löffel, Rösch) durchbricht. Etterlin, Oederlin, Löffler und Resch treten hingegen jeweils nur singulär auf. Auch Werndli und gerundetes Wörndli sind nur an insgesamt vier Ortspunkten alteingesessen. Als Gesamtbefund lässt sich festhalten, dass die gerundeten und nicht-gerundeten Paare i. d. R. nicht benachbart auftreten. Karte 29: Rundung und Nicht-Rundung von e zu ö (Einzeldarstellung), vor 1800 u. Herkunft 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 1.6 Rundung 85 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="86"?> Dritte und vierte Karte {30, 31}: Rundung von i zu ü Namenauswahl: Ausgewählt wurden Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», in denen der etymologische Kurzbzw. Langvokal mhd. i, ī mit ü-Schreibung auftritt. Sofern vorhanden wurden den gerundeten FamN etymologische Pendants mit der regulären Entsprechung von mhd. i, ī gegenübergestellt. Ergänzend zur Gesamtdarstellung in der dritten Karte dient die vierte Karte als Detailkarte und zeigt das Verteilungsbild des FamN Bünzli sowie der drei Dubletten mit den meisten Tokens je einzeln. Abgefragte Namen FamN mit Rundung i > ü: Bünzli, Bürcher, Küttel, Münger, Würsch, Würsten, Würth, Wüscher. 8 Types, 37 Tokens. FamN ohne Rundung i > ü: Bircher, Kittel, Minger, Wirth, Wyrsch. 58 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 30: Daten zur dritten Karte {30} Abgefragte Namen Bünzli: 12 Tokens. Würth: 6 Tokens. Küttel: 5 Tokens. Würsch: 5 Tokens. Wirth: 36 Tokens. Kittel: 2 Tokens. Wyrsch: 6 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 30-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 31: Daten zur vierten Karte {31} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 11.01.2024) nach den Beschreibungen «Rundung» und «gerundet» ergibt die kartierte Namenauswahl. Nicht aufgenommen wurden FamN mit mhd. i, ī wie Kircher (zu mhd. kirchhërre ‘Pfarrherr, Ortsgeistlicher’), die kein gerundetes Pendant haben. 5 Die Namenauswahl umfasst ÜberN (Minger/ Münger zu mhd. minner ‘kleiner an Grösse’; Würsten zu mhd., schwzdt. wirs ‘schlimmer’), BerufsN (Wirth / Würth zu mhd. wirt ‘Ehemann, Hausherr’; Wüscher zu mhd. wischen, wüschen ‘reibend darüberfahren’), Berufs- Karte 30: Rundung und Nicht-Rundung von i zu ü (Sammeldarstellung), vor 1800 u. Herkunft 5 Vgl. aber gerundete Entsprechungen zu Kirchim Dialektwortschatz wie bspw. Chülchə im Kanton Freiburg (SDS V 1983: Karte 39). 86 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="87"?> überN (Kittel/ Küttel zu mhd. kit(t)el ‘leichtes Oberhemd’), Herkunfts- oder WohnstättenN (Bircher/ Bürcher zu Toponymen, die auf mhd. birche, birke ‘Birke’ beruhen; Bünzli zu Toponymen, die zu mhd. bin(e)z ‘Binse, Schilfgras’ gestellt werden) sowie die semantisch mehrdeutigen Namen Wyrsch / Würsch, die entweder zu mhd. wirs, schwzdt. wirs, wirsch, würsch usw. ‘schlimmer’ (meist mit Bezug auf körperliche oder seelische Zustände) oder zu schwzdt. wirrsch ‘zornig, verrückt, launisch’ zu stellen sind (Id. 16 1881 ff.: Sp. 1550, 1555). Die Anordnung auf der vierten Karte erfolgt nach absteigender Tokenzahl und nicht alphabetisch; die nicht-gerundeten Pendants werden nach der Reihenfolge der Rundungsgraphien abgebildet. Kommentar: Die dritte Karte zeigt im Vergleich zur ersten Karte gesamtschweizerisch ein grösseres Verbreitungsgebiet von gerundeten Formen, aber keine klar abgrenzbaren Räume. Wirth ist mit 36 Tokens der häufigste Name in diesem Sample und für den grössten Teil der Ortspunkte in der Nordostschweiz verantwortlich, gefolgt von Bircher und Bünzli mit je 12 Tokens. Bünzli bildet einen Namenraum im Zürcher Oberland. An zwei Orten kommen Wirth und Würth zusammen vor (Lichtensteig SG, Mörschwil SG). In Bäretswil (ZH) figuriert Bünzli neben Wirth. Als Gesamtbefund der vierten Karte lässt sich festhalten, dass das Nebeneinander von gerundeten und nichtgerundeten Paaren kein Muster ergibt: Es gibt Pendants, die nicht benachbart, sondern in verschiedenen Regionen auftreten wie Kittel (VS) und Küttel (LU, SZ). Daneben können aber wie beiWyrsch / Würsch beide Formen an einem Ort (Killwangen AG) oder in benachbarten Gebieten (NW, UR) auftreten. Ergebnisse Bezogen auf die eingangs gestellten Forschungsfragen lassen sich die Ergebnisse folgendermassen zusammenfassen: Die Kartenbefunde zeigen, dass FamN mit Rundung von e zu ö stärker in der (nord-)westlichen Deutschschweiz auftreten. FamN mit Rundung von i zu ü etablieren hingegen nur wenige, kleinräumige Areale. Hinsichtlich der Type- und Tokenfrequenz ist das Phänomen als niederfrequent einzustufen. Die Einzelnamendarstellungen machen deutlich, dass sowohl der ö-Raum im Westen als auch die Kleinräume mit ü- Graphien lexemabhängig sind, wie Bünzli im Kanton Zürich oder Küttel im Kanton Luzern. Die Namen sind ähnlich wie die eingangs beschriebenen dialektalen Lexeme in je anderen Gebieten verbreitet und es gibt kaum Überschneidungsbereiche zwischen ö- und ü- Graphien. Entsprechend kann grundsätzlich nicht von einer arealen Distribution des Phänomens gesprochen werden. Von der Rückgängigmachung der Rundungsgraphien dürfte auch die Schreibung der FamN betroffen gewesen sein - bzw. folgt diese, wo das Appellativ noch vorhanden oder durchsichtig ist, der standardsprachlichen Schreibung wie in den Namen Löffel und Wirth. Die Form *Leffel ist in den untersuchten Schichten nicht vorhanden und Würth tritt gegenüber Wirth als Randphänomen auf. Während sich der gegenläufige Prozess der Entrundung in FamN hauptsächlich im Süden Karte 31: Rundung und Nicht-Rundung von i zu ü (Einzeldarstellung), vor 1800 u. Herkunft 1.6 Rundung 87 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="88"?> (VS) und entlang der Sprachgrenze im Westen und Nordwesten zeigt, 6 können für Rundung keine typischen Verbreitungsräume genannt werden. Dies liegt vermutlich auch daran, dass das Phänomen in den schweizerdeutschen Mundarten keine klare Arealität aufweist. Auch wenn im Süden nicht-gerundete Mundartformen typisch sind, treten auch vereinzelte Ortspunkte mit Rundung auf (Bürcher im VS). Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Küttel (1'327 Tokens), Münger (1'263 Tokens) und Löffel (1'014 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Rundung wird im DFA 1 (2009: 116-133, 145-149) im Kapitel «Monophthongvarianz e, ö» auf den Karten 48-56 sowie im Kapitel «Monophthongvarianz i, ü» auf den Karten 62-64 behandelt, wobei sich insbesondere die Karte 53 zu Wehrle, Wöhrle und die Karte 62 zu Wirth, Würth für einen Vergleich anbieten. Zudem sei auf den Abschnitt «Wirt und Würt, Müller und Miller: Rundung und Entrundung» in Nübling/ Kunze (2023: 224-230) verwiesen. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. Ebert, Robert P. et al. (1993): Frühneuhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 12). Tübingen: Niemeyer. Erni, Christian (1949): Der Uebergang des Schrifttums der Stadt Bern zur neuhochdeutschen Schriftsprache. Thusis: Roth. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 11.01.2024). Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. KSDS = Christen, Helen/ Glaser, Elvira/ Friedli, Matthias (Hrsg.) (2019): Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz. 7., verbesserte Auf lage. Frauenfeld: Huber. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. Paul, Hermann et al. (2007): Mittelhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 2). 25., neu bearbeitete Auf lage. Tübingen: Niemeyer. Schmidt, Wilhelm (2020): Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium. Teil 2: Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Frühneuhochdeutsch. 12., verbesserte und erweiterte Auf lage. Stuttgart: Hirzel. SDS I = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1962): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. I: Lautgeographie I: Vokalqualität. Bern: Francke. SDS V = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1983): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. V: Wortgeographie II: Menschliche Gemeinschaft - Kleidung - Nahrung. Bern: Francke. Simone Berchtold 6 Vgl. Artikel I-1.5 «Entrundung». 88 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="89"?> 1.7 Erhalt oder Verdumpfung von mhd. ā Schlagwörter: Nord-Süd-Gliederung, Patronym, Schreibvariation, Vokalqualität Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel gilt FamN, die etymologisch mhd. ā enthalten wie Kramer zu mhd. krāmære ‘Händler’, Schwab zu mhd. Swāp, Swāb, Swābe ‘Schwabe’ oder Siebenhaar mit mhd. hār ‘Haar’ als Grundwort. Hierbei interessiert die Variation zwischen a-Schreibungen und o-Schreibungen, wobei letztere dialektale Verdumpfung ref lektieren. Der Gegenstand ist damit im Kontext der Diglossie aus Dialekt und überregionalem (Schreib-)Standard sowie mit Blick auf die Nord-Süd-Gliederung der schweizerdeutschen Dialekte relevant. Hintergrund: Mhd. ā ist in den alemannischen Mundarten der Schweiz mehrheitlich als Monophthong erhalten geblieben (SDS I 1962: Karten 61, 82, 84; VALTS II 1994: Karte 1; KSDS 2019: 220-221). Die dem Mittelhochdeutschen entsprechende Realisierung [aː] weist die grösste räumliche Verbreitung auf, v. a. in den südlichen Kantonen der Deutschschweiz (BE, NW, OW, VS, UR, SZ, ZG, GL). Die nördliche Variante entspricht einer verdumpften Lautung, die die Qualitäten [ɔː] und [oː] haben kann; ausgenommen ist eine Auskragung im Kanton Zürich mit unverdumpfter Lautung. An wenigen Orten in den Kantonen Schwyz und St. Gallen treten ou-Diphthonge auf, die - wie auch die verdumpften Lautungen - «als Neuerungen betrachtet werden» können (KSDS 2019: 221). Dieses Phänomen gehört zu den Nord-Süd-Gegensätzen in der Mundartlandschaft der Deutschschweiz (vgl. KSDS 2019: 32). Der zugrunde liegende Lautwandel wird ab der frühneuhochdeutschen Epoche verschriftlicht. Mitte des 14. Jh. tauchen erste o- und au-Graphien in der Stadt Basel auf (Müller 1953: 23). Für den Kanton Bern thematisiert Ramseyer (1995: 172) die mögliche Datierung dieses Phänomens, indem er kommentiert, wie Schreiber von Urbaren des frühen 16. Jh. mhd. ā graphisch umsetzen. Dabei kommt Ramseyer (1995: 172-173) zu folgendem Ergebnis: Demnach ist die Verdumpfung von mhd. -âzu Beginn des 16. Jahrhunderts im nördlichen Teil der deutschsprachigen Schweiz bereits hörbar, doch wird dieses verdumpfte -ânoch nicht mit dem Lautwert -ozusammengefallen sein: es wird, wie Cosmas Alder und andere Schreiber mit dem Lautzeichen -âbekunden, zwischen den Lautwerten -a- und -ogestanden haben. Mitte des 16. Jh. dürfte dieser Lautwandel noch hörbarer geworden sein, denn der Basler Lehrmeister Kolroß (1564: Fol. 4r) geht dezidiert auf die graphische und phonetische Variation zwischen <aa> und <oo> ein, auch wenn er sie geographisch nicht genau verortet: Doch ſol du wüſſen / daß man gemelte vn̅ der glychen wo ᵉ rter ouch mit zwyfachen a a. oder o o. ſchryben mag / ye dem land nach / als in der Eydgnoſchafft ſagt vnnd ſchrybt man ſpraach/ ſchaaf/ gaab/ ſchlaaff/ rc. Alſo ouch an etlichen enden ſchrybt man zwey o o. als ſchoof/ ſchloof/ ſprooch/ rc. [Doch sollst du wissen, dass man erwähnte und dergleichen Wörter auch mit zweifachem aa oder oo schreiben kann, je nach Land; in der Eidgenossenschaft sagt und schreibt man Spraach, Schaaf, Gaab, Schlaaf usw. So auch an etlichen Enden schreibt man zwei oo wie Schoof, Schloof, Sprooch etc.; Übersetzung SB] Allgemein finden sich im Frühneuhochdeutschen von Beginn an «Schreibungen mit o (etc.) anstelle vom mhd. langem â» und dies beinahe im gesamten hochdeutschen Sprachgebiet (Ebert et al. 1993: 54). Für die Deutschschweiz kann man festhalten, dass die Schreibungen <a>, <aa> für mhd. ā v. a. in den südlichen Kantonen schon historisch dem Normalfall entsprachen, da hier mhd. ā gar nie verdumpft wurde. In den nördlichen Kantonen hingegen treten o-Schreibungen auf. Ab dem 17. Jh. wird <o> in der Schriftsprache aber zugunsten der a-Schreibung aufgegeben (Moser 1929: 142). Fragestellungen: Vor dem erläuterten Hintergrund sind die folgenden Fragen von Interesse: Wird in den FamN die sprachgeschichtlich jüngere o-Lautung in der Schreibung ref lektiert oder überwiegen a- Graphien? Inwiefern stimmen die o-Graphien mit den Mundarträumen zur Verdumpfung von mhd. ā überein? Gibt es lexemgebundene Präferenzen der einen oder der anderen Schreibung? Die erste Karte bietet einen Gesamtüberblick, während die zweite Karte Dubletten resp. etymologische Pendants in den Fokus rückt. Die dritte Karte widmet sich dem Phänomen in Patronymen und auf der vierten Karte wird der Sonderfall der Verdumpfung des Kurzvokals mhd. a vor l- Verbindungen abgebildet. Erste Karte {32}: Erhalt oder Verdumpfung von mhd. ā Namenauswahl: Ausgewählt wurden Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 1 die etymologisch mhd. ā enthalten. Teilweise sind diese Namen als Dubletten vorhanden wie Kramer und Kromer oder Schwab und Schwob. In anderen Fällen ist in den beiden ausgewählten Datenschichten nur die a- oder aa-Graphie (z. B. Habersaat, Maag, Siebenhaar, Waad, Wysshaar) oder seltener nur die o-Schreibung (Gloor, Glor, Morf ) belegt. Berücksichtigt wurden ausserdem FamN mit Umlaut von mhd. ā wie Gräflin oder Strässler, wenn ein Pendant mit analogem Umlaut von [ɔː] > [œ, øː] vorliegt wie Gröflin und Strössler (Berger 1913: 55). Die vorliegende Gesamtkarte vereint alle eindeutig einschlägigen Fälle und gruppiert diese in unverdumpfte vs. verdumpfte Varianten. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 1.7 Erhalt oder Verdumpfung von mhd. ā 89 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="90"?> Abgefragte Namen FamN mit mhd. ā ohne Verdumpfung: Aberli, Aberlin, Abrecht, Adank, Albrecht, Babst, Bapst, Blaser, Bracher, Cramer, Graf , Graff , Gräflein, Gräflin, Gutjahr, Habersaat, Hagger, Hochstrasser, Kraaz, Kramer, Kraushaar, Maag, Mahler, Nachbur, Nadler, Nater, Pabst, Rathgeb, Reidhaar, Reithaar, Schwab, Schwager, Siebenhaar, Spahn, Spahni, Spähni, Späni, Strahl, Strahm, Stram, Strassburger, Strasser, Strässler, Strassmann, Straubhaar, Trachsel, Trachsler, Traxel, Traxler, Waad, Wysshaar. 51 Types, 368 Tokens. FamN mit mhd. ā mit Verdumpfung: Bobst, Droxler, Gloor, Glor, Gröflin, Grogg, Hogg, Hoog, Kromer, Mohler, Morf , Morof , Notter, Oberle, Oberli, Oberlin, Obrecht, Ohnsorg, Olbrecht, Opprecht, Scholer, Scholler, Schwob, Spohn, Spöndli, Spöndlin, Spörndli, Strössler, Troxler, Wobmann, Woodtli, Wopmann. 32 Types, 138 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-55, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 32: Daten zur ersten Karte {32} Detailangaben zur Namenauswahl: 2 Die Auswahl kam durch eine Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 29.08.2022) nach den Beschreibungen «verdumpft» und «Verdumpfung» zustande; zusätzlich wurde eine automatische Suche nach Namenpaaren durchgeführt, die sich nur durch ovs. a-Schreibung unterscheiden. Die Ergebnisse wurden manuell geprüft. Das Sample umfasst Patronyme (Albrecht), ÜberN (Grogg zu schwzdt. Grāgg ‘Krähe’, Maag zu mhd. māge ‘Blutsverwandter in der Seitenlinie’, Woodtli zu fnhd. wātlich ‘schön, stattlich’), BerufsüberN (Habersaat, Strahl ), BerufsN (Mohler, Trachsler), WohnstättenN (Hochstrasser, Strössler) und HerkunftsN (Schwob, Strassburger). Ausgeschlossen wurden Drexler, Trechsel, Trächsel, da sie die mittelhochdeutsche Form mit Sekundärumlaut dræhsel < ahd. drāhsil ‘Drechsler’ fortsetzen (Berchtold 2017: 405-408); aufgenommen wurden aber jene Formen, die auf die nichtumgelautete Mundartform Drāchsel zurückgehen (Id. 14 1881 ff.: Sp. 285). Aufgrund semantischer Mehrdeutigkeit wurde Oser nicht berücksichtigt (s. Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle»). Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass Namen ohne Verdumpfungsschreibung dominieren. Ein grösseres Gebiet von Luzern über den Aargau bis Basel inklusive drei Vorkommen im Jura (Troxler in Karte 32: Erhalt oder Verdumpfung von mhd. ā, vor 1800 u. Herkunft 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 90 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="91"?> Soulce, Droxler in Charmoille und Scholler in Saint-Ursanne) kann mit Ref lexen der Verdumpfung ausgemacht werden. Zudem treten im Osten unzusammenhängende Gebiete nordwestlich der Stadt Zürich, am oberen Zürichsee sowie in den Kantonen St. Gallen und Thurgau auf. Zweite Karte {33}: Mhd. ā in Dubletten Namenauswahl: Die zweite Karte enthält nur jene Namen, die in der Schicht «vor 1800» oder «Herkunft» als Dubletten resp. etymologische Pendants vorliegen wie bspw. das Namenpaar Strässler - Strössler. Ausgenommen sind hier Patronyme, da diese auf der dritten Karte dargestellt werden. Abgefragte Namen Dubletten mit mhd. ā ohne Verdumpfung: Babst, Bapst, Cramer, Gräflein, Gräflin, Hagger, Kramer, Mahler, Nater, Pabst, Schwab, Spahn, Spahni, Spähni, Späni, Strässler, Trachsel, Trachsler, Traxel, Traxler. 20 Types, 128 Tokens. Dubletten mit mhd. ā mit Verdumpfung: Bobst, Droxler, Gröflin, Hogg, Hoog, Kromer, Mohler, Notter, Schwob, Spohn, Spöndli, Spöndlin, Spörndli, Strössler, Troxler. 15 Types, 55 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-55, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 33: Daten zur zweiten Karte {33} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst ÜberN (Gräflein / Gräflin / Gröflin, Spahn / Spohn), BerufsN (Droxler/ Troxler, Kramer/ Kromer), WohnstättenN (Strässler / Strössler) und HerkunftsN (Schwab / Schwob). Die ungleiche Anzahl Types ergibt sich dadurch, dass zwischen den etymologischen Pendants nicht immer eine 1: 1-Zuordnung besteht wie Babst, Bapst, Pabst gegenüber Bobst. Kommentar: Auf der zweiten Karte tritt der Raum von Luzern bis in den Jura mit Verdumpfungsgraphien in Form zweier Zentren hervor: erstens das Gebiet nördlich der Stadt Luzern bis Pfeffikon (LU) und zweitens nordwestlich davon ein Gebiet von Eptingen (BL) bis Riehen (BS). V. a. im Berner Seeland und im Gantrischgebiet (BE) häufen sich Graphien ohne Verdumpfung. Die vorliegenden FamN zeigen hinsichtlich der Tokens von 55 verdumpften zu 128 unverdumpften Namenformen ein Verhältnis von ca. 1: 2. Karte 33: Erhalt oder Verdumpfung von mhd. ā in Dubletten, vor 1800 u. Herkunft 1.7 Erhalt oder Verdumpfung von mhd. ā 91 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="92"?> Dritte Karte {34}: Mhd. ā in Patronymen Namenauswahl: Die dritte Karte zeigt FamN aus Ruf N, die mhd. ā enthalten. V. a. zum Ruf N Albrecht haben sich im südwestdeutschen Sprachraum eine Reihe von o-Formen entwickelt, die hier in Ergänzung zur Karte 40 im DFA 1 (2009: 97) mit weiteren Patronymen gesondert kartiert werden. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Patronyme mit mhd. ā ohne Verdumpfung: Aberli, Aberlin, Abrecht, Albrecht, Marolf . 35 Tokens. Patronyme mit mhd. ā mit Verdumpfung: Gloor, Glor, Morf , Morof , Oberle, Oberli, Oberlin, Obrecht, Olbrecht, Woodtli. 10 Types, 68 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 34: Daten zur dritten Karte {34} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst ausschliesslich Patronyme: Glo(o)r kann als verdumpfte Form auf den lateinischen Ruf N Hilarius zurückgehen, nämlich über eine Form *Glāri (Id. 2 1881 ff.: Sp. 640); allerdings ist semantische Konkurrenz als ÜberN zu schwzdt. glāre(n) ‘starren Blickes dreinschauen, grosse Augen machen, gaffen’ (Id. 2 1881 ff.: Sp. 639-640) nicht auszuschliessen. Die Namen mit Obergehen auf den Ruf N *Ā(l)brecht zurück. Durch Konsonantenerleichterung und Dehnung von germ. *aþalbëraht zu *ālbrecht resp. *ābrecht «geht der Stammvokal in die â- Reihe über» (HSS I 1979: 97), wodurch der Name in der Folge denselben Lautveränderungen wie mhd. ā unterliegen kann. Im HSS I (1979: 97) werden bei Albrecht die Schreibungen <a>, <o>, <au> sowie <ă> festgehalten. Mor(o)f geht auf einen zweigliedrigen Ruf N mit dem ersten Bestandteil ahd. māri ‘berühmt’ zurück. Kommentar: Anders als in der zweiten Karte sind die Schreibungen mit o-Graphien in Patronymen relativ gleichmässig über das Mittelland sowie das südlich angrenzende Alpenvorland verteilt. Schwerpunkte ergeben sich in den Kantonen Aargau, Schwyz und Zürich. Hier lassen sich drei Namen mit verdichtetem Vorkommen ausmachen: Gloor im Aargau, Oberlin v. a. im Kanton Schwyz und Mor(o)f im Kanton Zürich. Gloor erscheint im aargauischen Seetal und im Suhretal. Hier stimmen das dialektale und das onomastische Verdumpfungsgebiet überein. Oberlin tritt am östlichen Ende des Zürichsees im Kanton Schwyz verdichtet auf, hat vor 1800 aber auch vereinzelte Vorkommen im Westen (z. B. in Tafers FR). Im nördlichen Teil des Kantons Schwyz haben die Mundarten aus dem verdumpften Vokal einen sekundären Diphthong ou entwickelt (vgl. «Verdumpfung oder gar Zerdehnung von mhd. â» in Fuchs 1975: 51). Das onomastische Areal im Kanton Schwyz zeigt Ref lexe der Verdumpfung, die in der Mundart zu ou weiterentwickelt wurde. Weitere FamN, die auf *Ā(l)brecht beruhen, zeigen kein zusammenhängendes Raumbild. Sie sind von Metzerlen (SO, FamN Oberli) im Nordwesten Karte 34: Erhalt oder Verdumpfung von mhd. ā in Patronymen, vor 1800 u. Herkunft 92 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="93"?> bis Kreuzlingen (TG, FamN Olbrecht) im Nordosten sowie in Jenins (GR, FamN Obrecht) punktuell belegt. Morf und Morof bilden einen Namenraum zwischen der Stadt Zürich und Thalheim an der Thur (ZH). Gemäss den Dialektkarten 61 und 84 im SDS I (1962) liegt dieser Raum im Gebiet der a-Lautung. Diese nördliche «Auskragung» im Kanton Zürich erklärt der KSDS (2019: 221) damit, dass die mittelhochdeutsche unverdumpfte Lautung «wohl durch eine spätere Neuerung wieder hergestellt» worden sei. Die Namen zeigen hier das Ergebnis der Verdumpfung, die später in der Mundart wieder rückgängig gemacht wurde. Vierte Karte {35}: Mhd. a vor l-Verbindungen in Halde Namenauswahl: Grundlage für diese Karte ist die Verdumpfung des Kurzvokals mhd. a vor l-Verbindungen, die in der Schweiz dialektal insgesamt nicht sehr häufig vorkommt, aber gemäss SDS I (1962: Karte 13) in den Kantonen Basel-Stadt, Basel-Landschaft sowie Solothurn auftritt und vereinzelt auch in den Kantonen Bern, Luzern und Zürich bezeugt ist. Abgefragte Namen FamN mit mhd. a vor l ohne Verdumpfung: Abderhalden, Anderhalden, Burkhalter, Haldemann, Haldenstein, Haldenwang, Halder, Haldi, Haldimann, Haldner, Haldy, Halter, Haltiner, Haltinner, Haltmann, Haltner, Schmidhalter, Studhalter, Wickihalder, Wickihalter. 20 Types, 73 Tokens. FamN mit mhd. a vor l mit Verdumpfung: Burkolter, Holdeneker. 3 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 35: Daten zur vierten Karte {35} Detailangaben zur Namenauswahl: Die ausgewählten Namen enthalten das Lexem Halde, das in zwei WohnstättenN mit <o> geschrieben wird: Burkolter und Holdeneker. Auch die restlichen Namen sind mehrheitlich als WohnstättenN einzuordnen, fallweise ist eine eindeutige Trennung vom Motiv der HerkunftsN nicht möglich. In den beiden ausgewählten Datenschichten sind keine o- Varianten zu Lexemen mit vergleichbarer Lautkombination wie alt, kalt, Salz, Wald vorhanden. Kommentar: Die vierte Karte zeigt dieses seltene Phänomen in den zwei genannten Namen im Kanton Solothurn (Küttigkofen, Kyburg- Buchegg) und im Kanton Basel-Landschaft (Pratteln). Geographisch passt das onymische Vorkommen zum Auftreten dieser Verdumpfung in den Mundarten. In morphologischer Hinsicht ist vor dem Hintergrund der Forschungsliteratur nicht überraschend, dass Verdumpfung von mhd. a vor l bei zusammengesetzten Formen belegt ist; vgl. dazu den Artikel II-2.18 «Komposita: Formvarianten im Kontrast». Karte 35: Erhalt oder Verdumpfung von mhd. a vor l, vor 1800 u. Herkunft 1.7 Erhalt oder Verdumpfung von mhd. ā 93 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="94"?> Ergebnisse In den FamN wird die sprachgeschichtlich jüngere o-Lautung in der Schreibung ref lektiert; es überwiegen aber auf allen Kartenbildern die a-Graphien. Die Namenkarten stimmen mit den Dialekträumen gemäss SDS I (1962) in der Grundtendenz überein, da Verdumpfungsgraphien mehrheitlich im Norden auftreten. Davon divergierend deckt die Namenverbreitung auch solche Gebiete auf, die die Verdumpfung mundartlich bereits wieder verloren haben (vgl. die Verbreitung bei Patronymen mit Gebieten in den Kantonen Zürich und Schwyz). Die o-/ ö-Schreibungen in den FamN können damit einen Hinweis auf die ehemalige Ausdehnung des historischen Verdumpfungsgebiets geben. Umgekehrt kann aus a-/ ä-Schreibungen in FamN jedoch nicht auf eine fehlende Verdumpfung geschlossen werden, da der jüngere (dialektale) Lautwandel nicht zwingend Eingang in die Schrift gefunden haben muss. Ebert et al. (1993: 54) merken an, dass die Druckersprache die o-Schreibungen zumeist meide. Tatsächlich weisen einige FamN (Graf , -haar, Schäfer, Strasser, Hochstrasser, Strassmann) keine o-/ ö-Varianten (*Grof , *-hoor, *Schöfer usw.) auf. Auffällig ist, dass hier gut erkennbare Lexeme zugrunde liegen, an die sich die Graphie anschliessen konnte. Beim umgekehrten Fall - den Namen mit ausschliesslich verdumpfter Schreibung - trifft dies gerade nicht zu: Bei Glo(o)r, Mor(o)f handelt es sich um etymologisch opake Patronyme. Die oo-Graphie, die ikonisch die Länge markiert und damit wohl eher auf Lautals auf etymologische Abbildung zielt, findet sich sogar ausschliesslich bei Patronymen. Im Sinne dieser Überlegungen wären vermeintliche lexemgebundene Präferenzen für die (Nicht-)Wiedergabe der Verdumpfung eher ein sekundärer Effekt davon, wie gut das Grundlexem im gegebenen Namen erkennbar ist. So findet sich zwar zu Graf kein *Grof und zu Strasser kein *Strosser, allerdings sind die Derivate Gröflin und Strössler belegt, die sich womöglich weniger leicht in eine nichtverdumpfte Schreibvariante überführen liessen. Eine solche graphische Rückgängigmachung der Verdumpfung dürfte auch dann unterblieben sein, wenn die Namenträger: innen in die romanischsprachige Schweiz abgewandert sind; vgl. bspw. Schwob in Le Cerneux-Péquignot (NE) oder Droxler in Charmoille ( JU). Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Gloor (3'760 Tokens), Troxler (1'501 Tokens) und Oberli (1'388 Tokens). Der FamN Oser wurde aufgrund semantischer Mehrdeutigkeit ausgeschlossen, soll hier aber noch als Ergänzungsfall diskutiert werden. Mithilfe der Kartierung kann die vorliegende Deutung im SONB 2 (2010: 627) allenfalls verworfen oder zumindest mit einer weiteren Deutung ergänzt werden: Das SONB 2 (2010: 627) stellt den FamN zu einem altdeutschen Ruf N Ausheri [sic! ] und bezieht sich dabei auf Förstemann (1900: 127), wo die Form allerdings als Ansheri angesetzt wird. 3 Förstemann (1900: 127) wiederum dient Mösers (1780) «Osnabrückische Geschichte» als Quelle für die Form Oser. Niedersächsische Quellen scheinen für die Deutung des Schweizer Namens zu weit hergeholt. Eine Erklärung mit mhd. āsen ‘fressen, verzehren’, schwzdt. Āser, Ōser ‘Anhängetasche für Mundvorrat, Speise-, Brottasche’ (Id. 1 1881 ff.: Sp. 506-507) erscheint plausibler. Die Belege im SONB 2 (2010: 627) für das 16. Jh. sind 1543 aſers und 1586 Oſers; ähnlich die Belegformen für das Appellativ im Id. 1 (1881 ff.: Sp. 506-507): 1651, 1662 oser, 1677 aaser. Als Motiv wäre wie bei Beutler an einen BerufsN für den Hersteller solcher Taschen zu denken. Aufgrund der Lage im Nordwesten - das Vorkommen von Oser konzentriert sich in einem Raum zwischen der Stadt Basel und Brislach (BL) - scheint hier eine verdumpfte Namenform vorzuliegen, die sich in die ersten beiden Kartenbilder eingliedern liesse. Vergleich mit benachbartem Ausland: Für Deutschland wird im DFA 1 (2009: 66-105) die Monophthongvarianz a, o; ä, ö vorgestellt. Vergleiche mit dem Schweizer Raum erlaubt der Abschnitt «Tonvokal in Kurzformen aus Albrecht» (DFA 1 2009: 92-99), hier v. a. Karte 40 (DFA 1 2009: 97). Der Typ Aberle ist v. a. im östlichen, der Typ Oberle im westlichen Baden-Württemberg dokumentiert. In Österreich ist laut Geogen Austria (2006) für den FamN Strasser keine Variante Strosser nachweisbar; neben Graf finden sich dort wenige Grof , wobei die Etymologie nicht geklärt ist. Vereinzelt treten auch Fälle von Verdumpfung für mhd. a auf wie Hons zu Hans (FamOs o. J.: s. v. Hons). Ausblick Im Folgenden sei noch eine Beobachtung zur Schreibung von Luzerner Toponymen angeführt. Mulle (2016: 46) hält dazu fest: «Die diachrone Untersuchung der luzernischen Schreibungen für mittelhochdeutsch strâze weist nach, dass die ersten mundartlich geprägten ‹o›-Graphien für altlanges / ā/ nach der Mitte des 16. Jahrhunderts auftreten». Diese Feststellung lässt vermuten, dass nicht nur Toponyme, sondern auch FamN mit mhd. strāʒe (analog wohl auch die zu mhd. grāve, hār, schāf ) in historischen Quellen des 16. Jh. sehr wohl mit Ref lexen der Verdumpfung geschrieben wurden. Ein weiterführender Ansatz wäre daher, die Schreibung der FamN diachron in Archivalien zu untersuchen, denn vermutlich waren o-Graphien weiter verbreitet, bevor sie unter dem Einf luss der aufkommenden überregionalen Schreibsprache wieder zurückgedrängt worden sind. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. 3 Als zweite Möglichkeit wird im SONB 2 (2010: 627) noch ein mittelhochdeutscher PersonenN Aschier, Azser(in) in Betracht gezogen, welcher gemäss Socin (1903: 470) ‘Gefangenenwärter’ bedeutet. 94 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="95"?> Literatur Berchtold, Simone (2017): Streifzug durch die Familiennamenlandschaft der deutschen Schweiz. Grundlagen zur digitalen Familiennamenforschung anhand exemplarischer Fallbeispiele. Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge 52(4), 401-429. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Berger, Jakob (1913): Die Laute der Mundarten des St. Galler Rheintals und der angrenzenden vorarlbergischen Gebiete (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 3). Frauenfeld: Huber. DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. Ebert, Robert P. et al. (1993): Frühneuhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 12). Tübingen: Niemeyer. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 29.08.2022). FamOs = Austrian Centre for Digital Humanities (ACDH-ÖAW) (o. J.): Familiennamen Österreichs online (FamOs). http: / / hw.oeaw.ac.at/ famos (letzter Zugriff 29.08.2022). Förstemann, Ernst (1900): Altdeutsches Namenbuch. Bd. 1: Personennamen. 2., völlig umgearbeitete Auf lage. Bonn: Hanstein. 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Kolroß, Johannes (1564): Enchiridion, das ist, Handbüchlin tütscher Orthography, hochtütsche Spraach artlich zeschryben unnd läsen, sampt einem Registerlin über die gantze Bibel, wie man die Allegationes unnd Concordantias, so im Nüwen Testament näbend dem Text und sonst mit halben latinischen Worten verzeichnet: ouch wie man die Zifer und tütsche Zaal verston sol. Zürich: Froschower. KSDS = Christen, Helen/ Glaser, Elvira/ Friedli, Matthias (Hrsg.) (2019): Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz. 7., verbesserte Auf lage. Frauenfeld: Huber. Möser, Justus (1780): Osnabrückische Geschichte. Erster Theil, mit Urkunden. Neue vermehrte und verbesserte Auf lage. Berlin, Stettin: Nicolai. Moser, Virgil (1929): Frühneuhochdeutsche Grammatik. Bd. I: Lautlehre. 1. Hälfte: Orthographie, Betonung, Stammsilbenvokale (Germanische Bibliothek, I. Abteilung: Sammlung germanischer Elementar- und Handbücher. I. Reihe: Grammatiken 17). Heidelberg: Winter. Mulle, Peter (2016): Die Verdumpfung von mittelhochdeutsch â aufgrund der Sammlung «Luzerner Namenbuch». In: Hough, Carole/ Izdebska, Daria (Hrsg.): Names and Their Environment. Proceedings of the 25th International Congress of Onomastic Sciences. Glasgow, 25-29 August 2014. Bd. 2: Toponomastics II, 46-56. Glasgow: University of Glasgow. Müller, Ernst E. (1953): Die Basler Mundart im ausgehenden Mittelalter (Basler Studien zur deutschen Sprache und Literatur 14). Bern: Francke. Ramseyer, Rudolf J. (1995): Berner Personennamen aus dem 16. Jahrhundert. Eine aus Urbaren gewonnene Sammlung im Staatsarchiv Bern. Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde 57(3), 103-187. SDS I = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1962): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. I: Lautgeographie I: Vokalqualität. Bern: Francke. Socin, Adolf (1903): Mittelhochdeutsches Namenbuch nach oberrheinischen Quellen des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts. Basel: Helbing & Lichtenhahn. SONB 2 = Gasser, Markus/ Schneider, Thomas F. (Hrsg.) (2010): Die Flur- und Siedlungsnamen der Amtei Dorneck-Thierstein (Solothurnisches Namenbuch 2). Basel: Schwabe. VALTS II = Gabriel, Eugen (1994): Vorarlberger Sprachatlas mit Einschluß des Fürstentums Liechtenstein, Westtirols und des Allgäus. Bd. II: Lautgeographie II: Langvokale und Diphthonge, Silbendehnungen und -kürzungen, Konsonantismus. Bregenz: Vorarlberger Landesregierung. Simone Berchtold 1.7 Erhalt oder Verdumpfung von mhd. ā 95 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="96"?> 1.8 Senkung von mhd. i, u, ü Schlagwörter: Alemannisch, lexemgebunden, niederfrequent, schriftsprachlicher Einf luss, Vokalqualität Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Artikel werden FamN kartiert, die etymologisch mhd. i, u, ü enthalten, die zu e, o, ö gesenkt wurden wie bspw. Lendenmann zu mhd. linde ‘Linde’, Koster zu mhd. kuster ‘Aufseher, Kirchendiener’ oder Köng zu mhd. künic ‘König’. Hierbei interessiert, inwiefern Senkung in der Schreibung der Deutschschweizer FamN fest geworden ist. Hintergrund: Die mittelhochdeutschen Stammvokale i, u, ü werden besonders in der Position vor Nasalen (m, n) oder Liquiden (r, l ) zu e, o, ö gesenkt. Dieser Wandel setzt zunächst im mitteldeutschen Sprachraum ein, wo bereits im 12. Jh. entsprechende Belege wie wetwe ‘Witwe’, gonst ‘Gunst’ oder störmen ‘stürmen’ auftreten (Ebert et al. 1993: 70). Der Prozess dauert bis zum Ende des Frühneuhochdeutschen an und zeigt sich dann auch in oberdeutschen Schreibungen (Ebert et al. 1993: 70; Schmidt 2020: 407). Die Kartierungen handschriftlicher Belege zu den Lexemen sunne / sonne und kúnig/ könig (Karten 15-16 in Besch 1967: 102-105) weisen für das 15. Jh. aber nach wie vor einen klaren Gegensatz zwischen einem Gebiet mit Senkung im Mitteldeutschen und einem Gebiet (mehrheitlich) ohne Senkung im Oberdeutschen aus (Besch 1967: 102-105; Ebert et al. 1993: 70). Wie Ebert et al. (1993: 71) ausführen, halten sich im Oberdeutschen «die alten u-Schreibungen z. T. bis ins späte 17. Jh., so etwa sunst, münch, trummel». Abhängig von der lautlichen Umgebung und nicht konsequent setzen sich die gesenkten Vokale o (< u) und ö (< ü) schliesslich in der neuhochdeutschen Standardsprache fest. Ebert et al. (1993: 71) fassen die Ergebnisse folgendermassen zusammen: vor n (konsequent nur vor <nn> außer Brunnen) und m (<mm>), in Ausnahmen vor anderen Konsonanten(verbindungen): Sonne (< sunne), Nonne (< nunne), tonne [sic! ] (< tunne), Wonne (< wünne), Sohn (< sun(e)), fromm (< vrum), Sommer (< summer), Trommel (< trummel ), Rohrdommel (< rôrtummel), sonder(n) (< sunder), sonst (< sus(t)), König (< künec), Mönch (< münich) etc. Die Schreibung mit <u> bleibt in Lexemen wie Durst, Gunst, Hunger, Hund, jung usw. aber erhalten; auch die Senkung von i zu e findet keinen standardsprachlichen Niederschlag. In den alemannischen Dialekten der Schweiz tritt das Phänomen der Senkung hauptsächlich im nordöstlichen Teil der Schweiz auf, mit vereinzelten Belegen auch in der westlichen Deutschschweiz, so bspw. im südlichen Aargau (SDS I 1962: Karte 50). Das senkungsfreudige Gebiet umfasst die Regionen Oberthurgau (TG), St. Galler Rheintal (SG), Toggenburg (SG), beide Appenzell (AR, AI) sowie das Gebiet um Maienfeld (GR) in der ehemaligen Bündner Herrschaft (Vetsch 1910; Enderlin 1911; Berger 1913; Wiget 1916; Meinherz 1920; KSDS 2019: 228-229). Beispiele für den Vokalwandel in den Deutschschweizer Mundarten sind u. a.: 1 • i > e: bendə ‘binden’, kwennə ‘gewinnen’, lendə ‘Linde’ • u > o: hond ‘Hund’, xommər ‘Kummer’, wondər ‘Wunder’, šold ‘Schuld’ • ü > ö: tönn ‘dünn’, sönd ‘Sünde’, tsöndə ‘zünden, leuchten’ Durch den Einf luss der Standardsprache wird die Senkung in den Dialekten «oft ganz oder teilweise aufgehoben» (Meinherz 1920: 235-236; vgl. auch Leemann et al. 2025: 154-155). Fragestellungen: Ausgehend von diesem Hintergrund sind folgende Fragen von Interesse: Wie zeigen sich die Namenareale gegenüber den Mundartarealen bezüglich dieses Phänomens? Tritt die Realisierung von Senkungsgraphien allenfalls lexemgebunden auf ? Mit Blick auf diese Fragen behandeln die Karten jeweils das Auftreten eines Vokals: mhd. i > e (erste Karte), mhd. u > o (zweite Karte) und mhd. ü > ö (vierte Karte). Die dritte und die fünfte Karte fungieren als Ergänzungen, indem sie einen ausgewählten Typ kontrastiv betrachten: Die dritte Karte widmet sich mhd. u in FamN aus mhd. sumer ‘Sommer’; die fünfte Karte zeigt mhd. ü in FamN aus mhd. künic ‘König’. 1 Vgl. auch im SDS I (1962: 49, 51) die Teilkarten Nordost zu mhd. i (Lexeme striegeln, blind, finden und Winter) sowie zu mhd. u (Lexeme Hunger, Fuchs, Strumpf und Hund ). 96 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="97"?> Erste Karte {36}: Senkung von i zu e Namenauswahl: Die erste Karte widmet sich der geographischen Verbreitung von FamN, die Senkung des Stammvokals von i zu e in ihrer Schreibung aufweisen. Ausgewählt wurden alle in der Datenbank enthaltenen Fälle aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB). 2 Abgefragte Namen FamN mit Senkung i > e, vor 1800: Bender, Lendenmann, Lengg, Schmed, Schmedt, Werth. 6 Types, 11 Tokens. Kreise 35-50, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 36: Daten zur ersten Karte {36} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 Die Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 24.02.2025) nach den Beschreibungen «Senkung», «gesenkt» ergibt die hier und im Anschliessenden kartierte Namenauswahl, die geprüft und händisch ergänzt wurde. Die sechs FamN verteilen sich auf folgende Benennungsmotive: BerufsN (Bender zu mhd. binden ‘binden, umwinden’ für den Fassbinder bzw. Küfer; Schmed, Schmedt ‘Schmied’; Werth ‘Wirt’), WohnstättenN (Lendenmann zu einem Toponym mit Linde ‘Linde’) sowie ÜberN (Lengg zu mhd. linc, lënc ‘link; linkisch, unwissend’, auch ‘linkshändig; verkehrt, rückwärts liegend’). Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass das Phänomen gemessen an den Types und Tokens sehr niederfrequent ist. Die FamN finden sich einerseits im Nordosten und andererseits in der rätoromanischsprachigen Schweiz (GR) sowie im französischsprachigen Wallis: Im Nordosten, wo Lendenmann (AR) und Lengg (SG, TG) vorkommen, ist die Senkung auch mundartlich eingetreten. Drei FamN (Schmed, Schmedt, Werth) clustern in der hinteren Surselva (GR) und der Wandel könnte für diese Namen im Sprachkontakt mit dem Romanischen begründet sein. 4 In Fully (VS) ist der FamN Bender alteingesessen. Karte 36: FamN mit Senkung von i zu e, vor 1800 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 4 Vgl. Artikel I-3.4 «Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche» (dritte Karte). 1.8 Senkung von mhd. i, u, ü 97 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="98"?> Zweite und dritte Karte {37, 38}: Senkung von u zu o Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Datenbank enthaltenen Fälle aus der Schicht «vor 1800», die in ihrer Schreibung Senkung des Stammvokals von u zu o aufweisen. Die zweite Karte nimmt alle identifizierten Namen mit o-Graphie auf; die dritte Karte stellt in Ergänzung dazu FamN zu mhd. sumer ‘Sommer’ kontrastiv nach <u> vs. <o> dar. Abgefragte Namen FamN mit Senkung u > o, vor 1800: Bondeli, Bondt, Bont, Bronhofer, Gontersweiler, Honsberger, Honsperger, Horst, Knobel, Koster, Sommer, Sommerau, Sommerauer, Sommerhalder. 14 Types, 50 Tokens. Kreise 30-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 37: Daten zur zweiten Karte {37} Karte 37: FamN mit Senkung von u zu o, vor 1800 98 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="99"?> Abgefragte Namen Typ Sommer: Sommer, Sommerau, Sommerauer, Sommerhalder. 23 Tokens. Summermatter: 6 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-65, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 38: Daten zur dritten Karte {38} Detailangaben zur Namenauswahl: Zur allgemeinen Auswahl vgl. die Ausführungen bei der ersten Karte. Die Namenauswahl der zweiten Karte umfasst Patronyme (Bondeli zum Ruf N Abundius), HerkunftsN (Gontersweiler zum Toponym Gunterswilen TG; Honsberger, Honsperger zum Toponym Hunsperg BE), WohnstättenN (Bronhofer zu einem Toponym Brunnhof ; Horst zu schwzdt. Hurst ‘Strauch, Hecke, Dickicht’), BerufsN (Koster zu mhd. kuster ‘Aufseher, Kirchendiener’) und ÜberN (Bondt, Bont zu schwzdt. Punt ‘Spund am Fass, Zapfen’; Knobel zu schwzdt. Chnubel ‘knolliger, rundlicher Körper’). Die FamN der dritten Karte enthalten das Lexem mhd. sumer ‘Sommer’. Bis auf simplizisches Sommer, das einen ÜberN darstellt, sind die anderen FamN (Sommerau, Sommerauer, Sommerhalder, Summermatter) als WohnstättenN zu einem entsprechenden Toponym einzuordnen. FamN, die dieses Lexem enthalten, werden separat kartiert, da hier eines jener Wörter vorliegt, bei denen die gesenkte Form mit o standardsprachlich und die Form mit u dadurch dialektal geworden ist (SDS I 1962: Karte 50; SDS II 1965: Karte 189). Für die dritte Karte wurde eine kontrastive Darstellung von ovs. u-Schreibung gewählt. Kommentar: Die zweite Karte zeigt Formen mit Senkung im Norden, wo in Appenzell Ausserrhoden und in St. Gallen Bondt und Bont mit 8 Ortspunkten clustern. Es treten aber auch mehrere Ortspunkte im Kantonsgebiet von Glarus und Schwyz auf, die einem einzigen FamN zuzuordnen sind: Knobel vereint 11 Tokens auf sich. Die weiteren Vorkommen von o-Schreibungen entfallen mit 23 Tokens mehrheitlich auf FamN mit dem Lexem Sommer, die hauptsächlich in den Kantonen Bern und Aargau auftreten. Das Verteilungsbild dieses Typs wird in der dritten Karte ergänzend mit nicht-gesenktem Summerkontrastiert: Die gesenkte, standardsprachliche Form Sommerkommt fast in der gesamten Deutschschweiz vor, während die Form Summerauf das deutschsprachige Wallis beschränkt bleibt (VSNB 4 2024: Sp. 284). FamN mit Sommererscheinen auch in jenen Gebieten, die dialektal u bewahrt haben wie bspw. im Emmental (BE). Karte 38: FamN mit dem Lexem mhd. sumer, vor 1800 1.8 Senkung von mhd. i, u, ü 99 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="100"?> Vierte und fünfte Karte {39, 40}: Senkung von ü zu ö Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Datenbank enthaltenen Fälle aus der Schicht «vor 1800», die in ihrer Schreibung Senkung des Stammvokals von ü zu ö aufweisen. Die vierte Karte nimmt alle identifizierten Namen mit ö-Graphie auf; die fünfte Karte kontrastiert alle drei Varianten, die auf mhd. künec ‘König’ beruhen. Abgefragte Namen FamN mit Senkung ü > ö, vor 1800: Dörig, Dörler, Köng, König, Mönch, Thörig, Törig, Zöllig. 8 Types, 36 Tokens. Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 39: Daten zur vierten Karte {39} Abgefragte Namen Köng: 4 Tokens. König: 21 Tokens. Küng: 52 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 40-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 40: Daten zur fünften Karte {40} Detailangaben zur Namenauswahl: Zur allgemeinen Auswahl vgl. die Ausführungen bei der ersten Karte. Die FamN verteilen sich auf folgende Benennungsmotive: ÜberN (Köng / König / Küng zu mhd. künic, künec, künc ‘König’; Mönch zu mhd. münech, münich ‘Mönch’), 5 Patronyme (Zöllig zum Ruf N Zullo) und HerkunftsN (Dörig / Thörig / Törig zur Landschaftsbzw. Stammesbezeichnung Thüringen). Semantisch mehrdeutig, aber dem Phänomen zuzuordnen ist Dörler (zu mhd. tür(e) ‘Tür’ als Berufs- oder WohnstättenN). Aufgrund unklarer Etymologie wurde Spöhel nicht berücksichtigt. Kommentar: Die vierte Karte zeigt den Senkungsraum in der Nordostschweiz, aber deutlich mehr Vorkommen auch in der westlichen Deutschschweiz. Dieser westliche Raum wird mehrheitlich vom FamN König etabliert, der mit 21 Tokens auf der vierten Karte fast zwei Drittel der Ortspunkte ausmacht. Die fünfte Karte nimmt diesen FamN sowie die Variante Köng und nicht-gesenktes Küng auf. Dieses Sample ist insofern speziell, als hier drei Varianten vorkommen, die man chronologisch ordnen kann: 1. der einsilbige FamN Küng als ältere und häufigere Form mit Fortführung von mhd. ü sowie mit Synkope des Vokals im Nebenton mhd. -ec > fnhd. -g (vgl. dazu auch Id. 3 1881 ff.: Sp. 329); 6 2. Köng als autochthone, aber niederfrequente gesenkte Form (ebenfalls mit Synkope) in der Nord- Karte 39: FamN mit Senkung von ü zu ö, vor 1800 5 Vgl. Artikel III-5.7 «Übernamen nach Standesbezeichnungen». 6 Vgl. Artikel I-1.16 «Synkope». 100 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="101"?> ostschweiz und letztlich 3. König als jüngere Importform mit mitteldeutschem Lautstand und erhaltenem Vokal i im Nebenton, die ab dem 16. Jh. im Oberdeutschen üblich wurde. Ergebnisse Bezogen auf die eingangs gestellten Forschungsfragen lassen sich die Ergebnisse folgendermassen zusammenfassen: Die Kartenbefunde zeigen gesamthaft, dass das Phänomen gemessen an den Types und Tokens niederfrequent ist und generell eher punktuell sowie in Clustern auftritt. Im Alemannischen hat sich der Vokalwandel i, u, ü zu e, o, ö hauptsächlich in den Nordostschweizer Dialekten vollzogen. Die Namenareale, die Graphien für Senkung anzeigen, decken sich teilweise mit diesem Gebiet, so in den Kantonen Thurgau, St. Gallen und den beiden Appenzell (AR, AI). Schreibungen mit <o> und <ö> treten aber punktuell auch in der westlichen Deutschschweiz auf. Das Auftreten mancher Formen lässt vermuten, dass Senkungen in einem historisch grösseren Gebiet vorkamen, während die Lautungen in den dortigen Mundarten heute fehlen. So erscheint bspw. die gesenkte Form Köng (abgesehen von einem Ausreisser im Thurgau) ausschliesslich im Zürcher Oberland - in einer Region also, in der dieser Senkungstyp in der Mundart gemäss SDS I (1962: Karte 52) nicht auftritt. Gleiches trifft auf den FamN Knobel in Schwyz und Glarus zu (vgl. SDS I 1962: Karte 50). Als lexemgebunden resp. als Ergebnis der Herausbildung überregionaler Schreibkonventionen lassen sich die Beispiele Typ Sommer und Köng / König einordnen. Bei der Schreibung <Sommer> ist wohl mit standardsprachlichem Einf luss zu rechnen. Dieser Einf luss zeigt sich teilweise auch in Toponymen, die trotz u-Lautung ebenfalls mit <o> geschrieben werden wie bspw. Sommerau [su̜mmərou] in Boltigen (BE) (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 309093021) oder Sommerhalde, dialektal Summerhalde(n) in Hauenstein-Ifenthal (SO) (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 106027393). Als weiterführende Frage wäre ein Vergleich mit dem Phänomen in Toponymen lohnenswert. So stellt das APNB 1 (1958: 84, 112-120) die Chronologie der appenzellischen Senkung von i sowie u, ü in Toponymen dar. Mit Blick auf historische Berner Belege zum FamN König (Ramseyer unveröffentlicht) ist davon auszugehen, dass v. a. im Kanton Bern bei der Schreibung des FamN eine lexembedingte Anpassung an das Lexem König stattfand, auch dies unter dem Einf luss einer sich überregional etablierenden Schriftsprache. Denn die Belege des 16. Jh. zeigen lediglich ü-Formen. Die Anpassung im Appellativwortschatz wird im Id. 3 (1881 ff.: Sp. 329) zeitlich wie folgt skizziert: In der Zürcher Bibel wird bis 1667 Künig und erst danach König verwendet. Das GlMwb (2024: 397) hält beim FamN König zudem die ältere Aussprache «Chüng» neben - wohl standardsprachlich beeinf lusstem - «Chönig» fest. Dass diese Schreibkonvention aber nicht gleichermassen umgesetzt wurde, zeigt das Tokenverhältnis von Küng mit 52 zu König mit 21 Ortspunkten. Die nicht-gesenkte Namenform überwiegt deutlich. Ähnlich zeigt sich das Verhältnis auch bei den FamN Münch und Mönch: Erstere Namenform ist mit 5 Tokens häufiger als die standardsprachliche Variante Mönch (1 Token), die in Schwarzhäusern (BE) zusammen mit Karte 40: FamN mit dem Lexem mhd. künec, vor 1800 1.8 Senkung von mhd. i, u, ü 101 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="102"?> Münch vorkommt. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass FamN - wie es der onomastischen Eigendynamik entspricht - nur teilweise standardsprachlichen Konventionen folgen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im BFS-Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle BFS): Sommer (4'627 Tokens), König (2'671 Tokens) und Dörig (1'711 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: FamN, die einen Wandel des Stammvokals von mhd. i zu e vor Nasal aufweisen, werden im DFA 1 (2009: 106-115) anhand der Namentypen Binder/ Bender, Binner / Benner (Karte 43), Quint / Quentin (Karte 45), Schinkel/ Schenkel (Karte 46) und Hingst/ Hengst (Karte 47) illustriert. Der Varianz u / o und ü / ö in FamN widmen sich die Karten 89-108 zu Namentypen wie Wulf / Wolf , Brunner / Brünner/ Bronner/ Brönner oder Buschmann / Püschmann / Poschmann / Pöschmann (DFA 1 2009: 204-245; vgl. auch Kunze 2004: 210-211). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur APNB 1 = Sonderegger, Stefan (1958): Die Orts- und Flurnamen des Landes Appenzell. Grammatische Darstellung (Appenzeller Namenbuch 1). Frauenfeld: Huber. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Berger, Jakob (1913): Die Laute der Mundarten des St. Galler Rheintals und der angrenzenden vorarlbergischen Gebiete (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 3). Frauenfeld: Huber. Besch, Werner (1967): Sprachlandschaften und Sprachausgleich im 15. Jahrhundert. Studien zur Erforschung der spätmittelhochdeutschen Schreibdialekte und zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache (Bibliotheca Germanica 11). München: Francke. DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. Ebert, Robert P. et al. (1993): Frühneuhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 12). Tübingen: Niemeyer. Enderlin, Fritz (1911): Die Mundart von Kesswil im Oberthurgau. Mit einem Beitrag zur Frage des Sprachlebens (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 5). Frauenfeld: Huber. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 24.02.2025). GlMwb = Verein Glarner Mundartwörterbuch/ Academia Glaronensis (Hrsg.) (2024): Glarner Mundartwörterbuch. Mit einer Einleitung zum Glarner Dialekt, Redewendungen, Personennamen und einem hochdeutschen Register (Grammatiken und Wörterbücher des Schweizerdeutschen in allgemeinverständlicher Darstellung 17). Glarus: Baeschlin. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. KSDS = Christen, Helen/ Glaser, Elvira/ Friedli, Matthias (Hrsg.) (2019): Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz. 7., verbesserte Auf lage. Frauenfeld: Huber. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Leemann, Adrian et al. (2025): Dialäktatlas. 1950 bis heute. Zollikon: vdf. Meinherz, Paul (1920): Die Mundart der Bündner Herrschaft (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 13). Frauenfeld: Huber. ortsnamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): ortsnamen.ch. Das Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung. https: / / www.ortsnamen.ch/ de/ (letzter Zugriff 24.02.2025). Ramseyer, Rudolf J. (unveröffentlicht): Vorarbeiten zu einem Personennamenbuch des Kantons Bern. Unveröffentlichte Daten. Beruhend auf Urbaren hauptsächlich aus dem 16. Jh. Staatsarchiv Bern (N R. Ramseyer 15-22). Schmidt, Wilhelm (2020): Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium. Teil 2: Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Frühneuhochdeutsch. 12., verbesserte und erweiterte Auf lage. Stuttgart: Hirzel. SDS I = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1962): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. I: Lautgeographie I: Vokalqualität. Bern: Francke. SDS II = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1965): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. II: Lautgeographie II: Vokalquantität - Konsonantismus. Bern: Francke. Vetsch, Jakob (1910): Die Laute der Appenzeller Mundarten (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 1). Frauenfeld: Huber. VSNB 4 = Werlen, Iwar (Hrsg.) (2024): Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch. Bd. 4: Flurnamen S-Z. Tübingen: Narr Francke Attempto. Wiget, Wilhelm (1916): Die Laute der Toggenburger Mundarten (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 9). Frauenfeld: Huber. Simone Berchtold, Martina Heer 102 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="103"?> 1.9 Diphthongwandel von mhd. ei, ou, öu Schlagwörter: lexemgebunden, Monophthongierung, Senkung, Vokalqualität Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Artikel werden FamN behandelt, die etymologisch mhd. ei, ou oder öu enthalten wie Meier zu mhd. meier, meiger ‘grundherrlicher Beamter, der die Aufsicht über die Bewirtung der Hofgüter führt’, Baumberger zu mhd. boum ‘Baum’ oder Häuptli zu diminuiertem mhd. houbet ‘Haupt’. Diese Diphthongreihe ist ab dem 12. Jh. von der Senkung des ersten Diphthongvokals betroffen und die Ergebnisse dieses Lautwandels werden Teil der deutschen Standardsprache: mhd. stein, boum, böume > nhd. Stein, Baum, Bäume. Das Phänomen wird daher auch als «neuhochdeutscher Diphthongwandel» bezeichnet (Paul et al. 2007: 80). In den schweizerdeutschen Mundarten treten neben Senkungsauch Monophthongierungsprozesse ein. Hierbei interessiert, ob oder wie diese Wandelprozesse in der Schreibung der FamN nachgezeichnet werden können. Der Gegenstand ist hinsichtlich der Entwicklung der Diphthonge in den Mundarten und des zugrunde liegenden Lautsystems relevant. Hintergrund: Die Darstellung der Diphthonge erfolgt in diesem Abschnitt je einzeln. Es werden einerseits die dialektalen Entwicklungen, andererseits die historischen Schreibungen der Laute rekapituliert. Vorweg sei noch folgender Punkt erwähnt: In der deutschen Standardsprache sind die Ergebnisse des Diphthongwandels und der neuhochdeutschen Diphthongierung 1 lautlich zusammengefallen. So fallen z. B. mhd. ei und mhd. ī in nhd. ei [aɪ] zusammen, sodass die Lexeme nhd. Geiss < mhd. geiz und nhd. Wein < mhd. wīn beide mit [aɪ] ausgesprochen werden. In den meisten Mundarten werden diese beiden Reihen hingegen weiterhin unterschieden (Paul et al. 2007: 80). Mhd. ei ist in den alemannischen Mundarten der Schweiz teilweise als Diphthong erhalten geblieben, teilweise zum Monophthong verändert worden (SDS I 1962: Karte 109; VALTS II 1994: Karte 84; KSDS 2019: 240-241). Die mundartlichen Realisierungen mit der grössten räumlichen Ausdehnung sind Diphthonge. Dabei wird die Schweiz in zwei Areale geteilt: ein westliches Areal mit geschlossener [eɪ]- und ein östliches Areal mit gesenkter, offener [aɪ]-Aussprache. Diese Areale treffen an der Brünig-Napf-Reuss-Linie zusammen und lassen sich somit in die West-Ost-Gegensätze innerhalb der Deutschschweiz einreihen (KSDS 2019: 32-33). Eine dritte Diphthongvariante findet sich im St. Galler Rheintal mit der schwäbischen Brechung von mhd. ei zu mundartlich [oa] (Berger 1913: 53-54). In den Regionen, in denen sich der Diphthong zu einem Monophthong weiterentwickelt hat, zeigen sich unterschiedliche Qualitäten: In Teilen der Kantone Freiburg und Bern erscheint mhd. ei als [eː] oder [iː], im Thurgau als [aː] und in Appenzell und in St. Gallen als [ɛː] (vgl. Graf 2014: 30-32 zur Entwicklung im Thurgau). In den historischen Schreibsprachen des Deutschen kennt der Diphthong ab dem Frühneuhochdeutschen die Leitgraphie <ei> und die Variante <ai>. Dabei steht <ai> im Oberdeutschen, v. a. im Bairischen, ursprünglich für die Entsprechung von mhd. ei, die Schreibung <ei> steht demgegenüber für den aus mhd. ī entstandenen Diphthong, der sich anfänglich vom alten mhd. ei in seiner Lautung unterschieden haben muss (Ebert et al. 1993: 58). Auf die graphische Trennung geht auch der Basler Lehrmeister Kolroß (1564) ein. Er führt bei den Diphthongen sowohl ei als auch ai an (Kolroß 1564: Fol. 6r), wobei er die Schreibung <ay> explizit als synonyme Graphie einführt (laid oder layd). Auch Kolroß (1564: Fol. 6v) verortet die Schreibweise mit <a> in der Nachbarregion Schwaben: «vn̄ werden der glychen wo ᵉ rter mit dem ay fürnemlich in Schwaben geſchribē / dan̄ in andern landē würt gemeinlich ey für ay gebrucht» [Und werden die gleichen Wörter mit dem ay hauptsächlich in Schwaben geschrieben, denn in anderen Ländern wird gemeinhin ey statt ay gebraucht; Übersetzung SB]. Ab dem 16. Jh. werden die ai- Schreibungen allgemein durch <ei> ersetzt (Schmidt 2020: 409), lediglich in bestimmten Lexemen wie Kaiser, Laib, Mai oder Saite festigen sie sich (Ebert et al. 1993: 58). Mhd. ou zeigt dialektal ähnliche Entwicklungsschritte: In den westlichen Dialekten der Deutschschweiz existieren ou-Laute, die «in etwa dem alten Lautwert des Mittelhochdeutschen entsprechen» (KSDS 2019: 243), in den östlichen Dialekten wird der erste Diphthongbestandteil gesenkt, was in einem au-Laut resultiert. In Teilen des Kantons Bern, in den Kantonen Thurgau und St. Gallen, in Appenzell (AI, AR) sowie in Graubünden haben sich aus den Diphthongen lange und kurze o-Monophthonge entwickelt wie Boom ‘Baum’ (BE) gegenüber Bomm (TG, SG) (SDS I 1962: Karten 121, 124; KSDS 2019: 242-243). In den historischen Schreibsprachen ist Senkung ab dem 13. Jh. anzutreffen: Ab diesem Zeitpunkt tritt die Graphie <au> in bairischen und schwäbischen Quellen auf (Ebert et al. 1993: 59). Diese oberdeutsche Schreibung setzt sich in weiterer Folge gegenüber mitteldt. <ou> durch und wird Teil der neuhochdeutschen Orthographie (Schmidt 2020: 409). Die alemannische Schreiblandschaft hebt sich davon ab, da sie «bis ins 15. Jh. (in Teilen des Hochalem[annischen] bis ins 17. Jh.) an der o-basierten Schreibung (<ou ~ ǒ ~ o>) festhält» (Paul et al. 2007: 104). Mhd. öu ist der Umlaut zu mhd. ou und v. a. in Flexionsformen wie mhd. löuber (Plural zu mhd. loup ‘Laub’) und in Ableitungen wie öugelīn (Diminutiv zu mhd. ouge ‘Auge’) zu finden (SDS I 1962: Karten 128, 129, 132; Paul et al. 2007: 105). Im grössten Teil der Deutschschweiz (v. a. Zentralschweiz und Norden) entsprechen mhd. öu gerundete Diphthonge; im Nordosten und im Südwesten entwickeln sich lexemabhängig unterschiedlich grosse Areale mit kurzen oder langen Monophthongen wie Böm ‘Bäume’ (Nordosten) gegenüber Bööm (FR, BE) (SDS I 1962: Karte 132). Die historische Wiedergabe in alemannischen Quellen zeigt für den Diphthong 1 Vgl. Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī». 1.9 Diphthongwandel von mhd. ei, ou, öu 103 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="104"?> o-basierte Graphien <o ᵉ , o ᵉ u, o ᵉ i>; die Schreibung <öu> ist gemäss Paul et al. (2007: 105) in mittelhochdeutschen Handschriften nicht vorhanden. Im Bairischen wird zunächst <eu, ev, ew> geschrieben; erst später kommt die äu-Schreibung hinzu, «die sich allmählich als Umlaut von au nach dem etymologisch-morphologischen Prinzip etabliert» (Ebert et al. 1993: 61) und standardsprachlich wird. Fragestellungen: Entsprechend der beschriebenen Ausgangslage interessieren die folgenden Fragen: Sind die Entsprechungen der mittelhochdeutschen Diphthonge oder diejenigen der gesenkten resp. monophthongierten Laute in den Deutschschweizer FamN häufiger? Falls letztere Entsprechungen vorhanden sind, stellt sich die Frage, ob sich die Namenräume mit den jeweiligen Dialekträumen decken. Gibt es lexemgebundene Realisierungen, wie es bspw. im Appellativwortschatz auf das Lexem Kaiser (< mhd. keiser) zutrifft? Die erste und die zweite Karte widmen sich dem hochfrequenten Namen Meier und seinen Varianten. Auf der dritten Karte werden Dubletten zu FamN mit mhd. ei und auf der vierten Karte solche zu FamN mit mhd. ou kartiert. Die fünfte Karte schliesslich gilt den graphischen Realisierungen von mhd. öu. Erste Karte {41}: Mhd. ei in Familiennamen zu mhd. meier Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 2 die mhd. meier enthalten. Meier und seine Varianten gehören im deutschsprachigen Raum zu den häufigsten FamN, 3 daher werden diesem Typ hier zwei eigene Karten gewidmet. Formal werden in der ersten Karte drei Gruppen unterschieden: 1. Simplizia vom Typ Meier (inklusive Namen mit den Präpositionen von, de), 2. Komposita mit Typ Meier als Bestimmungswort wie Meierhans und 3. Komposita mit Typ Meier als Grundwort wie Grendelmeier, Humair. Abgefragte Namen Simplex mit e-Graphie: de Meyer, de Meyeres, Meier, Meyer, Meyer von Schauensee. 548 Tokens. Bestimmungswort mit e-Graphie: Meierhans, Meierhofer, Meyerhans, Meyerhofer. 14 Tokens. Grundwort mit e-Graphie: Berchenmeier, Birchmeier, Brühlmeier, Buchmeyer, Burgmeier, Dannmeier, Daubenmeyer, Dürmeyer, Fassmeier, Furlenmeier, Grendelmeier, Grendelmeyer, Haltmeier, Haltmeyer, Hardmeier, Hardmeyer, Hardtmeyer, Hartmeier, Hartmeyer, Haslimeier, Hippenmeyer, Hoffmeyer, Hofmeier, Kirchmeier, Kurzmeier, Langmeier, Lemmenmeier, Karte 41: FamN zu mhd. meier, vor 1800 u. Herkunft 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 104 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="105"?> Lindenmeyer, Ostermeier, Rütimeyer, Sandmeier, Sandmeyer, Scheuermeier, Steigmeier, Steigmeyer, Stockmeyer, Strohmeier, Stromeier, Vollmeier, Waldmeier, Waldmeyer, Widenmeier, Widmeier, Wiedemeier, Wiedenmeier, Wissenmeier. 46 Types, 78 Tokens. Simplex mit a-Graphie: Maier, Mayer, Mayr, Mayr von Baldegg. 19 Tokens. Grundwort mit a-Graphie: Humair, Niedermayr, Widmayer. 5 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 25-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Flächen 10-95, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 41: Daten zur ersten Karte {41} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Das Sample der ersten Karte kam durch eine Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 03.05.2022) nach dem Lexem mhd. meier im Beschreibungstext zustande. Die Trefferliste wurde anschliessend manuell bereinigt. Etymologisch geht Meier auf ahd. meior zurück, welches seinerseits eine Entlehnung aus lat. maior (domūs) ‘der Grössere des Hauses’ als Bezeichnung für den ‘Vorsteher, Aufseher über Dienerschaft und Gesinde, Hausmeier’ ist. Das Lexem entwickelt in den älteren Sprachstufen des Deutschen verschiedene Bedeutungen wie ‘Gutsverwalter, der im Auftrag des Grundherrn die Aufsicht über die Bewirtschaftung der Güter führt; Grossbauer’ oder ‘grundherrlicher Beamter; Dorfvorsteher’. Deshalb sind die FamN mehrheitlich im Benennungsmotiv der BerufsN (Meier, Maier, Kirchmeier, Vollmeier) zu finden; dazu gehört auch der Subtyp der sogenannten lokalisierten BerufsN (Haslimeier, Hofmeier, Dannmeier), die mit einem Toponym resp. ortsbezeichnenden Appellativ als Erstglied und einer (häufigen) Berufsbezeichnung als Zweitglied gebildet sind. 5 Kommentar: Die erste Karte illustriert zwei Dinge: einerseits in Bezug auf das räumliche Auftreten, andererseits in Bezug auf den Haupttyp. Hinsichtlich der räumlichen Verbreitung ist Meier ein Typ, der hauptsächlich in der nördlichen Hälfte der Schweiz und v. a. in den Kantonen des Mittellands vorkommt. Der alpine Raum mit dem Berner Oberland, dem Wallis und der südlichen Zentralschweiz (NW, OW, UR) zeigt nur vereinzelte Orte, an denen der Typ Meier vor 1800 belegt ist. Es wäre zu klären, ob unterschiedliche Verwaltungsstrukturen in der Schweiz dafür verantwortlich sind, dass der Meier «[a]ls lokaler Organisator und Verwalter mit Aufsichtsfunktionen» (e-HLS 2008: s. v. Meier (Verwalter)) nicht überall vorhanden war. 6 In Bezug auf die Namenschreibung wird deutlich, dass die e-Graphie den Haupttyp darstellt. Namen mit <a> treten an den westlichen und östlichen Rändern auf, bleiben aber quantitativ Randerscheinungen: Das Tokenverhältnis bei den Simplizia ist 96,5 % e-Graphien zu 3,5 % a-Graphien. Die Maier und Mayer der nordöstlichen Schweiz (AI, GR, SG, TG) schliessen an den May(e)r- Namenraum in Österreich und Süddeutschland an: «Während die Schreibvarianten Meyer und Meier hauptsächlich im nieder- und mitteldeutschen sowie im oberrheinischen und Schweizer Raum vorkommen, sind die Schreibvarianten Mayer und Maier typisch für den schwäbischen und bairischen Raum» (FamOs o. J.: s. v. Maier). Westlich dieses nordöstlichen Verbreitungsgebiets finden sich drei Vorkommen: Maier in Laufenburg (AG) und Beromünster (LU) sowie Mayr von Baldegg in der Stadt Luzern (LU). Seidl (2011: 67-69) skizziert ebenfalls den Fall Meier in der Schweiz und bemerkt zu den Schreibformen mit <a>: «Durch die politische Zugehörigkeit zu erklären sind die Schreibungen in den Gemeinden Laufenburg AG (dieses gehörte stets zu Vorderösterreich) und Rhäzüns GR, das von 1497 bis zum Wiener Kongress habsburgisch war». Er verbindet die a-Graphien also mit der Zugehörigkeit zu Österreich-Habsburg, das dialektgeographisch dem Bairischen zuzuordnen ist (bis auf Vorarlberg). Falls hier vermehrt Schreiber aus dem bairischen Sprachraum tätig waren, liessen sich so die a-Graphien erklären. Für die Luzerner Mayr von Baldegg ist gemäss HBLS 5 (1921-1934: 59) die Schreibweise erst nach 1633 eingeführt worden. Die a-Formen in der Romandie entfallen auf Humair (vor 1800 in Lajoux JU, Les Genevez JU, Undervelier JU) und Widmayer (in Rolle VD, um 1793 aus Deutschland eingebürgert). 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 5 Vgl. die Ausführungen im Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» (vierte Karte). 6 Vgl. Artikel III-4.3 «Berufs(über)namen zur Landwirtschaft» (dritte Karte). 1.9 Diphthongwandel von mhd. ei, ou, öu 105 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="106"?> Zweite Karte {42}: Graphie <ei> versus <ey> in Familiennamen zu mhd. meier Namenauswahl: Auf der zweiten Karte werden die beiden Simplizia Meier und Meyer aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» einander gegenübergestellt. Die Karte soll das räumliche und quantitative Nebeneinander der beiden Schreibformen <ei> und <ey> für mhd. ei darstellen. Abgefragte Namen Meier: 322 Tokens. Meyer: 226 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 10-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 42: Daten zur zweiten Karte {42} Detailangaben zur Namenauswahl: S. die Ausführungen bei der ersten Karte. Kommentar: Meier ist mit 322 Tokens gegenüber Meyer mit 226 Tokens der häufigere Typ; dies im Unterschied zu Deutschland, wo Schreibung mit «y überwiegt» (Kunze 2004: 157). Im Mittelland sind die Typen räumlich kaum zu trennen und kommen teilweise beide an einem Ort vor; gemäss Flächenfärbung ist Meier aber quantitativ im nördlichen und östlichen Mittelland vorherrschend. Der Raum um die Stadt Basel sowie die westlichen und südlichen Kantone Jura, Freiburg, Bern, Wallis, Uri und Teile Graubündens können hingegen als Meyer-Gebiet identifiziert werden. Dazu gehört auch eine Region ausgehend vom Kanton Luzern (Emmetten, Ennetbürgen, Stadt Luzern) über das Wynental bis nach Erlinsbach (SO) und Veltheim (AG) sowie ein Vorkommen in Bellinzona (TI). Karte 42: Meier vs. Meyer, vor 1800 u. Herkunft 106 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="107"?> Dritte Karte {43}: Mhd. ei in Dubletten Namenauswahl: Ausgewählt wurden Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die etymologisch mhd. ei enthalten und als Dubletten realisiert werden, von denen also sowohl eine Namenform mit <e> als auch eine mit <a> auftritt. Die Karte soll das räumliche und quantitative Nebeneinander der beiden Schreibformen darstellen. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit mhd. ei als <ei>, <ey>: Heid, Heizmann, Keiser, Keyser, Leimbacher, Peier, Peyer, Reimann, Reinmann, Reymann, Seiler, Weibel. 12 Types, 145 Tokens. FamN mit mhd. ei als <ai>, <ay>: Baier, Bayer, Haid, Haizmann, Kaiser, Kayser, Laimbacher, Raimann, Raymann, Sailer, von Bayer, Waibel. 12 Types, 58 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 43: Daten zur dritten Karte {43} Detailangaben zur Namenauswahl: Das kartierte Sample kam durch eine Abfrage in der etymologischen Datenbank (Stand 03.05.2022) nach den Graphemen ei, ey, ai, ay in Namenpaaren zustande. Die Trefferliste wurde anschliessend manuell bereinigt. Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Haizmann, Heizmann), ÜberN (Kaiser, Kayser, Keiser, Keyser), BerufsN (Sailer, Seiler, Waibel, Weibel ), WohnstättenN (Laimbacher, Leimbacher, Raimann, Raymann, Rei(n)mann, Reymann) und HerkunftsN (Baier, (von) Bayer, Peier, Peyer). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die sich aber einem einschlägigen Etymon resp. Etyma mit mhd. ei zuordnen lassen (Haid, Heid zu mhd. heide ‘(die) Heide’ oder mhd. heiden ‘(der) Heide’). Ausgeschlossen wurde der Komplex Meier, da er bereits in den ersten beiden Karten besprochen wird. Kommentar: Die dritte Karte zeigt im Gegensatz zu den ersten beiden Karten kaum eindeutige Ballungszentren für ei-/ ey-Graphien oder FamN mit <ai>, <ay>. Am ehesten lässt sich der Raum zwischen Luzern, Schaffhausen und dem unteren Aarelauf als e-Gebiet beschreiben. Für die a-Graphie treten kleine, nicht-zusammenhängende Areale in den Kantonen St. Gallen, Basel-Landschaft und Solothurn hervor. Diese Räume werden vom FamN Kaiser konstituiert, auf den in den untersuchten Schichten 41 der 58 Tokens entfallen. Die Form Keiser tritt nur vereinzelt in der Zentralschweiz (LU, NW, ZG) und einmal in Krummenau (SG) auf; Keyser ist um 1800 nur in Davos (GR) belegt. Kaiser und Meier präsentieren sich somit konträr in ihren Quantitätsverhältnissen: Während bei Meier die a-Schreibung marginal ist, ist bei Kaiser umgekehrt die e-Schreibung selten. Zwei Karte 43: Mhd. ei in Dubletten, vor 1800 u. Herkunft 1.9 Diphthongwandel von mhd. ei, ou, öu 107 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="108"?> weitere Namen aus dem Sample zeigen Quantitätsverhältnisse wie Meier: Seiler und Weibel dominieren mit 41 resp. 36 Tokens gegenüber Sailer und Waibel mit nur 1 Token bzw. nur 4 Tokens. Gesamthaft beträgt das Verhältnis 71,4 % e-Graphien zu 28,6 % a-Graphien. Manchmal treten beide Formen an einem Ort auf wie Haid und Heid in Entlebuch (LU) oder Kaiser und Keiser in Krummenau (SG); in Winterthur (ZH) hingegen sind die FamN Leimbacher, Reimann und Kaiser für die farbliche Trennung des Kreises verantwortlich. Vierte Karte {44}: Mhd. ou in Dubletten Namenauswahl: Ausgewählt wurden FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die etymologisch mhd. ou enthalten. Die Varianz bezieht sich hier auf die Schreibungen <au> gegenüber <o>, <oo>; Realisierungen mit <ou> sind in den gewählten Zeitschichten keine vorhanden. Um für das seltene Phänomen der Monophthongschreibung alle einschlägigen Fälle zu erfassen, wurde neben Dubletten auch der Typ Som aufgenommen, für den zwar o-Graphien, aber keine Dubletten mit <au> vorhanden sind. Der Name stellt sich zu mhd. soum ‘Rand, Besatz, Saum’. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit mhd. ou als <au>: Baumberger, Baumer, Laub, Staub. 57 Tokens. FamN mit mhd. ou als <o>, <oo>: Bomberger, Bommer, Loop, Sohm, Som, Somm, Soom, Stoob, Stoop. 9 Types, 24 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 44: Daten zur vierten Karte {44} Detailangaben zur Namenauswahl: Das kartierte Sample kam durch eine Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 03.05.2022) nach dem Graphem <ou> im Beschreibungstext zustande. Die Trefferliste wurde anschliessend manuell bereinigt. Die Namenauswahl umfasst BerufsüberN (Staub, Stoob, Stoop), WohnstättenN (Baumberger, Baumer, Bomberger, Laub, Loop, Sohm, So(o)m, Somm) und HerkunftsN (Bommer). Ausgeschlossen wurden FamN, die lediglich mit der Graphie <au> vorkommen, wie bspw. Auer (zu Au-), Baumgartner, Frauenknecht (zu Frau-), Haupt, Krauer oder Lauber. Ebenfalls ausgeschlossen wurden Bommeli, Schoop und Schopp, da sie etymologisch mehrdeutig sind. Karte 44: Mhd. ou in Dubletten, vor 1800 u. Herkunft 108 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="109"?> Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass die vorliegenden Beispiele hauptsächlich in der Nordhälfte der Schweiz vorkommen. Schreibungen mit <au> überwiegen zwar deutlich, aber o-basierte Graphien häufen sich im Nordosten: In den Bezirken Münchwilen (TG) und Weinfelden (TG) dominiert der FamN Bommer; im südlichen Kanton St. Gallen zwischen Eschenbach und Flums gruppieren sich die Namen Stoop und Stoob. Als Streubelege können westliches Sohm in Kallern (AG) und Rütschelen (BE) sowie Soom in Ursenbach (BE) eingestuft werden. Fünfte Karte {45}: Mhd. öu in Familiennamen Namenauswahl: Ausgewählt wurden FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die etymologisch mhd. öu enthalten. Die Namen werden in äu-, eu- und o-basierte Graphien eingeteilt. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit mhd. öu als <äu>: Allgäuer, Bäumler, Bäumli, Bäumlin, Gäumann, Häuptli, Stäuber, Stäuble, Stäubli, Sträuli, Täuber. 11 Types, 29 Tokens. FamN mit mhd. öu als <eu>: Deuber, Freudemann, Geu, Heuer, Leu, Leuw, Steuble, Streule, Streuli, Teuber. 10 Types, 50 Tokens. FamN mit mhd. öu als <öw>, <oew>: Allgöwer, Loew, Löw. 7 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Fläche 10-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 45: Daten zur fünften Karte {45} Detailangaben zur Namenauswahl: Das kartierte Sample kam durch eine Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 03.05.2022) nach dem Graphem <öu> im Beschreibungstext zustande. Die Trefferliste wurde anschliessend manuell bereinigt. Die Namenauswahl umfasst ÜberN (Freudemann, Häuptli, Sträuli, Streule, Streuli), BerufsN (Heuer), BerufsüberN (Stäuble, Stäubli, Steuble), WohnstättenN (Bäumli(n), Geu) und HerkunftsN (Allgäuer, Allgöwer). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die sich aber einem einschlägigen Etymon oder mehreren einschlägigen Etyma mit mhd. öu zuordnen lassen (Bäumler, Deuber, Gäumann, Leu(w), Loew, Löw, Stäuber, Täuber, Teuber). Unberücksichtigt blieben erstens Heubi, Jeuch, Pfäuti und Pfeuti mit unklarer Etymologie und zweitens Namenformen, die auf Entrundung schliessen lassen wie Eyer (zu mhd. ouwe). 7 Ferner wurden der sekundär an das Lexem Freude angeglichene FamN Freudiger zum althochdeutschen Ruf N Fraido (BENB I/ 1 1976: Sp. 165) und der Karte 45: Mhd. öu in FamN, vor 1800 u. Herkunft 7 Vgl. Artikel I-1.5 «Entrundung». 1.9 Diphthongwandel von mhd. ei, ou, öu 109 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="110"?> FamN Freudweiler zum Toponym Freudwil mit unklarem Bestimmungswort (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 7058037) nicht kartiert. Kommentar: Die fünfte Karte zeigt, dass die häufigste Entsprechung für mhd. öu die Schreibung <eu> darstellt, die mit 50 Tokens die meisten Ortspunkte aufweist. Diese Wiedergabe steht im Gegensatz zum Appellativwortschatz, wo sich mit <äu> das etymologischmorphologische Graphieprinzip durchgesetzt hat. Schreibungen mit <äu> sind gehäuft im Norden (Fricktal AG) und Nordosten (TG) sowie im Kanton Zürich verbreitet; im Westen konstituiert der FamN Gäumann den Berner äu-Raum. Die FamN mit o-basierten Schreibungen (Allgöwer, Loew, Löw) treten punktuell in den Kantonen Basel-Stadt, Basel-Landschaft und St. Gallen auf. Die Schreibung mit <w> als zweitem Diphthongbestandteil ist relikthaft, denn zwischenvokalisches w ist unfest und schwindet «als Regelschreibung gegen Ende der [frühneuhochdeutschen] Epoche bis auf wenige Ausnahmen (ewig, lewe ‘Löwe’)» (Ebert et al. 1993: 106). Ergebnisse Die Karten zeigen Raumbilder der Schichten «vor 1800» und «Herkunft» zu FamN, die etymologisch mhd. ei, ou oder öu enthalten. Haupttyp in der graphischen Wiedergabe des Diphthongs mhd. ei ist die Graphie <ei>, gefolgt von <ey>. In FamN mit mhd. ou überwiegt die Schreibung <au> und für mhd. öu ist - hier entgegen der Standardschreibung - <eu> am häufigsten. Im Sample zu mhd. ei sind e-basierte Schreibungen ausser bei Kaiser bei allen untersuchten FamN vorherrschend. Die Schweiz präsentiert sich somit als e-Gebiet; die Variante <ey> ist tendenziell die Schreibung des Nordwestens und des Südens. Die Familiennamenareale decken sich somit nicht mit den eingangs skizzierten Mundarträumen für mhd. ei: Auch im Osten mit jüngerer [aɪ]- Lautung herrschen e-Graphien vor. So notieren Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 117-118) für Zürich als Lemma die Namenform Meier, in den angegebenen Belegen treten mit deutlicher Mehrheit e-Schreibungen auf, als Aussprache wird jedoch gesenktes «Mäir» notiert. Die wenigen a-Graphien der nordöstlichen Schweiz schliessen an den angrenzenden deutschsprachigen Namenraum an, in welchem a-Graphien dominieren (DFA 1 2009: 464). Die vorliegenden Namenräume lassen sich teilweise mit der weiteren Entwicklung der Graphie von mhd. ei erklären: «Während die a-Graphien seit dem späten 16. Jh. allgemein durch die e-Graphien zurückgedrängt werden, erlangen sie lexemgebunden eine gewisse Festigkeit (kaiser, mai, laib, saite, Baiern)» (Ebert et al. 1993: 58). Diese Festigkeit lässt sich in der Schweiz auch für Kaiser feststellen: Er ist der einzige FamN, bei dem die Graphie <ai> den Haupttyp darstellt und bei dem analog zum Appellativ eine lexemgebundene Realisierung vorliegt. Ein Nebenbefund ist, dass sich die lexemgebundene Festigkeit zwar im Lexem und im Onym Kaiser hält, in der Schweiz aber nicht auf das Onym Peyer übergreift: Baier, Bayer und von Bayer haben vor 1800 nur je 1 Token (dagegen entfallen auf die e-Schreibung 22 Tokens). Weiter ist festzustellen, dass in der Schweiz zu vielen Namen mit mhd. ei keine a-Varianten existieren, was die generelle Durchsetzung der e-Graphien unterstreicht. Diese fehlende Varianz trifft nicht nur auf Lexeme oder Namenbestandteile zu, die selten sind wie Weizen in Weizenegger, sondern auch auf FamN mit häufigen Lexemen wie breit, Geiss, Meister oder Stein. Eine Stichprobe im DFD (o. J.) für Deutschland unterstreicht diesen Punkt: So ist Stainer mit 26 Tokens äusserst niederfrequent und auch Braitist selten; man vgl. den FamN Braitmaier mit 130 Tokens. Für mhd. ei kann man daher mit Kunze (2004: 157) formulieren, dass sich «oft weitgehend unabhängig von der Aussprache […] Schreibmoden ausgebreitet» haben. Aufschlussreich sind die o-basierten Graphien für mhd. ou, die einerseits dort lokalisiert werden können, wo sie auch mundartlich realisiert werden, nämlich im Thurgau und in Teilen des Kantons St. Gallen, andererseits aber auch an Orten wie im Seeztal (SG) auftreten, wo sie dialektal nicht nachweisbar sind. Eine punktuelle historische Sondierung im heutigen Diphthonggebiet zeigt o-Belege von einschlägigen Toponymen in Affoltern (ZH) 1540: an den scho ᵉ nen bomgarten (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 7022642), Andelfingen (ZH) 1547: Kilchara som (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 7042729), Freienbach (SZ) 1608: ab dem Bomgärtlin (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 16011601) oder Zürich (ZH) 1520: ufhin an den som (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 7072955). Ebert et al. (1993: 55) halten dazu fest: «Schreibungen mit o anstelle des mhd. Diphthongs ou» sind in alemannischen Texten im 14. und. 15. Jh. nachweisbar, wie «bom, trom, och, globen, hobt». Es ist also anzunehmen, dass o-Schreibungen früher weiter verbreitet waren und relikthaft in Namenschreibungen überlebt haben. Relikthaft sind auch die Schreibungen Allgöwer, Loew, Löw als Entsprechung für mhd. öu. Die Schreibung mit <äu> hingegen ist sprachhistorisch ab dem 17. Jh. greifbar (Ebert et al. 1993: 61) und dürfte in den Namen eine jüngere Schicht darstellen. Es finden sich in den FamN somit Graphien, die Teil des neuhochdeutschen Schreibsystems sind wie <ei>, <au>, <äu>, daneben lexemgebundene Sondergraphien (Kaiser, Peyer) wie auch Ref lexe dialektaler Lautungen (Maier, Bommer, Sohm). Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Meier (32'070 Tokens), Meyer (16'311 Tokens) und Staub (4'248 Tokens). Eine ähnliche graphematische Variantenbildung zeigen FamN mit einer anderen etymologischen Vorstufe, nämlich mhd. -æj-. Dazu gehören die FamN Najer, Neier, Neiger, Neyer (zu ahd. nāen, mhd. næjen ‘nähen’), Krayer, Kreier (zu ahd. krāen, mhd. kræ(je)n ‘krähen’) und Dräyer, Dreier, Dreyer, Treier, Treyer (zu ahd. drāen, mhd. dræjen ‘drehen’). Die e-Graphien belaufen sich hier auf 30 Tokens gegenüber 3 Tokens mit a-Graphien. Diese a-Formen treten aber nicht im Osten, sondern in Thunstetten (BE, FamN Dräyer), in Dagmersellen (LU, FamN Najer) und in der Stadt Basel (BS, FamN Krayer) auf. Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 1 (2009: 464-468) werden im Kartenkomplex «Diphthongvarianz ai, ay, ei, ey» auf der Karte 198 Maier, Mayer, Meier, Meyer und auf der Karte 199 Mair, Mayr, Meir, Meyr mit Synkope dargestellt. Die Verteilung weist Norddeutschland als e-Schreiblandschaft und Süddeutschland als a-Gebiet aus. Mitteldeutschland sowie Teile Ostdeutschlands sind leer; im mittleren Deutschland wurde für diesen Beruf das Heteronym Hof(f )mann verwendet (DFA 1 2009: 476). Während in der Schweiz die a-Formen mit 24 Tokens gegenüber e-Graphien mit 640 Tokens um 1800 kaum ins Gewicht fallen, figurieren in Deutschland alle vier Varianten Meier, Meyer, Maier, Mayer unter den 40 häufigsten FamN (Kunze 2004: 198). Betreffend ei oder ey hält Kunze (2004: 157) für Deutschland fest, dass «eine räumliche Verteilung nicht so deutlich ersichtlich» sei. In der Schweiz ist dies ähnlich. 110 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="111"?> In Liechtenstein ist Meier (FLNB II/ 4 2008: 75-78) häufiger - im FLNB II/ 4 (2008) werden Maier, Mayer nicht als Lemmata angeführt, nur Mayerhofer. Die für Liechtenstein angeführten Belegformen werden aber mehrheitlich mit <a> geschrieben (FLNB II/ 4 2008: 75-77) und die Aussprache wird mit offenem a-Laut als m é֭ ֭ i ̯ ǝr angegeben. In Österreich sind gemäss Kunze (2004: 66) und Geogen Austria (2006) Mayer und Mayr die häufigsten Formen, während in Südtirol die synkopierte Form Mair dominiert. 8 Auf der Karte 203 im DFA 1 (2009: 478-485) folgen Baier, Bayer, Beier, Beyer plus Geier mit einem ähnlichen Verteilungsbild; auch hier dominieren a-Schreibungen im Süden und in der Mitte Deutschlands und e-Graphien im Anschluss Richtung Norden. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur ASTAT = Landesinstitut für Statistik (ASTAT) der Autonomen Provinz Bozen - Südtirol (o. J.): So heißt Südtirol. 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VALTS II = Gabriel, Eugen (1994): Vorarlberger Sprachatlas mit Einschluß des Fürstentums Liechtenstein, Westtirols und des Allgäus. Bd. II: Lautgeographie II: Langvokale und Diphthonge, Silbendehnungen und -kürzungen, Konsonantismus. Bregenz: Vorarlberger Landesregierung. Simone Berchtold 8 Anzahl der Personen mit Wohnsitz in Südtirol mit folgenden FamN: Mair 4'424 (häufigster FamN in Südtirol), Mayr 1'433 (Rang 14), Maier 287, Mayer 152, Meyer 28, Meier 22 (ASTAT o. J., Stand 01.02.2023). 1.9 Diphthongwandel von mhd. ei, ou, öu 111 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="112"?> 1.10 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī Schlagwörter: Alemannisch, Auslaut, Digraph, Hiatus, Monograph, Transparenzstatus Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Artikel werden FamN behandelt, die im Stamm etymologisch mhd. ī enthalten wie Giger / Gyger/ Geiger zu mhd. gīgære ‘Geiger’, Schnider/ Schnyder / Schneider zu mhd. snīdære ‘Schneider’ oder Wiss / Wyss / Weiss zu mhd. wīz ‘weiss’. Dieser Monophthong wandelt sich ab dem 12. Jh. regionsabhängig zu einem Diphthong; von Diphthongierungen sind mhd. ū und mhd. iu ebenfalls betroffen (Paul et al. 2007: 67-71). 1 Da die Ergebnisse dieses Wandels Teil der deutschen Standardsprache werden (z. B. mhd. gīgære, hūs, hiuser > nhd. Geiger, Haus, Häuser), wird das Phänomen auch als «neuhochdeutsche Diphthongierung» (Ebert et al. 1993: 64; Paul et al. 2007: 67) bezeichnet. In den alemannischen Dialekten tritt dieser Wandel nicht ein (Paul et al. 2007: 74; König/ Elspaß/ Möller 2019: 146-147; Schmidt 2020: 16). Für die Deutschschweizer FamN gilt es auszuloten, inwieweit sich dieser Wandelprozess in ihrer Schreibung widerspiegelt. Denn die Schreibung der FamN kann einerseits durch Monophthongerhalt, andererseits durch überregionale hochdeutsche Schreibtradition geprägt sein. Es stellt sich die Frage nach räumlichen Mustern im «Nebeneinander von alten, monographischen Schreibungen und neuen, digraphischen Schreibungen» (Elmentaler 2018: 30). Hintergrund: Die Entwicklung von mhd. ī in den alemannischen Mundarten verhält sich parallel zu jener von mhd. ū und mhd. iu: Mhd. ī ist in den alemannischen Mundarten der Schweiz erhalten geblieben (SDS I 1962: Karte 105; VALTS II 1994: Karte 57; Christen 2019: 248). Teilweise davon ausgenommen ist der Vokal bei Stellung im Auslaut wie in mhd. drī, nhd. drei (SDS I 1962: Karte 149; SDS III 1975: Karte 240; VALTS II 1994: Karte 59a) oder im Hiatus wie in mhd. snīen, nhd. schneien (SDS I 1962: Karten 148-151; Wiesinger 1983: 834; VALTS II 1994: Karte 58a; KSDS 2019: 236-237): In den südlicheren Mundarten der Schweiz - beginnend im Kanton Freiburg über den südlichen Teil des Kantons Bern und das Wallis bis in die Innerschweiz -, im Appenzell und in den bündnerischen Walsergebieten spricht man noch drii, schniie oder buue (KSDS 2019: 236). Im restlichen Sprachgebiet ist Diphthongierung im Auslaut und im Hiatus eingetreten. Der Erhalt von mhd. ī in diesen Silbenpositionen ist daher ein Kennzeichen der höchstalemannischen Mundarten (Wiesinger 1983; Haas 2000: 59). 2 Die Beibehaltung der Langvokale ist Teil der seit dem 15. Jh. im Gebrauch befindlichen eidgnossisch Landsprach, die eine überdialektale alemannische Kanzleisprache darstellte (Haas 2000: 113-121). Die Schreibung der Langvokale ist also in den frühneuhochdeutschen Kanzleisprachen der Schweiz üblich und im graphischen System verankert. Zudem werden in dieser Landsprach sowie allgemein im Alemannischen bei den i-Lauten sogar Kurz- und Langvokal unterschieden: «Im Alem. […] des 15. Jh. sind i und y vorübergehend tendenziell funktional geschieden. Es steht i für / i/ und y für / i: / (mhd. / i: / )» (Ebert et al. 1993: 44). Diese funktionale graphische Trennung wird auch vom Basler Lehrmeister Johannes Kolroß (1564: Fol. 8r) in seinem Lehrwerk «Handbüchlin tütscher Orthography» als Regel beschrieben: Solt du hie ein gemeyne regel nemmen. Jn allen ſilben vnd worten / darinnen das i ſin vßſprechlichen kurtz vn(d) behànd hat / do ſolt du allweg das kurtz vnd einfach schrybe(n) / herwiderumb / wo die red starck vn(d) langſam vff das y gadt/ do ſolt du das lang vnd zwyfach y ſchrybe(n). [Du sollst hier eine allgemeine Regel hernehmen: In allen Silben und Wörtern, in denen das i seine Aussprache kurz und behände hat, da sollst du immer das kurze und einfache schreiben; hingegen, wo die Rede stark und langsam auf das y geht, da sollst du das lange und zweifache y schreiben; Übersetzung SB] Kolroß (1564: Fol. 8r) sagt also aus, dass man den Kurzvokal <i>, den Langvokal hingegen <y> schreiben solle, was er selbst in seinem Lehrwerk auch so anwendet (vgl. auch Berchtold 2019: 41 zum Graphem <y>). Auf Folio 6v erklärt Kolroß (1564) jedoch auch, dass das «y an vil enden für ey geſchribe(n)» wird; dies sei in «mererntheyl tütſch lands» der Fall. Das Wissen um die diatopische Varianz kann man - zumindest bei ausgebildeten Schreibern - voraussetzen. Ab Ende des 15. Jh. werden auch in den Schweizer Kanzleien Diphthongschreibungen übernommen. Dies variiert jedoch je nach Ort und Textsorte: In Basel sind Diphthongschreibungen bereits ab 1490 belegt (Haas 1994: 197). Die Eckpunkte fasst Sonderegger (2003: 2854) wie folgt zusammen: «An der Spitze der Entwicklung zur nhd. Kanzleisprache stehen Basel, St. Gallen und Schaffhausen, während Bern und die Innerschweiz (Luzern) nachhinken». 3 Um 1700 ist die Übernahme der neuen Schreibungen im Grossen und Ganzen abgeschlossen und auch in Bern und Luzern werden ab diesem Zeitpunkt die Diphthonge geschrieben (Haas 2000: 125-126; vgl. auch Berchtold/ Graf 2006: 196). Trotz dieser Übernahme haben sich in vielen Fällen alte, monophthongische Schreibungen in FamN erhalten. Auch 1 Generell sei auf die Artikel I-1.11 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ū» und I-1.12 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. iu» verwiesen, da sich die Abschnitte «Gegenstand und Relevanz» sowie «Hintergrund» hier teilweise decken. 2 Die Veränderung im Wortauslaut und im Hiatus wird als ältere Stufe der Diphthongierung angesehen; diejenige in den anderen Positionen als jüngere Entwicklung (vgl. dazu Paul et al. 2007: 67). 3 Eine historische Sondierung des Materials von Ramseyer (unveröffentlicht) im Hinblick auf die Berner Digraphien zeigt, dass in Urbaren des frühen 16. Jh. nur Schreibungen mit <i>, <ÿ> vorhanden sind: Schnider, Snider (Datei «Sch Amt Burgdorf»), 1520er-Jahre Schnÿder (Datei «Sch Amt Aarwangen»), Schnider (Datei «Sch Amt Fraubrunnen» sowie «Sch Bern Mittelland»). Auch führt Ramseyer (1995: 164) den FamN Schnider als Beispiel bei der «Schreibweise des Vokals -i-» in Berner Kanzleien an. Er geht auf die beiden gleichwertigen Schreibungen <i> und <ÿ> für den Langvokal ein, aber Diphthongschreibung wird für das 16. Jh. nicht thematisiert. 112 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="113"?> konnte die Schreibung der FamN noch variieren, sie wurde erst 1876 mit der Einführung der Zivilstandsämter fixiert. Im Ergebnis bleibt bis in die Gegenwart ein Spannungsverhältnis bestehen zwischen mundartnaher Verschriftung mit einer Graphie, die den Langvokal ref lektiert, und standardnahen Diphthongschreibungen, die als «schriftsprachliche Neuerungstendenzen» (Sonderegger 1993: 14) eingeordnet werden können. Fragestellungen: Vor dem erläuterten Hintergrund sind folgende Fragen von Interesse: Wie verteilen sich Monophthong- und Diphthongschreibungen in den FamN historisch und rezent? Decken sich diese Räume mit den sprachhistorischen Gegebenheiten zur Aufnahme der Diphthongschreibungen? Auf der ersten und der zweiten Karte wird das Phänomen als Gesamtes dargestellt. Die darauffolgenden drei Karten bilden dann jeweils eine Teilmenge der ersten Karte ab und gehen der Frage nach, ob es allenfalls für verschiedene Benennungsmotive unterschiedliche Areale gibt. Dazu werden die häufigen Motive BerufsN, ÜberN, BerufsüberN sowie Wohnstätten- und HerkunftsN mit dem Element -wil berücksichtigt. Patronyme werden aufgrund der geringen Typezahl nicht eigens kartiert; sie sind in den ersten beiden Karten enthalten. Die sechste Karte widmet sich analog zum Kartenkomplex im DFA 1 (2009: 376-385) der lexemspezifischen Schreibung von FamN mit dem Bestandteil mhd. īsen. Die siebte Karte schliesslich untersucht die areale Verbreitung von mhd. ī im Auslaut resp. Silbenauslaut oder im Hiatus. Erste und zweite Karte {46, 47}: Familiennamen mit mhd. ī Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle Namen, die etymologisch mhd. ī enthalten. Es werden Kartierungen verschiedener Datenschichten miteinander verglichen: Die erste Karte dokumentiert das Vorkommen der FamN in den historischen Schichten «vor 1800», «19. Jh.» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 4 um ein Bild der frühesten Daten zu erhalten. Ein Token bedeutet hier, dass der Name an einem Ort verzeichnet ist, unabhängig von der Anzahl Personen. Die zweite Karte zeigt die Verbreitung derselben Namen anhand der Einwohnerdaten von 2020 (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS). Hier könnten zwischenzeitliche Binnenmigrationen das Verbreitungsbild verrauschen, doch üblicherweise gleichen die Frequenzen diese Fälle weitgehend aus. Ein Token steht in der rezenten Datenschicht für eine Einwohnerin oder einen Einwohner. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit mhd. ī als <i>, <y>, vor 1800 u. Herkunft: Atzenwiler, Baeriswyl, Bäriswyl, Billwiller, Birrwyler, Brisig, Briw, Brühwiler, Brunschwiler, Brunschwyler, Dätwiler, Dätwyler, Dettwiler, Dettwyler, de Wattenwyl, Dieboldswyler, Dietwiler, Doggwiler, Dogwiler, Duttwiler, Duttwyler, Eggenschwiler, Eggerschwiler, Eggertswyler, Engetschwiler, Karte 46: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ī, vor 1800, 19. Jh. u. Herkunft 4 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 1.10 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī 113 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="114"?> Enggwiller, Fierobe, Fifel, Fiffel, Friberg, Frommenwiler, Fry, Fryberg, Frymann, Gähwiler, Gähwiller, Gartwyl, Gerschwiler, Gerschwyler, Giger, Gosswiler, Goswiler, Grauwiler, Grosswiler, Gutzwiller, Gygax, Gyger, Gygi, Gygli, Gyr, Gysel, Hallwyler, Hättenschwiler, Hättenschwiller, Hauwiler, Huwiler, Huwyler, Ibach, Inwyler, Isch, Ischer, Ischi, Iseli, Iselin, Isely, Isenegger, Isenrich, Isenring, Isenschmid, Itel, Kid, Kyd, Lengwiler, Leutwiler, Leutwyler, Limacher, Liner, Linner, Lisibach, Lyrenmann, Lyrer, Mundtwiler, Mundwiler, Mundwyler, Muntwiler, Muntwyler, Oberwiler, Pfiffer, Pfiffner, Pfyffer, Pfyl, Rankwiler, Rawyler, Rhiner, Rhyner, Rich, Richen, Richener, Richenstein, Richner, Riedwyl, Rihner, Riner, Riser, Roggwiler, Roggwiller, Rychen, Rychener, Rychner, Ryf , Ryff , Ryffel, Ryhiner, Ryhner, Ryser, Ryter, Scheiwiler, Scheiwiller, Schib, Schibler, Schibli, Schittli, Schnarwiler, Schnider, Schnyder, Schriber, Schryber, Schwingruber, Schwitter, Schwitzer, Schwizer, Schwyn, Schwyter, Schwyzer, Snider, Snidro, Sonnenwyl, Sperisen, Spicher, Spieser, Spiri, Spycher, Spyr, Stieger, Stritt, Styger, Toggwiler, Urwyler, von Hallwyl, von Wattenwyl, Vonwil, Vonwiller, Vonwyl, von Wyss, Wädenschwiler, Walperswiler, Wettenschwiler, Wich, Wichert, Wickart, Widler, Widli, Wiedler, Wigert, Wiget, Wiher, Wikart, Wildisen, Wiler, Winzeler, Wiss, Wissmann, Wittenwiler, Wittenwiller, Wyden, Wyder, Wydler, Wyer, Wyher, Wylemann, Wylenmann, Wyler, Wymann, Wyshaupt, Wyss, Wyssbrod, Wyssen, Wysshaar, Wysshaupt, Wyssmann, Wyssmüller, Ziswyler, Zwyer, Zwygart. 194 Types, 800 Tokens. FamN mit mhd. ī als <ei>, <ey>, vor 1800 u. Herkunft: Atzenweiler, Baltensweiler, Baltischweiler, Braunschweiler, Brühweiler, Brunnschweiler, Brunschweiler, Brüschweiler, Dietschweiler, Dingetschweiler, Doggweiler, Domeisen, Dünneisen, Duttweiler, Eggenweiler, Eisen, Eisenbart, Eisenegger, Eisenhut, Eisenlohr, Eisenreich, Eisenring, Engweiler, Etzweiler, Falkeisen, Feierabend, Frei, Freiburghaus, Freienmuth, Freiermuth, Freihofer, Freiholz, Freimann, Freimüller, Freitag, Freivogel, Freudweiler, Frey, Freymann, Freytag, Freyvogel, Gähweiler, Geier, Geiger, Geigy, Geyer, Girschweiler, Gleichner, Gontersweiler, Gossweiler, Grüneisen, Guntersweiler, Halbeisen, Hättenschweiler, Hebeisen, Hegetschweiler, Hermatschweiler, Hermetschweiler, Hertzeisen, Höneisen, Kecheisen, Kindweiler, Leibundgut, Leicht, Leisebach, Leisibach, Lengweiler, Maugweiler, Mundweiler, Neidhardt, Neidhart, Neithard, Neithardt, Neuweiler, Pfeifer, Pfeiffer, Preisig, Preiswerk, Reheis, Reich, Reichen, Reichling, Reiser, Rheiner, Ringeisen, Rottenschweiler, Schaible, Scheiben, Scheibler, Scheibli, Scheier, Scheim, Scheitlin, Schneider, Schreiber, Schreier, Schreyer, Schweingruber, Schweiter, Schweitzer, Schweizer, Singeisen, Speiser, Steigmeier, Steigmeyer, Streckeisen, Streit, Streiter, Thurneysen, Toggweiler, Trautweiler, von Weiss, Wädensweiler, Wartenweiler, Weier, Weiermann, Weiersmüller, Weil, Weilemann, Weilenmann, Weiler, Weingand, Weingart, Weingartner, Weinzürle, Weishaupt, Weiss, Weissbrodt, Weissen, Weisshaupt, Weissmann, Weissmüller, Wey, Weyer, Weyermann, Wittweiler, Zweifel. 19. Jh.: Wildeisen. 138 Types, 897 Tokens. Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 46: Daten zur ersten Karte {46} Abgefragte Namen FamN mit mhd. ī als <i>, <y>: Baeriswyl, Bäriswyl, Billwiller, Birrwyler, Briw, Brühwiler, Brunschwiler, Brunschwyler, Dätwiler, Dätwyler, Dettwiler, Dettwyler, Dieboldswyler, Dietwiler, Doggwiler, Dogwiler, Duttwiler, Duttwyler, Eggenschwiler, Eggerschwiler, Eggertswyler, Engetschwiler, Fierobe, Friberg, Frommenwiler, Fry, Fryberg, Frymann, Gähwiler, Gähwiller, Gartwyl, Gerschwiler, Gerschwyler, Giger, Gosswiler, Grauwiler, Grosswiler, Gutzwiller, Gygax, Gyger, Gygi, Gygli, Gyr, Gysel, Hallwyler, Hättenschwiler, Hättenschwiller, Huwiler, Huwyler, Ibach, Inwyler, Isch, Ischer, Ischi, Iseli, Iselin, Isely, Isenegger, Isenrich, Isenring, Isenschmid, Itel, Kid, Kyd, Lengwiler, Leutwiler, Leutwyler, Limacher, Liner, Linner, Lisibach, Lyrenmann, Lyrer, Mundwiler, Mundwyler, Muntwiler, Muntwyler, Oberwiler, Pfiffer, Pfiffner, Pfyffer, Pfyl, Rankwiler, Rawyler, Rhiner, Rhyner, Rich, Richener, Richner, Riedwyl, Rihner, Riner, Riser, Roggwiller, Rychen, Rychener, Rychner, Ryf , Ryff , Ryffel, Ryhiner, Ryhner, Ryser, Ryter, Scheiwiler, Scheiwiller, Schib, Schibler, Schibli, Schittli, Schnarwiler, Schnider, Schnyder, Schriber, Schryber, Schwingruber, Schwitter, Schwitzer, Schwizer, Schwyn, Schwyter, Schwyzer, Snider, Snidro, Sonnenwyl, Sperisen, Spicher, Spieser, Spiri, Spycher, Spyr, Stieger, Stritt, Styger, Toggwiler, Urwyler, von Wattenwyl, Vonwil, Vonwiller, Vonwyl, von Wyss, Wettenschwiler, Wich, Wichert, Wickart, Widler, Widli, Wiedler, Wigert, Wiget, Wiher, Wikart, Wildisen, Wiler, Winzeler, Wiss, Wissmann, Wittenwiler, Wittenwiller, Wyden, Wyder, Wydler, Wyer, Wylenmann, Wyler, Wymann, Wyss, Wyssbrod, Wyssen, Wysshaar, Wyssmann, Wyssmüller, Zwyer, Zwygart. 174 Types, 81'731 Tokens. FamN mit mhd. ī als <ei>, <ey>: Atzenweiler, Baltensweiler, Braunschweiler, Brühweiler, Brunnschweiler, Brunschweiler, Brüschweiler, Dietschweiler, Dingetschweiler, Doggweiler, Domeisen, Dünneisen, Duttweiler, Eggenweiler, Eisen, Eisenbart, Eisenegger, Eisenhut, Eisenlohr, Eisenreich, Eisenring, Engweiler, Etzweiler, Feierabend, Frei, Freiburghaus, Freienmuth, Freiermuth, Freihofer, Freiholz, Freimann, Freimüller, Freitag, Freivogel, Freudweiler, Frey, Freymann, Freytag, Freyvogel, Gähweiler, Geier, Geiger, Geigy, Geyer, Girschweiler, Gleichner, Gontersweiler, Gossweiler, Grüneisen, Guntersweiler, Halbeisen, Hättenschweiler, Hebeisen, Hegetschweiler, Hermatschweiler, Hermetschweiler, Hertzeisen, Höneisen, Leibundgut, Leicht, Leisebach, Leisibach, Lengweiler, Maugweiler, Mundweiler, Neidhardt, Neidhart, Neithard, Neithardt, Neuweiler, Pfeifer, Pfeiffer, Preisig, Preiswerk, Reich, Reichen, Reichling, Reiser, Rheiner, Ringeisen, Rottenschweiler, Schaible, Scheiben, Scheibler, Scheibli, Scheier, Scheim, Scheitlin, Schneider, Schreiber, Schreier, Schreyer, Schweingruber, Schweiter, Schweitzer, Schweizer, Singeisen, Speiser, Steigmeier, Streckeisen, Streit, Streiter, Thurneysen, Toggweiler, Trautweiler, Wädensweiler, Wartenweiler, Weier, Weiermann, Weiersmüller, Weil, Weilemann, Weiler, Weingand, Weingart, Weingartner, Weishaupt, Weiss, Weissbrodt, Weissen, Weisshaupt, Weissmann, Weissmüller, Wey, Weyer, Weyermann, Wildeisen, Wittweiler, Zweifel. 129 Types, 81'752 Tokens. Datenschicht: 2020 (alle Typen) Kreise 8-40, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Flächen 5-55, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 47: Daten zur zweiten Karte {47} 114 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="115"?> Detailangaben zur Namenauswahl: 5 Das kartierte Sample kam durch eine Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 15.03.2023) nach dem Graphem <ī> im Beschreibungstext zustande. Die Trefferliste wurde anschliessend manuell bereinigt. Das Sample umfasst Patronyme (Eisenbart, Isenrich), ÜberN (Streit, Wyss), BerufsüberN (Dünneisen, Isenring), BerufsN (Schneider, Schryber), WohnstättenN (Rhiner, Weyer) und HerkunftsN (Schweizer, Schwitter). Enthalten sind auch solche Namen, deren Benennungsmotiv zwar uneindeutig ist, die sich aber einem einschlägigen Etymon oder mehreren einschlägigen Etyma mit mhd. ī zuordnen lassen (Ryf(f ), Scheim, Schib). Berücksichtigt wurden zudem alle FamN, die das Element -wil enthalten. FamN mit dem Suffix -lin, -lein werden hier nicht behandelt, vgl. dazu den Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l- Diminutiven». Ausgeschlossen wurde der FamN Vollenweider, der auf dem Toponym Vollenweid basiert (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 7022758), dem mhd. weide ‘Weide’ zugrunde liegt; bei der Variante Vollenwyder ist nicht klar, ob hier volksetymologischer Anschluss an mhd. wīde ‘Weide, Salix’ vorliegt. Ebenfalls ausgeschlossen wurden die Namen Freidig und Frydig (beide im Berner Oberland), da sie auf das Toponym Freudige(n) zurückgehen, dem ein althochdeutscher Ruf N Fraido (BENB I/ 1 1976: Sp. 165) zugrunde liegt. Reinert und Rinert sind Varianten zu Reinhard und gehören dementsprechend nicht in dieses Sample. Dithematische Patronyme mit dem zweiten Element ahd. rīchi wie Friedrich wurden nicht kartiert, da «mhd. -rīch in Eigennamen mit kurzem i erscheint» (Bach 1952: 39) und diese Namen somit nicht der Diphthongierung unterliegen. Aufgrund unklarer resp. mehrdeutiger Etymologien wurden auch die folgenden Namen ausgeschlossen: Cisli, Geiler, Lymann, Rieser, Rimer, Risser, Spirig, Weidenmann, Wiedemann, Wiede(n)meier, Wiedmann, Zeilbeer und Zinsli. Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass es Gebiete gibt, die als deutliche Monophthongresp. Diphthongräume hervortreten: So werden v. a. das Wallis und die Zentralschweiz als Monophthongraum erkennbar. In den Kantonen Freiburg und Solothurn, im nördlichen Gebiet des Kantons St. Gallen und im südlichen Aargau ist dieser Typ ebenfalls vorherrschend. Die Formen Snider und Snidro sind im tessinischen Cavagnago alteingesessen, Giger in der rätoromanischen Surselva (GR). Demgegenüber tritt ein Gebiet ausgehend vom St. Galler Rheintal bis in den Nordwesten mit Ausläufern nach Delémont ( JU) hervor, in dem Digraphien häufiger sind. Der Kanton Glarus und insbesondere der Kanton Bern zeigen sich als Mischgebiete: Digraphien sind gemäss Flächenfärbung zwischen Thun und Kandersteg dominierend; dieses Gebiet wird westlich, östlich und südlich von monographischen Schreibungen begrenzt. Im Emmental sind ebenfalls diphthongische Graphien vorherrschend. Als Beispiel für das Nebeneinander beider Schreibformen seien für den Kanton Bern die Karte 47: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ī, 2020 5 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 1.10 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī 115 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="116"?> zwei häufigsten FamN aus dem vorliegenden Sample genannt, die an der Ausbildung dieser Monophthong- und Diphthonggebiete beteiligt sind: Wyss ist mit 45 Tokens der häufigste Vertreter der monographischen Schreibung und Schneider mit 44 Tokens derjenige der digraphischen Schreibung. Dieses ausgeglichene Verhältnis von Wyss und Schneider spiegelt sich auch in der Gesamttokenzahl des kartierten Samples wider: Mit 800 (47,1 %) monographischen Namenformen zu 897 (52,9 %) digraphischen ist das Verhältnis nahezu ausgewogen. In der zweiten Karte zeigt sich anhand höherer Datenmengen eine noch etwas deutlichere Gebietsbildung: Nördlich einer Linie etwa von Buchs (St. Galler Rheintal) bis nach Laufen (BL) überwiegt die diphthongische Schreibung, südlich davon (mit Ausnahme Graubündens) die monophthongische. Sämtliche Gebiete weisen jedoch beide Varianten auf, was einerseits auf Binnenmigration und andererseits auf ein schon historisch bestehendes Nebeneinander beider Formen (vgl. erste Karte) zurückgehen kann. Beide Typen halten sich auch in den rezenten Daten die Waage: 81'731 Monophthongstehen 81'752 Diphthongschreibungen (Tokens) gegenüber. Insgesamt zeigen sich auf beiden Karten Ref lexe des oben beschriebenen historischen Hergangs, dass Basel, St. Gallen und Schaffhausen die diphthongische Schreibung früher, der Kanton Bern und die Innerschweiz sie erst später übernahmen. Dritte Karte {48}: Berufsnamen mit mhd. ī Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle einschlägigen FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die im Wortstamm etymologisch mhd. ī enthalten und dem Benennungsmotiv der BerufsN zuzuordnen sind. Auf einen Vergleich von Zeitschichten wird hier wie im Folgenden verzichtet, da die Daten von 2020 in diesen Fällen keinen Erkenntniszugewinn ergeben. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen BerufsN mit mhd. ī als <i>, <y>: Giger, Gyger, Isenschmid, Isler, Liner, Linner, Lyrenmann, Lyrer, Pfiffer, Pfiffner, Pfyffer, Ritter, Rittner, Ryter, Schnider, Schnyder, Schriber, Schryber, Snider, Snidro, Spieser, Winzeler, Wymann. 23 Types, 227 Tokens. BerufsN mit mhd. ī als <ei>: Geiger, Pfeifer, Pfeiffer, Schneider, Schreiber, Speiser, Weinmann, Weinzürle. 8 Types, 187 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-55, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 48: Daten zur dritten Karte {48} Karte 48: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ī in BerufsN, vor 1800 u. Herkunft 116 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="117"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst neben häufigen BerufsN wie Schnider, Schnyder, Snider, Snidro und Schneider, die alle auf mhd. snīdære ‘Schneider’ zurückgehen, auch seltene Namen wie Weinzürle zu mhd. wīnzürl(e) für den Winzer oder Lin(n)er zu mhd. līn ‘Lein, Flachs’ für den Leinenweber. Ausgeschlossen wurde Wyssmüller, da nicht entschieden werden kann, ob es sich um einen Berufs- oder einen ÜberN handelt. Kommentar: Beim Benennungsmotiv der BerufsN dominieren Graphien mit <i> oder <y> v. a. in der südlichen Landeshälfte (Berner Oberland, VS), in der Zentralschweiz, im aargauischen Freiamt (Bezirk Muri, Wohlen) und auch in St. Gallen. Was im Kommentar zur ersten Karte bereits für den Kanton Bern exemplarisch ausgeführt wurde, bestätigt sich auch hier: Die Areale mit ei-Graphie werden in der Deutschschweiz hauptsächlich vom FamN Schneider gebildet. Mit 139 Tokens ist er mit Abstand der häufigste Name in diesem Sample, die Pendants Schnyder (32 Tokens) und Schnider (23 Tokens) erreichen nicht diese Frequenz. Anders hingegen zeigt sich das Verhältnis bei den Dubletten zum häufigsten BerufsN mit i- Graphie: Giger mit 49 und Gyger mit 11 Tokens sind frequenter als Geiger mit 12 Tokens. Bei den BerufsN erreichen die i-/ y-Graphien mit 23 zu 8 (74,2 % zu 25,8 %) zwar eine höhere Typefrequenz als die Namen mit ei-Graphien. Die Tokenfrequenz unterscheidet sich mit 227 zu 187 aber lediglich um 5 %. Vierte Karte {49}: Über- und Berufsübernamen mit mhd. ī Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle einschlägigen FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die im Wortstamm etymologisch mhd. ī enthalten und den Benennungsmotiven der ÜberN und BerufsüberN 6 zuzuordnen sind. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen ÜberN/ BerufsüberN mit mhd. ī als <i>, <y>: Briw, Fifel, Fiffel, Gygax, Gygi, Gygli, Gyr, Gysel, Itel, Kid, Kyd, Lisibach, Lyrer, Pfyl, Rich, Schib, Schittli, Schwyn, Spiri, Spyr, Stritt, von Wyss, Wiss, Wissmann, Wyss, Wyssbrod, Wyssen, Wysshaar, Wyshaupt, Wysshaupt, Wyssmann. 31 Types, 195 Tokens. ÜberN/ BerufsüberN mit mhd. ī als <ei>, <ey>: Feierabend, Freitag, Freytag, Geier, Geyer, Gleichner, Leibundgut, Leisebach, Leisibach, Preiswerk, Reich, Scheim, Scheitlin, Streit, Streiter, von Weiss, Weishaupt, Weiss, Weissbrodt, Weisshaupt, Weissmann, Zweifel. 22 Types, 123 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Karte 49: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ī in Über- und BerufsüberN, vor 1800 u. Herkunft 6 BerufsüberN werden hier Kohlheim (2011: 252) folgend nicht als «Sondergruppe innerhalb der Berufsnamen», sondern als «berufsmotivierte Übernamen» eingeordnet. 1.10 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī 117 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="118"?> Flächen 15-50, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 49: Daten zur vierten Karte {49} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst einerseits ÜberN wie Gygax zu schwzdt. Gīgax ‘wer gluckst wie ein Huhn’ nach der Sprechweise, Streit/ Stritt zu mhd. strīt ‘Streit mit Worten (Zank) oder mit Waffen (Kampf )’ oder Weiss / Wyss zu mhd. wīz ‘weiss’ mit Bezug auf Haut- oder Haarfarbe. Andererseits sind auch BerufsüberN im Sample enthalten wie Pfyl zu mhd. pfīl für den Hersteller von Pfeilen, Leisibach / Lisibach zu schwzdt. līsbache(n) ‘schwach gebacken’ sowie Wyssbrod für den Bäcker. Kommentar: Bei den ÜberN und BerufsüberN fällt auf, dass die Räume mit ei-/ ey-Graphien quantitativ deutlich kleiner sind als jene mit i-/ y-Schreibungen. Die abgebildeten Räume stimmen insofern mit jenen auf der ersten Karte überein, als im Nordosten ei-Graphien verdichtet auftreten. Der Raum mit Monophthonggraphien ist im Westen der Deutschschweiz allerdings deutlich geschlossener. Gerade im Kanton Bern zeigen sich - im Gegensatz zum Bild auf der ersten sowie der dritten Karte und übereinstimmend mit den neueren Daten auf der zweiten Karte - weniger Diphthongschreibungen. Die auffällige Anzahl Belegorte mit ei- / ey-Schreibungen südlich der Stadt Bern (zwischen Köniz und Höfen BE) ist dem FamN Streit geschuldet. Der weitaus häufigste Name in diesem Sample ist Wyss mit 112 Tokens, gefolgt von Wiss mit 17 Tokens. In Adelboden (BE) treten Weis(s)haupt und Wys(s)haupt als Bündel auf, wobei die Namenträger: innen alle um 1753 aus Teufen (AR) eingebürgert wurden (e-FNB 1989: s. v. Weis(s)haupt, Wys(s)haupt). In Teufen (AR) selbst ist der Name um 1800 als Weishaupt alteingesessen. Die Graphien Wyshaupt und Wysshaupt kommen nur in Adelboden (BE) vor und ref lektieren wohl die gesprochene Form des Namens. Das Vorkommen der vier Varianten könnte Schreibzufall sein oder aber darauf zurückgehen, dass sich die eingewanderten Familien durch die Schreibung des Namens voneinander abgrenzen wollten und die unterschiedlichen Schreibungen - auch im Konsonantismus mit <s> und <ss> - zur Differenzierung nutzten. Fünfte Karte {50}: Wohnstätten- und Herkunftsnamen mit dem Element Wil Namenauswahl: Kartiert werden hier jene FamN der ersten Karte, die mit dem Wort Wil und seinen Varianten Wiler, Wyl, Wyler gebildet sind. Etymologisch liegt hier ahd. wīlāri zugrunde; zur Herleitung s. u. Wil ist ein Charakteristikum der Deutschschweizer Ortsnamenlandschaft und tritt in SiedlungsN als Simplex Wil, Wiler sowie als Grundwort wie in Bäriswil oder Dieboldswyler auf. 7 Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Karte 50: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ī in FamN mit Wil, vor 1800 u. Herkunft 7 Kilchmann (2022: 70) identifiziert in ihrer Untersuchung zu SiedlungsN der Deuschschweiz den Typus -wil mit insgesamt 377 Namen als «die umfangreichste Gruppe des Datenmaterials». 118 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="119"?> Abgefragte Namen Typ wil, wyl: Atzenwiler, Baeriswyl, Bäriswyl, Billwiller, Birrwyler, Brühwiler, Brunschwiler, Brunschwyler, Dätwiler, Dätwyler, Dettwiler, Dettwyler, de Wattenwyl, Dieboldswyler, Dietwiler, Doggwiler, Dogwiler, Duttwiler, Duttwyler, Eggenschwiler, Eggerschwiler, Eggertswyler, Engetschwiler, Enggwiller, Frommenwiler, Gähwiler, Gähwiller, Gartwyl, Gerschwiler, Gerschwyler, Gosswiler, Goswiler, Grauwiler, Grosswiler, Gutzwiller, Hallwyler, Hättenschwiler, Hättenschwiller, Hauwiler, Huwiler, Huwyler, Inwyler, Lengwiler, Leutwiler, Leutwyler, Mundwiler, Mundtwiler, Mundwyler, Muntwiler, Muntwyler, Oberwiler, Rankwiler, Rawyler, Riedwyl, Roggwiler, Roggwiller, Scheiwiler, Scheiwiller, Schnarwiler, Sonnenwyl, Toggwiler, Urwyler, von Hallwyl, von Wattenwyl, Vonwil, Vonwiller, Vonwyl, Wädenschwiler, Walperswiler, Wettenschwiler, Wiler, Wittenwiler, Wittenwiller, Wylemann, Wylenmann, Wyler, Ziswyler. 77 Types, 192 Tokens. Typ weil: Atzenweiler, Baltensweiler, Baltischweiler, Braunschweiler, Brühweiler, Brunnschweiler, Brunschweiler, Brüschweiler, Dietschweiler, Dingetschweiler, Doggweiler, Duttweiler, Eggenweiler, Engweiler, Etzweiler, Freudweiler, Gähweiler, Girschweiler, Gontersweiler, Gossweiler, Guntersweiler, Hättenschweiler, Hegetschweiler, Hermatschweiler, Hermetschweiler, Kindweiler, Lengweiler, Maugweiler, Mundweiler, Neuweiler, Rottenschweiler, Toggweiler, Trautweiler, Wädensweiler, Wartenweiler, Weil, Weilemann, Weilenmann, Weiler, Wittweiler. 40 Types, 97 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-65, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 50: Daten zur fünften Karte {50} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst Wohnstätten- und HerkunftsN, die auf SiedlungsN beruhen, die mit dem Namenbestandteil Wil(er) gebildet sind. Weil-Formen wurden auf Kartenwerken v. a. zwischen 1600 und 1800 verzeichnet (Kistler 2020: 189), kommen aber auf den gegenwärtigen Landeskarten nicht mehr vor. Für das Nebeneinander von Wiler und Wil in SiedlungsN wird in der älteren Forschung eine lautliche Abschwächung im Auslaut angenommen -wiler > -wilre > -wil(l)e; in der neueren Forschung wird eine Ablösung von -wiler (< ahd. wīlāri, lat. vīllāre) durch mhd. wīle (< lat. villa) erwogen (Id. 15 1881 ff.: Sp. 1258-1261; zur Geschichte und Verbreitung des Typs vgl. TNB 1 2003: 118-122; Kistler 2020: 180; Kilchmann 2022: 70-75). Ausgeschlossen wurde der Name Mugwyler, der gemäss RNB 3 (1986: 585) ein HerkunftsN zum vorarlbergischen ÖrtlichkeitsN Muggenbill ist. Kommentar: Die fünfte Karte zeigt, dass der Namentyp insgesamt im Mittelland (vom Kanton Freiburg bis nach St. Gallen) einen klaren (Gross-)Raum bildet. Während die monographischen Schreibungen im Westen, im Nordwesten, in der Zentralschweiz sowie im Kanton St. Gallen einen Raum etablieren, ist davon ein zusammenhängendes Gebiet zu trennen, in dem Digraphien dominieren. Dieses Gebiet umfasst v. a. die Kantone Zürich (die Linie im Süden und Westen entspricht der Kantonsgrenze) und Thurgau, daneben auch die Ortspunkte Herisau (AR), Waldstatt (AR), Laufenburg (AG) und die Stadt Basel (BS). Dieses Bild unterscheidet sich von dem der SiedlungsN: In dieser Namenklasse sind keine ei-Formen vorhanden. Gemäss Kilchmann (2022: 71) ist -wil der Normaltyp in der gesamten «Deutschschweiz nördlich der Alpen mit einer grossen Dichte in der Ostschweiz» (vgl. Abbildung 14 in Kilchmann 2022: 73); dies wird von Kistler (2020: 187) für Bern bestätigt. Die Schreibung der FamN geht in Teilen der Nordostschweiz also einen anderen Verschriftungsweg, indem die Diphthongschreibung übernommen wird. Dies hängt wohl mit der eingangs skizzierten frühen Aufnahme der Digraphien in diesem Gebiet zusammen. 1.10 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī 119 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="120"?> Sechste Karte {51}: Familiennamen mit mhd. īsen Namenauswahl: Auf der sechsten Karte werden FamN aus den Schichten «vor 1800», «19. Jh.» und «Herkunft» kartiert, die mhd. īsen ‘Eisen’ enthalten. Formal tritt Eisen als Bestimmungswort (Isenschmid ), als Derivationsbasis (Iseli) oder als Grundwort (Kecheisen) auf. Die Karte bildet das Pendant zu den Karten 165-168 im DFA 1 (2009: 376-385) und wird auch mit diesen verglichen. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Typ isen, vor 1800 u. Herkunft: Iseli, Iselin, Isely, Isenegger, Isenrich, Isenring, Isenschmid, Sperisen, Wildisen. 9 Types, 52 Tokens. Typ eisen, eysen, vor 1800 u. Herkunft: Domeisen, Dünneisen, Eisenbart, Eisenegger, Eisenhut, Eisenlohr, Eisenreich, Eisenring, Falkeisen, Grüneisen, Halbeisen, Hebeisen, Hertzeisen, Höneisen, Kecheisen, Reheis, Ringeisen, Singeisen, Streckeisen, Thurneysen. 19. Jh.: Wildeisen. 21 Types, 39 Tokens. Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 51: Daten zur sechsten Karte {51} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Eisenbart, Isenrich), ÜberN (Hertzeisen, Höneisen), BerufsüberN (Domeisen, Isenring), BerufsN (Isenschmid ) und WohnstättenN (Eisenlohr, Isenegger). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutiger motivischer, aber eindeutiger etymologischer Zuordnung (Halbeisen, Iseli, Iselin, Isely). Ausgeschlossen wurde Mengisen mit unklarer Etymologie. Kommentar: Als Namenbestandteile erscheinen -isen und -eisen / -eysen mehrheitlich in der nördlichen Landeshälfte, lassen aber keinen zusammenhängenden Raum erkennen. Die Verteilung von Monophthong- und Diphthongschreibungen lässt sich folgendermassen beschreiben: Während im Nordosten (ZH, TH, SG, AR, AI) beide Schreibungen auftreten (z. B. Eisenreich und Isenrich in Wuppenau TG), sind es im Nordwesten (BS, BL, JU) vermehrt Schreibungen mit <ei> (z. B. Hertzeisen in Glovelier JU). Die beiden südlichsten Ortspunkte sind im Osten Stierva (GR) mit Reheis und im Westen Diemtigen (BE) mit Grüneisen. Im Berner Mittelland mit einem Zentrum im unteren Emmental lässt sich ein geballtes Vorkommen des Namens Iseli feststellen. Im oberen Emmental hingegen treten die FamN Hebeisen und Wildeisen auf. Der Ortspunkt im Waadtland geht auf den Namen Isely zurück, dessen Namenträger: innen vor 1800 nachweislich aus Mühleberg (BE) eingebürgert wurden (e-FNB 1989: s. v. Isely). Auf der Vergleichskarte 165 im DFA 1 (2009: 376) tritt in Deutschland neben dem Ruhrgebiet im Norden v. a. Baden im Südwesten als Isen-Gebiet hervor. Auf den Nebenkarten 166 Eisenmann / Isenmann (DFA 1 2009: 380) und 168 Eisele / Isele (DFA 1 2009: 382) dominieren dementsprechend in Baden die monopthongischen Schreibungen; gemessen an den diphthongischen Formen sind sie aber deutlich seltener. Karte 51: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ī in FamN mit mhd. īsen, vor 1800, 19. Jh. u. Herkunft 120 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="121"?> Siebte Karte {52}: Mhd. ī im (Silben-)Auslaut oder im Hiatus Namenauswahl: Ausgewählt wurden FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die etymologisch mhd. ī im Auslaut resp. Silbenauslaut oder im Hiatus enthalten. Da dieses Phänomen zur Binnengliederung des Alemannischen in der Schweiz herangezogen wird, soll es auch in den FamN untersucht werden. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit mhd. ī im Auslaut/ Hiatus als <i>, <y>: Friberg, Fry, Fryberg, Frymann, Krienbühl, Wiher, Wyer, Wyher, Zwyer, Zwygart. 10 Types, 21 Tokens. FamN mit mhd. ī im Auslaut/ Hiatus als <ei>, <ey>: Frei, Freiburghaus, Freienmuth, Freiermuth, Freihofer, Freiholz, Freimann, Freimüller, Freivogel, Frey, Freymann, Freyvogel, Scheier, Schreier, Schreyer, Weier, Weiermann, Weiersmüller, Wey, Weyer, Weyermann. 21 Types, 312 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 25-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 52: Daten zur siebten Karte {52} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst v. a. ÜberN (Frei, Freiermuth, Freivogel ) neben WohnstättenN (Freiholz, Weyermann) und HerkunftsN (Freiburghaus). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutiger Motivzuordnung (Friberg, Weiersmüller, Zwyer). Mit unklarer Etymologie wurden Briner, Bryner und Fey ausgeschlossen. Kommentar: Die siebte Karte zeigt, dass die ei- / ey-Schreibungen im gesamten Mittelland und Alpenvorland vorkommen - auch dort, wo mhd. ī dialektal im Auslaut erhalten ist wie in den Kantonen Freiburg, Uri und Graubünden sowie im westlichen Berner Oberland (vgl. SDS I 1962: Karte 149 zu mhd. ī im Auslaut von Blei). Gemessen an den Tokens (312 gegenüber 21 Ortspunkte) ist die Schreibung des Diphthongs der Normalfall. Der Erhalt des Langvokals in der Schriftform ist einerseits auf nicht-deutschsprachige Gebiete beschränkt: So ist die Form Fry in den rätoromanischsprachigen Gemeinden Disentis/ Mustér (GR) und Somvix (GR) sowie im italienischsprachigen Quinto (TI) alteingesessen. 8 Hier hat sich offenbar eine ältere Schreibung erhalten, die in den deutschsprachigen Gebieten ersetzt wurde. Andererseits scheint das Vorkommen im Bestimmungswort von Komposita wie Friberg, Fryberg (beide in der rätoromanischen Surselva GR) sowie Krienbühl, Zwygart oder auch im abgeleiteten Frymann (ZH) die ältere Form zu konservieren. Dass in Ableitungen Karte 52: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ī im (Silben-)Auslaut oder im Hiatus, vor 1800 u. Herkunft 8 Ähnlich verhält es sich beim Namen de Buman im freiburgisch-französischen Belfaux und in der Stadt Freiburg, vgl. Artikel I-1.11 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ū». 1.10 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī 121 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="122"?> eine ältere Aussprache erhalten ist, wird auch durch die notierten Dialektformen gestützt: Die Aussprache des FamN Frei wird von Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 63) als «Frei» mit Diphthong angegeben, jene für Freimann, Freymann hingegen als «Friime», also mit Monophthong [iː] (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 66). Hier sind <ei> und <ey> demnach nur Schreibformen, da dialektal der Monophthong erhalten ist. Um die Ausbreitung der Schreibung <ei>/ <ey> nachzuzeichnen, wurde eine historische Sondierung in den regionalen Namenbüchern mit Belegen für Fry - Frey vorgenommen. Diese zeigt Folgendes: Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 63) 9 führen für den Namen Frei, Frey Belegreihen von 1200 bis 1782 im Kanton Zürich an. Bis in die Mitte des 16. Jh. überwiegen die Schreibung <Fry> mit <y> und Varianten wie <Frig>, <Fryg> 10 deutlich; danach dominiert <Frey>. Die erste gesicherte ei-Schreibung ist 1393 Adelheid Frei in Rorbas. Baumgartner (1983: 279) führt für Zürich lediglich eine Form im Genitiv an: 1253 Vrien. Fähndrich (2000: 132-134) verzeichnet in seiner Hauptquelle - die Jahrzeitbücher von St. Michael in Zug, die den Zeitraum von 1380 bis 1612 abdecken - keine Schreibung mit <ei> oder <ey>: In den Belegen treten frigo, Frÿen, Frÿ, Frÿg, Frijn, Fryn auf; dasselbe gilt für Freimann (Fähndrich 2000: 134-135). Für Liechtenstein wird ein Beleg von 1517 mit fry angeführt, ab 1529 scheinen Freÿ-Schreibungen vorzuherrschen (FLNB II/ 3 2008: 228); als Aussprachen werden notiert: fr é֭ ֭ i ̯ , frẹ´i ̯ für Frei und fr é֭ ֭ i ̯ man für Freimann. Im Material Ramseyers (unveröffentlicht) für das Gebiet des Kantons Bern sind die ausgewählten Belege bei den Namen Fry, Frei durchwegs mit <y> oder <ÿ> wiedergegeben. In Chur (GR) wird bereits 1255 Fridericuſ de Freiberg notiert (RNB 3 1986: 503). Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass in den Schreibungen der FamN bis in die Frühe Neuzeit monographische Realisierungen vorherrschen und erst danach Digraphien einsetzen. Ergebnisse Die sieben Karten zeigen Raumbilder der Datenschichten «vor 1800», «19. Jh.», «Herkunft» sowie «2020» zu FamN, die mhd. ī enthalten. Haupttyp für die graphische Wiedergabe des Monophthongs ist die Graphie <y>, für den Diphthong hat sich die Schreibung <ei> etabliert. Die Gebiete im Wallis, in der Zentralschweiz, im südlichen St. Gallen und in Graubünden halten stärker an der monographischen Schreibung fest, während die nördlichen, v. a. die nordöstlichen Kantone als Digraphiegebiet beschrieben werden können. Diese Räume decken sich z. T. mit den sprachhistorischen Räumen zur Aufnahme der Diphthongschreibungen: Im Nordwesten mit Basel und im Nordosten mit St. Gallen und Schaffhausen als städtischen Zentren sind die neuen Schreibungen in den dortigen Kanzleien ab Anfang des 17. Jh. etabliert (Sonderegger 2003: 2854). In den Berner, Zürcher und Luzerner Kanzleisprachen ist die Übernahme der Digraphien - verglichen mit Basel, St. Gallen, Schaffhausen - relativ spät, nämlich erst in der zweiten Hälfte des 17. Jh. und Anfang des 18. Jh. abgeschlossen (Sonderegger 2003: 2854). Während die Region Zürich graphisch vermehrt Diphthonge zeigt, sind diese in der Zentralschweiz nicht umfassend auf die Schreibung der FamN übertragen worden. Teile des Kantons Bern zeigen sich in diesem Punkt als Mischgebiet mit einer auffallend hohen Zahl an digraphischen Schreibungen. Diese Schreibungen treten nicht nur in Bern, sondern generell in der Schweiz auffallend häufig beim BerufsN Schneider auf. Demgegenüber ist bei ÜberN und BerufsüberN die westliche Deutschschweiz - zwar nicht exklusiv, aber doch markant - als monographische Schreiblandschaft einzuordnen und es kann in der Tendenz von einer Ost-West-Verteilung der Graphien gesprochen werden. Auch hier dominiert ein Name, nämlich Wyss, das Kartenbild. Besonders konturiert treten die Räume in der fünften Karte zu den Wohnstätten- und HerkunftsN mit Wil/ Weil hervor. Da diese FamN auf Toponymen mit dem Bestandteil Wil/ Weil beruhen, könnte hier Schreibtreue gegenüber der Schreibung der Toponyme wirken: In dieser Namengruppe überwiegt die monographische Realisierung, die auch bei den Toponymen dominant ist, auch wenn die Schreibpraktiken bei Toponymen über die Jahrhunderte gewechselt haben, wie Kistler (2020) darstellt. Die Frage, ob es für verschiedene Benennungsmotive unterschiedliche Areale gibt, kann somit teilweise bejaht werden. Obwohl in allen drei untersuchten Gruppen die monographischen Schreibungen vorherrschen, offenbaren die Frequenzverhältnisse lexemspezifische Unterschiede, wie sie oben diskutiert wurden. Gründe für die Übernahme der Digraphien in FamN werden in den historischen Quellen nicht explizit ausgeführt. Kully (2009: 371) bemerkt zu diesem Schreibusus: «[D]urch die Teilhabe an der deutschen Schriftsprache wurden seit dem 17. Jh. zahlreiche Namen an das vornehmere Nhd. adaptiert und oberf lächlich diphthongiert oder monophthongiert». Er führt demnach eine pragmatische Erklärung an: Die Diphthongierung erfolgt an der «Namenoberf läche» aufgrund einer höheren Wertigkeit der neuhochdeutschen Schriftformen, die je nach Region ab dem 16. Jh. vorhanden sind. Kolroß (1564) wertet die Schreibungen im 16. Jh. allerdings nicht; er führt sie als gleichwertige Varianten an. Einen anderen Hinweis, warum in den Namen - konkret im FamN Zaeslein, aber auch in Weiss und Weitnauer - Diphthonge geschrieben wurden, liefert der Basler Zaeslein (1980: 215): Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die grosse Zahl von Handelsherren in der Familie und deren intensiver Handel mit Süddeutschland und dem Elsass in der Schriftsprache die Diphthongierung des Diminutivsuffixes zur Folge hatte. Die mehr stadtorientierten Familienmitglieder dagegen führten das -lin, so dass seit dem 17. Jahrhundert die beiden Schreibweisen innerhalb der Familie nebeneinander gefunden werden. Zaeslein (1980: 215) zufolge hatten die wirtschaftlichen Kontakte der Familie und somit die geographische Ausrichtung der Namenträger: innen einen Einf luss auf die Schreibung: Je grossräumiger man interagierte, desto eher übernahm man die Diphthongschreibungen; je kleinräumiger man orientiert war, desto eher blieb man bei der bisherigen Namenform. 11 Während dialektal ausser im (Silben-)Auslaut und im Hiatus langes ī erhalten ist, weichen die Namenräume ab, indem sie teilweise eine digraphische Schreibung aufnehmen. Darin zeigt sich die Anpassung an die sich herausbildende überregionale Schreibsprache 9 Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 20) schreiben zur Wiedergabe der historischen Belegformen: «Buchstabengetreue Zitate sind kursiv, andere gerade gesetzt; im Zweifelsfalle ist gerade Schrift gewählt». 10 Die Schreibung mit <g> ist im Alemannischen nach ei und ī «beliebt» (Paul et al. 2007: 145). 11 Die Namensänderung von Schweizer in Schwyzer im Jahr 1899 wird von Schwyzer (1951: 24-25) für die Familie des Philologen und Sprachwissenschaftlers Eduard Schwyzer erwähnt; die Familie benötigte dazu eine regierungsrätliche Bewilligung. 122 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="123"?> im deutschsprachigen Raum. Die digraphische Variante hat grundsätzlich keine Grundlage im Gesprochenen, wird jedoch fallweise in die Aussprache der FamN übernommen (vgl. Christen 2006; Christen 2007). Zum Verhältnis von Schreibung und Aussprache der einschlägigen Namen böten sich weitere Studien an. An Nebenbefunden lassen sich zwei graphematische Aspekte nennen: 1. In den ausgewählten Namen werden die Entsprechungen für mhd. ī als Monograph <i>, <y> sowie als Digraph <ei>, <ey> geschrieben. Auffallend ist, dass es mit <y> und <i> zwei Varianten gibt, die einer Namenform mit Digraph <ei> gegenüberstehen wie Schriber und Schryber neben Schreiber. Das Graphem <y> ist die weitaus häufigere Schreibweise für den Langvokal (vgl. 112 bzw. 12'265 Tokens für Wyss und 17 bzw. 405 Tokens für Wiss, jeweils «vor 1800» und «Herkunft» bzw. «2020»), was mit der eingangs skizzierten Verwendung von <y> für [iː] zu erklären ist. Die Graphie <ey> kommt v. a. im Auslaut wie in Frey vor, steht aber ansonsten häufiger für mhd. ei wie in Meyer oder Peyer. 12 2. Das Auftreten der älteren, monographischen Schreibung ist durch folgende Umstände begünstigt: a. die Lage in südlichen Gebieten wie dem Wallis und der Zentralschweiz, die sich hier schreibkonservativer (im Hiatus und im Auslaut auch lautkonservativer) zeigen; b. bei Konservierung einer älteren Namenform in romanischsprachigen Landesteilen; c. bei Einbettung des Monophthongs im Erstglied eines Kompositums oder in einem Toponym. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Schneider (17'138 Tokens), Frei (13'758 Tokens) und Wyss (12'265 Tokens). Sie gehören allesamt zu den häufigsten FamN der Schweiz überhaupt; vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Zwischen der Schreibung von FamN und FlurN zeigen sich Parallelen: Berchtold/ Graf (2006) untersuchen die Schreibung von FlurN v. a. in den Kantonen Thurgau, Zürich und St. Gallen hinsichtlich verschiedener frühneuhochdeutscher Phänomene, so auch der frühneuhochdeutschen Diphthongierung. Sie eruieren, dass die nordöstlichen Kantone auch bei der Schreibung von Toponymen früh Digraphien aufnehmen und gelangen zu dem Fazit, dass sich die Schreibung der FlurN als progressiv erweist (Berchtold/ Graf 2006: 202). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 1 (2009: 376-411) wird die Monophthong-/ Diphthongvarianz i(e), ei auf den Karten 165-178 dargestellt. Als Vergleichskarten sei explizit auf die Karten 165-168 zum Typ Isen verwiesen (DFA 1 2009: 376-385). Ausblick Im Folgenden seien einige Beobachtungen aufgeführt, die die Schreibung und den Transparenzstatus von FamN verbinden. Die Struktur von Namen ist, gemessen an den zugrunde liegenden Appellativen, in unterschiedlichem Masse transparent: Sie bewegt sich auf einer Skala zwischen potenziell motivierbar bis opak; die Zwischenstadien sind voll-, semi- und partiell transparent (Nübling 2005; Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 54-56). D. h., dass Namen wie Pfifer, Pfeifer oder Murer, Maurer potenziell motivierbar sind, denn der Name Pfifer oder Murer kann bei Referenz auf eine Person mit dem Appellativ Pfifer ‘jemand, der pfeift’ oder Murer ‘jemand, der Mauern baut’ verwechselt werden. Während sie Referenz auf eine Person erlauben, ist dies bei Isenring nicht der Fall. Isenring ist zwar volltransparent und die lexikalische Semantik (Eisen+Ring) kann von Dialektsprecher: innen abgerufen werden, die potenzielle Semantik erlaubt aber keine sinnvolle Referenz auf eine Person. Semitransparenz und partielle Transparenz unterscheiden sich durch ihre morphologische Struktur: Semitransparente Namen bestehen aus zwei Teilen wie Ziswyler oder Zwygart, von denen ein Teil transparent (-wyler, -gart), der andere (Zis-, Zwy-) opak ist. Bei partieller Transparenz «schimmern nur noch andere lexikalische Strukturen durch, sei es im Verbund mit morphologischen Einheiten» (Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 55) wie Suffixen (Riner und Ryhner) oder ohne. Transparenz ist hier maximal noch in einem Bestandteil (Ri(n), Ryh(n) ‘Rhein’) erkennbar. Mit Briw oder Gygax ist Opakheit erreicht, da ein Anschluss an ein Lexem oder eine Segmentierung nicht mehr möglich sind. Übergänge gehören zu einer Skala, ebenso dass es «jeweils zu individuell unterschiedlichen Einordnungen kommen kann» (Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 55). Neben Substantiven betrifft diese unterschiedliche Motivierbarkeit auch Adjektive, Verben oder andere Namenklassen. FamN, die auf Adjektiven (Wyss, Rych) oder Toponymen (Namen mit -wiler) beruhen, sind demzufolge transparent, aber nicht motivierbar: «Auch hier verbietet sich per se die persönliche Referenz» (Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 55). Wenn es nun um die Schreibung der FamN geht, stellt sich die Frage, ob die Motivierbarkeit einen Einf luss auf die Schreibung der FamN hat. Eine Hypothese wäre, dass transparente Berufsbezeichnungen eher eine Anbindung an Lautbzw. Schriftwandel wie die neuhochdeutsche Diphthongierung zulassen als FamN, die auf Adjektive zurückgehen, auch wenn die Adjektive transparent sind. Berufe wie derjenige des Schneiders werden in frühneuhochdeutscher Zeit ausgeübt, die Benennung mit Schnyder ist demzufolge potenziell motivierbar und so auch eher prädestiniert, ihre sprachliche Form anzupassen (Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 55). Namen, die auf Adjektive wie wyss, weiss zurückgehen, sind zwar volltransparent, «deren potentielle Semantik» erlaubt «aber keine Referenz auf eine Person» (Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 55). Die Zahlenverhältnisse der zwei häufigsten einschlägigen Namenpaare bestätigen diese Hypothese: Schneider tritt historisch wie rezent über viermal so häufig auf wie Schnyder (139 bzw. 17'138 Tokens gegenüber nur 32 bzw. 4'060 Tokens, jeweils «vor 1800» und «Herkunft» bzw. «2020»), dagegen dominiert Wyss (112 bzw. 12'265 Tokens) deutlich gegenüber Weiss (45 bzw. 3'873 Tokens). Dass ein Zusammenhang zwischen Anbindung an Appellativik und Schreibung besteht, bestätigt Kistler (2020: 186) in seiner Untersuchung zu Berner Wil-Toponymen: Namenbestandteile wie weiss, die offensichtlich noch im Wortschatz vorhanden waren, werden im 19. Jh. tendenziell standardsprachlich geschrieben. Die Wechselwirkung zwischen Transparenz, Motivierbarkeit und Schreibung müsste jedoch mit einer umfassenderen Untersuchung abgesichert werden, die der beschriebenen Skala sowie intersubjektiv und interregional variierenden Sprecher: innenurteilen Rechnung trägt (die freilich für den hier relevanten Zeitraum, ca. 1500 bis 1876, nur mit Vorsicht modelliert werden können). 12 Vgl. Artikel I-1.9 «Diphthongwandel von mhd. ei, ou, öu». 1.10 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī 123 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="124"?> Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. 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Simone Berchtold, Luise Kempf 1.10 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī 125 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="126"?> 1.11 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ū Schlagwörter: Alemannisch, Digraph, Monograph, Silbenauslaut Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Artikel werden FamN behandelt, die im Stamm etymologisch mhd. ū enthalten wie Brun zu mhd. brūn ‘braun’, Huser abgeleitet von mhd. hūs ‘Haus’ oder Strub zu mhd. strūp, strūbe ‘struppig’. Dieser Monophthong wird ab dem 12. Jh. regionsabhängig zu einem Diphthong verändert; von Diphthongierungen sind mhd. ī und mhd. iu ebenfalls betroffen (Ebert et al. 1993: 64-67; Paul et al. 2007: 67-71). 1 Die Ergebnisse dieses Wandels werden Teil der überregionalen Standardsprache (z. B. mhd. gīgære, hūs, hiuser > nhd. Geiger, Haus, Häuser), weshalb das Phänomen auch als «neuhochdeutsche Diphthongierung» (Ebert et al. 1993: 64; Paul et al. 2007: 67) bezeichnet wird. In den alemannischen Dialekten tritt dieser Wandel nicht ein (Paul et al. 2007: 67; König/ Elspaß/ Möller 2019: 146-147; Schmidt 2020: 16). Für die Deutschschweizer FamN gilt es auszuloten, inwieweit sich dieser Wandelprozess in ihrer Schreibung widerspiegelt. Denn die Schreibung der FamN kann einerseits durch Monophthongerhalt, andererseits durch überregionale hochdeutsche Schreibtradition geprägt sein. Es stellt sich die Frage nach räumlichen Mustern im «Nebeneinander […] von alten, monographischen Schreibungen und neuen, digraphischen Schreibungen» (Elmentaler 2018: 30). Hintergrund: Die Entwicklung von mhd. ū in den alemannischen Mundarten verhält sich parallel zu jener von mhd. ī und mhd. iu: Der Langvokal ū ist in den alemannischen Mundarten erhalten geblieben (SDS I 1962: Karte 106; VALTS II 1994: Karte 68). Teilweise davon ausgenommen ist der Vokal bei Stellung im Auslaut wie in Sau, mhd. sū (SDS I 1962: Karte 153; VALTS II 1994: Karten 70a, 70b) oder im Hiatus wie in bauen, mhd. būen (SDS I 1962: Karten 152, 154, 155; VALTS II 1994: Karte 69): Hier wird der Monophthong in den nördlichen Mundarten der Deutschschweiz diphthongiert, während er in den südlichen Mundarten unverändert bleibt. Der Erhalt von mhd. ū in diesen Silbenpositionen ist daher ein Kennzeichen der höchstalemannischen Mundarten (Wiesinger 1983; Haas 2000: 59). In den frühneuhochdeutschen Kanzleisprachen der Schweiz ist die Schreibung des Langvokals üblich und im graphischen System verankert. Diese Schreibung ist also nicht nur mundartlich, sondern entspricht auch der Verschriftlichung in der Tradition der eidgnossisch Landsprach (Haas 2000: 113-114). Der Basler Lehrmeister Kolroß (1564: Fol. 7r) verweist bei u auf die landschaftliche Schreibvariation zwischen <u> und <au>: «Es würt aber ouch in Schwaben / vnnd ſunſt an vil orten das au gebrucht / da an etlichen enden allein das u geſchryben wirt» [Es wird aber auch in Schwaben und sonst an vielen Orten das au gebraucht, wo an etlichen Enden allein das u geschrieben wird; Übersetzung SB]. Im Unterschied zur Realisierung von mhd. ī werden Kurzwie Langvokal mit <u> verschriftlicht und somit graphisch nicht unterschieden. Ab dem 16. Jh. werden in den Schweizer Kanzleien sukzessive die neuen Diphthongschreibungen übernommen (Haas 2000: 125-126; Sonderegger 2003: 2854). Daraus ergibt sich für die Schreibung der FamN ein Spannungsverhältnis zwischen mundartnaher Verschriftlichung mit einer Graphie, die den historischen Langvokal ref lektiert, und überregionaler Diphthongschreibung. Fragestellungen: Vor dem erläuterten Hintergrund sind die folgenden Fragen von Interesse: Wie verteilen sich Monophthong- und Diphthongschreibungen in den FamN? Decken sich diese Räume mit den sprachhistorischen Gegebenheiten zur Aufnahme der Diphthongschreibungen? Auf der ersten Karte wird das Phänomen als Gesamtes dargestellt. Die vier anschliessenden Karten bilden dann jeweils eine Teilmenge der ersten Karte ab und gehen der Frage nach, ob es allenfalls für verschiedene Benennungsmotive unterschiedliche Areale gibt. Dazu werden BerufsN, ÜberN, Patronyme sowie Wohnstätten- und HerkunftsN berücksichtigt. Die sechste Karte schliesslich untersucht die areale Verbreitung von mhd. ū im Silbenauslaut. Erste Karte {53}: Familiennamen mit mhd. ū Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle Namen, die etymologisch mhd. ū enthalten. Die Karte dokumentiert das Vorkommen der FamN in den Datenschichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB). 2 Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit mhd. ū als <u>: Bruch, Bruhin, Bruholz, Brun, Brunnschweiler, Brunold, Brunschweiler, Brunschwiler, Buhofer, Bumann, Bur, Burlet, de Buman, Duber, Fanzun, Fust, Fuster, Hug, Huser, Husi, Husistein, Husmann, Husner, Husy, Huwiler, Huwyler, Kluser, Knus, Lussi, Murer, Murmann, Nachbur, Prumatt, Ruch, Ruche, Ruchenstein, Russer, Schaffhuser, Strub, Struch, Strupler, Studemann, Studer, Suremann, Surer, Suri, Sury, Suser, Suter, Sutermeister, Sutter, Trutmann, Truttmann, von Sury, Vonzun, Zenklusen, Zuber, Zuberer, Zubler. 59 Types, 546 Tokens. FamN mit mhd. ū als <au>: Althaus, Arzethauser, Auf der Maur, Aufdermauer, Aufdermaur, Ballauf , Bauer, Bauhofer, Baumann, Baur, Bernhauser, Bolthauser, Bornhauser, Brauch, Brauchli, Brauchlin, Braun, Braunschweiler, Fankhauser, Faust, Fauster, Freiburghaus, Gaegauf , Gägauf , Gartenhauser, Gunzenhauser, Guthauser, Haubenschmid, Haug, Haus, Hausamann, Hausammann, Hausegger, Hauser, Hausheer, Hausherr, 1 Generell sei auf die Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī» und I-1.12 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. iu» verwiesen, da sich die Abschnitte «Gegenstand und Relevanz» sowie «Hintergrund» überschneiden und teilweise wiederholen. 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 126 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="127"?> Hausknecht, Hausmann, Hauswirth, Hauwiler, Hilpertshauser, Hofbauer, Immenhauser, Indermaur, Kauter, Kindhauser, Klausner, Knaus, Kraushaar, Kraut, Laurer, Lautenschlager, Mauerhofer, Maurer, Maurhofer, Mülhauser, Neuhaus, Neuhauser, Niederhauser, Oberhauser, Offenhauser, Paur, Pfaffhauser, Rauchenstein, Rauscher, Rausser, Riedhauser, Rutishauser, Sauer, Saurenmann, Saurer, Sauser, Sauter, Sautter, Schaffhauser, Schmidhauser, Schweighauser, Sennhauser, Staudenmann, Stauder, Steinhauser, Straub, Straubhaar, Strauss, Tischhauser, Traub, Wohlhauser, Zumoberhaus. 88 Types, 617 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 20-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 53: Daten zur ersten Karte {53} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 Das kartierte Sample kam durch eine Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 20.03.2023) nach dem Graphem <ū> im Beschreibungstext zustande. Die Trefferliste wurde anschliessend manuell bereinigt. Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Haug, Truttmann), ÜberN (Rauscher, Strub), BerufsüberN (Kraut, Traub), BerufsN (Hauswirth, Murer), WohnstättenN (Kluser, Ruchenstein) und HerkunftsN (Huwyler, Riedhauser). Enthalten sind auch solche Namen, deren Benennungsmotiv zwar uneindeutig ist, die sich aber einem einschlägigen Etymon oder mehreren einschlägigen Etyma mit mhd. ū zuordnen lassen (Strauss, Struch). Manche der Namen werden als Dubletten realisiert wie Huser und Hauser oder Suter und Sauter; es existiert also sowohl eine Namenform mit Monophthongals auch eine mit Diphthongschreibung. Ausgeschlossen wurde Brun in den Kantonen Genf und Waadt sowie im französischsprachigen Wallis, denn der Name geht dort gemäss Morlet (1997: 147) auf das Adjektiv frz. brun ‘braun’ zurück. Es handelt sich somit um einen homonymen französischen Namen, der unabhängig vom deutschen entstanden ist. Aufgrund unklarer oder mehrdeutiger Etymologie wurden die folgenden FamN ausgeschlossen: Buser, Buus, Buss, Dumelin, Dusser, Fluder, Frautschi, Frutschi, Frutschy, Guhl, Gull, Haussauer, Haussener, Kuder, Luthiger, Mutti, Rauch, Rus, Tschus. Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass die Schreibung des Monophthongs v. a. in den Kantonen Wallis und Graubünden sowie in der Zentralschweiz bis in die Nordwestschweiz (AG, BL, JU) verbreitet ist. Die Diphthongschreibung hat ihren Schwerpunkt im Kanton Bern sowie in der Nordostschweiz (ZH, SH, TG, SG). Sie ist aber auch in den Kantonen Uri und Glarus die vorherrschende Realisierung. Streubelege für beide Varianten finden sich in der Karte 53: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ū, vor 1800 u. Herkunft 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 1.11 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ū 127 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="128"?> französischsprachigen Schweiz. Sut(t)er ist mit 156 Tokens der häufigste Vertreter mit Monophthongschreibung und in 17 Kantonen vertreten, Baumann ist mit 144 Tokens der häufigste Name mit Diphthongschreibung und kommt in 18 Kantonen vor. Zweite Karte {54}: Berufsnamen mit mhd. ū Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle einschlägigen FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die im Wortstamm etymologisch mhd. ū enthalten und dem Benennungsmotiv der BerufsN zuzuordnen sind. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen BerufsN mit mhd. ū als <u>: Bur, Bumann, de Bumann, Lussi, Surbeck, Suter, Sutter, Sutermeister. 8 Types, 172 Tokens. BerufsN mit mhd. ū als <au>: Bauer, Baumann, Baur, Haubenschmid, Hausamann, Hausammann, Hausheer, Hausherr, Hausknecht, Hausmann, Hauswirth, Hofbauer, Lautenschlager, Paur, Sauter, Sautter. 16 Types, 239 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 54: Daten zur zweiten Karte {54} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst neben den häufigen BerufsN Baumann zu mhd. būman ‘Bauer, Pächter eines Bauernguts; Landarbeiter’ und Sut(t)er zu mhd. sūter ‘Näher, Schneider, Schuster’ auch seltene Namen wie Hauswirth zu mhd. hūswirt für den Vorstand einer Haushaltung oder Surbeck zu schwzdt. (älter) Sūrbeck für den Bäcker, der saures Brot backt. Die Ausschlüsse der ersten Karte gelten auch hier. Kommentar: Die zweite Karte gibt im Grossen und Ganzen das Verbreitungsbild der ersten Karte wieder: Diphthongschreibungen dominieren im Kanton Bern, in der Nordostschweiz (ZH, SH, TG, SG) und im Kanton Uri. Beim Benennungsmotiv der BerufsN ist die Differenz zwischen Types und Tokens auffallend: Relativ wenige Types ergeben jeweils eine hohe Tokenzahl. Dieses Mengenverhältnis ist v. a. auf die drei hochfrequenten FamN Suter (98 Tokens), Sutter (58 Tokens) und Baumann (144 Tokens) zurückzuführen. Diese drei FamN zeichnen beinahe für das gesamte Kartenbild verantwortlich. Von den insgesamt 172 Tokens mit u-Schreibung gehen 90 % auf Sut(t)er zurück; im au- Sample entfallen 65 % auf Baumann. Die Schreibung ist dementsprechend lexemabhängig: Während bei Sut(t)er u-Graphie der Normalfall ist, ist dies bei Baumann die au- Graphie. Die jeweiligen Pendants Saut(t)er und Bumann können als niederfrequente Besonderheiten angesehen werden (zu letzterem FamN vgl. auch die sechste Karte). Karte 54: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ū in BerufsN, vor 1800 u. Herkunft 128 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="129"?> Dritte Karte {55}: Über- und Berufsübernamen mit mhd. ū Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle einschlägigen FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die im Wortstamm etymologisch mhd. ū enthalten und dem Benennungsmotiv der ÜberN und BerufsüberN 4 zuzuordnen sind. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen ÜberN/ BerufsüberN mit mhd. ū als <u>: Bruhin, Brumann, Brun, Duber, Fust, Fuster, Husi, Husy, Knus, Lussi, Ruch, Ruche, Russer, Strub, Struch, Strupler, Suremann, Surer, Suri, Sury, Suser, von Sury, Vust. 23 Types, 86 Tokens. ÜberN/ BerufsüberN mit mhd. ū als <au>: Brauch, Braun, Faust, Fauster, Gaegauf , Gägauf , Kauter, Klausner, Knaus, Kraushaar, Kraut, Laurer, Rauscher, Rausser, Saurenmann, Saurer, Sauser, Straub, Straubhaar, Traub. 20 Types, 77 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 55: Daten zur dritten Karte {55} Detailangaben zur Namenauswahl: Die beiden häufigsten Vertreter in dieser Gruppe seien exemplarisch erklärt: Brun (21 Tokens) und Braun (33 Tokens) gehen auf das Adjektiv mhd. brūn ‘braun’ zurück, Strub (17 Tokens) und Straub (11 Tokens) auf mhd. strūp, strūbe ‘starrend, rau emporstehend (von Haaren, Federn usw.), struppig’. Die Ausschlüsse der ersten Karte gelten auch hier. Kommentar: Die dritte Karte wiederholt die Räume der ersten Karte insofern, als in der Nordostschweiz (TG, SG, ZH) vermehrt au- Graphien und von der Zentralschweiz bis in den Kanton Basel- Landschaft u-Graphien auftreten. Grundsätzlich zeigen sich aber einige Kantone (BE, SO, AG, ZH, TG, GR) als Mischzonen, in denen beide Schreibungen vorkommen. Die tokenfrequentesten Namen im kartierten Sample - Brun / Braun und Strub / Straub - sollen hier detaillierter kommentiert werden: Was die Schreibung angeht, zeigt sich ein gegenteiliges Mengenverhältnis: Bei Brun / Braun ist Braun häufiger, bei Strub / Straub ist es Strub. Die Schreibvarianten zeigen auf der Karte aber keine komplementäre Verteilung. So bildet Brun drei Kleinräume - zwei im Kanton Luzern (Wahlkreis Willisau und Entlebuch) und einen im Aargau zwischen Widen und Mühlau. Braun tritt verdichtet in der Nordostschweiz zwischen Herdern (TG) und Karte 55: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ū in Über- und BerufsüberN, vor 1800 u. Herkunft 4 BerufsüberN werden hier Kohlheim (2011: 252) folgend nicht als «Sondergruppe innerhalb der Berufsnamen», sondern als «berufsmotivierte Übernamen» eingeordnet. 1.11 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ū 129 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="130"?> Wattwil (SG) auf, kommt aber verstreut auch in anderen Kantonen (AG, BS, BE, JU) vor. Strub konzentriert sich in der Nordwestschweiz (zwischen Arisdorf BL und Dulliken SO) und in drei Orten im Untertoggenburg (SG). Straub bildet - neben Streubelegen (AG, BE) - einen Kleinraum entlang des Bodensees von Scherzingen (TG) nach Frasnacht (TG). Vierte Karte {56}: Patronyme mit mhd. ū Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle einschlägigen FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die im Wortstamm etymologisch mhd. ū enthalten und dem Benennungsmotiv der Patronyme zuzuordnen sind. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Patronyme mit mhd. ū als <u>: Burlet, Brunold, Hug, Trutmann, Truttmann. 93 Tokens. Patronyme mit mhd. ū als <au>: Ballauf , Haug. 7 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 56: Daten zur vierten Karte {56} Detailangaben zur Namenauswahl: Die vorliegenden Patronyme gehen auf zweigliedrige germanische Ruf N zurück: Burlet (aus ahd. būr-walt), Brunold (aus ahd. brūn-walt), Trutmann (aus ahd. trūt-man). Aufgenommen wurde auch der FamN Ballauf , der zwar auf dem althochdeutschen Ruf N Baldolf , Baldulf beruht (Förstemann 1900: 242), aber volksetymologisch auf balde ūf ‘bald auf ’ zurückgeführt und somit sekundär zu einem ÜberN für einen Frühaufsteher umgedeutet wurde (DFD 2024: s. v. Baldauf ). 5 Hug und Haug enthalten etymologisch das Element ahd. hugu ‘Sinn, Geist, Verstand, Mut’. Nach erfolgter Nebensilbenabschwächung und Apokope resultiert die Form Hug, die in der Folge gedehnt wurde, wodurch sich die heutige Ausspracheform [huːg] ergibt (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 93; FLNB II/ 3 2008: 383). Die Ausschlüsse der ersten Karte gelten auch hier. Kommentar: Patronyme, die Monophthongbzw. Diphthongschreibung von mhd. ū zeigen, sind äusserst selten. Die kartierten Types entfallen mehrheitlich auf Hug mit 78 Tokens. Der FamN Hug ist auch heute noch häufig und belegt in der Statistik «Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung» des BFS (2023: STATPOP 2022) mit 5'998 Namenträger: innen den 78. Rang. Die Form Haug mit 6 Tokens Karte 56: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ū in Patronymen, vor 1800 u. Herkunft 5 Nübling/ Fahlbusch/ Heuser (2015: 39-40) gehen zwar davon aus, dass eine echte sekundäre semantische Motivierung bei onymischer Volksetymologie nicht stattfindet; während dies bei Toponymen zutreffend ist, kann jedoch beim vorliegenden FamN Baldauf resp. Ballauf eine Semantik aktiviert werden. 130 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="131"?> kann als Besonderheit angesehen werden, da das zugrunde liegende Namenmaterial zum Zeitpunkt, als sich die Schreibkonventionen ändern, längst nicht mehr durchsichtig ist. Die Umsetzung folgte offenbar der Regel, mundartlich langes ū als <au> zu verschriften, wie es bereits Kolroß (1564: Fol. 7r) formulierte (vgl. Abschnitt «Hintergrund»). Die graphematische Adaption zog erst Ende des 20. Jh. auch die lautliche Anpassung nach sich, denn als dialektale Aussprache für Haug notieren Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 83) «Huug», mit dem Zusatz «neuerdings auch ‹Haug›». Der FamN Haug ist v. a. im Kanton Zürich bezeugt und tritt jeweils zusammen mit Hug in den vier Gemeinden Hüttikon, Schlieren, Weiningen und Zürich in Erscheinung. Das andere Patronym mit au-Schreibung, Ballauf , ist vor 1800 nur in Seuzach (ZH) alteingesessen. Fünfte Karte {57}: Wohnstätten- und Herkunftsnamen mit mhd. ū Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle einschlägigen FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die im Wortstamm etymologisch mhd. ū enthalten und dem Benennungsmotiv der Wohnstättenbzw. HerkunftsN zuzuordnen sind. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen WohnstättenN/ HerkunftsN mit mhd. ū als <u>: Bruholz, Huser, Husistein, Husner, Kluser, Murmann, Ruchenstein, Schaffhuser, Studemann, Studer, Zenklusen. 11 Types, 115 Tokens. WohnstättenN/ HerkunftsN mit mhd. ū als <au>: Althaus, Arzethauser, Auf der Maur, Aufdermauer, Aufdermaur, Bernhauser, Bolthauser, Bornhauser, Fankhauser, Freiburghaus, Gartenhauser, Gunzenhauser, Guthauser, Hausegger, Hauser, Hilpertshauser, Immenhauser, Indermaur, Kindhauser, Mauerhofer, Maurhofer, Mülhauser, Neuhaus, Neuhauser, Niederhauser, Oberhauser, Offenhauser, Pfaffhauser, Rauchenstein, Riedhauser, Rutishauser, Schaffhauser, Schmidhauser, Schweighauser, Sennhauser, Staudenmann, Stauder, Steinhauser, Tischhauser, Wohlhauser, Zumoberhaus. 41 Types, 207 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-75, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 57: Daten zur fünften Karte {57} Detailangaben zur Namenauswahl: Etymologisch gehen die ausgewählten Namen auf ortsbezeichnende Appellative wie Mur ‘Mauer’ oder Toponyme zurück. Bspw. lassen sich die FamN Huser / Hauser auf den Siedlungsbzw. Flurnamentyp Huse, Hausen zurückführen, der in Karte 57: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ū in Wohnstätten- und HerkunftsN, vor 1800 u. Herkunft 1.11 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ū 131 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="132"?> der Schweiz mehrfach belegt ist, während die FamN Studer / Stauder auf mhd. stūde ‘Staude, Strauch, Busch’ basieren, das ebenfalls sehr häufig in der Toponymie der Schweiz vorkommt (vgl. Suche Huse*, Stude* auf ortsnamen.ch o. J.). Ausgesondert wurden Namen mit Hus- / Hausim Bestimmungswort wie Hausamann, Hausheer, da sie in die Gruppe der BerufsN gehören. Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutiger Motivzuordnung (Tischhauser), die sich aber dennoch als Wohnstättenbzw. HerkunftsN bestimmen lassen. Wegen unklarer Etymologie wurde Haussener nicht berücksichtigt. Kommentar: Die fünfte Karte zeigt, dass au-Graphien bei Wohnstätten- und HerkunftsN überwiegen. Konkret tritt die Schreibung <au> gehäuft in der westlichen Deutschschweiz, in der Zentralschweiz und in der Nordostschweiz auf. Das Verhältnis zeigt sich auch in einer deutlich höheren Tokenzahl: 207 Tokens von au- Graphien stehen 115 Tokens von u-Graphien gegenüber. Im kartierten Sample tritt das Namenelement mhd. hūs fast regelhaft mit au- Graphie auf; lediglich in vier Namen liegt die monographische Variante vor (Huser, Husistein, Husner, Schaffhuser). Schreibungen mit <u> dominieren nur in wenigen Gebieten wie in den Walliser Bezirken Brig und Visp, im Wahlkreis Entlebuch (LU), teilweise im Oberaargau (BE), im Kanton Solothurn und in der Region Baden (AG). Sechste Karte {58}: Mhd. ū im Silbenauslaut Namenauswahl: Ausgewählt wurden FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die etymologisch mhd. ū im Silbenauslaut enthalten. Da dieses Phänomen zur Binnengliederung des Alemannischen in der Schweiz herangezogen wird (Haas 2000: 59), soll es hier auch in den FamN untersucht werden. Abgefragte Namen FamN mit mhd. ū im Silbenauslaut als <u>: Buhofer, Bumann, de Buman. 7 Tokens. FamN mit mhd. ū im Silbenauslaut als <au>: Bauhofer, Baumann. 147 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 25-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 58: Daten zur sechsten Karte {58} Detailangaben zur Namenauswahl: Ausgewählt wurden FamN, die im Erstglied mhd. bū im (Silben-)Auslaut enthalten. Der FamN Buhofer / Bauhofer ist semantisch mehrdeutig: Er gehört etymologisch zu schwzdt. Bū(w)hof ‘Bauernhof ’ (Id. 2 1881 ff.: Sp. 1030) und kann Wohnstätten- oder BerufsN sein. Bumann / Baumann ist BerufsN zu Karte 58: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ū im Silbenauslaut, vor 1800 u. Herkunft 132 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="133"?> mhd. būman ‘Bauer, Pächter eines Bauernguts; Landarbeiter’, schwzdt. Bū(w)mann ‘Rebmann’ (Id. 4 1881 ff.: Sp. 270). Kommentar: Die sechste Karte zeigt, dass die au-Schreibungen im gesamten Mittelland und im Alpenvorland vorkommen - auch dort, wo mhd. ū dialektal im Auslaut erhalten ist wie in den Kantonen Zug, Schwyz, Uri und Glarus. So belegt das GlMwb (2024: 396) für den FamN Bauhofer die Aussprache «Buuhofer». Mundartlich erhaltener Monophthong ist im Lexem Bau darüber hinaus auch relikthaft in Teilen der Nordostschweiz zu erwarten, so in den Kantonen Zürich, Schaffhausen und Thurgau (SDS I 1962: Karte 153). Dementsprechend wird die Aussprache des FamN Baumann im Kanton Zürich von Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 35) als «Buume» mit einem Monophthong angegeben. 6 Mhd. ū im (Silben-)Auslaut ist im appellativischen Wortschatz nicht sehr häufig und kommt auch im Familiennamenbestand lediglich in den kartierten Namentypen vor. Innerhalb des Samples ist Baumann mit 144 Tokens der häufigste Name, der in fast allen deutschsprachigen Kantonen bezeugt ist (ausser in BS, GL, GR, NW, OW). Die Varianten mit <au> sind als Schreibformen zu werten, da dialektal im Lexem Bau in den südlichen Mundarten sowie auch mehrheitlich im Nordosten der Monophthong erhalten ist. An zwei Orten treten jeweils beide Varianten eines Typs auf: in Reinach (AG) Bauhofer und Buhofer sowie in Emd (VS) Baumann und Bumann. Weitere u-Graphien kommen im Bezirk Visp (VS) sowie in der Form de Buman in Freiburg (FR) und Belfaux (FR) vor; 7 im deutschsprachigen Wallis und im Kanton Freiburg entspricht diese Realisierung der dialektalen Lautung. Ergebnisse Die sechs Karten zeigen Raumbilder der Schichten «vor 1800» und «Herkunft» zu FamN, die mhd. ū enthalten. Die Gebiete im Wallis, in der Zentralschweiz, im südlichen St. Gallen und in Graubünden halten stärker an der monographischen Schreibung fest, während die nördlichen, v. a. die nordöstlichen Kantone als Digraphiegebiete eingeordnet werden können. Dieser Befund deckt sich mit demjenigen zu den Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī und mhd. iu; im Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī» wird das Thema eingehender besprochen. Diese Räume stimmen teilweise mit den sprachhistorischen Räumen zur Aufnahme der Diphthongschreibungen überein: Im Nordwesten mit Basel und im Nordosten mit St. Gallen und Schaffhausen als städtischen Zentren treten die neuen Schreibungen bereits Ende des 15. Jh. auf und sind in den dortigen Kanzleien ab Anfang des 17. Jh. etabliert (Haas 1994: 197; Sonderegger 2003: 2854). Die Kantone Zürich und Bern, wo Digraphien vergleichsweise spät Fuss fassen, zeigen sich aber auch vermehrt als digraphische Schreibräume. Zusammen mit den nordwestlichen Kantonen weisen sie viele FamN mit au-Schreibungen auf: Auf den Kanton Zürich entfallen 138 Tokens, gefolgt von den Kantonen Bern mit 117, Thurgau mit 104, Aargau mit 62 und St. Gallen mit 61 Tokens. Wenn man die Verteilung hinsichtlich der Benennungsmotive betrachtet, zeigen BerufsN lexemspezifische Besonderheiten mit den hochfrequenten FamN Sut(t)er und Baumann. Generell ist die Tokenfrequenz in dieser Gruppe mit 172 zu 239 eher ausgeglichen. Wohnstätten- und HerkunftsN verzeichnen eine deutliche Mehrheit an au-Graphien, was sich auch im Kartenbild niederschlägt. Bei den Patronymen zeigt der FamN Hug eine klare Präferenz für u-Graphie; <au> stellt hier eine Ausnahmegraphie dar. In der Gruppe der ÜberN und BerufsüberN ist demgegenüber weder in Bezug auf die Tokenzahl noch in Bezug auf das Raumbild eine Präferenz auszumachen. Das Auftreten der zwei Verschriftungsmöglichkeiten ist in etwa gleich häufig und es zeigen sich einige Kantone als Mischareale. Bei der Stellung im Silbenauslaut weichen die Namenräume insofern ab, als die Karte mehrheitlich eine digraphische Schreibung ausweist - auch in jenen Gebieten, in denen im Lexem Bau keine Hiatusdiphthongierung stattgefunden hat. Die Frage, ob hohe lexematische Transparenz eines FamN dessen standardnahe Diphthongschreibung begünstigt, wird im Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī» im Abschnitt «Ausblick» näher diskutiert und tendenziell bejaht. Auch die Ergebnisse des vorliegenden Artikels scheinen in diese Richtung zu weisen; vgl. die überwiegende Diphthongschreibung in häufigen, verbreiteten und transparenten Lexemen wie Haus gegenüber der ganz dominanten u-Graphie im (wohl weitgehend) nicht mehr transparenten Namenglied Hug. Es ist jedoch zu bedenken, dass dieser Aspekt hier nicht systematisch untersucht wurde. Um die diachrone Ausbreitung der au-Schreibung nachzuzeichnen, wurde für den Kanton Bern eine historische Sondierung vorgenommen. In der Sammlung Ramseyers (unveröffentlicht) wurden dazu die Belege der FamN mit dem Lexem mhd. hūs analysiert (Dateien Huser, Hauswirth). Die Belegauswahl zeigt, dass im 16. Jh. u-Graphien die einzigen Schreibformen sind, dass aber seit Anfang des 17. Jh. parallel au-Graphien auftreten. So sind in Saanen beide Formen belegt: 1611 Balthasar Hußwirt neben 1614 Balti Haußwürt und 1611 Bendicht Huswirth neben 1614 Bendicht Haußwürt. Ähnliches stellt Erni (1949: 93) in seiner Untersuchung zur Berner Kanzleisprache fest: «Die nhd. Diphtongierung [sic! ] hat während der letzten Periode (1630-ca. 1680) das Bild der bernischen Kanzleisprache entscheidend verändert. Um 1680 sind nur noch bestimmte Reste nicht-diphtongierter [sic! ] Formen festzustellen». Dieser Übergang zu Digraphien zeigt sich auch in der Schreibung der Namen. Auf diesem punktuellen Ergebnis aufbauend wäre zu untersuchen, wie sich das Verhältnis von Monophthongvs. Diphthongschreibungen in Appellativen und Onymen historisch darstellt. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Baumann (13'881 Tokens), Suter (10'634 Tokens) und Studer (9'947 Tokens). Sie gehören allesamt zu den häufigsten FamN der Schweiz überhaupt; vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Vergleich mit benachbartem Ausland: Die Monophthong-/ Diphthongvarianz u, au wird im DFA 1 (2009: 420-455) anhand von FamN mit Kruse / Krause (Karten 182-184), Hus / Haus (Karten 185-189), Brun / Braun (Karten 190-192) sowie Huck / Hauck (Karte 193) und Sutter/ Sauter (Karte 194) illustriert. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». 6 Zur Aussprache von Baumann vgl. auch Christen (2007: 429-430). 7 Vgl. Artikel II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de». 1.11 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ū 133 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="134"?> FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. 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Entstehung, Verbreitung und Bedeutung der Namen alteingesessener Zürcher Familien. Zürich: Zürcher Kantonalbank. SDS I = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1962): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. I: Lautgeographie I: Vokalqualität. Bern: Francke. Sonderegger, Stefan (2003): Aspekte einer Sprachgeschichte der deutschen Schweiz. In: Besch, Werner et al. (Hrsg.): Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. Bd. 3 (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 2.3), 2825-2888. 2., vollständig neu bearbeitete und erweiterte Auf lage. Berlin, New York: De Gruyter. VALTS II = Gabriel, Eugen (1994): Vorarlberger Sprachatlas mit Einschluß des Fürstentums Liechtenstein, Westtirols und des Allgäus. Bd. II: Lautgeographie II: Langvokale und Diphthonge, Silbendehnungen und -kürzungen, Konsonantismus. Bregenz: Vorarlberger Landesregierung. Wiesinger, Peter (1983): Die Einteilung der deutschen Dialekte. In: Besch, Werner et al. (Hrsg.): Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung. Bd. 2 (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 1.2), 807-900. Berlin, New York: De Gruyter. Simone Berchtold 134 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="135"?> 1.12 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. iu Schlagwörter: Alemannisch, altoberdt. iu, Auslaut, Digraph, Hiatus, Monograph Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Artikel werden FamN behandelt, die im Stamm etymologisch mhd. iu enthalten wie Hüsler zu mhd. hius- ‘Häus-’, Lüthardt basierend auf einem germanischen Ruf N mit dem Element ahd. liut ‘Volk, Leute, Mensch’ oder Rütimann zu mhd. riute ‘Rodung’. Dieser Monophthong wandelt sich ab dem 12. Jh. regionsabhängig zu einem Diphthong; von Diphthongierungen sind mhd. ī und mhd. ū ebenfalls betroffen (Paul et al. 2007: 74-77; KSDS 2019: 238-239). 1 Da die Ergebnisse dieses Wandels Teil der deutschen Standardsprache werden (z. B. mhd. gīgære, hūs, hiuser > nhd. Geiger, Haus, Häuser), wird das Phänomen auch als «neuhochdeutsche Diphthongierung» (Ebert et al. 1993: 64; Paul et al. 2007: 67) bezeichnet. In den alemannischen Dialekten tritt dieser Wandel nicht ein (Paul et al. 2007: 67; König/ Elspaß/ Möller 2019: 146-147; Schmidt 2020: 16). Für die Deutschschweizer FamN gilt es zu ermitteln, inwieweit sich dieser Wandelprozess in ihrer Schreibung widerspiegelt. Denn die Schreibung der FamN kann einerseits durch Monophthongerhalt, andererseits durch überregionale hochdeutsche Schreibtradition geprägt sein. Es stellt sich die Frage nach räumlichen Mustern im «Nebeneinander von alten, monographischen Schreibungen und neuen, digraphischen Schreibungen» (Elmentaler 2018: 30). Hintergrund: Die Entwicklung von mhd. iu in den alemannischen Dialekten verhält sich parallel zu jener von mhd. ī und mhd. ū: Mhd. iu ist in den alemannischen Dialekten der Schweiz erhalten geblieben (SDS I 1962: Karte 107; VALTS II 1994: Karte 80a). Davon ist die Stellung des Vokals im Hiatus wie in nhd. neu-e, mhd. niu(w)-e ‘neu’ (SDS I 1962: Karte 156; VALTS II 1994: Karte 123), im Auslaut oder in Zusammensetzungen (SDS I 1962: Karte 157) teilweise ausgenommen und der vormalige Monophthong wird als Diphthong oi, öü realisiert. In den frühneuhochdeutschen Kanzleisprachen der Schweiz ist die Schreibung des Langvokals mit dem Graphem <ü> üblich. Diese Schreibung steht in der Tradition von und in Übereinstimmung mit der eidgnossisch Landsprach (Haas 2000: 113-114). Wie bei ī und ū verweist der Basler Lehrmeister Kolroß (1564: Fol. 5r) in seinem «Handbüchlin tütscher Orthography» auch bei der Entsprechung von mhd. iu auf die Variation zwischen <ü> und <eu>: «Es würt aber ouch an vil endē für dz ü / eü geſchriben / welches ouch düdtlicher vn̄ gemeiner tütſcher ſpraach bequåmlicher. Exemplum. Eül / feür / ſteür / heür / teütſch / theür / heürling / leüß / meüß» [Es wird aber auch an vielen Enden für das ü eü geschrieben, welches auch deutlicher und der allgemeinen deutschen Sprache angemessener ist. Beispiel: Eule, Feuer, Steuer, heuer, deutsch, teuer, Heuerling, Läuse, Mäuse; Übersetzung SB]. Ab dem 16. Jh. werden in den Schweizer Kanzleitexten Diphthongschreibungen übernommen; dieser Prozess variiert jedoch je nach Ort und Textsorte. Die Eckpunkte fasst Sonderegger (2003: 2854) wie folgt zusammen: «An der Spitze der Entwicklung zur nhd. Kanzleisprache stehen Basel, St. Gallen und Schaffhausen, während Bern und die Innerschweiz (Luzern) nachhinken». Um 1700 ist die Übernahme der neuen digraphischen Schreibungen im Grossen und Ganzen abgeschlossen. Daraus ergibt sich für die Wiedergabe der FamN ein Spannungsverhältnis zwischen mundartnaher Verschriftlichung mit einer Graphie, die den Langvokal ref lektiert, und überregionaler Diphthongschreibung. Die hier kartierten FamN enthalten etymologisch zwei unterschiedliche Laute, die teilweise in mhd. iu zusammengefallen sind: einerseits den Umlaut von mhd. ū, andererseits germ. eu. 2 Der Umlautungsprozess der hinteren althochdeutschen Vokale und Diphthonge a, o, u, ou, ue setzt bereits im Althochdeutschen ein und ist an die lautliche Umgebung gebunden: Die Vokale der Stammsilbe werden durch ein i, ī, j der Folgesilbe palatalisiert (e-WSK 2021: s. v. Umlaut). 3 Davon ist die Entwicklung von germ. eu resp. altoberdt. iu - wie das Phänomen in der dialektologischen Tradition genannt wird - zu trennen. Dieser Diphthong kennt in den Mundarten der Schweiz drei Entsprechungen, die auf verschiedene althochdeutsche Vorformen zurückgehen: tüüf , tief und töüf (SDS I 1962: Karten 134-139; Hotzenköcherle 1960; KSDS 2019: 244-247). Die Variante der nordöstlichen Dialekte der Deutschschweiz mit Monophthong wie in tüüf [yː] basiert auf altoberdt. iu, das sich im 10. Jh. im Alemannischen (und Fränkischen) über [üu] zu [üː] entwickelt und in der Folge mit dem Umlaut von mhd. ū zusammenfällt (Braune/ Heidermanns 2023: 80). Die nordwestliche Lautung tief [iə] mit Diphthong geht auf altfränk. io zurück (KSDS 2019: 245), das ab Ende des 10. Jh. mit ahd. ie zusammenfällt (Paul et al. 2007: 58-59). Die Entwicklung des dritten Typs töüf , töif , täuf , taüf «ist nicht sicher geklärt» (KSDS 2019: 245; vgl. auch Hotzenköcherle 1960). Diese Lautung ist typisch für die westliche Deutschschweiz, die Zentralschweiz und den Kanton Glarus. Altoberdt. iu wird aufgrund seiner unterschiedlichen Entwicklung auch in den FamN untersucht und auf einer eigenen Karte dargestellt. Fragestellungen: Vor diesem Hintergrund sind die folgenden Fragen von Interesse: Wie verteilen sich Monophthong- und Diphthongschreibungen in den FamN? Decken sich diese Räume mit den sprachhistorischen Räumen hinsichtlich der Aufnahme der Diphthongschreibung? Auf der ersten Karte wird das Phänomen als Gesamtes dargestellt. Die folgenden vier Karten bilden dann jeweils 1 Generell sei auf die Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī» und I-1.11 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ū» verwiesen, da sich die Abschnitte «Gegenstand und Relevanz» sowie «Hintergrund» hier teilweise wiederholen. 2 Zur Entwicklung von germ. eu vgl. Braune/ Heidermanns (2023: 75-81). 3 Vgl. Artikel I-1.3 «Fehlende und durchgeführte Umlautung». 1.12 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. iu 135 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="136"?> eine Teilmenge der ersten Karte ab und gehen der Frage nach, ob es allenfalls für verschiedene Benennungsmotive unterschiedliche Areale gibt. Dazu werden alle fünf Benennungsmotive (BerufsN, ÜberN/ BerufsüberN, Patronyme sowie Wohnstätten- und HerkunftsN) berücksichtigt. Die sechste Karte untersucht die areale Verbreitung von mhd. iu im Auslaut resp. Silbenauslaut oder im Hiatus. Die siebte Karte schliesslich geht Ref lexen von altoberdt. iu aus germ. eu nach. Erste Karte {59}: Familiennamen mit mhd. iu Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle Namen, die etymologisch mhd. iu enthalten. Die Karte dokumentiert das Vorkommen der FamN in den Datenschichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB). 4 Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit mhd. iu als <ü>, <ue>: Anderrüthi, Anderrüti, Brülisauer, Buetler, Bünter, Büttler, Crüzer, Düscher, Dütsch, Fürer, Fürholz, Füri, Geisshüsler, Gmür, Grüter, Grütter, Hüser, Hüsler, Hüss, Hüsser, Hüssy, Imgrüt, Imgrüth, Krütli, Krüttli, Lüchinger, Lüpold, Lüthard, Lüthardt, Lüthert, Lüthi, Lüthin, Lüthold, Lüthy, Lütold, Lütolf , Lütscher, Lütz, Nüchem, Nünlist, Plüer, Pünter, Rüthemann, Rüthi, Rüthy, Rütimann, Rütimeyer, Rüttener, Rütter, Rütti, Rüttimann, Rüttner, Schürer, Schürmann, Stübi, Stüdi, Stüssi, Süsli, Thürkauf , Tüscher, Tütsch, Vonrüti, Zenzünen, Züger. 64 Types, 302 Tokens. FamN mit mhd. iu als <äu>, <eu>: Beutler, Bläuer, Bleuer, Bleuel, Bleuler, Breu, Deucher, Deutsch, Euler, Feurer, Freund, Greutert, Häuser, Häusermann, Häusler, Häusli, Häusser, Heuscher, Heusi, Heusler, Heusser, Heussi, Heussler, Kräutler, Kräutli, Kreutzer, Kreuz, Kreuzer, Läuppi, Leubi, Leubin, Leupi, Leupin, Leupold, Leupp, Leuppi, Leutert, Leuthard, Leuthardt, Leuthert, Leuthold, Leuthy, Neuenschwander, Neuhaus, Neuhauser, Neuhäusler, Neukom, Neukomm, Neuschwander, Neuweiler, Niederhäuser, Oberhäuser, Offenhäuser, Pleuer, Reut, Reutegger, Reuteler, Reutemann, Reutener, Reuter, Reuthinger, Reutiger, Reutimann, Reutlinger, Reutter, Reutti, Reutty, Säuberli, Scheuermann, Scheuermeier, Scheuner, Scheurer, Scheurmann, Scheurmeister, Schmidhäusler, Spreuer, Spreuermann, Stäussi, Steudler, Streun, Teucher, Teuscher, Teutsch, Treu. 84 Types, 299 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 15-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 59: Daten zur ersten Karte {59} Karte 59: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. iu, vor 1800 u. Herkunft 4 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 136 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="137"?> Detailangaben zur Namenauswahl: 5 Das kartierte Sample kam durch eine automatische Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 12.05.2023) nach dem Graphem <iu> im Beschreibungstext zustande. Die Trefferliste wurde anschliessend manuell bereinigt. Das Sample umfasst BerufsN (Breu, Büttler), ÜberN (Neukomm, Säuberli), BerufsüberN (Stübi), Patronyme (Lüpold, Leuthold ), WohnstättenN (Oberhäuser, Rüttimann) und HerkunftsN (Scheuner). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die sich aber einem einschlägigen Etymon oder mehreren einschlägigen Etyma mit mhd. iu zuordnen lassen (Deucher, Fürholz, Reutlinger, Schürmann). Aufgrund unklarer Etymologie wurden Häubi, Heubi, Keusch, Kneuss, Lüchem, Pfäuti, Pfeuti, Scheuchzer und Treuthardt ausgeschlossen. Eine Ausnahme der ü-Schreibung ist Buetler zu mhd. biuteln ‘mit einem Beutel sieben, sichten’ für den Müller (Id. 4 1881 ff.: Sp. 1922); er ist der einzige Name, bei dem der gerundete Vokal mit der Digraphie <ue> wiedergegeben wird. 6 Manche der kartierten Namen werden als Dubletten realisiert wie Lüpold und Leupold; es existiert also sowohl eine Namenform mit Monophthongals auch eine mit Diphthongschreibung. Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass es Gebiete gibt, die als deutliche Monophthongresp. Diphthongräume hervortreten: Die Graphie <ü> überwiegt in der Zentralschweiz mit einer deutlichen Konzentration im Luzernischen, aber auch im nordwestlich davon gelegenen Kanton Solothurn sowie im östlich anschliessenden Kanton Glarus bis ins St. Galler Rheintal herrschen Monophthongschreibungen vor. Formen mit <äu>, <eu> dominieren in der westlichen Deutschschweiz, v. a. im Kantonsgebiet von Bern mit Streubelegen in der Romandie, sowie in der Nordwestschweiz (v. a. BS, BL) und in einem grösseren Gebiet der Nordostschweiz (AI, AR, SH, ZH). Der Kanton Aargau zeigt sich als Mischgebiet: Der östliche Aargau schliesst nicht an den äu-/ eu-Raum im Kanton Zürich an, sondern weist überwiegend ü-Graphien aus; westlich hingegen treten vermehrt äu- Formen auf. Diese West-Ost-Gliederung des Aargaus deckt sich mit den West-Ost-Gegensätzen in der Mundart (KSDS 2019: 32-33). Der südliche Aargau mit den angrenzenden luzernischen Gebieten, das deutschsprachige Wallis, die Kantone St. Gallen, Thurgau und Graubünden haben Anteil an beiden Schreibungen. Zweite Karte {60}: Berufsnamen mit mhd. iu Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle einschlägigen FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die im Wortstamm etymologisch mhd. iu enthalten und dem Benennungsmotiv der BerufsN zuzuordnen sind. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Karte 60: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. iu in BerufsN, vor 1800 u. Herkunft 5 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 6 Vgl. Artikel I-1.4 «Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten». 1.12 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. iu 137 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="138"?> Abgefragte Namen BerufsN mit mhd. iu als <ü>, <ue>: Buetler, Büttler, Düscher, Fürer, Hüsler, Plüer, Tüscher, Züger. 8 Types, 43 Tokens. BerufsN mit mhd. iu als <äu>, <eu>: Beutler, Bläuer, Bleuer, Bleuler, Häusler, Heusler, Heussler, Euler, Feurer, Kräutler, Pleuer, Scheuermeier, Scheurmeister, Teuscher. 14 Types, 66 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 60: Daten zur zweiten Karte {60} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst vorwiegend niederfrequente BerufsN; die beiden Typen mit den meisten Tokens gehen auf mhd. bliuwe(l)n ‘schlagen, stampfen’ (Bläuer, Bleuer, Bleuler, Pleuer, Plüer) sowie mhd. hius- ‘Häus-’ (Häusler, Heusler, Heussler, Hüsler) zurück. Ausgeschlossen wurden Fälle mit mehrdeutigem Motiv wie die FamN Schürer und Schürmann, die sowohl BerufsN als auch WohnstättenN sein können. Kommentar: Die zweite Karte zeigt ein räumlich konzentriertes Auftreten von ü-Varianten in der Zentralschweiz: Luzern, Schwyz und Zug vereinen 21 der 43 Tokens auf ihr Kantonsgebiet. Als weitere areale Schwerpunkte offenbaren sich das nördliche Kantonsgebiet von Bern und das angrenzende Solothurn (gemeinsam 11 Tokens). Demgegenüber treten v. a. der Rest des Kantons Bern und der Kanton Zürich mit digraphischen Schreibungen in Erscheinung: Beide Kantone vereinen je 21 Tokens auf sich. Im Kanton St. Gallen generieren die auf mhd. viurære ‘Feurer, Anfeurer’ zurückgehenden FamN eine Zweiteilung: Fürer (6 Tokens) formiert sich im Wahlkreis St. Gallen; im südlicheren Toggenburg hingegen dominiert der FamN Feurer (7 Tokens). Dritte Karte {61}: Über- und Berufsübernamen mit mhd. iu Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle einschlägigen FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die im Wortstamm etymologisch mhd. iu enthalten und dem Benennungsmotiv der ÜberN und BerufsüberN 7 zuzuordnen sind. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Karte 61: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. iu in Über- und BerufsüberN, vor 1800 u. Herkunft 7 BerufsüberN werden hier Kohlheim (2011: 252) folgend nicht als «Sondergruppe innerhalb der Berufsnamen», sondern als «berufsmotivierte Übernamen» eingeordnet. 138 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="139"?> Abgefragte Namen ÜberN/ BerufsüberN mit mhd. iu als <ü>: Dütsch, Füri, Hüser, Hüss, Hüsser, Hüssy, Krütli, Krüttli, Nünlist, Stübi, Stüssi, Süsli, Thürkauf , Tütsch. 14 Types, 43 Tokens. ÜberN/ BerufsüberN mit mhd. iu als <äu>, <eu>: Bleuel, Deutsch, Freund, Häuser, Häusser, Heusi, Heusser, Heussi, Kräutli, Säuberli, Stäussi, Streun, Teutsch, Teutschmann. 14 Types, 54 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 61: Daten zur dritten Karte {61} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst BerufsüberN und ÜberN, von denen Heusser (zu mhd. hiuze ‘munter, frech’) mit 22 Tokens und Stüssi (zu schwzdt. stǖsse(n) ‘mit tiefem Unwillen, stier dreinblicken’) mit 9 Tokens die frequentesten Namen sind. Namen mit Neu-, bei denen der fragliche Laut im Auslaut oder im Hiatus steht, werden auf der sechsten Karte ausgewiesen. Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass digraphische Varianten im Berner Oberland und im Zürcher Oberland bis Winterthur (ZH) verbreitet sind. Die Konzentration im Zürcher Oberland ist dem Namen Heusser zuzuschreiben, der hier raumbildend auftritt. Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 84, 87) notieren für diesen Namen sowie die Varianten Häus(s)er jeweils die Aussprache «Hüüsser». Monographische Schreibungen verteilen sich ohne erkennbares Muster vornehmlich auf die nördliche Landeshälfte sowie den Kanton Glarus. Im Unterschied zur ersten Karte tritt der Kanton Bern hier zweigeteilt auf: im nördlichen Kantonsteil mit ü-Schreibungen, südlich hingegen mit Digraphien. Die Tokenfrequenz des Samples ist mit 43 ü-Schreibungen zu 54 äu-/ eu-Formen eher ausgeglichen. Vierte Karte {62}: Patronyme mit mhd. iu Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle einschlägigen FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die im Wortstamm etymologisch mhd. iu enthalten und dem Benennungsmotiv der Patronyme zuzuordnen sind. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Patronyme mit mhd. iu als <ü>: Lüpold, Lüthard, Lüthardt, Lüthert, Lüthi, Lüthin, Lüthold, Lüthy, Lütold, Lütolf , Lütscher, Lütz. 12 Types, 99 Tokens. Patronyme mit mhd. iu als <äu>, <eu>: Läuppi, Leubi, Leubin, Leupi, Leupin, Leupold, Leupp, Leuppi, Leutert, Leuthard, Leuthardt, Leuthert, Leuthold, Leuthy. 14 Types, 52 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Karte 62: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. iu in Patronymen, vor 1800 u. Herkunft 1.12 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. iu 139 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="140"?> Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 62: Daten zur vierten Karte {62} Detailangaben zur Namenauswahl: Alle kartierten FamN enthalten etymologisch ahd., mhd. liut ‘Volk, Leute, Mensch’. Die Patronyme lassen sich formal in zwei Gruppen einteilen: einerseits suffigierte Kurzformen wie Lüthi, Leuthy oder Lütz, andererseits FamN wie Lüthold und Lüpold, bei denen die zweigliedrige Struktur noch zu erkennen ist. Manche Namen sind als Dubletten vorhanden wie Lüthold / Leuthold oder Lüpold / Leupold. 8 Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass Patronyme dieses Typs primär im Mittelland verbreitet sind, während sich nur wenige Belegorte im voralpinen Raum finden (hier v. a. im Berner Oberland). Die ü-Schreibung ist gesamthaft häufiger und dominiert zwischen den Kantonen Bern und St. Gallen sowie an den Ortspunkten in Graubünden. Die ü-Fläche wird mehrheitlich durch die beiden Varianten Lüthi und Lüthy (50 resp. 18 von 99 Tokens) konstituiert. Lüthi ist nach wie vor hochfrequent: Der FamN belegt Platz 31 in der Statistik «Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung» des BFS (2023: STATPOP 2022) und ist damit das zweithäufigste Patronym in der Deutschschweiz. Die häufigste Form mit Digraph ist im vorliegenden Sample Leuthold mit 23 Tokens; diese tritt im Kanton Bern (Guggisberg, Meiringen-Hasliberg), verdichtet im Knonaueramt (ZH) sowie im Toggenburg (SG) auf. Die Kurzformen Läuppi, Leupin, Leupp, Leuppi konzentrieren sich im Amt Willisau (LU) und im Aargau. Fünfte Karte {63}: Wohnstätten- und Herkunftsnamen mit mhd. iu Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle einschlägigen FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die im Wortstamm etymologisch mhd. iu enthalten und dem Benennungsmotiv der Wohnstättenbzw. HerkunftsN zuzuordnen sind. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen WohnstättenN/ HerkunftsN mit mhd. iu als <ü>: Anderrüthi, Anderrüti, Bernhardsgrütter, Bünter, Geisshüsler, Gmür, Grüter, Grütter, Hüsler, Imgrüt, Imgrüth, Lüchinger, Püntener, Pünter, Rüthi, Rüthy, Rütimann, Rüttener, Rütter, Rüttimann, Rüttner, Stüdi, Vonrüti, Zenzünen. 24 Types, 99 Tokens. WohnstättenN/ HerkunftsN mit mhd. iu als <äu>, <eu>: Greutert, Häusli, Kreutzer, Kreuz, Kreuzer, Neuhäusler, Niederhäuser, Oberhäuser, Offenhäuser, Reut, Reutegger, Reuteler, Reutemann, Reutener, Reuter, Reuthinger, Reutiger, Reutimann, Reutlinger, Reutter, Reutti, Reutty, Schmidhäusler, Steudler. 24 Types, 53 Tokens. Karte 63: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. iu in Wohnstätten- und HerkunftsN, vor 1800 u. Herkunft 8 Vgl. Artikel III-1.2 «Patronyme zu germanischen Rufnamen: liut». 140 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="141"?> Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 63: Daten zur fünften Karte {63} Detailangaben zur Namenauswahl: Etymologisch gehen 29 der kartierten FamN auf Toponyme oder Örtlichkeitsbezeichnungen zurück, die mhd. riute ‘Rodung’ enthalten; in den FamN tritt das Etymon als Grüt- / Rüt(h) -/ Rütt-/ Reut(t)auf. 9 Daneben sind umgelautete Formen zu mhd. hūs ‘Haus’ und mhd. stūde ‘Staude, Strauch, Busch’ im Sample enthalten. Alle drei Etyma kommen häufig in der Toponymie der Schweiz vor (vgl. ortsnamen.ch o. J.). 10 Namen mit Neu-, bei denen der fragliche Laut im Auslaut oder im Hiatus steht, werden auf der sechsten Karte ausgewiesen. Kommentar: Die fünfte Karte zeigt einen relativ geschlossenen Raum mit ü-Graphien, der von einer Linie Grenchen (SO) - Rüegsau (BE) bis ins Rheintal (SG) reicht, wobei hier der Kanton Luzern (35 Tokens) als Verbreitungsgebiet mit der grössten Dichte in Erscheinung tritt (v. a. in den Wahlkreisen Sursee und Hochdorf ). Im Nordosten nimmt die Belegdichte der äu-/ eu-Graphien zu: Im Raum zwischen Zürich (ZH) und Winterthur (ZH) ist einerseits der FamN Greutert raumbildend, andererseits ist hier überhaupt die Schreibung Reuthäufig, die auch die Bezirke um Weinfelden (TG), Wil (SG) bis Urnäsch (AR) gelb einfärbt. Sofern Belegorte im Kanton Bern vorhanden sind, überwiegen auch hier digraphische Realisierungen. Gesamthaft zeigen Wohnstätten- und HerkunftsN mit 99 vs. 53 Tokens eine Präferenz für die monographische ü-Graphie. Sechste Karte {64}: Mhd. iu im (Silben-)Auslaut oder im Hiatus Namenauswahl: Ausgewählt wurden FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die etymologisch mhd. iu im Auslaut resp. Silbenauslaut oder im Hiatus enthalten. Da dieses Phänomen zur Binnengliederung des Alemannischen in der Schweiz herangezogen wird (Haas 2000: 59), soll es hier auch in den FamN untersucht werden. Abgefragte Namen FamN mit mhd. iu im Auslaut/ Hiatus als <ü>: Nüchem. 1 Token. FamN mit mhd. iu im Auslaut/ Hiatus als <eu>: Breu, Neuenschwander, Neuhaus, Neuhauser, Neuhäusler, Neukom, Neukomm, Neuschwander, Neuweiler, Spreuer, Spreuermann, Treu. 12 Types, 58 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Karte 64: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. iu im (Silben-)Auslaut oder im Hiatus, vor 1800 u. Herkunft 9 Vgl. Artikel III-3.6 «Wohnstättennamen zu Rodungen». 10 Zum Typ Rüti in der Ortsnamenlandschaft vgl. auch Zinsli (1971: 51) oder Waser (1988: 279-295). 1.12 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. iu 141 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="142"?> Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 64: Daten zur sechsten Karte {64} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst Breu zu mhd. briuwe ‘Brauer’ (Id. 5 1881 ff.: Sp. 1036), Spreuzu mhd. spriu ‘Spreu, Hülsen, Spelzen’ und Treu zu mhd. triuwe ‘treu, getreu, wohlmeinend’; daneben v. a. Namen mit mhd. niuwe ‘neu’ in Herkunfts- oder WohnstättenN (Neu(en)schwander, Neuhaus, Neuhauser, Neuhäusler, Neuweiler) sowie in ÜberN (Neukom(m), Nüchem). Kommentar: Das Phänomen von mhd. iu im (Silben-)Auslaut oder im Hiatus ist im appellativischen Wortschatz nicht sehr häufig und tritt in FamN lediglich in den kartierten Namentypen auf, wobei die digraphische Schreibung mit <eu> als Normalfall bezeichnet werden kann. Neuhaus ist mit 16 Tokens der häufigste Vertreter; Nüchem als einzige monographische Namenform - Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 126) belegen die dialektale Aussprache «Nüüchem» - hat nur ein Token und ist heute abgegangen. Das Vorkommen von Nüchem im nördlichen Kanton Zürich (Rheinau) deckt sich nicht mit dem Erhalt von Langvokalen an dieser Position: Diese kommen in den gegenwärtigen Dialekten lediglich in der südlichen Hälfte der Deutschschweiz vor (SDS I 1962: Karte 148). Es wäre zu prüfen, ob der Name früh onymisiert und daher in dieser Form erhalten geblieben ist; vgl. dazu den ebenfalls nördlich gelegenen Ort Neunkirch (SH), bei dessen Aussprache ebenfalls die alte Länge erhalten geblieben ist (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 802002904). Einschränkend bleibt anzumerken, dass im Dialektgebiet mit fehlender Hiatusdiphthongierung keine FamN zum Phänomen belegt sind. Siebte Karte {65}: Familiennamen mit altoberdt. iu Namenauswahl: Ausgewählt wurden FamN aus der Schicht «vor 1800», die etymologisch altoberdt. iu enthalten. Da dieser Laut in den Mundarten der Schweiz eine gesonderte Entwicklung durchmacht, wird er auch in den FamN untersucht und auf einer eigenen Karte dargestellt. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit altoberdt. iu als <ie>: Lieb, Lieber, Liebergsell, Lieberherr, Liebi, Tiefenauer, Tiefenbach, Tiefenthal, Tieffenbach. 9 Types, 21 Tokens. FamN mit altoberdt. iu als <ü>: Lüber, Obertüfer, Tüfer. 7 Tokens. FamN mit altoberdt. iu als <eu>: Kneubühl, Kneubühler, Oberteufer, Oberteuffer, Teufer. 20 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 65: Daten zur siebten Karte {65} Karte 65: Reflexe von altoberdt. iu, vor 1800 142 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="143"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Ausgewählt wurden FamN, die zu den in der Literatur besprochenen einschlägigen Fällen gehören (Hotzenköcherle 1960; SDS I 1962: Karten 134-139; KSDS 2019: 244-247): Dies sind Namen, welche die Lexeme Knie, lieb und tief enthalten. Die Namenauswahl umfasst ÜberN (Lieb, Liebergsell, Lieberherr, Liebi), WohnstättenN (Kneubühl, Kneubühler, Oberteufer, Oberteuffer, Obertüfer, Teufer, Tiefenauer, Tiefenbach, Tiefenthal, Tieffenbach, Tüfer) sowie Namen, deren Motiv uneindeutig ist, die aber dem Lexem mhd. lieb ‘lieb, angenehm, erfreulich’ zugeordnet werden können (Lieber, Lüber). Kommentar: FamN mit altoberdt. iu zeigen in der Tendenz eine Übereinstimmung mit den appellativischen Verhältnissen in den Dialekten: Im Wahlkreis Willisau (LU) sowie in angrenzenden Berner Gemeinden tritt der FamN Kneubühler raumbildend auf; die Schreibung <eu> repräsentiert hier den eingangs vorgestellten dritten Typ mit der Lautung öü. FamN mit lieb zeigen mehrheitlich die Schreibung <ie> und somit das Ergebnis des Zusammenfalls von altfränk. io mit mhd. ie. Eine Ausnahme stellt der FamN Lüber dar, der in vier Gemeinden im Wahlkreis Toggenburg (SG) ein Namennest formt (Hemberg, Kirchberg, Lütisburg, Mogelsberg). 11 Dieses Auftreten passt zum Vorkommen der ehemaligen Dialektform lüüb ‘lieb’ in Regionen der Nordostschweiz (KSDS 2019: 245). Für die FamN Oberteufer, Oberteuffer (AR) erwägt familiennamen.ch (o. J.: s. v. Oberteufer) als Bezugsort Oberteufen in Appenzell Ausserrhoden. Die Schreibweise mit <eu> in Appenzell, wo dialektal tüüf gilt, ist als Annäherung an die Schriftsprache zu werten, ähnlich wie in den FamN Feurer oder Teutsch. Für Obertüfer, das vor 1800 nur in Neuenkirch (LU) vorkommt, nimmt familiennamen.ch (o. J.: s. v. Obertüfer) ebenfalls diesen Bezugsort an und deutet den Luzerner FamN als einen Zeugen von Migration. Die Annahme eines Imports aus der nordöstlichen Schweiz wird auch durch die im Kanton Luzern unübliche Form mit <ü> gestützt, denn in Luzern gilt dialektal töüf oder töif (KSDS 2019: 244). Ergebnisse Die ersten sechs Karten zeigen Raumbilder der Schichten «vor 1800» und «Herkunft» zu FamN, die im Stamm mhd. iu enthalten; die siebte Karte widmet sich FamN mit dem Spezialfall altoberdt. iu in der Schicht «vor 1800». Als Hauptbefund ist Folgendes festzuhalten: Die Gebiete in der Zentralschweiz, im südlichen St. Gallen und in Graubünden halten stärker an der monographischen Schreibung fest, während die westlichen (hier v. a. Bern) und die nördlichen Kantone als Digraphiegebiete eingeordnet werden können. Das Wallis tritt als Mischgebiet in Erscheinung. Diese Räume decken sich teilweise mit den sprachhistorischen Räumen zur Aufnahme der Diphthongschreibungen. Dieser Befund ist mit jenem zu den Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī und mhd. ū vergleichbar und wird im Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī» eingehender diskutiert. Während die Tokenzahl auf der Gesamtkarte (erste Karte) mit 302 ü-Graphien zu 299 äu-/ eu-Graphien fast ausgeglichen ist, zeigen sich bei den einzelnen Benennungsmotiven Unterschiede: Bei BerufsN dominieren mit 60,6 % und bei ÜberN/ BerufsüberN mit 55,7 % die digraphischen Schreibungen; diese treten mehrheitlich im Mittelland auf, wo tendenziell Digraphschreibung vorherrscht. Der zahlenmässige Unterschied zu den monographischen FamN fällt dabei moderat aus. Anders zeigt sich das Verhältnis bei den restlichen Motiven: Bei Patronymen (vierte Karte) und bei WohnstättenN/ HerkunftsN (fünfte Karte) sind mit je 99 Tokens fast doppelt so viele Namenformen mit ü-Schreibung vorhanden, was sich auch in homogeneren Kartenbildern äussert. Bei Patronymen mit dem Element liut handelt es sich um Namenformen, die sich in ihrem etymologischen Transparenzstatus eher im opaken Bereich bewegen und sich dadurch weniger leicht in eine digraphische Schreibvariante überführen liessen. Teilweise wurde womöglich noch das Lexem alem. Lüüt ‘Leute’ erkannt, denn die Graphie mit Leutschliesst an die standardsprachliche Schreibung an. Die frequenteren ü-Namen in der Gruppe der Wohnstätten- und HerkunftsN können allenfalls mit der Schreibung der zugrunde liegenden Toponyme erklärt werden: Auf ortsnamen.ch (o. J.) werden bspw. 2'299 Einträge mit dem Suchausdruck Rüti ausgegeben; diesen stehen 58 Reuti gegenüber (Suche am 31.05.2024). Bei den Toponymen wie auch bei den FamN überwiegt die monographische Realisierung. Wie das Verhältnis dieser beiden Namenarten in Bezug auf die Schreibung aussieht, wäre künftig zu klären. Die Frage, ob es für verschiedene Benennungsmotive unterschiedliche Areale gibt, kann somit im Wesentlichen bejaht werden. Bei den Namen mit mhd. iu im (Silben-)Auslaut (sechste Karte) ist die Schreibung <eu> in der Nordhälfte der Schweiz der Normalfall; im Dialektgebiet mit fehlender Hiatusdiphthongierung sind keine FamN zum Phänomen belegt. Der Sonderfall altoberdt. iu zeigt, dass sich Korrelationen zu den dialektalen Verhältnissen beobachten lassen und im FamN Lüber der Ref lex einer älteren Lautung konserviert wurde. Die Wechselwirkung zwischen etymologischer Transparenz (neu vs. Plüer) bei der Wahl der Diphthongschreibung wird im Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī» diskutiert. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Lüthi (9'858 Tokens), Neuenschwander (2'506 Tokens) und Züger (2'476 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Die Diphthongvarianz ü, äu, eu wird im DFA 1 (2009: 456-463) anhand von FamN mit Scheuer/ Schür (Karte 195), Scheune / Schüne (Karte 196) und Teufel/ Düwel (Karte 197) illustriert. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 11 Gemäss HBLS 4 (1921-1934: 678) handelt es sich bei Lieber und Lüber um Namenvarianten für ein toggenburgisches Geschlecht. 1.12 Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. iu 143 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="144"?> 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2023): STATPOP 2022. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Kanton und nach Sprachregion für das Jahr 2022. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 26925057 (letzter Zugriff 06.05.2024). Braune, Wilhelm/ Heidermanns, Frank (2023): Althochdeutsche Grammatik I: Phonologie und Morphologie (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 5.1). 17., neu bearbeitete Auf lage. Berlin, Boston: De Gruyter. DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. 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Simone Berchtold 144 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="145"?> 1.13 Diphthong- und Monophthongschreibungen von mhd. ie, ue, üe Schlagwörter: Alemannisch, Digraph, Monograph, schriftsprachlicher Einf luss Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Artikel werden FamN kartiert, die etymologisch mhd. ie, ue, üe enthalten wie Ziegler zu mhd. zieg(e)ler ‘Ziegelbrenner’, Fuess zu mhd. vuoz ‘Fuss’ oder Süess zu mhd. süez(e) ‘süss, mild, lieblich’. Diese Diphthongreihe wird ab ca. 1100 im Mitteldeutschen zu den Monophthongen ie, u, ü [iː, uː, yː] verändert (Paul et al. 2007: 78-79; Schmidt 2020: 402-403). Da die Ergebnisse dieses Wandels Teil der deutschen Schriftsprache werden, wird das Phänomen auch als «neuhochdeutsche Monophthongierung» bezeichnet (Paul et al. 2007: 78). In den alemannischen Dialekten tritt dieser Wandel nicht ein, wird aber ab dem 17. Jh. in den frühneuhochdeutschen Kanzleisprachen der Schweiz schrittweise übernommen, sofern der Prozess graphematisch überhaupt fassbar ist (Sonderegger 2003: 2854). Für die Deutschschweizer FamN gilt es auszuloten, inwieweit sich dieser Wandelprozess in ihrer Schreibung widerspiegelt. Der Gegenstand ist hinsichtlich des Nebeneinanders von alten, digraphischen Schreibungen und neuen, monographischen Schreibungen relevant. 1 Hintergrund: Die mittelhochdeutsche Diphthongreihe ie, ue, üe ist in den alemannischen Mundarten der Schweiz und auch in bairischen Mundarten erhalten geblieben und somit ein Kennzeichen des oberdeutschen Dialektraums (Ebert et al. 1993: 62; Haas 2000: 58-59; KSDS 2019: 30); sekundäre Entwicklungen wie Entrundung werden hier nicht berücksichtigt. 2 Während sich für die Diphthonge ue und üe zum Neuhochdeutschen hin die monographischen Schreibungen <u> und <ü> durchsetzen, bleibt für mhd. ie als Leitgraphie <ie> bestehen (Ebert et al. 1993: 62). Die Diphthongkomponente e wurde als Längenzeichen reanalysiert und in der Schreibung beibehalten (Ebert et al. 1993: 33). In der Folge wird <e> auch analog als Längenzeichen auf gedehntes mhd. i übertragen wie in mhd. bin(e) → nhd. Biene, mhd. vil → nhd. viel, mhd. vride → nhd. Friede. 3 Durch die Beibehaltung der digraphischen Wiedergabe ist die Monophthongierung von mhd. ie schwer fassbar. Kully (2009: 371) bemerkt Ähnliches zu diesem Phänomen, besonders unter dem Aspekt, Schweizer Namen zu identifizieren: Die nhd. Monophthongierung ist für die Herkunftsbestimmung noch weniger eindeutig als die Diphthongierung, da sie erstens auch im Bairischen fehlt, da zweitens die Schreibung -ieim Schriftdeutschen auch für das lange [iː] gilt und da drittens die mundartlichen Diphthonge nur in seltenen Fällen als solche geschrieben werden: Liebrich ['lɪəbriːx], Liechti - Lichtin (? ) [sic! ]; Büeler - Bühler, von Flüe - Flühmann; Buecher - Bucher, Ruedi - Rudin, Ruetz - Rutz, Uetz - Utz. 4 Während die Schreibweisen <üh>, <u> als graphematischer Ausdruck der Monophthongierung zu verstehen sind, ist v. a. die Schreibung <ie> aufgrund der Reanalyse und der analogen Übertragung uneindeutig. Für die Übernahme der neuhochdeutschen Monophthongierung in den städtischen Kanzleisprachen gibt Sonderegger (2003: 2854) folgende Eckdaten an: In Basel ist der Übernahmeprozess 1620 abgeschlossen, in allen anderen untersuchten Regionen im 18. Jh. (Schaffhausen 1710, Zürich 1730, Luzern und St. Gallen erst 1750). Für Bern ist der Status gemäss Sonderegger (2003: 2854) «kaum zu beurteilen». 5 Die monographischen Varianten haben grundsätzlich keine Grundlage im Gesprochenen: Bucher und Huber bspw. werden i. d. R. «den dialektalen Konventionen [entsprechend] mit Diphthong ausgesprochen» (Christen 2007: 425-426). Auch für die folgenden in Glarus alteingesessenen FamN wird die Diphthongaussprache ue resp. üe angegeben: Blum, Blumer, Kundert und Grünenfelder, Grüninger (GlMwb 2024: 396-397). Im Kanton Zürich gilt ebenfalls dialektal ue in FamN wie Bruderer, Bucher, Buchmann oder Demuth (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 49, 51, 53) sowie üe in FamN wie Büchi, Bühler, Grübler oder Künzli (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 51, 75, 110). Fragestellungen: Vor diesem Hintergrund interessieren die folgenden Fragen: Wie schlägt sich das Spannungsverhältnis zwischen Standard und Dialekt in der Schreibung der FamN nieder? Tritt die Schreibung der Diphthonge, wie Kully (2009: 371) postuliert (s. o.), tatsächlich nur selten auf ? Decken sich die Namenräume mit u(h)- und ü(h)- Graphien allenfalls mit den sprachhistorischen Räumen zur Aufnahme der Monophthongschreibungen? Die erste Karte widmet sich FamN mit mhd. ie; auf der zweiten und der dritten Karte figurieren FamN mit mhd. ue und auf der vierten Karte werden FamN mit mhd. üe kartiert. Auf den drei letztgenannten Karten werden kontrastive Bilder zu digraphischen und monographischen Schreibungen gezeigt. 1 Vgl. zum umgekehrten Phänomen die Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī», I-1.11 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ū» und I-1.12 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. iu». 2 Vgl. Artikel I-1.5 «Entrundung». 3 Dies geschieht aber nicht durchgängig; vgl. dazu die Schreibung von nhd. Biber (zu mhd. biber) mit unbezeichneter Länge (Ebert et al. 1993: 68). 4 Von den genannten Namen sind folgende nicht in der Schicht «vor 1800» belegt: Liebrich (1827 aus Deutschland eingebürgert), Buecher (1921 aus Frankreich eingebürgert), Ruetz (1898 aus Österreich eingebürgert) (vgl. e-FNB 1989: s. v. Buecher, Liebrich, Ruetz). Der mit Fragezeichen versehene FamN Lichtin ist vor 1800 in Möhlin (AG) belegt. 5 Zumindest bis 1560 sind in der Berner Kanzlei gemäss Erni (1949: 38) die Diphthonge in den Haupttonsilben erhalten und ab 1680 beginnt <ie> zur Bezeichnung des Langvokals [iː] in der Kanzleisprache üblich zu werden (Erni 1949: 94). Der Prozess der Monophthongierung wird von Erni (1949) - im Gegensatz zur Diphthongierung - in seiner Arbeit nicht eigens ausgeführt. Er hält aber fest, dass in der zweiten Hälfte des 18. Jh. der Anschluss an die oberdeutschen Gebiete abgeschlossen wurde (Erni 1949: 129). 1.13 Diphthong- und Monophthongschreibungen von mhd. ie, ue, üe 145 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="146"?> Erste Karte {66}: Familiennamen mit mhd. ie Namenauswahl: Das Datenmaterial ist zu umfangreich, um alle Namen mit ie-Schreibung zu überprüfen. Daher werden der Karte die 20 frequentesten Namen der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 6 zugrunde gelegt, die etymologisch mhd. ie enthalten. Ihre Verbreitung wird auch für die Schicht «Herkunft» abgebildet. Da es zu diesen FamN keine Varianten mit i-Graphie gibt, 7 können keine Dubletten kartiert werden. Abgefragte Namen FamN mit mhd. ie als <ie>, vor 1800 u. Herkunft: Diener, Diethelm, Dietler, Dietrich, Dietschi, Fiechter, Grieder, Grossrieder, Kiener, Krieg, Liechti, Lienhard, Nievergelt, Rieder, Riedo, Riedweg, Stierli, Wanzenried, Wieland, Ziegler. 20 Types, 297 Tokens. Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-65, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 66: Daten zur ersten Karte {66} Detailangaben zur Namenauswahl: 8 Die 20 ausgewählten Namen umfassen BerufsN (Diener, Kiener, Ziegler), ÜberN (Krieg, Nievergelt, Stierli), WohnstättenN (Grieder, Grossrieder, Rieder, Riedo, Riedweg), HerkunftsN (Wanzenried ) und Patronyme (Diethelm, Dietler, Dietrich, Dietschi, Lienhard, Wieland ). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die aber dem Phänomen zuzuordnen sind (Fiechter, Liechti). Nicht berücksichtigt wurden Namen, bei denen die Schreibung <ie> lediglich die Dehnung eines ehemals kurzen mhd. i anzeigt wie in Siegfried (zu ahd. sigu + ahd. fridu) oder <ie> die entrundete Entsprechung von mhd. üe darstellt wie in Bieler (zu mhd. büel ). Ausgeschlossen wurde hier auch Lieberherr, da der Name etymologisch altoberdt. iu enthält und dieser Spezialfall im Artikel I-1.12 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. iu» auf der siebten Karte behandelt wird. Kommentar: Die erste Karte zeigt das aufgrund der skizzierten Schreibkonventionen zu erwartende Bild: FamN mit mhd. ie sind in der ganzen deutschsprachigen Schweiz verbreitet, wobei sie verdichtet im westlichen Mittelland auftreten. Einzelne Streubelege erscheinen in den nicht-deutschsprachigen Regionen, wo die Namen meist aufgrund von Migration zu finden sind. Bspw. wurde der FamN Rieder 1712 in Vevey (VD) mit Herkunftsort Gurzelen (BE) ein- Karte 66: Diphthongschreibung von mhd. ie, vor 1800 u. Herkunft 6 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 7 Ebert et al. (1993: 68) halten mit Bezug auf Besch (1967: 83) fest, dass zwar die Schreibung <i> als Variante «v. a. in Nachbarschaft von Nasalen» vorkommen kann, prozentual jedoch stark hinter <ie> zurückbleibt. 8 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 146 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="147"?> gebürgert. Die 20 ausgewählten FamN bewegen sich in den beiden Zeitschichten zwischen 39 Tokens (Ziegler) und 6 Tokens (Dietler). Zweite und dritte Karte {67, 68}: Familiennamen mit mhd. ue Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die etymologisch mhd. ue enthalten. Das Sample ist in drei Gruppen unterteilt: 1. Namen mit ue-Graphie, 2. Namen mit uo-Graphie und 3. Namen mit u(h) -Graphie. Um das Kartenbild zu akzentuieren, werden in der dritten Karte die drei hochfrequenten FamN Bucher, Huber und Kunz ausgeschlossen. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit mhd. ue als <uo>: Buob, Buol, Buomberger, Cuoni, Cuony, Cuonz, Cuorad, Fluor, Fuoter, Gruober, Kuoch, Kuonen, Kuoni, Muoser, Nuoffer, Ruosch, Ruoss, Schuoler, Schwytzer von Buonas, Truog. 20 Types, 47 Tokens. FamN mit mhd. ue als <ue>: Bueler, Buess, Cueni, Fues, Fuess, Fueter, Hueber, Hueter, Juen, Kuenlin, Kuentz, Kuenzi, Kuenzy, Kuert, Ruedi, Ruedolf , Ruef , Ruefer, Rueff , Ruepp, Ruesch, Ruesser, Ruetsch, Schlueb, Schluep, Schueler, Schuepp, Uelligger, Ueltschi. 29 Types, 70 Tokens. FamN mit mhd. ue als <u>, <uh>: Blum, Blumenauer, Blumenstein, Blumenthal, Blumer, Bruder, Bruderer, Brudermann, Bucher, Buchhofer, Buchmann, Buchmüller, Demuth, Dumermuth, Dummermuth, Eisenhut, Flubacher, Fluhbacher, Freienmuth, Freiermuth, Freyenmuth, Fuss, Grubenmann, Gruber, Grunauer, Gut, Gutersohn, Guth, Gutherz, Gutjahr, Gutknecht, Gutmann, Hohermuth, Hubacher, Huber, Hubmann, Hubschmid, Hufschmid, Hut, Huter, Hutmacher, Hutmann, Hutter, Kressebuch, Kundert, Kuni, Kuny, Kunz, Leibundgut, Leimgruber, Mühlefluh, Nufer, Pfluger, Pflugi, Pflugshaupt, Reichmuth, Rudi, Rudin, Rudolf , Rusch, Schlub, Schlup, Schlupp, Schuler, Schweingruber, Schwingruber, Steingruber, Thummermuth, Thut, Uhlmann, Ullmann, Ulmann, Ungemuth, Wermuth, Wildermuth, Wohlgemut, Wohlgemuth, Wuhrmann. 76 Types, 789 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-60, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 67: Daten zur zweiten Karte {67} Abgefragte Namen FamN mit mhd. ue als <uo>: Buob, Buol, Buomberger, Cuoni, Cuony, Cuonz, Cuorad, Fluor, Fuoter, Gruober, Kuoch, Kuonen, Kuoni, Muoser, Nuoffer, Ruosch, Ruoss, Schuoler, Schwytzer von Buonas, Truog. 20 Types, 47 Tokens. FamN mit mhd. ue als <ue>: Bueler, Buess, Cueni, Fues, Fuess, Fueter, Hueber, Hueter, Juen, Kuenlin, Kuentz, Kuenzi, Kuenzy, Kuert, Ruedi, Karte 67: Diphthongvs. Monophthongschreibung von mhd. ue, vor 1800 u. Herkunft 1.13 Diphthong- und Monophthongschreibungen von mhd. ie, ue, üe 147 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="148"?> Ruedolf , Ruef , Ruefer, Rueff , Ruepp, Ruesch, Ruesser, Ruetsch, Schlueb, Schluep, Schueler, Schuepp, Uelligger, Ueltschi. 29 Types, 70 Tokens. FamN mit mhd. ue als <u>, <uh> (ohne Bucher, Huber, Kunz): Blum, Blumenauer, Blumenstein, Blumenthal, Blumer, Bruder, Bruderer, Brudermann, Buchhofer, Buchmann, Buchmüller, Demuth, Dumermuth, Dummermuth, Eisenhut, Flubacher, Fluhbacher, Freienmuth, Freiermuth, Freyenmuth, Fuss, Grubenmann, Gruber, Grunauer, Gut, Gutersohn, Guth, Gutherz, Gutjahr, Gutknecht, Gutmann, Hohermuth, Hubacher, Hubmann, Hubschmid, Hufschmid, Hut, Huter, Hutmacher, Hutmann, Hutter, Kressebuch, Kundert, Kuni, Kuny, Leibundgut, Leimgruber, Mühlefluh, Nufer, Pfluger, Pflugi, Pflugshaupt, Reichmuth, Rudi, Rudin, Rudolf , Rusch, Schlub, Schlup, Schlupp, Schuler, Schweingruber, Schwingruber, Steingruber, Thummermuth, Thut, Uhlmann, Ullmann, Ulmann, Ungemuth, Wermuth, Wildermuth, Wohlgemut, Wohlgemuth, Wuhrmann. 73 Types, 415 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-80, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 68: Daten zur dritten Karte {68} Detailangaben zur Namenauswahl: Das kartierte Sample kam in einem ersten Schritt durch eine Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 20.06.2023) nach den Graphemen <ue> und <uo> in der Lemmaliste sowie im Beschreibungstext zustande. In einem zweiten Schritt wurde geprüft, ob zu diesen Namen eine Variante mit u(h) - Graphie vorhanden ist wie Huber neben Hueber oder Kunz neben Kuentz. Ferner wurde die etymologische Datenbank auf Derivate (Pfluger) oder Komposita (Leimgruber) mit den vorkommenden Lexemen hin durchsucht. Schliesslich wurden auch FamN aufgenommen, die mhd. ue enthalten, aber nur mit u-Graphien vorkommen wie FamN mit den Lexemen mhd. bluome ‘Blume, Blüte’, mhd. bruoder ‘Bruder, Klostergleistlicher’, mhd. guot ‘Gut’, mhd. muot ‘Kraft des Denkens, Gesinnung’, mhd. phluoc ‘Pf lug’, da diese Namen i. d. R. mit Diphthong ausgesprochen werden (vgl. Abschnitt «Hintergrund»). Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Cuonz, Rusch), ÜberN (Blum, Gutknecht), BerufsN (Blumer, Schuster), BerufsüberN (Eisenhut), WohnstättenN (Buchmann, Gruober) und HerkunftsN (Blumenstein). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die aber dem Phänomen zuzuordnen sind (Guthauser, Hubacher, Pflugi, Schwytzer von Buonas). Aufgrund unklarer oder rätoromanischer Etymologie wurden folgende Namen ausgeschlossen: Bisguolm, Caluori, Clavuot, Cuorad, Depuoz, Frunz, Fuog, Huonder, Juon, Muoth, (von) Mutach, Nuolf , Nuotclà, Puorger, Tschuor und Tuor. Kommentar: Die zweite Karte weist FamN mit u(h) -Schreibung als den häufigsten und verbreitetsten Typ aus: Er kommt im gesamten Mittelland und Alpenraum vor. Diese Fläche wird hauptsächlich durch das Auftreten von Huber (insgesamt 220 Tokens) in fast allen Kantonen (AG, AI, BE, BL, BS, FR, GR, LU, OW, SG, SH, SO, SZ, TG, UR, VD, VS, ZH) konstituiert und durch das räumlich verteilte Auftreten der ebenfalls häufigen FamN Bucher und Kunz (mit je 77 Tokens) ergänzt. Weil Bucher, Huber und Kunz zusammen 374 von 789 Tokens ausmachen, was 47,4 % entspricht, bestimmen sie die Karte 68: Diphthongvs. Monophthongschreibung von mhd. ue ohne Bucher, Huber, Kunz, vor 1800 u. Herkunft 148 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="149"?> hellblaue Fläche massgeblich. Die drei Namen wurden deshalb in der dritten Karte, die ansonsten dasselbe Sample wie die zweite Karte abbildet, ausgeschlossen. Die Räume mit den Graphien <uo> und <ue> treten in der dritten Karte deutlicher hervor: FamN mit der Graphie <uo> können als raumbildend in Graubünden (21 der 47 Tokens) verortet werden und finden ihre Fortsetzung in den nördlich angrenzenden Kantonen St. Gallen (7 Tokens) sowie Appenzell Innerrhoden (2 Tokens). Weitere Streubelege des uo-Typs kommen im Mittelland (FR, BL, AG, ZH) sowie in der Zentralschweiz (LU, SZ, UR) vor. Daneben tritt ein Namennest im Wallis auf, das durch den FamN Kuonen etabliert wird. FamN mit der Graphie <ue> verdichten sich westlich ab einer Linie Anwil (BL) - Oftringen (AG) - Oberried (BE). Schwerpunkte mit je mehr als 10 Tokens ergeben sich in drei Kantonen: Basel-Landschaft mit 18 Tokens und den beiden spezifischen Namen Cueni (6 Tokens) und Buess (7 Tokens), Solothurn mit 11 Tokens, von denen 6 Tokens auf den FamN Schluep entfallen, und Bern mit insgesamt 21 Tokens, die v. a. im Berner Oberland in Erscheinung treten. Hier bildet der FamN Ueltschi mit 6 Tokens im Simmental einen Namenraum. Vierte Karte {69}: Familiennamen mit mhd. üe Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die etymologisch mhd. üe enthalten. Die Auswahl ist in zwei Gruppen unterteilt: Namen mit üe-Graphie und Namen mit ü(h) -Graphie. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit mhd. üe als <üe>: Baumer Büel, Brüesch, Büecheler, Büel, Büeler, Büetiger, Flüeler, Flüeli, Füeg, Küenzi, Küenzlin, Lüem, Nüesch, Rüede, Rüedi, Rüedin, Rüedy, Rüefli, Rüeger, Rüegg, Rüegger, Rüegsegger, Rüenzler, Rüesch, Rüetschi, Rüetschli, Schüeb, Schüeli, Schüep, Schüepp, Süess, Sulger Büel, Thüeler, Trüeb, von Flüe, Wüest. 36 Types, 172 Tokens. FamN mit mhd. üe als <ü>, <üh>: Brechbühl, Brechbühler, Brüsch, Büchel, Bücheler, Bücheli, Büchi, Büchler, Bühler, Bühlmann, Fahrnbühl, Flühler, Fügi, Fügli, Geissbühler, Grübler, Grünblatt, Grünenfelder, Grünenwald, Grünig, Grüniger, Grüninger, Grünwald, Grüring, Gueisbühler, Guggenbühl, Hungerbühler, Kneubühl, Kneubühler, Küffer, Künzi, Künzli, Luginbühl, Mieschbühler, Rüdin, Rüfli, Rüger, Rüsch, Rütsche, Schaufelbühl, Schwendbühl, Süss, Süssli, Süsslin, Süsstrunk, Thüler, Thüller, Trüb, von Grünigen, Waldesbühl, Waldispühl, Waltenspühl, Waltenspül, Waltisbühl, Wüst. 55 Types, 414 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Fläche 10-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 69: Daten zur vierten Karte {69} Karte 69: Diphthongvs. Monophthongschreibung von mhd. üe, vor 1800 u. Herkunft 1.13 Diphthong- und Monophthongschreibungen von mhd. ie, ue, üe 149 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="150"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Das kartierte Sample kam in einem ersten Schritt durch eine Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 20.06.2023) nach dem Graphem <üe> in der Lemmaliste sowie im Beschreibungstext zustande. In einem zweiten Schritt wurde geprüft, ob zu diesen Namen eine Variante mit ü(h) -Graphie vorhanden ist wie Süss neben Süess oder Rüsch neben Rüesch. Ferner wurde die Datenbank auf Derivate (Süsslin) oder Komposita (Waldesbühl ) mit den vorkommenden Lexemen hin durchsucht. Schliesslich wurden auch FamN aufgenommen, die mhd. üe enthalten, aber nur mit ü(h) -Graphien vorkommen wie FamN mit dem Lexem mhd. grüen ‘grün’. Zum Phänomen der Entrundung von mhd. üe zu fnhd. ie vgl. die fünfte Karte im Artikel I-1.5 «Entrundung». Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Küenzi, Rüegg), ÜberN (Nüesch, Süess), BerufsN (Küffer), WohnstättenN (Büel, Thüler) und HerkunftsN (Grünenfelder, Rüegsegger). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die aber dem Phänomen zuzuordnen sind (Kneubühler, Rüenzler). Mit unklarer Etymologie wurden Eggspühler, Hühnli, Rühli(n), Gaberthüel, Grüneisen, Müessli sowie Füglistaler, Füglistaller, Füglister (mundartlich Füeglister) ausgeschlossen. 9 Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass die FamN mit ü(h)-Graphie im grössten Teil des Mittellands von Bern bis ins St. Galler Rheintal vorkommen. Gerade der Kanton Bern zeigt sich als relativ homogener ü(h) -Raum. In den Kantonen Freiburg und Wallis sind keine Namenvorkommen verzeichnet. Bühler mit 105 Tokens ist in dieser Lautgruppe der häufigste Vertreter, der in vielen Kantonen - vornehmlich des Mittellands - bezeugt ist (AG, AR, BE, BL, GE, GL, GR, LU, SG, SO, TG, ZH). In verschiedenen, nicht-zusammenhängenden Gebieten ist üe vorherrschend: in einem nordöstlichen Raum zwischen Beggingen (SH) und Benken (SG) sowie zwischen Kreuzlingen (TG) und St. Gallen (SG), in der Region Prättigau-Albula (GR), in einem Gebiet östlich und südlich des Vierwaldstättersees vom Kanton Schwyz bis ins Entlebuch (LU) und schliesslich im westlichen Aargau (Raum Aarau und Fricktal). Ein exemplarischer Vergleich der Dubletten Flühler/ Flüeler, Rüsch / Rüesch sowie Süss / Süess zeigt keine unterschiedliche Verteilung; die Namenpaare treten oft am selben Ort auf (Flühler / Flüeler in Oberdorf OW, Süss / Süess in Kriens LU) oder kommen örtlich nah beieinander vor (Rüsch / Rüesch in den Kantonen SG und AR). Ergebnisse Die vier Karten zeigen Raumbilder der Schichten «vor 1800» und «Herkunft» zu FamN, die die Diphthonge mhd. ie, ue, üe enthalten. Gesamthaft kann festgehalten werden, dass in den Namen bei allen drei Diphthongen die neuhochdeutschen Schreibungen <ie>, <u>/ <uh>, <ü>/ <üh> die häufigsten Typen darstellen. Dieser Lautwandel lässt sich folglich in der Schreibung der FamN nachzeichnen. Für mhd. ie gibt es keine graphischen Varianten: Die Schreibung <ie> ist der Normalfall und tritt in der ganzen Deutschschweiz mit einem Schwerpunkt im Mittelland auf. Die Schreibung der beiden anderen Diphthonge zeigt Variation und lässt Gebiete erkennen, die an digraphischen Schreibungen festhalten. Für mhd. ue sind dies kleinere Räume mit ue-Graphie in der westlichen Deutschschweiz sowie zwei Räume für die Wiedergabe mit <uo>, und zwar zum einen in Graubünden und St. Gallen und zum anderen im Wallis. Diese uo- Schreibungen lassen sich einerseits als relikthafte Graphien erklären, denn die frühneuhochdeutsche Leitgraphie für mhd. ue im schwäbisch-alemannischen Raum ist <ů>. Die Graphie <uo> mit nachgestelltem o kann demnach als Variante von <ů> eingeordnet werden. Die Schreibung <ue> mit nachgestelltem e dominiert seit dem 15. Jh. vom Bairischen ausgehend (Ebert et al. 1993: 63). Andererseits ist es aber auch denkbar, dass <uo> gerade in Graubünden durch das Vorkommen in rätoromanischen Namen wie Clavuot, Tschuor (RNB 3 1986: 398, 817) in der Schreibung gestützt und deshalb nicht ersetzt wurde. Für den Diphthong mhd. üe ist die Graphie <ü>/ <üh> vorherrschend. Verschiedene, nicht-zusammenhängende Gebiete zeigen eine Präferenz für die digraphische üe-Schreibung. Der Kanton Bern gibt sich hier recht deutlich als monographischer Raum zu erkennen. Dies bringt uns zur eingangs gestellten Frage zurück, ob sich die Namenräume mit monographischen u(h) - und ü(h) -Schreibungen mit den sprachhistorischen Räumen zur Aufnahme der Monophthongschreibungen decken. Für die von Sonderegger (2003: 2854) angeführten Kantone Basel-Stadt, St. Gallen, Schaffhausen, Zürich, Luzern und Bern kann dies somit bejaht werden. In allen Kantonen überwiegen FamN mit monographischen Schreibungen: Bspw. stehen im Kanton Zürich 181 u(h) -Tokens 2 Tokens mit der Schreibung <ue>, im Kanton Bern 98 ü(h) -Tokens 16 Tokens mit der Schreibung <üe> gegenüber. Obwohl die städtischen Kanzleien (ausser Basel) in diesem Aspekt teilweise erst um 1750, also vergleichsweise spät, den Anschluss an die neuhochdeutsche Schriftsprache abgeschlossen haben, ist die Übernahme der Monophthongschreibungen in den FamN deutlich nachzuvollziehen. Kullys (2009: 371) Feststellung zur seltenen Schreibung der Diphthonge kann in folgenden Punkten ergänzt werden: Die digraphische Realisierung von mhd. ue ist eher selten. Hier stehen 117 Tokens mit Digraph 789 Tokens mit Monograph gegenüber, wobei letztere gut zur Hälfte auf die drei FamN Bucher, Huber und Kunz zurückgehen. Bei der Wiedergabe von mhd. üe ist «selten» zu relativieren, da die Tokenzahlen mit 172 üe-Formen gegenüber 414 ü(h) -Formen einem Verhältnis von 29,4 % zu 70,6 % entsprechen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Huber (17'351 Tokens), Bucher (10'554 Tokens) und Kunz (9'286 Tokens). Sie gehören allesamt zu den häufigsten FamN der Schweiz überhaupt; vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 1 (2009: 376-411) wird die Thematik im Kapitel «Diphthongvarianz ue, ui, uo, uy» auf den Karten 228-232 dargestellt. Als Vergleich sei explizit auf die Karte 229 zu Ruoff , Rieff , Ruff , Ruf hingewiesen (DFA 1 2009: 545). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Daten- 9 Zu letzterem FamN beachte man die Diskussion des zugrunde liegenden Toponyms beim Eintrag Vauffelin auf ortsnamen.ch (o. J.: Nr. 802000447). 150 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="151"?> bank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Besch, Werner (1967): Sprachlandschaften und Sprachausgleich im 15. Jahrhundert. Studien zur Erforschung der spätmittelhochdeutschen Schreibdialekte und zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache (Bibliotheca Germanica 11). München: Francke. Christen, Helen (2007): Familiennamen: Lokale Identitätsmarker oder besondere Wörter? Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge 42(4), 419-439. DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. Ebert, Robert P. et al. (1993): Frühneuhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 12). Tübingen: Niemeyer. e-FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (1989): Familiennamenbuch der Schweiz. Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989. Digital zur Verfügung gestellt durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ (letzter Zugriff 20.06.2023) Erni, Christian (1949): Der Uebergang des Schrifttums der Stadt Bern zur neuhochdeutschen Schriftsprache. Thusis: Roth. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 20.06.2023). GlMwb = Verein Glarner Mundartwörterbuch/ Academia Glaronensis (Hrsg.) (2024): Glarner Mundartwörterbuch. Mit einer Einleitung zum Glarner Dialekt, Redewendungen, Personennamen und einem hochdeutschen Register (Grammatiken und Wörterbücher des Schweizerdeutschen in allgemeinverständlicher Darstellung 17). Glarus: Baeschlin. Haas, Walter (2000): Die deutschsprachige Schweiz. In: Bickel, Hans/ Schläpfer, Robert (Hrsg.): Die viersprachige Schweiz (Sprachlandschaft 25), 57-138. 2., neu bearbeitete Auf lage. Aarau, Frankfurt a. M., Salzburg: Sauerländer. KSDS = Christen, Helen/ Glaser, Elvira/ Friedli, Matthias (Hrsg.) (2019): Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz. 7., verbesserte Auf lage. Frauenfeld: Huber. Kully, Rolf M. (2009): Form und Inhalt der Deutschschweizer Familiennamen. In: Hengst, Karlheinz/ Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. Bd. 1: Deutsche Familiennamen im deutschen Sprachraum (Onomastica Lipsiensia 6.1), 365-392. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. ortsnamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): ortsnamen.ch. Das Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung. https: / / www.ortsnamen.ch/ de/ (letzter Zugriff 20.06.2023). Paul, Hermann et al. (2007): Mittelhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 2). 25., neu bearbeitete Auf lage. Tübingen: Niemeyer. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Schmidt, Wilhelm (2020): Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium. Teil 2: Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Frühneuhochdeutsch. 12., verbesserte und erweiterte Auf lage. Stuttgart: Hirzel. Schobinger, Viktor/ Egli, Alfred/ Kläui, Hans (1994): Zürcher Familiennamen. Entstehung, Verbreitung und Bedeutung der Namen alteingesessener Zürcher Familien. Zürich: Zürcher Kantonalbank. Sonderegger, Stefan (2003): Aspekte einer Sprachgeschichte der deutschen Schweiz. In: Besch, Werner et al. (Hrsg.): Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. Bd. 3 (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 2.3), 2825-2888. 2., vollständig neu bearbeitete und erweiterte Auf lage. Berlin, New York: De Gruyter. Simone Berchtold 1.13 Diphthong- und Monophthongschreibungen von mhd. ie, ue, üe 151 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="152"?> 1.14 Schreibvariation i/ y Schlagwörter: i(n) -Suffix, mhd. ei, mhd. ī, Nomen agentis Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel dokumentiert FamN, die Schreibvariation für mhd. ī bzw. für das zweite Element des Diphthongs mhd. ei als <i> - <y> aufweisen, wobei insbesondere alemannische Schreibsprachen für mhd. ī eine funktionale Differenzierung vornehmen (Ebert et al. 1993: 44). Das unterschiedliche Auftreten der Graphien zeigt sich nicht nur im appellativischen Wortschatz, sondern auch im Familiennamenbestand der Deutschschweiz (Kully 2009: 368). So erscheint Schreibvariation i/ y bspw. bei Dätwiler / Dätwyler und Spicher / Spycher mit mhd. ī im Stamm, bei Mai/ May und Sandmeier/ Sandmeyer mit mhd. ei im Stamm, bei Bürgi/ Bürgy und Stucki/ Stucky mit i(n)- Suffix oder bei Häberli/ Häberly und Wehrli/ Wehrly mit l-Diminutiv. 1 Hintergrund: Dieser Artikel widmet sich der Variation von <i> und <y> auf graphematischer Ebene. Ein Überblick über die sprachhistorisch-dialektale (inklusive der lautlichen) Entwicklungsgeschichte von mhd. ī und mhd. ei wird an anderer Stelle gegeben. 2 Seit dem 14. Jh. stehen <y> folgende vier graphematische Funktionen zu, die sich auf der lautlichen Ebene nicht immer trennen lassen: 1. <y> als Schreibvariante für mhd. [iː] und [ɪ]: Neben <i> und im 15. Jh. auch <j> erscheint <y> im Mittelhochdeutschen und im Frühneuhochdeutschen häufiger als «freie Variante» für mhd. ī (Ebert et al. 1993: 44; Paul et al. 2007: 92, 98). Gemäss Ramseyer (1995: 164) ist die Variation der Graphien <y>, <i> und <j> für die Schreibung von i stellungsbedingt, wie er anhand von Namenbelegen des 16. Jh. aufzeigt: Am Wortanfang - seltener am Namenanfang - stehen häufig -j-, seltener -i- oder -y- […]. Im Innern des Namens wechseln -i- und -ÿgleichwertig; hier steht niemals -j-: Cristan - Crÿstan, Schnider - Schnÿder, […] Silberisen - Silberÿsen […]. Am Namenende stehen die Buchstaben -i-, -ÿ- und -jgleichwertig: Marti - Marttÿ - Martj […], Suri - Sury - Surj. Im Alemannischen des 15. Jh. setzt eine graphische Differenzierung ein, die sich nach der Vokallänge richtet. Die Graphie <i> steht für mhd. [ɪ], die Graphie <y> hingegen für mhd. [iː] (Ebert et al. 1993: 44). Kully (2009: 368) führt dazu aus: In der deutschweizerischen [sic! ] Rechtschreibung erhielt das geschlossene lange [iː] zur Unterscheidung vom kurzen [ɪ] ein eigenes Schriftzeichen, nämlich <y>: Wyss, Byss [biːsː] ‘Mundvoll, Bissen’, Schnyder, Styger. Da nur das [iː] in dieser Weise bevorzugt wird, während <ü> [yː]/ [ʏ] und <u> [uː]/ [ʊ] von dieser Maßnahme nicht betroffen sind, kommt es zu einer Unstimmigkeit im orthographischen System. Diese Regelung zur funktionalen Trennung von <y> und <i> wird auch vom Basler Lehrmeister Johannes Kolroß in seinem «Handbüchlin tütscher Orthography» festgehalten (Kolroß 1564: Fol. 8r; s. auch Berchtold 2019: 41). Ab Ende des 16. Jh. geht die Verwendung von <y> zurück, es «bleibt jedoch bis ins 18. Jh. hinein üblich zur graphischen Unterscheidung von Homonymen, wie dies von Schottelius in der ‹HaubtSprache› vorgeschlagen wird: Weide (Baum) vs. Weyde» (Ebert et al. 1993: 44). 2. <y> als Schreibvariante für den i-Vokal im Diphthong mhd. ei: Das Graphem wird auch für den zweiten Bestandteil des Diphthongs mhd. ei verwendet, der mit den Digraphen <ei>, <ai>, <ey> oder <ay> verschriftet wird (Ebert et al. 1993: 44; Berchtold 2019: 42), wie bspw. in den FamN Keiser, Kaiser, Keyser und Kayser (zu mhd. keiser ‘Kaiser’) oder Meier, Maier, Meyer und Mayer (zu mhd. meier, meiger ‘Gutsverwalter’). 3 Darüber hinaus kommt <ey> auch bei FamN mit Diphthongschreibung von mhd. ī wie Thurneysen (mit dem Grundwort mhd. īsen) und Wey (zu mhd. wī(e), wīh usw. ‘Weihe, Falke’, schwzdt. Wī, Wei auch ‘Mäusebussard, Habicht’) vor. 4 3. <y> als Schreibvariante bei Ableitungen mit i(n) -Suffix resp. l-Diminutiv wie bspw. die FamN Aerny (zum Ruf N Arnold ) oder Gröbly (zu mhd. grob ‘unfein, ungebildet’; vgl. Berchtold 2019: 42). Die Variation von <i> und <y> in l-Diminutiven wird im Artikel II- 2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» eingehend diskutiert und an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt. 4. <y> als Schreibvariante bei Nomina agentis auf -i wie Haury (zu schwzdt. haure(n), houre(n), huure(n), hoore(n) ‘laut rufen, heulen, schreien’) oder Sturny (zu schwzdt. sturne(n) ‘halsstarrig, mürrisch sein’; vgl. Berchtold 2019: 42). Die Variation von <i> und <y> bei Nomina agentis wird im Artikel II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y» eingehend diskutiert und an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt. Fragestellungen: Der vorliegende Artikel geht der Frage nach, welche Deutschschweizer FamN in der Schicht «vor 1800» Variation von <i> und <y> zeigen. Dabei interessiert auch, ob sich je nach graphematischer Funktion (s. Abschnitt «Hintergrund») unterschiedliche Raumbilder ergeben. Die erste Karte widmet sich FamN, die i/ y-Schreibvariation für mhd. ī aufweisen. Die folgenden beiden Karten untersuchen, in welchen Gebieten <ei>, <ey> (zweite Karte) bzw. <ai>, <ay> (dritte Karte) für mhd. ī bzw. mhd. ei verbreitet sind. 1 Vgl. die Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī», I-1.9 «Diphthongwandel von mhd. ei, ou, öu», II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y» und II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven». 2 Eine umfassende Dokumentation zur Entwicklung von mhd. ī und seiner Schreibung findet sich im Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī». Für mhd. ei vgl. Artikel I-1.9 «Diphthongwandel von mhd. ei, ou, öu». 3 Vgl. Artikel I-1.9 «Diphthongwandel von mhd. ei, ou, öu». 4 Zur neuhochdeutschen Diphthongierung vgl. Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī». 152 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="153"?> Die vierte Karte setzt sich schliesslich mit der Schreibvariation i/ y bei FamN aus Ruf N auf -i(n) auseinander. Erste Karte {70}: Variation <i> und <y> für mhd. ī Namenauswahl: Die erste Karte widmet sich Namenpaaren, die Schreibvariation i/ y für mhd. ī aufweisen. Ausgewählt wurden alle einschlägigen Fälle aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 5 die als i/ y-Dubletten auftreten. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit mhd. ī als <i>: Dätwiler, Dettwiler, Duttwiler, Friberg, Giger, Huwiler, Kid, Leutwiler, Muntwiler, Pfiffer, Rhiner, Richen, Richener, Richner, Rihner, Riser, Schnider, Schriber, Schwizer, Spicher, Widler, Wiher, Wiler, Wiss, Wissmann. 25 Types, 161 Tokens. FamN mit mhd. ī als <y>: Dätwyler, Dettwyler, Duttwyler, Fryberg, Gyger, Huwyler, Kyd, Leutwyler, Muntwyler, Pfyffer, Rhyner, Rychen, Rychener, Rychner, Ryhner, Ryser, Schnyder, Schryber, Schwyzer, Spycher, Wydler, Wyher, Wyler, Wyss, Wyssmann. 25 Types, 258 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 70: Daten zur ersten Karte {70} Detailangaben zur Namenauswahl: 6 Die 25 einschlägigen Dubletten, die sich nur durch ivs. y-Schreibung unterscheiden, wurden mittels automatischer Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 28.09.2023) ermittelt und anschliessend manuell sortiert. Dabei wurden Namenpaare, deren i/ y-Vorkommen nicht auf mhd. ī basiert oder deren Etymologie unklar bzw. nicht identisch ist, von der Kartierung ausgeschlossen. So blieben bspw. die FamN Lei (zu mhd. lei(e) ‘Fels, Schiefer’) und Ley (zu Leu ‘Löwe’ oder mhd. leie ‘Nichtgeistlicher, Laie’) mit unterschiedlicher Etymologie oder Hinni/ Hinny mit unsicheren Deutungen unberücksichtigt. Karte 70: Schreibvariation i/ y in Dubletten, vor 1800 5 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 6 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 1.14 Schreibvariation i/ y 153 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="154"?> Die Namenauswahl umfasst mehrheitlich Wohnstätten- und HerkunftsN (15 Types), die meistens das Toponym Wiler/ Wyler (zu ahd. wīlāri aus lat. vīllāre) im zweiten Bestandteil des Namens enthalten. 7 Dazu zählen z. B. die FamN Duttwiler/ Duttwyler (zum SiedlungsN Tuttwil TG) oder Huwiler/ Huwyler (zum SiedlungsN Huwil LU). Die übrigen Dubletten lassen sich zu gleichen Teilen den BerufsN (z. B. Schnider/ Schnyder zu mhd. snīdære ‘Schneider’, Giger / Gyger zu mhd. gīgære, gīger ‘Geiger’) und den ÜberN (z. B. Wiss / Wyss zu mhd. wīz ‘glänzend, weiss’, Kid / Kyd zu mhd. kīde, kīt ‘Schössling, Spross’) zuordnen. Die FamN Richen / Rychen sind etymologisch mehrdeutig (Patronym zum Ruf N Rich(o) oder ÜberN zu mhd. rīch ‘mächtig, gewaltig, reich’) und auch die FamN Richener / Rychener, Richner/ Rychner lassen sich nicht ganz sicher deuten, 8 sind aber für die vorliegende Fragestellung relevant. Kommentar: Die erste Karte zeigt in der Tendenz eine Ost-West- Verbreitung der Namen mit <i> vs. <y>. Die i-Varianten treten konzentriert in der Ostschweiz auf. Sie sind hauptsächlich in den sankt-gallischen Verwaltungseinheiten See-Gaster, Sarganserland und Toggenburg sowie in der rätoromanischen Region Surselva (GR) alteingesessen; 9 vereinzelt auch im Mittelthurgau. Die Namen mit y-Schreibung hingegen sind vorwiegend im westlichen Teil der Schweiz, insbesondere im Kanton Bern, verbreitet. Dort kommen die Namen gehäuft in den Verwaltungskreisen Oberaargau, Bern- Mittelland und südlich davon im Berner Oberland vor. Die grosse Konzentration der y-Namen im Raum Bern ist u. a. dem hochfrequenten FamN Wyss (45 Tokens von insgesamt 111 Tokens in BE) geschuldet. 10 Der nördliche Teil der Schweiz (AG, BL, SO, TG) sowie die Gebiete der Innerschweiz (LU, SZ) und der Kanton Zürich erscheinen als Kontaktzone der beiden Schreibvarianten mit jeweils etwa gleicher Frequenz. Zweite Karte {71}: Variation <ei> und <ey> für mhd. ī oder mhd. ei Namenauswahl: Auf der zweiten Karte sind Namenpaare kartiert, die Variation von <ei> - <ey> aufweisen und auf mhd. ī bzw. mhd. ei zurückgehen. Dazu zählen auch die FamN des Typs Meier und die Familiennamenkomposita mit dem Namenbestandteil -meier im Zweitglied. Ausgewählt wurden alle einschlägigen Fälle aus der Karte 71: Schreibvariation ei/ ey in Dubletten, vor 1800 7 Zur umfassenden Dokumentation und Kartierung von mhd. ī in FamN mit dem Namenbestandteil Wiler / Wyler vgl. Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī». Ein Überblick über die Verbreitung der unterschiedlichen wil-Namen in der Schweizer Ortsnamenlandschaft findet sich bei Kilchmann (2022: 70-75). 8 Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Richner, Richener) gehen von einer Ableitung mit patronymischem -er zum FamN Richen bzw. Rychen aus. 9 Dabei handelt es sich um die deutschsprachigen FamN Friberg, Giger und Schnider. 10 Vgl. Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī». 154 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="155"?> Schicht «vor 1800», die als ei/ ey-Dubletten auftreten. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit mhd. ī, mhd. ei als <ei>: Feier, Frei, Freimann, Freitag, Geier, Grendelmeier, Haltmeier, Hartmeier, Heimann, Heimoz, Heinen, Keiser, Meienberg, Meier, Meierhans, Meierhofer, Peier, Reimann, Sandmeier, Schreier, Steigmeier, Waldmeier, Weier, Weiermann. 24 Types, 530 Tokens. FamN mit mhd. ī, mhd. ei als <ey>: Feyer, Frey, Freymann, Freytag, Geyer, Grendelmeyer, Haltmeyer, Hartmeyer, Heymann, Heymoz, Heynen, Keyser, Meyenberg, Meyer, Meyerhans, Meyerhofer, Peyer, Reymann, Sandmeyer, Schreyer, Steigmeyer, Waldmeyer, Weyer, Weyermann. 24 Types, 327 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 71: Daten zur zweiten Karte {71} Detailangaben zur Namenauswahl: Die etymologische Datenbank (Stand 28.09.2023) enthält insgesamt 24 einschlägige Dubletten, die sich nur durch eivs. ey-Schreibung unterscheiden. 11 Sie wurden mittels automatischer Suche ermittelt und anschliessend manuell sortiert. Ausgeklammert wurden die Namenpaare Dreier/ Dreyer, Treier/ Treyer, Neier / Neyer und Kreienbühl/ Kreyenbühl, bei denen die Schreibung <ei> bzw. <ey> mhd. æj wiedergibt. 12 Für FamN mit <ei>, <ey> aus entrundetem öu wie Vonei/ Voney s. Artikel I-1.5 «Entrundung». Die Namenauswahl umfasst Patronyme (z. B. Heimann / Heymann wohl zu einer Kurzform des Ruf N Heinrich, Heimoz / Heymoz zum Ruf N Haimo, Heimo), Herkunftsbzw. WohnstättenN (Meienberg / Meyenberg zu einem mehrfach belegten Toponym Meienberg, Reimann / Reymann zum Toponym oder ortsbezeichnenden Appellativ mhd. rein ‘Bodenerhöhung; Grenze’), ÜberN (z. B. Freitag / Freytag zu mhd. vrītac ‘Freitag’, Schreier / Schreyer zu mhd. schrīer ‘Schreier, Ausrufer, Herold’, schwzdt. auch ‘Prahler, Querulant, Aufwiegler’) und BerufsN (Meier zu mhd. meier, meiger ‘Gutsverwalter, der im Auftrag des Grundherrn die Aufsicht über die Bewirtschaftung der Güter führt’, daneben auch ‘Grossbauer’, schwzdt. (älter) auch ‘Dorfvorsteher; Lehenmann, Pächter’ sowie überhaupt ‘Bauer’). Bei den Komposita auf -meier, -meyer handelt es sich um lokalisierte BerufsN, die im Bestimmungswort eine Angabe zur Wohnstätte oder zum Arbeitsort enthalten. 13 Kommentar: Die Schreibvarianten <ei> und <ey> sind vorwiegend im nördlichen Teil der Schweiz verbreitet und weisen ein grosses Überschneidungsgebiet in den Kantonen Aargau, Bern, Basel-Landschaft, Luzern, Schaffhausen, Solothurn und Zürich auf. 14 Das Namenpaar Meier/ Meyer kommt mit jeweils hoher Tokenzahl in den Kantonsgebieten Aargau und Zürich vor. 15 Dennoch bilden sich unterschiedliche Verbreitungsgebiete pro Variante mit Tendenz zur Ost-West-Verteilung. Namen mit ei-Schreibung finden sich vorwiegend im nördlichen Teil der Schweiz und erstrecken sich vom St. Galler Rheintal im Osten über die Kantone Thurgau, Schaffhausen, Zürich, Aargau, Basel-Landschaft und über die luzernischen Regionen Willisau und Sursee bis zum solothurnischen Bezirk Wasseramt und den Verwaltungskreisen Emmental (BE) und Bern-Mittelland im Westen der Schweiz. Namen mit <ey> finden sich neben der Verbreitung in der Kontaktzone der beiden Schreibvarianten eher an den Rändern des ei-Raums: mehrheitlich im Berner Mittelland, im Emmental (BE) und im Oberaargau (BE) sowie vereinzelt in den Kantonen Jura, Wallis und Graubünden. 11 Für FamN, die etymologisch mhd. ī enthalten und mit <ei>, <ey> geschrieben werden, vgl. auch Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī». 12 Vgl. Artikel I-1.9 «Diphthongwandel von mhd. ei, ou, öu», Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle». 13 Für eine ausführliche Auseinandersetzung mit lokalisierten BerufsN vgl. Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». 14 Zur Verbreitung der Schreibung <ei> vgl. auch Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī». 15 Kanton Aargau: Meier (76 Tokens), Meyer (42 Tokens); Kanton Zürich: Meier (81 Tokens), Meyer (47 Tokens). 1.14 Schreibvariation i/ y 155 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="156"?> Dritte Karte {72}: Variation <ai> und <ay> für mhd. ei Namenauswahl: Die dritte Karte enthält Namenpaare, die Variation von <ai> - <ay> aufweisen und auf mhd. ei zurückgehen. Ausgewählt wurden alle enthaltenen einschlägigen Fälle aus der Schicht «vor 1800», die als ai/ ay-Dubletten auftreten. Abgefragte Namen FamN mit mhd. ei als <ai>: Baier, Kaiser, Mai, Maienfisch, Maier, Raimann. 6 Types, 52 Tokens. FamN mit mhd. ei als <ay>: Bayer, Kayser, May, Mayenfisch, Mayer, Raymann. 6 Types, 18 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 72: Daten zur dritten Karte {72} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl wurde mittels automatischer Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 28.09.2023) ermittelt und anschliessend manuell sortiert. Im Vergleich zur Variation von <ei> und <ey> (s. o.) ist jene von <ai> und <ay> (6 Types) seltener. Die Hälfte der FamN sind ÜberN wie Kaiser/ Kayser (zu mhd. keiser ‘Kaiser’) oder Mai/ May (zu mhd. meie, meige ‘(Monat) Mai’). Bei Baier / Bayer (zur Volks- und Gebietsbezeichnung Baiern bzw. Bayern) und Raimann / Raymann (zum Toponym oder ortsbezeichnenden Appellativ mhd. rein ‘Bodenerhöhung; Grenze’) handelt es sich um Herkunftsbzw. WohnstättenN. Das Namenpaar Maier / Mayer basiert auf einer Amtsbzw. Berufsbezeichnung (s. o.). Kommentar: Die Verbreitungen der Varianten <ai> und <ay> weisen ein ansatzweise ähnliches Raumbild wie die Varianten <ei> und <ey> der zweiten Karte auf. Die Namen mit <ai> kommen vermehrt im Raum St. Gallen (hauptsächlich in den Verwaltungsgebieten Toggenburg, Wil und in der Stadt St. Gallen) sowie im solothurnischen Bezirk Wasseramt vor. In niedriger Frequenz erscheinen die FamN mit <ai> - von Osten nach Westen - in den Kantonen Graubünden, Zürich, Luzern, Aargau, Basel-Landschaft, Bern und Freiburg. Die Namen mit <ay> treten hingegen nur verstreut in der Ostschweiz (TG, SG), in der Innerschweiz (NW) sowie in den französischsprachigen Gebieten (VD, VS) auf. Karte 72: Schreibvariation ai/ ay in Dubletten, vor 1800 156 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="157"?> Vierte Karte {73}: Variation <i> und <y> bei Patronymen und Metronymen auf -i(n) Namenauswahl: Die vierte Karte gilt der Variation von <i> und <y> bei Patronymen und Metronymen auf -i(n). Ausgewählt wurden alle einschlägigen Fälle aus der Schicht «vor 1800», deren i(n) -Suffix als i/ y-Dublette auftritt. 16 Abgefragte Namen FamN mit mhd. -i(n) als <i>: Aebi, Aerni, Andri, Bärni, Berri, Bertschi, Biri, Bürgi, Bürki, Cuoni, Dietschi, Erni, Flori, Fluri, Frutschi, Häni, Hänni, Harri, Henni, Hilti, Hügli, Illi, Jaeggi, Jaggi, Jenni, Josti, Kuenzi, Kulli, Kuni, Kuri, Lüdi, Lüthi, Marti, Nänni, Oertli, Pali, Rüedi, Schmidheini, Thöni, Wälli, Wälti, Wehrli, Wicki, Willi, Zülli. 45 Types, 553 Tokens. FamN mit mhd. -i(n) als <y>: Aeby, Aerny, Andry, Bärny, Berry, Bertschy, Biry, Bürgy, Bürky, Cuony, Dietschy, Erny, Flory, Flury, Frutschy, Hänny, Häny, Harry, Henny, Hilty, Hügly, Illy, Jaeggy, Jaggy, Jenny, Josty, Kuenzy, Kully, Kuny, Kury, Lüdy, Lüthy, Marty, Nänny, Oertly, Paly, Rüedy, Schmidheiny, Thöny, Wälly, Wälty, Wehrly, Wicky, Willy, Zülly. 45 Types, 166 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 73: Daten zur vierten Karte {73} Detailangaben zur Namenauswahl: Die etymologische Datenbank (Stand 28.09.2023) weist insgesamt 45 einschlägige Fälle aus, die Schreibvariation im Suffix -i(n) zeigen. Die Namen wurden mittels automatischer Suche nach <i> vs. <y> und anschliessender manueller Filterung ermittelt. Die FamN sind fast ausschliesslich Patronyme, einzige Ausnahme bildet das Metronymenpaar Nänni/ Nänny (zum Ruf N Anna). Die kartierten Namen gehen auf eine breite Palette an Ruf N zurück - von Aegidius (FamN Illi/ Illy), Antonius (FamN Thöni/ Thöny), Arnold (FamN Aerni/ Aerny, Erni/ Erny) über Florian bzw. Florinus (FamN Fluri/ Flury, Flori/ Flory), Hildebrand (FamN Hilti/ Hilty) bis zu Rudolf (FamN Rüedi/ Rüedy), Walter (FamN Wälti/ Wälty) oder Zullo (FamN Zülli/ Zülly). Ruf N wie bspw. Johannes (FamN Henni/ Henny, Hän(n)i/ Hän(n)y, Jenni/ Jenny) 17 oder Konrad (FamN Cuoni/ Cuony, Kuenzi/ Kuenzy, Kulli/ Kully, Kuni/ Kuny, Karte 73: Schreibvariation i/ y bei Patronymen und Metronymen auf -i(n), vor 1800 16 Für die Schreibvariation i/ y bei weiteren FamN auf -i(n) und bei FamN mit l- Diminutiv vgl. die Artikel II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y» und II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven». 17 Vgl. Artikel III-1.9 «Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Johannes». 1.14 Schreibvariation i/ y 157 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="158"?> Kuri/ Kury) 18 haben mehrere Familiennamenvarianten hervorgebracht. Kommentar: Die vierte Karte zeigt ein deutliches Überwiegen der i- Graphien. Sie dominieren im Mittelland, erstrecken sich aber auch bis ins Berner Oberland und ins deutschsprachige Graubünden. Ballungszentren mit 25 und mehr Tokens bilden im (Nord-)Osten die Kantone Graubünden, Thurgau und Zürich, im Norden der Kanton Aargau, in der Innerschweiz der Kanton Luzern sowie im Westen die Kantone Solothurn und Bern. Letzterer Kanton weist eine sehr hohe Dichte an i-Namen auf (total 214 Tokens). Diese hohe Frequenz geht auf verschiedene Namen wie z. B. Hänni, Jaggi oder Marti zurück. 19 Bei dem Einzelvorkommen des FamN Berri in Vogorno (TI) handelt es sich bloss um eine homographische Entsprechung zum Namen Berri in Grüsch und Schiers (GR), der seinerseits so wie das Pendant Berry (Schiers GR, Pfäfers SG) ein Patronym zu Bernhard o. ä. darstellt. Die y-Varianten treten im freiburgischen Sensebezirk konzentriert auf. Weitere Nester von Namen mit y-Graphie finden sich in den Kantonen Basel-Landschaft, Glarus, Graubünden, Schwyz, Waadt und Wallis. Zudem erscheinen Familiennamendubletten häufig einander benachbart in derselben Region wie bspw. die Namenpaare Fluri/ Flury im Kanton Solothurn und Thöni/ Thöny in Graubünden. Ergebnisse Die Karten dokumentieren die Varianz von <i> und <y>. Es wird deutlich, dass die i-Variante verbreiteter ist und sich im breiten Mittelland konzentriert, während die y-Variante mehrheitlich in Randarealen auftritt. Mit Blick auf die einzelnen graphematischen Funktionen (s. Abschnitt «Hintergrund») lässt sich Folgendes festhalten: Die Verbreitung der i/ y-Varianten für mhd. ī zeigt tendenziell eine Ost-West-Verteilung (<i> im Osten vs. <y> im Westen). Die Namenpaare mit ei/ ey-Digraphien wie Peier/ Peyer weisen in der Tendenz ebenfalls eine Ost-West-Verbreitung auf, jedoch treten die meisten Namen beider Varianten in einem grossen Kontaktgebiet im nördlichen Teil der Schweiz auf. Dabei erreichen die Namenpaare Frei/ Frey und Meier / Meyer jeweils hohe Frequenzen. Die Dubletten mit ai/ ay-Digraphie sind hingegen weniger frequent und erscheinen als kleine Nester über das Mittelland verstreut. Die Patronyme bzw. Metronyme mit i-Schreibung sind zahlreich über das ganze Mittelland verteilt, während die etymologischen Pendants mit y-Schreibung mit niedriger Frequenz an der Peripherie dieses Verbreitungsgebiets vorkommen. Insgesamt verdeutlicht der Kartenkomplex somit, dass sich die verschiedenen graphematischen Funktionen von <y> nicht ganz einheitlich verhalten. Die dritte Karte zur Schreibvariation ai/ ay weicht etwas vom Gesamtbild ab, was jedoch an der geringen Datenmenge liegen kann. Übergreifende Tendenzen sind die Ost-West-Verteilung (erste und zweite Karte) sowie das Erscheinen der y-Graphien in eher peripheren Gebieten (erste, zweite, vierte Karte). Letzteres Verbreitungsbild zeigt sich vergleichsmässig auch bei den Nomina agentis auf -i/ -y. 20 Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Meier (32'070 Tokens), Meyer (16'311 Tokens) und Frei (13'758 Tokens). Sie gehören allesamt zu den häufigsten FamN der Schweiz überhaupt; vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA 1 (2009: 464-495) behandelt auf den Karten 198-209 die Diphthongvarianz ai, ay, ei, ey. Dabei werden bspw. die Namenvarianten Maier, Mayer, Meier, Meyer (Karte 198), Baier, Bayer, Beier, Beyer (Karte 203) oder Gaier, Gayer, Geier, Geyer, Gier (Karte 205) dargestellt. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone (2019): Auf der Suche nach der Regionalspezifik. Familiennamen mit -mann in der Deutschschweiz. Namenkundliche Informationen 111, 13-71. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. Ebert, Robert P. et al. (1993): Frühneuhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 12). Tübingen: Niemeyer. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 28.09.2023). Kilchmann, Mirjam (2022): Lautwandel in der Toponymie am Beispiel von Deutschschweizer Siedlungsnamen (Regensburger Studien zur Namenforschung 11). Regensburg: edition vulpes. Kolroß, Johannes (1564): Enchiridion, das ist, Handbüchlin tütscher Orthography, hochtütsche Spraach artlich zeschryben unnd läsen, sampt einem Registerlin über die gantze Bibel, wie man die Allegationes unnd Concordantias, so im Nüwen Testament näbend dem Text und sonst mit halben latinischen Worten verzeichnet: ouch wie man die Zifer und tütsche Zaal verston sol. Zürich: Froschower. 18 Vgl. Artikel III-1.1 «Patronyme zu germanischen Rufnamen: kuoni». 19 Vgl. Artikel III-1.7 «Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Martīnus». 20 Vgl. Artikel II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y». 158 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="159"?> Kully, Rolf M. (2009): Form und Inhalt der Deutschschweizer Familiennamen. In: Hengst, Karlheinz/ Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. Bd. 1: Deutsche Familiennamen im deutschen Sprachraum (Onomastica Lipsiensia 6.1), 365-392. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. Paul, Hermann et al. (2007): Mittelhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 2). 25., neu bearbeitete Auf lage. Tübingen: Niemeyer. Ramseyer, Rudolf J. (1995): Berner Personennamen aus dem 16. Jahrhundert. Eine aus Urbaren gewonnene Sammlung im Staatsarchiv Bern. Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde 57(3), 103-187. Martina Heer 1.14 Schreibvariation i/ y 159 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="160"?> 1.15 Längen- und Kürzenanzeige Schlagwörter: Dehnungs-h, Doppelkonsonant, Doppelvokal, Vokalquantität Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Artikel werden FamN behandelt, die in ihrer Schreibung Längenanzeige mit Doppelvokal wie in den FamN Heer und Siebenhaar bzw. mit Dehnungs-h wie in den FamN Johner und Strahl aufweisen. Daneben wird auch Kürzenanzeige durch Doppelkonsonant wie in den FamN Borrer und Koller untersucht. Graphische Markierungen der Vokallänge und -kürze sind im deutschen Wortschatz unregelmässig, da aber die Längenbezeichnungen mit Doppelvokal im 14. Jh. besonders häufig im Westoberdeutschen auftreten (Ebert et al. 1993: 32−33), gilt es für die Deutschschweizer FamN auszuloten, inwieweit sich Vokalquantität in ihren Schreibungen widerspiegelt. Hintergrund: Quantität wird in der Schreibung nicht-onymischer Lexeme häufig nicht bezeichnet. Für Kurz- und Langvokale werden dieselben Grapheme verwendet. 1 So wird für kurzes und langes a bspw. meist das Graphem <a> genutzt, vgl. nhd. Alter ['ʔaltɐ] vs. Abend ['ʔaːbm̩ t]. Im Frühneuhochdeutschen finden aber graphematische Prozesse statt, bei denen sich sowohl die Bezeichnung vokalischer Länge als auch jene vokalischer Kürze ausbilden. Beide Prozesse werden hier kurz besprochen. Die quantitative Bezeichnung der Länge kann im Deutschen durch drei Muster erfolgen: «durch Vokalverdopplung, durch nachfolgendes h bzw. durch ein nachgestelltes Vokalzeichen (e, i, y)» (Ebert et al. 1993: 32). Im Folgenden werden die Vokalverdopplung und nachfolgendes <h> berücksichtigt; da nachgestelltes <e> wie in lieb, Krieg oder Ziegel in den oberdeutschen Dialekten seinen Lautwert bewahrt hat und für einen Diphthong steht, ist dieses Muster hier nicht einschlägig. 2 Nachfolgendes <i>, <y> ist als Dehnungszeichen in Deutschschweizer FamN nicht existent. Die Vokalverdopplung ist bereits in der althochdeutschen Schriftlichkeit vorhanden, nimmt aber erst ab dem 14. Jh. zu und ist v. a. im Westoberdeutschen und hier besonders in Zürich häufig. Sie erreicht ihren Höhepunkt «im 16. Jh. und in der 1. Hälfte des 17. Jhs.» und beeinf lusst auch die Schreibungen im Mitteldeutschen (Ebert et al. 1993: 32−33): So zeigen die Digraphien <aa> und <ee> besonders häufige Frequenz im Oberdeutschen wie bspw. in den Lexemen staat ‘Staat’, haar ‘Haar’, schaar ‘Schar’ oder meel ‘Mehl’, keeren ‘kehren’, weeg ‘Weg’, von wo sie ins Ostmitteldeutsche importiert werden. Die Graphien <oo> und <uu> sind demgegenüber seltener und <ii> tritt lediglich im Westmitteldeutschen auf (Ebert et al. 1993: 33). 3 Diese ikonische Kennzeichnung wird auch vom Basler Lehrmeister Johannes Kolroß (1564: Fol. 9v-10r) in seinem Lehrwerk «Handbüchlin tütscher Orthography» beschrieben: Wenn die Aussprache lang ist, «ſoll man duplieren / dz iſt / zwyfach oder doppel na ᵉ beneinander ſchryben» [soll man duplizieren, das ist: zweifach oder doppelt nebeneinander schreiben; Übersetzung SB]. In der Folge zählt Kolroß (1564: Fol. 10r) die Möglichkeiten <aa>, <ee>, <oo> auf; für langes i nennt er die Schreibung <y>. 4 Explizit ausgeschlossen wird hingegen <uu>; die Länge bei u soll mit einem <h> bezeichnet werden, das nach oder vor dem <u> stehen kann wie in schuhm, schwzdt. Schuum ‘Schaum’ oder pflhumen, schwzdt. Pfluume ‘Pf laumen’ (Kolroß 1564: Fol. 10r). Mit dem Graphem <h> führt Kolroß (1564) bereits das zweite Mittel zur Längenkennzeichnung an. Der Ausbildung von <h> als Dehnungszeichen liegt ein Lautwandel zugrunde: h schwächt sich in medialer Position wie in mhd. nāhe ‘nahe’ oder mhd. sehen ‘sehen’ ab und wird zum Hauchlaut (Ebert et al. 1993: 34, 124-125). Als Graphem bleibt <h> erhalten und fungiert als Hiatustrenner (Schmidt 2020: 424). In der Folge wird <h> nach Vokal - ähnlich wie <e> nach Vokal - als Dehnungszeichen aufgefasst, funktionalisiert und auch in Lexemen verwendet, die etymologisch kein h ausweisen, bspw. mhd. varn → fnhd. fahren ‘fahren’ (Schmidt 2020: 321, 392, 424). 5 Der Prozess beginnt im Mitteldeutschen und ist im Oberdeutschen «nach vereinzelten Vorläufern im 14./ 15. Jh. vermehrt erst gegen Ende des 16. Jhs.» festzustellen (Ebert et al. 1993: 34, s. auch 124-125). Doppelvokale und Dehnungs-h können einerseits für alt- und mittelhochdeutsche Langvokale stehen wie in ahd., mhd. hār → nhd. Haar, ahd. sēo, mhd. sē → nhd. See oder ahd. ēra, mhd. ēre → nhd. Ehre, ahd. strāla, mhd. strāle → nhd. Strahl. Andererseits können sie auch Vokallänge nach durchgeführter Dehnung in offener Silbe abbilden wie in mhd. ne.men [e] > nhd. ne.men [eː] ‘nehmen’ (Ebert et al. 1993: 33; Paul et al. 2007: 80-82; Schmidt 2020: 403−405). Einschränkend ist zu sagen, dass Doppelvokale in offener Silbe selten geschrieben werden; für das Frühneuhochdeutsche finden sich vereinzelte Beispiele wie Baaden für das Toponym Baden (Deutschland), haaber ‘Hafer’, schaade ‘Schaden’ (Erni 1949: 66). Auch der FamN Leeger zu fnhd. leger ‘Person, die Rebstöcke im Herbst niederlegt’ 1 Eingehender zur Kennzeichnung kurzer und langer Vokale vgl. die Abschnitte «Besondere Kennzeichnung der kurzen Vokale» und «Besondere Kennzeichnung der langen Vokale» im RfdR (2024: 34-40). 2 Vgl. Artikel I-1.13 «Diphthong- und Monophthongschreibungen von mhd. ie, ue, üe». 3 Generell sind Digraphien im Frühneuhochdeutschen häufiger als in der heutigen Standardorthographie; Elmentaler (2018: 70-71) zählt 139 Digraphien auf der Basis der «Frühneuhochdeutschen Grammatik» von Ebert et al. (1993). 4 Vgl. Artikel I-1.14 «Schreibvariation i/ y». 5 Zu FamN mit etymologischem h wie Lehmann vgl. Artikel I-2.4 «Variation ch / h für germ. χ». 160 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="161"?> kann als Beispiel angeführt werden. 6 Der Dehnungsprozess in offener Silbe setzt bereits im Althochdeutschen ein, breitet sich im 12. und 13. Jh. im Mitteldeutschen aus und erfasst im 14. Jh. das Oberdeutsche (Ebert et al. 1993: 73; Paul et al. 2007: 80). 7 Unterblieben ist die Dehnung in bestimmten lautlichen Umgebungen wie vor m oder t (z. B. mhd. gate > nhd. Gatte) und den Endungen -er, -el, -en (z. B. mhd. himel > nhd. Himmel; Schmidt 2020: 404). Zusätzlich werden kurze Vokale in Einsilblern gedehnt wie mhd. tac > nhd. Tag oder ahd., mhd. mos > nhd. Moos (Paul et al. 2007: 20, 82). Umgekehrt kommt es im Verlauf der deutschen Sprachgeschichte auch zu Kürzungsprozessen, die aber «insgesamt weit weniger konsequent durchgeführt [wurden] als die Dehnungsprozesse» (Ebert et al. 1993: 74). Kürzung mittelhochdeutscher Langvokale tritt relativ regelmässig in geschlossener Silbe vor ht und vor r+Konsonant ein, vgl. z. B. mhd. dāhte > dachte oder mhd. lērche > Lerche (Paul et al. 2007: 83). Aussagen zu Kürzungsprozessen können noch weniger deutlich durch graphische Befunde gestützt werden als solche zur Vokallänge, da in mittelhochdeutschen Texten Vokalkürze nicht bezeichnet wird (Ebert et al. 1993: 74). Erst im Verlauf des Frühneuhochdeutschen bildet sich die «Markierung der relativen Kürze eines Vokals durch graphische Konsonantenverdopplung» aus (Ebert et al. 1993: 74), bspw. in mhd. brëter → fnhd. bretter, mhd. gesniten → fnhd. geschnitten (Ebert et al. 1993: 95; Schmidt 2020: 393). Diese Auszeichnung ist aber insofern nicht eindeutig, als Doppelkonsonanten gemäss Ebert et al. (1993: 95) auch «nach Langvokal (gütter), nach Diphthong (leitten), nach Konsonant (richtter)», im Wortauslaut (ratt, hartt, -ett, -heitt) und sogar in Anlautstellung (ttafel, ttag) auftreten können. Bisherige Untersuchungen zur Schreibentwicklung weisen darauf hin, dass sich das Prinzip der Konsonantendoppelung für Vokalkürze erst ab der Mitte des 18. Jh. durchzusetzen beginnt (Elmentaler 2018: 268−269). 8 Im Gegensatz zur Vokalverdopplung ist die Kennzeichnung mit Doppelkonsonant indirekt, denn die Lauteigenschaft wird graphematisch nicht am betreffenden Laut selbst, sondern am Folgekonsonanten markiert (Elmentaler 2018: 267); diese Indirektheit trifft auch auf das Dehnungszeichen <h> zu. Wie bereits erwähnt, ist die graphematische Identifizierung von Vokalquantitäten schwierig, da Kürze und Länge im Deutschen sowohl historisch als auch gegenwartssprachlich nicht systematisch bezeichnet werden (Schmidt 2020: 404). In der standardsprachlichen Orthographie wird nur noch in einer kleinen Gruppe von Lexemen die Länge durch Verdopplung mit <aa>, <ee> und <oo> gekennzeichnet, «quasi bildhaft (‹ikonisch›) für ein ‹Mehr› an Substanz» (Elmentaler 2018: 267); die Umlautgrapheme werden nicht verdoppelt. Wenn die Wiedergabe durch graphische Verdopplung oder mit einem Dehnungsgraphem erfolgt, ist zumindest standardsprachlich von Länge auszugehen. Vokalische Kürze kann standardsprachlich im Inlaut (immer, bitten) und im Auslaut (Herr, schlimm) durch Doppelkonsonant gekennzeichnet werden (Elmentaler 2018: 266). Grundsätzlich sind Lang- und Kurzvokale auch Bestandteil des dialektalen Phoneminventars, obschon die Quantitätsverhältnisse in den Mundarten der Deutschschweiz verschieden verteilt sind: Die vorgestellte Dehnung in offener Silbe ist nur ansatzweise erfolgt. Es lassen sich lediglich drei Regionen ausmachen, die «eine regelmässige Dehnung aller Vokale in offener Silbe» zeigen: erstens die Kantone Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Solothurn und das Bielersee-Gebiet, zweitens das St. Galler Oberland mit dem angrenzenden Rheintal und drittens der Kanton Uri (SDS II 1965: Karte 1). Je nach Laut und Lexem treten auch noch andere Regionen durch Dehnungsergebnisse in Erscheinung (SDS II 1965: Karten 2-13): Einerseits sind v. a. Wörter mit mhd. a betroffen, andererseits fällt der Raum mit gedehnten Vokalen lexemspezifisch unterschiedlich gross aus. Während beim Verb schwzdt. faare(n) ‘fahren’ fast die gesamte Deutschschweiz Länge zeigt (SDS II 1965: Karte 22), ist dieses Gebiet bei schwzdt. Waage ‘Wagen’ deutlich kleiner (SDS II 1965: Karte 16) und bei schwzdt. Waade ‘Wade’ treten lediglich die drei Kerngebiete in Erscheinung (SDS II 1965: Karte 7; KSDS 2019: 250-251). Nach Ausweis des SDS II (1965: Karten 71-84) sind phonologische Kürzungsprozesse in den Mundarten ebenfalls sehr unterschiedlich durchgeführt worden. In manchen Fällen werden in FamN standardsprachliche Schreibungen übernommen, die nicht der Mundartlautung der Namen entsprechen: So wird der FamN Ruckstuhl, der das Lexem mhd. stuol ‘Stuhl, Sitz’ enthält, wie nhd. Stuhl mit Dehnungs-h geschrieben; in der dialektorientierten Aussprache wird aber «Ruckschtuel» mit Diphthong [ue] gesprochen (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 138). 9 Als genereller Rahmen sei für die folgende Namenauswahl und die darauf basierenden Karten festgehalten, dass aus der Schreibung der FamN nur bedingt Aussagen zu historisch-dialektalen Ausspracheverhältnissen gemacht werden können. Die sprachgeschichtlichen und dialektologischen Quantitätsverhältnisse sind wie oben dargestellt weder räumlich einheitlich, noch sind deren graphische Realisierungen als regelhaft zu bezeichnen. Auch wenn die Längenbezeichnung im Frühneuhochdeutschen häufig unterbleibt (Schmidt 2020: 392), so können die Schreibungen mit Doppelvokal sowie Dehnungs-h trotzdem als Längenanzeigen gelesen werden. Als Evidenz sei auf die dialektorientierte Aussprache von FamN hingewiesen, wie sie für die Kantone Zürich und Glarus vorliegen: Vokalverdopplung steht für Langvokal in den Glarner FamN Heer «Heer», Joos «Joos», Laager «Laager» oder Schneeli «Schneeli» (GlMwb 2024: 397-398) und in den Zürcher FamN Leemann «Leeme», von Moos «vo Moos» oder Reithaar «Räithaar» (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 112, 121, 135). Ebenso zeigt Dehnungs-h wie in Stähli «Stääli» (GlMwb 2024: 399), Fröhlich «Frööli†, Fröölich», Gehrig «Geerig», Gnehm «Ggnèèm» oder Wohlgemuth «Woolggmuet» Länge an (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 67, 70, 72, 180). Auch Doppelkonsonanz 6 In der Standardorthographie des Neuhochdeutschen ist Vokalverdopplung in offener Silbe selten vertreten, vgl. nhd. Beere, Seele, Waage neben den Flexionsformen Haare, Paare. 7 Diese Dehnung konturiert die betonte Silbe: «Seit dem Fnhd. muss die betonte Silbe schwer sein, d. h. einen langen Vokal enthalten oder geschlossen sein» (Nübling et al. 2017: 53; Hervorhebung im Original). Diese lautliche Entwicklung lässt sich im Kontext des typologischen Wandels des Deutschen betrachten; vgl. dazu Artikel II-2.13 «Familiennamen mit unorganischem t- Antritt im Auslaut». 8 Für das Beispiel der Digraphie <tt> vgl. Elmentaler (2018: 270-272). 9 Ähnlich auch beim FamN Schuhmacher, ausgesprochen als «Schuemacher» (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 149), der auf mhd. schuo(ch) ‘Schuh’ basiert. Hier ist die Schreibung mit <h> aus dem auslautenden Frikativ der mittelhochdeutschen Form schuoch ableitbar. Gemäss SDS V (1983: Karte 32) ist der Frikativ dialektal aber geschwunden und nur in der Variante Schuechter belegt, die ausschliesslich in walserisch geprägten Gemeinden Graubündens bezeugt ist. 1.15 Längen- und Kürzenanzeige 161 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="162"?> lässt sich mehrheitlich als Kürzenanzeige für den vorangehenden Vokal interpretieren wie die Aussprache der FamN Forrer «Forer», Furrer «Furer», Koller «Choler» oder Spörri «Schpöri» nahelegt (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 62, 68, 105, 154). 10 Fragestellungen: Vor dem erläuterten Hintergrund sind die folgenden Fragen von Interesse: Wo und mit welcher Häufigkeit werden graphische Mittel zur Längen- und Kürzenanzeige in FamN umgesetzt? Auf der ersten Karte wird Längenanzeige durch Vokalverdopplung und auf der zweiten Karte durch Dehnungs-h dargestellt. Dabei wird nicht zwischen etymologisch bedingtem und neu zur Längenkennzeichnung hinzugefügtem <h> unterschieden. Die dritte Karte kontrastiert diese beiden Phänomene anhand einer Auswahl, die aus Dubletten besteht. Die vierte Karte widmet sich in Auswahl der Kürzenanzeige durch die Schreibung des Doppelkonsonanten <rr> und stellt diesen Namen etymologische Pendants mit einfachem <r> gegenüber (z. B. Scherrer vs. Schärer). Die fünfte Karte kontrastiert Kürzen- und Längenanzeige anhand von Dubletten mit Doppelkonsonanz vs. Dehnungs-h vom Typ Koller vs. Kohler. Erste Karte {74}: Längenanzeige durch Vokalverdopplung Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle Namen, die mit einem Doppelvokal geschrieben werden. In der Datenbank kommen FamN mit <aa>, <ee>, <oo> und <öö> vor wie Baader, Altheer, Amoos und Döös. Die Karte dokumentiert das Vorkommen dieser FamN in der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB). 11 Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit <aa>: Baader, Flaad, Graa, Haab, Haag, Haari, Haas, Haasen, Haasmüller, Habersaat, Isaac, Isaak, Klaas, Kraaz, Kraushaar, Laager, Maag, Raaflaub, Raas, Reidhaar, Reithaar, Rennhaas, Saam, Saameli, Schaad, Schellhaas, Schwaar, Siebenhaar, Spaar, Straubhaar, Vonderaa, Waad, Wysshaar. 33 Types, 140 Tokens. FamN mit <ee>: Altheer, Beeler, Beeli, Beer, Beeri, Beerle, Beerli, Beerstecher, Beetschen, Bowee, Eigenheer, Caseel, Feer, Geel, Geeler, Geer, Geerig, Geering, Geeser, Halbheer, Hausheer, Heeb, Heer, Keel, Klee, Kleeb, Kleeli, Kleemann, Lee, Leeger, Leemann, Leeser, Meer, Meerli, Meyer von Schauensee, Mosheer, Neeracher, Neeser, Peer, Salis-Seewis, Schlee, Schneebeli, Schneeberger, Schneeli, Schnyder von Wartensee, Seeberger, Seeger, Seeholzer, Seelhofer, Karte 74: Längenanzeige durch Vokalverdopplung, vor 1800 10 Zum Wechselspiel von basisdialektaler und schriftorientierter Aussprache vgl. Christen (2007). 11 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 162 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="163"?> Seeli, Seemann, Seematter, Seewer, Speerli, Thurnheer, Tscheer, Untersee, von Zeerleder, Weerli, Zeender, Zeerleder, Zeilbeer. 62 Types, 190 Tokens. FamN mit <oo>: Amoos, Boo, Boog, Bool, Boos, Cajoos, Gloor, Good, Hoog, Hool, Imhoof , Imhooff , Immoos, Joos, Joost, Loop, Loos, Looser, Loosli, Moor, Moos, Moosberger, Moosbrugger, Mooser, Moosmann, Poo, Pool, Roos, Roost, Schoop, Schoor, Sooder, Soom, Stoob, Stoop, Stooss, Thoos, von Ballmoos, von Moos, Vonmoos, Woodtli, Zmoos. 42 Types, 160 Tokens. FamN mit <öö>: Döös, Röösli. 9 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 74: Daten zur ersten Karte {74} Detailangaben zur Namenauswahl: 12 Die automatische Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 11.09.2024) nach Doppelgraphien ergab 151 Treffer, die manuell geprüft und sortiert wurden. Für die Doppelvokale <ää>, <ii>, <uu> und <üü> liegen keine Namen vor. Ausgeschlossen wurden französische Namen wie Baatard (VD), Beeger (VS) sowie der FamN Meer in Graubünden, der eine rätoromanische Namenform darstellt. Ebenfalls nicht berücksichtigt wurden FamN wie Herosee (AG) oder Dintheer (TG), deren Etymologie unklar ist. Bei den FamN Isaac, Isaak kann eine Aussprache mit Hiatus [a.a] nicht ausgeschlossen werden. Aufgrund der niedrigen Type- und Tokenfrequenz des Namenpaars wurde eine möglichst umfassende Kartierung gegenüber der Beschränkung auf eine eindeutige Auswahl bevorzugt. 13 Die Namenauswahl umfasst Metronyme (Geeser, Neeser beide zum Ruf N Agnes), Patronyme (Beetschen zum Ruf N Betsch, Joos zu einer Kurzform von Jodocus), BerufsN (Baader zu mhd. badære, bader ‘Angestellter oder Inhaber eines Bades’, Leemann zu mhd. lēhenman ‘Empfänger eines Lehens’), BerufsüberN (Habersaat zu schwzdt. Habersāt ‘Aussaat des Hafers’, Zeerleder als imperativischer SatzN ‘Zerr das Leder! ’), ÜberN (Döös zu fnhd. tösen ‘tosen, lärmen’, Haas), WohnstättenN (Bool zu schwzdt. Boll, Bōl ‘rundlicher, kuppenförmiger Hügel’, Seematter zu einem Toponym mit mhd. sē ‘See; Meer; Teich’) und HerkunftsN (Neeracher zum SiedlungsN Neerach ZH). Enthalten sind auch FamN mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die aber dem Phänomen zuzuordnen sind (Looser entweder BerufsN zu mhd. lōsen ‘mit Geld auslösen’ oder ÜberN zu mhd. lōsære ‘Heuchler’). Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass Längenanzeige durch Vokalverdopplung in der gesamten Deutschschweiz auftritt. Insgesamt ist das Mittelland als dichter besiedelter Lebensraum stärker vertreten als alpine Regionen; durch geringe bis fehlende Belegdichte zeichnen sich Teile der Zentralschweiz (v. a. NW, OW, UR, ZG) aus. Manche der Namen treten regionalspezifisch auf, darunter sind folgende mit über 10 Ortspunkten in einer Region zu nennen: Der FamN Leemann verdichtet sich im Kanton Zürich zwischen Unterland und rechtem Zürichseeufer (10 Tokens), Schneeberger hingegen im bernischen Oberaargau (15 Tokens). Besonders typisch ist Joos für den Kanton Graubünden (13 Tokens), hier v. a. im Rheintal und in der walserisch geprägten Region Viamala. Generell treten das historisch rätoromanischsprachige Mittelbünden und das Engadin, wo Interferenzen mit dem Deutschen weniger präsent sind, weniger in Erscheinung als Deutschbünden. 14 Gloor ist exklusiv im Aargau vertreten (14 Tokens). Looser tritt vornehmlich im Toggenburg (SG) auf, kommt aber auch im Thurgau vor (10 Tokens). Niederfrequent, aber graphisch auffallend sind Döös und Röösli, die in der Schicht «vor 1800» nur im Kanton Luzern nachweisbar sind. Die Digraphie <öö> tritt oft an Orten im Entlebuch (LU) auf, wo auch aa- und oo-Schreibungen belegt sind, was sich in den mehrfarbigen Kreisen manifestiert. Streubelege mit Doppelvokalschreibung finden sich auch in der französischsprachigen Schweiz, wobei sie dort i. d. R. durch Migration bedingt sind. Bspw. sind die in der Waadt bezeugten FamN Haas (Rolle VD) und Heer (Coinsins VD) auf Einbürgerung aus Deutschland zurückzuführen. Am frequentesten sind mit 190 Tokens Namen mit der Doppelgraphie ee; der häufigste FamN mit dieser Schreibung ist Heer (19 Tokens). 12 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 13 Im Id. (1881 ff.) gibt es zwar keinen Eintrag zum Ruf N selbst, er wird aber bei dialektalen Varianten des Namens als Etymon genannt: einmal in der Schreibweise Isak beim Lemma Isach (Id. 1 1881 ff.: Sp. 536), einmal als Isaak bei den Lemmata Sachi und Sacki, Säcki (Id. 7 1881 ff.: Sp. 136, 652). 14 Vgl. Artikel I-3.4 «Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche» (zehnte Karte). 1.15 Längen- und Kürzenanzeige 163 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="164"?> Zweite Karte {75}: Längenanzeige durch Dehnungs-h Namenauswahl: Ausgewählt wurden Namen aus der Schicht «vor 1800», die <h> als mögliches Dehnungszeichen aufweisen (z. B. Fehr, Rohrer). Die Thematik erlaubt es nicht, alle Namen mit medialer h- Schreibung zu überprüfen (874 Treffer). Daher werden der Karte einschlägige Namen aus der Schicht «vor 1800» zugrunde gelegt, die in mindestens drei Kantonen vorkommen. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit Dehnungs-h, vor 1800: Fähndrich, Fehr, Fröhlich, Gehrig, Gehring, Gnehm, Höhener, Hohl, Johner, Kohler, Lehmann, Lehner, Mahler, Mohr, Mühlebach, Mühlemann, Mühlethaler, Rohner, Rohrer, Spahr, Stahel, Stäheli, Stähelin, Stähli, Stehli, Strähl, Wahl, Wehrli, Wiederkehr, Wohlgemuth, Wohlwend, Zahn, Zahner, Zehnder, Zurmühle. 35 Types, 512 Tokens. Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-70, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 75: Daten zur zweiten Karte {75} Detailangaben zur Namenauswahl: Das Auswahlkriterium «Vorkommen des Namens in drei oder mehr Kantonen» lässt eine repräsentative Verteilung in der deutschsprachigen Schweiz erwarten. Aufgenommen wurden FamN, in denen <h> einem Vokal folgt und als Längenanzeige gewertet werden kann; dabei wird wie erwähnt nicht zwischen etymologisch bedingtem (Lehaus ahd. lēhan) und neu zur Längenkennzeichnung eingefügtem h (Mühleaus ahd. mulīn) unterschieden. Die FamN Höhener, Stahel und Stäheli(n) mit <h> an der Silbengrenze wurden berücksichtigt, da an dieser Position i. d. R. ein Langvokal gesprochen wird, wie bei der Aussprache von Stahel als «Schtaal» 15 und Stäheli als «Schtääli, Schtèèli» deutlich wird (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 156). 16 Ausgeschlossen wurden FamN, bei denen <uh> und <üh> für einen dialektalen Diphthong stehen wie in Kuhn mit dialektaler Realisierung als «Chuen» (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 107) oder Ambühl, Bühler, Bühlmann und Brühlmann. Die Namenauswahl verteilt sich auf folgende Benennungsmotive: ÜberN (Fröhlich, Zahn), BerufsüberN (Strähl zu mhd. stræl ‘Kamm’), BerufsN (Fehr zu mhd. ver(e) ‘Schiffer, Fährmann’, Zehnder), Patro- Karte 75: Längenanzeige durch Dehnungs-h, vor 1800 15 Bei diesem FamN notieren Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 156) als zweite Variante die Aussprache «Schtahel». Es ist anzunehmen, dass sich diese Aussprache am Schriftbild orientiert (vgl. Christen 2007: 420-423). 16 Es ist auch denkbar, dass <h> in den genannten FamN mancherorts noch für den Lautwert [h] steht, analog zur dialektalen Aussprache von nhd. zehn < mhd. zehen, zēn (SDS III 1975: Karte 242): Das Zahladjektiv wird in Deutschfreiburg, im Berner Oberland und in Graubünden als [tsehə] ausgesprochen; mit weiteren, aber wenigen Streubefunden im Nordosten (SH, TG, SG). 164 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="165"?> nyme (Gehrig zum Ruf N Gering, Wehrli zu einer Kurzform von Werner), WohnstättenN (Rohrer, Zurmühle) und HerkunftsN (Mühlethaler zum SiedlungsN Mühlethal AG). Enthalten sind auch Namen, deren Benennungsmotiv zwar uneindeutig ist, die sich aber graphematisch dem Typ zuordnen lassen (Johner, Mühlemann). Kommentar: Die zweite Karte zeigt ein ähnliches Bild wie die erste: Die Schreibung von Dehnungs-h tritt in der gesamten Deutschschweiz mit einem deutlichen Schwerpunkt im Mittelland auf. Der häufigste FamN im Sample ist Lehmann mit 64 Tokens, gefolgt von Kohler mit 42 Tokens und Wehrli mit 28 Tokens. Ausser im Mittelland finden sich auch Vorkommen in (vor-)alpinen Regionen wie dem Berner Oberland oder den Kantonen Obwalden, Nidwalden, Wallis und Graubünden. Dritte Karte {76}: Vokalverdopplung versus Dehnungs-h in Dubletten Namenauswahl: Ausgewählt wurden Dubletten aus der Schicht «vor 1800», die sowohl Schreibung mit Doppelvokal als auch mit Dehnungs-h zeigen (z. B. Geering vs. Gehring). Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit Doppelvokal: Bool, Feer, Geeler, Geerig, Geering, Hool, Keel, Leemann, Meer, Moor, Soom, Spaar, Weerli, Zeender. 14 Types, 52 Tokens. FamN mit Dehnungs-h: Bohl, Fehr, Gehler, Gehrig, Gehring, Hohl, Kehl, Lehmann, Mehr, Mohr, Sohm, Spahr, Wehrli, Zehnder. 14 Types, 207 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-75, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 76: Daten zur dritten Karte {76} Detailangaben zur Namenauswahl: Die automatische Suche in der etymologischen Datenbank nach Doppelvokal und Dehnungs-h in Dubletten ergab die obige Auswahl. Ausgeschlossen wurden die Vorkommen von Meer / Mehr in Graubünden, da es sich dabei um rätoromanische Formen von Meier handelt (RNB 3 1986: 668-669); die homonymen Formen in den Kantonen Bern und Luzern wurden hingegen berücksichtigt, weil dem Namenpaar hier eine Kurzform zum altdeutschen Ruf N Merbod zugrunde liegt. Die ausgewählten Namen verteilen sich auf folgende Benennungsmotive: ÜberN (Moor/ Mohr zu mhd. mōr ‘Schwarzer’, Spaar/ Spahr zu mhd. spar(e) ‘Spatz’), BerufsN (Feer/ Fehr, Leemann / Lehmann, Zeender/ Zehnder), Patronyme (Geeri(n)g / Gehri(n)g, Meer / Mehr, Weerli/ Wehrli), WohnstättenN (Bool/ Bohl zu schwzdt. Boll, Bool ‘rundlicher, kuppenförmiger Hügel’; Geeler/ Gehler zum Toponym Gela in Berschis SG; Hool/ Hohl zu mhd. hol ‘Höhle, Loch’; Keel/ Kehl Karte 76: Vokalverdopplung vs. Dehnungs-h in Dubletten, vor 1800 1.15 Längen- und Kürzenanzeige 165 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="166"?> zu mhd. kël(e) in Toponymen ‘Schlucht, Hohlweg’; Soom / Sohm zu mhd. soum ‘Rand, Besatz’). Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass die Schreibung mit Dehnungs-h weitaus mehr Ortspunkte bei gleicher Anzahl Types generiert. So entspricht das Verhältnis ca. 4: 1. FamN mit dem Längenzeichen <h> kommen im gesamten Mittelland vor. Lehmann ist mit 64 Tokens der häufigste Name in dieser Gruppe und kann mit seinem Verbreitungsgebiet (AG, BE, BL, FR, GE, LU, SG, SO, VD, ZH) exemplarisch für die Namen mit Dehnungs-h stehen. Doppelvokalschreibungen häufen sich im Berner Oberland und entlang des Zürichsees bis Schaffhausen. Im Berner Oberland clustert der FamN Moor, der sich auch in einem Gebiet zwischen Niederhasli (ZH) bis Wislikofen (AG) häuft und zudem in anderen Teilen des Aargaus (Vordemwald, Brittnau) vorkommt. Als zürcherisch kann der bereits in der ersten Karte erwähnte FamN Leemann genannt werden. Vierte Karte {77}: Doppelkonsonanz <rr> versus Einfachkonsonanz <r> in Dubletten Namenauswahl: Die Thematik erlaubt es nicht, ein systematisches Sample zu erheben, da nicht alle Namen mit Doppelkonsonantengraphien überprüft werden können (mehr als 2'700 Types). Daher werden der Karte Dubletten und etymologische Pendants zugrunde gelegt, die sich durch die Schreibung <rr> vs. <r> unterscheiden wie z. B. Birri vs. Biri oder Scherrer vs. Schärer, wobei <rr> Kürze des vorangehenden Vokals vermuten lässt. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit <rr>: Altherr, Arregger, Birri, Borrer, Burri, Dürr, Dürrig, Dürring, Forrer, Furrer, Fürrer, Harri, Harry, Hausherr, Herrmann, Herrsche, Kilchherr, Sarrasin, Schaerr, Schärrer, Scherrer, Schorr, Spörri, Thurnherr, Thürr. 25 Types, 234 Tokens. FamN mit <r>: Altheer, Alther, Aregger, Biri, Biry, Bohrer, Borer, Buri, Dür, Dürig, Düring, Forer, Fuhrer, Furer, Fürer, Haari, Hari, Hausheer, Hermann, Hersche, Kilchher, Sarasin, Schär, Schärer, Scherer, Schor, Schoor, Spöri, Thür, Thurnheer. 30 Types, 215 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-75, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 77: Daten zur vierten Karte {77} Detailangaben zur Namenauswahl: Die automatische Suche nach <rr> vs. <r> ergab die obige Auswahl. Da es bei dieser Karte lediglich um die graphische Realisierung des Konsonanten geht, wurden auch etymologische Pendants berücksichtigt, die sich zusätzlich durch Doppelvs. Einfachvokal unterscheiden (z. B. Hausherr vs. Hausheer) Karte 77: Doppelkonsonanz <rr> vs. Einfachkonsonanz <r> in Dubletten, vor 1800 166 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="167"?> oder durch Einfachvokal und Dehnungs-h vs. Doppelkonsonant (Borer, Bohrer vs. Borrer). Ausgeschlossen wurden Muri/ Murri, da die beiden FamN keine gemeinsame etymologische Grundlage haben. Es ist anzumerken, dass der Lautwert des Vokals bei nachfolgender Einfachkonsonanz sowohl lang als auch kurz sein kann; vgl. dazu die Angaben zur Aussprache von Schärer, Scherer in Zürich als «Schäärer†, Schèèrer» (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 143, 145), aber Hermann «Hèrmann» (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 86). Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Harri/ Haari zum Ruf N Henry; Birri/ Biri zum Ruf N Pierre), ÜberN (Altherr/ Altheer zu mhd. althërre ‘alter Herr, Ahnherr’; Dürr / Dür zu mhd. dürre ‘dürr, verdorrt, ausgetrocknet’), BerufsN (Fürrer/ Fürer zu mhd. fiurære ‘Anfeurer’; Hausherr/ Hausheer zu mhd. hūshërre ‘Hausherr, Aufseher/ Verwalter einer Kaufhalle’), WohnstättenN (Forrer / Forer zu mhd. vorhe ‘Föhre’; Furrer/ Furer zu schwzdt. Furche(n) ‘Furche, Einschnitt in der Oberf läche’) und HerkunftsN (Arregger/ Aregger zum Toponym Arig LU; Dürrig / Dürig zum LandschaftsN Thüringen). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv wie Burri/ Buri (Patronym zu Burkhard oder ÜberN zu mhd. burren ‘sausen, brausen’) oder Schorr/ Scho(o)r (WohnstättenN zu mhd. schor(re) ‘schroffer Fels’ oder BerufsN zu mhd. schorn ‘mit der Schaufel arbeiten’), die sich aber dem Phänomen zuordnen lassen. Kommentar: Die vierte Karte zeigt im Mittelland in der Tendenz eine West-Ost-Verteilung mit Einfachkonsonanz <r> im Westen und Doppelkonsonanz <rr> im Osten. Diesem Muster entspricht bspw. die Verteilung der FamN zu mhd. schërære, schërer resp. mhd. schër (‘Barbier, Wundarzt, Bader’): westlich treten Schärer, Schär mit <r> (zusammen 77 Tokens) und östlich Scherrer, Schärrer mit <rr> (zusammen 43 Tokens) auf. Die Graphien <rr> und <r> kommen aber im gesamten Untersuchungsgebiet vor (inklusive Streubelegen in der Romandie): So tritt z. B. Schär auch im östlichen Thurgau auf; Burri hingegen ist vornehmlich in den (eher) westlichen Kantonen Luzern und Bern beheimatet. Der häufigste Name mit rr-Graphie ist Furrer, der ein grosses Verbreitungsgebiet aufweist, das nicht zur grundsätzlichen West-Ost-Gliederung passt, weil sich die Belege vom südlichen Zermatt (VS) bis ins nördliche Böttstein (AG) und vom westlichen Diessbach bei Büren (BE) bis ins östliche Eschenbach (SG) ausdehnen. Die Triplette Bohrer, Borer und Borrer tritt im Grenzgebiet der Kantone Basel-Landschaft und Solothurn in räumlicher Nachbarschaft auf. Fünfte Karte {78}: Doppelkonsonanz versus Dehnungs-h in Dubletten Namenauswahl: Da nicht alle Namen mit Doppelkonsonantengraphien überprüft werden können (s. o.), werden der vorliegenden Karte Dubletten und etymologische Pendants zugrunde gelegt, die sich durch die Schreibung «Vokal+Doppelkonsonant» vs. «Vokal+h» wie Koller vs. Kohler unterscheiden. Dabei stehen die FamN der ersten Gruppe für Kürzen- und jene der zweiten Gruppe für Längenanzeige. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Karte 78: Doppelkonsonanz vs. Dehnungs-h in Dubletten, vor 1800 1.15 Längen- und Kürzenanzeige 167 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="168"?> Abgefragte Namen FamN mit Doppelkonsonanz für Kürzenanzeige: Boll, Boller, Bollhalder, Bolli, Donner, Fellmann, Goll, Källi, Kollbrunner, Koller, Kolly, Markstaller, Noll, Ronner, Somm, Stoll, Walli. 17 Types, 128 Tokens. FamN mit Dehnungs-h für Längenanzeige: Bohl, Bohler, Bohlhalder, Bohlhalter, Bohli, Dohner, Fehlmann, Gohl, Kähli, Kählin, Kohlbrunner, Kohler, Kohly, Markstahler, Nohl, Rohner, Sohm, Stohl, Wahli. 19 Types, 109 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-75, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 78: Daten zur fünften Karte {78} Detailangaben zur Namenauswahl: Die automatische Suche nach etymologischen Pendants mit der Graphemabfolge «Vokal+Doppelkonsonant» vs. «Vokal+h» ergab die obige Auswahl. FamN mit <hr> resp. <rr> werden hier nicht berücksichtigt (vgl. dazu die vierte Karte) und auch Varianten mit Doppelvokal (Soom) wurden ausgeschlossen. Ferner wurden wegen unklarer Etymologie die FamN Joller/ Johler ausgesondert. Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Bolli/ Bohli zum Ruf N Paul ), ÜberN (Donner/ Dohner zu mhd. doner ‘Donner’, Noll/ Nohl zu schwzdt. (älter) Noll, Nōl ‘dicker, plumper, verwachsener Mensch’), BerufsN (Fellmann / Fehlmann, Koller / Kohler) und WohnstättenN (Boll(er) / Bohl(er), Ronner/ Rohner zu mhd. rone ‘umgefallener bzw. abgehauener Baumstamm’). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv wie Källi/ Kähli (ÜberN zu mhd. kël(e) ‘Kehle, Hals; Luftröhre’ oder zu schwzdt. (älter) Chǟli ‘Mann, der wackelig geht’ bzw. Chälli ‘ungeschlachter, schwerfälliger Mensch’), die sich aber dem Phänomen zuordnen lassen. Kommentar: Die fünfte Karte zeigt in der Tendenz eine West-Ost- Verteilung im Mittelland. Dabei häufen sich westlich der Flüsse Aare und Reuss FamN mit Dehnungs-h und somit Längenanzeige und östlich davon treten vermehrt FamN mit Doppelkonsonanz und somit Kürzenanzeige auf. Diesem Grundmuster entspricht die Verteilung von westlichem Kohler vs. östlichem Koller. Es kommen aber beide Realisierungen über das Mittelland verteilt vor, so tritt Kolly vor 1800 an 14 Ortspunkten im Kanton Freiburg auf und bildet ein westliches Gebiet mit Kürzenanzeige. Auch in anderen Gegenden kommt die Raumbildung durch hochfrequente EinzelN zustande: Fellmann clustert mit 11 Ortspunkten im Kanton Luzern, nördlich schliesst im Aargau der Verbreitungsraum von Fehlmann an. Der FamN Rohner (25 Tokens) tritt im östlichen Aargau auf, verdichtet sich aber hauptsächlich in den beiden Appenzell und im Kanton St. Gallen. In räumlicher Nachbarschaft kommen hingegen Bollhalder und Bohlhalder vor: Beide sind im Toggenburg (SG) alteingesessen. Auch Kollbrunner und Kohlbrunner verteilen sich auf drei Orte im Kanton Thurgau (Bissegg, Hüttlingen, Strohwilen TG). Ergebnisse Die fünf Karten zeigen Raumbilder der Datenschicht «vor 1800», die die graphische Wiedergabe von Vokallänge und -kürze in FamN nachzeichnen. Längenanzeige durch Vokalverdopplung wird durch die Schreibung von <aa>, <ee>, <oo> und <öö> realisiert. Während die ersten drei Möglichkeiten in FamN mit 490 Tokens relativ frequent auftreten und teilweise auch durch die Schreibung in der dialektalen und standardsprachlichen Lexik gestützt werden, ist die Schreibung des doppelten Umlautzeichens <öö> hervorzuheben, da diese lediglich im Namenmaterial oder in dialektorientierter Schreibweise vorkommt 17 und nicht standardsprachlich ist. Die Schreibung von <aa> und <ee> schliesst an das historisch häufige graphische Auftreten im Oberdeutschen an; die Graphie <oo> lässt sich hier ebenfalls einordnen. Auch Dehnungs-h ist in Deutschschweizer FamN hochfrequent, weshalb nur eine Auswahl an Namen berücksichtigt werden konnte. Die erste und die zweite Karte zeigen, dass die gesamte Deutschschweiz mit einem deutlichen Schwerpunkt im Mittelland Anteil an diesen Schreibungen zur Kennzeichnung der Länge hat, wobei die dritte Karte mit dem Vergleich von Doppelvokal und Dehnungs-h letzteres als Default zur Längenkennzeichnung ausweist. Während Doppelvokal auf phonologische Länge hinweist, kann es sich bei der Verwendung von Dehnungs-h um ein rein graphisches Phänomen handeln, wie es bei den FamN mit dem Bestandteil Bühl oder Brühl der Fall ist, die diphthongisch ausgesprochen werden. Ähnliches hält auch Erni (1949: 66) in seiner Untersuchung zur Berner Kanzleisprache fest: «[V]on ca. 1650 an [tauchen] hie und da Vokaldoppelungen auf, die beweisen, daß die nhd. Dehnung der alten Kurzvokale tatsächlich und auch in der Aussprache Eingang gefunden hat (das Dehnungs-h könnte ja auch bloße orthographische Spielerei sein)». Ein weiteres Indiz dafür, dass es sich um rein graphische Variation handelt, ist das Auftreten von Dubletten bzw. Tripletten am selben Ort wie bei Bollhalder und Bohlhalder (SG) oder Borer, Bohrer, Borrer (SO). Hier könnte die unterschiedliche Schreibung auf ein Bedürfnis zur Differenzierung zurückgehen. Diese Art von lokal auftretender Varianz müsste anhand einer historischen Sondierung noch genauer untersucht werden. Beim dublettenbasierten Vergleich von Doppelkonsonanz mit Einfachkonsonanz (vierte Karte) resp. mit Dehnungs-h (fünfte Karte) tritt der Westen tendenziell als Raum auf, in dem die Schreibung mit einfacher Konsonanz favorisiert wird. Im Osten kommen hingegen vermehrt FamN mit Doppelkonsonanten vor. Das kartierte Sample der FamN mit Längenanzeige ist nicht deckungsgleich mit den drei dialektalen Regionen, die regelhaft Dehnung in offener Silbe zeigen (BS, BL, SO, Region Bielersee BE, St. Galler Oberland mit dem angrenzenden Rheintal, UR). Die Karten berücksichtigen einen kleinen Ausschnitt an einschlägigen FamN; ein grösseres Namensample könnte das Raumbild allenfalls noch differenzieren. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Lehmann (8'776 Tokens) mit Dehnungs-h, Koller (6'982 Tokens) mit Kürzenanzeige und Haas (3'813 Tokens) mit Doppelvokal. 17 Vgl. auch die zahlreichen Beispiele in der Toponymie wie z. B. Hööchi oder Möösli auf ortsnamen.ch (o. J.) oder Dialektwörter wie Aareböötle ‘Boot fahren auf der Aare’. 168 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="169"?> Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA 1 (2009: 554-661) behandelt auf den Karten 233-258 die Längenanzeige und auf den Karten 259-280 die Kürzenanzeige. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Christen, Helen (2007): Familiennamen: Lokale Identitätsmarker oder besondere Wörter? Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge 42(4), 419-439. DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. Ebert, Robert P. et al. (1993): Frühneuhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 12). Tübingen: Niemeyer. Elmentaler, Michael (2018): Historische Graphematik des Deutschen. Eine Einführung (Narr Studienbücher). Tübingen: Narr Francke Attempto. Erni, Christian (1949): Der Uebergang des Schrifttums der Stadt Bern zur neuhochdeutschen Schriftsprache. Thusis: Roth. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 11.09.2024). GlMwb = Verein Glarner Mundartwörterbuch/ Academia Glaronensis (Hrsg.) (2024): Glarner Mundartwörterbuch. Mit einer Einleitung zum Glarner Dialekt, Redewendungen, Personennamen und einem hochdeutschen Register (Grammatiken und Wörterbücher des Schweizerdeutschen in allgemeinverständlicher Darstellung 17). Glarus: Baeschlin. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kolroß, Johannes (1564): Enchiridion, das ist, Handbüchlin tütscher Orthography, hochtütsche Spraach artlich zeschryben unnd läsen, sampt einem Registerlin über die gantze Bibel, wie man die Allegationes unnd Concordantias, so im Nüwen Testament näbend dem Text und sonst mit halben latinischen Worten verzeichnet: ouch wie man die Zifer und tütsche Zaal verston sol. Zürich: Froschower. KSDS = Christen, Helen/ Glaser, Elvira/ Friedli, Matthias (Hrsg.) (2019): Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz. 7., verbesserte Auf lage. Frauenfeld: Huber. Nübling, Damaris et al. (2017): Historische Sprachwissenschaft des Deutschen. Eine Einführung in die Prinzipien des Sprachwandels (Narr Studienbücher). 5., aktualisierte Auf lage. Tübingen: Narr Francke Attempto. ortsnamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): ortsnamen.ch. Das Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung. https: / / www.ortsnamen.ch/ de/ (letzter Zugriff 11.09.2024). Paul, Hermann et al. (2007): Mittelhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 2). 25., neu bearbeitete Auf lage. Tübingen: Niemeyer. RfdR = Geschäftsstelle des Rats für deutsche Rechtschreibung (Hrsg.) (2024): Amtliches Regelwerk der deutschen Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis. Mannheim: Leibniz-Institut für Deutsche Sprache. Schmidt, Wilhelm (2020): Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium. Teil 2: Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Frühneuhochdeutsch. 12., verbesserte und erweiterte Auf lage. Stuttgart: Hirzel. Schobinger, Viktor/ Egli, Alfred/ Kläui, Hans (1994): Zürcher Familiennamen. Entstehung, Verbreitung und Bedeutung der Namen alteingesessener Zürcher Familien. Zürich: Zürcher Kantonalbank. SDS II = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1965): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. II: Lautgeographie II: Vokalquantität - Konsonantismus. Bern: Francke. SDS III = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1975): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. III: Formengeographie. Bern: Francke. SDS V = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1983): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. V: Wortgeographie II: Menschliche Gemeinschaft - Kleidung - Nahrung. Bern: Francke. Simone Berchtold 1.15 Längen- und Kürzenanzeige 169 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="170"?> 1.16 Synkope Schlagwörter: Apokope, Mittelsilbe, Nebensilbenabschwächung, Präfix, Silbenstruktur, Tilgung Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel dokumentiert Deutschschweizer FamN, die im Schriftbild Synkope des unbetonten e aufweisen. Die durch Nebensilbenabschwächung eingetretene Tilgung des Schwa-Lauts zeigt sich je nach Silbenbzw. Lautstruktur an unterschiedlicher Position in den Namen, bspw. im Präfix (z. B. Glücki zu mhd. g(e)lücke ‘Glück, Geschick, Zufall’), in der Mittelsilbe (z. B. Spittler zu mhd. spittel ‘Pf lege, Krankenhaus, Johanniterorden’), in Flexiven (z. B. Jungsten mit Komparationssuffix mhd. -est), zwischen Konsonanten (z. B. Küng zu mhd. künic, künec ‘König’) oder nach Diphthong (z. B. Mayr zu mhd. mei(g)er ‘Gutsverwalter’). Der Gegenstand ist relevant, weil Synkopierung der Vokale in Nebentonsilben in den meisten deutschen Dialekten üblich ist (Christen 2019: 257; König/ Elspaß/ Möller 2019: 169) und der vorliegende Kartenkomplex somit einen Beitrag zur Untersuchung des Phänomens im gesamten deutschsprachigen (Namen-)Raum leistet. Hintergrund: Die vollen Nebensilbenvokale wurden ab dem Spätalthochdeutschen durch die Nebensilbenabschwächung zu [ə] reduziert und schwanden häufig schliesslich ganz (Hartweg/ Wegera 2005: 141; Bergmann/ Moulin/ Ruge 2019: 75). Terminologisch wird dabei zwischen der Synkope, d. h. dem Wegfall des unbetonten Vokals innerhalb eines Worts (im Präfix, im Stamm oder in Flexiven), und der Apokope, d. h. der Tilgung des abgeschwächten Vokals im Auslaut (z. B. ÜberN Haas, Neff ), unterschieden (Ebert et al. 1993: 79; Paul et al. 2007: 109; Schmidt 2020: 335). 1 Der komplexe Prozess der Nebensilbenabschwächung ggf. bis zur Tilgung der Vokale umfasste die gesamte mittelhochdeutsche Zeit und setzt sich über das Frühneuhochdeutsche bis ins Neuhochdeutsche fort (z. B. nhd. Laden [ˈlaːdn̩] mit silbischem Konsonanten; Szczepaniak 2007: 178; Nübling et al. 2017: 46-47). Wie Klein (2005: 121) betont, gehört der «Wandel des Nebensilbenvokalismus […] zu den tiefgreifendsten und folgenschwersten lautlichen Veränderungen» in der deutschen Sprachgeschichte; ausserdem rechnen Fuhrhop/ Peters (2023: 79) Synkopierung zusammen mit Apokopierung «den historisch und synchron am häufigsten belegten phonologischen Prozessen» zu. Zugleich zähle die Synkope aber «zu den Bereichen der mhd. Grammatik, bei denen noch vieles im Dunkeln» liege (Klein 2005: 121). Ganz allgemein lässt sich Synkopierung im Kontext des typologischen Wandels des Deutschen von einer Silbenhin zu einer Wortsprache betrachten, weil durch den Schwund von Nebentonvokalen die Silbenstruktur verschlechtert, aber das phonologische Wort exponiert wird (vgl. Nübling et al. 2017: 45-46). 2 Gleichzeitig werden infolge der Nebensilbenabschwächung und Tilgung von unbetontem e im Mittelhochdeutschen viele dreisilbige Wörter zweisilbig (Nübling et al. 2017: 48), was sich bspw. bei Nomina agentis auf -er wie standarddt. Wechsler ‘wer Geld wechselt’ zu mhd. wehselære, wehseler erkennen lässt (s. auch Wilmanns 1911: 396). Durch den Vokalschwund resultiert eine trochäische Struktur (x́ x), die «seit dem Mhd. die ideale Größe und Form des phonologischen Wortes» darstellt (Nübling et al. 2017: 48). Im nicht-onymischen Wortschatz treten synkopierte Formen praktisch im gesamten deutschsprachigen Raum auf. Im Oberdeutschen werden sie erstmals in bairischen Quellen des 12. Jh. nachgewiesen; in späterer mittelhochdeutscher Zeit breitet sich Synkopierung gemäss Wilmanns (1911: 355) in den oberdeutschen Mundarten stark aus. Tendenziell ist das Alemannische in der Schweiz gerade im Anlaut weiter gegangen als andere Varietäten des Deutschen, vgl. z. B. standarddt. [gəʃpˈɛnst] vs. schwzdt. [kʃpæŋʃt] ‘Gespenst’ oder auch Synkopierungen bei Synsemantika wie schwzdt. dr ‘der’ und bei auslautendem -er wie standarddt. [ˈʃpɛːtɐ] vs. schwzdt. [ˈʃpɛːtr ̩ ] ‘später’ (Siebenhaar 2014: 333; Christen 2019: 255). Die einzigen Gebiete, die grundsätzlich keine e-losen Formen besitzen, sind Teile des mittel- und nordwestdeutschen Sprachgebiets sowie Tiroler Mundarten am Südrand des deutschsprachigen Kontinuums (König/ Elspaß/ Möller 2019: 159). Auch in höchstalemannischen Dialekten wie dem Walliserdeutschen sind Synkopierungen (und Apokopierungen) «in beschränkterem Umfang» eingetreten (Christen 2019: 255; vgl. auch Schirmunski 2010: 206, 658-659). Bspw. erscheint im nicht-onymischen Wortschatz der schweizerdeutschen Mundarten das Präfix Ge-/ geausser lexemabhängig in Deutschbünden und im Wallis «immer mit Ausstossung des V[okals]» (Id. 2 1881 ff.: Sp. 41), vgl. z. B. walliserdt. gibrungu vs. berndt. prunge ‘gebracht’ (mit zusätzlicher Assimilation, s. u.) (SDS III 1975: Karte 7; Hotzenköcherle 1984: 163-164; Leemann et al. 2025: 268-269). 3 Ob Synkopierung erfolgt, hängt nicht nur von diatopischen Faktoren ab, sondern auch von phonologischen und morphologischen wie der lautlichen Umgebung, der Silbenzahl des Wortstamms oder der Länge der Silben. Die historischen Entwicklungen lassen sich folgendermassen zusammenfassen: • Unbetontes e schwindet im Präfix Ge- / gevor Vokal und vor den Konsonanten l, m, n, r, w (z. B. ahd. gilucken > mhd. g(e)lücken ‘gelingen, glücken’; ahd. gināda > mhd. g(e)nāde ‘Gnade’), im Oberdeutschen auch vor anderen Konsonanten wie insbesondere s. 1 Zur Apokope vgl. Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle». 2 Zum typologischen Wandel des Deutschen vgl. Artikel II-2.13 «Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut» und Szczepaniak (2007). 3 Zur Form des Präfixes gein Partizip-Perfekt-Bildungen vgl. SDS III (1975: 4). Für die Verhältnisse in den einzelnen schweizerdeutschen Dialekten s. Abegg (1911), Baumgartner (1922) und die weiteren Publikationen in der Reihe «Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik». Für die Mundarten im gesamten hochdeutschen Sprachraum vgl. Schirmunski (2010: 214-216), der «5 aufeinanderfolgende Zonen der Reduktion des vortonigen -e (in den Vorsilben ge-, be-)» unterscheidet und dabei das Schweizerdeutsche hervorhebt. 170 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="171"?> Teilweise zeigt sich dabei regressive Assimilation an den nachfolgenden Konsonanten wie bei mhd. būr(e) neben gebūr(e) aus ahd. gibūro, gibūr ‘Bauer, Dorfgenosse’ oder schwzdt. tänkt ‘gedacht’ (Christen/ Schmidlin 2019: 218). In den Präfixen be- (z. B. mhd. blīben neben belīben ‘bleiben’), ver- (z. B. mhd. vreʒʒen neben vereʒʒen ‘fressen’) und zer- (z. B. mhd. zrinnen neben zerrinnen ‘zu Ende gehen, ausgehen, mangeln’) kommt Tilgung von unbetontem e im Mittelhochdeutschen hingegen seltener vor (Ebert et al. 1993: 79; Paul et al. 2007: 111-112; Schmidt 2020: 336). • Unbetontes e schwindet bei mehrsilbigen Wörtern, die eine lange Stammsilbe enthalten. Die Tilgung des Nebentonvokals tritt dabei häufig nach Liquid oder Nasal sowie bei gleichartigen Konsonanten auf (z. B. ahd. hēriro > mhd. hērre, hërre ‘Herr, Gebieter’, auch ‘Angehöriger einer städtischen Bevölkerung’; ahd. gibārida > mhd. gebærde ‘Verhalten, Benehmen, Wesen’). Der Schwund des Mittelsilbenvokals erfolgt bei dreisilbigen Wörtern zudem häufig in der Flexion (z. B. Nominativ mhd. dienest, Genitiv mhd. dienstes ‘Ergebenheit, Ausübung religiöser Pf lichten, Aufwartung, Erfüllung standesrechtlicher Verpf lichtungen innerhalb des Feudalsystems’) - abhängig vom Gewicht der betonten Silben sowie dem Sonoritätsgrad der angrenzenden Konsonanten (Paul et al. 2007: 111; Schmidt 2020: 335). • Unbetontes e schwindet bei zweisilbigen Wörtern, die nach kurzem betontem Vokal einen Liquid aufweisen (z. B. ahd. faran > mhd. varen, varn ‘fahren’; ahd. stelan > mhd. stëln ‘stehlen’; Schmidt 2020: 336). Für eine ausführlichere, differenziertere Darstellung der lautlichen Verhältnisse im Mittelhochdeutschen und im Frühneuhochdeutschen vgl. u. a. Penzl (1975: 105-106), Paul et al. (2007: 108-112), Ebert et al. (1993: 79-80), Moser/ Stopp (1970-1978) und Wilmanns (1911: 354-379, 387-413). Mit Blick auf die weitere Entwicklung hält Rein (1983: 1148) fest, dass die deutschen Mundarten als primär gesprochene Varietäten bei der Synkopierung grundsätzlich weiter gegangen sind als die schriftlich fixierte und normierte Standardvarietät. Wie bereits erwähnt, ist Synkopierung (ebenso wie Apokopierung) in den meisten schweizerdeutschen Dialekten «weitverbreitet» (Rash 2002: 120; vgl. auch Christen/ Schmidlin 2019: 218). Zusammenfassend ist hervorzuheben, dass unbetontes e nicht in allen deutschen Varietäten in gleichem Masse getilgt wurde und dass Synkope zu unterschiedlichen Zeitpunkten eintrat. Bspw. ist bereits im Althochdeutschen synkopiertes hē ̌ r(r)o neben hēriro, hērōro ‘Herr, Gebieter, Höhergestellter u. ä.’ bezeugt (EWA IV 1978 ff.: Sp. 986; EtymWB 1993a: s. v. Herr), das als Etymon für den FamN Heer anzusetzen ist. Eine zeitliche Differenzierung des Namenmaterials kann im vorliegenden Artikel nicht geleistet werden, stellt aber ein Forschungsdesiderat dar. Hinsichtlich der Verschriftlichung der Vokaltilgung merkt Schmid (2017: 199-200) an, dass häufige Synkopen und Apokopen eines der typischen Merkmale der alemannischen Schreibsprache im 14. und 15. Jh. seien. Weinhold (1863: 21) ergänzt, alemannische Schreiber des 14. Jh. hätten unbetontes e in der Schriftlichkeit so häufig «unterdrückt», dass es sogar zu «Syncopen wie in huenr […], fra ᵉ velr» gekommen sei. Gemäss Lötscher (1983: 57) setzt in der Deutschschweiz jedoch gegen Ende des 16. Jh. ein längerer Prozess ein, im Zuge dessen «Merkmale der deutschen Gemeinsprache» allmählich in der Schreibung übernommen wurden (s. auch Wilmanns 1911: 361). 4 Damit übereinstimmend zeigt Erni (1949: 99) auf, dass Synkopierung in der Schriftlichkeit der Berner Kanzlei «seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts zahlenmäßig keine große Rolle mehr» spielt, während vor 1600 noch eine klare «Neigung zur Synkope» zu beobachten sei (Erni 1949: 38). In den Worten Wilmanns (1911: 395) wurden der graphischen Realisierung von Synkopen durch die Standardisierung der Schriftsprache «engere und festere Schranken» gezogen. Das Schriftbild der Deutschschweizer FamN ist daher auch in einem Spannungsverhältnis zwischen dialekt-/ lautnah und standardnah zu betrachten, 5 was den Prozess der Synkopierung im Familiennamenbestand «schwer zu verfolgen» macht (Wilmanns 1911: 355). Fragestellungen: Vor diesem Hintergrund interessieren folgende Fragen: Welche Deutschschweizer FamN weisen im Schriftbild synkopierte Nebentonvokale auf ? Lassen sich diese FamN bestimmten geographischen Arealen zuordnen? Die Thematik erlaubt es nicht, sämtliche zugehörige FamN zu erheben. Deshalb enthalten die folgenden Karten grösstenteils Namendubletten sowie Fälle, die aus projektinternen Arbeiten und der Literatur bekannt sind. Die erste Karte widmet sich FamN mit Vokaltilgung im Präfix Ge-/ ge- (z. B. Gfeller, Gmür, Greuter). Die zweite und die dritte Karte behandeln Namenpaare, die Varianz -eler vs. -ler, -ener vs. -ner und -eli vs. -li zeigen (z. B. Hubeli vs. Hubli, Spengeler vs. Spengler). Ergänzend dazu gilt die vierte Karte dreisilbigen FamN auf -eler, -ener und -eli ohne Synkope im Schriftbild. Die fünfte Karte bildet schliesslich eine unsystematische Auswahl an FamN aus der Schicht «vor 1800» ab, die graphisch Vokalschwund in der Nebentonsilbe aufweisen. Das Kartenbild enthält alle FamN der ersten drei Karten und ergänzt sie mit weiteren Fällen, die im Schriftbild Synkope zeigen. 4 Zur Aufnahme der neuhochdeutschen Schriftsprache inklusive Verschriftung von Synkopen s. ausführlich Wanner (1931) für die Stadt Schaffhausen und Erni (1949) für die Stadt Bern. 5 Zum Verhältnis von Schreibung und dialektaler Aussprache vgl. Christen (2007: 205). 1.16 Synkope 171 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="172"?> Erste Karte {79}: Familiennamen mit Synkope im Präfix Ge-/ ge- Namenauswahl: Die erste Karte geht der Frage nach, inwiefern Synkopierung im Präfix Ge-/ geim Schriftbild von FamN festzumachen ist. Kartiert werden einschlägige Fälle aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 6 die Tilgung von <e> im Präfix Ge-/ geaufweisen. Die Namen lassen sich nach dem Folgekonsonanten (dem Anfangskonsonanten des Stamms) acht verschiedenen Typen zuordnen. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Typ Gf -: Gfeller. 13 Tokens. Typ Gl-: Gleichner, Glesti, Glücki. 3 Tokens. Typ Gm-: Gmünder, Gmür. 7 Tokens. Typ Gn-: Gnädinger, Gnägi, Gnehm, Gnos. 18 Tokens. Typ Gr-: Graden, Gratwohl, Greuter, Greutert, Greutmann, Grieder, Grob, Gröble, Gröbli, Gröbly, Grüring, Grüter, Grütter. 13 Types, 121 Tokens. Typ Gs-: Gsell. 10 Tokens. Typ Gsch-: Gschwend, Gschwind, Gsponer, Gsteiger. 19 Tokens. Typ Gw-: Gwerder. 4 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 79: Daten zur ersten Karte {79} Detailangaben zur Namenauswahl: 7 In der etymologischen Datenbank (Stand 31.01.2025) sind Ableitungen mit dem Präfix Ge-/ genicht systematisch als solche erfasst. Daher wurde händisch nach FamN gesucht, die als deutschsprachig kategorisiert sind und den Anlaut G+Konsonant aufweisen. 8 Entsprechend fehlen in der vorliegenden Kartierung einerseits FamN wie Bauer/ Baur / Bur/ Paur (aus schwzdt. G(e)būr) oder Kauer/ Kauert (aus schwzdt. G(e)hau), die regressive Assimilation von Gan den nachfolgenden Konsonanten zeigen, und andererseits FamN wie Amgwerd und Ungricht mit dem Präfix Ge-/ gein nicht-wortinitialer Position. 9 In einem zweiten Schritt wurden die Treffer auf ihre Relevanz überprüft und anhand Karte 79: FamN mit Synkope im Präfix Ge-/ ge-, vor 1800 6 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 7 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. Sofern nicht anders ausgewiesen, sind die mittelhochdeutschen und althochdeutschen Formen dem EtymWB (1993b) entnommen. 8 FamN mit dem Präfix Ge-/ ge- und vokalischem Stammanlaut kommen in der Schicht «vor 1800» nicht vor. 9 Diese FamN sind - sofern sie händisch eruiert werden konnten - in der fünften Karte enthalten. 172 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="173"?> des Anfangskonsonanten des Stamms in verschiedene Gruppen unterteilt. Insgesamt finden sich in der Schicht «vor 1800» 29 FamN, bei denen im Schriftbild das unbetonte e im Präfix Ge-/ gegetilgt ist. Die deutlich höchste Type- und Tokenfrequenz erreichen dabei FamN auf Gr- (z. B. Graden, Grütter), während v. a. die Typen Gl-, Gm- und Gwnur niederfrequent auftreten. Die Namenauswahl umfasst 13 Herkunftsbzw. WohnstättenN und 16 ÜberN (inklusive Amts- und Standesbezeichnungen). Zur ersten Gruppe gehören u. a. die FamN Gfeller (zu mhd. gevelle ‘Geklüfte, Abgrund’), Gmür (zu mhd. gemiure ‘Gemäuer, Gebäude’) oder Grüter und Varianten (zum häufigen Toponym bzw. Appellativ Grüt(t), Greut(t) ‘gerodetes Landstück’). 10 Zu den HerkunftsN zählen Gsponer (zum SiedlungsN Gspon, einem Weiler in Staldenried VS), Gsteiger (zu einem SiedlungsN Gsteig, wie er im Berner Oberland belegt ist) und Gwerder (zu einem ÖrtlichkeitsN Gwerd, wie er im Kanton Schwyz mehrfach vorkommt). Bei diesen Herkunftsbzw. WohnstättenN handelt es sich um Kollektivbildungen, in denen das Präfix Ge- «ursprünglich eine Ansammlung, eine Vielheit von X» zum Ausdruck brachte (Nübling/ Kunze 2023: 237; s. auch EtymWB 1993c: s. v. ge-; Fleischer/ Barz 2012: 256-257). Innerhalb des Samples gibt es ferner ÜberN wie Gleichner (wohl zu mhd. gelīchenen ‘gleichen, gleichsein, heucheln’ für einen Heuchler bzw. jemanden, der sich einen Anschein gibt) oder Grob und Varianten (zu mhd. g(e)rob, g(e)rop ‘massig, stark, reichlich, ungebildet, unangemessen’, schwzdt. auch ‘ungeschickt, bäurisch, unf lätig’), die ein negatives Verhalten bezeichnen. Gnägi basiert auf schwzdt. Gnagi, Gnägi ‘Knochen zum Abnagen’, übertragen auch ‘äusserst magerer Mensch’ und beschreibt somit eine dünne, ausgemergelte Person (vgl. Id. 4 1881 ff.: Sp. 697). Eine positive Attribuierung liegt hingegen bspw. bei den ÜberN Glesti (zu mhd. glestec ‘glänzend’), Glücki (mhd. g(e)lücke ‘Glück, Geschick, Zufall’, schwzdt. auch ‘(günstiges) Schicksal’ für eine von glücklichen Fügungen und Umständen begünstigte Person) und Gnehm (zu mhd. genæme ‘angenehm, gewogen, geneigt, gefällig’ für eine in der öffentlichen Wahrnehmung angesehene, beliebte Person) vor. Formal hervorzuheben sind die ÜberN Gnädinger (wohl zu mhd. genædec ‘liebreich, barmherzig, gnädig’) und Grüring (wohl zu schwzdt. gerüerig ‘lebhaft, f link, munter’; vgl. Id. 6 1881 ff.: Sp. 1268), die sekundär an die ing(er)-Namen angeglichen wurden, 11 und der FamN Gratwohl, der als SatzN im Sinne von ‘[es] gerate wohl’ gedeutet werden kann. 12 Der FamN Gnos geht auf schwzdt. G(e)nōss für den Teilhaber an den Rechten einer Gemeinschaft oder Genossenschaft zurück (vgl. Id. 4 1881 ff.: Sp. 819); Gsell zeigt appellativisch eine Vielfalt an Bedeutungen (vgl. Id. 7 1881 ff.: Sp. 715) und lässt sich motivisch daher nicht exakt deuten (wohl ‘Freund, Gefährte’ oder ‘Handwerksgeselle’). Generell ist Synkopierung bei Ge-/ gein den FamN grösstenteils verschriftlicht worden: Tritt das Präfix wortinitial auf, zeigt einzig Geschworner (zu mhd. gesworne ‘wer geschworen hat, eidlich verpf lichtet ist’) in der Graphie keine Schwa-Tilgung. Ob der in Ueberstorf (FR) alteingesessene Name mündlich als «Gschworner» realisiert wird und es sich somit um eine reine Schreibform handelt, kann hier nicht beantwortet werden; für das zugrunde liegende Lexem ist grundsätzlich von eingetretener Synkopierung auszugehen (Id. 9 1881 ff.: Sp. 2113-2114). Im Schriftbild der FamN scheint <e> häufiger vorzukommen, wenn zusätzlich zur Präfigierung mit Ge-/ geein weiterer Wortbildungsprozess stattgefunden hat. So zeigen die FamN Ungemacht (Schelten BE), Ungemuth (Bühler AR), Wohlgemut (Alt St. Johann SG) und Wohlgemuth (SO, TG, ZH) graphisch keine Synkope. Für zürcherisches Wohlgemuth weisen Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 180) jedoch die dialektale Aussprache «Woolggmuet» und historische Belege wie Wolgmůt nach, was darauf hindeuten könnte, dass in solchen Fällen eine graphische Angleichung an die Standardsprache erfolgt ist. Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass sich die FamN mit Synkope im Präfix Ge-/ gevorwiegend über das Mittelland ausbreiten, während Belege in (vor-)alpinen Regionen seltener sind (v. a. VS, UR, SZ). Innerhalb dieses allgemeinen Verbreitungsgebiets weisen die einzelnen Gruppen unterschiedliche Ballungszentren auf, was auch auf EinzelN mit regionalen Schwerpunkten zurückzuführen ist. Der häufigste Typ Grist weitläufig bezeugt (u. a. BE, SO, LU, BL, TG), erreicht aber in der Nordostschweiz (ZH, SG) die höchste Frequenz (61 von 121 Tokens). Zwei Drittel dieser Tokens (40 von 61 Tokens) fallen auf den ÜberN Grob, der hauptsächlich in den Kantonen Zürich und St. Gallen alteingesessen ist. Synkopiertes Gschals zweithäufigster Typus tritt in den Kantonen Wallis (Gsponer, 5 Tokens) und Solothurn (Gschwind, 5 Tokens) am dichtesten auf. Streubelege finden sich daneben mehrheitlich in nordöstlichen Gebieten. FamN mit Gnsind sowohl in westlichen (Gnägi am Bielersee, 5 Tokens) als auch in östlichen Teilen der Deutschschweiz (Gnehm in ZH, SH und TG, 7 Tokens) dokumentiert. Mit Gnos (4 Tokens) im Kanton Uri ist zudem auch die Innerschweiz vertreten. Die restlichen fünf Typen zeigen grösstenteils eine regional begrenzte Verbreitung: Gfeller in den einander benachbarten Bezirken Bern-Mittelland und Emmental (BE), Gwerder im Kanton Schwyz, Gmür in St. Gallen, Gmünder in den beiden Appenzell und Gsell vorwiegend im Thurgau. Die FamN Gleichner, Glesti und Glücki sind jeweils nur an einem Ortspunkt bezeugt (Dietikon ZH, Kaltenbach TG resp. Schangnau BE). 10 Für den FamN Greutert vgl. Artikel II-2.13 «Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut». 11 Vgl. Artikel II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing». 12 Vgl. Artikel II-4.1 «Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen». 1.16 Synkope 173 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="174"?> Zweite Karte {80}: Familiennamen auf -(e)ler und -(e)ner Namenauswahl: Die zweite Karte untersucht den (graphischen) Schwund von unbetontem e in der Mittelsilbe von etymologisch dreisilbigen FamN (z. B. Spitt.ler neben Spit.te.ler). Weil Synkope gemäss Stucki (1921: 39) besonders häufig vor -l- und -neintritt, werden hier exemplarisch FamN mit den Auslauten -ler und -ner in den Fokus gerückt. Bei FamN zu etymologisch dreisilbigen Täter- oder Einwohnerbezeichnungen auf -er ist der unbetonte Mittelsilbenvokal grösstenteils geschwunden (z. B. Sattler aus ahd. satulāri, mhd. sateler), sodass eine Kartierung dieser zahlreichen Fälle wenige Erkenntnisse liefern würde. 13 Stattdessen bildet die zweite Karte einschlägige Dubletten aus der Schicht «vor 1800» ab, die auf -eler vs. -ler bzw. -ener vs. -ner auslauten. Das Sample umfasst einerseits FamN, die auf Nomina agentis oder Einwohnerbezeichnungen basieren, und andererseits FamN, die patronymisches -er aufweisen. 14 Dabei interessiert, welche areale Verbreitung Namenpaare wie Spitteler/ Spittler oder Rüttener/ Rüttner zeigen, die sich graphisch durch Erhalt bzw. Schwund von <e> in der Mittelsilbe unterscheiden. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Typ -ler (mit Synkope): Biechler, Büchler, Engler, Ghisler, Gisler, Gründler, Gysler, Gyssler, Hänsler, Hensler, Hobler, Hoppler, Kappler, Spengler, Spittler, Trümpler, Wandler. 17 Types, 86 Tokens. Typ -ner (mit Synkope): Ebner, Höchner, Richner, Rüttner, Rychner. 18 Tokens. Typ -eler (ohne Synkope): Bücheler, Büecheler, Engeler, Gründeler, Gyseler, Hänseler, Henseler, Hoppeler, Höppeler, Kappeler, Spengeler, Spitteler, Trümpeler, Wandeler. 14 Types, 61 Tokens. Typ -ener (ohne Synkope): Ebener, Höchener, Hohener, Höhener, Reutener, Richener, Rüttener, Rychener. 8 Types, 17 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-80, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 80: Daten zur zweiten Karte {80} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 31.01.2025) ergibt die automatische Abfrage von -eler vs. -ler 16 und von -ener vs. -ner sechs Namenpaare, die anschliessend manuell überprüft wurden. Ausgeschlossen wurden erstens die FamN Schueler / Schuler (zu mhd. schuolære, schüelære ‘Schüler, Student’) und Thüeler / Thüler (zu mhd. tuele, tüele ‘Vertiefung, Einsen- Karte 80: FamN auf -(e)ler bzw. -(e)ner mit und ohne Synkope in der Mittelsilbe, vor 1800 13 Vgl. die Artikel II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen», II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen» und II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». 14 Vgl. Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». 174 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="175"?> kung im Gelände’), bei denen es sich um Schreibvarianten von Diphthongen und damit um falsche Positive (ohne dreisilbige Ausgangsform) handelt. Zweitens blieben auch die FamN Geisseler/ Geissler sowie Ruffener / Ruffner mit unsicherer bzw. noch ungeklärter Etymologie unberücksichtigt. Ebenfalls nicht in der Karte enthalten ist das Namenpaar Wangeler/ Wangler (beide in Ruswil LU), da letztere Variante auf im 18. Jh. aus Breitnau (Baden-Württemberg) zugewanderte Namenträger: innen zurückgeht. Erst in Ruswil (LU) beginnt sich die Schreibvariante Wangeler (womöglich in Anlehnung an die ebenfalls dort ansässigen Wandeler) zu etablieren. Für die verbleibenden zwölf bzw. fünf Dubletten wurde händisch nach Schreib-/ Lautvarianten gesucht, die ebenfalls in die Kartierung einf lossen (z. B. Höppeler neben Hoppeler, Reutener neben Rüttener). Die Namenauswahl umfasst die Herkunftsbzw. WohnstättenN Bücheler / Büchler (zum ausserordentlich häufigen Toponym bzw. Appellativ schwzdt. Büel, Büchel u. ä. ‘Hügel, kleine bis mittelgrosse Erhebung’), Gründeler/ Gründler (zum häufigen Toponym bzw. Appellativ schwzdt. Grund ‘Land in der Niederung, Vertiefung’), Kappeler/ Kappler (zum häufigen Toponym bzw. Appellativ schwzdt. Chappel, Chappele(n) ‘Kapelle’) sowie Wandeler / Wandler (zum Hof N Wandele in Ruswil LU). Auch Ebener/ Ebner (zum häufigen Toponym bzw. Appellativ schwzdt. Ebni ‘Ebene, Fläche’), Höchener / Höchner (zum häufigen Toponym bzw. Appellativ schwzdt. Höchi, Höhi) und Rüttener/ Rüttner (zum ausserordentlich häufigen Toponym bzw. Appellativ schwzdt. Rüti ‘mittels Rodung urbar gemachtes Landstück’) stellen sich zu den Herkunftsbzw. WohnstättenN. Zu den ÜberN gehören Hoppeler / Hoppler (zu schwzdt. hopple(n), höppele(n) ‘hüpfen, springen, schwankend gehen’) und Trümpeler/ Trümpler (zu schwzdt. trümpele(n) ‘mit kleinen, kurzen Schritten gehen, trippeln’) für Personen, die durch ihren Gang auffielen. Spitteler/ Spittler (zu mhd. spitāl, spittel ‘Pf lege, Krankenhaus, Johanniterorden’) bezeichnen als ÜberN eine Person, die einem Spital als Grundhörige unterstellt war, also für das Spital wirtschaftliche Leistungen erbringen musste. Mit Spengeler/ Spengler (zu mhd. speng(e)ler ‘Blechschmied, Spengler’) kommt Synkope auch im Schriftbild eines BerufsN vor. Die Karte enthält schliesslich auch Namenpaare, die sich nicht eindeutig einem Benennungsmotiv zuteilen lassen, aber zum hier kartierten Phänomen gehören (Engeler / Engler als Patronym oder WohnstättenN, Gyseler/ Gysler und Henseler / Hensler als Patronym oder BerufsN). Bei Richener/ Richner bzw. Rychener / Rychner ist von einer Erweiterung der FamN Richen, Rychen durch patronymisches -er auszugehen. Letztere Namen mit schwachem Genitivsuffix stellen sich entweder als Patronym zum Ruf N Rīch(o) oder als ÜberN zu mhd., schwzdt. rīch ‘mächtig, gewaltig, reich’. 15 Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass die FamN mit verschrifteter Synkope mehrheitlich im Kanton Uri (Gisler mit 12 Tokens) und in der Nordostschweiz (SG mit 16, ZH mit 10, TG mit 7 und AR mit 6 Tokens) vorkommen. Weiter westlich tritt mit 23 Tokens auch der Kanton Aargau hervor, an den sich die Ortspunkte in Bern (7 Tokens), Luzern (6 Tokens) und Basel-Landschaft (3 Tokens) anschliessen. Nicht-synkopierte Formen sind vermehrt in den Kantonen Zürich (15 Tokens), Thurgau (14 Tokens), Luzern (13 Tokens) und Aargau (11 Tokens) bezeugt. Mit insgesamt 29 Tokens prägt der FamN Kappeler, der am häufigsten im Aargau, im Thurgau und im Kanton Zürich vorkommt, dieses Teilsample deutlich. Mit Blick auf die einzelnen Namenpaare zeigen sich verschiedene Muster: FamN mit und ohne Synkope treten a. ausschliesslich weit(er) entfernt voneinander auf (z. B. Spitteler in BL vs. Spittler in Twann BE; Ebener in VS vs. Ebner in AG), kommen b. nur im selben Gebiet vor (z. B. Wandeler und Wandler rund um Sursee LU; Hohener, Höhener, Höchener und Höchner in der Nordostschweiz) oder weisen c. teilüberlappende Verbreitungsareale auf (z. B. Spengeler und Spengler beide in Zell LU neben je weiteren Ortspunkten). Wenn Dubletten wie Spengeler/ Spengler oder Wandeler/ Wandler im gleichen Gebiet vorkommen, könnte dies ein Zeichen dafür sein, dass es sich um reine Schreibvarianten handelt und die Präferenz für die eine oder die andere graphische Realisierung nicht auf lautlichen Grundlagen beruht. Stattdessen könnten die Dubletten hier eine Differenzierungsfunktion ausüben, um verschiedene Familien voneinander zu unterscheiden. Allerdings ist auch nicht auszuschliessen, dass die Namenpaare einen historisch instabilen Zustand widerspiegeln, der durch die tiefgreifenden Veränderungen der Nebensilbenabschwächung herbeigeführt wurde. 15 Für FamN mit Genitivsuffix vgl. Artikel II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe». 1.16 Synkope 175 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="176"?> Dritte Karte {81}: Familiennamen auf -(e)li Namenauswahl: Als weiterer exemplarischer Fall für (graphische) Synkopierung des unbetonten e in Mittelsilben sollen hier Dubletten aus der Schicht «vor 1800» behandelt werden, die auf -eli bzw. -li auslauten und morphologisch als Ableitungen mit l-Diminutiv wie Häseli/ Häsli oder mit i-Suffix wie Niggeli/ Niggli zu deuten sind. 16 Bei den l-Diminutiven basiert die Varianz von <li> und <eli> ggf. nicht auf lautlichen Grundlagen, sondern auf semantischen Nuancen. So werden die im Schweizerdeutschen hochfrequenten Diminutivformen auf -li infolge häufiger Lexikalisierung resp. Demotivierung tendenziell als weniger stark kosend/ diminuierend wahrgenommen, während -eli «prägnanter» und «[g]efühlsbetont» sei (Lüssy 1974: 172; s. auch Baumgartner 1922: 92; Schirmunski 2010: 547-548, 551-553). 17 Unter Vorbehalt dieser generellen Einschränkung widmet sich die vorliegende Karte der Frage, welche areale Verbreitung die ausgewählten Namenpaare zeigen, die sich graphisch durch Erhalt bzw. Schwund von <e> in der Mittelsilbe unterscheiden (z. B. Häs.li neben Hä.se.li). Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Typ -li (mit Synkope): Eggli, Eggly, Egle, Egli, Eglin, Häsli, Hässli, Hubli, Kubli, Kübli, Kupli, Niggli, Rothlin, Röthlin, Rubli, Rupli, Ruppli, Stähli, Stählin, Stehle, Stehli, Stehlin, Stüdle, Stüdli. 24 Types, 158 Tokens. Typ -eli (ohne Synkope): Egeli, Haeselin, Häsele, Häseli, Hubeli, Kübele, Niggeli, Rötheli, Röthelin, Rubeli, Staehelin, Stäheli, Stähelin, Stehelin, Stüdeli. 15 Types, 44 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-80, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 81: Daten zur dritten Karte {81} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 31.01.2025) finden sich mittels automatischer Abfrage -eli, -ely, -ele, -elin vs. -li, -ly, -le, -lin 15 Namenpaare, 18 die anschliessend manuell überprüft und mit Schreibbzw. Lautvarianten (z. B. Rötheli neben Röthelin) ergänzt wurden. Unberücksichtigt blieben Bucheli/ Buchli und Bücheli/ Büchli sowie Wägeli/ Wägli und Ringele / Ringli mit unsicherer bzw. noch ungeklärter Etymologie. Karte 81: FamN auf -(e)li mit und ohne Synkope in der Mittelsilbe, vor 1800 16 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y» und II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». 17 Für eine ausführlichere Darstellung vgl. Artikel II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». 18 Zu den verschiedenen Schreibvarianten vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» und II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y». 176 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="177"?> Die Namenauswahl umfasst die WohnstättenN Hubeli/ Hubli (zum Toponym bzw. Appellativ schwzdt. Hubel ‘kleine Anhöhe’) und Stüdeli/ Stüdli (zum Toponym bzw. Appellativ schwzdt. Stūde(n) ‘Staude, Strauch, Busch’) sowie die ÜberN Häseli/ Häsli (zu mhd. has(e) ‘Hase’ für eine ängstliche, feige Person oder zu schwzdt. Häs ‘Schweinchen’, übertragen ‘unreinliche weibliche Person’) und Röthelin / Röthlin (zum Farbadjektiv mhd. rōt ‘rot; rothaarig’, aber auch ‘falsch, listig’). Stäheli/ Stähli, Stähelin / Stählin, Stehelin / Stehlin (alle zu mhd. stahel, stāl ‘Stahl, stählerne Rüstung’) und Kübele / Kübli (zu mhd. kübel ‘rundes Gefäss von verschiedener Grösse’) gehören zu den BerufsüberN und bezeichnen einen (Stahl-)Schmied bzw. einen Hersteller von Gefässen. Schliesslich enthält das Sample auch die Patronyme Egeli/ Egli (zu einer Kurzform eines Ruf N wie Agilolf , Ekkehard o. ä.), Niggeli/ Niggli (zum Ruf N Niklaus bzw. einer seiner zahlreichen Varianten) und Rubeli/ Rubli (zu einer Kurzform des Ruf N Ruprecht). Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass synkopierte Formen deutlich überwiegen. Sie breiten sich vorwiegend vom bernischen Seeland (BE insgesamt 29 Tokens) über die Kantone Solothurn (9 Tokens) und Basel-Landschaft (8 Tokens) im Nordwesten aus und setzen sich dann in der Zentralschweiz (v. a. LU mit 14 Tokens, SZ mit 6 Tokens), im Nordosten (v. a. ZH mit 42 Tokens und SG mit 24 Tokens) und in Graubünden (8 Tokens) fort. In den Kantonen Zürich und St. Gallen erscheint der FamN Egli besonders häufig (25 resp. 18 Tokens), im Kanton Bern tritt Stähli (15 Tokens) hervor und der dritthäufigste FamN Niggli kommt als Cluster im Kanton Solothurn sowie in Graubünden vor (7 bzw. 6 Tokens). Wie in der zweiten Karte konzentrieren sich auch hier viele FamN ohne Synkope in der Nordostschweiz (TG, ZH, SG), wobei der Name Stäheli mit den Varianten Staehelin und Stähelin die hohe Frequenz im Thurgau (16 Tokens) bewirkt. 19 Vierte Karte {82}: Familiennamen auf -eler, -ener und -eli Namenauswahl: Als Ergänzung zu den zwei vorhergehenden, dublettenbasierten Karten werden in der vierten Karte im Sinne eines Gegenbilds alle einschlägigen FamN aus der Schicht «vor 1800» kartiert, die dreisilbig sind und auf -eler, -ener (auch -iner) oder -eli (auch <ely>, <ele>, <elin>) auslauten (z. B. Win.ze.ler, Mör.ge.li). Mit anderen Worten zeigen die ausgewählten FamN im Schriftbild also keinen Schwund des Mittelsilbenvokals. Eingeschlossen sind die bereits in der zweiten und dritten Karte vorkommenden einschlägigen Namen. Den FamN ohne (graphische) Synkope wird für die Kartierung gegenüber den FamN auf -ler, -ner und -li (mit Synkope in der Mittelsilbe) der Vortritt gelassen, weil die Datenmenge deutlich übersichtlicher ist. So gehören sowohl FamN mit l-Diminutiven als auch FamN auf -er/ -ler / -ner zu den häufigsten Bildungsmustern im Deutschschweizer Familiennamenbestand und erreichen in der Karte 82: FamN auf -eler, -ener und -eli ohne Synkope in der Mittelsilbe, vor 1800 19 Vgl. Artikel I-2.4 «Variation ch / h für germ. χ» (vierte Karte). 1.16 Synkope 177 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="178"?> Schicht «vor 1800» hohe Typefrequenzen. 20 Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Typ -eler: Aggeler, Anneler, Baumeler, Beyeler, Bratteler, Briggeler, Bücheler, Büecheler, Christeler, Christeller, Däppeler, Deppeler, Dürsteler, Engeler, Geisseler, Gempeler, Gründeler, Gurzeler, Gyseler, Hänseler, Henggeler, Henseler, Hoppeler, Höppeler, Hunkeler, Hüppeler, Hürzeler, Jutzeler, Kappeler, Kasteler, Käufeler, Menteler, Niffeler, Niggeler, Nüscheler, Nyfeler, Nyffeler, Reuteler, Schäffeler, Schwendeler, Schwengeler, Spengeler, Spitteler, Striffeler, Stryffeler, Trümpeler, Tschäppeler, Urscheler, Wandeler, Winzeler, Zängeler, Zinggeler. 52 Types, 159 Tokens. Typ -ener: Antener, Burgener, Christener, Christiner, Ebener, Ebiner, Elsener, Goldener, Gretener, Guldener, Hädener, Haltiner, Haltinner, Herdener, Höchener, Hohener, Höhener, Holdener, Hugener, Kölbener, Kürsener, Lauener, Leiggener, Leuener, Lowiner, Mätzener, Metzener, Müllener, Müntener, Püntener, Reutener, Richener, Riedener, Rithener, Rittener, Rittiner, Rufener, Ruffener, Ruffiner, Rufiner, Rüttener, Rychener, Scheibener, Schwendener, Seliner, Sulzener, Tuggener, Tugginer, Wegener, Wildener, Willener, Williner, Wüstiner. 53 Types, 120 Tokens. Typ -eli: Bendele, Binggeli, Bombeli, Bommeli, Bondeli, Bucheli, Bücheli, Bundeli, Dängeli, Disteli, Döbeli, Düggeli, Düggelin, Dumelin, Egeli, Engeli, Fringeli, Gübeli, Haefeli, Haefelin, Haefely, Haeffely, Haeselin, Häfele, Häfeli, Häfelin, Hägeli, Hänggeli, Häsele, Häseli, Heinzely, Henzelin, Hubeli, Hümbeli, Hümbelin, Immeli, Iseli, Iselin, Isely, Joneli, Käppeli, Kesseli, Kübele, Kügeli, Mendelin, Menteli, Misteli, Mörgeli, Möttele, Mötteli, Mügeli, Naegeli, Nägeli, Nägelin, Niggeli, Oefeli, Oefelin, Ringele, Ringgeli, Rötheli, Röthelin, Rubeli, Rümbeli, Rümmeli, Saameli, Sameli, Sässeli, Sättele, Sätteli, Schädeli, Schädelin, Schärmeli, Sesseli, Städeli, Städelin, Staehelin, Stäheli, Stähelin, Stehelin, Stengele, Stingelin, Stücheli, Stüdeli, Uebelin, Vögele, Vögeli, Vögelin, von Bondeli, Wägeli, Wegelin, Werfeli, Werffeli, Zöbeli. 93 Types, 295 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 0-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 82: Daten zur vierten Karte {82} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 31.01.2025) finden sich mittels automatischer Abfrage -eler, -ener, -iner und -eli, -ely, -ele, -elin insgesamt 303 als deutschsprachig kategorisierte FamN, die in einem zweiten Schritt manuell überprüft wurden. Ausgeschlossen wurden einerseits diejenigen FamN, die aus weniger oder mehr als drei Silben bestehen, und andererseits solche, die noch ungedeutet sind (z. B. Gättelin, Hemmeler, Ziltener). Für die Kartierung blieb die Silbenbzw. die Lautstruktur ansonsten jedoch unberücksichtigt; entsprechend trifft das Sample keine Aussage darüber, wie wahrscheinlich Synkopierung des Mittelsilbenvokals in der dialektalen Aussprache tatsächlich ist. Bspw. wird das Appellativ Häfeli nicht-synkopiert ausgesprochen (Id. 2 1881 ff.: Sp. 1005), was wohl auch auf den FamN zutrifft, während etwa zum FamN Käufeler die appellativische Form schwzdt. Käufler dokumentiert ist (Id. 3 1881 ff.: Sp. 174). Die Namenauswahl umfasst alle Benennungsmotive: Metronyme (z. B. Aggeler zu einer Kurzform des Ruf N Agatha; Gretener zu einer Kurzform des Ruf N Margarete), Patronyme (z. B. Hugener zum Ruf N Hugo; Willener zur Kurzform Willi), BerufsN (z. B. Schäffeler zu mhd. schæfære ‘Schäfer, Schafthirt’; Kürsener zu mhd. kürsenære ‘Kürschner, Pelznäher’), BerufsüberN (z. B. Häfeli zu mhd. haven ‘Hafen, Topf ’ für einen Töpfer; Zöbeli zu mhd. zobel ‘Zobel, Marder’ für einen Kürschner oder Pelzhändler), ÜberN (z. B. Mendelin zu mhd. man ‘Mann’ für eine kleingewachsene Person; Schwengeler zu mhd. swengel ‘was sich schwingt, Schwengel’ bzw. schwzdt. schwängle(n) ‘pendeln’ für eine Person mit charakteristischer Gangart) sowie Wohnstättenbzw. HerkunftsN (z. B. Briggeler zu walliserdt. Brigga ‘Brücke’; Städelin zu schwzdt. Stadel ‘landwirtschaftliches Gebäude, v. a. Scheune, in der Heu aufbewahrt und Vieh untergebracht wird’). Zusätzlich sind im Sample auch FamN enthalten, die sich keinem eindeutigen Benennungsmotiv zuteilen lassen (z. B. Hägeli, Hürzeler, Metzener), aber dem hier kartierten Phänomen zuzuordnen sind. Bei rund der Hälfte der ausgewählten FamN liegt gemäss Berchtold/ Graf (i. V.) ein Onym (weiblicher bzw. männlicher Ruf N oder Toponym) zugrunde. Zu überlegen wäre bei diesen FamN, inwieweit das Vorkommen von <e> in der Mittelsilbe allenfalls mit der Schonung des Namenkörpers zusammenhängen könnte oder auf den Einf luss der Rufnamenschreibung bzw. der toponymischen Schreibung zurückzuführen ist. Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass sich die FamN auf -eler, -ener und -eli über grosse Teile der Deutschschweiz erstrecken. Die höchsten absoluten Werte erreichen die mittelländischen Kantone Bern (112 Tokens), Zürich (69 Tokens) und Aargau (65 Tokens). Die relative Flächenkartierung hebt jedoch besonders den Walliser Bezirk Visp hervor, wo FamN auf -ener bzw. -iner wie Ebener/ Ebiner, Ruffener / Ruf(f )iner und Wegener in der Schicht «vor 1800» 5,61 % ausmachen. Inwiefern diese Walliser FamN die Tendenz des Walliserdeutschen zu weniger Synkopen widerspiegeln, müsste in einer weiterführenden Arbeit genauer untersucht werden. 20 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen», II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen» und II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». 178 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="179"?> Fünfte Karte {83}: Familiennamen mit Synkope Namenauswahl: Die fünfte Karte versammelt alle Namen der ersten drei Karten und ergänzt sie mit weiteren FamN aus der Schicht «vor 1800», die im Schriftbild Synkopen aufweisen. Die Auswahl basiert auf Fällen, die aus projektinternen Vorarbeiten oder der Literatur (u. a. Ebert et al. 1993; Paul et al. 2007; Baumgartner 1922 und weitere Publikationen in der Reihe «Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik») bekannt sind, und differenziert nicht, zu welchem Zeitpunkt die Synkopierung sprachgeschichtlich eingetreten ist (vgl. Abschnitt «Hintergrund»). Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit Synkope, vor 1800: Abbt, Abt, Adler, Akert, Alder, Altheer, Alther, Altherr, Amgwerd, Angst, Angstmann, Babst, Bapst, Basler, Bauer, Baur, Belz, Besmer, Bhend, Biechler, Bobst, Büchler, Bur, Deutsch, Dütsch, Ebner, Eggli, Eggly, Eggmann, Egle, Egli, Eglin, Eigenheer, Engler, Findling, Frehner, Frener, Freudemann, Fürst, Gfeller, Ghisler, Gisler, Gleichner, Glesti, Glücki, Gmünder, Gmür, Gnädinger, Gnägi, Gnehm, Gnos, Graden, Gratwohl, Greuter, Greutert, Greutmann, Grieder, Grob, Gröble, Gröbli, Gröbly, Gründler, Grüring, Grüter, Grütter, Gschwend, Gschwind, Gsell, Gsponer, Gsteiger, Gwerder, Gysler, Gyssler, Hälg, Hänsler, Häsli, Hässli, Haupt, Hauptlin, Hausheer, Hausherr, Hecht, Heer, Held, Helg, Hensler, Herbst, Hobler, Höchner, Holzherr, Hoppler, Hubli, Hübschi, Hung, Imgrüt, Imgrüth, Jungsten, Junker, Kappler, Kauer, Kauert, Kerker, Kilcher, Kilchher, Kilchherr, Killer, Kircher, Köng, Krebs, Krebser, Kubli, Kübli, Küng, Kupli, Lädrach, Lehnherr, Lenherr, Liebergsell, Mayr, Mayr von Baldegg, Mensch, Mönch, Müllhaupt, Münch, Nidrist, Niedrist, Niggli, Obrist, Pabst, Paur, Pflugshaupt, Probst, Richner, Rothlin, Röthlin, Rubli, Rupli, Ruppli, Rüttner, Rychner, Sammt, Siegrist, Sigrist, Spengler, Spittler, Stähli, Stählin, Stehle, Stehli, Stehlin, Stüdle, Stüdli, Teutsch, Thurnheer, Thurnherr, Trümpler, Tütsch, Umbricht, Ungricht, Vogt, Vögtli, Vögtlin, von Freudenreich, Wandler, Welschen, Weltsch, Windsch, Wintsch, Wittwa, Wittwen, Wittwer, Würsten, Zobrist, Züger, Zürch, Zürcher. 176 Types, 1'030 Tokens. Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 5-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Kanton Tabelle 83: Daten zur fünften Karte {83} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 31.01.2025) sind FamN mit Synkope nicht systematisch als solche ausgewiesen. 21 Da eine händische Überprüfung aller als deutschsprachig kategorisierten FamN nicht geleistet werden kann, Karte 83: FamN mit Synkope, vor 1800 21 Auch FamN wie Enggist (zum Superlativ enggist von schwzdt. eng, engg ‘eng, schmal, beschränkt’) oder Market (zu mhd. market ‘Marktplatz, Markt’), bei denen Synkopierung im Schriftbild nicht eingetreten ist, sind in der etymologischen Datenbank (Stand 31.01.2025) nicht speziell erfasst. 1.16 Synkope 179 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="180"?> bildet die Karte zusätzlich zu den zuvor behandelten Fällen (erste bis dritte Karte) eine vorwiegend literaturbasierte Auswahl an Namen aus der Schicht «vor 1800» ab. Das Sample umfasst insgesamt 176 Types, liesse sich aber in einer vertiefenden Arbeit mit zusätzlichen FamN wie bspw. Komposita mit getilgtem Fugenvokal (z. B. Friedrich neben Friederich) oder weiteren FamN auf -er bzw. auf -li anreichern. Generell ist anzunehmen, dass die Vokaltilgung bereits bei den zugrunde liegenden Lexemen bzw. Onymen (Ruf N und Toponymen) stattgefunden hat; für genauere Aussagen bedürfte es jedoch ebenfalls zusätzlicher sprachhistorischer Studien. Ergänzend zur ersten Karte, die Synkope im Präfix Ge-/ gebehandelt, wurde in der etymologischen Datenbank (Stand 31.01.2025) nach FamN mit Synkope im Präfix Be-/ begesucht. Einziger einschlägiger Treffer in der Schicht «vor 1800» ist der ÜberN Bhend (zu mhd. behende ‘geschickt, passend, schnell’, schwzdt. besonders auch ‘schlau’ für eine Person, der man eine schnelle Auffassungsgabe oder allgemein geschicktes Verhalten nachsagte), der daher in der vorliegenden Karte enthalten ist und nicht separat abgebildet wird. Für Synkope in den Präfixen Ver-/ ver- und Zer-/ zerweist die etymologische Datenbank keine FamN aus. Im Sample kommen einerseits Formen wie Abbt / Abt (zu ahd. abbat, mhd. ab(b)et, abt), Krebs (zu ahd. krebaʒʒo, krebiʒʒo, mhd. krebeʒ(e), krebʒ(e)) oder Wittwer (zu mhd. wit(e)wer) vor, die im Appellativwortschatz als standardsprachlich gelten. Nur dialektal gebräuchlich sind hingegen die synkopierten Lexeme, die bspw. den FamN Küng / Köng (zu mhd. künic, kün(e)c ‘König’), Hung (zu mhd. honec, honic ‘Honig’), Gnos oder Gsell zugrunde liegen. Für die hier kartierten Namen mit Synkope finden sich in der Schicht «vor 1800» teilweise nicht-synkopierte Entsprechungen, z. B. Akeret/ Acheret neben Akert (zum Toponym bzw. Appellativ schwzdt. Acheret, Ackeret ‘Ertrag an Eicheln und Buchnüssen’) oder König / Koenig neben Küng / Köng. 22 Die Namenauswahl umfasst BerufsN wie Besmer (zu mhd. bes(e)me für den Hersteller von Fegbesen), Probst (zu mhd. brobest ‘Vorgesetzter, Aufseher, Probst’) oder Siegrist/ Sigrist (zu ahd. sigiristo, sigristo, mhd. sigriste ‘Kirchendiener, Küster, Mesner’) sowie BerufsüberN wie Belz (zu mhd. bellīʒ, belleʒ, belz, pelz ‘Pelz’) und Sammt (zu mhd. samīt, samāt, semīt ‘Samt’). Das häufigste Benennungsmotiv sind ÜberN; zu ihnen zählen bspw. Dütsch und Varianten (zu mhd. diut(i)sch, tiu(t)sch im Sinne von ‘Deutschsprachiger, Deutschstämmiger’), Mensch (zu ahd. mennisco, mhd. mensch(e) wohl in einer älteren Bedeutung ‘dienender Mensch, Magd oder Knecht’) oder Findling (zu mhd. vundelinc ‘Findelkind, (meist) ausgesetztes Kind’). Das Sample enthält ferner HerkunftsN wie Zürch / Zürcher (zum SiedlungsN Zürich) und Basler (zum SiedlungsN Basel ) sowie WohnstättenN wie Lädrach (zum Hof N Läderache in Trachselwald BE). Schliesslich sind auch die Metronyme Frehner/ Frener (zum Ruf N Verena) und mehrdeutige FamN (z. B. Adler, Hälg / Helg zu mhd. heilec ‘heilig’, Krebs) berücksichtigt. Einer grossen Gruppe von FamN liegt der Namenbestandteil ahd. hēriro, mhd. hērre, hërre zugrunde (z. B. Alder, Eigenheer, Holzheer, Junker, Kilcher, Thurnheer, Züger). Für die FamN mit Superlativsuffix wie Jungsten, Nidrist/ Niedrist oder Zobrist vgl. die Ausführungen im Artikel II-1.2 «Flektierte Adjektivformen». Kommentar: Die fünfte Karte zeigt, dass sich synkopierte Namen über weite Teile der Deutschschweiz verteilen. Die höchsten absoluten Werte erreichen die mittelländischen Kantone Bern (169 Tokens), Zürich (161 Tokens), St. Gallen (126 Tokens) und Aargau (113 Tokens), gefolgt von Luzern, Thurgau, Solothurn und Basel- Landschaft mit je über 50 Ortspunkten. Bei den relativen Häufigkeiten führen die Kantone Appenzell Ausserrhoden (6,87 %, 41 Tokens), Glarus (5,28 %, 19 Tokens) und Uri (4,72 %, 16 Tokens) die Rangliste an, wobei hier wohl die geringe Kantonsf läche das Ergebnis beeinf lusst. Tendenziell treten mittelländische Gebiete ansonsten stärker hervor als die Innerschweiz und die Kantone Graubünden, Freiburg und Wallis. Ergebnisse Die vorliegenden Kartenbilder zeigen, dass sich das lautliche Phänomen der Synkopierung im Schriftbild gewisser Deutschschweizer FamN wie Bhend, Gsell oder Vogt niedergeschlagen hat. Während es sich bei letzterem Beispiel um eine Form handelt, die auch im standardsprachlichen Appellativwortschatz Synkope aufweist, geben Bhend und Gsell graphisch die dialektale Aussprache im Schweizerdeutschen wieder. Gleichzeitig ist zu betonen, dass auf der Basis der Namenschreibung nur beschränkt Aussagen über die tatsächliche (historische) Lautung getroffen werden können und sehr wahrscheinlich verschiedene Faktoren ineinander spielen: So ist erstens anzunehmen, dass die Schreibung bzw. die Lautung in der Standardsprache Einf luss auf das Schriftbild gewisser Deutschschweizer FamN wie etwa Geschworner (appellativisch als Gschworner) ausgeübt hat, weil das Präfix Gein den schweizerdeutschen Dialekten fast immer synkopiert wird, während dies für die Standardvarietät nicht in diesem Masse gilt. Die zweite, die dritte und die vierte Karte weisen verhältnismässig viele nicht-synkopierte Formen in der Nordostschweiz aus, daher könnte zweitens auch Einf luss verschiedener Schreibkanzleien gegeben sein. Drittens lässt sich vermuten, dass bei FamN, denen ein Ruf N oder ein Toponym zugrunde liegt, die Schreibung des namengebenden Elements eher beibehalten und somit der Namenkörper geschont wurde (z. B. Heinzely statt *Heinzly zu Heinzel ). Viertens kann die Anbzw. Abwesenheit von <e> in Namenpaaren mit l-Diminutiv wie Häseli/ Häsli auf einer semantischen Differenzierung beruhen. Fünftens deuten FamN wie Ungemacht, Ungemuth und Wohlgemuth darauf hin, dass eine komplexere Wortbildung die graphische und/ oder lautliche Realisierung von Synkope hemmen konnte. Neben morphologischen und den eingangs erwähnten lautlichen Faktoren ist sechstens davon auszugehen, dass die Präferenz für die Schreibung mit oder ohne Synkope in bestimmten Fällen lexemgebunden ist oder auf kleinräumiger Ebene der Differenzierung verschiedener Familien dient. Es würde sich anbieten, in einer vertiefenden Studie die dialektale Aussprache von FamN wie Käufeler zu erheben und mit dem Schriftbild zu vergleichen. Dabei wäre zu fragen, inwieweit die Namenschreibung die historische bzw. heutige Lautung widerspiegelt und ob sich die Schreibung allenfalls auf die Lautung auswirkt (zum Wechselspiel zwischen Lautung und Schreibung vgl. Christen 2006). Bach (1952: 30) weist zudem darauf hin, dass sich das «Namengut […] leichter als die Appellativa der sog. ‹lautgesetzlichen› Entwicklung entzieht», und nennt als Beispiel volltonige Nebensilbenvokale bei Kurzformen von Ruf N. Daher besteht auch die Möglichkeit, dass zwar appellativisches Käufler Synkope zeigt, der FamN Käufeler hingegen einen 22 Für FamN zu mhd. künic, künec vgl. Artikel I-1.8 «Senkung von mhd. i, u, ü» (fünfte Karte). 180 1 Vokalismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="181"?> früheren Sprachzustand bewahrt und als Beispiel für die Eigendynamik von Anthroponymen angesehen werden kann. Hinsichtlich der geographischen Verbreitung von FamN mit Synkope rückt die fünfte Karte das Mittelland - insbesondere den Norden und Nordosten - tendenziell stärker in den Vordergrund als (vor-)alpine Kantone wie Graubünden, Obwalden und Nidwalden, Freiburg oder Wallis. Ob in höchstalemannischen Gebieten bei FamN tatsächlich weniger Synkopierung stattgefunden hat, müsste anhand eines grösseren und repräsentativeren Samples genauer untersucht werden. Mit Blick auf die zweite, die dritte und die vierte Karte ist festzuhalten, dass synkopierte und nicht-synkopierte Formen grundsätzlich nicht komplementär auftreten, sondern sich ihre Verbreitungsgebiete stark überschneiden. Aufgrund der Zusammenstellung der Samples und der eher kleinen Namenauswahl können sich zudem einzelne FamN mit hoher Tokenzahl wie Grob und Kappeler oder nur regionaler Verbreitung wie Gnos (UR) stark auf die Kartenbilder auswirken. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN mit Synkope sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Egli (7'807 Tokens), Zürcher (7'506 Tokens) und Gisler (5'683 Tokens). Für die Vokaltilgung in FamN mit Artikelproklise wie Zbären (aus ds Bären ‘des Bären [Sohn/ Tochter bzw. Nachkomme]’) oder Zutter (aus d Sutter ‘die [Familie] Sutter’) und in FamN mit Präposition wie Zberg und Zwald (mit zaus mhd. ze, zuo) vgl. die Artikel II-3.1 «Artikelproklise» und II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu». Neben der Tilgung von unbetontem e sind in der Schicht «vor 1800» auch FamN bezeugt, die e als Sprossvokal aufweisen (vgl. Ebert et al. 1993: 82). Dazu zählen bspw. Sauer (zum Adjektiv mhd. sūr ‘herb, bitter; schlimm, grimmig’), Bauer oder Aufdermauer (zum Toponym oder ortsbezeichnenden Appellativ mhd. mūr(e) ‘Mauer, Mauerwerk’). Dialektal ist bei den drei appellativischen Entsprechungen mhd. u grundsätzlich erhalten; 23 ein Sprossvokal wurde nicht eingefügt. Für historische FamN mit Synkope, die in der Schicht «vor 1800» nicht bezeugt sind, vgl. regionale Namenbücher der Schweiz wie Tobler-Meyer (1894: 148-149, 151), der u. a. die Formen Kleingwünn (‘Kleingewinn’), Unglenk, Unglert, Ungschaffen und Wohlgrott (‘wohlgeraten’) anführt. Darüber hinaus liefern historische regionale Namenbücher der Schweiz teilweise nicht-synkopierte Formen zu FamN, die in der Schicht «vor 1800» ausschliesslich ohne <e> vorkommen: So führt Socin (1903: 408) zum FamN Adler den Beleg Adeler und zu Babst/ Bapst/ Bobst/ Pabst die Form Babest an; mit Ungericht neben Ungricht findet sich in Tobler-Meyer (1894: 148) ein drittes Beispiel. Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA 1 (2009: 690-775) behandelt Synkopierung u. a. bei FamN mit dem Präfix Ge-/ ge- (Karten 292-295) und dem Präfix Be-/ be- (Karte 296), wobei der Süden bzw. der Südosten Deutschlands tendenziell stark hervortritt (vgl. auch Nübling/ Kunze 2023: 237-239). Weitere Karten widmen sich zweigliedrigen Patronymen mit und ohne e als Fugenvokal (z. B. Friederich / Friedrich, Heilemann / Heilmann), FamN auf -el vs. -l (z. B. Nagel/ Nagl, Vogel/ Vogl ) oder der Varianz -es vs. -s bei Patronymen mit starkem Genitivsuffix (z. B. Drewes / Drews, Hermes / Herms). Auf den Karten 335-363 dokumentiert der DFA 1 (2009: 776-833) zudem Apokope in den FamN Deutschlands (z. B. Dubletten Haase / Haas, Lange / Lang). Auf der Basis einschlägiger FamN behandeln auch Kunze/ Kunze (2003) die Tilgung von wortfinalem unbetontem e. Für die Deutschschweizer Familiennamenlandschaft wird auf eine entsprechende Kartierung verzichtet, weil Apokopierung grundsätzlich eingetreten ist (für den nicht-onymischen Wortschatz vgl. Rash 2002: 120; Schirmunski 2010: 206, 209; Schmid 2017: 70; Christen 2019: 255). 24 In der etymologischen Datenbank (Stand 31.01.2025) gibt es 174 FamN, die als deutschsprachig kategorisiert sind und auf <e> auslauten; es handelt sich dabei aber zum allergrössten Teil um eine Schreibvariante des i-Suffixes wie bei Rüede neben Rüedi oder um diminutivisches -le wie bei Häfele neben Häfeli (s. auch Kunze/ Kunze 2003: 167-168). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. 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Artikel I-1.11 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ū». 24 Vgl. etwa die Artikel II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe» sowie II- 2.6 «Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich» (jeweils die vierte Karte zu adjektivbasierten FamN wie Lang, Stark oder Wild ). Man beachte jedoch FamN wie Murri (Nomen agentis zu schwzdt. murre(n) ‘murren, aufbegehren’) oder Sterchi (zum Adjektivabstraktum mhd. sterke ‘Stärke, Gewalt’) ohne Vokalabschwächung/ -tilgung; vgl. die Artikel II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y» und II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». 1.16 Synkope 181 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="182"?> Bergmann, Rolf/ Moulin, Claudine/ Ruge, Nikolaus (2019): Alt- und Mittelhochdeutsch. Arbeitsbuch zur Grammatik der älteren deutschen Sprachstufen und zur deutschen Sprachgeschichte (utb 3534). 10., überarbeitete und korrigierte Auf lage. 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Esther Loosli, Martina Heer 1.16 Synkope 183 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="184"?> Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="185"?> 2 Konsonantismus 2.1 Nasalschwund Schlagwörter: Alemannisch, Auslaut, Diminutiv, Konsonantenschwund, Staubsches Gesetz, Suffix Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel widmet sich FamN, die Nasalschwund aufweisen wie Aebi neben Aebin, Bolliger neben Bollinger oder Treichler neben Trinkler. Die Schreibung mit Nasal dürfte in den meisten Fällen ein rein graphisches Phänomen sein, da Nasalschwund in den alemannischen Dialekten wortfinal und teilweise auch wortmedial lautgesetzlich eingetreten ist. Hierbei interessiert deshalb die Variation zwischen Schreibungen mit und ohne <n>. Der Gegenstand ist relevant, weil er sprachhistorische und schreibsprachgeschichtliche Prozesse sichtbar macht. Hintergrund: Die lautlichen Entwicklungen für die alemannischen Dialekte lassen sich wie folgt skizzieren: Im Auslaut ist n lautgesetzlich nach Vokalen in betonter und unbetonter Silbe geschwunden wie bspw. im Infinitiv grābə ‘graben’, tsālə ‘zahlen’ oder im Partizip Perfekt gmulchə ‘gemolken’, trunkə ‘getrunken’ (SDS III 1975: Karten 1-3). Vom Schwund sind auch die Diminutivsuffixe mhd. -īn und mhd. -līn im Lexikon sowie im Onomastikon betroffen wie in blüəmli ‘Blümlein’, Vögi, Vögeli und andere ‘Vögelein’ (SDS III 1975: Karten 149-158), walliserdt. hīši ‘Häuslein’ oder in den diminuierten Ruf N Hanšši, Höüšši ‘Hänslein’ (Bohnenberger 1913: 171, 195). Ferner zeigen dialektale Formen von Ruf N Nasalschwund wie mōrtɪ ‘Martin’ oder sɪmmə ‘Simon’ (Id. 4 1881 ff.: Sp. 426; Hotzenköcherle 1934: 347). In manchen Walserdialekten wird n auslautend noch gesprochen, wobei Bohnenberger (1913: 164) für das Wallis festhält, dass «abgesehen vom Lötschtal [sic! ] die Verwendung des n im Wortauslaut schon sehr zurückgegangen» sei und jüngere Personen kein auslautendes n mehr sprächen. Baumgartner (1922: 124) notiert für das Berner Seeland, dass n im Auslaut teilweise durch Übertragung aus f lektierten Formen, in denen n erhalten ist, wieder in die Grundform aufgenommen wird wie in brūn ‘braun’ oder grüən ‘grün’. In der Verbindung -rn ist auslautendes n wie in Horn, Dorn in den Dialekten des Mittellands bewahrt; in dieser Position hat sich allerdings im Höchstalemannischen über eine Form mit Sprossvokal *Horen eine nasallose Form Hore entwickelt (KSDS 2019: 271). Sprachhistorisch begegnet auslautender Nasalschwund bereits im Althochdeutschen (v. a. im Ostfränkischen); im Oberdeutschen ist in diesem Zeitraum die Schreibung -lī statt -līn dokumentiert (Braune/ Heidermanns 2023: 167-168). Medial ist der Schwund von n im Alemannischen bereits ab dem 12. Jh. vor s, f und z nachweisbar; das Fehlen des Nasals vor s ist ab dem 13. Jh. in alemannischen Urkunden gut bezeugt (Paul et al. 2007: 70, 149). In den schweizerdeutschen Dialekten tritt Nasalschwund auch vor weiteren Frikativen auf. Diese lautlichen Umgebungen wurden von Friedrich Staub 1877 mit dem Staubschen Gesetz genauer beschrieben (KSDS 2019: 259): Tritt der Konsonant n vor den Frikativen ch, s, sch und f auf, schwindet er. Der vorausgehende kurze Vokal wird in der Folge gedehnt und teilweise auch diphthongiert wie in mhd. finf > alem. füüf , föif ‘fünf ’, mhd. zins > alem. Ziis, Zeis ‘Zins’ (Paul et al. 2007: 149; KSDS 2019: 265). Die Frage, ob «der Nasal erhalten bleibt, ein Langvokal oder ein Diphthong entsteht, hängt einerseits von der Region, andererseits aber auch vom einzelnen Wort ab» (KSDS 2019: 259). Die Gebiete mit Erhalt des Nasals sind also je nach Lexem verschieden: Im Wort finster bspw. ist der Nasalschwund im grössten Teil der schweizerdeutschen Dialekte zu beobachten; nur in den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft, im Bezirk Goms (VS) sowie in den Bündner Walserorten ist n erhalten (SDS II 1965: Karte 126). Beim Wort Zins ist das Gebiet nicht deckungsgleich: Wortmediales n ist ebenfalls in der Stadt Basel, aber auch in Teilen des Kantons Bern und des Kantons Wallis erhalten (SDS II 1965: Karte 127; KSDS 2019: 264). Im Wort Gans hingegen ist n mehrheitlich erhalten, ausser in den westlichen (FR) und nordöstlichen Gebieten (St. Galler Rheintal, AR; SDS II 1965: Karte 133). Jene schweizerdeutschen Dialekte, in denen germ. *k vor n zu ch weitergeschoben wurde wie in trinken > *trinchen ‘trinken’, zeigen ebenfalls das Wirken des Staubschen Gesetzes: Ausfall von n und Dehnung des Vokals zu trīche - teilweise mit Diphthongierung zu treiche - ist in den Kantonen Freiburg, Bern und Wallis sowie den Bündner Walsergebieten belegt (SDS II 1965: Karte 97; KSDS 2019: 258). Ramseyer (1990: 268) gibt neben den bereits genannten Zeitpunkten in den Grammatiken weitere Hinweise zur zeitlichen Einordnung dieses Lautresp. Schreibwandels: Er hält fest, dass in Berner Urbaren in der zweiten Hälfte des 16. Jh. n vor Frikativ nicht mehr geschrieben wird. Dem gehen bereits vereinzelte Schreibungen ohne n im 15. Jh. voraus wie Heÿsllÿ Scher zu Hensli. In der Schreibung von FamN ist Nasalschwund in den oben beschriebenen Positionen ebenfalls zu beobachten. Kully (2009: 373) nennt den Schwund im Auslaut von FamN wie Bürgi, Gisi, Iseli oder Schmidli. Von diesen Namen existiert jeweils auch eine Variante, die mit <n> geschrieben wird (Bürgin, Gisin, Iselin, Schmidlin), was zu einer Reihe von Dubletten führt. Darüber hinaus erwähnt Kully (2009: 373) auch den Ausfall von n vor r wie in Kurat zu Kuonrad sowie zwischen r und l wie in Hürlimann zu Hürnli ‘kleines Horn, Berggipfel’. Brechenmacher 1 (1957-1963: 688) stuft nasalloses Heizmann, Heitz(e) als alemannisch ein und führt dazu einen Beleg aus Freiburg im Breisgau an: 1460 Heinrich Widmer = Heitzmann Widmer. Medialer Nasalschwund ist ebenfalls in einer Reihe von FamN zu beobachten, die als Wohnstätten- und HerkunftsN auf ein Toponym Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="186"?> mit -ingen zurückgehen wie Filliger / Villiger zu Villigen (AG). Es spielt offenbar keine Rolle, dass der ÖrtlichkeitsN ohne n geschrieben wird, denn es existieren auch n-haltige Pendants wie Fillinger/ Villinger. Historisch ist n-Ausfall in Nebensilben vor g ab dem Frühneuhochdeutschen festzustellen wie in messi(n)g, pfenni(n)g oder schilli(n)g (Ebert et al. 1993: 141). Standardsprachlich werden nur wenige n-lose Formen wie Pfennig fest, mehrheitlich bleibt n wie in Messing, Schilling erhalten. Dialektal entspricht der Lautkombination mhd. -ng-, mhd. -ncein velarer Nasal [ŋ] (SDS II 1965: Karten 117-118). Interessant ist generell das Verhältnis von Schreibform und Dialektlautung der FamN. In der Schweiz liegen allerdings keine systematischen Erhebungen zur Aussprache von FamN vor. In vereinzelten Untersuchungen werden Ausspracheformen der FamN angegeben, so bspw. in Schobinger/ Egli/ Kläui (1994) zu zürcherischen FamN. Gemäss den dortigen Angaben zu lin / li-Paaren wie Brändlin / Brändli, Köchlin / Köchli, Nötzlin / Nötzli, Spöndlin / Spöndli und Vögelin / Vögeli kann festgehalten werden, dass beide Formen jeweils gleich ausgesprochen werden. Das n hat also keinen Lautwert (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 48, 104, 126, 154, 167). 1 Bei den FamN auf -ing(er) kann die Aussprache unterschiedlich realisiert werden: Im zürcherischen FamN Billing entspricht die Schreibung <ng> der velaren Aussprache [ŋ] (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 40); teilweise existieren zwei Ausspracheformen wie «Pfäniger» und «Pfäninger» für Pfenninger (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 131). Kilchmann (2022: 67, 293-304) wertet die mündliche Realisierung des Suffixes -ingen als iŋə und igə in Toponymen aus. Ihre Datenbasis bilden die Mundartformen, die im Zuge der Arbeiten am SDS (1962-1997) erhoben wurden. Unter Bezugnahme auf die Parameter Silbenanzahl des Vorderglieds des Namens sowie geographische Lage (d. h. kantonale Verteilung) untersucht Kilchmann (2022), was Nasalschwund bewirkt und was Nasalerhalt fördert. Auf Abbildung 12 kartiert Kilchmann (2022: 67) die Verbreitung der mündlichen Realisierungen: In den Kantonen Zürich, Schaffhausen und Thurgau ist iŋə die vorherrschende Variante; in den übrigen Kantonen dominiert igə, wobei auch Mundartformen mit iŋə vorkommen. Aufgrund der Schreibungen mit <n> kann aber nicht auf eine Aussprache mit ŋ zurückgeschlossen werden; bspw. wird Hedingen (ZH) mundartlich ohne Nasal realisiert (Kilchmann 2022: 293; ortsnamen.ch o. J.: Nr. 7022893). Fragestellungen: Vor dem erläuterten Hintergrund sind die folgenden Fragen von Interesse: Wie gestaltet sich die geographische Verbreitung von finalem und medialem Nasalschwund resp. Nasalerhalt in der Schreibung der FamN? Dominieren in den FamN Formen mit oder ohne Schreibung des Nasals? Die erste Karte dokumentiert das Vorkommen und das Fehlen von Nasal im Auslaut, die zweite Karte dasselbe im Suffix -ing(er). Bei den FamN auf -ing(er) und -ig(er) soll der Befund zusätzlich mit der mundartlichen Aussprache der Toponyme verglichen werden. Die dritte Karte rückt Fälle nach Staubschem Gesetz und die vierte Karte Nasalschwund in anderen lautlichen Umgebungen in den Fokus. Erste Karte {84}: Nasalschwund im Auslaut Namenauswahl: Die erste Karte kontrastiert Dubletten, die sich durch die Schreibung resp. Nicht-Schreibung von <n> im absoluten Auslaut unterscheiden. Als Datenbasis dienen FamN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB). 2 Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit n im Auslaut: Aberlin, Aebin, Anklin, Bächlin, Bandlin, Bäumlin, Bertschin, Bitterlin, Böcklin, Böglin, Bollin, Brändlin, Brauchlin, Brotschin, Brüderlin, Büchlin, Bürgin, Düggelin, Eberlin, Eglin, Enderlin, Etterlin, Fischlin, Fridlin, Friedlin, Fritschin, Gisin, Götschin, Guntlin, Gysin, Häberlin, Haefelin, Häfelin, Hanslin, Hegglin, Hügin, Hümbelin, Hüppin, Hürbin, Inderbitzin, Iselin, Jäcklin, Jäggin, Jörin, Kählin, Köchlin, Köpplin, Küchlin, Lämmlin, Lenzin, Leubin, Leupin, Ludin, Lüdin, Lüthin, Mäglin, Märklin, Martin, Möschlin, Mugglin, Nägelin, Nötzlin, Oberlin, Oechslin, Oefelin, Preschlin, Rietschin, Röllin, Röthelin, Rubin, Rudin, Rüedin, Ruflin, Rühlin, Schädelin, Schälin, Schälklin, Schättin, Schaulin, Schmidlin, Schöchlin, Schümperlin, Spöndlin, Sprünglin, Städelin, Stähelin, Stählin, Stehlin, Stierlin, Stöcklin, Strübin, Süsslin, Tschudin, Tschümperlin, Vögelin, Vögtlin, Völkin, Wäckerlin, Wehrlin, Weltin, Wunderlin, Zimmerlin, Züblin. 103 Types, 316 Tokens. FamN ohne n im Auslaut: Aberli, Aebi, Ankli, Bächli, Bandli, Bäumli, Bertschi, Bitterli, Böckli, Bögli, Bolli, Brändli, Brauchli, Brotschi, Brüderli, Büchli, Bürgi, Düggeli, Eberli, Egli, Enderli, Etterli, Fischli, Fridli, Friedli, Fritschi, Gisi, Götschi, Guntli, Gysi, Häberli, Haefeli, Häfeli, Hansli, Heggli, Hügi, Hümbeli, Hüppi, Hürbi, Inderbitzi, Iseli, Jäckli, Jäggi, Jöri, Kähli, Köchli, Köppli, Küchli, Lämmli, Lenzi, Leubi, Leupi, Ludi, Lüdi, Lüthi, Mägli, Märkli, Marti, Möschli, Muggli, Nägeli, Nötzli, Oberli, Oechsli, Oefeli, Preschli, Rietschi, Rölli, Rötheli, Rubi, Rudi, Rüedi, Rufli, Rühli, Schädeli, Schäli, Schälkli, Schätti, Schauli, Schmidli, Schöchli, Schümperli, Spöndli, Sprüngli, Städeli, Stäheli, Stähli, Stehli, Stierli, Stöckli, Strübi, Süssli, Tschudi, Tschümperli, Vögeli, Vögtli, Völki, Wäckerli, Wehrli, Welti, Wunderli, Zimmerli, Zübli. 103 Types, 863 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-55, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 84: Daten zur ersten Karte {84} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 Als Datenbasis wurden FamN ausgewählt, die als Dubletten auftreten und die sich durch das Vorkommen von auslautendem n resp. dessen Fehlen unterscheiden. Die Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 21.11.2023) 1 Christen (2007: 435-436) diskutiert die Frage, ob sich eine schriftorientierte Aussprache der Suffixe -lin und -in mit Nasal besonders eignet, um Namen als solche zu markieren (im Gegensatz zur nasallosen Lautung in der Mundart). 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 186 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="187"?> für n vs. Ø ergab für In- und Auslaut zusammen 287 Namenpaare, die manuell sortiert wurden. Berücksichtigt wurden alle Dubletten, sofern sie tatsächlich eine gemeinsame Etymologie aufweisen wie bspw. Weltin und Welti: Beides sind Diminutive zum Ruf N Walther. Ausgeschlossen wurden hingegen vermeintliche Dubletten wie Bur (zu mhd. būr ‘Bauer’) und Burn (zu schwzdt. Burne ‘Quelle’). Die Namenauswahl lässt sich formal fast vollständig folgenden zwei Gruppen zuordnen: 1. Diminutive auf -īn und 2. Diminutive auf -līn; 4 einzig Martin / Marti 5 sowie Wunderlin / Wunderli sind keine Diminutive. Letzteres Namenpaar geht auf das Adjektiv mhd. wunderlich zurück und wurde in der lin-Variante wohl volksetymologisch an die Diminutive angeschlossen. 6 Die Auswahl umfasst Patronyme (Fritschin / Fritschi zu Kurzformen von Friedrich, Lüthin / Lüthi zu Kurzformen von Liuthard, Liutolt o. ä.), ÜberN (Etterlin / Etterli zu schwzdt. (älter) Etter ‘Oheim, Vetter’, Tschudin / Tschudi zu schwzdt. (älter) Tschudi(n) ‘blödsinnige Person’), BerufsN (Köchlin / Köchli zu Koch, Schmidlin / Schmidli zu Schmied ), BerufsüberN (Fischlin / Fischli zu mhd. visch ‘Fisch’, Stählin / Stähli zu mhd. stahel, stāl ‘Stahl, stählerne Rüstung’) und WohnstättenN (Bächlin / Bächli, Sprünglin / Sprüngli zum ÖrtlichkeitsN Sprung oder Sprüngli). Enthalten sind auch Namen, deren Benennungsmotiv uneindeutig ist wie die FamN Zimmerlin / Zimmerli, die entweder als BerufsüberN für den Zimmermann oder als WohnstättenN zu einem Toponym Zimmer erklärt werden können. Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass n-lose Namenformen den Typ mit der grösseren räumlichen Ausdehnung darstellen. So zeichnet sich das gesamte Mittelland von der deutsch-französischen Sprachgrenze im Westen bis ins östliche Rheintal und in die Südostschweiz durch das Fehlen des Nasalgraphems aus. Die Verteilung spiegelt sich auch in der Anzahl der kartierten Tokens wider: 316 mit n gegenüber 863 ohne n. Als Frequenzbeispiele seien die zwei häufigsten FamN aus den beiden kartierten Gruppen genannt: Schmidlin mit 19 Tokens und Marti mit 65 Tokens. Ein Gebiet, das mehr oder weniger mit den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft deckungsgleich ist, tritt als Erhaltungsraum deutlich konturiert hervor. Gerade im nördlichen Ausläufer des Kantons Solothurn, der in den Kanton Basel-Landschaft ragt, wird der Kontrast deutlich: In den solothurnischen Gemeinden Seewen, Hochwald oder Gempen bspw. wird kein Nasal geschrieben, während in den umgebenden Gemeinden von Basel-Landschaft Ziefen, Pratteln oder Grellingen auslautendes n vorkommt. 7 Dass die Schreibung entlang von Verwaltungsgebieten verläuft, legt die Annahme von Schreibkonventionen nahe, die durch Verwaltungen vorgegeben oder geprägt werden konnten. Auch in der Zentralschweiz formieren sich zwei Karte 84: FamN mit und ohne Nasal im Auslaut, vor 1800 4 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» und II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y». 5 Vgl. Artikel III-1.7 «Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Martīnus». 6 Vgl. Artikel II-2.6 «Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich». 7 Zur Aussprache des finalen -n als onymischen Marker vgl. Christen (2007: 435-436). 2.1 Nasalschwund 187 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="188"?> weitere Gebiete mit Nasalschreibung: zum einen um den luzernischen Sempachersee, zum anderen in den Kantonen Zug und Schwyz. Weitere Streubelege finden sich in der Nordostschweiz wie im Toggenburg (SG). Der Kanton Bern tritt bis auf das Kandertal und Lauterbrunnen mehrheitlich ohne Nasale in Erscheinung. Zweite Karte {85}: Nasalschwund im Suffix -ing(er) Namenauswahl: Die zweite Karte kontrastiert Dubletten, die sich durch die Schreibung resp. Nicht-Schreibung von <n> im Suffix -ing(er) unterscheiden. Als Datenbasis dienen FamN aus der Schicht «vor 1800». Die Karte ergänzt Karte 179 zu graphischen Varianten mit oder ohne Nasal, 8 für die nur jene FamN berücksichtigt wurden, die auf einen ÖrtlichkeitsN mit -ikon zurückgehen wie Dietiker zu Dietikon. Für das vorliegende Sample wurden stattdessen alle weiteren Formdubletten aufgenommen. Abgefragte Namen FamN auf -ing(er): Attinger, Benzinger, Beringer, Billing, Blöchlinger, Bollinger, Dörflinger, Düring, Dürring, Fillinger, Geering, Gehring, Gering, Goldinger, Gredinger, Greminger, Gremminger, Grüninger, Hädinger, Hedinger, Hollinger, Hottinger, Irminger, Krattinger, Lochinger, Pfenninger, Studinger, Suppinger, Thüring, Truninger, Utinger, Uttinger, Villinger, Zuppinger. 34 Types, 113 Tokens. FamN auf -ig(er): Attiger, Benziger, Beriger, Billig, Blöchliger, Bolliger, Dörfliger, Dürig, Dürrig, Filliger, Geerig, Gehrig, Gerig, Goldiger, Grämiger, Grediger, Grünig, Grüniger, Hediger, Holliger, Hottiger, Irmiger, Krattiger, Lochiger, Pfenniger, Studiger, Suppiger, Thürig, Truniger, Utiger, Villiger, Zuppiger. 32 Types, 141 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-55, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 85: Daten zur zweiten Karte {85} Detailangaben zur Namenauswahl: Als Datenbasis wurden FamN ausgewählt, die als Dubletten auftreten und die sich durch das Vorkommen von n resp. Ø im Suffix -ing(er) unterscheiden. Für diese Fragestellung ist irrelevant, ob zusätzlich -er angetreten ist oder nicht. Die Suche in der etymologischen Datenbank ergab die in Tabelle 85 aufgeführte Auswahl. Die ungleiche Anzahl Types lässt sich damit erklären, dass zwischen den etymologischen Pendants nicht immer eine 1: 1-Zuordnung besteht wie Hädinger, Hedinger gegenüber Hediger. Berücksichtigt wurden alle Dubletten, sofern sie eine gemeinsame Etymologie aufweisen wie bspw. Goldinger und Goldiger: Beides sind HerkunftsN zum Toponym Goldingen (SG). Ausgeschlossen wurden Namenpaare, die bereits in Karte 179 zu graphischen Varianten mit oder ohne Nasal enthalten sind. Karte 85: FamN mit und ohne Nasal im Suffix -ing(er), vor 1800 8 Diese Karte ist Teil des Artikels II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing». 188 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="189"?> Die Namenauswahl umfasst v. a. HerkunftsN wie Fillinger/ Filliger zum ÖrtlichkeitsN Villigen (AG), Hedinger/ Hediger zum ÖrtlichkeitsN Hedingen (ZH) oder Zuppinger / Zuppiger zum ÖrtlichkeitsN Zuppigen (SG). Daneben enthält das Sample einen WohnstättenN (Studinger/ Studiger zum FlurN Stuude), drei Patronyme (Billing / Billig zum Ruf N Billing, Gehring / Gehrig zum Ruf N Gering, Irminger/ Irmiger zum Ruf N Irmingar oder Irminhard ) und einen BerufsN (Pfenninger/ Pfenniger zu Pfennig für den Einzieher einer Gebühr). Aufgenommen wurden auch Namen mit uneindeutiger Etymologie (Gredinger/ Grediger entweder BerufsN zu Greding ‘eine Art Brot, das in Klöstern gebacken wurde’ oder HerkunftsN zum ÖrtlichkeitsN Greding). Bei Utinger/ Uttinger/ Utiger ist nicht zu entscheiden, ob ein Herkunfts- oder ein WohnstättenN vorliegt. Kommentar: Das kontrastive Kartenbild zeigt, dass im westlichen Mittelland (bis auf FR) und in den Zentralschweizer Kantonen (LU, UR, SZ) die nasallosen Formen -ig(er) überwiegen resp. überhaupt die alleinigen Varianten darstellen. Demgegenüber treten im nordöstlichen Mittelland fast ausschliesslich ing(er)- Graphien auf. Es zeichnet sich eine deutliche Grenze ab, die entlang der Kantonsgrenze zwischen dem Aargau und Zürich bzw. Zug und südlich weiter entlang der Grenze zum Kanton Schwyz verläuft. Östlich wird dieser ing(er)-Raum vom Kanton St. Gallen begrenzt, in dem wiederum ig(er)- Schreibungen überwiegen. Der Kanton Basel-Stadt liegt auch hier in dem Gebiet, das n bewahrt hat, während in Basel-Landschaft beide Schreibweisen vorkommen. Dasselbe trifft auf den Kanton Aargau zu: Die nördlichen Gebiete (Rheinfelden, Fricktal) verbinden wie ein Korridor die ing(er) -Räume in den Kantonen Basel-Stadt und Zürich, während im südlicheren Aargau die n-lose Variante vorherrscht. Auch im Kanton Freiburg kommen beide Formen vor: im Sensebezirk -ing(er) und im Seebezirk -ig(er). Die Tokenzahlen sind hier insgesamt ausgewogener als bei der ersten Karte: 113 -ing(er) gegenüber 141 -ig(er). Dritte Karte {86}: Familiennamen mit und ohne Nasal vor Frikativ (Staubsches Gesetz) Namenauswahl: Die dritte Karte konzentriert sich auf jene FamN, in denen das im Abschnitt «Hintergrund» vorgestellte Staubsche Gesetz wirkte. Kartiert werden somit Namen, in denen der Nasal vor einem Frikativ geschwunden ist, und - sofern vorhanden - deren Dubletten, in denen n erhalten ist. Als Datenbasis dienen FamN aus der Schicht «vor 1800». Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit n vor Frikativ: Gansner, Infanger, Jans, Trinkler. 12 Tokens. FamN ohne n vor Frikativ: Gasner, Häuselmann, Hausin, Ifanger, Jaus, Jauslin, Jaussi, Rauft, Räuftlin, Sägesser, Segessemann, Segessenmann, Segesser, Segiser, Treichler. 15 Types, 35 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 86: Daten zur dritten Karte {86} Karte 86: FamN mit und ohne Nasal vor Frikativ, vor 1800 2.1 Nasalschwund 189 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="190"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Als Datenbasis für die dritte Karte wurde in der etymologischen Datenbank nach den Beschreibungen «nasallos», «Nasalschwund» und «Staubsches Gesetz» gesucht. Die eruierten Namen können folgenden Benennungsmotiven zugeordnet werden: Patronyme (Häuselmann, Hausin zum Ruf N Hans; Jans / Jaus, Jauslin, Jaussi zum Ruf N Johannes), WohnstättenN (Infanger / Ifanger zum FlurN Infang für ein eingehegtes Stück Land; Rauft, Räuftlin zu schwzdt. Ranft ‘(Fels-)Rand, Abhang’), BerufsN (Segessenmann / Segessemann, Sägesser/ Segesser / Segiser zu mhd. segense ‘Sense’; Trinkler / Treichler zu schwzdt. Trinkele ‘Herdenglocke, Viehschelle’), BerufsüberN (Gansner/ Gasner zu mhd. ganser ‘Gänserich’). Nicht aufgenommen wurde Hüselmann, da hier ein Diminutiv von mhd. hūs ‘Haus’ nicht ganz auszuschliessen ist. Kommentar: Da nur wenige Types vorliegen, zeigt das kontrastive Kartenbild eher punktuelle als f lächendeckende Verbreitungen. Diese Räume in verschiedenen Kantonen sind geprägt von Namennestern: Einen Namenraum am südlichen Zürichsee konstituiert der FamN Treichler, der vor 1800 in sieben zürcherischen Gemeinden belegt ist. Das Vorkommen von Häuselmann, Jaussi, Jaus, Jauslin konzentriert sich in den (nord-)westlichen Kantonen Basel-Landschaft und Bern. FamN zu mhd. segense kommen bis auf Segiser (BS) lediglich im Kanton Bern vor und die Namen Rauft, Räuftlin nur in Basel-Landschaft. Formen mit n-Graphie sind in der Zentralschweiz (Infanger) sowie in Graubünden (Gansner und Gasner zwischen Maienfeld und Luzein) auszumachen. Vierte Karte {87}: Nasalschwund in anderen Inlautkontexten Namenauswahl: Die vierte Karte berücksichtigt alle weiteren FamN, in denen ein etymologisch vorhandenes n inlautend geschwunden ist resp. erhalten blieb, namentlich in der Position vor anderen Konsonanten als Frikativen. Als Datenbasis dienen FamN aus der Schicht «vor 1800». Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit n in anderen Inlautkontexten: Conrad, Heini, Heinis, Heinz, Heinzmann, Hörnlimann, Kleinjenni, Kleinpeter, Kleinstein, Konrad, Ohnsorg, Reinmann, Steinmann, Vinzenz, Werndli, Wernle, Wernli, Wörndli, Zender. 19 Types, 84 Tokens. FamN ohne n in anderen Inlautkontexten: Adank, Fitze, Fitzi, Fitzli, Haizmann, Heierle, Heierli, Heiri, Heiz, Heizmann, Hürlimann, Kleimann, Kurath, Kuratle, Kuratli, Kureth, Reimann, Steimann, Weerli, Wehrle, Wehrlin, Wehrly, Werly, Zeder. 24 Types, 89 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 87: Daten zur vierten Karte {87} Karte 87: FamN mit und ohne Nasal in anderen Inlautkontexten, vor 1800 190 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="191"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Als Datenbasis für die vierte Karte wurden all jene FamN ausgewählt, die formal nicht den Auswahlkriterien der ersten drei Karten entsprechen, sich aber durch das Vorkommen von n resp. Ø im Inlaut unterscheiden. Die FamN treten mehrheitlich als Dubletten auf (Heinz / Heiz, Wernli/ Weerli); bei Kurath und Varianten ist dies nicht der Fall, hier fehlen Formen wie *Kunrath oder *Kunratli. Daher wurde das etymologische Pendant Conrad / Konrad mit n ausgewählt, um auch hier den Gegensatz n vs. Ø kartieren zu können. Analog wurde bei Kleimann und Kleinjenni/ Kleinpeter/ Kleinstein vorgegangen. Auch bei Varianten zu Heinrich wurde ähnlich verfahren: Den nasallosen Formen Heierle, Heierli, Heiri wurden die FamN Heini, Heinis gegenübergestellt. Bei den vorliegenden Fällen treten fünf verschiedene Lautumgebungen auf, in denen der Nasal schwindet: 1. in der Kombination nr wie in Kuratli, Kurath (zu Konrad ); 2. in der Kombination rnl wie in Hürlimann zu einem Hof N Hürnli (heute Hörnli in Hinwil ZH) und Werly, einem l-Diminutiv zu *Wernlīn (aus Werner); 3. in der Kombination nz wie in Fitze / Fitzi/ Fitzli (zu Vincenz) und Heiz (zu Heinz); 4. in der Kombination nd in Zeder zu Zender (aus mhd. zehend(en)ære ‘Zehnteinnehmer’); 5. im Auslaut des Stamms von Ableitungen wie in Kleimann (zu klein), Steimann (zu Stein) und Reimann (zu Rein). Es wurden hier auch die beiden FamN mit mhd. āne ‘ohne’ aufgenommen: Adank (mhd. āne danc) und Ohnsorg (mhd. āne sorge). Ausgeschlossen wurden Coradi, Corradi, Corrodi, Koradi, weil es sich um latinisierte Namenformen zu Konrad handelt, bei denen n-Schwund auch im Mittellateinischen begründet sein kann (Rossebastiano/ Papa 2005: 294-295). Fitzi wurde kartiert mit Ausnahme des Tokens in Pagig (GR), da das RNB 3 (1986: 112) dafür eine Kurzform des Ruf N Vitus annimmt. Formen von Vincenz im (ehemals) rätoromanischen Sprachgebiet wurden ebenfalls nicht berücksichtigt. Die Auswahl umfasst Patronyme (Heinz / Heiz, Heinzmann / Haizmann / Heizmann; Kurath, Kuratle, Kuratli, Kureth; Werndli, Wernle, Wernli, Wörndli, Weerli, Wehrle, Wehrlin, Wehrly, Werly), BerufsN (Zender/ Zeder) und WohnstättenN (Hörnlimann / Hürlimann, Reinmann / Reimann, Steinmann / Steimann). Kommentar: Das kontrastive Kartenbild zeigt in der Tendenz areale Schwerpunkte nasalloser resp. nasalhaltiger FamN. Die Namen konzentrieren sich allgemein im Mittelland und in Graubünden, wobei der Nordosten (v. a. ZH, SG, AR) und der Kanton Glarus eher zu n-losen Formen tendieren. In Graubünden treten verdichtet die Namenformen Conrad und Konrad auf, die gemäss RNB 3 (1986: 207) die typischen Varianten in Mittelbünden und im Prättigau darstellen. Beim Vergleich der Dubletten fällt hinsichtlich ihrer Tokenzahl auf, dass jeweils eine Form der Defaulttyp zu sein scheint und die jeweils andere Schreibweise als Ausnahme erklärt werden kann. So hat Steinmann in der Schicht «vor 1800» 30 Tokens, Steimann dagegen nur 2 Tokens; Hürlimann vereinigt 23 Tokens auf sich, Hörnlimann kommt dagegen nur einmal vor. Ähnlich zeigt sich das Paar Reimann mit 16 Tokens vs. Reinmann mit 1 Token. Einzig bei Heinz mit 8 Tokens und Heiz mit 9 Tokens ist das Verhältnis ausgeglichen. Ergebnisse Die vier Karten dokumentieren Schwund sowie Erhalt des Nasalgraphems in verschiedenen Positionen im Wort und in unterschiedlicher lautlicher Umgebung bei FamN aus der Schicht «vor 1800». Die erste Karte enthält die einschlägigen Dubletten mit und ohne n im absoluten Auslaut. Formal treten auf dieser Karte Namen mit den Diminutivsuffixen -īn und -līn auf, in denen der Nasal dialektal geschwunden ist. Dies führt zur eingangs gestellten Frage zurück, inwiefern Nasalschwund resp. Nasalerhalt in FamN mit den entsprechenden dialektalen Gebieten korreliert. Auf der ersten Karte dominieren die nasallosen Formen; die Schreibung ohne <n> spiegelt die dialektalen Verhältnisse wider. Der geschriebene Nasal in den nordwestlichen (BS, BL) und den zentral gelegenen Kantonen (LU, SZ, ZG) stimmt nicht mit der mundartlichen Aussprache überein und kann an dieser Position als Schreibtradition eingestuft werden. Die zweite Karte erfasst Dubletten mit dem Suffix -ing(er). Hier ist das quantitative Verhältnis zwischen -ing(er) und -ig(er) ausgewogen. Der Vergleich der Karte mit der Abbildung 12 in Kilchmann (2022: 67) zeigt, dass sich das ing(er)-Familiennamengebiet mit dem Areal deckt, in dem das Suffix der Toponyme mehrheitlich als iŋə ausgesprochen wird. Die Schreibung in den FamN und die Aussprache des Nasals in den Toponymen bilden somit Räume, die übereinstimmen. Die beiden letzten Karten zu Nasalschwund vor Frikativ und in anderen Inlautkontexten legen nahe, dass sich je nach EinzelN eine Schreibung verfestigt hat, ohne dass dies mit der jeweiligen mundartlichen Realisierung des Phänomens korrelieren muss. Im Kanton Zürich bspw. findet sich der FamN Treichler, dessen nasallose Form sich mit der ebenfalls nasallosen Lautung des Adjektivs finster als fiischter, feischter deckt (Weber 1923: 73; SDS II 1965: Karte 126). Auch die nasallose Form Rauft in Basel-Landschaft wird durch das Vorkommen des appellativischen Rauft in diesem Gebiet (Id. 6 1881 ff.: Sp. 1049) gestützt. Die Schreibung Trinkler hingegen tritt in Gemeinden auf, die dialektal ebenfalls Nasalschwund zeigen (Bözen AG; Menzingen, Neuheim ZG). Es ist auch nicht so, dass generell ein Formtyp vorherrschend wäre. So figurieren die beiden FamN Reimann (16 Tokens) und Steinmann (30 Tokens) auf der vierten Karte unter den häufigen Vertretern. Es liegt derselbe Kontext vor - Nasal im Auslaut des Stamms von Ableitungen -, aber mit jeweils anders verteilter Häufigkeit: Bei Reimann ist die Schreibung ohne <n>, bei Steinmann jene mit <n> häufiger. In Summe sind die n-losen Formen häufiger, was die mundartlichen Verhältnisse erwarten lassen. Die nasallosen Formen ref lektieren die Mundartaussprache, während die nasalhaltigen Formen eine etymologische Schreibweise darstellen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN mit Nasalschwund sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Lüthi (9'858 Tokens), Marti (8'856 Tokens) und Egli (7'807 Tokens). In seltenen Fällen kann auch der umgekehrte Prozess des Nasaleinschubs beobachtet werden. Unetymologischer n-Einschub tritt in alemannischen Urkunden des 13. Jh. auf, so wird zīstac ‘Dienstag’, etymologisch wohl zum Namen des germanischen Himmels- und Kriegsgotts *Tīwaz, ahd. Ziu (EtymWB 1993: s. v. Dienstag), hyperkorrekt zu zinstac (Paul et al. 2007: 149). In FamN ist dieses Phänomen in folgenden Fällen eingetreten: Anhorn neben Ahorn zu mhd. ahorn (vgl. dazu auch bei Appenzeller Toponymen im APNB 1 1958: 11) sowie Zinsli neben Cisli. Zinsli ist zwar etymologisch mehrdeutig, ein Deutungsansatz ist aber schwzdt. Zisli ‘Zeisig’ (zu mhd. zīse, zīsic). Frühe Belege weisen bereits für das Appellativ den 2.1 Nasalschwund 191 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="192"?> unetymologischen n-Einschub aus und auch die Belege für den FamN zeigen seit frühester Zeit ein Nebeneinander von Zinsli und Zisli (RNB 3 1986: 855-856). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 2 (2011: 798-821) wird das entsprechende Phänomen in den Kapiteln «Schwund von n in Heinz, Arentz, Gans, fünf » auf den Karten 361-365 sowie «Schwund von n im Suffix -ing» auf den Karten 366-371 dargestellt. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur APNB 1 = Sonderegger, Stefan (1958): Die Orts- und Flurnamen des Landes Appenzell. Grammatische Darstellung (Appenzeller Namenbuch 1). Frauenfeld: Huber. Baumgartner, Heinrich (1922): Die Mundarten des Berner Seelandes (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 14). Frauenfeld: Huber. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Bohnenberger, Karl (1913): Die Mundart der deutschen Walliser im Heimattal und in den Außenorten (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 6). Frauenfeld: Huber. Braune, Wilhelm/ Heidermanns, Frank (2023): Althochdeutsche Grammatik I: Phonologie und Morphologie (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 5.1). 17., neu bearbeitete Auf lage. Berlin, Boston: De Gruyter. Brechenmacher, Josef K. (1957-1963): Etymologisches Wörterbuch der Deutschen Familiennamen. 2 Bde. 2., von Grund auf neugearbeitete Auf lage. Limburg a. d. Lahn: Starke. Christen, Helen (2007): Familiennamen: Lokale Identitätsmarker oder besondere Wörter? Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge 42(4), 419-439. DFA 2 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2011): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 2: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen II: Konsonantismus. Berlin, New York: De Gruyter. Ebert, Robert P. et al. (1993): Frühneuhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 12). Tübingen: Niemeyer. EtymWB = Pfeifer, Wolfgang et al. (1993): Dienstag. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. https: / / www.dwds.de/ wb/ etymwb/ Dienstag (letzter Zugriff 21.11.2023). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 21.11.2023). Hotzenköcherle, Rudolf (1934): Die Mundart von Mutten. Laut- und Flexionslehre (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 19). Frauenfeld: Huber. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kilchmann, Mirjam (2022): Lautwandel in der Toponymie am Beispiel von Deutschschweizer Siedlungsnamen (Regensburger Studien zur Namenforschung 11). Regensburg: edition vulpes. KSDS = Christen, Helen/ Glaser, Elvira/ Friedli, Matthias (Hrsg.) (2019): Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz. 7., verbesserte Auf lage. Frauenfeld: Huber. Kully, Rolf M. (2009): Form und Inhalt der Deutschschweizer Familiennamen. In: Hengst, Karlheinz/ Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. Bd. 1: Deutsche Familiennamen im deutschen Sprachraum (Onomastica Lipsiensia 6.1), 365-392. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. ortsnamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): ortsnamen.ch. 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Rossebastiano, Alda/ Papa, Elena (2005): I nomi di persona in Italia: dizionario storico ed etimologico. 2 Bde. (La nostra lingua). Torino: UTET. Schobinger, Viktor/ Egli, Alfred/ Kläui, Hans (1994): Zürcher Familiennamen. Entstehung, Verbreitung und Bedeutung der Namen alteingesessener Zürcher Familien. Zürich: Zürcher Kantonalbank. SDS = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1962-1997): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). 8 Bde. Bern bzw. Basel: Francke. SDS II = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1965): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. II: Lautgeographie II: Vokalquantität - Konsonantismus. Bern: Francke. SDS III = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1975): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. III: Formengeographie. Bern: Francke. Weber, Albert (1923): Die Mundart des Zürcher Oberlandes (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 15). Frauenfeld: Huber. Simone Berchtold 192 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="193"?> 2.2 Assimilationen und Dissimilationen Schlagwörter: Alemannisch, Epenthese, Schreibvariation, Velarisierung Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Im vorliegenden Artikel stehen die Produkte von Assimilations- und Dissimilationsprozessen in den FamN der Deutschschweiz im Zentrum. Die Erforschung von Assimilation und Dissimilation stellt einen im Hinblick auf die Dialektologie des Deutschen selten systematisch untersuchten Gegenstand dar, dem über «wichtige Indizien für Sprachwandel» hinaus auch «bei der Partnereinschätzung im alltäglichen Kommunikationsprozeß» eine wesentliche Rolle zugebilligt wird (Guentherodt 1983: 1146). Als prominentes Beispiel für die sozio-kommunikative Funktion von Assimilations- und Dissimilationsprozessen gilt etwa die nd -Velarisierung, die zwar früher innerhalb der Deutschschweiz eine grössere areale Verbreitung als gegenwartssprachlich genoss, die dennoch, abgesehen von einigen wenigen hyperkorrekten Toponymen (z. B. Bätterkinden; vgl. BENB I/ 4 2011: Sp. 251-252), «in der Schrift kaum fassbar» bleibt (Kully 2009: 372). Darüber hinaus sind «die sprachlichen Kräfte, die bei der Bildung unserer Geschlechtsnamen wirksam geworden sind, auch vorwiegend auf dem Gebiet der M[undarten] zu suchen» (Kapff 1928: 286). So ist zu erwarten, dass die FamN regional bedingte Assimilations- und Dissimilationsprodukte aufweisen. Für die Deutschschweiz gilt es deshalb auszuloten, inwieweit sich solche Prozesse in der Schreibung der FamN widerspiegeln. Hintergrund: Dieser Artikel nimmt Assimilations- und Dissimilationsprodukte im Konsonantismus in den Blick. 1 Eine Assimilation im weiten Sinne stellt gemäss Guentherodt (1983: 1139) «jeder kontextbedingte lautliche Anpassungsvorgang» dar. Im engen Sinne wird unter Assimilation «die Umwandlung eines Lautes zu einem anderen Laut durch den Einf luß von Lauten der Umgebung» verstanden (Guentherodt 1983: 1139). Assimilationsprozesse und -produkte können gemäss Guentherodt (1983: 1140) anhand von drei binären Kriterien eingeordnet werden - erstens nach der Einf lussrichtung: In der Produktion können artikulatorische Merkmale eines vorausgehenden Lautes beibehalten oder eines folgenden Lautes antizipiert werden. Zweitens wird die Distanz der sich ähnlicher werdenden Laute zueinander berücksichtigt. Drittens spielt der Grad der Assimilation eine Rolle. Dementsprechend wird zwischen perseverativer und antizipativer Assimilation (Kammer zu älterem Kamber, Wopmann zu mhd. wāt ‘Kleidungsstück’ und -mann), 2 Kontakt- und Distanzassimilation sowie Voll- und Teilassimilation (Roppel zu Ratbald, Topfel zu Totfall ) 3 unterschieden. FamN mit Distanzassimilation treten im vorliegenden Sample nicht auf. Bei der Dissimilation handelt es sich im Gegensatz zur Assimilation um «die Umwandlung benachbarter gleicher und gleichartiger Laute oder Silben in artikulatorisch und akustisch verschiedenartige Laute», was in der Folge zu Substitution und Schwund von Lauten führen kann (Guentherodt 1983: 1140). Dissimilationsprozesse und -produkte werden lediglich nach der Kontaktbzw. Distanzstellung (Rümbeli zu mhd. rummeln ‘lärmen, poltern’, Schwalm zu mhd. swalwe ‘Schwalbe’) der betroffenen Segmente zueinander unterschieden (Guentherodt 1983: 1143). Guentherodt (1983: 1143) stellt in Bezug auf das relative Vorkommen der beiden Erscheinungen im Lexikon die folgenden Tendenzen fest: Dissimilationen treten insgesamt seltener auf als Assimilationen. Dabei verhalten sich die relativen Häufigkeiten von Kontakt- und Distanzstellung bei Assimilation und Dissimilation umgekehrt proportional zueinander. Konkret ist bei der Assimilation die Kontakt-, bei der Dissimilation die Distanzstellung der häufigere Fall. Bei der Velarisierung erhalten Konsonanten «eine zusätzliche velare Artikulationsgeste» oder verändern sich in einen velaren Konsonanten (e-WSK 2016: s. v. Velarisierung). Als Assimilationserscheinung im weiten Sinne wird hier deshalb die Velarisierung, insbesondere die sogenannte nd -Velarisierung, behandelt. 4 Konkret wird unter Velarisierung die Verschiebung im Artikulationsort der alveolaren Verschlusslaute [n], [d] und [t] hin zu den velaren Verschlusslauten [ŋ], [g] und [k] verstanden (Werlen 1983: 1130). 5 Die Velarisierung tritt sowohl inlautend als auch auslautend auf: Dabei ist im nicht-onymischen Wortschatz die Velarisierung der Konsonantengruppe -nd zu ŋ, ŋk oder ŋt in inlautender Position nicht nur areal am weitesten verbreitet, sondern geniesst auch einen hohen Grad an Diffusion im Lexikon (Werlen 1983: 1130). Für «das schweizerisch-elsäßische Gebiet» schliesst Werlen (1983: 1133) aufgrund von Deutschschweizer Schriftzeugnissen generell auf «eine Entste- 1 Nicht behandelt wird die Auslautverhärtung, vgl. dazu den Artikel I-2.7 «Schreibvariation bei Plosiven im Auslaut». Zu Assimilationen im weiten Sinne im Vokalismus vgl. die Artikel I-1.3 «Fehlende und durchgeführte Umlautung», I-1.5 «Entrundung», I-1.6 «Rundung» und I-1.8 «Senkung von mhd. i, u, ü». 2 Mit Guentherodt (1983: 1140-1141) wird im Folgenden in Anlehnung an die phonetische Terminologie von perseverativer und antizipativer Assimilation anstatt progressiver und regressiver oder gar vorwärts- und rückwärtswirkender Assimilation gesprochen. 3 Vgl. dazu die Ausführungen im e-HLS (2008: s. v. Fall ): «Der […] Todfall war eine von den Erben eines verstorbenen Lehenbauern dem Grundherrn zu entrichtende Abgabe in Form eines fixierten Anteils am Nachlass». 4 In der älteren Literatur wird bisweilen auch von der Gutturalisierung von nd zu ng gesprochen (Bertram 1935: 6; Bruckner 1942: 38; vgl. Werlen 1983: 1130 für weitere Quellenverweise). 5 Zum Schwund des Nasals in FamN vgl. Artikel I-2.1 «Nasalschwund». 2.2 Assimilationen und Dissimilationen 193 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="194"?> hung etwa im 15., frühestens 14. Jh.». Die nd -Velarisierung erstreckt sich in der Deutschschweiz über ein Gebiet, das Teile der Kantone Bern, Solothurn, Basel-Landschaft und Freiburg umfasst, wenn auch nur punktuell im Fall des letzten Kantons, z. B. in den Lemmata finden, gefunden und Hund (SDS II 1965: Karten 119-120; vgl. auch Baumgartner 1940: 77). Dabei sei die nd -Velarisierung in den regionalen Varietäten der Deutschschweiz einst weiter verbreitet gewesen: Bruckner (1942: 39) legt den Schluss zwar nahe, die Velarisierung wäre im 15. Jh. sogar in der Stadt Basel verbreitet gewesen, dennoch unterlag sie wohl einer sozio-linguistischen Stratifizierung. Ausserdem zeugen FlurN in der Nordwestschweiz von der einstigen grossräumigeren Verbreitung der nd -Velarisierung, z. B. Schwängi < 1608 Schwendi (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 261000027) bei Langenbruck (BL), Schwangen bei Bennwil (BL), Gling (< 1534 undenam Glind ) bei Oberdorf (BL), der BergN Passwang (< Barschwant) im solothurnischen Jura sowie der SiedlungsN Wengelchriste (< Wendelin) bei Muttenz (BL) (Bruckner 1942: 40-41). Jedoch wird in Bezug auf die nd -Velarisierung im nicht-onymischen Wortschatz z. B. in Basel- Landschaft (Bruckner 1931: 183; Bruckner 1942: 41) und in der Region Laufental-Thierstein in der Nordwestschweiz (Fiechter 2020: 380-383) ein Rückgang beobachtet. Während die nd -Velarisierung heute v. a. ein regionaler Marker ist, ist sie noch bis ins 20. Jh. ein sozialer Marker. Bspw. weist Baumgartner (1940: 80) darauf hin, dass die nd -Velarisierung in den literarischen Werken von Hans von Rüti und Mattheus Rottbletz im 16. Jh. zur Kennzeichnung von Bäuer: innen und Landbewohner: innen verwendet wird. Für die Stadt Bern bezeugt zwar Pauli (1932: unpaginiert, Abschnitt germ. d ) u. a. die Formen hɑŋŋ ‘Hand’ und χiŋŋ ‘Kind’, bemerkt aber auch, dass diese Formen sozio-demographisch stratifiziert sind: Vorherrschend ist die nd -Aussprache, die ursprünglich bürgerlich-städtisch ist. ŋŋ sprechen in der Stadt die noch nicht lange Ansässigen vom Lande Hergezogenen, u. diejenige Schicht der Bevölkerung, die beständigen Zuzug vom Lande her hat, die der Arbeiter u. Handwerker. Von hier aus ist sie z. T. in die Bubensprache eingedrungen. Über Bern hinaus galt Bruckner (1942: 39) zufolge bereits im 15. Jh. die Aussprache -ng in der Stadt Basel als «bäurisch und unfein». Damit kommt diesem Merkmal sozio-historisch ein abgrenzender Wert zu. Werlen (1983: 1134) sieht sogar die Hauptfunktion der nd - Velarisierung in ihrer «soziale[n] Indikatorfunktion». So wird die nd - Velarisierung auch heute noch als typisches Merkmal der Region Laufental-Thierstein angesehen und verfügt über eine sozial-affektive Bewertung in dem Sinne, als deren Verwendung eine Person aus dieser Region «zum ‘Landei’» macht (Fiechter 2020: 374). Ein Dissimilationsphänomen, dem im Folgenden besondere Beachtung geschenkt wird, ist der Übergang von r zu l in alem. kilche, chilche (zu ahd. chirihha, ab dem 9. Jh. alem. chilicha ‘Kirche’; Braune/ Heidermanns 2023: 162). Hier wird davon ausgegangen, dass ein uvularer r-Laut vorliegt, der dem darauffolgenden Frikativ in Bezug auf den Artikulationsort (Behaghel 1928: 366; Dieth 1968: 277), ggf. in Bezug auf die Artikulationsart (vgl. Guentherodt 1983: 1143), unähnlicher wird. Braune/ Heidermanns (2023: 162) lehnen diese Ansicht jedoch ab und gehen davon aus, dass in Lehnwörtern wie Kirche (zu griech. kyriaskós ‘zum Herrn gehörig’; Gabriel 1992: 132) der r-Laut «ohne Dissimilation» durch einen l-Laut ersetzt wurde. Der Übergang von r zu l scheint beim Lexem Kirche im Alemannischen in der althochdeutschen Sprachstufe eingetreten zu sein (Gabriel 1992: 132): So bezeugt Birlinger (1868: 89) das Toponym Nuichilchun ‘Neunkirch’ im Klettgau (Baden-Württemberg) im Jahr 861. Ab dem 12. Jh. überwiegen die l-Formen in der schriftlichen Überlieferung (Birlinger 1868: 89-90; Gabriel 1992: 132). Gemäss Urbaren des 13. bis 15. Jh. war der Übergang von r zu l im Lemma Kirche im Südwesten der heutigen Bundesrepublik Deutschland verbreitet (HSS II 1979: Karte 114). Gabriel (1992: 131) zeigt, dass die Nordgrenze der l-Formen im Zuge der Vorrückung der r-Formen seit dem 14 Jh. wieder zurückgegangen ist. Die heutige Nordgrenze der l-Formen muss also «relativ jung» sein (Gabriel 1992: 133; vgl. bereits Bohnenberger 1902: 6). In den Dialekten der Deutschschweiz sind für den nicht-onymischen Wortschatz die r-Formen wie chirəchə, cherəchə ‘Kirche’ v. a. in der Ostschweiz, insbesondere in der Bodenseeregion, aber auch vereinzelt z. B. in Basel-Stadt, dokumentiert: Eine r-Form tritt dabei oft neben einer l-Form wie chilə, chülchə auf (SDS V 1983: Karte 39; vgl. auch KSDS 2019: 274-275). Dabei handelt es sich bei der r-Form, wie bereits angedeutet, um eine jüngere Erscheinung im nicht-onymischen Wortschatz: Gemäss Wanner (1941: 149) greife in den Dialekten Schaffhausens «das schriftsprachliche xirxxə» ‘Kirche’ um sich (vgl. ähnlich Enderlin 1911: 32 in Bezug auf die Dialekte des Thurgaus). In Appenzell stehe die Form xer(ə)xə ‘Kirche’ «allgemein für älteres xil(ə)xə» (Vetsch 1910: 63). Das Vorkommen der r-Lautung im Lemma Kirche scheint also gegenwartssprachlich weitgehend auf die Ostschweiz beschränkt zu sein (vgl. Berger 1913: 38 zum St. Galler Rheintal; Wiget 1916: 33 zum Toggenburg; Meinherz 1920: 26 zur Bündner Herrschaft). Zum Vergleich: In der St. Galler Urkundensprache der zweiten Hälfte des 14. Jh. ist im nicht-onymischen Wortschatz die Form kylche, kilche «bei allen Schreibern allein herrschend» (Schmid 1953: 127), mit Ausnahme eines Belegs kircher ‘Kirchherr’. In der Stadt Basel gilt bis ins 16. Jh. hinein die Form Kilche, die schliesslich Anfang des 20. Jh. durch «die schriftsprachliche Form mit r» aus dem Basler Dialekt verschwindet (Bruckner 1931: 182; vgl. allerdings Heusler 1888: 86). Fragestellungen: In der ersten Karte wird die räumliche Verteilung von Assimilations- und Dissimilationsprodukten in den FamN der Deutschschweiz in den Blick genommen. Darauf aufbauend wird in der zweiten und in der dritten Karte die Velarisierung von -nd - und -nzu -ng im Namenbestand aufgegriffen. In der vierten Karte wird der Varianz in der Schreibung -mmvs. -mbin FamN nachgegangen, die etymologisch mhd. -mbenthalten. Die fünfte Karte behandelt die Dissimilation von r zu l in Namen, die auf das Appellativum ahd. chirihha ‘Kirche’ zurückgehen. 194 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="195"?> Erste Karte {88}: Assimilationen und Dissimilationen Namenauswahl: Kartiert werden FamN aus der Schicht «vor 1800» bzw. «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 6 die etymologisch eine Kontaktassimilation oder eine Dissimilation aufweisen. Das Namensample wurde mithilfe einer Schlagwortsuche in der etymologischen Datenbank erstellt, bevor in einem zweiten Schritt gezielt Buchstabenabfolgen gesucht wurden, die Kandidaten für potenzielle Assimilations- und Dissimilationsprodukte darstellen und die anschliessend in Bezug auf Assimilation und Dissimilation geprüft wurden. Abgefragte Namen Antizipative Assimilation: Colemberg, Columberg, Göpfert, Güpfert, Hensemberger, Lendemberg, Rempfler, Roppel, Stammbach, Topfel, Wampfler, Wobmann, Wopmann. 13 Types, 22 Tokens. Perseverative Assimilation: Amman, Ammon, Camenzind, d’Amman, d’Ammann, Hinn, Hinnen, Kamerzin, Kammacher, Kammer, Schinner, Zahn. 12 Types, 22 Tokens. Typ Bammert: Bamert, Bammert, Barmet. 4 Tokens. Dissimilation: Bombeli, Malgiaritta, Rümbeli, Schwalm, Wüger. 11 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 88: Daten zur ersten Karte {88} Detailangaben zur Namenauswahl: 7 Alle Namen im Sample mit Assimilation weisen Kontaktstellung auf. Tabelle 89 zeigt, dass die FamN in Bezug auf die Parameter Vollvs. Teilassimilation und antizipative vs. perseverative Assimilation fast komplementär verteilt sind. Diejenigen FamN, die antizipative Assimilation aufweisen, zeigen fast immer eine Teilassimilation anstatt einer Vollassimilation, wohingegen alle Namen, die eine perseverative Assimilation aufweisen, ausschliesslich Vollassimilationen enthalten. Karte 88: Assimilationen und Dissimilationen, vor 1800 u. Herkunft 6 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 7 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 2.2 Assimilationen und Dissimilationen 195 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="196"?> Vollassimilation Teilassimilation Antizipative Assimilation Roppel Colemberg, Columberg, Göpfert, Güpfert, Hensemberger, Lendemberg, Rempfler, Stammbach, Topfel, Wampfler, Wobmann, Wopmann Perseverative Assimilation Amman, Ammon, Camenzind, d’Amman, d’Ammann, Hinn, Hinnen, Kamerzin, Kammacher, Kammer, Schinner, Zahn Tabelle 89: Namenzuordnung zu Assimilationstypen Die Namen zeigen antizipative Assimilationen in Bezug auf den Artikulationsort, konkret -tm- > -pm- (Wobmann, Wopmann aus mhd. wāt ‘Kleidungsstück, Stoff, Tuch’ und -mann als BerufsN für den Tuch- oder Leinwandhändler), -tf - > -pf - (Topfel als ÜberN zu Totfall; Göpfert, Güpfert als Patronyme zum Ruf N Gottfried ), -tb- > -pp- (Roppel als Patronym zum Ruf N Ratbald ), -nb- > -mb- (Colemberg, Columberg als HerkunftsN zum Toponym Kohlenberg, Kollenberg; Hensemberger als HerkunftsN zum Toponym Hänsenberg in Wattwil SG; Lendemberg als WohnstättenN zum Toponym Landenberg) und -ndb- > -mmb- (Stammbach als Wohnstätten- oder HerkunftsN zu einem Toponym (älter) Standbach). Zudem weisen die Namen Wampfler (WohnstättenN zum Toponym Wandflue) und Rempfler (HerkunftsN zum Toponym Ranft in Marbach SG) eine antizipative Assimilation in Bezug auf den Artikulationsort von -ndf -, -ntf zu -mpf auf (-ndf -/ -ntf - > -npf - > -mpf -). Perseverative Assimilation zeigt sich in Bezug auf die Artikulationsart, namentlich -mb-, -mt- > -mm- (Amman, Ammon, d’Amman, d’Ammann als BerufsN zu mhd. ambetman, amtmann für eine in der Verwaltung tätige Person mit leitender Funktion), -mb- > -mm- (Camenzind, Kamerzin aus mhd. kamp, kambe ‘Kamm’ und zint ‘Zacken, Zinke’ als BerufsN für den Kammmacher; Kammacher, Kammer als BerufsN zu mhd. kamp, kambe ‘Kamm’ für den Kammmacher) und -nd - > -n(n)- (Schinner als BerufsN zu mhd. schinder ‘jemand, der die Haut/ Rinde abzieht’; Hinn, Hinnen als WohnstättenN zu schwzdt. hinden, hinten, hinnen; Zahn als ÜberN zu mhd. zan(t)). Die Namen Bamert, Bammert, Barmet (als BerufsN zu mhd. banwart(e), schwzdt. Bannwart), die auf die Ausgangsform Bannwart zurückgehen und somit eine Veränderung von -nnw - > -maufweisen, werden separat kartiert, da unklar ist, ob eine antizipative Assimilation in Bezug auf den Artikulationsort (-nnw- > -mmw- > -mm-) oder eine perseverative Assimilation in Bezug auf die Artikulationsart (-nnw- > -nnm- > -mm-) vorliegt. Dissimilation betrifft die Lautfolgen -mm- > -mb- (Bombeli, Rümbeli), -r- > -l- (Malgiaritta), -w - > -m- (Schwalm) und -w - > -g - (Wüger). Liegen mit Malgiaritta (Metronym zum Ruf N Margaretha) und Schwalm (ÜberN zu mhd. swalwe ‘Schwalbe’) eindeutige Fälle von Distanzdissimilation vor, lässt sich die Veränderung -mm- > -mbbei Bombeli (BerufsüberN zu einer diminuierten Form von Bom ‘Baum’ für den Baumwart) und Rümbeli (ÜberN zu mhd. rummeln ‘lärmen, poltern’) auch als Konsonanteneinschub auffassen (s. u.). Der WohnstättenN Wüger mit gerundetem Stammvokal geht auf mhd. wī(w)ære ‘Weiher’ zurück, vgl. den Namen Hans Wyger 1471 in Baden (AG) (Id. 15 1881 ff.: Sp. 69). Ausgeschlossen wurde der FamN Bommeli von der Gruppe der antizipativen Assimilationen, da sich dieser Name zwar als FlurN zu mhd. bodem ‘Boden, Grund’ auffassen lässt, dennoch scheint eine Etymologie als Diminutivform zum FamN Bommer, der wiederum auf ein Toponym Bommen zurückgeht, ebenso plausibel. Die Namen Bally und Balli lassen sich zwar als eine Assimilation aus Baldi (-lt-, -ld - > ll ) auffassen, allerdings ist im Hinblick auf das historische Vorkommen der beiden Namen in der Westschweiz eine Deutung zu altfrz. baillif ‘Verwalter, Beamter’ wahrscheinlicher. Unberücksichtigt blieben auch die Namen Humbel, Hümbeli, Hümbelin sowie Hummel, Ummel (zu mhd. hummel, humbel ), da unklar ist, ob erstere Namen Dissimilationen bzw. Konsonanteneinschübe von -mmzu -mbaufweisen oder ob letztere Namen Assimilationen von -mbzu -mmenthalten. Letztere fünf FamN werden jedoch in der vierten Karte zur Varianz in der Schreibung -mb- und -mmaufgegriffen. Kommentar: Die antizipative Assimilation verteilt sich über die Ostschweiz, die Innerschweiz und die Nordwestschweiz und zeigt ferner vereinzelte Vorkommen in den bernischen Gemeinden Diemtigen, Gsteig und Lenk sowie in Coinsins (VD). Die perseverative Assimilation ist im Berner Oberland, im Kanton Freiburg und im Wallis vorhanden, daneben aber auch in der Innerschweiz sowie in den Kantonen Aargau, Zürich und Thurgau. Der Typ Bammert verteilt sich über die Innerschweiz und hat dabei drei Vorkommen im Kanton Luzern und ein Vorkommen in Tuggen (SZ). Die Dissimilation ist auf die Ostschweiz beschränkt: Der FamN Malgiaritta ist lediglich in Müstair (GR) belegt, Bombeli nur in Weiach (ZH). Alle Ortspunkte von Wüger liegen im Kanton Thurgau, die von Rümbeli im Bezirk Uster (ZH). Zweite und dritte Karte {89, 90}: Velarisierung von -nd- oder -nzu -ng- Namenauswahl: Kartiert werden in der zweiten Karte FamN, die etymologisch die Velarisierung des Konsonantenclusters -nd zu -ng sowie die Velarisierung des Nasals -nzu -ngenthalten. Die dritte Karte umfasst lediglich FamN, welche die nd -Velarisierung aufweisen. Abgefragte Namen Typ -ndzu -ng-: Bilang, Güngerich, Minger, Münger. 8 Tokens. Typ Hänggi: Haenggi, Hänggeli, Hänggi, Henggi. 10 Tokens. Töngi: 1 Token. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 90: Daten zur zweiten Karte {89} 196 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="197"?> Karte 89: Velarisierung von -nd- und -nzu -ng-, vor 1800 u. Herkunft Karte 90: nd-Velarisierung, vor 1800 2.2 Assimilationen und Dissimilationen 197 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="198"?> Abgefragte Namen Minger: 2 Tokens. Münger: 3 Tokens. Güngerich: 2 Tokens. Bilang: 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 40-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 91: Daten zur dritten Karte {90} Detailangaben zur Namenauswahl: Die untersuchten FamN lassen sich in zwei Gruppen einteilen: solche, die etymologisch die Velarisierung der Verbindung -ndzu -ngaufweisen, und solche, die die Velarisierung des Nasals -nzeigen. Die Namen der ersten Gruppe stellen WohnstättenN, Patronyme oder ÜberN dar: Beim Namen Bilang handelt es sich vermutlich um einen WohnstättenN, der wiederum auf einen FlurN bi Land ‘Beiland’ zurückgeht, beim Namen Güngerich um ein Patronym zum Ruf N Gundaricho und bei den Namen Minger und Münger um ÜberN zu mhd. minner, schwzdt. minder in der Bedeutung ‘kleiner an Grösse’, ‘geringer an Zahl’. Die Variante Münger weist zudem Rundung im Stammvokalismus auf. 8 Die FamN, die Velarisierung von -nzu -ngaufweisen, sind allesamt als Patronyme zu kategorisieren: So handelt es sich bei den Namen des Typs Hänggi (Haenggi, Hänggi, Henggi sowie die diminuierte Form Hänggeli) um Koseformen zum Ruf N Johannes bzw. Hans oder zum Ruf N Heinrich. Beim FamN Töngi liegt ein Patronym vor, das auf einer Kurzform des Ruf N Anton (zu lat. Antonius) beruht. Die Namen Branger, Hung, Wangeler, Wangler, Zangger und Zenger wurden von der Kartierung ausgeschlossen. So handelt es sich bei Hung wahrscheinlich um eine kontrahierte Form zu Honig, bei Zangger, Zenger um Nomina agentis zu mhd. zanken und bei Wangeler, Wangler um ‘eingewanderte’ Namen aus dem Schwarzwald (Wandeler 2020), die sich entweder zu Wang ‘Wiesenabhang’ stellen (DFD 2025: s. v. Wangler) oder eine Variante von Wagner sind. Für den Namen Branger vermutet Kully (2009: 372) eine Velarisierung, sodass er wie Brander zu «einer Hofstätte Brand» zu stellen wäre; Brechenmacher 1 (1957-1963: 200) führt den Namen Branger allerdings auf mhd. brangen ‘prahlen, prunken’ zurück. Kommentar: Die zweite Karte zeigt das areale Auftreten von FamN, die eine Velarisierung von -nd - und -nzu -ng aufweisen. Die Namen des Typs -ndzu -ngfinden mit einem Ausreisser im benachbarten Kanton Solothurn ausschliesslich im Kanton Bern Verbreitung. Namen des Typs Hänggi kommen in abnehmender Frequenz in den Kantonen Solothurn (6 Tokens), Bern (3 Tokens) und Freiburg (hier nur in Bösingen) vor. Töngi ist einmalig in Engelberg (OW) belegt. Die dritte Karte beschränkt sich auf die räumliche Verteilung derjenigen FamN, die die nd-Velarisierung aufweisen. Während der FamN Minger vor 1800 in Solothurn und in Bern auftaucht, ist die gerundete Variante Münger ausschliesslich im Berner Mittelland bzw. im Berner Seeland zu finden. Die FamN Güngerich und Bilang treten im Berner Oberland in der Nähe des Thunersees auf. 8 Vgl. Artikel I-1.6 «Rundung». 198 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="199"?> Vierte Karte {91}: Varianz in der Schreibung -mbversus -mm- Namenauswahl: Untersucht werden etymologisch verwandte Familiennamenpaare, die die Konsonantenfolge -mb- (Humbel, Kamber) bzw. die Doppelschreibung -mm- (Hummel, Kammer) enthalten. Berücksichtigt werden nur solche Namen, deren mittelhochdeutsches Etymon (u. a.) eine Variante mit -mbaufweist und die daher einen Fall von Assimilation darstellen könnten (z. B. mhd. humbel, nhd. Hummel ). Abgefragte Namen Typ -mb-: Humbel, Hümbeli, Hümbelin, Kamber, Kambli, Stampbach. 6 Types, 15 Tokens. Typ -mm-: Hummel, Ummel, Kamm, Kammer, Stammbach. 18 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 92: Daten zur vierten Karte {91} Detailangaben zur Namenauswahl: Zur Etymologie der Namen vgl. die Angaben bei der ersten Karte. Ausgeschlossen wurden die Namenpaare Bombeli - Bommeli sowie Rümbeli - Rümmeli, weil nur Formen mit -m(m) zugrunde liegen (Bom ‘Baum’ bzw. mhd. rummeln ‘lärmen, poltern’) und sie somit nicht den hier kartierten Fällen, bei denen eine Assimilation vorliegen könnte, entsprechen. Stattdessen haben die historischen Vorformen dieser FamN wahrscheinlich einen b-Einschub erfahren. Kommentar: Die vierte Karte macht deutlich, dass die historisch jüngeren Schreibungen mit -mmohne erkennbare Raumbildung in acht verschiedenen Kantonen bezeugt sind (AG, BE, GL, GR, LU, NW, SO, ZH). Die historisch älteren Schreibungen mit -mbverteilen sich auf die vier Kantone Aargau, Bern, Solothurn und Zürich, wobei diese Schreibung im Aargau (8 Tokens) und in Solothurn (5 Tokens) einen deutlichen räumlichen Schwerpunkt aufweist. Karte 91: Varianz -mbvs. -mm-, vor 1800 u. Herkunft 2.2 Assimilationen und Dissimilationen 199 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="200"?> Fünfte Karte {92}: Dissimilation von r zu l Namenauswahl: Untersucht werden FamN, die Ref lexe zu ahd. chirihha, altalem. chilicha ‘Kirche’ enthalten. Kartiert wird die Varianz zwischen r und l. Abgefragte Namen Typ -kirch-: Kirchen, Kircher, Kirchhofer, Kirchmeier, von Waldkirch, Waldkirch, Zur Kirchen, Zurkirch, Zurkirchen. 9 Types, 20 Tokens. Typ -kilch-: Kilchenmann, Kilcher, Kilchher, Kilchherr, Kilchhofer, Kilchmann, Kilchoer, Kilchör, Kilchsperger, Killer. 10 Types, 32 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 93: Daten zur fünften Karte {92} Detailangaben zur Namenauswahl: Bei den kartierten Namen handelt es sich um BerufsN (Kilchenmann, Kilcher, Kircher, Kilchher, Kilchherr, Killer, Kilchmann, Kirchmeier), WohnstättenN (Kirchen, Zur Kirchen, Zurkirch, Zurkirchen), HerkunftsN (von Waldkirch, Waldkirch, Kilchsperger) und Namen mit uneindeutiger Zuordnung zu Herkunfts- oder WohnstättenN (Kilchhofer, Kirchhofer). Die FamN gehen formal grösstenteils auf Kompositumsbildungen (z. B. Kilcher, Kircher, Kilchher, Kilchherr, Killer zu schwzdt. Chile ‘Kirche’ und mhd. hërre ‘Herr’) und auf Präpositionalgefüge (z. B. Zurkirch, Zurkirchen) zurück. Den Namen Kilchoer, Kilchör liegt zwar mhd. kirche zugrunde, doch ist unklar, ob sie auf einem Toponym oder auf einem Appellativum beruhen. Kommentar: Sowohl die rals auch die l-Formen sind räumlich hauptsächlich in den Kantonen Bern (18 Tokens), Freiburg (8 Tokens) und Luzern (7 Tokens) verbreitet, daneben auch im Aargau (4 Tokens) und in Solothurn (3 Tokens). Dagegen sind beide Typen in der Ostschweiz lediglich punktuell belegt. Der Typ -kilchkommt schwerpunktmässig in Bern (13 Tokens) vor, daneben aber auch in Freiburg (8 Tokens) sowie vereinzelt in den Kantonen Aargau, Jura, Luzern und Solothurn (je 2 Tokens). Der Typ -kirchverteilt sich mit jeweils 5 Tokens hauptsächlich über die Kantone Luzern und Bern und zeigt 6 weitere Vorkommen in der Ostschweiz. Ergebnisse In Bezug auf die erste Karte zeigen die Befunde, dass FamN, die Assimilationsprodukte aufweisen, über einen Grossteil der Deutschschweiz verteilt sind. Dagegen beschränken sich FamN, die Dissimilation aufweisen, mehrheitlich auf die Ostschweiz, insbesondere auf die Nordostschweiz. Ausserdem sind folgende ergänzende Befunde anzuführen: Karte 92: Dissimilation von r zu l vor Frikativ, vor 1800 u. Herkunft 200 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="201"?> • Im Lexikon gelten Assimilationserscheinungen in Bezug auf ihre Token- und Typefrequenz gemeinhin als produktiver als Dissimilationserscheinungen (vgl. Guentherodt 1983: 1143). Die Analyse von FamN bestätigt diese Grundtendenz für das Onomastikon. • Für das Zürcher Oberland berichtet Weber (1923: 148) von einem Konsonanteneinschub von -bin der Lautumgebung m+(ə)l, auch wenn im Lexikon dieses Merkmal «fast nur noch bei ältern Leuten» anzutreffen ist, z. B. bɔ̈ɪmblɪ ‘Bäumlein’, ɛ̄ mblɪ, ɔ̈ ̄mblɪ ‘Sauerkirsche’. Dieser Einschub ist in der Dialektkarte zum Appellativ Himmel (SDS II 1965: Karte 188) nicht (mehr) belegt. Damit scheinen die FamN Bombeli (Weiach ZH) und Rümbeli (Dübendorf, Volketswil, Wange ZH) ein (alt-)dialektales Merkmal zu konservieren, das ansonsten im Lexikon nicht mehr produktiv zu sein scheint. • Stalder (1819: 69) konstatiert zwar die Dissimilation von r zu l für sämtliche Dialekte der Deutschschweiz, dennoch wird in Ausdrücken mit zwei diskontinuierlich auftretenden r-Lauten der Übergang des ersten -rzu einem -lwie im Namen Malgiaritta (zu Margaretha) insbesondere für die Dialekte der Innerschweiz und der Ostschweiz dokumentiert (Streiff 1915: 104; Weber 1923: 152; Clauß 1929: 169; Hotzenköcherle 1934: 372; Wanner 1941: 158). Auch hier scheint ein regionales Merkmal vorzuliegen. • Gemäss Brandstetter (1892: 261-262) kommt in der Luzerner Kanzleisprache von 1250 bis 1600 nach einem i oder ei in Hiatstellung ein «Übergangslaut» vor, der seltener durch ein i und häufiger durch ein g bezeichnet wird, z. B. wiier vs. wiger. Folglich wäre das g im Namen Wüger womöglich nicht als Dissimilation im engeren Sinne zu werten, sondern als Hiatvermeidung in Form eines Konsonanteneinschubs. Bei den FamN Bamert, Bammert, Barmet war zunächst unklar, ob der Übergang von -w- > -mals antizipative (-nnw - > -mmw - > -mm-) oder perseverative Assimilation (-nnw - > -nnm- > -mm-) gewertet werden kann. Zwar ist sowohl mw > -m- (Enderlin 1911: 141; Clauß 1929: 168) als auch -nm- > -mm- (Schmid 1915: 251; Meinherz 1920: 162; Baumgartner 1922: 136; Weber 1923: 151; Henzen 1927: 175; Wanner 1941: 156) in den Deutschschweizer Dialekten im Lexikon grundsätzlich bezeugt, der letztere Typ überwiegt aber quantitativ. Dies kann als Indiz dafür gewertet werden, dass Typ Bamert als eine perseverative Assimilation einzuordnen wäre. Eine historische Sondierung stellt hier ein Forschungsdesiderat dar und könnte weitere gewinnbringende Erkenntnisse erzielen. Es ist jedoch nicht auszuschliessen, dass je nach Dialekt eine andere Art Assimilation gewirkt haben könnte. In der dritten Karte zeigt sich, dass die nd -Velarisierung, sofern sie überhaupt in FamN verschriftlicht wurde, hauptsächlich im Kanton Bern vorkommt. Dieser Befund gibt also keine neuen Hinweise für die Annahme, dass das Velarisierungsgebiet früher grösser war (Bruckner 1942: 41; Ramseyer 1990: 268-269; Kully 2009: 372), widerspricht ihr aber auch nicht: Das geringe Vorkommen könnte mit der eingangs geschilderten sozio-affektiven Bewertung dieses Merkmals in Geschichte und Gegenwart zusammenhängen, welche möglicherweise dessen schriftliche Fixierung in FamN vermindert hat. Die Schreibung -mbweist gemäss der vierten Karte einen arealen Schwerpunkt in den Kantonen Aargau und Basel-Landschaft auf. Dieser Befund lässt sich historisch wie folgt einordnen: Die Assimilation von -mbzu -m(m) beginnt zwar in mittelhochdeutscher Zeit, in frühneuhochdeutscher Zeit treten jedoch beide Schreibungen im Wechsel auf (vgl. Schmidt 2020: 426). Insbesondere für das südliche Oberdeutsche ist dabei «eine gewisse Häufung und längere Erhaltung des mb» zu konstatieren (Ebert et al. 1993: 87), allen voran für die Schweiz (vgl. Klappenbach 1944: 194-196). So steht gemäss Schmid (1953: 93) in der St. Galler Urkundensprache der zweiten Hälfte des 14. Jh. nach dem Buchstaben m «durchwegs» ein Buchstabe b in den Lemmata darumb ‘darum’, zimbermann ‘Zimmermann’, lember ‘Lämmer’ und weiteren. Bisweilen kann die Schreibung -mbsogar auch «eine mundartlich bedingte Aussprache» widerspiegeln (Schmidt 2020: 426). Mitte des 20. Jh. ist in den Dialekten der Deutschschweiz die Lautung [mb, m̄ b] im Lemma Chamme zu mhd. kamp ‘Kamm’ in den Kantonen Aargau, Basel-Landschaft und Zürich erhalten geblieben, im Lemma Zimmermann in den Kantonen Aargau und Zürich. Besonders bemerkenswert ist nun, dass in den FamN die Schreibung -mbin demjenigen Gebiet historisch beheimatet ist, in dem die Lautung [mb, m̄ b] in den Dialekten der Deutschschweiz Mitte des 20. Jh. in der Appellativik dokumentiert ist. Dieser Befund könnte folglich als Niederschlag eines dialektalen Lautungsmerkmals in der Schreibung der Namen gedeutet werden. Die FamN, die -kirch-/ -kilchenthalten, kommen gemäss der fünften Karte zu einem grossen Teil in der westlichen Deutschschweiz vor. Zwar ist -kirchin der Ostschweiz sechsmal bezeugt, was womöglich als früher schriftsprachlicher Einf luss gewertet werden könnte, aber damit bleibt das häufigere Vorkommen der r- Formen v. a. in den Kantonen Bern und Luzern unerklärt. Alternativ ist erwägbar, ob die räumliche Verteilung mit unterschiedlichen Schreibtraditionen in Zusammenhang steht. Die Verschriftlichung der FamN geht ins Mittelalter bzw. in die Frühe Neuzeit zurück, als im deutschsprachigen Raum verschiedene Schreibgewohnheiten galten, was zur Überlagerung verschiedener Schreibsysteme geführt haben könnte (vgl. Kully 2009: 367): So beobachtet Kully (2009: 367) bei Kompositumsbildungen, dass «das Grundwort meistens hochdeutsch und das Bestimmungswort vielfach mundartlich» geschrieben wird. 9 Diese Grundtendenz wird bei den Kompositumsbildungen mit -kilch-/ -kirchbestätigt. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Camenzind (2'167 Tokens), Hänggi (2'133 Tokens) und Münger (1'263 Tokens). Zur nd -Velarisierung in den Toponymen der Deutschschweiz s. Kilchmann (2022: 107-109) und zur nd-Velarisierung im OrtsneckN die vo hinge füüre ‘die von hinten hervor’ in Bezug auf Bewohner: innen der Region Laufental-Thierstein in der Nordwestschweiz s. Fiechter (2020). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 2 (2011: 787-797) wird die Varianz zwischen -n- und -ng in Patronymen und proklitischen Präpositionen dokumentiert, die in erster Linie auf der rheinischen Velarisierung -n- > -ng beruht. Zur Assimilation und zur Dissimilation in den Toponymen Badens s. Heilig (1901). 9 Vgl. dazu auch den Artikel II-2.18 «Komposita: Formvarianten im Kontrast». 2.2 Assimilationen und Dissimilationen 201 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="202"?> Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. 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Der Gegenstand ist im Kontext der Dialektgliederung des deutschsprachigen Raums relevant, da sich die alemannischen Mundarten der Schweiz im Gegensatz zum mittel- und niederdeutschen Sprachraum durch die Durchführung der zweiten Lautverschiebung an allen Positionen auszeichnen. Hintergrund: Die zweite oder hochdeutsche Lautverschiebung betrifft die beiden Plosivreihen p, t, k und b, d, g (SDS II 1965: Karten 177, 182, 183, 191; SDS VIII 1997: Karte 185; KSDS 2019: 15-17, 256-257; Schmidt 2020a: 65-67; Schmidt 2020b: 274-277; Braune/ Heidermanns 2023: 119-134). 2 Die Lautverschiebung wurde vor dem Einsetzen der schriftlichen Überlieferung des Althochdeutschen im 7./ 8. Jh. vollzogen und hat das gesamte hochdeutsche Sprachgebiet erfasst. Der niederdeutsche Sprachraum wie auch die anderen germanischen Sprachen (Dänisch, Englisch, Niederländisch usw.) sind davon nicht betroffen, entsprechend sind dort die germanischen Plosive erhalten geblieben wie in niederdt. Peper, Water/ Woter, Koken (vgl. DWN o. J.) oder engl. pepper, water, cake für nhd. Pfeffer, Wasser, Kuchen. Die Plosive b, d, g und deren Geminaten wurden im altbairischen und altalemannischen Sprachraum zwar zu p, t, k verschoben, seit dem 11. Jh. wurde diese Entwicklung für p und k jedoch wieder rückgängig gemacht. Erhalten hat sich aber die Verschiebung von t (germ. *daga- > ahd. tag) sowie die Verschiebung der Geminaten pp und kk (germ. *sebjō > ahd. sippa ‘Sippe’; germ. *hrugja- > ahd. rucki ‘Rücken’). In diesem Artikel werden nur die Ergebnisse der Tenuesverschiebung berücksichtigt. 3 Abhängig von der Position im Wort kam es bei den Plosiven p, t, k zu zwei Entwicklungen: 1. Die Verschiebung zu den Affrikaten pf , ts, kχ/ kh findet im Anlaut, in der Gemination sowie im In- und Auslaut nach den Konsonanten l, r, m, n statt. Diese Affrizierung ist im deutschsprachigen Raum nicht überall im gleichen Masse eingetreten: Die Verschiebung t > ts wie in germ. *tīði- > ahd. zīt ‘Zeit’ oder germ. *salta- > ahd. salz ist im gesamten hochdeutschen Sprachgebiet auszumachen. Die Verschiebung p > pf wie in westgerm. *plegan > ahd. phlegan ‘pf legen’ oder germ. *aplumit Gemination > ahd. aphul ‘Apfel’ ist im Oberdeutschen und im Ostfränkischen eingetreten. Die restlichen mitteldeutschen Gebiete haben p sowie die Geminate pp erhalten (z. B. Pund, Appel ). In den lautlichen Abfolgen lpf und rpf wird pf noch im 9. Jh. zu f weiterverschoben. Diese Entwicklung geht lexemgebunden vor sich: Während sie in den Lexemen dorf , helfan und werfan allgemein im Althochdeutschen auftritt, ist die Affrikate in harpfa ‘Harfe’, scarpf ‘scharf ’ und anderen bis ins Mittelhochdeutsche erhalten (Braune/ Heidermanns 2023: 123, 174). Der Wandel von k zu kχ/ kh ist nur im südlichen Teil des Oberdeutschen, konkret im Hochalemannischen und im Südbairischen, durchgeführt worden; im restlichen Teil des hochdeutschen Sprachraums bleibt k erhalten. Im Althochdeutschen stehen sich dadurch Formen mit und ohne Affrikate gegenüber: oberdt. chorn ‘Korn’, chind ‘Kind’, dec(c)han ‘decken’ vs. fränk. corn, kind, thecken (Braune/ Heidermanns 2023: 186-187). In den hochalemannischen Mundarten wurde die Affrikate kχ/ kh in einem zweiten Schritt zum Frikativ [χ] vereinfacht wie in Chind ‘Kind’, Chischte ‘Kiste’. 2. In postvokalischer Stellung wurden p, t, k zu langen Frikativen ff, ss, χχ verschoben, die im Auslaut wiederum vereinfacht wurden. Beispiele für Frikativierung sind westgerm. *skēpa- > ahd. scāf ‘Schaf ’, westgerm. *watar > ahd. waʒʒar ‘Wasser’ , germ. *kōka- > ahd. kuohho ‘Kuchen’. Bereits im Germanischen wurden diverse Lehnwörter aus dem lateinisch-griechischen Kulturraum übernommen, weshalb diese ebenfalls von der Lautverschiebung erfasst wurden. Sie erscheinen im Oberdeutschen mit Affrikate resp. Frikativ wie lat. piper > ahd. pheffur, pheffar ‘Pfeffer’, lat. (via) strāta > ahd. strāʒa ‘Strasse’ und spätgriech. kȳrikón > ahd. kirihha ‘Kirche’. Zum Eingang des Phänomens in die Schreibung der FamN bemerkt Kully (2009: 369-370): Eindeutig schweizerisch (aber auch tirolisch) ist lediglich die Verschiebung von germ. / k/ > / kx/ oder / x/ im Anlaut, wobei die Verschriftlichung [in den FamN] hinter der Mundart zurückbleibt: Man spricht 1 Germanische sowie lateinisch-griechische Etyma stammen hier und im Folgenden aus dem EtymWB (1993) sowie aus Kluge (2012). 2 Zum Komplex der zweiten Lautverschiebung (Datierung, zeitliche Staffelung, Lautwerte der Schriftzeichen usw.) sei generell auf die Darstellung in Braune/ Heidermanns (2023: 119-134) verwiesen. 3 Die in den FamN auftretenden Variationen zwischen Fortis- (p, t, k) und Lenis-Graphien (b, d, g) spiegeln nicht oder nicht ausschliesslich die Medienverschiebung, sondern (auch) andere Phänomene wie bspw. die Auslautverhärtung wider. Vgl. hierzu die Artikel I-2.5 «Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut», I-2.6 «Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut» und I-2.7 «Schreibvariation bei Plosiven im Auslaut». Die Entwicklung der stimmlosen Frikative germ. f , þ, h / χ wird im Allgemeinen nicht zur zweiten Lautverschiebung gezählt, vgl. dazu den Artikel I-2.4 «Variation ch / h für germ. χ». 204 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="205"?> zwar, außer im niederalemannischen Basel, Chaufme oder Kchaufme, Chooch oder Kchooch und Chooler oder Kchooler; aber man schreibt Kaufmann, Koch und Kohler. Im Inlaut kann die / k/ > / xː/ -Verschiebung verschriftlicht sein. Deshalb stehen nebeneinander Ackermann und Achermann, Amacker und Amacher ‘am Acker’ oder Stark und Starch. 4 In die neuhochdeutsche Standardsprache sind die Frikative f(f ), s(s), χ(χ), die in postvokalischer Stellung entstanden sind, und die Affrikaten pf und ts eingegangen, während die Affrikate kχ / kh und der daraus entstandene Frikativ χ lediglich dialektal oberdeutsch erhalten geblieben sind. Fragestellungen: Vor dem erläuterten Hintergrund sind folgende Fragen von Interesse: Wie werden in den FamN Ref lexe der zweiten Lautverschiebung graphisch wiedergegeben? Werden Schreibungen, die auf ein verschobenes k zurückgehen, standardnah mit <k> oder dialektnah mit <ch> geschrieben? Treten allenfalls lexemgebundene Schreibungen auf ? Die erste und die zweite Karte widmen sich der Verschiebung von p, die dritte und die vierte Karte derjenigen von t und die restlichen vier Karten schliesslich jener von k. Dabei wird jeweils die Position des Konsonanten im Wort berücksichtigt. 4 Zum letzten Namen muss allerdings bemerkt werden, dass er im e-FNB (1989) nicht gelistet ist. 2.3 Zweite Lautverschiebung: Tenuesverschiebung 205 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="206"?> Erste Karte {93}: Reflexe von p, pp als pf Namenauswahl: Es werden nachfolgend die im Abschnitt «Hintergrund» unter 1. beschriebenen Entwicklungen der Affrizierung dargestellt: Ausgewählt wurden einschlägige Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 5 die germ. p im Anlaut sowie nach den Sonant l, r, m, n und in der Gemination enthalten. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit p, pp als <pf>, vor 1800 u. Herkunft: Frischkopf , Gnepf , Güpfer, Hopf , Hopfengärtner, Imstepf , Kämpf , Kämpfen, Kämpfer, Kapfer, Karpf , Kempf , Kipfer, Klopfenstein, Klopfer, Klopfstein, Knopf , Knopfli, Knöpfli, Kopf , Köpfer, Krapf , Kropf , Kropfli, Kröpfli, Küpfer, Kupferschmid, Kupferschmied, Näpfer, Näpflin, Nepfer, Pfaff , Pfaffen, Pfaffhauser, Pfäffli, Pfammatter, Pfander, Pfändler, Pfannenschmid, Pfanner, Pfarrer, Pfau, Pfefferle, Pfefferlé, Pfefferli, Pfeifer, Pfeiffer, Pfenniger, Pfenninger, Pfiffer, Pfiffner, Pfirter, Pfister, Pfisterer, Pfleghard, Pfleghart, Pfluger, Pflüger, Pflugi, Pflugshaupt, Pfoster, Pfrunder, Pfründer, Pfund, Pfürter, Pfyffer, Pfyffer von Altishofen, Pfyl, Rumpf , Scharpf , Schlumpf , Schopfer, Schöpfer, Schrepfer, Schröpfer, Schürpf , Stampfler, Stampfli, Stämpfli, Stapfer, Stempfel, Stöpfer, Streipf , Stumpf , Stupf , Tapfert, Weisskopf , Wipf , Wipfli, Zopfi. 90 Types, 412 Tokens. Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 94: Daten zur ersten Karte {93} Detailangaben zur Namenauswahl: 6 In der etymologischen Datenbank (Stand 07.12.2023) liegen 39 Namen vor, die mit pf anlauten, und 73 mit in- oder auslautendem pf . Von der ersten Gruppe sind 34 und von der zweiten Gruppe 56 Namen einschlägige Fälle und daher in der Kartierung enthalten. Aufgrund unklarer Etymologie resp. Entwicklungen, die kein Ergebnis der zweiten Lautverschiebung sind, wurden folgende 22 Namen ausgeschlossen: Erpf , Gnöpff , Göpfert, Güpfert, Löpfe, Murpf , Pfäuti, Pfeuti, Pfosi, Pfulg, Rempfler, Rupf , Schlapfer, Schläpfer, Schlepfer, Schüpfer, Stüpfer, Topfel, Wampfler, Wapf , Wepf und Zwimpfer. Die den ausgewählten FamN zugrunde liegenden Lexeme gehen etymologisch oft auf ein lateinischgriechisches Lehnwort mit p zurück wie bspw. Pfaff (griech. papā´ s), Pfannen(schmid) (vulgärlat. panna), Pfeiffer zu pfeifen (lat. pīpāre) oder Pfründer (mittellat. provenda). Nach Sonant kommt p vor in Kempf zu Kampf (aus lat. campus ‘f laches Feld, Schlachtfeld’), Karte 93: Zweite Lautverschiebung p, pp als pf, vor 1800 u. Herkunft 5 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 6 Die etymologischen Angaben in diesem Artikel beruhen auf dem EtymWB (1993) sowie Kluge (2012) und verstehen sich als Kurzfassung. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 206 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="207"?> geminiertes pp liegt vor in Kopf (spätlat. cuppa ‘Becher’). Ausgeschlossen wurden die Fälle, in denen sich pf nach l und r zu f weiterentwickelt hat wie in Namen mit Dorf ; diese werden in der zweiten Karte berücksichtigt. Die Namenauswahl umfasst ÜberN (Frischkopf , Pfaff ), BerufsN (Pfenninger, Pfister), BerufsüberN (Pfefferli), WohnstättenN (Imstepf ) und HerkunftsN (Pfaffhauser). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die sich aber einem einschlägigen Etymon resp. Etyma mit vorahd. *p zuordnen lassen wie Kipfer, Pfammatter, Pfändler, Pfoster oder Wipf . Kommentar: Die erste Karte zeigt das zu erwartende Bild: Verschobene Formen sind in der ganzen deutschsprachigen Schweiz verbreitet. Einzelne Belege sind aufgrund von Migration vor 1800 auch in den französischsprachigen Gebieten zu finden, darunter z. B. Pflüger (1792 in Aubonne VD aus Deutschland eingebürgert) oder Pfammatter in Vétroz (VS) und Conthey (VS). Streubelege wie Pfister in Schlans (GR) finden sich auch in der rätoromanischen Schweiz. Zweite Karte {94}: Reflexe von p als ff, f Namenauswahl: Es werden nachfolgend die im Abschnitt «Hintergrund» unter 2. beschriebenen Entwicklungen der Frikativierung dargestellt: Ausgewählt wurden einschlägige Fälle aus den Schichten vor «1800» und «Herkunft», die die Entwicklung von inlautendem p nach Vokal dokumentieren. Die Thematik erlaubt es nicht, ein systematisches Sample zu erheben, da nicht alle Namen mit f(f )- Schreibung überprüft werden können. Daher werden der Karte Beispiele aus der Literatur und eigenen Arbeiten am Datenmaterial zugrunde gelegt, die eine repräsentative Verteilung in der deutschsprachigen Schweiz erwarten lassen. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit p als <ff>, <f>, vor 1800 u. Herkunft: Altorfer, Bergdorf , Blickenstorfer, Bliggensdorfer, Bliggenstorfer, Blikisdorf , Bubendorf , Burgdorfer, Buxtorf , Dübendorfer, Filistorf , Gebistorf , Helfer, Imdorf , Imoberdorf , Kauf , Kaufle, Kauflin, Kaufmann, Kiefer, Kieffer, Küffer, Liggenstorfer, Litzistorf , Löffel, Lutstorf , Oberteufer, Oberteuffer, Pfaff , Pfaffen, Pfaffhauser, Pfefferle, Pfefferlé, Pfefferli, Pfeifer, Pfeiffer, Pfiffer, Pfiffner, Pfyffer, Rordorf , Schaefer, Schäfer, Schäffeler, Schaffer, Schäffer, Schaffert, Schafflützel, Schaffner, Schäfler, Schäfli, Schafroth, Schefer, Scheffmacher, Schelldorfer, Scheltorfer, Schiffmann, Streiff , Tiefenauer, Tiefenbach, Tiefenthal, Tieffenbach, Werfeli, Werffeli, Winistörfer, Wynistorf . 65 Types, 306 Tokens. Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 95: Daten zur zweiten Karte {94} Karte 94: Zweite Lautverschiebung p als ff, f, vor 1800 u. Herkunft 2.3 Zweite Lautverschiebung: Tenuesverschiebung 207 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="208"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Die ausgewählten Namen enthalten folgende Etyma: kauf - (westgerm. *kaupan- < lat. caupo), Küfer (lat. cūpārius), Lauf - (germ. *hlaup-a-), Löffel (germ. *lapila-), Pfaff (griech. papā´ s), Pfeife (lat. pīpāre), Schaf (westgerm. *skēpa-), schaffen (vgl. got. gaskapjan), Schiff- (germ. *skipa-), Streif (vgl. mittelniederdt. strīpe), tief (germ. *deupa-) und werfen (germ. *hwerpan). Von der Weiterentwicklung des pf nach l und r zu f sind Helfer (germ. *help-a-), Namen mit Dorf (germ. *þurpa-) und Werf(f )eli (germ. *hwerpan) betroffen. Die Namenauswahl umfasst ÜberN (Pfaff , Schafflützel, Schafroth), BerufsN (Kaufmann, Sch(a)efer, Schaffer(t)), BerufsüberN (Pfefferli, Pfefferle), WohnstättenN (Tiefenauer, Tief(f )enbach, Tiefenthal ) und HerkunftsN (Pfaffhauser). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die sich aber einem einschlägigen Etymon resp. Etyma mit germ. *p zuordnen lassen wie Namen mit -dorf(er) / -torf(er), Oberteuf(f )er oder Werf(f )eli. Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass verschobene Formen in der ganzen deutschsprachigen Schweiz verbreitet sind. Einzelne Belege sind aufgrund von Migration vor 1800 auch in den französischsprachigen Gebieten zu finden, bspw. Kaufmann in Jogny (VD) oder Pfyffer in Vuisternens-en-Ogoz (FR). Die Lücke in Uri, Nidwalden und Obwalden erklärt sich mit dem Fehlen der oben genannten Lemmata in den Regionen. Es sind in diesen Kantonen auch keine anderen einschlägigen FamN mit inlautendem p vorhanden. Dritte Karte {95}: Reflexe von t, tt als ts Namenauswahl: Es werden nachfolgend die im Abschnitt «Hintergrund» unter 1. beschriebenen Entwicklungen der Affrizierung dargestellt: Ausgewählt wurden einschlägige Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die germ. t oder lat. t im Anlaut sowie nach Sonant und in der Gemination enthalten. Die Thematik erlaubt es nicht, ein systematisches Sample zu erheben, da nicht alle Namen mit Z-Schreibung überprüft werden können. Daher werden dem Artikel Beispiele aus der Literatur und eigenen Arbeiten am Datenmaterial zugrunde gelegt, die eine repräsentative Verteilung in der deutschsprachigen Schweiz erwarten lassen. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit t, tt als <ts>, vor 1800 u. Herkunft: Banholzer, Bannholzer, Bietenholz, Bruholz, Brunisholz, Brünisholz, Buholzer, Dürholz, Ehrliholzer, Eichholzer, Eiholzer, Eyholzer, Freiholz, Frischherz, Fürholz, Grossholz, Grunholzer, Gutherz, Herzog, Imholz, Jungholz, Kestenholz, Kielholz, Kienholz, Mittelholzer, Nabholz, Oberholzer, Rusterholz, Salzgeber, Salzmann, Scheinholzer, Schindelholz, Schönholzer, Schütz, Seeholzer, Uffholz, Ufholz, Unholz, von Ziegler, Zahn, Zahnd, Zahner, Zeender, Zehender, Zehnder, Zehndler, Zehner, Zehntner, Zender, Ziegler, Zimmer, Zimmerli, Zimmerlin, Zimmermann, Zingg, Zoller, Zuber, Zuberer, Zubler, Zübli, Züblin, Zürcher, Zurich, Züricher, Zürrer, Zweifel. 66 Types, 520 Tokens. Karte 95: Zweite Lautverschiebung t, tt als ts, vor 1800 u. Herkunft 208 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="209"?> Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 96: Daten zur dritten Karte {95} Detailangaben zur Namenauswahl: Etymologisch gehen die den ausgewählten FamN zugrunde liegenden Lexeme mit ts im Anlaut auf folgende Lexeme zurück: Zahn (germ. *tanþ-), zanken (ahd. zi-zanihhōn ‘zerreissen’, eine Ableitung von Zahn), zehn (germ. *tehun), Ziegel (lat. tēgula), Zimmer (germ. *timbra-), Zink (germ. *tindkō), Zoll (vulgärlat. tolōnēum), Zuben (lat. tubus), Zuber (germ. *twaina), Zürich (Turīcon, latinisiert Turīcum) und Zweifel (germ. *tweifla-). Ebenfalls Verschiebung im Anlaut, allerdings im zweiten Teil eines Kompositums, zeigt Herzog (germ. *harja-tug(ōn) ‘Heerführer’, asächs. heritogo). Namen basierend auf den Lexemen Herz (germ. *hertan-), Holz (germ. *hulta-), Salz (germ. *salta-) sowie Schütz (germ. *skutjan) zeigen hingegen die Verschiebung von t nach Sonant oder in der Gemination. Nicht berücksichtigt wurden Ableitungen mit dem z-Suffix wie Dönz, Fritz oder Heinz, Salzi (TI) mit unklarer Etymologie sowie die Namengruppe mit angetretener Präposition zu (ze, zen, zum, zur), da letztere im Artikel II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu» gesondert dargestellt wird. Die Namenauswahl umfasst ÜberN (Zahn(d), Zahner, Zingg), BerufsüberN (Schindelholz, Zimmer), BerufsN (Ze(h)ender, Zehnd(l)er, Ziegler, Zoller), WohnstättenN (Ban(n)holzer, Bietenholz, Bruholz) und HerkunftsN (Kestenholz, Oberholzer). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die sich aber einem einschlägigen Etymon resp. Etyma mit germ. *t zuordnen lassen (Brunisholz, Brünisholz, Unholz, Zuber(er), Zubler). Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass verschobene Formen in der ganzen deutschsprachigen Schweiz verbreitet sind. Einzelne Belege können auch in der französisch- und rätoromanischsprachigen Schweiz ausgemacht werden. Dafür ist mehrheitlich Migration vor 1800 verantwortlich wie beim Namen Zuberer, dessen Namenträger: innen 1778 in Duillier (VD) aus Deutschland kommend eingebürgert wurden. Vierte Karte {96}: Reflexe von t als ss Namenauswahl: Es werden nachfolgend die im Abschnitt «Hintergrund» unter 2. beschriebenen Entwicklungen der Frikativierung dargestellt: Ausgewählt wurden in der Datenbank enthaltene einschlägige Fälle aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die die Entwicklung von inlautendem t nach Vokal dokumentieren. Die Thematik erlaubt es nicht, ein systematisches Sample zu erheben, da nicht alle Namen mit ss-Schreibung überprüft werden können. Daher werden dem Artikel Beispiele aus der Literatur und eigenen Arbeiten am Datenmaterial zugrunde gelegt, die eine repräsentative Verteilung in der deutschsprachigen Schweiz erwarten lassen. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Karte 96: Zweite Lautverschiebung t als ss, vor 1800 u. Herkunft 2.3 Zweite Lautverschiebung: Tenuesverschiebung 209 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="210"?> Abgefragte Namen FamN mit t als <ss>, vor 1800 u. Herkunft: Fassbind, Fasser, Fassmeier, Fues, Fuess, Fuss, Gross, Grossen, Grossenbacher, Grossert, Grossglauser, Grossheutschi, Grossholz, Grossmann, Grossniklaus, Grossrieder, Grosswiler, Hochstrasser, Schiesser, Strasser, Strassmann, Wasser, Wasserfallen, Wassermann, Wassmer, Weisflog, Weishaupt, Weiss, Weissbaum, Weissbrodt, Weissen, Weissenbach, Weissenberger, Weissenburger, Weisser, Weisshaupt, Weisskopf , Weissmann, Weissmuller, Weissmüller, Weisstanner, Wyss, Wyssbrod, Wyss-Chodat, Wysseier, Wyssen, Wyssenbach, Wysseyer, Wysshaar, Wysshaupt, Wyssling, Wyssmann, Wyssmüller. 53 Types, 327 Tokens. Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 97: Daten zur vierten Karte {96} Detailangaben zur Namenauswahl: Etymologisch gehören die ausgewählten Namen zu folgenden Lexemen: Fass (germ. *fata-), Fuss (germ. *fōtu-), gross (germ. *grauta-), Kessel (lat. catillus), schiessen (germ. *skeutan), Strasse (lat. (via) strāta), Wasser (germ. *watr-) und weiss (germ. *hwīta-). Ausgeschlossen wurden Namen mit Grossin der französisch-, italienisch- und rätoromanischsprachigen Schweiz wie Gross (GR, VD, VS), Grosset, Grossi, Grossini, Grosselique, Grosselin, da sie auf lat. crassus ‘dick, fett’ zurückgehen (FEW 2 1928 ff.: 1277; RNB 3 1986: 787; Morlet 1997: 482-483). Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Grossglauser, Grossheutschi), ÜberN (Weiss, Weisshaupt), BerufsüberN (Wyssbrod ), BerufsN (Fasser, Fassbind ), WohnstättenN (Wasserfallen, Weissenburger, Weisstanner) und HerkunftsN (Grosswiler, Weissenburger). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv wie Grossrieder, Wysseier, Wyssenbach, Wyssmüller, die sich aber einem einschlägigen Etymon resp. Etyma mit germ. *t zuordnen lassen. Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass verschobene Formen in der ganzen deutschsprachigen Schweiz verbreitet sind. Wenn Namen auch in der Romandie vorkommen, sind sie durch Migration vor 1800 zu erklären, wie Weiss in Genf (GE). Die Ortspunkte in Graubünden entfallen auf vornehmlich deutschsprachige Ortschaften resp. solche, die im 14. Jh. durch Walseransiedlung germanisiert wurden, wie Wyss in Furna (e-HLS 2006: s. v. Furna) und Jenaz, Weisstanner in Nufenen oder Wyss in Mutten, aber auch Fasser in Müstair. Fünfte, sechste und siebte Karte {97, 98, 99}: Reflexe von k im Anlaut Namenauswahl: Ausgewählt wurden einschlägige Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die germ. k im Anlaut enthalten. Die Thematik erlaubt es nicht, ein systematisches Sample zu erheben, da nicht alle Namen mit K-Anlaut (= 483 Types) überprüft werden können. Deshalb wurden jene FamN ausgewählt, die in der Schicht «vor 1800» in drei oder mehr Kantonen vorkommen und daher für die Abdeckung der deutschsprachigen Schweiz besonders relevant erscheinen. Demgegenüber wurden alle Namen berücksichtigt, bei denen der Anlaut mit Ch-Graphie geschrieben wird. Während die fünfte und die sechste Karte K bzw. Ch im Anlaut je einzeln abbilden, zeigt die siebte Karte das kontrastive Bild. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit k als <k>, vor 1800 u. Herkunft: Käch, Kägi, Kaiser, Kämpf , Kappeler, Käppeli, Karlen, Karrer, Kaser, Käser, Kaspar, Kasper, Kasteler, Kästli, Kaufmann, Keiser, Keller, Kempf , Kern, Kessler, Kiener, Kilcher, Kirchhofer, Kistler, Klare, Klaus, Klauser, Kleeb, Klein, Kleiner, Klinger, Klingler, Kluser, Knaus, Knecht, Knupp, Knüsel, Kobel, Koch, Kocher, Köchli, Kohler, Kolb, Koller, Kölliker, König, Konrad, Köpfli, Kopp, Kraft, Kramer, Krattiger, Krauer, Krebs, Kretz, Kreuzer, Krucker, Krüsi, Kübler, Küchler, Kuhn, Kummer, Kümmerli, Kündig, Küng, Kunz, Künzler, Künzli, Küpfer, Kupper, Kurz, Kuster. 72 Types, 1'447 Tokens. Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 98: Daten zur fünften Karte {97} Abgefragte Namen Cherno: 1 Token. Typ Christ: Christ, Christeler, Christeller, Christen, Christig, Christiner, Christinger, Christmann, Christoff . 9 Types, 75 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-25, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 99: Daten zur sechsten Karte {98} Abgefragte Namen FamN mit k als <k>: Käch, Kägi, Kaiser, Kämpf , Kappeler, Käppeli, Karlen, Karrer, Kaser, Käser, Kaspar, Kasper, Kasteler, Kästli, Kaufmann, Keiser, Keller, Kempf , Kern, Kessler, Kiener, Kilcher, Kirchhofer, Kistler, Klare, Klaus, Klauser, Kleeb, Klein, Kleiner, Klinger, Klingler, Kluser, Knaus, Knecht, Knupp, Knüsel, Kobel, Koch, Kocher, Köchli, Kohler, Kolb, Koller, Kölliker, König, Konrad, Köpfli, Kopp, Kraft, Kramer, Krattiger, Krauer, Krebs, Kretz, Kreuzer, Krucker, Krüsi, Kübler, Küchler, Kuhn, Kummer, Kümmerli, Kündig, Küng, Kunz, Künzler, Künzli, Küpfer, Kupper, Kurz, Kuster. 72 Types, 1'447 Tokens. FamN mit k als <ch>: Cherno, Christ, Christeler, Christeller, Christen, Christig, Christiner, Christinger, Christmann, Christoff . 10 Types, 76 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 100: Daten zur siebten Karte {99} Detailangaben zur Namenauswahl: Die den ausgewählten FamN zugrunde liegenden Lexeme gehen entweder auf ein lateinischgriechisches Lehnwort zurück wie Kaiser (lat. Caesar), Käser (lat. cāseus ‘Käse’), Kirch- (spätgriech. kȳrikón ( κυρικόν ) ‘Gotteshaus’) oder Koch (lat. cocus ‘Koch’). In manchen Fällen liegen auch germanische Erbwörter vor wie vordt. *kleng-a- ‘klingen’ in Klinger, Klingler oder westgerm. *knehta- ‘Jüngling’ in Knecht. Die Namengruppe Christgeht etymologisch wie das Appellativ Christ auf lat. Chrīstus ‘zu Christus gehörend; Anhänger Christi’ zurück. Der zugehörige Ruf N wird in den schweizerdeutschen Mundarten mit Frikativ ausgesprochen, vgl. etwa bei Baumgartner (1922: 33) für 210 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="211"?> Karte 97: Zweite Lautverschiebung k als K im Anlaut, vor 1800 u. Herkunft Karte 98: Zweite Lautverschiebung k als Ch im Anlaut, vor 1800 u. Herkunft 2.3 Zweite Lautverschiebung: Tenuesverschiebung 211 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="212"?> das Berner Seeland «xrıštə Christian», bei Brun (1918: 28) für Obersaxen (GR) «xrištıā Christian» oder Clauß (1929: 44) für Uri «xrıšt Christ». Die Aussprache folgt somit jener von germ. k im Anlaut. Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Christen, Karlen), ÜberN (Kraft, Kolb), BerufsN (Kessler, Kiener), WohnstättenN (Kirchhofer, Kreuzer) und HerkunftsN (Kappeler, Krattiger). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die sich aber einem einschlägigen Etymon resp. Etyma mit k zuordnen lassen wie Kern (germ. *kurna-) oder Krebs (lat. carabus ‘Meerkrebs’). Kommentar: Die fünfte Karte zeigt, dass die K-Schreibung im Anlaut den Normalfall darstellt und in der gesamten deutschsprachigen Schweiz zu finden ist, mit Streubelegen in den nicht-deutschsprachigen Landesteilen wie Keller in Buseno (GR) oder Kohler in Pizy (VD). Das Kartenbild entspricht somit den Kartenbildern zu den anderen verschobenen Konsonanten, wobei aber bei k gerade die Schreibung vorherrscht, die keine Verschiebung erkennen lässt. Aufgrund der beschriebenen dialektalen Verhältnisse wären Graphien mit <Ch> erwartbar. Einziges Beispiel für germ. *k als <Ch> im Anlaut ist der FamN Cherno in Dornach (SO), ein etymologisches Pendant zu Kern. Die sechste Karte ist diesem Namen sowie denjenigen FamN gewidmet, die auf den Ruf N Christian zurückgehen. Diese Namengruppe zeigt durchgehend Ch-Graphie im Anlaut. Die Karte weist aus, dass diese FamN v. a. im Westen der deutschsprachigen Schweiz auftreten. Christen ist hierbei der FamN mit der höchsten Tokenfrequenz: 51 der 76 Tokens entfallen auf ihn. Er bildet ein Zentrum im nördlichen Teil des Kantons Bern (zwischen Wynau und Lützelf lüh) und zeigt daneben ein verdichtetes Auftreten im südlichen Teil des Kantons Aargau und am Südufer des Vierwaldstättersees in Nidwalden. Daneben sind weitere FamN mit Christvom Berner Oberland über das Wallis und Graubünden bis nach Raperswilen (TG) und Kaiserstuhl (AG) vorhanden. Die siebte Karte zeigt abschliessend das Verhältnis von K- und Ch-, wobei deutlich wird, dass Chim Anlaut verglichen mit K-Schreibung kaum in Erscheinung tritt. Karte 99: Zweite Lautverschiebung k im Anlaut kontrastiv, vor 1800 u. Herkunft 212 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="213"?> Achte Karte {100}: Reflexe von k als ch und ck, k Namenauswahl: Ausgewählt wurden diejenigen Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die germ. k oder lat.-griech. k im Inlaut enthalten und in der Schreibung Variation zwischen <ch> und <ck>, <k> zeigen. Diese Schreibung ist insofern interessant, als sie die mundartliche Realisierung von germ. k als Frikativ χ (Frikativierung) wiedergibt. Abgefragte Namen FamN mit k als <ch>: Achermann, Amacher, Bircher, Birchler, Birchmeier, Dalcher, Dannacher, Eyacher, Hofacher, Kalchofner, Krummenacher, Lengacher, Limacher, Rossacher, Rothacher, Steinacher, Sterchi, Schalch, Schälchli, Schälchlin, Walcher, Zweiacher. 22 Types, 96 Tokens. FamN mit k als <ck>, <k>: Ackermann, Akermann, Amacker, Bleiker, Hofacker, Sterki, Schälkli, Schälklin, Walker, Zweiacker. 10 Types, 78 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 101: Daten zur achten Karte {100} Detailangaben zur Namenauswahl: Die lautliche Entwicklung der kartierten Namen soll an dieser Stelle genauer diskutiert werden, da hier verschiedene Ausgangsverhältnisse anzusetzen sind: Die Verschiebung von k zu χ im Inlaut betrifft Namen mit dem Lexem Acker, für das gemäss Braune/ Heidermanns (2023: 137) von zwei Vorformen ausgegangen werden muss. Eine Form zeigt die westgermanische Gemination und beruht auf vorahd. *akr- > got. akrs, ahd. ackar, die andere zeigt keine Gemination und basiert auf vorahd. *akar > ahd. achar. Es sind also lautgesetzlich zwei verschiedene Formen zu erwarten: mit Affrikate und mit Frikativ. In weiterer Folge wird in diesem Fall zugunsten der geminierten Formen ausgeglichen (Braune/ Heidermanns 2023: 137). Ähnlich gelagert ist der Fall bei den FamN Bleiker und Bleichenbacher, Bleichmann: Auch hier werden zwei Vorformen angesetzt: zum einen germ. *blaikkjan, das die Form bleicke ergibt, zum anderen germ. *blaikjan mit einfachem oder vereinfachtem k, das zu bleiche wird (Id. 5 1881 ff.: Sp. 59). Bei Acher und Bleiche ist ergo nicht zu entscheiden, ob hier Formen aus der Frikativk > χ oder aus der Affrikatenverschiebung kk > kx > χ vorliegen, da letztere im Alemannischen ebenfalls zum Frikativ weiterentwickelt werden. In den historischen Schreibungen der Namen überlagern sich die entstandenen Varianten, was sich bspw. für Bleiche wie folgt belegen lässt: bleichin, blachinen; bleicke, Bleickenen (Id. 5 1881 ff.: Sp. 60). Ähnliches zeigt sich bei der Wiedergabe in ÖrtlichkeitsN, denn auch hier variiert die Wiedergabe zwischen Bleiki, Bleike und Bleiche (Id. 5 1881 ff.: Sp. 60). Bei den anderen Namen liegen etymologisch Formen vor, die die dialektale Affrikatenverschiebung nach Konsonant mit Verein- Karte 100: Zweite Lautverschiebung k als ch und ck, k im Inlaut, vor 1800 u. Herkunft 2.3 Zweite Lautverschiebung: Tenuesverschiebung 213 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="214"?> fachung k > kχ / kh > χ (verschriftet als <ch>) zeigen. In der Standardsprache haben diese Lexeme aber den Plosiv k bewahrt: Birke (germ. *berk-jo, berkō), Kalk (lat. calx, calcis), stark (germ. *starka-), Schalk (germ. *skalka-) und walken (westgerm. *walk-a-). Es werden also die im Abschnitt «Hintergrund» unter 1. beschriebenen Entwicklungen in der Gemination sowie im In- und Auslaut nach Sonanten dargestellt. Das Paar Rykart - Richard wurde nicht berücksichtigt, da nicht ausgeschlossen werden kann, dass es sich bei Rykart um eine französische oder italienische Form handelt (Morlet 1997: 851). 7 Aufgrund unklarer Etymologie wurden Dubach - Duback sowie Andacher nicht aufgenommen. Die Namenauswahl umfasst ÜberN (Schälchli/ Schälkli, Sterchi/ Sterki), BerufsN (Achermann / Ackermann) und WohnstättenN (Hofacher / Hofacker, Limacher). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv (Zweiacher/ Zweiacker). Kommentar: Die achte Karte zeigt, dass Namen, die Ref lexe des dialektalen Frikativs zeigen, mehrheitlich in der Zentralschweiz sowie im westlich angrenzenden Kanton Bern vorkommen. Das Gebiet reicht vom Berner Oberland nördlich bis nach Oftringen (AG). Diese Ballung geht v. a. auf FamN zum Lexem Acker zurück. Daneben sind ch-Namen vereinzelt auch in anderen Regionen vertreten wie am unteren Zürichsee in Schwyz, im Prättigau (GR) oder in der Nordwestschweiz von Therwil (BL) bis nach Nussbaumen (AG). Die FamN mit (c)k-Graphien finden sich um das ch-Gebiet angeordnet sehr kompakt im Kanton Uri sowie verdichtet in der Nordostschweiz, v. a. südlich des Bodensees. Ergebnisse Die Karten zeigen Raumbilder von FamN, die die Ergebnisse der zweiten Lautverschiebung enthalten und in den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» bezeugt sind. Die Familiennamenräume spiegeln die zu erwartenden Verteilungen wider: Graphische Ref lexe der Verschiebung von p und t treten in der ganzen Deutschschweiz auf; deren Vorkommen in den nicht-deutschsprachigen Gebieten ist auf Migration vor 1800 zurückzuführen. Für das Ergebnis der Affrikatenverschiebung haben sich beim zugrunde liegenden p und t die Graphien <pf> bzw. <z>, <tz> etabliert, für die Resultate der Frikativverschiebung <f>, <ff> bzw. <ss>. 8 Demgegenüber gibt es in den FamN wenige graphische Ref lexe der Verschiebung von kχ / kh zu χ. Anlautendes <Ch> hat lediglich im FamN Cherno überlebt. Dieser Befund passt zur Aussage Ramseyers (1995: 167), der die Schriftsprachentwicklung der Berner Kanzleien hin zu einer überregionalen, eidgenössischen Schreibsprache diskutiert: Zu Beginn des 16. Jahrhunderts ist dieser Ausgleich weit fortgeschritten. Dadurch entfernt sich die Kanzleisprache von den vielen Mundarten. Erwähnt sei nur besonders Ohrenfälliges: Sie verlässt hochalemannisches Chim Anlaut und schreibt Kasten, Kerze, Cünj, er kompt. Ramseyer (1997: 212) erläutert den Punkt zusätzlich bei der Diskussion der Notationen des Kanzleischreibers Johannes Bletz: «Bletz schwankt bloß zwischen der von den Bauern gesprochenen hochalemannischen gutturalen Spirans und den Weisungen der Berner Kanzlei, sie durch den Verschlußlaut Kzu ersetzen». Diese Anpassung ist ein Beispiel dafür, dass Schreibungen auf der Grundlage von Schreibvorlagen der Kanzleien - Ramseyer (1995: 167) nennt Musterurkunden und Kanzleibüchlein - systematisch ersetzt bzw. gemieden wurden. Wie das Zitat von Ramseyer (1997: 212) im Verbund mit den vorliegenden Ergebnissen vermuten lässt, wurde wohl nicht nur in Bern, sondern auch in den anderen Kanzleien die Graphie <ch> durch <c>, <k> oder <ck> ersetzt. Auch das initiale Graphem <C>, das gleichwertig zu den K-Graphien für den Verschlusslaut verwendet wurde (Ramseyer 1995: 169), wird in den Schreibungen nach dem 16. Jh. kaum noch eingesetzt. Die C-Schreibung ist in den FamN der deutschsprachigen Schweiz vor 1800 v. a. auf Patronyme beschränkt wie Carlen (VS), Cathry (UR), Caspar (AG, SG), Clemenz (VS) oder Conrad (AG, BE, GR). Die Schreibung bei Christist im deutschsprachigen Raum generell <Ch> und nicht <K>; vgl. auch Christ im Id. 3 (1881 ff.: Sp. 867). Bis um 1500 wird in lateinisch-griechischen Lehnwörtern wie Christ, Chor, Chronik der Anlaut aber häufiger mit <K> wiedergegeben, danach setzt sich «unter gelehrtem Einf luß» <Ch> als Regelschreibung durch (Ebert et al. 1993: 101). Im DFD (2024: s. v. Kristian) wird die k-Schreibung im FamN Kristian mit slawischer Herkunft (Russlanddeutsche, Zuzug Tschechien, Slowakei) erklärt. Es liegt hier also eine lexemgebundene Sondergraphie vor. In der mündlichen Realisierung der Namen wird das diglossische Verhältnis hingegen wieder fassbar, wie es auch Kully (2009: 370) beschreibt: «Man spricht zwar, außer im niederalemannischen Basel, Chaufme oder Kchaufme, Chooch oder Kchooch und Chooler oder Kchooler; aber man schreibt Kaufmann, Koch und Kohler». 9 Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Zimmermann (13'022 Tokens), Wyss (12'265 Tokens) und Kaufmann (9'806 Tokens). Sie gehören allesamt zu den häufigsten FamN der Schweiz überhaupt; vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Lehnwörter, die nach der zweiten Lautverschiebung übernommen wurden, wie Sut(t)er zu lat. sūtor, ahd. sūtari (Id. 7 1881 ff.: Sp. 1477), zeigen kein Ergebnis der zweiten Lautverschiebung im Konsonantismus. Ein Namenpaar, das Varianz t / ts zeigt, aber kein Ergebnis der zweiten Lautverschiebung darstellt, sind die FamN Schwitter und Schwyzer mit ihren Varianten. Etymologisch gehen beide auf das Toponym Schwyz zurück: Während Schwitter die ältere Namenform Suittes fortführt und bis ins 16. Jh. die Bezeichnung für eine Person aus Schwyz ist, ist Schwyz eine jüngere Form. Es sei auf die ausführlichen Belegreihen und die Diskussion der Etymologie von Schwyz im SZNB 2 (2012: 402-408) sowie im LSG (2005: 819-820) hingewiesen; zum Appellativ vgl. Id. 9 (1881 ff.: Sp. 2266-2273). Die Lautfolge ts ist in diesem Namen durch Synkope entstanden: Suittes > Suits, Swiz. Der FamN Twerenbold ist keine unverschobene Form, sondern geht auf germ. *þwerha-, ahd. thwerah, mhd. twer, dwer ‘auf die Seite gerichtet, verkehrt, schräg, quer’, schwzdt. twerch ‘quer, schief, schräg’ zurück (Id. 14 1881 ff.: Sp. 1825). Die Entwicklung zu zw - 7 Vgl. auch familiennamen.ch (o. J.: s. v. Rykart). 8 Ph-Graphien kommen in der Deutschschweiz nicht für verschobenes p vor, sondern sind beschränkt auf Patronyme zum Ruf N Philipp. 9 Vgl. dazu auch die Studie von Christen (2006). 214 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="215"?> im Anlaut (vgl. Zwerchfell ) ist jünger und «zeigt sich zuerst, wenn auch nur selten in alem. Quellen des 13. Jh.s» (Paul et al. 2007: 167). In 31 FamN der Schicht «vor 1800» tritt auslautend pp auf wie bspw. in Bopp, Hepp, Lipp oder Rapp. Hier handelt es sich nicht um unverschobene Formen; die (Doppel-)Konsonanz lässt sich jeweils anders erklären: In einigen Fällen liegt expressive Gemination (Braune/ Heidermanns 2023: 136) vor, wie sie in Kurzformen zu althochdeutschen Ruf N wie in Bopp, Hepp nicht selten ist (Kunze 2004: 21). Rapp geht auf ahd. (h)rappo, einer Nebenform von ahd. (h)rabo ‘Rabe’ zurück. Der Konsonantismus kann auch aus der lateinisch-griechischen Vorform erklärt werden wie in Lipp als Kurzform aus dem Ruf N Philipp. Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 2 (2011: 44-95) wird die Varianz von p / pf / f(f ) in fünf Unterkapiteln behandelt, wobei für Deutschland aufgrund der dialektgeographischen Gliederung i. d. R. auch nicht- oder teilverschobene Namenvarianten existieren wie Hoppe vs. Hopf in Karte 22 (DFA 2 2011: 44) oder Pape / Paffe vs. Pfaffe in Karte 34 (DFA 2 2011: 72). Ähnliches gilt für t/ z im Anlaut (DFA 2 2011: 404-413) sowie die Geminatenverschiebung (DFA 2 2011: 414-421). Die nicht- oder teilverschobenen Namen finden sich vornehmlich im mittel- und niederdeutschen Sprachraum. Als etymologische Vergleichsfälle zum hier behandelten Material seien beispielhaft Namen mit germ. t genannt: Strasse (DFA 2 2011: 438-447), gross (DFA 2 2011: 448-457), weiss (DFA 2 2011: 458-469). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. 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RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Schmidt, Wilhelm (2020a): Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium. Teil 1: Einführung, Vorgeschichte und Geschichte. 12., verbesserte und erweiterte Auf lage. Stuttgart: Hirzel. Schmidt, Wilhelm (2020b): Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium. Teil 2: Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Frühneuhochdeutsch. 12., verbesserte und erweiterte Auf lage. Stuttgart: Hirzel. SDS II = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1965): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. II: Lautgeographie II: Vokalquantität - Konsonantismus. Bern: Francke. SDS VIII = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1997): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. VIII: Wortgeographie V: Haustiere - Wald- und Landwirtschaft. Basel: Francke. SZNB = Weibel, Viktor/ Hug, Albert (2012): Schwyzer Namenbuch. Die Orts- und Flurnamen des Kantons Schwyz. 6 Bde. Schwyz: Triner. Simone Berchtold 216 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="217"?> 2.4 Variation ch/ h für germ. χ Schlagwörter: Frikativ, Guttural, Spirantenschwächung Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel untersucht die Varianz zwischen <ch> und <h>, wo diese auf germ. / χ/ ([x]/ [χ]/ [h]) zurückgehen (z. B. Lechmann - Lehmann). Dies ist die einzige Alternanz in den Deutschschweizer FamN, die aus den Entwicklungen der germanischen Frikativreihe / f, þ, χ/ 1 resultiert. Obschon nicht direkt Ergebnis der zweiten Lautverschiebung, ist das Phänomen mit ihr in Zusammenhang zu betrachten, da es ebenfalls das (vor-)althochdeutsche Obstruentensystem bzw. die Ergebnisse der ersten Lautverschiebung betrifft und da ein Folgelaut [χ] aus germ. / χ/ in bestimmten Positionen mit dem Folgelaut [χ] aus der Verschiebung von germ. / k/ (Teilakt Frikativierung) zusammengefallen ist. 2 Hintergrund: Als Resultat der ersten (sogenannten germanischen) Lautverschiebung und westgermanischer Weiterentwicklungen umfasst das voralthochdeutsche Obstruentensystem (Geräuschlautesystem) die drei Lautreihen / p, t, k/ (stimmlose Fortisplosive), / b, d, g/ (stimmlose Lenisplosive) und / f, þ, χ/ (stimmlose Frikative) (Braune/ Heidermanns 2023: 120). Die erstgenannten beiden Reihen durchlaufen etwa im 6. bis 8. Jh. die zweite (sogenannte hochdeutsche) Lautverschiebung (Schmid 2017: 80-84; Braune/ Heidermanns 2023: 119-134). 3 Die letztgenannte Reihe / f, þ, χ/ durchläuft eigene Entwicklungen, die i. d. R. nicht zur zweiten Lautverschiebung gezählt werden. Sie haben teils früher, teils später stattgefunden und im Gegensatz zur zweiten Lautverschiebung teils auch andere germanische Varietäten erfasst. Prinzipiell sind die drei Frikative, zusammen mit (vor-)ahd. s, von der sogenannten althochdeutschen Spirantenschwächung betroffen, was bedeutet, dass sie in intervokalischer Stellung eine Lenisierung erfahren. 4 Für / f/ spiegelt sich dieser Prozess im Althochdeutschen in den Schreibungen <v> oder <u> wider (z. B. ahd. <houes> ‘Hofes’). Der ursprünglich stimmlose Dentalfrikativ / þ/ wird im Althochdeutschen meist <th> geschrieben; die Graphien <dh> und <đ> geben Hinweise auf seine Lenisierung (z. B. ahd. <werdhen> zu nhd. werden). Diese Lenisierung gilt als Vorstufe zur späteren Weiterentwicklung des Frikativs zu [d], die in der zweiten Hälfte des 8. Jh. im Oberdeutschen einsetzt und zeitlich gestaffelt den gesamten hochwie auch den niederdeutschen Raum erfasst. Auch für / s/ wird von einer Lenisierung ausgegangen, was jedoch im Althochdeutschen keine direkten Auswirkungen im Schriftbild zeigt. Keine der bisher genannten Lenisierungen hat sich in Schreibalternanzen von Deutschschweizer FamN niedergeschlagen. 5 Potenziell anders verhält sich dies beim gutturalen Frikativ germ. / χ/ . 6 Bei diesem Laut sind unterschiedliche Entwicklungen je nach Position und Umgebungslauten eingetreten. 7 Im Anlaut und intervokalisch hat sich der Laut bereits im Germanischen zu [h] entwickelt. Im Anlaut vor Konsonanten schwindet [h] ab dem 8. bzw. 9. Jh. Auch im Inlaut kommt es, aufgrund der Lenisierung, gelegentlich und intervokalisch häufig zum Ausfall des Lautes, vgl. z. B. nhd. Zehen [t ͜ seː.ən]. Im Wort- und Silbenauslaut sowie vor Konsonant hat sich der Laut als gutturaler Frikativ [x], [χ] erhalten, vgl. z. B. heute noch hoch, Nacht. Hier fällt der Laut mit demjenigen aus der Verschiebung von germ. / k/ (Teilakt Frikativierung, vgl. Artikel I-2.3 «Zweite Lautverschiebung: Tenuesverschiebung») zusammen. Schon im Althochdeutschen wird der Frikativ / χ/ aus beiden Quellen u. a. mit <h> oder <ch> verschriftet (vgl. ahd. <wahsan>, <wachsen> aus germ. / χ/ und <sprah>, <sprach> aus germ. / k/ ). Mit Blick auf den alemannischen Sprachraum sind die Verhältnisse bei Notker von St. Gallen (spätes Althochdeutsch) von Interesse: Auch in seinen Schriften zeigt sich intervokalisch häufig der Ausfall von [h] < germ. / χ/ , allerdings vornehmlich nach Kurzvokal, z. B. in zēn < zëhen ‘zehn’. Nach Langvokal bleibt der Gutturalfrikativ dagegen meist erhalten, z. B. in líhen ‘leihen’ oder hóhōr ‘hoher’. Vor Konsonant oder im Auslaut ist auch bei Notker die velare bzw. uvulare Lautung [x, χ] anzusetzen, z. B. in līeht ‘hell, licht’ oder rūoh (< ruh ‘rau’; f lektiert jedoch rúhēr mit h-Lautung) (Braune/ Heidermanns 2023: 209). Im Mittelbzw. Frühneuhochdeutschen kommt es zwar zu Schwächung und anschliessendem Ausfall des Frikativs zwischen Vokalen; zugleich wird aber auch ein Erhalt des Frikativs für Teile des Oberdeutschen (ohne nähere Eingrenzung) angegeben (Ebert et al. 1993: 124-125; Schmidt 2020: 424). Im SDS (1962-1997) finden sich einzelne Karten zu einschlägigen Lexemen, die meisten davon mit (zugrunde liegend) intervokalischer Stellung des Frikativs. Die Stellung nach Kurzvokal repräsentiert das 1 Phonetisch korrekt müsste hier «θ» anstatt «þ» als Zeichen für den stimmlosen dentalen Frikativ stehen. Der germanistischen Tradition folgend wird jedoch auch in diesem Artikel «þ» verwendet. 2 Vgl. Artikel I-2.3 «Zweite Lautverschiebung: Tenuesverschiebung». 3 Vgl. die Artikel I-2.3 «Zweite Lautverschiebung: Tenuesverschiebung», I-2.5 «Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut», I-2.6 «Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut» und I-2.7 «Schreibvariation bei Plosiven im Auslaut». 4 Die Angaben in diesem Abschnitt basieren auf Braune/ Heidermanns (2023: 145-146, 180, 223-229). 5 Dem Namenpaar Pulver/ Pulfer liegt lat. pulvis ‘Staub, Sandstaub, Erde’ und somit kein germ. / f/ zugrunde (EtymWB 1993a: s. v. Pulver). 6 Die Bezeichnung «gutturaler Frikativ» wird hier als Sammelbegriff für alle Realisierungen bzw. Folgelaute von germ. / χ/ - dies umfasst [x], [χ] und [h] - verwendet. 7 Die Angaben in diesem Abschnitt basieren auf Braune/ Heidermanns (2023: 145, 189, 191, 201, 205). 2.4 Variation ch/ h für germ. χ 217 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="218"?> Zahlwort zehn (SDS III 1975: Karte 242), das historisch und teils noch rezent zweisilbig ist. Hier verzeichnet fast die gesamte Nordhälfte der Deutschschweiz frikativlose Formen (z. B. tsē), was dem Ausfall nach Kurzvokal bei Notker entspricht. Realisierungen mit [h] finden sich eher an den Rändern: z. B. in Deutschfreiburg, im westlichen Berner Oberland, dominant in Graubünden und sehr vereinzelt im Nordosten (SG, TG, SH); zudem im Emmental (BE), für das Marti (1985: 62) das h als Relikt beschreibt. Formen mit Uvularfrikativ (tsēχə(n), tsēχni) treten im restlichen Kanton Bern, im Wallis und in den Kantonen Obwalden, Uri, Schwyz und Glarus auf. Die Südhälfte scheint also mit den zweisilbigen frikativhaltigen Varianten ältere Formen fortzutradieren. 8 Die Stellung nach Kurzvokal ist auch beim Lexem Bühl (SDS VI 1988: Karte 63) zugrunde liegend. Beiden Karten gemeinsam sind die h-Vorkommen in Graubünden; Formen mit Uvularfrikativ treten hier allerdings nicht in den Kantonen Bern und Wallis auf, sondern in fast der gesamten Ostschweiz: von Graubünden über Glarus, St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden bis (vereinzelt) in den Thurgau. Bei drei weiteren Lexemen steht der Frikativ intervokalisch nach Langvokal, nämlich bei hoher (SDS II 1965: Karte 91), zähe(r) (SDS II 1965: Karte 163) und Zehe(n) (SDS IV 1969: Karte 35). Hier zeigt sich grossf lächiger Erhalt des Frikativs, nun jedoch in der Nordhälfte und dabei in der uvularen Form (gegenüber h bei Notker). Im Süden ist der gutturale Frikativ mehrheitlich geschwunden und grossf lächig (hiatustilgend? ) durch andere Laute ersetzt (z. B. y bei hoher; j bei zähe(r); b, w, j bei Zehe(n)). Die Distribution der h-Formen mutet reliktartig an: Bei Zehe(n) treten sie im Aargau sowie im Churer und St. Galler Rheintal (daneben vereinzelt auch in ZH, TG) auf; bei zähe(r) ebenfalls (wie bei zehn) in Graubünden und vereinzelt im Emmental (BE); bei hoher im unteren Deutschwallis sowie wiederum im mittleren Kanton Bern (inklusive Emmental) und in Graubünden (hier dominant und grossf lächig). Die inlautende präkonsonantische Stellung vertritt die Wortform wächst (SDS II 1965: Karte 113). Auch hier dominiert die velare/ uvulare Form im Norden; dagegen weisen das Berner Oberland, das Wallis, der Kanton Uri, Graubünden und das östlichste St. Gallen Varianten mit ks, gs auf. Insgesamt lässt sich für die Dialekte im 20. Jh. festhalten, dass [h] eher relikthaft, [x, χ] dagegen noch grossf lächiger erhalten bzw. vertreten ist (bei zehn in BE, VS, OW, UR, SZ, GL; bei Bühl in der Ostschweiz; nach Langvokal oder vor Konsonant in der Nordhälfte). Sehr verbreitet ist der Ausfall des gutturalen Frikativs (bei zehn in der Nordhälfte) und dessen (spätere, hiatustilgende? ) Ersetzung durch andere Laute (in der Südhälfte grossf lächig). Aus der Schreibung der FamN kann man sich nur bedingt Indizien für regionale und historische Ausspracheverhältnisse erhoffen. Für den velaren bzw. uvularen Frikativ [x, χ] ist seit dem späteren Mittelhochdeutschen die Schreibung <ch> zu erwarten (Paul et al. 2007: 161), und dieses Graphem kann eher auf eine entsprechende (historische) Lautung schliessen lassen, als es das Graphem <h> vermag. Schreibungen mit <h> können zwar für den Lautwert [h] stehen, allerdings wird das Graphem auch als Dehnungs-h eingesetzt (vgl. Artikel I-1.15 «Längen- und Kürzenanzeige»). Zu dieser Funktion gelangte das Graphem, nachdem der Laut [h] intervokalisch weitgehend geschwunden war. Diese Umfunktionalisierung erreichte das Oberdeutsche - wo [h] sich länger hielt - zwar im Wesentlichen erst im späten 16. Jh. (Ebert et al. 1993: 34, 124-125). Dennoch können FamN betroffen sein - sei es durch Übernahme verbreiteter Schreibweisen (z. B. Bühler, Bühlmann, wo dialektal i. d. R. diphthongische Aussprache gilt) oder durch einen genuinen Prozess von h-Schwund und Vokaldehnung (so führen Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 156 für Stehli die rezente Aussprache «Schtèèli» und die historische Schreibweise Steheli (1248) an, was auf h-Schwund und resultierende Vokaldehnung schliessen lässt). Fragestellungen: Welche Deutschschweizer FamN zeigen im Schriftbild Spuren des germanischen Gutturalfrikativs? Wie sind ch- und h-Schreibung je nach Lautumgebung und Region vertreten? Wie verhält sich diese Schreibvariation zu den althochdeutschen und den im SDS (1962-1997) dokumentierten Lautverhältnissen? Geben die Befunde einen Hinweis darauf, ob die Schreibweisen der FamN für historische Lautungen stehen? Die Untersuchung konzentriert sich auf eine Auswahl einschlägiger FamN. Sämtliche FamN mit <ch> oder <h> zu überprüfen, hätte unverhältnismässigen Aufwand bedeutet, da diese Grapheme doch meist auf andere Phänomene zurückgehen, insbesondere die Tenuesverschiebung (Bach < germ. *bakjaz) und die Dehnungsfunktion (Kohler zu mhd. koler). Der Artikel konzentriert sich daher auf solche FamN, die als Dubletten auftreten (z. B. Büchler / Bühler) und dadurch mittels automatischer Suche auffindbar waren. Zusätzlich sind ggf. solche Varianten zu diesen FamN aufgenommen, die im etymologischen Eintrag in Berchtold/ Graf (i. V., Stand 29.01.2025) genannt sind (z. B. Stahl zu Stachel/ Stahel ) oder durch ergänzende Recherchen zutage traten. Die einschlägigen Namenpaare bzw. -gruppen werden in Einzelkarten dargestellt, denn sie repräsentieren je unterschiedliche Lautumgebungen des Frikativs und weisen je unterschiedliche Varianten- und Raumverhältnisse auf. Die erste Karte gilt den FamN des Typs Ruch (zu rau) und damit der Stellung im Wort- oder Silbenauslaut. Die weiteren Karten untersuchen Fälle mit (ursprünglich) intervokalischem Vorkommen, und zwar nach Langvokal (zweite Karte, Namen zu Lehen) sowie nach Kurzvokal (dritte und vierte Karte, Namen zu Bühl bzw. Stahl ). 8 Zum etymologisch verwandten Familiennamentyp Zehnder treten keine ch- Varianten auf - womöglich weil das zugrunde liegende Appellativ niemals die Stellung des Frikativs im Silbenauslaut aufwies (mhd. zëhendenære, zëhentnære, zëhendære ‘Zehnteinnehmer’ oder ‘Zehntpf lichtiger’; Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Zehnder). 218 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="219"?> Erste Karte {101}: Variation ch/ h im Auslaut in Familiennamen zu rau Namenauswahl: Die Dublette Ruch / Ruh vertritt die Position des gutturalen Frikativs im Auslaut. Integriert wurde auch die Variante Ruche, die womöglich eine Familiendifferenzierung zu Ruch am selben Ort (Mitlödi GL) darstellt, sowie der FamN Ruchti, der sich etymologisch wie geographisch an Ruch anschliesst und ebenfalls die Auslautposition repräsentiert, wenn auch hier im Silbenstatt im Wortauslaut. Die Karte zeigt die Vorkommen in der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB). 9 Zu Details und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Ruch: 13 Tokens. Ruche: 1 Token. Ruchti: 7 Tokens. Ruh: 3 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 35-50, relative Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 102: Daten zur ersten Karte {101} Detailangaben zur Namenauswahl: 10 Die kartierten FamN sind ÜberN zu rau, mhd. rūch ‘haarig, struppig, zottig, rau’ für Personen mit entsprechendem Verhalten (Ruchti) oder Aussehen. Nicht aufgenommen wurde der Name Rauch (dreifach in GR, je einfach in FR, BE, VS), der neben möglichem Bezug zu rau auch ein BerufsüberN zu mhd. rouch ‘Dampf, Dunst; Rauch’ sein könnte. Kommentar: Die ch-Varianten dominieren deutlich. Der Kanton Bern verzeichnet 14 Tokens, weitere Kantone je ein bis zwei Vorkommen (SO, BL, ZH, TG, GL, SG). Einzig in Schaffhausen ist die h- Variante verzeichnet (3 Tokens). Die Verwandtschaft der vier Varianten untereinander manifestiert sich jeweils in benachbarten Vorkommen. Ruh in Schaffhausen setzt ausserdem Vorkommen im nördlich angrenzenden Baden-Württemberg (Deutschland) fort (vgl. DFD 2025: s. v. Ruh). Die Dominanz der ch-Schreibung - bzw. der durch sie wohl repräsentierten / χ/ -Lautung - entspricht dem, was der Forschungsstand zum Althochdeutschen allgemein und zu Notker speziell für die Position im Auslaut erwarten lässt (s. Abschnitt «Hintergrund»). Karte 101: Variation ch/ h in FamN zu rau, vor 1800 9 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 10 Die etymologischen Angaben in diesem Artikel beruhen auf dem EtymWB (1993b) sowie Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 2.4 Variation ch/ h für germ. χ 219 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="220"?> Zweite Karte {102}: Variation ch/ h intervokalisch nach Langvokal in Familiennamen zu Lehen Namenauswahl: Gezeigt werden die beiden Dubletten Lechmann / Lehmann und Lechner/ Lehner. Sie gehören zum Etymon Lehen und repräsentieren eine ursprünglich intervokalische Stellung nach Langvokal. In den vorliegenden Formen (basierend auf unserer ältesten Datenschicht «vor 1800») kommt der Frikativ allerdings im Silbenauslaut zu stehen. Zu Details und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Lechmann: 1 Token. Lechner: 1 Token. Lehmann: 64 Tokens. Lehner: 19 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 35-50, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 103: Daten zur zweiten Karte {102} Detailangaben zur Namenauswahl: Das Namenpaar Lechmann / Lehmann geht zurück auf eine ältere schweizerdeutsche Form Lëchenmann bzw. mhd. lēhenman ‘Inhaber eines Lehenguts’, die Dublette Lechner/ Lehner auf das gleichbedeutende mhd. lēhenære. Es handelt sich um Berufsbzw. StandesN. Das Beispiel repräsentiert die Stellung des Frikativs intervokalisch nach Langvokal (vgl. mhd. lēhen, ahd. lēhan ‘verliehenes Land’). Der FamN Leemann wurde ausgeschlossen, da sich der Artikel auf graphematische Spuren des Frikativs konzentriert und ausserdem eine konkurrierende Deutung vorliegt (als WohnstättenN zu mhd. lē ‘Hügel’; Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 113); der Name findet sich vor 1800 mit 10 Tokens im Kanton Zürich und mit 2 Tokens im Kanton Bern. Kommentar: Die Kartierung verzeichnet fast ausschliesslich h- Varianten, und zwar im Wallis sowie fast im gesamten Mittelland (mit Ballungen in BE, SG, AI). Auch bei Notker gilt in intervokalischer Stellung nach Langvokal die Variante h. In den vorliegenden Namenformen Lehmann, Lehner wird das Graphem <h> jedoch kaum für einen Lautwert [h] zur Entstehungszeit der Schreibform sprechen. Dies wäre eher der Fall, wenn dreisilbige Schreibformen wie *Lehemann, *Lehener vorlägen. Bei den zweisilbigen Schreibformen liegt dagegen der Verdacht nahe, dass h keinen Lautwert mehr hat, sondern nur noch als Längenanzeige fungiert und/ oder die Schreibweise sich an überregional verbreiteten Schreibungen orientiert, wie es bei häufigen Lexemen oft der Fall ist. 11 Graphien, die auf eine / χ/ -Realisierung schliessen lassen, sind in den kartierten FamN ausgesprochen rar (Lechner in Wil ZH, Lech- Karte 102: Variation ch/ h in FamN zu Lehen, vor 1800 11 Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 112-113) geben für Lehmann die rezente zürichdeutsche Aussprache «Leeme» an; dies kann jedoch keine Information über die Lautung zur Entstehungszeit der Schreibform liefern. 220 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="221"?> mann in Somvix GR). Für einen archaischen Zug dieser Varianten spricht nicht nur ihre Seltenheit, sondern auch der Verweis auf «älter[es]» dialektales Lëchenmann in Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Lehmann) sowie die Situierung von Lechmann in der rätoromanischen Surselva (GR). Eingebettet in den nicht-deutschen Sprachraum könnte sich hier eine ältere Variante gehalten haben. Für die Dialekte des 20. Jh. gilt gemäss SDS-Karten 12 in der Nordhälfte weiträumig die / χ/ -Realisierung nach Langvokal. Obwohl bei Notker in diesem Lautkontext h gilt, ist nicht auszuschliessen, dass die rezenten / χ/ -Realisierungen germ. / χ/ fortsetzen. Der Mangel an FamN mit ch-Schreibung besagt nichts über eine fehlende Kontinuität des Lautes, denn die Namenschreibung dürfte an die Standardgraphie angepasst sein (s. o.). Dennoch könnte die jüngere χ- Verbreitung eine Innovation darstellen. Dafür spricht der Hinweis bei Marti (1985: 62), dass sich im Kanton Bern der «ach-Laut» verbreitet und altes h in entlegenen Teilen des Emmentals gehalten habe. Für die Südhälfte verzeichnen die genannten SDS-Karten zahlreiche Varianten mit hiatustrennenden Konsonantenepenthesen, z. B. Zeewe für Zehe(n) (SDS IV 1969: Karte 35); insofern ist nicht auszuschliessen, dass auch die χ-Vorkommen im Norden auf solche epenthetischen Prozesse zurückgehen, selbst wenn es sich dabei um einen Laut handelt, wie er etymologisch berechtigt wäre. Ein solches Szenario schliesst ausserdem nicht aus, dass χ-Aussprachen in manchen Dialekten oder ch-Schreibungen in manchen Namen, wie oben erwogen, Archaismen sein können. Dritte Karte {103}: Variation ch/ h intervokalisch nach Kurzvokal in Familiennamen zu Bühl Namenauswahl: Die Karte zeigt das Namenpaar Büchler / Bühler sowie zugehörige Varianten. Zurückgehend auf das Etymon ahd. buhil, mhd. bühel ‘Hügel’ repräsentieren sie die intervokalische Stellung, wohl ursprünglich nach Kurzvokal, wobei die Varianten Biechler (GR) und Büecheler (SZ) auf lokale Diphthongrealisierungen hindeuten könnten. Der Vokal der zweiten Silbe ist nicht in allen Schreibformen erhalten, sodass das Frikativgraphem auch vor der Silbengrenze (Büch.ler) oder im Silbeninneren zu stehen kommt (Bühl. mann). Die Namen sind daher auf der Karte nach Lautumgebung in der vorliegenden Namenform gruppiert, ausserdem nach der Schreibung des Frikativs (<ch> vs. <h>). Dargestellt werden die Vorkommen in der Schicht «vor 1800». Zu Details und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Bühler (h im Silbenauslaut): 96 Tokens. Bühlmann (h in geschlossener Silbe): 40 Tokens. Typ Bücheler (ch im Silbenanlaut): Büchel, Bücheler, Bücheli, Büecheler. 8 Tokens. Typ Büchler (ch im Silbenauslaut): Biechler, Büchler. 20 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 35-50, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 104: Daten zur dritten Karte {103} Karte 103: Variation ch/ h in FamN zu Bühl, vor 1800 12 Zu hoher (SDS II 1965: Karte 91), zähe(r) (SDS II 1965: Karte 163) und Zehe(n) (SDS IV 1969: Karte 35), vgl. den Abschnitt «Hintergrund». 2.4 Variation ch/ h für germ. χ 221 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="222"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Neben der Dublette Büchler/ Bühler und den mit ihr aufgelisteten Varianten (Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Bühler) sind auch die durch Nachrecherchen ermittelten Varianten Büchel(i) und Bühlmann eingeschlossen. Sie alle sind WohnstättenN zu ahd. buhil, mhd. bühel, schwzdt. Büel, Bül, Büchel und andere ‘Anhöhe, Hügel’. Ausgeschlossen wurden auch hier Varianten ohne Frikativ (Büeler mit 8 Tokens in SG, SZ, ZH und Bueler in Lachen SZ). Kommentar: Die h-Varianten (gelb und orange) treten weiträumig im Mittelland, zudem mehrfach im Berner Oberland und in Graubünden auf. Auffallend ist die frequenzielle Dominanz der standardnahen Graphie in der Form <Bühl>. Bei dieser Schreibung ist nicht damit zu rechnen, dass <h> einen Lautwert abbildet, vielmehr dürften Übernahmen des verbreiteten Schriftbilds vorliegen. Namenformen des Typs *Büheler, also mit h im Silbenanlaut, kommen nicht vor. Interessant sind daher v. a. die Schreibformen mit ch, die einen Hinweis auf die frühere Lautung geben könnten. Die ch-Varianten (in Blautönen) konzentrieren sich weitestgehend im Raum nördlich des Vierwaldstättersees und östlich der Kantonsgrenze Bern-Luzern. Unter den SDS-Karten ist diejenige zu Bühl (SDS VI 1988: Karte 63) einschlägig. Sie zeigt den weiträumigen Ausfall des Frikativs in der westlichen und mittleren Deutschschweiz. Die frikativlosen Varianten Büeler, Bueler (oben als Ausschluss genannt) betreffen die Kantone Zürich, Schwyz und St. Gallen, fallen aber mit 9 Tokens kaum ins Gewicht. Ausserdem zeigt die SDS-Karte grossf lächige Vorkommen von χ-Varianten im östlichen Drittel der Deutschschweiz, was sich mit den Vorkommen der ch-Namen von Graubünden über die Kantone Schwyz und St. Gallen bis in beide Appenzell und den Thurgau deckt. Diese Deckung dürfte mit einiger Wahrscheinlichkeit für eine Kontinuität in der Realisierung des Frikativs sprechen. Dass ausserdem einige Tokens im Westen auftreten (AG 3, LU 4, BE 2), könnte ein Hinweis darauf sein, dass zur Zeit der Namenentstehung die Aussprache mit / χ/ noch stärker verbreitet war. Vierte Karte {104}: Variation ch/ h intervokalisch nach Kurzvokal in Familiennamen zu Stahl Namenauswahl: Die vierte Karte zeigt die Dubletten Stachel/ Stahel (BerufsüberN zu Stahl ) und zugehörige Varianten. Das zugrunde liegende Etymon weist die Stellung des Frikativs nach Kurzvokal auf (Details s. u.). Die in unserer ältesten Datenschicht «vor 1800» vorkommenden Varianten zeigen teils noch die intervokalische, somit silbenanlautende Stellung (Stachel, Stahel, Stäheli und andere), teils aber auch Schwund der zweiten Silbe, wodurch der Frikativ im Silbenauslaut zu stehen kommt (Stähli und andere), oder gar einsilbige Formen (Stahl, Stehl ). Wie bei der dritten Karte sind die Namen auch hier nach der Silbenstruktur und der Frikativschreibung gruppiert. Abgefragte Namen Typ Stäheli (h im Silbenanlaut): Staehelin, Stahel, Stäheli, Stähelin, Stehelin. 45 Tokens. Typ Stähli (h im Silbenauslaut): Stähli, Stählin, Stehle, Stehli, Stehlin. 37 Tokens. Typ Stahl (h in geschlossener Silbe): Stahl, Stehl. 6 Tokens. Stachel (ch im Silbenanlaut): 2 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 35-50, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 105: Daten zur vierten Karte {104} Detailangaben zur Namenauswahl: Die diminuierten Varianten (z. B. Stäheli) sowie die Variante Stehl wurden durch Nachrecherchen ermittelt (Abfrage nach Nennung von Stahl im etymologischen Beschrieb der Datenbank, Stand 29.01.2025). Alle kartierten FamN sind BerufsüberN für den (Stahl-)Schmied zu der älteren oberdeutschen Form stachel bzw. zu mhd. stahel, stāl, ahd. stahal ‘Stahl, stählerne Rüstung’ (zu germ. *stahla-; EtymWB 1993c: s. v. Stahl ). Die alt- und mittelhochdeutschen Formen des Appellativs sowie frühe Belege der FamN (s. u.) weisen den Fall als intervokalisches Vorkommen nach Kurzvokal aus. Somit sind die Namen zu Stahl mit den Fällen Bühl (< ahd. buhil ) und zehn (< ahd. zehan) vergleichbar. Ausgeschlossen wurden keine Namenvarianten; solche mit Frikativschwund konnten nicht ermittelt werden. Kommentar: Südlich einer gedachten Linie von Basel bis zum Walensee findet sich der Typ Stähli. Der Verlust der zweiten Silbe in diesen Namenformen legt nahe, dass das h hier allenfalls noch Relikt eines früheren Lautwerts ist, v. a. aber zum Dehnungs-h umfunktioniert wurde. Die einsilbige Form Stahl (Bezirk Münchwilen TG und Turbenthal ZH) dürfte eine standardsprachlich beeinf lusste Schreibvariante sein; bei Stehl in Celerina/ Schlarigna (GR) legt der Umlaut eine frühere Form mit Suffix nahe, womöglich die movierte Form Stehlin (vgl. RNB 3 1986: 744). Die übrigen Formtypen zeigen den Erhalt der zweiten Silbe und könnten ein Abbild der historischen Aussprache - mit Realisierung des Frikativs im Silbenanlaut - sein. Stachel tritt in Schübelbach (SZ) und Wangen (SZ) auf und damit in einem Gebiet, für das auch der SDS III (1975: Karte 242) zu zehn eine velare Realisierung verzeichnet. Der Typ Stäheli - also mit h im Silbenanlaut - begegnet nördlich der gedachten Linie, v. a. nordöstlich vom Zürichsee und Walensee bis hin zum Bodensee. Die SDS- Karte zu zehn (SDS III 1975: Karte 242) zeigt für die Nordhälfte fast f lächendeckend h-Schwund. Sie weist aber für den fraglichen Raum (Nordosten) einzelne, wohl relikthafte h-Varianten des Typs tsehə aus. Die SDS-Karte zu Bühl (SDS VI 1988: Karte 63) zeigt nur zwei h- Realisierungen im Nordosten (beide im südöstlichen Thurgau), ansonsten gilt hier χ-Aussprache (von GR und GL bis zum Bodensee; s. Abschnitt «Hintergrund»). Die historischen Belege für den Kanton Zürich zeigen bei der Simplexform zunächst die ch-Graphie (<Stachel>, 1409-1463), später die Schreibung mit h (<Stahel>, 1571-1800; Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 156), was auf eine allmähliche Abschwächung des Frikativs verweisen könnte. Ähnliches gilt für diminuierte Formen: Ältere dreisilbige Belege (Stehel(l)i, 1248-1321) werden ab 1406 von Formen mit Schwund der Mittelsilbe abgelöst (Sta ᵉ hli und andere; Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 157), bei denen der Frikativ vermutlich schon stumm blieb. Die dominierende h-Schreibung in den FamN könnte darauf verweisen, dass im Lexem Stahl zur Zeit der Namenverschriftung 222 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="223"?> die h-Aussprache im Nordosten noch verbreitet war; andere Deutungen wären, dass das Graphem <h> in den FamN für den Lautwert [χ] steht und/ oder dass die h-Schreibung durch die Standardschreibform <Stahl> begünstigt war. Ergebnisse Es wurden vier Namengruppen mit graphischen Ref lexen des germanischen Gutturalfrikativs untersucht. Die FamN zum Etymon rau (erste Karte) zeigen weitgehenden Erhalt des Frikativs als ch im Auslaut. Da dies mit den Angaben für das Althochdeutsche übereinstimmt und die Namen nicht von der Standardschreibform rau beeinf lusst sind, könnte ihre Graphie einen Hinweis auf die historische Lautung darstellen. Bei den FamN zu Lehen (zweite Karte) liegt die intervokalische Stellung nach Langvokal zugrunde. Die Namen weisen fast ausnahmslos die standardorientierte Schreibung auf (Lehmann, Lehner), wie es bei häufigen Lexemen oft der Fall ist. Die Einzelfälle Lechmann, Lechner könnten Archaismen darstellen; dagegen wurde für die Verbreitung der / χ/ -Aussprache in den vergleichbaren SDS-Karten (SDS II 1965: Karte 91 zu hoher; SDS II 1965: Karte 163 zu zähe(r); SDS IV 1969: Karte 35 zu Zehe(n)) erwogen, dass sie auch teilweise eine Innovation darstellen könnte. Den Namengruppen zu Bühl (dritte Karte) und zu Stahl (vierte Karte) liegen Etyma mit intervokalischem Vorkommen nach Kurzvokal zugrunde. Im Fall Bühl zeigt sich, ähnlich wie bei Lehen, eine frequenzielle Dominanz standardnaher Schreibungen. Allerdings kommen hier auch nicht wenige ch-Schreibungen vor. Ihre Verbreitung stimmt im Nordosten mit / χ/ -Realisierungen von zehn im 20. Jh. überein, was die Namenschreibung als Indikator der historischen Lautung wahrscheinlicher macht. Somit könnte die Verbreitung der Büch(e)ler-Namen auf ein entsprechendes historisches Lautareal hinweisen. Ein noch deutlicheres Raumbild ergibt sich bei den FamN zum Etymon Stahl. Wie es für BerufsüberN typisch ist, liegen hier viele diminuierte Varianten vor. Wohl aus diesem Grund ist die Karte hier nicht von der standardnahen Schreibform dominiert. Sie lässt die Region nordöstlich des Zürichsees durch Varianten mit h im Silbenanlaut (Typ Stäheli) hervortreten. Historische Belege aus dem Kanton Zürich sowie die Namenform Stachel im Kanton Schwyz unterstützen die Annahme, dass der Frikativ sich v. a. im Nordosten der Schweiz lange erhalten hat, wohl zunächst als [χ] und später abgeschwächt zu [h]. Wenig Auskunft können die vorliegenden Familiennamenformen über historische Lautungen im Gebiet des Kantons Bern geben. Hier ist die Dominanz der standardorientierten Schreibformen besonders auffällig, v. a. bei Lehmann und Bühlmann / Bühler. Dies geht wohl auf kanzleisprachliche Weisungen zu standardsprachlichem Schreibgebrauch zurück (vgl. Ramseyer 1997: 212; zu Genauerem s. Artikel I-2.3 «Zweite Lautverschiebung: Tenuesverschiebung»). Immerhin verweisen die Namenvarianten Ruch(ti) und Büchler auf mögliche / χ/ -Realisierungen im Auslaut. Karte 104: Variation ch/ h in FamN zu Stahl, vor 1800 2.4 Variation ch/ h für germ. χ 223 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="224"?> Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Bühler (9'569 Tokens), Lehmann (8'776 Tokens) und Bühlmann (3'838 Tokens). Erstere zwei Namen gehören zu den häufigsten FamN der Schweiz überhaupt; vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Dem Fall Lehen vergleichbar ist das Paar Höchener / Höhener mit den Varianten Höchner, Hohener, da auch hier intervokalische Stellung nach Langvokal vorliegt. Es handelt sich um Herkunfts- oder WohnstättenN zu Hof- und FlurN des Typs «Höchi, historisch oft Höhe, Höhi» (Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Höhener), die sich zu mhd. hōch, ahd. hōh, germ. *hauhastellen. Alle Tokens finden sich auf kleinem Gebiet in der Nordostschweiz (AI, AR, SG, TG). Mit 7 + 1 Tokens für Höhener/ Hohener dominiert wie beim Fall Lehen die h- Variante gegenüber der ch-Schreibung (Höch(e)ner mit 2 Tokens). Anders als im Fall Lehen ist kein Verlust der Mittelsilbe eingetreten und nichts spricht für eine Anpassung an etwaige Standardgraphien. Stattdessen ist mit einem Einf luss der toponymischen Schreibung zu rechnen. Vergleich mit benachbartem Ausland: Für Deutschland ist im DFA 2 (2011: 722-729) die Varianz ch, h und Ø in FamN zu Fuchs (germ. *fuhsa-) dokumentiert; der darauffolgende Artikel (DFA 2 2011: 730-739) zeigt die entsprechende Varianz in FamN zu den Etyma Sachse, Drechsler, Ochse und anderen. Die FamN zu rau werden unter dem Aspekt der Konsonantenepenthese beleuchtet (Varianz zwischen h, Ø, g und w; DFA 2 2011: 559-561). Unter jeweils anderen Fragestellungen werden ausserdem untersucht: die FamN zu Lehen (DFA 3 2012: 104-109), diejenigen zu Bühl (DFA 4 2013: 498-517) und diejenigen zu Stahl (DFA 5 2016: 220-224). In den Fällen Lehen und Bühl erweisen sich die ch-Varianten als Charakteristikum des bairischen Raums. Ähnlich, wenn auch in geringer Quantität, treten auch bei Stahl die ch-Formen in Bayerisch-Schwaben und im östlichen Oberbayern auf, daneben auch im äussersten Südwesten Deutschlands. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Braune, Wilhelm/ Heidermanns, Frank (2023): Althochdeutsche Grammatik I: Phonologie und Morphologie (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 5.1). 17., neu bearbeitete Auf lage. Berlin, Boston: De Gruyter. DFA 2 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2011): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 2: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen II: Konsonantismus. Berlin, New York: De Gruyter. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. DFA 4 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2013): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 4: Familiennamen nach Herkunft und Wohnstätte. Berlin, Boston: De Gruyter. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. DFD = Heuser, Rita (2025): Ruh. 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Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. https: / / www. dwds.de/ wb/ etymwb/ Stahl (letzter Zugriff 29.01.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 29.01.2025). Marti, Werner (1985): Berndeutsch-Grammatik für die heutige Mundart zwischen Thun und Jura. Bern: Francke. Paul, Hermann et al. (2007): Mittelhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 2). 25., neu bearbeitete Auf lage. Tübingen: Niemeyer. Ramseyer, Rudolf J. (1997): Berner Personennamen im 16. Jahrhundert (Arbeitsbericht). In: Ruoff, Arno/ Löffelad, Peter (Hrsg.): Syntax und Stilistik der Alltagssprache. Beiträge der 12. Arbeitstagung zur alemannischen Dialektologie 25. bis 29. September 1996 in Ellwangen/ Jagst, 211-214. Tübingen: Niemeyer. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Schmid, Hans Ulrich (2017): Einführung in die deutsche Sprachgeschichte. 3., aktualisierte und überarbeitete Auf lage. Stuttgart: Metzler. Schmidt, Wilhelm (2020): Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium. Teil 2: Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Frühneuhochdeutsch. 12., verbesserte und erweiterte Auf lage. Stuttgart: Hirzel. 224 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="225"?> Schobinger, Viktor/ Egli, Alfred/ Kläui, Hans (1994): Zürcher Familiennamen. Entstehung, Verbreitung und Bedeutung der Namen alteingesessener Zürcher Familien. Zürich: Zürcher Kantonalbank. SDS = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1962-1997): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). 8 Bde. Bern bzw. Basel: Francke. SDS II = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1965): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. II: Lautgeographie II: Vokalquantität - Konsonantismus. Bern: Francke. SDS III = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1975): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. III: Formengeographie. Bern: Francke. SDS IV = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1969): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. IV: Wortgeographie I: Der Mensch - Kleinwörter. Bern: Francke. SDS VI = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1988): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. VI: Wortgeographie III: Umwelt. Bern: Francke. Luise Kempf 2.4 Variation ch/ h für germ. χ 225 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="226"?> 2.5 Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut Schlagwörter: Fortis, Lehnwort, Lenis, Patronym, zweite Lautverschiebung Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel ist Teil eines Komplexes zur Schreibvariation bei Plosiven (b / p, d / t, g / k) in an-, in- und auslautender Position. 1 Er widmet sich im Speziellen FamN mit graphematischer Varianz bei den Plosiven im Anlaut wie in Baur/ Paur, Dellenbach / Tellenbach oder Glauser/ Klauser. Die Varianz beruht auf der graphematischen Realisierung der komplexen Dialektlautung, verweist aber auch auf die Integration von Lehnwörtern sowie auf das Verhältnis zwischen historischem Lautsystem und Schreibsprache. Hintergrund: Bei der Schreibung der anlautenden Plosive in FamN der Deutschschweiz zeigt sich Varianz, die z. T. auch im mundartlichen Appellativwortschatz zu beobachten ist. Diese Varianz ist auf die graphematische Wiedergabe der Dialektlautung zurückzuführen, die im Falle der Plosive besonders komplex ist. 2 Um die Hintergründe der dialektalen Ausdifferenzierung und der Schreibvariation einzuordnen, werden im Folgenden zuerst die lautlichen Eigenheiten des Schweizerdeutschen im Hinblick auf die Plosive im Anlaut dargestellt: In den alemannischen Dialekten der Deutschschweiz werden (beinahe) alle Plosive in anlautender Position stimmlos artikuliert, jedoch unterteilt in Fortis- und Lenis-Artikulation. Der Fortis-Lenis-Unterschied ist auf artikulatorischer Ebene kaum greifbar und lässt sich oft nur noch im phonetischen Labor physikalisch messen (Fleischer/ Schmid 2006: 244-245). Dennoch bestehen Paare homorganer Plosive: Im Anlaut ist die Unterscheidung zwischen mhd. / d/ (aus germ. / þ/ ) und mhd. / t/ (aus germ. / d/ ) im westlichen Berner Oberland, im Wallis und in Teilen Graubündens noch erhalten (Christen 2019: 255). Im Mittelland gilt die Fortis-Realisierung - gemäss Lötscher (1983: 84-85) auch für mhd. / b/ (z. B. Puur für Bauer) - im Nordwesten dagegen diejenige als Lenis-Plosiv. Die einschlägige SDS-Karte zu Tag (SDS II 1965: Karte 165) weist den Raum etwa nordwestlich einer Linie Biel (BE), Solothurn (SO), Olten (SO), Laufenburg (AG) als Lenisierungsgebiet aus. Variation auf der lautlichen und graphematischen Ebene tritt im Schweizerdeutschen sowohl im ursprünglich germanischen Wortgut als auch bei Entlehnungen auf. Im Folgenden werden die sprachgeschichtlichen und etymologischen Hintergründe der Plosive des Schweizerdeutschen erläutert. Für die Kartierungen werden die FamN jedoch, mit Ausnahme der vierten Karte, nicht nach etymologischer Genese separiert, denn diese hat sich nicht als ausschlaggebend für die Raumbildung erwiesen. Viel eher scheint es bei der Schreibvariation der Anlautplosive um die Frage eines onymischen vs. appellativischen Grundworts sowie um Sprachkontaktfragen zu gehen. Daher sind die sprachgeschichtlichen Erläuterungen eher als Exkurs zu verstehen. An der Konstituierung des alemannischen (und hochdeutschen) Konsonantismus und der oben beschriebenen Sachlage hatten althochdeutsche Entwicklungen massgeblichen Einf luss: Bei nativen Wörtern ist v. a. die Reihe der germanischen Medien - also der stimmhaften Plosive / b/ , / d/ , / g/ - relevant. Sie durchlief im Althochdeutschen die Verschiebung zu den stimmlosen Plosiven / p/ , / t/ , / k/ (zweite Lautverschiebung, Teilaspekt Medienverschiebung) - allerdings mit starken Einschränkungen in der räumlichen wie auch zeitlichen Durchsetzung. Im oberdeutschen Raum trat die Medienverschiebung stärker ein als im mitteldeutschen, hat sich aber dennoch auch in ersterem teilweise wieder zurückgebildet. Langfristig hat sich nur / d/ > / t/ ins Standarddeutsche durchgesetzt, vgl. d > t in Tochter, jedoch b und g in Bauer und Gott (Sonderegger 1979: 132-136; Sonderegger 2003: 266-270). Die Verschiebung der einzelnen Plosive lässt sich wie folgt zusammenfassen; dabei wird auch auf die graphematische Wiedergabe eingegangen: • b > p: Im alemannischen Sprachraum wurde im 8./ 9. Jh. germ. b in allen Positionen zu p verschoben und mit <p> verschriftet (Sonderegger 2003: 265). Die Graphie <p> nimmt bereits seit dem 9. Jh. wieder ab, ist aber im Anlaut noch bis in die mittelhochdeutsche Zeit belegt (Sonderegger 2003: 264-267). • d > t: Die Verschiebung von d zu t wurde im alemannischen Raum komplett vollzogen und zeigt sich dementsprechend auch in der Schreibung germ. *daga- > ahd. tag, nhd. Tag oder germ. *duri- > ahd. turi, nhd. Türe (Schirmunski 2010: 356; Schmidt 2020: 276-277; Braune/ Heidermanns 2023: 219-223). • g > k: Die Verschiebung von g zu k zeigt sich nicht durchgehend und nicht in jeder Wortposition; für das Althochdeutsche sind bspw. piukan ‘biegen’ oder këpan ‘geben’ belegt (Sonderegger 2003: 265). Ab dem 10. Jh. tritt im Oberdeutschen im Anlaut häufig <g> auf: «Viele obd. Quellen dieser Zeit haben anlautend nur <g> […]; andere zeigen neben vorherrschendem <g> noch anlautendes <k>» (Braune/ Heidermanns 2023: 199). Die Entwicklung von d zu t ist konsequent erfolgt; zu Gvs. Kliegen keine sicher einschlägigen Namenpaare vor. 3 Eine weitere Quelle von Plosiven ist die germanische Frikativreihe / f, þ, χ/ , 4 genauer der dentale Frikativ / þ/ , der sich im Althochdeutschen zu / d/ entwickelt hat. Diese Entwicklung zeigt sich im Alemannischen ab dem 8. Jh. durch eine Ablösung von <th> durch <d>. Letztere Schreibung wird auch im 9. und 10. Jh. beibehalten 1 Vgl. die Artikel I-2.6 «Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut» und I-2.7 «Schreibvariation bei Plosiven im Auslaut». 2 Vgl. Artikel I-2.3 «Zweite Lautverschiebung: Tenuesverschiebung». 3 Die Dublette Gugler/ Kugler wurde nicht kartiert, da unklar ist, ob die Namen zu mhd. gugel(e) ‘Kapuze’ oder zu mhd. kugel(e) ‘Kugel’ zu stellen sind. 4 Phonetisch korrekt müsste hier [θ] anstatt [þ] als Zeichen für den stimmlosen dentalen Frikativ stehen. Der germanistischen Tradition folgend wird jedoch auch in diesem Artikel þ verwendet; vgl. Artikel I-2.4 «Variation ch / h für germ. χ». 226 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="227"?> (Sonderegger 2003: 275). Im 10. und 11. Jh. zeigen sich für diesen Laut vorübergehend/ zwischenzeitlich auch t-Schreibungen, was aber keine generelle althochdeutsche Entwicklung ist, sondern wohl eher ein Ref lex alemannischer Dialektlautung sein dürfte (s. u.). Variation in der Plosivlautung und in der Schreibung betrifft nicht nur Wortgut germanischen Ursprungs, sondern auch Wörter (inklusive Namen), denen ein entlehntes Etymon zugrunde liegt. Relevant sind Entlehnungen nach der zweiten Lautverschiebung, meist aus dem Lateinischen (dabei nicht selten mit griechischen Wurzeln) sowie aus romanischen Varietäten, gelegentlich auch aus dem Niederdeutschen. Bei der Integration der Lexeme kann es zu unterschiedlichen graphischen Umsetzungen des anlautenden Plosivs kommen. Die Varianz von <B>/ <P> tritt bspw. bei den folgenden ursprünglichen Lehnwörtern auf: mhd. bābes / pābes ‘Papst’ < lat. pappa, pāpa ‘Vater’, mhd. bilgerīn / pilgerīn < lat. peregrīnus ‘Fremdling’ oder mhd. belz / pelz < lat. pellis ‘Fell, Haut, Pelz’ (Paul et al. 2007: 151, 153). 5 Dieser Wechsel wird auch in der Schreibung der FamN sichtbar, die auf entsprechenden Lehnwörtern basieren (z. B. Babst/ Pabst). Gleiches gilt auch für FamN, die auf Ruf N mit fremdsprachiger Herkunft zurückgehen (z. B. Bieri/ Pieri zu frz. Pierre aus lat. Petrus). Den in dieser Untersuchung identifizierten einschlägigen FamN liegt fast ausnahmslos ein Etymon mit stimmlosem Plosiv zugrunde, vgl. neben den obigen Beispielen: Dönz / Tönz als Kurzformen des Ruf N Antoni zu gräko-lateinisch Antonius; Düscher/ Tüscher zu mhd. tiuschen, tūschen aus mittelniederdt. tūschen ‘täuschen, tauschen u. ä.’; Glaus / Klaus als Kurzformen des Ruf N Nikolaus zu einer latinisierten und ursprünglich griechischen Namenform Nikólaos. 6 Das bisher Gesagte lässt sich folgendermassen zusammenfassen: Aus nativen Etyma Aus Entlehnungen nach der zweiten Lautverschiebung Labiale b vs. p (aus germ. b), rezent wohl oft im Anlaut verhärtet zu p b vs. p (aus fremdsprachig p), rezent wohl oft im Anlaut verhärtet zu p Alveolare d vs. t (aus germ. þ, d ), rezent nur noch in südlichen Regionen unterschieden, sonst: d (aus germ. þ, d ) im Nordwesten, t (aus germ. þ, d ) im Mittelland d vs. t (aus fremdsprachig t), (rezent) im Nordwesten eher d, im Mittelland eher t zu erwarten Velare g (aus germ. g) - kaum Variation mit k zu erwarten g vs. k (aus fremdsprachig k) Tabelle 106: Überblick zu erwartbarer Lautvariation bei Plosiven Die oben beschriebene Lautvariation stellt ein potenzielles Problem für die graphematische Repräsentation dar. Ein Hinweis darauf ist die Lemmatisierungspraxis des Id. (1881 ff.), das Wortformen mit anlautendem B und P sowie D und T unter einem Lemma zusammenfasst, während es anlautendes G und K (bzw. Ch) systematisch trennt. Bei der Distribution der Plosivgrapheme ist neben lautlichen Faktoren auch mit graphematischen Eigendynamiken zu rechnen. Hierbei können sich neben diatopischen und diastratischen Einf lüssen auch weitere Variablen wie Textsorte, Schreiber, Institutionen oder Verschriftung (Kanzlei, Kirche, Standesamt usw.) auswirken (Elmentaler 2018: 30). Fragestellungen: Entsprechend der skizzierten Ausgangslage sind die folgenden Fragen von Interesse: Weisen die jeweiligen FamN mit Plosiven im Anlaut (B/ P, D/ T, G/ K ) allgemeine Präferenzen für die Lenis- oder die Fortis-Schreibung auf ? Zeigen sich bei der Distribution der beiden Graphien deutliche Raumbilder? Sind graphematische Tendenzen lexemgebunden? Die erste Karte enthält ausschliesslich FamN mit P -Graphie in initialer Position, da diese im Vergleich zur üblichen Lenis-Schreibung selten vorkommt. Die zweite und die dritte Karte widmen sich FamN, die Varianz in der B/ P bzw. D/ T-Schreibung aufweisen. Anschliessend werden FamN, die etymologisch auf germ. þ zurückgehen, gesondert kartiert (vierte Karte). Auf der fünften Karte schliesslich wird die Schreibvarianz im Plosivpaar G/ K abgebildet. 5 Zur B/ P -Variation in Lehnwörtern in schweizerdeutschen Dialekten vgl. u. a. die Beispiele bei Abegg (1911: 49), Baumgartner (1922: 98) oder Berger (1913: 122). 6 Für das Namenpaar Bleisch / Pleisch (Weisstannen SG bzw. Luzein GR, Saas GR) ist nicht zu entscheiden, ob gräko-lateinisch Blasius oder lat. placidus zugrunde liegt, weshalb es nicht in die Kartierung aufgenommen wurde. Fremdsprachiges b liegt in den FamN Batt (Münsingen BE) und Pieth (Molinis GR) zugrunde, die beide auf den Ruf N Beatus (zu lat. beatus ‘selig’) zurückgeführt werden. 2.5 Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut 227 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="228"?> Erste Karte {105}: P-Schreibung am Wortanfang Namenauswahl: Die erste Karte dokumentiert gesamthaft das Vorkommen der P -Graphie am Wortanfang in FamN der Deutschschweiz. Ausgeschlossen wurden FamN mit initialem Pf - (z. B. Pfister) und Ph- (z. B. Philip), denn diese ref lektieren andere etymologische und lautliche Basen. 7 Für die Untersuchung wurden Namen aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 8 kartiert, die gestützt auf eine automatische Abfrage in der etymologischen Datenbank (Stand 18.12.2024) ermittelt wurden. Abgefragte Namen P-Schreibung am Wortanfang, vor 1800: Pabst, Palmy, Panier, Pantli, Pappa, Pargätzi, Pärli, Passer, Passeraub, Patscheider, Pauli, Paur, Peier, Peng, Perler, Perren, Perreten, Perrig, Perro, Perron, Peterer, Peterhans, Peterli, Peternier, Petrig, Peyer, Piat, Pichel, Pickel, Pieren, Pieri, Pierig, Pieth, Planzer, Plapp, Plattner, Platzer, Pleisch, Pletscher, Plüss, Pohli, Pommer, Popp, Pörtig, Portmann, Portner, Poschung, Prack, Prader, Preisig, Preiswerk, Preschli, Preschlin, Prinz, Prisi, Probst, Profos, Prumatt, Pulfer, Pulver, Pümpin, Püntener, Pünter, Pupikofer, Puppikofer, Pürro, Purtschert, Putzi. 68 Types, 196 Tokens. Kreise 11-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 0-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 107: Daten zur ersten Karte {105} Detailangaben zur Namenauswahl: 9 FamN mit P -Graphie sind im Familiennameninventar der Deutschschweiz gegenüber der entsprechenden B-Graphie niederfrequenter. FamN mit P in initialer Position können nach ihrem zugrunde liegenden Lexem (bzw. Name) in zwei Hauptgruppen unterteilt werden: 1. FamN aus Namen, d. h. sowohl aus Ruf N als auch aus Toponymen: Dazu gehören einerseits Patronyme - sowohl aus germanischen Ruf N (wie Preisig zu einem althochdeutschen Ruf N Brīso, Prīso) als auch aus nicht-germanischen Ruf N (wie Pauli aus lat. Paulus) - und andererseits Wohnstätten- oder HerkunftsN aus germanischen Toponymen (wie die HerkunftsN/ VölkerN Peier/ Peyer zum GebietsN/ LänderN älter Baiern bzw. heute Bayern, vgl. auch schwzdt. Karte 105: P-Schreibung in initialer Position, vor 1800 7 Vgl. Artikel I-2.3 «Zweite Lautverschiebung: Tenuesverschiebung». 8 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 9 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf dem EtymWB (1993) sowie Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. Die Schreibung von schweizerdeutschen Appellativa entspricht der im Id. (1881 ff.) aufgeführten Graphie. 228 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="229"?> Baier, Paier, mhd. Beier, ahd. Beiar) resp. nicht-germanischen Toponymen (wie Prader zu alträtorom. prada ‘Wiese’). Eine Untergruppe der Patronyme bilden die FamN aus integrierten romanischen (d. h. französischen oder rätoromanischen) FamN, wie z. B. Perren (aus einem französischen FamN zum Ruf N Pierre) oder Padrutt (aus einem rätoromanischen FamN zum lateinischen Ruf N Petrus). 2. FamN aus entlehnten Appellativa, meist lateinischen Ursprungs, wie z. B. Probst (BerufsN zu schwzdt. Bropst, Propst ‘Propst, geistlicher Vorsteher, Aufseher einer Hauptkirche, eines Stiftes, Klosters’, mhd. brobest ‘Vorgesetzter, Aufseher, Probst’, entlehnt aus altfrz. provost < mittellat. propositus) oder Pulver (BerufsüberN zu schwzdt. Bulfer ‘Staub, Asche’, mhd. pulver zu spätlat. pulver ‘Staub’ für den Hersteller oder Händler von Gewürzen, später wohl auch für den Hersteller von Schiesspulver). Nicht alle kartierten Namen lassen sich in die zwei oben genannten Hauptgruppen einteilen. Es gibt Einzelfälle, die eine besondere Beurteilung erfordern, z. B. den Familiennamentyp Paur (mit den Namenvarianten Baur, Bauer und Bur) zu schwzdt. Puur, mhd. būre, būr, ahd. gi-būr (das Simplex ist nicht sicher bezeugt), bei denen germ. b zugrunde liegt. Dieses Beispiel gehört zu einer Auswahl an Lexemen, für welche sich im Frühneuhochdeutschen eine lexemgebundene p- Schreibung etabliert hat. Dies halten Ebert et al. (1993: 85) folgendermassen fest: «Auffallend ist die Häufigkeit wortgebundener p-Schreibungen, vgl. pauer, pund, pürtig, pusch». Letzteres Beispiel zeigt, dass Schreibvariation in FamN auf rein graphematischer Ebene entstehen kann. Es sei noch auf die Karte 133 im HSS II (1979) für das Lexem Probst hingewiesen: Auch hier dominiert P -Schreibung in Baden (Deutschland), wobei zusätzlich «komplementäre Verteilung initiales <b->/ mediales <-p-> bzw. umgekehrt» (HSS I 1979: 236) festgestellt werden konnte. Ein Teil der ausgewählten Namen mit P -Schreibung (12 von 68 Types) weist eine Variante mit B-Graphie auf; diese Schreibvarianz in etymologischen Namenpaaren wird gesondert in der zweiten Karte untersucht. Die P -Schreibung scheint hauptsächlich von zwei Faktoren beeinf lusst zu sein: einerseits von der lexikalischen Eigenschaft des FamN (Name aus Namen) und andererseits von der sprachlichen Herkunft des zugrunde liegenden Appellativs bzw. Namens. FamN aus Namen mit Fortis-Schreibung deuten auf eine Schreibtreue gegenüber dem zugrunde liegenden Toponym bzw. Namen hin. Die Beispiele von Probst und Papst lassen einen Einf luss des kirchlichen Kontexts auf die etymologietreue Namenschreibung erkennen. Auffällig ist die Schreibung Peier/ Peyer zum GebietsN Baiern bzw. Bayern, die gegenüber der schriftsprachetreuen Variante mit B- Graphie (Baier, Bayer, Beier, von Bayer) tokenmässig klar überwiegt (s. zweite Karte). 10 Kommentar: P -Schreibung ist fast über das gesamte Gebiet der Deutschschweiz verbreitet. Auffällig ist ihre Präsenz entlang der deutsch-französischen Kontaktzone, vom Kanton Basel-Landschaft bis südlich zur Sprachgrenze im Wallis. Auch in den früh verdeutschten Gebieten Graubündens und St. Gallens ist die P -Graphie dokumentiert. Weitere Ballungen gehen meist auf Namennester zurück, wie z. B. Plüss im Bezirk Zofingen (AG), Portmann im Entlebuch (LU) oder Planzer im Kanton Uri. 10 Im HSS I (1979: 238-239) wird für die im Alemannischen übliche Schreibung Peyer eine ältere Schreibtradition angenommen, die sich für <p> aus germ. bin absoluter Initialposition etabliert hat (Medienverschiebung). Auf der entsprechenden Karte 136 (HSS II 1979) für <b> vs. <p> in Baier dominiert dementsprechend die P -Graphie. 2.5 Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut 229 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="230"?> Zweite Karte {106}: Schreibvariation B-/ P- Namenauswahl: Die zweite Karte gilt FamN wie bspw. Beier / Peier, die Schreibvariation von <B> und <P> in anlautender Position aufweisen. Für die Kartierung wurden Dubletten und zugehörige Varianten aus der Zeitschicht «vor 1800» ausgewählt. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Typ B: Babst, Bapst, Badrutt, Baier, Bantli, Baur, Bauer, Bayer, Beier, Bickel, Bieri, Bleisch, Bobst, Bohli, Bopp, Brader, Bur, von Bayer. 18 Types, 95 Tokens. Typ P : Pabst, Padrutt, Pantli, Paur, Peier, Peyer, Pickel, Pieri, Pleisch, Pohli, Popp, Prader. 12 Types, 37 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 108: Daten zur zweiten Karte {106} Detailangaben zur Namenauswahl: Anhand der Kategorisierung in der ersten Karte setzt sich die hier kartierte Namenauswahl wie folgt zusammen: 1. FamN aus Namen (Badrutt / Padrutt, Baier / Bayer/ Beier / von Bayer/ Peier / Peyer, Bantli/ Pantli, Bieri/ Pieri, Bleisch / Pleisch, Bohli/ Pohli, Bopp / Popp, Brader / Prader), wobei die meisten davon auf nicht-germanischen Ruf N oder romanischen FamN bzw. Toponymen basieren, und 2. FamN aus entlehnten Appellativa (Babst/ Bapst/ Bobst/ Papst, Bickel/ Pickel ). Ein dritter Typus stellen die FamN Baur / Bauer/ Bur/ Paur dar. Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass FamN mit initialem Bdreimal so häufig sind wie diejenigen mit P-Schreibung. Die häufigsten unter den hier kartierten FamN sind für die B-Graphie Baur/ Bauer (20 + 14 Tokens), Bieri (15 Tokens) sowie Bickel (11 Tokens) und für die P -Schreibung Peyer/ Peier (gesamt 21 Tokens). Die restlichen Namen erreichen jeweils eine geringe Tokenfrequenz. Die niederfrequenten P -Graphien treten hauptsächlich in zwei Gebieten auf: einerseits im Mittelland (in den Kantonen SO, AG, ZH und SH) und andererseits bei der östlichen (historischen) Sprachgrenze in den Kantonen St. Gallen, Glarus und Graubünden, wobei die meisten Tokens des Mittellands den FamN Peyer und Peier geschuldet sind. Wenn man vom Namenpaar Beier/ Peier (und Varianten) absieht, stellt sich heraus, dass Varianz hauptsächlich an der Sprachgrenze entsteht, wo sich Schwankung zwischen etymologisch-romanischer Graphie (Padrutt, Prader) und adaptierter deutscher Schreibung (Badrutt, Brader) zeigt. Ausserhalb der Kontaktzone haben sich lexemgebundene Schreibungen etabliert: Der Typ Baur wird fast ausschliesslich mit B- Graphie geschrieben (Baur/ Bauer/ Bur gesamt 37 Tokens vs. 2 Tokens mit P -), während Typ Peyer fast überall mit P -Graphie (Peyer/ Peier gesamt 21 Tokens vs. 4 Tokens mit B-) auftritt. Beispiele von beiden Schreibungen desselben FamN innerhalb der gleichen Gemeinde kommen nur in drei Fällen vor: Bickel/ Pickel in Davos (GR), Bohli/ Karte 106: B/ P-Schreibvarianz, vor 1800 230 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="231"?> Pohli in Bäretswil (ZH) und Baur / Paur in Stäfa (ZH). Die hier beschriebene Sachlage verdeutlicht, dass bei den untersuchten Namendubletten die Präferenz für eine Schreibvariante nicht an den zugrunde liegenden Namen bzw. das Appellativ gebunden ist, sondern auf einer etablierten Schreibform des FamN beruht. Dritte Karte {107}: Schreibvariation D-/ T- Namenauswahl: Die dritte Karte gilt FamN wie Däscher/ Täscher, die im Anlaut Schreibvariation von <D> und <T> aufweisen. Ausgewählt wurden alle in der Datenbank enthaltenen Fälle aus der Schicht «vor 1800», die als D/ T-Dubletten auftreten, sowie etymologisch zugehörige Varianten. Dazu zählen auch Namen mit Th- Schreibung, da diese eine rein graphematische Variante der T-Graphie darstellt. 11 Abgefragte Namen Typ D: Dahli, Dali, Dällenbach, Daller, Dallmann, Dänger, Däscher, Darnutzer, Darnuzer, Dellenbach, Deller, Denger, Denz, Deringer, Deuber, Deucher, Deutsch, Dillmann, Dinner, Diriwächter, Dobler, Dogwiler, Doggweiler, Doggwiler, Dommann, Dommen, Dönz, Dörig, Dörler, Dormann, Dräyer, Dreier, Dreyer, Drexler, Drittenbass, Droxler, Drüssel, Dummermuth, Duner, Dür, Dürig, Düring, Düringer, Dürlemann, Dürler, Dürrig, Dürring, Durtschi, Düscher, Düsel, Düssel, Dütsch. 52 Types, 115 Tokens. Typ T : Tarnutzer, Täscher, Täschler, Täuber, Tellenbach, Teller, Tenger, Tenz, Teuber, Teucher, Teutsch, Thali, Thaler, Thäler, Thaller, Thalmann, Theler, Thierwächter, Thomann, Thommen, Thörig, Thormann, Thummermuth, Thuner, Thür, Thürig, Thüring, Thüringer, Thürlemann, Thürlimann, Thurler, Tillmann, Tinner, Tobler, Toggweiler, Toggwiler, Tönz, Törig, Trachsel, Trachsler, Trächsel, Traxel, Traxler, Trechsel, Treier, Treyer, Trittenbass, Trochsler, Troxler, Trüssel, Türler, Tüscher, Tüsel, Tütsch, Turtschi. 55 Types, 237 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 109: Daten zur dritten Karte {107} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier kartierten Namendubletten und ihre Varianten wurden mithilfe einer automatischen Suche in der etymologischen Datenbank ermittelt (Dvs. T-Schreibung). Namenpaare wie z. B. Denner/ Tenner, die etymologisch nicht (mit Sicherheit) zusammengehören, wurden ausgeschlossen. Die ausgewählten FamN gehen auf folgende Benennungsmotive zurück: Patronyme wie Denz / Tenz, Dönz / Tönz zu Antonius oder Dommen / Thommen und Dommann / Thomann zum Ruf N Thoman (einer alten Variante zu Thoma(s)); Wohnstätten- oder HerkunftsN wie Dobler/ Tobler zu mhd. tobel ‘Waldtal, Schlucht’ oder dem daraus entstandenen häufigen Toponym Tobel; BerufsN wie Däscher / Täscher bzw. Täschler zu mhd. tasch(e)ner bzw. spätmhd. teschler, täschner ‘Ta- Karte 107: D/ T-Schreibvarianz, vor 1800 11 Vgl. Artikel I-2.8 «Schreibvariation t/ th». 2.5 Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut 231 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="232"?> schenmacher, -hersteller’; ÜberN wie Drüssel/ Trüssel zu schwzdt. (älter) Trüssel ‘körperlich und geistig grobschlächtiger, schwerfälliger Mensch’. Die FamN Dürler / Türler und ihre Varianten Dürlemann, Thürlemann, Thürler, Thürlimann, Thurler sind entweder als BerufsN zu schwzdt. Türer, Türler ‘Türhüter’ oder als WohnstättenN zu einem Toponym Tür ‘Öffnung; auch Zaundurchlass; Türe des Dorfhags’ zuzuordnen. Ähnlich wie bei der B/ P -Opposition (zweite Karte) scheinen die Namen mit niederfrequenter Graphie hauptsächlich zur Kategorie «Namen aus Namen» zu gehören. Kommentar: Die häufigsten hier kartierten Namen sind Tobler (38 Tokens), Thalmann (24 Tokens), Thommen und Troxler (je 19 Tokens). Alle FamN mit D-Schreibung sind tokenmässig niederfrequent und die meisten davon kommen nur in einer Gemeinde vor. Die häufigsten FamN Dreier und Dürler weisen nur je 7 Tokens auf. Für jede Dublette zeigt sich eine klare Präferenz für die T-Graphie, vgl. z. B. Tobler mit 38 Tokens gegenüber Dobler mit 5 Tokens oder Thalmann mit 24 Tokens gegenüber Dallmann mit 1 Token. Beide Schreibvarianten desselben Namens treten in folgenden Fällen innerhalb der gleichen Gemeinde auf: Dönz / Tönz in Seewis (GR), Dürlemann / Thürlemann bzw. Thürlimann in Heggenschwil (SG) und Wuppenau (SG), Dütsch / Tütsch in Tägerwilen (TG), Doggweiler/ Toggweiler in Opfikon (ZH), Durtschi/ Turtschi in Spiez (BE) sowie Dreier/ Treier in Wittnau (AG). Geographisch sind beide Schreibungen v. a. über das Mittelland verstreut. Auffällig ist das Fehlen der D-Graphie in weiten Teilen des Berner Oberlands, im deutschsprachigen Wallis sowie an der Sprachgrenze im Kanton Freiburg. Dies könnte mit der bewahrten dialektalen Fortis-Lenis-Unterscheidung in Zusammenhang gebracht werden, die für das westliche Berner Oberland, das Wallis und Teile Graubündens typisch ist (s. Abschnitt «Hintergrund»). Vierte Karte {108}: Schreibvariation D-/ Taus germ. þ Namenauswahl: Die vierte Karte gilt FamN, die im Anlaut Schreibvariation von <D> und <T> aufweisen und etymologisch auf germ. þ zurückgehen. Die gesonderte Kartierung dieser spezifischen Teilmenge der dritten Karte ist darauf zurückzuführen, dass nur das Plosivpaar D/ T in bestimmten Regionen der Deutschschweiz dialektal einen lautlichen Fortis-Lenis-Unterschied bewahrt hat (s. Abschnitt «Hintergrund»). Abgefragte Namen Typ D aus germ. þ: Deutsch, Dräyer, Dreier, Drexler, Dreyer, Droxler, Dütsch. 7 Types, 23 Tokens. Typ T aus germ. þ: Teutsch, Trachsel, Trächsel, Trachsler, Traxel, Traxler, Trechsel, Treier, Treyer, Trochsler, Troxler, Tütsch. 12 Types, 67 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 22-48, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 110: Daten zur vierten Karte {108} Karte 108: D/ T-Schreibvarianz aus germ. þ, vor 1800 232 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="233"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Die ausgewählten Namenpaare gehen auf drei Etyma zurück: 1. Deutsch, Dütsch, Teutsch und Tütsch auf das Adjektiv schwzdt. tüütsch, mhd. tiu(t)sch ‘deutschsprachig, deutschstämmig’; 2. Dräyer, Dreier, Dreyer, Treier und Treyer auf schwzdt. drääi(j)e(n), mhd. dræjen ‘sich drehend bewegen; drehen, drechseln’ für einen Holz-, Messing-, Bernstein-, Knochen-, Horn- oder Elfenbeindrechsler; 3. Drexler, Droxler, Trachsel, Trächsel, Trachsler, Traxel, Traxler, Trechsel, Trochsler und Troxler auf schwzdt. Draachsel, Dräächsel, mhd. dræhsel, drëhsel bzw. mhd. dræhseler, drehseler ‘Drechsler’. Kommentar: Sprachhistorisch und bezogen auf das Hochdeutsche allgemein wäre Dzu erwarten, das Kartenbild zeigt jedoch überwiegend T-Schreibungen. Es könnte also zur Zeit der Familiennamenverschriftung schon die oben beschriebene dialektale Anlautverhärtung eingetreten sein und die T-Schreibung bedingt haben. Dies passt zu dem Befund, dass sich auch in Schriftzeugnissen des 10. und 11. Jh. schon t-Schreibungen zeigen (Sonderegger 2003: 275). Da sich der Nordwesten (zumindest rezent) als Lenisierungsgebiet auszeichnet und den Anlaut nicht verhärtet (vgl. Abschnitt «Hintergrund», insbesondere Tabelle 106), sind dort eher D-Schreibungen zu erwarten, was zum Kartenbild passt. Die Belege im westlichen Berner Oberland kommen durch den Namen Trachsel zustande und gehören zu einem Ballungsgebiet dieses Namens, das schon im Berner Mittelland beginnt. Der Beleg in Ausserberg (VS) entfällt auf den FamN Treyer, der zudem zweimal im Aargau vertreten ist. Da der Süden (westliches Berner Oberland, Wallis, Teile Graubündens) dialektal noch d aus germ. þ bzw. d aus germ. t unterscheidet (Christen 2019: 255), hätte man dort für den kartierten Fall D-Schreibungen erwartet, was sich jedoch nicht feststellen lässt. Die Datenbasis ist offenbar zu schmal und/ oder durch graphematische Prozesse überformt, als dass sie die dialektal-lautliche Kontinuität der Plosivopposition im Süden hätte widerspiegeln können. Fünfte Karte {109}: Schreibvariation G-/ K- Namenauswahl: Die fünfte Karte gilt FamN, die G/ K-Schreibvariation in initialer Position aufweisen. Ausgewählt wurden alle in der Datenbank enthaltenen Fälle aus der Schicht «vor 1800», die als Namendubletten auftreten (inklusive dazugehörige Varianten). Abgefragte Namen Typ Glaus: Glaisen, Glaus, Glausen, Glauser. 26 Tokens. Typ Klaus: Klaas, Kläsi, Klaus, Klauser, Kläusler, Kläusli, Klausner, Klauss, Kleisli. 9 Types, 42 Tokens. Typ Claus: Claus, Clausen. 8 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 111: Daten zur fünften Karte {109} Karte 109: G/ K-Schreibvarianz, vor 1800 2.5 Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut 233 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="234"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Schreibvarianz im Plosivpaar G/ K am Wortanfang ist in FamN der Deutschschweiz sehr selten. Dies rührt daher, dass FamN, die etymologisch germ. k enthalten, mit <K> verschriftet werden und diejenigen mit germ. g konsequent mit G -Graphie wiedergegeben werden. Die hochfrequenten Patronyme aus dem germanischen Ruf N Konrad (Kunz, Kuhn, Kuoni usw.) weisen bspw. keine G/ K-Varianz auf. 12 Die K-Graphie resultiert bei letzterem Beispiel aus einer standardnahen Schreibtradition, die die mundartliche Realisierung des Namens nicht ref lektiert. Im Id. (1881 ff.) werden appellativische Ref lexe aus germ. k hingegen (meist) mit <Ch> geschrieben: 13 bspw. Appellativ Chaufmann gegenüber FamN Kaufmann, Appellativ Choch gegenüber FamN Koch, Appellativ Chaiser gegenüber FamN Kaiser. Ch-Schreibung am Wortanfang kommt in FamN der Deutschschweiz in folgenden Fällen vor: zum einen in den Patronymen Christen, Christ, Christig usw. aus dem Ruf N Christian und Christoff aus dem Ruf N Christoph, jeweils mit etymologischer, aber nicht-germanischer Ch-Graphie; zum anderen im FamN Cherno im Kanton Solothurn (vermutlich eine Variante zum FamN Kern) und im FamN Chresta in Graubünden (Variante des FamN Cresta, zu einem rätoromanischen Appellativ oder Toponym). Analog zur K-Schreibung werden FamN aus germ. g konsequent mit <G> verschriftlicht, unabhängig davon, ob sie in der mundartlichen Realisierung Fortisierung aufweisen: Graf , Grob, Giger, Gasser usw. Auch im Id. (1881 ff.) werden die entsprechenden dialektalen Wörter mit <G> geschrieben. Im Gegensatz zu den Plosivpaaren B/ P und D/ T werden dort G und K (bzw. Ch) separat lemmatisiert. In Kontaktsituationen kann G -Graphie in manchen Fällen aus der Adaption romanischer FamN mit initialem Centstanden sein. In den verdeutschten alträtoromanischen Gebieten wie z. B. im südlichen Teil des Kantons St. Gallen findet man adaptierte Namenformen mit Lenis-Graphie in initialer Position, wie die FamN mit dem Element Ca- (< rätorom. ca(sa) ‘Haus’; s. Artikel II-2.19 «Familiennamen mit Präfix Ca-») bezeugen: Gafafer (zu alträtorom. faver ‘Schmied’), Galbier (zum Ruf N Alb(i)ert), Gabathuler (zum Ruf N Bertold bzw. Berchtold ). Lenis-Graphien bei verdeutschten alträtoromanischen Toponymen auf Csind in Ackermann (2023: 447-450) systematisch erfasst. Die hier ausgewählten FamN sind alle Patronyme und gehen auf eine Kurzform des Ruf N Nikolaus zurück, wiederum zu einer latinisierten (und ursprünglich griechischen) Namenform Nicolaus. Die häufigsten FamN sind Klaus (19 Tokens), Klauser (15 Tokens), Glaus (12 Tokens) und Glauser (11 Tokens). Aus der Kartierung ausgeschlossen wurden formale Dubletten mit G/ K, die unterschiedliche oder nicht sicher geklärte Etymologien aufweisen wie bspw. Geiser (zu mhd. geiʒer ‘Geissenhüter’) - Keiser (zu mhd. keiser ‘Kaiser’), Günsch (nicht sicher deutbar) - Künsch (Koseform zum Ruf N Konrad ), Geser (Kurzform zum Ruf N Gertrud ) - Keser (zu mhd. kæse ‘Käse’) oder Gugler - Kugler (zu mhd. gugel(e) ‘Kapuze’ oder zu mhd. kugel(e) ‘Kugel’). Kommentar: FamN mit K-Schreibung sind doppelt so häufig wie diejenigen mit G -Graphie. Diese treten im Westen und im Osten insbesondere beim (ehemaligen) Kontaktgebiet auf. Auffällig ist die Präsenz von Namennestern, die im Kontrast zu den in der Region sonst vorherrschenden Schreibungen stehen: In der Ostschweiz weicht der FamN Glaus im Wahlkreis See-Gaster (SG) von der dort überwiegenden K-Schreibung ab. Im Westen bildet das Namennest des FamN Klaus(s) (FR) eine graphische Ausnahme zu den vorherrschenden G -Schreibungen. Aufgrund des Kartenbilds ist es durchaus möglich, dass die Lenis-Schreibung in vielen Fällen durch den Kontakt mit romanischen Schreibkonventionen beeinf lusst wurde. Schliesslich legt die klare räumliche Konzentration des Typs Claus im Wallis nahe, dass bei der Distribution der Varianten regionale Schreibtraditionen entscheidend sein konnten resp. von verschiedenen Varianten eine fixiert wurde. Denn das Walliser Wappenbuch (1946: 62) nennt für den Namen Clausen an weiteren historischen Schreibformen: Klausen, Glausen und Glaisen. Ergebnisse Bei der Schreibung der Plosive B/ P, D/ T, G/ K in initialer Position in FamN der Deutschschweiz lassen sich je nach Paar unterschiedliche Präferenzen erkennen: Beim B/ P -Paar ist die B-Graphie der Normalfall, während die niederfrequenten P -Schreibungen als lexemgebundene Sondergraphien zu betrachten sind wie bei Payer, Paur (erste und zweite Karte); umgekehrt überwiegt bei D/ T klar die Fortis- Schreibung (dritte Karte); dies auch in Dubletten, die auf germ. þ zurückgehen und bei denen Dzu erwarten wäre (vierte Karte). Aus den Daten ist somit folgendes Ergebnis abzulesen: In der Schicht «vor 1800» tritt die D-Graphie im Anlaut gegenüber der T-Graphie deutlich weniger häufig auf. Dies beruht darauf, dass FamN, die auf germ. d bzw. nach der zweiten Lautverschiebung auf ahd. t zurückgehen, meist mit <T> geschrieben sind, und FamN, die auf germ. þ zurückgehen und bei welchen lautgesetzlich d zu erwarten wäre, ebenfalls wegen der Anlautverhärtung oft mit <T> verschriftlicht wurden. Schliesslich ist Schreibvarianz im Plosivpaar G/ K am Wortanfang äusserst selten und kommt nur spezifisch in Patronymen aus dem Ruf N Nikolaus vor (fünfte Karte). Die graphematische Stabilität bei letztgenanntem Plosivpaar liegt daran, dass germ. k am Wortanfang in FamN konsequent mit <K> und germ. g konsequent mit <G> schriftlich überliefert wurden. Die dialektale Fortis- Lenis-Opposition lässt sich bei G/ K in FamN nicht beobachten. In den Raumbildern lassen sich kaum regionale Präferenzen zur B-, D-, G - oder P -, T-, K-Schreibung feststellen. Die Verbreitung der Lenisbzw. Fortis-Schreibungen in FamN deckt sich nicht mit den entsprechenden lautlichen Dialekträumen. Ausschliesslich bei der dritten Karte zeigen sich ansatzweise Evidenzen dafür, dass der Unterschied zwischen dem Mittelland mit dialektaler Fortisierung und dem Nordwesten ohne Fortisierung schon historisch - zur Zeit der Namenverschriftung - bestanden haben könnte. Ausserdem ist in Kontaktgebieten eine höhere Präsenz an Varianz fassbar; diese Varianz beruht auf der unterschiedlichen Integration romanischer FamN ins Deutsche oder auf dem Einf luss romanischer Schreibtraditionen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Bieri (6'826 Tokens), Tobler (3'497 Tokens) und Trachsel (3'029 Tokens). 12 K/ C-Varianz (Konrad / Coradi) beruht auf Sprachinterferenz; vgl. Artikel I-3.1 «Schreibvariation C/ K im Anlaut von Patronymen». 13 Vgl. Artikel I-2.3 «Zweite Lautverschiebung: Tenuesverschiebung». 234 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="235"?> Vergleich mit benachbartem Ausland: Das hier behandelte Phänomen findet sich auch in bundesdeutschen FamN, wie im DFA 2 (2011: 22-43) gezeigt wird: Ref lexe der Medienverschiebung b > p zeigen sich bei Namen mit mhd. blanc, mnd. blank ‘hell’ wie z. B. Blank, Blankenburg zum Typ Blank und z. B. Planck(e), Plankensteiner zum Typ Plank (DFA 2 2011: 22-24; Karte 12), ausserdem in den HerkunftsN des Typs Payer und in den BerufsN des Typs Pauer (DFA 2 2011: 25-26; Nebenkarte 13). Die Nebenkarten 14-16 im DFA 2 (2011: 26-31) illustrieren die Variation im Anlaut von FamN aus Lehnwörtern, so Karte 14 zu Bick / Pick, Bicker/ Picker, Bickel/ Pickel; Karte 15 zu Belz / Pelz, Belzer/ Pelzer; Karte 16 zu Bilger / Pilger, Pilgrim. Schreibvariation von D/ T wird ebenfalls im DFA 2 (2011: 274-295) thematisiert: Variation von <D> und <T>, die auf Ref lexe der zweiten Lautverschiebung zurückzuführen ist, findet sich bei FamN vom Typ Deschner/ Teschner (DFA 2 2011: 274-277; Karte 127) sowie bei FamN vom Typ Dräger / Träger (DFA 2 2011: 277-279; Nebenkarte 128). Ausserdem wird die Variation auch anhand der FamN mit Taube wie Daiber, Deibert, Teuber, Taubert (Nebenkarte 129) und Daubner, Däubler, Teubner, Teubler (Nebenkarte 130) illustriert (DFA 2 2011: 279-283). FamN mit Glocke wie Glöckner / Klöckner oder Glockmann / Klockmann zeigen anlautende Schreibvariation von G/ K (DFA 2 2011: 564-571; Karte 254). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Abegg, Emil (1911): Die Mundart von Urseren (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 4). Frauenfeld: Huber. Ackermann, Elia (2023): Eindeutschung alträtoromanischer Substrattoponyme. Universität Zürich. https: / / doi.org/ 10.5167/ uzh-234859 (letzter Zugriff 18.12.2024). Baumgartner, Heinrich (1922): Die Mundarten des Berner Seelandes (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 14). Frauenfeld: Huber. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Berger, Jakob (1913): Die Laute der Mundarten des St. Galler Rheintals und der angrenzenden vorarlbergischen Gebiete (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 3). Frauenfeld: Huber. Braune, Wilhelm/ Heidermanns, Frank (2023): Althochdeutsche Grammatik I: Phonologie und Morphologie (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 5.1). 17., neu bearbeitete Auf lage. Berlin, Boston: De Gruyter. Christen, Helen (2019): Alemannisch in der Schweiz. In: Herrgen, Joachim/ Schmidt, Jürgen Erich (Hrsg.): Sprache und Raum. Ein internationales Handbuch der Sprachvariation. Bd. 4: Deutsch (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 30.4), 246-279. Berlin, Boston: De Gruyter Mouton. DFA 2 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2011): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 2: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen II: Konsonantismus. Berlin, New York: De Gruyter. Ebert, Robert P. et al. (1993): Frühneuhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 12). Tübingen: Niemeyer. Elmentaler, Michael (2018): Historische Graphematik des Deutschen. Eine Einführung (Narr Studienbücher). Tübingen: Narr Francke Attempto. EtymWB = Pfeifer, Wolfgang et al. (1993): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. https: / / www. dwds.de/ d/ wb-etymwb (letzter Zugriff 18.12.2024). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 18.12.2024). Fleischer, Jürg/ Schmid, Stephan (2006): Zurich German. Journal of the International Phonetic Association 36(2), 243-253. HSS I = Kleiber, Wolfgang (1979): Historischer Südwestdeutscher Sprachatlas. Aufgrund von Urbaren des 13. bis 15. Jahrhunderts. Bd. I: Text (Einleitung, Kommentare und Dokumentationen) (Bibliotheca Germanica 22a). Bern, München: Francke. HSS II = Kleiber, Wolfgang (1979): Historischer Südwestdeutscher Sprachatlas. Aufgrund von Urbaren des 13. bis 15. Jahrhunderts. Bd. II: Karten (Einführung, Haupttonvokalismus, Nebentonvokalismus, Konsonantismus) (Bibliotheca Germanica 22b). Bern, München: Francke. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Lötscher, Andreas (1983): Schweizerdeutsch. Geschichte, Dialekte, Gebrauch. Frauenfeld, Stuttgart: Huber. Paul, Hermann et al. (2007): Mittelhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 2). 25., neu bearbeitete Auf lage. Tübingen: Niemeyer. Schirmunski, Viktor M. (2010): Deutsche Mundartkunde. Vergleichende Laut- und Formenlehre der deutschen Mundarten. Frankfurt a. M. et al.: Lang. Schmidt, Wilhelm (2020): Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium. Teil 2: Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Frühneuhochdeutsch. 12., verbesserte und erweiterte Auf lage. Stuttgart: Hirzel. SDS II = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1965): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. II: Lautgeographie II: Vokalquantität - Konsonantismus. Bern: Francke. Sonderegger, Stefan (1979): Grundzüge deutscher Sprachgeschichte. Diachronie des Sprachsystems. Bd. 1: Einführung - Genealogie - Konstanten. Berlin, New York: De Gruyter. Sonderegger, Stefan (2003): Althochdeutsche Sprache und Literatur. Eine Einführung in das älteste Deutsch. Darstellung und Grammatik (De Gruyter Studienbuch). 3., durchgesehene und wesentlich erweiterte Auf lage. Berlin, New York: De Gruyter. Walliser Wappenbuch = Kantonsarchiv unter Mithilfe der beiden historischen Vereine des Kantons Wallis unter den Auspizien des Staatsrates (1946): Armorial Valaisan. Walliser Wappenbuch. Zürich: Orell Füssli. Martina Heer, Linda Steiner, Luise Kempf 2.5 Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut 235 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="236"?> 2.6 Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut Schlagwörter: Fortis, Kompositum, Lenis, westgermanische Konsonantengemination, zweite Lautverschiebung Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel ist Teil eines Komplexes zur Schreibvariation bei Plosiven (b / p, d / t, g / k) in an-, in- und auslautender Position. 1 Im Folgenden wird die Schreibung von Plosiven dargestellt, die weder im absoluten Anlaut noch im absoluten Auslaut der FamN stehen. Inlautend meint daher die Position des Plosivs einerseits wortintern an der Silbengrenze wie in Nietlis.bach bzw. Nietlis.pach oder Bliggens.dorfer bzw. Bliggens.torfer, andererseits wortintern in der Lautfolge germ. *g nach r wie in Bürgi vs. Bürki oder in der Gemination germ. *gg wie in Brügger vs. Brücker. Die Varianz der Konsonantenschreibung kann Ref lexe der zweiten Lautverschiebung (Medienverschiebung) widerspiegeln (Braune/ Heidermanns 2023: 125-127), sie kann aber auch auf dialektale Fortisierungsprozesse verweisen, die im Inlaut «von der lautlichen Umgebung abhängig» sind ( Jutz 1931: 174). Für die Deutschschweizer FamN gilt es auszuloten, inwieweit sich diese Wandelprozesse in der Schreibung widerspiegeln. Hintergrund: Im Folgenden werden FamN behandelt, die synchron im Wortinnern Plosive enthalten. Dabei liegen diachron verschiedene Ausgangslaute zugrunde: einerseits die Plosive germ. *b und germ. *g sowie westgerm. *gg, andererseits auch der Frikativ germ. *þ. Letzterer wird berücksichtigt, weil er im gesamten deutschsprachigen Gebiet über eine Lenisierungsstufe als [d] in die Plosivreihe übergeht (Schmidt 2020: 278). 2 Die untersuchten FamN enthalten etymologisch germ. *b in Bach zu germ. *bakjaz und in Berg zu germ. *bergasowie germ. *g in Burg zu germ. *burg -; letzteres Element bildet den ersten Bestandteil des dithematischen Ruf N Burkhard. Das Lexem Brücke enthält etymologisch den Konsonanten germ. *g, welcher durch das j der Folgesilbe geminiert wurde: germ. *brug-jō(n) > westgerm. *brugg-jō(n) > ahd. brugga, brucka (EWA II 1978 ff.: Sp. 370). FamN mit Dorf haben im Germanischen als Vorstufe den Frikativ germ. *þ: germ. *þurpa- > ahd. dorf , thorf (EWA II 1978 ff.: Sp. 725). Alle genannten Lexeme weisen in ihrer schriftlichen Realisierung Variation zwischen den zur Verfügung stehenden Konsonantengraphemen b / p, g / k, gg / ck / k oder d / t auf. 3 Diese Variation lässt sich für die Plosive germ. *b, *g und *gg z. T. mit der sogenannten Medienverschiebung erklären, die im Oberdeutschen gestaffelt eingetreten ist (Sonderegger 2003: 264-267; Schmid 2017: 80-84; Braune/ Heidermanns 2023: 120-134). 4 Diese Lautverschiebung sei hier für das Oberdeutsche, zu welchem die Deutschschweizer Mundarten gehören, kurz skizziert: 5 • b > p: Im 8./ 9. Jh. wird im alemannischen und bairischen Sprachgebiet germ. *b zu p verschoben und in den Quellen mit <p> geschrieben wie z. B. in ahd. përan ‘(hervor-)bringen, tragen, gebären’ und këpan ‘(über-)geben, überlassen’. Ab dem 9. Jh. nimmt die Schreibweise mit <p> in- und meist auch anlautend wieder ab und ab dem 11. Jh. überwiegen Formen wie bëren, gëben (Braune/ Heidermanns 2023: 125). • g > k: Die Verschiebung von germ. *g zu k erfolgte im Oberdeutschen nicht durchgehend und variierte in der Wiedergabe als <g> und <k>/ <c> wie bspw. in ahd. piugan neben piukan ‘biegen’ (Sonderegger 2003: 265). • gg > ck / kk: Der einfache Konsonant germ. *g wird vor j zu *gg verdoppelt (sogenannte westgermanische Konsonantengemination). Durch die Medienverschiebung wird auch dieser Doppelkonsonant zu kk verschoben und zeigt sich in althochdeutschen Texten als <kk> wie in ahd. rukki ‘Rücken’ aus germ. *hrugja- (Schmidt 2020: 277; Braune/ Heidermanns 2023: 121, 195), zuweilen aber auch als <gg> wie in ahd. brugga neben brucka ‘Brücke’ oder ahd. egga neben ecka ‘Ecke’. Diese Variation ist auch in den mittelhochdeutschen Entsprechungen wie mhd. brücke, brucke, brügge erhalten geblieben. Während einfaches k seit dem 11. Jh. wieder durch g ersetzt wird wie in kot > got ‘Gott’, bleibt kk in der Gemination erhalten (Schmidt 2020: 277): «Im Nhd. lebt die Geminate gewöhnlich als / ck/ fort (Brücke, Schnecke), nur in Sonderfällen als / gg/ : Egge, Roggen (Differenzierung von Ecke, Rocken), flügge (Analogie zu fliegen, Flug)» (Braune/ Heidermanns 2023: 197). Neben der Entwicklung der germanischen Plosive ist hier auch die Entwicklung des Frikativs relevant, der in der Sprachgeschichtsforschung oft als «Thorn» bezeichnet und als «þ» geschrieben wird (in IPA-Lautschrift: [θ]). Er ist Teil der germanischen Frikativreihe / f, þ, χ/ (Braune/ Heidermanns 2023: 120) 6 und «wird zunächst in den oberdeutschen, dann in allen hochdeutschen Mundarten und später auch im Niederdeutschen zum stimmhaften Plosiv / d/ » (Braune/ 1 Vgl. die Artikel I-2.5 «Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut» und I-2.7 «Schreibvariation bei Plosiven im Auslaut». 2 Vgl. Artikel I-2.4 «Variation ch / h für germ. χ». 3 Auf die Darstellung von germ. *d wird im Artikel verzichtet, weil der Laut im Hochdeutschen regelhaft zu t verschoben wurde (Sonderegger 2003: 265) und - sofern er in den FamN enthalten ist - i. d. R. im absoluten Anlaut erscheint. Hier zeigt sich teilweise keine Varianz wie in den Namen Freitag, Ostertag oder Tagmann zu ahd. tag ‘Tag’ < germ. *daga-. Varianz hingegen ist bei FamN mit Tür zu ahd. turi < germ. *duribelegt: Diriwächter, Dörler, Dürler vs. Thierwächter, Thurler, Thürler, Türler, vgl. dazu Artikel I-2.5 «Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut» (dritte Karte). 4 Vgl. Artikel I-2.3 «Zweite Lautverschiebung: Tenuesverschiebung». 5 Zur ausführlichen Darstellung sei auf den Artikel I-2.5 «Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut» verwiesen. 6 Vgl. Artikel I-2.4 «Variation ch / h für germ. χ». 236 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="237"?> Heidermanns 2023: 121). In althochdeutschen Quellen des Alemannischen begegnet zunächst die Umsetzung mit dem Digraph <th> resp. <dh>, welche als Hinweis auf die Lenisierungsstufe zu lesen ist. Ab der zweiten Hälfte des 8. Jh. wird diese Schreibung durch <d> abgelöst, das ab dem 9. Jh. die alleinige Schreibung ist (Braune/ Heidermanns 2023: 224), was wiederum die Weiterentwicklung zum Plosiv kennzeichnet. Die Wiedergabe mit <t> ist nicht häufig, kann aber zuweilen bereits im Althochdeutschen auftreten, wo sie in Glossen «mit sprechsprachlichen Schreibungen» erklärt wird (Braune/ Heidermanns 2023: 228). Auch wenn im Oberdeutschen in den darauffolgenden Sprachstufen «eine schreibsprachliche Opposition von t und d besteht» (Ebert et al. 1993: 96), können die Schreibungen variieren. Da in den hier berücksichtigten FamN die Plosive wortintern stehen, sei auch auf mögliche Assimilationsprozesse durch die lautliche Nachbarschaft hingewiesen. 7 Die Nachbarschaft von s oder Dental kann dialektal zu Fortisierungsprozessen führen. So nennt Jutz (1925: 187) die Fortisierung von b zu p vor einem Frikativ wie in alem. hiərpšt ‘Herbst’, alem. ops ‘Obst’ oder auch vor Dental wie in alem. lępt ‘lebt’ (vgl. auch Jutz 1931: 174). Der HSS I (1979: 239-240) hält fest, dass <p> für germ. *b in südwestdeutschen Urbaren nur spärlich auftritt und Kartenentwürfe für die Position in der Kompositionsfuge keine nennenswerte Raumbildung ergaben; die Autoren weisen aber darauf hin, dass <p> v. a. in Namen vorkommt und wie im Typus Rudelsperg häufig an die Position nach s gebunden ist. Auch Nübling/ Kunze (2023: 309) bemerken speziell für FamN mit Dorf : «Die Schreibweise -torf(f ) wird in Ortswie in FamN am häufigsten durch die Stellung nach s veranlasst. Das Verhältnis von -sdorf(f ) zu -storf(f ) beträgt insgesamt 88,2 % zu 11,8 %». Diese Aussage betrifft zwar die Schreibung und nicht die Aussprache; sie lässt aber die Hypothese zu, dass Lenis in der Nachbarschaft von s eher als stimmlose Plosive aufgefasst wurden und sich dadurch die Schreibungen <torf>, <pach> und <perg> an der Silbengrenze erklären lassen. Speziell für die Schweiz sei noch auf Kilchmann (2022: 49-51) verwiesen; sie kartiert Schweizer Toponyme mit dem Grundwort Dorf und hält dazu Folgendes fest: Die Schreibung <torf> ist weniger häufig und tritt nur in den Kantonen AG, BE, FR, SO und ZH auf, während die Schreibweise <dorf> in allen Kantonen begegnet, in denen dorf -Namen auftreten. Auch m[undartlich] treten Varianten mit Lenis [d] und mit Fortis [t] auf. Die Schreibweise korrespondiert jedoch nicht zwingend mit der mündlichen Realisierung des Namens: Auch mit Lenis verschriftete Namen werden zuweilen mit Fortis ausgesprochen, und umgekehrt (Kilchmann 2022: 49). Es zeigt sich also bereits bei den Toponymen, die den FamN zugrunde liegen, zum einen Varianz in der Schreibung, zum anderen keine Korrelation zwischen Aussprache und Schreibung. Auch wenn der Grammatiker Kolroß (1564: Fol. 12r) als Regel festhält, dass b und p sowie d und t auseinandergehalten werden müssen, gibt er als Orientierungshilfe lediglich die starke Aussprache an. Dass diese Aussprache wohl nicht immer so leicht differenziert werden konnte, lässt sich auch in der kaum greifbaren Fortis-Lenis-Unterscheidung in den rezenten Mundarten nachvollziehen (Fleischer/ Schmid 2006: 244-245). Fragestellungen: Entsprechend der skizzierten Ausgangslage sind die folgenden Fragen von Interesse: Wie sind die Varianten b / p, d / t, g / k und gg / ck / k räumlich vertreten? Lässt die Nachbarschaft von s Präferenz für die Fortis-Schreibung erkennen? Die Untersuchung konzentriert sich dabei auf eine Auswahl einschlägiger FamN: Die erste Karte gilt FamN mit Bach, die zweite Karte jenen mit Berg und die dritte Karte jenen mit Dorf als Grundwort und damit der Stellung im Silbenanlaut. Die vierte Karte untersucht germ. *g vor r in Kurzformen des Ruf N Burkhard. Die fünfte Karte zeigt abschliessend Variation in der Schreibung der Geminate germ *gg in FamN mit dem Lexem Brücke. 7 Vgl. Artikel I-2.2 «Assimilationen und Dissimilationen». 2.6 Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut 237 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="238"?> Erste Karte {110}: Schreibvariation -bach(er) versus -pach(er) Namenauswahl: Die erste Karte widmet sich Herkunfts- und WohnstättenN, die das Lexem Bach als Grundwort haben. 8 Es interessiert dabei die Variation im Silbenanlaut zwischen -bach(er) und -pach(er). Ausgewählt wurden alle in der Datenbank enthaltenen Fälle aus der Zeitschicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB). 9 Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Typ -bach(er): Aeschbach, Aeschbacher, Allenbach, Altenbach, Baudenbacher, Bleichenbacher, Blindenbacher, Breitenbach, Brupbacher, Bumbach, Bumbacher, Dällenbach, Dambach, de Diesbach, Dellenbach, Diesbach, Dollenbacher, Dosenbach, Dossenbach, Dubach, Dubacher, Eschbach, Fehrenbach, Fischbach, Fischbacher, Flubacher, Fluhbacher, Gengenbach, Gersbach, Gonzenbach, Grossenbacher, Grundbacher, Guggenbach, Hagenbach, Haselbach, Haslebacher, Hegelbach, Ibach, Imbach, Kalenbach, Kallenbach, Kaltenbach, Kengelbacher, Kressbach, Laimbacher, Laubbacher, Leibacher, Leimbacher, Lottenbach, Loutenbach, Luterbacher, Maibach, Marbach, Marbacher, Merkelbach, Mühlebach, Murbach, Nietlisbach, Rauschenbach, Reichenbach, Reidenbach, Rickenbach, Rickenbacher, Riggenbach, Riggenbacher, Rikenbach, Rikenbacher, Rindisbacher, Rindlisbacher, Rohrbach, Rothenbach, Rufibach, Sallenbach, Sarbach, Schlapbach, Schliessbach, Schüpbach, Schwarzenbach, Spechbach, Staffelbach, Stammbach, Stampbach, Steinbacher, Stettbacher, Tellenbach, Tiefenbach, Tieffenbach, Trittebach, Trittenbach, Trittibach, Ursenbacher, Vogelbacher, von Gonzenbach, von Rickenbach, von Schwerzenbach, von Wyttenbach, Wagisbach, Weissenbach, Wietlisbach, Winkenbach, Wyssenbach, Wyttenbach, Zibach, Zumbach, Zybach. 105 Types, 299 Tokens. Typ -pach(er): Alispach, Allenspach, Anspach, Bruppacher, Gerspacher, Loppacher, Müdespacher, Muspach, Nietlispach, Schlappach, Sempach, Wietlispach. 12 Types, 26 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-80, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 112: Daten zur ersten Karte {110} Detailangaben zur Namenauswahl: 10 In der etymologischen Datenbank (Stand 21.03.2025) wurde nach FamN gesucht, die auf Karte 110: FamN mit dem Grundwort Bach, vor 1800 8 Vgl. Artikel III-3.2 «Wohnstättennamen nach Gewässern und wasserbaulichen Anlagen». 9 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 10 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für 238 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="239"?> -bach(er) und -pach(er) auslauten. Für die vorliegende Fragestellung ist irrelevant, ob zusätzlich -er angetreten ist oder nicht. Die Suche ergab die kartierte Auswahl. 11 Den FamN liegen Toponyme (GewässerN, FlurN, SiedlungsN) zugrunde, die teilweise konkret benannt werden können wie der GewässerN Fluebach (Arboldswil/ Bubendorf BL) oder das Toponym Gonzenbach (bei Lütisburg SG). Teilweise kann jedoch keine konkrete Örtlichkeit eruiert werden, da das zugrunde liegende Toponym in der Deutschschweiz mehrfach belegt ist wie die Typen Äschbach / Eschbach (zu mhd. asch, esche ‘Esche’ oder mhd. ezzis, ezesch ‘Saatfeld, Flur’), Leimbach (zu mhd. leim(e) ‘Lehm’) oder Rickenbach (zu mhd. ric ‘Gehege, enger Weg, Engpass’). Ausgeschlossen wurden der FamN Hubacher, da er auf Hube-acher ‘zu einer Hufe/ Hube gehöriger Acker’ zurückgeht, und der FamN Laubacher, da hier nicht klar ist, ob der Name als Laub-acher ‘Acker, der mit vielen Laubbäumen gesäumt ist’ oder Laub-bacher zu segmentieren ist. Kommentar: Die erste Karte zeigt deutlich, dass die frequente und damit reguläre Realisierung von Bach als Grundwort jene mit der Schreibung <b> ist. Sie ist über das gesamte Mittelland sowie das Alpenvorland verbreitet. Die markierte Schreibung ist jene mit <p>. Sie tritt häufig in der Nordostschweiz auf: 17 der 26 Ortspunkte sind dort zu finden (ZH, SG, TG, AR). Die Formen mit -pach(er) kommen manchmal als Dubletten zu -bach(er) vor. Bspw. findet sich in der Schicht «vor 1800» Bruppacher neben Brupbacher; beide Varianten sind ausschliesslich im Kanton Zürich verbreitet und hier manchmal am selben Ort alteingesessen. Ähnlich teilen sich Schlappach und Schlapbach in der Schicht «vor 1800» das Bürgerrecht in Linden (BE). Von den insgesamt zwölf FamN mit -pach(er) steht der Plosiv in acht Fällen in der Position nach einem s. Zweite Karte {111}: Schreibvariation -berg(er) versus -perg(er) Namenauswahl: Die zweite Karte widmet sich Herkunfts- und WohnstättenN, die das Lexem Berg als Grundwort haben. Es interessiert dabei die Variation im Silbenanlaut zwischen -berg(er) und -perg(er). Ausgewählt wurden alle in der Datenbank enthaltenen Fälle aus der Zeitschicht «vor 1800». Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Typ -berg(er): ab Yberg, Alchenberger, Altenberger, Amberg, Baldesberger, Baltisberger, Bamberger, Baumberger, Bischofberger, Bomberger, Brandenberg, Brandenberger, Breitenberg, Bromberger, Buomberger, Bützberger, Büzberger, Castelberg, Colemberg, Colenberg, Collenberg, Columberg, Dünnenberger, Dürrenberger, Ebensberger, Karte 111: FamN mit dem Grundwort Berg, vor 1800 umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 11 Es sei angemerkt, dass die Variation b / p im absoluten Anlaut in der Schicht «vor 1800» nicht nachgewiesen werden kann: Die FamN werden jeweils mit <B> geschrieben wie Bach, Bacher, Bachmann oder Berger, von Bergen, Bergmann. 2.6 Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut 239 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="240"?> Eggenberg, Eggenberger, Ehrensberger, Eichelberger, Eichenberger, Eichlisberger, Eidelberger, Eienberger, Ellenberg, Ellenberger, Emmisberger, Engelberger, Eppenberger, Erzberger, Etzensberger, Friberg, Fryberg, Fümberger, Fürstenberger, Geissberger, Girsberger, Goldenberger, Gugelberg, Guggenberger, Guggisberg, Güntlisberger, Hamberger, Hänsenberger, Harisberger, Harnischberg, Heidelberger, Heimberg, Helfenberger, Henneberger, Hensemberger, Hersberger, Heuberger, Himmelberger, Hinterberger, Homberger, Honsberger, Horisberger, Hottenberg, Huggenberger, Iberg, Jaberg, Jakoberger, Jochberg, Kellenberg, Kellenberger, Kellersberger, Kienberger, Kronenberg, Kronenberger, Küssenberger, Landenberg, Landenberger, Langenberger, Leibensberger, Leipersberger, Lendemberg, Leuenberg, Leuenberger, Lienberger, Lindenberger, Lustenberger, Mattenberger, Meienberg, Meienberger, Mellenberger, Meyenberg, Moosberger, Mosberger, Möschberger, Mützenberg, Niederberger, Nösberger, Nussberger, Otzenberger, Planta-Wildenberg, Ramisberger, Rastberger, Rechberger, Richenberger, Riedberger, Riemensberger, Rietberger, Rimensberger, Ringgenberg, Romberg, Rosenberg, Rosenberger, Rothenberger, Röthlisberger, Russenberger, Salvisberg, Schallberger, Schallenberg, Schallenberger, Schauenberg, Schaufelberger, Schellenberg, Schernberg, Schneeberger, Schnurrenberger, Schollenberger, Schönberger, Schönenberg, Schönenberger, Schurtenberger, Schwammberger, Schwarzenberger, Sedelberger, Seeberger, Singenberger, Sollberger, Spiegelberg, Stehrenberger, Stickelberger, Streichenberg, Stückelberg, Stückelberger, Sulzberger, Umberg, von Fellenberg, von Schulthess Rechberg, von Schwarzenberg, von Sonnenberg, von Wurstemberger, Wahrenberger, Waldisberg, Waltisberg, Weissenberger, Wellenberg, Werdenberg, Wildberger, Wintenberger, Winterberg, Winterberger, Wolfensberger, Wolfisberg, Wolflisberg, Würtenberger, Zberg. 169 Types, 488 Tokens. Typ -perg(er): Baltensperger, Dellsperger, Ehrensperger, Engensperger, Etzensperger, Girsperger, Gougginsperg, Güntensperger, Herensperger, Hersperger, Honsperger, Hunsperger, Kilchsperger, Ramensperger, Ramsperger, Remensperger, Rhinisperger, Rimensperger, Voggensperger, Waldisperg, Waltisperg, Wolfensperger. 22 Types, 42 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-80, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 113: Daten zur zweiten Karte {111} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 21.03.2025) wurde nach FamN gesucht, die auf -berg(er) und -perg(er) auslauten. Für die vorliegende Fragestellung ist irrelevant, ob zusätzlich -er angetreten ist oder nicht. Die Suche ergab die kartierte Auswahl. 12 Ausgeschlossen wurde der FamN Zeberg (SZ), der aufgrund von Belegformen wie Zieberlig am ehesten als ingen- Bildung zu einem althochdeutschen Ruf N mit dem Element ebur ‘Eber’ zu stellen ist (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 16015121). Die Namenauswahl umfasst Herkunfts- und WohnstättenN wie Schönenberger zu einem in der Schweiz mehrfach bezeugten Toponym Schön(en)berg. Auch der hochfrequente FamN Leuenberger geht auf ein häufig vorkommendes Toponym Leue(n)berg zurück; im ersten Bestandteil ist mhd. leu ‘Löwe’ enthalten. Schaufelberger als drittes Beispiel leitet sich von einem Toponym Schaufelberg ab, das sich auf eine Erhebung im Gelände bezieht, die einem Schaufelblatt ähnlich sieht. Kommentar: Die zweite Karte zeigt ebenfalls deutlich, dass die frequente und damit reguläre Realisierung von Berg als Grundwort jene mit der Schreibung <b> ist. Die Belege treten häufig im dichter besiedelten Mittelland auf, während die Frequenz in den Voralpen- und Alpengebieten abnimmt. Die Graphie <p> ist in der nördlichen Landeshälfte massiert und erreicht ein deutlich häufigeres Vorkommen in der Nordostschweiz (SG, TG, ZH) als in der Nordwestschweiz (AG, BL, BS, SO). An manchen Orten sind mehrere Schreibvarianten eines FamN alteingesessen, so Rimensperger und Rimensberger in Kirchberg (SG). Alle vorliegenden p-Varianten zeigen in der Schreibung die Abfolge -sperg(er). 12 Es sei noch angemerkt, dass die Variation b / p in Berg im absoluten Anlaut in der Schicht «vor 1800» nicht nachgewiesen werden kann: Die FamN werden jeweils mit <B> geschrieben wie Berger, Bergmann oder Bergdorf . 240 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="241"?> Dritte Karte {112}: Schreibvariation -dorf(er) versus -torf(er) Namenauswahl: Die dritte Karte widmet sich Herkunfts- und WohnstättenN, die das Lexem Dorf als Grundwort haben. 13 Es interessiert dabei die Variation im Silbenanlaut zwischen -dorf(er) und -torf(er). Ausgewählt wurden alle in der Datenbank enthaltenen Fälle aus der Zeitschicht «vor 1800». Abgefragte Namen Typ -dorf(er): Bergdorf , Bliggensdorfer, Blikisdorf , Bubendorf , Burgdorfer, Dübendorfer, Imdorf , Imoberdorf , Rordorf , Schelldorfer. 10 Types, 18 Tokens. Typ -torf(er): Altorfer, Blickenstorfer, Bliggenstorfer, Buxtorf , Filistorf , Gebistorf , Liggenstorfer, Litzistorf , Lutstorf , Rastorfer, Scheltorfer, Wynistorf . 12 Types, 32 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-60, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 114: Daten zur dritten Karte {112} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 21.03.2025) wurde nach FamN gesucht, die auf -dorf(er) und -torf(er) auslauten. Für die vorliegende Fragestellung ist irrelevant, ob zusätzlich -er angetreten ist oder nicht. Die Namen gehören vornehmlich zum Benennungsmotiv der HerkunftsN wie z. B. Blickenstorfer, Bliggensdorfer, Bliggenstorfer und Blikisdorf (alle zum Toponym Blickensdorf , einem Dorf in der Gemeinde Baar ZG), Gebistorf (zum Toponym Gebenstorf AG) oder Schelldorfer, Scheltorfer (zu einem Toponym Schelldorf , für welches als Bezugspunkt ein Weiler bei Kempten, Deutschland, infrage kommt). Kommentar: Im Unterschied zu den beiden ersten Karten ist für das vorliegende Sample die Schreibung mit stimmlosem Plosiv in Typewie auch in Tokenzahl vorherrschend. Das räumliche Auftreten zeigt ein punktuelles Vorkommen in der westlichen Deutschschweiz (FR, BE); demgegenüber ist die Häufung im Kanton Zürich auffallend: 22 der 32 torf(er) -Belege liegen in diesem Kanton. Wenn Dubletten wie Blickenstorfer, Bliggensdorfer und Bliggenstorfer im gleichen Gebiet vorkommen (Albisgebiet ZH), weist das darauf hin, dass es sich um reine Schreibvarianten handelt und die Variation im Schriftbild hier wohl nicht auf lautlichen Grundlagen beruht. Ein Vergleich mit Toponymen zeigt, dass <torf> in Toponymen seltener vorkommt als <dorf> und «nur in den Kantonen AG, BE, FR, SO und ZH» belegt ist (Kilchmann 2022: 49). Für die beiden Namenarten ergibt sich eine Schnittmenge in den Kantonen Freiburg, Bern und Zürich. Karte 112: FamN mit dem Grundwort Dorf, vor 1800 13 Vgl. Artikel III-2.2 «Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen» (vierte Karte). 2.6 Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut 241 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="242"?> Vierte Karte {113}: Schreibvariation g/ k in Kurzformen zu Burkhard Namenauswahl: Die vierte Karte gilt FamN, die auf Kurzformen zum Ruf N Burkhard basieren. 14 Während die Vollform Burkhard zwar Varianz im Zweitglied -hard, aber keine g / k-Varianz bezüglich des Plosivs zeigt, 15 ist in den Kurzformen die g / k-Varianz auszumachen. Abgefragte Namen Typ g: Bürge, Bürgi, Bürgin, Bürgis, Bürgisser, Bürgy. 6 Types, 72 Tokens. Typ k: Bürke, Burki, Bürki, Bürkle, Bürkler, Bürkli, Burky, Bürky. 8 Types, 40 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-80, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 115: Daten zur vierten Karte {113} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 21.03.2025) nach «Bürg», «Burk» und «Bürk» ergab eine Treffermenge inklusive obiger Namen, die händisch gefiltert und nach Schreib-/ Lautvarianten sortiert wurde. Die FamN sind bis auf Bürgisser (s. u.) Patronyme zum dithematischen Ruf N Burkhard, der aus ahd. burg ‘Burg’ und ahd. harti, herti ‘hart, kräftig, stark’ gebildet ist und eine Reihe an Kurzformen hervorgebracht hat. Die Kurzformen sind mit verschiedenen Suffixen wie -i, -li oder -ler modifiziert worden und zeigen mehrheitlich Umlaut. 16 Der FamN Bürgisser ist ein WohnstättenN, der auf einem Toponym Bürgis beruht (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 7052035), welches wiederum auf den Ruf N Bürgi zurückgeht. Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass Formen mit g -Graphie überwiegen. Sie finden sich vorwiegend in den Kantonen Solothurn (5 Tokens), Basel-Landschaft (14 Tokens) und Aargau (9 Tokens) im Nordwesten; daneben treten sie einerseits im Nordosten (v. a. TG mit 7 Tokens und SG mit 5 Tokens) und andererseits in der westlichen Deutschschweiz (BE mit 8 Tokens, FR mit 8 Tokens) auf. Diese Gebietsbildung basiert mehrheitlich auf zwei EinzelN: Bürgi als häufigster Typ (32 Tokens) ist für die meisten Ortspunkte verantwortlich. Bürgin hingegen clustert in Basel-Landschaft (14 Tokens). Demgegenüber tritt bei Kurzformen mit k-Graphie besonders der Kanton Bern hervor: Hier clustert der EinzelN Bürki (21 Tokens). Ein weite- Karte 113: g/ k-Varianz in Kurzformen zu Burkhard, vor 1800 14 Vgl. Artikel III-1.4 «Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen». 15 Vgl. Artikel I-2.7 «Schreibvariation bei Plosiven im Auslaut». 16 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner» sowie I-1.3 «Fehlende und durchgeführte Umlautung». 242 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="243"?> rer Schwerpunkt der k-Typen zeigt sich in der Nordostschweiz (SG, AI, AR). Fünfte Karte {114}: Schreibvariation von gg/ ck/ k in Brücke Namenauswahl: Die fünfte Karte illustriert das Nebeneinander von <gg> und <ck>, <k> anhand von Herkunfts- und WohnstättenN mit dem Lexem Brücke. Ausgewählt wurden alle FamN aus der Zeitschicht «vor 1800». Abgefragte Namen Typ gg: Briggeler, Briggen, Brigger, Brüggemann, Brugger, Brügger, Brüggimann, Bruggmann, Lambrigger, Moosbrugger, von Vigier-von Steinbrugg, Zurbriggen, Zurbrügg. 13 Types, 71 Tokens. Typ ck, k: Briker, Brücker, Bruckner. 9 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 5-60, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 116: Daten zur fünften Karte {114} Detailangaben zur Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der etymologischen Datenbank (Stand 21.03.2025) enthaltenen Fälle mit den Elementen Brügge / Brücke aus der Zeitschicht «vor 1800». Das Sample wurde durch eine Abfrage nach FamN erstellt, die sich durch die Buchstabenfolge Brügg / Brigg / Brü(c)k im An- und Inlaut unterscheiden. Bei dieser Karte wurden sowohl Medialals auch Finalposition (von Steinbrugg, Zurbrügg) aufgenommen, da keine Differenzierung je nach Position erkennbar ist (vgl. dazu auch HSS I 1979: 280). Kommentar: In den FamN mit dem Lexem Brücke ist die Schreibung <gg> mit insgesamt 71 Tokens frequenter als jene mit <ck> bzw. <k> und im grössten Teil der Deutschschweiz verbreitet: Der häufige FamN Brügger tritt konzentriert in den Kantonen Bern und Freiburg auf. Der FamN Bruggmann ist v. a. in der Ostschweiz verbreitet. Ein weiteres Ballungsgebiet zeigt sich mit den FamN Briggeler, Brigger und Zurbriggen im Wallis. Die Namenvarianten mit <ck> treten, bis auf einen Ausreisser in der Stadt Basel, im Innerschweizer Kanton Uri auf. Diese klare räumliche Konzentration der Schreibung <ck> legt nahe, dass beim Fixierungsprozess regionale Schreibtraditionen entscheidend sein konnten. Ergebnisse Die ersten drei Karten zeigen, dass sich im Schriftbild gewisser Deutschschweizer FamN die Schreibung mit <p> und <t> für germ. *b bzw. germ. *þ niedergeschlagen hat. Hinsichtlich der geographischen Verbreitung der Fortis-Graphien rückt auf diesen Karten insbesondere der Norden und hier v. a. der Nordosten in den Vorder- Karte 114: gg/ ck/ k-Varianz in FamN zu Brücke, vor 1800 2.6 Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut 243 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="244"?> grund. Bei -pach(er) und -perg(er) handelt es sich im Vergleich zu -bach(er) und -berg(er) um niederfrequente Formen. Während die b-Graphien auch im standardsprachlichen Appellativwortschatz gelten, können die p-Graphien auf eine allfällige Fortis-Aussprache im Schweizerdeutschen hinweisen. Die Mengenverhältnisse liegen bei der dritten Karte anders, denn hier erreicht -torf(er) mehr Tokens als -dorf(er). Einschränkend sei betont, dass auf der Basis der Namenschreibung nur begrenzt Aussagen über die tatsächliche Lautung getroffen werden können und sich sehr wahrscheinlich zwei Faktoren gegenseitig konkurrenzieren: Einf luss der standardsprachlichen Schreibung und Einf luss der lautlichen Umgebung. Bei der hohen Anzahl an -bach(er) und -berg(er) ist anzunehmen, dass die standardsprachliche Schreibung Einf luss auf das Schriftbild der FamN genommen hat. Es würde sich in einer vertiefenden Studie anbieten, die dialektale Aussprache der hier kartierten FamN zu erheben und mit dem Schriftbild zu vergleichen. Es ist aber auch nicht auszuschliessen, dass in FamN mit -pach(er) und -perg(er) eine ältere Schreibtradition überlebt hat. Auffallend ist zumindest, dass die Nachbarschaft von s eine Präferenz für die Fortis-Schreibung erkennen lässt, wie dies bei den meisten Namen auf -pach(er) und allen Namen auf -perg(er) beobachtet werden konnte. Die dritte und die vierte Karte haben im Unterschied zu den ersten beiden Karten gemeinsam, dass die Tokenzahlen mit 18 <d> zu 32 <t> resp. 72 <g> zu 40 <k> ausgeglichener sind. Das Raumbild der FamN zu Kurzformen aus Burkhard beruht teilweise auf der Verbreitung hochfrequenter EinzelN. Die fünfte Karte schliesslich zeigt ein Kontinuum im Südwesten des deutschen Sprachgebiets: Wenn man das vorliegende Kartenbild mit jenem der bundesdeutschen Brücke / Brügge-Karte im DFA 3 (2012: 580) verbindet, bilden die deutschsprachige Schweiz und der südliche Teil Baden-Württembergs einen Raum mit gg -Schreibungen. An weiteren Ergebnissen sei festgehalten, dass Schreibvarianten am selben Ort - wie Schlappach und Schlapbach in Linden (BE) - allenfalls mit dem Wunsch nach Differenzierung der Familien zusammenhängen können; eine lautliche Grundlage für die graphematische Differenzierung ist in solchen Fällen wohl auszuschliessen. Mit Blick auf die Frequenz der Grundwörter Bach (117 Types), Berg (191 Types) und Dorf in FamN ist auffallend, dass Dorf mit 22 Types selten auftritt. Dies ist wohl in Relation zum Auftreten in Toponymen zu sehen, denn wie Kilchmann (2022: 49) feststellt, ist der Namentyp im alemannischen Sprachraum weniger verbreitet. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): für Lenis-Graphie Leuenberger (6'225 Tokens), Röthlisberger (4'209 Tokens) und Eichenberger (3'623 Tokens); für Fortis-Graphie Bürki (3'043 Tokens), Allenspach (1'053 Tokens) und Altorfer (618 Tokens). Vergleichbar mit den FamN der ersten beiden Karten ist der Fall -bühl(er) / -pühl(er): In der Schicht «vor 1800» stehen 28 Types mit b- Schreibung (z. B. Geissbühler, Oberbühler, Zumbühl ) nur 4 Types mit p-Schreibung gegenüber. Letztere zeigen alle den Plosiv in der Position nach s (Eggspühler, Waldispühl, Waltenspühl, Waltenspül ), was bei den b-Schreibungen nur für einen kleinen Teil der Types gilt (Geissbühler, Gueisbühler, Waldesbühl, Waltisbühl ). Die p-Schreibungen finden sich in den Kantonen Luzern und Aargau (in je fünf bzw. zwei Gemeinden), die b-Schreibungen in weiten Teilen des Mittellands (zwischen dem Verwaltungskreis Bern-Mittelland und dem Bezirk Arbon TG). Wohnstätten- und HerkunftsN mit dem Lexem Ecke, das auf germ. *agjō > ahd. egga, ecka ‘Schneide, Spitze, Ecke, Rand(einfassung)’ zurückgeht (EWA II 1978 ff.: Sp. 955), zeigen als Regelgraphie <gg> wie in den FamN Aebisegger, Emmenegger, Steinegger und weiteren 64 FamN, weshalb von einer Kartierung dieser Namen abgesehen wurde. In der Schicht «vor 1800» sind auch Patronyme belegt, die das Lexem ahd. egga, ecka enthalten: Auch hier dominiert die gg -Graphie wie in Eggel oder Eggo, lediglich die zwei Typen Eckard und Eckert erscheinen mit <ck>. Vergleich mit benachbartem Ausland: Für Deutschland ist im DFA 2 (2011: 32-43) die Varianz b / p in -bert, -bold, -berger und -bach dokumentiert; die Varianz d / t wird auf verschiedenen Karten meist für den absoluten Anlaut wie in Dräger/ Träger kartiert (DFA 2 2011: 274-305). FamN zu Burghart werden unter dem Aspekt der Varianz von g / (c)k / ch beleuchtet (DFA 2 2011: 572-579); der darauffolgende Artikel im DFA 2 (2011: 580-585) thematisiert die entsprechende Varianz in FamN zu Brücke. Die Schreibung <gg> erweist sich neben dem Niederdeutschen als Charakteristikum des süddeutschen Raums (südliche Teile Baden-Württembergs und Bayerns); Ähnliches trifft auf die p-Schreibung in -pach(er) und -perg(er) zu. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. 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Berlin, Boston: De Gruyter. 244 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="245"?> Ebert, Robert P. et al. (1993): Frühneuhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 12). Tübingen: Niemeyer. EWA = Lloyd, Albert L./ Springer, Otto/ Lühr, Rosemarie (1978 ff.): Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen. Bd. 1 ff. Digitalisierte Fassung bereitgestellt durch die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. https: / / ewa.saw-leipzig.de/ de (letzter Zugriff 21.03.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 21.03.2025). Fleischer, Jürg/ Schmid, Stephan (2006): Zurich German. Journal of the International Phonetic Association 36(2), 243-253. HSS I = Kleiber, Wolfgang (1979): Historischer Südwestdeutscher Sprachatlas. 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Simone Berchtold, Martina Heer 2.6 Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut 245 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="246"?> 2.7 Schreibvariation bei Plosiven im Auslaut Schlagwörter: Auslautverhärtung, Fortis, Lenis, morphologisches Schreibprinzip Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel ist Teil eines Komplexes zur Schreibvariation bei Plosiven (b / p, d / t, g / k) in an-, in- und auslautender Position. 1 Die vorliegende Untersuchung widmet sich FamN mit graphematischer Varianz bei den Plosiven b / p und d / t im Auslaut wie in Kolb / Kolp, Bernhard / Bernhart/ Bernhardt oder Schmid / Schmit. Zur Variation von <g> und <k> im Auslaut finden sich in der Schicht «vor 1800» keine entsprechenden Familiennamendubletten, weshalb dieses Plosivpaar in den nachfolgenden Karten ausgeklammert wird. Die Varianz der Konsonanten spiegelt Ref lexe der Auslautverhärtung wider, 2 die seit dem 8. Jh. graphisch bezeugt ist und ihre deutlichste Ausprägung in der Schreibung um 1200 erreicht hat. Die hochmittelalterliche Auslautverhärtung gehört gemäss Mihm (2004: 197) «zu den inkonstanten Erscheinungen der deutschen Sprachgeschichte, da die moderne Auslautverhärtung der deutschen Standardlautung nur in einer indirekten Beziehung zu ihr steht». Nur am Südrand des Alemannischen gebe es eine Kontinuität im Bereich der Dialekte und der Schreibsprachen (vgl. auch KSDS 2019: 266-267), nicht aber im restlichen Sprachraum des Alemannischen (Krech et al. 2009: 265). Die Varianz der Konsonanten in auslautender Position verweist neben dem Phänomen der Auslautverhärtung auch auf Ref lexe der zweiten Lautverschiebung (Medienverschiebung). 3 Für die Deutschschweizer FamN gilt es deshalb auszuloten, inwieweit sich diese Wandelprozesse in ihrer Schreibung widerspiegeln. Hintergrund: Die Schreibvariation der Plosive b / p, d / t und g / k in auslautender Position von FamN hat unterschiedliche Ursachen: • Die graphematische Alternanz der Plosive zwischen Lenis-Graphie im Inlaut <b>, <d>, <g> und Fortis-Graphie im Auslaut <p>, <t>, <k>/ <c>/ <ch> 4 gilt als ein charakteristisches Merkmal der hochmittelalterlichen Schreibsprachen (Mihm 2004: 135; Paul et al. 2007: 132). Dieser Prozess der Auslautverhärtung, der durch die Silbenstellung bedingt ist, wird wie folgt beschrieben: Unter Auslautverhärtung versteht man in erster Linie den für das Deutsche als besonders typisch geltenden Prozess, bei dem die auf wgerm. b, d, g zurückgehenden stimmhaften Plosive desonorisiert (entstimmt) und fortisiert werden, wenn sie an den Schluss eines Wortes oder einer Silbe treten. Der «weiche» und stimmhaft gesprochene Leniskonsonant des Inlautes (z. B. [b]) wird somit auslautend zu einem «harten», stimmlos artikulierten Fortiskonsonanten (z. B. [p]) (Elmentaler 2018: 278; vgl. auch Mihm 2004: 197). So zeigt sich dieser Verhärtungsprozess bspw. im Paradigma mittelhochdeutscher Substantive wie kalp - kalbes, kleit - kleides oder tac / tak / tach - tages: Im Nominativ ohne Flexionsendung werden <p>, <t>, <c>/ <k>/ <ch> geschrieben, im Genitiv mit Flexionsendung stehen aber <b>, <d>, <g> (Paul et al. 2007: 132). Die Alternanz zwischen <b>/ <p>, <d>/ <t> und <g>/ <k>/ <c>/ <ch> beschränkt sich zeitlich aber nicht auf das Mittelhochdeutsche, sondern ist bereits im Althochdeutschen greifbar. Sie ist früh in schriftlichen Quellen bezeugt (z. B. im althochdeutschen Isidor oder in den niederdeutschen Heliand -Handschriften). Ähnliche oder teilweise gleiche Wechsel finden sich auch in weiteren altgermanischen Sprachen, so etwa im Altenglischen, Altfriesischen, Gotischen und Altnordischen, was auf eine gemeingermanische Entwicklung schliessen lässt (Mihm 2004: 143-146). Um 1200 erreicht der Prozess der hochmittelalterlichen Auslautverhärtung seine deutlichste Ausprägung in der Schriftlichkeit, bevor ein Prozess einsetzt, bei dem durch Apokope «inlautende b, d, g sekundär in den Auslaut [treten] (wîbe > wîb, kleide > kleid, tage > tag) […], hier aber weiterhin in aller Regel <b>, <d>, <g> geschrieben» werden (Paul et al. 2007: 132). Dieser Wandel hin zu Lenis-Graphien zeigt bereits im 14. Jh. eine Regelhaftigkeit, die sich bis im 16. Jh. etabliert hat (Ebert et al. 1993: 23, 89, 95, 102; Elmentaler 2003: 13; Mihm 2004: 197-198; Paul et al. 2007: 132). Die Auslöser für diesen Wandel sind bisher nicht abschliessend geklärt. Mögliche Gründe, die zur Debatte stehen, sind neben dem Einsetzen der e-Apokope im Oberdeutschen (Paul et al. 2007: 132-133) die spätmittelalterliche Konsonantenschwächung (Mihm 2004: 197-198) oder die Folge des 1 Vgl. die Artikel I-2.5 «Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut» und I-2.6 «Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut». 2 Der Terminus mittelhochdeutsche Auslautverhärtung, der sich in den 1950er- Jahren etabliert hat, ist gemäss der aktuellen Forschung (vgl. u. a. Mihm 2004: 198; Paul et al. 2007: 132) zu kurz gefasst: «Mit ihm [diesem Terminus] können die regionalen Alternanzverteilungen innerhalb des mittelhochdeutschen Sprachgebietes nicht charakterisiert werden, er verdeckt die historischen Zusammenhänge mit den Erscheinungen der vorangehenden Epoche, und er verstellt nicht zuletzt den Blick auf die über das mittelhochdeutsche Sprachgebiet hinausgehende Gültigkeit der Verteilungsmuster» (Mihm 2004: 198). Mihm (2004) verwendet stattdessen den Begriff Auslautverhärtung - ohne weitere Spezifizierung. 3 Vgl. die Artikel I-2.5 «Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut» und I-2.6 «Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut». 4 Im Auslaut wird insbesondere in altalemannischen Quellen häufig die Schreibung <k> oder <c> verwendet (Braune/ Heidermanns 2023: 199). Die Schreibung <ch> ist hingegen selten. Gemäss Paul et al. (2007: 132) wird die Varianz von <g> und <k>/ <c>/ <ch> nur in wenigen Quellen graphisch ausgeführt; dazu zählt u. a. der Codex Sangallensis 857. 246 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="247"?> morphologischen Schreibprinzips (Paul et al. 2007: 133). Letzteres besagt, dass «Stammmorpheme auch bei unterschiedlicher Lautung gleich geschrieben werden» (Paul et al. 2007: 133), z. B. <lieblich> [b] und <lieb> [p]. Die Schreibung <dt> in auslautender Position sowie auch «im medialen Vorkommen des Typs schmiedts» (s. u.) ist als «lautlicher Zusammenfall des durch Verhärtung aus ahd. d entstandenen t und dem t der anderen Herkünfte» zu verstehen (Ebert et al. 1993: 95). Die Schreibung ref lektiert zudem den Zwiespalt zwischen dem phonologischen und dem morphologischen Schreibprinzip des Mittel- und Neuhochdeutschen (Ebert et al. 1993: 95). Die Auslautverhärtung bzw. deren graphischer Niederschlag weist unterschiedliche regionale Verbreitungsgebiete im deutschen Sprachraum auf. Es haben sich hauptsächlich zwei Auslautverhärtungsgebiete konstituiert: einerseits im Südosten, und zwar konkret in der südöstlichen Region des bairischen und alemannischen Dialektraums sowie in Schlesien, andererseits im Nordwesten, in Teilen des Westmitteldeutschen und des Niederdeutschen (Mihm 2004: 197). • Die Medienverschiebung als Teilakt der zweiten Lautverschiebung (germ. b, d, g zu ahd. p, t, k) gilt als weitere Ursache für die graphematische Alternanz der Plosive im Auslaut. 5 Die Folgelaute der germanischen Medien b, d, g weisen durch die Verschiebung unterschiedliche Realisierungen im Schriftgebrauch auf. - b > p: Im 8./ 9. Jh. wurde im alemannischen und bairischen Sprachgebiet germ. b in allen Positionen zu p verschoben. Die Graphie <p> nimmt im Alemannischen bereits seit dem 9. Jh. wieder ab. Im Auslaut ist <b> schon ab dem 9. Jh. in der Überzahl (Sonderegger 2003: 265). - d > t: In den Sprachräumen des Alemannischen, des Bairischen und des Ostfränkischen wurde die Verschiebung von d zu t komplett vollzogen und im Gegensatz zu den Plosiven b und g nicht mehr rückgängig gemacht (Sonderegger 2003: 264-267; Schirmunski 2010: 356; Schmidt 2020a: 67, 276-277; Schmidt 2020b: 418-419; Braune/ Heidermanns 2023: 125-127, 219-223). - g > k: Die Verschiebung von g zu k vollzog sich nicht durchgehend und nicht in jeder Wortposition. In altalemannischen Quellen wird im Auslaut häufig die Schreibung <k> oder <c> verwendet (Braune/ Heidermanns 2023: 199). Fragestellung: Vor dem beschriebenen Hintergrund interessiert die Frage, inwieweit sich Ref lexe der Auslautalternanz als Schreibvariationen in den FamN der Deutschschweiz zeigen. Dabei untersucht die erste Karte die Variation von <b> und <p> (z. B. Stoob / Stoop). Die restlichen drei Karten gehen auf die Schreibvariation von <d> und <t> ein: In der zweiten Karte werden Patronyme mit dem Zweitglied -hard kartiert. Die dritte und die vierte Karte widmen sich unterschiedlichen Schreibungen der FamN zu mhd. smit. In der etymologischen Datenbank finden sich keine Dubletten, die Variation von <g>/ <k>, <g>/ <c> oder <g>/ <ch> in auslautender Position zeigen, weshalb keine entsprechenden Karten erstellt werden können. 6 5 Für Ausführungen zur Medienverschiebung s. Artikel I-2.5 «Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut». 6 Die automatische Suche in der etymologischen Datenbank nach der Varianz g vs. k, g vs. c und g vs. ch ergibt als Treffer einzig die drei Namenpaare Brog / Broch, Burg / Burch und Krieg / Kriech, die jedoch auf jeweils unterschiedliche Etyma zurückgehen und deshalb für die Kartierung nicht berücksichtigt werden. 2.7 Schreibvariation bei Plosiven im Auslaut 247 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="248"?> Erste Karte {115}: b/ p-Variation im Auslaut Namenauswahl: Die erste Karte gilt FamN wie Kolb / Kolp, die Schreibvariation b / p in auslautender Position aufweisen. Ausgewählt wurden alle in der etymologischen Datenbank enthaltenen einschlägigen Fälle aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB). 7 Für das Sample wurden Dubletten und zugehörige Varianten verwendet. Abgefragte Namen Typ b: Kolb, Schlub, Schlueb, Schüeb, Stoob. 14 Tokens. Typ p: Kolp, Schluep, Schlup, Schlupp, Schüep, Schuepp, Schüepp, Stoop. 8 Types, 34 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 117: Daten zur ersten Karte {115} Detailangaben zur Namenauswahl: 8 Die Namendubletten, die sich durch bvs. p-Schreibung in auslautender Position unterscheiden, wurden mittels automatischer Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 02.10.2024) ermittelt und anschliessend manuell überprüft. In der Schicht «vor 1800» sind insgesamt fünf Dubletten enthalten, die b / p-Variation im Auslaut aufweisen. Weitere zugehörige Varianten zeigen sich lediglich bei den FamN mit auslautendem <p>; konkret Schlupp, Schuepp, Schüepp. Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Schlub / Schlup(p), Schlueb / Schluep zu einem althochdeutschen Ruf N Sluopo, Sluop(e) o. ä.), 9 ÜberN (Schüeb / Schüep(p) / Schuepp zu mhd. schuope ‘Schuppe’, schwzdt. auch Schüepe ‘Bekleidung des tierischen oder pf lanzlichen Körpers, v. a. Fischschuppen; Kopfschuppen’; Kolb / Kolp zu mhd. kolbe ‘Kolben, Keule, Knüppel’ für eine grobschlächtige, wohl auch kleine Person von festem Körperbau) und BerufsüberN (Stoob / Stoop zu mhd. stoup ‘(Mehl-)Staub’ für den Müller). Kommentar: Die FamN erscheinen in unzusammenhängenden Arealen vornehmlich in der nördlichen Deutschschweiz. Eine starke Ballung der p-Schreibung im Kanton Bern geht auf den FamN Schlup zurück. Ein weiteres Namennest findet sich mit der Variante Schluep im benachbarten Kanton Solothurn. Weitere Konzentrationen der p-Graphien treten zudem - von Westen nach Osten - in den Kantonen Aargau, Thurgau und St. Gallen auf. FamN mit Lenis- Graphie erscheinen vereinzelt im Kanton Bern sowie in den Nordostschweizer Kantonen St. Gallen und Thurgau. Karte 115: b/ p-Variation im Auslaut von Dubletten, vor 1800 7 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 8 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 9 Alternativ könnte es sich um ÜberN zu alem. Schluep ‘Schmollmund, herabhängende Mundwinkel; Ausguss eines Gefässes’ für eine Person mit auffälliger Mundpartie handeln. 248 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="249"?> Zweite Karte {116}: d/ t-Variation im Auslaut von Patronymen auf -hard Namenauswahl: Die Schreibvariation von d / t im Auslaut zeigt sich zu einem grossen Teil bei FamN, die auf ursprünglich dithematischen germanischen Ruf N mit dem Zweitglied -hard (zum Adjektiv ahd. hart, herti ‘hart, fest’) basieren. 10 Deshalb wurden für die zweite Karte alle in der etymologischen Datenbank enthaltenen einschlägigen Fälle aus der Schicht «vor 1800» ausgewählt, die als Zweitglied -hard, -hart oder -hardt enthalten und als Dubletten (Aeberhard / Aeberhardt, Rennhard / Rennhart) bzw. Tripletten (Bernhard / Bernhart/ Bernhardt, Uebelhard / Uebelhart / Uebelhardt) auftreten. Auch zugehörige Varianten wie Manhart zu Mannhart oder Lienert zu Lienhart wurden berücksichtigt. Abgefragte Namen Typ -hard: Aeberhard, Bernard, Bernhard, Bossard, Bosshard, Burkard, Burkhard, Eberhard, Erhard, Gebhard, Günthard, Hanhard, Labhard, Lienhard, Mannhard, Neithard, Reinhard, Rennhard, Uebelhard. 19 Types, 176 Tokens. Typ -hart: Bernhart, Bossart, Bossert, Bosshart, Bourcart, Burkart, Burkhart, Eberhart, Ehrat, Ehret, Erhart, Gebhart, Gündhart, Güntert, Günthart, Gunthert, Günthert, Hanhart, Labhart, Lienert, Lienhart, Manhart, Mannhart, Neidhart, Reinert, Reinhart, Rennhart, Uebelhart. 28 Types, 104 Tokens. Typ -hardt: Aeberhardt, Bernhardt, Bossardt, Bosshardt, Burckhardt, Burkardt, Burkhardt, Eberhardt, Gebhardt, Günthardt, Labhardt, Lienhardt, Neidhardt, Neithardt, Reinhardt, Uebelhardt. 16 Types, 44 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 15-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 118: Daten zur zweiten Karte {116} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Patronyme, deren Zweitglieder sich durch die Schreibungen <hard>, <hart> oder <hardt> unterscheiden, wurden mittels automatischer Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 02.10.2024) ermittelt und anschliessend manuell überprüft. Tabelle 118 weist insgesamt 324 Ortspunkte aus, an denen vor 1800 ein FamN mit einem entsprechenden Zweitglied auftritt. Mehr als die Hälfte der Namen (rund 54 %, 176 Tokens) zeigen d -Schreibung in auslautender Position. Die Namen mit <t> machen rund 32 % aus (104 Tokens). Vergleichsweise selten sind die dt-Varianten (knapp 14 %, 44 Tokens). Im Namensample finden sich zwölf Karte 116: d/ t-Variation im Auslaut von Patronymen auf -hard, vor 1800 10 Für das Sample der zweiten bzw. dritten Karte wurden solche Namen ausgewählt, die im hohen Frequenzspektrum liegen. Die häufigen Namen mit dem Zweitglied -hard (zweite Karte) und die BerufsN zum Lexem Schmied (dritte Karte) finden sich nahezu in der gesamten Deutschschweiz und sind daher für die Frage nach Raumstrukturen relevant. Weitere vier Dubletten, die Variation im Auslaut aufweisen, jedoch nicht zu diesen beiden Samples zählen, sind Ambord / Amport, Bellmond / Bellmont, Bold / Bolt und Schild / Schilt. 2.7 Schreibvariation bei Plosiven im Auslaut 249 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="250"?> Namentripletten mit allen drei Schreibvarianten wie bspw. Burkhard / Burkhart/ Burkhardt oder Günthard / Günthart / Günthardt sowie sechs Namendubletten in verschiedenen Kombinationen: -hard vs. -hart (Erhard / Erhart), -hard vs. -hardt (Aeberhard / Aeberhardt), -hart vs. -hardt (Neidhart / Neidhardt). Zudem wurden auch lautlich reduzierte Varianten wie bspw. Bernard, Burkard, Ehrat oder Lienert ins Namensample integriert. Die hier berücksichtigten FamN sind ausschliesslich Patronyme. Bei den Namentripletten Labhard / Labhart/ Labhardt und Uebelhard / Uebelhart/ Uebelhardt könnte es sich alternativ auch um WohnstättenN handeln. Demnach wäre bei den erstgenannten Namen von einem ursprünglichen Toponym Laubhard ‘Laubwald’ auszugehen, bei den letztgenannten von einem Kompositum aus dem Adjektiv mhd. übel ‘böse, bösartig; schlecht’ und mhd. hart ‘fester Sandboden, Weidetrift, Wald’, das sich wohl auf ein Gelände mit schlechter Bodenbeschaffenheit bezieht. Kommentar: Die zweite Karte zeigt die Verbreitung aller drei Varianten mit insgesamt hoher Konzentration in der nördlichen Deutschschweiz sowie Ausreissern in der französischsprachigen Schweiz (Kantone GE, JU, VD). Die frequenten hard -Namen erscheinen hauptsächlich in den Kantonen Zürich (63 Tokens), Bern (40 Tokens) und Aargau (21 Tokens). Die grosse Frequenz der d -Schreibung im Kanton Zürich ist mehrheitlich dem FamN Bosshard (40 Tokens) geschuldet. Im Kanton Bern ist hingegen ein Namennest des FamN Reinhard auszumachen. Patronyme mit -hart treten gehäuft in der Nordostschweiz - in den Kantonen St. Gallen, Thurgau und Zürich - sowie in der Nordwestschweiz (Kantone AG, SO) und in der Innerschweiz (Kanton LU) auf. Im Kanton Luzern sind die lautlich gekürzten Varianten Bossart, Bossert und Burkart gehäuft alteingesessen. Auffallend ist, dass die beiden Varianten -hard und -hart, bis auf ihre Vorkommen im Kanton Zürich, mehrheitlich getrennte Verbreitungsräume mit wenigen Überschneidungen aufweisen. Patronyme mit <dt> in auslautender Position sind über das Gebiet der Deutschschweiz verstreut und teilen sich mehrheitlich den Raum mit den d -Schreibungen. Dritte und vierte Karte {117, 118}: d/ t-Variation im Auslaut von Familiennamen zu Schmied Namenauswahl: Die dritte und die vierte Karte widmen sich ebenfalls der Schreibvariation von d / t in auslautender Position und behandeln BerufsN zum Lexem Schmied (mhd. smit). 11 Schmid ist gegenwärtig der dritthäufigste FamN der Schweiz (vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz») und hat sich mit insgesamt 19 unterschiedlichen Schreibvarianten im (historischen) Deutschschweizer Onomastikon verfestigt. Für die dritte Karte 117: d/ t-Variation im Auslaut von FamN zu Schmied, vor 1800 11 Der vorliegende Artikel fokussiert sich auf unerweiterte Formen und Komposita mit -schmied als Grundwort. Für Derivate sowie Komposita mit Schmied als Bestimmungswort s. Artikel II-2.18 «Komposita: Formvarianten im Kontrast» (fünfte Karte). 250 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="251"?> Karte wurden alle in der etymologischen Datenbank enthaltenen einschlägigen Fälle aus der Schicht «vor 1800» ausgewählt. Aufgrund der hohen Frequenz von Schmid (273 Tokens) wurde zusätzlich die vierte Karte erstellt, die sich lediglich durch die Ausblendung dieser Variante von der dritten Karte unterscheidet. Die Verbreitungen der selteneren Typen (-dt, -t, -tt) wird so besser sichtbar. Abgefragte Namen Typ Schmid: Breitschmid, Goldschmid, Haubenschmid, Hubschmid, Hufschmid, Isenschmid, Kaltschmied, Kupferschmid, Kupferschmied, Pfannenschmid, Schmed, Schmid, Schmied, Tuchschmid, von Schmid. 15 Types, 327 Tokens. Typ Schmidt: Schmedt, Schmidt. 29 Tokens. Typ Schmit: 1 Token. Typ Schmitt: 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 15-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 119: Daten zur dritten Karte {117} Abgefragte Namen Typ Schmied (ohne Schmid ): Breitschmid, Goldschmid, Haubenschmid, Hubschmid, Hufschmid, Isenschmid, Kaltschmied, Kupferschmid, Kupferschmied, Pfannenschmid, Schmed, Schmied, Tuchschmid, von Schmid. 14 Types, 54 Tokens. Typ Schmidt: Schmedt, Schmidt. 29 Tokens. Typ Schmit: 1 Token. Typ Schmitt: 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 15-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 120: Daten zur vierten Karte {118} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 02.10.2024) wurde händisch nach FamN zu mhd. smit gesucht. Es sind insgesamt 19 verschiedene Types, die sich gemäss der Schreibung ihres Auslauts vier Typen zuordnen lassen: Zum ersten und hochfrequenten Typ Schmid zählen alle Namenvarianten, die <d> in auslautender Position aufweisen (z. B. Schmed ). 12 Dieser Karte 118: d/ t-Variation im Auslaut von FamN zu Schmied (ohne Schmid), vor 1800 12 Für eine ausführliche Diskussion der Schmied -Komposita s. Artikel II-2.18 «Komposita: Formvarianten im Kontrast»; für den FamN von Schmid s. Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 2.7 Schreibvariation bei Plosiven im Auslaut 251 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="252"?> Kategorie lassen sich auch die Komposita mit -schmid im Zweitglied zurechnen (Goldschmid, Hufschmid ). Der zweite Typ umfasst alle FamN mit <dt> wie bspw. Schmedt oder Schmidt. 13 Die t-Variante mit verschrifteter Auslautverhärtung (Schmit) wird dem dritten Typ zugeordnet; die Variante mit der Doppelkonsonantengraphie <tt> (Schmitt) stellt den vierten Typ dar. Kommentar: Die dritte Karte zeigt die zu erwartende Verbreitung des hochfrequenten ersten Typs. Die FamN wie Schmed oder Schmid sind über die ganze Deutschschweiz verbreitet. Auffallend ist ihre Absenz in den beiden Innerschweizer Kantonen Obwalden und Nidwalden. Der FamN Schmid ist aber gemäss Garovi (2020: 38) zumindest für Alpnach (OW) historisch bezeugt. Offenbar hat dort um 1800, als Bürgerrechte vergeben wurden, keine Familie, die Bürgerrecht erhalten hat, diesen Namen getragen. In den beiden Nidwaldner Gemeinden Ennetbürgen und Oberdorf ist hingegen der FamN Schmitter seit 1650 bzw. seit 1675 alteingesessen (e-FNB 1989: s. v. Schmitter). Eine hohe Konzentration der d -Graphien (jeweils über 40 Tokens) zeigt sich in den Kantonen Aargau, Zürich und Bern. Weitere Ballungen sind in Graubünden, im Thurgau und im Kanton Luzern auszumachen (jeweils über 20 Tokens). Auf der vierten Karte (ohne Schmid ) wird ersichtlich, dass sich die weiteren Namen dieses Typs wie Schmied, Schmed oder Pfannenschmid auf das Mittelland verteilen, wobei sie sich mehrheitlich im Kanton Bern konzentrieren. In diesem Gebiet sind Schmied und Kupferschmi(e)d häufig. Eine weitere Konzentration mit keinem speziellen Namennest zeigt sich zudem im Kanton Zürich. Die Namenvarianten des Typs Schmidt erscheinen mehrheitlich an der Peripherie des d -Typs (Kantone BL, BS, FR, JU, SG, VD); mit höherer Frequenz in Graubünden sowie im Wallis. Auch die Namen mit verschrifteter Auslautverhärtung Schmit und Schmitt treten in diesen Randgebieten auf: Schmit in Disentis/ Mustér (GR) und Schmitt in Delémont ( JU). Die vier Typen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Frequenzen: Mit insgesamt 327 Tokens ist der erste Typ der verbreitetste. Die dt-Varianten sind mit 29 Tokens im Vergleich dazu eher niederfrequent. Die Varianten mit <t> bzw. <tt> treten mit jeweils einem Ortspunkt sogar noch seltener in Erscheinung. Ergebnisse Die Schreibvariation der Plosive b / p und d / t zeigt sich im Auslaut bei FamN wie bspw. Schüeb / Schüep oder Stoob / Stoop, in Dubletten und Tripletten von Patronymen mit dem Element -hard wie Hanhard / Hanhart oder Bernhard / Bernhart/ Bernhardt sowie in BerufsN zum Lexem Schmied wie Schmid / Schmidt/ Schmit. Die kartierten Namen weisen unterschiedliche Raumbilder auf, die keine einheitlichen Schreibräume konstituieren: FamN sowohl mit <b> als auch mit <p> im Auslaut konzentrieren sich in Namennestern in Teilen der Kantone Bern und Solothurn sowie im Aargau und in der Nordostschweiz (Kantone TG, SG). Die Patronyme mit dem Element -hard verteilen sich über das ganze Gebiet der Deutschschweiz und weisen dabei für die unterschiedlichen Graphien verschiedene Ballungsräume auf: -hard in den Kantonsgebieten Aargau, Bern und Zürich, -hart mehrheitlich in der Nordostschweiz (Kantone SG, TG, ZH), der Nordwestschweiz (Kantone AG, SO) und der Innerschweiz (Kanton LU) sowie -hardt hauptsächlich in den Kantonen Aargau, Bern und Zürich. Bei den FamN zu mhd. smit ist die Verbreitung wiederum anders gelagert: Die Variante mit <d> dominiert in der gesamten Deutschschweiz; blendet man Schmid jedoch aus, tritt v. a. in Graubünden und im Wallis die Schreibung <dt> hervor. Die t- und tt- Schreibungen erscheinen lediglich einmalig. Diese graphematische Varianz von <d> und <t>, die sich in der Schreibung der FamN zeigt, spiegelt die Schreibvariation in den historischen Texten wider: Obwohl im gesamten Obd. und Omd. […] eine schreibsprachliche Opposition von t und d besteht, variiert die Schreibung beider Einheiten dennoch im Großteil des Gebietes in nahezu allen Texten. Selbst dort, wo ausdrücklich eine konsequente Unterscheidung festgestellt wird, begegnen teils vereinzelte, teils häufige Ausnahmen (Ebert et al. 1993: 96). Diese Variation zeigt sich bspw. in amtlichen Berner Güterverzeichnissen, den Urbaren aus dem 16. Jh., in denen der FamN Schmid in der gleichen Quelle 14 unterschiedlich verschriftet wird: Schmid erscheint neben Schmit und Schmidt (Ramseyer unveröffentlicht). Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Schmid (29'436 Tokens), Bosshard (3'713 Tokens) und Schmidt (3'523 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA 2 (2011: 328-343) behandelt auf den Karten 149-155 die Schreibvariation d / dt/ tt/ tz in Namen mit Schmied, darunter auch Komposita mit Schmied als Erstbzw. Zweitglied (z. B. Schmidbau(e)r, Schmittknecht, Dorfschmidt, Hammerschmitt). Ausserdem finden auf den Karten 156-160 die Varianz d / dt/ t im Auslaut nach n (z. B. Berend / Berendt/ Berent oder Mund / Mundt) und auf den Karten 161-165 die Varianz d / dt/ t im Auslaut nach r (FamN auf -hard / -hardt/ -hart) Beachtung (vgl. DFA 2 2011: 344-365). Für einen Vergleich mit dem vorliegenden Kartenkomplex bieten sich insbesondere die Karten 152, 155, 161 und 162 an (vgl. DFA 2 2011: 335, 339, 354, 358). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. 13 Zu <dt> in auslautender Position s. Abschnitt «Hintergrund». 14 Urbar des Gotteshauses Thorberg Tom. II. 252 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="253"?> Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Braune, Wilhelm/ Heidermanns, Frank (2023): Althochdeutsche Grammatik I: Phonologie und Morphologie (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 5.1). 17., neu bearbeitete Auf lage. Berlin, Boston: De Gruyter. DFA 2 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2011): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 2: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen II: Konsonantismus. Berlin, New York: De Gruyter. Ebert, Robert P. et al. (1993): Frühneuhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 12). Tübingen: Niemeyer. e-FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (1989): Familiennamenbuch der Schweiz. Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989. Digital zur Verfügung gestellt durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ (letzter Zugriff 02.10.2024). Elmentaler, Michael (2003): Struktur und Wandel vormoderner Schreibsprachen (Studia Linguistica Germanica 71). Berlin, New York: De Gruyter. Elmentaler, Michael (2018): Historische Graphematik des Deutschen. Eine Einführung (Narr Studienbücher). Tübingen: Narr Francke Attempto. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 02.10.2024). Garovi, Angelo (2020): Obwaldner Familiennamen. Kurz erklärt. Giswil, Meiringen: Küchler. Krech, Eva-Maria et al. (2009): Deutsches Aussprachewörterbuch. Berlin, New York: De Gruyter. KSDS = Christen, Helen/ Glaser, Elvira/ Friedli, Matthias (Hrsg.) (2019): Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz. 7., verbesserte Auf lage. Frauenfeld: Huber. Mihm, Arend (2004): Zur Geschichte der Auslautverhärtung und ihrer Erforschung. Sprachwissenschaft 29(2), 133-206. Paul, Hermann et al. (2007): Mittelhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 2). 25., neu bearbeitete Auf lage. Tübingen: Niemeyer. Ramseyer, Rudolf J. (unveröffentlicht): Vorarbeiten zu einem Personennamenbuch des Kantons Bern. Unveröffentlichte Daten. Beruhend auf Urbaren hauptsächlich aus dem 16. Jh. Staatsarchiv Bern (N R. Ramseyer 15-22). Schirmunski, Viktor M. (2010): Deutsche Mundartkunde. Vergleichende Laut- und Formenlehre der deutschen Mundarten. Frankfurt a. M. et al.: Lang. Schmidt, Wilhelm (2020a): Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium. Teil 1: Einführung, Vorgeschichte und Geschichte. 12., verbesserte und erweiterte Auf lage. Stuttgart: Hirzel. Schmidt, Wilhelm (2020b): Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium. Teil 2: Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Frühneuhochdeutsch. 12., verbesserte und erweiterte Auf lage. Stuttgart: Hirzel. Sonderegger, Stefan (2003): Althochdeutsche Sprache und Literatur. Eine Einführung in das älteste Deutsch. Darstellung und Grammatik (De Gruyter Studienbuch). 3., durchgesehene und wesentlich erweiterte Auf lage. Berlin, New York: De Gruyter. Martina Heer 2.7 Schreibvariation bei Plosiven im Auslaut 253 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="254"?> 2.8 Schreibvariation t/ th Schlagwörter: Anlaut, Auslaut, Differenzierungsvariante, Digraph, Inlaut, lexemgebunden, Patronym, Übername Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel dokumentiert die Varianz der Schreibung <t> und <th>, unabhängig davon, ob sie in wortinitialer, wortmedialer oder wortfinaler Position erscheint. Im Gegensatz zum appellativischen Wortschatz sind Graphemvarianten im onomastischen Bereich häufiger anzutreffen, da Namen im deutschsprachigen Raum nicht der Normierung und Kodifizierung unterworfen waren (Ramseyer 1990: 262; Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 13). FamN geben somit Aufschluss über «Versuche einer schriftsprachlichen Differenzierung des onymischen und des nichtonymischen Bereichs» (Dräger/ Kunze 2009: 214-215) und sind ein bedeutsamer Untersuchungsgegenstand im Bereich der historischen Graphematik. Hintergrund: Das Nebeneinander von <t> und <th> in FamN ist als Schreibvarianz zu bezeichnen, denn das <h> in der Digraphie <th> korrespondiert nicht mit dem Phon [h] (Neef 2005: 73; Elmentaler 2018: 216-217). Im deutschsprachigen Raum war die th-Schreibung sowohl für Fremdwörter als auch für den Erbwortschatz bis Ende des 19. Jh. im graphischen System verankert. Die Zweite Orthographische Konferenz von 1901 hatte u. a. zum Ziel, die bestehende Rechtschreibung zu modernisieren. Dabei wurde die th-Schreibung in heimischen Wörtern wie Thal oder Thür aufgehoben. In Fremdwörtern - v. a. in Gräzismen wie z. B. Theater, Thema oder Theorie - blieb die th-Schreibung jedoch erhalten (Elmentaler 2018: 177). Seit dieser Änderung wird die th-Graphie primär als Marker für fremdsprachige Herkunft betrachtet. Gemäss Elmentaler (2018: 138) kann der Digraph <th> in manchen Fällen auch auf eine «honorative Funktion» hindeuten: So hat die von Fleischer […] bei dem Dresdner Schreiber Michael Weiße beobachtete Präferenz von <th> in rath ‘Rat’ gegenüber sonst üblichem <t> wie in rat ‘Rad’ wohl v. a. eine honorative Funktion, die sich aus der besonderen Relevanz des Stadtrates für das Gemeinwesen und für den Stadtsekretär selbst erklären ließe. Bei den FamN treten die Schreibvarianten <t> und <th> unabhängig von ihrer lautlichen Umgebung auf (Horat/ Horath, Marty / Marthy) und erscheinen in allen Positionen des Namens: wortinitial (Töni/ Thöni), wortmedial (Walter/ Walther) und wortfinal (Kurt/ Kurth) (Ebert et al. 1993: 92-97). Bei FamN, die auf ursprünglich zweigliedrigen germanischen Ruf N basieren (vgl. zweite Karte) wie Günt(h)er (zu ahd. gund(a) ‘Kampf ’ und ahd. heri ‘Heer’), Leut(h)ert (zu ahd. liut ‘Volk, Leute’ und ahd. harti ‘hart, kräftig’) oder Walt(h)er (zu ahd. waltan ‘herrschen’ und ahd. heri ‘Heer’), geht die t / th-Schreibvarianz auf den Schwund des h am Anfang des Zweitglieds zurück, das auf das <t> am Ende des Erstglieds folgt (DFA 2 2011: 367). In Patronymen und Metronymen aus nicht-germanischen Ruf N kann die th- Digraphie in einigen Fällen eine griechisch-lateinische Lehngraphie ref lektieren, wie z. B. in Barthlome zum Ruf N Bartholomäus (vgl. dritte Karte). Fragestellungen: Entsprechend der skizzierten Ausgangslage sind die folgenden Fragen von Interesse: Wird das Raumbild durch die Wortposition der t / th-Schreibung in den FamN beeinf lusst? Spielt das Benennungsmotiv der FamN hinsichtlich ihrer Verbreitung im geographischen Raum eine Rolle? Gibt es lexemgebundene Präferenzen für die eine oder die andere Schreibung? Die erste Karte enthält FamN mit th-Graphie in initialer und finaler Position. Auf den darauffolgenden beiden Karten stehen Patronyme und Metronyme im Fokus, weil die Schreibvarianz in dieser Gruppe auf dem Einf luss etymologischer bzw. griechisch-lateinischer oder romanischer Schreibungen des zugrunde liegenden Ruf N beruhen kann. Dabei widmet sich die zweite Karte FamN aus zweigliedrigen germanischen Ruf N, bei denen ein <h> etymologisch berechtigt ist. Die dritte Karte behandelt Patronyme und Metronyme mit t / th-Schreibvarianz zu Ruf N fremdsprachiger Herkunft. Auf der vierten Karte schliesslich wird die Schreibvarianz in ÜberN abgebildet und dabei spezifisch der Frage nachgegangen, ob die Varianz lexemgebunden ist. 254 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="255"?> Erste Karte {119}: th-Schreibung in initialer und finaler Position Namenauswahl: Die erste Karte dokumentiert gesamthaft das Vorkommen der th-Graphie am Wortanfang und am Wortende. Für die Untersuchung wurden Namen aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 1 kartiert. Auf eine systematische Erhebung der th- Graphie in medialer Position wird verzichtet, da nicht alle Namen mit dieser Graphemfolge auf ihre Relevanz hin überprüft werden können. Die Schreibung <th> im Wortinnern kann auch auf die Silbengrenze fallen, d. h., sie geht in einigen Fällen auf das Zusammentreffen zweier Elemente zurück, die mit <t> enden und mit <h> beginnen (z. B. Althaus aus dem Adjektiv alt und dem Appellativ Haus). Da hier das [h] gesprochen wird, handelt es sich nicht um Schreibvariation, somit wären entsprechende Namen für den vorliegenden Artikel nicht einschlägig. Abgefragte Namen Schreibung <Th> in initialer Position: Thaler, Thäler, Thali, Thaller, Thalman, Thalmann, Theiler, Theilkäs, Theler, Thellung, Thenen, Thierstein, Thierwächter, Thiessing, Thomale, Thomann, Thomi, Thommen, Thommer, Thönen, Thöni, Thöny, Thoos, Thörig, Thormann, Thossy, Thowe, Thrier, Thüeler, Thüler, Thuli, Thüller, Thum, Thummermuth, Thuner, Thür, Thürig, Thüring, Thüringer, Thürkauf , Thürlemann, Thurler, Thürler, Thürlimann, Thurlingue, Thurneysen, Thurnheer, Thurnherr, Thurni, Thürr, Thurthaler, Thut. 52 Types, 182 Tokens. Schreibung <th> in finaler Position: Alioth, Barth, Bearth, Bernath, Bysäth, Clopath, Comminoth, Danioth, Dauth, Demuth, Dieth, Dummermuth, Freienmuth, Freiermuth, Gerth, Gienuth, Gonseth, Groth, Guth, Hauswirth, Hohermuth, Imgrüth, Ith, Komminoth, Koneth, Kurath, Kureth, Kurth, Lyoth, Malloth, Margreth, Marguth, Meinrath, Menth, Muth, Noth, Otth, Pieth, Rageth, Raguth, Räth, Reichmuth, Rigoleth, Roth, Schafroth, Thummermuth, Ungemuth, Veith, Veraguth, Warth, Wermuth, Werth, Weyeneth, Wildermuth, Wirth, With, Wohlgemuth, Würth. 58 Types, 256 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 11-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 121: Daten zur ersten Karte {119} Detailangaben zur Namenauswahl: 2 Die FamN mit th-Graphie in initialer Position gehören verschiedenen Benennungsmotiven an: Karte 119: th-Schreibung in initialer und finaler Position, vor 1800 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für 2.8 Schreibvariation t/ th 255 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="256"?> 18 Typen sind Wohnstätten- oder HerkunftsN, 14 Patronyme, sechs BerufsN (z. B. Thierwächter zu mhd. türwehter ‘Pförtner, Torwächter’ für eine Person, die den Ein- und Ausgang eines Gebäudes, einer Siedlung o. ä. zu bewachen hatte), fünf ÜberN (z. B. Thoos zu mhd. dōsen, schwzdt. tōse(n) ‘tosen’, besonders auch ‘laut reden, lärmen, prahlen’ als Charakterisierung für einen lauten, redseligen, vielleicht prahlerischen Menschen) und die restlichen neun sind mehr- oder uneindeutige Fälle. Wenn die verschiedenen FamN nach dem zugrunde liegenden Lexem bzw. Namen betrachtet werden, fällt Folgendes auf: Von den 18 Wohnstätten- oder HerkunftsN enthält ein Drittel das Lexem oder Toponym T(h)al wie bspw. die FamN Thaler, Thäler und Thalmann. Entsprechende FamN mit Tal ohne <h> sind für die Zeitschicht «vor 1800» nicht dokumentiert. Auch in medialer Wortposition zeigt sich eine klare Präferenz für die thal-Graphie, z. B. in den FamN Blumenthal, Hospenthal oder Siegenthaler. Lediglich die FamN Füglistaler und Füglistaller weisen die h-lose Graphie auf. Die moderne Schreibung der entsprechenden Toponyme mit dem Element T(h)al tendiert hingegen zur h-losen Variante, z. B. Talweg, Blumental oder Hospental. Hier erweist sich die Schreibung der FamN verglichen mit jener der Toponyme als konservativer. Bei den 14 Patronymen mit initialer th-Graphie lässt sich beobachten, dass elf davon auf einen nicht-germanischen Ruf N zurückgehen (vgl. auch die dritte Karte), und zwar sechs auf den Ruf N Thomas, vier auf eine Kurzform von Antonius und ein FamN auf den Ruf N Matthias. Nur der FamN Thut geht auf den althochdeutschen Ruf N Duoto (vgl. auch FamN Dieth) zurück. Thellung und Thuli sind mehrbzw. uneindeutig. Die FamN mit th-Graphie in finaler Position verteilen sich ebenfalls auf verschiedene Benennungsmotive: 23 Types sind Patronyme bzw. Metronyme, 16 ÜberN, sechs BerufsN, fünf Wohnstätten- oder HerkunftsN (z. B. Imgrüth, Malloth wohl zum SiedlungsN Mals in Südtirol) und die restlichen acht sind mehr- oder uneindeutige Fälle. Als Auffälligkeiten dieser Namengruppe sind folgende Punkte zu nennen: Die th-Graphie in finaler Position kommt oft bei integrierten romanischen FamN vor, die ursprünglich endbetont sind, so z. B. Gienuth (rätorom. Gianutt), Rigoleth (frz. Rigolet), Rageth (rätorom. urkundlich Ragett, Hainrigett). Die th-Schreibung scheint hier als Marker für Fremdsprachigkeit zu fungieren. Ausserdem tritt die finale th-Graphie häufig bei Patronymen und Metronymen zu (meist einsilbigen) Kurzformen auf, was bedeuten könnte, dass hier ein ansonsten zu kurzer graphematischer Wortkörper einen Ausgleich erfährt (z. B. Dieth, Gerth, Kurth, Otth, Räth). 3 Die ÜberN legen nahe, dass die th-Schreibung meist lexemgebunden ist. Von den 16 ÜberN enthalten neun das Namenelement -muth. Schliesslich sticht unter den BerufsN das Element Wirth (zu mhd. wirt ‘Ehemann, Hausherr, Landesherr’, später auch ‘Inhaber eines Wirtshauses, Gasthalter’, in FamN wohl zumeist in letzterer Bedeutung) hervor (FamN Werth, Wirth und Würth). Eine entsprechende h-lose Variante ist für diesen Namentyp in der Schicht «vor 1800» nicht dokumentiert. Die häufigsten FamN mit th-Graphie in initialer Position sind Thalmann (24 Tokens), Thommen (19 Tokens) und Theiler (17 Tokens), in finaler Position Roth (99 Tokens), Wirth (34 Tokens) und Barth (15 Tokens). Am Wortanfang zeigt sich Varianz nicht nur durch T- und Th-Schreibung, sondern auch durch D-Graphie, bspw. in den FamN Thalmann / Dallmann, Thummermuth / Dummermuth oder Thür / Dür. 4 Kommentar: Th-Graphie in initialer und finaler Position tritt in der ganzen Deutschschweiz auf - bis auf die Zentralschweiz, die nur wenige Fälle zeigt. Auffällig ist die hohe Präsenz von <th> in den verdeutschten alträtoromanischen Gebieten des Kantons Graubünden, v. a. in finaler Position. Das Vorkommen der th-Schreibung im Kontaktgebiet des Kantons Freiburg könnte evtl. auf Interferenz mit dem französischen Schreibsystem zurückgeführt werden. Manche Ballungszentren sind mit Namennestern zu begründen: So erscheinen die beiden frequenten FamN Thalmann (24 Tokens) und Thommen (19 Tokens) v. a. im Luzerner Hinterland und im Toggenburg (SG) bzw. in Basel-Landschaft prominent. Ähnliche Konzentrationen zeigt der hochfrequente FamN Roth (insgesamt 99 Tokens) 5 im Toggenburg (SG), im Luzerner Hinterland und im Berner Oberland. umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 3 Dass in Drucken des 16. Jh. entsprechende Längenausgleiche bei kurzen Wörtern stattfinden, etwa durch dt-Schreibung oder Konsonantenverdopplung, zeigt Voeste (2008: 65 et passim). 4 Vgl. Artikel I-2.5 «Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut». 5 Vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 256 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="257"?> Zweite Karte {120}: t/ th-Varianz in Familiennamen aus zweigliedrigen germanischen Rufnamen Namenauswahl: Die zweite Karte gilt Deutschschweizer FamN aus zweigliedrigen Ruf N germanischer Herkunft, die t / th-Schreibvarianz in medialer Position aufweisen. Ausgewählt wurden Dubletten aus der Zeitschicht «vor 1800». Abgefragte Namen Schreibung <th> in FamN aus zweigliedrigen germanischen RufN: Günther, Günthert, Leuthert, Lüthold, Walther, Walthert. 6 Types, 39 Tokens. Schreibung <t> in FamN aus zweigliedrigen germanischen RufN: Günter, Güntert, Leutert, Lütold, Walter, Waltert. 6 Types, 27 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 122: Daten zur zweiten Karte {120} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 05.12.2022) wurden Paare von Patronymen aus zweigliedrigen germanischen Ruf N gesucht, die sich in der Schreibung t / th im Wortinnern unterscheiden. Entsprechende Dubletten von Metronymen kommen in der Datenbank nicht vor. Die automatische Suche ergab für die Zeitschicht «vor 1800» sechs Namenpaare: Günter(t) / Günther(t) (zu ahd. gund(a) ‘Kampf ’ und ahd. heri ‘Heer’), Leutert/ Leuthert (zu ahd. liut ‘Volk, Leute’ und ahd. harti ‘hart, kräftig’), Lütold / Lüthold (zu ahd. liut ‘Volk, Leute’ und ahd. waltan ‘herrschen’) und Walter(t) / Walther(t) (zu ahd. waltan ‘herrschen’ und ahd. heri ‘Heer’). Bei den hier kartierten FamN beruht die Schreibvarianz in der An- oder Abwesenheit des <h>, das etymologisch aus den althochdeutschen Zweitgliedern harti, heri oder waltan (reduziert zu (h)old ) resultiert. Der häufigste FamN des Samples ist Walther mit 29 Tokens, gefolgt von Walter mit 17 Tokens. Alle anderen FamN sind niederfrequent. Kommentar: Bei Patronymen aus zweigliedrigen germanischen Ruf N tritt die th-Schreibung gehäuft im Kanton Bern (v. a. im Verwaltungskreis Bern-Mittelland) und in der romanischsprachigen Surselva (GR) auf, während sich die t-Graphie tendenziell auf das Mittelland verteilt. Somit scheint sich die etymologisch-archaische th-Schreibung insbesondere in den deutsch-romanischen Kontaktregionen erhalten zu haben. Allerdings lässt sich nicht feststellen, dass sich die beiden Varianten gegenseitig ausschliessen: An mehreren Ortspunkten tritt sowohl tals auch th-Schreibung auf, was an den zweifarbigen Kreisen zu erkennen ist. In einigen Gemeinden sind beide Schreibungen desselben Namens dokumentiert: Walter / Walther in Rougemont (VD), Steffisburg (BE) und Thalheim an der Thur (ZH), Waltert/ Walthert in Willisau (LU) und Leutert/ Leuthert in Ottenbach (ZH). Karte 120: t/ th-Schreibvarianz in FamN aus zweigliedrigen germanischen RufN, vor 1800 2.8 Schreibvariation t/ th 257 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="258"?> Dritte Karte {121}: t/ th-Varianz in Familiennamen aus nicht-germanischen Rufnamen Namenauswahl: Die dritte Karte dokumentiert Patronyme und Metronyme aus Ruf N nicht-germanischer bzw. fremdsprachiger Herkunft mit t / th-Schreibung. Kartiert wurden Dubletten aus der Zeitschicht «vor 1800». Abgefragte Namen Schreibung <th> in FamN aus nicht-germanischen RufN: Barthlome, Grether, Marthy, Thommer, Thöni. 20 Tokens. Schreibung <t> in FamN aus nicht-germanischen RufN: Bartlome, Greter, Marty, Tommer, Töni. 31 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 123: Daten zur dritten Karte {121} Detailangaben zur Namenauswahl: Für die dritte Karte wurde eine automatische Suche nach Namenpaaren durchgeführt, die sich nur durch tvs. th- Schreibung unterscheiden. Das Sample umfasst folgende Treffer: Bartlome / Barthlome (zum Ruf N Bartholomäus), Greter / Grether (zu einer Kurzform aus dem lateinisch-griechischen Ruf N Margaretha), Marty / Marthy (zum lateinischen Ruf N Martīnus), Töni/ Thöni (zu einer Kurzform aus dem Ruf N Antonius) und Tommer / Thommer (Zugehörigkeitsbildung zum Ruf N Thomas, der über eine griechische bzw. lateinische Form auf einen aramäischen BeiN zurückgeht). Die häufigsten der hier kartierten FamN sind Marty mit 21 Tokens und Thöni mit 15 Tokens. Die restlichen Types sind niederfrequent. Kommentar: Bei Patronymen bzw. Metronymen aus nicht-germanischen Ruf N scheint die Präferenz für eine Schreibvariante nicht an den zugrunde liegenden Ruf N gebunden zu sein, sondern an eine etablierte Schreibform des FamN. Betrachtet man die häufigsten hier kartierten FamN, wird dies deutlich: Mart(h)y wird fast ausschliesslich mit t-Graphie geschrieben (21 Tokens ohne h gegen 1 Token mit h), während T(h)öni fast überall mit th-Graphie auftritt (15 Tokens mit h gegen 1 Token ohne h). Daher hängt die kontrastive Verbreitung mit der Präsenz eines bestimmten Patronyms bzw. Metronyms zusammen. Fälle von beiden Schreibungen desselben Namens innerhalb der gleichen Gemeinde (wie bei der zweiten Karte Waltert/ Walthert in Willisau LU) kommen bei Patronymen bzw. Metronymen aus nicht-germanischen Ruf N nicht vor. Karte 121: t/ th-Schreibvarianz in FamN aus nicht-germanischen RufN, vor 1800 258 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="259"?> Vierte Karte {122}: t/ th-Varianz in Übernamen Namenauswahl: Die vierte Karte gilt ÜberN mit t / th-Varianz, unabhängig von der Position. Ausgewählt wurden alle in der Datenbank enthaltenen Dubletten aus der Zeitschicht «vor 1800». Abgefragte Namen Schreibung <th> in ÜberN: Barth, Guth, Roth, Rothen, Wethli, Wohlgemuth. 6 Types, 125 Tokens. Schreibung <t> in ÜberN: Bart, Gut, Roten, Rott, von Rodt, Wetli, Wohlgemut. 7 Types, 52 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 11-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 124: Daten zur vierten Karte {122} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank finden sich sechs Namenpaare, die t / th-Schreibvarianz aufweisen und zu den ÜberN zählen: Bart/ Barth (zu mhd. bart ‘Bart’), Gut / Guth (zu mhd. guot ‘tüchtig, brav, gut, vornehm’), Roten / Rothen und Rot bzw. von Rodt/ Roth (beide Paare zu mhd. rōt ‘rot’), Wetli/ Wethli (zu mhd. waetlich ‘schön, stattlich’) sowie Wohlgemut/ Wohlgemuth (zu mhd. wolgemuot ‘mutig, hochherzig, hochgestimmt’). Die häufigsten der hier kartierten FamN sind Roth mit 99 Tokens, Gut mit 37 Tokens und Barth mit 15 Tokens. Die restlichen Namen sind niederfrequent. Kommentar: Im Mittelland sind die Fälle von tbzw. th-Schreibung grösstenteils den frequenten FamN Roth und Gut zuzurechnen. So erscheint Roth v. a. im Toggenburg (SG), im Luzerner Hinterland und im Berner Oberland, während Gut in den Kantonen Zürich und Luzern Namennester bildet. Die Relation zwischen den beiden Graphien Roth und Rott bzw. von Rodt (99 Tokens mit h gegen 2 Tokens ohne h) sowie Gut und Guth (36 Tokens ohne h gegen 1 Token mit h) zeigt einmal mehr, dass die Präferenz für die eine oder die andere Schreibvariante lexemabhängig ist. Dass beide Schreibvarianten desselben Namens in der gleichen Gemeinde auftreten, trifft nur auf das Namenpaar Bart/ Barth in Seedorf (BE) zu. Ergebnisse Die FamN der Deutschschweiz weisen t / th-Schreibvariation in allen Wortpositionen und in allen Benennungsmotiven auf. Die FamN der ersten Karte sind - mit Ausnahme der Innerschweiz - über die Deutschschweiz verbreitet. Grosse Ballungen gehen auf bestimmte Namennester zurück, wie der FamN Roth (99 Tokens) im Toggenburg (SG), im Luzerner Hinterland und im Berner Oberland zeigt. FamN mit th-Graphie erstrecken sich entlang der Sprachgrenze zur französisch- und zur rätoromanischsprachigen Schweiz. Aufgrund des Karte 122: t/ th-Schreibvarianz in ÜberN, vor 1800 2.8 Schreibvariation t/ th 259 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="260"?> Kartenbilds ist es nicht unwahrscheinlich, dass die th-Schreibung in vielen Fällen durch Kontakt mit romanischen Schreibkonventionen beeinf lusst worden sein könnte. 6 Zudem treten einige FamN mit beiden Schreibformen in der gleichen Gemeinde auf, z. B. Walter/ Walther, Tommer/ Thommer, Imgrüt/ Imgrüth oder Rietmann / Riethmann. Es ist anzunehmen, dass es sich dabei um eine pragmatisch motivierte Schreibvarianz der FamN handelt: Durch die unterschiedliche Schreibung wurde vermutlich eine Differenzierung zwischen verschiedenen Familienverbänden mit gleichem Namen innerhalb derselben Ortschaft geschaffen. Die dublettenbasierten Samples (zweite, dritte und vierte Karte) zeigen deutlich, dass sich für die t- und die th-Schreibung keine klaren geographischen Verbreitungsräume ausmachen lassen - mit Ausnahme einer gewissen Konzentration in den deutsch-romanischen Kontaktzonen. Das Tokenverhältnis zwischen <t> und <th> der einzelnen Namendubletten offenbart, dass die Präferenz für eine Schreibung lexemabhängig ist: Während beim Typ Roth (99 Tokens mit h gegen 2 Tokens ohne h) die th-Graphie der Normalfall ist, dominiert beim Typ Gut (36 Tokens ohne h gegen 1 Token mit h) die t-Graphie. Die jeweiligen Pendants Rott bzw. von Rodt und Guth können als niederfrequente Besonderheiten angesehen werden. Eine ähnliche Konstellation zeigt sich bei Patronymen, unabhängig davon, ob der zugrunde liegende Ruf N germanischer oder nicht-germanischer Herkunft ist: z. B. Marty (21 Tokens) gegen Marthy (1 Token), Thöni (15 Tokens) gegen Töni (1 Token). Nur die Dublette Walter/ Walther weist mit 29 Tokens ohne h und 17 Tokens mit h eine relativ gleichmässige Verteilung auf. Schliesslich werden bestimmte Namenelemente wie z. B. T(h)al fast ausschliesslich mit einer Variante geschrieben (Thaler, Thalmann, Blumenthal ). Im Bereich der Toponymie ergibt die Suche auf dem Online-Portal ortsnamen.ch (o. J.) nach *thal und *tal für die h-haltige Variante 4'210 Treffer, für die hlose hingegen 1'618 (Stand 02.06.2025). Die häufigere t-Graphie in den toponymischen Pendants verweist auf eine höhere Konservativität der Schreibung bei FamN. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Roth (10'905 Tokens), Thalmann (2'919 Tokens) und Wirth (2'800 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 2 (2011: 367-395) wird die Varianz von <t> und <th> anhand von FamN aus Vollformen germanischer Ruf N (Walter, Günter, Betke, Rüter), FamN aus fremdsprachigen Ruf N (Bartholomäus, Matthäus, Matthias) und ÜberN (Grot, Klut, Gut, Jungblut) thematisiert und kartiert. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 2 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2011): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 2: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen II: Konsonantismus. Berlin, New York: De Gruyter. Dräger, Kathrin/ Kunze, Konrad (2009): Familiennamen und Sprachgeschichte. Grammatische und lexikalische Aspekte anthroponymischer Raumbildung. In: Hengst, Karlheinz/ Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. Bd. 1: Deutsche Familiennamen im deutschen Sprachraum (Onomastica Lipsiensia 6.1), 211-244. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. Ebert, Robert P. et al. (1993): Frühneuhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 12). Tübingen: Niemeyer. Elmentaler, Michael (2018): Historische Graphematik des Deutschen. Eine Einführung (Narr Studienbücher). Tübingen: Narr Francke Attempto. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 05.12.2022). Neef, Martin (2005): Die Graphematik des Deutschen (Linguistische Arbeiten 500). Tübingen: Niemeyer. Nübling, Damaris/ Fahlbusch, Fabian/ Heuser, Rita (2015): Namen. Eine Einführung in die Onomastik (Narr Studienbücher). 2., überarbeitete und erweiterte Auf lage. Tübingen: Narr Francke Attempto. ortsnamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): ortsnamen.ch. Das Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung. https: / / www.ortsnamen.ch/ de/ (letzter Zugriff 05.12.2022). Ramseyer, Rudolf J. (1990): Mundartlautung im frühen 16. Jahrhundert. Rückschlüsse aus Graphemvarianten in amtlichen Grundstückverzeichnissen des frühen 16. Jahrhunderts. In: Philipp, Marthe (Hrsg.): Alemannische Dialektologie im Computer-Zeitalter (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 535), 261-277. Göppingen: Kümmerle. Voeste, Anja (2008): Orthographie und Innovation. Die Segmentierung des Wortes im 16. Jahrhundert. Hildesheim, Zürich, New York: Ohms. Martina Heer, Linda Steiner 6 Vgl. Artikel I-1.4 «Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten». 260 2 Konsonantismus Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="261"?> 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene 3.1 Schreibvariation C/ K im Anlaut von Patronymen Schlagwörter: Adaption, Französisch, Interferenz, Latinisierung, Rätoromanisch, Sprachkontakt Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel widmet sich FamN zu Ruf N unterschiedlicher Herkunft, die Varianz von <C> - <K> im Anlaut aufweisen. Diese Varianz in der Schreibung von Namen wie Carlen / Karlen oder Caspar/ Kaspar spiegelt u. a. den Einf luss lateinischer bzw. romanischer Schreibung von Deutschschweizer FamN sowie Eindeutschung von ursprünglich fremdsprachigen Namen wider. Die C-Schreibung stellt dabei im deutschsprachigen Gebiet die niederfrequente Variante dar, die zumeist auf Interferenz aus dem Lateinischen bzw. dem Romanischen beruht. Im Anlaut von FamN erscheint <C> in der Deutschschweiz fast ausschliesslich bei Patronymen, weshalb im vorliegenden Artikel dieses Benennungsmotiv im Zentrum steht. Der Gegenstand interessiert, weil die Schreibvarianz von C/ K einen Einblick in graphematische Prozesse im Deutschschweizer Familiennamengut gewährt. Hintergrund: In anlautender Position von FamN stellt die K-Schreibung in der Deutschschweiz den Regelfall dar. Die Graphie <C> hat sich hingegen durch fremdsprachigen Einf luss etabliert. Demnach könnte die Realisierung von <C> bei Patronymen wie Carlen oder Cuoni zu ursprünglich germanischen Ruf N durch das Einwirken lateinischer bzw. romanischer Schreibung entstanden sein. Bei der K-Schreibung bei Patronymen zu fremdsprachigen Ruf N wie Klemenz oder Kaspar wäre hingegen von einer Eindeutschung durch Ersatz von <C> mit <K> auszugehen (DFA 2 2011: 597). Fragestellung: Vor dem skizzierten Hintergrund ist folgende Frage von Interesse: Erscheinen Patronyme mit C-Schreibung in der gesamten Deutschschweiz oder konzentrieren sie sich in den Gebieten entlang der Sprachgrenzen? Die erste Karte widmet sich FamN zu männlichen Ruf N germanischen Ursprungs. Die zweite Karte rückt Patronyme in den Fokus, die C/ K-Varianz aufweisen und zu Ruf N mit fremdsprachiger Herkunft gebildet sind. Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="262"?> Erste Karte {123}: C/ K-Varianz im Anlaut von Patronymen aus germanischen Rufnamen Namenauswahl: Die erste Karte gilt Patronymen aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 1 die Schreibvarianz von C/ K im Anlaut aufweisen und auf Ruf N mit ursprünglich germanischer Provenienz zurückgehen. Ausgewählt wurden alle einschlägigen Familiennamendubletten und ihre zugehörigen Varianten. Zum Ausschluss von FamN s. u. Abgefragte Namen Typ C: Carlen, Conrad, Coradi, Corradi, Corrodi, Cueni, Cunz, Cuoni, Cuony. 9 Types, 32 Tokens. Typ K: Karlen, Karli, Kieni, Konrad, Könz, Koradi, Korrodi, Kuentz, Kuni, Kuntz, Kuny, Kunz, Kuoni. 13 Types, 109 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 15-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 125: Daten zur ersten Karte {123} Detailangaben zur Namenauswahl: 2 In der etymologischen Datenbank (Stand 17.07.2024) wurde eine automatische Suche nach Namenpaaren durchgeführt, die sich nur durch initiale Cvs. K- Schreibung unterscheiden. Die ermittelten Dubletten wurden anschliessend manuell nach dem hier interessierenden Benennungsmotiv gefiltert und danach sortiert, ob es sich um Patronyme zu germanischen oder zu nicht-germanischen Ruf N handelt. Die etymologische Datenbank weist insgesamt sechs Namenpaare mit weiteren zehn zugehörigen Varianten (3 Types mit C-, 7 Types mit K-) aus, die auf den beiden germanischen Ruf N Karl (zu ahd. karl ‘Mann, Ehemann’) und Konrad (zu ahd. kuoni ‘kühn, tapfer’ und ahd. rāt ‘Rat, Beratung, Beschluss’) basieren. 3 Die K-Schreibung ist mit 109 Tokens im Verhältnis zur C-Schreibung mit 32 Tokens mehr als dreimal so häufig (22,7 % C-Schreibung vs. 77,3 % K-Schreibung). Die FamN Carl, Cuonz und Cuorad, die in der rätoromanischsprachigen Region Engiadina Bassa/ Val Müstair alteingesessen sind, wurden von der Kartierung ausgeschlossen. Es handelt sich dabei um genuin romanische Namen, deren Schreibung auf romanischem C basiert. Anders wurde mit dem ebenfalls in Graubünden vorkommenden FamN Conrad verfahren, der bei der Kartierung berücksichtigt wurde. Zwar Karte 123: Schreibvarianz C/ K bei Patronymen aus germanischen RufN, vor 1800 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 3 Vgl. Artikel III-1.1 «Patronyme zu germanischen Rufnamen: kuoni». 262 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="263"?> zählte dieser FamN bereits im Mittelalter auch zum rätoromanischen Nameninventar, was die initiale C-Schreibung erklärt, jedoch ist er hauptsächlich in den Regionen Viamala und Prättigau/ Davos bezeugt, die schon früh vollständig oder zumindest teilweise eingedeutscht wurden und somit zur Deutschschweiz gehören. Die FamN Coradi, Corradi und Corrodi basieren auf einer lateinischen Genitivform Conradi zu Conradus. 4 Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass sich die Patronyme mit <K> mit einem Vorkommen von je über 10 Tokens hauptsächlich in vier Ballungsräumen in der Deutschschweiz konzentrieren: Die Namen sind in der Nordostschweiz in den Kantonen Zürich (Bezirke Hinwil, Dielsdorf, Winterthur und Meilen) und St. Gallen (v. a. Wahlkreis Toggenburg) sowie in dem an Zürich angrenzenden Kanton Aargau dokumentiert. In der westlichen Hälfte der Deutschschweiz treten sie gehäuft im Kanton Bern auf. Die grosse Konzentration im Raum Zürich und St. Gallen ist dem frequenten FamN Kunz geschuldet. Das Pendant Cunz erscheint hingegen nur einmal im Kanton St. Gallen. Die niederfrequenten FamN mit C-Schreibung weisen Streuungen über mehrere Teile der Deutschschweiz (AG, BE, BL, GR, SG, SO, TG, VS, ZH) auf. Zudem finden sich Familiennamennester wie bspw. der oben genannte FamN Conrad in Graubünden, Corrodi im Kanton Zürich, Cueni in Basel-Landschaft und Carlen im Wallis. Es zeigt sich, dass die Patronyme mit C-Graphie mehrheitlich in Gebieten auftreten, die in der Nähe der Sprachgrenzen zur französischbzw. rätoromanischsprachigen Schweiz liegen. Zweite Karte {124}: C/ K-Varianz im Anlaut von Patronymen aus nicht-germanischen Rufnamen Namenauswahl: Die zweite Karte widmet sich Patronymen aus der Schicht «vor 1800», die Schreibvarianz von C/ K im Anlaut aufweisen. Im Unterschied zur vorhergehenden Karte werden hier jene FamN abgebildet, die auf nicht-germanischen Ruf N basieren. Ausgewählt wurden alle einschlägigen Familiennamendubletten und ihre zugehörigen Varianten. Zum Ausschluss von FamN s. u. Abgefragte Namen Typ C: Caspar, Casper, Claus, Clausen, Clemenz, Clodel, Corneli. 7 Types, 20 Tokens. Typ K: Kaspar, Kasper, Klaas, Kläsi, Klaus, Klauser, Kläusler, Kläusli, Klauss, Kleisli, Klemenz, Klodel, Korneli. 13 Types, 59 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 15-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 126: Daten zur zweiten Karte {124} Karte 124: Schreibvarianz C/ K bei Patronymen aus nicht-germanischen RufN, vor 1800 4 Vgl. Artikel II-2.21 «Latinisierungen». 3.1 Schreibvariation C/ K im Anlaut von Patronymen 263 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="264"?> Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 17.07.2024) wurde eine automatische Suche nach Namenpaaren durchgeführt, die sich nur durch initiale Cvs. K-Schreibung unterscheiden. Die ermittelten Dubletten wurden anschliessend manuell nach dem hier interessierenden Benennungsmotiv gefiltert und danach sortiert, ob es sich um Patronyme zu germanischen oder zu nicht-germanischen Ruf N handelt. Die etymologische Datenbank weist insgesamt sechs Dubletten sowie mehrere zugehörige Varianten aus, die auf einem nicht-germanischen Ruf N basieren. Diese fanden zumeist über eine lateinische Form wie z. B. als HeiligenN Eingang in das deutsche Familiennameninventar: Die Dubletten Caspar / Kaspar und Casper / Kasper basieren auf dem Ruf N des Heiligen Kaspar (ursprünglich aus altpersisch Kandshchwar ‘Schatzmeister’; Kohlheim/ Kohlheim 2016: 251). Die FamN Clodel/ Klodel gehen auf den lateinischen Ruf N Claudius zurück, während dem Namenpaar Clemenz / Klemenz der lateinische Ruf N Clemens und den Patronymen Corneli/ Korneli der lateinische Ruf N Cornelius zugrunde liegt (Kohlheim/ Kohlheim 2016: 114-115, 118). Bei den FamN Claus / Klaus und Varianten handelt es sich um Kurzformen zum Ruf N Nikolaus, der wiederum aus der Eindeutschung einer latinisierten und ursprünglich griechischen Namenform Nikólaos entstanden ist (Kohlheim/ Kohlheim 2016: 320). Die beiden FamN Casparin und Casparis weisen eine genuin romanische C-Schreibung auf. 5 Sie sind ausschliesslich in der Rätoromania alteingesessen (Region Albula), weshalb sie von der Kartierung ausgeschlossen wurden. Der ebenfalls in Graubünden vorkommende FamN Caspar ist im bereits früh eingedeutschten Bezirk Prättigau/ Davos alteingesessen, weshalb der Name bei der Kartierung berücksichtigt wurde. Kommentar: Die zweite Karte zeigt ein deutlich grösseres Vorkommen der FamN mit <K> gegenüber jenen mit <C>. Die Patronyme treten konzentriert in kleinen Clustern im Gebiet der Deutschschweiz auf, so etwa in den Kantonen Graubünden, St. Gallen, Thurgau, Zürich, Luzern, Aargau, Solothurn und Freiburg. Der frequente FamN Klaus bildet dabei kleine Nester in den Kantonen Freiburg (v. a. im deutschsprachigen Sensebezirk), Aargau und St. Gallen. Die Variante Klauser konzentriert sich hauptsächlich in letzterem Kanton. Der FamN Kaspar ist über die Deutschschweiz verstreut, während das entsprechende Pendant mit C-Schreibung (Caspar) v. a. in Graubünden dokumentiert ist. Weitere Namennester bilden die FamN Clausen und Clemenz im Wallis. Es zeigt sich, dass die Patronyme mit C-Schreibung grösstenteils in der Nähe der deutsch-französischen und der deutsch-rätoromanischen Sprachgrenze bzw. in den entsprechenden Kontaktgebieten auftreten. Ergebnisse Die Schreibvariation von C/ K bei Deutschschweizer FamN zu Ruf N germanischer und fremdsprachiger Herkunft weist Ref lexe durch den Einf luss lateinischer bzw. romanischer Schreibung und durch Eindeutschung von <C> als <K> auf. Bei den Patronymen zu ursprünglich germanischen Ruf N zeigt sich die C/ K-Varianz einzig anhand von Namenpaaren zu den beiden Ruf N Karl und Konrad. Die Familiennamenvarianten mit K-Schreibung sind im Deutschschweizer Familiennamengut wie erwartet weit häufiger als jene mit initialem <C> und konzentrieren sich in ihrer geographischen Verbreitung hauptsächlich in den Kantonen Bern, Aargau, Zürich und St. Gallen. Bei den Patronymen zu fremdsprachigen Ruf N finden sich in der Schicht «vor 1800» C/ K-Dubletten zu insgesamt fünf verschiedenen Ruf N (Caspar, Claudius, Clemenz, Cornelius und Nikolaus). Auch bei diesen FamN überwiegt die K-Schreibung. Belege treten punktuell und verteilt über die Deutschschweiz in kleinen Clustern auf. Sowohl bei FamN zu ursprünglich germanischen als auch bei jenen zu nicht-germanischen Ruf N kommt C-Graphie mehrheitlich nahe der deutsch-französischen Sprachgrenze im Nordwesten (BE, BL und SO) und im Süden (VS) bzw. im deutsch-rätoromanischen Kontaktgebiet in Graubünden vor. Dieser Befund verdeutlicht den Einf luss der romanischen Sprachen auf die Schreibung der Deutschschweizer FamN in den Sprachkontaktgebieten. 6 Für weitere FamN lässt sich initiales <C> auf eine latinisierende Schreibung zurückführen. Dies gilt bspw. für die in den Kantonen Thurgau und Zürich vorkommenden FamN Coradi, Corradi und Corrodi, die aus der lateinischen Genitivform Conradi zu Conradus entstanden sind. 7 Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Kunz (9'286 Tokens), Klaus (1'360 Tokens) und Karlen (1'083 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Patronyme mit Schreibvarianz von C/ K im Anlaut finden auch im DFA 2 (2011: 596-609) Beachtung. Behandelt werden einerseits die FamN zu Ruf N germanischer Herkunft Conrad / Konrad in Karte 267 (DFA 2 2011: 596-599) und Carl/ Karl in Karte 268 (DFA 2 2011: 599-600) als die häufigsten Vertreter dieses Typs. Daneben werden auch die frequentesten Patronyme zu Ruf N mit fremdsprachigem Ursprung untersucht: Clemens / Klemens in Karte 269 (DFA 2 2011: 600-601), Casper/ Kasper in Karte 270 (DFA 2 2011: 601-602), Claus / Klaus in Karte 271 (DFA 2 2011: 603-604), Claas / Klaas in Karte 272 (DFA 2 2011: 604-605) und Carsten / Karsten bzw. Carstensen / Karstensen in Karte 273 (DFA 2 2011: 605-606). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. 5 Vgl. Artikel II-2.21 «Latinisierungen». 6 Vgl. die Artikel I-3.3 «Integration französischer Familiennamen ins Deutsche» und I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». 7 Vgl. Artikel III-1.1 «Patronyme zu germanischen Rufnamen: kuoni». 264 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="265"?> swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 2 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2011): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 2: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen II: Konsonantismus. Berlin, New York: De Gruyter. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 17.07.2024). Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2016): Duden - Das große Vornamenlexikon. 5., vollständig überarbeitete Auf lage. Berlin: Dudenverlag. Martina Heer 3.1 Schreibvariation C/ K im Anlaut von Patronymen 265 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="266"?> 3.2 Graphematische Adaptionen bei Migration innerhalb der Deutschschweiz Schlagwörter: Digraph, Diminutiv, Schreibtradition, Schreibvariation, Trema Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Artikel werden FamN kartiert, deren Namenträger: innen im 19. Jh. innerhalb der Deutschschweiz migriert sind und deren Namen am neuen Einbürgerungsort ein neues Schriftbild erhalten haben. Verglichen wird dabei die Form eines FamN in der Schicht «vor 1800» mit der Form in der Schicht «19. Jh.» (d. h. 1800-1900). Der Gegenstand berührt die Frage nach der Veränderlichkeit von EigenN, die dem Prinzip der Schemakonstanz (Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 91-92) von EigenN entgegenläuft und damit von theoretischem Interesse ist. Die Untersuchung der Schweizer FamN aus dieser Perspektive beschreitet Neuland. 1 Hintergrund: Um den Prozess der graphematischen Adaption von FamN zu erklären, werden als sprachgeschichtlicher Rahmen einerseits die Eckpunkte zur Binnenwanderung in der Deutschschweiz im 19. Jh. skizziert, andererseits allgemein die Schreibung der FamN angesprochen. Auch soll Adaption kurz umrissen werden: Unter diesem Begriff werden hier Phänomene wie Substitutionen (ö → oe) oder Ergänzungen von Graphemen (li → lin) zusammengefasst. Aus aussersprachlicher Perspektive sind die «Mobilitätsschranken» (e-HLS 2010: s. v. Binnenwanderung) zu nennen, die im Verlauf des 19. Jh. abgebaut wurden. Eine Schranke bestand im fehlenden Recht auf freie Niederlassung, denn das «Wohnrecht in einer Gemeinde unterstand der Bewilligung durch die Obrigkeit» und diese Bewilligungen wurden im 17. und 18. Jh. eher zurückhaltend vergeben (e-HLS 2009: s. v. Niederlassungsfreiheit). Im Jahr 1848 wurde in der Bundesverfassung die Einführung der Niederlassungsfreiheit verankert, was schlussendlich Wanderbewegungen vereinfachte. Diese Freiheit bedeutete für Schweizer Bürger: innen (weitestgehend ausgenommen blieb die jüdische Bevölkerung), dass sie ihren Wohnort innerhalb der Schweiz selbstständig wählen konnten. Davon profitierten v. a. urbane und industrialisierte Regionen: «Der wirtschaftliche Aufschwung, die Industrialisierung und ihre spezifisch neuen Produktions- und Organisationsstrukturen, die Vielfalt des Stellenangebots, die besseren Infrastrukturen sowie die grösseren Angebote an Bildung und Kultur zogen v. a. junge und ledige Menschen beiderlei Geschlechts in die Städte» (e-HLS 2010: s. v. Binnenwanderung). 2 Es sind also politische und wirtschaftliche Impulse, die von kulturellen und strukturellen Faktoren begleitet werden, die (Binnen-)Migration auslösten oder begünstigten. Denjenigen Schweizer Personen, die nicht den Status des Bürgers, der Bürgerin hatten - wie Heimatlose oder Landsassen -, wurde erst im 19. Jh. das Bürgerrecht zuteil. Im Kanton Bern bspw. geschah diese kollektive Einbürgerung im Jahr 1861 (Weingart 1942a; Weingart 1942b; Weingart 1943). Von dieser nachträglichen Inländergleichstellung war ca. 1 % der Bevölkerung betroffen; durch Einbürgerung wurde Personen beiderlei Geschlechts im Fall von Armut eine Unterstützung zuteil und männliche Personen erhielten zudem politische Rechte (Holenstein/ Kury/ Schulz 2018: 154). Aus sprachlicher Perspektive kann für EigenN im deutschsprachigen Raum festgehalten werden, dass die Namenschreibung nicht den orthographischen Regeln des Lexikons folgt, wenngleich regionale Schreibtraditionen ausgebildet wurden. Die Schreibung von Namen ist zwar 1876 mit der Einführung der Zivilstandsregister amtlich festgelegt (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 9) und somit fixiert und dient letztendlich «der zweifelsfreien ldentifizierung» (Debus 2012: 53); sie ist aber keiner Normierung und Kodifizierung unterworfen (Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 13). FamN wie Kilchsperger müssen, ja dürfen nicht zu Kirchberger ‘korrigiert’ werden, da dadurch der Bezug zur benannten Person gestört würde. Die Verschriftlichung der FamN wurde von der Frühen Neuzeit bis zur Einführung der Zivilstandsämter v. a. von Pfarrern, welche Geburten, Ehen und Todesfälle notierten, und von (weltlichen) Beamten, welche bspw. in Urbaren Zinspf lichtige festhielten, vorgenommen. «Ab 1815 strebten die Kantone nach und nach eine Vereinheitlichung der Registerführung an. Zivilstandsbeamte traten ab 1830 an die Stelle der Pfarrer» (e-HLS 2021: s. v. Zivilstandswesen). In der zweiten Hälfte des 19. Jh. wurden die Bestrebungen nach einem verbindlichen und einheitlichen System zur Erhebung der Daten vorangetrieben und mündeten in einem Gesetz von 1876, das «die Schaffung von Zivilstandskreisen und landesweit einheitlichen Verfahren» vorschrieb (e-HLS 2021: s. v. Zivilstandswesen). FamN wurden nun zwar in einem einheitlichen System erfasst, es wurden aber - wie die nachfolgenden Beispiele zeigen - dennoch Änderungen im Schriftbild vorgenommen. Diese beschränken sich i. d. R. auf Varianten eines Graphems, sodass der Namenkörper nur minimal verändert wird, wie bspw. beim Ersatz der Tremaschreibung <ü> durch Digraphie <ue> im FamN Würmli zu Wuermli. Grundsätzlich bewegt sich die Schreibung der Namen zwischen zwei Polen: Einerseits werden ältere Schreibweisen beibehalten, was Identität und Tradition bewahrt und oftmals zur Unterscheidung 1 Höchstwahrscheinlich ist im 19. Jh. nur die graphematische Seite der Namen betroffen; ob die Lautung ebenfalls Änderungen unterlag, kann hier nicht beurteilt werden. 2 Holenstein/ Kury/ Schulz (2018: 149) betonen in diesem Zusammenhang v. a. die männliche Bevölkerung: «In der Helvetik von 1798 und im modernen Bundesstaat von 1848 wurde das Verhältnis der Bürger zum Staat sowie der Bewohner zu ihrem Wohnort komplett neu geregelt. Zentraler Aspekt war die schliesslich in der Bundesverfassung garantierte rechtliche Gleichstellung von Schweizer Männern christlichen Glaubens, insbesondere die Niederlassungsfreiheit. Das Recht, sich in jedem Kanton frei niederzulassen und dort die politischen Rechte wahrzunehmen, vergrösserte die geografische und indirekt auch die soziale Mobilität in der Schweiz». 266 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="267"?> zwischen Namen und Appellativik beiträgt. Man spricht in diesen Fällen von Dissoziation (Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 16, 50). Andererseits ist es nicht in jedem Fall so, dass die Schreibung konservativ bleiben muss. Es konnte auch zu Anschlüssen an die standardsprachliche Schreibung kommen, wie bspw. Wyss zu Weiss, solange Änderungen noch möglich waren. Einen aufschlussreichen Einblick in Namenadaptionen vom 16. Jh. bis in die 1940er-Jahre gibt die genealogische Website der Familie Stauffenegger aus Zäziwil (BE) (Stauffenegger o. J.): 3 Es sind seit Ende des 16. Jh. die Formen Stouffenegger, Stauffenegger, Struffenegger, aber auch Struofenegger, Stuffenegger und andere überliefert. Diese Varianz bildet einerseits den «hohen Grad an Heterogenität» (Ebert et al. 1993: 5) frühneuhochdeutscher Schriftlichkeit ab und andererseits - zumindest indirekt - die Verschriftungsprozesse, denn diese erfolgten meist durch mündliche Tradierung. Ramseyer (1995: 117) hält dies zwar explizit nur für Toponyme fest und zitiert aus einem Urbar - «vß der zinßlu ͥ ten jedes selbs mundtt bÿ sinem geschwornen eyd» [aus dem Mund einer jeden Zinsperson selbst bei ihrem geschworenen Eid; Übersetzung SB] -, aber auch Ruf N und FamN sind so erhoben worden. Die Befragungen fanden demnach unter Eid und im Beisein von amtlichen Zeugen aus den Ortschaften statt. Zudem waren meist die ebenfalls zinspf lichtigen Nachbarn («nachpuren») der Zins- und Lehensleute anwesend, die die Namenangaben zu den Personen und ihren Gütern bestätigen konnten. 4 Die Schreiber, die oft ortsfremd waren, notierten die Namenformen, wie sie sie von den Gewährspersonen hörten. Durch diese Erhebungsmethode ergab sich auch eine gewisse Variation. Im Beispielfall der Familie Stauffenegger kam es zu folgender Entwicklung: Nach 1876 wurde der Name in den eingeführten Zivilstandsregistern zuerst als Struffenegger und ab 1890 mehrheitlich als Stauffenegger geführt. Diese Variation veranlasste 1942 die Polizeidirektion des Kantons Bern, per Verfügung eine ‘richtige’ Schreibweise festzusetzen: Als richtig wurde Struffenegger eingestuft, die Form Stauffenegger in den Registerblättern durchgestrichen und korrigiert. Gegen diesen Beamtenentscheid gab es in der Folge viele Einsprachen der Namenträger: innen und im Jahr 1946 revidierte die Polizeidirektion die Verfügung und es war wiederum erlaubt, den Namen Stauffenegger zu verwenden. Es soll hier nicht darum gehen, eine etymologisch entsprechende Schreibung oder Gründe für die Variation zu diskutieren; diese Geschichte soll v. a. illustrieren, wie Ämter bei der Schreibung von FamN vorgegangen sind. 5 Der häufigste Fall von Adaption findet statt, wenn ein Name aus einer Sprache in eine andere Sprache integriert wird, wie dies in der Schweiz bspw. bei der Integration deutscher FamN ins Französische vorkommt, vgl. bspw. Studer → Stouder. 6 Im vorliegenden Artikel geht es hingegen um innersprachliche Adaptionen. Die leitende Frage ist: Was passierte mit der Namenschreibung, wenn Namenträger: innen innerhalb der Deutschschweiz einen neuen Bürgerort erhielten? Lassen sich beim Vergleich von FamN in den Schichten «vor 1800» und «19. Jh.» wiederkehrende Adaptionen bei der Schreibung erkennen? Das methodische Vorgehen der vorliegenden Untersuchung sei noch kurz erläutert, da in diesem Artikel explizit die Namen der Schicht «19. Jh.» ausgewählt wurden: Sämtliche deutschsprachige Namen, die in der Schicht «19. Jh.» zum ersten Mal vorkommen, wurden auf ihre ‘Helvetizität’ hin geprüft, d. h., die Namen wurden aufgrund von sprachlichen Merkmalen und/ oder Migrationsevidenz als primär schweizerisch eingestuft oder nicht. Dabei wurde jeweils auch geprüft, ob Varianten desselben Namens in der Schicht «vor 1800» auftreten. Aufgrund sprachlicher Merkmale wurde bspw. der FamN Klötzli als schweizerisch bewertet: Er ist mit dem typischen li-Diminutiv gebildet. 7 Ausserdem werden die Familien mit dem Namen Klötzli von Weingart (1942b: 104, 112) als «ewige Einwohner» kategorisiert; das sind Personen, die «an verschiedenen Orten, jedoch ohne Nutzniessungsrecht noch Anteilh [sic! ] an irgend einem gemeinen Guth» (Weingart 1942b: 104) lebten. D. h., dass die namentragenden Klötzli zu der eingangs erwähnten Personengruppe ohne Status als Bürger bzw. Bürgerin gehörten. 1861 wurden an 17 Orten im Kanton Bern Familien mit diesem Namen eingebürgert. Für Klötzli liegen somit sprachliche Merkmale und Migrationsevidenz vor. Klötzli ist helvetisch, zeigt aber keine Adaption, also keine Variante in der Schicht «vor 1800», weshalb der Name hier nicht weiter berücksichtigt wird. Ein zweites Beispiel ist der FamN Loepfe, der primär aufgrund von Migrationsevidenz als schweizerisch eingestuft wurde: Personen mit dem FamN Loepfe werden 1888 in der Stadt St. Gallen eingebürgert mit dem Hinweis, dass die zugezogene Familie aus Häggenschwil (SG) stamme. In Häggenschwil (neben Gaiserwald und Wittenbach SG) ist der Name in der Schicht «vor 1800» als Löpfe notiert. In diesem Fall liegt explizite Migrationsevidenz vor, indem ein Ort in der Schicht «vor 1800» als Herkunftsort in der Schicht «19. Jh.» genannt wird. Zudem liegt Adaption vor: Der Name der ausgewanderten Familie wurde am neuen Ort anders geschrieben. FamN, die eines oder beide Kriterien (sprachliche Merkmale und/ oder Migrationsevidenz) erfüllen, wurden in eine Liste aufgenommen. Für den vorliegenden Artikel wurden aus dieser Liste jene FamN berücksichtigt, die Adaption zeigen. Konkret wurden Namenpaare gesucht, die in der älteren Schicht «vor 1800» vorkommen und demgegenüber in der Schicht «19. Jh.» eine graphematische Variante aufweisen. Die Beobachtungen beruhen somit auf dem formalen Vergleich der beiden älteren Schichten des FNB (1989). Fragestellung: Entsprechend der beschriebenen Methode wurden die primär schweizerischen FamN aus der Zeitschicht «19. Jh.» auf regelhaft auftretende Adaptionen hin untersucht; dabei haben sich folgende drei Bereiche als ergiebig erwiesen: Ersatz der Tremaschreibung durch Digraphieschreibung (erste Karte), Adaption bei der Wiedergabe der l-Diminutive (zweite Karte) sowie Adaption der Schreibung von <i> und <y> (dritte Karte). Es interessiert dabei die folgende Frage: Zeigen die graphischen Veränderungen zwischen den Schichten «vor 1800» und «19. Jh.» eine Systematik (etwa in der Richtung der Anpassung und/ oder der geographischen Distribution)? 3 Man vgl. dazu die Unterseite «Das Rätsel um unseren Namen» mit Ausschnitten aus dem Bürgerregisterblatt und dem Brief der Polizeidirektion. 4 Zu Verschriftlichungsprozessen vgl. Heer (2024: 82-83). 5 Vgl. dazu auch die Diskussion im Abschnitt «Ausblick» des Artikels I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī». 6 Vgl. die weiteren Artikel im Kapitel I-3 «Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene». 7 Vgl. Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven». 3.2 Graphematische Adaptionen bei Migration innerhalb der Deutschschweiz 267 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="268"?> Erste Karte {125}: Ersatz der Tremaschreibung durch Digraphieschreibung Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN aus der Schicht «19. Jh.» (Datenquelle: FNB), 8 bei denen die Tremaschreibung in der Schicht «vor 1800» durch Digraphieschreibung ersetzt wurde wie in Gähler → Gaehler. 9 Abgefragte Namen FamN mit Ersatz der Tremaschreibung, 19. Jh.: Ambuel, Doessekker, Froehlich, Gaehler, Haener, Jaeggli, Kaeslin, Koeferli, Loepfe, Maerklin, Moesch, Moeschinger, Ruetschi, Schaeppi, Spoerri, Staedeli, Staehlin, Trueb, Waegelin, Waeger, Waelli, Waespe, Wuermli, Zuest. 24 Types, 27 Tokens. Kreise 25-50, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 127: Daten zur ersten Karte {125} Detailangaben zur Namenauswahl: 10 Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Haener zum Ruf N Johannes, Ruetschi zum Ruf N Rudolf ), ÜberN (Froehlich, Wuermli diminutivisch zu schwzdt. Wurm ‘schwacher, wehrloser Mensch’), BerufsN (Schaer zu mhd. schër ‘Bader, Wundarzt’, Waeger zu schwzdt. Weger ‘mit Wägepf lichten betraute Amtsperson’ oder zu schwzdt. Wëger ‘Strassenarbeiter’), WohnstättenN (Ambuel aus am und Büh(e)l ‘Abhang’) und HerkunftsN (Doessekker zum Toponym Tössegg ZH). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die aber dem Phänomen zuzuordnen sind (Loepfe mit vorläufig unklarer Etymologie, Moeschinger vielleicht zum Toponym Mössingen in Deutschland). Die Ausgangsformen zu diesem Sample unterscheiden sich jeweils durch ältere Tremaschreibung vs. neuere Digraphieschreibung wie in Dösekker → Doesekker, Fröhlich → Froehlich usw. FamN, bei denen der umgekehrte Vorgang zu beobachten ist, also Tremaschreibung eingeführt wurde, werden im Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle» besprochen. Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass der Ersatz der Tremaschreibung v. a. in der Stadt Basel, die 7 Types mit 9 Tokens aufweist (Kaeslin, Maerklin, Moesch, Moeschinger, Ruetschi, Staedeli, Trueb), vorgenommen wurde. Auf die Stadt Zürich entfallen 2 Tokens (je einmal Waeger, Zuest) und auf Winterthur (ZH) 3 Tokens (je einmal Froehlich, Gaehler, Waegelin); die restlichen Ortspunkte entsprechen je einem Token. Die ausgewählten Namen verteilen sich gesamthaft hauptsächlich über das Mittelland und kommen ferner viermalig im Karte 125: FamN mit Ersatz der Tremaschreibung durch Digraphieschreibung, 19. Jh. 8 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 9 Zu den verschiedenen Möglichkeiten der Umlautschreibung und dem historischen Hintergrund vgl. die Artikel I-1.4 «Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten» und I-1.2 «Schreibvariation Primärumlaut»; allgemein zum Umlaut vgl. Artikel I-1.3 «Fehlende und durchgeführte Umlautung». 10 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 268 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="269"?> (Vor-)Alpenraum vor (Staehlin in Heitenried FR, Schaeppi in Mitlödi GL, Jaeggli in Davos Dorf GR, Ambuel in Leuk VS). Auffallend (und bezeichnend für Zuwanderung) ist die starke Beteiligung urbaner Zentren (Biel, Basel, Zürich, Winterthur, St. Gallen). Zweite Karte {126}: Adaption von l-Diminutiven Namenauswahl: Ausgewählt wurden Namen aus der Schicht «19. Jh.», die eine Adaption von l-Diminutiven zeigen. Abgefragte Namen FamN neu mit -lin: Ecklin, Fleischlin, Gübelin, Ricklin, Rupplin, Säuberlin, Schälchlin, Störchlin, Zweilin. 9 Types, 13 Tokens. FamN neu mit -ly: Bünzly, Egly, Kessely, Mähly. 4 Tokens. FamN neu mit -le: Fegble, Mösle, Wickle. 4 Tokens. FamN neu mit -li: Ehrli, Gresli, Kränzli, Näpfli, Ruggli, Schäubli. 6 Types, 8 Tokens. Datenschicht: 19. Jh. (alle Typen) Kreise 30-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 128: Daten zur zweiten Karte {126} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Ecklin und Egly zum Ruf N Egloff , Ehrli zum Ruf N Erhart oder zum Ruf N Erne, Rupplin zum Ruf N Ruprecht, Wickle zum Ruf N Wickart), ÜberN (Kränzli zu schwzdt. Chranz ‘Kranz; kranzähnliche Dinge’, Säuberlin zu mhd. siuberlich ‘rein, anständig’, Schälchlin zu mhd. schalc ‘Bösewicht; hinterhältiger Mensch’, Schäubli zu mhd. schoup ‘Strohbündel’), BerufsüberN (Fleischlin, Kessely, Mähly zu mhd. mel ‘Mehl’, Näpfli zu mhd. naph ‘hochfüssiges (Trink-)Gefäss’) und WohnstättenN (Gübelin zu schwzdt. Gubel ‘Hügel, Felsabhang’, Mösle zu mhd. mos ‘Moos’). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die aber dem Phänomen zuzuordnen sind (Bünzly, Fegble, Gresli, Ricklin, Ruggli, Störchlin, Zweilin). In Tabelle 129 werden die jeweiligen Ausgangsformen aus der Schicht «vor 1800» den neuen Suffixschreibungen im 19. Jh. zugeordnet: Bspw. sind Eggli oder Bünzli die älteren Schreibungen, nach der Migration werden die Namen als Ecklin 11 bzw. Bünzly geschrieben. Karte 126: FamN mit Adaption von l-Diminutiven, 19. Jh. 11 Bei diesem Namen wurde auch die Schreibung des velaren Plosivs verändert: Ecklin wurden 1826 in der Stadt Basel aus Diessbach bei Büren (BE) eingebügert, wo der Name in der Schicht «vor 1800» Eggli geschrieben wird. 3.2 Graphematische Adaptionen bei Migration innerhalb der Deutschschweiz 269 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="270"?> «19. Jh.» -lin (Gruppe 1) -ly (Gruppe 2) -le (Gruppe 3) -li (Gruppe 4) Namenschreibung «vor 1800» Eggli Bünzli Fegbli Ehrle Fleischli Egli Mösli Gresly Gübeli Kesseli Wickli Kränzlin Rickli Mähli Näpflin Ruppli Ruggle Säuberli Schäuble Schälchli Störchli Zweili Tabelle 129: Zuordnung Ausgangsform «vor 1800» zu neuem Suffix «19. Jh.» Kommentar: Die zweite Karte rückt das Mittelland und Teile der Zentralschweiz in den Vordergrund und offenbart einen Schwerpunkt im Nordosten. Die meisten Vorkommen weisen die Städte Zürich mit 5 und Basel mit 3 Tokens auf; hier wird v. a. die Schreibung -lin neu eingeführt. Im Mittelland und im Wallis kommt -li, in der Ost- und der Zentralschweiz -le (SG, AR, SZ) neu vor. Neue ly- Formen finden sich verstreut im Mittelland (SO, BS, LU, SG). Tabelle 129 zeigt, dass es im Sample bestimmte Verschriftungspfade gibt, die eine Systematik erkennen lassen: So werden nur FamN, die auf -li enden, neu mit -lin geschrieben (Gruppe 1). D. h., es werden weder Namen auf -ly noch auf -le zu -lin abgeändert. Ähnlich werden nur Namen mit der Schreibung -li neu mit -ly geschrieben (Gruppe 2) und nur Namen auf -li werden zu -le geändert (Gruppe 3). Die Schonung des Namenkörpers (Schemakonstanz) wird in diesen drei Gruppen insofern gewahrt (Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 91-92), als (abgesehen von Ecklin) lediglich am rechten Rand des Namens ein Graphem verändert oder - im Fall von -lin - ergänzt wird: Die Form Fleischli-n unterscheidet sich nur durch finales -n von der Ausgangsform Fleischli. Einzig im Fall Säuberlin liegt dem Anhängen von -n vermutlich eine Fehldeutung zugrunde, da die Ausgangsform dem Suffix -lich zu schwzdt. sǖberli(ch) (Id. 7 1881 ff.: Sp. 88), nicht der Diminution zuzuordnen wäre. 12 Bei den insgesamt 16 Types in diesen drei Gruppen findet eine Formveränderung statt, die als Dissoziation eingeordnet werden kann: Die neue Schreibung des Suffixes bewirkt eine formale Abgrenzung von der dialektalen Appellativik, in der das Diminutivsuffix -li geschrieben wird (vgl. z. B. Berger 1913: 32, 62-63). Die Adaption von -le, -lin, -ly zu -li (Gruppe 4) lässt sich als umgekehrten Prozess beschreiben: Das Ergebnis der Namenschreibung mit <li> mündet in der formalen Übereinstimmung des Suffixes mit jenem in der dialektalen Appellativik. Die neuen Namenformen sind dadurch in ihrer Form transparent (Kränzli ‘kleiner Kranz’, Näpfli ‘kleiner Napf ’); mit abnehmender Transparenz sind Ehrli, Gresli, Ruggli und Schäubli einzustufen. Da die potenzielle Semantik aber keine Referenz auf Personen erlaubt (Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 55), ist der onymische Status des Namenkörpers nicht gefährdet. Der Zusammenhang mit dem allgemeinen Raumbild der l-Diminutive wird im Abschnitt «Ergebnisse» besprochen. Dritte Karte {127}: Adaption der Schreibung von <i> und <y> Namenauswahl: Ausgewählt wurden Namen aus der Schicht «19. Jh.», die Adaption bei der Schreibung der Grapheme <i> und <y> zeigen. Dies betrifft unterschiedliche Positionen im Wort: im Inlaut, im Inlaut als zweiter Bestandteil des Diphthongs nhd. ei und im Auslaut. Abgefragte Namen Typ i → y im Inlaut: Brunschwyler, Lyner, Mundwyler, Rykenmann, Spyri, Vonwyl, Wydemeier. 7 Types, 7 Tokens. Typ ei → ey im Inlaut: Freyenmuth, Freyvogel, Hardmeyer, Hardtmeyer. 7 Tokens. Typ i → y im Auslaut: Düby, Gally, Härdy, Heussy, Lussy, Mülly, Reutty, Walty. 8 Types, 8 Tokens. Typ y → i im Inlaut: Gisel, Nidecker. 5 Tokens. Datenschicht: 19. Jh. (alle Typen) Kreise 30-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 130: Daten zur dritten Karte {127} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Gally zum Ruf N Gallus, Härdy zur Kurzform eines Ruf N mit dem Element -hard, Walty), ÜberN (Freyenmuth, Freyvogel ‘ungebunden Lebender’, Gisel zu mhd. gīsel ‘Geisel, Bürgschaftsgefangener’, Heussy zu schwzdt. hüsse(n) ‘Tiere mit Zuruf antreiben’, Spyri zu mhd. spīre ‘Spier-, Turmschwalbe’), BerufsN (Lussy zu schwzdt. lūsse(n) ‘lauern’, Lyner zu mhd. līn ‘Lein, Flachs’, Wydemeier aus Widum ‘Besitz einer Kirche’ und Meier), WohnstättenN (Mülly, Reutty zum Toponym Rütti, Rykenmann zum Toponym Rick) und HerkunftsN (Brunschwyler, Mundwyler). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die aber dem Phänomen zuzuordnen sind (Düby, Hard(t)meyer, Nidecker, Vonwyl ). Die Ausgangsformen in der Schicht «vor 1800» unterscheiden sich durch die jeweils andere Verwendung der Grapheme <i> und <y>: So werden bspw. die Namen Brunschwyler, Freyenmuth, Düby und Gisel vor 1800 Brunschwiler, Freienmuth, Dübi und Gysel geschrieben. Eine Ausnahme bildet der FamN Wydemeier, der vor 1800 als Wiedemeier gelistet wird; da der Digraph <ie> - ähnlich dem Graphem <y> - in diesem Namen dem Laut [iː] zugeordnet wird (zu mhd. wīde ‘Weide’), 13 wird er hier ebenfalls berücksichtigt. Bei den FamN Nidecker (vor 1800 als Nydegger) und Rykenmann (vor 1800 als Rickenmann) liegt zusätzlich Adaption im Konsonantismus vor. Kommentar: Die dritte Karte zeigt - ähnlich den beiden anderen Kartenbildern - das Vorkommen von Adaptionen in der nördlichen Deutschschweiz ab einer Linie Bern-St. Gallen. Auch hier fallen die grösseren Städte ins Auge (Bern, Basel, Zürich, Winterthur, St. Gallen). Wenn es zu einer Änderung in der Schreibung kommt, wird im 19. Jh. dem Graphem <y> der Vorzug gegeben: In 19 Types wird das Graphem <i> durch <y> ersetzt, dies betrifft alle genannten Positionen. Demgegenüber wird die Adaption y → i nur im Inlaut zweier Namen vorgenommen. 12 Vgl. Artikel II-2.6 «Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich». 13 Vgl. die Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī» und I-1.14 «Schreibvariation i/ y». 270 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="271"?> Ergebnisse Die drei Karten zeigen Raumbilder der Schicht «19. Jh.» zu FamN, deren Namenträger: innen innerhalb der Deutschschweiz einen neuen Bürgerort erhielten und deren Schreibung geändert wurde. Dabei können die auftretenden Adaptionen drei Bereichen zugeordnet werden: Ersatz der Tremaschreibung, Adaption der l-Diminutive und Anpassung der Schreibung von <i> und <y>. Tremaschreibung ist gemäss den Ergebnissen im Artikel I-1.4 «Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten» die frequentere Schreibung für Umlaut. Digraphieschreibungen treten zwar weniger frequent auf, kommen aber auch in der deutschsprachigen Schweiz mit einem Schwerpunkt an der französisch-deutschen Sprachgrenze vor. Insofern wird hier ein Muster aufgenommen, das bereits in der Schicht «vor 1800» vorhanden ist. Allenfalls liegen dieser Adaption romanisch beeinf lusste Schreibkonventionen zugrunde, die vielleicht auch ästhetische Kriterien aufnehmen und Digraphiegegenüber Tremaschreibung als schöner bewerten. Kully (2009: 367-368) vermutet für das verstärkte Aufkommen von Digraphieschreibungen im 20. Jh. einen Zusammenhang mit dem Benutzen der Schreibmaschine: Da auf der Schweizer Tastatur nicht genug Platz für alle deutschen und französischen Sonderzeichen war, wurden die Tremazeichen eingespart. Dazu ist einschränkend festzuhalten, dass die FamN 1876 in den Zivilstandsregistern fixiert wurden (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 9); somit geht die Fixierung dem Gebrauch der Schreibmaschine voraus. 14 Welche Konventionen das 19. Jh. prägten, ist Frage zukünftiger Forschungen. Bei den FamN, die mit l-Diminutiv gebildet sind, dominieren vor 1800 die li- Derivate in ihrem räumlichen Auftreten. Gemäss dem Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» treten die anderen Realisierungen eher an den Rändern auf: westlich -ly, im Norden sowie in der Zentralschweiz -lin, im Osten -le. Wenn man die Ergebnisse der zweiten Karte dazu in Relation setzt, stimmt das Auftreten der kartierten Formen in der Schicht «19. Jh.» mit den regionalen Präferenzen in der Schicht «vor 1800» überein und es scheint, als würde man an die eingangs beschriebenen Schreibtraditionen anknüpfen: So finden sich die FamN, die neu mit -le geschrieben werden, in der Ostschweiz, jene mit -lin in den Städten Basel und Zürich und -li generell im Mittelland. Bei der Wahl der beiden Grapheme <i> und <y> zeigt sich in der Schicht «vor 1800» tendenziell eine Ost-West-Verteilung mit <i> im Osten vs. <y> im Westen; vgl. dazu den Artikel I-1.14 «Schreibvariation i/ y». Die dritte Karte offenbart, dass die Schreibung im 19. Jh. generell (auch im Osten) zugunsten des Graphems <y> geändert wurde. Die meisten Ortspunkte sind östlich einer Linie von Lenzburg (AG) nach Hitzkirch (LU) auszumachen. Die Favorisierung des Graphems <y> zeigt sich im 19. Jh. auch auf den offiziellen Karten der Karte 127: FamN mit Adaption der Schreibung von <i> und <y>, 19. Jh. 14 Vgl. dazu auch Artikel I-1.4 «Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten». 3.2 Graphematische Adaptionen bei Migration innerhalb der Deutschschweiz 271 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="272"?> Landestopographie, auf denen Wil-Namen vorrangig mit <y> geschrieben werden (Kistler 2020: 186-187). Es scheint somit durchaus plausibel, dass es für bestimmte Morpheme (l-Diminutive) oder Positionen im Wort (y in- und auslautend) (Schreib-)Moden oder Vorlagen gab, die am neuen Wohnort auf die FamN übertragen wurden. Welche konkreten Konventionen hier prägend waren, ist - wie bereits oben erwähnt - noch offen. Grundsätzlich kann nicht beurteilt werden, ob die Veränderungen der Namenschreibung auf Betreiben der Namenträger: innen oder der Zivilstandsbeamten erfolgten. Dass aber im 19. Jh. - ähnlich wie auch im 20. Jh. anhand des Beispiels Stauffenegger/ Struffenegger illustriert - mit Beamtenwillkür im Kleinen zu rechnen ist, ist anzunehmen. Eine weitere Frage, die nur im Kontext von Familienforschung beantwortet werden kann, ist, inwieweit die Adaption der Namenform einem Distinktionsbedürfnis nachkommt, sei dies innerhalb eines grösseren Familienverbands (Familie X will sich von Familie Y abgrenzen) oder sei dies aus individuellen Gründen (Namenträger: in X entscheidet sich für die Schreibung Y). Auch wenn das 19. Jh. mehrheitlich ein Jahrhundert ohne verbindliche Rechtschreibung ist (Dürscheid 2016: 169-174), werden bei der Schreibung der ausgewählten Namen Dissoziationsprozesse gestärkt resp. vorgespurt. Die Ergebnisse bei innersprachlicher Adaption münden in einer Namenform, die von der Schreibung der Appellative abweicht, v. a. aus heutiger Perspektive: Die Wiedergabe von Umlauten mit Digraph entspricht nicht den Regeln der deutschen Orthographie (Eisenberg 2020: 343); die Regel <ä> statt <ae> usw. für Umlaut wurde bereits im 19. Jh. festgehalten (Duden 1880: XV-XVI). Das Graphem <y> wird bei den Vokalgraphemen des Deutschen teilweise nicht aufgezählt, da es nicht zum nativen System des Deutschen gehöre (Eisenberg 2020: 316-317). 15 Da das Graphem <y> in der Standardsprache nur in Fremdwörtern und EigenN vorkommt (Eisenberg 2020: 317), wird durch seinen Gebrauch der onymische Status gestärkt. Auch die eingehende Diskussion bei den l-Diminutiven hat gezeigt, dass es in den meisten Fällen formal zu einer Abgrenzung kommt; hier allerdings von der dialektalen Appellativik. Ein Ergebnis aus namengeographischer Perspektive ist, dass das Gebiet im Norden zwischen den Kantonen Basel-Stadt und St. Gallen in den Kartenbildern deutlich hervortritt. Dieser Umstand lässt sich mit dem eingangs skizzierten Zuzug in industrialisierte und urbane Zentren erklären. Dieser nördliche Raum tritt auch in Zanoli/ Walter (2022: 163, 168) auf der Karte 99 «Die Industrialisierung, um 1860» sowie auf der Karte 101 «Städte und Industrie, um 1914» als Zentrumsraum hervor. Das Auftreten deckt sich zudem mit den Wanderungsgewinnen nach Kantonen, die Holenstein/ Kury/ Schulz (2018: 153) für die Jahre 1870-1910 anführen: Basel-Stadt verzeichnet hier die grösste Zunahme mit 15 ‰ pro Jahr und auch die Kantone Zürich und St. Gallen gewinnen Einwohner: innen. Zanoli/ Walter (2022: 165) halten fest: «Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konzentrieren sich die 18 Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigen alle in der Nordschweiz, in den Kantonen Solothurn, Basel, Aargau, Zürich, Thurgau und St. Gallen». Diese Bevölkerungskonzentration hat zwar keine direkte Auswirkung auf die Schreibung der Namen, aber umgekehrt können Namenkarten Siedlungs- und Migrationsgeschichte abbilden. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Ricklin (265 Tokens), Ruggli (175 Tokens) und Schaer (156 Tokens). Aus der eingangs beschriebenen Liste lassen sich noch weitere Namen aufzählen, die zum Phänomen der Adaption gehören, aber nur EinzelN betreffen und daher nicht sinnvoll zu einer Kartierung zusammengefasst werden können. Als Ergänzung zu den in der ersten Karte behandelten Namen können noch zwei Beispiele erwähnt werden, bei denen Tremaschreibung eingeführt wurde: Bei Kecheisen (Hofstetten SO) → Kächeisen (Brügglen SO) wurde das Graphem <e> durch <ä>, bei Noerbel (Basel BS) → Nörbel (1889 Liestal BL aus Basel BS) <oe> durch <ö> ersetzt. Allenfalls liegt auch bei Berri (GR) → Bärri (Basel BS), Grether (La Neuveville BE) → Gräther (Langenhart TG) diese Adaption vor, wobei bei diesen beiden Namen keine Migrationsevidenz vorliegt, wie sie oben beschrieben wurde. Bei Trächslin (Riehen BS) → Trechslin (1848 Muri bei Bern BE aus Riehen BS) wie auch bei Läser (Gontenschwil AG) → Leser (1816 Basel BS aus Gontenschwil AG) wurde zwar die Tremaschreibung <ä> ersetzt, aber nicht durch Digraph, sondern durch <e>. Bei einigen FamN mündet die Adaption in einer Angleichung an das (vermeintlich) zugrunde liegende Appellativ (vgl. Tabelle 131). Ausgangsform «vor 1800» Neue Namenform «19. Jh.» Appellativ Baltensperger (Brütten ZH) Baltensberger (Stäfa ZH, 1880) Berg (p → b) Blickenstorfer (ZH) Blickensdorfer (Embrach ZH, 1883) Dorf (t → d ) Brugisser (Wohlen AG) Bruggisser (Laufenburg AG, 1837) dialektal Brugg (g → gg) (Id. 5 1881 ff.: Sp. 537) Camenzind (Gersau SZ) Kammenzind (Leuk VS, 1871) Kamm (C → K, m → mm) Eggli (Diessbach bei Büren BE) Ecklin (Basel BS, 1826) Ecke (gg → ck) Herensperger (TG) Herrensperger (Flawil SG) Herr (r → rr) Lowiner (VS) Lauwiner (Zwischbergen VS, 1831) dialektal Lauwi ‘Erd-, Schneerutsch’ (Id. 3 1881 ff.: Sp. 1539) Rechsteiner (AI, AR, S G) Rehsteiner (St. Gallen SG, 1863) Reh (ch → h) Remensperger (TG) Remisberger (Dotnacht TG) Berg (p → b) Tabelle 131: Vergleich der Namenformen und Gemeinden inklusive (vermeintlich) zugehöriger Appellative Es kann vermutet werden, dass teilweise eine Schreibung angestrebt wurde, die sich an die Schreibung der Appellativik anlehnt, wenngleich nicht durchgehend, wie das Beispiel Herensperger → Herrensperger zeigt: Hier wurde der erste Bestandteil an das Appellativ Herr, der zweite aber nicht an Berg angepasst. Man könnte hier vorsichtig 15 In der frühneuhochdeutschen Schriftlichkeit ist das Graphem <y> durchaus üblich (vgl. Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī») und auch bei der Schreibung der schweizerdeutschen Dialekte hat es eine gewisse Schreibtradition (vgl. Lerch 1971: 132-133). Das Graphem <y> wird auch im RfdR (2024: 31-33) bei der «Laut-Buchstaben-Zuordnung» gelistet. 272 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="273"?> postulieren, dass in der Namenschreibung eine gewisse Standardisierung, also ein Anschluss an die standardsprachliche Schreibung angestrebt wurde. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. 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Simone Berchtold 3.2 Graphematische Adaptionen bei Migration innerhalb der Deutschschweiz 273 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="274"?> 3.3 Integration französischer Familiennamen ins Deutsche Schlagwörter: Adaption, Eindeutschung, Interferenz, Migration, Sprachkontakt Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Die Integration von FamN aus einem Sprachsystem in ein anderes durch lautlich-formale Adaption ist in der mehrsprachigen Schweiz ein häufiges Phänomen. Dieser Artikel behandelt die verbreitetsten Integrationsmuster, die bei der Übernahme von französischen FamN ins Deutsche erfolgen können. Hintergrund: In der Schweiz traten das Französische 1 und seine historischen Vorstufen bereits vor dem Mittelalter in einen intensiven Kontakt mit deutschen Varietäten, der sich bis in die Gegenwart fortsetzt. Zu den sprachgeschichtlichen Hintergründen im westlichen Kontaktgebiet der Schweiz - u. a. zur Herausbildung der deutsch-französischen Sprachgrenze - sei auf Kristol (2023) 2 und die entsprechenden Artikel im e-HLS (o. J.; insbesondere e-HLS 2007: s. v. Französisch) verwiesen. Kontakt zwischen Französisch und Deutsch abseits der Sprachgrenze kommt zusätzlich durch Binnenwanderung und durch Einwanderung aus dem Ausland vor, v. a. aus Frankreich und den (ehemals) französischsprachigen Gebieten Italiens. Die intensiven historischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Frankreich, dem Elsass oder Savoyen werden in den entsprechenden Artikeln des e-HLS (2012: s. v. Elsass; 2015: s. v. Savoyen; 2024: s. v. Frankreich) ausgeführt. Erläuterungen zu den protestantischen Glaubensf lüchtlingen (u. a. aus Frankreich), die sich in den reformierten Orten der Schweizerischen Eidgenossenschaft niederliessen, sowie zum wichtigen Beitrag der Hugenotten zur Verbreitung der französischen Kultur in der deutschsprachigen Schweiz finden sich im e-HLS (2014: s. v. Protestantische Glaubensflüchtlinge). Bei der Integration von FamN einer Ausgangssprache (hier Französisch) in eine Zielsprache (hier Deutsch) können die Namen verschiedenen Prozessen unterzogen werden: 1. vollständiger Erhalt der Graphie und z. T. auch der Aussprache (z. B. frz. Tribolet → Tribolet) 2. lautlich-graphematische Anpassung an das Deutsche (Adaption) 3. morphosemantische Angleichung an ähnlich lautende deutsche FamN - auch volksetymologische Reinterpretation genannt (frz. Bourquenez → Bourgknecht) 4. Übersetzung, was jedoch ohne historische Belege schlecht nachweisbar ist (frz. Bouchier → Metzger; Furrer 2002: 363) 5. Ersatz (freie Übertragung, nur urkundlich fassbar) In diesem Artikel wird der Fokus auf den Prozess der Adaption (2.) gelegt, der auf verschiedenen sprachlichen Ebenen erfolgen kann: graphematisch-phonologisch, morphologisch, syntaktisch, lexematisch-semantisch und prosodisch (den Wortakzent betreffend). Im vorliegenden Artikel werden die häufigsten Integrationsmuster ausgewählt, die in den ursprünglich französischen FamN der Deutschschweiz eruiert werden können, und jeweils separat kartiert. Weitere, weniger häufige oder kaum greifbare Integrationsmuster werden im Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle» summarisch besprochen. Bei der Integration französischsprachiger FamN ins Deutsche spielen die graphematisch-phonologischen Gegebenheiten der Ausgangs- und der Zielsprache eine Rolle: Die Phonem-Graphem-Entsprechung des Französischen differiert wesentlich von derjenigen des Deutschen. Die Schreibung der französischen Sprache ref lektiert im Grossen und Ganzen die Aussprache der altfranzösischen Sprachstufe. Die phonetischen Entwicklungen, die nach dem Mittelalter stattgefunden haben, wurden i. d. R. nicht in der Schreibung umgesetzt. Bspw. entspricht der Trigraph <eau> ‘Wasser’ (im Altfranzösischen als Triphthong ausgesprochen) dem Phonem [o]. Dazu kommt, dass ab dem 14./ 15. Jh. weiteres graphematisches Material das Schreibsystem des Französischen ergänzt hat, das erneut nicht die Lautung wiedergibt, sondern die lateinische Herkunft zeigen sollte, so z. B. das <h> in frz. heure ‘Stunde’ < lat. hōra (Huchon 2002: 23). Solche Grapheme haben lediglich etymologische Funktion, aber keinen Lautwert. Aus dem sehr komplexen graphematischen System des Französischen ergeben sich zahlreiche unterschiedliche Adaptionen der französischen FamN an das deutsche graphematischphonologische und morphologische System. Darüber hinaus werden französische Laute, die nicht zum autochthonen Phoneminventar des Deutschen gehören, bei der Integration adaptiert, wie z. B. die Nasallaute (vgl. dritte Karte) oder die stimmhaften postalveolaren Frikative (vgl. vierte Karte). Fragestellungen: Welche graphematischen und phonologischen Anpassungen finden sich in französischsprachigen FamN, wenn diese mit dem Deutschen in Kontakt treten? Kommen die adaptierten Namen hauptsächlich entlang der Sprachgrenze vor oder lassen sich mikroregionale Konzentrationen beobachten? Der Artikel umfasst fünf Karten: Auf der ersten Karte werden gesamthaft alle einschlägigen FamN abgebildet, die Adaption an das Deutsche aufweisen. Ab der zweiten Karte werden die häufigsten graphematisch-phonologischen Integrationsmuster je einzeln dargestellt: die Integration von Oralvokalen (zweite Karte), die Integration von Nasallauten am Wortende (dritte Karte), die Integration von postalveolaren Frikati- 1 Zur Vereinfachung wird hier Französisch als Makroterminus für die galloromanischen Varietäten verwendet, die in der Westschweiz gesprochen werden bzw. wurden - d. h. sowohl die Standardsprache als auch die Dialekte. Sprachlich zählen die meisten Mundarten der Westschweiz, ebenso wie die im Südosten Frankreichs und im Aostatal, zum Frankoprovenzalischen. Lediglich die Mundarten des Jura können der nordfranzösischen Sprachgruppe der Langue d’oïl zugeordnet werden (e-HLS 2012: s. v. Dialekte). 2 Allgemein zur Herausbildung der deutsch-französischen Sprachgrenze vgl. Kristol (2023: 136-139, 155-156), spezifisch für den zweisprachigen Kanton Freiburg vgl. Kristol (2023: 525-541) und für das Wallis sowie für den Kanton Jura vgl. Kristol (2023: 615-631 bzw. 651-684). 274 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="275"?> ven (vierte Karte) und die Integration der Grapheme <t>, <d>, <z> ohne Lautwert am Wortende (fünfte Karte). Weitere, seltenere Integrationsmuster wie z. B. die Entsonorisierung von v zu f (frz. Vivian > Fivian), die morphologische Erweiterung (frz. Rotzetta → Rotzetter) oder die volksetymologische Reinterpretation (frz. Bourquenez → Bourgknecht) werden summarisch im Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle» besprochen. Erste Karte {128}: Gesamtkarte zu den eingedeutschten französischen Familiennamen Namenauswahl: Die erste Karte umfasst alle einschlägigen französischsprachigen FamN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 3 die eine graphematisch-phonologische oder morphologische Anpassung an das Deutsche aufweisen. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Eingedeutschte französische FamN, vor 1800: Artho, Baschong, Baschung, Batschelet, Belart, Betschon, Bisang, Boo, Boschung, Bourgknecht, Bowee, Bula, Bürdel, de Bourgknecht, Fafri, Favri, Fetscherin, Fivian, Gilomen, Gobeli, Gottier, Göttier, Grolimund, Grollimund, Gürlet, Haari, Hari, Harri, Harry, Latscha, Luis, Marending, Moning, Morant, Mürset, Muschot, Perro, Poschung, Ringier, Romang, Roschet, Roseng, Rösselet, Rotzetter, Rubischung, Rubitschung, Rüffieux, Schabron, Schambron, Schenevey, Scherwey, Tettü, Tschabold, Tschaggelar, Tschaggeny, Tschampion, Tschan, Tschanen, Tschäni, Tschann, Tschannen, Tschantré, Tschanz, Tschäppät, Tscharland, Tschilar, Vifian, von Dach, von Willa, Willome, Zollet, Zyro. 72 Types, 145 Tokens. Kreise 13‒35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 0-90, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 132: Daten zur ersten Karte {128} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Für diesen Artikel wurde mit einem Sample von FamN gearbeitet, die als aus dem Französischen stammend identifiziert wurden. Ausgeschlossen wurden etymologisch unsichere oder mehrdeutige FamN sowie FamN, die innerhalb der Schweiz an mehreren Orten unabhängig voneinander entstanden sind und somit eine homographische Entsprechung im Deutschen aufweisen (z. B. Richard, Martin). Die ausgewählten FamN werden in Tabelle 133 einzeln aufgeführt, wobei jedem eingedeutschten Namen (erste Spalte, inklusive Karte 128: Eingedeutschte französische FamN, vor 1800 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 3.3 Integration französischer Familiennamen ins Deutsche 275 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="276"?> Kantonskürzel der Belegorte) der entsprechende französische AusgangsN (zweite Spalte) zugeordnet wird. Sofern vorhanden, wird in der zweiten Spalte auch der jeweilige Kanton des Bürgerorts mit dem entsprechenden Kantonskürzel bzw. die ausländische Herkunftsregion (Savoyen, Dauphiné) oder das Herkunftsland (Frankreich, abgekürzt mit «F») angegeben. Wenn der Name in vier oder mehr Kantonen der französischsprachigen Schweiz belegt ist, wird die Lokalisation mit «allgemein Romandie» bezeichnet. Die Beziehung zwischen den deutschen und den französischen Namen ist formal, nicht genealogisch begründet. Der französische Name in der zweiten Spalte darf daher nicht automatisch als genealogisches Pendant betrachtet werden. Meist hat die Beziehung zum genannten französischen Namen keine historische Evidenz und wird v. a. aus formalen Gründen vermutet. Eine historische Familienforschung könnte die Abstammungsverhältnisse zwischen den eingedeutschten und den ursprünglich französischen Namen herausarbeiten; dies ist jedoch kein Untersuchungsgegenstand des FDS. Die Ausgangsformen und die Informationen zur Herkunft der französischen FamN der Schweiz stammen aus dem FNB (1989), während diejenigen aus Frankreich meist von Morlet (1997) und/ oder vom Online-Portal Filae (o. J.) herrühren. Aus Kully (2009: 386) wurden die beiden Namenformen Grolimund und Grollimund entnommen. Rekonstruierte - d. h. nichtbelegte - Formen sind mit Asterisk markiert. Eingedeutschter FamN Französischer AusgangsN bzw. französisches Pendant Artho (SG) Arthaud (VD) Baschong (BL) wohl Pachon (Savoyen) Baschung (SO) wohl Pachon (Savoyen) Batschelet (BE) wohl Bachelet (F) Belart (AG) wohl Bélard / Belard (F) Betschon (AG) wohl Béchon (F), vgl. Béchaux ( JU), Béchet (VD) Bisang (LU) mehrdeutig, wohl zu frz. paysan ‘Bauer’ Boo (AG, BE) wohl Beaud o. ä. (Savoyen) Boschung (BE, FR) wohl Pachon (Savoyen) Bourgknecht (FR) wohl Bourquenez ( JU) oder Bourquenoud (FR) Bowee (BE) Bovet (allgemein Romandie) Bula (FR) Boulaz (VD) Bürdel (FR) Burdel (FR) de Bourgknecht (FR) wohl Bourquenez ( JU) oder Bourquenoud (FR) Fafri (BE) Favre (allgemein Romandie) Favri (BE) Favre (allgemein Romandie) Fetscherin (BE) *Vacherin, vgl. Vacheron (VD) Fivian (BE) Vivian (VD) Gilomen (BE) Guillemin (VD) Gobeli (BE) Gobelet (VD, VS) Gottier (BE) Gautier (BE, GE, VD) Göttier (VS) Gautier (BE, GE, VD) Grolimund (SO) Groslimond (allgemein Romandie) Grollimund (BL) Groslimond (allgemein Romandie) Gürlet (BE) wohl Gourlet (F) Haari (BE) Henry (allgemein Romandie) Hari (BE) Henry (allgemein Romandie) Harri (BE) Henry (allgemein Romandie) Harry (AG) Henry (allgemein Romandie) Eingedeutschter FamN Französischer AusgangsN bzw. französisches Pendant Latscha (SO) Lachat (F) Luis (SG, TI) Louis (BE, JU, NE) Marending (BE) *Marendin, vgl. Marendaz (VD) Moning (BE, SO) wohl Monin ( JU, NE) Morant (SG) Morand (FR, VD, VS) Mürset (BE) evtl. Muriset (NE) Muschot (BL) wohl Mouchot (F) Perro (BE) Perrot oder Perrod (allgemein Romandie) Poschung (BE) wohl Pachon (Savoyen) Ringier (AG) evtl. *Ringuer (evtl. F) Romang (BE) wohl Romand (VD) Roschet (BS) Rochette (GE, ursprünglich Savoyen) Roseng (BE) evtl. Rosin (F) Rösselet (BE) Rosselet (NE) Rotzetter (FR) Rotzetta (FR) Rubischung (UR) Robichon (Dauphiné F) Rubitschung (SO) Robichon (Dauphiné F) Rüffieux (FR) Ruffieux (FR) Schabron (AG) *Chambron, vgl. Chambrier (VD) Schambron (AG) *Chambron, vgl. Chambrier (VD) Schenevey (FR) Genevay (VD) Scherwey (FR) Gervais (GE) Tettü (BE) wohl Testuz (VD) Tschabold (BE) evtl. Chabaud (F) Tschaggelar (BE) Jacquelard (F) Tschaggeny (BE) Jacquemin (VD, VS), Jacquenin (F) Tschampion (BE) Champion ( JU, VD) Tschan (BE, BL, SO) Jean (allgemein Romandie) Tschanen (BE) Jean (allgemein Romandie) Tschäni (BL) Jean (allgemein Romandie) Tschann ( JU) Jean (allgemein Romandie) Tschannen (BE) Jean (allgemein Romandie) Tschantré (BE) evtl. Jeanneret (NE, VD) Tschanz (BE) Jean (allgemein Romandie) Tschäppät (BE) Chappatte ( JU) Tscharland (SO) evtl. Charlan (F), vgl. Toponym Prés Charlan (BE) Tschilar (BE) Gillard (FR, VD) Vifian (BE) Vivian (VD) von Dach (BE) Dutoit (BE, FR, VD) von Willa (VS) de Villa (VS) Willome (BE) Guillaume (allgemein Romandie) Zollet (FR) Chollet (FR, NE, VD) Zyro (BE) urkundlich Giroz (VD) Tabelle 133: Detailangaben zu den eingedeutschten FamN Die ausgewählten Namen haben verschiedene Adaptionen durchlaufen, die auf verschiedenen linguistischen Ebenen erfolgen können (vgl. Abschnitt «Hintergrund»). In vielen Fällen besteht die Integration des Namens aus einem Zusammenspiel von Anpassungen auf mehreren Ebenen. Bspw. ist der FamN Tschabold (vermutlich zu Chabaud ) das Resultat einer graphematisch-phonologischen Anpassung und einer morphosemantischen Reinterpretation: Anlautendes 276 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="277"?> Chwird als Tschlautlich und formal integriert, auslautendes -baud wird mit dem deutschen Namenelement -bold wie in Diebold in Zusammenhang gebracht und substituiert. Unter den kartierten FamN sind alle Benennungsmotive vertreten: BerufsN (Fafri, Favri ← Favre < lat. faber ‘Schmied’; vgl. GPSR VII 1924 ff.: 209), ÜberN (Bowee ← Bovet < frankoprov. bovèt ‘männliches Kalb’; vgl. GPSR II 1924 ff.: 706), Patronyme (Tschan zum Ruf N Jean), WohnstättenN (Bula zum FamN bzw. FlurN Boulaz; vgl. GPSR II 1924 ff.: 628) und HerkunftsN (Schenevey ← Genevay, zum StadtN Genève). Kommentar: Mehr als die Hälfte der InterferenzN verteilen sich in den heutigen Kantonen Bern und Freiburg. Anzutreffen sind sie v. a. in zwei Clustern: Das erste umfasst das Gebiet zwischen dem Bielersee und der Region östlich der Stadt Freiburg (FR), das zweite einen kleinen Raum nordöstlich der Stadt Thun (BE). Ausserdem findet sich eine Konzentration im Kanton Solothurn, v. a. in den einst abgelegenen Bezirken Thal und Thierstein am Juranordfuss. Weitere Fälle sind im Berner Oberland, im Luzerner Hinterland (Wahlkreis Willisau) und in den Kantonen Aargau und Basel-Landschaft nördlich der Aare dokumentiert. Zudem zeigen sich wenige Streubelege im deutschsprachigen Wallis sowie in den Kantonen Uri und St. Gallen. Es fällt auf, dass das grösste Cluster eingedeutschter FamN zwischen dem Bielersee und dem Sensebezirk (FR) mit dem mittelalterlichen deutsch-französischen Kontaktgebiet übereinstimmt (Kristol 2023: 156). Die Region nordöstlich der Stadt Thun (BE) und das oben beschriebene Gebiet im Kanton Solothurn hingegen wurden schon um die erste Jahrtausendwende germanisiert. Die Präsenz von InterferenzN ausserhalb des mittelalterlichen Kontaktgebiets bezeugt einerseits den langanhaltenden Einf luss des Französischen im deutschsprachigen Gebiet über die Sprachgrenze hinaus, andererseits die historische Einwanderung aus (ausländischen) französischsprachigen Gebieten. Zweite Karte {129}: Integration von französischen Oralvokalen ins Deutsche Namenauswahl: Dokumentiert werden eingedeutschte FamN aus der Schicht «vor 1800», die in den entsprechenden französischen Ausgangsformen die Laute [o], [u] und [y] enthalten, welche in der Ausgangssprache mit den Graphien <au>, <eau>, <ou> oder <u> wiedergeben werden. Die Besonderheit dieser Vokale liegt darin, dass deren Verschriftung im Französischen nicht derjenigen im Deutschen entspricht und sie bei der Integration angepasst wurden. Abgefragte Namen frz. <au>, <eau> → dt. <o>, <ö>: Artho, Boo, Gottier, Göttier, Tschabold, Willome. 6 Types, 13 Tokens. frz. <ou> → dt. <u>: Bula, Luis, Muschot. 5 Tokens. frz. <u> → dt. <ü>: Gürlet, Mürset. 3 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Karte 129: Graphematisch-phonologische Realisierungen von frz. <au>, <eau>, <ou> und <u> in eingedeutschten FamN, vor 1800 3.3 Integration französischer Familiennamen ins Deutsche 277 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="278"?> Kreise 25‒50, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 134: Daten zur zweiten Karte {129} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den ausgewählten FamN und den entsprechenden französischen Namen s. Tabelle 133. Die hier kartierten FamN geben Hinweise auf die Integration von fremden Graphem-Phonem-Beziehungen: Die Graphien <au> bzw. <eau>, <ou> und <u> ref lektieren im Französischen die Laute [o], [u] und [y]. Bei der Integration französischer FamN ins Deutsche wurden die hier behandelten Namen je nach ihrer Lautung graphematisch-phonologisch adaptiert. Kommentar: Die ausgewählten FamN zeigen kein einheitliches räumliches Bild. Die meisten Beispiele treten in den Kontaktgebieten der Kantone Bern, Freiburg und Wallis auf. Weitere Belege sind in den Kantonen Basel-Landschaft, Aargau und St. Gallen zu finden. Der FamN Luis im Nordtessin, der homographisch auch in Hemberg (SG) belegt ist, ist wohl weniger die Germanisierung eines französischen Namens als vielmehr die dialektale Variante des italienischen Ruf N Luigi. Dritte Karte {130}: Integration von französischen Nasalvokalen am Wortende ins Deutsche Namenauswahl: Die dritte Karte umfasst französischsprachige FamN aus der Schicht «vor 1800», die im Zuge der Eindeutschung eine graphematisch-phonologische Veränderung des auslautenden Nasalvokals aufweisen. Kartiert werden die ausgewählten FamN nach den beiden entsprechenden graphematisch-phonologischen Realisierungen im Deutschen als -ng oder -n. Abgefragte Namen Schreibung <ng>: Baschong, Baschung, Bisang, Boschung, Marending, Moning, Poschung, Romang, Roseng, Rubischung, Rubitschung. 11 Types, 25 Tokens. Schreibung <n>: Betschon, Fetscherin, Fivian, Gilomen, Schabron, Schambron, Tschampion, Tschan, Tschanen, Tschäni, Tschann, Tschannen, Tschanz, Vifian. 14 Types, 31 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20‒30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 135: Daten zur dritten Karte {130} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den ausgewählten FamN und den entsprechenden französischen Namen s. Tabelle 133. Die französischen Nasalvokale [ɑ͂, e͂ , o͂, œ̃ ] gehören nicht zum autoch- Karte 130: Graphematisch-phonologische Realisierungen der französischen Nasalvokale am Wortende in eingedeutschten FamN, vor 1800 278 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="279"?> thonen Phoneminventar des Standarddeutschen, daher ist bei ihrer Übernahme eine Lautsubstitution zu erwarten. Die Varianz in der dialektalen Aussprache von Lehnwörtern wie Balkon oder Karton in der Deutschschweiz bezeugt diese lautliche Instabilität, welche auch schriftlich greifbar ist. Aus dem Bestreben, die fremden nasalen Laute mit deutschen Graphemen wiederzugeben, sind verschiedene Integrationsmuster hervorgegangen. Für das romanisch-germanische Kontaktgebiet im historischen Luxemburg hält Flores Flores (2015: 324) fest: «Entsprechend werden diese Nasalvokale bei der Integration frz. Lehnworte meist durch einheimische Lautfolgen ersetzt, wobei der Nasaldurch einen Oralvokal ersetzt und die Nasalität auf einen dahinter eingefügten nasalen Konsonanten übertragen wird». Die eingedeutschten FamN mit auslautendem französischem Nasalvokal zeigen in der Deutschschweiz unterschiedliche Integrationsmuster. Am häufigsten wird der französische auslautende Nasalvokal graphematisch durch Oralvokal+<ng> (wie bei frz. Romand → Romang) oder durch Oralvokal+<n> (wie bei frz. Vivian → Fivian) wiedergeben. Angesichts der lautlichen Instabilität bei der Integration von Nasalvokalen kann vermutet werden, dass die Schreibung <ng> eher einer velaren Lautung, <n> hingegen eher einer dentalen Lautung entsprach. Genauer ist von einem breiten Spektrum an möglichen Lautungen auszugehen, deren Ziel es war, den fremden französischen Nasallaut an das deutsche Lautsystem anzupassen. Im FamN Tscharland (← frz. Charlan) - hier aus der Kartierung ausgeschlossen - wurde auslautendes französisches -lan semantisch remotiviert und mit dem deutschen Namenelement -land ersetzt. Kommentar: Die beiden graphematisch-lautlichen Varianten sind, was Types und Tokens betrifft, quantitativ ungefähr ausgeglichen und verteilen sich im Raum komplementär. Die meisten Beispiele mit Schreibung <ng> am Wortende finden sich im Kontaktgebiet des heute deutschsprachigen freiburgischen Sensebezirks. Eine weitere Ballung ist im Luzerner Bezirk Willisau zu beobachten: Ausschliesslich hier clustert der FamN Bisang. Entlang der Jurakette zwischen dem Bielersee und dem Bezirk Waldenburg (BL) kommen weitere eingedeutschte FamN dieses Typus vor. Ein geographischer Ausreisser ist Rubischung (Altdorf UR), der - wie Rubitschung im Kanton Solothurn - auf den aus der französischen Region Dauphiné eingewanderten FamN Robischon zurückgeht. Die FamN mit <n> am Wortende kommen hauptsächlich im Kanton Bern vor, insbesondere im Gebiet zwischen den Städten Biel und Thun (Verwaltungskreise Seeland, Bern-Mittelland und Thun). Vierte Karte {131}: Integration der französischen Laute [ʒ] und [ʃ] ins Deutsche Namenauswahl: Die vierte Karte behandelt eingedeutschte FamN aus der Schicht «vor 1800», die in der ursprünglich französischen Form an- oder inlautend den Konsonanten [ʒ] oder [ʃ] enthalten. Kartiert werden die InterferenzN nach den beiden entsprechenden graphematisch-phonologischen Realisierungen im Deutschen als sch oder tsch. Karte 131: Graphematisch-phonologische Realisierungen von frz. [ʒ] oder [ʃ] in eingedeutschten FamN, vor 1800 3.3 Integration französischer Familiennamen ins Deutsche 279 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="280"?> Abgefragte Namen frz. [ʒ] oder [ʃ] → dt. sch: Baschong, Baschung, Boschung, Muschot, Poschung, Roschet, Rubischung, Schabron, Schambron, Schenevey, Scherwey. 11 Types, 20 Tokens. frz. [ʒ] oder [ʃ] → dt. tsch: Batschelet, Betschon, Fetscherin, Latscha, Rubitschung, Tschabold, Tschaggelar, Tschaggeny, Tschampion, Tschan, Tschanen, Tschäni, Tschann, Tschannen, Tschantré, Tschanz, Tschäppät, Tscharland, Tschilar. 19 Types, 41 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15‒30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-90, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 136: Daten zur vierten Karte {131} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den ausgewählten FamN und den entsprechenden französischen Namen s. Tabelle 133. Der stimmhafte postalveolare Frikativ [ʒ] des Französischen - wie im Ruf N Jean - hat im Deutschen keine direkte phonetische Entsprechung, weshalb bei der Eindeutschung hier mit Lautsubstitution zu rechnen ist. In diesem Fall liegt ein Prozess der Entsonorisierung von [ʒ] zu [ʃ] vor, die in den eingedeutschten FamN mit dem Trigraphen <sch> greifbar ist, bspw. in Scherwey (← französischer FamN Gervais) oder Schenewey (← wohl frz. Genevais). Zudem ist im Schweizerdeutschen eine sekundäre Entwicklung [ʃ] zu [tʃ] eingetreten, die u. a. auch die eingedeutschten FamN betrifft. Im Unterschied zu Deutschland, wo er hauptsächlich in FamN fremdsprachigen Ursprungs zu finden ist (DFA 2 2011: 481), kommt der anlautende Palatallaut [tʃ] bzw. der Trigraph <Tsch> in FamN (sowie in der Toponymie und im Lexikon) der Deutschschweiz vor - und dies nicht nur in ursprünglich romanischen Namen, vgl. z. B. Tschudin zu schwzdt. Tschudi, Schudi ‘blödsinnige Person’. Im Schweizerdeutschen kann die Palatalisierung in einigen Fällen auf die Verschmelzung mit einem deutschen Element zurückgeführt werden, meistens mit dem bestimmten Artikel schwzdt. d ‘die’ oder der Präposition schwzdt. z ‘zu, in’. 5 Die graphematisch-phonologischen Varianten mit tsch sind type- und tokenmässig häufiger als diejenigen mit sch. Im Sample findet sich mit Rubischung / Rubitschung lediglich eine Dublette. Die FamN mit sch-Schreibung gehen auf französische Namenformen mit dem stimmlosen Laut [ʃ] zurück - ausser Schenevey und Scherwey, die vermutlich auf die FamN Genevay und Gervais (mit anlautendem [ʒ]) zurückzuführen sind. Die FamN mit tsch-Schreibung lassen sich auf französischsprachige Namen zurückführen, die sowohl stimmloses [ʃ] als auch ursprünglich stimmhaftes [ʒ] enthalten können. Die Eindeutschungen aus dem Ruf N Jean wurden in die Auswahl aufgenommen, obwohl die Adaption vermutlich schon im Rufnamenstadium stattgefunden hat. 6 Es sei für die Varianten Tschan und Schang zum Ruf N Jean auf das Id. 8 (1881 ff.: Sp. 926) bzw. das Id. 14 (1881 ff.: Sp. 1743) verwiesen. Kommentar: Die beiden Kerngebiete der unterschiedlichen graphematisch-phonologischen Realisierungen von [ʃ] (ursprünglich auch frz. [ʒ]) verteilen sich geographisch komplementär - bis auf zwei Gemeinden im solothurnischen Bezirk Thal, in denen beide Muster dokumentiert sind. Die meisten Beispiele von sch-Schreibungen finden sich im Kontaktgebiet des heute deutschsprachigen Sensebezirks (FR). Die FamN mit tsch-Schreibung hingegen lassen zwei geographische Schwerpunkte erkennen: der erste im Kanton Bern zwischen den Städten Biel, Bern und Thun und der zweite im Kanton Solothurn. Weitere Fälle kommen in den Kantonen Basel-Landschaft und Jura vor. Fünfte Karte {132}: Integration der stummen Grapheme <t>, <d>, <z> am Wortende Namenauswahl: Dokumentiert werden in der fünften Karte eingedeutschte FamN aus der Schicht «vor 1800», die in den entsprechenden französischen Ausgangsformen am Wortende die Grapheme <t>, <d> und <z> enthalten. Die Besonderheit dieser Grapheme liegt darin, dass sie im Französischen in finaler Position nicht ausgesprochen werden. Abgefragte Namen Schwund von finalem <t>, <d>, <z>, vor 1800: Bowee, Bula, Latscha, Perro, Tschilar, Tschaggelar, Umbehr, von Willa, Willa, Zyro. 10 Types, 17 Tokens. Kreise 10‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 137: Daten zur fünften Karte {132} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den ausgewählten FamN und den entsprechenden französischen Namen s. Tabelle 133. Die hier kartierten FamN enthalten in der Ausgangssprache die Grapheme <t>, <d> und <z> am Wortende. Diese Grapheme haben im Französischen lediglich etymologische Funktion und keinen Lautwert. Bei der Integration ins Deutsche wurden die hier behandelten Namen nach ihrer Lautung graphematisch-phonologisch adaptiert, indem die Grapheme ohne Lautwert am Wortende getilgt wurden: Bowee zum FamN Bovet (FR, GE, NE, VD), Bula zum FamN Boulaz (VD), Latscha zum FamN Lachat (v. a. JU), Perro zum FamN Perrot oder Perrod, Tschilar zum FamN Gillard (VD, FR) usw. Es gibt aber in geringerer Zahl auch Fälle wie Dutoit (BE), Tribolet (BE) oder Bartholet (SG), bei denen die genannten Grapheme am Wortende bei der Integration beibehalten wurden. Eine vollständige Selektion solcher FamN sowie die Untersuchung der Gründe für die Beibehaltung der Grapheme <t>, <d> und <z> in finaler Position sind in diesem Rahmen nicht möglich. Kommentar: Die adaptierten FamN mit Schwund der Grapheme <t>, <d> und <z> ohne Lautwert am Wortende finden sich im Deutschwallis im Bezirk Leuk (VS), verstreut in den Kantonen Bern und Freiburg (v. a. in der Region zwischen Bielersee, Murtensee und Neuenburgersee) sowie im Kanton Solothurn. Ergebnisse Bei der Verbreitung der eingedeutschten französischen FamN zeichnen sich die westlichen französisch-deutschen Kontaktgebiete sowie die nordwestlichen Einwanderungsgebiete deutlich ab. Das Kern- 5 Vgl. die Artikel II-3.1 «Artikelproklise» und II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu». 6 Vgl. Artikel III-1.9 «Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Johannes». 280 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="281"?> gebiet der eingedeutschten FamN (d. h. die Region zwischen dem Bielersee und dem freiburgischen Sensebezirk) korreliert mit der Verdeutschungsgeschichte der Westschweiz (Kristol 2023: 156), da im Mittelalter die Sprachgrenze durch dieses Gebiet verlief. Auch in früh germanisierten Gebieten kommen ursprünglich französische FamN vor, nämlich in der Region nordöstlich der Stadt Thun (BE) und in Teilen des Kantons Solothurn. Wie bereits bei der ersten Karte erwähnt, zeugt das Vorhandensein von InterferenzN ausserhalb des oben genannten mittelalterlichen Kontaktgebiets einerseits vom anhaltenden Einf luss des Französischen in der deutschsprachigen Schweiz über die Sprachgrenze hinweg und andererseits von der historischen Zuwanderung aus Frankreich. Die kontrastive Kartierung bei der dritten und der vierten Karte zeigt eine jeweils komplementäre Verteilung: Dasselbe französische Graphem bzw. derselbe Laut werden unterschiedlich adaptiert. Die unterschiedlichen Eindeutschungsmuster können vielfältige Ursachen haben: Die regionalen dialektalen Gegebenheiten, der Zeitpunkt der Integration oder bestimmte Schreibtraditionen könnten die Adaption der FamN beeinf lusst haben. Eine diachrone Untersuchung der urkundlichen Formen würde zur Einordnung der Schreibvarianz beitragen. Letztendlich geht die formale Varianz meist aus dem Bestreben der deutschsprachigen Schreiber: innen hervor, die fremden französischen Laute mit dem deutschen Grapheminventar wiederzugeben. Die hier kartierten FamN zeigen unterschiedliche Integrationsmuster, die für das Deutsche fremde Laute (Nasallaute, stimmhafter postalveolarer Frikativ [ʒ]) und unbekannte französische Laut-Graphem-Beziehungen betreffen (Graphemkombinationen für die Oralvokale und Grapheme ohne Lautwert am Wortende). Die Adaption mit den meisten Tokens im Gesamtsample entfällt auf die Anpassung der französischen Laute [ʒ] und [ʃ]. Diese ist auch geographisch am weitesten verbreitet. Morphologische Adaption (mittels deutscher Suffixe -li und -er) kommt kaum vor (s. die wenigen Fällen im Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle»). In der östlichen Kontaktzone der Schweiz lässt sich eine ähnliche Situation beobachten: Auch dort wird die grosse Mehrheit der rätoromanischen FamN im Bereich der Morphologie unverändert ins Deutsche übernommen. 7 Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Tschanz (2'626 Tokens), Tschannen (1'051 Tokens) und Boschung (1'020 Tokens). Weitere (z. T. weniger häufige) graphematisch-phonologische Integrationsmuster ursprünglich französischer FamN in der Deutsch- Karte 132: Schwund von finalem <t>, <d>, <z> in eingedeutschten FamN, vor 1800 7 Vgl. Artikel II-2.20 «Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche». 3.3 Integration französischer Familiennamen ins Deutsche 281 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="282"?> schweiz werden hier anhand von ausgewählten Beispielen aufgezählt: • Graphematische Adaption von Diakritika, die im Deutschen autochthon nicht vorkommen, z. B. é → e: frz. Béchon → Betschon • Graphematische Substitution v → w: frz. Bovet → Bowee, frz. de Villa → von Willa, frz. Gervais → Scherwey • Lenisierung der anlautenden Plosive: 8 frz. Pachon → Baschon, Baschung • Entsonorisierung v → f : frz. Favre → Fafri, frz. Vivian → Fivian, Vifian • Gemination t → tt: frz. Testuz → Tettü, frz. Gautier → Gottier, Göttier • Akzentrückzug (deutsche Erstsilbenbetonung): Obwohl die Betonung aus dem Schriftbild meist nicht zuverlässig erschlossen werden kann, ist anzunehmen, dass bei der Integration der endbetonten französischen FamN der Akzent allgemein auf die erste Silbe verlegt wurde. Ebenso vorstellbar ist das Nebeneinander von Formen mit ursprünglicher französischer Endbetonung und solchen mit deutscher Erstsilbenbetonung, vgl. Tschantré ← wohl frz. Jeanneret. • Morphologische Substitution bzw. Erweiterung mittels deutscher Suffixe -li und -er: frz. Gobelet → Gobeli, frz. Rotzetta → Rotzetter • Übersetzungen: Zu den häufigen Übersetzungen, die im Kanton Freiburg stattfanden, nachdem dort Ende des 15. Jh. Deutsch die offizielle Sprache wurde, sei auf Furrer (2002: 363-364) verwiesen. Im freiburgischen Kantonsgebiet wurden die Namen mehrmals germanisiert und re-romanisiert. 9 • Volksetymologie: frz. Bourquenez → Bourgknecht Für Interferenzerscheinungen in FamN der deutsch-rätoromanischen Kontaktzone der Kantone Graubünden und St. Gallen vgl. die entsprechenden Artikel. 10 Für deutsch-italienische Interferenzen sind nur wenige Beispiele vorhanden, da für diese beiden Sprachen keine vergleichbare Kontaktzone vorliegt. Eine Ausnahme ist die walserdeutsche Sprachinsel Bosco/ Gurin im italienischsprachigen Kanton Tessin, wo aber ausschliesslich Romanisierungen von ursprünglich deutschen FamN stattgefunden haben. Die wenigen Fälle von italienischsprachigen FamN in der Deutschschweiz sind auf spätere Migration zurückzuführen, sowohl aus den italienischsprachigen Gebieten der Schweiz als auch aus Italien; z. B. Muralt ← FamN Muralti oder Toponym Muralto. Vergleich mit benachbartem Ausland: Einen systematischen Überblick über die wichtigsten Integrationsmuster in FamN im luxemburgischen Kontaktgebiet geben Flores Flores (2015: 324-350) und Muller (2014: 69-97). Einige Beispiele für graphematisch-phonologische Integration von ursprünglich französischen FamN in Deutschland führen Hartig/ Schwanke (2009: 466-471) an, vgl. ferner auch Nübling/ Kunze (2023: 111-114). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 2 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2011): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 2: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen II: Konsonantismus. Berlin, New York: De Gruyter. e-HLS = Coram-Mekkey, Sandra/ Becchia, Alain/ Zumkeller, Dominique (2015): Savoyen. 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Bearbeitet von der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Familiennamen. 3., verbesserte und korrigierte Auf lage. Zürich: Schulthess. 8 Vgl. die Artikel I-2.5 «Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut», I-2.6 «Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut» und I-2.7 «Schreibvariation bei Plosiven im Auslaut». 9 Vgl. Artikel I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». 10 Vgl. die Artikel I-3.4 «Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche» und II-2.20 «Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche». 282 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="283"?> Furrer, Norbert (2002): Die vierzigsprachige Schweiz. Sprachkontakte und Mehrsprachigkeit in der vorindustriellen Gesellschaft (15.-19. Jahrhundert). Bd. 1: Untersuchung. Zürich: Chronos. 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Kully, Rolf M. (2009): Form und Inhalt der Deutschschweizer Familiennamen. In: Hengst, Karlheinz/ Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. Bd. 1: Deutsche Familiennamen im deutschen Sprachraum (Onomastica Lipsiensia 6.1), 365-392. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. Morlet, Marie-Thérèse (1997): Dictionnaire étymologique des noms de famille. Nouvelle édition revue et augmentée. Paris: Perrin. Muller, Claire (2014): Les noms de famille en images: les interférences germaniques dans les noms français du «Luxemburgischer Familiennamenatlas». In: Gilles, Peter/ Kollmann, Cristian/ Muller, Claire (Hrsg.): Familiennamen zwischen Maas und Rhein (Luxemburg-Studien 6), 69-97. Frankfurt a. M.: Lang. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. Linda Steiner 3.3 Integration französischer Familiennamen ins Deutsche 283 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="284"?> 3.4 Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche Schlagwörter: Adaption, Aphärese, Apokope, Betonung, Diphthongierung, Eindeutschung, Interferenz, Monophthongierung, Sekundärumlaut, Sprachkontakt, Synkope, Volksetymologie Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Der Artikel dokumentiert rätoromanische FamN mit graphematisch-phonologischen Veränderungen, die aufgrund von Sprachkontakt eingetreten sind. Die Integration von rätoromanischen FamN ins deutsche Lautsystem durch phonologische Adaption ist einigermassen häufig. Sprachkontaktphänomene sind insgesamt sehr charakteristisch für das Schweizer Familiennamengut. Hintergrund: Das Rätoromanische 1 und seine historischen Vorstufen kamen schon vor dem Mittelalter in intensiven Kontakt mit deutschen Varietäten, der sich z. T. bis in die Gegenwart fortsetzt: Voralthochdeutsch, Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch, Frühneuhochdeutsch, Schweizer Standarddeutsch, Alemannisch, Fränkisch, Schwäbisch, Tirolisch-Bairisch, Walserisch-Höchstalemannisch usw. In einigen ostschweizerischen Gebieten führte das zu einem kompletten Sprachwechsel zum Deutschen, woraufhin die rätoromanischen Varietäten in diesen Gebieten zu Beginn der Neuzeit (15.‒16. Jh.) erloschen. Von diesem Prozess zeugen u. a. rätoromanische Toponyme, die sich in heute verdeutschten Gebieten finden. Als sich im Mittelalter die FamN etablierten, befanden sich die südlichen Teile des heutigen Kantons St. Gallen, das heutige Fürstentum Liechtenstein, Teile des heutigen Vorarlbergs und Teile des heutigen Kantons Graubünden in einer Phase der deutsch-rätoromanischen Zweisprachigkeit (WeNB 8 2003-2017: 46-73). In diesem Gebiet kommen aufgrund dieser einstigen Zweisprachigkeit einige FamN vor, die letztlich auf das Rätoromanische zurückgehen. Betroffen sind auch alteingesessene Geschlechter; die Familien sind demnach nicht aus Graubünden zugewandert. 2 Interferenz und phonologische Variation kann sowohl direkt bei der Übernahme entstehen als auch auf diachrone Varianten zurückgehen, die in den heutigen rätoromanischen Gebieten Graubündens z. T. nicht mehr vorkommen: Der FamN Anrig (schon vor 1800 einheimisch in Sargans SG) zu alträtorom. *Anríg wurde bis in die jüngste Zeit endbetont, zeigt heute jedoch normalerweise die deutsche Erstbetonung. Dabei ist aus germanistischer Perspektive auffällig, dass der FamN alträtorom. *Anríg, der auf erstbetontes ahd. Há(g)inric (= Heinrich) zurückgeht, seinerseits einen romanischen Akzentwandel auf die Endsilbe vollzogen hatte, bevor der ursprünglich deutsche Name aus dem Rätoromanischen wieder ins Deutsche gelangte. In Graubünden ist der FamN Anrig nicht mehr lebendig und nur urkundlich bezeugt (1455 Jos Anrig, 1536 Jacob Anrigk, 1558 Jöri Anrig), auch als Ruf N (1219 Anricum Nasum, 1289 Anricus, 1322 Hanricus de Phesel, 1367 Anrichus Planta; vgl. RNB 3 1986: 175-176). Stattdessen lauten die modernen, rätoromanisch weiterentwickelten Formen heute Andri/ Andry, Hendry, historisch auch noch mit palatalisiertem Auslaut Anrisch, Candrisch, Denrisch. Fragestellungen: Welche graphematischen und phonologischen Anpassungen finden sich in rätoromanischen FamN, wenn diese mit dem Deutschen in Kontakt kommen? Lassen sich diese Phänomene regional gliedern und zeigen sich allenfalls dialektale Varianten? Wie verhält sich die areale Verbreitung zum (historischen) Sprachkontaktgebiet und der Verdeutschungsgeschichte des Kantons Graubünden? Der Artikel umfasst zehn Karten: Auf der ersten Karte wird die Akzentverlagerung im Zuge der Verdeutschung dargestellt. Die zweite Karte befasst sich mit Silbenverlust. Auf der dritten Karte werden FamN mit Änderungen in der Vokalqualität (deutscher Umlaut, Hebungen und Senkungen) abgebildet. Daran anschliessend behandelt die vierte Karte Monophthongierungen und Diphthongierungen. Die unbetonten Vokale werden in der fünften Karte thematisiert. Mit der sechsten Karte zur Stimmhaftigkeit beginnen die Phänomene, die den Konsonantismus betreffen. Die siebte Karte befasst sich mit Veränderungen bei den Sibilanten, die achte Karte mit Veränderungen bei den Resonanten. Die neunte Karte gilt Volksetymologien, während auf der zehnten Karte abschliessend nochmals alle behandelten FamN abgebildet sind. 1 Die in Graubünden gesprochene rätoromanische Varietät wird hier zur Vereinfachung mit Rätoromanisch anstatt mit Bündnerromanisch bezeichnet. In der Romanistik wird Bündnerromanisch oft zur Unterscheidung von den anderen rätoromanischen Sprachgruppen des Dolomitenladinischen und des Friaulischen verwendet (e-HLS 2012: s. v. Rätoromanisch). 2 Für den sprachgeschichtlichen Kontext vgl. die Ausführungen im WeNB 8 (2003-2017: 42-78) sowie in Ackermann (2023: 46-59). 284 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="285"?> Erste Karte {133}: Akzentverlagerung in rätoromanischen Familiennamen Namenauswahl: Die erste Karte umfasst rätoromanische FamN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 3 die einen Wechsel der Akzentstelle aufweisen. Für diesen Artikel wurde mit einem repräsentativen Sample von FamN gearbeitet, deren Etymologie einen Bezug zum Rätoromanischen enthält. Dafür wurden die Beschreibungstexte der etymologischen Datenbank nach «rtr», «rät», «roman» usw. durchsucht und die Treffer manuell bereinigt. Für die vorliegenden Karten wurden dann nur die jeweils relevanten FamN innerhalb des Gesamtsamples abgefragt. Aus dem Sample ausgeschlossen wurden etymologisch unsichere oder mehrdeutige FamN (z. B. Nick, Nigg entweder aus einer Kurzform von Nikolaus oder aphäretisch gekürzt aus endbetontem rätorom. Janigg, einem Diminutiv von Johannes). Ebenso ausgeschlossen wurden FamN, die innerhalb der Schweiz an mehreren Orten unabhängig entstanden sind (z. B. die FamN Fluri, Flury zum Ruf N Florian in den Kantonen GR, GL, NW, BE, SO). Die FamN Zopp, Zoppi im Kanton Tessin und im Gotthardgebiet basieren aufgrund ihrer geographischen Verbreitung mit grosser Wahrscheinlichkeit auf dem Adjektiv ital. zoppo mask., zoppa fem. ‘hinkend, wackelig, schwach’. Da sie somit wohl nicht zum Adjektiv rätorom. zop / ziep mask., zoppa fem. ‘hinkend, lahm’ (HWR 2 1994: 1012) gehören, bleiben sie im Gesamtsample unberücksichtigt. Abgefragte Namen Akzentwechsel auf die Erstsilbe in rätoromanischen FamN, vor 1800: Anrig, Barbisch, Gabathuler, Gaberthüel, Gadient, Gantenbein, Janggen, Janka, Janki, Kappenthuler, Peng, Widrig. 12 Types, 17 Tokens. Kreise 10‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 138: Daten zur ersten Karte {133} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Die folgenden rätoromanischen FamN zeigen einen Akzentwechsel auf die Erstsilbe: 5 Ánrig (Sargans SG) zu alträtorom. *Anríg aus ahd. Há(g)inric (= Heinrich); Bárbisch (Gams SG) zu rätorom. barbéisch ‘Widder’; Gábathuler (Wartau SG), Gáberthüel (Oftringen AG), Káppenthuler (Bad Ragaz SG) zu alträtorom. *cá(sa) Bertól(d) ‘Haus des Berchtold’; Gádient (Flums SG, Mels SG, Vilters-Wangs SG, Landquart GR, Trimmis GR) zu alträtorom. *Gadíent aus lat. Gaudentius (RNB 3 1986: 82-85); Karte 133: Akzentwechsel auf die Erstsilbe in rätoromanischen FamN, vor 1800 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 5 Die im Folgenden verwendeten Akzente illustrieren lediglich die betonte Silbe und sind nicht Teil der Orthographie. 3.4 Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche 285 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="286"?> Gántenbein (Grabs SG) zu rätorom. canta béin ‘singt gut’; Jánggen (Malans GR), Jánka (Obersaxen Mundaun GR), Jánki (Breil/ Brigels GR) zu rätorom. Janígg (Diminutiv von Johannes); Péng (Vals GR) zu alträtorom. *Benígn aus lat. Benignus (RNB 3 1986: 358); Wídrig (Bad Ragaz SG) zu alträtorom. *Fadríg aus ahd. Fríthuric (= Friedrich; vgl. RNB 3 1986: 165-167; Stricker 1987: 94). Dazu kommen wohl noch weitere Beispiele, für die sich die Betonung aus dem Schriftbild allerdings nicht zuverlässig erschliessen lässt. Denkbar ist auch das Nebeneinander von Formen mit ursprünglicher rätoromanischer Betonung und solchen mit geneuerter deutscher Erstsilbenbetonung, wofür die Angaben von Einheimischen vonnöten wären. Kommentar: Die meisten Beispiele bündeln sich in einem zusammenhängenden Gebiet, das die Region Werdenberg (SG), das Sarganserland (SG) und das Churer Rheintal (GR) umfasst. Bis zu Beginn der Neuzeit war dieses Gebiet geprägt von einer deutsch-rätoromanischen Zweisprachigkeit. Da auch die FamN zu dieser Zeit fixiert wurden, korreliert die geographische Verteilung der ausgewählten FamN mit dieser Datierung. In Toponymen weist die Erstbetonung auf eine Eindeutschung vor dem 12. Jh. hin (WeNB 8 2003-2017: 65), da bis zu diesem Zeitpunkt in Lehnwörtern und fremdsprachigen Namen der Rückzug des Wortakzents auf die erste Silbe zu beobachten ist. Allerdings ist der Prozess im Schweizerdeutschen teilweise bis in die Gegenwart wirksam, vgl. schwzdt. Bólonees ‘Bolognese’, Pánaasch ‘Panaché’ oder die Automarke Bé-Em-Wee ‘BMW’. Eine Dreiergruppe von FamN mit sekundärer Erstbetonung, die durch Interferenz mit dem Deutschen entstanden ist, findet sich in der Surselva (GR), wo sie durch die direkte Anwesenheit von walserischen Siedlungen zu erklären sind. Es handelt sich um die FamN Janka (Obersaxen Mundaun GR), Janki (Breil/ Brigels GR) und Peng (Vals GR). Der Rückzug des Wortakzents ist allerdings kein typisch walserisches Phänomen, da Beispiele aus anderen Walsergebieten (z. B. Prättigau GR oder Schanfigg GR) fehlen. Ein geographischer Ausreisser ist Gaberthüel (Oftringen AG), der ebenso wie die FamN Gabathuler (Wartau SG) und Kappenthuler (Bad Ragaz SG) auf alträtorom. *cá(sa) Bertól(d) ‘Haus des Berchtold’ zurückgeht. Die Familie ist aber schon vergleichsweise früh aus dem rätoromanischen Sprachgebiet abgewandert, denn sie ist schon vor 1800 im Kanton Aargau eingebürgert. Zu den FamN mit Ca- Präfix s. den entsprechenden Artikel. 6 Zweite Karte {134}: Silbenverlust in rätoromanischen Familiennamen Namenauswahl: Die zweite Karte umfasst rätoromanische FamN aus der Schicht «vor 1800», die im Zuge der Eindeutschung den Verlust einer Silbe erfahren haben. Gleiche Prozesse zeigen sich auch innerhalb des Rätoromanischen, wobei aber die entsprechenden FamN ausgeschlossen wurden, da der Silbenverlust nicht als Folge des Sprachkontakts zu werten ist. Bei den verbleibenden Beispielen Karte 134: Silbenverlust in rätoromanischen FamN, vor 1800 6 Vgl. Artikel II-2.19 «Familiennamen mit Präfix Ca-». 286 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="287"?> ist entweder der entsprechende Silbenschwund im Rätoromanischen nicht bezeugt oder für die jeweilige Gemeinde ist früher deutscher Einf luss belegt. Abgefragte Namen Aphärese in rätoromanischen FamN: Brusch, Fetz, Fieni, Fient, Finschi, Meli, Minsch, Natsch, Nuth, Nutli, Nutt, Nuttli, Schett, Seliner, Senti, Vesti, Vetsch. 17 Types, 30 Tokens. Synkope in rätoromanischen FamN: Crufer, Garbald, Janggen, Janka, Janki, Minsch, Peng, Schmon. 8 Types, 10 Tokens. Apokope in rätoromanischen FamN: Pitsch, Pitz. 5 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 40‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 139: Daten zur zweiten Karte {134} Detailangaben zur Namenauswahl: Zum Namensample und zu den ausgewählten FamN vgl. die Ausführungen bei der ersten Karte. Die häufigste Art von Silbenverlust ist die Aphärese, also der Schwund einer anlautenden Silbe. In alträtoromanischen Substrattoponymen ist die Aphärese nicht von der ursprünglichen Silbenzahl (d. h. Wortlänge) abhängig, sondern intonatorisch bedingt: Durch das Schwinden unbetonter Silben vor dem Wortakzent kann eine sekundäre Erstbetonung generiert werden, die den deutschen Akzentmustern besser entspricht (Ackermann 2023: 433-436). Ein toponymisches Beispiel ist Zlína neben der Vollform Rizlína (Gemeinde Triesenberg im Fürstentum Liechtenstein), 1482 Rützlina, 1584 Ratzlinen, Rützlinin, 1679 Rezlina (FLNB I/ 2 1999: 175-176, 256). Auch alle kartierten FamN, die eine Aphärese aufweisen, sind in der gekürzten Form neu erstbetont: Brusch (Wartau SG) zu alträtorom. *Ambrǘ ösch aus lat. Ambrosius (WeNB 7 2003-2017: 84-85); Fieni (Trin GR), Fient (Luzein GR), Finschi (Safien GR) zu rätorom. Vivénz aus lat. Viventius (RNB 3 1986: 112-114); Minsch (Klosters GR) zu rätorom. Doméni(g) aus lat. Dominicus (RNB 3 1986: 72-76); Natsch (Mels SG) entweder zu rätorom. Donátsch (Ableitung von lat. Antonius; vgl. RNB 3 1986: 348-354) oder zu rätorom. Jenátsch (Ableitung von lat. Johannes; vgl. RNB 3 1986: 265-282); Nuth (Lumbrein GR), Nutt (Klosters GR, Malans GR) und diminutivisches Nutli (Luven GR), Nuttli (Ilanz GR) zu rätorom. Janútt (Ableitung von lat. Johannes; vgl. RNB 3 1986: 265-282); Schett (Bad Ragaz SG, Pfäfers SG, Malix GR) zu rätorom. Tomaschétt (Diminutiv zu lat. Thomas); Seliner (Schänis SG) zu rätorom. Baséli aus lat. Basilius; Senti (Flums SG, Jenins GR, Maienfeld GR, Malix GR, Seewis im Prättigau GR) zu lat. Maxentius (RNB 3 1986: 97); Vesti (Wangs SG) zu rätorom. Silvéster. Die Aphärese von zwei anlautenden Silben zeigen Fetz (Domat/ Ems GR, Rhäzüns GR) und Vetsch (Grabs SG) zu rätorom. Bonifázi aus lat. Bonifatius (RNB 3 1986: 66) sowie Meli (Mels SG, Wangs SG) zu rätorom. Bartlimé aus lat. Bartholomaeus (RNB 3 1986: 300-302) mit deutschem Diminutivsuffix. 7 Die zweithäufigste Gruppe mit Silbenschwund stellen mit 10 Tokens die rätoromanischen FamN mit Synkope dar, also mit Schwund eines inlautenden Vokals. 8 Synkopen können sowohl vor als auch nach dem Wortakzent eintreten. Nach dem Wortakzent resultieren sie aus der Abschwächung unbetonter Vokale, wodurch eine ganze Silbe verloren gehen kann: Minsch (Klosters GR) < *Mén(i)sch zu rätorom. Doméni(g) aus lat. Dominicus (RNB 3 1986: 72-76) und Peng (Vals GR) < *Bén(i)ng zu alträtorom. *Benígn aus lat. Benignus (RNB 3 1986: 358). Zur Wiedergabe von palatalem rätorom. gn als <ng> s. die achte Karte. Im Fall von Janggen (Malans GR), Janka (Obersaxen Mundaun GR), Janki (Waltensburg/ Vuorz GR) führte die Verlegung des Wortakzents auf die Erstsilbe (s. erste Karte) und der Antritt einer zusätzlichen deutschen Silbe am Wortende dazu, dass rätorom. Janígg in den Formen Ján(i)ggen / Ján(i)ka, Ján(i)ki synkopiert wurde. Synkopen vor dem Wortakzent dienen wiederum dazu, im Deutschen sekundär eine Erstbetonung entstehen zu lassen oder die Betonung immerhin näher an den Wortanfang zu rücken, was auch in Toponymen beobachtet werden kann (Ackermann 2023: 437-442). Im Gegensatz zur Aphärese ist aber nicht die ganze Silbe abgefallen, sondern die Silbenzahl nur durch den Ausstoss des Vokals verringert worden: Crufer (Domat/ Ems GR) zu rätorom. ca(sa) ‘Haus’ und rätorom. rúver ‘Steineiche’, Garbald (Klosters GR, Küblis GR) über urkundlich 1475 Curibalden, 1514 Curribalden zu alträtorom. *cau ribáld ‘Hitzkopf ’ oder Schmon (Flums SG, Mels SG) zu rätorom. Schamún aus lat. Simon (RNB 3 1986: 282-285, 846; Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Schmon). Als Apokope bezeichnet man den Schwund eines auslautenden Vokals oder einer ganzen Silbe am Wortende, wodurch die Silbenzahl des Namens verringert wird. Die Apokope ist in rätoromanischen FamN nur ganz selten als Folge der Eindeutschung festzumachen. Es finden sich vor 1800 lediglich 5 Tokens, von denen 4 im Val Müstair (GR) auftreten. Zur Gruppe gehören die beiden FamN Pitsch (Lü GR, Müstair GR, Santa Maria im Münstertal GR, Tschierv GR) und Pitz (Rhäzüns GR) zum Adjektiv rätorom. pítschen ‘klein’ (Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Pitsch). Die Form Pitz weist ausserdem einen Sibilantenwechsel auf; dieses Phänomen wird in der siebten Karte thematisiert. Die Seltenheit der Apokope bei rätoromanischen FamN steht im Gegensatz zur Situation bei den Toponymen, wo Apokopen (insbesondere von auslautendem -a) eine sehr verbreitete Erscheinung darstellen (Ackermann 2023: 442-445). Kommentar: Wie bereits erwähnt wurde, spielt für den Silbenschwund in rätoromanischen FamN weniger die ursprüngliche Wortlänge als vielmehr die Position des Wortakzents resp. dessen Entfernung vom Wortanfang eine Rolle. Die Aphärese stellt nicht nur den häufigsten Typ von Silbenschwund dar, sie ist auch geographisch am weitesten verbreitet: Die Belege reichen von der Linthebene (SG) und Werdenberg (SG) rheinaufwärts bis in die Surselva (GR) und ins hinterste Prättigau (GR). Im Gegensatz zu den FamN mit Aphärese kommen synkopierte Formen hauptsächlich in höchstalemannischen Dialektgebieten vor, namentlich im Prättigau (GR) und in den Walserorten der Surselva (GR). Die Beispiele für Synkopen im Sarganserland (SG) müssen nicht zwingend auf Walsereinf luss beruhen, auch wenn die Walser: innen dort historisch ebenfalls nachzuweisen sind. Apokopen sind in rätoromanischen FamN nur selten bezeugt und betreffen im Sample auch nur ein einziges Etymon (rätorom. pítschen ‘klein’). Die Belege im Val Müstair (GR) können als Einf luss des benachbarten Tirolisch-Bairischen interpretiert werden, da die entsprechende Apokope im Rätoromanischen appellativisch 7 Vgl. Artikel II-2.20 «Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche». 8 Für entsprechende deutsche FamN vgl. Artikel I-1.16 «Synkope». 3.4 Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche 287 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="288"?> nicht nachzuweisen ist. Aphäresen, Synkopen und Apokopen sind auch innerhalb des Rätoromanischen häufig eingetreten, sowohl im Appellativwortschatz als auch in Namen. Dritte Karte {135}: Vokalsenkung, Vokalhebung und deutscher Sekundärumlaut in rätoromanischen Familiennamen Namenauswahl: Die dritte Karte umfasst rätoromanische FamN aus der Schicht «vor 1800», bei denen im Zuge der Eindeutschung in der Tonsilbe Vokalsenkung und Vokalhebung zu beobachten ist. 9 Zu letzterem Phänomen gehört auch der deutsche Sekundärumlaut vor einem (ehemaligen) i oder j in der Folgesilbe, der zugleich die umfangreichste Gruppe des vorliegenden Samples ausmacht. Abgefragte Namen Vokalsenkung in rätoromanischen FamN: Brusch. 1 Token. Vokalhebung in rätoromanischen FamN: Minsch. 1 Token. Sekundärumlaut in rätoromanischen FamN: Bargetzi, Burgäzzi, Fetz, Gaberthüel, Grässli, Pargätzi, Vetsch. 7 Types, 10 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 140: Daten zur dritten Karte {135} Detailangaben zur Namenauswahl: Zum Namensample und zu den ausgewählten FamN vgl. die Ausführungen bei der ersten Karte. Für die Vokalsenkung gibt es im Sample nur ein Beispiel: Brusch (Wartau SG) zu alträtorom. *Ambrǘ ösch aus lat. Ambrosius (WeNB 7 2003-2017: 84-85). Die Aussprache des FamN als Bruǝsch entspricht einem bekannten Ref lex von alträtorom. *üö, das auch in Toponymen häufig zu dt. uo, uǝ depalatalisiert wird (Ackermann 2023: 397-403). Für die Vokalhebung figuriert im Sample ebenfalls nur ein Beispiel: Minsch (Klosters GR) < *Mén(i)sch zu rätorom. Doméni(g) aus lat. Dominicus (RNB 3 1986: 72-76). Die Vokalhebungen e, o, ö > i, u, ü vor Nasal sind in den ostschweizerischen Dialekten verschiedentlich belegt, bspw. im Sarganserland (Trüb 1951: 110-114) und in der Bündner Herrschaft (Meinherz 1920: 81-86). Für das Prättigau und das Walserdeutsch ist diese Hebung jedoch nicht charakteristisch, möglicherweise sind die Namenträger: innen auch aus einem der anderen Gebiete zugewandert. Ebenfalls denkbar ist eine innerromanische Entwicklung oder eine Beeinf lussung durch die Tonsilbe von lat. Dominicus. In diesem Fall wäre die Vokalhebung nicht als Folge von deutsch-rätoromanischer Interferenz zu werten. Die grösste Gruppe der Vokalhebungen in rätoromanischen FamN macht der deutsche Sekundärumlaut aus, wobei a, o, u durch ein i, j in der Folgesilbe zu ä / e, ö, ü umgelautet wurden. Im Sample fehlt allerdings ein Beispiel für ö, auch für ü findet sich lediglich ein Type: Gaberthüel (Oftringen AG) zu alträtorom. *cá(sa) Bertól(d) ‘Haus des Berchtold’, vgl. die FamN Gabathuler (Wartau SG) und Kappenthuler (Bad Ragaz SG). Die meisten Belege entfallen auf den Karte 135: Rätoromanische FamN mit Vokalsenkung, Vokalhebung oder deutschem Sekundärumlaut, vor 1800 9 Für Senkungen in deutschen FamN vgl. Artikel I-1.8 «Senkung von mhd. i, u, ü». 288 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="289"?> Umlaut von a zu ä, e (9 Tokens), der auch in eingedeutschten rätoromanischen Toponymen den weitaus häufigsten Fall von deutschem Umlaut darstellt (Ackermann 2023: 388-394): Bargetzi, Burgäzzi, Pargätzi zu alträtorom. *Pangrázi aus lat. Pancratius (RNB 3 1986: 400-402); Fetz (Domat/ Ems GR, Rhäzüns GR), Vetsch (Grabs SG) zu rätorom. Bonifázi aus lat. Bonifatius (RNB 3 1986: 66); Grässli (Grabs SG) zum rätoromanischen Adjektiv grass ‘fett’. Während bei letzterem FamN ein deutsches Diminutivsuffix 10 den Umlaut ausgelöst hat, ist bei den anderen FamN der Umlautfaktor -i innerhalb des Rätoromanischen lautgesetzlich aus lat. -ius entstanden. Kommentar: Über die geographische Verbreitung von Vokalhebungen und -senkungen lässt sich aufgrund der niedrigen Frequenz nichts Signifikantes aussagen (je 1 Token in Werdenberg SG und Prättigau GR). Die rätoromanischen FamN mit deutschem Sekundärumlaut treten hauptsächlich in drei Gebieten auf: in der Region Werdenberg (SG), in der Gegend um Chur (GR) und zudem mit zwei Ausreissern in der westlichen Deutschschweiz (Oftringen AG, Riedholz SO). Vierte Karte {136}: Deutsche Diphthongierungen und Monophthongierungen in rätoromanischen Familiennamen Namenauswahl: Die vierte Karte umfasst rätoromanische FamN aus der Schicht «vor 1800», die aufgrund der Eindeutschung in der Tonsilbe eine Diphthongierung oder eine Monophthongierung aufweisen. 11 Abgefragte Namen Diphthongierung in rätoromanischen FamN: Fleisch, Gabathuler, Gaberthüel, Kappenthuler. 5 Tokens. Monophthongierung in rätoromanischen FamN: Brusch. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 141: Daten zur vierten Karte {136} Detailangaben zur Namenauswahl: Zum Namensample und zu den ausgewählten FamN vgl. die Ausführungen bei der ersten Karte. Bei eingedeutschten rätoromanischen Toponymen sind Monophthongierungen und Diphthongierungen in der Tonsilbe weit ver- Karte 136: Deutsche Diphthongierungen und Monophthongierungen in rätoromanischen FamN, vor 1800 10 Vgl. die Artikel II-2.20 «Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche» und II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven». 11 Für deutsche FamN vgl. die Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī», I-1.11 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ū», I-1.12 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. iu» und I-1.13 «Diphthong- und Monophthongschreibungen von mhd. ie, ue, üe». 3.4 Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche 289 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="290"?> breitet. Ein grosser Teil scheint aber v. a. in den historischen Belegen auf, wo hyperkorrekt schriftsprachliche Formen erzeugt oder dialektale Erscheinungen des Schweizerdeutschen nachgeahmt wurden (Ackermann 2023: 341-367). Die Beispiele im vorliegenden Familiennamensample fallen weitaus geringer aus. Vor 1800 finden sich gerade einmal 4 Types mit einer Diphthongierung, wobei der Diphthong nicht in allen kartierten Fällen graphisch markiert wird: Fleisch (Calfreisen GR, Lüen GR) zu rätorom. Flisch aus lat. Felix; Gabathuler (Azmoos, heute zu Wartau SG, mundartlich als Gábatùələr), Gaberthüel (Oftringen AG), Kappenthuler (Bad Ragaz SG) zu alträtorom. *cá(sa) Bertól(d) ‘Haus des Berchtold’. Im Fall des FamN Fleisch (daneben nicht-diphthongiertes Flisch in Rothenbrunnen GR, Scheid GR, Tschappina GR) hat sicher auch volksetymologische Beeinf lussung durch dt. Fleisch eine Rolle gespielt (s. neunte Karte), der FamN tritt so im Jahr 1531 auch urkundlich im österreichischen Tschagguns auf (Stricker 1987: 97). Im Montafon finden sich im 16. Jh. nebeneinander Tschanun und diphthongiertes Tschanaun, eine rätoromanische Augmentativform zu rätorom. Gian aus lat. Johannes (RNB 3 1986: 265-282; Stricker 1987: 98). Für die Monophthongierung gibt es nur ein Beispiel: Brusch (Azmoos SG) zu alträtorom. *Ambrǘ ösch aus lat. Ambrosius. Der FamN wird aber immer noch mit Diphthong als Bruǝsch ausgesprochen (WeNB 7 2003-2017: 84-85), die Monophthongierung ist also rein graphisch. Diese Schreibweise bildet hyperkorrekt die frühneuhochdeutsche Monophthongierung ab, vgl. mhd. bruoder > nhd. Bruder (Schmid 2013: 73). Parallelen zeigen sich auch regelmässig bei den Toponymen (Ackermann 2023: 341-367). Nur anhand der Namenschreibung lässt sich in vielen Fällen nicht entscheiden, ob der FamN mit Monophthong oder mit Diphthong ausgesprochen wird. Es gibt also eine potenzielle Dunkelziffer, die aber nicht mit vernünftigem Zeitaufwand zu beheben war. Kommentar: Die Beispiele für rätoromanische FamN mit deutscher Diphthongierung oder Monophthongierung sind zu selten, um tiefgreifende Aussagen zu ihrer geographischen Verbreitung zu treffen. Sie finden sich aber hauptsächlich in jenen Gebieten, die im Mittelalter - zum Zeitpunkt des Entstehens der FamN in der Schweiz - zweisprachig rätoromanisch-deutsch waren. Das Areal umfasst hauptsächlich das St. Galler und Churer Rheintal sowie das walserisch besiedelte Schanfigg (GR), aber auch den geographischen Ausreisser in Oftringen (AG), wobei die Familie schon früh aus dem rätoromanischen Sprachgebiet abgewandert sein muss. Fünfte Karte {137}: Variation bei den unbetonten Vokalen in rätoromanischen Familiennamen Namenauswahl: Die fünfte Karte umfasst rätoromanische FamN aus der Schicht «vor 1800», die im Zuge der Eindeutschung Wechsel bei den unbetonten Vokalen erfahren haben. Die unbetonten Vokale werden in Grammatiken und linguistischen Untersuchungen häufig mit weniger Aufmerksamkeit behandelt als die Tonsilben, obwohl Karte 137: Rätoromanische FamN mit Wechseln bei den unbetonten Vokalen, vor 1800 290 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="291"?> auch sie teilweise regelmässige Entwicklungen zeigen, die für die Dialektologie relevant sein können. Für Beispiele von eingedeutschten rätoromanischen Toponymen vgl. ausführlich Ackermann (2023: 420-427). Abgefragte Namen Variation bei unbetonten Vokalen in rätoromanischen FamN, vor 1800: Barbisch, Burgäzzi, Gabathuler, Gantenbein, Garbald, Janggen, Janka. 7 Types, 8 Tokens. Kreise 10‒30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 142: Daten zur fünften Karte {137} Detailangaben zur Namenauswahl: Zum Namensample und zu den ausgewählten FamN vgl. die Ausführungen bei der ersten Karte. In den meisten deutschen Dialekten werden unbetonte Vokale stark abgeschwächt, wobei das Höchstalemannische die ursprüngliche Qualität länger bewahrt hat (Bohnenberger 1913: 46-47). Je nach Mundart erscheinen als Schwächungsvokale dt. e, a oder i mit verschiedenen phonetischen Qualitäten wie [ə], [ɐ], [ɪ]. Der i-Reduktionsvokal gilt in Toponymen als typisch für das Walserdeutsche (Plangg 1962: 31; Tiefenthaler 1968: 86), das in Graubünden in vielen Gebieten die Verdeutschung vorangetrieben hat und noch heute gesprochen wird. Auch innerhalb der rätoromanischen Sprachgeschichte wurden lateinische unbetonte Vokale stark abgeschwächt; meist erscheinen rätorom. a, e oder die Silbe wurde komplett synkopiert (Lausberg 1969: 194; Eichenhofer 1999: 178-204). Die Vereinfachung von ei zu i zeigt sich nach dem Akzentwechsel auf die Erstsilbe in Barbisch (Gams SG) zu rätorom. barbéisch ‘Widder’. Der Wechsel von u, au und a findet sich in Garbald (Klosters GR, Küblis GR), 1475 Curibalden, 1514 Curribalden zu rätorom. cau ribáld ‘Hitzkopf ’ (RNB 3 1986: 846) und Burgäzzi (Sevelen SG) zu alträtorom. *Pangrázi aus lat. Pancratius (RNB 3 1986: 400-402). Bei letzterem FamN ist zusätzlich volksetymologischer Einf luss von dt. Burg anzunehmen (s. neunte Karte). Ein Wechsel von e und a, wobei die phonetische Qualität des Reduktionsvokals auch schwanken kann, weisen die FamN Gabathuler (Wartau SG), Gantenbein (Grabs SG), Janggen (Malans GR) und Janka (Obersaxen Mundaun GR) auf. Kommentar: Die rätoromanischen FamN, die im Zuge der Eindeutschung Schwankungen bei den unbetonten Vokalen zeigen, sind nicht besonders zahlreich. Vermutlich hängt das damit zusammen, dass auch im Rätoromanischen unbetonte Silben schon stark abgeschwächt worden sind. Die meisten Ortspunkte liegen auf einer annähernd geraden Linie vom Bezirk Werdenberg (SG) bis ins hintere Prättigau (GR). Die linienartige Anordnung der Kreise ist aber eher Zufall; verbindendes Element ist einzig, dass es sich um früh zweisprachige resp. früh verdeutschte Gebiete handelt. Der FamN Janka als einziger geographischer Ausreisser stammt aus der surselvischen Walsersiedlung Obersaxen (GR), wo deutsche Siedler: innen aber auch schon seit dem ausgehenden Mittelalter nachgewiesen sind. 3.4 Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche 291 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="292"?> Sechste Karte {138}: Wechsel bei der Stimmhaftigkeit von Konsonanten in rätoromanischen Familiennamen Namenauswahl: Die sechste Karte umfasst rätoromanische FamN aus der Schicht «vor 1800», die im Zuge der Eindeutschung einen Wechsel bei der Stimmhaftigkeit von Konsonanten aufweisen. 12 Abgefragte Namen Lenisierung C- > Gin rätoromanischen FamN: Gabathuler, Gaberthüel, Gafafer, Galbier, Gantenbein, Garbald, Guntli. 7 Types, 10 Tokens. Lenisierung P- > Bin rätoromanischen FamN: Balett, Bargetzi, Bleisch, Burgäzzi, Pargätzi, Pleisch. 6 Types, 9 Tokens. Fortisierung B- > Pin rätoromanischen FamN: Peng. 1 Token. Lenisierung F- > Win rätoromanischen FamN: Widrig. 1 Token. Fortisierung V- > Fin rätoromanischen FamN: Vesti. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10‒50, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 143: Daten zur sechsten Karte {138} Detailangaben zur Namenauswahl: Zum Namensample und zu den ausgewählten FamN vgl. die Ausführungen bei der ersten Karte. Wenn in diesem Artikel von Fortisierung und Lenisierung gesprochen wird, so handelt es sich immer um eine Auswirkung des Sprachkontakts (Lautsubstitution). Das Alträtoromanische verfügte wie das Latein über stimmhafte und stimmlose Konsonanten. Im Schweizerdeutschen gibt es echte Stimmhaftigkeit bei den Plosiven allerdings kaum noch, stattdessen herrscht eine Fortis-Lenis-Opposition vor. Gerade im An- und im Auslaut finden auch diverse Verhärtungen statt, wobei Stimmhaftigkeit neutralisiert wird und im Sandhi auch Assimilationen über die Wortgrenze hinweg stattfinden (Fleischer/ Schmid 2006: 244-245, 248-249). Dazu kommt die Aspiration von anlautenden Tenues im Deutschen, während die Aspiration im Rätoromanischen grundsätzlich fehlt. Aus diesem Grund entsprechen die stimmlosen Tenues rätorom. c [k], p [p] im Anlaut phonetisch eher den stimmlosen Lenes dt. g [ɡ̊ ], b [b̥] als den Fortes dt. k [k h ], p [p h ]. Zur parallelen Entwicklung in den Toponymen vgl. ausführlich Ackermann (2023: 447-459). Kommentar: Die rätoromanischen FamN mit der Lenisierung eines anlautenden Velars kommen hauptsächlich im südlichen Teil des Kantons St. Gallen und im Prättigau (GR) vor, im restlichen Graubünden fehlen sie. Dass der geographische Ausreisser Gaberthüel (Oftringen AG) diese Lenisierung ebenfalls aufweist, ist ein Indiz dafür, dass die Namenträger: innen aus dem Süden des Kantons Karte 138: Rätoromanische FamN mit Wechseln bei der Stimmhaftigkeit von Konsonanten, vor 1800 12 Für entsprechende Wechsel in den deutschen FamN vgl. Artikel I-2.5 «Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut». 292 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="293"?> St. Gallen zugewandert sind. Dafür sprechen auch die Heimatorte der etymologisch verwandten FamN Gabathuler (Wartau SG) und Kappenthuler (Bad Ragaz SG). Die entsprechende Fortisierung rätorom. G - > dt. C-, Kist im Sample der FamN nicht bezeugt, auch in den alträtoromanischen Toponymen tritt sie nur äusserst selten auf (Ackermann 2023: 447-459). Die Lenisierungen des labialen Plosivs finden sich in denselben Gebieten wie die Lenisierungen eines anlautenden Velars, erstrecken sich aber rheinaufwärts auch weiter nach Graubünden hinein und bis ins Schanfigg (GR). Dazu kommt der geographische Ausreisser Bargetzi (Riedholz SO) in der westlichen Deutschschweiz. Die Fortisierung B- > P figuriert nur im FamN Peng (Vals GR) zu alträtorom. *Benígn aus lat. Benignus (RNB 3 1986: 358) im walserisch besiedelten Valsertal (GR). Im Sarganserland (SG) finden sich zudem zwei rätoromanische FamN, in denen auch bei den labialen Frikativen entsprechende Wechsel zu beobachten sind. Einerseits wird das f von alträtorom. *Fadríg aus ahd. Frithuric (= Friedrich; vgl. RNB 3 1986: 165-167; Stricker 1987: 94) im FamN Widrig (Bad Ragaz SG) zu [v] lenisiert, sofern der Name nicht auf das Adjektiv schwzdt. widrig ‘ungünstig, schädlich, gegnerisch; ungehorsam, widerspenstig, verhasst; eigensinnig, hartnäckig, schlecht gelaunt’ (Id. 15 1881 ff.: Sp. 632-637) zurückzuführen ist. Umgekehrt wird in Vesti (Wangs SG) das v von alträtorom. *Silvéster im sekundären deutschen Anlaut fortisiert und heute als stimmloses [f] ausgesprochen. Siebte Karte {139}: Sibilantenwechsel in rätoromanischen Familiennamen Namenauswahl: Die siebte Karte umfasst rätoromanische FamN aus der Schicht «vor 1800», die bei den Sibilanten und sibilantischen Affrikaten Wechsel aufweisen. Auch entsprechende Ref lexe der Mediopalatale wurden aufgenommen. Abgefragte Namen Sibilantischer Reflex eines rätoromanischen Mediopalatals: Schaniel, Zanugg. 2 Tokens. rätorom. sch zu dt. tsch affriziert: Tschamun. 1 Token. rätorom. z zu dt. tsch palatalisiert: Vetsch. 1 Token. rätorom. tsch zu dt. tz depalatalisiert: Donatz, Pitz. 4 Tokens. rätorom. tsch erhalten: Donatsch, Petschen, Pitsch, Pitschen, Pitschi. 13 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10‒50, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 30‒80, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 144: Daten zur siebten Karte {139} Detailangaben zur Namenauswahl: Zum Namensample und zu den ausgewählten FamN vgl. die Ausführungen bei der ersten Karte. Karte 139: Rätoromanische FamN mit Sibilantenwechsel, vor 1800 3.4 Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche 293 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="294"?> Die rätoromanischen Mediopalatale [c, ɟ] haben im Deutschen keine direkte phonetische Entsprechung, weshalb bei der Eindeutschung mit Lautsubstitution zu rechnen ist. In den Toponymen erscheinen dafür normalerweise entweder velare oder dentale Plosive, da der palatale Artikulationsort zwischen diesen beiden liegt (Ackermann 2023: 515-522). Selten und in jüngeren Eindeutschungen finden sich auch sibilantische Ref lexe: Schaniel (Tinizong GR) als Variante von rätorom. Gianiel und depalatalisiertes Zanugg (Felsberg GR) neben urkundlich 1559 Tschanugg als Ruf N im vorarlbergischen Tschagguns (beides Diminutive von lat. Johannes; vgl. RNB 3 1986: 270-272; Stricker 1987: 98). Die Affrizierung rätorom. S -, Sch- > dt. Z-, Tschist in den Toponymen relativ verbreitet. Dort ist sie in vielen Fällen auf die Verschmelzung mit einem deutschen Element zurückzuführen, meistens mit dem definiten Artikel schwzdt. d ‘die’ oder der Präposition schwzdt. z ‘zu, in’ (Ackermann 2023: 493-498). 13 In den FamN ist die anlautende Affrizierung viel seltener, im Sample figuriert als einziges Beispiel Tschamun (Trimmis GR) zu rätorom. Schamún aus lat. Simon (RNB 3 1986: 282-285; Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Tschamun). Die Palatalisierung von rätorom. z kann zu sekundärem dt. tsch führen: Vetsch (Grabs SG) zu rätorom. Bonifázi aus lat. Bonifatius (RNB 3 1986: 66). Die umgekehrte Depalatalisierung rätorom. tsch > dt. tz findet sich im Sample nur in Mittelbünden, und zwar immer im Auslaut der FamN: Donatz zu rätorom. Donátsch (Ableitung von lat. Antonius; vgl. RNB 3 1986: 348-354) und Pitz (Rhäzüns GR) mit Apokope zum Adjektiv rätorom. pítschen ‘klein’ (Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Pitz). Im heutigen rätoromanischen Sprachgebiet und im walserischen Prättigau (GR) blieb rätorom. tsch mehrheitlich erhalten. Zu entsprechenden Entwicklungen in den Toponymen vgl. ausführlich Ackermann (2023: 493-524). Kommentar: Sibilantische Ref lexe von Mediopalatalen (blaue Kreise), die Affrizierung rätorom. Sch- > dt. Tsch- (oranger Kreis) und die Palatalisierung rätorom. z > dt. tsch (roter Kreis) treten nur punktuell auf. Die grüne Flächenfärbung bezieht sich nur auf die Ref lexe der Affrikate rätorom. tsch. Dunkles Grün bezeichnet dabei erhaltenes rätorom. tsch, das sich hauptsächlich noch im heutigen rätoromanischen Sprachgebiet zeigt (Surselva GR, Unterengadin GR), aber auch in walserischem Siedlungsgebiet (Prättigau GR) vorkommt. Die Depalatalisierung tsch > tz findet sich v. a. in Mittelbünden (hellgrüne Fläche). In Werdenberg (SG) entstand sekundäres tsch durch Palatalisierung von rätorom. z (rote Fläche). Achte Karte {140}: Veränderungen bei den Resonanten in rätoromanischen Familiennamen Namenauswahl: Die achte Karte umfasst rätoromanische FamN aus der Schicht «vor 1800», bei denen als Folge der Eindeutschung Veränderungen bei den Resonanten feststellbar sind. In den alträto- Karte 140: Rätoromanische FamN mit Veränderungen bei den Resonanten, vor 1800 13 Für deutsche FamN mit Artikelproklise oder der Präposition zu vgl. die Artikel II-3.1 «Artikelproklise» und II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu». 294 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="295"?> romanischen Toponymen sind die Resonanten eine eher labile Konsonantengruppe, die viele Umgestaltungen aufweist (Ackermann 2023: 765-766). Abgefragte Namen r-Schwund in rätoromanischen FamN: Gabathuler, Kappenthuler, Vesti, Widrig. 4 Tokens. n-Epenthese in rätoromanischen FamN: Gantenbein. 1 Token. rätorom. gn als velares ng: Caveng, Peng. 2 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 40‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 145: Daten zur achten Karte {140} Detailangaben zur Namenauswahl: Zum Namensample und zu den ausgewählten FamN vgl. die Ausführungen bei der ersten Karte. Der r-Schwund findet sich v. a. im Sarganserland (SG) und betrifft nur unbetonte Silben. Im Fall der FamN Gabathuler (Wartau SG) und Kappenthuler (Bad Ragaz SG), die beide alträtorom. *cá(sa) Bertól(d) ‘Haus des Berchtold’ fortsetzen, ist die unbetonte Zwischensilbe betroffen. Im FamN Vesti (Wangs SG) schwindet das auslautende r von alträtorom. *Silvéster entweder durch direkten Suffixwechsel mit dt. -i oder aufgrund einer vorangehenden Apokope der gesamten unbetonten Endsilbe. Im Fall von Widrig (Bad Ragaz SG) zu alträtorom. *F(r)adríg aus ahd. Frithuric (= Friedrich; vgl. RNB 3 1986: 165-167; Stricker 1987: 94) kann das r in der unbetonten Erstsilbe auch schon im Alträtoromanischen geschwunden sein, dann vermutlich aufgrund einer Dissimilation durch das r in der Tonsilbe. 14 Die n-Epenthese in Gantenbein (Grabs SG) zu rätorom. canta bein ‘singt gut’ (Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Gantenbein) ist nur graphisch, mundartlich wird das n der Mittelsilbe nicht ausgesprochen. Die Graphie <en> ist eine verbreitete Schreibgewohnheit für Schwa- Vokale und kommt auch in den alträtoromanischen Toponymen sehr häufig vor. Zu erklären ist sie durch den positionsbedingten Nasalschwund im Alemannischen, wodurch für einfaches e, a ab dem 14. Jh. teilweise hyperkorrekt <en> geschrieben wird. 15 Ackermann (2023: 706-710) konnte zeigen, dass sich die en-Graphie in den Toponymen hauptsächlich an zwei Positionen findet: im absoluten Auslaut und in unbetonten Zwischensilben bei mindestens dreisilbigen Namen. Zum zweiten Typ gehört auch der FamN Gantenbein, der sich somit parallel zu den Toponymen entwickelt hat. Der velare Ref lex dt. ng [ŋ] für palatales rätorom. gn [ɲ] ist in den Toponymen sehr häufig. Möglicherweise ist daran auch eine Schreibgewohnheit des 15./ 16. Jh. beteiligt, wobei <g> und <j> häufig abwechselten. Aus palatal notiertem <ng> [nj] konnte so aus dem Schriftbild die velare Aussprache [ŋ] entstehen, aber auch direkte Lautsubstitution von [ɲ] durch [ŋ] ist plausibel (Ackermann 2023: 528-532). Im Sample der FamN figurieren nur zwei Beispiele aus der Surselva (GR), die <ng> für einen alten Palatalnasal aufweisen: Caveng (Ilanz/ Glion GR) neben viel häufigerem Cavegn (GR) zu alträtorom. *cá(sa) (Vi)végn ‘Haus des Viventius’ (RNB 3 1986: 112-114) und Peng (Vals GR) zu alträtorom. *Benígn aus lat. Benignus (RNB 3 1986: 358). Für beide Belegorte ist früher deutscher Einf luss und/ oder walserische Besiedlung nachgewiesen, trotzdem ist für diese zwei FamN eine innerromanische Erklärung wahrscheinlicher: Für palatales [ɲ] schrieb die katholische Variante des Sursilvan nämlich das heute noch übliche <gn>, während die protestantische Variante konsequent <ng> verwendete (Dahmen 1990). Bei den FamN Caveng und Peng handelt es sich also um eine alte rätoromanische Schreibgewohnheit; eine Aussprache mit Velarnasal ist jünger und von der modernen Orthographie beeinf lusst. Kommentar: Die FamN mit den drei betreffenden Lautentwicklungen bündeln sich in geographisch klar abgegrenzten Gebieten. Der r-Schwund findet sich hauptsächlich im Sarganserland (SG) und in den angrenzenden Gebieten Werdenbergs (SG). Die n-Epenthese ist selten und auch nur graphisch; das einzige Beispiel stammt aus dem Zentrum des Bezirks Werdenberg (SG). Die Wiedergabe des palatalen rätorom. [ɲ] als <ng> tritt in den FamN nur in der Surselva (GR) auf, wo es sich um eine (ehemalige) Schreibgewohnheit der protestantischen Orte handelt. 14 Für Dissimilationen in deutschen FamN vgl. Artikel I-2.2 «Assimilationen und Dissimilationen». 15 Für deutsche FamN mit Nasalschwund vgl. Artikel I-2.1 «Nasalschwund». 3.4 Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche 295 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="296"?> Neunte Karte {141}: Volksetymologie in rätoromanischen Familiennamen Namenauswahl: Die neunte Karte umfasst rätoromanische FamN aus der Schicht «vor 1800», bei denen im Zuge der Eindeutschung volksetymologische Beeinf lussung und Ablenkung durch deutsches Wortmaterial wahrscheinlich ist. Das kann entweder den ganzen FamN oder auch nur einen Teil davon betreffen. Abgefragte Namen Volksetymologie in rätoromanischen FamN, vor 1800: Bargetzi, Burgäzzi, Fetz, Fleisch, Gantenbein, Kappenthuler, Minsch, Pargätzi, Widrig. 9 Types, 13 Tokens. Kreise 15‒50, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 146: Daten zur neunten Karte {141} Detailangaben zur Namenauswahl: Zum Namensample und zu den ausgewählten FamN vgl. die Ausführungen bei der ersten Karte. Vor 1800 scheinen folgende (mögliche) Beispiele für Volksetymologie und Ablenkung auf: Bargetzi, Burgäzzi, Pargätzi nach schwzdt. Gätzi neutr. ‘Schöpfkelle’ (Id. 2 1881 ff.: Sp. 572-573; Burgäzzi zusätzlich nach dt. Burg); Fetz nach schwzdt. Fetze(n) mask. ‘Lappen, Taschentuch, Lumpen, abgerissenes Stück’ (Id. 1 1881 ff.: Sp. 1148); Fleisch nach dt. Fleisch; Gantenbein nach schwzdt. Gant fem. ‘öffentliche Versteigerung; Auktionslokal’ (Id. 2 1881 ff.: Sp. 378-380) und dt. Bein; Kappenthuler teilweise nach dt. Kappe; Minsch nach dialektal schwzdt. Minsch mask. ‘Mensch’ (Trüb 1951: 110-114); Widrig nach schwzdt. widrig ‘ungünstig, schädlich, gegnerisch; ungehorsam, widerspenstig, verhasst; eigensinnig, hartnäckig, schlecht gelaunt’ (Id. 15 1881 ff.: Sp. 632-637). Kommentar: Volksetymologie wird gemeinhin als spontaner und individueller Prozess verstanden. Trotzdem ist auffällig, dass sich die meisten volksetymologisch beeinf lussten rätoromanischen FamN am Flusslauf des Rheins verorten lassen, ergänzt durch Beispiele aus den Walsergebieten Schanfigg (GR) und Prättigau (GR). Es handelt sich um Gebiete, die im ausgehenden Mittelalter von einer tiefgreifenden Zweisprachigkeit geprägt waren. Ackermann (2023: 716) konnte nachweisen, dass bei den Toponymen der Anteil an deutschen Volksetymologien in früh verdeutschten Gebieten höher ist als in jüngeren Kontaktzonen. Ausserdem gibt es in der rätoromanischen Kontaktonomastik Beispiele dafür, dass Volksetymologien Reihen bilden und durchaus systematisch beschrieben werden können (Ackermann et al. 2023: 52-56). Karte 141: Volksetymologie und Ablenkung in rätoromanischen FamN, vor 1800 296 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="297"?> Zehnte Karte {142}: Gesamtkarte der rätoromanischen Familiennamen mit graphematisch-phonologischer Integration ins Deutsche Namenauswahl: Die zehnte Karte umfasst alle rätoromanischen FamN aus der Schicht «vor 1800», die graphematisch-phonologische Interferenz mit dem Deutschen aufweisen und in den vorangehenden Karten besprochen worden sind. Abgefragte Namen Graphematisch-phonologische Interferenzen in rätoromanischen FamN, vor 1800: Anrig, Balett, Barbisch, Bargetzi, Bleisch, Brusch, Burgäzzi, Caveng, Crufer, Donatsch, Donatz, Fetz, Fieni, Fient, Finschi, Fleisch, Gabathuler, Gaberthüel, Gadient, Gafafer, Galbier, Gantenbein, Garbald, Grässli, Guntli, Janggen, Janka, Janki, Kappenthuler, Meli, Minsch, Natsch, Nuth, Nutli, Nutt, Nuttli, Pargätzi, Peng, Petschen, Pitsch, Pitschen, Pitschi, Pitz, Pleisch, Schaniel, Schett, Schmon, Seliner, Senti, Tschamun, Tschugmall, Vesti, Vetsch, Widrig, Zanugg. 55 Types, 86 Tokens. Kreise 12‒55, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 0‒90, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 147: Daten zur zehnten Karte {142} Detailangaben zur Namenauswahl: Zum Namensample und zu den ausgewählten FamN vgl. die Ausführungen bei den jeweiligen Karten. Kommentar: Zur geographischen Verbreitung vgl. die Kommentare zu den einzelnen Karten sowie den Abschnitt «Ergebnisse». Es fällt auf, dass der Grossteil der Belege nördlich und nordwestlich von Chur (GR) anzutreffen ist (Churer Rheintal, Sarganserland, Werdenberg, Prättigau, Schanfigg). Diese Gebiete waren im ausgehenden Mittelalter und in der Frühen Neuzeit entweder intensiv zweisprachig oder bereits einsprachig deutsch. Hier korreliert die Fixierung der FamN mit der Siedlungs- und Sprachgeschichte des (ehemaligen) rätoromanischen Sprachgebiets. Daneben finden sich weitere verstreute Beispiele rheinaufwärts bis in die oberste Surselva (GR). Diese sind entweder auf frühen, mittelalterlichen deutschen Einf luss zurückzuführen oder hängen mit der walserischen Zuwanderung zusammen. Da die Surselva (GR) heute noch überwiegend romanischsprachig ist, kommt den Walserorten als deutsche Sprachinseln eine besondere Bedeutung zu. Auch das Prättigau (GR) und das Schanfigg (GR) sind walserische Siedlungsgebiete, in denen sich verhältnismässig viele Interferenzphänomene in den FamN zeigen. Die zwei Ausreisser in der westlichen Deutschschweiz (Kantone AG und SO) gehen auf Familien zurück, die früh aus dem damaligen rätoromanischen Sprachgebiet abgewandert und schon vor 1800 in den jeweiligen Gemeinden eingebürgert worden sind. Karte 142: Graphematisch-phonologische Interferenzen in rätoromanischen FamN, vor 1800 3.4 Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche 297 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="298"?> Im Inntal lassen sich im Gegensatz zum Rheingebiet kaum deutsche Interferenzen ausmachen, was möglicherweise am starken Einf luss des Italienischen liegt (Liver 2012: 50). Auch innerhalb des Rätoromanischen unterscheiden sich diese beiden Dialekträume massiv. Im Unterengadin lässt sich im Appellativwortschatz eine deutsche Beeinf lussung von österreichischer Seite nachweisen, die dem tirolisch-bairischen Dialekt entstammt. Die Auswirkungen auf die Schweizer FamN sind aber gering, allenfalls liessen sich jenseits der Grenze in Österreich und Südtirol weitere Ergebnisse gewinnen. Ergebnisse Ein Grossteil der kartierten rätoromanischen FamN, die graphematisch-phonologische Interferenz mit dem Deutschen aufweisen, stammt aus einem zusammenhängenden Gebiet, das im ausgehenden Mittelalter zweisprachig deutsch-rätoromanisch oder bereits vollständig verdeutscht war. Die Namenverbreitung korreliert direkt mit der Siedlungs- und Verdeutschungsgeschichte Graubündens und des südlichen Teils des Kantons St. Gallen, s. auch den Artikel zur morphologischen Interferenz. 16 In jüngeren Kontaktgebieten fehlen graphematisch-phonologische Anpassungen praktisch ganz, sowohl im Deutschen als auch im Rätoromanischen. Eine Erklärung dafür ist, dass nach lange andauerndem Sprachkontakt die fremdsprachige Intonation keine besondere Schwierigkeit mehr darstellt. Im Gegenteil, sie wird für Kontaktzonen sogar typisch und fremde Muster werden auf die eigene Sprache übertragen (WeNB 8 2003-2017: 65-66; Kilchmann 2022: 289; Ackermann 2023: 763-764). Ein anderer Grund ist die zunehmende Bürokratisierung und schriftliche Fixierung der FamN in der Neuzeit. In der Schweiz wird die Situation bei den Toponymen und PersonenN durch die Diglossie-Situation zusätzlich verschärft. Dabei gibt es durchaus Unterschiede zu den kleinräumigen FlurN, die grundsätzlich mehr Anpassungen aufweisen und auch noch bis in die jüngste Zeit verändert werden, wogegen bei den Ruf N und FamN eine gewisse Ehrerbietung mitschwingt und die Namenkörper geschont werden (Wolfensberger 1967: 92, 214; Kilchmann 2022: 22-27; Ackermann 2023: 747-748). Rätoromanische FamN, die einen Akzentwechsel auf die Erstsilbe aufweisen, treten hauptsächlich gruppiert zwischen Chur (GR), dem Walensee und Werdenberg (SG) entlang des Rheins auf. Eine weitere Ballung findet sich in den Walserorten der Surselva (GR), die ebenfalls schon ab dem Hochmittelalter deutsche Einf lüsse aufweisen. Beim Silbenverlust in rätoromanischen FamN lassen sich Auswirkungen der deutschen Dialekte festmachen. Der Silbenverlust diente dabei nicht primär dazu, die Silbenzahl zu verringern und die Wortlänge zu verkürzen, sondern vielmehr den Wortakzent näher an den Wortanfang zu verschieben, da dies den deutschen Aussprachegewohnheiten besser entspricht. Die Aphärese ist geographisch am weitesten verbreitet und auch am häufigsten bezeugt. Die Synkope hingegen zeigt sich hauptsächlich in Walserorten wie dem Prättigau (GR). Apokopen sind in FamN nur äusserst selten belegt, was sie von den rätoromanischen Toponymen unterscheidet, wo Apokopen sehr zahlreich und weit verbreitet sind. Für die Apokopen in rätoromanischen FamN ist insbesondere im Val Müstair (GR) auch Einf luss des Tirolisch-Bairischen anzunehmen. Im Unterengadin (GR) findet sich auch das deutsche Lehnwort rätorom. paur mask. ‘Bauer’ mit bairischem Diphthong, während in den übrigen Idiomen mit rätorom. pur mask. ‘Bauer’ die alemannische Form schwzdt. Buur, Puur fortgesetzt ist (Id. 4 1881 ff.: Sp. 1513-1516; HWR 2 1994: 629). Deutscher Sekundärumlaut ist in rätoromanischen FamN mehrfach belegt. Beispiele für ö und ü gibt es nur wenige, es dominiert ä / e wie in den Toponymen. Geographisch lässt sich der Umlaut auf drei Gebiete eingrenzen: die Region Werdenberg (SG), die Gegend um Chur (GR) und die geographischen Ausreisser in der westlichen Deutschschweiz (AG, SO). Andere Vokalhebungen und auch Vokalsenkungen sind in den rätoromanischen FamN nur vereinzelt nachzuweisen. Dasselbe gilt für Monophthongierungen. Diphthongierungen finden sich auch nur wenige, v. a. im Schanfigg (GR) sowie im Sarganserland (SG) und in Werdenberg (SG). Die meisten Belege von rätoromanischen FamN, die Wechsel bei den unbetonten Vokalen zeigen, liegen an der Landquart (Prättigau GR) und nach deren Einmündung in den Rhein am Lauf desselben (Werdenberg SG). Das Fehlen in anderen Gebieten Graubündens ist eher zufällig und wahrscheinlich nicht durch die deutschen Dialekte zu erklären. In der sechsten Karte wird auf die Problematik der Stimmhaftigkeit eingegangen und vereinfacht von Fortisierung und Lenisierung gesprochen. Interessanterweise sind nicht alle Konsonantenwechsel räumlich gleichmässig verteilt. Die Lenisierung rätorom. C- > dt. G zeigt ungefähr dasselbe Verbreitungsgebiet wie die Wechsel bei den unbetonten Vokalen, also an der Landquart (Prättigau GR) und nach deren Einmündung in den Rhein am Lauf desselben (Werdenberg SG). Die Fortis-Lenis-Wechsel bei den labialen Frikativen sind beschränkt auf das Sarganserland (SG). Einzig die labialen Plosive zeigen ein grösseres Verbreitungsgebiet, insbesondere die Lenisierung rätorom. P - > dt. Bfindet sich in einem grossen Gebiet des nördlichen Graubündens. Die Fortisierung rätorom. B- > dt. Pist mit nur einem Token im walserischen Valsertal (GR) belegt. Beispiele für die dentalen Plosive, also die Fortisierung rätorom. D- > dt. T- und die Lenisierung rätorom. T- > dt. D-, fehlen im Sample komplett, ebenso die Fortisierung rätorom. G - > dt. C-, K-. Rätorom. tsch bleibt im Sample grösstenteils erhalten, insbesondere an den Walserorten Graubündens und im heutigen rätoromanischen Sprachgebiet. Im Churer Rheintal (GR) und in Werdenberg (SG) konnte durch Affrizierung von rätorom. sch und Palatalisierung von rätorom. z auch sekundär die Affrikate tsch entstehen. In Mittelbünden finden sich Beispiele, die belegen, dass rätorom. tsch in FamN zu tz depalatalisiert worden ist. Veränderungen bei den Resonanten sind im Sample der rätoromanischen FamN vergleichsweise selten, in den Toponymen gibt es aber zahlreiche Beispiele für verschiedene Lautentwicklungen (Ackermann 2023: 524-590). Gefunden wurden bei den FamN drei Phänomene, die sich geographisch klar definierten Gebieten zuweisen lassen: 1. r-Schwund im Sarganserland (SG) und in den angrenzenden Gemeinden Werdenbergs (SG), 2. graphische n-Epenthese im mittleren Werdenberg (SG), 3. Wiedergabe von palatalem rätorom. gn als <ng> an den protestantischen Orten der Surselva (GR). 16 Vgl. Artikel II-2.20 «Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche». 298 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="299"?> Zu guter Letzt sind Volksetymologien in rätoromanischen FamN hauptsächlich entlang des Rheins belegt. Wie Ackermann (2023: 716) festhält, finden sich in früher verdeutschten Gebieten anteilsmässig mehr deutsche Volksetymologien. Auch hier korreliert die Verbreitung der entsprechenden FamN mit der Verdeutschungsgeschichte Rätiens, da der Sprachwechsel rheinaufwärts gestaffelt von Norden nach Süden verlief (WeNB 8 2003-2017: 62, 67). Abseits des Rheins treten Belege in den bündnerischen Walserorten in Erscheinung, die schon im Mittelalter deutsch besiedelt waren (Prättigau GR, Schanfigg GR). Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Vetsch (1'893 Tokens), Gantenbein (1'677 Tokens) und Gabathuler (915 Tokens). Für Interferenzerscheinungen in rätoromanischen Toponymen vgl. ausführlich Ackermann (2023). Für graphematisch-phonologische Interferenzerscheinungen in der Westschweiz und in französischen FamN vgl. die Artikel I-3.3 «Integration französischer Familiennamen ins Deutsche» und I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». Zu den morphologischen Entwicklungen in den rätoromanischen FamN vgl. den Artikel II-2.20 «Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche». Vergleich mit benachbartem Ausland: Für die FamN im Fürstentum Liechtenstein vgl. einleitend das FLNB II/ 1 (2008: 23-55) und ausführlich das Material im FLNB II/ 3 (2008) und FLNB II/ 4 (2008). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Ackermann, Elia (2023): Eindeutschung alträtoromanischer Substrattoponyme. Universität Zürich. https: / / doi.org/ 10.5167/ uzh-234859 (letzter Zugriff 21.07.2023). Ackermann, Elia et al. (2023): Volksetymologie und Sprachkontakt in der Toponymie des Kantons St. Gallen. In: Marti Heinzle, Mirjam/ Thöny, Luzius (Hrsg.): Swe gameliþ ist. Studien zur vergleichenden germanischen Sprachwissenschaft. Festschrift für Ludwig Rübekeil zum 65. Geburtstag, 41-62. Heidelberg: Winter. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. 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Frauenfeld: Huber. 3.4 Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche 299 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="300"?> WeNB = Stricker, Hans (2003-2017): Werdenberger Namenbuch. Die Orts- und Flurnamen der Region Werdenberg. 8 Bde. Buchs: Verlag Werdenberger Namenbuch. Wolfensberger, Heinz (1967): Mundartwandel im 20. Jahrhundert. Dargestellt an Ausschnitten aus dem Sprachleben der Gemeinde Stäfa (Beiträge zur schweizerdeutschen Mundartforschung 14). Frauenfeld: Huber. Elia Ackermann 300 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="301"?> 3.5 Integration deutscher Familiennamen ins Französische Schlagwörter: Adaption, Betonung, Interferenz, Migration, Sprachkontakt Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Die Integration von FamN aus einem Sprachsystem in ein anderes durch lautlich-formale Adaption ist in der mehrsprachigen Schweiz ein häufiges Phänomen. Dieser Artikel behandelt die verbreitetsten Integrationsmuster, die bei der Übernahme von deutschen FamN ins Französische erfolgen können. Hintergrund: In der Schweiz traten das Französische 1 und seine historischen Vorstufen bereits vor dem Mittelalter mit deutschen Varietäten in intensiven Kontakt, der sich bis in die Gegenwart fortsetzt. Zu den sprachgeschichtlichen Hintergründen im westlichen Kontaktgebiet der Schweiz - u. a. zur Herausbildung der deutsch-französischen Sprachgrenze - sei auf Kristol (2023) und die entsprechenden Artikel im e-HLS (o. J.; insbesondere e-HLS 2007: s. v. Französisch) verwiesen. 2 Kontakt zwischen Französisch und Deutsch abseits der Sprachgrenze kommt zusätzlich durch Binnenwanderung und durch Einwanderung aus dem Ausland vor, v. a. aus Deutschland. Bei der Integration von FamN einer Ausgangssprache (hier Deutsch) in eine Zielsprache (hier Französisch) können die Namen verschiedenen Prozessen unterzogen werden: 1. vollständiger Erhalt der Graphie und z. T. auch der Aussprache 2. Anpassung an die Zielsprache durch diverse lautlich-formale Adaptionen 3. Übersetzung, die jedoch ohne historische Schreibung meist schlecht nachweisbar ist (vgl. aber bei der ersten Karte das Beispiel der sogenannten dit-Namen wie dt. Küffer → Küffer-dit-Barrillier) 4. morphosemantische Angleichung an ähnlich lautende deutsche oder französische FamN - auch volksetymologische Reinterpretation genannt 5. Namenersatz (freie Übertragung, nur urkundlich fassbar) In diesem Artikel wird der Fokus auf den Prozess der Adaption (2.) gelegt. Dabei werden die häufigsten Integrationsmuster, die in den ursprünglich deutschsprachigen FamN der Romandie eruiert werden können, ausgewählt und separat kartiert. Bei der Integration fremdsprachiger FamN spielen die graphematisch-phonologischen Grundlagen der Ausgangs- und der Zielsprache eine Rolle: Die Graphem-Phonem-Entsprechung des Deutschen differiert wesentlich von derjenigen des Französischen. Das Graphem <h> z. B. besitzt im Deutschen je nach Position einen Lautwert (z. B. initial Hund ), während es im Französischen lediglich eine etymologische Funktion aufweist, so wie in heure ‘Stunde’ < lat. hōra (Huchon 2002: 23). Die deutsche Affrikate [t͡ s], die nicht zum autochthonen Phoneminventar des Französischen gehört, kann im Deutschen u. a. mit <z> graphematisch wiedergegeben werden. Dem Graphem <z> entspricht im Französischen demgegenüber aber ein stimmhafter alveolarer Frikativ [z] wie in zéro ‘Null’ (vgl. vierte Karte). Aus dieser Diskrepanz ergeben sich zahlreiche unterschiedliche Adaptionen der deutschen FamN an das französische graphematisch-phonologische und morphologische System. Nach Müller (2003: 157) wurden die meisten deutschsprachigen FamN, die ab dem 18. Jh. in die Romandie gelangt sind, ohne graphematische Adaption integriert. Demnach zeigen deutschsprachige FamN in der Schicht «vor 1800» formal mehrheitlich keine Anpassung an das französischsprachige Namensystem. Solche Namen werden in diesem Artikel nicht berücksichtigt. Dennoch ist bei formal unveränderten FamN Adaption auf der lautlichen Ebene zustande gekommen, v. a. in der Endsilbenbetonung (vgl. fünfte Karte). Müller (2003: 157) illustriert den Unterschied zwischen graphischer und lautlicher Realisierung für eine Auswahl Deutschschweizer FamN, indem er die französisch-regionale Aussprache (in französischer Schreibung) anführt: Attinger = atingr; Guldenschuh = goudinchou; Sulzer = soulzr; Walther = valtr. Fragestellungen: Entsprechend der beschriebenen Ausgangslage interessieren die folgenden Fragen: Welche graphematischen und phonologischen Anpassungen finden sich in deutschsprachigen FamN, wenn diese mit dem Französischen in Kontakt treten? Kommen die adaptierten Namen hauptsächlich entlang der Sprachgrenze vor oder lassen sich mikroregionale Konzentrationen beobachten? Zeigen die adaptierten Namen aus den zwei unterschiedlichen Zeitschichten («vor 1800» und «19. Jh.») eine unterschiedliche areale Verbreitung? Der Artikel umfasst fünf Karten: Auf der ersten Karte werden gesamthaft alle einschlägigen FamN abgebildet, die Adaption an das Französische aufweisen. Anschliessend werden die häufigsten graphematisch-phonologischen Integrationsmuster je einzeln dargestellt. Es handelt sich bei der Namenauswahl jeweils um eine Teilmenge der ersten Karte. Die Einzelthemen sind die Integration von dt. <u> ins Französische als <ou> (zweite Karte), von dt. <ü> als <u> (dritte Karte), von dt. <z> als <ts> (vierte Karte) sowie die graphematische Markierung der französischen Endsilbenbetonung (fünfte Karte). Weitere weniger frequente oder kaum greifbare Integrationsmuster wie z. B. die Tilgung des deutschen er-Suffixes (dt. 1 Zur Vereinfachung wird hier Französisch als Makroterminus für die galloromanischen Varietäten verwendet, die in der Westschweiz gesprochen werden bzw. wurden - d. h. sowohl die Standardsprache als auch die Dialekte. Sprachlich zählen die meisten Mundarten der Westschweiz ebenso wie die im Südosten Frankreichs und im Aostatal zum Frankoprovenzalischen. Lediglich die Mundarten des Jura können der nordfranzösischen Sprachgruppe der Langue d’oïl zugeordnet werden (e-HLS 2012: s. v. Dialekte). 2 Allgemein zur Herausbildung der deutsch-französischen Sprachgrenze vgl. Kristol (2023: 136-139, 155-156), spezifisch für den zweisprachigen Kanton Freiburg vgl. Kristol (2023: 525-541) und für das Wallis sowie für den Kanton Jura vgl. Kristol (2023: 615-631 bzw. 651-684). 3.5 Integration deutscher Familiennamen ins Französische 301 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="302"?> Luterbacher → Loutenbach) oder die lexikalische Substitution durch Übersetzung der deutschen Präposition von (dt. von Bonstetten → de Bonstetten) werden summarisch bei der ersten Karte im Abschnitt «Detailangaben zur Namenauswahl» aufgeführt. Erste Karte {143}: Gesamtkarte zu den französisierten deutschen Familiennamen Namenauswahl: Die erste Karte umfasst deutsche FamN, die eine Adaption an das Französische aufweisen. Die Namen werden kontrastiv nach ihrem zeitlichen Auftreten in den beiden Schichten «vor 1800» und «19. Jh.» (Datenquelle: FNB) 3 kartiert. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Französisierte deutsche FamN, vor 1800: Aerny, Aerschmann, Altermath, Ballaman, Biehly, Bourcart, Bourgmestre, Bourquard, Brandtdit-Simeon, Brulhart, Brunny, Coucheman, d’Amman, d’Ammann, d’Erlach, Däppen dit Tappet, Darx, de Bonstetten, de Buman, de Diesbach, de Diesbach-Belleroche, de Fischer, de Gottrau, de Hennezel, de Hesse, de Kalbermatten, de Kennen, de Landerset, de Lenzbourg, de Montenach, de Niederhäusern, de Reyff , de Riedmatten, de Schaller, de Siebenthal, de Stockalper, de Stoutz, de Sybourg, de Techtermann, de Tscharner, de Weck, de Weiss, de Werra, Dessibourg, Duding, Duffing, Eberlé, Echemann, Eggertswyler, Eggly, Ehinguer, Ellezingue, Elsaesser, Elzingre, Fierobe, Filistorf , Fister, Flouck, Foerster, Fogelweid, Foltz, Frund, Gougginsperg, Graff , Groshaupt, Gueisbühler, Gunthert, Hantz, Hauck, Heinzely, Hertzeisen, Himly, Hornüng, Houber, Houlmann, Hubleur, Hulmann, Imer, Isely, Jemmely, Johannot, Jutzet, Kaech, Kamerzin, Keuffer dit Barrelet, Kilchoer, Kloug, Knébel, Koetschet, Kreutschy, Kubler, Küffer dit Barillet, Kuffer dit Barrillier, Küffer-dit-Barrillier, Kümmerling soit Kimmerling, Laederer, Laedermann, Lanthemann, Lanthmann, Lantz, Lendemberg, Loffing, Loutenbach, Loutz, Lutzelschwab, Metzker, Meyhoffer, Moehr, Mozer, Muller, Néckaz, Nutz-dit-Profit, Pauly, Pfefferlé, Philip, Plüer, Raedlé, Raemy, Réckling, Rehfous, Remy, Rhein, Ringuisen, Rithener, Rithner, Rittener-Ruff , Ruedin, Rueff , Sangrouber, Schmoutz, Schnirley, Schodele, Schornoz, Schouler, Schroeter, Schueler, Schwitzerlet, Sciobéret, Steiby, Stékoffer, Stiffel, Stoky, Stouder, Stoudmann, Streit-dit- Provin, Stuby, Sutterlet, Tepping, Thalman, Theintz, Thentz, Thürler, Thurlingue, Valzer, Vidmer, Viesel, Vust, Waeber, Wagnière, Wehrly, Werly, Widmayer, Wintzenried, Yenni, Yenny, Yergen, Zoutter, Zurich. 168 Types, 241 Tokens. Französisierte deutsche FamN, 19. Jh.: Blatty, Bloesch, Bossart soit Bossard, Brandt-dit-Gruérin, Brunner dit Fontaine, Burkhard soit Bourcart, Butzberger, Daetwyler, de Kaenel, de Wattenwyl, de Ziegler, de Zurich, Dreyfuss, Dübendorf , Dyssli, Eimann, Erath, Erler, Faës, Farny, Karte 143: Französisierte deutsche FamN, vor 1800 u. 19. Jh. 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 302 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="303"?> Feissly, Fleuty, Fluckiger, Fritzsché, Fuchslin, Gaffner, Gerschwyler, Glatthardt, Goldenschoue, Goldenschue, Gräff , Gostely, Gougler, Grâa, Guelbert, Gupfert, Haeussler, Haissly, Henguely, Henneberg, Hentzi, Herdi, Hiertzeler, Hirschi soit Hirschy, Hoenger, Hosslé, Hössly, Hurny, Hutiger, Im Boden, Inmos, Jaermann, Koenel dit Chenaud, Koull, Krailiger, Kroug, Küenzli, Kuffer, Kuntzy, Kupfer, Laederach, Laemlé, Loeffel, Ludy, Lugin, Luginbuhl, Luthard, Luthy, Maerky, Matty, Mockly, Moeri, Moery, Munch, Nussly, Oppeliguer, Oppliguer, Pfeuty, Reutimann dit Rüttimann, Riedy, Rikly, Rodt, Rouff , Rouff soit Rueff , Rouffy, Ruchty soit Rochty, Rucklin, Rueg, Ruegger, Ryhen, Saegesser, Schaer, Schlaepfer, Schläppy, Schleppi, Schleppy, Schmidely, Schnäbeli, Snell, Schoeneweid, Schurch, Schwartzmann, Schwisquebel, Schwitzguebel, Schwitzguébel, Schwitzkébel, Soutter, Spaetig, Stockly, Stoudemann, Stouky, Streit dit Provins, Schneeberg, Tschumy, Voegeli, Stierchler, von Kaenel, Waechter, Wehrlé, Weissmuller, Wertenberg, Wirtz, Würst, Wysser, Zehnter, Zum Offen, Zurbrugg dit Despond, Zwissig. 172 Types, 144 Tokens. Kreise 20‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 148: Daten zur ersten Karte {143} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Das Sample ist einerseits aus einschlägigen FamN der Schicht «vor 1800» entstanden, die in der etymologischen Datenbank durch manuelle Sprachkategorisierung der Gruppe der hybriden deutsch-französischen Namen zugeordnet wurden. Andererseits wurden die primär schweizerischen FamN aus der späteren Zeitschicht «19. Jh.» auf formale Adaptionen hin untersucht. 5 Adaptierte FamN sind in dieser zweiten Gruppe zahlreich, da im Jahr 1848 die Einführung der Niederlassungsfreiheit in der Bundesverfassung verankert wurde, was Wanderbewegungen vereinfachte (e-HLS 2009: s. v. Niederlassungsfreiheit). 6 Ausgeschlossen wurden etymologisch unsichere oder mehrdeutige FamN sowie solche, die innerhalb der Schweiz an mehreren Orten unabhängig voneinander entstanden sind und somit eine homographische Entsprechung im Deutschen aufweisen wie z. B. die FamN Richard oder Martin, die in der Schicht «vor 1800» sowohl in der Romandie als auch in der Deutschschweiz vorkommen. Ebenso wurden die sogenannten Freiburger o-Namen wie Riedo oder Rutscho nicht aufgenommen. 7 Obwohl einige unter ihnen als Resultat eines deutschfranzösischen Sprachkontakts betrachtet werden können, fallen sie nicht unter die typischen Französisierungen, denn ihre sprachliche Zugehörigkeit ist dem Deutschen zuzuweisen. Die hier ausgewählten Namen haben verschiedene Adaptionen durchlaufen, die auf diversen linguistischen Ebenen erfolgt sind: graphematisch-phonologisch, morphologisch, syntaktisch, lexematisch-semantisch und prosodisch (den Wortakzent betreffend). In vielen Fällen besteht die Integration des Namens aus einem Zusammenspiel von Anpassungen auf mehreren Ebenen. Bspw. ist der FamN Duding (← Düdinger) das Resultat einer graphematisch-phonologischen (ü → u) und einer morphologischen Anpassung (Tilgung des Suffixes -er). Auffallend ist, dass bei der Integration in manchen Fällen die dialektale Variante des FamN adaptiert wurde wie beim FamN Fierobe aus dt. Feierabend bzw. dialektal *Fiirobe oder beim FamN Schueler aus dt. Schuler bzw. dialektal *Schueler. Dies würde auf eine mündliche Übermittlung des Namens hindeuten. Wie schon erwähnt, werden die häufigsten Integrationsmuster im vorliegenden Artikel separat kartiert (s. zweite bis fünfte Karte). Weitere (z. T. weniger häufige) Integrationsprozesse werden hier anhand von repräsentativen Beispielen dargestellt: 8 • Graphematische Adaption von Graphemen oder Diakritika, die im Französischen autochthon nicht vorkommen, z. B. ä → ae, ö → oe, w → v oder sch → ch: dt. Elsässer → Elsaesser, dt. Schröter → Schroeter, dt. Widmer → Vidmer, dt. Eschmann → Echemann; zur Integration von dt. ü → u s. die dritte Karte. 9 • Graphematische Adaption von i → y: dt. Rämi → Raemy, dt. Wehrli → Werly 10 • Adaption von deutschen Graphemen, die im Französischen einen anderen Lautwert besitzen: gi → gui (dt. Ringeisen bzw. dialektal *Ringiise → Ringuisen), ge → gue (dt. Geissbühler → Gueisbühler), j → y (dt. Jergen → Yergen), s → z (dt. Moser → Mozer), v → f (dt. Vogelweid → Fogelweid ); zur Integration von dt. u → ou s. die zweite Karte und von dt. z → tz s. die vierte Karte. • Graphematisch-phonologische Adaption von u → ü (kommt sehr selten vor): dt. Hornung → Hornüng • Morphologische Adaption durch Tilgung des deutschen er-Suffixes: dt. Dübendorfer → Dübendorf , dt. Düdinger → Duding, dt. Henneberger → Henneberg, dt. Luterbacher → Loutenbach 11 • Morphologische Erweiterung mit dem französischen Diminutivsuffix -(l)et: dt. Jutz → Jutzet, dt. Kötsch → Koetschet, dt. Schwitzer → Schwitzerlet, dt. Sutter → Sutterlet • Syntaktische Adaption durch Getrenntschreibung: dt. Imboden → Im Boden (gemäss FNB 1989 zugewandert aus Unterseen BE, wo vor 1800 Imboden alteingesessen ist), dt. Zumofen → Zum Offen (gemäss FNB 1989 zugewandert aus Albinen VS, wo vor 1800 Zumofen alteingesessen ist) 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 5 Für die Definition der primär schweizerischen FamN der Zeitschicht «19. Jh.» sei auf den Artikel I-3.2 «Graphematische Adaptionen bei Migration innerhalb der Deutschschweiz» verwiesen. 6 Vgl. Artikel I-3.2 «Graphematische Adaptionen bei Migration innerhalb der Deutschschweiz». 7 Vgl. Artikel II-2.14 «Germanisches Grundwort mit Suffix -o». 8 Die Beziehung zwischen den deutschen und den französischen Namen ist formal und nicht genealogisch begründet. D. h.: Der deutsche Name darf nicht automatisch als genealogisches Pendant betrachtet werden. Eine historische Familienforschung könnte die Abstammungsverhältnisse zwischen den französisierten und den ursprünglich deutschen Namen herausarbeiten; dies ist jedoch kein Untersuchungsgegenstand des FDS. 9 Vgl. die Artikel I-1.4 «Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten» und I-3.2 «Graphematische Adaptionen bei Migration innerhalb der Deutschschweiz». 10 Vgl. die Artikel I-1.14 «Schreibvariation i/ y» und I-3.2 «Graphematische Adaptionen bei Migration innerhalb der Deutschschweiz». 11 Vgl. die Artikel II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen» und II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen». 3.5 Integration deutscher Familiennamen ins Französische 303 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="304"?> • Syntaktische Adaption durch Anfügung der Präposition de: dt. Diesbach → de Diesbach, dt. Schaller → de Schaller • Lexikalische Substitution durch Übersetzung der deutschen Präposition von: dt. von Bonstetten → de Bonstetten, dt. von Weiss → de Weiss 12 • Lexikalische Substitution durch Übersetzung: Zu den häufigen Übersetzungen, die im Kanton Freiburg stattfanden, sei auf Furrer (2002: 363-364) verwiesen, der z. B. dt. Gasser → Charrière erwähnt. Ende des 15. Jh. wurde dort Deutsch die offizielle Sprache und die Namen wurden mehrmals germanisiert und re-romanisiert. 13 • Lexikalische Erweiterung durch Übersetzung: dt. Küffer → Küfferdit-Barrillier, dt. Nutz → Nutz-dit-Profit 14 Unter den kartierten FamN sind alle Benennungsmotive vertreten: BerufsN (Küffer, Küffer-dit-Barrillier zu mhd. küefer ‘Küfer, Böttcher’), ÜberN ((de) Schaller zu mhd. schallære ‘Prahler, Schwätzer’), Patronyme (Pauly zum Ruf N Paul ), WohnstättenN (Fogelweid zum FlurN Vogelweid ) und HerkunftsN (de Siebenthal zu Siebent(h)al, der bis ins 20. Jh. hinein üblichen Form für das heute gebräuchlichere Simmental im Berner Oberland). Die FamN Schwisquebel, Schwitzguebel, Schwitzguébel und Schwitzkébel zu Schwizgebel lassen sich nicht sicher deuten, womöglich setzen sie sich aus dem SiedlungsN Schwyz und dem Ruf N Gäbel, einer Koseform von Gabriel, zusammen. 15 Kommentar: Bezüglich der Typezahl halten sich französisierte FamN aus der Schicht «vor 1800» und solche aus der Schicht «19. Jh.» in etwa die Waage. Die Namen der ersten Gruppe sind hinsichtlich der Tokenzahl aber häufiger. Auch die areale Verteilung der beiden Namengruppen zeigt Unterschiede: Während sich FamN aus der älteren Zeitschicht überwiegend in den Kantonen Freiburg, Jura und in Teilen des Kantons Waadt konzentrieren, kommen die FamN aus der jüngeren Schicht v. a. in den Kantonen Neuenburg und Genf vor, also nicht unmittelbar an der deutsch-französischen Sprachgrenze. Betrachtet man das Bild aus einer (binnen-)migrationsbedingten Perspektive, lässt sich für die Zeitschicht «19. Jh.» bei aller Vorsicht eine Anziehungskraft der urbanisierten und industrialisierten Gebiete der Romandie auf Personen aus der deutschsprachigen Schweiz annehmen. Auffallend ist das Auftreten von adaptierten Namen im Neuenburger Jura, welcher von der Uhrenindustrie geprägt war (vgl. e-HLS 2020: s. v. Uhrenindustrie). Die geringe Zahl von französisierten FamN an der Sprachgrenze soll aber nicht automatisch als geringere Präsenz von deutschsprachigen Namenträger: innen interpretiert werden. Wie bereits erwähnt, werden auf der Karte deutschsprachige FamN in der Romandie, die keine formale Adaption aufweisen, nicht abgebildet. Es scheint somit durchaus plausibel, dass die Kontaktgebiete, aufgrund eines gewissen Grades von Zweisprachigkeit, eher zur Übernahme der intakten Namenform tendierten. 12 Vgl. die Artikel II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de», II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von» und II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 13 Vgl. Artikel I-3.3 «Integration französischer Familiennamen ins Deutsche». 14 Vgl. Artikel II-4.3 «Mehrgliedrige Familiennamen mit den Zusätzen dit, soit, alias». 15 Vgl. Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». 304 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="305"?> Zweite Karte {144}: Integration von <u> als <ou> Namenauswahl: Dokumentiert werden französisierte FamN aus den Schichten «vor 1800» und «19. Jh.», die in den entsprechenden deutschsprachigen Namen den Laut [uː] enthalten, welcher in der Ausgangssprache mit dem Graphem <u> wiedergeben wird, im Französischen hingegen mit <ou>. In manchen Fällen kommt es auch zur Verschriftung der kurzen Vokalvariante dt. [ʊ] mit frz. <ou>. Abgefragte Namen dt. <u> → frz. <ou>, vor 1800: Bourcart, Bourgmestre, Bourquard, de Lenzbourg, de Stoutz, de Sybourg, Dessibourg, Flouck, Gougginsperg, Houber, Houlmann, Kloug, Loutenbach, Loutz, Rehfous, Sangrouber, Schmoutz, Schouler, Stouder, Stoudmann, Zoutter. 21 Types, 33 Tokens. dt. <u> → frz. <ou>, 19. Jh.: Burkhard soit Bourcart, Goldenschoue, Gougler, Koull, Kroug, Rouff , Rouff soit Rueff , Rouffy, Soutter, Stoudemann, Stouky. 11 Types, 13 Tokens. Kreise 20‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 149: Daten zur zweiten Karte {144} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier kartierten FamN geben Hinweise auf die Integration von fremden Graphem-Phonem-Beziehungen: Die Graphie <u> gibt im Deutschen die Laute [uː], [ʊ] wieder, während sie im Französischen einem gerundeten [y] entspricht. Bei der Integration ins Französische wurde die Schreibung <u> in den hier behandelten Namen zu <ou> adaptiert: 16 Bourcart, Bourquard und Burkhard soit Bourcart ← Burkhard, Bourgmestre ← Burgermeister, de Lenzbourg ← urkundlich Lenzburg, de Stoutz ← Stutz, de Sybourg und Dessibourg ← *Sie(g)burg, Flouck ← Fluck, Gougginsperg ← Guggisberg, Houber ← Huber, Houlmann ← Uhlmann, Kloug ← Klug, Loutenbach ← wohl Luterbacher, Loutz ← Lutz, Rehfous ← Rehfuss, Sangrouber ← Sandgruber, Schmoutz ← Schmutz, Schouler ← Schuler, Stouder ← Studer, Stoudmann und Stoudemann ← Studemann, Zoutter ← Zutter, Goldenschoue ← Guldenschuh, Gougler ← Gugler, Koull ← Kull, Kroug ← Krug, Rouff und Rouff soit Rueff ← Ruff , Rouffy ← Ruffi, Soutter ← Sutter, Stouky ← Stucki. Kommentar: Auffällig sind die Konzentration des Kontaktphänomens im Kanton Jura und gleichzeitig seine Abwesenheit im Kanton Neuenburg sowie die geringen Vorkommen entlang der Sprachgrenze (v. a. in FR). Wie bei der ersten Karte erwähnt, könnte die geringe Zahl von adaptierten Namen mit einer Übernahme von unveränderten Namenformen zusammenhängen. Bspw. lässt sich für Huber, der ein hochfrequenter deutschsprachiger FamN ist, beobachten, dass der Karte 144: Graphematisch-phonologische Realisierungen von dt. u in französisierten FamN, vor 1800 u. 19. Jh. 16 Die mutmassliche deutsche Ausgangsvariante wurde durch Suche in der Zeitschicht «vor 1800» ermittelt. Wo kein passender FamN zu finden war, wurde die wahrscheinliche deutsche Ausgangsform rekonstruiert und mit Asterisk gekennzeichnet. 3.5 Integration deutscher Familiennamen ins Französische 305 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="306"?> Name in der Zeitschicht «19. Jh.» im Kanton Neuenburg dreimal unverändert als Huber vorkommt - und deshalb hier nicht kartiert wurde -, während die französisierte Variante Houber in diesem Gebiet nicht belegt ist. Dritte Karte {145}: Integration von <ü> als <u> Namenauswahl: Die dritte Karte umfasst französisierte FamN aus den Schichten «vor 1800» und «19. Jh.», die in den entsprechenden deutschsprachigen Namen den Laut [y] enthalten, welcher in der Ausgangssprache mit dem Graphem <ü> wiedergeben wird, im Französischen hingegen mit <u>. Abgefragte Namen dt. <ü> → frz. <u>, vor 1800: Brulhart, Duding, Frund, Gunthert, Kubler, Kuffer dit Barrillier, Lutzelschwab, Muller, Ruedin. 9 Types, 23 Tokens. dt. <ü> → frz. <u>, 19. Jh.: Fluckiger, Fuchslin, Gupfert, Kuntzy, Kupfer, Ludy, Luthard, Luthy, Munch, Rueg, Ruegger, Weissmuller, Zurbrugg dit Despond. 13 Types, 19 Tokens. Kreise 25‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 150: Daten zur dritten Karte {145} Detailangaben zur Namenauswahl: Das deutsche Graphem <ü> für den gerundeten Vokale [y] gehört nicht zum autochthonen Grapheminventar des Französischen, daher ist hier eine Substitution zu erwarten. Der Laut [y] wird im Deutschen mit <ü> (Müller) verschriftlicht, im Französischen hingegen mit <u> (Muller). Den kartierten FamN liegen folgende Adaptionen zugrunde: Brulhart ← Brülhart, Duding ← Düdinger, Frund ← *Fründ, Gunthert ← Günthert, Kubler ← Kübler, Kuffer dit Barrillier ← Küffer, Lutzelschwab ← Lützelschwab, Muller ← Müller, Ruedin ← Rüedin; Fluckiger ← Flückiger, Fuchslin ← Füchslin, Gupfert ← Güpfert, Kuntzy ← Künzi, Kupfer ← Küpfer, Ludy ← Lüdi, Luthard ← Lüthard, Luthy ← Lüthi, Munch ← Münch, Rueg ← Rüegg, Ruegger ← Rüegger, Weissmuller ← Weissmüller, Zurbrugg dit Despond ← Zurbrügg. Kommentar: Das Interferenzphänomen findet sich in der Zeitschicht «vor 1800» v. a. im Kanton Jura und im deutsch-französischen Kontaktgebiet. Einige Belege treten zudem im Kanton Waadt auf. In der Schicht «19. Jh.» kommen die adaptierten FamN auch westlicher vor und erreichen den Kanton Genf. Beim einzigen in der Deutschschweiz auftretenden Beispiel handelt es sich um ein Homograph: Der aus Deutschland stammende Name Kupfer in Uster (ZH) ist nämlich ein BerufsüberN zu mhd. kupfer, kopfer ‘Kupfer’ und soll vom Berner FamN Küpfer (bzw. Kipfer, zur Wohnstättenbezeichnung Chipf oder Chüpf ) - aus welchem der adaptierte FamN Kupfer (Genf GE) hervorgegangen ist - getrennt gehalten werden. Karte 145: Graphematische Realisierungen von dt. ü in französisierten FamN, vor 1800 u. 19. Jh. 306 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="307"?> Vierte Karte {146}: Integration von <z> als <tz> Namenauswahl: Die vierte Karte umfasst französisierte FamN aus den Schichten «vor 1800» und «19. Jh.», die in der deutschsprachigen Form in- oder auslautend das Graphem <z> enthalten, das im Französischen mit <tz> wiedergegeben wird. Abgefragte Namen dt. <z> → frz. <tz>, vor 1800: Foltz, Hantz, Lantz, Theintz, Thentz, Wintzenried. 6 Types, 7 Tokens. dt. <z> → frz. <tz>, 19. Jh.: Hentzi, Hiertzeler, Kuntzy, Schwartzmann, Schwitzguebel, Schwitzguébel, Schwitzkébel, Wirtz. 8 Types, 14 Tokens. Kreise 20‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 151: Daten zur vierten Karte {146} Detailangaben zur Namenauswahl: Im Deutschen entspricht dem Graphem <z> der Laut [t͡ s], während dasselbe Graphem im Französischen ein stimmhaftes [z] wiedergibt wie im Wort zéro ‘Null’. Bei der Integration deutschsprachiger FamN ins Französische wird daher das Graphem <z> mit <tz> substituiert, um den gleichen (oder ähnlichen) stimmlosen Lautwert zu bewahren: Foltz ← Volz, Hantz ← Hans (auf Französisch ausgesprochen als Hanz), Lantz ← Lanz, Theintz und Thentz ← wohl Tenz oder Denz, Wintzenried ← Winzenried; Hentzi ← Henzi, Hiertzeler ← wohl Hürzeler, Kuntzy ← Künzi, Schwartzmann ← Schwarzmann, Schwitzguebel, Schwitzguébel und Schwitzkébel ← Schwizgebel, Wirtz ← Wirz. Anlautend bleibt <Z> immer erhalten, vgl. FamN Zurich zu dt. Zürich. Kommentar: Die französisierten FamN mit tz-Schreibung kommen in der Zeitschicht «vor 1800» in den Kantonen Jura, Freiburg und Waadt vor, während sie in der späteren Schicht «19. Jh.» - analog zu den anderen Französisierungen - eher im westlichen Teil der Romandie zu finden sind. Karte 146: Graphematisch-phonologische Realisierungen von dt. z in französisierten FamN, vor 1800 u. 19. Jh. 3.5 Integration deutscher Familiennamen ins Französische 307 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="308"?> Fünfte Karte {147}: Graphematische Markierung der französischen Endsilbenbetonung Namenauswahl: Dokumentiert werden französisierte FamN aus den Schichten «vor 1800» und «19. Jh.», die eine graphematische Markierung der Endsilbenbetonung aufweisen. Abgefragte Namen dt. <e> → frz. <é>, vor 1800: Eberlé, Pfefferlé, Raedlé. 3 Tokens. dt. <e> → frz. <é>, 19. Jh.: Fritzsché, Hosslé, Laemlé, Wehrlé. 4 Tokens. Kreise 20‒30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 152: Daten zur fünften Karte {147} Detailangaben zur Namenauswahl: Im Französischen fällt die Betonung i. d. R. auf die finale Silbe, was das prosodische Muster der Sprache wesentlich prägt. Obwohl die Betonung aus dem Schriftbild meist nicht zuverlässig erschlossen werden kann, ist anzunehmen, dass bei der Integration der erstsilbenbetonten deutschsprachigen FamN der Akzent allgemein auf die letzte Silbe verlegt wurde. Ebenso vorstellbar ist in manchen Fällen das Nebeneinander von Formen mit ursprünglicher deutscher Erstsilbenbetonung und solchen mit französischer Endsilbenbetonung. Die effektivste Art, die Endsilbenbetonung in der Schreibung zu markieren, ist die Setzung eines Akuts auf dem letzten Vokal. Dies geschieht ausschliesslich auf dem auslautenden e, zumal dieses Graphem am Wortende ohne Diakritikum als Schwa-Laut realisiert werden würde, so wie im Appellativ chambre ‘Zimmer’: Eberlé ← Eberle, Pfefferlé ← Pfefferle, Raedlé ← Raedle; Fritzsché ← Fritzsche, Hosslé ← Hossle, Laemlé ← Lämmle, Wehrlé ← Wehrle. Gemäss FNB (1989) stammen die meisten Namen ursprünglich aus Deutschland, wie auch auslautendes -e im Diminutivsuffix der deutschsprachigen Form suggeriert: Die Schreibung -le kommt zwar in Deutschschweizer FamN vor, ist aber in bundesdeutschen FamN weitaus häufiger (DFA 3 2012: 418, Karte [Eber]le). 17 Der für die Deutschschweiz typische l-Diminutiv ist die Form -li, welche meist mit -ly französisiert wurde wie bei Eggly ← Egli. Kommentar: Die französisierten FamN mit Akut auf dem auslautenden e kommen sowohl in den einsprachigen Kantonen Genf und Neuenburg als auch im historisch zweisprachigen Kanton Freiburg vor. Der Unterschied zwischen den beiden Zeitschichten entspricht der allgemeinen Tendenz bei den französisierten FamN. Ergebnisse Französisierte deutschsprachige FamN sind in der ganzen Romandie mit einem Schwerpunkt in den westlichen Kantonen (GE, VD, JU) verbreitet. Im französischsprachigen Wallis kommen sie vergleichsweise spärlich vor. Einsprengsel in der (heutigen) Deutschschweiz finden sich v. a. im Deutschwallis und im östlichen Teil des freibur- Karte 147: Graphematische Markierung der Endsilbenbetonung in französisierten FamN, vor 1800 u. 19. Jh. 17 Vgl. Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven». 308 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="309"?> gischen Sensebezirks, wo die mittelalterliche Sprachgrenze verlief (Kristol 2023: 156). Die in der restlichen Deutschschweiz belegten Beispiele sind entweder homographische Fälle wie der oben genannte FamN Kupfer in Uster (ZH) oder dann zuvor französisierte FamN von migrierten Namenträger: innen wie z. B. Bourcart in Richterswil (ZH). Die diachrone Kartierung (erste Karte) zeigt, dass sich FamN aus der älteren Zeitschicht «vor 1800» überwiegend in den Kantonen Freiburg, Jura und in Teilen des Kantons Waadt konzentrieren, in der jüngeren Schicht «19. Jh.» hingegen v. a. in den Kantonen Neuenburg und Genf vorkommen, also ziemlich abseits des deutsch-französischen Kontaktgebiets. Diese diachrone Entwicklung der Namenverbreitung kommt u. a. durch Migration zustande, und zwar sowohl durch binnenschweizerische Wanderbewegungen als auch durch Zuzug aus Deutschland. Diese Migration hängt u. a. mit der Uhren-, Schmuck- und Textilindustrie in der Stadt Genf und im Neuenburger Jura zusammen, die insbesondere im 18. Jh. Anziehungspunkt für Arbeitsmigrant: innen war (Holenstein/ Kury/ Schulz 2018: 139; vgl. auch Berchtold/ Steiner 2026). Im Gesamtsample kommen mehrere Fälle vor, bei denen ein deutschsprachiger FamN zwei oder mehr adaptierte Varianten aufweist wie z. B. Houlmann und Hulmann für dt. Uhlmann, Schwisquebel, Schwitzguebel, Schwitzguébel und Schwitzkébel für dt. Schwizgebel oder Wehrly, Werly und Wehrlé für dt. Wehrli (zum Ruf N Werner). Die unterschiedlichen Französisierungsmuster können vielfältige Ursachen haben: Die regionalen dialektalen Gegebenheiten, der Zeitpunkt der Integration oder bestimmte Schreibtraditionen können die Integration des Namens beeinf lusst haben. Eine diachrone Untersuchung urkundlicher Formen würde zur Einordnung der Schreibvarianz beitragen. Letztendlich geht die formale Varianz meist aus dem Bestreben der französischsprachigen Schreiber: innen hervor, die fremden deutschen Laute oder Grapheme mit dem französischen Grapheminventar wiederzugeben. Eine grosse Formvarianz desselben französisierten FamN könnte in manchen Fällen auch einem Differenzierungsbedürfnis nachkommen, etwa im Fall der Französisierungen des FamN Schwizgebel, für welchen drei der vier Varianten am selben Ort oder geographisch sehr nah nebeneinander auftreten. Schliesslich tragen zur Formvarianz auch die formal unveränderten, aber integrierten FamN bei, wie z. B. der hochfrequente Name Huber, der schon in der ältesten Zeitschicht «vor 1800» in der Romandie verbreitet ist. Die ausgewählten FamN zeigen verschiedene Integrationsmuster auf den unterschiedlichen sprachlichen Ebenen: graphematisch-phonologisch, morphologisch, syntaktisch, lexikalisch-semantisch sowie prosodisch. Die häufigste greifbare Art der Adaption betrifft die graphematisch-lautliche Ebene (zweite bis vierte Karte). Besonders häufig werden die deutschsprachigen Vokale angepasst (zweite und dritte Karte), die in den betreffenden Kontaktsprachen eine unterschiedliche Graphem-Phonem-Beziehung aufweisen (dt. <u> → frz. <ou>) oder die im Deutschen mit einem dem Französischen fremden Graphem realisiert werden (dt. <ü> → frz. <u>). Morphologische Adaption (durch das französische Diminutivsuffix -et) kommt kaum vor, was die wenigen Fälle in der Gesamtkarte deutlich machen. Beim umgekehrten Integrationsprozess, d. h. der Eindeutschung französischsprachiger FamN, lässt sich eine ähnliche Situation beobachten: Auch in diesem Fall wird die grosse Mehrheit der französischsprachigen FamN im Bereich der Morphologie unverändert ins Deutsche übernommen, vgl. die wenigen Beispiele wie frz. Gobelet → Gobeli, frz. Rotzetta → Rotzetter. 18 Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Waeber (1'309 Tokens), Raemy (1'145 Tokens) und Muller (629 Tokens). Für die deutsch-rätoromanische Kontaktsituation vgl. die Artikel I-3.4 «Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche» und II-2.20 «Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche». Für französischitalienische Interferenzen sind wenige Beispiele vorhanden, z. B. Delmonté wohl aus ital. Del Monte. Eine systematische Sammlung von französisierten italienischsprachigen FamN erfordert eine historische Sondierung, die im Rahmen des FDS nicht erbracht werden kann. Vergleich mit benachbartem Ausland: Einen Überblick über die wichtigsten Französisierungsprozesse in FamN im historischen luxemburgischen Kontaktgebiet gibt Flores Flores (2015: 350-352). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Berchtold, Simone/ Steiner, Linda (2026): Familiennamenräume in der Schweiz. In: Glaser, Elvira/ Kabatek, Johannes/ Sonnenhauser, Barbara (Hrsg.): Sprachenräume der Schweiz. Bd. 2: Forschungsperspektiven, [tbd]. Tübingen: Narr Francke Attempto. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Fallet, Estelle/ Veyrassat, Béatrice (2020): Uhrenindustrie. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 013976/ 2020-08-11/ (letzter Zugriff 08.11.2024). 18 Vgl. Artikel I-3.3 «Integration französischer Familiennamen ins Deutsche». 3.5 Integration deutscher Familiennamen ins Französische 309 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="310"?> e-HLS = Gsteiger, Manfred et al. (2012): Dialekte. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 024595/ 2012-04-19/ (letzter Zugriff 08.11.2024). e-HLS = Guzzi-Heeb, Sandro (2009): Niederlassungsfreiheit. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 010369/ 2009-05-28/ (letzter Zugriff 08.11.2024). e-HLS = Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) (o. J.): Wissenschaftlich erarbeitetes, vernetztes, aktuelles und multimediales Fachlexikon zur Schweizer Geschichte. https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ (letzter Zugriff 08.11.2024). e-HLS = Kristol, Andres (2007): Französisch. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 011195/ 2007-05-08/ (letzter Zugriff 08.11.2024). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 08.11.2024). Flores Flores, Walter Amaru (2015): Die Familiennamen im historischen luxemburgischen Raum. Eine quantitative und qualitative Analyse der onymischen Grenzen und Raumstrukturen. Universität Luxemburg. FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (1989): Familiennamenbuch der Schweiz. 3 Bde. Bearbeitet von der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Familiennamen. 3., verbesserte und korrigierte Auf lage. Zürich: Schulthess. Furrer, Norbert (2002): Die vierzigsprachige Schweiz. Sprachkontakte und Mehrsprachigkeit in der vorindustriellen Gesellschaft (15.-19. Jahrhundert). Bd. 1: Untersuchung. Zürich: Chronos. Holenstein, André/ Kury, Patrick/ Schulz, Kristina (2018): Schweizer Migrationsgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Baden: Hier und Jetzt. Huchon, Mireille (2002): Histoire de la langue française. Paris: Librairie générale française. Kristol, Andres (2023): Histoire linguistique de la Suisse romande (Collection Glossaire des patois de la Suisse romande 5.1). Neuchâtel: Éditions Alphil- Presses universitaires suisses. Müller, Wulf (2003): La prononciation patoise des noms de famille romands. In: Kremer, Dieter/ Castro, Ivo/ Müller, Wulf (Hrsg.): Miscelânea Patromiana. Actas do V Colóquio (Lisboa) seguidas das Comunicaçoes do VII Colóquio (Neuchâtel) e de duas Comunicaçoes do VIII Colóquio (Bucuresti) (Patronymica Romanica 20), 151-157. Tübingen: Niemeyer. Linda Steiner, Luise Kempf 310 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="311"?> 3.6 Integration rätoromanischer Familiennamen ins Italienische Schlagwörter: Adaption, Interferenz, Migration, Sprachkontakt, Übersetzung Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dokumentiert werden hier ursprünglich rätoromanische FamN, die sekundär - durch Kontakt mit der Sprachgemeinschaft Italiens - formal nach den linguistischen Parametern des italienischen Sprachsystems adaptiert wurden. Der Untersuchungsgegenstand ist insofern relevant, als er ein spezifisches sprachgeschichtliches Phänomen repräsentiert, insbesondere hinsichtlich der Kontaktlinguistik und der Schweizer Migrationsgeschichte. Hintergrund: In den rätoromanischen 1 Sprachregionen Graubündens - hauptsächlich im Engadin und im Münstertal - findet man schon ab dem 17. Jh. italienische FamN. Mit «italienisch» ist hier zunächst die sprachliche Herkunft gemeint, nicht die Staatszugehörigkeit. Das Vorhandensein von italienischen FamN in dieser Epoche hängt z. T. mit der geographischen Nähe Romanischbündens zu den italienischsprachigen Gebieten zusammen, d. h. sowohl zu den östlichen italienischsprachigen Tälern Graubündens (Bergell und Puschlav) als auch zu Norditalien. Daher kann ein Teil der italienischen FamN im Engadin und im Münstertal auf Einwanderung aus den benachbarten Gebieten zurückgeführt werden. Das Eindringen von sprachfremdem Namengut ist in Kontaktgebieten normal. Was die Situation in einigen Regionen Graubündens besonders auszeichnet, ist das Bestehen von FamN, die zwar italienische Formen aufweisen, aber ursprünglich rätoromanisch sind. Dieses Phänomen lässt sich auf historische Gründe zurückführen, die mit einer spezifischen Form der Bündner Migration verbunden sind. Während Jahrhunderten und insbesondere in der ersten Hälfte des 18. Jh. wanderten Bündner Gewerbetreibende ins Ausland aus, u. a. in die Italienische Republik und in die Stadt Venedig, wo sie infolge eines Allianzvertrags grosse Privilegien genossen. Bündner Zuckerbäcker - aber auch Brandweinverkäufer, Cafétiers und Schuster - konnten in Venedig bis zu ihrer Vertreibung aus der Stadt im Jahr 1766 ungestört ihren Berufen nachgehen. Die Migrierenden waren grösstenteils temporäre Arbeiter, die wegen der alljährlichen Rückkehr in ihre Heimat auch randulíns ‘Schwalben’ genannt wurden (Holenstein/ Kury/ Schulz 2018: 68-74). 2 Die rätoromanischen FamN der Bündner Auswanderer wurden in Venedig italianisiert. Mit ihrer Rückkehr in die Heimat wurden einige dieser Namen nicht in ihre ursprüngliche Form zurückversetzt - vermutlich aufgrund des hohen ökonomischen Status der Namenträger sowie des sozialen und kulturellen Stellenwerts, den die Italianität in dieser Epoche mit sich trug. Es ist unbekannt, wie viele MigrantenN re-romanisiert wurden und aus welchen Gründen andere die italienische Form behielten. Aus sprachgeschichtlicher Sicht zeichnet sich das Phänomen durch die Adaption des Namens an das lokale fremdsprachige System und die Rückkehr in das ursprüngliche Sprachgebiet unter Erhalt der adaptierten Namenform aus. Bei der Italianisierung der rätoromanischen FamN zeigen sich verschiedene Integrationsprozesse: formale Adaption, Anlehnung an ähnlich lautende FamN sowie Übersetzung. Lautliche und morphologische Adaption tritt bspw. bei der Umformung von rätorom. Gianzun (Ableitung von rätorom. Gian ‘Johannes’) zu Ganzoni auf. Italianisiert wurde durch Entpalatalisierung des womöglich damals fremd klingenden Palatallauts [d̠ ͡ ʑ] und durch Anpassung des als Augmentativsuffix interpretierten rätoromanischen Auslauts -ún zu ital. -oni. Auch die semantische Anlehnung an ein italienisches Appellativ (evtl. ital. ganzo ‘schlaue und gewitzte Person’) könnte in diesem Fall den Prozess mitgesteuert haben. Die FamN Colani zu rätorom. Culan oder Colaun (aus rätorom. Cola ‘Nikolaus’) und Corradini zu rätorom. Conradin sind weitere Beispiele für lautliche und morphologische Adaption. Andere rätoromanische FamN wurden italianisiert, indem sie in Anlehnung an regional bekannte italienische FamN adaptiert wurden. Der rätoromanische FamN Buos-ch (aus rätorom. bös-ch ‘Baum, Strauch, Gesträuch’) wurde mit dem in Norditalien bestehenden FamN Bosio (zum germanischen Ruf N Boso, Bosio) in Zusammenhang gebracht. Der in Venetien bezeugte FamN Banzi (zum Ruf N Banzo) diente höchstwahrscheinlich als Basis für die Italianisierung des rätoromanischen Namens Banitscha oder Panitscha (aus rätorom. panitscha ‘Hirse’) zu Bansi. Einige rätoromanische Namen wurden ins Italienische übersetzt. So wurde z. B. rätorom. Muos-cha (aus rätorom. muos-cha ‘Fliege’) zu Mosca (aus ital. mosca ‘Fliege’). Übersetzungen setzen eine gewisse linguistische und soziokulturelle Nähe voraus, was zwischen den rätoromanischsprachigen Bündner Migranten und den Venezianern damals wohl der Fall war. Fragestellungen: Ergibt die räumliche Verteilung des Namentyps ein areales Bild? Ref lektiert dieses Bild die historischen Gegebenheiten (Auswanderung nach bzw. Rückkehr aus Venedig von Migranten hauptsächlich aus dem Engadin und dem Münstertal)? Daneben soll am Material geprüft werden, wie häufig die verschiedenen Adaptionstypen vertreten sind. 1 Die in Graubünden gesprochene rätoromanische Varietät wird hier zur Vereinfachung mit Rätoromanisch anstatt mit Bündnerromanisch bezeichnet. In der Romanistik wird Bündnerromanisch oft zur Unterscheidung von den anderen rätoromanischen Sprachgruppen des Dolomitenladinischen und des Friaulischen verwendet (e-HLS 2012: s. v. Rätoromanisch). 2 Die temporären Auswanderer waren hauptsächlich Männer. Die maskuline Formulierung schliesst Auswanderinnen nicht aus. 3.6 Integration rätoromanischer Familiennamen ins Italienische 311 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="312"?> Karte {148}: Italianisierte rätoromanische Familiennamen Namenauswahl: Die Karte behandelt das Vorkommen von italianisierten rätoromanischen FamN in den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB). 3 Das Namensample wurde einerseits durch Auswertung von spezifischer fach- und populärwissenschaftlicher Literatur erstellt (Vital 1915; Cuonz/ Hänecke-Meier 1983; RNB 3 1986: 1038). Alle dort genannten einschlägigen FamN, die in der a-Schicht des FNB (1989) vorkommen, wurden in die Auswahl aufgenommen. Andererseits wurde das gesamte a-Schicht-Korpus des Engadins und des Münstertals auf die häufigsten italienischen Namensuffixe durchsucht, d. h. -ini und -oni. Abgefragte Namen Italianisierte rätoromanische FamN, vor 1800 u. Herkunft: Bansi, Bazzi, Bezzola, Biveroni, Bivetti, Boringhieri, Bosio, Colani, Corradini, Flugi, Fonio, Frizzoni, Ganzoni, Giorgio, Marchi, Menni, Moggi, Mosca, Nolfi, Pedotti, Perini, Ronzi, Scartazzoni, Schucani, Secchi, Serrardi, Stoppany, Tizzoni, Tognoni. 29 Types, 45 Tokens. Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 153: Daten zur Karte {148} Detailangaben zur Namenauswahl: Sämtliche ausgewählte FamN werden hier nach den oben erwähnten drei Adaptionstypen gegliedert und etymologisch gedeutet. Die aufgelisteten rätoromanischen FamN sind, wenn nicht anders vermerkt, in der a-Schicht des FNB (1989) enthalten. Urkundliche Formen (bezeichnet mit «urk.») sowie Etymologien stammen aus dem RNB 3 (1986) und dem DRG (1939 ff.). Die Verbreitung der FamN in Italien wurde in Caffarelli/ Marcato (2008) oder auf cognomix.it (2005 ff.) geprüft. Einige FamN können zu mehreren Adaptionstypen gehören, z. B. Ganzoni (evtl. in Anlehnung an ital. ganzo ‘schlaue und gewitzte Person’). Karte 148: Italianisierte rätoromanische FamN, vor 1800 u. Herkunft 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 312 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="313"?> 1. FamN mit phonologischer bzw. morphologischer Adaption: Italianisierter FamN Rätoromanischer FamN Etymon Bazzi Batz bzw. urk. Patsch Ruf N Caspar bzw. *Ga(s)p(ar)atsch Bezzola Betschla Ruf N Bert bzw. Betsch Biveroni Bivrun Toponym Bever Bivetti Büvet (nur urk.) Ruf N Bovo oder engad. bouv ‘Ochse’ Boringhieri Büergna (urk. auch Buorgnia) engad. büergna ‘Eiterbeule’ Colani Culan, Colaun Ruf N Cola ‘Nikolaus’ Corradini Conradin bzw. Corradin Ruf N Kuonrat Flugi Fluosch (Vital 1915: 210) unsicher, evtl. engad. fluoch ‘Mehlstaub’ Fonio Fuong (nur urk.) engad. favuogn ‘Föhn’ Ganzoni Gianzun Ruf N Gian ‘Johannes’ Nolfi Nuolf Ruf N Arnulf Pedotti Padruot (nur urk.) Ruf N Petrus Perini Parin Ruf N Caspar Schucani Schucan engad. schocca ‘Frauenrock’ Serrardi Sererhard (nur urk.) Zusammensetzung von altital. Ser (eine Anredeform für Personen des richterlichen Standes und für Notare) und dem Ruf N Erhard Stoppany Stup(p)an engad. stoppa ‘Werg’ Tizzoni Titschun (nur urk.) Ruf N zu ahd. teuzo, einer Diminutivableitung zu ahd. diot, deot ‘Volk’ Tabelle 154: FamN mit phonologischer bzw. morphologischer Adaption 2. FamN mit Anlehnung an italienische Namen: Italianisierter FamN Rätoromanischer FamN Etymon (rätorom.) Mögliche parallele FamN in Italien Bansi *Banitscha oder *Panitscha, vgl. urk. Panizia, Bonitscha usw. engad. panitscha ‘Hirse’ Banzi Bosio Buos-ch engad. bös-ch ‘Baum, Strauch, Gesträuch’ Bosio, Boso Frizzoni Fritschun Ruf N Fritz Frizzo, Frizzi Menni Men Ruf N Dominicus Menni Ronzi Rungs (nur urk.) engad. runc ‘Reute’ oder Toponym Runcs ‘die Reuten’ Ronzi Secchi Schech mhd. schëcke ‘enganliegender, gesteppter Leibrock’ oder schwzdt. schägg ‘schief, krumm, gebogen’ (evtl. von der Körperhaltung) Secchi Tabelle 155: FamN mit Anlehnung an italienische Namen 3. Übersetzte FamN: Italianisierter FamN Rätoromanischer FamN Etymon Giorgio Schorsch Ruf N Georgius Marchi Marc Ruf N Marcus Moggi Muoz (nur urk.) engad. möz ‘Scheffel, Mütt’, ital. moggio ‘alte Masseinheit; Behälter’; vgl. auch FamN Moggi in Italien Mosca Muschke, Muschgka usw. (nur urk.) rätorom. muos-cha, ital. mosca ‘Fliege’; vgl. auch FamN Mosca in Italien Scartazzoni Schartazun (nur urk.) engad. s-chartatsch, oberital. scartazza ‘Wollkamm’; vgl. auch FamN Scartezzini in Italien und Scartazzini im Bergell (GR) Tognoni Tugnum (nur urk.) Ruf N Antonius Tabelle 156: Übersetzte FamN 3.6 Integration rätoromanischer Familiennamen ins Italienische 313 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="314"?> Kommentar: Die Kartierung der italianisierten rätoromanischen FamN zeigt eine Konzentration des Namentyps im Engadin (GR) und im Münstertal (GR), welche die geschichtlichen Fakten widerspiegelt. Die Kreise im Tessin und im Bergell (GR) stellen Homophone dar: Namen wie Pedotti oder Rizzi sind polygenetisch, d. h., sie können auch parallel als ursprünglich italienische FamN koexistieren. Ergebnisse Aus dieser Untersuchung wird deutlich, dass sich das spezifische Phänomen der italianisierten rätoromanischen FamN im Engadin (GR) und im Münstertal (GR) konzentriert. Das Verbreitungsbild ref lektiert die mit der regionalen Auswanderungsbewegung verbundenen historischen Gegebenheiten. In der Schweizer Migrationsgeschichte sind Beispiele für die Integration von FamN durch Kontakt mit einer fremden Sprachgemeinschaft zahlreich. Analoge Fälle findet man in allen vier Sprachregionen der Schweiz. Was das Bündner Phänomen besonders kennzeichnet, ist die Erhaltung der sekundär erworbenen Form auch nach der Rückkehr der Ausgewanderten in die Heimat. Die sprachliche Analyse ergibt, dass alle drei Arten der Adaption mehrfach vertreten sind. Dabei ist der häufigste Fall die lautliche Adaption, d. h. die formale Anpassung der Namenelemente nach lautlichen Parametern des italienischen Sprachsystems. Dass auch Übersetzungen mehrfach auftreten, zeugt von intensivem Sprachkontakt und damit enger soziokultureller Berührung. Aus linguistischer Perspektive stellt eine komparative Studie von Integrationsprozessen von FamN verschiedener Sprachregionen ein Desiderat dar. 4 Aus historischer Sicht bleiben die soziokulturellen Hintergründe einerseits für die formale Anpassung der FamN in Venezien und andererseits für den Erhalt der italianisierten Formen in der Heimat noch genauer zu erforschen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Bezzola (354 Tokens), Mosca (211 Tokens) und Marchi (128 Tokens). Die letzten beiden polygenetischen FamN sind in Italien sehr verbreitet (cognomix.it 2005 ff.). Ihre Präsenz in der Schweiz kann z. T. auf Einwanderung zurückgeführt werden. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Caffarelli, Enzo/ Marcato, Carla (2008): I cognomi d’Italia: dizionario storico ed etimologico. 2 Bde. (La nostra lingua). Torino: UTET. cognomix.it (2005 ff.): Il portale dei cognomi italiani. https: / / www.cognomix. it/ mappe-dei-cognomi-italiani (letzter Zugriff 25.08.2022). Cuonz, Neisa/ Hänecke-Meier, Karl (1983): Ardezer Geschlechter. Jahrbuch Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung 50, 85-138. DRG = Dicziunari Rumantsch Grischun (1939 ff.): Bd. 1 ff. Chur: Bischofberger, dann Winterthur: Stamparia, dann Chur: Societad Retorumantscha. e-HLS = Liver, Ricarda (2012): Rätoromanisch. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 024594/ 2012-06-19/ (letzter Zugriff 25.08.2022). FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (1989): Familiennamenbuch der Schweiz. 3 Bde. Bearbeitet von der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Familiennamen. 3., verbesserte und korrigierte Auf lage. Zürich: Schulthess. Holenstein, André/ Kury, Patrick/ Schulz, Kristina (2018): Schweizer Migrationsgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Baden: Hier und Jetzt. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Vital, Ludwig J. (1915): Noms da famiglias Grischunas. Stats müdats. Annalas da la Societad Retorumantscha 29, 209-212. Linda Steiner 4 Vgl. die Artikel I-3.4 «Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche», II-2.20 «Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche», I-3.3 «Integration französischer Familiennamen ins Deutsche» und I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». 314 3 Graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="315"?> Kurzbiographien der Autor: innen Luise Kempf ( * 1980 in Lahr/ Schwarzwald) studierte Germanistik und Vergleichende Sprachwissenschaft in Mainz und Helsinki. In Mainz wirkte sie am «Deutschen Familiennamenatlas» (DFA) mit und promovierte mit einer Studie zur Wortbildung. Seit 2020 ist sie Professorin für germanistische Linguistik an der Universität Bern, wo sie 2023 habilitierte. 2022-2026 leitete sie das Projekt «Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Linda Steiner ( * 1978 in Lugano/ Tessin) studierte Vergleichende romanische Sprachwissenschaft in Zürich, wo sie 2013 mit einer Dissertation zur lexikalischen Semantik promovierte. 2014-2022 war sie am Deutschen Seminar der Universität Zürich als wissenschaftliche Mitarbeiterin für die beiden Projekte «St. Galler Namenbuch: Die Siedlungsnamen des Kantons St. Gallen» und «Die Flurnamen des Kantons St. Gallen» (TopSG) sowie als Dozentin tätig. 2022-2026 wirkte sie als operative Projektleiterin und Redaktorin beim Projekt «Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Simone Berchtold ( * 1972 in Feldkirch/ Vorarlberg) studierte Germanistik und Anglistik/ Amerikanistik in Wien und promovierte in Zürich mit einer onomastischen Arbeit. Seit 2005 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin am Deutschen Seminar der Universität Zürich tätig. Mit Martin Hannes Graf zusammen erarbeitet sie seit 2010 ein etymologisches Lexikon der Familiennamen der deutschen Schweiz. Als Co-Leiterin führte sie 2019-2022 das Projekt «Die Flurnamen des Kantons St. Gallen» (TopSG). 2022-2026 arbeitete sie beim Projekt «Familiennamenatlas der Deutschschweiz» als Redaktorin. Esther Loosli ( * 1996 in Eriswil/ Bern) schloss 2022 ihr Masterstudium in Deutscher Sprachwissenschaft und Englisch mit soziolinguistischem Schwerpunkt an der Universität Bern ab. Nach einer Verlagsanstellung im Bereich Redaktion, Lektorat und Korrektorat arbeitete sie 2023-2026 als Redaktorin und Korrektorin beim Projekt «Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Martina Heer ( * 1981 in Luzern) studierte Germanistik und Vergleichende germanische Sprachwissenschaft an der Universität Zürich. Sie arbeitete als Doktorandin beim Projekt «Ortsnamenbuch des Kantons Bern» (BENB) und promovierte an der Universität Zürich zu historischen Personennamen. 2022-2026 arbeitete sie als Redaktorin beim Projekt «Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Jeffrey Pheiff ( * 1989 in Scranton/ Pennsylvania) studierte Germanistik in Millersville und Marburg. In Marburg arbeitete er im Akademieprojekt «Regionalsprache.de» (REDE) und promovierte mit einer Arbeit zur Grammatikalisierung des Definitartikels im Niederdeutschen. Er ist seit 2020 als Postdoc in Bern tätig. 2022-2024 wirkte er als Redaktor beim Projekt «Familiennamenatlas der Deutschschweiz» mit. Elia Ackermann ( * 1995 in Mels/ St. Gallen) studierte Indogermanistik, Vergleichende germanische Sprachwissenschaft und Lateinische Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. 2023 promovierte er im Rahmen des Projekts «Die Flurnamen des Kantons St. Gallen» (TopSG) mit der Dissertation «Eindeutschung alträtoromanischer Substrattoponyme». Er arbeitet als Technischer Redakteur und publiziert zu historischer Linguistik, Sprachkontakt und Onomastik. Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="316"?> Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="317"?> Luise Kempf (Hrsg.) Familiennamenatlas der Deutschschweiz (FDS) Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete Band II: Morphologie und Syntax Bearbeitet von Luise Kempf, Simone Berchtold, Linda Steiner, Esther Loosli, Martina Heer, Jeffrey Pheiff und Elia Ackermann Unter Mitwirkung von Lara Schaub und Selma Vonlanthen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="318"?> Umschlagabbildung: Kartenausschnitt Emmental (Quelle: Bundesamt für Landestopografie swisstopo) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. Prof. Dr. Luise Kempf Universität Bern Institut für Germanistik Länggassstrasse 49 CH-3012 Bern luise.kempf@unibe.ch https: / / orcid.org/ 0000-0001-9594-2997 Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (Projekt 204495). Die im Rahmen dieses Bandes veröffentlichten Karten sind als Datenpublikation im BORIS-Portal zugänglich: https: / / doi.org/ 10.48620/ 96072. Detaillierte Metadaten sowie Informationen zu Lizenzierung und Nachnutzung sind dort hinterlegt. Der Quellcode für das Kartierungsprogramm des FDS soll auf GitHub unter folgender URL bereitgestellt werden: https: / / github.com/ tivano-software/ fds-cartography. DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381150724 © 2026 · Luise Kempf Das Werk ist eine Open-Access-Publikation. Es wird unter der Creative-Commons-Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen | CC BY-SA 4.0 (https: / / creativecommons.org/ licenses/ by-sa/ 4.0/ ) veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, solange Sie die/ den ursprünglichen Autor: innen und die Quelle ordentlich nennen, einen Link zur Creative-Commons- Lizenz anfügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Werk enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative-Commons-Lizenz, sofern sich aus der am Material vermerkten Legende nichts anderes ergibt. In diesen Fällen ist für die oben genannten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. 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Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="319"?> Inhalt A Kurzeinleitung zu Band II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321 B Morphologie und Syntax . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331 1 Flexion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333 1.1 Schwache und starke Genitivsuffixe . . . . . . . . . . . . . . . . . 333 1.2 Flektierte Adjektivformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341 2 Wortbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 349 2.1 Familiennamen mit l-Diminutiven . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 349 2.2 Familiennamen auf -i/ -y . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362 2.3 Familiennamen auf -(t)z und -(t)sch . . . . . . . . . . . . . . . . . . 372 2.4 Familiennamen auf -ig / -ing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381 2.5 Familiennamen auf -ling . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 388 2.6 Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich . . . . . 395 2.7 Familiennamen auf -mann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 404 2.8 Suffixkombinationen mit -li, -le, -z, -tsch und -mann . 413 2.9 Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 417 2.10 Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 426 2.11 Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen . . . . . . . . . . . . . . 437 2.12 Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 450 2.13 Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 460 2.14 Germanisches Grundwort mit Suffix -o . . . . . . . . . . . . . . 471 2.15 Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis . . . . . . . . 480 2.16 Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen . . . . . 490 2.17 Komposita: Gesamtdarstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 501 2.18 Komposita: Formvarianten im Kontrast . . . . . . . . . . . . . . 519 2.19 Familiennamen mit Präfix Ca- . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 531 2.20 Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 537 2.21 Latinisierungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 542 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel . . . . . . 551 3.1 Artikelproklise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 551 3.2 Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 557 3.3 Familiennamen mit der Präposition zu . . . . . . . . . . . . . . . 564 3.4 Familiennamen mit der Präposition in . . . . . . . . . . . . . . . 569 3.5 Familiennamen mit der Präposition von . . . . . . . . . . . . . . 574 3.6 Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 583 3.7 Familiennamen mit der Präposition de . . . . . . . . . . . . . . . 589 4 Verbindungen mit verbalen, nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 597 4.1 Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 597 4.2 Zusammenrückungen mit nominalen und adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen . . . . . . . . . . . . . . . . 608 4.3 Mehrgliedrige Familiennamen mit den Zusätzen dit, soit, alias . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 612 Kurzbiographien der Autor: innen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 622 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="320"?> Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="321"?> A Kurzeinleitung zu Band II 1 Aufbau der Kurzeinleitung Diese Benutzungshinweise geben die wichtigsten Informationen zum Aufbau des Atlas bzw. der Artikel (Abschnitt 2), zur Datengrundlage (Abschnitt 3) und Kartierung (Abschnitt 4) sowie zu den Schreibkonventionen (Abschnitt 5) und Abkürzungen (Abschnitt 6) wieder und dienen als Lesehilfe für die Artikel des vorliegenden Bandes. Eine ausführlichere Behandlung der genannten Aspekte bietet die I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz» im ersten Band, die darüber hinaus die Entstehung und Grundkonzeption des FDS beschreibt, einen historischen Abriss der Familiennamenentstehung enthält und zentrale Begriffe klärt. 2 Atlas: Aufbau, Artikel und Autorschaft Aufbau des Atlas: Der vorliegende zweite Band widmet sich den Bereichen Morphologie und Syntax und umfasst zusammen mit dem ersten Band zur Graphie und Phonologie eine Vielfalt an grammatischen Themen, die für die (Deutsch-)Schweizer Familiennamenlandschaft von Bedeutung sind. Lexikalisch-benennungsmotivische Fragestellungen rücken im dritten Band in den Fokus. Die hier enthaltenen Artikel sind in vier thematische Blöcke gruppiert: Das Kapitel II-1 «Flexion» konstituieren die beiden Artikel II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe» und II-1.2 «Flektierte Adjektivformen». Zum zweiten Themenbereich zählen alle Artikel, die sich mit der II-2 «Wortbildung» von Deutschschweizer resp. in ausgewählten Fällen von romanischsprachigen FamN auseinandersetzen. Mit Fragen der (Morpho-)Syntax beschäftigen sich die beiden Kapitel II-3 «Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel» und II-4 «Verbindungen mit verbalen, nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen». Zur Konstitution, Selektion und Reihenfolge der Themen vgl. die Abschnitte 3.1, 3.2 und 3.3 in der I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Im dritten Band findet sich ein Familiennamenregister mit allen FamN, die in den Grammatik-Bänden und/ oder im Lexik-Band entweder kartiert oder im Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz» (s. u.) genannt werden. Danach folgen ein Register der Fachausdrücke und ein historisches Sachregister, in denen die Schlagwörter (s. u.) aller FDS-Artikel alphabetisch gelistet sind. Das Registerkapitel wird vervollständigt mit einem Abbildungs- und einem Kartenverzeichnis aller drei Bände. Aufbau der Artikel: Um die Kohärenz innerhalb des Atlas zu stärken und Vergleichbarkeit zu gewährleisten, weisen die Artikel der beiden Grammatik-Bände einen einheitlichen Aufbau auf. Der Kontextualisierung und Beschreibung des jeweiligen Themas dienen die ersten beiden Abschnitte «Schlagwörter» sowie «Gegenstand und Fragestellung», bevor mit den Abschnitten «Erste Karte» (ggf. «Zweite Karte» usw.) und «Ergebnisse» die Kartenbilder in den Mittelpunkt rücken. Erweitert werden die Artikel mit «Ergänzungen und Vergleichsfällen» sowie fakultativ mit einem «Ausblick», danach folgen die «Datenquellen» und die verwendete «Literatur». Wie die einzelnen Textblöcke bzw. Kartenkomplexe konkret realisiert wurden und welche Schwerpunkte die Artikel setzen, wurde jeweils durch die bearbeitenden Autor: innen festgelegt. Für Ausführungen zur Autorschaft und zu den Redaktionsschritten vgl. Abschnitt 3.5 in der I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 3 Datengrundlage Unserem Atlas liegt eine f lächendeckende (landesweite) digitale Datenbasis zugrunde, die zudem über eine diachrone Tiefe verfügt. So enthält die Datenbank des projekteigenen Kartierungsprogramms (s. u.) sowohl eine historische Aufstellung von Schweizer FamN, die dem «Familiennamenbuch der Schweiz» (kurz «FNB») entnommen und in drei Zeitschichten unterteilt ist (vgl. FNB 1989), als auch rezente Familiennamendaten des Bundesamts für Statistik (kurz «BFS») aus dem Jahr 2020. Dank eines Kooperationsabkommens steht dem FDS-Redaktionsteam zudem die etymologische Datenbank, die dem Projekt «Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon» (Berchtold/ Graf i. V., vorgestellt in Graf 2019) zugrunde liegt, zur Verfügung. Sie enthält philologische Informationen zu den «alteingesessenen» 1 deutsch- und rätoromanischsprachigen FamN und wird laufend überarbeitet/ erweitert. Historische Datenschichten: Wie in Abschnitt 4.1 der I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz» ausführlicher dargelegt und begründet wird, basieren die Kartenbilder des FDS i. d. R. auf historischen Familiennamendaten. Diese entstammen der dritten, jüngsten Auf lage des FNB (1989) und sind im Internet frei zugänglich (vgl. e-FNB 1989). In Übereinstimmung mit dem FNB (1989) unterteilen wir die historischen Schweizer FamN in die drei Zeitschichten a. vor 1800, b. 1800-1900 und c. 1901-1962, die in den Artikeln auch als «vor 1800», «19. Jh.» und «20. Jh.» bezeichnet werden. Zusätzlich arbeitet der FDS mit der Sonderschicht «Herkunft»: Sie beruht ebenfalls auf FNB-Daten und umfasst, sofern vorhanden, die Angaben zum «Herkunftsort» der Zeitschichten a und b, jedoch nur dann, wenn dieselbe Kombination aus FamN und Ort nicht schon in der a-Schicht vorhanden ist. Zusammen mit den Daten der a-Schicht soll die Schicht «Herkunft» somit ermöglichen, die früheste Distribution der Namen zu erfassen. Der Einschluss der «Herkunftsorte» zu b-Schicht-Namen bezweckt, dass auch solche b-Schicht-Namen erfasst werden, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls zu den alten autochthonen Deutschschweizer FamN zählen, aber aufgrund fehlenden Bürgerrechts nicht in der a-Schicht aufgeführt sind. Eine Übersicht über diese vier historischen Daten- 1 Gemeint sind damit die FamN der ältesten Datenschicht «vor 1800» des FNB (1989). Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="322"?> schichten bietet Tabelle 157; für eine detailliertere Beschreibung inklusive Datenkritik sei auf die I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz» verwiesen. Rezente Datenschichten: Ergänzend zu den vier historischen Datenschichten enthält die Datenbank des projekteigenen Kartierungsprogramms sämtliche FamN der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz (Stand 31.12.2020). Die Daten wurden im Rahmen der offiziellen Bevölkerungsstatistik (STATPOP 2020) erhoben und uns vom BFS unter hohen Sicherheitsauf lagen zur Verfügung gestellt. In einem Vertrag über die Nutzung der Daten wurde zur Gewährleistung des Datenschutzes festgelegt, dass keine Ergebnisse veröffentlicht werden, die auf weniger als fünf Beobachtungen beruhen. Die rezenten Familiennamendaten sind in drei Datenschichten unterteilt: Die Schichten «2020» und «2020 Heimatorte» umfassen ausschliesslich die FamN von Schweizer Staatsbürger: innen, wobei erstere den Wohnort und zweitere den Heimatort der Namenträger: innen für die Lokalisierung im Raum heranzieht. 2 Die dritte Schicht «2020 nicht- CH» besteht aus den FamN aller dauerhaft in der Schweiz lebenden Personen ohne Schweizer Staatsbürgerschaft und verwendet deren Wohnort als relevante Ortsinformation. Eine Übersicht über diese drei rezenten Datenschichten bietet Tabelle 158; für eine detailliertere Beschreibung inklusive Datenkritik sei auf die I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz» verwiesen. Datenschicht Eigenschaften Tokens = Datensatz Types = Anzahl verschiedener Namen FNB-a-Schicht = «vor 1800» Verzeichnet Bürgerrechte eines Namens an einem Ort, die schon vor 1800 existierten (ohne Einzelpersonen, ohne Anzahl Namenträger: innen, ohne vor 1962 abgegangene Namen) 48'152 15'417 Davon deutschsprachig: ca. 7'876 «Herkunft» (Quelle: FNB 1989, eigene Einschränkungen) Ergänzungsdatenschicht: Hier fassen wir die Angaben zu «Herkunftsorten» zusammen, die für a- und b-Schicht-Namen vorliegen, sofern die Kombination aus Ort und Name nicht schon in der a-Schicht vorkommt. 12'867 Davon Herkunft CH: 3'145 8'279 Davon Herkunft CH: 2'163 Davon neu gegenüber a-Schicht: 655 FNB-b-Schicht = «19. Jh.» Wie a-Schicht, doch nur zwischen 1800 und 1900 neu verzeichnete Bürgerrechte 29'229 12'544 Davon neu gegenüber a-Schicht, Herkunft CH oder unbekannt: 2'216 Davon deutschsprachig und ‘helvetisch’: 362 FNB-c-Schicht = «20. Jh.» Wie a-Schicht, doch nur zwischen 1901 und 1962 neu verzeichnete Bürgerrechte 134'775 35'605 Davon neu gegenüber a- und b-Schicht: 4'346 Tabelle 157: Übersicht der vier historischen Datenschichten mit Merkmalen und Umfang Datenschicht Eigenschaften Tokens = Datensatz Types = Anzahl verschiedener Namen BFS-CH 2020 = «2020» Vom BFS für unser Projekt bereitgestellte Daten der Bevölkerungsstatistik 2020 (STATPOP 2020) 1 Datensatz entspricht 1 Einwohner: in mit Schweizer Staatsbürgerschaft + zugehörigem Wohnort 6'458'467 466'035 BFS-Heimatorte 2020 = «2020 Heimatorte» Wie «2020», aber 1 Datensatz entspricht 1 Einwohner: in mit Schweizer Staatsbürgerschaft + zugehörigem Heimatort 6'458'467 466'035 BFS-nicht-CH 2020 = «2020 nicht-CH» Wie «2020», aber 1 Datensatz entspricht 1 Einwohner: in ohne Schweizer Staatsbürgerschaft + zugehörigem Wohnort 2'104'698 591'419 Tabelle 158: Übersicht der drei rezenten Datenschichten mit Merkmalen und Umfang 2 Der Begriff Heimatort meint im Schweizer Kontext die «Gemeinde, in der ein Schweizer bzw. eine Schweizerin das Bürgerrecht besitzt» (Ammon/ Bickel/ Lenz 2016: 325). Es handelt sich hier also um die gleiche Art von Ortsinformation, wie sie auch in den historischen Datenschichten vorliegt. Der Heimatort entspricht heute allerdings nicht mehr zwingend dem Geburtsort und/ oder dem Wohnort, sondern lässt sich eher als die Gemeinde der Vorfahren beschreiben, und wird genauso vererbt wie der FamN (früher durch den Vater, heute wahlweise durch einen Elternteil). 322 A Kurzeinleitung zu Band II Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="323"?> Etymologische Datenbank: Die dem Lexikon Berchtold/ Graf (i. V.) zugrunde liegende etymologische Datenbank schliesst alle 15'417 FamN der FNB-a-Schicht ein und ordnet sie einer bzw. bei hybriden FamN mehreren Sprachen zu. Alle als deutschund/ oder rätoromanischsprachig kategorisierten Namen sind etymologisiert und sofern möglich einem Benennungsmotiv zugewiesen resp. als motivisch oder etymologisch ambig gekennzeichnet. Die Kategorisierungen wie auch die etymologischen Beschreibungen unterliegen laufender Überarbeitung, was in den Artikeln durch die Angabe des Abfragedatums i. d. R. Berücksichtigung findet. Die Abfrage der etymologischen Datenbank erfolgt entweder mittels regulärer Ausdrücke oder auf der Grundlage eines Suchtools, mit dem sich Namenpaare finden lassen, die sich nur in einem definierten Graphem oder einer definierten Graphemfolge unterscheiden. In den Artikeln wird das Vorgehen bei der Sampleerstellung jeweils knapp beschrieben und für ausgewählte Namen des Samples werden etymologische Kurzangaben aufgeführt. Diese Kurzangaben werden beispielhaft bei besonders unbekannten, repräsentativen oder häufigen FamN gemacht. Aus Platzgründen können i. d. R. - besonders bei sehr grossen Samples - nicht alle FamN etymologisiert werden. Für vollständige Etymologien verweisen wir generell auf Berchtold/ Graf (i. V.) sowie zusätzlich auf familiennamen.ch (o. J.) und regionale Namenbücher der Schweiz, die in Abschnitt 2.1 der I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz» genannt werden. Für die Deutung der Schweizer Toponyme wird i. d. R. auf das Online- Portal ortsnamen.ch (o. J.) zurückgegriffen. 4 Kartierung Grundkarte des Atlas: Für die Artikel werden die ausgewählten FamN bzw. Namensamples als Kreise und/ oder Flächen in der Grundkarte des FDS (vgl. Karte 149) abgebildet. Sie basiert auf geographischen Einheiten der Gegenwart und zeigt die Schweiz in ihren heutigen Landesgrenzen mit den wichtigsten Seen und Flüssen. Ebenso erscheinen defaultmässig ein topographisches Relief und die zehn grössten Städte als Orientierungshilfen. Das Relief kann mittels Regler von 0 (unsichtbar) bis 100 (sehr plastisch) entweder ausgeblendet oder hervorgehoben werden; die Städte figurieren als Quadrate - was sich um weitere Städte verfeinern, aber aus Übersichtsgründen nicht um Schriftzüge ergänzen lässt. Stattdessen nutzt die Kartierung Kantonsgrenzen und Kantonskürzel, die sich wahlweise ausblenden lassen. Defaultmässig erscheinen die FDS-Karten im Format 3: 2 und bilden die gesamte Schweiz ab, vereinzelt kommen in den Artikeln jedoch auch Ausschnittskarten einzelner Regionen und die Formate 4: 3 resp. 16: 9 vor. Karte 149: Grundkarte des FDS (Datenquellen: swisstopo 2022a, 2022b) 4 Kartierung 323 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="324"?> Das Kartenmaterial inklusive aller Geodaten stammt aus zwei Online-Angeboten des Bundesamts für Landestopografie (vgl. swisstopo 2022a; swisstopo 2022b). 3 Sprachen- und Grossräume der Schweiz: Die Grundkarte des FDS (vgl. Karte 149) enthält aus Gründen der Übersichtlichkeit keine Einteilung in die vier Sprachenräume der Schweiz. Daher zeigen wir an dieser Stelle eine Karte aus dem Web-Angebot des BFS (2019), und zwar diejenige für das früheste verfügbare Jahr: 1860 (vgl. Karte 150). 4 Dargestellt ist pro Gemeinde die dominante der vier Landessprachen (blau für Französisch, rot für Deutsch, orange für Rätoromanisch und grün für Italienisch). Eine blassere Schattierung bedeutet, dass der Anteil der dominanten Sprache bei unter 80 % oder gar unter 60 % liegt. Mit der defaultmässigen Angabe der Kantonskürzel und der Kantonsgrenzen werden die FDS-Karten der Tatsache gerecht, dass die Kantone im Schweizer Alltag als sozial und dialektal hochrelevante Gliederungseinheiten fungieren. Bei der Beschreibung der Kartenbilder wird darüber hinaus auch auf grössere Räume der Schweiz Bezug genommen (vgl. dazu Abschnitt 5.2 in der I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz»). An dieser Stelle sei die entlang der Gebirge verlaufende geographische Dreiteilung in Jura - Mittelland - Alpen (vgl. e-HLS 2009: s. v. Mittelland (Region); e-HLS 2013: s. v. Alpen; e-HLS 2019: s. v. Jura (Region)) explizit genannt. 5 In Karte 151 sind diese drei Räume in Grün, Hellbraun und Beige dargestellt. Die Aufteilung ist deshalb so wichtig, weil das Mittelland sehr viel stärker besiedelt ist als die Gebirgsräume. Kartierungsprogramm: Für die Abfrage und Kartierung der historischen und rezenten Familiennamendaten kommt eine javabasierte Web-Applikation zum Einsatz. Diese wurde von Tivano Software GmbH - unter hauptsächlicher Mitwirkung von Richard Kunze (Backend und Systemarchitektur) und Joshua Brutscher (Frontend) - in Kooperation mit der Herausgeberin (konzeptionelle Mitwirkung, Koordination der Nutzererfahrungen) entwickelt (Kunze/ Brutscher/ Karte 150: Sprachregionen der Schweiz 1860 (Quelle: BFS 2019) 3 Die Daten wurden unsererseits leicht nachbearbeitet (vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz»). 4 Bilddatei mit freundlicher Genehmigung des BFS erhalten am 24.09.2024. 5 Zum Begriff Voralpen, der die klassische Dreiteilung teilweise ergänzt, vgl. e-HLS (2015: s. v. Voralpen). 324 A Kurzeinleitung zu Band II Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="325"?> Karte 151: Dreiteilung der Schweiz in Jura - Mittelland - Alpen (Quelle: Péron 2008, CC BY-SA 3.0) Ablauf Kartierungsverfahren Eigenschaften und Optionen Erstellen der Namenfilter Die Namenfilter werden auf der Grundlage mehrerer Abfragefelder erstellt, die entweder die Verwendung regulärer Ausdrücke erfordern und/ oder unterschiedliche Auswahlmöglichkeiten (z. B. Datenschicht, Sprache, Benennungsmotiv, geographische Einheit) vorgeben. Abfragen der Namenfilter Vorgängig erstellte Namenfilter werden für eine Abfrage ausgewählt. Deren Ergebnisse erscheinen als Tabelle. Die Liste enthält die ausgewählten Familiennamentypes sowie deren Ortsinformation und Tokenzahl für die gewünschte geographische Grösse (z. B. Kanton, Bezirk, Gemeinde). Kartieren der Namenfilter Jede Karte basiert auf mindestens einem Namenfilter, der die abgebildeten FamN vorgibt. Mehrere Filter werden in verschiedenen Farben dargestellt und in der Kartenlegende separat aufgelistet. Definieren der Kreise und Flächen Für jede Karte ist festzulegen, ob die ausgewählten FamN als Kreisdiagramme, Flächenschattierungen oder eine Kombination aus beidem dargestellt werden sollen. Definieren der geographischen Einheit(en) Das Kartierungsprogramm ermöglicht die Wahl zwischen verschiedenen Feinheitsgraden. Die FamN lassen sich als Kreise bzw. Flächen nach den Bezugsgrössen - in abnehmendem Feinheitsgrad - historische Gemeinden, (rezente) Gemeinden, Bezirke, Kantone oder Land abbilden. Werden Kreise und Flächen kombiniert, kann die jeweilige geographische Einheit für beide unabhängig ausgewählt werden (z. B. Kreise nach Gemeinden, aber Flächen nach Bezirken). Definieren der Skalierung Unabhängig von der Wahl der geographischen Einheit(en) und der Darstellungsweise (Kreisund/ oder Flächenkartierung) ist sowohl eine absolute als auch eine relative Skalierung möglich. Bei ersterer bestimmt die absolute Frequenz über die Grösse der Kreise oder den Deckungsgrad der Flächen, bei letzterer der Anteil des Namens oder des Namenphänomens an allen Tokens am Ort. Der Mindest- und Maximalwert der Kreise bzw. Flächen lässt sich auf einer Skala von 1 bis 100 frei definieren. Bei Kreisen sind die Grössen 0 und 100 aus optischen Gründen willkürlich festgelegt; bei Flächen entspricht 0 vollkommener Transparenz, 100 einer vollkommen deckenden Färbung. Die Applikation weist nun dem minimalen Vorkommen der Abfrage (z. B. 1 Token) den minimalen Wert zu (z. B. Kreisgrösse 12), dem maximalen Vorkommen 4 Kartierung 325 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="326"?> Kempf 2024). Tabelle 159 fasst die wichtigsten Punkte bei der Kreisbzw. Flächenkartierung von FamN zusammen. Die Wahl einer bestimmten Darstellungsweise dient immer dazu, die Vorkommen von FamN möglichst klar und adäquat zu visualisieren. Dennoch ergibt sich nicht immer ein zusammenhängendes, schlüssiges und/ oder mit der Erwartung bezüglich der Dialekträume übereinstimmendes Raumbild. Wir kartieren generell räumliche Distributionen, die sich zu den gewählten Themen ergeben, auch wenn die Distributionen diffus sein sollten und keine weiteren Schlüsse zulassen. 5 Schreibkonventionen Sprachliche, orthographische und typographische Konventionen: Die Artikel im Atlas sind überwiegend (je nach Autor: in) in Schweizer Standarddeutsch verfasst und weichen daher in der Grammatik, in der Lexik und in der Graphie z. T. von anderen deutschen Standardvarietäten ab (vgl. Ammon/ Bickel/ Lenz 2016: LXXIII-LXXVII; VG 2018; Christen/ Schmidlin 2024: 37-40). Auch das typographische Erscheinungsbild des FDS folgt Deutschschweizer Konventionen - unabhängig davon, ob die Artikel FamN der Deutschschweiz oder der romanischen Sprachgebiete behandeln. Über diese grundsätzlichen Regelungen hinaus hatten die Autor: innen weitgehende Freiheiten in der Ausformulierung ihrer Artikel. Zitierstil: Jede Quelle, auf die ein Artikel Bezug nimmt, wird im Fliesstext in der Form einer Kurzangabe genannt. Ausführlichere bibliographische Angaben inklusive des letzten Zugriffsdatums bei Online-Quellen folgen jeweils am Ende eines Artikels. Der ausgewählte Zitierstil für die Quellennachweise richtet sich nach den Konventionen in der germanistischen Sprachwissenschaft und wurde eigens für den FDS erstellt. Die beiden Datenquellen des FDS und die Kartierungsgrundlagen (s. o.) erscheinen nicht im Literaturverzeichnis, sondern werden separat aufgeführt und zudem pro Artikel im Fliesstext nur einmal ausgewiesen. Symbole: Die nachfolgende Auf listung gibt Auskunft über verwendete Symbole und deren Bedeutung im Kontext des FDS. X < Y X geht lautgesetzlich zurück auf Y (z. B. nhd. Geiss < mhd. geiz) X ← Y X geht anderweitig (nicht-lautgesetzlich) zurück auf Y (z. B. Glausen ← des Klausen Sohn) X > Y X entwickelt sich lautgesetzlich zu Y (z. B. mhd. bruoder > nhd. Bruder) X → Y X entwickelt sich anderweitig (nicht-lautgesetzlich) zu Y (z. B. Komparation ahd. obar → ahd. obarōsto, Diminution Stock → Stöckli) X + Y X und Y (z. B. FamN Aenishänslin ← Subst. Änis ‘Anis’ + Ruf N Hans) * Rekonstruierte, nicht-bezeugte oder ungrammatische Form (z. B. germ. *timbra- ‘Bauholz’, FamN *Grof neben Graf , *Lehfrau neben Lehmann) Platzhalter für eine undefinierte Anzahl an Zeichen bei Abfragen von Datenbanken (z. B. Hof * für alle Toponyme, die mit Hof beginnen) ◌̄ Historische oder dialektale Länge eines Vokals (z. B. ahd. mulīn ‘Mühle’, mhd. nāter ‘Schneider’, lat. sūtor ‘(Flick-)Schuster’, schwzdt. tūss ‘still, kleinlaut’) ◌́ Wortakzent (z. B. erstbetontes ahd. Há(g)inric) . Silbengrenze (z. B. FamN Spit.te.ler) | Morphemgrenze (z. B. mhd. sattel |er) […] Phonetische Transkription (z. B. [ɛ]) Exemplarisches Namenglied (z. B. FamN von der [Heide], FamN [Weiden]meier) Auslassung oder Ergänzung bei direkten Zitaten Übersetzung von direkten Zitaten / …/ Phonologische Transkription (z. B. / χ/ ) <…> Schreibung (z. B. <ae>) ‘…’ Bedeutung (z. B. mhd. wīz ‘glänzend, weiss’) Uneigentlicher, bspw. ironischer, Wortgebrauch (z. B. ‘richtige’ Schreibweise) «…» Formales Schema von FamN (z. B. «Namenelement + Präposition von + Namenelement») Direktes Zitat Quellentitel im Fliesstext Verweis auf einen Artikelabschnitt (z. B. «wie im Abschnitt «Hintergrund» erläutert…») ‹…› Ersatz doppelter Anführungszeichen in direkten Zitaten / Graphische, lautliche oder morphologische Varianten von Namen (z. B. FamN Schneider/ Schnyder) Ablauf Kartierungsverfahren Eigenschaften und Optionen entsprechend den grössten (z. B. 11 Tokens, Kreisgrösse 50). Dazwischen werden die Kreise bzw. Flächen linear skaliert - die Kreise nach ihrem Durchmesser, die Flächen nach Transparenzgrad. Auswählen der Farbe(n) Die Autor: innen ordnen jedem der Namenfilter, die für eine Karte verwendet werden, eine Farbe aus einer Farbpalette frei zu oder verwenden die defaultmässig zugeteilten Farben. Kombiniert die Karte Kreisdiagramme und Flächenschattierungen, können die Farben unabhängig voneinander gewählt werden, i. d. R. stimmen sie jedoch überein. Definieren der weiteren Variablen Die Benutzeroberf läche des Kartierungsprogramms bietet darüber hinaus folgende Möglichkeiten: Format 3: 2, 4: 3 oder 16: 9 auswählen, Transparenzgrad des topographischen Reliefs bestimmen, Anzahl der Städtequadrate erhöhen oder verringern, Kantonsgrenzen und/ oder Kantonskürzel einbzw. ausblenden, Legendenhintergrund einbzw. ausblenden. Tabelle 159: Übersicht des Kartierungsverfahrens 326 A Kurzeinleitung zu Band II Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="327"?> (…) Kurzschreibung für graphische, lautliche oder morphologische Varianten von Namen (z. B. FamN Beck(er), FamN Glo(o)r) Allenfalls getilgte oder eingeschobene/ angetretene Vokale und Konsonanten (z. B. schwzdt. gester(t) ‘gestern’, mhd. has(e) ‘Hase’, schwzdt. usse(r)t ‘ausserhalb, ausser’) Die Schreibung historischer bzw. dialektaler Belege wurde im FDS grundsätzlich nicht vereinheitlicht, sondern jeweils aus den Originalquellen übernommen. Für eine überblicksartige Darstellung der IPA-Zeichen und der Teuthonista-Lautschrift, die in den Artikeln gelegentlich zur Anwendung kommen, sei auf Niebaum/ Macha (2014: 20-23) und Kleber (2023: 36-40) verwiesen. Für das Transkriptionssystem des SDS (1962-1997), das eine Weiterentwicklung der Lautschrift nach Böhmer-Ascoli darstellt und für gewisse Lexeme in den FDS-Artikeln übernommen wurde, vgl. die Unterseite «Transkriptionssystem» auf dem Online-Portal sprachatlas.ch (o. J.). 6 Abkürzungen 6.1 Fachbegriffe AdelsN Adelsname(n) Adj. Adjektiv AusgangsN Ausgangsname(n) BeiN Beiname(n) BergN Bergname(n) BerufsN Berufsname(n) BerufsüberN Berufsübername(n) BesitzerN Besitzername(n) BurgN Burgname(n) DoppelN Doppelname(n) EchoN Echoname(n) EigenN Eigenname(n) EinwohnerN Einwohnername(n) EinzelN Einzelname(n) FamilienbeiN Familienbeiname(n) FamN Familienname(n) fem. feminin FlurN Flurname(n) FlussN Flussname(n) FremdN Fremdname(n) GasthausN Gasthausname(n) GebietsN Gebietsname(n) GebirgsN Gebirgsname(n) GeburtsN Geburtsname(n) GeländeN Geländename(n) GewässerN Gewässername(n) HäuserN Häusername(n) HausN Hausname(n) HeiligenN Heiligenname(n) HerkunftsN Herkunftsname(n) Hof N Hofname(n) HumanistenN Humanistenname(n) InsassenN Insassenname(n) InterferenzN Interferenzname(n) KoseN Kosename(n) KurzN Kurzname(n) LänderN Ländername(n) LandschaftsN Landschaftsname(n) mask. maskulin MigrantenN Migrantenname(n) neutr. neutral ÖrtlichkeitsN Örtlichkeitsname(n) OrtsneckN Ortsneckname(n) PatrizierN Patriziername(n) PersonenN Personenname(n) Plur. Plural PräpositionsN Präpositionsname(n) PrunkN Prunkname(n) Ruf N Rufname(n) SatzN Satzname(n) SiedlungsN Siedlungsname(n) Sing. Singular SpitzN Spitzname(n) StädteN Städtename(n) StadtN Stadtname(n) StammesN Stammesname(n) StandesN Standesname(n) StrassenN Strassenname(n) Subst. Substantiv Tauf N Taufname(n) ÜberN Übername(n) VölkerN Völkername(n) VolksN Volksname(n) WohnstättenN Wohnstättenname(n) ZuN Zuname(n) ZweitN Zweitname(n) 6.2 Dialekte, Sprachen und Sprachstufen aengl. altenglisch afries. altfriesisch ahd. althochdeutsch alem. alemannisch altalem. altalemannisch altdt. altdeutsch altfränk. altfränkisch altfrz. altfranzösisch altital. altitalienisch altoberdt. altoberdeutsch alträtorom. alträtoromanisch anord. altnordisch asächs. altsächsisch bair. bairisch berndt. berndeutsch bündnerdt. bündnerdeutsch dt. deutsch engad. engadinisch 6 Abkürzungen 327 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="328"?> engl. englisch fnhd. frühneuhochdeutsch fränk. fränkisch frankoprov. frankoprovenzalisch frz. französisch gall. gallisch germ. germanisch got. gotisch griech. griechisch hebr. hebräisch hochalem. hochalemannisch höchstalem. höchstalemannisch indogerm. indogermanisch ital. italienisch lat. lateinisch lombard. lombardisch mhd. mittelhochdeutsch mitteldt. mitteldeutsch mittelfrz. mittelfranzösisch mittellat. mittellateinisch mittelniederdt. mittelniederdeutsch niederdt. niederdeutsch niederl. niederländisch nhd. neuhochdeutsch oberdt. oberdeutsch oberital. oberitalienisch rätorom. rätoromanisch rom. romanisch schwäb. schwäbisch schwzdt. schweizerdeutsch spätgriech. spätgriechisch spätlat. spätlateinisch spätmhd. spätmittelhochdeutsch standarddt. standarddeutsch vorahd. voralthochdeutsch vordt. vordeutsch vorröm. vorrömisch vulgärlat. vulgärlateinisch walliserdt. walliserdeutsch westgerm. westgermanisch 6.3 Institutionen und zitierte Werke AFNeT Atlas der Familiennamen im niederländischen Sprachgebiet APNB Appenzeller Namenbuch ASTAT Landesinstitut für Statistik der Autonomen Provinz Bozen - Südtirol AWb Althochdeutsches Wörterbuch (online) BABS Bundesamt für Bevölkerungsschutz BENB Ortsnamenbuch des Kantons Bern BFS Bundesamt für Statistik BNF NF Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge BSNB Namenbuch Basel-Stadt DFA Deutscher Familiennamenatlas DFD Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands DRG Dicziunari Rumantsch Grischun DWb Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (online) DWDS Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache DWN Digitales Wörterbuch Niederdeutsch e-FNB Familiennamenbuch der Schweiz (online) e-FWB Frühneuhochdeutsches Wörterbuch (online) e-HLS Historisches Lexikon der Schweiz (online) EtymWB Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (online) EWA Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen (online) e-WSK Wörterbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (online) FamOs Familiennamen Österreichs (online) FEW Französisches Etymologisches Wörterbuch FLNB Liechtensteiner Namenbuch FNB Familiennamenbuch der Schweiz (gedruckt) GlMwb Glarner Mundartwörterbuch GPSR Glossaire des patois de la Suisse romande HBLS Historisch-biographisches Lexikon der Schweiz HSS Historischer Südwestdeutscher Sprachatlas HWR Handwörterbuch des Rätoromanischen Id. Schweizerisches Idiotikon KSDS Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz LexMA Lexikon des Mittelalters (online) LFA Luxemburgischer Familiennamenatlas LSG Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen RfdR Amtliches Regelwerk der deutschen Rechtschreibung RNB Rätisches Namenbuch SDS Sprachatlas der deutschen Schweiz SONB Solothurnisches Namenbuch swisstopo Bundesamt für Landestopografie SZNB Schwyzer Namenbuch TNB Thurgauer Namenbuch VALTS Vorarlberger Sprachatlas mit Einschluß des Fürstentums Liechtenstein, Westtirols und des Allgäus VG Variantengrammatik des Standarddeutschen (online) VSI Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana VSNB Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch WeNB Werdenberger Namenbuch WSL Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft 6.4 Kantone AG Aargau AI Appenzell Innerrhoden AR Appenzell Ausserrhoden BE Bern BL Basel-Landschaft BS Basel-Stadt FR Freiburg 328 A Kurzeinleitung zu Band II Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="329"?> GE Genf GL Glarus GR Graubünden JU Jura LU Luzern NE Neuenburg NW Nidwalden OW Obwalden SG St. Gallen SH Schaffhausen SO Solothurn SZ Schwyz TG Thurgau TI Tessin UR Uri VD Waadt VS Wallis ZG Zug ZH Zürich 6.5 Sonstige Abs. Absatz Bd. Band Bde. Bände bspw. beispielsweise bzw. beziehungsweise ca. circa CH Confoederatio Helvetica d. h. das heisst et al. et alii (= und andere) evtl. eventuell ff. fortfolgend Fol. Folio ggf. gegebenenfalls Hrsg. Herausgeberschaft i. d. R. in der Regel i. V. in Vorbereitung Jh. Jahrhundert m ü. M. Meter über Meer Nr. Nummer o. ä. oder ähnliche(s) o. J. ohne Jahr PLZ Postleitzahl r recto (= Vorderseite, rechte Seite) resp. respektive s. siehe s. o. siehe oben s. u. siehe unten s. v. sub voce (= unter dem Ausdruck) sic! sīc erat scriptum (= so stand es geschrieben) Sp. Spalte St. Sankt u. und u. a. unter anderem u. ä. und ähnliche(s) usw. und so weiter v verso (= Rückseite, linke Seite) v. a. vor allem vgl. vergleiche vs. versus (= gegen(über), im Gegensatz zu) z. B. zum Beispiel z. T. zum Teil Die im Rahmen dieses Bandes veröffentlichten Karten sind als Datenpublikation im BORIS-Portal zugänglich: https: / / doi.org/ 10.48620/ 96072. Detaillierte Metadaten sowie Informationen zu Lizenzierung und Nachnutzung sind dort hinterlegt. Der Quellcode für das Kartierungsprogramm des FDS soll auf GitHub unter folgender URL bereitgestellt werden: https: / / github.com/ tivano-software/ fds-cartography. Digitale Ausgaben des Gesamtwerks und der einzelnen Bände stehen auf der eLibrary des Narr-Verlags unter den folgenden URL zur Verfügung: Gesamtwerk - https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381145126, Band I - https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381150625, Band II - https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381150724, Band III - https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381150823. 7 Referenzen 7.1 Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. 7.2 Zitierte Literatur Ammon, Ulrich/ Bickel, Hans/ Lenz, Alexandra N. (Hrsg.) (2016): Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol sowie Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen. 2., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auf lage. Berlin, Boston: De Gruyter. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2019): Historischer Atlas der Eidgenössischen Volkszählungen. Bevölkerungsanteil der dominanten Landessprache in 7 Referenzen 329 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="330"?> den Gemeinden der Schweiz im Jahr 1860. https: / / statatlas.bfs.admin.ch/ ? obs=historique&lang=de#c=indicator&i=langues.typo_lang_nat_dom_ 1860&view=map220 (letzter Zugriff 25.04.2025). Christen, Helen/ Schmidlin, Regula (2024): Deutsch. In: Glaser, Elvira/ Kabatek, Johannes/ Sonnenhauser, Barbara (Hrsg.): Sprachenräume der Schweiz. Bd. 1: Sprachen, 21-67. Tübingen: Narr Francke Attempto. e-FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (1989): Familiennamenbuch der Schweiz. Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989. Digital zur Verfügung gestellt durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ (letzter Zugriff 25.04.2025). e-HLS = Bandelier, André/ Schifferdecker, François/ Prongué, Jean-Paul (2019): Jura (Region). Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 008567/ 2019-09-19/ (letzter Zugriff 25.04.2025). e-HLS = Bergier, Jean-François et al. (2013): Alpen. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 008569/ 2013-07-17/ (letzter Zugriff 25.04.2025). e-HLS = Lüthi, Christian (2009): Mittelland (Region). Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 008566/ 2009-08-25/ (letzter Zugriff 25.04.2025). e-HLS = Raymond, Denyse (2015): Voralpen. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 008564/ 2015-04-22/ (letzter Zugriff 25.04.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 25.04.2025). FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (1989): Familiennamenbuch der Schweiz. 3 Bde. Bearbeitet von der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Familiennamen. 3., verbesserte und korrigierte Auf lage. Zürich: Schulthess. Graf, Martin H. (2019): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Vorbericht zu einem etymologischen Lexikon. Familienforschung Schweiz. Jahrbuch 46, 105-125. Kleber, Felicitas (2023): Phonetik und Phonologie. Ein Lehr- und Arbeitsbuch (Narr Studienbücher). Tübingen: Narr Francke Attempto. Kunze, Richard/ Brutscher, Joshua/ Kempf, Luise (2024): Kartierungs- und Statistiksoftware zum SNF-Projekt Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete. Javabasierte Web-Applikation. Neu-Isenburg: Tivano Software GmbH. Niebaum, Hermann/ Macha, Jürgen (2014): Einführung in die Dialektologie des Deutschen (Germanistische Arbeitshefte 37). 3., überarbeitete und erweiterte Auf lage. Berlin, Boston: De Gruyter. ortsnamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): ortsnamen.ch. Das Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung. https: / / www.ortsnamen.ch/ de/ (letzter Zugriff 25.04.2025). Péron, Ludovic (2008): Trois régions biogéographiques suisses selon le site de l’OFEV (zugeschnittene Grafik). https: / / commons.wikimedia.org/ wiki/ File: Trois_r%C3%A9gions_suisses.png (letzter Zugriff 25.04.2025). SDS = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1962-1997): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). 8 Bde. Bern bzw. Basel: Francke. sprachatlas.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): Sprachatlas der deutschen Schweiz. Digital zugängliche und aufbereitete Kartenbände und Originalmaterialien (Fragebuch und Antwortmaterial). https: / / sprachatlas.ch/ (letzter Zugriff 25.04.2025). VG = Variantengrammatik des Standarddeutschen (2018): Ein Online-Nachschlagewerk. Verfasst von einem Autorenteam unter der Leitung von Christa Dürscheid, Stephan Elspaß und Arne Ziegler. Open-Access- Publikation. https: / / mediawiki.ids-mannheim.de/ VarGra (letzter Zugriff 25.04.2025). Esther Loosli, Luise Kempf 330 A Kurzeinleitung zu Band II Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="331"?> B Morphologie und Syntax Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="332"?> Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="333"?> 1 Flexion 1.1 Schwache und starke Genitivsuffixe Schlagwörter: Adjektiv, Berufsname, Flexion, Metronym, onymischer Marker, Patronym, Übername Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dokumentiert werden FamN, die historisch-morphologisch ein schwaches (z. B. Frieden, Iten, Schlechten, Zbinden) bzw. starkes Genitivsuffix (z. B. Schmitz, Wirths) aufweisen. Hierbei interessiert einerseits die Variation zwischen FamN mit schwachem vs. starkem Genitivsuffix und andererseits die Variation zwischen FamN mit und ohne Genitivsuffix. Der Gegenstand ist insofern relevant, als es sich um ein geographisches Randphänomen handelt, das innerhalb der Schweiz einen Namenraum konstituiert. Der schwache Genitiv zeigt sich in der Deutschschweizer Familiennamenlandschaft als token- und typenfrequenter als der starke Genitiv (Berchtold Schiestl/ Heer 2020: 211). Zudem erweisen sich die FamN mit schwachem Genitivsuffix «als Charakteristikum des Südwestens» der Deutschschweiz (Berchtold 2017: 416). Hintergrund: Genitivsuffixe treten in den Deutschschweizer FamN an Grundwörter, die den Benennungsmotiven Patronyme/ Metronyme, BerufsN und ÜberN zugeordnet werden können. Die nominalen Bestandteile liegen dabei in der f lektierten Genitivform vor und lassen so eine possessive Lesart erkennen. Dies lässt sich am Beispiel von FamN aus Ruf N illustrieren: FamN Glausen ← des Klausen Sohn, FamN Heinen ← des Heinen Sohn. An dieser Stelle ist hervorzuheben, dass neben dem Ruf N des Vaters mitunter auch der Ruf N der Mutter in FamN Eingang fand (z. B. Iten ← Sohn der Ita), «sei es durch Unehelichkeit oder den frühen Tod des Vaters» (Kully 2009: 378). Saladin (1929: 115) führt die «größere Bedeutung der Mutter in geistiger oder wirtschaftlicher Beziehung» als weitere Motivation für Metronyme an. Die possessive Lesart ist bei f lektierten Formen von ÜberN (z. B. Schlechten, Wyssen) und BerufsN (z. B. Schären, Zbinden) weniger offensichtlich (vgl. Berchtold 2017: 415). FamN mit Genitivsuffix stellen insofern sprachliche Relikte dar, als sie in formaler Hinsicht ein älteres Stadium in der Entwicklung von FamN aus Ruf N konservieren (vgl. Berchtold 2017: 416). Baumgartner (1983: 91-92) etwa verdeutlicht die Entwicklung anhand von Belegen aus dem mittelalterlichen Zürich: Die Entwicklung beginnt bei Zusätzen mit filius ‘Sohn’ und f lektiertem Ruf N bzw. BeiN im 12. Jh. und in der ersten Hälfte des 13. Jh. Ein Beispiel findet sich in einer Urkunde der Abtei Zürich aus dem Jahr 1225 R. filius Engildrudis ‘R. Sohn der Engeltrud’ (Baumgartner 1983: 90; s. auch Tobler- Meyer 1894: 59). Zu einem späteren Stadium der Entwicklung zählt schliesslich der Wegfall des Zusatzes für ‘Sohn’ wie bspw. in einer Urkunde von 1221 aus Zürich Ŏlrici Dietiln ‘Ŏlrici [des] Dietels’ (Baumgartner 1983: 91-92). In einem letzten Stadium kommt der blanke Ruf N ohne Genitivsuffix vor, bspw. Ŏlrici Tietlo ‘Ŏlrici Dietel’ (vor 1227, Zürich) (Baumgartner 1983: 92). Im 13. Jh. treten solche blanken Ruf N als BeiN immer häufiger auf (Baumgartner 1983: 91-92). Berchtold Schiestl/ Heer (2020: 210) stellen die Hypothese auf, dass das schwache Genitivsuffix -en FamN als solche markiere und sich die suffixtragenden FamN dadurch von suffixlosen Ruf N unterscheiden liessen: Ita vs. Iten, Karl vs. Karlen, Jean vs. Tschannen: «Es könnte ein leicht produktives Verfahren vorliegen, das nicht zum Ziel hat, Onyme gegen Appellative abzugrenzen […], sondern Ruf N von den etymologisch nah verwandten Patronymen [und Metronymen] zu unterscheiden» (Berchtold Schiestl/ Heer 2020: 210). Dieses produktive onymische Verfahren könnte somit seinen Ausgangspunkt bei solchen FamN gehabt haben, die etymologisch auf Ruf N zurückgehen, und sich in der Folge auf die ÜberN ausgedehnt haben, bei denen das Suffix -en die FamN von den zugrunde liegenden Lexemen unterscheidet (Berchtold Schiestl/ Heer 2020: 211). Damit läge mit dem Suffix -en bei ÜberN «ein onymischer Verstärkungsprozess» vor (Berchtold Schiestl/ Heer 2020: 211). Bereits Berchtold (2017: 416) spricht von «sekundäre[n] Bildungen» in Bezug auf ÜberN wie bspw. Rothen ← mhd. rōt ‘rot’, Richen ← mhd. rīch ‘edel, reich’ und Grossen ← mhd. grōz ‘gross, erwachsen’. Wie bereits erwähnt, ist das Genitivsuffix auch bei BerufsN dokumentiert: Bei diesen Namen ist wie bei den ÜberN von einer sekundären Bildung mit patronymischer Lesart auszugehen, z. B. FamN Zbinden ← Sohn, Tochter des Binden. Fragestellung: Dieser Artikel geht der Frage nach, in welcher Häufigkeit und in welchen Gebieten FamN mit schwachem bzw. starkem Genitivsuffix auftreten. Dabei interessiert einerseits der Vergleich zwischen den beiden Genitivsuffixen, andererseits auch die Verteilung von FamN mit und ohne Genitivsuffix. Auf der ersten Karte wird das Vorkommen von FamN mit schwachem und starkem Genitivsuffix in den historischen Schichten «vor 1800» und «Herkunft» untersucht, auf der zweiten Karte deren Vorkommen in der jüngeren Schicht «2020 Heimatorte». Die dritte Karte behandelt die räumliche Distribution von Benennungsmotiven bei Namen mit schwachem Genitivsuffix. Die vierte Karte greift schliesslich in Anlehnung an Berchtold (2017: 416) ein Desideratum auf und untersucht das Vorkommen von ÜberN mit Genitivsuffix im Verhältnis zu ÜberN ohne Genitivsuffix. Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="334"?> Erste und zweite Karte {152, 153}: Familiennamen mit schwachem und starkem Genitivsuffix Namenauswahl: Ausgewählt wurden in der ersten Karte einschlägige FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 1 die etymologisch ein schwaches oder starkes Genitivsuffix enthalten. Die zweite Karte mit den rezenten Daten der Schicht «2020 Heimatorte» (Datenquelle: BFS) dient als Vergleichskarte. Die Karten gruppieren die FamN nach starker vs. schwacher Genitivendung. Zum Ausschluss uneindeutiger Fälle s. u. Abgefragte Namen Schwache Genitive: Aellen, Agten, Annen, Antenen, Anthenien, Anthonien, Barben, Beetschen, Berchten, Betschen, Bettschen, Böhlen, Brantschen, Burren, Carlen, Clausen, Däppen, Dirren, Enzen, Franzen, Frieden, Fussen, Gertschen, Gilgen, Gilgien, Ginggen, Glaisen, Glausen, Graven, Grossen, Haasen, Hachen, Hasen, Heimen, Heinen, Heinzen, Henschen, Henzen, Herren, Heynen, Illien, Item, Iten, Itten, Janggen, Jenelten, Jergen, Jerjen, Jossen, Julen, Jungen, Kallen, Kämpfen, Karlen, Kernen, Krummen, Kuhnen, Kuntschen, Kuonen, Kurzen, Lempen, Lengen, Lerjen, Luggen, Meinen, Mezenen, Näfen, Neffen, Nellen, Perren, Pfaffen, Pieren, Reichen, Richen, Roten, Rothen, Ruden, Ruppen, Rychen, Schären, Schlechten, Schwarzen, Senften, Siegen, Siggen, Sorgen, Sterren, Struchen, Thenen, Thönen, Tschanen, Tschannen, Tschirren, Volken, von Roten, Währen, Walpen, Wälten, Wehren, Weissen, Welschen, Welten, Werlen, Willen, Würsten, Wyssen, Yergen, Zbären, Zbinden, Zehren, Ziörjen, Zwahlen. 112 Types, 298 Tokens. Starke Genitive: Arnitz, Bürgis, Dubs, Heinis, Hux, Kühnis, Mangisch, Raths, Schmitz, Tenisch, Waldis, Willisch, Wirths, Wirz. 14 Types, 75 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 25-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 160: Daten zur ersten Karte {152} Karte 152: FamN mit schwachem und starkem Genitivsuffix, vor 1800 u. Herkunft 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 334 1 Flexion Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="335"?> Abgefragte Namen Schwache Genitive: Aellen, Agten, Annen, Antenen, Anthenien, Barben, Beetschen, Berchten, Betschen, Bettschen, Böhlen, Brantschen, Burren, Carlen, Clausen, Däppen, Dirren, Enzen, Franzen, Frieden, Fussen, Gertschen, Gilgen, Gilgien, Ginggen, Glaisen, Glausen, Graven, Grossen, Hachen, Hasen, Heimen, Heinen, Heinzen, Henschen, Henzen, Herren, Heynen, Illien, Item, Iten, Itten, Janggen, Jenelten, Jergen, Jerjen, Jossen, Julen, Jungen, Kallen, Kämpfen, Karlen, Kernen, Krummen, Kuhnen, Kuntschen, Kuonen, Kurzen, Lempen, Lengen, Lerjen, Luggen, Meinen, Mezenen, Näfen, Nellen, Perren, Pfaffen, Pieren, Reichen, Roten, Rothen, Ruppen, Rychen, Schären, Schlechten, Schwarzen, Senften, Siegen, Siggen, Sorgen, Sterren, Struchen, Thenen, Thönen, Tschanen, Tschannen, Tschirren, Volken, von Roten, Währen, Walpen, Wälten, Wehren, Weissen, Welschen, Welten, Werlen, Willen, Würsten, Wyssen, Yergen, Zbären, Zbinden, Zehren, Ziörjen, Zwahlen. 107 Types, 46'003 Tokens. Starke Genitive: Arnitz, Bürgis, Dubs, Heinis, Hux, Kühnis, Mangisch, Raths, Schmitz, Tenisch, Waldis, Willisch, Wirths, Wirz. 14 Types, 5'385 Tokens. Datenschicht: 2020 Heimatorte (alle Typen) Kreise 10-40, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 10-80, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 161: Daten zur zweiten Karte {153} Detailangaben zur Namenauswahl: 2 Für die erste Karte wurden Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» ausgewählt, die etymologisch ein schwaches oder starkes Genitivsuffix enthalten. Das Namensample beruht in erster Linie auf Fällen, die aus der Literatur (Berchtold 2017: 415-416; Berchtold Schiestl/ Heer 2020: 217-223) und projektinternen Vorarbeiten bekannt sind. Die Etymologien dieser Namen wurden in einem zweiten Schritt anhand der Angaben in Berchtold/ Graf (i. V.) überprüft und führten teilweise zum Ausschluss der Namen. Unberücksichtigt blieben FamN wie Habs (Patronym zu einer Kurzform von einem mit Hadubeginnenden Ruf N oder ÜberN mit verbalem Bestandteil ‘Hab es! ’) bei den starken Genitiven oder Walden (Patronym zum Ruf N Waldo oder WohnstättenN zu einem FlurN Walden) bei den schwachen Geniti- Karte 153: FamN mit schwachem und starkem Genitivsuffix, 2020 Heimatorte 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 1.1 Schwache und starke Genitivsuffixe 335 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="336"?> ven, die als etymologisch mehrdeutig gelten. 3 Auch FamN wie Dasen oder Erpen, die formal infrage kommen, aber in der etymologischen Datenbank (Stand 07.11.2024) noch ungedeutet sind, wurden ausgeklammert. Die beiden Schreibvarianten Thommen (BL, Gempen SO) und Dommen (Pfeffikon LU; beide zum Ruf N Thomas) sind im Kartenbild nicht enthalten, weil das Id. 12 (1881 ff.: Sp. 1813-1814) für die Schweiz s-lose Formen des Ruf N wie Thoman, Thoma oder Thome(n) belegt. Der zweiten Karte liegt der gleiche Namenbestand zugrunde wie der ersten Karte. Die Samples unterscheiden sich lediglich geringfügig voneinander, da einige Namen in der jüngeren Datenschicht nicht belegt sind oder aufgrund ihrer Seltenheit aus Datenschutzgründen nicht behandelt werden. Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Karlen, Henzen), Metronyme (Annen, Iten), ÜberN (Rychen zu mhd. rīch ‘mächtig, gewaltig, reich’, Würsten zu mhd., schwzdt. wirs ‘schlimmer, schlechter, niedriger, weniger’) sowie BerufsN (Schären zu mhd. schërære, schërer ‘Barbier, Wundarzt, Bader’, Zbinden zu Bind ‘Fassbinder, Küfer’). Die Anteile der Benennungsmotive zeigen Unterschiede: Die starken Genitive finden sich bei Patronymen (u. a. zu den Ruf N Arni, Tubo, Hug(o), Ratbold ) und BerufsN (Schmitz ‘[Sohn, Tochter] des Schmieds’, Wirths ‘[Sohn, Tochter] des Wirts’), die schwachen Genitive hauptsächlich bei Patronymen, Metronymen sowie ÜberN und lediglich zu einem geringen Anteil bei BerufsN. In graphisch-lautlicher Hinsicht sind die drei Walliser FamN Mangisch (zu einer Kurzform des Ruf N Mangold ), Tenisch (zu einer entrundeten Form des Ruf N Thöni) und Willisch (zu einer Kurzform des Ruf N Wilhelm) mit starkem Genitiv zu erwähnen: Sie zeigen in den hier untersuchten Datenschichten Palatalisierung von s zu sch, sind aber urkundlich auch als Mangis, Tenis und Willis belegt (vgl. Walliser Wappenbuch 1946: 159, 257, 296). Die kartierten Namen sind teilweise als Dubletten vorhanden, so z. B. Roten und Rothen, die sich in der Schreibung mit und ohne <h> unterscheiden, 4 Richen, Rychen und Reichen, die einen Unterschied bezüglich der Diphthongierung des Stammvokals aufweisen, 5 oder gar Iten, Itten und Item, die nicht nur hinsichtlich der Doppelschreibung von <t>, sondern auch hinsichtlich des auslautenden Nasals voneinander abweichen. Kommentar: Auf der ersten Karte wird ersichtlich, dass schwache Genitive v. a. im (Süd-)Westen der Deutschschweiz vorkommen, starke Genitive hingegen v. a. im Norden bzw. Nordosten (vgl. hierzu bereits Berchtold Schiestl/ Heer 2020: 210). Mit den FamN Mangisch, Tenisch und Willisch sind starke Genitive auch im Kanton Wallis belegt. Ansonsten erweist sich das Wallis aber als besonders affin für FamN mit schwachem Genitiv (vgl. bereits Saladin 1929: 115). Wie schon Berchtold/ Heer (2020: 208) festgestellt haben, erstrecken sich die FamN mit schwachem Genitiv vom Wallis entlang der deutschfranzösischen Sprachgrenze bis zum Bielersee und formen so ein zusammenhängendes Verbreitungsgebiet am (süd-)westlichen Rand der Deutschschweiz. Zudem findet sich ein Cluster an Namen mit schwachem Genitiv in der Innerschweiz (Annen, Iten), verteilt über die Kantone Schwyz und Zug. Einige Vorkommen (Item, Iten) sind ausserdem im Kanton Graubünden zu verzeichnen. Die zweite Karte zeigt die aktuelle Verbreitung von FamN mit Genitivsuffix. FamN mit schwachem Genitiv sind in der gesamten Schweiz verbreitet. Sie treten im Südwesten der Deutschschweiz - mit Schwerpunkt in den Berner Verwaltungskreisen Obersimmental- Saanen und Frutigen-Niedersimmental sowie im Oberwallis - vermehrt auf. Dort weisen solche FamN bereits in den Datenschichten «vor 1800» und «Herkunft» ein vergleichsweise hohes Vorkommen auf. Die FamN mit starkem Genitivsuffix bleiben in ihrer Verbreitung weitgehend auf den Norden bzw. Nordosten beschränkt (wiederum mit Ausnahme von Mangisch, Tenisch und Willisch im Wallis) und zeigen damit ebenfalls eine ähnliche räumliche Distribution wie in der ersten Karte. 3 Der FamN Habs wird im Artikel II-4.1 «Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen» behandelt. 4 Vgl. Artikel I-1.15 «Längen- und Kürzenanzeige». 5 Vgl. Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī». 336 1 Flexion Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="337"?> Dritte Karte {154}: Familiennamen mit schwachem Genitivsuffix nach Benennungsmotiv Namenauswahl: Ausgewählt wurden diejenigen Namen aus der ersten Karte, die etymologisch ein schwaches Genitivsuffix enthalten. Die Namen wurden auf Basis von Berchtold/ Graf (i. V.) und Berchtold Schiestl/ Heer (2020: 217-223) den Benennungsmotiven Patronyme, Metronyme, ÜberN und BerufsN zugeordnet. Abgefragte Namen Patronyme: Aellen, Antenen, Anthenien, Anthonien, Beetschen, Berchten, Betschen, Bettschen, Böhlen, Burren, Carlen, Clausen, Enzen, Franzen, Frieden, Gertschen, Gilgen, Gilgien, Glaisen, Glausen, Hachen, Heimen, Heinen, Heinzen, Henschen, Henzen, Heynen, Illien, Janggen, Jenelten, Jergen, Jerjen, Jossen, Julen, Karlen, Kuhnen, Kuntschen, Kuonen, Lerjen, Luggen, Meinen, Perren, Pieren, Ruden, Ruppen, Siegen, Siggen, Thenen, Thönen, Tschanen, Tschannen, Volken, Währen, Walpen, Wälten, Wehren, Welten, Werlen, Willen, Yergen, Ziörjen. 61 Types, 144 Tokens. Metronyme: Agten, Annen, Barben, Item, Iten, Itten, Mezenen, Nellen. 8 Types, 28 Tokens. ÜberN: Brantschen, Däppen, Dirren, Fussen, Ginggen, Graven, Grossen, Haasen, Hasen, Herren, Jungen, Kallen, Kämpfen, Kernen, Krummen, Kurzen, Lempen, Lengen, Näfen, Neffen, Pfaffen, Reichen, Richen, Roten, Rothen, Rychen, Schlechten, Schwarzen, Senften, Sorgen, Sterren, Struchen, Tschirren, von Roten, Weissen, Welschen, Würsten, Wyssen, Zbären, Zehren, Zwahlen. 41 Types, 106 Tokens. BerufsN: Schären, Zbinden. 20 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 15-95, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 162: Daten zur dritten Karte {154} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu Detailangaben zur Namenauswahl s. erste und zweite Karte. Der FamN Luggen wurde in Anlehnung an Berchtold Schiestl/ Heer (2020: 219) als Patronym zu Ludwig oder Lukas behandelt; daneben wird in der Forschung ein HerkunftsN zur italienischen Stadt Lucca erwogen (vgl. Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Luggen). Auch wenn beim Namen Brantschen eine Interpretation als Patronym zum Ruf N Brantzi möglich ist, wurde dieser Name den ÜberN (zu schwzdt. bransche(n) ‘mürrisch, unzufrieden sein, murren, zanken’ oder zu schwzdt. Branschi ‘dicker, fetter Mann’) zugeordnet, da erstere Deutung in lautgeschichtlicher Hinsicht weniger naheliegend ist. Bei den FamN Reichen, Richen und Rychen können Mehrdeutigkeiten ebenfalls nicht ganz ausgeschlossen werden, weil neben der bereits erwähnten Kategorisierung als ÜberN auch ein Patronym zum Ruf N Rīch(o) vorliegen könnte. Bei Karte 154: FamN mit schwachem Genitivsuffix nach Benennungsmotiv, vor 1800 u. Herkunft 1.1 Schwache und starke Genitivsuffixe 337 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="338"?> Julen und Berchten sind formal als Basis neben männlichen Ruf N auch weibliche Ruf N denkbar. Kommentar: Mit 61 Types sind die Patronyme bei den schwachen Genitivformen mit Abstand am häufigsten belegt. Ihrer Frequenz entsprechend weisen sie zudem die grösste räumliche Verbreitung auf. Sie sind hauptsächlich in den Kantonen Bern und Wallis zu finden. Metronyme häufen sich in der Innerschweiz: Prominente Vertreter sind die FamN Iten im Kanton Zug und Annen im Kanton Schwyz (vgl. Tobler-Meyer 1894: 59). Metronyme mit schwachem Genitivsuffix kommen darüber hinaus auch im Oberwallis, im Berner Oberland sowie vereinzelt in Graubünden vor. ÜberN finden sich hauptsächlich in den beiden Berner Verwaltungskreisen Frutigen- Niedersimmental und Bern-Mittelland, daneben aber auch im Kanton Wallis. Die BerufsN bilden hauptsächlich ein Cluster im Freiburger Sensebezirk sowie im Berner Mittelland (vgl. bereits Berchtold Schiestl/ Heer 2020: 208). Vierte Karte {155}: Übernamen ohne und mit Genitivsuffix Namenauswahl: Ausgewählt wurden FamN, die dem Benennungsmotiv der ÜberN angehören und auf einem Adjektiv basieren. In die vorliegende vierte Karte wurden nur solche FamN aufgenommen, die neben der Form mit schwachem Genitiv auch eine entsprechende f lexionslose Form aufweisen, z. B. Grossen vs. Gross, Reichen, Richen, Rychen vs. Reich und Rich. Ausgeschlossen wurden dagegen Namen, die keine suffixlose Form aufweisen, z. B. Senften, zu dem die Formen *Sanft oder *Senft nicht vorkommen. Unberücksichtigt blieben zudem FamN, die umgekehrt kein genitivisches Pendant aufweisen, z. B. Süss. 6 Abgefragte Namen ÜberN ohne schwachen Genitiv: Dür, Dürr, Graf , Graff , Gross, Jung, Krumm, Kurz, Lang, Läng, Reich, Rich, Roth, Rott, Schlecht, Schwartz, Schwarz, Struch, Thür, Thürr, von Gross, von Rodt, Weiss, Wiss, Würsch, Wyrsch, Wyss. 27 Types, 567 Tokens. ÜberN mit schwachem Genitiv: Dirren, Graven, Grossen, Jungen, Krummen, Kurzen, Lengen, Reichen, Richen, Roten, Rothen, Rychen, Schlechten, Schwarzen, Struchen, von Roten, Weissen, Würsten, Wyssen. 19 Types, 51 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 30-50, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 163: Daten zur vierten Karte {155} Karte 155: ÜberN ohne und mit schwachem Genitivsuffix, vor 1800 u. Herkunft 6 Zu FamN, die aus einem suffixlosen Adjektiv bestehen, vgl. die vierte Karte im Artikel II-2.6 «Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich». 338 1 Flexion Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="339"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Zu Detailangaben zur Namenauswahl s. erste und zweite Karte. 7 Kommentar: Die vierte Karte zeigt erneut, dass FamN mit schwachem Genitivsuffix im (Süd-)Westen der Deutschschweiz - v. a. im Kanton Bern (insgesamt 30 Tokens) und hier insbesondere im Verwaltungskreis Frutigen-Niedersimmental (17 Tokens) sowie im Oberwallis (insgesamt 20 Tokens) - verbreitet sind. Darüber hinaus zeigt die vorliegende Karte, dass FamN mit schwachem Genitivsuffix einen räumlichen Kontrast zu FamN ohne schwaches Genitivsuffix bilden, wobei es jedoch auch an manchen Orten zu Überschneidungen kommt (z. B. Rothen und Wyss in Guggisberg BE, Rothen und Kurz in Schwarzenburg BE, Wyssen und Schwarz in St. Stephan BE, Jungen und Jung in Frutigen BE). Ergebnisse Die Befunde zur ersten Karte bestätigen, was Berchtold Schiestl/ Heer (2020: 209-210) in Bezug auf die Distribution von Namen mit starkem und schwachem Genitiv bereits aufgezeigt haben: FamN mit schwachem Genitivsuffix treten verstärkt im Südwesten der Deutschschweiz auf, starke Genitivformen kommen hingegen v. a. im Norden bzw. Nordosten des Landes vor. Dieser Befund wird durch die Ergebnisse der zweiten Karte mit aktuellen Daten ergänzt: Dieselben FamN weisen in der rezenten Datenschicht «2020 Heimatorte» ebenfalls einen räumlichen Schwerpunkt im Südwesten bzw. im Norden und Nordosten der Deutschschweiz auf, was ein Indiz für einen hohen Grad an Konstanz darstellt. In Bezug auf die räumliche Verteilung der Benennungsmotive bei den FamN mit schwachem Genitiv zeigt sich in der dritten Karte in Übereinstimmung mit Berchtold Schiestl/ Heer (2020: 205-207), dass die BerufsN neben der Waadt ausschliesslich in den Kantonen Bern und Freiburg, die ÜberN hauptsächlich in den Kantonen Bern und Wallis vorkommen. Metronyme sind zwar überwiegend in der Innerschweiz verbreitet, bilden aber zudem ein Cluster im Oberwallis. Die Patronyme verteilen sich in einer nordsüdlichen Erstreckung über die Berner Bezirke Seeland, Bern-Mittelland, Thun, Frutigen-Niedersimmental und die Gebiete des Oberwallis. Die vierte Karte geht einem Desideratum nach und zeigt, dass blanke adjektivische FamN ohne Genitivsuffix in den historischen Daten mehrheitlich für das Mittelland mit Schwerpunkten im Norden bzw. Nordosten der Schweiz charakteristisch sind. Die Untersuchung von ÜberN mit und ohne schwaches Genitivsuffix zeigt, dass sich diese beiden formalen Bildungstypen räumlich voneinander unterscheiden. Da die FamN ohne Genitivsuffix eine zeitlich spätere Stufe in der diachronen Entwicklung darstellen (vgl. Baumgartner 1983: 91-92; Berchtold 2017: 416), lässt sich die Karte - gemäss dem dialektologischen Diktum «aus dem räumlichen Nebeneinander ein zeitliches Nacheinander» (Taeldeman 1987: 14) - diachron dahingehend interpretieren, dass der formale Abbau der Flexionsuffixe bei ÜberN, aber vermutlich auch bei anderen Benennungsmotiven, vom Norden bzw. Nordosten ausgehend nach Westen vollzogen wurde. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN mit Genitivsuffix sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Zbinden (5'105 Tokens), Zwahlen (3'308 Tokens) und Iten (3'058 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA 3 (2012: 14-67) behandelt das starke Genitivsuffix bei Patronymen und BerufsN auf -er (Karten 6-10), bei Patronymen und BerufsN auf -mann (Karten 11-14) sowie in der Schreibvariante -z (Karten 15-19) und das schwache Genitivsuffix bei Patronymen (Karten 20-28) sowie bei Berufs- und ÜberN (Karten 29-31). Die zwei Suffixtypen werden zudem in den Karten 32-37 bei Patronymen einander gegenübergestellt (vgl. DFA 3 2012: 68-79). Berchtold Schiestl/ Heer (2020: 211) heben hervor, dass Genitivsuffixe in den FamN nicht nur in der deutschsprachigen Schweiz, sondern auch in Deutschland «ein westlich auftretendes Phänomen» sind. Zum starken und schwachen Genitiv bei FamN zu Ruf N in den Bundesländern Rheinland-Pfalz, Hessen und Saarland s. Steffens (2011: 221-223; 2013). Zu Patronymen und BerufsN mit Genitivsuffix in den belgischen und niederländischen FamN s. Marynissen (1991; 2014). Ausblick Wie im Abschnitt «Hintergrund» erwähnt, werfen Berchtold Schiestl/ Heer (2020: 210) die Hypothese auf, es handle sich beim Anfügen des schwachen Genitivsuffixes -en um «ein leicht produktives Verfahren», das zum Ziel habe, «Rufnamen von den etymologisch nah verwandten Patronymen zu unterscheiden». Das Vorkommen von -en bei den Patronymen habe wiederum als «Analogievorlage» bzw. als «Bildungsvorlage» für die ÜberN gedient (Berchtold Schiestl/ Heer 2020: 211, 212). Dabei markiere «das Anfügen eines -en am Ende [des ÜberN] den onymischen Unterschied zum gleichnamigen Appellativ» (Berchtold Schiestl/ Heer 2020: 211). Die räumliche Verteilung in der vierten Karte deutet auf einen Erhalt des Musters «Grundwort + -en» bei ÜberN hin. Gegen die Hypothese von Berchtold Schiestl/ Heer (2020: 210-211) ist allerdings anzuführen, dass der Genitiv im Deutschwallis bis ins frühe 20. Jh. hinein eine feste Stellung im Sprachgebrauch hatte (Wipf 1910: 119; Bohnenberger 1913: 186; Henzen 1932: 91-92). So seien gemäss Wipf (1910: 119) im Dialekt der Walliser Gemeinde Visperterminen alle vier Kasus «in freier syntaktischer Verwendung im Sg. wie im Plur. erhalten». Bohnenberger (1913: 186) merkt ebenfalls an, dass der Walliser Dialekt über vier Kasusformen verfüge, die «im allgemeinen sämtlich noch in freier Verwendung im Satze» auftreten, ergänzt aber zugleich, dass innerhalb des Wallis v. a. die Bergorte den Genitivkasus häufiger verwenden würden als «die Grundorte des Haupttales». Vergleicht man die Verwendung des Genitivs mit damals zeitgenössischen Dialekten des Nordostens, bspw. des Kantons Zürich, zeigt sich, dass in letzterem Gebiet das Vorkommen des Genitivs auf «formelhaft[e] Wendungen» wie den «persönlich[en] Possessivus» eingeschränkt war (Weber 1923: 155). Im Unterschied dazu belegt Wipf (1910: 128, 134-135) das schwache Genitivsuffix -u(n) bei Substantiven und Adjektiven, z. B. hɑnu(n) ‘[des] Hahns’ bzw. juŋu(n) ‘[des] jungen’, und Bohnenberger (1913: 191) die schwachen Suffixvarianten -u(n), -e(n) und -n bei Substantiven, z. B. hɑse(n) ‘[des] Hasen’. Träfe in Bezug auf die ÜberN die Hypothese zu, dass -en Onymität markieren würde (Berchtold Schiestl/ Heer 2020: 211), bliebe der Funktionswech- 7 Graf , Graff und Graven werden hier als adjektivbasierte FamN zu mhd. grā ‘grau’ kategorisiert; denkbar ist jedoch auch eine Deutung als ÜberN zu mhd. grāve ‘Graf, königlicher Gerichtsvorsitzer’. 1.1 Schwache und starke Genitivsuffixe 339 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="340"?> sel hin zu einem onymischen Marker bei den ÜberN (sowie bei den Patronymen) bei diesem im Deutschwallis sonst funktional «volltüchtigen» Genitivsuffix zu erklären. Mit anderen Worten würde das schwache Genitivsuffix bei den ÜberN den Unterschied onymisch vs. nicht-onymisch markieren, gleichzeitig aber bei nicht-onymischen Lexemen den Genitiv an sich anzeigen. Für die Hypothese von Berchtold Schiestl/ Heer (2020: 210-211) spricht jedoch, dass sich gemäss Henzen (1932: 101) das starke Genitivsuffix -š im Wallis bisweilen auch an schwache Maskulina anfügt, bspw. ts siguš wīb ‘die Frau des Siegen’ oder in ts sœnnuš xœldr ‘in des Sennen Keller’. Mit dieser sich anbahnenden Generalisierung des starken Genitivsuffixes auf die schwachen Maskulina wäre der Weg für eine Spezialisierung des schwachen Genitivsuffixes zur Markierung von FamN geebnet. Es bleibt künftigen Untersuchungen vorbehalten, der Entwicklung der Genitivsuffixe im onymischen und nicht-onymischen Wortschatz anhand historischer Quellen nachzugehen. Selbst wenn es sich in diesem Fall nicht um ein (einst) produktives onymisches Verfahren handeln würde, gäbe das ermittelte Raumbild trotzdem Aufschluss über den Abbau des (schwachen) Genitivs in den deutschen Dialekten. Der Erhalt des Suffixes in den FamN scheint dessen Erhalt in den Dialekten widerzuspiegeln. Hier zeigen also die Deutschschweizer FamN bemerkenswerte Parallelen zur Morphosyntax der Dialekte der Deutschschweiz. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. 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Jeffrey Pheiff, Esther Loosli 340 1 Flexion Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="341"?> 1.2 Flektierte Adjektivformen Schlagwörter: Adverb, Komparation, Superlativ Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel widmet sich FamN, die aus f lektierten Adjektivformen bestehen, wie bspw. Nideröst ‘niederst-’, Enggist ‘engst-’ und Holder, Schwarzer. Während bei den ersten beiden Fällen der Superlativ und damit Komparation vorliegt, handelt es sich bei letzteren beiden um Positivformen, die eine starke Adjektivf lexion aufweisen. 1 Der Fokus liegt in den ersten beiden Karten auf Superlativformen und in der dritten Karte auf Formen mit -er, die am ehesten Positivformen (im Sinne von bspw. ‘holder Mensch’), im Einzelfall aber auch mögliche Komparativformen darstellen (eindeutig bei Jünger). Die Superlativformen enthalten ein Suffix, das auf ahd. -ist und -ōst (Braune/ Heidermanns 2023: 326) bzw. mhd. -est (Paul et al. 2007: 204) zurückgeht. Hierbei interessiert neben der räumlichen Variation solcher FamN auch die Frage nach der dialektologischen Variation der Superlativsuffixe. Der Gegenstand ist insofern relevant, als es sich um eine zwar seltene, aber eigentümliche Bildung Deutschschweizer FamN handelt. Ausserdem ist «[e]ine Erhebung der historischen Belege» und «damit verbunden eine Diachroniebeschreibung der Komparation» als Desiderat der Dialektologie zu betrachten (Lipold 1983: 1233). Die Analyse der FamN liefert hierzu einen Beitrag. Als Positivformen kommen einige mit dem Suffix -er endende FamN in Betracht. Hier konkurrieren meist andere Deutungen, z. B. die der er- Derivation. Allerdings ergibt die Kartierung eine gewisse Gebietsbildung mit den wenigen sicheren Fällen, sodass ein zusammenhängendes Muster mit starker Adjektivf lexion zu erwägen ist. Hintergrund: Bei der Komparation handelt es sich um eine Formenbildung des Adjektivs, die «eine inhaltliche Gradation» ausdrückt (Lipold 1983: 1232). 2 Die FamN mit Komparationssuffix gehen auf nicht weiter f lektierte Adjektive - i. d. R. mit lokaladverbialer Semantik - zurück, wie z. B. Niederöst, Enggist, Obrist und Zobrist. Dabei ist die adverbiale Verwendung von nicht-f lektierten Adjektiven gemäss Henzen (1965: 231) bereits im Gotischen und später im Althochdeutschen dokumentiert, und sie ist in den Dialekten der Deutschschweiz nach wie vor geläufig (vgl. z. B. Henzen 1927: 193; Clauß 1929: 188; Hotzenköcherle 1934: 410). Die Komparationssuffixe der FamN weisen drei vokalhaltige und eine synkopierte Variante auf, namentlich -ist, -öst, -ost und -st. Tobler-Meyer (1894: 133) erklärt die etymologische Motivation von FamN, die auf «Adverbien des Ortes oder Raumes» zurückgehen, folgendermassen: Solche Adverbien sind entweder kurzweg unverändert zu Familiennamen geworden, oder haben adjectivische Form angenommen, dann zuweilen auch die Steigerung durchgemacht. FamN zu Raumadverbien sind gemäss Tobler-Meyer (1894: 133) zwar selten, aber erwecken «lebhaft[es] Interesse» und setzen sich ferner auch häufiger mit dem Suffix -mann zusammen, z. B. Obermann, Vordermann, Hindermann, Hintermann und Ussermann (vgl. Tobler- Meyer 1894: 134). 3 Im Unterschied dazu berichtet Saladin (1929: 140) für Luzern, dass FamN mit Superlativsuffix in seinen Quellen (des 14. bis 17. Jh.) «ziemlich häufig» auftreten, z. B. Ueli ze obrost, Heini dictus ze Obrost, Joh. dictus obrost, Heini ze Nidrost. Diese FamN, denen Adverbialstämme zugrunde liegen, weisen gar Formen mit der archaischen Suffixform -ost auf, die im nicht-onymischen Wortschatz für das Althochdeutsche erwartbar wäre (vgl. Braune/ Heidermanns 2023: 328) und im Mittelhochdeutschen nur noch gelegentlich auftritt (vgl. Paul et al. 2007: 113, 204). Bei adjektivischen ÜberN erscheinen neben den unf lektierten Formen auch solche in schwach oder stark f lektierter Form (Bach 1952: 61), so bspw. Gross, Grosse, Grosser in den FamN Deutschlands. Zumeist tritt die schwach f lektierte Form auf, und zwar deshalb, weil «ursprünglich der Artikel davorstand» (Socin 1903: 453; vgl. verbatim Bach 1952: 61; DFA 3 2012: 3). 4 Dass die Adjektive mehrheitlich in schwach f lektierter Form auftreten, gilt gleichermassen für mittelalterliche Basler und Zürcher Quellen (Socin 1903: 453; Baumgartner 1983: 99). So benennt Baumgartner (1983: 99) die Namen der Sêllose, dir Swarze, die zudem den Definitartikel aufweisen. Durch die Folgen der Apokope erscheinen die schwach f lektierten Formen z. T. ohne das auslautende Schwa, insbesondere in der südlichen Hälfte Deutschlands (DFA 3 2012: 3), aber auch «in den heutigen oberdeutschen Mundarten und Namen» im Allgemeinen (Socin 1903: 454). So verzeichnet das Basler Urkundenbuch «die ältesten Belege dieser Art», z. B. der lang Mu̍ nch (1285, Basel) (Socin 1903: 454). Seltener als in schwach f lektierter Form treten adjektivische ÜberN auch in stark f lektierter Form auf (Baumgartner 1983: 99; DFA 3 2012: 3). Solche ÜberN mit stark f lektiertem Adjektiv können «unter dem Einf luß des Vokativs» entstanden sein (Bach 1952: 61). Alternativ erklärt sie Brechenmacher 1 (1957-1963: 598) dadurch, dass sie «aus Wortfügungen» herausgelöst wurden; so bspw. Kleiner aus dem Syntagma kleiner Mann (vgl. Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Kleiner). Wiederum kann es sein, dass solchen Namen keine stark f lektierte Adjektivform zugrunde liegt, sondern eher eine Analogiebildung zu gleichlautenden HerkunftsN, ein patronymisches Derivationssuffix -er oder, wie im Fall von Jünger und Kleiner, gar eine Komparativform 1 Ausgeblendet werden im Folgenden Namen, die eine Genitivf lexion aufweisen (z. B. Jungen zu jung). Solche FamN werden im Artikel II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe» behandelt. 2 Wir gehen mit Wöllstein/ Dudenredaktion (2022: 603) davon aus, dass es sich bei Komparation um eine Flexions- und nicht etwa um eine Derivationskategorie handelt. 3 Vgl. die Artikel II-4.2 «Zusammenrückungen mit nominalen und adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen», II-2.7 «Familiennamen auf -mann» und III-3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie». 4 Für weitere Erklärungsansätze für das Vorhandensein der schwachen Adjektivf lexion s. Socin (1903: 453-454) und Bach (1952: 61). 1.2 Flektierte Adjektivformen 341 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="342"?> im Sinne von ‘Junior’ (vgl. DFA 3 2012: 3). Baumgartner (1983: 99) hingegen geht dennoch von adjektivischen ÜberN in starker Flexion aus und dokumentiert (wenn auch wenige) Beispiele aus dem mittelalterlichen Zürich des 11. bis 13. Jh., wie Mulicher zu mhd. müelich ‘beschwerlich, mühsam; schwer umgänglich’ oder Starch 5 zu mhd. starc ‘stark’ (Bedeutungsangaben nach Baumgartner 1983: 312, 319). Damit gelten stark f lektierte adjektivische ÜberN in der Deutschschweiz als grundsätzlich erwartbar, weshalb sie im Folgenden mit in den Fokus der Untersuchung rücken. Fragestellungen: In diesem Beitrag widmen sich die erste und die zweite Karte den Superlativformen, während die dritte Karte die starke Adjektivf lexion thematisiert. In der ersten Karte werden die Superlativformen nach ihrem zugrunde liegenden Lexem dokumentiert. Die zweite Karte geht der Frage nach lautlicher Variation in den Superlativsuffixen nach und untersucht, ob die Suffixe einen Vokal aufweisen, und falls ja, in welcher lautlichen bzw. graphematischen Realisierung. Schliesslich behandelt die dritte Karte das Vorkommen von FamN, die womöglich auf das starke Adjektivsuffix -er enden. Erste Karte {156}: Superlativformen nach Lexem Namenauswahl: Ausgewählt wurden Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 6 die morphologisch eine Superlativform aufweisen. Die Namenauswahl basiert auf Vorrecherchen und auf der entsprechenden Literatur. Zudem wurden die Artikeltexte der etymologischen Datenbank (Stand 01.05.2023) mit Schlagwörtern durchsucht. Abgefragte Namen Biderbost: 1 Token. Enggist: 1 Token. Jungsten: 1 Token. Typ Nideröst: Nideröst, Nidrist, Niederist, Niedrist. 6 Tokens. Typ Obrist: Obrist, Zobrist. 21 Tokens. Würsten: 2 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 10-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 164: Daten zur ersten Karte {156} Karte 156: Superlativformen nach Lexem, vor 1800 u. Herkunft 5 Es muss sich dabei um die im Mittelhochdeutschen belegte suffixlose «nominal-starke Form» des starken Adjektivs handeln (Paul et al. 2007: 201), die im Nominativ Singular aller drei Genera auftreten kann (Paul et al. 2007: 200-201). 6 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 342 1 Flexion Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="343"?> Detailangaben zur Namenauswahl: 7 Die erste Karte umfasst alle eindeutig einschlägigen Fälle. Die ausgewählten Namen stellen allesamt Superlativformen dar (zum Fehlen von Komparativformen vgl. die dritte Karte). Zum Lexem nieder treten mehrere Varianten auf. Die FamN Würsten und Jungsten liegen sogar in schwach f lektierter Form vor und der FamN Zobrist zeichnet sich durch eine Proklise mit einer verschmolzenen Präposition z(u) aus. 8 Die Namenauswahl enthält ÜberN wie Biderbost (zu schwzdt. (älter) biderb ‘ehrenwert, wacker, rechtschaffen, unbescholten’), Jungsten (zu mhd. junc ‘jung’) oder Würsten (zu mhd., schwzdt. wirs ‘schlimmer, schlechter, niedriger, weniger’) sowie die WohnstättenN Nideröst, Obrist, Enggist (zu einem relativ gesehen zuniederst, zuoberst bzw. beengtest gelegenen Grundstück). Kommentar: FamN mit Superlativsuffix verteilen sich über die Kantone Aargau, Basel-Landschaft und Bern bis ins Wallis. Sie sind ausserdem weiter östlich in den Kantonen Zürich, St. Gallen, Schwyz und mit einem Beleg in Graubünden vertreten. Der Aargau bildet ein Nest für die FamN Obrist (9 Tokens) und Zobrist (2 Tokens). Ein weiteres Cluster von Obrist findet sich im Kanton Zürich (4 Tokens); im Kanton Schwyz tritt Nideröst (3 Tokens) mehrfach in Erscheinung (vgl. bereits Tobler-Meyer 1894: 134). Zweite Karte {157}: Vokalvarianten Superlativsuffixe Namenauswahl: Kartiert werden dieselben FamN wie bei der ersten Karte, doch in der vorliegenden zweiten Karte werden sie nach dem Vokal im Superlativsuffix gruppiert. Abgefragte Namen Typ -ist: Enggist, Nidrist, Niederist, Niedrist, Obrist, Zobrist. 6 Types, 22 Tokens. Typ -öst: Nideröst. 3 Tokens. Typ -ost: Biderbost. 1 Token. Typ -st: Jungsten, Würsten. 3 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 10-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 165: Daten zur zweiten Karte {157} Detailangaben zur Namenauswahl: Für etymologische Angaben zu den kartierten FamN s. die Ausführungen bei der ersten Karte. Kommentar: Die FamN mit dem Suffix -ist kommen schwerpunktmässig im Kanton Aargau (11 Tokens) vor, treten daneben aber z. B. Karte 157: Vokalvarianten Superlativsuffixe, vor 1800 u. Herkunft 7 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 8 Vgl. Artikel II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu». 1.2 Flektierte Adjektivformen 343 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="344"?> auch im Kanton Bern (4 Tokens) in Erscheinung, während das Suffix -öst lediglich im Kanton Schwyz dokumentiert ist. Der FamN Biderbost mit erhaltenem o-Vokal ist ausschliesslich im Walliser Bezirk Goms bezeugt. Die FamN mit synkopiertem Vokal und schwacher Genitivendung treten im Berner Oberland (Würsten) und im Wallis ( Jungsten) auf. Dritte Karte {158}: Adjektiv- und Adverbstämme mit Endung -er Namenauswahl: In der dritten Karte werden FamN mit der Endung -er abgebildet, die sich als starkes Adjektivsuffix deuten lässt. Die Namenauswahl basiert auf Vorrecherchen sowie einer Schlagwortsuche in der etymologischen Datenbank (Stand 01.06.2024). Ausgewählt wurden Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft». Abgefragte Namen Dünner: 6 Tokens. Typ Fröhlicher: Froelicher, Fröhlicher, Frölicher. 7 Tokens. Typ Heusser: Häuser, Häusser, Heusser, Hüser, Hüsser. 34 Tokens. Holder: 3 Tokens. Jünger: 2 Tokens. Kleiner: 12 Tokens. Niederer: 12 Tokens. Oberer: 3 Tokens. Saurer: 2 Tokens. Schwarzer: 2 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 11-55, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 166: Daten zur dritten Karte {158} Detailangaben zur Namenauswahl: FamN, die auf einem Adjektiv oder einem Adverb basieren und auf -er enden, lassen i. d. R. mehrere Deutungen mit je unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten zu: • In den auf Adverbien basierenden WohnstättenN Oberer, Niederer ist -er vermutlich eher als einwohnerbezeichnendes Derivationssuffix, evtl. in einem elliptischen Sinne wie ‘Nieder(hof )er’, ‘Ober(haus)er’, zu deuten. Starke Flexion, die einem Syntagma wie ‘oberer Mann’ oder ‘niederer Bauer’ entstammen würde, wirkt semantisch unwahrscheinlich (da eher der Hof und nicht die Bewohnerschaft als nieder oder hoch zu bezeichnen ist), kann aber nicht ausgeschlossen werden. • Den FamN Heusser und seine Varianten stellen Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Heusser) zu mhd. hiuze ‘munter, frech’. Es ist jedoch nicht auszuschliessen, dass es sich bei den er-Varianten um «Nomina agentis zu einem Verb auf derselben Grundlage» handeln könnte (Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Heusser). Bei Dünner ist neben dem Bezug zu mhd. dünne ‘dünn, zart, seicht’ auch ein BerufsüberN für Karte 158: Adjektiv- und Adverbstämme mit -er, vor 1800 u. Herkunft 344 1 Flexion Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="345"?> jemanden, der sich mit der Dünni ‘Nachmolke, Schotte’ beschäftigt - somit ebenfalls ein Nomen agentis -, möglich. • Als stark f lektiert lassen sich am ehesten die folgenden ÜberN analysieren: Holder zu mhd. holt, schwzdt. hold ‘zugetan, freundlich’; Kleiner zu mhd. klein ‘niedlich’, ‘schmächtig’ und andere; Schwarzer zu mhd. swarz ‘dunkelfarbig, schwarz’; Saurer zu mhd. sūr ‘bitter’, ‘schlimm’ und andere (die mögliche Variante Surer wurde ausgeschlossen, da die konkurrierende Deutung als HerkunftsN zum SiedlungsN Suhr AG nicht unwahrscheinlich ist). • Auch bei den FamN des Typs Fröhlicher (zu mhd. vroelich ‘froh, heiter’) ist eine starke Flexionsform gut möglich. Berchtold/ Graf (i. V.) erwägen jedoch auch patronymisches -er. 9 • Beim ÜberN Jünger zu mhd. junc ‘jung’ kann aufgrund des Umlauts von einer Komparativform ausgegangen werden, die hier wohl ‘den Jüngeren’ in einer Familie bezeichnet. Eine ähnliche Deutung wäre auch für Kleiner als Alternative zur obigen Einordnung zu erwägen, ähnlich könnte auch Dünner eine Komparativform sein und sich auf einen vergleichsweise ‘Dünneren’ beziehen. Ausgeschlossen wurden folgende Namen: der FamN Lieber und seine lautliche Variante Lüber, bei denen eine starke Adjektivf lexion zwar etymologisch denkbar ist, aber eine Interpretation der Endung -er als patronymische Ableitung oder gar eine lautliche Abwandlung des Ruf N Liebher naheliegender erscheint. Die Namen Teufer, Tüfer, deren Schreibungen dialektale Realisierungen ref lektieren, gehen zwar auf das Adjektiv töif , tüf ‘tief ’ zurück, jedoch handelt es sich um mit -er abgeleitete WohnstättenN zum Toponym Teufe. Bei Hübscher handelt es sich nach Berchtold/ Graf (i. V.) um einen ÜberN zu mhd. hübeschære ‘galanter Mann’, auch ‘Buhler’ und andere. Kommentar: Die meisten Vorkommen konzentrieren sich in einem gedachten Dreieck zwischen Staffelbach (AG, Kleiner), dem Ostende des Zürichsees und Stein am Rhein (SH, Westende des Bodensees). In dieses Gebiet fallen die besonders einschlägigen Namen Holder, Kleiner und Schwarzer. Ebenso sind Jünger und die FamN des Typs Heusser genau in diesem Gebiet angesiedelt, was sich womöglich als Anhaltspunkt für ihre Analyse als adjektivische Flexionsformen deuten oder zumindest ein regional zusammenhängendes Namenschema «Adjektiv + -er» vermuten lässt. Der Name Dünner findet sich ein wenig weiter östlich in den Thurgauer Bezirken Kreuzlingen und Weinfelden. Deutlicher abseits liegen die Vorkommen der adverbbasierten Namen Niederer und Oberer (im Osten in AR, AI und SG bzw. im Westen in BL), die ohnehin nur unsicher zu diesem Typus zu stellen sind. Ebenfalls etwas abseits liegen die Vorkommen vom Typ Fröhlicher (in und bei Solothurn SO und in Freiburg FR) sowie von Saurer (einzig am Thunersee in Sigriswil BE vor 1800 mit Bürgerrecht, das Vorkommen in St. Gallen SG geht auf Migration aus Deutschland zurück). Ergebnisse FamN mit Superlativsuffix bilden einen Schwerpunkt in den Kantonen Aargau und Zürich sowie in der Innerschweiz im Kanton Schwyz. Die meisten Tokens mit Superlativsuffix gehen auf einen Adverbialstamm zurück, z. B. Niederöst, Obrist. Für das Suffix finden sich in den FamN vier verschiedene lautliche Varianten: -ist, -öst, -ost und -st, die z. T. eine eigene Raumbildung aufweisen. Die archaische Variante -ost findet sich ausser in historischen Quellen (vgl. Saladin 1929: 140) nur noch einmal im Wallis und somit in einer Randlage des deutschsprachigen Raums. Ausserdem ist in diesem Zusammenhang das Suffix -öst im Namen Niederöst zu nennen, der im Kanton Schwyz beheimatet ist (3 Tokens). Diese lautliche Variante enthält womöglich einen dialektalen Ref lex, denn in diesem Raum ist gemäss einigen Präzisierungsangaben im SDS III (1975: Karte 255) synchron von einer Senkungsbzw. Öffnungstendenz in der Innerschweiz, insbesondere in den Kantonen Schwyz und Uri, auszugehen. Dort werden die folgenden Formen des Lemmas (das) Neueste belegt: Schwyz (das) nö̂ ̥ y i ̜ st, (das) nǖ̥ i ̜ št; Uri (das) nī ̥ wi ̜ ʃš, (das) nī ̥ bi ̜ ʃš, in denen eine Tendenz zur Senkung des Vokals ausgewiesen wird. Der FamN könnte ein Hinweis darauf sein, dass diese für das 20. Jh. dokumentierte Senkungsbzw. Öffnungstendenz schon älter ist. Dass die FamN Aufschluss über Lautwandel in den Dialekten bieten können, lässt sich anhand eines Vergleichs zwischen dem appellativischen Wortschatz und Onymen illustrieren. Im Wallis hat sich ahd. -ōst je nach Region zu -ošt, -ušt und -ešt ausdifferenziert (Bohnenberger 1913: 206), die althochdeutsche Superlativbildung mit -ist ist im Wallis hingegen zu -st geworden (Wipf 1910: 136; Bohnenberger 1913: 206). Ref lexe des althochdeutschen Suffixes -ōst finden sich im FamN Biderbost, der in den hier untersuchten Daten ausschliesslich im Goms (VS) belegt ist. Braune/ Heidermanns (2023: 327) belegen die althochdeutsche Form jungisto ‘jüngst’ mit dem althochdeutschen Suffix -ist. Das Vorkommen des FamN Jungsten mit synkopiertem Vokal am Ort Törbel im Bezirk Visp (VS) deckt sich mit diesem historischen Beleg aus dem nicht-onymischen Wortschatz, da in den Dialekten des Wallis i vor st getilgt wird (Wipf 1910: 66, 136). Das Vorkommen von Jungsten liefert einen Anhaltspunkt dafür, dass die Synkope schon historisch eingetreten ist. Bei den FamN Obrist und Zobrist gestalten sich die Verhältnisse komplexer. Diese FamN gehen auf den althochdeutschen Adverbialstamm obar zurück, der mit dem althochdeutschen Suffix -ōst f lektiert wurde: obar → obarōsto (Braune/ Heidermanns 2023: 328). Lautgesetzlich ist -ōst in den schweizerdeutschen Dialekten zu -ɪšš bzw. -ɪšt geworden (Henzen 1927: 192; Clauß 1929: 187), aber in den jüngeren Dialekten ist der Vokal vor <st> mehrheitlich synkopiert worden, sodass das Superlativsuffix bei den Adverbialstämmen im nicht-onymischen Wortschatz vokallos ist, z. B. die bündnerischen Varianten obəršt (Brun 1918: 161), ō u bəršt (Hotzenköcherle 1934: 411), ōbəršt (Meinherz 1920: 177) sowie die Schaffhauser Variante obəršt (Wanner 1941: 169), aber vgl. die Innerschweizer Belege oubərɪšt (Abegg 1911: 77), ts obərɪšš (Clauß 1929: 187). In Luzern ist Fischer (1927: 165) zufolge die Komparation von Adverbialstämmen sowohl mit -ɪšt als auch mit -št möglich, die synkopierte Variante ɔbəršt sei jedoch vergleichsweise selten. In den Dialekten Freiburgs gilt das Suffix -ɪšt bei den Adverbialstämmen als älter (Henzen 1927: 192), Stucki (1917: 275) berichtet von der Form ɔbərəšt mit erhaltenem, neutralisiertem bzw. zentralisiertem Vokal. Ausgehend vom althochdeutschen Suffix -ōst bei Adverbialstämmen und vor dem Hintergrund der Raumverteilung der heutigen dialektalen Ref lexe dieses Suffixes stellen die FamN einen historischen Zwischenstand in der Synkopierung des Vokals dar. 10 Wird von der Annahme ausgegangen, dass sich die Superlativsuffixe beim Adverbialstamm nieder in den gegenwärtigen Dialekten in gleicher Weise wie obar verhalten, ist ahd. -ōst diachron anfänglich zu -ist 9 Vgl. Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». 10 Zu FamN mit Synkope vgl. Artikel I-1.16 «Synkope». 1.2 Flektierte Adjektivformen 345 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="346"?> geworden, einer Form, die in den FamN erhalten geblieben ist. Der Vokal bei den Adverbialstämmen im nicht-onymischen Lexikon ist später synkopiert worden. Gestützt auf die oben genannte Literatur ist die Synkope des Vokals von der östlichen Peripherie des Landes (SH, GR) ausgegangen und setzt sich in der westlichen Peripherie (FR) fort. In Bezug auf die Adjektiv- und Adverbstämme mit der Endung -er hat sich gezeigt, dass sich die Namen zum grossen Teil zwischen dem Aargau, dem Zürichsee und dem Bodensee konzentrieren. Ein ähnliches Schwerpunktgebiet zeigt sich bei den FamN aus Adjektiven auf -lich - dort von Zofingen (AG) über die Zürichseeregion bis zum Bodensee (vgl. Artikel II-2.6 «Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich»). Zusammengenommen bieten diese Ergebnisse Anlass für nachfolgende Forschung, genauer zu prüfen, inwieweit und mit welcher historischen Genese adjektivbasierte Namen ein für die umrissene Region charakteristisches Muster darstellen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN mit Superlativsuffix sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Obrist (1'601 Tokens), Würsten (433 Tokens) und Nideröst (413 Tokens). Bei den FamN mit der Endung -er treten Niederer (1'709 Tokens), Heusser (1'024 Tokens) und Kleiner (812 Tokens) am häufigsten auf. Vergleich mit benachbartem Ausland: Ein kontrastiver Vergleich zwischen dem bundesdeutschen und dem Deutschschweizer Onomastikon weist FamN mit Superlativsuffix als Besonderheit der Deutschschweiz aus. Für Deutschland sind solche Namen weder im DFA 3 (2012) noch im DFD (o. J.) dokumentiert. Stark und schwach f lektierte Adjektive werden im DFA 3 (2012: 2-13, 524-525) auf den Karten 1-5 und auf der Karte 250 behandelt. Für FamN des Typs Kleiner wird im DFA 3 (2012: 524-525) in den Ausführungen zur Karte 250 eine Analyse als Komparativformen erwogen, wenn auch mit verbleibenden Unsicherheiten. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Abegg, Emil (1911): Die Mundart von Urseren (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 4). Frauenfeld: Huber. Bach, Adolf (1952): Deutsche Namenkunde. Bd. I, 1: Die deutschen Personennamen. Einleitung. Zur Laut- und Formenlehre, Wortfügung, -bildung und -bedeutung der deutschen Personennamen. 2., stark erweiterte Auf lage. Heidelberg: Winter. 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Jeffrey Pheiff, Luise Kempf 1.2 Flektierte Adjektivformen 347 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="348"?> Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="349"?> 2 Wortbildung 2.1 Familiennamen mit l-Diminutiven Schlagwörter: Chronologie, Modifikation, Patronym, Schreibvariation, Übername Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Artikel werden FamN kartiert, die mit einem l- Diminutivsuffix abgeleitet sind. Diminution ist in oberdeutschen Mundarten häufig und das Suffix -li kann als Schibboleth für die alemannischen Mundarten der Schweiz angesehen werden (Lüssy 1974: 162): Das Schwzd. kann zu jedem Substantiv, wo es sinnvollerweise geht selbstverständlich, (wenigstens) ein Diminutiv bilden. Zu einem Wort wie Wonig Wohnung etwa - um irgendein Beispiel zu nennen - ist das Diminutiv Wönigli nicht ungewöhnlich […], wogegen die Schriftsprache zu Umschreibungen greifen müßte (Lüssy 1974: 160). Das li-Suffix kann auch als Schibboleth für Deutschschweizer FamN gelten (Berchtold 2017: 411-414). Neben dem Haupttyp -li treten noch -le, -lein, -lin und -ly als (Schreib-)Varianten auf. Inwiefern die Form -el hierhergehört, soll ebenfalls diskutiert werden. Hierbei interessiert, wie sich das Verhältnis der l- Suffixe in den FamN zeigt und sich mit anderen Landschaften des deutschsprachigen Raums vergleichen lässt. Hintergrund: Bei Diminuierung handelt es sich um eine synthetische Modifikation der Basis zum Ausdruck der Kleinheit wie Stock → Stöckli ‘kleiner Stock’. In oberdeutschen Mundarten geschieht diese Modifikation typischerweise mit einem l-Suffix (Seebold 1983: 1251-1252). 1 Die historische Vorstufe der hier besprochenen l-Suffixe ist eine Suffixkombination aus germ. *-ila- + germ. *-īna- > ahd. -(i)līn (Henzen 1965: 144). 2 Aus der Normalform mhd. -(e)līn entwickeln sich durch verschiedene lautliche und graphematische Prozesse folgende Formen: Der älteste Typ ist -lin, der die alt- und mittelhochdeutsche Normalform fortsetzt. Durch Nasalverlust im Auslaut entwickelt sich bereits im Althochdeutschen die oberdeutsche Form -li (Braune/ Heidermanns 2023: 168), die graphematisch als <li> und seit dem Frühneuhochdeutschen auch als <ly> auftritt. 3 Als Produkt der frühneuhochdeutschen Diphthongierung entsteht die Form -lein. Die weiteren oberdeutschen Dialektformen weist Henzen (1965: 146) wie folgt zu: in Schwaben -le, im Bairischen -el, -erl, im Elsass -le, -la, -li neben -(e)l. Die Form -le kann somit schwäbisch beeinf lusst sein, e kann aber auch allgemein als Reduktionsvokal im Nebenton erscheinen (Paul et al. 2007: 112). In der Deutschschweiz herrscht in den dialektal gebrauchten Ruf N -li vor. Lüssy (1974: 187) schreibt dazu: «Die meisten Personennamen werden mit -li und -i abgeleitet. Die anderen Suffixe fallen weniger ins Gewicht; zu nennen sind die Kurzformen auf -el, die offenbar immer mit Umlaut auftreten: Chäspel zu Kaspar, Tönel zu Anton, Gödel zu Gottfried, Köbel zu Jakob, Wältel zu Walter» [Kursivierung SB]. Die Variante -el soll eingehender diskutiert werden, da dieses Suffix zwei Ursprünge haben kann: Einerseits kann es den oben besprochenen l- Diminutiven zugeordnet werden. Seebold (1983: 1254) stuft -el als «regelrechte Vertretung der alten» (i)līn- Form ein. Durch Nasalschwund und Nebensilbenabschwächung entwickelt sich daraus -ele, «von dem je nach den regionalen Lautregeln das erste oder das zweite e schwindet» (Seebold 1983: 1254). Andererseits kann sich das Suffix aber auch aus einfachem germ. *-ila-, ahd. -ilo, -ila entwickelt haben, das in althochdeutschen Ruf N wie Ezzilo, Hunilo zur Bildung von Hypokoristika produktiv war (Henzen 1965: 144). Durch Abschwächung der Nebensilben resp. Apokope resultiert hier ebenfalls mhd. -el(e) (Nübling/ Kunze 2023: 251). In el-auslautenden Namen kann also der ältere, einfache oder der jüngere, kombinierte Suffixtyp vorliegen. In die FamN gelangen Diminutive grundsätzlich auf drei Wegen. Kunze (2004: 71) formuliert die Ausgangssituation wie folgt: Das Diminutiv kann urspr[ünglich] a) so aus dem Wortschatz übernommen worden sein: Bächle ‘der am Bächlein’; b) zur Variation eines Namens in vertraulicher, herabsetzender oder unterscheidender Absicht gedient haben: Matzke neben Matz für dieselbe Person oder zur Unterscheidung von Senior und Junior; c) als Mittel, um aus Appellativen einen Namen zu bilden: Klüglein ‘der Feine, Kluge’, Trenkle ‘der Trinker’, Zörnlein. FamN in a) gehen auf eine bereits diminuierte Ausgangsform zurück, wie Bächli Toponym → Bächli FamN , Wehrli Ruf N → Wehrli FamN oder Federli Appellativ → Federli FamN (Id. 1 1881 ff .: Sp. 677 ; Bach 1952: 172 ). In diesem Fall erstarrt das bereits diminuierte Toponym, Anthroponym oder Appellativ zum FamN. Im Fall von b) kann Diminution beim Namengebungsakt eingesetzt worden sein, um einen älteren und einen jüngeren Menschen innerhalb einer Familie zu unterscheiden, wie folgende Belege illustrieren: 1432 Hensli N., Sohn des Johans N. oder 1464 Hensli Johannesen (Id. 2 1881 ff.: Sp. 1470). Der Vater heisst Johan, der Sohn Hensli. Diese Art der Namenbildung ist auch denkbar, wenn eine appellativische Basis vorliegt: Zimmer Vater - Zimmerli Sohn . Bach (1952: 173 ) führt dazu weitere Beispiele wie Bertholdus Krafpho Vater - C. Krephelin Sohn an und spricht in solchen Fällen dem Diminutiv eine patronymische Funktion zu. Diminuierungen dienen in solchen Fällen nicht ausschliesslich zum Ausdruck 1 In der Schweiz gibt es keine k-Diminutive (nhd. -chen). 2 Ahd. -īn (< germ. *-īna) findet seine Fortsetzung in i-Diminutiven; diese werden im Artikel II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y» dargestellt. 3 Die Schreibung «y findet sich vermehrt seit dem 14. Jh. bis ins 16. Jh. als freie Variante von i, j» (Ebert et al. 1993: 43), vgl. auch Artikel I-1.14 «Schreibvariation i/ y». Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="350"?> der Kleinheit, sondern auch zum Audruck der Verwandtschaft. Mit der semantischen Modifikation kann zusätzlich eine emotionale Komponente einhergehen: Diese kann positive G efühle wie nhd. Mütterchen ‘liebevoll für Mutter’ ausdrücken, aber auch Ironie oder Geringschätzung wie nhd. Bürschchen ‘verächtlich oder belustigend für einen jungen Mann’ signalisieren (Müller/ Olsen 2022: 250). Bei diminuierten Patronymen ist wohl vom Ausdruck der Kleinheit gepaart mit positiven Gefühlen auszugehen. Die Gefühlslage dürfte sich aber auch wie bei ÜberN oft im negativen Spektrum bewegt haben. Im Fall von c) ordnet Kunze (2004: 71) das Suffix als onymisches Suffix ein. Formal tritt - wie bei b) - das Suffix ebenfalls erst in der Namenbildung an. Die Funktion wäre aber eine andere und losgelöst von den zuvor genannten zu betrachten: Das Suffix kann aus einem Appellativ einen Namen machen. Damit sind onymische Verstärkungsprozesse angesprochen, die im deutschsprachigen Raum zwar nicht systematisch, aber in Ansätzen ausgebildet wurden. Zu nennen ist hier der erweiterte Ausgang -ert (Kempf/ Nowak 2011; Nübling/ Kunze 2023: 72-77). 4 Im Falle eines solchen Verstärkungsprozesses würde das l-Suffix die Ausgangsbasis zwar modifizieren, inhaltlich wären der Ausdruck der Kleinheit oder allfällige semantische Modifikationen aber neutralisiert, denn das Suffix hätte die Funktion, aus einem Appellativ ein Onym zu machen, bspw. Trank Appellativ → Trenkle Onym . Welcher der genannten drei Wege und welcher der genannten G efühlsaspekte jeweils zugrunde liegt, kann i. d. R. nicht mehr erschlossen werden. Fragestellungen: Vor dem erläuterten Hintergrund sind die folgenden Fragen von Interesse: Wo finden sich mit einem l- Suffix diminuierte FamN? Wie verteilen sich die jeweiligen graphischen Varianten in den FamN? Daher stellt die erste Karte die Suffixe -li, -ly und die zweite Karte die Suffixe -lin, -lein kontrastiv dar, während die dritte Karte die Namen auf -le in den Fokus rückt. Die vierte Karte bietet einen Gesamtüberblick. Im Rahmen der fünften Karte wird der Sonderfall -el kartiert und diskutiert. Schliesslich werden auf der sechsten und der siebten Karte mit Patronymen und ÜberN die beiden häufigsten Benennungsmotive mit l- Diminutiv gesondert betrachtet, wobei ergänzend zum bisherigen Forschungsstand alle Suffixvarianten integriert sind. Erste Karte {159}: Diminutivsuffix -li und -ly Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 5 in denen das Suffix mhd. -līn graphisch als <li> oder <ly> auftritt. Die erste Karte stellt das Vorkommen kontrastiv dar. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN auf -li, vor 1800: Abächerli, Aberli, Aeberli, Aebli, Aecherli, Aepli, Aeppli, Ankli, Atzli, Auchli, Bächli, Bäggli, Balzli, Batzli, Baumli, Bäumli, Beerli, Berli, Binggeli, Bluntschli, Böckli, Bögli, Bölsterli, Bolzli, Bombeli, Bommeli, Bondeli, Bönzli, Bossli, Brändli, Brauchli, Brüderli, Bucheli, Bücheli, Buchli, Büchli, Bundeli, Bünzli, Bürkli, Bürli, Bütschli, Cahenzli, Dettli, Dittli, Düggeli, Dülli, Dysli, Eberli, Egeli, Eggli, Egli, Enderli, Epli, Etterli, Fässli, Federli, Feissli, Fischli, Fitzli, Fleischli, Flüeli, Fridli, Friedli, Fringeli, Gämperli, Gänsli, Gemperli, Glättli, Grässli, Gröbli, Gübeli, Gugerli, Guntli, Gygli, Häberli, Häderli, Haefeli, Haemmerli, Häfeli, Hägeli, Hagenbüchli, Hämmerli, Hänggeli, Hansli, Hänsli, Härtli, Häseli, Häsli, Hässli, Häuptli, Häusli, Heggli, Heierli, Herrli, Hertli, Höchli, Hölzli, Hörndli, Hösli, Hössli, Hubeli, Hüberli, Hubli, Hügli, Hühnli, Hümbeli, Hutterli, Hutzli, Immeli, Iseli, Jäckli, Jäggli, Jägli, Jaisli, Jeggli, Joneli, Juchli, Kaderli, Kambli, Käppeli, Kästli, Kehrli, Kerli, Kesseli, Klägli, Kläusli, Kleeli, Kleisli, Knechtli, Knopfli, Knöpfli, Knüsli, Köchli, Köferli, Köhli, Kölbli, Köpfli, Köppli, Köstli, Krättli, Kräutli, Kropfli, Kröpfli, Krütli, Krüttli, Kubli, Kübli, Küchli, Küderli, Kügeli, Kulli, Kumli, Kümmerli, Kummli, Künzli, Kupli, Kuratli, Kutzli, Lämmli, Läubli, Löhrli, Mägerli, Mägli, Mändli, Märkli, Mäschli, Mattli, Mauderli, Mäusli, Meili, Menteli, Menzli, Merkli, Messerli, Meuli, Meyli, Misteli, Möckli, Moeli, Möli, Mörgeli, Möschli, Mösli, Mötteli, Müessli, Mügeli, Naegeli, Nägeli, Nauli, Niggeli, Niggli, Nötzli, Nussli, Nüssli, Nutli, Nuttli, Oberhänsli, Oberli, Oechsli, Oefeli, Oegerli, Oeggerli, Oehrli, Oertli, Oetterli, Oettli, Peterli, Pfäffli, Pfefferli, Ragetli, Ragettli, Rehli, Reinli, Richli, Rickli, Riebli, Rietli, Rikli, Rinderli, Ringli, Roggli, Rolli, Rölli, Röösli, Röschli, Rösli, Rötheli, Rubeli, Rubli, Rübli, Ruckli, Rüefli, Rüetschli, Rufli, Rüfli, Rupli, Ruppli, Rüssli, Saameli, Sahli, Salchli, Sameli, Schädeli, Schäfli, Schälchli, Schäli, Schälkli, Schärli, Schärmeli, Scheibli, Schelbli, Schibli, Schieli, Schiferli, Schifferli, Schittli, Schläfli, Schmidli, Schmuckli, Schmukli, Schnebli, Schneebeli, Schneeli, Schöchli, Schörrli, Schöttli, Schrämli, Schrämmli, Schüeli, Schümperli, Schuppli, Speerli, Spitzli, Spöndli, Spörli, Spörndli, Sprüngli, Stäbli, Städeli, Stäheli, Stähli, Stampfli, Stämpfli, Staubli, Stäubli, Steckli, Stehli, Stelli, Stierli, Stöckli, Störchli, Strässli, Sträuli, Streuli, Stücheli, Stüdeli, Stüdli, Süsli, Süssli, Tödtli, Tschümperli, Tuffli, Vetterli, Vögeli, Vögtli, Völkli, von Bondeli, Wächli, Wäckerli, Wägeli, Wälchli, Wärtli, Weerli, Wehrli, Werfeli, Werffeli, Werndli, Wernli, Wickli, Widli, Wiesli, Wiggli, Wipfli, Wölfli, Wörndli, Wuffli, Würmli, Zeberli, Zigerli, Zimmerli, Zingerli, Zitterli, Zöbeli, Zübli. 19. Jh.: Blümli, Klötzli. 336 Types, 1'310 Tokens. FamN auf -ly, vor 1800: Brändly, Eggly, Gröbly, Häberly, Haefely, Haeffely, Heinzely, Hoessly, Hügly, Illy, Isely, Jendly, Kully, Maendly, Mändly, Mendly, Meuwly, Oertly, Schneuwly, Spitzly, Stöckly, Wehrly, Werly. 23 Types, 38 Tokens. Kreise 15-25, relative Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 167: Daten zur ersten Karte {159} Detailangaben zur Namenauswahl: 6 In der etymologischen Datenbank (Stand 30.10.2023) liegen 683 Namen auf -li und 73 auf -ly vor. Ein Drittel entfällt auf französisch- (z. B. Bailly, Dailly), italienisch- (z. B. Abbondioli, Nolli) oder rätoromanischsprachige Namen (z. B. Cavigilli, Telli), die hier nicht relevant sind. Ausgeschlossen wurden zudem Namen, die -lbereits in der Basis haben (z. B. Bantli zum Ruf N Pantaleon; Uehli, Ulli zum Ruf N Ulrich; Willi zum Ruf N Wilhelm). Hier liegen Diminutive auf -ī(n) vor bzw. ist die Endung -li zumindest 4 Vgl. Artikel II-2.13 «Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut». Als weitere Beispiele für onymische Suffixe werden in Nübling/ Kunze (2023: 136, 526, 611) -stra im Westfriesischen, -ertz, -artz im Westmitteldeutschen sowie -(s / e)ma im Friesischen genannt; es handelt sich dabei aber nicht um Diminutivsuffixe. 5 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 6 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 350 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="351"?> nicht eindeutig als l-Diminutiv zu erklären. Eine Ausnahme bilden Stäheli, Stähli: Diese FamN wurden kartiert, da aufgrund der Belegformen im Id. 10 (1881 ff.: Sp. 1206-1207) Stechelli, Stehelli, Stehenli von einer Bildung Ste(c)hel + -li ausgegangen wird. Unberücksichtigt blieben ferner Namen, bei denen -li aus dem reduzierten Suffix -lich entstanden ist (z. B. Weideli zu mhd. weide(n)lich ‘tüchtig’, Wunderli zu mhd. wunderlich ‘seltsam, launisch’), 7 sowie Namen, bei denen ein Nomen agentis auf -i zu einer l-haltigen Basis vorliegt (z. B. Höpli zu schwzdt. hopple(n) ‘possenhafte Sprünge machen, hüpfen’). 8 Dazu kommen die folgenden 31 Namen, deren Deutung unklar oder unbekannt ist (Stand 30.10.2023): Bälli, Bitterli, Cisli, Dölli, Düssli, Enkerli, Fegbli, Göseli, Gosteli, Gresly, Gressly, Häkli, Hossli, Jäissli, Läuchli, Mafli, Meerli, Ribeli, Schauli, Stämmeli, Surläuly, Telli, Thuli, Wägli, Wertli, Zahrli, Ziehli, Zinsli, Zweili, Zwingli und Züsli. Aufgenommen wurden hingegen der FamN Klötzli, dessen Namenträger: innen in Bern an verschiedenen Orten zwar erst um 1861 das Bürgerrecht erhielten, bei denen es sich aber gemäss Weingart (1942: 104, 112) um «[e]wige Einwohner […], jedoch ohne Nutzniessungsrecht noch Anteilh [sic! ] an irgend einem gemeinen Guth [sic! ]» handelt, sowie der FamN Blümli, dessen Namenträger: innen im 19. Jh. in Grosswangen (LU) eingebürgert wurden. Auch bei diesem FamN handelt es sich aufgrund seiner Form um einen authochton Deutschschweizer Namen. Nach diesen Ein- und Ausschlüssen beläuft sich das Sample auf 336 Namen auf -li und 23 Namen auf -ly, die in der Kartierung enthalten sind. Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Aeppli zum Ruf N Eberhard, Hansli), ÜberN (Brüderli, Mändly zu mhd. man ‘Mann’), BerufsN (Köchli, Schmidli), BerufsüberN (Kesseli, Roggli zu mhd. rogge ‘Roggen’) und WohnstättenN (Bächli, Sprüngli). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die sich aber eindeutig als Diminutive erklären lassen (Bünzli zu mhd. bin(e)z ‘Binse, Schilfgras’, Knechtli). Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass li-Diminutive der Typ des Mittellands sind. Sie decken das Gebiet von der deutsch-französischen Sprachgrenze im Westen bis zur Staatsgrenze im Osten ab. Im alpinen Raum sind sie ebenfalls in den Talschaften vorhanden, bspw. im oberen Aaretal (BE), im Reusstal (UR) sowie im Rheintal (SG, GR). Recht dicht tritt auch die Region Viamala (GR) hervor, die teilweise walserisch besiedelt wurde. Im rätoromanischen Sprachgebiet kommen teilweise hybride Namenformen wie Nuttli vor; dieser Name stellt eine rätoromanische Form des Ruf N Johannes mit deutschem Diminutivsuffix dar. 9 Auffallend ist, dass im Berner Oberland nur wenige und im deutschsprachigen Wallis vor 1800 fast keine einschlägige Namenbeispiele vorliegen. Die Types, die dort vor 1800 in Karte 159: li- und ly-Diminutive, vor 1800 7 Vgl. Artikel II-2.6 «Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich». 8 Zu Nomina agentis auf -i vgl. die Artikel II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y» und II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». 9 Vgl. Artikel II-2.20 «Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche». 2.1 Familiennamen mit l-Diminutiven 351 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="352"?> Erscheinung treten, sind singulär nur dort belegt: Im Wallis trifft dies auf Niggeli in Ernen/ Mühlebach (VS) zu, 10 im Berner Oberland auf Kropfli (Saanen) und Hutzli (Saanen, Zweisimmen). Die Schreibung <ly> tritt raumbildend im Kanton Freiburg auf. Die Streubelege in der Romandie entfallen auf Mendly (Aumont FR), We(h)rly (Orbe VD), Isely (Daillens VD) und Eggly (Lully VD). Die Namenträger: innen mit dem Namen Eggly sind nachweislich aus Bern kommend um 1768 in Lully (VD) eingebürgert worden. Die Schreibung mit <y> dürfte bei den genannten Fällen graphematische Anpassung an das französische Schreibsystem sein, da hier y sehr häufig im Auslaut vorkommt (vgl. z. B. Joly, Folly, Yerly und andere). 11 Zweite Karte {160}: Diminutivsuffix -lin und -lein Namenauswahl: Ausgewählt wurden in der zweiten Karte alle FamN aus der Schicht «vor 1800», in denen das Suffix mhd. -līn graphisch als <lin> oder <lein> auftritt. 12 Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN auf -lin: Aberlin, Acklin, Aenishänslin, Aklin, Anklin, Bächlin, Bäschlin, Bäumlin, Bäurlin, Bieglin, Bislin, Böcklin, Böglin, Brändlin, Brauchlin, Brüderlin, Brütschlin, Büchlin, Dietlin, Düblin, Düggelin, Dumelin, Eberlin, Eblin, Eglin, Enderlin, Etterlin, Ettlin, Fährlin, Fehrlin, Felchlin, Fischlin, Fläcklin, Flecklin, Fridlin, Friedlin, Füchslin, Göldlin, Gräflin, Gröflin, Häberlin, Haeberlin, Haefelin, Haeselin, Häfelin, Hanslin, Hauptlin, Hegglin, Henzelin, Hüblin, Hümbelin, Inglin, Iselin, Jäcklin, Jauslin, Jecklin, Kaestlin, Kählin, Kälin, Käslin, Kauflin, Köchlin, Koechlin, Köpplin, Kränzlin, Küchlin, Kuenlin, Küenzlin, Lämmlin, Mäglin, Märklin, Mendelin, Möklin, Möschlin, Nägelin, Näpflin, Neyerlin, Nötzlin, Oberlin, Oechslin, Oederlin, Oefelin, Omlin, Räuftlin, Reichlin, Röllin, Röthelin, Rothlin, Röthlin, Ruflin, Rühlin, Rüschlin, Schädelin, Schälin, Schälklin, Schäublin, Scheitlin, Schilplin, Schmidlin, Schnewlin, Schniderlin, Schöchlin, Schümperlin, Spöndlin, Sprünglin, Städelin, Stadlin, Staeblin, Staehelin, Stähelin, Stählin, Stehelin, Stehlin, Steinhäuslin, Steinlin, Stierlin, Stocklin, Stöcklin, Stoecklin, Strösslin, Stücklin, Stürmlin, Süsslin, Sütterlin, Trächslin, Tschechtelin, Tschümperlin, Uebelin, Vögelin, Vögtlin, Wäckerlin, Wälterlin, Wegelin, Wehrlin, Windlin, Wirthlin, Wittlin, Zaeslin, Zährlin, Zimmerlin, Züblin. 141 Types, 294 Tokens. FamN auf -lein: Brüderlein, Gräflein, Wurflein, Zaeslein. 4 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 168: Daten zur zweiten Karte {160} Karte 160: lin- und lein-Diminutive, vor 1800 10 Gemäss Walliser Wappenbuch (1946: 184) kann der Name als autochthon eingestuft werden: «Seit dem 14. Jh. bekannte Familie von Mühlebach, die daselbst, wie auch in Brig fortbesteht». 11 Vgl. Artikel I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». 12 Eine kontrastive Karte zu -li vs. -lin findet sich im Artikel I-2.1 «Nasalschwund». 352 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="353"?> Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 30.10.2023) liegen 206 Namen vor, die auf -lin enden. 44 Types entfallen auf französisch- (z. B. Buclin, de Molin) oder rätoromanischsprachige (z. B. Genelin, Pulin) FamN, die hier nicht relevant sind. Ausgeschlossen wurden ferner Namen, die -lbereits in der Basis haben (wie Bantlin zum Ruf N Pantaleon oder Bollin zum Ruf N Paul ), der FamN Wunderlin (zu mhd. wunderlich ‘seltsam, launisch’), der sekundär als Diminutiv umgedeutet wurde, 13 sowie folgende Namen, deren Deutung unklar oder unbekannt ist (Stand 30.10.2023): Bitterlin, Börlin, Gäschlin, Gättelin, Guntlin, Hicklin, Hölin, Liechtlin, Poeterlin, Schaulin, Schwartzlin, Söndlin, Stemmelin und Warpelin. Wie bei der ersten Karte wurden hier Stähelin, Stählin, Stehelin, Stehlin berücksichtigt, weil Belegformen wie Stehellin im Id. 10 (1881 ff.: Sp. 1206-1207) eine Bildung Stehel + -lin nahelegen. Es verbleiben 141 Namen auf -lin und vier Namen auf -lein, die in der Kartierung enthalten sind. Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Dietlin, Jauslin zum Ruf N Johannes), ÜberN (Kränzlin, Röthlin), BerufsN (Köchlin, Schmidlin), BerufsüberN (Häfelin, Stählin) und WohnstättenN (Bächlin, Sprünglin). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die formal aber als Diminutiv erklärt werden können (Fährlin, Hegglin). Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass die Schreibung <lin> nicht f lächendeckend, dafür aber in drei Räumen verdichtet vorkommt: Am deutlichsten tritt eine Verdichtung in den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft auf. Daneben kommt der Typ vermehrt, aber nicht so konturiert, in der Zentralschweiz (LU, SZ) sowie in der Nordostschweiz (SH, TG, SG) vor. Streubelege finden sich in den (süd-)westlichen Kantonen Freiburg und Bern, in den Kantonen Aargau und Zürich sowie weiter östlich in Graubünden. Die Formen mit Diphthongierung können als Ausnahmen angesprochen werden: Jeder der vier Types erscheint in der Schicht «vor 1800» an einem einzelnen Ortspunkt: Brüderlein in Coppet (VD), Gräflein in Steckborn (TG), Wurflein in La Chaux-de-Fonds (NE) und Zaeslein in der Stadt Basel. Für die Schreibung <Zaeslein> liefert Zaeslein (1980: 215) die Erklärung, dass jene Namenträger: innen, die Handel mit Süddeutschland und dem Elsass betrieben, die Namenform diphthongierten. Die Familienmitglieder, die nach Basel orientiert waren, führten die Schreibung <lin> weiter. 14 Dritte Karte {161}: Diminutivsuffix -le Namenauswahl: Ausgewählt wurden in der dritten Karte alle FamN aus der Schicht «vor 1800», in denen das Suffix mhd. -līn graphisch als <le> auftritt. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN auf -le, vor 1800: Ackle, Aeple, Bächle, Bäurle, Beerle, Bendele, Brändle, Buchle, Büchle, Bürkle, Eberle, Egle, Ehrle, Federle, Gämperle, Gemperle, Gerle, Gröble, Häfele, Hälmle, Häsele, Hautle, Heierle, Höchle, Karte 161: le-Diminutive, vor 1800 13 Vgl. Artikel II-2.6 «Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich». 14 Vgl. Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī». 2.1 Familiennamen mit l-Diminutiven 353 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="354"?> Juple, Kaufle, Kienle, Knechtle, Kübele, Künzle, Kuratle, Lämmle, Mattle, Mauchle, Möttele, Nüssle, Oberle, Oertle, Oettle, Pfefferle, Reindle, Reinle, Richle, Rimle, Ruggle, Sättele, Schaible, Schäuble, Schifferle, Schmidle, Schmuckle, Schmukle, Schneble, Stärkle, Stäuble, Stehle, Steuble, Strässle, Streule, Stüdle, Tröndle, Tschümperle, Vögele, Völkle, Wehrle, Wernle, Wölfle, Zängerle. 68 Types, 141 Tokens. Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-65, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 169: Daten zur dritten Karte {161} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 30.10.2023) liegen 169 Namen vor, die auf -le enden. 73 Types entfallen auf französisch- (z. B. Antille, Rolle) oder italienischsprachige FamN (z. B. Aprile, Nobile), die hier nicht relevant sind. Ausgeschlossen wurden zudem 28 Namen, bei denen 1. -le kein Diminutivsuffix ist (z. B. Mühle, Westphale), 2. -l(e) bereits in der Basis vorkommt wie bei Raschle / Räschle, denen das maskuline Appellativ Raschli zugrunde liegt (Id. 6 1881 ff.: Sp. 1460), Jehle zu Ulrich oder Dudle zu schwzdt. dūd(e)le(n) ‘auf der Sackpfeife u. ä. spielen, dudeln’ (Id. 12 1881 ff.: Sp. 495) sowie 3. Namen, deren Deutung unklar oder unbekannt ist (Heule, Hossle, Jedele, Mafle und Schobele). Es verbleiben 68 Namen auf -le, die in der Kartierung enthalten sind. Die Namenauswahl umfasst Patronyme (Ackle zum Ruf N Egelolf oder Aginolf , Oettle zum Ruf N Otto), ÜberN (Federle zu mhd. vëder(e) ‘Feder’, Vögele zu mhd. vogel ‘Vogel’), BerufsüberN (Häfele, Stäuble zu mhd. stoup ‘Staub’), BerufsN (Kaufle, Schmidle) und WohnstättenN (Bächle, Stüdle zu mhd. stūde ‘Staude, Strauch’). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die aber formal als Diminutiv erklärt werden können (Hälmle, Kienle entweder zum Ruf N Konrad, zu mhd. küen(e) ‘kühn’ oder zu schwzdt. Chien, Kien ‘Kienholz; Kiefer’, Lämmle zu mhd. lamp ‘Lamm’ oder zu einem HäuserN Lamm / Lämmle). 15 Kommentar: Die dritte Karte zeigt zwei le-Areale: Raumbildend tritt der Nordosten südlich des Bodensees auf. Das Gebiet umfasst die Kantone Thurgau, St. Gallen, Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden. Dialektal wird dieser Befund nicht gestützt: Für Kesswil (TG) hält Enderlin (1911: 80-81) fest, dass der Vokal in den Diminutiven als [ɪ] gesprochen wird; dasselbe gilt für Appenzell (Vetsch 1910: 129) und Schaffhausen (Wanner 1941: 92). Einen zweiten, kleineren Raum konstituiert das aargauische Fricktal (Bezirke Laufenburg und Rheinfelden) mit den östlich angrenzenden Gemeinden im unteren Aaretal (Bezirk Zurzach AG). Dieser Raum schliesst nahtlos an das nördlich angrenzende Gebiet in Deutschland an, in dem der le-Typ bis zu einer Linie Karlsruhe-Aalen dominiert (DFA 3 2012: 418, 421, 440). Daneben kommt diese Schreibung noch im Kanton Schwyz an vier Orten vor; die weiteren Ortspunkte wie Bendele in Düdingen (FR), Tröndle in Remetschwil (AG) oder Buchle in Scharans (GR) sind als Streubelege einzuordnen. Der Name Pfefferle in Geschinen (VS) ist gemäss Walliser Wappenbuch (1946: 193) als nicht-autochthon einzustufen, da die Familie aus Imst in Tirol (Österreich) stammte und 1735 eingebürgert wurde. Vierte Karte {162}: l-Diminutive gesamt Namenauswahl: Die vierte Karte fasst alle in den vorherigen Karten besprochenen FamN der Schicht «vor 1800» in einer Gesamtkarte zusammen. Abgefragte Namen FamN auf -li, vor 1800: Abächerli, Aberli, Aeberli, Aebli, Aecherli, Aepli, Aeppli, Ankli, Atzli, Auchli, Bächli, Bäggli, Balzli, Batzli, Baumli, Bäumli, Beerli, Berli, Binggeli, Bluntschli, Böckli, Bögli, Bölsterli, Bolzli, Bombeli, Bommeli, Bondeli, Bönzli, Bossli, Brändli, Brauchli, Brüderli, Bucheli, Bücheli, Buchli, Büchli, Bundeli, Bünzli, Bürkli, Bürli, Bütschli, Cahenzli, Dettli, Dittli, Düggeli, Dülli, Dysli, Eberli, Egeli, Eggli, Egli, Enderli, Epli, Etterli, Fässli, Federli, Feissli, Fischli, Fitzli, Fleischli, Flüeli, Fridli, Friedli, Fringeli, Gämperli, Gänsli, Gemperli, Glättli, Grässli, Gröbli, Gübeli, Gugerli, Guntli, Gygli, Häberli, Häderli, Haefeli, Haemmerli, Häfeli, Hägeli, Hagenbüchli, Hämmerli, Hänggeli, Hansli, Hänsli, Härtli, Häseli, Häsli, Hässli, Häuptli, Häusli, Heggli, Heierli, Herrli, Hertli, Höchli, Hölzli, Hörndli, Hösli, Hössli, Hubeli, Hüberli, Hubli, Hügli, Hühnli, Hümbeli, Hutterli, Hutzli, Immeli, Iseli, Jäckli, Jäggli, Jägli, Jaisli, Jeggli, Joneli, Juchli, Kaderli, Kambli, Käppeli, Kästli, Kehrli, Kerli, Kesseli, Klägli, Kläusli, Kleeli, Kleisli, Knechtli, Knopfli, Knöpfli, Knüsli, Köchli, Köferli, Köhli, Kölbli, Köpfli, Köppli, Köstli, Krättli, Kräutli, Kropfli, Kröpfli, Krütli, Krüttli, Kubli, Kübli, Küchli, Küderli, Kügeli, Kulli, Kumli, Kümmerli, Kummli, Künzli, Kupli, Kuratli, Kutzli, Lämmli, Läubli, Löhrli, Mägerli, Mägli, Mändli, Märkli, Mäschli, Mattli, Mauderli, Mäusli, Meili, Menteli, Menzli, Merkli, Messerli, Meuli, Meyli, Misteli, Möckli, Moeli, Möli, Mörgeli, Möschli, Mösli, Mötteli, Müessli, Mügeli, Naegeli, Nägeli, Nauli, Niggeli, Niggli, Nötzli, Nussli, Nüssli, Nutli, Nuttli, Oberhänsli, Oberli, Oechsli, Oefeli, Oegerli, Oeggerli, Oehrli, Oertli, Oetterli, Oettli, Peterli, Pfäffli, Pfefferli, Ragetli, Ragettli, Rehli, Reinli, Richli, Rickli, Riebli, Rietli, Rikli, Rinderli, Ringli, Roggli, Rolli, Rölli, Röösli, Röschli, Rösli, Rötheli, Rubeli, Rubli, Rübli, Ruckli, Rüefli, Rüetschli, Rufli, Rüfli, Rupli, Ruppli, Rüssli, Saameli, Sahli, Salchli, Sameli, Schädeli, Schäfli, Schälchli, Schäli, Schälkli, Schärli, Schärmeli, Scheibli, Schelbli, Schibli, Schieli, Schiferli, Schifferli, Schittli, Schläfli, Schmidli, Schmuckli, Schmukli, Schnebli, Schneebeli, Schneeli, Schöchli, Schörrli, Schöttli, Schrämli, Schrämmli, Schüeli, Schümperli, Schuppli, Speerli, Spitzli, Spöndli, Spörli, Spörndli, Sprüngli, Stäbli, Städeli, Stäheli, Stähli, Stampfli, Stämpfli, Staubli, Stäubli, Steckli, Stehli, Stelli, Stierli, Stöckli, Störchli, Strässli, Sträuli, Streuli, Stücheli, Stüdeli, Stüdli, Süsli, Süssli, Tödtli, Tschümperli, Tuffli, Vetterli, Vögeli, Vögtli, Völkli, von Bondeli, Wächli, Wäckerli, Wägeli, Wälchli, Wärtli, Weerli, Wehrli, Werfeli, Werffeli, Werndli, Wernli, Wickli, Widli, Wiesli, Wiggli, Wipfli, Wölfli, Wörndli, Wuffli, Würmli, Zeberli, Zigerli, Zimmerli, Zingerli, Zitterli, Zöbeli, Zübli. 19. Jh.: Blümli, Klötzli. 336 Types, 1'310 Tokens. FamN auf -ly, vor 1800: Brändly, Eggly, Gröbly, Häberly, Haefely, Haeffely, Heinzely, Hoessly, Hügly, Illy, Isely, Jendly, Kully, Maendly, Mändly, Mendly, Meuwly, Oertly, Schneuwly, Spitzly, Stöckly, Wehrly, Werly. 23 Types, 38 Tokens. FamN auf -lin, vor 1800: Aberlin, Acklin, Aenishänslin, Aklin, Anklin, Bächlin, Bäschlin, Bäumlin, Bäurlin, Bieglin, Bislin, Böcklin, Böglin, Brändlin, 15 Bei der Übernahme deutscher FamN ins Französische wird das Suffix -le als -lé mit Akzent Aigu integriert, bspw. in Eberle → Eberlé, Pfefferle → Pfefferlé oder Raedle → Raedlé. Der Akzent dient wohl zur Markierung der französischen Endsilbenbetonung, da -e am Wortende ohne Diakritikum sonst als Schwa-Laut realisiert werden müsste, vgl. eingehender dazu Artikel I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». 354 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="355"?> Brauchlin, Brüderlin, Brütschlin, Büchlin, Dietlin, Düblin, Düggelin, Dumelin, Eberlin, Eblin, Eglin, Enderlin, Etterlin, Ettlin, Fährlin, Fehrlin, Felchlin, Fischlin, Fläcklin, Flecklin, Fridlin, Friedlin, Füchslin, Göldlin, Gräflin, Gröflin, Häberlin, Haeberlin, Haefelin, Haeselin, Häfelin, Hanslin, Hauptlin, Hegglin, Henzelin, Hüblin, Hümbelin, Inglin, Iselin, Jäcklin, Jauslin, Jecklin, Kaestlin, Kählin, Kälin, Käslin, Kauflin, Köchlin, Koechlin, Köpplin, Kränzlin, Küchlin, Kuenlin, Küenzlin, Lämmlin, Mäglin, Märklin, Mendelin, Möklin, Möschlin, Nägelin, Näpflin, Neyerlin, Nötzlin, Oberlin, Oechslin, Oederlin, Oefelin, Omlin, Räuftlin, Reichlin, Röllin, Röthelin, Rothlin, Röthlin, Ruflin, Rühlin, Rüschlin, Schädelin, Schälin, Schälklin, Schäublin, Scheitlin, Schilplin, Schmidlin, Schnewlin, Schniderlin, Schöchlin, Schümperlin, Spöndlin, Sprünglin, Städelin, Stadlin, Staeblin, Staehelin, Stähelin, Stählin, Stehelin, Stehlin, Steinhäuslin, Steinlin, Stierlin, Stocklin, Stöcklin, Stoecklin, Strösslin, Stücklin, Stürmlin, Süsslin, Sütterlin, Trächslin, Tschechtelin, Tschümperlin, Uebelin, Vögelin, Vögtlin, Wäckerlin, Wälterlin, Wegelin, Wehrlin, Windlin, Wirthlin, Wittlin, Zaeslin, Zährlin, Zimmerlin, Züblin. 141 Types, 294 Tokens. FamN auf -lein, vor 1800: Brüderlein, Gräflein, Wurflein, Zaeslein. 4 Tokens. FamN auf -le, vor 1800: Ackle, Aeple, Bächle, Bäurle, Beerle, Bendele, Brändle, Buchle, Büchle, Bürkle, Eberle, Egle, Ehrle, Federle, Gämperle, Gemperle, Gerle, Gröble, Häfele, Hälmle, Häsele, Hautle, Heierle, Höchle, Juple, Kaufle, Kienle, Knechtle, Kübele, Künzle, Kuratle, Lämmle, Mattle, Mauchle, Möttele, Nüssle, Oberle, Oertle, Oettle, Pfefferle, Reindle, Reinle, Richle, Rimle, Ruggle, Sättele, Schaible, Schäuble, Schifferle, Schmidle, Schmuckle, Schmukle, Schneble, Stärkle, Stäuble, Stehle, Steuble, Strässle, Streule, Stüdle, Tröndle, Tschümperle, Vögele, Völkle, Wehrle, Wernle, Wölfle, Zängerle. 68 Types, 141 Tokens. Kreise 20-40, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 170: Daten zur vierten Karte {162} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den ausgewählten FamN vgl. die Ausführungen bei den ersten drei Karten. Kommentar: Die Gesamtkarte zeigt die Ballung der l- Diminutive vornehmlich in der Nordhälfte der deutschsprachigen Schweiz. Die dominierenden li- Namen im Mittelland und im Alpenvorland werden von den anderen Typen f lankiert. Die südlichen Landesteile sind auffallend leer. Karte 162: Gesamtkarte l-Diminutive, vor 1800 2.1 Familiennamen mit l-Diminutiven 355 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="356"?> Fünfte Karte {163}: Diminutivsuffix -el Namenauswahl: Ausgewählt wurden in der fünften Karte alle FamN aus der Schicht «vor 1800», in denen das Diminutivsuffix -el auftritt. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN auf -el zu germanischen RufN: Berthel, Eggel, Huggel, Menzel, Ramel, Römmel, Ryffel, Wetzel, Wiezel. 9 Types, 28 Tokens. FamN auf -el zu nicht-germanischen RufN: Fabel, Hensel, Koebel, Köppel, Martel. 7 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 171: Daten zur fünften Karte {163} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 30.10.2023) liegen 331 Namen vor, die auf -el enden. 131 Types entfallen mehrheitlich auf französisch- (z. B. Bardel, Dardel ) und zu einem geringeren Teil auf italienischsprachige FamN (z. B. Genel ), die hier nicht relevant sind. 13 Namen wurden ausgeschlossen, da deren Deutung unklar oder unbekannt ist (Stand 30.10.2023): Brütel, Bürdel, Clodel, Gimmel, Klodel, Koffel, Langel, Masel, Noerbel, Rödel, Topfel, Zöbel und Zöffel. Die restlichen 187 Treffer wurden geprüft und mussten mehrheitlich ausgesondert werden (154 Namen), da sie entweder mehrdeutig sind oder keine Diminutivform darstellen (wie Flügel, Löffel, Mantel, Stiefel, Waldvogel, die HerkunftsN von Tavel, Vontobel, von Wedel sowie die WohnstättenN Büchel, Himmel, Kennel ). 16 Es verblieben zunächst 33 FamN, die alle Patronyme resp. Metronyme sind. Aus diesen wurden wiederum 19 Namen ausgeschlossen, teils da auslautendes -el schon im Namenstamm enthalten ist (wie Gabriel, Michael, Schaniel, Stoffel ) und teils da mehrere Ausgangsformen infrage kommen (wie in Mengel zu Mangold oder Magnus). Schlussendlich wurden 14 Namen berücksichtigt, bei denen es sich jeweils um ein modifiziertes Patronym handelt. Kommentar: Gegenüber den ersten drei Karten fallen hier bereits die kleinen Type- und Tokenzahlen auf. Die vorliegende Karte zeigt vereinzelte Vorkommen dieses Bildungstyps in der gesamten Deutschschweiz ohne erkennbare Raumbildung. Auch im Süden (VS), der sonst keine l- Diminutive zeigt, treten el-Formen auf. Die meisten der insgesamt 35 Tokens entfallen auf den FamN Wetzel mit 10 Tokens; alle anderen FamN verzeichnen in der Schicht «vor 1800» lediglich 1 bis 3 Tokens. Wetzel und die Variante Wiezel gehen etymologisch auf eine Kurzform eines Ruf N mit dem Element ahd. warin / werin zurück; diese Kurzform ist mit z- und l- Suffix gebildet. Morphologisch gesehen liegt bei Wetzel das ältere, einfache Diminutivsuffix germ. *-ila-, ahd. -ilo Karte 163: FamN mit el-Diminutiv zu germanischen und nicht-germanischen RufN, vor 1800 16 Für Nomina agentis auf -el wie Güdel oder Weibel vgl. Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 356 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="357"?> vor. Bei den weiteren Namen, die auf einen germanischen Ruf N zurückgehen, ist ebenfalls von einfachem -ilo auszugehen, bspw. bei Berthel zu Berthilo zu Berthold (Baumgartner 1983: 54), Huggel zu Hug, Menzel zu Manz / Mangold, Ramel zu Ragimund, Ryffel zu Rīcholf , Römmel zu ahd. hruom. Bei FamN zu Ruf N, die nicht-germanisch sind und erst ab dem Spätmittelalter durch die Christianisierung in unserem Raum üblich wurden, kann hingegen das einfache ahd. -ilo nicht mehr vorliegen, da diese Bildung bereits im Althochdeutschen ihre Produktivität verloren hat (Henzen 1965: 144). Auch Baumgartner (1983: 55) verzeichnet in seiner Arbeit zu mittelalterlichen PersonenN in Zürich bereits mehr ilīn-Bildungen (= 7) als einfache ilo-Bildungen (= 4). Die Diminutivformen Koebel und Köppel zu Jakob können chronologisch gesehen nur mit erweitertem ahd. -ilīn abgeleitet worden sein. 17 Dieser Bildungstyp kann demnach auch für die anderen Namen des Samples aus der christlichen Tradition angenommen werden: Fabel zu Fabian(us), Hensel zu Hans, Martel zu Martin. Beim FamN Eggel, der vor 1800 nur im Wallis vorkommt, ist hingegen vom älteren Bildungstyp -ilo auszugehen. Zur Plausibilisierung seien folgende drei Punkte angeführt: Die Basis bildet ein althochdeutscher Ruf N Eggo, im Wallis kommen sonst keine l- Diminutive vor und das Wallis gilt als sprachlich konservativ. Somit kann man für das Höchstalemannische annehmen, dass es sich um das archaischere Diminutivsuffix anstatt um erweitertes ahd. -ilīn handelt. Allenfalls ist auch von einer Überlagerung der beiden Suffixe auszugehen (vgl. Abschnitt «Hintergrund»); dies müsste im Einzelfall mit einer historischen Sondierung geklärt werden. Sechste Karte {164}: Patronyme mit l-Diminutiv Namenauswahl: Die sechste Karte zeigt alle FamN aus der Schicht «vor 1800», in denen das Suffix mhd. -līn an einen Ruf N antritt. Die verschiedenen Schreibungen des Suffixes werden hier zusammengefasst. Die Karte ergänzt somit die in Berchtold Schiestl et al. (2020: 434-442) erstellte Karte 3, die lediglich Patronyme mit der Suffixvariante -li enthält. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Patronyme mit l-Diminutiv, vor 1800: Aberli, Aberlin, Ackle, Acklin, Aeberli, Aebli, Aenishänslin, Aeple, Aepli, Aeppli, Aklin, Atzli, Balzli, Bäschlin, Bolzli, Bossli, Brändle, Brändlin, Brändly, Buchle, Buchli, Bundeli, Bürkle, Bürkli, Cahenzli, Dettli, Dietlin, Dittli, Düggeli, Düggelin, Dülli, Karte 164: Patronyme mit l-Diminutiv, vor 1800 17 Ein weiterer Hinweis zur Chronologie resp. zum Nebeneinander der beiden Suffigierungsmöglichkeiten sei noch angeführt: Baumgartner (1983: 176) nennt als urkundliche Namenformen für Wetzel 1044 Wecil und in derselben Urkunde auch den Namen Wahelin, der eine mit l- und in-Suffix gebildete Kurzform zu einem Ruf N Wachardarstellt (Baumgartner 1983: 176). Aufgrund der abnehmenden Produktivität von -ilo ist Wahelin als jüngerer Bildungstyp einzustufen. Es begegnen in dieser Urkunde also beide Suffixtypen: älteres Wecil neben jüngerem Wahelin. 2.1 Familiennamen mit l-Diminutiven 357 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="358"?> Eberle, Eberli, Eberlin, Eblin, Egeli, Egle, Egli, Eglin, Ehrle, Enderli, Enderlin, Epli, Fabel, Felchlin, Fitzli, Fridli, Fridlin, Friedli, Friedlin, Gerle, Hänggeli, Hansli, Hänsli, Hanslin, Härtli, Heierle, Heierli, Heinzely, Hensel, Henzelin, Herrli, Hochuli, Hügli, Hügly, Illy, Inglin, Jäckli, Jäcklin, Jäggli, Jägli, Jauslin, Jecklin, Jeggli, Jendly, Joneli, Kläusli, Kleisli, Koebel, Köppel, Köppli, Köpplin, Köstli, Kuenlin, Küenzlin, Kulli, Kully, Künzle, Künzli, Kuratle, Kuratli, Mäglin, Märkli, Märklin, Martel, Mattle, Mattli, Meili, Merkli, Meuli, Meuwly, Meyli, Moeli, Möli, Möttele, Mötteli, Nauli, Niggeli, Niggli, Nötzli, Nötzlin, Nutli, Nuttli, Oberhänsli, Oberle, Oberli, Oberlin, Oegerli, Oeggerli, Oertle, Oertli, Oettle, Oettli, Omlin, Parli, Pärli, Peterli, Ragetli, Ragettli, Reindle, Reinle, Richle, Richli, Rimle, Rubeli, Rubli, Rüefli, Rüetschli, Rüfli, Rühlin, Rupli, Ruppli, Rüschlin, Saameli, Sahli, Sameli, Völkle, Völkli, Wälterlin, Weerli, Wehrle, Wehrli, Wehrlin, Wehrly, Werly, Werndli, Wernle, Wernli, Wickli, Wiggli, Wölfle, Wölfli, Zährlin. 163 Types, 559 Tokens. Kreise 15-35, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 15-70, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 172: Daten zur sechsten Karte {164} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst die Patronyme der ersten drei Karten wie Weerli, Wehrle, Wehrli, Wehrlin, Wehrly, Werly, Werndli, Wernle, Wernli und Wörndli, die alle Kurzformen zum männlichen Ruf N Werner darstellen. Aufgrund der Diskussion im Kommentar zur fünften Karte wurden Berthel, Eggel, Huggel, Menzel, Ramel, Römmel, Ryffel, Wetzel und Wiezel ausgeschlossen, da hier vom älteren Bildungstyp -ilo auszugehen ist. Kommentar: Die sechste Karte zeigt häufiges Vorkommen von Patronymen mit l- Diminutiv in der gesamten Deutschschweiz. Die Namenformen treten gehäuft im Mittelland von der Sprachgrenze im Westen bis ins Rheintal (SG, GR) im Osten auf. In Graubünden kommt der Typ in deutsch-, aber auch in rätoromanischsprachigen Gemeinden vor. 18 Im Wallis ist das Vorkommen auf die Namen Köppel (Guttet) und Niggeli (Ernen/ Mühlebach) beschränkt. Die Namenform Köppel kann aber als nicht-autochthon eingestuft werden, da die Familie gemäss Morend/ Dupont Lachenal/ Mühlemann (1974: 147) aus Berneck im St. Galler Rheintal zugezogen ist. Bei Niggeli ist dies nicht der Fall: Träger: innen dieses Namens sind seit dem 14. Jh. bezeugt (Morend/ Dupont Lachenal/ Mühlemann 1974: 187). Siebte Karte {165}: Übernamen mit l-Diminutiv Namenauswahl: Die siebte Karte enthält alle FamN aus der Schicht «vor 1800», in denen das Suffix mhd. -līn in einem ÜberN auftritt. Die verschiedenen Schreibungen des Suffixes werden hier zusammengefasst. Die Karte ergänzt somit die in Berchtold Schiestl et al. (2020: 434-442) erstellte Karte 2, die lediglich ÜberN mit der Suffixvariante -li enthält. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen ÜberN mit l-Diminutiv, vor 1800: Bäggli, Bäurle, Bäurlin, Beerle, Beerli, Berli, Bieglin, Binggeli, Bluntschli, Böckli, Böcklin, Brauchli, Brauchlin, Brüderlein, Brüderli, Brüderlin, Brütschlin, Bucheli, Bürli, Düblin, Dumelin, Etterli, Etterlin, Federle, Federli, Feissli, Fläcklin, Flecklin, Füchslin, Gämperle, Gämperli, Gänsli, Gemperle, Gemperli, Glättli, Gräflein, Gräflin, Gröble, Gröbli, Gröbly, Gröflin, Gugerli, Guntli, Häderli, Häsele, Haeselin, Häseli, Häsli, Hässli, Häuptli, Hauptlin, Hautle, Hoessly, Hösli, Hössli, Hümbeli, Hümbelin, Hutzli, Kählin, Kälin, Klägli, Knechtle, Knüsli, Köferli, Kölbli, Kränzlin, Kräutli, Kropfli, Kröpfli, Krütli, Krüttli, Kümmerli, Kutzli, Maendly, Mägerli, Mändli, Mändly, Mauchle, Mauderli, Mendelin, Mendly, Misteli, Möckli, Möklin, Mörgeli, Mügeli, Nüssle, Nussli, Nüssli, Oechsli, Oechslin, Oederlin, Oehrli, Oetterli, Pfäffli, Rehli, Riebli, Ringli, Rolli, Röschli, Rötheli, Röthelin, Rothlin, Röthlin, Ruckli, Ruflin, Ruggle, Rüssli, Schädeli, Schädelin, Schäfli, Schälchli, Schälkli, Schälklin, Schäuble, Schäublin, Scheitlin, Schelbli, Schiferli, Schifferle, Schifferli, Schilplin, Schittli, Schläfli, Schmuckle, Schmuckli, Schmukle, Schmukli, Schneble, Schnebli, Schneebeli, Schneeli, Schneuwly, Schnewlin, Schörrli, Schöttli, Schrämli, Schrämmli, Schümperli, Schümperlin, Schuppli, Speerli, Spöndli, Spöndlin, Spörndli, Staeblin, Stampfli, Stämpfli, Stierli, Stierlin, Sträuli, Streule, Streuli, Stücklin, Stürmlin, Süsli, Süssli, Süsslin, Tödtli, Tröndle, Tschümperle, Tschümperli, Tschümperlin, Vetterli, Wäckerli, Wäckerlin, Wälchli, Wirthlin, Wittlin, Wuffli, Wurflein, Würmli, Zaeslein, Zängerle, Zeberli, Zigerli, Zingerli, Zitterli. 19. Jh.: Blümli, Klötzli. 180 Types, 433 Tokens. Kreise 15-35, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 15-70, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 173: Daten zur siebten Karte {165} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst die ÜberN aus den ersten drei Karten wie Gräflin, Gräflein, Gröflin zu Graf (übertragen wohl nach einem Verhalten, das man mit einem Grafen verband) oder Nussli, Nüssli zu mhd. nuz ‘Nuss, Mandel’ (übertragen auf etwas Kleines). Ausgeschlossen wurden semantisch mehrdeutige Namen wie Vögele, Vögeli, Vögelin zu mhd. vogel ‘Vogel’ (entweder BerufsüberN für den Vogelfänger oder ÜberN nach einer Eigenschaft). Kommentar: Die siebte Karte zeigt, ähnlich wie bei den Patronymen, das Vorkommen in der Deutschschweiz mit Ausnahme des Wallis. Die Namenformen treten gehäuft im Mittelland auf, von der Sprachgrenze im Westen bis ins Rheintal (SG, GR) im Osten. In Graubünden kommt der Typ in deutschsprachigen Gemeinden vor. Ergebnisse Die sieben Karten zeigen eine geographische Verbreitung der l- Diminutive, die sich vornehmlich im Mittelland und im Alpenvorland der Schweiz konzentriert. Wie in der Gesamtkarte (vierte Karte) deutlich wird, werden die dominierenden li- Derivate in ihrem räumlichen Auftreten von den anderen Realisierungen umrahmt: Im Westen von -ly, im Nordwesten, im Nordosten sowie in der Zentralschweiz von -lin und im Osten von -le. Die Formen -lein und -el spielen eine marginale Rolle. Bei allen Varianten (ausser -lein und -el ) muss festgehalten werden, dass es sich lediglich um graphische Phänomene handelt, da die dialektale Aussprache für alle Graphien traditionell [lɪ] ist (vgl. SDS III 1975: Karten 149-152; VALTS III 2000: Karte 176). Übertragen auf die Dialektgliederung der Deutschschweiz bedeutet dies, dass sich die FamN auf ahd. -ilīn hauptsächlich im nieder- und hochalemannischen Dialektgebiet finden. Der höchst- 18 Vgl. Artikel II-2.20 «Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche». 358 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="359"?> alemannische Sprachraum zeigt sich uneinheitlich: Während in der Zentralschweiz sowie im Kanton Glarus l- Diminutive vorkommen, haben das Berner Oberland und das Wallis kaum Anteil an diminuierten FamN. Dies wirft die Frage auf, wie produktiv l- Diminutive in diesen Gebieten zur Entstehungszeit der FamN waren. Ein Blick auf die Verteilung des schwachen Genitivsuffixes -en, 19 das in FamN v. a. im Südwesten stark vertreten ist, lässt vermuten, dass in den genannten Gebieten andere morphologische Muster produktiv waren. Ob das Genitivsuffix -en und die Diminution sich im engeren Sinn konkurrenzierten, müsste zukünftige Forschung prüfen. Die Diskussion bei der fünften Karte zu FamN auf -el hat gezeigt, dass eine Zuordnung zu einem der beiden Ausgangssuffixe -ilo oder -ilīn mithilfe der Chronologie der Suffixe und der Namenetyma erarbeitet werden kann: Im Deutschschweizer Sprachraum ist - sofern im Onomastikon vorhanden - bei Namen mit einer germanischen Basis vom älteren, einfachen Suffix -ilo auszugehen. Bei Patronymen zu nicht-germanischen Ausgangsformen ist hingegen vom jüngeren Suffix -ilīn auszugehen, da hier Ruf N modifziert wurden, die erst ab dem Spätmittelalter in Gebrauch waren. Es bietet sich an, die Ergebnisse mit der Karte 120 im HSS II (1979: 120) zu vergleichen, auf der anthroponymisches Material ausgewertet wird. Für die zwar wenigen Ortspunkte in der Schweiz, aber auch für die angrenzenden Ortspunkte in Deutschland wird als Normalschreibung im Nominativ und Akkusativ Singular die Graphie <li> notiert, ausgenommen ist Basel mit <lin> (HSS I 1979: 221-223; HSS II 1979: 120). Ausgehend von diesem Befund erlauben die Familiennamengraphien, eine relative Chronologie zu entwerfen: Während -lin in der Nordwest- und der Zentralschweiz eine ältere mittelhochdeutsche Schreibtradition fortsetzt, sind die Formen -le, -li, -ly ohne auslautendes -n als graphische Neuerungen einzustufen. Dazu passt die Beobachtung von Erni (1949: 93) zur Berner Kanzleisprache: Er hält fest, dass die dialektale Form -li älteres -lin konkurrenziert. Daneben dokumentiert er auch die Schreibung <lyn> (Erni 1949: 28), die in den kartierten FamN nicht mehr erhalten ist. Im 18. Jh. wird der Einf luss der neuhochdeutschen Schriftsprache immer stärker, das Diminutivsuffix wird aber in der Berner Kanzlei ausnahmslos <li> und <lin> geschrieben (Erni 1949: 113). Die diphthongierte Form des Suffixes tritt in Bern erst um 1790 auf «und noch 1800 steht ‹tannli› neben ‹tannlein›» (Erni 1949: 93). Die Schreibung <lein> mit Digraphie wurde nicht mehr ins Onomastikon übertragen und spielt dementsprechend keine nennenswerte Rolle, was die wenigen lein-Types im Sample belegen. 20 Das Suffix -le im Nordosten und entlang des Rheins schliesst unmittelbar an das le- Gebiet in Baden-Württemberg an (Berchtold 2024: 246-248). Hotzenköcherle Karte 165: ÜberN mit l-Diminutiv, vor 1800 19 Vgl. Artikel II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe» sowie Berchtold Schiestl et al. (2020: 438). 20 Zum Verhältnis der Diphthongschreibung im Hauptton wie in Wyss - Weiss vgl. Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī». 2.1 Familiennamen mit l-Diminutiven 359 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="360"?> (1984: 95-96) beschreibt diese Nordostlandschaft mit Bezug auf die Mundarten als «neuerungsfreundlich». D. h., dass Laute, Formen und Wörter jenseits der «Rhein-Bodensee-Linie» aufgenommen werden (Hotzenköcherle 1984: 95), was auch zur Graphie <le> passt. Seidl (2011) erklärt -le im Fricktal mit habsburgischen Einf lüssen, da dieses Gebiet bis 1803 zu Vorderösterreich gehörte. Dies wäre noch genauer zu untersuchen. Man kann als Zwischenfazit festhalten, dass die Formen Schreibtraditionen ref lektieren. In manchen Fällen könnte aber auch der Wunsch nach graphischer Differenzierung zugrunde liegen, denn vereinzelt treten FamN mit derselben lexikalischen Basis, aber anderem Suffix an einem Ort auf wie Brändli und Brändlin in Stäfa (ZH) oder Brändli und Brändly in Eschenbach (SG). Im Fall von Tschümperle, Tschümperli und Tschümperlin in Alpthal (SZ) sind es sogar drei Schreibungen an einem Ort. Mit dieser graphischen Differenzierung können in einem Ort, an dem mehrere Familien denselben Namen tragen, familiale Zugehörigkeiten deutlich gemacht werden. Inwiefern dieser letztgenannte Sachverhalt zutrifft, wäre ebenfalls noch zu prüfen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Egli (7'807 Tokens), Stöckli (3'984 Tokens) und Friedli (3'305 Tokens). In den höchstalemannischen Mundarten entstanden noch weitere Varianten von Diminutivsuffixen: 21 Durch Palatalisierung des l zum Halbvokal j entwickelten sich im Wallis Formen wie Lammji ‘Lämmlein’ oder Trögji ‘Tröglein’ (Bohnenberger 1913: 155; SDS III 1975: Karte 152). Daneben existieren auch die Suffixe -elti, -etli und -ti (SDS III 1975: Karte 152; Berchtold 2008: 658-659), deren Entstehung Hofer (2012) eingehend an Berner Toponymen diskutiert, sowie -schi wie in Hundschi (SDS III 1975: Karte 149). Zu diminuierten Substrattoponymen im ehemaligen Unterrätien vgl. Ackermann (2023: 683-689). Lüssy (1974: 164) nennt darüber hinaus das Suffix -ggi, das «neutrale diminutivische Ableitungen zu Taufnamen» bildet, bspw. Luggi zu Luise (Id. 3 1881 ff.: Sp. 1236), Floggi zu Flora, Ruggi zu Marie. All diese Formen sind sprachhistorisch jünger und haben keinen Eingang in die FamN gefunden; eine Ausnahme bildet der FamN Kindschi (zu mhd. kint ‘Kind, Sohn, Tochter’) in Davos (GR). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 3 (2012: 400-459) werden im Kapitel «Diminutiva und Hypokoristika» auf den Karten 189-220 die verschiedenen l-Suffixe dargestellt, wobei -li in Deutschland keinen nennenswerten Niederschlag findet und deshalb auch nicht kartiert wird. Anschluss zum vorliegenden Kartenkomplex bieten die Karte 203 zum Typ [Sütter]lin, die Karte 199 zum Typ [Eber]le sowie die Karte 210, auf der das Verhältnis der l-Suffixe synoptisch visualisiert wird (DFA 3 2012: 418, 425, 440). Zusätzlich sei auch auf den Abschnitt «Die l-Suffixe» in Nübling/ Kunze (2023: 251-252) verwiesen. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. 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Dabei kommen hauptsächlich zwei morphologische Typen infrage, die den FamN zugrunde liegen: Diminutive resp. Hypokoristika (KoseN), bei denen ein i-Suffix an eine Ableitungsbasis angetreten ist, und Nomina agentis (Täterbezeichnungen). Hypokoristika können z. T. nur schlecht von Kurzformen zu Ruf N unterschieden werden, weshalb diese in der ersten Karte ebenfalls dargestellt werden. Daneben finden sich einige weitere Gruppen von i-Derivaten, die im Familiennamenbestand aber weniger häufig nachzuweisen sind: Adjektivabstrakta, Ableitungen von Toponymen und onymisierendes -i (s. die einzelnen Karten). Der Gegenstand ist relevant, weil es sich um eine verbreitete Bildung von Deutschschweizer FamN handelt. 1 Hintergrund: Die FamN auf -i, -y erscheinen auch als -in, -e und haben verschiedene Genesen, die nachfolgend beschrieben werden. Es handelt sich um die vier morphologischen Gruppen der Diminutive (Hypokoristika und KurzN eingeschlossen), Nomina agentis, Adjektivabstrakta und Onymisierungen. 1. Im gesamten alemannischen und schwäbischen Namenmaterial sind Diminutive reich vertreten (Kully 2009: 373-374; DFA 3 2012: 418-429). Die verbreitetsten Formen sind alem. -li, schwäb. -le, die in einem eigenen Artikel behandelt werden. 2 Während diese l-Suffixe bei Appellativen normalerweise Sekundärumlaut auslösen, ist das bei den i-Diminutiven seltener der Fall (Hans → Hansi). Trotzdem finden sich FamN mit Sekundärumlaut neben umlautlosen Formen: Ruf N Jakob → FamN Jaggi, Jäggi; Ruf N Rudolf → FamN Ruedi, Rüedi; Ruf N Blasius → FamN Bläsi (Berchtold 2008: 643-644; Kully 2009: 373-374). Die i-Diminutive setzen ahd. -īn fort (Braune/ Heidermanns 2023: 259). Entsprechende KurzN wie ahd. Trutin, Hiltin, Folchin zu zweigliedrigen Ruf N sind bereits im 9. Jh. bezeugt, werden aber schon im Althochdeutschen nicht mehr primär als Diminutive verstanden. Auch Karli ist kein Diminutiv, sondern in der Schweiz eine gesellschaftlich angesehene Namenform, die insbesondere für Fürsten verwendet wird (Id. 3 1881 ff.: Sp. 460-462; Ackermann et al. 2023: 43-48; Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Karli). Der Nasal schwindet im Oberdeutschen schon in althochdeutscher Zeit, die Produktivität von -i macht sich in der Schweiz aber erst in der zweiten Hälfte des 13. Jh. bemerkbar (Bach 1952: 105). In gewissen Dialekten wie etwa jenen des Grossen Walsertals (Vorarlberg) ist das Suffix bereits versteinert und auf wenige semantische Felder beschränkt (Berchtold 2008: 41, 656-657), so bspw. Tierbezeichnungen (vorarlbergisch Chatzi neutr. ‘Kätzchen’), Körperteile (vorarlbergisch Augi neutr. ‘Äuglein’) und Kleidung (vorarlbergisch Huati neutr. ‘Hütchen’). Gemäss SDS III (1975: 155) tritt die Diminutivform -i appellativisch in den Deutschschweizer Mundarten sowohl in erstarrten wie auch in lebendigen Bildungen auf (mit und ohne Umlaut), insbesondere im Berner Oberland, in Deutschfreiburg und im Wallis inklusive Walserkolonien. In Ruf N blieb das -i auch in deutschen Mundarten erhalten, die auslautende Vokale bei Appellativen zu -e [ə] abgeschwächt oder sogar ganz apokopiert haben (Bach 1952: 30, 106-108, 115). Im Höchstalemannischen wird der Nasal des Diminutivsuffixes in den Pluralformen wieder sichtbar: Sing. Beri, Plur. Berini ‘Beerlein’, Sing. Hiischi, Plur. Hiischini ‘Häuschen’ (Bohnenberger 1913: 194-197). Appellativische Diminutive können nicht nur Verkleinerung ausdrücken, sondern auch Zärtlichkeit, Liebe, Rücksicht, aber auch Mitleid, Tadel, Spott und Verachtung (Szadrowsky 1927-1928: 188). In fremdsprachigen Namen ermöglicht die Diminuierung mittels eines deutschen Suffixes die Integration in ein Flexionsmuster der deutschen Sprache (vgl. auch Bach 1952: 107). 3 Die deutsche Derivation setzt aber auch schon eine gewisse lautliche Anpassung voraus, da ansonsten das Antreten eines deutschen Suffixes nicht ohne Weiteres einleuchtet (Ackermann 2023: 683‒689). Grundsätzlich sind alle deutschen Diminutive Neutra, unabhängig vom Genus der Ableitungsbasis. Bei den männlichen Ruf N konnte durch Einf luss des natürlichen Sexus hingegen maskulines Genus entstehen (Szadrowsky 1918: 85-88; Baumgartner/ Christen 2017; Baumgartner/ Christen 2019; Christen/ Baumgartner 2021): der Hansi, der Ruedi, der Kueni, aber z. T. auch noch neutr. ds Josi(n), ds Päuli(n) (Henzen 1965: 144). 2. Zu den Nomina agentis auf schwzdt. -i, -y gehören bspw. die FamN Spörri, Spoerry ← schwzdt. sporre(n) ‘strampeln, mit den Füssen stossen’ (Kully 2009: 374-375), aber auch Appellativa wie Hinki ‘Hinkender’ oder Schili ‘Schielender’ (Szadrowsky 1926-1927: 3-4). 4 Es handelt sich um einen äusserst produktiven Bildungstyp im appellativischen Wortschatz, vgl. z. B. auch Buuchi zu schwzdt. 1 Andere lautliche Entwicklungen, die zum Auslaut -i, -y führen, werden in den jeweiligen Kapiteln besprochen. Dazu gehört bspw. der auslautende Nasalschwund in FamN, die vom männlichen Ruf N lat. Martīnus abgeleitet sind, sodass diese als Marti, Marty, Marthy erscheinen; vgl. Artikel III-1.7 «Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Martīnus». Zum Nasalschwund in FamN vgl. Artikel I-2.1 «Nasalschwund» und zur graphischen Variation von <i> und <y> in der Deutschschweiz vgl. Artikel I-1.14 «Schreibvariation i/ y». 2 Vgl. Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven». 3 Vgl. Artikel II-2.20 «Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche». 4 Für weitere appellativische Beispiele im Schweizerdeutschen vgl. Szadrowsky (1918: 93-99). 362 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="363"?> Buuch ‘Bauch’ für ein dickes Individuum, Ruessi zu schwzdt. Ruess ‘Russ’ für einen geschwärzten Menschen oder Strubli zu schwzdt. Strubel ‘wirrer Haarschopf ’ für eine schlecht frisierte Person (Szadrowsky 1926-1927: 2-4). Das häufigste Suffix zur Bildung von Nomina agentis ist jedoch dt. -er, das aus lat. -ārius entlehnt wurde. 5 Im Gegensatz zu dt. -er haben die Bildungen mit dt. -i oftmals einen stärkeren Gefühlsbezug oder auch einen negativen, lächerlichen, unerlaubten und verächtlichen Aspekt (Szadrowsky 1918: 94-97). Im Wallis sind aus den prototypischen Verbalableitungen sekundär neue Einwohnerbezeichnungen auf -i entstanden, die Maskulina oder Neutra sind: schwzdt. Saasi ‘Saaser, Mann aus Saas’, Matti (Plur. Mattinu) ‘Matter, Mann aus Zermatt’ (Bach 1952: 204). Im Sarganserland haben sich durch falsche Abtrennung des Stammauslauts (Metanalyse) bei den Nomina agentis die Suffixvarianten -ni und -li entwickelt, die dann auch auf andere Stämme übertragen werden: Davädällni mask. ‘Bewohner von Davadell’, Gräpli mask. ‘Bewohner von Grap’ (Stähli 1976: 256-257; Ackermann 2023: 693, 697-698). 3. Eine weitere Gruppe von Nomina auf -i sind Adjektivabstrakta vom Typ schwzdt. Hööchi ‘Höhe’, schwzdt. Längi ‘Länge’ usw., die normalerweise Sekundärumlaut zeigen. Schon im Mittelhochdeutschen wird das auslautende -i in manchen Dialekten zu -e abgeschwächt: mhd. güete ‘Güte’, mhd. breite ‘Breite’ gegenüber schwzdt. Güeti, schwzdt. Breiti (Henzen 1965: 169-173). Im Alemannischen sind i-Abstrakta zu Adjektiven immer noch produktiv (Henzen 1965: 172). Diese Adjektivabstrakta können wie Adjektive verwendet werden, wobei sie einen besonderen Gefühlsbezug oder Emphase ausdrücken: schwzdt. ist dë(r) von-ere(n) Tümmi! ‘ist der aber dumm! ’, tuet dër e(n) Tümmi! ‘tut der jetzt blöd! ’, wel(ch)-e(n) Güeti ist dër Most! ‘wie lecker ist doch dieser Most! ’ (Szadrowsky 1933: 24-25, 30, 124). Einiges seltener und durch Lautwandelprozesse häufig nicht mehr klar erkennbar sind Verbalabstrakta vom Typ schwzdt. Taufi ‘Taufe’, schwzdt. Leiti ‘Leitung’ (Henzen 1965: 172-173; s. auch Szadrowsky 1926-1927: 4-11). Diese fehlen in der Schicht «vor 1800» komplett, andere Abstrakta kommen als FamN aber durchaus vor, bspw. Angst, Zorn, Zweifel. 4. Schliesslich tritt -i auch als rein onymischer Marker auf, wie bspw. bei den FamN Späti zu mhd. spæte ‘spät’ und Liechti, Lichtin zu mhd. lieht ‘hell, strahlend, blank’. Wenn die Ableitungsbasis ein Adjektiv ist, ist es aber auch gut denkbar, dass bspw. dem FamN Bruni eine schwache Flexionsform schwzdt. d ǝ(r) Bruuni ‘der Braune’ zugrunde liegt, die im Deutschen gegenüber der starken Flexion bei den FamN allgemein vorherrscht (Bach 1952: 60-61). Durch eine Ellipse des Bezugsworts liesse sich so auch eine Substantivierung erklären, auch wenn die schwache Adjektivf lexion allein schon «etwas Substantivisches, Konkretes, Individualisiertes an sich hat» (Socin 1903: 453-454). Eine andere Möglichkeit sind movierte feminine Formen wie schwzdt. di(ǝ) Bruuni ‘die Braune’, vgl. aus Graubünden die Belege 1672 N. Bruni, 1715 Brunin oder auch 1467 Spattin und 1531 Burga Strubin, 1672 N. Straubin für Namenträgerinnen (RNB 3 1986: 812-813, 815-816, 907). Möglich ist aber auch, dass es sich ursprünglich um alte i-Diminutive handelt (Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Bruni), wobei die Ableitungsbasis bereits ein FamN sein konnte. Fragestellungen: Dieser Artikel geht der Frage nach, welche Verbreitung die FamN auf -i (einschliesslich der Varianten -y, -in, -e) in der Deutschschweiz aufweisen. Ferner werden die verschiedenen morphologischen Typen und Ableitungsbasen unterschieden, da auch diese teilweise eine auffällige geographische Verteilung aufweisen. Die erste Karte enthält alle besprochenen Ableitungen, während sich die zweite Karte mit Hypokoristika, KurzN und appellativischen Diminutiven als Namengrundlage befasst. Die dritte Karte geht nochmals gesondert auf die FamN aus appellativischen Diminutiven ein. Die vierte Karte gibt einen Überblick über FamN aus Nomina agentis, die fünfte Karte über onymisierendes -i. Schliesslich dokumentiert die sechste Karte Adjektivabstrakta und Ableitungen von Toponymen. 5 Vgl. die Artikel II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen» und II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». 2.2 Familiennamen auf -i/ -y 363 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="364"?> Erste Karte {166}: Gesamtkarte der Familiennamen auf -i(n), -y, -e Namenauswahl: Die erste Karte fasst alle FamN auf -i(n), -y, -e aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 6 in einer Gesamtkarte zusammen. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN auf -i(n), -y, -e, vor 1800: Aebi, Aebin, Aeby, Aerne, Aerni, Aerny, Aeschi, Arni, Bandli, Bandlin, Bänteli, Bantli, Bätschi, Beldi, Benteli, Bertschi, Bertschin, Bertschy, Bieri, Biri, Birri, Biry, Bohli, Bolli, Bötschi, Brogle, Brogli, Brögli, Bruni, Büchi, Bürge, Bürgi, Bürgin, Bürgy, Buri, Bürke, Bürki, Bürky, Burri, Cueni, Cuoni, Cuony, Dahli, Dali, Dängeli, Dietsche, Dietschi, Dietschy, Dietzi, Diezi, Dünki, Erne, Erni, Erny, Fleuti, Fügi, Gätzi, Glücki, Grögli, Güggi, Gügi, Haenni, Hähni, Häne, Häni, Hänni, Hänny, Häny, Henni, Henny, Heussi, Heutschi, Holi, Holy, Höpli, Höppli, Hüssy, Janzi, Jöhri, Jordi, Jöri, Jörin, Karli, Kieni, Klöti, Kuenzi, Küenzi, Kuenzy, Kuni, Kuny, Künzi, Kuoni, Kuri, Kury, Kürzi, Lenzi, Lenzin, Leuthy, Lichtin, Liechti, Linggi, Lussi, Lüssi, Lüthi, Lüthin, Lüthy, Maffli, Mahni, Mani, Manni, Marggi, Märke, Märki, Matti, Mengi, Menti, Menzi, Merke, Merki, Mori, Möri, Motschi, Muggle, Muggli, Mugglin, Murri, Mutti, Nänni, Nänny, Nolfi, Pantli, Pflugi, Pohli, Preschli, Preschlin, Richi, Ringele, Ringgeli, Rösti, Rudi, Rudin, Rüdin, Rüede, Ruedi, Rüedi, Rüedin, Rüedy, Rüggi, Rümbeli, Rümmeli, Schälli, Schätti, Schättin, Schnelli, Schöbi, Schori, Schwägli, Späti, Spiri, Spoerry, Spori, Spöri, Spörri, Sterchi, Sterki, Strebi, Strübi, Strübin, Strüby, Stuck, Stucki, Stücklin, Stucky, Stücky, Thali, Thomi, Trümpi, Trümpy, Tschirky, Usteri, Wähni, Wälle, Wälli, Wälly, Wälte, Walti, Wälti, Wälty, Welte, Welti, Weltin, Wicki, Wicky, Wiki. 194 Types, 912 Tokens. Kreise 5‒60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 174: Daten zur ersten Karte {166} Detailangaben zur Namenauswahl: 7 Zur Namenauswahl und zu den Etymologien s. detailliert die nachfolgenden Karten. Das ursprüngliche Korpus kam durch eine Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 15.08.2023) nach FamN zustande, in deren etymologischen Beschreibung ein Suffix -i erwähnt wird. Diese rund 200 Treffer wurden anschliessend manuell bereinigt und nach morphologischen Typen sortiert. Karte 166: Gesamtkarte der FamN auf -i(n), -y, -e, vor 1800 6 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 7 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 364 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="365"?> Kommentar: Die Gesamtkarte zeigt eine Nord-Süd-Unterscheidung, die in der Deutschschweiz gesamthaft für alle Typen zu beobachten ist. Die ausgewählten FamN dominieren im Mittelland und reichen in die Voralpen hinein; vom Berner Oberland im Südwesten bis an den Bodensee im äussersten Nordosten gibt es zahlreiche Belege. Es lassen sich gewissermassen drei Ballungsräume erkennen, die aber praktisch ineinander übergehen: der Kanton Bern mit dem angrenzenden Entlebuch (LU), von Basel über Aargau und Solothurn bis an den Sempachersee (LU) sowie der Kanton Zürich mit den östlich angrenzenden Regionen (TG, SG, aber auch GL). Die Streubelege im Kanton Graubünden entfallen fast ausschliesslich auf FamN, die auf Hypokoristika und Kurzformen von Ruf N beruhen. Die geographischen Ausreisser am Genfersee ‒ Märki (Duillier VD), Henny (Le Mont-sur-Lausanne VD, Prilly VD, Renens VD) ‒ sind schon vor 1800 eingebürgert, die FamN etymologisch aber als deutsch zu erklären. Im Wallis finden sich praktisch keine Belege und auch die Innerschweiz ist im Vergleich mit der übrigen Deutschschweiz eher leer. Zweite Karte {167}: Familiennamen zu Hypokoristika, Kurznamen und appellativischen Diminutiven auf -i(n), -y, -e Namenauswahl: Die zweite Karte zeigt diejenigen FamN auf -i(n), -y, -e aus der Schicht «vor 1800», denen Ableitungen mit einem Diminutivsuffix zugrunde liegen. Dazu gehören einerseits Kurzformen von Ruf N und Hypokoristika (KoseN), die manchmal ebenfalls als Diminutive bezeichnet werden und sowohl morphologisch als auch semantisch nicht klar von diesen abzugrenzen sind. Andererseits gehören hierzu auch echte Diminutive zu Appellativen, die anschliessend zu FamN wurden (s. dritte Karte für eine separate Darstellung). 8 Abgefragte Namen FamN zu Hypokoristika auf -i(n), -y, -e: Aebi, Aebin, Aeby, Aerne, Aerni, Aerny, Aeschi, Arni, Bandli, Bandlin, Bänteli, Bantli, Bätschi, Benteli, Bertschi, Bertschin, Bertschy, Bieri, Biri, Birri, Biry, Bohli, Bolli, Bürge, Bürgi, Bürgin, Bürgy, Bürke, Bürki, Bürky, Cueni, Cuoni, Cuony, Dietsche, Dietschi, Dietschy, Dietzi, Diezi, Erne, Erni, Erny, Janzi, Jöhri, Jordi, Jöri, Jörin, Karli, Kieni, Kuenzi, Küenzi, Kuenzy, Kuni, Kuny, Künzi, Kuoni, Lenzi, Lenzin, Marggi, Märke, Märki, Mengi, Menti, Menzi, Merke, Merki, Nänni, Nänny, Nolfi, Pantli, Pohli, Rudi, Rudin, Rüdin, Rüede, Ruedi, Rüedi, Rüedin, Rüedy, Rüggi, Schätti, Schättin, Schöbi, Thomi, Wähni, Wälle, Wälli, Wälly. 87 Types, 411 Tokens. FamN zu Kurzformen auf -i(n), -y, -e: Beldi, Bötschi, Buri, Burri, Gätzi, Haenni, Hähni, Häne, Häni, Hänni, Hänny, Häny, Henni, Henny, Kuri, Kury, Leuthy, Lüthi, Lüthin, Lüthy, Mahni, Mani, Manni, Matti, Mori, Möri, Richi, Wälte, Walti, Wälti, Wälty, Welte, Welti, Weltin, Wicki, Wicky, Wiki. 37 Types, 247 Tokens. FamN zu appellativischen Diminutiven auf -i, -y: Spiri, Stucki, Stucky, Stücky. 33 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Karte 167: FamN zu Hypokoristika, KurzN und appellativischen Diminutiven auf -i(n), -y, -e, vor 1800 8 Für die verwandten l-Diminutive vgl. Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l- Diminutiven». 2.2 Familiennamen auf -i/ -y 365 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="366"?> Kreise 10‒60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 175: Daten zur zweiten Karte {167} Detailangaben zur Namenauswahl: Die meisten FamN der zweiten Karte basieren auf Hypokoristika (KoseN) zu männlichen Ruf N. Es wurde versucht, diese von FamN zu KurzN zu trennen: Der Unterschied liegt darin, dass bei den KurzN ein Teil des Namens durch das -i ersetzt wird und tatsächlich eine kürzere Namengestalt resultiert. Bei den Hypokoristika kann der Name durch das Anfügen von -i sogar länger werden als die Ableitungsbasis, bspw. Paul + -i → Bohli, Bolli. Ausgeschlossen wurden die FamN Matti und Bolli im Kanton Tessin, da diese nicht auf deutsche Bildungen zurückgehen. Zu FamN auf der Basis appellativischer Diminutive s. die dritte Karte. Kommentar: Die kartierten FamN zeigen eine deutliche Nord-Süd- Verteilung und konzentrieren sich vorwiegend im Mittelland. Sie treten vom Berner Oberland im Südwesten bis an den Bodensee im Nordosten sehr dicht auf. Ein Ausläufer folgt dem Rhein aufwärts nach Graubünden, wo sich trotz der romanischen Sprachgeschichte schon vor 1800 ebenfalls verstreut deutsche FamN finden. Auffällig ist das spärliche Auftreten im höchstalemannischen Dialektgebiet, namentlich im Wallis und in Teilen der Innerschweiz sowie in Glarus. Zur geographischen Verteilung der FamN, die auf appellativischen i-Diminutiven beruhen, s. die dritte Karte. In den romanischen Landesteilen finden sich einzelne geographische Ausreisser, die schon vor 1800 eingebürgert wurden: Bei den Hypokoristika sind es die FamN Märki (Duillier VD) und Nolfi (Val Müstair GR), wobei letzterer möglicherweise auf Einf luss des Tirolisch-Bairischen beruht. Bei den KurzN ist es der FamN Henny (Le Mont-sur-Lausanne VD, Prilly VD, Renens VD) am Genfersee, dem in der Deutschschweiz der FamN Hänni (zu Johannes) entspricht. Dritte Karte {168}: Familiennamen zu appellativischen Diminutiven auf -i, -y Namenauswahl: Die dritte Karte illustriert diejenigen FamN aus der Schicht «vor 1800», die auf appellativischen i-Diminutiven beruhen. Diese sind auch schon in der zweiten Karte enthalten, zeigen aber gegenüber den anderen dort behandelten FamN eine auffällige geographische Verbreitung. Die FamN zu Hypokoristika und KurzN wurden für diese Karte ausgeschlossen. Abgefragte Namen FamN zu appellativischen Diminutiven auf -i, -y, vor 1800: Spiri, Stucki, Stucky, Stücky. 33 Tokens. Kreise 5‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 176: Daten zur dritten Karte {168} Detailangaben zur Namenauswahl: Im Deutschschweizer Familiennamenbestand finden sich v. a. zwei Typen, die appellativische i- Diminutive fortsetzen: Spiri als Diminutiv von mhd. spīre ‘Spierschwalbe, Turmschwalbe’ (für einen mageren, ausgezehrten Menschen) und Stucki, Stucky, Stücky als Diminutive zu mhd. stuck(e), stück(e) ‘Stück’ (ebenfalls für eine schmächtige Person oder aber ironisch für eine stämmige Person). Ausgeschlossen wurde der FamN Stücklin (Riehen BS), da dieser ein l-Diminutiv ist. Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass appellativische i-Diminutive nur in zwei klar begrenzten Gebieten zu FamN wurden: einerseits in der Nordostschweiz zwischen Zürichsee, Bodensee und Walensee, andererseits in der westlichen Deutschschweiz im Kanton Bern. Die Verteilung der Grapheme <i> und <y> ist in dem Fall auffällig. 9 Die 4 Tokens von Spiri liegen alle im Kanton Thurgau; die Schreibvariante der «Heidi»-Autorin Spyri ist vor 1800 noch gar nicht belegt. Der FamN Stücky ist nur in Freiburg (FR) bezeugt und auch Stucky kommt vor 1800 nur in Kontaktzonen mit romanischen Sprachen vor: Bettmeralp (VS), Düdingen (FR), Freiburg (FR) mit möglichem französischem Einf luss und Sargans (SG) im ehemaligen rätoromanischen Sprachgebiet. 10 Nach Nübling/ Kunze (2023: 476-477) ist die Schreibweise -y typisch für die französische Schweiz. Alle übrigen Ortspunkte entfallen auf den Typ Stucki, der die weitaus häufigste Namenform darstellt und kein <y> enthält. Das komplette Fehlen von FamN zu appellativischen i-Diminutiven im Grossteil des nördlichen Mittellands ist signifikant und kontrastiert deutlich mit den FamN zu KurzN und Hypokoristika auf der zweiten Karte. Auch die höchstalemannischen Dialektgebiete (Innerschweiz, Wallis, Walserorte Graubündens) sind weitestgehend frei von diesem Typ. Vierte Karte {169}: Familiennamen zu Nomina agentis auf -i(n), -y, -e Namenauswahl: Die vierte Karte zeigt FamN aus der Schicht «vor 1800», die als Nomina agentis auf -i(n), -y, -e zu erklären sind. Zum Ausschluss uneindeutiger Fälle s. u. Abgefragte Namen FamN zu Nomina agentis auf -i(n), -y, -e, vor 1800: Brogle, Brogli, Brögli, Dängeli, Dünki, Fleuti, Fügi, Grögli, Güggi, Gügi, Heussi, Heutschi, Höpli, Höppli, Hüssy, Lussi, Lüssi, Maffli, Muggle, Muggli, Mugglin, Murri, Pflugi, Preschli, Preschlin, Ringele, Ringgeli, Rümbeli, Rümmeli, Schälli, Schnelli, Schori, Schwägli, Spoerry, Spori, Spöri, Spörri, Strebi, Trümpi, Trümpy, Tschirky. 41 Types, 114 Tokens. Kreise 5‒60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 0‒80, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 177: Daten zur vierten Karte {169} Detailangaben zur Namenauswahl: Ausgeschlossen wurde der FamN Lussi (Bellinzona TI), der wahrscheinlich nicht mit dem deutschen FamN Lussi (Beckenried NW) zusammenhängt. Kommentar: Auch dieser morphologische Typ von FamN auf -i(n), -y, -e findet sich hauptsächlich im Mittelland und weist dieselbe grundsätzliche geographische Verbreitung auf wie die FamN in der zweiten und der dritten Karte. Allerdings ist die anteilsmässige Verteilung anders gewichtet, da die meisten Beispiele im nördlichen und östlichen Mittelland und den Voralpen auftreten (AG, ZH, TG, GL). In der westlichen Deutschschweiz kommen hingegen nur verstreute Belege vor, dies im Gegenteil zum Bild in der zweiten und der dritten Karte. Dafür stimmt das spärliche Auftreten im Wallis und in 9 Vgl. Artikel I-1.14 «Schreibvariation i/ y». 10 Vgl. die Artikel I-3.4 «Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche» und II-2.20 «Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche». 366 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="367"?> Karte 168: FamN zu appellativischen Diminutiven auf -i, -y, vor 1800 Karte 169: FamN zu Nomina agentis auf -i(n), -y, -e, vor 1800 2.2 Familiennamen auf -i/ -y 367 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="368"?> Teilen der Innerschweiz mit diesen überein. In der Gemeinde Glarus (GL) gibt es ein massiertes Vorkommen von Trümpi, Trümpy, in Wängi (TG) und Aadorf (TG) von Höpli, Höppli. Von den vier möglichen Schreibvarianten ist -i mit 32 Types die häufigste, gefolgt von vier FamN auf -y, drei FamN auf -e und zwei FamN auf -in. Fünfte Karte {170}: FamN mit onymisierendem -i(n), -y Namenauswahl: Die fünfte Karte zeigt FamN aus der Schicht «vor 1800», die ein onymisches Suffix -i enthalten, das an Adjektive oder Substantive angetreten ist. Zum Ausschluss uneindeutiger Fälle s. u. Abgefragte Namen FamN mit onymisierendem -i(n), -y, vor 1800: Bruni, Glücki, Lichtin, Liechti, Linggi, Motschi, Mutti, Rösti, Späti, Strübi, Strübin, Strüby. 12 Types, 49 Tokens. Kreise 5‒60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 10‒80, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 178: Daten zur fünften Karte {170} Detailangaben zur Namenauswahl: Die meisten FamN dieser Gruppe basieren auf Adjektiven, die mittels i-Suffix substantiviert resp. onymisiert wurden: Lichtin, Liechti zu mhd. lieht ‘hell, strahlend, blank’; Rösti zu schwzdt. röösch(t) ‘rasch, rüstig, munter, frisch, steil, spröde, dürr’; Späti zu mhd. spæte ‘spät’; Strübi, Strübin, Strüby zu mhd. strūp, strūbe ‘starrend, rau emporstehend (von Haaren, Federn usw.), struppig’. In dieses Muster passen auch die FamN Bruni zu mhd. brūn ‘braun’, Linggi zu schwzdt. link ‘link, verkehrt, rückwärts liegend’ und Mutti zu schwzdt. mutt ‘abgehörnt, stumpf, grob, dick’, die bei Berchtold/ Graf (i. V.) allerdings als Nomina agentis erklärt werden. Ausgeschlossen wurden die FamN Bruni und Mutti im Kanton Tessin, da sie mit den deutschsprachigen FamN Bruni und Mutti nicht zusammenhängen. Bei Socin (1903) finden sich für das 12. und 13. Jh. kaum Namen dieser Gruppe, bspw. Spete, der alte Sphet und Strube, Strubo, Strubin, Strúbina (Socin 1903: 441-442). Das lässt möglicherweise darauf schliessen, dass diese FamN erst ab dem 13. Jh. entstanden sind. Seltener sind in den FamN solche Onymisierungen auch bei Substantiven zu beobachten, mögliche Beispiele sind Glücki zu mhd. g(e)lücke ‘Glück, Geschick, Zufall’ und Motschi zu schwzdt. Motsch ‘Brotlaib, dicker Kopf, Person mit einem solchen’. Das unterscheidet die FamN von den informelleren BeiN, wo Ableitungen von Substantiven zahlreich bezeugt sind (Szadrowsky 1926-1927: 2-4). Kommentar: Die fünfte Karte zeigt, dass dieser Typ v. a. im Kanton Bern verbreitet ist, dabei hauptsächlich im Emmental und dem westlichen Berner Oberland. Daneben erscheint er mit höherer Frequenz inselhaft im Wahlkreis Wil (SG) in der Nordostschweiz und im Kanton Schwyz in der Innerschweiz. Diese Gebiete liegen relativ weit auseinander, weder historisch noch linguistisch sind Karte 170: FamN mit onymisierenden -i(n), -y, vor 1800 368 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="369"?> engere Beziehungen untereinander nachgewiesen. Wahrscheinlich handelt es sich also um regionale Moden und Vorlieben, dass diese FamN in diesen Regionen überproportional häufig nachweisbar sind. Ausserhalb dieser drei Gebiete finden sich nämlich nur verstreute Belege im nördlichen Mittelland (BL, SO, AG, ZH). Sechste Karte {171}: Ableitungen auf -i, -y von Toponymen und Familiennamen zu Adjektivabstrakta auf -i Namenauswahl: Die sechste Karte behandelt zwei miteinander nicht näher verwandte morphologische Typen, die aber aufgrund der niedrigen Frequenz und der komplementären Distribution in einer Karte zusammengefasst werden. Es handelt sich um FamN aus der Schicht «vor 1800», die entweder mittels i-Suffix von Toponymen abgeleitet worden sind oder Adjektivabstrakta auf -i fortsetzen. Abgefragte Namen FamN auf -i, -y zu Toponymen: Büchi, Dahli, Dali, Holi, Holy, Klöti, Thali, Usteri. 8 Types, 40 Tokens. FamN zu Adjektivabstrakta auf -i: Kürzi, Sterchi, Sterki. 16 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 5‒45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 40‒80, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 179: Daten zur sechsten Karte {171} Detailangaben zur Namenauswahl: Herkunfts- und WohnstättenN auf -i, die zu Toponymen gebildet wurden, haben eine semantische Nähe zu onymisierendem -i (s. fünfte Karte) und zu den FamN zu Nomina agentis (s. vierte Karte). Sie unterscheiden sich von letzteren aber durch die nominale Ableitungsbasis, wohingegen Nomina agentis direkt aus Verbalstämmen gebildet werden. Zu den i-Ableitungen von Toponymen gehören die FamN Büchi zu schwzdt. Buech ‘Buchenwald, Wald überhaupt’, Dahli/ Dali/ Thali zu mhd. tal ‘Tal, Abgrund’, Holi/ Holy zu einem FlurN Hol ‘Vertiefung, Loch’ oder Hole ‘Einsenkung, Höhle; Hohlweg, enge Gasse’, Klöti zu Kloten (ZH) und Usteri zu Uster (ZH). Die FamN Klöti und Usteri unterscheiden sich von den appellativischen Einwohnerbezeichnungen Kloter/ Klotener, Uster / Ustemer. Kommentar: Das Kartenbild zeigt deutlich, dass die einzelnen Typen in geographisch klar abgegrenzten Räumen vorkommen. Der Kontrast darf allerdings nicht zu stark gewertet werden, da es sich um morphologisch verschiedene Typen handelt, nicht um dialektale Ausprägungen desselben Phänomens. Trotzdem scheinen sich regionale Moden etabliert zu haben, da ansonsten eine andere Verteilung über die gesamte Deutschschweiz zu erwarten wäre. Die Herkunfts- und WohnstättenN auf -i finden sich hauptsächlich im Kanton Zürich und den angrenzenden Regionen des Thurgaus sowie im Kanton Aargau mit angrenzenden Regionen des Kantons Luzern. Die FamN Holi, Holy (Linden BE) stellen geographische Ausreisser dar, da sie sich am weitesten westlich im Gebiet der Adjektivabstrakta Karte 171: FamN auf -i, -y zu Toponymen oder Adjektivabstrakta, vor 1800 2.2 Familiennamen auf -i/ -y 369 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="370"?> befinden. Mit 25 Tokens ist der FamN Büchi (AG, ZH, TG) am besten bezeugt; er ist mehr als doppelt so häufig wie alle anderen Beispiele für diesen Typ zusammen. Der Grossteil der Beispiele für i-Abstrakta entfällt mit 14 von 16 Tokens auf den FamN Sterchi (zu ahd. sterchī(n) ‘Stärke’) im Kanton Bern. Der nördlichste orange Ortspunkt in der westlichen Deutschschweiz ist der etymologisch identische FamN Sterki im angrenzenden Kanton Solothurn (Gemeinde Biberist). Dazu kommt nur noch der FamN Kürzi (Einsiedeln SZ), der am Rand der Innerschweiz einen geographischen Ausreisser darstellt. Ergebnisse Die geographische Verbreitung über alle Typen hinweg ist bei den Ausführungen zur ersten Karte nachzulesen, wo bereits auf die Nord- Süd-Verteilung hingewiesen wurde. Dialektologisch gesehen bedeutet dies, dass sich die FamN auf -i(n), -y, -e hauptsächlich im hochalemannischen Dialektgebiet finden. Es lassen sich aber durchaus Ausläufer ins (ehemalige) Dialektgebiet des Höchstalemannischen festmachen, so bspw. im Berner Oberland und in den Kantonen Schwyz und Glarus. Unterscheidet man die FamN nach Bildungstypen und Ableitungsbasen, lassen sich regionale Moden und Vorlieben erkennen. FamN, die appellativische i-Diminutive fortsetzen, konzentrieren sich im Kanton Bern (geballt im Emmental) und in der Nordostschweiz (ZH, TG, SG), was in der dritten Karte dargestellt ist. Eine ähnliche Verbreitung zeigen FamN mit onymisierendem -i (Emmental BE, Region Wil SG, Kanton SZ) auf der fünften Karte. Die meisten Beispiele für FamN zu Nomina agentis gibt es im nördlichen und östlichen Mittelland und in den Voralpen (AG, ZH, TG, GL), wie es die vierte Karte zeigt. Andere Typen sind wiederum kleinräumiger und in einem abgegrenzten Raum zu finden, bspw. kommen die FamN zu Adjektivabstrakta fast ausschliesslich im Kanton Bern vor, vgl. die sechste Karte. Ableitungen von Toponymen treten hauptsächlich im Kanton Zürich in Erscheinung, erstrecken sich von dort aber über den Kanton Aargau bis an den Sempachersee (LU), vgl. ebenfalls die sechste Karte. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Lüthi (9'858 Tokens), Bieri (6'826 Tokens) und Burri (6'688 Tokens). Sie gehören allesamt zu den häufigsten FamN der Schweiz überhaupt; vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Zu den i-Diminutiven in den Toponymen vgl. Hofer (2012) und Ackermann (2023: 683‒689). Zu den Nomina agentis auf -i und anderen Maskulinableitungen in den Toponymen vgl. Ackermann (2023: 692‒699). Vergleich mit benachbartem Ausland: Zu vergleichbaren FamN im restlichen deutschsprachigen Raum, insbesondere in Deutschland, vgl. Bach (1952: 30, 105-108, 115, 126, 204). Im DFA 3 (2012) und im DFA 5 (2016) finden sich keine direkt vergleichbaren Karten, was das Phänomen als eine schweizerische Besonderheit erscheinen lässt. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. 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Basel: Schwabe. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kully, Rolf M. (2009): Form und Inhalt der Deutschschweizer Familiennamen. In: Hengst, Karlheinz/ Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. Bd. 1: Deutsche Familiennamen im deutschen Sprachraum (Onomastica Lipsiensia 6.1), 365-392. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. 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Szadrowsky, Manfred (1933): Abstrakta des Schweizerdeutschen in ihrer Sinnentfaltung (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 18). Frauenfeld: Huber. Elia Ackermann 2.2 Familiennamen auf -i/ -y 371 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="372"?> 2.3 Familiennamen auf -(t)z und -(t)sch Schlagwörter: Chronologie, Metronym, Patronym, Suffix, Suffixkombination Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Artikel werden FamN kartiert, die auf -(t)z oder -(t)sch auslauten wie Heinz, Götz, Bärtsch oder Rüesch. Etymologisch steht hinter diesen vier Varianten das althochdeutsche Suffix -z, mit welchem Kurzresp. Koseformen zu männlichen und weiblichen Ruf N gebildet wurden. Der Gegenstand ist relevant, da es sich um eine verbreitete Suffigierung in deutschsprachigen Patro- und Metronymen handelt und das Vorkommen hiermit für die Schweiz dokumentiert wird. Hintergrund: Die z-Suffigierung setzt ahd. -(i)zo für Maskulina und ahd. -(i)za für Feminina fort (APNB 1 1958: 558; Kunze 2004: 21). Dieses Suffix ist im Althochdeutschen lediglich im Onomastikon produktiv (Sonderegger 2003: 340-343). Greule (1996: 1185) ordnet das Suffix als «festlandgerm[anisches] Sekundärsuffix -(i)zo (ahd. Herizo)» ein, dessen Genese er aus «Basen mit Dentalauslaut + s-Suffix» erklärt; d. h. aus dem Nexus d+s wie in Nand -so entsteht durch Verschiebung der Morphemgrenze das Suffix z+Vokal wie in Nan-zo. Im Althochdeutschen werden mit diesem Suffix nach allgemeiner Auffassung KurzN mit verkleinernder oder kosender Funktion zu zweigliedrigen Ruf N gebildet, bspw. Götz aus Gottfried, Heinz aus Heinrich oder Mätz aus Mechthild (Kunze 2004: 21; Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 176). Die auslautenden Vokale -o und -a wie noch in ahd. Chunzo oder Juzza (Förstemann 1900: 1669-1670) werden durch die Nebensilbenabschwächung zu -e reduziert und im hochdeutschen Sprachgebiet schliesslich apokopiert; in mitteldeutschen FamN bleibt auslautendes -e erhalten, so in Götze, Fritze, Lutze usw. (DFA 2 2011: 503). In der Schweiz hat sich aus der Form mit Affrikate, die als <z> oder <tz> geschrieben wird, noch eine zweite Form mit Frikativ -tsch entwickelt. Diese Form tritt aber nicht exklusiv im Westoberdeutschen - zu welchem die Schweizer Mundarten gehören -, sondern auch im Ostmitteldeutschen auf (Kunze 2004: 21). In manchen Schweizer Namen wie Rüesch ist aber lediglich ein Suffix -sch auszumachen. Hier ist gemäss APNB 1 (1958: 199) eine Vorform *Rüetsch anzusetzen, die durch Konsonantenerleichterung - in den vorliegenden Fällen meint dies Ausfall des t - entstanden ist. Für die Schweizer Namen kann demzufolge eine Entwicklung von -(t)z über -tsch zu -sch angenommen werden. 1 Dadurch entstehen teilweise Dubletten wie Hensch neben Hentsch, teilweise Formen ohne Pendant wie Künsch oder Riesch. 2 Das z-Suffix findet sich in germanischen Ruf N und auch in nichtgermanischen Ruf N, die durch die Christianisierung meistens aus dem Lateinischen übernommen wurden; manche dieser Ruf N haben griechischen oder hebräischen Urspung (Kunze 2004: 22). In germanischen Ruf N wird das Zweitglied getilgt und das Erstglied suffigiert wie bspw. Gott[fried] → Gott + -z (teilweise mit Umlaut) → Götz oder Kuon[rat] → Kuon + -z → Kunz. Welches Zweitglied ursprünglich vorlag, kann ohne Belege nicht rekonstruiert werden. Bei fremden Namen bestimmt die Art der Integration das Resultat (Kunze 2004: 35): Wurde bei der Integration die ursprüngliche Zweitsilben- oder Endbetonung erhalten, fällt die erste Silbe ab (meist auch die lateinische Endung) wie in Antónius → Ton- + -z (mit Umlaut) → Tönz; wurde beim FremdN die Betonung auf die erste Silbe verlegt, wird der hintere Teil des Namens reduziert, z. B. Bálthasar → Balt- + -z → Balz. In Fällen wie Bonifatius → Fetz, Laurentius → Lenz oder Pancratius → Crati(us) → Kretz, die in der Literatur teilweise auch als Bildungen mit z-Suffix eingeordnet werden (Kunze 2004: 22), liegen aber keine z-Suffigierungen vor, da das -z bereits in der lateinischen Form -tius enthalten ist (Stotz 1996: 219). Verkürzte Formen aus diesen Ruf N sind formal mit den germanischen z-Namen zusammengefallen. Dieser Zusammenfall wird durch die etymologischen Pendants Fetz und Vetsch erhärtet: Während -tz in Fetz regulär die lateinische Endung -tius wiedergibt, ist Vetsch sekundär aus Fetz entstanden und zeigt die westoberdeutsche Weiterentwicklung -tz > -tsch des z-Auslauts. Was die Ausführungen zeigen: Es handelt sich bei den hier kartierten Patronymen i. d. R. um Ergebnisse von Wortbildungsprozessen, die im Rufnameninventar stattgefunden haben und so in den Familiennamenbestand eingegangen sind (Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 177). Das z-Suffix tritt auch in Kombination mit Diminutivsuffixen auf; es konnte also sekundär mit anderen Suffixen erweitert werden: Zum einen ist die Erweiterung mit ahd. -i(n) > -i festzustellen, wie sie bereits in den althochdeutschen Ruf N «Chuonzi 10. Jh., Hetzi 10. Jh., Ruozi 11. Jh., Lenzi 11. Jh.» belegt ist (Bach 1952: 115). Bach (1952: 115) erwähnt, dass diese Suffixkombination im Schweizerdeutschen häufig anzutreffen sei und nennt als Beispiele «Götzi, Götschi (zu Gottfried ), Fritschi (Friedrich), Dietschi (Dietrich)». Studerus (1926: 50) führt den Namen Bertschi im Detail aus und notiert, dass dieser «zum Teil sogar in der frz. Sprachgegend» getragen wurde. Surläuly (1927: 20) nennt - zusätzlich zu den vier oben angeführten Beispielen - als weitere Namenform, die in Badener Quellen (AG) belegt ist, Ru ᵉ dtschi zu Rudolf . Hier treten als Ableitungsbasis v. a. Formen mit -tsch in Erscheinung. Zum anderen sind die Kombinationen mit ahd. -(i)lī(n) > -le / -li(n) wie in Künzle, Künzli, Künzlin (Fleischer 1964: 30) sowie jene mit ahd. -man > -mann wie in Bertschmann, Henzmann oder Götschmann anzuführen. Für die Schweiz ist vor 1800 ein Name mit einer dreifachen Suffigierung belegt: -z + -el + -mann in Heinzelmann. In der Anordnung der Suffixe zeigt sich jeweils -z vor den anderen Derivationssuffixen. Es ist daher davon auszugehen, dass die Semantik des z-Suffixes früh verblasste und Namen wie Kunz nicht 1 Ein sch-Suffix setzt das DFD (o. J.) auch für bundesdeutsche FamN an, bei Rüsch wird beispielhaft ausgeführt: «Es liegt eine Koseform mit dem Suffix -sch vor» (DFD 2024: s. v. Rüsch). 2 Vgl. die Artikel III-1.3 «Patronyme zu germanischen Rufnamen: hruod», III-1.1 «Patronyme zu germanischen Rufnamen: kuoni» und III-1.9 «Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Johannes». 372 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="373"?> mehr kosend-diminuierend aufgefasst wurden. Durch Suffigierung mit -i/ -li oder -mann wurde diese Funktion erneut aktiviert. Anzumerken bleibt noch, dass das (t)sch-Suffix in Ruf N und daraus entstandenen deonymisierten Appellativa (zumindest im 19./ 20. Jh.) in Ansätzen produktiv wurde. Nach Durchsicht vereinzelter Artikel im Id. (1881 ff.) ist die Bedeutung zwar kosend, häufig aber mit negativer Konnotation: Bätsch ist «verächtlich für Barbara» (Id. 4 1881 ff.: Sp. 1930), Mitsch (zu Maria) ist ein Schimpfwort für gleichgültige Frauen (Id. 4 1881 ff.: Sp. 346), Vrēntschi spottend für Verena (Id. 1 1881 ff.: Sp. 915) und auch der Ruf N Ruetsch wird im Id. 6 (1881 ff.: Sp. 629) mit der Angabe «verächtlich» versehen. Gemäss dem Id. (1881 ff.) sind solche Bildungen die Vorlage für die Modifikation von Bruder, die im Berndeutschen die Formen Bruetsch, Brüetsch und Brüetschel ergibt. Die Bedeutung wird wie folgt angegeben: «tw. kosende, (bes. noch auf dem Lande), gew[öhnlich] aber verächtliche, auch etwa burschikose, der niedern Sprache angehörige Bezeichnung für den Bruder» (Id. 5 1881 ff.: Sp. 1027). Auch beim Appellativ Mutter wird ein Diminutiv Muetschi für das Berner Oberland sowie Müetschi für das Entlebuch (LU) notiert, mit der Angabe «zunächst als Koseform im Munde der Kinder oder des Ehemanns, dann bäurisch für Mutter üb[erhaupt]» (Id. 4 1881 ff.: Sp. 589). Für Mann sind im Wallis Mandschi, Mandschelli als Diminutive festgehalten, hier ohne spezielle Bedeutungsnuancierung; in Herzogenbuchsee (BE) ist Mandschi Kosewort für den Sohn (Id. 4 1881 ff.: Sp. 239). 3 Demzufolge schöpfen appellativische Personenbezeichnungen ihr kosend-pejoratives Suffix aus Ruf N. 4 Schmuck (2009) zeigte bereits für den ing -Diminutiv im Mecklenburgischen (Deutschland) die Entstehung aus Anthroponymen. Das tsch-Suffix dürfte ein weiteres Beispiel sein für die wechselseitigen Beziehungen auf morphologischer Ebene zwischen Anthroponymen und Appellativa - genauer: Personenbezeichnungen, die an der Spitze der Belebtheitshierarchie stehen (Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 79, 160). 5 Fragestellung: Der vorliegende Artikel geht der Frage nach, in welchen Gebieten vor 1800 FamN auf -(t)z, -(t)sch und FamN mit den jeweiligen Suffixkombinationen belegt sind. Die erste Karte enthält alle (t)z-, die zweite Karte alle (t)sch-Suffigierungen. Das Nebeneinander der verschiedenen Suffixkombinationen mit -(t)z resp. -(t)sch rückt auf der dritten und der vierten Karte in den Vordergrund. 6 Neben dem räumlichen Vorkommen interessieren auch die Type- und Tokenverhältnisse der verschiedenen Bildungsmuster. 3 Im Züri-Slängikon (2004 ff.) werden für die Eltern d Müetsch ‘Mutter’ und de Vätsch ‘Vater’ sowie de Brüetsch ‘Bruder’ festgehalten. Schmutz/ Haas (2000: 83) notieren für das Senslerdeutsche Brüetsch als derb und «neu import. v. BE». Das Muster scheint sich demnach auszubreiten, zumindest in bestimmten Lexemen. 4 Marti (1985: 200) nennt für Bern noch Meitschi ‘Mädchen’, Hüentschi ‘Küken’, Gröibschi, Gigertschi ‘Apfelgehäuse’ sowie die Namen Üeltschi, Dietschi und Santschi. 5 Christen (2019: 265) teilt diese Annahme: «Die Diminutive, die mutmaßlich auf onymische Hypokoristika zurückgehen, haben denn auch im Bereich der Anthroponyme ihre wohl stärkste Verankerung: z. B. Hansli, Hansi, Hänsel, Hanschi (zu Hans), Anneli, Anni, Anntschi (zu Anna)»; vgl. Artikel II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing». 6 Vgl. auch Artikel II-2.8 «Suffixkombinationen mit -li, -le, -z, -tsch und -mann». 2.3 Familiennamen auf -(t)z und -(t)sch 373 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="374"?> Erste Karte {172}: Patronyme und Metronyme auf -(t)z Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle Namen, die dem beschriebenen Muster folgen und die mit -(t)z verschriftet sind. Die Karte dokumentiert das Vorkommen dieser FamN in der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB). 7 Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit (t)z-Suffix, vor 1800: Aletz, Atz, Balz, Banz, Bänz, Benz, Berz, Bienz, Bolz, Cunz, Cuonz, Denz, Dietz, Diez, Dönz, Foltz, Folz, Fritz, Goetz, Götz, Gunz, Hänz, Hatz, Heinz, Heitz, Heiz, Hentz, Henz, Hitz, Junz, Jutz, Jütz, Kienz, Könz, Kuentz, Kuntz, Kunz, Lantz, Lanz, Loutz, Lutz, Lütz, Manz, Mätz, Menz, Metz, Munz, Notz, Otz, Regez, Renz, Rutz, Schinz, Seitz, Seiz, Setz, Stänz, Stenz, Sutz, Tenz, Theintz, Thentz, Tönz, Uetz, Uez, Utz, Volz, Walz, Winz. 69 Types, 331 Tokens. Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 180: Daten zur ersten Karte {172} Detailangaben zur Namenauswahl: 8 Die Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 08.03.2024) nach dem Auslaut -z in Patronymen und Metronymen ergibt 98 Treffer, die manuell geprüft und aussortiert wurden. Ausgeschlossen wurden 29 Namen, deren Etymologie entweder unsicher ist (wie Botz, Syz) oder bei denen der Auslaut anders erklärt werden kann - so bei FamN, die etymologisch auf einen lateinischen Ruf N mit dem Suffix -tius zurückgehen wie Lorenz, Loretz, Lorez aus Laurentius oder Maritz, Moritz, Ritz aus Mauritius. Die Auswahl umfasst neben fünf Metronymen (Aletz ← Adelheid, Jutz / Jütz ← Jutta oder Judith, Mätz / Metz ← Mechthild ) ausschliesslich Patronyme wie Cunz, Cuonz, Kuentz, Kuntz, Kunz (alle zum Ruf N Konrad ) oder Stänz, Stenz (zum Ruf N Konstantin). Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass dieser Bildungstyp in der deutschsprachigen Schweiz vornehmlich in der Nordhälfte auftritt. Er konzentriert sich mit 141 Ortspunkten in den Kantonen der Nordostschweiz, daneben erscheint er in der Nordwestschweiz sowie in (vor-)alpinen Regionen (BE, LU). Der Namentyp ist zudem in der Romandie und im Kanton Graubünden vertreten. In der Romandie handelt es sich wohl wie im Fall von Kuntz in Orbe (VD) (1783 aus Deutschland eingebürgert) oder von Goetz in Genf (GE) (1794 eben- Karte 172: Patronyme und Metronyme auf -(t)z, vor 1800 7 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 8 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 374 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="375"?> falls aus Deutschland eingebürgert) um frühe Zuwanderung aus dem deutschsprachigen Raum. In Graubünden findet sich die (t)z-Suffigierung in deutsch, aber auch in romanisch besiedelten Gebieten: Mit 9 Ortspunkten tritt der FamN Hitz in einem Gebiet zwischen dem Prättigau, Davos und Churwalden auf. Daneben sind Kurzformen zu Antonius vertreten (Denz, Dönz, Tönz) und auch der FamN Heinz ist in der Schicht «vor 1800» v. a. in einem Gebiet zwischen Furna und Avers bezeugt. Auffällig ist das spärliche Auftreten in Teilen des höchstalemannischen Dialektgebiets, namentlich im Wallis und in Teilen der Innerschweiz. Hier sind Patronyme auf -(t)z - sofern vorhanden - als schwache Genitive belegt wie Franzen, Heinzen oder Henzen. 9 Hinsichtlich der graphischen Realisierung lässt sich Folgendes festhalten: Die Variation zwischen <z> und <tz> ist ein rein graphisches Phänomen, denn beide Laute werden als Affrikate [t͡ s] ausgesprochen. Von einigen Namen existieren Dubletten, bspw. Dietz - Diez, Kuntz - Kunz oder Seitz - Seiz. Das Verhältnis der Graphien ist ungefähr 2: 1; 223 Tokens entfallen auf z-Graphien und 108 Tokens auf tz-Graphien. Gesamthaft überwiegt somit die z- Graphie. Zweite Karte {173}: Patronyme auf -tsch und -sch Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle Namen aus der Schicht «vor 1800», in denen das z-Suffix als -tsch oder -sch auftritt. Da im Unterschied zur ersten Karte die Suffixe anders ausgesprochen werden, wird in der vorliegenden zweiten Karte eine kontrastive Darstellung gewählt. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit tsch-Suffix: Bärtsch, Bertsch, Betsch, Flütsch, Gentsch, Gertsch, Götsch, Härtsch, Heitsch, Hentsch, Jentsch, Matsch, Rentsch, Ruetsch, Rutsch, Rütsch, Vetsch. 17 Types, 44 Tokens. FamN mit sch-Suffix: Hensch, Jensch, Künsch, Riesch, Ruesch, Rüesch, Ruosch, Rusch, Rüsch. 9 Types, 19 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 181: Daten zur zweiten Karte {173} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 08.03.2024) nach dem Auslaut -(t)sch ergibt 57 Treffer, welche alle als Patronyme kategorisiert sind. Diese Liste wurde manuell gefiltert, was zu 31 Ausschlüssen führte. Bei der Mehrheit dieser ausgeschlossenen FamN handelt es sich um rätoromanische Namenformen wie Al(i)esch (zu Alexius), Biäsch (zu Placidus) oder Durisch (zu Uodalrich), die etymologisch anders erklärt Karte 173: Patronyme auf -tsch und -sch, vor 1800 9 Vgl. Artikel II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe». 2.3 Familiennamen auf -(t)z und -(t)sch 375 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="376"?> werden müssen. Die Auswahl umfasst 26 Namen, die verschiedene Basen enthalten: bspw. ahd. berht in Bärtsch, Be(r)tsch oder ahd. hruod in Ruesch, Rüesch, Ruetsch. Nicht immer ist die Basis eindeutig zu bestimmen, so beim FamN Hensch, der entweder zu Johann oder zu Heinrich gestellt werden kann. Enthalten ist auch der FamN Flütsch, bei welchem es sich um eine deutsche Kurzform zum lateinischen Ruf N Florinus handelt. Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass FamN auf -tsch resp. -sch sowohl aus typewie auch aus tokenfrequenter Sicht in der Schweiz selten sind. Dieser morphologische Typ findet sich im Westen und im Osten der deutschsprachigen Schweiz; die Zentralschweiz und der Nordwesten (v. a. AG) sind mehrheitlich ohne Vorkommen. In der westlichen Deutschschweiz erstrecken sich die Belege von Roggenburg (BL) über Büchslen (BE) nach Leuk (VS); es dominiert hier die Schreibung <tsch>. Das Vorkommen in Genf (GE) geht auf den FamN Hentsch zurück; die Namenträger: innen sind 1792 aus Deutschland eingebürgert worden. Im Nordosten treten tsch-Namen ab Mett- Oberschlatt (TG) in Erscheinung. Von Bronschhofen (TG) über St. Gallen (SG) nach Azmoos (SG) ist die Schreibung mit <sch> vorherrschend. Im St. Galler Seeztal und im Prättigau (GR) ist das Vorkommen am dichtesten und wird v. a. durch Bärtsch, Bertsch und Flütsch konstituiert. Insgesamt deutet das Kartenbild darauf hin, dass die Weiterentwicklung des Suffixes -(t)z > -(t)sch kein schweizweites Phänomen ist. Dritte Karte {174}: Suffixkombinationen mit -(t)z Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle Namen, bei denen an das (t)z-Suffix ein oder zwei weitere Suffixe angetreten sind. Es handelt sich konkret um die Kombination mit 1. ahd. -i(n), 2. ahd. -(i)lī(n), 3. -mann sowie 4. -l und -mann. Die Karte dokumentiert das Vorkommen dieser FamN in der Schicht «vor 1800». Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit -(t)z + -i: Dietzi, Diezi, Hänzi, Henzi, Janzi, Jutzi, Kuenzi, Küenzi, Künzi. 9 Types, 39 Tokens. FamN mit -(t)z + -li(n), -le: Atzli, Balzli, Bolzli, Bönzli, Cahenzli, Fitzli, Küenzlin, Künzle, Künzli, Menzli, Nötzli, Nötzlin. 12 Types, 49 Tokens. FamN mit -(t)z + -mann: Haizmann, Heinzmann, Heizmann, Henzmann. 6 Tokens. FamN mit -(t)z + -l + -mann: Heinzelmann. 2 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 182: Daten zur dritten Karte {174} Karte 174: Suffixkombinationen mit -(t)z, vor 1800 376 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="377"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Die Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 08.03.2024) nach dem Auslaut -(t)zi/ -(t)ze ergibt 33 Patronyme, welche manuell bearbeitet und sortiert wurden. Davon wurden 24 ausgesondert, da die Etymologie nicht klar ist (Menzi), die Namen nicht deutsch sind (Frizzi), die Affrikate bereits in der Basis vorhanden ist (Bitzi zu Sulpicius, Lenzi/ Lenze zu Lorenz) oder es sich um einen rätoromanischen Namen handelt (Bargätzi, Gaudenzi). 10 Bei der Suche nach dem Ausgang -zli(n) oder -zle konnten 12 Patronyme eruiert werden. Aufgenommen wurde auch der Name Cahenzli, der gemäss der Typologie zwar als WohnstättenN eingeordnet wird, 11 aber als Basis den schweizerdeutschen Ruf N Henzli enthält. Die Kombination -(t)zmann ist lediglich in den vorliegenden vier Patronymen enthalten; ausgeschlossen wurden Enzmann (zu Laurentius), Getzmann (zu Pankratius) sowie Ritzmann (zu Mauritius), da sie etymologisch auf einen lateinischen Ruf N mit dem Suffix -tius zurückgehen. Dreifachsuffigierung ist einzig beim FamN Heinzelmann gegeben. Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass Patronyme mit der Kombination -(t)z + -i eine deutliche Konzentration im Kanton Bern aufweisen. Diese Konzentration wird durch die beiden Namen Künzi (15 Tokens) und Küenzi (7 Tokens) etabliert, welche 56,4 % aller Tokens in dieser Gruppe ausmachen. Der Typ mit z-Suffix und l-Diminutiv zeigt demgegenüber ein grösseres Verbreitungsgebiet im Mittelland: Bei den Belegen zu diesem Typ handelt es sich ebenfalls um Cluster der Namen Künzli (24 Tokens) und Künzle (9 Tokens); diese beiden FamN machen in ihrer Gruppe sogar 67,3 % der Tokens aus. So liegen z. B. vier Belegorte von Künzli im luzernischen Wiggertal und fünf Belegorte im Zürcher Oberland jeweils dicht beieinander. Die Kombinationen mit -z + -mann hingegen treten punktuell und ohne erkennbare Gebietsbildung auf. Von den wenigen Types verteilen sich die meisten auf den Kanton Solothurn (3 Types). Dreifach suffigiertes Heinzelmann tritt in der Schicht «vor 1800» einerseits im Emmental (Trub BE), andererseits in Liestal (BL) in Erscheinung, wobei letzteres Vorkommen auf Zuwanderung aus Deutschland (im Jahr 1637) zurückzuführen ist. Vierte Karte {175}: Suffixkombinationen mit -(t)sch Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle Namen, bei denen an das (t)sch-Suffix ein weiteres Suffix angetreten ist. Es handelt sich konkret um die Kombination mit 1. ahd. -i(n), 2. ahd. -(i)lī(n) und 3. -mann. Die Karte dokumentiert das Vorkommen dieser FamN in der Schicht «vor 1800». Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit -(t)sch + -i(n), -e: Bärtschi, Bätschi, Bertsche, Bertschi, Bertschin, Burtschi, Dietsche, Dietschi, Finschi, Fintschin, Frautschi, Fritsche, Fritschi, Fritschin, Frutschi, Goetschi, Götschi, Götschin, Handschin, Herrsche, Karte 175: Suffixkombinationen mit -(t)sch, vor 1800 10 Vgl. Artikel I-3.4 «Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche». 11 Vgl. Artikel II-2.19 «Familiennamen mit Präfix Ca-». 2.3 Familiennamen auf -(t)z und -(t)sch 377 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="378"?> Hersche, Rietsche, Rietschi, Rietschin, Rötschi, Rüetschi, Rütsche, Rutschi, Rütschi, Santschi, Ueltschi, Witschi. 32 Types, 106 Tokens. FamN mit -tsch + -li: Rüetschli. 1 Token. FamN mit -tsch + -mann: Bätschmann, Bertschmann, Betschmann, Goetschmann, Götschmann, Rutschmann. 6 Types, 16 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 183: Daten zur vierten Karte {175} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Suche in der etymologischen Datenbank (Stand 08.03.2024) nach dem Auslaut -(t)sch in Kombination mit den drei genannten Suffixen ergibt die vorliegende Auswahl. Die beiden Formen -tsch und -sch werden zusammengefasst, weil eine separate Kartierung hier keinen Mehrwert ergibt. Nicht berücksichtigt wurden FamN wie Fleischmann oder Teutschmann, die zwar den entsprechenden Auslaut zeigen, bei denen -tsch aber nicht auf das z-Suffix zurückzuführen ist. Häufig finden sich Patronyme zu folgenden Ruf N: Berchtold (z. B. Bärtschi, Bätschi, Bertsche), Friedrich (z. B. Fritsche, Fritschi, Fritschin), Gottfried (z. B. Goetschi, Götschi, Götschin) und Rudolf (z. B. Rietsche, Rietschi, Rietschin). In der Schicht «vor 1800» existiert keine Dreifachsuffigierung mit -(t)sch. Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass die Kombination -(t)sch + -i der type- und tokenfrequenteste Bildungstyp ist und dieser hauptsächlich im Norden (v. a. BL, AG, ZH) und im Westen (v. a. BE) der Deutschschweiz auftritt. Der häufigste Name ist Fritschi mit 17 Tokens, der verdichtet im Zürcher Unterland vorkommt, gefolgt von Witschi mit 9 Tokens, welcher ein Cluster im Kanton Bern zwischen Aef ligen und Bolligen bildet. Auffallend ist, dass es vor 1800 nur einen Typ mit der Kombination -tsch + -li gibt: Rüetschli in Magden (AG). In der dritten Gruppe ist Rutschmann mit 8 Tokens der frequenteste FamN. Dieser Name hat zwei Schwerpunkte: im Kanton Bern (Region Oberaargau) und im Kanton Zürich (Bezirk Bülach). Ergebnisse Die Kartenbilder zeigen das Vorkommen von Patronymen und Metronymen mit z-Suffix, der weiterentwickelten Variante -tsch bzw. -sch sowie Suffixkombinationen. Der häufigste Typ mit 331 Tokens sind FamN mit z-Suffix, das als <tz> oder <z> geschrieben wird. Diese Patronyme bzw. Metronyme können als Namentyp des Mittellands und teilweise sogar der romanischen Sprachgebiete beschrieben werden. Ihr Verbreitungsraum schliesst im Norden an den bundesdeutschen Namenraum an, wo Patronyme mit z-Suffigierung v. a. in Süddeutschland - mit einem Schwerpunkt im Südwesten - figurieren (DFA 3 2012: 460-461). Die weiterentwickelten Varianten -tsch und -sch zeigen demgegenüber deutlich kleinere Verbreitungsgebiete. Insgesamt deutet der Unterschied der ersten zwei Kartenbilder darauf hin, dass die Weiterentwicklung des Suffixes -(t)z zu -(t)sch kein Phänomen ist, das in Ruf N resp. in den daraus entwickelten Patronymen schweizweit fest geworden ist. Auffallend in der Gesamtverbreitung (erste und zweite Karte) ist das häufige Auftreten in Graubünden in früh verdeutschten Gebieten wie dem Prättigau. Ob das Phänomen in diesem Gebiet auf Interferenz mit dem Rätoromanischen zurückgeführt werden kann, ist Untersuchungsgegenstand zukünftiger Forschung. Bei den Suffixkombinationen auf der dritten und der vierten Karte tritt jeweils die westliche Deutschschweiz als Verbreitungsdomäne auf und lässt eine gewisse Produktivität der vorliegenden Kombinationen im westlichen Hochalemannischen (Kantone BE, FR, SO) vermuten; daneben häufen sich Suffixkombinationen mit -(t)sch auch im Norden entlang des Rheins. Bei den Kombinationen zeigen sich unterschiedliche Frequenzen und Präferenzen: So sind Namen auf -(t)sch häufiger mit einem weiteren Suffix abgeleitet (gesamt 123 Tokens) als jene mit -(t)z (96 Tokens). Während sich die frikativhaltige Variante vorrangig mit ahd. -i(n) verbindet (106 Tokens), ist bei der affrikathaltigen Variante die Kombination mit l-Suffix am häufigsten (49 Tokens). Namen dieses Typs bilden auch in Baden-Württemberg ein Charakteristikum (DFA 3 2012: 475-476): hochfrequentem schweizerischem Künzli entspricht hochfrequentes schwäbisches Kienzle. Was sich mit diesen beiden Beispielen zudem zeigt - und dies über alle Formvarianten hinweg -, ist, dass Kurzformen mit dem Element ahd. kuoni ‘kühn, tapfer’, wohl i. d. R. zum Ruf N Konrad, in der Schicht «vor 1800» unter den frequenten Namen aufscheinen. 12 Dies lässt sich indirekt als Gradmesser für die Häufigkeit des Ruf N Konrad resp. seiner Kurzformen heranziehen. Verglichen mit l-Suffigierungen in FamN treten die z-Suffigierungen aber deutlich in den Hintergrund. 13 Aus der eingangs skizzierten Abfolge der Suffixe von -(t)z über -tsch zu -sch lässt sich auch eine relative Chronologie der Verfestigung der hier vorliegenden FamN ableiten: Für die Herausbildung von FamN aus BeiN nimmt man allgemein eine Zeitspanne vom 13. bis zum 16. Jh. an (Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 145). Da z-Suffixe in mittelalterlichen Urkunden bezeugt sind (Baumgartner 1983: 54-55), ist auch zu erwarten, dass dieser Rufnamentyp über das Stadium des BeiN ins Familiennameninventar einging. Die sekundär weiterentwickelten Namen mit (t)sch-Suffix und dessen Kombinationen sind in mittelalterlichen Ruf N noch nicht vorhanden (vgl. dazu die Namenliste in Baumgartner 1983: 55). Eine historische Sondierung zum Namen Bärtsch ergibt, dass er in Graubünden ab 1368 belegt ist. Einerseits als BeiN 1386 Hans Berschen, andererseits als Ruf N 1387 an Bertschis Torwarten säligen hus (RNB 3 1986: 155). In der Stadt Zug ist die Kurzform ab 1425-1429 greifbar: Bertſchi im Grút oder Henſli Bertſchi, auch hier als Ruf N sowie als BeiN (Fähndrich 2000: 83). Auch in Bern ist gemäss Ramseyer (unveröffentlicht) der BeiN Bärtschi ab Ende des 14. Jh. vorhanden, so 1389 Peter Bertschis von Trimstein. Weitere Belege u. a. für die Kantone Zürich, Zug, Aargau, Luzern für das 14. und 15. Jh. werden im Id. 4 (1881 ff.: Sp. 1636) zu Bertschi angegeben. Die Ruf N auf -(t)sch konnten sich nur dort zu FamN verfestigen, wo zum einen das Suffix produktiv und zum anderen die Entwicklung zu vererbbaren FamN noch nicht abgeschlossen war (Fähndrich 2000: 56-57; Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 145-146). Diese beiden Bedingungen dürften in den abgebildeten Verbreitungsgebieten vorhanden gewesen sein. Aus den Belegen lässt sich darüber hinaus ablesen, dass die Suffigierung mit -(t)sch bereits in den Ruf N erfolgte und nicht erst in den FamN. Abschliessend soll noch die eingangs skizzierte Situation im Appellativwortschatz mit derjenigen im Onomastikon verglichen werden: Das tsch- Suffix ist dialektal teilweise in jenen Gebieten produktiv, wo es im Onomastikon nicht fassbar ist. Dies betrifft 12 Vgl. Artikel III-1.1 «Patronyme zu germanischen Rufnamen: kuoni». 13 Vgl. Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven». 378 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="379"?> das deutschsprachige Wallis und das Berner Oberland, denn nur dort hat das tsch-Suffix dialektal seine volle Produktivität entfaltet: in Tierbezeichnungen wie Hundschi, Hündschi, Hundsi ‘Hund’ sowie in einsilbigen Lexemen wie Muntschi, Münschti, Muntsi ‘Kuss’ (SDS III 1975: Karte 149; KSDS 2019: 59). Im Berner Kantonsgebiet finden sich alle hier besprochenen Familiennamentypen, aber besonders häufig sind Suffixkombinationen (dritte und vierte Karte). Im Wallis sind wenige Namenformen auf -sch vertreten, was in Kontrast zur dialektalen Verwendungsweise steht. Zu diesem Befund passt auch, dass das Wallis kaum Anteil an FamN mit l-Diminutiven hat. 14 In diesem Teil des Höchstalemannischen scheinen demnach kaum diminuierte Ausgangsbasen zu FamN geworden zu sein. Der Frage nach dem Verhältnis von onymischer und dialektaler Diminution könnte in einer zukünftigen Arbeit genauer nachgegangen werden. Wie im Abschnitt «Hintergrund» geschildert, dürften die Namen als Sprungbrett für die weitere Produktivität des Suffixes gedient haben: einmal, indem Namen deonymisiert wurden, dann aber auch, indem das Suffix auf Personenbezeichnungen überging, die lexikalisch v. a. im Bereich der Verwandtschaft anzusiedeln sind. Von dieser Substantivgruppe werden in einem nächsten Schritt Tierbezeichnungen und einsilbige Lexeme modifiziert. Personen und Tiere bewegen sich wie EigenN selbst im hochagentiven Bereich, was den Übergang plausibel macht. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Kunz (9'286 Tokens), Lanz (3'651 Tokens) und Lutz (3'498 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA (2009-2018) bietet Vergleichskarten zu den hier behandelten FamN in verschiedenen Bänden: So werden im DFA 1 (2009: 343) die Formen Heinz, Henze, Hinz auf Karte 152 abgebildet. Im DFA 2 (2011: 495, 502-505) wird im Kapitel «Dentale» die Varianz tz / z dargestellt, wobei explizit auf die Karten 224-226 zu Diminutivbzw. Koseformen mit dem Suffix ahd. -(i)zo (DFA 2 2011: 503-505) sowie auf die Karte 401 zu den FamN Bertz, Bertsch, Bersch, Betsch (DFA 2 2011: 890) hingewiesen sei. Auch im DFA 6 (2017), der sich FamN aus Ruf N widmet, findet sich Vergleichsmaterial, bspw. FamN mit z-Suffix aus Bert[ram, -old] wie Betz, Beetz, Bätz in Karte 25 oder aus Gott[fried, -wald, -hard] wie Götze, Götz in Karte 68 (DFA 6 2017: 75, 218). Im DFA 3 (2012: 460-467, 468-479, 488-499) werden in den Abschnitten «Suffix -z(e) in Patronymen», «Kombination z-Suffix plus l- und k-Suffix» sowie «Suffix -tsch(e) in Patronymen» für den vorliegenden Artikel vergleichbare FamN behandelt, wobei v. a. Karte 236 mit Raumbildung in Baden- Württemberg interessant ist (DFA 3 2012: 496). Die Kombination z-Suffix plus -old (DFA 3 2012: 480-487) findet in Deutschschweizer FamN keinen Niederschlag. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. 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Züri-Slängikon (2004 ff.): Beziehung & Familie. https: / / zuri.net/ de/ zurich/ sl% C3%A4ngikon-beziehung-familie.htm (letzter Zugriff 08.03.2024). Simone Berchtold 380 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="381"?> 2.4 Familiennamen auf -ig/ -ing Schlagwörter: Berufsname, Chronologie, Herkunftsname, ling -Suffix, Metronym, Nasalschwund, onymischer Marker, Patronym, Suffix, Toponym, Übername Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Der Artikel dokumentiert das Vorkommen und die Verbreitung von FamN mit den Endungen -ing oder -inger und deren Varianten -ig, -iger / -iker. Diese setzen ein in den germanischen Sprachen sehr häufiges Suffix fort und gehören zu den ältesten Bildungstypen deutscher FamN. Es ist daher zu erwarten, dass die Verbreitung der FamN auf -ig(er), -ing(er) Rückschlüsse auf die Siedlungsgeschichte der Deutschschweiz zulässt. Hintergrund: Das Suffix germ. *-inga- (Vollstufe) steht im Ablautverhältnis zu germ. *-unga- (Nullstufe) und germ. *-anga- (Abtönstufe). Die Suffixe entstanden aus indogerm. *-(e/ o)n-kó-, wobei der Stammauslaut des n-Stamms vor dem k-Suffix metanalysiert (‘falsch abgetrennt’) wurde und ein neues Suffix entstand (Henzen 1965: 179; Krahe/ Meid 1969: 205-206). Mit germ. *-inga-/ *-anga- < indogerm. *-(e/ o)n-kóhistorisch vergleichbare Bildungen zeigen nach Krahe/ Meid (1969: 206-207) auch das Litauische (darbiniñkas ‘Arbeiter’, laukiniñkas ‘Landmann’), das Lateinische (iuvencus ‘junger Stier’, homunculus ‘Menschlein’) und das Keltische (walisisch afanc ‘Biber’, gall. Bellanco mask. Ruf N, gall. Itincu fem. Ruf N). Das Suffix bildet im Germanischen «individuelle Personal- und Sachbezeichnungen nach charakteristischen Merkmalen» (Krahe/ Meid 1969: 200). Es findet sich zur Bezeichnung von Abstammung und Stammeszugehörigkeit in gotischen VölkerN (lat. Greut(h)ungi ‘Ostgoten’, lat. T(h)ervingi ‘Westgoten’) und alten Dynastiebezeichnungen wie mittellat. Merovingi ‘die Nachfahren von Merowech’, aengl. Scyldingas ‘die Untertanen von Scyld (= die Dänen)’, mittellat. Carolingi, ahd. Charlinga, Kerlinga ‘die Nachfahren von Karl dem Grossen (= die Franken)’, anord. Islendingar ‘Isländer’, nhd. Thüringer (Bach 1952: 202; Krahe/ Meid 1969: 198-205). Im Deutschen bildete das Suffix zudem FamN zum Ruf N des Vaters, der mehrheitlich in einer Kurzform erscheint: Arning zu Arnold, Berning zu Bernhard. Es tritt aber auch in FamN auf, die zu Toponymen (Kölling zu Köln), Wohnstätten (Büsching zu Busch), Berufsbezeichnungen (Beckering, Vischering) sowie zu körperlichen, geistigen oder anderen charakteristischen Merkmalen (Vössing zu Voss ‘Fuchs’) gebildet wurden (Bach 1952: 148-150). Die Funktion der Zugehörigkeit ist aber schon länger nicht mehr produktiv (Bachmann 1919: 232-233), am längsten hielt sie sich im Oberdeutschen sowie in den Niederlanden und im Nordwesten Deutschlands (Bach 1952: 152; Henzen 1965: 165; DFA 3 2012: 197). Im Schweizerdeutschen ist es ausserdem möglich, Leute aus derselben Familie mittels ingen-Plural kollektiv zu benennen: Bachmega ‘die Gebrüder Bachmann’ zu Bachme(n) ‘Bachmann’, Werliga zu Werle(n) usw. (Bachmann 1919: 229-230). Früher war dieser Bildungstyp geographisch weiter verbreitet, während er heute weitgehend auf das höchstalemannische Dialektgebiet beschränkt und allgemein im Rückgang begriffen ist. Er findet sich heute noch im Wallis (vgl. VSNB 1 2024: XXII) und in den Walserorten Graubündens, im Berner Oberland, in der Innerschweiz (UR, NW, SZ), im Kanton Glarus und in den nördlich angrenzenden Gebieten. Aufgrund der dialektalen Verhältnisse erscheint das Suffix mundartlich in verschiedenen Formen und häufig apokopiert: -ing(a), mit Nasalschwund -ig(a), -ig(ä) oder mit abgeschwächtem Schwa-Vokal -eg(a), -eg(ä). Die Anzahl der bezeichneten Personen spielt keine Rolle. Meist sind jedoch nur die erwachsenen Männer des jeweiligen Familienkollektivs gemeint, insbesondere aus alteingesessenen Geschlechtern eines Orts. Oftmals schwingt im Kontext eine subjektive Einschätzung oder gar Pejorisierung mit, was eine mögliche Erklärung für das Verschwinden dieser Bildungen sein könnte (Bachmann 1919: 220-221). Die ersten Belege für diese Verwendung stammen aus dem 12. bis 13. Jh., als sich in der Schweiz auch die FamN zu etablieren begannen (vgl. ausführlich Bachmann 1919). FamN auf -ing können aber auch aus einem Toponym auf -ing(en) abgeleitet worden sein, wobei die Ortschaften in manchen Fällen auf dem Boden der heutigen Bundesrepublik Deutschland liegen. Diese Toponyme auf -ingen setzen einen Dativ Plural des InsassenN fort: Sigmaringen ‘bei den Leuten des Sigimar’ zu einem Singular Sigmaring ‘einer der Leute des Sigimar’. Sigmaring ist dann auch gleichbedeutend mit ‘ein Mann aus Sigmaringen’, was den jüngeren Einwohnerbezeichnungen auf -er (Sigmaringer) oder -mann entspricht (Bach 1952: 151, 157). Die FamN auf -i(n)ger, -iker sind also nicht alle primär mit dem Suffix -ing gebildet, sondern häufig sekundär mittels -er von bestehenden Toponymen auf -ing, -i(n)gen abgeleitet. Als Neo-Suffix wurde -inger regional (v. a. bairisch) auch analogisch verbreitet wie in Hofinger zu Hofen, Haslinger zu Langenhaslach. Zudem findet sich die Endung auch bei Patronymen (Henninger ‘Sohn des Henne’, Ottinger ‘Sohn des Otto’) oder BerufsN (Schmiedinger ‘Sohn des Schmieds’) und ÜberN sowie in Tirol appellativisch bei Postinger ‘Postbote’, Liechtinger ‘Elektromonteur’ (Bach 1952: 158-160). Fragestellungen: Die erste Karte umfasst FamN, die genuin das Suffix germ. *-ingaenthalten und nicht erst sekundär diesem Typ angeglichen wurden. Die zweite Karte illustriert die Verbreitung von FamN auf -i(n)ger/ -iker, die zu Toponymen auf -ikon gehören. Die dritte Karte kombiniert die Daten der beiden vorangehenden Karten und kontrastiert die geographische Verteilung von einfachem -i(n)g neben erweitertem -i(n)ger / -iker. Die vierte Karte geht schliesslich der Frage nach, wo sich die Varianten mit und ohne Nasalschwund finden. 2.4 Familiennamen auf -ig/ -ing 381 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="382"?> Erste Karte {176}: Familiennamen auf -i(n)g Namenauswahl: Die erste Karte umfasst FamN auf -i(n)g aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 1 die etymologisch das Suffix -ing enthalten. Sie können nach dem Benennungsmotiv weiter unterteilt werden in: 1. Patronyme, 2. Metronyme, 3. BerufsN und ÜberN sowie 4. Ableitungen, die von bereits bestehenden FamN gebildet wurden. Alle diese Namen enden auf -i(n)g, mit Ausnahme der drei Namen Belinger, Christinger, Rüdliger, die noch weiter mit -er abgeleitet wurden. Die Namenauswahl beruht auf den Angaben in der etymologischen Datenbank (Stand 12.04.2023). Abgefragte Namen Patronyme auf -i(n)g: Aellig, Alig, Bisig, Blessing, Breuning, Brisig, Christig, Christinger, Diezig, Gischig, Haering, Häring, Hünig, Külling, Martig, Mattig, Michlig, Perrig, Petrig, Pierig, Preisig, Reding, Rüdliger, Thiessing, von Reding, Wellig, Zillig, Zöllig, Züllig. 29 Types, 79 Tokens. Metronyme auf -i(n)g: Elsig, Gredig, Ittig. 17 Tokens. BerufsN und ÜberN auf -i(n)g: Schmidig, Schnidrig, Schnydrig, Spätig, Spirig. 12 Tokens. FamN auf -i(n)g zu bereits bestehenden FamN: Belinger, Hertig, Tscherrig. 9 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 30-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 184: Daten zur ersten Karte {176} Detailangaben zur Namenauswahl: 2 Die Patronyme entsprechen dem ältesten und häufigsten Bildungstyp, der auch in anderen germanischen Sprachen gut bezeugt ist. Sie sind - sowohl nach Types als auch nach Tokens - mehr als doppelt so häufig wie die anderen drei Bildungstypen zusammen. Die zugrunde liegenden Ruf N erscheinen häufig als Kurzformen: Mattig zu Matthäus, Thiessing zu Matthias. Das Suffix kann auch Sekundärumlaut auslösen: Breuning zu Braun, Hünig zu Hunn-. Vom Namen der Mutter abgeleitete FamN (Metronyme) auf -i(n)g sind vergleichsweise selten, die Patronyme sind achtmal häufiger. Die BerufsN und ÜberN bezeichnen letzten Endes ebenfalls den Vater, wobei durch die Ableitung mit -i(n)g aufgrund der Funktion des Suffixes ein patronymischer FamN entsteht. Diese Ableitungsbasen haben selbst schon beinahe den Status von FamN. Das Suffix -ing tritt auch an bereits bestehende FamN an, bspw. Hertig zum FamN Hert (zu mhd. hert ‘hart’) und möglicherweise Tscherrig zum FamN Tscherry, vgl. piemontesisch cerica ‘Tonsur’, cérich ‘Student am Priesterseminar’ sowie schwzdt. Tscheerig mask. ‘Kahlkopf; Student’ (Id. 14 1881 ff.: Sp. 1788). Aufgrund des fremdsprachlichen Einf lusses ist nicht gesichert, ob Karte 176: FamN auf -i(n)g nach Benennungsmotiv, vor 1800 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 382 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="383"?> Tscherry oder Tscherrig die ältere Form ist und in welche Richtung die Entwicklung genau verlief. Ausgeschlossen wurden ungedeutete und etymologisch unsichere FamN (z. B. Grichting). Ebenfalls ausgeschlossen wurden FamN, die erst sekundär dem Typ -i(n)g angeglichen wurden (z. B. Kündig, Kündiger). Kommentar: Das deutschsprachige Oberwallis ist die einzige Region, in der alle vier kartierten Typen nebeneinander erscheinen. Die Patronyme sind die bei weitem umfangreichste Gruppe und lassen eine Nord-Süd-Zweiteilung erkennen. Einerseits finden sie sich im Dialektgebiet des Höchstalemannischen, das als sprachlich konservativ gilt: So verzeichnen das Berner Oberland, das Wallis, die Walserorte Graubündens sowie die Kantone Glarus und Schwyz Belege. Andererseits finden sie sich in früh germanisch besiedelten Gebieten (e-HLS 2018: s. v. Deutsch), so im Schweizer Mittelland vom Bodensee bis zu den Kantonen Freiburg und Basel-Landschaft. Auffällig ist das Fehlen im nördlichen Mittelland (AG, LU, ZH). Metronyme zeigen sich hauptsächlich im Kanton Wallis und in den Walserorten Graubündens, die Walliser Kolonien sind. Der FamN Elsig ist vor 1800 in Mettau (AG) nahe der deutschen Grenze bezeugt. Ausserhalb des Wallis (hier Schnidrig, Schnydrig) finden sich BerufsN und ÜberN im St. Galler Rheintal (Spirig) und im Kanton Schwyz (Schmidig). Ein weiterer Beleg (Spätig) stammt aus Lüscherz (BE) am Bielersee. Die von bestehenden FamN abgeleiteten FamN auf -ing treten ausserhalb des Wallis (hier Tscherrig) noch im Sarganserland (Belinger) und im Emmental sowie am Thunersee (Hertig) auf. Zweite Karte {177}: Familiennamen auf -i(n)ger/ -iker neben Toponymen auf -ikon Namenauswahl: Die zweite Karte umfasst FamN auf -i(n)ger oder -iker aus der Schicht «vor 1800», die sicher oder mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Toponym auf -ikon neben sich haben. Zur Diskussion, ob die FamN oder Toponyme älter sind, vgl. den Abschnitt «Ergebnisse». Abgefragte Namen FamN auf -i(n)ger/ -iker zu Orten auf -ikon, vor 1800: Angliker, Anliker, Attinger, Bälliger, Bänninger, Bertschinger, Borsinger, Bossinger, Büttiker, Dändliker, Däniker, Dietiker, Dietliker, Dietziker, Elliker, Galliker, Gattiker, Gunzinger, Hämiker, Hilfiker, Hunziker, Isliker, Lenzinger, Nebiker, Oetiker, Oetliker, Ottiger, Ottiker, Ottinger, Riediker, Schleiniger, Schleuniger, Solinger, Stürzinger, Trüllinger, Walliker, Wenziker, Wenzinger, Winiger, Zimiker, Zinniker, Zollinger. 42 Types, 167 Tokens. Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 5-65, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 185: Daten zur zweiten Karte {177} Detailangaben zur Namenauswahl: Insbesondere in der nördlichen Deutschschweiz finden sich Toponyme auf -ikon < -ikhofen < Karte 177: FamN auf -i(n)ger/ -iker neben Toponymen auf -ikon, vor 1800 2.4 Familiennamen auf -ig/ -ing 383 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="384"?> mhd. -ing-hofen. Die Einwohnerbezeichnungen auf -er werden meist direkt auf das -ingaufgebaut und ignorieren das -hofen: 1288 Allinger zu Ellikon, 1299 Benninger zu Bänikon (Bach 1952: 159-160). Diese Bildungsweise ref lektiert einen älteren Zustand, bei dem auf die Einwohnerbezeichnung Bezug genommen wird: FamN Zollinger als Angehöriger der Personengruppe der «Zollinge» vs. FamN Zolliker als Bildung zum Toponym Zollikon (Graf 2019: 115-116). Somit sind die Namen mit dem Hintergrund ‘Personengruppe’ zu unterscheiden von den jüngeren Einwohnerbezeichnungen auf -i(n)ger zu Toponymen auf -ing(en) (z. B. Bösiger zu Bösingen), die mittels des sehr häufigen Bewohnersuffixes -er gebildet sind. Letztere sind nicht in der kartierten Namenauswahl enthalten - vgl. aber die Artikel II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen» und III-2.2 «Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen», die diese Namen in Auswahl berücksichtigen. Zu den Deutschschweizer Toponymen auf -ingen und -ikon / -ikofen / -ighofen vgl. Kilchmann (2022: 60-68, 293-318). Kommentar: Die FamN auf -i(n)g, -i(n)ger zu Toponymen auf -ikon zeigen sich vor 1800 in einem zusammenhängenden Gebiet der nördlichen Deutschschweiz, in welchem auch die überwiegende Mehrheit der Toponyme auf -ikon liegt. Am Genfersee und im östlichsten Graubünden ist je ein Ausreisser belegt: Der FamN Hunziker ist in Morges (VD) schon 1670 bezeugt, findet sich sonst jedoch hauptsächlich in den Kantonen Aargau, Bern und Luzern. Der FamN Solinger in Santa Maria im Münstertal (GR) ist eine rätoromanische Adaption des FamN Zollinger, der zum Toponym Zollikon gebildet und ebenfalls vor 1800 bezeugt ist (RNB 3 1986: 564). Dritte Karte {178}: Komplementäre Verteilung von Familiennamen auf -i(n)g und -i(n)ger/ -iker Namenauswahl: Die dritte Karte bezieht sich auf die Schicht «vor 1800» und kombiniert die Daten der ersten beiden Karten. Sie stellt also einerseits die FamN auf -i(n)g dar (z. B. Schmidig), andererseits diejenigen auf -i(n)ger / -iker, neben denen ein Toponym auf -ikon o. ä. bezeugt oder zumindest sehr wahrscheinlich ist (z. B. Zollinger zum Toponym Zollikon). Abgefragte Namen FamN auf -i(n)g: Aellig, Alig, Belinger, Bisig, Blessing, Breuning, Brisig, Christig, Christinger, Diezig, Elsig, Gischig, Gredig, Haering, Häring, Hertig, Hünig, Ittig, Külling, Martig, Mattig, Michlig, Perrig, Petrig, Pierig, Preisig, Reding, Rüdliger, Schmidig, Schnidrig, Schnydrig, Spätig, Spirig, Thiessing, Tscherrig, von Reding, Wellig, Zillig, Zöllig, Züllig. 40 Types, 117 Tokens. FamN auf -i(n)ger/ -iker zu Orten auf -ikon: Angliker, Anliker, Attinger, Bälliger, Bänninger, Bertschinger, Borsinger, Bossinger, Büttiker, Dändliker, Däniker, Dietiker, Dietliker, Dietziker, Elliker, Galliker, Gattiker, Gunzinger, Hämiker, Hilfiker, Hunziker, Isliker, Lenzinger, Nebiker, Oetiker, Oetliker, Ottiger, Ottiker, Ottinger, Riediker, Schleiniger, Schleuniger, Solinger, Karte 178: FamN auf -i(n)g vs. FamN auf -i(n)ger/ -iker, vor 1800 384 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="385"?> Stürzinger, Trüllinger, Walliker, Wenziker, Wenzinger, Winiger, Zimiker, Zinniker, Zollinger. 42 Types, 167 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 40-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 186: Daten zur dritten Karte {178} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den ausgewählten FamN vgl. die Ausführungen bei der ersten und der zweiten Karte. Kommentar: Die beiden Typen -i(n)g und -i(n)ger/ -iker sind in den Deutschschweizer FamN vor 1800 geographisch komplementär verteilt. Der Typ -i(n)ger/ -iker ist jünger und hängt auch mit der Produktivität von -ikon als Siedlungsnamensuffix zusammen (s. Abschnitt «Ergebnisse»). Somit ist anzunehmen, dass sich der Typ von den Kantonen Zürich, Aargau und Luzern aus ausgebreitet und den anderen Namentyp überlagert hat. Die ältere Form -i(n)g findet sich nur in den Übergangszonen zum petrolfarbenen Gebiet des Typs -i(n)ger/ -iker. Vierte Karte {179}: Graphische Varianten mit und ohne Nasal Namenauswahl: Die vierte Karte bezieht sich auf die Schicht «vor 1800» und kombiniert erneut die Daten der ersten beiden Karten. Das Kartenbild stellt die geographische Verteilung des Nasalschwunds in der Schreibform der FamN dar: -ing, -inger mit erhaltenem Nasal (z. B. Breuning, Trüllinger) gegenüber -ig, -iger / -iker ohne Nasal (z. B. Gredig, Ottiger, Däniker). 3 Abgefragte Namen FamN auf -ing / -inger ohne Nasalschwund: Attinger, Bänninger, Belinger, Bertschinger, Blessing, Borsinger, Bossinger, Breuning, Christinger, Gunzinger, Haering, Häring, Külling, Lenzinger, Ottinger, Reding, Solinger, Stürzinger, Thiessing, Trüllinger, von Reding, Wenzinger, Zollinger. 23 Types, 74 Tokens. FamN auf -ig, -iger/ -iker mit Nasalschwund: Aellig, Alig, Angliker, Anliker, Bälliger, Bisig, Brisig, Büttiker, Christig, Dändliker, Däniker, Dietiker, Dietliker, Dietziker, Diezig, Elliker, Elsig, Galliker, Gattiker, Gischig, Gredig, Hämiker, Hertig, Hilfiker, Hünig, Hunziker, Isliker, Ittig, Martig, Mattig, Michlig, Nebiker, Oetiker, Oetliker, Ottiger, Ottiker, Perrig, Petrig, Pierig, Karte 179: FamN auf -ing, -inger ohne Nasalschwund vs. FamN auf -ig, -iger/ -iker mit Nasalschwund, vor 1800 3 Für eine ausführliche Diskussion von FamN mit Nasalschwund und eine kontrastive Karte mit Dubletten, die sich durch die Schreibung resp. Nicht- Schreibung von <n> im Suffix -ing(er) unterscheiden, vgl. den Artikel I-2.1 «Nasalschwund». 2.4 Familiennamen auf -ig/ -ing 385 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="386"?> Preisig, Riediker, Rüdliger, Schleiniger, Schleuniger, Schmidig, Schnidrig, Schnydrig, Spätig, Spirig, Tscherrig, Walliker, Wellig, Wenziker, Winiger, Zillig, Zimiker, Zinniker, Zöllig, Züllig. 59 Types, 210 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 40-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 187: Daten zur vierten Karte {179} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den ausgewählten FamN vgl. die Ausführungen bei der ersten und der zweiten Karte. Kommentar: Die schon in den vorherigen Karten verwendeten Datensets werden in dieser Karte in neuer Gliederung präsentiert. Während die Fragestellung bei den vorherigen drei Karten den morphologischen Typen oder den unterschiedlichen Benennungsmotiven galt, geht es nun darum, ob im Suffix -ing der Nasal (zumindest graphisch) noch vorhanden ist. Dafür ist nicht relevant, ob bspw. zusätzliches -er oder -hofen / -(k)on angetreten ist. Aus dieser Karte phonologische Rückschlüsse zu ziehen, ist aber nur bedingt möglich, denn mundartlich werden manchmal auch FamN mit geschriebenem Nasal ohne diesen ausgesprochen, vgl. die graphische Varianz in den FamN Helbling, Helblig zu mhd. helbelinc ‘Münzstück im halben Wert’. In den meisten Kantonen überwiegen die nasallosen Varianten -ig, -iger / -iker oder sie sind sogar der einzige belegte Typ (AI, AR, LU, VD, VS, ZG). Sie ref lektieren die Mundartaussprache, während die nasalhaltigen Formen -ing, -inger auch die etymologische Entstehung abbilden. Nasalschwund in unbetonten Silben ist im Alemannischen appellativisch weit verbreitet (Ackermann 2023: 546-559), vgl. mit paralleler lautlicher Entwicklung schwzdt. Ziitig ‘Zeitung’, Rächnig ‘Rechnung’ (SDS III 1975: Karte 163). Die nasalhaltigen Formen -ing, -inger überwiegen in den Kantonen Glarus, Freiburg und Schaffhausen, wobei es sich allerdings jeweils um sehr tiefe Tokenzahlen handelt (1 bis 3 Tokens). In den Kantonen Basel-Landschaft (6 Tokens ohne vs. 5 mit Nasalschwund) und Zürich (42 Tokens ohne vs. 31 mit Nasalschwund) sind die Verhältnisse mehr oder weniger ausgeglichen und die nasalhaltige Variante überwiegt nur vergleichsweise knapp. Ergebnisse Zu Beginn des Artikels wurde angesprochen, inwiefern sich aus der Verteilung dieses alten Typs von FamN Korrelationen mit der Schweizer Sprach- und Siedlungsgeschichte herstellen lassen: Die FamN auf -i(n)g finden sich in früh besiedelten Gebieten und konservativen Mundarten, wo der Typ länger produktiv blieb (s. erste Karte). Auffällig ist das Fehlen im nördlichen Mittelland (AG, LU, ZH). Dort dominiert dafür -i(n)ger/ -iker, neben dem sich Toponyme auf -ikon finden. Die FamN auf -i(n)ger/ -iker zu Toponymen auf -ikon zeigen sich vor 1800 in einem zusammenhängenden Gebiet der nördlichen Deutschschweiz, das hauptsächlich die Kantone Zürich, Aargau, Luzern, Solothurn, Basel-Landschaft und Thurgau umfasst. Diese Verbreitung korreliert direkt mit dem Vorkommen der Toponyme auf -ikon, die für diese Regionen typisch sind. In diesem Gebiet finden sich aber kaum FamN auf -ing, die von männlichen bzw. weiblichen Ruf N, Berufsbezeichnungen, körperlichen, geistigen oder anderen charakteristischen Merkmalen sowie bestehenden FamN abgeleitet sind, ohne dass auch ein betreffendes Toponym auf -ikon bezeugt wäre. Es ist deshalb wahrscheinlich, dass die nachmaligen FamN als Sippenbezeichnungen auf -ing(en) in diesem Gebiet schon existierten, bevor die dazugehörigen Toponyme auf -i(n)ghofen > -ikon entstanden sind. Die Einwohnerbezeichnungen auf -ing(er) sind also älter und der Ausgangspunkt für die Toponyme auf -ikon, das als Siedlungsnamensuffix toponymisch übrigens auch produktiv wurde: Hilfikon (AG), 1261-1264 Hilfinchon (aber noch 924 Hilfiniswilare) oder Istighofen (TG), 1387 Justikofen (aber noch 832 Justineshova). Ein Beispiel, in dem sich der Wechsel von der Einwohnerbezeichnung -i(n)gen zum Toponym auf -ikon historisch nachverfolgen lässt, ist Zumikon (ZH), 946 Zumminga, 1349 Zumigen, 1640-1654 Zummiken (Kilchmann 2022: 60-61, 308-309; ortsnamen.ch o. J.: Nr. 7073912). In den Deutschschweizer FamN sind -i(n)g und -i(n)ger/ -iker geographisch also komplementär verteilt (s. dritte Karte). Eine parallele Situation findet sich in Deutschland, wo ein westliches und ein östliches Gebiet mit FamN auf -ing unterbrochen werden von FamN auf -inghoff , während im Süden FamN auf -inghaus angrenzen (DFA 3 2012: 196, 209). Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Hunziker (6'052 Tokens), Zollinger (1'976 Tokens) und mit gleicher Tokenzahl Preisig und Winiger (1'145 Tokens). In der Schweizer Familiennamenlandschaft finden sich weitere Varianten des Suffixes -ing: Das Suffix -ling ist eine Variante von -ing, die durch falsche Abtrennung nach Stämmen auf -l entstanden ist (ahd. edil-ing ‘Adeliger’) und produktiv wurde (vgl. Artikel II-2.5 «Familiennamen auf -ling»). Durch Nasalschwund wird das Suffix -ing manchmal homonym mit dem Suffix -ig, das Adjektive bildet (z. B. mhd. hezz-ic ‘gehässig, hassvoll’, vgl. Artikel II-2.6 «Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich»). Vergleich mit benachbartem Ausland: In Deutschland erscheint das Suffix -ing auch als -ingh, -in(g)k, -yn(c)k (z. B. Bennink, Gellynk), mit Nasalschwund als -ig, -ik (z. B. Hennig) oder mit Velarschwund als -in, -ey, -e (z. B. Ebelyn < Ebeling, Hammeley < Hamuling, Geisze < Geising). In Friesland, den Niederlanden und Frankreich erscheint es als -je, -y: Westje < Westing, Hardy < Harding (Bach 1952: 148-149). Beispiele aus Deutschland mit Berufsbezeichnungen als Ableitungsbasis sind Schmieding und Möllering (vgl. DFA 3 2012: 205-206). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 386 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="387"?> 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Ackermann, Elia (2023): Eindeutschung alträtoromanischer Substrattoponyme. Universität Zürich. https: / / doi.org/ 10.5167/ uzh-234859 (letzter Zugriff 12.04.2023). Bach, Adolf (1952): Deutsche Namenkunde. Bd. I, 1: Die deutschen Personennamen. Einleitung. Zur Laut- und Formenlehre, Wortfügung, -bildung und -bedeutung der deutschen Personennamen. 2., stark erweiterte Auf lage. Heidelberg: Winter. Bachmann, Albert (1919): Eine alte schweizerische Patronymikalbildung. In: Debrunner, Emil et al. (Hrsg.): Festgabe Adolf Kaegi. Von Schülern und Freunden dargebracht zum 30. September 1919, 218-240. Frauenfeld: Huber. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Sonderegger, Stefan (2018): Deutsch. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 011194/ 2018-01-24/ (letzter Zugriff 12.04.2023). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 12.04.2023). Graf, Martin H. (2019): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Vorbericht zu einem etymologischen Lexikon. Familienforschung Schweiz. Jahrbuch 46, 105-125. Henzen, Walter (1965): Deutsche Wortbildung (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. B: Ergänzungsreihe 5). 3., durchgesehene und ergänzte Auf lage. Tübingen: Niemeyer. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kilchmann, Mirjam (2022): Lautwandel in der Toponymie am Beispiel von Deutschschweizer Siedlungsnamen (Regensburger Studien zur Namenforschung 11). Regensburg: edition vulpes. Krahe, Hans/ Meid, Wolfgang (1969): Germanische Sprachwissenschaft. Bd. 3: Wortbildungslehre (Sammlung Göschen 2234). 7. Auf lage. Berlin, New York: De Gruyter. ortsnamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): ortsnamen.ch. Das Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung. https: / / www.ortsnamen.ch/ de/ (letzter Zugriff 12.04.2023). RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. SDS III = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1975): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. III: Formengeographie. Bern: Francke. VSNB 1 = Werlen, Iwar (Hrsg.) (2024): Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch. Bd. 1: Einleitung, Gemeindenamen, Flurnamen A-C. Tübingen: Narr Francke Attempto. Elia Ackermann 2.4 Familiennamen auf -ig/ -ing 387 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="388"?> 2.5 Familiennamen auf -ling Schlagwörter: Berufsübername, ing -Suffix, Nasalschwund, onymischer Marker, Patronym, Sekundärumlaut, Suffix, Übername Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Der Artikel dokumentiert die Verbreitung von FamN auf -ling und seiner Variante -lig. Dieses Suffix basiert letztlich auf -ing, einem in den germanischen Sprachen sehr häufigen Suffix, das sich in den ältesten deutschen FamN findet. 1 Im deutschen Appellativwortschatz erfreute sich das Suffix -ling einer gewissen Produktivität, die sich möglicherweise auch in den FamN niedergeschlagen hat. Hintergrund: Das Suffix -ling entstand durch falsche Abtrennung (Metanalyse) des Suffixes -ing nach Stämmen, die mit l auslauten: ahd. edil-ing mask. ‘Adeliger, Angehöriger eines vornehmen Geschlechts’, ahd. lantsidil-ing mask. ‘Siedler; einer, der Land bebaut und bewohnt’ (Henzen 1965: 166-167). Vergleichbare Fälle im Deutschen sind -king und -ding, -ting, die ebenfalls produktiv wurden und an andere Stämme traten (Bach 1952: 148). Dass die Metanalyse im Fall von -ling in gemeingermanische Zeit zurückreicht, beweist bspw. die Wortgleichung zu nhd. Jüngling: ahd. jungiling, asächs. jungling, afries. jungeling, aengl. geongling, anord. ynglingr. Allerdings wurden die Bildungen auf -ling in den Einzelsprachen erst vergleichsweise spät produktiv, und zwar nachdem das ältere -ing seine Produktivität verloren hatte. Im Westgermanischen findet es sich deshalb kaum in Patronymen, sondern hauptsächlich in deverbalen Ableitungen mit passiver Bedeutung des Grundworts: Setzling ‘was gesetzt wird’, Pflegling ‘wer gepf legt wird’, Lehrling ‘wem etwas gelehrt wird’ (Krahe/ Meid 1969: 208). Des Weiteren tritt -ling in Wörtern für kleine Tiere (Schmetterling), kleine Pf lanzen (Schierling), Masseinheiten (Vierling) und semantisch modifizierend (Dichterling) nach einem bereits bestehenden Wort auf. Ebenfalls verwandt sind Adverbien wie blindlings, rittlings, die älter auch noch mit germ. *-inga gebildet werden konnten: got. unweniggo, ahd. unwēninga ‘unvermutet’ (Henzen 1965: 167, 232). Das Suffix -ling hatte häufig diminutive Bedeutung: engl. duckling ‘Entenküken, Entlein’, anord. ketlingr ‘Katzenjunges, Kätzchen’ (Henzen 1965: 142-143). Durch die Diminuierung bekamen die Bildungen jünger bisweilen einen «kleinlichen und verächtlichen Nebensinn: Emporkömmling, Eindringling, Flüchtling, Sträfling, Feigling, Frömmling, Rohling, Sonderling, Schläuling» (Henzen 1965: 166-167). In der Schweiz werden gelegentlich auch EinwohnerN mit -ling gebildet. So heisst die Ortschaft Appenzell (AI) in der näheren Umgebung mundartlich einfach Hof , deren Einwohner: innen entweder d Hofer oder d Höfelig (spöttisch). Weitere Beispiele im deutschen Sprachraum umfassen f lämisch Yperlinge zu Ypern, Brüggelinge zu Brügge oder lat. Westlingi für die westlichsten Gruppen der Friesen (Bach 1952: 203). Fragestellungen: Wo finden sich FamN, die auf den Typ -ling zurückzuführen sind? Welche Varianten kommen in der Schicht «vor 1800» vor und korrelieren diese allenfalls mit bestimmten geographischen Gebieten? Die erste Karte bietet einen Überblick über FamN mit onymischem -ling. In den weiteren Karten werden die ausgewählten FamN nach bestimmten Kriterien unterteilt und kontrastiv darstellt: nach dem Benennungsmotiv (zweite Karte), nach vorhandenem oder fehlendem Appellativanschluss (dritte Karte), nach vorhandenem oder fehlendem graphischem Nasalschwund (vierte Karte) sowie nach vorhandenem oder fehlendem Sekundärumlaut (fünfte Karte). Erste Karte {180}: Familiennamen mit Suffix -ling Namenauswahl: Die erste Karte umfasst echte onymische Ableitungen mit -ling aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB). 2 Gemeint ist, dass das Suffix -ling in diesen Fällen explizit einen FamN bildete und das Wort nicht schon als Appellativ existierte. Abgefragte Namen FamN mit Suffix -ling, vor 1800: Dettling, Gysling, Gyssling, Häberling, Hemmerling, Imlig, Reichling, Wäckerlig, Wäckerling, Waeckerling, Wysling, Wyssling. 12 Types, 22 Tokens. Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 188: Daten zur ersten Karte {180} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 Für diese Karte wurde in der etymologischen Datenbank (Stand 28.04.2023) nach FamN gesucht, die auf -li(n)g auslauten (mit oder ohne Nasal). Von den rund 40 Fällen wurden die meisten ausgeschlossen. Gründe für den Ausschluss waren, dass das -l zum Stamm gehört und einfaches -i(n)g angetreten ist oder dass ein betreffendes Appellativ auf -li(n)g bezeugt ist (vgl. dritte Karte). 1 Vgl. Artikel II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing». Das Suffix germ. *-inga- (Vollstufe) steht im Ablautverhältnis zu germ. *-unga- (Nullstufe) und germ. *-anga- (Abtönstufe). Die Suffixe entstanden aus indogerm. *-(e/ o)n-kó-, wobei der Stammauslaut des n-Stamms vor dem k-Suffix metanalysiert wurde und so ein neues Suffix entstand (Henzen 1965: 179; Krahe/ Meid 1969: 205-206). Dieses ist in den alten germanischen Sprachen zur Bildung von StammesN und FamN weit verbreitet, hat aber schon vergleichsweise früh seine Produktivität verloren (Bachmann 1919: 232-233; Bach 1952: 152; DFA 3 2012: 197). 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 388 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="389"?> Die meisten Beispiele für FamN mit -ling sind Patronyme: Dettling zu ahd. Tetto, Det(t) -; Gysling, Gyssling zu ahd. Giso, Gīso; Imlig zu ahd. Immo; Reichling zu ahd. Rīhh(i)sowie Wysling, Wyssling zu ahd. Wisso, Wizo. Wie vorangehend erwähnt, finden sich in den westgermanischen Sprachen allerdings nur wenige einschlägige Beispiele, da für Patronyme v. a. das ältere germ. *-ingaverwendet wird. 4 Abgesehen von den Patronymen finden sich die FamN Hemmerling (BerufsüberN zu dt. Hammer, allesamt aus Deutschland zugezogen) und Waeckerling, Wäckerling, Wäckerlig (ÜberN zu mhd. wacker ‘wachsam, munter, frisch, tüchtig, tapfer’; vgl. aber auch appellativisch schwzdt. Wäckerli(n)g ‘Schweinemagen/ -darm, auch gefüllt als Blutwurst; fettleibige Person; Teufel’; Id. 15 1881 ff.: Sp. 1109-1110). Der FamN Häberling ist eine Variante von Häberli(n) (zu mhd. haber(e) ‘Hafer’), die erst jung dem Typ auf -ling angeglichen wurde. Es handelt sich um einen BerufsüberN für einen Getreidebauern. Zum Sekundärumlaut vor dem Suffix -ling vgl. die fünfte Karte. Kommentar: Die mit -ling abgeleiteten FamN treten hauptsächlich in den Kantonen Schwyz und Zürich auf. Daneben gibt es je 1 Token in den angrenzenden Kantonen Aargau und Thurgau: Wäckerlig (Villmergen AG), Dettling (Fischingen TG). Es handelt sich um ein zusammenhängendes und vergleichsweise kompaktes Gebiet, das zu den am frühesten deutsch besiedelten Regionen der Schweiz gehört (e-HLS 2018: s. v. Deutsch). Ein geographischer Ausreisser tritt nur in der Gemeinde Vevey (VD) am Genfersee in Erscheinung, wo der FamN Hemmerling ebenfalls schon vor 1800 bezeugt ist. Karte 180: FamN mit Suffix -ling, vor 1800 4 Vgl. Artikel II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing». 2.5 Familiennamen auf -ling 389 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="390"?> Zweite Karte {181}: Familiennamen auf -ling nach Benennungsmotiv Namenauswahl: Die zweite Karte unterteilt die FamN der ersten Karte nach ihrem Benennungsmotiv in BerufsüberN, ÜberN und Patronyme. Abgefragte Namen BerufsüberN auf -ling: Häberling, Hemmerling. 4 Tokens. ÜberN auf -ling: Wäckerlig, Wäckerling, Waeckerling. 4 Tokens. Patronyme auf -ling: Dettling, Gysling, Gyssling, Imlig, Reichling, Wysling, Wyssling. 7 Types, 14 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 189: Daten zur zweiten Karte {181} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den ausgewählten FamN vgl. die Ausführungen bei der ersten Karte. Kommentar: Wie vorangehend bereits erwähnt, machen die Patronyme den häufigsten Typ der FamN auf -ling aus. Diese verteilen sich in einem geographischen Gebiet, das vom Kanton Schwyz bis in den westlichen Thurgau reicht und die dazwischen liegenden Gebiete des Kantons Zürich abdeckt. Im Norden des Kantons Zürich bis in den Aargau gibt es v. a. ÜberN auf -ling. Die BerufsüberN finden sich weit von den anderen Tokens entfernt am Genfersee (Gemeinde Vevey VD) sowie im Bezirk Affoltern (ZH), wobei es sich in Affoltern um 3 Tokens des FamN Häberling handelt, der erst sekundär den FamN auf -ling angeglichen wurde. Karte 181: FamN auf -ling nach Benennungsmotiv, vor 1800 390 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="391"?> Dritte Karte {182}: Familiennamen auf -ling mit und ohne Appellativanschluss Namenauswahl: Die dritte Karte stellt zusätzlich zu den bereits besprochenen FamN auf -ling auch noch diejenigen Fälle dar, neben denen ein entsprechendes Appellativ bezeugt ist, bspw. der FamN Findling zu schwzdt. Findling ‘Findelkind’. In dieser und den folgenden Karten geht es nun weniger um Morphologie und Wortbildung, sondern um Aspekte der Phonologie, die anhand identischer lautlicher Voraussetzungen in diesen beiden Gruppen festgemacht werden können. Abgefragte Namen FamN auf -ling ohne Appellativanschluss: Dettling, Gysling, Gyssling, Häberling, Hemmerling, Imlig, Reichling, Wäckerlig, Wäckerling, Waeckerling, Wysling, Wyssling. 12 Types, 22 Tokens. FamN auf -ling mit Appellativanschluss: Findling, Helblig, Helbling, Hinderling, Kimmerling, Kislig, Kisslig, Kissling, Kümmerling, Kümmerling soit Kimmerling, Schillig, Schilling, Zigerlig. 13 Types, 45 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 40-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 190: Daten zur dritten Karte {182} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den ausgewählten FamN auf -ling ohne Appellativanschluss vgl. die Angaben bei der ersten Karte. Hinzu kommen in der vorliegenden dritten Karte FamN, die aus Appellativa auf -ling entstanden sind: Findling zu dt. Findling ‘Findelkind’; Helbli(n)g zu mhd. helbelinc ‘Münzstück im halben Wert eines Pfennigs’; Hinderling zu schwzdt. Hinderling ‘Rückstand, Fehlbetrag’; Kimmerling, Kümmerling zu dt. Kümmerling ‘schwächlicher, kränklicher Mensch’; Kissling, Kis(s)lig zu mhd. kis(e)linc ‘Kieselstein’; Schilli(n)g zu mhd. schillinc ‘Schilling’ sowie Zigerlig zu älterem schwzdt. Zigerling ‘geformter Zigerlaib’. Kommentar: Die FamN auf -li(n)g, die entsprechende Appellativa neben sich haben, sind mit Blick auf die Tokenverhältnisse doppelt so häufig wie die FamN der ersten Karte. Da diese Appellative auch allgemein in Gebrauch sind, können entsprechende FamN auch noch gebildet werden, nachdem das Suffix -ling seine Produktivität verloren hat. Entsprechend sind die Beispiele geographisch auch weiter verbreitet und reichen vom Nordosten bis in den Südwesten der Deutschschweiz. Auffällig ist das weitgehende Fehlen im höchstalemannischen Dialektgebiet und der südlichen Deutschschweiz (Kantone VS, GL, GR). Auch bei der vorliegenden dritten Karte zeigen sich geographische Ausreisser am Genfersee: In der Stadt Genf (GE) treten die 3 Tokens der FamN Kümmerling, Kimmerling und Kümmerling soit Kimmerling auf, die dort schon vor 1800 belegt sind. Es handelt sich etymologisch um ÜberN zu dt. Kümmerling Karte 182: FamN auf -ling mit und ohne Appellativanschluss, vor 1800 2.5 Familiennamen auf -ling 391 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="392"?> ‘schwächlicher, kränklicher Mensch’, wobei das ü im Französischen zu i entrundet werden konnte. Vierte Karte {183}: Familiennamen auf -ling mit und ohne graphischen Nasalschwund Namenauswahl: Die vierte Karte verwendet die Daten der dritten Karte und ordnet diese neu. Im Fokus steht die Frage, ob das Suffix -ling mit oder ohne graphischen Nasalschwund (-lig vs. -ling) auftritt. Die Karte bezieht sich auf die Schicht «vor 1800». Abgefragte Namen FamN auf -ling ohne Nasalschwund: Dettling, Findling, Gysling, Gyssling, Häberling, Helbling, Hemmerling, Hinderling, Kimmerling, Kissling, Kümmerling, Kümmerling soit Kimmerling, Reichling, Schilling, Waeckerling, Wäckerling, Wysling, Wyssling. 18 Types, 52 Tokens. FamN auf -ling mit Nasalschwund: Helblig, Imlig, Kislig, Kisslig, Schillig, Wäckerlig, Zigerlig. 7 Types, 15 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 40-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 191: Daten zur vierten Karte {183} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den ausgewählten FamN vgl. die Ausführungen bei der ersten und der dritten Karte. Kommentar: In der vierten Karte wurden dieselben Datensets verwendet wie in der vorhergehenden Karte, wobei sie in dieser Karte neu gegliedert wurden. Es geht nicht mehr darum, morphologische Typen oder Benennungsmotive zu unterscheiden, sondern darum, ob im Suffix -ling der Nasal graphisch noch vorhanden ist. Dafür ist nicht relevant, ob das Grundwort auch als Appellativ bezeugt ist. Aus dieser Karte phonologische Rückschlüsse zu ziehen, ist aber nur bedingt möglich, denn mundartlich werden manchmal auch FamN mit geschriebenem Nasal ohne diesen ausgesprochen, vgl. die Entstehung der Varianten Wäckerling und Wäckerlig. 5 Die Formen ohne graphischen Nasal finden sich im Berner Mittelland, an der Kantonsgrenze zwischen Uri und Schwyz, vereinzelt im Aargau sowie im St. Galler Rheintal an der Grenze zu Vorarlberg. Sie ref lektieren die Mundartaussprache, während die nasalhaltigen Formen auch die etymologische Entstehung abbilden. Letztere sind mehr als dreimal so häufig. In den Suffixen -i(n)g und -i(n)ger/ -iker ist das Zahlenverhältnis hingegen gerade umgekehrt, da dort die nasallosen Formen überwiegen. 6 Karte 183: FamN auf -ling mit und ohne graphischen Nasalschwund, vor 1800 5 Vgl. Artikel I-2.1 «Nasalschwund». 6 Vgl. Artikel II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing». 392 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="393"?> Fünfte Karte {184}: Familiennamen auf -ling mit und ohne Sekundärumlaut Namenauswahl: Die fünfte Karte verwendet wiederum die Daten der dritten Karte und ordnet diese neu. Im Fokus steht die Frage, ob das Suffix -ling im Grundwort einen Sekundärumlaut ausgelöst hat. Die Karte bezieht sich auf die Schicht «vor 1800». Abgefragte Namen FamN auf -ling mit Sekundärumlaut: Häberling, Helblig, Helbling, Hemmerling, Kimmerling, Kümmerling, Kümmerling soit Kimmerling, Wäckerlig, Wäckerling, Waeckerling. 10 Types, 21 Tokens. FamN auf -ling ohne Sekundärumlaut: Dettling, Findling, Gysling, Gyssling, Hinderling, Imlig, Kislig, Kisslig, Kissling, Reichling, Schillig, Schilling, Wysling, Wyssling, Zigerlig. 15 Types, 46 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 40-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 192: Daten zur fünften Karte {184} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den ausgewählten FamN vgl. die Ausführungen bei der ersten und der dritten Karte. Kommentar: In den kartierten FamN auf -ling ist der Sekundärumlaut überall eingetreten, wo es lautlich und graphisch feststellbar war. Es gibt jedenfalls kein Beispiel, in dem der Sekundärumlaut augenscheinlich nicht eingetreten ist. Allerdings gibt es mehrere FamN, in denen ein Sekundärumlaut aus lautlichen Gründen nicht möglich ist, was hauptsächlich FamN mit einem i in der Erstsilbe betrifft: Gys(s)ling, Schilli(n)g, Wys(s)ling usw. Die beerenfarbenen Punkte und Regionen können also ignoriert werden. Auch wenn sich die grünen Punkte geographisch gruppieren lassen (Verwaltungskreis Seeland BE, Bezirk Bülach ZH, um den Zürichsee sowie am Genfersee), so ist die Durchführung des Sekundärumlauts in diesem Datenset kein dialektales Merkmal, sondern vom Vokalismus des Grundworts abhängig und deshalb ein etymologischer Zufall. Als Gegenstück fehlen nämlich die FamN, in denen ein Sekundärumlaut möglich gewesen wäre, aber keiner eingetreten ist. Für die FamN in der Deutschschweiz ist deshalb davon auszugehen, dass -ling normalerweise Umlaut ausgelöst hat. Bei den Appellativa finden sich neben umgelauteten Formen (Frömmling, Schläuling, Lüstling) hingegen auch solche ohne Umlaut: Rohling, Sonderling, Achtling, Blauling (Henzen 1965: 167). Karte 184: FamN auf -ling mit und ohne Sekundärumlaut, vor 1800 2.5 Familiennamen auf -ling 393 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="394"?> Ergebnisse Das Suffix -ling war zur Bildung von FamN (z. B. von Patronymen oder ÜberN) nicht mehr besonders produktiv, was die Namen vom Appellativwortschatz unterscheidet. Die Beispiele finden sich geographisch hauptsächlich in den Kantonen Schwyz und Zürich sowie in angrenzenden Regionen, die zu den frühesten deutsch besiedelten Gebieten der Schweiz zählen. Doch auch am Genfersee (Kantone GE und VD) sind schon vor 1800 deutsche FamN auf -ling belegt. Zwei Drittel der Beispiele existieren im Deutschen auch als Appellative, was bedeutet, dass dieser Namentypus über längere Zeit bildbar gewesen ist und eine weitere geographische Verbreitung aufweisen kann. Aufgrund der Semantik des Suffixes haben auch die FamN mit -ling manchmal einen pejorisierenden Aspekt (Henzen 1965: 166-167): Helbli(n)g, Kümmerling, Wäckerli(n)g. Eine Einwohnerbezeichnung auf -ling, wie sie im Schweizerdeutschen dialektal bezeugt ist (schwzdt. Höfelig in Appenzell), lässt sich in den FamN nicht nachweisen. Im Unterschied zum ursprünglichen Suffix -ing überwiegen bei FamN mit dem Suffix -ling in der Deutschschweiz die Varianten mit graphisch erhaltenem Nasal. Wenn ein Sekundärumlaut möglich ist, so ist er in den FamN i. d. R. auch eingetreten, Gegenbeispiele fehlen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Helbling (1'633 Tokens), Kissling (1'553 Tokens) und Schilling (1'033 Tokens). Das Suffix -ling ist eine Variante von -ing, die durch falsche Abtrennung nach Stämmen auf -l entstanden ist und produktiv wurde. FamN auf -i(n)g und -i(n)ger/ -iker werden in einem eigenen Artikel behandelt. 7 Durch Nasalschwund wird das Suffix -(l)ing manchmal homonym mit dem Suffix -ig, das Adjektive bildet. 8 Vergleich mit benachbartem Ausland: Die fünf häufigsten patronymischen Bildungen mit -ling in Deutschland sind die FamN Ebeling (zu Eberhard oder Albert), Gerling (zu einem Ruf N mit Ger-, z. B. Gerhard ), Bartling (zu Bartholomäus oder einem Ruf N mit Bert-, z. B. Bertold ), Eggeling (zu einem Ruf N mit Eck-, z. B. Eckhard ) und Bertling (zu einem Ruf N mit Bert-, z. B. Bertold ). Diese finden sich hauptsächlich in der nördlichen Landeshälfte Deutschlands, in einem gedachten Dreieck zwischen den Städten Leipzig, Köln und Hamburg (DFA 3 2012: 203-204). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Bach, Adolf (1952): Deutsche Namenkunde. Bd. I, 1: Die deutschen Personennamen. Einleitung. Zur Laut- und Formenlehre, Wortfügung, -bildung und -bedeutung der deutschen Personennamen. 2., stark erweiterte Auf lage. Heidelberg: Winter. Bachmann, Albert (1919): Eine alte schweizerische Patronymikalbildung. In: Debrunner, Emil et al. (Hrsg.): Festgabe Adolf Kaegi. Von Schülern und Freunden dargebracht zum 30. September 1919, 218-240. Frauenfeld: Huber. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Sonderegger, Stefan (2018): Deutsch. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 011194/ 2018-01-24/ (letzter Zugriff 28.04.2023). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 28.04.2023). Henzen, Walter (1965): Deutsche Wortbildung (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. B: Ergänzungsreihe 5). 3., durchgesehene und ergänzte Auf lage. Tübingen: Niemeyer. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Krahe, Hans/ Meid, Wolfgang (1969): Germanische Sprachwissenschaft. Bd. 3: Wortbildungslehre (Sammlung Göschen 2234). 7. Auf lage. Berlin, New York: De Gruyter. Elia Ackermann 7 Vgl. Artikel II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing». 8 Vgl. Artikel II-2.6 «Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich». 394 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="395"?> 2.6 Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich Schlagwörter: Simplex, Suffix, Übername, Velarschwund Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Die folgenden Karten widmen sich der Verbreitung von FamN, die formal aus Adjektiven mit den Suffixen -ig oder -lich gebildet sind, wie bspw. Batzig zu schwzdt. batzig ‘protzig, trotzig, barsch’ oder Fröhlich zu mhd. vroelich ‘froh, heiter’. Die Basis der FamN bilden hauptsächlich desubstantivische und deverbale Adjektive mit Suffix -ig bzw. -lich. Trotz überschaubarer Typen- und Tokenfrequenzen ist der Gegenstand relevant, denn erstens gilt es, die hier einschlägigen Namen von solchen mit ähnlich oder gleich geschriebenen substantivischen Suffixen abzugrenzen (vgl. die Artikel II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing», II-2.5 «Familiennamen auf -ling» und II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven»). Zweitens bezeugen die FamN historisch-dialektale lautliche Realisierungen (Form -li für -lich) sowie Lexemverbreitungen, die sonst kaum noch zu greifen sind. Drittens weisen die Namen interessante Raumbildungen auf, die auf eine gewisse Eigenständigkeit von Namenräumen hindeuten (vgl. Abschnitt «Ergebnisse»). Hintergrund: Das Suffix ahd. -ig ist urverwandt mit den Suffixen lat. -icus und griech. -ikós (-ικός), die ebenfalls Adjektive bilden. 1 In den germanischen Sprachen finden sich die Varianten got. -ags, -igs, -eigs, -iugs, -ugs und ahd. -ag, -ig, -īg > mhd. -ec, -ig > nhd. -ig. Ursprünglich findet sich ahd. -ag nach a-, u- und ō-Stämmen, ahd. -ig, -īg nach i- und ja-Stämmen. Doch es gibt schon früh Ausnahmen (ahd. nōtag ‘nötig’ zum i-Stamm ahd. nōt) und Doppelformen (ahd. einag, einīg; Henzen 1965: 196, 199). Im Neuhochdeutschen existiert nur noch -ig < ahd. -īg, das (neben -lich) eines der produktivsten Adjektivsuffixe ist und an verschiedene Ableitungsbasen antritt (Henzen 1965: 196-197; Kempf 2016: 125-126, 228-229; Ganslmayer/ Müller 2019: 404): Abstrakta (eilig, geizig), Konkreta (bärtig, dornig), Adjektive (niedrig), Partizipien (lebendig), Adverbien (gestrig, einmalig) und auch in Zusammenbildungen (leichtlebig, erstklassig). Zur Bildung von Adjektiven ist das Suffix dermassen produktiv, dass Bildungen auf -ig in den Mundarten der nördlichen Deutschschweiz das aktive Partizip Präsens ersetzt haben: kochig ‘kochend’, rasig ‘rasend’. Ebenso erscheint es bei Stoffadjektiven auf ahd. -īn, bspw. mundartlich wule, wulig ‘wollen, aus Wolle’, buchig ‘buchen, aus Buchenholz’, erdig usw. (Meyer 1960: 187-189 und Karten 3, 8, 10; Henzen 1965: 197-198). Auch die alten Adjektive auf ahd. -ht mit der «Bedeutung des Versehenseins» (Henzen 1965: 199) wurden häufig von -ig verdrängt: mhd. velseht ‘felsig’, mhd. lockeht ‘lockig’, ahd. steinaht, got. stainahs, aengl. stāneht(e), stæniht(e) ‘steinig’. Im Bairischen, Fränkischen und Alemannischen ist ahd. -ht aber häufig noch durch -et fortgesetzt: kropfet < mhd. kropfeht ‘mit einem Kropf versehen’, bucklet ‘bucklig, mit einem Buckel versehen’ (Henzen 1965: 199-200; Ganslmayer/ Müller 2019). Es gibt Adjektive auf -ig mit oder ohne Sekundärumlaut, die historisch auf die unterschiedlichen Varianten ahd. -ig und ahd. -ag zurückgehen: hölzig vs. holzig, bärtig vs. artig, häufig vs. grausig. Neben dialektalen Unterschieden gab es hier auch Einkreuzungen, da beide Formen als Muster für Neubildungen fungierten (Henzen 1965: 198-199). Das auslautende -g kann dialektal schwinden, bspw. bair. gnēde(g) ‘nötig’, alem. hurti(g) ‘schnell, rasch’ (Henzen 1965: 198). In der Deutschschweiz sind v. a. zwei inselhafte Gebiete vom Velarschwund -ig > -i betroffen: im Westen die nördliche Hälfte des Kantons Bern mit den angrenzenden Regionen in Solothurn und im Aargau, im Osten Appenzell und die nördlich angrenzenden Gebiete des Kantons St. Gallen bis an den Bodensee, teilweise auch Schaffhausen (vgl. ausführlich die Karten zu ‘Frühling’ und den Wochentagen; SDS VI 1988: Karten 8-11). Der VALTS V (2001: Karte 202) listet zudem Beispiele aus dem Tiroler Oberland. In den FamN der vorliegenden Datenbank spiegelt sich dieser Velarschwund jedoch graphisch nicht wider. Das Suffix dt. -lich < mhd. -lich < ahd. -līh bildet Adjektive. Etymologisch basiert es auf dem Substantiv germ. *līka- ‘Körper, Gestalt’, mit dem ursprünglich exozentrische Bahuvrīhi-Komposita gebildet wurden: ahd. wīb-līh ‘die Gestalt einer Frau habend; weiblich’. Die Entwicklung vom Kompositionshinterglied zum Adjektivsuffix muss schon früh eingetreten sein, da sie in allen germanischen Sprachen inklusive Ostgermanisch nachzuweisen ist: Got. -leiks, anord. -líkr, niederl. -lijk und engl. -ly < aengl. -līc setzen allesamt germ. *līka- ‘Körper, Gestalt’ fort. Anfänglich sind nur Ableitungen von Substantiven möglich, jünger aber auch von Adjektiven (z. B. kränklich, länglich, reichlich). Das Suffix -lich löst tendenziell Sekundärumlaut aus, doch es finden sich viele Gegenbeispiele wie abendlich, weihnachtlich, sommerlich, wunderlich (Henzen 1965: 202-203, 205). Das Etymon germ. *līka- ‘Körper, Gestalt’ ist auch fortgesetzt im Substantiv nhd. Leiche, schwzdt. Līch ‘Leib, menschlicher Körper, Leiche’ < mhd. līch(e) < ahd. līh ‘Körper, Leib, Leichnam’ und im 1 Entstanden sind diese Suffixe durch falsche Abtrennung (Metanalyse) des Suffixes indogerm. *-kónach i-Stämmen. Vorlagen für diese Bildung finden sich gleich in mehreren Sprachzweigen: lat. classi-cus ‘Bürgerklasse/ Heer/ Flotte betreffend’ zu lat. classis ‘Bürgerklasse, Heer, Flotte’, griech. p h ysikós (φυσι-κός) ‘die Natur betreffend, natürlich, angeboren’ zu griech. p h ýsis (φύσις) ‘Natur’, litauisch antì-kė ‘Entchen’ zu ántis ‘Ente’, altkirchenslawisch ovĭ-ca ‘Schaf ’, vedisch avi-kázu ávi- ‘Schaf ’ (Krahe/ Meid 1969: 188-189). Die Variante indogerm. *-u-ko- (vedisch tánu-ka- ‘dünn’, altkirchenslawisch tŭnŭ-kŭ ‘dünn’, griech. t h ēlykós (θηλυ-κό-ς) ‘weiblich’) wurde meist zu germ. *-aha-/ *-agaumgestaltet und blieb nur im Nordgermanischen erhalten, wo adjektivisches anord. -ugr sogar produktiv war (Krahe/ Meid 1969: 190-192). 2.6 Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich 395 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="396"?> Adjektiv nhd. gleich < mhd. g(e)līch < ahd. gilīh < germ. *ga-līka- ‘dieselbe Gestalt habend’ (Id. 3 1881 ff.: Sp. 1013-1015; EtymWB 1993a: s. v. gleich; EtymWB 1993b: s. v. Leiche; EtymWB 1993c: s. v. -lich). Durch dialektale Abschwächung zu schwzdt. -lig entstehen Berührungspunkte mit adjektivischem -ig. Auch der Schwund von auslautendem -ch ist im Schweizerdeutschen appellativisch gut belegt (Id. 1881 ff.: Grammatisches Register 1.2.13.3.2.), weshalb das Adjektivsuffix -lich mundartlich auch als -li erscheinen kann, wodurch es mit dem Diminutivsuffix homonym wird. Die Form -lich kann sowohl altererbt sein als auch auf jungen schriftsprachlichen Entlehnungen basieren (Meyer 1960: 223-224, 248-249, 253-257, 263-267). Zu den dialektalen Ausprägungen im Schweizerdeutschen vgl. Meyer (1960: 223-273), zu den diachronen Entwicklungen vgl. Winkler (1995). Fragestellungen: Dieser Artikel geht den Fragen nach, welche adjektivischen Suffixe in den FamN wie stark vertreten sind (erste, zweite und dritte Karte), in welchen Varianten diese allenfalls auftreten (dritte Karte) und wie sich die Verbreitung dieser Namen zu derjenigen der suffixlosen adjektivbasierten Namen (z. B. Gross, Jung, Schwarz) verhält (vierte Karte). Dabei wird keine Differenzierung zwischen Adjektiven mit und ohne Sekundärumlaut vorgenommen, da die Situation identisch ist mit derjenigen bei den nicht-onymischen Adjektiven. Die suffixlosen Adjektive sollen in diesem Artikel nur als Kontrastfolie gegenüber den abgeleiteten Adjektiven dienen. Da hier Wortbildungsprozesse interessieren, stehen die Simplizia im Hintergrund, obwohl sie höhere Typen- und Tokenfrequenzen aufweisen als die Namen aus abgeleiteten Adjektiven. Sie werden jedoch kartiert mit dem Ziel, zu überprüfen, ob die Hochburgen der abgeleiteten Adjektive nur ein Epibzw. Teilphänomen der allgemeinen Verbreitung adjektivischer FamN sind oder eine eigenständige Raumbildung aufweisen. Erste Karte {185}: Familiennamen aus Adjektiven auf -ig Namenauswahl: Die erste Karte zeigt die räumliche Verbreitung aller Schweizer FamN, die auf Adjektiven mit der Endung -ig beruhen. Ausgewählt wurden alle in der etymologischen Datenbank (Stand 15.02.2024) enthaltenen einschlägigen Fälle aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 2 die auf -ig auslauten und etymologisch als Adjektiv gedeutet sind. Abgefragte Namen Adjektive auf -ig, vor 1800 u. Herkunft: Bättig, Batzig, Bissig, Ewig, Frutig, Glettig, Hässig, Hurtig, Kündig, Lustig, Spettig, Spichtig, Widrig, Witzig. 14 Types, 74 Tokens. Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 20-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 193: Daten zur ersten Karte {185} 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 396 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="397"?> Detailangaben zur Namenauswahl: 3 Als Datenbasis dienen 14 FamN, die etymologisch auf ein Adjektiv mit dem Suffix -ig zurückgehen. Rund die Hälfte dieser FamN beruht auf Adjektiven, die bereits im Mittelhochdeutschen im nicht-onymischen Wortschatz bezeugt sind: Ewig (zu mhd. ēwic ‘ewig, unaufhörlich’), Hässig (zu mhd. hazzec, hezzic ‘gehässig, hassvoll, feindselig’), Kündig (zu mhd. kündec, kündic ‘bekannt, klug, geschickt, aufmerksam’), Lustig (zu mhd. lustic ‘angenehm, lustig, heiter’), Widrig (zu mhd. wideric ‘widrig, entgegenwirkend, schädlich, feindlich’) und Witzig (zu mhd. witzec ‘verständig, klug, weise’). Die andere Hälfte der Beispiele geht aus schweizerdeutschen Adjektiven hervor: Bättig (zu schwzdt. bëttig ‘(schein-)fromm’; vgl. Id. 4 1881 ff.: Sp. 1835), Batzig (zu schwzdt. batzig ‘protzig, trotzig, barsch’; vgl. Id. 4 1881 ff.: Sp. 1963-1964), Bissig (zu schwzdt. bissig, bīssig ‘gehässig; scharf; räudig’; vgl. Id. 4 1881 ff.: Sp. 1693-1696), Frutig (zu schwzdt. fruetig, früetig, fruutig, fruttig ‘munter, froh, lebhaft’; vgl. Id. 1 1881 ff.: Sp. 1340-1341), Hurtig (zu schwzdt. hurtig ‘schnell’; vgl. Id. 2 1881 ff.: Sp. 1653), Spettig (zu schwzdt. spattig, spättig, spettig ‘mit dem Spat (Sprunggelenkserkrankung des Pferds) behaftet; steif, ungelenk’; vgl. Id. 10 1881 ff.: Sp. 586-588) und Spichtig (zu schwzdt. spichtig ‘schmächtig, dürr, mager’; vgl. Id. 10 1881 ff.: Sp. 49). Der FamN Glettig stellt sich wohl zum Adjektiv glattig, glättig, bei dem es sich gemäss DWb 7 (1854-1961: Sp. 7755) um eine «veraltete seitenform mit suffix zu glatt» ‘glatt, glänzend’ handelt. Im Id. (1881 ff.) ist diese Variante nicht bezeugt. Kommentar: Die kartierten FamN weisen ein gehäuftes Vorkommen in vier Kantonen auf: Zürich und St. Gallen (Nordostschweiz) sowie Luzern und Uri (Innerschweiz). Dabei sind nicht alle 14 FamN in allen Gebieten gleich frequent, und je nach Kantonsgebiet lassen sich unterschiedliche Namennester ausmachen. So erscheint der Name Kündig hauptsächlich in Zürich, Hässig v. a. in St. Gallen, Bättig in Luzern und Bissig in Uri. Ausserhalb dieser Kantone finden sich FamN auf adjektivisches -ig nur verstreut. Karte 185: FamN aus Adjektiven auf -ig, vor 1800 u. Herkunft 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 2.6 Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich 397 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="398"?> Zweite und dritte Karte {186, 187}: Familiennamen aus Adjektiven auf -lich Namenauswahl: Ausgewählt wurden Namen, denen ein Adjektiv auf -lich zugrunde liegt. Gesucht wurde nach der Zeichenfolge «Adj» in den Artikeltexten der etymologischen Datenbank (Stand 15.02.2024) sowie nach der Endung -lich bei den als deutschsprachig kategorisierten Namen. Die FamN mit der Suffixvariante -li (Velar-/ Uvularschwund) lagen aus Recherchen zum Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» vor, bei dem sie aussortiert wurden. Die dritte Karte kontrastiert ebendiese Namen mit solchen mit erhaltenem -ch. Die zweite Karte zeigt zunächst alle einschlägigen Namen nach Lexemen separiert. Zu neun verschiedenen Lexemen liegen 18 Types und 63 Tokens vor (Schichten «vor 1800» und «Herkunft»). Abgefragte Namen Typ Fröhlich: Froehlich, Froelich, Fröhli, Fröhlich, Frölich. 29 Tokens. Fügli: 2 Tokens. Typ Gremlich: Gremlich, Gremli. 3 Tokens. Typ Säuberli: Säuberli, Säuberlin. 3 Tokens. Schickli: 1 Token. Weideli: 5 Tokens. Wohnlich: 5 Tokens. Typ Woodtli: Wethli, Wetli, Woodtli. 6 Tokens. Typ Wunderli: Wunderli, Wunderlin. 9 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 20-48, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 15-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Kantone Tabelle 194: Daten zur zweiten Karte {186} Karte 186: FamN aus Adjektiven auf -lich nach Lexem, vor 1800 u. Herkunft 398 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="399"?> Abgefragte Namen Adjektive auf -lich, Variante -lich: Froehlich, Froelich, Fröhlich, Frölich, Gremlich, Wohnlich. 6 Types, 33 Tokens. Adjektive auf -lich, Variante -li: Fröhli, Fügli, Gremli, Säuberli, Schickli, Weideli, Wethli, Wetli, Woodtli, Wunderli. 10 Types, 25 Tokens. Adjektive auf -lich, Variante -lin: Säuberlin, Wunderlin. 5 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 15-70, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 195: Daten zur dritten Karte {187} Detailangaben zur Namenauswahl: Die kartierten Namen sind allesamt ÜberN. Sie nehmen mehrheitlich Bezug auf Wesensart und Verhalten, dabei überwiegend auf positive Eigenschaften, namentlich Typ Fröhlich (zu mhd. vroelich ‘froh, heiter’), Fügli (zu mhd. vüeclich, vuoclich ‘schicklich, passend, angenehm’), Säuberli(n) (zu mhd. siuberlich, sūberlich, schwzdt. sǖberli(ch) ‘rein, reinlich u. ä.’), Schickli (zu mhd. schicklich, schwzdt. schickli(ch) ‘den Umständen angemessen, passend; anständig’), Weideli (zu mhd. weide(n)lich ‘tüchtig, stattlich, schön’). Wet(h)li und die verdumpfte Variante Woodtli (Bezirk Zofingen AG) stellen sich zu mhd. wætlich ‘schön, stattlich’, schwzdt., fnhd. wātlich ‘tüchtig, rechtschaffen u. ä.’. Wohnlich geht auf mhd. wonlich ‘sich aufhaltend; traulich, vertraut’ zurück, wobei verschiedene motivische Bezüge möglich sind. Gremli(ch) beruht auf mhd. gremlich ‘unmutig, zornig’, Wunderli(n) auf mhd. wunderlich ‘wunderlich, seltsam, launisch’ bzw. schwzdt. ‘eigensinnig, neugierig’. Die Varianten Wunderlin, Säuberlin sind als sekundär anzusehen und zeugen von einer «Umdeutung auf das gleichlautende Diminutivsuffix» (Meyer 1960: 249) mit Anpassung an dessen Variante -lin. Ausgeschlossen wurde der Name Loosli (Eriswil, Sumiswald, Wyssachen BE) wegen Zweideutigkeit (Diminutiv zu schwzdt. Lōs ‘der einem zustehende Anteil’ oder zu mhd. lōslich, lœslich ‘freundlich, anmutig’). Kommentar: Die zweite Karte lässt eine Ballung der lich-Derivate in der Nord(ost)schweiz erkennen, doch anders als bei den Derivaten auf -ig bildet hier der Kanton Thurgau den Schwerpunkt: Mit 23 Tokens führt er vor Zürich und Aargau mit 19 bzw. 16 Tokens. Im Kanton Schaffhausen kommen 2 Tokens vor, in den Kantonen Bern, Basel-Stadt und Luzern jeweils nur 1 Token. In der dritten Karte zeigt sich grob gesagt eine Nord-Süd-Verteilung mit der standardkonformen Variante -lich im Norden und der dialektalen Variante -li im südlicheren Teil des Verbreitungsgebiets. Die sekundär aus -li weitergeformte und zum Diminutiv umgedeutete Variante -lin findet sich in den Bezirken Rheinfelden (AG) und Kulm (AG), also im Verbreitungsgebiet von diminutivischem -lin (vgl. Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven»). Karte 187: FamN aus Adjektiven auf -lich nach Varianten -lich, -li, -lin, vor 1800 u. Herkunft 2.6 Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich 399 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="400"?> Die Variante -li stellt bei den (nicht-onymischen) Adjektiven in vielen Deutschschweizer Dialekten die autochthone Form dar, während -lich sich unter standardsprachlichem Einf luss sukzessive ausgebreitet hat (Meyer 1960: 223, 248). Die Verbreitung der Namenvarianten spiegelt einen älteren Sprachstand wider, bei dem die Zurückdrängung des dialektalen -li noch weniger weit fortgeschritten war. Meyer (1960: 4-5, 33-39, 246-252) beschreibt die Variantengeographie anhand von Quellen aus dem ausgehenden 19. Jh. und v. a. der ersten Hälfte des 20. Jh. Übereinstimmung findet sich darin, dass in seinem Material wie auch schon in den FamN die Stadt Basel, der Bezirk Brugg (AG) sowie der Oberthurgau die standardnahe Variante -lich bevorzugen. Für die in der dritten Karte beerenfarben dargestellten Verbreitungsräume der dialektalen Variante -li erweist sich am ehesten der Kanton Zürich als stabil. Dort sind die li-Realisierungen auch im 20. Jh. noch mit ca. 60-90 % vorherrschend. Meyer (1960: 247-249) bezieht sich mit diesen Angaben auf das Zürcher Oberland, die Seeregion inklusive Horgen, Winterthur und die Stadt Zürich, wobei in letzterer die Form schon durch Entlehnungen aus dem Standard «erschüttert» sei (Meyer 1960: 249). Der Verlust der dialektalen Form wird durch den Datenvergleich für die folgenden Räume deutlich: In den FamN weisen die Bezirke Kreuzlingen (TG), Frauenfeld (TG) und Kulm (AG) noch teilweise, die Bezirke Lenzburg (AG) und Zofingen (AG) noch vollständig dialektales -li auf; in Meyers (1960: 249-250) Daten zeigen diese Bezirke hingegen nur noch relikthafte Vorkommen. Vierte Karte {188}: Familiennamen aus Adjektiven auf -ig, -lich und ohne Suffix Namenauswahl: Die vierte Karte kontrastiert die beiden häufigsten Ableitungen (-ig und -lich, zu weiteren s. Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle») mit solchen FamN, denen ein nicht-suffigiertes Adjektiv zugrunde liegt (z. B. Alt, Blau, Gross). Für die Ableitungen wurden die Samples aus den ersten beiden Karten herangezogen, für die Simplizia eine neue Auswahl erstellt. Sie umfasst die hinreichend eindeutigen Fälle aus der Abfrage «Adj» in der etymologischen Datenbank (Stand 15.02.2024) sowie einige weitere, aus Vorarbeiten bereits bekannte Namen. Nicht berücksichtigt wurden f lektierte Formen, vgl. dazu die Artikel II-1.2 «Flektierte Adjektivformen» und II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe». Aufgrund der grossen Menge an Simplizia wurde auf die Datenschicht «Herkunft» verzichtet. Abgefragte Namen Adjektive auf -ig: Bättig, Batzig, Bissig, Ewig, Frutig, Glettig, Hässig, Hurtig, Kündig, Lustig, Spettig, Spichtig, Widrig, Witzig. 14 Types, 69 Tokens. Adjektive auf -lich: Froelich, Fröhli, Fröhlich, Frölich, Fügli, Gremli, Gremlich, Säuberli, Schickli, Weideli, Wethli, Wetli, Wohnlich, Woodtli, Wunderli, Wunderlin. 16 Types, 55 Tokens. Karte 188: FamN aus Adjektiven, -ig, -lich vs. Simplizia, vor 1800 400 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="401"?> Adjektive ohne Suffix: Alt, Arm, Bitter, Blau, Braun, Brun, Dick, Dür, Dürr, Duss, Edel, Eng, Fraefel, Frefel, Frei, Frey, Graa, Grau, Grob, Gross, Gut, Guth, Harb, Hoch, Hold, Hüss, Jung, Kalt, Krumm, Kurz, Lang, Läng, Raas, Reich, Rich, Roth, Rott, Rub, Ruch, Sauer, Scharf , Schlecht, Schnell, Schön, Schwarz, Stark, Still, Stolz, Struch, Süess, Süss, Thür, Thürr, Treu, Trüb, Trüeb, Wäch, Weiss, Wild, Wiss, Würsch, Wüst, Wyss, Zahm. 64 Types, 1'000 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-55, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 45-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 196: Daten zur vierten Karte {188} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den Etymologien der adjektivischen FamN auf -ig und -lich s. erste, zweite und dritte Karte. Die FamN aus suffixlosen Adjektiven wurden gemäss ihrer etymologischen Deutung als Adjektiv ausgewählt und dienen in dieser Karte als Kontrastkorpus. Die konkreten Etymologien der 64 Types sind hier nicht relevant, zumal sie grösstenteils den schweizerdeutschen Formen im Lexikon entsprechen. Kommentar: Der Typus ohne Suffix findet sich in der gesamten Deutschschweiz und in den romanischen Landesteilen. Die etwas dünnere Beleglage im Wallis hängt damit zusammen, dass dort genitivische Formen (z. B. Grossen, Jungen, Reichen) vorherrschen (vgl. Artikel II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe»). Damit zeigt sich, dass die in der ersten, der zweiten und der dritten Karte ermittelten Zentren nicht bloss ein Widerschein der generellen Verbreitung adjektivischer Namen sind, sondern eigenständige Raumbildungen darstellen. Ergebnisse Die hier in den FamN zum Vorschein kommende Dominanz von -ig und -lich gegenüber allen anderen Adjektivsuffixen (zusammen nur 9 Types, s. Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle») entspricht ziemlich genau den Mengenverhältnissen der Adjektivderivation im Mittelhochdeutschen (Kempf 2018: 312): In Ganslmayers (2012: 35) Daten zum 13. Jh. erreichen die beiden Suffixe 31 % bzw. 45 % der abgeleiteten Adjektive (Types). Die Adjektive auf -ig sind zwar schon in althochdeutscher Zeit appellativisch belegt, die grosse Produktivität des Suffixes entfaltet sich allerdings erst später (vgl. Henzen 1965: 196-200; Kempf 2016: 125-126). Die FamN auf -ig sind geographisch zum grössten Teil in den Kantonen Luzern, Uri, Zürich und St. Gallen anzutreffen. In den FamN sind dabei einige archaische Adjektive bewahrt geblieben, die in der gegenwärtigen Mundart appellativisch nicht mehr geläufig sind, so schwzdt. bättig ‘fromm, scheinfromm’, batzig ‘protzig, trotzig, barsch’, spattig / spettig ‘steif, ungelenk; mit dem Spat behaftet (Pferde)’ oder spichtig ‘schmächtig’ (vgl. die Etymologien zur ersten Karte). Die geographische Situierung der FamN auf -ig korreliert meist mit derjenigen der entsprechenden nicht-onymischen Adjektive. Dies führt zur Erklärung, dass diese FamN aus beschreibenden Adjektiven entstanden sind, die anfänglich als BeiN vergeben wurden. Für die folgenden FamN ist das entsprechende Adjektiv in denselben Kantonen oder mindestens daran angrenzenden Gebieten im Id. (1881 ff.) bezeugt: Batzig (BS), Bissig (BE, GR, LU, NW/ OW, SO, TG, ZH), Frutig (AG, BE, NW/ OW, SG, SZ, UR, ZH), Hurtig (AG, BE, ZH), Spettig (FR, GL, GR, LU, ZH), Spichtig (BE, BS). Eine Diskrepanz bietet sich im Fall von Bättig: Der FamN Bättig ist im innerschweizerischen Kanton Luzern weit verbreitet, während das Adjektiv schwzdt. bëttig ‘fromm, scheinfromm’ nur im ostschweizerischen Kanton St. Gallen bezeugt ist (Id. 4 1881 ff.: Sp. 1835). Im Mittelhochdeutschen ist das entsprechende Wort nicht belegt, aber es könnte durchaus sein, dass es damals schon existiert hat und ursprünglich über eine weitere geographische Verbreitung verfügte, zumal das Verb ahd. betōn ‘beten’ (8. Jh.) im christlichen Kontext schon sehr früh belegt ist (EtymWB 1993d: s. v. beten). Bei den FamN auf adjektivisches -lich ist diese Korrelation nicht so eindeutig, da die Adjektive appellativisch noch in grossen Gebieten der Deutschschweiz in Gebrauch sind. Immerhin entsprechen die Formen der FamN mehrheitlich der Aussprache in der lokalen Mundart, z. B. verdumpftes Woodtli zu ahd. wātlīch ‘artig, gefällig, angenehm; geschickt, tüchtig’ (Id. 16 1881 ff.: Sp. 2203-2207; Meyer 1960: 249). Neben dem Abgleich einzelner Lexeme im Namenbestand und sonstigen Wortschatz stellt sich noch die Frage, wie sich die aus den Kartenbildern hervorgehenden Zentren von -ig und -lich interpretieren lassen. Aus verschiedenen Blickrichtungen zeigt sich, dass der Befund nicht auf übergeordnete Phänomene reduziert werden kann: 1. Die vierte Karte zeigt, dass die Zentren von -ig und -lich kein Epiphänomen adjektivischer Namen im Allgemeinen sind. 2. Auch können diese Zentren nicht generell mit solchen Gebieten identifiziert werden, in denen ÜberN einen hohen Anteil ausmachen (vgl. dazu Berchtold/ Steiner 2026). Eine Ausnahme bildet die Region Toggenburg (SG): Hier korrelieren hohe Dichten von ÜberN, Namen aus Adjektiven generell und ig -Derivaten im Speziellen. 3. Schliesslich deckt sich der Verbreitungsraum der ig -Namen nicht unbedingt mit denjenigen Gebieten, für die Meyer (1960: Karten 2, 3, 5, 7-10) eine Präferenz von -ig gegenüber diversen anderen Suffixen aufzeigt. Hierbei tritt die westliche Deutschschweiz prominenter hervor. Diese Befunde lassen vermuten, dass eigenständige Namenräume vorliegen. Es war also gebietsweise üblicher, Adjektive auf -ig bzw. -lich zur Namengebung heranzuziehen, als in anderen Regionen. Zu dieser Annahme lokaler Namengebungsdynamiken passen die punktuell starken Ballungen bzw. Nester, in denen gleich mehrere Types belegt sind, vgl. den Raum Kreuzlingen (TG) sowie die Orte um den Zürichsee in der zweiten Karte. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Typ «Adjektive auf -ig» Bättig (2'356 Tokens), Bissig (1'610 Tokens) und Kündig (1'317 Tokens); Typ «Adjektive auf -lich» Fröhlich (1'165 Tokens), Wunderlin (797 Tokens) und Woodtli (725 Tokens); Typ «Adjektive ohne Suffix» Frei (13'758 Tokens), Wyss (12'265 Tokens) und Roth (10'905 Tokens). Letztere drei Namen gehören zu den häufigsten FamN der Schweiz überhaupt; vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 2.6 Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich 401 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="402"?> Andere Adjektivsuffixe treten in den FamN selten in Erscheinung. Das Suffix -isch steckt etymologisch in den lexikalisierten Lexemen welsch und deutsch, die als FamN Weltsch (1 Token) und Deutsch (mit Varianten Dütsch, Teutsch, Tütsch, 11 Tokens) in der Schicht «vor 1800» erscheinen. Weltsch findet sich in Hasliberg (BE), Teutsch / Tütsch in Ligerz/ La Neuveville (BE). Die weiteren Vorkommen des Typs Deutsch liegen mit Leibstadt (AG, 1 Token) und den Bezirken Kreuzlingen und Weinfelden (TG, zusammen 8 Tokens) auffallend in den bereits für -lich prominenten Gebieten. Weitere abgeleitete Adjektive finden sich in den ÜberN Ehrbar, Ehrsam, Friedlos und Vaterlaus. Letzterer stellt sich zum Adjektiv mhd. vaterlōs ‘ohne Vater’ (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 167) und ist im Bezirk Andelfingen (ZH) mit 2 Tokens alteingesessen. Formal konnte langes ō zu au diphthongiert werden, was bei dieser Form anzunehmen ist (familiennamen.ch o. J.: s. v. Vaterlaus). Friedlos ist mit 1 Token in Altendorf (SZ) und damit in unmittelbarer Nachbarschaft zur lich-Hochburg am Zürichsee belegt. Der Name Ehrsam ist mit 11 Tokens in einem Gebiet zwischen Gempen (SO) und Mönchaltdorf (ZH) verbreitet und überlappt sich damit bei leichter West-Verschiebung mit dem lich-Gebiet. Der Name Ehrbar tritt mit 1 Token in Urnäsch (AR) auf. Vermischungen der hier einschlägigen Suffixe mit anderen wurden bereits in der Diskussion der Fälle Säuberlin, Wunderlin erwähnt, die auf eine Verwechslung von -li(ch) mit diminutivischem -li verweisen. Das Suffix -(l)ing kann durch Nasalschwund in der Form -(l)ig erscheinen, wodurch es fallweise nur schwer von adjektivbildendem -ig zu unterscheiden ist. 4 Vergleich mit benachbartem Ausland: In Bach (1952) sind die FamN auf -ig nicht als eigener Typ aufgeführt, was aber auch verständlich ist: Es handelt sich nämlich nicht um eine Bildungsweise, die für FamN typisch wäre und hauptsächlich bei diesen auftritt (wie z. B. das Suffix -ing). Vielmehr waren die Adjektive schon im nichtonymischen Sprachgebrauch, bevor sie als BeiN vergeben wurden und sich schliesslich zu FamN entwickelten (Bach 1952: 284-287). Der DFA 3 (2012: 156-167) widmet einen Artikel der «Verbreitung der Suffixe -lich und -sam in ÜberN». Wie in der Deutschschweiz ist das frequenteste lich-Derivat der Typ Fröhlich, der sich in variierender Dichte im gesamten Bundesgebiet findet. Die Variante -li belegt die historische Sondierung des DFA 3 (2012: 166-167) neben Zürich und Graubünden (dort aber v. a. aus Zürich eingewandert! ) auch für den südwestdeutschen Raum (Graueli 1356, Lahr; 5 Wunderly 1565, Baar). Vermischungen mit anderen Suffixen klingen in grúhelins (Genitiv) 1409, Esslingen, sowie in Formen wie Froling 1634, Gruweling 1486 (Ostfalen) an. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Bach, Adolf (1952): Deutsche Namenkunde. Bd. I, 1: Die deutschen Personennamen. Einleitung. Zur Laut- und Formenlehre, Wortfügung, -bildung und -bedeutung der deutschen Personennamen. 2., stark erweiterte Auf lage. Heidelberg: Winter. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Berchtold, Simone/ Steiner, Linda (2026): Familiennamenräume in der Schweiz. In: Glaser, Elvira/ Kabatek, Johannes/ Sonnenhauser, Barbara (Hrsg.), Sprachenräume der Schweiz. Bd. 2: Forschungsperspektiven, [tbd]. Tübingen: Narr Francke Attempto. Bühler, Christoph (1990): Das Bürgerbuch der Stadt Lahr von 1356 (Schriften zur Geschichte der Stadt Lahr und des Geroldsecker Landes 2). Lahr, Heidelberg: Selbstverlag. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. DWb = Grimm, Jacob/ Grimm, Wilhelm (1854-1961): Deutsches Wörterbuch. Digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/ 23. https: / / www.woerterbuchnetz.de/ DWB (letzter Zugriff 15.02.2024). EtymWB = Pfeifer, Wolfgang et al. (1993a): gleich. 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Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. https: / / www. dwds.de/ wb/ etymwb/ beten (letzter Zugriff 15.02.2024). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 15.02.2024). Ganslmayer, Christine (2012): Adjektivderivation in der Urkundensprache des 13. Jahrhunderts. Eine historisch-synchrone Untersuchung anhand der ältesten deutschsprachigen Originalurkunden (Studia Linguistica Germanica 97). Berlin, Boston: De Gruyter. Ganslmayer, Christine/ Müller, Peter O. (2019): Areale Wortbildung. Das Adjektivsuffix -icht/ -et. In: Kürschner, Sebastian/ Habermann, Mechthild/ Müller, Peter O. (Hrsg.): Methodik moderner Dialektforschung. Erhebung, Aufbereitung und Auswertung von Daten am Beispiel des Oberdeutschen (Germanistische Linguistik 241-243), 397-426. Hildesheim, Zürich, New York: Olms. 4 Vgl. die Artikel II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing» und II-2.5 «Familiennamen auf -ling». 5 Dies wäre wohl zu Gra ᵉ veli zu korrigieren, vgl. Bühler (1990: 24). 402 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="403"?> Henzen, Walter (1965): Deutsche Wortbildung (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. B: Ergänzungsreihe 5). 3., durchgesehene und ergänzte Auf lage. Tübingen: Niemeyer. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kempf, Luise (2016): Adjektivsuffixe in Konkurrenz. Wortbildungswandel vom Frühneuhochdeutschen zum Neuhochdeutschen (Studia Linguistica Germanica 126). Berlin, Boston: De Gruyter. 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VALTS V = Gabriel, Eugen/ Klausmann, Hubert (2001): Vorarlberger Sprachatlas mit Einschluß des Fürstentums Liechtenstein, Westtirols und des Allgäus. Bd. V: Wortgeographie II: West/ Ost-Gegensätze, Nord/ Süd-Gegensätze, Kleinräume. Bregenz: Vorarlberger Landesregierung. Winkler, Gertraud (1995): Die Wortbildung mit -lich im Alt-, Mittel- und Frühneuhochdeutschen (Sprache - Literatur und Geschichte 11). Heidelberg: Winter. Elia Ackermann, Luise Kempf, Martina Heer 2.6 Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich 403 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="404"?> 2.7 Familiennamen auf -mann Schlagwörter: Chronologie, Derivat, Nomen agentis, Suffix Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Artikel werden FamN kartiert, die auf -mann abgeleitet sind. Aufgrund der unterschiedlichen Funktionen, die -mann in der Wort- und Namenbildung einnehmen kann, tritt es häufig in FamN auf. Kunze (2004: 69) berechnet, dass 5,6 % aller Deutschen einen FamN auf -mann tragen. Auch in der Schweiz ist der Typus häufig, und zwar einerseits in hochfrequenten Namen wie Baumann, Zimmermann, Bachmann, Kaufmann oder Lehmann, 1 andererseits in niederfrequenten Namen wie Birmann, Blasimann oder Lymann (Berchtold 2019: 20-27). Der Namentypus ist somit hinsichtlich seiner Typenwie auch Tokenfrequenz von Bedeutung. Ausserdem interessiert das Konkurrenz- und Ablösungsverhältnis zu anderen Bildungsmustern (PräpositionsN, endungslose Formen und er-Ableitungen), 2 welches sich in der räumlichen Verbreitung der Muster widerzuspiegeln scheint (vgl. Berchtold Schiestl et al. 2020). Hintergrund: Die Häufigkeit und Vielfältigkeit in FamN basiert auf den verschiedenen Funktionen von -mann in der Wortbildung. Etymologisch geht -mann auf germ. *manōn- ‘Mann, Mensch’ (Kluge 2012: s. v. Mann) zurück und findet seine Fortsetzung in ahd., mhd. man ‘Mensch (männlichen Geschlechts in gereiftem Alter), Krieger, Ehemann, Sohn, Diener’. Es ist bereits im althochdeutschen Appellativwortschatz belegt wie in ahd. ackarman ‘Ackersmann, Landmann, Bauer’ (AWb 1 1952 ff.: Sp. 92), ahd. altman ‘Greis’ (AWb 1 1952 ff.: Sp. 306), ahd. ambahtman ‘Inhaber eines Amtes’ (AWb 1 1952 ff.: Sp. 322) oder ahd. fartman ‘Wanderer, Reisender’ (AWb 3 1952 ff.: Sp. 638). Das Auftreten von -mann lässt sich gemäss diesen Beispielen zwei semantischen Bereichen zuordnen: Berufsbezeichnungen und Bezeichnungen von Eigenschaften. Im dialektalen und standardsprachlichen Wortschatz ist -mann in diesen beiden Bereichen historisch wie gegenwartssprachlich produktiv; vgl. bspw. Besenmann, Milchmann, Zinsmann sowie Blödmann, Eigenmann, Judmann (Id. 4 1881 ff.: Sp. 240-241; Kunze 2004: 69). 3 Zusätzlich zu den beiden genannten Verwendungsweisen kann für das Schweizerdeutsche noch die Bildung von FamN genannt werden, die aus An- oder Bewohnerbezeichnungen zu einer Örtlichkeit entstanden sind wie Äschmann zu einem Toponym Esch, Äsch oder Gubelmann zu einem Toponym Gubel (Id. 4 1881 ff.: Sp. 240-241). Appellativisch nicht mehr nachzuweisen, aber durch die FamN belegbar sind Bildungen mit -mann, die die Herkunft benennen wie Soltermann zum Toponym Solothurn. 4 Eine weitere Funktion, die in diesem Artikel jedoch ausgeklammert wird, ist die Verwendung als patronymisches Suffix wie in Heinzmann oder Ritzmann. 5 Angesichts des umrissenen Bedeutungsspektrums kann das Suffix als polyfunktional bezeichnet werden. Die genannten fünf semantischen Bereiche bilden die Grundlage der Anthroponyme (Bach 1952: 162-163). In allen Bereichen ist die Bildung mit -mann aber nur eine unter mehreren Möglichkeiten: In Berufsbezeichnungen konkurrenziert -mann teilweise ältere Bildungsmuster oder löst diese ab wie Kauf (ahd. koufo, mhd. koufe) → Kaufmann. 6 In ÜberN kann -mann an die Basis antreten, die vielfach auch allein vorkommt, vgl. etwa die Namendubletten Gross - Grossmann oder Schön - Schönmann. V. a. bei Bewohner- und auch Herkunftsbezeichnungen steht -mann in Konkurrenz zu -er (z. B. Hofer - Hofmann, Moser - Mosmann, Steiner - Steinmann, Zihler - Zihlmann) sowie zu präpositionalen Namen (z. B. Zumbach - Bachmann oder Zumwald - Waldmann). In manchen Fällen wurde auch das blosse Toponym zum FamN wie bei Stein. Dahinter steckt eine chronologische Abfolge von Bildungsmustern: Benennung mit Präposition und/ oder Artikel → Weglassen der Präposition → Erweiterung mit -er resp. -mann. Historisch können diese Bildungsmuster teilweise parallel auftreten, wie es Fähndrich (2000: 29) für Zug bestätigt: «Der BN [= BeiN] Zumbach ist Ende des 15. Jh. auch für einen Mann in Zug nachgewiesen […]. Der gleiche Mann erscheint auch mit dem BN Bachmann». Da die Namenformen aber nicht vereinheitlicht wurden, lassen sich alle vier Formvarianten in Deutschschweizer FamN belegen, so bspw. Zmoos, Moos, Moser, Mosmann oder Amstein, Stein, Steiner, Steinmann. 7 Aus morphologischer Sicht stellt sich die Frage, ob man die mann- Bildungen als Komposita oder als Derivate behandelt. Mann kommt zum einen als freies Lexem vor, hat sich aber zum anderen auch zu 1 Die FamN rangieren in der Auswertung des Bundesamts für Statistik für das Jahr 2022 auf den Plätzen 13, 16, 25, 28 resp. 34 (BFS 2023: STATPOP 2022). 2 Vgl. die Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor», II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in», II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von», II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu», II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen» und II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen». Zur Bildung von Nomina agentis vgl. die Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis», II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen» und II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». 3 Das DWDS (2023: s. v. Mann) führt 219 Bildungen mit -mann als Letztglied an (Recherche am 08.05.2023), die den beiden genannten Bedeutungsbereichen entsprechen: So enthält die Auf listung Berufsbezeichnungen wie Ackermann ‘(veraltet) Bauer’ oder Hauptmann ‘Oberbefehlshaber, Anführer’ sowie Zuschreibungen von Eigenschaften wie Ehrenmann oder Vollmann ‘sehr männlicher Mann’ und weitere mehr. 4 Hierher gehört wohl der Beleg aus Bern: 1565 Hans Solaturmann (Id. 4 1881 ff.: Sp. 240-241). 5 Dieses Thema wird im Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner» gesondert behandelt. 6 Vgl. Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 7 S. auch Artikel II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen» (fünfte und sechste Karte). 404 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="405"?> einem Bildungselement mit Affixoidstatus entwickelt. Für eine Einordnung als Suffix sprechen folgende Punkte: Mann kommt zwar als freies Lexem vor und ist voll transparent und motivierbar, in Kombination mit den jeweiligen Erstgliedern liegt aber i. d. R. eine Wortform vor, die onymisch gelesen wird (Ackermann, Lehmann, Wobmann). Im Gegensatz zu Komposita, bei denen das Grundwort bei Referenz auf eine weibliche Person durch -frau ersetzt werden kann (Kaufmann - Kauffrau, Automobilfachmann - Automobilfachfrau), ist dies in Onymen nicht möglich (Frau Lehmann, Frau *Lehfrau). Der Plural in Namen wird mit dem onymischen Flexionssuffix -s gebildet (Ackermanns, Kaufmanns) und folgt nicht der Bildung im Appellativbereich (Ackermänner, Kaufmänner). Alle Punkte zusammengenommen rechtfertigen «die Klassifizierung als Suffix» (Berchtold Schiestl et al. 2020: 452; so bereits Förstemann 1900: 1088; Bach 1952: 162). Fragestellung: Im Fokus des vorliegenden Kartenkomplexes stehen FamN auf -mann. Dieser Artikel dokumentiert das Phänomen als Gesamtes auf den ersten beiden Karten sowie je einzeln in den Wohnstätten- und HerkunftsN, den BerufsN und den ÜberN. Das Benennungsmotiv der Patronyme (z. B. Heinzmann) wird nicht hier, sondern im Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner» behandelt. Erste und zweite Karte {189, 190}: Gesamtkarten zu Familiennamen auf -mann Namenauswahl: Die ersten zwei Kartenbilder vergleichen das Vorkommen aller einschlägigen mann- Namen in verschiedenen Datenschichten miteinander: Die erste Karte dokumentiert die areale Verbreitung der FamN in den historischen Schichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 8 um ein Bild der frühesten Daten zu erhalten. Ein Token bedeutet hier, dass der Name an einem Ort verzeichnet ist, unabhängig von der Anzahl Personen. Die zweite Karte zeigt die Verbreitung derselben Namen anhand der Einwohnerdaten von 2020 (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS). Hier könnten zwischenzeitliche Binnenmigrationen das Verbreitungsbild verrauschen, doch üblicherweise gleichen die Frequenzen diese Fälle weitgehend aus. Ein Token steht hier für eine Einwohnerin oder einen Einwohner. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN auf -mann, vor 1800 u. Herkunft: Achermann, Ackermann, Aeschimann, Aeschlimann, Aeschmann, Akermann, Altmann, Amman, Ammann, Ammon, Angstmann, Aschmann, Bachmann, Balimann, Baumann, Bergmann, Bettenmann, Biedermann, Bielmann, Birmann, Blattmann, Bleichmann, Bodenmann, Bollmann, Brielmann, Brodmann, Brönimann, Karte 189: FamN auf -mann, vor 1800 u. Herkunft 8 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 2.7 Familiennamen auf -mann 405 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="406"?> Brönnimann, Brudermann, Brüggemann, Brüggimann, Bruggmann, Brühlmann, Brüllmann, Brülmann, Brumann, Buchmann, Buckelmann, Bugmann, Bühlmann, Bumann, Bürlimann, Dallmann, Damann, d’Amman, d’Ammann, Dammann, de Buman, de Techtermann, Dickenmann, Diggelmann, Dikelmann, Dikenmann, Dinkelmann, Dobmann, Dormann, Düllmann, Dürlemann, Edelmann, Eggemann, Eggermann, Eggimann, Eggmann, Ehrismann, Ehrmann, Eichmann, Eigenmann, Engemann, Engimann, Erismann, Eschmann, Estermann, Eymann, Fählimann, Fehlmann, Feldmann, Fellmann, Flachsmann, Fleischmann, Flühmann, Freimann, Freudemann, Freymann, Frymann, Fuhrimann, Füllemann, Gartenmann, Gartmann, Gassmann, Gatzmann, Gäumann, Geissmann, Glanzmann, Goldenmann, Goldmann, Greutmann, Grossmann, Grubenmann, Grundmann, Gubelmann, Gugelmann, Guldenmann, Guldimann, Gutmann, Hagemann, Hagmann, Haldemann, Haldimann, Haltmann, Handmann, Haslemann, Haslimann, Hausamann, Hausammann, Häusermann, Hausmann, Hindermann, Hintermann, Hoffmann, Hofmann, Holzmann, Hörnlimann, Hosmann, Hossmann, Hostetmann, Hubmann, Hürlimann, Husmann, Hutmann, Hutzmann, Kammermann, Käsermann, Kaufmann, Kehrmann, Kilchenmann, Kilchmann, Kindlimann, Kinimann, Kirschmann, Kleemann, Kleimann, Kormann, Kottmann, Krähemann, Krähenmann, Kunfermann, Kurmann, Lädermann, Ladmann, Laedermann, Lanthemann, Lanthmann, Lattmann, Lechmann, Ledermann, Leemann, Lehmann, Lendenmann, Leumann, Lindemann, Lindenmann, Lochmann, Lussmann, Lymann, Lyrenmann, Mattmann, Moosmann, Mosimann, Mosmann, Mühlemann, Murmann, Niedermann, Ochsenmann, Portmann, Raimann, Rämann, Raymann, Rebmann, Reimann, Reinmann, Reutemann, Reutimann, Reymann, Rickenmann, Riedtmann, Riethmann, Rietmann, Rimann, Rossmann, Rothermann, Rothmann, Rottermann, Rottmann, Rüthemann, Rütimann, Rüttimann, Rymann, Salzmann, Santmann, Saurenmann, Schachenmann, Schatzmann, Scheidmann, Scheuermann, Scheurmann, Schiffmann, Schnellmann, Schönmann, Schrackmann, Schürmann, Schwarzmann, Schwendimann, Schwerzmann, Schwestermann, Seemann, Segessemann, Segessenmann, Siebenmann, Solothurnmann, Soltermann, Spielmann, Spillmann, Spreuermann, Stachenmann, Stadelmann, Stadtmann, Starkenmann, Starkermann, Staudenmann, Stegmann, Steimann, Steinemann, Steinmann, Steinmen, Stirnemann, Stirnimann, Stockmann, Stoudmann, Strassmann, Straumann, Studemann, Stutzmann, Sulzmann, Suremann, Tagmann, Techtermann, Tempelmann, Teutschmann, Thalman, Thalmann, Thormann, Thürlemann, Thürlimann, Tochtermann, Trottmann, Uebelmann, Vollimann, von Hoffmann, von Hurter-Ammann, Vordermann, Wagemann, Waldmann, Wallimann, Wartmann, Wassermann, Wegmann, Weidenmann, Weidmann, Weiermann, Weilenmann, Weinmann, Weissmann, Werchmann, Werthemann, Werthmann, Weyermann, Wichtermann, Widmann, Wiedemann, Wiedmann, Wiesmann, Winkelmann, Wismann, Wissmann, Wobmann, Wollenmann, Wopmann, Wuhrmann, Wylemann, Wylenmann, Wymann, Wyssmann, Zihlmann, Zimmermann. 294 Types, 1'932 Tokens. Flächen 5-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 197: Daten zur ersten Karte {189} Abgefragte Namen FamN auf -mann, 2020: Achermann, Ackermann, Aeschimann, Aeschlimann, Aeschmann, Akermann, Altmann, Amman, Ammann, Ammon, Angstmann, Aschmann, Bachmann, Balimann, Baumann, Bergmann, Bettenmann, Biedermann, Bielmann, Blattmann, Bleichmann, Bodenmann, Bollmann, Brielmann, Brodmann, Brönimann, Brönnimann, Brudermann, Brüggemann, Brüggimann, Bruggmann, Brühlmann, Brüllmann, Brumann, Buchmann, Bugmann, Bühlmann, Bumann, Bürlimann, Dallmann, Damann, Dammann, de Buman, de Techtermann, Dickenmann, Diggelmann, Dikenmann, Dinkelmann, Dobmann, Dormann, Düllmann, Dürlemann, Edelmann, Eggemann, Eggermann, Eggimann, Eggmann, Ehrismann, Ehrmann, Eichmann, Eigenmann, Engemann, Engimann, Erismann, Eschmann, Estermann, Eymann, Fählimann, Fehlmann, Feldmann, Fellmann, Flachsmann, Fleischmann, Flühmann, Freimann, Freudemann, Freymann, Frymann, Fuhrimann, Füllemann, Gartenmann, Gartmann, Gassmann, Gäumann, Geissmann, Glanzmann, Goldmann, Greutmann, Grossmann, Grubenmann, Grundmann, Gubelmann, Gugelmann, Guldenmann, Guldimann, Gutmann, Hagemann, Hagmann, Haldemann, Haldimann, Haltmann, Haslemann, Haslimann, Hausamann, Hausammann, Häusermann, Hausmann, Hindermann, Hintermann, Hoffmann, Hofmann, Holzmann, Hörnlimann, Hosmann, Hossmann, Hostetmann, Hubmann, Hürlimann, Husmann, Hutmann, Hutzmann, Kammermann, Käsermann, Kaufmann, Kilchenmann, Kilchmann, Kindlimann, Kirschmann, Kleemann, Kleimann, Kormann, Kottmann, Krähemann, Krähenmann, Kunfermann, Kurmann, Lädermann, Ladmann, Laedermann, Lanthemann, Lanthmann, Lattmann, Lechmann, Ledermann, Leemann, Lehmann, Lendenmann, Leumann, Lindemann, Lindenmann, Lochmann, Lussmann, Lymann, Lyrenmann, Mattmann, Moosmann, Mosimann, Mühlemann, Murmann, Niedermann, Portmann, Raimann, Raymann, Rebmann, Reimann, Reinmann, Reutemann, Reutimann, Reymann, Rickenmann, Riedtmann, Riethmann, Rietmann, Rimann, Rossmann, Rothermann, Rothmann, Rottermann, Rottmann, Rüthemann, Rütimann, Rüttimann, Rymann, Salzmann, Santmann, Saurenmann, Schachenmann, Schatzmann, Scheidmann, Scheuermann, Scheurmann, Schiffmann, Schnellmann, Schönmann, Schrackmann, Schürmann, Schwarzmann, Schwendimann, Schwerzmann, Schwestermann, Seemann, Segessemann, Segessenmann, Siebenmann, Solothurnmann, Soltermann, Spielmann, Spillmann, Stadelmann, Stadtmann, Starkenmann, Starkermann, Staudenmann, Stegmann, Steimann, Steinemann, Steinmann, Stirnemann, Stirnimann, Stockmann, Stoudmann, Strassmann, Straumann, Studemann, Stutzmann, Sulzmann, Suremann, Tagmann, Techtermann, Tempelmann, Teutschmann, Thalmann, Thormann, Thürlemann, Thürlimann, Tochtermann, Trottmann, Uebelmann, von Hoffmann, von Hurter-Ammann, Vordermann, Wagemann, Waldmann, Wallimann, Wartmann, Wassermann, Wegmann, Weidenmann, Weidmann, Weiermann, Weilenmann, Weinmann, Weissmann, Werthemann, Weyermann, Wichtermann, Widmann, Wiedemann, Wiedmann, Wiesmann, Winkelmann, Wismann, Wissmann, Wobmann, Wollenmann, Wopmann, Wuhrmann, Wylenmann, Wymann, Wyssmann, Zihlmann, Zimmermann. 272 Types, 200'354 Tokens. Kreise 11-45, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Flächen 5-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 198: Daten zur zweiten Karte {190} 406 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="407"?> Detailangaben zur Namenauswahl: 9 Das Familiennamensample wurde auf der Basis von Berchtold (2019) zusammengestellt und mithilfe der etymologischen Datenbank (Stand 08.05.2023) ergänzt. Gesamt wurden 294 Types berücksichtigt. Die Namenauswahl umfasst BerufsN (Ackermann, Holzmann), ÜberN (Angstmann, Edelmann), WohnstättenN (Moosmann, Stutzmann) und HerkunftsN (Soltermann zur Stadt Solothurn). Enthalten sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die aber morphologisch hierhergehören wie Altmann, Balimann, Kilchmann oder Schnellmann (gesamt 68 der 294 Types). Aufgrund unklarer oder fehlender Etymologie wurden auf allen Karten folgende Namen ausgeschlossen: Aerschmann, Doppmann, Echemann, Gumann, Handermann, Hedmann, Jaumann, Peytermann, Peytremann, Rehmann, Robmann und Schmassmann. Kommentar: Die erste Karte zeigt einen breiten Bogen der mann- Namen, der sich vom Kanton Freiburg im Westen bis zum Bodensee im Nordosten aufspannt; es finden sich Streubelege sowohl in der französischsprachigen Schweiz wie Zimmermann (1778 eingebürgert in Chavannes-le-Veyron VD mit Zuzug aus Wattenwil BE) als auch in der Südhälfte der Schweiz wie bspw. Baumann und Bumann im Wallis oder Kaufmann in Tammins (GR). Während sich das Mittelland und die Voralpen als kompaktes mann-Gebiet zeigen, erscheint der Namentyp im Alpenraum selten und dann hauptsächlich in den Tälern wie dem Reusstal, dem Simmental, dem Rheintal und dem Rhonetal sowie am Thunersee und am Brienzersee. Diese alpinen Vorkommen sind allenfalls durch Migration zu erklären. Die zweite Karte bestätigt anhand höherer Datenmengen diese Gebietsbildung: Nördlich einer Linie etwa von Thun (Berner Oberland) bis nach Sargans (SG) überwiegt dieser Namentyp, südlich davon tritt er zwar auf, aber nicht mehr in dieser Dichte. Die Wahlkreise Entlebuch, Willisau und Sursee (alle LU) treten besonders hervor. Insgesamt zeigen sich auf beiden Karten ähnliche Raumbilder mit unterschiedlichen Daten. Karte 190: FamN auf -mann, 2020 9 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 2.7 Familiennamen auf -mann 407 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="408"?> Dritte Karte {191}: Wohnstätten- und Herkunftsnamen auf -mann Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle einschlägigen FamN auf -mann, die in den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» enthalten und dem Benennungsmotiv der Wohnstättenresp. HerkunftsN zuzuordnen sind. Es handelt sich somit um eine Teilmenge der in der ersten Karte enthaltenen Namen. Abgefragte Namen WohnstättenN auf -mann: Aeschlimann, Aeschmann, Bachmann, Bergmann, Bettenmann, Blattmann, Bodenmann, Bollmann, Brielmann, Brühlmann, Brüllmann, Brülmann, Buchmann, Bühlmann, Damann, Dammann, Eggemann, Eggermann, Eggimann, Eggmann, Eichmann, Engemann, Engimann, Eschmann, Estermann, Eymann, Flühmann, Fuhrimann, Gassmann, Gäumann, Greutmann, Grubenmann, Grundmann, Gubelmann, Hagemann, Hagmann, Haldemann, Haldimann, Haltmann, Hindermann, Hintermann, Hörnlimann, Hostetmann, Hürlimann, Kunfermann, Lendenmann, Lindemann, Lindenmann, Lochmann, Mattmann, Moosmann, Mosimann, Mosmann, Murmann, Niedermann, Portmann, Raimann, Raymann, Reimann, Reinmann, Reutemann, Reutimann, Reymann, Rickenmann, Riedtmann, Riethmann, Rietmann, Rüthemann, Rütimann, Rüttimann, Santmann, Schachenmann, Scheidmann, Schrackmann, Schwendimann, Schwerzmann, Stadtmann, Staudenmann, Stegmann, Stockmann, Stoudmann, Strassmann, Studemann, Stutzmann, Sulzmann, Vordermann, Wallimann, Weidenmann, Weilenmann, Widmann, Wiedemann, Wiedmann, Wiesmann, Winkelmann, Wismann, Wuhrmann, Wylemann, Wylenmann, Zihlmann. 99 Types, 588 Tokens. Wohnstätten-/ HerkunftsN auf -mann: Aeschimann, Bielmann, Dallmann, Haslemann, Haslimann, Rimann, Rymann, Thalman, Thalmann. 9 Types, 42 Tokens. HerkunftsN auf -mann: Solothurnmann, Soltermann, Teutschmann, Wollenmann. 8 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 199: Daten zur dritten Karte {191} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst WohnstättenN, die mit einem FlurN oder einem toponymischen Appellativ gebildet sind (Brühlmann, Reutemann), und HerkunftsN, die mit einem Siedlungs- oder LandschaftsN gebildet sind (Solothurnmann, Teutschmann). Es wurden auch jene Namen aufgenommen, die beiden Benennungsmotiven zugeordnet werden können wie z. B. Aeschimann. Die Trennung von Wohnstätten- und HerkunftsN ist häufig nicht (mehr) möglich, da sie mit denselben etymologischen Basen gebildet werden: Der SiedlungsN Aeschi und der FlurN Aeschi Karte 191: Wohnstätten- und HerkunftsN auf -mann, vor 1800 u. Herkunft 408 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="409"?> können beide den FamN Aeschimann ergeben. 10 Der FamN Bielmann kann zum SiedlungsN Biel (BE) oder zu einem FlurN Biel (entrundet aus Büel ) gebildet worden sein. Kommentar: Bei den WohnstättenN wird das verdichtete Auftreten in der nördlichen Schweiz, v. a. im Mittelland und im anschliessenden Nordalpensaum, sehr deutlich. Von den 294 in der ersten Karte berücksichtigten mann-Namen entfällt gut ein Drittel (99 Types) auf dieses Benennungsmotiv. Streubelege finden sich in der französischsprachigen Schweiz und sind meist als Migrationsbelege zu lesen wie Haldimann (1763 eingebürgert in Le Locle NE mit Herkunft aus Walkringen BE) oder Kirschmann (1785 eingebürgert in Echichens VD mit Herkunft aus Deutschland). Als einschlägige Vertreter im Wallis sind Murmann im Lötschental (Ferden, Kippel, Wiler/ Lötschen) und Bodenmann (Lax, Martisberg) zu nennen. Auch die mehrdeutigen Namen gliedern sich in dieses Verbreitungsbild ein. HerkunftsN treten kaum in Erscheinung. Dies dürfte die von Kunze (2004: 65) beschriebene Tendenz widerspiegeln, dass Namen nach der Herkunft oft nur für die erste, sprich die fremde Generation galten und von der nächsten Generation dann durch einen BeiN nach einem anderen Benennungsmotiv ersetzt wurden. Vierte Karte {192}: Berufsnamen auf -mann Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle einschlägigen BerufsN auf -mann aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft». Es handelt sich somit um eine weitere Teilmenge der in der ersten Karte enthaltenen Namen. Abgefragte Namen BerufsN auf -mann, vor 1800 u. Herkunft: Achermann, Ackermann, Akermann, Amman, Ammann, Ammon, Aschmann, Baumann, Birmann, Brodmann, Bugmann, Bumann, Bürlimann, d’Amman, d’Ammann, de Buman, Dinkelmann, Fählimann, Fehlmann, Fellmann, Flachsmann, Fleischmann, Gatzmann, Geissmann, Handmann, Hausamann, Hausammann, Hoffmann, Hofmann, Holzmann, Hutmann, Käsermann, Kaufmann, Kormann, Kottmann, Kurmann, Lädermann, Ladmann, Laedermann, Lattmann, Lechmann, Ledermann, Leemann, Lehmann, Lussmann, Lyrenmann, Ochsenmann, Rämann, Rebmann, Rossmann, Salzmann, Schatzmann, Schiffmann, Segessemann, Segessenmann, Siebenmann, Spielmann, Spillmann, Spreuermann, Straumann, Tagmann, Trottmann, von Hoffmann, Wagemann, Weinmann, Werchmann, Wobmann, Wopmann, Wymann, Zimmermann. 70 Types, 835 Tokens. Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Karte 192: BerufsN auf -mann, vor 1800 u. Herkunft 10 Auf ortsnamen.ch (o. J., Recherche am 08.05.2023) findet man 46 Toponyme mit dem Suchausdruck «Aeschi», davon sind zwei SiedlungsN, also Namen einer Gemeinde, einmal im Kanton Solothurn (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 802002511), einmal im Kanton Bern (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 802000562). 2.7 Familiennamen auf -mann 409 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="410"?> Flächen 10-80, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 200: Daten zur vierten Karte {192} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst FamN zu verschiedenen Berufsgruppen wie bspw. Benennungen für Bauern (Achermann, Baumann, Kottmann zu schwzdt. Chotte ‘Pferch; kleines, armseliges Haus’ wohl für einen Tagelöhner), Benennungen abgeleitet von der Verarbeitung verschiedener Rohstoffe (Käsermann, Ledermann) oder Benennungen für den Inhaber eines Amtes (Ammann, Hof(f )mann, Schatzmann). Kommentar: Das Bild vom dicht besetzten Mittelland wiederholt sich auch auf der vierten Karte, wobei BerufsN auf -mann verstreut auch im Alpenraum auftreten: im Berner Oberland, im Wallis, im Urner Reusstal sowie in Graubünden. Für die schweizweite Dichte sind v. a. die sieben folgenden FamN verantwortlich, die 549 der gesamt 835 Tokens auf sich vereinen: Baumann (144 Tokens), Zimmermann (94 Tokens), Kaufmann (90 Tokens), Lehmann (68 Tokens), Ammann (61 Tokens), Hofmann (61 Tokens) und Hoffmann (31 Tokens). Von diesen frequenten Typen ist Ammann regionalspezifisch für den schwäbisch-alemannischen Raum (Berchtold 2019: 22, 36-37); in der Schweiz kommt dieser FamN v. a. in den nordöstlichen und nordwestlichen Kantonen vor und schliesst so an den badenwürttembergischen Amann-Raum an (Klausmann 2007: 50-51). 11 Fünfte Karte {193}: Übernamen auf -mann Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN auf -mann, die dem Benennungsmotiv der ÜberN zuzuordnen sind und in den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» vorkommen. Es handelt sich somit um eine weitere Teilmenge der in der ersten Karte enthaltenen Namen. Abgefragte Namen ÜberN auf -mann, vor 1800 u. Herkunft: Angstmann, Biedermann, Brudermann, Brumann, de Techtermann, Dickenmann, Diggelmann, Dikelmann, Dikenmann, Dobmann, Edelmann, Eigenmann, Freimann, Freudemann, Freymann, Frymann, Füllemann, Glanzmann, Grossmann, Hutzmann, Kleimann, Krähemann, Krähenmann, Lanthemann, Lanthmann, Rothermann, Rothmann, Rottermann, Saurenmann, Schönmann, Schwarzmann, Schwestermann, Starkenmann, Starkermann, Stirnemann, Stirnimann, Suremann, Techtermann, Tempelmann, Tochtermann, Uebelmann, Weissmann, Wissmann, Wyssmann. 44 Types, 139 Tokens. Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Karte 193: ÜberN auf -mann, vor 1800 u. Herkunft 11 Vgl. Artikel III-4.9 «Berufs(über)namen zu weltlichen und klerikalen Ämtern». 410 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="411"?> Flächen 20-75, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 201: Daten zur fünften Karte {193} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst ÜberN wie bspw. solche, die auf Farben (Rothmann, Schwarzmann, Wyssmann) oder (sonstige) körperliche oder charakterliche Eigenheiten (Angstmann, Kleimann, Suremann) zurückgehen. Zum Sample zählen auch FamN wie Rothermann oder Starkermann, die sich formal schwer von den Zusammenrückungen abgrenzen lassen. 12 Kommentar: Die fünfte Karte zeigt geographische Schwerpunkte für die 44 FamN dieses Typs: Sie treten v. a. in der Nordwest- und der Nordostschweiz auf (östlich der Emme bis zum Bodensee). Der Südosten, der Süden und die westliche Deutschschweiz zeigen vereinzelte Vertreter wie Schwarzmann (Mels SG), Schwestermann (Bellwald VS) oder Tochtermann (Zweisimmen BE). Die drei frequentesten Namen in den gewählten Schichten sind Grossmann (20 Tokens), Biedermann (13 Tokens) und Stirnimann (12 Tokens). Ergebnisse Die fünf Karten zeigen Raumbilder zu FamN, die auf -mann abgeleitet sind. Berücksichtigt wurden FamN, die sich den Benennungsmotiven WohnstättenN und HerkunftsN, BerufsN sowie ÜberN zuordnen lassen. Die beiden Gesamtkarten illustrieren das deutliche Auftreten des Typs im Mittelland. Diese Mittelland-Konzentration wird auch von den WohnstättenN aufgenommen. Dieser Befund ist insofern interessant, als der mann-Bildungstyp im Vergleich zum präpositionalen Typus und der er-Ableitung chronologisch wohl ein jüngeres Muster darstellt, 13 das speziell in WohnstättenN den Alpenraum kaum mehr erreicht hat (vgl. bereits Berchtold Schiestl et al. 2020: 457). Suffigierte FamN auf -er bedecken mehr oder weniger den gesamten schweizerdeutschen Sprachraum und Präpositionskonstruktionen weisen - je nach Präposition - jeweils andere regionale Schwerpunkte auf, sind aber dabei deutlich stärker im alpinen Raum vertreten als die mann-Namen. Unter den kartierten Typen sind die WohnstättenN mit 99 Types zwar am frequentesten, am weitesten verbreitet sind allerdings die BerufsN. Dies ist hochfrequenten EinzelN wie Baumann und Zimmermann geschuldet, die praktisch in der ganzen deutschsprachigen Schweiz vorkommen. Die ÜberN gliedern sich ebenfalls in das Mittelland-Raumbild ein, jedoch mit der Einschränkung, dass sie nicht dieselbe Ausdehnung zeigen wie die anderen Benennungsmotive. 14 Um das Auftreten der mann-Bildungen chronologisch besser einordnen zu können, wurden die alphabetischen Namenlisten in den historisch ausgerichteten Arbeiten von Baumgartner (1983) für den Kanton Zürich und Fähndrich (2000) für den Kanton Zug auf mann-Namen hin durchgesehen. Zürich steht exemplarisch für das Mittelland, Zug exemplarisch für die Zentralschweiz. Baumgartners (1983) Untersuchung deckt den Zeitraum von 1000 bis zur Mitte des 13. Jh. ab; Fähndrich (2000) stützt sich auf Quellen aus dem Zeitraum von 1380 bis 1612 und setzt somit chronologisch nach Baumgartner (1983) ein. Baumgartner (1983: 192-326) listet in seinem «Lexikon der Beinamen» lediglich neun Namen, die auf -mann enden: Er ordnet zwei den WohnstättenN zu (Heidemann, Wisemann), vier den BerufsN (Baumann, Salzmann, Schatzmann, Zimmermann) und einen den ÜberN ( Judemann); zwei sind mehrdeutig (Holzmann als Berufs- oder WohnstättenN, Totemann als Berufs- oder ÜberN). Von diesen neun Namen sind sechs in der Schicht «vor 1800» noch vorhanden, drei sind abgegangen (Heidemann, Judemann, Totemann). Baumgartner (1983: 96-97) stellt fest, dass Namen auf -mann selten seien. Diese Seltenheit trifft in seiner Arbeit auf WohnstättenN generell zu. Er kommentiert, dass WohnstättenN im 11. Jh. vollständig fehlen, im 12. Jh. dann mit sieben Namen langsam aufkommen, um im 13. Jh. zahlreicher zu werden (Baumgartner 1983: 97). 15 In Fähndrichs (2000: 60-461) Namenbuch entfallen von 793 Namenartikeln 38 auf einen mann-Namen, 16 das entspricht 4,8 %. Produktivität für das Suffix -mann ist demnach mit Baumgartner (1983) ab dem 13. Jh. anzusetzen. Gemessen an den Zahlen in der Schicht «vor 1800» fällt sie für den Kanton Zürich und für den Kanton Zug ähnlich aus: In Zürich werden 6 % der FamN mit -mann abgeleitet (73 mann- Namen von 1'199 FamN), in Zug sind es 8,6 % (12 mann-Namen von 140 FamN). Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Baumann (13'881 Tokens), Zimmermann (13'022 Tokens) und Bachmann (10'478 Tokens). Sie gehören allesamt zu den häufigsten FamN der Schweiz überhaupt; vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Semantische Mehrdeutigkeit liegt gemäss Berchtold/ Graf (i. V., Recherche am 08.05.2023) neben der genannten Überlagerung von WohnstättenN und HerkunftsN auch bei WohnstättenN und BerufsN vor. Bei Bleichmann oder Bruggmann ist das Motiv desjenigen, der bei der Bleiche wohnt und diese betreibt oder bei der Brücke wohnt und diese bewacht, ebenfalls schwer zu trennen. 17 Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 3 (2012: 104-123) wird im Kapitel «Derivation» auf den Karten 49-58 -mann in Variation zu -er bei BerufsN kartiert. Zu Vergleichszwecken sei auf die Karten 147-154 im DFA 3 (2012: 104-123) hingewiesen; hier werden Verbreitungszentren von -mann, -er, -ermann aufgezeigt. 12 Zu Zusammenrückungen vgl. Artikel II-4.2 «Zusammenrückungen mit nominalen und adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen». 13 Vgl. die Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor», II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in», II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von», II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu», II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen» und II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen». 14 Vgl. auch Artikel II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». 15 Baumgartner (1983) gibt keine Gesamtzahl der im Lexikon behandelten Namen an, aber eine Zählung ergibt 38 WohnstättenN, davon machen die mann- Namen 6,6 % aus. Die Prozentzahl der mann-Namen am Gesamten dürfte noch niedriger sein. Das häufigste Benennungsmotiv in Baumgartner (1983) sind HerkunftsN, worunter sich aber keine mann-Bildung findet. Allein 62 der 134 Seiten des Lexikons umfassen HerkunftsN (Baumgartner 1983: 208-269). 16 Die drei Patronyme Petermann, Ulmann, Ursemann wurden bei der Zählung ausgeschlossen. 17 Die Einheit von Wohnen und Arbeiten ist in vorindustrieller Zeit und auch noch danach üblich, vgl. dazu die Ausführungen im e-HLS (2015: s. v. Wohnen): «Typische Einheiten von Wohn- und Arbeitsstätte (Heimarbeit) in protoindustrialisierten Landgebieten wurden z. B. im Zürcher Oberland der Flarz (Reihenhaus mit mehreren Wohn-, Arbeits- und Kleintierstallteilen), im Jura das Atelierhaus, im ostschweizerischen Voralpenraum das Haus mit halb eingetieftem Webkeller». 2.7 Familiennamen auf -mann 411 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="412"?> Verschiedene Typen von Herkunfts- und WohnstättenN auf -mann werden im DFA 4 (2013) behandelt. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur AWb = Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig (1952 ff.): Althochdeutsches Wörterbuch. Digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities bereitgestellt durch die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. https: / / awb.sawleipzig.de/ AWB (letzter Zugriff 08.05.2023). Bach, Adolf (1952): Deutsche Namenkunde. Bd. I, 1: Die deutschen Personennamen. Einleitung. Zur Laut- und Formenlehre, Wortfügung, -bildung und -bedeutung der deutschen Personennamen. 2., stark erweiterte Auf lage. Heidelberg: Winter. Baumgartner, Xaver (1983): Namengebung im mittelalterlichen Zürich. Die alt- und mittelhochdeutschen Personennamen der Zürcher Überlieferung vom Jahr 1000 bis zum Jahr 1254 (Studia Onomastica Helvetica 1). Arbon: Historisch-Genealogischer Verlag. Berchtold Schiestl, Simone et al. (2020): Streckeisen, Auchli, Brentini und Immoos. Vorstudien zu einem Schweizer Familiennamenatlas. Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge 55(4), 423-467. Berchtold, Simone (2019): Auf der Suche nach der Regionalspezifik. Familiennamen mit -mann in der Deutschschweiz. Namenkundliche Informationen 111, 13-71. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2023): STATPOP 2022. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Kanton und nach Sprachregion für das Jahr 2022. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 26925057 (letzter Zugriff 08.05.2023). DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. DFA 4 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2013): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 4: Familiennamen nach Herkunft und Wohnstätte. Berlin, Boston: De Gruyter. DWDS = Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (2023): Mann. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS). Das Wortauskunftssystem zur deutschen Sprache in Geschichte und Gegenwart. https: / / www.dwds.de/ wb/ Mann (letzter Zugriff 08.05.2023). e-HLS = Nagy-Braun, Gisela et al. (2015): Wohnen. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 016229/ 2015-02-03/ (letzter Zugriff 08.05.2023). Fähndrich, Thomas (2000): Zuger Familiennamen. Entstehungsprozesse, Verfestigung, Bedeutungen (Beiträge zur Zuger Geschichte 14). Zug: Kalt- Zehnder. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. 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Simone Berchtold 412 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="413"?> 2.8 Suffixkombinationen mit -li, -le, -z, -tsch und -mann Schlagwörter: Derivat, Diminutiv, Suffix Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Artikel werden FamN kartiert, die sich durch eine doppelte Suffigierung auszeichnen: Einerseits sind dies FamN wie Aeschlimann oder Jekelmann, die die Kombination aus l-Diminutivsuffix und -mann zeigen, andererseits sind es FamN wie Haizmann oder Bätschmann, die die Kombination aus z-Suffix resp. dessen Variante -tsch und -mann aufweisen. 1 Das Phänomen als solches ist in Deutschland nicht absent, aber die meisten der hier kartierten Types kommen gemäss Berchtold (2019: 55-56) in Deutschland nicht vor; die Namen zeichnen sich also durch «stark regionalspezifische Bestimmungswörter» (Berchtold 2019: 14) aus und sollen daher geographisch verortet werden. Hintergrund: Formal können in den hier zu kartierenden FamN jeweils zwei Suffixe segmentiert werden; die Funktionen der vorliegenden Suffixe werden in den jeweiligen Artikeln ausführlich dargestellt und sollen hier deshalb nur kurz angesprochen werden: 2 Die l-Suffixe dienen der kosenden Diminution und können im Lexikon belebte wie auch unbelebte Entitäten modifizieren (Bürli ‘Bäuerchen’ vs. Hüsli ‘Häuschen’). Das z-Suffix tritt hingegen seit althochdeutscher Zeit lediglich in FamN aus Ruf N auf und dient zur Bildung von Kurzformen aus zweigliedrigen Ruf N (Heinz zu Heinrich); Gleiches trifft auf sekundär entwickeltes -tsch zu (Betsch zu Berchtold ). Dem patronymischen mann-Suffix kann ebenfalls kosende Funktion zugesprochen werden; es wird an einstämmige Ruf N sowie an Kurzformen angehängt (Karlmann, Heinzmann). In Kombination mit Toponymen hingegen wird -mann als Suffix zur Bildung von Bewohnerbezeichnungen genutzt wie in Bühlmann oder Gubelmann (Id. 4 1881 ff.: Sp. 240). 3 Sowohl bei Patronymen wie Heinzmann als auch bei WohnstättenN wie Aeschlimann 4 wurde eine bereits suffigierte Basis Heinz Ruf N resp. Aeschli Toponym sekundär mit -mann erweitert. Ob die Suffixe jeweils schon im Grundwort vorhanden waren (wie beim Toponym Aeschli) oder ob eines bzw. beide Suffixe im Zuge der Familiennamenbildung oder danach angetreten sind, kann nicht mehr für alle Fälle rekonstruiert werden. Deshalb werden hier pauschal die in der Datenbank vorliegenden Formen mit Suffixkombination inkludiert, ohne genaueres Wissen um deren Genese. Fragestellungen: Vor dem erläuterten Hintergrund wird auf der ersten Karte die Kombination von l-Diminutiv und -mann, auf der zweiten Karte jene mit z-Suffix und -mann dargestellt. Neben dem räumlichen Vorkommen interessieren auch die Type- und Tokenverhältnisse der verschiedenen Bildungsmuster. 1 Zu Suffixkombinationen speziell mit -z und l-Diminutiven vgl. Artikel II-2.3 «Familiennamen auf -(t)z und -(t)sch». 2 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.3 «Familiennamen auf -(t)z und -(t)sch», II-2.7 «Familiennamen auf -mann» und II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». 3 Vgl. auch den Liedtitel «Zürimaa» für Zürichmann ‘Mann aus Zürich’ des Zürcher Künstlers Dodo. 4 Vgl. als Bestimmungswort das Toponym Aeschli im bernischen Rüderswil (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 803365584). 2.8 Suffixkombinationen mit -li, -le, -z, -tsch und -mann 413 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="414"?> Erste Karte {194}: Familiennamen mit -li, -le, -el und -mann Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle Namen, bei denen -mann an einen mit l-Diminutiv erweiterten Stamm andockt. Die Karte dokumentiert das Vorkommen dieser FamN in der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB). 5 Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit -li + -mann: Aeschlimann, Bürlimann, Hörnlimann, Hürlimann, Kindlimann, Thürlimann. 6 Types, 43 Tokens. FamN mit -le + -mann: Dürlemann, Thürlemann. 4 Tokens. FamN mit -el + -mann: Hanselmann, Häuselmann, Heinzelmann, Hüselmann, Jeckelmann, Jekelmann. 6 Types, 16 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 202: Daten zur ersten Karte {194} Detailangaben zur Namenauswahl: 6 Die Suche nach der Endung -limann / -lemann in der etymologischen Datenbank (Stand 05.04.2024) ergibt 22, jene nach -elmann 21 Treffer; keine FamN enden mit den Kombinationen -lymann oder -linmann. Die Trefferliste wurde manuell bereinigt. Ausgesondert wurden 29 Namen, bei denen -li/ -le / -el nicht als l-Diminutiv zu erklären ist wie bspw. in Fählimann (zu mhd. vel ‘Fell von Tieren’), Haslemann (zu einem Toponym Hasle / Hasli, das auf mhd. hasel ‘Hasel’ mit dem Kollektivsuffix -ahi zurückgeht) oder Dinkelmann (zu ahd. thinkil, mhd. dinkel ‘Spelzweizen’); hier ist -l jeweils im Stamm enthalten. Die Auswahl umfasst Patronyme (Hanselmann, Häuselmann, Heinzelmann, Hüselmann, Jeckelmann, Jekelmann), BerufsN (Bürlimann), WohnstättenN (Aeschlimann, Hörnlimann, Hürlimann) sowie Namen, deren Benennungsmotiv zwar uneindeutig ist, die sich aber dem Bildungstyp zuordnen lassen (Dürlemann, Kindlimann, Thürlemann, Thürlimann). Kommentar: Die erste Karte zeigt einen Ballungsraum im Osten und einen im Westen des Mittellands. Diese Räume werden jeweils durch einen Namen konstituiert: Der östliche Namenraum zwischen Arth (SZ) und Berg am Irchel (ZH) mit einem deutlichen Schwerpunkt im Zürcher Oberland bildet Hürlimann mit 23 Tokens; der Karte 194: FamN mit -li, -le, -el und -mann, vor 1800 5 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 6 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 414 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="415"?> westliche Raum mit einem Schwerpunkt im Berner Emmental entsteht durch Aeschlimann mit 13 Tokens. Diese beiden WohnstättenN erreichen die bei weitem höchste Tokenfrequenz im Sample. Das Familiennamentrio Dürlemann, Thürlemann und Thürlimann konzentriert sich in den sankt-gallischen Gemeinden Häggenschwil und Waldkirch sowie in Wuppenau (TG), wobei in Häggenschwil alle drei Varianten des FamN vorkommen. Ob hier familiale Differenzierung durch verschiedene Namenschreibungen vorliegt, müsste geprüft werden. Die le-Schreibung passt in den Nordosten, wo südlich des Bodensees gehäuft le-Diminutive auftreten. 7 Die Namen auf -elmann gehören alle in die Gruppe der Patronyme: Jeckelmann, Jekelmann können als Freiburger Namen aufgefasst werden, während der FamN Hanselmann im Osten (TG, SG) auftritt. Die restlichen drei Namen kommen verstreut zwischen Thun (BE) und Liestal (BL) vor. Zweite Karte {195}: Familiennamen mit -z, -tsch und -mann Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle Namen, bei denen -mann an einen mit z-Suffix erweiterten Stamm andockt. Die Karte dokumentiert das Vorkommen dieser FamN in der Schicht «vor 1800». Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit -z + -mann: Haizmann, Heinzmann, Heizmann, Henzmann. 6 Tokens. FamN mit -tsch + -mann: Bätschmann, Bertschmann, Betschmann, Goetschmann, Götschmann, Rutschmann. 6 Types, 16 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10-25, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 203: Daten zur zweiten Karte {195} Detailangaben zur Namenauswahl: Das Sample umfasst Patronyme zu folgenden Ruf N: Bätschmann, Bertschmann, Betschmann zu Berchtold; Goetschmann, Götschmann zu Gottfried; Haizmann, Heinzelmann, Heinzmann, Heizmann, Henzmann zu Heinrich und Rutschmann zu Rudolf . Ausgeschlossen wurden Enzmann (zu Laurentius), Getzmann (zu Pankratius) sowie Ritzmann (zu Mauritius), da sie etymologisch jeweils auf einen lateinischen Ruf N mit dem Suffix -tius zurückgehen, das als -z eingedeutscht wurde (Stotz 1996: 219). Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass diese Suffixkombination bis auf Heinzmann in Visperterminen (VS) als nördliches Bildungsmuster eingeordnet werden kann, ohne dass sich ein zusammenhängender Raum ergibt. Es dominieren dabei Namen mit der Kombination -tsch + -mann: In dieser Gruppe ist Rutschmann mit Karte 195: FamN mit -z, -tsch und -mann, vor 1800 7 Vgl. Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» (dritte Karte). 2.8 Suffixkombinationen mit -li, -le, -z, -tsch und -mann 415 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="416"?> 8 Tokens der häufigste Name; er bildet einen Kleinstraum im Oberaargau (BE) sowie im nördlichen Kanton Zürich. Die kartierten FamN mit -z + -mann gehen alle auf eine Kurzform von Heinrich zurück, wobei insgesamt nur wenige Types und Tokens vorliegen. Ergebnisse Die zwei Karten zeigen FamN aus der Datenschicht «vor 1800», die sich morphologisch durch Suffixkombinationen auszeichnen. Die Namen sind hinsichtlich Types und Tokens niederfrequent, was sich auch in ihrem räumlichen Auftreten widerspiegelt: Es liegt kein zusammenhängender Grossraum vor. Hingegen entstehen Kleinräume durch einzelne FamN (Aeschlimann, Hürlimann). Als Hauptbefund ist festzuhalten, dass die kartierten FamN - bis auf Heinzmann - ausschliesslich im Mittelland auftreten; die Zentralschweiz, das Berner Oberland sowie das Wallis haben keinen Anteil an diesem Bildungsmuster. Dieser Befund geht mit dem allgemeinen Ergebnis zu mann-Bildungen einher, welche als Typen des Mittellands bezeichnet werden können. 8 Die Produktivität von -mann hat den alpinen Siedlungsraum nicht mehr erreicht. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Aeschlimann (3'679 Tokens), Hürlimann (3'311 Tokens) und Hanselmann (1'107 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 3 (2012: 210-225) werden im Abschnitt «Patronymisches Suffix -mann» teilweise Namen mit Suffixkombination kartiert, so z. B. Heinzmann, Heinzelmann, Hinzmann, Henkelmann und Hinkelmann (Karte 100), Kunzmann und Conzelmann (Karte 103) oder Gutzmann (Karte 106). Bis auf Heinzmann, Heinzelmann sind die im DFA 3 (2012: 210-225) kartierten Typen in der Schicht «vor 1800» nicht enthalten. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone (2019): Auf der Suche nach der Regionalspezifik. Familiennamen mit -mann in der Deutschschweiz. Namenkundliche Informationen 111, 13-71. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 05.04.2024). Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. ortsnamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): ortsnamen.ch. Das Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung. https: / / www.ortsnamen.ch/ de/ (letzter Zugriff 05.04.2024). Stotz, Peter (1996): Handbuch zur lateinischen Sprache des Mittelalters. Bd. 3: Lautlehre. München: Beck. Simone Berchtold 8 Vgl. Artikel II-2.7 «Familiennamen auf -mann», Abschnitt «Ergebnisse». 416 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="417"?> 2.9 Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner Schlagwörter: Derivat, Kompositum, Reanalyse, Suffixerweiterung Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Artikel werden FamN kartiert, die mehrheitlich dem Benennungsmotiv der Patronyme und Metronyme zuzuordnen sind und die morphologisch entweder mit -mann in Komposita (Hartmann) und Derivaten (Heinzmann) oder mit dem Suffix -er (Glauser) resp. dessen Varianten -ler (Künzler) und -ner (Elsener) gebildet wurden. In wenigen Fällen tritt -er auch an andere Basen als Ruf N an (z. B. Natterer zu mhd. nātære, nāter ‘Schneider’). In Komposita ist -mann zwar kein patronymisches Suffix, wird hier aber berücksichtigt, da diese Bildung die Folie für die jüngeren mann-Ableitungen darstellt (Kunze 2004: 69). Es handelt sich bei den hier interessierenden Suffigierungen um verbreitete morphologische Verfahren im deutschsprachigen Raum und das Vorkommen soll hiermit auch für die Schweiz dokumentiert werden. Von Interesse ist nicht nur die Verbreitung der beiden dominanten Suffixe -mann und -er, sondern auch die Variation von -er mit -ler und -ner. Der Gegenstand ist auch hinsichtlich einer besseren Kenntnis der Morphologie im oberdeutschen Familiennamenraum relevant. Hintergrund: Das Suffix -mann und der Suffixtyp -er treten in FamN in allen fünf Benennungsmotiven auf: Rüttimann, Bühler (WohnstättenN), Soltermann, Allgäuer (HerkunftsN), Stirnimann, Kräher (ÜberN), Kaufmann, Becker (BerufsN) sowie Petermann (Patronym mit -mann als Suffix), Aggeler (Metronym) und Huggener (Patronym). Beiden Suffixen ist somit gemeinsam, dass sie in der Namenbildung häufig vorkommen und dieselben Funktionen übernehmen. Im Folgenden liegt der Fokus auf der patronymischen Funktion der Suffixe. 1 Morphologisch lassen sich beim hier kartierten Sample drei unterschiedliche Bildungsmuster unterscheiden, die kurz vorgestellt werden sollen: 1. FamN zu Ruf N mit -mann als Zweitglied in einem Kompositum, 2 2. Suffigierung mit -mann und 3. Suffigierung mit -er und dessen erweiterten Suffixvarianten -ler und -ner. Muster 1 und 2 werden zusammen besprochen, da sie chronologisch und morphologisch zusammengehören: Bei den mann-Patronymen ist eine ältere von einer jüngeren Schicht zu trennen. So tritt -mann als Zweitglied bereits in germanischen Ruf N auf (Förstemann 1900: 1088-1089; Fleischer 1964: 30; Kunze 2004: 18) und bildet ausschliesslich männliche Ruf N wie Hartmann oder Hermann. 3 Diese Namen sind als Komposita zu erklären: Sie sind aus einem Bestimmungs- und einem Grundwort zusammengesetzt, wie Hartmann aus ahd. harti, herti ‘hart, kräftig, stark’ und ahd. man ‘Mann, Mensch’ (Kohlheim/ Kohlheim 2016: 201). Diese zweigliedrige oder dithematische Bildungsweise ist auch in anderen indogermanischen Sprachen verbreitet (Bauer 1985: 121, 137; Kunze 2004: 18). In weiterer Folge entwickelt -man(n) affixoiden Charakter mit kosender oder diminuierender Funktion (Bach 1952: 162; Fleischer 1964: 29-30; Kunze 2004: 69) und tritt an eingliedrige Ruf N wie Karl → Karlmann und Kurzformen wie Heinz → Heinzmann an. Aus dieser Verwendungsweise heraus entwickelt das Suffix auch die Möglichkeit, familiale Zugehörigkeit zu markieren, und kann somit zu den patronymischen Suffixen gezählt werden (DFA 3 2012: 211). Wie im DFA 3 (2012: 211) festgehalten wird, «lassen sich allerdings Fälle, in denen das Suffix schon bei Ruf N als Kosesuffix oder zur Unterscheidung des Junior vom gleichnamigen Senior angetreten ist und von da in FamN überging, nicht klar trennen von Fällen, in denen das Suffix speziell erst zum Zwecke patronymischer Zubenennung benutzt wurde». Für Deutschland lassen sich zudem vereinzelte Fälle metronymischer Benennung mit -mann anführen wie Grethmann (DFD 2025a), Kettermann (DFD 2025) oder Nesemann (DFD 2025b); für die Schweiz sind solche Metronyme in den vorliegenden Daten nicht belegt. Zeitlich erscheint die Masse der Bildungen mit -mann gemäss Fleischer (1964: 29) ab dem 13. und 14. Jh. und ist somit nicht mehr der dithematischen, sondern der jüngeren mann-Schicht mit kosender resp. patronymischer Funktion zuzuordnen. Auch im Schweizerdeutschen zeigt das Suffix Produktivität. Es konnte generisch auf die Gattung ‘Mann’ übertragen werden: «So wurde es, gleichs[am] als Exponent des männlichen Individuums üb[erhaupt], auch an Taufnamen gehängt, die dann wieder Geschlechtsnamen werden konnten» (Id. 4 1881 ff.: Sp. 241), als Beispiele werden im Wörterbuch Hanselmann, Gallmann oder Ritzmann genannt. Patronymisches -er geht genauso wie das er-Suffix in Herkunfts- und WohnstättenN auf germ. *wariōs ‘Bewohner, Leute’ resp. germ. *warōn, *wazōn ‘sein, bleiben, dazugehören’ zurück (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 226; DFA 3 2012: 287). Inhaltlich wird Zugehörigkeit entweder zu einer Örtlichkeit oder zu einer Person bzw. einem Familienverband ausgedrückt. Dieses ererbte Suffix ist abzugrenzen von lat. -ārius ‘zu X gehörig’, wenngleich es semantisch ähnlich ist und die beiden Suffixe im Althochdeutschen zusammengefallen sind. Im Familiennamenbestand kommt das Suffix -er auch erweitert vor: «Wie im appellativischen Wortschatz (Tischler neben ursprüng- 1 Die weiteren Funktionen, die -mann in der Wort- und Namenbildung einnehmen kann, werden im Artikel II-2.7 «Familiennamen auf -mann» und in Berchtold (2019) dargestellt. Zum Suffix -er und zur Entwicklung der Varianten -ler, -ner sowie für weitere ausführliche Hintergrundinformationen vgl. die Artikel II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen» und II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». 2 Zu Komposita mit dem Grundwort -sohn vgl. die Artikel III-1.11 «Metronyme: Gesamtdarstellung» (vierte Karte) und II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» (sechste Karte). 3 Fleischer (1964: 30) geht auch kurz auf das weibliche Pendant sowie Kind ein, die in Schweizer FamN keine Spuren hinterlassen haben: «Das weibliche Gegenstück ist wīp ‘Frau’, z. B. Azawip, Guotwip, Gerwif , Hadwif (die beiden letzten im 12. Jh. in Köln). Schließlich findet sich auch kint ‘Kind’: Widukind 8. Jh., Wittekind 9. Jh.». 2.9 Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner 417 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="418"?> lichem Tischer, Gewerkschaftler neben Gewerkschafter) tritt -er auch in den Namen erweitert zu -ler und -ner auf, z. B. Seppler zu Joseph nach dem Muster von Wetzel-er zu Wetzler; Baldewin-er zu Baldwiner» (Fleischer 1964: 104). Diese beiden Varianten entstanden durch Reanalyse einer liquid- oder nasalhaltigen Basis auf -er: Aus Lexemen wie ahd. betal |ari ‘Bettler’, ahd. satal |ari ‘Sattler’ entstand -ler, aus ahd. wagan |ari ‘Wagner’, ahd. hafan |ari ‘Hafner’ das Suffix -ner (Henzen 1965: 159-160). Das Suffix -er kann auch bei FamN zu weiblichen Ruf N auftreten wie Neser zu Agnes oder Kenerer zu Katharina (Kunze 2004: 69). Hinsichtlich ihrer Verbreitung gelten FamN auf -er, -ler, -ner als charakteristisch für das Oberdeutsche (Bach 1952: 140, 153). Bach (1952: 154) unterstreicht dies, indem er die produktive Bildungsweise noch Mitte des 20. Jh. für Schwaben anführt: Gailing als Name des Vaters und Gailinger als Bezeichnung seiner Söhne. Interessant sind auch Beispiele, in denen ein Mann nach seiner Frau benannt wird: «Ein Bäbeler in Beizkofen hat diesen Spitznamen nach seinem Weibe Bäbel. In Oberschwaben gibt es auch einen Hebammeler» (Bach 1952: 153). Daneben konnte aber auch nicht-verwandtschaftliche Zugehörigkeit ausgedrückt werden wie beim Schweizer FamN Freuler, der mit dem Suffix -ler zu mhd. frouwe ‘Herrin, Gebieterin’, besonders auch ‘Jungfrau Maria’ abgeleitet ist und eine Person im Dienste eines Altars oder einer Kirche, die der Jungfrau Maria gewidmet war (Id. 1 1881 ff.: Sp. 1254), oder einen Hörigen eines Frauenklosters (Bach 1952: 153) bezeichnet. Das patronymisch-metronymische er-Suffix konnte somit auch an andere Basen als an Ruf N angehängt werden und tritt daher vereinzelt in anderen Benennungsmotiven auf. Fragestellung: Vor dem erläuterten Hintergrund ist folgende Frage von Interesse: Wie verteilen sich patronymisches -mann und patronymisch-metronymisches -er, -ler, -ner in den FamN? Auf der ersten Karte wird das Phänomen als Gesamtes dargestellt, wobei nur die suffigierten FamN berücksichtigt werden. Die zweite Karte kontrastiert die Verbreitung von älteren komponierten und jüngeren suffigierten Patronymen mit -mann, um festzustellen, ob der alte Bildungstyp allenfalls eine Vorlage für den neuen lieferte und diese FamN in den gleichen Räumen auftreten. Die dritte Karte gilt der geographischen Verteilung von -er, -ler, -ner in Patronymen und die vierte Karte jener in Metroymen. Die fünfte Karte behandelt abschliessend die räumliche Verteilung von patroresp. metronymischem Suffix -er, -ler, -ner in Ableitungen von anderen Basen als Ruf N. Erste Karte {196}: Patronymisches -mann und patronymisch-metronymisches -er, -ler, -ner Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle Namen, in denen -mann und -er, -ler, -ner als patronymische und letztere auch als metronymische Suffixe auftreten. 4 Die beiden Bildungsmuster werden hier kontrastiv dargestellt. Die Karte dokumentiert das Vorkommen dieser FamN in der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB). 5 Abgefragte Namen Patronyme auf -mann (Derivate): Ballmann, Bätschmann, Bertschmann, Betschmann, Blasimann, Bussmann, Christmann, Dillmann, Engelmann, Enzmann, Friedmann, Gallmann, Getzmann, Gillmann, Goetschmann, Götschmann, Haizmann, Hämmann, Hanimann, Hanselmann, Hansemann, Hansmann, Häuselmann, Heimann, Heinimann, Heinzelmann, Heinzmann, Heizmann, Hemmann, Hennemann, Henzmann, Heymann, Hiltmann, Houlmann, Hulmann, Hüselmann, Järmann, Jeckelmann, Jekelmann, Jermann, Jörimann, Pedermann, Petermann, Pétermann, Pidermann, Ritzmann, Rüdemann, Rutschmann, Siegmann, Tillmann, Uhlmann, Ullmann, Ulmann, Wullimann. 54 Types, 130 Tokens. Patronyme und Metronyme auf -er, -ler, -ner: Aggeler, Agner, Anneler, Anner, Antener, Bäbler, Baehler, Bähler, Bauler, Beeler, Bercher, Bolleter, Bridler, Bürkler, Christeler, Christeller, Christener, Christiner, Dietler, Dillier, Dissler, Ditscher, Dönier, Eller, Elsener, Elser, Elsinger, Enzler, Epper, Feliser, Fittler, Frehner, Frener, Gallusser, Geeser, Geser, Glauser, Grätzer, Gräzer, Greder, Gretener, Greter, Grether, Gretler, Grossglauser, Häner, Hänger, Hanser, Heinzer, Henggeler, Hongler, Hugener, Huggler, Jacober, Jakober, Janner, Janser, Jetzer, Jezler, Jörger, Jösler, Jutzeler, Kathriner, Ketterer, Klauser, Kläusler, Künzler, Luder, Mathier, Mathyer, Mendler, Menner, Neeser, Niggeler, Peterer, Rutzer, Seliner, Signer, Styner, Tanniger, Thommer, Tommer, Trindler, Triner, Tryndler, Uhler, Urscheler, Wetzler, Willener, Williner, Wolfer. 91 Types, 260 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 30-85, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 204: Daten zur ersten Karte {196} Detailangaben zur Namenauswahl: 6 Die Suche nach dem Suffix -mann im Benennungsmotiv der Patronyme ergibt in der etymologischen Datenbank (Stand 19.04.2024) die obige Auswahl abzüglich der älteren Bildungen, die auf der zweiten Karte berücksichtigt werden. Eine Besprechung des Samples liegt bereits in Berchtold (2019: 33-34) vor. Gartmann wurde ausgeschlossen, weil die Deutung als WohnstättenN oder BerufsN (vgl. Detailangaben zur zweiten Karte) wahrscheinlicher ist. Unberücksichtigt bleiben zudem Dommann und Thomann, da hier der Ruf N Thomas sekundär an -mann angeglichen wurde, sowie Romann, bei dem von der Basis lat. romanus auszugehen ist. Mit dem Ausgang -er, -ler, -ner liegen in der etymologischen Datenbank (Stand 19.04.2024) 157 Patronyme und 31 Metronyme vor; diese Liste wurde manuell bereinigt. Ausgeschlossen wurden 97 Namen: Einerseits ist deren Deutung entweder mehrdeutig, unklar oder unbekannt wie bspw. Denier, Engeler, Jaiser, Jakoberger, Lütscher, Reusser, Reumer, Rychner; andererseits enthalten manche Namen bereits -er im Stamm und sind formal kein Produkt einer Suffigierung wie bspw. Diemer zu Dietmar, Immer zu Himerius, Kasper zu Kaspar oder Walter, Walther, Wälter und Welter zu Walter. Froelicher, Fröhlicher, Frölicher wurden nicht aufgenommen, da formal sowohl eine patronymische Ableitung eines ÜberN 4 Speziell zu Metronymen vgl. die Artikel III-1.11 «Metronyme: Gesamtdarstellung» und III-1.12 «Metronyme: Häufige Fälle». 5 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 6 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 418 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="419"?> Fröhlich als auch eine f lektierte Form des Adjektivs mhd. vrœlich ‘froh, heiter’ vorliegen kann (DFA 3 2012: 3). Die Auswahl umfasst Patronyme und Metronyme, bei denen die jeweiligen Suffixe sowohl an germanische als auch an nicht-germanische Ruf N angehängt wurden. Zur ersten Gruppe gehören bspw. Bätschmann zu Bätsch (aus Berchtold ), Bürkler zu Burkhart oder Hugener zu Hug (aus Hugo); zur zweiten Gruppe Elsener, Elser und Elsinger zu Elisabeth, Peterer, Pedermann, Petermann, Pétermann und Pidermann zu Peter, Glauser, Klauser und Kläusler zu Klaus (aus Nikolaus) oder T(h)ommer zu Thomas. Nicht in jedem Fall ist die Ableitungsbasis klar: So kann bei Bürkler eine Koseform auf -l wie Bürkli sekundär mit -er abgeleitet worden sein oder eine Kurzform Burk-, Bürki wurde mit der Suffixvariante -ler erweitert. Feliser und Styner können sowohl Patronym wie auch Metronym sein. Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass sich beide Namentypen über das Mittelland sowie die Zentralschweiz erstrecken. Die Type- und Tokenzahl der beiden Gruppen verhält sich 1: 2. Patronyme mit dem Suffix -mann erreichen in der Datenschicht «vor 1800» in den folgenden vier Kantonen über 10 Tokens: Bern (32 Tokens), Luzern (18 Tokens), Zürich (17 Tokens) sowie Aargau (11 Tokens), wobei hier die Ergebnisse teils durch die Grösse der Kantone beeinf lusst werden. Die relative Flächenkartierung lässt für diese Namengruppe keinen Bezirk speziell hervortreten. Bei den Ableitungen auf -er, -ler, -ner erreicht ebenfalls der Kanton Bern mit 57 Belegorten die höchsten absoluten Werte (21,92 %), gefolgt von St. Gallen mit 41 Tokens (15,77 %). Wenn man die relativen Häufigkeiten betrachtet, ändert sich dieses Bild und die Kantone Zug (5,19 %, 11 Tokens), Obwalden (3,65 %, 5 Tokens) und Appenzell Ausserrhoden (3,52 %, 21 Tokens) führen die Rangliste an. Ohne verdichtetes Vorkommen zeigen sich das westliche Berner Oberland, das Oberwallis und Graubünden. Vereinzelt finden sich adaptierte Namenformen wie Pétermann in der Romandie (Reconvilier BE, Agiez VD, Courgenay JU). 7 Karte 196: Patronyme und Metronyme auf -mann und -er, -ler, -ner, vor 1800 7 Vgl. Artikel I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». 2.9 Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner 419 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="420"?> Zweite Karte {197}: Patronyme auf -mann kontrastiv Namenauswahl: Ausgewählt wurden suffigierte Patronyme auf -mann, die eine Teilmenge der Namen aus der ersten Karte darstellen, sowie Patronyme zu germanischen Ruf N mit -mann als Zweitglied eines Kompositums. Die Karte dokumentiert das Vorkommen dieser beiden mann-Typen in der Schicht «vor 1800» kontrastiv. Ziel der Karte ist es, die Verbreitungsräume der beiden Typen abzugleichen. Abgefragte Namen Typ -mann (Komposita): Hartmann, Hermann, Herrmann, Trutmann, Truttmann, Willimann, Willmann. 7 Types, 123 Tokens. Typ -mann (Derivate): Ballmann, Bätschmann, Bertschmann, Betschmann, Blasimann, Bussmann, Christmann, Dillmann, Engelmann, Enzmann, Friedmann, Gallmann, Getzmann, Gillmann, Goetschmann, Götschmann, Haizmann, Hämmann, Hanimann, Hanselmann, Hansemann, Hansmann, Häuselmann, Heimann, Heinimann, Heinzelmann, Heinzmann, Heizmann, Hemmann, Hennemann, Henzmann, Heymann, Hiltmann, Houlmann, Hulmann, Hüselmann, Järmann, Jeckelmann, Jekelmann, Jermann, Jörimann, Pedermann, Petermann, Pétermann, Pidermann, Ritzmann, Rüdemann, Rutschmann, Siegmann, Tillmann, Uhlmann, Ullmann, Ulmann, Wullimann. 54 Types, 130 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-75, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 205: Daten zur zweiten Karte {197} Detailangaben zur Namenauswahl: Für Detailangaben vgl. die Ausführungen bei der ersten Karte. Von den 61 kartierten Types gehören Hartmann, Hermann, Herrmann, Trutmann, Truttmann, Willimann und Willmann zum eingangs erwähnten älteren Bildungstyp, also der dithematischen Bildung von Ruf N (Förstemann 1900: 1088-1089). 54 Types und damit der weitaus grössere Teil sind jedoch dem jüngeren Typus mit mann-Suffix zuzurechnen (vgl. erste Karte). Ausgeschlossen wurde der FamN Gartmann, der im RNB 3 (1986: 170) zwar als «Sohn der Frau Garta» interpretiert, aber von Berchtold/ Graf (i. V.) in der Hauptbedeutung als Berufs- oder WohnstättenN (für einen Gärtner oder für jemanden, der bei einem Garten wohnte) erklärt wird (Köbler 2014: s. v. gartenman). Germann wurde ebenfalls ausgeschlossen, da ein germanischer Ruf N German (ahd. gēr ‘Speer’ und man ‘Mann’), aber auch lat. germanus ‘leiblicher Bruder’ (RNB 3 1986: 379) vorliegen kann. Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass ältere mann-Patronyme in drei Gebieten gehäuft auftreten: Im Kanton Graubünden kommen 24, im Kanton Luzern 18 und im Kanton St. Gallen 17 Ortspunkte vor; auch die Kantone Bern mit 15 und Aargau mit 12 Tokens treten in Erscheinung. Diese Räume gehen teilweise auf EinzelN zurück: Während Herrmann als bernisch (9 Tokens) und Willimann als luzer- Karte 197: Patronyme auf -mann kontrastiv, vor 1800 420 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="421"?> nisch (9 Tokens) anzusehen sind, kann Hartmann v. a. als bündnerisch (16 Tokens), sankt-gallisch (10 Tokens) und aargauisch (9 Tokens) eingestuft werden. Spezifisch tritt Hartmann im Raum Landquart/ Prättigau (GR) gebietsbildend auf, daneben auch kleinräumig im Toggenburg (SG) und im Raum Wildegg/ Schinznach (AG). Mit Häuselmann und Uhlmann clustern im bernischen Gebiet auch Namen des jüngeren Bildungstyps; in Zürich sind es Gallmann im südwestlichen Kantonsgebiet (Knonauer Amt) und Rutschmann im nördlichen Bezirk Bülach. Tendenziell zeigt sich bei FamN mit mann- Suffix eine Verdichtung im Mittelland: Die Kantone mit jeweils über 10 Tokens wurden bereits bei der ersten Karte erwähnt. Hingegen haben sich in den (vor-)alpinen Regionen wie dem Berner Oberland (BE), der Zentralschweiz oder dem Oberwallis keine arealen Schwerpunkte ausgebildet. In diesem Sample ist die Type-Token-Relation auffallend: In der älteren Schicht der mann-Patronyme entfallen auf 7 Types 123 Ortspunkte, in der jüngeren Schicht entfallen auf 54 Types fast genauso viele Ortspunkte, nämlich 130. Diese Relation in der älteren Schicht liegt v. a. an den hochfrequenten EinzelN Hartmann (58 Tokens), Hermann (28 Tokens), Herrmann (18 Tokens) und Willimann (12 Tokens), die zusammen 116 Tokens ausmachen. Die Frage, ob die Verbreitungsräume der beiden Typen identisch sind, kann folgendermassen beantwortet werden: Es zeigen sich kaum Gebiete und kaum Ortspunkte, in denen beide Muster zusammen auftreten. Wie oben beschrieben, clustern wenn überhaupt EinzelN des älteren oder des jüngeren Typs, dies aber über das gesamte Mittelland verteilt. Dritte Karte {198}: Patronymisches -er, -ler, -ner Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN, die sich dem Benennungsmotiv der Patronyme zuordnen lassen und mit den Suffixen -er, -ler, -ner abgeleitet sind. Die vorliegende Karte bildet somit eine Teilmenge der ersten Karte ab, wobei hier jedoch eine kontrastive Darstellung gewählt wurde. Die Karte dokumentiert das Vorkommen dieser FamN in der Schicht «vor 1800». Abgefragte Namen Patronyme auf -er: Antener, Bauler, Bercher, Bolleter, Christeler, Christeller, Christener, Christiner, Ditscher, Dönier, Epper, Gallusser, Glauser, Grätzer, Gräzer, Grossglauser, Häner, Hänger, Hanser, Heinzer, Henggeler, Jacober, Jakober, Janner, Janser, Jetzer, Jörger, Klauser, Luder, Mathier, Mathyer, Menner, Niggeler, Peterer, Rutzer, Seliner, Signer, Thommer, Tommer, Uhler, Wolfer. 41 Types, 116 Tokens. Patronyme auf -ler: Bäbler, Dietler, Disler, Dissler, Enzler, Fittler, Hongler, Huggler, Jezler, Jösler, Kläusler, Kölbener, Künzler, Mendler, Wetzler. 15 Types, 44 Tokens. Patronyme auf -ner: Hugener, Willener, Williner, Wirthner. 8 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 206: Daten zur dritten Karte {198} Karte 198: Patronyme auf -er, -ler und -ner kontrastiv, vor 1800 2.9 Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner 421 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="422"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Für Detailangaben vgl. die Ausführungen bei der ersten Karte. Ausgeschlossen wurden die FamN Feliser und Styner, da nicht entschieden werden kann, ob ihnen ein weiblicher Ruf N (Felicia, Christine) oder ein männlicher (Felix, Augustin) zugrunde liegt. Nicht berücksichtigt wurde zudem Bürkler, da die Ableitungsbasis nicht klar ist: Entweder liegt eine Koseform auf -l wie Bürkli vor, die sekundär mit -er abgeleitet wurde, oder Burkresp. Bürki wurde mit der Suffixvariante -ler erweitert. Bei Christeler liegt wohl der männliche Ruf N Christel vor (Id. 3 1881 ff.: Sp. 868), daher wurde er den Patronymen auf -er zugeordnet. Kommentar: Auf der dritten Karte wird deutlich, dass patronymische Suffigierungen vornehmlich mit dem Suffix -er gebildet werden. Dies zeigt sich auch an der Type- und Tokenfrequenz der kartierten Namen. 68,33 % gehören zum er-Typ, 25 % entfallen auf -ler und nur 6,67 % auf -ner. Die er-Bildungen verdichten sich einerseits im Westen der Deutschschweiz, im Kanton Bern (27 Tokens) und nördlich anschliessend in den Kantonen Solothurn (6 Tokens) und Basel-Landschaft (6 Tokens), andererseits in der Nordostschweiz in den Kantonen St. Gallen (19 Tokens), Appenzell Ausserrhoden (7 Tokens) und Appenzell Innerrhoden (2 Tokens). In der Zentralschweiz hat v. a. der Kanton Schwyz mit 11 Tokens Anteil an diesem Bildungstyp. Die restliche Zentralschweiz und weitere (vor-)alpine Regionen wie das Berner Oberland oder das Oberwallis sind weniger stark vertreten. Eine Ausnahme bildet der FamN Huggeler, der ein Cluster im Berner Oberland zwischen Unterseen und Schattenhalb am Ufer des Brienzersees bildet. Ähnlich clustert Künzler an 7 Ortspunkten in der nordöstlichen Schweiz zwischen Speicher (AR) und Rheineck (SG). Die vier ner-Types treten lediglich punktuell auf (VS, BE, ZG, AR). Vierte Karte {199}: Metronymisches -er, -ler, -ner Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN, die sich dem Benennungsmotiv der Metronyme zuordnen lassen und mit den Suffixen -er, -ler, -ner abgeleitet sind. Die vorliegende Karte bildet somit eine Teilmenge der ersten Karte ab, wobei hier jedoch eine kontrastive Darstellung gewählt wurde. Die Karte dokumentiert das Vorkommen dieser FamN in der Schicht «vor 1800». Abgefragte Namen Metronyme auf -er: Aggeler, Agner, Anner, Baehler, Bähler, Beeler, Dillier, Eller, Elser, Elsinger, Frehner, Frener, Geeser, Geser, Greder, Greter, Grether, Kathriner, Ketterer, Neeser, Tanniger, Triner, Urscheler. 23 Types, 73 Tokens. Metronyme auf -ler: Anneler, Bridler, Gretler, Jutzeler, Trindler, Tryndler. 6 Types, 17 Tokens. Metronyme auf -ner: Elsener, Gretener. 8 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Karte 199: Metronyme auf -er, -ler und -ner kontrastiv, vor 1800 422 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="423"?> Flächen 20-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 207: Daten zur vierten Karte {199} Detailangaben zur Namenauswahl: Für Detailangaben vgl. die Ausführungen bei der ersten Karte. Den FamN liegen folgende weibliche Ruf N zugrunde: Aggeler zu Agathe; Agner und Neeser zu Agnes; Anner, Anneler und Tanniger zu Anna; Baehler, Bähler und Beeler zu Bela; Bridler zu Brigitte; Dillier zu Ottilia; Eller, Elser und Elsinger zu Elisabeth; Frehner und Frener zu Verena; Geeser und Geser zu Gesa; Greder, Greter, Grether und Gretler zu Margarethe; Jutzeler zu Judith; Kathriner, Ketterer, Triner, Trindler und Tryndler zu Katharina sowie Urscheler zu Urschel, Ursula. Da hier die Variation zwischen -er, -ler und -ner interessiert, werden doppelt suffigierte Namen wie Tanniger (mit den Suffixen -i(n)g und -er) nicht separat ausgewiesen; 8 Elsinger ist gemäss Belegen Elsiner, Elsinerin (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 58) sekundär an ing(er) -Namen angeglichen worden. Ausgeschlossen wurden die FamN Feliser und Styner, da nicht entschieden werden kann, ob ihnen ein weiblicher Ruf N (Felicia, Christine) oder ein männlicher (Felix, Augustin) zugrunde liegt. Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass es hier zu Gebietsbildungen kommt, die mehrheitlich nicht im Mittelland liegen: Im Kanton Bern (Thun und Niedersimmental) formiert sich ein er/ ler-Mischgebiet, das durch die Namen Anneler und Bähler / Baehler konstituiert wird. Die Zentralschweiz weist ebenfalls einen hohen Anteil an Metronymen dieses Bildungstyps auf. Zwischen Luzern und Schwyz tritt ein er- Raum in Erscheinung, in dem 16 der 73 er-Tokens vorkommen. Die beiden ner-Namen konzentrieren sich nördlich daran anschliessend im Kanton Zug. Als weiterer er-Raum tritt der Nordosten mit den Kantonen St. Gallen und beiden Appenzell auf. Diese Kantone vereinen 20 Tokens auf sich. Frehner kann dabei als typisch appenzellisch (AI und AR) eingestuft werden, da hier alle acht Belegorte dicht beieinander liegen. Daneben finden sich vereinzelte er- und ler-Namen vom Aargau über Zürich bis nach Graubünden. Fünfte Karte {200}: Patronymisches -er, -ler, -ner an anderen Basen als Rufnamen Namenauswahl: Ausgewählt wurden FamN wie Bruderer, Freuler oder Wirthner, die mit den patronymischen Suffixen -er, -ler, -ner erweitert wurden, deren Basen aber keine Ruf N sind. Die Karte dokumentiert das Vorkommen dieser FamN in der Schicht «vor 1800». Karte 200: Patronymisches -er, -ler, -ner an anderen Basen als RufN, vor 1800 8 Der FamN Tanniger zeigt zudem Artikelproklise, vgl. die Ausführungen im Artikel II-3.1 «Artikelproklise». 2.9 Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner 423 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="424"?> Abgefragte Namen Patronymisches -er, -ler, -ner an anderen Basen als RufN, vor 1800: Bingesser, Bingisser, Bruderer, Freuler, Kölbener, Laderer, Natterer, Pfisterer, Roderer, Schilliger, Wirthner. 11 Types, 25 Tokens. Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 208: Daten zur fünften Karte {200} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Namenauswahl umfasst BerufsN (Laderer zu Lader ‘derjenige, der Güter auf- und ablädt’, Natterer zu Nater ‘Schneider’, Pfisterer zu Pfister ‘Bäcker’, Wirthner zu Wirth ‘Wirt’), ÜberN (Bingesser/ Bingisser zu schwzdt. Binggis ‘Knirps’, Bruderer zu Bruder ‘Bruder, Geistlicher in einem Kloster’, Freuler zu mhd. frouwe ‘Herrin, Gebieterin’, Kölbener zu mhd. kolbe ‘Kolben, Keule, Knüppel’, Schilliger zu Schillig ‘Schillingmünze’) sowie den Namen Roderer mit grundsätzlich uneindeutiger Motivzuordnung, der aber dem Phänomen zuzuordnen ist (zu Roder, der sich entweder als BerufsN zu Rod ‘Rhode, Korporation, Genossenschaft’ oder als WohnstättenN zu einem darauf basierenden Toponym stellt). Die BerufsN sind teilweise bereits mit dem homonymen er-Agenssuffix abgeleitet, wodurch eine Dopplung des -er entsteht. Anzumerken bleibt, dass bei Pfisterer formal auch ein Nomen agentis zum Verb schwzdt. pfistere(n) ‘backen’ denkbar ist (Id. 5 1881 ff.: Sp. 1198); der Name wurde dennoch hier aufgenommen. Unberücksichtigt bleiben hingegen die FamN Kalberer und Rinderer, da hier wohl ein Nomen agentis auf -er zur Pluralform mhd. kalber resp. mhd. rinder für einen Kälberbzw. Rinderhirten vorliegt, sowie Lewerer, der auf einem Toponym Läberen basiert, das mit dem Bewohnersuffix -er erweitert wurde. Kommentar: Die fünfte Karte zeigt, dass es hier v. a. in Appenzell Ausserrhoden sowie in den angrenzenden Kantonen St. Gallen und Appenzell Innerrhoden zu einer Gebietsbildung kommt, die dem FamN Bruderer zuzuschreiben ist. In diesem Raum sind zudem Bingesser, Kölbener, Laderer und Roderer zu verorten. Der FamN Freuler tritt neben Basel (BS) und Schaffhausen (SH) vermehrt im Kanton Glarus (3 Tokens) auf. Die restlichen Vorkommen betreffen einzelne Ortspunkte: südliches Wirthner (Blitzingen VS), zentralschweizerisches Schilliger (Mauensee LU, Weggis LU), nördliches Natterer (Kaiseraugst AG) sowie westliches Pfisterer (Cornaux NE). Ergebnisse Die ersten vier Karten zeigen eine Konzentration von Patronymen zu alten dithematischen Ruf N mit -mann als Zweitglied, mit dem Suffix -mann sowie mit der Suffixgruppe -er, -ler, -ner im Mittelland und in Teilen Graubündens. Auffallend viele Tokens entfallen dabei auf wenige FamN zu Ruf N, die dem älteren, dithematischen Bildungstyp zuzuordnen sind. Hervorzuheben ist Hartmann als häufigster Typ; er tritt v. a. in Graubünden gebietsbildend auf und gehört zu jenen Namen, die seit dem Hochmittelalter vergeben wurden. Er ist Zeugnis einer frühen Namenmode, welche die Vergabe von Namen deutscher Könige und Kaiser oder von schwäbischen Herzögen im romanischen Sprachgebiet ref lektiert (RNB 3 1986: 27; Graf/ Berchtold 2011: 324). Gemäss RNB 3 (1986: 183) war Hartmann in Graubünden ein beliebter Ruf N. Die Frage, ob der alte Bildungstyp mit -mann die Folie für den neuen lieferte (zweite Karte), kann verneint werden, denn die FamN zeigen kaum überlappende Verbreitung. Somit scheint sich der jüngere Bildungstyp mit dem Suffix -mann unabhängig vom Vorkommen der alten Patronyme entwickelt zu haben. Unter den suffigierten Namen nehmen Patronyme auf -er, -ler, -ner einen grösseren Verbreitungsraum ein: Während das Hauptverbreitungsgebiet der mann-Suffigierungen nördlich einer Linie von Thun (BE) über Sarnen (OW) nach Flumserberg (SG) liegt, reicht der er-Typ tendenziell noch weiter in den alpinen Bereich hinein, mit Häufungen in der Zentralschweiz sowie im Berner Oberland um den Brienzersee und im Niedersimmental. Ein Vergleich der Type- und Tokenfrequenzen der drei Formvarianten bei Patronymen und Metronymen zeigt, dass die Sekundärsuffixe gegenüber -er mit 27 Types vs. 64 Types in den Hintergrund treten. Zwischen diesen beiden erweiterten Suffixen kann wiederum ein deutlicher Frequenzunterschied ausgemacht werden: 21 ler-Types stehen 6 ner-Types gegenüber. Sofern also patronymische oder metronymische Zugehörigkeit bei FamN zu Ruf N ausgedrückt wurde, wurde die Basis am häufigsten mit einfachem -er suffigiert. Diesem Bildungsmuster folgt -mann, danach -ler und mit vergleichsweise wenigen Types -ner. Gemäss den beiden Hauptkarten für diese Phänomene im DFA 3 (2012: 210, 226) schliessen sowohl der patronymische mann-Raum als auch der er/ ler / ner-Raum der Schweiz an das nördlich angrenzende Verbreitungsgebiet in Baden-Württemberg an. Für den er-Typ formiert sich somit der bereits von Bach (1952: 153) postulierte westoberdeutsche Namenraum. Aus den Daten zur dritten und vierten Karte ist noch ein weiteres Ergebnis ersichtlich: In der etymologischen Datenbank sind 1'532 FamN als deutschsprachige Patronyme und nur 77 FamN als deutschsprachige Metronyme kategorisiert (Stand 19.04.2024). Bei den Metronymen machen die 31 Types, die mit -er, -ler, -ner suffigiert sind, also fast die Hälfte aller Metronyme der Schicht «vor 1800» aus. Bei den Patronymen hingegen besteht bei der Bildungsweise offenbar grössere Varianz; mit total 60 von 1'532 Namen scheint -er, -ler, -ner weniger produktiv gewesen zu sein. Die fünfte Karte weist das Phänomen von patronymischem -er an anderen Basen als Ruf N sowohl in Bezug auf Types als auch auf Tokens als niederfrequent aus. In anderen Benennungsmotiven scheint sich also keine stärkere Produktivität ausgebildet zu haben. Es wäre zu untersuchen, ob der Ausgang einer Basis auf -er eine erneute Ableitung mit homonymem -er blockierte. Abschliessend sei noch ein Vergleich zu den Raumbildern von Wohnstätten- und HerkunftsN sowie BerufsN auf -er, -ler, -ner ergänzt: 9 Geographisch kommt es für patronymisches -er zu einem ähnlichen Verteilungsbild, denn sowohl Wohnstätten- und HerkunftsN als auch BerufsN auf -er treten in der Schicht «vor 1800» im gesamten Deutschschweizer Sprachraum auf. Bei den Sekundärsuffixen -ler und -ner zeigt sich über die fünf Benennungsmotive hinweg, dass sie niederfrequent sind. Während sie aber bei WohnstättenN, HerkunftsN und BerufsN auf das (nördliche) Mittelland beschränkt sind, treten sie im vorliegenden Sample v. a. bei den Metronymen im daran anschliessenden (Vor-)Alpenraum auf. 9 Vgl. die Artikel II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen» und II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen». 424 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="425"?> Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): bei den mann-Komposita Hartmann (4'897 Tokens), Herrmann (2'462 Tokens) und Hermann (2'093 Tokens); bei den mann-Derivaten Hanselmann (1'107 Tokens), Uhlmann (943 Tokens) und Ulmann (875 Tokens) und bei den Ableitungen mit patronymisch-metronymischem -er, -ler, -ner Glauser (2'994 Tokens), Signer (2'226 Tokens) und Künzler (1'756 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Das Vorkommen der Suffixe wird im DFA 3 (2012: 210-243) in den Abschnitten «Patronymisches Suffix -mann» auf den Karten 100-107 und «Patro- und metronymisches Suffix -er» auf den Karten 108-114 dargestellt. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Bach, Adolf (1952): Deutsche Namenkunde. Bd. I, 1: Die deutschen Personennamen. Einleitung. Zur Laut- und Formenlehre, Wortfügung, -bildung und -bedeutung der deutschen Personennamen. 2., stark erweiterte Auf lage. Heidelberg: Winter. Bauer, Gerhard (1985): Namenkunde des Deutschen (Germanistische Lehrbuchsammlung 21). Bern, Frankfurt a. M., New York: Lang. Berchtold, Simone (2019): Auf der Suche nach der Regionalspezifik. Familiennamen mit -mann in der Deutschschweiz. Namenkundliche Informationen 111, 13-71. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. DFD = Griebel, Julia (2025a): Grethmann. Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). http: / / www.namenforschung.net/ id/ name/ 175405/ 1 (letzter Zugriff 03.03.2025). DFD = Griebel, Julia (2025b): Nesemann. Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). http: / / www.namenforschung.net/ id/ name/ 23286/ 1 (letzter Zugriff 03.03.2025). DFD = Heuser, Rita (2025): Kettermann. Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). http: / / www.namenforschung.net/ id/ name/ 24162/ 1 (letzter Zugriff 03.03.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 19.04.2024). Fleischer, Wolfgang (1964): Die deutschen Personennamen. Geschichte, Bildung und Bedeutung (Wissenschaftliche Taschenbücher 20). Berlin: Akademie. Förstemann, Ernst (1900): Altdeutsches Namenbuch. Bd. 1: Personennamen. 2., völlig umgearbeitete Auf lage. Bonn: Hanstein. Graf, Martin H./ Berchtold, Simone (2011): Interferenz-, Kontakt- und Integrationsphänomene im Onomastikon von Graubünden. Eine Übersicht. Archivio per l’Alto Adige. Rivista di Studi Alpini 104-105, 303-342. Henzen, Walter (1965): Deutsche Wortbildung (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. B: Ergänzungsreihe 5). 3., durchgesehene und ergänzte Auf lage. Tübingen: Niemeyer. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Köbler, Gerhard (2014): Mittelhochdeutsches Wörterbuch (online). 3. Auflage. https: / / www.koeblergerhard.de/ mhdwbhin.html (letzter Zugriff 19.04.2024). Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2005): Duden - Familiennamen. Herkunft und Bedeutung. 2., völlig neu bearbeitete Auf lage. Mannheim et al.: Dudenverlag. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2016): Duden - Das große Vornamenlexikon. 5., vollständig überarbeitete Auf lage. Berlin: Dudenverlag. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Schobinger, Viktor/ Egli, Alfred/ Kläui, Hans (1994): Zürcher Familiennamen. Entstehung, Verbreitung und Bedeutung der Namen alteingesessener Zürcher Familien. Zürich: Zürcher Kantonalbank. Simone Berchtold 2.9 Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner 425 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="426"?> 2.10 Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen Schlagwörter: Chronologie, Derivat, Reanalyse, Suffix, Suffixerweiterung Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Artikel werden Wohnstätten- und HerkunftsN dokumentiert, die mit -er, -ler oder -ner von Toponymen resp. ortsbezeichnenden Appellativa abgeleitet sind. Der Gegenstand interessiert insofern, als das Oberdeutsche im Vergleich zum restlichen deutschen Sprachraum eine höhere Affinität zu FamN auf -er (-ler, -ner) aufweist (Fleischer 1964: 174; Kohlheim/ Kohlheim 2005: 50; Nübling/ Kunze 2023: 320, 326). Aus Derivaten auf -er entstanden durch Reanalyse und Verschiebung der Morphemgrenze die zwei Suffixvarianten -ler und -ner, die sich diachron zu eigenständigen Suffixen entwickelt haben und zu einem gewissen Grad mit -er im Wechsel auftreten (Gubler 1920: 48-49, 62-63; Müller/ Olsen 2022: 648, 650). Daher ist mit Blick auf den Deutschschweizer Familiennamenbestand nicht nur die Verbreitung von suffigiertem -er, sondern auch von dessen Varianten -ler und -ner von Interesse. Hintergrund: In der deutschen Wortbildung zählt polyfunktionales -er heute zu den produktivsten Derivationssuffixen (Henzen 1965: 158-164; Gottschald 2006: 49; Fleischer/ Barz 2012: 201; Nübling et al. 2017: 106-107) und auch bei der Bildung von FamN ist es als eines der «häufigsten Elemente» für alle fünf Benennungsmotive belegt (KSDS 2019: 327; s. auch Bach 1952: 153-157). Bei BerufsN (z. B. Fischer, Kohler) und ÜberN (z. B. Hoppler, Kräher) dient -er der Bezeichnung einer Person, die eine bestimmte (beruf liche) Tätigkeit vollzieht, während es bei Patronymen und Metronymen (z. B. Christener, Greter) sowie bei WohnstättenN (z. B. Egger, Tobler) und HerkunftsN (z. B. Dübendorfer, Zeller) Zugehörigkeit im allgemeinen Sinn ausdrückt (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 226; Fleischer/ Barz 2012: 201-207). 1 Gemäss Bach (1952: 177) und Nübling/ Kunze (2023: 23) können Ableitungen auf -er als charakteristisch für den oberdeutschen Familiennamenbestand gewertet werden. Die Häufigkeit und Vielfältigkeit der FamN auf -er erklärt sich einerseits durch den Zusammenfall von lat. -ārius ‘zu X gehörig’ und germ. *wariōs ‘Bewohner, Leute’ resp. germ. *-warja zu ahd. -āri, -ari (mhd. -ære, -er) und andererseits durch die sukzessive, erhebliche Ausdehnung des Geltungsbereichs von -er (Bach 1952: 157-158; Erben 2000: 141-146; DFA 3 2012: 287; Müller/ Olsen 2022: 647). 2 Berchtold Schiestl et al. (2020: 457) nennen für die «dominante Stellung» der er-Ableitung im Deutschschweizer Onomastikon noch einen weiteren Faktor: «Dass das Suffix im Schweizer Sprachraum eine viel höhere Durchdringung erreicht als im mittel- und norddeutschen Sprachraum […], hängt sehr wahrscheinlich mit der partiell romanischen Genese des Suffixes und der romanischgermanischen Kontaktsituation im Schweizer Sprachraum zusammen». Damit lässt sich vermutlich auch das relativ frühe Produktivwerden dieses Bildungstyps in der Deutschschweiz erklären, belegen doch historische Quellen das Auftreten von er-Ableitungen für die Benennung von Personen nach ihrer Wohnstätte oder ihrer Herkunft bereits seit Ende des 12. Jh. (Typ Hugo der Gasser und Typ Albrecht der Baseler mit späterem Wegfall des Artikels; Bach 1953: 99-101; Fleischer 1964: 113; Baumgartner 1983: 96; Kunze 2004: 68, 87; DFA 3 2012: 287). 3 Im weiteren Verlauf der Sprachgeschichte zeigen sich bei Deutschschweizer Wohnstätten- und HerkunftsN eine frequenzielle Zunahme und eine räumliche Ausbreitung dieses Bildungsmusters zuungunsten von älteren PräpositionsN (Saladin 1929: 130; Berchtold 2011: 88-89; DFA 3 2012: 668). 4 Bspw. belegt Surläuly (1927: 64, 80) gestützt auf Badener Quellen die FamN Basler, Baseler neben von Basel sowie Brunner neben zem Brunnen. Auch in den an die Schweiz angrenzenden Teilen Deutschlands setzt sich nach Nübling/ Kunze (2023: 23) «ab etwa 1400 der Typ Peter Würzburger ohne Artikel» gegenüber anderen Verfahren durch (s. auch Kunze 2004: 87). Neben Wohnstätten- und HerkunftsN auf -er sind in weitaus geringerer Zahl auch Ableitungen mit den Suffixvarianten -ler und -ner belegt, die «gelegentlich» für die Familiennamenbildung verwendet werden (Fleischer 1964: 108; s. auch Nübling/ Kunze 2023: 23), bspw. Eichler zu mhd. eich(e) ‘Eiche’ (DFD 2025: s. v. Eichler) oder Portner zu schwzdt. Bort, Port ‘begrenzender Rand, Böschung, Uferrand, Saum’. Wie eingangs erwähnt, liegt der Ursprung dieser beiden Sekundärsuffixe (Begriff nach Henzen 1965: 114) in er-Ableitungen von Basen, die auf -l resp. -n auslauten (Bach 1952: 152). Durch Verschiebung der Morphemgrenze zwischen Basis und Suffix im Zuge einer Reanalyse durch die Sprachbenutzer: innen wurde -er zu -ler oder -ner erweitert, wie bei mhd. sattel |er → satt(e) |ler, mhd. wagen |er → wag(e) |ner (mit oder ohne synkopierten Vokal; Kohlheim/ Kohlheim 2005: 457; Fleischer/ Barz 2012: 207-208). 5 Beide Suffixvarianten haben teilweise eine eigenständige Produktivität erreicht, indem sie analogisch auf weitere FamN übertragen worden sind (Bach 1952: 152-153; Kohlheim/ Kohlheim 2005: 424), sodass sich 1 Vgl. die Artikel II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen», II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen» und II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». Zu lautlichen und partiell substituierenden Veränderungen bei Ableitungen auf -er s. Gubler (1920: 37) und Naumann (2007: 21). 2 Zur Länge des Vokals im Suffix -āri, -ari sowie zu dessen geographischem Auftreten im hochdeutschen Sprachraum s. Braune/ Heidermanns (2023: 265). 3 Für weitere Bildungstypen von Wohnstätten- und HerkunftsN sowie deren Chronologie vgl. die Artikel II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen» sowie die Artikel im Kapitel II-3 «Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel». 4 Selten bleibt die Präposition auch bei Suffigierung mit -er noch bewahrt (Fleischer 1964: 113), wie z. B. im WohnstättenN Anderauer (neben Anderau). 5 Vgl. Artikel I-1.16 «Synkope». 426 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="427"?> mitunter Dubletten oder sogar Tripletten identifizieren lassen: Bspw. bezeugen Berner Urbaren des 16. Jh. das Namenpaar Gasser - Gassner in der Gemeinde Wimmis; in Boltigen und damit in unmittelbarer Nähe ist zudem Gassler dokumentiert (Ramseyer unveröffentlicht). Historische Quellen aus dem Sensebezirk (FR) weisen den Typ Brügger / Brugger neben dem Typ Brüggler/ Bruggler nach (Hayoz 2022: s. v. Brügger) 6 und Tobler-Meyer (1894: 130-133) führt für die Nordostschweiz u. a. die Dubletten Bircher - Birchler sowie Linder - Lindner an. Ob es sich bei einem bestimmten FamN morphologisch um eine Ableitung auf -er oder ein Derivat auf -ler, -ner handelt, ist häufig nicht klar zu entscheiden (Müller/ Olsen 2022: 650), da u. a. folgende Aspekte zu bedenken sind: • Bereits das namengebende Toponym kann mit -er suffigiert sein, wie bspw. die FlurN Bächler und Hasler neben den FlurN Bächle / Bächli, Bach und Hasle / Hasli (Id. 2 1881 ff.: Sp. 1677; Id. 4 1881 ff.: Sp. 956; Gubler 1920: 53; Bach 1952: 156). Folglich ergeben sich teilweise mehrere potenzielle Bildungsmuster: a. FamN Hasler ← Toponym Hasle / Hasli + -er, b. FamN Hasler ← Toponym Hasler + -Ø (Bach 1952: 156). • Zweitens ist zu erwägen, ob es sich bei einem vermeintlichen FamN auf -ler nicht eher um eine er-Ableitung zu einem mit -l diminuierten Toponym oder ortsbezeichnenden Appellativ handelt (Gubler 1920: 48-49; Bach 1952: 153; Kunze 2004: 71). Bspw. halten Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Baumeler) für den FamN Baumeler fest, dass sowohl ein Derivat mit «ungewöhnlichem ler-Suffix» zum Hof N Baumen (in Schüpfheim LU) als auch eine «einfache er- Ableitung» zu Baumeli, Baumili denkbar sei. Entsprechend kommen z. B. für den FamN Bächler grundsätzlich drei morphologische Strukturen infrage: a. diminutivisches Bächli + -er, b. Bach + -ler mit Umlaut und c. Bächler + -Ø. • Auch vermeintliches -ner lässt teilweise unterschiedliche Segmentierungen zu. So merkt die Literatur an, der Nasal sei z. T. als Flexionsendung eines FamN im obliquen Kasus (konkret Dativ Singular oder Plural) zu erklären (Gubler 1920: 62; Bach 1952: 153; Henzen 1965: 160). Gemäss DFA 3 (2012: 293) ist z. B. bei WohnstättenN zu mhd. brücke, brucke, brügge zu beachten, dass die «FamN auf -ner […] einerseits mit -er-Suffix auf Toponyme wie an der / den Brücken zurückgehen [können], anderseits mit Suffix -ner auf Brücke». Weiter wäre zu überlegen, inwiefern die im Schweizerdeutschen übliche n-Apokope bei der Zuordnung von FamN als er- oder ner-Derivate zu berücksichtigen ist (Kully 2009: 373). 7 • Während über die relative Chronologie von -er, -ler und -ner in der Literatur grundsätzlich Konsens herrscht (s. o.), finden sich zur absoluten Chronologie der beiden Sekundärsuffixe und zu ihrem Produktivwerden nur wenige Angaben. Im EWA I (1978 ff.: Sp. 326) ist bspw. nur angemerkt, dass «die Konglutinate -nâri und -lâri, wie in ahd. gartinâri neben gartâri ‘Gärtner’ oder mhd. velschelære neben velschære ‘Verleumder’ [...] erst recht in mhd. und nhd. Zeit an Produktivität [gewinnen]». 8 Dies erschwert eine verlässliche Segmentierung der historischen Wohnstätten- und HerkunftsN. Alles in allem lässt sich daher ohne historische Sondierung oft nicht eindeutig festmachen, welches Bildungsmuster vorliegt. Insgesamt kann die nachfolgende Einteilung der FamN als Derivate auf -ler resp. -ner gegenüber Formen auf -er nur approximativ und nicht abschliessend erfolgen. Generell ist bei der Kategorisierung von Wohnstätten- und HerkunftsN als Ableitungen auf -ler, -ner eher grosszügig vorgegangen worden, wobei stets die oben genannten Einschränkungen zu bedenken sind. Fragestellungen: Der vorliegende Artikel geht den Fragen nach, welche Wohnstätten- und HerkunftsN mit -er abgeleitet sind und ob sich dabei Raumstrukturen zeigen. Ausserdem sollen die Frequenz und die areale Verbreitung der Sekundärsuffixe -ler, -ner im Vergleich zu -er untersucht werden. Daher bietet die erste Karte einen Gesamtüberblick über die Deutschschweizer Wohnstätten- und HerkunftsN auf -er, während die zweite Karte die ler-Formen und die dritte Karte die Ableitungen auf -ner in den Fokus rücken. Schliesslich widmet sich die vierte Karte ausgewählten Dubletten und Tripletten, die das Nebeneinander der drei Bildungsmuster -er, -ler, -ner in der Schicht «vor 1800» zeigen. 6 Vgl. Artikel I-1.3 «Fehlende und durchgeführte Umlautung». 7 Vgl. Artikel I-2.1 «Nasalschwund». 8 In der Schicht «vor 1800» sind keine Wohnstätten- und HerkunftsN auf -garter, -gärter enthalten; historische Belege finden sich jedoch bspw. bei Fähndrich (2000: 78), der für Zug Formen wie Petter Bǒmgartter, Stephan Bǒngarter und Hans Bomgarter bezeugt. Diese Formen beruhen auf ahd. gartāri, das sich von stark f lektierendem ahd. gart ableitet (EtymWB 1993: s. v. Garten; Paul et al. 2007: 73). Im vorliegenden Artikel werden auch FamN mit dem Zweitglied -gartner, -gärtner als er-Suffigierungen aufgefasst - und zwar zu schwach f lektierendem ahd. garto, in dessen Paradigma auslautendes -n insofern angelegt ist, als ahd. garto, mhd. garte in den obliquen Kasus n-haltig ist (Braune/ Heidermanns 2023: 289-294) und ab dem 15. Jh. auslautendes -n in den Nominativ übernimmt (EtymWB 1993: s. v. Garten). Für weiterführende Diskussionen über die morphologische Struktur von Gärtner bzw. daraus gebildeten Komposita vgl. Sütterlin (1887: 104), Gubler (1920: 62-63), Wilmanns (1930: 294) und Paul (1995: 245). Verwiesen sei an dieser Stelle auch auf die Ausführungen im DFA 3 (2012: 281) zu den Wohnstätten- und HerkunftsN auf -garten, -gart(e) und -gartner / -gärtner: Letzterer Typus gehe «i. d. R. auf Toponyme im schwachen Dativ zurück». 2.10 Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen 427 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="428"?> Erste Karte {201}: Wohnstätten- und Herkunftsnamen auf -er Namenauswahl: Die erste Karte dokumentiert Wohnstätten- und HerkunftsN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 9 die mit dem Derivationssuffix -er von einem Toponym oder einem ortsbezeichnenden Appellativ abgeleitet sind. Da es sich bei der Suffigierung mit -er um ein überaus hochfrequentes Bildungsmuster handelt und die Karte nicht überfrachtet werden soll, werden WohnstättenN erst ab drei und HerkunftsN erst ab vier Belegorten berücksichtigt. Die jeweilige Frequenzschwelle wurde bewusst gewählt, um ein ausgewogenes Tokenverhältnis zu erreichen. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen WohnstättenN auf -er: Aegerter, Bacher, Bangerter, Bärenfaller, Baumgartner, Baumgärtner, Berger, Bircher, Bohler, Böhler, Boller, Borner, Borter, Breitenmoser, Breiter, Briker, Broder, Brücker, Brugger, Brügger, Brunner, Brupbacher, Bruppacher, Buchegger, Bücheler, Bucher, Büchler, Büeler, Bühler, Burkhalter, Dobler, Dubacher, Durrer, Ebener, Ebner, Ebneter, Ebnöther, Egger, Eicher, Eichholzer, Eiholzer, Ellenberger, Emmenegger, Escher, Eyer, Fahrer, Felber, Felder, Flubacher, Forrer, Fuhrer, Furer, Furrer, Gander, Gasser, Geissbühler, Gfeller, Graber, Greber, Grieder, Gruber, Grunder, Gubler, Güller, Güntlisberger, Halder, Halter, Harder, Haueter, Haufgartner, Heller, Heuberger, Hirschgartner, Hischier, Hochstrasser, Högger, Hohler, Hollenweger, Honegger, Hungerbühler, Hurter, Hüttenmoser, Infanger, Isenegger, Jegerlehner, Kirchhofer, Kluser, Kneubühler, Kollbrunner, Kreuzer, Leber, Leiser, Lindegger, Linder, Liniger, Lischer, Locher, Matter, Mittelholzer, Mooser, Moser, Muntwiler, Niederberger, Niederer, Oberer, Rhiner, Rhyner, Richenberger, Rieder, Riederer, Rindlisbacher, Riner, Riser, Rohner, Rohrer, Ronner, Rosenberger, Ruffiner, Rütter, Ryser, Salzgeber, Schacher, Schneeberger, Schnüriger, Schopfer, Schuppisser, Schwander, Schweingruber, Sommerhalder, Specker, Stäger, Stalder, Steger, Steinegger, Steingruber, Stieger, Stoller, Stouder, Strasser, Studer, Summermatter, Tischhauser, Tobler, Unternährer, Waldburger, Waser, Wasmer, Wassmer, Werder, Wieser, Wigger, Winkler, Wiser, Wismer, Wüger, Wyder, Zellweger, Zuberbühler. 158 Types, 1'967 Tokens. HerkunftsN auf -er: Aebischer, Aemisegger, Affentranger, Altorfer, Aregger, Bächtiger, Baldinger, Balmer, Balsiger, Baltensperger, Bänninger, Bänziger, Basler, Baumberger, Berlinger, Bertschinger, Bigler, Birrer, Bischofberger, Bissegger, Blickenstorfer, Bollinger, Bommer, Bösiger, Bolliger, Brägger, Brandenberger, Brander, Bregenzer, Bremgartner, Brühwiler, Brüngger, Brunschwiler, Brüschweiler, Buchser, Buholzer, Bührer, Burgener, Bürgler, Buser, Bütikofer, Büttiker, Dätwyler, Debrunner, Derendinger, Dettwiler, Dübendorfer, Dürsteler, Duttweiler, Eggenschwiler, Ehrensperger, Ehrler, Elmer, Elmiger, Eppenberger, Erzinger, Etzensperger, Eugster, Eyster, Fallegger, Fankhauser, Fiechter, Flückiger, Frauenfelder, Fricker, Frutiger, Karte 201: Wohnstätten- und HerkunftsN auf -er, vor 1800 9 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 428 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="429"?> Füglistaller, Furler, Gächter, Gähwiler, Gammeter, Gattiker, Gerschwiler, Giezendanner, Glattfelder, Gossweiler, Gränicher, Greminger, Greuter, Grossenbacher, Grünenfelder, Grüninger, Gsponer, Gubser, Gurtner, Güttinger, Gwerder, Habegger, Häfelfinger, Hagenbucher, Hänsenberger, Hediger, Hedinger, Heiniger, Hersberger, Hersperger, Hilfiker, Hiltbrunner, Hofstetter, Holliger, Hollinger, Honauer, Horber, Hottinger, Hugentobler, Huggenberger, Hunkeler, Hunziker, Huwiler, Huwyler, Jeker, Kalbermatter, Kamer, Kappeler, Kellenberger, Kipfer, Kölliker, Kradolfer, Krattiger, Kürsteiner, Langenegger, Lauener, Lauper, Leibacher, Leimbacher, Leuenberger, Leutenegger, Leuzinger, Lichtensteiger, Lötscher, Luchsinger, Lüscher, Lustenberger, Lysser, Marbacher, Marthaler, Matzinger, Melliger, Mettler, Mühlethaler, Muther, Nebiker, Neuhauser, Niederhauser, Nusbaumer, Nussbaumer, Nydegger, Nyffenegger, Oberholzer, Oehninger, Oetiker, Oppliger, Osterwalder, Ottiger, Pfammatter, Ramseier, Ramser, Ramseyer, Rechsteiner, Rohrbasser, Röthlisberger, Rüdlinger, Rüegsegger, Rutishauser, Saner, Saxer, Schaffhauser, Schaufelberger, Scheidegger, Schmidhauser, Schmitter, Schmocker, Schnurrenberger, Schönenberger, Schraner, Schüpfer, Schwarzenberger, Schweizer, Schwitter, Schwizer, Schwyter, Schwyzer, Seewer, Sennhauser, Siegenthaler, Sonderegger, Stettler, Sulzberger, Sulzer, Suppiger, Surber, Truninger, Ulmer, Utzinger, Vettiger, Villiger, Wahrenberger, Walder, Walser, Wartenweiler, Weder, Wermelinger, Wetter, Wiesendanger, Winiger, Wolfensberger, Zeller, Zesiger, Zolliker, Zollinger, Zürcher, Zürrer. 212 Types, 1'846 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 12-40, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 55-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 209: Daten zur ersten Karte {201} Detailangaben zur Namenauswahl: 10 In der etymologischen Datenbank (Stand 21.11.2023) enden 495 von 1'369 WohnstättenN und 847 von 1'196 HerkunftsN auf -er. Die automatisch generierte Trefferliste wurde manuell überprüft, was zum Ausschluss folgender FamN führte: 1. Wohnstätten- und HerkunftsN, bei denen auslautendes -er zur Basis gehört (z. B. Hubacher ‘zu einer Hufe/ Hube gehöriger Acker’, Uster zum SiedlungsN Uster) oder mit unorganischem Liquid resp. Nasal erweitert ist (s. zweite und dritte Karte); 2. er-Ableitungen zu romanischen Basen (z. B. Prader, Roduner), die an anderer Stelle diskutiert werden; 11 3. er-Ableitungen zu Volks-, Stammes- oder LänderN, die als Sondergruppe von HerkunftsN einzuordnen sind (z. B. Lichtsteiner, Peyer; Seibicke 2008: 187); 12 4. Komposita mit den Zweitgliedern -meier, -meister, -müller (z. B. Hintermeister, Werthmüller), die mit gleichzeitiger Orts- und Berufsangabe zwei Benennungsmotive in sich vereinen (Fleischer 1964: 114; Nübling/ Kunze 2023: 369); 13 5. er-Ableitungen mit Präposition (z. B. von Heininger, von Steiger); sowie 6. FamN, deren genaue Deutung unsicher ist (z. B. Berweger, Klinger). Um das Kartenbild nicht zu überfrachten, sind von den verbleibenden Fällen nur diejenigen Wohnstätten- und HerkunftsN in der Kartierung enthalten, die an mindestens drei (für WohnstättenN) resp. mindestens vier Orten (für HerkunftsN) alteingesessen sind (s. o.). Die Namenauswahl umfasst sowohl WohnstättenN, bei denen natürliche Merkmale wie Bodenerhebungen oder Baumbestände namengebend waren (z. B. Bircher zu mhd. birche, birke ‘Birke’, Högger zum mehrfach bezeugten Toponym Hö(ö)gg ‘Anhöhe, erhöhte Lage’), als auch solche, die auf zivilisatorischen Merkmalen wie Bauten und Wegen basieren (z. B. Brugger zu mhd. brucke, brücke, brügge ‘Brücke’; Hischier zu walliserdt. Hīschi ‘Häuschen’; Einteilung angelehnt an Kunze 2004: 97). Bei den HerkunftsN lassen sich FamN zu einem spezifischen Ort (z. B. Basler zum SiedlungsN Basel, Derendinger zum SiedlungsN Derendingen SO) 14 von solchen mit mehreren möglichen namengebenden Orten (z. B. Bührer, Walder) unterscheiden. Die Zuordnung zu einem der beiden Benennungsmotive stützt sich dabei auf die etymologische Datenbank; zu beachten bleibt jedoch stets, dass eine klare Unterscheidung zwischen Wohnstätte und Herkunft vielfach nicht (mehr) möglich ist und daher Überschneidungen hier und in den folgenden Karten nicht ausgeschlossen werden können (Berchtold 2019: 31; Nübling/ Kunze 2023: 322). Bspw. kommt als Ausgangslexem für den hier als HerkunftsN kategorisierten FamN Walder nicht nur der häufige SiedlungsN Wald infrage, sondern auch der verbreitete FlurN Wald (Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Walder). Bei den auf Adverbien basierenden WohnstättenN Oberer, Niederer ist -er vermutlich als einwohnerbezeichnendes Derivationssuffix, evtl. in einem elliptischen Sinne wie ‘Nieder(hof )er’, ‘Ober- (haus)er’, zu deuten. Starke Flexion, die einem Syntagma wie ‘oberer Mann’ oder ‘niederer Bauer’ entstammen würde, wirkt semantisch unwahrscheinlich (da eher der Hof und nicht die Bewohnerschaft als nieder oder hoch zu bezeichnen ist), kann aber nicht ausgeschlossen werden. 15 Kommentar: Die erste Karte zeigt sowohl für die Wohnstättenals auch für die HerkunftsN eine grossf lächige Verbreitung der er- Ableitungen in der Deutschschweiz. Dabei erreicht das Derivationssuffix bei HerkunftsN grundsätzlich eine höhere Type- und Tokenfrequenz als bei WohnstättenN, weshalb die Schwelle für das erstere Benennungsmotiv höher gesetzt wurde. Die Belege für die er-Derivate erstrecken sich hauptsächlich von der deutsch-französischen Sprachgrenze im Südwesten bis hin zum Bodensee im Nordosten der Deutschschweiz und bilden so ein zusammenhängendes, ausgedehntes Areal im Mittelland. Wie in der II-A «Kurzeinleitung zu Band II» angemerkt, zeichnet sich das Mittelland gegenüber dem Jura und dem Alpenraum durch eine sehr viel stärkere Besiedlung aus, was sich hier in der Verbreitung der FamN widerspiegelt. Neben diesem primären Verbreitungsgebiet kennen auch die (vor-)alpinen Gebiete wie das östliche und das westliche Berner Oberland, das Wallis, die Innerschweiz und Teile Graubündens Suffigierung mit -er bei Wohnstätten- und HerkunftsN. Im Vergleich zum Mittelland ist das Bildungsmuster - zumindest für Types, die an mehr als drei resp. vier Orten belegt sind - aber seltener. 10 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 11 Vgl. Artikel II-2.20 «Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche». 12 Vgl. Artikel III-2.4 «Herkunftsnamen zu Bezeichnungen von Stämmen, Volks- und Sprachgruppen». 13 Zu diesen sogenannten lokalisierten BerufsN vgl. Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» (vierte Karte). 14 FamN auf -inger, -iger, -iker werden hier nicht gesondert behandelt; für eine ausführlichere Diskussion s. die Artikel II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing» und I-2.1 «Nasalschwund». 15 Vgl. Artikel II-1.2 «Flektierte Adjektivformen». 2.10 Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen 429 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="430"?> Zweite Karte {202}: Wohnstätten- und Herkunftsnamen auf -ler Namenauswahl: Die zweite Karte widmet sich Wohnstätten- und HerkunftsN aus der Schicht «vor 1800», die auf -ler enden und eine Zuordnung des Liquids zum Derivationssuffix grundsätzlich erlauben (s. Abschnitt «Hintergrund» für generelle Einschränkungen). Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Wohnstätten-/ HerkunftsN auf -ler, vor 1800: Bächler, Baechler, Baumeler, Bechler, Birchler, Breitler, Briggeler, Bründler, Campler, Dennler, Eggler, Eichler, Eugstler, Flüeler, Flühler, Gassler, Geisshüsler, Gessler, Gründeler, Gründler, Haegler, Hörler, Hostettler, Mädler, Mösler, Neuhäusler, Rempfler, Ritler, Schmidhäusler, Schwendeler, Steudler, Strässler, Strickler, Strössler, Tännler, Widler, Wiedler, Wisler, Wissler, Wydler. 40 Types, 124 Tokens. Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 210: Daten zur zweiten Karte {202} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 21.11.2023) finden sich 104 Wohnstätten- und 136 HerkunftsN, die auf -ler auslauten. Diese Fälle wurden händisch auf ihre Relevanz überprüft und mit FamN ergänzt, die sowohl Wohnstättenals auch HerkunftsN sein können. Ausgeschlossen wurden 1. alle Wohnstätten- und HerkunftsN, bei denen der Liquid eindeutig zur Basis gehört und somit eine er-Ableitung anzusetzen ist (z. B. Hungerbühler zum Toponym Hungerbüel, Gammenthaler zum SiedlungsN Gammenthal ); 2. FamN, die zwar auf -ler auslauten, aber endungslos sind, da die Basis bereits auf -ler endet (z. B. Eggenweiler zum Toponym Eggenweiler, Mischler zum Toponym Mischlere(n)); 3. die Antonyme Dörfler und Höfler, die im Schweizerdeutschen die Dorfresp. die Hofbewohnerschaft im Generellen bezeichnen und damit als Sonderfälle zu gelten haben (Id. 2 1881 ff.: Sp. 1042); 4. lokalisierte BerufsN mit dem Zweitglied -müller (z. B. Lerchmüller); sowie 5. Wohnstätten- und HerkunftsN, deren genaue Deutung unsicher ist (z. B. Mittler, Zinggeler). Es verbleiben 40 FamN, für die grundsätzlich eine Bildung mit dem Sekundärsuffix -ler denkbar ist. Dabei tritt -ler bei WohnstättenN tendenziell häufiger auf als bei HerkunftsN; eindeutig als HerkunftsN kategorisierbare ler-Derivate sind im Sample nicht enthalten (für grundsätzliche Schwierigkeiten bei der Einteilung s. o.). Wie bei der ersten Karte lassen sich die hier untersuchten WohnstättenN motivisch in zwei grosse Unterklassen einteilen: FamN wie Eggler (zu mhd. ecke, egge ‘Schneide, Spitze, Ecke, Rand’, schwzdt. Egg ‘vorspringender Winkel, Bodenerhebung, Gipfel, Bergkante, Hochebene, langgezogene Anhöhe u. ä.’) und Wisler (zu schwzdt. Wis ‘Wiese; Grasland, das regelmässig gemäht wird’) gehen auf natürliche Merkmale des Lebensraums zurück, während z. B. bei Karte 202: Wohnstätten- und HerkunftsN auf -ler, vor 1800 430 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="431"?> Gassler (zu mhd. gaʒʒe ‘Gasse in Städten, Orten, Dörfern’) und Strössler (zu mhd. strāʒe ‘Strasse’) zivilisatorische Merkmale namengebend waren. Für FamN wie Hofstettler oder Baumeler, die sich sowohl auf die Wohnstätte als auch auf den Herkunftsort einer Person beziehen können, lässt sich mehrheitlich keine einzelne namengebende Örtlichkeit identifizieren. Bspw. ist das Toponym Eugst, Äugst ‘Schafstall, Schafpferch’, von dem sich der FamN Eugstler ableitet, in der Deutschschweiz und besonders im Appenzellerland mehrfach als SiedlungsN (aber daneben auch als FlurN) belegt (Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Eugster). Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass Wohnstätten- und HerkunftsN mit dem Sekundärsuffix -ler nur vereinzelt und dabei mehrheitlich in der Innerschweiz und im Mittelland auftreten. Das Kartenbild ist von einigen wenigen FamN geprägt, die sich jeweils in einem kleinräumigen Areal ansammeln. Bspw. bilden Hostettler und Schmidhäusler im bernisch-freiburgischen Grenzgebiet ein Familiennamennest, während im Kanton Wallis Briggeler und Ritler je ein weiteres Cluster formen. Gleiches gilt u. a. auch für Bächler im Bezirk Sursee (LU), Baumeler im Entlebuch (LU), Dennler im Oberaargau (BE) oder Widler, Wiedler und Wydler im Kanton Thurgau sowie rund um Affoltern am Albis (ZH). Dritte Karte {203}: Wohnstätten- und Herkunftsnamen auf -ner Namenauswahl: Die dritte Karte enthält Wohnstätten- und HerkunftsN aus der Schicht «vor 1800», die auf -ner auslauten und bei denen der Nasal grundsätzlich als Teil des Derivationssuffixes segmentiert werden kann (s. Abschnitt «Hintergrund» für generelle Einschränkungen). Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Wohnstätten-/ HerkunftsN auf -ner, vor 1800: Bruckner, Gassner, Gessner, Goldener, Gossner, Hagner, Haldner, Haltiner, Haltinner, Haltner, Heldner, Höchener, Hochreutener, Hochreutiner, Hohener, Höhener, Husner, Kalchofner, Lachner, Mittner, Portner, Püntener, Reutener, Riedener, Rüttener, Rüttner, Scheibener, Schwendener, Sulzener, Urner, Waldner, Wegener, Wessner, Wiesner, Wildener, Wüstiner. 36 Types, 69 Tokens. Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 211: Daten zur dritten Karte {203} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 21.11.2023) finden sich 57 Wohnstätten- und 60 HerkunftsN, die auf -ner auslauten. Diese Fälle wurden händisch auf ihre Relevanz überprüft und mit FamN ergänzt, die sowohl Wohnstättenals auch HerkunftsN sein können. Ausgeschlossen wurden 1. alle Karte 203: Wohnstätten- und HerkunftsN auf -ner, vor 1800 2.10 Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen 431 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="432"?> Wohnstätten- und HerkunftsN, bei denen der Nasal eindeutig zur Basis gehört und somit eine er-Ableitung anzusetzen ist (z. B. FamN Brunner zum häufigen Toponym Brunne, FamN Rechsteiner zum SiedlungsN Rechstein); 2. ner-Ableitungen zu romanischen Basen (z. B. FamN Muttner zu rätorom. mot, motta; RNB 3 1986: 439); sowie 3. Wohnstätten- und HerkunftsN, deren genaue Deutung unsicher ist (z. B. Blattner, Dufner, Hertner, Hofner). Alles in allem verbleiben im vorliegenden Sample 36 FamN, für die grundsätzlich eine Bildung mit dem Sekundärsuffix -ner angenommen werden kann. Dabei scheinen WohnstättenN im Vergleich zu HerkunftsN nicht nur offener gegenüber der liquidhaltigen, sondern auch gegenüber der nasalhaltigen Variante zu sein, denn nur wenige Namen lassen sich als klare HerkunftsN einordnen (z. B. Gossner, Urner). Auch hier umfasst die Auswahl der WohnstättenN sowohl FamN zu natürlichen Merkmalen (z. B. Haldner zu mhd. halde ‘Halde, Abhang, steile Bergwiese’; Riedener zu mhd. riet ‘mit Schilf bewachsenes Gelände’) wie auch FamN zu zivilisatorischen Merkmalen (z. B. Bruckner; Wegener zu mhd. wëc ‘Weg, Strasse, Pfad’). Die eindeutigen HerkunftsN lassen sich auf eine konkrete Örtlichkeit zurückführen (z. B. FamN Gossner zum SiedlungsN Gossau, dialektal Gosse; s. auch Bach 1952: 261). Kommentar: Das vorliegende Kartenbild zeigt, dass auch -ner deutlich seltener als -er zur Bildung von Wohnstätten- und HerkunftsN verwendet wurde. Darüber hinaus lassen die zweite und die dritte Karte weitere Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede erkennen: Im Gegensatz zu den ler-Ableitungen, die mehrheitlich in der Innerschweiz oder im Mittelland belegt sind und sich tendenziell von Deutschfreiburg bis zur nordöstlichen Landesgrenze erstrecken, treten die ner-Derivate räumlich weniger kompakt in Erscheinung. Auffällig ist hier besonders das fast vollständige Fehlen von Belegen in einem Areal, das grob von den Städten Biel (BE), Bern (BE), Luzern (LU), Schaffhausen (SH) und Kreuzlingen (TH) eingegrenzt wird. Mit anderen Worten konzentrieren sich die nasalhaltigen Formen eher in der Peripherie des Mittellands mit einem starken Schwerpunkt in der äussersten Nordostschweiz. Wie für das Sekundärsuffix -ler muss aber auch hier festgehalten werden, dass das Kartenbild massgeblich von Namennestern geprägt ist. So zeigen sich in der vorliegenden Karte u. a. Cluster für Heldner im Kanton Wallis, für Wiesner im Kanton Basel-Landschaft sowie für Hohener, Höhener und Höchener in der Nordostschweiz (AI, AR, SG, TG). Vierte Karte {204}: Wohnstätten- und Herkunftsnamen auf -er, -ler, -ner Namenauswahl: Die vierte Karte behandelt Wohnstätten- und HerkunftsN, für die in der Schicht «vor 1800» das Nebeneinander von -er, -ler und -ner dokumentiert ist. 16 Für die Kartierung werden sowohl Dubletten wie Denner - Dennler oder Lacher - Lachner als auch Tripletten wie Gasser - Gassler/ Gessler - Gassner/ Gessner berücksichtigt. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Wohnstätten-/ HerkunftsN auf -er: Bacher, Baumer, Bircher, Borter, Breiter, Brigger, Bronner, Brücker, Brugger, Brügger, Brunner, Bünter, Denner, Egger, Eicher, Eugster, Gasser, Grunder, Hager, Halder, Halter, Hauser, Heller, Hochreuter, Hofstädter, Hofstätter, Hofstetter, Huser, Lacher, Mooser, Moser, Neuhauser, Pünter, Rieder, Rieter, Rütter, Schmidhauser, Schwander, Schwender, Schwenter, Stauder, Stouder, Strasser, Stricker, Studer, Sulzer, Tanner, Walder, Weger, Wieser, Wiser, Wyder, Wyser. 53 Types, 868 Tokens. Wohnstätten-/ HerkunftsN auf -ler: Bächler, Baechler, Baumeler, Bechler, Birchler, Breitler, Briggeler, Bründler, Dennler, Eggler, Eichler, Eugstler, Gassler, Gessler, Gründeler, Gründler, Haegler, Hostettler, Mösler, Neuhäusler, Ritler, Schmidhäusler, Schwendeler, Steudler, Strässler, Strickler, Strössler, Tännler, Widler, Wiedler, Wisler, Wissler, Wydler. 33 Types, 113 Tokens. Wohnstätten-/ HerkunftsN auf -ner: Bruckner, Gassner, Gessner, Hagner, Haldner, Haltiner, Haltinner, Haltner, Heldner, Hochreutener, Hochreutiner, Husner, Lachner, Portner, Püntener, Reutener, Riedener, Rüttener, Rüttner, Schwendener, Sulzener, Waldner, Wegener, Wiesner. 24 Types, 49 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 212: Daten zur vierten Karte {204} Detailangaben zur Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle einschlägigen Dubletten resp. Tripletten von Wohnstätten- und HerkunftsN, die Variation zwischen -er, -ler und -ner zeigen. Dazu wurde in der etymologischen Datenbank (Stand 21.11.2023) zuerst eine automatische und ergänzend dazu eine manuelle Suche durchgeführt. Unberücksichtigt blieben 1. FamN, bei denen unterschiedliche Etyma anzunehmen sind (z. B. Goldener zum Toponym Goldi vs. Golder zu schwzdt. golde(n) ‘Gold waschen’ oder mhd. golt ‘Gold’ für den Goldwäscher, den Goldschmied oder den Vergolder); 2. all diejenigen Fälle, die auch bei der ersten, der zweiten und der dritten Karte ausgeschlossen wurden. Im Unterschied zur ersten Karte enthält die vorliegende Kartierung jedoch auch er-Ableitungen, die an weniger als drei resp. vier Orten alteingesessen sind (z. B. Bünter, Hager). Insgesamt verbleiben 30 Dubletten und sechs Tripletten, die in der Kartierung enthalten sind. Für etymologische Angaben vgl. die ausgewählten Deutungen bei den vorhergehenden Karten. Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass der Bildungstyp -er im gesamten Deutschschweizer Sprachraum verbreitet ist. Im Gegensatz dazu treten die ler- und ner-Ableitungen deutlich seltener und - oft als Familiennamennester (z. B. Bächler in LU, Püntener in UR, Strickler in ZH) - in kleinräumigeren Arealen auf. Da die beiden Sekundärsuffixe nur punktuell (z. B. Birchler in Einsiedeln SZ, Eichler in Oberrohrdorf AG) oder in räumlicher Nähe zur er-Variante (z. B. Eugstler neben Eugster in der Nordostschweiz, Sulzener neben Sulzer im westlichen Berner Oberland) belegt sind, lässt sich in der Kartierung keine klare Raumstruktur festmachen. Entsprechend kann nicht von einer komplementären arealen Distribution der drei Derivationssuffixe gesprochen werden, was grundsätzlich auch nicht zu erwarten war. 16 Es ist anzunehmen, dass in historischen Quellen weitere Dubletten oder sogar Tripletten aufscheinen könnten. Bspw. dokumentiert Henseler (2026: 353-354) für den Kanton Schwyz ein Nebeneinander von Kalchofer und Kalchofner. 432 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="433"?> Ergebnisse Als Hauptbefund des Kartenkomplexes ist festzuhalten, dass das Derivationssuffix -er weitaus häufiger an Wohnstätten- und HerkunftsN antritt als die beiden Sekundärsuffixe -ler und -ner. Konkret erreicht das Suffix -er nicht nur eine viel höhere Type- und Tokenfrequenz, sondern weist auch eine deutlich grössere areale Verbreitung auf. So finden sich Wohnstätten- und HerkunftsN auf -er in der Schicht «vor 1800» grundsätzlich im gesamten schweizerdeutschen Sprachraum, wobei mit einer Frequenzschwelle von drei resp. vier Belegorten das Mittelland stärker hervortritt als die (vor-)alpinen Räume (s. auch KSDS 2019: 322-323). Aus sprachgeschichtlicher Sicht sind die relativ f lächendeckende Verbreitung und die hohe Frequenz des Derivationssuffixes insofern interessant, als sie Rückschlüsse auf historische Wortbildungsprozesse ermöglichen. Denn die Tatsache, dass er-Ableitungen im Gegensatz zum endungslosen Bildungstyp und zu Ableitungen auf -mann mehr oder weniger die gesamte Deutschschweiz bedecken, 17 deutet auf eine chronologische Abfolge dieser drei Bildungsmuster hin, die die alte Präpositionskonstruktion zurückgedrängt haben. 18 Mit Berchtold Schiestl et al. (2020: 457) ist davon auszugehen, dass sowohl die endungslosen FamN (z. B. Bach, Gachnang) als auch die Formen auf -mann (z. B. Gassmann, Solothurnmann) jünger sind als die Wohnstätten- und HerkunftsN auf -er und stärkeren geographischen Beschränkungen unterliegen: «Die -er-Ableitung - das wohl früheste unter den die alte Konstruktion ablösenden Bildungsmustern - ist im Deutschschweizer Sprachraum so früh produktiv geworden, dass es ihn vollständig erreichen und in seinem Namenschatz eine dominante Stellung einnehmen konnte» (Berchtold Schiestl et al. 2020: 457). Die starke Verbreitung von Wohnstätten- und HerkunftsN auf -er im schweizerdeutschen Sprachraum findet im restlichen oberdeutschen Gebiet ihre Fortsetzung (DFA 3 2012: 244), sodass allgemein, wie in der Literatur erwähnt, von einem oberdeutschen Charakteristikum gesprochen werden kann (Bach 1953: 141). Dass die WohnstättenN und - in einem noch stärkeren Mass - die HerkunftsN zu er- Suffigierung tendieren (Bach 1953: 141), ist aufgrund der ursprünglichen Semantik des Suffixes germ. *-warja, das zur Bildung von Herkunftsbezeichnungen diente, nicht überraschend (Nübling et al. 2017: 107; Berchtold Schiestl et al. 2020: 460). Auf diesem generellen Ergebnis aufbauend wäre zu untersuchen, inwiefern FamN zu gewissen ÖrtlichkeitsN und ortsbezeichnenden Appellativa stärker als andere zu diesem Bildungstyp neigen (Bach 1952: 155; Bach 1953: 175; Fleischer 1964: 109; Kunze 2004: 87). So führt Kunze (2004: 87) u. a. an, das Derivationssuffix trete bei FamN zu Toponymen auf -bach, -berg oder -ingen und simplizischen ÖrtlichkeitsN häufiger auf, seltener hingegen bei FamN zu Toponymen mit den Zweitgliedern -dorf , -hagen und FamN zu Toponymen, die schon auf -er enden. Bei den als endungslos kategorisierten FamN auf -er wie Affolter, Hubacher, Spycher und Uster wäre jedoch zu fragen, ob ggf. eine haplologische Verkürzung von -erer vorliegt (Szadrowsky 1918: 9). Karte 204: Dubletten und Tripletten auf -er, -ler, -ner, vor 1800 17 Vgl. die Artikel II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen» und II-2.7 «Familiennamen auf -mann». 18 Vgl. die Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor», II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu», II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in» und II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von». 2.10 Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen 433 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="434"?> Mit Blick auf die Sekundärsuffixe -ler und -ner haben die zweite, die dritte und die vierte Karte in Übereinstimmung mit der bisherigen Forschung gezeigt, dass die beiden Bildungstypen nur selten im Familiennamenbestand aufscheinen (Gubler 1920: 49-50, 61). Ausserdem sind die liquid- und die nasalhaltige Variante im Unterschied zu -er tendenziell auf bestimmte, unzusammenhängende Areale beschränkt und auch dort nur vereinzelt belegt, was den Status von -er als Hauptvariante unterstreicht. Insgesamt finden sich in der Schicht «vor 1800» nur 40 ler-Types mit 124 Tokens sowie 36 ner- Types mit 69 Tokens, wobei 16 FamN auf -ler und 19 FamN auf -ner ausschliesslich an einem Ort alteingesessen sind. Weist die Karte mehr als einen Beleg aus, liegen bei Ableitungen auf -ler und -ner oft Namennester in einem kleinräumigen Areal vor. Da es in erster Linie einzelne FamN sind, die mit Sekundärsuffix in Erscheinung treten, zeigt sich im Kartenkomplex grundsätzlich weder eine klare Raumstruktur noch eine komplementäre Distribution der drei Formvarianten. In diesem Zusammenhang ist jedoch auch die Frage aufzuwerfen, ob die Sekundärsuffixe allenfalls erst nach dem Festwerden der Wohnstätten- und HerkunftsN produktiv(er) geworden sind und deshalb nur marginal im Deutschschweizer Onomastikon erstarrt sind. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Brunner (13'852 Tokens), Moser (13'103 Tokens) und Bucher (10'554 Tokens). Sie gehören allesamt zu den häufigsten FamN der Schweiz überhaupt; vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Für die Tilgung der er-Suffigierung durch morphologische Integration von Deutschschweizer Wohnstätten- und HerkunftsN ins Französische (z. B. dt. Dübendorfer → frz. Dübendorf , dt. Henneberger → frz. Henneberg, dt. Luterbacher → frz. Loutenbach) vgl. den Artikel I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». Die Variation zwischen -er, -ler und -ner zeigt sich nicht nur bei Wohnstätten- und HerkunftsN, sondern auch bei anderen Benennungsmotiven: Für die Schicht «vor 1800» ist in der etymologischen Datenbank z. B. das Nebeneinander der BerufsN Fischer - Fischler belegt; ferner tritt das Phänomen bspw. auch bei Metronymen wie Greter - Gretler auf. 19 Das Derivationssuffix -er und seine Sekundärsuffixe mit Liquid und Nasal sind nicht auf das Onomastikon beschränkt; auch im appellativischen Wortschatz treten diese drei Bildungsmuster in Erscheinung (z. B. Tischler neben älterem Tischer, Schaffner zu mhd. schaffære, scheffære; Szadrowsky 1918: 9; Wilmanns 1930: 294-295; Fleischer 1964: 104; Fleischer/ Barz 2012: 208). Neben der Erweiterung durch Liquid oder Nasal kennt -er auch den unorganischen Antritt von -t. So kommen in der Schicht «vor 1800» z. B. der HerkunftsN Benkert neben Benker (zum Toponym Bänk, Benk(en)) und der WohnstättenN Speckert neben Specker (zum FlurN Speck(e)) vor. 20 Vergleich mit benachbartem Ausland: Die Variation von -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und HerkunftsN steht im DFA 3 (2012) nicht im Vordergrund; im Kapitel «Bildung von Herkunfts- und Wohnstättennamen» finden sich aber in den Kartenkomplexen zu den vier dominanten Bildungstypen (PräpositionsN, endungslose Formen, FamN auf -er, FamN auf -mann) z. T. relevante Angaben (DFA 3 2012: 244-331). Bspw. dokumentiert Karte 125 die Zweitglieder -kircher, -kirchner in zusammengesetzten Wohnstätten- und HerkunftsN zu mhd. kirche, während Karte 141 Linder mit Lindner kontrastiert (DFA 3 2012: 268, 303). Neben dem DFA 3 (2012) ermöglicht auch der DFA 4 (2013) Aussagen über die Variation von -er, -ler und -ner, indem z. B. Karte 140 ein erhöhtes Vorkommen von Schwendner, Gschwendtner im Südosten Deutschlands gegenüber den südwestlichen Formen Schwender, Gschwender ausweist (DFA 4 2013: 320). Eine vergleichbare Raumverteilung tritt auch in Karte 144 für das Paar Zeller - Zellner in Erscheinung (DFA 4 2013: 332). Generell lässt sich mit Nübling/ Kunze (2023: 501) festhalten, dass FamN auf -ner im Ostoberdeutschen besonders häufig auftreten, und auch -ler ist gemäss Bach (1952: 153) im ostoberdeutschen Gebiet frequenter als etwa in der Deutschschweiz. Die Tripletten Oster - Ostler - Ostner (Karte 188), Berger - Bergler - Bergner (Karten 212-213), Klinger - Klingler - Klingner (Karte 247) sowie Gasser - Gessler - Gessner (Karte 396) zeigen zwar ein weniger einheitliches Raumbild, doch auch hier überwiegt -er gegenüber den beiden Sekundärsuffixen, die grundsätzlich in einem jeweils beschränkteren Areal belegt sind (s. ausführlich DFA 4 2013: 424, 479-480, 558, 900). Ausblick Zu prüfen wäre, ob Suffigierung mit -er, -ler, -ner auf kleinräumiger Ebene bei gewissen Wohnstätten- und HerkunftsN zur Differenzierung verschiedener Familien dient (z. B. Eugstler neben Eugster in der Nordostschweiz). Vor dem Hintergrund, dass sowohl -ler als auch -ner gegenwartssprachlich bei ostoberdeutschen FamN besonders häufig belegt sind (s. Abschnitt «Vergleich mit benachbartem Ausland»), könnte erwartet werden, dass die nordöstlichen Gebiete der Deutschschweiz eine leicht stärkere Durchdringung der beiden Sekundärsuffixe aufweisen würden. Dies kann für die Schicht «vor 1800» mit den ausgewählten FamN allerdings nicht bestätigt werden. Festzustellen ist jedoch die allgemeine Tendenz, dass WohnstättenN öfter als HerkunftsN mit einem der beiden Sekundärsuffixe gebildet werden (s. auch Stucki 1921: 148; Kohlheim/ Kohlheim 2005: 457). Als potenzieller Erklärungsansatz sei erwähnt, dass WohnstättenN auf ein ortsbezeichnendes Appellativ zurückgehen (können) (Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 152, 154), während HerkunftsN i. d. R. auf Toponymen basieren. Daraus liesse sich schliessen, dass -ler und -ner leichter mit lexikalischen als mit onymischen Basen auftreten. So stellt auch Gubler (1920: 49-50) fest, dass ler-FamN zu ortsbezeichnenden Appellativa (z. B. Bäumler, Birchler, Brüggler) viel häufiger seien als solche zu Toponymen. Andererseits wäre zu erwägen, ob das Einwohnerbezeichnungen bildende -er bei HerkunftsN so fest verankert ist (Bach 1953: 141; Berchtold Schiestl et al. 2020: 460), dass dadurch analogisches Übertragen von unorganischem Liquid oder Nasal gehemmt wird. Alles in allem ist die Frage nach allfälligen Faktoren für die Variation von -er, -ler und -ner bei FamN ein lohnenswerter Forschungsgegenstand zukünftiger Arbeiten. Um die (areale) Verteilung und die Wahl zwischen diesen drei Bildungsmustern eingehend untersuchen zu können, bedürfte es jedoch historischer 19 Vgl. die Artikel II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen» und II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». 20 Vgl. Artikel II-2.13 «Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut». 434 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="435"?> Sondierungen. So offenbaren sowohl der Versuch, die FamN einem der drei Bildungsmuster zuzuordnen, als auch die Frage nach der absoluten Chronologie der drei Suffixe noch Forschungsbedarf. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». 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Esther Loosli 436 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="437"?> 2.11 Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen Schlagwörter: Chronologie, Derivat, Lehnwort, Nomen agentis, Reanalyse, Suffix, Suffixerweiterung, Zusammenbildung Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Im Mittelpunkt des vorliegenden Artikels stehen abgeleitete BerufsN auf -er. Diese sind aufgrund ihrer Typenwie auch ihrer Tokenfrequenz für den (ober-)deutschen Sprachraum relevant (Fleischer 1964: 138, 173-174; Kunze 2004: 67, 69; KSDS 2019: 320, 327). Es handelt sich dabei funktional bzw. semantisch um Nomina agentis (z. B. Fischer, Gerber), die i. d. R. aus dem Appellativwortschatz zur Benennung einer Person nach ihrem Beruf herangezogen worden sind und zahlreich Eingang ins Onomastikon gefunden haben (Fleischer 1964: 114; Berchtold 2011: 88; KSDS 2019: 327). 1 Neben -er treten im Deutschschweizer Berufsnamenbestand gelegentlich auch die Derivationssuffixe -ler und -ner auf (z. B. Kistler, Gantner), die sprachhistorisch auf er-Ableitungen von lresp. n-haltigen Basen zurückgehen und sich diachron zu eigenständigen Wortbildungsmustern entwickelt haben (Gubler 1920: 48-49, 62-63; Müller/ Olsen 2022: 648, 650). Von Interesse ist daher nicht nur die Verbreitung des dominanten er-Typus, sondern auch dessen Variation mit BerufsN auf erweitertes -ler und -ner. 2 Hintergrund: BerufsN sind (nicht nur) in der Deutschschweiz formal und funktional bzw. semantisch oft Nomina agentis auf -er (Fleischer 1964: 174); daneben kennt der Deutschschweizer Namenbestand aber noch weitere Bildungsmuster für BerufsN wie Ableitungen auf -mann (z. B. Ackermann, Rebmann, Salzmann), endungslose Formen (z. B. Beck, Bind, Reist), Agensbildungen auf -el (z. B. Büttel, Hodel, Weibel ) oder Diminutive (z. B. Köchli, Schmidli, Sütterlin). 3 Dass BerufsN häufig mit dem Suffix -er abgeleitet sind, ist aufgrund dessen ursprünglicher Semantik - der Bezeichnung von Personen, die eine bestimmte (beruf liche) Tätigkeit verrichten - nicht überraschend (Berchtold Schiestl et al. 2020: 460; Nübling/ Kunze 2023: 258). 4 Das aus dem Lateinischen entlehnte Derivationssuffix ahd. -āri, -ari (mhd. -ære, -er) beginnt ab dem Althochdeutschen, die bisherigen Bildungsmöglichkeiten für Nomina agentis zurückzudrängen (Wilmanns 1930: 20, 198; Henzen 1965: 158; DFA 3 2012: 81), 5 wie sie z. B. in den Deutschschweizer FamN Beck (Nomen agentis auf ahd. -o) und Trachsel (Nomen agentis auf ahd. -il(o)) anzusetzen sind (Kunze 2004: 75; Berchtold 2017: 414-415; Nübling/ Kunze 2023: 258-259, 396), oder tritt sekundär an ältere Formen an (z. B. FamN Becker und Trachsler; Wilmanns 1930: 286; Berchtold 2017: 415; Nübling/ Kunze 2023: 258-259). 6 Diachron entwickeln sich dann aus -er die beiden Sekundärsuffixe -ler und -ner (Begriff nach Henzen 1965: 114; s. auch Szadrowsky 1918: 8-9), die sowohl in der Appellativik als auch im Onomastikon belegt sind und auf einen morphologischen Reanalyseprozess zurückgehen (Fleischer 1964: 104; Müller/ Olsen 2022: 648). So dienten liquid- und nasalhaltige Nomina agentis auf -er wie mhd. köufelære ‘Käufer, Händler’ zu mhd. köufel oder mhd. redenære ‘Redner’ zu ahd. redinōn resp. ahd. redina, die auch auf eine liquid- oder nasallose Basis bezogen werden können (mhd. kouf , mhd. rede; Szadrowsky 1918: 9; EtymWB 1993a: s. v. Redner; Kohlheim/ Kohlheim 2005: 424), als Vorlage, um analogisch weitere Berufsbezeichnungen auf -ler und -ner zu bilden (z. B. Tischler, Schaffner; Bach 1952: 152-153; Henzen 1965: 159-160; Müller/ Olsen 2022: 648). Daraus ergibt sich bisweilen die Situation, dass Formvarianten nebeneinanderstehen oder einander ablösen. Historische Quellen dokumentieren für Graubünden bspw. die Dublette Täscher / Däscher - Täschler/ Däschler ‘Taschenmacher, -hersteller’ (RNB 3 1986: 723). Ob es sich bei einem bestimmten BerufsN um ein er-Derivat oder eine Ableitung mit erweitertem -ler resp. -ner handelt, lässt sich nicht in allen Fällen eindeutig bestimmen (Hodler 1915: 98; Müller/ Olsen 2022: 650). Dabei spielen u. a. folgende Aspekte eine Rolle: • Weinreich (1971: 37) gibt gestützt auf eine quantitative Untersuchung historischer Quellen zu bedenken, dass bereits im Althochdeutschen nicht nur denominale er-Ableitungen vom Typ havanāri ‘Töpfer’ zum Substantiv ahd. havan gebildet worden seien, sondern eine stärkere Tendenz bestanden habe, «-âri-Bildungen auf Verba zu beziehen und direkt nach Verben neu zu bilden, als es in der bisherigen Forschung angenommen worden ist». Vor diesem Hintergrund wäre zu überlegen, inwiefern sich die Ableitungsbasis der FamN verlässlich identifizieren lässt (Szadrowsky 1918: 5; Surläuly 1927: 117; Weinreich 1971: 34) und wie sich eine Doppelmotivierung auf die Zuordnung des Bildungsmusters auswirkt (z. B. FamN Pfiffner zum Substantiv Pfeife oder zum Verb pfeifen; Erben 2000: 93). 1 Mit Seibicke (2008: 190) ist zu betonen, dass Beruf im mittelalterlichen Kontext der Familiennamenbildung «nicht zu eng» ausgelegt werden sollte. 2 Im vorliegenden Artikel finden ausschliesslich FamN zu direkten Berufsbezeichnungen Beachtung, während sogenannte BerufsüberN (zu indirekten Berufsbezeichnungen) ausgeklammert werden. Für dieses Vorgehen spricht, dass bei Letzteren die Suffigierung mit -er, -ler, -ner gegenüber anderen Bildungsmustern (z. B. Simplizia, SatzN oder Diminutiva) stark zurücktritt (Kunze 2004: 137; Berchtold Schiestl et al. 2020: 431). So enthält die etymologische Datenbank (Stand 20.08.2024) gerade einmal 34 deutsche BerufsüberN, die auf -(l/ n)er auslauten, wobei es sich grösstenteils um Fehltreffer (z. B. FamN Becher, Hammer) und noch ungedeutete Fälle handelt. Einschlägige Dubletten oder gar Tripletten auf -er, -ler, -ner sind in der Schicht «vor 1800» nicht dokumentiert. 3 Vgl. die Artikel II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis» und II-2.1 «Familiennamen mit l- Diminutiven». 4 Daneben übernimmt -er in der deutschen Wortbildung weitere Funktionen (s. überblicksartig Nübling et al. 2017: 106-107; Hentschel 2020: 109). Für -er als patronymisches Suffix bei FamN vgl. Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner», für -er in einwohner- und herkunftsbezeichnender Funktion vgl. Artikel II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen». 5 Zur Bildung der Nomina agentis im Germanischen und Althochdeutschen s. ausführlich Sütterlin (1887) und Weinreich (1971). Zur Länge des Vokals im Suffix -āri, -ari sowie zu dessen geographischem Auftreten im hochdeutschen Sprachraum s. Braune/ Heidermanns (2023: 265). 6 Vgl. Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 2.11 Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen 437 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="438"?> • Für FamN mit dem Auslaut -ler ist grundsätzlich zu erwägen, ob es sich tatsächlich um das liquidhaltige Sekundärsuffix handelt oder ob eher ein er-Derivat zu einer mit -l diminuierten Basis vorliegt (Szadrowsky 1918: 9; Bach 1952: 152-153). So zeigt das Schweizerdeutsche einen auffälligen «Hang zu Verkleinerungs- und Zärtlichkeitsformen» von Substantiven (Kully 2009: 373), und auch Verben auf -(e)le(n) sind häufig (Gubler 1920: 48-49). Diese Unsicherheit wird bspw. bei dem FamN Spengler deutlich, der gemäss EtymWB (1993b: s. v. Spengler) «von mhd. spengelīn, spengel, dem Deminutivum zu mhd. spange ‘Spange, Band, Beschlag’», aber gemäss Ebner (2015: 709) direkt von mhd. spange abgeleitet ist. In anderen Fällen stehen verschiedene verbale Formen als Ableitungsbasis zur Verfügung; so wäre z. B. beim BerufsN Schnetzler zu überlegen, ob mit dem DFA 5 (2016: 282) schnitzen oder mit Hodler (1915: 97) schwzdt. schnitzle(n) als Basis anzusetzen ist. In diesem Zusammenhang merkt Wilmanns (1930: 295) an, dass «deminutive Verba auf -eln […] zum Teil aber erst später nachweisbar sind als die Substantive auf -ler». • Auch bei Appellativa und FamN auf vermeintliches -ner liegt ggf. eher eine Ableitung auf -er zugrunde. Konkret nimmt die Literatur an, dass der Nasal zumindest teilweise durch oblique Kasus zu erklären und damit im Paradigma angelegt ist (Bach 1952: 152-153; Henzen 1965: 160). So deuten Gubler (1920: 62) und Henzen (1965: 160) die Form Glöckner als er-Derivat zu einem schwachen n- Stamm, während Wilmanns (1930: 294) ebendieses Substantiv als Beispiel für eine Ableitung mit erweitertem -ner (zu Glocke) anführt. • Bei der Frage, ob es sich um -er oder -ner handelt, ist auch ein allfälliger Einf luss der n-Apokope zu erwägen, die in vielen schweizerdeutschen Dialekten zumindest bei einem Teil des Wortschatzes üblich ist (Kully 2009: 373). 7 • Nach Weinreich (1971: 158) kommt «der Übernahme lateinisch beeinf lußten Lehngutes vom Vor- und Frühbis zum Spätalthochdeutschen eine hervorragende Bedeutung für die Ausbreitung des -âri-Suffixes» zu, weil es nicht nur häufig in Lehnübersetzungen, Lehnübertragungen und Lehnschöpfungen, sondern auch in «eine[r] ganze[n] Reihe» von Lehnwörtern aufgetreten sei (vgl. auch EWA I 1978 ff.: Sp. 326). Auch Meid (1969: 82) betont den Einf luss lateinischer Berufsbezeichnungen, die bereits früh zahlreich entlehnt worden seien, sodass Sprachkontakt als wichtiger Faktor miteinbezogen werden muss. Bspw. geht vermeintliches -ner bei Zöllner nach Erben (2000: 143) auf lat. tolōn(e)ārius, tolnearius zurück, während Fleischer/ Barz (2012: 126) ebendiese Berufsbezeichnung als ein Derivat auf -ner ausweisen. Zur Veranschaulichung sei ferner Falkner genannt, das sich einerseits als ner-Ableitung zu mhd. valke ‘Falke’ deuten lässt, andererseits aber auch zu lat. falconarius ‘Falkner’ gebildet sein könnte (EtymWB 1993c: s. v. Falkner). • Schliesslich ergibt sich ein generelles Problem durch fehlende Erkenntnisse über die absolute Chronologie von -ler und -ner und über ihr Produktivwerden. Im EWA I (1978 ff.: Sp. 326) ist bspw. nur angemerkt, dass «die Konglutinate -nâri und -lâri, wie in ahd. gartinâri neben gartâri ‘Gärtner’ oder mhd. velschelære neben velschære ‘Verleumder’ [...] erst recht in mhd. und nhd. Zeit an Produktivität [gewinnen]». 8 Dies erschwert eine verlässliche Segmentierung der hier untersuchten BerufsN. Insgesamt lässt sich daher ohne historische Sondierungen häufig nicht abschliessend bestimmen, welche Ableitungsbasis einem FamN zugrunde liegt und welcher Bildungstyp anzusetzen ist. Im vorliegenden Artikel können vertiefende Einzelfallanalysen nicht geleistet werden; entsprechend ist die Zuordnung zu einem der drei Derivationssuffixe als approximativ zu verstehen. Generell ist bei der Kategorisierung von BerufsN als Ableitungen auf -ler, -ner eher grosszügig vorgegangen worden, wobei stets die oben genannten Einschränkungen zu bedenken sind. Fragestellungen: Der vorliegende Artikel geht der Frage nach, in welchen Gebieten in der Schicht «vor 1800» BerufsN auf -er, -ler und -ner belegt sind. Neben dem räumlichen Vorkommen interessieren auch die Type- und Tokenverhältnisse der drei Formvarianten. Die erste Karte enthält alle er-Ableitungen, während die zweite und die dritte Karte einen Überblick über Formen mit dem liquidresp. dem nasalhaltigen Sekundärsuffix bieten. Das Nebeneinander der drei Bildungstypen rückt in der vierten Karte in den Vordergrund, die einschlägige Dubletten und eine Triplette abbildet. Schliesslich dokumentiert die fünfte Karte diejenigen BerufsN, die formal als Ableitungen auf -er erscheinen, aber von der Literatur - im Gegensatz zu den Namen in den restlichen Karten - zu entlehnten Berufsbezeichnungen gestellt werden. Erste Karte {205}: Berufsnamen auf -er Namenauswahl: Die erste Karte enthält alle einschlägigen auf -er abgeleiteten BerufsN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB). 9 Wie eingangs erwähnt, ist das Derivationssuffix in Namen wie Färber oder Schlosser grundsätzlich nicht als spezifisch onymische Markierung zu verstehen: Es handelt sich bei den hier kartierten BerufsN i. d. R. um Ergebnisse von Wortbildungsprozessen, die bereits im Appellativwortschatz stattgefunden haben - die daraus resultierenden Nomina agentis auf -er sind erst später durch Onymisierung in den Familiennamenbestand eingegangen (Bach 1952: 272). Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen BerufsN auf -er, vor 1800: Albisser, Armbruster, Baader, Bachofer, Bader, Becker, Beder, Beerstecher, Bender, Besmer, Besserer, Betticher, Beuter, Beutler, Beutter, Binder, Bindschädler, Bindschedler, Bläuer, Bleuer, Bohner, Bohrer, Boner, Borer, Borrer, Briefer, Buetler, Büsser, Büttler, Cramer, Dänzer, Däscher, Decker, Derrer, Diener, Diriwächter, Dreher, Drexler, Droxler, Düscher, Echser, Euler, Exer, Fahner, Färber, Fasser, Federer, Fenner, Fercher, Feurer, Finner, Fischer, Flammer, Foerster, Forster, Foster, Füger, Führer, Fürer, Fürrer, Ganter, Gärtner, Geiger, Geiser, Geisser, Gelzer, Gerber, Gerwer, Giesser, Giger, Glaser, Glogger, Golder, Graser, Gräser, Gremper, Gürber, Gürtler, Gyger, Habermacher, Hächler, Haffner, Haffter, Hafner, Hafter, Haggenmacher, Hallenbarter, Hammerer, Hascher, Häusler, Heger, Heimlicher, Helfer, Herder, 7 Vgl. Artikel I-2.1 «Nasalschwund». 8 Im vorliegenden Artikel wird der FamN Gärtner als er-Suffigierung aufgefasst - und zwar zu schwach f lektierendem ahd. garto, in dessen Paradigma auslautendes -n insofern angelegt ist, als ahd. garto, mhd. garte in den obliquen Kasus n-haltig ist (Braune/ Heidermanns 2023: 289-294) und ab dem 15. Jh. auslautendes -n in den Nominativ übernimmt (EtymWB 1993d: s. v. Garten). Die Variante Garter zu ahd. gartāri, das sich von stark f lektierendem ahd. gart ableitet (EtymWB 1993d: s. v. Garten; Paul et al. 2007: 73), ist in der Schicht «vor 1800» nicht bezeugt. In Berner Urbaren des 16. Jh. findet sich aber die Varianz Hensli Garter - Hennsli Gartner sowie Niggli Garter - Niclj Gartner (Ramseyer unveröffentlicht). 9 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 438 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="439"?> Herzer, Heuer, Heusler, Heussler, Heyer, Hirter, Hodler, Hofmänner, Holzreuter, Holzschitter, Hueter, Hüsler, Huter, Hutmacher, Hutter, Imber, Imper, Ipser, Jaeger, Jäger, Jeger, Jegger, Jegher, Jetter, Kaeser, Kalberer, Kamber, Kammacher, Kammer, Kammerer, Kämpfer, Karrer, Käser, Käufeler, Keser, Kessler, Kiefer, Kieffer, Kiener, Kieser, Kirscher, Kläger, Kleger, Kleiber, Klopfer, Kocher, Koerber, Kohlbrenner, Kohler, Köhler, Koller, Körber, Korner, Kramer, Krämer, Kreuter, Kromer, Kübler, Küffer, Küher, Kunkler, Kürsener, Kutter, Laederer, Lagler, Läser, Lässer, Lautenschlager, Lechner, Lederer, Ledergerber, Leeger, Legler, Lehner, Leuber, Liner, Linner, Loder, Löffler, Lörtscher, Lyrer, Mahler, Mahrer, Margstahler, Markstahler, Markstaller, Marrer, Moder, Mohler, Muoser, Nadler, Näher, Najer, Nater, Nauer, Neier, Neiger, Netzer, Neyer, Notter, Nunnenmacher, Oehler, Oeler, Perler, Pfander, Pfanner, Pfeifer, Pfeiffer, Pfenniger, Pfenninger, Pfiffer, Pfluger, Pflüger, Pfrunder, Pfründer, Pfyffer, Pletscher, Pleuer, Plüer, Räber, Rächer, Reber, Recher, Reifer, Richter, Ringger, Ritter, Roller, Rosser, Rüber, Ryter, Sägesser, Sailer, Sattler, Schachtler, Schädler, Schaefer, Schaeffer, Schaerer, Schäfer, Schaffer, Schaffter, Schafter, Schärer, Schärrer, Schedler, Schefer, Scheffmacher, Schenker, Scherer, Scherrer, Schiesser, Schilter, Schindler, Schirmer, Schleusser, Schlosser, Schneider, Schneller, Schnetzer, Schnider, Schnitter, Schnitzer, Schnyder, Schocher, Schödler, Scholer, Scholler, Schreiber, Schrepfer, Schriber, Schröpfer, Schryber, Schuhmacher, Schumacher, Schwägler, Schwegler, Schwertfeger, Seeger, Seger, Segesser, Segiser, Seiler, Senger, Sessler, Siber, Sidler, Sieber, Simler, Simmler, Singer, Sinner, Spänhauer, Speiser, Spieler, Spieser, Spiller, Spinner, Spinnler, Sporrer, Spreiter, Sprenger, Spreuer, Spuhler, Spühler, Spuler, Stecher, Steinhauer, Strähler, Strehler, Stuber, Studler, Suhner, Sydler, Täscher, Teuscher, Thierwächter, Torgler, Trachsler, Traxler, Treichler, Trochsler, Troxler, Trummer, Tüscher, Venner, Vidmer, Vischer, Wäber, Wachter, Wächter, Waeber, Wäffler, Wäfler, Wäger, Wagner, Walcher, Walker, Wamister, Wannenmacher, Weber, Wechsler, Wepfer, Widmer, Wiedmer, Witmer, Wittmer, Wullschleger, Wurster, Wüscher, Zähner, Zeder, Zeender, Zehender, Zehnder, Zehner, Zeiger, Zender, Zetter, Ziegerer, Ziegler, Zoller. 356 Types, 2'408 Tokens. Kreise 15-40, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 5-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 213: Daten zur ersten Karte {205} Detailangaben zur Namenauswahl: 10 In der etymologischen Datenbank (Stand 20.08.2024) enden von 739 als deutsch kategorisierten BerufsN 497 auf -er. Diese Fälle wurden händisch auf ihre Relevanz überprüft und einem Bildungsmuster zugeordnet. Von den 497 automatisch ermittelten BerufsN bleiben folgende Fälle unberücksichtigt: 1. BerufsN mit lerresp. ner-Suffix (z. B. Kistler, Gantner), die in der Karte 205: BerufsN auf -er, vor 1800 10 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 2.11 Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen 439 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="440"?> zweiten und der dritten Karte zur Diskussion stehen; 2. 37, z. T. hochfrequente BerufsN wie Meier, Müller, Pfister oder Suter, die hier ausgeschlossen und in der fünften Karte separat abgebildet werden, weil die zugrunde liegenden Appellativa von der Literatur i. d. R. als Entlehnungen aufgefasst werden; 3. FamN, deren auslautendes -er zur Basis gehört (z. B. Feer zu mhd. ver(e) ‘Schiffer, Fährmann’, Muster zu schwzdt. Muster in der älteren Bedeutung ‘Truppenschau, Musterung’ bzw. zum Verb schwzdt. mustere(n) ‘Truppenschau halten; Truppen inspizieren’) und die daher dem endungslosen Bildungstyp zuzuordnen sind; 11 4. FamN wie Kircher (zu mhd. kirch-hërre ‘Pfarrherr, Ortsgeistlicher’) oder Züger (mhd. *ziug-hërre ‘Aufseher über das Kriegs- oder Handwerksgerät’), die durch Kontraktion des Zweitglieds entstanden sind und somit nicht zu den er-Ableitungen gehören (Gubler 1920: 72); 5. Komposita mit onymischen Bestandteilen (z. B. FamN Schmidweber wohl für einen Angehörigen der Familie Weber, der Schmied ist); 12 6. Laderer und Natterer, weil an die Nomina agentis auf -er ein patronymisches -er angetreten ist (s. die fünfte Karte für den FamN Pfisterer zu Pfister; Fleischer 1964: 104; Kunze 2004: 69; DFA 3 2012: 227, 235); 13 7. Nomina agentis auf -er mit zusätzlichem präpositionalem Bestandteil (z. B. de Fischer, von Schumacher), weil durch Letzteren tendenziell eine weitere Bedeutungskomponente hinzutritt; 14 8. diejenigen BerufsN, deren genaue Deutung unsicher ist (z. B. Projer, Rinder, Winzeler). Es verbleiben 356 BerufsN auf -er, die in der vorliegenden Karte enthalten sind. Unter ihnen finden sich Formen wie Bindschedler (zu schwzdt. (älter) Bindschädler ‘Fassbinder, Küfer’), Hofmänner (aus mhd. hof ‘Bauerngut, Bauernhof ’ und schwzdt. Menner ‘Wagenlenker, Fuhrwerker, Bursche, der das Pf lug- oder Zugvieh antreibt’) und Ledergerber (zu schwzdt. (älter) Lëdergërwer ‘Handwerker, der aus rohen Tierhäuten Leder herstellt’), die hier mit Blick auf ihr Zweitglied als er-Ableitungen behandelt werden, aber an anderer Stelle als Komposita Beachtung finden. 15 Die kartierten FamN basieren auf einer Vielzahl an mittelalterlichen Berufsbezeichnungen, die sich unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen zuordnen lassen. Zu den verschiedenen Motivgruppen gehören u. a. Berufe aus der Landwirtschaft (z. B. Graser zu mhd. graser ‘Landarbeiter, der Gras schneidet, Heu erntet’; Kirscher wohl zu mhd. kërse, kirse ‘Kirsche’ für einen Obstbauern o. ä.; Rosser zu schwzdt. (älter) Rosser ‘Pferdeknecht’), der Waldwirtschaft, Fischerei und Jagd (z. B. Federer zu mhd. vëder(e) ‘Feder, auch f laumiges Pelzwerk’ für einen auf Vogelwild spezialisierten Jäger oder einen Jäger, der die Falkenjagd betreibt; Jäger; Holzreuter ‘berittener Forstaufseher, Forstbereiter’) oder dem Nahrungs(mittel)gewerbe (z. B. Becker; Habermacher wohl identisch mit schwzdt. Habermëler ‘wer Hafergrütze bereitet bzw. feil trägt’; Ziegerer zu schwzdt. Ziger 16 ‘Milchprodukt aus erhitzter und gesäuerter Molke resp. Milch’). Weitere namengebende Berufsbereiche sind das Leder- und Textilgewerbe (z. B. Däscher zu mhd. tasch(e)ner, spätmhd. teschler, täschner ‘Taschenmacher, -hersteller’; Näher; Wepfer zu schwzdt. Wëpfer ‘wer berufsmässig Gewebe herstellt’), die Metall- und Holzverarbeitung (z. B. Giesser zu mhd. gieʒen ‘(Metall) giessen, bilden’; Küffer zu mhd. küefer ‘Küfer, Böttcher; wer Holzgefässe verfertigt’; Sydler zu mhd. sidel(e) ‘Stuhl, Sessel, Bank’, in der Schweiz meist im Sinne von ‘Stabelle’), die Gesundheits- und Körperpf lege (z. B. Bader zu mhd. badære, bader ‘Person, die die Badenden bedient und das Bad vorbereitet’, auch ‘Barbier, Besitzer einer Badestube’; Scherer zu mhd. schërære, schërer ‘Barbier, Wundarzt, Bader’; Schröpfer zu mhd. schrepfer ‘Schröpfer, Aderlasser, Bader’) sowie der Handel und Verkehr (z. B. Düscher zu mhd. tiuscher ‘Händler’, auch ‘Betrüger’; Hodler zu fnhd. (besonders schweizerisch) hodle(n) ‘Waren führen und damit Handel treiben’; Krämer zu mhd. krāmære, kræmer ‘Handelsmann, der seine Ware in einer krāme (einem Verkaufsladen) anbietet; Kleinhändler’). Auch weltliche oder kirchliche Ämter (z. B. Besserer zu mhd., schwzdt. bessere(n) ‘ein Vergehen büssen, Strafe dafür zahlen; einen Schaden vergüten’ für denjenigen, der die vom Gericht verhängten Bussen einzieht; Finner zu mhd. pfinne, vinne ‘Nagel, Pf lock; Fäulnis’ für den für die Fleischbeschau zuständigen Beamten; Schaffer zu mhd. schaffære, schaffer ‘Anordner, Aufseher, der für das Hauswesen sorgende Verwalter’) und die Berufswelt der Spielleute (z. B. Lautenschlager zu mhd. lūtenslaher ‘Spielmann, der die Laute spielt’; Schwegler zu mhd. swegel(e) ‘schalmei- oder klarinettenähnliche Flöte’; Trummer zu schwzdt. (älter) Trummer ‘Trommler’) spiegelt das Deutschschweizer Onomastikon wider (Einteilung angelehnt an Kohlheim/ Kohlheim 2005: 33-38). Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass Suffigierung mit -er ein weit verbreiteter Bildungstyp ist und mehr oder weniger in der gesamten Deutschschweiz auftritt. Allerdings scheinen bestimmte Areale einen noch stärkeren Hang zur Onymisierung von direkten Berufsbezeichnungen auf -er zu haben als andere: Tendenziell zeigt sich gegen Norden hin eine Zunahme der Tokens; mit anderen Worten sind (vor-)alpine Regionen wie u. a. das Berner Oberland, die Innerschweiz (insbesondere OW, NW) oder Graubünden weniger stark vertreten als das f lachere - und generell städtischere sowie bevölkerungsreichere - Mittelland (z. B. AG, ZH). Zweite Karte {206}: Berufsnamen auf -ler Namenauswahl: Die zweite Karte bildet diejenigen BerufsN aus der Schicht «vor 1800» ab, die grundsätzlich als Ableitungen auf -ler segmentiert werden können (s. Abschnitt «Hintergrund» für generelle Einschränkungen). 17 Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen BerufsN auf -ler, vor 1800: Aelpler, Beyeler, Bleuler, Dengler, Denzler, Fässler, Fessler, Fischler, Förstler, Geissler, Gernler, Isler, Kistler, Kräutler, Leubler, Mächler, Moeschler, Möschler, Reifler, Schäffeler, Schäfler, Scherler, Schlittler, Schnetzler, Schnezler, Spengeler, Spengler, Täschler, Wangler, Zehndler, Zeindler. 31 Types, 149 Tokens. 11 Vgl. Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». Zu erwägen wäre, ob in solchen Fällen allenfalls eine haplologische Verkürzung von -erer zu -er stattgefunden haben könnte (Szadrowsky 1918: 9). 12 Vgl. Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». 13 Vgl. Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». 14 Vgl. die Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de» und II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de». 15 Vgl. Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» (erste Karte). Für eine Begründung, weshalb Zusammenbildungen wie Hutmacher oder Lautenschlager von solchen Familiennamenkomposita zu unterscheiden sind und als Derivate klassifiziert werden, vgl. ebenfalls Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». 16 Es besteht kein Bezug zum Lexem Ziege ‘Geiss’, denn dieses ist in den alemannischen Mundarten ein neuhochdeutscher Import aus der Standardsprache. 17 Es ist anzunehmen, dass historische Sondierungen weitere FamN zutage bringen würden, bspw. findet sich in Berner Urbaren des 16. Jh. die Form Dischler ‘Tischler’ (Ramseyer unveröffentlicht). 440 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="441"?> Kreise 15-25, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 214: Daten zur zweiten Karte {206} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 20.08.2024) ergibt die Abfrage nach BerufsN endend auf -ler 123 Treffer. Diese wurden manuell überprüft, um den Bildungstyp zu bestimmen und Fehltreffer herauszufiltern. Ausgeschlossen wurden folgende FamN: 1. alle BerufsN, die zwar auf -ler enden, aber als er-Ableitungen zu einer liquidhaltigen Basis zu verstehen sind (z. B. Beutler zu mhd. biutelære, biuteler ‘Beutelmacher’ oder zu schwzdt. Bǖtler ‘Beutler, Müller’, also für denjenigen, der durch Schütteln in einem Beutel das feine vom groben Mehl sondert; Häusler und Varianten zu schwzdt. Hǖsler ‘Tagelöhner, der gewöhnlich in einem kleinen Haus (schwzdt. Hǖsli) zur Miete wohnte’; Perler zu mhd. bërlen, përlen ‘mit Perlen schmücken, zieren’ für den Perlensticker; Schädler zu mhd. schëdeler ‘Hersteller von Schüsseln’, schwzdt. Schädler ‘Küfer, Schreiner; wer aus Holz Gefässe herstellt’, denen wiederum mhd. schëdel für ein Trockenmass zugrunde liegt); 2. diejenigen Namen, deren genaue Deutung unsicher ist (z. B. Freyler, Klingler). Es verbleiben 31 BerufsN, die grundsätzlich als Ableitungen auf -ler verstanden werden können (s. Abschnitt «Hintergrund» für generelle Einschränkungen). Die Namenauswahl umfasst verschiedene landwirtschaftliche Berufsbezeichnungen wie Aelpler (zu schwzdt. Älpler ‘Älpler, Senn, auch Alpbediensteter, der im Sommer auf der Alp das Vieh besorgt, Käse herstellt usw.; Alpbesitzer’), Geissler (wohl zu mhd. geiʒer ‘Ziegenhüter’) oder Schäffeler (zu mhd. schæfære, schæfer ‘Schäfer’). Daneben sind u. a. auch das Textilgewerbe (z. B. Bleuler zu mhd. bliuwe(l)n ‘schlagen, stampfen’, schwzdt. blüüw(e)(l)e(n) ‘mit einem schweren Holzschlegel bearbeiten, v. a. Garn vor dem Weben weichklopfen, Hanf mit einem Schlegel in der Reibemühle weichquetschen’; Gernler wohl zu mhd. garn ‘Garn, Faden’ für den Netzstricker oder -f lechter), die metallverarbeitenden Handwerke (z. B. Dengler zu mhd. tengen ‘schlagen, klopfen’ für denjenigen, der Sensen, Sicheln oder Pf lugsechen durch Hämmern schärft; Isler zu mhd. īsen ‘(verarbeitetes) Eisen’ wohl für einen Eisenhändler; Möschler zu fnhd. mösch ‘Messing’ für den Kupferschmied oder einen anderen im Schmiedehandwerk tätigen, spezialisierten Handwerker) und die Holzverarbeitung (z. B. Fessler zu mhd. vezzeler ‘Fassmacher, Küfer’; Kistler zu mhd. kistenære, kistener, kisteler ‘Hersteller von Kisten und Truhen, spezialisierter Möbelschreiner’; Wangler 18 ) mehrfach in den Familiennamenbestand eingegangen. Karte 206: BerufsN auf -ler, vor 1800 18 Der FamN Wangler schliesst sich wahrscheinlich oberdt. Wanger < Wagner ‘Wagen-, Radmacher, Fuhrmann’ an (Brechenmacher 2 1957-1963: 743; Kohlheim/ Kohlheim 2005: 700) und geht gemäss Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Wangler) auf eine im 18. Jh. aus Breitnau (Baden-Württemberg) zugewanderte Familie zurück. Alternativ liegt gemäss DFD (2025: s. v. Wangler) ein WohnstättenN zu dt. Wang ‘Wiesenabhang, grasbewachsener Hang’ vor, wobei sich die beiden Deutungen laut FLNB II/ 4 (2008: 417) für den oberdeutschen Sprachraum kaum trennen lassen. 2.11 Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen 441 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="442"?> Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass abgeleitete BerufsN auf -ler im Vergleich zu -er in der Deutschschweiz nur selten zu FamN geworden sind. Von den 149 Tokens, die das erweiterte Sekundärsuffix aufweisen, konzentriert sich eine Mehrheit in der Nordostschweiz und im Kanton Schwyz. Letzterer erreicht mit 2,33 % (19 Tokens) die höchste relative Häufigkeit an BerufsN auf -ler, während der Kanton Zürich (45 Tokens) die Rangliste der absoluten Häufigkeiten anführt. Mindestens zehn Belege finden sich ansonsten nur in den mittelländischen Kantonen Aargau (15 Tokens), Bern (13 Tokens) und Thurgau (10 Tokens). Als grundsätzliche Raumstruktur ergibt sich, dass das liquidhaltige Suffix in der östlichen Hälfte der Deutschschweiz (insbesondere ZH, SZ) häufiger Eingang ins Onomastikon gefunden hat, während es in der westlichen Hälfte eher selten dokumentiert ist. Mit Ausnahme der Belege aus dem Kanton Schwyz zeigt sich zudem die Tendenz, dass ler-Ableitungen eher im Mittelland als in den (vor-)alpinen Regionen alteingesessen sind. Für 20 der 31 Types verzeichnet das FNB (1989) drei oder weniger Belegorte (z. B. FamN Aelpler, Fischler, Scherler). Eine zweistellige Anzahl an Ortspunkten erreichen nur die FamN Mächler (10 Tokens), Spengler (12 Tokens), Denzler (14 Tokens), Fässler (18 Tokens) und insbesondere Isler (34 Tokens), der zusammen mit Denzler stark zur hohen Belegdichte im Kanton Zürich beiträgt. Auch in weiteren Fällen clustern die suffigierten BerufsN in einem bestimmten Areal; z. B. Beyeler rund um Schwarzenburg (BE), Täschler im Kanton St. Gallen oder Mächler im Kanton Schwyz. Andere FamN wie Fessler (je ein Beleg in BL, FR, GR, LU, VS) streuen hingegen relativ stark. Dritte Karte {207}: Berufsnamen auf -ner Namenauswahl: Die dritte Karte untersucht diejenigen BerufsN aus der Schicht «vor 1800», die sich formal grundsätzlich als ner-Derivate analysieren lassen (s. Abschnitt «Hintergrund» für generelle Einschränkungen). Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen BerufsN auf -ner, vor 1800: Bachofner, Exner, Falkner, Gantner, Gloggner, Herdener, Hosner, Ladner, Ochsner, Offner, Pfiffner, Schaffner, Zehntner, Zeltner, Zentner. 15 Types, 84 Tokens. Kreise 15-25, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 215: Daten zur dritten Karte {207} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 20.08.2024) ergibt die Abfrage nach BerufsN endend auf -ner 46 Treffer, die anschliessend händisch überprüft und einem Bildungsmuster zugeordnet wurden. Gestützt auf diese manuelle Durchsicht bleiben folgende Fälle unberücksichtigt: 1. BerufsN, die zwar auf -ner enden, aber als er-Ableitungen zu einer n-haltigen Basis zu verstehen sind (z. B. Diener zu mhd. dienære, diener für einen Gehilfen in untergeordneter Stellung, einen Lehenmann oder Knecht; Korner zu mhd. korner, körner ‘Kornaufkäufer, Kornhändler’); 2. der BerufsN Wirthner (zur Berufsbezeichnung Wirt oder zum FamN Karte 207: BerufsN auf -ner, vor 1800 442 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="443"?> Wirth) mit patronymischem -ner. 19 Es verbleiben 16 Types, die (unter Vorbehalt der eingangs genannten Einschränkungen) als BerufsN auf erweitertes -ner eingeteilt werden können. Allenfalls wäre der FamN Plattner zu ergänzen, der sehr wahrscheinlich als Herkunfts- oder WohnstättenN zum Toponym Blatt(e) gebildet ist, in vereinzelten Fällen jedoch als BerufsN zu mhd. blate, plate ‘Platte, eiserne Brustbedeckung’ für den Verfertiger von Plattenharnischen gedeutet werden kann. Die Namenauswahl enthält mit Exner, Ochsner (beide zu mhd. ohsenære ‘Ochsenhirt, Ochsentreiber, Ochsenbauer’) 20 und Herdener (zu mhd. hërtære ‘Hirte’) wiederum mehrere Berufsbezeichnungen aus der Landwirtschaft. FamN wie Gantner (zu schwzdt. Ganter ‘Gantmeister; derjenige, der für einen in Konkurs Verfallenen eine Gant (Zwangsversteigerung) durchführt’, gelegentlich auch die in Konkurs geratene Person selbst) und Zehntner (zu mhd. zëhendenære, zëhentnære, zëhendære ‘Zehnteinnehmer’ bzw. auch ‘Zehntpf lichtiger’) stehen in Beziehung zu weltlichen Ämtern. Andere Berufsfelder wie das der Jagd (Falkner zu mhd. valkenære, valkener für jemanden, der Falken, Habichte und andere Greifvögel für die Jagd abrichtet) oder jenes der Spielleute (Pfiffner zu mhd. phīfer ‘Pfeifer, Spielmann’) sind jeweils nur mit einem FamN repräsentiert. Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass Ableitungen auf -ner in der Schicht «vor 1800» nur in beschränkter Zahl und nur in bestimmten Gebieten der Deutschschweiz dokumentiert sind. Das Kartenbild weist eine augenfällige Konzentration der Belege im Kanton Zürich (25 Tokens), in den Nachbarkantonen Aargau (12 Tokens) und Basel- Landschaft (11 Tokens) sowie im Kanton St. Gallen (12 Tokens) aus. In vier weiteren Kantonen (FR, SO, LU, GR) sind BerufsN auf -ner an drei bis fünf Orten alteingesessen. Die restlichen 12 Tokens verteilen sich auf acht Kantone und sind daher als Streubelege zu verstehen. Mit Blick auf die relative Häufigkeit von BerufsN auf -ner stechen u. a. der Bezirk Sissach (BL) mit 1,79 % (7 Tokens), der Bezirk Pfäffikon (ZH) mit 1,81 % (8 Tokens) und der Wahlkreis Sarganserland (SG) mit 2,04 % (8 Tokens) ins Auge; auf kantonaler Ebene führt Basel-Landschaft (0,82 %, danach ZH mit 0,55 %). Insgesamt deutet das Kartenbild darauf hin, dass die Nordostschweiz und der Nordwesten der Deutschschweiz eher zu Ableitungen auf -ner neigen als bspw. das Berner Mittelland und die (vor-)alpinen Gebiete wie das Berner Oberland oder die Innerschweiz. Zudem handelt es sich bei den Belegen in mehreren Fällen um Cluster desselben Familiennamentypes. So liegen z. B. die 4 Tokens von Zeltner (Kanton SO) und die 5 Tokens von Ladner (Kanton GR) jeweils nahe beieinander. Vierte Karte {208}: Berufsnamen auf -er, -ler, -ner Namenauswahl: Die vierte Karte dokumentiert ausgewählte BerufsN aus der Schicht «vor 1800», die die Variation der drei Bildungsmuster -er, -ler und -ner zeigen. Grösstenteils handelt es sich dabei um Dubletten, bei denen -er einem der beiden erweiterten Suffixe gegenübersteht; daneben findet sich in der etymologischen Datenbank aber auch eine Triplette. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Karte 208: Dubletten und Triplette auf -er, -ler, -ner, vor 1800 19 Vgl. Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». 20 Für entrundete Vokale in FamN vgl. Artikel I-1.5 «Entrundung». 2.11 Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen 443 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="444"?> Abgefragte Namen BerufsN auf -er: Bachofer, Bläuer, Bleuer, Dänzer, Däscher, Echser, Exer, Fischer, Foerster, Forster, Foster, Ganter, Geiser, Geisser, Glogger, Herder, Kreuter, Leuber, Pfeifer, Pfeiffer, Pfiffer, Pfyffer, Pleuer, Plüer, Reifer, Schaefer, Schaerer, Schäfer, Schaffer, Schärer, Schärrer, Schefer, Scherer, Scherrer, Schnetzer, Täscher, Vischer, Zeder, Zeender, Zehender, Zehnder, Zehner, Zender. 43 Types, 366 Tokens. BerufsN auf -ler: Bleuler, Denzler, Fischler, Förstler, Geissler, Kräutler, Leubler, Reifler, Schäffeler, Schäfler, Scherler, Schnetzler, Schnezler, Täschler, Zehndler. 15 Types, 47 Tokens. BerufsN auf -ner: Bachofner, Exner, Gantner, Gloggner, Herdener, Ochsner, Pfiffner, Schaffner, Zehntner, Zentner. 10 Types, 70 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-25, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 216: Daten zur vierten Karte {208} Detailangaben zur Namenauswahl: Für die vorliegende Karte wurde in der etymologischen Datenbank (Stand 20.08.2024) sowohl automatisch als auch händisch nach Dubletten und Tripletten von BerufsN gesucht, die in der Schicht «vor 1800» mit mehr als einem der drei Derivationssuffixe belegt sind. Unberücksichtigt bleiben folgende FamN: 1. vermeintliche Dubletten wie Fasser - Fässler/ Fessler oder Dänger / Denger - Dengler, weil die FamN nicht auf einen gemeinsamen etymologischen Ursprung zurückgeführt werden können; 2. diejenigen Fälle, die bereits in der ersten, der zweiten und der dritten Karte ausgeschlossen wurden; 3. die beiden FamN Wagner und Wangler (s. zweite Karte); 4. Mächler, weil -macher nur in Zusammenbildungen (z. B. Hutmacher, Schuhmacher), aber nicht in unerweiterter Form *Macher belegt ist. Insgesamt ergeben sich 19 Dubletten sowie eine Triplette, die sich aus verschiedenen Varianten für den Zehnteinnehmer (bzw. den Zehntpf lichtigen) ergibt (Typus Zehnder - Zehndler - Zehntner). Die Namenauswahl umfasst u. a. BerufsN aus dem Bereich der Spielleute (Dänzer zu mhd. tenzer, tanzer ‘Tänzer, Seiltänzer, Gaukler’), der Waldwirtschaft (Foerster/ Forster/ Foster zu mhd. vorstære ‘Förster, Forstamtmann, Waldhüter’) und der Landwirtschaft (Kreuter zu mhd. krüter ‘Gemüsebauer, -händler, Kräutersammler’, auch ‘Apotheker’). Leuber bezeichnet denjenigen, der Laub einsammelt und sogenannte Lauber (mit Laub gefüllte Bettsäcke) herstellt, während Reifer wohl einen Leinwandmesser (vgl. mhd. līnwātreifer) benennt und Schnetzer (zu mhd. snëtzēre, einer Nebenform zu mhd. snitzære ‘Schnitzer’) denjenigen meint, der mit Holz arbeitet bzw. kleinere Dinge aus Holz herstellt. Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass der er-Typus gegenüber den Derivaten auf -ler und -ner nicht nur eine höhere Type- und Tokenfrequenz erreicht, sondern auch in einem weitaus grösseren Areal belegt ist. So verteilen sich die abgeleiteten BerufsN auf -er über das ganze Mittelland und strahlen zudem in (vor-)alpine Regionen wie das östliche Berner Oberland oder den Kanton Graubünden aus. Im Unterschied dazu treten die Bildungen mit Sekundärsuffix ausschliesslich in einzelnen Gebieten der Deutschschweiz auf. Die nasalhaltigen Formen sind grösstenteils in den vier nördlichen Kantonen St. Gallen, Zürich, Aargau und Basel-Landschaft belegt (insgesamt 58 Tokens), während sie in der restlichen Deutschschweiz kaum oder gar nicht in Erscheinung treten. Auch für erweitertes -ler finden sich in vielen Kantonen nur wenige oder keine Belege; das Verbreitungsgebiet liegt mehrheitlich in den Kantonen St. Gallen, Zürich und Aargau (insgesamt 35 Tokens). Kommen die FamN mit erweitertem Suffix an mindestens drei Orten vor (11 von 25 Types), neigen sie tendenziell zu Clusterbildung; so z. B. Pfiffner im Kanton St. Gallen oder Scherler (nord-)westlich der Stadt Bern. Teilweise treten die Varianten auf -ler, -ner in der Nähe der entsprechenden er-Ableitungen (z. B. Schnetzler in Bülach ZH, Schnetzer in Eglisau ZH) auf, mehrheitlich decken sich die Verbreitungsgebiete aber nicht (z. B. Reifer in ZH, Reifler in AR). Fünfte Karte {209}: Berufsnamen auf -er aus Entlehnungen Namenauswahl: Als Ergänzung zur ersten Karte widmet sich die fünfte Karte denjenigen BerufsN, die morphologisch als ‘gewöhnliche’ Ableitungen auf -er erscheinen, aber als FamN zu entlehnten Berufsbezeichnungen abweichend zu behandeln sind (z. B. Marner zu mhd. marnære, marner ‘Seemann, Schiffsführer, Steuermann’ aus ital. marinario, mittellat. marinarius; Ebner 2015: 473). Entsprechende Formen auf -ler oder -ner sind für die Schicht «vor 1800» nicht belegt. Ausgewählt wurden grundsätzlich ihrer Form nach passende - d. h. auf -er endende - und auf Entlehnung zurückgehende FamN, auch wenn diesen keine Bildung auf lat. -ārius zugrunde liegt (z. B. Meier zu ahd. meior, mhd. mei(g)er ‘Gutsverwalter, der im Auftrag des Grundherrn die Aufsicht über die Bewirtschaftung der Güter führt’, daneben ‘Grossbauer’, schwzdt. (älter) auch ‘Dorfvorsteher; Lehenmann, Pächter’ sowie überhaupt ‘Bauer’ aus lat. maior ‘höher, grösser’ bzw. maior (domūs) ‘der Grössere des Hauses’; EtymWB 1993e: s. v. Meier). Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen BerufsN auf -er aus Entlehnungen, vor 1800: Brunnenmeister, Burgermeister, Custer, Keller, Kirchmeier, Kläfiger, Koster, Kuster, Maier, Marner, Mätzler, Mayer, Meier, Meister, Mesmer, Messmer, Metzger, Metzker, Metzler, Meyer, Mezger, Muller, Müller, Pfister, Sauter, Sautter, Scheuermeier, Scheurmeister, Scheuzger, Schuster, Strohmeier, Stromeier, Suter, Sutermeister, Sutter, Vollmeier, Walkmeister. 37 Types, 1'484 Tokens. Kreise 15-40, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 5-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 217: Daten zur fünften Karte {209} Detailangaben zur Namenauswahl: Die fünfte Karte enthält 37 BerufsN mit der Endung -er, die sich äusserlich zwar nicht von FamN wie Imber/ Imper (zu mhd. imbe, impe, imme ‘Bienenschwarm, Biene’) oder Segesser (zu mhd. sëgense, auch segesse ‘Sense’) unterscheiden lassen, aber von der Literatur etymologisch i. d. R. (direkt) auf Entlehnungen zurückgeführt werden und daher bei der ersten Karte keine Berücksichtigung fanden. Die hier kartierten Namen basieren alle auf lateinischen Berufsbezeichnungen, die ins Deutsche integriert worden sind (Wilmanns 1930: 279), und gehören z. T. zu den häufigsten BerufsN in der Schicht «vor 1800», was sie aus quantitativer Sicht relevant macht und eine Kartierung rechtfertigt. 444 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="445"?> Unberücksichtigt bleiben folgende FamN: 1. sogenannte lokalisierte BerufsN wie Hintermüller oder Geymüller, die zwei verschiedene Benennungsmotive miteinander kombinieren; 2. Komposita mit onymischen Bestandteilen (z. B. FamN Kellermüller wohl für einen Angehörigen der Familie Müller, der Kellermeister ist); 21 3. die Artikelproklise aufweisenden FamN Zoutter, Zuter und Zutter (alle zu Sut(t)er); 22 4. BerufsN auf -er mit präpositionalem Bestandteil wie de Meyer und von Keller; 23 5. der FamN Pfisterer, weil er formal «übersuffigiert» und vermutlich patronymisch zu deuten ist (Nübling/ Kunze 2023: 374). 24 Die Namenauswahl umfasst einerseits unerweiterte Formen wie Meister (zu ahd. meistar, mhd. meister ‘Lehrer, Gelehrter; Handwerks-, Zunftmeister, Vorgesetzter; (an-)führendes Oberhaupt eines Gemeinwesens’ aus lat. magister; EtymWB 1993f: s. v. Meister) oder Metzger (zu ahd. meʒʒiāri, mhd. metzjære, metzjer, fnhd. metzger ‘Metzger, Fleisch-/ Wursthändler’ wohl aus spätlat. mat(t)iārius; EtymWB 1993g: s. v. Metzger), andererseits aber auch BerufsN wie Scheurmeister (mit dem Erstglied mhd. schiure ‘Scheune’) oder Vollmeier, die sich aus einer Entlehnung als Grundwort und einem deutschen Bestimmungswort zusammensetzen. Darüber hinaus sind mit Scheuzger und Schuster zwei kontrahierte Formen des Kompositums mhd. schuoch-suter ‘(Flick-)Schuster’ belegt (Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Schuster; Nübling/ Kunze 2023: 384), dessen Zweitglied mhd. sūter ‘Näher, Schneider, Schuster’ eine Entlehnung von lat. sūtor ist. Wie in den ersten vier Karten speist sich auch das vorliegende Sample aus unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern, wobei einerseits das Nahrungs(mittel)gewerbe mit FamN wie Metzler (zu ahd. mezzilāri, mhd. metz(e)ler ‘Metzger, Fleischer’ aus mittellat. macellarius; EtymWB 1993h: s. v. metzeln; EtymWB 1993g: s. v. Metzger), Müller (zu ahd. mulināri, mhd. mülnære, mülner und daraus durch Assimilation entstandenes müller ‘Müller, Betreiber einer Mühle’ aus spätlat. molīnārius; EtymWB 1993i: s. v. Müller) und Pfister (zu ahd. phistar, phistur, mhd. pfister ‘(Müller und) Bäcker’, insbesondere ‘Brotbäcker’ aus lat. pīstor; EtymWB 1993j: s. v. Pfister) stark vertreten ist. Andererseits lässt sich mit den Ämtern eine zweite grosse Motivgruppe identifizieren, zu der FamN wie Keller (zu mhd. këllære, këller ‘Kellermeister, Verwalter der Weinberge und Weingülten’, schwzdt. (älter) auch ‘Verwalter grundherrschaftlicher Einkünfte an Naturalien, besonders auf kleineren, meistens Klöstern gehörenden Höfen’ aus lat. cellārius; Id. 3 1881 ff.: Sp. 204; EtymWB 1993k: s. v. Kellner), Kläfiger (aus mittellat. claviger ‘Schlüsselträger’ wohl für einen Verwalter einer öffentlichen Kasse, einer Schatzkammer Karte 209: BerufsN auf -er aus Entlehnungen, vor 1800 21 Für lokalisierte BerufsN und Komposita mit onymischen Bestandteilen vgl. Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». 22 Vgl. Artikel II-3.1 «Artikelproklise». 23 Vgl. die Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de» und II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de». 24 Vgl. Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». Anzumerken bleibt, dass bei Pfisterer formal auch ein Nomen agentis zum Verb schwzdt. pfistere(n) ‘backen’ denkbar ist (Id. 5 1881 ff.: Sp. 1198). 2.11 Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen 445 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="446"?> o. ä.; Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Kläfiger), Kuster (zu ahd. kustor, mhd. kuster, guster ‘Aufseher, Küster, Kirchendiener, auch Verwalter des Kirchenschatzes’ aus spätlat. custor; EtymWB 1993l: s. v. Küster) und Mesmer (zu ahd. mesināri, mhd. mesnære, mesner ‘Kirchendiener, Küster, Mesner’ aus mittellat. mansionarius; EtymWB 1993m: s. v. Mesner) gehören. Kommentar: Die fünfte Karte zeigt, dass diejenigen BerufsN, die in der Literatur üblicherweise auf Entlehnungen zurückgeführt werden, ein ähnliches Verbreitungsgebiet aufweisen wie die BerufsN in der ersten Karte. So verdeutlicht das vorliegende Kartenbild, dass auch BerufsN aus Entlehnungen in vielen Teilen der Deutschschweiz alteingesessen sind, aber besonders im (nördlichen) Mittelland verdichtet auftreten. Neben diesem Hauptverbreitungsgebiet finden sich bei beiden Samples auch in den (vor-)alpinen Regionen Belege. Tendenziell ist die Anzahl solcher Ortspunkte ausserhalb des Mittellands aber bei der fünften Karte geringer als bei der ersten Karte, da u. a. der Kanton Wallis, die Innerschweiz oder der Kanton Graubünden weniger stark vertreten sind. Ergebnisse Als zentraler Befund des vorliegenden Kartenkomplexes lässt sich festhalten, dass Ableitungen auf -er (-ler, -ner) als morphologischer Bildungstyp in der Schicht «vor 1800» stark vertreten sind und damit als charakteristisch für das Benennungsmotiv der BerufsN angesehen werden können. Es finden sich in der etymologischen Datenbank (Stand 20.08.2024) insgesamt 739 deutschsprachige FamN, die von Berchtold/ Graf (i. V.) auf direkte Berufsbezeichnungen zurückgeführt werden. Trotz mehreren, teilweise strikten Ausschlusskriterien (s. erste Karte) machen die Derivate auf -er mit 356 Types knapp die Hälfte aller BerufsN aus. Berücksichtigt man zusätzlich die 31 BerufsN auf -ler aus der zweiten Karte, die 15 BerufsN auf -ner aus der dritten Karte sowie die 37 auf Entlehnungen zurückgeführten BerufsN aus der fünften Karte, steigt der Anteil auf rund 60 % (439 von 739 Types). Es handelt sich also bei mindestens jedem zweiten BerufsN aus der Schicht «vor 1800» um ein Nomen agentis, das mit einem Derivationssuffix des Typs -er abgeleitet ist resp. das (bei BerufsN aus Entlehnungen) als Ableitung auf -er erscheint. Ein Vergleich der Type- und Tokenfrequenzen der drei Formvarianten hebt hervor, wie deutlich die Sekundärsuffixe gegenüber einfachem -er zurücktreten. Mit insgesamt 46 Types und 233 Tokens fallen die liquid- und nasalhaltigen Derivate kaum ins Gewicht, sodass Ableitungen mit älterem -er als dominantes Bildungsmuster von Deutschschweizer BerufsN bezeichnet werden können. Zu erwägen wäre, ob die beiden Sekundärsuffixe allenfalls erst nach dem Festwerden der BerufsN produktiv(er) geworden sind und deshalb nur marginal in FamN erstarrt sind. Da zur absoluten Chronologie der liquid- und nasalhaltigen Derivationssuffixe Forschungslücken bestehen, müsste dieser Frage in einer zukünftigen Arbeit genauer nachgegangen werden. Nicht nur hinsichtlich ihrer Type- und Tokenfrequenz, sondern auch bezüglich ihrer räumlichen Verbreitung sind den beiden erweiterten Suffixen Grenzen gesetzt: So heben die zweite, die dritte und die vierte Karte das nördliche Mittelland - mit dem Kanton Zürich als je stärkstes Verbreitungsgebiet - hervor. Die hohe absolute Tokenzahl im Kanton Zürich erklärt sich zumindest z. T. durch Formen wie Isler und Denzler, die in einem räumlich begrenzten, zürcherischen Gebiet clustern. Solche arealen Ansammlungen von Belegen finden sich auch noch für weitere BerufsN auf -ler und -ner. Insbesondere lässt sich auch die hohe relative Häufigkeit von BerufsN auf -ler im Kanton Schwyz und von BerufsN auf -ner im Kanton Basel-Landschaft mit Namennestern erklären (Fässler und Mächler in SZ, Schaffner in BL). Neben diesen Clustern von bestimmten Familiennamentypes liegen aber oft auch nur Einzelbelege von BerufsN vor. Im Unterschied dazu bedecken er- Derivate mehr oder weniger die gesamte Deutschschweiz. Wie die erste Karte illustriert, verteilen sich die Belege nicht gleichmässig, sondern ballen sich tendenziell in den f lacheren Gebieten (z. B. Berner Mittelland vs. Berner Oberland). Insgesamt lässt sich das Kartenbild so interpretieren, dass BerufsN auf -er im Mittelland dichter auftreten als im (vor-)alpinen Raum. Diese geographischen Verhältnisse können wenigstens teilweise mit «allgemeinen historisch-soziologischen Entwicklungen erklärt werden» (Berchtold 2011: 86), weist doch die Literatur einen grundsätzlichen Stadt-Land-Unterschied nach (Fleischer 1964: 138; Kunze 2004: 65): «Berufsnamen bilden sich vornehmlich in städtischen Gebieten aus, wo in der frühen Neuzeit eine differenzierte Arbeitsteilung entsteht; auf dem Land, wo jeder Bauer bzw. Selbstversorger ist, werden nur wenige Berufsnamen zu auf dem Land grundlegenden Berufen wie Müller oder Schmied vergeben» (Berchtold 2011: 86). Dieser Befund aus der bisherigen Forschung stimmt insofern mit der hier festgestellten Raumstruktur überein, als städtische Gebiete tendenziell im Mittelland liegen (Schwarz 1993: 227-228; e-HLS 2018: s. v. Stadt). Die in der fünften Karte abgebildeten BerufsN auf -er zu entlehnten Berufsbezeichnungen weisen grundsätzlich eine ähnliche räumliche Verteilung auf wie die BerufsN auf -er aus der ersten Karte. So treten auch Formen wie Marner, Messmer und Sutter am stärksten im (nördlichen) Mittelland in Erscheinung. Daneben sind sie aber ebenfalls in (vor-)alpinen Regionen dokumentiert, wobei solche Belege ausserhalb des Mittellands tendenziell seltener sind als bei den BerufsN aus der ersten Karte. Wie im Abschnitt «Hintergrund» erwähnt, ist mit Weinreich (1971: 158) davon auszugehen, dass solche vom Lateinischen entlehnten Berufsbezeichnungen die Ausbreitung des lateinischen Suffixes -ārius ‘zu X gehörig’ begünstigt haben (s. auch Baumgartner 1983: 98, 113). Für weitere Faktoren, die das Zurückdrängen älterer Bildungsmuster von Nomina agentis (insbesondere die Bildung mit ahd. -o) durch ahd. -āri, -ari (mhd. -ære, -er) erklären und damit indirekt auch die Dominanz von BerufsN auf -er begründen, s. die Ausführungen in Erben (2000: 144-146) und Weinreich (1971: 130, 214-215). 25 Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Müller (49'935 Tokens), Meier (32'070 Tokens) und Keller (22'369 Tokens). Es handelt sich bei allen drei um FamN zu entlehnten Berufsbezeichnungen; klammert man solche Namen aus, erreichen Weber (18'880 Tokens), Schneider (17'138 Tokens) und Gerber (14'517 Tokens) die höchste Frequenz. Sie gehören allesamt zu den häufigsten FamN der Schweiz überhaupt; vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 25 Vgl. auch Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 446 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="447"?> Das Sample der ersten Karte lässt erkennen, dass teilweise ‘gewöhnliche’ er-Derivate und Zusammenbildungen auf -er denselben Beruf bezeichnen. So steht in der Schicht «vor 1800» Huter neben Hutmacher, Kamber neben Kammacher oder mehrdeutiges (und daher ausgeschlossenes) Wanner neben Wannenmacher, wobei sich allfällige Bedeutungsunterschiede schwer erfassen lassen und die Variation z. T. räumlich strukturiert ist (Naumann 2007: 25): Makroareal überwiegen Formen wie Kister, Kistler, Kistner oder Glaser im Oberdeutschen, Kistenmacher und Glasmacher hingegen im nördlichen und westlichen Deutschland (Kunze 2004: 109, 121; Nübling/ Dammel 2007: 148; DFA 3 2012: 125). 26 In der Deutschschweiz sind vor 1800 nur zehn Zusammenbildungen auf -macher alteingesessen: Habermacher (wohl für eine Person, die gewerbsmässig Hafermehl und Hafergrütze herstellte, verarbeitete und verkaufte), Haggenmacher (für den Hersteller von Hakenbüchsen), Hutmacher, Kammacher, Nunnenmacher (für eine Person, die mit der Kastration von weiblichen Tieren betraut war), Scheffmacher (für den Schiffsbauer), Schuhmacher, (von) Schumacher und Wannenmacher. Die Derivationssuffixe -er, -ler und -ner treten nicht nur bei den BerufsN in Erscheinung, sondern variieren bspw. auch bei Metronymen (z. B. Gretler neben Greter) sowie bei Wohnstätten- und HerkunftsN (z. B. Lachner neben Lacher). 27 Neben -ler und -ner kennt das Deutsche weitere Suffixe, die durch eine Erweiterung eines bestehenden Suffixes im Zuge eines Reanalyseprozesses entstanden sind. Dazu zählt z. B. auch -ling aus Derivaten auf -ing (Bach 1952: 152; Müller/ Olsen 2022: 648), das ebenfalls in Deutschschweizer FamN auftritt. 28 Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA 3 (2012: 94-103) untersucht nicht nur die Variation von -er, -ler und -ner, sondern kartiert zudem auch erweitertes -ker, das für den Deutschschweizer Familiennamenbestand nicht relevant ist. Als hauptsächliches Verbreitungsgebiet von -ker identifiziert der DFA 3 (2012: 95) Westfalen (z. B. Küpker, Pöttker), während erweitertes -ler mit dem Oberdeutschen in Verbindung gebracht wird und sich FamN auf -ner besonders im Ostoberdeutschen ballen (DFA 3 2012: 95; Nübling/ Kunze 2023: 406). Indirekt liefern auch die Karten zur Lexik aus dem DFA 5 (2016) Erkenntnisse darüber, welche BerufsN mit -er, -ler, -ner gebildet werden und wo sie verbreitet sind. Dabei zeigen sich von FamN zu FamN sowohl räumliche als auch frequenzielle Unterschiede; bspw. erreicht Gerstner (2'071 Tokens) eine höhere Dichte als Gerster, Girster (607 Tokens) und beschränkt sich nicht auf den ostoberdeutschen Raum, sondern tritt u. a. auch in Baden-Württemberg gehäuft auf (DFA 5 2016: 52-53). Die Variante Gerstler (20 Tokens) streut, zeigt jedoch eine leichte Ansammlung im Raum Hannover (DFA 5 2016: 53). Ausblick Die Untersuchung allfälliger Faktoren, die die Wahl von -ler und -ner gegenüber einfachem -er begünstigen resp. hindern, stellt ein Forschungsdesiderat dar. Bspw. deutet der vorliegende Kartenkomplex nur beschränkt darauf hin, dass die Bildungsmuster auf kleinräumiger Ebene zur Unterscheidung verschiedener Namenträger: innen verwendet werden, weil sich die Verbreitungsgebiete der Formvarianten tendenziell eher nicht decken. Dieser Befund wäre in weiteren Studien genauer zu überprüfen. Ferner könnten die erweiterten Suffixe rein theoretisch auch dazu dienen, BerufsN onymisch zu markieren und durch Liquid resp. Nasal von appellativischen Berufsbezeichnungen auf -er zu unterscheiden (Nübling 2010: 146-147; s. aber Nübling 2000: 280-282). Allerdings sind auch im Appellativwortschatz Formen mit Sekundärsuffixen belegt und die hier untersuchten FamN legen eine solche Funktion nicht unmittelbar nahe. Weiter stellt sich die Frage, ob den Sekundärsuffixen im Unterschied zu -er zumindest teilweise «eine leicht abschätzende Bedeutung» zukommt (Hodler 1915: 97). So erwähnt die Literatur, dass Personenbezeichnungen auf -ler oft eine «Neigung zu pejorativer Konnotation» hätten (z. B. Versöhnler vs. Versöhner; Fleischer/ Barz 2012: 207-208; s. auch Szadrowsky 1918: 13; Müller/ Olsen 2022: 543), und Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Gantner) merken z. B. für das Namenpaar Ganter - Gantner an, die nasalhaltige Variante werde «teilweise als abschätzig aufgefasst». Für die nicht-onymische Wortbildung in der Gegenwartssprache erwähnen Fleischer/ Barz (2012: 207-208) ausserdem, dass -ler eher an komplexe Basen antrete, während -ner Simplizia als Basis bevorzuge. Darüber hinaus sei auffällig, dass «die meisten Derivate auf -ler eine Basis haben, die auf dentalen Verschlusslaut (-d, -t) auslautet» (z. B. Wissenschaftler; Fleischer/ Barz 2012: 208). Lassen sich diese Tendenzen in der rezenten Appellativik womöglich auch im historischen Deutschschweizer Onomastikon erkennen? Mit Blick auf die hier untersuchten Samples scheinen die genannten Aspekte bei der Bildung von BerufsN keine ausschlaggebenden Faktoren gewesen zu sein, doch lässt die teils geringe Samplegrösse nur beschränkt Schlussfolgerungen zu. Für die Gegenwartssprache sprechen Fleischer/ Barz (2012: 208) noch zwei weitere Punkte an: Erstens bleibe bei der Wortbildung mit -ler und -ner die substantivische Basis als Sprechsilbe erhalten, während bei er-Ableitungen die Basis abzuteilen sei (z. B. Sport.ler vs. *Spor.ter). Zweitens spiele bei der Wahl von -ler, -ner auch «die größere Eindeutigkeit gegenüber dem stark polyfunktionalen -er» eine Rolle. Die Sekundärsuffixe vereinen somit formale und funktionale Vorteile in sich. Wiederum lässt sich fragen, ob und inwieweit diese beiden Faktoren für die hier untersuchten FamN aus der Schicht «vor 1800» von Bedeutung sein könnten. Hinsichtlich der Frequenzverhältnisse von -er gegenüber -ler und -ner scheinen diese (vermeintlichen) Vorteile der Sekundärsuffixe zur Entstehungszeit der FamN zu wenig ins Gewicht gefallen zu sein, als dass gehäuft Ableitungen auf -ler und -ner gebildet worden wären. In diesem Zusammenhang ist jedoch zu wiederholen, dass Angaben zur absoluten Chronologie der beiden erweiterten Suffixe nur beschränkt verfügbar sind und entsprechend über die generelle Produktivität von -ler, -ner zum Zeitpunkt der Familiennamenbildung Forschungslücken bestehen. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Daten- 26 Die FamN Glasmacher und Kistenmacher sind in der Schicht «vor 1800» nicht belegt. Letzterer lässt sich aber in Berner Urbaren des 16. Jh. nachweisen, z. B. 1553 Wernlj Kistenmacher (Ramseyer unveröffentlicht). 27 Vgl. die Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner» und II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen». 28 Vgl. Artikel II-2.5 «Familiennamen auf -ling». 2.11 Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen 447 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="448"?> bank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. 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Esther Loosli 2.11 Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen 449 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="450"?> 2.12 Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen Schlagwörter: Chronologie, Derivat, Diminutiv, Nomen agentis, Nullmarkierung, Simplex, Suffix Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel gilt der Formvarianz bei ÜberN, die in der Deutschschweiz vor 1800 alteingesessen sind. Die im Titel genannten Bildungsmuster werden jeweils auch in eigenen Artikeln behandelt. 1 Hochfrequente Muster wie dasjenige auf -er sind schon wegen der Datenmenge auf mehrere Artikel verteilt, doch auch wegen funktionaler Differenzen zwischen den Benennungsmotiven, vgl. die Artikel II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen» und II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». Der vorliegende Kartenkomplex ergänzt die genannten Artikel, indem er auch für -er noch das Benennungsmotiv der ÜberN abdeckt; zugleich werden mit -li, -i und den unerweiterten Formen auch diejenigen sonstigen Muster einbezogen, die bei den ÜberN die grösste Rolle spielen. ÜberN zeigen unter den Benennungsmotiven die grösste Varianz an Bildungsmustern, sodass sich ein mustervergleichender Ansatz anbietet. Der vorliegende Artikel untersucht die Thematik anhand ausgewählter etymologischer Pendants, die sich in ihrer Bildungsweise voneinander unterscheiden. Das Thema verdient Beachtung, weil einerseits bestimmte morphologische Verfahren wie suffigiertes -er oder diminutivisches -li für das Deutschschweizer Onomastikon als charakteristisch gelten (Fleischer 1964: 174; Kunze 2004: 69; Kully 2009: 373; Berchtold 2017: 411) und weil andererseits bestimmte Typen wie endungslose Agensbildungen oder i-Diminutive tendenziell eher selten auftreten (Szadrowsky 1918: 158-159; Schirmunski 2010: 550-551). Das Nebeneinander der verschiedenen Bildungsmuster ist nicht nur aus frequenzieller Sicht interessant, sondern bietet sich u. a. auch für semantische und diatopische Fragestellungen an. Hintergrund: Für die Benennung einer Person nach bestimmten körperlichen, geistigen, charakterlichen und biographischen Merkmalen oder auffälligem Verhalten konnten grundsätzlich alle Wortarten verwendet werden (Gottschald 2006: 60), wobei nach Fleischer (1964: 116) Substantive und Adjektive überwiegen (s. auch Wenzel 2004: 715). 2 Wie Naumann (2007: 26) aufzeigt, können die Lexeme entweder simplizisch oder erweitert durch verschiedene Wortbildungsprozesse in den Familiennamenbestand eingehen (s. auch die Auswertung in Kohlheim/ Kohlheim 2014: 118-131 für spätmittelalterliche Regensburger ÜberN). Als Grundlage für die nachfolgenden Karten, die die Formvarianz von ÜberN in den Mittelpunkt rücken, sollen hier zuerst bestimmte Bildungstypen von Nomina agentis und anschliessend ausgewählte Diminuierungstypen genauer beleuchtet werden. 3 Zur Bildung von Nomina agentis dienen im Althochdeutschen u. a. die ererbten Suffixe ahd. -o (mhd. -e, -Ø ) der n-stämmigen Maskulina sowie ahd. -il(o) (mhd. -el ), wie sie bspw. in den ÜberN Schaad (zu ahd. scado ‘Schädiger, Schadenstifter’) und Güdel (zu mhd. giudel ‘Prahler, Verschwender’) anzusetzen sind (Wilmanns 1930: 180; Henzen 1965: 131, 156; Braune/ Heidermanns 2023: 293). Im Folgenden werden ÜberN, die zu einem Lexem auf ahd. -o gebildet sind, als endungslos bezeichnet, weil das Suffix in der hier untersuchten Schicht «vor 1800» nicht mehr erkennbar ist und formal somit von einer Nullmarkierung gesprochen werden kann (vgl. DFA 3 2012: 81). 4 Diese älteren Bildungsmöglichkeiten werden ab althochdeutscher Zeit von dem aus dem Lateinischen entlehnten Derivationssuffix ahd. -āri, -ari (mhd. -ære, -er) zurückgedrängt (Wilmanns 1930: 20, 198; Henzen 1965: 158; DFA 3 2012: 81; Müller/ Olsen 2022: 151), das sich in der Folge als typisches Bildungsmuster für Nomina agentis etabliert (Fleischer/ Barz 2012: 201). 5 Aus -er entwickeln sich die beiden erweiterten Varianten -ler und -ner (Szadrowsky 1918: 8-9; Bach 1952: 152-153; Henzen 1965: 114), die gelegentlich ebenfalls Eingang in den Deutschschweizer Familiennamenbestand gefunden haben (z. B. Lämmler zu Lamm, Gansner zu Gans) und wohl z. T. pejorative Konnotation tragen (Szadrowsky 1918: 13). 6 Das Schweizerdeutsche kennt ferner maskuline Agensbildungen auf -i, die Szadrowsky (1918: 85-88) in einen etymologischen Zusammenhang mit dem Diminutivsuffix ahd. -īn stellt (s. auch Hodler 1915: 92-93; Wilmanns 1930: 314; Ackermann 2023: 696-698). 7 Das Nebeneinander von ÜberN wie unerweitertes Brog, er-suffigiertes Broger und i-suffigiertes Brogli (alle zu schwzdt. brog(l)e(n) ‘prahlen, grosstun, sich rühmen, sich brüsten’) zeigt nach Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Brogli) «augenfällig, wie verschiedene Typen von Nomina agentis zur Bildung von letztlich gleichbedeutenden Familiennamen genutzt werden konnten» (s. auch 1 Vgl. insbesondere die Artikel II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen», II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y» und II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 2 Für adjektivbasierte FamN vgl. die Artikel II-1.2 «Flektierte Adjektivformen» und II-2.6 «Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich». Für ÜberN wie Nievergelt ‘derjenige, der nie zurückbezahlt’ oder Schafflützel ‘[Ich] arbeite wenig’ vgl. Artikel II-4.1 «Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen». 3 Dem Artikel wird eine weit gefasste Definition von Nomen agentis zugrunde gelegt (vgl. e-WSK 2014: s. v. nomen agentis; e-WSK 2015: s. v. nomen agentis), (auch) weil im Kontext von FamN der allgemeinere Begriff Personenbezeichnungen (s. etwa e-WSK 2021: s. v. nomen agentis) ungeeignet erscheint. 4 Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit endungslosen FamN vgl. Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 5 Zur Bildung der Nomina agentis im Germanischen und Althochdeutschen s. ausführlich Sütterlin (1887) und Weinreich (1971). Für Nomina agentis auf -el beachte man Faulkner Goodloe (1929), für Nomina agentis im Schweizerdeutschen Szadrowsky (1918). Zur Länge des Vokals im Suffix ahd. -āri, -ari sowie zu dessen geographischem Auftreten im hochdeutschen Sprachraum s. Braune/ Heidermanns (2023: 265). 6 Vgl. Artikel II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen». 7 Vgl. Artikel II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y» für die verschiedenen Genesen und Funktionen des Typs -i. 450 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="451"?> Nübling/ Schmuck 2019: 786). Die Wahl zwischen den verschiedenen Bildungsmustern scheint dabei von bestimmten Faktoren beeinf lusst zu sein: Während suffigiertes -er den Träger einer beruf lich resp. gewohnheitsmässig wiederholt ausgeübten oder einer einmaligen Handlung bezeichnet, bezieht sich -i i. d. R. auf Gewohnheiten und charakterliche Eigenschaften (z. B. Lalli ‘Schwätzer’, Rätschi ‘Angeber’) oder auf körperliche Merkmale (z. B. Hümpi ‘Hinkender’; Szadrowsky 1918: 11, 94-95; vgl. aber die Berufsbezeichnung Schüeni ‘Schuhmacher’ im VSNB 1 2024: XIX). Dabei bringe -i - im Unterschied zu er-Ableitungen und endungslosen Formen - eine «starke Gefühlsfärbung» zum Ausdruck (Szadrowsky 1918: 93). Konkret würden Nomina agentis auf -i häufig eine tadelnde, spöttische oder herabmindernde Bewertung der Handlung bzw. des Handelnden transportieren, wie z. B. Redi für einen redseligen Mann oder Regieri für eine Person, die kleinmeisterlich, rechthaberisch auftritt (Id. 6 1881 ff.: Sp. 577, 737; Hodler 1915: 94; Marti 1985: 192). Szadrowsky (1918: 114, 121) erwägt neben semantischen auch lautliche Gründe für die Wahl von -i, das in Fällen wie Laferi ‘Schwätzer, Tölpel’ die Lautfolge -erer vermeiden lasse. Zur endungslosen Agensbildung sei angemerkt, dass sie sich tendenziell bei Komposita sowie in alpinen Gebieten der Schweiz länger erhalten habe (Szadrowsky 1918: 124, 159; Wilmanns 1930: 198; Weinreich 1971: 102). 8 Auch den i-Typus verortet Szadrowsky (1918: 159) gestützt auf eine Auswertung des Id. (1881 ff.) eher in «Gebirgsmundarten». Neben der Formvarianz von Nomina agentis widmet sich dieser Artikel auch dem Nebeneinander von unerweiterten FamN und Diminutivbildungen wie z. B. bei den ÜberN Bock und Böckli. So merkt Bach (1952: 173) an, dass in historischen Quellen gelegentlich nicht-diminuierte und diminuierte Formen für dieselbe Person auftreten, bspw. 1287 Wernherus Vuhselin und 1288 Wernerus Vuhz (Socin 1903: 453) oder Wernli Scherpfli und Wernli Scharpf (Surläuly 1927: 88, 97). Zudem würden «[h]in und wieder […] beim selben Namen verschiedene Diminutivendungen» erscheinen, wie etwa Medtfesgen, Metfessichen und Methfessel (‘Metfässchen’) im 16. Jh. in Saalfeld (Deutschland) (Bach 1953: 102). Im Allgemeinen zeigen die verschiedenen Diminutivsuffixe im deutschen Sprachraum areale Variation (Schirmunski 2010: 541; Nübling/ Schmuck 2019: 786), wobei für das Schweizerdeutsche -li (aus ahd. -(i)līn) als charakteristisch und hochfrequent gilt (Schirmunski 2010: 551; Christen 2019: 264). 9 Neben dem Haupttyp -li treten in Deutschschweizer ÜberN mit -le, -lein, -lin und -ly vier weitere Varianten auf, die traditionell alle ausser niedrigstfrequentes -lein als [lɪ] realisiert werden (Berchtold 2017: 412). 10 Seltener als Typ -li ist diminutivisches -i (aus ahd. -īn; graphisch auch <y>, <e>, <in>) in FamN der Deutschschweiz fest geworden; 11 ÜberN mit el-Diminutiv sind in der Schicht «vor 1800» nicht belegt. 12 Die genannten Diminutivsuffixe können verschiedene Funktionen erfüllen: Neben dem Ausdruck von Kleinheit zeigen sie hypokoristische und patronymische Verwendungen, transportieren eine emotionale Komponente (z. B. Geringschätzung, Wohlwollen, Ironie) oder dienen auch der Bildung von Nomina agentis (Bach 1952: 172-173; Kunze 2004: 71; Nübling/ Schmuck 2019: 786; Hentschel 2020: 66). Für Typ -li und Typ -i als onymische Suffixe beachte man die Ausführungen in den Artikeln II-2.1 «Familiennamen mit l- Diminutiven» und II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y». Schliesslich hebt Christen (2019: 265) hervor, dass die «extensive Nutzung des Diminutivs in der Deutschschweiz […] zu vielen Lexikalisierungen» wie z. B. Rüebli ‘Karotte’ oder Hemmli ‘Hemd’ geführt hat (s. auch Schirmunski 2010: 551-552; Berchtold 2017: 413), wobei Demotivierung beim i-Typus häufiger als beim li-Typus eingetreten sei (Hodler 1915: 113; Berchtold 2017: 413). Als Beispiele nennen Hodler (1915: 116-117) und Schirmunski (2010: 550-551) u. a. Ätti ‘Vater’, Beeri ‘Beere’, Chini ‘Kinn’, Chirschi ‘Kirsche’, Götti ‘Pate’, Hirni ‘Hirn’ und Tütschi ‘Holzklotz’. Das Suffix -eli kann in solchen Fällen dazu dienen, diminutivische Bedeutung erneut zu motivieren (z. B. Beereli; Hodler 1915: 121; Schirmunski 2010: 551-552). Mit Christen (2019: 265) ist zu betonen, dass die verschiedenen Diminutivsuffixe und die Option, zusätzlich Umlaut zu verwenden, im Schweizerdeutschen insgesamt «ein ganzes Set an Möglichkeiten» bieten, um «nuancierte Zärtlichkeits-Abstufungen» zum Ausdruck zu bringen. Man beachte etwa das Nebeneinander von Meiti, Meitli, Meiteli, Meitschi und Meitscheli ‘Mädchen’ oder Hundi, Hündi, Hundli, Hündli, Hundeli, Hündeli, Hundschi und Hündschi ‘Hündchen’ (Hodler 1915: 112; Stucki 1921: 144; Marti 1985: 196; Christen 2019: 265). 13 Was den Gebrauch von Diminutiven generell betrifft, sei dieser nach Hodler (1915: 112) in ländlichen Regionen gängiger als in städtischen und nach Stucki (1921: 144) in südwestlichen Dialektgebieten wie dem Berndeutschen besonders frequent (vgl. auch die Ausführungen im SDS III 1975: 155-157; Marti 1985: 196). Dieser Kurzüberblick und das Nebeneinander von FamN wie Gamp, Gamper, Gempeler, Gemperli und Gämperle verdeutlichen das Auftreten verschiedener Bildungstypen bei Deutschschweizer ÜberN. Diese Formvarianz wird auch in historischen Quellen ersichtlich, z. B. für Graubünden Hopp - Hopplin - Hopper (RNB 3 1986: 825); vgl. hierzu u. a. Baumgartner (1983: 296-326), RNB 3 (1986: 787-880), Socin (1903: 401-463), Studerus (1926: 158-188), Surläuly (1927: 85-103) und Tobler-Meyer (1894: 146-177). Ob der jeweilige Wortbildungsprozess (z. B. Diminution für den FamN Mörgeli) bereits in der Lexik stattgefunden hat oder erst bei bzw. nach der Familiennamenbildung eingetreten ist, lässt sich oft nicht rekonstruieren (Kunze 2004: 71). Daher muss offen bleiben, ob bei ÜberN wie Süssli ein Diminutiv auf -li zu einer substantivierten Form von mhd. süeze ‘angenehm, freundlich, gütig’ für einen freundlichen, gütigen Menschen vorliegt oder eher eine patronymische Bildung resp. eine reguläre diminutivische Ableitung zum FamN Süess anzusetzen ist (Bach 1952: 172-173; Fleischer 1964: 120). Gleichfalls kann suffigiertes -er in FamN wie Wenker neben Wenk patronymische Funktion haben (Fleischer 1964: 117; Nübling/ Kunze 2023: 411) 14 und der Wechsel von verschiedenen Formvarianten wie Faust und Fauster in älteren Quellen deutet darauf hin, dass sie historisch - zumindest in gewissen Fällen - wohl als dasselbe aufgefasst wurden (RNB 3 1986: 819). Insgesamt bleibt deshalb festzuhalten, dass die Zuordnung der hier behandelten ÜberN zu einem bestimmten Bildungstyp als approximativ zu verstehen ist. 8 Vgl. jedoch den Abschnitt «Ergebnisse» und den Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 9 Nach Bach (1952: 173) waren FamN mit Diminutiven «in älterer Zeit verbreiteter» (s. auch Bach 1953: 102); heute seien sie v. a. im alemannischen Sprachgebiet häufig. 10 Für eine ausführliche Darstellung vgl. Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven». 11 Vgl. Artikel II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y». 12 Vgl. Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» (fünfte Karte). 13 Vgl. Artikel II-2.3 «Familiennamen auf -(t)z und -(t)sch». 14 Vgl. Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». 2.12 Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen 451 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="452"?> Fragestellungen: Der vorliegende Artikel behandelt die Formvarianz von ÜberN, die in der Schicht «vor 1800» auftreten. Die erste Karte geht gestützt auf ausgewählte etymologische Pendants der Frage nach, in welchen Deutschschweizer Gebieten bestimmte Bildungsmuster von Nomina agentis vorkommen. Die zweite Karte widmet sich komplementär dazu solchen etymologischen Pendants, die einerseits unerweitert/ simplizisch und andererseits diminuiert im Familiennamenbestand der Deutschschweiz bezeugt sind. Die dritte Karte untersucht schliesslich die Verbreitung von etymologischen Pendants wie Krieger - Krieg oder Stampfler - Stämpfli, die morphologisch teils zur ersten Karte, teils zur zweiten Karte gehören und daher als gemischte Namenpaare separat kartiert werden. Erste Karte {210}: Formvarianz bei Nomina agentis Namenauswahl: Die erste Karte widmet sich ausgewählten ÜberN, die funktional/ semantisch als Nomina agentis aufgefasst werden können und in der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 15 Formvarianz zeigen. Mit anderen Worten werden etymologische Pendants wie Wenk - Wenker abgebildet, die von Berchtold/ Graf (i. V.) gleich gedeutet werden, aber in ihrer Bildungsweise voneinander abweichen. Im Fokus stehen dabei einerseits endungslose Nomina agentis und andererseits suffigierte Nomina agentis vom Typ -er und vom Typ -i. Abgefragte Namen Nomina agentis Typ -er: Braschler, Brasser, Bretscher, Bretschger, Broger, Däppeler, Deppeler, Dudler, Dutler, Häuser, Häusser, Heusser, Hobler, Hoppeler, Höppeler, Hoppler, Hüser, Hüsser, Kupper, Muggler, Müggler, Nüscheler, Schicker, Schiller, Schwarber, Trümpeler, Trümpler, Wenker. 28 Types, 81 Tokens. Nomina agentis Typ -i: Brogle, Brogli, Deppe, Dudle, Dudli, Dutli, Dutly, Feusi, Fügi, Heussi, Höpli, Höppli, Hüssy, Muggle, Muggli, Mugglin, Preschli, Preschlin, Schilli, Stäussi, Störi, Stüssi, Trümpi, Trümpy. 24 Types, 69 Tokens. Endungslose Nomina agentis: Brassel, Bretsch, Brog, Daepp, Däpp, Feuz, Füeg, Hüss, Kupp, Nüesch, Schick, Schwarb, Stauss, Stör, Wenk. 15 Types, 43 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 218: Daten zur ersten Karte {210} Karte 210: Formvarianz bei Nomina agentis, vor 1800 15 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 452 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="453"?> Detailangaben zur Namenauswahl: 16 In der etymologischen Datenbank (Stand 14.05.2024) wurde manuell nach ÜberN gesucht, die die oben genannten Kriterien erfüllen. Insgesamt enthält die vorliegende Karte 17 Dubletten und drei Tripletten (mit Brog, Daepp / Däpp und Hüss). Kartiert werden dabei z. T. auch Fälle, für die entweder etymologisch (z. B. Feusi zu schwzdt. fause(n), fäuse(n) oder zu schwzdt. Fäusi) oder formal (z. B. Hüsser als er-Derivat oder als f lektiertes Adjektiv) abweichende Deutungen nicht ausgeschlossen werden können. Da bei den abgeleiteten Nomina agentis nur die beiden Suffixe Typ -er und Typ -i berücksichtigt werden, enthält die Karte keine ÜberN auf -mann oder -el. 17 Letztere Bildungsmuster sind bei ÜberN insgesamt weniger frequent und damit weniger zentral als die hier behandelten. Ausgeklammert bleiben daher etymologische Pendants wie Güder - Güdel (zu geuden), Strebi - Strebel (zu streben), Dober - Dobmann (zu toben) oder Kräher - Krähenmann (zu krähen). Bei den Nomina agentis des Typs -er gilt das unerweiterte Suffix -er als Normalform. Das nasalhaltige Sekundärsuffix -ner ist im vorliegenden Sample nicht belegt und auch bei den Nomina agentis, die auf -ler auslauten, ist eher suffigiertes -er anzusetzen. So gehört der Liquid beim ÜberN Schiller zum Stamm (mhd. schilhen, schiln ‘schielen, blinzeln’), während -lbei den restlichen 14 Namen sehr wahrscheinlich auf ein ele-Verb zurückzuführen ist (Szadrowsky 1918: 9, 13). Auf die Frage, ob ein FamN wie Nüscheler allenfalls direkt von schwzdt. nusche(n) statt von dessen Weiterbildung schwzdt. nüschele(n) abgeleitet worden ist, kann an dieser Stelle nicht genauer eingegangen werden (Hodler 1915: 98). Bei den Nomina agentis des Typs -i überwiegt die Graphie <i> (15 von insgesamt 24 Types); daneben tritt <e> bei vier, <y> bei drei und <in> bei zwei ÜberN auf. Vermeintliche li-Diminutive wie Schilli und Dudli sind in dieser Gruppe damit zu erklären, dass die Namen entweder zu einem l-haltigen Stamm oder (häufiger) zu einem ele-Verb gebildet sind. Hinsichtlich der endungslosen Agensbildungen sei erwähnt, dass beim ÜberN Brassel nur scheinbar ein el-Suffix vorliegt (s. auch Hodler 1915: 106; Wilmanns 1930: 264; Marti 1985: 192). So ist mit Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Brassel ) anzunehmen, dass der Name zu schwzdt. brassle(n), einer Nebenform von schwzdt. prasse(n) ‘prassen, schwelgen, schlemmen’ gebildet worden ist und damit als endungslose Variante neben dem er-Derivat Brasser steht. Für morphologische Überlegungen zu endungslosen ÜberN wie Schwarb, die sich nicht unmittelbar auch als Appellative nachweisen lassen (vgl. Graf 2018: 48), sei auf den Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis» und die dort genannte Literatur verwiesen. Die Namenauswahl umfasst mit Stäussi/ Stüssi - Stauss (zu schwzdt. stūsse(n), stǖsse(n) ‘stier dreinsehen, tiefen Unwillen sichtbar verhalten’) und Schiller - Schilli (zu schwzdt. schile(n) ‘schielen’) mehrere FamN, die auf den Blick einer Person referieren. Auch die Gangart hat mit verschiedenen Bildungsweisen Eingang in den Familiennamenbestand der Deutschschweiz gefunden (s. auch Graf 2019: 116-117), vgl. Wenker - Wenk (zu mhd. wenken) für eine Person mit schwankendem Gang, Typ Hoppler - Höpli/ Höppli (zu schwzdt. hopple(n), höppele(n) u. ä.) für eine Person mit unregelmässigem Gang oder Trümpeler/ Trümpler - Trümpi/ Trümpy (zu schwzdt. trümpele(n)) für eine Person mit zierlichem, trippelndem Gang. 18 Der Grossteil der hier kartierten ÜberN bezieht sich allerdings auf das typische Verhalten resp. den Charakter einer Person. Während bei Fügi - Füeg (zu schwzdt. füege(n)) sowie bei Typ Heusser - Heussi/ Hüssy - Hüss (zu schwzdt. hǖsse(n) oder mhd. hiuze ‘munter, frech’) von einer positiven Charakterisierung auszugehen ist, benennen die restlichen etymologischen Pendants negative Verhaltensweisen resp. Charakterzüge. Bspw. zielt Schwarber - Schwarb (zu schwzdt. schwarbe(n)) auf Habgier ab, Broger - Brogle / Brogli - Brog (zu schwzdt. brog(l)e(n)) bezieht sich auf prahlerisches Verhalten und Kupper - Kupp (zu schwzdt. chūpe(n)) verweist auf eine Neigung zu schnellem Gekränktsein. 19 Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass die hier ausgewählten Nomina agentis teils in zusammenhängenden, teils in unzusammenhängenden Gebieten auftreten. Als Hauptverbreitungsareal der er- Derivate erweist sich der Kanton Zürich mit 54 Tokens, wobei der ÜberN Heusser über ein Drittel der Belege ausmacht (20 Tokens). Erst mit grossem Abstand folgen die ebenfalls nördlichen Kantone Aargau (14 Tokens) und St. Gallen (3 Tokens). In zehn weiteren Kantonen ist jeweils ein Nomen agentis des Typs -er alteingesessen. Agensbildungen auf -i clustern im Kanton Glarus (15 Tokens), der kein anderes Bildungsmuster zeigt. Daneben lässt sich die Tendenz erkennen, dass der i-Typus eher in nördlichen Arealen wie den Bezirken Rheinfelden (AG), Laufenburg (AG) und Münchwilen (TG) oder der Greifenseeregion auftritt. Schliesslich weist die Karte das Toggenburg (SG insgesamt 16 Tokens) sowie das Berner Oberland (BE insgesamt 14 Tokens) als Kerngebiete der endungslosen Formen aus, die vereinzelt noch in anderen Regionen auftreten. Die starke Konzentration im Kanton St. Gallen ist dem ÜberN Wenk geschuldet, der dort in 14 Orten alteingesessen ist. Die verschiedenen Formvarianten mit gleicher Etymologie treten teilweise in räumlicher Nähe zueinander auf (z. B. Kupper und Kupp in ZH; Dudler, Dutler, Dudle und Dudli in SG), teilweise streuen sie (z. B. Däppeler / Deppeler in AG vs. Daepp / Däpp in BE; Broger in AI vs. Brogle / Brogli in AG vs. Brog in BE). Das Gleiche gilt für graphisch-lautliche Varianten (z. B. Höpli und Höppli in TG; Heussi in GL vs. Hüssy in AG). 16 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 17 Für alle ÜberN auf -mann vgl. die fünfte Karte im Artikel II-2.7 «Familiennamen auf -mann»; für alle ÜberN auf -el vgl. den Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle» im Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 18 Für die häufigen ÜberN nach der Gangart vgl. Artikel III-5.2 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Körperteile und Gang». 19 Für den FamN Kuppert vgl. Artikel II-2.13 «Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut». 2.12 Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen 453 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="454"?> Zweite Karte {211}: Formvarianz bei Diminutiven und Simplizia Namenauswahl: Die zweite Karte bildet ÜberN aus der Schicht «vor 1800» ab, die sowohl als unerweiterte Formen als auch modifiziert als Diminutive des Typs -li oder des Typs -i belegt sind (z. B. Morgen - Mörgeli, Bräm / Brem - Bremi). Abgefragte Namen Simplizia: Baer, Bär, Beer, Bock, Bräm, Brem, Bruder, Etter, Feiss, Fuchs, Fux, Graf , Graff , Grob, Haas, Haupt, Humbel, Hummel, Kauz, Kolb, Kolp, Kropf , Kummer, Mock, Mogg, Morgen, Otter, Resch, Rösch, Roth, Rott, Schaub, Scholl, Schüeb, Schüep, Schuepp, Schüepp, Schwartz, Schwarz, Spahn, Spohn, Stengel, Stingel, Stuck, Stürm, Süess, Süss, Ummel, Vetter, Wacker, Wäcker, Wipf . 52 Types, 658 Tokens. Diminutive Typ -li: Beerle, Beerli, Berli, Böckli, Böcklin, Brüderlein, Brüderli, Brüderlin, Etterli, Etterlin, Feissli, Füchslin, Gräflein, Gräflin, Gröble, Gröbli, Gröbly, Gröflin, Haeselin, Häsele, Häseli, Häsli, Hässli, Häuptli, Hauptlin, Hautle, Kölbli, Kropfli, Kröpfli, Kümmerli, Kutzli, Möckli, Möklin, Mörgeli, Oederlin, Oetterli, Röschli, Rötheli, Röthelin, Rothlin, Röthlin, Schäuble, Schäublin, Schuppli, Schwartzlin, Spöndli, Spöndlin, Spörndli, Stücklin, Stürmlin, Süssli, Süsslin, Vetterli, Wäckerli, Wäckerlin, Wipfli. 56 Types, 114 Tokens. Diminutive Typ -i: Beeri, Bremi, Hümbeli, Hümbelin, Schölly, Stengele, Stingelin, Stucki, Stucky, Stücky. 10 Types, 37 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 219: Daten zur zweiten Karte {211} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 14.05.2024) wurde manuell nach ÜberN gesucht, die die oben genannten Kriterien erfüllen. Insgesamt enthält die vorliegende Karte 31 Dubletten sowie die zwei Tripletten Stuck - Stücklin - Typ Stucki und Typ Bär - Typ Beerli - Beeri. In Einzelfällen sind etymologische oder formale Deutungskonkurrenzen nicht auszuschliessen: Bspw. kann dem FamN Haas statt mhd. has, hase in Appenzell auch eine Variante von Hans mit n-Schwund und Dehnung des Vokals zugrunde liegen. 20 Bei Tierbezeichnungen wie Otter - Oetterli oder Bock - Böckli/ Böcklin ist neben einer metaphorischen Deutung, die hier angenommen wird, allenfalls auch ein Bezug zu HäuserN denkbar (Tobler-Meyer 1894: 163; Bach 1952: 294-295; KSDS 2019: 325-326). 21 Aus formaler Sicht sei erwähnt, dass Bildungen wie Stengele, Stingelin in der Literatur teilweise - entgegen der Karte 211: Nebeneinander von nicht-diminuierten und diminuierten Formen, vor 1800 20 Für Ref lexe des Staubschen Gesetzes in FamN vgl. Artikel I-2.1 «Nasalschwund». 21 Vgl. Artikel III-3.9 «Wohnstättennamen zu Häusernamen». 454 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="455"?> vorliegenden Kategorisierung - nicht als i- Diminutive zu einer lhaltigen Basis aufgefasst werden. So ist nach Stucki (1921: 145) und Hodler (1915: 114) das frequentere li-Diminutiv anzusetzen, das durch die Vereinfachung von -ll- ( *Stengel-le) zu -lals vermeintliches i-Suffix erscheint. Unberücksichtigt bleiben andere, weniger frequente Diminutivsuffixe als Typ -li und Typ -i; entsprechend sind etymologische Pendants wie Kind - Kindschi nicht in der Karte enthalten. Darüber hinaus wurden PatrizierN (z. B. von Rodt), Komposita (z. B. Rothfuchs) und FamN mit sekundärer Erweiterung zu -li(n)g (Wäckerlig, Wäckerling, Waeckerling), die sich an kartierte ÜberN anschliessen würden, ausgeklammert. 22 Bei Diminutiven des Typs -li weisen 28 von 56 Namen die Schreibung <li> auf, womit das vorliegende Sample die eingangs erwähnte Grundtendenz bezüglich deren Dominanz bestätigt. Die anderen Graphien zeigen folgende Typefrequenzen: 20 ÜberN auf <lin>, fünf ÜberN auf <le>, zwei ÜberN auf <lein> und ein ÜberN auf <ly>. Ausgeglichener gestaltet sich die Häufigkeit der einzelnen Schreibvarianten beim Typ -i: Vier ÜberN auf <i> stehen drei ÜberN auf <y> gegenüber; zusätzlich tritt im Sample einmal <e> und zweimal <in> auf. Ergänzend zur Schreibung der Diminutivsuffixe sollen an dieser Stelle zwei weitere Punkte Erwähnung finden: Erstens illustrieren die ÜberN Typ Spöndli (zu mhd. spān), dass Modifikation mit -li den Einschub eines dentalen Gleitlauts auslösen kann (Hodler 1915: 117; Stucki 1921: 145). Zweitens zeigen die etymologischen Pendants Kummer und Kümmerli, dass nicht nur Konkreta, sondern auch abstrakte Begriffe zu FamN fest werden (s. auch Bach 1952: 286; Henzen 1965: 151-152) und dabei - tendenziell eher selten - Modifikation durch Diminutivsuffixe erfahren können (Hentschel 2020: 67). Der Namenauswahl liegen verschiedene Motivgruppen zugrunde: Neben ÜberN mit Bezug auf den Körper (z. B. Kropf , Schüep zu schwzdt. Schüepe ‘Bekleidung des tierischen oder pf lanzlichen Körpers, v. a. Fischschuppen, Kopfschuppen’, Schwarz) sind positiv bewertetes (z. B. Rösch zu schwzdt. rö¯sch ‘rasch, frisch, lebhaft’, Süess, Wacker) wie negativ bewertetes Verhalten (z. B. Grob, Stürm), Tiere (z. B. Bräm für eine Person von unangenehmem, lästigem, aufsässigem Verhalten, Hummel für einen stets beschäftigten, temperament- und geräuschvoll handelnden Menschen, Kauz für einen Sonderling mit zurückgezogenem, kaum sichtbarem Lebenswandel), Standesbezeichnungen (z. B. Graf ) und Verwandtschaftsbezeichnungen (z. B. Bruder, Etter, Vetter) zu FamN geworden. Aus dem Sample wird deutlich, dass die Devianz von einer damals geltenden gesellschaftlichen Norm nicht nur direkt, sondern auch indirekt ausgedrückt werden kann (vgl. dazu Kunze 2004: 139). Bspw. beziehen sich sowohl Feiss und Feissli (beide zu mhd. veiz ‘beleibt, wohlgenährt’) wie auch Typ Mock und Typ Möckli (zu mhd. mocke ‘Klumpen, Brocken’) auf eine Person mit auffallender Körperfülle. Kommentar: Die zweite Karte verdeutlicht das weiträumige Auftreten der unerweiterten Formen, die mit 658 Tokens das Kartenbild stark prägen. Die Belege erstrecken sich über die ganze Deutschschweiz, wobei die Belegdichte gegen Norden hin tendenziell sowohl relativ als auch absolut zunimmt. Am stärksten vertreten ist der Kanton Zürich (103 Tokens); daneben sind in sechs weiteren Kantonen (BE, AG, SG, LU, TG, BL) mindestens 50 Tokens dokumentiert. Die Diminutive des Typs -li lassen dasselbe Nord-Süd-Gefälle erkennen, da ausschliesslich nördliche Kantone (TG, AG, SG, ZH, BL) eine zweistellige Tokenfrequenz erreichen. 23 Mit 16 Belegorten tritt der Bezirk Frauenfeld (TG) als Ballungszentrum der li-Diminutive in Erscheinung. Insgesamt unterscheidet sich die Raumstruktur dieses Bildungsmusters stark von den diminuierten ÜberN auf -i. So weist das Kartenbild den ehemaligen Amtsbezirk Konolfingen (BE) als Hauptverbreitungsgebiet des i-Typus aus. 24 Neben dem Kanton Bern mit insgesamt 19 Tokens sind in acht anderen Kantonen i-Diminutive dokumentiert, wobei einzig der Kanton Zürich eine Belegdichte von mehr als 5 Tokens erreicht. Die Ballungen in den Kantonen Bern und Zürich sind jedoch stark von einem FamN geprägt: Stucki ist in beiden Gebieten für alle Tokens ausser dem Einzelbeleg Beeri resp. dem Einzelbeleg Bremi verantwortlich. Wie bei der ersten Karte liegen sowohl die graphisch-lautlichen Varianten desselben ÜberN (z. B. Baer und Bär in AG; Wacker in AG vs. Wäcker in SH) als auch die Formvarianten mit gleichem etymologischem Ursprung (z. B. Fuchs und Füchslin in AG; Wipf in AG vs. Wipfli in UR) z. T. nahe beieinander und z. T. weit weg voneinander. 22 Vgl. die Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de», II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» und II-2.5 «Familiennamen auf -ling». 23 Vgl. Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» (vierte und siebte Karte). Die Kartenbilder zeigen, dass der Bildungstyp in der Deutschschweiz - mit Ausnahme des Wallis - vorkommt. Die Namenformen treten gehäuft in der Nordhälfte der deutschsprachigen Schweiz auf. 24 Vgl. Artikel II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y» (dritte Karte). 2.12 Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen 455 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="456"?> Dritte Karte {212}: Formvarianz bei gemischten Typen Namenauswahl: Die dritte Karte enthält etymologische Pendants aus der Schicht «vor 1800», die sowohl Bildungsmuster der ersten als auch der zweiten Karte zeigen. Behandelt wird somit das Nebeneinander von Nomina agentis und dazugehörigen Simplizia (z. B. Krieger - Krieg) sowie von Nomina agentis und Diminutiven mit oder ohne entsprechende nicht-abgeleitete Variante (z. B. Knüssi - Knüsli - Knus, Tschumper - Tschümperli). Abgefragte Namen Nomina agentis Typ -er: Fauster, Fuster, Gamper, Gempeler, Hagger, Krieger, Stampfler, Streiter, Strupler, Tschumper, Zähndler, Zähnler, Zängeler. 13 Types, 31 Tokens. Nomina agentis Typ -i: Blunschi, Bräuchi, Brutsche, Brutschi, Brutschy, Knöri, Knüssi, Rubi, Ruche, Schmucki, Schmuki, Schnelli, Wildi, Wildy. 14 Types, 39 Tokens. Endungslose Nomina agentis: Brauch, Bruch, Brütsch, Gamp, Gampp, Mauch, Pfaff , Schaad, Schad, Schalch. 10 Types, 34 Tokens. Simplizia: Faust, Fust, Hogg, Hoog, Knaus, Knörr, Knus, Krieg, Rub, Ruch, Schnell, Straub, Streit, Stritt, Strub, Vust, Wild, Zahn, Zahnd. 19 Types, 148 Tokens. Diminutive Typ -li: Bluntschli, Brauchli, Brauchlin, Brütschlin, Gämperle, Gämperli, Gemperle, Gemperli, Knüsli, Mauchle, Pfäffli, Schädeli, Schädelin, Schälchli, Schälkli, Schälklin, Schmuckle, Schmuckli, Schmukle, Schmukli, Schümperli, Schümperlin, Stampfli, Stämpfli, Tschümperle, Tschümperli, Tschümperlin, Zängerle. 28 Types, 94 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 40-90, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 220: Daten zur dritten Karte {212} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 14.05.2024) wurde manuell nach ÜberN gesucht, die die oben genannten Kriterien erfüllen. Insgesamt enthält die vorliegende Karte 20 Dubletten und vier Tripletten (mit Brauch / Bruch, Brütsch, Gamp / Gampp, Knaus / Knus). Zum Sample gehören auch ÜberN, die etymologische und/ oder formale Deutungskonkurrenzen aufweisen. Bspw. ist für Wildi/ Wildy neben der Deutung als ÜberN für einen als fremdartig, urtümlich oder leidenschaftlich empfundenen Menschen bzw. für einen tobsüchtigen, zornigen Menschen ein WohnstättenN zu dem häufigen ÖrtlichkeitsN Wildi ‘einsame, unerschlossene Berggegend’ nicht auszuschliessen. Aus morphologischen Gesichtspunkten ist beispielhaft der FamN Krieg zu nennen: Szadrowsky (1918: 131) listet Krieg als endungsloses Nomen agentis, während der DFD (2025: s. v. Krieg) hier vom Abstraktum mhd. kriec ‘Anstrengung, Karte 212: Formvarianz bei gemischten Typen, vor 1800 456 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="457"?> Widerstreben, Streit, Kampf, Zwist, Krieg’ ausgeht. 25 In der Schicht «vor 1800» finden sich keine i-Diminutive, die den hier zugrunde gelegten Kriterien entsprechen, sofern man die FamN Strübi, Strüby, Strübin als Bildungen mit onymischem -i ansieht und nicht als i- Diminutive zu Straub, Strub und Strupler stellt. 26 Bei den Nomina agentis des Typs -er überwiegt die einfache Suffixvariante -er, daneben sind im vorliegenden Sample - im Unterschied zur ersten Karte - auch ÜberN auf -ler belegt. So ist mit Berchtold/ Graf (i. V.) anzunehmen, dass bei Strupler, Zängeler, Zähndler und Zähnler das liquidhaltige Sekundärsuffix vorliegt. Hingegen lassen sich Gempeler und Stampfler als er-Ableitungen zu ele- Verben deuten. Bei den Nomina agentis des Typs -i zeigen zehn von 14 ÜberN die Graphie <i>; <y> und <e> sind bei je zwei Types belegt. Bei Diminutiven des Typs -li führt <li> mit 15 Types die Rangliste vor <le> und <lin> mit 7 resp. 6 Types an. Die Namenauswahl umfasst überwiegend Namen, die auf das Verhalten resp. den Charakter - meist in negativer Weise - Bezug nehmen (z. B. Fauster wohl für eine Person, die ihre Faust häufig im Kampf benutzte, Schalch wohl für einen hinterhältigen, unaufrichtigen Menschen). Daneben hat auch der Körper auf verschiedene Weisen (Körperfülle, Haare, Gesicht) als Vorlage für ÜberN gedient (z. B. Blunschi für eine Person von dickem, plumpem Körperbau, Rubi für eine Person mit krausen Haaren, Zahn für eine Person mit auffälligen Zähnen). Mit Tschumper für eine Person mit schwerfälligem, wohl langsamem und wenig vorsichtigem Gang sowie Stampfler für eine Person mit stampfendem, lautem, unelegantem Gang ist eine dritte semantische Kategorie im vorliegenden Sample vertreten. Kommentar: Die dritte Karte weist für die einzelnen Bildungsmuster unzusammenhängende Gebiete aus. Die Nomina agentis des Typs -er treten im westlichen Berner Oberland (3 Tokens), im Aargau und im Kanton Luzern (insgesamt 6 Tokens) sowie in den Nordostschweizer Kantonen Thurgau und St. Gallen (insgesamt 17 Tokens) vermehrt auf. Auch die Nomina agentis mit i-Suffix formen mehrere Areale: Ein erstes liegt im Kanton Bern (9 Tokens) mit dem Verwaltungskreis Bern-Mittelland als Schwerpunkt; ferner zeichnen sich der Kanton Aargau (14 Tokens) und der Wahlkreis See- Gaster (SG, 9 Tokens) als Zentren des i-Typus aus. Die aargauischen Belegorte sind dabei geprägt von den beiden ÜberN Typ Wildi und Typ Brutschi; auch im Kanton St. Gallen liegt mit dem ÜberN Typ Schmucki ein Familiennamennest vor. Die endungslosen Agensbildungen sind in den Kantonen Schaffhausen (7 Tokens), Bern (6 Tokens) und Solothurn (5 Tokens) am dichtesten verbreitet, wobei in allen Fällen je ein einzelner FamN für den Grossteil der Tokenzahlen verantwortlich ist (Brütsch in SH, Schaad in BE und SO). Die als Simplizia kartierten ÜberN verteilen sich grossräumig über die Deutschschweiz, wobei jedoch die Zentralschweiz und Teile des Kantons Aargau kaum Belege ausweisen. Die meisten Ortspunkte erreichen die Kantone Bern (38 Tokens) mit dem Verwaltungskreis Bern-Mittelland als Schwerpunkt, St. Gallen (25 Tokens) mit dem Wahlkreis Toggenburg als Ballungszentrum und Zürich (18 Tokens). ÜberN mit l-Diminutiv sind verdichtet in den Kantonen St. Gallen (24 Tokens), Bern (19 Tokens) und Solothurn (17 Tokens) alteingesessen, wobei innerhalb des Kantons jeweils bestimmte Bezirke wie Wil (SG), Bern-Mittelland (BE) oder das Wasseramt (SO) stärker hervortreten als andere. Die areale Verbreitung ist von Familiennamennestern beeinf lusst, so bspw. von den ÜberN Stämpfli im Kanton Bern, Stampfli im Kanton Solothurn oder Typ Gemperli im Kanton St. Gallen. Abschliessend sei erwähnt, dass auch beim vorliegenden Sample die graphisch-lautlichen Varianten (z. B. Brutsche, Brutschi und Brutschy in AG; Strub in BL und SO vs. Straub in TG) und die Formvarianten mit gleichem etymologischem Ursprung (z. B. Tschumper und Tschümperle / Tschümperli/ Tschümperlin in SG; Brauch in ZH vs. Bräuchi in BE vs. Brauchli in TG) teils im gleichen Areal, teils in voneinander entfernten Orten auftreten. Ergebnisse Auf der Basis der hier behandelten etymologischen Pendants lässt sich als Fazit festhalten, dass die verschiedenen Bildungsmuster von ÜberN in bestimmten Gebieten verdichtet auftreten und somit areale Präferenzen zu bestehen scheinen. Bspw. verortet die erste Karte den Typus -er schwerpunktmässig im Kanton Zürich, den Typus -i im Kanton Glarus sowie in der nördlichen Deutschschweiz und die endungslosen Agensbildungen in den Kantonen Bern, Solothurn und St. Gallen. Die zweite Karte deutet darauf hin, dass li-Diminutive tendenziell in nördlichen Arealen häufiger auftreten, wohingegen sich i-Diminutive v. a. im bernischen Mittelland ballen. Einschränkend gilt jedoch anzufügen, dass erstens die Formtypen auch in anderen Regionen alteingesessen sind und daher für beide Karten nicht von einer komplementären Distribution der jeweiligen Bildungsmuster gesprochen werden kann. So zeigt auch ein Vergleich der ersten und der zweiten Karte mit der dritten Karte, dass sich die jeweiligen Ballungszentren der verschiedenen Bildungstypen je nach Namenauswahl verschieben können: Während z. B. die Nomina agentis des Typs -er bei der ersten Karte im Kanton Zürich am häufigsten vorkommen, erreichen sie bei der dritten Karte in den Kantonen Thurgau und St. Gallen die höchsten Tokenzahlen. Zweitens sind die Kartenbilder häufig von Familiennamennestern geprägt, die den Aussagewert der festgestellten arealen Schwerpunkte vermindern. So führen u. a. endungsloses Wenk bei der ersten Karte und mit -i diminuiertes Stucki bei der zweiten Karte zu einem starken Hervortreten einer bestimmten Region (SG resp. BE). Wie eingangs erwähnt, schreibt die Literatur etwa dem Berndeutschen sowie den ländlichen Regionen eine stärkere Neigung zur Diminution zu. Diese angenommene Raumstruktur spiegelt sich in der zweiten und der dritten Karte nicht unmittelbar wider. Ersichtlich ist stattdessen, dass sich die l- Diminutive hauptsächlich in den mittelländischen und voralpinen Regionen ballen, während gerade der südliche Alpenraum (Berner Oberland, Wallis) stark zurücktritt. 27 An dieser Stelle sei auch der im Abschnitt «Hintergrund» genannte Befund von Szadrowsky (1918: 124, 159) noch einmal aufgegriffen: Während er gestützt auf eine Auswertung des Id. (1881 ff.) zum Schluss kommt, dass Nomina agentis des Typs -i und endungslose Agensbildungen in alpinen Gebieten häufiger auftreten, bestätigen die hier untersuchten ÜberN diese Grundtendenz nicht in gleichem Masse. 28 In weiterführenden Arbeiten liesse sich prüfen, ob die FamN allenfalls ein früheres, verbreiteteres Vorkommen dieser beiden Bildungstypen abbilden, während sie im Appellativwortschatz durch 25 Socin (1903: 424) weist einen Wechsel zwischen Krieg und Krieger für dieselbe Person nach: Johannes Criec 1260, Johannes dir Chriegere 1254, Johannes Chriegre 1261 und Jo. Krieger (ohne Datierung). 26 Vgl. Artikel II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y» und familiennamen.ch (o. J.: s. v. Strübin). 27 Vgl. Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven». 28 Vgl. Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 2.12 Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen 457 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="458"?> den er-Typus womöglich in Randregionen der Deutschschweiz zurückgedrängt worden sind (s. auch Szadrowsky 1918: 161). Für Nomina agentis des Typs -i muss allerdings berücksichtigt werden, dass sie teils vom er-Typus abweichende «semasiologische Sphären» besetzen (Szadrowsky 1918: 120). Wie eingangs erwähnt, scheinen - zumindest teilweise - semantische Unterschiede zwischen Nomina agentis auf -er, -ler, -ner und denjenigen auf -i sowie zwischen den verschiedenen Diminutivsuffixen zu bestehen. Es würde sich anbieten, diese Thematik mit Blick auf FamN in einer Studie zu vertiefen. Hinsichtlich semantischer Aspekte ist als tentatives Ergebnis ausserdem festzuhalten, dass bestimmte Motivgruppen gestützt auf die vorliegenden Karten eher zu Formvarianz neigen als andere. Auffällig ist bspw. das häufige Nebeneinander von nicht-diminuierten und diminuierten Formen, die auf einem metaphorischen Gebrauch von Tierbezeichnungen oder auf Lexemen für Verwandtschaftsbeziehungen basieren (z. B. Fuchs - Füchslin,Vetter - Vetterli). 29 Andere semantische Kategorien wie etwa Pf lanzen, Gegenstände oder Jahresresp. Tageszeiten, Monate und Tage sind in den vorliegenden Samples nicht oder kaum vertreten (z. B. Morgen - Mörgeli). Aufbauend auf diesen ersten Ergebnissen wäre zu fragen, ob bei FamN zu bestimmten Lexemen Restriktionen hinsichtlich der Wortbildung, insbesondere der im Schweizerdeutschen stark verbreiteten Diminuierung, bestehen könnten. Aus morphologischer Perspektive ist abschliessend festzuhalten, dass in den vorliegenden Samples einfaches -er gegenüber den Sekundärsuffixen -ler und -ner für die Bildung von Nomina agentis dominiert. Bei den Diminutivsuffixen überwiegt das für das Schweizerdeutsche charakteristische -li gegenüber den anderen (Schreib-)Varianten. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Graf (12'393 Tokens), Roth (10'905 Tokens) und Fuchs (6'962 Tokens). Die beiden erstgenannten ÜberN belegen in der rezenten Rangliste aller FamN der Deutschschweiz Platz 17 resp. 20 (BFS 2023: STATPOP 2022). Vergleich mit benachbartem Ausland: Neben Karten, die jeweils einen bestimmten Bildungstyp enthalten, widmet sich der DFA 3 (2012) auch der Formvarianz von ÜberN. Entsprechende Karten finden sich u. a. in den Kapiteln «Varianz -ling / -er in Berufs- und ÜberN» und «Verhältnis der l-Suffixe» (DFA 3 2012: 140-149, 440-459). Indirekt ist das Nebeneinander verschiedener morphologischer Verfahren auch aus den lexikalisch ausgerichteten Karten des DFA 5 (2016) ersichtlich. Um etymologische Pendants handelt es sich bspw. bei den ÜberN Typ Mock - Typ Möckel (zu mhd. mocke ‘Klumpen, Brocken’) und den ÜberN Typ Streit - Typ Streidl - Typ Streiter (zu mhd. strīt ‘Streit, Kampf ’), die teilweise je nach Bildungstyp unterschiedliche räumliche Konzentrationen zeigen (DFA 5 2016: 699-701, 919-921). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) 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Esther Loosli 2.12 Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen 459 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="460"?> 2.13 Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut Schlagwörter: Epenthese, er-Suffix, onymischer Marker, Reanalyse, Suffixerweiterung Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Der vorliegende Artikel widmet sich FamN aus der Schicht «vor 1800», die gegenüber ihrem Ausgangslexem unorganischen t-Antritt im Auslaut zeigen (z. B. ÜberN Tapfert zu schwzdt. tapfer ‘unerschrocken, tatkräftig, wacker’, auch ‘tüchtig, rechtschaffen’). Eine Untersuchung dieser Namen ist insofern interessant, als sich für den bundesdeutschen Raum zahlreiche Fälle von t-Epenthese - insbesondere an FamN auf -er - identifizieren lassen und dadurch die Frage naheliegt, ob bzw. wie häufig dieses Phänomen auch in der Deutschschweiz auftritt. Über diesen räumlichen Vergleich hinaus bietet der Gegenstand lohnenswerte Inputs, um sich aus theoretischer Perspektive mit der Frage nach (ansatzweiser) onymischer Markierung oder aus sprachtypologischer Sicht mit dem tendenziell eher silbensprachlichen Charakter der schweizerdeutschen Dialekte auseinanderzusetzen. Hintergrund: Für das Frühneuhochdeutsche lassen sich im nichtonymischen Wortschatz zahlreiche Beispiele finden, die am absoluten Wortende (z. B. mhd. māne → fnhd. mant/ mand / mond; mhd. saf → fnhd. saft) oder seltener auch an der Morphemgrenze innerhalb des Wortes (mhd. eigenlich → fnhd. eigentlich; mhd. ordenlich → fnhd. ordentlich) durch einen Dental (-d, -t) erweitert wurden (Ebert et al. 1993: 97; Nübling et al. 2017: 53-54). 1 Der häufig beobachtbare Antritt eines Dentals am Wortende wird u. a. von Nübling/ Schrambke (2004: 293), Szczepaniak (2007: 267-268) und Nübling et al. (2017: 34) mit dem tiefgreifenden typologischen Wandel des Deutschen von einer Silbensprache hin zu einer Wortsprache (s. ausführlich Szczepaniak 2007) in Zusammenhang gebracht, weil auslautendes -t (durch maximale Konsonantenstärke resp. minimale Sonorität) den rechten Wortrand stärkt und damit das phonologische Wort als Einheit profiliert. Im Allgemeinen wird das Einschieben bzw. Anfügen von Konsonanten (oder Vokalen) auch als Mittel angesehen, «um die Artikulation einer Lautkette zu erleichtern» (Meibauer et al. 2015: 303; vgl. auch Ebert et al. 1993: 97). Es ist jedoch fraglich, inwiefern die wortfinale Dentalepenthese im Spezifischen der Ausspracheerleichterung dient, weil dadurch i. d. R. keine einfache(re)n und damit leichter artikulierbaren silbischen Strukturen entstehen (Szczepaniak 2007: 249; Szczepaniak 2014: 169, 173; Nübling et al. 2017: 31-32, 54). Resultate der frühneuhochdeutschen Konsonantenepenthese finden sich nicht nur im Standarddeutschen, sondern auch in den schweizerdeutschen Dialekten. Eine kursorische Sichtung des Id. (1881 ff.: Grammatisches Register 1.2.4.7.) und der Reihe «Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik» (u. a. Abegg 1911: 72; Clauß 1929: 171; Hotzenköcherle 1934: 375-376) erweckt jedoch den Eindruck, dass -t/ -d in den schweizerdeutschen Dialekten womöglich weniger konsequent angetreten ist resp. dass häufig dentallose neben dentalhaltigen Formen stehen. Letztere sieht Henzen (1927: 177) für die deutschfreiburgische Mundart als «jünger» und «durchaus fakultativ» an (vgl. ähnlich Vetsch 1910: 147-149 für die Appenzeller Mundarten). Baumgartner (1922: 136) und das Id. (1881 ff.) bezeugen die Varianten Mā(n) / Mān(e) - Mond, Saf - Saft, eige(n)lich - eigentlich, orde(n)li - ordentlich; ferner auch gester - gestert (‘gestern’), mängis - mängist (‘manchmal’), nëbe(n) - nëbed (‘neben’), Obs - Obst, sider - sidert (‘seither’), sus - sust (‘sonst’), usser - usse(r)t (‘ausserhalb, ausser’), zwüsche - zwüschet (‘zwischen’) und weitere mehr. Der oben genannte Eindruck von den mundartlichen Verhältnissen wäre anhand quantitativer Untersuchungen zu prüfen, würde jedoch der allgemeinen Forschungsmeinung, die schweizerdeutschen Dialekte seien gegenüber der Standardvarietät silbensprachlicher (vgl. Nübling/ Schrambke 2004; Szczepaniak 2007: 317-325), entsprechen. Auch in der Onomastik ist wortfinale t-Epenthese als Phänomen bekannt (vgl. z. B. Fleischer 1964: 104; Seibicke 2004: 3545, 3547; Kohlheim/ Kohlheim 2005: 802; Gottschald 2006: 174; Naumann 2007: 17, 25, 28, 46). Bspw. merkt bereits Bach (1952: 161) an, dass die aus dem häufigen Namenzweitglied -hard entstandene Endung -ert «gelegentlich älteres -er ersetzt» habe oder «in gleicher Funktion» erscheine, und nennt zur Veranschaulichung die historischen Namenbelege aus Liegnitz (heute Legnica, Polen) Marcus Braunner (1563) und Jacob Braunert (1572). Neben FamN auf -er identifiziert Bach (1952: 42) auch FamN auf -el als anfällig für den Antritt von -t/ -d, sodass nach dem Muster von «alten Namen» auf -elt (aus -wald, -bald usw.) z. B. «Eckel, eine KF [= Kurzform] von Eckehart, als Eckelt, Reichel, eine KF etwa von Richwin, als Reichelt» aufscheinen würden (vgl. DFA 3 2012: 525). Bach (1952: 42, 161) führt die Erweiterung des Namenkörpers also darauf zurück, dass FamN mit etymologisch begründetem ertresp. elt-Auslaut (z. B. in der Schicht «vor 1800» Reinert, Rinert zu Reinhard, Mengelt zu Managolt/ Mangold ) als Vorlage dienten, um andere FamN entsprechend zu erweitern oder ggf. auch neu zu bilden. Ähnlich halten Kohlheim/ Kohlheim (2005: 228-229, 307, 659) fest, dass -ert bei FamN nicht nur organisch auf eine abgeschwächte Form des Zweitglieds -hart (z. B. Reichert zu Reichart) oder unorganisch auf eine Erweiterung von FamN auf -er (z. B. Beckert zu Becker) zurückgehen könne, sondern teilweise als vollständiges, aus -hart hervorgegangenes Suffix an ein Namenelement getreten sei (z. B. Bossert zu Bosse, einer Kurzform von Burkhard ). In jüngerer Zeit fand der Forschungsgegenstand vorwiegend auf Basis der Daten, die im Rahmen des DFA (2009-2018) kartiert wurden, grössere Beachtung. Als wichtige Erkenntnisse seien folgende Punkte genannt: In Übereinstimmung mit der oben erwähnten 1 Nach Szczepaniak (2007: 250; 2014: 172) wurde besonders im wortfinalen Auslaut, bei unbetonten Silben, bei Substantiven und Pronomina sowie nach n, r, s oder ch ein unorganischer Dental angefügt. 460 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="461"?> älteren Literatur nehmen z. B. auch Nübling/ Kunze (2023: 72) eine sprachgeschichtliche Dreiteilung der FamN auf -ert vor. Der ersten und deutlich grössten Gruppe gehören diejenigen Fälle an, die sich durch verschiedene lautliche Veränderungen organisch zu FamN auf -ert entwickelt haben (z. B. Ebert zu Eberhard; Nübling/ Kunze 2023: 72). Zu den rund 5'000 bundesdeutschen Namentypes auf -ert zählen jedoch als zweite Gruppe auch viele, deren er-Endung analogisch zur ersten Gruppe durch sekundäres, unorganisches -t erweitert wurde (z. B. Bachert zu Bacher; Nübling 2010: 138; Nübling/ Kunze 2023: 72-73). Offenbar nahmen Hörer: innen -ert als «typische[n] Familiennamenausgang» wahr und passten weitere FamN diesem Schema an (Kempf/ Nowak 2011: 307-308). Gemäss DFA 3 (2012: 531) finden sich die frühesten Belege für einen solchen t-Antritt bei FamN im 16. Jh. 2 Wie Kempf/ Nowak (2011: 313) zeigen, weisen die Verbreitungsgebiete der ersten und der zweiten Gruppe grosse Überschneidungen auf, was für ihren genetischen Zusammenhang spricht (Nübling/ Kunze 2023: 74). Verbreitungskarten legen ausserdem nahe, dass «t-Antritt dann leichter erfolgt, wenn das zugrunde liegende Lexem unbekannt ist»; z. B. kommt der FamN Schreinert tendenziell in Regionen Deutschlands vor, in denen appellativisch Tischler gilt (DFA 3 2012: 523). Bei der dritten und kleinsten Gruppe wurde laut Nübling/ Kunze (2023: 74) «die gesamte ert-Endung an andere FamN geheftet»; als Beispiel für den bundesdeutschen Raum sei der FamN Kleinert (← FamN Klein + Suffix -ert) angeführt. Aus theoretischer Perspektive kann es sich bei unorganischem t-Antritt an Anthroponyme einerseits «um eine phonologisch gesteuerte Optimierung der Wortgrenze» handeln (s. o.), andererseits aber auch um ein «morphologisches Mittel zur Kennzeichnung von EigenN» (DFA 3 2012: 530). Somit wäre bei den FamN der zweiten Gruppe von einem onymischen Marker -t zu sprechen, während für die dritte Gruppe sogar eine zeitweise, leichte Produktivität von -ert als onymisches Suffix anzunehmen wäre (s. ausführlich Nübling 2010). Weil nicht-onymische Lexeme mit zwei oder mehr Silben nur selten auf unbetontes -ert enden, eignet sich die Lautfolge nach Nübling/ Kunze (2023: 73) gut, um eine «klare Distanz zu den Appellativen» zu schaffen und den Eigennamenstatus durch bereits bestehendes, aber reanalysiertes Sprachmaterial explizit zu markieren (s. ausführlich Nübling 2005). Nübling (2010: 129) vermutet, dass diese Ansätze von onymischer Morphologie durch die relativ frühe Fixierung der deutschen FamN zum Erliegen kamen. Während bundesdeutsche FamN mit unorganischem t-Antritt im Auslaut bereits im Mittelpunkt des Forschungsinteresses gestanden sind, fehlen entsprechende Arbeiten für die Deutschschweiz bislang. Eine kursorische Sichtung von historischen, regionalen Namenbüchern der Schweiz legt nahe, dass das Phänomen auch im Deutschschweizer Onomastikon vorkommt. So dokumentiert das RNB 3 (1986: 852) für Graubünden neben Tapfer (1735, Seewis GR; 1805, Küblis GR; 1829, Schiers GR) und Taffer (1735, Grüsch GR) den FamN Tapfert (1799, Jenaz GR); in der Belegsammlung sind daneben auch noch Dapfer (1727, Castiel GR) und Dapfert (1799, Malans GR) angeführt. Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 71) nennen für den Zürcher FamN Gimpert den historischen Beleg Jakob Gympper (1541, Küsnacht ZH) neben Hans Gimpert (1577, Küsnacht ZH). Ein weiteres Beispiel stammt aus Berner Urbaren des 16. Jh.: Darin finden sich u. a. die urkundlichen Belege Cristen Glatthar (1535, Wilderswil BE) und Cristan Glatthard (1530, Unterseen BE). 3 Fragestellungen: Dieser Artikel untersucht vor dem oben erläuterten Hintergrund, wie häufig und in welchen Regionen der Deutschschweiz FamN mit unorganischem t-Antritt in der Schicht «vor 1800» bezeugt sind. Die erste Karte bietet einen Überblick über die einschlägigen Fälle mit t-Antritt, bevor die zweite Karte ein Schlaglicht auf FamN wirft, die auf -ert enden. Dabei interessiert insbesondere die Frage, in welchem räumlichen Verhältnis die Namen mit wortfinaler t-Epenthese und diejenigen mit organischem ert- Auslaut (als mögliche Analogievorlagen) zueinander stehen. Die dritte Karte bildet schliesslich etymologische Pendants mit und ohne epenthetischen Dental ab, um allfällige Raumstrukturen identifizieren zu können. 2 Für den nicht-onymischen Wortschatz setzt Szczepaniak (2007: 250) das Aufkommen von epenthetischem Dental im 13. und verstärkt im 14. Jh. an, sodass «in der 2. Hälfte des 16. Jhs. die Formen mit angefügtem Dental größtenteils die ursprünglichen verdrängt» hätten. 3 In der Schicht «vor 1800» sind nur noch Tapfert, Gimpert und Glatthard bezeugt. 2.13 Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut 461 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="462"?> Erste Karte {213}: Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut Namenauswahl: Die erste Karte bietet einen Überblick über die einschlägigen FamN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 4 die sich gegenüber ihrem Ausgangslexem bzw. namengebenden Onym durch t-Epenthese auszeichnen. Die entsprechenden Namen werden anhand ihrer (Laut-)Form in zwei Gruppen unterteilt: Der in der Literatur am häufigsten diskutierte Fall von wortfinaler Dentalepenthese bei FamN auf -er (z. B. Biedert, Kauert) wird allen anderen FamN mit unorganischem t-Antritt im Auslaut (z. B. Andrist, Kobelt) gegenübergestellt. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN auf -er mit t-Antritt: Benkert, Beuggert, Biedert, Gantert, Gimpert, Greutert, Hauert, Kauert, Kleinert, Kuppert, Schaffert, Speckert, Tapfert, Tschuppert. 14 Types, 31 Tokens. Andere FamN mit t-Antritt: Andrist, Duft, Glatthard, Kobelt, Koblet, Pfleghard, Pfleghart, Straubhardt. 8 Types, 17 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-80, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 221: Daten zur ersten Karte {213} Detailangaben zur Namenauswahl: 5 Da FamN mit unorganischem t-Antritt in der etymologischen Datenbank nicht systematisch als solche erfasst sind, wurden für das vorliegende Namensample verschiedene Suchverfahren kombiniert: In einem ersten Schritt wurden in der etymologischen Datenbank (Stand 03.10.2024) alle FamN abgefragt, die in der Schicht «vor 1800» belegt sind und auf -ert bzw. -elt auslauten. Die 113 Treffer mit ert-Auslaut und die 3 Types mit elt-Auslaut (Kobelt, Mengelt, Nievergelt) wurden danach händisch auf ihre Relevanz überprüft. Ergänzend wurden die Beschreibungstexte in der etymologischen Datenbank nach den Stichwörtern «unorganisch», «unetymologisch», «Antritt», «-t», «-d» und «-dt» durchsucht. Komplettiert wird das Sample durch Zufallsfunde und FamN, die aus projektinternen Vorarbeiten bekannt sind. Unberücksichtigt blieben erstens alle als romanischsprachig kategorisierten FamN (z. B. Allamand, Pétremand, Rambert) und zweitens FamN wie Wigert (zum Ruf N Wīghart), deren t-Auslaut etymo- Karte 213: Unorganischer t-Antritt im Auslaut, vor 1800 4 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 5 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 462 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="463"?> logisch begründet ist (s. zweite Karte). Drittens sind die BerufsüberN Binkert (zu schwzdt. Binker(t) ‘Bienenkorb’ für einen Hersteller von Körben oder einen Imker; vgl. Id. 4 1881 ff.: Sp. 968) und Habicht (zu mhd. habech, habich, seit dem 15. Jh. mit unorganischem -t; vgl. EtymWB 1993a: s. v. Habicht) sowie die ÜberN Babst/ Bapst/ Bopst/ Pabst (zu mhd. bābes, seit dem 13. Jh. mit unorganischem -t, vgl. EtymWB 1993b: s. v. Papst) nicht in der Karte enthalten, weil unorganisches -t sehr wahrscheinlich bereits in der Appellativik angetreten ist. Auch bei den WohnstättenN Aebersold / Ebersold (zum häufigen Toponym Äbersol(d), Ebersol(d) ‘Lache, Pfütze, in der sich Wildschweine suhlen’) und bei den Patronymen Joost/ Jost ist der Dental z. T. bereits im zugrunde liegenden Toponym bzw. Ruf N bezeugt, was zu ihrem Ausschluss geführt hat. Schliesslich fehlen FamN, deren Deutung in der etymologischen Datenbank (Stand 03.10.2024) noch ungeklärt resp. unsicher ist (Bippert, Gaist, Illert, Jappert, Liefert, Lifart, Menet) oder deren auslautendes -t sowohl unorganisch als auch organisch erklärt werden kann. Letzteres Ausschlusskriterium greift namentlich bei Diemand (zum Ruf N Dieman als Variante von Dietmar oder zu mhd. diemant ‘Diamant’), Grossert (zum FamN *Grosser, Gross oder zum Ruf N Grosshart), Güntert/ Gunthert/ Günthert (zum Ruf N Günt(h)er oder Günthart), Ruppert (zum FamN Rupper oder zum Ruf N Ruprecht), Schelbert (zu mhd. schel, schelwes ‘schielend’ oder zum Ruf N Seliperht, Selbert), Waltert/ Walthert/ Weltert (zum Ruf N Walt(h)er oder Walthart) und Zippert (zum FamN Zipper, zum HeiligenN Cyprianus oder zum Ruf N Sigisbert). 6 Es verbleiben insgesamt 22 Namentypes, die in der vorliegenden Karte enthalten sind. Darunter befinden sich nicht nur unorganisch erweiterte FamN mit t-Graphie, sondern auch solche mit d -Graphie (Glatthard, Pfleghard ) und dt-Graphie (Straubhardt), da bei den beiden letzteren von Schreibvarianten ausgegangen wird (vgl. Ebert et al. 1993: 94, 96-97). Berücksichtigt sind auch Namen mit grundsätzlich uneindeutigem Benennungsmotiv, die sich aber einschlägigen Etyma zuordnen lassen und diesen gegenüber t-Epenthese zeigen. Bspw. lässt sich der FamN Hauert entweder als WohnstättenN zu einem Toponym Hau, Hauen oder als BerufsN zu mhd. houwer ‘Holzfäller’ erklären. Die Namenauswahl umfasst BerufsN (Gantert, Schaffert), ÜberN (Biedert, Gimpert, Glatthard, Kleinert, Kuppert, Pfleghard, Pfleghart, Straubhardt, Tapfert, Tschuppert), Wohnstättenund/ oder HerkunftsN (Benkert, Greutert, Kauert, Speckert), Patronyme (Andrist, Duft) sowie mehrdeutige FamN (Beuggert, Hauert, Kobelt, Koblet). Etymologische Deutungen für die Gruppe der FamN auf -ert folgen bei der zweiten Karte; hier sollen daher nur die restlichen Namen kurz hergeleitet werden: Als Patronyme mit unorganischem t-Antritt sind Andrist (zum Ruf N Andreas) und Duft (zu Duff , einer Kurzform des Ruf N Rudolf ) einzuordnen. Kobelt/ Koblet stellen sich entweder als Patronyme zu Kobel (einer Kurzform des Ruf N Jakob) oder als WohnstättenN zum Toponym bzw. ortsbezeichnenden Appellativ Kobel (‘überhängender Felsen, unter dem die Hirten und Weidetiere bei Unwetter Schutz suchen’). Glatthard und Straubhardt lassen sich als ÜberN mit dem Grundwort mhd. hār ‘Haar’ erklären, die sich auf eine Person mit glatten, glänzenden resp. struppigen, krausen Haaren beziehen. Auch bei Pfleghard / Pfleghart ist das Grundwort mhd. hār ‘Haar’ in Anlehnung an FamN auf -hard / -hart erweitert worden. So führt das Id. 2 (1881 ff.: Sp. 1508) den im 15. und 16. Jh. bezeugten FamN Pfleghār an, der sich als SatzN für eine Person, die ihrer Haarpf lege besonders viel Sorgfalt entgegenbrachte, deuten lässt. Kommentar: Die erste Karte verdeutlicht, dass unorganischer t-Antritt im Auslaut für die Schicht «vor 1800» mit insgesamt 22 Types und 48 Tokens ein niederfrequentes Phänomen ist. Innerhalb des Samples treten in type- und tokenfrequenzieller Hinsicht die FamN auf -er hervor, die in Übereinstimmung mit den Annahmen der eingangs zitierten Literatur die häufigste Basis für t-Epenthese darstellen. Hingegen sind FamN auf -el, die gemäss DFA 3 (2012: 525) ebenfalls Affinität zu unorganischem t-Antritt zeigen, nur mit den Varianten Kobelt und Koblet (mit Metathese el > le) vertreten. Die im Vergleich zu Deutschland geringe Trefferzahl ist wohl teilweise darauf zurückzuführen, dass in der Deutschschweiz li- Diminution gegenüber el-Diminution deutlich überwiegt. 7 Die FamN auf -ert treten sowohl als Streubelege (z. B. Beuggert in Unterseen BE, Biedert in Oberdorf BL, Kleinert in Affoltern am Albis ZH) wie auch als Cluster (z. B. im Verwaltungskreis Seeland BE, rund um Willisau LU und Winterthur ZH sowie im Bezirk Weinfelden TG) auf. 6 der insgesamt 14 Namentypes (Beuggert, Biedert, Gantert, Kauert, Kuppert, Tapfert) sind in der Schicht «vor 1800» nur an einem Belegort bezeugt; mehr als 3 Tokens erreichen nur Schaffert (4 Tokens), Greutert (5 Tokens) und Hauert (5 Tokens). Ersterer Name zeichnet für das Hervortreten des Bezirks Weinfelden (TG) verantwortlich, und auch Greutert und Hauert formen im Kanton Zürich bzw. im bernischen Verwaltungskreis Seeland ein Namennest. Insgesamt ordnen sich die Belege - mit Ausnahme des FamN Tapfert, der in Jenaz (GR) alteingesessen ist - grob auf einer Diagonale an, die sich vom Bielersee bis an den Bodensee erstreckt. Alles in allem kann somit von einem mittelländischen Phänomen gesprochen werden. Als Hauptverbreitungsgebiet der restlichen FamN mit t-Epenthese tritt einerseits das Berner Oberland in Erscheinung, wo Andrist im Simmental und Glatthard im Verwaltungskreis Interlaken-Oberhasli mehrfach vorkommen (5 bzw. 4 Tokens). Daran schliesst sich mit grosser Wahrscheinlichkeit der waadtländische Beleg an, weil sowohl Straubhardt als auch die dentallose Variante Straubhaar 1746 in Bussy-Chardonney (VD) eingebürgert wurden und Straubhaar ansonsten nur am Thunersee (Niederstocken BE, Strättligen BE) alteingesessen ist. Ein zweites Verbreitungsgebiet lässt sich in der Nordostschweiz (Pfleghard / Pfleghart in Hörhausen TG, Duft und Kobelt in SG, Koblet in ZH) erkennen. Auffällig ist das Fehlen von unorganischem -t in der (vor-)alpinen Innerschweiz und im Wallis, sodass höchstalemannische Gebiete abgesehen von Andrist und Glatthard im Berner Oberland sowie Tapfert in Graubünden generell frei von diesem Phänomen sind. 6 Zum Typ Güntert und zum Typ Waltert sei Folgendes angemerkt: Förstemann (1900: 701, 1506) belegt für St. Gallen sowohl Gunthart als auch Waldhart als Ruf N im Mittelalter. Das RNB 3 (1986: 234) bezeugt bereits 1465 in Schiers (GR) die Form Waltert; vor dem Hintergrund der eingangs erläuterten Chronologie scheint zumindest in diesem Fall eher Walthart als Ausgangsform vorzuliegen. Für die Herleitung von Güntert aus Günthart spricht, dass Güntert und Typ Günthart ein Namennest im Kanton Zürich formen (u. a. beide in Pfäffikon ZH). Gunthert ist 1787 aus Deutschland zugewandert und daher für die vorliegende Fragestellung nicht relevant. 7 Vgl. Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» (vierte vs. fünfte Karte). 2.13 Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut 463 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="464"?> Zweite Karte {214}: Familiennamen auf -ert im Kontrast Namenauswahl: Weil FamN auf -er sowohl in der Literatur (u. a. Kempf/ Nowak 2011) als auch in der ersten Karte als häufigste Basis für t-Epenthese identifiziert werden konnten, soll hier vertieft auf dieses Teilsample eingegangen werden. Dazu bildet die vorliegende zweite Karte alle einschlägigen FamN aus der Schicht «vor 1800» ab, die auf -ert auslauten, und gruppiert sie danach, ob der Dental etymologisch motiviert ist oder nicht. Im Fokus stehen die Fragen, ob sich mögliche Analogievorlagen ausmachen lassen und ob sich Raumstrukturen zeigen. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN auf -ert mit unorganischem -t: Benkert, Beuggert, Biedert, Gantert, Gimpert, Greutert, Hauert, Kauert, Kleinert, Kuppert, Schaffert, Speckert, Tapfert, Tschuppert. 14 Types, 31 Tokens. FamN auf -ert mit organischem -t: Akert, Albert, Anderwert, Appert, Bamert, Bammert, Bauert, Begert, Berwert, Bossert, Eckert, Egert, Gebert, Gelbert, Gobert, Göpfert, Güpfert, Herbert, Hilpert, Hubert, Ifert, Kuert, Kundert, Lambert, Lampert, Landert, Lappert, Leutert, Leuthert, Lienert, Lumpert, Lüthert, Mägert, Megert, Purtschert, Reinert, Rigert, Rinert, Robert, Seifert, Seiffert, Sievert, Siffert, Suffert, Walpert, Wichert, Wienert, Wigert, Wütschert, Wybert. 50 Types, 136 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 222: Daten zur zweiten Karte {214} Detailangaben zur Namenauswahl: Wie bei der ersten Karte erwähnt, finden sich in der etymologischen Datenbank (Stand 03.10.2024) 113 FamN, die in der Schicht «vor 1800» vorkommen und auf -ert auslauten. Von diesen Treffern wurden diejenigen 14 FamN kartiert, die in der ersten Karte als einschlägige Fälle von unorganischem t-Antritt identifiziert werden konnten. Als Kontrastfolie dienen 50 als deutschsprachig kategorisierte Namen auf -ert, bei denen der auslautende Dental etymologisch begründet ist. Ausgeschlossen wurden wiederum diejenigen FamN, die in der etymologischen Datenbank (Stand 03.10.2024) noch ungedeutet bzw. als romanischsprachig kategorisiert sind oder bei denen auslautendes -t sowohl organisch als auch unorganisch erklärt werden kann. Unorganisches -t ist im vorliegenden Sample einerseits an Derivate auf -er (z. B. Benkert, Gantert, Gimpert, Kuppert) und andererseits an adjektivbasierte FamN (Biedert, Kleinert, Tapfert) angetreten. 8 Die Namen lassen sich verschiedenen Benennungsmotiven zuordnen: Mit Karte 214: FamN auf -ert im Kontrast, vor 1800 8 Vgl. die Artikel II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen», II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen» und II-1.2 «Flektierte Adjektivformen». 464 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="465"?> Biedert (zu mhd. biderbe ‘tüchtig, brav, angesehen, rechtschaffen’), Gimpert (zu schwzdt. gimpe(n) ‘wackeln, schwanken’; vgl. Id. 2 1881 ff.: Sp. 311), Kleinert (zu mhd. klein ‘niedlich, zierlich, fein; schmächtig, zart, mager’), Kuppert (zu schwzdt. chūpe(n) ‘schmollen’; vgl. Id. 3 1881 ff.: Sp. 406), Tapfert (zu schwzdt. tapfer ‘unerschrocken, tatkräftig, wacker’, auch ‘tüchtig, rechtschaffen’; vgl. Id. 13 1881 ff.: Sp. 969) und Tschuppert (zu schwzdt. tschuepe(n) ‘träge, langsam, schwerfällig dahingehen’; vgl. Id. 14 1881 ff.: Sp. 1785) kommen ÜberN im Sample am häufigsten vor. Vielleicht diente unorganisches -t hier (auch) dazu, den expressiven Charakter der ÜberN zu verstärken. Den Wohnstättenresp. HerkunftsN lassen sich Benkert (zum SiedlungsN Bänk oder Benken), Greutert (zu einem der häufigen Toponyme Grüt(t) ‘gerodetes Landstück’), Kauert (zum FlurN Ghau ‘Ort, wo Bäume geschlagen werden, Holzschlag, Waldabteil’) und Speckert (zum FlurN Speck(e) ‘Brücke im feuchten Gelände, Sumpfboden’) zuordnen. Zu den FamN auf -er mit unorganischem t-Antritt gehören ferner die beiden BerufsN Gantert (zu schwzdt. Ganter ‘Gantmeister, (Zwangs-)Versteigerer’; vgl. Id. 2 1881 ff.: Sp. 380) und Schaffert (zu mhd. schaffære, schaffer ‘Anordner, Aufseher, der für das Hauswesen sorgende Verwalter’) sowie die mehrdeutigen FamN Beuggert (HerkunftsN zum Hof Beuggen in Bubendorf BL oder BerufsN bzw. ÜberN zu schwzdt. (älter) bäugge(n), baugge(n) ‘die Trommel oder Pauke schlagen’, auch ‘prügeln’; vgl. Id. 4 1881 ff.: Sp. 1106) und Hauert (WohnstättenN zum Toponym Hau, Hauen oder BerufsN zu mhd. houwer ‘Holzfäller’). Im Unterschied zu Deutschland finden sich in der Schicht «vor 1800» somit keine Fälle von Patronymen auf -er, die durch -t erweitert wurden (vgl. Kempf/ Nowak 2011: 308; DFA 3 2012: 514). Die Namen mit organischem ert-Auslaut wurden zu Vergleichszwecken kartiert und sollen daher an dieser Stelle nur überblicksartig gedeutet werden: Mit 41 von insgesamt 50 Types sind die FamN zu Ruf N am stärksten vertreten, wobei es sich ausschliesslich um Patronyme handelt. Die Endung -ert lässt sich bei ihnen auf lautliches Verschleifen eines Zweitglieds - insbesondere -hard / -hardt/ -hart (z. B. Gebert zum Ruf N Gebhart), 9 -bert/ -brecht (z. B. Appert zum Ruf N Athalber(h)t bzw. Haduber(h)t) und -fried (z. B. Güpfert / Göpfert zum Ruf N Gottfried ) - zurückführen (vgl. Nübling/ Kunze 2023: 72-73). Erklärungsbedürftig ist der FamN Bauert, den der DFD (2024: s. v. Bauert) als Variante mit unorganischem -t zum FamN Bauer stellt, während Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Bauert) für die Deutschschweiz von einer Nebenform zu mhd. banwart(e), schwzdt. Bannwart (vgl. Id. 16 1881 ff.: Sp. 1578) und daher von einem organischen ert-Auslaut ausgehen. Bauert schliesst sich somit den FamN Bammert und Bamert an, die ebenfalls auf diesem Appellativ basieren. Zu den WohnstättenN gehört Akert (zu einem Toponym Acheret, Ackeret, Äckeret); womöglich auch Anderwert (zu schwzdt. anderwërt(s) ‘anders, auf eine andere Art, anderswo’ als Wohnstätten- oder ÜberN; vgl. Id. 16 1881 ff.: Sp. 1624) und Egert (WohnstättenN zu mhd. egerte ‘Brachland’ oder Patronym zum Ruf N Eckehard ). Mehrdeutig sind ferner die Namen Lumpert (zu mhd. lombard, lamparte für eine Person aus (Nord-)Italien oder für einen Geldwechsler, Pfandleiher, Wucherer) und Lambert / Lampert (entweder ebenfalls zu mhd. lombard, lamparte oder als Patronym zu einem Ruf N Landebert, Lamprecht o. ä.). Kommentar: Wie bereits bei der ersten Karte festgestellt wurde, beschränken sich FamN auf -er + -t im Grossen und Ganzen auf das Mittelland. Vergleicht man nun in der zweiten Karte die Verbreitung dieser 14 Namentypes mit derjenigen von organischen ert-FamN, ergeben sich folgende Befunde: Erstens formen die FamN mit unorganischem -t grundsätzlich keinen eigenen, zu den anderen FamN komplementären Namenraum, sondern sie treten tendenziell in solchen Gebieten in Erscheinung, für die auch etymologisch begründetes -ert bezeugt ist (vgl. auch Nübling/ Kunze 2023: 74 für Deutschland). Bspw. kommt in unmittelbarer Nähe zum Hauert-Cluster (Verwaltungskreis Seeland BE) auch der FamN Begert (Utzenstorf BE, Ersigen BE) vor. Dasselbe Muster zeigt sich u. a. rund um die luzernische Gemeinde Willisau (Kuppert, Tschuppert), im aargauischen Bezirk Zurzach (Speckert) oder im Kanton Zürich (Benkert, Gantert, Gimpert, Greutert, Kleinert). Zweitens ist aus dem Kartenbild erkennbar, dass sich die FamN mit organischem ert-Auslaut mehr oder weniger über das ganze Mittelland ausbreiten. Im Unterschied zu den FamN mit t-Antritt kommen sie darüber hinaus aber auch in der Zentralschweiz (z. B. Albert in UR, Berwert in Sarnen OW), im Wallis (z. B. Albert in Naters und Mund, Rigert in Guttet-Feschel) oder im Kanton Freiburg (z. B. Lambert, Siffert) vor. 9 Weil organischer ert-Auslaut vielfach auf das abgeschwächte Namenzweitglied -hard / -hardt/ -hart zurückgeht, würde sich auch eine Kartierung aller Namen auf -hard / -hardt/ -hart anbieten. Darauf wurde bewusst verzichtet, um das Kartenbild nicht zu überladen. Die Verbreitung dieser FamN wird jedoch im Artikel I-2.7 «Schreibvariation bei Plosiven im Auslaut» (zweite Karte) ausführlich behandelt. Die Namen erweisen sich darin als überwiegend im Mittelland verbreitet. 2.13 Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut 465 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="466"?> Dritte Karte {215}: Dubletten mit und ohne t-Antritt Namenauswahl: Die dritte Karte widmet sich dem Nebeneinander von etymologischen Pendants mit und ohne t-Epenthese im Auslaut. Dabei soll untersucht werden, ob sich für die Schicht «vor 1800» unterschiedliche Namenräume hervortun oder ob sich die Verbreitungsgebiete der ausgewählten FamN überlappen. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN auf -er mit unorganischem -t: Benkert, Beuggert, Biedert, Gantert, Greutert, Kauert, Kleinert, Kuppert, Schaffert, Speckert. 10 Types, 21 Tokens. FamN auf -er ohne t-Antritt: Benker, Beugger, Bider, Bieder, Ganter, Gantner, Greuter, Grüter, Grütter, Kauer, Kleiner, Kupper, Schaffer, Schaffner, Specker. 15 Types, 104 Tokens. Andere FamN mit unorganischem -t: Andrist, Duft, Kobelt, Koblet, Straubhardt. 11 Tokens. Andere FamN ohne t-Antritt: Anderes, Anders, Andres, Duff , Enderis, Kobel, Koebel, Köppel, Straubhaar. 9 Types, 46 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 223: Daten zur dritten Karte {215} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 03.10.2024) wurde händisch und automatisch nach etymologischen Pendants zu den in der ersten Karte behandelten Namen gesucht. 10 Ausser Gimpert, Hauert, Tapfert und Tschuppert kommen alle FamN auf -ert in der Schicht «vor 1800» auch ohne auslautenden Dental vor (z. B. Benkert - Benker, Gantert - Ganter/ Gantner). Bei den weiteren FamN mit t-Epenthese finden sich i. d. R. ebenfalls etymologische Pendants (z. B. Duft - Duff , Straubhardt - Straubhaar); Ausnahmen sind Glatthard und Pfleghard / Pfleghart, zu denen sich keine FamN auf -ha(a)r stellen. 11 Zur Deutung der ausgewählten Namen vgl. die etymologischen Kurzangaben bei der ersten und der zweiten Karte. Für gewisse Namen wie insbesondere Kleinert (nach Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 103 zum FamN Kleiner; nach Nübling 2010: 139 für den bundesdeutschen Raum zum FamN Klein) und Beuggert (zum FamN Beugger oder zu *Beugg; vgl. Tobler-Meyer 1894: 47), aber auch für Kuppert (zum FamN Kupper oder zum FamN Kupp) und Speckert (zum FamN Specker oder zum FamN Speck) wäre u. a. durch historische Sondierungen zu prüfen, ob allenfalls nicht unorganischer t-Antritt, sondern Suffigierung mit onymischem -ert vorliegen könnte (vgl. DFA 3 2012: 514; s. Abschnitt «Hintergrund»). Kommentar: Die dritte Karte zeigt auf, dass die Formen ohne -t gegenüber jenen mit -t insgesamt häufiger auftreten (vgl. auch Karte 215: Dubletten mit und ohne t-Antritt, vor 1800 10 Auch für Namen, die bei der ersten Karte ausgeschlossen wurden und daher hier unberücksichtigt bleiben, finden sich z. T. etymologische Pendants: Günter/ Gunther/ Günther - Güntert/ Gunthert/ Günthert, Iller - Illert, Rupper - Ruppert, Walter/ Walther / Welter - Waltert / Walthert/ Weltert, Zipper - Zippert und Joos / Joss - Joost/ Jost. 11 Wie bereits erwähnt, bezeugen jedoch historische Quellen solche t-losen Formen. 466 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="467"?> Nübling/ Kunze 2023: 73 für Deutschland). Schaut man die einzelnen Dubletten an, kommen nur Benkert und Duft an gleich vielen (3 Tokens) resp. an mehr Belegorten (2 Tokens zu 1 Token) vor als ihre dentallosen Korrelate Benker und Duff . Wie das Kartenbild offenlegt, weisen die etymologischen Pendants gesamthaft ein ähnliches Verbreitungsgebiet auf. So verteilen sich die Belege grundsätzlich über das Mittelland; nur vereinzelt sind auch in anderen Gebieten wie etwa im Berner Oberland, im Kanton Wallis oder in Graubünden Namen bezeugt. Mit Blick auf die einzelnen Dubletten treten jedoch unterschiedliche Muster zutage: Bei den FamN auf -er(t) gibt es erstens Fälle, in denen die beiden Varianten weit(er) auseinander liegen (Kauert im Verwaltungskreis Seeland BE vs. Kauer im ehemaligen Amtsbezirk Trachselwald BE; Schaffert in TG vs. Schaffer in BE und Schaffner in AG, BL, JU, SH; Speckert in AG vs. Specker in SG und TG). Zweitens kommt es vor, dass die etymologischen Pendants in (unmittelbarer) Nähe zueinander auftreten (Biedert in Oberdorf BL und Bieder/ Bider in Langenbruck BL). 12 Bei der Mehrheit der Namentypes zeigen die einzelnen Tokens jedoch teils das erste, teils das zweite Muster (z. B. Beuggert und Beugger beide bei Interlaken BE, aber letzterer Name auch in BL, SH, ZH; Kleinert und Kleiner beide in Affoltern am Albis ZH, aber ersterer Name auch in Zell ZH und letzterer Name auch in AG, SG). Bei den anderen FamN mit unorganischem -t treten die etymologischen Pendants grösstenteils mit geographischer Entfernung auf (z. B. Duft in SG vs. Duff in GR). Mit Straubhardt und Straubhaar in Bussy- Chardonney (VD) tritt einzig ein Namenpaar am selben Ort auf, wo beide FamN, wie bereits erwähnt, 1746 eingebürgert wurden. Die beiden weiteren Tokens von Straubhaar sind nahe der Stadt Thun (BE) alteingesessen. Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass die ausgewählten FamN zwar alle eher im Mittelland vorkommen, aber die einzelnen Dubletten nur in einigen Fällen in unmittelbarer Nähe zueinander liegen (s. jedoch Kempf/ Nowak 2011: 313-314 für Deutschland). Ergebnisse Der vorliegende Kartenkomplex hat sich mit wortfinaler t-Epenthese im Deutschschweizer Onomastikon beschäftigt und sich dabei v. a. auf diejenigen FamN konzentriert, deren auslautendes -er in der Schicht «vor 1800» Erweiterung durch Dental zeigt. So legt die erste Karte offen, dass diese ert-FamN mit insgesamt 14 Types und 31 Tokens die grösste Teilgruppe innerhalb des Samples bilden. Bei den restlichen 8 Namentypes mit unorganischem t-Antritt (z. B. Andrist, Kobelt, Pfleghart) lassen sich hingegen nur z. T. formale Gemeinsamkeiten (v. a. Komposita auf -haar) festmachen. Gestützt auf das erste Kartenbild kann festgehalten werden, dass unorganischer t-Antritt tendenziell in den hochalemannischen, nicht jedoch in den höchstalemannischen Gebieten vorkommt. Ausserdem handelt es sich in der Deutschschweiz - im Unterschied zu Deutschland - insgesamt um ein niederfrequentes Phänomen, da in der Schicht «vor 1800» zwar einzelne Fälle, nicht jedoch grössere Mengen an Namen mit epenthetischem Dental erweitert worden sind. Zu überlegen wäre, ob t-Antritt (oder gar onymisches -ert) im Deutschschweizer Onomastikon verhältnismässig selten nachzuweisen ist, weil sich die FamN im Vergleich zu Deutschland früher entwickelt haben (Berchtold Schiestl et al. 2020: 424) oder weniger viele musterbildende FamN existierten (s. u.). Inwieweit das grundsätzliche Vorkommen und die areale Verbreitung der ausgewählten FamN mit dem Grad ihrer (In-)Transparenz zusammenhängt (vgl. Kempf/ Nowak 2011: 315, 318 für Deutschland), müsste in einer Detailstudie untersucht werden. Wie die zweite Karte aufzeigt, gibt es im historischen Namenbestand der Deutschschweiz rund 60 FamN auf -ert, wobei das auslautende -t bei den meisten davon etymologisch motiviert ist (z. B. Reinert, Seifert). Nur bei einer kleinen Gruppe ist davon auszugehen, dass der Dental erst sekundär an den Namenkörper angetreten ist (z. B. Biedert, Gantert). Während die 14 FamN auf -er + -t auf das Mittelland beschränkt sind, finden sich jene mit etymologisch begründetem -ert auch in den restlichen Teilen der Deutschschweiz. Generell hätten also auch in den höchstalemannischen Gebieten potenzielle Analogievorlagen existiert, um die in der Deutschschweiz überaus häufigen FamN auf -er mit Dental zu erweitern. So zeichnet sich das Oberdeutsche dadurch aus, dass im Onomastikon verhältnismässig viele er-Ableitungen vorkommen. 13 Entsprechend hätte es grundsätzlich viele formal geeignete Namen gegeben, die mit epenthetischem Dental hätten erweitert werden können; in der Schicht «vor 1800» lassen sich jedoch kaum einschlägige Fälle festmachen. Als Nebenbefund der zweiten Karte ist unter Einbezug von Karte 116 anzumerken, dass in der Deutschschweiz - im Unterschied zu Deutschland (Kempf/ Nowak 2011: 317) - keine weitgehend komplementäre Verteilung zwischen abgeschwächtem organischem -ert und unverschliffenem -hard / -hardt/ -hart vorliegt. Stattdessen zeigt der Kartenvergleich, dass sich die Namenräume in hohem Mass decken, wobei jedoch FamN auf -hard / -hardt/ -hart hinsichtlich Type- und noch deutlicher hinsichtlich Tokenfrequenz überwiegen. Damit schliesst sich die Deutschschweiz dem hard -Gebiet im Süden Deutschlands an (vgl. Kempf/ Nowak 2011: 317). Weil das Zweitglied -hard / -hardt/ -hart im historischen Deutschschweizer Onomastikon - zumindest im Schriftbild - häufiger unverschliffen als verschliffen auftritt, gab es grundsätzlich weniger organische FamN auf -ert, die als Analogievorlage hätten dienen können. Aus der dritten Karte wird ersichtlich, dass für die Mehrheit der ausgewählten FamN in der Schicht «vor 1800» ein etymologisches Pendant ohne epenthetischen Dental bezeugt ist. Obschon sowohl die FamN mit t-Antritt als auch die unerweiterten Formen vorwiegend im Mittelland bezeugt sind und sich daher ihre Verbreitungsgebiete weitgehend decken, treten die Dubletten i. d. R. nicht - oder jedenfalls nicht nur - in geographischer Nähe zueinander auf. Gestützt auf die dritte Karte soll hier auch kurz auf die Frage eingegangen werden, ob bei den FamN Kleinert, Kuppert und Speckert allenfalls eine Erweiterung der endungslosen FamN Klein, Kupp und Speck durch onymisches -ert vorliegen könnte. Während an einem der beiden Belegorte von Kleinert (Affoltern am Albis ZH, zudem Zell ZH) auch der FamN Kleiner (insgesamt 12 Tokens) alteingesessen ist, kommt Klein (insgesamt 4 Tokens) in der Schicht «vor 1800» nicht im Kanton Zürich vor. Der einmalig bezeugte FamN Kupp tritt in 12 Allenfalls könnte auch der FamN Ruppert im Kanton Zürich und in Bichelsee (TG) diesem Muster angehören, weil der FamN Rupper (zum FlurN Ruppen im Turbenthal ZH) ebenfalls in diesen Gebieten bzw. Gemeinden bezeugt ist. Da etymologisch jedoch auch eine verkürzte Form zum Ruf N Ruprecht infrage kommt, wurde Ruppert vom Sample ausgeschlossen (s. erste Karte). 13 Für FamN auf -er vgl. insbesondere die Artikel II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen», II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen» sowie II-1.2 «Flektierte Adjektivformen» (dritte Karte). 2.13 Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut 467 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="468"?> Volketswil (ZH) und damit in der Nähe zu Belegorten von Kupper (insgesamt 7 Tokens), nicht jedoch von Kuppert auf. Letzterer Name findet sich - zusammen mit einem Token von Kupper - in der Nähe von Willisau (LU). Der FamN Speck ist in Oberkulm (AG), Appenzell (AI) und Zug (ZG) dokumentiert und deckt sich somit ebenso wie Specker (insgesamt 5 Tokens) nicht mit dem Verbreitungsgebiet von Speckert. Insgesamt legen weder die Tokenverhältnisse noch das areale Vorkommen unmittelbar nahe, dass statt einer Erweiterung von -er durch -t von einer Suffigierung mit -ert auszugehen wäre. Um genauere Aussagen zu treffen, bedarf es jedoch einer vertieften Auseinandersetzung auf Basis historischer Sondierungen, die hier nicht geleistet werden kann und deshalb als Forschungsdesiderat anzusehen ist. Wie eingangs erläutert, kommen für den t-Antritt mehrere Gründe infrage; u. a. ein allgemeiner Bedarf zur Wortrandverstärkung oder die unbewusste Anlehnung an organische ert-Namen. Die zweite Karte lässt, wie bereits erwähnt, erkennen, dass wortfinale t- Epenthese bei FamN auf -er grundsätzlich nur in Gebieten nachzuweisen ist, in denen auch FamN mit etymologisch begründetem -ert vorkommen. Letztere Namen fungierten daher sehr wahrscheinlich als Analogievorlagen, nach denen weitere FamN wie etwa Gantert oder Greutert gebildet wurden. Unorganisches -t kann somit als onymischer Marker aufgefasst werden, der mit den Worten von Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Kauer) der «Verstärkung der ‹Namenhaftigkeit› und der Unterscheidung von den Appellativa dient». Ob bisweilen nicht von einem t-Antritt, sondern von einer Bildung mit dem im deutschsprachigen Raum in Ansätzen entwickelten onymischen Suffix -ert auszugehen wäre, müsste in weiterführenden Arbeiten genauer untersucht werden. Für die FamN Glatthard, Pfleghard, Pfleghart und Straubhardt ist anzunehmen, dass der epenthetische Dental durch Anlehnung an das häufige Zweitglied -hard / -hardt/ -hart entstanden ist. Für Andrist, Duft, Kobelt und Koblet bleibt eine überzeugende Erklärung vorerst aus; bspw. gibt es für den t-Antritt an FamN auf -el in der Schicht «vor 1800» keine Analogievorlagen (einzig FamN Mengelt zu Managolt/ Mangold, s. erste Karte). Da mehrere etymologische Pendants mit und ohne epenthetischen Dental vor 1800 in der gleichen Gemeinde alteingesessen sind, könnte es sich in Fällen wie Kleinert neben Kleiner (Affoltern am Albis ZH) oder Straubhardt neben Straubhaar (Bussy-Chardonney VD) auch um reine Differenzierungsvarianten verschiedener Familien(zweige) handeln. Diese Familiendifferenzierung wäre dann quasi eine produktive Ausbeutung der ohnehin möglichen Variation zwischen dentallosem und dentalhaltigem Auslaut. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Kobelt (549 Tokens), Andrist (373 Tokens) und Hauert (313 Tokens). Wie bei der ersten Karte erwähnt, beschränkt sich die Namenauswahl auf die Schicht «vor 1800» (a-Schicht). Als Ergänzung wurden alle FamN auf -er der a-, b- und c-Schicht sowie alle FamN auf -ert der b- und c-Schicht alphabetisch zusammengestellt, um mögliche t-Antritte an FamN auf -er zu finden, die im 19. oder 20. Jh. erfolgt sein könnten. Es ergab sich jedoch, dass fast alle ert-Namen der b- und c-Schicht zugewandert sind (z. B. Gassert aus Deutschland, Kohlert aus Österreich) und/ oder nicht zum Phänomen gehören (z. B. Bernert gemäss DFD 2024: s. v. Bernert wahrscheinlich zu Bernhardt). Dieses Ergebnis unterstreicht den oben genannten Befund, dass die Schweiz keine allzu grosse Affinität zum t-Antritt an FamN auf -er hat. Ein einziger Fall lässt deutlich auf eine Dentalepenthese schliessen: Ballmert wurde 1962 in Basel (BS) eingebürgert - und zwar mit dem Herkunftsort Lausen (BL), an dem vor 1800 Ballmer, aber kein Ballmert ansässig war (vgl. e-FNB 1989: s. v. Ballmert, Gemeinde Lausen). Bal(l)mer ist ein Wohnstätten- oder HerkunftsN zu ortsbezeichnenden Appellativen oder Toponymen aus mhd. balme ‘Felshöhle’ und kommt nur in der Schweiz (vor 1800 nur in BL), nicht in Deutschland vor. Für appellativisch gebrauchte Personenbezeichnungen auf -hart wie schwzdt. Gëbhart (für eine geizige Person), schwzdt. Liebhart (für einen Liebling, Günstling) oder schwzdt. Nīdhart (für eine neidische Person) vgl. das Id. 2 (1881 ff.: Sp. 1644; s. ausführlich Id. 1881 ff.: Grammatisches Register 4.3.1.2.12.) und den Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». Teilweise ist auch bei solchen appellativisch gebrauchten Personenbezeichnungen Verschleifung von -hart zu -ert feststellbar, bspw. schwzdt. Bankert neben Bankhart (für ein uneheliches Kind; Id. 2 1881 ff.: Sp. 1645). Unorganischer t-Antritt ist auch bei Toponymen bezeugt. Bspw. setzt sich der Hof N Bisacht (Bezirk Wil SG) aus dem Appellativ Binz (zu ahd. binuz, mhd. binez, binz ‘Binse, Schilfgras, Riedgras’, auch ‘grobes Gras’) und dem Kollektivsuffix ahd. -ahi zusammen, bei dem es «nicht selten […] zu epithetischem -t-Ansatz oder Wechsel mit Suffix -et» gekommen sei (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 4005449). Auch hier wäre zu überlegen, inwiefern Toponyme wie der Hof N Stillert (Bezirk Hinterland AR), der sich aus dem Bestimmungswort ahd. stilli ‘still, ruhig, gelassen, unveränderlich’, mhd. stille ‘still, heimlich, ruhig, schweigend’ und dem lautlich abgeschwächten Grundwort ahd. hard, hart ‘Wald, Gehölz’, mhd. hart ‘fester Sandboden, Weidetrift, Wald’ zusammensetzt, als Analogievorlagen genutzt wurden. Onymische Markierung wird nicht nur bei FamN mit wortfinaler Dentalepenthese diskutiert, sondern u. a. auch im Zusammenhang mit endungslosen Nomina agentis wie Reist (zu schwzdt. reiste(n) ‘entästete Holzstämme, Holzblöcke durch eine natürliche oder künstliche Rinne zu Tal gleiten lassen’) und Schiess (zu mhd. schieʒen ‘werfen, schiessen’), FamN auf -i wie Liechti (wohl zu mhd. lieht ‘hell, strahlend, blank’, schwzdt. auch ‘leichtsinnig, unzuverlässig’) und Späti (zu mhd. spæte ‘spät’), FamN mit schwachem Genitiv oder FamN mit li-Diminutiv. 14 Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA 3 (2012: 512-531) setzt sich im Kapitel «Onymische Markierungen» mit dem unorganischen t-Antritt an Namen auf -er unterschiedlicher Benennungsmotive auseinander und kartiert die 25 frequentesten eindeutigen Fälle. Als typischen Befund konstatiert der DFA 3 (2012: 513) eine «ausgesprochen verstreute Lage von t-Varianten außerhalb des Hauptgebietes der Ausgangsvarianten ohne -t», wie dies z. B. die Karte 249 zu Schreiner - Schreinert ausweist (vgl. DFA 3 2012: 523). Zudem legen die Karten regionale Schwerpunkte wie Mittelbaden und (in noch stärkerem Mass) den ostmitteldeutschen Raum offen, die sich durch häufiges Antreten von -t an FamN auf -er auszeichnen 14 Vgl. die Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis», II- 2.2 «Familiennamen auf -i/ -y», II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe» sowie II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven». 468 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="469"?> (Kempf/ Nowak 2011: 310; DFA 3 2012: 512-513; Nübling/ Kunze 2023: 72). Darüber hinaus kartiert der DFA 3 (2012: 525-529) mit Bergelt, Hanelt, Munkelt und Strobelt die vier häufigsten FamN auf -el, die ebenfalls t-Epenthese zeigen. Ausblick Durch gezielte Auswertung lokaler Kirchenrodel, Urbaren, Urkunden und weiterer Quellen liesse sich der Zeitpunkt des t-Antritts eruieren und mit dem in Deutschland (vgl. Abschnitt «Hintergrund») vergleichen. Mit Blick auf die erste Karte wäre zudem zu erwarten, dass in historischen Dokumenten für die gesamte Deutschschweiz mit Ausnahme der Innerschweiz und des Wallis weitere t-Antritte aufscheinen könnten, die sich nicht durchgesetzt haben. Aus sprachtypologischer Perspektive würde sich im Anschluss an diesen Artikel anbieten, den unorganischen t-Antritt bei FamN vor dem Hintergrund der tendenziell höheren Silbensprachlichkeit des Schweizerdeutschen (vgl. Nübling/ Schrambke 2004; Szczepaniak 2007: 317-325) zu diskutieren. 15 Wie eingangs erwähnt, nimmt die Literatur im Allgemeinen an, dass das Hoch- und insbesondere das Höchstalemannische gegenüber der (bundes-)deutschen Standardvarietät mehr silbensprachliche Züge aufweisen wie etwa Konsonantengeminaten (z. B. Minimalpaar [ˈɑfːə] ‘Affen’ vs. [ˈɑfə] ‘für den Anfang, bis jetzt, vorerst u. ä.’; Siebenhaar 2014: 336), Satzsandhi (z. B. regressive Assimilation bei söpme ‘sollte man’, restituiertes bzw. rein hiatustilgendes Binde-n bei bin-i ‘bin ich’ vs. i bi ‘ich bin’ und wo-n-i ‘wo ich’, hiatustilgende Epenthese von j und w bei Ghei Strou-w-ache! ‘Wirf Stroh runter! ’ oder Schiess de nid öppe-n-e Stei-j-i ds Fäischter! ‘Wirf ja nicht etwa einen Stein ins Fenster! ’; Marti 1985: 65-69; Nübling/ Schrambke 2004: 293-294, 300-301; Szczepaniak 2006: 62) oder geringere Diskrepanz des Vokalismus in betonter und unbetonter Silbe (z. B. berndt. schribe(n) ‘schreiben’ mit Kurzvokal in betonter offener Silbe, Konjunktiv II auf -i wie i schribti ‘ich würde schreiben’; Marti 1985: 26, 144-151; Siebenhaar 2014: 334). 16 Gleichzeitig lassen sich aber auch gegenläufige Tendenzen feststellen, die das Schweizerdeutsche als vergleichsweise wortsprachlich(er) ausweisen (vgl. Siebenhaar 2014: 327; Christen 2019: 257), wie (sehr) komplexe Konsonantencluster (z. B. [kʃtrɛɪf lət] ‘gestreift’ mit Schwa- Synkope, Blitzt-s z Zug? ‘Blitzt es in [der Stadt] Zug? ’; Siebenhaar 2014: 327, 333; Christen 2019: 257) oder Verletzungen der Sonoritätshierarchie (s. dazu Siebenhaar 2014: 333). 17 Grundsätzlich entspricht das verhältnismässig geringe(re) Vorkommen von FamN mit wortfinaler t-Epenthese in der Deutschschweiz (und insbesondere in den höchstalemannischen Gebieten) der tendenziell höheren Silbensprachlichkeit der schweizerdeutschen Dialekte gegenüber z. B. der (bundes-)deutschen Standardvarietät oder den niederdeutschen Dialekten (Nübling/ Schrambke 2004: 286; Nübling et al. 2017: 60). Allerdings hätte unorganischer t-Antritt bei Deutschschweizer FamN dadurch das Potenzial gehabt, als onymischer Marker eine deutliche Distanz zwischen der Lexik und dem Onomastikon zu schaffen - was mit Blick auf die Schicht «vor 1800» nicht eingetreten zu sein scheint. 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Artikel I-1.16 «Synkope». 2.13 Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut 469 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="470"?> Digital zur Verfügung gestellt durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ (letzter Zugriff 03.10.2024). EtymWB = Pfeifer, Wolfgang et al. (1993a): Habicht. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. https: / / www.dwds.de/ wb/ etymwb/ Habicht (letzter Zugriff 03.10.2024). EtymWB = Pfeifer, Wolfgang et al. (1993b): Papst. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. https: / / www. dwds.de/ wb/ etymwb/ Papst (letzter Zugriff 03.10.2024). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. 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Der Begriff germanisch ist dabei als Dachterminus für sämtliche infrage kommenden Varietäten zu verstehen, sei es (Vor-)Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch, Frühneuhochdeutsch - Dialekt oder Standard. 1 Die betreffenden FamN treten geballt in Teilen des Kantons Freiburg auf und gelten für diesen Raum als typisch. Die Entstehung dieses auffallenden Namentyps ist noch nicht restlos geklärt. In der Forschung findet sich die Annahme, dass es sich um eine prestigebedingte Angleichung oder Schreibmode handeln könnte, bei der den deutschen Namen seitens der Kanzleischreiber im Spätmittelalter bzw. im 15./ 16. Jh. das -o angefügt wurde (Hayoz 2022: 171). Dabei könnten die häufig vorkommenden französischen bzw. frankoprovenzalischen Namenausgänge -od, -ot, -oz (z. B. Guillod, Chassot, Sandoz) Pate gestanden haben. 2 Eine weitere mögliche Quelle wäre die althochdeutsche n-Deklination (schwache Deklination; Braune/ Heidermanns 2023: 289-294), deren Maskulina im Nominativ auf -o enden (z. B. ahd. hano ‘Hahn’, ahd. gomo ‘Mann’). Im Althochdeutschen und möglicherweise noch danach (regional eingeschränkt) stellten Übertritte in diese Klasse ein produktives Wortbildungsmuster für Personenbezeichnungen dar (Henzen 1965: 131-134, 167-168). Der vorliegende Artikel überprüft beide Entstehungswege anhand historischer Belege und der geographischen Verbreitung. Dabei erweist sich das althochdeutsche Wortbildungsmuster als bedeutender als bisher angenommen, während der Einf luss des Französischen stabilisierend und verstärkend auf das Formschema «deutsches Grundwort + -o» gewirkt haben dürfte. Trotz der geringen Anzahl zugehöriger FamN ist der Gegenstand relevant, nicht nur als auffälliges und typisches Erkennungszeichen des Freiburger Sensegebiets. Er fungiert ausserdem als Beispiel für Sprachkontakteinf lüsse, die für den Schweizer Namenschatz so charakteristisch sind. 3 Zudem repräsentiert er eines der wenigen speziell onymischen Wortbildungsmuster im Deutschen, selbst wenn dieses nur eine geringe Produktivität entfaltet hat. Hintergrund: Abgesehen von wenigen Ausnahmen (s. u.) liegen die ursprünglichen Bürgerorte der einschlägigen Namen «fast ausschliesslich im Sensebezirk, mit Übergriffen in den Seebezirk oder in den frankophonen Teil des Kantons Freiburg» (Hayoz 2022: 171; vgl. auch Hayoz 1983: 116). Daher steht diese Region im Fokus des Artikels, das Phänomen soll jedoch auch unter Einbezug anderer Räume analysiert werden. Zunächst werden die Unterarten der auf das Althochdeutsche zurückreichenden Entstehung diskutiert. Deutschsprachige FamN mit Suffix -o können auf der Basis eines zweigliedrigen germanischen Ruf N entstanden sein, dabei i. d. R. aus Kurzformen, die Teile eines Stamms oder beider Stämme beinhalten (z. B. Ymmo zu Irminfrid, Hilbo zu Hildibald; vgl. Bach 1952: 103-105; Kunze 2004: 20-21). Als Resultat bzw. im Zuge des Kürzungs- und Suffigierungsprozesses gehen die Namen in die Deklinationsklasse der n-Stämme über und f lektieren wie diese (vgl. Förstemann 1900: 1-7; Bach 1952: 103-105). Solche zweisilbigen n-stämmigen Kurzformen «sind im hoch- und spätmittelalterlichen Rufnamenschatz ausserordentlich frequent», z. B. Otto, Immo (Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Joho; vgl. auch Baumgartner 1983: 45). Studerus (1926: 11-100) nennt für den Kanton Freiburg insgesamt «rund 165» 4 Namen auf -o(z), die historisch (14. bis 16. Jh.) belegt sind, aber in dieser Form fast ausnahmslos nicht mehr existieren, darunter auch zu germanischen Ruf N gehörige FamN wie z. B. Gero, Kerro, Giro zu ahd. gēr ‘Wurfspeer’ (Studerus 1926: 18) oder Ebo zu ahd. ebur ‘Eber’ (Studerus 1926: 26). Das formale Verfahren - Überführung in die schwache bzw. n-Deklination unter Anfügen eines -o - diente im Althochdeutschen auch zur Bildung von Nomina agentis aus Verbstämmen wie scenko ‘Schenke’ und geltmacho ‘Eintreiber’ (Henzen 1965: 131-132). 5 Auch hierzu bietet Studerus (1926: 140-169) zahlreiche Beispiele aus dem Kanton Freiburg, die ebenfalls alle abgegangen sind bzw. nicht mehr als o-Form existieren (Bindo, Fasbindo, Bockschinto, Habersetzo, Kempho, Sprengo, Torwarto, Ratgebo). 1 Französisch wird im vorliegenden Artikel wie im gesamten Atlas als Makroterminus für die galloromanischen Varietäten verwendet, die in der französischsprachigen Schweiz gesprochen werden oder wurden - sowohl für die Standardsprache als auch für die Dialekte, vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 2 Finales -o (bzw. -oz, -ot und -od ) in FamN der französischsprachigen Schweiz rührt aus mehreren verschiedenen Ursprüngen. Häufig stellt die Endung -o in frankoprovenzalischen Varietäten die maskuline Singularf lexion dar (Martin 2005: 22-23). So geht etwa der FamN Aigroz auf das frankoprovenzalische Adjektiv égro ‘sauer’ zurück (GPSR I 1924 ff.: 204), während der FamN Angéloz (urkundlich auch Anzelou oder Angelo) auf einen männlichen Ruf N zurückzuführen ist (GPSR I 1924 ff.: 414). Der Ausgang -ot und seine Schreibvariante -od können in Namen polygenetisch sein, meist gehen sie aber auf das lateinische maskuline Diminutivsuffix -ottu zurück (Nyrop 1979: Abs. 287-290). Zum regionalspezifischen Aspekt der Schreibung von finalem -z in FamN und Toponymen sei hier auf Martin (1990) verwiesen. Das graphische Zeichen -z hatte am Wortende ursprünglich keinen Lautwert. Es markiert in mehrsilbigen Wörtern und Namen die reduzierte Aussprache des auslautenden Vokals bzw. die Betonung auf der vorletzten Silbe. So wurde der im Kanton Waadt belegte FamN Agassiz (aus frankoprov. agas(e) ‘Elster’) ursprünglich agáss i ausgesprochen (GPSR I 1924 ff.: 168). Diese seit dem 13. Jh. nachweisbare Schreibtradition ist im mittleren und östlichen Teil des frankoprovenzalischen Sprachgebiets belegt - also auch in weiten Teilen der französischsprachigen Schweiz - und spiegelt das historische Herrschaftsgebiet des Hauses Savoyen (e-HLS 2015: s. v. Savoyen) wider. 3 Vgl. die Artikel I-3.3 «Integration französischer Familiennamen ins Deutsche» und I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». 4 Zählung nach Hayoz (2022: 171). 5 Vgl. Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 2.14 Germanisches Grundwort mit Suffix -o 471 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="472"?> Eine weitere, ähnliche Quelle des o-Auslauts bildet das analoge Verfahren bei adjektivischem Ausgangswort. Durch Überführen in die schwache «Deklination (die personifiziert und individualisiert)» (Henzen 1965: 167) wurden im Althochdeutschen Personenbezeichnungen gebildet: ahd. armo, lamo, blinto, kundo, giloubigo, durftigo usw. (Henzen 1965: 167-168). Zahlreiche ÜberN, die Studerus (1926: 159-164) für Freiburg anführt, entsprechen dieser Struktur, z. B. Grosso, Kleino, Kurzo, Krummo zu den Adjektiven gross, klein, kurz, krumm; Hitzigo, Kalto zu hitzig, kalt; Slehto, Wu ᵉ sto zu schlecht, wüst; Jungo, Roto, Noblo zu jung, rot, nobel (← lat. nobilis) sowie Kündigo, Umbscheidino, Ungerichtigo, Wersamo, Witzigo zu kundig, unbescheiden, ungerecht(ig), wehrsam, witzig. Im FNB (1989) sind davon nur Jungo, Kurzo erhalten. Das im Althochdeutschen noch sehr produktive Verfahren zur Bildung von Personenbezeichnungen kommt später zum Erliegen; infolge der mittelhochdeutschen Nebensilbenabschwächung und der e-Apokope ist keine Endung mehr erkennbar (vgl. Szadrowsky 1918: 124; DFA 3 2012: 81). Einige zugehörige Derivate haben sich in der Standardsprache oder in Dialekten erhalten (z. B. Erbe, Bote, Bürge, Schütze, alem. Beck, bair. Bräu ‘Brauer’; Henzen 1965: 134; Braune/ Heidermanns 2023: 289-294), ebenso in FamN (Kempf , Rathgeb, Schenk, s. Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis»). Der Übergang zu abgeschwächten Endungen und der typische Ersatz durch eine er-Ableitung lässt sich gut in FamN beobachten, z. B. für Esslingen (Württemberg): «becke 1314, […] bek 1401, […] becker 1447» (DFA 3 2012: 92). Formen mit erhaltenem -o sind in FamN noch in einigen Fällen greifbar, und zwar neben dem Kanton Freiburg auch für andere Teile des alemannischen Raums: In der historischen Sondierung zu Beck- (DFA 3 2012: 91-93) figuriert Peicko (1331-1343, Ravensburg (Württemberg)) - allerdings als einzige o-Form in gut 400 Belegen. In der Sondierung zu klein, kurz (DFA 5 2016: 679-682) liegen in über 400 Belegen sechs o-Formen für Freiburg i. Ü. vor (Kleino, Kurzo und Varianten, 13. bis 16. Jh.) sowie sieben Fälle aus anderen Gebieten (Esslingen (Württemberg), Oberrhein (Baden), 13. und frühes 14. Jh.). Eine Sondierung im Kontext des Artikels II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis» ergab weitere Belege aus Schweizer Quellen (Scado, Tecko, Snetzo, Verro, 12. bis 14. Jh., Kantone Zürich und Zug). 6 Damit zeigt sich, dass die Freiburger Fälle sich an andere im alemannischen Raum anschliessen lassen, zugleich aber quantitativ wie auch zeitlich herausstechen. Die o-Formen haben sich hier deutlich länger erhalten als in anderen Regionen. Studerus’ (1926) Belege zu Freiburger Namen auf -o stammen aus dem 14. und 15. Jh., gelegentlich noch aus dem 16. Jh. Ein möglicher Grund für den langen Erhalt bzw. das Fortleben des Musters könnte einerseits die Randlage im deutschsprachigen Raum sein - bspw. auch bei den schwachen Genitiven verhalten sich die FamN des Kantons Freiburg zusammen mit jenen des Wallis konservativer als die der restlichen Deutschschweiz. 7 Szadrowsky (1918: 124) weist darauf hin, dass die «Nominativendung der sw. Masc. (ahd. -o, mhd. -e)» in den meisten schweizerdeutschen Mundarten lautgesetzlich geschwunden sei, sich aber in den «südschweizerischen» Mundarten im Allgemeinen bewahrt habe; gemeint sind damit Walliser Mundarten, allerdings liegt dann ein bisher nicht genauer bekanntes Überleben der Deklinationsendung im Senslerdeutschen (bis ins Mittelhochdeutsche? ) auch nicht allzu fern. 8 Andererseits dürften die zahlreich vorkommenden französischen FamN auf -od, -ot, -oz als Stütze gewirkt haben (s. u.). Ab dem 15., spätestens 16. Jh. wurden dann allerdings auch im Kanton Freiburg die o-Formen stark abgebaut und in andere Formtypen überführt (Simplizia, Diminutive, Genitive, er- oder mann- Formen und andere mehr; vgl. die Belege in Studerus 1926). Der Abbau zeugt davon, dass das althochdeutsche Wortbildungsverfahren dann wohl nicht mehr transparent war. Einen Hinweis auf mögliche etymologische Unsicherheit liefern Schreibvarianten wie Bindoz (1430, zum Nomen agentis Bindo; Studerus 1926: 140). Offensichtlich wurden die o-Auslaute mit den häufigen französischen Namenausgängen -od, -ot, -oz assoziiert. Ob es sich dabei um unbewusste Vermischung oder die (semi-)bewusste Wahl einer prestigeträchtigen Variante gehandelt haben mag, ist wohl nicht mehr auszumachen. Einen weiteren Anhaltspunkt für sprachliche Hybridisierung liefert der erhaltene Name Pürro (zu Burkhard ), dessen Schreibweise mit <P>, <ü> und <o> «romanische (d. h. französische) Sprechgewohnheiten» ref lektiert, wie Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Pürro) feststellen. Sie sehen hierin eine «prestigebedingte Angleichung» und analysieren die o-Endung als Imitation der genannten französischen Namenendungen. Auch h-lose Schreibvarianten zum Patronym Heimo zeugen von frühem Sprachkontakt, z. B. 1153 Aymo (Hayoz 2022: 137). Zur Plausibilisierung eines so engen Sprachkontakts seien folgende Eckdaten zum historischen Schriftsprachgebrauch im Kanton Freiburg genannt: Im 14. und 15. Jh. diente Französisch als präferierte Sprache in Verwaltung und Regierung (neben Latein, das Sprache aller schriftlichen Rechtsgeschäfte war; vgl. Boschung 1985-1986: 126, 130). Deutsch wurde erst nach dem Beitritt Freiburgs zur Eidgenossenschaft (1481) die erste Amtssprache, war jedoch schon vorher als zweite Amtssprache im Einsatz (Boschung 1985-1986: 143). Somit lässt sich für den relevanten Zeitraum von einer intensiven Sprachkontaktsituation in der Schriftlichkeit ausgehen. In begrenztem Umfang dürfte es zu einer Produktivität des Musters «germanisches Grundwort + -o» gekommen sein. Davon zeugen im vorliegenden Material v. a. die FamN Pürro, Riedo und Rutscho, in denen das -o jüngeren Datums oder sekundärer Natur ist (zu Details s. u.). Da das Muster ab einem gewissen Zeitpunkt keine Grundlage in den Mundarten mehr hatte und auch im Geschriebenen nicht bei Appellativen auftritt, lässt es sich als onymischer Marker analysieren. Fragestellungen: Entsprechend der beschriebenen Ausgangslage interessieren die folgenden Fragen: Welche einschlägigen (und verwandten) FamN liegen im Datenmaterial vor? Lassen sich diese bezüglich ihrer Entstehung näher einordnen, d. h., lässt sich ermitteln, ob die o-Endung jeweils aus dem altererbten Wortbildungsmuster oder einer neueren Analogiebildung stammt? Treten dabei bestimmte geographische Muster auf, die etwa die beiden Entste- 6 Im Detail: Scado (1188-1247), Schado (1223-1248, Stadt Zürich, Baumgartner 1983: 316, zu mhd. schade ‘Schädiger, Schadenstifter’), Tecko (1306, Schüpfheim (Stadel) ZH), Teko (1357, Zürich-Rennweg ZH, Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 53, ‘Dachdecker’), Snetzo (1335, Kanton Zürich, Id. 9 1881 ff.: Sp. 1393, ‘Schnitzer’), Verro (ca. 1380 sowie ca. 1425-1429, Kanton Zug, Fähndrich 2000: 125, zu mhd. ver, vere, verge ‘Fährmann, Schiffer’). 7 Vgl. Artikel II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe». 8 Vgl. auch Szadrowsky (1918: 159): «Nach den Ortsangaben des Id. scheint es, daß die n-Form besonders, wenn auch keineswegs ausschließlich, in Gebirgsmundarten eine zähe Lebenskraft aufweist, was nach dem konservativen Charakter dieser [Mundarten] von vornherein zu erwarten wäre». 472 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="473"?> hungswege als separat oder zusammenhängend ausweisen könnten? Können verwandte Namengruppen, etwa der weiter französisierte Typus wie in Bindoz, die Annahme der Sprachkontaktwirkung stärken, indem sie im selben Raum auftreten wie die primär einschlägigen Namen? Schliesslich kann auch kartographisch untersucht werden, wie sich sekundär gebildete o-Namen zu ihren Pendants anderer Formtypen verhalten, z. B. Pürro zu Burren. Die Analyse konzentriert sich auf die Datenschicht «vor 1800»; aus der einschlägigen Literatur sowie einer kursorischen Materialdurchsicht sind keine zugehörigen Fälle bekannt, die später noch aufgetreten wären. Die erste und die zweite Karte geben einen Überblick mit allen relevanten Bildungsbzw. Entstehungstypen, einmal für die Gesamtschweiz und einmal fokussiert auf den Kanton Freiburg. Die dritte und die vierte Karte zeigen ausgewählte EinzelN im Vergleich zu ihren Pendants anderer Formtypen. Bei diesem Gegenstand ist es - anders als bei den meisten anderen Artikeln des Atlas - essenziell, die genauen Formen der historischen Belege einzubeziehen, da andernfalls nicht beurteilt werden könnte, auf welchen Entstehungsweg ein FamN zurückgeht, und folglich auch nicht, worum es sich bei dem Muster «germanisches Grundwort mit Suffix -o» überhaupt handelt. Hierbei wird wo immer möglich Hayoz’ (2022) eingehende Quellenanalyse herangezogen, die oftmals bisherige Annahmen relativieren kann und insgesamt ans Licht bringt, dass das -o in den Namen dieses Typs vielfach schon älter ist, als die Annahme einer Kanzleischreibermode es hätte erwarten lassen. Erste und zweite Karte {216, 217}: Bildungstypen Gesamtschweiz sowie Kanton Freiburg Namenauswahl: Die ersten beiden Karten präsentieren alle relevanten Namentypen aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 9 einmal für die Gesamtschweiz (erste Karte) und einmal für die Kernregion: den Kanton Freiburg (zweite Karte). Die zweite Karte verzichtet auf die (wenigen) FamN, die im Kanton Freiburg nicht vorkommen, sie umfasst also eine Teilmenge der ersten Karte. Die Namen sind gruppiert nach ihrem Bildungstyp, wobei auch grob an eine chronologische Abfolge gedacht ist. Beide Karten listen zuoberst den Typus «althochdeutscher Ruf N auf -o» auf und damit solche Formen, die genau so schon im Althochdeutschen bestanden haben. Es folgt der Typus «deutsches Grundwort + -o»: Auf der ersten Karte sind hier alle FamN vereint, die diesem Typus formal entsprechen. Dies reicht von Formen, die ebenfalls schon im Althochdeutschen bezeugt sind, jedoch erst später Eingang in den Namenschatz gefunden haben (z. B. Kurzo), bis hin zu solchen, die sicher erst nachträglich - in Anpassung an das onymische Muster und/ oder die entsprechenden französischen FamN - mit -o suffigiert Karte 216: Germanisches Grundwort + -o und verwandte Typen, Darstellung Gesamtschweiz, vor 1800 9 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 2.14 Germanisches Grundwort mit Suffix -o 473 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="474"?> wurden (z. B. Riedo). Die zweite Karte unternimmt den Versuch, diesen Typus aufzuteilen in solche FamN, die gemäss der Beleglage wohl schon immer auf -o endeten (und sich daher an das aus dem Althochdeutschen bekannte Muster anschliessen), und solche, die im ersten Beleg noch nicht oder nicht sicher auf -o enden und daher jüngere Anpassungen an das bestehende Namenmuster sein könnten. Schliesslich figurieren in beiden Karten noch zwei Typen, die streng genommen nicht zum Phänomen gehören, aber doch mit ihm in Verbindung stehen: Der Typ «französisches Grundwort + -o» umfasst mit Zahno und Zosso solche FamN, die wohl bisweilen (durch Forschende wie Sprachbenutzende) auch als deutschsprachiges Grundwort mit -o gelesen werden. Der Typus «deutsches Grundwort + -oz» wiederum umfasst solche FamN, deren Ausgangsform zum Phänomen gehörte, die aber wohl sekundär durch die Schreibung -oz französisiert wurden. Zu Details und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Althochdeutscher RufN auf -o: Eggo, Heimo, Hugo, Otto. 11 Tokens. Deutsches Grundwort + -o: Cherno, Jungo, Kurzo, Marro, Pürro, Raetzo, Rapo, Rappo, Rätzo, Riedo, Roggo, Rumo, Rutscho, Schorno, Schorro, Schrago. 16 Types, 48 Tokens. Französisches Grundwort + -o: Zahno, Zosso. 10 Tokens. Deutsches Grundwort + -oz: Haymoz, Heimoz, Heymoz, Hayoz, Ottoz, Schornoz. 6 Types, 30 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 35-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 224: Daten zur ersten Karte {216} Abgefragte Namen Althochdeutscher RufN auf -o: Heimo. 5 Tokens. Deutsches Grundwort + -o, Erstbeleg mit -o: Jungo, Kurzo, Rapo, Rappo, Roggo, Schorro, Schrago. 7 Types, 23 Tokens. Deutsches Grundwort + -o, Erstbeleg ohne -o: Marro, Pürro, Raetzo, Rätzo, Riedo, Rumo, Rutscho. 7 Types, 21 Tokens. Französisches Grundwort + -o: Zahno, Zosso. 10 Tokens. Deutsches Grundwort + -oz: Haymoz, Heimoz, Hayoz, Ottoz, Schornoz. 28 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-25, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 225: Daten zur zweiten Karte {217} BE FR NE VD ahd. RufN auf -o dt. Grundwort + -o, Erstbeleg mit -o dt. Grundwort + -o, Erstbeleg ohne -o frz. Grundwort + -o dt. Grundwort + -oz Karte 217: Germanisches Grundwort + -o und verwandte Typen, Kanton Freiburg, vor 1800 474 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="475"?> Detailangaben zur Namenauswahl: 10 In der etymologischen Datenbank (Stand 30.06.2025) liegen 199 Namen vor, die auf -o enden. Der grösste Anteil entfällt auf italienischsprachige Namen (z. B. Codiferro ‘Eisenkopf ’), die als solche hier nicht relevant sind. Ausgeschlossen wurden ausserdem Einsilber (z. B. Poo zu mhd. buobe), die Namen Perro (zu frz. Pierrot), Zyro (zu frz. Giroz) 11 und Bruno (nur in der Romandie belegt und von einem romanischen Wortstamm wie in ital. bruno ‘braun’ nicht zu trennen) sowie eine Reihe weiterer Namen, deren Deutung oder deren Zugehörigkeit zum Gegenstand unklar ist: Artho (SG), De Nervo (FR), Garo (BE), Groppo (FR), Joho (AG), Tanno (GR), Quittäro (FR), Werro (FR, VS). Ebenfalls ausgeschlossen wurde der FamN Snidro (Cavagnago TI zu Schneider); der Auslaut -dro ist wohl das Resultat einer metathetischen Anpassung von dt. -der zu ital. (oder genauer alpinlombardisch) -dro. Es verbleiben 22 Namen, die in der ersten Karte enthalten sind; hinzu kommen sechs FamN auf -oz, somit ergibt sich eine Grundmenge von 28 FamN. Die erste Gruppe umfasst mit Eggo, Heimo, Hugo und Otto solche FamN, die schon im Althochdeutschen genau in dieser Form auftraten; der Übergang zur nächsten Gruppe, «deutsches Grundwort + -o», ist f liessend, da auch in letzterer FamN enthalten sind, die auf althochdeutschen Ruf N basieren. • Eggo (Leuk VS, daher nur in der ersten Karte): zum Lexem germ. ag, ahd. egga ‘Schneide des Schwerts’ • Heimo (mehrfach FR): zu altdt. Heimeran aus lat. Emmeramus, seinerseits zu germ. bzw. altdt. *ermana-hraban; als FamN belegt ab 1142 in der Form Haimo (Hayoz 2022: 137) • Hugo (Bratsch, Erschmatt, Guttet VS, daher nur in der ersten Karte): zum Lexem ahd. hugu ‘Sinn, Geist, Verstand, Mut’ • Otto (Schmiedrued AG, Chur GR, daher nur in der ersten Karte): Kurzform zu einem germanischen Ruf N mit dem Erstglied ōd ‘Reichtum, Besitz, Erbgut’ Die zweite Gruppe enthält FamN, bei denen ein deutsches Grundwort mit Suffix -o versehen ist. Erst in der zweiten Karte wird eine Unterscheidung angestrebt zwischen älteren Bildungen, deren -o noch auf das althochdeutsche bzw. hier bis ins Mittelhochdeutsche erhaltene Bildungsmuster zurückgehen dürfte (z. B. Jungo, Kurzo), und jüngeren Bildungen, die erst später ein -o annahmen (z. B. Riedo). Zwei FamN sind nur in der ersten Karte enthalten, da sie nicht im Kanton Freiburg vorkommen. Das Alter der Endung -o ist bei diesen beiden FamN unbekannt. • Cherno (Dornach SO): motivisch unklarer Name zu mhd. kërn(e) ‘Kern (vom Getreide)’ • Schorno (Alpthal, Schwyz, Steinen SZ): WohnstättenN zum Hof N Schornen, seinerseits zu ahd. scorro ‘Felsabbruch’ Nachfolgend sind diejenigen FamN des Typs «deutsches Grundwort + -o» angeführt, die schon im ersten Beleg die Endung -o aufweisen, welche folglich das althochdeutsche Muster fortsetzen könnte. Es ist jeweils nur die wahrscheinlichste Deutung vermerkt; zu weiteren Deutungsmöglichkeiten s. Berchtold/ Graf (i. V.) sowie Hayoz (2022). • Jungo (mehrfach FR): Erstbeleg 1379 als Jungo (Hayoz 2022: 156); ÜberN zu mhd. junc ‘jung’ • Kurzo (Plaffeien, St. Antoni, St. Ursen FR): Erstbeleg 1357 als Kurzo (Hayoz 2022: 172); ÜberN zu mhd. kurz ‘kurz, klein; fein, zart’ • Rapo (Cheyres FR), Rappo (Barberêche, Bösingen, Schmitten, Wünnewil FR): Erstbeleg 1379 als Rappo (Hayoz 2022: 213); Patronym zu Ratbo(l)d oder ÜberN zu mhd. rappe, schwzdt. Rapp ‘(Kohl-)Rabe’ • Roggo (Düdingen, Freiburg FR): Erstbeleg 1419 als Rocko oder Rogko (Hayoz 2022: 221); BerufsüberN zu mhd. rocke, rogge ‘Roggen’ • Schorro (Bösingen, Liebistorf, Praroman FR): Erstbeleg 1356 als Schorro (Hayoz 2022: 243); BerufsN zu mhd. schorn ‘mit der Schaufel arbeiten, zusammenscharren, kehren’ • Schrago (Freiburg, Noréaz, Schmitten FR): Erstbeleg 1445 als Sragen und Srago (Hayoz 2022: 245); BerufsüberN zu mhd. schrage ‘(Holz-)Gestell’ oder ÜberN zu darauf beruhendem schwzdt. ‘langer, hagerer Mensch’ Die folgenden FamN des Typs «deutsches Grundwort + -o» weisen im ersten Beleg noch nicht oder nicht sicher die Endung -o auf. Die Trennung zur vorausgehenden Gruppe ist keine hermetische, denn teils mag das Bild sich aus Belegzufällen ergeben: Während ein früh vorhandenes -o eine belastbare Evidenz bietet, kann aus einer Absenz weniger geschlossen werden. So könnte bspw. bei Marro schlichtweg die Überlieferung fehlen, die ein hohes Alter der Endung -o sicher belegen würde. Der klarste Fall einer erst sekundären o-Suffigierung ist der FamN Riedo: Hier sind lange Zeit andere Formen belegt, bis sich erst 1555 - somit relativ spät - die Form auf -o zeigt. Diese kann schon deshalb kein Relikt der althochdeutschen schwachen Maskulina sein, weil ahd. (h)riot, mhd. riet als starkes Neutrum nicht in diese Deklinationsklasse gehört. • Marro (Oberschrot, Plaffeien, St. Silvester FR): Erstbelege unsicher, Hayoz (2022: 181) vermerkt für 1379 «Mary (Marro? )», 1555 Marro; Patronym zu einem Ruf N mit dem Element ahd. māri ‘bekannt, berühmt’ wie z. B. Mārwald (Studerus 1926: 55) • Pürro (Brünisried, Düdingen, Oberschrot, Plaffeien, Zumholz FR): Erstbelege 1388 Buren, 1411 Pürren, 1417 Burron, 1445 Purren und Puro (Hayoz 2022: 210); Patronym zu Burkhard • Rätzo (Freiburg, St. Antoni FR), Raetzo (Freiburg FR): Erstbelege 1359 Retzli, 1381 Raetzo (Hayoz 2022: 215); gemäss Studerus (1926: 34) Patronym Rātizo aus ahd. Ratbold, Ratold, nach Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Räz) jedoch ÜberN zu schwzdt. rääz ‘scharf, ätzend’ 12 • Riedo (mehrfach FR): Erstbelege 1257, 1301 de Riede, 1355, 1373 ab Riet, 1389 Im Riede, 1399 Rieder usw., erst 1555 Riedo (Hayoz 2022: 218); WohnstättenN zu mhd. riet ‘mit Schilf bewachsenes Gelände’ • Rumo (Giffers, Oberschrot FR): Erstbelege 1404 «Rummel (Rumo? )», 1476 Romond = Rumo (Hayoz 2022: 230); wohl Patronym zu einem Ruf N mit ahd., mhd. ruom ‘Ruhm’ • Rutscho ( Jaun FR): kein Erstbeleg in Hayoz (2022), da kein Sensler FamN; gemäss Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Rütsche) Patronym zu einer 10 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 11 Perro und Zyro hätten nur scheinbar in die Gruppe «französisches Grundwort + -o» gepasst; tatsächlich ist das finale -o jedoch Adaption des französischen -ot bzw. -oz. Mit den Heimatorten Twann (BE) bzw. Thun (BE) liegen die FamN ausserdem abseits vom interessierenden Phänomen und werden somit - anders als Zahno und Zosso (s. u.) - wohl auch nicht mit diesem assoziiert. 12 Die FamN Rätz und Räz sind allerdings räumlich getrennt von Rätzo, Raetzo in einem zusammenhängenden Areal alteingesessen, das sich über das Berner Seeland und den solothurnischen Bezirk Bucheggberg erstreckt. 2.14 Germanisches Grundwort mit Suffix -o 475 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="476"?> Kurzform von Rudolf . Das Suffix -tsch muss zuerst angetreten sein, 13 sodass -o in diesem Sinne sekundär ist, was allerdings noch nichts über dessen Alter besagt. Der Typus «französisches Grundwort + -o» gehört streng genommen nicht hierher, wurde aber in die Karte aufgenommen, da er in engem räumlichem Verbund mit den einschlägigen FamN auftritt und oft als zum Phänomen gehörig empfunden wird. In jedem Fall liefern diese Namen einmal mehr eine Evidenz für den engen deutsch-französischen Sprachkontakt im fraglichen Gebiet. • Zahno (Tafers FR): Hayoz (2022: 286) erwägt hier zugrunde liegendes frankoprov. tsāno ‘Eiche’. Passende FlurN sowie die frühesten Belege - 1305, 1355, 1378 Chagno, 1482 Chagnod (Hayoz 2022: 286) - machen dies plausibel. 14 Zahno und ähnliche Formen treten ab 1620 auf (Hayoz 2022: 286) und könnten auf volksetymologische Assoziation mit dt. Zahn(d) hindeuten. • Zosso (mehrfach FR): Hayoz (2022: 294) erwägt Verdeutschung des französischen Ruf N Chosso (älter Tschoss), wozu ein Teil der ältesten Belege passt: 1427 Tschosso, 1438, 1444 Zosso, 1445 Zossen, 1447 Chosso. Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Zosso) stellen den FamN allerdings wie Zoss (Bolligen BE) zum HeiligenN Jodocus. Der Typus «deutsches Grundwort + -oz» schliesslich stellt eine graphematische (Weiter-)Französisierung des eigentlich einschlägigen Typus dar, indem deutschsprachige FamN auf -o in die Schreibung auf -oz überführt werden. Auch dies liefert weitere Evidenz für den engen Sprachkontakt. Historisch kamen noch weitere Fälle dieses Typs vor, z. B. Bindoz (1430, zum Nomen agentis zu binden; Studerus 1926: 140), Schorroz (nur 1444; Hayoz 2022: 243). • Haymoz (mehrfach FR), Heimoz (Alterswil, Freiburg, La Roche FR), Heymoz (Randogne, Venthône VS, daher nur in der ersten Karte): zum altdeutschen Ruf N Heimo (s. o.). Die Schreibung mit -oz tritt ab 1381 als Haymoz auf, danach besteht Variation, wobei -o überwiegt (Hayoz 2022: 137). • Hayoz (mehrfach FR): Der Name entzieht sich bislang einer klaren Deutung; die frühesten Belege bei Hayoz (2022: 140) könnten auf einen Zusammenhang zum Lexem Höhe hindeuten: 1379 Höhen, 1379 Hoeyo, 1388 Höyo, 1399 Hoeyo usw. Die Endung -oz tritt erstmals 1580 in der Form Heyoz auf (Hayoz 2022: 140). • Ottoz (Echarlens FR): wohl zu Otto (s. o.) • Schornoz (Bonnefontaine FR): Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Schorno) stellen den FamN wie Schorno zum Hof N Schornen, seinerseits zu ahd. scorro ‘Felsabbruch’. Kommentar: Die erste Karte zeigt wie erwartet eine starke Ballung im östlichen bzw. deutschsprachigen Teil des Kantons Freiburg. Dort konzentrieren sich alle vier Typen auf engem Raum, was für ihren entstehungsgeschichtlichen Zusammenhang spricht. Daneben sind die drei Typen mit deutschsprachigem Grundwort auch vereinzelt in anderen Regionen vertreten (Eggo und Hugo in VS, Otto in AG, GR; Cherno in SO, Schorno in SZ; Heymoz in VS). Die Detaildarstellung des Kantons Freiburg in der zweiten Karte unterstreicht den engen räumlichen Zusammenhang aller angesetzten Typen. Mit aller Vorsicht lassen sich dabei gewisse räumliche Tendenzen ausmachen: Die Namen auf -oz zeigen einen westlicheren Schwerpunkt, der stärker ins französischsprachige Freiburg hineinragt als die Ausdehnungen der anderen Typen. Die Namen mit deutschem Grundwort und altbelegtem -o finden sich tendenziell stärker im nördlichen Sensegebiet, diejenigen mit jüngerem bzw. jünger belegtem -o eher im südlichen und darüber hinausgehend, abgelegen in Jaun. Insgesamt spricht die räumliche Co-Präsenz der ältesten Typen deutschsprachigen Ursprungs (Typ «althochdeutscher Ruf N auf -o» und Typ «deutsches Grundwort» mit früher o-Form) mit jenen, die klaren Bezug zum Französischen aufweisen (Typ «französisches Grundwort + -o», Typ «deutsches Grundwort + -oz»), für die Vermutung, dass der Formtyp «deutsches Grundwort mit Suffix -o» aus zwei Quellen herrührt, die sich in der Sprachkontaktsituation des Kantons Freiburg wohl gegenseitig stützten bzw. verstärkten. Auf diesem Nährboden kann es zu sekundären o-Bildungen, wie sie am klarsten in den FamN Pürro, Riedo und Rutscho vorliegen, gekommen sein. Dritte und vierte Karte {218, 219}: Einzelnamen mit Pendants anderer Bildungsmuster Namenauswahl: Die beiden Karten greifen mit Pürro und Riedo solche FamN auf, für die die historische Beleglage ergeben hat, dass zuerst andere Formtypen vorherrschten, bevor die o-Form auftrat. Vor diesem Hintergrund ist es berechtigt zu fragen, ob ein räumlicher Zusammenhang sichtbar wird zwischen dem o-Typ und den Pendants anderer Formtypen, aus denen er hervorgegangen oder mit denen er verwandt ist. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Pürro: 5 Tokens. Burren: 2 Tokens. Typ Burri: Buri, Burri. 28 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 226: Daten zur dritten Karte {218} Abgefragte Namen Riedo: 7 Tokens. Typ Rieder: Rieder, Rieter. 33 Tokens. Typ Rietmann: Riedtmann, Riethmann, Rietmann. 6 Tokens. Rietli: 1 Token. Riederer: 5 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-38, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 227: Daten zur vierten Karte {219} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu Pürro wurden die nächstverwandten Formen Burren und Bur(r)i ausgewählt, die ein Genitivresp. i-Suffix aufweisen und damit den Formen ähneln, die historisch noch im Wechsel mit Pürro erscheinen. 15 Zu Riedo wurden neben der historisch als Variante erscheinenden und daher nächstverwandten Form Rieder auch noch weitere Formen aufgenommen, die einen mit 13 Zu FamN mit Suffix -tsch vgl. Artikel II-2.3 «Familiennamen auf -(t)z und -(t)sch». 14 Vgl. ebenso die Belege im GPSR III (1924 ff.: 498). 15 Zu den Bildungsmustern vgl. die Artikel II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe» und II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y». 476 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="477"?> Karte 218: Pürro und Pendants, vor 1800 Karte 219: Riedo und Pendants, vor 1800 2.14 Germanisches Grundwort mit Suffix -o 477 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="478"?> Suffix abgeleiteten WohnstättenN zum Lexem mhd. riet ‘mit Schilf bewachsenes Gelände’ darstellen, um ein schweizweites Bild zur Verteilung der Muster zu gewinnen. 16 Kommentar: Die dritte Karte zeigt ein enges räumliches Nebeneinander von Pürro, Burren und Bur(r)i und unterstreicht damit den genetischen Zusammenhang der vier Varianten. Letztere drei Formen finden sich u. a. direkt angrenzend im Gebiet des Kantons Bern, in den das Muster auf -o wohl nicht hineingewirkt hat. Zwischen Riedo und der Schwesterform Rieder liegt ein minimal grösserer Abstand; dennoch unterstreicht die vierte Karte den Zusammenhang beider Formen, denn Riedo und die im Kanton Bern nächstgelegene Gruppe von Rieder-Vorkommen sind zueinander näher benachbart als die verschiedenen Cluster von Rieder es sind. Insgesamt verteilen sich die Varianten zu mhd. riet lose über grosse Teile der Deutschschweiz - mal in kleinerem, mal in grösserem Abstand. Eine nicht ganz unähnliche Beobachtung lässt sich für den hier nicht eigens kartierten Fall Rutscho ( Jaun FR) und dessen Pendants anstellen: Die etymologisch ebenfalls zu Rudolf gehörigen Formen anderer Bildungsmuster treten nicht in Nachbarschaft zu Rutscho auf, verteilen sich aber in losen Abständen über grosse Teile des deutschsprachigen Mittellands. 17 Die Berggemeinde Jaun ist ohnehin geographisch abgelegen, sodass hier kaum direkte Nachbarschaft zu erwarten wäre. Ergebnisse Die Analyse hat ergeben, dass der Strukturtyp «germanisches Grundwort mit Suffix -o» wahrscheinlich zu einem grösseren Teil auf das althochdeutsche Deklinationsbzw. Bildungsmuster zurückgeht, als das bisher vermutet wurde. Die einschlägigen Namen lassen sich problemlos an althochdeutsche Lexeme einerseits sowie an anderswo im alemannischen Raum historisch bezeugte FamN auf -o andererseits anschliessen. Zudem zeigen die von Hayoz (2022) erhobenen historischen Belege häufig ein sehr frühes Vorkommen der o-Form, oftmals schon im ersten Beleg bzw. vor ca. 1450. Damit kommt einer eventuellen Graphiemode der Kanzleischreiber bzw. einer prestigebedingten Imitation französischer Namenausgänge eine etwas geringere Bedeutung zu als bisher angenommen. Dennoch ist erklärungsbedürftig, warum sich das Muster auf -o gerade im Freiburgischen so lange gehalten hat. Hierbei könnte (womöglich, aber nicht letztgültig belegbar) ein archaischer Zug des Senslerdeutschen eine Rolle gespielt haben. Viel offensichtlicher ist jedoch, dass tatsächlich die zufällige Nachbarschaft zum französischen Namenmuster (das sich aus den häufigen finalen Schreibungen -od, -ot, -oz speist) eine stützende Funktion entfaltet haben dürfte. Dafür sprechen einige Kontaktphänomene, die im fraglichen Gebiet auftreten: die mutmasslich französischstämmigen, aber formal eingedeutschten FamN Zahno und Zosso; die französisierten deutschen o-Namen wie (historisch) Bindoz oder (rezent) Heimoz; historisch h-lose Schreibvarianten wie Aymo oder die französisch überformte Schreibung Pürro (die gegenüber den deutschen Varianten Burren, Bur(r)i eine französische Aussprache abzubilden scheint). 18 Die erste und die zweite Karte haben einen engen räumlichen Zusammenhang zwischen den mutmasslich altererbten deutschen FamN auf -o und denjenigen, die (wahrscheinlich oder sicher) erst später mit -o suffigiert wurden, aufgezeigt - sodass auch die geographische Distribution für die obige Hypothese eines Zusammenhangs beider Entstehungen der o-Endung spricht. Für diejenigen FamN, die am sichersten erst spät mit -o suffigiert wurden, konnte die Verwandtschaft zu den im Datensatz «vor 1800» noch vorkommenden Schwestervarianten herausgestellt werden (dritte und vierte Karte). Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei FamN der in der ersten Karte gezeigten Gesamtauswahl sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Jungo (1'498 Tokens), Riedo (1'289 Tokens) und Hayoz (1'248 Tokens). Zahlreiche historisch belegte, aber abgegangene o-Formen finden sich nicht nur bei Studerus (1926; s. o. Abschnitt «Hintergrund»), sondern auch in den Beleglisten bei Hayoz (2022), z. B. die ÜberN Grosso zu gross und Khrummo zu krumm (Hayoz 2022: 127, 171). Vergleich mit benachbartem Ausland: Für andere deutsch-französische Kontaktgebiete ist ein solches Phänomen nicht nachgewiesen. Flores Flores (2015: 330, 339, 349) erwähnt zwar die für Deutschland belegten Namen Schano und Schillo, diese stellen jedoch eher Germanisierungen der französischen Namen Jeannot, Gillot dar. Da der Strukturtyp «germanisches Grundwort mit Suffix -o» in der Appellativik nicht (mehr) vorkommt, kann er als onymischer Marker aufgefasst werden. Als solcher findet er durchaus Parallelen in anderen europäischen Familiennamensystemen, vgl. bspw. die Literatur zum unorganischen t-Antritt in den deutschen FamN Deutschlands (Nübling 2010; Kempf/ Nowak 2011; DFA 3 2012: 512-520; zum selben Phänomen in der Schweiz s. Artikel II-2.13 «Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut») oder Szczepaniak (2005) zu onymischen Suffixen im Polnischen (z. B. -ski). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. 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Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. 16 Zu den Bildungsmustern vgl. die Artikel II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» und II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». 17 Im Einzelnen sind die Varianten und deren Bürgerorte vor 1800: Rütsche (Bütschwil, Kirchberg SG), Rietsche (Frick AG), Rietschi (Gipf-Oberfrick AG; Roggenburg BL), Rietschin (Pratteln BL), Rötschi (Bolken, Oensingen SO), Rüetschi (AG; Bern BE), Rüetschli (Magden AG), Rutschi (Heimiswil BE), Rütschi (Schlieren ZH), Rutscho ( Jaun FR). Vgl. auch den Artikel III-1.3 «Patronyme zu germanischen Rufnamen: hruod». 18 Vgl. die Artikel I-3.3 «Integration französischer Familiennamen ins Deutsche» und I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». 478 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="479"?> swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Bach, Adolf (1952): Deutsche Namenkunde. Bd. I, 1: Die deutschen Personennamen. Einleitung. Zur Laut- und Formenlehre, Wortfügung, -bildung und -bedeutung der deutschen Personennamen. 2., stark erweiterte Auf lage. Heidelberg: Winter. Baumgartner, Xaver (1983): Namengebung im mittelalterlichen Zürich. 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Luise Kempf 2.14 Germanisches Grundwort mit Suffix -o 479 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="480"?> 2.15 Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis Schlagwörter: Berufsname, Chronologie, el-Suffix, er-Suffix, i(n)- Suffix, mann-Suffix, Nullmarkierung, onymischer Marker, Übername Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Der vorliegende Kartenkomplex widmet sich FamN aus der Schicht «vor 1800», die funktional/ semantisch als Nomina agentis zu deuten sind und formal keine Suffigierung (mehr) erkennen lassen. 1 Konkret behandelt dieser Artikel erstens Nomina agentis auf ahd. -o wie Beck (‘Bäcker’) und Schenk (‘einschenkender Diener; Mundschenk; Wein/ Bier ausschenkender Wirt; Hofbeamter für Getränke und Versorgung’), die im Deutschschweizer Familiennamenbestand infolge der mittelhochdeutschen Nebensilbenabschwächung und e-Apokopierung endungslos erscheinen (vgl. Szadrowsky 1918: 124; DFA 3 2012: 81). 2 Die Agensbildungen auf ahd. -o sind relevant, weil sie nach Henzen (1965: 131) ausgesprochen «fruchtbar» waren (s. auch Sütterlin 1887: 52-53, 65-66) und weil sie das Nebenbzw. Nacheinander mit Derivaten auf -er besonders gut aufzeigen (Henzen 1965: 132-134, 159; Weinreich 1971: 9). Zweitens stehen suffixlose FamN wie Schwarb (zu schwzdt. schwarbe(n) ‘zusammenraffen’ für einen habgierigen oder unachtsamen, unbesonnenen Menschen) und Zünd (zu mhd. zünden, zunden, zünten ‘anzünden, entzünden’ für einen Ofenknecht oder einen Menschen, der gerne mit Feuer spielt) im Fokus, die keine unmittelbaren appellativischen Pendants haben und somit die Frage nach ihrer formalen Bildung aufwerfen (Graf 2018a: 48, 51). Eine Kartierung dieser endungslosen Agensbildungen bietet sich auch insofern an, als damit eine Kontrastfolie zu weiteren Bildungsmustern von Nomina agentis wie u. a. Derivate auf -mann, -i, -el oder -er geboten werden kann. Hintergrund: Das Deutschschweizer Onomastikon spiegelt eine Formvielfalt an Nomina agentis wider, die auch für den Appellativwortschatz dokumentiert ist (s. ausführlich Szadrowsky 1918); vgl. FamN wie Kümmerling (zu mhd. kumber, kummer ‘Bedrängnis, Mühsal’ für einen sorgenvollen Menschen), Güdel (zu mhd. giudel ‘Prahler, Verschwender’), Ledermann (‘Gerber, Lederhändler’), Schilli (zu schwzdt. Schilli ‘Schieler’), Bauder (zu schwzdt. baude(n) ‘sich in Worten und Handlungen einfältig benehmen’), Schütz (zu ahd. scuzzo, mhd. schütze ‘Armbrust-, Bogen-, Büchsenschütze’, ferner ‘Wächter’) und andere mehr. 3 Wie die Auswertung der BerufsN aus der Schicht «vor 1800» zeigt, 4 kommt dabei dem Suffix -er sowohl aus typewie auch aus tokenfrequenzieller Sicht (nicht nur) in der Deutschschweiz eine gewichtige Rolle zu (vgl. Fleischer 1964: 174; DFA 3 2012: 81). Das aus dem Lateinischen entlehnte Derivationssuffix beginnt ab dem Althochdeutschen, die bisherigen Bildungsmöglichkeiten für Nomina agentis wie insbesondere das ererbte Suffix ahd. -o (mhd. -e, -Ø ) der n-stämmigen Maskulina zurückzudrängen (Wilmanns 1930: 20, 198; Henzen 1965: 158; DFA 3 2012: 81). 5 Den sukzessiven Rückgang von Nomina agentis auf ahd. -o (mhd. -e, -Ø ) und die Ausbreitung von Derivaten auf ahd. -āri, -ari (mhd. -ære, -er) zeichnet Weinreich (1971) auf der Basis historischer Quellen nach. Die Studie kommt zum Ergebnis, dass für diesen Sprachwandelprozess neben (zu) schwacher Distinktivität infolge der Nebensilbenabschwächung (und e-Apokopierung) weitere Faktoren wie u. a. Kultur- und Sprachkontakt (christliche Lehre und Lateinisch), die starke Zunahme schwacher Verben (v. a. ōn-Verben), die lautliche Umgebung und die Komplexität resp. die Silbenlänge der Basis anzunehmen sind (Weinreich 1971: 104, 107-109, 121-123, 130, 158, 214-215; s. auch Wilmanns 1930: 20; Henzen 1965: 112-113; Erben 2000: 145-146; Müller/ Olsen 2022: 97-98). Die Etablierung von suffigiertem -er als typisches Bildungsmuster von Nomina agentis in mittelhochdeutscher Zeit (Kunze 2004: 109; Fleischer/ Barz 2012: 201) hat nicht zu einer völligen Verdrängung des älteren Typs geführt. So sind sowohl in der Lexik als auch im Onomastikon endungslose Nomina agentis wie Beck (zu ahd. -becko ‘Bäcker’), Bannwart (zu ahd. -warto ‘Hüter, Wächter, Wärter, Aufseher’) oder Schultheiss (zu ahd. sculdheizo ‘Verwalter, herrschaftlicher Beamter, Aufseher’) bewahrt (vgl. Szadrowsky 1918: 122; Köbler 2014a; Kohlheim/ Kohlheim 2014: 123-124). 6 In der Forschung wird 1 Dem Artikel wird eine weit gefasste Definition von Nomen agentis zugrunde gelegt (vgl. e-WSK 2014: s. v. nomen agentis; e-WSK 2015: s. v. nomen agentis), (auch) weil im Kontext von FamN der allgemeinere Begriff Personenbezeichnungen (s. etwa e-WSK 2021: s. v. nomen agentis) ungeeignet erscheint. 2 Freilich enthält das Deutschschweizer Onomastikon weitere Nomina agentis, die - teils trotz Überresten früherer Wortbildungsprozesse - im Allgemeinen als suffixlose Formen wahrgenommen werden (z. B. Hirt, Knecht). Für Apokopierung und Synkopierung im Familiennamenbestand der Deutschschweiz vgl. Artikel I-1.16 «Synkope». 3 Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit diesen Bildungsmustern vgl. die Artikel II-2.5 «Familiennamen auf -ling», II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y», II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen» sowie II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». Zur Verwendung von Diminutivsuffixen für die Bildung von Nomina agentis vgl. Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven». Für Nomina agentis auf -el vgl. den Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz». 4 Vgl. Artikel II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen» (Abschnitt «Ergebnisse»). 5 Wie Schmidt (2020: 301) ausführt, war das n-Thema häufig «durch j erweitert (in ältester Zeit als e oder i erhalten), das im 9. Jh. bereits geschwunden ist. Es ist indirekt aber noch an der verursachten Konsonantendoppelung und ggf. am Umlaut zu erkennen» (z. B. ahd. reccho, älter wreccheo ‘Verbannter’). Eine Übersicht über die schwache Deklination von Maskulina im Althochdeutschen bieten Braune/ Heidermanns (2023: 289-294). 6 Weil das Suffix ahd. -o bei den hier kartierten Namen nicht mehr erkennbar ist und formal somit von einer Nullmarkierung gesprochen werden kann, werden diese FamN hier auch als endungslos bezeichnet (vgl. DFA 3 2012: 81). Aus historischen Quellen wird jedoch teils noch deutlich, dass den FamN ein Nomen agentis auf ahd. -o zugrunde liegt. So belegt das Id. 9 (1881 ff.: Sp. 1393) für den BerufsN Schnetz 1335 einen Jacob Snetzo. Auch regionale Namenbücher der Schweiz dokumentieren historische, auf -o endende Formen wie z. B. Schado (FamN Schad ),Verro (FamN Ferr) oder Tecko (FamN Deck) (Baumgartner 1983: 316; 480 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="481"?> bisweilen angenommen, dass sich solche Formen in formaler Hinsicht in der Komposition (Szadrowsky 1918: 124; Wilmanns 1930: 198; Weinreich 1971: 26, 102) und in geographischer Hinsicht in alpinen Gebieten der Schweiz besser erhalten hätten (Szadrowsky 1918: 159). 7 Ferner erwähnt Szadrowsky (1918: 127), dass im heutigen Schweizerdeutschen insbesondere endungslose Agensbildungen «für die rechtliche oder gesellschaftliche Stellung» wie Fürspräch, Bürg oder Schulthe(i)ss noch geläufig seien. Durch das Antreten von -er an ältere Nomina agentis auf ahd. -o resp. durch er-Neubildungen lassen sich im Familiennamenbestand z. T. Dubletten identifizieren (s. auch Szadrowsky 1918: 6, 126; Wilmanns 1930: 286-287; Weinreich 1971: 38); z. B. variieren Kempf , Kämpf mit Kämpfer und älteres Beck steht neben jüngerem Becker. 8 Das Onomastikon eignet sich daher «ideal, um das Nachbzw. Nebeneinander dieser […] Wortbildungsverfahren in mittelalterlicher Zeit zu rekonstruieren» (Nübling/ Kunze 2023: 259). Dabei ist zu erwarten, dass die räumliche Struktur «innovative von konservativen Gebieten unterscheidbar» macht (Nübling/ Kunze 2023: 259; s. auch Szadrowsky 1918: 159). Wie Graf (2018a; 2018b) aufzeigt, finden sich in der Schicht «vor 1800» neben diesen endungslosen Nomina agentis, die unmittelbar auf ein Lexem auf ahd. -o (mhd. -e, -Ø ) zurückgehen, weitere Agensbildungen ohne Suffix. FamN wie Schiess (zu mhd. schieʒen ‘werfen, schiessen’; für sekundäre Deonymisierung s. Id. 8 1881 ff.: Sp. 1354), Thoos (wohl zu mhd. dōsen, schwzdt. tōse(n) ‘tosen’, besonders auch ‘laut reden, lärmen, prahlen’) oder Zünd (zu mhd. zünden, zunden, zünten ‘anzünden, entzünden’) unterscheiden sich nach Graf (2018a: 46) insofern von FamN wie Beck und Schenk, als «im Korpus der lexikographisch zu ermittelnden Appellative keine unmittelbaren, historischen oder rezenten Korrelate aufzufinden» seien. Zwar liessen sich «appellativisch-klassifizierende Anklänge» für solche FamN «problemlos» feststellen (Graf 2018a: 46), doch weil Nomina agentis wie Schiess oder Zünd im Appellativwortschatz kaum oder nicht nachzuweisen seien, werfe ihre Bildungsweise Rätsel auf (Graf 2018a: 48). Denkbar wäre bspw., dass es sich dennoch - trotz schwacher resp. fehlender historischer Evidenz - um alte n-stämmige Bildungen wie Beck handelt (Graf 2018a: 48; Graf 2018b: 82). Alternativ könnte bei FamN wie Schiess und Zünd auch ein Imperativ vorliegen (vgl. Szadrowsky 1918: 158). Dittmaier (1956: 80) wiederum weist auf formale Ähnlichkeiten zwischen endungslosen Nomina agentis wie Ratgeb (Id. 2 1881 ff.: Sp. 71), Schultheiss (Id. 2 1881 ff.: Sp. 1683) oder Wasserschmeck (Id. 9 1881 ff.: Sp. 883) und SatzN wie Wohlwend, Thürkauf oder Winzap hin, 9 was eine eindeutige Zuordnung einiger FamN wie bspw. Deubelbeiss (nach Brechenmacher 1 1957-1963: 356 für eine Person, die «es mit dem Teufel selber aufnimmt») erschwert. Graf (2018a: 51) schlägt vor, das Wortbildungsmuster von FamN wie Schiess als «genuin außerappellativische Bildungsregel» und somit als «Onymitätsmarker» aufzufassen: «Naheliegender scheint es […], dass die Namen im onymischen System der Wortbildung, das morphologisch freier zu sein scheint, analog gebildet wurden - und zwar […] als reine Wortstämme, die zwischen Imperativen und Nomina agentis oszillieren» (Graf 2018a: 48). Damit hätte sich im Schweizerdeutschen gemäss Graf (2018a: 51) «eine Art Inf lektiv als Namensgebungsregel etabliert», 10 die u. a. auch bei endungslosen Wohnstätten- und HerkunftsN wie Sax oder Moos zu erwägen ist (vgl. Graf 2018b: 82-83). 11 Auch Bach (1952: 177) weist auf endungslose Namen wie Schuhmach, Schnitz, Schust oder Walk hin, die er als «Analogiebildungen […] [n]ach dem Vorbild von Wortpaaren wie Ferg(e) - Ferger, Beck - Becker usw.» deutet. Wie bei den Nomina agentis auf ahd. -o (mhd. -e, -Ø ) lässt sich auch bei dieser zweiten Gruppe von endungslosen Agensbildungen z. T. Formvarianz feststellen. In der Schicht «vor 1800» sind z. B. die etymologischen Pendants Schiess - Schiesser, Schwarb - Schwarber und Wenk - Wenker (zu mhd. wenken ‘wanken, schwanken, straucheln u. ä.’ für eine Person mit wankendem, schwankendem Gang) bezeugt. Fragestellung: Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, welche endungslosen Agensbildungen im Deutschschweizer Familiennamenbestand dokumentiert sind. Die erste Karte widmet sich dem Vorkommen von Nomina agentis, denen ein appellativisches Lexem (auf ahd. -o, mhd. -e, -Ø ) unmittelbar zugrunde liegt. Die zweite Karte fragt nach der Verbreitung von suffixlosen Agensbildungen, die keine unmittelbare Entsprechung im Appellativwortschatz aufweisen. Schliesslich nimmt die dritte Karte eine vergleichende Perspektive ein und stellt ausgewählten endungslosen Nomina agentis etymologische Pendants gegenüber, die eine andere Bildungsweise - konkret Suffigierung mit Typ -er, Typ -i, -el oder -mann - zeigen. Erste Karte {220}: Endungslose Nomina agentis mit unmittelbarem Appellativanschluss Namenauswahl: Die erste Karte widmet sich FamN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 12 die sich funktional/ semantisch als Nomina agentis deuten lassen und sich einem Appellativ anschliessen (z. B. FamN Kämpf zu ahd. kempfo, mhd. kempfe). 13 Für die grosse Mehrheit der kartierten FamN finden sich appellativische Entsprechungen in den einschlägigen altresp. mittelhochdeutschen Wörterbüchern; nur bei einer kleinen Gruppe von Namen (z. B. Brütsch, Schnetz) beschränken sich die Korrelate im Appellativwortschatz auf das Id. (1881 ff.). Sie wurden trotz fehlender althochdeutscher bzw. mittelhochdeutscher Form aufgenommen, weil sie wie die n-stämmigen Formen (z. B. Beck - Becker) oft ein Nebeneinander verschiedener Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 53; Fähndrich 2000: 125). Für FamN auf -o wie Kurzo oder Zahno vgl. die Ausführungen im Artikel II-2.14 «Germanisches Grundwort mit Suffix -o». 7 Vgl. die Artikel II-2.18 «Komposita: Formvarianten im Kontrast» und II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». 8 Für FamN auf -er wie Becker ist jedoch nicht auszuschliessen, dass stattdessen eine patronymische Ableitung für die Nachkommen einer Person namens Beck vorliegt. Vgl. Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». 9 Vgl. auch Graf (2018b: 81) sowie Artikel II-4.1 «Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen». 10 Mit Graf (2018b: 83) ist anzumerken, dass neben Endungslosigkeit auch der Gebrauch bestimmter Suffixe Onymität anzeigen kann (vgl. ausführlich Nübling 2005; Nübling 2010). S. dazu auch die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y», II-2.13 «Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut» und II-2.14 «Germanisches Grundwort mit Suffix -o». 11 Vgl. Artikel II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen». 12 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 13 Die regionalen Namenbücher der Schweiz führen weitere historische Namen wie Gieg (zu mhd. giege ‘Narr, Betörer, Dummkopf ’), Haberess (zu mhd. haber(e) ‘Hafer’ und mhd. eʒʒen ‘essen’) oder Truhsezze (zu mhd. truh(t)sæze ‘Truchsess, Vorsteher der Hofverwaltung, die Speisen Aufsetzender’) an (Socin 1903: 497; Fähndrich 2000: 148, 165), die in der Schicht «vor 1800» jedoch nicht vorkommen. 2.15 Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis 481 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="482"?> Bildungsmuster zeigen (z. B. Brütsch - Brutschi, Schnetz - Schnetzer). Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit unmittelbarem Appellativanschluss, vor 1800: Albietz, Bamert, Bammert, Bannwart, Barmet, Bauer, Bauert, Bauk, Baur, Beck, Bek, Bekk, Breu, Brodbeck, Brodtbeck, Brotbeck, Brütsch, Bur, Daepp, Däpp, Deck, Enk, Ess, Fear, Feer, Fehr, Feldscher, Feltscher, Ferr, Fries, Gagg, Gohl, Goll, Hofbauer, Kämpf , Kauf , Kempf , Knapp, Kraaz, Mauch, Mensch, Muff , Oberbeck, Paur, Pfaff , Rathgeb, Reck, Schaad, Schad, Schaerr, Schär, Schenk, Schnetz, Schultheiss, Schulthess, Schütz, Senn, Surbeck, Tresch, Trösch, Warth. 61 Types, 395 Tokens. Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 228: Daten zur ersten Karte {220} Detailangaben zur Namenauswahl: 14 In der etymologischen Datenbank (Stand 20.06.2024) wurde eine automatische Suche nach endungslosen Nomina agentis durchgeführt. Weil ein systematisches formbasiertes Abfragen bei diesem Bildungstyp nur beschränkt möglich ist, wurde die Trefferliste in einem zweiten Schritt gestützt auf die Literatur und projektinterne Vorarbeiten händisch ergänzt. Insgesamt konnten so 139 FamN identifiziert werden, die den eingangs beschriebenen Kriterien entsprechen. 15 Dieses Gesamtsample, das sich auf die erste und die zweite Karte verteilt, umfasst auch Namen mit Bedeutungskonkurrenzen wie Ess (ÜberN zu mhd. eʒʒen ‘essen’ oder Patronym zu Oswald, Ezzo, Esso). In gewissen Fällen stehen neben der schwachen Form auf ahd. -o (mhd. -e, -Ø ) andere Bildungen, sodass bei den Namen der ersten Karte streng genommen nicht beurteilt werden kann, ob dem FamN tatsächlich ein n-stämmiges Maskulinum zugrunde liegt (z. B. FamN Bur zum schwachen Maskulinum ahd. gibūro oder aber zum starken Maskulinum ahd. gibūr). Auf einen Ausschluss dieser Fälle wurde verzichtet, um einen möglichst uneingeschränkten Überblick über die Thematik zu bieten. Nicht enthalten sind hingegen Namen wie Gran, Schleiss oder Trepp, die in formaler Hinsicht infrage kommen, aber in der etymologischen Datenbank (Stand 20.06.2024) noch ungedeutet sind. Die vorliegende Karte bildet eine Teilmenge des Gesamtsamples ab und enthält diejenigen FamN, die sich nach Berchtold/ Graf (i. V.) unmittelbar an ein alt- oder mittelhochdeutsches resp. schweizer- Karte 220: Endungslose Nomina agentis mit unmittelbarem Appellativanschluss, vor 1800 14 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 15 Zu erwägen wäre, ob bei FamN wie Feer oder Feldscher allenfalls eine haplologische Verkürzung von -erer zu -er stattgefunden haben könnte (Szadrowsky 1918: 9). 482 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="483"?> deutsches Appellativum anschliessen. Weil die Suffixlosigkeit der nstämmigen Maskulina wie Beck laut Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Schnetz) als «Ausgangspunkt und Vorbild für die Namenbildung» dienen konnte, lässt sich z. T. nicht ohne Weiteres festmachen, ob einem endungslosen FamN ein n-stämmiges Maskulinum zugrunde liegt oder ob von einer analogischen Bildung auszugehen ist. 16 Für die Zuordnung der 139 FamN zu einem der beiden Teilsamples (vgl. zweite Karte) wurde neben dem Id. (1881 ff.) eine Auswahl an einschlägigen alt- und mittelhochdeutschen Wörterbüchern und etymologischen Wörterbüchern hinzugezogen (u. a. Lexer 1872-1878; AWb 1952 ff.; EWA 1978 ff.; EtymWB 1993; Kluge 2012; Schützeichel 2012; Köbler 2014a; Köbler 2014b). Wie bereits erwähnt, sind die Namen z. T. nicht in den konsultierten alt- und mittelhochdeutschen Wörterbüchern, sondern ausschliesslich im Id. (1881 ff.) als Appellative belegt (z. B. Bauk, Mauch, Schnetz). Das vorliegende Teilsample ist als erster Versuch einer Zuordnung zu verstehen; eine vertiefte historische Sondierung kann für diesen Artikel nicht geleistet werden und ist daher als Forschungsdesiderat anzusehen. Die Namenauswahl der ersten Karte umfasst mehrheitlich BerufsN, daneben aber auch einige ÜberN. Zu letzterem Benennungsmotiv zählen u. a. die FamN Bauk (zu schwzdt. Bauk ‘Bonvivant, Fresser, Schmarotzer’), Gohl/ Goll (zu schwzdt. Gol, Goll ‘Possentreiber, Plauderer, Lärmer, mutwilliger, närrischer Mensch’), Mauch (zu schwzdt. Mauch ‘wohlgenährte, essbegierige, schmarotzende Person’) oder Schaad / Schad (zu mhd. schade ‘Schädiger, Schadenstifter’). Bei den BerufsN haben verschiedene Tätigkeitsfelder wie die Landwirtschaft (Bur, Enk ‘Vieh-/ Ackerknecht’, Tresch), das Nahrungs- (mittel)gewerbe (Breu, Brotbeck, Schenk) oder weltliche Ämter (Bamert ‘Bannwart’, Schultheiss, Warth ‘Aufseher, Verwalter, Pf leger’) Eingang in den Familiennamenbestand gefunden. 17 Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass sich die FamN, für die in der ausgewählten Literatur ein unmittelbares appellativisches Korrelat gefunden werden konnte, über weite Teile der Deutschschweiz erstrecken. Auffallend ist die geringe Belegdichte in Teilen der Zentralschweiz (v. a. Kantone NW, OW, ZG) sowie in den Kantonen Freiburg, Wallis, Glarus und Graubünden, sodass insgesamt das Mittelland stärker vertreten ist als (vor-)alpine Regionen. Allerdings ist dieser Befund insofern einzuschränken, als endungslose Nomina agentis mit unmittelbarem Appellativanschluss im Kanton Uri die höchste relative Häufigkeit erreichen (3,83 %, 13 Tokens), bevor auf dem zweiten und dem dritten Platz die Nordostschweizer Kantone Schaffhausen (3,35 %, 16 Tokens) und Thurgau (1,99 %, 46 Tokens) folgen. Zweite Karte {221}: Endungslose Nomina agentis ohne unmittelbaren Appellativanschluss Namenauswahl: Die zweite Karte rückt FamN aus der Schicht «vor 1800» in den Mittelpunkt, die formal als reiner Verbalstamm ohne Suffix vorliegen und somit äusserlich den Namen aus der ersten Karte entsprechen. In Abweichung zu den vorher behandelten Nomina agentis sind appellativische Pendants für die hier kartierten FamN in der konsultierten Literatur aber nicht unmittelbar nachweisbar. 18 Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN ohne unmittelbaren Appellativanschluss, vor 1800: Bind, Bindt, Brassel, Brauch, Brenn, Bretsch, Brog, Bruch, Buess, Buff , Buss, Dalp, Deubelbeiss, Döös, Fassbind, Feuz, Fretz, Füeg, Gamp, Gampp, Ging, Gingg, Glinz, Gloor, Glor, Glur, Glutz, Gnepf , Gugg, Hotz, Hoz, Hüss, Kleck, Knill, Kupp, Landis, Landös, Leisebach, Leisibach, Lirgg, Lisibach, Murpf , Muster, Nüesch, Reist, Roll, Schell, Scheuss, Schib, Schick, Schiess, Schleuss, Schoor, Schor, Schorr, Schürch, Schürpf , Schutz, Schwank, Schwarb, Schwenk, Schwick, Sing, Spreng, Spring, Stauss, Stör, Streiff , Streipf , Streun, Struch, Thoos, Tremp, Wenk, Wink, Zemp, Zünd, Zwick. 78 Types, 267 Tokens. Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 229: Daten zur zweiten Karte {221} Detailangaben zur Namenauswahl: Die zweite Karte bildet eine Teilmenge des Gesamtsamples ab, das bei der ersten Karte beschrieben worden ist, und enthält insgesamt 78 Familiennamentypes. Wie bereits gesagt, befinden sich darunter FamN mit Bedeutungskonkurrenzen. Bspw. lässt sich Hotz als ÜberN zu mhd. hotzen ‘schnell laufen; schaukeln, hüpfen’ oder als Patronym zum Rufnamenglied germ. hadu deuten und für den ÜberN Lirgg ist neben einem Nomen agentis ohne Suffix zu mhd. lërken, lirken ‘stottern’ resp. schwzdt. lōrgge(n), lūrgge(n) ‘mit schwerer Zunge, undeutlich und unverständlich sprechen, lallen, stammeln, langsam und mühsam reden u. ä.’ auch ein Anschluss an das Adjektiv mhd. lërc, lirc, lurc ‘lahm, link’ denkbar. Ferner ist nicht auszuschliessen, dass hier kartierte Namen doch auf ein altbzw. mittelhochdeutsches n-stämmiges Maskulinum oder allgemein auf ein appellativisches Nomen agentis zurückgehen, da die dazu notwendigen umfangreichen historischen Sondierungen nicht geleistet werden können. Bei den ausgewählten FamN handelt es sich um endungslose Agensbildungen in Form des reinen Verbalstamms. 19 Bspw. lässt sich der FamN Schürch aus schwzdt. schürche(n) ‘schieben’ herleiten und damit als Referenz auf einen Menschen von schiebendem oder vielleicht schleppendem Gang auffassen. Wie der ÜberN Tremp (zu schwzdt. trampe(n) ‘sich mit schwerfälligen, lauten Schritten (fort-)bewegen, stapfen’) illustriert, ist bisweilen - wohl analogisch - Umlaut eingetreten (vgl. Fussnote 5). Aus formaler Perspektive sei schliesslich erwähnt, dass beim ÜberN Brassel nur vermeintlich eine el-Suffigierung vorliegt (vgl. Hodler 1915: 106; Wilmanns 1930: 264; Marti 1985: 192). So ist mit Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Brassel ) anzunehmen, dass der Name zu schwzdt. brassle(n), einer Nebenform 16 Zur generellen Schwierigkeit, FamN auf ahd. -o formal zu identifizieren, vgl. Kohlheim/ Kohlheim (2014: 123). 17 Der FamN Fries wird im vorliegenden Artikel gestützt auf Berchtold/ Graf (i. V.) zu schwzdt. Fries ‘Grabenmacher, Damm-, Erdarbeiter’ gestellt; ein Bezug zum Volks- oder StammesN der Friesen ist aber nicht ganz auszuschliessen (vgl. FamN Peyer, Schwab, Thüring). Knapp (zu mhd. knappe ‘Knabe, Junggeselle; junger Mann in dienender Stellung, Knecht’) und Mensch (zu mhd. mensch(e) ‘Mensch; dienender Mensch, Magd, Knecht’) werden hier in der Bedeutung ‘Knecht, dienender Mensch’ behandelt, sind jedoch mehrdeutig. 18 Die regionalen Namenbücher der Schweiz führen weitere historische Namen wie Bockschind (zu mhd. schinden) oder Sprütz (zu mhd. sprützen) an (Studerus 1926: 141; Surläuly 1927: 93), die in der Schicht «vor 1800» jedoch nicht vorkommen. 19 Beim FamN Muster ist zu erwägen, ob statt eines reinen Verbalstamms zu schwzdt. mustere(n) eher haplologische Verkürzung von er-abgeleitetem Musterer oder eine Kurzform von Mustermann anzusetzen wäre (s. auch familiennamen.ch o. J.: s. v. Muster). 2.15 Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis 483 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="484"?> von schwzdt. prasse(n) ‘prassen, schwelgen, schlemmen’, gebildet worden ist und somit Endungslosigkeit vorliegt. Entsprechend der ersten Karte umfasst die Namenauswahl einerseits BerufsN und andererseits ÜberN. Jedoch überwiegt im vorliegenden Sample - im Unterschied zum vorhergehenden Kartenbild - letzteres Benennungsmotiv. Bspw. waren die Gangart (Dalp zu schwzdt. talpe(n) für eine schwere Gangart, Ging zu schwzdt. gingge(n) für einen hinkenden, schwankenden Gang, Wenk), ein streitsüchtiges Naturell (Buff zu schwzdt. buffe(n) für eine zu physischer Gewalt neigende Person, Struch zu schwzdt. strūche(n) für jemanden mit zänkischem oder unzufriedenem Naturell, Zemp wohl zu schwzdt. zemple(n) für einen streitsüchtigen Menschen) und das sprachliche Verhalten (Lirgg) namengebend. Bei den BerufsN finden sich als Motivgruppen z. B. das Kriegswesen (Muster, Schiess, Streiff zu schwzdt. streiffe(n) für einen Soldaten oder Söldner), die Holzverarbeitung (Bind und Fassbind zu mhd. binden für den Küfer, Kleck zu mhd. klecken für einen Holz- oder auch Steinbearbeiter) und weltliche Ämter (Schleuss zu schwzdt. schliesse(n), schlǖsse(n) wohl für eine Person, der die Aufgabe oblag, einen abschliessbaren Raum zu verriegeln o. ä.). 20 Kommentar: Die FamN, für die in der konsultierten Literatur kein unmittelbares appellativisches Korrelat gefunden werden konnte, treten über die Deutschschweiz verstreut auf. Tendenziell handelt es sich eher um ein mittelländisches Phänomen, da u. a. die Kantone Freiburg, Wallis und Graubünden sowie die Zentralschweiz (insbesondere UR, OW, NW) keine oder kaum Belege aufweisen. Mit Blick auf die absoluten Zahlen führen die Kantone Bern (55 Tokens), Zürich (45 Tokens) und Aargau (31 Tokens) die Rangliste an, wobei das Kartenbild innerhalb der drei Kantone jeweils mehrere areale Schwerpunkte erkennen lässt. So treten z. B. im Kanton Bern u. a. entlang der Aare zwischen den Städten Bern und Thun, im oberaargauischen Grenzgebiet zum Kanton Solothurn sowie im Emmental grössere Ballungen auf. Im Verhältnis zu allen FamN aus der Schicht «vor 1800» tritt der Kanton Glarus mit 9 Tokens am stärksten hervor (2,5 % relative Häufigkeit), wobei alle Ortsbelege auf den FamN Streiff entfallen und somit von einem Namennest gesprochen werden kann. Dritte Karte {222}: Bildungsmuster von Nomina agentis im Kontrast Namenauswahl: Die dritte Karte geht dem historischen Nebeneinander unterschiedlicher Bildungsmuster von Nomina agentis nach und stellt den endungslosen Agensbildungen verschiedene Derivate (Typ -er, Typ -i, -mann, -el ) gegenüber. Abgebildet werden diejenigen FamN aus der ersten und der zweiten Karte, die in der Schicht Karte 221: Endungslose Nomina agentis ohne unmittelbaren Appellativanschluss, vor 1800 20 Die FamN Schor, Schoor und Schorr lassen sich zwar als WohnstättenN auf mhd. schor, schorre ‘schroffer Fels, Felszacke’ bzw. auf daraus hervorgegangene Toponyme zurückführen; ebenso gut können sie nach Berchtold/ Graf (i. V.) jedoch auch als BerufsN mit mhd. schorn ‘mit der Schaufel arbeiten, zusammenscharren, kehren’ zusammenhängen (vgl. FamN Schori), einem Wort, das gerade im Schweizerdeutschen sehr gut und reichhaltig belegt ist. 484 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="485"?> «vor 1800» Formvarianz zeigen und somit etymologische Pendants aufweisen. 21 Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Endungslose Nomina agentis: Albietz, Bauer, Baur, Beck, Bek, Bekk, Bind, Bindt, Brassel, Brauch, Brenn, Bretsch, Brog, Bruch, Brütsch, Bur, Daepp, Däpp, Deck, Fear, Feer, Fehr, Ferr, Feuz, Füeg, Gamp, Gampp, Hüss, Kämpf , Kauf , Kempf , Kupp, Nüesch, Paur, Schaerr, Schär, Schell, Schenk, Scheuss, Schick, Schiess, Schleuss, Schnetz, Schoor, Schor, Schorr, Schwarb, Sing, Spreng, Spring, Stauss, Stör, Wenk, Zünd, Zwick. 55 Types, 266 Tokens. Typ -er: Albisser, Becker, Bender, Binder, Brasser, Brenner, Bretscher, Bretschger, Broger, Däppeler, Decker, Deppeler, Fercher, Gamper, Gempeler, Häuser, Häusser, Heusser, Hüser, Hüsser, Kämpfer, Käufeler, Kupper, Nüscheler, Schaerer, Schärer, Schärrer, Scheller, Schenker, Scherer, Scherrer, Schicker, Schiesser, Schleusser, Schnetzer, Schnetzler, Schnezler, Schorer, Schwarber, Singer, Sprenger, Springer, Wenker. 43 Types, 285 Tokens. Typ -i: Bräuchi, Brogle, Brogli, Brutsche, Brutschi, Brutschy, Deppe, Feusi, Fügi, Heusi, Heussi, Hüssy, Schori, Stäussi, Störi, Stüssi, Zwicki, Zwicky. 18 Types, 51 Tokens. Typ -mann: Bürlimann, Kaufmann. 86 Tokens. Typ -el: Zundel, Zündel. 3 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 230: Daten zur dritten Karte {222} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 20.06.2024) wurde manuell nach FamN gesucht, die die oben genannten Kriterien erfüllen. Insgesamt enthält die vorliegende Karte 120 Nomina agentis, die hinsichtlich ihrer Bildungsweise 33 Dubletten und fünf Tripletten (mit Brog, Typ Däpp, Hüss, Kauf , Typ Schor) ergeben. Kartiert werden dabei z. T. auch Fälle, für die entweder etymologisch (z. B. Feusi zu schwzdt. fause(n), fäuse(n) oder zu schwzdt. Fäusi) oder formal (z. B. Hüsser als er-Derivat oder als f lektiertes Adjektiv, Schick zu schwzdt. schicke(n) ‘schaffen, bewirken, anordnen’ oder zu schwzdt. Schick ‘(An-)Ordnung’) abweichende Deutungen nicht ausgeschlossen werden können. Zudem weisen die Formvarianten teilweise (leichte) Bedeutungsunterschiede auf, die hier vernachlässigt werden (z. B. bezeichnet ahd. koufo nicht nur den Kaufmann, Krämer, sondern hat zusätzlich die Sonderbedeutung ‘Erlöser’; Weinreich 1971: 204; Köbler 2014a: s. v. koufo). Unberücksichtigt bleiben hingegen vermeintliche Dubletten wie etwa Roll - Roller oder Schib - Schibler, für die nach Berchtold/ Graf (i. V.) nicht dasselbe Etymon anzusetzen ist. Ferner enthält die Karte keine Komposita wie Oberbeck oder Feldscher, auch wenn sie sich kartierten Karte 222: Bildungsmuster von Nomina agentis im Kontrast, vor 1800 21 Auch die regionalen Namenbücher der Schweiz dokumentieren z. T. das Nebenbzw. Nacheinander verschiedener Bildungsmuster, z. B. wechseln sich Zwik und Zwiker, Bind und Binder sowie Ledergerw und Ledergewer in historischen badischen Quellen ab (Surläuly 1927: 118). 2.15 Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis 485 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="486"?> Namen anschliessen würden (z. B. Beck-Komposita zur Dublette Beck - Becker). Die endungslosen Nomina agentis bilden am häufigsten mit er- Derivaten eine Dublette, wie z. B. die etymologischen Pendants Albietz - Albisser (‘Schuhf licker’) oder Schwarb - Schwarber (zu schwzdt. schwarbe(n) ‘zusammenraffen’). 22 An zweiter Stelle folgen Dubletten mit Typ -i, der u. a. bei Brauch / Bruch - Bräuchi oder Stör - Störi mit dem endungslosen Bildungsmuster variiert. 23 Im Unterschied dazu treten Ableitungen auf -mann nur neben zwei endungslose Agensbildungen (Typ Bauer - Bürlimann, Kauf - Käufeler - Kaufmann), wobei der FamN Bürlimann zwei Suffixe aufweist. 24 Auch das Suffix -el (s. Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz») spielt im vorliegenden Sample eine geringe Rolle, da nur die Dublette Zünd - Zundel/ Zündel einschlägig ist. Bei Tripletten variiert der endungslose Bildungstyp, abgesehen von Kauf - Käufeler - Kaufmann, immer mit Derivaten auf -er und -i. Die Namenauswahl verteilt sich gleichmässig auf die beiden Benennungsmotive BerufsN und ÜberN. Bei den ÜberN zielen u. a. Brassel, Bretsch, Feuz, Schwarb und Stör auf negatives Verhalten ab, während Füeg und Hüss positive Charaktereigenschaften hervorheben. Die Gangart einer Person steht bei Däpp, Daepp, Gamp, Gampp und Wenk im Fokus. Unter den BerufsN sind sowohl die Holzverarbeitung (Bind, Schnetz) als auch das Nahrungs(mittel)gewerbe (Typ Beck, Schenk) mit mehreren FamN vertreten. Zwei weitere semantische Kategorien sind bei Fehr (‘Schiffer, Fährmann’) und Kauf gegeben, die das mittelalterliche Verkehrsresp. Handelswesen widerspiegeln. Kommentar: Die areale Verbreitung der endungslosen Agensbildungen entspricht in ihren Grundzügen der ersten und der zweiten Karte, da die (vor-)alpinen Regionen wie das Wallis, der Kanton Graubünden und die Zentralschweiz gegenüber dem Mittelland weniger stark in Erscheinung treten. Mehr als 20 Belegorte erreichen nur die Kantone Bern (77 Tokens), Thurgau (35 Tokens), Zürich (33 Tokens) und St. Gallen (28 Tokens), wobei in letzterem Kanton der FamN Wenk und im zürcherischen sowie im thurgauischen Gebiet der FamN Fehr das Kartenbild prägt. Der Kanton Bern kennt 19 verschiedene Familiennamentypes; darunter sind Schär (21 Tokens), Spring (13 Tokens) und Schenk (10 Tokens) die drei frequentesten Namen. Setzt man die Tokens allerdings in Relation zu allen FamN aus der Schicht «vor 1800», fällt der Kanton Bern mit einer relativen Häufigkeit von 1,21 % hinter die Kantone Schaffhausen (2,31 %, 11 Tokens), Uri (2,06 %, 7 Tokens) und Thurgau (1,51 %, 35 Tokens) zurück. Ableitungen auf -er ballen sich im nördlichen Mittelland mit den Kantonen Zürich (81 Tokens), St. Gallen (37 Tokens), Aargau (34 Tokens) und Thurgau (31 Tokens) als Schwerpunkte. Daneben ist das Bildungsmuster aber z. B. auch vereinzelt für das Wallis (3 Tokens) oder den Kanton Glarus (6 Tokens) dokumentiert. Letzterer weist nach den Kantonen Zürich (1,79 %) und Schaffhausen (1,68 %, 8 Tokens) die höchste relative Häufigkeit an er-Derivaten aus (1,67 %). Nomina agentis auf -i treten hauptsächlich im nördlichen Teil des Kantons Aargau (insgesamt 19 Tokens), im Kanton Glarus (13 Tokens) und im Kanton Bern (8 Tokens) hervor. Die hohe Anzahl an Belegorten in den beiden erstgenannten Kantonen ist dabei - zumindest teilweise - bestimmten EinzelN geschuldet: So clustern die Schreibvarianten Brogli, Brogle (insgesamt 12 Tokens) sowie Brutschi, Brutsche und Brutschy (insgesamt 4 Tokens) im Aargauischen, während der FamN Stüssi im Kanton Glarus fast die Hälfte aller Tokens ausmacht (6 von 13). Hinsichtlich der relativen Häufigkeit ragt Glarus mit 3,61 % aus dem Sample heraus. Zwischen den zwei mann-Ableitungen zeigen sich deutliche Unterschiede in Frequenz und arealer Verbreitung: Der FamN Bürlimann ist einzig im luzernischen Gunzwil alteingesessen, wohingegen sich die 85 Tokens von Kaufmann schwerpunktmässig im eher westlichen Mittelland ausbreiten. So erreichen die Kantone Luzern (24 Tokens), Aargau (16 Tokens) und Solothurn (15 Tokens) die höchste Belegdichte, während u. a. der Kanton Zürich (2 Tokens) demgegenüber eher in den Hintergrund rückt. Die graphisch-lautlichen Varianten Zundel, Zündel mit el-Suffix beschränken sich auf die drei nördlichen Kantone Aargau, Zürich und Schaffhausen (je 1 Token in Oeschgen AG, Zürich ZH resp. Schaffhausen SH). Mit Blick auf die einzelnen Dubletten resp. Tripletten zeigt sich folgendes Grundmuster: Die unterschiedlich gebildeten Nomina agentis sind z. T. in (unmittelbarer) räumlicher Nähe zueinander alteingesessen (z. B. Beck und Becker in Rheinfelden AG; Kauf und Kaufmann in TG; Schor und Schorer im Oberaargau BE); zum deutlich grösseren Teil treten sie jedoch in unterschiedlichen Gebieten in Erscheinung (z. B. Bind, Bindt in Oberönz BE vs. Binder in AG, AR, SG, ZH und Bender in Fully VS; Daepp und Däpp in BE vs. Däppeler und Deppeler in AG vs. Deppe in TG; Stör in Ermatingen TG vs. Störi in GL). Ergebnisse Im vorliegenden Artikel wurde der Frage nachgegangen, welche endungslosen Agensbildungen in der Schicht «vor 1800» dokumentiert sind, und dabei gestützt auf Graf (2018a; 2018b) zwischen zwei Gruppen von Nomina agentis ohne Suffix unterschieden. Sowohl die erste als auch die zweite Karte umfasst BerufsN und ÜberN, wobei letzteres Benennungsmotiv bei den Agensbildungen ohne unmittelbaren Appellativanschluss stärker vertreten ist. Bei beiden Samples überwiegen kurze (häufig einsilbige) FamN wie Deck und Sing gegenüber zusammengesetzten FamN wie Bannwart, Oberbeck und Landös (zu mhd. œsen ‘leer machen, erschöpfen, verwüsten’ wohl für eine Person von wenig friedliebender Natur) deutlich. Zudem ähneln sich die beiden ersten Karten insofern, als das Mittelland im Allgemeinen mehr Namenbelege aufweist als bestimmte (vor-)alpine Regionen wie etwa der Kanton Wallis. Allerdings stimmen die Karten auch darin überein, dass mit den Kantonen Uri resp. Glarus gerade nicht ein mittelländischer Kanton die jeweils höchste relative Häufigkeit erreicht, wobei hier die vergleichsweise kleine Grösse der beiden Kantone zu berücksichtigen ist. Unterschiede zwischen den beiden Karten lassen sich u. a. im Hinblick auf die Belegdichte und das Verbreitungsgebiet feststellen: Das erste Teilsample erreicht zwar 22 Für BerufsN auf -er, -ler, -ner vgl. Artikel II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen», für ÜberN auf -er, -ler, -ner vgl. Artikel II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». 23 Nach Szadrowsky (1918: 158) sind die endungslosen und er-abgeleiteten Nomina agentis i. d. R. «gleichwertig» und insbesondere ohne «Gefühlsfärbung», was beide Bildungsmuster vom i-Typus unterscheide (Szadrowsky 1918: 120). Für weitere Angaben zu letzterem Suffix vgl. die Artikel II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y» und II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». 24 Für Suffigierung mit -mann vgl. Artikel II-2.7 «Familiennamen auf -mann» und für die Kombination von -mann mit Diminutivsuffixen vgl. Artikel II-2.8 «Suffixkombinationen mit -li, -le, -z, -tsch und -mann». 486 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="487"?> eine geringere Anzahl an Familiennamentypes (61 vs. 78 Types), diese sind aber insgesamt an mehr Orten alteingesessen als die Namen aus der zweiten Karte (395 vs. 267 Tokens). Ferner breitet sich die erste Gruppe von endungslosen Agensbildungen stärker über die Deutschschweiz bis ganz an den Nordrand des Landes aus, was für das zweite Kartenbild nicht in diesem Masse gilt. 25 Dass die Nomina agentis ohne unmittelbaren Appellativanschluss insgesamt an weniger Belegorten alteingesessen sind und meistens in Gebieten auftreten, in denen auch Nomina agentis mit appellativischem Korrelat vorkommen, stützt die eingangs erwähnte These Bachs (1952: 177), dass FamN wie Reist oder Spreng analogisch zu n-stämmigen Maskulina wie Beck oder Schenk gebildet sein könnten. Inwieweit es sich bei der Verwendung des reinen Verbalstamms um Ansätze eines onymischen Wortbildungsmusters handelt und ob sich somit «eine Art Inf lektiv als Namengebungsregel etabliert hätte» (Graf 2018a: 51), müsste gestützt auf die Arbeiten Grafs (2018a; 2018b) sowie den vorliegenden Kartenkomplex genauer untersucht und mit historischen Sondierungen untermauert werden. Während sich FamN wie Kauf und Kempf «durch ‹passive› Dissoziationen von der Appellativik» auszeichnen (Nübling 2005: 251), wäre bei endungslosen Agensbildungen ohne unmittelbaren Appellativanschluss wie Schiess oder Zünd von Ansätzen onymischer Morphologie zu sprechen, indem der diachrone Wandel in der Nomina-agentis-Bildung «sekundär zur onymischen Auszeichnung genutzt» wurde (Nübling 2005: 255). Für die Produktivität eines solchen Musters spricht der oben erwähnte Umstand, dass das Type-Token-Verhältnis bei diesem Typus deutlich höher ist als bei dem auf Appellativen beruhenden. Zum Schluss sollen an dieser Stelle einige Erkenntnisse zur dritten Karte Beachtung finden: Dass der endungslose Bildungstyp in erster Linie mit er-Derivaten, daneben aber auch oft mit Ableitungen auf -i variiert (resp. von diesen Bildungsmustern abgelöst worden ist), spiegelt Annahmen der Literatur zum Schweizerdeutschen wider (Szadrowsky 1918: 122). Die dritte Karte lässt tendenziell kein klares Raumbild der verschiedenen Formvarianten erkennen, da sich die Verbreitungsräume der Bildungstypen oft überlappen (auch wenn die einzelnen Formvarianten der etymologischen Pendants eher in unterschiedlichen Gebieten auftreten). In diesem Sinne kann der Annahme Szadrowskys (1918: 159), «daß die n-Form besonders, wenn auch keineswegs ausschließlich, in Gebirgsmundarten eine zähe Lebenskraft aufweist, was nach dem konservativen Charakter dieser [Mundarten] von vornherein zu erwarten wäre», mit Blick auf die FamN nicht uneingeschränkt beigepf lichtet werden. Auch seine Vermutung, dass womöglich «der lebenskräftige und reichblühende i-Typus eine Stütze für die alten n-Bildungen» sein könnte, weil letztere Formen im Verbreitungsgebiet der Nomina agentis auf -i «fester wurzeln» würden, hat für die dritte Karte nur beschränkte Gültigkeit. Insgesamt ist eher davon auszugehen, dass das dritte Kartenbild als Spiegel der multifaktoriellen und «vielfältigen Ablösungsprozesse» (Nübling/ Schmuck 2019: 786) bei den Nomina agentis zu verstehen ist. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten endungslosen FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Schär (6'208 Tokens), Senn (5'116 Tokens) und Schenk (4'457 Tokens). Auch in der Toponomastik finden sich Bildungen aus dem reinen Verbalstamm wie Chapf , Gugg, Schau oder Lueg (alles Namen für Geländeerhebungen), die sich nach Graf (2018b: 82) als einen «weiteren Fall von onymisch bedingter Suffixlosigkeit» deuten lassen. Neben dem Suffix ahd. -o büsst auch ahd. -il(o) (mhd. -el ) durch die Ausbreitung von ahd. -āri, -ari (mhd. -ære, -er) ab althochdeutscher Zeit an Produktivität als Nomen-agentis-Marker ein (Faulkner Goodloe 1929: 46). 26 In der Schicht «vor 1800» sind insgesamt 21 einschlägige Nomina agentis auf -el dokumentiert (für Deutschland s. Nübling/ Kunze 2023: 259), die sich motivisch den BerufsN und/ oder den ÜberN zuordnen lassen: Zu ersterer Gruppe gehören die Namen Bittel, Büttel (beide zu mhd. bütel ‘Gerichtsbote, -diener’), Hodel (zu schwzdt. Hodel ‘Händler, Zwischen- oder Kleinhandel treibender Kaufmann, Handel treibender Fuhrmann’), Steinbrüchel (zu schwzdt. Steinbrüchel ‘Steinbrecher’), Trachsel, Trächsel, Traxel, Trechsel (alle zu mhd. dræhsel, drëhsel ‘Drechsler’), von Grebel (Zürcher Junkergeschlecht zu mhd. grebel ‘Totengräber’) sowie Waibel, Weibel (beide zu mhd. weibel ‘Gerichtsbote, -diener’). Zu den ÜberN zählen Drüssel und Trüssel (zu schwzdt. Drüssel ‘schmollender, unfreundlicher Mensch’ bzw. zu schwzdt. Trüssel ‘grobe, geistig oder körperlich schwerfällige, plumpe Person’ - wohl mit gegenseitiger semantischer Annäherung), Düsel, Düssel, Tüsel (alle zu schwzdt. Tüsel ‘einfältiger Mensch’), Geugel (zu schwzdt. Gäugel ‘Hanswurst, Spassvogel, einfältiger Mensch’), Güdel (zu mhd. giudel ‘Prahler, Verschwender’) und Strebel (zu mhd. strëben für eine widerspenstige oder sich abmühende, strebsame Person). Motivisch mehrdeutig sind die zwei FamN Zundel, Zündel, die sich a. als ÜberN für eine Person, die gerne mit Feuer spielt, b. als BerufsN für den Ofenknecht im Backhaus oder in der Badestube und c. als BerufsN für den Händler von Zunder oder den Sammler des Zunderschwamms deuten lassen. In der Schicht «vor 1800» verteilen sich die elf BerufsN mehrheitlich über das Mittelland und formen dabei z. T. areale Cluster: Während der tokenfrequenteste BerufsN Weibel (35 Belegorte) über mehrere Kantone streut, ist der zweithäufigste BerufsN Hodel (24 Tokens) vorwiegend im bernisch-luzernischen Grenzgebiet und der dritthäufigste BerufsN Trachsel (12 Tokens) in den Verwaltungsbezirken Bern-Mittelland und Frutigen-Niedersimmental (beide BE) alteingesessen. Die acht ÜberN erreichen im Vergleich zu den BerufsN eine insgesamt geringere Tokenfrequenz (20 vs. 98) und mit Strebel weist einzig ein Familiennamentype eine zweistellige Anzahl an Belegorten aus. Die insgesamt 10 Tokens von Strebel konzentrieren sich im aargauischen Freiamt und bestimmen das Kartenbild, weil für die restlichen ÜberN nur vereinzelte Streubelege in den Kantonen Bern, St. Gallen, Luzern, Solothurn und Schaffhausen vorkommen. In der Schicht «vor 1800» variieren einige Agensbildungen auf -el mit 25 Das areale Vorkommen der hier ausgewählten endungslosen BerufsN und ÜberN ist allerdings vor dem Hintergrund der generellen Verbreitung dieser zwei Benennungsmotive zu sehen. Die ÜberN, die in der zweiten Karte überwiegen, zeigen im Allgemeinen eine weniger starke Belegdichte am Nordrand der Schweiz als die BerufsN. 26 Für eine allgemeine Behandlung von Nomina agentis auf -el beachte man Faulkner Goodloe (1929), spezifisch für das Schweizerdeutsche s. Szadrowsky (1918). Daneben tritt das Suffix -el u. a. in der Diminution (z. B. FamN Eggel, Hensel oder bei Ruf N) und bei Nomina instrumenti (z. B. FamN Bichsel, Schlegel ) auf (Gubler 1920: 108; DFA 3 2012: 81). 2.15 Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis 487 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="488"?> anderen Bildungsmustern (z. B. Typ Trachsel - Typ Trachsler, Güdel - Güder, Hodel - Hodler, Zundel/ Zündel - Zünd ). 27 Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA 3 (2012: 80-93) behandelt im Kapitel «Derivation» die Varianz von -Ø und suffigiertem -er bei BerufsN wie Beck - Becker oder Schenk - Schenker (s. auch Nübling/ Kunze 2023: 258-260). Die Karten verdeutlichen, dass sich die verschiedenen Bildungstypen «in unterschiedlichem Maß sowie in oft scharfer landschaftlicher Abgrenzung» in den FamN niedergeschlagen haben, wobei Ableitungen auf -er insgesamt deutlich überwiegen (DFA 3 2012: 81). Von den kartierten FamN erreichen der endungslose Typ Beck im Süden Deutschlands, der endungslose Typ Schenk im ganzen bundesdeutschen Raum sowie der endungslose Typ Kempf im Westoberdeutschen und Westmitteldeutschen eine verhältnismässig hohe Tokenfrequenz (DFA 3 2012: 80, 84, 87). Auch der DFA 5 (2016) mit seinem Fokus auf BerufsN und ÜberN gibt bisweilen Auskunft über die areale Verbreitung und Frequenz endungsloser Nomina agentis; so u. a. Karte 129 mit FamN zu mhd. steinmetze(r), Karte 191 mit FamN zu mhd. ver(e) oder Karte 363 mit FamN zu mhd. schade (vgl. DFA 5 2016: 338, 493, 926). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. 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Die untersuchten FamN sind insofern linguistisch interessant, als sie sich äusserlich nicht von den ihnen zugrunde liegenden ÖrtlichkeitsN und ortsbezeichnenden Appellativa unterscheiden, funktional jedoch eindeutig als Wohnstätten- oder HerkunftsN anzusehen sind. Damit konkurriert dieser typologisch seltenere und auffälligere endungslose Bildungstyp (Gass, Jaun) mit anderen Verfahren, insbesondere mit Ableitungen auf -er (Hohler, Zürcher) oder -mann (Bachmann, Solothurnmann) sowie mit Wohnstätten- und HerkunftsN mit präpositionalem Bestandteil (Amstutz, von Gunten). 1 Die Variation zwischen diesen vier Bildungstypen ermöglicht zudem Einblicke in sprachhistorische Entwicklungen. Hintergrund: Die Forschung führt für deutsche Wohnstätten- und HerkunftsN mehrere Bildungsmuster an (Bach 1952: 253-272; Fleischer 1964: 107-114; Naumann 2007: 20-22), wobei FamN mit einer Präposition und ggf. einem Definitartikel (Indermühle, von Allmen) oft ein besonderes Interesse erfahren (Berchtold 2011: 88-89; s. ausführlich Berchtold 2019a). Dabei hält die Literatur fest, es handle sich bei den PräpositionsN um Relikte, die im deutschsprachigen Raum neben dem niederrheinischen Gebiet und dem Nordwesten Deutschlands auch in der Schweiz vergleichsweise häufig bewahrt seien (Fleischer 1964: 112, 174; Nübling/ Kunze 2023: 23, 25). Konkret werden die Deutschschweizer FamN mit präpositionalem Bestandteil «v. a. in alpinen Gegenden» verortet (Kully 2009: 376; relativierend Berchtold 2019a: 310). Aus frequenzbasierter Sicht sind für die Schweiz auch die Ableitungen auf -er (Brunner, Hunziker) und -mann (Bühlmann, Wollenmann) von Interesse, die die PräpositionsN gemäss DFA 3 (2012: 644, 669) ab dem 13. Jh. zunehmend zurückdrängen und heute überwiegen (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 31). Nach Bach (1952: 157, 262) und DFA 3 (2012: 244-331) liegen areale Schwerpunkte der er-Ableitungen im Süden des deutschsprachigen Raums, während -mann für den Norden bzw. den Nordwesten Deutschlands charakteristisch ist und im Oberdeutschen bei HerkunftsN nur äusserst selten auftritt (Kunze 2004: 95; DFA 3 2012: 287; Berchtold 2019b: 31). 2 Zu den weiteren Bildungsmustern gehören u. a. Wohnstätten- und HerkunftsN auf -ing (Büsching), -(i)sch (Kölsch), -i (Usteri) oder diminuierendes -li (Kehrli), die jedoch für die Schweiz quantitativ weniger relevant sind (Fleischer 1964: 111, 114, 178; Kunze 2004: 87; Graf 2019: 115). Die bisher thematisierten Bildungstypen zeichnen sich dadurch aus, dass der anthroponymische Status der FamN gegenüber den namengebenden Toponymen resp. ortsbezeichnenden Appellativa durch morphologische oder (morpho-)syntaktische Verfahren äusserlich erkennbar ist (z. B. FamN Zeller ← SiedlungsN Zell + Suffix -er). Im Unterschied dazu stimmen endungslose Wohnstätten- und HerkunftsN in ihrer Form mit ihrem Ausgangslexem überein, wenn auch der FamN graphisch-lautlich leicht abweichen kann (Kully 2009: 381; Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 154). In diesem Zusammenhang merken Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Gachnang, Mühle) bspw. für den WohnstättenN Mühle bzw. dessen Variante Mülli an, der FamN sei «in der reinen Wortform […] gegenüber der abgeleiteten (Müller) typologisch die auffälligere und seltenere» Bildungsvariante, und auch HerkunftsN wie Gachnang oder Zürch beschreiben sie als «morphologisch auffällig, da ein sonst übliches Suffix -er (vgl. Basler, Zürcher usw.) fehlt». 3 Ungeachtet dessen, dass Wohnstätten- und HerkunftsN auf -er «wesentlich häufiger als die suffixlosen Formen» auftreten, müssen Dubletten wie Bach - Bacher, Kellenberg - Kellenberger oder Sax - Saxer grundsätzlich als «bedeutungsmässig identisch gewertet» werden (Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Kellenberg; s. auch Graf 2018a: 82). 4 Diese «Gleichwertigkeit der verschiedenen Bildungen» legen historische Quellen nahe, die das Nebenbzw. Nacheinander von zwei oder mehr morphologischen bzw. (morpho-)syntaktischen Verfahren dokumentieren (Socin 1903: 360). Bspw. führt Surläuly (1927: 73, 84) für die frühneuhochdeutsche Zeit von Hochstrass, Hochstrass und Hochstrasser als Namenvarianten für dieselbe Badener Sippe an und weist neben von Anglikon auch die Typen Anglikon und Anglicker nach. Studerus (1926: 102) belegt für Freiburg i. Ü. die WohnstättenN zum Bach / Zumbach, Bechler / Bächler und Bachman. Alle vier dominanten Bildungstypen sind mit am Büel, Büel, Büeler und Büellman in Berner Quellen des 16. Jh. zu finden (Berchtold 2019a: 297). 5 Vor dem Hintergrund dieser funktionalen Äquivalenz ist mit Graf (2018a: 82-83) zu fragen, ob und inwieweit es 1 Vgl. die Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor», II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in», II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von», II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu», II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen» und II-2.7 «Familiennamen auf -mann». 2 Für die Schweiz sind vor 1800 einzig Solothurnmann, davon kontrahiertes Soltermann (beide zum SiedlungsN Solothurn) und Wollenmann (zum SiedlungsN Wohlen) als eindeutige HerkunftsN belegt (Berchtold 2019b: 36). Vgl. die Artikel II-2.7 «Familiennamen auf -mann» und III-2.1 «Herkunftsnamen zu Schweizer Toponymen». 3 Für die Tilgung des er-Morphems durch morphologische Integration von Deutschschweizer Wohnstätten- und HerkunftsN ins Französische (z. B. dt. Dübendorfer → frz. Dübendorf , dt. Henneberger → frz. Henneberg, dt. Luterbacher → frz. Loutenbach) vgl. den Artikel I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». 4 Im Einzelfall ist jedoch die Bevorzugung einer bestimmten Lesart nicht auszuschliessen. Bspw. deuten Berchtold/ Graf (i. V.) Nussbaum eher als WohnstättenN (nach einem einzelnen Nussbaum), während sie Nussbaumer eher als HerkunftsN (nach einem der ÖrtlichkeitsN Nussbaumen) kategorisieren. 5 Für weitere Beispiele sei auf die Belegsammlungen von Baumgartner (1983), Bruckner (1950), Fähndrich (2000), Hayoz (2022), Reichert (1908), RNB 3 (1986), Saladin (1929), Socin (1903) und Tobler-Meyer (1894) verwiesen. 490 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="491"?> sich bei der Nullmarkierung um ein eigenständiges onymisches Wortbildungsmuster handelt (s. auch Berchtold Schiestl et al. 2020: 452). Unabhängig von der Frage nach seinem Status als onymischer Marker nimmt die Literatur i. d. R. an, der endungslose Typ sei aus den PräpositionsN entstanden (Berchtold Schiestl et al. 2020: 451-452). So ist ein Syntagma mit Präposition (und Definitartikel) und Grundwort die ursprünglichste Art, um auf die Wohnstätte oder Herkunft einer Person zu referieren (Saladin 1929: 128; Baumgartner 1983: 96). Bei der Festwerdung der FamN wurde die Präposition tendenziell immer stärker vernachlässigt, wodurch sie wegfallen konnte (Kunze 2004: 87; Seibicke 2008: 186). Nach dem Schwinden von Präposition (und Definitartikel) dienten die blossen Toponyme resp. ortsbezeichnenden Appellativa der Personenbezeichnung, alternativ trat -er oder -mann an (Tobler-Meyer 1894: 133; Surläuly 1927: 72, 84). Reichert (1908: 92) stellt jedoch gestützt auf Breslauer Quellen die Hypothese auf, dass es gewisse FamN gebe, die «nicht den Umweg über die Präposition gemacht haben, sondern bei denen der Ortsname von vornherein direkt als [FamN] verwendet wurde» (s. auch Bach 1953: 98; Fleischer 1964: 109). Solche Fälle müssten genauer untersucht werden, setzt doch die Literatur meist die relative Chronologie 1. PräpositionsN, 2. Ableitung auf -er oder endungsloser Typ, 3. Ableitung auf -mann an (Socin 1903: 360, 369; Surläuly 1927: 70-71; Berchtold Schiestl et al. 2020: 451; einschränkend Bach 1953: 99, 101). Die frühesten Belege von endungslosen Wohnstätten- und HerkunftsN datiert Socin (1903: 364, 400) für das Oberrheinische in die Mitte des 13. Jh. Im Vergleich zur Gegenwart waren endungslose HerkunftsN wie Bietenholz nach Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 40) «früher viel zahlreicher»; z. B. seien im Kanton Zürich «Namen wie Isliker, Wenziker, Zolliker bis in die Reformationszeit hinein regelmässig nur mit dem reinen Ortsnamen als Islikon, Wenzikon, Zollikon» erschienen (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 11). Damit übereinstimmend hält Berchtold (2011: 88) fest, dass Ableitungen auf -er bei Deutschschweizer Wohnstätten- und HerkunftsN heute am gängigsten seien (vgl. auch Surläuly 1927: 84). Häufiger belegt ist der endungslose Typ in der Gegenwart hingegen im Mittel- und Niederdeutschen (Bach 1953: 147-166; Fleischer 1964: 175-177). Neben der diachronen Dimension und den bereits erwähnten (makro-)arealen Schwerpunkten der vier hauptsächlichen Bildungstypen diskutiert die Forschung weitere Faktoren für das Auftreten der verschiedenen Verfahren: Die Variation zwischen endungslosen und suffigierten Wohnstätten- und HerkunftsN wird u. a. mit der Wortbildung des Ausgangslexems (simplizisch vs. komplex) und lexemspezifischen Präferenzen erklärt (Socin 1903: 360, 364; Reichert 1908: 95-96; Surläuly 1927: 71-72; Bruckner 1950: 4; Kunze 2004: 87; Naumann 2007: 21). Bspw. zeige sich bei FamN zu Toponymen auf -ingen die Tendenz, die er-Ableitung der endungslosen Form vorzuziehen (z. B. FamN Effinger zum SiedlungsN Effingen), 6 während das Zweitglied -dorf vergleichsweise selten suffigiert werde (z. B. FamN Bubendorf zum SiedlungsN Bubendorf ; Surläuly 1927: 71-72; Fleischer 1964: 109; Kunze 2004: 87). Ausserdem seien endungslose WohnstättenN nach Saladin (1929: 130) «in der Stadt verhältnismäßig häufiger als auf der Landschaft, weil gerade die Entwurzelung des Menschen aus seiner heimatlichen Flur und Scholle diese Namensverkürzung begünstigte». Reichert (1908: 91) zieht für den Wegfall der Präposition die Faktoren «räumliche Distanz zur namengebenden Örtlichkeit», «Bekanntheitsgrad des ÖrtlichkeitsN», «äussere Form des ÖrtlichkeitsN» und «soziale Stellung der Namenträger: innen» in Erwägung, bilanziert für Breslau aber ein «regelloses Schwanken» zwischen syntagmatischen und endungslosen FamN (Reichert 1908: 90). Fragestellungen: Vor diesem Hintergrund rücken folgende Fragen in den Fokus dieses Artikels: Welche Wohnstätten- und HerkunftsN treten endungslos auf und in welchen Gebieten sind diese belegt? In welchem räumlichen Verhältnis stehen der endungslose Typ, die Ableitungen auf -er bzw. -mann und die PräpositionsN? Lassen sich aus den ausgewerteten Namen Rückschlüsse auf die sprachhistorische Entwicklung der Nullmarkierung ziehen? Die erste Karte dokumentiert endungslose HerkunftsN aus der Schicht «vor 1800», während sich die zweite Karte den endungslosen WohnstättenN aus derselben Schicht widmet. Die dritte, die vierte, die fünfte und die sechste Karte setzen anhand von ausgewählten Toponymen resp. ortsbezeichnenden Appellativa die für die Schweiz dominanten Bildungsmuster von Wohnstätten- und HerkunftsN zueinander in Beziehung. 6 Für Wohnstätten- und HerkunftsN zu Toponymen auf -ikon vgl. Artikel II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing» (zweite Karte); für weitere FamN auf -ig(er) und -ing(er) vgl. Artikel I-2.1 «Nasalschwund» (zweite Karte). Eine lexikalischmotivische Perspektive bietet die zweite Karte im Artikel III-2.2 «Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen». 2.16 Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen 491 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="492"?> Erste Karte {223}: Endungslose Herkunftsnamen Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle Deutschschweizer FamN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 7 die als HerkunftsN kategorisiert, gegenüber dem Ausgangslexem weder suffigiert noch mit Präposition (und Artikel) erweitert sowie an mindestens drei Orten belegt sind. Unter der Annahme, dass sie das Raumbild nicht massgeblich beeinf lussen, werden endungslose HerkunftsN mit geringerer Frequenz nicht berücksichtigt. Abgefragte Namen Endungslose HerkunftsN, vor 1800: Affolter, Allenbach, Allenspach, Baeriswyl, Bäriswyl, Biberstein, Blumenthal, Brünisholz, Castelberg, Flach, Gonzenbach, Grünig, Guggisberg, Hertenstein, Holenstein, Hollenstein, Jaberg, Jaun, Kalbermatten, Marbach, Murbach, Reichenbach, Rickenbach, Rohrbach, Rüfenacht, Sax, Schlapbach, Schönenberg, Schüpbach, Uebersax, Uster, Wanzenried, Wietlisbach, Winzenried. 34 Types, 209 Tokens. Kreise 16-42, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 231: Daten zur ersten Karte {223} Detailangaben zur Namenauswahl: 8 In der etymologischen Datenbank (Stand 24.10.2023) liegen 1'160 Namen vor, die als HerkunftsN kategorisiert sind; davon treten 385 Namen an mindestens drei Orten auf. Nicht berücksichtigt werden FamN, die sowohl als Herkunftsals auch als WohnstättenN gedeutet werden können und deshalb von Berchtold/ Graf (i. V.) als «Sonstige» kategorisiert worden sind (zur problematischen Abgrenzung dieser beiden Benennungsmotive s. Fleischer 1964: 133 und die Ausführungen im Kapitel III-3 «Wohnstättennamen»). Ausgeschlossen wurden zudem 1. französisch-, italienisch- und rätoromanischsprachige Namen, die als solche hier nicht relevant sind; 2. HerkunftsN mit anderem Bildungsmuster (z. B. Ableitung auf -er); 3. 14 FamN, die nicht auf einen ÖrtlichkeitsN, sondern auf einen Länder-, Volks- oder StammesN (Allemann, Schwab) zurückgehen und damit eine Sondergruppe der HerkunftsN bilden (Seibicke 2008: 187); 9 sowie 4. die drei FamN Arbenz, Cotting und Perron, weil sie auf romanische Toponyme zurückgehen und Sprachkontakteinf lüsse vermuten lassen. Es verbleiben 34 Namen, die in der Kartierung enthalten sind. Für Affolter und Uster ist allerdings zu überlegen, ob allenfalls eine haplologische Verkürzung von -erer vorliegt und damit als Bildungsmuster eigentlich suffigiertes -er anzusetzen wäre. Da sich diese Frage ohne Karte 223: Endungslose HerkunftsN, vor 1800 7 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 8 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 9 Vgl. Artikel III-2.4 «Herkunftsnamen zu Bezeichnungen von Stämmen, Volks- und Sprachgruppen». 492 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="493"?> historische Sondierung nicht beantwortet lässt, werden hier beide FamN als endungslose Formen behandelt. Die Namenauswahl umfasst sowohl HerkunftsN zu spezifischen Orten ( Jaun, Uster) wie auch HerkunftsN zu ÖrtlichkeitsN, die in der Schweiz mehrfach vorkommen (Allenspach, Sax). Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass endungslose HerkunftsN hauptsächlich in einem Gebiet belegt sind, das sich von der deutschfranzösischen Sprachgrenze bis an den Bodensee erstreckt. Als areale Schwerpunkte der Nullmarkierung offenbaren sich einerseits die Stadt Solothurn (SO) mit Umgebung sowie andererseits ein Gebiet, das sich grob von Freiburg i. Ü. (FR) bis Langnau i. E. (BE) und von Bern (BE) bis Thun (BE) spannt. Damit ist das endungslose Bildungsmuster tendenziell ein Typ des Mittellands (mit Verbreitungszentren im westlichen Hochalemannischen), wobei jedoch drei Einschränkungen hervorzuheben sind. Erstens fällt auf, dass ein zusammenhängendes Areal mit den beiden Halbkantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft sowie den drei nördlichsten Bezirken des Kantons Aargau (Rheinfelden, Laufenburg, Zurzach) nur einen einzigen Beleg ausweist. Zweitens schliessen sich das Entlebuch (LU) sowie die östlichen Teile des Emmentals (BE) und des Oberaargaus (BE) der Innerschweiz, dem Kanton Glarus und Teilen des Kantons St. Gallen an, die sich durch eine geringe Belegdichte auszeichnen. Drittens treten endungslose HerkunftsN auch im alpinen Raum und hier vorwiegend in bestimmten Talschaften auf (z. B. Saastal VS, Surselva GR). Zweite Karte {224}: Endungslose Wohnstättennamen Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN aus der Schicht «vor 1800», die als WohnstättenN kategorisiert, gegenüber dem Ausgangslexem weder suffigiert noch mit Präposition (und Artikel) erweitert sowie an mindestens drei Orten belegt sind. Unter der Annahme, dass sie das Raumbild nicht massgeblich beeinf lussen, werden endungslose WohnstättenN mit geringerer Frequenz nicht berücksichtigt. Abgefragte Namen Endungslose WohnstättenN, vor 1800: Aebersold, Aeschbach, Altwegg, Bach, Baumgart, Birbaum, Boll, Bosch, Bösch, Breitenstein, Broch, Büchel, Dalcher, Dambach, Dannacher, Dubach, Dürrenmatt, Eich, End, Fahrni, Finsterwald, Gass, Gehr, Gibel, Gmür, Grab, Grünenwald, Guggenbühl, Haab, Haag, Hadorn, Haldi, Hegelbach, Heggendorn, Helfenstein, Hertach, Hof , Hohl, Horn, Hort, Hosang, Howald, Hubacher, Isch, Jurt, Keel, Kofel, Krähenbühl, Kreienbühl, Krienbühl, Krummenacher, Lack, Läderach, Lädrach, Laub, Laubacher, Limacher, Luginbühl, Miesch, Mischler, Moos, Mühlebach, Mühlestein, Mülli, Rast, Riedweg, Rippstein, Roos, Rosenberg, Rusterholz, Rütti, Sallenbach, Salvisberg, Sarbach, Schadegg, Schatt, Schwarzenbach, Soller, Spitz, Spycher, Stooss, Strahm, Stutz, Ursprung, Vogelsang, Waldesbühl, Waldispühl, Wasem, Wasserfallen, Weingart, Wüger, Würzer, Wyden, Wyer, Züst. 95 Types, 539 Tokens. Kreise 16-42, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 232: Daten zur zweiten Karte {224} Karte 224: Endungslose WohnstättenN, vor 1800 2.16 Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen 493 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="494"?> Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 24.10.2023) liegen 1'199 Namen vor, die als WohnstättenN kategorisiert sind; davon treten 460 Namen an mindestens drei Orten auf. Nicht berücksichtigt werden auch hier FamN, die sowohl als Wohnstättenals auch als HerkunftsN gedeutet werden können und deshalb von Berchtold/ Graf (i. V.) als «Sonstige» kategorisiert worden sind. Ausgeschlossen wurden zudem 1. französisch-, italienisch- und rätoromanischsprachige Namen; 2. WohnstättenN mit anderem Bildungsmuster (z. B. Ableitung auf -er); 3. der FamN Stern, der i. d. R. auf den HäuserN Stern(en) zurückgeht und damit zu einer Sondergruppe der WohnstättenN gehört (Kunze 2004: 63); 10 4. eine Sondergruppe mit den drei FamN Dahinden, Hinder und Hinnen, bei denen nicht ein Substantiv, sondern ein Ortsadverb namengebend war (Berchtold 2011: 88); 5. Rey und Risi, für die neben deutschen auch romanische Ausgangslexeme anzunehmen sind; sowie 6. folgende acht Namen, deren genaue Deutung bzw. deren Bildungsmuster unklar ist (Stand 24.10.2023): Altermatt, Bächler, Brulhart, Brülhart, Herde, Marfurt, Tännler, Weiler. Es verbleiben 95 Namen, die in der Kartierung enthalten sind. Zu erwägen ist jedoch auch bei diesem Sample, ob bei FamN wie Hubacher und Spycher allenfalls eine haplologische Verkürzung von -erer vorliegt und damit als Bildungsmuster eigentlich suffigiertes -er anzusetzen wäre. Die Namenauswahl umfasst WohnstättenN basierend auf der Geländeform/ Topographie (Boll ‘rundlicher, kuppenförmiger Hügel, Höhe, Anhöhe’, Gehr ‘Zipfel, keilförmiges Stück’), der Bodenbeschaffenheit (Limacher ‘Lehmacker’), Gewässern, Sümpfen und Quellen (Aebersold ‘Lache, Pfütze, in der sich Wildschweine suhlen’, Bach), der Vegetation (Birbaum, Bösch ‘Strauch, Busch’), Bezeichnungen für Kulturland (Baumgart ‘mit Obstbäumen bestandenes Land, meist in der Nähe des Hofes’, Rütti ‘urbar gemachtes Land’) oder baulichen Einheiten (Gass, Gmür ‘Gemäuer, Gebäude’). Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass die endungslosen WohnstättenN ebenfalls primär im Mittelland verbreitet sind, während in voralpinen und alpinen Räumen nur wenige Belege in Erscheinung treten (z. B. Visp VS und Umgebung, Viamala GR). Im Vergleich zur ersten Karte offenbaren sich jedoch folgende Unterschiede: Erstens erreicht die Nullmarkierung bei WohnstättenN eine deutlich höhere Type- und Tokenfrequenz als bei HerkunftsN. Zweitens weisen die endungslosen WohnstättenN nicht nur eine grössere Belegdichte und Formenvielfalt, sondern auch eine grössere räumliche Ausdehnung auf, da das gesamte Mittelland mit Ausnahme des Kantons Schaffhausen und Teile des Oberaargaus (BE) den endungslosen Bildungstyp kennen. Areale Schwerpunkte innerhalb des Mittellands zeigen sich weniger deutlich als bei den HerkunftsN; allenfalls könnte man auch hier das Einzugsgebiet der Aare zwischen Bern (BE) und Thun (BE) sowie zusätzlich den Bezirk Willisau (LU) mit angrenzenden Regionen nennen. Dritte und vierte Karte {225, 226}: Herkunftsnamen zu Grüni(n)gen und Rickenbach Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN aus der Schicht «vor 1800», die auf die Toponyme Grüni(n)gen und Rickenbach rückführbar sind. Am Beispiel dieser beiden ÖrtlichkeitsN sollen die drei für die Schweiz dominanten Bildungstypen von HerkunftsN (Form mit Präposition, Form mit Suffix -er sowie endungslose Form) einander gegenübergestellt werden. Die Wahl fiel u. a. deshalb auf Grüni(n)gen und Rickenbach, weil alle drei Bildungsmuster vor 1800 dokumentiert sind und beide Ausgangslexeme in verschiedenen Teilen der Deutschschweiz vorkommen. Abgefragte Namen Endungslos: Grünig. 4 Tokens. Mit Präposition: von Grünigen. 1 Token. Typ -er: Grüniger, Grüninger. 7 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10-25, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 233: Daten zur dritten Karte {225} Abgefragte Namen Endungslos: Rickenbach, Riggenbach, Rikenbach. 7 Tokens. Mit Präposition: von Rickenbach. 3 Tokens. Typ -er: Rickenbacher, Riggenbacher, Rikenbacher. 9 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 234: Daten zur vierten Karte {226} Detailangaben zur Namenauswahl: Nach Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Grünig) sind Grünig, Grüniger, Grüninger und von Grünigen HerkunftsN (oder allenfalls auch WohnstättenN) zu einem der ÖrtlichkeitsN Grünigen oder Grüningen (dialektal: [ˈɡryəniɡə]), wie sie in der Schweiz mehrfach vorkommen. Die Etymologie des Toponyms Grüni(n)gen ist unsicher; diskutiert werden u. a. die Deutungen «bei den (Gefolgs-)Leuten des Gruno, Gruono o. ä.» oder «bei den Leuten im Wiesengelände» zum Adjektiv grün (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 802000116). Im Deutschschweizer Familiennamenbestand tritt Grüni(n)gen endungslos (Grünig mit e-Apokope), suffigiert (Grüniger, Grüninger) und mit Präposition (von Grünigen) auf. 11 Die HerkunftsN (oder allenfalls auch WohnstättenN) der vierten Karte gehen nach Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Rickenbacher) auf den Siedlungs-, Flur- und Gewässernamentyp Rickenbach (mit dem Bestimmungswort schwzdt. Rick ‘längliche Mulde, enger Durchgang, Engpass usw.’ für schmale Fliessgewässer bzw. solche mit Engstellen, Stauungen o. ä.) zurück, der als kleinerer oder grösserer SiedlungsN etwa in den Kantonen Solothurn, Basel-Landschaft, Luzern, Schwyz, Zürich und Thurgau vorkommt. Das Toponym ist mit Nullmarkierung (Rickenbach, Riggenbach, Rikenbach), er-Suffix (Rickenbacher, Riggenbacher, Rikenbacher) und Präposition (von Rickenbach) in das Familiennameninventar eingegangen. 12 Unberücksichtigt blieb der FamN Reichenbach zu einem der gleichlautenden SiedlungsN, wie 10 Vgl. Artikel III-3.9 «Wohnstättennamen zu Häusernamen». 11 Zur Variation zwischen nasalhaltigen und nasallosen Formen vgl. Artikel I-2.1 «Nasalschwund». 12 Zum Nebeneinander von Rikenbach(er) und Riggenbach(er) vgl. Artikel I-2.6 «Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut». Für Wohnstätten- und HerkunftsN mit Bach vgl. Artikel III-3.2 «Wohnstättennamen nach Gewässern und wasserbaulichen Anlagen» (zweite Karte). 494 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="495"?> Karte 225: HerkunftsN zu Grüni(n)gen, vor 1800 Karte 226: HerkunftsN zu Rickenbach, vor 1800 2.16 Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen 495 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="496"?> sie insbesondere im Kanton Bern bezeugt sind. Neben einer Zusammensetzung aus dem Grundwort Bach und dem Bestimmungswort ahd. rihhi, mhd. rīch(e), rich ‘mächtig, reich’ (vgl. BENB I/ 5 2017: Sp. 73-74) kann gelegentlich eine verhochdeutschende und umdeutende Schreibung für älteres Rickenbach nicht ausgeschlossen werden. Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass der PräpositionsN von Grünigen einzig im westlichen Berner Oberland (Saanen BE) und damit im alpinen, höchstalemannischen Raum belegt ist. Von den vier Grünig -Belegen konzentrieren sich drei in der Region Thun (Burgistein BE, Gerzensee BE, Krattigen BE), die bereits in der Gesamtkarte der endungslosen HerkunftsN (erste Karte) als arealer Schwerpunkt des Bildungstyps identifiziert worden ist. Für den vierten Beleg in Eichberg (SG) weist das e-FNB (1989) aus, dass das Bürgerrecht 1793 durch Einbürgerung erteilt wurde, der Herkunftsort ist jedoch nicht bekannt. Die FamN Grüniger, Grüninger treten einerseits in Regionen auf, für die auch in der Gesamtkarte der endungslose Bildungstyp ausgewiesen wird (Berneck SG, Hallau SH, Ermatingen TG), andererseits auch in Gebieten, in denen die Nullmarkierung seltener zu sein scheint (Basel BS, Altendorf SZ, Lachen SZ, Näfels GL). Die vierte Karte verdeutlicht, dass die FamN zum Toponym Rickenbach (abgesehen vom Einzelbeleg in Salenstein TG) in zwei Regionen der Deutschschweiz vorkommen: Ein erstes Namennest zeigt sich im Kanton Schwyz, wo alle drei Bildungsmuster auf engem Raum vertreten sind. Mit je einem Beleg in den Gemeinden Muotathal (SZ), Steinen (SZ) und Steinerberg (SZ) tritt der PräpositionsN von Rickenbach ausschliesslich in diesem (vor-)alpinen Innerschweizer Kanton auf. In ersteren beiden Gemeinden ist zudem der Typ -er belegt, sodass kleinsträumige Formvariation feststellbar ist. Der suffigierte Bildungstyp ist im Kanton Schwyz in den zwei Varianten Rickenbacher (4 Tokens) und Rikenbacher (1 Token) bezeugt. In der Gemeinde Schwyz (SZ) steht Rickenbacher neben der endungslosen Form Rickenbach, die ferner in Arth (SZ) alteingesessen ist. Ein weiteres Cluster von HerkunftsN zum Toponym Rickenbach lässt sich an der Grenze zwischen dem Kanton Aargau (Rickenbach, Rikenbach) und dem Kanton Basel-Landschaft (Riggenbach, Riggenbacher, Rickenbacher) - mit einem Ausreisser in der Stadt Basel (Riggenbach, zugezogen aus Rünenberg BL) - erkennen. Mit Rickenbacher, Riggenbacher und Riggenbach sind in der Gemeinde Rünenberg (BL) drei verschiedene Namenvarianten alteingesessen. Fünfte und sechste Karte {227, 228}: Wohnstättennamen zu Moos und Stutz Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN aus der Schicht «vor 1800», die auf die Toponyme resp. ortsbezeichnenden Appellativa Moos und Stutz rückführbar sind. Am Beispiel dieser beiden Ausgangslexeme sollen die vier für die Schweiz dominanten Bildungstypen von WohnstättenN (Form mit Präposition, Form mit Suffix -er, Form mit Suffix -mann sowie endungslose Form) einander gegenübergestellt werden. Die Wahl fiel u. a. deshalb auf Moos und Stutz, weil alle vier Bildungsmuster vor 1800 dokumentiert sind und beide Ausgangslexeme grundsätzlich in der ganzen Deutschschweiz vorkommen. Abgefragte Namen Endungslos: Moos. 12 Tokens. Mit Präposition: Amoos, Amos, Famos, Immoos, von Moos, Vonmoos, Zmoos. 7 Types, 14 Tokens. Typ -er: Mooser, Moser. 92 Tokens. Typ -mann: Moosmann, Mosimann, Mosmann. 15 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 235: Daten zur fünften Karte {227} Abgefragte Namen Endungslos: Stutz. 38 Tokens. Mit Präposition: Amstutz. 7 Tokens. Typ -er: Stutzer. 1 Token. Typ -mann: Stutzmann. 2 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 236: Daten zur sechsten Karte {228} Detailangaben zur Namenauswahl: Die in der fünften Karte abgebildeten WohnstättenN gehen zurück auf das ortsbezeichnende Appellativ Mo(o)s (‘Moos, Sumpf, Moor’) bzw. auf einen daraus hervorgegangenen ÖrtlichkeitsN, wie er in der Schweiz oft belegt ist. 13 Das Grundwort Mo(o)s ist in unerweiterter Form (Moos), mit suffigiertem -er (Mooser, Moser), mit suffigiertem -mann (Moosmann, Mosimann, Mosmann) sowie mit verschiedenen Präpositionen (Amoos, Amos, Famos, Immoos, von Moos, Vonmoos, Zmoos) in den Familiennamenbestand eingegangen. Bei Famos (Ramosch GR) ist insofern von einem volksetymologischen Prozess auszugehen, als der FamN Vonmoos (Ramosch GR, Malans GR) bei der Integration ins Rätoromanische wahrscheinlich mit rätorom. famos ‘ausgezeichnet, vortreff lich, vorzüglich, köstlich’ in Verbindung gebracht wurde. Namengebend für die in der sechsten Karte behandelten WohnstättenN ist das ortsbezeichnende Appellativ resp. der häufige FlurN Stutz (‘steiler Hang, abschüssige Stelle, steil ansteigende Strasse’). 14 Im Deutschschweizer Onomastikon tritt das Ausgangslexem Stutz in endungsloser Form (Stutz), mit Suffix -er (Stutzer) resp. -mann (Stutzmann) und mit Präposition (Amstutz) auf. Ausgeschlossen wurde der PräpositionsN de Stoutz (Genf GE), der 1791 aus Deutschland eingebürgert wurde und sozioonomastisch von Amstutz unterschieden werden muss. 15 13 Vgl. Artikel III-3.3 «Wohnstättennamen zu Uferlandschaften, Sümpfen und Sumpfpf lanzen» (zweite und vierte Karte). 14 Vgl. Artikel III-3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie» (siebte Karte). 15 Vgl. Artikel II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de». 496 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="497"?> Karte 227: WohnstättenN zu Moos, vor 1800 Karte 228: WohnstättenN zu Stutz, vor 1800 2.16 Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen 497 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="498"?> Kommentar: Die fünfte und die sechste Karte zeigen, dass die Verteilung zwischen den vier dominanten Bildungsmustern von WohnstättenN stark vom Ausgangslexem abhängen kann. Bei den FamN zu Mo(o)s überwiegt Mo(o)ser mit insgesamt 92 Tokens deutlich. Moser ist mit 89 Tokens nach Brunner (146 Tokens) und Bühler (96 Tokens) gar der dritthäufigste WohnstättenN in der Schicht «vor 1800», während Moos nur an zwölf Orten belegt ist. Die Formen auf -mann sind in 15 Gemeinden alteingesessen, wobei das Emmental (BE) hervortritt. Mo(o)ser verteilt sich über viele Regionen der Deutschschweiz, während der endungslose Typ vorwiegend im Kanton Zürich und in angrenzenden Teilen des Kantons Aargau dokumentiert ist. In der sechsten Karte zeigt sich ein umgekehrtes Mengenverhältnis zwischen Endungslosigkeit und Suffigierung: Unerweitertes Stutz (38 Tokens) dominiert gegenüber Stutzer (Küssnacht am Rigi SZ) und Stutzmann (Homberg BE, Uebeschi BE). Auffällig ist die fast ausschliessliche Verbreitung von Stutz in den Kantonen Aargau, Luzern, Thurgau und Zürich. Zu beiden Ausgangslexemen sind PräpositionsN belegt, die sich mehrheitlich, aber nicht ausschliesslich, im (vor-)alpinen Raum konzentrieren: Im Kanton Wallis sind Amoos (Venthône VS) und Amos (Randogne VS) alteingesessen, das Berner Oberland kennt den FamN Zmoos (Boltigen BE) und Immoos tritt im Kanton Schwyz auf (Ingenbohl SZ, Morschach SZ, Schwyz SZ). Famos (Ramosch GR) sowie Vonmoos (Malans GR, Ramosch GR) sind für den Kanton Graubünden bezeugt. Letzterer FamN tritt aber auch im luzernischen Mittelland (Grossdietwil LU, Pfaffnau LU) in Erscheinung. Die Schreibvariante von Moos kommt in den Städten Luzern und Zürich sowie in Sachseln (OW) vor. Beim Ausgangslexem Stutz finden sich Belege des präpositionalen Bildungstyps in (vor-)alpinen Gebieten (Ennetmoos NW mit Zuwanderung aus Engelberg OW, Engelberg OW, Grächen VS, Küssnacht am Rigi SZ) und in der Thunerseeregion (Nof len BE, Sigriswil BE, Unterseen BE). Ergebnisse Die erste und die zweite Karte dokumentieren die einschlägigen Wohnstätten- und HerkunftsN aus der Schicht «vor 1800», die an mehr als drei Orten alteingesessen sind und gegenüber ihrem Ausgangslexem weder Suffix noch Präposition aufweisen. Als Hauptbefund ist festzuhalten, dass die endungslose Variante vorwiegend im Mittelland auftritt und Belege im (vor-)alpinen Raum eher die Ausnahme sind. Bei den HerkunftsN muss jedoch berücksichtigt werden, dass dieser Namentyp i. d. R. Zugewanderte benennt und daher v. a. in Zuwanderungsgebieten belegt ist. Daraus lässt sich folgern, dass HerkunftsN - unabhängig von ihrem Bildungsmuster - im Mittelland mit seinen städtischen Zentren eine grundsätzlich höhere Frequenz erreichen als in (vor-)alpinen Regionen, die eher als Abwanderungsgebiete einzuordnen sind (Berchtold 2011: 86). 16 Vergleicht man die beiden Benennungsmotive miteinander, fällt auf, dass die Nullmarkierung bei WohnstättenN sowohl type- und tokenfrequenter wie auch geographisch weitläufiger ist als bei HerkunftsN. 17 Relativ zu anderen Regionen werden Letztere v. a. im westlichen Hochalemannischen (Kantone BE, FR, SO) häufig endungslos gebildet. Warum dieses Gebiet gegenüber der Endungslosigkeit von HerkunftsN etwas offener zu sein scheint resp. inwieweit es sich ggf. um einen Zufallsbefund aufgrund geringer Samplegrösse handelt, müsste in einer vertiefenden Arbeit genauer untersucht werden. Für die WohnstättenN lassen sich areale Schwerpunkte etwas weniger eindeutig identifizieren, wobei auch hier das Berner Mittelland stark vertreten ist. Während Berchtold Schiestl et al. (2020: 456) in ihrer Fallstudie (Samplegrösse = 15 FamN) eine leichte Anhäufung endungsloser WohnstättenN am Nordrand der Schweiz feststellen, tritt diese Sonderstellung der nördlichen Deutschschweiz bei einer grösseren Datenmenge (Samplegrösse = 95 FamN) also zurück. Die höhere Frequenz von endungslosen WohnstättenN gegenüber endungslosen HerkunftsN könnte darauf hinweisen, dass der Drang nach einer formalen Unterscheidung zwischen Anthroponym und Toponym resp. ortsbezeichnendem Appellativ bei diesem Benennungsmotiv tendenziell geringer ist als bei HerkunftsN, dass also HerkunftsN klarer als solche markiert sein müssen. Da HerkunftsN üblicherweise auf Toponyme zurückgehen, während bei WohnstättenN auch Appellativa namengebend sind (Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 152, 154), wäre zu erwägen, ob Endungslosigkeit eher bei appellativischen als bei toponymischen Ausgangslexemen auftritt resp. ob Toponyme bei der Bildung von FamN eher mit Suffix markiert werden als ortsbezeichnende Appellativa. Verlangen also Toponyme, die schon EigenN sind, tendenziell stärker eine zusätzliche onymische Markierung, um als FamN erkannt zu werden? Eine klare Antwort auf diese Frage kann schwer gegeben werden, weil es oft unmöglich ist, zu bestimmen, ob ein FamN auf einem Toponym oder auf einem ortsbezeichnenden Appellativ basiert (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 25). Die vier weiteren Karten gehen anhand von ausgewählten Fallbeispielen genauer auf die Konkurrenz zwischen dem endungslosen Typ und den anderen dominanten Bildungsmustern ein. Unter Mitberücksichtigung der weiteren Artikel, die sich mit den verschiedenen Bildungstypen von Wohnstätten- und HerkunftsN auseinandersetzen, zeigen sich folgende Tendenzen: PräpositionsN sind für alle vier untersuchten Ausgangslexeme eher in den voralpinen und alpinen Gegenden dokumentiert, während FamN auf -mann und endungslose Formen tendenziell eher im Mittelland auftreten und nur beschränkt auch in den (vor-)alpinen Raum vorzudringen vermochten. Damit zeigt sich zwischen den älteren PräpositionsN und diesen zwei jüngeren Bildungstypen eine relativ komplementäre räumliche Ausdehnung. Ableitungen auf -er verteilen sich hingegen grundsätzlich über die ganze Deutschschweiz. Dieses Raumbild lässt sich aus sprachhistorischer Sicht als Chronologie interpretieren. So ist mit Berchtold Schiestl et al. (2020: 457) anzunehmen, dass suffigiertes -er als «wohl das früheste unter den die alte Konstruktion ablösenden Bildungsmustern […] im Deutschschweizer Sprachraum so früh produktiv geworden [ist], dass es ihn vollständig erreichen» konnte, und dass dessen «dominante Stellung» die Produktivität von endungslosen Formen und suffigiertem -mann einschränkte. Um die sprachhistorischen Entwicklungen und die Chronologie der verschiedenen Verfahren im Detail nachzeichnen zu können, wären 16 Man beachte jedoch die Befunde im Artikel III-2.1 «Herkunftsnamen zu Schweizer Toponymen». 17 Damit übereinstimmend kann im Artikel II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen» nachgewiesen werden, dass der Typ -er bei HerkunftsN noch häufiger ist als bei WohnstättenN. 498 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="499"?> aber historische Sondierungen zu den einzelnen FamN nötig. So hält Bach (1953: 99) fest, dass die Entwicklung der Bildungstypen wahrscheinlich «verwickelter» gewesen sei als typischerweise dargestellt. Die Frequenzverhältnisse der Bildungsmuster offenbaren zudem lexemspezifische Unterschiede. Augenfällig ist dies z. B. bei den WohnstättenN zu Moos und Stutz, die voneinander stark abweichende Präferenzen hinsichtlich Bildungstyp zeigen. Ergänzend könnte man hier das Grundwort Bach anführen, bei dem FamN auf -mann überwiegen (vor 1800 mit 82 Tokens). 18 Warum jeweils ein anderes Verfahren so klar dominiert und warum Bachmann, Moser und Stutz die höchste Frequenz erreichen, kann ohne vertiefende Untersuchung nicht beantwortet werden. Auf der Basis der hier ausgewählten FamN lassen sich nur Vermutungen anstellen, welche Faktoren eine Nullmarkierung begünstigen könnten: Übereinstimmend mit den Annahmen der Literatur (vgl. z. B. Socin 1903: 360) basiert ein Grossteil der endungslosen HerkunftsN auf einem komplexen Ausgangslexem (Kalbermatten, Schüpbach). Ferner lauten 11 von 34 Types auf das Zweitglied -bach aus, dem sowohl eine Affinität zur Endungslosigkeit als auch eine solche zur Suffigierung attestiert worden ist (Surläuly 1927: 71-72; Kunze 2004: 87). Das Sample mit endungslosen WohnstättenN wirkt heterogener und zeigt auf den ersten Blick keine solchen Auffälligkeiten. Neben dem Faktor «Wortbildung» und lexemspezifischen Tendenzen sind auch artikulationsgesteuerte Präferenzen denkbar; bspw. die Bevorzugung von Affolter, Uster und Spycher gegenüber *Affolterer, *Usterer und *Spycherer. Es ist ferner anzunehmen, dass die verschiedenen Bildungsmuster auf kleinräumiger Ebene zur Differenzierung dienen (z. B. Riggenbach neben Rickenbacher und Riggenbacher in Rünenberg BL, Amstutz neben Stutzer in Küssnacht am Rigi SZ). Zu prüfen wäre ausserdem, ob die Präsenz resp. das Überwiegen eines bestimmten Bildungsmusters in einem bestimmten Gebiet ggf. mit den Schreibtraditionen der verschiedenen Kanzleien zusammenhängt (Reichert 1908: 90). Die Frage nach allfälligen Faktoren bietet sich für weiterführende Studien an. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten endungslosen FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Stutz (3'669 Tokens), Bösch (3'265 Tokens) und Schüpbach (3'216 Tokens). Endungslose FamN beschränken sich nicht auf Wohnstätten- und HerkunftsN, sondern treten auch bei anderen Benennungsmotiven auf (z. B. Beck, Zünd ). Nach Graf (2018a: 82) sind besonders suffixlose Nomina agentis «im Familiennamenbestand recht häufig», man beachte dazu den Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». Die Alternanz zwischen endungslosen und suffigierten Varianten findet sich auch bei ÖrtlichkeitsN, z. B. Noll neben Noller im Kanton St. Gallen (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 4002201, 4073790). Für ausführlichere Angaben zu suffigiertem -er bei Toponymen sei u. a. auf das Suffixglossar im BENB I/ 6 (2020: LXIII-LXIV) verwiesen. Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 3 (2012: 244-331) wird die Bildung von Wohnstätten- und HerkunftsN ausführlich behandelt. Nach Ausgangslexem geordnet, werden v. a. der endungslose Typ und die Ableitung auf -er einander gegenübergestellt, doch auch Formen auf -mann und syntagmatische FamN sind berücksichtigt. Die Variation zwischen den verschiedenen Verfahren wird auch im DFA 4 (2013) deutlich. Wie eingangs erwähnt, ist der oberdeutsche Raum in erster Linie von suffigiertem -er geprägt, das je nach Ausgangslexem unterschiedlich weit auch ins Mitteldeutsche vorgedrungen ist. In letzterem Gebiet wie auch im Niederdeutschen treten im Vergleich zum Oberdeutschen vermehrt endungslose Formen und FamN auf -mann auf (DFA 3 2012: 244-331). In diesem Zusammenhang halten Nübling/ Kunze (2023: 388) fest, dass die morphologische Variation zwischen Endungslosigkeit und suffigiertem -er bei Wohnstätten- und HerkunftsN die Benrather Linie als allgemeine, «markante Sprach- und Kulturgrenze untermauert». Ausblick Die Frage nach dem Vorkommen und der Verbreitung von endungslosen Wohnstätten- und HerkunftsN lässt sich aus verschiedenen Perspektiven weiter vertiefen. Bspw. wären systematische historische Untersuchungen zu allen Familiennamentypen mit Endungslosigkeit wünschenswert. Aus namentheoretischer Sicht scheint es u. a. lohnend, die Frage nach dem Status der Nullmarkierung als onymisches Wortbildungsmuster weiterzuverfolgen (vgl. ausführlich Graf 2018a; Graf 2018b). Auch könnte man der Frage nachgehen, inwieweit endungslose FamN - im Vergleich zu den anderen Bildungsmustern - dem idealen EigenN, wie ihn Nübling (2000) charakterisiert, entsprechen. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. 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Da Komposition in der deutschen Lexik ein sehr stark genutztes Wortbildungsverfahren darstellt (Hentschel/ Vogel 2009: 469), soll hier der Frage nachgegangen werden, inwieweit zusammengesetzte Formen auch im Onomastikon eine Rolle spielen. Im Vordergrund steht das Ziel, einen Gesamtüberblick über Komposition als Bildungsmuster im historischen Deutschschweizer Familiennamenbestand zu bieten. 1 Dabei interessiert insbesondere, wie häufig resp. in welchen Arealen Familiennamenkomposita belegt sind und welche Kompositatypen sich identifizieren lassen. Eine Untersuchung der zusammengesetzten FamN ist auch insofern lohnenswert, als sie u. a. kultur- und sozialgeschichtliche Hinweise liefern (z. B. Spezialisierung der Schmiede in FamN wie Goldschmid, Haubenschmid, Isenschmid, Pfannenschmid usw.) und Rückschlüsse auf verschiedene Variationsphänomene bzw. Sprachwandelprozesse ermöglichen können (z. B. dialektnäheres Isenring neben standardnäherem Eisenring; untergegangenes Adjektiv lützel in Lützelschwab). Hintergrund: Das Deutsche, insbesondere die formelle, geschriebene Standardsprache, gilt als überaus «kompositionsfreudig» (Schlücker 2012: 2; s. auch Roelcke 2011: 256), da gerade die nominale Komposition ein hochproduktives Wortbildungsmuster darstellt (z. B. Haustür ← Subst. Haus + Subst. Tür; Schlücker 2012: 3-4; Müller/ Olsen 2022: 58, 382-383). Das Verfahren, durch Kombination freier Morpheme neue Wörter zu bilden, ist aus dem (Indo-)Germanischen ererbt und bereits im Althochdeutschen zahlreich belegt (z. B. klagasang ← Subst. klaga + Subst. sang; Krahe/ Meid 1969: 16-17; Schlücker 2012: 4; Schützeichel 2012: 177; Müller/ Olsen 2022: 92-93). Wie sprachhistorische Untersuchungen zeigen, hat die Neigung zur Komposition seit althochdeutscher Zeit weiter zugenommen, indem sich neue Kompositionsmuster ausgebildet haben und strukturelle Beschränkungen wie z. B. die Anzahl Glieder graduell abgebaut worden sind (Wurzel 1996: 505, 517; Roelcke 2011: 261; Schlücker 2012: 5; Kopf 2018; Müller/ Olsen 2022: 93). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, inwiefern auch FamN eine solche Kompositionsfreudigkeit aufweisen, scheinen sich doch zusammengesetzte Formen wie Ruckstuhl (← schwzdt. Ruggstuel ‘Rückenstuhl, Stuhl mit Rückenlehne’ für den Stuhlmacher) oder Lindenmeyer (← FlurN Linde(n) + Subst. Meyer ‘Gutsverwalter, auch Grossbauer’) generell gut in das typologische Profil des Deutschen einzufügen (Wurzel 1996: 504). Allerdings erfüllen EigenN grundsätzlich andere Funktionen als nicht-onymische Lexeme, was sich auch in der Form äussert (z. B. onymischer Einheitsplural -s; s. ausführlich Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 64-92), sodass generelle Forschungsergebnisse zur Lexik nicht uneingeschränkt auf das Onomastikon übertragen werden dürfen. Fleischer/ Barz (2012: 179) heben entsprechend hervor, «dass der Eigenname innerhalb des Wortschatzes eine Sonderstellung einnimmt und sich daraus auch Spezifika für die Wortbildung ergeben». Ähnlich hält Hentschel (2020: 40) in ihren Ausführungen zur Komposition im Deutschen fest, dass bei EigenN «besondere Bedingungen» gelten würden. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit Familiennamenkomposita bleibt in der Literatur jedoch oft aus. So finden sich in onomastischen Einführungswerken wie z. B. Gottschald (2006) ausführliche Angaben zur Derivation in der Familiennamenbildung, während die Komposition demgegenüber in den Hintergrund rückt und oft v. a. im Zusammenhang mit der mittelalterlichen Berufsspezialisierung oder den Meier-Komposita grössere Beachtung findet. Generell lassen sich bei Familiennamenkomposita verschiedene Entstehungspfade unterscheiden (Reichert 1908: 138; Bach 1952: 138-139). Einerseits können bereits bestehende Komposita zu FamN werden, wie dies etwa bei dem BerufsüberN Wollschlegel (← Subst. Wollschlegel ), dem Patronym Hildebrand (← zweigliedriger germanischer Ruf N Hildebrand ), dem WohnstättenN Rauschenbach (← Flur- oder GewässerN Rauschenbach) oder dem HerkunftsN Freiburghaus (← Toponym Freiburghaus) der Fall ist. Weil Komposita bei deutschen SiedlungsN «mit einem Anteil von gebietsweise 75-90 % […] den Haupttyp» ausmachen (Ackermann 2023: 665 gestützt auf Loga 2020: 497, 510), nimmt dieser erste Entstehungspfad bei Wohnstätten- und HerkunftsN - zumindest in bestimmten Teilen des deutschsprachigen Raums - eine wichtige Rolle ein (s. auch Koss 2002: 18; Nübling/ Kunze 2023: 505). Ein anderer Entstehungspfad liegt vor, wenn freie Morpheme erst im Zuge der Beibzw. Familiennamenbildung zu Komposita kombiniert werden. Bspw. merken Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Kleinpeter) für den FamN Kleinpeter an, das adjektivische Erstglied diene dazu, «unter der früher umfangreicheren Kinderschar jene mit demselben Taufnamen zu unterscheiden», und benenne somit die jüngere von zwei Personen mit dem Ruf N Peter. Die resultierenden Familiennamenkomposita lassen sich u. a. anhand ihrer Konstituenten in Untertypen kategorisieren. So zeigt Tabelle 237 vereinfacht, aus welchen nicht-onymischen und/ oder onymischen Gliedern sich Familiennamenkomposita zusammensetzen können (s. auch Bach 1952: 144-148). Weitere Kompositatypen wie «Toponym + Ruf N» (z. B. FamN Schwizgebel ← Toponym Schwyz + Ruf N Gabriel; FamN Lippuner ← Ruf N Philipp + Toponym Bun) oder «FamN + FamN» (z. B. getrennt geschriebener FamN Baumer Büel ) finden in der Übersicht keine Berücksichtigung, weil sie im historischen Bestand der Deutsch- 1 Für eine vergleichende Perspektive vgl. den Artikel II-2.18 «Komposita: Formvarianten im Kontrast», der ausgewählte Familiennamenkomposita zusammen mit den entsprechenden Grundwörtern und Derivaten kartiert. 2.17 Komposita: Gesamtdarstellung 501 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="502"?> schweizer FamN quantitativ weniger relevant oder nur schwer nachzuweisen sind (s. u.). Nach Nübling (2000: 280-285) handelt es sich bei Familiennamenkomposita tendenziell um teilbis volltransparente EigenN, die aus - formal ggf. veränderten - nicht-onymischen Morphemen bestehen (z. B. FamN Streckeisen zu schwzdt. Streckīse(n) ‘Werkzeug, mit dem der Gerber die Fleischteilchen von den Rohhäuten entfernt’) oder die auch - formal ggf. verändertes - onymisches Material enthalten (z. B. FamN Grossniklaus für die ältere von zwei Personen namens Niklaus, FamN Schmidheini wohl aus dem FamN Schmid und dem Ruf N Heini). Vergleicht man die Erst- und die Letztglieder von Familiennamenkomposita, zeigen Letztere eine stärkere Neigung zu Transparenz; bspw. «lassen sich ganze Reihen mit […] -müller (nebst Allographien) zusammenstellen» (Nübling 2000: 284). Vollständig opake FamN sind hingegen häufig ausdrucksseitig kurz und morphologisch eingliedrig (Nübling 2000: 285). Ungeachtet dieser Grundtendenz, dass Komposita oft zumindest partiell transparent sind, lässt sich ihre Bedeutung nicht immer ohne Weiteres festmachen, weil die Bandbreite der semantischen Relationen zwischen den Gliedern relativ gross ist (Schlücker 2012: 14; Müller/ Olsen 2022: 378, 383): «Ein Obstkuchen enthält Obst, ein Marmorkuchen sieht ähnlich wie Marmor aus, ein Kastenkuchen wird in einer kastenförmigen Form gebacken, ein Teekuchen wird zum Tee gegessen, ein Hundekuchen ist für Hunde gedacht etc.» (Hentschel 2020: 39). Für Familiennamenkomposita wie Aenishänslin kann daher ohne besondere Kenntnisse lediglich angenommen werden, dass «eine Person namens Hänsli in irgendeiner Weise mit Anis zu tun hatte oder damit in Verbindung gebracht wurde» (Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Aenishänslin). Zudem tritt bei Komposita diachron häufig eine Bedeutungsverengung oder -verschiebung ein (z. B. demotiviertes/ idiomatisiertes Jungfrau gegenüber junge Frau; Wilmanns 1930: 4; Henzen 1965: 41, 74; Paul 1995: 333). Auch Auf lösungserscheinungen in der Kompositionsfuge sowie andere lautliche Veränderungen können zu einer Verdunklung der Komposita führen (z. B. FamN Alder zu mhd. althërre, FamN Albietz zu mhd. altbüezer; Henzen 1965: 74; Olsen 2000: 901; DFA 3 2012: XXIV). Fragestellungen: Der vorliegende Kartenkomplex geht der Frage nach, mit welcher Type- und Tokenfrequenz Familiennamenkomposita in der Schicht «vor 1800» auftreten. Dabei interessiert auch, in welchen Regionen solche Formen belegt sind und aus welchen Gliedern sie sich zusammensetzen. Die Kartierung der ausgewählten FamN basiert einerseits auf den gängigen Benennungsmotiven, andererseits auf der grundsätzlichen Unterscheidung zwischen nicht-onymischen (hier auch lexikalisch genannt) und onymischen Konstituenten. So dokumentieren die erste, die zweite und die dritte Karte FamN, die aus rein lexikalischen Gliedern bestehen. Die vierte Karte widmet sich den sogenannten lokalisierten BerufsN wie Lindenmeyer, die ein toponymisches Bestimmungswort mit einer Berufsbezeichnung als Grundwort kombinieren. Im Fokus der fünften und der sechsten Karte stehen Komposita mit nicht-onymischen und anthroponymischen Konstituenten, während die siebte Karte diejenigen FamN abbildet, die ausschliesslich aus anthroponymischem Material bestehen. Den Abschluss bildet die achte Karte, die alle Namen der vorhergehenden Karten enthält und dadurch einen Gesamtüberblick über die areale Verteilung des Bildungsmusters bietet. Typ 2 Kompositionsglieder Familiennamenkompositum Nicht-onymisches Lexem Toponym (oder ortsbezeichnendes Appellativ) Ruf N FamN «nicht-onymisches Lexem + nicht-onymisches Lexem» Sur- -beck Roth- -fuchs Surbeck Rothfuchs «Toponym + nichtonymisches Lexem» -müller -meier Eich- Hasli- Eichmüller Haslimeier «nicht-onymisches Lexem + Ruf N», «nicht-onymisches Lexem + FamN» Klein- Schmid- -peter -weber Kleinpeter Schmidweber «Ruf N + Ruf N», «Ruf N + FamN» Anna- -heim -hans Kocher- Annaheim Kocherhans Tabelle 237: Ausgewählte Typen und Kompositionsglieder von Familiennamenkomposita 2 Hinsichtlich der Bezeichnung der einzelnen Typen sei erwähnt, dass auch eine umgekehrte Reihenfolge wie z. B. «FamN + nicht-onymisches Lexem» denkbar ist, aus Platzgründen aber nur jeweils eine Anordnung der Konstituenten verwendet wird. 502 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="503"?> Erste Karte {229}: Berufsnamen mit nicht-onymischen Gliedern Namenauswahl: Die erste Karte dokumentiert einschlägige Berufsnamenkomposita, die sich aus lexikalischen Konstituenten zusammensetzen und in der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 3 belegt sind. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Berufsnamenkomposita mit nicht-onymischen Gliedern, vor 1800: Albietz, Albisser, Bauhofer, Beerstecher, Bindschädler, Bindschedler, Bourgmestre, Brodbeck, Brodtbeck, Brotbeck, Brunnenmeister, Buhofer, Burgermeister, Diriwächter, Eigenheer, Frauenknecht, Goldschmid, Haubenschmid, Hausamann, Hausammann, Hausheer, Hausherr, Hausknecht, Hauswirth, Hofbauer, Hofmänner, Holzherr, Holzreuter, Hubschmid, Hufschmid, Isenschmid, Kaltschmied, Kilcher, Kilchher, Kilchherr, Killer, Kircher, Kirchmeier, Kohlbrenner, Kupferschmid, Kupferschmied, Ledergerber, Lehnherr, Lenherr, Oberbeck, Pfannenschmid, Rinderknecht, Scheuermeier, Scheurmeister, Schildknecht, Schiltknecht, Schultheiss, Schulthess, Schuster, Schwertfeger, Spänhauer, Steinhauer, Strohmeier, Stromeier, Surbeck, Sutermeister, Thurnheer, Thurnherr, Vollmeier, von Schulthess Rechberg, Walkmeister, Weissmüller, Wiedenkeller, Wohlfender, Wolfender, Wyssmüller, Züger. 72 Types, 206 Tokens. Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 238: Daten zur ersten Karte {229} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 In der etymologischen Datenbank (Stand 26.03.2024) sind Familiennamenkomposita nicht konsequent als solche markiert. Für das Sample der ersten Karte wie auch für die weiteren Samples dieses Artikels sind daher mehrere Suchverfahren miteinander kombiniert worden. Erstens wurden - unter der Annahme, dass Komposita tendenziell relativ lang sind - alle deutschsprachigen FamN mit mindestens zehn Zeichen manuell auf ihre Relevanz überprüft. Diese längenbasierte Suche wurde in einem zweiten Schritt mit FamN ergänzt, die in der etymologischen Datenbank explizit als Komposita bezeichnet werden. Drittens wurde gestützt auf die bisherige Literatur (insbesondere DFA 3 2012; Nübling/ Kunze 2023) nach bestimmten Erstgliedern wie Jung -, Klein- und bestimmten Letztgliedern wie -eisen, -müller gesucht, um typische Fälle von Familiennamenkomposita abzudecken. Die Ergebnisse Karte 229: Berufsnamenkomposita mit nicht-onymischen Gliedern, vor 1800 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 2.17 Komposita: Gesamtdarstellung 503 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="504"?> aller drei Suchen bilden das Gesamtsample für den vorliegenden Artikel. Ergänzend zu der sehr allgemeinen Definition im Abschnitt «Gegenstand und Relevanz» soll an dieser Stelle genauer umrissen werden, was hier als Familiennamenkompositum verstanden und entsprechend kartiert wird. Erstens enthält das Gesamtsample keine Zusammenbildungen wie die BerufsN Hutmacher oder Lautenschlager, weil sie als Derivate einer syntaktischen Fügung (Lautenschlager ← Laute schlagen) analysiert werden und daher bei den BerufsN auf -er Berücksichtigung finden. 5 In Abweichung zu anderen Arbeiten, die solche Formen als synthetische Komposita resp. Rektionskomposita bezeichnen (Müller/ Olsen 2022: 379), werden hier nur solche FamN als Komposita behandelt, deren Grundwort auch allein vorkommt (z. B. Bindschädler neben Schädler für den Küfer, Schreiner). 6 Zweitens erfolgt eine Trennung zwischen Komposita einerseits und SatzN sowie Zusammenrückungen andererseits. Für die Definition von SatzN und ihre Verbreitung in der Deutschschweiz vgl. den Artikel II-4.1 «Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen». Univerbierte FamN wie Gutjahr oder Liebergsell stehen im Artikel II-4.2 «Zusammenrückungen mit nominalen und adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen» im Fokus. Sie unterscheiden sich insofern von Familiennamenkomposita, als das adjektivische Erstelement Flexion zeigt (z. B. Dummermuth, Halbenleib) oder die FamN anderweitig eine syntaktische Fügung als Ausgangsform nahelegen (z. B. Gutjahr als Zusammenrückung von gutes Jahr im Sinne von ‘Neujahr’; vgl. DWb 9 1854-1961: Sp. 1454). Weil sich die Abgrenzung zwischen Familiennamenkomposita und Zusammenrückungen in gewissen Fällen schwierig gestaltet (Müller/ Olsen 2022: 57), stehen der vorliegende Kartenkomplex und der oben erwähnte Artikel in einem engen Zusammenhang. Dies gilt insbesondere für komplexe FamN mit onymischem Bestandteil wie Ittensohn oder Langhans, die alle im Folgenden behandelt werden, auch wenn die Literatur von einer ursprünglich syntaktischen Fügung ausgeht (vgl. Seibicke 2004: 3545; Seibicke 2008: 194). Weil die Namen onymisches Material enthalten, lassen sie sich im Kontext des vorliegenden Artikels optimal adressieren, da er onymische und nicht-onymische Namenglieder systematisch berücksichtigt. Drittens sind im Gesamtsample alle FamN ausgeklammert, die auf einen zweigliedrigen germanischen Ruf N (z. B. FamN Gottschall, Isenrich) oder ein zusammengesetztes Toponym (z. B. FamN Kalbermatten, Schweingruber) zurückgehen, weil sie den Rahmen dieses Artikels sprengen würden. 7 Da sich für WohnstättenN oftmals nicht eindeutig feststellen lässt, ob sie auf ein Toponym oder ein ortsbezeichnendes Appellativ zurückgehen (Nübling/ Kunze 2023: 18-19), sind auch Zweifelsfälle wie Untersander (entweder zum zusammengesetzten FlurN Untersand oder Kompositum aus Adj. unter + Toponym Sand ) ausgeschlossen worden. Für die Begründung, weshalb die zahlreichen FamN auf -mann als Ableitungen statt als Komposita klassifiziert werden und somit keinen Eingang in das Gesamtsample finden, vgl. den Artikel II-2.7 «Familiennamen auf -mann». Schliesslich bleiben auch jene Fälle unberücksichtigt, bei denen die genaue Deutung noch aussteht (z. B. FamN Grollimund, Zeilbeer). Insgesamt konnten so 270 Familiennamenkomposita identifiziert werden, die sich auf der Grundlage ihrer Benennungsmotivik und ihrer Konstituenten auf sieben verschiedene Einzelthemenkarten verteilen und abschliessend gesamthaft dargestellt werden. Die Familiennamenkomposita Oberhänsli (← lokalisierendes ober + Ruf N Hans; TG), Oberheim (← lokalisierendes ober + Ruf N Heim; Liesberg BL), Schwizgebel (← Toponym Schwyz + Ruf N Gabriel; Bezirk Obersimmental-Saanen BE), Lippuner (← Ruf N Philipp + Toponym Bun; Malans GR, Grabs SG, Wartau SG) und von Meyenburg (künstlich gebildeter PrunkN zum FamN Meyer; Schaffhausen SH; s. auch Bach 1952: 254) werden nicht in eine Einzelkarte aufgenommen, weil der Typus «Toponym + Ruf N» bzw. «Toponym + FamN» nur mit 5 Types belegt ist (s. achte Karte). Die vorliegende Karte bildet eine Teilmenge von 72 Types ab, die Berchtold/ Graf (i. V.) als BerufsN deuten und dem Typ «nicht-onymisches Lexem + nicht-onymisches Lexem» zuordnen. Es handelt sich dabei i. d. R. um Formen, die auch im Lexikon als Komposita existieren (z. B. Brunnenmeister, Schulthess) und somit nicht erst bei der Beibzw. Familiennamenbildung zusammengesetzt wurden. Allerdings ist bspw. das Kompositum Schwertfeger zu mhd. swertveger ‘Schwertfeger, Waffenschmied’ nach Fähndrich (2000: 352) in historischen Quellen der Deutschschweiz nicht belegt, da im Lexikon Schwerter als «typisch schweizerische Form» gelte. Im Einzelnen müsste also genauer überprüft werden, welcher Entstehungspfad für einen spezifischen FamN anzusetzen ist. Semantisch lassen sich die zusammengesetzten BerufsN in Anlehnung an Kohlheim/ Kohlheim (2005: 33-38) verschiedenen Tätigkeitsfeldern zuordnen: Bspw. haben mit FamN wie Kilcher, Lehnherr, Schulthess oder Vollmeier verschiedene Ämter Eingang in das Onomastikon gefunden. Auch die metall- oder holzverarbeitenden Berufe (z. B. Haubenschmid, Bindschedler), landwirtschaftliche Tätigkeiten (z. B. Beerstecher ‘Schweinekastrierer’, Rinderknecht) oder das Nahrungsmittelgewerbe (z. B. Surbeck, Weissmüller) sind im Sample mehrfach vertreten. Wie eingangs erwähnt, können Komposita Auf lösungen an der Morphemgrenze zeigen; für die hier kartierten BerufsN trifft dies u. a. auf Kilcher, Killer (beide zu mhd. kirchbzw. kilchhërre ‘Pfarrherr, Ortsgeistlicher’), Schuster (zu mhd. schuohsūtære, schuohsūter) oder Züger (zu mhd. *ziughērre, *ziughërre ‘Aufseher über das Kriegs- oder Handwerksgerät’) zu. Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass sich zusammengesetzte BerufsN mit lexikalischen Gliedern im Mittelland weitläufig ausbreiten, während die (vor-)alpinen Regionen diesen Bildungstyp kaum oder nicht kennen. Dieses grundsätzliche Nord-Süd-Gefälle wird insofern verstärkt, als sich auch innerhalb des Mittellands unterschiedliche Verbreitungsdichten zeigen. Zwar weist der Kanton Bern mit 38 Tokens die höchste absolute Anzahl an Belegorten aus, dahinter folgen aber mit Zürich (31 Tokens), Thurgau (26 Tokens), St. Gallen (24 Tokens), Aargau (17 Tokens) und Basel-Landschaft (13 Tokens) nördlichere Kantone. In diesen erreicht der Namentyp im Schnitt auch einen höheren Anteil an den Namenbelegen der Schicht «vor 1800»: Gegenüber 0,60 % im Kanton Bern liegt er bspw. in Basel-Landschaft bei 0,97 %, im Thurgau bei 1,12 % und in Schaffhausen bei 1,05 %. Spitzenreiter ist der Kanton Schwyz mit 1,23 %. Die einzelnen Types weisen unterschiedliche Verbreitungsräume auf, wobei sich zwei Grundmuster identifizieren lassen. Während bspw. Schulthess im bernischen Oberaargau sowie v. a. im Kanton Zürich stark clustert, Albisser (zu mhd. altbüezer ‘Schuhf licker’) 5 Vgl. Artikel II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen». 6 Zu Wortbildungen auf -macher merken Fleischer/ Barz (2012: 202) an: «Da Macher gelegentlich selbstständig begegnet, ist bei manchen Bildungen auch die Erklärung als Kompositum möglich, doch das Modell mit Syntagma ist hochproduktiv». 7 Für Patronyme zu zweigliedrigen germanischen Ruf N sei auf das Kapitel III-1 «Familiennamen aus Rufnamen» verwiesen. 504 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="505"?> ausschliesslich im Kanton Luzern vorkommt und sich Burgermeister rund um Wigoltingen (TG) ansammelt, treten andere Types wie Hufschmid oder Kilcher und Varianten grossf lächig verstreut auf. Von den 25 BerufsN, die an mehr als drei Belegorten alteingesessen sind, neigt die Mehrheit zum ersten Grundmuster; das Kartenbild ist also relativ stark von Familiennamennestern geprägt. Zweite Karte {230}: Berufsübernamen mit nichtonymischen Gliedern Namenauswahl: Die zweite Karte enthält einschlägige Berufsübernamenkomposita des Typus «nicht-onymisches Lexem + nicht-onymisches Lexem», die in der Schicht «vor 1800» auftreten. Abgefragte Namen Berufsübernamenkomposita mit nicht-onymischen Gliedern, vor 1800: Camenzind, Dünneisen, Eisenhut, Eisenring, Falkeisen, Grieshaber, Habersaat, Isenring, Kalbfuss, Kamerzin, Kesselring, Kienast, Kienholz, Langmesser, Maienfisch, Mayenfisch, Nabholz, Niethammer, Ochsenbein, Pflugshaupt, Preiswerk, Raggenbass, Ringeisen, Rosenkranz, Ruckstuhl, Schindelholz, Sperisen, Streckeisen, Strohecker, Thurneysen, Weissbrodt, Wildhaber, Wollschlegel, Wyssbrod. 34 Types, 93 Tokens. Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 239: Daten zur zweiten Karte {230} Detailangaben zur Namenauswahl: Kartiert wird eine Teilmenge des Gesamtsamples, wie es bei der ersten Karte beschrieben worden ist. Von den insgesamt 270 Familiennamenkomposita lassen sich 34 Types identifizieren, die aus nicht-onymischem Material bestehen und von Berchtold/ Graf (i. V.) als BerufsüberN kategorisiert werden. Wie für die oben diskutierten BerufsN ist auch für die BerufsüberN anzunehmen, dass der Wortbildungsprozess i. d. R. bereits im Lexikon stattfand (z. B. FamN Pflugshaupt ← schwzdt. Pflueg(s)haupt ‘der Hauptbalken am Pf lug, der in der Furche läuft und an welchem das Eisen befestigt ist’, FamN Preiswerk ← mhd. brīse ‘Einfassung, Einschnürung an Kleidungsstücken’ + mhd. wërc ‘Gemachtes, vollendete Hand- oder Kunstarbeit’). Ob es sich im Einzelfall um ein Kompositum handelt, das erst bei der Beibzw. Familiennamenbildung entstand, lässt sich nicht ohne historische ‘Tiefenbohrungen’ festlegen (s. auch Reichert 1908: 140), die im Rahmen des vorliegenden Artikels nicht geleistet werden können. Auch die genaue Etymologie der untersuchten BerufsüberN bleibt z. T. im Dunkeln (z. B. das Bestimmungswort Thurn ‘Turm’ im FamN Thurneysen), und Deutungskonkurrenzen lassen sich bspw. beim FamN Grieshaber (← mhd. grieʒ ‘Sandkorn, Kies, grob gemahlenes Getreide’ + mhd. haber(e) ‘Hafer’ als BerufsüberN für den Müller oder aber als ÜberN nach dem Leibgericht) nicht ganz ausschliessen. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass relativ viele Types mit den metallverarbeitenden Handwerken (z. B. FamN Dünneisen für den spezialisierten Schmied und Hersteller von Eisenblech bzw. verzinntem Blech, FamN Niet- Karte 230: Berufsübernamenkomposita mit nicht-onymischen Gliedern, vor 1800 2.17 Komposita: Gesamtdarstellung 505 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="506"?> hammer für den Nagelschmied oder Schlosser), der Landwirtschaft (z. B. FamN Habersaat wohl für einen Bauern, der vorwiegend Hafer anpf lanzte, FamN Strohecker für einen Strohhacker) oder dem Nahrungsmittelgewerbe (z. B. FamN Kalbfuss für einen Metzger, FamN Weissbrodt für einen Bäcker, der hauptsächlich Weissbrot herstellte) in Verbindung stehen. Augenfällig sind die verhältnismässig vielen Komposita mit Eisen als Konstituente, die i. d. R. den Schmied bezeichnen (s. auch Fleischer 1964: 146). 8 Kommentar: Die zweite Karte zeigt in absoluter Hinsicht eine Anhäufung von zusammengesetzten BerufsüberN in den Kantonen Thurgau (32 Tokens) und St. Gallen (20 Tokens). Mit insgesamt 52 Tokens treten rund 50 % aller Belege in diesem nordöstlichen Gebiet auf. Eine grössere absolute Anzahl an Belegorten ist ansonsten nur in den Kantonen Zürich (10 Tokens) und Bern (7 Tokens) dokumentiert; zehn weitere Kantone kennen nur vereinzelte Berufsübernamenkomposita. Mehrheitlich treten solche Streubelege im Mittelland auf, daneben findet sich das Wortbildungsmuster aber bspw. auch im östlichen Berner Oberland oder im französischsprachigen Teil des Kantons Wallis (hier der FamN Kamerzin - wie Camenzind in Gersau SZ - aus Kamm und Zinken für den Kammmacher). Als Bildungsmuster von BerufsüberN sticht Komposition relativ zu allen Namenbelegen der Schicht «vor 1800» besonders im Kanton Thurgau (1,38 %) hervor (FamN Eisenring, Habersaat, Isenring, Kesselring, Niethammer, Raggenbass, Ruckstuhl, Streckeisen). Beinahe drei Viertel aller Types (24 von 34) erreichen nur eine Tokenfrequenz von einem oder zwei Belegorten. Für die restlichen BerufsüberN lässt sich eine starke Neigung zur Clusterbildung beobachten: So sind z. B. Kesselring (‘Ring, woran der Kessel über dem Herd hängt’ für den Kesselschmied; vgl. DFD 2024: s. v. Kesselring) im Kanton Thurgau, Wildhaber (‘Roggentrespe, weichhaariger Hafer, hoher Glatthafer’ wohl für den Bauern) im Kanton St. Gallen und Eisenhut (‘eiserner Helm, eiserne Haube’ für den Helmschmied) im Kanton Aargau alteingesessen. Der tokenfrequenteste FamN Ruckstuhl ballt sich am stärksten im Kanton Thurgau (11 Tokens), daneben tritt er aber auch im Kanton St. Gallen (2 Tokens) sowie in den Bezirken Winterthur (ZH, 3 Tokens) und Willisau (LU, 2 Tokens) in Erscheinung. Dritte Karte {231}: Übernamen mit nicht-onymischen Gliedern Namenauswahl: Die Gruppe der Familiennamenkomposita aus rein lexikalischen Gliedern wird mit der dritten Karte vervollständigt. Sie bildet einschlägige ÜberN ab, die für die Schicht «vor 1800» belegt sind. Abgefragte Namen Übernamenkomposita mit nicht-onymischen Gliedern, vor 1800: Alder, Altheer, Alther, Altherr, Baggenstos, Baggenstoss, Barfuss, Bärfuss, Birenstihl, Birnstiel, Bohnenblust, Böllenrücher, Demuth, Deubelbeiss, Federspiel, Feierabend, Fierobe, Freitag, Freytag, Fürholz, Halbheer, Halbritter, Hasenfratz, Hebeisen, Herzig, Herzog, Hockenfuss, Holbein, Höneisen, Junker, Kellerhals, Klingelfuss, Klingenfuss, Kraushaar, Kurzbein, Muggensturm, Nachbur, Oggenfuss, Ostertag, Rehfous, Rehfuss, Reidhaar, Reithaar, Rothfuchs, Segenreich, Straubhaar, Tribelhorn, von Freudenreich, Waldvogel, Weishaupt, Weisshaupt, Weisskopf , Widerkehr, Wiederkehr, Wohlgemut, Wohlgemuth, Wyshaupt, Wysshaar, Wysshaupt. 59 Types, 191 Tokens. Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 240: Daten zur dritten Karte {231} Detailangaben zur Namenauswahl: Von den insgesamt 270 Familiennamenkomposita, die mithilfe der etymologischen Datenbank ermittelt worden sind (s. erste Karte), gehören 59 Types zum vorliegenden Typus von ÜberN mit lexikalischen Konstituenten. Für die Frage, welcher Entstehungspfad bei den einzelnen FamN anzusetzen ist, gilt die bei der zweiten Karte erwähnte Grundtendenz. Dass Komposition erst im Zuge der Beibzw. Familiennamenbildung eintrat, lässt sich etwa für Muggensturm (← Subst. Mücke + Subst. Sturm; wohl für einen Menschen, der wegen einer Kleinigkeit einen grossen Lärm machte) 9 in Erwägung ziehen. Das Sample enthält u. a. mehrere ÜberN, die nach Kohlheim/ Kohlheim (2005: 38-43) auf körperliche resp. äusserliche Merkmale (z. B. FamN Hasenfratz zu schwzdt. (älter) Hasenfratz ‘Hasenscharte’, Kraushaar, Kurzbein) oder auf geistige und charakterliche Eigenschaften (z. B. FamN Fierobe wohl für den Gemächlichen, Wohlgemuth, Hebeisen zu schwzdt. Hebisen ‘eigensinniger Mensch’; vgl. Id. 1 1881 ff.: Sp. 539) Bezug nehmen. Ein anderes Namengebungsmotiv liegt bei ÜberN wie Altherr (zu mhd. althërre ‘alter Herr, Ahnherr, Ratsherr’), Junker (zu mhd. junchërre ‘junger Herr, noch nicht Ritter gewordener Adeliger, Edelknabe’) oder Herzog (zu mhd. herzoge ‘Heerführer, Herzog’ aus germ. *harja- ‘Heer’ und *tuhan-, *tugan- ‘ziehen’; vgl. EtymWB 1993a: s. v. Herzog) vor, sofern sie auf die tatsächliche gesellschaftliche Stellung referieren und nicht metaphorisch zu deuten sind. Nach Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Wildermuth) bilden die Komposita und Zusammenrückungen auf -muth «eine eigenständige (und eigenartige) Gruppe innerhalb der Übernamen, insofern sie auf ein Abstraktum Bezug nehmen, nicht auf eine klassische Personenbezeichnung». 10 In formaler Hinsicht sind einerseits die ursprünglich 8 Vgl. Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī» (sechste Karte) für weitere FamN, die mhd. īsen ‘Eisen’ enthalten. 9 Allenfalls liegt stattdessen ein HerkunftsN zum SiedlungsN Muggensturm (Deutschland) vor. 10 Für Zusammenrückungen mit -muth wie Freienmuth und Wildermuth s. Artikel II-4.2 «Zusammenrückungen mit nominalen und adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen». 506 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="507"?> adjektivischen Komposita Segenreich, von Freudenreich und Wohlgemut(h), andererseits die verdunkelten Formen wie Alder (zu mhd. althërre ‘alter Herr, Ahnherr, Ratsherr’) oder Nachbur (zu ahd. nāhgibūr, nāhgibūro ‘der nahe wohnt, der benachbarte Bauer’, schwzdt. auch ‘grundbesitzender Gemeindegenosse, stimmberechtigter Bürger eines Ortes’ und ‘Bezeichnung von Landleuten, Leuten überhaupt’) auffällig (s. auch Fleischer/ Barz 2012: 129). Kommentar: Die dritte Karte weist für Übernamenkomposita mit nicht-onymischen Gliedern eine grundsätzliche Nord-Süd-Verteilung aus: Während in den (vor-)alpinen Regionen keine oder nur wenige Belege dokumentiert sind, zeigt das Mittelland ein weitverbreitetes Auftreten von zusammengesetzten Formen. Die höchste absolute Tokenfrequenz erreichen die Kantone Aargau (34 Tokens) und Bern (31 Tokens) vor den Kantonen Zürich, Thurgau und Appenzell Ausserrhoden (24, 22 und 20 Tokens). Letzterer Kanton weist mit 3,35 % den höchsten relativen Anteil an Übernamenkomposita aus (FamN Alder, Altherr, Freitag, Herzig, Tribelhorn, Weishaupt); die Werte der anderen vier genannten Kantone liegen hingegen unter 1 %. Während die FamN etwa im bernischen Mittelland eher verstreut auftreten, zeigen sich andernorts Ansammlungen des vorliegenden Namentyps. Zumindest teilweise lassen sich diese Ballungen damit erklären, dass sich bestimmte Übernamenkomposita regional anhäufen. Namennester bilden u. a. die FamN Waldvogel im Kanton Schwyz, Wiederkehr im Kanton Aargau oder Alder im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Ein weniger kompaktes Bild zeigt z. B. der ÜberN Freitag (AR, FR, GL, SG, ZH), und auch der tokenfrequenteste FamN Herzog (40 Tokens) und seine Variante Herzig (14 Tokens) treten in der Deutschschweiz weitläufig auf, wobei sich dennoch gewisse Schwerpunkte erkennen lassen (u. a. Bezirke Laufenburg AG, Frauenfeld TG und Oberaargau BE). Karte 231: Übernamenkomposita mit nicht-onymischen Gliedern, vor 1800 2.17 Komposita: Gesamtdarstellung 507 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="508"?> Vierte Karte {232}: Lokalisierte Berufsnamen mit toponymischem und nicht-onymischem Glied Namenauswahl: Die vierte Karte widmet sich den sogenannten lokalisierten BerufsN, die mit einem Toponym resp. ortsbezeichnenden Appellativ als Erstglied und einer (häufigen) Berufsbezeichnung als Zweitglied zwei Benennungsmotive in sich vereinen (Fleischer 1964: 114; Kunze 2004: 95; Nübling/ Kunze 2023: 322-323). Die linke Konstituente bezeichnet dabei entweder die Wohnstätte der Namenträger: innen oder den Ort der Berufstätigkeit (z. B. FamN Werdmüller nach einer der Mühlen im Zürcher Stadtteil Werd). Abgefragte Namen Lokalisierte BerufsN mit Typ -meier: Berchenmeier, Birchmeier, Brühlmeier, Buchmeyer, Dannmeier, Furlenmeier, Grendelmeier, Grendelmeyer, Haltmeier, Haltmeyer, Hardmeier, Hartmeier, Hartmeyer, Haslimeier, Hoffmeyer, Hofmeier, Lindenmeyer, Ostermeier, Rütimeyer, Sandmeier, Sandmeyer, Steigmeier, Steigmeyer, Stockmeyer, Waldmeier, Waldmeyer, Widenmeier, Widmayer, Widmeier, Wiedemeier, Wiedenmeier, Wissenmeier. 32 Types, 56 Tokens. Lokalisierte BerufsN mit -müller: Bahnmüller, Buchmüller, Eichmüller, Ettmüller, Geymüller, Haumüller, Hellmüller, Hintermüller, Lerchmüller, Lormüller, Segmüller, Stegmüller, von Geymüller, Wegmüller, Wehrmüller, Weiersmüller, Werdmüller, Werthmüller, Wertmüller. 19 Types, 35 Tokens. Lokalisierte BerufsN mit -meister: Hintermeister. 4 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 40-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 241: Daten zur vierten Karte {232} Detailangaben zur Namenauswahl: Das Gesamtsample (s. erste Karte) enthält insgesamt 52 Types von lokalisierten BerufsN. Für die hier untersuchte Schicht «vor 1800» kommen einzig die drei häufigen Berufsbezeichnungen Typ Meier, Müller und Meister als Zweitglied vor. Die Erstglieder zeigen grössere Vielfalt, wobei sich nicht immer ermitteln lässt, ob sie auf ein Toponym oder auf ein ortsbezeichnendes Appellativ zurückgehen. Bspw. merken Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Waldmeier) an, dass der FamN Waldmeier ebenso wie die Variante Waldmeyer wohl einen Verwalter oder Bauern bezeichnet, der ein Gut bei einem Waldstück oder ein Gut mit dem Namen Wald bewirtschaftet. Die Bestimmungswörter beziehen sich auf natürliche Merkmale wie z. B. die Baumbestände (Buchmüller, Haslimeier, Widmeier), doch auch Orientierungsangaben (Ostermeier, Hintermüller, Hintermeister) oder zivilisatorische Merkmale (Hoffmeyer, Stegmüller, Wehrmüller) sind in den lokalisierten BerufsN fest geworden. Die Angabe der Wohnstätte resp. des Arbeitsorts dient als «unterscheidender Zusatz», um verschiedene Meier, Müller und Karte 232: Lokalisierte BerufsN, vor 1800 508 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="509"?> Meister voneinander zu trennen (Fleischer 1964: 114). Es ist nicht auszuschliessen, dass das Erstglied in diesen Familiennamenkomposita nicht mehr den Beruf näher spezifiziert, sondern bereits den FamN. Entsprechend wäre in solchen Fällen der Typus «Toponym + FamN» anzusetzen. Kommentar: Die vierte Karte dokumentiert - nach Zweitglied gesondert -, in welchen Gebieten lokalisierte BerufsN alteingesessen sind. Dabei zeigt sich, dass voralpine und alpine Regionen diesen Kompositionstyp nicht kennen. Mit anderen Worten konzentrieren sich die Formen im Mittelland, wobei je nach Zweitglied unterschiedliche Schwerpunkte auszumachen sind. So liegt das stärkste Ballungszentrum des Typs -müller im Kanton Bern (13 Tokens), kleinere Häufungen finden sich in den Kantonen Luzern, Aargau und Zürich (je 4 Tokens). Für das Grundwort -meister ist einzig der FamN Hintermeister bekannt, der in der Schicht «vor 1800» in einer Aargauer und drei Zürcher Gemeinden auftritt. Im Unterschied dazu sind lokalisierte BerufsN mit dem Typ -meier deutlich type- und tokenfrequenter. Die verschiedenen Meier-Komposita treten über die Deutschschweiz verstreut auf, bündeln sich jedoch weitaus am stärksten im Kanton Aargau (27 Tokens). Mit grösserem Abstand folgt der Kanton Zürich (10 Tokens); die restlichen Belegorte verteilen sich auf elf verschiedene Kantone. Fünfte Karte {233}: Berufsnamen- und Übernamenkomposita mit nicht-onymischem und anthroponymischem Glied Namenauswahl: Eine weitere Gruppe von Familiennamenkomposita zeichnet sich dadurch aus, dass sie lexikalisches und anthroponymisches Material kombiniert. Für die Schicht «vor 1800» ist dieser Typus zum einen bei Berufs- und ÜberN belegt, die in dieser Karte abgebildet werden, und zum anderen bei Metronymen und Patronymen (s. sechste Karte). Abgefragte Namen Berufsnamenkomposita mit nicht-onymischem und anthroponymischem Glied: Fassmeier, Flachmüller, Kellermüller, Knabenhans, Lemmenmeier, Meisterhans, Schmidweber, Tuchschmid. 8 Types, 13 Tokens. Übernamenkomposita mit nicht-onymischem und anthroponymischem Glied: Bärenbold, Breitschmid, Dürmeyer, Freimüller, Gugoltz, Gugolz, Haasmüller, Hippenmeyer, Kurzmeier, Langmeier, Lutzelschwab, Lützelschwab, Twerenbold, Wildbolz. 14 Types, 27 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 242: Daten zur fünften Karte {233} Karte 233: Berufsnamen- und Übernamenkomposita mit nicht-onymischem und anthroponymischem Glied, vor 1800 2.17 Komposita: Gesamtdarstellung 509 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="510"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Mittels der verschiedenen Suchverfahren (s. erste Karte) konnten in der etymologischen Datenbank für die Schicht «vor 1800» 22 Types identifiziert werden, die neben einer lexikalischen auch eine anthroponymische Konstituente enthalten. Die Familiennamenkomposita verteilen sich auf die beiden Benennungsmotive BerufsN und ÜberN, wobei Letztere leicht überwiegen. Bei den BerufsN tritt anthroponymisches Material sowohl als Erstals auch als Zweitglied auf. So geht der FamN Flachmüller nach Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 62) auf den Müller Wilhelm Flach zurück, und für Lemmenmeier vermuten Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Lemmenmeier), er beziehe sich evtl. auf einen Bauern namens Wilhelm. Für Schmidweber und sinngemäss auch für Fassmeier, Kellermüller und Tuchschmid ist eine Ursprungsbedeutung der Art ‘Angehöriger der Familie Weber, der Schmied ist’ anzunehmen. Gerade bei Schmidweber und Kellermüller stehen daneben jedoch konkurrierende Deutungen: Einerseits ist auch der Typus «FamN + FamN» denkbar, andererseits können Formen wie Schmidweber nach Nübling/ Kunze (2023: 395) aus «doppelter Berufstätigkeit» entstehen oder auf «Vorfahren bzw. Nachbarn mit einem anderen Beruf» verweisen. Für die beiden FamN Knabenhans und Meisterhans kommen verschiedene Klassifizierungen infrage, da Hans (nicht nur) im Schweizerdeutschen deonymische Verwendungen kennt (Id. 2 1881 ff.: Sp. 1468; Köster 2003: 64-65; Schmitt 2009: 12) und in solchen Formen teilweise als Affix aufgefasst wird (Gottschald 2006: 72). Das Id. 2 (1881 ff.: Sp. 1472) deutet Knabenhans als Bezeichnung für den Vorgesetzten der ‘Knabenschaft’ eines Ortes, während Meisterhans den Meistergesellen oder Oberknecht benenne. Da dem appellativischen Gebrauch von Hans der gleichlautende Ruf N zugrunde liegt und dieser noch klar erkennbar ist, werden beide FamN hier als Typ «nicht-onymisches Lexem + Ruf N» behandelt (s. auch Fetzer 2019: 131). Die ÜberN lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: Die erste konstituieren jene fünf FamN, die sich aus einem lexikalischen Erstglied und einem Ruf N als Zweitglied zusammensetzen. Die Familiennamenkomposita Gugoltz, Gugolz deuten Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Gugolz) als «[k]ontrahierte Bildung aus dem alten Wort Gugel ‘Kappe, Kapuze’ und einem Rufnamen Franz, Fritz, Lutz o. ä., wie er in der frühen Neuzeit gelegentlich als Gugelfranz, Gugelfritz usw. bezeugt ist, für eine Person mit auffälliger Kopfbedeckung» (weitere Bedeutungen s. Id. 1 1881 ff.: Sp. 1312). Gestützt auf das Id. 1 (1881 ff.: Sp. 1312) ist dabei von einer deonymischen Verwendung des Ruf N auszugehen. Dasselbe gilt für die FamN Bärenbold, Twerenbold und Wildbolz mit dem substantivischen Zweitglied Bold ‘wilder Junge’, das sich aus älteren Ruf N auf -(b)old entwickelt hat (Id. 4 1881 ff.: Sp. 1202). Als ÜberN benennen die drei Formen wohl eine Person, die in irgendeiner Weise mit einem Bären verglichen wurde, eine Person von asymmetrischem, verwachsenem oder anderswie auffälligem Körperbau resp. eine unbeherrschte, zu ungestümem Handeln neigende Person. Wie bei Knabenhans und Meisterhans wird hier konservativ ein Familiennamenkompositum des Typs «nicht-onymisches Lexem + Ruf N» angesetzt. Die zweite Untergruppe der ÜberN bilden neun FamN, deren Zweitglied im vorliegenden Artikel als FamN aufgefasst wird. Alternativ ist aber auch denkbar, dass es sich stattdessen um Berufsbezeichnungen resp. um eine Stammesbezeichnung handelt und daher der Typ «nicht-onymisches Lexem + nicht-onymisches Lexem» vorliegt. Die Bestimmungswörter nehmen mehrheitlich auf das körperliche Erscheinungsbild Bezug (z. B. Breitschmid, Dürmeyer, Kurzmeier), andere Differenzierungsmerkmale sind jedoch auch belegt (z. B. Freimüller nach dem Status des ersten Namenträgers). Kommentar: Die fünfte Karte zeigt, dass Familiennamenkomposita des Typs «nicht-onymisches Lexem + Ruf N» resp. «nicht-onymisches Lexem + FamN» grösstenteils im Mittelland in Erscheinung treten. Mit Ausnahme des FamN Fassmeier, der im solothurnischen Grindel alteingesessen ist, konzentrieren sich die BerufsN in den nordöstlichen Kantonen Zürich (7 Tokens), Thurgau (4 Tokens) und St. Gallen (1 Token). Demgegenüber weisen die ÜberN ein Vorkommensgebiet auf, das sich stärker nach Süden und Westen erstreckt. Die beiden Extrempunkte bilden die FamN Hippenmeyer in Gottlieben (TG) und Lutzelschwab in Chénens (FR), dazwischen breiten sich die restlichen ÜberN in den Kantonen Bern (2 Tokens), Luzern (8 Tokens), Aargau (3 Tokens) und Zürich (10 Tokens) aus. 11 Das zürcherische Verbreitungsgebiet ist geprägt von den beiden Familiennamenkomposita Gugoltz und Gugolz, die in den Bezirken Meilen, Horgen und Affoltern ein Familiennamennest formen. Sechste Karte {234}: Metronyme und Patronyme mit nichtonymischem und anthroponymischem Glied Namenauswahl: Ergänzend zur fünften Karte werden hier diejenigen FamN aus der Schicht «vor 1800» kartiert, die aus lexikalischen und anthroponymischen Konstituenten zusammengesetzt sind und von Berchtold/ Graf (i. V.) motivisch als Metronyme resp. Patronyme gedeutet werden. 12 Abgefragte Namen Metronyme mit nicht-onymischem und anthroponymischem Glied: Annasohn, Idtensohn, Ittensohn, Nessensohn. 4 Tokens. Patronyme mit nicht-onymischem und anthroponymischem Glied: Aenishänslin, Grossglauser, Grossheutschi, Grossniklaus, Hochuli, Kleinjenni, Kleinpeter, Kleinstein, Langhans, Niehans, Oberson, Surläuly. 12 Types, 28 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 243: Daten zur sechsten Karte {234} Detailangaben zur Namenauswahl: Aus dem bei der ersten Karte beschriebenen Gesamtsample wird für die vorliegende sechste Karte eine Teilmenge von 16 Types ausgeschieden. Dazu gehören vier Metronyme mit einem weiblichen Ruf N als Erstglied und appellativischem Sohn als Zweitglied. 13 Weil bei den FamN auf -sohn für das Deutschschweizer Onomastikon nicht von Reihenbildung gesprochen werden kann, wird das Element hier konservativ als Kompositionsglied und nicht als Suffix behandelt. 14 Fleischer (1964: 98, 101) führt aus, dass -sohn in FamN üblicherweise eine Abschwächung 11 Die Namen auf -bold wie die ÜberN Bärenbold, Twerenbold, aber auch die Patronyme Ehrenbold, Werenbold usw. sind im Kanton Luzern auffällig verbreitet. 12 Für Familiennamenkomposita mit gleicher Struktur, die (nur) in historischen Quellen belegt sind, s. die regionalen Namenbücher wie das RNB 3 (1986: 787-865), das für Graubünden u. a. die Formen Frischhans, Grossuoli, Kleinsimon, Schönheinz und Schramhans dokumentiert. 13 Zu den Metronymen vgl. Artikel III-1.11 «Metronyme: Gesamtdarstellung». 14 Freilich ist der Übergang von einem Kompositionsglied zu einem Affix f liessend; die überaus geringe Produktivität in der Deutschschweiz (insgesamt 5 Types) - im Unterschied etwa zu Teilen Deutschlands (vgl. DFA 3 2012: 168-183) - spricht jedoch dafür, bei FamN wie Annasohn nicht von Ableitungen zu sprechen (Müller/ Olsen 2022: 587-588, 647). 510 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="511"?> zu -sen oder -s zeige (s. auch Bach 1952: 232; Seibicke 2004: 3545); auffällig sei jedoch der häufigere Erhalt der Vollform bei Metronymen. In den Komposita Idtensohn, Ittensohn und Nessensohn ist zudem ein schwaches Genitivf lexiv -en erstarrt (Idten, Itten zu Ida, Nessen zu Agnes); das Schriftbild von Annasohn lässt hingegen keine Genitivendung erkennen (vgl. den FamN Annen). Etymologisch lassen sich FamN wie Annasohn deuten als ‘Sohn resp. männlicher Nachkomme der [Ruf N]’. Bei den Patronymen weist einzig Oberson ebenfalls dieses Zweitglied auf, sofern mit Studerus (1926: 66) die Deutung ‘Sohn des Albert’ angenommen wird (vgl. die diminuierten FamN Oberli, Oberle, Oberlin). Nach Bach (1953: 142-143) handelt es sich bei diesen fünf Komposita um alte Familiennamenformen, die sich in der Schweiz vereinzelt erhalten haben. Häufiger sind die Adjektive Gross- und Klein-, die als Erstglied in FamN wie Grossniklaus oder Kleinstein (nach RNB 3 1986: 792 Umdeutung von Klein- Thöni) normalerweise dazu dienen, Personen mit demselben Ruf N (Vater und Sohn oder Brüder) gestützt auf ihr Alter zu unterscheiden (Fleischer 1964: 102; Bahlow 1972: 282; Kohlheim/ Kohlheim 2005: 293, 379). 15 Die Adjektive Alt- und Jung -, die in gleicher Funktion auftreten (Fleischer 1964: 102; Kunze 2004: 141), sind für die Schicht «vor 1800» nicht belegt. Bei Hochuli und Langhans erscheinen körperliche (oder ggf. auch charakterliche) Eigenschaften als Bestimmungswort zu einem Ruf N; für die FamN Aenishänslin und Niehans ist das genaue Motiv des Erstglieds weniger leicht rekonstruierbar. Surläuly enthält eine Kurzform zum Ruf N Nikolaus, die mit dem Bestimmungswort mhd. sūr ‘scharf, grimmig, verdriesslich, mürrisch’ erweitert ist. Kommentar: Die sechste Karte verdeutlicht, dass FamN mit einem weiblichen Ruf N und appellativischem Sohn in der Schicht «vor 1800» ausschliesslich in der nordöstlichen Deutschschweiz belegt sind. Konkret findet sich Annasohn im thurgauischen Uttwil, während die anderen 3 Types über den Kanton St. Gallen verstreut auftreten. Im Vergleich zu den Metronymen zeigen die Patronyme nicht nur eine höhere Type- und Tokenfrequenz sowie eine grössere Formenvielfalt, sondern auch ein weitläufigeres Verbreitungsgebiet. Die auffällige Häufung von Patronymen am Südwestrand des deutschen Sprachgebiets ist auf den FamN Oberson zurückzuführen, der mit 9 Tokens die grösste Anzahl an Belegorten aufweist. Auch das zweit- und das dritthäufigste Patronym bilden je ein Namennest: Hochuli konzentriert sich im Kanton Aargau (4 Tokens), Aenishänslin im Kanton Basel-Stadt (3 Tokens). Grossheutschi und Kleinpeter sind jeweils an zwei Orten alteingesessen, die eine geringe räumliche Distanz trennt. Nur Langhans tritt mit Belegen in der Stadt Bern (1596 zugewandert aus BS) und Nussbaumen (TG) in zwei verschiedenen Kantonen in Erscheinung. Für die restlichen sechs Patronyme sind ausschliesslich Einzelbelege dokumentiert. Karte 234: Metronyme und Patronyme mit nicht-onymischem und anthroponymischem Glied, vor 1800 15 Daneben kann Grossin Komposita mit Ruf N auch «auf Reichtum und Ansehen des ersten Namensträgers» hinweisen (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 292). 2.17 Komposita: Gesamtdarstellung 511 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="512"?> Siebte Karte {235}: Metronyme und Patronyme mit anthroponymischen Gliedern Namenauswahl: Abweichend zur vorhergehenden Karte werden hier diejenigen Metronyme und Patronyme dokumentiert, die nur anthroponymisches Material enthalten. Abgefragte Namen Metronyme mit anthroponymischen Gliedern: Annaheim. 1 Token. Patronyme mit anthroponymischen Gliedern: Janjöri, Jörigustin, Kocherhans, Meierhans, Meyerhans, Peterhans, Schmidheini, Schmidheiny, Tomamichel. 9 Types, 17 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 244: Daten zur siebten Karte {235} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank konnten mithilfe verschiedener Suchverfahren (s. erste Karte) zehn Familiennamenkomposita mit anthroponymischem Erst- und Zweitglied gefunden werden. Wie bereits erwähnt, werden zweigliedrige germanische Ruf N wie Richard (aus ahd. rīhhi und ahd. harti, herti) hier nicht kartiert; von Interesse sind nur solche Formen, die entweder zwei verschiedene Ruf N enthalten oder einen Ruf N mit einem FamN kombinieren. Nach Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Annaheim) benennt Annaheim - bestehend aus den beiden Ruf N Anna und Heim (aus Heinrich oder Heimo) - den Sohn einer Anna, der den Ruf N Heim trug. Wie bei dem in der sechsten Karte behandelten FamN Annasohn zeigt auch Annaheim keine äusserlich erkennbare Genitivendung. Dem Typus «Ruf N + Ruf N» sind zudem die beiden Patronyme Janjöri und Jörigustin zuzuordnen. Die sieben anderen Patronyme lassen sich gestützt auf Berchtold/ Graf (i. V.) als Komposita mit einem FamN als erste Konstituente und einem Ruf N als zweite Konstituente deuten. Insbesondere bei Schmidheini, Schmidheiny könnte aber auch die Bedeutung ‘Heini, der von Beruf Schmied ist’ zugrunde liegen (Seibicke 2004: 3545, 3547). Für Peterhans ist alternativ «eine zum Familiennamen zusammengezogene Form aus den zwei primären Rufnamen» denkbar (Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Peterhans). 16 Wie sich bereits bei den anderen Karten gezeigt hat, ist die Zuordnung der einzelnen Familiennamenkomposita zu einem bestimmten Typus also nicht zweifelsfrei möglich, da sich die genaue Entstehungsgeschichte nicht rekonstruieren lässt (Bach 1952: 144). Kommentar: Die siebte Karte deutet auf einen grundsätzlichen West- Ost-Gegensatz hin, da die Patronyme im (süd-)westlichen Teil der Deutschschweiz nicht belegt sind. Als eines der Hauptverbreitungsgebiete offenbart sich der Kanton Thurgau mit 7 Tokens, wobei einerseits der FamN Kocherhans und andererseits die Varianten Meyerhans, Meierhans ein Namennest formen. Letzteres Kompositum clustert auch im Kanton Luzern (3 Tokens). Der angrenzende Kanton Aargau kennt Karte 235: Metronyme und Patronyme mit anthroponymischen Gliedern, vor 1800 16 Allerdings ist nach Bach (1952: 145) «die Sitte, Doppel-RN zu führen, im allg. jünger als die Entstehung der F[am]N». 512 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="513"?> neben Meierhans auch Peterhans (je 1 Token). Die Patronyme Schmidheini und Schmidheiny kommen am selben Ort (Balgach SG) vor, was vermuten lässt, dass die unterschiedliche Schreibung wohl zur Differenzierung verschiedener Namenträger: innen dient. Mit Tomamichel ist ein einzelnes Kompositum des Typus «FamN + Ruf N» auch im Kanton Tessin, in der Walsersiedlung Bosco/ Gurin, dokumentiert. Die beiden Patronyme mit zwei Ruf N als Konstituenten beschränken sich auf den Kanton Graubünden. Metronymisches Annaheim weist hingegen das westlichste Verbreitungsgebiet auf (Lostorf SO) und ist daher räumlich am weitesten von den entsprechenden Patronymen des Typus «Ruf N + Ruf N» ( Janjöri, Jörigustin) entfernt. Achte Karte {236}: Gesamtkarte der Familiennamenkomposita Namenauswahl: Den Abschluss des vorliegenden Kartenkomplexes bildet eine Gesamtübersicht aller Familiennamenkomposita, die in den ersten sieben Karten behandelt worden sind. Berücksichtigung finden hier auch die fünf FamN Lippuner, Oberhänsli, Oberheim, Schwizgebel und von Meyenburg, die aus einem toponymischen und einem anthroponymischen Glied bestehen. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. die Detailangaben zu den vorhergehenden Karten. Abgefragte Namen Familiennamenkomposita, vor 1800: Aenishänslin, Albietz, Albisser, Alder, Altheer, Alther, Altherr, Annaheim, Annasohn, Baggenstos, Baggenstoss, Bahnmüller, Bärenbold, Barfuss, Bärfuss, Bauhofer, Beerstecher, Berchenmeier, Bindschädler, Bindschedler, Birchmeier, Birenstihl, Birnstiel, Bohnenblust, Böllenrücher, Bourgmestre, Breitschmid, Brodbeck, Brodtbeck, Brotbeck, Brühlmeier, Brunnenmeister, Buchmeyer, Buchmüller, Buhofer, Burgermeister, Camenzind, Dannmeier, Demuth, Deubelbeiss, Diriwächter, Dünneisen, Dürmeyer, Eichmüller, Eigenheer, Eisenhut, Eisenring, Ettmüller, Falkeisen, Fassmeier, Federspiel, Feierabend, Fierobe, Flachmüller, Frauenknecht, Freimüller, Freitag, Freytag, Fürholz, Furlenmeier, Geymüller, Goldschmid, Grendelmeier, Grendelmeyer, Grieshaber, Grossglauser, Grossheutschi, Grossniklaus, Gugoltz, Gugolz, Haasmüller, Habersaat, Halbheer, Halbritter, Haltmeier, Haltmeyer, Hardmeier, Hartmeier, Hartmeyer, Hasenfratz, Haslimeier, Haubenschmid, Haumüller, Hausamann, Hausammann, Hausheer, Hausherr, Hausknecht, Hauswirth, Hebeisen, Hellmüller, Herzig, Herzog, Hintermeister, Hintermüller, Hippenmeyer, Hochuli, Hockenfuss, Hofbauer, Hoffmeyer, Hofmänner, Hofmeier, Holbein, Holzherr, Holzreuter, Höneisen, Hubschmid, Hufschmid, Idtensohn, Isenring, Isenschmid, Ittensohn, Janjöri, Jörigustin, Junker, Kalbfuss, Kaltschmied, Kamerzin, Kellerhals, Kellermüller, Kesselring, Kienast, Kienholz, Kilcher, Kilchher, Kilchherr, Killer, Kircher, Kirchmeier, Kleinjenni, Kleinpeter, Kleinstein, Klingelfuss, Klingenfuss, Knabenhans, Kocherhans, Kohlbrenner, Kraushaar, Kupferschmid, Kupferschmied, Kurzbein, Kurzmeier, Langhans, Langmeier, Langmesser, Ledergerber, Lehnherr, Lemmenmeier, Lenherr, Lerchmüller, Lindenmeyer, Lippuner, Lormüller, Lutzelschwab, Lützelschwab, Maienfisch, Mayenfisch, Meierhans, Meisterhans, Meyerhans, Muggensturm, Karte 236: Familiennamenkomposita, vor 1800 2.17 Komposita: Gesamtdarstellung 513 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="514"?> Nabholz, Nachbur, Nessensohn, Niehans, Niethammer, Oberbeck, Oberhänsli, Oberheim, Oberson, Ochsenbein, Oggenfuss, Ostermeier, Ostertag, Peterhans, Pfannenschmid, Pflugshaupt, Preiswerk, Raggenbass, Rehfous, Rehfuss, Reidhaar, Reithaar, Rinderknecht, Ringeisen, Rosenkranz, Rothfuchs, Ruckstuhl, Rütimeyer, Sandmeier, Sandmeyer, Scheuermeier, Scheurmeister, Schildknecht, Schiltknecht, Schindelholz, Schmidheini, Schmidheiny, Schmidweber, Schultheiss, Schulthess, Schuster, Schwertfeger, Schwizgebel, Segenreich, Segmüller, Spänhauer, Sperisen, Stegmüller, Steigmeier, Steigmeyer, Steinhauer, Stockmeyer, Straubhaar, Streckeisen, Strohecker, Strohmeier, Stromeier, Surbeck, Surläuly, Sutermeister, Thurneysen, Thurnheer, Thurnherr, Tomamichel, Tribelhorn, Tuchschmid, Twerenbold, Vollmeier, von Freudenreich, von Geymüller, von Meyenburg, von Schulthess Rechberg, Waldmeier, Waldmeyer, Waldvogel, Walkmeister, Wegmüller, Wehrmüller, Weiersmüller, Weishaupt, Weissbrodt, Weisshaupt, Weisskopf , Weissmüller, Werdmüller, Werthmüller, Wertmüller, Widenmeier, Widerkehr, Widmayer, Widmeier, Wiedemeier, Wiedenkeller, Wiedenmeier, Wiederkehr, Wildbolz, Wildhaber, Wissenmeier, Wohlfender, Wohlgemut, Wohlgemuth, Wolfender, Wollschlegel, Wyshaupt, Wyssbrod, Wysshaar, Wysshaupt, Wyssmüller, Züger. 270 Types, 686 Tokens. Kreise 15-50, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Flächen 15-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Kantone Tabelle 245: Daten zur achten Karte {236} Detailangaben zur Namenauswahl: Man beachte dazu die Detailangaben bei den vorhergehenden Karten sowie die Beschreibung bei der ersten Karte, wie das Gesamtsample für den vorliegenden Kartenkomplex generiert worden ist. Kommentar: Die achte Karte zeigt, dass Komposition in Deutschschweizer FamN aus der Schicht «vor 1800» in nördlicheren Gebieten eine höhere relative Häufigkeit erreicht als in südlicheren Regionen. So weisen sowohl die Flächenkartierung nach Kanton als auch die Kartierung der Kreise nach Bezirk für die ausgewählten Familiennamenkomposita tendenziell ein Nord-Süd-Gefälle aus. Den höchsten Anteil von Familiennamenkomposita an allen Namenbelegen der Schicht «vor 1800» erreicht zwar der kleine Kanton Basel-Stadt mit 4,96 %; insgesamt tritt die Nordostschweiz (v. a. mit dem Kanton Thurgau) aber stärker in Erscheinung. Das vermeintlich sehr hohe Vorkommen von Familiennamenkomposita im Bezirk Gersau (SZ, am Vierwaldstättersee) ist hingegen als Artefakt auszublenden. In diesem Schwyzer Verwaltungskreis sind lediglich der zusammengesetzte BerufsüberN Camenzind und der zusammengesetzte ÜberN Baggenstos (zu schwzdt. Baggenstōss ‘Schlag gegen die Wange, ins Gesicht’ für eine Person von rauf lustigem, aggressivem Naturell) mit je einem Token dokumentiert; das markante Hervortreten ist der äusserst geringen Grösse des Bezirks, der der politischen Gemeinde Gersau entspricht, geschuldet. Gestützt auf das vorliegende Sample kann daher als Grundtendenz festgehalten werden, dass zusammengesetzte FamN in der Schicht «vor 1800» gegen Norden und v. a. Nordosten hin häufiger auftreten. Ergebnisse Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass in der Schicht «vor 1800» verschiedene Typen von Familiennamenkomposita auftreten, die sowohl Gemeinsamkeiten wie auch Unterschiede zeigen. Grundsätzlich lassen sich die FamN danach unterteilen, aus welchen nichtonymischen und/ oder onymischen Gliedern sie sich zusammensetzen. Wie aus den Detailangaben zu den ersten sieben Karten deutlich wurde, bestehen jedoch häufig verschiedene Klassifizierungsmöglichkeiten, und auch die Deutung der Komposita, v. a. der Erstglieder, muss z. T. vage bleiben. So hält auch die Literatur fest, komplexe FamN wie Aenishänslin oder Schmidweber seien «ohne sachliche Anhaltspunkte meist schwer zu durchschauen» (Bach 1952: 144; s. auch RNB 3 1986: 697). Bei der Auswertung des Kartenkomplexes ist zudem zu bedenken, dass in der Forschung teilweise andere Definitionen von Komposita angesetzt werden (z. B. DFA 3 2012) und dass für das vorliegende Gesamtsample nicht alle FamN aus der Schicht «vor 1800» auf ihre Relevanz überprüft werden konnten. Insgesamt sollte daher von tentativen Ergebnissen gesprochen werden, die sich im Anschluss an diesen Artikel mit zusätzlichen Studien überprüfen und vertiefen lassen. Die erste, die zweite und die dritte Karte verdeutlichen, dass der Typus «nicht-onymisches Lexem + nicht-onymisches Lexem» bei BerufsN, BerufsüberN und ÜberN mit einer relativ grossen Bandbreite an Grundwörtern aus verschiedenen semantischen Feldern auftreten kann, wobei die vielen Komposita mit Eisen hervorstechen. Die BerufsN und die ÜberN weisen insofern ein sehr ähnliches Vorkommen auf, als sich die Tokens weitläufig über das Mittelland verteilen, aber die (Vor-)Alpen mehrheitlich ausgespart sind. Insgesamt ergibt sich daher ein grundsätzliches Nord-Süd-Gefälle, das durch die Anhäufung von BerufsüberN in den Kantonen Thurgau und St. Gallen verstärkt wird. Dieses Raumbild zeugt allerdings nicht zwingend von einer stärkeren Neigung zu Komposita in der nördlichen Deutschschweiz, denn Berufs(über)N treten unabhängig von ihrer Bildungsweise im Norden häufiger auf. Die areale Struktur ist bei allen drei Karten zudem stark von Namennestern beeinf lusst. Da verschiedene Varianten wie Wiederkehr und Widerkehr räumlich nahe beieinander alteingesessen sind, dient die Schreibung hier vermutlich der Differenzierung verschiedener Familien(zweige). Die vierte Karte dokumentiert BerufsN, die mithilfe eines Toponyms resp. eines ortsbezeichnenden Appellativs lokalisiert werden. Als augenfälligstes Ergebnis ist hervorzuheben, dass - auf der Basis der drei angewendeten Suchverfahren - ausschliesslich die Lexeme Meier, Müller und Meister in solchen Komposita auftreten. Mit insgesamt 501 Tokens führen die einfachen Varianten des Typs Meier (zusammengefasst) vor dem Typ Müller mit 342 Tokens die Top Ten der Schicht «vor 1800» an. Es liegt daher nahe, dass das Bestimmungswort in den Familiennamenkomposita die unzureichende Differenzierungsleistung der sehr häufigen Berufsbezeichnungen kompensiert. 17 Dazu passt, dass das weniger frequente Grundwort Meister (vor 1800 mit 17 Tokens) nur einmal als lokalisierter BerufsN auftritt. Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass verschiedene Strategien der Differenzierung zur Verfügung stehen; bspw. scheint für die Bezeichnung des Schmieds häufig(er) auf einen BerufsüberN mit Eisen zurückgegriffen worden zu sein. In Übereinstimmung mit den ersten drei Karten weist die vierte Karte das Mittelland als hauptsächliches Verbreitungsgebiet der lokalisierten BerufsN aus. Während sich die Müller-Komposita mehrheitlich im Kanton Bern ballen, sind Formen des Typs -meier in nördlicheren Gebieten und insbesondere im Kanton Aargau alteingesessen. 17 S. die ausführlichere Diskussion im Artikel II-2.18 «Komposita: Formvarianten im Kontrast» (dritte und vierte Karte). 514 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="515"?> Die fünfte, die sechste und die siebte Karte deuten darauf hin, dass auch Komposita mit (partiell) anthroponymischem Material gegen Norden (v. a. Nordosten) hin tendenziell häufiger vorkommen, auch wenn westliche und südwestliche Belegorte aufscheinen. Vergleicht man die zusammengesetzten Metronyme mit den zusammengesetzten Patronymen, lassen sich formale, frequenzielle und areale Unterschiede erkennen. Weibliche Ruf N treten seltener in Komposita auf, sind in vier von fünf Fällen mit dem Zweitglied -sohn verbunden und grösstenteils im Nordosten dokumentiert. Patronyme erreichen eine höhere Type- und Tokenfrequenz, zeigen eine weitläufigere Verbreitung und sind formal vielfältiger, wobei in der sechsten Karte besonders die Komposita mit Gross- und Kleinhervorstechen. Bei den Metronymen ist es der Ruf N Anna, der in zwei verschiedenen Komposita auftritt, während bei Patronymen der Ruf N Hans eine wichtige Stellung innerhalb des Samples einnimmt. 18 Bei Familiennamenkomposita aus rein lexikalischem Material ist tendenziell davon auszugehen, dass bereits bestehende komplexe Formen onymisiert worden sind. So findet sich für einen Grossteil der FamN aus der ersten, der zweiten und der dritten Karte ein Pendant im Lexikon. Im Unterschied dazu liegt für die Komposita mit toponymischen resp. anthroponymischen Konstituenten nahe, dass das Wortbildungsverfahren erst im Zuge der Beibzw. Familiennamenbildung stattgefunden hat, um Namenträger: innen zu identifizieren oder zu differenzieren. Ungeachtet des spezifischen Entstehungspfads der Familiennamenkomposita ergibt sich auf der Basis der verschiedenen Teilsamples eine grundsätzliche Raumstruktur (s. achte Karte), die nördliche und insbesondere nordöstliche Gebiete stärker in Erscheinung treten lässt als andere Regionen der Deutschschweiz. Damit schliessen sich die in relativer Hinsicht dichteren Vorkommen im Nordosten der Deutschschweiz an das als kompositionsfreudig bezeichnete Bairische an (s. Abschnitt «Vergleich mit benachbartem Ausland»). Dass die südlicheren Dialekträume der Deutschschweiz insgesamt weniger zu Komposition neigen, ist jedoch kein zwingender Schluss (vgl. den obigen Hinweis auf die höhere Dichte an Berufs(über)N im Norden); eine solche - auf diatopische Variation in der Wortbildung abzielende - Hypothese wäre mit weiteren (auch nicht-onymischen) Daten zu überprüfen. Über alle Teilsamples hinweg scheint besonders die Substantiv- Substantiv-Komposition produktiv gewesen zu sein, 19 die sprachhistorisch als ältester Typ angesetzt wird und - vor Adjektiv-Substantiv- Komposita - «auch heute noch der vorherrschende und unrestringierteste» Typ ist (Hentschel/ Vogel 2009: 469). Abgesehen von einigen Ausnahmen wie Langmesser mit dem verdunkelten Kompositum Messer (ahd. meʒʒi-sahs ‘Schwert bzw. Schneidewerkzeug für Speisen’; EtymWB 1993b: s. v. Messer) bestehen die Familiennamenkomposita i. d. R. nur aus zwei Konstituenten. Dies ist insofern nicht überraschend, als die Anzahl Glieder pro Kompositum erst mit der Zeit angestiegen ist (Roelcke 2011: 261; Fleischer/ Barz 2012: 138) und Komposita in schweizerdeutschen Dialekten nach Hodler (1915: 165) und Szadrowsky (1918: 12-13) seltener verwendet werden (s. auch Roelcke 2011: 266). Darüber hinaus ist von Bedeutung, dass hochgradig komplexe Namenkörper die Performanz und die Verarbeitung unnötig belasten (Müller/ Olsen 2022: 383). Weil EigenN der Identifizierung dienen und eine schnelle Direktreferenz ermöglichen, ist morphologische Komplexität nach Nübling (2000: 288) eher afunktional. Diachron lasse sich daher häufig erkennen, wie polymorphematische Strukturen zugunsten von Kürze (ein bis zwei Silben) abgebaut werde (Nübling 2000: 288-289). Im vorliegenden Gesamtsample ist bspw. bei Hausammann, Hausamann eine solche Reduktion anzunehmen. So führen Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Hausammann) aus, dass die «Motivation für die Namengebung […] in einer verkürzten Form des Kompositums Gotteshausammann zu suchen» sei. Die verhältnismässig geringe Anzahl an Komposita in der Schicht «vor 1800» und die grundsätzliche Beschränkung auf zwei Glieder ist insgesamt wohl im Spannungsfeld verschiedener Parameter - wie grösseres Differenzierungspotenzial durch polymorphematische Strukturen und bessere Performanzeigenschaften durch Kürze - zu sehen. So scheint Komposition insbesondere dann als Bildungsmuster relevant zu sein, wenn ein bestimmtes nicht-onymisches Lexem (z. B. Berufsbezeichnungen Beck, Meier) oder ein bestimmtes Onym (z. B. Ruf N Hans) für sich allein zu wenig Identifikationsleistung erbringt. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Herzog (3'975 Tokens), Züger (2'476 Tokens) und Camenzind (2'167 Tokens). Mit der bei der ersten Karte beschriebenen, längenbasierten Suche nach Familiennamenkomposita konnte eine geringe Anzahl an DoppelN (mit oder ohne Bindestrich) identifiziert werden, die in der Schicht «vor 1800» auftreten und als deutschsprachig kategorisiert sind. Das Sample der DoppelN ohne Bindestrich umfasst die deutschsprachigen Formen Baumer Büel (Herblingen SH) und Sulger Büel (Stein am Rhein SH) sowie die sprachlichen Hybride Lemm Marugg, Raguth Tscharner und Salis Gross (alle Kanton GR). Mit Bindestrich erscheinen folgende 15 FamN, die ebenfalls mehrheitlich sprachlich hybrid sind: Bovy-Lysberg, de Diesbach-Belleroche, Dubois- Franck, Favre-Brandt, Favre-Leuba, Glutz-Blotzheim, Glutz-Ruchti, Merian-Genast, Planta-Wildenberg, Rittener-Ruff , Salis-Seewis, von Hurter-Ammann, von Stockar-Scherer-Castell, von Vigier-von Steinbrugg und Wyss-Chodat. 20 Im Unterschied zu den oben kartierten FamN wie Surbeck oder Kupferschmid wird das Bestimmungswort, das sehr wahrscheinlich der Differenzierung verschiedener Familien(zweige) dient (Seibicke 2008: 166; DFA 3 2012: 587), bei DoppelN (mit oder ohne Bindestrich) tendenziell nachgestellt (Bach 1952: 147-148). Als Beispiel seien hier die solothurnischen FamN Glutz, Glutz-Blotzheim und Glutz-Ruchti sowie die bündnerischen FamN Salis, von Salis, Salis Gross und Salis-Seewis genannt. Neben dem FamN von Meyenburg, der nach Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. von Meyenburg) wohl als «Prunkname bzw. künstliche Wortbildung zum ursprünglichen Familiennamen Meyer» zu deuten ist, treten mit Guggenbach und Guggenberger zwei weitere Komposita in der Schicht «vor 1800» auf, die möglicherweise künstlich gebildet sind. Während es sich bei von Meyenburg um ein Adelsgeschlecht handelt, zählen Guggenbach und Guggenberger zu den alten jüdischen 18 Für einen Vergleich der Hans-Komposita mit entsprechenden Grundwörtern und Derivaten s. Artikel II-2.18 «Komposita: Formvarianten im Kontrast» (erste Karte). 19 Übereinstimmend mit den Annahmen in der Literatur sind Fugenelemente in den Familiennamenkomposita selten, s. jedoch u. a. die FamN Pflugshaupt oder Maienfisch (Nübling 2000: 283; Fleischer/ Barz 2012: 188; s. ausführlich Kopf 2018). 20 Vgl. die Artikel II-4.3 «Mehrgliedrige Familiennamen mit den Zusätzen dit, soit, alias» und II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 2.17 Komposita: Gesamtdarstellung 515 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="516"?> Geschlechtern von Endingen und Lengnau im aargauischen Surbtal. 21 Zu formalen Ähnlichkeiten zwischen «Phantasienamen im Stile unserer O[rtsnamen], wie sie von Juden geführt werden […] oder bei Adelserhebungen […] frei gebildet worden sind», s. Bach (1952: 254). Eine kursorische Sichtung der Literatur lässt vermuten, dass Komposition bei solchen frei gebildeten FamN jüdischer Namenträger: innen eine verhältnismässig wichtige Rolle gespielt haben könnte (Bering 1996: 1303; Kunze 2004: 169; Wenzel 2004: 720; Winkler 2009: 423, 433-436; Seibicke 2008: 202; Debus 2012: 129); dies müsste jedoch empirisch untersucht werden. 22 Die in der fünften und der sechsten Karte behandelten FamN weisen teilweise starke Ähnlichkeiten mit jüngeren, appellativisch gebrauchten Personenbezeichnungen auf. So führen Bildungen wie Prahlhans, Zappelphilipp, Quasselpeter, Heulsuse, Dreckliese, Raufbold, Lügenhart, Wüterich, Drückeberger oder Schlaumeier Muster weiter, die in der Schicht «vor 1800» in FamN dokumentiert sind (Saladin 1929: 118-119; Wilmanns 1930: 394-395; Bach 1952: 144, 326-328; Köster 2003: 64-65; Gottschald 2006: 72; Fleischer/ Barz 2012: 184). Für eine ausführlichere Auseinandersetzung mit dem deonymischen Gebrauch von EigenN im Schweizerdeutschen s. Fetzer (2019). Vergleich mit benachbartem Ausland: Gestützt auf die Kartierung verschiedener Familiennamentypen identifiziert der DFA 3 (2012: XXIV) das Westfälische und das Bairische als «charakteristische Kompositionsgebiete» innerhalb Deutschlands (s. auch Nübling/ Kunze 2023: 45, 510). Wie Nübling/ Kunze (2023: 506) erwähnen, nimmt die Häufigkeit von Komposita in Bayern ihre Fortsetzung in Österreich (z. B. mit Bauer oder Typ Meier als Zweitglied; s. Bach 1953: 141; Seibicke 2008: 173). 23 Nach Fleischer (1964: 173-174) zeichnet sich das Tirol durch zahlreiche mit Hof N und -bauer, -may(e)r gebildeten Familiennamenkomposita aus (z. B. Lindmayer, Eichbauer). Für einen Überblick über verschiedene Mayr-Komposita im oberösterreichischen Familiennamenatlas s. Hohensinner (2011). Das FLNB II (2008) dokumentiert auch für das Fürstentum Liechtenstein viele verschiedene Komposita vom Typ -meier (z. B. Buchmeier, Linsmaier, Bachlmayr), daneben aber auch noch weitere Formen wie Bauernfeind, Knabenhans, Müllerbegg oder Schönmetzler. Für Familiennamenkomposita in Luxemburg wie Lynenweuver oder Wollenweber s. Kollmann/ Gilles/ Muller (2016). Da Komposition nicht nur im Deutschen ein zentrales Wortbildungsmuster darstellt, sondern auch in anderen germanischen Sprachen weit verbreitet ist (Schlücker 2012: 1), bieten sich sprachvergleichende Arbeiten an. In ihrer kontrastiven Studie kommen Marynissen/ Nübling (2010: 327) bspw. zum Ergebnis, dass die für den bundesdeutschen Familiennamenbestand feststellbare Kompositionsfreudigkeit bei BerufsN «stark mit den Niederlanden und noch stärker mit Belgien, wo diesbezüglich fast Fehlanzeige besteht», kontrastiere. Jedoch seien Ruf N im Niederländischen häufiger als im Bundesdeutschen als Erstresp. Zweitglied von Familiennamenkomposita wie Woutermaertens (Typus «Ruf N + Ruf N») oder Grootjans (Typus «nicht-onymisches Lexem + Ruf N») belegt (Marynissen/ Nübling 2010: 335, 337). Ausblick Vergleicht man das hier behandelte Gesamtsample mit dem Datenmaterial der DFA-Bände (2009-2018), kann als vorsichtiges Fazit festgehalten werden, dass Komposition im Deutschschweizer Familiennamenbestand (zumindest in der hier zugrunde liegenden Datenschicht der amtlich erhaltenen Namen) relativ gesehen seltener zu sein scheint als in anderen Regionen des deutschsprachigen Raums wie etwa Bayern. Bspw. sprechen Heuser/ Schmuck (2016: 140) von einer «enorme[n] Fülle an Komposita» (z. B. mit frequenten BerufsN als Zweitglied; s. auch Heuser/ Schmuck 2014: 377), was vor dem Hintergrund des vorliegenden Kartenkomplexes nicht im gleichen Masse für die Deutschschweiz postuliert werden kann. So weist der DFA 3 (2012: 554-635) nicht nur verhältnismässig höhere Type- und Tokenfrequenzen aus, sondern auch eine grössere Vielfalt an Typen und Konstituenten, die sich zu Komposita verbinden. In der Schicht «vor 1800» finden sich für die Deutschschweiz z. B. weder FamN mit den Erstgliedern Alt-, Jung - (vgl. dazu DFA 3 2012: 570-576) noch FamN des Typus «Ruf N + Müller» (z. B. Heinmüller, Petermüller), die im bundesdeutschen Familiennamenbestand häufig sind (Heuser/ Schmuck 2014: 395). Auch Komposita zu weiteren zentralen Berufen wie Bauer oder Schmied sind im Unterschied zu Deutschland selten (vgl. Heuser/ Schmuck 2014: 394; Nübling/ Kunze 2023: 391). Während für die Bezeichnung von Hirten bestimmter Tiere in Deutschland auch auf Komposition zurückgegriffen wird (z. B. Geisshirt, Kühhirt, Lämmerhirt, Ochsenhirt; vgl. dazu DFA 5 2016: 98-104), sind in der Deutschschweiz stattdessen Bildungen auf -er alteingesessen (z. B. Geisser, Kalberer, Küher, Rinderer, Lämmler, Ochsner). 24 Ob es sich bei diesen Beispielen nur um einzelne Differenzen handelt oder ob tatsächlich systematische Unterschiede zwischen der Deutschschweiz und anderen Teilen des deutschsprachigen Raums bestehen, müsste genauer untersucht werden. Ebenso wäre auch die Frage aufzuwerfen, wieso das Deutschschweizer Onomastikon gegenüber dem bundesdeutschen allenfalls eine geringere Neigung zu Komposition aufweist. Es lässt sich vermuten, dass in der Deutschschweiz in Fällen, in denen ein FamN potenziell zu wenig Identifikationsleistung erbrachte, eher auf andere Strategien zurückgegriffen wurde. Statt Komposition bietet sich bspw. das Ausweichen auf ein anderes Benennungsmotiv an (z. B. WohnstättenN statt Bauer-Kompositum oder BerufsüberN Isenring statt BerufsN *Panzerschmied ). Womöglich spielt auch das häufige Auftreten von er-Ableitungen eine Rolle (s. o. sowie z. B. auch Simler für den Semmelbäcker, Kessler für den Kesselschmied usw.), das für den oberdeutschen Sprachraum als charakteristisch angesehen wird (Fleischer 1964: 174; Kohlheim/ Kohlheim 2005: 50; Nübling/ Kunze 2023: 320, 326). So weist Szadrowsky (1918: 6) für das Schweizerdeutsche explizit auf den Gebrauch von er-Ableitungen anstelle von Komposita hin (z. B. Schīner neben Schīnbock ‘verschnittener Ziegenbock’; s. auch Id. 8 1881 ff.: Sp. 831; Gubler 1920: 37). 21 Zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung in der Schweiz vgl. überblicksartig die Ausführungen im e-HLS (2009: s. v. Antisemitismus; 2016: s. v. Judentum). Erwähnt sei an dieser Stelle, dass 1737 «die eidgenössische Tagsatzung das Niederlassungsrecht auf die Grafschaft Baden, faktisch die beiden Dörfer Endingen und Lengnau» im Kanton Aargau einschränkte (e-HLS 2009: s. v. Antisemitismus). 22 Vgl. auch die frei gebildeten und i. d. R. transparenten Komposita mit Naturbezug im schwedischen Familiennamenbestand wie Bergdal, Dalberg oder Stenkvist (Nübling 2000: 298; Kunze 2004: 169; Brylla 2007: 665; Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 80, 189). 23 Vgl. den Hinweis im RNB 3 (1986: 613), dass die «zahlreichen Zusammensetzungen von Altmeyer bis zu Zedelmeyer», die in historischen Quellen aus dem Kanton Graubünden erscheinen, fast «ausschliesslich Einwanderer aus dem süddeutsch-tirolischen Raum» beträfen. 24 Für suffigiertes -er als zentrales Bildungsmuster von Deutschschweizer BerufsN s. Artikel II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen». 516 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="517"?> Im Anschluss an diesen Artikel wäre auch eine Untersuchung lohnenswert, die sich mit der Aussprache der hier kartierten Familiennamenkomposita auseinandersetzt. Bspw. notieren Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 83) für den lokalisierten BerufsN Hardmeier die lautlichen Realisierungen «Haarmäier» und «Ha(a)rpmäier». 25 Solche Kürzungen und regressiven Assimilationen an der Grenze der Konstituenten scheinen nicht selten stattzufinden und können zur Verdunklung der Komposita beitragen, wie sie z. B. in den FamN Killer, Junker oder Schuster eingetreten ist (Henzen 1965: 45-46; Paul 1995: 344-345). Darüber hinaus ist nach Ackermann (2023: 669) auffällig, dass «viele deutsche Mundarten wie Alemannisch und Bairisch, die lange Zeit im Kontakt mit Romanischsprachigen waren […], gerade im Namenmaterial häufig das Hinterglied (= Grundwort) betonen» und damit von dem üblichen Akzentmuster im Deutschen abweichen (Müller/ Olsen 2022: 385). Mit Bezug auf weitere Literatur hält Ackermann (2023: 277) fest, die von der Lexik abweichende Betonung könne als onymische Markierung dienen. Inwiefern sich solche Kontaktphänomene und funktionalisierten Akzentverschiebungen nicht nur in den von Ackermann (2023) untersuchten Toponymen, sondern auch in FamN nachweisen lassen, stellt einen weiteren potenziellen Forschungsgegenstand dar. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. 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Esther Loosli 518 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="519"?> 2.18 Komposita: Formvarianten im Kontrast Schlagwörter: Derivat, Differenzierungsvariante, Grundwort, lokalisierter Berufsname, Simplex, Suffix Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Ergänzend zum überblicksartigen Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» werden hier ausgewählte Deutschschweizer Familiennamenkomposita aus der Schicht «vor 1800» genauer untersucht und mit unerweiterten sowie suffigierten Formvarianten verglichen. 1 Um einen Anschluss an die bisherige Literatur zu erlauben, werden die verschiedenen FamN zu den vier weit verbreiteten und soziohistorisch wichtigen Berufsbezeichnungen Beck / Bäcker, Meier, Müller und Schmied untersucht. Den Kartenkomplex vervollständigen verschiedene Bildungsvarianten zur Kurzform Hans (aus dem Ruf N Johannes), die aus frequenzieller Sicht für die Deutschschweiz ebenfalls von Bedeutung ist und in vielfältigen Familiennamenkomposita auftritt (s. auch Bahlow 1972: 204). 2 Anhand der fünf ausgewählten Namentypen werden die Komposita den entsprechenden einfachen Grundwörtern und Derivaten (z. B. auf -er, -li, -mann) gegenübergestellt. Vor der Kontrastfolie, die die anderen Bildungsmuster bieten, stehen die areale Verbreitung und die Formenvielfalt der ausgewählten Familiennamenkomposita im Fokus des Artikels. Wie die bisherige Forschung gezeigt hat, kann ein lexematischer, morphologischer und graphisch-lautlicher Vergleich der Bildungsvarianten nicht nur für die Linguistik, sondern auch für die Kultur- und Sozialgeschichte von Interesse sein. Hintergrund: Für eine Mehrheit der Familiennamenkomposita ist anzunehmen, dass das Grundwort durch die linke Konstituente spezifiziert wird (z. B. FamN Haubenschmid für den Waffenschmied, der Eisenhauben verfertigt) und somit Komposition hier der semantischen Präzisierung und onymischen Differenzierung dient (Seibicke 2004: 3546; Roelcke 2011: 261; Heuser/ Schmuck 2014: 394-395). Die Forschung bringt solche Formen u. a. mit der hohen Arbeitsteilung bestimmter mittelalterlicher Berufszweige in Verbindung (Henzen 1965: 52; Heuser/ Schmuck 2014: 396). Nicht-onymische und onymische Bestimmungswörter ermöglichen zudem die Unterscheidung verschiedener Namenträger: innen, wenn die Grundwörter für sich allein dies nicht leisten können (z. B. Kleinjenni ‘der jüngere Jenni’, Eichmüller ‘der Müller wohnhaft im Eich’). Die Frage, welche nichtonymischen Lexeme oder Onyme durch Komposition präzisiert werden und welche nicht, kann daher aus kultur- und sozialgeschichtlicher Sicht interessant sein. Konkret können Komposita u. a. darauf hinweisen, welche Berufe, welche Ruf N oder welche FamN in einem bestimmten Gebiet häufig auftreten und damit nicht mehr identifizierend sind, was durch Komposition behoben werden kann (Nübling/ Kunze 2023: 369). In gewissen Fällen erlaubt die Wortbildung auch Rückschlüsse darauf, was zu einer bestimmten Zeit als Default angesehen wird: Wie Kunze (2004: 111) und Heuser/ Schmuck (2014: 396) erwähnen, fehlt Wassermüller im Unterschied etwa zu Windmüller im deutschen Familiennamenbestand, weil Wassermühlen zu den ältesten Mühlen gehören und daher bereits unerweitertes Müller i. d. R. den Betreiber einer Wassermühle bezeichnet. Für die Onomastik selbst bieten Familiennamenkomposita u. a. deshalb einen wertvollen Forschungsgegenstand, weil sie neben anderen Bildungsmustern stehen können (z. B. BerufsN Ledergerber neben Gerber, Lederer oder Ledermann) und somit vergleichende Untersuchungen erlauben. Denkbar sind bspw. lexikalische oder semantische Fragestellungen, wobei sich nach Naumann (2007: 25) allfällige (appellativische) Bedeutungsunterschiede der verschiedenen Formvarianten nur schwer erfassen lassen. Ein weiterer Aspekt betrifft die Frage nach arealer Variation der verschiedenen Bildungsmuster. So konnten z. B. Nübling/ Kunze (2023: 510) auf der Basis vergleichender Kartenbilder das Bairische und das Westfälische als die hauptsächliche «Domäne von FamN-Komposita» ermitteln. Zusätzlich zu solchen diatopischen Faktoren gehen Paul (1995: 349) und Erben (2000: 146) davon aus, dass Komposita bei lautlich abgeschwächten und damit wenig unterscheidungsfähigen Formen Ersatz bieten können (z. B. Fassbinder neben Bind; Brotbeck neben Beck). Ausserdem kann Komposition die onymische Natur von FamN verstärken, wenn dadurch Homonymie mit anderen EigenN oder nichtonymischen Lexemen abgebaut wird (z. B. FamN Schwertfeger neben dem Appellativ schwzdt. Schwerter; Fähndrich 2000: 352; Nübling 2000: 276; Fleischer/ Barz 2012: 179). Die Wahl zwischen den verschiedenen Bildungsweisen wird also offenbar sowohl von aussersprachlichen als auch von innersprachlichen Faktoren beeinf lusst. Komposita sind auch insofern interessant, als sie tendenziell häufiger archaische oder untergegangene Lexeme und morphologische Verfahren bewahren als Simplizia und Derivate. So nennen Nübling/ Kunze (2023: 259) als Beispiel für die Variation von Nomen-agentis- Bildungen den «Mund - oder Weinschenk für den Wirt, neben denen es zwar das Wort Schenker gibt, aber keinen Mundschenker» (s. auch Wilmanns 1930: 198). 3 Auch auf der graphisch-lautlichen Ebene wird den Komposita eine stärkere Bewahrung alter Strukturen attestiert (Henzen 1965: 46; Nübling/ Kunze 2023: 199, 209): Kully (2009: 367) merkt für die Deutschschweiz bspw. an, dass das Grundwort eher 1 Für einen Gesamtüberblick, welche Familiennamenkomposita in der Deutschschweiz alteingesessen sind und aus welchen Gliedern sie sich zusammensetzen, vgl. den Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». Wie dort diskutiert, scheint die Schweiz tendenziell eine geringere Kompositionsfreudigkeit aufzuweisen als gewisse andere deutschsprachige Regionen. Dies zeigt sich auch daran, dass sich für den vorliegenden Artikel nur eine beschränkte Anzahl an Familiennamentypen finden liessen, die für eine Kartierung ergiebig sind. Bspw. stehen neben vielen BerufsN wie Fischer, Gerber oder Hirt in der Schicht «vor 1800» (fast) keine zusammengesetzten Pendants, wodurch sich eine Kartierung für die hier zugrunde gelegte Fragestellung nicht lohnt. 2 Vgl. auch den Artikel III-1.9 «Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Johannes». 3 Vgl. auch Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 2.18 Komposita: Formvarianten im Kontrast 519 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="520"?> standardsprachlich, das Bestimmungswort hingegen eher dialektal geschrieben werde, und illustriert dies an den FamN Kneubühler und Kreyenbühl (standarddt. Knieresp. Krähen-). Ähnlich stellen Nübling/ Kunze (2023: 230) fest, dass zusammengesetzte FamN «eher den dialektalen Verhältnissen folgen und Verhochdeutschungen widerstanden haben» (z. B. Entrundung; Dammel/ Schmuck 2009: 285). 4 Zur Veranschaulichung sei die Senkung von i zu e vor Nasal in FamN zu Binder genannt, die deutliche Ergebnisse liefert: «Während das Verhältnis von Binder 9815 zu Bender 11206 47 % zu 53 % beträgt, verhält es sich bei den Komposita auf -binder 1184 wie Butten-, Fass-, Seilbinder vs. -bender 4642 (≥ 2 Telef.) ganz anders: Hier besteht ein Verhältnis von 20 % zu 80 %» (Nübling/ Kunze 2023: 230). Fragestellungen: Der vorliegende Artikel untersucht, inwieweit sich die Verbreitungsgebiete der hier ausgewählten Komposita mit denen der einfachen Grundwörter und Derivate decken. Zudem interessieren die Formvarianz sowie die Type- und Tokenfrequenz der zusammengesetzten FamN im Vergleich zu ihren unerweiterten und abgeleiteten Pendants (z. B. Beck-Komposita neben Typ Beck und Becker). Die erste Karte vergleicht Komposita, in denen als Grundwort Hans auftritt, mit anderen Bildungsmustern zu diesem Ruf N. Die zweite, die dritte, die vierte und die fünfte Karte stellen zusammengesetzte FamN zu den Berufsbezeichnungen Beck / Bäcker, Meier, Müller und Schmied ihren jeweiligen einfachen und suffigierten Varianten gegenüber. Erste Karte {237}: Komposita mit Hans im Kontrast Namenauswahl: Die erste Karte dokumentiert Komposita aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 5 mit Hans als Letztglied und vergleicht sie mit einfachen Grundwörtern sowie Derivaten, die ebenfalls auf diesen Ruf N zurückzuführen sind und vor 1800 in Erscheinung treten. 6 Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Komposita mit Typ Hans: Aenishänslin, Knabenhans, Kocherhans, Langhans, Meierhans, Meisterhans, Meyerhans, Niehans, Oberhänsli, Peterhans. 10 Types, 26 Tokens. Grundwörter Typ Hans: Hans, Haus, Heiss. 5 Tokens. Derivate mit Typ Hans: Handschin, Hänseler, Hanselmann, Hansemann, Hanser, Hänsler, Hansli, Hänsli, Hanslin, Hansmann, Häuselmann, Hausin, Hensel, Henseler, Hensler, Hüselmann. 16 Types, 33 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 30-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 246: Daten zur ersten Karte {237} Detailangaben zur Namenauswahl: 7 In der etymologischen Datenbank (Stand 02.05.2024) wurde automatisch nach FamN gesucht, die den Ruf N Hans enthalten. Nicht in der Karte dokumentiert sind Varianten wie Johann oder Hänni, die sich etymologisch zwar ebenfalls auf den hebräischen Ruf N Johannes zurückführen lassen, aber nicht in Komposita belegt sind und daher nicht im Fokus stehen. 8 Ferner bleiben diejenigen Suchresultate unberücksichtigt, deren Deutung unklar ist (z. B. Haas, Häsler) und/ oder deren Form romanischsprachig ist (z. B. Ans, Henchoz). Es verbleiben insgesamt 29 Familiennamentypen, die sich anhand ihrer Bildungsweise in drei Gruppen aufgliedern: So tritt die Kurzform Hans in der Schicht «vor 1800» einerseits unerweitert als Hans, Haus, Heiss auf (s. auch Id. 2 1881 ff.: Sp. 1468). Andererseits zeigt Hans im Deutschschweizer Familiennamenbestand Erweiterungen mit nicht-onymischen und onymischen Bestimmungswörtern zu Komposita (z. B. Meyerhans, Oberhänsli) resp. mit verschiedenen Suffixen zu Derivaten (z. B. Hanser, Hänsli). 9 Zu erwähnen ist, dass der Typ Henseler allenfalls auch den Handels- und Marktaufseher oder den Pfänder, Pfandmeister bezeichnen kann. Ausserdem ist bei Hüselmann eine Bildung zu diminutivischem Hüsli nicht ganz auszuschliessen. Mit Blick auf die verschiedenen graphisch-lautlichen Erscheinungsformen von Hans fällt auf, dass sowohl bei den einfachen Grundwörtern als auch bei den Ableitungen teilweise der Nasal geschwunden und beim vorangehenden Vokal Ersatzdehnung resp. Diphthongierung eingetreten ist (z. B. Haus, Heiss, Hausin, Hüselmann). Im Unterschied dazu zeigt sich dieses lautliche Phänomen, das mit dem Staubschen Gesetz genauer beschrieben wird, bei den Familiennamenkomposita nicht. 10 8 von insgesamt 10 Types enthalten graphisch-lautlich nicht modifiziertes Hans, daneben sind mit Aenishänslin und Oberhänsli zwei Diminutivformen belegt. An diesem letzten FamN lässt sich erkennen, dass nicht nur Substantive als linke Konstituente auftreten. Neben nicht-onymischen Erstgliedern kommen mit Kocher-, Meier-, Meyer- und Peterauch vier onymische Bestimmungswörter vor. Es ist anzunehmen, dass sowohl die onymischen als auch die nicht-onymischen Erstglieder eine unterscheidende Funktion innehaben, die das weit verbreitete Grundwort nicht ausreichend zu leisten vermochte: «Diese Namendifferenzierung war in einer Zeit nötig geworden, als die Hans-Namengebung so häufig wurde, dass bisweilen über die Hälfte der Bevölkerung so geheissen hat (im 15./ 16. Jh.)» (Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Oberhänsli). Als Differenzierungsmerkmal zog die Sprachgemeinschaft a. FamN wie Meier (ggf. Berufsbezeichnung) oder Peter (ggf. Ruf N), b. charakterliche oder körperliche Eigenschaften wie lang, c. lokale Gegebenheiten wie ober oder d. sonstige Referenzpunkte wie Änis ‘Anis’ heran. Anders verhält es sich bei den beiden Familiennamenkomposita Knabenhans und Meisterhans, die gemäss Id. 2 (1881 ff.: Sp. 1472) den Vorgesetzten 4 Vgl. Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī» (siebte Karte). 5 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 6 Für Hans-Komposita, die (nur) in historischen Quellen belegt sind, s. die regionalen Namenbücher wie das RNB 3 (1986: 787-865), das für Graubünden u. a. die Formen Frischhans, Grosshans, Kleinhans, Kurtzhans und Schramhans dokumentiert. 7 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 8 Vgl. den Artikel III-1.9 «Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Johannes» für weitere Kurzformen und Tobler-Meyer (1894: 58) für historische Familiennamenkomposita mit anderen Kurzformen wie Grossjohann oder Bauerhenne. 9 Für eine ausführlichere Diskussion der suffigierten FamN und der einfachen Grundwörter sei auf den Artikel III-1.9 «Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Johannes» und das Kapitel II-2 «Wortbildung» verwiesen. 10 Für das Staubsche Gesetz in weiteren FamN vgl. Artikel I-2.1 «Nasalschwund». 520 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="521"?> der ‘Knabenschaft’ eines Ortes bzw. den Meistergesellen oder Oberknecht bezeichnen. Das Zweitglied scheint hier also nicht mehr auf eine bestimmte Person mit dem Ruf N Hans zu verweisen, sondern «eine männliche Person schlechthin» zu benennen (Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Oberhänsli). Somit kann bei diesen zwei FamN von einem erweiterten, deonymischen Gebrauch des Ruf N gesprochen werden, wobei zu überlegen wäre, inwieweit sich Hans dadurch einem Affix annähert (Fetzer 2019: 161; Müller/ Olsen 2022: 136). Im Sinne der Vollständigkeit wird im vorliegenden Artikel darauf verzichtet, die FamN auf -hans verschiedenen Bildungsmustern zuzuordnen, und konservativ ein Kompositum angesetzt (Wilmanns 1930: 6; Schlücker 2012: 11, 13). 11 Für die Klassifizierung und weitere Angaben zu den Hans-Komposita vgl. den Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass die Hans-Komposita überwiegend in einem kleinen, nordöstlichen Gebiet der Deutschschweiz auftreten. Mit fünf verschiedenen Types und insgesamt zwölf Belegorten prägt der Kanton Thurgau das Kartenbild massgeblich. Zumindest ein Teil dieser Massierung ist auf Familiennamennester zurückzuführen (u. a. Kocherhans und Oberhänsli, vgl. auch Aenishänslin in BL). Kleinere Ansammlungen von zusammengesetzten Formen finden sich in den Kantonen Zürich (4 Tokens), Basel-Landschaft und Luzern (je 3 Tokens) sowie in der Stadt Bern und im östlichen Teil des Kantons Aargau (je 2 Tokens). Es handelt sich ausschliesslich um mittelländische Belegorte; die (Vor-)Alpen sind frei von Tokens. Unerweitertes Hans tritt hingegen einzig in Jeuss (FR) und damit im deutsch-französischen Sprachkontaktgebiet auf. Die beiden Varianten mit Nasalschwund und Vokaldiphthongierung sind räumlich weit davon entfernt: Heiss ist in Brig (VS) alteingesessen, Haus bildet ein kleines Familiennamennest am aargauischen Nordrand der Schweiz. Gegenüber den drei einfachen Formen, die vor 1800 nur an fünf Orten dokumentiert sind, erreichen die Ableitungen eine höhere Type- und Tokenfrequenz. Sie ballen sich nicht in einem kompakten Areal, sondern streuen relativ stark über das Mittelland - mit einem Schwerpunkt im Kanton Basel-Landschaft - und (vor-)alpine Regionen. Das Verbreitungsgebiet der Hans-Komposita deckt sich damit nur teilweise mit den Belegarealen der Grundwörter und Derivate, wobei insbesondere das Fehlen von unerweiterten und abgeleiteten Varianten im thurgauischen Hauptverbreitungsgebiet der Komposita auffällig ist. Im Unterschied dazu weist die Karte für andere Kantone wie Basel-Landschaft eine räumliche Nähe zwischen suffigierten und zusammengesetzten Varianten aus. Karte 237: Komposita mit Hans im Kontrast, vor 1800 11 Zum graduellen Übergang von Kompositionsgliedern zu Affixen durch Grammatikalisierung s. Erben (2000: 136) und Müller/ Olsen (2022: 136-137). 2.18 Komposita: Formvarianten im Kontrast 521 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="522"?> Zweite Karte {238}: Komposita mit Beck im Kontrast Namenauswahl: Im Mittelpunkt der zweiten Karte stehen Komposita mit dem Letztglied Beck, die für die Schicht «vor 1800» mit entsprechenden einfachen Grundwörtern und Derivaten verglichen werden. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Komposita mit Beck: Brodbeck, Brodtbeck, Brotbeck, Oberbeck, Surbeck. 16 Tokens. Grundwörter Typ Beck: Beck, Bek, Bekk. 23 Tokens. Derivat mit Beck: Becker. 5 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 30-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 247: Daten zur zweiten Karte {238} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 02.05.2024) wurde automatisch nach unmittelbaren Berufsbezeichnungen für den Bäcker gesucht. Ausgeklammert wurden die BerufsN Pfister und Pfisterer, weil sie auf ein anderes Lexem (lat. pīstor) zurückgehen und daher keinen direkten Vergleich mit den Beck-Komposita erlauben. Darüber hinaus wird auf die Kartierung von Osbeck (Genf GE) verzichtet, da die Deutung noch aussteht. Insgesamt umfasst das Sample daher neun FamN zum schweizerdeutschen Appellativ Beck (Id. 4 1881 ff.: Sp. 1108). Die hier als Grundwörter bezeichneten BerufsN Beck, Bek und Bekk konservieren ein früheres Verfahren zur Bildung von Nomina agentis (ahd. becko > mhd. becke, beck). 12 Becker zeigt eine Erweiterung durch das Nominaagentis-bildende Suffix -er. 13 Bei den Komposita ist für die Schicht «vor 1800» als Grundwort nur Beck belegt; als Bestimmungswort treten das Substantiv Brot sowie die Adjektive ober und sauer auf. Im Vergleich zu suffigiertem Becker und den drei einfachen Varianten bieten die Komposita somit zusätzliche Informationen über a. das Produkt oder b. die Stellung des Bäckers. So bezeichnet der Typ Brodbeck den Bäcker, der lediglich Brot und keine anderen Backwaren herstellt, während Surbeck den Bäcker von saurem, groben Brot meint. Die linke Konstituente von Oberbeck bezieht sich wohl nicht auf die relative Lage der Arbeitsstätte (vgl. etwa Hintermüller), sondern auf die leitende oder übergeordnete Position des Bäckers. 14 Kommentar: Die zweite Karte weist den Kanton Basel-Landschaft als Ballungszentrum der Beck-Komposita aus. So sind auf kleinem Karte 238: Komposita mit Beck im Kontrast, vor 1800 12 Für eine detaillierte Auseinandersetzung mit diesem Bildungsmuster vgl. Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 13 Für Nomina agentis auf -er vgl. Artikel II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen»; für patronymische Verwendungen von -er vgl. Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». 14 Für einen anderen Blickwinkel auf die Beck-Komposita vgl. die Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» und III-4.2 «Berufs(über)namen zum Bäckereigewerbe» sowie Casemir (2009). 522 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="523"?> Raum 7 Tokens des häufigsten Namentyps Brodbeck und das einmalig belegte Brodtbeck zu finden. Zwei weitere Ansammlungen zeigen sich im Kanton Schaffhausen mit 4 Tokens und im Kanton Thurgau mit 2 Tokens. Für das thurgauische Nest ist kennzeichnend, dass die Schreibvarianten Brodbeck und Brotbeck am selben Ort vorkommen. In der Stadt Schaffhausen (SH) treten nicht nur die zwei Komposita Surbeck und Brodbeck auf, sondern auch noch endungsloses Beck und Bek. Beck variiert zudem in der Stadt Aarau (AG) mit komplexem Oberbeck und in Winikon (LU) mit zusammengesetztem Brodbeck. Ansonsten finden sich im bernisch-luzernischen Hauptverbreitungsgebiet von Beck jedoch keine Komposita. Letztere beschränken sich grösstenteils auf den Nordrand der Deutschschweiz und zeigen damit eine Raumstruktur, die von den Vorkommensgebieten der Ableitung (SG, GL, AG, VD) und der blossen Formen tendenziell abweicht. Den FamN zu (in-)direkten Berufsbezeichnungen des Bäckers ist aber gemein, dass sie - wie auch FamN zur Mehlgewinnung und zum Getreideanbau - in der Tendenz gegen Norden hin zunehmen. Zum einen hängt dies wohl damit zusammen, dass im alpinen Raum in geringerem Umfang Getreide angebaut werden konnte (e-HLS 2006: s. v. Getreidebau). Zum anderen spiegelt die Verbreitung solcher FamN die höhere Urbanität des Mittellands wider (e-HLS 2009: s. v. Mittelland (Region)). So konzentrierte sich die gewerbliche Brotherstellung im Mittelalter eher auf Städte, während im ländlichen Raum Selbstversorgung vorherrschte (e-HLS 2009: s. v. Bäckerei). 15 Dritte Karte {239}: Komposita mit Meier im Kontrast Namenauswahl: Die dritte Karte widmet sich dem hochfrequenten Typ Meier, der in der Schicht «vor 1800» einerseits als einfaches Grundwort und andererseits als Konstituente in Familiennamenkomposita vorkommt. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Komposita mit Typ Meier: Berchenmeier, Birchmeier, Brühlmeier, Buchmeyer, Dannmeier, Dürmeyer, Fassmeier, Furlenmeier, Grendelmeier, Grendelmeyer, Haltmeier, Haltmeyer, Hardmeier, Hartmeier, Hartmeyer, Haslimeier, Hippenmeyer, Hoffmeyer, Hofmeier, Kirchmeier, Kurzmeier, Langmeier, Lemmenmeier, Lindenmeyer, Meierhans, Meyerhans, Ostermeier, Rütimeyer, Sandmeier, Sandmeyer, Scheuermeier, Steigmeier, Steigmeyer, Stockmeyer, Strohmeier, Stromeier, Vollmeier, Waldmeier, Waldmeyer, Widenmeier, Widmayer, Widmeier, Wiedemeier, Wiedenmeier, Wissenmeier. 45 Types, 76 Tokens. Grundwörter Typ Meier: de Meyer, de Meyeres, Maier, Mayer, Mayr, Mayr von Baldegg, Meier, Meyer, Meyer von Schauensee. 9 Types, 501 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 248: Daten zur dritten Karte {239} Karte 239: Komposita mit Meier im Kontrast, vor 1800 15 Vgl. die Artikel III-4.2 «Berufs(über)namen zum Bäckereigewerbe» und III-4.3 «Berufs(über)namen zur Landwirtschaft». 2.18 Komposita: Formvarianten im Kontrast 523 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="524"?> Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 02.05.2024) wurde automatisch nach FamN gesucht, die Berchtold/ Graf (i. V.) mit der Berufsbezeichnung des Meiers (zu lat. maior ‘grösser’; Id. 4 1881 ff.: Sp. 11; Nübling/ Kunze 2023: 359) bzw. dem FamN Meier in Verbindung bringen. 16 Für die Kartierung wurden die FamN Meierhofer und Meyerhofer, die auf ein zusammengesetztes Toponym Meierhof zurückgehen, sowie der mehrdeutige Typ Meer ausgeschlossen. 17 Wie im Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» ausgeführt, lassen sich die Meier-Komposita verschiedenen Typen zuordnen: Mit 32 Types formen die sogenannten lokalisierten BerufsN mit einem räumlich verortenden Bestimmungswort und der appellativischen Berufsbezeichnung Meier als Grundwort die grösste Untergruppe (z. B. FamN Haslimeier aus dem Toponym Hasli ‘Haselgehölz’ und dem Grundwort Meier ‘Gutsverwalter, auch Grossbauer’ für den Bauern bzw. Verwalter, der das Gut Hasli bewirtschaftete). Daneben finden sich weitere Kompositatypen (z. B. BerufsN Vollmeier für einen Gutsverwalter, der im Unterschied zum Halbmeier, der als FamN in der Schicht «vor 1800» nicht belegt ist, das gesamte Hofgut bewirtschaftete, ÜberN Hippenmeyer wohl zu schwzdt. Hippe(n) ‘gewürzhaftes, dünnes, in Form einer Röhre gerolltes Gebäck’ und dem Grundwort Meier, Patronym Meierhans), wobei sich oft nicht eindeutig entscheiden lässt, ob Meier appellativisch oder bereits als FamN aufzufassen ist. Für einen Kurzbeschrieb und eine Einteilung der vielfältigen Meier-Komposita beachte man den Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». Mehrfach erwähnt ist in der Literatur der Befund, dass im Ostoberdeutschen die Schreibung <ei>, <ey> bei Meier-Komposita der Schreibung <ai>, <ay> bei der unerweiterten Form gegenübersteht (Dammel/ Schmuck 2009: 285; Dräger/ Kunze 2009: 215; Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 158). Daher soll an dieser Stelle kurz auf die Vokalschreibung bei den Deutschschweizer Namen eingegangen werden: Bei den Komposita überwiegt mit 30 von 45 Types die Schreibung <ei>; daneben finden sich 14 ey-Schreibungen sowie ein einzelner ay-Beleg mit dem FamN Widmayer, dessen Namenträger: innen jedoch 1793 aus Deutschland zugewandert sind. Die unerweiterten Bildungsvarianten zeigen hinsichtlich der Types ein anderes Verhältnis: Hier ist <ay> nach <ey> die zweithäufigste Schreibung; zudem ist bei den Grundwörtern im Unterschied zu den Meier-Komposita auch <ai> dokumentiert. Somit zeigen die zusammengesetzten Formen die für die Schweiz typische e-Graphie, während bei den unerweiterten FamN mehr Varianz auftritt. Wie im Artikel I-1.9 «Diphthongwandel von mhd. ei, ou, öu» dargelegt, sind dafür teils dialektale, teils verwaltungstechnische Hintergründe anzunehmen. Aus vergleichender Perspektive ist v. a. interessant, dass die a-Graphie, die zumindest teilweise als Schreibmode aus dem Schwäbischen und Bairischen übernommen worden ist, nur in den blossen Grundwörtern, aber nicht in den Komposita vorkommt. Es lässt sich vermuten, dass der komplexe Namenkörper die Ausbreitung der a-Graphie gehemmt hat, wohingegen die unerweiterten Formen der Schreibmode stärker ausgeliefert waren. Kommentar: Entsprechend der Höchstfrequenz, die der Typ Meier in der Schicht «vor 1800» erreicht, zeigt die dritte Karte ein weitläufiges Verbreitungsgebiet der als Grundwörter kartierten Familiennamentypen. Als Kernareale treten die Kantone Aargau und Zürich in Erscheinung, und hier finden sich auch die höchsten Tokenfrequenzen von Komposita: Im Kanton Aargau stehen 111 Tokens der unerweiterten Formen 28 Tokens der zusammengesetzten Meier-FamN gegenüber, im Kanton Zürich beträgt das Verhältnis 93 zu 12. Während die einfachen Formvarianten noch in 21 weiteren Kantonen dokumentiert sind und es somit nur in den Westschweizer Kantonen Genf und Neuenburg sowie dem Innerschweizer Kanton Obwalden keine Belege gibt, sind Komposita im Vergleich dazu weniger stark verbreitet. Nichtsdestotrotz treten Meier-Komposita ausser im Mittelland auch in (vor-)alpinen Regionen (z. B. Kirchmeier in Obstalden GL, Buchmeier in GR) in Erscheinung. Die Komposita fügen sich oft zu Familiennamennestern zusammen, wie bspw. Sandmeier im Kanton Aargau oder Hardmeier im Kanton Zürich. Darüber hinaus offenbart das Kartenbild, dass innerhalb eines Ortes unterschiedliche Meier- Komposita auftreten (z. B. Sandmeier, Sandmeyer in Egliswil AG; Birchmeier und Wiedenmeier in Nussbaumen AG) oder komplexe und einfache Formen alteingesessen sind (z. B. Rütimeyer und Meyer in Bern BE, Vollmeier und Meier in Kirchberg SG). 18 Vierte Karte {240}: Komposita mit Müller im Kontrast Namenauswahl: Die vierte Karte stellt die in der Schicht «vor 1800» belegten Komposita mit dem Letztglied Müller den einfachen Grundwörtern gegenüber. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Komposita mit Müller: Bahnmüller, Buchmüller, Eichmüller, Ettmüller, Flachmüller, Freimüller, Geymüller, Haasmüller, Haumüller, Hellmüller, Hintermüller, Kellermüller, Lerchmüller, Lormüller, Segmüller, Stegmüller, von Geymüller, Wegmüller, Wehrmüller, Weiersmüller, Weissmüller, Werdmüller, Werthmüller, Wertmüller, Wyssmüller. 25 Types, 45 Tokens. Grundwörter Typ Müller: Müller, von Müller. 432 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 249: Daten zur vierten Karte {240} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 02.05.2024) wurde automatisch nach FamN gesucht, die Berchtold/ Graf (i. V.) mit der direkten Berufsbezeichnung des Müllers (zu lat. molīnārius) bzw. dem FamN Müller in Verbindung bringen. 19 Nach der manuellen Überprüfung aller Treffer wurden die FamN Mühle und Mülli ausgeschlossen, da sie auf entsprechende Toponyme zurückzuführen sind und daher von den FamN zum Nomen agentis Müller unterschieden werden. Aus demselben Grund sind Dürmüller und Weihmüller, denen wohl jeweils ein zusammengesetzter ÖrtlichkeitsN auf -mühle, -mülli zugrunde liegt, nicht im Sample enthalten 16 S. auch die Ausführungen im Artikel II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen» (fünfte Karte). 17 Berücksichtigt werden hingegen FamN, die syntaktisch komplex sind, aber das Grundwort Meier enthalten; konkret de Meyer, de Meyeres, Mayr von Baldegg und Meyer von Schauensee (vor 1800 jeweils 1 Token). 18 Zur Verbreitung verschiedener FamN zu mhd. meier, meiger vgl. auch die Artikel I-1.9 «Diphthongwandel von mhd. ei, ou, öu» (erste und zweite Karte) und III-4.3 «Berufs(über)namen zur Landwirtschaft» (dritte Karte). 19 Für das aus dem Lateinischen entlehnte Grundwort Müller vgl. die Artikel II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen» (fünfte Karte) und III-4.2 «Berufs(über)namen zum Bäckereigewerbe» (dritte Karte). 524 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="525"?> (s. auch Heuser/ Schmuck 2014: 395). Als Erklärung für den Ausschluss von Muhler, Muller und Mullis seien die unklare Deutung resp. die Kategorisierung als romanische Form genannt. Auch Mühlemann ist in der vorliegenden Karte nicht berücksichtigt, weil der FamN einerseits als WohnstättenN für eine Person, die in oder bei einer Mühle wohnhaft ist, andererseits als BerufsN für eine Person, die in einer Mühle arbeitet, aufgefasst werden kann, in jedem Fall aber keine Ableitung zum Grundwort Müller ist. Damit bleiben 27 Types übrig, die die vorliegende Karte abbildet. Neben den einfachen Formvarianten Müller und von Müller (mit zusätzlichem präpositionalem Bestandteil) finden sich im historischen Familiennamenbestand verschiedenartige Komposita mit Müller als Grundwort, die im Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» genauer beschrieben und kategorisiert werden. Wie bei den Meier-Komposita machen auch hier die lokalisierten BerufsN die Mehrheit der Types aus (19 von 25 Types; s. auch Heuser/ Schmuck 2014: 395). So ist bspw. der FamN Stegmüller aus dem häufigen FlurN Steg und dem Grundwort Müller ‘Betreiber einer Mühle’ gebildet. Zu den weiteren Typen gehören u. a. Freimüller, Kellermüller und Wyssmüller. Eine eindeutige Klassifizierung der Komposita kann nicht in allen Fällen geleistet werden. Bspw. benennt Wyssmüller wahrscheinlich das Produkt (Weizen); ein Bezug auf das Erscheinungsbild des Müllers, der durch eine besonders helle Färbung von Haar oder Haut auffällt, oder der Typus «FamN + FamN» sind aber ebenfalls denkbar. Kommentar: Die vierte Karte verdeutlicht das grossf lächige Auftreten von blossem Müller, gegenüber dem die verschiedenen Komposita stark zurücktreten. Während von Müller ausschliesslich in der Stadt Bern vorkommt und durch die Präposition patrizischen Status der ursprünglichen Namenträger: innen zum Ausdruck bringt, 20 ist der FamN Müller mit 431 Tokens in 21 Kantonen verbreitet. Das Mittelland ist beinahe vollständig mit Belegen bedeckt; Vorkommen in den (Vor-)Alpen sind weitaus geringer. Die Müller-Komposita sind mit 17 resp. 9 Tokens in den Kantonen Bern und Zürich am häufigsten dokumentiert. Im Kanton Zürich formen die Belege rund um die Stadt Winterthur ein Familiennamennest, im Kanton Bern zeigen sich hingegen mehrere Ballungen in den Verwaltungskreisen Emmental und Bern-Mittelland. Daneben gibt es auch bernische Belege in (vor-)alpinen Gebieten, denn sowohl im westlichen als auch im östlichen Berner Oberland existieren in der Schicht «vor 1800» Müller-Komposita (z. B. Weissmüller und Wyssmüller im Bezirk Frutigen-Niedersimmental sowie Weissmüller im Bezirk Interlaken- Oberhasli). Die restlichen Kantone, in denen Familiennamenkomposita alteingesessen sind, liegen eher in der westlichen Hälfte der Deutschschweiz (BS, BL, SO, AG), doch auch in den Kantonen Luzern, Schwyz, Thurgau und St. Gallen finden sich vereinzelte Belege. Insgesamt zeigen sich die zusammengesetzten Varianten also in Gebieten, für die auch das unerweiterte Pendant dokumentiert ist. Dabei kommt es mehrfach vor, dass in einem bestimmten Ort sowohl ein Kompositum als auch einfaches Müller alteingesessen ist (z. B. Stadt Basel, Stadt Zürich, Lotzwil BE) und die beiden Bildungsmuster somit kleinräumig variieren. Karte 240: Komposita mit Müller im Kontrast, vor 1800 20 Vgl. Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 2.18 Komposita: Formvarianten im Kontrast 525 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="526"?> Fünfte Karte {241}: Komposita mit Schmied im Kontrast Namenauswahl: Den Abschluss der vergleichenden Betrachtung von Familiennamenkomposita bilden die Formvarianten zum Typ Schmid, die in der Schicht «vor 1800» dokumentiert sind. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Komposita mit Typ Schmid: Breitschmid, Goldschmid, Haubenschmid, Hubschmid, Hufschmid, Isenschmid, Kaltschmied, Kupferschmid, Kupferschmied, Pfannenschmid, Schmidheini, Schmidheiny, Schmidweber, Tuchschmid. 14 Types, 39 Tokens. Grundwörter Typ Schmid: Schmed, Schmedt, Schmid, Schmidt, Schmied, Schmit, Schmitt, von Schmid. 8 Types, 322 Tokens. Derivate mit Typ Schmid: Schmeder, Schmidig, Schmidiger, Schmidle, Schmidli, Schmidlin, Schmitz. 7 Types, 47 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 250: Daten zur fünften Karte {241} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 02.05.2024) wurde automatisch nach FamN gesucht, bei denen appellativisches resp. onymisches Schmied namengebend war. 21 Unberücksichtigt bleiben die zu Toponymen gebildeten FamN (z. B. Schmidhäusler, Schmitter). Insgesamt enthält die Karte 29 Familiennamentypen, die für den Vergleich von Relevanz sind. Die Hälfte der Typen machen zusammengesetzte Formen mit Schmi(e)d als Grund- oder Bestimmungswort aus. Die restlichen 15 Types verteilen sich gleichmässig auf einfache Grundwörter und Ableitungen. 22 Für Schmidiger gilt es zu beachten, dass neben einer patronymischen Deutung auch ein HerkunftsN zu einem Toponym Schmidig(en) denkbar ist. Für die Schmid -Komposita sei auf den Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» hingewiesen, der eine Einteilung in verschiedene Untergruppen vornimmt. In 9 von 14 Kompositatypes folgt die allgemeine Berufsbezeichnung Schmied einem nicht-onymischen Bestimmungswort, das über a. das Produkt (z. B. Hufschmid, Pfannenschmid ), b. das Material (z. B. Goldschmid, Kupferschmied ) oder c. die Arbeitstechnik (Kaltschmied ) Auskunft gibt (s. auch Kunze 2004: 116). Die übrigen Familiennamenkomposita setzen sich aus nicht-onymischen und onymischen Gliedern (z. B. FamN Tuchschmid wohl für einen Angehörigen der Familie Schmid, Karte 241: Komposita mit Schmied im Kontrast, vor 1800 21 Vgl. Artikel III-4.5 «Berufs(über)namen zur Metallverarbeitung» (sechste Karte). 22 Detailliertere Angaben zu den blossen und den suffigierten Formen finden sich in den entsprechenden Artikeln im Kapitel II-2 «Wortbildung». 526 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="527"?> der Tuchhändler oder Tuchmacher ist) resp. aus rein onymischen Konstituenten (z. B. FamN Schmidheiny) zusammen, wobei Doppelmotivierungen nicht auszuschliessen sind. So lässt sich z. B. Schmidweber als ‘Angehöriger der Familie Weber, der Schmied ist’, aber auch als Typus «FamN + FamN» oder als Kombination zweier appellativischer Berufsbezeichnungen deuten. Bei den Komposita überwiegt die Schreibung <schmid> mit 12 Types (32 Tokens) gegenüber <schmied> mit 2 Types (7 Tokens). Bei den einfachen Formen zeigt sich sowohl im Vokalismus als auch im Konsonantismus mehr Schreibvariation; aber auch hier ist Schmid mit 273 Tokens der häufigste Typ. Erst mit grossem Abstand folgen Schmidt (23 Tokens) und Schmied (13 Tokens) als zweit- und drittverbreitetste Varianten. 23 Kommentar: Die fünfte Karte zeigt, dass die unerweiterten Bildungsvarianten mehr oder weniger die gesamte Deutschschweiz bedecken, wobei auch in alpinen Räumen (z. B. Bezirke Leuk und Goms VS, Region Plessur GR) relativ viele Belege dokumentiert sind. Hinsichtlich der absoluten Häufigkeit führen die Kantone Aargau mit 54 Tokens, Zürich mit 53 Tokens und Bern mit 45 Tokens die Liste an. In weiteren 18 Kantonen ist mindestens eine einfache Form belegt. Im Unterschied dazu ist das Verbreitungsareal der entsprechenden Komposita - wie auch der Derivate - weitaus kleiner. Die höchste absolute Tokenfrequenz erreicht der Kanton Bern mit je mehreren Belegen in den Verwaltungskreisen Bern-Mittelland, Emmental und Oberaargau (insgesamt 13 Tokens). Der (vor-)alpine Teil des Kantons kennt hingegen nur einfache Grundwörter. Hinter dem Kanton Bern folgen die Kantone Zürich (7 Tokens) und Luzern (5 Tokens) als häufige Verbreitungsgebiete der Komposita. In sieben nördlichen Kantonen treten je maximal 3 Tokens auf. Insgesamt ergibt sich dadurch das Bild, dass Schmid -Komposita auf das Mittelland beschränkt sind, während die als Grundwörter kartierten FamN auch in den (Vor-)Alpen (z. B. Meiringen BE, Bezirk Goms VS) auftreten. Innerhalb des Mittellands überlappen sich die Verbreitungsareale der verschiedenen Bildungsmuster, da entweder am gleichen Ort (z. B. Isenschmid und Schmid in Bern BE) oder im gleichen Gebiet (z. B. Bezirke Oberaargau BE und Frauenfeld TG) jeweils auch einfache Grundwörter belegt sind. Ausserdem können graphisch-lautliche Varianten von Familiennamenkomposita in derselben Gemeinde alteingesessen sein; bspw. Kupferschmied und Kupferschmid in Wachseldorn (BE) sowie in Süderen (BE) oder Hubschmid und Hufschmid in Affoltern am Albis (ZH) und Niederwil (AG). Das kleinsträumige Nebeneinander von älterem Hub- und jüngerem Huf sowie <i> und <ie> in Kupferschmi(e)d lässt vermuten, dass Variation hier die Unterscheidung verschiedener Familien(zweige) erlaubt. Ergebnisse Bei den FamN zu den Berufen des Meiers, Müllers und Schmieds überwiegen die einfachen Grundwörter gegenüber den Komposita deutlich: Je rund 90 % der Tokens entfallen auf die einfachen Formen. Das Tokenverhältnis verschiebt sich bei Beck und noch stärker bei Hans zugunsten der Komposition, wobei hier verschiedene Faktoren zu berücksichtigen sind. So ist die relativ geringe Belegdichte von unerweitertem Beck zumindest teilweise mit lexikalischer Konkurrenz zu erklären (Nübling/ Kunze 2023: 369). Mit 70 Tokens ist Pfister in der Schicht «vor 1800» häufiger als Typ Beck; in den Komposita ist jedoch nur Beck belegt. Hinsichtlich der seltenen Simplizia zu Hans ist zu bedenken, dass einerseits weitere Kurzformen zur Vollform Johannes und andererseits viele Diminutiva existieren, die ebenfalls in den Familiennamenbestand eingegangen sind. Zu überlegen wäre zudem, ob blosses Hans deshalb nur selten zu einem FamN wurde, weil es (infolge Hochfrequenz) kaum formales Unterscheidungspotenzial birgt. Darüber hinaus ist zu beachten, dass der Ruf N in Komposita wie Meisterhans oder Knabenhans appellativische Bedeutungen annimmt und somit einen erweiterten Gebrauch zeigt. Vergleicht man die Komposita aller fünf Karten miteinander, fällt die Variantenvielfalt und Belegdichte der Meier-Komposita auf (76 Tokens). Am zweit- und dritthäufigsten sind Kompositaformen zu Müller (45 Tokens) und Schmied (39 Tokens). Diese tokenbasierte Rangliste entspricht den Verhältnissen bei den einfachen Grundwörtern: Typ Meier (501 Tokens) führt vor Typ Müller (432 Tokens) und Typ Schmid (322 Tokens). Somit finden sich für die drei genannten Typen umso mehr Familiennamenkomposita, je häufiger ihre nicht-zusammengesetzten Pendants sind. Auch in Bezug auf die Verbreitungsräume der Komposita weisen FamN zu den Berufsbezeichnungen Meier, Müller und Schmied untereinander tendenziell mehr Gemeinsamkeiten auf als mit Hans und Beck. Wie die dritte, die vierte und die fünfte Karte verdeutlichen, sind die als Grundwörter kartierten FamN über das mittelländische Hauptverbreitungsgebiet (insbesondere die Kantone Aargau und Zürich) hinaus in der ganzen Deutschschweiz alteingesessen. Entsprechende Komposita beschränken sich hingegen mehrheitlich auf das Mittelland. Dabei zeigen sie das Grundmuster, in der Nähe von nicht-zusammengesetzten Belegen in Erscheinung zu treten. Die Hans-Komposita verteilen sich zwar ebenfalls über das Mittelland, aber erstens ballen sie sich stark im Kanton Thurgau und zweitens decken sie sich weniger oft mit den Belegorten der einfachen Grundwörter und abgeleiteten Formen. Ein ähnliches Bild zeigt die Karte zu Beck, das in Komposita grösstenteils am äussersten Nordrand der Schweiz auftritt, während unerweiterte Varianten in den Kantonen Bern und Luzern am häufigsten vorkommen. Bei allen fünf Karten konnten mehrere Familiennamennester von Komposita identifiziert werden, die für das jeweilige Raumbild prägend sind. Wie eingangs erwähnt, nimmt Komposition bei der Mehrheit der zusammengesetzten FamN eine onymische Differenzierungsfunktion ein (z. B. Haslimeier, Langhans, Tuchschmid ). Bei Berufsbezeichnungen als Grundwort bringt die linke Konstituente oft auch eine Spezialisierung innerhalb des Tätigkeitsbereichs zum Ausdruck, wie dies z. B. bei Goldschmid, Kaltschmied und Isenschmid erkennbar ist. Als Sonderfälle haben Knabenhans und Meisterhans zu gelten, da ihre Bedeutung verdunkelt ist und eine determinative Lesart (etwa ‘Hans, der in irgendeiner Weise mit Knaben zu tun hat’ resp. ‘Hans, der Meister ist’) nicht unmittelbar naheliegt. Auf formale Aspekte ist sowohl bei der Beschreibung der Namenauswahl als auch bei den Kommentaren verschiedentlich hingewiesen worden. Zusammenfassend sollen an dieser Stelle gewisse Punkte noch einmal aufgegriffen werden: Die Familiennamenkomposita können sich aus nicht-onymischen und/ oder onymischen Konstituenten zusammensetzen; bei ersteren handelt es sich nicht ausschliesslich, aber mehrheitlich um Substantive. Im Vergleich zu ihren unerweiterten und abgeleiteten Pendants können Komposita andere Grundtendenzen zeigen. Bspw. variieren Beck und Becker mit entlehntem Pfister und Pfisterer, wohingegen die Komposita keine solche lexikalische Variation auf- 23 Vgl. die Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī» und I-2.7 «Schreibvariation bei Plosiven im Auslaut». 2.18 Komposita: Formvarianten im Kontrast 527 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="528"?> weisen. Darüber hinaus sind in der Schicht «vor 1800» mit endungslosem Beck (ahd. -o, mhd. -e, -Ø ) und abgeleitetem Becker (ahd. -āri, -ari, mhd. -ære, -er) ein älteres und ein jüngeres Bildungsmuster für Nomina agentis belegt, 24 während die Familiennamenkomposita ausschliesslich die konservative Form enthalten. Auch auf graphischlautlicher Ebene lassen sich Unterschiede festmachen. So zeigen nur die Simplizia zu Hans im Schriftbild Ref lexe des Staubschen Gesetzes, während in den Komposita ausschliesslich die ältere nasalhaltige (und gleichzeitig die standardnähere) Lautung verschriftet ist. Insgesamt verdichten sich somit Evidenzen für das aus der nicht-onymischen Wortbildung bekannte Phänomen, dass Lexeme im Inneren eines Kompositums eher konserviert werden als in freiem Vorkommen. Ansonsten deuten die untersuchten Namen darauf hin, dass die Schreibung eher kleinräumig zur Unterscheidung verschiedener Namenträger: innen dient (z. B. Kupferschmid und Kupferschmied in denselben Orten) und damit - zumindest in diesen Fällen - nicht unmittelbar mit dem Bildungsmuster zusammenhängt. Aufbauend auf diesen tentativen Ergebnissen und die eingangs genannte Literatur bieten sich zusätzliche, vertiefende Studien zur Variation zwischen einfachen Grundwörtern und Komposita an. Daneben bestehen weitere Anknüpfungspunkte wie bspw. die Fragen, inwiefern gewisse Lexeme stärker zu Wortbildung neigen als andere (z. B. Schmied mit zahlreichen Ableitungen im Vergleich z. B. zu Müller; s. auch Nübling/ Kunze 2023: 395) oder inwieweit bei häufigen Berufsbezeichnungen indirekte BerufsüberN dieselbe differenzierende Funktion wie Berufsnamenkomposita übernehmen können (z. B. BerufsüberN Flaad statt *Flaad(en)beck für den Bäcker von dünnen Backwaren, BerufsüberN auf -eisen für den Schmied; Fleischer 1964: 146). Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten Familiennamenkomposita sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Wegmüller (1'911 Tokens), Waldmeier (830 Tokens) und Peterhans (825 Tokens). Ergänzend zum vorliegenden Kartenkomplex liessen sich weitere Samples zu Formvarianten erstellen. Eine vergleichende Perspektive bietet sich bspw. bei FamN zu mhd. hērre, hërre (z. B. FamN Eigenheer, Kilchherr), zu Knecht (z. B. FamN Hausknecht, Schiltknecht) oder zu Meister (z. B. Brunnenmeister, Sutermeister) an (s. auch Tobler-Meyer 1894: 90-91; DFA 5 2016: 30-32). Unter den Komposita mit weiblichen Ruf N tritt Anna leicht hervor (s. Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung», sechste und siebte Karte) und würde sich daher für einen Vergleich anbieten. Anna gehört im Mittelalter zu den häufigsten weiblichen Ruf N fremden Ursprungs (Kunze 2004: 45) und ist in unterschiedlichen Bildungsweisen in den Deutschschweizer Familiennamenbestand eingegangen. 25 Den FamN Meisterhans und Knabenhans aus der ersten Karte schliessen sich Appellativa wie Prahlhans, Schmalhans oder Grobhans an, bei denen Hans aufgrund der verblassten Semantik und seiner Reihenbildung affigierende Züge aufweist (Henzen 1965: 33-35; Olsen 2000: 902; Gottschald 2006: 72). Wie bereits erwähnt, sind davon komplexe Formen zu unterscheiden, in denen Hans als männlicher Ruf N eine konkrete Person bezeichnet. Bspw. dient das Bestimmungswort im Familiennamenkompositum Langhans dazu, den Namenträger zu identifizieren, weil der Ruf N allein infolge seiner Beliebtheit nicht ausreichend unterscheidend ist (Surläuly 1927: 102). Vergleich mit benachbartem Ausland: Wie im Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» diskutiert, scheint der bundesdeutsche Raum - oder zumindest Teile davon - verhältnismässig reicher an Komposita zu sein als die Deutschschweiz. An die Fülle zusammengesetzter FamN, die aus dem DFA (2009-2018) ersichtlich wird, reicht das hier behandelte Material (obschon die ergiebigsten Fälle der Deutschschweiz) nicht heran. Man vergleiche dazu den vorliegenden Kartenkomplex mit entsprechenden Karten aus dem bundesdeutschen Raum: Für FamN mit Hans s. DFA 3 (2012: 570-576), für FamN zu Beck s. Nübling/ Kunze (2023: 373-376), für FamN zu Meier s. Nübling/ Kunze (2023: 45, 358-365), für FamN zu Müller s. Heuser/ Schmuck (2014) sowie Nübling/ Kunze (2023: 369-373) und für FamN zu Schmied s. Nübling/ Kunze (2023: 390-396). Der DFA 3 (2012: 554-635) kartiert Komposition bei BerufsN sowie bei Patronymen (z. B. Schmidbauer, Hansmeier, Oberpaul ) und behandelt darüber hinaus DoppelN mit Bindestrich und die Auf lösung historischer Kompositionsfugen. Der DFA (2009-2018) bieten insofern eine gute Ausgangsbasis für vergleichende Arbeiten, als Komposita nicht nur bei morphologischen Fragestellungen, sondern u. a. auch bei lexikalischen und graphisch-lautlichen Aspekten behandelt werden. Auf der Grundlage der DFA-Daten stellen Nübling/ Kunze (2023: 358-407) im Kapitel «Familiennamen nach Berufen» ausführliche Vergleiche zwischen Grundwörtern wie Müller und Komposita wie Moosmüller, Neumüller, Freimüller oder Pulvermüller an. Durch eine systematische Betrachtung der verschiedenen Komposita identifizieren sie u. a. gängige Differenzierungsmerkmale, die in Erstgliedern auftreten. Beim Grundwort Müller bspw. kann die linke Konstituente etwa Angaben zur Lage, zum Besitzer, zu bestimmten Eigenschaften des Müllers, zu dessen Status, zur Mühlenart oder zum Produkt liefern (Nübling/ Kunze 2023: 370-371). Die gemeinsame Kartierung von einfachen und zusammengesetzten Formen zeigt, dass «die Vorkommen von Typ Müller fast das gesamte Bundesgebiet, abgesehen vom Großraum Westfalen und Bayern» bedecken. Die geringere Dichte in diesen beiden Arealen deute jedoch nicht auf ein weniger häufiges Vorkommen dieser Berufsbezeichnung hin: «Gerade in diesen Gebieten gab es so viele Müller, dass der Name seine Differenzierungs- und Identifizierungsleistung nicht mehr erfüllen konnte» und Komposition Abhilfe verschaffte (Nübling/ Kunze 2023: 369). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. 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Artikel III-1.12 «Metronyme: Häufige Fälle» (vierte Karte). 528 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="529"?> 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Bahlow, Hans (1972): Deutsches Namenlexikon. Familien- und Vornamen nach Ursprung und Sinn erklärt. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. 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Auf der Grundlage eines Namenkorpus, das alle einschlägigen Belege bis ca. 1725 zusammenfasst - d. h. auch Namen, die später nicht mehr lebendig sind -, verortet das RNB 3 (1986: 434) die Entstehung des Namentypus zwischen 1250 und 1350. Aus diesen Daten schliessend liegt das hauptsächliche Verbreitungsgebiet der Ca-Namen in einer klar umrissenen Region Graubündens, die sich über die Surselva, die Sutselva und das Schams erstreckt (vgl. Verbreitungskarte im RNB 3 1986: 433). Herkunft und Motivierung der Ca-Namen sind umstritten und werden ausführlich im RNB 3 (1986: 421-436) erläutert. Im Folgenden wird dennoch auf einige Entstehungstheorien eingegangen. Die Struktur des Namentypus besteht aus dem Element Ca- und einem Ruf N oder einer Personenbzw. Familienbezeichnung, die sich nach der Herkunft, dem Beruf oder einer Eigenschaft richtet: Caflisch aus Ca- + Ruf N Flisch (aus Felix), Caprez aus Ca- + Toponym Prez, Camastral aus Ca- + Berufsbezeichnung mastral ‘Landammann, Kreispräsident; Gemeindepräsident’. Die Semantik des Präfixes Ca- ‘Haus’ weist darauf hin, dass es sich bei dieser Namenbildung ursprünglich um Toponyme handelte, konkret um HäuserN. Der Name bezeichnete den Wohnort (das Haus oder den Hof ), in dem eine bestimmte Person oder eine bestimmte Hausgemeinschaft lebte. Caflisch bedeutete somit ‘das Haus bzw. die Wohnstätte des Felix’ oder ‘das Haus der Familie des Felix’. Die toponymische Herkunft des Namentypus wird durch die urkundlichen Belege deutlich, die bis 1500 Formen mit der Präposition de aufweisen; darunter z. B. Jan de Gaplaysch, Gieri de Cathomen (RNB 3 1986: 432). Ein Teil dieser HäuserN lebte ausschliesslich als Toponyme weiter, einige davon verselbstständigten sich als FamN - nach RNB 3 (1986: 432) erst nach 1500. In Breil und Sumvitg (Surselva) existieren noch heute homonyme Namenpaare (RNB 3 1986: 434): So kommen Cagienard, Capeder und Cathomen sowohl als HäuserN als auch als FamN vor. Demzufolge korrespondiert das Kerngebiet des Familiennamentypus mit dem Vorkommen der HäuserN mit dem Präfix Ca-, die für die Region Surselva typisch sind. Von den ca. 140 HäuserN mit Cain Graubünden kommen 95 in der Surselva vor, am häufigsten (60 Namen) im oberen Teil der Region zwischen Breil und Tujetsch (DRG 3 1939 ff.: 412; RNB 2 1985: 82). Nach der Konsolidierung des Ca-Typus als FamN wurde das Präfix Cabis zu Beginn des 18. Jh. als Element für weitere Familiennamenbildungen produktiv (RNB 3 1986: 421). Das Namenelement Cazeigt i. d. R. keine lautlich-graphematische Varianz. Nur in den verdeutschten Gebieten wird der Anlaut durch Lenisierung (z. B. Galbier) oder Synkopierung (Crufer) formal angepasst. Auch in rätoromanischen Sprachgebieten, in denen lat. c- + a in der Epoche der Entstehung der FamN schon palatalisiert wurde - u. a. zu cha, tga oder tgea -, ist Cain FamN i. d. R. erhalten, wie bspw. in Cadotsch (Savognin). Toponymische HäuserN hingegen zeigen oft zweifache Ref lexe: Während in Bildungen des Typus ca(sa) + Ruf N das Element Cameistens unverändert bleibt, weist es in anderen Verbindungen Palatalisierung auf: in Surses (GR) z. B. Cadotsch (‘das Haus des Dotsch’) vs. Tga Bostg (‘das Haus beim Wald’) und Tga Davains (‘das vordere Haus’). Im Namen Cadotsch hat sich das Namenelement Cavon seiner appellativischen Semantik gelöst und somit die regelmässige lautliche Entwicklung nicht mitgemacht. Die Variation Cavs. Tgabestätigt die spezifische Funktion des Elements Caals onymisches Präfix für HäuserN. Eine systematische Untersuchung stellt ein Desiderat dar. Fragestellungen: Wie verteilen sich die Ca-Namen in räumlicher Hinsicht? Deckt sich ihre Verbreitung mit dem Kerngebiet der toponymischen HäuserN? In der ersten Karte werden die FamN mit dem Präfix Cagesamthaft dargestellt, bevor sie in der zweiten Karte nach dem zweiten Namenelement gruppiert werden. Die dritte Karte befasst sich mit Hybridbildungen des Typs «rätorom. Ca- + deutsches Namenelement». 1 Die in Graubünden gesprochene rätoromanische Varietät wird hier zur Vereinfachung mit Rätoromanisch anstatt mit Bündnerromanisch bezeichnet. In der Romanistik wird Bündnerromanisch oft zur Unterscheidung von den anderen rätoromanischen Sprachgruppen des Dolomitenladinischen und des Friaulischen verwendet (e-HLS 2012: s. v. Rätoromanisch). 2.19 Familiennamen mit Präfix Ca- 531 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="532"?> Erste Karte {242}: Familiennamen mit Präfix Ca- Namenauswahl: Die erste Karte umfasst alle einschlägigen FamN mit dem Präfix Caaus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB). 2 Ebenfalls in die Auswahl einbezogen sind FamN mit synkopiertem a (Crufer aus Ca- + rätorom. ruver ‘Steineiche’) und mit lenisiertem G - (Gabathuler, Gafafer und Galbier). Zum Ausschluss uneindeutiger Fälle s. u. Abgefragte Namen FamN mit Präfix Ca-, vor 1800 u. Herkunft: Cabalzar, Cabernard, Cabiallavetta, Cabrin, Cadalbert, Cadetg, Cadieli, Cadiepolt, Cadisch, Cadonau, Cadosch, Cadosi, Cadotsch, Caduff , Cadurisch, Cadusch, Caflisch, Cagenard, Cagianut, Cagianuth, Cagienard, Cahannes, Cahans, Cahenzli, Cajacob, Cajochen, Cajoos, Cajöri, Caliesch, Caliezi, Calivers, Calörtscher, Caluori, Caluzi, Camartin, Camastral, Camathias, Camen, Camenisch, Camichel, Camiu, Candraja, Candreia, Candrian, Canetg, Cantieni, Cantieny, Capadrutt, Capatt, Capaul, Capeder, Caplazi, Capol, Caprez, Carigiet, Carisch, Caseel, Caseli, Casentieri, Caspescha, Cathomas, Cathomen, Catschegn, Cavegn, Cavelti, Cavelty, Caveng, Caviezel, Cavigelli, Cavigilli, Crufer, Gabathuler, Gafafer, Galbier. 74 Types, 184 Tokens. Kreise 20-50, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-65, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 251: Daten zur ersten Karte {242} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 Die meisten FamN mit Cabestehen aus der Verbindung des Elements Camit einem männlichen Ruf N, bspw. Cabrin (zum Ruf N Brin bzw. Brün ‘Bruno’), Cadetg (zum Ruf N Detg, Kurzform von Benedetg zu lat. Benedictus), Caliezi (zum Ruf N Glieci zu lat. Lūcius), Capaul (zum Ruf N Paul ), Galbier (zum Ruf N Alb(i)ert). Weibliche Ruf N sind nicht in Ca- Namen belegt. Weitere Bildungen sind aus dem Präfix Ca- und einem BeiN zusammengesetzt, der die Person oder die Familie bezeichnete. Das zweite Namenelement kann sich auf den Beruf bzw. das Amt, die Herkunft oder auf andere Eigenschaften der Familiengemeinschaft beziehen (vgl. zweite Karte): Gafafer (zu alträtorom. faver ‘Schmied’), Cadotsch (zu rätorom. dücha ‘Herzog’), Camastral (zu rätorom. mastral ‘Landammann, Kreispräsident; Gemeindepräsident’), Caprez (zum Toponym Prez), Casentieri (zum Toponym Sogn Gieri, vgl. Sant Karte 242: FamN mit Ca-, vor 1800 u. Herkunft 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf dem DRG (1939 ff.) sowie dem RNB 3 (1986) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für etymologische Deutungen vgl. auch Berchtold/ Graf (i. V.) und familiennamen.ch (o. J.). 532 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="533"?> Jörgen), Caspescha (zu rätorom. *spescha, abgegangen, wohl ‘Dickicht’), Crufer (zu rätorom. ruver ‘Steineiche’), Calivers (zu rätorom. livers ‘die freien Bauern’, hier vielleicht schon FamN Livers), Cabiallavetta (zum ÜberN Bellavita ‘schönes Leben’). Ausgeschlossen wurden FamN, die aus einer Verbindung des Elements Ca(sa) und einem Adjektiv oder einem Adverb bestehen (Casanova, Casaulta, Casutt, Casura), da sie typologisch anders einzuordnen sind und sie zudem auch in anderen romanischen Sprachgebieten vorkommen. Der etymologisch unsichere FamN Klaingutti (evtl. aus Ca- + Ruf N Anschutta, einer Koseform von Agnes) wurde ebenfalls ausgeschlossen. Der FamN Cadruvi wird vielfach fälschlicherweise als Ca-Name aufgefasst; er gehört aber nicht zu diesem Namentypus, weil er auf rätorom. cadruvi ‘Dorfplatz’ (aus lat. quadruvium ‘Kreuzweg’) zurückgeht. Kommentar: Die erste Karte zeigt eine Verbreitung des Namentypus, die im Wesentlichen der Verbreitungskarte im RNB 3 (1986: 433) entspricht. Kerngebiete der Ca-Namen sind die bündnerische Surselva - insbesondere der mittlere Teil zwischen Sumvitg und Breil und dem Val Lumnezia - sowie die heutige Region Viamala zwischen Domleschg und Andeer. Das von den deutschsprachigen Walser: innen Anfang des 14. Jh. besiedelte Safiental (e-HLS 2020: s. v. Safien) ist frei von diesem Phänomen und schneidet somit das Entstehungsgebiet entzwei (vgl. zweite Karte). Zweite Karte {243}: Familiennamen mit Präfix Canach dem zweiten Namenelement Namenauswahl: Die zweite Karte unterteilt die FamN der ersten Karte nach ihrem zweiten Namenelement. Die Klassifikation unterscheidet drei Typen: 1. Ruf N, 2. Bezeichnungen nach Beruf, Amt oder Eigenschaft, 3. Herkunftsbezeichnungen. Abgefragte Namen Ca- + RufN: Cabalzar, Cabernard, Cabrin, Cadalbert, Cadetg, Cadieli, Cadiepolt, Cadisch, Cadonau, Cadosch, Cadusch, Cadosi, Caduff , Cadurisch, Caflisch, Cagenard, Cagianut, Cagianuth, Cagienard, Cahannes, Cahans, Cahenzli, Cajacob, Cajochen, Cajoos, Cajöri, Caliezi, Caliesch, Caliezi, Calörtscher, Caluori, Caluzi, Camartin, Camathias, Camen, Camenisch, Camichel, Camiu, Candraja, Candreia, Candrian, Canetg, Cantieni, Cantieny, Capadrutt, Capatt, Capaul, Capol, Capeder, Caplazi, Carigiet, Karte 243: FamN mit Canach zweitem Namenelement, vor 1800 u. Herkunft 2.19 Familiennamen mit Präfix Ca- 533 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="534"?> Carisch, Caseli, Caseel, Cathomas, Cathomen, Catschegn, Cavegn, Caveng, Cavelti, Cavelty, Caviezel, Cavigelli, Cavigilli, Gabathuler, Galbier. 65 Types, 174 Tokens. Ca- + Beruf, Amt, Eigenschaft: Cabiallavetta, Cadotsch, Calivers, Camastral, Gafafer. 5 Tokens. Ca- + Herkunft: Caprez, Casentieri, Caspescha, Crufer. 5 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-50, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 252: Daten zur zweiten Karte {243} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den ausgewählten FamN vgl. die Ausführungen bei der ersten und der dritten Karte. Kommentar: Der Typus «Ca- + Ruf N» tritt im ganzen Verbreitungsgebiet der Ca-Namen auf. Der Typus «Ca- + Beruf, Amt oder Eigenschaft» zeigt keine auffällige Arealität, während die 5 Tokens des Typus «Ca- + Herkunft» relativ kompakt im Dreieck Bonaduz-Domat/ Ems-Trin belegt sind. Aufgrund seines peripheren Vorkommens könnte der zweite Typus (Ca- + Beruf, Amt oder Eigenschaft) die jüngste Bildung darstellen. Dritte Karte {244}: Ca-Namen in Hybridbildungen (Ca- + deutsches Namenelement) Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle einschlägigen Ca-Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die ein deutsches Namenelement enthalten. Gemeint sind Ruf N, die eindeutig zum (schweizer-)deutschen Namensystem gehören. Die schweizerdeutsche Suffigierung mittels Diminutiv -li oder Zugehörigkeitssuffix -er erleichtert die Kategorisierung. FamN aus einer Verbindung mit einem alten germanischen Ruf N, der aber auch zum rätoromanischen Familiennamenbestand gehört (wie z. B. Cabernard zu Bernhard ), gehören nicht zur Kategorie der Hybridbildungen. Abgefragte Namen Ca- + deutsches Namenelement, vor 1800 u. Herkunft: Cadieli, Cadiepolt, Cahans, Cahenzli, Cajacob, Cajochen, Gabathuler. 7 Types, 11 Tokens. Karte 244: FamN mit Ca- + deutsches Namenelement (Hybridbildungen), vor 1800 u. Herkunft 534 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="535"?> Kreise 20-32, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 253: Daten zur dritten Karte {244} Detailangaben zur Namenauswahl: Die deutschen Namenelemente bestehen alle aus männlichen Ruf N: Cadieli aus Diel bzw. der Diminutivform Dieli (beides zu Ulrich), Cadiepolt aus Diepold, Cahans aus Hans, Cahenzli aus Heinzli oder Hänsli, Cajacob aus Jakob, Cajochen aus Joachim und Gabathuler aus Bertold bzw. Berchtold. In zwei Fällen zeigen die Namen Diminuierung mittels schweizerdeutschem Suffix -li (Cadieli, Cahenzli), in einem Fall Suffigierung mittels Zugehörigkeitssuffix -er (Gabathuler). Kommentar: Die Hybridbildungen des Typus «Ca- + deutsches Namenelement» kommen wie erwartet in den früh verdeutschten Gebieten der Kantone Graubünden und St. Gallen vor. Ausserdem sind sie auch im rätoromanischsprachigen Kerngebiet der Ca-Namen dokumentiert. Ergebnisse Die Verteilung der Ca-Namen vor 1800 zeigt ein Kerngebiet in der Region Surselva und Viamala (GR); getrennt davon tritt der Typ auch in Werdenberg (SG) auf. Aufgrund der Nachweise im FLNB II/ 3 (2008) kann dieser Raum auf das benachbarte Liechtenstein und Vorarlberg ausgeweitet werden (s. Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle»). Die Verbreitung der Ca-Namen deckt sich mit der sprachlichen Gliederung Romanischbündens (Schmid 1976: 62): Einerseits verdeutlicht sie die sprachliche Verwandtschaft der Regionen Surselva und Mittelbünden mit Unterrätien, andererseits zeigt sie eine klare Trennung zum (Unter-)Engadin. Ihr Vorkommen im südlichen Teil des Kantons St. Gallen und in Liechtenstein bestätigt die relative Entstehung der FamN mit dem Präfix Ca-: In Unterrätien müssen die Ca-Namen vor der Verdeutschung des Gebiets entstanden sein, also sicher vor dem 14. Jh. (Stricker 1992: 44). Zusammenfassend lässt sich die Spezifität der Ca-Namen auf die folgenden zwei Merkmale zurückführen: ihre toponymische Herleitung und die onymische Funktion des Namenelements Ca-. Indem sich das Präfix Cavon seiner ursprünglich appellativischen (und in diesem Falle auch toponymischen) Semantik gelöst hat, gehört es zu den produktiven Bildungselementen von FamN - analog zu anderen, wie z. B. die Diminutivsuffixe schwzdt. -li oder ital. -ini. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Caviezel (1'320 Tokens), Caduff (1'224 Tokens) und Camenisch (1'116 Tokens). Bildungen des Typus «ca(sa) + BesitzerN oder EinwohnerN» sind auch in den italienischsprachigen Gebieten der Schweiz bekannt, jedoch fast nur als toponymische HäuserN und oft in Verbindung mit der Präposition de ‘von’, z. B. Cá d’Antonín (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 803247877). Die einzigen anthroponymischen Beispiele dieses Typus sind im Tessin im oberen Leventinatal (Faido) mit den inoffiziellen FamilienbeiN Catöni und Casepp dokumentiert (VSI 3 1952 ff.: 52). Ein möglicher typologischer Zusammenhang des Namenpräfixes Camit dem französischen Namenelement chez (zur altfranzösischen Präposition chiés ‘im Haus von jemandem’, wiederum zu lat. casa ‘Haus’) muss erst noch systematisch untersucht werden. Das FEW 2 (1928 ff.: 450) dokumentiert für Frankreich die Bildung «chez X » (‘la famille X’). Das einzige bezeugte Schweizer Beispiel in der Zeitschicht «vor 1800» ist der FamN Petitpierre-chez-Jean (Couvet NE), der mit ‘Petitpierre im Hause des Jean’ übersetzt werden kann. In der Toponymie der Romandie kommt die Bildung «Chez + Ruf N» zahlreich vor, so bspw. Chez Antoine (NE) oder Chez Pierret (GE) (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 803340021, 803178581). Dies zeigt, dass das ursprünglich toponymische Bildungselement chez (im Gegensatz zu Cain der Rätoromania) in den französischsprachigen FamN kaum Produktivität entwickelt hat. Vergleich mit benachbartem Ausland: Der Namentypus ist ausserhalb der Schweiz auch in weiteren Gebieten der Rätoromania Submersa belegt: In Liechtenstein dokumentiert das FLNB II/ 3 (2008) die FamN Cabalzar, Cadisch, Caduff , Cadurisch, Cadusli, Cahenzli, Caluori, Camenisch, Capaul, Carigiet, Caviezel, Gabathuler, Gabertsch, Gahans, Gaheini und (mit Vorbehalt) Gapazol. Im alträtoromanischen Gebiet des Vorarlbergs (Österreich) ist in Bartholomäberg (Montafon) der Name Jaekli Gaburtsch um 1450 urkundlich belegt (Plangg 2010: 136). In Tirol sind keine Fälle bekannt (Finsterwalder 1951). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DRG = Dicziunari Rumantsch Grischun (1939 ff.): Bd. 1 ff. Chur: Bischofberger, dann Winterthur: Stamparia, dann Chur: Societad Retorumantscha. e-HLS = Liver, Ricarda (2012): Rätoromanisch. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 024594/ 2012-06-19/ (letzter Zugriff 17.05.2023). e-HLS = Simonett, Jürg (2020): Safien. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 001483/ 2020-04-23/ (letzter Zugriff 17.05.2023). 2.19 Familiennamen mit Präfix Ca- 535 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="536"?> familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 17.05.2023). FEW = Französisches Etymologisches Wörterbuch. Eine Darstellung des galloromanischen Sprachschatzes (1928 ff.): Bd. 1 ff. Basel et al.: Zbinden et al. Finsterwalder, Karl (1951): Die Familiennamen in Tirol und Nachbargebieten und die Entwicklung des Personennamens im Mittelalter. Mit einem urkundlichen Nachschlagswerk für 4100 Familien- und Hofnamen (Schlern- Schriften 81). Innsbruck: Wagner. FLNB II = Stricker, Hans/ Banzer, Toni/ Hilbe, Herbert (2008): Die Personennamen des Fürstentums Liechtenstein. 4 Bde. (Liechtensteiner Namenbuch II). Vaduz: Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein. ortsnamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): ortsnamen.ch. Das Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung. https: / / www.ortsnamen.ch/ de/ (letzter Zugriff 17.05.2023). Plangg, Guntram A. (2010): Vorarlberger Familiennamen III: Südvorarlberg und die Walser. Montfort. Vierteljahresschrift für Geschichte und Gegenwartskunde Vorarlbergs 62(2-3), 133-150. RNB 2 = Schorta, Andrea (Hrsg.) (1985): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta. Bd. 2: Etymologien. Teil 1: Namen romanischen, lateinischen und vorrömischen Ursprungs, Namen deutschen Ursprungs, von Personen- und Familiennamen abgeleitete Orts- und Flurnamen. Teil 2: Namen fraglicher Herkunft, Varia, Nachträge, Indices (Romanica Helvetica 63). 2. Auf lage. Bern: Francke. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Schmid, Heinrich (1976): Zur Gliederung des Bündnerromanischen. Annalas da la Societad Retorumantscha 89, 7-62. Stricker, Hans (1992): Romanische Personen- und Familiennamen im Südteil des Kantons St. Gallen, in Liechtenstein und im Vorarlberger Oberland. Werdenberger Jahrbuch. Beiträge zu Geschichte und Kultur der Gemeinden Wartau, Sevelen, Buchs, Grabs, Gams und Sennwald 5, 36-50. VSI = Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana (1952 ff.): Bd. 1 ff. Lugano: Mazzuconi, dann Bellinzona: Centro di dialettologia e di etnografia. Linda Steiner 536 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="537"?> 2.20 Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche Schlagwörter: Adaption, Betonung, Diminutiv, Eindeutschung, er-Suffix, Interferenz, Sprachkontakt Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel dokumentiert rätoromanische FamN, die aufgrund von Sprachkontakt Veränderung durch deutsche Suffixe zeigen. Morphologische Adaption von rätoromanischen FamN ist vergleichsweise selten. In der Hauptsache finden sich zwei deutsche Ableitungstypen, welche die Eingliederung des fremd klingenden Namens in das deutsche Flexionssystem ermöglichen: Herkunftsbezeichnungen auf dt. -er, -ner sowie Diminutive auf dt. -i, -li. Hintergrund: Das Rätoromanische 1 und seine historischen Vorstufen kamen schon vor dem Mittelalter in intensiven Kontakt mit verschiedenen deutschen Varietäten, der sich z. T. bis in die Gegenwart fortsetzt: Voralthochdeutsch, Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch, Frühneuhochdeutsch, Schweizer Standarddeutsch, Alemannisch, Fränkisch, Schwäbisch, Tirolisch-Bairisch, Walserisch- Höchstalemannisch usw. In einigen ostschweizerischen Gebieten führte das zu einem kompletten Sprachwechsel zum Deutschen, woraufhin die rätoromanischen Varietäten in diesen Gebieten zu Beginn der Neuzeit (15.‒16. Jh.) erloschen. Von diesem Prozess zeugen u. a. rätoromanische Toponyme, die sich in heute verdeutschten Gebieten finden. Als sich im Mittelalter die FamN etablierten, befanden sich die südlichen Teile des heutigen Kantons St. Gallen, das heutige Fürstentum Liechtenstein und Teile des heutigen Kantons Graubünden in einer Phase der deutsch-rätoromanischen Zweisprachigkeit (WeNB 8 2003-2017: 46-73). In diesem Gebiet zeigen sich aufgrund dieser einstigen Zweisprachigkeit einige FamN, die letztlich auf das Rätoromanische zurückgehen. Betroffen sind auch alteingesessene Geschlechter; die Familien sind demnach nicht aus Graubünden zugewandert. Diese Interferenz kann direkt bei der Übernahme der deutschen Sprache geschehen, aber auch diachron gewachsen sein: Der FamN Anrig (schon vor 1800 einheimisch in Sargans SG) zu alträtorom. *Anríg wurde bis in die jüngste Zeit endbetont, zeigt heute jedoch normalerweise die deutsche Erstbetonung. 2 Dabei ist aus germanistischer Perspektive auffällig, dass der FamN alträtorom. *Anríg, der auf erstbetontes ahd. Há(g)inric (Heinrich) zurückgeht, seinerseits einen romanischen Akzentwandel auf die Endsilbe vollzogen hatte, bevor der ursprünglich deutsche Name aus dem Rätoromanischen wieder ins Deutsche gelangte. In Graubünden ist der FamN Anrig nicht mehr lebendig und nur urkundlich bezeugt: 1455 Jos Anrig, 1536 Jacob Anrigk, 1558 Jöri Anrig), auch als Ruf N 1219 Anricum Nasum, 1289 Anricus, 1322 Hanricus de Phesel, 1367 Anrichus Planta (RNB 3 1986: 175-176). Stattdessen lauten die modernen, rätoromanisch weiterentwickelten Formen heute Andri/ Andry, Hendry, historisch auch noch mit palatalisiertem Auslaut Anrisch, Candrisch, Denrisch. Fragestellungen: Welche morphologischen Anpassungen finden sich in rätoromanischen FamN, wenn diese mit dem Deutschen in Kontakt kommen? Lassen sich diese Phänomene regional gliedern und zeigen sich allenfalls formale Varianten? Wie ist das Verhältnis von rätoromanischen FamN, die unverändert ins Deutsche übernommen wurden, gegenüber solchen, die mittels deutscher Suffixe morphologisch abgeleitet wurden? Für diesen Artikel wurde mit einem Sample von FamN gearbeitet, deren Etymologie einen Bezug zum Rätoromanischen aufweist. Ausgeschlossen wurden etymologisch unsichere oder mehrdeutige FamN (z. B. Nick, Nigg entweder zu einer Kurzform von Nikolaus oder aphäretisch gekürzt aus endbetontem rätorom. Janigg, einem Diminutiv von lat. Johannes). Ebenso ausgeschlossen wurden polygenetische FamN, die innerhalb der Schweiz an mehreren Orten unabhängig entstanden sind (z. B. Flury, Fluri zum Ruf N Florian in GR, GL, NW, BE, SO). Aufgrund der geographischen Verbreitung der FamN Zoppi, Zopp im Kanton Tessin und im Gotthardgebiet gehören sie mit grosser Wahrscheinlichkeit zum Adjektiv ital. zoppo mask., zoppa fem. ‘hinkend, wackelig, schwach’. Da sie also nicht auf das Adjektiv rätorom. ziep / zop mask., zoppa fem. ‘hinkend, lahm’ (HWR 2 1994: 1012) zurückzuführen sind, kommen sie in diesem Sample ebenfalls nicht vor. 1 Die in Graubünden gesprochene rätoromanische Varietät wird hier zur Vereinfachung mit Rätoromanisch anstatt mit Bündnerromanisch bezeichnet. In der Romanistik wird Bündnerromanisch oft zur Unterscheidung von den anderen rätoromanischen Sprachgruppen des Dolomitenladinischen und des Friaulischen verwendet (e-HLS 2012: s. v. Rätoromanisch). 2 Vgl. Artikel I-3.4 «Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche». 2.20 Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche 537 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="538"?> Erste Karte {245}: Deutsche Diminutivsuffixe an rätoromanischen Familiennamen Namenauswahl: Die erste Karte enthält rätoromanische FamN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 3 die ein deutsches Diminutivsuffix aufweisen. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen dt. -li an rätoromanischen FamN: Grässli, Guntli, Meli, Nutli, Nuttli, Ragetli, Ragettli. 7 Types, 10 Tokens. dt. -i an rätoromanischen FamN: Finschi, Janki, Pitschi, Vesti. 7 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10‒45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 254: Daten zur ersten Karte {245} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Im Sample finden sich zwei deutsche Diminutivsuffixe: das etwas häufigere hochalem. -li (10 Tokens) und das walserisch-höchstalem. -i (7 Tokens). 5 Die Beispiele für diminutivisches dt. -li umfassen die FamN Grässli (Grabs SG) zu rätorom. grass ‘fett’, Guntli (Buchs SG, Mels SG, Vilters SG) zu rätorom. cunt ‘Graf ’, Meli (Mels SG, Wangs SG) zu rätorom. Bartlimé aus lat. Bartholomaeus, Nutli/ Nuttli (Ilanz GR, Luven GR) zu rätorom. Janútt (rätoromanischer Diminutiv von Johannes) und Ragetli/ Ragettli (Flims GR) zu rätorom. Ragétt (rätoromanischer Diminutiv von Heinrich). Die Form dt. -eli mit Bindevokal ist im Sample nicht zu beobachten, ebenso fehlt dt. -(e)lin mit auslautendem Nasal. Die Diminuierung hat trotz der zusätzlichen Silbe keinen Einf luss auf die Betonung, löst in Toponymen und bei Appellativen aber normalerweise Sekundärumlaut aus (Ackermann 2023: 683‒689). 6 In diesem Karte 245: Deutsche Diminutive an rätoromanischen FamN, vor 1800 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 5 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» und II-2.2 «Familiennamen auf -i, -y». 6 Vgl. Artikel I-1.3 «Fehlende und durchgeführte Umlautung». 538 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="539"?> Sample ist Grässli der einzige FamN mit Sekundärumlaut, während dieser in den anderen FamN generell nicht zu beobachten ist. Die Beispiele für diminutivisches dt. -i umfassen die FamN Finschi (Safien GR) zu rätorom. Vivénz aus lat. Viventius, Janki (Waltensburg/ Vuorz GR) zu rätorom. Janígg (rätoromanischer Diminutiv von Johannes), Pitschi (Malans GR, Schiers GR, St. Antönien GR) zu rätorom. pítschen ‘klein’ und Vesti (Wangs SG) zu rätorom. Silvéster. Für die walserischen i-Diminutive ist charakteristisch, dass sie auch appellativisch keinen Sekundärumlaut auslösen, was sie von hochalem. -li unterscheidet: Chopfi ‘Köpfchen’, Guppi ‘kleine Kuppe’ (Berchtold 2008: 643-644). Kommentar: Rätoromanische FamN mit dem Diminutivsuffix hochalem. -li finden sich ausschliesslich entlang des Rheins. Flussaufwärts von Norden nach Süden erscheinen sie vor 1800 in den Regionen Werdenberg (SG), Sarganserland (SG) und Surselva (GR). Deutsche Diminutive auf -i < ahd. -īn (Braune/ Heidermanns 2023: 259) gelten als typisch walserisch und stellen einen Archaismus des Höchstalemannischen dar (Berchtold 2008: 41, 656-657; s. auch SDS III 1975: Karten 149-154). Entsprechend kommen die rätoromanischen FamN mit einem deutschen i-Diminutiv vor 1800 auch nur in (ehemals) walserischem Siedlungsgebiet oder direkt daran angrenzenden Gemeinden vor: Prättigau (GR), Safiental (GR), Sarganserland (SG) sowie in der reformierten Exklave Waltensburg/ Vuorz (GR) gegenüber des walserischen Obersaxen in der katholischen Surselva (e-HLS 2020: s. v. Obersaxen; e-HLS 2020: s. v. Waltensburg/ Vuorz). In der oberen Surselva (GR) finden sich durch die Abtei Disentis ebenfalls schon früh deutsche Einf lüsse (e-HLS 2010: s. v. Disentis; e-HLS 2014: s. v. Trun). Zweite Karte {246}: Deutsche Herkunftssuffixe an rätoromanischen Familiennamen Namenauswahl: Die zweite Karte widmet sich rätoromanischen FamN aus der Schicht «vor 1800», die ein deutsches Herkunftssuffix (-er, -ner) aufweisen. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen dt. -er an rätoromanischen FamN: Gabathuler, Kappenthuler. 2 Tokens. dt. -ner an rätoromanischen FamN: Seliner. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10-25, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 255: Daten zur zweiten Karte {246} Detailangaben zur Namenauswahl: Im Sample finden sich zwei Herkunftssuffixe: dt. -er und dt. -ner. Während dt. -er in dieser Karte 246: Deutsche Herkunftssuffixe an rätoromanischen FamN, vor 1800 2.20 Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche 539 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="540"?> Funktion gut bekannt ist (Henzen 1965: 163-164; Berchtold 2008: 672), handelt es sich bei dt. -ner um eine Suffixvariante, die durch Metanalyse nach Stämmen auf -n entstanden ist (Ackermann 2023: 692‒696). 7 Als Herkunftssuffixe treten dt. -er und dt. -ner normalerweise an Toponyme an. Es gibt auch zahlreiche Beispiele für deutsche FamN, die von ursprünglich rätoromanischen Toponymen abgeleitet sind: Brader (Amden SG, Kaltbrunn SG) und Prader (Davos GR, Langwies GR, Tamins GR, Versam GR) zu rätorom. prada ‘Wiesen’, Clavadetscher (Küblis GR, Malans GR) zu alträtorom. *clavadátsch ‘grosser Heustall’, Danuser (Bad Ragaz SG, Felsberg GR, Mastrils GR) zu alträtorom. *cardanúsa ‘mit vielen Disteln, distelreich’ oder Raduner (Buchs SG) und Roduner (Sennwald SG) zu rätorom. rodund ‘rund’. Diese mussten aber alle ausgeschlossen werden, da zuerst die romanischen Toponyme ins Deutsche integriert wurden und erst nach diesen Prozessen zusätzlich die deutsche Herkunftsbezeichnung gebildet wurde. Das Sample umfasst folgende FamN: Gabathuler (Wartau SG) und Kappenthuler (Bad Ragaz SG) zu alträtorom. *cá(sa) Bertól(d) ‘Haus des Berchtold’ sowie auf der ersten Silbe betontes Seliner (Schänis SG) zum männlichen Ruf N rätorom. (Ba)séli aus lat. Basilius. Der (nicht-kartierte) FamN Gaberthüel in Oftringen (AG) beweist, dass schon ein FamN ohne Ableitung existierte, bevor die Namenträger: innen aus dem (ehemaligen) rätoromanischen Sprachgebiet in den Kanton Aargau ausgewandert sind. Es ist also plausibel, dass die FamN Gabathuler (Wartau SG) und Kappenthuler (Bad Ragaz SG) von einem bereits bestehenden FamN abgeleitet wurden und nicht direkt zu einem HäuserN gebildet sind. 8 Das deutsche Suffix markiert möglicherweise zusätzlich die Onymizität des ungewohnten Namenkörpers. Kommentar: Herkunftssuffixe finden sich i. d. R. nach Toponymen. Romanische Toponyme wurden häufig zuerst ins Deutsche integriert und erst anschliessend wurden bei der Bildung von FamN die betreffenden Ableitungen mittels dt. -er, -ner gebildet. Es handelt sich also um einen rein deutschen Prozess, der keine Folge der Interferenz in den FamN darstellt, weshalb die betreffenden FamN (z. B. Prader) aus dem Sample ausgeschlossen wurden. Für deutsche Herkunftssuffixe nach rätoromanischen FamN finden sich nur wenige Beispiele, die zudem alle im südlichen Teil des Kantons St. Gallen liegen, in dem das Rätoromanische am Ende des Mittelalters erloschen ist. Ergebnisse Die grosse Mehrheit der rätoromanischen FamN wird im Bereich der Morphologie unverändert ins Deutsche übernommen. 9 Falls morphologische Anpassungen erfolgt sind, handelt es sich um Suffigierungen. Das Repertoire an verwendeten Suffixen ist aber äusserst beschränkt: Es finden sich zwei deutsche Diminutivsuffixe (-li und -i) und zwei deutsche Herkunftssuffixe (-er und -ner), die zudem jeweils diachron und/ oder morphologisch miteinander in Beziehung stehen. Die geographische Verteilung ist auffällig: Morphologische Interferenzen in rätoromanischen FamN finden sich ausschliesslich in einem zusammenhängenden Gebiet, das im ausgehenden Mittelalter und der beginnenden Neuzeit, als sich die FamN verfestigten, noch von einer deutsch-rätoromanischen Zweisprachigkeit geprägt war. Weder andere Gebiete Graubündens noch die übrige Deutschschweiz zeigen entsprechende Erscheinungen. Rätoromanische FamN mit hochalem. -li < mhd. -(i)līn (Paul et al. 2007: 93-94) treten ausschliesslich entlang des Rheins in Erscheinung. Interessant ist dabei die direkte Korrelation mit der Verdeutschung Churrätiens (insbesondere des Vorderrheingebiets), die seit dem Mittelalter zu einem grossen Teil f lussaufwärts stattgefunden hat (WeNB 8 2003-2017: 58-69). Flussaufwärts von Norden nach Süden zeigen sich rätoromanische FamN mit dt. -li vor 1800 in den Regionen Werdenberg (SG), Sarganserland (SG) und Surselva (GR). Diminutive auf -i gelten als typisch für Walserdialekte. Auch die adaptierten rätoromanischen FamN unterstützen diese These mit ihrer geographischen Verteilung, da sie sich vor 1800 ausschliesslich in bekannten Walsergebieten oder direkt zu diesen benachbart lokalisieren lassen. Die Beispiele von rätoromanischen FamN mit deutschem Herkunftssuffix sind zu wenig zahlreich, um signifikante Aussagen zur Siedlungsgeschichte zu treffen. Sie passen aber insofern zum Bild der Diminutivsuffixe, als sich auch die in der zweiten Karte behandelten FamN ausschliesslich in Gebieten finden, die während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit noch zweisprachig waren. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Gabathuler (915 Tokens), Meli (651 Tokens) und Guntli (401 Tokens). Für morphologische Interferenzerscheinungen in rätoromanischen Toponymen vgl. ausführlich Ackermann (2023). Für morphologische Interferenzerscheinungen in der Westschweiz und in französischen FamN vgl. den Artikel I-3.3 «Integration französischer Familiennamen ins Deutsche». Für graphematisch-phonologische Entwicklungen in rätoromanischen FamN vgl. den Artikel I-3.4 «Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche». Vergleich mit benachbartem Ausland: In Vorarlberg finden sich urkundlich historische Beispiele für die Ersetzung eines rätoromanischen Diminutivsuffixes durch ein deutsches Diminutivsuffix, was auf eine noch weitgehend zweisprachige Bevölkerung schliessen lässt (Stricker 1987: 98-99): 1480 Tschanett, Tschannli (Vandans), 1490 Tschanet, Tschannlin (Schruns) zu rätorom. Tschanétt (rätoromanischer Diminutiv von Johannes) oder 1514 Cläle, 1591 Clawott (Tschagguns) zu rätorom. Clauótt (rätoromanischer Diminutiv von Nikolaus). Zu den rätoromanischen FamN im Fürstentum Liechtenstein vgl. für einen theoretischen Überblick FLNB II/ 1 (2008: 23‒55) und ausführlich das Material in FLNB II/ 3 (2008) und FLNB II/ 4 (2008). Auch im ladinischen Sprachgebiet finden sich deutsche Herkunftssuffixe nach romanischen SiedlungsN, die dann als FamN erscheinen, vgl. allenfalls den FamN Flatscher zum SiedlungsN Val(l)azza, Valacia (Videsott 2000: 297‒299). 7 Vgl. Artikel II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen». 8 Vgl. Artikel II-2.19 «Familiennamen mit Präfix Ca-». 9 Für graphematisch-phonologische Adaptionen vgl. Artikel I-3.4 «Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche». 540 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="541"?> Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Ackermann, Elia (2023): Eindeutschung alträtoromanischer Substrattoponyme. Universität Zürich. https: / / doi.org/ 10.5167/ uzh-234859 (letzter Zugriff 21.06.2023). Berchtold, Simone (2008): Namenbuch des Grossen Walsertales (Schriften der Vorarlberger Landesbibliothek 10). Graz: Neugebauer. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Braune, Wilhelm/ Heidermanns, Frank (2023): Althochdeutsche Grammatik I: Phonologie und Morphologie (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 5.1). 17., neu bearbeitete Auf lage. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Bundi, Martin (2020): Waltensburg/ Vuorz. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 001470/ 2020-01-07/ (letzter Zugriff 21.06.2023). e-HLS = Collenberg, Adolf (2014): Trun. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 001619/ 2014-01-07/ (letzter Zugriff 21.06.2023). e-HLS = Collenberg, Adolf (2020): Obersaxen. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 001466/ 2020-03-24/ (letzter Zugriff 21.06.2023). e-HLS = Liver, Ricarda (2012): Rätoromanisch. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 024594/ 2012-06-19/ (letzter Zugriff 21.06.2023). e-HLS = Schönbächler, Daniel (2010): Disentis. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 011490/ 2010-03-17/ (letzter Zugriff 21.06.2023). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 21.06.2023). FLNB II = Stricker, Hans/ Banzer, Toni/ Hilbe, Herbert (2008): Die Personennamen des Fürstentums Liechtenstein. 4 Bde. (Liechtensteiner Namenbuch II). Vaduz: Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein. Henzen, Walter (1965): Deutsche Wortbildung (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. B: Ergänzungsreihe 5). 3., durchgesehene und ergänzte Auf lage. Tübingen: Niemeyer. HWR = Bernardi, Ruth et al. (1994): Handwörterbuch des Rätoromanischen. Wortschatz aller Schriftsprachen, einschliesslich Rumantsch Grischun, mit Angaben zur Verbreitung und Herkunft. 3 Bde. Zürich: Società Retorumantscha und Verein für Bündner Kulturforschung. Paul, Hermann et al. (2007): Mittelhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 2). 25., neu bearbeitete Auf lage. Tübingen: Niemeyer. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. SDS III = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1975): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. III: Formengeographie. Bern: Francke. Stricker, Hans (1987): Romanische Personennamen in Unterrätien. In: Lüdi, Georges/ Stricker, Hans/ Wüest, Jakob (Hrsg.): «Romania ingeniosa». Festschrift für Prof. Dr. Gerold Hilty zum 60. Geburtstag, 91-112. Bern: Lang. Videsott, Paul (2000): Ladinische Familiennamen. Zusammengestellt und etymologisch gedeutet anhand der Enneberger Pfarrmatrikeln 1605-1784 (Schlern-Schriften 311). Innsbruck: Wagner. WeNB = Stricker, Hans (2003-2017): Werdenberger Namenbuch. Die Orts- und Flurnamen der Region Werdenberg. 8 Bde. Buchs: Verlag Werdenberger Namenbuch. Elia Ackermann 2.20 Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche 541 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="542"?> 2.21 Latinisierungen Schlagwörter: Differenzierungsvariante, Französisch, Italienisch, onymischer Marker, Rätoromanisch, Suffix Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Der Artikel dokumentiert das Vorkommen von Latinisierungen in den FamN der Schweiz. Aufgrund der Verbreitung von latinisierten FamN im ganzen mitteleuropäischen Raum ist das Phänomen auch für die Schweiz relevant. Hintergrund: Latinisierungen in Namen sind ein häufig belegter Vorgang. Im mitteleuropäischen und besonders im deutschsprachigen Raum sind v. a. die sogenannten HumanistenN bekannt: Viele Gelehrte in der Zeit der Renaissance und des Humanismus latinisierten - oder in manchen Fällen gräzisierten - ihren FamN (Kroiß 2020: 311). Da latinisierte und gräzisierte FamN ein Symbol für Bildung und Wissen waren, wurden sie zu einem Zeichen für den hohen sozialen Status einer Familie (DFA 3 2012: 755; Caffarelli 2016: 143). Der Latinisierungsprozess geschah meist in den schriftlichen notariellen Texten von der Epoche der Renaissance bis zum 19. Jh. (Caffarelli/ Marcato 2008: XV; Caffarelli 2016: 104). Der Latinisierung der FamN stehen verschiedene Bildungsstrategien zur Verfügung: Neben der Lehnübersetzung des Namens, z. B. Weber → Textor ‘Weber’, war die phonologisch-graphematische Adaption mittels Anfügung einer latinisierenden Endung (morphologische Latinisierung) ein produktiver Prozess. Latinisiert werden können die FamN mittels Suffixen, die auf den lateinischen Nominativ Singular -us, den lateinischen Ablativ Plural -is bzw. -ibus (Caffarelli/ Marcato 2008: XV; Caffarelli 2016: 104-105, 142-144) oder den lateinischen Genitiv Singular -i zurückgehen: Gschmus → Gemuseus, Pedrini → Pedrinis, Wilhelm → Wilhelmi. Auch eine Kombination von mehreren Latinisierungsprozessen ist möglich, z. B. die Übersetzung und die Suffigierung: Der FamN von Sepibus ist das Resultat der Übersetzung des FamN Zenzünen wörtlich ‘zu den Zäunen’ (urkundlich auch ad Sepes) und einer Suffigierung mittels ablativischem lat. -ibus. Im vorliegenden Artikel wird der Fokus auf die morphologische Latinisierung gerichtet (insbesondere mittels Suffix -us und -is), da Übersetzungen im Namensample des FNB (1989) sehr selten dokumentiert sind. Diese und weitere Latinisierungsprozesse werden im Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle» diskutiert. Fragestellungen: Treten die verschiedenen Typen von latinisierten FamN in allen Sprachregionen der Schweiz auf und bilden sie dabei je nach Typ unterschiedliche Areale? Decken sich die Verbreitungen mit Sprachgrenzen oder mit unterschiedlichen Schreibtraditionen? Erste Karte {247}: Familiennamen mit lateinischem Suffix -us Namenauswahl: Die Auswahl der ersten Karte umfasst alle Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 1 die auf das lateinische Suffix -us auslauten. FamN auf -us, die der französischen Sprache zugeordnet werden können (z. B. Gabus), werden als Latinisierungen gewertet, selbst wenn die Etymologie nicht eindeutig geklärt ist - zumal im französischen Appellativwortschatz us-Endungen meist aus Entlehnungen, i. d. R. Latinismen, hergeleitet werden können. Eine Ausnahme bilden die aus Substantiven gebildeten Adjektive auf lat. -utus, z. B. das Adjektiv Plur. barbus ‘bärtig’ zu barbe ‘Bart’ (Nyrop 1979: Abs. 293). Es bestehen zwei unterschiedliche etymologische Gruppen von us-Namen, die auf der Karte gesondert ausgewiesen und im Abschnitt «Detailangaben zur Namenauswahl» erläutert werden. Die auf -us auslautenden FamN, die nicht auf ein latinisierendes Suffix zurückzuführen sind, werden ausgeschlossen, z. B. Althaus, Klaus, Dreyfus. Zu den ‘falschen Freunden’ gehört der erstsilbenbetonte FamN Studerus (Waldkirch SG), der vermutlich auf einer Zusammensetzung mit schwzdt. Stude ‘Staude’ und dem Grundwort schwzdt. Runs, Ruus ‘Strömung, Wasserlauf ’ basiert oder direkt aus einem Toponym stammt (vgl. das Toponym Furgglenruns, mundartlich Furggleruus in Amden SG; ortsnamen.ch o. J.: Nr. 4015419). Abgefragte Namen Primäre Latinisierungen auf -us: Ambrosius, Bippus, Franziscus, Gallus, Garius, Minikus, Ronus, Theus. 8 Types, 10 Tokens. Sekundäre Latinisierungen auf -us: Appius, Bitzius, Conus, De Bassus, Gabus, Garnus, Gemuseus, Lorius, Stupanus, von Grenus. 10 Types, 21 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 25-42, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 256: Daten zur ersten Karte {247} 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 542 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="543"?> Detailangaben zur Namenauswahl: 2 Die ausgewählten us-Namen gehören zwei unterschiedlichen etymologischen Gruppen an. Für die Namen der ersten Gruppe, die alle zum Benennungsmotiv der Patronyme gehören, wird eine direkte Überlieferung aus einer lateinischen Form des Ruf N angenommen. Aufgrund der Präsenz - in den meisten Fällen - von erbwörtlichen romanischen bzw. deutschen Pendants darf eine sekundäre Relatinisierung des FamN jedoch nicht ganz ausgeschlossen werden: Ambrosius (aus dem Ruf N Ambrosius, vgl. die frankoprovenzalische Familiennamenvariante Ambresin; GPSR I 1924 ff.: 334), Bippus (Etymologie unsicher, evtl. aus dem germanischen Ruf N Bippo), Franziscus (vgl. im gleichen Gebiet die rätoromanische Variante Franzaisg), Gallus (aus dem Ruf N Gallus, vgl. alträtorom. Gall ), Garius (vermutlich aus einem alten germanischen Ruf N), Minikus (aus dem Ruf N Dominicus, vgl. die Varianten schwzdt. Meng, Mengis), Ronus (wohl aus dem Ruf N Hieronymus oder Glareanus) und Theus (aus dem Ruf N Matthaeus, vgl. die Variante schwzdt. Mattli). Die zweite Gruppe beinhaltet FamN, die auf der Basis von schon bestehenden FamN durch eine sekundäre Latinisierung neu gebildet worden sind: Appius (Etymologie unsicher, evtl. aus dem FamN Aeppli oder Aepple), Bitzius (urkundlich auch Bizer und Bizli, wohl aus dem FamN Bitzi), Conus (Etymologie unsicher, evtl. aus dem FamN Conne oder Conod ), De Bassus (aus dem FamN Bassi), Gabus (gemäss Morlet 1997: 436 aus dem FamN Gabe oder Gabbe, vgl. in der Schweiz Gabbaz, Gabbud ), Garnus (Etymologie unsicher, gehört evtl. zum französischen Namenstamm Garn-; vgl. Morlet 1997: 445 zu Garnier, Garnaud ), Gemuseus (aus dem FamN Gschmus, zu schwzdt. G(e)schmus ‘dummes, unnützes Gerede’ für eine geschwätzige Person), Lorius (Etymologie unsicher, evtl. aus dem FamN Lory), Stupanus (aus dem FamN Stupan, zu rätorom. Stuppa ‘Werg’ für grobes, raues Haupthaar), von Grenus (Etymologie unsicher, vgl. die FamN Grenay, Grenon). Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass der Namentypus hauptsächlich in der Romandie und in der Deutschschweiz auftritt, mit Lücken im Wallis und in der Zentralschweiz. Im Kanton Graubünden kommen die FamN auf -us allgemein spärlich vor. In der italienischsprachigen Schweiz ist nur ein Fall im Puschlav (GR) dokumentiert (De Bassus). Karte 247: FamN mit lateinischem Suffix -us, vor 1800 u. Herkunft 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 2.21 Latinisierungen 543 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="544"?> Zweite Karte {248}: Familiennamen mit lateinischem Suffix -is Namenauswahl: Für die zweite Karte werden alle Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» ausgewählt, die auf das lateinische Suffix -is auslauten. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Latinisierungen auf -is, vor 1800 u. Herkunft: Bortis, Casparis, De Angelis, De Bernardis, De Filippis, Debernardis, Dechristophoris, Defilippis, Dekumbis, Devecis, Mottis, Nigris, Nottaris, Papis, Pascalis, Pedrinis, Sartoris, von Albertis. 18 Types, 31 Tokens. Kreise 20-42, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 257: Daten zur zweiten Karte {248} Detailangaben zur Namenauswahl: Der Namentypus kommt in allen vier Sprachregionen vor: frz. Pascalis; rätorom. Casparis; dt. Bortis, Dekumbis, von Albertis; ital. De Angelis, De Bernardis, De Filippis, Debernardis, Dechristophoris, Defilippis, Devecis, Mottis, Nigris, Nottaris, Papis, Pedrinis und Sartoris. Der FamN Pascalis aus der Romandie und der FamN von Albertis (eingedeutschte Form des italienischen FamN De Albertis) aus der Deutschschweiz sind ursprünglich aus Italien eingewanderte FamN. Formal lassen sich drei Gruppen von is-Namen erkennen: 1. die Bildung mit der romanischen Präposition de (getrennt oder zusammengeschrieben), 2. die Bildung mit der deutschen Präposition von sowie 3. Namen ohne Präposition. Nach ihrem Benennungsmotiv können die Namen wie folgt kategorisiert werden: 10 von 18 Types sind Patronyme: Casparis, De Angelis, De Bernardis, De Filippis, Debernardis, Dechristophoris, Defilippis, Pascalis, Pedrinis und von Albertis. Weitere drei Namen sind Herkunfts- oder WohnstättenN: Bortis (eingedeutschte Form des italienischen FamN de Portis), Dekumbis (urkundlich Des Combes, De Combis zu vorröm. *cumba- ‘Tal, Schlucht’; vgl. in der gleichen Region die deutschen Varianten In der Kummen, Inderkummen; Dekumbis geht wohl aus einer falschen Interpretation des französischen Auslauts -es hervor) und Mottis (aus einem Toponym *Mott(a) zu lombard./ oberital. mott(a) ‘Hügel, Anhöhe’; vgl. im Tessin und in Norditalien den FamN Motta). ÜberN sind Devecis (vermutlich aus lombard. vécc oder vécio ‘alt’; vgl. im Tessin Devecchi und in Italien De Vecchi, De Vecchis) und Nigris (zu lombard. négher, négro bzw. lat. niger, nigrum ‘schwarz’). Papis (zu ital. papa ‘Papst’; vgl. im Tessin den FamN Papa) kann sowohl als BerufsN als auch - was wahrscheinlicher ist - als ÜberN betrachtet werden. Schliesslich sind Nottaris (zu ital. notaio bzw. älter notaro ‘Notar’, vgl. im Tessin den FamN Notari) und Sartoris (zu altital. sartore bzw. lat. sartor ‘Schneider’) BerufsN. Pedrinis stammt nicht direkt aus dem lombardischen Ruf N Pedro (zu lat. Petrus), sondern muss mit dem FamN Pedrini in Zusammenhang gebracht werden (vgl. fünfte Karte). Karte 248: FamN mit lateinischem Suffix -is, vor 1800 u. Herkunft 544 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="545"?> Was die meisten is-Namen gemeinsam haben, ist die etymologische Zugehörigkeit zu einem z. T. häufigen Familiennamenstamm, z. B. Negri: Neben Nigris sind im Tessin in der Datenschicht «vor 1800» auch die FamN Negretti, Negranti, Negrini und Negroni bezeugt; vgl. dazu die vierte und die fünfte Karte. Aus der Auswahl ausgeschlossen wurden FamN, deren Auslaut -is nicht auf ein latinisierendes Suffix zurückzuführen ist. Diese FamN kommen in der französisch-, rätoromanisch- und in der deutschsprachigen Schweiz vor, z. B. Bourgeois ( JU, VD, VS), Dénis (VS), Geuggis (TG), Heinis (BL, SO) oder Lombris (GR). Ebenfalls ausgeschlossen wurde der Bündner FamN Salis (sowie von Salis und Salis-Seewis), da das auslautende -is vermutlich aus einer regelmässigen lautlichen Entwicklung entstanden ist, vgl. dazu die historische Form Salisch (RNB 3 1986: 468). Es ist jedoch anzunehmen, dass -is als prestigeträchtiges Namenelement interpretiert wurde. Das Vorkommen von Adelsprädikaten wie von bzw. de in einigen Varianten des FamN (von Salis, urkundlich auch de Salis) stützt diese Hypothese. Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass der Namentypus hauptsächlich in der italienischen Schweiz auftritt, hier ausschliesslich im Tessin und im Misox (GR). In den italienischsprachigen Tälern Graubündens Calanca, Bergell und Puschlav kommen die is-Namen nicht vor. In Romanisch- und Deutschbünden - in der Region zwischen Thusis und Albula - ist mit 7 Tokens ausschliesslich der FamN Casparis dokumentiert. Die Romandie und die deutschsprachige Schweiz sind mit je einem Fall fast frei von diesem Phänomen. Dritte Karte {249}: Vergleich us-Namen und is-Namen Namenauswahl: Die Auswahl der dritten Karte umfasst das Namensample der ersten Karte (FamN auf -us) und das der zweiten Karte (FamN auf -is). Die zwei Namengruppen werden hier kontrastiv kartiert. Abgefragte Namen Latinisierungen auf -us: Ambrosius, Appius, Bippus, Bitzius, Conus, De Bassus, Franziscus, Gabus, Gallus, Garius, Garnus, Gemuseus, Lorius, Minikus, Ronus, Stupanus, Theus, von Grenus. 18 Types, 31 Tokens. Latinisierungen auf -is: Bortis, Casparis, De Angelis, De Bernardis, De Filippis, Debernardis, Dechristophoris, Defilippis, Dekumbis, Devecis, Mottis, Nigris, Nottaris, Papis, Pascalis, Pedrinis, Sartoris, von Albertis. 18 Types, 31 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 258: Daten zur dritten Karte {249} Detailangaben zur Namenauswahl: S. erste und zweite Karte. Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass die zwei Namentypen geographisch deutlich komplementär auftreten. Während die is-Namen hauptsächlich im Tessin, im Misox (GR) und in Mittel- Karte 249: FamN mit lateinischem Suffix -us und -is, vor 1800 u. Herkunft 2.21 Latinisierungen 545 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="546"?> bünden auftreten, verteilen sich die us-Namen in der Romandie, in der Deutschschweiz und in Teilen Graubündens. Vierte und fünfte Karte {250, 251}: Zwei Beispiele etymologisch zusammengehörender Familiennamengruppen Namenauswahl: Zur Veranschaulichung der Arealität von etymologisch zusammengehörenden FamN im gleichen geographischen Gebiet wurden aus der etymologischen Datenbank zwei repräsentative Gruppen von FamN ausgewählt: Die erste umfasst FamN, die zum Namenstamm Caspar gehören, die zweite solche, die zu Pedrini gehören. Abgefragte Namen Familiennamenstamm Caspar, vor 1800 u. Herkunft: Caspar, Casparin, Casparis, Decasper. 16 Tokens. Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 259: Daten zur vierten Karte {250} Abgefragte Namen Familiennamenstamm Pedrini, vor 1800: Pedrina, Pedrini, Pedrini Marti, Pedrinis. 8 Tokens. Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 260: Daten zur fünften Karte {251} Detailangaben zur Namenauswahl: Etymologisch liegt bei den Namen der vierten Karte der rätoromanische Ruf N Caspar vor, engad. auch Chasper (DRG 3 1939 ff.: 452). Die Namen der fünften Karte gehen alle auf den FamN Pedrini zurück, eine Diminutivform des italienischen Ruf N Pietro bzw. lombard. Pedro zu lat. Petrus (Lurati 2000: 375-377; vgl. Artikel III-1.6 «Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Petrus»). Kommentar: Die Karten zeigen, wie onymische Varianten desselben Namenstamms geographisch kompakt auftreten und Familiennamennester bilden. Das Hauptverbreitungsgebiet der Caspar-Namen reicht in Mittelbünden von der Region Viamala bis zum angrenzenden Bezirk Albula. In der Gemeinde Surses (GR) treten die Varianten Caspar und Casparin auf. Die Pedrini-Namen kommen v. a. Karte 250: Familiennamenstamm Caspar, vor 1800 u. Herkunft 546 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="547"?> in drei historischen Gemeinden des oberen Teils des Leventinatals (TI) vor. Jede der drei Gemeinden weist ein Namenpaar auf: in Airolo (TI) Pedrina - Pedrini, in Chironico (TI) Pedrini - Pedrini Marti und in Osco (TI) Pedrini - Pedrinis. Aus den beiden Raumbildern ergibt sich die Schlussfolgerung, dass die Entstehung von Namenvarianten auf kleinräumiger Ebene hauptsächlich durch das Bedürfnis nach Differenzierung motiviert sein dürfte. Ergebnisse Unter den möglichen Latinisierungsprozessen in FamN sind in der Schweiz in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» zwei Haupttypen erkennbar: die Suffigierung mit -us und die Suffigierung mit -is. Suffigierungen auf der Basis des lateinischen Genitivs -i bzw. -y oder -ae sind nur spärlich bezeugt, Übersetzungen sind ebenso selten dokumentiert. Die einzigen als HumanistenN bezeugten FamN sind Gemuseus und Stupanus (Furrer 2002: 355-360; e-HLS 2008: s. v. Hieronymus Gemuseus; e-HLS 2012: s. v. Johannes Nicolaus Stupanus). Ihre Präsenz in Basel, der ältesten Universitätsstadt der Schweiz, deutet auf einen möglichen Zusammenhang dieser latinisierten FamN mit Bildung und humanistischer Tradition hin. Im Allgemeinen scheint in der Schweiz, im Gegensatz zu Deutschland, die Epoche des Humanismus jedoch keinen klaren Niederschlag in den FamN der Zeitschicht «vor 1800» gefunden zu haben. Die dritte Karte lässt auf gesamtschweizerischer Ebene eine klare Spaltung zwischen der Romandie und der Deutschschweiz einerseits und der italienischen und der rätoromanischen Schweiz andererseits erkennen. Während in den italienisch- und den rätoromanischsprachigen Gebieten die Bildungen mittels des lateinischen Suffixes -is überwiegen, zeigen die deutsch- und die französischsprachigen FamN bei Latinisierungen eine klare Vorliebe für die Suffigierung mit -us. Dieses Bild weist in Bezug auf Latinisierungsprozesse innerhalb der Schweiz auf unterschiedliche Motivationen hin: Im Unterschied zu den us-Namen zeigt die Verteilung der is-Namen in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» ein regional begrenztes Vorkommen (hauptsächlich im Tessin und im Misox GR). Neben der (nativen) Suffigierung (z. B. mittels Diminutiven), der Movierung, der Anfügung einer Präposition (z. B. von bzw. de) oder eines zweiten Namens ( Juxtaposition) ist die Latinisierung eine weitere mögliche Strategie, die bei hoher Homonymie innerhalb einer kleinen Gemeinschaft zur Differenzierung der einzelnen Personen dienen kann. So bezeugen die Beispiele der vierten und der fünften Karte, dass die is-Namen auf kleinräumiger Ebene oft mit Karte 251: Familiennamenstamm Pedrini, vor 1800 2.21 Latinisierungen 547 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="548"?> weiteren Varianten desselben Namenstamms auftreten können. Dies führt zur Annahme, dass die Entstehung solcher Varianten auf kleinem Raum v. a. durch die Differenzierungsfunktion motiviert ist. Dieser Prozess könnte auf der Eigenbezeichnung der Namenträger: innen beruhen, um durch Latinisierung des eigenen FamN Prestige zu erwerben. Nicht auszuschliessen ist eine Spottabsicht von Dritten, die darauf abzielte, eine bestimmte Person oder Familie mit einem pseudolateinisch klingenden Namen lächerlich zu machen. Eine Parallele findet sich im Lexikon, das Latinisierungen beinhaltet, die oft scherzhafte und in einigen Fällen auch abwertende Markierungen tragen: z. B. die in den Mundarten der italienischen Schweiz bezeugten Interjektionen citus mutis oder citus mutus (wörtlich ‘schweigend, stumm’, befiehlt Schweigen; vgl. VSI 5 1952 ff.: 392) oder ciómbis (Euphemismus für ‘Penis’, kann u. a. Erstaunen ausdrücken; vgl. VSI 5 1952 ff.: 346). Diese gehören zu den vielfältigen scherzhaften latinisierenden Ausdrücken, die die Dialekte in Anlehnung an die in Gottesdiensten vorgetragenen und für das Volk oft kryptischen lateinischen Psalmverse geprägt haben (VSI 9 1952 ff.: 459 zu dòmine repulisti). Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Conus (774 Tokens), Theus (223 Tokens) und Bortis (188 Tokens). Im Folgenden werden weitere Latinisierungsprozesse bei FamN besprochen, die in der Zeitschicht «vor 1800» vorkommen, auch wenn sie deutlich seltener sind. Damit gemeint sind insbesondere 1. die genitivische Suffigierung und 2. die Lehnübersetzung. Zum ersten Typ seien die in der Deutschschweiz vorkommenden Patronyme Andrae, Bartholdi, Stephani und Wilhelmi genannt. In den französischen FamN äussert sich der Genitiv in Latinismen oft in der Graphie <y>, vgl. in Morlet (1997) z. B. Eustachy zu Eustache, Jordany zu Jordan. Da diesem Graphem mehrere etymologische Herleitungen zugrunde liegen können, lässt sich in der etymologischen Datenbank nicht anhand von formalen Kriterien nach Latinisierungen suchen. Die Untersuchung von Latinisierungen in den FamN der Romandie erfordert eine historische Sondierung und stellt ein Forschungsdesiderat dar. Ähnlich präsentiert sich die Situation in der italienischsprachigen Schweiz, wo der in FamN sehr häufige Auslaut -i - sei er auf eine genitivische Flexion oder auf einen Plural zurückzuführen - nicht als Indiz für Latinisierung gewertet werden kann. Fälle von Lehnübersetzung aus dem Lateinischen - im DFA 3 (2012: 733-785) auch «semantische Transposition» genannt - sind in Berchtold/ Graf (i. V.) für den Schweizer Raum um 1800 fast keine dokumentiert. Eine gezielte Untersuchung steht jedoch noch aus. Die im DFA 3 (2012: 732-741) aufgeführten humanistischen latinisierten BerufsN des Typus Schmidt → Faber, Müller → Molitor sind in der Schweiz nicht bis 1800 weitertradiert worden. Urkundlich sind Lehnübersetzungen hingegen belegt, vgl. Furrer (2002: 355-360) und für Graubünden RNB 3 (1986: 696, 707, 740). Von den 105 latinisierten und gräzisierten HumanistenN im Schweizer Raum, die in Furrer (2002: 355-360) aufgelistet sind, wurde nur der FamN Gemuseus bis 1800 bzw. bis heute überliefert. Hierzu merkt Furrer (2002: 345) an: «Diese lateinischen Kleriker- und Akademikernamen fanden jedoch meist nur im institutionellen Rahmen Verwendung und wurden nicht - wie die der Humanisten - sprachliches Allgemeingut». Eine Besonderheit unter den Lehnübersetzungen stellen die latinisierten WohnstättenN im deutschsprachigen Wallis dar, vgl. dazu Anmerkung 47 in Furrer (2002: 345): Supersaxo ← Toponym bzw. toponymische Fügung uf der Flue, uf der Flüe ‘beim, auf dem Felsen’ u. ä.; von Sepibus ← FamN Zenzünen, WohnstättenN aus einer Verbindung ze den Zünen ‘bei den Zäunen’; de Platea ← Am Hengart ‘Dorfplatz’, erloschen seit der ersten Hälfte des 18. Jh. (vgl. e-HLS 2010: s. v. de Platea). Vergleich mit benachbartem Ausland: Für Deutschland dokumentiert der DFA 3 (2012: 732-785) fünf Typen von Latinisierungen: 1. die ins Lateinische übersetzten BerufsN - sogenannte HumanistenN - des Typus Faber ← Schmid, Schmitt oder Molitor ← Müller, Möller; 2. die Patronyme auf -us wie Paulus oder Debus; 3. die Patronyme auf -i wie Jakobi und Petri; 4. die Patronyme auf -is bzw. -ae wie Michaelis oder Andreae; 5. die Patronyme auf -ius wie Fronius. Allgemein lässt sich für Deutschland eine höhere Präsenz an Latinisierungen beobachten, die in stärkerem Masse entlang des Rheins auftreten. Nach Caffarelli (2016: Abs. 119) kommen die FamN auf -is in mehreren Regionen Italiens vor, die Variante ohne Präposition (Andreis, Giorgis, Michelis) jedoch v. a. im Norden des Landes. Die italienischsprachige Schweiz scheint mit Norditalien zu einem gemeinsamen Namenraum zu gehören, in dem die Produktivität dieses Bildungstyps besonders hoch ist. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Caffarelli, Enzo (2016): Cognomi in Italia: storia, tipologie, significati e statistiche in 450 domande e risposte (L’arte del nome 9). Roma: SER. Caffarelli, Enzo/ Marcato, Carla (2008): I cognomi d’Italia: dizionario storico ed etimologico. 2 Bde. (La nostra lingua). Torino: UTET. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. 548 2 Wortbildung Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="549"?> DRG = Dicziunari Rumantsch Grischun (1939 ff.): Bd. 1 ff. Chur: Bischofberger, dann Winterthur: Stamparia, dann Chur: Societad Retorumantscha. e-HLS = Dill, Ueli (2008): Hieronymus Gemuseus. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 043463/ 2008-02-18/ (letzter Zugriff 23.03.2023). e-HLS = Koelbing, Huldrych M. F. (2012): Johannes Nicolaus Stupanus. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 014657/ 2012-07-20/ (letzter Zugriff 23.03.2023). e-HLS = Truffer, Bernard (2010): de Platea. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 023593/ 2010-02-11/ (letzter Zugriff 23.03.2023). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 23.03.2023). FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (1989): Familiennamenbuch der Schweiz. 3 Bde. Bearbeitet von derArbeitsgemeinschaft Schweizer Familiennamen. 3., verbesserte und korrigierte Auf lage. Zürich: Schulthess. Furrer, Norbert (2002): Die vierzigsprachige Schweiz. Sprachkontakte und Mehrsprachigkeit in der vorindustriellen Gesellschaft (15.-19. Jahrhundert). Bd. 1: Untersuchung. Zürich: Chronos. GPSR = Glossaire des patois de la Suisse romande (1924 ff.): Bd. 1 ff. Neuchâtel, Paris: Attinger, dann Genève: Librairie Droz. Kroiß, Daniel (2020): Strukturen von Humanistennamen mit den Suffixen -us und -ius in Deutschland. Namenkundliche Informationen 112, 311-334. Lurati, Ottavio (2000): Perché ci chiamiamo così? Cognomi tra Lombardia, Piemonte e Svizzera italiana. Varese: Macchione. Morlet, Marie-Thérèse (1997): Dictionnaire étymologique des noms de famille. Nouvelle édition revue et augmentée. Paris: Perrin. Nyrop, Kristoffer (1979): Grammaire historique de la langue française. Bd. 3: Formation des mots. 4., überarbeitete Auf lage. Genève: Slatkine. ortsnamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): ortsnamen.ch. Das Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung. https: / / www.ortsnamen.ch/ de/ (letzter Zugriff 23.03.2023). RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. VSI = Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana (1952 ff.): Bd. 1 ff. Lugano: Mazzuconi, dann Bellinzona: Centro di dialettologia e di etnografia. Linda Steiner 2.21 Latinisierungen 549 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="550"?> Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="551"?> 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel 3.1 Artikelproklise Schlagwörter: Assimilation, Genitiv, Verschmelzung, Zusammenrückung Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel widmet sich FamN, die durch proklitische Verschmelzung des schweizerdeutschen Definitartikels mit dem nachfolgenden Appellativum oder Namenkörper eine schriftliche bzw. lautliche Einheit aufweisen wie z. B. Zbären (aus ds Bären ‘des Bären [Tochter/ Sohn bzw. Nachkomme(n)]’) oder Zut(t)er (aus d Sutter ‘die [Familie] Sutter’). Durch ihre Bildungsweise machen die hier behandelten FamN den dialektalen Assimilationsprozess der Artikelproklise sichtbar, der eine Eigenheit des definiten Artikels im Alemannischen darstellt (Nübling 1992: 199-202; Nübling 2005: 125). 1 Hintergrund: In der proklitischen Verbindung lehnt sich das unbetonte Wort (Proklitikon) an das nachfolgende selbstständige Wort (Basis) an, z. B. dt. s=ist ‘es ist’, dt. s=hat ‘es hat’ oder alem. ds=Huus ‘das Haus’ (Nübling 1992: 6-7; Nübling 1993: 97). 2 Dabei fällt die Junktur zwischen dem Proklitikon und der Basis weg und es bildet sich eine lautliche Einheit (ein phonologisches Wort), die internen Regeln unterliegt, wie «Schwächung unbetonter Vokale, Assimilationen und Metathesen» (Nübling 1993: 97). Als zumeist gebundene Einheiten lassen sich Klitika im Bereich zwischen Syntax und Flexion positionieren: Sie haben «ihre syntaktische und phonologische Selbständigkeit eingebüßt […], aber (noch) nicht den für Flexive charakteristischen Grad an Morphologisierung und - damit zusammenhängend - an Grammatisierung erlangt» (Nübling 1992: 11). Proklitische Verschmelzungen von Definitartikel und nachfolgendem Wort finden sich auch im Deutschschweizer Onomastikon, z. B. in FamN wie Zbären aus ds Bären ‘des Bären’ oder Tanniger aus d Anniger ‘die Anniger’, was u. a. der Eigenheit des Definitartikels im Schweizerdeutschen geschuldet ist. Dieser neigt - durch Reduktion der Lautgestalt - zur proklitischen Verschmelzung mit dem nachfolgenden Wort. Der Dialektologe Franz Joseph Stalder beschreibt diesen Vorgang zu Beginn des 19. Jh. wie folgt: «Die Geſchlechtswörter [werden] meiſtens verbiſſen, abgekürzet, tonlos und in der Ausſprache wahre Vorlinge (Präfixa) des Substantivs» (Stalder 1819: 78). Er vermerkt ausserdem, dass dieses Merkmal «uns gleich anfangs ſo ſonderbar und ſeltſam vorkommen muß» (Stalder 1819: 78). Wie das Paradigma (in Anlehnung an Stucki 1921: 106; Meyer 1967: 31, 114-115; Nübling 1992: 201; Paul et al. 2007: 217) in Tabelle 261 zeigt, sind die Vokale des Artikels im Schweizerdeutschen im Vergleich zum Mittelhochdeutschen stark reduziert und teilweise gänzlich getilgt. Die Reduktion bzw. Tilgung der Vokale führt zum Verlust der Silbenhaftigkeit des definiten Artikels, wodurch er nicht mehr als «selbständiges Wort» agieren kann und es zur proklitischen Ver- Numerus Kasus Genus Maskulinum Neutrum Femininum Mhd. Schwzdt. Mhd. Schwzdt. Mhd. Schwzdt. Singular Nominativ dër dər, dr, də daʒ ds, s diu di, d Dativ dëm(e) (d)əm dëm(e) (d)əm dër(e) dr, də Akkusativ dën dər, dr, də dën ds, s die di, d Plural Nominativ die di, d diu ds, s die di, d Dativ die də(n) dën, alem. dien də(n) die də(n) Akkusativ die di, d diu ds, s die di, d Tabelle 261: Der Definitartikel im Mittelhochdeutschen und im Schweizerdeutschen 1 FamN mit Präposition-Artikel-Enklise (z. B. Amherd, Imhof , Zumbach) werden an anderer Stelle diskutiert; vgl. die Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor», II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu», II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in», II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von» und II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de». 2 Das Zeichen «=» markiert jeweils die Schnittstelle zwischen dem Klitikon und der Basis (Nübling 1992: 6). Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="552"?> schmelzung mit dem nachfolgenden Wort oder zur enklitischen Verbindung mit dem vorausgehenden Wort kommt (Meyer 1967: 31; vgl. Fussnote 1). Dabei unterliegt der Artikel im Nominativ/ Akkusativ Singular Femininum und Nominativ/ Akkusativ Plural Assimilationsprozessen, die sich vier unterschiedlichen Stufen - «im Extremfall sogar bis zum völligen Schwund» (Meyer 1967: 115) - zuordnen lassen (Stucki 1921: 106-108; Baumgartner 1922: 16-18; Weber 1948: 101-104; Meyer 1967: 31-32; Marti 1985: 78; Nübling 1992: 201-202; Nübling 2005: 125): • Assimilationsgrad 1: Der Artikel d geht vor s in die Affrikate ts ein (d= > ts=), wie z. B. d Sunne > Tsunne ['tsunnə] ‘die Sonne’ oder d Sau > Tsau ['tsau] ‘die Sau’. • Assimilationsgrad 2: DerArtikel d assimiliert vor m und f zu p (d= > p=) und bleibt trotz veränderter Lautgestalt erhalten, wie z. B. d Milch > Pmilch ‘die Milch’, d Mitti > Pmitti ‘die Mitte’, d Federä > Pfederä ‘die Feder(n)’ oder d Füchs > Pfüchs ‘die Füchse’. • Assimilationsgrad 3: Die Assimilation des Artikels d vor den stimmhaften Plosiven b, d, g führt durch die Kontaktfortisierung zu deren Desonorisierung (d= > p=, t=, gg=), wie z. B. d Brugg > Prugg ‘die Brücke’, d Diebä > Tiebä ‘die Diebe’ oder d Glogge > Gglogge ‘die Glocke’. • Assimilationsgrad 4: Der Artikel d assimiliert vor den stimmlosen Plosiven p, t, k und den Affrikaten pf , ts, kx absolut (d= > Ø=), wie z. B. d Predigt > Predigt, d Tisch > Tisch ‘die Tische’, d Käschte > Käschte ‘die Kästen’, d Pfingschtä > Pfingschtä ‘die Pfingsten’ oder d Tsimmer > Tsimmer ['tsɪmmer] ‘die Zimmer’. Entsprechende Artikelproklisen aus Definitartikel und Namenelement im Nominativ/ Akkusativ Singular oder Plural haben sich im Familiennameninventar verfestigt (s. u.). Der Definitartikel im Genitiv (ds, s ‘des’ oder der ‘der’) findet sich in alten Konstruktionen im Schweizerdeutschen und wird gegenwärtig nur noch selten gebraucht. Verwendet wird er u. a. als besitzanzeigender Genitiv bei Personenbezeichnungen, wie bspw. «’s Vatters Hose, ’s Pfaarers Gaarte, ’s Naachbers Huus, ’s Gärbers Bueb des Gerbers Sohn, ’s Vreenelis Mueter Verenas Mutter […], ’s Mueters Schue Mutters Schuhe» (Stucki 1921: 69). Er wird ausserdem bei FamN geführt: Die Endungen [der Namen] sind -s (stark) und -e(n) (schwach). Die Endung -s gilt bei mehrsilbigen Namen, die auf r, l oder Vokal ausgehen: ’s Müllers, ’s Maiers, ’s Grebels, ’s Ammes Ammanns, ’s Büürgis Bürgis, ’s Vögelis (aber ’s Bosserte Boßharts, ’s Gselle Gsells, ’s Sigriste Sigrists). Die schwache Endung -e(n) nehmen, außer den genannten mehrsilbigen, alle einsilbigen und alle auf Zischlaut (s, sch, z) endigenden Namen an: ’s Roote Rots, ’s Freie Freys, ’s Bääre, ’s Wolfe; ’s Wiisse (zu Weiß, Wyß), ’s Notze, ’s Arbänze, ’s Schwarze, ’s Schulthesse (Stucki 1921: 69). Die Verwendungsweisen haben sich in FamN verfestigt, wobei sich das genitivische Artikelwort ds, s, realisiert in der Schreibung als anlautendes <Z> (ds= > z=), proklitisch mit dem nachfolgenden Namenkörper oder dem zugrunde liegenden Appellativum in der schwachen Genitivform verbunden hat: 3 z. B. Zbinden aus ds Binden ‘des Binden [Nachkomme(n)]’ oder Zehren aus ds Hēren ‘des Herrn [Nachkomme(n)]’ zu Herr, älter Hēr ‘Herr’. Der beschriebene proklitische Verschmelzungsvorgang lässt sich mittels historischer Belege zu den beiden FamN exemplarisch nachzeichnen (Studerus 1926: 68-69, 140-141): • Zbinden: 1388 Jenny der Bindo; 1391 Elsina relicta Johannis des Binden de Balwartzwile; 1392 Heintzi des Binden von Hetzelswendi; 1555 Cuni Zbinden im Oberried • Zehren: 1437 Frantz des Herren (Brunisried); 1445 Francey Tzherren (Brunisried); 1445 Frantz Zherren (Brunisried); 1620 Nicolas Z’herren Fragestellungen: Die erste Karte umfasst FamN, die Artikelproklise aufweisen, wobei zwischen den zugrunde liegenden Kasus unterschieden wird (Genitiv vs. Nominativ/ Akkusativ). Dabei stellt sich die Frage, ob die beiden Kasusformen unterschiedliche geographische Verbreitungsräume zeigen. Die zweite Karte bildet die gleichen FamN ab, basiert jedoch auf der rezenten Datenschicht «2020 Heimatorte». Unter Einbezug der ersten Karte kann dabei auf die zeitliche Entwicklung der Raumbilder eingegangen werden. Die dritte Karte stellt FamN mit Artikelproklise solchen FamN gegenüber, die zwar ebenfalls ein proklitisches <Z> aufweisen, aber als PräpositionsN zu deuten sind. Erste Karte {252}: Familiennamen mit Artikelproklise nach Kasus, «vor 1800» Namenauswahl: Die erste Karte enthält alle einschlägigen FamN mit Artikelproklise aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 4 die sich über die Schlagwortsuche «agglut» in der etymologischen Datenbank (Stand 18.04.2024) ermitteln liessen. Für die vorliegende Karte wird zwischen den zugrunde liegenden Kasus unterschieden, sodass FamN im Genitiv solchen im Nominativ/ Akkusativ gegenüberstehen (letztere beiden Kasus lassen sich formal nicht trennen - vgl. Tabelle 261 - und werden daher zusammengefasst). Zum Ausschluss von Namen s. u. Abgefragte Namen Typ Genitiv: Zbären, Zbinden, Zehren, Zwahlen. 25 Tokens. Typ Nominativ/ Akkusativ: Tanniger, Zoutter, Zuter, Zutter. 6 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 10-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 262: Daten zur ersten Karte {252} Detailangaben zur Namenauswahl: 5 Die etymologische Datenbank (Stand 18.04.2024) weist insgesamt acht Familiennamentypes aus, die eindeutig eine Artikelproklise enthalten. Entsprechend ihrer Bildung lassen sie sich zwei Typen zuordnen: • Typ 1: Definitartikel und Grundwort im Genitiv: Die FamN gehen auf eine ursprüngliche besitzanzeigende Genitivkonstruktion bei Personenbezeichnungen im Sinne von ‘des X Sohn/ Tochter bzw. Nachkomme(n)’ zurück, wobei der akzentlose 3 Zu FamN mit genitivischen Endungen vgl. Artikel II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe». 4 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 5 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Angaben verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 552 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="553"?> Definitartikel (ds ‘des’) mit dem nachfolgenden Namen mit schwacher Genitivendung -en verschmolzen ist und in der Schreibung als <Z> realisiert wird. Es sind dies die vier FamN Zbären (aus ds Bären ‘des Bären [Nachkomme(n)]’), Zbinden (aus ds Binden ‘des Binden bzw. des Fassbinders [Nachkomme(n)]’), 6 Zehren (aus ds Hēren ‘des Herrn [Nachkomme(n)]’) und Zwahlen (aus ds Wahlen ‘des Wahlen [Nachkomme(n)]’ zu ahd. wal(a)h ‘welsch, nicht-deutsch’, schwzdt. walch, wale ‘romanisch, Romane’). Die FamN Zbinden (14 Tokens) und Zwahlen (8 Tokens) sind besonders frequent und machen einen Grossteil der Tokens aus. • Typ 2: Definitartikel und Grundwort im Nominativ oder Akkusativ: Die anderen vier Familiennamentypes weisen einen unbetonten Definitartikel im Nominativ oderAkkusativ auf, der sich proklitisch an den Namen von familialen oder verwandtschaftlichen Gruppen gebunden hat (im Sinne von ‘die X’). Dazu zählen der FamN Tanniger (aus d Anniger ‘die Anniger’ zum Ruf N Anna) sowie die Namenvarianten Zoutter, Zuter und Zutter (aus d Sutter ‘die Sutter’ zu mhd. sūter ‘Näher, Schneider, Schuster’, Lehnwort zu lat. sūtor ‘Flickschuster’). Abhängig von der lautlichen Umgebung weisen die FamN verschiedene Stufen von Assimilation auf, namentlich Kontaktfortisierung (Assimilationsgrad 3, s. o.; d= > t= bei Tanniger aus d Anniger) oder Affrizierung (Assimilationsgrad 1, s. o.; d= > ts= bei Zoutter, Zuter und Zutter aus d Sutter), die in der Schreibung als <Z> realisiert ist. Die Entstehung des anlautenden Zbei den FamN Ziörjen und Zieri (beide zu Georg) lässt sich nicht eindeutig klären, weshalb sie aus der Kartierung ausgeschlossen wurden. Infrage kommt entweder eine als <Z> realisierte Verschmelzung des Definitartikels im Genitiv (aus ds Jörjen ‘des Jörjen’ bzw. ds Ieri ‘des Ieri’) oder aber eine Bildung mit verkürzter Präposition mhd. ze, zuo ‘zu, in, an, bei’. 7 Ebenfalls von der Kartierung ausgeschlossen wurde der FamN Dorta zum Toponym orta ‘Garten’, da es sich beim agglutinierten Dum die Präposition de und nicht um einen definiten Artikel handelt. 8 Der FamN Tschopp zu mhd. schōpe, schwzdt. mehrheitlich Tschōpe(n) (einem Wort für allerlei unterschiedliche Oberbekleidungsstücke, insbesondere für die Jacke, das Jackett, für Trachtbestandteile usw.) ist ein unsicherer Fall von Artikelproklise, weshalb er auch nicht in der Kartierung berücksichtigt wurde. Kommentar: Das Raumbild der ersten Karte zeigt eine klare Konzentration beider Bildungstypen in den Kantonen Bern und Freiburg. Dort erscheinen sie im Verwaltungskreis Bern-Mittelland, überwiegend im Raum der Gemeinden Guggisberg, Schwarzenburg und Karte 252: Artikelproklise in FamN nach Kasus des Definitartikels, vor 1800 6 Bind bezieht sich auf den Beruf des Fassbinders bzw. des Küfers; vgl. Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 7 Vgl. Artikel II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu». 8 Gleiches gilt für den FamN Darms aus dem Toponym Arms und agglutiniertem de, was auf ein entsprechendes Phänomen im Romanischen verweist (vgl. Artikel II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de»). 3.1 Artikelproklise 553 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="554"?> Rüschegg, sowie im angrenzenden Freiburger Sensebezirk. Der FamN Zbinden ist in diesem Gebiet besonders frequent. Der ebenfalls häufige FamN Zwahlen erscheint zudem weiter südlich, im Gebiet des Berner Oberlands (in den Verwaltungskreisen Interlaken-Oberhasli und Obersimmental-Saanen). Beim FamN Zoutter mit dem einmaligen Vorkommen in der französischsprachigen Gemeinde Nax (VS) handelt es sich um eine graphematisch-phonologische Romanisierung des FamN Zut(t)er. 9 Zweite Karte {253}: Familiennamen mit Artikelproklise nach Kasus, «2020 Heimatorte» Namenauswahl: Die zweite Karte umfasst die FamN aus der ersten Karte, bezieht sich aber auf die rezente Datenschicht «2020 Heimatorte» (Datenquelle: BFS). Das Sample enthält jene Namen, die auch in der jüngeren Schicht noch belegt sind, und gruppiert sie erneut nach Genitiv vs. Nominativ/ Akkusativ. Ein weiterer Vergleich erfolgt aus diachroner Perspektive unter Einbezug der ersten Karte: Mittels der beiden Schichten (erste Karte: «vor 1800» vs. zweite Karte: «2020 Heimatorte») werden die beiden Raumbilder in Bezug auf ihre zeitliche Entwicklung einander gegenübergestellt. Abgefragte Namen Typ Genitiv: Zbären, Zbinden, Zehren, Zwahlen. 8'698 Tokens. Typ Nominativ/ Akkusativ: Tanniger, Zoutter, Zutter. 454 Tokens. Datenschicht: 2020 Heimatorte (alle Typen) Kreise 10-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 30-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 263: Daten zur zweiten Karte {253} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den ausgewählten FamN vgl. die Ausführungen bei der ersten Karte. Der FamN Zuter ist nur in der historischen Schicht «vor 1800» enthalten und erscheint nicht mehr in der Schicht «2020 Heimatorte». Kommentar: Das Raumbild der zweiten Karte mit den rezenten Daten gleicht jenem der ersten Karte mit den historischen Daten. Die FamN des ersten Bildungstyps (Artikel im Genitiv) sind stark frequent und konzentrieren sich in ihrer Verbreitung wiederum hauptsächlich im Gebiet des Berner Mittellands (mit Schwerpunkt in den Gemeinden Guggisberg, Schwarzenburg und Rüschegg) sowie in der Region im angrenzenden Kanton Freiburg. Zudem treten die Namen gehäuft im Berner Oberland auf, dort v. a. in der Region Interlaken. Der zweite Bildungstyp ist hingegen kaum frequent und erscheint im Karte 253: Artikelproklise in FamN nach Kasus des Definitartikels, 2020 Heimatorte 9 Vgl. Artikel I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». 554 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="555"?> südwestlichen Teil der Schweiz verstreut in den Kantonen Waadt, Wallis und Bern. Im nördlichen Gebiet tritt er hauptsächlich in den Kantonen Zürich und Basel-Landschaft auf. Gegenüber der ersten Karte zeigen sich hier nun Streubefunde fast in der gesamten Schweiz. Es lässt sich somit das typische Muster einer hohen Stabilität der Heimatorte bei gleichzeitigen Migrationsspuren feststellen. Dritte Karte {254}: Familiennamen mit anlautendem Zaus Artikel- und Präpositionsproklise Namenauswahl: Die dritte Karte umfasst einerseits diejenigen FamN aus der ersten Karte, die einen proklitischen Artikel als initiales <Z> realisieren. Andererseits werden solche FamN kartiert, deren initiale Z-Schreibung auf die agglutinierte Präposition mhd. ze, zuo ‘zu, in, an, bei’ zurückgeht. Letztere werden auch in Karte 259 im Artikel II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu» behandelt. 10 Berücksichtigt werden alle einschlägigen Fälle aus der Schicht «vor 1800». Abgefragte Namen Zaus Artikelproklise: Zbären, Zbinden, Zehren, Zoutter, Zuter, Zutter, Zwahlen. 7 Types, 30 Tokens. Zaus Präpositionsproklise: Zberg, Zbrun, Zgraggen, Zibach, Zlauwinen, Zmilacher, Zmoos, Zmutt, Zobrist, Z’Rotz, Zryd, Zwald, Zwygart, Zwyssig, Zybach. 15 Types, 45 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 10-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 264: Daten zur dritten Karte {254} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den ausgewählten FamN mit Artikelproklise s. die Angaben bei der ersten Karte. Die 15 FamN, die eindeutig eine agglutinierte Präposition enthalten, sind WohnstättenN (z. B. Zmoos zu mhd. mos, Zryd zu mhd. riet und Zwald zu mhd. walt) oder HerkunftsN (z. B. Zgraggen zum Ort Graggi UR, Zlauwinen zum Ort Löüwine VS und Zwyssig zum Ort Wissig UR). Kommentar: Die beiden verschiedenen Genesetypen weisen unterschiedliche Verbreitungen auf. Die FamN mit agglutinierter Präposition erscheinen mehrheitlich im östlichen Berner Oberland und im angrenzenden Kanton Uri, während sich die FamN mit Karte 254: FamN mit anlautendem Zaus Artikelvs. aus Präpositionsproklise, vor 1800 10 Die Samples weichen leicht voneinander ab, weil hier Zobrist mit Superlativform aufgenommen, dafür die mehrdeutigen FamN Zieri und Ziörjen ausgeklammert wurden. 3.1 Artikelproklise 555 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="556"?> Artikelproklise im Gebiet des westlichen Berner Oberlands, im Berner Mittelland und im freiburgischen Sensebezirk konzentrieren. Ergebnisse FamN mit Artikelproklise sind im Deutschschweizer Nameninventar eher selten, trotz der Neigung des schweizerdeutschen Definitartikels zur Klitisierung. Insgesamt liegen acht Familiennamentypes vor. Die Hälfte davon geht auf eine ursprünglich besitzanzeigende Genitivkonstruktion bei Personenbezeichnungen zurück. Die andere Hälfte basiert auf Konstruktionen im Nominativ oder Akkusativ, die vermutlich aus der Nennung von Familien oder Verwandtschaftsgruppen hervorgegangen sind. Letzterer Typ weist aufgrund der lautlichen Umgebung des nachfolgenden Namens unterschiedliche Assimilationsgrade des agglutinierten Definitartikels auf, wie Affrizierung und Kontaktfortisierung. Die kartierten Namen erscheinen gehäuft - sowohl in der historischen Schicht «vor 1800» als auch in der rezenten Schicht «2020 Heimatorte» - im Übergangsgebiet zwischen dem Hoch- und dem Höchstalemannischen im Sensebezirk (FR) und im angrenzenden Berner Mittelland (Gemeinden Guggisberg, Schwarzenburg, Rüschegg). Die Region ist Teil des typischen Verbreitungsgebiets der FamN mit schwacher Genitivendung, sodass hier eine Fallstudie zu regionalspezifischen Bildungsmustern als lohnenswertes Forschungsdesiderat aufscheint. 11 In den übrigen Gebieten der Deutschschweiz finden sich kaum FamN, die eine Artikelproklise enthalten. FamN wie Zgraggen oder Zryd, die durch die Schreibung mit anlautendem Zden FamN mit Artikelproklise formal nahestehen, gehen auf einen anderen Bildungstyp zurück. Sie sind durch Proklise der Präposition mhd. ze, zuo > z- ‘zu, in, an, bei’ an eine Wohnstätten- oder Herkunftsbezeichnung entstanden. Sie weisen mehrheitlich einen eigenen Verbreitungsraum im Gebiet des Kantons Uri sowie dem angrenzenden östlichen Teil des Berner Oberlands auf. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN mit Artikelproklise sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Zbinden (5'105 Tokens), Zwahlen (3'308 Tokens) und Zutter (390 Tokens). Analog zu den Anthroponymen findet sich Artikelproklise auch bei Schweizer Toponymen, so etwa bei den Namen Triemen (< d(ie) Riemen(wies) ZH) oder Tschammerhalde (< d(ie) Schamerhalde BL), die sich nicht auf eine bestimmte Region in der Schweiz beschränken. Vergleich mit benachbartem Ausland: FamN mit einem Artikel sind im nordwestlichen deutschen Sprachraum unterschiedlich frequent. Während in Deutschland kaum FamN mit Artikel erscheinen, zählt gerade dieser Typ in den Niederlanden und in Belgien (hier öfters in zusammengeschriebener Form) zu den häufigsten. Im DFA 3 (2012: 670-677) wird die Verbreitung von Berufs- und ÜberN mit dem niederdeutschen bzw. niederländischen Artikel de ‘der’ (z. B. de Jong, de Groot, de Witt, de Haas oder de Boer) resp. mit angetretenem Artikel (z. B. Degraf , Dejon) und mit dem französischen Artikel la ‘die’ (z. B. Lacroix) untersucht. Weshalb artikelproklitische FamN trotz der geeigneten formalen Voraussetzungen in der Deutschschweiz selten, in den Niederlanden jedoch frequent sind, ist Gegenstand künftiger Forschung. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Baumgartner, Heinrich (1922): Die Mundarten des Berner Seelandes (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 14). Frauenfeld: Huber. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 18.04.2024). Marti, Werner (1985): Berndeutsch-Grammatik für die heutige Mundart zwischen Thun und Jura. Bern: Francke. Meyer, Rudolf (1967): Zur Morphologie und Sprachgeographie des Artikels im Schweizerdeutschen. Frauenfeld: Huber. Nübling, Damaris (1992): Klitika im Deutschen. Schriftsprache, Umgangssprache, alemannische Dialekte (ScriptOralia 42). Tübingen: Narr. Nübling, Damaris (1993): Synthesetendenzen im Alemannischen. Die Klitisierung von Artikel und Personalpronomen. In: Schupp, Volker (Hrsg.): Alemannisch in der Regio. Beiträge zur 10. Arbeitstagung alemannischer Dialektologen in Freiburg/ Breisgau 1990 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 593), 97-112. Göppingen: Kümmerle. Nübling, Damaris (2005): Von in die über in’n und ins bis im: Die Klitisierung von Präposition und Artikel als «Grammatikalisierungsbaustelle». In: Leuschner, Torsten/ Mortelmans, Tanja/ De Groodt, Sarah (Hrsg.): Grammatikalisierung im Deutschen (Linguistik - Impulse & Tendenzen 9), 105-131. Berlin, New York: De Gruyter. Paul, Hermann et al. (2007): Mittelhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A: Hauptreihe 2). 25., neu bearbeitete Auf lage. Tübingen: Niemeyer. Stalder, Franz Joseph (1819): Die Landessprachen der Schweiz oder Schweizerische Dialektologie mit kritischen Sprachbemerkungen beleuchtet. Nebst der Gleichnißrede von dem verlorenen Sohne in allen Schweizermundarten. Aarau: Sauerländer. Stucki, Karl (1921): Schweizerdeutsch. Abriss einer Grammatik mit Laut- und Formenlehre. Zürich: Orell Füssli. Studerus, Gottlieb (1926): Die alten deutschen Familiennamen von Freiburg im Uechtland. Universität Freiburg i. Ü. Weber, Albert (1948): Zürichdeutsche Grammatik. Ein Wegweiser zur guten Mundart. Zürich: Schweizer Spiegel. Martina Heer 11 Vgl. Artikel II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe». 556 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="557"?> 3.2 Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf, aus, ohne, vor Schlagwörter: Definitartikel, Herkunftsname, Verschmelzung, Wohnstättenname, Zusammenrückung Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel gilt FamN, die etymologisch eine der Präpositionen mhd. abe ‘ab’, mhd. ane ‘an’, mhd. ūf ‘auf, hinauf, herauf, aufwärts, oben’, mhd. ūʒ ‘aus, heraus, hinaus, draussen’, mhd. āne ‘ohne’ oder mhd. vor(e) ‘vor’ und ggf. einen Definitartikel enthalten. Solche PräpositionsN, die oft die Herkunft oder die Wohnstätte der namentragenden Person bezeichnen, sind das Resultat einer Zusammenrückung von Wortgruppen (Bach 1952: 140) und gelten für die Deutschschweizer Familiennamenlandschaft als besonders charakteristisch (Bach 1952: 265; Kully 2009: 376). Der vorliegende Untersuchungsgegenstand ist Teil eines grösseren Themenkomplexes zu FamN mit präpositionalem Bestandteil. In diesem Artikel werden PräpositionsN mit in, von und zu nicht behandelt. 1 Hintergrund: Herkunfts- und WohnstättenN treten gemäss Nübling/ Fahlbusch/ Heuser (2015: 54) in mittelalterlichen Quellen mit Präpositionen auf. Diachron werden solche Formen zumeist um die Präposition und das Artikelwort reduziert (vgl. Bach 1952: 140). Da die Präpositionen in solchen Namen diachron öfter abgefallen sind, konkurrieren die PräpositionsN mit jüngeren Bildungen, bspw. mit blossem Nomen oder mit einer abgeleiteten Form auf -er oder auf -mann (Berchtold 2019: 297). 2 Saladin (1929: 129) attestiert, dass die FamN mit Präposition in seinen Luzerner Quellen des 14. Jh. gegenüber den endungslosen Formen und den abgeleiteten Bildungstypen vorherrschen. Besonders in (alpinen) Reliktgebieten, derer die Schweiz einige aufweist, sind die präpositionalen Bestandteile im Vergleich zu anderen Teilen des deutschsprachigen Raums öfter erhalten geblieben (vgl. Bach 1952: 265; Kully 2009: 376; Berchtold 2019: 301). FamN mit Präposition sind allerdings keineswegs auf die alpinen Gebiete der Schweiz beschränkt (Berchtold 2019: 303-304). PräpositionsN lassen sich motivisch i. d. R. den Herkunfts- und WohnstättenN zuordnen. Da die Präposition in den hier untersuchten Namen über eine lokale bzw. statische Lesart verfügt, nimmt sie meist den Dativkasus zu sich (vgl. z. B. Amhof ). Die Präpositionen unterscheiden sich hinsichtlich ihres Bedeutungsgehalts: Die Präposition ab bezeichnet die räumliche Entfernung von etwas herunter, an die unmittelbare Nähe und auf und vor ein Lageverhältnis. Die PräpositionsN mit ohne fallen insofern aus der Reihe, als sie keine Herkunfts- oder WohnstättenN darstellen und ihr präpositionaler Bestandteil den Akkusativkasus regiert. Sprachhistorisch werden PräpositionsN zunächst getrennt geschrieben. Die Präposition, ggf. das Artikelwort und das Grundwort können dann aber auch syntaktisch zusammenrücken (Bach 1952: 140; Berchtold 2019: 297-298). Dass es sich um eine Zusammenrückung handelt, zeigt sich am Akzent, denn solche FamN mit Präposition werden auf der ersten Silbe betont (Kully 2009: 376), bspw. onymisch ˈAnderhub, ˈAufderheide vs. appellativisch an der ˈHube, auf der ˈHeide. Die im Folgenden behandelten PräpositionsN sind ausserdem dadurch gekennzeichnet, dass sie, mit vier Ausnahmen (ab Yberg, am Rhyn, Auf der Maur, Aus der Au), zusammengeschrieben werden. Fragestellungen: In der ersten Karte wird der Frage nach der Verteilung von FamN mit den Präpositionen ab, auf , aus, ohne und vor nachgegangen. Die zweite Karte zeigt FamN mit der Präposition an separat, da diese ungleich häufiger als die erstgenannten Typen sind. Die dritte Karte behandelt die Frage nach den verschiedenen formalen Ausprägungen von FamN mit der Präposition an und ihren Verbreitungsgebieten. Schliesslich greift die vierte Karte das Vorkommen von Artikelwörtern in den PräpositionsN mit ab und auf auf, da diese teils mit, teils ohne Artikelwort auftreten. Mit ebendieser Karte soll untersucht werden, ob solche FamN ggf. Hinweise auf die Entwicklung von Artikelwörtern geben. Erste Karte {255}: Familiennamen mit den Präpositionen ab, auf, aus, ohne und vor Namenauswahl: Ausgewählt wurden diejenigen PräpositionsN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 3 deren präpositionales Element zurückgeht auf mhd. abe ‘ab’, ahd., mhd. ūf ‘auf, hinauf, herauf, aufwärts, oben’, ahd. ūz > mhd. ūʒ ‘aus, heraus, hinaus, draussen’, mhd. āne ‘ohne’ oder ahd. fora > mhd. vor(e) ‘vor’. Da PräpositionsN mit an (ahd. ana > mhd. ane ‘an’) den häufigsten Fall darstellen, werden diese in der zweiten Karte gesondert besprochen. Die Auswahl stützt sich auf die etymologischen Angaben in Berchtold/ Graf (i. V.). Zunächst wurde in den Artikeln der etymologischen Datenbank (Stand 28.07.2023) der Ausdruck «Präposition» recherchiert. Die Ergebnisliste wurde dann auf das Vorkommen der genannten Präpositionen überprüft. Ergänzt wurde diese Recherche um die Suche nach formalen Ausprägungen der anfänglichen präpositionalen Bestandteile mit Klein- und Grossschreibung. Die erste Karte vereint alle eindeutig einschlägigen Fälle zu den oben genannten Präpositionen. 1 Vgl. die Artikel II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in», II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von» und II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu». Für die Präpositionen von und de beachte man zudem die Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de» sowie II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de» für die romanischsprachige Schweiz. 2 Vgl. die Artikel II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen» und II-2.7 «Familiennamen auf -mann». 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3.2 Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf, aus, ohne, vor 557 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="558"?> Abgefragte Namen Typ ab: ab Yberg, Abächerli, Abbühl, Abderhalden, Abegg, Abegglen, Aberegg, Abgottspon, Abplanalp. 9 Types, 41 Tokens. Typ auf : Auf der Maur, Aufdenblatten, Aufdereggen, Aufdermauer, Aufdermaur, Uffholz, Ufholz. 7 Types, 10 Tokens. Typ aus: Aus der Au, Ausderau. 3 Tokens. Typ ohne: Adank, Ohnsorg. 5 Tokens. Typ vor: Voramwald. 1 Token. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 20-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 265: Daten zur ersten Karte {255} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Die Namenauswahl umfasst FamN, die die Präposition ab, auf , aus, ohne oder vor und ggf. ein Artikelwort enthalten. Bei ab-Namen handelt es sich in aller Regel um HerkunftsN (Abegg, Abgottspon), teilweise aber auch um solche, die sowohl als Herkunftswie auch als WohnstättenN gedeutet werden können (Abächerli, Abderhalden). Die auf -Namen und die vor-Namen lassen sich motivisch grösstenteils den WohnstättenN zuordnen (Auf der Mauer, Uffholz, Voramwald ). 5 Bei den aus-Namen sind Herkunfts- und WohnstättenN möglich (Aus der Au, Ausderau). Die PräpositionsN mit ab treten zum grösseren Teil mit Toponymen auf (ab Yberg, Abplanalp), die PräpositionsN mit auf , aus und vor hingegen mit (halb-)appellativischen Bezugswörtern und Toponymen (Aufdermauer, Ausderau, Voramwald ). Im Unterschied zu den vorangehenden Namen handelt es sich bei den PräpositionsN mit ohne um ÜberN (Adank, Ohnsorg). Die hier behandelten PräpositionsN zeigen unterschiedliche Affinitäten zu Artikelwörtern: Die Namen mit aus und vor erscheinen immer mit, Namen mit ab meistens ohne Artikelwort. Namen mit auf kommen fünf Mal mit Artikelwort und zwei Mal ohne Artikelwort vor, während Namen mit ohne ausschliesslich ohne Artikelwort auftreten. Dabei scheint das Auftreten des Artikelworts in Abhängigkeit des Grundworts zu erfolgen (s. u.). Kommentar: Die ausgewählten PräpositionsN sind, mit Ausnahme von FamN mit ab, insgesamt in Bezug auf Types und Tokens niederfrequent. Wie die erste Karte zeigt, weisen die Namen dennoch (oder gerade deshalb) allesamt regionale Schwerpunkte auf. Die ab- Namen sind hauptsächlich in den Kantonen Bern, Obwalden, Schwyz, Zürich und St. Gallen belegt. Dabei finden sich gehäufte Karte 255: FamN mit den Präpositionen ab, auf, aus, ohne und vor, vor 1800 u. Herkunft 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 5 Alternativ kann bei Uffholz, Ufholz ein endungsloser HerkunftsN zum SiedlungsN Uffholtz im Elsass (Frankreich) vorliegen. 558 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="559"?> Vorkommen im Berner Verwaltungskreis Interlaken-Oberhasli entlang der Aare, am Zürichsee, am Vierwaldstättersee und am Zugersee sowie an der Thur. Über das Kerngebiet hinaus zeigen sich Streubelege von FamN mit ab bspw. in den Walliser Alpen (Abgottspon) sowie im Kanton Schaffhausen (z. B. ein Einzelbeleg für den FamN Abegg, der sonst im Kerngebiet verbreitet ist; vgl. Berchtold 2019: 302-303). FamN mit auf verteilen sich über die Kantone Freiburg und Wallis; zudem treten sie in der Innerschweiz in den Kantonen Schwyz und Obwalden in Erscheinung. Die FamN Uf(f )holz mit erhaltenem Monophthong sind im Kanton Freiburg alteingesessen. 6 Die aus- Namen Ausderau und Aus der Au kommen ausschliesslich im Kanton Thurgau vor. Bei den FamN mit ohne finden sich die vier Belegorte von Adank im Kanton Graubünden und im benachbarten Kanton St. Gallen, der Einzelbeleg für den FamN Ohnsorg im Kanton Zug. Das einzige Vorkommen von Voramwald liegt im Kanton Bern. Zweite Karte {256}: Familiennamen mit der Präposition an Namenauswahl: Die zweite Karte gilt FamN mit der Präposition ahd. ana > mhd. ane ‘an’ und (i. d. R.) einem Artikelwort. Die PräpositionsN mit an werden aufgrund ihrer im Vergleich zu den anderen PräpositionsN hohen Type- und Tokenfrequenz an dieser Stelle gesondert behandelt, um ein überfrachtetes Kartenbild zu vermeiden. Die vorliegende Karte vereint alle einschlägigen Fälle aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft». Ausgeschlossen wurde der Name Odermatt aufgrund seiner unklaren Etymologie (← an der Matt oder ob der Matt ‘an/ oberhalb der Wiese’). Abgefragte Namen Typ an, vor 1800 u. Herkunft: am Rhyn, Amacher, Amacker, Ambauen, Amberg, Ambiel, Ambord, Ambort, Ambühl, Amgarten, Amgwerd, Amherd, Amhof , Amlehn, Amoos, Amos, Amport, Amrein, Amrhein, Amschwand, Amstad, Amstalden, Amstein, Amstutz, Amweg, Andenmatten, Anderau, Anderauer, Anderegg, Andereggen, Anderfuhren, Anderhalden, Anderhirsern, Anderhub, Andermatt, Anderrüthi, Anderrüti, Angehrn, Anthamatten, Aschwanden. 40 Types, 169 Tokens. Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 20-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 266: Daten zur zweiten Karte {256} Detailangaben zur Namenauswahl: Bei den PräpositionsN mit an (und ggf. einem Artikelwort) handelt es sich in aller Regel um WohnstättenN (Amacher, Amrhein); bei am Rhyn kann neben einem WohnstättenN (zu schwzdt. Rein ‘lang gestreckter Abhang’) auch ein HerkunftsN (zum FlussN Rhein) vorliegen. Die hier kartierten PräpositionsN treten zwar oft mit einem (halb-)appellativischen Bezugswort (Amberg, Ambiel entrundet zu Büh(e)l ‘Hügel’) auf, mitunter Karte 256: FamN mit der Präposition an, vor 1800 u. Herkunft 6 Vgl. Artikel I-1.11 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ū». 3.2 Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf, aus, ohne, vor 559 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="560"?> aber auch mit einem Toponym (Ambauen zum BergN Niderbauen, Amgwerd zu einem der Hof N Gwerd im Kanton Schwyz). Die Präposition an tritt meistens mit Artikel auf: an den, an der, am. Bildungen mit blossem an (ohne Artikel) und einem Toponym bzw. einem Appellativum sind hier - genauso wie bei den FamN mit in (vgl. Artikel II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in») - dagegen kaum dokumentiert (Angehrn). Die Schreibungen der Artikelwörter stimmen grösstenteils mit denen der gegenwartsdeutschen Standardsprache überein. Auffallend ist bei Aschwanden der Verlust des <n> bzw. <m>. Die an-Namen werden mit Ausnahme von am Rhyn immer zusammengeschrieben. Kommentar: Die PräpositionsN mit an erstrecken sich von den Walliser Alpen im Süden über das mittlere Mittelland bis in die östlichen Voralpen und das östliche Mittelland. Vereinzelte Streubelege finden sich in den Kantonen Graubünden und Jura (vgl. Berchtold 2019: 303-304). Dritte Karte {257}: Familiennamen mit der Präposition an nach Bildungstyp Namenauswahl: Ausgewählt wurden die FamN der zweiten Karte, die hier nun nach der Form ihres Artikelworts gruppiert werden. Aufgrund der unklaren Zuordnung zu einem bestimmten Bildungstyp bzw. des fehlenden Artikelworts blieben Aschwanden, Angehrn und Anthamatten (zum Toponym Tannmatten in Saas-Grund VS) unberücksichtigt. FamN mit an den zeigen den Dativ Plural, solche mit an der den Dativ Singular Femininum und jene mit am den Dativ Singular Maskulinum oder Neutrum. Bei den FamN mit am liegt eine Präposition-Artikel-Enklise vor. 7 Abgefragte Namen Typ an den: Andenmatten. 6 Tokens. Typ an der: Anderau, Anderauer, Anderegg, Andereggen, Anderfuhren, Anderhalden, Anderhirsern, Anderhub, Andermatt, Anderrüthi, Anderrüti. 11 Types, 45 Tokens. Typ am: am Rhyn, Amacher, Amacker, Ambauen, Amberg, Ambiel, Ambord, Ambort, Ambühl, Amgarten, Amgwerd, Amherd, Amhof , Amlehn, Amoos, Amos, Amport, Amrein, Amrhein, Amschwand, Amstad, Amstalden, Amstein, Amstutz, Amweg. 25 Types, 102 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 40-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 267: Daten zur dritten Karte {257} Detailangaben zur Namenauswahl: Zur Motivik der FamN s. die zweite Karte. Den elf Namentypen mit an der liegen acht feminine Karte 257: FamN mit der Präposition an nach Bildungstyp, vor 1800 u. Herkunft 7 Vgl. die Artikel II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in», II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von» und II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu». 560 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="561"?> Lexeme zugrunde, darunter z. B. schwzdt. Hirsere ‘Hirsefeld’ in Anderhirsern. Die 25 FamN des Typs am enthalten überwiegend ein maskulines Grundwort, z. B. Amrein, Amrhein zu schwzdt. Rein ‘lang gestreckter Abhang’ (nur in GR neutr.). Eindeutige Neutra sind nur die drei Lexeme Gwerd (zu einem der Hof N Gwerd im Kanton Schwyz), schwzdt. Lehen ‘Lehenhof ’ und Moos ‘Moos, Sumpf, Moor’, während mehrere Lexeme genusambig sind, vgl. den FamN Amschwand zu mhd. swant ‘Verwüstung’, hier in der Bedeutung ‘Rodung, Kahlschlag im Wald’ (mask.; gemäss Id. 9 1881 ff.: Sp. 1928 gebietsweise und historisch meist fem. oder seltener neutr.). Kommentar: Die dritte Karte zeigt die Verbreitung der PräpositionsN mit an in Abhängigkeit von den Artikelwörtern, mit denen sie auftreten. Der FamN mit an den kommt ausschliesslich im Walliser Bezirk Visp vor. Diese Belege erinnern an die Zen-Namen, die räumlich ebenfalls auf das Wallis beschränkt sind. 8 Hier zeigt das Wallis eine Tendenz, solche PräpositionsN mit Dativ Plural zu bilden bzw. solche Namen konserviert zu haben. Ein wesentlicher Unterschied zu den Zen-Namen besteht jedoch darin, dass an den im Unterschied zu zen nicht durch den Verlust lautlicher Segmente gekennzeichnet ist, da das Artikelwort in Anden-Namen in seiner Vollform noch erkennbar ist. Ferner kommt die Form zen im Standarddeutschen der Gegenwart nicht vor. Die Ander-Namen finden sich v. a. auf einer Nord-Süd-Achse von Merenschwand (AG) bis ins Goms (VS), daneben auch in den Kantonen St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden (zusammen 16 Tokens) sowie im nördlichen Teil des Kantons Bern (5 Tokens). Auch die am-Namen sind im Wesentlichen in einer fast vertikalen Linie, die durch das Zentrum der Schweiz verläuft, verbreitet. Einen Schwerpunkt bilden die Namen mit am im Kanton Luzern, wo sich ein Drittel der Ortspunkte (35 Tokens) ballt. Die Bezirke Willisau und Sursee bilden mit jeweils 14 und 12 Tokens Hochburgen. Mit 19 und 16 Tokens zeigen die Kantone Wallis und Bern ebenfalls hohe Konzentrationen an am-Namen. Hier verteilen sich die Belegorte hauptsächlich auf den Berner Verwaltungskreis Interlaken-Oberhasli (10 Tokens) und die Walliser Bezirke Brig, Leuk und Raron (5, 3 und 6 Tokens). Zudem vereinen die Innerschweizer Kantone Obwalden, Nidwalden und Schwyz insgesamt 15 Vorkommen auf sich (7, 4 und 4 Tokens). Einen weiteren Hotspot bildet der St. Galler Wahlkreis Toggenburg (6 Tokens). Vierte Karte {258}: Familiennamen mit den Präpositionen ab und auf mit und ohne Artikelwort Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle einschlägigen FamN mit den Präpositionen ab und auf aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft». Im Unterschied zu den PräpositionsN mit an, aus, vor und ohne, die (beinahe) konsequent entweder mit oder ohne Artikelwort erscheinen, tauchen die hier behandelten PräpositionsN teils mit, teils ohne Definitartikel auf. Daher wird in der Kartierung zwischen Namen mit und Namen ohne Artikelwort unterschieden. Karte 258: FamN mit den Präpositionen ab und auf mit und ohne Artikelwort, vor 1800 u. Herkunft 8 Vgl. Artikel II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu». 3.2 Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf, aus, ohne, vor 561 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="562"?> Abgefragte Namen FamN mit Artikelwort: Abderhalden, Aberegg, Auf der Maur, Aufdenblatten, Aufdereggen, Aufdermauer, Aufdermaur. 7 Types, 21 Tokens. FamN ohne Artikelwort: ab Yberg, Abächerli, Abbühl, Abegg, Abegglen, Abgottspon, Abplanalp, Uffholz, Ufholz. 9 Types, 36 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 40-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 268: Daten zur vierten Karte {258} Detailangaben zur Namenauswahl: Zur Motivik der FamN s. die erste Karte. Bei den hier behandelten Präpositionen ab und auf treten Artikelwörter lediglich bei femininen Grundwörtern auf. Feminina sind bei den FamN ohne Artikelwort hingegen eher selten. Ein genauerer Blick auf das Sample lässt vermuten, dass das Artikelwort tendenziell dann auftritt, wenn der nominale Bestandteil eher appellativisch aufzufassen ist (z. B. Abderhalden, Aufdenblatten, Aufdereggen). Das Fehlen des Artikelworts weist hingegen eher auf einen toponymischen Bestandteil hin (z. B. Abegglen zum Dorfteil Eggle(n) in Oberried BE, Abgottspon zum Weiler Gspon in Staldenried VS, Abplanalp zum Weiler Planalp oder zur gleichnamigen Alp oberhalb von Brienz BE). Zu bedenken bleibt jedoch, dass oft unklar ist, ob ein FamN auf einem Toponym oder auf einem ortsbezeichnenden Appellativ basiert. Bspw. benennen die FamN Aufdermauer, Aufdermaur und Auf der Maur eine Person, die entweder an einer Stelle wohnhaft war, die Mūr hiess oder wo (Stadt-)Mauern oder Mauerreste standen (vgl. Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Auf der Maur). Kommentar: Die vierte Karte zeigt im Grossen und Ganzen eine Ost-West-Verteilung: FamN mit Artikelwort verteilen sich tendenziell östlich, FamN ohne Artikelwort in der Tendenz stärker westlich. Eine Ausnahme stellt der Name Aberegg mit verschmolzenem Artikelwort dar, der im Kanton Bern in der Nähe des Bielersees bezeugt ist. Diese geographische Verteilung zeigt sich allerdings nicht bei den anderen PräpositionsN, die (beinahe) konsequent mit oder ohne Artikelwort erscheinen. Die Innerschweiz erweist sich als ein Mischgebiet, in dem FamN mit und ohne Artikelwort aufeinandertreffen. Ergebnisse Die behandelten FamN weisen je nach Präposition jeweils eigene regionale Schwerpunkte auf. Während auf , aus, ohne und vor mit wenigen Namentypen in vereinzelten Teilgebieten vorkommen, erstrecken sich Namen mit ab vom Wallis bis ins östliche Mittelland hinein. FamN mit der Präposition an sind von den Walliser Alpen über die Innerschweiz bis in die Voralpen und das mittlere und östliche Mittelland verteilt. Die FamN mit dem Bestandteil am zeigen hohe Konzentrationen in den Kantonen Luzern, Bern und Wallis, während die FamN mit der Form an der hauptsächlich im St. Galler Wahlkreis Toggenburg vorkommen. Das Wallis zeigt insofern eine Parallele zu den PräpositionsN mit zu, als in diesem Gebiet FamN mit der Dativ-Plural-Form den auftreten. 9 Das Vorkommen eines Artikelworts in den PräpositionsN mit ab und auf zeigt eine grobe West- Ost-Verteilung, bei der PräpositionsN mit Artikelwort in der Tendenz im Osten der Schweiz vorkommen, PräpositionsN ohne Artikelwort eher im Westen. An einen sprachgeschichtlichen Kontext lassen sich die Ergebnisse folgendermassen anbinden: Im appellativischen Bereich emergieren Artikelwörter diachron zunächst in Subjekt- und Objektfunktion, erst später in adverbialer Funktion als Ergänzung zu einer Präposition (Himmelmann 1998: 342). Die Raumverteilung der Namentypen lässt bei aller Vorsicht die Hypothese zu, dass die Emergenz des Definitartikels nach Präposition regional von Osten nach Westen erfolgte. Diese Interpretation gilt es vor dem Hintergrund der niedrigen Belegzahl sowie der Unausgewogenheit der Daten in Bezug auf das Genus und das Grundwort (appellativisch vs. onymisch) künftig zu überprüfen. Unklar ist ausserdem, weshalb sich dann nicht alle Präpositionen in Bezug auf das Vorkommen von Artikelwörtern gleich verhalten. Dies könnte womöglich mit der lautlichen Umgebung zusammenhängen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Amstutz (2'940 Tokens), Amrein (2'350 Tokens) und Anderegg (2'199 Tokens). Der etymologisch unklare und daher ausgeschlossene FamN Odermatt erreicht 5'040 Tokens. In den Datenschichten «vor 1800», «Herkunft» und «19. Jh.» kommen keine Deutschschweizer FamN vor, die die Präposition bei enthalten (vgl. Berchtold 2019: 301). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 3 (2012: 636-658) werden in Kapitel «Univerbierung» auf den Karten 296-298 und 302-304 PräpositionsN mit an (Amend, Amrhein), auf (Aufderheide, Aufenberg), aus (Aus dem Moore, Utermöhlen), bei (Beiderbeck, Biederbeck) und vor (Vordemvenne, Vorderwülbeke) dargestellt. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. 9 Vgl. Artikel II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu». 562 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="563"?> Literatur Bach, Adolf (1952): Deutsche Namenkunde. Bd. I, 1: Die deutschen Personennamen. Einleitung. Zur Laut- und Formenlehre, Wortfügung, -bildung und -bedeutung der deutschen Personennamen. 2., stark erweiterte Auf lage. Heidelberg: Winter. Berchtold, Simone (2019): Von Abbühl bis Zenzünen. In: Nievergelt, Andreas/ Rübekeil, Ludwig (Hrsg.): athe in palice, athe in anderu sumeuuelicheru stedi. Raum und Sprache. Festschrift für Elvira Glaser zum 65. Geburtstag, 297-312. Heidelberg: Winter. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 28.07.2023). Himmelmann, Nikolaus P. (1998): Regularity in Irregularity. Article Use in Adpositional Phrases. Linguistic Typology 2(3), 315-353. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kully, Rolf M. (2009): Form und Inhalt der Deutschschweizer Familiennamen. In: Hengst, Karlheinz/ Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. Bd. 1: Deutsche Familiennamen im deutschen Sprachraum (Onomastica Lipsiensia 6.1), 365-392. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. Nübling, Damaris/ Fahlbusch, Fabian/ Heuser, Rita (2015): Namen. Eine Einführung in die Onomastik (Narr Studienbücher). 2., überarbeitete und erweiterte Auf lage. Tübingen: Narr Francke Attempto. Saladin, Guntram (1929): Ueber luzernische Familiennamen. Der Geschichtsfreund. Mitteilungen des Historischen Vereins Zentralschweiz 84, 109-141. Jeffrey Pheiff 3.2 Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf, aus, ohne, vor 563 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="564"?> 3.3 Familiennamen mit der Präposition zu Schlagwörter: Definitartikel, Herkunftsname, Verschmelzung, Wohnstättenname Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Im folgenden Kartenkomplex werden FamN dokumentiert, die die Präposition mhd. zuo, ze, schwzdt. zue ‘zu, in, an, bei’ aufweisen. Die FamN, die in diesem Zusammenhang behandelt werden, enthalten i. d. R. eine Verschmelzungsform aus der Präposition und einem Definitartikel. Hier zeigen sich vier mögliche Konstellationen: Präposition zu + Grundwort, Präposition zu + der + Grundwort, Präposition zu + dem + Grundwort und Präposition zu + den + Grundwort. Die Präposition und der unbetonte Definitartikel gehen dabei eine Verschmelzung ein, d. h. zu + der → zur bzw. zer, zu + dem → zum und zu + den → zen (zu Präposition-Artikel- Enklisen vgl. Christiansen 2016). Der vorliegende Untersuchungsgegenstand ist Teil eines grösseren Themenkomplexes zu PräpositionsN und insofern relevant, als das Vorkommen von FamN mit einem präpositionalen Bestandteil besonders charakteristisch für das Deutschschweizer Onomastikon ist (vgl. Bach 1952: 265; Kully 2009: 376). Hintergrund: Der Definitartikel wird im Gegensatz zu den FamN mit in und von bei FamN mit zu nicht als Vollform realisiert (Zurbuchen, Zumbach, Zenklusen). 1 Dies spiegelt insofern dessen historische Schreibung wider, als sein etymologischer Ref lex ze ‘zu’ und das Artikelwort bereits im Althochdeutschen zu 100 % zusammengeschrieben wurden (Busch/ Fleischer 2015: 576). Im Althochdeutschen ist das Inventar an Präposition-Artikel-Enklisen sogar auf die präpositionale Basis zu beschränkt (Christiansen 2016: 131). Erst im Mittelhochdeutschen wird der Bestand an Verschmelzungsformen um weitere Präpositionen erweitert. Solche Verschmelzungsformen (Enklisen) ergeben sich aus der Klitisierung eines Definitartikels mit einer vorangehenden Präposition. Lehnt sich ein schwächer betontes Element (in diesem Fall ein Artikelwort) an das vorangehende Wort (in diesem Fall eine Präposition) an, so können diese zwei Elemente lautlich miteinander verschmelzen. In diesem Prozess verliert das Klitikon sowohl an Selbstständigkeit als auch an lautlichen Segmenten. Aus dem Syntagma zu dem bspw. wird die Enkliseform zum. Solche Elemente werden als Präposition-Artikel-Verschmelzungen oder Präposition- Artikel-Enklisen bezeichnet. Christiansen (2016: 98) zufolge stellen zem, zen und zer die drei tokenfrequentesten Verschmelzungen aus Präposition und Artikel in seinem mittelhochdeutschen Korpus dar. Somit sind Kombinationen der Präposition zu mit einem Artikelwort sprachgeschichtlich sehr früh belegte Verschmelzungsformen. Die Enkliseform zen, die auf eine Dativ-Plural-Form des Definitartikels zurückgeht, macht gar 42,5 % aller Verschmelzungen mit der Präposition ze ‘zu’ aus (Christiansen 2016: 100). Ab etwa 1300 verliert sie jedoch an Frequenz (Christiansen 2016: 113) und in der gegenwärtigen Standardsprache kommt sie nicht mehr vor. BeiN nach der Wohnstätte mit einer Präposition und einem Artikelwort werden gemäss DFA 3 (2012: 657) gegenüber Bildungen mit -er und -mann ab dem 13. Jh. zunehmend abgebaut. Daher sind FamN mit Präposition als sprachgeschichtliches Relikt zu werten, vgl. die Ausführungen im Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor». FamN mit der Präposition zu treten gegenwärtig im Berner Oberland sowie im Wallis sehr häufig auf (Berchtold 2019: 309). Berchtold (2019: 309) spricht von einer «Westlastigkeit» dieser Namen und merkt an, die Verteilung der FamN mit dem präpositionalen Bestandteil zu erinnere an «die gängige Ost-West-Aufteilung der Schweiz, die in der Dialektologie vorgenommen wird» (Berchtold 2019: 310). FamN mit zu (bzw. zum, zur) treten auch in Deutschland v. a. im Westen auf (s. Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle»). Fragestellungen: Ausgehend von diesen Überlegungen sind folgende Fragen von Interesse: Welche FamN weisen den präpositionalen Bestandteil zu auf und in welchen Gebieten kommen sie in den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» vor (erste Karte)? Inwiefern lässt sich durch einen Vergleich mit der rezenten Schicht «2020 Heimatorte» (zweite Karte) Konstanz in der Verbreitung der Namen feststellen? Erste Karte {259}: Familiennamen mit der Präposition zu, «vor 1800» und «Herkunft» Namenauswahl: Auf Basis von Berchtold (2019: 308) wurde für die erste Karte in den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB) 2 nach denjenigen Namen gesucht, die etymologisch den präpositionalen Bestandteil zu enthalten. Dazu wurde in den Artikeltexten der etymologischen Datenbank (Stand 16.03.2023) der Ausdruck «Präposition» recherchiert. Ergänzt wurde diese Recherche um die Suche nach Namen, die den Anfangsbuchstaben z in Gross- oder Kleinschreibung aufweisen. Die Namen wurden anschliessend in Bezug auf ihre Etymologie überprüft. Abgefragte Namen Typ zu: Zberg, Zbrun, Zgraggen, Zibach, Zieri, Ziörjen, Zlauwinen, Zmilacher, Zmoos, Zmutt, Z’Rotz, Zryd, Zwald, Zwygart, Zwyssig, Zybach. 16 Types, 45 Tokens. Typ zur/ zer: Zermatten, Zerzuben, Zur Gilgen, Zur Kirchen, Zurbriggen, Zurbrügg, Zurbuchen, Zurburg, Zureich, Zurfluh, Zurflüh, Zurkirch, 1 Vgl. die Artikel II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in» und II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von». 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 564 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="565"?> Zurkirchen, Zurlinden, Zurmühle, Zurniwen, Zurschmiede, Zurschmitten, Zurwerra. 19 Types, 49 Tokens. Typ zum: Zum Brunn, Zum Wald, Zumbach, Zumbrunn, Zumbrunnen, Zumbühl, Zumkehr, Zumkemi, Zumoberhaus, Zumofen, Zumsteg, Zumstein, Zumtaugwald, Zumthor, Zumthurm, Zumwald. 16 Types, 61 Tokens. Typ zen: Zen Ruffinen, Zengaffinen, Zenhäusern, Zenklusen, Zen-Ruffinen, Zentriegen, Zenzünen. 7 Types, 15 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 15-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 269: Daten zur ersten Karte {259} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 Bei der Namenauswahl handelt es sich grösstenteils um WohnstättenN. Die jeweiligen Grundwörter können verschiedenen nominalen Kategorien angehören, vgl. z. B. Zmilacher (zum SiedlungsN Milachru in Stalden VS oder zu einem im Kanton Wallis mehrfach vorkommenden FlurN Milachra, Milachru), Zumtaugwald (zum FlurN Taugwald in VS) oder Zwald, Zenklusen (zu den (halb-)appellativischen Bezugswörtern mhd. walt ‘Wald’ und mhd. klūse ‘Engpass, Felskluft, Schleuse’). Die FamN Zibach, Zybach können neben entsprechenden Siedlungs- oder FlurN auch auf einen GewässerN Ibach zurückgehen. Der WohnstättenN Zur Gilgen (FamN einer Luzerner Patrizierfamilie) geht auf einen HäuserN ‘zur Lilie’ zurück. 4 Die FamN Zieri, Ziörjen beziehen sich auf die Ruf N Ieri, Jöri (zu Georg). 5 Fünf FamN könnten sowohl einen Herkunftsals auch einen WohnstättenN darstellen (Zenhäusern, Z’Rotz, Zumtaugwald, Zurburg, Zwygart). Ausgeschlossen wurden die Namen Zumzinger und Zwyer aufgrund unklarer Deutung sowie der Name Zobrist ‘zu oberst’, der im Artikel II-1.2 «Flektierte Adjektivformen» ausführlich behandelt wird. Kommentar: Die erste Karte zeigt das Vorkommen und die Verbreitung von FamN, die die Präposition zu enthalten und in den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» belegt sind. Das Kartenbild dokumentiert vier Typen: Namen mit der blossen Präposition zu sowie solche mit einer Präposition-Artikel-Enklise in einer der Karte 259: FamN mit der Präposition zu, vor 1800 u. Herkunft 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 4 Vgl. die Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de» und III-3.9 «Wohnstättennamen zu Häusernamen». 5 Es ist denkbar, dass initiales Zhier nicht auf die Präposition zu zurückgeht (vgl. ältere Namenformen wie ze Jœrgen, ze Jœrien usw. im HBLS 1921-1934: 657-658), sondern auf den Definitartikel im Genitiv (aus ds Jörjen ‘des Jörjen’ bzw. ds Ieri ‘des Ieri’). 3.3 Familiennamen mit der Präposition zu 565 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="566"?> Formen zur / zer, zum oder zen. Die FamN finden sich, von wenigen Ausreissern abgesehen, in der westlichen Hälfte der Deutschschweiz. Auf die Kantone Bern und Wallis entfallen 52 bzw. 51 der insgesamt 170 Ortspunkte. Die Kantone Bern (17 Tokens) und Uri (19 Tokens) zeigen jeweils hohe Konzentrationen an Namen mit der blossen Präposition zu, die sich vom Verwaltungskreis Frutigen-Niedersimmental (BE) über den Verwaltungskreis Interlaken-Oberhasli (BE) bis in den Kanton Uri erstrecken. Namen mit der Verschmelzungsform zur / zer verteilen sich über acht Kantone. Die Kantone Bern (16 Tokens), Wallis (15 Tokens), Luzern (7 Tokens) und Uri (6 Tokens) weisen dabei die meisten Inzidenzen auf. Solche Namen breiten sich hauptsächlich von Norden nach Süden vom Mittelland über die Zentralschweiz bis ins untere Deutschwallis aus (mit einigen Ausreissern auch im Val d’Hérens VS). Die Verschmelzungsform zur ist insbesondere in den Bezirken Visp (VS), Interlaken-Oberhasli (BE) sowie im Kanton Uri tokenstark; Namen mit zer sind einzig im Kanton Wallis belegt. Namen mit der Verschmelzungsform zum zeigen, mit Vorkommen in neun Kantonen, die weiteste areale Verteilung. Sie verteilen sich, wie die Verschmelzungsform zur / zer, in nordsüdlicher Ausrichtung von der deutsch-schweizerischen Staatsgrenze bis ins untere Deutschwallis hinein. Mit jeweils 6 Tokens verbuchen die Bezirke Laufenburg (AG) und Frutigen-Niedersimmental (BE) die meisten Vorkommen. FamN mit der Verschmelzungsform zen sind ausschliesslich im Wallis bezeugt, und zwar in den Bezirken Brig, Leuk und Raron. Zweite Karte {260}: Familiennamen mit der Präposition zu, «2020 Heimatorte» Namenauswahl: Ausgewählt wurden in der zweiten Karte alle FamN, die der ersten Karte zugrunde liegen und in der rezenten Schicht «2020 Heimatorte» (Datenquelle: BFS) noch vorkommen. Die Samples unterscheiden sich lediglich geringfügig voneinander, da einige Namen in der jüngeren Datenschicht nicht belegt sind oder aufgrund ihrer Seltenheit aus Datenschutzgründen nicht behandelt werden. Umgekehrt sind folgende FamN im 19. Jh. neu in den amtlichen Registern verzeichnet, die sich als Schreibvarianten zu einschlägigen FamN deuten lassen: Zum Offen, Zurgilgen, Zurwerren, Zwissig. In der vorliegenden Karte vertreten sind davon nur Zurgilgen und Zwissig, da die anderen beiden FamN in der Schicht «2020 Heimatorte» nicht mehr vorkommen. Abgefragte Namen Typ zu: Zberg, Zgraggen, Zieri, Ziörjen, Zlauwinen, Zmilacher, Zmoos, Zmutt, Z’Rotz, Zryd, Zwald, Zwygart, Zwissig, Zwyssig, Zybach. 15 Types, 4'576 Tokens. Typ zur/ zer: Zermatten, Zerzuben, Zurbriggen, Zurbrügg, Zurbuchen, Zurburg, Zureich, Zurfluh, Zurflüh, Zurgilgen, Zurkirch, Zurkirchen, Zurlinden, Zurmühle, Zurniwen, Zurschmiede, Zurschmitten, Zurwerra. 18 Types, 6'939 Tokens. Karte 260: FamN mit der Präposition zu, 2020 Heimatorte 566 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="567"?> Typ zum: Zum Wald, Zumbach, Zumbrunn, Zumbrunnen, Zumbühl, Zumkehr, Zumkemi, Zumoberhaus, Zumofen, Zumsteg, Zumstein, Zumtaugwald, Zumthor, Zumthurm, Zumwald. 15 Types, 5'676 Tokens. Typ zen: Zengaffinen, Zenhäusern, Zenklusen, Zen-Ruffinen, Zentriegen, Zenzünen. 6 Types, 1'805 Tokens. Datenschicht: 2020 Heimatorte (alle Typen) Kreise 7-60, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 5-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 270: Daten zur zweiten Karte {260} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu Detailangaben vgl. die Ausführungen bei der ersten Karte. Kommentar: Die zweite Karte zeigt die Verbreitung von FamN mit der Präposition zu in der rezenten Schicht «2020 Heimatorte». Zwar spricht aus der Kartierung eine verhältnismässig hohe Stabilität zwischen historischer Verbreitung und heutigen Heimatorten, dennoch zeigen sich Unterschiede im Vergleich zur ersten Karte. Das Areal an FamN mit der blossen Präposition zu ist scheinbar kleiner geworden. Solche Namen sind hauptsächlich Heimatgemeinden in der Innerschweiz zugeordnet; im Kanton Uri erreicht der Bildungstyp eine relative Häufigkeit von 4,42 %. Sind im Vergleich zur ersten Karte die Anteile an FamN mit zur / zer nördlich des Thunersees und des Brienzersees geringer geworden, treten diese Namen neben dem Wallis nun vergleichsweise prominent in den Verwaltungskreisen Frutigen-Niedersimmental (BE) und Interlaken-Oberhasli (BE) sowie im Kanton Uri in Erscheinung. FamN mit zur / zer konzentrieren sich insbesondere in der Gemeinde Habkern (25,53 % relative Häufigkeit) im Berner Oberland und in der Walliser Gemeinde Saas-Grund (24,43 % relative Häufigkeit). Zum-Namen stechen neben dem Verwaltungskreis Obersimmental-Saanen (BE), dem Bezirk Laufenburg (AG) und dem Bezirk Sissach (BL) v. a. in den Kantonen Obwalden und Nidwalden sowie im Goms (VS) relativ prominent hervor. Die zweite Karte relativiert insofern die Kartierung der historischen Daten, als Namen mit zum im Kanton Freiburg zwar immer noch vorkommen, dort jedoch nicht mehr gleich stark aufscheinen wie in der ersten Karte. Möglicherweise lassen die Streubefunde, die in rezenten Daten aufgrund von Binnenmigration immer auftreten, die dort autochthonen Vorkommen numerisch verblassen (dies gilt analog für die Zu- und Zur-Namen). Die Namen mit zen zeigen schliesslich einen hohen Grad an Stabilität: Sie ballen sich im Oberwallis, wo v. a. die Gemeinde Bürchen (26,14 % relative Häufigkeit) einen besonders hohen Anteil an solchen FamN aufweist. Ergebnisse Namen mit der Präposition zu erstrecken sich in nordsüdlicher Richtung vom Aargau bis ins Wallis. Die Namen mit den Verschmelzungsformen zur / zer und zum sind dabei nicht nur räumlich am weitesten verbreitet, sondern auch typen- und tokenfrequenter als die FamN mit der einfachen Präposition zu. Das Deutschschweizer Onomastikon weist ausserdem FamN mit der Verschmelzungsform zen (eine Verbindung aus der Präposition zu mit dem Definitartikel im Dativ Plural) auf, die ausschliesslich im Kanton Wallis bezeugt sind. Der Kanton Wallis nimmt vor diesem Hintergrund eine Sonderposition ein, denn alle vier Namentypen sind dort belegt (vgl. bereits Berchtold 2019: 309). Letzterer Befund ist insofern von Interesse, als die Form zen die zweithäufigste Präposition-Artikel-Enklise in Christiansens (2016: 98) mittelhochdeutschem Korpus bildet. Der Pluralartikel zeigt sich im Gegenwartsdeutschen dagegen geradezu als kliseresistent. Damit weist das Wallis eine Tendenz zum Erhalt sprachhistorisch verbreiteter Formen auf. Das Vorkommen von Namen mit zen in diesem Kanton unterstreicht zudem die dem Wallis oft nachgesagte sprachliche Konservativität. Dieser Befund ist auch deshalb auffällig, weil das Wallis auch andere PräpositionsN mit einem Artikelwort im Dativ Plural beibehält. 6 Im Vergleich mit den jüngeren FamN der Schicht «2020 Heimatorte» zeigen sich zwar Ähnlichkeiten, v. a. in Bezug auf FamN mit zen, dennoch ergeben sich auch Unterschiede, so etwa in der Verteilung der Namen mit blossem zu, zur / zer und zum. Ausserdem lässt sich ein Nebenbefund anführen: Durch einen Vergleich mit dem DFA 3 (2012: 651) zeigt sich, dass die Namen mit der Präposition-Artikel-Enklise zum Teil eines länderübergreifenden Areals mit den angrenzenden bundesdeutschen FamN ausmachen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Zgraggen (1'788 Tokens), Zumstein (1'504 Tokens) und Zurbuchen (1'320 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 3 (2012: 646-652) werden auf den Karten 299-301 FamN mit dem präpositionalen Bestandteil zu behandelt. FamN mit der Verschmelzungsform zum sind ausserhalb der Schweiz bspw. verstärkt in der Region Ostfriesland sowie im Südwesten Deutschlands unmittelbar an der Grenze zur Schweiz in Waldshut-Tiengen und Titisee-Neustadt gehäuft vorzufinden, v. a. bedingt durch die hohe Frequenz der FamN Zumkeller und Zumstein (vgl. DFA 3 2012: 651-652). Dies deutet auf die Existenz eines Namenraums von PräpositionsN mit der Enkliseform zum in unmittelbarer Nähe zur Schweizer Staatsgrenze hin. FamN mit der Verschmelzungsform zur kommen hingegen fast nur im Nordwesten Deutschlands vor, hauptsächlich entlang der deutschniederländischen Staatsgrenze (vgl. DFA 3 2012: 646). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des 6 Vgl. Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor». 3.3 Familiennamen mit der Präposition zu 567 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="568"?> Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Bach, Adolf (1952): Deutsche Namenkunde. Bd. I, 1: Die deutschen Personennamen. Einleitung. Zur Laut- und Formenlehre, Wortfügung, -bildung und -bedeutung der deutschen Personennamen. 2., stark erweiterte Auf lage. Heidelberg: Winter. Berchtold, Simone (2019): Von Abbühl bis Zenzünen. In: Nievergelt, Andreas/ Rübekeil, Ludwig (Hrsg.): athe in palice, athe in anderu sumeuuelicheru stedi. Raum und Sprache. Festschrift für Elvira Glaser zum 65. Geburtstag, 297-312. Heidelberg: Winter. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Busch, Nathanael/ Fleischer, Jürg (2015): Zusammenschreibung im Althochdeutschen und Altniederdeutschen bis ca. 975. Ergebnisse einer paläographischen Untersuchung. Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur (PBB) 137(4), 563-598. Christiansen, Mads (2016): Von der Phonologie in die Morphologie. Diachrone Studien zur Präposition-Artikel-Enklise im Deutschen (Germanistische Linguistik. Monographien 32). Hildesheim, Zürich, New York: Olms. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 16.03.2023). HBLS = Türler, Heinrich et al. (Hrsg.) (1921-1934): Historisch-biographisches Lexikon der Schweiz. 7 Bde. und Supplement. Neuenburg: Administration des historisch-biographischen Lexikons der Schweiz bzw. Attinger. Kully, Rolf M. (2009): Form und Inhalt der Deutschschweizer Familiennamen. In: Hengst, Karlheinz/ Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. Bd. 1: Deutsche Familiennamen im deutschen Sprachraum (Onomastica Lipsiensia 6.1), 365-392. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. Jeffrey Pheiff 568 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="569"?> 3.4 Familiennamen mit der Präposition in Schlagwörter: Definitartikel, Toponym, Verschmelzung, Wohnstättenname Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Im folgenden Kartenkomplex wird die Verbreitung von FamN mit der mittelhochdeutschen Präposition in ‘in, an, auf ’ gezeigt. Die untersuchten FamN unterscheiden sich darin, ob die Präposition in mit Artikelwort (z. B. Inderbitzin, Indergand ) oder ohne (z. B. Inalbon, Ineichen) auftritt und ob dieses Artikelwort eine Enklise bzw. eine Verschmelzung mit der vorangehenden Präposition in bildet (z. B. Imboden, Imholz). In anderen Gebieten des deutschsprachigen Raums haben sich Präposition und Artikelwort in den FamN nicht erhalten. Vor dieser Kontrastfolie können die Formen mit erhaltener Präposition (und ggf. Artikelwort) als besonders typisch für das Deutschschweizer Onomastikon gelten und die betroffenen Areale als Reliktgebiete betrachtet werden. 1 Der vorliegende Untersuchungsgegenstand ist Teil eines grösseren Themenkomplexes zu PräpositionsN. Hintergrund: Die Präposition in bringt in semantischer Hinsicht eine Angabe über den Bereich zum Ausdruck, innerhalb dessen sich ein Etwas befindet, und markiert in FamN die Wohnstätte der Namenträger: innen. Die Präposition kann entweder Dativ- oder Akkusativkasus regieren. Da die einschlägigen WohnstättenN jedoch generell eine lokale bzw. statische Relation ausdrücken, ist hier nur die Dativrektion relevant. Sofern sie über ein Artikelwort verfügen, enthalten einige FamN mit der Präposition in sogenannte Präposition-Artikel-Enklisen (z. B. Im Hof , Imbach). Darunter versteht man aus formaler Perspektive eine Verschmelzungsform aus Präposition und Artikelwort, bei der sich ein unselbstständig gewordenes Wort im Verlauf eines Klitisierungsprozesses an ein vorangehendes, benachbartes Wort anschliesst und bei der das sich anschliessende Artikelwort und optional auch die vorangehende Präposition phonologische Segmente eingebüsst haben, so bspw. in dem → im (vgl. Christiansen 2016: 127). Unter den Deutschschweizer FamN mit der Präposition in treten solche mit dem maskulinen Definitartikel dem ausschliesslich mit Verschmelzung auf (Imark, Imhof ). FamN mit der Präposition in sind ausserdem mit femininem Artikel (Indermitte, Indermühle) sowie ohne Artikelwort (Inäbnit, Inalbon) belegt. FamN, die eine Verbindung mit in der → ir aufweisen, sind in der etymologischen Datenbank zwar nicht enthalten, könnten aber in historischen Dokumenten wie Urkunden oder Kirchenbüchern belegt sein. Eine historisch ausgerichtete Untersuchung dieses Bildungstyps stellt ein Desideratum dar. Nach Auskunft des DFA 3 (2012: 636) treten FamN mit der Präposition-Artikel-Enklise im, wie z. B. Imgrund und Imhof , v. a. in nordsüdlicher Erstreckung im Westen Deutschlands auf. Dies legt die Hypothese nahe, dass in Bezug auf diesen Bildungstyp ein zusammenhängender Familiennamenraum mit Anschluss an die Schweiz vorliegen könnte (vgl. auch bereits Berchtold 2019: 305-307). Der DFA 3 (2012) dokumentiert für Deutschland weder FamN mit der einfachen Präposition in noch solche mit in der. Im DFD (o. J.) finden sich hingegen die FamN in der Heiden, In der Mühle, in der Schmitten, Inderheide und Indermühle sowie Inhof und Inhoff . Aufgrund ihrer geringen Tokenfrequenz und ihrer begrenzten räumlichen Verbreitung wird aber bei diesen zwei Bildungstypen nicht von einem länderübergreifenden Verbreitungsareal ausgegangen. Fragestellungen: Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen sind folgende Fragen von Interesse: Die Präposition in ist gemäss der Literatur für das Alpenland Schweiz charakteristisch (Bach 1952: 265), aber welche FamN weisen den präpositionalen Bestandteil in auf und in welchen Gebieten treten sie in den Datenschichten «vor 1800» und «Herkunft» auf (erste Karte)? Unter Einbezug der Datenschicht «2020 Heimatorte» eröffnet sich in der zweiten Karte eine diachrone Perspektive: Inwiefern zeigt sich in den Heimatorten der Schweizer Staatsbürger: innen von 2020 eine räumliche Stabilität gegenüber der frühesten Datenschicht «vor 1800»? 1 Für ausführlichere Informationen zu geschichtlichen Hintergründen vgl. Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor». 3.4 Familiennamen mit der Präposition in 569 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="570"?> Erste Karte {261}: Familiennamen mit der Präposition in, «vor 1800» und «Herkunft» Namenauswahl: Die erste Karte umfasst sämtliche FamN, die die Präposition in beinhalten, und gliedert diese nach den Formtypen in, in der und im. Ausgewählt wurden alle in der etymologischen Datenbank (Stand 22.03.2023) enthaltenen einschlägigen Fälle aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB). 2 Gestützt wurde die Auswahl durch die Angaben in Berchtold (2019: 306). Abgefragte Namen Typ in: In Albon, Inäbnit, Inalbon, Inauen, Ineichen, Inhelder. 6 Types, 26 Tokens. Typ in der: Inderbinen, Inderbitzi, Inderbitzin, Indergand, Inderkum, Inderkummen, Indermaur, Indermitte, Indermühle, Inderschmitten, Inderwildi. 11 Types, 29 Tokens. Typ im: Im Hof , Im Obersteg, Im Thurn, Imahorn, Imark, Imbach, Imbaumgarten, Imbiederland, Imboden, Imdorf , Imesch, Imfeld, Imgrüt, Imgrüth, Imhasly, Imhof , Imhoff , Imholz, Imhoof , Imhooff , Immoos, Imoberdorf , Imobersteg, Imsand, Imseng, Imstepf , Imthurn, Imwinkelried. 28 Types, 136 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 15-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 271: Daten zur ersten Karte {261} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 Die Namenauswahl umfasst ausschliesslich WohnstättenN (Imwinkelried, Indermitte). Die WohnstättenN gehen dabei auf Verbindungen mit einem Gattungswort (Imbaumgarten, Indermaur), mit einem FlurN (Inderbitzin, Inderkummen) oder mit einem SiedlungsN (Inalbon, Ineichen) zurück. Inderbitzin beruht auf mhd. biziune ‘Einzäunung, eingehegter Ort, Umzäunung’ und damit auf einem Flurnamentyp, der in Innerschweizer Kantonen häufig vorkommt. Ähnlich geht Inderkummen auf den Flurnamentyp Kume, Gume zurück, der im alpinen Raum in der Bedeutung ‘Tal, Mulde’ oft auftritt. Inalbon enthält das Toponym Alba (heute Albe, ein Weiler zwischen Visp und Bürchen VS). Karte 261: FamN mit der Präposition in, vor 1800 u. Herkunft 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 570 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="571"?> Die meisten Namen sind zusammengeschrieben. Liegt eine Getrenntschreibung vor, dann wird die Präposition grossgeschrieben, was bei den PräpositionsN mit von nicht der Fall ist. 4 Kommentar: FamN mit der Präposition in sind in den historischen Familiennamendaten über viele Gebiete der Deutschschweiz verbreitet. Namen mit blossem in (Inäbnit, Ineichen) kommen v. a. im Kanton Luzern vor und bilden dort ein Familiennamennest. Dieser Namentyp ist ferner vereinzelt in den Kantonen Wallis, Bern, Obwalden, Uri und Appenzell Innerrhoden belegt. FamN des Typs in der (Inderbitzin, Indergand ) treten in der Innerschweiz in den Kantonen Schwyz und Uri jeweils als Familiennamennest auf. Dieser Namentyp erscheint darüber hinaus in den Kantonen Bern, St. Gallen und Wallis. Bemerkenswert ist, dass sich FamN mit blossem in und in der räumlich voneinander als Gegensatzpaar absetzen (vgl. auch Berchtold 2019: 304-305). Der Namentyp im (Imboden, Imhof ) ist im Vergleich zu den anderen beiden Formen mit 28 Types verhältnismässig frequent. Sein Schwerpunkt liegt im Wallis sowie in den alpinen Regionen der Innerschweiz. Die Verbreitung des Namentyps erstreckt sich insgesamt vom Wallis über die Kantone Uri, Obwalden, Nidwalden, Schwyz und Glarus bis Bern, Jura, Solothurn, Basel- Landschaft, Basel-Stadt und Aargau. In der Ostschweiz kommt dieser Bildungstyp in den Kantonen Schaffhausen, St. Gallen und Thurgau ebenfalls vor, wenn auch etwas seltener. Zweite Karte {262}: Familiennamen mit der Präposition in, «2020 Heimatorte» Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN, die der ersten Karte zugrunde liegen und in der rezenten Schicht «2020 Heimatorte» (Datenquelle: BFS) noch vorkommen. Die Samples unterscheiden sich lediglich geringfügig voneinander, da einige Namen in der jüngeren Datenschicht nicht belegt sind oder aufgrund ihrer Seltenheit aus Datenschutzgründen nicht behandelt werden. Abgefragte Namen Typ in: Inäbnit, Inauen, Ineichen, Inhelder. 3'883 Tokens. Typ in der: Inderbinen, Inderbitzi, Inderbitzin, Indergand, Inderkum, Inderkummen, Indermaur, Indermitte, Indermühle, Inderschmitten, Inderwildi. 11 Types, 2'907 Tokens. Typ im: Im Hof , Im Obersteg, Im Thurn, Imahorn, Imark, Imbach, Imbaumgarten, Imboden, Imdorf , Imesch, Imfeld, Imgrüt, Imgrüth, Imhasly, Imhof , Imhoff , Imholz, Imhoof , Imhooff , Immoos, Imoberdorf , Imobersteg, Imsand, Imseng, Imstepf , Imthurn, Imwinkelried. 27 Types, 13'496 Tokens. Datenschicht: 2020 Heimatorte (alle Typen) Kreise 7-75, relative Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 8-95, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 272: Daten zur zweiten Karte {262} Karte 262: FamN mit der Präposition in, 2020 Heimatorte 4 Vgl. Artikel II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von». 3.4 Familiennamen mit der Präposition in 571 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="572"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Zu Detailangaben vgl. die Ausführungen bei der ersten Karte. Kommentar: Die zweite Karte betont die starke Präsenz dieses Namentyps im alpinen Raum. FamN mit blossem in (Inäbnit, Inauen) sind weitgehend im Mittelland, mit Schwerpunkt in Luzern, verbreitet. FamN des Typs in der (Inderbitzen, Indergand ) bilden im Kanton Schwyz - wie in den historischen Datenschichten der ersten Karte - eine Hochburg, v. a. in den Gemeinden Riemenstalden und Morschach. Die FamN mit der Verschmelzungsform im zeigen sich in der jüngeren Datenschicht «2020 Heimatorte» gegenüber den FamN mit blossem in und in der weiterhin als dominant. Der Namentyp im (Imboden, Imhof ) ist im östlichen Wallis stark vertreten, v. a. im oberen Goms und im Binntal. Im Gegensatz zur ersten Karte tritt in der Datenschicht «2020 Heimatorte» eine starke Streuung über fast die gesamte Schweiz zutage, allerdings weisen die historischen Schwerpunktgebiete immer noch die höchsten Frequenzen auf. Insgesamt spricht aus der Kartierung eine hohe Konstanz zwischen historischer Verbreitung und heutigen Heimatorten. Ergebnisse Die erste und die zweite Karte zeigen regionale Konzentrationen der FamN mit in und in der: Beide Bildungstypen kommen zu einem grossen Teil gehäuft in der Innerschweiz vor. Der Bildungstyp im tritt in der ersten Karte in einem grösseren Verbreitungsgebiet in Erscheinung. Hier zeigt sich eine hohe Konzentration an Im-Namen im Wallis sowie in den Berggebieten der Innerschweiz. Als Nebenbefund lässt sich ausserdem anführen, dass sich die oft zitierte Beobachtung, dass präpositionale Bildungen für die «Alpenländer» besonders charakteristisch sind (Bach 1952: 265), präzisieren lässt: Insbesondere die Formen mit im und in der sind im alpinen Raum dominant. Diese Bildungen sind zwar nicht im gesamten Land gleich häufig, sie sind aber zugleich nicht ausschliesslich in Berggebieten vorzufinden. Ausserdem überwiegen die FamN mit der Verschmelzungsform im sowohl in den historischen Datenschichten «vor 1800» und «Herkunft» als auch in der jüngeren Datenschicht «2020 Heimatorte» gegenüber den FamN mit blossem in und in der. Durch einen Vergleich mit Familiennamendaten aus Deutschland zeigt sich in Übereinstimmung mit Berchtold (2019: 306), dass es «neben den kleinräumigen ‹Nestern› auch Namenräume gibt, die innerhalb des deutschsprachigen Raumes raumbildend sein können», was wohl auf die FamN mit der Verschmelzungsform im zutrifft. Nach Auskunft des DFA 3 (2012: 636) treten FamN mit einer Präposition-Artikel-Enklise im v. a. im Westen Deutschlands auf. Die erste Karte legt durch einen Vergleich mit dem DFA 3 (2012) die Vermutung nahe, dass ein Familiennamenbildungsareal vorliegt, weil FamN mit dem Bestandteil im ein westliches Phänomen in der deutschsprachigen Familiennamenlandschaft darstellen. Durch den Vergleich stellt sich ein Raum heraus, «dessen östliche Grenze grob von Hamburg entlang der Weser zum Bodensee und in der Schweiz entlang einer Luftlinie von Romanshorn (TG) über Schwyz (SZ) nach Oberwald (VS) verläuft» (Berchtold 2019: 306). Ausserdem stellt der FamN Imhof den häufigsten Typ unter den deutschen FamN auf mhd. in dar (vgl. DFA 3 2012: 637). Interessant ist, dass dieser FamN v. a. im Südwesten Deutschlands verbreitet ist (DFA 3 2012: 636). In den historischen Deutschschweizer Familiennamendaten findet sich dieser Typ verstärkt im westlichen Teil der Schweiz. In den Schweizer Daten handelt es sich beim FamN Imhof nicht nur um den variantenreichsten Typ (mit den Schreibvarianten Im Hof , Imhof , Imhoff, Imhoof , Imhooff ), sondern auch um den häufigsten FamN mit dieser Präposition im Datenmaterial «vor 1800» und «Herkunft» bzw. «2020 Heimatorte». Mit Abstand die häufigste Variante ist Imhof mit 4'891 Tokens (= Namenträger: innen) in den Daten von 2020 resp. mit 52 Tokens (= Ortspunkte) in den historischen Daten. Dieser FamN gehört sogar zu den 100 häufigsten Schweizer FamN überhaupt (Berchtold 2019: 305). An einen sprachgeschichtlichen Kontext lassen sich die Ergebnisse folgendermassen anbinden: In Varietäten des Deutschen erweist sich die Präposition in in Kombination mit der Form des Definitartikels dem als besonders verschmelzungsfreudig. Die Verschmelzungsform im ist etwa in der Zeit zwischen 1450 und 1500 besonders tokenfrequent (Christiansen 2016: 105). Die Tatsache, dass FamN mit der Verschmelzungsform im im Vergleich zu FamN mit vom häufiger vorkommen, ref lektiert historische Frequenzen bei der Bildung von Präposition-Artikel-Enklisen in historischen Sprachstufen des Deutschen bei diesen Präpositionen. 5 Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Imhof (4'891 Tokens), Imboden (2'251 Tokens) und Inauen (1'784 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 3 (2012: 636) werden auf der Karte 295 die PräpositionsN Imhof , Im[grund] dargestellt. Weitere Details zu Deutschland wurden bereits im Abschnitt «Gegenstand und Fragestellung» genannt. Zur Verteilung von FamN mit in und einem Artikelwort im Familiennamenbestand Belgiens s. Karte 37 in Marynissen (1991: 79). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. 5 Vgl. Artikel II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von». 572 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="573"?> Literatur Bach, Adolf (1952): Deutsche Namenkunde. Bd. I, 1: Die deutschen Personennamen. Einleitung. Zur Laut- und Formenlehre, Wortfügung, -bildung und -bedeutung der deutschen Personennamen. 2., stark erweiterte Auf lage. Heidelberg: Winter. Berchtold, Simone (2019): Von Abbühl bis Zenzünen. In: Nievergelt, Andreas/ Rübekeil, Ludwig (Hrsg.): athe in palice, athe in anderu sumeuuelicheru stedi. Raum und Sprache. Festschrift für Elvira Glaser zum 65. Geburtstag, 297-312. Heidelberg: Winter. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Christiansen, Mads (2016): Von der Phonologie in die Morphologie. Diachrone Studien zur Präposition-Artikel-Enklise im Deutschen (Germanistische Linguistik. Monographien 32). Hildesheim, Zürich, New York: Olms. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. DFD = Nübling, Damaris et al. (o. J.): Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). https: / / www.namenforschung.net/ dfd/ woerterbuch/ liste/ (letzter Zugriff 22.03.2023). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 22.03.2023). Marynissen, Ann (1991): Morfosyntactische aspecten van de Belgische familienamen op basis van het «Belgisch repertorium van familienamen». Naamkunde 23, 29-79. Jeffrey Pheiff 3.4 Familiennamen mit der Präposition in 573 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="574"?> 3.5 Familiennamen mit der Präposition von Schlagwörter: Adelsprädikat, Chronologie, Herkunftsname, Verschmelzung, Wohnstättenname, Zusammenrückung Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dokumentiert werden FamN, die die Präposition ahd. fon(a), mhd. von ‘von’ aufweisen und motivisch als Herkunfts- oder WohnstättenN zu deuten sind. Nicht berücksichtigt werden in diesem Artikel diejenigen FamN, bei denen die Präposition von den adeligen bzw. den patrizischen Status der Namenträger: innen markiert und mitunter auch in der Form der französischen Präposition de erscheint. 1 Die hier behandelten Namen mit von unterscheiden sich auf formaler Ebene in zweierlei Hinsicht: 1. Der präpositionale Bestandteil wird getrennt oder zusammengeschrieben (z. B. von Allmen vs. Vonplon) und 2. der Name weist einen Artikelbestandteil auf oder nicht (z. B. von der Aa, Vomsattel vs. von Felten, von Zuben). Der Untersuchungsgegenstand ist insofern relevant, als das Vorkommen von FamN mit einem präpositionalen Bestandteil als besonders charakteristisch für das Deutschschweizer Onomastikon gilt (Bach 1952: 265; Kully 2009: 376). Im Verlauf der Sprachgeschichte sind die Präposition und (falls vorhanden) das Artikelwort oftmals abgefallen. Daher existieren parallel zu den hier kartierten PräpositionsN auch solche jüngeren Formen, die entweder aus dem blossen nominalen Bestandteil bestehen oder abgeleitete Formen auf -er oder -mann darstellen (Berchtold 2019: 297-298). 2 So unterscheiden sich Namen wie von Moos, Moos, Moser und Moosmann nicht in ihrer Motivation als WohnstättenN, sondern lediglich in ihrer Bildungsweise. Durch den Vergleich mit solchen etymologischen Pendants werden in der morphologischen Varianz und ihrer Verteilung im Raum auch sprachhistorische Prozesse sichtbar. Der vorliegende Untersuchungsgegenstand ist Teil eines grösseren Themenkomplexes zu PräpositionsN. 3 Hintergrund: Die Präposition von bezeichnete im Mittelhochdeutschen «räuml[ich] den ausgang, ursprung, stoff, die absonderung, trennung» (Lexer 3 1872-1878: Sp. 456). Entsprechend konnte von die Herkunft der ersten Namenträger: innen markieren. Nach ihrem Festwerden in FamN vermochte die Präposition nicht nur die Herkunft, sondern auch die Wohnstätte anzuzeigen (Baumgartner 1983: 93). Mit Blick auf die Chronologie berichtet Baumgartner (1983: 93), dass HerkunftsN in seinen Zürcher Quellen des 11. bis 13. Jh. weitaus am häufigsten mit der Präposition von begegnen. Dabei wird die Präposition mit einem ÖrtlichkeitsN verbunden, vgl. z. B. die Form Heinric von Chembtun (Zürich, 1248) (Baumgartner 1983: 93). Nübling/ Fahlbusch/ Heuser (2015: 146) halten fest, dass die Präposition und der Artikel «im Stadium der FamN, abgesehen von Reliktgebieten im Süden und im Westen Dtlds. zu Belgien und den Niederlanden hin» schliesslich verschwunden sind. 4 So weist auch Baumgartner (1983: 93-96) in seinen Quellen andere Bildungsmuster nach, die mit den PräpositionsN in Konkurrenz treten: Zum einen konnte der ÖrtlichkeitsN ohne Präposition zum Ruf N gestellt werden, wie bspw. die Form Heinr. Churwesi (Zürich, 1253) (Baumgartner 1983: 95). Alternativ konnte u. a. eine Suffigierung mit -er erfolgen, vgl. z. B. Heinricum dictum Hetelingere (Zürich, 1245) (Baumgartner 1983: 94). Die Präposition von kann auch in sozioonomastischer Hinsicht bedeutungsvoll sein: So sind nach Fleischer (1964: 112) «erbliche Wohnstättennamen» beim Adel der älteste Familiennamentyp, der diachron «in diesem Stand bes[onders] üblich» wird (Kunze 2004: 65). Während der präpositionale Bildungstyp bei Nicht-Adeligen mit der Zeit durch andere Bildungsmuster wie er-Ableitungen konkurriert und im Allgemeinen abgelöst wird, bleibt von in den AdelsN oft erhalten und etabliert sich als «reguläres Adelsprädikat» (Fleischer 1964: 112). Für die Schweiz ist nach gängiger Ansicht der Forschung bezeichnend, dass die Präposition von nicht oder zumindest nicht ebenso stark als Adelsmarker umgedeutet worden ist wie in anderen Teilen des deutschsprachigen Raums, sondern oft noch ganz wörtlich die Herkunft (‘aus X’) bzw. die Wohnstätte auch bei Nicht-Adeligen benennt (vgl. etwa Tobler-Meyer 1894: 115-116; Bach 1953: 141; Kully 2009: 376; DFA 3 2012: 668-669). Aus kontrastiver Perspektive läge damit ein Gegensatz zu Deutschland vor, weil die Präposition von im bundesdeutschen Raum primär in AdelsN erhalten geblieben ist (Bach 1952: 265). 5 Sprachhistorisch wurden Namen mit Präposition zunächst getrennt geschrieben. Ist der Wegfall der Präposition nicht eingetreten, erfolgte später häufig die Verschmelzung mit dem vorangehenden Namenbestandteil (Berchtold 2019: 297-298). Entsprechend lassen sich Namenpaare wie von Schallen und Vonschallen oder von der Aa und Vonderaa diachron auf unterschiedliche historische Stufen bzw. auf unterschiedliche Schreibstrategien zurückführen. Ist ein Artikelwort im Namenkörper vorhanden, kann es in seiner lautlichen Vollform (von der Aa) oder in einer lautlich reduzierten Form als Teil einer Verschmelzung mit der vorangehenden Präposition (Vomsattel ) auftreten. Die Verschmelzung (Klitisierung) des Definitartikels mit vorangehendem von stellt einen Fall der Enklise dar. Die Enklise erfolgt dann, wenn sich ein schwächer akzentuiertes Element (in diesem Fall das Artikelwort) an das vorherige Wort (in diesem Fall die Präposition) anlehnt, bspw. von dem → vom. Im 1 Vgl. Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 2 Vgl. die Artikel II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen» sowie II-2.7 «Familiennamen auf -mann». 3 Vgl. die Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor», II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in» und II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu». 4 Zur Relikthaftigkeit von FamN mit Präposition vgl. Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor». 5 Vgl. Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 574 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="575"?> Verschmelzungsprozess verliert das Klitikon nicht nur an Selbstständigkeit, sondern ggf. auch an lautlicher Substanz. So geht die Klitisierung des Definitartikels mit der vorangehenden Präposition gemäss Christiansen (2016: 93-94) mit einer Vielzahl lautlicher Teilprozesse einher, inklusive Synkope, d -Schwund, Assimilation, Degeminierung und Apokope: von deme > vonme > vomme > vome > vom. 6 Im Deutschschweizer Onomastikon sind nur solche Namen vertreten, die entweder die Vollform des Artikelworts oder die lautlich vollständig reduzierte Verschmelzungsform aufweisen; die Zwischenstufen des Klitisierungsprozesses sind im Familiennamenbestand nicht zu beobachten. Fragestellungen: Auf der ersten Karte wird das Vorkommen von FamN mit der Präposition von im historischen Familiennamenbestand dargestellt, und zwar gegliedert nach den Formtypen von, von der und vom. In der zweiten Karte wird untersucht, in welchen Regionen die PräpositionsN aus der ersten Karte in der rezenten Datenschicht «2020 Heimatorte» auftreten, um so die Raumbilder des Phänomens besser definieren zu können. Die dritte Karte widmet sich der Getrennt- und Zusammenschreibung in den FamN, die die einfache Präposition von im Namenkörper enthalten. Schliesslich geht die vierte Karte der Frage nach, ob sich ein kontrastives Raumbild für das Vorkommen von Herkunfts- und WohnstättenN zeigt. Erste Karte {263}: Familiennamen mit der Präposition von, «vor 1800» und «Herkunft» Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle einschlägigen FamN aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 7 die die Präposition von enthalten und nicht soziale Zugehörigkeit ausdrücken. Die Auswahl erfolgte zunächst unabhängig davon, ob die Präposition mit dem restlichen Namenbestandteil zusammengeschrieben wird und/ oder ob ein Artikelwort im FamN auftritt, wobei aber die Form des Artikels der Gruppenaufteilung zugrunde gelegt wurde. Zur Getrenntvs. Zusammenschreibung vgl. die dritte Karte. Für die Zusammenstellung des Samples wurde in den Artikeln der etymologischen Datenbank (Stand 11.11.2024) zunächst der Ausdruck «Präposition» abgefragt. Die Treffer wurden anschliessend daraufhin überprüft, ob der Name etymologisch von enthält. Ergänzt wurde diese Recherche um die systematische Suche nach den initialen Buchstabenfolgen vom, von, Vom und Von. Mithilfe von Berchtold/ Graf (i. V.) wurde kontrolliert, ob der präpositionale Bestandteil von bei diesen FamN als Adelsprädikat bzw. Marker von patrizischem Karte 263: FamN mit der Präposition von, vor 1800 u. Herkunft 6 Vgl. die Artikel II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu» und II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in». Zu FamN mit Proklise vgl. Artikel II-3.1 «Artikelproklise». Zu italienisch- und französischsprachigen FamN mit Verschmelzung vgl. Artikel II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de». 7 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3.5 Familiennamen mit der Präposition von 575 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="576"?> Status aufzufassen ist. Die Namenauswahl wurde auf diejenigen Namen beschränkt, bei denen die Präposition von diese Funktion nicht einnimmt, da für solche Namen (z. B. von Frisching, von Meiss) eine andere (soziohistorische) Genese anzusetzen ist und somit eine andere Motivation bei der Namenentstehung zugrunde liegt. 8 Abgefragte Namen Typ von: von Aesch, von Ah, von Allmen, von Arb, von Arx, von Atzigen, von Auw, von Bergen, von Burg, von Däniken, von Deschwanden, von Euw, von Felten, von Flüe, von Gonzenbach, von Grünigen, von Gunten, von Heininger, von Holzen, von Huben, von Ins, von Känel, von Mandach, von Matt, von Moos, von Mühlenen, von Niederhäusern, von Rickenbach, von Rohr, von Rotz, von Rütte, von Schallen, von Siebenthal, von Tobel, von Wartburg, von Weissenfluh, von Wyl, von Zuben, Vonarburg, Vonarx, Vonäsch, Vonau, Vonei, Vonesch, Vonescha, Voneschen, Voney, Vonhuben, Vonlanthen, Vonmont, Vonmoos, Vonmüllenen, Vonplon, Vonrufs, Vonrüti, Vonschallen, Vontobel, Vonwald, Vonwil, Vonwiller, Vonwyl, Vonzun. 62 Types, 165 Tokens. Typ von der: von der Aa, Vonder Mühll, Vonderaa. 3 Tokens. Typ vom: Vomsattel. 1 Token. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 30-75, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 273: Daten zur ersten Karte {263} Detailangaben zur Namenauswahl: 9 Die Namenauswahl umfasst WohnstättenN (Vomsattel, von Atzigen) und HerkunftsN (von Arx, Vonlanthen) sowie solche Namen, die sowohl Herkunftsals auch WohnstättenN darstellen können (von Weissenfluh, Vonderaa). 10 Von der Analyse ausgeschlossen wurden aufgrund ihrer abweichenden Genese diejenigen FamN, die aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt worden sind (von Willa ← Devillaz, von Dach ← Dutoit). Daneben ist auch der FamN von Sepibus (urkundlich Zen Zünen) nicht im Sample enthalten, der als eine Übersetzung in humanistischer Tradition angesehen werden kann (vgl. e-HLS 2011: s. v. de Sepibus). 11 Unberücksichtigt blieben ferner die FamN Vonderwahl und Vonland, weil für ersteren die etymologische Deutung (Stand 11.11.2024) noch aussteht und für zweiteren mehrere Anknüpfungspunkte vorliegen. So ist neben einem HerkunftsN zum Toponym Lanthen (FR) auch ein Patronym zu Uoland oder ein ÜberN zu mhd. vālant ‘Teufel’ denkbar. Schliesslich fehlen in der Kartierung die beiden FamN Famos (Ramosch GR) und Fazun (Tarasp GR), die das Resultat eines volksetymologischen Prozesses sind. Konkret wurden die FamN Vonmoos und Vonzun (urkundlich von Zun) bei der Integration ins Rätoromanische wahrscheinlich mit rätorom. famos ‘ausgezeichnet, vortrefflich, vorzüglich, köstlich’ resp. evtl. mit rätorom. fanzögnar ‘irrereden’ in Verbindung gebracht. Kommentar: Die erste Karte verdeutlicht, dass FamN mit der Präposition von ohne Artikelwort in weiten Teilen der Deutschschweiz verbreitet sind. Auffällig ist die hohe Konzentration der von-Namen entlang der Aare (u. a. im Berner Oberland oder von Grenchen SO bis Erlinsbach SO). Ballungen zeigen sich v. a. in den Kantonen Solothurn und Bern (37 bzw. 32 Tokens), insbesondere in den Solothurner Bezirken Gösgen und Gäu (13 bzw. 11 Tokens) sowie im Berner Verwaltungskreis Interlaken-Oberhasli (14 Tokens). Neben diesem westlichen Hauptverbreitungsgebiet ist der Typ von auch in der Nordostschweiz (v. a. ZH) und in der Innerschweiz (v. a. LU, OW, SZ) dokumentiert. So führt der Kanton Obwalden (8,22 %, 12 Tokens) zusammen mit den Solothurner Bezirken Gäu (8,4 %) und Gösgen (6,57 %) die Rangliste der relativen Häufigkeiten an. Im Vergleich zu FamN mit blossem von tritt sowohl der Typ von der als auch der Typ vom nur spärlich in Erscheinung. Vonderaa und von der Aa sind in Sins (AG) alteingesessen, Vonder Mühll wurde 1680 in der Stadt Basel eingebürgert (mit Herkunft aus Deutschland). FamN mit verschmolzenem maskulinem Definitartikel sind mit einem einzigen Namentyp (Vomsattel ) am wenigsten typenfrequent und lediglich in der Gemeinde Staldenried im Oberwalliser Bezirk Visp belegt. Zweite Karte {264}: Familiennamen mit der Präposition von, «2020 Heimatorte» Namenauswahl: Um die Raumbilder des Phänomens klarer hervortreten zu lassen, wurden alle FamN ausgewählt, die der ersten Karte zugrunde liegen und in der rezenten Schicht «2020 Heimatorte» (Datenquelle: BFS) noch vorkommen. Die Samples unterscheiden sich lediglich geringfügig voneinander, da einige Namen in der jüngeren Datenschicht nicht belegt sind oder aufgrund ihrer Seltenheit aus Datenschutzgründen nicht behandelt werden. Abgefragte Namen Typ von: von Aesch, von Ah, von Allmen, von Arb, von Arx, von Atzigen, von Auw, von Bergen, von Burg, von Däniken, von Deschwanden, von Euw, von Felten, von Flüe, von Grünigen, von Gunten, von Holzen, von Huben, von Ins, von Känel, von Mandach, von Matt, von Moos, von Mühlenen, von Niederhäusern, von Rickenbach, von Rohr, von Rotz, von Rütte, von Schallen, von Siebenthal, von Tobel, von Wartburg, von Weissenfluh, von Wyl, Vonarburg, Vonäsch, Vonau, Vonesch, Voneschen, Voney, Vonhuben, Vonlanthen, Vonmont, Vonmoos, Vonmüllenen, Vonplon, Vonrufs, Vonrüti, Vonschallen, Vontobel, Vonwil, Vonwiller, Vonwyl, Vonzun. 55 Types, 22'762 Tokens. Typ von der: von der Aa, Vonder Mühll, Vonderaa. 102 Tokens. Typ vom: Vomsattel. 28 Tokens. Datenschicht: 2020 Heimatorte (alle Typen) Kreise 10-70, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 16-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Kantone Tabelle 274: Daten zur zweiten Karte {264} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu Detailangaben vgl. die Ausführungen bei der ersten Karte. 8 Vgl. Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 9 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 10 Zur problematischen Abgrenzung der beiden Benennungsmotive vgl. das Kapitel III-3 «Wohnstättennamen» und den Artikel III-2.1 «Herkunftsnamen zu Schweizer Toponymen». 11 Vgl. Artikel II-2.21 «Latinisierungen». 576 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="577"?> Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass Namen mit von ohne Definitartikel mehr oder weniger in der gesamten Deutschschweiz verbreitet sind, gegenüber dem historischen Bild nun aber auch stärker in den romanischsprachigen Gebieten vorkommen. Generell treten dieselben Areale hervor wie in der ersten Karte, so v. a. das bereits beschriebene Verbreitungsgebiet entlang der Aare. Allerdings lassen sich in den rezenten Daten von 2020 stärkere quantitative Schwerpunkte erkennen. Die Solothurner Bezirke Gäu und Gösgen sowie der Berner Verwaltungskreis Interlaken-Oberhasli weisen besonders hohe Anteile an Namen mit blossem von auf (9,31 %, 4,45 % und 3,73 %). Einige Gemeinden stechen mit Anteilen des Namentyps von über 12 % am lokalen Namenbestand besonders hervor, namentlich Guttannen, Lauterbrunnen und Reichenbach im Kandertal (alle BE), Heitenried (FR) sowie Egerkingen, Erlinsbach, Neuendorf und Stüsslingen (alle SO). Die Flächenfärbung auf Kantonsebene bringt zum Vorschein, dass Kantone in der Westhälfte der Deutschschweiz im Schnitt einen höheren Anteil an FamN mit von haben als solche in der Osthälfte (z. B. SO 1,94 %, FR 0,68 %, BE 0,65 % gegenüber AI, AR, GL, GR, SG, SH, TG, UR mit jeweils 0,15 % oder deutlich niedrigeren Anteilen). Der Kanton Obwalden stellt mit 7,34 % einen Ausreisser nach oben dar, was jedoch insofern zu relativieren ist, als Kantone mit geringeren Einwohnerzahlen aus statistischen Gründen grössere Schwankungen bei relativen Werten aufweisen. Namen mit femininem Artikel konzentrieren sich im Kanton Aargau (25 Tokens) und insbesondere im Kanton Basel-Stadt (Vonder Mühll, 72 Tokens), daneben sind sie verstreut in den Kantonen Bern, Freiburg, Wallis und Zürich belegt (insgesamt 5 Tokens). FamN mit verschmolzenem maskulinem Definitartikel sind auch in den rezenten Daten selten und treten fast ausschliesslich im Oberwalliser Bezirk Visp (26 von insgesamt 28 Tokens) auf. Insgesamt spricht aus der Kartierung eine hohe Stabilität zwischen historischer Verbreitung und heutigen Heimatorten, wobei die Daten von 2020 eine frequenzielle Dominanz der westlichen Deutschschweiz zum Vorschein bringen, die vermutlich nicht erst in jüngster Zeit aufgetreten ist. Karte 264: FamN mit der Präposition von, 2020 Heimatorte 3.5 Familiennamen mit der Präposition von 577 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="578"?> Dritte Karte {265}: Getrennt- und Zusammenschreibung bei Familiennamen mit von Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN der ersten Karte, die die Präposition von ohne Artikelwort enthalten. Diese FamN wurden danach klassifiziert, ob der präpositionale Bestandteil und der ÖrtlichkeitsN getrennt oder zusammengeschrieben werden. Dabei weisen manche Namen Dubletten auf (z. B. von Moos und Vonmoos, von Schallen und Vonschallen). Abgefragte Namen Typ Zusammenschreibung: Vonarburg, Vonarx, Vonäsch, Vonau, Vonei, Vonesch, Vonescha, Voneschen, Voney, Vonhuben, Vonlanthen, Vonmont, Vonmoos, Vonmüllenen, Vonplon, Vonrufs, Vonrüti, Vonschallen, Vontobel, Vonwald, Vonwil, Vonwiller, Vonwyl, Vonzun. 24 Types, 57 Tokens. Typ Getrenntschreibung: von Aesch, von Ah, von Allmen, von Arb, von Arx, von Atzigen, von Auw, von Bergen, von Burg, von Däniken, von Deschwanden, von Euw, von Felten, von Flüe, von Gonzenbach, von Grünigen, von Gunten, von Heininger, von Hotzen, von Huben, von Ins, von Känel, von Mandach, von Matt, von Moos, von Mühlenen, von Niederhäusern, von Rickenbach, von Rohr, von Rotz, von Rütte, von Schallen, von Siebenthal, von Tobel, von Wartburg, von Weissenfluh, von Wyl, von Zuben. 38 Types, 108 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 40-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 275: Daten zur dritten Karte {265} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu Detailangaben vgl. die Ausführungen bei der erste Karte. Von den insgesamt 62 Familiennamentypes zeigen 24 Namen Zusammenschreibung und 38 Namen Getrenntschreibung. Ob ein PräpositionsN mit von getrennt oder zusammengeschrieben wird, scheint nicht durch die Form des Namens bedingt zu sein, da im Sample auch Dubletten auftreten, bspw. von Arx und Vonarx oder von Tobel und Vontobel. Kommentar: Die räumliche Verteilung der Getrennt- und Zusammenschreibungen scheint nicht das Abbild einer historisch-genetischen Entwicklung zu sein. Bei einer solchen Entwicklung hätte man etwa erwartet, dass sich in bekanntermassen konservativen höchstalemannischen Gebieten eher die genetisch ältere Getrenntschreibung erhalten und sich umgekehrt die jüngere Zusammenschreibung im progressiveren nördlichen Mittelland hervorgetan hätte. Was die dritte Karte aber zeigt, ist, dass offenbar regionale Schreibtraditionen bestehen, denn die Schreibvarianten treten i. d. R. sauber gebündelt und nur selten (v. a. ZH) durchmischt auf. Karte 265: Getrennt- und Zusammenschreibung bei FamN mit von, vor 1800 u. Herkunft 578 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="579"?> Vierte Karte {266}: Herkunfts- und Wohnstättennamen mit der Präposition von Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN der ersten Karte, wobei sie hier nicht nach Formvarianten, sondern nach ihrer Motivik (HerkunftsN, WohnstättenN) eingeteilt wurden. Da sich einige Namen nicht eindeutig den Herkunftsresp. den WohnstättenN zuordnen lassen, wurden sie in der Analyse zu einer eigenen, dritten Kategorie zusammengefasst. Abgefragte Namen HerkunftsN: von Aesch, von Ah, von Allmen, von Arb, von Arx, von Auw, von Bergen, von Burg, von Däniken, von Euw, von Felten, von Gonzenbach, von Gunten, von Heininger, von Ins, von Mandach, von Rohr, von Rütte, von Schallen, von Siebenthal, von Wartburg, von Zuben, Vonarburg, Vonarx, Vonäsch, Vonau, Vonei, Vonesch, Vonescha, Voneschen, Voney, Vonlanthen, Vonplon, Vonschallen. 34 Types, 100 Tokens. Herkunfts-/ WohnstättenN: von der Aa, von Grünigen, von Känel, von Matt, von Mühlenen, von Niederhäusern, von Rickenbach, von Rotz, von Tobel, von Weissenfluh, von Wyl, Vonder Mühll, Vonderaa, Vonmüllenen, Vonrufs, Vonrüti, Vontobel, Vonwil, Vonwiller, Vonwyl, Vonzun. 21 Types, 50 Tokens. WohnstättenN: Vomsattel, von Atzigen, von Deschwanden, von Flüe, von Holzen, von Huben, von Moos, Vonhuben, Vonmont, Vonmoos, Vonwald. 11 Types, 19 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 30-75, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 276: Daten zur vierten Karte {266} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu Detailangaben vgl. die Ausführungen bei der erste Karte. Die Zuteilung der 66 Familiennamentypes zu einem Benennungsmotiv erfolgte gestützt auf die Angaben in Berchtold/ Graf (i. V.). Mit 34 Types bilden die HerkunftsN die umfangreichste Gruppe. Dass die HerkunftsN insgesamt häufiger belegt sind als die WohnstättenN, könnte mit der ursprünglichen ablativen bzw. herkunftsbezeichnenden Semantik der Präposition von zusammenhängen (s. Abschnitt «Hintergrund»). Kommentar: Die vierte Karte zeigt eine hohe Konzentration der HerkunftsN in den Kantonen Solothurn und Bern (37 bzw. 18 Tokens), gefolgt von den Kantonen Freiburg und Luzern (10 bzw. 9 Tokens). Die Gruppe mit uneindeutiger Motivik tritt v. a. in den Kantonen Zürich und Bern (18 bzw. 14 Tokens) sowie im Kanton Luzern (5 Tokens) gehäuft auf. Die insgesamt niederfrequent belegten WohnstättenN kommen mit je einer Inzidenz in den Kantonen Wallis und Zürich und mit zwei Inzidenzen im Kanton Aargau vor. Für den Kanton Graubünden sind 5 Belegorte, für die Innerschweiz (LU, OW, NW) insgesamt 10 Belegorte bezeugt. Alles in allem lässt Karte 266: Herkunfts- und WohnstättenN mit der Präposition von, vor 1800 u. Herkunft 3.5 Familiennamen mit der Präposition von 579 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="580"?> das vorliegende Kartenbild in Bezug auf das Benennungsmotiv der PräpositionsN mit von somit keine deutlichen Raummuster erkennen. Dieses Ergebnis ist z. T. auf die geringen Vorkommen der WohnstättenN und die generelle Zuordnungsschwierigkeit zurückzuführen. Ergebnisse FamN mit der Präposition von kommen in grossen Teilen der Deutschschweiz vor. Dabei sind Namen mit blosser Präposition (von Allmen, Vonarx) im Vergleich zu FamN mit von der (von der Aa) und vom (Vomsattel ) weitaus type- und tokenfrequenter. Letztere beiden Formvarianten sind sowohl in den historischen als auch in den rezenten Daten deutlich seltener und geographisch nur punktuell belegt. Bei den PräpositionsN mit blossem von zeigen sich hinsichtlich Getrenntvs. Zusammenschreibung räumliche Cluster, die wohl auf regionale Schreibtraditionen zurückzuführen sind. Busch/ Fleischer (2015: 574-577) stellen in einer Untersuchung zur Getrennt- und Zusammenschreibung von Wortformen im Althochdeutschen und Altniederdeutschen präpositionsbedingte Unterschiede fest. Bemerkenswert ist, dass die Präposition fon(a) ‘von’ im Vergleich zu allen anderen untersuchten Präpositionen eine ausgeprägt unterdurchschnittliche Zusammenschreibungsrate erreicht. Dieser Befund zur historischen Schreibung spiegelt sich insofern im Deutschschweizer Onomastikon wider, als die Namen mit der blanken Präposition von die einzigen FamN mit Präposition sind, die in nennenswerter Anzahl Getrenntschreibung aufweisen (Ausnahmen stellen z. B. die FamN ab Yberg und In Albon dar). 12 In Bezug auf die Frage, ob die Benennungsmotivik bei den PräpositionsN mit von raumbildend ist, ergab sich kein deutliches Muster, was auch am ungleichen Verhältnis der Namentypen liegt. Die Dominanz von Herkunftsgegenüber WohnstättenN steht in Kontrast zu dem bei anderen PräpositionsN feststellbaren umgekehrten Verhältnis, vgl. etwa die FamN mit zu. 13 Ein Vergleich zwischen den hier kartierten, nicht-adeligen FamN mit von und den AdelsN bzw. PatrizierN mit von (vgl. Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de») lässt erkennen, dass die verbreitete Forschungsmeinung, in der Schweiz markiere von hauptsächlich die Herkunft bzw. die Wohnstätte, einer Präzisierung bedarf. So enthält die vorliegende Gesamtkarte (erste Karte) für die historischen Schichten «vor 1800» und «Herkunft» insgesamt 66 Familiennamentypes mit 169 Tokens. Werden die beiden FamN Vonau und Vonwyl, die nur in der Schicht «Herkunft» bezeugt sind, ausgeklammert, umfasst das Sample 64 Types mit 167 Tokens. Als PatrizierN mit dem Muster «von N» sind für die Schicht «vor 1800» 78 Familiennamentypes mit 102 Tokens bezeugt. Die Gruppe mit adeligen bzw. patrizischen von komplettieren drei Namen des Musters «von N von / de N» (von Sury von Büssy, von Sury d’Aspremont und von Vigier-von Steinbrugg, je 1 Token), sodass insgesamt 81 Types mit 105 Tokens vorliegen. Die Zahlen weisen darauf hin, dass die Präposition von in der Deutschschweiz nicht pauschal als primärer Marker von Herkunft bzw. Wohnstätte verstanden werden sollte: So ist mit Blick auf die Typenfrequenz festzuhalten, dass von im historischen Deutschschweizer Onomastikon - entgegen der bisherigen Forschung - doch in erster Linie als Adelsmarker fungiert, weil die AdelsN bzw. die PatrizierN gegenüber den nichtadeligen FamN mit von leicht überwiegen (81 zu 64). In tokenfrequenzieller Hinsicht tritt die Lesart der Präposition als sozioonomastischer Marker allerdings zurück, da beim Adel bzw. beim Patriziat weniger Ortspunkte bezeugt sind (105 zu 167) 14 und sich die Belege vorwiegend (nur) auf die Städte konzentrieren. An einen sprachgeschichtlichen Kontext lassen sich die Ergebnisse folgendermassen anbinden: Mit einem einzigen FamN mit einer Präposition-Artikel-Enklise (Vomsattel ) in den historischen Datenschichten «vor 1800» und «Herkunft» spiegelt die Deutschschweizer Familiennamenlandschaft insofern historische Verhältnisse bei der Herausbildung von Verschmelzungsformen wider, als die Verschmelzungsform vom im Mittelhochdeutschen nur zu 2,5 % bzw. im Frühneuhochdeutschen zu 11,5 % belegt ist und damit einen vergleichsweise geringen Anteil an den belegten Präposition-Artikel-Enklisen in diesen Sprachstufen ausmacht (vgl. Christiansen 2016: 98, 117). Nach Heer (2024: 194-195) sind allerdings im historischen Berner Namenmaterial von Ramseyer (unveröffentlicht) aus dem Zeitraum von ca. 1330 bis 1660 diverse FamN mit einer Präposition-Artikel- Enklise dokumentiert: vom Bach, vom Gfell, vom Stein. Diese FamN lassen sich jedoch in den hier zugrunde gelegten Datenschichten nicht nachweisen. Gemäss Heer (2024: 196-197) hängt dies mit dem eingangs erwähnten Schwund der Präposition und des Artikelworts zusammen: Namengeschichtlich jüngere Formen wie Bachmann, Gfeller und Steiner sind in den Datenschichten «vor 1800» und «Herkunft» für den Kanton Bern belegt. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): von Allmen (2'317 Tokens), von Arx (2'305 Tokens) und Vonlanthen (2'040 Tokens). Wie in den Abschnitten «Hintergrund» und «Ergebnisse» diskutiert, dient die Präposition von in der Deutschschweiz dazu, entweder die Herkunft bzw. die Wohnstätte einer Person auszudrücken oder die soziale Zugehörigkeit einer Person anzuzeigen. Sofern von in einem FamN nicht als ein solcher Marker von adeligem bzw. patrizischem Status fungiert, zählen FamN mit dieser Präposition in der Deutschschweiz also immer zu den Herkunfts- und WohnstättenN. Damit liegt ein Kontrast zu den FamN der romanischsprachigen Gebiete vor. Dort weist die Präposition de nicht nur auf Herkunft hin, sondern auch auf die Zugehörigkeit (meist zum Vater) der Namenträger: innen. Aus diesem Grund kommt die Präposition de oft auch in Patronymen vor: frz. Demartin ‘von [oder Sohn des] Martin’, ital. Deagostini ‘von [oder Sohn des] Agostino’. In der Deutschschweiz liegt zwar mit dem FamN von Albertis (← de Albertis) eine eingedeutschte Form dieses Bildungstyps vor, dieser ist jedoch ansonsten im Deutschschweizer Onomastikon nicht bezeugt. Patronymische Beziehungen werden stattdessen formal mit anderen Elementen wie -er und -mann ausgedrückt. 15 12 Vgl. die Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor», II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu» und II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in». 13 Vgl. Artikel II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu». 14 Dies gilt auch für die rezente Schicht «2020», da von in Herkunfts- und WohnstättenN (59 Types, 22'892 Tokens) gegenüber adeligem bzw. patrizischem von (63 Types, 4'208 Tokens) eine deutlich höhere Tokenfrequenz erreicht. 15 Vgl. Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». 580 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="581"?> Die FamN weisen in formaler Hinsicht je nach Sprachregion unterschiedlich viele Präposition-Artikel-Enklisen auf. So ist das Vorkommen von Präposition-Artikel-Enklisen mit von im historischen Namenbestand mit einem Type (Vomsattel ) nur marginal belegt. In den französischen und italienischen Familiennamenbeständen sind die Präposition-Artikel-Enklisen frz. du und ital. del(la) deutlich häufiger bezeugt. 16 Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 3 (2012: 660-669) werden Namen mit der Präposition von in den Karten 305-308 (von der [Heide], van der [Heide], Ver[hoeven], vom [Hofe], von den [Driesch], van den [Berg], von [Bargen], van [Bebber]) behandelt. FamN mit dem Bestandteil von sind in Deutschland im Nordwesten sowie im Westen zu Belgien und den Niederlanden hin verbreitet, ausserdem im äussersten Südwesten (Heuser/ Nübling 2010: 54; Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 146). Herkunfts- und WohnstättenN mit von finden sich konzentriert an der unteren Weser und Elbe und am Niederrhein (vgl. DFA 3 2012: 667). Darüber hinaus kommen die PräpositionsN mit von (wenn auch insgesamt selten) ebenfalls in Luxemburg vor (vgl. Kollmann/ Gilles/ Muller 2016: 403). FamN mit van ‘von’ sind gemäss Beele (1996: 1164) «ein spezifisches Kennzeichen vieler im niederländischen Sprachgebiet entstandenen Familiennamen» und bilden gar zahlenmässig «die umfangreichste Gruppe der niederländischen Familiennamen» (van Loon 1996: 1160; vgl. auch Beele 1996: 1165-1166). Namen mit nicht-verschmolzenem von der oder van der sind gemäss DFA 3 (2012: 660, 664) am Niederrhein sowie im Nordwesten Deutschlands entlang der Grenze zu den Niederlanden und zu Belgien verbreitet. Ferner lässt sich in Südbaden an der deutsch-schweizerischen Staatsgrenze eine Konzentration an FamN mit von der konstatieren (vgl. DFA 3 2012: 660). Auch wenn FamN mit vom primär am Niederrhein konzentriert sind (vgl. DFA 3 2012: 665-666), findet sich dennoch in Südbaden ein Familiennamennest Vomstein mit Zentrum in Schliengen (PLZ 79418, ca. 23 km nördlich von Basel). Insgesamt handelt es sich bei den FamN mit dem präpositionalen Bestandteil von somit um ein eher im Westen des deutschsprachigen Raums verbreitetes Phänomen. Die im Kommentar zur zweiten Karte beschriebene Dominanz der westlichen Deutschschweiz könnte eine südliche Fortsetzung dieses Befunds darstellen. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Bach, Adolf (1952): Deutsche Namenkunde. Bd. I, 1: Die deutschen Personennamen. Einleitung. Zur Laut- und Formenlehre, Wortfügung, -bildung und -bedeutung der deutschen Personennamen. 2., stark erweiterte Auf lage. Heidelberg: Winter. Bach, Adolf (1953): Deutsche Namenkunde. Bd. I, 2: Die deutschen Personennamen. 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Jeffrey Pheiff, Esther Loosli 582 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="583"?> 3.6 Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de Schlagwörter: Adelsprädikat, Französisch, Namenpragmatik, Präposition, Sprachkontakt Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Artikel werden FamN kartiert, die eine Sondergruppe innerhalb der Namen mit der Präposition von darstellen. 1 Während von in FamN wie von Ins, von Känel oder von Mandach die Wohnstätte oder die Herkunft der ursprünglichen Namenträger: innen markiert, zeigt von in FamN wie von Bonstetten, von Wattenwyl, Schnyder von Wartensee oder Zwicky von Gauen den adeligen resp. patrizischen Status der Namenträger: innen an. In manchen Fällen erscheint trotz deutschsprachigem FamN die französische Präposition de wie de Büren neben von Büren. Die hier behandelte Gruppe der von-Namen ist niederfrequent und innerhalb der Schweiz von sozioonomastischem Interesse, denn hier liegen Beispiele vor, bei denen Namen bewusst verändert resp. erweitert wurden. Hintergrund: Zum sprachhistorischen Hintergrund der Ausbildung dieses Namentyps sei auf den Artikel II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von» verwiesen. Die Eckpunkte der historischen Entwicklungen sollen hier nur sehr kurz zusammengefasst werden: FamN mit von sind der älteste Bildungstyp, um die Wohnstätte oder die Herkunft anzugeben. Die Benennung folgt dem Muster «Ruf N + Präposition von + Toponym» wie 1248 Heinric von Chembtun ‘Heinrich von Kempten’ (Bach 1952: 265; Baumgartner 1983: 93). Vorreiter bei dieser Art der Namensführung war der Adel; von ihm «war die Benennung nach der Wohnstätte (als Stammsitz u. ä.) seit dem 10. Jh. ausgegangen und in diesem Stand bes[onders] üblich geworden» (Kunze 2004: 65). Diese von-Bildungen werden ab dem 13. Jh. von anderen Mustern konkurrenziert: einerseits vom Formtyp mit blankem Toponym wie 1249 H. dictum Gu ͥ ndlikon ‘H. genannt Gündlikon’ (Baumgartner 1983: 95), andererseits von Suffigierungen mit -er wie 1244 Heinrico dicto Ů lmer ‘Heinrich genannt Ulmer’ (Baumgartner 1983: 94) und ab dem 13. Jh. auch mit Bildungen auf -mann wie 1254 Heideman oder vor 1227 Wisemanni (Baumgartner 1983: 273, 278). 2 Während der Typus mit von im deutschsprachigen Raum weitgehend von den genannten Bildungsmustern abgelöst wird, hält er sich in Deutschland und Österreich 3 beim Adel und gewinnt «seit dem 17. Jh. den Wert einer bes[onderen] Kennzeichnung» (Kunze 2004: 87). Die Präposition von hat ab diesem Zeitpunkt die Funktion, die Zugehörigkeit zur sozialen Gruppe des Adels auszudrücken (Nübling/ Kunze 2023: 23). An den Rändern des deutschsprachigen Raums - im Nordwesten sowie in der Schweiz und auch im Niederländischen - bleibt von allerdings erhalten und ist mehrheitlich kein Kennzeichen für Adel (Kully 2009: 376). Die hier ausgewählten FamN weichen davon wiederum ab, indem sie doch sozialen Status markieren: Es geht darum, die Zugehörigkeit zu einem Patriziergeschlecht auszudrücken, wobei zur Anzeige dieses Status auf die Präposition von als Adelssignal zurückgegriffen wird. Durch die Funktionserweiterung als Adelsmarker kann dieses von auch bei Namen anderer Benennungsmotive wie von Ziegler stehen, wo die ursprüngliche präpositionale Bedeutung ‘ablativ’ nicht mehr passfähig ist, weil keine räumliche Zugehörigkeit zu einem Beruf ausgedrückt werden kann. Unter Patrizier: innen versteht man in der Schweiz Eliten, die sich in den Städten ausbildeten und ab der Frühen Neuzeit «kraft Geburt, Satzung oder Gewohnheit in Städten Ratssitze und höchste Verwaltungsämter monopolisierten» und somit «Spitzenfunktionen in Politik und Verwaltung besetzte[n]» (e-HLS 2010: s. v. Patriziat). 4 Patrizier: innen sind jedoch nicht als homogene Gruppe anzusehen, denn diese urbane Elite setzte sich teils aus ehemaligen Adelsfamilien, teils aus Kaufmannsfamilien zusammen und lässt sich wie folgt charakterisieren: «Adlige Wesenszüge gingen mit bürgerlichen Werten wie Erwerbstätigkeit, Fachwissen und Leistung einher» (e-HLS 2010: s. v. Patriziat). Es sei noch angemerkt, dass Zugehörigkeit zum Patriziat nicht in jedem Fall am Namen ablesbar ist. So gehört auch die Familie Amrhyn zu den Luzerner Patrizierfamilien (e-HLS 2001: s. v. Amrhyn), ohne dass der FamN den Marker von enthält. Da in diesem Artikel das Augenmerk auf der syntagmatischen Fügung mit von (de) liegt, werden nur Namen dieses Formtyps kartiert. Die Untersuchung der PatrizierN als Ganzes stellt ein Desiderat dar und ist von kulturhistorischem Interesse, benötigt aber genealogisch-historische Forschungen, die hier nicht geleistet werden können. Ob bei einem vonresp. de-Namen der FamN einer Patrizierfamilie vorliegt, wurde mithilfe des e-HLS (o. J.) sowie des HBLS (1921-1934) überprüft. 5 Während die Partikel von im Namen von ehemals adeligen Familien überdauern konnte, wurde sie in den FamN der Patrizier: innen meist erst später hinzugefügt. Dem Berner Patrizierstand wurde bspw. am 9. April 1783 vom Grossen Rat erlaubt, sich zu adeln und das von voranzustellen: «daß allen regimentsfähigen geschlechteren von Bern erlaubt und frey gestelt seyn solle, das bewyort ‹von› ihrem geschlechtsnamen vorsezen zu können» (aus «Die Rechtsquellen des 1 Vgl. Artikel II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von». 2 Vgl. die Artikel II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen» und II-2.7 «Familiennamen auf -mann». 3 1919 wurde der Adelsstatus inklusive aller Vorrechte in Österreich abgeschafft; auch das Führen von Adelsbezeichnungen ist seitdem nicht mehr erlaubt (Austria-Forum 2024: s. v. Adel ). 4 Zur Geschichte des Patriziats in der Schweiz sei auf den Überblicksartikel im e-HLS (2010: s. v. Patriziat) sowie auf die dort genannte weiterführende Literatur verwiesen, speziell für Bern vgl. Brunner (1964), für Luzern vgl. Messmer/ Hoppe (1976). 5 Ausgeschlossen wurden bspw. von Büren im Kanton Nidwalden, da es sich gemäss e-HLS (2003: s. v. von Büren/ NW ) zwar um ein begütertes, aber nichtadeliges Geschlecht handelt, sowie von Flüe im Kanton Obwalden, das ein altes Landleutegeschlecht benennt (e-HLS 2005: s. v. von Flüe). 3.6 Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de 583 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="584"?> Kantons Bern, 1. Teil: Stadtrechte, Bd. 5» zitiert nach Brunner 1964: 6). Diese Namensänderung war offenbar extrinsisch motiviert, denn Brunner (1964: 6) fügt dem Auszug hinzu: «An diesen Adelsdekreten läßt sich der Wille der Obrigkeit, daß im Ausland kein Zweifel in bezug auf den Adelsstand der regimentsfähigen Burgerschaft entstehe, klar erkennen». Dieser Erlaubnis kamen in der Folge manche Familien nach, manche nicht. Kully (2009: 377) geht ebenfalls auf diese Adaption der Namen ein: Im 17. und 18. Jh. gab es jedoch nicht wenige aus dem Bauern-, Handwerker- und Kaufmannsstand hervorgegangene und durch den Solddienst reich gewordene Familien, denen es gelang, sich einen Adelsbrief zu beschaffen. Die Glutz nannten sich fortan von Glutz und die Sury hiessen nun von Sury. Der ältere Adel pf legte dafür im 18. Jh. gern das Adelsprädikat ins Französische zu übersetzen und nannte sich fortan: de Diesbach, de (von) Graffenried, de Steinbrugg, de Techtermann, de Weck, neben von Fellenberg. 6 Formal kann man die Namen in drei Gruppen einteilen: 1. Muster «Präposition von + Namenelement», 2. Muster «Präposition de + Namenelement» und 3. Muster «Namenelement + Präposition von + Namenelement» (Berchtold 2017: 421). Die Genese der Gruppen ist nicht zwingend identisch: Während der einfache Zusatz von das alte Bildungsmuster zur Anzeige der Wohnstätte bewahrt haben kann, wird beim Muster 3 der bereits bestehende FamN mit einer von-Phrase erweitert. Diese Phrase nimmt auf einen erworbenen Besitz Bezug und nicht - wie sonst üblich - auf den Wohnsitz (Fleischer 1964: 112-113). 7 Dies ist bspw. bei Meyer von Schauensee für das 18. Jh. nachgewiesen: «Nachdem das Schloss Schauensee bei Kriens 1749 als Erbe der Anderallmend an Franz Joseph Leonz (1695-1764) gelangt war, nannten sich dieser und seine direkten Nachkommen Meyer von Schauensee. Per Regierungsratsbeschluss von 1895 gab sich dann das ganze Geschlecht den Namenszusatz ‹von Schauensee›» (e-HLS 2009: s. v. Meyer von Schauensee). Zusätzlich kommen vereinzelte FamN vor, die keinem der drei Muster exakt entsprechen. Als Sonderfall zu Muster 1 werden folgende drei Namentypen eingeordnet: von Reding Biberegg, von Schulthess Rechberg und von Stockar-Scherer-Castell. Hier wird das Muster 1 insofern variiert, als der Präposition von nicht nur ein, sondern zwei resp. drei gleichrangige Namenelemente folgen. Ebenfalls dem Muster 1 wird der Name von Bachmann alias Pacquement zugewiesen, da alias ‘auch [genannt]’ bedeutet und sowohl semantisch als auch pragmatisch anders zu bewerten ist als von. 8 Als Sonderfall zu Muster 3 werden die drei Namen von Sury von Büssy, von Sury d’Aspremont und von Vigier-von Steinbrugg behandelt. Hier wird eine Grundform, die selbst Muster 1 abbildet, mit einer von- Phrase erweitert, sodass formal eine Mustervariation «Präposition von + Namenelement + Präposition von + Namenelement» entsteht. Bei von Sury ist diese Namenadaption nach der Aufteilung der Familie in zwei Linien nachgewiesen (e-HLS 2014: s. v. Sury). Als Exkurs werden auch FamN vom Muster «Präposition de + Namenelement» berücksichtigt, wenn sie mit einem deutschen Namenelement auftreten und die Familien patrizischen Status haben (z. B. de Diesbach). 9 Fragestellungen: Der vorliegende Artikel geht der Frage nach, welche FamN mit von und de auf Patrizierfamilien referieren und ob sich bei der Kartierung - allgemein sowie bezogen auf die genannten Muster - Raumstrukturen zeigen. Ggf. schliesst sich die Frage an, ob sich diese Raumstrukturen soziohistorisch bzw. sozioonomastisch interpretieren lassen. Erste Karte {267}: Patriziernamen der Muster «von N» und «de N» Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle Namen aus der etymologischen Datenbank (Stand 25.03.2024), die dem beschriebenen Muster «Präposition von + Namenelement» oder «Präposition de + Namenelement» folgen und gemäss e-HLS (o. J.) oder HBLS (1921-1934) eine Patrizierfamilie benennen. Die Karte dokumentiert das Vorkommen dieser FamN in der Datenschicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB). 10 Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen PatrizierN «von N»: von Aarburg, von Bachmann alias Pacquement, von Ballmoos, von Bayer, von Blarer, von Bondeli, von Bonstetten, von Brunn, von Büren, von der Weid, von Eggis, von Erlach, von Ernst, von Escher, von Fellenberg, von Fischer, von Freudenreich, von Frisching, von Goumoëns, von Graffenried, von Grebel, von Greyerz, von Gross, von Haller, von Hallwyl, von Herrenschwand, von Hettlingen, von Hoffmann, von Hospenthal, von Jenner, von Keller, von Lerber, von Luternau, von May, von Meiss, von Meyenburg, von Morlot, von Mülinen, von Müller, von Müllinen, von Muralt, von Mutach, von Orelli, von Reding, von Reding Biberegg, von Riedmatten, von Rodt, von Roten, von Salis, von Schännis, von Schmid, von Schulthess Rechberg, von Schumacher, von Schwarzenberg, von Schwerzenbach, von Sinner, von Sonnenberg, von Speyr, von Steiger, von Stockalper, von Stockar-Scherer- Castell, von Stürler, von Sury, von Tavel, von Tscharner, von Vivis, von Waldkirch, von Wattenwyl, von Wedel, von Weiss, von Werdt, von Werra, von Wild, von Wurstemberger, von Wyss, von Wyttenbach, von Zeerleder, von Ziegler. 78 Types, 102 Tokens. PatrizierN «de N»: de Bonstetten, de Bourgknecht, de Buman, de Buren, de Büren, de Diesbach, de Diesbach-Belleroche, de Gottrau, de Kalbermatten, de Landerset, de Lerber, de Montenach, de Reyff , de Reynold, de Riedmatten, de Schaller, de Stockalper, de Tavel, de Techtermann, de Weck, de Weiss, de Werra. 22 Types, 38 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 277: Daten zur ersten Karte {267} 6 Es sei angemerkt, dass nicht alle Namen, die Kully (2009: 377) anführt, im FNB (1989) enthalten sind (z. B. von Glutz oder de Steinbrugg sind es nicht). Auch Graffenried ist im FNB (1989) lediglich mit der Präposition von verzeichnet. 7 Fleischer (1964: 112) illustriert das Muster 3 mit Beispielen für Deutschland: «Einerseits fügte man dem schon vorhandenen Familiennamen noch einen solchen nach dem Wohnsitz mit einer Präposition an. Dadurch entstanden so merkwürdige Namenbildungen wie Gans zu Putlitz (Familie Gans nach dem Lehensbesitz in Putlitz/ Priegnitz), Küchenmeister von Sternberg (meißnischer Uradel; zunächst Familienname Küchenmeister nach dem einst ausgeübten Hofamt, dann der Wohnstättenname hinzugesetzt), Schenck zu Schweinsberg (Hessen), Marschall von Bieberstein (bei Meißen; Familienname Marschall, dazu dann Wohnstättenname)». 8 Vgl. Artikel II-4.3 «Mehrgliedrige Familiennamen mit den Zusätzen dit, soit, alias». 9 Vgl. Artikel II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de». 10 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 584 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="585"?> Detailangaben zur Namenauswahl: 11 In dieser Karte wurden alle Namen des Musters «Präposition von + Namenelement» berücksichtigt, die von einer Patrizierfamilie getragen wurden. Dieses Kriterium musste auch auf die hybriden de-Namen zutreffen. Die Auswahl umfasst FamN, die mit einem Toponym gebildet sind (z. B. Aarburg, Schännis oder Wyttenbach), daneben auch BerufsN (Schmid, Schumacher, Ziegler), BerufsüberN (Zeerleder) und ÜberN (Rodt, Wyss). Enthalten sind auch Namen, deren Etymologie nicht-deutsch (Morlot) oder unklar (Salis) ist. Ebenfalls berücksichtigt sind drei FamN mit variiertem Grundmuster, in denen der Präposition von zwei oder drei Namenelemente folgen (von Reding Biberegg, von Schulthess Rechberg und von Stockar-Scherer-Castell ), sowie der FamN von der Weid, der zusätzlich zur Präposition den definiten Artikel enthält. Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass das von in PatrizierN in der deutschsprachigen Schweiz - wie es aufgrund der historischen Entwicklung dieser sozialen Gruppe zu erwarten ist - ein urbanes Phänomen darstellt. Deutlich tritt die Stadt Bern hervor, in der ein Drittel (38 Tokens) aller patrizischen von-Namen vor 1800 vorkommen. Ihr folgt die Stadt Zürich mit 16 Tokens; auf die Stadt Solothurn entfallen 5 Tokens, auf Luzern 4 Tokens. Im Aaretal bildet sich ein Kleinraum mit der Stadt Solothurn und vier nördlich angrenzenden Gemeinden (Oberdorf SO, Rüttenen SO, Riedholz SO, Flumenthal SO). Die Namen vom Typ «Präposition de + deutscher FamN» sind im Kanton Freiburg mit 21 der insgesamt 38 Tokens häufig; je 7 Tokens figurieren im Wallis und im Kanton Waadt. 10 Namentypes treten als Dubletten auf, wobei meist der von-Name in der Stadt Bern und das de-Pendant in einer waadtländischen Gemeinde belegt ist: de Bonstetten / von Bonstetten, de Büren / von Büren, de Buren / von Büren, d’Erlach / von Erlach, de Fischer/ von Fischer, de Lerber / von Lerber, de Tavel/ von Tavel, de Tscharner/ von Tscharner, de Weiss / von Weiss und de Werra / von Werra. 12 In manchen dieser Fälle kann von Übersetzung des von ausgegangen werden, so bspw. bei de Fischer: Die Namenträger: innen stammen aus Bern und wurden 1744/ 1745 im Waadtland eingebürgert. Ähnliches gilt u. a. für de Bonstetten (e-HLS 2004: s. v. von Bonstetten), de Tscharner und de Weiss (e-HLS 2013: s. v. Weiss). Der umgekehrte Fall ist im Namenpaar von Tavel/ de Tavel nachweisbar: von Tavel ist der Name einer bedeutenden Berner Patrizierfamilie waadtländischer Herkunft; in der Waadt hiessen die Namenträger: innen de Tavel (e-HLS 2012: s. v. von Tavel ). Karte 267: PatrizierN mit von und de, vor 1800 11 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 12 Vgl. dazu auch die Liste in Furrer (2002: 365). 3.6 Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de 585 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="586"?> Zweite Karte {268}: Patriziernamen des Musters «N von N» Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle Namen, die dem Muster «Namenelement + Präposition von + Namenelement» folgen. Die Karte dokumentiert das Vorkommen dieser FamN in der Datenschicht «vor 1800». Abgefragte Namen PatrizierN «N von N», vor 1800: Brum von Seldeneck, Göldlin von Tiefenau, Mayr von Baldegg, Meyer von Schauensee, Pfyffer von Altishofen, Schnyder von Wartensee, Schwytzer von Buonas, Screta von Zavorziz, Segesser von Brunegg, Stokar von Neuforn, von Sury von Büssy, von Sury d’Aspremont, von Vigier-von Steinbrugg, Zwicky von Gauen. 14 Types, 16 Tokens. Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 278: Daten zur zweiten Karte {268} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Suche nach «[Leerzeichen]von[Leerzeichen]» in der etymologischen Datenbank ergibt die vorliegende Auswahl, die zusätzlich noch im e-HLS (o. J.) auf Patrizierstatus geprüft wurde. Das Sample umfasst im ersten Namenteil BerufsN (Mayr, Meyer, Pfyffer, Schnyder, Segesser), ÜberN (Brum, Sury, Zwicky), BerufsüberN (Göldlin), Wohnstätten- oder HerkunftsN (Stokar) sowie HerkunftsN (Schwytzer). Enthalten sind auch nichtdeutsche Namenelemente (Büssy, Vigier, Screta von Zavorziz). In der angefügten Präpositionalphrase enthalten alle Namen ein Toponym wie von Neuforn oder von Tiefenau. Kommentar: Die zweite Karte spiegelt wider, dass das Muster «Namenelement + Präposition von + Namenelement» v. a. in der Stadt Luzern ausgebildet wurde. Sieben der kartierten Namen kommen in der Stadt Luzern vor: Göldlin von Tiefenau (auch einmal in SG), Mayr von Baldegg, Meyer von Schauensee, Pfyffer von Altishofen, Schnyder von Wartensee, Schwytzer von Buonas und Segesser von Brunegg. In der Stadt Solothurn treten die drei Namen von Sury von Büssy, von Sury d’Aspremont und von Vigier-von Steinbrugg auf. Die restlichen FamN verteilen sich wie folgt: Stokar von Neuforn in Schaffhausen (SH) und Zwicky von Gauen in Gommiswald (SG). Zwei Familien stammen nachweislich aus dem Ausland: Brum von Seldeneck in Rolle (VD) sind um 1758 aus Deutschland und Screta von Zavorziz in Schaffhausen (SH) sind um 1637 aus Österreich eingebürgert worden. Ergebnisse Die beiden Karten zeigen eine Konzentration der Bildungstypen mit dem Adelsprädikat von in Städten; dies hängt mit dem Phänomen der Patrizier: innen als urbaner Machtelite zusammen. Während der Typ «Präposition von + Namenelement» v. a. in der Stadt Bern auftritt, ist der Typ «Namenelement + Präposition von + Namenelement» in der Stadt Luzern am frequentesten. Dass das von bei den Berner Patrizier- Karte 268: PatrizierN mit «Namenelement + von + Namenelement», vor 1800 586 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="587"?> familien häufig ist, hängt wohl mit dem eingangs zitierten Beschluss des Grossen Rates zusammen, in dem die Erweiterung mit von explizit erlaubt wurde. Das von in den hier kartierten Namen ist in Anlehnung an (ausländische) AdelsN als Adelssignal reaktiviert worden. Unter dem Aspekt der Übersetzung kann man Kullys (2009: 377) Aussage zur Übersetzungsrichtung Deutsch zu Französisch präzisieren: Zwar ist von zu de der häufigere Fall; bei einem Umzug über die Sprachgrenze wurde aber auch de zu von übersetzt. Grundsätzlich finden sich de-Namen aber in zweisprachigen (FR, VS) sowie in französischsprachigen Kantonen (GE, VD). In Bezug auf die Schreibung lässt sich Folgendes festhalten: Die Präpositionen von und de werden im vorliegenden Sample immer getrennt vom restlichen Namenkörper geschrieben. Die Schreibung mit Spatium gegenüber Namen wie Vonarx, Vonmoos oder Vonwald lässt das von als eigenen Namenbestandteil deutlicher hervortreten, was namenpragmatisch eine wichtige Rolle spielt: Die Getrenntschreibung dürfte dem Bedürfnis der Namenträger: innen nachkommen, dass der patrizische Status am Namen sichtbar wird. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): von Büren (783 Tokens), von Ah (647 Tokens) und von Ballmoos (458 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 3 (2012: 660-669) werden im Kapitel «Univerbierung» auf den Karten 305-308 PräpositionsN mit von wie von der Heide, vom Hofe, von Bargen dargestellt; bei Herkunfts- und WohnstättenN mit von wird angemerkt: «Bei den Namen mit von kann nicht zwischen AdelsN und nichtadeligen Herkunfts- und WohnstättenN unterschieden werden» (DFA 3 2012: 667). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Austria-Forum (2024): Adel. Austria-Forum - das Wissensnetz aus Österreich. https: / / austria-forum.org/ af/ AEIOU/ Adel (letzter Zugriff 25.03.2024). Bach, Adolf (1952): Deutsche Namenkunde. Bd. I, 1: Die deutschen Personennamen. Einleitung. Zur Laut- und Formenlehre, Wortfügung, -bildung und -bedeutung der deutschen Personennamen. 2., stark erweiterte Auf lage. Heidelberg: Winter. Baumgartner, Xaver (1983): Namengebung im mittelalterlichen Zürich. Die alt- und mittelhochdeutschen Personennamen der Zürcher Überlieferung vom Jahr 1000 bis zum Jahr 1254 (Studia Onomastica Helvetica 1). Arbon: Historisch-Genealogischer Verlag. Berchtold, Simone (2017): Streifzug durch die Familiennamenlandschaft der deutschen Schweiz. Grundlagen zur digitalen Familiennamenforschung anhand exemplarischer Fallbeispiele. Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge 52(4), 401-429. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Brunner, Edgar H. (1964): Patriziat und Adel im alten Bern. Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde 26, 1-13. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Braun, Hans (2012): von Tavel (BE). 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(2009): Form und Inhalt der Deutschschweizer Familiennamen. In: Hengst, Karlheinz/ Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. Bd. 1: Deutsche Familiennamen im deutschen Sprachraum (Onomastica Lipsiensia 6.1), 365-392. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Messmer, Kurt/ Hoppe, Peter (1976): Luzerner Patriziat. Sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Studien zur Entstehung und Entwicklung im 16. und 17. Jahrhundert (Luzerner historische Veröffentlichungen 5). Luzern, München: Rex. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. Simone Berchtold 588 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="589"?> 3.7 Familiennamen mit der Präposition de Schlagwörter: Französisch, Hybridbildung, Italienisch, Namenpragmatik, Rätoromanisch, Sprachkontakt Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Besprochen werden hier FamN, die einen Ref lex der lateinischen Präposition de ‘von, aus’ als Namenelement enthalten - dies in allen ihren sprachlichen und formalen Kombinationen. In den FamN der romanischsprachigen Schweiz drückt die Präposition de Herkunft und Zugehörigkeit aus: frz. de Forestier (zum BerufsN Forestier, wiederum zu frz. forestier ‘Förster’), ital. De Agostini (zum italienischen Ruf N Agostino), rätorom. Derungs (zu rätorom. runc ‘Rodung’). In diesen Sprachregionen handelt es sich um den häufigsten Typus von präpositionalen FamN. 1 Zudem kommt der Bestandteil de in der Romandie und in der Deutschschweiz auch in Kombination mit deutschen Namen vor (de Stockalper). In diesen Fällen markiert die Präposition den sozialen Status der Namenträger: innen. Während in der Namenlandschaft der romanischsprachigen Schweiz der frequente Namentypus «Präposition de + romanisches Namenelement» keine Besonderheit darstellt, darf die Hybridbildung «Präposition de + deutsches Namenelement» als ein Charakteristikum der Schweizer Namenlandschaft betrachtet werden. Der vorliegende Artikel bietet einerseits ein Gesamtbild der Vielfalt an präpositionalen de-Namen im romanischen Sprachgebiet der Schweiz, andererseits wird die Sondergruppe der Hybridbildungen «Präposition de + deutsches Namenelement» systematisch nach formalen und soziohistorischen Kriterien untersucht. 2 Letztere FamN sind aus sozioonomastischer Perspektive besonders von Interesse, da sie Einblicke in den Prozess der bewussten Namensänderung zur Markierung des sozialen Status geben. Hintergrund: Um Herkunft und Zugehörigkeit auszudrücken, stehen dem späten Lateinischen - und den meisten romanischen Sprachen - u. a. zwei Präpositionen zur Verfügung: lat. de und de ab. Diese übernehmen die Funktion des lateinischen Genitivs und Ablativs. Im Rätoromanischen fielen die Ref lexe der zwei Präpositionen lautlich schon früh in da zusammen (DRG 5 1939 ff.: 17-19). Im Italienischen können di (aus lat. de) und da (aus lat. de ab) zahlreiche Beziehungen ausdrücken (Rohlfs 1954: 93-95, 104-107). Die semantisch-syntaktischen Rollen der zwei italienischen Präpositionen sind z. T. zusammengefallen, sodass eine funktionale Abgrenzung zwischen den beiden oft nicht mehr möglich ist. Das Französische wiederum kennt mit de nur die Ref lexe von lat. de (FEW 3 1928 ff.: 21). In allen drei Sprachen können die Präpositionen sowohl einfach als auch mit dem bestimmten Artikel vorkommen, z. B. rätorom. dala, ital. della, frz. de la. Dieses komplexe Bild spiegelt sich in den Namen teilweise wider. Auch im Onomastikon drückt die Präposition de Herkunft und Zugehörigkeit aus: Sie liegt hauptsächlich in Verbindung mit Wohnstätten- und HerkunftsN (frz. Deprez, ital. Deprati, rätorom. Derungs) oder mit Patronymen (frz. Demartin, ital. Deluigi, rätorom. Denoth) vor. Die Kombination mit BerufsN und ÜberN ist auch möglich, jedoch seltener. Die Präposition de in FamN kann als Relikt betrachtet werden, da Herkunft und Zugehörigkeit auch ohne präpositionale Fügung ausgedrückt werden. So unterscheiden sich die Dubletten des Typus frz. Demartin / Martin, ital. De Bernardi/ Bernardi, rätorom. Decurtins / Curtins nicht in ihrer Motivation, sie sind lediglich auf verschiedene Schreibstrategien zurückzuführen. Insgesamt zeigt sich, dass die Präposition de in den romanischen FamN hauptsächlich Herkunft und Zugehörigkeit ausdrückt. In einigen Fällen kann de auch eine spezielle Zugehörigkeit markieren, nämlich jene zu einer sozialen Oberschicht: Bei einsprachigen Bildungen (ital. de + ital. Agostini) ist auf formaler Ebene eine Unterscheidung zwischen AdelsN und nicht-adeligem Herkunfts- und WohnstättenN nicht möglich. In Kombination mit einem deutschen Namenelement (de Diesbach) ist die Präposition in den vorliegenden Namen jeweils als Adelsprädikat aufzufassen. Fragestellungen: Mit der ersten Karte werden die folgenden Fragen behandelt: Bilden die FamN, die das präpositionale Element de in all seinen Formen und Schreibvarianten (D’ , Del, Della, De la, Dela, Du usw.) enthalten, ein homogenes panromanisches Areal? Kommen die de-Namen auch ausserhalb der Romania vor? Lassen sich in den verschiedenen Sprachregionen unterschiedliche Bildungstypen beobachten? Die zweite Karte gilt den Hybridbildungen des Typus «romanische Präposition de + deutsches Namenelement». Dabei lautet die zentrale Frage, ob dieser Namentyp Raumbilder zeigt, die sich soziohistorisch interpretieren lassen. 1 Ein weiterer präpositionaler Bildungstyp ist in den Wohnstätten- und HerkunftsN mit a vertreten: à Porta (Romanischbünden), a Marca (Italienischbünden) und à Wengen (BS). Hier drückt die Präposition ebenfalls Herkunft aus. 2 Für Näheres zu den PatrizierN mit den Präpositionen von und de vgl. Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 3.7 Familiennamen mit der Präposition de 589 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="590"?> Erste Karte {269}: Familiennamen mit der Präposition de schweizweit Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle einschlägigen FamN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 3 die die Präposition de enthalten - unabhängig von Genus und Numerus, von der Form (einfach oder mit Präposition-Artikel-Enklise) und von der Schreibung (getrennt oder zusammengeschrieben, in Klein- oder Grossschreibung). Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen FamN mit Präposition de, vor 1800: Dafond, d’Allèves, d’Amman, d’Ammann, Damonti, Damur, d’Andiran, Dandrea, Darms, Darx, d’Aujourd’hui, d’Auriol, Davatz, Deagostini, De Agostini, Deambrosi, De Angelis, Debamp, Debartolomei, de Bary, Debary, De Bassus, Debattista, de Beausobre, Debély, Debernardi, De Bernardi, Debernardis, De Bernardis, Debétaz, Debieux, de Blaireville, de Blonay, Debluë, de Boccard, De-Bolla, Debon, Debonneville, de Bons, Debons, de Bonstetten, Debossens, de Bosset, de Bouillanne, de Bourgknecht, Debourgogne, de Boyve, de Brot, Debrot, de Budé, Debulle, de Buman, de Buren, de Büren, de Candolle, Decapitani, Decarisch, Decarli, De Carli, De-Carli, Decarro, Decasper, de Castella, de Cérenville, de Cerjat, de Chambrier, de Chapeaurouge, de Chappuis, de Charrière, de Charrière de Sévery, de Chastonay, Dechevrens, de Chollet, de Choudens, Dechristophoris, de Claparède, de Cocatrix, Decollogny, de Coppet, Decoppet, Decorges, de Coulon, de Courten, Decrausaz, Decrauzat, Decreuze-dit-Dupoil, de Crousaz, Decrusch, Decurtins, de Dardel, Dedelley, Dederod, de Diesbach, de Diesbach-Belleroche, Dedomo, de Dompierre, Dedual, Defanti, de Félice, Deferne, de Fernex, Defferrard, Defilippis, De Filippis, Defilla, de Fischer, Deflorin, de Forestier, Defrancesco, Defuns, de Gady, de Gallatin, Degallier, De Gasparo, Degenève, Degiacomi, De Giacomi, Degiorgi, Degiovanfrancesco, Degiovannini, Degonda, De Gottardi, de Gottrau, de Goumoens, de Goumoëns, de Goumöens, Degoumois, Degrange, Degruffy, Degrussa, Degunda, de Gunten, de Hennezel, de Hesse, de Joffrey, Dejoux, de Kalbermatten, de Kennen, Dekumbis, Delabays, Delachaux, Delachaux-dit-Gay, Delachauxdit-Peter, Delacombaz, Delacoste, Delacour, Delacrausaz, Delacrétaz, Delacuisine, Deladoey, Deladoëy, Delafoge, Delafontaine, Delagrange, de la Harpe, Delaigue, Delajoux, Delalay, Delaloye, Delamadeleine, de Lamorte, Delamuraz, de Landerset, Delapierre, Delaplace, Delaporte, Delapré, Delaprez, Delaquis, Delarageaz, Delaraye, De la Reussille, Delarue, Delarze, Delasara, Delasoie, Delassaraz, Delatena, de Lavallaz, Delavaux, Delavigne, Delavy, Delbiaggio, Del Biaggio, Delcò, Del Don, Delécraz, Deléderray, Delédevant, Deléglise, Deleiderrier, Delémont, de Lenzbourg, de Lerber, Delesderrier, Delespinasse, de Lessert, Delessert, Delévaux, de Leyderrier, Deleysin, Delez, Delfoc, Delgrande, de Limoge, Delisle, Dellabella, Della Bruna, Della Cà, Dellacasa, Della Casa, Della Cassina, Della Croce, Karte 269: FamN mit Präposition de, vor 1800 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 590 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="591"?> Dellagana, Dellagiacoma, Della Giovanna, Dellamaria, Dell’Ambrogio, Dellamonica, Della Pietra, Dellasanta, Dellatorre, Della Vecchia, Dell’Avo, Dell’Era, Dell’Oro, Delmartini, Del Martini, Delmenico, Delmonico, Delmonté, Delmuè, Delnon, Delnotaro, de Loës, Delor, Delorenzi, de Loriol, Delorme, Deloséa, de Loys, Del Pietro, Delponte, Delprete, Delrè, Del Siro, Del Thé, Delucchi, Deluche, Deluigi, De Luigi, Delure, Deluz, de Luze, Del Zopp, Demages, Demagistri, de Maillardoz, Demarchi, De-Marchi, Demaria, De Maria, Demarmels, Demarta, Demartin, Demartines, Demartini, de Marval, Demattei, De Mattei, Demaurex, Demelais, Demellayer, Demenga, de Merveilleux, de Mestral, de Mestral Combremont, de Meuron, de Meyer, de Meyeres, Demeyriez, Demicheli, Demière, de Miéville, Demiéville, Demilliac, Demoinsel, Demole, de Molin, Demont, De Mont, de Montenach, Demonterjaud, de Montet, de Montmollin, de Morsier, Demott, Demund, De Nervo, Denicola, de Niederhäusern, Denogent, Denoréaz, Denoth, Denuder, d’Epagnier, de Palézieux dit Falconnet, Depallens, Depeder, de Perregaux, de Perrot, Depeursinge, Depierraz, Depierre, Depietri, De Pietro, Deplaz, Deplazes, de Pourtalès, de Pourtalès-Marcet, Deppierraz, Deprati, de Preux, Deprez, Depuoz, de Pury, de Quervain, Derabours, de Raemy, Deragisch, de Rameru, Derameru, Derameruz, de Reyff , de Reynier, de Reynold, Dergias, Deriaz, De Riaz, de Ribaupierre, de Riedmatten, Derighetti, Derigo, de Rivaz, Derivaz, d’Erlach, Dermon, de Roche, Deroche, de Roguin, De Rossa, de Rougemont, de Roulet, Deruaz, Derungs, Dervey, de Sandol-Roy, Des Arts, Desarzens, De-Sassi, de Saussure, Desax, Desbaillet, Desbaillets, Desboeufs, Desbrosse, de Schaller, Deschamps, Deschenaux, Deschoux, Desclouds, Descloux, Descoeudres, Descombaz, Descombes, Descoullayes, Descuves, de Seigneux, de Senarclens, Desfayes, Desfeux, Des Gouttes, Desgrandchamps, Desgraz, de Siebenthal, Desjardins, Deslarzes, Deslex, Desmeules, Desoche, d’Espine, Desplan, Despland, Desplands, Despond, Desponds, Despont, Despraz, Desquartiers, Dessarzin, Dessauges, Dessaules, Dessaux, Dessemontet, Dessert, Dessibourg, Dessiex, Dessimoz, Dessingy, Dessonnaz, Destefani, De St. Jon, de Stockalper, De Stoppani, de Stoutz, Destraz, Desvignes, Desvoignes, de Sybourg, de Tavel, de Techtermann, d’Eternod, Dethomas, de Torrenté, Detorrenté, de Trey, Detrey, de Tribolet-Hardy, de Tscharner, de Vallière, Devallonné, Devantay, de Vantéry, Devanthéry, Devaud, Devaux, Devecchi, Devecis, Devegney, Develey, Devênes, Devenoge, Devenoges, Devesin, de Vevey, Devevey, de Villa, Devillard, Deville, Devinard, Devincenti, Devins, Devittori, De Vizzi, Devonas, Dewarrat, de Weck, de Weiss, de Werra, Dillena, Dorta, Duaime, Duamel, Dubas, Dubauloz, Dubey, Dubied, Dubochet, Du Bochet, Dubois, Du Bois, DuBois, Du Bois de Dunilac, Dubois-dit-Bonclaude, Dubois-dit-Cosandier, Du Bois-dit du-Terraux, Dubois du Nilac, Dubois-Dunilach, Dubois-Franck, Dubosson, Duboule, Duboulet, Duboux, Dubrez, Dubrit, Dubugnon, Dubuis, Ducarroz, Ducart, Ducertot, Duchemin, Duchêne, Duchesne, Duchosal, Duchoud, Duchoux, Ducimetière, Ducimetière alias Monod, Duclos, Ducloux, Ducommun, Ducommun-dit- Boudry, Ducommun-dit-Tinnon, Ducommun-dit-Verron, Ducommun-Petit- Compère, Ducor, Ducotterd, Ducraux, Ducrest, Ducret, Ducrey, Ducros, Ducrot, Dudan, Dufaure, Dufaux, du Fay de Lavallaz, Dufay de Lavallaz, Dufay-de Lavallaz, Dufey, Duffey, Duflon, Dufour, Dufrêne, Dufresne, Du Fresne, Dugerdil, Dugon, Dujac, Dulex, Dulon, Dumard, Du Martheray, Dumas, Dumauthioz, Dumazel, Dumont, Du Mont, Dumont-dit-Vieiljean, Dumont-dit-Voitel, Dumoulin, Dumur, Dumusc, Dumusque, Dunand, Dunant, Dunoyer, Dupan, Duparc, Dupasquier, DuPasquier, Duperret, Duperrex, Duperrez, Duperrut, Duperthuis, Dupertuis, Dupertuis dit Neveu, Dupertuis-dit-Neveu, Dupin, Duplain, Duplan, Duplessis, du Plessis-Gouret, Duplessis-Gouret, Dupont, Dupontet, Du Pontet, Duport, Dupraz, Dupré, Dupuget, Dupuis, Durafour, Duriaux, Durier, Durieu, Du Roveray, Durussel, Duruz, Dusserre, Dussex, Dussez, Dussin, Dussoix, Dussuet, Dustour, Dutheil, Duthon, Duthovex, Dutoit, Dutour, Dutruit, Dutruy, Duval, Duvanel, Duvanney, Duveluz, Duverney, Duvillard, Duvoisin, d’Yvernois, Girell di Giovanoel. 602 Types, 1'111 Tokens. Kreise 12-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-90, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 279: Daten zur ersten Karte {269} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Da in der etymologischen Datenbank (Stand 20.03.2024) die FamN der französisch- und der italienischsprachigen Schweiz noch nicht vollständig bearbeitet worden sind, kann eine systematische Suche nach de-Namen, bei denen die Präposition ursprünglich apostrophiert war und im Namen agglutiniert (d. h. zusammengeschrieben) wurde, hier nicht geleistet werden. Solche FamN wurden bei entsprechenden Zufallsfunden integriert, z. B. FamN Dorta ← d’Orta bzw. de Orta oder Dandrea ← d’Andrea bzw. de Andrea, andere dieser Art können jedoch im Sample fehlen. Aufgrund der ohnehin grossen Tokenzahl werden etymologisch unsichere Fälle ausgeschlossen. In der Auswahl inbegriffen sind ursprünglich romanische de-FamN in der deutschsprachigen Schweiz, z. B. Debary (BL, AG), Ducloux (AG) sowie Hybridbildungen des Typus «de + deutsches Namenelement», z. B. de Büren (NE, VD) oder de Kalbermatten (VS). Die mit homographischem und nicht-präpositionalem de- oder duanlautenden FamN wurden konsequenterweise ausgeschlossen, bspw. Demuth (ZH), Deuther (GR), Delémont ( JU) oder Dudli (SG). In der romanischen Familiennamenlandschaft der Schweiz stellt sich der Typ der präpositionalen de-Namen von Osten nach Westen wie folgt dar: • Die rätoromanischen FamN weisen hauptsächlich die formale Variante de anstatt des lexikalischen Pendants da auf, das in dieser Form - d. h. nicht-apostrophiert - nur zweimal bezeugt ist: Damur (wohl ← da mur ‘von der Mauer’) und Davatz (← da Vaz ‘von Vaz’). Das kann auf die Schreibtradition der Notare in Anlehnung an das Lateinische und das Lombardische zurückgeführt werden (DRG 5 1939 ff.: 4). Im rätoromanischen Onomastikon kommt die Präposition de mit agglutiniertem bestimmtem Artikel - wie z. B. dil ‘von dem’ oder dala ‘von der’ - im Gegensatz zum Italienischen und zum Französischen kaum vor. Es kann also angenommen werden, dass bei der Schreibung der Namen der lateinisch beeinf lussten Form de - die hier als invariables Namenbildungselement betrachtet werden kann - der Vorzug gegeben wurde. Formal zeigen die de-FamN in der Rätoromania ausschliesslich Grossschreibung. Meistens wird die Präposition zudem mit dem restlichen Namenelement zusammengeschrieben. Hybridbildungen des Typus «de + deutsches Namenelement» treten in der Rätoromania in der Zeitschicht «vor 1800» selten auf (vgl. zweite Karte). Die 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.), RNB 3 (1986), Lurati (2000) sowie Morlet (1997) und sind als Kurzfassung zu verstehen. 3.7 Familiennamen mit der Präposition de 591 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="592"?> rätoromanischen de-Namen gehören in den meisten Fällen zum Benennungsmotiv der Patronyme oder der Herkunftsbzw. WohnstättenN. Auffällig ist der FamN Decarisch (Cazis GR), der aus der Präposition de und dem FamN Carisch gebildet ist, der wiederum auf Ca(sa) + Ruf N Risch zurückgeht. 5 • In der italienischsprachigen Schweiz ist de - eine altitalienische oder mundartliche Variante von di - in FamN am häufigsten. Da ist zweimal belegt - Damonti (← da monti ‘von den Bergen’) und Dafond (← da + FlurN Fond ) -, während di nur im abgegangenen FamN Girell di Giovanoel und im unsicheren Fall Dillena auftritt (evtl. ← di + Ruf N Lena). Die genannten Präpositionen können mit dem nachfolgenden Namenelement sowohl getrennt als auch zusammengeschrieben werden (De Bernardi/ Debernardi, D’Alberti/ Dalberti); in vier Fällen sind sie mit Bindestrich verbunden: De-Bolla, De-Carli, De-Marchi, De-Sassi. Auch Präposition-Artikel-Enklise tritt häufig auf, und zwar sowohl getrennt als auch zusammengeschrieben: Del Pietro bzw. Delbiaggio (mask. Sing.), Della Casa bzw. Dellacasa (fem. Sing.). Pluralische Ref lexe delli bzw. degli, delle sind in der Schweiz vor 1800 nicht bezeugt, in Italien hingegen schon, wenn auch spärlich (z. B. Delli Ponti bzw. Delliponti, Delle Donne bzw. Delledonne). 6 Formal zeigen die de-FamN in der italienischsprachigen Schweiz ausschliesslich Grossschreibung. Hybridbildungen des Typus «ital. de + fremdsprachiges Namenelement» sind für die italienischsprachige Schweiz in der Datenschicht «vor 1800» nicht dokumentiert. • Analog zum italienischen Onomastikon tritt die Präposition de in französischen FamN mit oder ohne Präposition-Artikel-Enklise und sowohl in Getrenntals auch in Zusammenschreibung auf: Degrange (← de grange ‘von der Scheune’ oder zu einem FlurN Grange), d’Auriol (vermutlich zu einem FlurN Auriol ), Dessert (zu einem FlurN Essert), Du Bois bzw. Dubois (← du bois ‘vom Wald’), Delorme (← de l’orme ‘von der Ulme’), Delacour (← de la cour ‘vom Hof ’), Des Gouttes (zum FlurN Gouttes) bzw. Desboeufs (← des boeufs ‘von den Ochsen’). 7 Auffälliger Unterschied ist die relativ hohe Frequenz der femininen Form frz. de la bzw. dela im Vergleich zum selteneren ital. della. Die Situation der de-Namen in der Romandie unterscheidet sich von derjenigen in der italienisch- und der rätoromanischsprachigen Schweiz in zwei weiteren Aspekten: Einerseits zeigen die französischen de-FamN sowohl Grossals auch Kleinschreibung (z. B. Décoppet / de Coppet), andererseits weist die Romandie eine auffällig hohe Präsenz von Hybridbildungen des Typus «de + deutsches Namenelement» auf (s. zweite Karte). In der deutschsprachigen Schweiz kommen zwei Typen von de- Namen vor: • Ursprünglich französische FamN, die durch Migration in die Deutschschweiz gelangt sind: Ducloux im Kanton Aargau (aus Savoyen eingewandert), de Bary im Kanton Basel-Stadt (aus Deutschland); • Hybridbildungen des Typus «de + deutsches Namenelement»: de Meyer und de Meyeres im Kanton Aargau (s. zweite Karte). Ausgeschlossen wurde der FamN Deschwanden, da er etymologisch uneindeutig ist. Gemäss Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Deschwanden) geht der FamN auf ein Toponym Deschwandi zurück (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 803343240), bei dem anlautendes Deunklar ist. Kommentar: Die erste Karte zeigt die Präsenz des Typus in den drei romanischen Sprachregionen mit einer auffällig hohen Dichte in den urbanisierten Gebieten am Genfersee, in der Region zwischen Genfersee und Neuenburgersee sowie einer Ballung im Südtessin. In der Romandie liegen die präpositionalen de-Namen dichter vor, mit einer Konzentration in den Kantonen Genf, Waadt und Freiburg, während der Namentyp in Neuenburg, im Jura und im französischsprachigen Teil der Kantone Bern und Wallis spärlicher belegt ist. In der italienischsprachigen Schweiz fällt die Abwesenheit des Namentypus im Bergell (GR) auf. Für diese Sprachregion liegt der Schwerpunkt des Namentyps im Distretto di Lugano (TI). In der Rätoromania kommen die de-Namen besonders in der Region Surselva (GR) gehäuft vor, während das Oberengadin (GR) - das hier als Kontinuum mit dem Nachbartal Bergell (GR) zu betrachten ist - und das einst vollständig romanischsprachige Hinterrheintal auffällig frei bleiben. Allgemein zeigt der Typus in der Rätoromania - im Vergleich zu den anderen romanischen Sprachregionen - in den Daten «vor 1800» die niedrigste Dichte. In der deutschsprachigen Schweiz ist die Präposition de nur in wenigen FamN in den Kantonen Wallis, Bern, Basel-Stadt, Aargau, Thurgau und St. Gallen dokumentiert (vgl. zweite Karte). Zweite Karte {270}: Hybridbildungen in Familiennamen mit der Präposition de Namenauswahl: Aus dem Sample der ersten Karte wurden sämtliche FamN extrahiert, die als Hybridbildungen des Typus «Präposition de + deutsches Namenelement» gelten (z. B. de Büren). In der Auswahl inbegriffen sind auch FamN mit apostrophierter Präposition, sei diese getrennt oder zusammengeschrieben (z. B. d’Erlach, Darx). Abgefragte Namen Kanton Freiburg: d’Amman, d’Ammann, Darx, de Bourgknecht, de Buman, de Diesbach, de Diesbach-Belleroche, de Gottrau, de Landerset, de Lenzbourg, de Montenach, de Reyff , de Reynold, de Schaller, de Techtermann, de Weck. 16 Types, 26 Tokens. Kantone Neuenburg und Waadt: d’Erlach, de Bonstetten, de Buren, de Büren, de Fischer, de Hennezel, de Kennen, de Lerber, de Niederhäusern, de Siebenthal, de Tavel, de Tscharner, de Weiss. 13 Types, 19 Tokens. Kanton Wallis: de Kalbermatten, de Riedmatten, de Stockalper, de Werra. 7 Tokens. Kanton Graubünden: Demarmels, Denuder. 3 Tokens. Andere: de Gunten, de Hesse, de Meyer, de Meyeres, de Stoutz. 5 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 22-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 30-90, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 280: Daten zur zweiten Karte {270} 5 Vgl. Artikel II-2.19 «Familiennamen mit Präfix Ca-». 6 Allgemein zur Verbreitung der Präpositionen de, di, da in FamN Italiens s. Caffarelli (2016: 107-110). Zur speziellen Kombination von de + Patronym mit ablativischer Endung -is, wie z. B. Dechristophoris oder De Filippis, vgl. Artikel II-2.21 «Latinisierungen». 7 Zu den Etymologien der französischen FamN vgl. Morlet (1997). 592 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="593"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Bei den hier behandelten hybriden FamN geht das Element de in den allermeisten Fällen auf eine französische Präposition zurück. Die einzigen dokumentierten Hybridbildungen mit einer rätoromanischen Präposition de sind die Bündner FamN Denuder (aus de + Toponym Nauders, einer Ortschaft in Tirol) und Demarmels (HerkunftsN mit dem SiedlungsN Marmels, dem deutschen Namen von rätorom. Murmarera bzw. Marmorera). Hybride FamN mit einer italienischen Präposition sind nicht bekannt. In Hybridbildungen kann das deutsche Namenelement die ursprüngliche Form aufweisen (z. B. de Stockalper) oder verschiedene phonologisch-graphematische Adaptionen durchlaufen haben (z. B. de Lenzbourg). 8 In der vorliegenden Namenauswahl kann die französische Präposition de Adelsstatus ausdrücken. Frz. de bzw. dt. von wurden v. a. im 18. Jh. den FamN vorangestellt, um Zugehörigkeit zur elitären Oberschicht des Patriziats zu markieren. 9 Bis auf den FamN Darx (← d’Arx), bei dem anlautendes d’ vermutlich nicht mehr als eigenständiges Namenelement aufgefasst wurde, zeigt die Präposition frz. de in Hybridbildungen Kleinschreibung. Die französischen Präpositionen mit Artikel du, de la oder des sind als Adelsprädikat nicht produktiv. Die Hybridbildungen können nach geographisch-historischen Kriterien in vier Gruppen unterteilt werden: 1. Kanton Freiburg, 2. Kantone Neuenburg und Waadt (die hier wegen der gemeinsamen Genese zusammengeführt werden), 3. Kanton Wallis (sowohl der deutschals auch der französischsprachige Teil) und 4. Kanton Graubünden. Eine fünfte Gruppe umfasst die restlichen FamN, die weder historisch noch geographisch einheitlich zusammengeschlossen werden können. Die besprochenen FamN werden hier tabellarisch und nach Gruppe getrennt dargestellt (vgl. Tabelle 281, Tabelle 282, Tabelle 283). Für jeden ausgewählten Namen (erste Spalte) wird der Kanton angegeben, in dem der Bürgerort liegt (zweite Spalte). Sofern vorhanden, wird in der dritten Spalte das genealogische Pendant aufgeführt (d. h. der FamN mit der Präposition von oder dem blossen Grundwort) und mit dem jeweiligen Kanton des Bürgerorts ergänzt (vierte Spalte). Alle Namen gehören, wenn nicht mit «urk.» (für ‘urkundlich’) gekennzeichnet, zur Zeitschicht «vor 1800». Die urkundlichen Familiennamenbelege stammen aus Furrer (2002: 364). Karte 270: FamN mit Präposition de und einem deutschen Namenelement, vor 1800 u. Herkunft 8 Vgl. Artikel I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». 9 Für Näheres zu den PatrizierN vgl. Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 3.7 Familiennamen mit der Präposition de 593 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="594"?> de-FamN Kanton des Bürgerorts (vor 1800) von-Pendant/ ursprünglicher FamN Kanton des Bürgerorts (vor 1800 oder urk.) d’Amman FR Ammann FR d’Ammann FR Ammann FR Darx FR Vonarx BL de Bourgknecht FR Bourgknecht FR de Buman FR Bumann, Baumann mehrere de Diesbach FR Diesbach FR de Diesbach- Belleroche FR Diesbach FR de Gottrau FR Gottrau FR de Landerset FR urk. Landerset FR de Lenzbourg FR urk. von Lenzburg, Lentzburger FR de Montenach FR urk. Montenach FR de Reyff FR Reiff , Reif FR de Reynold FR Reinold FR de Schaller FR Schaller BE de Techtermann FR Techtermann FR de Weck FR urk. Weck FR Tabelle 281: FamN mit Präposition de (Hybridbildungen) im Kanton Freiburg de-FamN Kanton des Bürgerorts (vor 1800) von-Pendant/ ursprünglicher FamN Kanton des Bürgerorts/ Herkunftsland (vor 1800 oder urk.) de Bonstetten NE von Bonstetten BE de Kennen NE - - de Büren NE, VD von Büren BE, SO, NW de Buren VD, BE von Büren BE, SO, NW d’Erlach VD von Erlach BE de Fischer VD von Fischer BE, VD de Hennezel VD - Frankreich de Lerber VD von Lerber BE de Niederhäusern VD von Niederhäusern BE de Siebenthal VD von Siebenthal BE de Tavel VD von Tavel BE de Tscharner VD von Tscharner BE de Weiss VD von Weiss BE Tabelle 282: FamN mit Präposition de (Hybridbildungen) in den Kantonen Neuenburg und Waadt de-FamN Kanton des Bürgerorts (vor 1800) von-Pendant/ ursprünglicher FamN Kanton des Bürgerorts (vor 1800 oder urk.) de Riedmatten VS frz. von Riedmatten VS dt. de Stockalper VS frz. von Stockalper, Stockalper VS dt. de Kalbermatten VS dt. Kalbermatten, Kalbermatter VS dt. de Werra VS dt. von Werra VS dt. Tabelle 283: FamN mit Präposition de (Hybridbildungen) im Kanton Wallis Die Freiburger de-Namen (Tabelle 281) sind im 18. Jh. durch Hinzufügen der Adelspartikel an einen bestehenden FamN entstanden. In einigen Fällen war dieser Freiburger FamN zuvor (etwa im 15. und 16. Jh.) germanisiert worden, z. B. Landerset ← frz. Landriset (Furrer 2002: 364). Für die meisten Neuenburger und Waadtländer de-Namen (Tabelle 282) kann hingegen von einer späteren Übersetzung der Präposition von ausgegangen werden, z. B. von Fischer → de Fischer. Die Namenträger: innen stammten aus Bern und wurden im 18. Jh. in der Waadt eingebürgert. Der Zeitpunkt der Einbürgerung stimmt mit der Epoche überein, als Berner Patrizierfamilien über Herrschaften und Besitztümer in den französischsprachigen Gebieten der Westschweiz verfügten (e-HLS 2003: s. v. von Büren; e-HLS 2004: s. v. von Bonstetten). Die Adelspartikel de wurde durch Substitution des dt. von neben den ursprünglich deutschen FamN gestellt, ohne dass dieser formal geändert wurde. Dadurch sind Namendubletten des Typs de Niederhäusern / von Niederhäusern entstanden. In einigen Fällen muss der umgekehrte Prozess angesetzt werden: Der FamN de Tavel ist älter als sein deutsches Pendant von Tavel (e-HLS 2012: s. v. von Tavel ). Nur durch eine historische Sondierung lässt sich die Chronologie der Entstehung der einzelnen FamN umreissen. Eine ähnliche Kopräsenz von de- und von-Namen ist in beiden Sprachregionen des Kantons Wallis zu finden (Tabelle 283). Weitere hybride de-Namen in der Deutschschweiz sind de Meyer und de Meyeres in Oeschgen (AG) und de Gunten in Sigriswil (BE) (vgl. in der gleichen Gemeinde auch von Gunten). Die beiden im Kanton Genf belegten FamN de Hesse und de Stoutz, sowie Couvreu de Deckensberg (VD), gehen auf Familien zurück, die aus Deutschland eingewandert sind. Kommentar: Die zweite Karte zeigt - in Übereinstimmung mit der oben genannten Gliederung (Tabelle 281, Tabelle 282, Tabelle 283) - für die Zeitschicht «vor 1800» drei Cluster von Hybridbildungen mit der Präposition de. Am häufigsten kommen solche FamN im Kanton Freiburg vor (26 Tokens), mehr als die Hälfte davon in der Kantonshauptstadt selbst. Im Kanton Waadt sind sie ebenfalls zahlreich vertreten (16 Tokens). Häufungen zeigen sich insbesondere in der Region zwischen Nyon und Morges. Im deutschsprachigen Wallis kommen die Hybridbildungen neben Einzelbelegen als Namennest im Bezirk Leuk vor. 594 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="595"?> Ergebnisse Die FamN mit der Präposition de verteilen sich räumlich auf das ganze romanische Sprachgebiet. Dabei können innerromanische Konvergenzen und Divergenzen konstatiert werden: Während die französisch- und die italienischsprachigen FamN sowohl die einfache Form als auch zusammengesetzte Formen der Präposition de aufweisen, beschränken sich die FamN der Rätoromania auf erstere, was auf eine analogische Ausbreitung nach immer gleichem Muster hindeutet. Auch die dort festgestellte niedrigere Frequenz des Typus im Vergleich zu den anderen romanischen Sprachgebieten kann auf die Abwesenheit von Varianten der Präposition de zurückgeführt werden. Eine weitere Spezifität des Phänomens in der Romania beruht auf der Kombination der Präposition de mit einem deutschen Namenelement (de Niederhäusern). In solchen Hybridbildungen, die für die Zeitschicht «vor 1800» hauptsächlich in den Kantonen Freiburg, Neuenburg, Waadt und Wallis belegt sind, übernimmt die Präposition de vorwiegend die Funktion, Angehörigkeit zu einer sozialen Oberschicht anzuzeigen, während sie in Bildungen mit gleichsprachigem Namengut prinzipiell Herkunft und Zugehörigkeit ausdrückt. Auch ausserhalb der Romania kommt der hybride Namentyp vor, insbesondere im deutschsprachigen Teil des Kantons Wallis. Namendubletten wie de Riedmatten / von Riedmatten (VS) weisen auf sprachliche und soziale Interferenz hin. Die hybriden FamN bieten Einblicke in die in der früheren Neuzeit intensiven Beziehungen der deutschsprachigen Eidgenossenschaft (d. h. die Eidgenossenschaft der Dreizehn Orte) zu den Gebieten der französischsprachigen späteren Westschweiz - u. a. durch die Eroberung der savoyischen Waadt durch Bern, Freiburg und Wallis sowie die jahrhundertelange Verwaltung, die durch Landvögte aus deren deutschsprachigen Eliten in den französischsprachigen Untertanengebieten ausgeübt wurde (e-HLS 2024: s. v. Frankreich). Als Fazit für die Situation in der Schweiz (Zeitschicht «vor 1800») lässt sich sagen, dass die Präposition de, analog zur Präposition von, je nach sprachlichem und formalem Kontext unterschiedliche onymische Funktionen übernehmen kann: In FamN der romanischsprachigen Schweiz drückt de in Kombination mit einem gleichsprachigen Namenelement prinzipiell Herkunft und Zugehörigkeit aus. In Verbindung mit einem deutschen Namenelement markiert die Präposition hingegen den elitären sozialen Status der Namenträger: innen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Dubois (1'767 Tokens), Derungs (1'635 Tokens) und Dubuis (1'057 Tokens). Auffällig ist die grosse Präsenz von portugiesischen FamN mit der Präposition de in der rezenten Rangliste der FamN der ständigen Wohnbevölkerung in der französischsprachigen Schweiz (BFS 2023: STATPOP 2022): Hier belegt da Silva den ersten, dos Santos den vierten und da Costa den 17. Platz. Die duale onymische Funktion der Präposition de (s. Abschnitte «Hintergrund» und «Ergebnisse») lässt sich in der Schweiz auch für das deutsche Pendant von beobachten. So tritt der präpositionale Bestandteil von in der Deutschschweiz tokenfrequenziell gesehen in erster Linie in Herkunfts- und WohnstättenN auf. Seine besondere Funktion, die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe auszudrücken, wird ausführlich im Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de» diskutiert. Gegensätzlich verhält sich jedoch das Vorkommen der Präposition-Artikel-Enklise in Namen der verschiedenen Sprachregionen: Während in der Deutschschweiz die Varianten von der und vom nur spärlich auftreten, 10 sind in den französischen und den italienischen FamN Präposition-Artikel-Enklisen wie frz. du oder ital. del(la) häufig bezeugt. Die rätoromanischen Gebiete und die Deutschschweiz zeigen hier formale Übereinstimmung, indem lediglich die einfache Präposition vorkommt. Hybridbildungen des Typus «Präposition von + romanisches Namenelement» sind, bis auf den FamN Vonmont (GR), nicht dokumentiert. Vergleich mit benachbartem Ausland: Die Verbreitung von französischen FamN mit der Präposition de in Deutschland wird anhand von FamN des Typs Dupont in Nübling/ Kunze (2023: 111) behandelt und in Abbildung 57 visualisiert. Hybridbildungen werden dort nicht diskutiert. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2023): STATPOP 2022. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Kanton und nach Sprachregion für das Jahr 2022. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 26925057 (letzter Zugriff 20.03.2024). Caffarelli, Enzo (2016): Cognomi in Italia: storia, tipologie, significati e statistiche in 450 domande e risposte (L’arte del nome 9). Roma: SER. DRG = Dicziunari Rumantsch Grischun (1939 ff.): Bd. 1 ff. Chur: Bischofberger, dann Winterthur: Stamparia, dann Chur: Societad Retorumantscha. e-HLS = Braun, Hans (2012): von Tavel (BE). Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 020910/ 2012-08-14/ (letzter Zugriff 20.03.2024). e-HLS = Dubler, Anne-Marie (2004): von Bonstetten. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 016543/ 2004-08-11/ (letzter Zugriff 20.03.2024). 10 Vgl. Artikel II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von». 3.7 Familiennamen mit der Präposition de 595 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="596"?> e-HLS = Dubois, Alain et al. (2024): Frankreich. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 003354/ 2024-02-07/ (letzter Zugriff 20.03.2024). e-HLS = Hälg-Steffen, Franziska (2003): von Büren (NW). Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 020246/ 2003-04-10/ (letzter Zugriff 20.03.2024). FEW = Französisches Etymologisches Wörterbuch. Eine Darstellung des galloromanischen Sprachschatzes (1928 ff.): Bd. 1 ff. Basel et al.: Zbinden et al. Furrer, Norbert (2002): Die vierzigsprachige Schweiz. Sprachkontakte und Mehrsprachigkeit in der vorindustriellen Gesellschaft (15.-19. Jahrhundert). Bd. 1: Untersuchung. Zürich: Chronos. Lurati, Ottavio (2000): Perché ci chiamiamo così? 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Bern: Francke. Linda Steiner 596 3 Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="597"?> 4 Verbindungen mit verbalen, nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen 4.1 Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen Schlagwörter: Berufsübername, Definitartikel, Präposition, Übername Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel widmet sich FamN, die etymologisch einen SatzN mit verbalem Bestandteil darstellen. Dieser Gegenstand ist insofern relevant, als solche Namen stets als besonders auffallend und eigenartig herausgestellt werden (Dittmaier 1956: 7), weil sie ein syntaktisch komplexes Gebilde darstellen und als Resultat der Zusammenrückung betrachtet werden können. SatzN als sprachliche Gebilde werden zudem des Öfteren als Entlehnung aus dem Romanischen, insbesondere aus dem Französischen, erklärt. Damit läge mit den SatzN ein Sprachkontaktphänomen in «einem großen zusammenhängenden romanisch-deutschen Komplex» vor (Dittmaier 1956: 93). Andererseits werden SatzN als eine gesellschaftliche Mode erklärt (Loy 1961: 535), was sie in sozioonomastischer Hinsicht zu einem relevanten Forschungsgegenstand macht. Da SatzN schon lange als BeiN fungieren (vgl. Gottschald 2006: 56-57) und seit dem hohen Mittelalter, so auch in der Schweiz, dokumentiert sind, sind sie ausserdem durch ihr hohes Alter gekennzeichnet. Hintergrund: Als SatzN sind solche Namen zu bezeichnen, die aus einem vollständigen oder elliptischen Haupt- oder Nebensatz bestehen (Hagström 1952: 3) - oder wie es Nübling/ Fahlbusch/ Heuser (2015: 155-156) beschreiben: «Sog. SatzN enthalten Verben und beschreiben Verhaltensauffälligkeiten oder Aussprüche des ersten Namenträgers». 1 Ihre Entstehung und Verbreitung wird meist im hohen und ausgehenden Mittelalter verortet (Keinath 1951: 163; Dittmaier 1956: 82; Schützeichel 1982: 144; Gottschald 2006: 59; Graf 2018: 47). Morphologisch sind sie als das Resultat der Zusammenrückung aufzufassen: Zusammenrückung liegt dann vor, «wenn sich eine syntaktische Gruppe unter Beibehaltung der Wortformen und der Wortfolge so zusammenschließt, daß daraus ein neues Wort entsteht, und zwar ein Substantiv mit entsprechender kategorieller und einer bestimmten lexikalischen Bedeutung» (Gottschald 2006: 55). In Anlehnung an Dittmaier (1956: 15-75) unterscheidet Gottschald (2006: 57-59) 16 verschiedene formale Satznamentypen (zum Vergleich s. die Typologie nach Bach 1952: 142-143). Für die vorliegende Untersuchung sind insbesondere die folgenden fünf Typen von Belang: • «Verb + Substantiv» (ohne Artikelwort) wie Brennwald ‘Brenn [den] Wald’ oder Kecheisen ‘Quick [das] Eisen’ und dessen Umkehrung «Substantiv + Verb» (ohne Artikelwort) wie Winzap ‘der den Wein anzapft’; • «Verb + Artikelwort + Substantiv» wie Feigenwinter ← mhd. veig den winter ‘Vernichte den Winter’ oder Haudenschild ‘Hau den Schild’; • «Verb + Adverb» 2 wie Hablützel ‘[Ich] habe wenig’ oder Schafflützel ‘[Ich] arbeite wenig’; • «Verb + Personalpronomen» wie Habs ‘[Ich] habe es’; • «Adverb + Verb» wie Nievergelt ‘derjenige, der nie zurückbezahlt’ oder Wolleb ‘derjenige, der gut lebt’. Im historischen Quellenmaterial von Dittmaier (1956: 76), das aus dem gesamten deutschsprachigen Raum stammt, überwiegen die Typen «Verb + Substantiv» und «Verb + Artikelwort + Substantiv» zahlenmässig gegenüber anderen Bildungsmustern (vgl. die Auszählung in Hellfritzsch 1982: 28). Dies trifft gleichermassen auf das Quellenmaterial Kohlheims (2011: 288-289) für die Stadt Regensburg auf Grundlage des Regensburger Urkundenbuchs und auf das Quellenmaterial Hellfritzsch’ (1982: 28) für den Raum Thüringen/ Obersachsen zu. Die Aussage Gottschalds (2006: 58), dass der Bildungstyp «Verb + Adverb» auch als «[r]elativ stark vertreten» gelte, ist zu verwerfen, da dieser Typ nur etwas mehr als 2 % des Belegmaterials ausmacht, das Hellfritzsch (1982: 28) auswertet. Gemäss dem Material von Dittmaier (1956) und Hellfritzsch (1982: 28) nehmen die weiteren Bildungsmuster «Verb + Präposition» und «Verb + Präposition (+ Artikelwort) + Substantiv» eine Mittelposition ein. Bei den formalen Ausprägungen «Verb + Substantiv» und «Verb + Artikelwort + Substantiv» werden die artikellosen Bildungen als älter angesehen (Bach 1952: 142; Dittmaier 1956: 77; Hellfritzsch 1982: 30; vgl. bereits Grimm 1826: 961). Gemäss Dittmaier (1956: 77) entwickelt sich der jüngere Typ «Verb + Artikelwort + Substantiv» aus dem älteren Typ «Verb + Substantiv» und insgesamt dient, so Dittmaier (1956: 78), der Typ «Verb + Substantiv» entstehungsgeschichtlich als «Vorlage» für alle weiteren Typen, z. B. «Verb + 1 Für Zusammenrückungen ohne verbale Komponente s. Artikel II-4.2 «Zusammenrückungen mit nominalen und adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen». 2 In der Literatur findet hierfür auch der Begriff Adverbialsubstantiv Verwendung, so bei Dittmaier (1956: 60-61), Gottschald (2006: 57), Hellfritzsch (1995: 436) und Schützeichel (1982: 111); der Terminus bezieht sich auf Namenelemente wie -lützel (zu mhd. lützel ‘klein’) in Hans Hablützel (1497, Freiburg i. Ü.) oder -chli (zu schwzdt. chli ‘klein’) in Hans Häpchli (1510, Freiburg i. Ü.) (Belege nach Dittmaier 1956: 60). Diese Namenelemente stellen im Kontext des Namens «Objekte» dar und sind «stets subst[antivierte] Adjektive» (Dittmaier 1956: 60). Adverb wird hier in Anlehnung an die vorliegende Literatur auch für adverbial gebrauchte Adjektive verwendet. Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="598"?> Substantiv» → «Verb + Adverb». Der Typ «Verb + Substantiv» ist bspw. bereits vor 1150 urkundlich belegt, der Typ «Verb + Adverb» (z. B. Schafflützel ) tritt hingegen gemäss dem Quellenmaterial Dittmaiers (1956: 78) erstmals im Jahre 1338 auf. Bezogen auf seine oberrheinischen Quellen gehören nach Socin (1903: 466) Exemplare des Bildungsmusters «Verb (+ Artikelwort) + Substantiv» zu den frühesten Belegen für SatzN, bspw. Zukeshach ‘Zücke den Sack’ (1214), Loscebrant ‘Lösche den Brand’ (1229), Schaltenbrand ‘Schalte den Brand’ (1244), Hebestrit ‘Hebe den Streit’ (1256) und Schertlaip ‘Scherte (verletze) den Leib’ (1256) (vgl. Studerus 1926: 185-188 zu den SatzN in Freiburg i. Ü.). Dittmaier (1956: 78) zufolge liegt die Wiege des ältesten Namenbildungstyps «Verb + Substantiv» im Raum des mittleren Rheins und der Mosel, von wo aus sich das Bildungsmuster über die hoch- und spätmittelalterlichen Verkehrswege nach Norden, Osten und Süden ausgebreitet habe. Der Satznamentyp «Verb + Artikelwort + Substantiv» nimmt gemäss Dittmaier (1956: 77) erst im Verlauf des 14. und 15. Jh. an Typenfrequenz zu. Die Auszählungen von Hellfritzsch (1982: 29) bestätigen diese Tendenz in quantitativer Hinsicht für den gesamten deutschen Sprachraum: SatzN nehmen im 13. Jh. sprunghaft und im 14. Jh. allmählich in der Frequenz zu, bis sie in der zweiten Hälfte des 15. Jh. einen Höhepunkt erreichen und dann wieder abebben. 3 Dittmaier (1956: 77) weist zugleich darauf hin, dass das Bildungsmuster der SatzN «im wesentlichen eine Eigenheit des süddeutschen Sprachraumes» darstellt. Dass es sich bei SatzN um einen alten Bildungstyp in der Schweiz handelt, bezeugen Belege in historischen Schweizer Quellen, z. B. Hassewin ‘Hasse [den] Wein’ (1150-1185) in Zürich (Baumgartner 1983: 99), Smeltzisen ‘Schmelze [das] Eisen’ (1390) in Freiburg (Studerus 1926: 185) oder Schütt-den-Ars ‘Schwing den Arsch’ zu mhd. schüt(t)en ‘schwingen’ und mhd. ars ‘Arsch’ (1331) als BeiN (auch «Zuruf an einen Lamarsch» zu schwzdt. Lamarsch ‘fauler, langsamer Mensch’; Id. 1 1881 ff.: Sp. 467). In Urkunden aus Zürich findet sich gemäss Baumgartner (1983: 98) ein Namenbeleg Ru ᵉ fwin von 1250 für den Weinrufer, einen Beamten «zur kontrolle des weinausschanks und zur festsetzung der steuern» (DWb 28 1854-1961: Sp. 985). Tobler-Meyer (1894: 15) berichtet von einem Basler Hebdenstreit im 17. Jh. Für weitere Beispiele aus Zürcher, Basler und Freiburger Quellen sei auf Baumgartner (1983: 99), Socin (1903: 463-465) und Studerus (1926: 185-188) verwiesen. SatzN sind über die Deutschschweiz hinaus auch in den romanischsprachigen Teilen der Schweiz bezeugt, z. B. ital. Fumagalli ‘derjenige, der Hühner stiehlt’, Paravicini ‘derjenige, der die Nachbarn hintergeht’, und sind, wie bereits erwähnt, auch im französischen Sprachraum verbreitet, z. B. Gagnebin ‘derjenige, der gut gewinnt’. In manchen Fällen mag es als strittig erscheinen, ob es sich bei SatzN um Imperativformen oder um Formen der 1. Person Singular Präsens handelt (vgl. Fleischer 1964: 119; Gottschald 2006: 57; Graf 2018: 47-48). Gemäss Dittmaier (1956: 7-8) ist die Auffassung solcher SatzN als Imperativformen Standpunkt der älteren Forschung, wohingegen die jüngere Forschung darin grossteils Bildungen der 1. Person Singular Präsens sehen will. Gottschald (2006: 57) betont dennoch, dass die Bildungen «den Imperativcharakter der zur Basis einer impliziten Ableitung gewordenen Sätze» haben. Ähnlich argumentiert Henzen (1965: 84), dass «im ursprünglichen Kompositionstyp das erste Glied nichts Imperativisches aufwies, aber wohl - inhaltlich wie formal - als Imperativ umgedeutet werden konnte» (ähnlich auch Dittmaier 1956: 8, 91). Bach (1952: 143) sieht in manchen SatzN weder eine Imperativform noch eine Bildung der 1. Person Singular Präsens, sondern vermutet bisweilen auch einen Zusammenhang mit den Verbalkomposita. So könnte z. B. Spalteisen ‘Eisen zum Spalten’ bedeuten; Ähnliches gilt auch für Haueisen, Schabeisen usw. (s. auch Dittmaier 1956: 81-82). In Bezug auf die sogenannten Umkehrungen wie bspw. die Bildungstypen «Substantiv + Verb» (Winzap) und «Adverb + Verb» (Thürkauf , Wohlwend ) geht Dittmaier (1956: 80-81) schliesslich von einem möglichen Zusammenhang mit den Nomina agentis (wie z. B. ahd. forasago ‘Prophet’, ahd. rātgebo ‘Berater’) aus: 4 Die Möglichkeit solcher Bildungen ist zwar mit dem Aufkommen des Lehnsuffixes -āri (nhd. -er) in althochdeutscher Zeit abhanden gekommen, doch ist nicht auszuschliessen, dass «überkommene Reste» noch als «Muster für Neubildungen» dienten (Dittmaier 1956: 80). Alles in allem können die SatzN also formal unterschiedlich gedeutet werden. SatzN treten oft als indirekte Berufsbezeichnungen (Loy 1961: 532; Gottschald 2006: 55) oder als ÜberN (Loy 1961: 532; Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 155-156) auf. Im Vergleich zu anderen BerufsN fokussieren SatzN oft einen «Teilaspekt [der] Erwerbstätigkeit» der Namenträger: innen (Kohlheim 2011: 292; s. auch Hellfritzsch 1982: 35). So benennen SatzN «eine Person in bezug auf eine konkrete, mit dem Beruf verbundene spezielle (Teil-)Tätigkeit, die dem Namengeber aus subjektiver Sicht als auffällig, bemerkenswert, charakteristisch erscheint und oft nur einen ausgesprochenen Nebenaspekt des beruf lichen Handelns betrifft» (Hellfritzsch 1982: 35). Loy (1961: 534-535) erkennt in der Vergabe eines SatzN als BerufsüberN zudem einen praktischen Zweck: Wurde an einem Ort derselbe Beruf von mehreren Personen ausgeübt, konnte mit Hilfe von SatzN der Beruf der Namenträger: innen erkannt und gleichzeitig eine eindeutige Identifizierung der Namenträger: innen (ohne Verwechslungsgefahr) gewährleistet werden. Erfolgte die Vergabe eines SatzN als ÜberN, dann wurden mit dem ÜberN insbesondere jene Erscheinungen angesprochen, die «die öffentliche Meinung als negativ» betrachtete (Kohlheim 2011: 290), so bspw. Essen und Trinken, Streit und Gewalttaten oder Gleichgültigkeit und Unbekümmertheit (vgl. Kohlheim 2011: 290-292). Dabei trugen die Menschen nicht notwendigerweise die Eigenschaften selbst: So sieht Loy (1961: 535-536) eine Mode der damaligen Zeit darin, dass Leute ein Vergnügen daran hatten, «sich mit Namen zu zieren, die sie als arbeitsscheu, lebenslustig und leichtlebig, rauf lustig, sorglos, unmäßig im Essen und Trinken, unstät, verschwenderisch und dem Wohlleben ergeben hinstellten». Zur Motivik, wie aus einem SatzN ein solcher BeiN entstehen könnte, gibt es unterschiedliche Vorschläge: Gemäss Behaghel (1924: 134) handelt es sich bei SatzN um das Resultat eines Nachahmungsprozesses, bei dem «der Vogel seinen Gesang, seinen Ruf als Namen 3 Im Raum Thüringen/ Obersachsen machen die SatzN etwa 6 % bis 8 % der ÜberN im historischen Quellenmaterial zu den Städten aus; in Regensburg beläuft sich der Anteil an SatzN ebenfalls auf etwa 6 % (Hellfritzsch 1982: 34; Kohlheim 2011: 288). 4 Zu Nomina agentis auf ahd. -o vgl. Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 598 4 Verbindungen mit verbalen, nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="599"?> [erhält], der Mensch das Wort [oder] die Wendung, die er gerne im Munde führt». Solche Erklärungsansätze, die die SatzN als aus einer Redensart entstanden betrachten, gelten zwar gemäss Loy (1961: 532) für einige sogenannte «Redensartnamen» wie z. B. Gottbewahr, Lohndirgott. Ihre Zahl ist jedoch dermassen gering, dass die Erklärung keine Allgemeingültigkeit beanspruchen kann (Loy 1961: 532). Fleischer (1964: 119) sieht die Motivation für die Bildung von SatzN in der Bildung und Vergabe heutiger SpitzN widergespiegelt: Wie ein solcher Satzname als Übername entstehen kann, zeigen heutige Spitznamen. In der Stadt Langenfeld pf legten die Kinder einen Gaslaternenanzünder mit dem Rufe zu foppen: «August, belle mal! ». Daraus entstand der Spitzname August Bellemal. Als Erklärung für die sprachhistorische Genese von SatzN nennt Gottschald (2006: 59), Dittmaier (1956: 83-93) folgend, einen möglichen Einf luss aus romanischen Sprachen, insbesondere aus dem Französischen. Dittmaier (1956: 86) sieht im Bildungsmuster konkret eine Lehnübersetzung aus dem Französischen: Bei diesem Vorgang und dessen Ausbreitung spielten insbesondere höhere Gesellschaftsschichten im rheinischen Raum, allen voran das Bürgertum und die Ritterschaft, eine bedeutsame Vermittlerrolle. Für eine Entlehnung aus dem Französischen spricht nach Gottschald (2006: 59) die Tatsache, dass der formale Bildungstyp «Verb + Substantiv» älter ist als der Bildungstyp «Verb + Artikelwort + Substantiv». Belege für ersteres Muster tauchen bereits Anfang des 12. Jh. auf, und zwar aus dem Westen des deutschen Sprachraums (s. auch Dittmaier 1956: 85; Schützeichel 1982: 144). Hellfritzsch (1982: 30) sieht in der These einer Lehnübersetzung zwei Schwächen: Zum einen setze dies «einen relativ entwickelten naturalen Bilingualismus» voraus, zum anderen sei dies «mit der raschen Ausbreitung der S[atz]N auch in den volkreichen Städten des nd. Sprachraums und des Ostens sowie der […] vehementen Entwicklung in Thüringen-Obersachsen» kaum in Einklang zu bringen. Nicht auszuschliessen ist allerdings eine Polygenese mit unabhängiger Entstehung in romanischen und germanischen Sprachen (Gottschald 2006: 59). Dabei schliesst Dittmaier (1956: 94) eine Polygenese innerhalb der romanischen Sprachen aus und sieht darin eine «gemeinromanische Erscheinung». Hellfritzsch (1982: 31) wiederum geht von einer Wortbildungskonstruktion aus, deren «spezifische grammatisch-semantische Struktur […] durch eine bis dato im Deutschen nicht vorhandene Verb-Substantivbzw. Prädikat-Objekt-Beziehung mit […] neuartigen syntagmainternen Relationen» zum Ausdruck kommt. Gemäss Hellfritzsch (1982: 30) sei die Wortbildungskonstruktion der SatzN auf eine Verbalphrase zurückzuführen. Dabei komme das ausbleibende Subjekt wiederum «durch den Akt der Referenz und die damit verbundene Identifikation eines konkreten Individuums gleichsam auf konkrete Weise» ins Spiel. Loy (1961) sieht in der Entstehung der SatzN andere Motivationen. So nähmen SatzN nach Loy (1961: 533) eine «Sonderstellung» unter den FamN ein, weil die meisten SatzN - im Gegensatz zu den meisten FamN, die in dem Sinne «Emporkömmlinge» sind, als sie nicht von Anfang an ZuN waren, sondern ursprünglich Tauf N, Berufsbezeichnungen und dergleichen - als ZuN «bewußt geschaffen» wurden: Die bewußt geschaffenen Zunamen bilden in gewissem Sinne ein Gegenstück zu den bewußt geschaffenen altdeutschen Taufnamen, freilich mit einigen Unterschieden; während die meisten altdeutschen Taufnamen mit heiligem Ernst gebildet sind, finden wir in den bewußt geschaffenen Satznamen Humor und Übermut und zum Teil auch Stumpfsinn. Gleich ist aber bei beiden Namengattungen das Bestreben, immer wieder neue Namen unter Verwendung von Bestandteilen der alten zu bilden, ohne dabei immer auf den Sinn zu achten (Loy 1961: 533). Gemäss Loy (1961: 534) sind die SatzN also durch ihre «abwechselnde Zusammensetzung wiederkehrender Bestandteile» gekennzeichnet, die in der Einzelbetrachtung nicht notwendigerweise Sinn ergeben (Loy 1961: 536). Sie stellen vielmehr «zum großen Teil willkürliche Wortspielereien» dar (Loy 1961: 537). Durch die sich wiederholenden, sich abwechselnden Bestandteile ergibt sich «eine endlose Namenkette» als eine vernünftige Ordnung; bspw. existieren neben Schafflützel auch Schaffrat mit demselben Erstglied sowie Hablützel mit demselben Zweitglied (Loy 1961: 536). Solche Namen sind daher als Glieder einer Namenreihe zu verstehen, bei der die SatzN nicht in Bezug auf tatsächliche Verhältnisse entstanden sind, sondern in paradigmatischer Hinsicht «wohl unter Beziehung aufeinander» (Loy 1961: 536). Auch in sozioonomastischer Hinsicht sind die SatzN von Interesse. Bspw. gibt es Indizien dafür, dass SatzN «eher eine sozial geringere Stellung» andeuteten (Hellfritzsch 1982: 33). So trugen «Strauchritter […], Kriegsleute und Landknechte sowie soziale Außenseiter im weitesten Sinne» solche Namen; z. B. wurde im 12. Jh. «ein ritterlicher Bastard aus dem Kanton St. Gallen» Windenhengst genannt (Hellfritzsch 1982: 34). Darüber hinaus sind SatzN für Handwerker zahlreich belegt, was auf die besondere Bedeutung der SatzN für das (Klein-)Bürgertum der Städte, aber auch für die bäuerliche Bevölkerung, aufmerksam macht (vgl. Hellfritzsch 1982: 34). Loy (1961: 535) zufolge sind die ÜberN in Form von SatzN «in lustiger Gesellschaft» und «zum Teil anfänglich nur für gesellige Zwecke, besonders im Kreise der Handwerkgesellen», aufgekommen. Fragestellungen: In der ersten Karte wird den Fragen nachgegangen, welche Bestandteile die SatzN aufweisen und ob die SatzN in Bezug auf ihre Bestandteile räumliche Muster zeigen. Die zweite Karte greift die Frage auf, ob sich bei SatzN, die ein verbales und ein substantivisches Element enthalten, eine Raumstruktur hinsichtlich der Reihenfolge ihrer Bestandteile ergibt. Da sich die SatzN i. d. R. den BerufsüberN oder den ÜberN zuordnen lassen, werden in der dritten Karte die Benennungsmotive in ihrer räumlichen Verbreitung analysiert. Die vierte Karte greift den Gedanken der Namenreihen auf und untersucht, ob Namen mit einem bestimmten Zweitglied areal clustern. In der fünften und der sechsten Karte wird schliesslich untersucht, inwiefern die Namen Gantenbein und Nievergelt in Bezug auf ihre räumliche Distribution Konstanz aufweisen. 4.1 Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen 599 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="600"?> Erste Karte {271}: Satznamen mit verbalem Bestandteil Namenauswahl: Ausgewählt wurden einschlägige Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 5 die aus einer verbalen Komponente sowie einem Substantiv bzw. Pronomen, einer Präpositionalphrase oder einem Adverb gebildet sind. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Verb + Adverb: Gantenbein, Hablützel, Hiestand, Neukomm, Nievergelt, Schafflützel, Thürkauf , Wohlwend, Wolleb. 9 Types, 41 Tokens. Verb + Substantiv: Brennwald, Feigenwinter, Haudenschild, Hauenstein, Kecheisen, Klopfenstein, Klopfstein, Kofmehl, Kofmel, Pfleghard, Pfleghart, Schafroth, Schällebaum, Schällibaum, Schaltenbrand, Schellenbaum, Schertenleib, Singeisen, Spaltenstein, Winzap, Zeerleder. 21 Types, 41 Tokens. Verb + Pronomen: Habs. 1 Token. Verb + Pronomen + Adverb: Drittenbass, Trittenbass. 3 Tokens. Verb + Präpositionalphrase: Haberstich, Schlaginhaufen. 3 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 40-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 284: Daten zur ersten Karte {271} Detailangaben zur Namenauswahl: 6 In der etymologischen Datenbank (Stand 14.07.2023) sind die SatzN nicht konsequent als solche ausgewiesen. Deshalb wurden zur Erstellung des Namensamples zwei verschiedene Suchverfahren miteinander kombiniert. Zum einen wurden diejenigen FamN in der etymologischen Datenbank gesucht, die explizit als SatzN ausgewiesen sind. Zum anderen wurde gestützt auf die Literatur gezielt nach bestimmten SatzN gesucht, um typische Fälle von SatzN abzudecken. Die Namenauswahl umfasst satzartige FamN mit einem verbalen und (pro)nominalen (Kofmel ‘Kaufe [das] Mehl’, Trittenbass ‘Tritt ihn stärker’), adverbialen (Gantenbein ‘singt gut’, Hiestand ‘hier, steh’) oder präpositionalen (Schlaginhaufen ‘Schlag in [den] Haufen’) Bestandteil. Die Namen zählen i. d. R. zu den BerufsüberN oder den ÜberN; das Sample enthält jedoch teilweise auch Namen mit einer uneindeutigen Motivik. Ausgeschlossen wurden die FamN Zuckschwert und Spitznagel für den Nagelschmied aufgrund der Einbürgerung der namentragenden Personen im 19. bzw. 20. Jh. Aufgrund ihrer nicht sicher zu deutenden strukturellen Motivik wurden ferner die FamN Knellwolf , Raaflaub, Regenass, Theilkäs und Wendelspiess von der Untersuchung ausgeklammert. Die Namen Klingelfuss, Klingenfuss und Rathgeb werden Karte 271: SatzN mit verbalem Bestandteil, vor 1800 u. Herkunft 5 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 6 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 600 4 Verbindungen mit verbalen, nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="601"?> als Komposita betrachtet und finden hier deshalb ebenfalls keine Berücksichtigung. 7 Der ÜberN Gantenbein gilt als eingedeutschter Name zu rätorom. canta bein ‘singt gut’ oder ‘der gut singt’; Hiestand bezeichnet eine unruhige Person und Neukomm eine zugezogene Person. Wohlwend bezog sich wohl auf jemanden, «der alles zum Guten wende[n]» konnte (FLNB II/ 4 2008: 449), oder auf «einen gewandten, leutseligen, vermittelnden Mann» (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 180), während Wolleb jemanden benannte, der es sich gut gehen liess. Hablützel ist ursprünglich eine Person, die notorisch auf ihren geringen Besitz aufmerksam machte, und Schafflützel ist jemand, der ungern arbeitete. Nievergelt bezeichnete einen notorisch säumigen Schuldner. Trittenbass bzw. Drittenbass wird im Sinne von ‘Tritt ihn stärker’ interpretiert (zu mhd. baz ‘besser, stärker, mehr’), womit ein ÜberN für eine zu physischer Gewalt neigenden Person vorliegt. Die FamN Feigenwinter, Pfleghard, Pfleghart (zu Pfleghaar und dann zu -hard / -hart umgedeutet) und Schafroth lassen sich ebenfalls alle den ÜberN zuordnen. Ausserdem handelt es sich bei den Namen Habs, Schaltenbrand (in der Bedeutung ‘Schür das Feuer’ zu mhd. schalten ‘(nach) schieben, treiben, schüren’) für einen Brandstifter und Schlaginhaufen für einen Draufgänger um ÜberN. Als BerufsüberN gelten Thürkauf (zu mhd. tiur(e) ‘von hohem Wert, wertvoll, kostbar, teuer’ und mhd. koufen ‘handeln, kaufen’) für einen Kaufmann oder Händler, Haudenschild für einen Waffenhersteller, Kecheisen (‘Quick [das] Eisen’, kechzum Verb quicken ‘mit Quecksilber vermengen, amalgamieren oder davon scheiden’) für den Schmied, Kofmehl und Kofmel (zu mhd. koufen ‘handeln, kaufen’ und mhd. mël ‘Mehl’) für den Mehlhändler oder den Bäcker. Ferner lassen sich Schertenleib (‘Scherte (verletze) den Leib’ zu mhd. scherten ‘(be-)schädigen, verletzen’) für einen Soldaten bzw. Ritter, Winzap (zu mhd. wīn ‘Wein’ und zum Verb zapfen ‘anzapfen’) für einen Wirt und Zeerleder (zu ‘Zerr [das] Leder’) für einen Schuhmacher diesem Benennungsmotiv zuordnen. Überdies handelt es sich bei den FamN Schällebaum, Schällibaum, Schellenbaum (‘Schäl den Baum’ zu mhd. scheln ‘abstreifen, schälen’; Lexer 2 1872-1878: Sp. 695) um BerufsüberN für eine Person, die mit dem Schwenden, also der Rodung, betraut war. Der Name Brennwald ist zweideutig: Mutmasslich galt er für eine Person, die mit Brandrodung betraut war; auch möglich ist ein Herkunfts- oder WohnstättenN zu einem Gebiet namens Brennwald. Auf ähnliche Weise wird Hauenstein entweder als BerufsüberN für eine Person, die mit der Bearbeitung von Steinen betraut war, oder für eine Person aus dem Ort Hauenstein (SO) gedeutet. Den BerufsüberN gehören ausserdem die Namen Klopfenstein, Klopfstein (‘Klopf den Stein’), Singeisen (zu sing in der Bedeutung ‘knistern, prasseln, zischen’ und zu mhd. īsen ‘Eisen’) und Spaltenstein (‘Spalte den Stein’) an. Als erklärungsbedürftig gilt Haberstich, bei dem es sich um einen ÜberN zur Wendung ‘vom Haber gestochen sein’ für einen lebhaften, übermütigen Menschen handelt. Auch wenn dieser FamN streng genommen der Präposition entbehrt, wird er im Folgenden mitberücksichtigt. Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass FamN mit Verb und Substantiv über die Deutschschweiz verteilt sind, während der Bildungstyp mit Verb und Adverb weniger typenfrequent ist und tendenziell im (Nord-)Osten der Schweiz Verbreitung findet. Die FamN mit Verb und Präpositionalphrase sind nur vereinzelt im Aargau (Haberstich) und im Thurgau (Schlaginhaufen) bezeugt. Der SatzN mit Verb und Pronomen (Habs) tritt im Kanton Zürich in Erscheinung. 7 Vgl. Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». Für das Bildungsmuster von Rathgeb vgl. zudem Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 4.1 Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen 601 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="602"?> Zweite Karte {272}: Reihenfolge der Bestandteile in Satznamen Namenauswahl: Ausgewählt wurden einschlägige Namen aus den Schichten «vor 1800» und «Herkunft», die aus einem verbalen und nominalen Bestandteil bestehen und von Berchtold/ Graf (i. V.) als SatzN ausgewiesen werden. Die FamN wurden danach klassifiziert, ob das Verb vor oder nach dem nominalen Objekt steht und ob dem Substantiv ein Artikelwort vorangeht oder nicht. Abgefragte Namen Verb + Substantiv: Brennwald, Kecheisen, Klopfstein, Kofmehl, Kofmel, Pfleghard, Pfleghart, Schafroth, Singeisen, Zeerleder. 10 Types, 19 Tokens. Verb + Artikel + Substantiv: Feigenwinter, Haudenschild, Hauenstein, Klopfenstein, Schällebaum, Schällibaum, Schaltenbrand, Schellenbaum, Schertenleib, Spaltenstein. 10 Types, 28 Tokens. Substantiv + Verb: Winzap. 1 Token. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 40-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 285: Daten zur zweiten Karte {272} Detailangaben zur Namenauswahl: Zur Etymologie und zur Motivik der FamN s. die Ausführungen bei der ersten Karte. Kommentar: Das Bildungsmuster «Verb + Substantiv» hat seinen Schwerpunkt im Kanton Bern, insbesondere in den Verwaltungskreisen Bern-Mittelland und Emmental, sowie im Kanton Basel- Landschaft. FamN mit dieser Bildung kommen aber auch gelegentlich in der Nordostschweiz vor. Der Bildungstyp «Verb + Artikelwort + Substantiv» überwiegt gegenüber den zwei anderen Bildungstypen hinsichtlich Typen- und Tokenfrequenz und weist seiner Frequenz entsprechend eine grössere räumliche Verbreitung auf. Solche Namen verteilen sich räumlich neben der Ostschweiz in nordsüdlicher Richtung in den Kantonen Basel-Landschaft und Bern. Das Bildungsmuster «Substantiv + Verb» (Winzap) ist mit 1 Token am Ort Falera in Graubünden beheimatet. Karte 272: Reihenfolge vom verbalen und nominalen Bestandteil in SatzN, vor 1800 u. Herkunft 602 4 Verbindungen mit verbalen, nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="603"?> Dritte Karte {273}: Berufsübernamen versus Übernamen Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle Namen der ersten Karte, die hier gemäss den Angaben in Berchtold/ Graf (i. V.) entweder den BerufsüberN oder den ÜberN zugeordnet sind, um der Frage nach der räumlichen Verteilung der beiden Benennungsmotive nachzugehen. Abgefragte Namen BerufsüberN: Brennwald, Haudenschild, Hauenstein, Kecheisen, Klopfenstein, Klopfstein, Kofmehl, Kofmel, Schällebaum, Schällibaum, Schellenbaum, Schertenleib, Singeisen, Spaltenstein, Thürkauf , Winzap, Zeerleder. 17 Types, 36 Tokens. ÜberN: Drittenbass, Feigenwinter, Gantenbein, Haberstich, Hablützel, Habs, Hiestand, Neukomm, Nievergelt, Pfleghard, Pfleghart, Schafflützel, Schafroth, Schaltenbrand, Schlaginhaufen, Trittenbass, Wohlwend, Wolleb. 18 Types, 57 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 10-80, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 286: Daten zur dritten Karte {273} Detailangaben zur Namenauswahl: Zur Etymologie und zur Motivik der FamN s. die Ausführungen bei der ersten Karte. Kommentar: Aus der dritten Karte geht hervor, dass die ÜberN gegenüber den BerufsüberN tokenmässig überwiegen. Dabei lässt sich allerdings keine klare Raumbildung erkennen: Beide Motive treten oft nebeneinander auf, so bspw. im Kanton Bern, in den Kantonen Basel-Landschaft und Basel-Stadt sowie im Wahlkreis Toggenburg (SG). Die BerufsüberN kommen zwar in der Tendenz eher westlich vor, die ÜberN hingegen mit einem Schwerpunkt in der Ostschweiz bzw. in der Nordostschweiz; der Wahlkreis Toggenburg (SG) bildet in dieser Hinsicht allerdings eine wesentliche Ausnahme, denn er zeigt eine vergleichsweise hohe Konzentration an BerufsüberN. Karte 273: SatzN nach Benennungsmotiv, vor 1800 u. Herkunft 4.1 Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen 603 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="604"?> Vierte Karte {274}: Namenreihen in Satznamen Namenauswahl: Ausgewählt wurde ein Subset der Namen der ersten Karte, deren Zweitglieder in mindestens zwei verschiedenen Namentypen bezeugt sind. Die Erstglieder werden nicht berücksichtigt, weil sich zu wenige Gruppen für eine Kartierung ergeben haben. Abgefragte Namen Letztglied -bass: Drittenbass, Trittenbass. 3 Tokens. Letztglied -baum: Schällebaum, Schällibaum, Schellenbaum. 10 Tokens. Letztglied -eisen: Kecheisen, Singeisen. 3 Tokens. Letztglied -hard: Pfleghard, Pfleghart. 3 Tokens. Letztglied -lützel: Hablützel, Schafflützel. 8 Tokens. Letztglied -mehl: Kofmehl, Kofmel. 4 Tokens. Letztglied -stein: Hauenstein, Klopfenstein, Klopfstein, Spaltenstein. 10 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 20-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 287: Daten zur vierten Karte {274} Detailangaben zur Namenauswahl: Zur Etymologie und zur Motivik der FamN s. die Ausführungen bei der ersten Karte. Kommentar: Die Zweitglieder bilden in räumlicher Hinsicht Cluster. Die Namenreihen mit den Zweitgliedern -bass, -baum, -hard und -lützel verteilen sich in der Nordostschweiz. Das Zweitglied -eisen findet nahe der deutsch-schweizerischen Grenze Verbreitung und -mehl tritt ausschliesslich im Kanton Solothurn auf. Schliesslich tauchen Belege für die Namenreihe mit dem Zweitglied -stein im Berner Oberland sowie im Kanton Jura, aber auch in den Kantonen Aargau und Zürich auf. Fünfte und sechste Karte {275, 276}: Konstanz von Gantenbein und Nievergelt Namenauswahl: Ausgewählt wurden exemplarisch die beiden FamN Gantenbein und Nievergelt aus den historischen Schichten «vor 1800» und «Herkunft» sowie der rezenten Schicht «2020 Heimatorte» (Datenquelle: BFS). Abgefragte Namen Gantenbein, vor 1800 u. Herkunft: 1 Token. Gantenbein, 2020 Heimatorte: 1'677 Tokens. Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 10-80, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 288: Daten zur fünften Karte {275} Karte 274: Namenreihen in SatzN, vor 1800 u. Herkunft 604 4 Verbindungen mit verbalen, nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="605"?> Karte 275: FamN Gantenbein, vor 1800 u. Herkunft vs. 2020 Heimatorte Karte 276: FamN Nievergelt, vor 1800 u. Herkunft vs. 2020 Heimatorte 4.1 Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen 605 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="606"?> Abgefragte Namen Nievergelt, vor 1800 u. Herkunft: 8 Tokens. Nievergelt, 2020 Heimatorte: 351 Tokens. Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 5-90, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 289: Daten zur sechsten Karte {276} Detailangaben zur Namenauswahl: Zur Etymologie und zur Motivik der FamN s. die Ausführungen bei der ersten Karte. Kommentar: Die Karten stellen jeweils die historische (orange Kreise) und die aktuelle (dunkelblaue Fläche) Verbreitung der FamN Gantenbein bzw. Nievergelt einander gegenüber. Historisch zeigen beide SatzN einen charakteristischen Schwerpunkt im Kanton St. Gallen bzw. im Kanton Zürich. 2020 hat der FamN Gantenbein nach wie vor den Schwerpunkt im Kanton St. Gallen, Nievergelt den seinen nach wie vor im Raum Zürich. Interessant ist, dass im Datenbestand «2020 Heimatorte» beim Namen Nievergelt auch ein Teil des Kantons Graubünden stark hervortritt. Ergebnisse In den Schichten «vor 1800» und «Herkunft» sind insgesamt 35 FamN bezeugt, die sich gestützt auf Berchtold/ Graf (i. V.) etymologisch als SatzN mit verbalem Bestandteil klassifizieren lassen (vgl. erste Karte). Weil die ersten vier Karten mit historischem Datenmaterial jeweils relativ wenige Types und Tokens enthalten, sind Zufallsbefunde nicht ganz von der Hand zu weisen. Als tentatives Ergebnis lässt sich Folgendes festhalten: In Übereinstimmung mit Dittmaier (1956: 76) und Hellfritzsch (1982: 28) erweisen sich SatzN mit Verb und Substantiv als die typen- und tokenfrequentesten Bildungen, die Bildungen mit Verb und Pronomen sowie mit Verb und Präpositionalphrase sind hingegen zahlenmässig schwach. Während Bildungen mit Verb und Substantiv über die gesamte Deutschschweiz verteilt sind, beschränken sich Bildungen mit Verb und Adverb hauptsächlich auf den (Nord-)Osten. In Bezug auf die Frage nach der Zusammensetzung und der internen Reihenfolge der Bestandteile zeigt sich die Bildung «Verb + Substantiv» als weitgehend auf den Kanton Bern beschränkt, wohingegen der Typ «Verb + Artikelwort + Substantiv» zwar mehrheitlich in der östlichen, aber auch in der westlichen Schweiz verbreitet ist. In Bezug auf die Benennungsmotive hat sich kein eindeutiges Raumbild aus der Kartierung ergeben. Die Teiluntersuchung zu den Namenreihen hat gezeigt, dass die Zweitglieder eine eigene regionale Schwerpunktsetzung aufweisen. In kontrastiver Hinsicht ist v. a. der Befund von Bedeutung, dass die Namen mit dem Zweitglied -eisen nahe der deutsch-schweizerischen Staatsgrenze auftreten: Diese Beobachtung ergänzt einen Befund des DFA 3 (2012: 172), dass SatzN mit -eisen in der Gesamtbetrachtung auf das südliche Deutschland beschränkt sind. Schliesslich zeigen die beiden FamN Gantenbein und Nievergelt, die jeweils eine eigentypische historische Verbreitung aufweisen, grösstenteils Stabilität hinsichtlich der räumlichen Schwerpunktsetzung im diachronen Vergleich: Nievergelt bleibt weitgehend auf den Kanton Zürich beschränkt, Gantenbein weitgehend auf den Kanton St. Gallen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Gantenbein (1'677 Tokens), Schafroth (878 Tokens) und Schertenleib (738 Tokens). Als «Modeformen des Mittelalters» (Keinath 1951: 163) hat sich das Bildungsmuster der SatzN «nach dem Vorbild der Personennamen […] auch auf Ortsnamen» ausgedehnt (Stocker 1993: 49). Die Generalisierung der SatzN auch auf Toponyme ist nicht vor dem 13. Jh. erfolgt (Stocker 1993: 50). Bevorzugt wurden mit der Bildungsweise «Häuser, Türme, Burgen, Bergstollen, Fluren und Felder» benannt, seltener hingegen Berge, Städte und Höfe (Stocker 1993: 50; vgl. Horst 1990: 294). Solche SatzN haben etwas über die Lage, die militärische Bedeutung, den wirtschaftlichen Ertrag oder eine Gefahr des Ortes ausgesagt (Stocker 1993: 49-50). So trägt z. B. ein Turm in der Stadtmauer Basels die Bezeichnung Lug ins Land, die das Bildungsmuster «Verb + Präposition + Artikelwort + Substantiv» aufweist und einerseits aus der Lage und andererseits aus der militärischen Bedeutung hervorgeht (Stocker 1993: 51). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 3 (2012: 678-731) werden im Kapitel «Satznamen» auf den Karten 314-337 SatzN in der Form «Verb + Negation» (Habenicht, Achnitz), «Verb + Präposition» (Hopfauf , Klingauf ), «Verb + Substantiv» (Hassenpflug, Reumschüssel ), «Verb + Zweitglied Eisen» (Findeisen, Keckeisen), «Verb + Substantiv Schild, Tanz, Becher» (Hauschild, Schickedanz, Stürzebecher) und «SatzN mit Adverb» (Senftleben, Grathwohl ) dargestellt. Zu SatzN, insbesondere zu SatzN des Bildungsmusters «Verb (+ Artikelwort) + Substantiv», in historischen Quellen im Raum Thüringen/ Obersachsen sowie in der Stadt Regensburg s. Hellfritzsch (1982) und Kohlheim (2011). Für eine in geographischer und zeitlicher Hinsicht umfangreiche, jedoch keineswegs Vollständigkeit beanspruchende Belegsammlung für einen Grossteil des deutschen Sprachraums s. Dittmaier (1956: 15-75). Zu SatzN in HäuserN, FlurN, BergN, GewässerN und SiedlungsN und anderen s. Horst (1990) und Stocker (1993). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. 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Jeffrey Pheiff 4.1 Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen 607 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="608"?> 4.2 Zusammenrückungen mit nominalen und adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen Schlagwörter: Satzname, Übername, Zahlwort Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Im vorliegenden Artikel werden FamN wie Dummermuth oder Frühauf dokumentiert, die etymologisch eine Verbindung aus nominalem und adjektivischem oder adverbialem Bestandteil darstellen. Diese Namen werden als Folge der Zusammenrückung betrachtet (Gottschald 2006: 55). Der Gegenstand ist sowohl diachron als auch diatopisch relevant: Zum einen gewinnen die hier behandelten Namen im 14. und 15. Jh. zahlenmässig an Stärke; in der Gegenwart existieren sie jedoch nur noch in Resten (vgl. Dittmaier 1956: 77). Zum anderen stellen sie «im wesentlichen eine Eigenheit des süddeutschen Sprachraumes» dar (Dittmaier 1956: 77). Berücksichtigt werden im Folgenden weder PräpositionsN noch SatzN mit verbalem Bestandteil, da sie an anderer Stelle behandelt werden. 1 Weil sich die Abgrenzung zwischen Komposita und Zusammenrückungen in gewissen Fällen schwierig gestaltet (Müller/ Olsen 2022: 57), stehen die vorliegende Karte und der Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» in einem engen Zusammenhang. Dies gilt insbesondere für FamN wie Ittensohn oder Langhans, die onymisches Material enthalten und deshalb hier ausgeschlossen werden, auch wenn die Literatur i. d. R. von einer ursprünglich syntaktischen Fügung ausgeht (vgl. Seibicke 2004: 3545; Seibicke 2008: 194). Ausgeklammert werden im Folgenden auch FamN mit ahd., mhd. man ‘Mensch (männlichen Geschlechts in gereiftem Alter), Krieger, Ehemann, Sohn, Diener’ wie Dickenmann, Saurenmann, Starkermann oder Siebenmann, weil die mann-Namen im Artikel II-2.7 «Familiennamen auf -mann» systematisch untersucht werden. Hintergrund: Gemäss Gottschald (2006: 55) liegt Zusammenrückung dann vor, «wenn sich eine syntaktische Gruppe unter Beibehaltung der Wortformen und der Wortfolge so zusammenschließt, daß daraus ein neues Wort entsteht, und zwar ein Substantiv mit entsprechender kategorieller und einer bestimmten lexikalischen Bedeutung». Im Folgenden werden zwei verschiedene Typen von zusammengerückten FamN untersucht: • Ausdrücke, die aus einer koordinierten Nominalphrase (Bergundthal, Leibundgut) oder einer Nominalphrase mit Adjektiv oder Zahlwort als Attribut (Gutjahr, Nünlist zu neun und List) bestehen; • Ausdrücke, die aus einer Verbindung von Adverb und Adverb (Dahinden, Baldenweg zu mhd. balde enwec ‘schnell hinweg’) oder von Adjektiv und Präposition (Gägauf zu mhd. gāch, gæhe ‘ungestüm, schnell, jäh’ und auf , Frühauf ) bestehen. Die Namen dieser zweiten Gruppe gelten als SatzN ohne verbalen Bestandteil. Letztere Bildungen werden von Bach (1952: 143) als «Bildungen ohne Zeitwort», von Gottschald (2006: 59) als «elliptische Formen» und von Dittmaier (1956: 74) als «Bildungen mit imaginärem Verb» bezeichnet. Gemäss Gottschald (2006: 59) sind sie dadurch entstanden, dass sie «aus grösseren Satzzusammenhängen» genommen wurden, etwa Frühauf ← er steht früh auf bzw. steh früh auf . Die hier behandelten Bildungstypen treten auch in historischen Quellen (der Deutschschweiz) auf: • Typ «Adjektiv + Präposition»: Gschwinduff ‘Geschwindauf ’ (Freiburg, 1448) (allerdings womöglich eine Missdeutung; vgl. Studerus 1926: 186); Fruyguff , Fruvff ‘Frühauf ’ (Freiburg, 1390, 1394) (Studerus 1926: 186) • Typ «Adverb + Adverb»: Mornenwech ‘Morgenweg’ (Oberrhein, 1270) (Socin 1903: 464); Dahinden ‘Dahinten’ (Zürich, 14.-15 Jh.) (Tobler-Meyer 1894: 134) • Typ «Nomen und Nomen»: Angstundnot (Freiburg, 1493) (Studerus 1926: 185); Lipundgůt (Oberrhein, 1292) (Socin 1903: 464) Bildungen aus einem Zahlwort und einem Grundwort sind an dieser Stelle besonders hervorzuheben. Solche Namen treten im historischen Deutschschweizer Namenbestand ausschliesslich mit Nomen als Zweitglied auf, in Deutschland finden sich hingegen auch Adjektive als Zweitglieder (z. B. Siebenreich, Siebenschön; Kohlheim 2011: 279). Dieser Bildungstyp ist mindestens seit dem 12. Jh. im deutschsprachigen Raum belegt, seit mindestens dem 13. Jh. in der Schweiz (Kohlheim 2011: 280), so bspw. die Namen Zwenpfennig (Embrach, 1279) und Zwenschilling (Zürich, 1357) mit f lektiertem Zahlwort sowie Fünfschilling (Zürich, 1469) und Nünangster (Zürich, 1504) (Götze 1925: 208, 209, 210). Dem Bildungsmuster liegen verschiedene Motivationen wie u. a. «Aussehen, geistige und charakterliche Eigenschaften, Verhalten, Gewohnheiten, gesellschaftliche Merkmale» zugrunde (Kohlheim 2011: 286). So wird bspw. mit Siebenhaar (für eine Person, die so wenige Haare hatte, dass diese schon (fast) zählbar waren) auf das Aussehen, mit Nünlist (für eine Person, die man als neunmalklug, besserwisserisch empfand) auf eine Eigenschaft und mit Zweiacher, Zweiacker (wohl für eine Person, die wenig Besitz hatte) auf die Vermögensverhältnisse angespielt. Fragestellungen: Im vorliegenden Artikel wird den Fragen nachgegangen, welche SatzN ohne verbale Komponente und welche Namen, die etymologisch eine Wortgruppe aus zwei Nomen oder aus einem Adjektiv bzw. Zahlwort und einem Nomen darstellen, im historischen Deutschschweizer Familiennamenbestand bezeugt sind. Ermittelt wird dabei auch die räumliche Verbreitung dieser Namen. 1 Vgl. die Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor», II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu», II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in», II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von» sowie II-4.1 «Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen». 608 4 Verbindungen mit verbalen, nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="609"?> Karte {277}: Satznamen ohne verbalen Bestandteil und Wortgruppen mit nominalen und adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen Namenauswahl: Die Karte gilt FamN, die eine Verbindung aus nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen - ohne verbale Komponente - darstellen und in der Schicht «vor 1800» oder «Herkunft» (Datenquelle FNB) 2 vorkommen. Die Namenauswahl basiert auf Vorrecherchen und der Literatur. Zudem wurde mithilfe von Schlagwörtern in der etymologischen Datenbank (Stand 12.01.2024) nach entsprechenden Namen gesucht. Zur Auswahl und zu Ausschlüssen s. u. Abgefragte Namen Nomen und Nomen: Bergundthal, Leibundgut. 10 Tokens. Adjektiv + Nomen: Dummermuth, Freienmuth, Freiermuth, Gujer, Gutersohn, Gutherz, Gutjahr, Guyer, Halbenleib, Hertzeisen, Hohermuth, Liebergsell, Lieberherr, Thummermuth, Wildermuth. 15 Types, 60 Tokens. Zahlwort + Nomen: Nünlist, Siebenhaar, Zweiacher, Zweiacker. 7 Tokens. Adverb + Adverb: Baldenweg, Dahinden. 9 Tokens. Adjektiv + Präposition: Frühauf , Gaegauf , Gägauf . 3 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 11-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 40-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 290: Daten zur Karte {277} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 Die Namenauswahl umfasst 26 Familiennamentypes, die sich in aller Regel dem Benennungsmotiv der ÜberN zuordnen lassen. Den Bildungstyp «Nomen und Nomen» repräsentieren die ÜberN Bergundthal (zur formelhaften Fügung in, über, durch usw. Berg und Tal mit unklarer Motivik, womöglich als EchoN für jemanden, der die Formel häufig im Mund führte) und Leibundgut (für denjenigen, der sich als Person und mit sämtlichem Vermögen an einen fremden Haushalt verdingte). Zum Bildungstyp «Adjektiv + Nomen» gehören ausschliesslich ÜberN wie Gujer, Guyer und Gutjahr (alle zu spätmhd. guot jār ‘Neujahr, Neujahrsgeschenk’, wohl für eine Person, die am 1. Januar geboren wurde) oder Hertzeisen (wohl zu ältersprachlichem härts Isen ‘hartes Eisen, Metall’ für eine Person von robuster Konstitution oder anderweitig gedachten Eigenschaften von Metall, die auf eine Person übertragen wurden (Starrsinn, Kraft, Wehrsamkeit usw.)). Auffällig sind die Namen auf -muth wie Freienmuth (zu mhd. vrīmuot ‘Of- Karte 277: SatzN ohne verbalen Bestandteil und Wortgruppen mit nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen, vor 1800 u. Herkunft 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 4.2 Zusammenrückungen mit nominalen und adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen 609 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="610"?> fenheit, Standhaftigkeit, Unbekümmertheit, Grosszügigkeit’, für eine Person mit diesen guten Charaktereigenschaften) oder Wildermuth (zu mhd. wilder muot ‘ungezähmter Verstand, wildes, fremdartiges (An-)Sinnen’ u. ä., wohl für eine Person, der man unbändiges, fremdartiges, ungewohntes, eigensinniges Verhalten oder entsprechende Charaktereigenschaften nachsagte), weil sie auf ein Abstraktum und nicht auf eine klassische Personenbezeichnung Bezug nehmen. Für die Etymologie der FamN, die die Gruppe «Zahlwort + Nomen» bilden, sei auf den Abschnitt «Hintergrund» verwiesen. Anzumerken ist an dieser Stelle, dass Zweiacher, Zweiacker insofern mehrdeutig sind, als sie neben einem ÜberN allenfalls auch einen WohnstättenN zu einem FlurN Zweiacker darstellen können. Dem Bildungstyp «Adverb + Adverb» gehören der WohnstättenN Dahinden (zu schwzdt. dāhinde(n) ‘hinten’ (verstärkt), für jemanden, der im hintersten und möglicherweise auch schwer erreichbaren Teil eines Wohngebiets lebte) und der ÜberN Baldenweg (wohl für einen Rastlosen, Unbehausten oder einen keck Entschlossenen) an. Schliesslich umfasst der Bildungstyp «Adjektiv + Präposition» die drei ÜberN Gaegauf , Gägauf (beide für eine jäh auffahrende, jähzornige Person) und Frühauf (für einen Frühaufsteher). Phonologische Besonderheiten in der Namenauswahl sind bspw. das Erstglied in Nünlist, das in der dialektalen Form mit fehlender Diphthongierung vorliegt, und das Zweitglied in Zweiacher mit verschobenem Plosiv. Von der Kartierung ausgeschlossen wurde der Name Hindenlang, der wohl als HerkunftsN auf den SiedlungsN Bad Hindelang in Bayerisch-Schwaben (Deutschland) zurückgeht. Bei Namen wie Freivogel, Frischherz, Frischknecht, Frischkopf , Guldenschuh, Gutknecht, Schellhaas, Süsstrunk und Wildisen liegen zwar Strukturen aus Adjektiv und Nomen vor, dennoch wurden solche FamN hier ausgeklammert, weil unklar ist, ob es sich bei ihnen um Komposita oder Zusammenrückungen syntaktischer Einheiten handelt. 4 FamN wie Surläuly (zu mhd. sūr ‘scharf, grimmig, verdriesslich, mürrisch’ und einer Kurzform zum Ruf N Nikolaus), die einen onymischen Bestandteil enthalten, werden im Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» systematisch untersucht und bleiben deshalb hier unberücksichtigt. Wie eingangs erwähnt, werden auch FamN wie Rothermann oder Suremann hier nicht kartiert, weil der Artikel II-2.7 «Familiennamen auf -mann» ausführlich auf Namen mit dem Element -mann eingeht. Kommentar: Der Bildungstyp «Nomen und Nomen» ist überwiegend im nördlichen Teil des Kantons Bern (insgesamt 8 Tokens) und in den angrenzenden Kantonen Aargau und Solothurn (je 1 Token) verbreitet. Die FamN aus einem Adjektiv und einem Nomen stellen die zahlenmässig stärkste Gruppe dar. Solche Namen treten hauptsächlich in der Nordostschweiz - mit dem Kanton Zürich als Hauptverbreitungsgebiet (35 von insgesamt 60 Tokens) - in Erscheinung; sie sind aber bspw. auch punktuell im Kanton St. Gallen (8 Tokens) oder im Kanton Bern (6 Tokens), insbesondere im Verwaltungskreis Thun, belegt. FamN aus einem Zahlwort und einem Nomen treten im Kanton Solothurn (Nünlist, 4 Tokens) und in den angrenzenden Kantonen Aargau (Siebenhaar, 1 Token) und Bern (Zweiacher und Zweiacker, 2 Tokens) in Erscheinung. Die beiden Namentypen aus zwei Adverbien sind mehrheitlich im Kanton Luzern (6 Tokens) verbreitet und weisen daneben nur Einzelbelege in den Kantonen Solothurn, Schwyz und Thurgau aus. Das Bildungsmuster «Adjektiv + Präposition» ist in den Kantonen Thurgau (Gaegauf , Gägauf , 2 Tokens) und Aargau (Frühauf , 1 Token) bezeugt. Ergebnisse Die hier kartierten FamN, die Verbindungen aus nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen ohne verbale Komponente darstellen, sind im historischen Inventar der Deutschschweizer FamN weder besonders tokennoch typenfrequent. Der Bildungstyp «Adjektiv + Nomen» tritt mit 60 Tokens mit Abstand am frequentesten auf. Die anderen vier Bildungstypen kommen nicht über 10 Tokens hinaus. Mit 3 Tokens auf 3 Types verteilt ist der Bildungstyp «Adjektiv + Präposition» im vorliegenden Sample am schwächsten ausgeprägt. Bemerkenswert ist, dass die Bildungstypen grösstenteils ein eigenes, charakteristisches Areal in der Deutschschweiz aufweisen: «Nomen und Nomen» im Kanton Bern, «Adjektiv + Nomen» in der Nordostschweiz, «Zahlwort + Nomen» in Teilen des Mittellands und «Adverb + Adverb» in der Zentralschweiz. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Leibundgut (1'193 Tokens), Lieberherr (957 Tokens) und Dahinden (941 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 3 (2012: 727-730) werden auf den Karten 335-337 SatzN in der Form «Adverb + Adverb» (Ballweg, Mornhinweg, Mittenzwei, Mittenentzwei) und «Adverb + Präposition + Substantiv» (Waltemathe, Woltemate) dargestellt. In Kunze/ Nübling (2009: 42-62, Karten 5-18) wird die Raumverteilung von FamN behandelt, die aus einem Zahlwort und einem Nomen bestehen. Zur Verbreitung und Herkunft solcher Namen mit einem Zahlwort als Bestimmungswort s. Götze (1925) und Kohlheim (2011). Dittmaier (1956: 74-75) bietet eine in arealer Hinsicht differenzierte Sammlung historischer Belege für SatzN ohne verbale Komponente. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. 4 Für Familiennamenkomposita s. den Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». 610 4 Verbindungen mit verbalen, nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="611"?> Literatur Bach, Adolf (1952): Deutsche Namenkunde. Bd. I, 1: Die deutschen Personennamen. Einleitung. Zur Laut- und Formenlehre, Wortfügung, -bildung und -bedeutung der deutschen Personennamen. 2., stark erweiterte Auf lage. Heidelberg: Winter. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. Dittmaier, Heinrich (1956): Ursprung und Geschichte der deutschen Satznamen. Zugleich ein Beitrag zur vergleichenden Namenkunde. Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde 7, 7-94. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 12.01.2024). Gottschald, Max (2006): Deutsche Namenkunde. Mit einer Einführung in die Familiennamenkunde von Rudolf Schützeichel. 6., durchgesehene und bibliographisch aktualisierte Auf lage. Berlin, New York: De Gruyter. Götze, Alfred (1925): Spuren alter Hörigkeit in heutigen Familiennamen? In: Basler, Otto et al. (Hrsg.): Germanica. Eduard Sievers zum 75. Geburtstage 25. November 1925, 203-211. Halle (Saale): Niemeyer. Kohlheim, Rosa (2011): Siebenhaar und Hundertmark: deutsche Familiennamen mit einer Zahl als Bestimmungswort. In: Kohlheim, Rosa et al. (Hrsg.): Personennamen. Motivation - Diffusion - Integration, 279-287. Hamburg: Baar. Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (2009): Der Deutsche Familiennamenatlas als Inspirationsquelle: Jürgen - Udolf - Sechzig - Fünf . In: Hengst, Karlheinz/ Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. Bd. 1: Deutsche Familiennamen im deutschen Sprachraum (Onomastica Lipsiensia 6.1), 21-66. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. Müller, Peter O./ Olsen, Susan (2022): Wortbildung. Ein Lern- und Konsultationswörterbuch. Mit einer Systematischen Einführung und englischen Übersetzungen (Wörterbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 2). Berlin, Boston: De Gruyter. Seibicke, Wilfried (2004): Überblick über Geschichte und Typen der deutschen Personennamen. In: Besch, Werner et al. (Hrsg.): Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. Bd. 4 (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 2.4), 3535-3552. 2., vollständig neu bearbeitete und erweiterte Auf lage. Berlin, New York: De Gruyter. Seibicke, Wilfried (2008): Die Personennamen im Deutschen. Eine Einführung. 2., überarbeitete Auf lage. Berlin, New York: De Gruyter. Socin, Adolf (1903): Mittelhochdeutsches Namenbuch nach oberrheinischen Quellen des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts. Basel: Helbing & Lichtenhahn. Studerus, Gottlieb (1926): Die alten deutschen Familiennamen von Freiburg im Uechtland. Universität Freiburg i. Ü. Tobler-Meyer, Wilhelm (1894): Deutsche Familiennamen nach ihrer Entstehung und Bedeutung, mit besonderer Rücksichtnahme auf Zürich und die Ostschweiz. Zürich: Müller. Jeffrey Pheiff 4.2 Zusammenrückungen mit nominalen und adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen 611 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="612"?> 4.3 Mehrgliedrige Familiennamen mit den Zusätzen dit, soit, alias Schlagwörter: Doppelname, Mehrnamigkeit, Migration, Namenpragmatik, Übersetzung Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Dieser Artikel dokumentiert mehrgliedrige FamN, die aus dem französischen Element dit ‘genannt’, soit ‘oder, nämlich, das heisst’ oder alias ‘auch [genannt], sonst [genannt]’ bestehen. Dieser Bildungstyp erscheint charakteristisch für die FamN der französischsprachigen Schweiz. Da dieser neben französischen auch deutsche Namenelemente enthalten kann, stellen die daraus entstehenden Hybridbildungen ein Beispiel von Integrationsmustern dar, die bei der Übernahme von deutschen FamN ins Französische erfolgen können. Der Untersuchungsgegenstand ist zudem relevant, weil FamN mit solchen Zusatzelementen als Zeugen des historischen Benennungssystems betrachtet werden können, das mit dem Übergang von der Einnamigkeit zur Zweinamigkeit in der Epoche vor der Verfestigung der FamN zusammenhängt. Ausserdem gibt die jüngere onymische Produktivität des Musters Einblicke in den regionalen Namengebrauch. Schliesslich liefert die interne Beziehung zwischen den Elementen des mehrgliedrigen Namens Aufschlüsse über das Verhältnis zwischen geschriebenem und gesprochenem Gebrauch des Namens sowie im Falle des Typus «Übersetzung» (s. u.) über semantische (Re-)Motivierung im Namengebrauch. Hintergrund: Der Schweizer Familiennamenbestand weist verschiedene Typen von mehrgliedrigen FamN auf, die aus zwei oder mehr Elementen zusammengesetzt sind. Diese FamN können unterschiedliche Entstehungspfade und aus namenpragmatischer Perspektive unterschiedliche Funktionen haben. Die häufigsten unter den mehrgliedrigen FamN sind die sogenannten DoppelN (mit oder ohne Bindestrich) wie z. B. Perret-Gentil oder Croci Torti. Diese treten in der Zeitschicht «vor 1800» fast ausschliesslich in der romanischsprachigen Schweiz auf; vgl. für die Deutschschweiz die wenigen Beispiele wie Glutz-Blotzheim (SO), von Hurter-Ammann (SH) oder von Reding Biberegg (LU). 1 FamN aus mehreren onymischen Elementen können auch mittels Zusatzelementen gebildet werden wie die hier besprochenen dit, soit und alias. Diese gehen auf die Epoche der Entstehung der Zweinamigkeit zurück (s. u.), wobei ihre Funktion bei der Bildung von FamN nicht immer mit dem ursprünglichen semantischen Wert übereinstimmen muss. Das System der Zweinamigkeit bestehend aus Ruf N und ZweitN hat sich in der Schweiz im Hoch- und Spätmittelalter etabliert. Dieses Muster war in Bezug auf den Gebrauch des zweiten Teils, den BeiN bzw. den später daraus entwickelten FamN, bis zur einheitlichen amtlichen Namensregelung durch das Zivilstandswesen gegen Ende des 19. Jh. durchaus variabel (e-HLS 2021: s. v. Zivilstandswesen). Dabei waren diese individuellen Benennungsmöglichkeiten unterschiedlich motiviert. Ein und dieselbe Person konnte je nach Zuschreibung auf unterschiedliche Weise wie z. B. nach Grund- und Wohnbesitz, nach Herkunft, nach Verwandtschaft oder nach beruf lichen bzw. amtlichen Tätigkeiten benannt werden und deshalb auch mehrere BeiN führen, deren Gebrauch situativ bedingt war (Socin 1903: 665-673; Bourin 1997: 237-241; Rolker 2009: 15; Heer 2022: 89-97). Diese Mehrnamigkeit einer Person wird in historischen Quellen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit in der Schweiz und im angrenzenden süddeutschen Raum sichtbar, z. B. Burcart de Siebenthal genannt lsenhut (1338), Willinus dictus Studer alias Bovet (1391) oder Heintzman Fromman dit Würstly (1445) (Studerus 1926: 82-180). Wie die aufgeführten Beispiele exemplarisch zeigen, wird dabei häufig ein Zusatz wie genannt (lat. dictus oder frz. dit) oder alias verwendet. Solche Zusätze fungieren als Marker für den Gebrauch der Namen (Heer 2022: 93-95) wie z. B. Peter genannt Walko (1258) neben den Belegen P. Walko (1257) oder Petrus Walco (1258) (Studerus 1926: 65). Wie die vorangehenden Beispiele gezeigt haben, kann dabei auch auf die Verwendung von mehreren Namen einer Namenträgerin bzw. eines Namenträgers verwiesen werden: z. B. Henrici Rufi dicti Winschrodere (1287) - Henricti dicti Rufi dicti Winschrodere (ca. 1295) (Hagström 1949: 35). Dementsprechend wurde bspw. der aus Ravensburg stammende Brotmeister Heinrich in den Quellen verschiedenartig festgehalten: Heinricus dictus Brotmeister (1265) - her Heirich von Rafensburg dem man sprichet dir Brothmeister (1273) - Heinricus dictus de Ravenspurch magister panificum (1275) - dominus Heinricus scriba dictus Magister panis (1275) (Socin 1903: 667). Namenbildungen mit Zusätzen wie lat. dictus, qui dicitur oder cognomento, die zwischen den Namenelementen Ruf N und ZweitN auftreten, erscheinen zuerst vereinzelt in lateinischen Dokumenten (z. B. Urkunden) aus dem 12. Jh. Ein deutlicher Anstieg ist ab dem 13. Jh. auszumachen. Dabei hat sich der Zusatz dictus weiträumig etabliert - von Konstanz (1239: Ruodegerus dictus Kadil; Rolker 2014: 222), Zürich (1253: Wer. dicti Brosinun; Baumgartner 1983: 122), Basel (1291: Heinricus de Oberwilr dictus Brunmeister; Socin 1903: 668) bis Freiburg i. Ü. (1389: Perretus dictus Vuilly filius quondam Wuillini Boson; Aebischer 1923: 91) (zu weiteren Beispielen s. Socin 1903: 665-673; Aebischer 1923; Studerus 1926; Bach 1953: 102-103; Baumgartner 1983: 122-123; Rolker 2014: 220-225). Bei Namenbelegen in volkssprachlichen Quellen finden sich äquivalente Zusätze in deutscher bzw. französischer Sprache wie genannt, den man nempt oder das hier behandelte dit. Auf der formalen Ebene bilden diese Zusätze mit den Namenelementen Ruf N und ZweitN eine unidirektionale syntaktische Struktur vom Typus «X Zusatzelement Y». Dabei wird die X-Position auf der linken Seite des Zusatzes entweder nur mit dem Ruf N besetzt (Variante 1) oder mit Ruf N und ZweitN (Variante 2). Die Y-Position 1 Vgl. auch Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung», Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz». Zum Bildungsmuster «Namenelement + Präposition von + Namenelement» (z. B. Schnyder von Wartensee) vgl. Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 612 4 Verbindungen mit verbalen, nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="613"?> wird mit dem ZweitN (Variante 1) bzw. im Fall von Variante 2 mit einem weiteren ZweitN belegt: • Variante 1: «Ruf N dictus ZweitN», z. B. Anna dicta Metmacherra (Studerus 1926: 148-149); • Variante 2: «Ruf N + ZweitN dictus ZweitN», z. B. Henslinus Rebers dictus Hosiman (Studerus 1926: 41) oder Heinrich Hag genannt Tachs (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 80). Die ZweitN in der X- und der Y-Position können variieren. Sie unterliegen keiner Gesetzmässigkeit, die vorgeben würde, welcher Name an welcher Stelle stehen soll (Heer 2022: 93-95). Oft lässt sich ohne Kontextwissen das Motiv hinter der Namenbildung nicht mehr genau zurückverfolgen. Dies zeigt sich bspw. anhand des folgenden Belegs aus dem 15. Jh. aus dem Zürcher Weinland: Hans Saler genannt Erb verkauft 1422 den Hof Sal (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 58). Nur unter Bezugnahme der erweiterten Information zum Hof N wird klar, dass sich der Name Saler auf den Wohnsitz bezieht. Es ist gut möglich, dass der Namenträger Hans nach dem Verkauf des Hofes nur noch den FamN Erb führte. Nach der Konsolidierung der FamN hat sich die Bildung «X Zusatzelement Y» (im Sinne von Variante 2) in einigen Fällen weiter tradiert und konnte sich regional zum festen Namenmuster des Typus «mehrgliedriger FamN mit Zusatzelement» entwickeln. In bestimmten Regionen der französischsprachigen Schweiz wurde dieses onymische Muster später produktiv und diente auch in jüngerer Zeit zur Bildung von neuen FamN. Diese weisen unterschiedliche Entstehungswege auf, die jedoch ohne eine historischgenealogische Untersuchung häufig nicht mehr nachvollzogen werden können. Aus der Analyse der Kombinationen der einzelnen Namenelemente können drei Genesetypen identifiziert werden: 1. Typ «Mehrnamigkeit» (z. B. Benguerel dit Jacot), 2. Typ «Varianz» (z. B. Bordet dit Burdet), 3. Typ «Übersetzung» (z. B. Küffer-dit-Barillier). Dieser Befund kann noch durch Beispiele aus dem Schweizer Familiennamenbestand der jüngeren Zeitschicht («20. Jh.» und «2020») ergänzt werden (z. B. Kerdjeian dit Peniguian), die auf eine Verwendung solcher Muster zur Integration fremdsprachiger FamN verweisen. Die obige Liste dreier Genesetypen basiert auf offensichtlichen Beispielen aus dem Datenmaterial. Allerdings können bei weitem nicht alle FamN ohne eine historisch-genealogische Analyse einem der drei Typen zugeordnet werden, weshalb auf eine gruppierte Kartierung nach Genesetyp verzichtet wird. Wir beschränken uns hier auf die Nennung eindeutiger Beispiele (s. ausführlich in den Detailangaben zur ersten Karte) sowie die Abbildung eindeutiger Fälle des Typs «Übersetzung» in der zweiten Karte. Wie bereits erwähnt, hat sich die Struktur «mehrgliedriger FamN mit Zusatzelement» (im Sinne von Variante 2) insbesondere im Nameninventar der französischsprachigen Schweiz verfestigt. Dort erscheinen vermehrt FamN mit dem Zusatzelement dit (z. B. Tissotdit-Sanfin), deutlich seltener mit den Zusätzen alias (z. B. Briaux alias Dupertuis) oder soit (z. B. Nicole soit Nicoulaz). In der Deutschschweiz ist dieser Bildungstyp hingegen nicht autochthon. Fragestellungen: Zu diesem speziellen Namenmuster interessieren die verschiedenen Formtypen, die Frequenz sowie die Verbreitung im Untersuchungsgebiet. Auf der ersten Karte werden mehrgliedrige FamN mit dem Namenelement dit nach den ältesten drei Zeitschichten präsentiert. In der zweiten Karte liegt der Fokus auf ausgewählten EinzelN des Typus «Übersetzung», für welche Migrationsbewegungen nachgezeichnet werden. Die dritte und die vierte Karte behandeln separat die FamN mit dem Zusatzelement soit resp. alias. Erste Karte {278}: Mehrgliedrige Familiennamen mit dem Element dit diachron Namenauswahl: Die erste Karte gilt mehrgliedrigen FamN, die mit dem Element dit (‘sagt, genannt’) gebildet wurden, in der Schreibung mit oder ohne Bindestrich (Bildungstyp «X-dit-Y» oder «X dit Y»). Ausgewählt wurden alle in der Datenbank enthaltenen Fälle der ältesten drei Zeitschichten «vor 1800», «19. Jh.» und «20. Jh.» (Datenquelle: FNB). 2 Abgefragte Namen FamN mit dit, vor 1800: Anex-dit-Chenaud, Benguerel-dit-Jacot, Benguerel-dit-Perroud, Benoit-dit-Roulier, Berthoud-dit-Gallon, Bonjour dit Brazey, Bonjour-dit-Brazey, Borgeaud dit Avocat, Brandt-dit-Grieurin, Brandt-dit-Simeon, Burgat dit Grellet, Calame-dit-Barbier, Calame-dit- Longjean, Colomb-dit-Delay, Courvoisier-dit-Voisin, Crausaz dit Crousaz, Däppen dit Tappet, de Palézieux dit Falconnet, Decreuze-dit-Dupoil, Delachaux-dit-Gay, Delachaux-dit-Peter, Droz-dit-Busset, Du Bois-dit du- Terraux, Dubois-dit-Bonclaude, Dubois-dit-Cosandier, Ducommun-dit- Boudry, Ducommun-dit-Tinnon, Ducommun-dit-Verron, Dumont-dit- Vieiljean, Dumont-dit-Voitel, Dupertuis dit Neveu, Dupertuis-dit-Neveu, Favre-dit-Jeanfavre, Favre-dit-Jean-Favre, Gacon dit Carême, Girard dit Guerre, Greset-dit-Grisel, Huguenin-dit-Benjamin, Huguenin-dit-Lenoir, Humbert-Droz-dit-Walter, Hürsch dit Cerf , Jacot-Descombes-dit-Gendre, Jacot-dit-Montandon, Jeanmaire-dit-Cartier, Jeanmaire-dit-Quartier, Jeanrichard-dit-Bressel, Jean-Richard-dit-Bressel, Keuffer dit Barrelet, Küffer dit Barillet, Kuffer dit Barrillier, Küffer-dit-Barrillier, Leuba-dit-Galland, Luquin dit Lucain, Mathey-Doret dit Doret, Matthey-dit-des Bornels, Mayordit-Beaujon, Mélanjoie-dit-Savoie, Menoud-dit-Gendre, Nicolet-dit-Favre, Nicolet-dit-Félix, Nutz-dit-Profit, Paréaz dit Parian, Paréaz dit Pariaz, Perrenod-dit-Pernod, Perrenoud-dit-Pernod, Perret-Gentil-dit-Maillard, Prince-dit-Clottu, Quartier-dit-Maire, Renaud dit de l’Hôtel Neuf , Renaud-dit- Louis, Richard dit Leschery, Soguel-dit-Picard, Soguel-dit-Piquard, Streit-dit- Provins, Tissot-dit-Choppia, Tissot-dit-Sanfin, Vuille-dit-Bille, Vuille-dit-Wille. 78 Types, 120 Tokens. FamN mit dit, 19. Jh.: Arbez dit Arbel, Brandt-dit-Gruérin, Brunner dit Fontaine, Damon dit Pichat, Dessaules-dit-Duneuf , Droz-dit-Busset, Duboisdit-du Terraux, Ducommun-dit-l’Allemand, Dumont-dit-Vieiljean, Dumontdit-Voitel, Ferrario dit Ferrari, Hürsch dit Cerf , Jacot-dit-Montandon, JeanRichard-dit-Bressel, Koenel dit Chenaud, Mathey-Doret dit Doret, Moine dit Moënne, Nutz-dit-Profit, Panier dit Pannier, Pauvre-dit-Bourgeois, Puppe dit Poppé, Reutimann dit Rüttimann, Rousier dit Möckly, Streit dit Provins, Ullmann dit Ulmo, Zurbrugg dit Despond. 26 Types, 27 Tokens. FamN mit dit, 20. Jh.: Benguerel dit Jacot, Benguerel-dit-Perroud, Bercantal-dit-Birchenthal, Berthoud dit Gallon, Bigard dit Picard, Bisi dit Bigy, Bordet dit Burdet, Bosc dit Bosco, Brandt-dit-Grieurin, Brandt-dit- Siméon, Bugnes dit Bugnet, Burgat dit Grellet, Calame dit Longjean, Capetet dit Capatet, Chavanel dit Lavoz, Chopard-dit-Jean, Crud dit Bertholet, Damon dit Pichat, Dattelzweig dit Dattel, Delachaux-dit-Gay, Dévaud-dit-Garin, Droz dit Busset, Droz-dit-Busset, Dubois-dit-Bonclaude, Dubois-dit- 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 4.3 Mehrgliedrige Familiennamen mit den Zusätzen dit, soit, alias 613 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="614"?> Cosandier, Dubois-dit-du Terraux, Ducommun dit Boudry, Ducommun dit Verron, Ducommun-dit-Boudry, Ducommun-dit-Tinnon, Ducommun-dit- Verron, Dumont dit Voitel, Dupertuis dit Neveu, Favre dit Jean Favre, Fournet dit Fornex, Grezet dit Grisel, Grezet-dit-Grisel, Hürsch dit Cerf , Jacot-dit- Montandon, Januarius dit Décarli, Jaques dit Jaques-Dalcroze, Jeanmaire dit Quartier, Joseph-dit-Lehmann, Joud-dit-Gafner, Kerdjeian dit Peniguian, Marmet dit Dégus, Mélanjoie-dit-Savoie, Nicolet dit Félix, Nurizzo dit Nuris, Perret-Gentil-dit-Maillard, Quartier-dit-Maire, Renaud-dit-Louis, Rychen dit Ryhen, Sandoz-dit-Bragard, Sogel-dit-Piquard, Soguel dit Picard, Soguel dit Piquard, Teigu dit Schapira, Tissot dit Sanfin, Tissot-dit-Sanfin, von Känel dit Chenaud, Vuille dit Bille, Zambone-dit-Zamboni. 63 Types, 78 Tokens. Kreise 30-50, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 291: Daten zur ersten Karte {278} Detailangaben zur Namenauswahl: Insgesamt liegen 140 Types (225 Tokens) vor, 75 davon mit und 65 ohne Bindestrich. 24 Types kommen in zwei oder drei Zeitschichten vor, was i. d. R. durch Umzug an einen anderen Ort und dortige Neuverleihung des Bürgerrechts zustande kommt (die Schichten «19. Jh.» und «20. Jh.» verzeichnen nur die neuregistrierten, nicht die zuvor schon vorhandenen Namen an einem Ort). Die im 19. oder 20. Jh. völlig neu auftretenden FamN gehen entweder auf Zuwanderung zurück und/ oder liegen erstmalig in der gegebenen Form vor (waren aber zuvor schon in ähnlicher Form am selben oder an einem anderen Ort verzeichnet, vgl. Schicht «19. Jh.» Koenel dit Chenaud in Genf und Schicht «20. Jh.» von Känel dit Chenaud in Genf ). Die Schreibvarianten mit und ohne Bindestrich treten in einigen Fällen parallel auf: Bonjour-dit-Brazey und Bonjour dit Brazey, Dupertuis-dit-Neveu und Dupertuis dit Neveu oder Streitdit-Provins und Streit dit Provins. Graphische und phonologische Varianzen zeigen sich bspw. auch in folgenden FamN: Jeanricharddit-Bressel, Jean-Richard-dit-Bressel und JeanRichard-dit-Bressel; Küffer dit Barillet, Küffer-dit-Barrillier, Kuffer dit Barrillier und Keuffer dit Barrelet oder Jeanmaire-dit-Cartier und Jeanmaire-dit-Quartier. Metronyme oder Namen aus femininen Appellativen kommen weder in der Xnoch in der Y-Position vor. Somit ist die feminine Variante des Zusatzelements (dite) im vorliegenden Namensample nicht dokumentiert; vgl. jedoch in Frankreich z. B. den FamN Reine dite Reinette (Filae o. J.). Die individuelle Bildungsweise der mehrgliedrigen FamN mit dit wird in der Vielfalt der Formvarianten sichtbar, die sich auch im Type-Token-Verhältnis zeigt. 95 von 140 Types erscheinen nur an einem einzigen Ortspunkt. Lediglich 9 Types haben insgesamt 4 Tokens oder mehr, am häufigsten ist Droz-dit-Busset mit 10 Tokens (verteilt auf die drei Zeitschichten mit 5, 2 und 3 Tokens). Über die Benennungsmotive können kaum allgemeine Aussagen getroffen werden. Die Namen sind unterschiedlich motiviert und es kommt zu verschiedenen Kombinationen, die ohne historisch-genealogischen Hintergrund oftmals nicht mehr erschlossen werden kön- Karte 278: Mehrgliedrige FamN mit dem Element dit diachron, vor 1800, 19. Jh. u. 20. Jh. 614 4 Verbindungen mit verbalen, nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="615"?> nen (s. o.). Bspw. gibt der Eintrag im e-HLS (2006) zum FamN Huguenin Aufschluss über die Bildung der FamN Huguenin-dit-Benjamin, Huguenin-dit-Lenoir: Seit dem 15. Jh. tragen mehrere Neuenburger Fam[ilien], die aus Le Locle, La Chaux-de-Fonds, La Brévine, La Chaux-du-Milieu, Coffrane und Les Verrières stammen, den Namen H[uguenin], wobei die Verkleinerungsform des Vornamens Hugues oft mit einem zweiten Namen (Name der Mutter, Ortsname, Vorname, Nachname) kombiniert wurde. Es sind nicht weniger als zwanzig Zweige zu unterscheiden, darunter die Huguenin-Benjamin […], Huguenin-Lenoir. Im kartierten Namensample zeigen sich die im Abschnitt «Hintergrund» genannten Genesetypen. Viele FamN können ausgehend von der Beziehung zwischen den Namengliedern als einer der drei Typen identifiziert werden. In anderen Fällen wären vertiefte etymologische oder genealogisch-historische Analysen notwendig gewesen, die hier nicht geleistet werden können, sodass sich die Diskussion auf Beispiele beschränkt. • Typ «Mehrnamigkeit»: Die Elemente in der X- und der Y-Position weisen keine formale oder semantische Korrelation auf. Beim FamN Matthey-dit-des Bornels bspw. dient der Zusatz dit-des Bornels womöglich zur Differenzierung zwischen gleichnamigen Familien. Das Namenbild der Gemeinde Le Locle (NE) verdeutlicht diese Annahme: Für die Zeitschicht «vor 1800» werden im FNB (1989) 15 FamN verzeichnet, die das Namenelement Matthey enthalten: Matthey, Matthey-Claudet, Matthey-de-l’Endroit, Matthey-del’Etang, Matthey-dit-des Bornels, Matthey-Doret, Matthey-Dupraz, Matthey-Guenet, Matthey-Henry, Matthey-Jaquet, Matthey-Jeantet, Matthey-Jonais, Matthey-Junod, Matthey-Petit-Abram, Matthey- Pierret. Die mehrgliedrigen FamN mit dem Zusatz dit scheinen hier eine der möglichen Strategien zu sein, um die hohe Gleichnamigkeit innerhalb einer kleinen Gemeinschaft aufzulösen. • Typ «Varianz»: Die beiden Namenelemente sind bis auf kleine graphematische Abweichungen oder morphologische Differenzen kongruent, z. B. Paréaz dit Pariaz, Luquin dit Lucain. Die Namenelemente in der Y-Position können in manchen Fällen die mündliche Realisierung des Namens in der X-Position darstellen, wie beim ursprünglich deutschen FamN Reutimann dit Rüttimann ersichtlich wird. Hier kann der FamN als ‘Reutimann gesprochen Rüttimann’ interpretiert werden; Entsprechendes gilt womöglich auch für Ullmann dit Ulmo. • Typ «Übersetzung»: Der mehrgliedrige Name setzt sich aus einem deutschen FamN in der X-Position und einer Übersetzung zur etymologischen (oder volksetymologischen) Bedeutung des deutschen Namenteils in der Y-Position zusammen, z. B. Brunner dit Fontaine (dt. ‘Brunnen’), Nutz-dit-Profit (dt. ‘Nutzen’), Hürsch dit Cerf (dt. ‘Hirsch’), Koenel dit Chenaud (frz. chenau, Plur. chenaux ‘Kännel, (Dach-)Rinne’). Kommentar: Die roten Kreise zeigen deutlich, dass die FamN mit dit in der ältesten Zeitschicht v. a. im Kanton Neuenburg geballt auftreten (84 Tokens), ausserdem auch in der Waadt (22 Tokens), dort mit (etwas kleineren) Ballungen im südöstlichen Kantonsteil nahe der Rhonemündung. 11 Tokens finden sich im Kanton Bern, v. a. im französischsprachigen Teil, der an das Neuenburger Verbreitungsgebiet angrenzt. Als Gemeinden stechen Le Locle (NE) mit 27 und La Chaux-de-Fonds (NE) mit 10 Tokens heraus. Da es sich um Orte handelt, die ab dem 18. Jh. durch die Uhrenindustrie starke Zuwanderung erfuhren, liegt die Vermutung nahe, dass das Muster auch verstärkt zur Integration zugewanderter FamN genutzt wurde und daher hier hohe Werte erreicht. Die Vorkommen in der Umgebung sprechen aber durchaus für ein autochthones Muster. Die orangen Kreise lassen die Neuvorkommen des 19. Jh. v. a. im Neuenburger Kerngebiet erscheinen, zudem mehrfach am Genfersee. Während sich in der ältesten Datenschicht die meisten FamN aus französischsprachigen Teilen zusammensetzen (z. B. Du Bois-dit du- Terraux), weisen die neuregistrierten FamN des 19. Jh. einen erhöhten Anteil fremd-, meist deutschsprachiger Bestandteile und entsprechende Herkunftsangaben im FNB (1989) auf, 3 was die Rolle des Musters zur Integration fremdsprachiger FamN unterstreicht. Die FamN der dritten Datenschicht «20. Jh.» (gelbe Kreise) treten ausser in Neuenburg auch in der mittleren Waadt und verstärkt am Genfersee auf, was auf Migrationsbewegungen in diese Räume hindeutet. Zudem finden sich Streubelege im Deutschschweizer Mittelland. Auch in dieser Datenschicht weisen sich viele FamN durch die sprachliche Struktur und/ oder Herkunftsangaben im FNB (1989) als migriert aus, wobei nun seltener die Deutschschweiz und häufiger andere Länder als Ausgangsgebiet figurieren. 4 3 Mit Herkunft aus der Deutschschweiz: Brunner dit Fontaine, Hürsch dit Cerf , Koenel dit Chenaud, Nutz-dit-Profit, Reutimann dit Rüttimann, Streit dit Provins, Zurbrugg dit Despond (Näheres s. im Kommentar zur zweiten Karte); aus Deutschland: Ullmann dit Ulmo; aus Frankreich: Rousier dit Möckly; aus Italien: Ferrario dit Ferrari. 4 Bspw. Januarius dit Décarli aus Brissago (TI); Zambone-dit-Zamboni, Bosc dit Bosco, Nurizzo dit Nuris aus Italien; Bisi dit Bigy, Joseph-dit-Lehmann, Joud-dit- Gafner aus Frankreich; Bercantal-dit-Birchenthal, Teigu dit Schapira aus Rumänien; Dattelzweig dit Dattel aus Israel; Kerdjeian dit Peniguian aus Armenien. 4.3 Mehrgliedrige Familiennamen mit den Zusätzen dit, soit, alias 615 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="616"?> Zweite Karte {279}: Typ «Übersetzung», Fallbeispiele Migration Namenauswahl: Gezeigt werden ausgewählte Fälle des Typs «Übersetzung» (vgl. erste Karte), für welche sich Migration anhand des FNB (1989) nachzeichnen lässt. Ebenfalls kartiert sind ihre am Ausgangsort belegten Pendants ohne französischen Zusatz. So ist bspw. für Hürsch dit Cerf (Corseaux VD, Schicht «19. Jh.») Zofingen (AG) als Herkunftsort angegeben; dort findet sich das ältere Pendant Hürsch (Schicht «vor 1800»). Entsprechendes gilt für den FamN Brunner dit Fontaine (Saint-Saphorin-sur-Morges VD, Schicht «19. Jh.»), für den Zweisimmen (BE) als Herkunftsort genannt ist. Allerdings ist in Zweisimmen (BE) kein Brunner, sondern nur die Variante Zumbrunnen alteingesessen, auf die der mehrgliedrige FamN vermutlich zurückzuführen ist. Genauere Zusammenhänge müssten v. a. genealogische Forschungen erkunden; die Karte und der Kommentar dokumentieren lediglich Daten aus dem vorliegenden Material. Die Ausgangsorte (z. B. Lenk BE, Reichenbach im Kandertal BE) sind jeweils in einem dunkleren Farbton dargestellt, die zugehörigen Zielorte (z. B. Lausanne, Genf ) in einem entsprechenden helleren Ton. Die Karte zeigt nur die einschlägigen - d. h. paarig zusammengehörigen - Namenvorkommen und spart ggf. sonstige Vorkommen eines Namens aus. So wäre etwa Streit in der Schicht «vor 1800» auch in einigen anderen Gemeinden beheimatet, diese sind im FNB (1989) aber nicht als Ausgangsort von Streit dit Provins angegeben. Abgefragte Namen Zumbrunnen (Zweisimmen), vor 1800: 1 Token. Brunner dit Fontaine, 19. Jh.: 1 Token. Hürsch, vor 1800: 1 Token. Hürsch dit Cerf , 19. Jh.: 1 Token. von Känel (Reichenbach im Kandertal), vor 1800: 1 Token. Koenel dit Chenaud, 19. Jh.: 1 Token. Nutz, vor 1800: 1 Token. Nutz-dit-Profit, 19. Jh.: 1 Token. Streit (Höfen b. Thun), vor 1800: 1 Token. Streit dit Provins, 19. Jh.: 1 Token. Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 292: Daten zur zweiten Karte {279} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier behandelten mehrgliedrigen Namen setzen sich aus einem deutschsprachigen Teil in der X- und einem französischsprachigen in der Y-Position zusammen. Letzterer stellt eine Übersetzung zur (volks-)etymologischen Bedeutung des deutschen Namenteils dar. Die X-Komponenten sind entweder formgleich zu ihren Pendants am Ausgangsort (vgl. Streit dit Provins zu Streit) oder sie stellen morphologische oder graphematische Varianten dar, wie z. B. Brunner dit Fontaine zu Zumbrunnen, Koenel dit Chenaud zu von Känel. Zum letztgenannten Namen tritt im 20. Jh. (ebenfalls in Genf ) die Variante von Känel dit Chenaud auf, bei der es sich möglicherweise um eine Korrektur der älteren Variante Koenel handeln könnte. Karte 279: Fallbeispiele Typ «Übersetzung» mit deutschsprachigen Pendants, vor 1800 u. 19. Jh. 616 4 Verbindungen mit verbalen, nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="617"?> In der Namenauswahl sind Wohnstätten- und ÜberN vertreten. Unter erstere fallen Zumbrunnen (‘an einer Quelle oder einem Brunnen wohnhaft’), Brunner dit Fontaine (frz. fontaine ‘Brunnen’), von Känel (zum FlurN Kenel, Känel, Chänel ‘Wasserrinne, -graben’) und Koenel dit Chenaud (frz. chenau, Plur. chenaux ‘Kännel, (Dach-)Rinne’). Zu den ÜberN zählen Nutz (‘der Nutzen spendet oder zieht’), Nutz-dit-Profit (frz. profit ‘Nutzen’) und vermutlich Streit. Dieser Name wird in Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Streit) zu mhd. strīt ‘Streit, Kampf ’ gestellt und als ÜberN «für eine streitbare, womöglich jähzornige, streitsüchtige Person» gedeutet. Somit scheint er mit dem französischen Namenteil Provins (frz. provin ‘Absenker, in den Boden gesenkter Trieb, Ableger von Rebstöcken oder anderen Pf lanzen’) auf den ersten Blick nichts gemein zu haben. Allerdings könnte der Name auch auf schwzdt. Strīt ‘Immergrün oder andere kriechende, rankende Pf lanze, gestutzte Weide’, wohl zu ahd. strīta ‘Streiterin’ für sich durchsetzende, sich behauptende Pf lanzen zurückgehen (Id. 11 1881 ff.: Sp. 2409; vgl. auch BENB I/ 6 2020: Sp. 466-467). In diesem Fall könnte der Namenteil Provins einen Übersetzungsversuch darstellen. Möglich ist auch, dass der Deutung ‘Streit’ diejenige als Pf lanzenbezeichnung aus volksetymologischen oder namenveredelnden Motiven vorgezogen wurde. Der resultierende FamN Streit dit Provins wäre als WohnstättenN einzuordnen. Zu den ÜberN zählen ausserdem Hürsch und Hürsch dit Cerf (frz. cerf ‘Hirsch’). Auch hier könnte eine volksetymologische oder veredelnde Deutung im Spiel sein: Ramseyer (unveröffentlicht) stellt Hürsch nicht zu Hirsch, sondern zu schwzdt. hursche(n) (auch hürsche(n)) ‘Unordnung hervorbringen, unordentlich arbeiten, pfuschen’ oder Hurschi ‘wer alles verwirrt, unordentlicher Mensch’ (vgl. Id. 2 1881 ff.: Sp. 1637-1638). Im Datenmaterial kommen zwei weitere einschlägige Fälle vor, die nicht kartiert wurden: zum einen der WohnstättenN Zurbrugg dit Despond (frz. pont ‘Brücke’; ohne Nennung des Herkunftsorts, s. u.), zum anderen die Namenvarianten Keuffer dit Barrelet, Küffer dit Barillet, Küffer-dit-Barrillier und Kuffer dit Barrillier. Letztere wurden zugunsten der Übersichtlichkeit nicht kartiert. Sie finden sich in Aclens (VD), Vich (VD), Bonvillars (VD) sowie Cossonay (VD) und verzeichnen mehrheitlich (bis auf die zweite Variante) den Herkunftsort Ins (BE). Dort wiederum ist Küffer ‘Fassbinder, Küfer’ belegt. Die romanischen Varianten stellen sich zu frz. barillet ‘kleines Fass’ bzw. patois barillier ‘Fassbinder, Küfer’ (GPSR II 1924 ff.: 256). Es handelt sich somit um Berufsbzw. BerufsüberN. Kommentar: Anhand der Beispiele zeigen sich Migrationsbewegungen mehrfach aus dem Berner Oberland und je einfach aus dem Berner Seeland (Fall Küffer, Ins) und dem Aargau (Fall Hürsch, Zofingen) in die Romandie (GE, NE, VD) im 19. Jh. Das Kartenbild ist um folgende Befunde aus den historischen Datenschichten zu ergänzen: • Im 19. Jh. taucht in Renens (VD, bei Lausanne) der Name Zurbrugg dit Despond ohne Angabe eines Herkunftsorts auf. Eine Suche nach Zurbrugg / Zurbrügg in der Schicht «vor 1800» liefert nur zwei Einträge für letztere Variante in den Orten Frutigen und Reichenbach (beide im Kandertal BE), sodass diese als Ausgangsorte wahrscheinlich sind, was den Befund zum Berner Oberland unterstreicht. Hierzu passt auch ein weiterer FamN, der hier nicht aufgenommen wurde, weil er dem Typ «Varianz», nicht dem Typ «Übersetzung» zugehört: Rychen dit Ryhen (1930, Genf ) mit Herkunft aus Wilderswil (Berner Oberland). • Bei sämtlichen genannten Namenpaaren bis auf die Typen Brunner, Rychen, Zurbrügg deutet sich eine mögliche Rückkehr oder zumindest eine anhaltende Verbindung zum Ursprungsort dadurch an, dass der mutmasslich neuere, romanisierte Name am Ursprungsort wieder (bzw. ebenfalls) auftaucht, namentlich vor 1800: Hürsch dit Cerf (Zofingen AG), Barrillier (Ins BE), Nutz-dit- Profit (Lenk BE), Streit-dit-Provins (Höfen b. Thun BE) sowie im 20. Jh.: Chenaud (Reichenbach im Kandertal BE), Provins (Höfen b. Thun BE). 4.3 Mehrgliedrige Familiennamen mit den Zusätzen dit, soit, alias 617 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="618"?> Dritte Karte {280}: Mehrgliedrige Familiennamen mit dem Element soit diachron Namenauswahl: Die dritte Karte widmet sich FamN, die aus zwei Namen und dem Element soit ‘oder, nämlich, das heisst’ gebildet sind (Bildungstyp «X soit Y»). Ausgewählt wurden alle in der Datenbank enthaltenen Fälle aus den ältesten drei Zeitschichten «vor 1800», «19. Jh.» und «20. Jh.». Abgefragte Namen FamN mit soit, vor 1800: Athenon soit Attenon, Kümmerling soit Kimmerling, Mermillod soit Marmillod, Nicole soit Nicoulaz, Resin soit Raisin. 5 Tokens. FamN mit soit, 19. Jh.: Böhm soit Boehm, Bossart soit Bossard, Burkhard soit Bourcart, de Traz soit Détraz, Delorme soit Delormoz, Dovat soit Dovaz, Dukase soit Ducas, Fumet soit Flumet, Giontini soit Giuntini, Grezet soit Grisel, Hantzsch soit Hantsch, Hirschi soit Hirschy, Kisner soit Küstner, Larue soit Laruaz, Menut soit Menu, Mermoz soit Mermod, Mornard soit Mornal, Paschetto soit Pasquet, Piccard soit Picard, Racheli soit Rachelli, Rouff soit Rueff , Ruchty soit Rochty, Stalé soit Stalet, Thevenin soit Thevenet, Torel soit Thorel, Veschio soit Vescio. 26 Types, 26 Tokens. FamN mit soit, 20. Jh.: Burky soit Bürki, Chiprut soit Ciprut, Commend soit Command, Crosnier soit Cronier, Dény soit Denys, Dubely soit Dubelly, Dukase soit Ducas, Dunand soit Dunant, Escuvillon soit Esquivillon, Gobbo soit Gobbi, Gurliat soit Gurliaz, Kagan soit Kagann, Kosdigian soit Ksdikian, Lonnay soit Delaunay, Macaër soit Mocaër, Mirra soit Mira, Muri soit Mury, Ostadal soit Oscadal, Parzini soit Parsini, Perrad soit Perrard, Piré soit Piret, Rüphi soit Rouffi, Starrost soit Starrast, Welts soit Fink, Zenguinian soit Zinguinian. 25 Types, 26 Tokens. Kreise 30-55, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 293: Daten zur dritten Karte {280} Detailangaben zur Namenauswahl: Das Namenmuster «X soit Y» erscheint in der Zeitschicht «vor 1800» mit insgesamt 5 Types. Alle FamN treten jeweils nur einmal auf. Die FamN dieses Musters gehören zum Typ «Varianz». Analog zum Namen Reutimann dit Rüttimann (vgl. erste Karte) scheint auch beim mit deutschen Elementen gebildeten FamN Kümmerling soit Kimmerling die Y-Position mit der mündlichen Realisierung des Namens in der Y-Position besetzt zu sein. In den jüngeren Zeitschichten «19. Jh.» und «20. Jh.» Karte 280: Mehrgliedrige FamN mit dem Element soit diachron, vor 1800, 19. Jh. u. 20. Jh. 618 4 Verbindungen mit verbalen, nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="619"?> steigt die Zahl der FamN auf insgesamt 51 Types. Dies deutet auf eine lebendige Produktivität des onymischen Musters hin, insbesondere um fremdsprachige FamN in das französische Namensystem zu integrieren. Die genauen Hintergründe dieses Integrationsprozesses sind noch zu erforschen. Kommentar: Mehrgliedrige FamN mit dem Zusatzelement soit treten in den Zeitschichten «vor 1800» und «19. Jh.» ausschliesslich in der französischsprachigen Schweiz auf, in den Kantonen Genf und Waadt. Ein Jahrhundert später sind sie auch am Ufer des Neuenburgersees zu finden. Vierte Karte {281}: Mehrgliedrige Familiennamen mit dem Element alias diachron Namenauswahl: Die vierte Karte gilt mehrgliedrigen FamN, die mit dem Element alias (‘auch, sonst, anders [genannt]’) gebildet wurden (Bildungstyp «X alias Y»). Ausgewählt wurden alle in der Datenbank enthaltenen Fälle der ältesten zwei Zeitschichten «vor 1800» und «19. Jh.». Abgefragte Namen FamN mit alias, vor 1800: Briaux alias Dupertuis, Ducimetière alias Monod, von Bachmann alias Pacquement. 4 Tokens. FamN mit alias, 19. Jh.: Briaux alias Dupertuis. 1 Token. Kreise 10-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 294: Daten zur vierten Karte {281} Detailangaben zur Namenauswahl: Mehrgliedrige FamN mit dem Element alias sind in der Schweizer Namenlandschaft der Zeitschichten «vor 1800» und «19. Jh.» sehr selten. In der Zeitschicht «20. Jh.» ist kein Fall dokumentiert. Die beiden FamN Briaux alias Dupertuis und Ducimetière alias Monod gehören zum Typ «Mehrnamigkeit». Der FamN von Bachmann alias Pacquement hingegen ist eine hybride Zusammensetzung aus einem deutschen (von Bachmann) und einem französischen (Pacquement) FamN, der wohl eine lautnachahmende Übertragung mittels französisch anmutender Elemente darstellt. 5 Kommentar: Die beiden FamN Briaux alias Dupertuis und Ducimetière alias Monod treten punktuell im Gebiet der Waadt auf. Der FamN Bachmann alias Pacquement erscheint hingegen an einem Ort im deutschsprachigen Kanton Glarus. Das Fehlen von neuen Bildungen mittels alias in den jüngeren Zeitschichten «20. Jh.» und «2020» weist darauf hin, dass dieses spezifische onymische Muster nicht produktiv wurde, was für die Elemente dit und soit hingegen der Fall ist. Karte 281: Mehrgliedrige FamN mit dem Element alias diachron, vor 1800 u. 19. Jh. 5 Der FamN findet sich einzig in Näfels (GL); die Französisierung beruht wohl darauf, dass Personen namens von Bachmann «Militärkarrieren in französischen Diensten» machten (e-HLS 2002: s. v. Bachmann (GL)). 4.3 Mehrgliedrige Familiennamen mit den Zusätzen dit, soit, alias 619 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="620"?> Ergebnisse Mehrgliedrige FamN, die mit einem Zusatzelement wie dit, soit oder alias gebildet sind, zeichnen sich in mehrfacher Hinsicht als besonders aus: • Die syntaktische Struktur dieser FamN gleicht den Einträgen von historischen Namenbelegen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Diese Struktur verweist auf die Mehrnamigkeit einer Namenträgerin oder eines Namenträgers, wie im Typ Henslinus Rebers dictus Hosiman ersichtlich ist (Studerus 1926: 41). Französische Ref lexe von lateinischen Elementen wie dictus haben sich nach der Verfestigung der FamN als onymische Elemente kristallisiert und sind in Namenmustern produktiv geworden. • FamN dieses Bildungstyps (so wie mehrgliedrige FamN im Allgemeinen) sind für die Schweiz ein Charakteristikum des französischsprachigen Landesteils. Die Raumbilder der hier kartierten FamN weisen eine klare Verbreitung in diesem Gebiet aus; deutschsprachige Zusatzelemente wie genannt haben sich nicht in den Schweizer FamN etabliert (zu mutmasslich zugewanderten Fällen s. u.). Eine grosse Konzentration des Musters «X dit Y» bzw. «X-dit- Y» findet sich in den Neuenburger Orten Le Locle, La Chaux-de- Fonds und Umgebung, weshalb auch von einem regionalen Phänomen ausgegangen werden kann. In diesem Raum, später auch in anderen Teilen der Romandie, wurde das Muster auch zur Integration fremdsprachiger FamN genutzt, weshalb seine Untersuchung auch Perspektiven auf Migrationsbewegungen eröffnet. • Die Beziehung zwischen den Namengliedern ist unterschiedlich motiviert. Über den Fall der Mehrnamigkeit hinaus dienen die Zusätze als metasprachliche Kennzeichnung, die entweder auf Sprachkontakt bzw. Übersetzung (z. B. Brunner dit Fontaine) oder auf graphematisch-phonologische Variation (z. B. Luquin dit Lucain) hinweist. Letztere Funktion ist (fast) die einzige, die für das Zusatzelement soit anhand der vorliegenden FamN festgestellt werden kann. Die Übersetzungsfälle stellen einen interessanten Hinweis auf semantische Remotivierung von FamN dar. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Droz-dit-Busset (312 Tokens), Ducommun-dit-Verron (241 Tokens) und Nicolet-dit-Félix (159 Tokens). FamN mit dem Element genannt («X genannt Y») sind in den historischen Datenschichten «vor 1800», «19. Jh.» und «20 Jh.» nicht belegt. In der jüngeren Schicht «2020» treten 9 Types (mit 23 Tokens) auf. Diese FamN gehen vermutlich allesamt auf Zuwanderung zurück, wofür neben ihrem Fehlen in den historischen Schichten noch weitere Indizien sprechen: Zum einen lässt die sprachliche Struktur der Namen in fast allen Fällen eindeutig auf ausländische Herkunft (meist Deutschland) schliessen (aufgrund der Seltenheit der FamN können aus Datenschutzgründen keine Beispiele genannt werden); zum anderen dominieren unter den für diese FamN verzeichneten Heimatorten grössere Städte (Basel, Genf, St. Gallen, Winterthur), was typisch für zugewanderte FamN ist. Vergleich mit benachbartem Ausland: Der Blick nach Frankreich zeigt, dass mehrgliedrige FamN mit den Elementen dit, soit und alias allgemein im französischsprachigen Nameninventar enthalten sind. Sowohl historische als auch aktuelle Daten belegen FamN wie René dit Dérouville, Rosalie dite Prouhèze (mit fem. dite) oder Ben Abdellah dit El Brahmi (Filae o. J.). Die genauen Genesewege der unterschiedlichen Namentypen müssen noch untersucht werden. Im DFA 3 (2012) findet sich kein Artikel zu FamN des Musters «X genannt Y» o. ä. Mehrgliedrige FamN mit dem Zusatzelement dictus treten mehrfach in den historischen Sondierungen auf. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Aebischer, Paul (1923): Sur l’origine et la formation des noms de famille dans le Canton de Fribourg (Biblioteca dell’ Archivum Romanicum. Serie II: Linguistica 6). Genève: Olschki. Bach, Adolf (1953): Deutsche Namenkunde. Bd. I, 2: Die deutschen Personennamen. 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In Mainz wirkte sie am «Deutschen Familiennamenatlas» (DFA) mit und promovierte mit einer Studie zur Wortbildung. Seit 2020 ist sie Professorin für germanistische Linguistik an der Universität Bern, wo sie 2023 habilitierte. 2022-2026 leitete sie das Projekt «Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Linda Steiner ( * 1978 in Lugano/ Tessin) studierte Vergleichende romanische Sprachwissenschaft in Zürich, wo sie 2013 mit einer Dissertation zur lexikalischen Semantik promovierte. 2014-2022 war sie am Deutschen Seminar der Universität Zürich als wissenschaftliche Mitarbeiterin für die beiden Projekte «St. Galler Namenbuch: Die Siedlungsnamen des Kantons St. Gallen» und «Die Flurnamen des Kantons St. Gallen» (TopSG) sowie als Dozentin tätig. 2022-2026 wirkte sie als operative Projektleiterin und Redaktorin beim Projekt «Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Simone Berchtold ( * 1972 in Feldkirch/ Vorarlberg) studierte Germanistik und Anglistik/ Amerikanistik in Wien und promovierte in Zürich mit einer onomastischen Arbeit. Seit 2005 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin am Deutschen Seminar der Universität Zürich tätig. Mit Martin Hannes Graf zusammen erarbeitet sie seit 2010 ein etymologisches Lexikon der Familiennamen der deutschen Schweiz. Als Co-Leiterin führte sie 2019-2022 das Projekt «Die Flurnamen des Kantons St. Gallen» (TopSG). 2022-2026 arbeitete sie beim Projekt «Familiennamenatlas der Deutschschweiz» als Redaktorin. Esther Loosli ( * 1996 in Eriswil/ Bern) schloss 2022 ihr Masterstudium in Deutscher Sprachwissenschaft und Englisch mit soziolinguistischem Schwerpunkt an der Universität Bern ab. Nach einer Verlagsanstellung im Bereich Redaktion, Lektorat und Korrektorat arbeitete sie 2023-2026 als Redaktorin und Korrektorin beim Projekt «Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Martina Heer ( * 1981 in Luzern) studierte Germanistik und Vergleichende germanische Sprachwissenschaft an der Universität Zürich. Sie arbeitete als Doktorandin beim Projekt «Ortsnamenbuch des Kantons Bern» (BENB) und promovierte an der Universität Zürich zu historischen Personennamen. 2022-2026 arbeitete sie als Redaktorin beim Projekt «Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Jeffrey Pheiff ( * 1989 in Scranton/ Pennsylvania) studierte Germanistik in Millersville und Marburg. In Marburg arbeitete er im Akademieprojekt «Regionalsprache.de» (REDE) und promovierte mit einer Arbeit zur Grammatikalisierung des Definitartikels im Niederdeutschen. Er ist seit 2020 als Postdoc in Bern tätig. 2022-2024 wirkte er als Redaktor beim Projekt «Familiennamenatlas der Deutschschweiz» mit. Elia Ackermann ( * 1995 in Mels/ St. Gallen) studierte Indogermanistik, Vergleichende germanische Sprachwissenschaft und Lateinische Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. 2023 promovierte er im Rahmen des Projekts «Die Flurnamen des Kantons St. Gallen» (TopSG) mit der Dissertation «Eindeutschung alträtoromanischer Substrattoponyme». Er arbeitet als Technischer Redakteur und publiziert zu historischer Linguistik, Sprachkontakt und Onomastik. Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="623"?> Luise Kempf (Hrsg.) Familiennamenatlas der Deutschschweiz (FDS) Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete Band III: Lexik und Benennungsmotive Bearbeitet von Luise Kempf, Simone Berchtold, Linda Steiner, Esther Loosli, Martina Heer und Selma Vonlanthen Unter Mitwirkung von Lara Schaub Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="624"?> Umschlagabbildung: Kartenausschnitt Emmental (Quelle: Bundesamt für Landestopografie swisstopo) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. Prof. Dr. Luise Kempf Universität Bern Institut für Germanistik Länggassstrasse 49 CH-3012 Bern luise.kempf@unibe.ch https: / / orcid.org/ 0000-0001-9594-2997 Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (Projekt 204495). Die im Rahmen dieses Bandes veröffentlichten Karten sind als Datenpublikation im BORIS-Portal zugänglich: https: / / doi.org/ 10.48620/ 96073. Detaillierte Metadaten sowie Informationen zu Lizenzierung und Nachnutzung sind dort hinterlegt. Der Quellcode für das Kartierungsprogramm des FDS soll auf GitHub unter folgender URL bereitgestellt werden: https: / / github.com/ tivano-software/ fds-cartography. DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381150823 © 2026 · Luise Kempf Das Werk ist eine Open-Access-Publikation. Es wird unter der Creative-Commons-Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen | CC BY-SA 4.0 (https: / / creativecommons.org/ licenses/ by-sa/ 4.0/ ) veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, solange Sie die/ den ursprünglichen Autor: innen und die Quelle ordentlich nennen, einen Link zur Creative-Commons- Lizenz anfügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Werk enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative-Commons-Lizenz, sofern sich aus der am Material vermerkten Legende nichts anderes ergibt. In diesen Fällen ist für die oben genannten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einf luss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Internet: www.narr.de | eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach ISBN 978-3-381-15081-6 (Print) ISBN 978-3-381-15082-3 (ePDF) ISBN 978-3-381-15083-0 (ePub) Verfügbar im Bundle mit den Bänden I und II unter ISBN 978-3-381-14511-9 (Print) und ISBN 978-3-381-14512-6 (ePDF). Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="625"?> Inhalt A Kurzeinleitung zu Band III . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 627 B Lexik und Benennungsmotive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 641 1 Familiennamen aus Rufnamen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 643 1.1 Patronyme zu germanischen Rufnamen: kuoni . . . . . . . 643 1.2 Patronyme zu germanischen Rufnamen: liut . . . . . . . . . 650 1.3 Patronyme zu germanischen Rufnamen: hruod . . . . . . . 655 1.4 Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 663 1.5 Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen 674 1.6 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Petrus . 682 1.7 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Martīnus 691 1.8 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Christiānus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 696 1.9 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Johannes 701 1.10 Patronyme zu weiteren nicht-germanischen Rufnamen 709 1.11 Metronyme: Gesamtdarstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 718 1.12 Metronyme: Häufige Fälle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 727 2 Herkunftsnamen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 739 2.1 Herkunftsnamen zu Schweizer Toponymen . . . . . . . . . . 739 2.2 Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 750 2.3 Herkunftsnamen zu ausländischen Toponymen . . . . . . 758 2.4 Herkunftsnamen zu Bezeichnungen von Stämmen, Volks- und Sprachgruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 764 3 Wohnstättennamen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 773 3.1 Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie 773 3.2 Wohnstättennamen nach Gewässern und wasserbaulichen Anlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 791 3.3 Wohnstättennamen zu Uferlandschaften, Sümpfen und Sumpfpf lanzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 802 3.4 Wohnstättennamen nach der Vegetation . . . . . . . . . . . . . 809 3.5 Wohnstättennamen nach der Bodenbeschaffenheit . . . 823 3.6 Wohnstättennamen zu Rodungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 829 3.7 Wohnstättennamen zu Kulturland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 839 3.8 Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen . . . . . . . . . 851 3.9 Wohnstättennamen zu Häusernamen . . . . . . . . . . . . . . . . 866 3.10 Wohnstättennamen zu Bezeichnungen für Höfe, Anwesen und Siedlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 880 4 Berufsnamen und Berufsübernamen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 889 4.1 Berufs(über)namen zum Nahrungsmittelgewerbe . . . . . 889 4.2 Berufs(über)namen zum Bäckereigewerbe . . . . . . . . . . . . 895 4.3 Berufs(über)namen zur Landwirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . 901 4.4 Berufs(über)namen zur Jagd und Fischerei . . . . . . . . . . . 914 4.5 Berufs(über)namen zur Metallverarbeitung . . . . . . . . . . . 919 4.6 Berufs(über)namen zum Textil-, Leder- und Pelzhandwerk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 928 4.7 Berufs(über)namen zur Holzverarbeitung . . . . . . . . . . . . 938 4.8 Berufs(über)namen zum heilkundlichen Gewerbe . . . . . 945 4.9 Berufs(über)namen zu weltlichen und klerikalen Ämtern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 948 4.10 Berufs(über)namen zu Bezeichnungen für Kauf leute und Händler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 960 4.11 Berufs(über)namen zum Unterhaltungsgewerbe . . . . . . 965 5 Übernamen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 973 5.1 Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Gesamteindruck und Haare . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 973 5.2 Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Körperteile und Gang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 984 5.3 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 993 5.4 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Aggressivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1015 5.5 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sprechweise und Sprachverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1020 5.6 Übernamen nach Tierbezeichnungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 1024 5.7 Übernamen nach Standesbezeichnungen . . . . . . . . . . . . . 1035 5.8 Übernamen nach Verwandtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1043 5.9 Übernamen nach gesellschaftlich-biographischen Aspekten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1052 5.10 Übernamen nach gesellschaftlich-wirtschaftlichen Aspekten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1062 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände . . . . . . . . 1073 Familiennamenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1073 Register der Fachausdrücke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1108 Historisches Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1110 Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1112 Kartenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1113 Kurzbiographien der Autorinnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1121 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="626"?> Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="627"?> A Kurzeinleitung zu Band III 1 Aufbau der Kurzeinleitung Diese Benutzungshinweise geben die wichtigsten Informationen zum Aufbau des Atlas bzw. der Artikel (Abschnitt 2), zur Datengrundlage (Abschnitt 3) und Kartierung (Abschnitt 4) sowie zu den Schreibkonventionen (Abschnitt 5) und Abkürzungen (Abschnitt 6) wieder und dienen als Lesehilfe für die Artikel des vorliegenden Bandes. Eine ausführlichere Behandlung der genannten Aspekte bietet die I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz» im ersten Band, die darüber hinaus die Entstehung und Grundkonzeption des FDS beschreibt, einen historischen Abriss der Familiennamenentstehung enthält und zentrale Begriffe klärt. 2 Atlas: Aufbau, Artikel und Autorschaft Aufbau des Atlas: Der FDS ist in drei Bände unterteilt, die je spezifische Themenbereiche in den Blick nehmen. Während der erste Band der Graphie und Phonologie gilt und der zweite Band zu Morphologie und Syntax ebenfalls grammatische Themen behandelt, widmet sich der vorliegende dritte Band der Lexik und den Benennungsmotiven. Die Kapitelgliederung folgt auf oberster Ebene der Einteilung in fünf Benennungsmotive, die in der deutschsprachigen und sonstigen (mittel-)europäischen Familiennamenforschung gängig ist: FamN aus Ruf N, HerkunftsN, WohnstättenN, BerufsN (inklusive BerufsüberN) und ÜberN. Diese lassen sich mit van Langendonck (2007: 281) den Bereichen origin vs. characterization zuteilen: Ersteres umfasst neben Herkunfts- und WohnstättenN auch FamN nach einem Ruf N (meistens nach dem des Vaters) und benennt eine Person nach etwas (Ort/ Person), wozu sie gehört; zweiteres vereint Berufs(über)N sowie ÜberN und benennt eine Person nach etwas, das zu ihr gehört. Tabelle 295 zeigt die fünf Benennungsmotive und führt zu jedem die grundlegendsten Subklassifizierungen mit Beispielen aus der Datenschicht «vor 1800» auf. 1 Detailliertere Erläuterungen zu den Benennungsmotiven finden sich in Abschnitt 7.1 der I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Benennungsmotiv Untergruppen und Beispiele aus der Datenschicht «vor 1800» FamN aus Ruf N Patronyme: Karlen ← Karl, Tschannen ← Jean Metronyme: Barben ← Barbara, Frehner ← Verena HerkunftsN Siedlung: Zürcher, Solothurnmann Land/ Provinz: Toggenburger, Elsässer Volk/ Stamm: Bayer, Hess WohnstättenN Naturräumliche Merkmale: Bachmann, Bühler zu mhd. bühel, büel ‘Hügel’ Kulturräumliche Merkmale: Zumthor, Hofstätter zu Hofstatt, Hofstätte ‘ländliches Heimwesen mit Umschwung’ BerufsN Direkte BerufsN: Schmid, Fischer, Brodbeck Nach Ämtern: Messmer ‘Kirchendiener’, Burgermeister Lokalisierte BerufsN: Haslimeier ‘Gutsverwalter/ Grossbauer am Haselgehölz’ Indirekte BerufsN (BerufsüberN): Schwyn ‘Schweinehirt, -züchter, -händler’, Hämmerli ‘Schmied u. ä.’ ÜberN Körperliche Merkmale: Wyssen zu weiss, Dirren zu dürr, Feissli zu mhd. veiz ‘beleibt, wohlgenährt’ Wesensart/ Verhalten: Wohlgemuth, Häderli zu mhd. hader ‘Streit, Zank’ Biographische/ soziale Merkmale: Findling, Schwestermann Tabelle 295: Die fünf Benennungsmotive mit Untergruppen Freilich lassen sich nicht alle FamN der Deutschschweiz einem einzigen Benennungsmotiv zuordnen, sodass insgesamt Bedeutungskonkurrenzen und Mehrfachkategorisierungen nicht ausgeschlossen werden können. Überschneidungen zeigen sich bspw. bei Wohnstätten- und BerufsN: So ist etwa bei Bleichmann oder Bruggmann das Motiv desjenigen, der bei der Bleiche wohnt und diese betreibt oder bei der Brücke wohnt und diese bewacht, durch die häufige Einheit von Wohnen und Arbeiten schwer zu trennen. Empirisch ist auch die Unterscheidung von Wohnstätten- und HerkunftsN oft schwierig, da die Namen auf den gleichen Etyma basieren können. Bspw. lässt sich Steiner entweder als WohnstättenN zu einem FlurN Stein(en) oder aber als HerkunftsN zu Stein am Rhein bzw. einem 1 In der Tabelle sind typische und anschauliche Beispiele für die (Unter-)Gruppen der Benennungsmotive zusammengestellt. Bei den meisten Namen kämen auch gewisse Bedeutungskonkurrenzen infrage, bspw. könnte sich Zürcher neben der Stadt Zürich auch auf das Herrschaftsgebiet beziehen. Solche Konkurrenzen werden hier ausgespart, in den Artikeln jedoch i. d. R. behandelt. Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="628"?> ähnlichen SiedlungsN deuten. Die Artikel in den Kapiteln III-2 «Herkunftsnamen» und III-3 «Wohnstättennamen» sind daher v. a. lexikalisch ausgerichtet und im Verbund zu betrachten. 2 Theoretisch und von der Motivation her gesehen ist die Unterscheidung dieser beiden Benennungsmotive aber bedeutsam, da WohnstättenN die Ansässigen, HerkunftsN hingegen die Zugewanderten bezeichnen. Am Ende dieses Bandes findet sich ein Familiennamenregister mit allen FamN, die in den Grammatik-Bänden und/ oder im vorliegenden Lexik-Band entweder kartiert oder im Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz» (s. u.) genannt werden. Danach folgen ein Register der Fachausdrücke und ein historisches Sachregister, in denen die Schlagwörter (s. u.) aller FDS-Artikel alphabetisch gelistet sind. Das Registerkapitel wird vervollständigt mit einem Abbildungs- und einem Kartenverzeichnis aller drei Bände. Konstitution und Selektion der Themen: Der vorliegende dritte Band soll offenlegen, welche lexikalischen, semantischen und benennungsmotivischen Eigenschaften im Familiennamenbestand der Deutschschweiz figurieren. Aufgrund der (germanistisch-)linguistischen Perspektive des Projekts liegt der dezidierte Fokus auf den alteingesessenen deutschsprachigen FamN der Schweiz. Zu jedem der fünf Benennungsmotive werden die ergiebigsten und relevantesten Themen behandelt. Die Artikeleinteilung richtet sich bei den Patronymen und Metronymen nach den zugrunde liegenden Ruf N, bei den anderen Benennungsmotiven v. a. nach motivisch-semantischen Kategorien. Dies wird im Folgenden genauer erläutert. Die Gruppe der Patronyme und Metronyme unterscheidet sich in semiotischer Hinsicht von den anderen Benennungsmotiven. Bei diesem Benennungsmotiv lässt sich keine semantische Bündelung vornehmen, denn die zugrunde liegenden Ruf N tragen als EigenN keine (zum Zeitpunkt der Familiennamenbildung aktuelle) lexikalisch-semantische Bedeutung. Wohl aber leisten sie eine Bezugnahme (Referenz) auf eine Person und verfügen über eine etymologische Herkunft. Wir untergliedern zunächst nach der Referenz des zugrunde liegenden Ruf N auf eine weibliche oder männliche Person. Die Metronyme (z. B. Elsener) konnten vollständig abgedeckt werden, wobei diejenigen zu den am häufigsten figurierenden Ruf N zusätzlich auch separat dargestellt werden. 3 Bei Patronymen unterteilen wir nach dem etymologischen Gesichtspunkt der germanischen vs. nicht-germanischen Herkunft des zugrunde liegenden Ruf N (z. B. Hermann vs. z. B. Matthis). Da Patronyme dasjenige Benennungsmotiv mit den meisten verschiedenen FamN darstellen, können in beiden Untergruppen nur die häufigsten FamN (und deren Varianten) behandelt werden. Seltener vorkommende Patronyme müssen damit leider aussen vor bleiben. Bei den übrigen Benennungsmotiven (HerkunftsN, WohnstättenN, Berufs(über)N, ÜberN) richtet sich die Artikeleinteilung i. d. R. nach motivisch-semantischen Kategorien, seltener nach lexikalischen (d. h. nach zugrunde liegendem Lexem, s. u.). Um die Einteilungskategorien festzulegen, haben wir uns sowohl an der Forschungsliteratur als auch am vorliegenden Namenmaterial orientiert. Das gesamte Material der frühesten Datenschicht «vor 1800» (s. u.) wurde einer Vorsondierung unterzogen. 4 Dabei wurden jeweils alle FamN eines Benennungsmotivs daraufhin durchgesehen, ob die aus der Literatur erwartbaren Kategorien vertreten sind und ob weitere Kategorien und Unterkategorien aus dem Material erwachsen. Daraus ergab sich, welche Themen eigene Artikel rechtfertigen und welche mit anderen kombiniert oder ganz verworfen werden müssen. Bspw. erwies sich bei den ÜberN die Kategorie ‘Faulheit/ Trägheit’ (vgl. Kohlheim 1996: 1255) mit nur wenigen FamN wie Lemp(en) zu schwzdt. Lämp ‘arbeitsscheuer Mensch’ u. ä. als nicht ertragreich, sodass nur allgemeinere bzw. ergiebigere Kategorien behandelt werden. 5 Unter den körperlichen Merkmalen hingegen treten rund 60 (! ) verschiedene FamN zum Gang einer Person auf, etwa Deppeler, Stämpfli und Wenk, sodass dieses Thema priorisiert - d. h. in drei dedizierten Karten im Artikel III-5.2 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Körperteile und Gang» behandelt - wird. FamN, die für mehrere Motivgruppen innerhalb eines Benennungsmotivs (z. B. Zumthurm als WohnstättenN nach einem hohen, schlanken Gebäude oder nach einer entsprechenden Felsformation) und/ oder für mehrere Benennungsmotive (z. B. Thormann als WohnstättenN für den am Stadttor Wohnhaften oder als BerufsN für den Torwächter) einschlägig sind, wurden teilweise in verschiedenen Artikeln behandelt. Das mehrfache Einbeziehen von FamN führt insofern nicht zu Dopplungen in der Kartierung, als in den Karten meistens grössere Namensamples dargestellt sind. Ähnlich wie bei Berufs(über)-, Über- und WohnstättenN teilen wir die Artikel auch bei den HerkunftsN prinzipiell nach motivischsemantischen Kriterien ein. Zwar liegen hier (wie bei Patronymen/ Metronymen) i. d. R. EigenN zugrunde, die als solche meist keine aktuelle Bedeutung mehr aufweisen (z. B. Zürich); allerdings lassen sich HerkunftsN motivisch danach kategorisieren, ob das Bezugsobjekt eine Siedlung (z. B. Zürcher), eine Landschaft (z. B. Toggenburger), einen Fluss (selten; z. B. Donauer), ein Gebirge (selten; z. B. Calonder zu Calanda, dem nordwestlich von Chur GR aufragenden Bergmassiv) oder einen Stamm bzw. eine Volksgruppe (z. B. Schwab) darstellt; sowie ferner danach, ob das Bezugsobjekt im helvetischen Kulturraum zu lokalisieren ist oder anderswo. Bei der aussergewöhnlich reichhaltigen Kategorie der Schweizer SiedlungsN hat sich allerdings auch einmal die Einteilung nach lexikalischem Prinzip angeboten, indem ein Artikel häufige Endungen wie -ighofen und -hausen behandelt. 6 2 Für die Zuordnung der FamN, die sich sowohl auf die Wohnstätte als auch auf die Herkunft einer Person beziehen können, vgl. auch die Ausführungen in den Artikeln III-2.1 «Herkunftsnamen zu Schweizer Toponymen» und III-3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie». 3 Vgl. die Artikel III-1.11 «Metronyme: Gesamtdarstellung» und III-1.12 «Metronyme: Häufige Fälle». 4 Die Vorsondierung bezieht deshalb nur FamN aus der Datenschicht «vor 1800» ein, weil der Fokus des Projekts auf alteingesessenen (deutsch-)schweizerischen FamN liegt. In der Datenschicht des 19. Jh. kommen nur wenige FamN als solche infrage (vgl. Abschnitt 4.1 in der I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz»); diese wurden punktuell in den Grammatik-Bänden einbezogen, jedoch hier in der Vorsondierung nicht berücksichtigt, da sie (noch) nicht in die etymologische Datenbank (die Berchtold/ Graf i. V. zugrunde liegt) integriert sind, an der sich die Vorsondierung orientiert. 5 Vgl. die Artikel III-5.4 «Übernamen nach Charakter und Verhalten: Aggressivität», III-5.5 «Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sprechweise und Sprachverhalten» sowie III-5.3 «Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel». 6 Vgl. Artikel III-2.2 «Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen». 628 A Kurzeinleitung zu Band III Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="629"?> Die beschriebene motivisch-semantische Themeneinteilung ist nicht deckungsgleich mit lexikalischen Kategorien (Lexemgruppen), doch treten gewisse systematische Korrelationen auf: Oftmals involviert eine motivisch-semantische Kategorie mehrere Lexemgruppen. So speisen sich BerufsN zum Motiv des Bäckerberufs aus Lexemen, die entsprechende Personenbezeichnungen darstellen, wie etwa Pfister, Beck, Brodmann; hinzu kommen aber durch BerufsüberN wie Küchli, Brodt oder Leisebach (zu schwzdt. līsbache(n) ‘schwach gebacken’) noch weitere Lexemgruppen (hier Gegenstandsbezeichnungen sowie ein Adjektiv, vgl. Artikel III-4.2 «Berufs(über)namen zum Bäckereigewerbe»). Ähnlich liegen bei WohnstättenN nach dem Motiv der Vegetation bestimmte Lexemgruppen zugrunde, insbesondere (diminuierte) Bezeichnungen von Gewächsen sowie aus ihnen abgeleitete Personenbezeichnungen (oder PersonenN): Büchi, Eichi, Rietli - Buchmann, Eichmann, Rietmann (vgl. Artikel III-3.4 «Wohnstättennamen nach der Vegetation»). In einzelnen Fällen erwies es sich als sinnvoll, die Artikeleinteilung an bestimmten Lexemgruppen auszurichten. Dies gilt v. a. für die Artikel III-5.6 «Übernamen nach Tierbezeichnungen» sowie III-5.7 «Übernamen nach Standesbezeichnungen». Hier wurde von Lexemgruppen wie Bär, Fuchs, Wolf usw. bzw. Graf , Herzog, König usw. ausgegangen. Der Grund dafür ist, dass die Motivik bei diesen Namen i. d. R. sehr vielfältig ist und sich nicht mehr im Einzelnen herausarbeiten lässt: War jemand schlau wie ein Fuchs, glich er ihm an Haarfarbe oder jagte er dieses Tier? Stand jemand im Dienst eines Königs, verhielt er sich wie einer oder hatte er im Volksschauspiel diese Rolle angenommen (vgl. DFD 2025: s. v. König)? Zugleich sind die FamN beider Kategorien (Tiersowie Standesbezeichnungen) nach Types und nach Tokens so frequent, dass sie als auffälliges Muster im Deutschschweizer Familiennamenbestand erscheinen und es daher der Sache nicht gerecht würde, die zugehörigen FamN nach (mutmasslichen) Motiven auseinanderzuklauben, anstatt sie als ganze Gruppe zu behandeln. 7 Ein mehrfacher Einbezug der betreffenden FamN - z. B. Fuchs, Füchslin sowohl unter dem motivisch-semantischen Zugriff nach körperlichen Merkmalen als auch unter dem lexikalischen Zugriff nach Tierbezeichnungen - ist davon unbenommen. Beide Zugriffsweisen kommen durch den vorliegenden Band hindurch immer wieder vor. Auch in einem prinzipiell motivisch-semantisch ausgerichteten Artikel können sich einzelne Karten nach (den relevantesten) Lexemen richten und umgekehrt. Den Fällen von mehrfach einbezogenen FamN stehen solche FamN gegenüber, die an keiner Stelle in diesem Band inkludiert sind. Dies sind einerseits etliche seltenere FamN aus dem Benennungsmotiv der Patronyme, da diese Gruppe als Ganze zu umfangreich ist, um vollständig behandelt zu werden (s. o.). Andererseits bleiben solche FamN aussen vor, für die zum Zeitpunkt der Bearbeitung keine etymologische Deutung in Berchtold/ Graf (i. V.) resp. in sonstigen relevanten Nachschlagewerken vorlag (z. B. Mengisen, vor 1800 in Bettlach SO) oder die hinsichtlich Frequenz und Motivgruppe sehr selten sind. Die konkrete Umsetzung der ausgewählten Themen inklusive der Entscheidung, welche FamN (miteinander) kartiert und welche ausgeschlossen werden, lag jeweils im Ermessen der Autorinnen. Aufbau der Artikel: Da der Atlas aus einem linguistischen Projekt zu FamN hervorgeht, können die Artikel dieses Bandes nicht ausführlich auf die historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Kontexte eingehen, die zur Entstehung der FamN (wie z. B. Zehnder zu mhd. zëhendenære, zëhentnære, zëhendære ‘Zehntpf lichtiger, Zehnteinnehmer’) geführt haben. Auch die Untersuchung der Toponyme, die in FamN der Deutschschweiz fest geworden sind - insbesondere der opaken (z. B. Basler zum StadtN Basel ) -, stellt ein eigenes Forschungsfeld dar, dessen Ergebnisse hier nur summarisch berücksichtigt werden können. An allgemeinen Quellen zu historischen Verhältnissen wurden insbesondere das e-HLS (o. J.) und das LexMA (1977-1999) herangezogen, für BerufsN auch Reith (1991) und Ebner (2015). Das Online-Portal ortsnamen.ch (o. J.) und die dort aufgeführten regionalen Ortsnamenbücher der Schweiz sowie das FLNB I (1999) wurden für die Artikel zu den Wohnstätten- und HerkunftsN konsultiert. Eine tiefergehende Recherche in Originalquellen (etwa mittelalterliche Zunftordnungen) oder eine differenzierte Diskussion einschlägiger Einzelstudien kann im Rahmen des FDS nicht erbracht werden, stellt aber eine Vertiefungsmöglichkeit für die zukünftige Forschung dar. So bieten die hier kartierten FamN Grundlagen, Daten und Anknüpfungspunkte für viele mögliche siedlungs- und kulturgeschichtliche Fragestellungen. Die Artikel zu Patronymen und Metronymen folgen einem umfangreicheren Aufbau, der demjenigen der Grammatik-Artikel entspricht. Der Grund dafür liegt im oben beschriebenen etymologischen Zugriff sowie dem Potenzial, über die zugrunde liegenden Ruf N grammatische Aussagen zu treffen; behandelt werden bspw. die Themen Kompositionsstruktur, Diminution, Betonungsmuster, Aphärese und Apokope. Der Artikelaufbau gestaltet sich wie folgt (vgl. Abschnitt 3.1 in der I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz»): Der Kontextualisierung und Beschreibung des jeweiligen Themas dienen die ersten beiden Abschnitte «Schlagwörter» sowie «Gegenstand und Fragestellung», bevor mit den Abschnitten «Erste Karte» (ggf. «Zweite Karte» usw.) und «Ergebnisse» die Kartenbilder in den Fokus rücken. Erweitert werden die Artikel mit «Ergänzungen und Vergleichsfällen» sowie fakultativ mit einem «Ausblick», danach folgen die «Datenquellen» und die verwendete «Literatur». Die Artikel zu den Herkunfts-, Wohnstätten-, Berufs(über)- und ÜberN folgen einem etwas schlankeren Aufbau und haben eher dokumentierenden als untersuchenden Charakter. Wir können zwar motivisch-semantische Einteilungen vornehmen und damit das vorliegende Material aufbereiten, jedoch aus den oben genannten Gründen nicht ausführlich auf die lebensweltlichen und historischen Umstände eingehen. Die in den FamN dieser Benennungsmotive transportierte Grammatik wurde bereits in den ersten beiden Bänden adressiert und steht hier nicht im Fokus. Daher ist eine verschlankte Artikelstruktur angemessen. Wir verzichten auf den Abschnitt «Hintergrund» (der in den Grammatik-Bänden sowie bei den Artikeln zu FamN aus Ruf N eine grammatische Einordnung bietet) sowie auf den Abschnitt «Ergebnisse» (der in den Grammatik-Bänden sowie bei den Artikeln zu FamN aus Ruf N die empirischen Befunde an grammatikbezogene Ausgangsfragen rückbindet). Auch auf eine systematische Erläuterung der Relevanz eines Artikelthemas kann verzichtet werden: Wie oben erklärt, wurden die Themen in der jeweiligen Vorsondierung aller Namen eines Benennungsmotivs literatur- und datenbasiert erarbeitet. Die Relevanz der Artikelthemen ergibt sich somit automatisch durch ausreichend vorhandene zugehörige 7 Ausführlichere Überlegungen zum Problem der Einteilung bei ÜberN, die letztlich ebenfalls in der Einteilung nach sogenannten «Vergleichsobjekten» (d. h. u. a. Tier- und Standesbezeichungen) münden, finden sich im RNB 3 (1986: 24-25). 2 Atlas: Aufbau, Artikel und Autorschaft 629 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="630"?> Namen und muss daher nicht in jedem Artikel eigens erläutert werden; dennoch stand es den Autorinnen frei, Details bezüglich der Themenrelevanz anzugeben, wo sich dies anbot. Durch diese schlankere Struktur stehen die Kartenbilder und die in ihnen gezeigten motivisch-semantischen bzw. lexikalischen Befunde noch stärker im Vordergrund. Bei ersterer Kartierungsweise nennen wir das motivisch-semantische Konzept in der Kartenlegende jeweils in recte; z. B. findet sich bei den ÜberN das Konzept Körpergrösse (mit den Ausprägungen «gross», «klein»). Bei der lexembezogenen Kartierungsweise führen die Kartenlegenden die kartierten Namengruppen nach dem Schema «Typ + Lexem» auf (z. B. «Typ Büel» für alle WohnstättenN, die auf dem Lexem schwzdt. Büel ‘Anhöhe, Hügel, kleine oder mittelgrosse Bodenerhebung’ bzw. auf einem daraus hervorgegangenen Toponym basieren). Dabei wird jeweils eine morphologisch vereinfachte und teils abstrahierte Lexemform gewählt (z. B. steht Büel in «Typ Büel» stellvertretend für alle Varianten, inklusive Bühel, Biel usw.). Damit weicht der Gebrauch von «Typ X » etwas von demjenigen in den beiden Grammatik-Bänden ab: Dort steht «X » für den häufigsten FamN (z. B. «Typ Schmid») bzw. für das entscheidende sprachliche Merkmal (z. B. «Typ -er» vs. «Typ -ler»). Wie die einzelnen Textblöcke bzw. Kartenkomplexe konkret realisiert wurden und welche Schwerpunkte die Artikel setzen, wurde jeweils durch die bearbeitenden Autorinnen festgelegt. Für Ausführungen zur Autorschaft und zu den Redaktionsschritten vgl. Abschnitt 3.5 in der I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 3 Datengrundlage Unserem Atlas liegt eine f lächendeckende (landesweite) digitale Datenbasis zugrunde, die zudem über eine diachrone Tiefe verfügt. So enthält die Datenbank des projekteigenen Kartierungsprogramms (s. u.) sowohl eine historische Aufstellung von Schweizer FamN, die dem «Familiennamenbuch der Schweiz» (kurz «FNB») entnommen und in drei Zeitschichten unterteilt ist (vgl. FNB 1989), als auch rezente Familiennamendaten des Bundesamts für Statistik (kurz «BFS») aus dem Jahr 2020. Dank eines Kooperationsabkommens steht dem FDS-Redaktionsteam zudem die etymologische Datenbank, die dem Projekt «Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon» (Berchtold/ Graf i. V., vorgestellt in Graf 2019) zugrunde liegt, zur Verfügung. Sie enthält philologische Informationen zu den «alteingesessenen» 8 deutsch- und rätoromanischsprachigen FamN und wird laufend überarbeitet/ erweitert. Historische Datenschichten: Wie in Abschnitt 4.1 der I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz» ausführlicher dargelegt und begründet wird, basieren die Kartenbilder des FDS i. d. R. auf historischen Familiennamendaten. Diese entstammen der dritten, jüngsten Auf lage des FNB (1989) und sind im Internet frei zugänglich (vgl. e-FNB 1989). In Übereinstimmung mit dem FNB (1989) unterteilen wir die historischen Schweizer FamN in die drei Zeitschichten a. vor 1800, b. 1800-1900 und c. 1901-1962, die in den Artikeln auch als «vor 1800», «19. Jh.» und «20. Jh.» bezeichnet werden. Zusätzlich arbeitet der FDS mit der Sonderschicht «Herkunft»: Sie beruht ebenfalls auf FNB-Daten und umfasst, sofern vorhanden, die Angaben zum «Herkunftsort» der Zeitschichten a und b, jedoch nur dann, wenn dieselbe Kombination aus FamN und Ort nicht schon in der a-Schicht vorhanden ist. Zusammen mit den Daten der a-Schicht soll die Schicht «Herkunft» somit ermöglichen, die früheste Distribution der Namen zu erfassen. Der Einschluss der «Herkunftsorte» zu b-Schicht-Namen bezweckt, dass auch solche b- Schicht-Namen erfasst werden, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls zu den alten autochthonen Deutschschweizer FamN zählen, aber aufgrund fehlenden Bürgerrechts nicht in der a-Schicht aufgeführt sind. Eine Übersicht über diese vier historischen Datenschichten bietet Tabelle 296; für eine detailliertere Beschreibung inklusive Datenkritik sei auf die I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz» verwiesen. Rezente Datenschichten: Ergänzend zu den vier historischen Datenschichten enthält die Datenbank des projekteigenen Kartierungsprogramms sämtliche FamN der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz (Stand 31.12.2020). Die Daten wurden im Rahmen der offiziellen Bevölkerungsstatistik (STATPOP 2020) erhoben und uns vom BFS unter hohen Sicherheitsauf lagen zur Verfügung gestellt. In einem Vertrag über die Nutzung der Daten wurde zur Gewährleistung des Datenschutzes festgelegt, dass keine Ergebnisse veröffentlicht werden, die auf weniger als fünf Beobachtungen beruhen. Die rezenten Familiennamendaten sind in drei Datenschichten unterteilt: Die Schichten «2020» und «2020 Heimatorte» umfassen ausschliesslich die FamN von Schweizer Staatsbürger: innen, wobei erstere den Wohnort und zweitere den Heimatort der Namenträger: innen für die Lokalisierung im Raum heranzieht. 9 Die dritte Schicht «2020 nicht- CH» besteht aus den FamN aller dauerhaft in der Schweiz lebenden Personen ohne Schweizer Staatsbürgerschaft und verwendet deren Wohnort als relevante Ortsinformation. Eine Übersicht über diese drei rezenten Datenschichten bietet Tabelle 297; für eine detailliertere Beschreibung inklusive Datenkritik sei auf die I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz» verwiesen. Etymologische Datenbank: Die dem Lexikon Berchtold/ Graf (i. V.) zugrunde liegende etymologische Datenbank schliesst alle 15'417 FamN der FNB-a-Schicht ein und ordnet sie einer bzw. bei hybriden FamN mehreren Sprachen zu. Alle als deutschund/ oder rätoromanischsprachig kategorisierten Namen sind etymologisiert und sofern möglich einem Benennungsmotiv zugewiesen resp. als motivisch oder etymologisch ambig gekennzeichnet. Die Kategorisierungen wie auch die etymologischen Beschreibungen unterliegen laufender Überarbeitung, was in den Artikeln durch die Angabe des Abfragedatums Berücksichtigung findet. In den Artikeln werden für 8 Gemeint sind damit die FamN der ältesten Datenschicht «vor 1800» des FNB (1989). 9 Der Begriff Heimatort meint im Schweizer Kontext die «Gemeinde, in der ein Schweizer bzw. eine Schweizerin das Bürgerrecht besitzt» (Ammon/ Bickel/ Lenz 2016: 325). Es handelt sich hier also um die gleiche Art von Ortsinformation, wie sie auch in den historischen Datenschichten vorliegt. Der Heimatort entspricht heute allerdings nicht mehr zwingend dem Geburtsort und/ oder dem Wohnort, sondern lässt sich eher als die Gemeinde der Vorfahren beschreiben, und wird genauso vererbt wie der FamN (früher durch den Vater, heute wahlweise durch einen Elternteil). 630 A Kurzeinleitung zu Band III Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="631"?> ausgewählte Namen des Samples jeweils etymologische Kurzangaben aufgeführt. Diese Kurzangaben werden beispielhaft bei besonders unbekannten, repräsentativen oder häufigen FamN gemacht. Aus Platzgründen können meist - besonders bei sehr grossen Samples - nicht alle FamN etymologisiert werden. Für vollständige Etymologien verweisen wir generell auf Berchtold/ Graf (i. V.) sowie zusätzlich auf familiennamen.ch (o. J.) und regionale Namenbücher der Schweiz, die in Abschnitt 2.1 der I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz» genannt werden. Für die Deutung der Schweizer Toponyme wird i. d. R. auf das Online-Portal ortsnamen.ch (o. J.) zurückgegriffen. Datenschicht Eigenschaften Tokens = Datensatz Types = Anzahl verschiedener Namen FNB-a-Schicht = «vor 1800» Verzeichnet Bürgerrechte eines Namens an einem Ort, die schon vor 1800 existierten (ohne Einzelpersonen, ohne Anzahl Namenträger: innen, ohne vor 1962 abgegangene Namen) 48'152 15'417 Davon deutschsprachig: ca. 7'876 «Herkunft» (Quelle: FNB 1989, eigene Einschränkungen) Ergänzungsdatenschicht: Hier fassen wir die Angaben zu «Herkunftsorten» zusammen, die für a- und b-Schicht-Namen vorliegen, sofern die Kombination aus Ort und Name nicht schon in der a-Schicht vorkommt. 12'867 Davon Herkunft CH: 3'145 8'279 Davon Herkunft CH: 2'163 Davon neu gegenüber a-Schicht: 655 FNB-b-Schicht = «19. Jh.» Wie a-Schicht, doch nur zwischen 1800 und 1900 neu verzeichnete Bürgerrechte 29'229 12'544 Davon neu gegenüber a-Schicht, Herkunft CH oder unbekannt: 2'216 Davon deutschsprachig und ‘helvetisch’: 362 FNB-c-Schicht = «20. Jh.» Wie a-Schicht, doch nur zwischen 1901 und 1962 neu verzeichnete Bürgerrechte 134'775 35'605 Davon neu gegenüber a- und b-Schicht: 4'346 Tabelle 296: Übersicht der vier historischen Datenschichten mit Merkmalen und Umfang Datenschicht Eigenschaften Tokens = Datensatz Types = Anzahl verschiedener Namen BFS-CH 2020 = «2020» Vom BFS für unser Projekt bereitgestellte Daten der Bevölkerungsstatistik 2020 (STATPOP 2020) 1 Datensatz entspricht 1 Einwohner: in mit Schweizer Staatsbürgerschaft + zugehörigem Wohnort 6'458'467 466'035 BFS-Heimatorte 2020 = «2020 Heimatorte» Wie «2020», aber 1 Datensatz entspricht 1 Einwohner: in mit Schweizer Staatsbürgerschaft + zugehörigem Heimatort 6'458'467 466'035 BFS-nicht-CH 2020 = «2020 nicht-CH» Wie «2020», aber 1 Datensatz entspricht 1 Einwohner: in ohne Schweizer Staatsbürgerschaft + zugehörigem Wohnort 2'104'698 591'419 Tabelle 297: Übersicht der drei rezenten Datenschichten mit Merkmalen und Umfang 3 Datengrundlage 631 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="632"?> 4 Kartierung Grundkarte des Atlas: Für die Artikel werden die ausgewählten FamN bzw. Namensamples als Kreise und/ oder Flächen in der Grundkarte des FDS (vgl. Karte 282) abgebildet. Sie basiert auf geographischen Einheiten der Gegenwart und zeigt die Schweiz in ihren heutigen Landesgrenzen mit den wichtigsten Seen und Flüssen. Ebenso erscheinen defaultmässig ein topographisches Relief und die zehn grössten Städte als Orientierungshilfen. Das Relief kann mittels Regler von 0 (unsichtbar) bis 100 (sehr plastisch) entweder ausgeblendet oder hervorgehoben werden; die Städte figurieren als Quadrate - was sich um weitere Städte verfeinern, aber aus Übersichtsgründen nicht um Schriftzüge ergänzen lässt. Stattdessen nutzt die Kartierung Kantonsgrenzen und Kantonskürzel, die sich wahlweise ausblenden lassen. Defaultmässig erscheinen die FDS-Karten im Format 3: 2 und bilden die gesamte Schweiz ab, vereinzelt kommen in den Artikeln jedoch auch Ausschnittskarten einzelner Regionen und die Formate 4: 3 resp. 16: 9 vor. Das Kartenmaterial inklusive aller Geodaten stammt aus zwei Online-Angeboten des Bundesamts für Landestopografie (vgl. swisstopo 2022a; swisstopo 2022b). 10 Sprachen- und Grossräume der Schweiz: Die Grundkarte des FDS (vgl. Karte 282) enthält aus Gründen der Übersichtlichkeit keine Einteilung in die vier Sprachenräume der Schweiz. Daher zeigen wir im Folgenden eine Karte aus dem Web-Angebot des BFS (2019), und zwar diejenige für das früheste verfügbare Jahr: 1860 (vgl. Karte 283). 11 Dargestellt ist pro Gemeinde die dominante der vier Landessprachen (blau für Französisch, rot für Deutsch, orange für Rätoromanisch und grün für Italienisch). Eine blassere Schattierung bedeutet, dass der Anteil der dominanten Sprache bei unter 80 % oder gar unter 60 % liegt. Mit der defaultmässigen Angabe der Kantonskürzel und der Kantonsgrenzen werden die FDS-Karten der Tatsache gerecht, dass die Kantone im Schweizer Alltag als sozial und dialektal hochrelevante Gliederungseinheiten fungieren. Bei der Beschreibung der Kartenbilder wird darüber hinaus auch auf grössere Räume der Schweiz Bezug genommen (vgl. dazu Abschnitt 5.2 in der I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz»). An dieser Stelle sei die entlang der Gebirge verlaufende geographische Dreiteilung in Jura - Mittelland - Alpen (vgl. e-HLS 2009: s. v. Mittelland (Region); e-HLS 2013: Alpen; e-HLS 2019: s. v. Jura (Region)) explizit genannt. 12 In Karte 284 sind diese drei Räume in Grün, Hellbraun und Karte 282: Grundkarte des FDS (Datenquellen: swisstopo 2022a, 2022b) 10 Die Daten wurden unsererseits leicht nachbearbeitet (vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz»). 11 Bilddatei mit freundlicher Genehmigung des BFS erhalten am 24.09.2024. 12 Zum Begriff Voralpen, der die klassische Dreiteilung teilweise ergänzt, vgl. e-HLS (2015: s. v. Voralpen). 632 A Kurzeinleitung zu Band III Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="633"?> Beige dargestellt. Die Aufteilung ist deshalb so wichtig, weil das Mittelland sehr viel stärker besiedelt ist als die Gebirgsräume. Kartierungsprogramm: Für die Abfrage und Kartierung der historischen und rezenten Familiennamendaten kommt eine javabasierte Web-Applikation zum Einsatz. Diese wurde von Tivano Software GmbH - unter hauptsächlicher Mitwirkung von Richard Kunze (Backend und Systemarchitektur) und Joshua Brutscher (Frontend) - in Kooperation mit der Herausgeberin (konzeptionelle Mitwirkung, Koordination der Nutzererfahrungen) entwickelt (Kunze/ Brutscher/ Kempf 2024). Tabelle 298 fasst die wichtigsten Punkte bei der Kreisbzw. Flächenkartierung von FamN zusammen. Die Wahl einer bestimmten Darstellungsweise dient immer dazu, die Vorkommen von FamN möglichst klar und adäquat zu visualisieren. Dennoch ergibt sich nicht immer ein zusammenhängendes, schlüssiges und/ oder mit der Erwartung bezüglich der Dialekträume übereinstimmendes Raumbild. Wir kartieren generell räumliche Distributionen, die sich zu den gewählten Themen ergeben, auch wenn die Distributionen diffus sein sollten und keine weiteren Schlüsse zulassen. Karte 283: Sprachregionen der Schweiz 1860 (Quelle: BFS 2019) 4 Kartierung 633 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="634"?> Karte 284: Dreiteilung der Schweiz in Jura - Mittelland - Alpen (Quelle: Péron 2008, CC BY-SA 3.0) Ablauf Kartierungsverfahren Eigenschaften und Optionen Erstellen der Namenfilter Die Namenfilter werden auf der Grundlage mehrerer Abfragefelder erstellt, die entweder die Verwendung regulärer Ausdrücke erfordern und/ oder unterschiedliche Auswahlmöglichkeiten (z. B. Datenschicht, Sprache, Benennungsmotiv, geographische Einheit) vorgeben. Abfragen der Namenfilter Vorgängig erstellte Namenfilter werden für eine Abfrage ausgewählt. Deren Ergebnisse erscheinen als Tabelle. Die Liste enthält die ausgewählten Familiennamentypes sowie deren Ortsinformation und Tokenzahl für die gewünschte geographische Grösse (z. B. Kanton, Bezirk, Gemeinde). Kartieren der Namenfilter Jede Karte basiert auf mindestens einem Namenfilter, der die abgebildeten FamN vorgibt. Mehrere Filter werden in verschiedenen Farben dargestellt und in der Kartenlegende separat aufgelistet. Definieren der Kreise und Flächen Für jede Karte ist festzulegen, ob die ausgewählten FamN als Kreisdiagramme, Flächenschattierungen oder eine Kombination aus beidem dargestellt werden sollen. Definieren der geographischen Einheit(en) Das Kartierungsprogramm ermöglicht die Wahl zwischen verschiedenen Feinheitsgraden. Die FamN lassen sich als Kreise bzw. Flächen nach den Bezugsgrössen - in abnehmendem Feinheitsgrad - historische Gemeinden, (rezente) Gemeinden, Bezirke, Kantone oder Land abbilden. Werden Kreise und Flächen kombiniert, kann die jeweilige geographische Einheit für beide unabhängig ausgewählt werden (z. B. Kreise nach Gemeinden, aber Flächen nach Bezirken). Definieren der Skalierung Unabhängig von der Wahl der geographischen Einheit(en) und der Darstellungsweise (Kreisund/ oder Flächenkartierung) ist sowohl eine absolute als auch eine relative Skalierung möglich. Bei ersterer bestimmt die absolute Frequenz über die Grösse der Kreise oder den Deckungsgrad der Flächen, bei letzterer der Anteil des Namens oder des Namenphänomens an allen Tokens am Ort. Der Mindest- und Maximalwert der Kreise bzw. Flächen lässt sich auf einer Skala von 1 bis 100 frei definieren. Bei Kreisen sind die Grössen 0 und 100 aus optischen Gründen willkürlich festgelegt; bei Flächen entspricht 634 A Kurzeinleitung zu Band III Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="635"?> 5 Schreibkonventionen Sprachliche, orthographische und typographische Konventionen: Die Artikel im Atlas sind überwiegend (je nach Autorin) in Schweizer Standarddeutsch verfasst und weichen daher in der Grammatik, in der Lexik und in der Graphie z. T. von anderen deutschen Standardvarietäten ab (vgl. Ammon/ Bickel/ Lenz 2016: LXXIII-LXXVII; VG 2018; Christen/ Schmidlin 2024: 37-40). Auch das typographische Erscheinungsbild des FDS folgt Deutschschweizer Konventionen. Über diese grundsätzlichen Regelungen hinaus hatten die Autorinnen weitgehende Freiheiten in der Ausformulierung ihrer Artikel. Zitierstil: Jede Quelle, auf die ein Artikel Bezug nimmt, wird im Fliesstext in der Form einer Kurzangabe genannt. Ausführlichere bibliographische Angaben inklusive des letzten Zugriffsdatums bei Online-Quellen folgen jeweils am Ende eines Artikels. Der ausgewählte Zitierstil für die Quellennachweise richtet sich nach den Konventionen in der germanistischen Sprachwissenschaft und wurde eigens für den FDS erstellt. Die beiden Datenquellen des FDS und die Kartierungsgrundlagen (s. o.) erscheinen nicht im Literaturverzeichnis, sondern werden separat aufgeführt und zudem pro Artikel im Fliesstext nur einmal ausgewiesen. Symbole: Die nachfolgende Auf listung gibt Auskunft über verwendete Symbole und deren Bedeutung im Kontext des FDS. X < Y X geht lautgesetzlich zurück auf Y (z. B. nhd. Geiss < mhd. geiz) X ← Y X geht anderweitig (nicht-lautgesetzlich) zurück auf Y (z. B. Glausen ← des Klausen Sohn) X > Y X entwickelt sich lautgesetzlich zu Y (z. B. mhd. bruoder > nhd. Bruder) X → Y X entwickelt sich anderweitig (nicht-lautgesetzlich) zu Y (z. B. Komparation ahd. obar → ahd. obarōsto, Diminution Stock → Stöckli) X + Y X und Y (z. B. FamN Aenishänslin ← Subst. Änis ‘Anis’ + Ruf N Hans) * Rekonstruierte, nicht-bezeugte oder ungrammatische Form (z. B. germ. *timbra- ‘Bauholz’, FamN *Grof neben Graf , *Lehfrau neben Lehmann) Platzhalter für eine undefinierte Anzahl an Zeichen bei Abfragen von Datenbanken (z. B. Hof * für alle Toponyme, die mit Hof beginnen) ◌̄ Historische oder dialektale Länge eines Vokals (z. B. ahd. mulīn ‘Mühle’, mhd. nāter ‘Schneider’, lat. sūtor ‘(Flick-)Schuster’, schwzdt. tūss ‘still, kleinlaut’) ◌́ Wortakzent (z. B. erstbetontes ahd. Há(g)inric) . Silbengrenze (z. B. FamN Spit.te.ler) | Morphemgrenze (z. B. mhd. sattel |er) […] Phonetische Transkription (z. B. [ɛ]) Exemplarisches Namenglied (z. B. FamN von der [Heide], FamN [Weiden]meier) Auslassung oder Ergänzung bei direkten Zitaten Übersetzung von direkten Zitaten / …/ Phonologische Transkription (z. B. / χ/ ) <…> Schreibung (z. B. <ae>) ‘…’ Bedeutung (z. B. mhd. wīz ‘glänzend, weiss’) Uneigentlicher, bspw. ironischer, Wortgebrauch (z. B. ‘richtige’ Schreibweise) «…» Formales Schema von FamN (z. B. «Namenelement + Präposition von + Namenelement») Direktes Zitat Quellentitel im Fliesstext Verweis auf einen Artikelabschnitt (z. B. «wie im Abschnitt «Hintergrund» erläutert…») ‹…› Ersatz doppelter Anführungszeichen in direkten Zitaten / Graphische, lautliche oder morphologische Varianten von Namen (z. B. FamN Schneider/ Schnyder) (…) Kurzschreibung für graphische, lautliche oder morphologische Varianten von Namen (z. B. FamN Beck(er), FamN Glo(o)r) Allenfalls getilgte oder eingeschobene/ angetretene Vokale und Konsonanten (z. B. schwzdt. gester(t) ‘gestern’, mhd. has(e) ‘Hase’, schwzdt. usse(r)t ‘ausserhalb, ausser’) Ablauf Kartierungsverfahren Eigenschaften und Optionen 0 vollkommener Transparenz, 100 einer vollkommen deckenden Färbung. Die Applikation weist nun dem minimalen Vorkommen der Abfrage (z. B. 1 Token) den minimalen Wert zu (z. B. Kreisgrösse 12), dem maximalen Vorkommen entsprechend den grössten (z. B. 11 Tokens, Kreisgrösse 50). Dazwischen werden die Kreise bzw. Flächen linear skaliert - die Kreise nach ihrem Durchmesser, die Flächen nach Transparenzgrad. Auswählen der Farbe(n) Die Autorinnen ordnen jedem der Namenfilter, die für eine Karte verwendet werden, eine Farbe aus einer Farbpalette frei zu oder verwenden die defaultmässig zugeteilten Farben. Kombiniert die Karte Kreisdiagramme und Flächenschattierungen, können die Farben unabhängig voneinander gewählt werden, i. d. R. stimmen sie jedoch überein. Definieren der weiteren Variablen Die Benutzeroberf läche des Kartierungsprogramms bietet darüber hinaus folgende Möglichkeiten: Format 3: 2, 4: 3 oder 16: 9 auswählen, Transparenzgrad des topographischen Reliefs bestimmen, Anzahl der Städtequadrate erhöhen oder verringern, Kantonsgrenzen und/ oder Kantonskürzel einbzw. ausblenden, Legendenhintergrund einbzw. ausblenden. Tabelle 298: Übersicht des Kartierungsverfahrens 5 Schreibkonventionen 635 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="636"?> Die Schreibung historischer bzw. dialektaler Belege wurde im FDS grundsätzlich nicht vereinheitlicht, sondern jeweils aus den Originalquellen übernommen. Für eine überblicksartige Darstellung der IPA-Zeichen und der Teuthonista-Lautschrift, die in den Artikeln gelegentlich zur Anwendung kommen, sei auf Niebaum/ Macha (2014: 20-23) und Kleber (2023: 36-40) verwiesen. Für das Transkriptionssystem des SDS (1962-1997), das eine Weiterentwicklung der Lautschrift nach Böhmer-Ascoli darstellt und für gewisse Lexeme in den FDS-Artikeln übernommen wurde, vgl. die Unterseite «Transkriptionssystem» auf dem Online-Portal sprachatlas.ch (o. J.). 6 Abkürzungen 6.1 Fachbegriffe AdelsN Adelsname(n) Adj. Adjektiv AusgangsN Ausgangsname(n) BeiN Beiname(n) BergN Bergname(n) BerufsN Berufsname(n) BerufsüberN Berufsübername(n) BesitzerN Besitzername(n) BurgN Burgname(n) DoppelN Doppelname(n) EchoN Echoname(n) EigenN Eigenname(n) EinwohnerN Einwohnername(n) EinzelN Einzelname(n) FamilienbeiN Familienbeiname(n) FamN Familienname(n) fem. feminin FlurN Flurname(n) FlussN Flussname(n) FremdN Fremdname(n) GasthausN Gasthausname(n) GebietsN Gebietsname(n) GebirgsN Gebirgsname(n) GeburtsN Geburtsname(n) GeländeN Geländename(n) GewässerN Gewässername(n) HäuserN Häusername(n) HausN Hausname(n) HeiligenN Heiligenname(n) HerkunftsN Herkunftsname(n) Hof N Hofname(n) HumanistenN Humanistenname(n) InsassenN Insassenname(n) InterferenzN Interferenzname(n) KoseN Kosename(n) KurzN Kurzname(n) LänderN Ländername(n) LandschaftsN Landschaftsname(n) mask. maskulin MigrantenN Migrantenname(n) neutr. neutral ÖrtlichkeitsN Örtlichkeitsname(n) OrtsneckN Ortsneckname(n) PatrizierN Patriziername(n) PersonenN Personenname(n) Plur. Plural PräpositionsN Präpositionsname(n) PrunkN Prunkname(n) Ruf N Rufname(n) SatzN Satzname(n) SiedlungsN Siedlungsname(n) Sing. Singular SpitzN Spitzname(n) StädteN Städtename(n) StadtN Stadtname(n) StammesN Stammesname(n) StandesN Standesname(n) StrassenN Strassenname(n) Subst. Substantiv Tauf N Taufname(n) ÜberN Übername(n) VölkerN Völkername(n) VolksN Volksname(n) WohnstättenN Wohnstättenname(n) ZuN Zuname(n) ZweitN Zweitname(n) 6.2 Dialekte, Sprachen und Sprachstufen aengl. altenglisch afries. altfriesisch ahd. althochdeutsch alem. alemannisch altalem. altalemannisch altdt. altdeutsch altfränk. altfränkisch altfrz. altfranzösisch altital. altitalienisch altoberdt. altoberdeutsch alträtorom. alträtoromanisch anord. altnordisch asächs. altsächsisch bair. bairisch berndt. berndeutsch bündnerdt. bündnerdeutsch dt. deutsch engad. engadinisch engl. englisch fnhd. frühneuhochdeutsch fränk. fränkisch frankoprov. frankoprovenzalisch frz. französisch gall. gallisch 636 A Kurzeinleitung zu Band III Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="637"?> germ. germanisch got. gotisch griech. griechisch hebr. hebräisch hochalem. hochalemannisch höchstalem. höchstalemannisch indogerm. indogermanisch ital. italienisch lat. lateinisch lombard. lombardisch mhd. mittelhochdeutsch mitteldt. mitteldeutsch mittelfrz. mittelfranzösisch mittellat. mittellateinisch mittelniederdt. mittelniederdeutsch niederdt. niederdeutsch niederl. niederländisch nhd. neuhochdeutsch oberdt. oberdeutsch oberital. oberitalienisch rätorom. rätoromanisch rom. romanisch schwäb. schwäbisch schwzdt. schweizerdeutsch spätgriech. spätgriechisch spätlat. spätlateinisch spätmhd. spätmittelhochdeutsch standarddt. standarddeutsch vorahd. voralthochdeutsch vordt. vordeutsch vorröm. vorrömisch vulgärlat. vulgärlateinisch walliserdt. walliserdeutsch westgerm. westgermanisch 6.3 Institutionen und zitierte Werke AFNeT Atlas der Familiennamen im niederländischen Sprachgebiet APNB Appenzeller Namenbuch ASTAT Landesinstitut für Statistik der Autonomen Provinz Bozen - Südtirol AWb Althochdeutsches Wörterbuch (online) BABS Bundesamt für Bevölkerungsschutz BENB Ortsnamenbuch des Kantons Bern BFS Bundesamt für Statistik BNF NF Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge BSNB Namenbuch Basel-Stadt DFA Deutscher Familiennamenatlas DFD Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands DRG Dicziunari Rumantsch Grischun DWb Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (online) DWDS Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache DWN Digitales Wörterbuch Niederdeutsch e-FNB Familiennamenbuch der Schweiz (online) e-FWB Frühneuhochdeutsches Wörterbuch (online) e-HLS Historisches Lexikon der Schweiz (online) EtymWB Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (online) EWA Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen (online) e-WSK Wörterbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (online) FamOs Familiennamen Österreichs (online) FEW Französisches Etymologisches Wörterbuch FLNB Liechtensteiner Namenbuch FNB Familiennamenbuch der Schweiz (gedruckt) GlMwb Glarner Mundartwörterbuch GPSR Glossaire des patois de la Suisse romande HBLS Historisch-biographisches Lexikon der Schweiz HSS Historischer Südwestdeutscher Sprachatlas HWR Handwörterbuch des Rätoromanischen Id. Schweizerisches Idiotikon KSDS Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz LexMA Lexikon des Mittelalters (online) LFA Luxemburgischer Familiennamenatlas LSG Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen RfdR Amtliches Regelwerk der deutschen Rechtschreibung RNB Rätisches Namenbuch SDS Sprachatlas der deutschen Schweiz SONB Solothurnisches Namenbuch swisstopo Bundesamt für Landestopografie SZNB Schwyzer Namenbuch TNB Thurgauer Namenbuch VALTS Vorarlberger Sprachatlas mit Einschluß des Fürstentums Liechtenstein, Westtirols und des Allgäus VG Variantengrammatik des Standarddeutschen (online) VSI Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana VSNB Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch WeNB Werdenberger Namenbuch WSL Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft 6.4 Kantone AG Aargau AI Appenzell Innerrhoden AR Appenzell Ausserrhoden BE Bern BL Basel-Landschaft BS Basel-Stadt FR Freiburg GE Genf GL Glarus GR Graubünden JU Jura LU Luzern NE Neuenburg 6 Abkürzungen 637 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="638"?> NW Nidwalden OW Obwalden SG St. Gallen SH Schaffhausen SO Solothurn SZ Schwyz TG Thurgau TI Tessin UR Uri VD Waadt VS Wallis ZG Zug ZH Zürich 6.5 Sonstige Abs. Absatz Bd. Band Bde. Bände bspw. beispielsweise bzw. beziehungsweise ca. circa CH Confoederatio Helvetica d. h. das heisst et al. et alii (= und andere) evtl. eventuell ff. fortfolgend Fol. Folio ggf. gegebenenfalls Hrsg. Herausgeberschaft i. d. R. in der Regel i. V. in Vorbereitung Jh. Jahrhundert m ü. M. Meter über Meer Nr. Nummer o. ä. oder ähnliche(s) o. J. ohne Jahr PLZ Postleitzahl r recto (= Vorderseite, rechte Seite) resp. respektive s. siehe s. o. siehe oben s. u. siehe unten s. v. sub voce (= unter dem Ausdruck) sic! sīc erat scriptum (= so stand es geschrieben) Sp. Spalte St. Sankt u. und u. a. unter anderem u. ä. und ähnliche(s) usw. und so weiter v verso (= Rückseite, linke Seite) v. a. vor allem vgl. vergleiche vs. versus (= gegen(über), im Gegensatz zu) z. B. zum Beispiel z. T. zum Teil Die im Rahmen dieses Bandes veröffentlichten Karten sind als Datenpublikation im BORIS-Portal zugänglich: https: / / doi.org/ 10.48620/ 96073. Detaillierte Metadaten sowie Informationen zu Lizenzierung und Nachnutzung sind dort hinterlegt. Der Quellcode für das Kartierungsprogramm des FDS soll auf GitHub unter folgender URL bereitgestellt werden: https: / / github.com/ tivano-software/ fds-cartography. Digitale Ausgaben des Gesamtwerks und der einzelnen Bände stehen auf der eLibrary des Narr-Verlags unter den folgenden URL zur Verfügung: Gesamtwerk - https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381145126, Band I - https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381150625, Band II - https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381150724, Band III - https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381150823. 7 Referenzen 7.1 Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. 7.2 Zitierte Literatur Ammon, Ulrich/ Bickel, Hans/ Lenz, Alexandra N. (Hrsg.) (2016): Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol sowie Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen. 2., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auf lage. Berlin, Boston: De Gruyter. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2019): Historischer Atlas der Eidgenössischen Volkszählungen. Bevölkerungsanteil der dominanten Landessprache in den Gemeinden der Schweiz im Jahr 1860. https: / / statatlas.bfs.admin.ch/ ? obs=historique&lang=de#c=indicator&i=langues.typo_lang_nat_dom_ 1860&view=map220 (letzter Zugriff 29.07.2025). Christen, Helen/ Schmidlin, Regula (2024): Deutsch. In: Glaser, Elvira/ Kabatek, Johannes/ Sonnenhauser, Barbara (Hrsg.): Sprachenräume der Schweiz. Bd. 1: Sprachen, 21-67. Tübingen: Narr Francke Attempto. 638 A Kurzeinleitung zu Band III Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="639"?> DFD = Heuser, Rita (2025): König. Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). http: / / www.namenforschung.net/ id/ name/ 38/ 1 (letzter Zugriff 29.07.2025). Ebner, Jakob (2015): Wörterbuch historischer Berufsbezeichnungen. Berlin, Boston: De Gruyter. e-FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (1989): Familiennamenbuch der Schweiz. Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989. Digital zur Verfügung gestellt durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ (letzter Zugriff 29.07.2025). e-HLS = Bandelier, André/ Schifferdecker, François/ Prongué, Jean-Paul (2019): Jura (Region). Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 008567/ 2019-09-19/ (letzter Zugriff 29.07.2025). e-HLS = Bergier, Jean-François et al. 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Bd. 2 (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 11.2), 1247- 1259. Berlin, New York: De Gruyter. Kunze, Richard/ Brutscher, Joshua/ Kempf, Luise (2024): Kartierungs- und Statistiksoftware zum SNF-Projekt Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete. Javabasierte Web-Applikation. Neu-Isenburg: Tivano Software GmbH. Langendonck, Willy van (2007): Theory and Typology of Proper Names (Trends in Linguistics. Studies and Monographs 168). Berlin, New York: Mouton de Gruyter. LexMA = Lexikon des Mittelalters (1977-1999): Brepolis Medieval Encyclopaedias - Lexikon des Mittelalters Online. 10 Bde. Online-Version (mit Nutzerbeschränkung) in der Datenbank BREPOLiS Medieval Encyclopaedias (BME). apps.brepolis.net/ lexiema/ test/ Default2.aspx (letzter Zugriff 29.07.2025). Niebaum, Hermann/ Macha, Jürgen (2014): Einführung in die Dialektologie des Deutschen (Germanistische Arbeitshefte 37). 3., überarbeitete und erweiterte Auf lage. 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(1962-1997): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). 8 Bde. Bern bzw. Basel: Francke. sprachatlas.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): Sprachatlas der deutschen Schweiz. Digital zugängliche und aufbereitete Kartenbände und Originalmaterialien (Fragebuch und Antwortmaterial). https: / / sprachatlas.ch/ (letzter Zugriff 29.07.2025). VG = Variantengrammatik des Standarddeutschen (2018): Ein Online-Nachschlagewerk. Verfasst von einem Autorenteam unter der Leitung von Christa Dürscheid, Stephan Elspaß und Arne Ziegler. Open-Access- Publikation. https: / / mediawiki.ids-mannheim.de/ VarGra (letzter Zugriff 29.07.2025). Luise Kempf, Esther Loosli 7 Referenzen 639 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="640"?> Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="641"?> B Lexik und Benennungsmotive Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="642"?> Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="643"?> 1 Familiennamen aus Rufnamen 1.1 Patronyme zu germanischen Rufnamen: kuoni Schlagwörter: dithematischer Rufname, dynastischer Rufname, Heiligenname, kontrahierte Form, Kurzform, männlicher Rufname, Vollform Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Kartenkomplex werden FamN besprochen, die letztlich alle auf den deutschen Ruf N Konrad (älter Kuonrat) zurückgehen. In der Rangliste der häufigsten Patronyme der Deutschschweiz in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» belegen Kurzformen aus Kuonrat den dritten und siebten Platz - nämlich Kunz und Kuhn. 1 Mit insgesamt 65 Types schweizweit lässt dieser Namentyp eine bemerkenswerte Formvarianz erkennen. Seine morphologische wie auch räumliche Erschliessung erscheint daher im Hinblick auf Frequenz und Formenvielfalt besonders aufschlussreich. Hintergrund: Die hier besprochenen Patronyme gehen allesamt auf einen männlichen, dithematischen germanischen Ruf N zurück, basierend auf den Namengliedern ahd. kuoni ‘kühn, tapfer’ und ahd. rāt ‘Rat, Beratung, Beschluss’ (Kunze 2004: 20; FLNB II/ 2 2008: 229; Kohlheim/ Kohlheim 2013: 228). In der Schweiz erscheint das Namenglied ahd. kuoni in der Zeitschicht «vor 1800» ausschliesslich in FamN, die auf den Ruf N Kuonrat zurückgehen. Das Zweitglied ahd. rāt tritt nicht eigenständig auf. In Deutschland hingegen sind auch FamN wie Rader, Rappold oder Rath belegt (DFA 6 2017: 428-447). Im Laufe des Mittelalters entwickelte sich Kuonrat - mitsamt seinen Varianten und Nebenformen - zu einem der populärsten männlichen deutschen Ruf N. Zahlreiche deutsche Könige und Kaiser trugen den Namen, was wesentlich zu seiner Beliebtheit beitrug. Darüber hinaus verdankte der Ruf N seine weite Verbreitung auch gleichnamigen Heiligen - insbesondere dem heiligen Konrad, Bischof von Konstanz und Patron der Diözesen Konstanz und Freiburg (Kohlheim/ Kohlheim 2013: 228). Der Ruf N Kuonrat weist im deutschen Sprachraum eine ausgeprägte Formvarianz auf. Bereits früh sind neben Vollformen auch Kurz- und Koseformen belegt (RNB 3 1986: 207; Kohlheim/ Kohlheim 2005: 392; Gottschald 2006: 310; Seibicke 2007: 375; FLNB II/ 2 2008: 229, 233). 2 Einige Kurzformen wie z. B. Kuno, Kunz und Kurt (Kohlheim/ Kohlheim 2013: 230) haben sich schon früh verselbstständigt und als Ausgangsbasis für weitere Namensbildungen gedient. Noch in der Gegenwart bleibt die Formenvielfalt bei diesen männlichen Namen von Bedeutung. Das Id. 3 (1881 ff.: Sp. 335-336, 379) dokumentiert für die Deutschschweiz des 19. Jh. folgende mundartliche Varianten des Ruf N: Kuen(e)rad und Churad, Chueni und Chüeni sowie Chuenz (s. auch die Varianten für Liechtenstein im FLNB II/ 2 2008: 229-231, 233). Der germanische Ruf N entwickelte sich auch in den romanischen Landesteilen der Schweiz zum FamN. Die meisten romanischen Formen gehen auf Conradus bzw. Chonradus zurück, welches eine mittellateinische Adaption der deutschen Form darstellt. Vereinzelt finden sich auch direkte Romanisierungen von Kuonrat. Während der italienische Ruf N Corrado im Laufe der Zeit eine relativ hohe Frequenz erreichte (Rossebastiano/ Papa 2005: 294-295), blieb Conrad in Frankreich bis ins späte 20. Jh. äusserst selten (Tanet/ Hordé 2005: 113). Fragestellungen: Vor dem skizzierten Hintergrund werden in der ersten Karte sämtliche aus Kuonrat abgeleiteten FamN dargestellt und nach Sprachen gruppiert, wodurch sich ihre Verbreitung über die vier Landessprachregionen der Schweiz erfassen lässt. Die zweite Karte widmet sich den aus Kuonrat abgeleiteten Patronymen in der Deutschschweiz. Im Fokus steht dabei die areale Verteilung der Namenformen nach den zugrunde liegenden Ausgangsbasen. Die dritte Karte illustriert die Verbreitung der vier häufigsten FamN aus Kuonrat. 1 Weitere hochfrequente FamN aus germanischen Ruf N in der Deutschschweiz für die Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» sind Hug (78 Tokens), Egli (69 Tokens) und Hartmann (63 Tokens). Aufgrund ihrer begrenzten Formenvielfalt werden sie jedoch nicht einzeln, sondern in einem Sammelartikel behandelt. Für Hug und Egli vgl. Artikel III-1.4 «Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen», für Hartmann vgl. Artikel III-1.5 «Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen». 2 Zu den verschiedenen Bildungsweisen der Ruf N - also Vollformen, einstämmige oder zweistämmige Kurz- und Koseformen (Hypokoristika) - sei allgemein auf Seibicke (2008: 93-94) verwiesen. Zur inhaltlichen Abgrenzung der Termini Voll-, Kurz- und Koseform beachte man die Diskussion in Dräger (2013: 39, Anmerkung 110) und Kunze (2004: 20-21). Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="644"?> Erste Karte {285}: Patronyme zu Kuonrat nach sprachlicher Zugehörigkeit Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN der Schweiz aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 3 die gemäss etymologischer Datenbank (Stand 03.10.2023) auf den Ruf N Kuonrat zurückzuführen sind. FamN, die infolge von Binnenmigration in mehreren Sprachregionen der Schweiz auftreten, werden nach folgendem Prinzip klassifiziert: Weisen sie keine formale Adaption auf - wie etwa der Name Kuhn in den französischsprachigen Gemeinden Porrentruy ( JU) und Massongex (VS) - gelten sie als deutsch. FamN, die durch sprachliche Interferenz formal an die Zielsprache angepasst wurden, werden hingegen dieser zugeordnet. So wird bspw. der im französischsprachigen Wallis belegte Name Kuntschen, eine Adaption des deutschen FamN Kunzen, als französisch klassifiziert. In den vier Sprachgruppen werden jeweils Voll- und Kurzformen zusammengefasst. Abgefragte Namen Deutsche FamN zum RufN Kuonrat: Conrad, Coradi, Corradi, Corrodi, Cueni, Cunz, Cuoni, Cuony, Kieni, Kienz, Konrad, Koradi, Korrodi, Kuenlin, Kuentz, Kuenzi, Küenzi, Küenzlin, Kuenzy, Kuert, Kuhn, Kühn, Kühne, Kuhnen, Kühni, Kühnis, Kull, Kulli, Kully, Kundert, Kuni, Kuny, Kunz, Künzi, Künzle, Künzli, Kuonen, Kuoni, Kurath, Kuratle, Kuratli, Kureth, Kurt, Kurth. 44 Types, 304 Tokens. Französische FamN zum RufN Kuonrat: Cuenat, Cuendet, Cuenin, Cuennet, Cuenot, Kuntschen, Kuntz. 7 Types, 22 Tokens. Italienische FamN zum RufN Kuonrat: Coretti. 1 Token. Rätoromanische FamN zum RufN Kuonrat: Condrau, Conradin, Conzett, Corai, Coray, Cordett, Corradin, Corradini, Cuonz, Cuorad, Curau, Huonder, Könz. 13 Types, 31 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 25-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 299: Daten zur ersten Karte {285} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 In der Deutschschweiz ist in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» Kunz die häufigste Namenvariante in dieser Gruppe (77 von insgesamt 304 Tokens). Der zweitfrequenteste FamN ist Kuhn (53 Tokens), gefolgt von Künzli Karte 285: Patronyme zu Kuonrat nach sprachlicher Zugehörigkeit, vor 1800 u. Herkunft 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 644 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="645"?> (25 Tokens) und Künzi (15 Tokens). Den fünften Platz der Rangliste belegt der FamN Conrad (13 Tokens); s. dazu auch die zweite Karte. Unter den Patronymen, die auf einen germanischen Ruf N zurückgehen, zeigen die FamN aus Kuonrat in der Deutschschweiz mit 44 Types die grösste Formenvielfalt. Die zahlreichen Namenvarianten können nach ihren Ausgangsformen in sechs Gruppen unterteilt werden: 5 1. Typ Konrad: Konrad, Conrad, Kundert, Kurath, Kureth, Kuratli, Kuratle 2. Typ Kuhn: Kuhn, Kühn, Kühni, Kühne, Kuni, Kuny, Kuoni, Cuoni, Cuony, Cueni, Kieni, Kuenlin, Kuhnen, Kuonen, Kühnis 3. Typ Kunz: Kunz, Cunz, Kuentz, Kienz, Künzi, Künzle, Künzli, Kuenzi, Kuenzy, Küenzi, Küenzlin 4. Typ Kurt: Kurt, Kurth, Kuert 5. Typ Kull: Kull, Kulli, Kully 6. Typ Conradus: Corradi, Coradi, Koradi, Corrodi, Korrodi Die FamN der ersten Ausgangsform gehen auf Vollformen des Ruf N Kuonrat zurück. Bei diesen Typen ist die zweigliedrige Struktur des Namens noch erkennbar; zudem sind zwei Diminutivableitungen entstanden (Kuratli und Kuratle). Die zweite Gruppe basiert auf Varianten des Ruf N Kuhn, einer einstämmigen, suffixlosen Kurzform von Kuonrat (Kunze 2004: 20). Zu dieser Basis gehören, neben den lautlich differenzierten Simplizia (Kuhn, Kühn), auch diverse Diminutivableitungen (Kühni, Kühne, Kuni, Kuny, Kuoni, Cuoni, Cuony, Cueni, Kieni, Kuenlin) sowie Genitivbildungen (Kuhnen, Kuonen und evtl. Kühnis). Die ebenfalls sehr produktive dritte Namengruppe beruht auf Varianten des Ruf N Kunz - einer einstämmigen Kurzform von Kuonrat, die durch Wegfall des zweiten Namenglieds und z-Suffigierung entstanden ist (Kunze 2004: 20). Zu dieser Gruppe zählen diverse graphematisch und dialektal bedingte lautliche Varianten des FamN, in denen der ursprüngliche Diphthong z. T. graphisch noch erkennbar bleibt. Hinzu kommen zahlreiche Diminutivableitungen (Künzi, Künzle, Künzli, Kuenzi, Kuenzy, Küenzi, Küenzlin). Kienz im Unterengadin (GR) stellt nach RNB 3 (1986: 207) eine tirolisch entrundete Variante dar. Die FamN der vierten Gruppe gehen auf den Ruf N Kurt zurück, eine kontrahierte Form von Kuonrat (Kunze 2004: 20). Kull, Kulli und Kully, die in der fünften Gruppe erscheinen, sind ebenfalls als Kurzformen von Kuonrat zu betrachten (DFD 2025: s. v. Kull ). Sie sind vermutlich durch Nasalschwund aus einer kontrahierten Form wie *Ku(o)nli entstanden. In der sechsten Gruppe finden sich Latinisierungen - insbesondere gelehrte Genitivformen des mittellateinischen Ruf N Conradus: Corradi, Coradi, Koradi, Corrodi und Korrodi. Allgemein zeigt sich im Erstglied eine graphematische Varianz K/ C im Anlaut sowie eine Varianz des Stammvokals: o, ö, u, ü, i, uo, ue, üe und ie. Komposita mit Kuonrat oder einer entsprechenden Kurzform als Glied, SatzN oder DoppelN kommen im Sample nicht vor. Aus der Auswahl ausgeschlossen, weil etymologisch uneindeutig, wurden die FamN Kuri, Kury, Küry sowie Künsch, Koneth und Gonseth. Die in der französischsprachigen Schweiz verbreiteten Patronyme Cuenat, Cuendet, Cuenin, Cuennet, Cuenot sind alle suffigiert und leiten sich nicht vom französischen Ruf N Conrad ab, sondern von einer adaptierten Form des deutschen Ruf- oder FamN Kuhn. 6 Die FamN Kuntz im Kanton Waadt und Kuntschen im französischsprachigen Wallis sind phonologisch-graphematische Adaptionen der deutschen FamN Kunz bzw. Kunzen. In der italienischsprachigen Schweiz kommen keine FamN aus Kuonrat bzw. Corrado vor. Coretti im Bergell (GR) ist eine Italianisierung von rätorom. Cuoret. 7 Für die Rätoromania sind neben den nicht-abgeleiteten Formen Condrau, Curau und Cuorad die Suffixableitungen Conradin, Corradin, Corradini (wiederum eine Italianisierung von Corradin), Conzett und Cordett dokumentiert. Nach RNB 3 (1986: 207) sind Corai und Coray Genitivformen. Könz, Cuonz und Huonder sind phonologisch-graphematische Adaptionen von deutschen FamN. Für die Variante Huonder vgl. die urkundliche Form Huoni aus Kuoni (RNB 3 1986: 205). Kommentar: In der Deutschschweiz treten die FamN aus Kuonrat verstreut über weite Teile auf; beinahe frei vom Namentypus sind die Zentralschweiz und das Appenzellerland. Mit höherer Frequenz erscheinen FamN in den Kantonen Zürich und St. Gallen (besonders in den Gebieten des Zürcher Oberlands und des Toggenburgs), Bern und Aargau. In der Romandie sind die FamN besonders bei der Sprachgrenze präsent, v. a. im Saanebezirk (FR) und in der Region Franches-Montagnes ( JU). Die rätoromanischen Formen finden sich in den drei aneinandergrenzenden Regionen Surselva, Imboden und Viamala sowie im Prättigau, im Unterengadin und im Val Müstair. Im rätoromanischsprachigen Zentrum Graubündens sowie im Oberengadin sind keine Patronyme aus Kuonrat belegt. Für die italienischsprachige Schweiz ist nur ein Fall in Soglio (GR) dokumentiert. 5 Für die einzelnen grammatischen Phänomene sei auf die entsprechenden Artikel verwiesen, u. a. II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y», II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe», II-2.3 «Familiennamen auf -(t)z und -(t)sch», I-1.5 «Entrundung», I-2.1 «Nasalschwund», II-2.21 «Latinisierungen» und I-3.1 «Schreibvariation C/ K im Anlaut von Patronymen». 6 Cuenin und Cuenot sind darüber hinaus auch im angrenzenden französischen Département Doubs nachweisbar (Morlet 1997: 261). 7 Vgl. Artikel I-3.6 «Integration rätoromanischer Familiennamen ins Italienische». 1.1 Patronyme zu germanischen Rufnamen: kuoni 645 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="646"?> Zweite Karte {286}: Patronyme zu Kuonrat in der Deutschschweiz nach Ausgangsform Namenauswahl: Ausgewählt wurden die FamN, die in der ersten Karte als deutsche FamN zum Ruf N Kuonrat erfasst wurden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Patronyme nach der in der ersten Karte vorgenommenen Unterteilung in sechs Gruppen (vgl. die Angaben zu den Formvarianten oben). Abgefragte Namen Typ Konrad: Conrad, Konrad, Kundert, Kurath, Kuratle, Kuratli, Kureth. 7 Types, 41 Tokens. Typ Kuhn: Cuoni, Cuony, Cueni, Kieni, Kuenlin, Kuhn, Kühn, Kühne, Kuhnen, Kühni, Kühnis, Kuni, Kuny, Kuonen, Kuoni. 15 Types, 90 Tokens. Typ Kunz: Cunz, Kienz, Kuentz, Kuenzi, Küenzi, Küenzlin, Kuenzy, Kunz, Künzi, Künzle, Künzli. 11 Types, 144 Tokens. Typ Kurt: Kuert, Kurt, Kurth. 8 Tokens. Typ Kull: Kull, Kulli, Kully. 10 Tokens. Typ Conradus: Coradi, Corradi, Corrodi, Koradi, Korrodi. 14 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 300: Daten zur zweiten Karte {286} Detailangaben zur Namenauswahl: S. Angaben zur ersten Karte. Kommentar: Die höchste Tokenzahl verzeichnet die Gruppe mit der Ausgangsform Kunz (144 Tokens). Die zugehörigen FamN sind über weite Teile des deutschsprachigen Gebiets verbreitet, mit Ballungen im Berner Mittelland (BE), im Zürcher Oberland (ZH) sowie im Toggenburg (SG). Die FamN des zweithäufigsten Typs Kuhn (90 Tokens) treten gehäuft in den Kantonen Zürich, St. Gallen und Basel- Landschaft auf. Die auf der Vollform Konrad basierenden FamN treten v. a. in den Kantonen Glarus und Aargau sowie in der Region Viamala (GR) auf. Die Varianten von Kurt stellen ein regionales Spezifikum des Oberaargaus (BE) dar. Die FamN auf Kull sind primär im Mittelland zwischen den Städten Solothurn (SO), Olten (SO), Lenzburg (AG) und Zürich (ZH) verbreitet. Die latinisierten Varianten aus Conradus finden sich v. a. im Gebiet des Zürichsees (ZH) sowie im Kanton Thurgau. Karte 286: Patronyme zu Kuonrat in der Deutschschweiz nach Ausgangsform, vor 1800 u. Herkunft 646 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="647"?> Dritte Karte {287}: Die häufigsten Patronyme aus Kuonrat in der Deutschschweiz Namenauswahl: Ausgewählt wurden die vier frequentesten FamN (15 Tokens und mehr), die bei der ersten Karte als deutsche Realisierungen des Ruf N Kuonrat erfasst wurden. Abgefragte Namen Kunz: 77 Tokens. Kuhn: 53 Tokens. Künzli: 25 Tokens. Künzi: 15 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 11-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 25-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 301: Daten zur dritten Karte {287} Detailangaben zur Namenauswahl: S. Angaben zur ersten Karte. Kommentar: Der in der Deutschschweiz häufigste FamN Kunz bildet Nester v. a. am nördlichen Ufer des Zürichsees (ZH) sowie in der angrenzenden Region zwischen dem Zürcher Oberland (ZH) und dem Toggenburg (SG). Gehäuft treten diese FamN auch im nördlichen Teil des Kantons Zürich und im Kanton St. Gallen um die Stadt Wil auf. Der FamN Kuhn kommt geballt im Bezirk Bremgarten des Kantons Aargau und im östlichen Teil des Kantons Zürich vor. Künzli ist v. a. im Luzerner Hinterland (Bezirk Willisau), aber auch verstreut in der Ostschweiz zu finden. Der FamN Künzi zeigt ein ziemlich klares Areal in der Region zwischen den Städten Thun (BE) und Bern (BE) sowie im Berner Oberland (BE). Ergebnisse In den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» treten FamN aus Kuonrat am häufigsten im deutschsprachigen Gebiet auf. Charakteristisch sind hierbei v. a. abgeleitete Kurzformen, die somit als prototypische Vertreter gelten können. Von insgesamt 358 Tokens lassen sich 304 in der Deutschschweiz verorten; davon entfallen wiederum 170 auf die vier in der dritten Karte behandelten frequentesten Kurzformen. Insgesamt zeigt sich eine weit gestreute Verbreitung über das deutschsprachige Gebiet, mit Ausnahme der Zentralschweiz und des Appenzellerlands. Auch in der Rätoromania ist der Namentyp mit 13 Types relativ stark vertreten. Demgegenüber sind in der Romandie nur wenige entsprechende Patronyme belegt und in der italienischsprachigen Schweiz ist in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» lediglich ein Vorkommen nachgewiesen - obwohl der Ruf N Corrado in Italien bereits im Mittelalter populär war (Rossebastiano/ Papa 2005: 294-295) und die entsprechenden FamN Karte 287: Die vier häufigsten deutschen Patronyme zu Kuonrat, vor 1800 u. Herkunft 1.1 Patronyme zu germanischen Rufnamen: kuoni 647 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="648"?> Corradi, Corradini und Varianten im angrenzenden norditalienischen Gebiet verbreitet sind (Caffarelli/ Marcato 2008: 520). Der in der Deutschschweiz sehr beliebte Ruf N konnte sich offenbar nicht bis in die italienischsprachigen Gebiete der Schweiz ausbreiten. Im deutschsprachigen Raum des Mittelalters entwickelte der Ruf N Kuonrat eine Vielzahl von Nebenformen (etwa Kuhn, Kunz usw.), aus denen wiederum zahlreiche Ableitungen hervorgingen. Dieser variantenreiche mittelalterliche Rufnamenschatz bildet die Grundlage für die grosse Formenvielfalt bei den entsprechenden FamN. In der Deutschschweiz hat sich die Rezeption der Kuonrat- Varianten ausdifferenziert. Neben zahlreichen graphematisch und dialektal bedingten lautlichen Varianten sind diverse Diminutive und Genitivbildungen entstanden. Einige dieser Nebenformen sind im gesamten (schweizer-)deutschen Sprachraum verbreitet, andere erscheinen nur regional begrenzt - etwa die FamN Kurt, Kurth und Kuert, die ausschliesslich im Oberaargau (BE) auftreten. Zum Inventar der FamN aus Kuonrat zählen zudem latinisierte Formen. Darüber hinaus sind in den jeweiligen Kontaktgebieten der Schweiz Interferenzformen entstanden, die auf Adaption deutscher Ruf- oder FamN zurückgehen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Kunz (9'286 Tokens), Kuhn (4'223 Tokens) und Künzli (1'957 Tokens). In der rezenten Rangliste aller FamN der Deutschschweiz (BFS 2023: STATPOP 2022) belegt Kunz den 27. Platz und ist das häufigste Patronym in der deutschsprachigen Landesregion. Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA (2009-2018) widmet den Patronymen aus Kuonrat keinen Einzelartikel, dafür aber den Patronymen, die mit ahd. rāt als Erstglied gebildet sind, z. B. Rader, Räder (DFA 6 2017: 428-447). Dieser Namentyp scheint in der Schweiz in der Zeitschicht «vor 1800» kaum vertreten zu sein, evtl. gehört der FamN Raths hierher. Ob dies mit der für die Deutschschweiz typischen Tendenz zur Erstsilbenbetonung in Zusammenhang steht, muss noch geprüft werden. Zu spezifischen Nebenformen der Patronyme aus Kuonrat in Deutschland vgl. DFA 1 (2009: 599-603), DFA 2 (2011: 596-599), DFA 3 (2012: 760-761) und DFA 6 (2017: 442-446). Zu den einzelnen FamN aus Kuonrat in Deutschland beachte man auch Kunze (2004: 20) und die entsprechenden Artikel im DFD (o. J.). Für Liechtenstein sind folgende Varianten dokumentiert: Cordin, Coretti, Konrad, Konzett, Kuhn sowie Kühne, Kunz, Künzi, Künzler, Künzi, Kuoni (FLNB II/ 3 2008: 152-153, 448-450, 464-468). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2023): STATPOP 2022. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Kanton und nach Sprachregion für das Jahr 2022. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 26925057 (letzter Zugriff 03.10.2023). Caffarelli, Enzo/ Marcato, Carla (2008): I cognomi d’Italia: dizionario storico ed etimologico. 2 Bde. (La nostra lingua). Torino: UTET. DFA = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009-2018): Deutscher Familiennamenatlas. 7 Bde. Berlin, New York, Boston: De Gruyter. DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. DFA 2 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2011): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 2: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen II: Konsonantismus. Berlin, New York: De Gruyter. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. 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(Liechtensteiner Namenbuch II). Vaduz: Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein. Gottschald, Max (2006): Deutsche Namenkunde. Mit einer Einführung in die Familiennamenkunde von Rudolf Schützeichel. 6., durchgesehene und bibliographisch aktualisierte Auf lage. Berlin, New York: De Gruyter. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2005): Duden - Familiennamen. Herkunft und Bedeutung. 2., völlig neu bearbeitete Auf lage. Mannheim et al.: Dudenverlag. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2013): Duden - Lexikon der Vornamen. Herkunft, Bedeutung und Gebrauch von über 8000 Vornamen; mit den 648 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="649"?> neusten Trends und Namen aus aller Welt. 6., völlig neu bearbeitete Auf lage. Mannheim, Zürich: Dudenverlag. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Morlet, Marie-Thérèse (1997): Dictionnaire étymologique des noms de famille. Nouvelle édition revue et augmentée. Paris: Perrin. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Rossebastiano, Alda/ Papa, Elena (2005): I nomi di persona in Italia: dizionario storico ed etimologico. 2 Bde. (La nostra lingua). Torino: UTET. Seibicke, Wilfried (2007): Historisches Deutsches Vornamenbuch. Bd. 5: Nachträge und Korrekturen. Berlin, New York: De Gruyter. Seibicke, Wilfried (2008): Die Personennamen im Deutschen. Eine Einführung. 2., überarbeitete Auf lage. Berlin, New York: De Gruyter. Tanet, Chantal/ Hordé, Tristan (2005): Dictionnaire des prénoms. Paris: Larousse. Linda Steiner 1.1 Patronyme zu germanischen Rufnamen: kuoni 649 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="650"?> 1.2 Patronyme zu germanischen Rufnamen: liut Schlagwörter: dithematischer Rufname, dynastischer Rufname, Kurzform, männlicher Rufname, Vollform Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Kartenkomplex werden FamN besprochen, die auf Ruf N mit dem Erstglied ahd. liut ‘Volk, Leute, Menschen’ zurückgehen. Der FamN Lüthi gehört in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» zu den häufigsten Patronymen der Deutschschweiz. 1 Mit insgesamt 24 Types schweizweit lassen die Patronyme zu ahd. liut eine interessante Formvarianz erkennen. Somit ist die morphologische und räumliche Erschliessung des Namentypus aufgrund seiner Frequenz und Formenvielfalt von Relevanz. Hintergrund: Sämtliche hier behandelten Patronyme gehen auf männliche, dithematische germanische Ruf N zurück, die das Namenglied ahd. liut enthalten. Dieses zählt zu den ältesten deutschen Namenelementen und erscheint in Ruf N vornehmlich als Erstglied, wobei es in Verbindung mit diversen Zweitgliedern eine hohe onymische Produktivität entfaltet (Förstemann 1900: 1030-1050; Gottschald 2006: 324-326). Männliche Ruf N wie Liutbald - bzw. Liepoldt, latinisiert Leopold -, Liuthard, Leutolt bzw. Leuthold oder Liudulf bzw. Ludolf sowie der weibliche Ruf N Liutgard waren im Mittelalter im deutschsprachigen Raum weit verbreitet (Kohlheim/ Kohlheim 2016: 269, 280). Insbesondere der Ruf N Leopold etablierte sich als dynastischer Name: Auf Leopold I., Markgraf von Österreich (940-944), folgten weitere Herrscher gleichen Namens (Kohlheim/ Kohlheim 2016: 269). Schon früh sind neben Vollformen auch Kurz- und Koseformen wie Leupi oder Lüty bezeugt (Gottschald 2006: 325). Einige Ruf N mit dem althochdeutschen Namenglied liut fanden auch Eingang in den Rufnamenbestand der Romania, jedoch mit unterschiedlicher, meist geringer Häufigkeit - z. B. frz. Léopold (Tanet/ Hordé 2005: 281-282) oder ital. Leopoldo (Rossebastiano/ Papa 2005: 772-773). Fragestellungen: Vor dem skizzierten Hintergrund werden in der ersten Karte sämtliche FamN dargestellt, die das althochdeutsche Element liut enthalten; auf diese Weise lässt sich ihre Präsenz in den vier Landessprachregionen der Schweiz untersuchen. Die zweite Karte widmet sich den aus liut gebildeten Patronymen in der Deutschschweiz. Im Fokus steht dabei die areale Verteilung der Namenformen nach den zugrunde liegenden Ausgangsbasen. Die dritte Karte illustriert die Verbreitung der drei häufigsten FamN mit dem Erstglied ahd. liut. Erste Karte {288}: Patronyme zu liut nach sprachlicher Zugehörigkeit Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN der Schweiz aus der Zeitschicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 2 die gemäss etymologischer Datenbank (Stand 24.11.2023) auf Ruf N zurückzuführen sind, die mit dem Erstglied ahd. liut gebildet sind. Die entsprechenden Patronyme werden nach ihrer sprachlichen Form den jeweiligen Sprachregionen zugeordnet. Voll- und Kurzformen werden zusammengefasst. Abgefragte Namen Deutsche FamN zu liut: Läuppi, Leupi, Leupin, Leupold, Leupp, Leuppi, Leutert, Leuthard, Leuthardt, Leuthert, Leuthold, Leuthy, Lüpold, Lüthard, Lüthardt, Lüthert, Lüthi, Lüthin, Lüthold, Lüthy, Lütold, Lütolf . 22 Types, 134 Tokens. Französische FamN zu liut: Léger, Liotard. 7 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 40-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 302: Daten zur ersten Karte {288} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 In der Deutschschweiz ist in der Zeitschicht «vor 1800» Lüthi (mit 47 von insgesamt 134 Tokens) der häufigste FamN mit dem althochdeutschen Namenglied liut. Es folgen Leuthold (23 Tokens), Lüthy (14 Tokens) und Lütolf (13 Tokens); vgl. dazu die dritte Karte. Mit insgesamt 22 Types weisen die Patronyme zu ahd. liut in der Deutschschweiz eine mittlere formale Diversität auf. 4 Die unterschiedlichen Varianten lassen sich anhand ihrer Ausgangsformen sechs Gruppen zuordnen; gruppiert werden 1 Vgl. die Artikel III-1.4 «Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen» und III-1.5 «Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen». 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 4 Zu den verschiedenen Bildungsweisen der Ruf N - also Vollformen, einstämmige oder zweistämmige Kurz- und Koseformen (Hypokoristika) - sei allgemein auf Seibicke (2008: 93-94) verwiesen. Zur inhaltlichen Abgrenzung der Termini Voll-, Kurz- und Koseform beachte man die Diskussion in Dräger (2013: 39, Anmerkung 110) und Kunze (2004: 20-21). 650 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="651"?> sie in FamN aus Vollformen (erste bis vierte Gruppe) und in FamN aus Kurzformen (fünfte und sechste Gruppe): 5 1. Typ Liuthart: Leuthard, Leuthardt, Lüthard, Lüthardt, Leutert, Leuthert, Lüthert 2. Typ Liutwald / Liutold: Leuthold, Lüthold, Lütold 3. Typ Liutbald / Liupold: Leupold, Lüpold 4. Typ Liut(w)olf : Lütolf 5. Typ Leupi: Leupp, Leupi, Läuppi, Leuppi, Leupin 6. Typ Lüthi: Lüthi, Lüthy, Lüthin, Leuthy Die FamN der ersten Ausgangsform gehen auf Vollformen des Ruf N Liuthart zurück, eine Bildung aus ahd. liut und ahd. harti ‘hart, kräftig’. Das Zweitglied ahd. hart(i) zeigt hier Schreibvarianz -d / -dt sowie Abschwächung zu -ert. Die drei FamN der zweiten Gruppe beruhen auf dem Ruf N Liutwald bzw. Liutold mit dem Zweitglied ahd. walt ‘Gewalt, Macht’, diejenigen der dritten Gruppe auf Liutbald bzw. Liupold mit dem Zweitglied ahd. bald ‘kühn’. Der FamN Lütolf (vierte Gruppe) geht auf einen mit dem Zweitglied ahd. wolf ‘Wolf ’ gebildeten Ruf N zurück. Die FamN der letzten zwei Gruppen basieren auf Kurz- oder Koseformen eines Ruf N mit dem Erstglied ahd. liut; die Namen des Typus Leupi gehören wohl zu einer Variante von Liupold. Die zugrunde liegende Vollform der Namen des Typus Lüthi kann hingegen nicht mehr mit Sicherheit rekonstruiert werden. Allgemein lässt sich für die FamN zu ahd. liut eine graphematischphonologische Varianz in der monophthongischen (ü) oder diphthongischen (eu bzw. äu) Realisierung von mhd. iu beobachten. Aus der Auswahl ausgeschlossen, weil etymologisch uneindeutig, wurden die FamN Lütscher, Lütz, Leubin, Leubi und Légert. Die zwei FamN der französischsprachigen Schweiz sind aus der Romanisierung einer deutschen Ruf- oder Familiennamenform entstanden. In der italienisch- und der rätoromanischsprachigen Schweiz kommen in der Zeitschicht «vor 1800» keine FamN aus Ruf N mit dem Erstglied ahd. liut vor (RNB 3 1986: 211-212). Kommentar: Die liut-Namen sind tendenziell ein Typ des Mittellands. Abgesehen von einem Namennest im Haslital im Berner Oberland (BE) und wenigen weiteren Fällen in den Kantonen Obwalden, Zug und St. Gallen kommt der Namentyp im alpinen und voralpinen Gebiet nicht vor. In den Kantonen Wallis, Uri, Nidwalden, Schwyz, Glarus und Graubünden sind keine deutschen FamN aus liut dokumentiert. Geballt treten die Patronyme in zwei Verwaltungskreisen des Kantons Luzern auf, nämlich Willisau und Sursee. Weitere Konzentrationen der liut-Namen sind im Kanton Bern (Verwaltungskreise Bern-Mittelland und Emmental), im angrenzenden Kanton Solothurn (Bezirk Wasseramt), im Südosten des Kantons Aargau (Bezirke Muri und Bremgarten), um das Zürichseebecken Karte 288: Patronyme zu liut nach sprachlicher Zugehörigkeit, vor 1800 5 Für die einzelnen grammatischen Phänomene sei auf die entsprechenden Artikel verwiesen, u. a. II-2.13 «Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut», I-2.7 «Schreibvariation bei Plosiven im Auslaut», I-1.12 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. iu», I-2.1 «Nasalschwund», II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y» und I-1.14 «Schreibvariation i/ y». 1.2 Patronyme zu germanischen Rufnamen: liut 651 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="652"?> und im Kanton Thurgau (Bezirk Frauenfeld) zu beobachten. Die wenigen Vorkommen in der Romandie sind als isolierte Streubelege zu werten und lassen kein konsistentes areales Muster erkennen. Aus diesem Grund wurde auf eine gelbe Flächenfärbung in der Karte verzichtet; eine solche Einfärbung hätte ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Verbreitung vermittelt. Zweite Karte {289}: Patronyme zu liut in der Deutschschweiz nach Ausgangsform Namenauswahl: Ausgewählt wurden die FamN, die in der ersten Karte als deutsche Realisierungen von Ruf N mit dem althochdeutschen Erstglied liut erfasst wurden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Patronyme nach der bei der ersten Karte vorgenommenen Unterteilung in sechs Typen (vgl. die Angaben zu den Formvarianten oben). Abgefragte Namen Typ Liuthart: Leutert, Leuthard, Leuthardt, Leuthert, Lüthard, Lüthardt, Lüthert. 7 Types, 15 Tokens. Typ Liutwald / Liutold: Leuthold, Lüthold, Lütold. 26 Tokens. Typ Liutbald / Liupold: Leupold, Lüpold. 3 Tokens. Typ Liut(w)olf : Lütolf . 13 Tokens. Typ Leupi: Läuppi, Leupi, Leupp, Leuppi, Leupin. 14 Tokens. Typ Lüthi: Leuthy, Lüthi, Lüthin, Lüthy. 63 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 303: Daten zur zweiten Karte {289} Detailangaben zur Namenauswahl: S. Angaben zur ersten Karte. Kommentar: Die häufigsten FamN zu ahd. liut entstammen der Ausgangsform Lüthi (insgesamt 63 Tokens). Sie verteilen sich über weite Teile des Mittellands, mit Ballungen im Kanton Solothurn, im Berner Mittelland und Emmental (BE) sowie um die Stadt Frauenfeld (TG). Die FamN des Typus Liuthart treten gehäuft im Bezirk Muri (AG) auf. Die FamN aus der Kurzform Leupi zeigen eine regionale Bündelung im Luzerner Hinterland. Die Varianten des zweithäufigsten Typs Liutwald / Liutold (insgesamt 26 Tokens) kommen in grösserer Zahl in dem Gebiet am südwestlichen Ufer des Zürichsees (ZH, AG) und im Berner Oberland im Verwaltungskreis Interlaken-Oberhasli (BE) vor. Die FamN aus Liutbald / Liupold verteilen sich im Raum zwischen Aarau und Wildegg (AG) sowie in Ermensee (LU). Der FamN Lütolf schliesslich ist vorrangig im Luzerner Hinterland verbreitet, insbesondere in den Wahlkreisen Willisau und Sursee. Karte 289: Patronyme zu liut in der Deutschschweiz nach Ausgangsform, vor 1800 652 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="653"?> Dritte Karte {290}: Die häufigsten Patronyme zu liut in der Deutschschweiz Namenauswahl: Ausgewählt wurden die drei frequentesten FamN (14 Tokens und mehr), die bei der ersten Karte als (schweizer-)deutsche Realisierungen eines Ruf N mit dem Erstglied ahd. liut erfasst wurden. Abgefragte Namen Lüthi: 47 Tokens. Lüthy: 14 Tokens. Leuthold: 23 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 304: Daten zur dritten Karte {290} Detailangaben zur Namenauswahl: S. Angaben zur ersten Karte. Kommentar: Der in der Deutschschweiz am häufigsten belegte FamN Lüthi bildet Schwerpunkte in den zwei aneinander angrenzenden Verwaltungskreisen Bern-Mittelland und Emmental (BE) sowie in den Bezirken Wasseramt (SO) und Frauenfeld (TG). Die Variante Lüthy konzentriert sich v. a. im mittleren Norden der Schweiz. Der FamN Leuthold ist primär im Zürichseebecken verbreitet, tritt aber auch im Haslital (BE) und im Toggenburg (SG) auf. Ergebnisse In der Zeitschicht «vor 1800» treten FamN aus Ruf N mit dem Erstglied ahd. liut v. a. im Mittelland auf. Die grösste Konzentration zeigt sich in den Verwaltungskreisen Willisau und Sursee im Kanton Luzern. Weitere Schwerpunkte finden sich im Südosten des Kantons Aargau (Bezirke Muri und Bremgarten) sowie im Zürichseebecken. Vereinzelte Streubelege in der französischsprachigen Schweiz sind als Romanisierungen importierter deutscher Ruf- oder FamN zu interpretieren. Aus dem umfangreichen mittelalterlichen Rufnamenschatz mit dem Erstglied liut sind sechs Typen im Schweizer Familiennamenbestand fest geworden, darunter zwei Kurzformen. Letztere übertreffen die Vollformen quantitativ deutlich. Zählt man die Schreibvarianten Lüthi, Lüthy, Lüthin und Leuthy sowie Leupp, Leupi, Läuppi, Leuppi und Leupin zusammen (insgesamt 77 Tokens), so entfällt mehr als die Hälfte aller deutschen liut-Namen (134 Tokens) auf eine Kurzform. Es lässt sich somit feststellen, dass in der Deutschschweiz die Kurzformen die prototypischen Vertreter der Patronyme zu ahd. liut darstellen. Formal haben sich die FamN zu ahd. liut nur in begrenztem Mass weiter diversifiziert. Abgesehen von Diminutivbildungen finden sich in der Namenauswahl weder weitere Ableitungen noch Komposita, SatzN oder DoppelN. Die Formenvielfalt dieses Namentypus ist daher nicht auf seine Bildungen zurückzuführen, sondern ergibt sich aus Karte 290: Die drei häufigsten deutschen Patronyme zu liut, vor 1800 1.2 Patronyme zu germanischen Rufnamen: liut 653 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="654"?> den diversen zugrunde liegenden Ausgangsformen sowie aus den entsprechenden graphematischen und lautlichen Varianten. Insgesamt zeigen die FamN mit dem Erstglied liut in ihrer Rezeption eine relative strukturelle Stabilität. Die hohe Frequenz des Namentypus beruht insbesondere auf der grossen Präsenz einzelner FamN, v. a. Lüthi und Lüthy sowie Leuthold (dritte Karte). Von insgesamt 134 Tokens in der Deutschschweiz in der Zeitschicht «vor 1800» entfallen beinahe die Hälfte (61 Tokens) auf Lüthi und Lüthy. Wie die zweite Karte zeigt, können Patronyme zu ahd. liut regionale Mikroareale bilden; so konzentriert sich etwa der FamN Lütolf stark im Luzerner Hinterland (LU). Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Lüthi (9'858 Tokens), Leuthold (1'123 Tokens) und Lüthy (1'051 Tokens). Diese Zahlen stimmen mit den historischen Verhältnissen überein. In der rezenten Rangliste aller FamN der Deutschschweiz (BFS 2023: STATPOP 2022) belegt Lüthi den 29. Platz und ist damit - nach Kunz - das zweithäufigste Patronym in der deutschsprachigen Landesregion. Die im Id. 4 (1881 ff.: Sp. 1202) für das 19. Jh. dokumentierten mundartlichen Kurzformen des Ruf N Pold(i), Boldeli und Böldeli sind im Familiennamenbestand nicht zu finden; vgl. auch die mundartlichen Varianten Leepold, Lebold, Leböldel (Id. 3 1881 ff.: Sp. 1352). Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA (2009-2018) widmet den FamN aus Ruf N mit dem Erstglied ahd. liut keinen Einzelartikel. Zu spezifischen Bildungsvarianten dieser Patronyme in Deutschland vgl. insbesondere den DFA 1 (2009: 535-538), die entsprechenden Artikel im DFD (o. J.) und im e-WSK (2022: s. v. Familienname): u. a. Leupold, Leuprecht, Leuthold, Ludolf , Ludolph. Die für die Schweiz häufigen und für Deutschland seltenen FamN Lüthi und Lüthy kommen hauptsächlich im Süden des Landes vor, wo sie sich an das Schweizer Lüthibzw. Lüthy-Gebiet anschliessen und mit diesem eine gemeinsame Namenlandschaft bilden (vgl. dritte Karte). Für Liechtenstein sind folgende Varianten dokumentiert: Leopold, Liepold und Lüthi (FLNB II/ 4 2008: 26, 30, 46). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2023): STATPOP 2022. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Kanton und nach Sprachregion für das Jahr 2022. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 26925057 (letzter Zugriff 24.11.2023). DFA = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009-2018): Deutscher Familiennamenatlas. 7 Bde. Berlin, New York, Boston: De Gruyter. DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. DFD = Nübling, Damaris et al. (o. J.): Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). https: / / www.namenforschung.net/ dfd/ woerterbuch/ liste/ (letzter Zugriff 24.11.2023). Dräger, Kathrin (2013): Familiennamen aus dem Rufnamen Nikolaus in Deutschland (Regensburger Studien zur Namenforschung 7). Regensburg: edition vulpes. e-WSK = Kohlheim, Rosa (2022): Familienname. Wörterbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (WSK) Online. https: / / www.degruyter. com/ database/ WSK/ entry/ wsk_ide88b0687-bd52-43bf-ad91eb5facc72736/ html (letzter Zugriff 24.11.2023). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 24.11.2023). FLNB II = Stricker, Hans/ Banzer, Toni/ Hilbe, Herbert (2008): Die Personennamen des Fürstentums Liechtenstein. 4 Bde. (Liechtensteiner Namenbuch II). Vaduz: Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein. Förstemann, Ernst (1900): Altdeutsches Namenbuch. Bd. 1: Personennamen. 2., völlig umgearbeitete Auf lage. Bonn: Hanstein. Gottschald, Max (2006): Deutsche Namenkunde. Mit einer Einführung in die Familiennamenkunde von Rudolf Schützeichel. 6., durchgesehene und bibliographisch aktualisierte Auf lage. Berlin, New York: De Gruyter. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2016): Duden - Das große Vornamenlexikon. 5., vollständig überarbeitete Auf lage. Berlin: Dudenverlag. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Rossebastiano, Alda/ Papa, Elena (2005): I nomi di persona in Italia: dizionario storico ed etimologico. 2 Bde. (La nostra lingua). Torino: UTET. Seibicke, Wilfried (2008): Die Personennamen im Deutschen. Eine Einführung. 2., überarbeitete Auf lage. Berlin, New York: De Gruyter. Tanet, Chantal/ Hordé, Tristan (2005): Dictionnaire des prénoms. Paris: Larousse. Linda Steiner 654 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="655"?> 1.3 Patronyme zu germanischen Rufnamen: hruod Schlagwörter: dithematischer Rufname, dynastischer Rufname, kontrahierte Form, Kurzform, männlicher Rufname, Vollform Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Kartenkomplex werden FamN besprochen, die auf Ruf N mit dem Erstglied ahd. hruod ‘Ruhm’ zurückgehen. Mit insgesamt 96 Types in der ganzen Schweiz lassen die Patronyme aus ahd. hruod eine interessante Formvarianz erkennen. Ausserdem gehört der FamN Rüegg in der Zeitschicht «vor 1800» zu den häufigsten Patronymen der Deutschschweiz. 1 Somit ist die morphologische und räumliche Erschliessung des Namentypus aufgrund seiner Frequenz und Formenvielfalt von Relevanz. Hintergrund: Den hier behandelten Patronymen liegen männliche, dithematische germanische Ruf N zugrunde, die das Namenglied ahd. hruod ‘Ruhm’ enthalten. Dieses zählt zu den ältesten deutschen Namenelementen und tritt hauptsächlich als Erstglied auf (Förstemann 1900: 885). Durch zahlreiche Kombinationen mit verschiedenen Zweitgliedern zeigt ahd. hruod eine hohe Produktivität (Förstemann 1900: 885-920; Gottschald 2006: 260-262). Männliche Ruf N wie Rudolf , Rüdiger oder Ruprecht bzw. Rupert waren im Mittelalter im gesamten deutschsprachigen Raum sehr beliebt (Kohlheim/ Kohlheim 2016: 360-361). Mit dem Anstieg gleichnamiger Personen im 11. und 12. Jh. wurde Rudolf sogar zu einem der häufigsten Ruf N überhaupt. So nennt etwa eine Zürcher Urkunde aus dem 12. Jh. neun verschiedene Personen mit dem Namen Rudolf (Kunze 2004: 60-61). Im süddeutschen Raum und in der Schweiz setzte sich der Ruf N Rudolf zudem als dynastischer Name durch: Vom deutschen König Rudolf I. von Habsburg (13. Jh.) eingeführt, wurde der Name auch von nachfolgenden Herrschern weitergetragen und dadurch bewahrt (Kohlheim/ Kohlheim 2016: 360). Schon früh sind neben Vollformen auch Kurz- und Koseformen wie Ru(o)do, Ruppo, Ruffo, Rollo, Roggo bzw. Rugo oder Ruzzo bzw. Rozzo bezeugt (Gottschald 2006: 260-262). Das Id. 6 (1881 ff.: Sp. 631) führt unter dem Lemma Ruedolf folgende historische Rufnamenformen an, die schon ab dem 14. Jh. für die Deutschschweiz belegt sind: Ruodi (ab 1308), Rüedi (ab Ende 14. Jh.), Ruotsch bzw. Ruotschmann (ab 14. Jh.), Ruof (ab 14. Jh.) und Ruotz (1697). Für die Deutschschweiz des 19. Jh. werden folgende mundartliche Varianten des Ruf N dokumentiert (Id. 6 1881 ff.: Sp. 631): Ruedolf , Ruedi, Rüedi, Ruedlef , Ruedli, Rüedeli, Ruedel, Rüedel, Ruetsch (gemäss Id. 6 1881 ff.: Sp. 631 als «verächtlich» konnotiert), Rüetschli, Rüetschi, Ruetschmann, Dolfi sowie Toffi. Einige deutsche männliche Ruf N mit dem althochdeutschen Namenglied hruod haben sich über unterschiedliche Wege auch in der Romania verbreitet; vgl. z. B. frz. Robert, Roger oder Roland (Tanet/ Hordé 2005: 378-379, 381-383) sowie ital. Roberto, Rolando, Ruggero oder Orlando (Rossebastiano/ Papa 2005: 980-981, 1084-1085, 1088-1089, 1108-1109). Für die Rätoromania ist anzumerken, dass ursprünglich deutsche Ruf N wie Rudolf - rätoromanisch heute auch Reduélf oder Rudólf (Eichenhofer 1999: 346) - und Kurzformen wie Ruedi ebenfalls zum mittelalterlichen alträtoromanischen Nameninventar gehörten (Stricker 1992: 37-38). Fragestellungen: Vor dem skizzierten Hintergrund stellt die erste Karte sämtliche FamN mit dem Namenglied hruod dar, gruppiert nach Sprachzugehörigkeit. So lässt sich ihre Verbreitung über die vier Landessprachregionen der Schweiz nachvollziehen. Die zweite Karte konzentriert sich auf die in der ersten Karte als deutsch klassifizierten Namen und differenziert sie nach ihrer Formvariante: Vollform, Kurzform oder kontrahierte Form. Im Fokus der dritten Karte steht die areale Verteilung der Namenformen in Bezug auf die häufigsten zugrunde liegenden Ausgangsformen. Die vierte Karte illustriert schliesslich die Verbreitung der Patronyme, die aus dem Ruf N Robert(o) hervorgegangen sind. 1 Vgl. die Artikel III-1.4 «Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen» und III-1.5 «Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen». 1.3 Patronyme zu germanischen Rufnamen: hruod 655 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="656"?> Erste Karte {291}: Patronyme zu hruod nach sprachlicher Zugehörigkeit Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN der Schweiz aus der Zeitschicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 2 die gemäss etymologischer Datenbank (Stand 22.12.2023) auf Ruf N mit dem Erstglied ahd. hruod zurückzuführen sind. FamN, die infolge von Binnenmigration in mehreren Sprachregionen der Schweiz auftreten, werden nach folgendem Prinzip klassifiziert: Weisen sie keine formale Adaption an die Zielsprache auf - wie etwa beim Namen Rudolf in der französischsprachigen Gemeinde Prilly (VD) -, werden die Namen der ursprünglichen Sprachgruppe, hier dem Deutschen, zugeordnet. FamN hingegen, die durch sprachliche Interferenz formal an die Zielsprache angepasst wurden, gelten als dieser zugehörig. So wird bspw. der in derselben Gemeinde belegte Name Roudolf als französisch klassifiziert. In den vier Sprachgruppen werden jeweils Voll- und Kurzformen zusammengefasst. Abgefragte Namen Deutsche FamN zu hruod: Dolf , Riedi, Riegg, Rietsche, Rietschi, Rietschin, Roder, Roland, Rötschi, Rubeli, Rubli, Rüdemann, Ruden, Rudi, Rudin, Rüdin, Rüdisühli, Rüdisüli, Rudolf , Rüede, Ruedi, Rüedi, Rüedin, Ruedolf , Rüedy, Ruef , Rueff , Rüefli, Rüegg, Rüegger, Ruepp, Ruesch, Rüesch, Ruetsch, Rüetschi, Rüetschli, Ruf , Ruff , Rufli, Rüfli, Ruflin, Rüggi, Ruosch, Ruoss, Rupf , Rupli, Rupp, Ruppen, Ruppert, Ruppli, Ruprecht, Rusch, Rüsch, Russi, Rüssi, Rutsch, Rütsch, Rütsche, Rutschi, Rütschi, Rutschmann, Rutscho, Rutz, Tuffli. 64 Types, 262 Tokens. Französische FamN zu hruod: Othenin-Robert, Robadey, Robert, Robert-Charrue, Robert-Dayon, Robert-Grandpierre, Robert-Laurent, Robert-Nicoud, Robert-Prince, Robert-Rose, Robert-Tissot, Robin, Roger, Roget, Roland, Roudolf . 16 Types, 44 Tokens. Italienische FamN zu hruod: Dolfi, Dolfini, Dressi-Dolfino, Orlandi, Redolfi, Roberti, Roberti Del Vecchio, Roberti-Foc, Roberti Maggiore, Robertini, Roggero. 11 Types, 13 Tokens. Rätoromanische FamN zu hruod: Caduff , Duff , Riedi, Riesch, Rudolf . 40 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 35-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 305: Daten zur ersten Karte {291} Karte 291: Patronyme zu hruod nach sprachlicher Zugehörigkeit, vor 1800 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 656 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="657"?> Detailangaben zur Namenauswahl: 3 In der Deutschschweiz ist in der Zeitschicht «vor 1800» Rüegg der häufigste FamN mit dem Namenglied hruod (36 von insgesamt 262 Tokens). Die zweithöchste Tokenfrequenz erreichen die FamN Rüedi und Rupp mit je 20 Tokens (vgl. dritte Karte). Mit insgesamt 64 Types zeigen die Patronyme zu ahd. hruod in der Deutschschweiz eine sehr hohe Formvarianz. Die meisten Namenvarianten können nach ihrer Ausgangsform in zwölf Gruppen eingeteilt werden. 4 Gruppiert werden die FamN hier in Namen aus Vollformen (erste bis dritte Gruppe) und in Namen aus Kurz- (vierte bis zehnte Gruppe) bzw. aus kontrahierten Formen (elfte und zwölfte Gruppe): 5 1. Typ Rudolf : Rudolf , Ruedolf 2. Typ Ruprecht: Ruprecht, Ruppert 3. Typ Roland: Roland 4. Typ Ruedi: Ruedi, Rüedi, Riedi, Ridin, Rüede, Rüedin, Rüedy, Rudi, Rüdin, Rudin, Ruden, Ridin, Rüdemann, Rüdisühli, Rüdisüli 5. Typ Ruetsch: Ruetsch, Rüetschi, Rüetschli, Rietschi, Rietschin, Rietsche, Rutsch, Rutschi, Rutscho, Rütsch, Rütschi, Rütsche, Rötschi, Rutschmann 6. Typ Rutz: Rutz 7. Typ Ruesch: Ruesch, Rüesch, Ruosch, Rusch, Rüsch 8. Typ Ruoss: Ruoss, Russi, Rüssi 9. Typ Rupp: Ruepp, Rupp, Rupli, Ruppli, Rubli, Rubeli, Ruppen 10. Typ Dolf : Dolf , Tuffli 11. Typ Ruef : Ruef , Rueff , Rüefli, Ruf , Ruff , Rufli, Ruflin, Rüfli 12. Typ Rugg: Rüegg, Riegg, Rüggi, Rüegger Die FamN der ersten Gruppe gehen auf eine Vollform des Ruf N Rudolf zurück, eine Bildung aus ahd. hruod und ahd. wolf ‘Wolf ’. Die FamN der zweiten Gruppe beruhen auf dem Ruf N Ruprecht mit dem Zweitglied ahd. beraht ‘glänzend, berühmt’. Zu dieser Gruppe gehört auch der FamN Robert, der jedoch - bis auf einen einzelnen Beleg im Kanton Solothurn - ausschliesslich in der Romandie vorkommt. Deshalb wird er als französischer FamN kartiert. Roland (dritte Ausgangsform) kommt in der Deutschschweiz nur einmal vor und geht vermutlich auf eine französische Namenform zurück, die wiederum auf einem Ruf N mit dem Zweitglied ahd. lant ‘Land’ basiert. Zur vierten Gruppe zählen FamN, die aus einer Kurzform des Ruf N Rudolf entstanden sind. Neben einer formenreichen Reihe von Diminutiva sind aus dieser Ausgangsform auch Komposita (Rüdisühli, Rüdisüli), eine patronymische mann-Ableitung (Rüdemann) und eine Genitivform (Ruden) entstanden. Die FamN der fünften bis achten Gruppe resultieren aus Kurzformen eines Ruf N mit dem Erstglied ahd. hruod, etwa Rudolf oder Rüdiger. Hier werden sie nach dem Auslaut des Familiennamenstamms klassifiziert und nicht nach dem zugrunde liegenden althochdeutschen Ruf N, der in manchen Fällen nicht mit Sicherheit zu rekonstruieren ist. Die Auslaute -tsch, -tz, -sch, oder -ss entsprechen dem onymischen Verfahren, Kurzformen durch Suffigierung verkleinernd oder kosend zu markieren (Kunze 2004: 21). Die FamN der neunten Gruppe gehen auf eine Kurzform von Ruprecht zurück, während diejenigen der zehnten Gruppe eine aphäretische Kürzung des Ruf N Rudolf darstellen und vermutlich als Resultat eines Interferenzprozesses zu werten sind. Tatsächlich treten sie im verdeutschten alträtoromanischen Sprachgebiet Graubündens auf. Die FamN der letzten zwei Gruppen können aus einer kontrahierten Form des Ruf N Rudolf (elfte Gruppe) bzw. Rüdiger (zwölfte Gruppe) hergeleitet werden. Allgemein lässt sich für die FamN aus ahd. hruod auf der graphematisch-phonologischen Ebene eine Varianz in der monophthongischen (u bzw. ü, i oder ö) oder diphthongischen (uo bzw. ue, üe oder ie) Realisierung des mittelhochdeutschen Diphthongs ue beobachten. Deshalb sind die FamN innerhalb jeder Gruppe nach diesem Kriterium geordnet: Zuerst werden die Formen mit Diphthong, dann die Varianten mit Monophthong genannt. Auf f lexions- und wortbildungsmorphologischer Ebene lässt sich ebenfalls eine Diversifikation feststellen: Im Namensample kommen zahlreiche und vielfältige Diminutiva sowie Genitivbildungen (Ruden, Ruppen), Ableitungen auf -er (Rüegger) und -mann (Rüdemann, Rutschmann), eine Ableitung mit dem onymischen Suffix -o (Rutscho) und Komposita (Rüdisühli, Rüdisüli) vor. Am produktivsten sind die FamN zu den Kurz- oder Koseformen Ruedi und Ruetsch. Die Vollformen hingegen zeigen keine grosse formale Diversifikation. Kartiert, jedoch hier nicht kategorisiert sind die FamN Rupf (Mischform aus Rupp und Ruef ) und Roder (vermutlich aus einer Kurzform *Rode). Aus der Kartierung ausgeschlossen, weil etymologisch uneindeutig, wurden die FamN Cadosch, Cadusch, Dosch, Dusch, Duschen, Reusser, Rieger, Rolli, Rölli, Röllin, Rölly, Rosler, Rubischung, Rubitschung, Rüd, Rüdt, Rüeger, Ruffi, Rüger, Rüschlin und Rutzer. Für die Romania wurden hier ausschliesslich etymologisch eindeutige FamN berücksichtigt, da eine systematische Untersuchung der romanischen FamN aus Ruf N mit dem Erstglied ahd. hruod noch aussteht. Der in der Romandie häufigste und am stärksten diversifizierte FamN ist Robert. Roudolf stellt eine adaptierte deutsche Namenform dar. In der italienischsprachigen Schweiz geht der hier untersuchte Namentypus auf verschiedene Ausgangsformen zurück, wobei - ähnlich wie in der Romandie - Roberto die produktivste davon ist (vgl. vierte Karte). Für die Rätoromania ist neben den Simplizia Duff (vermutlich eine aphärethische Form von Rudolf ), Rudolf , Riedi und Riesch auch ein FamN mit dem Bildungselement Cadokumentiert (Caduff ). 6 Der FamN Riesch (Trin GR) und der in der Surselva und in Mittelbünden sehr häufige FamN Riedi zeigen die für dieses Gebiet typische rätoromanische Entrundung von ü zu i (Eichenhofer 1999: 170-171). Kommentar: Die erste Karte macht deutlich, dass Patronyme aus Ruf N mit dem Erstglied ahd. hruod in der Zeitschicht «vor 1800» in allen vier Sprachgebieten der Schweiz belegt sind. Nach bisherigem Kenntnisstand treten sie am häufigsten in der Deutschschweiz auf - sowohl in Bezug auf die Zahl der Vorkommen (262 Tokens) als auch 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 4 Für die einzelnen grammatischen Phänomene sei auf die entsprechenden Artikel verwiesen, u. a. II-2.3 «Familiennamen auf -(t)z und -(t)sch», I-1.13 «Diphthong- und Monophthongschreibungen von mhd. ie, ue, üe», II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner», II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe», II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y», I-1.14 «Schreibvariation i/ y», II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-2.14 «Germanisches Grundwort mit Suffix -o» und II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». 5 Zu den verschiedenen Bildungsweisen der Ruf N - also Vollformen, einstämmige oder zweistämmige Kurz- und Koseformen (Hypokoristika) - sei allgemein auf Seibicke (2008: 93-94) verwiesen. Zur inhaltlichen Abgrenzung der Termini Voll-, Kurz- und Koseform beachte man die Diskussion in Dräger (2013: 39, Anmerkung 110) und Kunze (2004: 20-21). 6 Vgl. Artikel II-2.19 «Familiennamen mit Präfix Ca-». 1.3 Patronyme zu germanischen Rufnamen: hruod 657 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="658"?> auf die verschiedenen Varianten (64 Types) -, wo sie über den grössten Teil des Territoriums verteilt sind. Die höchste Konzentration zeigt sich im Zürcher Oberland, konkret in den Bezirken Pfäffikon und Hinwil (ZH). Geballt treten sie auch im oberen Fricktal (Bezirk Laufenburg AG), in der Region Viamala (GR), im Berner Emmental und im südlichen Teil des Kantons St. Gallen (Toggenburg, See-Gaster und Sarganserland) auf. In der Zentralschweiz sind nur vereinzelt Patronyme im Entlebuch (LU), im Bezirk Schwyz (SZ) und im Kanton Uri bezeugt. Der Kanton Glarus ist komplett frei vom hruod -Typus. In der Romandie kommen die meisten FamN im Kanton Neuenburg vor. In der italienischsprachigen Schweiz finden sich ausschliesslich - und nur mit einer niedrigen Frequenz - im Kanton Tessin Belege, wobei diese sich v. a. in der Region des oberen Leventinatals konzentrieren (vgl. vierte Karte). In den vier italienischsprachigen Tälern Graubündens - bis auf einen einzelnen Beleg im Bergell - sowie im Engadin und im angrenzenden Val Müstair scheint der Namentyp nicht vertreten zu sein. In der Rätoromania sind die FamN aus hruod in der Region Surselva (GR) verhältnismässig zahlreich bezeugt. Zweite Karte {292}: Patronyme zu hruod in der Deutschschweiz nach Formvariante Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN, die in der ersten Karte als deutsche Realisierungen von Ruf N mit dem althochdeutschen Erstglied hruod erfasst und einer der zwölf Gruppen zugeordnet wurden (62 von insgesamt 64 Types). Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Patronyme nach der oben vorgenommenen Unterteilung in die drei Obergruppen der Voll-, Kurz- und kontrahierten Formen von Ruf N aus ahd. hruod (vgl. die Angaben zu den Formvarianten oben). Abgefragte Namen FamN zu Kurzformen von RufN aus hruod: Dolf , Riedi, Rietsche, Rietschi, Rietschin, Rötschi, Rubeli, Rubli, Rüdemann, Ruden, Rudi, Rudin, Rüdin, Rüdisühli, Rüdisüli, Rüede, Ruedi, Rüedi, Rüedin, Rüedy, Ruepp, Ruesch, Rüesch, Ruetsch, Rüetschi, Rüetschli, Ruosch, Ruoss, Rupli, Rupp, Ruppen, Ruppli, Rusch, Rüsch, Russi, Rüssi, Rutsch, Rütsch, Rütsche, Rutschi, Rütschi, Rutschmann, Rutscho, Rutz, Tuffli. 45 Types, 123 Tokens. FamN zu kontrahierten Formen von RufN aus hruod: Riegg, Ruef , Rueff , Rüefli, Rüegg, Rüegger, Ruf , Ruff , Rufli, Rüfli, Ruflin, Rüggi. 12 Types, 70 Tokens. FamN zu Vollformen von RufN aus hruod: Roland, Rudolf , Ruedolf , Ruppert, Ruprecht. 23 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Karte 292: Patronyme zu hruod in der Deutschschweiz aus Voll-, Kurz- und kontrahierten Formen, vor 1800 658 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="659"?> Kreise 15-20, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 40-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 306: Daten zur zweiten Karte {292} Detailangaben zur Namenauswahl: Mit Ausnahme der beiden FamN Dolf und Tuffli - bei denen das Erstglied des Ruf N entfallen ist - handelt es sich bei allen übrigen FamN der ersten Gruppe um Patronyme, die auf gekürzte Formen von Ruf N wie Rudolf , Rüdiger oder Ruprecht zurückgehen, wobei jeweils das unbetonte Zweitglied getilgt wurde; vgl. dazu auch die Angaben zur ersten Karte. Kommentar: In der Deutschschweiz kommen deutlich am häufigsten FamN vor, die auf Kurzformen eines Ruf N aus ahd. hruod zurückzuführen sind. Die Patronyme zu diesen Kurzformen überwiegen gegenüber den zwei anderen Typen in ihrer Type- und Tokenfrequenz und weisen eine grössere räumliche Verbreitung auf: Sie verteilen sich im Westen v. a. in den Kantonen Basel-Landschaft, Bern und Aargau und im Osten insbesondere in den Wahlkreisen des südlichen Teils des Kantons St. Gallen, nämlich im Toggenburg und in der Region Werdenberg. Die häufigsten FamN zu einer Kurzform sind Rüedi und Rupp (je 20 Tokens). Die FamN zu kontrahierten Varianten haben den Schwerpunkt im Zürcher Oberland, in den Bezirken Hinwil und Pfäffikon (ZH). Sie sind hinsichtlich ihrer Types und Tokens zwar zahlenmässig seltener als die FamN zu Kurzformen, jedoch ist Rüegg mit 36 Tokens der häufigste FamN dieses Typus überhaupt. Die FamN zu Vollformen kommen punktuell v. a. in den Kantonen Graubünden, Aargau und Solothurn vor. Das häufigste Patronym dieser Gruppe ist Rudolf (13 Tokens). Dritte Karte {293}: Patronyme zu hruod in der Deutschschweiz nach Ausgangstyp Namenauswahl: Ausgewählt wurden FamN, die nach der bei der ersten Karte vorgenommenen Unterteilung in zwölf Gruppen zu den sechs häufigsten Ausgangsformen gehören (15 Tokens und mehr; vgl. die Angaben zu den Formvarianten oben). Abgefragte Namen Typ Ruedi: Ridin, Riedi, Rüdemann, Ruden, Rudi, Rudin, Rüdin, Rüdisühli, Rüdisüli, Rüede, Ruedi, Rüedi, Rüedin, Rüedy. 14 Types, 58 Tokens. Typ Ruetsch: Rietsche, Rietschi, Rietschin, Rötschi, Ruetsch, Rüetschi, Rüetschli, Rutsch, Rütsch, Rütsche, Rutschi, Rütschi, Rutschmann, Rutscho. 14 Types, 32 Tokens. Typ Ruesch: Ruesch, Rüesch, Ruosch, Rusch, Rüsch. 15 Tokens. Typ Rupp: Rubeli, Rubli, Ruepp, Rupli, Rupp, Ruppen, Ruppli. 7 Types, 36 Tokens. Typ Ruef : Ruef , Rueff , Rüefli, Ruf , Ruff , Rufli, Rüfli, Ruflin. 8 Types, 26 Tokens. Karte 293: Patronyme zu hruod in der Deutschschweiz nach Ausgangsform, vor 1800 1.3 Patronyme zu germanischen Rufnamen: hruod 659 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="660"?> Typ Rugg: Riegg, Rüegg, Rüegger, Rüggi. 44 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 307: Daten zur dritten Karte {293} Detailangaben zur Namenauswahl: S. Angaben zur ersten Karte. Kommentar: Die FamN, die zum Typ Ruedi gehören, überwiegen gegenüber den anderen Typen tokenmässig. Auch hinsichtlich ihrer formellen Varianz sind die Patronyme zu dieser Ausgangsform, zusammen mit den FamN des Typus Ruetsch, dominant. In ihrer Verbreitung zeigen die Ruedi-Namen eine Konzentration im nördlichen Teil des Kantons Aargau sowie eine verstreute, aber auffällige Präsenz im Kanton Graubünden, v. a. in den Regionen Surselva und Viamala. Die FamN zur Ausgangsform Ruetsch sind ein Typus des Mittellands. Besonders im Kanton Aargau treten sie häufig auf. Die FamN zur Ausgangsform Ruesch sind typisch für den Kanton St. Gallen. Die Patronyme des Typus Rupp sind v. a. im Kanton Bern zu finden, geballt um die Stadt Thun. Weitere Nester bilden sie im Wallis (Bezirk Visp), im Emmental (BE) und im Gebiet zwischen Sarganserland (SG) und Landquart (GR). Die FamN zu Ruef kommen geballt im Zürcher Weinland (ZH) sowie punktuell im restlichen Mittelland und im Wallis (Bezirk Visp) vor. Der Typ Rugg schliesslich zeigt eine klare Ballung im Zürcher Oberland, was v. a. durch den sehr häufigen FamN Rüegg bedingt ist. Vierte Karte {294}: Patronyme zu Robert(o) Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN, die auf eine Variante des Ruf N Robert(o) zurückgehen. Diese treten in der Schweiz autochthon ausschliesslich in der französisch- und der italienischsprachigen Schweiz auf. Abgefragte Namen FamN zu Robert(o), vor 1800: Othenin-Robert, Robert, Robert-Dayon, Robert-Grandpierre, Robert-Laurent, Robert-Nicoud, Robert-Prince, Robert-Rose, Robert-Tissot, Roberti, Roberti Del Vecchio, Roberti-Foc, Roberti Maggiore, Robertini. 14 Types, 36 Tokens. Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 308: Daten zur vierten Karte {294} Detailangaben zur Namenauswahl: Während in der Deutschschweiz andere Formen dominieren, geht in der französisch- und der italienischsprachigen Schweiz die Mehrzahl der Patronyme aus hruod auf die Ausgangsform Robert(o) zurück. Dieser Ruf N geht ursprünglich aus einer niederdeutschen Variante von Rupert hervor. Nicht in die Auswahl aufgenommen wurden die für diese Sprach- Karte 294: Patronyme zu Robert(o), vor 1800 660 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="661"?> regionen häufigen FamN mit dem Wortstamm Bert-, da ihre Herkunft in vielen Fällen nicht eindeutig geklärt ist. In der italienischsprachigen Schweiz könnte eine Ableitung sowohl von einer aphäretischen Form von Roberto bzw. Roberta oder Alberto bzw. Alberta als auch vom weiblichen Ruf N Berta erfolgen, der wiederum auf einen germanischen Ruf N mit dem Erstglied ahd. beraht ‘glänzend, berühmt’ zurückgeht (Caffarelli/ Marcato 2008: 208). Kommentar: Die meisten FamN zum Ruf N Robert(o) kommen in der Romandie vor, geballt im nordwestlichen Teil des Kantons Neuenburg, wo sie in wenigen Gemeinden (v. a. Le Locle, La Chaux-de- Fonds, Val-de-Travers) Namennester bilden. Die Vitalität des Namens lässt sich dabei kleinräumig beobachten: In einigen Gegenden der Romandie und des Tessins können diverse Bildungsvarianten desselben Patronyms innerhalb der gleichen Gemeinde vorkommen, wie in Giornico (TI) Roberti, Roberti Del Veccio, Roberti Maggiore, Roberti- Foc, Robertini oder in Le Locle (NE) Robert, Robert-Rose, Robert- Laurent, Robert-Grandpierre, Robert-Dayon, Othenin-Robert, Robert- Tissot und Robert-Nicoud. Die auffällige formale Ausprägung auf mikroregionaler Ebene ist primär auf den hohen Grad an Homonymie zurückzuführen, der eine differenzierende Erweiterung des Familiennamenbestands erforderlich machte. Ergebnisse Patronyme aus Ruf N mit dem Erstglied ahd. hruod treten in der Zeitschicht «vor 1800» in allen vier Sprachgebieten der Schweiz auf, wobei sie im deutschsprachigen Landesteil vergleichsweise häufig anzutreffen sind. Dort sind entsprechende FamN verstreut im ganzen Mittelland sowie in den voralpinen und alpinen Regionen belegt; lediglich die Zentralschweiz und der Kanton Glarus weisen kaum Vorkommen dieses Namentypus auf. Aus dem grossen mittelalterlichen Inventar an Ruf N mit dem althochdeutschen Erstglied hruod sind verschiedene Varianten im Deutschschweizer Familiennamenschatz rezipiert worden. Diese Patronyme wurden hier nach ihren Ausgangsformen in zwölf Typen unterteilt, die wiederum in Voll-, Kurz- und kontrahierte Formen gruppiert werden können. Die beiden letzteren übertreffen quantitativ deutlich die Vollformen. Die meisten deutschen hruod -Namen sind also auf eine Kurz- oder eine kontrahierte Form eines Ruf N zurückzuführen (vgl. zweite Karte). Unter den verschiedenen Typen sind diejenigen mit den Ausgangsformen Ruedi und Ruetsch die häufigsten und die am meisten diversifizierten, wobei die FamN zu Rupp hinsichtlich der Tokenzahl ebenfalls frequent sind. Die dritte Karte zeigt für die häufigsten deutschen Patronyme aus hruod ein breites räumliches Vorkommen auf dem gesamten Gebiet der Deutschschweiz, andere spezifische Bildungen können hingegen regionale Mikroareale bilden, wie bspw. der FamN Rüegg im Zürcher Oberland. Morphologisch erweisen sich die Patronyme aus Ruf N mit dem Erstglied ahd. hruod als produktiv: Neben verschiedenen Diminutiva sind Genitivbildungen, Ableitungen auf -er und -mann, ein o-Name sowie Komposita entstanden. Diese grosse formale Diversifikation zeigt sich jedoch fast ausschliesslich bei den Kurz- oder den kontrahierten Formen. Auch auf der graphematisch-phonologischen Ebene haben sich die FamN zu hruod unterschiedlich entfaltet, insbesondere hinsichtlich der monophthongischen oder diphthongischen Realisierung des mittelhochdeutschen Diphthongs ue. Die hier behandelten Patronyme sind auch in der Romania vertreten, wobei die Anzahl der ausgewählten romanischen Namen in dieser Untersuchung weniger als die Hälfte der deutschen beträgt. In spezifischen, kleinräumigen Gebieten der Romandie kommen die FamN aus hruod dank der Popularität des Namens Robert verhältnismässig reichlich vor, insbesondere hinsichtlich ihrer Typenfrequenz. Die Ausgangsform Robert(o) lässt sich punktuell auch im Tessin finden; dagegen kommen rätoromanische Realisierungen des Ruf N Robert im Familiennamenbestand der Rätoromania nicht vor. In dieser Sprachregion sind die Patronyme zu ahd. hruod durch ursprünglich deutsche Namen vertreten (z. B. Rüedi bzw. Riedi), die seit dem Mittelalter zum rätoromanischen Namenschatz gehören. Somit kann Robert in der Schweiz als ein Typ der französisch- und der italienischsprachigen Regionen gelten. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Rüegg (6'090 Tokens), Rutz (1'988 Tokens) und Rupp (1'555 Tokens). In der rezenten Rangliste der FamN der ständigen Wohnbevölkerung der deutschsprachigen Schweiz (BFS 2023: STATPOP 2022) belegt Rüegg den 54. Platz und ist somit - nach Kunz, Lüthi, Arnold, Marti, Christen, Peter und Bieri - das achthäufigste Patronym in der deutschsprachigen Landesregion. Vergleich mit benachbartem Ausland: Das Patronym Rudolph steht in Deutschland mit 11'566 Tokens auf Rang 166 der häufigsten FamN (DFA 2 2011: 823). Hingegen weist das in der Schweiz für diesen Namentyp häufigste Patronym Rüegg in Deutschland nur 52 Tokens auf (DFA 1 2009: 163). Der DFA (2009-2018) widmet den FamN aus Ruf N mit dem althochdeutschen Erstglied hruod keinen Einzelartikel. Zu spezifischen Bildungsvarianten dieser Patronyme in Deutschland vgl. insbesondere DFA 1 (2009: 160-168, 542-547) und DFA 2 (2011: 188, 822-825, 875). Für Liechtenstein sind folgende Varianten dokumentiert: Riepel, Rüdisser, Rüdisühli, Rudolf , Ruedi, Ruef , Rüegg, Rüegger, Ruf , Ruod, Rupert, Rupp und Rutz (FLNB II/ 4 1992: 195, 212-220). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. 1.3 Patronyme zu germanischen Rufnamen: hruod 661 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="662"?> Literatur Ackermann, Elia (2023): Eindeutschung alträtoromanischer Substrattoponyme. Universität Zürich. https: / / doi.org/ 10.5167/ uzh-234859 (letzter Zugriff 22.12.2023). Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2023): STATPOP 2022. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Kanton und nach Sprachregion für das Jahr 2022. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 26925057 (letzter Zugriff 22.12.2023). Caffarelli, Enzo/ Marcato, Carla (2008): I cognomi d’Italia: dizionario storico ed etimologico. 2 Bde. (La nostra lingua). Torino: UTET. DFA = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009-2018): Deutscher Familiennamenatlas. 7 Bde. Berlin, New York, Boston: De Gruyter. DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. DFA 2 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2011): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 2: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen II: Konsonantismus. 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Besprochen werden in den beiden Sammelartikeln ausgewählte Familiennamentypen, die auf germanische Ruf N zurückgehen und deren häufigste Variante in den historischen Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» zu den 20 frequentesten Patronymen der Deutschschweiz zählt. 1 Behandelt werden in diesem Kartenkomplex die FamN der Typen Egli, Erni, Bürgi, Hug und Ott. Der etymologisch uneindeutige FamN Wolf und seine Varianten werden wegen ihrer hohen Frequenz hier ebenfalls besprochen. Hintergrund: In der nach Häufigkeit geordneten Top-20-Liste der Patronyme erscheinen folgende FamN: Peter, Hug, Kunz, Egli, Marti, Hartmann, Kuhn, Michel, Christen, Lüthi, Martin, Erni, Rüegg, Ott, Jost, Arnold, Richard, Hermann, Bürgi und Jenni. Davon leiten sich sieben FamN aus nicht-germanischen Ruf N ab; sie werden separat bzw. in einem weiteren Sammelartikel behandelt: Peter (zu Petrus), Marti und Martin (beide zu Martīnus), Michel (zu Michael ), Christen (zu Christiānus), Jost (zu Jodocus) und Jenni (zu Johannes). 2 Von den 13 häufigsten Patronymen aus germanischen Ruf N wurden jene FamN in separaten Artikeln behandelt, die eine relevante Formvarianz aufweisen und bei denen die morphologische wie auch die räumliche Erschliessung besonders signifikant ist. Es sind dies die FamN Kunz und Kuhn (beide zu ahd. kuoni), Rüegg (zu ahd. hruod ) und Lüthi (zu ahd. liut). 3 Es verbleiben neun FamN, die gemeinsam mit ihren Varianten gebündelt in zwei Sammelartikeln dokumentiert werden: Hug, Egli, Hartmann, Erni, Ott, Arnold, Richard, Hermann und Bürgi. Ein separater Sammelartikel befasst sich mit denjenigen Patronymen aus der oben genannten Rangliste, die auf Vollformen germanischer Ruf N basieren: Hartmann, Arnold, Hermann und Richard. 4 Der vorliegende Artikel hingegen behandelt FamN wie Ott, die entweder auf einen einstämmigen germanischen Ruf N (z. B. Otto) oder auf Kurzformen von Vollformen (z. B. Ottmar oder Ottbert) zurückgehen können. Dies sind neben Ott die FamN Egli, Erni, Bürgi und Hug. Der FamN Wolf (48 Tokens) erscheint in der oben genannten Rangliste nicht, da er mehreren Benennungsmotiven zugeordnet werden kann (s. u.). Aufgrund seiner hohen Frequenz in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» wird er dennoch in diesem Sammelartikel berücksichtigt und gesondert abgebildet (sechste Karte). Aus zweigliedrigen germanischen Ruf N entwickelten sich bereits früh neben Vollformen auch vielfältige Kurzformen. 5 Diese lassen sich nach ihrer Genese in drei Typen unterteilen (Kunze 2004: 20): 1. einstämmige Kurzformen (z. B. Kuhn aus Kuonrat), 2. zweistämmige Kurzformen (z. B. Kurt aus Kuonrat) sowie 3. Lallformen (z. B. Beppo aus Bernhart). Kurzformen wiederum können entweder unsuffigiert (z. B. Kuhn) oder suffigiert (z. B. Kuoni oder Kunz) auftreten. Wie eingangs erwähnt, liegen den hier behandelten FamN männliche germanische Ruf N zugrunde, die entweder auf eine suffigierte oder eine unsuffigierte Kurzform des Ruf N zurückgehen. Die ent- 1 Die auf den historischen Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» basierenden Frequenzangaben zu den FamN sind nur bedingt als Frequenzen zu betrachten, vgl. die I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». In der Datenbank des FDS entspricht ein Token aus historischen Daten grob einer Schweizer Gemeinde, in welcher ein bestimmter FamN vorkam - nicht jedoch der Anzahl aller Personen, die den FamN trugen (Berchtold/ Kempf 2022: 152-153). Die reale Zahl der Namenträger: innen liegt somit deutlich höher. Da der Wert jedoch die Anzahl der Gemeinden und somit die Verbreitung eines FamN beziffert, kann er annäherungsweise als Grundlage für die Erstellung einer quantitätsbasierten Rangliste herangezogen werden. 2 Für die einzelnen Familiennamentypen sei auf die entsprechenden Artikel verwiesen. Vgl. auch Artikel III-1.10 «Patronyme zu weiteren nicht-germanischen Rufnamen». 3 Vgl. die Artikel III-1.1 «Patronyme zu germanischen Rufnamen: kuoni», III- 1.2 «Patronyme zu germanischen Rufnamen: liut» und III-1.3 «Patronyme zu germanischen Rufnamen: hruod». 4 Vgl. Artikel III-1.5 «Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen». 5 Zu den verschiedenen Bildungsweisen der Ruf N - also Vollformen, einstämmige oder zweistämmige Kurz- und Koseformen (Hypokoristika) - sei allgemein auf Seibicke (2008: 93-94) verwiesen. Zur inhaltlichen Abgrenzung der Termini Voll-, Kurz- und Koseform beachte man die Diskussion in Dräger (2013: 39, Anmerkung 110) und Kunze (2004: 20-21). 1.4 Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen 663 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="664"?> sprechenden Patronyme werden in dieser Untersuchung getrennt dokumentiert: zunächst jene, die auf eine suffigierte Kurzform zurückgehen (Egli, Erni und Bürgi, erste, zweite und dritte Karte), anschliessend diejenigen, die aus einer unsuffigierten Kurzform des Ruf N (Hug und Ott, vierte und fünfte Karte) hervorgegangen sind. Im Unterschied zu den Einzelartikeln zu Patronymen aus germanischen Ruf N erfolgt die Darstellung in diesem Sammelartikel nicht ausgehend von althochdeutschen Namengliedern (kuoni, liut oder hruod ), sondern auf der Basis spezifischer FamN. Diese werden jeweils zusammen mit ihren Varianten kartiert und besprochen. Dem häufigsten FamN eines Typus (etwa Bürgi) werden sowohl graphematisch-phonologische Varianten (Bürgy, Bürki, Bürky) als auch morphologische Varianten wie Bürkli oder Bürkler zugeordnet. Weitere FamN, die zwar auf dasselbe germanische Erstglied zurückgehen (z. B. Arn, Arnitz, Arnold, Arnet aus ahd. arn ‘Adler’), jedoch keine Varianten desselben Typs (hier Erni) darstellen, werden nicht miteinbezogen und bleiben in diesem Artikel unberücksichtigt. Die Kartenkomplexe der beiden Sammelartikel zu Patronymen aus germanischen Ruf N beschränken sich zudem auf (schweizer-)deutsche FamN. Romanische Ref lexe des zugrunde liegenden Ruf N bzw. des entsprechenden althochdeutschen Erstglieds, wie bspw. die in der Romandie belegten FamN Dugon, Hugon oder D’Huc für das althochdeutsche Namenelement hugu, werden hier nicht berücksichtigt. Fragestellungen: Vor diesem Hintergrund rücken folgende Fragen in den Fokus dieses Artikels: Wo kommen die fünf ausgewählten FamN (inklusive ihrer Varianten) in der Deutschschweiz vor und in welchem räumlichen Verhältnis stehen die Simplizia gegenüber weiteren Bildungsvarianten (erste bis fünfte Karte)? Zeigen die Patronyme aus suffigierten Kurzformen des Ruf N gegenüber denjenigen aus unsuffigierten Kurzformen spezifische Verbreitungsareale und lassen sich aus den ausgewerteten Namen Rückschlüsse auf bestimmte formale Charakteristika von hochfrequenten Patronymen ziehen? Dieser letzten Frage wird anhand einer Sammeldarstellung in der siebten Karte nachgegangen. Über diese zentralen Fragestellungen hinaus dokumentiert die sechste Karte gesondert den mehrdeutigen FamN Wolf und dessen Varianten. 664 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="665"?> Erste Karte {295}: Familiennamentyp Egli Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 6 die in der etymologischen Datenbank (Stand 22.02.2024) auf den Ruf N Egli zurückgeführt werden. Da der Familiennamentyp ausschliesslich graphematisch-phonologische Varianz zeigt und sich morphologisch nicht weiter entfaltet hat, werden die entsprechenden Patronyme hier gruppiert als ein Typ dargestellt. Abgefragte Namen Typ Egli, vor 1800 u. Herkunft: Egeli, Eggel, Eggli, Eggly, Egle, Egli, Eglin. 7 Types, 92 Tokens. Kreise 11-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 40-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 309: Daten zur ersten Karte {295} Detailangaben zur Namenauswahl: 7 Die hier dokumentierten FamN gehen alle auf einen germanischen Ruf N zurück, der aus einer Kurzform von Egloff oder Eckhard entstanden ist (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 213). Dabei wurde das Zweitglied abgeschwächt und das Erstglied mit einem Diminutivsuffix -li(n) (in verschiedenen Schreibvarianten) erweitert. Im Id. 1 (1881 ff.: Sp. 144) ist Egli als Ruf- und FamN belegt. Gleicher etymologischer Herkunft - d. h. aus Ruf N mit dem Erstglied ahd. ekka, egga ‘(Schwert-)Schneide, Spitze’ gebildet - sind vermutlich folgende FamN der Deutschschweiz: Eggo, Egloff , Egolf , Eglauf , Acklin, Aklin und Ackle. Die FamN zum Typ Egli zeigen Varianz in der Realisierung des Diminutivsuffixes (-li, -ly, -le, -lin und -el ) und in der Synkopierung des -e- (Egeli/ Egli). 8 Kommentar: Der Namentyp Egli verteilt sich in der Deutschschweiz v. a. im Mittelland. Wenige Streubelege sind im deutschsprachigen Wallis zu finden. Der Schwerpunkt liegt nordöstlich des Zürichsees und nördlich des Walensees mit Ballungen in den Kantonen Zürich (v. a. im Zürcher Oberland) und St. Gallen (v. a. im Toggenburg). Karte 295: Familiennamentyp Egli, vor 1800 u. Herkunft 6 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 7 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 8 Vgl. die Artikel I-1.16 «Synkope», II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» und I-2.1 «Nasalschwund». 1.4 Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen 665 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="666"?> Zweite Karte {296}: Familiennamentyp Erni Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft», die in der etymologischen Datenbank auf den Ruf N Erni zurückgeführt werden. Wie im vorigen Beispiel von Egli zeigt der Familiennamentyp Erni ausschliesslich phonologisch-graphematische Varianz und hat sich morphologisch nicht weiter diversifiziert. Aus diesem Grund werden alle entsprechenden Patronyme als ein einziger Typ kartiert. Abgefragte Namen Typ Erni, vor 1800 u. Herkunft: Aerne, Aerni, Aerny, Arni, Erne, Erni, Erny. 7 Types, 76 Tokens. Kreise 11-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 40-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 310: Daten zur zweiten Karte {296} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier ausgewählten FamN gehen alle auf eine Kurzform zum Ruf N Arnold (ahd. arn ‘Adler’ und Verbalstamm von ahd. waltan ‘herrschen’) zurück (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 228). Dabei wurde das Zweitglied getilgt und das Erstglied mit einem Diminutivsuffix -i (in verschiedenen Schreibvarianten) erweitert. 9 Gleicher etymologischer Herkunft - d. h. aus Ruf N mit dem Erstglied ahd. arn ‘Adler’ gebildet - sind folgende FamN der Deutschschweiz: Arn, Arnitz, Arnold, Arnet und evtl. Nold. Der ebenfalls hochfrequente FamN Arnold wird zusammen mit weiteren FamN aus Vollformen althochdeutscher Ruf N im zweiten Sammelartikel behandelt. 10 Beim Familiennamentyp Erni ergibt sich Varianz einerseits durch die graphische Realisierung des Anlauts (als <Ae> bzw. <E> mit Umlaut sowie <A> ohne Umlaut), andererseits durch die Schreibung des Diminutivsuffixes (-i, -y und -e). 11 Kommentar: Die FamN aus dem Ruf N Erni sind grundsätzlich ein Typ des Mittellands. Im Wallis sowie in grossen Teilen der Zentralschweiz und Graubündens treten sie nicht auf. Eine höhere Konzentration zeigt sich in den Kantonen Luzern (v. a. im Luzerner Hinterland), Solothurn (v. a. im Bezirk Bucheggberg) und Aargau (v. a. im Bezirk Zurzach). Auch nordöstlich des Zürichsees (Zürcher Oberland) und im Toggenburg (SG) kommen Namennester vor. Karte 296: Familiennamentyp Erni, vor 1800 u. Herkunft 9 Vgl. das Id. 1 (1881 ff.: Sp. 461), das Erni bzw. Ärni als Ruf- und FamN nachweist. 10 Vgl. Artikel III-1.5 «Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen». 11 Vgl. die Artikel I-1.4 «Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten», I-1.14 «Schreibvariation i/ y» und II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y». 666 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="667"?> Dritte Karte {297}: Familiennamentyp Bürgi Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft», die in der etymologischen Datenbank auf den Ruf N Bürgi zurückgeführt werden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Patronyme nach ihrem Bildungstyp. Abgefragte Namen Diminutiv + -i(n), -y, -e: Bürge, Bürgi, Bürgin, Bürgy, Bürke, Burki, Bürki, Burky, Bürky. 9 Types, 91 Tokens. Diminutiv -li, -le: Bürkle, Bürkli. 10 Tokens. Patronymisches Suffix -ler: Bürkler. 2 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 40-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 311: Daten zur dritten Karte {297} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier ausgewählten FamN gehen alle auf eine Kurzform zum Ruf N Burkhard (ahd. burg ‘Burg, Stadt, Schutz’ und ahd. harti ‘hart, stark’) zurück (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 166). Dabei wurde bei Bürgi das Zweitglied getilgt und das Erstglied mit einem Diminutivsuffix -i (in verschiedenen Schreibvarianten) erweitert. 12 Der Ruf N Burkhard ist in zahlreichen Varianten (darunter viele Kurzformen) in den Familiennamenschatz der Deutschschweiz eingegangen. Neben dem Typ Bürgi sind vielfältige FamN entstanden, wie z. B. Burkhard (und Varianten), Burch, Burtschi, Bussmann oder Purtschert. Für den Familiennamentyp Bürgi lässt sich auf graphematisch-phonologischer Ebene folgende Varianz beobachten: u / ü, g / k sowie die unterschiedliche Schreibung des Auslauts im Diminutivsuffix (-i, -in, -y und -e). Die Varianten mit l-Diminutiv (Bürkle, Bürkli) sind gegenüber den l-losen zahlenmässig deutlich spärlicher. Der FamN Bürkler mit patronymischen Suffix -ler kommt nur sehr selten vor. 13 Ausgeschlossen, weil etymologisch unsicher, sind der FamN Bürgis (evtl. zu einem Toponym, das wiederum auf den Ruf N Bürgi zurückzuführen ist) 14 und der FamN Bürgisser, der eher als HerkunftsN zu deuten ist, da er vermutlich auch aus einem Toponym Bürgis abgeleitet ist. Ebenfalls nicht in die Auswahl aufgenommen wurde der häufige FamN Bürgler, ein Herkunfts- oder WohnstättenN Karte 297: Familiennamentyp Bürgi, vor 1800 u. Herkunft 12 Vgl. das Id. 2 (1881 ff.: Sp. 1645), das die Kurzformen Burki, Bürki, Bürklin und Bürgi als Ruf- und FamN belegt. 13 Vgl. die Artikel I-2.6 «Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut», I-1.3 «Fehlende und durchgeführte Umlautung», II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y», II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» und II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». 14 Vgl. dazu z. B. in Sevelen (SG) Bürgis Hütte (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 16007807). 1.4 Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen 667 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="668"?> zu Toponymen oder Appellativen, die eine Burg, ein burgähnliches Gelände oder eine befestigte Siedlung bezeichnen. 15 Kommentar: Wie die Typen Egli und Erni sind auch die FamN aus dem Ruf N Bürgi prinzipiell ein Typ des Mittellands, wobei einige Belege im Berner Oberland und in den Kantonen Obwalden und Schwyz zu finden sind. Im Wallis, im Grossteil der Zentralschweiz sowie Graubündens treten sie nicht auf. Die höchste Konzentration zeigt sich im Kanton Bern in den Verwaltungskreisen Bern-Mittelland und Seeland. Geballt kommen die FamN auch im Kanton Basel- Landschaft vor, v. a. im Bezirk Sissach. Weitere Nester sind im Kanton St. Gallen zu finden - insbesondere zwischen dem Toggenburg und dem Bezirk Münchwilen -, Streubelege zeigen sich u. a. in den Kantonen Solothurn, Freiburg, Aargau und Schwyz. Die Varianten mit l-Diminutiv erscheinen in einem Nest im Entlebuch (LU) sowie als Streubelege in der östlichen Deutschschweiz. Der FamN Bürkler tritt in zwei Gemeinden des Toggenburgs (SG) auf. Burky im französischsprachigen Kanton Waadt stellt eine adaptierte Variante eines FamN dar, dessen Träger: innen ursprünglich aus dem Kanton Bern zugewandert sind. Vierte Karte {298}: Familiennamentyp Hug Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft», die in der etymologischen Datenbank auf einen Ruf N mit dem Erstglied ahd. hugu zurückgeführt werden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Patronyme nach ihrem Bildungstyp. Abgefragte Namen Simplizia: Haug, Hug, Hugo. 95 Tokens. Diminutiv -i(n): Hügi, Hügin. 7 Tokens. Diminutiv -li, -ly, -el: Hüggel, Hügli, Hügly. 14 Tokens. Patronymisches Suffix -er: Hugener, Huggler. 9 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 312: Daten zur vierten Karte {298} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier ausgewählten FamN gehen alle auf einen männlichen germanischen Ruf N mit dem Namenglied ahd. hugu ‘Sinn, Gedanke’ zurück (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 342). Die FamN Hugo und Hug (mit der Variante Haug) werden hier zum selben Typ der Simplizia gezählt, da sie beide entweder auf den einstämmigen Ruf N Hugo oder auf Kurzformen von Vollformen Karte 298: Familiennamentyp Hug, vor 1800 u. Herkunft 15 Vgl. Artikel III-3.10 «Wohnstättennamen zu Bezeichnungen für Höfe, Anwesen und Siedlungen». 668 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="669"?> wie Hubbert oder Hugfried zurückgehen können. Gleicher etymologischer Herkunft - d. h. aus Ruf N mit dem Erstglied ahd. hugu gebildet - sind folgende FamN der Deutschschweiz: Hubert, Hüppi und Hüppin. Diese bleiben jedoch unberücksichtigt, da sich der vorliegende Artikel ausschliesslich mit einstämmigen Formen des Typs Hug befasst. Für den Familiennamentyp Hug lässt sich auf graphematisch-phonologischer Ebene folgende Varianz beobachten: u / ü / au, 16 g / gg und die unterschiedliche Schreibung des Auslauts im Diminutivsuffix (-i, -in, -y und -el ). Die Simplizia, v. a. durch den sehr häufigen FamN Hug vertreten, sind gegenüber den Diminutiven und den patronymischen Ableitungen bei weitem der frequenteste Bildungstyp. Kommentar: Der Familiennamentyp Hug ist im Grossteil der deutschsprachigen Schweiz vertreten. Nur die beiden einander benachbarten Kantone Glarus und Schwyz weisen keine Belege dieses Namentyps auf. In Graubünden ist er lediglich einmal in der deutschsprachigen Region Landquart dokumentiert. Die höchste Konzentration an Simplizia zeigt sich in den Kantonen Zürich, St. Gallen und Thurgau. Die FamN mit l-Diminutivsuffix sind typisch für den Kanton Bern, insbesondere für die Verwaltungskreise Bern-Mittelland, Emmental und Seeland. Die wenigen diminuierten FamN auf -i(n) zeigen kein bestimmtes Areal. Die patronymischen Ableitungen auf -er treten v. a. im Berner Oberland auf. Fünfte Karte {299}: Familiennamentyp Ott Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft», die in der etymologischen Datenbank auf einen Ruf N mit dem Erstglied ahd. ōd ‘Reichtum, Besitz, Erbgut’ zurückgeführt werden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Patronyme nach ihrem Bildungstyp. Abgefragte Namen Simplizia: Ott, Otth, Otto. 51 Tokens. Diminutiv -i: Otti. 1 Token. Diminutiv -li, -le: Oettle, Oettli. 12 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 313: Daten zur fünften Karte {299} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier ausgewählten FamN gehen alle auf einen männlichen germanischen Ruf N mit dem Namenglied ahd. ōd ‘Reichtum, Besitz, Erbgut’ zurück (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 493-494). Die FamN Otto und Ott (mit der Schreib- Karte 299: Familiennamentyp Ott, vor 1800 u. Herkunft 16 Vgl. Artikel I-1.11 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ū». 1.4 Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen 669 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="670"?> variante Otth) werden hier zum selben Typ der Simplizia gezählt, da beide entweder auf den einstämmigen Ruf N Otto oder auf Kurzformen von Vollformen wie Ottmar oder Ottbert zurückgehen können. Gleicher etymologischer Herkunft - d. h. aus Ruf N mit dem Erstglied ahd. ōd gebildet - sind folgende FamN der Deutschschweiz: Ogg, Oegger, Oegerli, Oeggerli. Diese bleiben jedoch unberücksichtigt, da sich der vorliegende Artikel ausschliesslich mit einstämmigen Formen des Typs Ott befasst. Beim Familiennamentyp Ott ergibt sich Varianz durch die Schreibung des finalen -t bzw. -th und des Diminutivsuffixes -le bzw. -li. 17 Die Simplizia, v. a. durch den sehr häufigen FamN Ott (44 Tokens) vertreten, sind gegenüber den Diminutiven und den patronymischen Ableitungen bei weitem der frequenteste Bildungstyp. Kommentar: Der Familiennamentyp Ott kommt geballt v. a. in den Kantonen Zürich, Aargau und Schwyz vor. Die Schreibvariante Otth ist typisch für das Berner Haslital, wo sie ein Namennest bildet. Die Variante Otti ist der einzige Fall von i-Diminutiv und tritt im Seeland (BE) in Erscheinung. Unter den FamN mit l-Diminutivsuffix ist Oettli typisch für den Kanton Thurgau, insbesondere für den Bezirk Weinfelden, während die Variante Oettle nur einmal in Kirchberg (SG) vorkommt. Sechste Karte {300}: Familiennamentyp Wolf Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft», die auf eine Ausgangsform Wolf zurückzuführen sind, deren motivische Einordnung unsicher ist (s. u.). Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden FamN nach ihrem Bildungstyp. Abgefragte Namen Simplizia: Wolf , Wolff . 58 Tokens. Patronymisches Suffix -er: Wolfer. 8 Tokens. Diminutiv -li, -le: Wölfle, Wölfli. 2 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 314: Daten zur sechsten Karte {300} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier ausgewählten FamN können mehreren Benennungsmotiven zugeteilt werden: 1. Patronyme: Sie gehen auf einen Ruf N mit dem Erstglied ahd. wolf ‘Wolf ’ zurück - entweder auf den eingliedrigen Ruf N Wolf oder auf Kurzformen zweigliedriger Vollformen wie Wolfgang oder Wolfram. 2. ÜberN: Zum appellativischen Element mhd. wolf ‘Wolf ’, im übertragenen Sinn für einen wilden, gefährlichen Menschen (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 731). 3. In Einzelfällen kann es sich bei den Wolf - Karte 300: Familiennamentyp Wolf, vor 1800 u. Herkunft 17 Vgl. die Artikel I-2.8 «Schreibvariation t/ th» und II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven». 670 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="671"?> FamN um WohnstättenN (zu HäuserN) oder HerkunftsN handeln. Trotz der unsicheren Zuweisung zu den Patronymen werden die FamN aus Wolf wegen ihrer hohen Frequenz in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» hier kartiert; man beachte aber auch die Artikel III-5.6 «Übernamen nach Tierbezeichnungen» und III-3.9 «Wohnstättennamen zu Häusernamen». Als Zweitglied kommt ahd. wolf in mehreren FamN der Deutschschweiz vor: Egloff (und Varianten), Landolf , Lütolf , Marolf , Rudolf (und Varianten). Beim Familiennamentyp Wolf lässt sich auf graphematisch-phonologischer Ebene folgende Varianz feststellen: einerseits die Schwankung am Wortende zwischen -f und -ff , andererseits unterschiedliche Schreibungen des Diminutivsuffixes -li bzw. -le. Die Simplizia - insbesondere vertreten durch den sehr häufigen FamN Wolf - stellen mit Abstand den häufigsten Bildungstyp dar. Diminutivformen und patronymische er-Ableitungen treten deutlich seltener auf. Kommentar: Der Familiennamentyp Wolf ist vielerorts in der deutschsprachigen Schweiz verbreitet. Mit Ausnahme des Kantons Luzern sowie eines Einzelbelegs in Obwalden ist die Zentralschweiz - einschliesslich des angrenzenden Kantons Glarus und der beiden Appenzeller Halbkantone - weitgehend frei von diesem Namentyp. Auch in der nordwestlichen Grenzregion zu Deutschland treten entsprechende FamN nur vereinzelt auf. Die höchste Konzentration an Simplizia findet sich im Luzerner Hinterland, insbesondere in den Wahlkreisen Willisau und Sursee. Relativ zahlreich sind Patronyme aus Wolf zudem im angrenzenden Berner Oberaargau sowie im Kanton Zürich. Die wenigen FamN mit l-Diminutivsuffix zeigen hingegen kein bestimmtes Areal. Der FamN Wolfer ist typisch für den Kanton Zürich, insbesondere für das Gebiet um die Städte Zürich und Winterthur. Siebte Karte {301}: Familiennamen nach Bildungstyp des zugrunde liegenden Rufnamens Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN, die in den ersten fünf Karten erfasst wurden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Patronyme hier nach dem Bildungstyp ihrer Ausgangsform: Zum ersten Typ zählen Patronyme aus suffigierten Kurzformen der jeweiligen zugrunde liegenden Ruf N (z. B. FamN Erni), der zweite Typ umfasst Patronyme aus unsuffigierten Kurzformen der jeweiligen zugrunde liegenden Ruf N (z. B. FamN Hug). Abgefragte Namen FamN aus suffigierten Kurzformen germanischer RufN: Aerne, Aerni, Aerny, Arni, Bürge, Bürgi, Bürgin, Bürgy, Bürke, Burki, Bürki, Burky, Bürky, Egeli, Eggel, Eggli, Eggly, Egle, Egli, Eglin, Erne, Erni, Erny. 23 Types, 259 Tokens. FamN aus unsuffigierten Kurzformen germanischer RufN: Haug, Hug, Hugener, Hüggel, Huggler, Hügi, Hügin, Hügli, Hügly, Hugo, Ott, Otth, Otti, Oettle, Oettli, Otto. 16 Types, 189 Tokens. Karte 301: Patronyme aus suffigierten vs. unsuffigierten Kurzformen germanischer RufN, vor 1800 u. Herkunft 1.4 Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen 671 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="672"?> Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 315: Daten zur siebten Karte {301} Detailangaben zur Namenauswahl: Die FamN des ersten Typs weisen im Vergleich zu jenen des zweiten Typs eine grössere Schreibvarianz auf, insbesondere in der Realisierung der Diminutivsuffixe. Die einfache Silbenstruktur der FamN Hug und Ott hingegen lässt weniger Raum für graphematische Modifikationen. Mit gebotener Vorsicht lässt sich daraus ableiten, dass die FamN des zweiten Typs näher an der standardisierten Form des Ruf N liegen, während Patronyme aus suffigierten Kurzformen eher mundartlichen Varianten entsprechen. In Bezug auf die Anzahl an Types und Tokens sind Patronyme aus suffigierten Kurzformen germanischer Ruf N insgesamt am häufigsten vertreten. Kommentar: Die Patronyme aus suffigierten Kurzformen bilden zwei grosse Verbreitungsareale: Das erste umfasst ein zusammenhängendes Gebiet in den Kantonen Bern (v. a. das Mittelland), Luzern (v. a. das Luzerner Hinterland), Aargau und Basel-Landschaft. Das zweite erstreckt sich über den Nordosten des Landes, insbesondere in den einander angrenzenden Kantonen Zürich, St. Gallen und Thurgau. Diese beiden Areale sind von einem Gebiet getrennt, in dem die Patronyme aus unsuffigierten Kurzformen vorherrschen. Dieses Gebiet umfasst Teile der Kantone Aargau, Zürich, Zug und Schwyz. Auch der äussere Nordosten - v. a. Thurgau und St. Gallen - wird von diesem zweiten Patronymtyp dominiert. Weitere, punktuell auftretende Vorkommen finden sich über die gesamte Deutschschweiz verteilt, auffällig etwa südlich der Stadt Winterthur (ZH), im Oberaargau (BE) und im Berner Oberland (Haslital). Ergebnisse Die hier behandelten FamN sind im gesamten deutschsprachigen Gebiet der Schweiz verbreitet, wobei das Mittelland gegenüber den alpinen Regionen stärker vertreten ist. Dieses Verbreitungsbild entspricht der allgemeinen Tendenz innerhalb des Benennungsmotivs der Patronyme. Die oben geschilderten Untertypen - 1. FamN aus einer suffigierten Kurzform der zugrunde liegenden Ruf N (Egli, Erni und Bürgi) und 2. solche aus einer unsuffigierten Kurzform (Hug und Ott) - weisen unterschiedliche regionale Schwerpunkte auf (vgl. siebte Karte). Auf formaler Ebene weisen beide Gruppen Varianz auf, wobei der Namentyp Bürgi mit insgesamt 12 belegten Typen die grösste Varianz zeigt. Generell zeichnen sich die FamN des ersten Typs durch eine breite graphematische Varianz bei gleichzeitig geringer morphologischer Diversität aus - vermutlich deshalb, weil sie bereits diminuiert vorliegen (z. B. Egli, Erni). Die Namen des zweiten Typs hingegen weisen eine grössere Bandbreite an Bildungsformen auf, darunter sowohl Diminutiva (mit und ohne Liquid) als auch er-Ableitungen. Im Vergleich zu den Simplizia zeigen diese abgeleiteten Formen teilweise regionale Präferenzen. Weitere patronymische Bildungsweisen - etwa Ableitungen mit -mann, -ig oder Genitivsuffixen - sind bei den hier untersuchten FamN nicht belegt. Bei allen sechs Namentypen übertreffen die unveränderten Formen hinsichtlich der Tokenfrequenz die abgeleiteten Varianten deutlich. Dies dürfte in erster Linie auf die relativ hohe graphematische und lautliche Varianz der unveränderten Formen zurückzuführen sein. Dieses Ergebnis steht im Einklang mit der Annahme, dass die grosse Formenvielfalt innerhalb der Patronyme im Wesentlichen auf dialektale Realisierungen sowie auf unterschiedliche Schreibweisen lautidentischer Formen zurückgeht (Nübling/ Kunze 2023: 279). Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Egli (7'807 Tokens), Hug (5'814 Tokens) und Wolf (3'334 Tokens). Die hohe Frequenz der FamN Hug und Wolf kann auch durch Zuwanderung aus anderen deutschsprachigen Ländern erklärt werden. In der rezenten Rangliste der FamN der ständigen Wohnbevölkerung der deutschsprachigen Schweiz (BFS 2023: STATPOP 2022) belegt Egli den 36. Platz und ist somit - nach Kunz, Lüthi, Arnold und Marti - das fünfthäufigste Patronym im deutschsprachigen Landesteil. Vergleich mit benachbartem Ausland: Die Patronyme aus einer suffigierten Kurzform eines germanischen Ruf N (Egli, Erni und Bürgi) sind alle mit dem für die Schweiz typischen Diminutivsuffix -(l)i gebildet und kommen folglich in Deutschland nur sehr selten vor. Hingegen belegt Ott unter den häufigsten FamN in Deutschland Rang 120 (DFA 6 2017: 408-409) und Hug Rang 1'686 (DFA 1 2009: 448-449). Während Ott verstreut besonders in der ganzen südlichen Hälfte Deutschlands auftritt, ist Hug v. a. im Südwesten des Landes heimisch, wo er mit der Schweiz eine gemeinsame Namenlandschaft bildet. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Berchtold, Simone/ Kempf, Luise (2022): Familiennamenatlas der Deutschschweiz (FDS). Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge 57(2), 151-163. BFS = Bundesamt für Statistik (2023): STATPOP 2022. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Kanton und nach Sprachregion für das Jahr 2022. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 26925057 (letzter Zugriff 22.02.2024). 672 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="673"?> DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. DFA 6 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2017): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 6: Familiennamen aus Rufnamen. Berlin, Boston: De Gruyter. Dräger, Kathrin (2013): Familiennamen aus dem Rufnamen Nikolaus in Deutschland (Regensburger Studien zur Namenforschung 7). Regensburg: edition vulpes. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 22.02.2024). Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2005): Duden - Familiennamen. Herkunft und Bedeutung. 2., völlig neu bearbeitete Auf lage. Mannheim et al.: Dudenverlag. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. ortsnamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): ortsnamen.ch. Das Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung. https: / / www.ortsnamen.ch/ de/ (letzter Zugriff 22.02.2024). Seibicke, Wilfried (2008): Die Personennamen im Deutschen. Eine Einführung. 2., überarbeitete Auf lage. Berlin, New York: De Gruyter. Linda Steiner 1.4 Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen 673 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="674"?> 1.5 Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen Schlagwörter: dithematischer Rufname, kontrahierte Form, Kurzform, männlicher Rufname Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Der vorliegende und der dazugehörige weitere Sammelartikel ergänzen die Dokumentation der häufigsten Patronyme in der Deutschschweiz bzw. der produktivsten zugrunde liegenden althochdeutschen Namenglieder. 1 Besprochen werden in den beiden Sammelartikeln ausgewählte Familiennamentypen, die auf germanische Ruf N zurückgehen und deren häufigste Variante in den historischen Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» zu den 20 frequentesten Patronymen der Deutschschweiz zählt. 2 Im vorliegenden Kartenkomplex werden die FamN Hartmann, Arnold, Richard und Hermann behandelt. Der etymologisch uneindeutige FamN Bosshard wird wegen seiner hohen Frequenz hier ebenfalls besprochen. Hintergrund: In der nach Häufigkeit geordneten Top-20-Liste der Patronyme erscheinen folgende FamN: Peter, Hug, Kunz, Egli, Marti, Hartmann, Kuhn, Michel, Christen, Lüthi, Martin, Erni, Rüegg, Ott, Jost, Arnold, Richard, Hermann, Bürgi und Jenni. Davon leiten sich sieben FamN von nicht-germanischen Ruf N ab; sie werden in separaten Artikeln bzw. in einem weiteren Sammelartikel behandelt: Peter (zu Petrus), Marti und Martin (beide zu Martīnus), Michel (zu Michael ), Christen (zu Christiānus), Jost (zu Jodocus) und Jenni (zu Johannes). 3 Von den 13 häufigsten Patronymen aus germanischen Ruf N wurden jene FamN gesondert behandelt, die eine relevante Formvarianz aufweisen und bei denen die morphologische wie auch die räumliche Erschliessung besonders signifikant ist. Es sind dies die FamN Kunz und Kuhn (beide zu ahd. kuoni), Rüegg (zu ahd. hruod ) und Lüthi (zu ahd. liut). 4 Es verbleiben neun FamN, die gemeinsam mit ihren Varianten gebündelt in zwei Sammelartikeln dokumentiert werden: Hug, Egli, Hartmann, Erni, Ott, Arnold, Richard, Hermann und Bürgi. Ein separater Sammelartikel befasst sich mit denjenigen Patronymen aus der oben genannten Rangliste, die auf Kurzformen germanischer Ruf N basieren: Hug, Egli, Erni, Ott und Bürgi. 5 Der vorliegende Artikel hingegen behandelt diejenigen FamN, die auf eine Vollform eines männlichen, zweigliedrigen germanischen Ruf N zurückgehen. Dies sind die FamN Hartmann, Arnold, Richard und Hermann. Der FamN Bosshard (43 Tokens) erscheint in der oben genannten Rangliste nicht, da er mehreren Benennungsmotiven zugeordnet werden kann (s. u.). Aufgrund seiner hohen Frequenz in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» und seiner ausgeprägten regionalen Verankerung in der Schweiz wird er im vorliegenden Sammelartikel dennoch berücksichtigt und gesondert abgebildet (fünfte Karte). Wie bereits erwähnt, liegen den hier behandelten Patronymen Vollformen von männlichen, zweigliedrigen germanischen Ruf N zugrunde. Mit Vollformen sind hier Namen gemeint, deren ursprüngliches Namenmaterial (Erstglied + Zweitglied) und deren Konsonantenstruktur erhalten sind. Formvarianten mit abgeschwächtem Endsilbenvokal wie z. B. Richert (zu Richard ) werden zu den Vollformen gezählt, der FamN Richi hingegen zu den Kurzformen. Für die verschiedenen Bildungsweisen der Ruf N - also Vollformen, einstämmige oder zweistämmige Kurz- und Koseformen (Hypokoristika) - sei allgemein auf Seibicke (2008: 93-94) verwiesen. Für die Abgrenzung der Termini Voll-, Kurz- und Koseform beachte man die Diskussion in Dräger (2013: 39, Anmerkung 110) und Kunze (2004: 20-21). Für Näheres zu den verschiedenen Typen von Kurzformen in Patronymen der Schweiz s. Artikel III-1.4 «Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen». Im Unterschied zu den Hauptartikeln zu Patronymen aus germanischen Ruf N erfolgt die Darstellung in diesem Sammelartikel nicht ausgehend von althochdeutschen Namengliedern (kuoni, liut oder hruod ), sondern auf der Basis spezifischer FamN. Diese werden jeweils zusammen mit ihren Varianten kartiert und besprochen. Folglich werden bspw. ausgehend vom FamN Richard graphematisch-phonologische Varianten wie Rychard und Rykart ermittelt und zu einem Typ gebündelt. Weitere FamN, die zwar auf dasselbe germanische Erstglied zurückgehen (z. B. Erni, Arn, Arnitz aus ahd. arn), jedoch keine Varianten desselben Typs (hier Arnold ) darstellen, werden nicht miteinbezogen und bleiben in diesem Artikel unberücksichtigt. Die Namensamples der beiden Sammelartikel zu den Patronymen aus germanischen Ruf N beschränken sich zudem auf (schweizer-)deutsche FamN. Romanische Ref lexe des zugrunde liegenden Ruf N bzw. des entsprechenden althochdeutschen Erstglieds, wie bspw. der in der Romandie belegte FamN Arnaud für das althochdeutsche Namenelement arn, werden hier nicht berücksichtigt. Fragestellungen: Vor diesem Hintergrund rücken folgende Fragen in den Fokus dieses Artikels: Zeigen die fünf ausgewählten FamN (inklusive ihrer Varianten) in ihrer Verbreitung homogene bzw. 1 Vgl. Artikel III-1.4 «Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen». 2 Die auf den historischen Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» basierenden Frequenzangaben zu den FamN sind nur bedingt als Frequenzen zu betrachten, vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». In der Datenbank des FDS entspricht ein Token aus historischen Daten grob einer Schweizer Gemeinde, in welcher ein bestimmter FamN vorkam - nicht jedoch der Anzahl aller Personen, die den FamN trugen (Berchtold/ Kempf 2022: 152-153). Die reale Zahl der Namenträger: innen liegt somit deutlich höher. Da der Wert jedoch die Anzahl der Gemeinden und somit die Verbreitung eines FamN beziffert, kann er annäherungsweise als Grundlage für die Erstellung einer quantitätsbasierten Rangliste herangezogen werden. 3 Für die einzelnen Familiennamentypen sei auf die entsprechenden Artikel verwiesen. 4 Vgl. die Artikel III-1.1 «Patronyme zu germanischen Rufnamen: kuoni», III- 1.2 «Patronyme zu germanischen Rufnamen: liut» und III-1.3 «Patronyme zu germanischen Rufnamen: hruod». 5 Vgl. Artikel III-1.4 «Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen». 674 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="675"?> regionale Bilder? Weisen die FamN aus Vollformen von germanischen Ruf N eine hohe graphematisch-phonologische Varianz auf und lässt sich diese räumlich festhalten? Kartiert werden die fünf Namentypen jeweils separat (erste bis fünfte Karte); innerhalb der Karte werden die dazugehörenden Varianten kontrastiv dargestellt. Erste Karte {302}: Familiennamentyp Hartmann Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 6 die in der etymologischen Datenbank (Stand 17.04.2024) auf den Ruf N Hartmann zurückgeführt werden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Patronyme nach ihren Bildungstypen. Abgefragte Namen Vollform: Hartmann. 74 Tokens. Kurzform Diminutiv -li: Härtli. 3 Tokens. Kurzform Suffix -(t)sch(e), -z: Härtsch, Härz, Herrsche, Hersche. 4 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 316: Daten zur ersten Karte {302} Detailangaben zur Namenauswahl: 7 Die hier dokumentierten FamN gehen alle auf einen männlichen germanischen Ruf N zurück, der aus dem Erstglied ahd. harti ‘hart, stark’ und dem Zweitglied ahd. man ‘Mann’ gebildet ist (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 309). 8 Neben der Vollform Hartmann, die im Familiennamengut der Deutschschweiz keine graphematisch-phonologische Varianz aufweist, sind zwei Typen von suffigierten einstämmigen Kurzformen dokumentiert: ein erster Bildungstyp mit l-Diminutiv (Härtli) und ein zweiter Bildungstyp mit z-Suffix (Härtsch, Härz sowie Herrsche und Hersche in Kombination mit i-Suffix, verschriftet als <e>). 9 Unklar ist, ob die Kurzformen bereits in älterer Zeit aus Varianten des Ruf N hervorgingen oder erst in jüngerer Zeit aus bestehenden FamN gebildet wurden. Wahrscheinlicher ist Ersteres. Die Kurzformen sind gegenüber der Vollform zahlenmässig deutlich spärlicher. Ausgeschlossen, weil mehrdeutig, sind die FamN Hatz und Hertli sowie Hert und Hertig (evtl. ÜberN zu hert ‘hart’). Der FamN Härdi geht auf die aphäretische Kurzform eines Ruf N mit dem Zweitglied hart, z. B. Bernhard oder Eberhard, zurück. Die im Id. 2 (1881 ff.: Sp. 1479) dokumentierten mundartlichen Varianten des Ruf N Hart- Karte 302: Familiennamentyp Hartmann, vor 1800 u. Herkunft 6 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 7 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 8 Vgl. Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». 9 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» und II-2.3 «Familiennamen auf -(t)z und -(t)sch». 1.5 Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen 675 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="676"?> mann (Haapi und Häpel ) haben keinen Eingang in das Familiennameninventar der Deutschschweiz gefunden. Kommentar: Der FamN Hartmann weist seinen Verbreitungsschwerpunkt im Kanton Graubünden auf, insbesondere in den früh verdeutschten Gebieten Prättigau, Landquart und Schanfigg. Eine weitere Ballung findet sich im sankt-gallischen Toggenburg. Weitere Nester sind im Zürcher Oberland sowie im Kanton Aargau belegt. In der Zentralschweiz sowie generell in den voralpinen und alpinen Regionen tritt der FamN hingegen nur vereinzelt auf. Die Kurzform Härtli ist ausschliesslich im Prättigau (GR) nachgewiesen. Die Varianten mit -(t)sch(e) bzw. -z konzentrieren sich in einem zusammenhängenden Gebiet, das sich über die Region Werdenberg (SG), das angrenzende Rheintal, die Gemeinde Appenzell (AI) und die Stadt St. Gallen erstreckt. Zweite Karte {303}: Familiennamentyp Richard Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft», die in der etymologischen Datenbank auf den Ruf N Richard zurückgeführt werden. Da der FamN Richard in der französischsprachigen Schweiz homographisch vorkommt, erscheint der Name auf der Karte auch in dieser Sprachregion. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Patronyme nach ihrem Bildungstyp: 1. Vollform, 2. Kurzform und 3. Interferenzform. Abgefragte Namen Vollform: Richard, Rychard, Rykart. 45 Tokens. Diminutivische Kurzform: Richi, Richle, Richli. 7 Tokens. Interferenzform: Ritschard. 4 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 317: Daten zur zweiten Karte {303} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier ausgewählten FamN sind alle aus einem männlichen germanischen Ruf N entstanden, der aus dem Erstglied ahd. rīhhi ‘Herrschaft, Herrscher, Macht’ und dem Zweitglied ahd. harti ‘hart, stark’ gebildet ist (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 543). Für die FamN müssen zwei unterschiedliche Rezeptionswege angesetzt werden: Der FamN Richard geht in der Deutschschweiz auf den gleichlautenden deutschen Ruf N zurück, während das homographische Pendant in der Romandie auf der französischen Variante des Namens mit postalveolarer Aussprache von -chberuht. Der FamN Ritschard (mit tsch-Schreibung und affrikatischer Aussprache) kann daher als adaptierte Form eines französischen FamN interpretiert werden. Neben der Vollform Richard und ihren Varianten sind suffigierte einstämmige Kurzformen dokumentiert: Richi, Karte 303: Familiennamentyp Richard, vor 1800 u. Herkunft 676 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="677"?> Richle und Richli. 10 Unklar ist, ob die Kurzformen bereits in älterer Zeit aus Varianten des Ruf N hervorgingen oder erst in jüngerer Zeit aus bestehenden FamN gebildet wurden; wahrscheinlicher ist Ersteres. Richi und Richeli sind als Ruf N im Id. 6 (1881 ff.: Sp. 167) belegt. Bei den Vollformen des Familiennamentyps Richard ergibt sich Varianz einerseits durch die graphematisch-phonologische Realisierung des Gutturallauts - mit oder ohne Lautverschiebung (ch vs. k) -, andererseits durch die Schreibung des i (<i> vs. <y>). Die Kurzformen zeigen Varianz im Diminutivsuffix: -i, -li und -le. Allgemein lässt sich eine quantitative Dominanz der Vollformen gegenüber den Kurzformen beobachten. Ausgeschlossen, weil mehrdeutig, sind die FamN Reichlin und Reichling, bei denen es sich entweder um Kurzformen eines mit Richbeginnenden Ruf N oder um einen ÜberN zu schwzdt. rīch ‘reich’ handelt. Gleicher etymologischer Herkunft - d. h. aus Ruf N mit dem althochdeutschen Erstglied rīhhi gebildet - sind u. a. folgende FamN der Deutschschweiz: Rigert und Ryffel. Kommentar: Der FamN Richard zeigt in der Deutschschweiz zwei Konzentrationen: die erste in einer zusammenhängenden Region, die das Berner Emmental, den Oberaargau (BE) und den südwestlichen Zipfel des Kantons Aargau umfasst, und die zweite im Laufental (BL). Die Schreibvarianten der Vollform kommen jeweils einmalig vor: Rychard im Emmental (BE) und Rykart in Zofingen (AG). Die hohe Tokenzahl des FamN Richard (43 Tokens) in der Schweiz ist auf seine sprachübergreifende Präsenz zurückzuführen. In der Romandie ist der FamN über das ganze Territorium verstreut. Die Interferenzform Ritschard tritt im zur Sprachgrenze nahen Gebiet auf, punktuell in den Verwaltungskreisen Thun und Interlaken-Oberhasli (BE). Dritte Karte {304}: Familiennamentyp Arnold Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft», die in der etymologischen Datenbank auf den Ruf N Arnold zurückgeführt werden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Patronyme nach formalen Kriterien: 1. die nicht-kontrahierte Form des FamN und 2. die kontrahierte Variante. Abgefragte Namen Arnold: 30 Tokens. Arnet: 7 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 318: Daten zur dritten Karte {304} Karte 304: Familiennamentyp Arnold, vor 1800 u. Herkunft 10 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» und II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y». 1.5 Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen 677 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="678"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier ausgewählten FamN sind alle aus einem männlichen germanischen Ruf N entstanden, der aus dem Erstglied ahd. arn ‘Adler’ und dem Zweitglied ahd. walt zu waltan ‘herrschen’ gebildet ist (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 95). Arnet ist die kontrahierte Form von Arnold und entspricht der mundartlichen Variante des Namens (Id. 1 1881 ff.: Sp. 461). Beide Vollformen lassen keine graphematisch-phonologische Varianz beobachten. Für die daraus entstandenen Kurzformen (Arn, Erni, Nold usw.) sei auf den Artikel III-1.4 «Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen» verwiesen. Kommentar: Der FamN Arnold tritt in der Deutschschweiz regional auf. Dabei bildet er zwei Nester: eines im Kanton Uri und eines im Luzerner Hinterland. Weitere Belege sind in der restlichen Deutschschweiz dokumentiert. Abgesehen von wenigen Streubelegen im nördlichen Teil des Kantons Thurgau kommt der FamN Arnold in der Ostschweiz nicht vor. Auch der Kanton Bern ist komplett frei von diesem Namentyp. Die mundartliche Variante Arnet ist typisch für den Kanton Luzern. Vierte Karte {305}: Familiennamentyp Hermann Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft», die in der etymologischen Datenbank auf den Ruf N Hermann zurückgeführt werden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Patronyme nach graphematisch-phonologischen Kriterien: 1. ohne Doppelkonsonantengraphie und 2. mit Doppelkonsonantengraphie des r. Abgefragte Namen Hermann: 41 Tokens. Herrmann: 27 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 319: Daten zur vierten Karte {305} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier ausgewählten FamN gehen alle auf einen männlichen germanischen Ruf N mit dem Erstglied ahd. heri ‘Kriegsschar, Heer’ und dem Zweitglied ahd. man ‘Mann’ zurück (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 342). Der Familiennamentyp Hermann ist formal relativ stabil. Es lässt sich lediglich eine graphematisch-phonologische Varianz von einfacher und doppelter Konsonanz (<r> neben <rr>) beobachten, wobei letztere die Kürze Karte 305: Familiennamentyp Hermann, vor 1800 u. Herkunft 678 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="679"?> des vorangehenden Vokals anzeigt (DFA 1 2009: 619). 11 Einfaches r herrscht mit etwa 60 % gegenüber doppeltem rr mit etwa 40 % vor. Weitere Bildungstypen, z. B. Diminutiva oder patronymische Ableitungen, sind nicht bezeugt. Die im Id. 2 (1881 ff.: Sp. 1607) dokumentierten Kurz- und Koseformen des Ruf N (Hermeli und Hermi) finden keine Realisierung als FamN. Ausgeschlossen, weil mehrdeutig, sind die FamN Harr (entweder Kurzform eines mit Herbeginnenden Ruf N oder ÜberN zu mhd. har ‘Flachs’), Heer (teils ÜberN zu mhd. hērre, hërre, schwzdt. Heer ‘Herr, Gebieter’, auch ‘Angehöriger einer städtischen Bevölkerung’) und die aphäretischen Namenformen Mani, Mahni und Manni (evtl. auch zum Ruf N Manuel ). Gleicher etymologischer Herkunft - d. h. aus Ruf N mit dem althochdeutschen Erstglied heri gebildet - sind in der Deutschschweiz die FamN Herbert und Herport. Kommentar: Der Familiennamentyp Hermann kommt im grössten Teil der deutschsprachigen Schweiz vor. Beide Schreibvarianten bilden jeweils Namennester, z. B. Hermann im Kanton Basel-Landschaft und Herrmann im Emmental (BE) und Oberaargau (BE). Das Nebeneinander beider Varianten in einzelnen Gemeinden legt nahe, dass die unterschiedliche Schreibung zur Differenzierung von Namenträger: innen des sehr häufigen FamN herangezogen wurde. Fünfte Karte {306}: Familiennamentyp Bosshard Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft», die in der etymologischen Datenbank auf die Ausgangsform Bosshard zurückgeführt werden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Patronyme nach Schreibvariante des Zweitglieds -hard: 1. mit anlautendem h als -hard, 2. ohne anlautendes h als -ard, 3. abgeschwächt zu -ert. Abgefragte Namen Typ -hard: Bosshard, Bosshardt, Bosshart. 70 Tokens. Typ -ard: Bossard, Bossardt, Bossart. 28 Tokens. Typ -ert: Bossert. 9 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 40-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 320: Daten zur fünften Karte {306} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier ausgewählten FamN können mehreren Benennungsmotiven zugeteilt werden: 1. Patronyme: Sie gehen auf eine mit z-Suffix entstandene Kurzform des Ruf N Burkhard zurück - etwa Posso, Bosso - mit -hard als zweites Karte 306: Familiennamentyp Bosshard, vor 1800 u. Herkunft 11 Vgl. Artikel I-1.15 «Längen- und Kürzenanzeige». 1.5 Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen 679 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="680"?> Namenglied (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 149). 2. ÜberN: eine Art SatzN, der aus dem Verbalstamm von mhd. bossen ‘stossen, schlagen’ und dem Adverb mhd. hart, hert ‘hart, stark’ zusammengesetzt ist und einen groben, schlagkräftigen Menschen benannte. 12 Nicht auszuschliessen ist eine sekundäre Bildung in Anlehnung an Ruf N mit dem Zweitglied -hard. Gleicher etymologischer Herkunft - d. h. aus einer mit z-Suffix entstandenen Kurzform des Ruf N Burkhard - sind in der Deutschschweiz die FamN Boss, Bossli und Bussmann. Bei den Vollformen des Familiennamentyps Bosshard ergibt sich Varianz durch die graphematisch-phonologische Realisierung des Zweitglieds -hard: 1. Schreibung mit oder ohne anlautendem h (-hard, -hardt, -hart vs. -ard, -ardt, -art), 2. Schreibung des Auslauts mit -d, -dt oder -t und 3. mit Abschwächung des unbetonten Zweitglieds -hard zu -ert; 13 vgl. dazu Günthard / Güntert, Leuthard / Leuthert/ Lüthert, Reinhard / Reinert/ Rinert usw. Kommentar: Der Familiennamentyp Bosshard kommt fast ausschliesslich im Mittelland vor. Die Schreibvarianten mit oder ohne Erhalt von anlautendem h verteilen sich räumlich komplementär: Diejenigen mit h sind typisch für den Kanton Zürich, wo sie in der Region zwischen dem Zürcher Oberland und der Stadt Winterthur ein grosses Namennest bilden. Die Namenvarianten ohne h zeigen im Vergleich mit den h-haltigen Pendants ein eher verstreutes Bild mit vier Ballungen: die grösste in der Region zwischen den benachbarten Kantonen Luzern und Aargau, eine zweite in den Aargauer Bezirken Brugg und Laufenburg, eine dritte im Kanton Zug und eine vierte zwischen den Städten Wil (SG) und St. Gallen. Der FamN Bossert ist nur wenige Male in den Kantonen Luzern, Aargau und Basel-Landschaft belegt. Ergebnisse Die hier behandelten FamN kommen im gesamten deutschsprachigen Gebiet der Schweiz vor, wobei das Mittelland gegenüber den alpinen Regionen stärker beteiligt ist. Dieses Verbreitungsbild entspricht der allgemeinen Tendenz innerhalb der Patronyme. Zudem zeigt sich insgesamt eine Tendenz zur Bildung regionaler Namennester. Mit Ausnahme der Patronyme aus Hermann, die eine überregionale Streuung aufweisen, konzentrieren sich die übrigen ausgewählten Namentypen zumeist in mehreren voneinander unabhängigen Ballungsräumen. So tritt etwa der FamN Arnold gehäuft im Kanton Uri und im Luzerner Hinterland auf. Generell weisen FamN, die auf Vollformen germanischer Ruf N zurückgehen, eine geringe formale Diversifikation auf. Weder in der Schreibung noch in der morphologischen Bildung lässt sich eine ausgeprägte Varianz beobachten. Patronymische Wortbildungsmuster wie etwa -mann, -ig oder Genitivsuffixe sind für diese FamN nicht belegt. Bei allen fünf Namentypen zeigen jene Formen, die hinsichtlich des Schriftbilds und der Lautung näher an der standardisierten Variante des Ruf N liegen, eine deutlich höhere Tokenfrequenz als dialektal-regionale Varianten. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Arnold (8'101 Tokens), Hartmann (4'897 Tokens) und Bosshard (3'713 Tokens). Wegen des polyglottischen Charakters des Namens Arnold kann seine hohe Frequenz auch durch Zuwanderung aus deutschsprachigen (Deutschland und Österreich) und englischsprachigen Ländern erklärt werden. In der rezenten Rangliste der FamN der ständigen Wohnbevölkerung der deutschsprachigen Schweiz (BFS 2023: STATPOP 2022) belegt Arnold den 34. Platz und ist somit - nach Kunz und Lüthi - das dritthäufigste Patronym in der deutschsprachigen Landesregion. Vergleich mit benachbartem Ausland: Die hier behandelten Patronyme aus einer Vollform eines germanischen Ruf N kommen alle auch in Deutschland vor (DFD o. J.): Hartmann belegt dort Rang 24 unter den häufigsten FamN, Arnold Rang 98, Hermann Rang 114. Letzterer FamN zeigt eine Konzentration im Süden des Landes, wo er mit der Schweiz eine gemeinsame Namenlandschaft bildet. Richard ist in Deutschland niederfrequent, dafür steht die Variante Reichert auf dem 194. Platz. Der in der Schweiz häufige FamN Bosshard und seine Varianten kommen in Deutschland generell sehr selten vor und können somit als Schweizer Charakteristikum betrachtet werden. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Berchtold, Simone/ Kempf, Luise (2022): Familiennamenatlas der Deutschschweiz (FDS). Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge 57(2), 151-163. BFS = Bundesamt für Statistik (2023): STATPOP 2022. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Kanton und nach Sprachregion für das Jahr 2022. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 26925057 (letzter Zugriff 17.04.2024). DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. 12 Vgl. Artikel II-4.1 «Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen». 13 Vgl. die Artikel I-2.7 «Schreibvariation bei Plosiven im Auslaut» und II-2.13 «Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut». 680 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="681"?> DFD = Nübling, Damaris et al. (o. J.): Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). https: / / www.namenforschung.net/ dfd/ woerterbuch/ liste/ (letzter Zugriff 17.04.2024). Dräger, Kathrin (2013): Familiennamen aus dem Rufnamen Nikolaus in Deutschland (Regensburger Studien zur Namenforschung 7). Regensburg: edition vulpes. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 17.04.2024). Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2005): Duden - Familiennamen. Herkunft und Bedeutung. 2., völlig neu bearbeitete Auf lage. Mannheim et al.: Dudenverlag. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Seibicke, Wilfried (2008): Die Personennamen im Deutschen. Eine Einführung. 2., überarbeitete Auf lage. Berlin, New York: De Gruyter. Linda Steiner 1.5 Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen 681 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="682"?> 1.6 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Petrus Schlagwörter: biblischer Rufname, Heiligenname, männlicher Rufname Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Kartenkomplex werden die FamN besprochen, die auf den lateinischen Ruf N Petrus zurückgehen. Der FamN Peter ist in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» vor Hug und Kunz das häufigste Patronym der Deutschschweiz. 1 Die FamN aus Petrus treten auch in den romanischsprachigen Gebieten der Schweiz zahlreich auf, wo sie eine breite und interessante Formvarianz erkennen lassen. Mit 138 Types in der ganzen Schweiz lässt der Namentyp eine grosse formale Ausprägung erkennen. Somit ist die morphologische und räumliche Erschliessung des Namentyps aufgrund seiner Frequenz und Formenvielfalt von Relevanz. Hintergrund: Die hier behandelten Patronyme gehen alle auf den männlichen lateinischen Ruf N Petrus (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 503-504) bzw. auf dessen deutsche oder romanische Realisierungen zurück (Besnard/ Desplanques 1991: 150; Rossebastiano/ Papa 2005: 1025-1029). Der Ruf N Petrus war schon bei den ersten Christen weit verbreitet und wurde u. a. aufgrund des Prestiges und des Kults des heiligen Petrus sehr populär. Im deutschen Sprachraum war Peter im Mittelalter und bis zur Reformation einer der beliebtesten nichtgermanischen Ruf N und einer der häufigsten männlichen Ruf N überhaupt (Kunze 2004: 44-46; FLNB II/ 2 2008: 297). Eine sehr hohe Popularität des Ruf N kann auch für Frankreich und Italien festgestellt werden, was sich in beiden Ländern in der grossen Häufigkeit von FamN widerspiegelt, die auf Petrus zurückgehen (Morlet 1997: 774, 784; Caffarelli/ Marcato 2008: 1338; Caffarelli 2016: 44-45). 2 Fragestellungen: Die erste Karte zeigt sämtliche zu Petrus gebildeten FamN gruppiert nach Sprachzugehörigkeit, wodurch die Verbreitung der entsprechenden Patronyme über die vier Landessprachregionen der Schweiz erfasst werden kann. Die zweite Karte veranschaulicht die geographische Verbreitung der fünf am häufigsten belegten FamN zu Petrus. Die dritte Karte dokumentiert die durch Sprachinterferenz adaptierten Patronyme - sowohl im westlichen deutsch-französischen Kontaktgebiet als auch im östlichen Übergangsraum zum Alträtoromanischen. Die vierte Karte schliesslich widmet sich den verschiedenen Bildungstypen der Patronyme zu Petrus aus sprachübergreifender Perspektive. Erste Karte {307}: Patronyme zu Petrus nach sprachlicher Zugehörigkeit Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN der Schweiz aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 3 die gemäss etymologischer Datenbank (Stand 25.01.2024) auf den Ruf N Petrus zurückzuführen sind. Die entsprechenden Patronyme werden den vier Sprachregionen zugeordnet und kontrastiv kartiert. FamN, die infolge von Binnenmigration in mehreren Sprachregionen der Schweiz auftreten, werden nach folgendem Prinzip klassifiziert: Weisen sie keine formale Adaption auf - wie etwa der Name Peter in der französischsprachigen Gemeinde Aubonne (VD) -, gelten sie als deutsch. FamN, die durch sprachliche Interferenz formal an die Zielsprache angepasst wurden, werden hingegen dieser zugeordnet. So wird bspw. der in der Romandie belegte FamN Pettermand - eine Adaption von dt. Petermann - hier als französisch eingestuft. Zur Schwierigkeit, adaptierte von nicht-adaptierten rätoromanischen Namenformen zu trennen, s. die dritte Karte. Dort werden Interferenzfälle zusätzlich gesondert behandelt. Abgefragte Namen Deutsche FamN zum RufN Petrus: Bäder, Baeder, Beetschen, Betschen, Bettschen, Bieri, Biri, Birri, Biry, Kleinpeter, Perren, Perreten, Perrig, Peter, Peterer, Peterhans, Peterli, Petermann, Petrig, Pieren, Pieri, Pierig. 22 Types, 144 Tokens. Französische FamN zum RufN Petrus: Belperroud, Delachaux-dit-Peter, DePerrot, Depierre, Grand-Pierre, Grandpierre, Grospierre-Tochenet, Jeanperrin, Matthey-Pierret, Periat, Pernet, Perny, Perraudin, Perreaud, Perrelet, Perrenod, Perrenod-dit-Pernod, Perrenoud, Perrenoud-André, Perrenoud-dit-Pernod, Perrenoud-Favre, Perrenoud-Jeanneret, Perrenoud-le-Favre, Perret, Perret-Gentil, Perret-Gentil-dit-Maillard, Perret-Jeanneret, Perretten, Perriard, Perrin, Perrinjaquet, Perro, Perrod, Perrodin, Perrot, Perrottet, Perroud, Péter-Comtesse, Peter-Contesse, Péter-Contesse, Pétermann, Peternier, Petitpierre, Petitpierre-chez-Jean, Pétremand, Pétremand-Besancenet, Petter, Pettermand, Peytermann, Pierre, Pierrehumbert, Pierroz, Robert-Grandpierre. 53 Types, 175 Tokens. Italienische FamN zum RufN Petrus: Boni-Pedretti, De Pietro, Del Pietro, Depietri, Ferrari-Pedruzzi, Pedrani, Pedranti, Pedrazzetti, Pedrazzi, Pedrazzini, Pedrazzoli, Pedrelli, Pedretti, Pedretti Barudoni, Pedretti Berudi, Pedretti Molinetto, Pedretti-Rodi, Pedrina, Pedrini, Pedrini Marti, Pedrinis, Pedrioli, Pedroia, Pedroietta, Pedroli, Pedrolini, Pedroncini, Pedroni, Pedrotta, Pedrotti, Pedrotti-Ferrari, Pedrozzi, Pedrusci, Pedrussio, Pedruzzi, Perazzi, Peretti, Peri, Perinoni, Peroni, Perozzi, Perucchi, Petar, Petraglio, Petralli, 1 Vgl. die Artikel III-1.4 «Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen» und III-1.5 «Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen». 2 Für die geringe Verbreitung des Ruf N in Graubünden vgl. RNB 3 (1986: 285-289). Zum Heiligenkult um St. Peter, zu seinen Kirchenpatrozinien und einem möglichen Zusammenhang mit der Namengebung sei allgemein auf Schäfer (1998 ff.: s. v. Petrus) sowie auf das RNB 3 (1986: 289) verwiesen. 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 682 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="683"?> Petrimpol, Petrini, Petrocchi, Petrolini, Petroni, Pietrolini, Rossi-Pedruzzi. 52 Types, 176 Tokens. Rätoromanische FamN zum RufN Petrus: Badraun, Badrutt, Capadrutt, Capeder, Depeder, Padrun, Padrutt, Peder, Pedermann, Pedrett, Pidermann. 11 Types, 17 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 321: Daten zur ersten Karte {307} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Mit 22 Types weisen die Patronyme aus Petrus in der Deutschschweiz eine mittlere Formvarianz auf. In den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» ist die häufigste Realisierung in der Deutschschweiz der FamN Peter (81 von insgesamt 144 Tokens). Der zweitfrequenteste FamN ist Bieri (15 Tokens), gefolgt von Perren und Petermann (je 8 Tokens). Die drei Varianten Beetschen, Betschen und Bettschen (zusammen 5 Tokens) belegen den fünften Platz (vgl. zweite Karte). Die deutschen FamN aus Petrus können nach ihrer Ausgangsform in vier Gruppen unterteilt werden: 1. Typ Peter: Peter, Peterer, Peterli, Petrig, Petermann, Peterhans, Kleinpeter 2. Typ Beetsch: Beetschen, Betschen, Bettschen 3. Typ P(i)err(i): Pieri, Pieren, Perren, Perreten, Pierig, Perrig, Bieri, Biri, Birri, Biry 4. Typ Peder: Bäder, Baeder Aus der ersten Ausgangsform sind neben dem Simplex Peter verschiedene Ableitungen (Peterer, Peterli, Petrig, Petermann) sowie Komposita (Peterhans und Kleinpeter) entstanden. 5 Aus der - dem Id. 4 (1881 ff.: Sp. 1840) nach familiären oder pejorativen - Namenvariante Peetsch bzw. Beetsch sind die FamN Beetschen, Betschen und Bettschen (jeweils zusätzlich mit schwachem Genitivsuffix) hervorgegangen. 6 Die FamN der dritten Gruppe gehen auf KoseN zurück, die sich vermutlich aus einer Adaption des französischen Ruf N Pierre entwickelt haben (Id. 4 1881 ff.: Sp. 1505). Im Anlaut zeigen sie Fortis- Karte 307: Patronyme zu Petrus nach sprachlicher Zugehörigkeit, vor 1800 u. Herkunft 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 5 Für die einzelnen grammatischen Phänomene sei auf die entsprechenden Artikel verwiesen, u. a. I-2.5 «Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut», II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing», II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-2.8 «Suffixkombinationen mit -li, -le, -z, -tsch und -mann», II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner» und II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». 6 Vgl. Artikel II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe». 1.6 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Petrus 683 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="684"?> Lenis-Variation. Die vierte Gruppe beruht auf dem Ruf N Peder, der ein rätoromanischer Ref lex von Petrus darstellt. Die daraus entstandenen FamN Bäder und Baeder weisen Interferenzerscheinungen auf (vgl. dritte Karte). Aus der Auswahl ausgeschlossen wurden etymologisch uneindeutige FamN wie Bebi und Bebie. Die FamN der französischsprachigen Schweiz sind grösstenteils aus der Form Perre entstanden, die wiederum eine Variante des Ruf N Pierre darstellt (Morlet 1997: 774). Die Formvarianz ist in der Romandie besonders vielfältig: Das Sample umfasst simplizisches Pierre, diverse Suffigierungen (z. B. Perret, Perrin, Perrot), Formen mit Präposition (DePerrot, Depierre), Komposita der Typen «Adjektiv + Ruf N» (z. B. Belperroud, Grand-Pierre, Grospierre-Tochenet, Petitpierre), «Ruf N + Adjektiv» (Perret-Gentil ), «Ruf N + BerufsN» (Perrenoud- Favre, Perrenoud-le-Favre) und «Ruf N + Ruf N» (z. B. Perrenoud-André, Perret-Jeanneret). Bildungen mit dem Zusatz dit (z. B. Perrenod-dit- Pernod, Perret-Gentil-dit-Maillard ) und solche mit dem Element chez (Petitpierre-chez-Jean) sind im Sample ebenfalls vertreten. 7 Graphematisch-phonologische Interferenz zeigen einige FamN, die aus einer Adaption von dt. Peter bzw. Petermann entstanden sind, wie z. B. Péter- Comtesse, Pétermann, Pettermand, Pétremand oder Peytermann (vgl. dritte Karte). Aus der Auswahl ausgeschlossen wurden FamN, für die eine etymologische Unterscheidung zwischen dem Ruf N Pierre und dem Appellativ frz. pierre ‘Stein’ bzw. einem daraus entstandenen Toponym nicht möglich war, z. B. Duperret oder Duperrut. In den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» ist Perret (31 Tokens) im französischsprachigen Landesteil der häufigste FamN aus dem Ruf N Petrus. In der italienischsprachigen Schweiz gehen die FamN aus Petrus auf verschiedene Namenstämme zurück: Die produktivste Ausgangsform ist Pedro, eine lombardische Variante von ital. Pietro. Neben Pietr- und Petrtreten die Ausgangsformen Ped - und Perauf (Lurati 2000: 375-376; Caffarelli/ Marcato 2008: 1338; Caffarelli 2016: 44-45). Der Namentyp ist hauptsächlich in verschiedenen Suffixableitungen vertreten, z. B. Pedrani, Pedrazzi, Pedrelli, Pedretti, Pedrini oder Pedrinis. Weitere Bildungstypen sind FamN mit Präposition (De Pietro, Del Pietro, Depietri), DoppelN (z. B. Pedretti Molinetto, Pedretti-Rodi) und das Kompositum Petrimpol, das aus einer Zusammensetzung von Pedrin(i) und Pol (zu Paulus) hervorgeht (RNB 3 1986: 289). Petar ist vermutlich eine Adaption des schweizerdeutschen Ruf- oder FamN Peter, der in dieser unveränderten Form in Airolo (TI) ebenfalls vorkommt. Die FamN Pedotti und Perini mussten aus der Auswahl ausgeschlossen werden, da sie, v. a. im Engadin (GR), etymologisch mehrdeutig sind: Perini kann auch auf Casper (bzw. Casperini) zurückgeführt werden, Pedotti auf ital. piede ‘Fuss’. Der häufigste FamN aus Petrus in der italienischsprachigen Schweiz in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» ist Pedretti (10 Tokens). Auch die Rätoromania weist neben dem Simplex Peder einige wenige Suffixableitungen (z. B. Padrun, Padrutt), eine Bildung mit Präposition (Depeder) und zwei Fälle von FamN mit Präfix Ca- (Capadrutt und Capeder) auf. 8 Pedermann und Pidermann (beide in Pontresina GR) sind Hybridbildungen und somit als Interferenzerscheinungen aufzufassen (vgl. dritte Karte). Die in den verdeutschten Regionen Schanfigg und Prättigau (GR) belegten FamN Padrutt, Badrutt und Badraun sind ursprünglich rätoromanisch. Auffallend ist, dass einige rätoromanische Varianten des zugrunde liegenden Ruf N - etwa sursilvanisch Pieder oder unterengadinisch Peider - in dieser Form keine Ref lexe im Familiennamenbestand gefunden haben. Der FamN Capeder weist in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» mit 6 Tokens die höchste Frequenz für diese Sprachregion auf. Kommentar: Die FamN, die aus dem Ruf N Petrus hervorgegangen sind, sind in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» in allen vier Sprachgebieten der Schweiz reichlich belegt. Am zahlreichsten kommen die Petrus-Patronyme in der französischsprachigen und der italienischsprachigen Schweiz vor, sowohl hinsichtlich der Tokens (175 bzw. 176) als auch der Types (53 bzw. 52). In der Deutschschweiz bilden die Patronyme aus Petrus hauptsächlich zwei grosse Ballungen: die erste im Kanton Zürich östlich der Stadt Winterthur (ZH) und die zweite zwischen den Wahlkreisen Willisau und Entlebuch im Kanton Luzern und dem Emmental im Kanton Bern. Im Berner Simmental und im Oberwallis sind die FamN zu Petrus ebenfalls stark vertreten. Keine Petrus-Patronyme sind hingegen im Kanton Glarus sowie in den angrenzenden Gebieten des Kantons St. Gallen belegt. Die beiden Appenzeller Halbkantone schliessen sich dieser Lücke an. In der Ebene des Aaretals zwischen den Städten Biel (BE), Solothurn (SO) und Olten (SO) sind ebenfalls keine Fälle registriert. In der Romandie sind die FamN aus Petrus reichlich über das ganze Territorium verbreitet. In der italienischsprachigen Schweiz sind die Patronyme überall ausser in den zwei Tälern Misox und Bergell (GR) zahlreich belegt. Die Rätoromania weist im Vergleich mit der restlichen Romania weniger Fälle auf. Das Engadin (GR) ist - bis auf zwei Hybridbildungen (Pedermann, Pidermann) in Pontresina - komplett frei von diesem Namentyp. 7 Vgl. die Artikel II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de» und II-4.3 «Mehrgliedrige Familiennamen mit den Zusätzen dit, soit, alias». 8 Vgl. Artikel II-2.19 «Familiennamen mit Präfix Ca-». 684 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="685"?> Zweite Karte {308}: Die häufigsten Patronyme zu Petrus in der Deutschschweiz Namenauswahl: Ausgewählt wurden die fünf frequentesten FamN (5 Tokens und mehr), die bei der ersten Karte als deutsche Realisierungen des Ruf N Petrus erfasst wurden, wobei die FamN Bieri und Betschen zusammen mit den jeweiligen Schreibvarianten je als ein Typ erfasst wurden (vgl. die Angaben zu den Formvarianten oben). Abgefragte Namen Peter: 81 Tokens. Typ Bieri: Bieri, Biri, Birri, Biry. 20 Tokens. Perren: 8 Tokens. Petermann: 8 Tokens. Typ Betschen: Beetschen, Betschen, Bettschen. 5 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 11-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 40-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 322: Daten zur zweiten Karte {308} Detailangaben zur Namenauswahl: S. Angaben zur ersten Karte. Kommentar: Die fünf Namentypen treten jeweils relativ kompakt auf und verteilen sich komplementär auf das Territorium. Die Patronyme aus Petrus bilden entsprechend der mundartlichen Realisierung des Ruf N regional differenzierte Areale. Der häufigste FamN Peter findet sich v. a. im Kanton Zürich um die Stadt Winterthur und im Kanton Luzern im Wahlkreis Willisau. Bieri und Varianten bilden drei Nester: ein grösseres mit der Variante Bieri in den benachbarten Bezirken Emmental (BE) und Entlebuch (LU), ein zweites mit den FamN Biry und Biri im Bezirk Laufen (BL) und ein drittes im Bezirk Laufenburg (AG). Genitivisches Perren ist im Simmental (BE) und im Oberwallis zu finden. Petermann tritt v. a. in den Kantonen Luzern und Schwyz auf, der Namentyp Betschen ist typisch für das Berner Oberland. Karte 308: Die fünf häufigsten deutschen Patronyme zu Petrus, vor 1800 u. Herkunft 1.6 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Petrus 685 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="686"?> Dritte Karte {309}: Interferenzformen aus Petrus Namenauswahl: Ausgewählt wurden durch Sprachinterferenz adaptierte Patronyme aus Petrus - sowohl für die westliche deutschfranzösische Kontaktsituation als auch für diejenige im östlichen deutsch-alträtoromanischen Kontaktgebiet. Der einzige dokumentierte Interferenzfall aus der italienischsprachigen Schweiz wurde ebenfalls berücksichtigt. Kartiert werden die Interferenzformen nach Adaptionsprozess (Romanisierung bzw. Germanisierung) für die jeweilige Kontaktregion. Abgefragte Namen Interferenzen Deutsch → Französisch: Delachaux-dit-Peter, Perretten, Péter-Comtesse, Peter-Contesse, Péter-Contesse, Pétermann, Pétremand, Pétremand-Besancenet, Petter, Pettermand, Peytermann. 11 Types, 26 Tokens. Interferenzen Deutsch → Rätoromanisch: Pedermann, Pidermann. 2 Tokens. Interferenzen Rätoromanisch → Deutsch: Bäder, Baeder. 4 Tokens. Interferenzen Deutsch → Italienisch: Petar. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 323: Daten zur dritten Karte {309} Detailangaben zur Namenauswahl: Im rätoromanisch-deutschen Kontaktgebiet sind insgesamt 4 Types belegt, die Interferenzerscheinungen aufweisen: zwei Germanisierungen (Bäder, Baeder) und zwei Romanisierungen (Pedermann, Pidermann). Im Vergleich mit den ebenfalls sehr häufigen Patronymen aus dem Ruf N Johannes (insgesamt 24 Interferenzformen, davon 18 Fälle im rätoromanischdeutschen Kontaktgebiet) kommen die adaptierten FamN zu Petrus spärlich vor. 9 Pedermann und Pidermann resultieren aus einer Hybridbildung mit dem rätoromanischen Ruf N Peder und dem deutschen Suffix -mann. Der FamN Bäder und die Schreibvariante Baeder sind adaptierte Formen des rätoromanischen Ruf N Peder. 10 Die im verdeutschten Gebiet vorkommenden FamN Badraun und Badrutt werden hier als graphematische Varianten von Padrun bzw. Padrutt gewertet, obwohl in der B/ P -Schreibvarianz eine Interferenz mit dem Deutschen nicht ganz auszuschliessen ist. Der Grund für diese Behandlung liegt in der Feststellung, dass beide Graphien im rätoromanischen Gebiet historisch nachweisbar sind (RNB 3 1986: 287-288). Karte 309: Interferenzerscheinungen in Patronymen zu Petrus, vor 1800 9 Vgl. Artikel III-1.9 «Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Johannes». 10 Vgl. Artikel I-3.4 «Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche». 686 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="687"?> Im westlichen Kontaktgebiet kommen Interferenzerscheinungen häufiger vor als in der (alt-)rätoromanischen Region. Die 11 Types von Romanisierungen sind aus verschiedenen formalen Adaptionen entstanden, die sich auf die graphematisch-phonologische und die morphologische Ebene der Namen auswirken: 11 • Graphematische Anpassung é bzw. ey für [e]: Péter, Pétermann, Peytermann • Graphematische Anpassung tt für [tː]: Petter, Perretten • Lautliche Anpassung (Metathese) -ter > -tre: Pétremand • Lautlich-graphematische Anpassung (Nasalisierung von -mann und Schreibung -and für [-]): Pétremand, Pettermand • Hybridbildung von mehrgliedrigen FamN mit dem Zusatz dit: Delachaux-dit-Peter • Hybridbildung von DoppelN: Péter-Comtesse, Peter-Contesse, Péter- Contesse Der formal unveränderte FamN Peter, der ebenfalls in den romanischsprachigen Regionen vorkommt, wurde hier nicht kartiert. Sein häufiges Vorkommen in der ganzen Schweiz würde das Verbreitungsbild der Interferenzfälle verdecken. Der in der Romandie dokumentierte FamN Perretten ist die adaptierte Form des deutschen FamN Perreten, der wiederum eine schwach f lektierte Genitivform zum französischen Ruf N Perret ist. Dies zeigt, wie Namen in Kontaktzonen im Laufe der Zeit mehrmals ihre sprachliche Form ändern können. Fälle von Germanisierung französischer FamN sind für die Patronyme aus Petrus nicht bezeugt. Peternier (Zofingen AG) und Perret (Beinwil AG, Mels SG) sind Namen von eingewanderten Familien aus der Romandie und zeigen keine formale Adaption. Die deutschen Pieri-Namen (vgl. bei der ersten Karte die FamN der dritten Gruppe) werden nicht als Interferenzformen gewertet, da die Adaption (frz. Pierre → dt. Pieri, Bieri) bereits beim zugrunde liegenden deutschen Ruf N erfolgt ist. Kommentar: Im rätoromanisch-deutschen Kontaktgebiet kommen die beiden eingedeutschten rätoromanischen FamN in der Region zwischen Chur und Landquart (GR) vor, während die zwei Beispiele für Romanisierung in einer einzigen Gemeinde des Oberengadins (Pontresina GR) nachgewiesen sind. Verdeutschte französische FamN aus Petrus sind im Westen nicht bezeugt. Adaptierte deutsche FamN in der Romandie kommen gehäuft im Kanton Neuenburg vor. Weitere, verstreute Interferenzfälle finden sich in den Kantonen Jura, Waadt, Freiburg sowie im Berner Jura. Die im französischsprachigen Jura und im Kanton Neuenburg belegten FamN Pétermann, Pétremand, Peytermann sind auch im angrenzenden französischen Département Doubs präsent und daher vermutlich von dort eingewandert. Nach Filae (o. J.) haben die FamN Petermann, Petremand und Peytermann in Frankreich elsässische Herkunft. Im italienischsprachigen Quinto (oberes Leventinatal TI) ist das einzige Beispiel von Italianisierung eines deutschen Patronyms aus Petrus (Petar) bezeugt. 11 Vgl. Artikel I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». 1.6 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Petrus 687 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="688"?> Vierte Karte {310}: Patronyme zu Petrus nach Bildungstyp Namenauswahl: Abgebildet sind alle einschlägigen FamN, die bereits in der ersten Karte behandelt wurden (zu Ausschlüssen s. u.). Die Kartierung erfolgt sprachübergreifend nach Bildungstyp - Simplizia, Suffigierungen, Präfigierungen, mehrgliedrige FamN und Präpositionalformen. Abgefragte Namen Simplizia: Peder, Peri, Peter, Pierre. 90 Tokens. Suffigierungen: Beetschen, Bettschen, Betschen, Bieri, Biri, Birri, Biry, Padrun, Padrutt, Pedrani, Pedranti, Pedrazzetti, Pedrazzi, Pedrazzini, Pedrazzoli, Pedrelli, Pedrett, Pedretti, Pedrina, Pedrini, Pedrinis, Pedrioli, Pedroia, Pedroietta, Pedroli, Pedrolini, Pedroncini, Pedroni, Pedrotta, Pedrotti, Pedrozzi, Pedrusci, Pedrussio, Pedruzzi, Perazzi, Peretti, Periat, Perinoni, Pernet, Perny, Peroni, Perozzi, Perraudin, Perreaud, Perrelet, Perren, Perrenod, Perrenoud, Perret, Perreten, Perriard, Perrig, Perrin, Perro, Perrod, Perrodin, Perrot, Perrottet, Perroud, Perucchi, Peterer, Peterli, Petermann, Peternier, Petraglio, Petralli, Petrig, Petrini, Petrocchi, Petrolini, Petroni, Pietrolini, Pieren, Pieri, Pierig, Pierroz. 76 Types, 265 Tokens. Präfigierungen: Capadrutt, Capeder. 7 Tokens. Mehrgliedrige FamN: Belperroud, Boni-Pedretti, Delachaux-dit-Peter, Ferrari-Pedruzzi, Grand-Pierre, Grandpierre, Grospierre-Tochenet, Jeanperrin, Kleinpeter, Matthey-Pierret, Pedretti Barudoni, Pedretti Berudi, Pedretti Molinetto, Pedretti-Rodi, Pedrini Marti, Pedrotti-Ferrari, Perrenod-dit-Pernod, Perrenoud-André, Perrenoud-dit-Pernod, Perrenoud-Favre, Perrenoud-Jeanneret, Perrenoud-le-Favre, Perret-Gentil, Perret-Gentil-dit-Maillard, Perret-Jeanneret, Perrinjaquet, Péter-Comtesse, Peter-Contesse, Péter-Contesse, Peterhans, Petitpierre, Petitpierre-chez-Jean, Pétremand-Besancenet, Petrimpol, Pidermann, Pierrehumbert, Robert-Grandpierre, Rossi-Pedruzzi. 38 Types, 59 Tokens. PräpositionsN: De Pietro, Del Pietro, Depeder, DePerrot, Depierre, Depietri. 6 Types, 8 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 324: Daten zur vierten Karte {310} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Tokenzahl der Simplizia ist fast ausschliesslich auf den deutschen FamN Peter (81 Tokens) zurückzuführen. Die restlichen drei romanischen FamN (frz. Pierre, ital. Peri, rätorom. Peder) kommen nur niederfrequent vor. In der Gruppe der Suffigierungen sind sowohl FamN mit Endungen aus der Derivationsmorphologie (wie -li, -ini, -od, -utt usw.) als auch solche mit Flexionsendungen (wie die deutsche Genitivendung -en) enthalten. Suffigierte FamN sind v. a. ein romanisches Phänomen: Die höchste Frequenz zeigt die italienischsprachige Schweiz, insbesondere hinsichtlich der Typenzahl. Von den insgesamt 76 Types aller Karte 310: Patronyme zu Petrus nach Bildungstyp, vor 1800 u. Herkunft 688 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="689"?> suffigierten Petrus-FamN in der Schweiz sind 38 als italienischsprachig klassifiziert. Das stimmt mit den Verhältnissen innerhalb dieser Sprachregion überein: von 52 FamN zu Petrus sind 38 suffigiert. 12 Auch im Familiennamenschatz der französischsprachigen Schweiz ist eine grosse Vielfalt an Suffixen zu finden. Fälle von Doppelsuffigierung kommen in beiden Sprachregionen vor: z. B. frz. Perrodin aus Perre + -od (bzw. -ot) + -in oder ital. Pedrolini aus Pedro + -oli + -ini. Die Rätoromania ist in der Gruppe der suffigierten FamN verhältnismässig schwächer vertreten. Die Suffigierungen in der Deutschschweiz umfassen Diminutiva (-i und -li), Ableitungen auf -er, -ig und -mann und Bildungen mit dem schwachen Genitivsuffix -en. Präfigierte Formen liegen ausschliesslich mit der regionalspezifischen rätoromanischen Bildung mit Cavor: Capadrutt, Capeder. 13 Als mehrgliedrige FamN werden folgende Bildungen klassifiziert: der Typ «Adjektiv + Ruf N» (z. B. Kleinpeter, Petitpierre), der Typ «Ruf N + BerufsN» (Perrenoud-Favre, Perrenoud-le-Favre), der Typ «Ruf N + Ruf N» (z. B. Peterhans, Jeanperrin), der Typ «FamN + FamN» - auch DoppelN genannt - (z. B. Boni-Pedretti, Perrenoud-Jeanneret), Bildungen mit dem Zusatz dit (z. B. Perrenod-dit-Pernod ) sowie solche mit dem Element chez (Petitpierre-chez-Jean). Suffigierte Formen, die (auch) in mehrgliedrigen FamN vorkommen, werden als mehrgliedrige FamN eingeordnet. Diese FamN treten meistens auch eigenständig auf, vgl. z. B. Pedruzzi und Rossi-Pedruzzi. Die Romandie zeigt eine grosse Vielfalt an mehrgliedrigen FamN. Einige Typen (die Kombination «Ruf N + BerufsN», dit- und chez-Namen) sind für diese Sprachregion spezifisch. DoppelN - mit oder ohne Bindestrich geschrieben - scheinen in der italienischsprachigen Schweiz besonders häufig zu sein. In den beiden letztgenannten Sprachregionen kommen einige FamN - innerhalb der gleichen Gemeinde oder weniger Nachbargemeinden - mehrmals in verschiedenen Kombinationen vor: Bspw. erscheint der FamN Perrenoud in den Formen Perrenoud-André, Perrenoud-dit-Pernod, Perrenoud-Favre, Perrenoud- Jeanneret und Perrenoud-le-Favre (alle fünf Varianten in drei Neuenburger Nachbargemeinden) oder der FamN Pedretti in den Formen Boni-Pedretti, Pedretti Barudoni, Pedretti Berudi, Pedretti Molinetto und Pedretti-Rodi (alle in der Gemeinde Chironico TI), sodass die Vermutung einer familiendifferenzierenden Benennung naheliegt. In der Rätoromania sind keine mehrgliedrigen FamN dokumentiert. Bildungen mit der Präposition de ‘von’ kommen nur in den drei romanischsprachigen Regionen vor. FamN mit von sind bei den Patronymen aus Petrus nicht belegt. Ausgeschlossen wurden hier jene Interferenzformen, bei denen die morphologische Entwicklung bereits in der Ausgangssprache erfolgt ist und die in der Zielsprache lediglich eine Adaption auf graphematisch-phonologischer Ebene aufweisen, wie z. B. frz. Pétermann (aus dt. Petermann) oder ital. Petar (aus dt. Peter). Kommentar: In der Deutschschweiz dominiert tokenmässig der morphologische Typ der Simplizia, vertreten durch den sehr häufigen FamN Peter. Suffigierungen sind typisch für die französischsprachige und die italienischsprachige Schweiz. In der Romandie sind sie über das ganze Territorium verteilt, wobei dieses Bildungsmuster insbesondere im Kanton Neuenburg geballt auftritt. In der italienischsprachigen Schweiz kommen Suffigierungen fast ausschliesslich im Kanton Tessin vor, in der Rätoromania - wenn auch in geringerer Zahl - in den Regionen Viamala und Surselva (GR). In der Deutschschweiz bilden die suffigierten FamN aus Petrus Areale im Simmental (BE) sowie in der Region zwischen dem Emmental (BE) und dem Entlebuch (LU). Die FamN mit Präfix Catreten v. a. im Kerngebiet dieses Namentyps - in der Region Surselva (GR) - auf. Mehrgliedrige FamN sind hauptsächlich in der französischsprachigen und der italienischsprachigen Schweiz alteingesessen: Dort bilden sie Mikroareale, insbesondere - und am auffälligsten - im Kanton Neuenburg und im oberen Leventinatal (TI). Die de-Namen bilden innerhalb der jeweiligen Sprachregionen kein spezifisches Areal. Auffällig ist, dass sie auch im Hauptgebiet der mehrgliedrigen FamN präsent sind. Ergebnisse Die Patronyme aus Petrus treten in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» in allen vier Sprachgebieten der Schweiz umfänglich und vielfältig auf, was die sprachübergreifende Beliebtheit des Ruf N erkennen lässt (vgl. erste Karte). Am zahlreichsten kommen die Petrus-Patronyme in der französischsprachigen und der italienischsprachigen Schweiz vor, sowohl hinsichtlich der Tokens (175 bzw. 176) als auch der Types (53 bzw. 52). Die grosse Produktivität lässt sich auch kleinräumig beobachten: In mehreren Gegenden der Romandie und des Tessins können verschiedene Bildungsvarianten innerhalb der gleichen Gemeinde vorkommen, wie in Airolo (TI) Peter, Pedrina, Pedrini, Peterposten oder in Le Locle (NE) Perrelet, Perrenoud, Perret-Gentil, Perret-Gentil-dit-Maillard, Perret-Jeanneret, Péter-Comtesse, Pétremand, Pétremand-Besancenet, Pettermand (vgl. vierte Karte). Diese markante formale Ausprägung auf mikroregionaler Ebene lässt sich hauptsächlich mit dem durch einen hohen Grad an Homonymie verursachten Bedürfnis nach Differenzierung der Familien erklären. In der Rätoromania ist die Token- und Typefrequenz der Patronyme aus Petrus weniger hoch. Dies könnte u. a. mit der geringen Popularität in Verbindung gebracht werden, die der Ruf N im Frühmittelalter in Graubünden aufwies (RNB 3 1986: 289). In der Deutschschweiz gehen die FamN aus Petrus vorwiegend auf die regionalen mundartlichen Realisierungen des Ruf N zurück. 14 Petrus zeigt nicht nur als Ruf N eine grosse Diversifikation, sondern auch in seiner Rezeption als FamN. Neben der häufigsten Form Peter finden sich im Familiennamenbestand weitere, für die Schweiz spezifische Namenstämme, mit denen wiederum diverse Komposita und Ableitungen gebildet wurden. Die Patronyme aus Petrus zeigen in der Deutschschweiz in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» insgesamt eine mittlere Formvarianz (22 Types). Im Vergleich mit anderen häufigen Patronymen aus nicht-germanischen Ruf N ist sie weniger ausgeprägt, vgl. z. B. die 64 Patronyme aus Johannes. 15 Das könnte u. a. auf die Silbenstruktur des Namens zurückgeführt werden. Zweisilbige Namen wie Petrus eignen sich weniger gut für vielfältige Veränderungen des Namenkörpers als dreisilbige Namen wie Johannes (Kunze 2004: 75). Der für die Deutschschweiz häufigste Typ Peter ist mit Abstand die der Standardsprache nächste Realisierung. Von insgesamt 144 Tokens aller FamN aus Petrus in der Deutschschweiz in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» 12 Zur grossen Vielfalt an Suffixen in FamN der italienischsprachigen Schweiz - und Italiens - sei auf Berchtold Schiestl et al. (2020: 442-450) verwiesen. 13 Vgl. Artikel II-2.19 «Familiennamen mit Präfix Ca-». 14 Vgl. die weiteren Varianten und hypokoristischen Formen des Ruf N, die im Id. 4 (1881 ff.: Sp. 1840-1841) für das 19. und 20. Jh. dokumentiert sind: Peetri, Peeti, Peepi, Peetsch, Beetsch, Peeg, Piere(n) usw. Nur ein Teil dieser Rufnamenvarianten hat einen Ref lex im Familiennamenschatz gefunden. 15 Vgl. Artikel III-1.9 «Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Johannes». 1.6 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Petrus 689 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="690"?> gehören 81 dem FamN Peter an, gefolgt von Bieri mit 15 Tokens. Die zweite Karte macht deutlich, dass die Patronyme aus Petrus regional nach mundartlicher Variante des Ruf N Mikroareale bilden können. Einige spezifische Bildungen konzentrieren sich in einem bestimmten Gebiet, bspw. der Typ Betschen im Berner Oberland. Interferenzformen sind in den beiden Hauptkontaktgebieten - im östlichen deutsch-alträtoromanischen wie auch im westlichen deutsch-französischen Sprachkontaktgebiet vertreten (vgl. dritte Karte). Dabei ist die Frequenz in letzterem grösser als im Osten. Auffällig ist, dass Romanisierungen weit entfernt vom historischen Kontaktgebiet (Kristol 2023: 156) vorkommen. Im französischsprachigen Jura, im Kanton Neuenburg sowie im angrenzenden französischen Département Doubs treten dieselben, aus dem elsässischen Deutschen adaptierten FamN auf. Dies weist auf einen Migrationsf luss über die Landesgrenze sowie auf einen gemeinsamen schweizerisch-französischen Namenraum hin. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Bieri (6'826 Tokens), Peter (6'711 Tokens) und Perret (1'960 Tokens). In der rezenten Rangliste aller FamN der Deutschschweiz (BFS 2023: STATPOP 2022) belegen die FamN Peter und Bieri den 47. resp. den 48. Platz. Somit gehören die FamN aus Petrus zu den häufigsten Patronymen des deutschsprachigen Landesteils. Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA 3 (2012: 184-185) erfasst neben einer Reihe von regional verbreiteten Varianten die für Deutschland drei frequentesten Formen Peters, Peter und Petersen: Peters (31'210 Tokens) enthält einen patronymischen starken Genitiv auf -s und herrscht im nördlich-zentralen Raum Deutschlands vor; Peter (15'619 Tokens) stellt die unerweiterte Variante dar und tritt v. a. im Süden auf, wo sie sich an das Schweizer Peter-Gebiet anschliesst und mit diesem eine gemeinsame Namenlandschaft bildet (vgl. zweite Karte); Petersen (13'490 Tokens) ist mit dem patronymischen Suffix -sen gebildet und kommt vorwiegend in Schleswig vor. Für Liechtenstein werden die FamN Pedrätsch und Peter dokumentiert (FLNB II/ 4 2008: 145, 147). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold Schiestl, Simone et al. (2020): Streckeisen, Auchli, Brentini und Immoos. Vorstudien zu einem Schweizer Familiennamenatlas. Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge 55(4), 423-467. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Besnard, Philippe/ Desplanques, Guy (1991): Un prénom pour toujours: la cote des prénoms hier, aujourd’hui et demain. Paris: Balland. BFS = Bundesamt für Statistik (2023): STATPOP 2022. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Kanton und nach Sprachregion für das Jahr 2022. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 26925057 (letzter Zugriff 25.01.2024). Caffarelli, Enzo (2016): Cognomi in Italia: storia, tipologie, significati e statistiche in 450 domande e risposte (L’arte del nome 9). Roma: SER. Caffarelli, Enzo/ Marcato, Carla (2008): I cognomi d’Italia: dizionario storico ed etimologico. 2 Bde. (La nostra lingua). Torino: UTET. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 25.01.2024). Filae (o. J.): Origine, étymologie, popularité de votre nom de famille. https: / / www.filae.com/ nom-de-famille/ (letzter Zugriff 25.01.2024). FLNB II = Stricker, Hans/ Banzer, Toni/ Hilbe, Herbert (2008): Die Personennamen des Fürstentums Liechtenstein. 4 Bde. (Liechtensteiner Namenbuch II). Vaduz: Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2005): Duden - Familiennamen. Herkunft und Bedeutung. 2., völlig neu bearbeitete Auf lage. Mannheim et al.: Dudenverlag. Kristol, Andres (2023): Histoire linguistique de la Suisse romande (Collection Glossaire des patois de la Suisse romande 5.1). Neuchâtel: Éditions Alphil- Presses universitaires suisses. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Lurati, Ottavio (2000): Perché ci chiamiamo così? Cognomi tra Lombardia, Piemonte e Svizzera italiana. Varese: Macchione. Morlet, Marie-Thérèse (1997): Dictionnaire étymologique des noms de famille. Nouvelle édition revue et augmentée. Paris: Perrin. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Rossebastiano, Alda/ Papa, Elena (2005): I nomi di persona in Italia: dizionario storico ed etimologico. 2 Bde. (La nostra lingua). Torino: UTET. Schäfer, Joachim (1998 ff.): Ökumenisches Heiligenlexikon. https: / / www. heiligenlexikon.de (letzter Zugriff 25.01.2024). Linda Steiner 690 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="691"?> 1.7 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Martīnus Schlagwörter: Heiligenname, männlicher Rufname Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Kartenkomplex werden die FamN besprochen, die auf den lateinischen Ruf N Martīnus zurückgehen (z. B. Marty, Martinoli). Der FamN Marti ist in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» nach Peter, Hug, Kunz und Egli das fünfthäufigste Patronym der Deutschschweiz. 1 Eine hohe Frequenz weisen die Patronyme aus Martīnus auch in den romanischsprachigen Gebieten der Schweiz auf, wo sie zudem eine grosse Formvarianz erkennen lassen. Somit ist die räumliche Erschliessung des Namentypus hinsichtlich seiner Frequenz und Formenvielfalt von Relevanz. Hintergrund: Die hier besprochenen Patronyme gehen alle auf den männlichen lateinischen Ruf N Martīnus zurück - eine Ableitung vom Namen des römischen Kriegsgottes lat. Mars, Martis (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 447) - bzw. auf dessen Realisierungen dt. Martin (Id. 4 1881 ff.: Sp. 426-428), frz. Martin (FEW 6.1 1928 ff.: 388-399; Morlet 1997: 669), ital. Martino (Caffarelli/ Marcato 2008: 1075), rätorom. Martin, Martegn (DRG 13 1939 ff.: 373-382) und weitere Varianten. Gemäss RNB 3 (1986: 391) ist Martīnus «nach Maria und Petrus wohl das verbreitetste Kirchenpatrozinium Westeuropas und steht noch vor Johannes». Zu allgemeinen Informationen zum Heiligenkult um St. Martin, zu seinen Kirchenpatrozinien und deren möglichem Einf luss auf die Namengebung vgl. Descœudres (2018: 51-58) und RNB 3 (1986: 391-392). Fragestellungen: In der ersten Karte werden sämtliche aus Martīnus gebildeten FamN dargestellt, um deren Verbreitung über die vier Landessprachregionen der Schweiz zu erfassen. Die Namen sind nach Bildungstyp gruppiert. Die zweite Karte konzentriert sich auf den in der Deutschschweiz am häufigsten belegten Typ Martin sowie dessen Varianten Marti und Mart(h)y. 1 Vgl. die Artikel III-1.4 «Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen» und III-1.5 «Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen». 1.7 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Martīnus 691 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="692"?> Erste Karte {311}: Patronyme zu Martīnus nach Bildungstyp Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN der Schweiz aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 2 die gemäss etymologischer Datenbank (Stand 25.05.2023) auf den lateinischen Ruf N Martīnus zurückzuführen sind. Die Kartierung erfolgt sprachübergreifend nach Bildungstyp - Simplizia, Suffigierungen, Präfigierungen, mehrgliedrige FamN und Präpositionalformen. Abgefragte Namen Simplizia: Marthy, Marti, Martin, Marty. 139 Tokens. Suffigierungen: Martel, Martenaz, Martenet, Martig, Martignoli, Martignoni, Martinaglia, Martinali, Martinelli, Martinenghi, Martinet, Martinetti, Martini, Martinoia, Martinola, Martinoli, Martinoni, Tinetti, Tini. 19 Types, 48 Tokens. Präfigierungen: Camartin. 1 Token. Mehrgliedrige FamN: Martin-Achard, Martin-du Pan. 2 Tokens. PräpositionsN: Delmartini, Demartin, Demartines, Demartini, Del Martini. 7 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 325: Daten zur ersten Karte {311} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 Die Tokenzahl der Simplizia ist fast ausschliesslich auf den deutschen FamN Marti (66 Tokens) sowie den (hauptsächlich) französischen FamN Martin (50 Tokens) zurückzuführen. Die Deutschschweizer Simplizia können in Formen mit oder ohne finales -n unterteilt werden (s. zweite Karte): Martin vs. Marti, Marty, Marthy. Letztere Varianten mit getilgtem finalem -n spiegeln die mundartliche Realisierung des Namens wider (Id. 4 1881 ff.: Sp. 426). In der Gruppe der Suffigierungen sind FamN mit Endungen aus der Derivationsmorphologie (wie -el, -ig, -oni, -elli, -et usw.) wie auch aus der Flexionsmorphologie (wie die lateinische Plural- oder Genitivendung -i bei ital. Martini bzw. dessen aphäretische Form Tini) enthalten. Suffigierungen sind ein klares Phänomen der französisch- und v. a. der italienischsprachigen Schweiz, wobei letztere die höchste Typenfrequenz zeigt. 4 Die Rätoromania Karte 311: Patronyme zu Martīnus nach Bildungstyp, vor 1800 u. Herkunft 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 4 Zur grossen Vielfalt an Suffixen in FamN der italienischsprachigen Schweiz - und Italiens - sei auf Berchtold Schiestl et al. (2020: 442-450) verwiesen. 692 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="693"?> weist keine suffigierten FamN zu Martīnus auf. Die einzigen suffigierten Varianten in der Deutschschweiz sind Martel und Martig. Martignoni in Rorschach (SG) ist italienischsprachiger Herkunft. Eine präfigierte Form liegt ausschliesslich in der regionalspezifischen rätoromanischen Bildung mit Ca- (aus rätorom. casa ‘Haus’) vor: Camartin (Breil GR). Als mehrgliedrige FamN sind die Patronyme Martin-Achard und Martin-du Pan in der Stadt Genf belegt. Präpositionsformen mit de ‘von’ kommen nur in der Romandie und im Tessin vor. 5 Kommentar: Die FamN, die sich vom lateinischen Ruf N Martīnus ableiten, sind über den grössten Teil des Schweizer Territoriums verbreitet. Nicht oder äusserst selten bezeugt sind sie in der Ostschweiz, nordöstlich des Zürich- und des Walensees - mit Ausnahme von 4 Tokens im Kanton Thurgau -, in Graubünden (sowohl im rätoromanischsprachigen Gebiet als auch in den beiden italienischsprachigen Tälern Puschlav und Bergell) sowie in den Kantonen Luzern und Jura. Eine klare Übereinstimmung zwischen dem Verbreitungsgebiet des FamN und der historisch konfessionellen Landschaft lässt sich nicht feststellen. Patronyme aus Martīnus treten auch in reformierten Kantonen auf, während sie in einigen überwiegend katholischen Regionen wie dem Jura und dem Kanton Luzern nur spärlich belegt sind. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Entstehung der FamN i. d. R. vor der Reformationszeit liegt, sodass eine konfessionelle Korrelation nicht zwingend zu erwarten ist. In der Deutschschweiz treten die Patronyme zum Ruf N Martīnus eindeutig am häufigsten als unsuffigierte Formen auf. Zur arealen Verteilung der Varianten mit oder ohne finales -n vgl. die folgende Karte. Die Suffixableitung Martig bildet mit 6 Tokens zwei Nester im Oberwallis (Bezirk Leuk VS) und im Berner Oberland (Verwaltungskreis Obersimmental-Saanen BE). Die Diminutivableitung Martel ist einmal in Laupen (BE) belegt. In der französisch- und der italienischsprachigen Schweiz können einige FamN innerhalb von wenigen Nachbargemeinden mehrmals in verschiedenen Kombinationen erscheinen, etwa in der Region um Bellinzona (TI) die FamN Martini, Martinelli, Del Martini, Delmartini und Martinoli. Zweite Karte {312}: Patronyme zu Martīnus mit und ohne finales -n Namenauswahl: Bei der zweiten Karte wird der Fokus auf die areale Verteilung der Simplizia gelegt, die hauptsächlich eine Erscheinung in der Deutschschweiz und der Romandie darstellen. Ausgewählt wurden alle bei der ersten Karte als Simplizia erfassten FamN zu Martīnus. Kartiert werden sie kontrastiv einerseits mit Erhalt von finalem -n und andererseits mit dessen Tilgung. Dabei werden durch Karte 312: Patronyme zu Martīnus mit und ohne finales -n, vor 1800 u. Herkunft 5 Für die verschiedenen Formvarianten sei auf die entsprechenden Artikel verwiesen, u. a. II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing», II-2.19 «Familiennamen mit Präfix Ca-» und II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de». 1.7 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Martīnus 693 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="694"?> eine Abstufung der Farbtöne der Kreise auch die verschiedenen graphematischen Realisierungen des Vokals als <i> (rote Kreise) und <y> (orange Kreise) sichtbar. Abgefragte Namen Martin: 50 Tokens. Marti: 66 Tokens. Mart(h)y: 23 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 10-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 326: Daten zur zweiten Karte {312} Detailangaben zur Namenauswahl: S. Angaben zur ersten Karte. Die mundartlichen Varianten ohne finales -n zeigen die graphematische Varianz -i vs. -(h)y, 6 wobei Marti mit 66 Tokens gegenüber Marty mit 22 Tokens quantitativ klar überwiegt. In einem einzigen Fall wird der FamN mit einem zusätzlichen h geschrieben: Marthy (Flums SG). Kommentar: Während in der Romandie ausschliesslich die Form Martin belegt ist, dominieren in der Deutschschweiz die mundartlichen Varianten des Namens - Marti und Mart(h)y. Die standardnahe Variante mit erhaltenem Nasal konzentriert sich im deutschen Sprachgebiet fast ausschliesslich um die Stadt Basel (BS) herum. Die graphematischen Varianten mit -y treten deutlich in den (ehemaligen) sprachlichen Kontaktgebieten auf: Westlich bilden sie zwei Nester in den deutschsprachigen Regionen des Oberwallis (VS) und des Sensebezirks (FR) an der Sprachgrenze zur Romandie. Im zentralöstlichen Teil der Schweiz sind sie v. a. im Kanton Schwyz an der Kantonsgrenze zu Glarus belegt, d. h. beim Übergang zum alträtoromanischen Sprachgebiet. Ob die Schreibung mit -y auf eine spezifische Schreibtradition zurückzuführen und/ oder die Wiedergabe eines etymologischen romanischen Überbleibsels ist, kann ohne historische Sondierung nicht bestimmt werden. In einigen Gemeinden können beide Schreibvarianten auftreten, etwa in Malans (GR) oder in Glarus (GL). Ergebnisse In der Deutschschweiz kommen die Patronyme zu Martīnus vorwiegend in der mundartlichen Realisierung Marti bzw. Mart(h)y vor. Von insgesamt 197 Tokens aller Schweizer FamN zu Martīnus in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» fallen 66 auf den FamN Marti und 23 auf den FamN Marty bzw. Marthy. Die dem Standard nähere Variante Martin ist - bis auf wenige Ausreisser um die Stadt Basel (BS) - in der Romandie zu finden. Abgesehen von der diglossischen Realisierung des Namens sowie der unterschiedlichen Schreibung des Auslauts -i vs. -y weisen die FamN zu Martīnus in der Deutschschweiz eine vergleichsweise hohe graphematisch-phonologische und morphologische Stabilität auf. Im Unterschied zu den in Deutschland dokumentierten Varianten wie Merten(s) ist in der Schweiz eine Umlautung des Stammvokals nicht eingetreten. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Marti (8'856 Tokens), Martin (5'250 Tokens) und Marty (3'883 Tokens). In der rezenten Rangliste aller FamN der Deutschschweiz (BFS 2023: STATPOP 2022) belegt der FamN Marti den 35. Platz. Somit gehören die FamN aus Martīnus zu den häufigsten Patronymen des deutschsprachigen Landesteils. Vergleich mit benachbartem Ausland: Für Deutschland erfasst der DFA (2009-2018) zahlreiche Formvarianten der FamN aus Martīnus, davon sind die drei häufigsten Vollformen Martin, Martens und Merten (DFA 1 2009: 39-42). Varianten mit n-Tilgung sind nicht belegt. Für Liechtenstein sind die FamN Marte, Marten und Martin dokumentiert (FLNB II/ 4 2008: 61-62). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold Schiestl, Simone et al. (2020): Streckeisen, Auchli, Brentini und Immoos. Vorstudien zu einem Schweizer Familiennamenatlas. Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge 55(4), 423-467. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2023): STATPOP 2022. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Kanton und nach Sprachregion für das Jahr 2022. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 26925057 (letzter Zugriff 22.07.2025). Caffarelli, Enzo/ Marcato, Carla (2008): I cognomi d’Italia: dizionario storico ed etimologico. 2 Bde. (La nostra lingua). Torino: UTET. Descœudres, Georges (2018): Sankt Martin und seine Verehrung im Frühmittelalter im Gebiet der heutigen Schweiz. Mitteilungen des Historischen Vereins des Kantons Schwyz 110, 51-75. DFA = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009-2018): Deutscher Familiennamenatlas. 7 Bde. Berlin, New York, Boston: De Gruyter. DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. DRG = Dicziunari Rumantsch Grischun (1939 ff.): Bd. 1 ff. Chur: Bischofberger, dann Winterthur: Stamparia, dann Chur: Societad Retorumantscha. 6 Vgl. die Artikel I-1.14 «Schreibvariation i/ y» und I-2.1 «Nasalschwund». 694 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="695"?> familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 25.05.2023). FEW = Französisches Etymologisches Wörterbuch. Eine Darstellung des galloromanischen Sprachschatzes (1928 ff.): Bd. 1 ff. Basel et al.: Zbinden et al. FLNB II = Stricker, Hans/ Banzer, Toni/ Hilbe, Herbert (2008): Die Personennamen des Fürstentums Liechtenstein. 4 Bde. (Liechtensteiner Namenbuch II). Vaduz: Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2005): Duden - Familiennamen. Herkunft und Bedeutung. 2., völlig neu bearbeitete Auf lage. Mannheim et al.: Dudenverlag. Morlet, Marie-Thérèse (1997): Dictionnaire étymologique des noms de famille. Nouvelle édition revue et augmentée. Paris: Perrin. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Linda Steiner 1.7 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Martīnus 695 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="696"?> 1.8 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Christiānus Schlagwörter: biblischer Rufname, Kurzform, männlicher Rufname Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Kartenkomplex werden FamN behandelt, die auf den lateinischen Ruf N Christiānus zurückgehen. In der Rangliste der häufigsten Patronyme der Deutschschweiz in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» belegt der FamN Christen den zehnten Platz. Nach Peter, Marti und Michel ist Christen dabei das vierthäufigste Patronym aus einem Ruf N nichtgermanischer Herkunft. 1 Darüber hinaus zeigen die FamN zu Christiānus mit verschiedenen onymischen Bildungstypen eine auffällige formale Ausprägung. Patronyme aus Christiānus treten auch in den romanischsprachigen Gebieten der Schweiz auf, wo dieser Namentyp ebenfalls eine interessante Formvarianz erkennen lässt. Somit ist die morphologische und geographische Erschliessung dieses Namentyps aufgrund seiner hohen Frequenz und Formenvielfalt von besonderer Relevanz. Hintergrund: Die hier besprochenen Patronyme gehen alle auf den theophoren männlichen Ruf N Christian - zu lat. christiānus ‘zu Christus gehörend, Anhänger Christi, Christ’ (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 171) - bzw. auf dessen deutsche oder romanische Realisierungen zurück (Id. 3 1881 ff.: Sp. 868; GPSR IV 1924 ff.: 536; DRG 4 1939 ff.: 257-259; Caffarelli/ Marcato 2008: 536). Wie bei anderen Patronymen sind auch aus dem viersilbigen, nicht auf der ersten Silbe betonten Ruf N Christiānus schon früh Kurzformen und lautlich reduzierte Varianten entstanden (Christen, Christ), die als Basis für (z. T. regionale) Familiennamenbildungen gedient haben (s. zweite Karte). Die Ruf N aus lat. christiānus sind Neuschöpfungen des Mittelalters - jener Epoche, in der sie in den deutschen Rufnamenschatz Eingang fanden (RNB 3 1986: 68). 2 Gemäss Kunze (2004: 33) sind «Christian(us) und Christi(a)na […] unter den Fremdnamen in Quellen aus Fulda vom 8.-11. Jh. mit Abstand am häufigsten. Im Köln des 12. Jh. ist Christina der sechsthäufigste Frauenname, Christian in Brixen noch im 13. Jh. der zweithäufigste Männername». Allgemein waren die Ruf N aus Christiānus in Nordeuropa und generell in den protestantischen Ländern sehr beliebt. Nach FLNB II/ 3 (2008: 73) war der Ruf N nach der Reformation auch in Graubünden populär. In den romanischsprachigen Ländern war zu dieser Zeit der Ruf N weniger verbreitet, ebenso in den benachbarten Regionen der Schweiz. Obwohl C(h)ristiānus als Name bereits vor dem 1. Jh. dokumentiert ist, hat sich der Ruf N Cristiano bzw. Cristiana in Italien erst in der zweiten Hälfte des 20. Jh. durchgesetzt (Rossebastiano/ Papa 2005: 303; Caffarelli/ Marcato 2008: 536). In Frankreich erfolgte die Verbreitung der Variante Christian sogar noch später (Besnard/ Desplanques 1991: 110). Fragestellungen: Vor dem skizzierten Hintergrund werden in der ersten Karte sämtliche aus Christiānus hervorgegangenen FamN dargestellt, wodurch sich ihre Verbreitung über die vier Landessprachregionen der Schweiz erfassen lässt. Die zweite Karte widmet sich den zu Christiānus gebildeten Patronymen in der Deutschschweiz. Im Fokus steht dabei die areale Verteilung der Namenformen nach den zugrunde liegenden Ausgangsbasen Christen und Christ sowie deren Ableitungen. Erste Karte {313}: Patronyme zu Christiānus nach sprachlicher Zugehörigkeit Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN der Schweiz aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 3 die gemäss etymologischer Datenbank (Stand 19.06.2023) auf den Ruf N Christiānus zurückzuführen sind. Kartiert werden die entsprechenden Patronyme nach sprachlicher Zugehörigkeit. Abgefragte Namen Deutsche FamN zum RufN Christiānus: Christ, Christeler, Christen, Christener, Christig, Christiner, Christinger, Christmann. 8 Types, 77 Tokens. Französische FamN zum RufN Christiānus: Christan, Christe, Christin, Christinat, Christinet, Cretin, Cristin, Crittin. 8 Types, 22 Tokens. Rätoromanische FamN zum RufN Christiānus: Crastan, Crastanell, Rest. 3 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 327: Daten zur ersten Karte {313} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Ausgangsform für alle FamN der Deutschschweiz ist nicht der Ruf N Christian, der in dieser Form als FamN in der Schweiz nicht vorkommt, sondern dessen mundartliche, lautlich reduzierte Variante Christen oder wiederum deren Kurzform Christ (Id. 3 1881 ff.: Sp. 868). Auf diese beiden Namenbasen sind weitere Ableitungen zurückzuführen (s. zweite Karte). Die FamN 1 Vgl. die Artikel III-1.4 «Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen» und III-1.5 «Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen». 2 Zum Gebrauch der Bezeichnung christiānus (Adjektiv und Substantiv) in christlicher Frühzeit vgl. Mitterauer (1993: 95-96). 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 696 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="697"?> der französischsprachigen Schweiz sind ebenfalls aus verschiedenen Varianten des Ruf N Christiānus entstanden (GPSR IV 1924 ff.: 536). Der ausschliesslich im Kanton Jura vorkommende französische FamN Christe ist vermutlich das Resultat der Französisierung des Deutschschweizer FamN Christ, der v. a. im angrenzenden Kanton Solothurn belegt ist. Die Rätoromania weist zwei Typen von FamN auf: die Kurzform Rest (vermutlich eine Romanisierung aus schwzdt. Christ) und Crastan bzw. die Ableitung Crastanell aus unterengadinisch crastián ‘Christ; Mensch’, auch ‘christlich’ (DRG 4 1939 ff.: 257-259; RNB 3 1986: 69). Bei den letzten beiden FamN könnte es sich auch um ÜberN handeln. Aus der Auswahl ausgeschlossen wurden die FamN Grest (etymologisch mehrdeutig) und Crisinel (etymologisch unsicher). Der FamN Chrétien ist ein ÜberN aus frz. chrétien ‘zu Christus gehörend, Anhänger Christi, Christ’. Kommentar: In der Deutschschweiz finden sich die meisten FamN aus Christiānus im Kanton Bern in den benachbarten Regionen Emmental und Oberaargau. Ausserdem ist eine Ballung im Kanton Nidwalden zu beobachten. Weitere, verstreute Belege sind in der restlichen Deutschschweiz zu finden, in der Ostschweiz ist der Namentyp jedoch nur spärlich vertreten. Im verdeutschten alträtoromanischen Gebiet - Kanton Glarus und südlicher Teil des Kantons St. Gallen - sind keine Fälle belegt. Auch in Deutschbünden sind nur zwei Fälle in Chur und im Prättigau (GR) dokumentiert. In der Romandie sind die ausgewählten FamN über das ganze Territorium verstreut, ausser im Gebiet zwischen den Städten Freiburg und Lausanne und nordwestlich des Neuenburgersees. Die drei rätoromanischen Varianten finden sich im Unterengadin. Das restliche rätoromanischsprachige Graubünden ist frei von diesem Namentyp. Für die italienischsprachige Schweiz sind keine Fälle dokumentiert. Karte 313: Patronyme zu Christiānus nach sprachlicher Zugehörigkeit, vor 1800 u. Herkunft 1.8 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Christiānus 697 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="698"?> Zweite Karte {314}: Patronyme zu Christiānus in der Deutschschweiz nach Bildungstyp Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle bei der ersten Karte als deutsche Realisierungen des Ruf N Christiānus erfassten FamN. Die Kartierung erfolgt nach Bildungstyp, wobei die Namen farblich nach ihrer Ausgangsform gruppiert sind: Typ Christ in Rot- und Gelbtönen, Typ Christen in Grüntönen. Abgefragte Namen Christ: 16 Tokens. Christeler: 1 Token. Christig: 1 Token. Christmann: 1 Token. Christen: 51 Tokens. Christener, Christiner: 5 Tokens. Christinger: 2 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 328: Daten zur zweiten Karte {314} Detailangaben zur Namenauswahl: In der Deutschschweiz treten die Patronyme zum Ruf N Christiānus mit Abstand am häufigsten als Simplex in der abgeschwächten Form Christen auf (51 Tokens von insgesamt 77 Tokens). Aus diesem Stamm sind die Ableitungen Christener, Christiner und Christinger entstanden. Auf die weniger häufige Kurzform Christ (16 Tokens) gehen die FamN Christeler (aus dem Ruf N Christel, der wiederum eine diminuierte Variante von Christ ist), Christig und Christmann zurück. 5 Kommentar: Die Patronyme zu den zwei Ausgangsbasen Christ und Christen treten im nordwestlichen Teil der Deutschschweiz komplementär auf. Während im Gebiet zwischen Biel, Solothurn, Olten und Basel die Christ-Varianten überwiegen, sind die FamN zu Christen und dessen Ableitungen v. a. im Kanton Bern (im Emmental und Oberaargau) sowie im Kanton Aargau konzentriert. Die beiden Berner Verwaltungskreise ziehen jeweils 11 bzw. 12 der insgesamt 51 Christen-Tokens auf sich. Ausserhalb dieser Regionen bildet der FamN Christen in den Kantonen Uri und Nidwalden ein Familiennamennest. Ergebnisse In der Deutschschweiz kommen die FamN zu Christiānus vorwiegend in der mundartlichen Realisierung Christen und in deren Kurzform Christ vor. Zu diesen beiden Ausgangsbasen sind Suffixableitungen Karte 314: Patronyme zu Christiānus in der Deutschschweiz nach Bildungstyp, vor 1800 u. Herkunft 5 Für die einzelnen grammatischen Phänomene sei auf die entsprechenden Artikel verwiesen, u. a. II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner», II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing», II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» und II-2.7 «Familiennamen auf -mann». 698 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="699"?> gebildet worden, konkret auf -er, -ig, -inger und -mann. Präfixableitungen, Komposita oder präpositionale Bildungen sind bei diesem Namentyp in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» nicht dokumentiert. In der Zeitschicht «19. Jh.» hingegen ist der FamN Vonchristen im Kanton Graubünden belegt. Metronyme aus Christi(a)na konnten nicht identifiziert werden. In den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» sind die Patronyme aus Christiānus in der Deutschschweiz am weitesten verbreitet, gefolgt von der Romandie. Die rätoromanischsprachige Schweiz zeigt drei Belege im Unterengadin (GR), die italienischsprachige Schweiz weist kein einziges Beispiel auf. Der Grund für die Seltenheit bzw. das Fehlen des Namentyps in der Rätoromania und in der italienischsprachigen Schweiz ist in der früheren geringen Beliebtheit zu suchen, die der Ruf N in diesen Regionen seit seinem Aufkommen bis in die Gegenwart aufweist. Nach FLNB II/ 2 (2008: 73) erklärt sich die geringe Häufigkeit des Ruf N im mittelalterlichen romanischen Sprachraum durch die Semantik des zugrunde liegenden Appellativs: In mehreren romanischen Sprachen verlagerte sich die Bedeutung von lat. christiānus von ‘zu Christus gehörend’ hin zu ‘Mensch’; im Französischen erfuhr das daraus entstandene crétin zudem eine sekundäre Bedeutungsverschlechterung im Sinne von ‘an Kretinismus leidende Person, Schwachsinniger’ (GPSR IV 1924 ff.: 536; FEW 2 1928 ff.: 655). Diese abwertende Bedeutung wurde danach vom Italienischen und vom Rätoromanischen übernommen (DRG 4 1939 ff.: 241; VSI 7 1952 ff.: 89-90). Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle BFS): Christen (8'421 Tokens), Christ (1'014 Tokens) und Christe (536 Tokens). Die erhöhte Frequenz des FamN Christen im Jahr 2020 könnte zumindest teilweise durch jüngere Zuwanderung aus Deutschland oder Österreich bedingt sein. Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA (2009-2018) dokumentiert neben einer Reihe von regional verbreiteten Varianten die für Deutschland frequenten Formvarianten mit Metathese des Typus Karsten, Kersten, Kirst(en) usw.; vgl. dazu die Verbreitungskarte Christ/ Kirst (DFA 2 2011: 860). In der Schweiz sind in der Zeitschicht «vor 1800» keine Fälle von r-Metathese bezeugt. Der für die Schweiz frequenteste FamN Christen kommt in Deutschland ausser im westniederdeutschen und westmitteldeutschen Sprachraum - wo der Name jedoch nicht auf eine lautlich reduzierte Form zurückzuführen ist, sondern auf eine patronymische schwache Genitivform (DFA 3 2012: 44-67) - und im Gebiet nördlich und südlich der Mosel auch unmittelbar bei der Schweizer Staatsgrenze vor, sodass er mit den Schweizer Vorkommen einen gemeinsamen Namenraum bildet (DFD 2025: s. v. Christen). Für Liechtenstein sind die Varianten Christen, Christian und Christli (zur Kurzform Christ) dokumentiert (FLNB II/ 3 2008: 148). In der benachbarten Romania zeigt sich folgendes Bild: Die Christiānus-Patronyme der Romandie sind in den meisten Fällen auch in den angrenzenden Regionen Frankreichs zu finden und bilden somit ein Namenkontinuum. Ausnahmen sind die FamN Christinat, Christinet und Crittin, die als schweizerische Regionalspezifika gelten. Insgesamt weisen die Schweizer Varianten in Frankreich jedoch eine geringe Verbreitung auf (Filae o. J.). In Italien sind die aus dem Ruf N Cristiano abgeleiteten Patronyme landesweit verbreitet, allerdings ebenfalls mit niedriger Frequenz (Caffarelli/ Marcato 2008: 536). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Besnard, Philippe/ Desplanques, Guy (1991): Un prénom pour toujours: la cote des prénoms hier, aujourd’hui et demain. Paris: Balland. Caffarelli, Enzo/ Marcato, Carla (2008): I cognomi d’Italia: dizionario storico ed etimologico. 2 Bde. (La nostra lingua). Torino: UTET. DFA = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009-2018): Deutscher Familiennamenatlas. 7 Bde. Berlin, New York, Boston: De Gruyter. DFA 2 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2011): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 2: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen II: Konsonantismus. Berlin, New York: De Gruyter. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. DFD = Dräger, Kathrin (2025): Christen. Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). http: / / www.namenforschung.net/ id/ name/ 3541/ 1 (letzter Zugriff 04.08.2025). DRG = Dicziunari Rumantsch Grischun (1939 ff.): Bd. 1 ff. Chur: Bischofberger, dann Winterthur: Stamparia, dann Chur: Societad Retorumantscha. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. 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Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fort- 1.8 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Christiānus 699 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="700"?> gesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2005): Duden - Familiennamen. Herkunft und Bedeutung. 2., völlig neu bearbeitete Auf lage. Mannheim et al.: Dudenverlag. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Mitterauer, Michael (1993): Ahnen und Heilige. Namengebung in der europäischen Geschichte. München: Beck. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Rossebastiano, Alda/ Papa, Elena (2005): I nomi di persona in Italia: dizionario storico ed etimologico. 2 Bde. (La nostra lingua). Torino: UTET. VSI = Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana (1952 ff.): Bd. 1 ff. Lugano: Mazzuconi, dann Bellinzona: Centro di dialettologia e di etnografia. Linda Steiner 700 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="701"?> 1.9 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Johannes Schlagwörter: biblischer Rufname, Heiligenname, Kurzform, männlicher Rufname Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: In diesem Kartenkomplex werden FamN dokumentiert, die vom Ruf N Johannes abstammen. Die Familiennamenvarianten Jenni und Jenny gehören in den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» zu den häufigsten Patronymen der Deutschschweiz. 1 Zudem sind FamN zu Johannes auch in den romanischsprachigen Gebieten der Schweiz zahlreich vertreten, wo sie eine breite und interessante Formvarianz aufweisen. Mit 237 Types in der ganzen Schweiz lässt der Namentyp eine vielfältige formale Ausprägung erkennen. Somit ist die morphologische und geographische Erschliessung dieses Namentyps aufgrund seiner hohen Frequenz und Formenvielfalt von besonderer Relevanz. Hintergrund: Die hier besprochenen Patronyme gehen alle auf den männlichen lateinischen Ruf N Jō(h)annēs zurück, der seinerseits hebräischen Ursprungs ist (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 355-356), bzw. auf dessen deutsche oder romanische Realisierungen (GPSR X 1924 ff.: 91-101; DRG 7 1939 ff.: 281-293; Rossebastiano/ Papa 2005: 563-565; 587-589; Tanet/ Hordé 2005: 249-251). Der aus der Bibel übernommene Name Johannes gehörte im Mittelalter zu den am weitesten verbreiteten männlichen Ruf N im deutschsprachigen Raum. Seine Verbreitung wurde bereits in der frühen Phase des Christentums durch den Kult um Johannes den Täufer begünstigt und ab dem Frühmittelalter gewann Johannes zunehmend an Popularität - u. a. aufgrund des Prestiges und der Verehrung des Apostels und des Evangelisten Johannes (RNB 3 1986: 280; Kohlheim/ Kohlheim 2013: 211). Im Hochmittelalter gehörte Johannes - einschliesslich seiner Kurzformen Johann und Hans - zu den populärsten nichtgermanischen männlichen Ruf N. In Bamberg und im Münsterland des 15. Jh. war er sogar der meistvergebene Ruf N überhaupt und übertraf in seiner Häufigkeit germanische Namen wie Konrad oder Heinrich (Kunze 2004: 44-46; FLNB II/ 1 2008: 297). In Davos (GR) und Langwies (GR) trug bis zum 18. Jh. mehr als ein Fünftel der Männer den Ruf N Hans (Kunze 2004: 46-47). Wie bei anderen Patronymen sind auch aus dem dreisilbigen, nicht auf der ersten Silbe betonten Ruf N Johannes schon früh Kurzbzw. Koseformen wie u. a. Johann, Jan oder Hans entstanden, die in manchen Fällen als Basis für weitere (z. T. regionale) Bildungen gedient haben (Gottschald 2006: 274-275). Bis zur Gegenwart ist die Formenvielfalt bei diesem Rufnamentyp bedeutend. Das Id. (1881 ff.) belegt für die Deutschschweiz des 19. Jh. eine Vielfalt an mundartlichen Varianten des Ruf N: aus Johannes u. a. Jehann, Johänggi, Jan(n), Janni, Jenni, Han, Hannel, Hannes, Hanni, Hanggel und Hänggi; aus der Kurzform Hans u. a. Hansel, Hanseli, Hansi, Hansli, Haasli, Haus, Hausel, Häus, Häusel, Häns, Hänsel, Heise und Heisel (vgl. auch die Varianten für Liechtenstein im FLNB II/ 2 2008: 160, 195-196). Die Ausdifferenzierung des ursprünglichen Namens erfolgte somit bereits im Rufnamensystem. Die variantenreiche Rufnamengrundlage Johannes bildete, oft mit zusätzlichen lautlichen und morphologischen Modifikationen, die Basis für eine grosse Anzahl an FamN. Eine sehr hohe Popularität des Ruf N kann auch für Frankreich und Italien festgestellt werden, was sich in beiden Ländern in der grossen Häufigkeit von FamN widerspiegelt, die auf Johannes zurückgehen (Morlet 1997: 538-540; Caffarelli 2016: 36-38). 2 Fragestellungen: Die erste Karte zeigt sämtliche zu Johannes gebildeten FamN gruppiert nach Sprachzugehörigkeit, wodurch ihre Verbreitung über die vier Landessprachregionen der Schweiz erfasst werden kann. Die zweite Karte widmet sich den aus Johannes hervorgegangenen Patronymen in der Deutschschweiz. Im Fokus steht dabei die areale Verteilung der Namenformen nach den zugrunde liegenden Ausgangsbasen. Die dritte Karte veranschaulicht die geographische Verbreitung der vier am häufigsten belegten FamN zu Johannes. Die vierte Karte schliesslich dokumentiert die durch Sprachinterferenz adaptierten Patronyme - sowohl im westlichen deutschfranzösischen Kontaktgebiet als auch im östlichen Übergangsraum zum Alträtoromanischen. 1 Vgl. die Artikel III-1.4 «Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen» und III-1.5 «Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen». 2 Zur Verbreitung des Ruf N im Italien des Mittelalters vgl. RNB 3 (1986: 281) und Siller (1999). Zur Situation in Graubünden vgl. RNB 3 (1986: 285-289) und DRG 7 (1939 ff.: 181-293). Allgemein zur Geschichte der Namengebung, zur Verbreitung des Ruf N Johannes, zu dessen biblischen Namenträgern sowie zum Heiligenkult um St. Johannes und seinen Kirchenpatrozinien s. ausführlich Schäfer (1998 ff.: s. v. Johannes Apostel, Johannes der Täufer). 1.9 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Johannes 701 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="702"?> Erste Karte {315}: Patronyme zu Johannes nach sprachlicher Zugehörigkeit Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle FamN der Schweiz aus der Zeitschicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 3 die gemäss etymologischer Datenbank (Stand 11.01.2024) auf den Ruf N Johannes zurückzuführen sind. Die entsprechenden Patronyme werden den vier Sprachregionen zugeordnet und kartiert. FamN, die infolge von Binnenmigration in mehreren Sprachregionen der Schweiz auftreten, werden nach folgendem Prinzip klassifiziert: Weisen sie keine formale Adaption auf - wie etwa der Name Henny in drei französischsprachigen Gemeinden des Kantons Waadt -, gelten sie als deutsch. FamN, die durch sprachliche Interferenz formal an die Zielsprache angepasst wurden, werden hingegen dieser zugeordnet. So wird bspw. der in der Deutschschweiz vorkommende FamN Tschannen - eine Adaption von frz. Jean - hier als deutsch klassifiziert. Zur Schwierigkeit, adaptierte von nicht-adaptierten rätoromanischen Namenformen zu trennen, s. die vierte Karte. Dort werden Interferenzfälle zusätzlich gesondert behandelt. Für alle vier Sprachregionen werden jeweils Voll- und Kurzformen zusammengefasst. Abgefragte Namen Deutsche FamN zum RufN Johannes: Aenishänslin, Haenni, Hähni, Handschin, Häne, Häner, Häni, Hänni, Hänny, Hans, Hanselmann, Hansemann, Hanser, Hansli, Hänsli, Hanslin, Hansmann, Häny, Haus, Häuselmann, Hausin, Heiss, Henne, Henni, Henny, Hensel, Hüselmann, Jahn, Jann, Janner, Jans, Janser, Janz, Janzi, Jaus, Jauslin, Jaussi, Jendly, Jenk, Jenni, Jenny, Jensch, Jentsch, Johann, Johanni, John, Joneli, Juen, Kleinjenni, Knabenhans, Kocherhans, Langhans, Meierhans, Meisterhans, Meyerhans, Niehans, Noti, Oberhänsli, Peterhans, Tschan, Tschanen, Tschann, Tschannen, Tschanz. 64 Types, 236 Tokens. Französische FamN zum RufN Johannes: Beljean, Bonjean, Borel-Petitjean, Calame-dit-Longjean, Calame-Longjean, Cujean, Dumont-dit-Vieiljean, Favre-dit-Jean-Favre, Favre-dit-Jeanfavre, Grandjean, Grandjean-Perrenoud-Comtesse, Grosjean, Hantz, Jan, Jan du Chêne, Janin, Jean, Jean-Cartier, Jean-Mairet, Jean-Petit-Matile, Jean-Richard, Jean-Richard-dit-Bressel, Jeanbourquin, Jeandet, Jeandrevin, Jeandupeux, Jeanfavre, Jeangros, Jeanguenat, Jeanguenin, Jeanhenry, Jeanjaquet, Jeanloz, Jeanmaire, Jeanmaire-dit-Cartier, Jeanmaire-dit-Quartier, Jeanmonod, Jeannerat, Jeanneret, Jeanneret-de-la Coudre, Jeanneret-Gris, Jeanneret-Grosjean, Jeanneret-Grosjean, Jeannet, Jeannin, Jeannot, Jeannotat, Jeannottat, Jeanperrin, Jeanprêtre, Jeanquartier, Jeanrenaud, Jeanrichard-dit-Bressel, Johannot, Jonin, Matthey-Jeantet, Noirjean, Karte 315: Patronyme zu Johannes nach sprachlicher Zugehörigkeit, vor 1800 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 702 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="703"?> Perrenoud-Jeanneret, Perret-Jeanneret, Petitjean, Petitpierre-chez-Jean, Sandoz-Longjean. 62 Types, 132 Tokens. Italienische FamN zum RufN Johannes: Bomio-Giovanascini, Degiovanfrancesco, Degiovannini, Della Giovanna, Genasci, Genasci Borgna, Genazzi, Genazzini, Genel, Genella, Genelli, Genini, Genoni, Giamboni, Giambonini, Gianascio, Gianatelli, Gianella, Gianelli, Gianetta, Gianetti, Gianettoni, Giani, Gianinazzi, Gianini, Giannini, Giannoni, Gianoca, Gianocca, Gianocco, Gianola, Gianoli, Gianolini, Gianolio, Gianolli, Gianoni, Gianora, Gianossi, Gianotti, Giovanelli, Giovanetti, Giovanettina, Giovannacci, Giovannari, Giovannini, Giovannone, Giovannoni, Giovanoli, Giovanoli, Giovanora, Girell di Giovanoel, Noletta, Nolli, Nollo, Vananti, Vanazzi, Vanetta, Vanetti, Vanina, Vanini, Vannini, Vannotti, Vanolli, Vanoni, Vanotti, Zambelli, Zamboni, Zanetta, Zanetti, Zanetti Streccia, Zanini, Zanoja, Zanolari, Zanoli, Zanolini, Zanoni. 77 Types, 142 Tokens. Rätoromanische FamN zum RufN Johannes: Ans, Cagianut, Cagianuth, Cahans, Canetg, Denoth, Ganzoni, Genelin, Gianiel, Gianom, Gienal, Gienuth, Jandin, Janett, Janggen, Janigg, Janjöri, Janka, Janki, Janom, Januth, Janutin, Jenal, Jenatsch, Notegen, Nottal, Nuth, Nutli, Nutt, Nuttli, Schaniel, Tall, Zanugg, Zuan. 34 Types, 49 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-42, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 329: Daten zur ersten Karte {315} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Mit 64 Types weisen die Patronyme aus Johannes in der Deutschschweiz eine sehr hohe Formvarianz auf. Die häufigsten FamN in der Zeitschicht «vor 1800» sind Jenni (31 Tokens), Hänni (25 Tokens), Jenny (24 Tokens) und Häni (16 Tokens); vgl. dazu die dritte Karte. Die meisten Deutschschweizer Namenvarianten können nach ihrer Ausgangsform in sechs Hauptgruppen unterteilt werden. Nicht eindeutig klassifizierbare Namen werden separat gesammelt (siebte Gruppe). 1. Typ Johann(es): Johann, Johanni 2. Typ Jan: Jahn, Jann, Janner, Jendly, Jenni, Jenny, Kleinjenni 3. Typ Jans: Jans, Janser, Janz, Janzi, Jaus, Jauslin, Jaussi 4. Typ Hans: Hans, Hanselmann, Hansemann, Hanser, Hansli, Hanslin, Handschin, Hansmann, Knabenhans, Kocherhans, Langhans, Meierhans, Meisterhans, Meyerhans, Niehans, Peterhans, Hänsli, Oberhänsli, Aenishänslin, Hensel, Haus, Hausin, Häuselmann, Hüselmann, Heiss 5. Typ Häni: Haenni, Hähni, Häne, Häner, Häni, Hänni, Hänny, Häny, Henne, Henni, Henny 6. Typ Tschan: Tschan, Tschanen, Tschann, Tschannen, Tschanz 7. Nicht eindeutig klassifizierbare FamN: Jenk, Jensch, Jentsch, John, Joneli, Juen, Noti Für die erste Ausgangsform Johann(es) ist neben dem Simplex Johann die latinisierte Variante Johanni dokumentiert. Bei der zweiten Gruppe mit der Ausgangsform Jan sind nebst Schreibvarianten (Jahn, Jann) auch Ableitungen (Janner, Jenni, Jenny, Jendly) und ein Kompositum (Kleinjenni) entstanden. Die FamN zur dritten Ausgangsform gehen auf eine durch Synkope des e aus Janes entstandene Variante Jans zurück. Neben dem Simplex Jans und den graphematischphonologischen Varianten Janz und Jaus sind für diesen Typus vier Ableitungen belegt: Janser, Janzi, Jauslin und Jaussi. Die produktivste, vierte Ausgangsform bildet die Variante Hans, eine früh entstandene Kurzform des Ruf N Johannes. Zu dieser Basis gehören nebst drei Varianten des Simplex (Hans, Heiss und Haus) verschiedene Ableitungen (u. a. Hanser, Hansli, Hensel, Handschin), mann-Suffigierungen (u. a. Hanselmann, Hansmann, Hüselmann) sowie eine vielfältige Palette von Komposita (u. a. Kocherhans, Langhans, Meisterhans, Oberhänsli). Innerhalb dieser vierten Gruppe werden die FamN nach den drei Varianten Hans, Haus und Heiss geordnet. Aus einer Kurz- oder Koseform von Johannes gehen die FamN der fünften Gruppe (Ausgangsform Häni) hervor. Neben einer Reihe von graphematisch-phonologischen Varianten ist eine er-Ableitung (Häner) belegt. 5 Die sechste Gruppe beruht auf dem Ruf N Jean, der ein französischer Ref lex von Johannes darstellt. Die daraus entstandenen FamN Tschan, Tschanen, Tschann, Tschannen und Tschanz weisen Interferenzerscheinungen auf (vgl. vierte Karte). Der im deutschsprachigen Saastal (VS) belegte und adaptierte FamN Noti (siebte Gruppe) gehört einer aus dem Maggiatal (TI) stammenden Familie. Aus der Auswahl ausgeschlossen und daher nicht kartiert wurden etymologisch uneindeutige FamN wie z. B. Hensch, Hänggi, Joner, Hänseler und deren Varianten. Die meisten FamN der französischsprachigen Schweiz gehen auf die häufige Rufnamenform Jean zurück. Für weitere gegenwärtige Varianten des Ruf N Johannes in der Romandie (z. B. Jan) vgl. GPSR X (1924 ff.: 91). Die Bildungsformen des Familiennamentyps sind in der Romandie besonders vielfältig: darunter Simplizia (Jean und Jan), diverse Suffigierungen (Jeannet, Jeannin, Jeannot), Komposita der Typen «Adjektiv + Ruf N» (Beljean, Bonjean, Calame-Longjean, Grandjean), «Ruf N + Adjektiv» (Jeangros), «Ruf N + BerufsN» (Jeanfavre) und «Ruf N + Ruf N» (Jean-Richard ). Bildungen mittels Zusatz dit (Jeanrichard-dit-Bressel ) sowie solche mit dem Element chez (Petitpierre-chez-Jean) sind im Sample ebenfalls vertreten. 6 In der Zeitschicht «vor 1800» ist Grandjean (11 Tokens) der häufigste französische FamN zum Ruf N Johannes. Für die graphematischphonologischen Interferenzen mit dem Deutschen (z. B. Hantz) s. die vierte Karte. Der FamN Henny in der Region Lausanne (VD) hat seinen Ursprung im Kanton Bern. In der italienischsprachigen Schweiz gehen die FamN zu Johannes auf verschiedene Ausgangsformen zurück: Die produktivsten davon basieren auf den Ruf N Giovanni - und dessen aphäretische Form Van(n)i - sowie Gianni bzw. dessen lombardische Variante Zan(n)i (De Felice 1986: 361). Der häufigste italienische FamN zu Johannes ist in der Zeitschicht «vor 1800» Gianini (12 Tokens). Das Sample für die italienischsprachige Schweiz enthält hauptsächlich Suffixableitungen wie z. B. Genazzi, Genel, Genella, Genelli, Genini oder Genoni. Weitere Bildungsmuster sind FamN mit Präposition 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 5 Für die einzelnen grammatischen Phänomene sei auf die entsprechenden Artikel verwiesen, u. a. II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» und II-2.18 «Komposita: Formvarianten im Kontrast» (v. a. ersten Karte). 6 Vgl. Artikel II-4.3 «Mehrgliedrige Familiennamen mit den Zusätzen dit, soit, alias». 1.9 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Johannes 703 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="704"?> (z. B. Degiovannini, Della Giovanna) und DoppelN (z. B. Bomio-Giovanascini, Genasci Borgna). In der Rätoromania beruhen die FamN zu Johannes auf verschiedenen Ausgangsbasen, die z. T. Interferenzspuren aufweisen (s. vierte Karte). Die wichtigsten rätoromanischen Stammvarianten sind Gian bzw. G(i)en und Jan bzw. Jen. Der häufigste FamN ist in der Zeitschicht «vor 1800» Janett (10 Tokens). Die im DRG 7 (1939 ff.: 281-283) dokumentierten Hauptformen des Rufnamentyps - Gion (surselvisch) und Jon (unterengadinisch) - sind in den FamN nicht vertreten. In der Namenauswahl kommen u. a. Suffixableitungen (z. B. Genelin, Gianom), eine Bildung mit Präposition (Denoth), vier FamN mit Präfix Ca- (Cagianut, Cagianuth, Cahans, Canetg) und eine Italianisierung (Ganzoni aus Gianzun) vor. 7 Kommentar: Die FamN, die zum Ruf N Johannes gebildet sind, sind in der Zeitschicht «vor 1800» in allen vier Sprachgebieten der Schweiz reichlich belegt, was auf die Beliebtheit des Ruf N über die Sprachgrenzen hinweg hindeutet. In der Deutschschweiz treten die entsprechenden Patronyme insbesondere im Kanton Bern - mit einer Häufung in den Verwaltungskreisen Bern-Mittelland und Seeland - sowie in Basel-Landschaft auf. Beinahe frei vom Namentypus sind die Zentralschweiz (ausser LU), die Kantone Zürich und Schaffhausen sowie das Appenzellerland. In der Romandie treten FamN zu Johannes fast f lächendeckend auf - mit Ausnahme des westlichen Wallis - und zeigen dabei eine besonders hohe Konzentration im Kanton Neuenburg. In der italienischsprachigen Schweiz und in der Rätoromania sind die Patronyme ebenfalls in allen Gebieten zahlreich belegt. Ein dichteres Vorkommen zeigt sich in der Region um die Stadt Lugano (TI). Zweite Karte {316}: Patronyme zu Johannes in der Deutschschweiz nach Ausgangsform Namenauswahl: Ausgewählt wurden die FamN, die in der ersten Karte als deutsche Realisierungen des Ruf N Johannes erfasst wurden und sich den oben beschriebenen fünf ersten Ausgangsformen zuordnen lassen. Die durch Sprachinterferenz adaptierten Patronyme des Typus Tschan werden separat in der vierten Karte behandelt. Abgefragte Namen Typ Johann(es): Johann, Johanni. 2 Tokens. Typ Jan: Jahn, Jann, Janner, Jendly, Jenni, Jenny, Kleinjenni. 7 Types, 66 Tokens. Typ Jans: Jans, Janser, Janz, Janzi, Jaus, Jauslin, Jaussi. 7 Types, 17 Tokens. Typ Hans: Aenishänslin, Handschin, Hans, Hanselmann, Hansemann, Hanser, Hansli, Hänsli, Hanslin, Hansmann, Haus, Häuselmann, Hausin, Heiss, Hensel, Hüselmann, Knabenhans, Kocherhans, Langhans, Meierhans, Karte 316: Patronyme zu Johannes in der Deutschschweiz nach Ausgangsform, vor 1800 7 Vgl. die Artikel II-2.19 «Familiennamen mit Präfix Ca-» und I-3.6 «Integration rätoromanischer Familiennamen ins Italienische». 704 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="705"?> Meisterhans, Meyerhans, Niehans, Oberhänsli, Peterhans. 25 Types, 56 Tokens. Typ Häni: Haenni, Hähni, Häne, Häner, Häni, Hänni, Hänny, Häny, Henne, Henni, Henny. 11 Types, 63 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 330: Daten zur zweiten Karte {316} Detailangaben zur Namenauswahl: S. Angaben zur ersten Karte. Kommentar: Die fünf Namentypen verteilen sich über das Territorium der Deutschschweiz. Die häufigsten zwei Typen sind Jan (66 Tokens) und Häni (63 Tokens): Während der erste ziemlich verstreut auftritt, zeigen die FamN zur Ausgangsform Häni eine markantere Präsenz im westlichen Teil der Deutschschweiz. Der Typ Hans (56 Tokens) erscheint gehäuft im Kanton Thurgau. Die FamN des Typus Jans treten über den grössten Teil des deutschsprachigen Gebiets auf, während diejenigen aus Johann(es) einmal im Entlebuch (LU) und einmal in der Region Landquart (GR) vorkommen. Dritte Karte {317}: Die häufigsten Patronyme zu Johannes in der Deutschschweiz Namenauswahl: Ausgewählt wurden die vier frequentesten FamN (16 Tokens und mehr), die bei der ersten Karte als deutsche Realisierungen des Ruf N Johannes erfasst wurden (vgl. die Angaben zu den Formvarianten oben). Auf der Karte werden die FamN nach ihrer Frequenz geordnet. Abgefragte Namen Jenni: 31 Tokens. Hänni: 25 Tokens. Jenny: 24 Tokens. Häni: 16 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 331: Daten zur dritten Karte {317} Detailangaben zur Namenauswahl: S. Angaben zur ersten Karte. Kommentar: Der in der Deutschschweiz häufigste FamN Jenni bildet eine Ballung im Wahlkreis Entlebuch (LU) und in der angrenzenden Region Emmental (BE). Die Schreibvariante Jenny findet sich v. a. im Sensebezirk (FR) und in den Kantonen Basel-Landschaft Karte 317: Die vier häufigsten deutschen Patronyme zu Johannes, vor 1800 1.9 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Johannes 705 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="706"?> und Glarus. Der zweithäufigste FamN Hänni kommt hauptsächlich in den Verwaltungskreisen Thun und Bern-Mittelland (BE) vor. Komplementär dazu bildet seine Schreibvariante Häni ein Nest unweit davon im Seeland (BE). Vierte Karte {318}: Interferenzformen aus Johannes Namenauswahl: Ausgewählt wurden durch Sprachinterferenz adaptierte Patronyme aus Johannes, sowohl für die westliche deutschfranzösische Kontaktsituation als auch für diejenige im östlichen deutsch-(alt-)rätoromanischen Kontaktgebiet. Für die italienischsprachige Schweiz sind keine Interferenzfälle bezeugt. Wie das RNB 3 (1986: 282) für das rätoromanische Sprachgebiet festhält, ist es bei einigen Namen aus dieser Kontaktregion nur schwer möglich, sie als eine deutsch-romanische Symbiose (z. B. Janggen) oder aber als blosse deutsche Schreibvariante zu klassifizieren, wie z. B. Gienuth oder Januth für Gianutt. Diese und weitere Fälle gehen aus dem Bestreben hervor, die für die deutschsprachigen Schreiber fremden romanischen Palatallaute mit deutschen Graphemen wiederzugeben, zumal im alträtoromanischen Gebiet des Mittelalters die Schriftsprache neben dem Lateinischen noch überwiegend Deutsch war. Dementsprechend wurden hier als Interferenzformen sowohl morphologisch adaptierte Namen - inklusive Hybridformen des Typus Cahans - als auch graphematische Varianten ausgewählt. Abgefragte Namen Interferenzen Französisch → Deutsch: Tschan, Tschanen, Tschann, Tschannen, Tschanz. 20 Tokens. Interferenzen Deutsch → Französisch: Hantz. 1 Token. Interferenzen Rätoromanisch → Deutsch: Cagianuth, Cahans, Denoth, Gienuth, Janggen, Janigg, Janka, Janki, Januth, Jenal, Notegen, Nuth, Nutli, Nutt, Nuttli, Schaniel, Zanugg. 17 Types, 20 Tokens. Interferenzen Deutsch → Rätoromanisch: Ans. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 332: Daten zur vierten Karte {318} Detailangaben zur Namenauswahl: Im rätoromanisch-deutschen Kontaktgebiet sind 18 Types belegt, die Interferenzerscheinungen aufweisen - d. h. mehr als die Hälfte aller als rätoromanisch klassifizierte Johannes-Patronyme. Ans stellt das einzige Beispiel von Romanisierung dar, alle anderen Fälle resultieren aus der Eindeutschung rätoromanischer Namenformen. Diese sind durch vielfältige formale Adaptionen entstanden, die sich auf graphematisch-phonologischer und/ oder morphologischer Ebene auf die Namen auswirken: 8 Karte 318: Interferenzerscheinungen in Patronymen zu Johannes, vor 1800 8 Vgl. die Artikel I-3.4 «Graphematisch-phonologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche» und II-2.20 «Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche». 706 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="707"?> • Graphematische Anpassung th für [tː]: 9 Cagianuth, Denoth, Gienuth, Januth, Nuth • Graphematische Anpassung j für palatalen Laut: Janigg, Januth, Jenal usw. • Sibilantenwechsel: Schaniel (zu rätorom. Gianiel ), Zanugg (zu rätorom. Janúgg) • Akzentrückzug auf die Erstsilbe: Jánggen, Jánka, Jánki (alle zu rätorom. Janígg) • Kürzung durch Aphärese: Nuth, Nutt und diminutivisches Nutli, Nuttli (alle zu rätorom. Janútt) 10 • Kürzung durch Synkope: Janggen, Janka, Janki • Suffigierung mit deutschem Diminutiv -i oder -li: Janki, Nutli, Nuttli • Bildung von hybriden Ca-Namen: 11 Cahans Auch im westlichen Kontaktgebiet kommen Eindeutschungen öfter vor als Romanisierungen, jedoch allgemein spärlicher als in der alträtoromanischen Region. Anlautendes Tschref lektiert die deutsche Realisierung des ungewohnten romanischen palatalen Anlauts im Ruf N Jean. Einziges Beispiel für graphematisch-phonologische Romanisierung ist in diesem Gebiet der FamN Hantz. 12 Kommentar: Die eingedeutschten französischen FamN kommen gehäuft in den Verwaltungskreisen Bern-Mittelland und Thun (BE) vor. Weitere, verstreute Interferenzfälle finden sich im Gebiet zwischen den Städten Biel und Bern, daneben treten einige Ortspunkte in den Kantonen Basel-Landschaft und Solothurn in Erscheinung. Der im französischsprachigen Jura belegte EinzelN Tschan ist vermutlich aus dem angrenzenden elsässischen Haute-Rhin eingewandert, wo der Name verbreitet ist (Filae o. J.: s. v. Tschan; s. auch DFA 6 2017: 638). Das einzige westliche Beispiel von Romanisierung (Hantz) ist ebenfalls im französischsprachigen Jura dokumentiert und könnte ebenfalls auf eine Einwanderung aus dem Elsass zurückgeführt werden. Die meisten eingedeutschten rätoromanischen FamN aus Johannes treten in der Surselva (GR) auf. Dies lässt sich auf die direkte Anwesenheit von Walsern oder die Nähe zu deren Siedlungen zurückführen. Die Beispiele aus Samnaun (GR) und den angrenzenden unterengadinischen Dörfern können als Einf luss des benachbarten Tirolisch-Bairischen interpretiert werden. Im rätoromanischsprachigen Gebiet ist mit Ans in Sent (GR) der einzige Fall von Romanisierung eines deutschen FamN aus Johannes bezeugt. Ergebnisse Zur Zeit der Familiennamenentstehung war Johannes im deutschsprachigen Raum und allgemein in Mitteleuropa der am häufigsten vergebene männliche Ruf N. Bereits im Stadium des Ruf N führten zahlreiche Kürzungen und Modifikationen des mehrsilbigen FremdN zu einer grossen Variantenvielfalt. Die Patronyme, die aus Johannes hervorgegangen sind, kommen in der Zeitschicht «vor 1800» in allen vier Sprachregionen der Schweiz reichlich vor, was auf die frühere sprachübergreifende Beliebtheit des Ruf N hinweist. In der Deutschschweiz zeigt der Namentyp eine Häufung in den Verwaltungskreisen Bern-Mittelland und Seeland (BE), in der französischsprachigen Schweiz treten die Namen hauptsächlich im Kanton Neuenburg auf. Interferenzformen sind in den beiden grossen Kontaktgebieten vertreten, d. h. sowohl in der westlichen deutsch-französischen Kontaktsituation als auch im östlichen deutsch-rätoromanischen Kontaktgebiet. Dabei ist die Typefrequenz im deutsch-rätoromanischen Raum höher als im Westen. Über die Hälfte der als rätoromanisch klassifizierten FamN weisen Anzeichen von Interferenzen auf, was auf die langanhaltende Zweisprachigkeit und den fortwährenden Sprachwechsel hindeutet. Im Westen kommen eingedeutschte Namenformen nicht nur im mittelalterlichen deutsch-französischen Kontaktgebiet vor (Kristol 2023: 156), sondern auch darüber hinaus in den Kantonen Solothurn und Basel-Landschaft. Das bezeugt den Einf luss des Französischen im deutschsprachigen Gebiet über die Sprachgrenze hinaus. In den vier Sprachregionen haben sich die zahlreichen Formvarianten des Ruf N Johannes in ihrer Rezeption als FamN stark diversifiziert. Im Familiennamenbestand der Deutschschweiz findet sich für die Schweiz spezifische Namenbasen, aus denen wiederum diverse Komposita und Ableitungen gebildet wurden, nämlich die Diminutive auf -li bzw. -ly, -i bzw. -y und -in sowie weitere suffigierte Formen auf -er und -mann. Die zweite Karte zeigt, dass einige Stammvarianten der Patronyme aus Johannes regional Mikroareale bilden können, wie z. B. der Namentyp Häni in den Verwaltungskreisen Bern-Mittelland und Thun (BE). Die grosse Produktivität lässt sich auch kleinräumig beobachten: In mehreren Gegenden der Romandie und des Tessins können diverse Bildungsvarianten desselben Patronyms innerhalb der gleichen Gemeinde vorkommen, wie in Cresciano (TI) Genini, Gianini, Giovannini oder in La Sagne (NE) Grandjean-Perrenoud- Comtesse, Jean-Mairet, Jean-Petit-Matile, Jean-Richard, Jean-Richarddit-Bressel. Diese bedeutende formale Ausprägung auf mikroregionaler Ebene lässt sich hauptsächlich mit dem durch einen hohen Grad an Homonymie verursachten Bedürfnis nach Differenzierung des Familiennamenschatzes erklären. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Jenni (3'606 Tokens), Hänni (3'191 Tokens) und Jenny (2'053 Tokens). In der rezenten Rangliste aller FamN der Deutschschweiz (BFS 2023: STATPOP 2022) belegt Jenni den 153. Platz. Vergleich mit benachbartem Ausland: Aus dem Ruf N Johannes sind in Deutschland über 300 FamN entstanden (Kunze 2004: 75). Der DFA 6 (2017: 630-685) erfasst in 23 Karten neben den zwei für Deutschland frequentesten Formen Jansen (31'034 Tokens) und Hansen (15'258 Tokens) eine Reihe von regional verbreiteten Varianten. Für unseren Untersuchungsraum besonders relevant sind die auf Karte 208 abgebildeten FamN (DFA 6 2017: 659): Dokumentiert sind Patronyme zur Kurzform Hans bzw. zu diminuiertem Hänsel, Hensel mit patronymischem er-Suffix. Der Typ Henseler tritt v. a. im Süden Deutschlands auf, wo er sich an das Schweizer Hans-Gebiet anschliesst und mit diesem eine gemeinsame Namenlandschaft bildet (vgl. zweite Karte). Für Liechtenstein werden die FamN Cahenzli, Gahans, Hanselmann, Hansen, Hensler, Jahn, Jenni, Jenny, John, Knabenhans, Nott und Nutt dokumentiert (FLNB II/ 3 2008: 143, 9 Vgl. Artikel I-2.8 «Schreibvariation t/ th». 10 Die aphäretischen Formen dienen als Basis für weitere Bildungen wie Denoth, Notegen. 11 Vgl. Artikel II-2.19 «Familiennamen mit Präfix Ca-». 12 Vgl. die Artikel I-3.3 «Integration französischer Familiennamen ins Deutsche» und I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». 1.9 Patronyme zu nicht-germanischen Rufnamen: Johannes 707 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="708"?> 248-249, 330, 351-352, 396, 399-401, 405-406, 438; FLNB II/ 4 2008: 126-127). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2023): STATPOP 2022. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Kanton und nach Sprachregion für das Jahr 2022. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 26925057 (letzter Zugriff 11.01.2024). Caffarelli, Enzo (2016): Cognomi in Italia: storia, tipologie, significati e statistiche in 450 domande e risposte (L’arte del nome 9). Roma: SER. De Felice, Emidio (1986): Dizionario dei nomi italiani. Origine, etimologia, storia, diffusione e frequenza di oltre 18.000 nomi. Milano: Mondadori. DFA 6 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2017): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 6: Familiennamen aus Rufnamen. Berlin, Boston: De Gruyter. DRG = Dicziunari Rumantsch Grischun (1939 ff.): Bd. 1 ff. Chur: Bischofberger, dann Winterthur: Stamparia, dann Chur: Societad Retorumantscha. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. 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Morlet, Marie-Thérèse (1997): Dictionnaire étymologique des noms de famille. Nouvelle édition revue et augmentée. Paris: Perrin. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Rossebastiano, Alda/ Papa, Elena (2005): I nomi di persona in Italia: dizionario storico ed etimologico. 2 Bde. (La nostra lingua). Torino: UTET. Schäfer, Joachim (1998 ff.): Ökumenisches Heiligenlexikon. https: / / www. heiligenlexikon.de (letzter Zugriff 30.07.2025). Siller, Max (1999): Von Johannes bis Hans. Die frühe Verbreitung und Entwicklung eines Rufnamens im südlichen romanisch-germanischen Grenzbereich. In: Pümpel-Mader, Maria/ Schönherr, Beatrix (Hrsg.): Sprache - Kultur - Geschichte. Sprachhistorische Studien zum Deutschen. 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Besprochen werden hier ausgewählte Familiennamentypen, bei denen die Hauptvertreter in den historischen Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» in der Rangliste der häufigsten Patronyme der Deutschschweiz die Spitzenplätze belegen. 1 Es sind dies Michel, Jost, Jakob, Matthias und Fluri. Hintergrund: Als Top 20 der Patronyme figurieren - hier nach Frequenz geordnet - folgende FamN: Peter, Hug, Kunz, Egli, Marti, Hartmann, Kuhn, Michel, Christen, Lüthi, Martin, Erni, Rüegg, Ott, Jost, Arnold, Richard, Hermann, Bürgi und Jenni. Unter ihnen gehen 13 FamN auf germanische Ruf N zurück, die jeweils separat oder in einem von zwei Sammelartikeln behandelt werden: Hug, Kunz, Egli, Hartmann, Kuhn, Lüthi, Erni, Rüegg, Ott, Arnold, Richard, Hermann und Bürgi. 2 Unter den sieben häufigsten Patronymen aus nichtgermanischen Ruf N wurden diejenigen FamN gesondert behandelt, die eine relevante Formvarianz erkennen lassen und für welche die morphologische wie auch die räumliche Erschliessung besonders signifikant ist. Die Darstellung erfolgt nach dem zugrunde liegenden Ruf N sowie sprachübergreifend: Peter (zu Petrus), Marti und Martin (beide zu Martīnus), Christen (zu Christiānus) und Jenni (zu Johannes). Es verbleiben folgende zwei FamN, die hier als «Kernnamen» (DFA 6 2017: XXII) aufgegriffen und zusammen mit ihren Varianten dokumentiert werden: Michel (erste Karte) und Jost (zweite Karte). In Ergänzung der häufigsten Patronyme aus nicht-germanischen Ruf N werden in diesem Artikel zusätzlich die FamN aus den Ruf N Jakob (dritte Karte), Matthias (vierte Karte) und Florian bzw. Fluri (fünfte Karte) kartiert und besprochen. Diese drei Typen gehören zwar nicht zu den Top 20, weisen aber eine Vielfalt an Varianten auf, die teilweise spezifisch für die Schweiz sind. Weitere Ruf N wie Thomas (u. a. FamN Thommen), Stephan (u. a. FamN Steffen), Simon (u. a. FamN Simmen), Andreas (u. a. FamN Ender) oder Anton (u. a. FamN Antenen) sind ebenfalls variantenreich, sie sind aber einzeln nicht frequent und zeigen gegenüber dem restlichen deutschsprachigen Raum keine auffälligen onymischen Besonderheiten auf. Im deutschen Sprachraum nahm ab dem späten 12. Jh. die Anzahl und Vergabe von fremdsprachigen Ruf N deutlich zu, wobei es sich hauptsächlich um HeiligenN handelte. Diese Entwicklung erreichte einen Höhepunkt im 15./ 16. Jh. (Kunze 2004: 41; Dräger 2013: 34). Die dem deutschen Sprachsystem fremden Elemente unterlagen bei der Integration unterschiedlichen Anpassungsprozessen, die zu einer erheblichen Aufspaltung im Namenbestand führten. Bei mehrsilbigen nicht-germanischen Ruf N betrifft die grundlegendste Adaption die Betonung: Je nach Zeit und Ort der Integration wurde der Name entweder an die germanische Erstsilbenbetonung angepasst oder in seiner ursprünglichen Betonungsstruktur bewahrt. Eine Akzentverschiebung auf die erste Silbe konnte zur Schwächung oder zum Wegfall der Nebensilben führen: Bei Tilgung oder Ausfall der Silbe(n) am Wortende spricht man von Apokope, am Wortanfang hingegen von Aphärese: Beispiele aus den vorliegenden Namensamples sind Jäck und Kopp aus Jakob. Die so entstandenen Kurzformen wurden danach häufig suffigiert und/ oder graphematisch-phonologisch an die jeweiligen mundartlichen Verhältnisse angepasst. 3 Die daraus resultierende grosse Rufnamenvielfalt spiegelt sich in der Fülle an Patronymen wider. Fragestellungen: Vor diesem Hintergrund ergeben sich folgende Fragestellungen: Wo kommen die fünf ausgewählten FamN (inklusive ihrer Varianten) in der Deutschschweiz vor und in welchem räumlichen Verhältnis stehen die verschiedenen Bildungstypen bzw. graphematisch-phonologischen Varianten? 4 Neben dem arealen Vorkommen interessieren auch die Type- und Tokenverhältnisse der verschiedenen Bildungsmuster. Kartiert werden die fünf Namentypen jeweils separat; innerhalb der Karte werden die dazugehörigen Varianten kontrastiv dargestellt. 1 Die auf den historischen Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» basierenden Frequenzangaben zu den FamN sind nur bedingt als Frequenzen zu betrachten, vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». In der Datenbank des FDS entspricht ein Token aus historischen Daten grob einer Schweizer Gemeinde, in welcher ein bestimmter FamN vorkam - nicht jedoch der Anzahl aller Personen, die den FamN trugen (Berchtold/ Kempf 2022: 152-153). Die reale Zahl der Namenträger: innen liegt somit deutlich höher. Da der Wert jedoch die Anzahl der Gemeinden und somit die Verbreitung eines FamN beziffert, kann er annäherungsweise als Grundlage für die Erstellung einer quantitätsbasierten Rangliste herangezogen werden. 2 Für die einzelnen Familiennamentypen sei auf die entsprechenden Artikel verwiesen. Vgl. auch die Artikel III-1.4 «Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen» und III-1.5 «Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen». 3 Zu den verschiedenen Bildungsweisen der Ruf N - also Vollformen, einstämmige oder zweistämmige Kurz- und Koseformen (Hypokoristika) - sei allgemein auf Seibicke (2008: 93-94) verwiesen. Zur inhaltlichen Abgrenzung der Termini Voll-, Kurz- und Koseform beachte man die Diskussion in Dräger (2013: 39, Anmerkung 110) und Kunze (2004: 20-21). Für Näheres zu den verschiedenen Typen von Kurzformen in Patronymen aus germanischen Ruf N vgl. die Artikel III-1.4 «Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen» und III-1.5 «Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen». 4 Die Dokumentation im vorliegenden Artikel beschränkt sich auf (schweizer-)deutsche FamN. Romanische Ref lexe der zugrunde liegenden Ruf N (z. B. für den Typ Jakob die in drei romanischsprachigen Gebieten vorkommenden FamN Jaquet, Giacometti oder Jacomet) werden hier - bis auf wenige Parallelen - nicht berücksichtigt. 1.10 Patronyme zu weiteren nicht-germanischen Rufnamen 709 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="710"?> Erste Karte {319}: Familiennamentyp Michel Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» (Datenquelle: FNB), 5 die in der etymologischen Datenbank (Stand 17.04.2024) auf den Ruf N Michael zurückgeführt werden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Patronyme nach Bildungstypen bzw. graphematisch-phonologischen Varianten. Abgefragte Namen Michel: 57 Tokens. Michael: 7 Tokens. Michlig: 2 Tokens. Tomamichel: 1 Token. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 11-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 333: Daten zur ersten Karte {319} Detailangaben zur Namenauswahl: 6 Die hier dokumentierten FamN gehen alle auf den männlichen Ruf N hebräischen Ursprungs Michael zurück. Der aus der Bibel in lateinischer Form übernommene Ruf N fand im Mittelalter als Name des Erzengels in der christlichen Welt Verbreitung (Id. 4 1881 ff.: Sp. 59-61; RNB 3 1986: 326-327; Kohlheim/ Kohlheim 2005: 461). In der Deutschschweiz ist die häufigste Variante des Namentyps Michel, die aus der Auf lösung des Hiatus ae resultiert. Die hohe Tokenzahl des Patronyms ist z. T. dem in der Romandie vorkommenden, homographen FamN geschuldet. Von den 57 Tokens sind nämlich 17 in der französischsprachigen Schweiz belegt. Auf der graphematisch-phonologischen Ebene sind die FamN aus Michael ziemlich stabil. Nur die Variante Michael zeigt die latinisierende Schreibung mit ae. Michlig ist mit dem Zugehörigkeitssuffix -ig gebildet. 7 Tomamichel ist aus dem FamN Toma (zum Ruf N Tommaso) und Michel zusammengesetzt (Lurati 2000: 470-471). 8 Die FamN aus Michael sind auch in der Romania verbreitet: in der Romandie u. a. Michaud, Michelet und Michellod, in der italienischsprachigen Schweiz Micheli, Demicheli, Micheletti und Micherolli, in der Rätoromania Camichel. 9 Karte 319: Familiennamentyp Michel, vor 1800 u. Herkunft 5 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 6 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 7 Vgl. Artikel II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing». 8 Vgl. Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». 9 Vgl. Artikel II-2.19 «Familiennamen mit Präfix Ca-». 710 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="711"?> Kommentar: Der häufigste FamN im Sample Michel bildet in der Deutschschweiz drei voneinander unabhängige Areale: Zwei an der westlichen bzw. östlichen Sprachgrenze und eines in der Mitte des Landes. Im Westen sind es Gebiete im Berner Oberland (Verwaltungskreis Interlaken-Oberhasli) und in der Region Bern-Mittelland, im Osten tritt der Name in früh verdeutschten Gebieten Graubündens auf (Prättigau, Plessur), im Zentrum tritt das Bünztal im südlichen Teil des Kantons Aargau hervor. Die Variante mit latinisierter Schreibung Michael tritt ausschliesslich in zwei Gemeinden Graubündens auf. Michlig ist typisch für das deutschsprachige Wallis, Tomamichel für die Tessiner Walsersiedlung Bosco/ Gurin. Zweite Karte {320}: Familiennamentyp Jost Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft», die in der etymologischen Datenbank auf den Ruf N Joos bzw. Jost zurückgeführt werden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Patronyme nach ihrem Bildungstyp (mit oder ohne t-Antritt) bzw. nach graphematisch-phonologischen Varianten (mit langem oder kurzem Vokal). Abgefragte Namen Jost: 42 Tokens. Joos: 21 Tokens. Joss: 8 Tokens. Joost: 2 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 334: Daten zur zweiten Karte {320} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier dokumentierten FamN gehen alle auf den männlichen Ruf N bretonischen Ursprungs Jodocus zurück. Die deutschen Varianten haben sich aus der altfranzösischen Namenform Josse entwickelt (Kohlheim/ Kohlheim 2013: 243). Das Id. 3 (1881 ff.: Sp. 74) dokumentiert die Ruf N Joos, Jost und Joost. In der Deutschschweiz ist die häufigste Variante des Familiennamentyps Jost, die, wie die Variante Joost, aus unorganischer t-Erweiterung resultiert. 10 Graphematische (und evtl. auch phonologische) Varianz zeigt sich ausserdem bei der Schreibung des Vokals als -obzw. -oo-. Karte 320: Familiennamentyp Jost, vor 1800 u. Herkunft 10 Vgl. Artikel II-2.13 «Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut». 1.10 Patronyme zu weiteren nicht-germanischen Rufnamen 711 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="712"?> Da generell keine suffigierten oder weitergebildeten Formen aufgenommen wurden, blieben die niederfrequenten FamN Josti und Josty (beide im Unterengadin GR) sowie Jossen (deutschsprachiges Wallis) in der Kartierung unberücksichtigt. Ebenfalls nicht kartiert ist der im Kanton Thurgau vorkommende FamN Jaiser, da es sich dabei um eine nicht-einheimische (schwäbische) Form handelt. Aus der Auswahl ausgeschlossen wurden die etymologisch unsicheren FamN Josi, Jossi, Zoss und Zosso. Nicht abgebildet, aber für die Rätoromania zu erwähnen, sind der hybride FamN Cajoos - gebildet aus dem Präfix Ca- (aus rätorom. casa ‘Haus’) und dem Ruf- oder FamN Joos - und das Patronym Giossi (beide Region Surselva GR). Kommentar: Die vier häufigsten FamN aus dem Ruf N Joos / Jost bilden in der Deutschschweiz voneinander unabhängige Areale: Das grösste davon umfasst eine zusammenhängende Region bestehend aus dem Emmental (BE), dem Oberaargau (BE), dem Luzerner Hinterland und dem Gebiet rund um den Sempachersee (Wahlkreis Sursee LU). Ein kleineres Gebiet ist im deutschsprachigen Wallis auszumachen. In diesen beiden westlichen Regionen der Deutschschweiz überwiegt der FamN Jost. Komplementär dazu ist die Verbreitung der Variante Joss, die ausschliesslich im Bezirk Bern-Mittelland (BE) verzeichnet ist. In der östlichen Landeshälfte - insbesondere in den ehemaligen alträtoromanischen Gebieten St. Gallens und Graubündens - kommt der FamN Joos am häufigsten vor, obwohl dort auch Jost auftritt. Schliesslich sind am nordöstlichen Rand des Kantons Zürich und im benachbarten Kanton Schaffhausen wenige Belege der beiden Varianten Jost und Joos dokumentiert. Dritte Karte {321}: Familiennamentyp Jakob Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft», die in der etymologischen Datenbank auf den Ruf N Jakob zurückgeführt werden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Patronyme nach ihrer Ausgangsform. Abgefragte Namen Typ Jakob: Jacober, Jakob, Jakober. 14 Tokens. Typ Jak-: Jäck, Jäckh, Jäckli, Jäcklin, Jaeggi, Jaeggy, Jaggi, Jäggi, Jäggin, Jaggy, Jägli, Jäk, Jeck, Jeckelmann, Jecklin, Jegge, Jeggi, Jeggli, Jekelmann, Joggi. 20 Types, 83 Tokens. Typ Kob-: Kobel, Kobelt, Kobi, Koblet, Koebel, Kopp, Köpp, Köppel, Köppli, Köpplin. 10 Types, 46 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 335: Daten zur dritten Karte {321} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier dokumentierten FamN gehen alle auf den aus der Bibel übernommenen männlichen Karte 321: Familiennamentyp Jakob, vor 1800 u. Herkunft 712 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="713"?> Ruf N hebräischen Ursprungs Jacóbus zurück. Der ab dem 13. Jh. sehr beliebte Ruf N verdankt seine Popularität der bedeutenden Wallfahrtsstätte Santiago de Compostela (Kohlheim/ Kohlheim 2013: 229). Jakob ist in zahlreichen Varianten, darunter vielen Kurzformen, in den Familiennamenschatz der Deutschschweiz eingegangen. Dies kann u. a. auf die eingangs beschriebene Anpassung fremder Ruf N an das (schweizer-)deutsche Lautsystem zurückgeführt werden. Bei der Integration ins Deutsche wurden zwei Prozesse angewendet: 1. Die Betonung wurde auf die erste Silbe verlegt ( Jácobus); dabei entstanden Vollformen wie Jakob oder apokopierte Formen wie Jäggi und Varianten. 2. Die Betonung wurde auf der zweiten Silbe bewahrt ( Jacóbus); dies ergibt aphäretische Formen wie Kopp und Varianten. Die insgesamt 33 deutschsprachigen Varianten der FamN aus Jakob können nach den genannten Ausgangsformen in drei Gruppen unterteilt werden: Vollformen (Typ Jakob), apokopierte Formen (Typ Jak-) und aphäretische Formen (Typ Kob-). In der Deutschschweiz sind die tokenfrequentesten Varianten Jäggi (30 Tokens) und Jaggi (22 Tokens). Die Kurzformen des Familiennamentyps sind gegenüber den Vollformen viel frequenter. Aus den drei Ausgangsformen sind neben dem Simplex Jakob verschiedene Ableitungen entstanden - v. a. Diminutiva, aber auch patronymische er- und mann-Ableitungen (Jakober, Jeckelmann). Auf der graphematisch-phonologischen Ebene lässt sich folgende Varianz beobachten: bei Typ Jakdie Vokale a / ä / ae / e / o sowie die Konsonanten c / k / g, bei Typ Kobdie Vokale o / ö / oe sowie die Konsonanten p / b und bei beiden Typen die unterschiedliche Schreibung des Auslauts im Diminutivsuffix (-i, -in, -y und -e). Die Varianten mit l-Diminutivsuffix (Jägli, Jäcklin, Köppli, Koebel ) sind gegenüber den l-losen (Jaggi, Kobi) zahlenmässig spärlicher. Ausgeschlossen, weil etymologisch uneindeutig, sind die FamN Jakoberger (vermutlich WohnstättenN), Jaisli und Jappert. Für die Rätoromania ist der hybride FamN Cajacob zu erwähnen - gebildet aus dem Präfix Ca- (aus rätorom. casa ‘Haus’) und dem Ruf- oder FamN Jacob. Kommentar: Der Familiennamentyp Jakob kommt im grössten Teil der deutschsprachigen Schweiz vor, wobei der westliche Teil dieser Sprachregion deutlich als Namenraum hervortritt. Die zahlreichsten FamN aus der Kurzform Jakverteilen sich hauptsächlich in der westlichen Hälfte der Deutschschweiz und zeigen die höchste Konzentration im Gebiet entlang der Aare zwischen Biel (BE) und Aarau (AG). Im Nordosten treten die Namen aus Jakerst östlich des Tösstals (ZH) vereinzelt auf, welches hier eine Namengrenze bildet. Im Osten sind sie nur vereinzelt mit der Variante Jecklin in Graubünden und punktuell mit den Varianten Jäck, Jäckh und Jäk in Müllheim (TG) belegt, wo sie ein Namennest bilden. Die Kurzformen aus Kobverteilen sich im Osten v. a. zwischen Winterthur (ZH) und dem Toggenburg (SG) und im Westen hauptsächlich im Kanton Bern. Die wenigen FamN aus der Vollform Jakob finden sich verstreut im westlichen Teil der Deutschschweiz im Kanton Bern, in der Zentralschweiz in den Kantonen Luzern und Obwalden sowie im Osten in den Kantonen Glarus und Appenzell Ausserrhoden. Das Gebiet um den Zürichsee (ZH, SZ) und den Walensee (SG) sowie die Zentralschweiz sind, abgesehen von wenigen Streubelegen, frei von diesem Namentyp. 1.10 Patronyme zu weiteren nicht-germanischen Rufnamen 713 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="714"?> Vierte Karte {322}: Familiennamentyp Matthias Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft», die in der etymologischen Datenbank auf den Ruf N Matthias zurückgeführt werden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Patronyme nach ihrem Bildungstyp. Abgefragte Namen Typ Matthias: Mathis, Mathys, Matthis, Matthys. 49 Tokens. Typ Mat-: Mathier, Mathyer, Matsch, Mattig, Mattle, Mattli. 6 Types, 18 Tokens. Typ Tis-: Deis, Deiss, Disler, Dissler, Dysli, Thiessing. 6 Types, 19 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 336: Daten zur vierten Karte {322} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier ausgewählten FamN gehen alle auf den männlichen Ruf N hebräischen Ursprungs Matthias zurück (Kohlheim/ Kohlheim 2013: 297). Matthias ist in zahlreichen Varianten (darunter vielen Kurzformen) in den Familiennamenschatz der Deutschschweiz eingegangen. Dies kann u. a. auf die grosse Varianz des Ruf N zurückgeführt werden, die wiederum aus seiner Anpassung an das (schweizer-)deutsche Lautsystem resultierte. Bei der Integration ins Deutsche wurden die eingangs beschriebenen zwei Prozesse angewendet: 1. Die Betonung wurde auf die erste Silbe verlegt (Mátthias). Dabei entstanden Vollformen - wie solche, die sich im FamN Mathis erkennen lassen - oder apokopierte Formen, die z. B. im Ruf N Matz (Id. 4 1881 ff.: Sp. 610) oder im FamN Mattli ersichtlich sind. 2. Die Betonung wurde auf der zweiten Silbe bewahrt (Matthías). Dies führte zu aphäretischen Formen wie im Ruf N Tiis (Id. 13 1881 ff.: Sp. 1768) bzw. in FamN wie Deis und Varianten. Die insgesamt 16 deutschsprachigen Varianten der FamN aus Matthias können nach den genannten Ausgangsformen in drei Gruppen unterteilt werden: Vollformen (Typ Matthias), apokopierte Formen (Typ Mat-) und aphäretische Formen (Typ Tis-). In der Deutschschweiz sind die tokenfrequentesten Varianten Mathys (23 Tokens) und Mathis (20 Tokens). Aus den drei Ausgangsformen sind neben Mathis und Varianten verschiedene Ableitungen entstanden, v. a. Diminutiva (Mattli) sowie patronymische er- (Mathier, Disler) und i(n)g -Ableitungen (Mattig, Thiessing). Auf der graphematisch-phonologischen Ebene lässt sich folgende Varianz beobachten: bei den Vollformen und beim Typ Matdie Schreibung der Vokale i/ y und der Konsonanten t / tt, beim Typ Tisdie Vokale i/ y / ie / e / ei und die anlautenden Konsonanten D/ Th sowie allgemein die unterschiedliche Schreibung des Auslauts im Diminutivsuffix -(l)i, -(l)e. Karte 322: Familiennamentyp Matthias, vor 1800 u. Herkunft 714 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="715"?> Ausgeschlossen, weil etymologisch uneindeutig, sind die FamN Heis, Heiss, His und Hiss. Für die Rätoromania ist der hybride FamN Camathias zu erwähnen - gebildet aus dem Präfix Ca- (aus rätorom. casa ‘Haus’) und dem Ruf- oder FamN Mathias. FamN aus dem mit Matthias etymologisch verwandten Ruf N Matthäeus - wie Theus und evtl. Mettier - werden hier nicht kartiert. Kommentar: Die drei Namentypen verteilen sich in der Deutschschweiz komplementär. Die Vollformen kommen geballt in der Berner Region Oberaargau-Emmental sowie im deutschsprachigen Graubünden (v. a. Prättigau) und im angrenzenden Sarganserland (SG) vor. Für apokopiertes Matfinden sich in vielen Kantonen keine Belege; das Verbreitungsgebiet liegt mehrheitlich im Kanton Uri, im St. Galler Rheintal sowie im Deutschwallis. Die aphäretischen Formen auf Tisbzw. Diskonzentrieren sich v. a. im Luzerner Hinterland und im oberen Fricktal des Aargauer Juras. Fünfte Karte {323}: Familiennamentyp Fluri Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus den Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft», die in der etymologischen Datenbank auf eine Ausgangsform Fluri oder Flurin zurückgeführt werden. Abgefragte Namen Typ Fluri: Flori, Flory, Fluri, Flury. 42 Tokens. Florin: 10 Tokens. Flütsch: 5 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 11-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 337: Daten zur fünften Karte {323} Detailangaben zur Namenauswahl: Für die hier dokumentierten FamN sind zwei unterschiedliche Genesen anzusetzen. Die FamN im Kanton Solothurn und in den weiteren Regionen der Deutschschweiz gehen auf einen männlichen Ruf N zurück, der aus einer Kurzform des Ruf N lateinischen Ursprungs Florian (aus lat. Florianus) entstanden ist (Id. 1 1881 ff.: Sp. 1207; Kohlheim/ Kohlheim 2013: 167). Die FamN im rätoromanisch- und deutschsprachigen Graubünden hingegen gehen aus dem rätoromanischen Ruf N Flurin (aus lat. Flurinus) hervor (RNB 3 1986: 373; FLNB II/ 2 2008: 103). Die homonyme Deutschschweizer Variante Fluri ist durch Akzentrückzug (Flurín → Flúrin) entstanden. Die Präsenz des Ruf N Flurin und der davon abgeleiteten FamN in Graubünden und im historischen Churrätien überhaupt ist auf den Kult des heiligen Florin zurückzuführen (DRG 6 1939 ff.: 434-435). Da für die FamN Graubündens eine sekundäre Verschmelzung der beiden Ruf N Florian und Flurin an- Karte 323: Familiennamentyp Fluri, vor 1800 u. Herkunft 1.10 Patronyme zu weiteren nicht-germanischen Rufnamen 715 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="716"?> zunehmen ist, werden die entsprechenden FamN hier beim selben Typ behandelt. Weitere rätoromanische FamN aus dem Ruf N Flurin sind Florinet, Florinett, Florinetti, Deflorin, Flura. Der v. a. in der Romandie häufige (vereinzelt aber auch in der Deutschschweiz belegte) FamN Fleury leitet sich vermutlich von einem Toponym ab. In der Deutschschweiz sind die tokenfrequentesten Varianten des Namentyps Flury (21 Tokens) und Fluri (15 Tokens). Für die FamN aus Florian bzw. Flurin lässt sich Varianz hauptsächlich auf der graphematischen Ebene beobachten, nämlich im auslautenden -i bzw. -y. 11 Kommentar: Die Patronyme aus Florian bzw. Flurin verteilen sich in zwei getrennten Arealen. Der Typ Fluri ist typisch für den Kanton Solothurn, wo er zahlreich in beiden Schreibvarianten (-i und -y) belegt ist. Mit der Schreibung auf -i tritt er auch in Graubünden auf, hier hauptsächlich im deutschsprachigen Prättigau. Der FamN Florin kommt v. a. im deutschsprachigen Graubünden vor, vereinzelt auch im rätoromanischen Sprachgebiet. Der mit dem kosend-diminuierenden Suffix -tsch gebildete FamN Flütsch (vgl. z. B. FamN Bertsch zum Ruf N Berchtold ) ist typisch für das Prättigau (GR), das somit als östliches Kerngebiet der Patronyme aus Florian bzw. Flurin betrachtet werden kann. 12 Singulär für den Aargau sind die o-Formen Flori und Flory, die nur einmal in Wohlen (AG) bezeugt sind. Ergebnisse Die häufigsten Patronyme aus nicht-germanischen Ruf N kommen im ganzen deutschsprachigen Gebiet der Schweiz vor, wobei das Mittelland und die beiden Kontaktregionen - sowohl bei der westlichen als auch bei der östlichen Sprachgrenze - eine besondere Namendichte aufweisen. In der Zentralschweiz und in der Region um den Zürichsee treten die hier behandelten FamN spärlicher auf. Dieses Bild stimmt mit der allgemeinen Tendenz der Patronyme überein, bei der sich eine markantere Verbreitung im Mittelland abzeichnet. Die für die Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» häufigen FamN Michel, Jost, Jäggi, Mathys und Fluri konzentrieren sich jeweils in bestimmten Regionen, die den Grossteil der Tokenzahl auf sich vereinen. Die begrenzte Verbreitung eines Namentyps könnte in manchen Fällen mit einer spezifischen Heiligenverehrung oder mit einem bestimmten Patrozinium in Zusammenhang gebracht werden (für den Kult des heiligen Jodocus s. RNB 3 1986: 384). Die FamN aus nicht-germanischen Ruf N verdeutlichen die unterschiedlichen Möglichkeiten bei der Adaption fremder Ruf N. Die Versetzung des Akzents auf die erste Silbe scheint bei der Eindeutschung fremder Ruf N der häufigere Prozess zu sein. Die möglichen Verfahren (Verlagerung oder Bewahrung der Betonung) ergeben diatopische Unterschiede; regionale Präferenzen in der Eindeutschung fremder Namen lassen sich anhand der FamN aus den Ruf N Jacobus und Matthias repräsentativ zeigen (dritte und vierte Karte). Eine einheitliche Tendenz hin zur Apokope oder Aphärese für bestimmte Regionen lässt sich allerdings nicht erkennen: Die Karten zu Jakob und Matthias zeigen kein konsistentes Muster. Neben der lautlichen Adaption können auch unterschiedliche schriftliche Realisierungen die Vielfalt der Patronyme aus nichtgermanischen Ruf N verursachen (vgl. Jäck, Jäckh, Jäk, Jeck). Zudem führen die verschiedenen Möglichkeiten der formalen Modifikation zu einer weiteren Namenaufspaltung (vgl. Matsch, Mattli, Mathier, Mattig). Patronymische Genitivbildungen kommen bei den hier kartierten FamN nicht vor. Bis auf die Patronyme aus Jakob zeigen die hier behandelten Familiennamentypen im Vergleich mit anderen produktiven Typen wie Konrad oder Johannes insgesamt keine besonders hohe Bildungs- und Schreibvarianz. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Michel (6'045 Tokens), Jost (4'508 Tokens) und Mathys (3'355 Tokens). Die hohe Frequenz des FamN Michel kann auch durch seine Präsenz in der französischsprachigen Schweiz erklärt werden. In der rezenten Rangliste der FamN der ständigen Wohnbevölkerung der Deutschschweiz (BFS 2023: STATPOP 2022) belegt Michel den 84. Platz und gehört somit - nach Marti, Peter und Bieri - zu den häufigsten Patronymen aus nicht-germanischen Ruf N des deutschsprachigen Landesteils. Für die Zeitschichten «vor 1800» und «Herkunft» ist der frequente FamN Germann zu erwähnen. Für diesen relativ häufigen Namen, der fast ausschliesslich im Nordosten des Landes vorkommt (SH, TG und SG), gibt es zwei mögliche Deutungen: Entweder ist er ein Patronym (zum Ruf N lateinischer Herkunft Germanus) oder ein WohnstättenN (mann-Ableitung zu einem Toponym Geere ‘Spitze, spitzer Landstreifen’). Vergleich mit benachbartem Ausland: Der FamN Michel belegt unter den häufigsten FamN in Deutschland Rang 141. Jost auf Platz 353 kommt auch ziemlich häufig vor, während die mit dem für die Schweiz typischen Diminutivsuffix -i gebildeten FamN Jäggi und Fluri konsequenterweise in Deutschland praktisch kein Vorkommen zeigen (DFD o. J.). Im DFA 6 (2017: 118-129) werden die FamN aus Jodocus gesondert kartiert. Für die Varianten Jost und Joos sei explizit auf Karte 192 verwiesen. Die FamN aus Jacobus, Matthias und Michael hingegen werden in verschiedenen Bänden thematisiert (vgl. DFA 6 2017: XXV-XXXIX). Ref lexe aus dem Ruf N Florian sind im DFA (2009-2018) nicht dokumentiert. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der 11 Vgl. Artikel I-1.14 «Schreibvariation i/ y». 12 Vgl. Artikel II-2.3 «Familiennamen auf -(t)z und -(t)sch». 716 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="717"?> Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Berchtold, Simone/ Kempf, Luise (2022): Familiennamenatlas der Deutschschweiz (FDS). Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge 57(2), 151-163. BFS = Bundesamt für Statistik (2023): STATPOP 2022. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Kanton und nach Sprachregion für das Jahr 2022. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 26925057 (letzter Zugriff 17.04.2024). DFA = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009-2018): Deutscher Familiennamenatlas. 7 Bde. Berlin, New York, Boston: De Gruyter. DFA 6 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2017): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 6: Familiennamen aus Rufnamen. Berlin, Boston: De Gruyter. DFD = Nübling, Damaris et al. (o. J.): Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). https: / / www.namenforschung.net/ dfd/ woerterbuch/ liste/ (letzter Zugriff 17.04.2024). Dräger, Kathrin (2013): Familiennamen aus dem Rufnamen Nikolaus in Deutschland (Regensburger Studien zur Namenforschung 7). Regensburg: edition vulpes. DRG = Dicziunari Rumantsch Grischun (1939 ff.): Bd. 1 ff. Chur: Bischofberger, dann Winterthur: Stamparia, dann Chur: Societad Retorumantscha. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 17.04.2024). FLNB II = Stricker, Hans/ Banzer, Toni/ Hilbe, Herbert (2008): Die Personennamen des Fürstentums Liechtenstein. 4 Bde. (Liechtensteiner Namenbuch II). Vaduz: Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2005): Duden - Familiennamen. Herkunft und Bedeutung. 2., völlig neu bearbeitete Auf lage. Mannheim et al.: Dudenverlag. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2013): Duden - Lexikon der Vornamen. Herkunft, Bedeutung und Gebrauch von über 8000 Vornamen; mit den neusten Trends und Namen aus aller Welt. 6., völlig neu bearbeitete Auf lage. Mannheim, Zürich: Dudenverlag. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Lurati, Ottavio (2000): Perché ci chiamiamo così? Cognomi tra Lombardia, Piemonte e Svizzera italiana. Varese: Macchione. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Seibicke, Wilfried (2008): Die Personennamen im Deutschen. Eine Einführung. 2., überarbeitete Auf lage. Berlin, New York: De Gruyter. Linda Steiner 1.10 Patronyme zu weiteren nicht-germanischen Rufnamen 717 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="718"?> 1.11 Metronyme: Gesamtdarstellung Schlagwörter: biblischer Rufname, germanischer Rufname, Heiligenname, Kurzform, nicht-germanischer Rufname, Vollform, weiblicher Rufname Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Im deutschen Sprachraum - wie auch darüber hinaus - sind FamN, die auf einen weiblichen Ruf N zurückgehen, im Vergleich zu solchen aus männlichen Ruf N deutlich seltener (Berndt 2009: 149). So ist auch in der deutschsprachigen Schweiz der Anteil von Metronymen am Gesamtinventar der FamN sehr gering: In der Zeitschicht «vor 1800» lassen sich nur rund 3 % aller FamN aus Ruf N auf weibliche Namen zurückführen. Trotz ihrer geringen Frequenz zeigen die Metronyme im Vergleich zu Patronymen eine bemerkenswerte Formenvielfalt. Zudem sind bestimmte Bildungstypen - etwa Komposita auf -sohn - spezifisch für diesen Namentyp. Aufgrund ihrer typologischen Besonderheit innerhalb der Gruppe der FamN aus Ruf N sowie ihrer formalen Vielfalt ist die morphologische und räumliche Erschliessung der Metronyme von besonderem Interesse. Dieser Artikel bietet eine Gesamtdarstellung der Metronyme und versteht sich als Leitartikel. Ergänzt wird der vorliegende Kartenkomplex durch einen separaten Artikel. Darin werden ausgewählte Metronymtypen gesondert kartiert, die eine relevante Frequenz und/ oder Formvarianz erkennen lassen und für welche die morphologische und räumliche Erschliessung besonders aufschlussreich ist. Es sind dies die FamN aus den Ruf N Margarete, Ita, Beela, Anna, Elisabeth, Verena, Agnes und Katharina. 1 Hintergrund: Der Terminus Metronym (griech. mēter ‘Mutter’ + griech. ónyma ‘Name’) wird hier in einem weiten Sinne verwendet: Damit werden alle FamN bezeichnet, die auf einen weiblichen Ruf N zurückgehen. Dieser muss sich nicht zwingend auf die Mutter beziehen, er kann auch weiteren weiblichen Bezugspersonen gelten - z. B. der Dienstherrin, der Ehefrau oder der Schwiegermutter - oder auf die Schutzpatronin einer Institution oder einer Örtlichkeit zurückgehen (s. u.). Benennungen nach einer Frau werden auch als Gynäkonymika (griech. gynē, Genitiv gynaikós ‘Frau’) bezeichnet (e- WSK 2022: s. v. Metronymikon). Die genauen Motive für die Entstehung eines bestimmten Metronyms müssen individuell untersucht werden und oft lässt sich darüber nur spekulieren. Die möglichen Entstehungsgründe sind in Kunze (2004: 77) wie folgt zusammengefasst (s. auch Berndt 2009: 151-153): 1. Benennung nach der Mutter oder der Ehefrau, «weil diese den Vater bzw. Gatten an Abstammung, Vermögen oder Ansehen übertraf»; 2. «Benennung von unehelich Geborenen (selten) oder von Kindern von Witwen»; 3. «Benennung von Abhängigen nach ihrer Herrin»; 4. «Benennung nach einer Institution oder Örtlichkeit, die den Namen einer Schutzpatronin trägt». Letzterer Fall gehört streng genommen zu den Wohnstätten- oder HerkunftsN, weil der zugrunde liegende Ruf N ein Toponym ist. Da sich ohne historische Einzelfallanalyse nicht mit Sicherheit bestimmen lässt, welches Motiv hinter einer Namengebung steckt, werden hier alle FamN dokumentiert, die einen weiblichen Ruf N in sich tragen. Einige Erklärungsversuche werden im Artikel III-1.12 «Metronyme: Häufige Fälle» bei den einzelnen Karten angeführt. Die FamN aus weiblichen Ruf N können sowohl auf germanischalthochdeutschen Ruf N (z. B. FamN Metz zum Ruf N Mechthild ) als auch auf nicht-germanischen Ruf N - meist christlichen Tauf- und HeiligenN - basieren (z. B. FamN Aggeler zum Ruf N Agatha). Die Entwicklung der Namengebung von weiblichen Ruf N entspricht im Grossen und Ganzen jener von männlichen Ruf N: Im deutschen Sprachraum nahm ab dem späten 12. Jh. die Anzahl und Vergabe von fremdsprachigen Ruf N deutlich zu, wobei es sich hauptsächlich um HeiligenN handelte. Diese Entwicklung erreichte im 15./ 16. Jh. einen Höhepunkt (Kunze 2004: 41; Dräger 2013: 34). Die Tendenz der frühmittelalterlichen Rufnamengeschichte ist in Kunze (2004: 44-45) auch für die weiblichen Ruf N ausführlich geschildert: «Die Fremdnamen erobern sich schnell, bes[onders] bei den Frauen, einen Platz unter den beliebtesten Rufnamen». Im ganzen deutschen Sprachgebiet gehören Margarete, Katharina, Elisabeth, Anna und Agnes zu den meistvergebenen Ruf N. Neben häufigen überregional verbreiteten Ruf N können bestimmte Rufnamentypen auch regionale Vorlieben aufweisen. Wie die Patronyme zeigen auch die Metronyme eine interessante Formenvielfalt. Diese ist v. a. auf Varianz auf den zwei onymischen Ebenen zurückzuführen: 1. im System der zugrunde liegenden Ruf N, die in den unterschiedlichen Formen ins Familiennameninventar übernommen worden sind - bspw. in den Vollformen (z. B. Margarete), Kurzformen (z. B. Greta) oder suffigierten Formen (z. B. Diminutiv Elsi zu Else) -, 2 und 2. im Familiennamensystem, wo sich verschiedene graphematisch-phonologische sowie morphologische Varianten herausgebildet haben. Wie die Patronyme weisen die Metronyme verschiedene Wortbildungsmuster auf, z. B. Ableitungen auf -li, -z, -(l/ n)er, -ig oder -i(n)ger (vgl. vierte Karte). Die meisten 1 Vgl. Artikel III-1.12 «Metronyme: Häufige Fälle». 2 Für die verschiedenen Bildungsweisen der Ruf N - also Vollformen, einstämmige oder zweistämmige Kurz- und Koseformen (Hypokoristika) - sei allgemein auf Seibicke (2008: 93-94) verwiesen. Für die Abgrenzung der Termini Voll-, Kurz- und Koseform beachte man die Diskussion in Dräger (2013: 39, Anmerkung 110) und Kunze (2004: 20-21). Für Näheres zu den verschiedenen Typen von Voll- und Kurzformen in Patronymen der Schweiz vgl. die Artikel III-1.4 «Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen» und III-1.5 «Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen». 718 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="719"?> dieser Formtypen finden sich auch bei den Patronymen; die Komposita auf -sohn sind hingegen spezifisch für die Metronyme. Fragestellungen: Auf der ersten Karte wird das Phänomen als Gesamtes dargestellt. Dabei rückt folgende Frage in den Fokus: Treten die Metronyme auf dem gesamten Gebiet der Deutschschweiz homogen auf oder bilden sie spezifische, z. T. regionale Verbreitungsareale? Ausgehend von der sprachlichen Herkunft der zugrunde liegenden Ruf N wird bei der zweiten Karte der Frage nachgegangen, in welchem räumlichen Verhältnis FamN aus germanischen vs. nichtgermanischen Ruf N zueinander stehen. Die dritte Karte widmet sich den FamN aus den produktivsten zugrunde liegenden Ruf N: Zeigen sie auffällige lokale Verankerungen oder kommen sie im gesamten Gebiet der Deutschschweiz vor? Die vierte Karte schliesslich untersucht die geographische Verteilung der verschiedenen Bildungstypen von Metronymen. Neben dem arealen Vorkommen interessieren auch die Type- und Tokenverhältnisse der Bildungsmuster. Erste Karte {324}: Metronyme in der Deutschschweiz Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus der Zeitschicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 3 die in der etymologischen Datenbank (Stand 07.05.2024) auf einen weiblichen Ruf N zurückgeführt werden. Abgefragte Namen Metronyme, vor 1800: Accola, Aggeler, Agner, Agten, Aletz, Anna, Annaheim, Annasohn, Anneler, Annen, Anner, Baehler, Bähler, Barben, Beeler, Bridler, Cathry, Dillier, Dort, Eller, Elsa, Elsener, Elser, Elsig, Elsinger, Elzi, Frehner, Fren, Frener, Frenn, Gardi, Geeser, Geser, Greder, Gredig, Gretener, Greter, Grether, Gretler, Idtensohn, Irmeltrud, Ita, Item, Iten, Ith, Itin, Itten, Ittensohn, Ittig, Ittin, Jundt, Jutz, Jütz, Jutzeler, Jutzi, Kathriner, Ketterer, Margreth, Mätz, Metz, Mezenen, Nänni, Nänny, Neeser, Nellen, Ness, Nessensohn, Regli, Rosenmund, Rosin, Tanniger, Trindler, Triner, Tryndler, Urscheler. 75 Types, 201 Tokens. Kreise 15-25, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-90, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 338: Daten zur ersten Karte {324} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 An dieser Stelle sollen die Metronyme nach ihrer Tokenfrequenz, dem zugrunde liegenden Ruf N sowie den verschiedenen Bildungstypen eingeordnet und erläutert werden. In den weiteren Karten werden die einzelnen Karte 324: Metronyme in der Deutschschweiz, vor 1800 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 1.11 Metronyme: Gesamtdarstellung 719 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="720"?> Aspekte genauer untersucht; konkret rücken bei der zweiten und der dritten Karte die zugrunde liegenden Ruf N und bei der vierten Karte die verschiedenen Bildungstypen in den Fokus. Tabelle 339 listet - nach Frequenz geordnet - alle kartierten Metronyme auf (Spalte 1) und führt zu jedem FamN die dazugehörende Tokenzahl für die Zeitschicht «vor 1800» (Spalte 2) sowie den zugrunde liegenden Ruf N (Spalte 3) an. Letzterer erscheint hier in typisierter Form, d. h. - solange diese eindeutig rekonstruierbar ist - in einer gegenwärtigen Variante des Ruf N, die auf dem in Kohlheim/ Kohlheim (2016) lemmatisierten Ruf N basiert. In Spalte 4 wird die sprachliche Herkunft des zugrunde liegenden Ruf N angegeben. Aus der Auswahl ausgeschlossen, weil uneindeutig, sind die FamN Gartmann, Lehnen und Prisi. FamN Tokenzahl Zugrunde liegender RufN Sprachliche Herkunft Beeler 12 Beela germ. Bähler 10 Beela germ. Annen 8 Anna nicht-germ. Frehner 8 Verena nicht-germ. Gredig 7 Margarete nicht-germ. Regli 7 Regula nicht-germ. Elsig 6 Elisabeth nicht-germ. Greter 6 Margarete nicht-germ. Dillier 5 Odilia germ. Iten 5 Ita germ. Anneler 5 Anna nicht-germ. Elsener 5 Elisabeth nicht-germ. Gretler 5 Margarete nicht-germ. Nellen 5 evtl. Petronella nicht-germ. Geser 4 Gertrud germ. Item 4 Ita germ. Itin 4 Ita germ. Ittig 4 Ita germ. Jundt 4 Judith nicht-germ. Dort 3 Dorothea nicht-germ. Greder 3 Margarete nicht-germ. Gretener 3 Margarete nicht-germ. Jutzeler 3 Judith nicht-germ. Jutzi 3 Judith nicht-germ. Margreth 3 Margarete nicht-germ. Nänni 3 Anna nicht-germ. Neeser 3 Agnesa nicht-germ. Gardi 2 [Hilde]gard germ. Metz 2 Mechthild germ. Ita 2 Ita germ. Ith 2 Ita germ. Itten 2 Ita germ. Agner 2 Agnesa nicht-germ. Anner 2 Anna nicht-germ. Barben 2 Barbara nicht-germ. Bridler 2 Brigitte nicht-germ. Elser 2 Elisabeth nicht-germ. FamN Tokenzahl Zugrunde liegender RufN Sprachliche Herkunft Elsinger 2 Elisabeth nicht-germ. Frener 2 Verena nicht-germ. Grether 2 Margarete nicht-germ. Jütz 2 Judith nicht-germ. Ketterer 2 Katharina nicht-germ. Aletz 1 Adelheid germ. Baehler 1 Beela germ. Geeser 1 Gertrud germ. Mätz 1 Mechthild germ. Mezenen 1 Mechthild germ. Rosenmund 1 Rosamunde germ. Idtensohn 1 Ita germ. Irmel 1 Irmeltrud germ. Ittensohn 1 Ita germ. Ittin 1 Ita germ. Accola 1 Agatha nicht-germ. Aggeler 1 Agatha nicht-germ. Agten 1 Agatha nicht-germ. Anna 1 Anna nicht-germ. Annaheim 1 Anna nicht-germ. Annasohn 1 Anna nicht-germ. Cathry 1 Katharina nicht-germ. Eller 1 Elisabeth nicht-germ. Elsa 1 Elisabeth nicht-germ. Elzi 1 Elisabeth nicht-germ. Fren 1 Verena nicht-germ. Frenn 1 Verena nicht-germ. Jutz 1 Judith nicht-germ. Kathriner 1 Katharina nicht-germ. Nänny 1 Anna nicht-germ. Ness 1 Agnesa nicht-germ. Nessensohn 1 Agnesa nicht-germ. Rosin 1 Rosa nicht-germ. Tanniger 1 Anna nicht-germ. Trindler 1 Katharina nicht-germ. Triner 1 Katharina nicht-germ. Tryndler 1 Katharina nicht-germ. Urscheler 1 Ursula nicht-germ. Tabelle 339: Metronyme der Deutschschweiz, vor 1800 720 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="721"?> Hinsichtlich der Frequenz zeigt sich bei den Metronymen ein deutlich anderes Bild als bei den Patronymen: Die Spitzenplätze der Rangliste weisen wesentlich niedrigere Tokenzahlen auf. Während das häufigste Patronym der Zeitschicht «vor 1800» - der FamN Peter - 79 Tokens erreicht, kommt das häufigste Metronym Beeler lediglich auf 12 Tokens. Nur acht Metronyme sind in mehr als fünf Gemeinden alteingesessen. Für die Mehrheit der hier kartierten Namen liegen weniger als fünf Tokens vor. Bemerkenswert ist, dass nahezu die Hälfte aller Metronyme nur an einem einzigen Belegort dokumentiert ist. Ausserdem gehen von insgesamt 201 Tokens mehr als die Hälfte (nämlich 137 Tokens) auf die gleichen sieben Ruf N zurück: Margarete, Ita, Beela, Anna, Elisabeth, Agnes und Katharina (vgl. die dritte Karte sowie den Artikel III-1.12 «Metronyme: Häufige Fälle»). Insgesamt sind nur 24 weibliche Ruf N in den FamN rezipiert worden. Einige Ruf N - wie Odilia, Adelheid, Ursula oder Rosamunde - sind nur in jeweils einen dokumentierten FamN eingegangen. Dies weist auf eine relativ grosse Formvarianz basierend auf regionalen Präferenzen hin. Etwa zwei Drittel der hier behandelten Metronyme gehen auf einen nicht-germanischen Ruf N zurück. Das geographische Verhältnis zwischen FamN aus germanischen und FamN aus nicht-germanischen Ruf N wird bei der zweiten Karte untersucht. Die Metronyme weisen ein breites Spektrum an Bildungsmustern auf, die bei der vierten Karte näher besprochen werden. Die Spitzenreiter der Rangliste - die FamN Beeler und Bähler - sind mit dem Zugehörigkeitssuffix -er abgeleitet. Kommentar: In der Deutschschweiz treten die Metronyme verstreut über das ganze Territorium auf. Mit höherer Frequenz erscheinen sie im Deutschwallis, in der Zentralschweiz (v. a. in SZ, ZG und UR), im Kanton Bern (v. a. um die Stadt Thun), in der Ostschweiz in den Kantonen St. Gallen und Appenzell Innerrhoden, im deutschsprachigen Graubünden und im Nordwesten des Landes im Kanton Basel- Landschaft. Beinahe frei von diesem Namentypus sind der Kanton Glarus sowie die Region, die das Oberaargau (BE), Teile des Luzerner Hinterlands sowie die Kantone Solothurn und Aargau umfasst. 1.11 Metronyme: Gesamtdarstellung 721 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="722"?> Zweite Karte {325}: Metronyme nach sprachlicher Herkunft des zugrunde liegenden Rufnamens Namenauswahl: Die zweite Karte unterteilt sämtliche FamN der ersten Karte nach der sprachlichen Herkunft des zugrunde liegenden Ruf N (germanisch vs. nicht-germanisch). Abgefragte Namen Metronyme aus nicht-germanischen RufN: Accola, Aggeler, Agner, Agten, Anna, Annaheim, Annasohn, Anneler, Annen, Anner, Barben, Bridler, Cathry, Dort, Eller, Elsa, Elsener, Elser, Elsig, Elsinger, Elzi, Frehner, Fren, Frener, Frenn, Greder, Gredig, Gretener, Greter, Grether, Gretler, Jundt, Jutz, Jütz, Jutzeler, Jutzi, Kathriner, Ketterer, Margreth, Nänni, Nänny, Neeser, Nellen, Ness, Nessensohn, Regli, Rosin, Tanniger, Trindler, Triner, Tryndler, Urscheler. 52 Types, 133 Tokens. Metronyme aus germanischen RufN: Aletz, Baehler, Bähler, Beeler, Dillier, Gardi, Geeser, Geser, Idtensohn, Irmel, Ita, Item, Iten, Ith, Itin, Itten, Ittensohn, Ittig, Ittin, Mätz, Metz, Mezenen, Rosenmund. 23 Types, 68 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 340: Daten zur zweiten Karte {325} Detailangaben zur Namenauswahl: Wie aus Tabelle 340 hervorgeht, überwiegen unter den Metronymen der Deutschschweiz für die Zeitschicht «vor 1800» die FamN aus nicht-germanischen Ruf N. Konkret gehen etwa zwei Drittel der hier behandelten FamN auf einen fremdsprachigen Ruf N zurück. Auffällig ist jedoch, dass die beiden Spitzenplätze der Rangliste von FamN besetzt sind, die auf dem germanischen Ruf N Beela basieren. Die FamN aus Ita - die Kurzform eines althochdeutschen Ruf N - sind mit insgesamt 26 Tokens ebenfalls gut repräsentiert. Die zugrunde liegenden nicht-germanischen Ruf N des Samples weisen unterschiedliche sprachliche Ursprünge auf: hebräisch (z. B. Elisabeth, vgl. FamN Elsig), griechisch (z. B. Agatha, vgl. FamN Aggeler), lateinisch (z. B. Barbara, vgl. FamN Barben) oder keltisch (Brigitte, vgl. FamN Bridler). Viele nicht-lateinische Ruf N haben über eine lateinische Form des Namens Eingang in das deutsche Nameninventar gefunden, wie bspw. dt. Elisabeth < lat. Elisabeth < griech. Eleisabeth < hebr. Elishabha. Diese Ruf N sind oft aus der Bibel übernommen worden, weswegen meist die Verehrung der entsprechenden Heiligen zu ihrer Verbreitung im Mittelalter beitrug. Die FamN zu diesem Typ sind v. a. aus Kurzformen der Ruf N entstanden, z. B. Gredig, Greter aus Margarete oder Neeser aus Agnes(a). FamN aus Vollformen der Ruf N sind aber auch belegt, z. B. Annen aus Anna, Margreth aus Margarete oder Kathriner aus Katharina. Die germanischen weiblichen Ruf N sind hauptsächlich als Kurzformen in das Familiennameninventar der Deutschschweiz eingegangen: Aleth (aus Adelheid ), Beela (wohl aus Bertha), Tilla oder Tillia (aus Odilia), Gardi (wohl aus Hildegard oder einem anderen zwei- Karte 325: Metronyme aus nicht-germanischen vs. germanischen RufN, vor 1800 722 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="723"?> gliedrigen weiblichen Ruf N auf -gard ), Gesa (aus Gertrud ), Mätz (aus Mechthild ) und Ita (aus einem Ruf N mit dem Erstglied Id - oder Ith-, z. B. Iduberga). Die einzige Vollform des germanischstämmigen Typus ist Rosamunde. Die produktivsten germanischen Ruf N sind Ita (26 Tokens) und Beela (23 Tokens). Kommentar: Die Verteilung der zwei Namentypen zeigt in einigen der oben genannten metronymischen Kerngebiete eine relative Komplementarität. FamN aus nicht-germanischen Ruf N erscheinen exklusiv oder überwiegen klar im Deutschwallis, im Kanton Uri, in einer Region, die Appenzell Innerrhoden und Teile des angrenzenden Kantons St. Gallen umfasst, sowie in den peripheren Gebieten des deutschsprachigen Graubündens. FamN aus germanischen Ruf N hingegen ballen sich v. a. um die Stadt Thun (BE), im Kanton Basel-Landschaft und in der Zentralschweiz in den Kantonen Schwyz und Zug. Weitere Streubelege für diesen Typ finden sich an der nordöstlichen Landesgrenze, im Kanton St. Gallen sowie im nördlichen Teil des deutschsprachigen Graubündens. Dritte Karte {326}: Metronyme nach den produktivsten zugrunde liegenden Rufnamen Namenauswahl: Ausgewählt wurden die in der Deutschschweiz vorkommenden Metronyme aus der Zeitschicht «vor 1800», die eine höhere Frequenz und Formvarianz zeigen (vgl. Abschnitt «Hintergrund»). Gegliedert und kartiert werden sie nach den zugrunde liegenden Ruf N. Einzeln werden sie im Artikel III-1.12 «Metronyme: Häufige Fälle» behandelt. Abgefragte Namen Typ Margarete: Greder, Gredig, Gretener, Greter, Grether, Gretler, Margreth. 7 Types, 29 Tokens. Typ Ita: Idtensohn, Ita, Item, Iten, Ith, Itin, Itten, Ittensohn, Ittig, Ittin. 10 Types, 26 Tokens. Typ Beela: Baehler, Bähler, Beeler. 23 Tokens. Typ Anna: Anna, Annaheim, Annasohn, Anneler, Annen, Anner, Nänni, Nänny, Tanniger. 9 Types, 23 Tokens. Typ Elisabeth: Elsener, Elser, Elsig, Elsinger, Elzi. 16 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 341: Daten zur dritten Karte {326} Karte 326: Metronyme aus produktiven RufN, vor 1800 1.11 Metronyme: Gesamtdarstellung 723 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="724"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier ausgewählten FamN sind nach den zugrunde liegenden Ruf N gruppiert. Jede Namengruppe weist innerhalb der Metronyme eine besondere Frequenz und/ oder Formvarianz auf, die hier als Produktivität definiert wird. Unter den fünf produktivsten Ruf N haben zwei eine germanische (Ita und Beela) und drei eine fremdsprachige Herkunft (Margarete, Anna und Elisabeth). Sowohl hinsichtlich der Tokenals auch der Typezahl sind die Spitzenreiter der Rangliste die FamN aus dem Ruf N Ita, die - zusammen mit den FamN aus dem anderen germanischen Ruf N Beela - als typisch schweizerisch gelten können. In Deutschland kommen sie nämlich kaum vor. Dagegen gehören Margarete, Anna und Elisabeth im Spätmittelalter zu den beliebtesten fremdsprachigen weiblichen Ruf N im ganzen deutschen Sprachgebiet (Kunze 2004: 45). Für die Etymologie der hier behandelten Ruf N sowie für die verschiedenen Bildungsformen sei auf die einzelnen Karten im Artikel III-1.12 «Metronyme: Häufige Fälle» verwiesen. Kommentar: Die Frequenz der Namentypen ist mehrheitlich auf eine diffuse Verbreitung auf dem ganzen Gebiet der Deutschschweiz zurückzuführen. Nur die Metronyme aus Beela bilden zwei Nester, die den grössten Teil der Tokenzahl auf sich ziehen. Alle fünf Namentypen kommen geballt in der zentralschweizerischen Region der Kantone Schwyz, Zug und Luzern vor, die somit als ein Kerngebiet der Metronyme betrachtet werden kann. Weitere Schwerpunkte wie die Region um die Stadt Thun (BE) und das Deutschwallis verzeichnen je drei Typen. Vierte Karte {327}: Metronyme nach Bildungstyp Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der ersten Karte behandelten Metronyme. Hier sind sie nach ihrem Bildungstyp gegliedert und kartiert. Abgefragte Namen Unerweiterte Form: Accola, Anna, Dort, Elsa, Fren, Frenn, Irmel, Ita, Ith, Jundt, Margreth, Ness, Rosemund. 13 Types, 21 Tokens. Diminutiv -i(n), -y: Cathry, Elzi, Gardi, Itin, Ittin, Jutzi, Nänni, Nänny, Regli, Rosin. 10 Types, 23 Tokens. Diminutiv -z: Aletz, Jutz, Jütz, Mätz, Metz. 7 Tokens. -er, -ler, -ner: Aggeler, Agner, Anneler, Anner, Baehler, Bähler, Beeler, Bridler, Dillier, Eller, Elsener, Elser, Frehner, Frener, Geeser, Geser, Greder, Gretener, Greter, Grether, Gretler, Jutzeler, Kathriner, Ketterer, Neeser, Trindler, Triner, Tryndler, Urscheler. 29 Types, 95 Tokens. -ig, -i(n)ger: Elsig, Elsinger, Gredig, Ittig, Tanniger. 20 Tokens. -en: Agten, Annen, Barben, Item, Iten, Itten, Mezenen, Nellen. 8 Types, 28 Tokens. -sohn: Annasohn, Idtensohn, Ittensohn, Nessensohn. 4 Tokens. -heim: Annaheim. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-50, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 342: Daten zur vierten Karte {327} Karte 327: Metronyme nach Bildungstyp, vor 1800 724 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="725"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Zur Formenvielfalt der Metronyme haben verschiedene Bildungstypen beigetragen: Simplizia, Ableitungen und Komposita. 5 Einige gehören bereits der Rufnamenform an, andere sind erst in jüngerer Zeit in den FamN aufgekommen. Bei den Diminutiven - seien diese mittels -i, -y, -in oder -z gebildet - ist die genaue Genese jeder Variante ohne historische Sondierung nicht rekonstruierbar. Bis auf die Komposita mit -sohn, die exklusiv metronymisch sind, sind alle Bildungstypen auch bei den Patronymen dokumentiert. In 13 Fällen - hier als Simplizia zusammengefasst - wurden die Ruf N im Familiennamensystem morphologisch nicht weiter modifiziert. Die Diminutive kommen in den Varianten -i, -y und -in vor; l- Diminutive sind nicht belegt - bei Regli ist das -lim Stamm enthalten. Z-Diminutive sind bei FamN aus weiblichen Ruf N sehr selten. Mit 20 Types und 69 Tokens ist der häufigste Bildungstyp für Metronyme suffigiertes -er. Nimmt man die damit genetisch verwandten Zugehörigkeitssuffixe -ler und -ner dazu, steigt die Gesamtzahl auf 95 Tokens. Wie die Simplizia weisen die FamN auf -ig bzw. -i(n)ger und diejenigen mit genitivischer en-Endung ebenfalls nur eine begrenzte Frequenz auf. Komposita bleiben in ihrem quantitativen Auftreten Randerscheinungen. Sie weisen zwei Typen auf: Zusammensetzung von Ruf N + -sohn und von Ruf N + Ruf N (Annaheim ← Ruf N Anna + Kurzform Heim zum Ruf N Heinrich). Für eine ausführlichere Diskussion beachte man im Artikel III-1.12 «Metronyme: Häufige Fälle» die Karten zu den Ruf N Anna, Ita und Agnes. Kommentar: Die unerweiterten Formen der Metronyme kommen geballt im Kanton Basel-Landschaft und verstreut in den Kantonen Schaffhausen, St. Gallen und Graubünden vor. Die Diminutive auf -i, -y und -in sammeln sich in einem kleinräumigen Areal im Kanton Uri an. Relativ kompakt sind sie auch im Kanton Basel-Landschaft belegt. Die z-Diminutive sind fast nur in der Zentralschweiz vorhanden. Die FamN auf -er formen drei Cluster: um die Stadt Thun (BE), in der Zentralschweiz in den Kantonen Schwyz und Zug und in der Ostschweiz in den Kantonen St. Gallen und Appenzell Innerrhoden. Weitere Streubelege für diesen Typ finden sich im ganzen Mittelland - u. a. auch in der Romandie - sowie im deutschsprachigen Graubünden. Das Wallis ist frei von metronymischen er-Ableitungen. Die FamN auf -ler und -ner kommen hauptsächlich kleinräumig vor. Ein ziemlich kompaktes Nest bildet im Kanton Zug der ner-Typ mit den dort alteingesessenen FamN Elsener und Gretener. Wie zu erwarten, kommen die Metronyme auf -ig im Hauptverbreitungsgebiet dieses Bildungstyps vor, nämlich im Deutschwallis. Belegt sind sie auch in den Walsersiedlungen Graubündens sowie vereinzelt, mit den Varianten auf -inger, im Berner Oberland und im Kanton Zürich. Die genitivischen Bildungen auf -en treten hauptsächlich im Deutschwallis und in der Zentralschweiz auf. Die vier sohn-Komposita bilden im Nordosten des Landes ein Viereck rund um das Appenzellerland. Der FamN Annaheim schliesslich ist im Kanton Solothurn einmal belegt. Als Zwischenfazit lässt sich festhalten: Die verschiedenen morphologischen Varianten neigen zur Bildung von Namennestern. Obwohl allgemein frequente Bildungsmuster wie die er-Ableitungen auch verstreut vorkommen, lassen sich bei den meisten Bildungsvarianten Konzentrationen erkennen, die sich in mehreren Fällen komplementär zu anderen Typen präsentieren. Einige Bildungstypen - wie die Diminutive im Kanton Uri oder die ner-Suffixe im Kanton Zug - kommen dort jeweils (fast) exklusiv vor. Andere teilen das Cluster mit weiteren Varianten. Ergebnisse Mit Blick auf die Anzahl der Vorkommen spielen die Metronyme im Vergleich zu den Patronymen bei der Familiennamenbildung in der Deutschschweiz eine deutlich untergeordnete Rolle: In der Zeitschicht «vor 1800» verzeichnen die Metronyme in der Deutschschweiz 75 Types und 201 Tokens, die Patronyme hingegen 1'541 Types und 6'337 Tokens (Stand 07.05.2024). Dies entspricht der allgemeinen Tendenz des ganzen deutschsprachigen Raums und darüber hinaus. Die geringe Anzahl von FamN aus weiblichen Ruf N spiegelt die untergeordnete soziale Stellung der Frau in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft wider und stimmt somit mit der Situation des mittelalterlichen Europas überein (vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz» und Berndt 2009: 150-151). Legen wir den Fokus auf die zugrunde liegenden weiblichen Ruf N: Der Grossteil der Metronyme ist auf nicht-germanische Tauf N zurückzuführen, die in der Epoche des Aufkommens der Zweinamigkeit zu den beliebtesten im ganzen deutschen Sprachraum gehörten. Doch auch germanische Ruf N sind in den Metronymen vertreten - die produktivsten davon sind Ita und Beela. Die areale Verteilung der FamN aus germanischen und nicht-germanischen Ruf N überschneidet sich teilweise und weist keine klare komplementäre Abgrenzung auf. Charakteristisch für die Schweiz ist die Präferenz von bestimmten regionalen Kurzformen: FamN aus Beela und Ita sind in Deutschland kaum belegt. Geographisch treten die Metronyme über den Grossteil der deutschsprachigen Schweiz verteilt auf. Dabei lassen sich mehrere Schwerpunkte erkennen, insbesondere in der Zentralschweiz, im Deutschwallis, im Kanton Bern (v. a. um die Stadt Thun), in der Ostschweiz (SG, AI) sowie im deutschsprachigen Graubünden. Im Unterschied zu den meisten anderen Phänomenen fällt auf, dass die Gebirgsregionen in diesem Fall eine auffallend hohe Beteiligung aufweisen. Angesichts der geringeren Bevölkerungsdichte in diesen Regionen wäre eine niedrigere Frequenz zu erwarten, was die beobachtete Verbreitung umso bemerkenswerter macht. Inwiefern dieses Verbreitungsbild mit bestimmten lokalen oder regionalen Zentren von Heiligenkulten oder Pilgerstätten in Zusammenhang gebracht werden kann, ist eine Frage, die interdisziplinär - unter Einbezug der Kirchengeschichte - erforscht werden müsste. Eine erste Betrachtung deutet jedoch auf eine Übereinstimmung der metronymischen Kernzonen mit jenen Gebieten hin, die sich nach der Entfaltung der Reformation im 15.-16. Jh. als katholisch behaupteten (Zanoli/ Walter 2022: 100-101). In Bezug auf die Morphologie teilen die Metronyme die meisten Bildungstypen mit den Patronymen - bis auf die Komposition mit dem Zweitglied -sohn, die spezifisch für FamN aus weiblichen Ruf N ist. Eine weitere Spezifität liegt im quantitativen Verhältnis der er- Ableitungen: Bei den Metronymen machen die 29 Types, welche mit -er / -ler / -ner suffigiert sind, fast die Hälfte aller FamN aus. Bei den Patronymen hingegen scheint bei der Bildungsweise grössere Varianz zu bestehen; mit insgesamt 69 von 1'541 Namen scheint -er/ -ler / -ner weniger produktiv gewesen zu sein. Für die Metronyme ist also 5 Für die einzelnen grammatischen Phänomene sei auf die entsprechenden Artikel verwiesen. 1.11 Metronyme: Gesamtdarstellung 725 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="726"?> der Hauptbildungstyp derjenige der Zugehörigkeitssuffixe. Dies legt nahe, dass die Zugehörigkeitsbeziehung zwischen dem Sohn und der weiblichen Bezugsperson (i. d. R. die Mutter) - anders als bei männlichen Personen - explizit ausgedrückt werden musste. Möglicherweise spielte auch das Genus eine Rolle: Mit den Suffixen -er/ -ler / -ner wird ein feminines Ausgangswort in ein Maskulinum überführt. Allerdings hätte dies auch für das Suffix -mann zugetroffen, welches sich im vorliegenden Material nicht beobachten lässt. In Einzelfällen kann das er-Suffix in Metronymen auch örtlichen Bezug ausdrücken. Der FamN Kathriner ist bspw. mehrdeutig: Er lässt sich entweder als Metronym zum häufigen Ruf N Katharina oder aber als WohnstättenN zum Namen eines der zahlreichen Katharinen-Klöster deuten. Durch eine historische Sondierung wäre zu prüfen, ob Vollformen wie Kathriner eher auf Toponyme (aus Kirchen, Kloster und weiteren religiösen Institutionen) zurückgehen, während Kurzformen wie Triner tatsächlich Ruf N als Basis haben. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Metronymenvielfalt einerseits auf der regionalen Verbreitung bestimmter Ruf N beruht, andererseits die graphematisch-phonologischen Varianten sowie die verschiedenen Bildungsweisen (Simplizia, Ableitungen, Komposita) - die erst in jüngerer Zeit in den FamN aufgekommen sind - zur Formvarianz im Bestand der Deutschschweizer FamN beigetragen haben. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Iten (3'058 Tokens), Bähler (1'724 Tokens) und Beeler (1'533 Tokens). In der rezenten Rangliste aller FamN der Deutschschweiz (BFS 2023: STATPOP 2022) belegt Iten den 182. Platz. Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA 6 (2017: 694-701) widmet einen Einzelartikel ausschliesslich den Metronymen aus dem Ruf N Katharine. Weitere Metronyme werden separat in den grammatisch ausgerichteten DFA-Bänden behandelt. Das Vorkommen des Suffixes -er bspw. wird im DFA 3 (2012: 210-243) im Abschnitt «Patro- und metronymisches Suffix -er» auf den Karten 108-114 dargestellt. Nach Kunze (2004: 77) überwiegen im Süden Deutschlands auf -er suffigierte Metronyme, was sich an die Namenlandschaft der Deutschschweiz anschliesst. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Berndt, Sandra (2009): Name und Geschlecht. Weibliche Familiennamen im Deutschen. In: Hengst, Karlheinz/ Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. Bd. 1: Deutsche Familiennamen im deutschen Sprachraum (Onomastica Lipsiensia 6.1), 149-163. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. BFS = Bundesamt für Statistik (2023): STATPOP 2022. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Kanton und nach Sprachregion für das Jahr 2022. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 26925057 (letzter Zugriff 07.05.2024). 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Linda Steiner 726 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="727"?> 1.12 Metronyme: Häufige Fälle Schlagwörter: biblischer Rufname, dynastischer Rufname, germanischer Rufname, Heiligenname, Kurzform, nicht-germanischer Rufname, Vollform, weiblicher Rufname Gegenstand und Fragestellung Gegenstand und Relevanz: Ergänzend zum Überblicksartikel III- 1.11 «Metronyme: Gesamtdarstellung» werden hier ausgewählte Metronymtypen aus der Zeitschicht «vor 1800» vertieft untersucht. Aufgrund ihrer Frequenz und/ oder Formvarianz - für welche eine morphologische und räumliche Erschliessung besonders signifikant ist - werden sie jeweils gesondert kartiert. Es handelt sich dabei um FamN aus den Ruf N Margarete, Ita, Beela, Anna, Elisabeth, Verena, Agnes und Katharina. Ab dem Spätmittelalter gehören Margarete, Katharina, Elisabeth, Anna und Agnes zu den beliebtesten fremdsprachigen weiblichen Ruf N im deutschsprachigen Raum (Kunze 2004: 45). Hintergrund: Für die vorliegende Untersuchung wurden FamN ausgewählt, die auf besonders produktive Ruf N zurückzuführen sind. Produktivität wird hier anhand von Tokenfrequenz und/ oder Formvarianz definiert. Es geht also einerseits um die Menge von FamN, die ein bestimmter Ruf N generiert hat, und andererseits um die Vielfältigkeit ihrer Bildungstypen: Aus dem Ruf N Margarete bspw. sind sieben verschiedene FamN hervorgegangen, die sich fünf verschiedenen Bildungstypen zuordnen lassen, nämlich einer simplizischen Form sowie Ableitungen auf -er, -ler, -ner und -ig. Morphologische Varianz kann bereits bei den zugrunde liegenden Ruf N entstanden sein, die in den unterschiedlichen Formen ins Familiennameninventar übernommen worden sind - bspw. Vollformen (z. B. Margarete), Kurzformen (z. B. Greta) oder suffigierte Formen (z. B. Diminutiv Elsi zu Else). 1 Zusätzlich haben sich im Familiennamensystem selbst verschiedene graphematisch-phonologische sowie morphologische Varianten herausgebildet. Wie die Patronyme weisen die Metronyme verschiedene Wortbildungsmuster auf, u. a. Ableitungen auf -li, -z, -(l/ n)er, -ig oder -i(n)ger. Die meisten finden sich auch bei den FamN zu männlichen Ruf N, bis auf Komposition mit -sohn, die spezifisch für den Namentyp der Metronyme ist (vgl. Artikel III-1.11 «Metronyme: Gesamtdarstellung», vierte Karte). Die Gliederung bzw. die Darstellung der ausgewählten FamN erfolgt nach dem zugrunde liegenden Ruf N. Die Reihenfolge der Karten basiert auf der Tokenzahl in absteigender Reihenfolge: Margarete (29 Tokens), Ita (26 Tokens), Beela (23 Tokens), Anna (23 Tokens), Elisabeth (16 Tokens), Verena (12 Tokens), Agnes (7 Tokens) und Katharina (7 Tokens). Zwei der zugrunde liegenden Ruf N haben eine germanische (Ita und Beela) und sechs (wahrscheinlich) eine fremdsprachige Herkunft (Margarete, Anna, Elisabeth, Agnes, Katharina und wohl auch Verena). Das Vorherrschen nicht-germanischer Ruf N gegenüber germanischen Ruf N stimmt mit der Aussage von Kunze (2004: 43) für Deutschland überein: «Mädchen wurden zunächst häufiger mit Fremdnamen getauft als Jungen, v. a. weil man in der männlichen Linie stärker an der familiären Nachbenennung festhielt. Im Bamberger Gerichtsbuch von 1403-1415 tragen schon 55,7 % der Frauen, aber erst 22 % der Männer Fremdnamen». Kartiert werden jeweils alle Varianten - sowohl graphematischphonologische als auch morphologische -, die auf denselben Ruf N zurückgehen. Unter einem Ruf N wird dabei eine ursprüngliche Hauptform verstanden (z. B. Margarete), die sämtliche mögliche Varianten des Ruf N einschliesst: Vollformen (z. B. Margreth), Kurzformen (z. B. Grete) sowie suffigierte oder unsuffigierte Formen. Wie im Leitartikel III-1.11 «Metronyme: Gesamtdarstellung» erwähnt, erscheinen die Ruf N - solange sie eindeutig rekonstruierbar sind - hier in typisierter Form, d. h. in einer gegenwärtigen Variante des Ruf N, wie sie in Kohlheim/ Kohlheim (2016) lemmatisiert ist. Sofern im Id. (1881 ff.) vorhanden, werden als Parallelen mundartliche Formen des Namens angeführt. Aus Vollformen von Ruf N entwickelten sich bereits früh auch vielfältige Kurzformen. Diese Entwicklung betrifft sowohl zweigliedrige germanische als auch nicht-germanische Ruf N: Letztere, dem deutschen Sprachsystem fremde Elemente unterliegen bei der Integration unterschiedlichen Anpassungsprozessen. Bei mehrsilbigen nicht-germanischen Ruf N betrifft die grundlegendste Adaption die Betonung. Je nach Zeit und Ort des Integrationsprozesses wurde der Name an die germanische Erstsilbenbetonung angepasst oder in seiner Betonungsstruktur erhalten. Die Akzentverschiebung auf die erste Silbe konnte zur Schwächung oder zum Wegfall der Nebensilben führen: Bei Tilgung oder Ausfall der Silbe(n) am Wortende spricht man von Apokope, am Wortanfang hingegen von Aphärese. Ein Beispiel sind die im Id. 3 (1881 ff.: Sp. 560) resp. Id. 14 (1881 ff.: Sp. 1079) zu Katharina dokumentierten Formen Kätte, Kätter, Kättler und Trī(n), Trīne (Diminutiv Trīni, Trīn(d)li). Die beiden Betonungsmuster sind je nach Metronym unterschiedlich verteilt; vgl. die erste (FamN zu Margarete), die fünfte (FamN zu Elisabeth) und die achte Karte (FamN zu Katharina). Die daraus entstandenen Kurzformen wurden danach häufig suffigiert und/ oder graphematisch-phonologisch an die jeweiligen regionalen dialektalen Verhältnisse angepasst. Die Rufnamenvielfalt spiegelt sich z. T. in der Familiennamenfülle wider. 1 Für die verschiedenen Bildungsweisen der Ruf N - also Vollformen, einstämmige oder zweistämmige Kurz- und Koseformen (Hypokoristika) - sei allgemein auf Seibicke (2008: 93-94) verwiesen. Für die Abgrenzung der Termini Voll-, Kurz- und Koseform beachte man die Diskussion in Dräger (2013: 39, Anmerkung 110) und Kunze (2004: 20-21). Für Näheres zu den verschiedenen Typen von Voll- und Kurzformen in Patronymika der Schweiz vgl. die Artikel III-1.4 «Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen», III-1.5 «Patronyme zu Vollformen von germanischen Rufnamen» und III-1.10 «Patronyme zu weiteren nicht-germanischen Rufnamen». 1.12 Metronyme: Häufige Fälle 727 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="728"?> Fragestellungen: Vor diesem Hintergrund rücken folgende Fragen in den Fokus des Artikels: Wo kommen die acht ausgewählten Familiennamentypen in der Deutschschweiz vor und in welchem räumlichen Verhältnis stehen die verschiedenen Bildungstypen bzw. graphematisch-phonologischen Varianten? Neben dem arealen Vorkommen interessieren auch die Type- und Tokenverhältnisse der verschiedenen Bildungsmuster. Kartiert werden die acht Namentypen jeweils separat (erste bis achte Karte); innerhalb der Karte werden die Namenvarianten kontrastiv anhand ihrer graphematischphonologischen und morphologischen Merkmale dargestellt. Erste Karte {328}: Metronyme zu Margarete in der Deutschschweiz Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus der Zeitschicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 2 die in der etymologischen Datenbank (Stand 06.06.2024) auf den weiblichen Ruf N Margarete bzw. dessen Kurzform Grete zurückgeführt werden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Metronyme nach ihrem Bildungstyp. Abgefragte Namen Simplex: Margreth. 3 Tokens. Typ -er: Greder, Greter, Grether. 11 Tokens. Typ -ler: Gretler. 5 Tokens. Typ -ner: Gretener. 3 Tokens. Typ -ig: Gredig. 7 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 343: Daten zur ersten Karte {328} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 Die hier dokumentierten FamN sind alle aus dem weiblichen Ruf N Margarete (aus lat. Margarīta) bzw. aus einer Kurzform davon entstanden (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 289-290). Die Kurzformen sind bei der Integration des fremdbetonten Ruf N ins Deutsche durch Aphärese (Wegfall der unbetonten Silbe Mar-) entstanden. Im Id. 2 (1881 ff.: Sp. 824-825) sind Grēt, Grēte (Diminutiv Grēdi) als weibliche Ruf N belegt. Die Metronyme zu Kurzformen sind gegenüber solchen zur Vollform (vor 1800 nur Margreth) viel frequenter. Erstere sind durch Karte 328: Metronyme zu Margarete, vor 1800 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 728 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="729"?> verschiedene Ableitungen erweitert, nämlich -er, -ler, -ner und -ig. 4 Die FamN zu Margarete zeigen Varianz in der graphematisch-phonologischen Realisierung des intervokalischen Stammkonsonanten: t und th gegenüber lenisiertem d. 5 Ausgeschlossen, weil uneindeutig, ist der FamN Gretz. Kommentar: Der für diesen Namentyp tokenfrequenteste FamN Gredig tritt im Dialektraum des Höchstalemannischen auf, das als Kerngebiet der ig -Ableitungen gilt: im Wallis und in den Walserorten Graubündens. Die er-Ableitungen kommen sowohl an der westlichen Sprachgrenze - mit Einsprengseln im französischsprachigen Gebiet - als auch im Kanton Luzern vor, hier in und um die Kantonshauptstadt sowie im Entlebuch. Der mit dem Suffix -ler abgeleitete FamN Gretler bildet zwei Nester, eines im aargauischen Bezirk Muri und eines im Zürcher Oberland. Der FamN Gretener ist nur zweimal im Kanton Zug und einmal in Mellingen (AG) belegt. Die Vollform Margreth findet sich ausschliesslich in den deutschsprachigen Gebieten im Zentrum Graubündens und könnte auch als WohnstättenN zum Namen einer der zahlreichen Margaretenkirchen oder -kapellen aufgefasst werden. Zur Verehrung der heiligen Margarete in Graubünden sei auf das RNB 3 (1986: 389) verwiesen. Zweite Karte {329}: Metronyme zu Ita in der Deutschschweiz Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus der Zeitschicht «vor 1800», die in der etymologischen Datenbank auf den weiblichen Ruf N Ita zurückgeführt werden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Metronyme nach ihrem Bildungstyp. Abgefragte Namen Simplizia: Ita, Ith. 4 Tokens. Typ -in: Itin, Ittin. 5 Tokens. Typ -en: Item, Iten, Itten. 11 Tokens. Typ -ig: Ittig. 4 Tokens. Typ -sohn: Idtensohn, Ittensohn. 2 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 344: Daten zur zweiten Karte {329} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier dokumentierten FamN sind alle aus einer Kurzform eines weiblichen Ruf N hervorgegangen (z. B. Iduberga), der mit dem Namenglied Id, Ith (vielleicht zu anord. ídh ‘Werk, Tätigkeit’) gebildet wurde. Ida und Itha waren im Mittelalter gängige weibliche Ruf N (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 346). Karte 329: Metronyme zu Ita, vor 1800 4 Vgl. die Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner» und II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing». 5 Vgl. Artikel I-2.8 «Schreibvariation t/ th». 1.12 Metronyme: Häufige Fälle 729 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="730"?> Im Id. 1 (1881 ff.: Sp. 602) sind Ita und Ite als Ruf N belegt. Für den Familiennamentyp Ita lässt sich auf der graphematisch-phonologischen Ebene Varianz in der unterschiedlichen Realisierung des Stammkonsonanten als t / th / dt/ tt beobachten. Neben Simplizia (Ita, Ith) gehören zu diesem Namentyp auch Diminutiva (Itin, Ittin), genitivische en-Ableitungen (Item, Iten, Itten), eine mit dem Zugehörigkeitssuffix -ig gebildete Namenform (Ittig) sowie Komposita mit dem Element -sohn (Idtensohn, Ittensohn). In der Deutschschweiz sind die häufigsten Varianten des Namentyps die genitivischen Bildungen Item, Iten und Itten. Kommentar: Bis auf die genitivischen Ableitungen, die sich auf vier Nester verteilen, kommen die verschiedenen Bildungstypen der Metronyme zu Ita in vier voneinander unabhängigen Arealen vor: die Simplizia im Nordosten (ZH, SH, TG), die Diminutiva im Kanton Basel-Landschaft, die ig -Ableitungen im Deutschwallis (Bezirk Raron) und die Komposita mit -sohn im Kanton St. Gallen. Dritte Karte {330}: Metronyme zu Beela in der Deutschschweiz Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus der Zeitschicht «vor 1800», die in der etymologischen Datenbank auf den weiblichen Ruf N Beela zurückgeführt werden. Kartiert werden die entsprechenden Metronyme nach der graphematisch-phonologischen Realisierung des Stammvokals. Abgefragte Namen Beeler: 12 Tokens. Bähler: 10 Tokens. Baehler: 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 11-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 345: Daten zur dritten Karte {330} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier dokumentierten FamN sind alle aus der Kurzform Beela entstanden, die auf drei weibliche Ruf N zurückgeführt werden kann: Zugrunde liegt meist wohl Bertha, aber auch Jakobea oder Barbara sind möglich. Im Id. 4 (1881 ff.: Sp. 1159) ist Bēla (Diminutiv Bēli) als Ruf N belegt. Das auslautende -er ist ein Zugehörigkeitssuffix. 6 Die FamN aus Beela zeigen Varianz in der graphematisch-phonologischen Realisierung des Stammvokals als ä und ae vs. ee. 7 Kommentar: Die dritte Karte deutet auf einen grundsätzlichen West-Ost-Gegensatz hin. Die Metronyme zum Ruf N Beela bilden Karte 330: Metronyme zu Beela, vor 1800 6 Vgl. Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». 7 Vgl. die Artikel I-1.4 «Schreibvariation Trema oder Digraph bei Umlauten» und I-1.15 «Längen- und Kürzenanzeige». 730 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="731"?> in der Deutschschweiz drei Cluster, die geographisch voneinander getrennt sind: Das erste im Kanton Bern um die Stadt Thun, wo die Variante Bähler dominant ist (Baehler ist lediglich in Wattenwil BE alteingesessen), das zweite mit der Variante Beeler im Kanton Schwyz und das dritte - ebenfalls mit dem FamN Beeler - im Kanton St. Gallen (im Sarganserland und im Bezirk See-Gaster). Vierte Karte {331}: Metronyme zu Anna in der Deutschschweiz Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus der Zeitschicht «vor 1800», die in der etymologischen Datenbank auf den weiblichen Ruf N Anna zurückgeführt werden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Metronyme nach ihrem Bildungstyp. Abgefragte Namen Simplex: Anna. 1 Token. Typ -er: Anner. 2 Tokens. Typ -ler: Anneler. 5 Tokens. Typ -iger: Tanniger. 1 Token. Typ -en: Annen. 8 Tokens. Typ -sohn: Annasohn. 1 Token. Typ -heim: Annaheim. 1 Token. Typ -i, -y: Nänni, Nänny. 4 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 346: Daten zur vierten Karte {331} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier dokumentierten FamN sind alle aus dem weiblichen Ruf N Anna hervorgegangen, der hebräischen Ursprungs ist. Zur Verehrung der heiligen Anna in Graubünden und darüber hinaus beachte man das RNB 3 (1986: 310-311). Neben dem Simplex Anna sind Ableitungen auf -er, -ler, -iger und -en sowie die zwei Komposita Annasohn und Annaheim entstanden. 8 Der FamN Tanniger ist aus der proklitischen Verschmelzung des Definitartikels mit dem nachfolgenden Wort hervorgegangen (Tanniger ← d Anniger ‘die Anniger’). 9 Die Varianten Nänni und Nänny sind Koseformen mit vorangestelltem N-, das entweder durch Abtrennung des n eines vorausgehenden Artikels agglutiniert wurde oder lautmalerisch bzw. kindersprachlich hinzugefügt sein kann. Kommentar: Die Metronyme zum Ruf N Anna treten in der Deutschschweiz regional auf. Annen ist die tokenfrequenteste Variante und tritt an acht Ortspunkten in Erscheinung. Diese verteilen sich auf zwei Karte 331: Metronyme zu Anna, vor 1800 8 Vgl. die Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner», II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing», II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe» und II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». 9 Vgl. Artikel II-3.1 «Artikelproklise». 1.12 Metronyme: Häufige Fälle 731 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="732"?> geographisch voneinander getrennte Regionen: eine im Kanton Schwyz und eine im Berner Oberland (BE). Die anderen Varianten treten zwar nur punktuell auf, lassen aber doch Präferenzen erkennen: So kommt Anneler nur im Kanton Bern vor, die Formen Nänni und Nänny sowie Annasohn hingegen gruppieren sich im Nordosten. Fünfte Karte {332}: Metronyme zu Elisabeth in der Deutschschweiz Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus der Zeitschicht «vor 1800», die in der etymologischen Datenbank auf den weiblichen Ruf N Elisabeth bzw. auf eine Kurzform davon zurückgeführt werden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Metronyme nach ihrem Bildungstyp. Abgefragte Namen Typ -i: Elzi. 1 Token. Typ -er: Elser. 2 Tokens. Typ -ner: Elsener. 5 Tokens. Typ -ig: Elsig. 6 Tokens. Typ -inger: Elsinger. 2 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 347: Daten zur fünften Karte {332} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier dokumentierten FamN sind alle aus dem weiblichen Ruf N Elisabeth (zu lat. Elisabeth < griech. Eleisabeth < hebr. Elishabha) bzw. aus einer zugehörigen Kurzform Els(e) entstanden (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 222). Die Kurzformen sind aus der Verlagerung der Betonung auf die erste Silbe und dem Wegfall der unbetonten Silbe beth hervorgegangen. Im Id. 1 (1881 ff.: Sp. 202) sind Els, Else (Diminutiv Elsi, Elseli) als weibliche Ruf N belegt. Zur Verbreitung des aus der Bibel übernommenen Namens in Deutschland trug besonders die Verehrung der heiligen Elisabeth von Thüringen (13. Jh.) bei (Kohlheim/ Kohlheim 2016: 146). In der Deutschschweiz sind die tokenfrequentesten Varianten des Namentyps Elsig (6 Tokens) und Elsener (5 Tokens). Aus der Kurzform des Ruf N sind Ableitungen auf -i, -er, -ner, -ig und -inger entstanden. 10 Die FamN aus Elisabeth zeigen Varianz in der graphematisch-phonologischen Realisierung des Stammkonsonanten als s gegenüber seltenerem z. Ausgeschlossen, weil uneindeutig, ist der FamN Eller. Kommentar: Die Metronyme zum Ruf N Elisabeth treten in der Deutschschweiz regional auf. Elsig ist mit Nachweisen an sechs Ortspunkten - fünf davon im Deutschwallis - die häufigste Variante. Die übrigen Bildungsvarianten erscheinen zwar nur vereinzelt, las- Karte 332: Metronyme zu Elisabeth, vor 1800 10 Vgl. die Artikel II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y», II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner» und II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing». 732 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="733"?> sen aber dennoch Präferenzen erkennen: So kommt Elsener hauptsächlich im Kanton Zug vor, Elsinger im Kanton Zürich und Elser im Kanton St. Gallen. Elzi ist nur einmal in der deutschsprachigen Walserkolonie Bosco/ Gurin im Kanton Tessin belegt. Sechste Karte {333}: Metronyme zu Verena in der Deutschschweiz Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus der Zeitschicht «vor 1800», die in der etymologischen Datenbank auf den weiblichen Ruf N Verena bzw. auf eine Kurzform davon zurückgeführt werden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Metronyme nach ihrem Bildungstyp. Abgefragte Namen Simplizia: Fren, Frenn. 2 Tokens. Typ -er: Frehner, Frener. 10 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 348: Daten zur sechsten Karte {333} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier dokumentierten FamN gehen alle auf den weiblichen Ruf N Verena zurück, dessen Herkunft ungeklärt ist (Kohlheim/ Kohlheim 2016: 415). Mit der grossen Popularität der heiligen Verena von Zurzach (3./ 4. Jh.) gehörte der Ruf N bzw. dessen Kurzformen Vrena, Vreni, Vren (Id. 1 1881 ff.: Sp. 915) lange zu den beliebtesten weiblichen Ruf N der Deutschschweiz (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 256; e-HLS 2014: s. v. Verena; Berchtold 2016: 239-240). Das Patrozinium der heiligen Verena ist in der deutschsprachigen Schweiz weit verbreitet, etwa in Gonten (AI), wo im Jahr 1453 die Kirche St. Verena errichtet wurde (e-HLS 2005: s. v. Gonten). Bei den Metronymen aus Verena zeigt sich auf der graphematisch-phonologischen Ebene Varianz in der Realisierung von inlautendem e / eh und auslautendem n / nn. Anlautendes F ref lektiert die dialektale Aussprache des Namens. Kommentar: Die Metronyme zum Ruf N Verena treten in der Deutschschweiz regional mit einer Ballung in den beiden Halbkantonen Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden auf. Das APNB 1 (1958: 540) verweist bei der Untersuchung von Toponymen auf den hohen Anteil an weiblichen Ruf N bei der «Bildung appenzellischer F[amiliennamen] und Übernamen». Die Häufung der FamN Frehner und Frener in Appenzell Innerrhoden lässt sich naheliegend mit der St.-Verena-Kirche in Gonten (AI) als möglichem namengebenden Motiv in Verbindung bringen (Berchtold 2016: 240). Die Varianten Fren und Frenn kommen ausschliesslich im Kanton Basel-Landschaft vor. Karte 333: Metronyme zu Verena, vor 1800 1.12 Metronyme: Häufige Fälle 733 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="734"?> Siebte Karte {334}: Metronyme zu Agnes in der Deutschschweiz Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus der Zeitschicht «vor 1800», die in der etymologischen Datenbank auf den weiblichen Ruf N Agnes bzw. auf dessen Kurzform Nees(a) zurückgeführt werden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Metronyme nach ihrem Bildungstyp. Abgefragte Namen Simplex: Ness. 1 Token. Typ -er: Agner, Neeser. 5 Tokens. Typ -sohn: Nessensohn. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 349: Daten zur siebten Karte {334} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier dokumentierten FamN gehen alle auf den weiblichen Ruf N Agnes (bzw. auf dessen Kurzform Nees(a)) zurück, der wiederum aus einer latinisierten und ursprünglich griechischen Namenform entstanden ist (RNB 3 1986: 345; Kohlheim/ Kohlheim 2005: 83). Die Kurzformen resultieren aus der Integration des fremdbetonten Ruf N Agnésa durch Wegfall der unbetonten Silbe Ag -. Im Id. 4 (1881 ff.: Sp. 804) sind Nēsa, Nēse (Diminutiv Nēsi, Nēsli) als weibliche Ruf N belegt. Zur Verbreitung des Namens Agnes in Deutschland trugen besonders ab dem 11. Jh. dynastische und adlige Vorbilder bei (Kohlheim/ Kohlheim 2016: 54). Aus der Vollform und v. a. aus der Kurzform des Ruf N sind er- Ableitungen und ein Kompositum auf -sohn entstanden. 11 Die FamN zu Agnes zeigen Varianz in der graphematisch-phonologischen Realisierung der Quantität des Vokals e und des Konsonanten s. Kommentar: Die Metronyme zum Ruf N Agnes treten in der Deutschschweiz nur vereinzelt auf. Agner ist typisch für den Kanton Nidwalden; Neeser kommt zweimal im Aargau vor. Die zusammengesetzte Form mit -sohn ist in der Nordostschweiz alteingesessen. Karte 334: Metronyme zu Agnes, vor 1800 11 Vgl. die Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner» und II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». 734 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="735"?> Achte Karte {335}: Metronyme zu Katharina in der Deutschschweiz Namenauswahl: Ausgewählt wurden alle in der Deutschschweiz vorkommenden FamN aus der Zeitschicht «vor 1800», die in der etymologischen Datenbank auf den weiblichen Ruf N Katharina bzw. auf eine Kurzform davon zurückgeführt werden. Gegliedert und kartiert werden die entsprechenden Metronyme nach ihrem Bildungstyp. Abgefragte Namen Typ -y: Cathry. 1 Token. Typ -er: Kathriner, Ketterer. 4 Tokens. Typ -ler: Trindler, Trynler. 2 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 350: Daten zur achten Karte {335} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier dokumentierten FamN gehen alle auf den weiblichen Ruf N Katharina (bzw. auf dessen Kurzformen) zurück, der wiederum aus der Eindeutschung einer latinisierten und ursprünglich griechischen Namenform entstanden ist (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 368). Gemäss Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Cathry) ist Cathry kein echter Diminutiv. Das -y ref lektiert vermutlich eine schwankende Schreibung von auslautendem -in. Die Form Ketterentwickelte sich durch Umlaut des Vokals a in der Erstsilbe, Abschwächung von a zu e in der zweiten Silbe und Wegfall der Endung -ina; vgl. dazu die im Id. 3 (1881 ff.: Sp. 560) als Varianten des Ruf N Katharina dokumentierten Formen Kätte, Kätter, Kättler. Die Kurzformen Trinbzw. Trynsind aus dem Wegfall der unbetonten Silbe Karesultiert. Im Id. 14 (1881 ff.: Sp. 1079) sind Trī(n), Trīne (Diminutiv Trīni, Trīn(d)li) als weibliche Ruf N belegt. Der FamN Kathriner ist mehrdeutig: Er könnte entweder als Metronym zum häufigen Ruf N Katharina aufgefasst werden oder aber als WohnstättenN zum Namen eines der zahlreichen Katharinenklöster gebildet sein. Durch eine historische Sondierung wäre zu überprüfen, ob Vollformen wie Kathriner eher Indiz für zugrunde liegende Toponyme aus Kirchen, Klöstern und weiteren religiösen Institutionen sind und ob Kurzformen wie Triner auf Ruf N zurückgehen. Aus den Voll- und Kurzformen sind (l)er-Ableitungen entstanden. 12 Auf der graphematisch-phonologischen Ebene zeigt sich Varianz in der Realisierung von anlautendem K/ C, von unbetontem a / e (Kat- / Ket-) und von betontem i/ y (Trin- / Tryn-). Karte 335: Metronyme zu Katharina, vor 1800 12 Vgl. Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». 1.12 Metronyme: Häufige Fälle 735 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="736"?> Kommentar: Die Metronyme zum Ruf N Katharina treten in der Deutschschweiz verstreut auf. Der FamN Ketterer kommt an der Landesgrenze in den Kantonen Jura und Basel-Landschaft vor und bildet somit einen gemeinsamen Namenraum mit Südwestdeutschland, denn gemäss DFA 6 (2017: 694) ist der FamN auch im Südwesten Baden-Württembergs belegt. Ergebnisse Die hier ausgewählten FamN gehen alle auf weibliche Ruf N zurück, die eine besondere Produktivität aufweisen, welche in Frequenz und/ oder Formvarianz zutage tritt. Nach diesen Kriterien zeigen die FamN aus den Ruf N Margarete (7 Types, 29 Tokens), Ita (10 Types, 26 Tokens), Beela (3 Types, 23 Tokens) und Anna (9 Types, 23 Tokens) die höchste Produktivität. Es sind also sowohl germanische als auch nicht-germanische Ruf N, die das Metronymeninventar der Deutschschweiz am stärksten geprägt haben. Die Metronyme aus den produktivsten Ruf N zeigen meist eine diffuse Verbreitung auf dem ganzen Gebiet der Deutschschweiz. Nur die FamN zu Beela und zu Verena treten in regionalen Zentren auf. Als Kerngebiet der Metronyme kristallisiert sich insgesamt die Zentralschweiz heraus, insbesondere die Kantone Schwyz, Zug und Luzern. Gut vertreten sind die ausgewählten FamN zudem in der Region um die Stadt Thun (BE) sowie im Deutschwallis. Somit können die Verbreitungsgebiete von Metronymen in den meisten Fällen keinen klaren Aufschluss darüber geben, welche Ruf N (oder Rufnamenvarianten) im Spätmittelalter in welchen Regionen gebräuchlich waren. Inwieweit regionale Heiligenverehrungen das Metronymenbild der Deutschschweiz geprägt haben, ist eine Frage, die interdisziplinär - unter Einbezug der Kirchengeschichte - erforscht werden müsste. Das Beispiel der FamN aus Verena zeigt, dass die Verbreitung von FamN nicht immer - und im Falle der Metronyme sogar nur selten - direkt mit einer bestimmten Heiligenverehrung in Verbindung gebracht werden kann (Berchtold 2016: 240). Ausgerechnet im Zentrum des Kults der heiligen Verena, in Zurzach (AG), sind keine Belege dokumentiert; hingegen finden sich Nachweise in den beiden Appenzeller Halbkantonen in der Nähe der St.- Verena-Kirche in Gonten (AI). Das Rufnamenspektrum, das sich aus den deutschschweizerischen FamN ergibt, deckt sich weitgehend mit demjenigen des übrigen deutschen Sprachraums: Die Ruf N Margarete, Anna, Elisabeth, Agnes und Katharina gehören im Spätmittelalter zu den beliebtesten fremdsprachigen weiblichen Ruf N im ganzen deutschen Sprachgebiet (Kunze 2004: 45). Hingegen können Ita, Beela und Verena als typisch schweizerisch gelten. In Deutschland kommen sie im Familiennamenschatz kaum vor - Verena (mit dem FamN Frener) nur in südlichen Teilen des Landes (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 256). Zu den Formen der zugrunde liegenden Ruf N lässt sich Folgendes beobachten: Die meisten Metronyme gehen auf Kurzformen zurück, die z. T. regionale Unterschiede zeigen (vgl. bei der achten Karte die beiden Ausgangsformen Ketter- und Trinfür Katharina). Das Verhältnis von Kurzformen zu Vollformen beträgt bei den FamN aus Margareta 26: 3. Es stellt sich die Frage, ob Vollformen wie Margreth als WohnstättenN aus Toponymen religiöser Einrichtungen (wie Kirchen, Klöster oder ähnlichen Institutionen) hervorgegangen sind, während Kurzformen wie Gredig metronymisch eher direkt auf weibliche Tauf N zurückgehen. Die interessante Formenvielfalt der Metronyme ergibt sich nicht nur aus der Varianz der zugrunde liegenden Ruf N. Wie im Artikel III- 1.11 «Metronyme: Gesamtdarstellung» bei der vierten Karte erläutert, haben unterschiedliche Ableitungen und Komposita zur Aufspaltung der Metronyme beigetragen. 13 Bis auf die Komposition mit dem Zweitglied -sohn, die spezifisch für FamN aus weiblichen Ruf N ist, teilen die Metronyme die meisten Bildungstypen mit den Patronymen. Die meisten Bildungsvarianten liegen für die FamN zu den Ruf N Anna und Ita vor: Ersterer Familiennamentyp verzeichnet eine simplizische Form, fünf verschiedene Ableitungen (-er, -ler, -iger, -en, -i/ -y) und zwei Komposita (-heim, -sohn), während letzterer neben Simplizia drei verschiedene Ableitungen (-in, -en, -ig) und ein Kompositum (-sohn) aufweist. Die Kartenbilder zeigen, dass sich die verschiedenen morphologischen Varianten eines Namentyps meist komplementär zu anderen Bildungsvarianten präsentieren. Nur in zwei Fällen kommen zwei Bildungstypen am gleichen Ort vor: in Saanen (BE) Annen und Tanniger und in Steinen (SZ) Anna und Annen. Schliesslich lässt sich Varianz nicht nur beim zugrunde liegenden Ruf N (Kurz- oder Vollform) oder bei der Morphologie des FamN, sondern auch auf der graphematisch-phonologischen Ebene feststellen: Die Metronymenvielfalt beruht auch auf unterschiedlichen dialektalen Realisierungen bzw. auf unterschiedlichen Schreibungen gleicher Lautungen. Repräsentativ dafür sind die FamN zum Ruf N Beela, die keine morphologische, sondern lediglich graphematischphonologische Varianten Baehler, Bähler und Beeler aufweisen. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Metronymenvielfalt zum einen durch die regionale Verbreitung bestimmter Ruf N bedingt ist. Zum anderen führten graphematisch-phonologische Varianten sowie die verschiedenen morphologischen Bildungen (Simplizia, Ableitungen, Komposita), die erst später in den FamN aufgekommen sind, zu einer ausgeprägten Formvarianz im Bestand der Deutschschweizer FamN. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Iten (3'058 Tokens), Bähler (1'724 Tokens) und Beeler (1'533 Tokens). In der rezenten Rangliste aller FamN der Deutschschweiz (BFS 2023: STATPOP 2022) belegt Iten den 182. Platz. Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA (2009-2018) widmet ausschliesslich den Metronymen aus dem Ruf N Katharine einen Einzelartikel (DFA 6 2017: 694-701). Weitere Metronyme werden separat in den grammatisch ausgerichteten Bänden behandelt, vgl. dazu die Verweise im DFA 7 (2018). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». 13 Für die einzelnen grammatischen Phänomene sei auf die entsprechenden Artikel verwiesen. 736 1 Familiennamen aus Rufnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="737"?> FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur APNB 1 = Sonderegger, Stefan (1958): Die Orts- und Flurnamen des Landes Appenzell. Grammatische Darstellung (Appenzeller Namenbuch 1). Frauenfeld: Huber. Berchtold, Simone (2016): Jäggi, Jenny, Marti, Frehner, Batt und Co. Heiligennamen in Familiennamen und anderen Namenklassen der Schweiz. In: Dräger, Kathrin/ Fahlbusch, Fabian/ Nübling, Damaris (Hrsg.): Heiligenverehrung und Namengebung, 223-255. Berlin, Boston: De Gruyter. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2023): STATPOP 2022. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Kanton und nach Sprachregion für das Jahr 2022. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 26925057 (letzter Zugriff 06.06.2024). DFA = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009-2018): Deutscher Familiennamenatlas. 7 Bde. Berlin, New York, Boston: De Gruyter. DFA 6 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2017): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 6: Familiennamen aus Rufnamen. Berlin, Boston: De Gruyter. DFA 7 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2018): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 7: Verzeichnisse, Register, Literatur. Berlin, Boston: De Gruyter. Dräger, Kathrin (2013): Familiennamen aus dem Rufnamen Nikolaus in Deutschland (Regensburger Studien zur Namenforschung 7). Regensburg: edition vulpes. e-HLS = Bischofberger, Hermann (2005): Gonten. 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Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2016): Duden - Das große Vornamenlexikon. 5., vollständig überarbeitete Auf lage. Berlin: Dudenverlag. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Seibicke, Wilfried (2008): Die Personennamen im Deutschen. Eine Einführung. 2., überarbeitete Auf lage. Berlin, New York: De Gruyter. Linda Steiner 1.12 Metronyme: Häufige Fälle 737 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="738"?> Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="739"?> 2 Herkunftsnamen 2.1 Herkunftsnamen zu Schweizer Toponymen Schlagwörter: Alte Orte, Migration, Rätoromanisch, Stadt, Walser: innen Gegenstand und Fragestellung In diesem Artikel werden ausgewählte HerkunftsN aus der Schicht «vor 1800» besprochen, die von Schweizer Toponymen abgeleitet sind - sei es von Namen für Städte (z. B. Zürich), Dörfer (z. B. Frick) oder Fluren (z. B. Hunzikon). FamN zu Bezeichnungen von (historischen) Stämmen, Volks- und Sprachgruppen (wie z. B. der FamN Alemann) gehören hier nicht zur Auswahl und werden in einem separaten Artikel besprochen. 1 Weitere HerkunftsN zu Schweizer Toponymen sind zusammen mit WohnstättenN derselben lexikalischen Grundlage andernorts behandelt; so bspw. FamN des Typs -bach im Artikel III-3.2 «Wohnstättennamen nach Gewässern und wasserbaulichen Anlagen» oder FamN mit Holz und Wald im Artikel III-3.4 «Wohnstättennamen nach der Vegetation» (zum Problem der Abgrenzung zwischen Wohnstätten- und HerkunftsN s. u.). Gesondert und nach formalen Kriterien zugeteilt sind schliesslich FamN wie Erlacher (zu Toponymen mit -ach), Zollikofer (zu Toponymen mit -ikon), Immenhauser (zu Toponymen mit -hausen), Burgdorfer (zu Toponymen mit -dorf ), Wädenschwiler (zu Toponymen mit -wil ) oder Buttauer (zu Toponymen mit -au). Sie werden im Artikel III-2.2 «Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen» abgebildet und besprochen. Der vorliegende Kartenkomplex behandelt hingegen die wichtigsten Gruppen von HerkunftsN zu Schweizer Toponymen mit dem Fokus auf Grösse, Lage und Art der geographischen Einheiten, auf die sie sich beziehen. Festzuhalten ist, dass sich trotz des toponymischen Ursprungs der hier behandelten HerkunftsN manche von ihnen - insbesondere solche zu Mikrotoponymen (z. B. Namen von Fluren oder Weilern) - auch als WohnstättenN interpretieren lassen. Die Unterscheidung zwischen Wohnstätten- und HerkunftsN ist aus theoretischer wie motivationsbezogener Perspektive relevant: WohnstättenN benennen Ansässige, HerkunftsN hingegen Zugewanderte (vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III»). In vielen Fällen lässt sich jedoch keine eindeutige Zuordnung vornehmen (Fleischer 1964: 133; Kunze 2004: 85, 87). Diese Problematik lässt sich am Walliser FamN Kalbermatten exemplarisch aufzeigen: Der Name geht auf das Toponym bzw. die Örtlichkeit Chalbermatten zurück - ein Dorfteil von Saas-Fee im Saastal (VS) - und ist in der Schicht «vor 1800» an neun Ortspunkte belegt. Er tritt sowohl in unmittelbarer Nähe der entsprechenden Örtlichkeit auf als auch mehrere Kilometer entfernt in der Talniederung. Erstere Vorkommen wären als WohnstättenN zu deuten, letztere eher als Namen von Zuzüger: innen und somit als HerkunftsN. Es wäre jedoch aufwändig und in der Grenzziehung nicht gut zu rechtfertigen, wenn man die Vorkommen ein und desselben Namens auf die beiden Benennungsmotive verteilen wollte. Aus diesem Grund werden zahlreiche ambige Fälle wie etwa die FamN Andermatt, Schwander, Steiner oder Zeller in den Artikeln zu WohnstättenN besprochen, weil sie lexikalisch-motivisch gut dorthin passen. Im vorliegenden Artikel werden FamN behandelt, die sich mehrheitlich klar den HerkunftsN zuordnen lassen; eine Abgrenzung zu WohnstättenN erscheint hier jedoch auch nicht allzu relevant, da der Fokus auf den Eigenschaften der zugrunde liegenden Toponyme bzw. der entsprechenden Örtlichkeiten liegt. Zur Selektion und Gliederung der nachfolgenden Namensamples sei angemerkt, dass aus der Fülle verfügbarer HerkunftsN zu Schweizer Toponymen für diesen Artikel eine Auswahl getroffen werden musste - nicht zuletzt, weil sich HerkunftsN nur eingeschränkt zu Gruppen bündeln lassen. Anders als bei Berufs(über)N, ÜberN und WohnstättenN sind bei HerkunftsN semantische Gruppierungen nur eingeschränkt möglich. Denn während erstere sich i. d. R. aus Bezeichnungen (wie Kiste, braun, Tor) ableiten, basieren HerkunftsN (ebenso wie Patronyme und Metronyme) auf EigenN, die als solche keine Bedeutung, allenfalls eine etymologische Deutbarkeit haben. Es ist insgesamt eher Gegenstand der Ortsnamenforschung, den (oft schon verdunkelten) Ursprüngen der zugrunde liegenden Toponyme nachzugehen. 2 Daher werden in diesem Artikel FamN spezifisch ausgewählt, die sich nach bestimmten Kriterien sinnvoll gruppieren lassen: 1. nach ihrer Frequenz (erste und zweite Karte), 2. nach dem Typ des zugrunde liegenden Toponyms (dritte Karte), 3. nach der geographischen Lokalisierung des zugrunde liegenden Toponyms (vierte, fünfte und sechste Karte) sowie 4. nach dessen sprachlicher Zugehörigkeit (siebte Karte). 1 Vgl. Artikel III-2.4 «Herkunftsnamen zu Bezeichnungen von Stämmen, Volks- und Sprachgruppen». 2 Für detaillierte Etymologien und weiterführende Angaben zu den Toponymen sei auf das Online-Portal ortsnamen.ch (o. J.) verwiesen. Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="740"?> Zum ersten Selektionskriterium, der Frequenz, ist folgende Vorbemerkung anzubringen: Gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 27.03.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») gehen in der Deutschschweiz für die Schicht «vor 1800» mehr als 1'000 HerkunftsN auf Schweizer Toponyme zurück. Eine detaillierte Prüfung und eine systematische Klassifizierung dieser gesamten Namenmenge ist in diesem Rahmen nicht möglich, schon allein wegen der oben beschriebenen Mehrdeutigkeit vieler HerkunftsN. Eine kursorische Sichtung zeigt jedoch Folgendes: Mehr als die Hälfte der über 1'000 HerkunftsN zu Schweizer Toponymen tritt nur an einem einzigen Ort auf. Lediglich 68 HerkunftsN sind vor 1800 an mehr als zehn Orten dokumentiert. Nur elf HerkunftsN zu Schweizer Toponymen weisen mindestens 15 Tokens auf. Diese sind: Schweizer (78 Tokens), Hunziker (22 Tokens), Leuenberger (20 Tokens), Fricker (18 Tokens), Rutishauser (18 Tokens), Hunkeler (17 Tokens), Scheidegger (17 Tokens), Stettler (17 Tokens), Saxer (16 Tokens), Baumberger (15 Tokens) und Hugentobler (15 Tokens). Die Betrachtung dieser elf HerkunftsN zeigt, dass - abgesehen vom FamN Schweizer - die zugrunde liegenden ÖrtlichkeitsN zur Mikrotoponymie gehören. Aus formaler Sicht ist festzustellen, dass all diese FamN mit dem Herkunftssuffix -er gebildet sind. 3 Die Gruppierung von HerkunftsN nach der geographischen Lokalisierung des zugrunde liegenden Toponyms bzw. der entsprechenden Örtlichkeit erlaubt Rückschlüsse auf die Reichweite historischer Migrationsräume. Konvergiert die Verbreitung der HerkunftsN im Wesentlichen mit den jeweiligen ÖrtlichkeitsN bzw. deren Bezugsorten, weist dies auf ein vergleichsweise kleines Einzugsgebiet der Namenträger: innen hin. Die erste Karte zeigt die fünf häufigsten HerkunftsN zu Schweizer Toponymen (ohne den Namentyp Schweizer), bevor die zweite Karte spezifisch auf den verbreiteten Typ Schweizer eingeht. Die dritte Karte ist den HerkunftsN zu Schweizer StädteN gewidmet. In der vierten, der fünften und der sechsten Karte werden HerkunftsN nach der geographischen Lage des zugrunde liegenden Toponyms dargestellt, und zwar exemplarisch für den Kanton Zürich (vierte Karte) sowie für den deutschsprachigen Teil des Kantons Wallis (fünfte und sechste Karte). In der siebten Karte sind schliesslich HerkunftsN dargestellt, deren entsprechendes Toponym dem Rätoromanischen zugeordnet werden kann. 3 Vgl. Artikel II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen». 740 2 Herkunftsnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="741"?> Erste Karte {336}: Die fünf häufigsten Herkunftsnamen zu Schweizer Toponymen Namenauswahl: Die erste Karte bildet die fünf häufigsten HerkunftsN zu Schweizer Toponymen aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 4 ab, ohne den frequentesten Typ Schweizer, der separat in der zweiten Karte behandelt wird. Abgefragte Namen Hunziker: 22 Tokens. Leuenberger: 20 Tokens. Fricker: 18 Tokens. Rutishauser: 18 Tokens. Hunkeler: 17 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 351: Daten zur ersten Karte {336} Detailangaben zur Namenauswahl: 5 Alle fünf FamN sind mittels des Herkunftssuffixes -er gebildet. Abgesehen von dieser Suffigierung unterscheiden sie sich formal im Stamm nicht von den ihnen zugrunde liegenden Toponymen. Tabelle 352 führt für jeden der fünf HerkunftsN das namengebende Toponym und dessen Lokalisierung an. FamN Toponym Lokalisierung Hunziker Hunzikon Kanton Luzern Leuenberger Leuenberg Kanton Bern Fricker Frick Kanton Aargau Rutishauser Rutishausen Kanton Thurgau Hunkeler Hunkele Kanton Luzern Tabelle 352: Die fünf häufigsten HerkunftsN zu Schweizer Toponymen Kommentar: Die fünf häufigsten HerkunftsN zu Schweizer Toponymen treten regional konzentriert auf und bilden somit Namennester. Vier der fünf FamN sind in einer zusammenhängenden Region verbreitet, die sich über die Kantone Bern, Luzern, Aargau, Basel- Landschaft und Solothurn erstreckt. Eine geographisch eigenständige Namenkonzentration zeigt sich beim FamN Rutishauser im Kanton Thurgau. Auffällig ist, dass die hier abgebildeten HerkunftsN in unmittelbarer Nähe jener Örtlichkeit auftreten, die namengebend Karte 336: HerkunftsN zu Schweizer Toponymen nach Frequenz, vor 1800 4 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 5 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. Soweit nicht anders vermerkt, erfolgt die Deutung der Schweizer Toponyme auf Grundlage des Online-Portals ortsnamen.ch (o. J.). 2.1 Herkunftsnamen zu Schweizer Toponymen 741 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="742"?> war. Der FamN Hunziker bspw. kommt v. a. im südlichen Teil des Kantons Aargau vor, angrenzend an den Luzerner Bezirk Sursee, wo sich der Weiler Hunzikon (Gemeinde Geuensee) befindet. Wie eingangs erwähnt, erlaubt die Verteilung der ausgewählten fünf HerkunftsN Rückschlüsse auf die historische Bevölkerungsmobilität: Die geographische Nähe zwischen den kartierten FamN und dem jeweiligen zugrunde liegenden SiedlungsN bzw. Bezugsort deutet auf ein vergleichsweise kleines Einzugsgebiet der Namenträger: innen hin. Zweite Karte {337}: Herkunftsnamen des Typs Schweizer Namenauswahl: Die zweite Karte umfasst sämtliche HerkunftsN aus der Schicht «vor 1800», die auf das Toponym Schwyz zurückgehen, das sich auf den Hauptort des gleichnamigen Kantons bezieht. Gruppiert werden die Namen nach der etymologischen Zugehörigkeit zum Typ Schwyz (rot) bzw. zur älteren Form Swites (gelb). Abgefragte Namen Typ Schwyz: Schweitzer, Schweizer, Schwitzer, Schwitzerlet, Schwizer, Schwytzer von Buonas, Schwyzer. 7 Types, 97 Tokens. Typ Swites: Schweiter, Schwitter, Schwyter. 12 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15‒30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 353: Daten zur zweiten Karte {337} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier kartierten HerkunftsN lassen sich alle auf das Toponym Schwyz (bzw. dessen Varianten) zurückführen. Zur Zeit der Namengebung bezog sich dieses zunächst auf die Ortschaft Schwyz, Hauptort des gleichnamigen Kantons, später auf die Eidgenossenschaft der Alten Orte (vgl. dritte Karte) und schliesslich auf das Land Schweiz. Schweizer bzw. Schweitzer kann ausserhalb der Schweiz schlicht die Bedeutung ‘der aus der Schweiz’ haben (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 611). Gemäss DFA 4 (2013: 111) sind «in Erwägung gezogene Berufsbezeichnungen in den Bedeutungen ‘Soldat’, ‘Melker’ u. a. […] erst seit dem 16. Jh. entstanden und für die FamN-Bildung irrelevant». Die FamN des Typs Swites ref lektieren eine «ältere Bildung zum (latinisierten) Ortsnamen Suites (= Schwyz). Noch bis ins 16. Jahrhundert wird für den Volksnamen statt Switzer noch öfter Schwiter oder Schwitter geschrieben» (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 151). Die Variante Schweiter mit Diphthongschreibung ist mit der Variante Schweizer vergleichbar, die direkt aus der jüngeren Form Schweiz bzw. Schwyz entstanden ist. 6 Kommentar: Die häufigen HerkunftsN des Typs Schwyz (rot) kommen geballt in der Nordostschweiz und gehäuft auch im Kanton Basel-Landschaft vor. Weitere Belege sind über das gesamte Mittelland verstreut. Die FamN zu Swites (gelb) hingegen folgen einer Linie, Karte 337: HerkunftsN zu Schwyz und Swites, vor 1800 6 Vgl. die Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī» und I-1.14 «Schreibvariation i/ y». 742 2 Herkunftsnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="743"?> die sich vom nördlichen Aargau bis in das Grenzgebiet von St. Gallen und Graubünden erstreckt. Dritte Karte {338}: Herkunftsnamen zu Städtenamen Namenauswahl: Die dritte Karte gilt HerkunftsN aus der Schicht «vor 1800», die zu einem StadtN gebildet sind. Zur Definition von Stadt s. u. Alle FamN werden hier mit ihren allfälligen Varianten nach ihrem zugrunde liegenden Toponym gruppiert. Abgefragte Namen Typ Zürich: Zürch, Zürcher, Zurich, Züricher, Zürrer. 41 Tokens. Typ Basel: Basler. 12 Tokens. Typ Glarus: Glarner. 10 Tokens. Typ Bern: Berner. 8 Tokens. Typ Schaffhausen: Schaffhauser, Schaffhuser. 6 Tokens. Typ Solothurn: Solothurner, Solothurnmann, Soltermann. 3 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 354: Daten zur dritten Karte {338} Detailangaben zur Namenauswahl: Als Städte werden hier die Hauptsiedlungen der Alten Orte definiert, die die Alte Eidgenossenschaft formten und als Vorläufer der heutigen Kantone gelten (e-HLS 2016: s. v. Kantone). 7 Die Alten Orte waren: Uri (Hauptort Altdorf ), Schwyz, Unterwalden (Hauptort Sarnen), Luzern, Zürich, Zug, Glarus, Bern, Freiburg, Solothurn, Basel, Schaffhausen und Appenzell. Zu den Toponymen Altdorf , Sarnen, Luzern, Zug und Freiburg finden sich in der Schicht «vor 1800» keine HerkunftsN. Der FamN Altorfer geht sehr wahrscheinlich auf einen ÖrtlichkeitsN im Kanton Schaffhausen oder im Kanton Zürich zurück und nicht auf den Hauptort des Kantons Uri, weil die Verbreitung des FamN einen Bezug zu Letzterem eher unwahrscheinlich macht. Die FamN Appenzeller und Urner sind type- und tokenmässig niederfrequent und hier daher nicht abgebildet. Den häufigsten Namentyp stellen die HerkunftsN zum StadtN Zürich dar. Die frequente Form Zürcher, bei der der Mittelsilbenvokal -ientfallen ist (vgl. Toponym Basel → FamN Basler), 8 ist eine vergleichsweise jüngere Variante im Gegensatz zu Züricher. Das Gleiche gilt für die endungslose Form Zürch. Der FamN Zürrer, bei dem das auslautende -ch von Zürich weggefallen ist, leitet sich von der mundartlichen Variante des StadtN, Züri, ab. Der in Lessoc (FR) alteingesessene Name Zurich (mit Adaption von dt. ü zu frz. u) 9 Karte 338: HerkunftsN zu StädteN, vor 1800 7 Da die Alten Orte zugleich Untertanengebiete regierten und verwalteten (s. ausführlich e-HLS 2013: s. v. Untertanengebiete), kann sich die Herkunftsbezeichnung in einzelnen Fällen auch auf Personen aus diesen abhängigen Territorien beziehen und nicht zwingend auf Zuzüger: innen aus der jeweiligen Stadt selbst. 8 Vgl. Artikel I-1.16 «Synkope». 9 Vgl. Artikel I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». 2.1 Herkunftsnamen zu Schweizer Toponymen 743 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="744"?> gehört zu den HerkunftsN ohne Suffix, die heute seltener sind, aber im Deutschschweizer Familiennamenbestand noch gelegentlich vorkommen (z. B. Freiburghaus, Hospenthal, Sempach). 10 Neben einer Benennung nach der Herkunft der Namenträger: innen könnten die FamN des Typs Zürich auch als ÜberN verwendet worden sein, um eine Person zu kennzeichnen, die Handelsbeziehungen zur Stadt Zürich unterhielt. Dies könnte einen Einf luss auf die Ausbreitung der entsprechenden FamN gehabt haben. Auffällig sind die Formvarianten des Typs Solothurn: Solothurnmann und die kontrahierte Variante Soltermann, mit Ausfall des -osowie Reduktion der Silbe -thurnzu -ter-, sind mit dem Suffix -mann abgeleitet. In der Schicht «vor 1800» gehören diese beiden FamN zusammen mit wenigen weiteren Namen wie Wollenmann (zu Wohlen AG) oder allenfalls auch Kurmann (evtl. zu Chur GR) zur kleinen Gruppe von HerkunftsN mit mann-Suffigierung. 11 Kommentar: Der häufigste Namentyp umfasst FamN, die aus dem StadtN Zürich abgeleitet sind, wobei die Variante Zürcher mit 34 von 41 Tokens klar dominiert. Diese FamN treten besonders in vier Regionen gehäuft auf: im Berner Oberland (Verwaltungskreis Frutigen-Niedersimmental), im Emmental (BE), im Gebiet zwischen dem Zürichsee (ZH) und dem Zugersee (ZG) sowie im Kanton Appenzell Innerrhoden. Da sie sowohl im Mittelland als auch teilweise in den (Vor-)Alpen verbreitet sind, lässt sich für die aus dem Toponym Zürich entstandenen FamN im Vergleich zu den anderen kartierten Typen die weiteste räumliche Ausdehnung feststellen. Die Belege für Basler bleiben in ihrer Verbreitung hauptsächlich auf den Norden bzw. den Nordosten beschränkt. Gehäuft kommen sie im Kanton Aargau in den Bezirken Zofingen und Laufenburg vor. Glarner ist vorwiegend in Glarus sowie im Gebiet des unteren Zürichsees verbreitet. Zudem treten zwei Belege auch im östlichen Berner Oberland auf. Der FamN Berner ist in den Kantonen Bern und Freiburg sowie im Aargau alteingesessen. HerkunftsN zum StadtN Schaffhausen treten v. a. im Kanton St. Gallen in Erscheinung. Schliesslich ist der Typ Solothurn nicht nur in der Nähe der namengebenden Kantonshauptstadt, sondern auch im Bezirk Bern-Mittelland (BE) belegt. Abschliessend lässt sich folgende Erkenntnis festhalten: Während HerkunftsN zu Toponymen kleinerer Örtlichkeiten (vgl. erste Karte) vorwiegend in unmittelbarer Nähe des namengebenden Orts verbleiben, können HerkunftsN zu StädteN auch weit entfernt von der entsprechenden Örtlichkeit auftreten und sich über grössere Gebiete erstrecken. Dennoch bleibt meistens eine gewisse geographische Beziehung zwischen den FamN und der namengebenden Stadt erkennbar. Vierte Karte {339}: Herkunftsnamen zu Toponymen aus dem Kanton Zürich Namenauswahl: Ausgewählt wurden sämtliche HerkunftsN aus der Schicht «vor 1800», die auf einem Toponym beruhen, das eine Örtlichkeit im Kanton Zürich bezeichnet. Abgefragte Namen HerkunftsN zu Toponymen aus dem Kanton Zürich, vor 1800: Affeltranger, Altenberger, Attiger, Attinger, Baltensperger, Baltensweiler, Bänninger, Bärtschiger, Benker, Benkert, Benninger, Bertschinger, Bietenholz, Binzegger, Borsinger, Bossinger, Brüngger, Busenhart, Buttauer, Dändliker, Däniker, Deggeller, Dietiker, Dietliker, Dietziker, Dieziger, Diezinger, Doggweiler, Doggwiler, Dogwiler, Dössegger, Dössekel, Dössekker, Dübendorfer, Dürsteler, Ehrensberger, Ehrensperger, Elliker, Esslinger, Etzensberger, Etzensperger, Fehrenbach, Flach, Flacher, Freudweiler, Gattiker, Girsberger, Girsperger, Glattfelder, Gossauer, Gossweiler, Gosswiler, Goswiler, Guldener, Güntensperger, Hagenbucher, Hägni, Hegetschweiler, Hegnauer, Herensperger, Hermatschweiler, Hermetschweiler, Hettlinger, Hirschgartner, Hönger, Hottiger, Hottinger, Huggenberger, Itschner, Kiburger, Kindhauser, Kloter, Kuser, Kyburger, Landenberger, Leibensberger, Marthaler, Messikomer, Messikommer, Müdespacher, Neeracher, Neracher, Nieriker, Oetiker, Ottiker, Ottinger, Pfaffhauser, Riediker, Rogenmoser, Rohrbasser, Saller, Schalcher, Schleiniger, Schleuniger, Schnurrenberger, Schollenberger, Solinger, Stettbacher, Stürzinger, Toggweiler. 100 Types, 229 Tokens. Kreise 15‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-90, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 355: Daten zur vierten Karte {339} Detailangaben zur Namenauswahl: Die für die hier kartierten HerkunftsN relevanten ÖrtlichkeitsN stammen sowohl aus der Makroals auch aus der Mikrotoponymie. So basieren FamN wie Dietiker (zu Dietikon), Gossauer (zu Gossau) oder Kloter (zu Kloten) auf Toponymen, die Dörfer oder grössere Siedlungen bezeichnen. Hingegen lassen sich andere Fälle auf Dorfteile, Weiler oder Fluren zurückführen - so etwa Affeltranger (zu Affeltrangen ← ahd. affoltra ‘Apfelbaum’ + ahd. wang ‘Wiesenabhang, Halde’, eine kleine Häusergruppe bei Hinwil) oder Brüngger (zu Brünggen ← ahd. brunno ‘Quelle, Brunnen’ + ahd. egga ‘scharfer Rand; Spitze, Berggipfel; Ecke, Winkel’). 10 Vgl. Artikel II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen». 11 Vgl. Artikel II-2.7 «Familiennamen auf -mann». 744 2 Herkunftsnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="745"?> Bis auf wenige Ausnahmen wie Flach oder Hägni sind die allermeisten FamN des Samples mittels des Herkunftssuffixes -er gebildet. Die höchste Frequenz erreicht mit 12 Tokens der FamN Bertschinger, der auf einem ÖrtlichkeitsN Bertschikon beruht. Das Toponym kommt im Kanton Zürich einmal bei Gossau und einmal bei Winterthur vor. Es ist aus einem althochdeutschen Ruf N *Berso und der Siedlungsnamenendung -ikon bzw. -inghofen gebildet und kann als ‘bei den Höfen der Leute des *Berso’ gedeutet werden. 12 In Einzelfällen kann der FamN Bertschinger aber auch auf den Ruf N Bertschi (eine Kurzform des Ruf N Berchtold ) zurückgeführt werden, der über die Form Bertschiner zu Bertschinger umgedeutet wurde. Diese Mehrdeutigkeit könnte die relativ hohe Tokenzahl des Namens erklären. Auf Bertschinger folgen Gattiker und Hottinger mit je 9 Tokens. Nur sechs Namen des Samples weisen mehr als 5 Tokens auf. Die Hälfte der kartierten HerkunftsN kommt vor 1800 nur in einer Gemeinde vor. Kommentar: Von insgesamt 229 Vorkommen treten rund 70 % (157 Tokens) im Kanton Zürich auf. Die übrigen rund 30 % verteilen sich v. a. auf die angrenzenden Kantone Aargau (30 Tokens) und Thurgau (8 Tokens). Weitere Einzelbelege finden sich verstreut im Mittelland. Die Innerschweiz ist - abgesehen von wenigen Ortspunkten in den Kantonen Zug und Schwyz - frei von HerkunftsN, die auf Zürcher Toponyme zurückgehen. Der einzige Beleg in Graubünden, im rätoromanischsprachigen Münstertal, ist der FamN Solinger, der auf den Zürcher ÖrtlichkeitsN Zollikon zurückgeht. Karte 339: HerkunftsN zu Toponymen aus dem Kanton Zürich, vor 1800 12 Vgl. Artikel III-2.2 «Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen». 2.1 Herkunftsnamen zu Schweizer Toponymen 745 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="746"?> Fünfte und sechste Karte {340, 341}: Herkunftsnamen zu Toponymen aus dem Deutschwallis Namenauswahl: Ausgewählt wurden HerkunftsN aus der Schicht «vor 1800», die sich auf Toponyme zurückführen lassen, welche Örtlichkeiten im deutschsprachigen Teil des Kantons Wallis bezeichnen. Während die fünfte Karte alle entsprechenden FamN aufnimmt, werden in der sechsten Karte die HerkunftsN mit der höchsten Tokenzahl separat dargestellt und zusammen mit ihren Varianten nach dem jeweiligen zugrunde liegenden Toponym zu Typen gruppiert. Dabei erfolgt die Anordnung in abnehmender Frequenz. Abgefragte Namen HerkunftsN zu Toponymen aus dem Deutschwallis, vor 1800: Abgottspon, Bellwalder, Burgener, de Kalbermatten, de Riedmatten, Eyster, Gottsponer, Gsponer, Jeitziner, Jeiziner, Kalbermatten, Kalbermatter, Lambrigger, Leiggener, Lötscher, Lowiner, Muther, Mutter, Rittiner, von Riedmatten. 20 Types, 74 Tokens. Kreise 15‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 0-90, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 356: Daten zur fünften Karte {340} Abgefragte Namen Typ Kalbermatten: de Kalbermatten, Kalbermatten, Kalbermatter. 19 Tokens. Typ Lötschen: Lötscher. 12 Tokens. Typ Burgen: Burgener. 10 Tokens. Typ Gspon: Abgottspon, Gottsponer, Gsponer. 9 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20‒45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 357: Daten zur sechsten Karte {341} Detailangaben zur Namenauswahl: Die EinzelN der fünften Karte mit den höchsten Tokenzahlen sind Lötscher (12 Tokens), Burgener (10 Tokens), Kalbermatten (9 Tokens), Kalbermatter (8 Tokens) und Gsponer (5 Tokens). Alle übrigen Namen sind an vier oder weniger Ortspunkten belegt. Der FamN Lötscher lässt sich auf das Toponym Lötschental bzw. Lötschen zurückführen, das ein nördliches Seitental der Rhone im Oberwallis bezeichnet. Laut Literatur gehört dieser FamN zur Personengruppe der Walser, die ab dem ausgehenden Hochmittelalter aus dem Lötschental in andere Gebiete abwanderten (vgl. Berchtold/ Graf i. V.: s. v. Lötscher). 13 Der Name erscheint im Karte 340: HerkunftsN zu Toponymen aus dem Deutschwallis, vor 1800 13 Zum Familiennamentyp Walser sei auf den Artikel III-2.4 «Herkunftsnamen zu Bezeichnungen von Stämmen, Volks- und Sprachgruppen» verwiesen. 746 2 Herkunftsnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="747"?> Entlebuch (LU) erstmals im 14. Jh., im Prättigau (GR) bereits im 13. Jh. Der FamN Burgener beruht auf dem Toponym Burgen, einem auf rund 1400 m ü. M. gelegenen Weiler der Gemeinde Törbel im Vispertal (VS). Kalbermatten sowie die Varianten de Kalbermatten und Kalbermatter gehen auf Chalbermatten zurück, ein auf 1798 m ü. M. gelegener Ortsteil von Saas-Fee im Saastal (VS). Gsponer schliesslich verweist auf Gspon, einen auf 1890 m ü. M. gelegenen Weiler der Gemeinde Staldenried im Vispertal (VS). Die Varianten Abgottspon und Gottsponer basieren auf einer historischen Form des Toponyms, vgl. 1543 Gotzbon (VSNB 2 2024: Sp. 394). Morphologisch umfasst das Namensample er-Ableitungen (z. B. Bellwalder, Lambrigger, Mutter), endungslose Bildungen (Kalbermatten) sowie FamN mit den Präpositionen ab (Abgottspon), von (von Riedmatten) und de (de Kalbermatten, de Riedmatten). 14 Kommentar: Von insgesamt 74 Tokens treten rund 75 % (54 Tokens) im Oberwallis auf. Die übrigen Belege verteilen sich auf das Entlebuch (LU) mit 10 Tokens, das Prättigau (GR) mit 4 Tokens, das Berner Oberland (BE) mit 2 Tokens sowie auf das französischsprachige Wallis mit ebenfalls 2 Tokens. Dieses Verhältnis zeigt, dass die hier kartierten HerkunftsN überwiegend im nahen Umland der ihnen zugrunde liegenden Toponyme auftreten. Die Örtlichkeiten, von denen die FamN Kalbermatten, Burgener und Gsponer bzw. ihre Varianten abgeleitet sind, liegen in abgelegenen Tälern auf Höhen zwischen 1400 und fast 1900 m ü. M. Die daraus entstandenen FamN sind sowohl in den Niederungen als auch teilweise in höheren Lagen des jeweiligen Tals belegt. Dies weist auf vertikale Wanderbewegungen der Namenträger: innen hin, sowohl talwärts als auch bergwärts. Der FamN Lötscher schliesslich kann exemplarisch für eine weiträumige Wanderbewegung stehen: Ein Namennest ist in den bekannten Walserkolonien im Prättigau (GR) belegt (e-HLS 2013: s. v. Walser). Eine weitere Konzentration im Entlebuch (LU) verweist auf historische Entwicklungen, die jedoch nicht vollständig geklärt sind: Das Luzerner Tal gehört nämlich nicht zu den traditionellen Siedlungsgebieten der Walser. Die Namenträger: innen gelangten vermutlich erst in einer späteren Phase aus dem Berner Oberland dorthin - somit unabhängig von der Hauptwanderung und frühen Kolonisation der Walser. Karte 341: Die vier häufigsten HerkunftsN zu Toponymen aus dem Deutschwallis, vor 1800 14 Vgl. die Artikel II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor», II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von», II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de», und II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 2.1 Herkunftsnamen zu Schweizer Toponymen 747 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="748"?> Siebte Karte {342}: Herkunftsnamen zu rätoromanischen Toponymen Namenauswahl: Die siebte Karte umfasst HerkunftsN aus der Schicht «vor 1800», die ein rätoromanisches Toponym enthalten. Es wurden ausschliesslich Namen ausgewählt, deren zugrunde liegendes Toponym eindeutig lokalisierbar ist. FamN wie Sax oder Saxer - die in einigen Fällen auf das häufige Toponym Sax (zu rätorom. sass ‘Fels’ oder rätorom. sac ‘Sack; Vertiefung’) zurückgehen (vgl. ortsnamen.ch o. J.: s. v. Sax) - wurden aufgrund ihrer polygenetischen Entstehung aus der Kartierung ausgeschlossen. Die ausgewählten HerkunftsN wurden nach den Grossregionen geordnet, in welchen die jeweiligen namengebenden Örtlichkeiten liegen. Abgefragte Namen HerkunftsN zu Toponymen aus der Surselva: Bonadurer, Castelberg, Castrischer, Curschellas, Degonda, Degunda, Deplaz, Deplazes, Deragisch, Durschei, Lombris, Lombriser, Murschetg, Raschein, Rensch, Schlanser, Tenner, Tujetsch. 18 Types, 29 Tokens. HerkunftsN zu Toponymen aus dem Prättigau: Clavadetscher, Danuser, Darnutzer, Darnuzer, Plouda, Putzi, Tarnutzer. 7 Types, 10 Tokens. HerkunftsN zu Toponymen aus der Region Viamala: Juvalta, Masüger, Patzen. 6 Tokens. HerkunftsN zu Toponymen aus der Region Albula: Demarmels, Devonas, Faller. 4 Tokens. HerkunftsN zu Toponymen aus dem Engadin: Biveroni, Bivrun, De St. Jon, Semadeni. 4 Tokens. HerkunftsN zu Toponymen aus der Region Plessur: Parpan. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 358: Daten zur siebten Karte {342} Detailangaben zur Namenauswahl: Die den hier kartierten HerkunftsN zugrunde liegenden ÖrtlichkeitsN gehören sowohl der Makroals auch der Mikrotoponymie an: Auf Namen von Dörfern zurückzuführen sind etwa Lombris bzw. Lombriser (zu Lumbrain, Surselva), Parpan (zu Parpan, Plessur), Semadeni (zu Samedan, Engadin) oder Biveroni bzw. Bivrun (zu Bever, Engadin). Andere FamN basieren auf Toponymen, die Dorfteile, Weiler oder Fluren bezeich- Karte 342: HerkunftsN zu rätoromanischen Toponymen, vor 1800 748 2 Herkunftsnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="749"?> nen, so etwa Bonadurer (zu Bandur, Versam), Tenner (zu Tenna, Safiental), Putzi (zu Putz, Luzein) und De St. Jon (zu San Jon, Scuol). Ein Teil der Namen in den Regionen Surselva, Prättigau und Viamala ist mittels des Herkunftssuffixes -er gebildet und weist daher morphologische Interferenz (rätoromanisch-deutsch) auf; so bspw. Castrischer (zu Castrisch, Surselva), Schlanser (zu Schlans, Surselva) oder Masüger (zu Masügg, Viamala). Daneben treten auch Bildungen mit der Präposition de auf, darunter Degonda bzw. Degunda (zu Gionda, Surselva), Deplaz bzw. Deplazes (zu Plazzas, Surselva), De St. Jon (zu San Jon, Engadin). Biveroni und Semadeni stellen Italianisierungen dar. 15 Kommentar: Das Kartenbild bestätigt die Tendenz, dass HerkunftsN bevorzugt in der Nähe der entsprechenden Örtlichkeiten auftreten. Die HerkunftsN der Region Surselva weisen die höchste räumliche Übereinstimmung zwischen FamN und zugrunde liegendem Toponym auf: Mit Ausnahme eines Einzelbelegs in Tscherlach im südlichen Teil des Kantons St. Gallen sind sämtliche HerkunftsN der Surselva innerhalb jener Region nachgewiesen, in der auch das zugehörige Toponym belegt ist. Für das Prättigau zeigt sich ein differenzierteres Bild: Etwa die Hälfte der Prättigauer HerkunftsN tritt innerhalb der Region auf, in der das entsprechende Toponym lokalisiert ist; weitere Belege finden sich jedoch in der tiefer gelegenen angrenzenden Region Landquart sowie vereinzelt im Unterengadin und in der Region Imboden. Einige Namen erscheinen im selben Dorf wie der zugehörige ÖrtlichkeitsN, etwa Putzi (Luzein GR) zum Toponym Putz, das einen Weiler des Dorfs Luzein bezeichnet. Dieser Umstand könnte für eine Benennung nach der Wohnstätte (anstatt nach der Herkunft) sprechen, aber dieser Schluss ist nicht zwingend, da auch eine kleinräumige Migration und somit doch eine Herkunft namenmotivierend gewesen sein kann. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Zürcher (7'506 Tokens), Schweizer (6'988 Tokens) und Leuenberger (6'225 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 4 (2013: 110-113) wird der Typ Schweizer behandelt, wobei die Verbreitung der HerkunftsN Schwei(t)zer als Zeugnis für Binnenwanderungen im alemannischen Raum betrachtet wird; vgl. dazu auch Nübling/ Kunze (2023: 480-481): Aus dem Kartenbild mit dem Namentyp Schwei(t)zer ist «ersichtlich, dass, wie auch historisch bezeugt ist, besonders die Schwäbische Alb aus der Schweiz besiedelt wurde, und der Südschwarzwald, wo auch viele Höfe den Namen Schweizerhof tragen». Auch der Typ Basler wird im DFA 4 (2013: 383) und in Nübling/ Kunze (2023: 321-322) besprochen. Dabei wird festgestellt, dass dieser Familiennamentyp «entlang des gesamten Oberrheins, sowohl auf der rechten wie auf der elsässischen Seite, also in den verkehrsreichen Gebieten zwischen Vogesen und Schwarzwald verbreitet» ist (Nübling/ Kunze 2023: 322). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 4 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2013): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 4: Familiennamen nach Herkunft und Wohnstätte. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Holenstein, André (2013): Untertanengebiete. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 009816/ 2013-03-05/ (letzter Zugriff 27.03.2025). e-HLS = Kley, Andreas (2016): Kantone. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 026414/ 2016-04-13/ (letzter Zugriff 27.03.2025). e-HLS = Waibel, Max (2013): Walser. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 007950/ 2013-08-20/ (letzter Zugriff 27.03.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 27.03.2025). Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2005): Duden - Familiennamen. Herkunft und Bedeutung. 2., völlig neu bearbeitete Auf lage. Mannheim et al.: Dudenverlag. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. ortsnamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): ortsnamen.ch. Das Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung. https: / / www.ortsnamen.ch/ de/ (letzter Zugriff 27.03.2025). Schobinger, Viktor/ Egli, Alfred/ Kläui, Hans (1994): Zürcher Familiennamen. Entstehung, Verbreitung und Bedeutung der Namen alteingesessener Zürcher Familien. Zürich: Zürcher Kantonalbank. VSNB 2 = Werlen, Iwar (Hrsg.) (2024): Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch. Bd. 2: Flurnamen D-J. Tübingen: Narr Francke Attempto. Linda Steiner 15 Vgl. die Artikel II-2.20 «Morphologische Integration rätoromanischer Familiennamen ins Deutsche», II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de» und I-3.6 «Integration rätoromanischer Familiennamen ins Italienische». 2.1 Herkunftsnamen zu Schweizer Toponymen 749 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="750"?> 2.2 Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen Schlagwörter: Dorf, Gewässer, Insel, Siedlungsgeschichte, Toponym, toponymisches Element, Weiler Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel untersucht FamN aus der Schicht «vor 1800», die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 16.05.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») die toponymischen Elemente -ach, -ikon bzw. -ighofen, -hausen, -dorf , -wil oder -au aufweisen. Die Analyse dieser Namenelemente vor- und frühgermanischer Herkunft ist insofern relevant, als sie charakteristisch für sehr alte SiedlungsN der Deutschschweiz sind. Solche spezifischen Toponyme ermöglichen Rückschlüsse auf die Entstehungschronologie der jeweiligen Örtlichkeiten sowie allgemein auf die Siedlungsgeschichte der Deutschschweiz. Darüber hinaus erlaubt der Vergleich der geographischen Verteilung eines spezifischen Siedlungsnamentyps mit den entsprechenden FamN Aussagen zur historischen Bevölkerungsmobilität. Konvergieren die HerkunftsN grosso modo mit den jeweiligen SiedlungsN bzw. deren Bezugsorten, deutet dies auf ein vergleichsweise kleines Einzugsgebiet der Namenträger: innen hin. 1 Der folgende Kartenkomplex stellt separat HerkunftsN mit den toponymischen Elementen -ach (erste Karte), -ikon / -ighofen (zweite Karte), -hausen (dritte Karte), -dorf (vierte Karte), -wil (fünfte Karte) und -au (sechste Karte) dar und untersucht, ob deren Verbreitung im Familiennamenbestand mit dem Vorkommen dieser Elemente in Toponymen übereinstimmt. Die Karten sind chronologisch nach der Zeitschicht geordnet, in die der jeweilige Siedlungsnamentyp fällt - aufsteigend vom ältesten zum jüngsten (zur Entstehungschronologie der SiedlungsN der Deutschschweiz s. Graf 2025: 312-318). Für detailliertere Etymologien und weiterführende Angaben zu den Toponymen sei auf das Online-Portal ortsnamen.ch (o. J.) verwiesen. Erste Karte {343}: Herkunftsnamen zu Toponymen mit -ach Namenauswahl: Die erste Karte bildet alle FamN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 2 ab, die auf ein Toponym auf -ach zurückgehen. Abgefragte Namen Typ -ach zu -acum: Brisacher, de Montenach, Dornacher, Erlacher, Merlach, Neeracher, Neracher, Rüfenacht, von Erlach, von Mandach. 10 Types, 26 Tokens. Typ -ach zu aha: Holzach, Läderach, Lädrach, Mutach, Rotach, Rothacher, Steinach, von Mutach. 8 Types, 16 Tokens. Typ Reinacher: Reinacher. 3 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 17‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 359: Daten zur ersten Karte {343} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 Dem toponymischen Endglied -ach liegen zwei unterschiedliche Etyma zugrunde (Kilchmann 2022: 39-40): entweder das galloromanische Zugehörigkeitssuffix -acum (zu keltisch *-acos) oder das althochdeutsche Substantiv aha mit der Bedeutung ‘Fluss, Strom, Bach’. Der erste Bildungstyp umfasst Toponyme, die römische Siedlungs- oder Gutshöfe bezeichneten und mithilfe des adjektivischen Suffixes -acum vom Namen des ursprünglichen Besitzers abgeleitet wurden (DFA 4 2013: 173; Kilchmann 2022: 39). Es handelt sich dabei um elliptische Formen aus «fundus [Ruf N]-acum» im Sinne von ‘Besitz des [Ruf N]’; bspw. bei Dornach (SO) wohl mit dem lateinischen Ruf N Turn(i)us + -acum ‘beim Landgut des Turn(i)us’. Nach den Namen f liessender Gewässer vorlateinischer Herkunft zählen die acum-Namen zur ältesten toponymischen Schicht der Schweiz (Graf 2025: 313). Der zweite Bildungstyp mit dem Grundwort aha diente ursprünglich der Benennung von f liessenden Gewässern (Kilchmann 2022: 39-40). Da Siedlungen häufig nach den benachbarten Gewässern benannt wurden, erscheint das Grundwort aha folglich als Element von ÖrtlichkeitsN. 4 Gemäss Kilchmann (2022: 41) treten die acum-Toponyme in der Deutschschweiz v. a. im Mittelland auf, wobei sie einen Bogen zwischen dem Thunersee (BE) und dem nördlichen Teil des Kantons Zürich spannen. Die aha-Toponyme konzentrieren sich hingegen insbesondere in der Bodenseeregion (Kantone TG und SG). Die Zentralschweiz weist nur vereinzelte Belege beider Namentypen auf. Das galloromanische Suffix -acum und das althochdeutsche Gattungswort aha sind in den Toponymen der Deutschschweiz lautlich zusammengefallen, wodurch sich ihre etymologische Differenzierung in vielen Fällen als problematisch erweist. Beim ÖrtlichkeitsN Reinach (BL und AG) bspw. lässt sich die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Bildungstyp nicht eindeutig bestimmen, weshalb 1 Vgl. Artikel III-2.1 «Herkunftsnamen zu Schweizer Toponymen». 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. Soweit nicht anders vermerkt, erfolgt die Deutung der Schweizer Toponyme auf Grundlage des Online-Portals ortsnamen.ch (o. J.). 4 Die auf das Grundwort aha zurückgehenden FamN von Ah, von der Aa und Vonderaa bleiben in der Kartierung unberücksichtigt, da sie typologisch nicht zu den hier besprochenen ach-Namen gehören. Vgl. Artikel III-3.2 «Wohnstättennamen nach Gewässern und wasserbaulichen Anlagen». 750 2 Herkunftsnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="751"?> der FamN Reinacher separat kartiert wird. 5 Auf der vorliegenden Karte werden nur FamN abgebildet, bei denen die Ableitung vom zugehörigen Toponym historisch belegt und etymologisch plausibel ist. Bezüglich der verschiedenen mundartlichen und schriftlichen Varianten des Endglieds -ach in Toponymen der Deutschschweiz (z. B. -ech oder -nacht) sei auf Kilchmann (2022: 43-45) verwiesen. Im Schriftbild der FamN aus der Schicht «vor 1800» ist - mit Ausnahme von Rüfenacht 6 - ausschliesslich der Ref lex -ach(er) belegt. Unter den hier kartierten HerkunftsN mit dem Endglied -ach(er) finden sich endungslose Bildungen (wie Merlach, Holzach oder Mutach), er-Suffigierungen (wie Brisacher, Dornacher oder Erlacher) und FamN mit der Präposition von bzw. de (de Montenach, von Erlach, von Mandach und von Mutach). 7 Kommentar: Die geographische Verteilung der auf -acum zurückgehenden HerkunftsN deckt sich grösstenteils mit derjenigen der entsprechenden Toponyme. Gehäuft treten die FamN im Kanton Bern auf, insbesondere in den Verwaltungskreisen Bern-Mittelland, Emmental und Thun, wo sich ein Namennest des FamN Rüfenacht befindet. Im Gegensatz dazu lässt sich bei FamN, die auf Toponyme mit dem Grundwort aha zurückgehen, keine räumliche Übereinstimmung mit den entsprechenden ÖrtlichkeitsN feststellen. HerkunftsN zu aha treten v. a. im Verwaltungskreis Bern-Mittelland (BE) auf, wo insbesondere die FamN Läderach und Lädrach in Erscheinung treten. Daneben finden sich Streubelege in verschiedenen Kantone (BS, LU, SG, AR). Insgesamt zeigen die aha-FamN eine deutlich heterogenere Verteilung als die acum-basierten Formen. Karte 343: HerkunftsN zu Toponymen mit -ach, vor 1800 5 Für den ÖrtlichkeitsN Reinach kommen zwei Deutungen infrage: Entweder ist das Toponym aus dem GewässerN ahd. Rīn + aha gebildet (also etwa ‘beim Rīn-Bach’) oder es handelt sich um eine Bildung aus einem spätlateinischen Ruf N (z. B. Renius) + -acum im Sinne von ‘Landgut des Renius’. 6 Der ÖrtlichkeitsN Rüfenacht (Worb BE) geht auf einen spätlateinischen Ruf N Rubinius oder Rufin(i)us + -acum im Sinne von ‘Landgut des Rubinius/ Rufin(i)us’ zurück. 7 Vgl. die Artikel II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von», II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de» sowie II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 2.2 Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen 751 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="752"?> Zweite Karte {344}: Herkunftsnamen zu Toponymen mit -ikon und -ighofen Namenauswahl: Die zweite Karte widmet sich FamN aus der Schicht «vor 1800», die ein Toponym auf -ikon oder auf -ighofen neben sich haben. Abgefragte Namen Typ -ikon: Angliker, Anliker, Attinger, Bälliger, Bänninger, Bertschinger, Borsinger, Bossinger, Büttiker, Dändliker, Däniker, Dietiker, Dietliker, Dietziker, Elliker, Galliker, Gattiker, Gunzinger, Hämiker, Hilfiker, Hunziker, Isliker, Lenzinger, Nebiker, Oetiker, Oetliker, Ottiger, Ottiker, Ottinger, Riediker, Schleiniger, Schleuniger, Solinger, Stürzinger, Trüllinger, Walliker, Wenziker, Wenzinger, Winiger, Zimiker, Zinniker, Zollinger. 42 Types, 167 Tokens. Typ -ighofen: Brenzikofer, Bütikofer, Büttikofer, Mörikofer, Oppikofer, Pupikofer, Puppikofer, Zollikofer. 8 Types, 18 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 0-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 360: Daten zur zweiten Karte {344} Detailangaben zur Namenauswahl: Die toponymischen Endglieder -ikon (bzw. -iken) und -ighofen gehen beide auf den Suffixkomplex ahd. -inghova, mhd. -inghofen zurück, der als ‘bei den Höfen der Leute des [Ruf N]’ gedeutet wird (Kilchmann 2022: 63; Graf 2025: 314). Inghova-Namen zählen zur ältesten Schicht alemannischer SiedlungsN und werden mit der frühen Besiedlung des alemannischen Raums in Verbindung gebracht (Kilchmann 2022: 60). Aufgrund der Erstsilbenbetonung ist das Endglied -inghova in unterschiedlichen Graden zu -ighofen, -ikon, -iken, -ken usw. reduziert worden. Nach Kilchmann (2022: 62) kommen Toponyme auf reduziertes -ikon v. a. im Kanton Zürich vor, während Toponyme mit der dreisilbigen Endung -ighofen insbesondere im (Süd-)Westen (Kantone BE und SO), in der Zentralschweiz (OW) und im Nordosten der Deutschschweiz (TG) belegt sind. Bei FamN zu Toponymen auf -ikon (< -inghofen) wird das Herkunftssuffix -er meist direkt an das Element -ingbzw. -ig -/ -ikangefügt; -on wird also getilgt: 8 Bspw. wird aus dem Toponym Büttikon (AG) (urkundlich 924 Putinchova) der FamN Büttiker (und nicht *Büttikoner) gebildet. Bei der Bildung des zweiten Familiennamentyps wird das er-Suffix direkt an das alte Endglied -ighofen angefügt, sodass aus dem Toponym Brenzikofen (BE) der FamN Brenzikofer entsteht. Die zugrunde liegenden Toponyme enthalten zwar alle historisch das dreisilbige Endglied -ighofen, wurden aber oft Karte 344: HerkunftsN zu Toponymen mit -ikon und -ighofen, vor 1800 8 Vgl. Artikel II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing». 752 2 Herkunftsnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="753"?> später zu -ikon reduziert, z. B. FamN Mörikofer zum Toponym Mörikon (TG), urkundlich 838 Morinchova; Pupikofer und Puppikofer zu Pupikon (TG), urkundlich 1303 Puppichoven. Somit ref lektieren FamN auf -ikofer eine alte Variante des Toponyms. Kommentar: Das Kartenbild stimmt mit der Verteilung der beiden toponymischen Typen -ikon und -ighofen überein. Der häufigere Familiennamentyp mit dem toponymischen Endglied -ikon konzentriert sich v. a. in den Kantonen Zürich, Aargau und Luzern. Westlich und östlich dieser Region treten zwei ighofen-Zonen unabhängig voneinander auf: eine in den bernischen Bezirken Bern-Mittelland und Emmental und die andere im Kanton Thurgau. Dieses Bild bestätigt einmal mehr, dass sich die FamN überwiegend im nahen Umland der ihnen zugrunde liegenden Toponyme finden. Dies spiegelt insgesamt Mobilität in einem relativ kleinen Radius wider. Dritte Karte {345}: Herkunftsnamen zu Toponymen mit -hausen Namenauswahl: Die dritte Karte bildet alle FamN aus der Schicht «vor 1800» ab, die das toponymische Element -hausen enthalten. Abgefragte Namen Typ -hausen, vor 1800: Bolthauser, Bornhauser, Immenhauser, Kindhauser, Pfaffhauser, Rutishauser, Schaffhauser, Schaffhuser, Schmidhauser, Wohlhauser. 10 Types, 40 Tokens. Kreise 15‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 0-80, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 361: Daten zur dritten Karte {345} Detailangaben zur Namenauswahl: Das toponymische Endglied -hausen geht auf ahd. (ze) hūsun ‘bei den Häusern’ (Dativ Plural zum Substantiv ahd. hūs ‘Haus, Wohnung’) zurück. Kilchmann (2022: 51) stellt fest, dass bei etwa vier Fünfteln der von ihr untersuchten Toponyme auf -hausen ein Ruf N das Erstglied bildet - im vorliegenden Sample z. B. beim FamN Bolthauser, dessen Vorderglied aus Bollheri hervorgeht, einem zweigliedrigen germanischen Ruf N mit den Bestandteilen boll und heri. In Toponymen zeigt das Endglied zwei Schreibvarianten: -hausen (die häufigere) und -husen. 9 Gemäss Kilchmann (2022: 51) treten die h(a)usen-Toponyme v. a. im Nordosten der Deutschschweiz auf, zwischen dem Zürichsee und dem Bodensee (Kantone ZH, SH und TG). Alle HerkunftsN mit dem Endglied -hausen aus der Schicht «vor 1800» sind mittels er-Suffix gebildet. Die mundartnahe Schreibung ist ausschliesslich im FamN Schaffhuser belegt. Aus der Auswahl ausgeschlossen sind FamN, die auf toponymisches oder appellativi- Karte 345: HerkunftsN zu Toponymen mit -hausen, vor 1800 9 Vgl. Artikel I-1.11 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ū». 2.2 Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen 753 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="754"?> sches Haus zurückgehen, wie z. B. Althaus, Neuhaus, Niederhäuser (zum Toponym Niederhaus) oder auch Häusermann und Häusli. 10 Kommentar: Die Verbreitung von HerkunftsN mit dem Element -hausen stimmt räumlich weitgehend mit jener der entsprechenden Toponyme überein. Geballt treten die ausgewählten FamN im Nordosten der Schweiz auf, insbesondere in den Bezirken Weinfelden und Kreuzlingen (TG) sowie Arbon (SG), wo sich ein Namennest des FamN Rutishauser befindet. Vierte Karte {346}: Herkunftsnamen zu Toponymen mit -dorf Namenauswahl: Die vierte Karte behandelt alle HerkunftsN aus der Schicht «vor 1800», die auf SiedlungsN mit dem Element -dorf bzw. -torf basieren. Abgefragte Namen Typ -dorf , vor 1800: Altorfer, Bergdorf , Blickenstorfer, Bliggensdorfer, Bliggenstorfer, Blikisdorf , Bubendorf , Burgdorfer, Buxtorf , Filistorf , Gebistorf , Liggenstorfer, Litzistorf , Lutstorf , Rastorfer, Rordorf , Schelldorfer, Scheltorfer, Wynistorf . 19 Types, 44 Tokens. Kreise 15‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 362: Daten zur vierten Karte {346} Detailangaben zur Namenauswahl: Das toponymische Element -dorf geht auf ahd. dorf ‘Dorf, Landgut’ zurück. 11 Nach Kilchmann (2022: 49) sind ÖrtlichkeitsN auf -dorf im alemannischen Dialektgebiet im Vergleich zum übrigen deutschsprachigen Raum relativ selten. Dies deckt sich mit der geringen Zahl von Types bei den entsprechenden FamN. Das Endglied -dorf erscheint in FamN sowohl in suffigierter Form auf -er (z. B. Altorfer, Blickenstorfer) als auch unsuffigiert (z. B. Bergdorf , Lutstorf ). Die FamN mit -dorf zeigen graphisch-lautliche Variation im Silbenanlaut zwischen -dorf(er) und -torf(er). 12 Kommentar: FamN mit -dorf sind typisch für das Mittelland. Die voralpinen und alpinen Regionen wie das Berner Oberland oder das Wallis sowie die Ostschweiz sind dagegen frei von diesem Namentyp, was wiederum mit dem Verbreitungsbild der entsprechenden Toponyme korreliert. Die grösste Dichte an HerkunftsN mit -dorf weist der Kanton Zürich auf. Die drei Belege im französischsprachigen Teil des Kantons Freiburg beziehen sich auf Örtlichkeiten im deutschsprachigen Gebiet desselben Kantons: der FamN Litzistorf auf Litzisdorf (FR) und der FamN Filistorf auf Fillistorf (FR). Auffallend ist, dass aus dem Karte 346: HerkunftsN zu Toponymen mit -dorf, vor 1800 10 Vgl. Artikel III-3.8 «Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen». 11 Unberücksichtigt bleiben hier FamN wie Dörfler, Dörfliger und Dörflinger sowie FamN mit der Präposition in (Imdorf , Imoberdorf ). Diese gehen direkt auf das Appellativ Dorf zurück und sind daher eher als WohnstättenN zu interpretieren. Vgl. Artikel III-3.10 «Wohnstättennamen zu Bezeichnungen für Höfe, Anwesen und Siedlungen». 12 Vgl. Artikel I-2.6 «Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut». 754 2 Herkunftsnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="755"?> Toponym Blickensdorf (ZG) vier Varianten zu FamN geworden sind, von denen Blickenstorfer, Bliggensdorfer und Bliggenstorfer alle im Kanton Zürich alteingesessen sind (neben Blikisdorf in LU). Fünfte Karte {347}: Herkunftsnamen zu Toponymen mit -wil Namenauswahl: Die fünfte Karte bildet alle FamN aus der Schicht «vor 1800» ab, die das toponymische Element -wil enthalten. Abgefragte Namen Typ -wil, vor 1800: Atzenweiler, Atzenwiler, Baeriswyl, Baltensweiler, Baltischweiler, Bäriswyl, Billwiller, Birrwyler, Braunschweiler, Brühweiler, Brühwiler, Brunnschweiler, Brunschweiler, Brunschwiler, Brüschweiler, Dätwiler, Dätwyler, Dettwiler, Dettwyler, Dieboldswyler, Dietschweiler, Dietwiler, Dingetschweiler, Doggweiler, Doggwiler, Dogwiler, Duttweiler, Duttwiler, Duttwyler, Eggenschwiler, Eggenweiler, Eggerschwiler, Eggertswyler, Engetschwiler, Enggwiller, Engweiler, Etzweiler, Freudweiler, Frommenwiler, Gähweiler, Gähwiler, Gähwiller, Gartwyl, Gerschwiler, Girschweiler, Gontersweiler, Gossweiler, Gosswiler, Goswiler, Grauwiler, Grosswiler, Guntersweiler, Gutzwiller, Hallwyler, Hättenschweiler, Hättenschwiler, Hättenschwiller, Hauwiler, Hegetschweiler, Hermatschweiler, Hermetschweiler, Huwiler, Huwyler, Inwyler, Kindweiler, Lengweiler, Lengwiler, Leutwiler, Leutwyler, Maugweiler, Mundtwiler, Mundweiler, Mundwiler, Muntwiler, Muntwyler, Neuweiler, Oberwiler, Rankwiler, Rawyler, Riedwyl, Roggwiler, Roggwiller, Rottenschweiler, Scheiwiler, Scheiwiller, Schnarwiler, Sonnenwyl, Toggweiler, Toggwiler, Trautweiler, Urwyler, von Hallwyl, von Wattenwyl, Vonwil, Vonwiller, Wädenschwiler, Wädensweiler, Walperswiler, Wartenweiler, Weil, Weilenmann, Weiler, Wettenschwiler, Wiler, Wittenwiler, Wittenwiller, Wittweiler, Wylemann, Wylenmann, Wyler, Ziswyler. 111 Types, 260 Tokens. Kreise 15‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 0-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 363: Daten zur fünften Karte {347} Detailangaben zur Namenauswahl: Das toponymische Element -wil prägt die Ortsnamenlandschaft der Deutschschweiz und tritt in SiedlungsN sowohl als Kompositionsglied mit Suffixcharakter (etwa in Maugwil ) als auch selbstständig (z. B. Wila, Wiler) auf. Nach Kilchmann (2022: 73) verteilen sich die Toponyme mit -wil «über die gesamte Deutschschweiz nördlich der Alpen mit einer grossen Dichte in der Ostschweiz». Die Etymologie von -wil kann auf zwei verschiedenen Grundlagen beruhen: Die meisten unter den wil-Namen lassen sich auf ahd. wīlāri, mhd. wīler ‘Weiler, einzelnes Gehöft, kleines Dorf ’ zurückführen, welches ein Lehnwort aus rom. vīllāre ‘kleines Dorf, Fronhof ’ ist. Dieses wiederum geht auf das lateinische Adjektiv villāris ‘zur villa (Gutsbetrieb, Hof, Landhaus) gehörig’ zurück. Daneben wird für einzelne Namen das bereits in althochdeutscher Zeit Karte 347: HerkunftsN zu Toponymen mit -wil, vor 1800 2.2 Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen 755 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="756"?> aus lat. vīlla ‘Landhaus, Landgut, Vorwerk’ entlehnte ahd. wīlla, mhd. wīle ‘Landsitz’ als mögliche Grundlage in Betracht gezogen. Zur Grammatik, Etymologie und Siedlungsgeschichte von wil-Toponymen s. Kilchmann (2022: 70-74) und das Id. 15 (1881 ff.: Sp. 1259-1260). Die meisten der hier kartierten HerkunftsN mit -wil sind mit dem Suffix -er abgeleitet, wie etwa der FamN Braunschweiler zum Toponym Brüschwil (TG), urkundlich auch Bruniswil. Im Sample finden sich aber auch endungslose Formen (wie Bäriswyl, Gartwyl oder Weil ), FamN mit der Präposition von (von Hallwyl, von Wattenwyl, Vonwil und Vonwiller) sowie mann-Bildungen (Weilenmann, Wylemann, Wylenmann). Das Element -wil zeigt graphisch-lautliche Variation, u. a. bei der monophthongischen bzw. diphthongischen Realisierung von mhd. ī, wie in Wädenschwiler und Wädensweiler. 13 Kommentar: Die räumliche Verbreitung der FamN mit -wil korreliert im Grossen und Ganzen mit jener der entsprechenden Toponyme (Kilchmann 2022: 73). Abgesehen von wenigen Streubelegen in den voralpinen Gebieten des Berner Oberlands und in Graubünden treten HerkunftsN mit -wil nahezu ausschliesslich im Mittelland auf. Die beiden einzigen Belege in der Südostschweiz basieren nicht auf autochthonen Toponymen: Der in Graubünden belegte FamN Toggwiler (Grüsch GR) ist laut RNB 3 (1986: 419) auf Zuwanderung aus dem Kanton Zürich zurückzuführen. Der FamN Rankwiler im Süden des Kantons St. Gallen basiert auf dem ÖrtlichkeitsN Rankweil, einer Marktgemeinde im österreichischen Bundesland Vorarlberg. Der FamN mit der höchsten Tokenzahl im Sample ist Wyler (20 Tokens), gefolgt von Weilenmann (14 Tokens). Von insgesamt 111 Namentypen kommen nur 18 an mehr als drei Ortspunkten vor, d. h., dass die meisten Typen niederfrequent sind. Sechste Karte {348}: Herkunftsnamen zu Toponymen mit -au Namenauswahl: Auf der sechsten Karte sind alle FamN aus der Schicht «vor 1800» dargestellt, die sich auf Toponyme mit dem Endglied -au zurückführen lassen. Abgefragte Namen Typ -au, vor 1800: Buttauer, Ecknauer, Eggnauer, Friedauer, Gossauer, Grunauer, Hagnauer, Hallauer, Hegnauer, Henauer, Honauer, Klingnauer, Kronauer, Langenauer, Lauchenauer, Lindauer, Luternauer, Mazenauer, Mettauer, Ramsauer, Ramseier, Ramseyer, Reitnauer, Schoenauer, Schönauer, Sommerau, Sommerauer, Sossauer, Steinauer, Tiefenauer, Weitnauer, Wingeier, Wingeyer, Wittnauer, Wysseier, Wysseyer. 36 Types, 78 Tokens. Kreise 20‒40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 0-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 364: Daten zur sechsten Karte {348} Karte 348: HerkunftsN zu Toponymen mit -au, vor 1800 13 Vgl. Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī». 756 2 Herkunftsnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="757"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Das toponymische Endglied -au geht auf das Substantiv ahd. auwia, ouwa, mhd. ouwe ‘von Wasser umf lossenes Land, Insel, Halbinsel’ zurück (Kilchmann 2022: 46). Als Appellativ ist Au im Schweizerdeutschen mit der Bedeutung ‘Insel, Halbinsel, Gelände an einem Gewässer usw.’ belegt, jedoch nicht mehr in Gebrauch (Id. 1 1881 ff.: Sp. 5). Zum toponymischen Endglied -au stellt Kilchmann (2022: 45) fest: «Im Gegensatz zu den anderen hier besprochenen Namentypen entsprechen Ortsnamen auf -au nicht den klassischen frühmittelalterlichen, primären Siedlungsnamen, sondern dürften in den meisten Fällen auf Flurnamen zurückgehen und somit sekundäre Siedlungsnamen darstellen». ÖrtlichkeitsN auf -au sind im ganzen Mittelland relativ gleichmässig verbreitet mit einigen Vorkommen bis in die voralpinen Regionen der Deutschschweiz (Kilchmann 2022: 46-47). Bis auf den FamN Sommerau (Filisur GR) weisen alle hier kartierten FamN Suffigierung mit -er auf. Die Varianten Wingeier, Wingeyer, Wysseier, Wysseyer, Ramseier und Ramseyer zeigen Entrundung von öu zu ei bzw. ey. 14 Obwohl die nachfolgenden FamN etymologisch letztendlich auf ahd. auwia, ouwa, mhd. ouwe zurückzuführen sind, wurden sie aus der Kartierung ausgeschlossen, da das im Namen enthaltene Element au (bzw. ei, ey) kein suffixales Endglied ist und/ oder eher auf das Appellativ Au zurückgeht: Anderau, Anderauer, Auer, Ausderau, Aus der Au, Eyacher, Eyen, Eyer, Eyholzer, Eymann, Inauen, von Auw, von Euw, Vonei, Voney. 15 Kommentar: Die Verbreitung der FamN mit dem Endglied -au deckt sich in etwa mit derjenigen der entsprechenden Toponyme. In einem zusammenhängenden Gebiet zwischen den Kantonen Bern, Aargau und Luzern häufen sich die Vorkommen der FamN. Im Emmental (BE) bilden die FamN Ramseier und Ramseyer (zusammen 23 Tokens) ein Namennest. Auffällig ist zudem eine erhöhte Präsenz der au- Namen im Nordosten der Deutschschweiz. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Hunziker (6'052 Tokens), Ramseier (2'109 Tokens) und Zollinger (1'976 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Für Deutschland werden im DFA 3 (2012: 253, 274) auf der Karte 119 FamN zu Toponymen mit -dorf wie Braunsdorf oder Lanzendörfer sowie auf der Karte 128 solche zu Toponymen mit -au wie Bernau oder Bernauer behandelt. Der DFA 4 (2013: 173-244) widmet sich auf der Karte 76 HerkunftsN aus Toponymen mit dem Namenelement -ach, auf den Karten 100-104 denjenigen mit -inghausen bzw. -inghofen und schliesslich auf den Karten 96-99 FamN aus SiedlungsN mit -weil und -weiler. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. DFA 4 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2013): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 4: Familiennamen nach Herkunft und Wohnstätte. Berlin, Boston: De Gruyter. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 16.05.2025). Graf, Martin H. (2025): Orts- und Flurnamen in der Deutschschweizer Sprach(en)landschaft. In: Christen, Helen/ Glaser, Elvira/ Friedli, Matthias (Hrsg.): Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz, 312-318. 8., überarbeitete und erweiterte Auf lage. Basel: Schwabe. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kilchmann, Mirjam (2022): Lautwandel in der Toponymie am Beispiel von Deutschschweizer Siedlungsnamen (Regensburger Studien zur Namenforschung 11). Regensburg: edition vulpes. ortsnamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): ortsnamen.ch. Das Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung. https: / / www.ortsnamen.ch/ de/ (letzter Zugriff 16.05.2025). RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Linda Steiner 14 Vgl. Artikel I-1.5 «Entrundung». 15 Vgl. Artikel III-3.3 «Wohnstättennamen zu Uferlandschaften, Sümpfen und Sumpfpf lanzen». 2.2 Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen 757 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="758"?> 2.3 Herkunftsnamen zu ausländischen Toponymen Schlagwörter: Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Migration, Österreich Gegenstand und Fragestellung Mit ausländischen Toponymen sind sowohl SiedlungsN als auch toponymische Bezeichnungen von Regionen ausserhalb der Schweiz gemeint, wie z. B. das Allgäu, das Elsass oder die Picardie. FamN zu Bezeichnungen von (historischen) Stämmen, Volks- und Sprachgruppen (wie z. B. der FamN Düring zu Thüringen oder der FamN Payer zu Bayern) gehören hier nicht zur Auswahl und werden separat im Artikel III-2.4 «Herkunftsnamen zu Bezeichnungen von Stämmen, Volks- und Sprachgruppen» besprochen. Ebenfalls nicht berücksichtigt wurden FamN, die sowohl als Herkunftsals auch als WohnstättenN gedeutet werden können (zur problematischen Abgrenzung dieser beiden Benennungsmotive s. Fleischer 1964: 133). Die erste Karte gibt einen Überblick über das Gesamtphänomen, bevor die zweite Karte alle ausgewählten Namen der ersten Karte nach dem Herkunftsland des zugrunde liegenden Toponyms gruppiert. Die dritte Karte widmet sich spezifisch den FamN zu Toponymen, die dem Herkunftsland Deutschland zugeordnet worden sind. Erste Karte {349}: Gesamtkarte Namenauswahl: Die erste Karte zeigt alle Deutschschweizer FamN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 1 die sich gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 25.09.2024; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») zu einem ausländischen Toponym stellen. Abgefragte Namen HerkunftsN zu ausländischen Toponymen, vor 1800: Alge, Allgäuer, Allgöwer, Arbenz, Attenhofer, Bächinger, Balderer, Bamberger, Baudenbacher, Bereuter, Bernhauser, Bernheim, Brägenzer, Braunschweig, Bregenzer, Brisacher, Bulacher, Burner, Buxtorf , Debary, Delz, Dornbierer, Dufner, Dünscher, Ebinger, Eggenweiler, Eglinger, Eilinger, Elsasser, Elsässer, Erzinger, Friedinger, Fürstenberger, Gahlinger, Geilinger, Gengenbach, Genua, Gersbach, Gerspacher, Grenzinger, Griesser, Guggenheim, Gundelfinger, Gunzenhauser, Hagenbach, Heidelberger, Hilzinger, Hindenlang, Hirsig, Hirsiger, Hüninger, Immenhauser, Jochberg, Känzig, Kindweiler, Koelner, Kölla, Kostezer, Kronauer, Kronenberger, Küssenberger, Liggenstorfer, Loeliger, Löliger, Lörch, Ludäscher, Malloth, Mehlem, Mugwyler, Mülhauser, Munzinger, Oderbolz, Oehninger, Oppenheim, Passavant, Pfirter, Picard, Pikard, Randegger, Rankwiler, Rastorfer, Redinger, Riedhauser, Rostetter, Schawalder, Schelldorfer, Scheltorfer, Schibenegg, Schuttanner, Schwaninger, Seckinger, Segginger, Sekinger, Soland, Stickelberger, Strassburger, Stückelberger, Stühlinger, Suppiger, Suppinger, Trautweiler, Uehlinger, Ulmer, Voggensperger, Vonplon, von Schwarzenberg, von Speyr, von Vigier-von Steinbrugg, von Wedel, Werenfels, Würtenberger, Zesiger. 112 Types, 169 Tokens. Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 365: Daten zur ersten Karte {349} Detailangaben zur Namenauswahl: 2 Formal unterscheiden sich die hier kartierten HerkunftsN i. d. R. nicht wesentlich von den ihnen zugrunde liegenden Toponymen. Eine Auswahl an weniger transparenten Namen oder an solchen Namen, die eine interessante Adaption durchlaufen haben, wird in Tabelle 366 aufgeführt. FamN Toponym Lokalisierung Alge Allgäu Baden-Württemberg (Deutschland) Känzig Kenzingen Baden-Württemberg (Deutschland) Kölla Köln Nordrhein-Westfalen (Deutschland) Kostezer Konstanz Baden-Württemberg (Deutschland) Loeliger, Löliger Lollingen, heute in der Form Nollingen Baden-Württemberg (Deutschland) Rostetter Radstadt Salzburg (Österreich) Schawalder Schaanwald Liechtenstein Vonplon Blons Vorarlberg (Österreich) Tabelle 366: Ausgewählte HerkunftsN mit zugrunde liegendem Toponym und Lokalisierung Graphisch-lautliche Varianz tritt im Namensample u. a. in folgenden Fällen auf: Allgäuer - Allgöwer, Brägenzer - Bregenzer, Elsasser - Elsässer, Gahlinger - Geilinger, Loeliger - Löliger, Picard - Pikard, Schelldorfer - Scheltorfer, Seckinger - Segginger - Sekinger, Suppiger - Suppinger. Morphologische Varianz ist seltener dokumentiert: Gersbach - Gerspacher, Hirsig - Hirsiger, Kölla - Koelner. Allgemein kommen in deutschsprachigen HerkunftsN mehrere Bildungsmuster vor, darunter die drei dominanten Bildungstypen 1. FamN mit präpositionalem Bestandteil (i. d. R. von), 2. endungslose FamN und 3. Ableitungen auf -er. Für weitere Bildungsmuster sowie 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 758 2 Herkunftsnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="759"?> für eine detailliertere Diskussion sei auf die Artikel II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von», II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen» und II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen» verwiesen. Ungefähr 70 % der hier kartierten Namentypes sind er-Ableitungen. Der Rest der Namen tritt entweder endungslos (28 Namentypes) oder mit dem präpositionalen Bestandteil von bzw. seinem romanischen Pendant de (6 Namentypes) auf. Somit zeigen die HerkunftsN zu ausländischen Toponymen insgesamt eine relativ geringe Formenvielfalt und eine erwartbare starke Neigung zu Suffigierung mit -er. Auffällig ist die sehr tiefe Tokenzahl pro Namentype. Mehr als 70 % aller hier kartierten FamN kommen vor 1800 in nur einer Gemeinde vor. Der häufigste FamN Suppiger weist lediglich 8 Tokens auf. Diese clustern in einem kleinräumigen Gebiet in den sich angrenzenden Wahlkreisen Sursee und Willisau (LU). Das Type- Token-Verhältnis deutet darauf hin, dass nur Einzelfamilien aus einem spezifischen Ort aus dem Ausland in die Schweiz eingewandert sind. Auch in der französischsprachigen Schweiz und in der Rätoromania treten HerkunftsN zu ausländischen deutschsprachigen Toponymen auf. Da in diesem Artikel der Fokus auf Deutschschweizer FamN liegt, werden sie hier jedoch nicht kartiert. Einige Beispiele aus dem rätoromanischsprachigen Graubünden sind Denuder, Lechthaler, Strimer, Stiefenhofer, Vonescha, Voneschen und Steier; für die Romandie lassen sich u. a. Anspach, Horngacher, Neuffer und Elsaesser anführen. Kommentar: HerkunftsN zu ausländischen Toponymen kommen v. a. entlang der politischen Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland vor und erstrecken sich vom Kanton Basel-Stadt im Westen bis zum sankt-gallischen Teil des Bodensees im Osten. Ebenfalls vertreten sind die FamN im östlichen Grenzgebiet zu Österreich und Liechtenstein (SG, GR) sowie im westlichen Grenzgebiet zum (heute) französischen Elsass (BS, BL, SO, JU). Somit sind alle deutschschweizerischen Grenzregionen zu den (einst) deutschsprachigen Nachbarländern bzw. -regionen als areale Schwerpunkte des Namentypus zu betrachten. HerkunftsN zu ausländischen Toponymen verteilen sich über weite Teile des Mittellands. In den (vor-)alpinen Regionen, die eher als Abwanderungsgebiete einzuordnen sind (Berchtold 2011: 86), sind solche Namen hingegen deutlich weniger repräsentiert (vgl. die Lücken im Berner Oberland, im Deutschwallis und in der Innerschweiz). Städtische Zentren, die historisch als Zuwanderungsgebiete gelten, sind kaum mit HerkunftsN zu ausländischen Toponymen vertreten. Davon ausgenommen ist die Grenzstadt Basel (BS), die mit insgesamt 14 Tokens mit Abstand das höchste Vorkommen dieses Namentypus aufweist. Karte 349: HerkunftsN zu ausländischen Toponymen, vor 1800 2.3 Herkunftsnamen zu ausländischen Toponymen 759 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="760"?> Zweite Karte {350}: Herkunftsnamen zu ausländischen Toponymen nach Herkunftsland Namenauswahl: Die zweite Karte umfasst sämtliche Namen der ersten Karte und gruppiert sie nach dem Herkunftsland des zugrunde liegenden Toponyms. 3 Abgefragte Namen HerkunftsN zu Toponymen in Deutschland: Alge, Allgäuer, Allgöwer, Attenhofer, Bächinger, Balderer, Bamberger, Baudenbacher, Bernhauser, Bernheim, Braunschweig, Brisacher, Bulacher, Buxtorf , Delz, Dufner, Ebinger, Eggenweiler, Eilinger, Erzinger, Friedinger, Fürstenberger, Gahlinger, Geilinger, Gengenbach, Gersbach, Gerspacher, Griesser, Gundelfinger, Gunzenhauser, Heidelberger, Hilzinger, Hindenlang, Immenhauser, Känzig, Koelner, Kölla, Kostezer, Kronauer, Kronenberger, Küssenberger, Liggenstorfer, Loeliger, Löliger, Lörch, Mehlem, Munzinger, Oderbolz, Oehninger, Oppenheim, Randegger, Rastorfer, Riedhauser, Schelldorfer, Scheltorfer, Schibenegg, Schwaninger, Seckinger, Segginger, Sekinger, Soland, Stühlinger, Suppiger, Suppinger, Trautweiler, Uehlinger, Ulmer, Voggensperger, von Schwarzenberg, von Speyr, von Wedel, Werenfels, Würtenberger, Zesiger. 74 Types, 117 Tokens. HerkunftsN zu Toponymen in Frankreich: Burner, Eglinger, Elsasser, Elsässer, Grenzinger, Guggenheim, Hagenbach, Hirsig, Hirsiger, Hüninger, Kindweiler, Mülhauser, Passavant, Pfirter, Picard, Pikard, Redinger, Strassburger, von Vigier-von Steinbrugg. 19 Types, 24 Tokens. HerkunftsN zu Toponymen in Österreich: Bereuter, Brägenzer, Bregenzer, Dornbierer, Dünscher, Jochberg, Ludäscher, Mugwyler, Rankwiler, Rostetter, Schuttanner, Stickelberger, Stückelberger, Vonplon. 14 Types, 19 Tokens. HerkunftsN zu Toponymen in Italien: Arbenz, Genua, Malloth. 6 Tokens. HerkunftsN zu Toponymen in Liechtenstein: Schawalder. 2 Tokens. HerkunftsN zu Toponymen in Belgien: Debary. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 22-55, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 367: Daten zur zweiten Karte {350} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den graphisch-lautlichen und den morphologischen Varianten sowie zur Frequenz der verschiedenen Bildungstypen vgl. die Detailangaben zur ersten Karte. Karte 350: HerkunftsN zu ausländischen Toponymen nach Herkunftsland, vor 1800 3 Freilich ist eine solche Zuordnung in manchen Details etwas anachronistisch. Eine exakte Zuordnung zu historischen Landschaften erscheint jedoch aufgrund des langen Entstehungszeitraums der FamN und den innerhalb diesem variierenden (Klein-)Territorien nicht ohne Weiteres realisierbar. Letztlich soll die Aufteilung zu heutigen Ländern in dieser Karte auch hauptsächlich eine richtungsmässige Einordnung erlauben. 760 2 Herkunftsnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="761"?> Hinsichtlich der geographischen Herkunft der zugrunde liegenden Toponyme lässt sich Folgendes beobachten: Die Mehrheit der hier kartierten HerkunftsN (beinahe 66 % aller Namentypes) kann auf Toponyme in Deutschland zurückgeführt werden. Auf dem zweiten Platz befinden sich die FamN zu französischen Toponymen, auf dem dritten diejenigen zu österreichischen Toponymen. Nur selten sind hingegen Namen zu Toponymen aus Italien, Liechtenstein und Belgien im historischen Familiennamenbestand der Deutschschweiz bezeugt. Für eine detailliertere Analyse der HerkunftsN zu bundesdeutschen Toponymen sei auf die dritte Karte verwiesen. Mit Blick auf die restlichen Namen ist festzuhalten, dass die meisten FamN zu französischen Toponymen auf einem deutschsprachigen elsässischen ÖrtlichkeitsN beruhen. Die meisten in den FamN enthaltenen Toponyme ref lektieren noch die frühere deutsche Form des ÖrtlichkeitsN, der heute, im Zuge des Sprachwechsels im Elsass, formell französisiert ist oder sogar substituiert worden ist: FamN Kindweiler zum Toponym Kindweiler, heute Kindwiller; FamN Mülhauser zum Toponym Mülhausen, heute Mulhouse; FamN Pfirter zum Toponym Pfirt, heute Ferrette; FamN Guggenheim zum Toponym Gugenheim, heute Gougenheim. 4 Bei den HerkunftsN zu österreichischen Toponymen ist das an die Schweiz angrenzende Bundesland Vorarlberg am stärksten vertreten (10 Namentypes); daneben findet sich je auch ein Toponym aus Tirol, aus Salzburg, aus der Steiermark und aus Niederösterreich im Deutschschweizer Familiennamenbestand. Liegen den HerkunftsN vorarlbergische Toponyme zugrunde, so handelt es sich z. T. um alträtoromanische Toponyme: FamN Dünscher zum Toponym Düns, FamN Ludäscher zum Toponym Ludesch, FamN Vonplon zum Toponym Blons. Zwei der drei Namentypen zu italienischen Toponymen lassen sich auf ÖrtlichkeitsN in den an die Schweiz angrenzenden Regionen Südtirol (FamN Malloth) und Aostatal (FamN Arbenz) zurückführen. Da die den FamN zugrunde liegenden Toponyme in den meisten Fällen aus mit der Schweiz benachbarten Gebieten stammen, lässt sich insgesamt von einer Zuwanderung aus einem relativ kleinen Radius sprechen. Für die historischen Hintergründe zu den Beziehungen zwischen der Schweiz und den Nachbarregionen sei auf die entsprechenden Artikel im e-HLS (o. J.) verwiesen, dabei insbesondere auf die Artikel Baden (D) (e-HLS 2002), Württemberg (e-HLS 2015), Liechtenstein (e-HLS 2008), Vorarlberg (e-HLS 2013), Tirol (e-HLS 2013), Vinschgau (e-HLS 2014) und Elsass (e-HLS 2012). Für allgemeine Angaben zur Migration in die Schweiz beachte man den Artikel Einwanderung (e-HLS 2006). Kommentar: Die areale Verbreitung der sechs Namentypen lässt ein ziemlich klares Verteilungsbild erkennen: Tendenziell kommen die HerkunftsN unweit der Grenze zu demjenigen Land vor, in dem das zugrunde liegende Toponym zu finden ist. 4 Die Träger: innen des wohlbekannten FamN Guggenheim «gehören zu den am längsten ohne Unterbruch in der Schweiz ansässigen jüdischen Familien» (e- HLS 2007: s. v. Guggenheim). 2.3 Herkunftsnamen zu ausländischen Toponymen 761 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="762"?> Dritte Karte {351}: Herkunftsnamen zu bundesdeutschen Toponymen Namenauswahl: Die dritte Karte umfasst FamN, die in der zweiten Karte dem Herkunftsland Deutschland zugeordnet worden sind. Die ausgewählten Namen wurden danach gruppiert, in welchem Bundesland die den FamN zugrunde liegenden Toponyme bezeugt sind. Aus dem Sample ausgeschlossen wurden einerseits diejenigen HerkunftsN, die auf überregionale Gebietsbezeichnungen zurückgehen (d. h. Alge, Allgäuer, Allgöwer und Würtenberger), und andererseits solche, die auf Toponyme zurückgehen, die sowohl in Baden-Württemberg als auch in Bayern vorkommen (z. B. Attenhofer, Gundelfinger oder Ebinger). Abgefragte Namen HerkunftsN zu Toponymen in Baden-Württemberg: Bächinger, Balderer, Bernhauser, Brisacher, Bulacher, Dufner, Eggenweiler, Eilinger, Erzinger, Friedinger, Fürstenberger, Gahlinger, Geilinger, Gengenbach, Gersbach, Gerspacher, Griesser, Heidelberger, Hilzinger, Känzig, Kostezer, Kronauer, Küssenberger, Liggenstorfer, Loeliger, Löliger, Lörch, Munzinger, Oderbolz, Oehninger, Randegger, Riedhauser, Schwaninger, Seckinger, Segginger, Sekinger, Stühlinger, Suppiger, Suppinger, Uehlinger, Ulmer, Voggensperger. 42 Types, 70 Tokens. HerkunftsN zu Toponymen in Bayern: Bamberger, Baudenbacher, Bernheim, Gunzenhauser, Kronenberger, Schelldorfer, Scheltorfer, Trautweiler, von Schwarzenberg. 9 Types, 10 Tokens. HerkunftsN zu Toponymen im restlichen Deutschland: Braunschweig, Buxtorf , Delz, Hindenlang, Immenhauser, Koelner, Kölla, Mehlem, Oppenheim, Rastorfer, Schibenegg, Soland, von Speyr, von Wedel, Werenfels, Zesiger. 16 Types, 26 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 50-50, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 368: Daten zur dritten Karte {351} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den graphisch-lautlichen und morphologischen Varianten sowie zur Frequenz der verschiedenen Bildungstypen vgl. die Detailangaben zur ersten Karte. Für einen Gesamtüberblick über die HerkunftsN zu bundesdeutschen Toponymen vgl. die zweite Karte. Die HerkunftsN zu bundesdeutschen Toponymen beziehen sich meist auf Örtlichkeiten, die in Süddeutschland lokalisiert sind, genauer in den beiden an die Schweiz angrenzenden Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern. Andere, von der Schweiz weiter Karte 351: HerkunftsN zu bundesdeutschen Toponymen, vor 1800 762 2 Herkunftsnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="763"?> entfernte Regionen Deutschlands sind deutlich weniger häufig vertreten. Kommentar: HerkunftsN zu Toponymen aus Baden-Württemberg kommen v. a. in der Nordostschweiz (ZH, SH, TG, SG) und in den Halbkantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft vor. Die FamN zu Toponymen aus Bayern zeigen insofern kein kompaktes areales Bild, als sie in unterschiedlichen Teilen der (Deutsch-)Schweiz vereinzelt belegt sind. Die restlichen Namen sind insbesondere vom Bielersee (BE, NE) entlang der Aare bis zum östlichen Teil des Kantons Solothurn vertreten. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Suppiger (8 Tokens), Soland (7 Tokens) und Erzinger (5 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 4 (2013: 128, 376) werden einzelne HerkunftsN zu Namen von Regionen oder Siedlungen behandelt, u. a. FamN zu Allgäu (Karte 52) und zu Köln (Karte 166). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone (2011): Wie findet man Familiennamennester? Am Beispiel Entlebuch (Luzern) und Frutigen (Bern) im Vergleich. In: Heuser, Rita/ Nübling, Damaris/ Schmuck, Mirjam (Hrsg.): Familiennamengeographie. Ergebnisse und Perspektiven europäischer Forschung, 75-90. Berlin, New York: De Gruyter. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 4 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2013): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 4: Familiennamen nach Herkunft und Wohnstätte. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Bundi, Martin (2013): Tirol. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 007131/ 2013-10-29/ (letzter Zugriff 25.09.2024). e-HLS = Bundi, Martin (2014): Vinschgau. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 007140/ 2014-01-22/ (letzter Zugriff 25.09.2024). e-HLS = Burmeister, Karl Heinz (2013): Vorarlberg. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 007141/ 2013-07-30/ (letzter Zugriff 25.09.2024). e-HLS = Eichenlaub, Jean-Luc (2012): Elsass. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 007022/ 2012-11-30/ (letzter Zugriff 25.09.2024). e-HLS = Heiniger, Marcel (2006): Einwanderung. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 007991/ 2006-12-07/ (letzter Zugriff 25.09.2024). e-HLS = Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) (o. J.): Wissenschaftlich erarbeitetes, vernetztes, aktuelles und multimediales Fachlexikon zur Schweizer Geschichte. https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ (letzter Zugriff 25.09.2024). e-HLS = Hug, Wolfgang (2002): Baden (D). Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 006618/ 2002-11-27/ (letzter Zugriff 25.09.2024). e-HLS = Hug, Wolfgang (2015): Württemberg. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 006648/ 2015-02-03/ (letzter Zugriff 25.09.2024). e-HLS = Mayr, Ulrike/ Brunhart, Arthur/ Quaderer, Rupert (2008): Liechtenstein. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 006528/ 2008-11-27/ (letzter Zugriff 25.09.2024). e-HLS = Weingarten, Ralph (2007): Guggenheim. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 024696/ 2007-03-20/ (letzter Zugriff 25.09.2024). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 25.09.2024). Fleischer, Wolfgang (1964): Die deutschen Personennamen. Geschichte, Bildung und Bedeutung (Wissenschaftliche Taschenbücher 20). Berlin: Akademie. Linda Steiner 2.3 Herkunftsnamen zu ausländischen Toponymen 763 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="764"?> 2.4 Herkunftsnamen zu Bezeichnungen von Stämmen, Volks- und Sprachgruppen Schlagwörter: Alemann: innen, Deutschland, Deutschsprachige, Romanischsprachige, Walser: innen Gegenstand und Fragestellung Die hier behandelten FamN sind gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 26.05.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») benennungsmotivisch mit der Zugehörigkeit zu einer Sprach- oder Volksgruppe, einem Stamm oder der Herkunft aus dem entsprechenden Territorium verbunden. Namengebend war dabei nicht nur die tatsächliche Herkunft oder Stammeszugehörigkeit, sondern auch andere Beziehungen, die eine Person oder Familie zu einem Ort oder zu einer Region unterhielt. So konnte mit Hess bspw. eine Person bezeichnet werden, die Handelsbeziehungen nach Hessen pf legte. Darüber hinaus war die Herkunft einer Person bereits früh mit bestimmten, häufig stereotypen Konnotationen belegt: Mit Schwab konnte eine Zuwanderin oder ein Zuwanderer aus Deutschland gemeint sein, aber ebenso jemand, dem (vermeintlich) typische - oft negativ bewertete - Eigenschaften dieser Bevölkerungsgruppe zugeschrieben wurden (Id. 9 1881 ff.: Sp. 1707-1714). Die in dieser Gruppe von FamN angelegte Mehrdeutigkeit kann daher in Einzelfällen zu Überschneidungen der Benennungsmotive führen, insbesondere zwischen Herkunfts- und ÜberN. FamN aus Toponymen von ausländischen Regionen wie dem Allgäu, dem Elsass oder der Picardie werden separat im Artikel III-2.3 «Herkunftsnamen zu ausländischen Toponymen» besprochen. Die erste und die zweite Karte zeigen getrennt alle FamN zu Bezeichnungen für Deutschbzw. Romanischsprachige, während die dritte Karte die Haupttypen der beiden Fremdbezeichnungen kontrastiv darstellt. Die vierte Karte widmet sich HerkunftsN mit Bezug zu Stammesbezeichnungen oder entsprechenden LandschaftsN. Die fünfte Karte schliesslich thematisiert FamN zum VolksN der Walser. Erste Karte {352}: Herkunftsnamen zu Bezeichnungen für die Deutschsprachigen Namenauswahl: Die erste Karte bildet alle einschlägigen HerkunftsN der Schweiz aus der Zeitschicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 1 ab, die sich auf Bezeichnungen für die Deutschsprachigen zurückführen lassen. Abgefragte Namen Typ Alemanne: Alemann, Allaman, Allamand, Allamann, Allemand, Allemann, Allimann. 7 Types, 32 Tokens. Typ Deutsch: Deutsch, Dütsch, Teutsch, Tütsch. 11 Tokens. Typ Tedeschi: Tedeschi. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 369: Daten zur ersten Karte {352} Detailangaben zur Namenauswahl: 2 Der häufige HerkunftsN Allemann und die weiteren Varianten dieser Namengruppe leiten sich vom Ethnonym der Alemannen ab, welches wiederum zu einem germanischen Kompositum gebildet ist, das so viel wie ‘Menschen bzw. Männer insgesamt, allgemein’ bedeutet (e-HLS 2018: s. v. Alemannen; Beck/ Geuenich/ Steuer 2023: 137-138). Alemanne bezeichnet eine Person, die dieser Gruppe angehört oder aus deren Siedlungsgebiet stammt. In sprachlichen Grenzgebieten wird Alemanne meist für ‘Deutschsprachiger’ verwendet, im Gegensatz zum Welschen, der Romanisch spricht (s. zweite Karte). Im französischen und italienischen Sprachraum dienten Allemand bzw. Alemanno und Varianten im Mittelalter sowohl als Ethnonym als auch als Ruf N (GPSR I 1924 ff.: 281; Rossebastiano/ Papa 2005: 55). Die hier kartierten Varianten Allemann, Alemann und Allamann sind deutscher Herkunft, während die Formen mit finalem -nd (Allamand und Allemand ) dem Französischen entstammen. Die im französischsprachigen Berner Jura belegte Form Allimann geht mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine deutsche Ausgangsform zurück. Die FamN des Typs Deutsch leiten sich vom Adjektiv mhd. diutisch, diutsch, tiutsch, tiusch ab, das im Sinne von ‘Deutschsprachiger’ bzw. ‘deutschstämmig’ verwendet wurde. Die italienische Form Tedeschi geht auf mittellat. theodiscus zurück, eine latinisierte Form des westgermanischen Adjektivs *þiudisk mit der Bedeutung ‘zum (eigenen) Volk gehörig’. Ursprünglich bezog sich theodiscus auf sprachliche Verhältnisse und bezeichnete den Gebrauch der germanischen Volkssprache im Gegensatz zum Lateinischen und zu den romanischen Idiomen (EtymWB 1993a: s. v. deutsch; Caffarelli/ Marcato 2008: 1642). 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 764 2 Herkunftsnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="765"?> Kommentar: Die häufig belegte Variante Allemann konzentriert sich in der Deutschschweiz v. a. im Kanton Solothurn. Darüber hinaus tritt dieser Namentyp auch im Berner Oberland sowie in früh verdeutschten Regionen des Kantons Graubünden auf. Nach Kully (2009: 382) entstand der FamN ursprünglich in der französischsprachigen Schweiz und gelangte im 15. bis 16. Jh. infolge innerer Migration in die Kantone Bern und Solothurn. Die Nähe zur (ehemaligen) westlichen Sprachgrenze sowie die Verbreitung des Namens in einem historisch stark französisch geprägten Raum wie Solothurn sprechen allerdings für eine autochthone Entstehung, auch wenn diese nicht zwingend angenommen werden muss. 3 Der Typ Alemanne ist in der italienischsprachigen Schweiz in der Zeitschicht «vor 1800» nicht belegt, obwohl er in Norditalien in der Variante Alemanni verbreitet ist (Caffarelli/ Marcato 2008: 43). Die Präsenz des Namens in Oberitalien dürfte auf die intensive alemannische Besiedlung zurückgehen, die für diese Region im 9. Jh. historisch belegt ist (RNB 3 1986: 578-579). Der Typ Deutsch tritt v. a. im Kanton Thurgau - in den drei Varianten Deutsch, Dütsch und Tütsch - in Erscheinung. Die im westlichen Kontaktgebiet (La Neuveville und Ligerz BE) vorkommenden Varianten mit Fortis-Schreibung Tütsch und Teutsch gehen vermutlich auf Binnenmigration zurück. Die italienische Variante Tedeschi ist nur einmal in Melano (Südtessin) belegt. Karte 352: HerkunftsN zu Bezeichnungen für die Deutschsprachigen, vor 1800 3 Allgemein zur Herausbildung der deutsch-französischen Sprachgrenze vgl. Kristol (2023: 136-139, 155-156), spezifisch für den zweisprachigen Kanton Freiburg vgl. Kristol (2023: 525-541) und für das Wallis sowie für den Kanton Jura vgl. Kristol (2023: 615-631 bzw. 651-684). 2.4 Herkunftsnamen zu Bezeichnungen von Stämmen, Volks- und Sprachgruppen 765 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="766"?> Zweite Karte {353}: Herkunftsnamen zu Bezeichnungen für die Romanischsprachigen Namenauswahl: Für die zweite Karte wurden alle FamN aus der Zeitschicht «vor 1800» ausgewählt, die entweder auf das Substantiv ahd. walah ‘Romane’ oder auf das entsprechende Adjektiv ahd. wal(a)hisc ‘romanisch(sprachig)’ zurückgehen. Die entsprechenden FamN werden nach ihrem Etymon gruppiert und kartiert. Abgefragte Namen Typ Wahl: Wahl, Wahli, Walch, Wälchli, Waller, Walli, Zwahlen. 7 Types, 32 Tokens. Typ Welsch: Welschen, Weltsch. 4 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 370: Daten zur zweiten Karte {353} Detailangaben zur Namenauswahl: Im Gebiet der heutigen Schweiz sind für das Mittelalter zwei unterschiedliche Fremdbezeichnungen für romanischsprachige bzw. nicht-deutschsprachige Bevölkerungsgruppen nachgewiesen: einerseits lat. rōmānus sowie dessen Entsprechung ahd. rūmān, andererseits ahd. walah (Schneider/ Pfister 2017: 127). Zum letzteren Worttyp gehört auch das Adjektiv ahd. wal(a)hisc, mhd. wal(hi)sch, wel(hi)sch (EtymWB 1993b: s. v. welsch; VSNB 4 2024: 501). Die walah-Lexeme dienten insbesondere in kontaktintensiven Grenzräumen zur sprachlichen und ethnischen Abgrenzung nicht-germanischer, als fremd wahrgenommener Gruppen. Das Id. 15 (1881 ff.: Sp. 1583-1599) dokumentiert für das Adjektiv schwzdt. wäl(t)sch Bedeutungen wie ‘französisch, italienisch, rätoromanisch’, weiter gefasst ‘fremdsprachig’ sowie allgemeiner auch ‘fremd, seltsam’. Die hier kartierten FamN leiten sich vom althochdeutschen Substantiv walah (Typ Wahl ) oder vom entsprechenden Adjektiv wal(a)hisc (Typ Welsch) ab. Nicht berücksichtigt wurden FamN, die auf Toponyme zurückgehen, die etymologisch das Wortelement walah enthalten, da diese in diesem Rahmen nicht systematisch ausgewertet werden können; vgl. z. B. FamN Wohlhauser (FR) zum Toponym Wolhuse (vermutlich aus walah + hūsun ‘bei den Häusern des Welschen’). Eine diachrone Gesamtdarstellung (inklusive kartographischer Abbildungen) der im alemannischen Sprachraum vorkommenden Landschafts- und SiedlungsN der Typen Roman und Wahl geben Schneider/ Pfister (2017). Sämtliche FamN, die zum Typ Roman gehören, wurden aus der vorliegenden Kartierung ausgeschlossen, da diese mehrdeutig sind. Solche Namen können ebenso als Patronyme zum Ruf N Roman interpretiert werden (RNB 3 1986: 101-102). Der FamN Roman ist jeweils einmal in der französischsprachigen Schweiz und in der rätoromanischen Surselva (GR) belegt. Die Form Romann - mit finalem -mann und analogisch gebildet zu Ruf N wie Hartmann oder Karte 353: HerkunftsN zu Bezeichnungen für die Romanischsprachigen, vor 1800 766 2 Herkunftsnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="767"?> Rüttimann - erscheint lediglich einmal im Kanton Zürich. Auch die (vermutlich) dazugehörende Variante Romang (1 Token in Gsteig BE) bleibt etymologisch uneindeutig. Weitere FamN aus der französisch-, italienisch- und rätoromanischsprachigen Schweiz, die etymologisch letztendlich auf lat. rōmānus zurückzuführen sein könnten, wurden ebenfalls nicht berücksichtigt. Zum einen erfordern diese eine detaillierte etymologische Analyse, da sie auf unterschiedlichen Benennungsmotiven beruhen können - etwa als Patronyme oder als HerkunftsN (z. B. FamN Romagnoli zur italienischen Region Romagna). Zum anderen sind die Ref lexe von lat. rōmānus in den romanischen Sprachgebieten - anders als im deutschsprachigen Raum - keine Xenonyme (Fremdbezeichnungen) und weisen dementsprechend eine andere semantische Ausrichtung auf. Zur Bezeichnung der eigenen romanischen Sprache dient im Engadin - sowie im Friaul und in den Dolomitentälern - das Wort ladín (< lat. latīnus ‘aus Latium stammend, lateinisch’) (DRG 10 1939 ff.: 275-276; RNB 3 1986: 39), das aber nicht ins Familiennameninventar eingegangen ist. Kommentar: Die walah-FamN kommen in der Deutschschweiz insbesondere in den Kantonen Bern und Luzern vor. Die Ostschweiz ist frei vom Namentyp. Die häufigsten FamN sind Wälchli und Zwahlen (je 8 Tokens). Der FamN Wälchli ist im unteren Emmental (BE), im Oberaargau (BE) und im aargauischen Bezirk Zofingen alteinheimisch. Der FamN Zwahlen (← ds Wahlen ‘des Wahlen [Nachkomme(n)]’) 4 erscheint insbesondere im Bezirk Bern-Mittelland und zudem weiter südlich im Gebiet des Berner Oberlands (in den Verwaltungskreisen Interlaken-Oberhasli und Obersimmental- Saanen). In der Zentralschweiz ist ein Namennest des FamN Waller vorhanden. In Graubünden kommt der Namentyp nur zweimal vor: einmal im deutschsprachigen Prättigau (FamN Walli) und einmal in der (ehemals) rätoromanischsprachigen Gemeinde Bonaduz (FamN Walch). Der einzige in der französischsprachigen Schweiz vorkommende Beleg des Namentyps Wahl ist Zwahlen in Hauterive (NE); er geht auf Migration aus dem Berner Mittelland zurück. Die FamN des Typus Welsch treten im Oberwallis und im angrenzenden Berner Oberland auf. Wird die geographische Verbreitung der walah-FamN mit jener der etymologisch verwandten Toponyme verglichen (s. Abbildung 2 in Schneider/ Pfister 2017: 149), ergibt sich folgendes Bild: Die walah- Toponyme lassen sich zwei klar unterscheidbaren Arealen zuordnen. Das erste bildet einen Bogen von Chur (GR) über den Bodensee entlang des Hochrheins bis etwa auf die Höhe von Basel (BS) und umfasst frühe Belege aus dem 8. und 9. Jh. Das zweite Areal konzentriert sich im Raum zwischen Aare und Saane und weist späte Erstbelege aus dem 13. und 14. Jh. auf. Nur das zweite Areal, das die (ehemalige) Sprachgrenze quert, entspricht der heutigen Verbreitung der FamN dieses Typus. Im östlichen Kontaktgebiet hingegen sind walah-FamN in der Schicht «vor 1800» nicht (mehr) nachweisbar. Dies lässt sich allenfalls dadurch erklären, dass in der Epoche der Entstehung der Zweinamigkeit das Gebiet zwischen Chur (GR) und dem Bodensee bereits weitgehend germanisiert war oder zumindest eine Situation von Zweisprachigkeit zwischen den betroffenen Bevölkerungsgruppen bestand (WeNB 8 2003-2017: 46-73). In der westlichen Kontaktzone hingegen entwickelte sich allmählich die deutsch-französische Sprachgrenze (Kristol 2023: 139-140). 4 Vgl. Artikel II-3.1 «Artikelproklise». 2.4 Herkunftsnamen zu Bezeichnungen von Stämmen, Volks- und Sprachgruppen 767 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="768"?> Dritte Karte {354}: Typ Alemanne und Typ Wahl kontrastiv Namenauswahl: Die dritte Karte stellt kontrastiv die FamN des Haupttyps der ersten Karte (Typ Alemanne) als Benennungen für Deutschsprachige und die FamN der zweiten Karte (Typ Wahl + Typ Welsch) als Benennungen für Romanischsprachige dar. Die Varianten der Typen Wahl und Welsch werden hier gemeinsam als Typ Wahl abgebildet. Abgefragte Namen Typ Alemanne: Alemann, Allaman, Allamand, Allamann, Allemand, Allemann, Allimann. 7 Types, 32 Tokens. Typ Wahl: Wahl, Wahli, Walch, Wälchli, Waller, Walli, Weltsch, Welschen, Zwahlen. 9 Types, 36 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 30-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 371: Daten zur dritten Karte {354} Detailangaben zur Namenauswahl: Für Detailangaben zu den kartierten FamN s. die erste bzw. die zweite Karte. Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass die Bezeichnungen für Fremdsprachige hauptsächlich in den beiden grossen Kontaktzonen der Schweiz auftreten. In der östlichen deutsch-rätoromanischen Kontaktsituation ist keine klare Aufteilung der Namentypen erkennbar, da, wie bereits bei der zweiten Karte beschrieben, zwischen den betroffenen Bevölkerungsgruppen vermutlich keine erhebliche Spaltung bestand. Die Namentypen sind in den verdeutschten Gebieten Graubündens belegt, wobei die Gemeinde Bonaduz bis ins 19. Jh. noch überwiegend rätoromanischsprachig war (e-HLS 2004: s. v. Bonaduz). Die westliche Verteilung der Namenformen hingegen spiegelt im Grossen und Ganzen die mittelalterliche deutsch-französische Kontaktzone wider. Nach dem Verbreitungsbild der FamN gehören sowohl das Gebiet um Solothurn als auch der zweisprachige Kanton Freiburg zum französischsprachigen bzw. stark französisch geprägten Raum; dies entspricht der kulturellen und sprachlichen Situation bei der Entstehung der FamN. Karte 354: Typ Alemanne und Typ Wahl kontrastiv, vor 1800 768 2 Herkunftsnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="769"?> Vierte Karte {355}: Herkunftsnamen zu Stammesbezeichnungen (Hessen, Thüringen, Bayern, Schwaben, Franken) Namenauswahl: Ausgewählt wurden die häufigsten HerkunftsN, die auf eine Stammesbezeichnung bzw. auf den daraus hervorgegangenen LandschaftsN zurückgehen können. Die Namengruppen werden nach absteigender Tokenfrequenz geordnet. Abgefragte Namen HerkunftsN zu Hessen: Hess. 40 Tokens. HerkunftsN zu Thüringen: Deringer, Dörig, Dürger, Dürig, Düring, Düringer, Dürrig, Dürring, Thörig, Thürig, Thüring, Thüringer. 12 Types, 32 Tokens. HerkunftsN zu Bayern: Baier, Bayer, Beier, Peer, Peier, Peyer, von Bayer. 7 Types, 28 Tokens. HerkunftsN zu Schwaben: Schwab, Schwob. 23 Tokens. HerkunftsN zu Franken: Frank. 15 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 372: Daten zur vierten Karte {355} Detailangaben zur Namenauswahl: FamN zu Bezeichnungen von deutschen Stämmen bzw. Territorien stellen mit Abstand die grösste Subkategorie innerhalb der hier behandelten Motivgruppe dar. Die FamN der beiden häufigsten Typen (Typ Hessen und Typ Thüringen) sind mehrdeutig und daher potenziell polygenetischen Ursprungs. In Tabelle 373 sind die einschlägigen Deutungen sowie ggf. die konkurrierenden Deutungen der kartierten FamN aufgeführt. FamN Einschlägige Deutung(en) Konkurrierende Deutung(en) FamN zu Hessen HerkunftsN zur Stammesbezeichnung der Hessen bzw. zum daraus hervorgegangenen LandschaftsN (< mhd. Hessen ‘Hessen’); auch ÜberN für jemanden mit Bezug zu Hessen Patronym zum althochdeutschen Ruf N Hesso; Patronym zu einer Kurzform des Ruf N Hermann oder Matthäus FamN zu Thüringen HerkunftsN zur Stammesbezeichnung der Thüringer bzw. zum daraus hervorgegangenen LandschaftsN (< mhd. Dürinc, Dürenc ‘Thüringer’); auch ÜberN für jemanden mit Bezug zu Thüringen Patronym zum Ruf N Dorinc, Durinc (< ahd. thuring ‘Thüringer’); HerkunftsN zum ÖrtlichkeitsN Thüringen (Vorarlberg, Österreich) Karte 355: HerkunftsN zu Stammesbezeichnungen, vor 1800 2.4 Herkunftsnamen zu Bezeichnungen von Stämmen, Volks- und Sprachgruppen 769 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="770"?> FamN Einschlägige Deutung(en) Konkurrierende Deutung(en) FamN zu Bayern HerkunftsN zum LandschaftsN Bayern bzw. zur entsprechenden Stammesbezeichnung (< mhd. Beier ‘Bayern’); auch ÜberN für jemanden mit Bezug zu Bayern FamN zu Schwaben HerkunftsN zur Stammesbezeichnung der Schwaben bzw. zum daraus hervorgegangenen LandschaftsN (< mhd. Swāp, Swāb(e) ‘Schwabe’); auch HerkunftsN für eine aus Deutschland stammende Person oder ÜberN für jemanden mit Bezug zu Schwaben resp. Deutschland FamN zu Franken HerkunftsN zur Stammesbezeichnung der Franken bzw. zum daraus hervorgegangenen LandschaftsN (< spätmhd. franc ‘frei’); auch ÜberN für jemanden mit Bezug zu Franken Patronym zum althochdeutschen Ruf N Franko Tabelle 373: Deutungen und Deutungskonkurrenzen der ausgewählten FamN Der häufigste FamN Hess zeigt keine morphologische oder graphisch-lautliche Varianz. Beim Typ Thüringen sind die endungslosen Varianten deutlich häufiger als jene mit auslautendem -er. In der Gruppe der Thüringen-Namen lassen sich zudem folgende formale Merkmale beobachten: graphische Varianz am Wortanfang (z. B. in Düringer/ Thüringer), Doppelkonsonantengraphie <rr> in Dürrig / Dürring und Nasalschwund im Suffix -i(n)g (z. B. in Thürig). 5 Bei den Namen des Typus Bayern fällt auf, dass die P -Schreibung (Peer, Peier, Peyer) gegenüber der B-Graphie (Baier, Bayer, Beier, von Bayer) tokenmässig klar überwiegt. 6 Die mundartnahe Variante Schwob zeigt gegenüber Schwab Verdumpfung des Vokals. 7 Der FamN Frank weist wie der Typ Hessen keine Varianz auf. Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass sich HerkunftsN zu Stammesbezeichnungen oder zu den entsprechenden LandschaftsN über mehrere Gebiete der Deutschschweiz erstrecken. Eine Häufung der Belege ist im Mittelland festzustellen. Demgegenüber treten weite Teile der Voralpen - etwa der Kanton Freiburg, das Berner Oberland und der südliche Teil des Kantons St. Gallen - sowie alpine Regionen wie die Kantone Wallis, Obwalden, Uri, Glarus und Graubünden deutlich zurück. Das weitläufigste Vorkommen zeigt der FamN Hess, der insbesondere in den Kantonen Zürich (Zürcher Oberland) und Bern (Oberaargau, Emmental) vertreten ist. Der Typ Thüringen kommt ebenfalls überwiegend in mittelländischen Gebieten vor, wo er teils streut und teils spezifische Verbreitungsräume aufweist. Die Varianten mit er-Suffix kommen ausschliesslich in der Nordostschweiz vor, was auf einen HerkunftsN zum vorarlbergischen Toponym Thüringen (vgl. Tabelle 373) hinweisen könnte. Die FamN des Typus Bayern konzentrieren sich hauptsächlich in nördlichen Gebieten. Der im Unterengadin (GR) alteingesessene FamN Peer geht vermutlich auf Zuwanderung aus dem benachbarten Tirol (Österreich) zurück. Die FamN Schwab und Schwob bilden zwei Namennester: eines in der Grenzregion zwischen dem Berner Mittelland, dem Berner Seeland und dem Freiburger Bezirk See, das andere im Kanton Basel-Landschaft. Der FamN Frank streut im Mittelland und in voralpinen Gebieten und zeigt kein eindeutig abgrenzbares Areal. Fünfte Karte {356}: Herkunftsnamen zu Bezeichnungen für Walser oder Walliser Namenauswahl: Die fünfte Karte behandelt HerkunftsN aus der Schicht «vor 1800», die auf dem VolksN Walser oder auf der Bezeichnung Walliser für aus der Region Wallis stammende Personen basieren. Abgefragte Namen Typ Walser: Valzer, Walser, Walzer. 33 Tokens. Typ Walliser: Walliser. 3 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 374: Daten zur fünften Karte {356} Detailangaben zur Namenauswahl: Der VolksN Walser geht auf das Tal Wallis (frz. Valais) zurück, das zum romanischen Adjektiv vallēse gestellt wird, wiederum zu lat. vallensis ‘zum Tal gehörig’ (VSNB 4 2024: 500). Das Wort Walser bezeichnet «jene deutschsprachigen bergbäuerlichen Siedler samt ihrer Nachkommenschaft, die im ausgehenden Hochmittelalter das Oberwallis verliessen und im damals zu einem grossen Teil noch romanischsprachigen Alpenraum angesiedelt wurden» (e-HLS 2013: s. v. Walser). Die Walserwanderung erschloss von Westen her neue Höhensiedlungen in einem Gebiet, das sich über rund 300 Kilometer verstreut durch die Zentralalpen zieht - u. a. über ganz Graubünden (insbesondere in der Surselva, im Hinterrhein, im Prättigau und im Schanfigg), den südlichen Teil des Kantons St. Gallen, Liechtenstein, Vorarlberg und angrenzende Regionen (e-HLS 2013: s. v. Walser; Holenstein/ Kury/ Schulz 2018: 37-46). Der hier kartierte FamN Walser lässt sich auf die gleichnamige Volksbezeichnung zurückführen, während Walliser vermutlich auf die Herkunft aus dem Tal bzw. der Region Wallis verweist. Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass einzelne Namen des Typs Walser nicht auf die Volksbezeichnung zurückgehen, sondern ebenfalls direkt mit der Region Wallis in Verbindung stehen. Dies könnte insbesondere auf FamN aus dem Kanton Solothurn zutreffen (s. u.). Bei den im Kanton Jura vorkommenden FamN Valzer und Walzer handelt es sich um französisierte Varianten des deutschen Namens Walser. Kommentar: FamN des Typus Walser treten in zwei geographisch voneinander getrennten Gebieten auf: Einerseits finden sie sich in Graubünden im Raum Chur, im unteren Prättigau sowie im sanktgallischen Sarganserland und im Rheintal - f lussabwärts über Werdenberg bis zum Bodensee -, einschliesslich beider Appenzeller Halbkantone. Laut HBLS 7 (1921-1934: 406) stammt der Appenzeller Zweig der Walser ursprünglich aus Vorarlberg. Andererseits liegt ein zweites Verbreitungsgebiet hauptsächlich im Kanton Solothurn. Es 5 Vgl. die Artikel I-2.5 «Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut», I-1.15 «Längen- und Kürzenanzeige» und I-2.1 «Nasalschwund». Zu den Endungen -ig(er) / -ing(er) allgemein vgl. Artikel II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing». 6 Vgl. Artikel I-2.5 «Schreibvariation bei Plosiven im Anlaut». 7 Vgl. Artikel I-1.7 «Erhalt oder Verdumpfung von mhd. ā». 770 2 Herkunftsnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="771"?> fällt auf, dass sich das erste Verbreitungsgebiet weitgehend mit den belegten und bereits erwähnten walserischen Siedlungsräumen in den Kantonen Graubünden und St. Gallen deckt. Das Namencluster im Kanton Solothurn hingegen dürfte auf andere Ursachen zurückzuführen sein, etwa auf Binnenmigration oder eine eigenständige Entstehungsgeschichte. Gemäss HBLS 7 (1921-1934: 407) lässt sich die Familie Walser im Kanton Solothurn erst ab dem frühen 19. Jh. belegen. Die französisierten FamN im Kanton Jura stammen vermutlich aus der Deutschschweiz, möglicherweise aus Solothurn. Die seltenen Vorkommen vom Typ Walliser sind im selben Raum wie die Walser-Namen bezeugt, was auf einen möglichen gemeinsamen Ursprung hinweisen könnte. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Hess (5'721 Tokens), Schwab (3'964 Tokens) und Zwahlen (3'308 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA 4 (2013: 38-171) widmet sich im Kapitel «Stämme, Territorien, Regionen» ausführlich dieser Untergruppe von HerkunftsN. FamN, die sich auf Bezeichnungen für die Deutschsprachigen und für die Romanischsprachigen zurückführen lassen, werden im Kapitel «Ethnien» behandelt (vgl. Karten 1-4 und 7-9). Auf den Karten 29-31 stehen FamN zur Stammesbezeichnung Hessen im Fokus, auf den Karten 32-34, 37-41 und 42-43 jeweils solche zu Thüringen, zu Franken bzw. zu Schwaben. Die FamN Walser und Walliser sind in Deutschland nicht alteinheimisch, sie sind aber im Fürstentum Liechtenstein belegt (FLNB II/ 4 2008: 411-413). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Karte 356: HerkunftsN zum VolksN Walser oder zum GebietsN Wallis, vor 1800 2.4 Herkunftsnamen zu Bezeichnungen von Stämmen, Volks- und Sprachgruppen 771 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="772"?> Literatur Beck, Heinrich/ Geuenich, Dieter/ Steuer, Heiko (Hrsg.) (2023): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 1-37: Aachen-Zwiebel, 2 Registerbände. 2., völlig neu bearbeitete und stark erweiterte Auf lage. Berlin: De Gruyter. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Caffarelli, Enzo/ Marcato, Carla (2008): I cognomi d’Italia: dizionario storico ed etimologico. 2 Bde. (La nostra lingua). Torino: UTET. DFA 4 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2013): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 4: Familiennamen nach Herkunft und Wohnstätte. Berlin, Boston: De Gruyter. DRG = Dicziunari Rumantsch Grischun (1939 ff.): Bd. 1 ff. Chur: Bischofberger, dann Winterthur: Stamparia, dann Chur: Societad Retorumantscha. e-HLS = Bühler, Linus (2004): Bonaduz. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 001513/ 2004-08-11/ (letzter Zugriff 26.05.2025). e-HLS = Kaiser, Reinhold (2018): Alemannen. 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Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 26.05.2025). FLNB II = Stricker, Hans/ Banzer, Toni/ Hilbe, Herbert (2008): Die Personennamen des Fürstentums Liechtenstein. 4 Bde. (Liechtensteiner Namenbuch II). Vaduz: Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein. GPSR = Glossaire des patois de la Suisse romande (1924 ff.): Bd. 1 ff. Neuchâtel, Paris: Attinger, dann Genève: Librairie Droz. HBLS = Türler, Heinrich et al. (Hrsg.) (1921-1934): Historisch-biographisches Lexikon der Schweiz. 7 Bde. und Supplement. Neuenburg: Administration des historisch-biographischen Lexikons der Schweiz bzw. Attinger. Holenstein, André/ Kury, Patrick/ Schulz, Kristina (2018): Schweizer Migrationsgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Baden: Hier und Jetzt. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kristol, Andres (2023): Histoire linguistique de la Suisse romande (Collection Glossaire des patois de la Suisse romande 5.1). Neuchâtel: Éditions Alphil- Presses universitaires suisses. Kully, Rolf M. (2009): Form und Inhalt der Deutschschweizer Familiennamen. In: Hengst, Karlheinz/ Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. Bd. 1: Deutsche Familiennamen im deutschen Sprachraum (Onomastica Lipsiensia 6.1), 365-392. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Rossebastiano, Alda/ Papa, Elena (2005): I nomi di persona in Italia: dizionario storico ed etimologico. 2 Bde. (La nostra lingua). Torino: UTET. Schneider, Thomas F./ Pfister, Max (2017): Romanen und ihre (Fremd-)Bezeichnungen im Mittelalter. Der Schweizer Raum und das angrenzende alemannische Gebiet. In: Pohl, Walter/ Hartl, Ingrid/ Haubrichs, Wolfgang (Hrsg.): Walchen, Romani und Latini. Variationen einer nachrömischen Gruppenbezeichnung zwischen Britannien und dem Balkan (Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 21), 127-152. Wien: Österreichische Akademie der Wissenschaften. VSNB 4 = Werlen, Iwar (Hrsg.) (2024): Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch. Bd. 4: Flurnamen S-Z. Tübingen: Narr Francke Attempto. WeNB = Stricker, Hans (2003-2017): Werdenberger Namenbuch. Die Orts- und Flurnamen der Region Werdenberg. 8 Bde. Buchs: Verlag Werdenberger Namenbuch. Linda Steiner 772 2 Herkunftsnamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="773"?> 3 Wohnstättennamen 3.1 Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie Schlagwörter: Bergsturz, Bodenerhebung, Bodenvertiefung, Ebene, Geländeeinschnitt, Hang, Orientierungsangabe, Toponym Gegenstand und Fragestellung Im vorliegenden Artikel steht die Frage im Fokus, wie sich die natürliche Oberf lächengestalt der Landschaft - bspw. Hänge, Hügel, Täler und Ebenen - im Deutschschweizer Familiennamenbestand widerspiegelt. Dies ist insbesondere auch interessant, weil die «naturräumliche Gliederung der Schweiz […] weitgehend von der Gebirgsfaltung her bestimmt» wird (e-HLS 2013: s. v. Alpen). 1 Kartiert werden WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800», die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 07.05.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») auf ein entsprechendes Appellativ oder ein daraus entstandenes Toponym zurückgehen, z. B. Daller zu schwzdt. Tal ‘langgestreckter Einschnitt in der Erdoberf läche, durch Höhenzüge begrenztes Gebiet u. ä.’ (aus ahd., mhd. tal ) oder zu einem darauf basierenden ÖrtlichkeitsN. Ob die hier behandelten WohnstättenN direkt zu einem ortsbezeichnenden Appellativ gebildet wurden oder auf einem Toponym beruhen, lässt sich i. d. R. nicht eindeutig bestimmen; für ein und dieselbe Namenform könnte auch beides zutreffen, wenn die Form zwei oder mehrmals unabhängig voneinander entstanden ist. Um einen möglichst vollständigen Überblick zu bieten, wurden in die Namenauswahl auch Fälle aufgenommen, die sich mehreren Motivgruppen innerhalb der WohnstättenN zuordnen lassen. Bspw. kann der FamN Zumthurm einerseits auf ein hohes, schlankes Gebäude zurückgehen, 2 andererseits benennt schwzdt. Turn, Tur(r)e(n), Turm (aus ahd., mhd. turn) im alpinen Gebiet auch eine Felsformation (vgl. Id. 13 1881 ff.: Sp. 1656; Zinsli 1971: 316; SDS VI 1988: Karte 66). Die nachfolgenden Karten enthalten ferner FamN, die ausser zum hier behandelten Benennungsmotiv der WohnstättenN auch noch anders kategorisiert werden können. So kommt etwa für die FamN Blattner und Plattner neben einem WohnstättenN zu schwzdt. Blatte(n), Platte(n) ‘Felsplateau, Bergterrasse, Felswand, breiter, f lacher Fels u. ä.’ (aus ahd. platta, mhd. blate, plate) auch ein BerufsN zu schwzdt. Blattner ‘Schmied, der Harnische herstellt’ (aus mhd. blatenære) infrage. Insbesondere bleibt stets zu bedenken, dass die Unterscheidung zwischen einem WohnstättenN und einem HerkunftsN in der Praxis vielfach nicht möglich ist und daher Deutungskonkurrenzen nicht ausgeschlossen werden können. 3 Z. B. geht der hier als WohnstättenN kategorisierte FamN Bool auf das Lexem schwzdt. Boll, Bōl ‘rundlicher, kuppenförmiger Hügel; Höhe, Anhöhe’ (aus ahd. bolla, mhd. bolle) zurück, das in der Deutschschweiz nicht nur in FlurN, sondern auch in SiedlungsN sehr häufig vorkommt. 4 Die erste Karte gibt einen Überblick über die vorliegende Motivgruppe und enthält alle WohnstättenN zur Geländeform und Topographie aus der Schicht «vor 1800». Die nachfolgenden Karten bilden dann jeweils eine Teilmenge der Gesamtkarte ab: Die zweite und die dritte Karte rücken diejenigen FamN in den Mittelpunkt, denen ein ortsbezeichnendes Appellativ mit der Bedeutung ‘Hügel, Anhöhe, kleine bis mittelgrosse Erhebung’ oder ein entsprechendes Toponym zugrunde liegt. WohnstättenN zu Bodenvertiefungen werden in der vierten Karte dargestellt, während FamN zu den Lexemen schwzdt. Tobel und schwzdt. Grabe(n) für tiefere Geländeeinschnitte in der fünften Karte dokumentiert sind. Die sechste Karte behandelt WohnstättenN zu Ebenen, Niederungen u. ä., die siebte und die achte Karte jene zu (Ab-)Hängen. FamN zu Geröllhalden, Steinlawinen, Bergstürzen u. ä., die einen vorwiegend alpinen Namentypus darstellen, werden in der neunten Karte besprochen. Schliesslich bildet die zehnte Karte FamN zu Orientierungsangaben mit der Bedeutung ‘oben’ und ‘unten’ ab. 1 Für die geographische Dreiteilung der Schweiz in Jura, Mittelland und Alpen (inklusive Voralpen) vgl. Karte 284 in der III-A «Kurzeinleitung zu Band III». 2 Vgl. Artikel III-3.8 «Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen». 3 Aus theoretischer Sicht ist eine Trennung jedoch insofern gegeben, als WohnstättenN «den Sitz von Einheimischen, nicht die Herkunft von Fremden» bezeichnen (Kunze 2004: 95). 4 Ursprüngliche FlurN, die sich später zu SiedlungsN entwickeln, werden auch sekundäre SiedlungsN genannt (Waser 2004: 351). Gerade «[i]n spät besiedelten und spät ausgebauten Landschaften, wie es die schweizerische Voralpenregion ist, trägt ein großer Teil der Höfe und Dörfer sekundäre Siedlungsnamen» (Waser 2004: 352). Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="774"?> Erste Karte {357}: Gesamtkarte Namenauswahl: Die erste Karte vereint alle WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 5 die sich etymologisch auf die Geländeform bzw. die Topographie zurückführen lassen. Abgefragte Namen WohnstättenN zur Geländeform und Topographie, vor 1800: à Wengen, ab Yberg, Abbühl, Abderhalden, Abegg, Abegglen, Aberegg, Aebisegger, Aemisegger, Amberg, Ambiel, Ambord, Ambort, Ambühl, Amport, Amrein, Amrhein, am Rhyn, Amstalden, Amstutz, Anderegg, Andereggen, Anderfuhren, Anderhalden, Angehrn, Aufdenblatten, Aufdereggen, Ballenegger, Baumer Büel, Bensegger, Bergen, Berger, Bergmann, Biechler, Biel, Bielander, Bieler, Bieli, Bielmann, Blatt, Blatter, Blatti, Blattmann, Blattmer, Blattner, Boden, Bodenmann, Boder, Bodmer, Bögli, Böglin, Bohl, Bohler, Böhler, Bohlhalder, Bohlhalter, Boler, Boll, Böll, Boller, Böller, Bollhalder, Bollmann, Bool, Borter, Brauen, Brechbühl, Brechbühler, Breitenberg, Bromberger, Buchegger, Büchel, Bücheler, Bücheli, Büchle, Büchler, Büchli, Büchlin, Buck, Büecheler, Büel, Bueler, Büeler, Bühler, Bühlmann, Burkhalter, Burkolter, Buschauer, Buschor, Bütschi, Bütschli, Dalcher, Daller, Dallmann, Deller, Döbeli, Dobler, Dünnenberger, Duthaler, Ebener, Ebiner, Ebner, Ebneter, Ebnöther, Egg, Eggemann, Eggen, Eggenberg, Eggenberger, Egger, Eggermann, Eggimann, Eggler, Eggmann, Eggspühler, Eichenberger, Eichlisberger, Eisenegger, Ellenberg, Ellenberger, Emmenegger, Engeloch, Engemann, Engensperger, Engimann, Fahrnbühl, Felder, Feldmann, Flüeler, Flüeli, Flühler, Flühmann, Fluor, Fuhrer, Fuhrimann, Furer, Furrer, Gander, Gäumann, Gehr, Gehren, Gehrer, Geissbühler, Geu, Gfeller, Gibel, Goldenberger, Grab, Graber, Greber, Grubenmann, Gruber, Grübler, Gründeler, Grunder, Gründler, Grundmann, Gruober, Gübeli, Gubelmann, Gubler, Gugelmann, Guggenbühl, Gügler, Güntlisberger, Haldemann, Halder, Haldi, Haldimann, Haldner, Haldy, Halter, Haltiner, Haltinner, Haltmann, Haltner, Harnischberg, Hausegger, Heldner, Hell, Heller, Henneberger, Himmel, Himmler, Hinterberger, Höchener, Höchle, Höchli, Höchner, Högger, Hohener, Höhener, Hohl, Hohler, Holer, Holi, Holy, Honegger, Hool, Horn, Hörndli, Horni, Hörni, Hörnlimann, Hubeli, Hubler, Hubli, Hungerbühler, Hürlimann, Iberg, Im Obersteg, Imbiederland, Imboden, Imfeld, Imoberdorf , Imobersteg, Imwinkelried, Inäbnit, Indergand, Inderkum, Inderkummen, Inderwildi, Inhelder, Isenegger, Kapfer, Keel, Kehl, Kessi, Kinimann, Klausner, Klinger, Klossner, Kluser, Kneubühl, Kneubühler, Kobel, Kobelt, Kobler, Koblet, Kofel, Krähenbühl, Krayenbühl, Kreienbühl, Kreienbühler, Kreyenbühl, Krienbühl, Krummenacher, Kumli, Kummer, Kummli, Kunfermann, Laager, Läber, Langenberger, Langenegger, Lauener, Leber, Leuener, Lewerer, Lindegger, Lindenberger, Locher, Lochmann, Lowiner, Luginbühl, Mattenberger, Mieschbühler, Morgenegg, Mühlefluh, Mühlegg, Müllegg, Nidegger, Nideröst, Nidrist, Niederberger, Niederer, Niederist, Karte 357: WohnstättenN zur Geländeform und Topographie, vor 1800 5 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 774 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="775"?> Niedermann, Niedrist, Nussberger, Nydegger, Oberbühler, Oberer, Obersteg, Obrist, Pichel, Plattner, Portmann, Portner, Raimann, Rauft, Räuftlin, Raymann, Rechberger, Reimann, Rein, Reinmann, Reiser, Reutegger, Rey, Reymann, Rheinegger, Rhyn, Richenberger, Riser, Risler, Risser, Romberg, Rosenberg, Rosenberger, Rothenberger, Rothenbühler, Rothenfluh, Rufener, Ruffener, Ruffi, Ruffiner, Ruffner, Rufi, Rufiner, Russenberger, Ryser, Rysler, Salvisberg, Sättele, Sätteli, Schabegg, Schadegg, Schalbetter, Schauenberg, Schaufelberger, Schaufelbühl, Scheiben, Scheidegger, Scheidiger, Schernberg, Schlatter, Schluchter, Schlüchter, Schmidhalter, Schneeberger, Schönberger, Schönenberger, Schönthal, Schornegg, Schorno, Schrackmann, Schranz, Schrofer, Schurtenberger, Schweingruber, Schwendbühl, Schwingruber, Sedelberger, Seeberger, Solenthaler, Sommerhalder, Spiegelberg, Spitz, Spitzli, Spitzly, Sprung, Sprunger, Sprüngli, Sprünglin, Stalder, Stäldi, Staufer, Stauffenegger, Stauffer, Stauffiger, Steiger, Steinegger, Stich, Sticher, Stoller, Storchenegger, Stotzer, Streiff , Streipf , Stricker, Strickler, Struffenegger, Studhalter, Sturzenegger, Stutz, Stutzer, Stutzmann, Sulger Büel, Teller, Teufer, Thaler, Thäler, Thaller, Thalman, Thalmann, Thüeler, Thüler, Thüller, Tobler, Trog, Troger, Tüfer, Unteregger, Unternährer, Untersander, Vomsattel, von Flüe, von Steiger, von Tobel, von Weissenfluh, Vontobel, Waldesbühl, Waldispühl, Wallimann, Waltenspühl, Waltenspül, Waltisbühl, Wampfler, Wandfluh, Wanger, Weizenegger, Wenge, Wenger, Wengi, Wickihalder, Wickihalter, Winckler, Winkelmann, Winkler, Winterberg, Winteregg, Zberg, Zenklusen, Zen Ruffinen, Zen-Ruffinen, Zlauwinen, Zobrist, Zuberbühler, Zumbühl, Zumkemi, Zumoberhaus, Zumofen, Zumthurm, Zurfluh, Zurflüh. 446 Types, 2'221 Tokens. Flächen 5-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 375: Daten zur ersten Karte {357} Detailangaben zur Namenauswahl: 6 Insgesamt umfasst das Sample 446 verschiedene Familiennamentypes mit 2'221 Tokens, was die vorliegende Motivgruppe zur mit Abstand wichtigsten Subkategorie innerhalb der WohnstättenN macht. Die höchste Anzahl an Belegorten erreichen vor 1800 die FamN Bühler (96 Tokens), Furrer (66 Tokens), Egger (43 Tokens) und Berger (42 Tokens; für etymologische Angaben s. u.). 7 182 Namentypen, das sind rund 40 % der kartierten FamN, kommen in der Schicht «vor 1800» hingegen an einem einzigen Ort vor. Im Folgenden sollen exemplarisch die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden Deutungen einiger ausgewählter Namen angeführt werden. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Aufdereggen setzt sich aus der Präposition auf , dem femininen Definitartikel und schwzdt. Egg ‘Geländeabsatz, Geländekante, langgezogener Bergrücken u. ä.’ (aus ahd. ecka, egga, mhd. ecke, egge) zusammen. Das Namenelement -egg findet sich in zahlreichen WohnstättenN wie etwa im hochfrequenten FamN Egger oder in Eggimann und Komposita wie Stauffenegger. • Brauen stellt sich zu schwzdt. Brāu(w)e(n) ‘jäher Abhang, Kante eines Bergs, Bergrücken u. ä.’ (aus ahd. brāwa, mhd. brā). • Fluor stellt sich zu schwzdt. Flueh, Fluech ‘jäher Felsabsturz, steile Felswand; einzelner grosser, schroffer, kahler Fels, Felsblock, felsiges Gelände’ (aus ahd. fluoh, mhd. vluo). Alternativ liegt ein Patronym zum Ruf N Florinus vor. 8 • Guggenbühl setzt sich aus schwzdt. gugge(n) ‘sehen, aufmerksam schauen, Ausblick halten’ (aus mhd. gücken, gucken) und schwzdt. Büel, Bühel, Büchel u. ä. ‘Anhöhe, Hügel, kleine oder mittelgrosse Bodenerhebung’ (aus ahd. buhil, mhd. bühel ) zusammen und benennt eine Anhöhe mit Aussicht oder eine Hochwarte. • Inderkum und Inderkummen setzen sich aus der Präposition in, dem femininen Definitartikel und schwzdt. Kum, Kumme(n) ‘enge Ausbuchtung im Gebirge, Tal, Mulde, gekrümmte Bodenf läche u. ä.’ (aus gall. *kumbā-) zusammen. 9 • Schranz stellt sich zu schwzdt. Schranz ‘Geländeeinschnitt’ (aus ahd. schranz, mhd. schranz(e)). • Spitz, Spitzli und Spitzly stellen sich zu schwzdt. Spitz ‘kleinförmig zulaufendes Landstück, Endstück einer Flur’ (aus mhd. spiz, spitz). Alternativ könnte ein ÜberN nach einem körperlichen Merkmal (einer spitzen Nase, einem spitzen Kinn usw.) oder nach spitzfindigem Verhalten vorliegen. Etymologische Angaben zu weiteren WohnstättenN folgen bei den restlichen Karten dieses Artikels. Die Semantik der den FamN zugrunde liegenden Lexeme und ÖrtlichkeitsN kann hier nicht ausführlich behandelt werden; für Etymologien und weiterführende Angaben zu den ortsbezeichnenden Appellativa bzw. zu den Toponymen, aus denen die kartierten WohnstättenN hervorgegangen sind, sei auf das Id. (1881 ff.), das Online-Portal ortsnamen.ch (o. J.) und die dort aufgelisteten Ortsnamenbücher der Schweiz wie das TNB 2 (2007) verwiesen. Zur vorliegenden Motivgruppe vgl. ausserdem Zinsli (1945). In formaler Hinsicht lässt sich die Mehrheit der behandelten Namen einem der vier hauptsächlichen Bildungsmuster von WohnstättenN zuordnen: 10 6 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. Soweit nicht anders vermerkt, erfolgt die Deutung der Schweizer Toponyme auf Grundlage des Online-Portals ortsnamen.ch (o. J.). Für detailliertere Angaben zu den zugrunde liegenden Appellativa vgl. das Id. (1881 ff.) und das EtymWB (1993a). 7 Die auf der historischen Datenschicht «vor 1800» basierenden Frequenzangaben zu den FamN sind allerdings nur bedingt als Frequenzen zu betrachten, vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Der FamN Rey ist in der Schicht «vor 1800» an 44 Ortspunkten alteingesessen. Allerdings ist er mehrheitlich in der Romandie bezeugt, wo der FamN im Unterschied zum deutschsprachigen Homograph auf lat. rex ‘König’ basiert, sodass für die vorliegende Karte nur 13 Belege in der Deutschschweiz einschlägig sind. Die Rey-Belege in der französischsprachigen Schweiz wurden in der Karte ausgeblendet. 8 Das Lexem schwzdt. Flueh, Fluech oder ein daraus gebildetes Toponym liegt auch den FamN Flüeli, Flüeler, Flühler, Flühmann, Zurfluh und Zurflüh zugrunde. Es handelt sich beinahe ausschliesslich um (vor-)alpine Vorkommen (NW, UR, BE, ferner Günsberg SO). Auch die FamN Aufdenblatten, Blatt, Blatter, Blatti, Blattmann, Blattmer, Blattner und Plattner lassen sich auf eine appellativische oder toponymische Bezeichnung für eine Felswand (daneben auch: ‘Felsplateau, Bergterrasse, f lacher, breiter Fels, Felsplatte’) zurückführen. Neben dem (Vor-)Alpenraum tritt hier stärker auch das f lachere Mittelland in Erscheinung. 9 Für eine ausführlichere Diskussion der Toponyme Kumme(n), Chumme(n), Gumme(n) vgl. Zinsli (1971: 72-74 inklusive Kartierung in Tafel VII). 10 Vgl. die Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor», II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu», II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in», II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von», II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.7 3.1 Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie 775 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="776"?> • PräpositionsN wie Angehrn (zu schwzdt. Gēre(n) ‘Landstück, das in einen Spitz ausläuft, keilförmiges Stück’ aus ahd. gēr, mhd. gēr), Inhelder (zu schwzdt. Hell, Held ‘abgelegener oder schauerlicher Ort, Abgrund, tief gelegene Örtlichkeit u. ä.’ aus ahd. hella, hellia, mhd. helle) und Zenklusen (zu schwzdt. Chlūs ‘Engpass, Felskluft, Schleuse’ aus ahd. klūsa, mhd. klūse); • Ableitungen auf -er (-ler, -ner) wie Kapfer (zu schwzdt. Chapf ‘rundliche Kuppe, Bergvorsprung, Aussichtspunkt’ aus ahd. chapf , mhd. kapf ), Teufer / Tüfer (zum Adjektivabstraktum Töifi, Tiefi, Tüfi, das zum Adjektiv schwzdt. töif , tief , tüf ‘weit nach unten reichend, unten gelegen, weit unten’ gehört) und Wampfler (mit dem Bestimmungswort schwzdt. Wand und dem Grundwort schwzdt. Flueh, Fluech für einen senkrechten Felsen resp. eine senkrechte Felswand); • Ableitungen auf -mann wie Engemann / Engimann (zu schwzdt. Engi ‘enge Stelle, beengter Weg, schmales Tal, Schlucht’ aus ahd. engī, mhd. enge), Fuhrimann (wie hochfrequentes Furrer zu schwzdt. Fur(ch)e(n) ‘Einschnitt in der Oberf läche des Erdbodens, Tiefe mit Höhen zu beiden Seiten, auch Abhang’ aus ahd. fur(u)h, mhd. furch) und Schrackmann (zu schwzdt. Schrack ‘Spalte, Riss’); • endungslose FamN wie Buschor (mit dem Bestimmungswort schwzdt. Bueche(n), Bue(he) ‘Buche’ und dem Grundwort schwzdt. Schore(n) für einen mit Buchen besetzten Erdbruch bzw. aufragenden Geländekopf ), Dalcher (verkürzt aus dem Kompositum Talacher ‘vertieft gelegenes Ackerland’) und Himmel (toponymisch ‘schön gelegenes, oft auch höher gelegenes Geländestück’ aus ahd. himil, mhd. himel ). Daneben finden sich im Sample weitere Bildungstypen wie z. B. FamN mit Lageadverbien (s. zehnte Karte) oder FamN auf -i (z. B. Holi). 11 Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass Toponyme resp. appellativische Bezeichnungen mit Bezug auf die Geländeform und die Topographie in der gesamten Deutschschweiz in FamN fest geworden sind. Damit weisen die WohnstättenN dieser semantischen Kategorie nicht nur hinsichtlich ihrer Type- und Tokenfrequenz, sondern auch in Bezug auf ihr räumliches Auftreten eine starke Präsenz auf. Wie die relative Flächenkartierung ausweist, sind insbesondere in den (vor-)alpinen Regionen der Deutschschweiz gehäuft FamN zur Geländeform bzw. zur Topographie gebildet worden. Ein verdichtetes Vorkommen lässt sich bspw. für das (deutschsprachige) Oberwallis, das westliche und östliche Berner Oberland, das Emmental (BE), den Kanton Obwalden und den äussersten Nordosten der Schweiz (Bezirke Rheintal SG, Vorderland AR) feststellen. Die Verbreitung der WohnstättenN spiegelt damit in grossen Teilen die geographischen Gegebenheiten der Schweiz wider: So bietet sich der ausgeprägt dreidimensionale (Vor-)Alpenraum stärker als das f lache(re) Mittelland dafür an, die Geländeform resp. die Topographie als Unterscheidungs- und Identifikationsmerkmal von Personen heranzuziehen. Zweite und dritte Karte {358, 359}: Wohnstättennamen zu Bodenerhebungen Namenauswahl: Die zweite und die dritte Karte widmen sich WohnstättenN, die auf ein ortsbezeichnendes Appellativ mit der Bedeutung ‘Hügel, Anhöhe, kleine bis mittelgrosse Erhebung’ oder auf ein Toponym derselben Grundlage zurückgehen. Die ausgewählten FamN werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Der hochfrequente Typ Büel wird in der dritten Karte separat abgebildet. 12 Abgefragte Namen Typ Berg: Amberg, Bergen, Berger, Bergmann, Zberg. 61 Tokens. Typ Boll: Bohl, Bohler, Böhler, Boler, Boll, Böll, Boller, Böller, Bollmann, Bool. 10 Types, 34 Tokens. Typ Buck: Buck. 4 Tokens. Typ Bütschi: Bütschi, Bütschli. 3 Tokens. Typ Gubel: Gübeli, Gubelmann, Gubler. 33 Tokens. Typ Gugel: Gugelmann, Gügler. 6 Tokens. Typ Högg: Högger. 6 Tokens. Typ Hubel: Hubeli, Hubler, Hubli. 5 Tokens. Typ Lēw: Läber, Leber, Lewerer. 7 Tokens. Typ Stauf : Staufer, Stauffer, Stauffiger. 30 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 376: Daten zur zweiten Karte {358} Abgefragte Namen Typ Büel, vor 1800: Abbühl, Ambiel, Ambühl, Biechler, Biel, Bieler, Bieli, Bielmann, Büchel, Bücheler, Bücheli, Büchle, Büchler, Büchli, Büchlin, Büecheler, Büel, Bueler, Büeler, Bühler, Bühlmann, Zumbühl. 22 Types, 235 Tokens. Kreise 20-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 377: Daten zur dritten Karte {359} Detailangaben zur Namenauswahl: Gemäss Kunze (2004: 97) wird die «Oberf lächengestalt der Landschaft […] am sichtbarsten durch Bodenerhebungen profiliert», was sich in zahlreichen WohnstättenN zu solchen Toponymen resp. ortsbezeichnenden Appellativa äussert (s. auch Nübling/ Kunze 2023: 326). Die zweite und die dritte Karte schlüsseln die FamN zu Bodenerhebungen in verschiedene lexikalische Typen auf, wobei ausschliesslich diejenigen WohnstättenN abgebildet werden, die sich etymologisch auf einen Hügel, eine Anhöhe, eine kleine Erhebung o. ä. beziehen. Die zugrunde liegenden Lexeme sind nicht immer vollständig synonym; die einzelnen Bedeutungsnuancen und -abweichungen bleiben hier - wie auch in den folgenden Karten - jedoch unberücksichtigt. Ausgeklammert wurden Komposita wie Luginbühl (wohl zusammengesetzt aus schwzdt. luege(n) ‘schauen’ und schwzdt. Büel, Bühel, Büchel u. ä. für eine Anhöhe mit guter Aussicht), Bielander (zum FlurN Bielerland ‘das Land «Familiennamen auf -mann» sowie II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen». 11 Vgl. die Artikel II-1.2 «Flektierte Adjektivformen» und II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y». 12 Für FamN zu Büel vgl. auch den Artikel I-2.4 «Variation ch / h für germ. χ» (dritte Karte). 776 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="777"?> beim Hügel’; vgl. VSNB 1 2024: Sp. 206) oder Lindenberger (wohl zu einer an einer Geländeerhebung gelegenen Flur mit mildem Klima oder Lindenbestand), um die Kartenbilder nicht zu überladen. Zudem fehlen die FamN Hohener, Höhener, Höchener, Höchner, Höchle und Höchli (alle zum Adjektivabstraktum schwzdt. Höchi aus ahd. hōhī, mhd. hœhe, hōhe), weil es sich bei dem zugrunde liegenden Lexem gemäss TNB 2.2 (2007: 295) um eine «eher allgemeine Bezeichnung» handelt und ein entsprechender FlurN «den höchsten Punkt einer Erhebung benennt, nicht die Erhebung als ganze». Ferner ist der FamN Pichel (Salgesch VS) nicht in der Karte enthalten, weil er auf das bairisch-österreichische Lexem Pich(e)l ‘Anhöhe, Hügel’ (vs. alem. Büel, Bühel, Büchel u. ä.) beruht und daher als nicht-autochthon einzustufen ist. Das Sample liesse sich allenfalls mit Buckelmann (zu schwzdt. Buggel ‘rundliche Bodenerhebung, Hügel’ aus mhd. buckel; ggf. auch ÜberN für eine Person mit gebückter Haltung) ergänzen; der FamN ist jedoch nur in der französischsprachigen Schweiz alteingesessen (Duillier VD) und wird daher in der Kartierung ausgeschlossen. 13 Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namen an (in alphabetischer Reihenfolge der zugrunde liegenden Lexeme). Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Typ Berg: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Berg ‘Erhebung im Gelände, Anhöhe, Halde u. ä.’, jünger auch ‘Berg’ (aus ahd. berg, perc, mhd. berc). Daneben steht die «ursprüngliche Bedeutung» ‘Berggut, höher gelegene Bergwiese, Viehweide am Berghang, Alp, Alpanteil’, die sich auf «die (alp-)wirtschaftliche Nutzung einer mit Berg bezeichneten, geographisch höher gelegenen oder ansteigenden Bodenf läche» bezieht (FLNB I/ 5 1999: 53). • Typ Boll: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Boll, Bohl, Bool ‘rundlicher, kuppenförmiger Hügel, Anhöhe’ (aus ahd. bol, bolla, mhd. bolle). • Der FamN Buck stellt sich zu schwzdt. Buck ‘rundliche Bodenerhebung, Hügel’, auch ‘(Strassen-)Biegung, Krümmung’ (abgeleitet aus mhd. bücken). Das TNB 2.2 (2007: 103) vermutet «angesichts der durchweg sehr jungen Belege», dass es sich bei Buck um eine «neue Entwicklung im Namenschatz» handle. Allenfalls ist der FamN Buck nicht als WohnstättenN, sondern als Patronym zu einer Kurzform des Ruf N Burkhard zu deuten. • Typ Büel: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Büel, Bühel, Büchel u. ä. ‘Anhöhe, Hügel, kleine oder mittelgrosse Bodenerhebung’ (aus ahd. Karte 358: WohnstättenN zu Bodenerhebungen, vor 1800 13 Vgl. zudem die Vorbehalte von Kunze (2004: 97) hinsichtlich einer Deutung als WohnstättenN. 3.1 Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie 777 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="778"?> buhil, mhd. bühel ). 14 Formen wie Biel zeigen Entrundung, wobei insbesondere bei Bieler und Bielmann allenfalls auch ein HerkunftsN zur Stadt Biel (BE) vorliegen könnte. Für Büchle, Büchli und Büchlin ist daneben ein WohnstättenN zur Laubbaumart Buche zu erwägen. 15 • Die FamN Bütschi und Bütschli stellen sich zu einem der mehrfach bezeugten Toponyme Bütschi, bei denen es sich gemäss BENB I/ 4 (2011: Sp. 770) etymologisch um «Lehnappellative oder Lehnwortnamen zum lat.-rom. App. podium n. ‘Erhöhung; Anhöhe’ u. dessen Ableitungen» handelt. • Typ Gubel: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Gubel ‘Hügel, Erhebung im Gelände, auch Felsabhang’ (vermutlich verwandt mit ahd. gebal ‘Schale, Schädel, Stirn, Hirnschale’, mhd. gibel ‘Giebel’, schwzdt. Gibel ‘Gipfel, oberster Teil eines Hügels, Hügel; Giebel; winkelförmiger Einschnitt, Haarwirbel’; vgl. ortsnamen.ch o. J.: Nr. 6012308). • Die FamN Gugelmann und Gügler stellen sich zu schwzdt. Gugel, Gügel ‘rundlicher Hügel’ (metaphorisch übertragen von mhd. gugel(e) ‘Kapuze’). Alternativ könnte es sich bei Gugelmann um einen ÜberN bzw. BerufsüberN für eine Person handeln, die dieses Kleidungsstück trug oder herstellte. • Der FamN Högger stellt sich zu einem ÖrtlichkeitsN Höögg, Högg (auch Ghöögg) ‘Hügel, Anhöhe, erhöhte Lage’. Nach Auskunft des Online-Portals ortsnamen.ch (o. J.: Nr. 4003788) ist Hö(ö)gg «appellativisch weder in älteren Sprachstufen noch im Schwzdt. bezeugt, kommt jedoch in den Namen [= Toponymen] verhältnismässig häufig vor». • Typ Hubel: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Hubel ‘Hügel, Anhöhe’ (aus mhd. hübel ). • Typ Lēw: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Lēw ‘(kleiner) Hügel, Anhöhe’ (aus ahd. (h)lēo, (h)lēwes, mhd. lē, lēwes, lēwer). • Typ Stauf : Die FamN stellen sich zu schwzdt. Stauf(f ), Stauf(f )e(n), Stouf(f ), Stouf(f )e(n) ‘grosser Becher’, übertragen ‘kegelförmiger Hügel, hochragender Felsen’ (aus ahd. stouf , stoufa, mhd. stouf ). Kommentar: Die zweite und die dritte Karte zeigen, dass die verschiedenen Toponyme resp. ortsbezeichnenden Appellativa mit der Bedeutung ‘Hügel, Anhöhe, kleine Erhebung’ im Familiennamenbestand unterschiedliche und verschieden grosse Verbreitungsareale aufweisen. Am häufigsten und in zahlreichen Formen ist schwzdt. Büel, Bühel, Büchel u. ä. in FamN fest geworden. Die verschiedenen FamN ref lektieren teils unterschiedliche dialektale Realisierungen, teils reine (historische) Schreibformen. Der Typ Büel clustert u. a. in Karte 359: WohnstättenN mit Büel, vor 1800 14 Zur Bedeutung sowie zu den zahlreichen graphisch-lautlichen Varianten s. auch SDS VI (1988: Karte 63). 15 Vgl. die Artikel I-1.5 «Entrundung» und III-3.4 «Wohnstättennamen nach der Vegetation». 778 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="779"?> den Kantonen Luzern und St. Gallen sowie im südlichen Teil des Kantons Bern stark. Auch der Typ Berg lässt ein weitläufiges Vorkommen mit regionalen Schwerpunkten (rund um die Stadt Thun BE, Wahlkreise Sursee und Willisau LU) erkennen. Der Typ Boll ist für den Kanton Zürich, der Typ Gubel daneben auch für den Kanton Thurgau charakteristisch, während der FamN Högger ausschliesslich in den Kantonen Thurgau und St. Gallen in Erscheinung tritt. Die Buck-Belege ballen sich hauptsächlich im Norden bzw. Nordosten des Aargaus, südlich und südwestlich davon prägt der Typ Stauf das Kartenbild. Streuung bei insgesamt geringem Vorkommen zeigen der Typ Bütschi (Bütschi im Berner Oberland, Bütschli im bernischen Oberaargau), der Typ Gugel (Gugelmann im Grenzgebiet von BE, SO und AG, Gügler in Risch ZG), der Typ Lēw (AG, LU, SO, TG, TI) und der Typ Hubel (BE, AG, SZ). Für dialektale Bezeichnungen für ‘Hügel’ beachte man auch die Karten 60-67 im SDS VI (1988). Ein Vergleich zwischen den vorliegenden Verbreitungskarten der FamN aus der Schicht «vor 1800» und den SDS-Karten aus der Mitte des 20. Jh. zeigt einerseits insofern Übereinstimmung, als z. B. der FamN Buck schwerpunktmässig im Nordosten des Kantons Aargau alteingesessen ist und damit in jenem Gebiet auftritt, für das der SDS VI (1988: Karte 67) dialektale Nennungen von Buck dokumentiert (AG, ZH, SH). Mit Belegorten in den Kantonen Bern, Aargau und Schwyz stimmt auch das arale Vorkommen des Typs Hubel mit der jüngeren Dialektkarte überein, die als Hauptverbreitungsgebiet von Hubel die westliche und zentrale Deutschschweiz nachweist (vgl. SDS VI 1988: Karte 62). Andererseits lassen sich auch Abweichungen zwischen Dialektkarte und Familiennamenkarte feststellen: Bspw. clustert hier der Typ Gubel in einem zusammenhängenden zürcherisch-thurgauischen Gebiet, während der SDS VI (1988: Karte 67) Gubel nur für Teile der Innerschweiz (UR, SZ) ausweist. Auch das Verbreitungsgebiet des Typs Büel deckt sich nicht mit Befunden des SDS VI (1988: Karte 63): Die FamN zeigen eine deutlich grössere Verbreitung (insbesondere auch in der Innerschweiz und der westlichen Deutschschweiz) als die dialektale Bezeichnung im 20. Jh. Andere heute als Appellativa verbreitete Bezeichnungen wie das ursprünglich ostmitteldeutsche Lexem Hügel (vgl. SDS VI 1988: Karte 60) fehlen im Deutschschweizer Familiennamenbestand, weil sie wahrscheinlich erst nach Festwerden der FamN gebräuchlich wurden (s. ausführlicher BENB I/ 2 1987: Sp. 292, 313). 16 16 Vgl. die Karte 69 im SDS VI (1988) für die dialektale Verbreitung von Hoger und Hügel. 3.1 Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie 779 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="780"?> Vierte Karte {360}: Wohnstättennamen zu Bodenvertiefungen Namenauswahl: Die vierte Karte wendet sich WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800» zu, die sich auf ein ortsbezeichnendes Appellativ mit der Bedeutung ‘(kleinere) Bodenvertiefung, Mulde’ o. ä. resp. auf ein daraus hervorgegangenes Toponym zurückführen lassen. 17 Die ausgewählten FamN werden nach zugrunde liegendem Lexem eingeteilt. Abgefragte Namen Typ Grueb: Grubenmann, Gruber, Grübler, Gruober, Schweingruber, Schwingruber. 6 Types, 29 Tokens. Typ Hol: Hohl, Hohler, Holer, Holi, Holy, Hool. 6 Types, 22 Tokens. Typ Kessel: Kessi. 4 Tokens. Typ Loch: Engeloch, Locher, Lochmann. 35 Tokens. Typ Telle: Deller, Teller. 3 Tokens. Typ Trog: Trog, Troger. 3 Tokens. Typ Tuele: Thüeler, Thüler, Thüller. 4 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 378: Daten zur vierten Karte {360} Detailangaben zur Namenauswahl: Das Gesamtsample (s. erste Karte) enthält eine grössere Menge an WohnstättenN, die im engeren oder weiteren Sinn auf eine Bezeichnung für eine Bodenvertiefung bzw. -senke zurückgehen. Die vorliegende Karte strebt an, die FamN zu den häufigsten zugrunde liegenden Lexemen abzubilden (inklusive Komposita wie Schweingruber und Engeloch). Eine klare semantische Abgrenzung (z. B. gegenüber tieferen Geländeeinschnitten, Schluchten usw.) gestaltet sich jedoch als schwierig, sodass die Namenauswahl nicht als abschliessend aufzufassen ist. Für FamN zu Grabe(n) und Tobel vgl. die fünfte Karte; für mehrdeutiges Schlatter s. Artikel III-3.3 «Wohnstättennamen zu Uferlandschaften, Sümpfen und Sumpfpf lanzen». Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namen an. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Typ Grueb: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Grueb ‘natürliche oder künstliche runde, muldenartige Vertiefung’ (aus ahd. gruoba, mhd. grube). Aufgrund der basisdialektalen Aussprache des FamN Grübler mit Diphthong üe ist die Deutung als ÜberN zu schwzdt. grüble(n) (mit Monophthong) ‘angestrengt nachdenken’ für eine Karte 360: WohnstättenN zu Bodenvertiefungen, vor 1800 17 Für appellativische bzw. toponymische Bezeichnungen für Bodenvertiefungen und Geländeeinschnitte s. auch die Auf listung in Kunze (2004: 99). 780 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="781"?> nachdenkliche Person gemäss Berchtold/ Graf (i. V.) weniger wahrscheinlich. • Typ Hol: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Hol ‘Vertiefung, Loch, auch Höhle, Lagerstätte wilder Tiere’ (aus ahd., mhd. hol ) resp. zu schwzdt. Hole(n) ‘Einsenkung, Höhlung; Hohlweg, enge, tiefe Gasse, besonders an einem Abhang’ (aus mhd. hole). • Der FamN Kessi stellt sich zu schwzdt. Chessi ‘kesselförmige, runde Bodenvertiefung, oft bei Wasserläufen’ (aus ahd. keʒʒīn, keʒʒī, mhd. keʒʒī ). • Typ Loch: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Loch ‘Geländemulde, Bodenvertiefung; Loch, Grube, Höhle u. ä.’ (aus ahd. loh, mhd. loch). Gemäss BENB I/ 3 (2008: Sp. 132) kommen für den Flurnamentyp Loch aufgrund der lautlichen Nähe bisweilen auch mhd. lōch ‘Gebüsch, Wald, Gehölz’ und weitere Etyma infrage. 18 • Die FamN Deller und Teller stellen sich zu schwzdt. Telle(n) ‘Niederung, Aushöhlung, Vertiefung im Boden’ (aus mhd. telle). • Die FamN Trog und Troger stellen sich zu schwzdt. Trog ‘(Brunnen-)Trog; liegender, offener, meist länglicher Behälter’, übertragen ‘trogartige Geländevertiefung, Mulde’ (aus ahd. trog, mhd. troc). • Typ Tuele: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Tuele(n) ‘Vertiefung, kleine Einsenkung, Mulde’ (aus ahd. tuola, mhd. tüele). Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass sich Appellativa für Bodenvertiefungen, Mulden o. ä. resp. Toponyme derselben Grundlage in verschiedenen Regionen der Deutschschweiz zu FamN entwickelt haben. Innerhalb des Samples erreichen der Typ Grueb und der Typ Loch sowohl die höchsten Tokenfrequenzen als auch die weiteste Verbreitung: Die Belege erstrecken sich vom Wallis über die westliche Deutschschweiz bis in den äussersten Nordosten, wo beide Namentypen clustern. WohnstättenN zu Hol bilden einerseits im Aargau (hier Hool, Holer, Hohler) nahe der Landesgrenze und andererseits in Appenzell Ausserrhoden (hier Hohl ) je ein Namennest. Der FamN Kessi tritt mit 3 Tokens am Bielersee (BE) auf, kommt daneben aber auch in Murgenthal (AG) vor. Auch der Typ Tuele weist eine Konzentration im Kanton Bern auf, verteilt sich aber auf die beiden Bezirke Bern-Mittelland (hier Thüler) und Berner Jura, wo alle drei Varianten Thüler, Thüller und Thüeler in der Gemeinde Seehof alteingesessen sind. Es kann vermutet werden, dass die unterschiedlichen Formen dort auf die Unterscheidung verschiedener Familien (zweige) zurückzuführen sind. Streubelege weisen der Typ Telle (AG, LU, ZH) und der Typ Trog (BE, SO, GR) auf. 18 Vgl. Artikel III-3.4 «Wohnstättennamen nach der Vegetation» (Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle»). 3.1 Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie 781 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="782"?> Fünfte Karte {361}: Wohnstättennamen zu Geländeeinschnitten Namenauswahl: Die fünfte Karte kontrastiert FamN zu den Toponymen bzw. den ortsbezeichnenden Appellativa schwzdt. Grabe(n) und schwzdt. Tobel für Geländeeinschnitte u. ä. Im Fokus steht die Frage, ob sich die diatopische Varianz in der Toponymie und der Appellativik im Familiennameninventar widerspiegelt. So merkt das BENB I/ 2 (1987: Sp. 93) an, dass schwzdt. Grabe(n) «ein typisch westschwzd. Ausdruck» sei, dem östliches Tobel, Täl(l)i u. ä. gegenübersteht. Für WohnstättenN zu Tal vgl. die sechste Karte. 19 Abgefragte Namen Typ Grabe: Grab, Graber, Greber. 34 Tokens. Typ Tobel: Döbeli, Dobler, Tobler, von Tobel, Vontobel. 63 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 25-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 379: Daten zur fünften Karte {361} Detailangaben zur Namenauswahl: Nach Berchtold/ Graf (i. V.) ist der Typ Grabe in der Deutschschweiz vorwiegend als WohnstättenN zu schwzdt. Grabe(n) ‘Graben im Sinne einer tal- oder schluchtartigen Vertiefung; auch (unbedeutender) Bachlauf ’ (aus ahd. grabo, mhd. grabe) oder zu einem darauf basierenden Toponym zu deuten (vgl. BENB I/ 2 1987: Sp. 93), während im restlichen deutschen Sprachraum traditionell ein BerufsN zu mhd. grabære, greber ‘Graveur, Gräber, Totengräber’ angesetzt wird (vgl. etwa DFD 2025: s. v. Graber). Denkbar ist, dass die hier kartierten FamN Grab, Graber und Greber nicht (nur) auf eine natürliche, sondern (auch) auf eine künstliche Vertiefung im Boden verweisen (z. B. Burggraben, Stadtgraben, Wasserkanal). Dem FamN Tobler und seinen Varianten liegt schwzdt. Tobel ‘wildes, enges, unwegsames, meist von einem Bach durchf lossenes (bewaldetes) Tal, Schlucht, tiefer Geländeeinschnitt u. ä.’ (aus ahd. tobel, tobil, mhd. tobel ) oder ein entsprechendes Toponym zugrunde. 20 Kommentar: Die zu Grabe(n) und Tobel gebildeten FamN zeigen insofern eine ähnliche Raumstruktur wie die entsprechenden Topo- Karte 361: WohnstättenN zu Geländeeinschnitten, vor 1800 19 Für eine ausführlichere Diskussion von Tal, Tobel und Graben als Toponyme vgl. Anreiter (2004: 304-305). 20 Das Sample liesse sich mit FamN zu Schlucht erweitern, doch das heute geläufige Appellativ ist jünger als Tobel - oder auch Klinge - und nur selten in FamN fest geworden (Nübling/ Kunze 2023: 330); vgl. die FamN Schluchter (Reichenbach im Kandertal BE) und Schlüchter (Schangnau BE) zu schwzdt. Schluecht bzw. Schlüecht oder einem entsprechenden Toponym (s. auch BENB I/ 5 2017: Sp. 712). 782 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="783"?> nyme und Appellativa, als der Typ Tobel für die Nordostschweiz (v. a. ZH, SG) charakteristisch ist (für entsprechende Toponyme vgl. Zinsli 1971: 85 und Tafel X), während der Typ Grabe vorwiegend in den Kantonen Bern, Luzern und Aargau in Erscheinung tritt. Mit dem Nebeneinander von Typ Grabe und Typ Tobel spiegelt der Familiennamenbestand somit (historische) diatopische Variation in den schweizerdeutschen Dialekten wider. Sechste Karte {362}: Wohnstättennamen zu Ebenen und Niederungen Namenauswahl: In der sechsten Karte rücken WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800» in den Fokus, die Berchtold/ Graf (i. V.) zu Appellativa für Ebenen, Niederungen o. ä. bzw. zu entsprechenden Toponymen stellen. Die ausgewählten FamN werden nach zugrunde liegendem Lexem eingeteilt. Abgefragte Namen Typ Bodem: Boden, Bodenmann, Boder, Bodmer, Imboden. 46 Tokens. Typ Ebni: Ebener, Ebiner, Ebner, Ebneter, Ebnöther, Inäbnit. 6 Types, 17 Tokens. Typ Feld: Felder, Feldmann, Imfeld. 22 Tokens. Typ Gäu: Gäumann, Geu. 4 Tokens. Typ Grund: Gründeler, Grunder, Gründler, Grundmann. 9 Tokens. Typ Tal: Daller, Dallmann, Thaler, Thäler, Thaller, Thalman, Thalmann. 7 Types, 38 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 380: Daten zur sechsten Karte {362} Detailangaben zur Namenauswahl: Zwischen WohnstättenN zu Ebenen, Niederungen o. ä. und WohnstättenN zu Bodenvertiefungen oder Geländeeinschnitten bestehen lexikalische resp. semantische Überschneidungen (vgl. Deutung Typ Tal ). Die vorliegende Karte ist daher im Verbund mit den zwei vorhergehenden Kartenbildern zu betrachten. Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namen an. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Typ Bodem: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Bodem, Bode(n) ‘Boden, Grund, Talgrund, kleine Ebene; auch Grundbesitz’ (aus ahd. bodam, mhd. bodem, boden). 21 Karte 362: WohnstättenN zu Ebenen, Niederungen o. ä., vor 1800 21 Die in der Stadt Zürich alteingesessenen Bodmer (1534 eingebürgert aus Savoyen) stammen mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Alagna Valsesia (Italien) und dürften ihren Namen der dortigen Fraktion Boudma verdanken. Der entsprechende Beleg wurde daher in der Karte ausgeblendet. 3.1 Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie 783 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="784"?> • Typ Ebni: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Ebni bzw. schwzdt. Ebnet, Ebnit, Eb(e)nöd(i) ‘Ebene, Fläche, Talgegend; ausgedehntes, f laches Geländestück’ (aus ahd. ebanī, mhd. ebene bzw. ahd. ëbanōti). • Typ Feld: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Feld ‘Niederung, Ebene, Talmulde, Fläche; zu Ackerbau bestimmtes Land; Wiesen- oder Weideland’ (aus ahd. feld, mhd. velt). 22 Der FamN Feldmann lässt sich alternativ auch als BerufsN zu mhd. veltman ‘Landmann’ zur Benennung eines Bauern deuten (s. jedoch DFD 2025: s. v. Feldmann). • Die FamN Gäumann und Geu stellen sich zu schwzdt. Gäu ‘Flachland (im Gegensatz zum Gebirge), Land (im Gegensatz zur Stadt), politisch-geographisches Gebiet (vgl. Aargau, Thurgau)’ (aus ahd. gewi, gouwi, mhd. göu, gou). Gerade die abgeleitete Form Gäumann muss sich also nicht zwingend auf eine Niederung bzw. das Flachland im Allgemeinen beziehen (vgl. mhd. göuman ‘Landmann, Landbewohner’); der im Bezirk Bern-Mittelland (BE) alteingesessene FamN wird dennoch berücksichtigt, weil das BENB I/ 2 (1987: Sp. 88-89) Gou(w), Göi als Toponym für kleinere Flurbereiche nachweist. • Typ Grund: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Grund ‘Niederung, Ebene, Talgrund, -sohle; Erdboden, Schwemmland, Boden mit tiefer Hummusschicht’ (aus ahd., mhd. grunt). • Typ Tal: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Tal ‘tief gelegenes Land, Talboden, -ebene; durch Höhenzüge begrenztes Gebiet’ (aus ahd., mhd. tal ). Gemäss TNB 2.2 (2007: 594) tritt Tal toponymisch auch als allgemeine Bezeichnung für Vertiefungen auf und steht damit in engem Zusammenhang mit den FamN der vierten Karte. Für FamN zu schwzdt. Breite, Breiti ‘ebenes Feld, Acker, Ebene’ wie Breiter vgl. den Artikel III-3.7 «Wohnstättennamen zu Kulturland». Kommentar: Die sechste Karte zeigt eine weite Ausbreitung der ausgewählten FamN über die Deutschschweiz. Geographisch lassen sich folgende Schwerpunkte ausmachen: Der Typ Bodem ballt sich rund um den Zürichsee, erreicht aber bspw. auch im Wallis (hier v. a. Imboden) eine höhere Tokenfrequenz. Auch der Typ Ebni kommt in letzterem Kanton (hier Ebiner, Ebener) mehrfach vor; weitere Belege finden sich an der nordwestlichen Landesgrenze (hier v. a. Ebner) und in der Nordostschweiz (hier Ebneter, Ebnöther). Der Typ Feld clustert stark im Kanton Luzern und erstreckt sich von da über die Kantone Obwalden, Schwyz und Glarus bis in den Kanton St. Gallen. Der FamN Geu ist in Freienbach (SZ) alteingesessen; Gäumann tritt kleinräumig im Bezirk Bern-Mittelland (BE) auf. Leicht nordwestlich davon - in den Bezirken Bern-Mittelland und Emmental (BE) - konzentriert sich der Typ Grund (hier v. a. Grunder), der zudem als Streubeleg weiter östlich erscheint. Die WohnstättenN zu Tal zeigen schwerpunktmässig drei Familiennamennester: Neben einem kleineren Cluster im Kanton Freiburg (hier Thalmann) stechen das luzernische Entlebuch (hier ebenfalls Thalmann) und noch deutlicher die Nordostschweiz (TG v. a. mit Thalmann, SG v. a. mit Thaler, AR mit Thäler) hervor. Für letztere Vorkommen scheint der Ort Thal im untersten Teil des St. Galler Rheintals namengebend gewesen zu sein. Siebte und achte Karte {363, 364}: Wohnstättennamen zu (Ab-)Hängen Namenauswahl: Die siebte und die achte Karte bilden WohnstättenN ab, die zu einem Appellativ mit der Bedeutung ‘Abhang, Hang’ oder zu einem Toponym derselben Grundlage gebildet sind. Die ausgewählten FamN werden nach zugrunde liegendem Lexem eingeteilt. Die zwei häufigsten Namengruppen - der Typ Halde und der Typ Rein - sind separat in der achten Karte dargestellt. Abgefragte Namen Typ Bort: Ambord, Ambort, Amport, Borter, Portmann, Portner. 6 Types, 28 Tokens. Typ Ranft: Rauft, Räuftlin. 3 Tokens. Typ Rise: Reiser, Riser, Risser, Ryser. 22 Tokens. Typ Risele: Risler, Rysler. 2 Tokens. Typ Stalde: Amstalden, Stalder, Stäldi. 35 Tokens. Typ Stutz: Amstutz, Stotzer, Stutz, Stutzer, Stutzmann. 49 Tokens. Typ Wang: à Wengen, Wanger, Wenge, Wenger, Wengi. 38 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 381: Daten zur siebten Karte {363} Abgefragte Namen Typ Halde: Abderhalden, Anderhalden, Bohlhalder, Bohlhalter, Bollhalder, Burkhalter, Burkolter, Haldemann, Halder, Haldi, Haldimann, Haldner, Haldy, Halter, Haltiner, Haltinner, Haltmann, Haltner, Schmidhalter, Sommerhalder, Studhalter, Wickihalder, Wickihalter. 23 Types, 82 Tokens. Typ Rein: Amrein, Amrhein, am Rhyn, Raimann, Raymann, Reimann, Rein, Reinmann, Rey, Reymann, Rhyn. 11 Types, 57 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 382: Daten zur achten Karte {364} Detailangaben zur Namenauswahl: Die beiden Karten enthalten FamN mit den häufigsten Lexemen für Abhänge und Hänge. Berücksichtigt wurden auch Komposita (z. B. Bohlhalder, Schmidhalter). Allenfalls liesse sich die Namenauswahl mit den WohnstättenN zu schwzdt. Fur(r)e(n), Furche(n), Furi usw. ‘Furche, Einschnitt in der Oberf läche des Erdbodens, Runse, Wassergraben u. ä.’ (aus ahd. furuh, furh, mhd. vurch) erweitern, da hier ebenfalls die Bedeutung ‘Abhang’ vorliegen kann (vgl. BENB I/ 1 1976: Sp. 178). 23 Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge der zugrunde liegenden Lexeme) an. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: 22 Vgl. Artikel III-3.7 «Wohnstättennamen zu Kulturland». 23 Die Namengruppe umfasst die Types Anderfuhren, Fuhrer, Fuhrimann, Furer und hochfrequentes Furrer. Die Belege verteilen sich über die Deutschschweiz, zeigen jedoch auch bestimmte Schwerpunkte, u. a. in den bernischen Bezirken Interlaken-Oberhasli und Emmental (hier alle fünf Types), in den Innerschweizer Kantonen Luzern und Uri (hier Furrer) sowie nördlich des Zürichsees (hier Furrer). Abgesehen von letzterem Vorkommen liegen die meisten Ortspunkte somit in (vor-)alpinen Gebieten. 784 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="785"?> Karte 363: WohnstättenN zu (Ab-)Hängen, vor 1800 Karte 364: WohnstättenN mit Halde und Rein, vor 1800 3.1 Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie 785 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="786"?> • Typ Bort: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Bort, Port ‘ansteigendes Gelände, Abhang, Hanglage; begrenzender Rand, Böschung, Uferrand, Saum’ (aus ahd., mhd. bort). • Typ Halde: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Halde(n), Halte(n), Haltine(n) usw. ‘Abhang, Hanglage’ (aus ahd. halda, mhd. halde). • Die FamN Rauft und Räuftlin stellen sich zu schwzdt. Ranft ‘Abhang, Felsrand, Geländerand u. ä.’ (aus ahd. ramft, mhd. ranft, ramft). 24 • Typ Rein: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Rei(n) ‘lang gestreckter Abhang, auch unbebauter Grenzstreifen zwischen zwei Äckern, Schutzwehr’ (aus ahd., mhd. rein). 25 Gemäss Id. 6 (1881 ff.: Sp. 979) sind Abhänge mit der Bezeichnung Rei(n) tendenziell «steiler und weniger breit als eine Halde, aber weniger steil und breiter als ein Bort». Nicht immer lassen sich FamN zu schwzdt. Rei(n) trennen von FamN, die zum FlussN Rhein gebildet sind. 26 • Typ Rise: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Rise(n), Rīse(n) ‘jäher Abhang, Fall, (Schutt-)Halde u. ä.’ bzw. zu schwzdt. Risi, Rīsi ‘steile Halde, Rinne, Bergschlipf u. ä.’ (aus mhd. rise bzw. mhd. rīse). Daneben bestehen Anknüpfungspunkte zu mhd. rīs ‘Gebüsch, Gesträuch; Zweig’. 27 • Die FamN Risler und Rysler stellen sich zu schwzdt. (Stein-)Risele(n) ‘Abhang, Geröllhalde’; eigentlich ‘kleine Hagelkörner’ (gebildet zu schwzdt. Rise(n), Rīse(n) oder schwzdt. ris(e)le(n)). • Typ Stalde: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Stalde(n) ‘ansteigende Stelle im Gelände, Abhang; ansteigender Weg’ (aus mhd. stalde). 28 Nach Auskunft des BENB I/ 6 (2020: Sp. 260) kommt Stalde(n) als Toponym v. a. in der westlichen Deutschschweiz sehr häufig vor (s. auch Zinsli 1971: 76-77). • Typ Stutz: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Stutz ‘stark ansteigende Geländestelle, (kurze, steile) Anhöhe, steile Halde, jäher Abhang; steiles Wegstück u. ä.’ (aus mhd. stuz, stutz). 29 Gemäss ortsnamen.ch (o. J.: Nr. 261053038) hat Stutz älteres Stalde(n) abgelöst. Die Namengruppe wird ergänzt von Stotzer, das sich zu schwzdt. Stotz, Stotze(n) ‘steiles Gelände; jäher Hügel; Anhang; steiler Weg’, zudem auch ‘Stamm, Balken, Pfahl/ Zaun, Pf lanzenstrunk u. ä.’ stellt und hier in Anlehnung an das TNB 2.2 (2007: 286) mit Stutz zusammengefasst wird. 30 • Typ Wang: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Wang ‘begraster, oft stark geneigter (Berg-)Hang, teilweise auch nur leicht geneigte, freundliche Grasf läche’ (aus ahd. wang). Wie Dräger/ Kunze (2009: 225) ausführen, gilt Halde(n) als charakteristisch für das Westoberdeutsche; die Lexeme Hang und Abhang sind hingegen nicht im Familiennamenbestand vertreten, weil sie erst seit dem 15. Jh. belegt sind und sich daher nicht mehr in FamN niederschlagen konnten. Kommentar: Die siebte Karte zeigt im Allgemeinen eine Ausbreitung der FamN vom Thunersee (BE) bis an den Bodensee. FamN zu Bort finden sich in den (süd-)westlichen Kantonen Wallis und Bern sowie im daran angrenzenden Kanton Luzern (hier in der Form Portmann). Der Typ Ranft ist auf den äussersten Nordwestrand der Deutschschweiz beschränkt, während Ryser und Varianten südlich davon im bernischen Oberaargau und Emmental ein Cluster bilden. Rysler und Riseler treten beide in der Zürcher Gemeinde Horgen in Erscheinung. FamN zu Stalde(n) konzentrieren sich in der westlichen Deutschschweiz (insbesondere Stalder in BE) und in der Innerschweiz (insbesondere Stalder in LU); der Typ Stutz ist hingegen nordöstlich davon stärker vertreten (insbesondere Stutz in ZH, TG). WohnstättenN zu Wang sind v. a. in den bernischen Bezirken Thun und Bern- Mittelland (hier Wenger) alteingesessen. Die achte Karte zeigt, dass sich die FamN zu Halde(n) und Rei(n) über verschiedene Deutschschweizer Regionen verteilen. Letzterer Typ kommt hauptsächlich in den Kantonen Luzern, Aargau und Zürich vor; die Schwerpunkte des Typs Halde liegen westlich (BE) und östlich (SG) davon. Neunte Karte {365}: Wohnstättennamen zu Steinlawinen, Geröllhalden und Bergstürzen Namenauswahl: Die neunte Karte behandelt WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800», die mit den Lexemen Gand, Laui und Rufi oder einer etymologisch verwandten Form gebildet sind. Diese drei Namentypen bezeichnen Steinlawinen, Geröllhalden, Bergstürze o. ä. resp. daraus entstandene - und entsprechend davon geprägte - Gebiete. 31 Die ausgewählten FamN zeichnen sich dadurch aus, dass sie vorwiegend im Alpenraum auftreten und ihr jeweils zugrunde liegendes Lexem romanischen Ursprungs ist. Abgefragte Namen Typ Gand: Indergand, Gander. 13 Tokens. Typ Laui: Lauener, Leuener, Lowiner, Zlauwinen. 10 Tokens. Typ Rufi: Rufener, Ruffener, Ruffi, Ruffiner, Ruffner, Rufi, Rufiner, Zen Ruffinen, Zen-Ruffinen. 9 Types, 16 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 383: Daten zur neunten Karte {365} Detailangaben zur Namenauswahl: Die FamN Indergand und Gander basieren auf schwzdt. Gand, Gant ‘Geröllhalde; dem Steinschlag und Bergstürzen ausgesetzte Gegend, Moräne u. ä.’ oder auf einem daraus entstandenen Toponym (vgl. Id. 2 1881 ff.: Sp. 336; BENB I/ 2 1987: Sp. 16). Gand, Gant kommt im (Vor-)Alpenraum häufig als FlurN vor (vgl. Abfrage Gand* auf ortsnamen.ch o. J.) und geht auf das vorrömische Reliktwort *ganda ‘Geröllhalde, Steinhaufen’ zurück (FLNB I/ 5 1999: 190). Der zweiten Namengruppe liegt schwzdt. Lau(w)i, Läu(w)i, Lau(w)ele(n), Lau(w)ene(n) u. ä. ‘Geröllrutschung, Geröllhalde im Gebirge, Erdsturz’ resp. ein entsprechendes Toponym zugrunde (vgl. 24 Zum Nasalschwund vor Frikativ (Staubsches Gesetz) in Deutschschweizer FamN s. Artikel I-2.1 «Nasalschwund». 25 Wie bei der ersten Karte sind Belege für Rey in den romanischsprachigen Gebieten aufgrund anderer Etymologie ausgeblendet. 26 Vgl. Artikel III-3.2 «Wohnstättennamen nach Gewässern und wasserbaulichen Anlagen». 27 Vgl. Artikel III-3.4 «Wohnstättennamen nach der Vegetation». 28 Für FamN zu Wegen vgl. Artikel III-3.8 «Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen». 29 Für das Nebeneinander der verschiedenen Bildungsmuster in der Schicht «vor 1800» vgl. Artikel II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen» (sechste Karte). 30 Vgl. auch die Karte 68 im SDS VI (1988) mit der dialektalen Verbreitung von stotzig / stutzig sowie haldig und weiteren Adjektiven mit der Bedeutung ‘steil’. 31 Für den Typ Rise und den Typ Risele mit ähnlicher Semantik s. die siebte Karte. 786 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="787"?> Id. 3 1881 ff.: Sp. 1539; BENB I/ 3 2008: Sp. 168-169). Gemäss EtymWB (1993b: s. v. Lawine) wurde das «zu lat. lābī ‘hin-, herabgleiten, fallen’ gebildete spätlat. lābīna ‘Erdrutsch, Bergsturz’ […] durch roman. Vermittlung im Alpengebiet (vgl. lavina ‘Erd-, Schneeabsturz’ in Mundarten des Tessin und Engadin) früh ins O[berdeutsche] entlehnt», wo es in der Bedeutung ‘Bergsturz’ u. ä. weiterlebt (s. auch FLNB I/ 5 1999: 319). Für die Form Lau(w)i, Läu(w)i im Spezifischen vgl. die Ausführungen im BENB I/ 3 (2008: Sp. 169) und im FLNB I/ 5 (1999: 319). Der Typ Rufi schliesslich stellt sich zu schwzdt. Rufi, Rufine(n), Rufene(n) u. ä. ‘Erdrutsch, Steinlawine, Bergsturz, Geröllhalde u. ä.’ (vgl. Id. 6 1881 ff.: Sp. 673; FLNB I/ 5 1999: 442; BENB I/ 5 2017: Sp. 328) resp. zu einem auf diesem beruhenden Toponym. Das schweizerdeutsche Appellativ Rufine(n), Rufene(n) usw. basiert «letztlich auf lat. rŭīna f. ‘Einsturz’, mit -v-Einschub *rŭvīna» (BENB I/ 5 2017: Sp. 328; s. auch VSNB 3 2024: Sp. 510). Für Rufi als hyperkorrekte Rückbildung s. das BENB I/ 5 (2017: Sp. 328). Kommentar: Der Typ Gand ist im westlichen resp. im östlichen Berner Oberland, geballt im Kanton Uri (hier ausschliesslich Indergand ) und nahe davon in Beckenried (NW) alteingesessen. Zwei weitere Belege treten in Safien (GR) resp. - als geographischer Ausreisser - in Wiedlisbach (BE) in Erscheinung. 32 Ein ähnliches Verbreitungsbild zeigt die zweite Namengruppe mit jeweils mehreren Ortspunkten in den Walliser Bezirken Brig und Goms, im Berner Oberland sowie im Kanton Uri. Daneben findet sich ein Einzelbeleg des Typs Laui in Sennwald (SG). Im Unterschied zu den ersten beiden Namentypen sind FamN zu Rufi, Rufine(n) usw. in der Innerschweiz nicht verbreitet. Der Schwerpunkt dieser Formen liegt im Kanton Wallis in den Bezirken Leuk, Visp und Raron, doch auch das Berner Oberland hat an diesem Namentyp teil. Das Vorkommen des FamN Ruffner in Maienfeld (GR) ist wahrscheinlich im Kontext der Walserwanderungen zu sehen (familiennamen.ch o. J.: s. v. Ruffner; für historische Hintergründe s. e-HLS 2013: s. v. Walser). Karte 365: WohnstättenN zu Steinlawinen, Geröllhalden und Bergstürzen, vor 1800 32 Letzterer Ortspunkt ist allenfalls mit Migration vor 1800 zu erklären; denkbar ist zudem eine Schreibvariante mit <d> des FamN Ganter zu schwzdt. Ganter ‘Gantmeister’ für die Person, die für einen in Konkurs Verfallenen eine Gant ‘(Zwangs-)Versteigerung’ durchführte. Vgl. dazu die Artikel III-4.9 «Berufs(über)namen zu weltlichen und klerikalen Ämtern» und I-2.6 «Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut». 3.1 Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie 787 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="788"?> Zehnte Karte {366}: Wohnstättennamen zu Orientierungsangaben Namenauswahl: Die zehnte Karte gilt WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800» mit den Orientierungsangaben ‘oben’ und ‘unten’ und vergleicht das Verbreitungsgebiet der zwei Namentypen. Solche FamN interessieren für den vorliegenden Kartenkomplex, weil beide Lageadverbien auf die Topographie (konkret auf Höhenunterschiede) Bezug nehmen. Auf die Kartierung von WohnstättenN zu Mitte wird verzichtet, da unklar ist, ob das Bezugssystem horizontal oder vertikal zu verstehen ist. 33 So können solche FamN (z. B. Indermitte) auch mit WohnstättenN wie Vordermann und Dahinden ein Bezugssystem bilden. 34 Abgefragte Namen Typ nider: Nideröst, Nidrist, Niederer, Niederist, Niedermann, Niedrist. 6 Types, 25 Tokens. Typ ober: Oberer, Obrist, Zobrist. 21 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 384: Daten zur zehnten Karte {366} Detailangaben zur Namenauswahl: Für die vorliegende Karte sind diejenigen WohnstättenN ermittelt worden, die auf eine Orientierungsangabe zurückgehen. Das Sample enthält ausschliesslich FamN zu mhd. nider(e) ‘unter, nieder, niedrig, tief liegend’ und mhd. ober ‘über, oberhalb’, die entweder als Ableitung auf -mann (Niedermann) oder f lektiert (stark f lektiert wie z. B. Oberer; als Superlativ wie z. B. Nidrist oder - zusätzlich mit Präposition - Zobrist) in den Familiennamenbestand eingegangen sind. 35 Zusammengesetzte WohnstättenN mit ‘unter’ bzw. ‘ober’ als Bestimmungswort wie Niederberger, Niederhauser, Unteregger oder Oberbühler wurden ausgeklammert. Die FamN mit dem Namenelement nieder bzw. ober bezeichnen eine Person (oder eine Familie), die von den Betrachtenden aus an der tieferen/ tiefsten bzw. höheren/ höchsten Stelle eines Wohngebiets Karte 366: WohnstättenN zu Orientierungsangaben, vor 1800 33 In der Schicht «vor 1800» finden sich die FamN Indermitte im Kanton Wallis, Mittner in Praden (GR) sowie Mettler mit weiträumiger Verbreitung (AR, BE, FR, JU, SG, SH, SZ, TG, ZH). Allenfalls zählt zu dieser Namengruppe auch der mehrdeutige FamN Mittler (Döttingen AG), der sich als BerufsüberN für jemanden, der bei Streitigkeiten vermittelt, oder als WohnstättenN für jemanden, der in der Mitte wohnt, deuten lässt. 34 Folgende FamN aus der Schicht «vor 1800» bezeichnen eine Person, die in einem von den Betrachtenden aus gesehen weiter entfernt gelegenen Teil einer Siedlung wohnhaft war: Dahinden, Hinden, Hinder, Hindermann, Hinn, Hinnen, Hinter und Hintermann (insgesamt 26 Tokens mit Schwerpunkten in den Kantonen Luzern und Zürich). 35 Vgl. Artikel II-1.2 «Flektierte Adjektivformen». 788 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="789"?> lebte. Für die Schicht «vor 1800» sind keine einfachen - d. h. nichtzusammengesetzten - WohnstättenN zu mhd. under ‘unter’ belegt, was darauf zurückzuführen ist, dass sich under, unter «in der historischen Toponymie erst später durchgesetzt und dabei altes nieder teilweise abgelöst hat» (DFA 4 2013: 451; s. auch Dräger/ Kunze 2009: 224-225; BENB I/ 4 2011: Sp. 29). Kommentar: Die zehnte Karte weist als Hauptverbreitungsgebiet des Typs nider die Kantone St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden aus; daneben zeigt der Kanton Schwyz eine kleinere Ballung dieses Namentyps. Damit ergeben sich nur ganz wenige Überschneidungen mit den Belegorten des Typs ober, der überwiegend für den Kanton Aargau dokumentiert ist. An zweiter und dritter Stelle folgen die westlichen Kantone Basel-Landschaft und Bern. Insgesamt sind die kartierten Namen sowohl im (vor-)alpinen Raum (u. a. Berner Oberland, Kantone SZ und GR) als auch in f lacheren Gebieten bezeugt. Ein unmittelbares Nebeneinander der beiden lexikalischen Typen liegt einzig mit Obrist in Leuggern (AG) und Nidrist in der Nachbargemeinde Böttstein (AG) vor. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Bühler (9'569 Tokens), Berger (9'508 Tokens) und Stalder (7'131 Tokens). In der rezenten Rangliste der FamN der ständigen Wohnbevölkerung der deutschsprachigen Schweiz (BFS 2023: STATPOP 2022) liegen die drei WohnstättenN auf Rang 28, 32 bzw. 45 und gehören damit alle zu den 50 häufigsten Namen. Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 4 (2013: 418-471) stehen auf den Karten 186-208 FamN wie Ostner und Unterste im Fokus, in denen eine Himmelsrichtung oder eine sonstige Orientierungsangabe erstarrt ist. Die Karten zeigen, dass «FamN mit Ober-, Unter- und Nieder- […] in Oberbayern konzentriert [sind], wo mit Blick auf die Alpen diese Kategorien statt der Himmelsrichtungen Süd -/ Nord bevorzugt werden» (Nübling/ Kunze 2023: 324). Damit übereinstimmend sind auch für die Deutschschweiz WohnstättenN zu Himmelsrichtungen selten (Oester in Frutigen BE, lokalisierter BerufsN Ostermeier in Frümsen SG, indirekt auch Morger in SG für ein gen Morgen(sonne) gelegenes Gelände). Die Oberf lächengestalt der Landschaft findet auf den Karten 209-259 Beachtung (vgl. DFA 4 2013: 472-585): FamN zu Bodenerhebungen (z. B. Bergmann, Brinker, Böhlmann, Staufer) auf den Karten 209-238, FamN zu Abhängen (z. B. Leitner, Halder, Rechmann) auf den Karten 239-243, FamN zu Tälern, Ebenen, Niederungen (z. B. Thahl, Dobler, Klinge) auf den Karten 244-250 und schliesslich FamN zu Bodenvertiefungen (z. B. Grube, Kuhlmann) auf den Karten 251-259. Für die Verbreitung des Typs Tobel im bundesdeutschen Raum s. auch die Karte 232 in Nübling/ Kunze (2023: 331). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Anreiter, Peter (2004): Talnamen. In: Brendler, Andrea/ Brendler, Silvio (Hrsg.): Namenarten und ihre Erforschung. Ein Lehrbuch für das Studium der Onomastik (Lehr- und Handbücher zur Onomastik 1), 303-328. Hamburg: Baar. BENB I/ 1 = Zinsli, Paul (Hrsg.) (1976): Ortsnamenbuch des Kantons Bern [Alter Kantonsteil]. I: Dokumentation und Deutung. Erster Teil: A-F. Bern: Francke. BENB I/ 2 = Zinsli, Paul/ Glatthard, Peter (Hrsg.) (1987): Ortsnamenbuch des Kantons Bern [Alter Kantonsteil]. I: Dokumentation und Deutung. Zweiter Teil: G-K/ CH. Bern: Francke. BENB I/ 3 = Schneider,Thomas F./ Blatter, Erich (Hrsg.) (2008): Ortsnamenbuch des Kantons Bern [Alter Kantonsteil]. I: Dokumentation und Deutung. Dritter Teil: L-M. Basel, Tübingen: Francke. BENB I/ 4 = Schneider,Thomas F./ Blatter, Erich (Hrsg.) (2011): Ortsnamenbuch des Kantons Bern [Alter Kantonsteil]. I: Dokumentation und Deutung. Vierter Teil: N-B/ P. Basel, Tübingen: Francke. BENB I/ 5 = Schneider, Thomas F. (Hrsg.) (2017): Ortsnamenbuch des Kantons Bern [Alter Kantonsteil]. I: Dokumentation und Deutung. Fünfter Teil: Q-Sch. Tübingen: Francke. BENB I/ 6 = Schneider,Thomas F./ Hofer, Roland/ Thöny, Luzius (Hrsg.) (2020): Ortsnamenbuch des Kantons Bern [Alter Kantonsteil]. I: Dokumentation und Deutung. Sechster Teil: Se-Di/ Ti. Tübingen: Narr Francke Attempto. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2023): STATPOP 2022. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Kanton und nach Sprachregion für das Jahr 2022. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 26925057 (letzter Zugriff 07.05.2025). DFA 4 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2013): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 4: Familiennamen nach Herkunft und Wohnstätte. Berlin, Boston: De Gruyter. DFD = Schweden, Theresa (2025): Graber. Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). http: / / www.namenforschung.net/ id/ name/ 6887/ 1 (letzter Zugriff 07.05.2025). DFD = Heuser, Rita (2025): Feldmann. Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). http: / / www.namenforschung.net/ id/ name/ 387/ 1 (letzter Zugriff 07.05.2025). Dräger, Kathrin/ Kunze, Konrad (2009): Familiennamen und Sprachgeschichte. Grammatische und lexikalische Aspekte anthroponymischer Raumbildung. In: Hengst, Karlheinz/ Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. 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Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. ortsnamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): ortsnamen.ch. Das Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung. https: / / www.ortsnamen.ch/ de/ (letzter Zugriff 07.05.2025). SDS VI = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1988): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. VI: Wortgeographie III: Umwelt. Bern: Francke. TNB 2 = Nyffenegger, Eugen/ Graf, Martin H. (2007): Die Flurnamen des Kantons Thurgau. Teilbd. 1: Einführung und Sachlexikon. Teilbd. 2: Etymologisches Flurnamenlexikon. Teilbd. 3: Verzeichnis und Dokumentation der Flurnamen des Kantons Thurgau A-K. Teilbd. 4: Verzeichnis und Dokumentation der Flurnamen des Kantons Thurgau L-Z (Thurgauer Namenbuch 2). Frauenfeld, Stuttgart, Wien: Huber. 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Esther Loosli 790 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="791"?> 3.2 Wohnstättennamen nach Gewässern und wasserbaulichen Anlagen Schlagwörter: Bach, Brunnen, Damm, Fluss, Hydronym, Kanal, Quelle, Rhein, See, Toponym, Weiher Gegenstand und Fragestellung Gewässer spielen seit jeher eine zentrale Rolle für Siedlung, Wirtschaft und Orientierung (e-HLS 2006a: s. v. Bewässerung; e-HLS 2006b: s. v. Flüsse; e-HLS 2013: s. v. Seen). Entsprechend häufig sind GewässerN oder Bezeichnungen für Gewässer auch in FamN der Deutschschweiz präsent. In diesem Artikel werden FamN aus der Schicht «vor 1800» behandelt, die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 16.09.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») auf appellativische Bezeichnungen von Gewässern, Brunnen, Flussdurchgängen, Dämmen und Kanälen oder auf entsprechende Toponyme zurückgehen. 1 Im Kartenkomplex steht die Frage im Zentrum, welche hydronymischen und gewässerbezogenen Lexeme im Deutschschweizer Familiennamenbestand ihren Niederschlag gefunden haben. Festzuhalten ist an dieser Stelle, dass sich manche der im Folgenden aufgeführten FamN auch als HerkunftsN interpretieren lassen. Die Unterscheidung von Wohnstätten- und HerkunftsN ist aus theoretischer und motivationsbezogener Sicht bedeutsam - WohnstättenN bezeichnen Ansässige, HerkunftsN Zugewanderte (vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») -, vielfach ist eine exakte Zuordnung jedoch nicht ohne Weiteres realisierbar (Fleischer 1964: 133; Kunze 2004: 85, 87). So kann sich z. B. Brunner entweder als WohnstättenN zum Appellativ schwzdt. Brunne(n) ‘natürliche Quelle’ oder aber als HerkunftsN zum Toponym Brunnen bzw. einem ähnlichen SiedlungsN stellen (vgl. die siebte Karte). Ebenso muss die Frage, ob die kartierten WohnstättenN auf ein Toponym oder direkt auf ein Appellativ zurückgehen, im vorliegenden Artikel offenbleiben; für ein und dieselbe Namenform könnte auch beides zutreffen, wenn die Form zwei oder mehrmals unabhängig voneinander entstanden ist. Ferner bestehen teilweise Überschneidungen zu BerufsN; bspw. kann der FamN Zuber sowohl auf die Wohnstätte einer Person als auch auf den Beruf des Herstellers von Gefässen mit zwei Handhaben Bezug nehmen (vgl. die sechste Karte). Auf der ersten Karte werden FamN zum Rhein abgebildet, der als einziger grosser Fluss eine deutliche Familiennamendichte erkennen lässt. Die zweite Karte zeigt die besonders vielfältigen und häufigen FamN zu Bach, sei es in der Grundform oder in zahlreichen Komposita. Den FamN Dubach, Schüpbach und Fischbacher ist zudem eine separate Darstellung gewidmet (dritte Karte). Deutlich seltener sind FamN, die sich auf stehende Gewässer wie Seen (vierte Karte) oder Weiher (fünfte Karte) beziehen. Die Quellen- und Brunnen-Namen (sechste Karte) bilden eine weitere grosse Gruppe, dominiert vom weitverbreiteten FamN Brunner (siebte Karte). Schliesslich werden auch seltene FamN dargestellt, die auf Flussdurchgänge, Dämme oder Kanäle referieren und so einen Bezug zu technischen Wasserbauten aufweisen (achte Karte). 1 FamN, die auf Gelände am Wasser (z. B. Grunauer oder Amgwerd ) oder auf Sumpfgebiete (z. B. Immoos oder Sulzer) zurückgehen, werden im Artikel III-3.3 «Wohnstättennamen zu Uferlandschaften, Sümpfen und Sumpfpf lanzen» behandelt. 3.2 Wohnstättennamen nach Gewässern und wasserbaulichen Anlagen 791 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="792"?> Erste Karte {367}: Wohnstätten- und Herkunftsnamen zum Flussnamen Rhein Namenauswahl: Die erste Karte bespricht Wohnstätten- und HerkunftsN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 2 die das Namenelement Rhein enthalten. Abgefragte Namen Wohnstätten- und HerkunftsN zum FlussN Rhein, vor 1800: Rheinegger, Rheiner, Rhiner, Rhyner, Rihner, Riner, Ryhiner, Ryhner. 8 Types, 16 Tokens. Kreise 11-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 385: Daten zur ersten Karte {367} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 Die hier kartierten FamN gehen auf das Hydronym Rhein oder auf daraus gebildete Toponyme zurück. Das namengebende Element kann sich dabei sowohl unmittelbar auf den Fluss als auch auf ein in seiner Nähe gelegenes Gelände beziehen. Wie die zahlreichen urkundlichen Formen des FlussN (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 3012060) zeigen auch die entsprechenden FamN viele graphisch-phonologische Varianten - u. a. mit oder ohne Diphthongschreibung, die entweder die standardsprachliche Form Rhein oder die mundartliche Realisierung des FlussN Rii(n) widerspiegeln. Aufgrund dieser Varianz besteht bei den ausgewählten Namen eine Deutungskonkurrenz zu den formal z. T. identischen Namen zu schwzdt. Rei(n) ‘lang gestreckter Abhang; unbebauter Grenzstreifen zwischen zwei Äckern; Schutzwehr’ (aus ahd., mhd. rein). 4 Eine weitere Konkurrenz ergibt sich zu den FamN, die auf eine Kurzform des Ruf N Reinhard zurückgehen (vgl. den FamN Reiner). Von den FlussN ist allein der Rhein in den (Deutsch-)Schweizer FamN in nennenswerter Zahl vertreten. Weitere FlussN erscheinen lediglich vereinzelt, so etwa Donau → Donauer (Küssnacht am Rigi SZ) und Neckar → Necker (Biel BE, Genf GE; ursprünglich aus Deutschland). Kommentar: Während die FamN in Zizers (GR), im Werdenberg (SG), in der Stadt St. Gallen (SG), in den Bezirken Laufenburg und Brugg (AG) und in der Stadt Basel (BS) überwiegend in räumlicher Nähe zum Rhein auftreten, sind die entsprechenden Belege aus Elm (GL), Schwyz (SZ), Wädenswil (ZH) und Stäfa (ZH) deutlich weiter Karte 367: Wohnstätten- und HerkunftsN zum FlussN Rhein, vor 1800 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 4 Vgl. Artikel III-3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie» (achte Karte mit Amrein, Amrhein, am Rhyn, Raimann, Raymann, Reimann, Rein, Reinmann, Rey, Reymann und Rhyn). 792 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="793"?> vom Flusslauf entfernt. Diese Lage spricht dafür, dass in diesen Fällen eine alternative Namendeutung anzunehmen ist. Zweite und dritte Karte {368, 369}: Wohnstätten- und Herkunftsnamen mit Bach Namenauswahl: Die zweite und die dritte Karte gelten Wohnstätten- und HerkunftsN aus der Schicht «vor 1800», die appellativisches oder toponymisches Bach enthalten. Nebst dem unerweiterten Grundwort Bach und den dazugehörenden Ableitungen wie Bacher und Bachmann (in Rot) werden auch Komposita mit -bach als Letztglied wie bspw. Aeschbach und Bruppacher (in Gelb) berücksichtigt. Exemplarisch für Einzelverbreitungen werden ausserdem die drei häufigsten FamN des Typus -bach - Dubach, Schüpbach und Fischbacher - noch separat in der dritten Karte dargestellt. Abgefragte Namen Typ Bach: Bach, Bacher, Bächer, Bachmann, von Bachmann alias Pacquement. 96 Tokens. Typ -bach: Aeschbach, Aeschbacher, Alispach, Allenbach, Allenspach, Altenbach, Anspach, Baudenbacher, Bleichenbacher, Blindenbacher, Breitenbach, Brupbacher, Bruppacher, Bumbach, Bumbacher, Dällenbach, Dambach, de Diesbach, Dellenbach, Diesbach, Dollenbacher, Dosenbach, Dossenbach, Dubach, Dubacher, Eschbach, Fehrenbach, Fischbach, Fischbacher, Flubacher, Fluhbacher, Gengenbach, Gersbach, Gerspacher, Gonzenbach, Grossenbacher, Grundbacher, Guggenbach, Hagenbach, Haselbach, Haslebacher, Hegelbach, Ibach, Imbach, Kalenbach, Kallenbach, Kaltenbach, Kengelbacher, Kressbach, Laimbacher, Laubbacher, Leibacher, Leimbacher, Loppacher, Lottenbach, Loutenbach, Luterbacher, Maibach, Marbach, Marbacher, Merkelbach, Müdespacher, Mühlebach, Murbach, Muspach, Nietlisbach, Nietlispach, Rauschenbach, Reichenbach, Reidenbach, Rickenbach, Rickenbacher, Riggenbach, Riggenbacher, Rikenbach, Rikenbacher, Rindisbacher, Rindlisbacher, Rohrbach, Rothenbach, Rufibach, Sallenbach, Sarbach, Schlapbach, Schlappach, Schliessbach, Schüpbach, Schwarzenbach, Sempach, Spechbach, Staffelbach, Stammbach, Stampbach, Steinbacher, Stettbacher, Tellenbach, Tiefenbach, Tieffenbach, Trittebach, Trittenbach, Trittibach, Ursenbacher, Vogelbacher, von Gonzenbach, von Rickenbach, von Schwerzenbach, von Wyttenbach, Wagisbach, Weissenbach, Wietlisbach, Wietlispach, Winkenbach, Wyssenbach, Wyttenbach, Zibach, Zumbach, Zybach. 117 Types, 325 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 17-50, relative Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 0-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 386: Daten zur zweiten Karte {368} Karte 368: Wohnstätten- und HerkunftsN mit Bach, vor 1800 3.2 Wohnstättennamen nach Gewässern und wasserbaulichen Anlagen 793 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="794"?> Abgefragte Namen Dubach: 18 Tokens. Schüpbach: 12 Tokens. Fischbacher: 10 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 11-30, relative Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 387: Daten zur dritten Karte {369} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier kartierten FamN gehen auf schwzdt. Bach (aus ahd. bah, mhd. bach) zurück, die in der Deutschschweiz gängige Bezeichnung für f liessende Gewässer von kleinerer bis mittlerer Grösse. Dabei lassen sich zwei Gruppen unterscheiden: Die FamN der ersten Gruppe (Typ Bach) gehen vermutlich auf Appellative zurück, während den FamN des zweiten Typus -bach mehrheitlich Toponyme zugrunde liegen. 5 Diese können sich sowohl auf Gewässer als auch auf nahegelegene Gelände oder Siedlungen beziehen. Manche lassen sich eindeutig lokalisieren, etwa der GewässerN Fluebach (Arboldswil/ Bubendorf BL) oder das Toponym Gonzenbach (bei Lütisburg SG). Andere wie Steinbach oder Rohrbach sind mehrfach belegt und daher nicht eindeutig zuzuordnen. Der hochfrequente FamN Bachmann (vor 1800 mit 82 Tokens) 6 bezeichnete ursprünglich eine Person, die an einem Wasserlauf wohnhaft war, etwa dem Dorf- oder Mühlebach. Die einzelnen FamN der zweiten Namengruppe weisen hingegen sehr geringe Tokenzahlen auf. Die Hälfte aller FamN tritt nur in einer einzigen Gemeinde auf (bspw. Rauschenbach und Maibach). Die drei häufigsten FamN mit -bach sind Dubach (18 Tokens), Schüpbach (12 Tokens) und Fischbacher (10 Tokens). Der FamN Dubach stellt sich zu einem Toponym (beim) Dübach, das wiederum auf eine Form *Tǖfenbach (‘der Bach im tiefeingeschnittenen Gelände’) zurückzuführen ist - vgl. den FlurN Dübach, urkundlich 1560 tüffenbach, in Rothenf luh (BL) (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 261068543). Schüpbach bezieht sich auf das gleichnamige Toponym, dessen Bestimmungswort nicht sicher gedeutet werden kann. Nach Auskunft des BENB I/ 5 (2017: Sp. 845) geht es möglicherweise auf schwzdt. schütte(n) ‘schütten, giessen’ (zu mhd. schüt(t)en ‘schütten, schütteln, erschüttern, Erdreich an- oder aufschwemmen’) zurück. Fischbacher beruht auf dem häufigen Toponym Fischbach, benannt nach einem fischreichen Bach oder einem Gewässer, aus dem gefischt wurde. Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass FamN mit Bach im ganzen Mittelland eine hohe Dichte aufweisen. Das Verbreitungsbild der ersten Namengruppe wird vom hochfrequenten FamN Bachmann (82 von 96 Tokens) dominiert. In den alpinen Regionen treten FamN Karte 369: Die drei häufigsten HerkunftsN mit -bach, vor 1800 5 Vgl. Artikel I-2.6 «Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut» (erste Karte). 6 Vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 794 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="795"?> dieses Typs nur vereinzelt auf, etwa als Bacher im Goms (VS). Die zweite Gruppe (Typ -bach) findet sich ebenfalls im Mittelland, aber auch im Alpenvorland bis in den Alpenraum. Die dritte Karte lässt für die frequentesten drei FamN des Typs -bach teilweise konturierte Räume deutlich werden: Der häufigste FamN Dubach konzentriert sich in den Kantonen Bern und Luzern. Während Schüpbach (nach der gleichnamigen Emmentaler Gemeinde) v. a. in Verwaltungskreis Bern-Mittelland ein Namennest bildet, clustert Fischbacher im Toggenburg (SG). Vierte Karte {370}: Wohnstätten- und Herkunftsnamen mit See Namenauswahl: Die vierte Karte umfasst alle einschlägigen FamN aus der Schicht «vor 1800», die appellativisches oder toponymisches See enthalten. Abgefragte Namen Typ See, vor 1800: Meyer von Schauensee, Schnyder von Wartensee, Seeberger, Seeholzer, Seematter, Seewer, Sewer, Untersee. 8 Types, 18 Tokens. Kreise 11-45, relative Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 388: Daten zur vierten Karte {370} Detailangaben zur Namenauswahl: Den dokumentierten FamN liegt schwzdt. See(w) ‘See, stehendes Binnengewässer (auch kleineren und kleinsten Umfangs); Gewässer ohne oder nur mit natürlichem Abf luss; Sumpfgebiet’ (aus ahd. sēo, mhd. sē) zugrunde. Da sich die Seelandschaft sowohl aus natürlichen als auch aus anthropogenen Ursachen ständig verändert, können Toponyme mit See auch auf verschwundene Gewässer Bezug nehmen (e-HLS 2013: s. v. Seen). Die beiden FamN Seewer und Sewer gehen vermutlich auf ein Appellativ zurück und bezeichneten ursprünglich eine Person, die an einem See wohnhaft war. Die beiden Namen zeigen zudem eine Form, die älteres w - wie im Plural ahd. sēwi - erhalten hat; vgl. dazu auch die Diminutive walliserdt. Sēwji, Sēwi (VSNB 4 2024: Sp. 145). Alle anderen FamN beruhen wohl auf Toponymen, die sowohl Gewässer selbst als auch angrenzende Örtlichkeiten bezeichnen. Die kartierten FamN zeigen folgende Bildungsmuster: er-Ableitungen (Seewer, Sewer), Komposita mit See als Bestimmungswort (Seeberger, Seeholzer, Seematter) und Komposita mit See als Grundwort (Untersee). 7 Die beiden Beispiele für PräpositionsN Meyer von Schauensee und Schnyder von Wartensee gehören zu den für die Stadt Luzern charakteristischen PatrizierN; die Namenbestandteile Schauensee und Wartensee nehmen Bezug auf gleichnamige Schlösser im (vormaligen) Besitz der Familien. 8 Karte 370: Wohnstätten- und HerkunftsN mit See, vor 1800 7 Vgl. die Artikel II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» sowie II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen». 8 Vgl. die Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de» und III-3.9 «Wohnstättennamen zu Häusernamen». 3.2 Wohnstättennamen nach Gewässern und wasserbaulichen Anlagen 795 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="796"?> Kommentar: Eine einheitliche Verbreitung der FamN mit See lässt sich nicht feststellen. Einige Namen treten in unmittelbarer Nähe eines Sees auf (z. B. Seeberger im Bezirk Höfe SZ am Zürichsee), bei anderen bleibt der Bezug zu einem bestimmten Gewässer weniger offensichtlich, etwa beim Walliser FamN Sewer (Leuk VS), der sich vermutlich auf einen der zahlreichen kleinen Alpseen bezieht (VSNB 4 2024: Sp. 145-149). Der FamN Untersee (Waldkirch SG) tritt unweit vom gleichnamigen Teil des Bodensees auf; ein Zusammenhang mit dem Untersee ist daher durchaus möglich. Fünfte Karte {371}: Wohnstätten- und Herkunftsnamen mit Weiher Namenauswahl: Die fünfte Karte behandelt Wohnstätten- und HerkunftsN aus der Schicht «vor 1800», in denen das ortsbezeichnende Appellativ Weiher oder ein entsprechendes Toponym fest geworden ist. Abgefragte Namen Typ Weiher, vor 1800: Weier, Weiermann, Weyer, Weyermann, Wiher, Wyer, Wyher. 7 Types, 17 Tokens. Kreise 15-40, relative Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 389: Daten zur fünften Karte {371} Detailangaben zur Namenauswahl: Die ausgewählten Wohnstätten- oder HerkunftsN gehen zurück auf schwzdt. Wīer, Wei(j)er ‘Weiher, (künstlich angelegter) Teich’ (zu mhd. wīwære, wīwer, wīher, wīer, ahd. wī(w)āri, Entlehnung aus lat. vivarium ‘Tierbehältnis, Fischbehälter’) und bezeichneten ursprünglich eine Person, die in der Nähe eines Weihers wohnte. Weiher wurden u. a. auch als Speicher für Löschwasser oder als Tränken aufgestaut. Toponyme mit Weiher treten in der Deutschschweiz zahlreich auf und verweisen meist auf Orte mit ehemaligen (Fisch-)Teichen; häufig bezeichnen sie aber auch Siedlungen oder Höfe bei (früheren) Weihern; vgl. z. B. Weier in Wängi (TG) (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 6002803) oder Wijer in Erstfeld (UR) (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 9015229). Wie bei den anderen FamN, die auf GewässerN zurückgehen, ist es auch hier oft schwierig, genau zu bestimmen, auf welches konkrete Hydronym oder Toponym ein FamN Bezug nimmt. Deutungskonkurrenz besteht bei Weiermann und Weyermann: 9 Beide können sowohl WohnstättenN (für eine Person, die an einem Weiher wohnte) als auch BerufsN darstellen. Im zweiten Fall würden Weiermann und Weyermann etwa als Bezeichnung für den Aufseher eines Mühl- oder Fischteichs dienen, wie er für die Stadt Bern belegt ist, der die Teiche bei Bümpliz beaufsichtigte und deren Wasserstand regulieren musste (Id. 2 1881 ff.: Sp. 283). Auch Weiersmüller kann zu beiden Benennungsmotiven gehören. 10 Karte 371: Wohnstätten- und HerkunftsN mit Weiher, vor 1800 9 Vgl. Artikel II-2.7 «Familiennamen auf -mann». 10 Vgl. Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». 796 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="797"?> Kommentar: Die FamN mit Weiher erstrecken sich als Streubelege über das deutschsprachige Mittelland. Sie sind zudem im Prättigau (GR) und in der Region Landquart (GR) sowie im Deutschwallis bezeugt. Sechste und siebte Karte {372, 373}: Wohnstätten- und Herkunftsnamen zu Quellen und Brunnen Namenauswahl: Die sechste und die siebte Karte widmen sich FamN, die auf ein ortsbezeichnendes Appellativ mit der Bedeutung ‘(aus dem Boden sprudelnde) Quelle; Brunnen, Wassertrog’ oder auf ein Toponym derselben Grundlage zurückgehen. Die ausgewählten FamN werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Der hochfrequente FamN Brunner wird in der sechsten Karte ausgeklammert und dafür in der siebten Karte separat abgebildet. Abgefragte Namen Typ Brunn: Braunschweiler, Bronhofer, Bronner, Bründler, Brunnhofer, Brunnschweiler, Brunschweiler, Brunschwiler, Debrunner, Hiltbrunner, Hirsbrunner, Kaltbrunner, Kohlbrunner, Kollbrunner, Lochbrunner, Steinbrunner, von Brunn, Zbrun, Zum Brunn, Zumbrunn, Zumbrunnen. 21 Types, 54 Tokens. Typ Sod: Soder, Sooder. 3 Tokens. Typ Trog: Trog, Troger. 3 Tokens. Typ Ursprung: Ursprung. 3 Tokens. Typ Zube: von Zuben, Zerzuben, Zuber, Zuberbühler, Zuberer, Zubler, Zübli, Züblin. 8 Types, 51 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 390: Daten zur sechsten Karte {372} Abgefragte Namen Brunner, vor 1800: 146 Tokens. Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 0-90, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 391: Daten zur siebten Karte {373} Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namen (alphabetisch geordnet nach den zugrunde liegenden Lexemen) an. Als Etyma werden primär Appellativa angesetzt; für die FamN ist jedoch auch die Ableitung von einem auf diesen basierenden Toponym möglich: • Typ Brunn: Die FamN lassen sich auf schwzdt. Brunne(n) ‘(aus dem Boden sprudelnde) Quelle, gefasste Quelle, Abf luss einer Quelle, kleiner Flusslauf; Brunnen, Wassertrog’ zurückführen (aus mhd. Karte 372: Wohnstätten- und HerkunftsN zu Quellen und Brunnen (ohne Brunner), vor 1800 3.2 Wohnstättennamen nach Gewässern und wasserbaulichen Anlagen 797 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="798"?> brunne, ahd. brunno ‘Quelle, Wasser, Ursprung, Brunnen’). Toponyme mit Brunn verweisen meist auf eine natürliche Quelle und nicht auf einen hölzernen oder steinernen Trog mit Zuleitung, also nicht auf einen Brunnen im heutigen Sinn. Bei der Familie Bronner, Patrizier: innen von Quinto (Leventinatal TI), handelt es sich laut Überlieferung um Zugewanderte aus dem Kanton Uri. Die Schreibung mit o ist wohl auf eine Anlehnung an das regionale (alpinlombardische) mundartliche Wort für Brunnen - nämlich bronn, wiederum ein Lehnwort aus dem Schweizerdeutschen - zurückzuführen (VSI 2.2 1952 ff.: 1010-1012). Der FamN Brunner zählt mit 146 Belegen zu den häufigsten Namen der Schicht «vor 1800» und rangiert nach Müller, Meier, Schmid, Keller, Huber, Meyer und Weber an achter Stelle. 11 Im Jahr 2024 ist Brunner der vierzehnthäufigste FamN in der Schweiz (BFS 2025: STATPOP 2024). • Typ Sod: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Sod ‘mit Wasser gefüllte Vertiefung im Erdboden, Tümpel; Zisterne, Ziehbrunnen’ (aus mhd. sōt ‘das Wallen, Sieden; Brunnen, Ziehbrunnen’). Im Neuhochdeutschen ist der Begriff nur noch in der Zusammensetzung Sodbrunnen erhalten. Als Bestandteil von FlurN ist Sod rund 70-mal belegt und verweist auf mit Wasser gefüllte Vertiefungen im Erdboden, auf Tümpel und seltener auch auf (ehemalige) Sodbrunnen, bei denen das Wasser mittels eines Kessels an einem langen Seil oder über eine waageähnliche Vorrichtung nach oben befördert wurde; vgl. das Toponym Sodbrunnen in Arboldswil (BL) (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 266001167). • Typ Trog: Die FamN gehen zurück auf schwzdt. Trog ‘liegender, offener Behälter, meist länglich, oft aus einem Stück Holz ausgehöhlt, aber auch aus Brettern zusammengefügt oder aus anderen Materialien hergestellt’ (aus mhd. troc ‘liegender, offener Behälter’). Gemäss ortsnamen.ch (o. J.: Nr. 9013989) kann sich Trog in Toponymen «auf einen tatsächlichen Brunnentrog beziehen oder auch im übertragenen Sinn eine trogähnliche Geländestelle bezeichnen». 12 • Der FamN Ursprung basiert auf mhd. ursprunc ‘Quelle, Quellbach’ und bezieht sich auf den Quellbereich eines f liessenden Gewässers. 13 • Typ Zube: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Zube(n) ‘Rinne, Kanal, Brunnenröhre, offene Wasserleitung, Wasserstrahl’ (entlehnt aus lat. tubus ‘Röhre’). In Einzelfällen kann der Name als BerufsüberN zu mhd. zūber, zuber ‘Gefäss mit zwei Handhaben’ für den Hersteller derartiger Gefässe gedeutet werden. Karte 373: FamN Brunner, vor 1800 11 Vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 12 Vgl. Artikel III-3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie». 13 Die mehrdeutigen FamN Sprung, Sprunger, Sprüngli und Sprünglin werden im Artikel III-3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie» behandelt. In FlurN bezeichnet Sprung Quellen oder Vorsprünge, Absätze und Wendungen im Verlauf einer Geländef läche. 798 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="799"?> Kommentar: Die sechste Karte zeigt, dass der häufigste Typ Brunn nahezu im gesamten Mittelland verbreitet ist, mit einer deutlichen Häufung in der Nordostschweiz. Weitere Belege finden sich im Berner Oberland, im Wallis sowie in der deutschsprachigen Walserkolonie von Bosco/ Gurin (TI). Im südöstlichen Teil der Deutschschweiz (GL, GR) inklusive Kanton St. Gallen fehlt der Typ gänzlich. Der hochfrequente FamN Brunner (siebte Karte) deckt ebenfalls fast das gesamte Mittelland ab; die grösste Dichte weist er in den Kantonen Luzern, Zürich und St. Gallen (insbesondere im Toggenburg) auf, während er in der Zentralschweiz fast nicht vertreten ist. Die FamN Soder und Sooder kommen nur in drei Gemeinden vor: zweimal im aargauischen Grenzgebiet zu Deutschland und einmal am Brienzersee (BE). Auch die Namen Trog und Troger sind selten; sie sind lediglich in Olten (SO), Thun (BE) und im italienischsprachigen Roveredo (GR) belegt, wobei hier die Namenträger: innen gemäss RNB 3 (1986: 446) ursprünglich aus dem Tirol stammten. Der ebenfalls seltene FamN Ursprung ist charakteristisch für den Kanton Aargau. Der Typ Zube schliesslich ist in weiten Teilen der Deutschschweiz verbreitet, mit Schwerpunkten in den Kantonen Solothurn und in beiden Appenzeller Halbkantonen. Auch im Wallis ist er vertreten, während er im südöstlichen Gebiet der Deutschschweiz weitgehend fehlt - mit Ausnahme des Belegs in Mollis (GL), der jedoch nachweislich auf Zuwanderung zurückgeht (e-FNB 1989: s. v. Zuber). Achte Karte {374}: Wohnstätten- und Herkunftsnamen zu wasserbaulichen Anlagen Namenauswahl: Die achte Karte nimmt FamN zu Flussdurchgängen und Wasseranlagen wie Dämmen oder Kanälen in den Blick. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ Damm: Damann, Dambach, Dammann. 7 Tokens. Typ Far: Fahrer. 3 Tokens. Typ Furt: Furter. 2 Tokens. Typ Kenel: Cina, Känel, Kenel, Kennel, von Känel. 9 Tokens. Typ Wuhr: Wuhrmann. 5 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 392: Daten zur achten Karte {374} Detailangaben zur Namenauswahl: Im Folgenden werden die einschlägigen Deutungen der kartierten FamN dargestellt, ggf. ergänzt durch konkurrierende Bedeutungen oder relevante Hintergrundinformationen. Als Etyma werden primär Appellativa ausgewiesen; eine Ableitung von einem darauf basierenden Toponym ist jedoch für jeden einzelnen Namen ebenfalls möglich: Karte 374: Wohnstätten- und HerkunftsN zu Flussdurchgängen, Dämmen und Kanälen, vor 1800 3.2 Wohnstättennamen nach Gewässern und wasserbaulichen Anlagen 799 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="800"?> • Typ Damm: Die FamN lassen sich auf schwzdt. Tamm, Damm ‘Damm, insbesondere zum Schutz gegen bzw. zum Stauen von Wasser’ zurückführen (aus mhd. tam, dam ‘Damm, Deich’). Gemäss BENB I/ 6 (2020: Sp. 632) «trat das Wort in jüngerer Zeit [unter Einf luss des Neuhochdeutschen] vermehrt an die Stelle von althergebrachten Synonymen wie Wüer oder Däntsch». Das im Kanton Basel-Landschaft mehrfach belegte Toponym Dambach wird auf ortsnamen.ch (o. J.: Nr. 261067001) als Zusammensetzung von schwzdt. Tann(e) ‘immergrüner Nadelbaum’ und Bach gedeutet. Diese Etymologie ist auch für den in den Kantonen Aargau und Bern nachgewiesenen FamN Dambach nicht auszuschliessen. • Der FamN Fahrer stellt sich zu schwzdt. Far, Faar ‘Ort, wo man über einen Fluss oder See gefahren wird, Ufer, Fähre’ (aus mhd. var ‘Platz, wo man überfährt oder landet, Ufer; Fähre’). Die zahlreichen ÖrtlichkeitsN Far, Faar, Fahr u. ä. beziehen sich auf Geländestücke an Fliessgewässern, an denen ein Fährbetrieb gewährleistet wurde. Als Bezugsorte für den FamN Fahrer kommen bspw. die an der Aare gelegenen Örtlichkeiten Far in Wolfwil (SO) oder Flumenthal (SO) infrage. • Der FamN Furter basiert auf schwzdt. Furt ‘Bach-, Flussdurchgang; fahrbarer Durchgang durch einen Zaun (Stelle, wo das Vieh zur Weide in die Allmend eintritt); Rinnsal, Wassergraben in Feldern und Wiesen’ (aus mhd. vurt ‘Furt’). Die FamN Marfurt und Marfort wurden aus der Kartierung ausgeschlossen, weil die Deutung des zugrunde liegenden Toponyms unsicher ist. • Typ Kenel: Die FamN lassen sich zu schwzdt. Chän(n)el ‘künstliche Rinne zur Fortleitung des Wassers, insbesondere die Dachrinne; Gosse, Kanal’ stellen (aus mhd. kanel, kenel, entlehnt aus lat. canalis ‘Röhre, Rinne, Wasserlauf ’). Als Element von Toponymen verweist Kanal in erster Linie auf kleinere Gewerbekanäle und deren unmittelbares Umfeld sowie angrenzende oder dorthin führende Wege. Der FamN Cina (urkundlich auch de Canali) ist von Tschina, dem Namen eines Dorfteils von Salgesch (VS) abgeleitet (VSNB 4 2024: Sp. 413-414). • Der FamN Wuhrmann beruht auf schwzdt. Wuer ‘Bach-, Flussverbauung, seitlicher Schutzdamm am Wasser oder (versehen mit mechanischer Vorrichtung) Stauanlage im Wasser zur Regulierung des Wasserstands bzw. zum Ableiten des Wassers in einen Kanal; künstlich angelegter Wassergraben, Kanal’ (aus mhd. wuor, wuore, wüere ‘Damm im Wasser, Wehr zum Abhalten oder Ableiten des Wassers; Baumstämme an Bächen oder Flüssen’). Als mögliche Bezugsorte des FamN Wuhrmann kommen etwa die Fluren Wuerbüchel (Wiesendangen ZH) oder Wuer (Winterthur ZH) in Betracht. Die Form Wuer entspricht dabei der mundartlichen Aussprache des Namens als «Wuerme» (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 181). Kommentar: Die seltenen FamN Fahrer und Furter treten in der achten Karte als kleine Namennester im Kanton Bern resp. im Aargau jeweils in unmittelbarer Nähe der Aare auf. Auch der FamN Wuhrmann kommt nur lokal begrenzt vor, nämlich im Kanton Zürich. Bei den FamN der Typen Damm und Kenel lassen sich keine klar abgegrenzten Verbreitungsareale feststellen. Die FamN mit Kenel sind als einzige der vorliegenden Namenauswahl auch in den Voralpen und im Deutschwallis präsent. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Brunner (13'852 Tokens), Bachmann (10'478 Tokens) und Schüpbach (3'216 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 4 (2013: 152-171) werden Wohnstätten- und HerkunftsN, die sich auf FlussN beziehen, auf den Karten 64-73 dargestellt. FamN zum Hydronym Rhein werden dabei nicht kartiert. FamN mit Weiher wie Weyer oder Weyers stehen auf der Karte 268 im Fokus (DFA 4 2013: 601-604), bevor auf den Karten 269-274 WohnstättenN zu Bach wie Bachmann und Beckmann Beachtung finden (DFA 4 2013: 606-617). Die FamN Brunner, Born und Bornemann werden im DFA 3 (2012: 286-292) auf der Karte 134 behandelt. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur BENB I/ 5 = Schneider, Thomas F. (Hrsg.) (2017): Ortsnamenbuch des Kantons Bern [Alter Kantonsteil]. I: Dokumentation und Deutung. Fünfter Teil: Q-Sch. Tübingen: Francke. BENB I/ 6 = Schneider,Thomas F./ Hofer, Roland/ Thöny, Luzius (Hrsg.) (2020): Ortsnamenbuch des Kantons Bern [Alter Kantonsteil]. I: Dokumentation und Deutung. Sechster Teil: Se-Di/ Ti. Tübingen: Narr Francke Attempto. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2025): STATPOP 2024. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Sprachregion für das Jahr 2024. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 36062364 (letzter Zugriff 16.09.2025). DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. DFA 4 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2013): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 4: Familiennamen nach Herkunft und Wohnstätte. Berlin, Boston: De Gruyter. e-FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (1989): Familiennamenbuch der Schweiz. Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989. Digital zur Verfügung gestellt durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ (letzter Zugriff 16.09.2025). 800 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="801"?> e-HLS = Stadler, Hans (2006a): Bewässerung. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 007955/ 2006-10-02/ (letzter Zugriff 16.09.2025). e-HLS = Stadler, Hans (2006b): Flüsse. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 024613/ 2006-10-23/ (letzter Zugriff 16.09.2025). e-HLS = Stadler, Hans (2013): Seen. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 024612/ 2013-03-15/ (letzter Zugriff 16.09.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 16.09.2025). 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Linda Steiner 3.2 Wohnstättennamen nach Gewässern und wasserbaulichen Anlagen 801 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="802"?> 3.3 Wohnstättennamen zu Uferlandschaften, Sümpfen und Sumpfpflanzen Schlagwörter: Feuchtgebiet, Insel, Lache, Land am Wasser, Toponym Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel setzt sich mit WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800» auseinander, die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 12.09.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») auf Bezeichnungen und Namen von Uferlandschaften, Feuchtgebieten, Sümpfen und Sumpfpf lanzen zurückgehen. Letzterer Familiennamentypus ist hier ebenfalls berücksichtigt, da Benennungen und Namen von Sumpfpf lanzen bereits früh metonymisch auf das gesamte Schilfgebiet und in der Folge auch auf sumpfiges Gelände oder Feuchtgebiete übertragen wurden (z. B. Ried, Details s. u.). Der nachfolgende Kartenkomplex geht der Frage nach, inwieweit Appellative wie schwzdt. Au oder schwzdt. Ried resp. daraus hervorgegangene Toponyme im Deutschschweizer Familiennamenbestand fest geworden sind. Die erste Karte behandelt FamN zu Uferlandschaften und Land am Wasser. Die zweite Karte gilt FamN zu Sümpfen und Feuchtgebieten und steht damit in einem engen Zusammenhang mit der dritten Karte, die WohnstättenN zu Sumpfpf lanzen in den Mittelpunkt rückt. Die vierte Karte schliesslich ist kontrastiv angelegt und vergleicht die Namentypen Moos und Ried. Als generelle Bedingung der vorliegenden Namensamples sei an dieser Stelle genannt, dass (Be-)Deutungskonkurrenzen häufig nicht ausgeschlossen werden können: Die Unterscheidung von Wohnstätten- und HerkunftsN ist aus theoretischer und motivationsbezogener Sicht bedeutsam - WohnstättenN bezeichnen Ansässige, HerkunftsN Zugewanderte (vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III»). Ohne historische Sondierung (und teils selbst mit ihr) lassen sich die beiden Benennungsmotive jedoch oft nicht eindeutig trennen (Fleischer 1964: 133; Kunze 2004: 85, 87). So sind bspw. Werd (erste Karte) und Ried (dritte und vierte Karte) in der Deutschschweiz als Flurwie auch als SiedlungsN bezeugt. Ebenso muss die Frage, ob die WohnstättenN zu Uferlandschaften, Sümpfen und Sumpfpf lanzen auf ein entsprechendes Toponym oder direkt auf ein Appellativ zurückgehen, im vorliegenden Artikel offenbleiben; für ein und dieselbe Namenform könnte auch beides zutreffen, wenn die Form zwei oder mehrmals unabhängig voneinander entstanden ist. Erste Karte {375}: Wohnstättennamen zu Uferlandschaften und Land am Wasser Namenauswahl: Die erste Karte umfasst WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 1 die auf Appellative mit der Bedeutung ‘Ufergelände, Land am Wasser’ oder auf daraus entstandene Toponyme zurückgehen. Die FamN sind nach den beiden zugrunde liegenden Lexemen Au und Werd gruppiert. Abgefragte Namen Typ Au: Anderau, Anderauer, Auer, Aus der Au, Ausderau, Eyacher, Eyen, Eyer, Eyholzer, Eymann, Inauen, von Auw, von Euw, Vonei, Voney. 15 Types, 39 Tokens. Typ Werd: Amgwerd, Gwerder, Weder, Werder, Werdmüller, Werthmüller, Wertmüller. 7 Types, 34 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-50, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 393: Daten zur ersten Karte {375} Detailangaben zur Namenauswahl: 2 Die ausgewählten FamN der ersten Gruppe gehen auf ahd. auwia, ouwa, mhd. ouwe ‘von Wasser umf lossenes Land, Insel, Halbinsel’ (WeNB 7 2003-2017: 21) zurück. Als Appellativ ist Au im Schweizerdeutschen mit der Bedeutung ‘Insel, Halbinsel, Gelände an einem Gewässer’ belegt, jedoch nicht mehr in Gebrauch (Id. 1 1881 ff.: Sp. 5). Die Varianten Eyen, Eyer, Vonei usw. zeigen Entrundung von öu zu ei bzw. ey. 3 FamN auf -auer (bzw. -eier, -eyer) wie Buttauer, Lindauer oder Wingeyer wurden aus der vorliegenden Kartierung ausgeschlossen. Sie lassen sich ebenfalls auf ahd. auwia, ouwa, mhd. ouwe zurückführen, doch das Namenelement -au(er) fungiert hier als toponymisches Suffix und stammt - anders als bei den hier kartierten FamN - nicht direkt vom Appellativ Au. Solche HerkunftsN wurden daher gemeinsam mit weiteren FamN behandelt, deren toponymische Suffixe wie -ach, -ikon / -ighofen und -hausen typisch für frühe SiedlungsN der Deutschschweiz sind. 4 Die FamN der zweiten Gruppe beruhen auf schwzdt. Werd (zu mhd. wert, wiert, wird ) ‘Insel, Halbinsel, erhöhtes wasserfreies Land zwischen 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 3 Vgl. Artikel I-1.5 «Entrundung». 4 Vgl. Artikel III-2.2 «Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen». 802 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="803"?> Sümpfen’ oder auf einem der zahlreichen FlurN Werd, Weed (mit vokalisiertem r). 5 Die kartierten FamN zu Au zeigen die dominanten Bildungsmuster von WohnstättenN: Zu den PräpositionsN gehören z. B. Anderau, Ausderau, Inauen und Vonei. Das Sample umfasst zudem Ableitungen auf -er wie Auer sowie eine mann-Bildung (Eymann). Ähnliche Strukturen finden sich bei den FamN der zweiten Gruppe: er-Ableitungen (Gwerder, Weder, Werder), ein PräpositionsN (Amgwerd ) sowie Komposita mit Werd als Bestimmungswort (Werdmüller, Werthmüller, Wertmüller). 6 Für die drei letztgenannten Namen kommt neben einem WohnstättenN zu Werdmülli, Werdmühle o. ä. auch ein lokalisierter BerufsN infrage, bei dem der häufige BerufsN (resp. der häufige FamN) Müller durch die Angabe der Wohnstätte der ursprünglichen Namenträger: innen oder des Orts der Berufstätigkeit erweitert wurde. 7 Kommentar: Die beiden Namentypen treten weitgehend komplementär auf, mit Ausnahme des Kantons Schwyz, wo sowohl Auals auch Werd -Namen belegt sind. WohnstättenN zu Au finden sich vorwiegend in Bergregionen und Talschaften, während solche zu Werd eher in den Niederungen verbreitet sind. Karte 375: WohnstättenN zu Uferlandschaften und Land am Wasser, vor 1800 5 Für detailliertere Etymologien und weiterführende Angaben zu den ortsbezeichnenden Appellativa bzw. zu den Toponymen, die den hier kartierten WohnstättenN zugrunde liegen, sei auf das Id. (1881 ff.), das Online-Portal ortsnamen.ch (o. J.) und die regionalen Ortsnamenbücher der Schweiz wie das TNB 2 (2007) verwiesen. 6 Vgl. die Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor», II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in», II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von», II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.7 «Familiennamen auf -mann» sowie II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». 7 Für den häufigen BerufsN Müller und Varianten vgl. Artikel III-4.2 «Berufs(über)namen zum Bäckereigewerbe». 3.3 Wohnstättennamen zu Uferlandschaften, Sümpfen und Sumpfpflanzen 803 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="804"?> Zweite Karte {376}: Wohnstättennamen zu Sümpfen und Feuchtgebieten Namenauswahl: Die zweite Karte gilt WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800», die sowohl auf Bezeichnungen für grossf lächige Feuchtgebiete (wie Moore) als auch für Suhlen, Tümpel, Wasserlachen oder Sumpfstücke zurückgehen. FamN, die auf Bezeichnungen von Sümpfen basieren, die sekundär aus solchen für Sumpfpf lanzen entstanden sind (wie z. B. Ried ), werden in der dritten Karte behandelt. Abgefragte Namen Typ Moos: Amoos, Amos, Breitenmoser, Famos, Harzenmoser, Hüttenmoser, Immoos, Kramis, Moos, Mooser, Moosmann, Moser, Mosimann, Mosmann, von Moos, Vonmoos, Zmoos. 17 Types, 150 Tokens. Typ Sulz: Sulser, Sulzberger, Sulzener, Sulzer, Sulzmann. 15 Tokens. Typ Sol: Aebersold, Ebersold. 8 Tokens. Typ Gülle: Güller. 4 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 394: Daten zur zweiten Karte {376} Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namentypen nach absteigender Type- und Tokenzahl an. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Typ Moos: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Mo(o)s ‘Moor, feuchtes, sumpfiges Land, auf dem nur kurzes Streugras wächst’ (aus ahd., mhd. mos). Zur semantischen Überschneidung der Toponyme Moos und Ried s. die vierte Karte. Moser ist einer der verbreitetsten FamN in der Schicht «vor 1800» und rangiert 2024 schweizweit auf Platz 17 der häufigsten FamN (BFS 2025: STATPOP 2024). 8 Der FamN Kramis basiert auf einem gleichnamigen Toponym (urkundlich 1256 Krannemos, 1284 Cranmos), dessen Erstglied auf mhd. krane ‘Kranich’ zurückgeht und das als ‘Feuchtgebiet, in dem wohl Kraniche auf ihrem Zug in die Winterquartiere gerastet haben’ zu erklären ist. Für Famos (Ramosch GR) ist von einem volksetymologischen Prozess auszugehen: Der FamN Vonmoos (Ramosch GR, Malans GR) wurde bei der Integration ins Rätoromanische mit rätorom. famos ‘ausgezeichnet, vortreff lich, köstlich’ assoziiert. • Typ Sulz: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Sulz ‘Salzlecke, salzige Stelle an Felsen; breiartig geschmolzener Schnee, Schlamm, schlammiger Boden’ (aus ahd. sulza, mhd. sulz, abgeleitet auch sulze, sülze ‘Salzwasser’). Sulz-FlurN beziehen sich meist auf salzhaltiges Wasser, Salzquellen oder Viehlecke. Teilweise dürfte auch sumpfige bzw. verunreinigte Bodenbeschaffenheit namengebend gewesen sein. Die FamN werden daher trotz dieser Mehr- Karte 376: WohnstättenN zu Sümpfen und Feuchtgebieten, vor 1800 8 Vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 804 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="805"?> deutigkeit auf der vorliegenden Karte erfasst. Der Werdenberger FamN Sulser (Wartau SG) zeigt eine zusätzliche (Be-)Deutungskonkurrenz: Er kann wie Sulzer als WohnstättenN verstanden werden (vgl. historische Belege mit -z-) oder aber als BerufsN zu einem auf derselben Grundlage gebildeten Nomen agentis, das einen Salinenarbeiter, Sülzehersteller oder Kuttler bezeichnet (WeNB 7 2003-2017: 590). • Die FamN Aebersold und Ebersold gehen auf einen der zahlreichen ÖrtlichkeitsN Äbersol, Ebersoll u. ä. zurück (vgl. den Hof N Äbersold, 1361 Ebersol in Köniz BE), die sich als ‘Lache, Pfütze, in der sich Wildschweine suhlen’ deuten lassen. 9 Laut Id. 7 (1881 ff.: Sp. 766) ist Sol (aus ahd. sol ‘sumpfige Stelle, Suhle, Lache, Sumpf loch’, mhd. sol, söl ‘Kotlache, worin sich das Wild wälzt’) im Schweizerdeutschen nur noch in Toponymen greifbar und bezeichnet Stellen, an denen sich das Wild suhlt, aber auch Geländemulden, in denen das Wasser lange stehen bleibt. • Der FamN Güller geht auf schwzdt. Gülle ‘Wasserlache, Tümpel; Kotlache, Sumpf, Ansammlung von Jauche’ (aus mhd. gülle ‘Lache, Pfütze’) zurück. Gülle ist ein typisch alemannisches Lexem, das in erster Linie in der Deutschschweiz beheimatet ist. Laut WeNB 7 (2003-2017: 244) erscheint das Wort in FlurN «in seiner alten Bed[eutung] ‘Pfütze, Tümpel’ zur Bezeichnung wasserreicher, bei Regenwetter oft überschwemmter Stellen, während es als Appellativ heute vorwiegend in der Bedeutung ‘Jauche zum Düngen’ gebraucht wird». Kommentar: Während sich FamN zu Moos über das gesamte Mittelland erstrecken - mit einzelnen Belegen auch in den voralpinen Regionen und im Wallis -, bilden die Sol- und die Gülle-FamN deutliche Namennester: erstere im Berner Mittelland rechts der Aare zwischen Bern und Thun, letztere v. a. im Furttal (AG) an der Grenze zum Kanton Zürich. Der Typ Sulz konzentriert sich überwiegend im Raum Winterthur (ZH) sowie in den angrenzenden Gebieten der Kantone Thurgau und Schaffhausen, tritt jedoch vereinzelt auch im Berner Oberland und an wenigen weiteren Orten des Mittellands auf. Dritte Karte {377}: Wohnstättennamen zu Sumpfpflanzen Namenauswahl: Die dritte Karte bildet WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800» ab, die auf einem Appellativ in der Bedeutung ‘Sumpf-/ Riedpf lanze’, insbesondere ‘Schilf, Röhricht’, resp. auf einem daraus hervorgegangenen Toponym basieren. Die FamN werden nach dem zugrunde liegenden Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ Binse: Binz, Bünzli. 18 Tokens. Typ Ried: Grieder, Grossrieder, Imwinkelried, Kaltenrieder, Riedener, Rieder, Riederer, Riedo, Riedtmann, Rieter, Riethmann, Rietli, Rietmann, Zryd. 14 Types, 86 Tokens. Typ Rohr: Rohr, Rohrer. 25 Tokens. Karte 377: WohnstättenN zu Sumpfpflanzen, vor 1800 9 Zu FamN mit epenthetischem Dental vgl. Artikel II-2.13 «Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut». 3.3 Wohnstättennamen zu Uferlandschaften, Sümpfen und Sumpfpflanzen 805 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="806"?> Typ Schlatt: Schlatter. 23 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 30-80, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 395: Daten zur dritten Karte {377} Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namentypen (in alphabetischer Reihenfolge der zugrunde liegenden Lexeme) an. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Die FamN Binz und Bünzli stellen sich zu schwzdt. Binz, Binse(n) u. ä. ‘Binse, Schilfgras, Riedgras; Ort mit Schilfgrasbewuchs’ (aus ahd. binuz, mhd. bin(e)z). Für Binz kommt daneben auch eine Deutung als Patronym (u. a. Kurzform zu einem Ruf N wie Benedikt) infrage. Die Deonymisierung und Abwertung, die der FamN Bünzli im Sinne von ‘Spiessbürger’ erfahren hat, beruht vermutlich auf der Figur der ordentlichen und sparsamen Züs Bünzlin in Gottfried Kellers Novelle «Die drei gerechten Kammacher [sic! ]» aus dem Jahr 1856 (s. dazu Sautermeister 2020). Im Id. 4 (1881 ff.: Sp. 1413), das 1901 publiziert wurde, ist diese Bedeutung von Bünzli noch nicht erfasst. Zur Verbreitung von appellativischem Bünzli für eine kleinkariert denkende Person im Laufe des 20. Jh. trug wohl v. a. der Schweizer Komiker, Schauspieler und Drehbuchautor Fredy Scheim bei (vgl. Hoffmann-Allenspach 2005): Die populäre Bühnenfigur Heiri Bünzli aus Fredy Scheims Dialektposse «Käsefabrikant Heiri Bünzli» und aus den von ihm geschriebenen Filmen «Bünzli’s Grossstadt-Erlebnisse» (1930; Regie: Robert Wolmuth) und «Ohä lätz! De Bünzli wird energisch! » (1935) haben zweifellos das Ihrige dazu beigetragen, die heutige Bedeutung Spiessbürger im allgemeinen Sprachgebrauch zu verankern (Landolt/ Graf 2012). • Typ Ried: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Ried, Riet ‘Schilfrohr, Sumpfgras, Riedgras; mit Riedgras bewachsener, sumpfiger Grund’ (aus ahd. (hr)riot, riod, mhd. riet). Konkret benannte Ried, Riet ursprünglich «verschiedene Pf lanzen, die auf feuchtem, sumpfigem Boden wachsen (Schilf, Segge, Binse, Riedgras), wurde aber schon früh semantisch erweitert zu ‘mit Riedpf lanzen bewachsenes Gelände, Feuchtland’» (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 8012358). Entsprechend besteht ein enger Zusammenhang zu WohnstättenN wie Amoos und Moser, die in der vorhergehenden Karte behandelt wurden. Wie das BENB I/ 5 (2017: Sp. 163) festhält, ist für den Typ Ried auch eine Herleitung aus schwzdt. Ried ‘ausgereuteter Platz im Wald, Rodung, Pf lanzblätz’ (Nebenform zu schwzdt. Rǖti ‘Reute’; aus ahd. *riod, mhd. riet) möglich. 10 Das TNB 2.2 (2007: 452) erachtet diese zweite Deutung für die Deutschschweiz allerdings als weniger zutreffend. • Typ Rohr: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Rōr ‘Schilfrohr, Röhricht, Rohr’ (aus ahd., mhd. rōr). Wie Ried, Riet dient Rōr eigentlich als «Bezeichnung für verschiedene Schilf- und Rohrpf lanzen, etwa für Schilfrohr (Phragmites), verschiedene Binsenarten (Eleocharis und Schoenoplectus) oder Rohrkolben (Typha)», in Toponymen meint es aber i. d. R. «Stellen, wo solche Pf lanzen häufig sind, also ‘mit Schilf- und Rohrpf lanzen bestandenes Gelände’» (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 8009354). Somit bestehen auch hier semantische Überschneidungen zur vorhergehenden zweiten Karte. • Der FamN Schlatter stellt sich zu schwzdt. Schlatt ‘Schilfrohr, kurze Streue in Sümpfen, Sumpfpf lanze u. ä.’ (aus mhd. slāte). Ursprünglich ist gemäss BENB I/ 5 (2017: Sp. 670) und TNB 2.2 (2007: 503) jedoch von der Bedeutung ‘Bodensenke, Vertiefung, auch Schlucht, Abhang’ auszugehen (nur in Toponymen und FamN enthalten). 11 Das Lexem Schilf hat sich, wie Nübling/ Kunze (2023: 338) festhalten, «erst mit Luther schriftsprachlich durchgesetzt und ist deshalb in den FamN eher selten bezeugt». In der Deutschschweiz kommen in der Schicht «vor 1800» keine mit diesem Lexem gebildeten WohnstättenN vor. Hinsichtlich der verschiedenen Bildungsmuster ist der WohnstättenN Riedo hervorzuheben, der als eine Ableitung auf -o analysiert werden kann. Wie im Artikel II-2.14 «Germanisches Grundwort mit Suffix -o» ausführlich diskutiert, ist das -o in Riedo wohl jüngeren Datums resp. sekundärer Natur und als onymischer Marker einzuordnen. Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass die FamN zu Ried in verschiedenen Teilen der Deutschschweiz alteingesessen sind, während die restlichen Namentypen eher spezifische Verbreitungsräume aufweisen. Konkret konzentriert sich Schlatter mehrheitlich in den Nordostschweizer Kantonen Zürich, Thurgau und Schaffhausen, wobei der FamN daneben auch im Emmental (BE) und im Aargau vorkommt. 12 Der FamN Bünzli ballt sich im Zürcher Oberland, während Binz weiter westlich im Kanton Solothurn sowie im daran angrenzenden Oberaargau (BE) mehrfach bezeugt ist. Der Typ Rohr formt ein grösseres Cluster im Kanton Bern (hier v. a. Rohrer) und im Aargau (hier v. a. Rohr). 13 Auch der Typ Ried tritt in der westlichen Deutschschweiz (BL, BE, FR mit 56 von insgesamt 86 Tokens) stärker in Erscheinung als in der östlichen Hälfte; die Innerschweiz ist frei von Belegen. 10 Vgl. Artikel III-3.6 «Wohnstättennamen zu Rodungen». 11 Vgl. Artikel III-3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie». 12 Das Verbreitungsbild im Nordosten der Deutschschweiz spricht tendenziell für einen HerkunftsN zur thurgauischen Gemeinde Schlatt, doch ist zumindest für die anderen Ortspunkte ein WohnstättenN zu entsprechenden FlurN nicht auszuschliessen. 13 Beim FamN von Rohr (Egerkingen, Kestenholz SO) sprechen sowohl die Präposition als auch v. a. die Nähe zur Gemeinde Rohr (SO) für einen HerkunftsN, weshalb er vom vorliegenden Sample ausgeschlossen wurde; er würde sich aber dem eher westlichen Verbreitungsgebiet von Rohrer und Rohr anschliessen. 806 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="807"?> Vierte Karte {378}: Wohnstättennamen zu Moos und Ried kontrastiv Namenauswahl: Dargestellt sind sämtliche WohnstättenN des Typus Moos (vgl. zweite Karte) und des Typus Ried (vgl. dritte Karte). Die beiden Namengruppen werden hier kontrastiv kartiert, weil die jeweiligen zugrunde liegenden Lexeme in ihrer toponymischen Semantik Überschneidungen aufweisen. Abgefragte Namen Typ Moos: Amoos, Amos, Breitenmoser, Famos, Harzenmoser, Hüttenmoser, Immoos, Kramis, Moos, Mooser, Moosmann, Moser, Mosimann, Mosmann, von Moos, Vonmoos, Zmoos. 17 Types, 150 Tokens. Typ Ried: Grieder, Grossrieder, Imwinkelried, Kaltenrieder, Riedener, Rieder, Riederer, Riedo, Riedtmann, Rieter, Riethmann, Rietli, Rietmann, Zryd. 14 Types, 86 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 15-85, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 396: Daten zur vierten Karte {378} Detailangaben zur Namenauswahl: Wie in der zweiten und der dritten Karte erläutert, bezeichnen Toponyme mit Moos und Ried überwiegend feuchte oder sumpfige Gelände bzw. allgemein Feuchtgebiete. Villette/ Purves (2020: 116-117) haben für den Kanton St. Gallen festgestellt, dass sich Ried und Moos nicht unbedingt in Bezug auf ihre einzelnen Eigenschaften unterscheiden (beide sind mit nassen, schlecht entwässerten Standorten verbunden), sondern vielmehr hinsichtlich ihrer landschaftlichen Lage. Im Vergleich zu Moos wird Ried häufiger für tiefer gelegene, f lachere Standorte in der Nähe des Talbodens verwendet und ist zudem generell feuchter. Kommentar: Das kontrastive Kartenbild zeigt eine komplementäre Verbreitung der beiden Namentypen. Moos-Namen sind über die gesamte Deutschschweiz verbreitet, mit einem deutlichen Schwerpunkt in der Region Bern-Mittelland (BE) und dem angrenzenden Emmental (BE; 30 Tokens). Ried -Namen treten häufiger in der westlichen Deutschschweiz (BL, Berner Oberland, FR) auf, während sie in der Innerschweiz - im Gegensatz zu Moos-Namen - vollständig fehlen. Konzentrationen bestehen insbesondere in Basel-Landschaft und im Kanton Freiburg. Beide Namengruppen zeigen z. T. die für HerkunftsN typische Neigung zur Bildung regionaler Namennester, etwa Breitenmoser im Toggenburg (SG) oder Grossrieder im Kanton Freiburg. Entsprechend ist bei diesen beiden FamN allenfalls eher von einem Herkunftsals von einem WohnstättenN auszugehen. Ein klarer Zusammenhang zwischen Namentyp und bestimmten topo- Karte 378: WohnstättenN zu Moos und Ried kontrastiv, vor 1800 3.3 Wohnstättennamen zu Uferlandschaften, Sümpfen und Sumpfpflanzen 807 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="808"?> graphischen Gegebenheiten, etwa f lachen Lagen gegenüber stärker geneigten Gebieten, lässt sich aus dem vorliegenden Verbreitungsmuster nicht ableiten. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Moser (13'103 Tokens), Rohrer (3'729 Tokens) und Rieder (2'515 Tokens). Der Namenauswahl der ersten Karte schliessen sich einzelne und daher nicht kartierte FamN an, die im weiteren Sinne ein Ufergelände bezeichnen: Griessen im Berner Oberland (BE) zu schwzdt. Griess ‘toponymisch: Geschiebe, angeschwemmte Schuttmasse; angespültes Land’; Isler im deutschsprachigen Prättigau (GR) zum FlurN Insel aus rätorom. i(n)sla ‘Insel; toponymisch auch am Fluss liegendes, meist unbebautes, mit Erlen bestocktes Ufergelände’; 14 Amstad in Nidwalden und Stadtmann im Kanton Zürich zu schwzdt. Stad ‘Ufer, Gestade’. Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA 4 (2013: 630-639) behandelt auf den Karten 280-283 WohnstättenN zu Moos wie Moser, Moos und Moosmann. Anknüpfungspunkte zum vorliegenden Artikel bieten auch die Karten 297-306 mit WohnstättenN zu Sumpfpf lanzen wie Rohrer oder Biesemann (DFA 4 2013: 670-691). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur BENB I/ 5 = Schneider, Thomas F. (Hrsg.) (2017): Ortsnamenbuch des Kantons Bern [Alter Kantonsteil]. I: Dokumentation und Deutung. Fünfter Teil: Q-Sch. Tübingen: Francke. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2025): STATPOP 2024. 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Linda Steiner, Esther Loosli 14 Für die restlichen Ortspunkte (AG; Aeschi bei Spiez BE; SH; TG; ZH) von Isler ist hingegen von einem FamN zu mhd. īsen ‘Eisen; verarbeitetes Eisen’ (für den Schmied, der Eisen bearbeitet, oder für den Eisenhändler) auszugehen (vgl. Artikel III-4.5 «Berufs(über)namen zur Metallverarbeitung»). 808 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="809"?> 3.4 Wohnstättennamen nach der Vegetation Schlagwörter: Hag, Holz, Laubbaum, Nadelbaum, Obstbaum, Strauch, Toponym, Wald Gegenstand und Fragestellung Der vorliegende Artikel setzt sich mit WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800» auseinander, die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 13.06.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») zur semantischen Kategorie der Vegetation zählen. Von Interesse ist hierbei die Frage, inwieweit die Pf lanzenwelt der Deutschschweiz im Familiennamenbestand fest geworden ist. Der Fokus liegt auf jenen WohnstättenN, die zu Laubbäumen (erste und zweite Karte) bzw. zu Obstbäumen im Spezifischen (dritte Karte), zu Nadelbäumen (vierte Karte) und zu Sträuchern resp. Gebüsch (sechste Karte) gebildet sind. Diese Namengruppen wurden ausgewählt, weil sie die grössten Subkategorien innerhalb der WohnstättenN nach der Vegetation darstellen. Ergänzend zu den ersten vier Karten bildet die fünfte Karte FamN mit Holz und Wald kontrastiv ab, während die siebte Karte in Ergänzung zur vorhergehenden sechsten Karte (Sträucher und Gebüsch) den häufigen WohnstättenN mit Hag (in der Bedeutung ‘grüne, lebendige Hecke’ u. ä.) gewidmet ist. WohnstättenN zu Sumpfpf lanzen wie Binz werden separat im Artikel III-3.3 «Wohnstättennamen zu Uferlandschaften, Sümpfen und Sumpfpf lanzen» behandelt. An dieser Stelle ist festzuhalten, dass bei der Namenauswahl für diesen Themenkomplex generell eher weite Selektionskriterien angewendet wurden. Zu bedenken bleibt bei den nachfolgenden Samples daher stets, dass (Be-)Deutungskonkurrenzen häufig nicht ausgeschlossen werden können: Im Folgenden werden - wie bei den anderen Artikeln zu WohnstättenN - auch FamN abgebildet, die mehreren Motivgruppen innerhalb der WohnstättenN (z. B. FamN Denner, s. vierte Karte) und/ oder mehreren Benennungsmotiven zugeordnet werden können. So stellt sich z. B. der FamN Hegner (SZ, ZH) entweder als WohnstättenN zu schwzdt. Hag ‘grüne, lebendige Hecke’ u. ä. bzw. zu einem Toponym derselben Grundlage (s. siebte Karte) oder aber als BerufsN zu schwzdt. Hag(e)ner ‘Angelfischer; Berufsfischer, der mit der Hegene(n) (einer speziellen Angel) fischt’. Insbesondere ist die Unterscheidung von Wohnstätten- und HerkunftsN zwar aus theoretischer und motivationsbezogener Sicht bedeutsam - WohnstättenN bezeichnen Ansässige, HerkunftsN Zugewanderte (vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») -, vielfach ist eine exakte Zuordnung jedoch nicht ohne Weiteres realisierbar (zur problematischen Abgrenzung dieser beiden Benennungsmotive s. Fleischer 1964: 133; Kunze 2004: 85, 87). Bspw. kommen für den häufigen FamN Walder sowohl Flurals auch SiedlungsN als Ausgangsorte infrage. Meist lässt sich ebenfalls nicht mehr eruieren, ob ein spezifischer WohnstättenN auf ein Toponym oder direkt auf ein ortsbezeichnendes Appellativ zurückgeht; für ein und dieselbe Namenform könnte auch beides zutreffen, wenn die Form zwei oder mehrmals unabhängig voneinander entstanden ist. 3.4 Wohnstättennamen nach der Vegetation 809 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="810"?> Erste und zweite Karte {379, 380}: Wohnstättennamen zu Laubbäumen Namenauswahl: Die ersten drei Karten umfassen WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 1 die auf ein Toponym resp. auf ein ortsbezeichnendes Appellativ zurückgehen, das einen (spezifischen) Laubbaum oder eine Ansammlung von Laubbäumen bezeichnet. 2 Mit insgesamt 85 Types und 501 Tokens erweisen sich die WohnstättenN zu Laubbäumen als die grösste Subkategorie innerhalb der hier behandelten Motivgruppe. Die FamN werden nach der zugrunde liegenden Laubbaumbezeichnung gruppiert. Sie lassen sich 15 verschiedenen Laubbäumen zuordnen, wobei die Buche, die Eiche, die Esche und die Linde am häufigsten in den Familiennamenbestand eingegangen sind. Diese WohnstättenN werden daher separat in der ersten Karte abgebildet. Die zweite Karte enthält die WohnstättenN zu allen weiteren Laubbäumen, mit Ausnahme der Obstbäume, die in der dritten Karte getrennt behandelt werden, um das Kartenbild nicht zu überladen. Für die heutige tatsächliche und statistisch modellierte potenzielle Verbreitung der Laubbäume vgl. die Online-Karten des Landesforstinventars (WSL 2025). 3 Abgefragte Namen Typ Buche: Buchegger, Buchenhorner, Bucher, Buchhofer, Büchi, Büchle, Büchli, Büchlin, Buchmann, Buchschacher, Buchwalder, Buholzer, Buschauer, Buschor, Hagenbuch, Hagenbucher, Hagenbüchli, Kressebuch, Zurbuchen. 19 Types, 158 Tokens. Typ Eiche: Eich, Eichelberger, Eichenberger, Eicher, Eichholzer, Eichi, Eichler, Eichlisberger, Eichmann, Eiholzer, Eyholzer, Ineichen, Zureich. 13 Types, 72 Tokens. Typ Esche: Aeschbach, Aeschbacher, Aeschi, Aeschimann, Aeschlimann, Aeschmann, Eschbach, Escher, Eschler, Eschmann, Imesch, Oesch, von Escher. 13 Types, 53 Tokens. Typ Linde: Lendenmann, Lindegger, Lindemann, Linden, Lindenberger, Lindenmann, Linder, Liniger, Zurlinden. 9 Types, 42 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 397: Daten zur ersten Karte {379} Abgefragte Namen Typ Ahorn: Ahorn, Anhorn, Imahorn. 5 Tokens. Typ Birke: Bircher, Birchler, Birkhofer, Birrer, Bürcher, Bürker. 6 Types, 31 Tokens. Typ Erle: Ehrler. 9 Tokens. Typ Espe: Asper. 1 Token. Typ Felbe: Fehlbaum, Felber. 21 Tokens. Typ Rüster: Rusterholz. 4 Tokens. Typ Salweide: Sallenbach. 4 Tokens. Typ Weide: Weidenmann, Widler, Widli, Widmann, Wiedemann, Wiedler, Wiedmann, Wyden, Wyder, Wydler. 10 Types, 37 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 398: Daten zur zweiten Karte {380} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namentypen (in alphabetischer Reihenfolge der zugrunde liegenden Laubbaumbezeichnungen) an. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Die FamN Ahorn, Anhorn und Imahorn stellen sich zu schwzdt. Ahorn, Anhorn u. ä. ‘Ahorn’ (aus ahd., mhd. ahorn). Imahorn enthält die Präposition-Artikel-Enklise im ‘in dem’. Bei Anhorn handelt es sich um eine in die Mundart eingedrungene hyperkorrekte Wortform mit n. 5 • Typ Birke: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Birch, Birche(n) u. ä. ‘Birke’ (aus ahd. birka, biricha, mhd. birke, birche). Der FamN Birrer (mit Schwerpunkt LU) zeigt lautgesetzlichen ch-Schwund, 6 während der Frikativ in Birkhofer und Bürker in verschriftsprachlichter Form erscheint. • Typ Buche: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Buech, Bueche(n), Bue(he) ‘Buche; Buchengehölz, Buchenwald’, auch ‘Wald überhaupt’ (aus ahd. buohha, mhd. buoche resp. mhd. buoch). Gemäss TNB 2.2 (2007: 104) bezieht sich Büchel in FlurN oft nicht auf die Buche im Allgemeinen, sondern auf die Buchnuss im Spezifischen. Bei Büchle, Büchli, Büchlin bestehen zudem semantische Überschneidungen mit FamN zu schwzdt. Büchel, Büel, Bühel u. ä. ‘kleine Erhebung’. 7 Bei Buschauer und Buschor liegt das Kompositum Buechschore ‘mit Buchen besetzter Erdbruch bzw. aufragender Geländekopf ’ zugrunde; Kressebuch ist als ‘Buchengehölz, wo es viel Kresse hat’ zu deuten (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 6000191). • Typ Eiche: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Eich, Eiche(n) ‘Eiche, Eichengehölz’ (aus ahd. eih, eihha, mhd. eich, eiche). Eine Verbindung von Eicher mit der Berufsbezeichnung mhd. īcher ‘Eichmeister, Visierer’, wie sie für nicht-alemannische FamN gelegentlich angenommen werden kann, ist für die Deutschschweiz aus lautlichen Gründen auszuschliessen. Zur Kulturgeschichte und zur medizinischen Verwendung der Eiche beachte man das LexMA (1977-1999: s. v. Eiche). • Der FamN Ehrler stellt sich zu schwzdt. Erle(n) ‘Erle’ (aus ahd. elira, erila, mhd. erle). Die Schreibung mit <h> ist gemäss Berchtold/ Graf (i. V.) umdeutend, weil sie einen Bezug zum Wort Ehre nahelegt. 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 2 Für FamN mit allgemeinerem Baum und Laub vgl. Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle». Sie wurden hier nicht eigens kartiert, da sie eher niederfrequent sind oder sich eher als HerkunftsN deuten lassen. 3 Man beachte zudem die Ausführungen im LexMA (1977-1999: s. v. Nadel- und Laubhölzer) für die Verhältnisse im mittelalterlichen Mitteleuropa. Generell zur historischen Entwicklung in der Schweiz vgl. das e-HLS (2024: s. v. Wald ) und zur vielfältigen Bedeutung von Bäumen für den Menschen vgl. Iodice (2004: 805-806). 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 5 Zur Präposition in vgl. Artikel II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in». Zur Tilgung von n in Deutschschweizer FamN vgl. Artikel I-2.1 «Nasalschwund». 6 Vgl. dazu die Angaben im Online-Portal familiennamen.ch (o. J.: s. v. Birrer): «1408 gab es bspw. einen Hans Bircher im luzernischen Willisau, 1607 einen Christian Bircher in der Stadt Luzern und 1627 einen Jakob Birher wiederum in Willisau». 7 Vgl. Artikel III-3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie». 810 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="811"?> Karte 379: WohnstättenN zur Buche, Eiche, Esche und Linde, vor 1800 Karte 380: WohnstättenN zu weiteren Laubbäumen, vor 1800 3.4 Wohnstättennamen nach der Vegetation 811 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="812"?> • Typ Esche: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Esch, Esche(n) ‘Esche’ (aus ahd. asc, asca, mhd. asch, esch, esche). Als konkurrierende Deutung können die FamN z. T. auch in Bezug zu schwzdt. Esch (aus ahd. ezzisc, mhd. ezzisch, ezesch, esch) stehen, welches Teil der Dreifelderwirtschaft ist. Der Begriff bezeichnet den Grund einer Dorfgemeinde, zu dem Wiesen und das eingezäunte, gewöhnlich vom Weiderecht ausgeschlossene Saatfeld gehören. 8 Für Aeschi kommt zudem eine Koseform zu einem Ruf N wie Ascwini, Ascarich o. ä. infrage. • Der FamN Asper stellt sich zu schwzdt. Asp(e), Espe(n) ‘Espe, Zitterpappel’ (aus ahd. aspa, mhd. aspe). • Der FamN Felber stellt sich zu schwzdt. Fëlwe(n), Fëlbe(n) u. ä. ‘Weide, Weidenstock, Salix alba, Pappel’ (aus ahd. fel(a)wa, felwo, mhd. vëlwe(r)). Die Variante Fehlbaum zeigt Erweiterung mit verdeutlichendem -baum, vgl. etwa auch Tannenbaum für ‘Tanne’. • Typ Linde: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Linde(n) ‘Linde’ (aus ahd. linta, mhd. linde, linte). Unter Linden wurden früher Gemeindeversammlungen, Landsgemeinden, aber auch Gerichtstage abgehalten (vgl. LexMA 1977-1999: s. v. Linde; e-HLS 2018: s. v. Gerichtswesen). • Das Erstglied des FamN Rusterholz stellt sich zu schwzdt. Ruester, Ruestere(n) ‘Ulme, Rüster’ (aus ahd. ruost, mhd. rust + er(e) -Suffix). Da diese Baumart «ein vorzügliches Wagnerholz liefert» (Id. 6 1881 ff.: Sp. 1558), mag man bei Rusterholz allenfalls auch an einen BerufsüberN für den Wagner denken. • Das Erstglied des FamN Sallenbach stellt sich zu schwzdt. Sa(a)le(n), Sa(a)lwīd, Sa(a)lwīde(n) ‘Salweide, Dotterweide’, auch ‘Weide überhaupt’ (aus ahd. salaha, salahwīda, mhd. salhe, salewīde). • Typ Weide: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Wīd, Wīde(n) ‘Weide im Allgemeinen, oft auch spezifische Weide wie Korb-, Silber- oder Salweide’ (aus ahd. wīda, mhd. wīde). Die Semantik von schwzdt. Wīd, Wīde(n) und schwzdt. Fëlwe(n), Fëlbe(n) ebenso wie schwzdt. Wīd, Wīde(n) und schwzdt. Salwīd, Salwīde(n) ist somit teilweise gleich. Die Aussprache mit monophthongischer Stammsilbe - auch bei Weidenmann, mundartlich «Widemaa» - unterscheidet die vorliegenden FamN von Weidmann, mundartlich «Wäipme» mit diphthongischer Stammsilbe (vgl. Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 172); letzterer Name stellen Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Weidmann) zu schwzdt. Weid, Weide(n) ‘Weide, Grasland, Futterplatz für Tiere’. 9 Für detailliertere Etymologien und weiterführende Angaben zu den ortsbezeichnenden Appellativa bzw. zu den Toponymen, die den hier kartierten WohnstättenN zugrunde liegen, sei auf das Id. (1881 ff.), das Online-Portal ortsnamen.ch (o. J.) und die regionalen Ortsnamenbücher der Schweiz wie das TNB 2 (2007) verwiesen. Die Auswahl enthält auch Komposita mit Bezeichnungen für einen Laubbaum als Bestimmungswort (z. B. Buchwalder, Lindenberger). Die kartierten FamN zeigen grösstenteils eines der vier dominanten Bildungsmuster von WohnstättenN: Zu den PräpositionsN gehören z. B. Zurbuchen, Imesch und Zurlinden, während etwa Ahorn, Eich und Fehlbaum endungslos sind. Das Sample umfasst zudem Ableitungen auf -er wie Ehrler und solche auf -mann wie Buchmann. 10 Die Präposition von markiert im FamN von Escher den adligen resp. patrizischen Status der Namenträger: innen. 11 Kommentar: Die erste und die zweite Karte zeigen, dass sich WohnstättenN zu (spezifischen) Laubbäumen mehrheitlich im Mittelland ballen, während Belege in (vor-)alpinen Regionen wie den Kantonen Nidwalden und Obwalden, dem Berner Oberland oder dem Wallis seltener sind. Weitläufige Vorkommen in verschiedenen Gebieten der Deutschschweiz zeigen der Typ Ahorn (AR, GR, VS), der Typ Birke (v. a. LU, AG, BE, VS), der Typ Buche (v. a. LU, ZH, TG, AG, BE), der Typ Eiche (v. a. LU, AG, SG), der Typ Linde (v. a. BE, LU) und der Typ Weide (v. a. ZH, TG). 12 Die FamN zur Esche verteilen sich mehrheitlich über die westliche Deutschschweiz, konkret von Basel- Landschaft über das bernische Emmental (hier insbesondere Aeschlimann, Aeschbacher) bis ins Wallis. Ein regional beschränktes Auftreten liegt bei Ehrler im Kanton Schwyz sowie Asper, Sallenbach und Rusterholz im Kanton Zürich vor. Der Typ Felbe ist vorwiegend im Grenzgebiet der Kantone Luzern, Bern und Solothurn alteingesessen. Wie bereits erwähnt, erreichen die FamN zu den Baumarten Buche, Eiche, Esche und Linde in der Schicht «vor 1800» die höchsten Tokenfrequenzen. Innerhalb dieser Vierergruppe sticht der erstgenannte Namentyp deutlich hervor: Mit 158 Tokens macht der Typ Buche rund ein Drittel aller Belegorte in den ersten zwei Karten aus. Das hohe Vorkommen im Familiennamenbestand entspricht der (historischen) Häufigkeit des Laubbaums im betreffenden Gebiet. 13 So hält das LexMA (1977-1999: s. v. Nadel- und Laubhölzer) fest, dass die Rotbuche auf der Basis pollenanalytischer Untersuchungen im frühen Mittelalter einen grossen Anteil an den Laubwäldern Mitteleuropas hatte. Auch heute zählt die Buche zu den häufigsten Laubbäumen der Schweiz, doch sie hat deutlich an Terrain verloren (vgl. WSL 2025). 8 Vgl. Artikel III-3.7 «Wohnstättennamen zu Kulturland» (erste Karte). 9 Vgl. Artikel III-3.7 «Wohnstättennamen zu Kulturland» (zweite Karte). 10 Vgl. die Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor», II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu», II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in», II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von», II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen» sowie II-2.7 «Familiennamen auf -mann». 11 Vgl. Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 12 Präzisierend sei Folgendes angemerkt: Der FamN Birrer tritt mehrheitlich als Cluster im Kanton Luzern in Erscheinung und ist basierend auf seiner Verbreitung dort wohl als HerkunftsN zum SiedlungsN Birr (AG) zu deuten. Der FamN Ineichen ballt sich stark rund um die luzernische Gemeinde Eich am Sempachersee und Eichelberger ist im Umkreis des Hofs Eichenberg (Lützelf lüh BE) belegt, was beides tendenziell eher für eine Einteilung als HerkunftsN spricht. Grundsätzlich sind aber häufig verschiedene mögliche Bezugspunkte auszumachen; bspw. handelt es sich bei Hagenbuch und Hagenbucher wahrscheinlich teils um WohnstättenN, teils um HerkunftsN zur Gemeinde Hagenbuch (ZH). 13 Diese spiegelt sich wiederum auch in ÖrtlichkeitsN wider: «Von allen Baumbezeichnungen ist der Name der Buche in den schweizerischen Toponymen die verbreiteste» (BSNB 2 2016: 169). 812 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="813"?> Dritte Karte {381}: Wohnstättennamen zu Obstbäumen Namenauswahl: Die dritte Karte gilt WohnstättenN zu Obstbäumen und komplettiert somit die zwei vorhergehenden Kartenbilder zu Laubbäumen. Die FamN werden nach der zugrunde liegenden Baumart gruppiert. Für die heutige tatsächliche und statistisch modellierte potenzielle Verbreitung der Obstbäume vgl. die Online-Karten des Landesforstinventars (WSL 2025). Abgefragte Namen WohnstättenN zum Apfelbaum: Affolter. 20 Tokens. WohnstättenN zum Birnbaum: Birbaum, Weissbaum. 8 Tokens. WohnstättenN zum Nussbaum: Nussbaum, Nussbaumer, Nussberger. 36 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 399: Daten zur dritten Karte {381} Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namentypen (in alphabetischer Reihenfolge der zugrunde liegenden Obstbäume) an. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Der FamN Affolter stellt sich zu ahd. affoltra, affaltar, mhd. apfalter, affalter ‘Apfelbaum’ und ist morphologisch vielleicht haplologisch gekürzt aus *Affolterer. Nach dem LexMA (1977-1999: s. v. Apfel ) spielte der Apfel im gesamten Mittelalter unter allen Obstarten die bedeutendste Rolle; daneben fanden Birnen, Zwetschgen und Kirschen allgemeine Verbreitung (LexMA 1977-1999: s. v. Obst und Gemüse). • Der FamN Birbaum stellt sich zu schwzdt. Birbaum, Bire(n)baum ‘Birnbaum’ (aus ahd. biraboum, piraboum, mhd. birboum). Beim FamN Weissbaum handelt es sich gemäss ortsnamen.ch (o. J.: Nr. 261066226) um eine Klammerform zum Appellativ bzw. Toponym Wis(s)birbaum (aus schwzdt. Wis(s)bire ‘Birnensorte mit weisslicher oder hellgelber Schale, eine spätreifende, kleinere Mostbirne’). • Die FamN Nussbaum und Nussbaumer stellen sich zu schwzdt. Nussbaum ‘Nussbaum, Walnussbaum’ (aus ahd. (h)nuzboum, mhd. nuzboum). Dem FamN Nussberger liegt das häufige Toponym Nussberg zugrunde, das Anhöhen mit Nussbaumbestand bezeichnet. Zum Obstbau in der (mittelalterlichen) Schweiz vgl. das e-HLS (2010: s. v. Obstbau); für Walnussbäume im Spezifischen beachte man den Eintrag im LexMA (1977-1999: s. v. Nüsse). Zu (Nutz-)Pf lanzen im Mittelalter s. die ausführliche Darstellung in Birkhan (2012). Für Karte 381: WohnstättenN zu Obstbäumen, vor 1800 3.4 Wohnstättennamen nach der Vegetation 813 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="814"?> Berufs(über)N zum Anbau von Obst wie Birmann oder Kriesi (‘Kirsche’) vgl. Artikel III-4.3 «Berufs(über)namen zur Landwirtschaft». Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass die ausgewählten FamN mehrheitlich nur ein regionales Vorkommen aufweisen: So tritt der FamN Affolter ausschliesslich im Bezirk Bern-Mittelland nahe der solothurnischen Kantonsgrenze auf und formt dort ein deutliches Namennest. 14 Die FamN zum Birnbaum clustern im Kanton Freiburg. Einzig die WohnstättenN zum Nussbaum erreichen eine überregionale Verbreitung, wobei sich die entsprechenden Belege schwerpunktmässig in den westlichen Kantonen der Deutschschweiz (BE, AG, SO) konzentrieren. Vierte Karte {382}: Wohnstättennamen zu Nadelbäumen Namenauswahl: Die vierte Karte rückt WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800» in den Fokus, die auf Bezeichnungen von (spezifischen) Nadelbäumen bzw. Ansammlungen von Nadelbäumen oder auf entsprechende Toponyme zurückgehen. Die FamN werden nach der zugrunde liegenden Nadelbaumart gruppiert. Für die heutige tatsächliche und statistisch modellierte potenzielle Verbreitung der Nadelbäume vgl. die Online-Karten des Landesforstinventars (WSL 2025). Abgefragte Namen WohnstättenN zur Eibe: ab Yberg, Ibach, Iberg, Zibach, Zybach. 8 Tokens. WohnstättenN zur Föhre: Dähler, Dällenbach, Dellenbach, Fiechter, Forer, Forrer, Tellenbach, Theler. 8 Types, 38 Tokens. WohnstättenN zur Lärche: Lerch, Lerchi. 12 Tokens. WohnstättenN zur Tanne: Beusch, Büsch, Dannacher, Denner, Dennler, Tanner, Tännler. 7 Types, 68 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 30-80, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 400: Daten zur vierten Karte {382} Detailangaben zur Namenauswahl: Ein Vergleich mit den ersten drei Karten offenbart, dass WohnstättenN zu Nadelbäumen mit insgesamt 22 Types und 126 Tokens seltener sind als solche zu Laubbäumen. Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namentypen (in alphabetischer Reihenfolge der zugrunde liegenden Nadelbäume) an. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Das Erstglied der FamN ab Yberg, Ibach, Iberg, Zibach und Zybach stellt sich zu schwzdt. Īw, Īwe(n), Ei(j)e(n) u. ä. ‘Eibe’ (aus ahd. īwa, Karte 382: WohnstättenN zu Nadelbäumen, vor 1800 14 Als Referenzorte kommen etwa Affoltern i. E. (BE) und Grossaffoltern (BE), aber auch verschiedene kleinere Örtlichkeiten infrage. 814 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="815"?> mhd. īwe, ībe). Bei Zibach und Zybach liegt eine Bildung mit agglutinierter Präposition mhd. ze ‘zu, an, bei’ für eine an einem solchen Ort bzw. Gewässer wohnhaften Person vor. 15 • Den FamN zur Föhre liegen drei verschiedene Lexeme zugrunde: Forer und Forrer stellen sich zu schwzdt. Forch, For(ch)e(n) u. ä. ‘Föhre, Kiefer’ (aus ahd. for(a)ha, mhd. vorhe), während der FamN Fiechter auf schwzdt. Fiechte(n), Füchte(n) ‘Föhre, Kiefer’ (aus ahd. fiuhta, fiohta, mhd. viehte) beruht. Dieses Lexem ist in den Mundarten v. a. in der Nordwestschweiz gebräuchlich. Die restlichen FamN der Gruppe gehören zu schwzdt. Tääl, Tääle(n) ‘Föhre, Kiefer’. Tääl, Tääle(n) ist v. a. in der westlichen Deutschschweiz verbreitet und wird als Lehnwort auf frankoprov. daille zurückgeführt (Id. 12 1881 ff.: Sp. 1398). 16 Der FamN Dähler (Appenzell AI; BE) ist in Appenzell (AI) allerdings anders zu deuten, 17 denn die Schreibung mit <äh> ref lektiert die mundartliche Aussprache von mhd. ei. Daher wurde der Kreis in Appenzell (AI) in der Karte ausgeblendet. • Die FamN Lerch und Lerchi stellen sich zu schwzdt. Lärch, Lerch, Lärche(n) u. ä. ‘Lärche’ (aus ahd. lerihha, mhd. larche, lerche). Alternativ ist als Etymon schwzdt. Lerch, Lerche(n) u. ä. ‘Lerche’ (aus ahd. lerih, lērihha, mhd. lerche, lērche) als ÜberN für einen sangesfrohen Menschen bzw. als BerufsüberN für einen Vogelfänger, Vogelhändler denkbar. • Die FamN zur Tanne stellen sich mehrheitlich zu schwzdt. Tann, Tanne(n) ‘Tanne, Nadelbaum im Allgemeinen; Tann, Nadelwald’ (aus ahd. tanna, mhd. tanne resp. ahd. tan-, mhd. tan). Für Denner und Dennler kommt daneben ein WohnstättenN zu schwzdt. Tenn ‘ebener Platz im Freien; Lauf-, Futtergang im Viehstall; Raum zum Einführen und Abladen von Heufudern’ infrage. 18 Die Namengruppe vervollständigen die zwei FamN Beusch und Büsch, denen bündnerdt. Büsch ‘struppiges Tännchen, junges Tännchen’ zugrunde liegt. Das Sample enthält auch Komposita mit Bezeichnungen für einen Nadelbaum als Bestimmungswort (z. B. Iberg, Tellenbach). Die Namenauswahl besteht vorwiegend aus endungslosen Formen und Suffigierungen mit -er. Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass sich WohnstättenN zu Bezeichnungen von Nadelbäumen oder zu entsprechenden Toponymen über mehrere Teilgebiete der Deutschschweiz erstrecken: Die Belege häufen sich im Westen in den Kantonen Bern, Luzern, Aargau und Basel-Landschaft sowie in der Nordostschweiz (v. a. SG, AR). Dagegen treten im Kartenbild u. a. grosse Teile der Innerschweiz, des Berner Oberlands, des Berner Seelands und des Wallis zurück. Die weitläufigste Verbreitung zeigen die FamN zur Tanne, die insbesondere in den Kantonen Bern, Luzern und Appenzell Ausserrhoden stark vertreten sind. Beusch tritt in Buchs (SG) und Grabs (SG) auf, Büsch in Davos (GR) und Maienfeld (GR), sodass von einem (dialektal begründeten) regional beschränkten Vorkommen gesprochen werden kann. Ebenfalls übereinstimmend mit der dialektalen resp. toponymischen Verbreitung ballen sich erstens Belege von Fiechter fast ausschliesslich in den Kantonen Bern und Basel-Landschaft (daneben 1 Token in Castiel GR), zweitens Dähler sowie Dällenbach, Dellenbach, Tellenbach im Kanton Bern (v. a. im Emmental) und drittens Theler (im Vergleich zu Dähler wohl mit geschlossenerer Aussprache) im Wallis. Die FamN zur Eibe weisen einerseits einen spezifischen Verbreitungsraum im Berner Oberland auf (hier Ibach, Zibach und Zybach), andererseits streuen sie (Iberg in Küttigen AG, ab Yberg in Schwyz SZ). Der FamN Lerch clustert im Grenzgebiet der Kantone Luzern, Bern, Aargau und Solothurn, während Lerchi in Flims (GR) alteingesessen ist. 15 Vgl. Artikel II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu». 16 Zur dialektalen Verbreitung von Fiechte(n), For(ch)e(n) und Tääl(e) vgl. den SDS VI (1988: Karte 128). 17 Er beruht nämlich wie der FamN Theiler auf schwzdt. teile(n) oder schwzdt. Teil als ÜberN für den Teilhaber oder Berechtigten z. B. an Gemeindegütern oder als BerufsN für denjenigen, der im Säumerwesen den einzelnen Säumern oder Saumkolonnen die Waren zuteilt. 18 Vgl. Artikel III-3.8 «Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen». 3.4 Wohnstättennamen nach der Vegetation 815 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="816"?> Fünfte Karte {383}: Wohnstätten- und Herkunftsnamen mit Holz und Wald Namenauswahl: Die fünfte Karte behandelt Wohnstätten- und HerkunftsN aus der Schicht «vor 1800», die auf schwzdt. Holz und schwzdt. Wald resp. auf Toponymen derselben Grundlage basieren. Berücksichtigt werden hier bewusst auch FamN wie Bellwalder (zur Gemeinde Bellwald VS), die Berchtold/ Graf (i. V.) eher als HerkunftsN auffassen, um ein vollständigeres Bild zu erhalten. Da die Lexeme Holz und Wald in «älterer Zeit gleichbedeutend» waren (FLNB I/ 5 1999: 572), interessiert die Verbreitung der daraus entstandenen FamN. Sie werden daher nach dem zugrunde liegenden Lexem in zwei Gruppen unterteilt und kontrastiv dargestellt. Das Sample umfasst auch Komposita mit Holz oder Wald als Bestimmungsbzw. Grundwort (z. B. Grossholz, Waldburg). Abgefragte Namen Typ Holz: Banholzer, Bannholzer, Bietenholz, Bruholz, Brunisholz, Brünisholz, Buholzer, Dürholz, Ehrliholzer, Eichholzer, Eiholzer, Eyholzer, Freiholz, Fürholz, Grossholz, Grunholzer, Holzach, Holzer, Hölzli, Holzmann, Imholz, Jungholz, Kestenholz, Kielholz, Kienholz, Mittelholzer, Oberholzer, Rusterholz, Scheinholzer, Schönholzer, Seeholzer, von Holzen. 32 Types, 114 Tokens. Typ Wald: Bellwald, Bellwalder, Braunwalder, Brennwald, Brennwalder, Buchwalder, Dauwalder, Doswald, Finsterwald, Grünenwald, Grünwald, Howald, Markwalder, Osterwald, Osterwalder, Schwarzwald, Taugwalder, von Waldkirch, Vonwald, Voramwald, Waldburg, Waldburger, Walde, Walden, Walder, Waldkirch, Waldmann, Waldner, Waldsburger, Waldspurger, Wetterwald, Wisswald, Zum Wald, Zumtaugwald, Zumwald, Zwald. 36 Types, 110 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 30-80, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 401: Daten zur fünften Karte {383} Detailangaben zur Namenauswahl: Die ausgewählten FamN enthalten ahd., mhd. holz ‘Wald, Gehölz, Holz’ resp. ahd. wald, mhd. wald, walt ‘Wald, Gehölz, Baumbestand’ oder stellen sich zu einem darauf basierenden Toponym. Wie der DFA 4 (2013: 693) festhält, wurde «mehrdeutiges ahd. holz […] seit dem 10./ 11. Jh. zugunsten von ahd. und altsächs. wald ‘Wald’ allmählich auf die Bedeutung ‘Holz’ eingeengt» (vgl. auch BSNB 2 2016: 368; s. jedoch DFA 4 2013: 710). Auch für das bernische Kantonsgebiet konstatiert das BENB I/ 2 (1987: Sp. 286) auf der Grundlage seines Belegmaterials, dass «Holz der ältere, Wald der jüngere Terminus» sei. 19 Karte 383: Wohnstätten- und HerkunftsN mit Holz und Wald, vor 1800 19 Vgl. auch für den Kanton Thurgau: Wald «ist als Flurname etwas jünger als Holz und auch nicht so weit verbreitet» (TNB 2.2 2007: 641). Für einen Vergleich von Wald - und Holz-Toponymen im Kanton St. Gallen s. Villette/ Purves (2020). 816 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="817"?> Die vorliegende Namenauswahl veranschaulicht die grundsätzliche Schwierigkeit, Wohnstätten- und HerkunftsN klar voneinander abzugrenzen (s. Abschnitt «Gegenstand und Fragestellung»). Die Karte enthält einerseits FamN, die sich leicht(er) einem der beiden Benennungsmotive zuordnen lassen: Bspw. fassen Berchtold/ Graf (i. V.) Banholzer und Bannholzer als WohnstättenN zu einem der häufigen FlurN Ban(n)holz auf (diese beziehen sich i. d. R. auf Waldgebiete, in denen das Holzschlagen nicht oder nur zu bestimmten Zeiten erlaubt ist). Im Unterschied dazu liegt beim FamN Brünisholz (Albligen, Wahlern BE; Alterswil, Essert, St. Ursen FR) mit seiner Variante Brunisholz (Freiburg, Praroman FR) sehr wahrscheinlich ein HerkunftsN zum gleichnamigen Toponym in der Gemeinde Bonnefontaine (FR) vor. Andererseits ordnen sich zwischen diesen beiden Polen weitere FamN ein; so etwa Schwarzwald, der sich als Herkunfts- oder aber als WohnstättenN zu einem Toponym Schwarzwald stellt, das nicht nur als Makrotoponym etwa in Baden-Württemberg (Deutschland) vorkommt, sondern auch mehrfach als FlurN in der Schweiz bezeugt ist (vgl. z. B. ortsnamen.ch o. J.: Nr. 4032475). Neben der Klassifizierung als Wohnstätten- oder HerkunftsN kommt für Holzer, Holzmann sowie Walder, Waldner eine Deutung als BerufsN ebenfalls infrage (zu mhd. holzer ‘Holzhauer, Zimmermann’ resp. zu mhd. waldenære ‘Waldaufseher’, schwzdt. Walder ‘Waldarbeiter, Holzfäller’). Der FamN Waldmann kann als WohnstättenN im Sinne von ‘Waldbewohner’, aber auch als BerufsN für einen Waldhüter oder als Patronym zum althochdeutschen Ruf N Waldman gedeutet werden. Insbesondere für Walde und Walden besteht ausserdem Deutungskonkurrenz zwischen einem WohnstättenN und einem Patronym zur althochdeutschen Kurzform Waldo. Für Brennwald ist schliesslich auch eine Deutung als SatzN im Sinne von ‘Brenn [den] Wald’ denkbar, der sich wohl als BerufsüberN auf eine Person bezieht, die mit Brandrodung betraut war. 20 Kommentar: Die fünfte Karte zeigt, dass FamN mit Holz resp. Wald in vielen Regionen der Deutschschweiz alteingesessen sind und sich ihre Verbreitungsgebiete überlappen. Appellativisches oder toponymisches Holz ist ungefähr gleich häufig in den Familiennamenbestand eingegangen wie Wald und tritt in den Kantonen Thurgau, Bern, Zürich, Luzern, Wallis und St. Gallen mit je mindestens 10 Tokens in Erscheinung. FamN mit Wald ballen sich insbesondere am Zürichsee, wobei die meisten Belege auf Walder fallen (21 von insgesamt 26 Tokens in ZH). 21 An zweiter Stelle folgt der Kanton Bern mit 20 Tokens, wo der FamN Howald (insgesamt 6 Tokens) im Oberaargau clustert. 20 Vgl. Artikel II-4.1 «Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen». 21 Allein für den Kanton Zürich kommen mindestens sieben Ortschaften mit dem Namen Wald als Ausgangsort infrage, darunter etwa die gleichnamige Gemeinde im Bezirk Hinwil. Wald ist jedoch auch als Flurnamentyp häufig, der ebenfalls im Familiennamenbestand der Deutschschweiz fest werden konnte. 3.4 Wohnstättennamen nach der Vegetation 817 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="818"?> Sechste Karte {384}: Wohnstättennamen zu Sträuchern und Gebüsch Namenauswahl: Die sechste Karte widmet sich WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800», die auf einem ortsbezeichnenden Appellativ in der Bedeutung ‘Strauch, Busch; Gesträuch, Gebüsch’ oder auf einem damit gebildeten Toponym beruhen. Berücksichtigt werden auch spezifische Arten von Sträuchern wie bspw. Brombeer- oder Haselsträucher. Die FamN werden nach dem zugrunde liegenden Lexem gruppiert. Die Gruppe «Sonstige» fasst vier Einzelfälle zusammen. Für die heutige tatsächliche und statistisch modellierte potenzielle Verbreitung von spezifischen Sträuchern vgl. die Online-Karten des Landesforstinventars (WSL 2025). Abgefragte Namen Typ Bosch: Böesch, Bosch, Bösch. 33 Tokens. Typ Buchs: Buchs, Buchser. 13 Tokens. Typ (Hage-)Dorn: Dorner, Hadorn, Hagedorn, Heckendorn, Heggendorn. 12 Tokens. Typ Hasel: Haselbach, Haslach, Haslemann, Hasler, Haslimann, Hassler, Imhasly. 7 Types, 41 Tokens. Typ Hurst: Horst, Hurst, Hürst. 5 Tokens. Typ Rīs: Reiser, Riser, Risser, Ryser. 22 Tokens. Typ Stūde: Staudacher, Staudenmann, Stauder, Steudler, Stouder, Stoudmann, Stüdeli, Studemann, Studer, Studhalter, Stüdi, Studiger, Studinger, Stüdle, Stüdli. 15 Types, 96 Tokens. Sonstige: Bromberger, Holler, Mischler, Schlee. 7 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 402: Daten zur sechsten Karte {384} Detailangaben zur Namenauswahl: FamN zu Sträuchern und Gebüsch lassen sich nicht strikt von FamN zu lebendigen Hecken bzw. Einfriedungen trennen; entsprechend sind die sechste und die siebte Karte im Verbund zu betrachten. Bspw. enthält das vorliegende Kartenbild FamN wie Hadorn und Hagedorn, die sich gemäss DFA 4 (2013: 791) oft «nicht auf die Wohnstätte bei einzelnen Weißdornsträuchern, sondern auf mit diesen gebildete Hecken bzw. entsprechend umfriedete Grundstücke beziehen» dürften (s. auch DFA 4 2013: 798). Die vier FamN mit Hag / Hecke als Bestimmungswort (Hadorn, Hagedorn, Heckendorn, Heggendorn) werden daher in der siebten Karte noch einmal abgebildet. Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namentypen (in alphabetischer Reihenfolge der zugrunde liegenden Lexeme) an. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: Karte 384: WohnstättenN zu Sträuchern und Gebüsch, vor 1800 818 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="819"?> • Die FamN Böesch, Bosch und Bösch stellen sich zu schwzdt. Bosch, Pösch u. ä. ‘Strauch, Busch, Gesträuch’ (aus ahd. busc, bosc, mhd. busch, bosch(e)). Die Form Böesch ref lektiert die für bestimmte Rheintaler Dialekte charakteristische diphthongische Zerdehnung des Stammsilbenvokals. • Die FamN Buchs und Buchser stellen sich zu schwzdt. Buchs ‘Buchs, Buchsbaum’ (aus ahd., mhd. buhs). • Typ (Hage-)Dorn: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Hage(n)dorn als Bezeichnung verschiedener Dornsträucher, u. a. ‘Weissdorn’, ‘Heckenrose’ oder ‘Brombeerstrauch’ (aus mhd. hage(n)dorn). Neben Komposita enthält diese Namengruppe auch den FamN Dorner zu schwzdt. Dorn, Dore(n) u. ä. ‘Dorn, Dornstrauch, Brombeerstrauch, Sanddorn’ (aus ahd. thorn, dorn, mhd. dorn). • Typ Hasel: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Hasle(n) ‘Haselstaude, Haselnussstrauch’ (aus ahd. hasal, hasala, mhd. hasel ). Die Hasel diente in früherer Zeit u. a. «als Lebens- und Wünschelrute, zum Schutz vor Schlangen, bösen Geistern, Hexen oder Gewitter, als Orakelpf lanze und erot. Fruchtbarkeitssymbol sowie zur sympathet. Krankheitsübertragung» (LexMA 1977-1999: s. v. Nüsse). • Die FamN Horst, Hurst und Hürst stellen sich zu schwzdt. Hurst, Hursch ‘Strauch, Busch, Hecke; auch Forst, Wald’ (aus ahd. hurst, horst, mhd. hurst). Die Form mit o-Vokalismus ist eine mundartliche Nebenform. • Typ Rīs: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Rīs ‘Gebüsch, Gesträuch; Zweig u. ä.’ (aus mhd. rīs). Daneben bestehen Anknüpfungspunkte zu schwzdt. Rīse(n), Rise(n) ‘(Schutt-)Halde, Schleifbahn, jäher Abhang, steile Rinne im Gebirge, Schneise’ (aus mhd. rīse, rise). • Typ Stūde: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Stūd, Stūde(n) ‘Staude, Strauch, Busch; auch Zweig, Rute, kleinere stenglige oder krautige Pf lanze’ (aus ahd. stūda, mhd. stūde). 22 • Sonstige: Die Gruppe umfasst die vier Einzelfälle Bromberger (mit dem Erstglied Bromzu schwzdt. Brom(e) ‘Dornbusch, Brombeerstrauch’ aus ahd. brāmo, brāma, mhd. brāme), Holler (zu schwzdt. Holder, Holler u. ä. ‘Holunder’ aus ahd. holuntar, hol(d)er, mhd. holunter, holunder), Mischler (zu schwzdt. Mistel, Mistle(n) ‘Mistel’ aus ahd. mistil, mhd. mistel ) und Schlee (zu schwzdt. Schlēhe, Schlēe u. ä. ‘Schlehe, Schwarzdorn’ aus ahd. slēha, mhd. slēhe). 23 In der Namenauswahl sind mit FamN wie Imhasly (mit Präposition- Artikel-Enklise), Bosch (endungslos), Riser (suffigiert mit -er) und Haslemann (suffigiert mit -mann) alle vier dominanten Bildungsmuster von WohnstättenN (s. erste und zweite Karte) vertreten. Ob Formen wie Stüdli erst im Zuge der Familiennamenbildung suffigiert wurden oder als diminuierte Appellativa bzw. Toponyme zu FamN wurden, kann nicht entschieden werden. 24 Kommentar: Die sechste Karte zeigt, dass die ausgewählten FamN überwiegend in mittelländischen Gebieten vorkommen, wo sie teils spezifische Verbreitungsräume aufweisen und teils streuen. Der Typ Bosch tritt einerseits im Kanton Luzern und andererseits in der Nordostschweiz (SG, TG) gehäuft in Erscheinung. Buchs erstreckt sich vom Verwaltungskreis Obersimmental-Saanen (BE) bis in den Kanton Freiburg, die nördlicheren Belege (Emmental BE, SO, AG) entfallen auf Buchser. Der Typ (Hage-)Dorn ist in der westlichen Deutschschweiz alteingesessen (BE, SO, BL), einzig Hagedorn in Volketswil (ZH) weicht geographisch davon ab. Auch der Typ Rīs ist westlastig (v. a. Emmental BE und Oberaargau BE) mit Einzelbelegen im Zürcher Oberland (hier Reiser). Während sich der Typ Hurst im bernischen Gantrischgebiet konzentriert, erreichen FamN zu Haselsträuchern eine weitläufige Verbreitung in der Deutschschweiz (mit Schwerpunkten in AG, BE, SG). Das Kartenbild wird jedoch noch stärker von FamN zu schwzdt. Stūd, Stūde(n) und dabei spezifisch vom FamN Studer geprägt. So fallen von den insgesamt 96 Tokens des Namentyps 69 auf Studer, der in der Schicht «vor 1800» (gemessen an der Anzahl Belegorte) auf dem 33. Platz rangiert und damit zu den häufigsten Schweizer FamN überhaupt zählt. 25 Die Mehrheit der Belege liegt in der Westhälfte der Deutschschweiz (v. a. BE, SO), doch auch in der Innerschweiz (v. a. LU) und in der Nordostschweiz (v. a. SG, TG, ZH) ist der Typ Stūde dokumentiert. Die Gruppe «Sonstige» zeigt folgende Verbreitung: Bromberger ist in Mellikon (AG), Holler in Zuzgen (AG), Mischler im Gantrischgebiet (BE) und Schlee in Beromünster (LU) alteingesessen. 22 FamN dieser Gruppe dominieren gemäss DFA 4 (2013: 785) «in der südl. Hälfte von D[eutschland], während die Typen Strauch, Struck in der nördl. Hälfte vorherrschen». Für die Deutschschweiz finden sich in der Schicht «vor 1800» die FamN Struch und Struchen, die jedoch als ÜberN zu schwzdt. strūch für eine Person mit auffälligen Zähnen oder zu schwzdt. strūche(n) für eine Person mit zänkischem, unzufriedenem Naturell gedeutet werden. Vgl. die Artikel III-5.2 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Körperteile und Gang» und III-5.4 «Übernamen nach Charakter und Verhalten: Aggressivität». 23 Holunder fand nicht nur in der Medizin, als Färbemittel oder in der Küche Verwendung, sondern spielte auch im Volksglauben eine bedeutende Rolle (LexMA 1977-1999: s. v. Holunder). Letzteres gilt ebenso für die Mistel (LexMA 1977-1999: s. v. Mistel ). 24 Vgl. Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven». 25 Die auf der historischen Datenschicht «vor 1800» basierenden Frequenzangaben zu den FamN sind allerdings nur bedingt als Frequenzen zu betrachten, vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 3.4 Wohnstättennamen nach der Vegetation 819 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="820"?> Siebte Karte {385}: Wohnstättennamen mit Hag Namenauswahl: Die siebte Karte enthält WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800», denen appellativisches oder toponymisches Hag zugrunde liegt. Abgefragte Namen Typ Hag, vor 1800: Haag, Hadorn, Haege, Haegler, Hagedorn, Hägeli, Hagemann, Hagen, Hagenbuch, Hagenbucher, Hagenbüchli, Hager, Häggi, Hagi, Hägi, Hagmann, Hagner, Hegg, Heggendorn, Heggi, Heggli, Hegglin, Hegi, Hegner, Lenggenhagen, Lenggenhager. 26 Types, 117 Tokens. Kreise 25-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 403: Daten zur siebten Karte {385} Detailangaben zur Namenauswahl: Das Sample umfasst WohnstättenN, die zu schwzdt. Hag ‘grüne, lebendige Hecke; Gebüsch, Dickicht’, später auch ‘künstlicher Zaun aus Pfählen und Stangen’ (aus ahd. hag, mhd. hac, hagen) oder zu einem darauf beruhenden Toponym gebildet sind. 26 Nach Auskunft des Online-Portals ortsnamen.ch (o. J.: Nr. 270003620) unterstreichen ÖrtlichkeitsN mit dem Element Hag «die bedeutende Rolle, die Lebhäge, Zäune und Umfriedungen im dörf lichen Alltag spielten», 27 was sich darin äussert, dass viele Fluren nach angrenzenden Lebhägen und Zäunen benannt worden sind. Auch im Familiennamenbestand ist Hag häufig fest geworden. Für FamN zu Zäunen, Einfriedungen u. ä. wie Inderbitzin, Scheier oder Zenzünen vgl. den Artikel III-3.7 «Wohnstättennamen zu Kulturland» (sechste Karte). In Übereinstimmung mit dem BENB I/ 2 (1987: Sp. 184) werden FamN mit Hegg «als Verhärtung zu den umgelauteten Hag -Namen gestellt», auch wenn vereinzelt eine Bildung zu nhd. Hecke ebenfalls möglich ist. Deutungskonkurrenzen bestehen bspw. bei Hagen, Hägeli, Hägi und Heggli, die auch Patronyme zum germanischen Ruf N Hago darstellen können. Für eine konkurrenzierende Deutung von Hegner vgl. den Abschnitt «Gegenstand und Fragestellung» (BerufsN zu schwzdt. Hag(e)ner ‘Angelfischer; Berufsfischer’). Kommentar: Die siebte Karte zeigt, dass FamN mit Hag insbesondere in der Nordostschweiz mit Ballungen in den Kantonen St. Gallen, Thurgau und Zürich verbreitet sind. Daneben erstrecken sich die Karte 385: WohnstättenN mit Hag, vor 1800 26 Für den dialektalen Gebrauch von Hag als Synonym von Zaun vgl. den KSDS (2025: 186-187). 27 So handelt es sich bei Einfriedungen um «ein wesentliches Element der historischen Landnutzung und -verteilung»; der Hag «ist sowohl symbolisches Grenzzeichen als auch praktisches Hindernis, das den Zugang v. a. von Vieh, aber auch Menschen erschwert» (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 4015475). 820 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="821"?> Belege jedoch auch über die Innerschweiz (v. a. LU) und die westliche Deutschschweiz (v. a. BE, AG, SO). Mehr als 10 Tokens erreichen die FamN Haag, Hagmann und Hager, wobei letzterer im Unterschied zu Haag und Hagmann nicht nur in der Nordostschweiz, sondern auch im Berner Oberland vermehrt auftritt. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Bucher (10'554 Tokens), Studer (9'947 Tokens) und Tanner (5'816 Tokens). Sie zählen zu den häufigsten FamN der Deutschschweiz - im Jahr 2022 belegen sie Rang 21, 26 und 69 (BFS 2023: STATPOP 2022). Die fünfte Karte zu Wohnstätten- und HerkunftsN mit Holz und Wald liesse sich mit dem Namentyp Hard ‘Wald, Gemeintrift, Viehweide (im Wald)’ (aus ahd. hard, hart, mhd. hart) erweitern: In der Schicht «vor 1800» kommen die 13 FamN Brulhart, Brülhart, Brüllhardt, Hard, Harder, Hertner, Langhard, Langhart, Stillhard, Stillhart und Uebelhard, Uebelhardt, Uebelhart mit insgesamt 30 Tokens vor. 28 Die FamN zu Hard breiten sich tendenziell in einem nördlichen Gebiet aus, dass sich von Welschenrohr (SO) im Westen bis nach Dozwil (TG) im Osten erstreckt. Ein zweites, konzentrierteres Verbreitungsgebiet ist auf die Namen Brulhart und Brülhart zurückzuführen, die im Kanton Freiburg alteingesessen sind. Die dritte Variante Brüllhardt tritt in Albligen (BE) und damit direkt an der bernisch-freiburgischen Kantonsgrenze auf. In der Schicht «vor 1800» finden sich weitere FamN, die der Motivgruppe der Vegetation zugeordnet werden können; so bspw. Laub / Loob und Lauber zu schwzdt. Laub (‘Laub’), Miesch zu schwzdt. Miesch (‘Flechtenart, Moos’), Kleeli und Kleemann zu schwzdt. Chlē (‘Klee, Wiesenklee’), Distel und Disteli zu schwzdt. Distel (‘Distel, distelartige Pf lanze’), Rohner/ Roner / Ronner zu schwzdt. Ron, Rone(n) (‘umgefallener, abgehauener Baumstamm’, jünger auch ‘Baumstrunk, Holzklotz’) oder Würzer zu schwzdt. Würze (‘Pf lanze, Kraut; Wurzel’). Da es sich tendenziell um niederfrequente WohnstättenN und/ oder Einzelfälle handelt, wurde auf eine Kartierung verzichtet. Explizit seien hier auch die sieben FamN Baumeler, Baumer, Bäumler, Baumli, Bäumli, Bäumlin und Bommer (insgesamt 34 Tokens) genannt, die sich auf schwzdt. Baum, Bom, Bum ‘Baum’, früher oft ‘Obstbaum’ (aus ahd., mhd. boum) oder auf ein Toponym derselben Grundlage zurückführen lassen. 29 Innerhalb dieser Namengruppe überwiegen Baumer und Bommer mit jeweils 10 Ortspunkten, wobei gerade letzterer FamN gestützt auf seine kleinräumige Verbreitung rund um den Ortsteil Bommen (TG) eher als HerkunftsN zu deuten ist. Auch Baumeler (6 Tokens) zeigt eine auffällige kleinräumige Verbreitung im Wahlkreis Entlebuch (LU), was tendenziell für einen HerkunftsN spricht. Im Unterschied dazu streut Baumer über die Deutschschweiz; Bäumler, Baumli, Bäumli und Bäumlin sind vor 1800 jeweils nur vereinzelt (maximal 3 Tokens) im Mittelland dokumentiert. Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 4 (2013: 692-807) werden WohnstättenN nach der Vegetation hauptsächlich im Kapitel «Baum- und Buschbestände» behandelt. Auf den Karten 307-316 stehen FamN zu Wäldern wie Holzer oder Waldner im Fokus (DFA 4 2013: 692-711). Danach folgen WohnstättenN wie Lohmann oder Komposita mit dem Endglied -loch(er), die auf ein Gehölz zurückgehen (DFA 4 2013: 712-731) und die für den Deutschschweizer Raum zahlenmässig nicht relevant sind (vor 1800 nur mehrdeutiges Loher sowie Eisenlohr mit unsicherer Deutung). Wie im vorliegenden Kartenkomplex bilden die FamN zu Laubbäumen in Deutschland eine umfangreiche und vielfältige Motivgruppe; vgl. dazu die Karten 324-338 mit FamN wie Erler, Birkmann, Eschenbacher, Fälber oder Kirschbaum (DFA 4 2013: 732-763). FamN zur Linde, zur Buche, zur Eiche, zum Holder und zur Weichsel finden in Karten zu phonologischen, graphematischen oder morphologischen Phänomenen Beachtung (vgl. Verweise im DFA 4 2013: 733). Anknüpfungspunkte zum vorliegenden Artikel bieten zudem die Karten 339-343 mit WohnstättenN zu Nadelbäumen wie Fichtner oder Thanner (DFA 4 2013: 764-777), die Karten 344-348 mit WohnstättenN zu Gesträuch wie Horst oder Staudt (DFA 4 2013: 778-789) und schliesslich die Karten 115-125 sowie 349-355 mit FamN zu Hecken und eingehegtem Land wie Haag, Hagen, Hegemann oder Heck (DFA 4 2013: 268-287, 790-807). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur BENB I/ 2 = Zinsli, Paul/ Glatthard, Peter (Hrsg.) (1987): Ortsnamenbuch des Kantons Bern [Alter Kantonsteil]. I: Dokumentation und Deutung. Zweiter Teil: G-K/ CH. Bern: Francke. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2023): STATPOP 2022. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Kanton und nach Sprachregion für das Jahr 2022. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 26925057 (letzter Zugriff 13.06.2025). Birkhan, Helmut (2012): Pflanzen im Mittelalter. Eine Kulturgeschichte. Wien, Köln, Weimar: Böhlau. BSNB 2 = Mischke, Jürgen/ Siegfried, Inga (Hrsg.) (2016): Die Ortsnamen von Basel (Namenbuch Basel-Stadt 2). Basel: Merian. 28 Uebelhard, Uebelhardt und Uebelhart benennen wohl ein (Wald-)Gelände mit schlechter Bodenbeschaffenheit (vgl. Artikel III-3.5 «Wohnstättennamen nach der Bodenbeschaffenheit»). Daneben kommt auch eine Deutung als Patronym zum althochdeutschen Ruf N Ubelhart infrage. 29 Denkbar ist teilweise auch ein Zusammenhang mit schwzdt. Baumer ‘Sargschreiner’ (Id. 4 1881 ff.: Sp. 1251). 3.4 Wohnstättennamen nach der Vegetation 821 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="822"?> DFA 4 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2013): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 4: Familiennamen nach Herkunft und Wohnstätte. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Della Casa, Philippe/ Irniger, Margrit/ Schuler, Anton (2024): Wald. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 007849/ 2024-10-08/ (letzter Zugriff 13.06.2025). e-HLS = Dubler, Anne-Marie (2018): Gerichtswesen. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 009634/ 2018-01-11/ (letzter Zugriff 13.06.2025). e-HLS = Schumacher, Robert (2010): Obstbau. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 013938/ 2010-05-04/ (letzter Zugriff 13.06.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. 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Wissen zum Schweizer Wald einschliesslich Karten zu Bäumen und Sträuchern, zum Waldmischungsgrad und zur Vegetationshöhe. https: / / www.lfi.ch/ de (letzter Zugriff 13.06.2025). Esther Loosli 822 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="823"?> 3.5 Wohnstättennamen nach der Bodenbeschaffenheit Schlagwörter: lehmig, sandig, steinig, Toponym Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel gilt FamN aus der Schicht «vor 1800», die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 13.08.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») motivisch zur Bodenbeschaffenheit gebildet sind. Hierbei interessiert, mit welcher räumlichen Verbreitung und Frequenz entsprechende Appellativa wie bspw. schwzdt. Sand (‘Sand, sandiger Erdboden’) oder darauf basierende Toponyme in der Deutschschweiz zu WohnstättenN fest geworden sind. Festzuhalten ist an dieser Stelle, dass sich manche der im Folgenden aufgeführten FamN auch als HerkunftsN interpretieren lassen. Die Unterscheidung von Wohnstätten- und HerkunftsN ist aus theoretischer und motivationsbezogener Sicht bedeutsam - WohnstättenN bezeichnen Ansässige, HerkunftsN Zugewanderte (vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») -, vielfach ist eine exakte Zuordnung jedoch nicht ohne Weiteres realisierbar (Fleischer 1964: 133; Kunze 2004: 85, 87). So kann sich z. B. Steiner entweder als WohnstättenN zu einem FlurN Stein(en) oder aber als HerkunftsN zu Stein am Rhein bzw. einem ähnlichen SiedlungsN stellen. Ebenso muss die Frage, ob die kartierten WohnstättenN auf ein entsprechendes Toponym oder direkt auf ein Appellativ zurückgehen, im vorliegenden Artikel offenbleiben; für ein und dieselbe Namenform könnte auch beides zutreffen, wenn die Form zwei oder mehrmals unabhängig voneinander entstanden ist. Ferner bestehen teilweise Überschneidungen zu BerufsN; bspw. kann der FamN Steinmann sowohl auf die Wohnstätte einer Person als auch auf den Beruf des Steinmetz Bezug nehmen. Die erste Karte widmet sich WohnstättenN, die auf Appellativa für lehmigen oder sandigen Grund resp. auf entsprechenden FlurN basieren. Die zweite Karte nimmt die umfangreichere Namengruppe zu steinigem Grund in den Blick, wobei für einen Teil der Namenauswahl auch ein einzelner, prägnanter Stein o. ä. namengebend gewesen sein könnte (s. u.). Die dritte Karte bildet WohnstättenN zu dürrem, unfruchtbarem oder magerem Grund ab. FamN zu Grasland, zu feuchtem, sumpfigen Grund u. ä. werden nicht hier, sondern in den Artikeln III-3.7 «Wohnstättennamen zu Kulturland» und III- 3.3 «Wohnstättennamen zu Uferlandschaften, Sümpfen und Sumpfpf lanzen» behandelt. 3.5 Wohnstättennamen nach der Bodenbeschaffenheit 823 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="824"?> Erste Karte {386}: Wohnstättennamen zu lehmigem und sandigem Grund Namenauswahl: Die erste Karte thematisiert WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 1 die eine appellativische Bezeichnung für lehmigen oder sandigen Grund resp. ein daraus hervorgegangenes Toponym enthalten. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ Lehm: Laim, Laimbacher, Lei, Leibacher, Leimbacher, Leimer, Leimgruber, Limacher. 8 Types, 22 Tokens. Typ Lett: Lätt, Letter. 2 Tokens. Typ Sand: Imsand, Santmann, Untersander. 5 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 404: Daten zur ersten Karte {386} Detailangaben zur Namenauswahl: 2 Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namen an. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Typ Lehm: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Leim, Lei(n) ‘Lehm, Ort mit lehmigem Grund’ (aus ahd. leim, leimo, mhd. leim(e)). Gemäss ortsnamen.ch (o. J.: Nr. 8009190) wurde mit Leim «i. d. R. der feine, zum Töpfern geeignete Ton bezeichnet, im Unterschied zum gröberen, nur für Ziegel verwendbaren Lätt». Bei Laimbacher, Leibacher und Leimbacher handelt es sich um WohnstättenN oder allenfalls um HerkunftsN zu einem der häufigen GewässerN und davon abhängigen (sekundären) SiedlungsN, die auf den Typus Leimbach ‘Bach in lehmigem Gelände’, auch ‘Schlamm, Schmutz führender Bach’ zurückgehen. 3 Dem Kompositum Leimgruber liegt schwzdt. Lei(m)grueb ‘Lehmgrube’ zugrunde, eine Abbaustelle für Lehm, der zu den wichtigsten und grundlegendsten Materialien im Bauwesen der vorindustriellen Zeit (z. B. für die Herstellung von Ziegeln und Töpferwaren) zählt (s. ausführlicher LexMA 1977- 1999: s. v. Lehm). Der FamN Leimer kann sich sowohl als WohnstättenN auf einen FlurN Leim als auch als BerufsN auf die Berufsbezeichnung für den Hersteller von Ton beziehen. Karte 386: WohnstättenN zu lehmigem und sandigem Grund, vor 1800 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 3 Für das Kompositum Limacher vgl. Artikel III-3.7 «Wohnstättennamen zu Kulturland». 824 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="825"?> • Die FamN Lätt und Letter stellen sich zu schwzdt. Lëtt, Lëtte(n) ‘fette Tonerde, tonartiger Mergel, Lehm, mergelartiger Sand, Schlamm’ (aus ahd. letto, mhd. lette). • Typ Sand: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Sand ‘Sand, sandiger oder sandsteinhaltiger Boden’ (aus ahd., mhd. sant). Der WohnstättenN Untersander lässt sich auf einen FlurN Untersand zurückführen, der den tiefer gelegenen Teil eines sandigen oder sandsteinhaltigen Bodens benennt; der FamN kann aber auch als relative Angabe zu einem FlurN Sand entstanden sein, der sehr häufig in der Schweiz belegt ist. Für detailliertere Etymologien und weiterführende Angaben zu den ortsbezeichnenden Appellativa bzw. zu den Toponymen, die den hier kartierten WohnstättenN zugrunde liegen, sei auf das Id. (1881 ff.), das Online-Portal ortsnamen.ch (o. J.) und die regionalen Ortsnamenbücher der Schweiz wie das TNB 2 (2007) verwiesen. Alle kartierten FamN zeigen eines der vier dominanten Bildungsmuster von WohnstättenN: Zu den PräpositionsN gehört Imsand, während u. a. Lei und Lätt endungslos sind. Das Sample umfasst zudem Ableitungen auf -er wie Leimgruber und ein Derivat mit -mann (Santmann). 4 Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass WohnstättenN zu lehmigem oder sandigem Boden insgesamt niederfrequent sind. Der Typ Lehm tritt besonders im luzernischen Wahlkreis Entlebuch in Erscheinung, was auf ein Cluster des FamN Limacher zurückzuführen ist. Auch in den Kantonen Aargau und Zürich lassen sich mehrere Belege ausmachen. Die restlichen Vorkommen sind als Streubelege einzuordnen (je einmal in GR, SG, SH, SO, SZ). Lätt ist einmalig in Mühlendorf (SO), Letter in Oberägeri (ZG) alteingesessen. Die Ortspunkte im Kanton Wallis sind alle dem FamN Imsand zuzuschreiben, während Santmann in Schönenwerd (ZH) und Untersander in Alt St. Johann (SG) vorkommen. Zweite Karte {387}: Wohnstättennamen zu steinigem Grund Namenauswahl: Die zweite Karte umfasst einerseits WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800», die appellativisches oder toponymisches Stein enthalten. FamN zu Stein sind oft mehrdeutig (s. u.), sodass neben einem Bezug auf steinigen Grund auch andere (Be-)Deutungen in Betracht gezogen werden müssen. Andererseits sind als zweite Gruppe auch FamN abgebildet, die sich zu einem anderen Etymon stellen, das aber ebenfalls auf steinigen Grund o. ä. referiert. Karte 387: WohnstättenN zu steinigem Grund, vor 1800 4 Vgl. die Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor», II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu», II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in», II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von», II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen» und II-2.7 «Familiennamen auf -mann». 3.5 Wohnstättennamen nach der Bodenbeschaffenheit 825 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="826"?> Abgefragte Namen Typ Stein: Agenstein, Amstein, Boeschenstein, Böschenstein, Breitenstein, Fleckenstein, Holenstein, Hollenstein, Kürsteiner, Rechsteiner, Steimann, Steimer, Stein, Steinach, Steinacher, Steinauer, Steinbacher, Steinegger, Steinemann, Steiner, Steingruber, Steinlin, Steinmann, Steinmen, Zumstein. 25 Types, 243 Tokens. Sonstige: Eisenlohr, Kieser, Kiser, Löhrer. 6 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 405: Daten zur zweiten Karte {387} Detailangaben zur Namenauswahl: In der etymologischen Datenbank (Stand 13.08.2025) ergibt die Suche nach Stei(n) / stei(n) u. ä. in der Schicht «vor 1800» 69 Treffer. Von den 56 etymologisierten, autochthonen Fällen gehören nach Berchtold/ Graf (i. V.) 49 FamN den Wohnstättenund/ oder HerkunftsN an, wobei es sich mehrheitlich um Komposita mit der Struktur «X-stein» handelt (z. B. Breitenstein, Fleckenstein, Hollenstein). Während gewisse FamN wie Biberstein, Blumenstein, Hertenstein oder Richenstein einen Bezug zu einer gleichnamigen Burg(anlage) bzw. Burgruine nahelegen, können sich die restlichen FamN zu schwzdt. Stei(n) (aus ahd., mhd. stein) meist «auf verschiedene Dinge beziehen: auf steinigen oder geröllhaltigen Boden, auf felsiges Gebiet, einzelne Findlinge oder Felsblöcke, besonders aber auch auf Grenz- und Gerichtssteine und andere von Hand gesetzte oder bearbeitete Steine (z. B. Mühlsteine)» (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 4025581). An dieser Stelle ist daher hervorzuheben, dass sich die hier interessierenden Namen nach der Bodenbeschaffenheit nicht klar von anderen Stein-Namen (zu Burgen, zu von Hand gesetzten Steinen usw.) abgrenzen lassen; die vorliegende Auswahl ist daher als approximativ zu verstehen. 5 Weil sich gerade die Unterscheidung zwischen ‘steinigem Grund’ und ‘Felsblock’ z. T. schwer vornehmen lässt, wird darauf verzichtet, die FamN motivisch auseinanderzuklauben. Stattdessen finden hier auch FamN wie Fleckenstein Beachtung, der sich auf einen ÖrtlichkeitsN Fleckenstein für einen «gef leckten, moos- und algenbewachsenen erratischen Block» beziehen dürfte (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 62). Darüber hinaus besteht bei den ausgewählten FamN z. T. Bedeutungskonkurrenz zu Patronymen und BerufsN (vgl. DFA 1 2009: 331), so bspw. bei den FamN Steimer (vgl. Ruf N Steinmar), Steinlin oder Steinmann (vgl. mhd. steinman ‘Steinmetz’). Zu den nicht-zusammengesetzten Formen der ersten Namengruppe zählen simplizisches Stein, die beiden PräpositionsN Amstein und Zumstein, Steinlin mit l-Diminutiv, der hochfrequente FamN Steiner (vor 1800 an 118 Belegorten) 6 und seine Variante Steimer mit er-Suffix sowie die mann-Ableitungen Steinemann, Steinmann, Steinmen, Steimann. Zu den Komposita gehören u. a. Agenstein (‘Gelände mit Bernstein, Magnetstein (und anderen Mineralien)’), Boeschenstein und Böschenstein (‘unebenes, schlecht gepf legtes steiniges Gelände’) oder Rechsteiner (‘felsiges, steiniges Gebiet bei einem Grenzstein oder Findling, wo man Rehe antrifft’). Die zweite, kleinere Namengruppe beinhaltet einerseits die FamN Eisenlohr und Löhrer zu schwzdt. Lōre(n), Löre(n) ‘mit Steinen erfülltes oder verschüttetes Gelände, steiniges Land; Haufen zusammengelesener Steine’, welches wiederum wohl auf das vorromanische Lexem *lawara, *lawira ‘Steinplatte, Steinhaufen’ zurückgeht (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 261042717). Andererseits wurden auch die beiden FamN Kieser und Kiser aufgenommen, die sich zu schwzdt. Chis ‘Kies, kiesiger Boden’ (aus mhd. kis) stellen. Daneben kommt auch die Deutung als BerufsN zu mhd. kieser für einen amtlich bestellten Prüfer (etwa von Geld oder Getränken) o. ä. infrage. Kommentar: Die zweite Karte zeigt ein ausgedehntes Vorkommen des Typs Stein, der sich beinahe über das gesamte Gebiet der Deutschschweiz erstreckt. Rund die Hälfte aller Tokens entfallen auf den FamN Steiner, der in zwölf Kantonen bezeugt ist und insbesondere einen Schwerpunkt im bernisch-luzernischen Grenzgebiet (Verwaltungskreise Emmental und Oberaargau BE, Wahlkreis Willisau LU) mit Ausläufern bis in den Kanton Aargau aufweist. Eine Frequenz von über 10 Tokens erreichen ansonsten nur die FamN Steinmann (30 Tokens) mit weitläufiger Verbreitung, Rechsteiner (14 Tokens) mit Schwerpunkt in der Nordostschweiz (SG, AR) und Zumstein (11 Tokens) mit mehreren Clustern im Kanton Bern. Die Namengruppe «Sonstige» ist insgesamt niederfrequent: Kieser ist in den Aargauer Gemeinden Aarau und Lenzburg alteingesessen, die Variante Kiser hingegen in Sarnen (OW). Der FamN Eisenlohr tritt einmalig in Niederbüren (SG) in Erscheinung, unweit davon kommt Löhrer in Niederhelfenschwil (SG) und Waldkirch (SG) vor. 5 Ausgeschlossen wurden die FamN Mühlestein und Müllestein (‘Mahlstein’) sowie Markstein (‘Grenzstein’). Für Steinhauser und Steinhäuslin vgl. Artikel III- 3.8 «Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen», für Steinbrunner vgl. Artikel III-3.2 «Wohnstättennamen nach Gewässern und wasserbaulichen Anlagen». Auch FamN wie Helfenstein, Rauchenstein / Ruchenstein oder Thierstein, die auf BurgN zurückgehen, werden hier nicht behandelt; vgl. dazu den Artikel III-3.9 «Wohnstättennamen zu Häusernamen», in dem auch die beiden WohnstättenN Eckenstein und Eggstein (zu einem gleichlautenden HäuserN) thematisiert werden. FamN zu Geröllhalden, Steinlawinen o. ä. (z. B. Lowiner, Zen-Ruffinen) werden im Artikel III-3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie» besprochen. 6 Damit erreicht Steiner in der Rangliste der FamN mit den meisten Belegorten nach Müller (431 Tokens), Meier (300 Tokens), Schmid (273 Tokens), Keller (225 Tokens), Huber (208 Tokens), Meyer (181 Tokens), Weber (176 Tokens), Brunner (146 Tokens), Baumann (138 Tokens), Frei (131 Tokens) und Schneider (128 Tokens) den zwölften Platz. Die auf der historischen Datenschicht «vor 1800» basierenden Frequenzangaben zu den FamN sind allerdings nur bedingt als Frequenzen zu betrachten, vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 826 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="827"?> Dritte Karte {388}: Wohnstättennamen zu dürrem, unfruchtbarem oder magerem Grund Namenauswahl: Die dritte Karte enthält WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800», die motivisch auf dürren, unfruchtbaren oder mageren Grund zurückzuführen sind. Es handelt sich dabei mehrheitlich um Komposita mit dem Bestandteil dürr. Die Gruppe «Sonstige» fasst sieben verschiedene Familiennamentypes zusammen. Abgefragte Namen Typ dürr: Dürholz, Dürmüller, Dürrenberger, Dürrenmatt. 10 Tokens. Sonstige: Dürsteler, Hungerbühler, Salchli, Uebelhard, Uebelhardt, Uebelhart, Unternährer. 7 Types, 25 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 406: Daten zur dritten Karte {388} Detailangaben zur Namenauswahl: Die erste Namengruppe umfasst ausschliesslich zusammengesetzte FamN mit dürr als Erstglied: 7 Dürholz (‘dürrer, schlechter Wald’), Dürmüller (wohl zu Dürrenmüli ‘Mühle in trockenem Gelände oder an einem schnell austrocknenden Gewässer’), Dürrenberger (zu Dürrenberg ‘trockene Geländeerhebung’) und Dürrenmatt (‘dürre, trockene Wiese’). Die zweite Namengruppe enthält einerseits die drei Varianten Uebelhard, Uebelhardt, Uebelhart, die wohl ein Gelände mit schlechter Bodenbeschaffenheit benennen. 8 Andererseits werden auch die Namen Dürsteler (zu Dürstelen ‘trockenes Gelände’), Hungerbühler (zu Hungerbühl ‘Anhöhe mit unfruchtbarem Boden bzw. kargem Bewuchs’), Salchli (‘magerer, noch nie aufgebrochener Boden; sumpfige, aus Ton bestehende Wiese’) und Unternährer (‘Land, das einen geringen Ertrag abwirft’, auch ‘tief gelegenes Weideland’) abgebildet. Kommentar: Die dritte Karte zeigt ein insgesamt geringes Vorkommen der ausgewählten FamN. Der Typ dürr ist in vier Kantonen bezeugt, wobei jeder FamN ein eigenes Verbreitungsgebiet aufweist: Dürholz tritt in der Stadt Solothurn (SO) in Erscheinung, Dürmüller im Wahlkreis St. Gallen (SG), Dürrenberger im Kanton Basel-Landschaft und Dürrenmatt im Bezirk Bern-Mittelland (BE). Die höchste Tokenfrequenz erreichen die FamN Unternährer und Hungerbühler, die für den Kanton Luzern bzw. den Thurgau charakteristisch sind und jeweils ein Namennest formen. Auch die anderen FamN der Karte 388: WohnstättenN zu dürrem, unfruchtbarem oder magerem Grund, vor 1800 7 Die FamN Dirren, Dür, Dürr, Thür und Thürr stellen sich zwar ebenfalls zu ahd. thurri, mhd. dürre, durre ‘dürr, verdorrt, ausgetrocknet’, werden von Berchtold/ Graf (i. V.) allerdings als ÜberN für jemanden mit einer hageren Gestalt gedeutet (vgl. Artikel III-5.1 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Gesamteindruck und Haare»). 8 Daneben kommt auch eine Deutung als Patronym zum althochdeutschen Ruf N Ubelhart infrage. Für FamN mit Hard vgl. Artikel III-3.4 «Wohnstättennamen nach der Vegetation». 3.5 Wohnstättennamen nach der Bodenbeschaffenheit 827 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="828"?> Gruppe «Sonstige» sind eher kleinräumig verbreitet; so konzentriert sich Dürsteler vorwiegend im Kanton Zürich, die drei Varianten Uebelhard, Uebelhardt und Uebelhart sind in den einander angrenzenden Kantonen Solothurn und Aargau alteingesessen und Salchli kommt im Berner Seeland vor. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Steiner (16'671 Tokens), Steinmann (3'244 Tokens) und Rechsteiner (2'130 Tokens). Innerhalb der WohnstättenN kommt der Motivgruppe der Bodenbeschaffenheit gerade im Vergleich zu den Motivgruppen der Geländeform und Topographie oder der Vegetation eine verhältnismässig geringere Bedeutung zu. Abgesehen von (mehrdeutigem) Steiner sind die hier interessierenden FamN eher niederfrequent. Nicht kartiert, aber der vorliegenden Motivgruppe (z. T. im weiteren Sinne) zugehörig, sind u. a. die WohnstättenN Isch / Ischer / Ischi (‘Eis’, wohl mit Bezug auf schattige, kalte Orte), Amherd und Herde (‘Erde, Erdboden’) sowie Rothenfluh (‘rötlich gefärbte Felsen, Felswände’) und Schwerzmann (‘Stelle mit dunklem Boden’). Die mehrdeutigen FamN Eisenegger, Isenegger und Eisenlohr beziehen sich mit ihrem Bestimmungswort womöglich auf Eisenvorkommen. 9 Auf eine Kartierung der genannten Namen wurde verzichtet, weil sie tokenmässig selten sind und/ oder sich nicht sinnvoll gruppieren lassen. Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 4 (2013) werden WohnstättenN zur Bodenbeschaffenheit nicht gesondert behandelt. Für FamN zu Toponymen mit Stein beachte man die grammatisch ausgerichteten Kartierungen im DFA 1 (2009: 330-332) und im DFA 3 (2012: 282-284). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. DFA 4 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2013): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 4: Familiennamen nach Herkunft und Wohnstätte. Berlin, Boston: De Gruyter. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 13.08.2025). Fleischer, Wolfgang (1964): Die deutschen Personennamen. Geschichte, Bildung und Bedeutung (Wissenschaftliche Taschenbücher 20). Berlin: Akademie. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. LexMA = Bautier, Robert-Henri et al. (1977-1999): Lexikon des Mittelalters. 10 Bde. Online-Version (mit Nutzerbeschränkung) in der Datenbank BREPOLiS Medieval Encyclopaedias (BME). apps.brepolis.net/ lexiema/ test/ Default2.aspx (letzter Zugriff 13.08.2025). ortsnamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): ortsnamen.ch. Das Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung. https: / / www.ortsnamen.ch/ de/ (letzter Zugriff 13.08.2025). Schobinger, Viktor/ Egli, Alfred/ Kläui, Hans (1994): Zürcher Familiennamen. Entstehung, Verbreitung und Bedeutung der Namen alteingesessener Zürcher Familien. Zürich: Zürcher Kantonalbank. TNB 2 = Nyffenegger, Eugen/ Graf, Martin H. (2007): Die Flurnamen des Kantons Thurgau. Teilbd. 1: Einführung und Sachlexikon. Teilbd. 2: Etymologisches Flurnamenlexikon. Teilbd. 3: Verzeichnis und Dokumentation der Flurnamen des Kantons Thurgau A-K. Teilbd. 4: Verzeichnis und Dokumentation der Flurnamen des Kantons Thurgau L-Z (Thurgauer Namenbuch 2). Frauenfeld, Stuttgart, Wien: Huber. Esther Loosli 9 Für Eisenlohr als FamN zu steinigem Grund (Grundwort schwzdt. Lōre(n), Löre(n) ‘Haufen zusammengelesener Steine, mit Steinen erfülltes oder verschüttetes Gelände, steiniges Land’) s. zweite Karte. 828 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="829"?> 3.6 Wohnstättennamen zu Rodungen Schlagwörter: brennen, reuten, schwenden, Siedlungsgeschichte, stocken, Toponym Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel gilt Deutschschweizer WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800», die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 26.05.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») einen Bezug zu gerodetem Land bzw. zur Rodungstätigkeit aufweisen. Die hier interessierenden FamN wie Rütti oder Schwendimann lassen sich auf fünf häufige appellativische resp. toponymische Elemente zurückführen: Bildungen zu reuten und roden wie Rütter oder Rode (erste und dritte Karte), zu schwenden wie Amschwand oder Gschwend (zweite und dritte Karte), zu stocken wie Stöckli oder Stockmann (vierte Karte), zu brennen wie Brand oder Brändly (fünfte Karte) und zu sengen wie Hosang oder Imseng (sechste Karte). Entsprechende WohnstättenN bzw. die ihnen zugrunde liegenden Toponyme und Lexeme stehen dabei in einem engen Zusammenhang mit der Siedlungsgeschichte der (Deutsch-)Schweiz: Dass fruchtbares Land zunehmend rar war, zeigt sich in der Zunahme der Örtlichkeitsnamen, die - besonders ab dem Hochmittelalter - einen Bezug zur Rodungstätigkeit erkennen lassen […]. Nicht immer wurden aus den gerodeten Gebieten Siedlungen (es konnten einfache Flurnamen bleiben), aber die Namen dokumentieren den Druck, für die wachsende Bevölkerung mehr Raum und Wirtschaftsf läche zu schaffen. So erfolgt der Landesausbau weiter zunehmend in noch abgelegeneren Gebieten, höheren Lagen, in voralpines und alpines Gebiet (Graf 2025: 315-316). Mit anderen Worten zählen insbesondere Bevölkerungswachstum, Siedlungsverdichtung, zunehmende Bodenknappheit und wirtschaftliche Faktoren (Bauholz, Werkholz, Brennholz usw.) zu den Haupttriebkräften der mittelalterlichen Rodungstätigkeit, die das «gesamte Landschaftsbild tiefgreifend veränderte» (LexMA 1977-1999: s. v. Rodung; s. auch e-HLS 2008: s. v. Holzwirtschaft; e-HLS 2024: s. v. Wald ). 1 Der sogenannte Landesausbau mittels Rodung und Urbarmachung begann in der Schweiz wohl bereits im 7. oder 8. Jh., erreichte im 12./ 13. Jh. seine höchste Intensität und verebbte im 14./ 15. Jh. (e-HLS 2008: s. v. Landesausbau; s. auch LexMA 1977-1999: s. v. Landesausbau und Kolonisation; e-HLS 2015: s. v. Siedlung). Die Rodungstätigkeit der meist bäuerlichen Bevölkerung - getragen von weltlichen und kirchlichen Lehnsherren - spiegelt sich in einer Vielzahl von Toponymen und FamN wider (Zinsli 1971: 42; e-HLS 2015: s. v. Siedlung). Einerseits wurden allgemeine(re) Begriffe für Rodungen bzw. Rodungstätigkeit in FamN fest (z. B. Rütimann zu reuten), andererseits aber auch spezifische Techniken der Rodung (z. B. Schwender zu schwenden ‘abschälen der Baumrinde’, Stocker zu stocken ‘ausgraben der Wurzelstöcke’). Für die nachfolgenden Karten bleibt zu bedenken, dass (Be-)Deutungskonkurrenzen häufig nicht ausgeschlossen werden können: Die Unterscheidung von Wohnstätten- und HerkunftsN ist aus theoretischer und motivationsbezogener Sicht bedeutsam - WohnstättenN bezeichnen Ansässige, HerkunftsN Zugewanderte (vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») -, ohne historische Sondierung (und teils selbst mit ihr) lassen sich die beiden Benennungsmotive jedoch oft nicht eindeutig trennen (vgl. Fleischer 1964: 133; Kunze 2004: 85, 87). So ist bspw. Rüt(t)i in der ganzen Deutschschweiz als Flurwie auch als SiedlungsN häufig vertreten. Ebenso muss die Frage, ob die WohnstättenN zu Rodungen auf ein entsprechendes Toponym oder direkt auf ein Appellativ zurückgehen, im vorliegenden Artikel offenbleiben; für ein und dieselbe Namenform könnte auch beides zutreffen, wenn die Form zwei oder mehrmals unabhängig voneinander entstanden ist. Für FamN, die mit den Personenbezeichnungen bildenden Suffixen -er und -mann abgeleitet sind (z. B. Rütimann, Schwender), kommt darüber hinaus grundsätzlich auch eine Deutung als BerufsN (für eine Person, die rodet) infrage (vgl. mhd. riutӕre, riuter ‘der ausreutet, urbar macht, Bauer’). 1 In der Schweiz war der Urbarisierung durch hügelige oder bergige Bodengestalt Grenzen gesetzt: Hänge, Felsen, Bachrunsen u. ä. verhinderten, dass «wie andernorts in Europa die Wälder grossräumig verschwanden» (e-HLS 2008: s. v. Landesausbau). 3.6 Wohnstättennamen zu Rodungen 829 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="830"?> Erste Karte {389}: Wohnstättennamen zu reuten und roden Namenauswahl: Die erste Karte bildet FamN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 2 ab, die sich auf ein Toponym bzw. auf ein ortsbezeichnendes Lexem aus der Wortfamilie reuten oder roden zurückführen lassen. Die beiden Typen werden unterschieden und kontrastiv dargestellt. Abgefragte Namen Typ reuten: Anderrüthi, Anderrüti, Bernhardsgrütter, Greuter, Greutert, Greutmann, Grüter, Grütter, Habisreutinger, Hochreutener, Hochreuter, Hochreutiner, Imgrüt, Imgrüth, Reudt, Reut, Reutegger, Reuteler, Reutemann, Reutener, Reuter, Reutimann, Reutti, Ritler, Rittiner, Rüthemann, Rüthi, Rüthy, Rütimann, Rüttener, Rütter, Rütti, Rüttimann, Rüttner, Vonrüti, von Rütte. 36 Types, 116 Tokens. Typ roden: Groth, Rode, Roder. 3 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 407: Daten zur ersten Karte {389} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 Die kartierten FamN des ersten Typs stellen sich alle zu schwzdt. rǖte(n) ‘reuten, roden, urbar machen, herausreissen, ausrotten’ (aus ahd., mhd. riuten) oder einem darauf basierenden Toponym. Neben der allgemeinen Bedeutung des Rodens überhaupt bezieht sich reuten im Spezifischen auch auf das «Entfernen von Bäumen, Büschen und Ausgraben von Wurzelstöcken» mit der Reuthaue (TNB 2.2 2007: 473). Im Deutschschweizer Familiennamenbestand sind unterschiedliche Bildungen zu reuten bezeugt: Häufig ist das Verbalabstraktum schwzdt. Rǖti ‘urbar gemachtes Land, Rodungsstelle’ (aus ahd. riuti, mhd. riute) wie bspw. in den FamN Reutti oder Anderrüthi. 4 Der entsprechende Flur- und Siedlungsnamentyp Rüt(t)i ist in der ganzen deutschsprachigen Schweiz häufig vertreten und gilt als der typischste Name für Rodungen in unserem Raum (vgl. Zinsli 1971: 51; TNB 2.2 2007: 473). Die Kollektivbildung schwzdt. G(e)rǖt ‘durch Roden und Verbrennen urbar gemachter Boden’ (aus ahd. giriuti, mhd. geriute) liegt u. a. bei Grütter und Greutmann vor. In den Toponymen ist vielfach auch mit dem Verbalstamm zu rechnen (dazu z. B. der FamN Reutegger). Die FamN Karte 389: WohnstättenN zu reuten und roden, vor 1800 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. Soweit nicht anders vermerkt, erfolgt die Deutung der Schweizer Toponyme auf Grundlage des Online-Portals ortsnamen.ch (o. J.). 4 Gemäss dem BENB I/ 5 (2017: Sp. 388) ist Rüti erstmals um 900 belegt. 830 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="831"?> unterscheiden sich neben der zugrunde liegenden Form auch darin, ob sie Monophthongschreibung <ü> oder Diphthongschreibung <eu> aufweisen. 5 Entrundung zeigen die Schriftbilder der FamN Rittiner und Ritler; letzterer erscheint urkundlich auch als Rüteler, Rütler, Rüttler (vgl. Walliser Wappenbuch 1946: 213) und ist ebenso wie Rittiner in einem dialektalen Entrundungsgebiet (Deutschwallis) alteingesessen. 6 Bei gewissen FamN wie etwa Reuter besteht (Be-)Deutungskonkurrenz zu BerufsN, die auf schwzdt. Rīter, Rǖter ‘Reiter’ basieren. Die FamN Ritter (AG; BE; BL; Basel BS; GR; SG; SO; Simplon VS; Cham ZG; ZH), Rittner (Simplon VS), Ryter (Frutigen, Kandergrund BE) und Holzreuter (Ueken AG) werden von Berchtold/ Graf (i. V.) letzterem Etymon zugeordnet und bleiben hier daher unberücksichtigt. FamN zu schwzdt. rode(n) (aus ahd. rodōn, mhd. roden) sind im Unterschied zur ersten Namengruppe selten, 7 weil für das Oberdeutsche ahd., mhd. riuten als Normalform gilt (vgl. DFA 4 2013: 299). Für alle drei kartierten WohnstättenN kommen andere Deutungen infrage: Groth stellt sich entweder zu einem Toponym Grod, Grot ‘Gereut, Rodung’ oder aber (als verdumpfte Form) zu schwzdt. Grat ‘scharfe Kante, Bergkamm, schmaler Bergrücken’ bzw. schwzdt. Grāt, Grōt ‘Fischgrat; länglicher schmaler Bergrücken’. Für Rode ist auch eine Kurzform zu einem Ruf N wie Rodulf oder Roderich und für Roder eine Verschleifform des Ruf N Rōdheri denkbar. Bei Roderer (Trogen AR) handelt es sich wohl um eine patronymische Erweiterung auf -er zu einem im 15. und 16. Jh. in Hundwil (AR) und Urnäsch (AR) bezeugten FamN (APNB 2.3 2013: 1502), 8 der sich mit langem Stammvokal zu schwzdt. Rōd ‘Runde, Kehrordnung, Reihenfolge; Unterabteilung einer Region, Rhode, Korporation, Genossenschaft’, schwzdt. rōde(n) ‘in Rhoden einteilen’ oder einem Toponym derselben Grundlage stellt. Auf eine Kartierung dieses FamN wurde daher verzichtet. Allenfalls wäre das Sample mit den FamN zu schwzdt. Ried zu erweitern, das entweder ‘Schilfrohr, Sumpfgras, Riedgras; mit Riedgras bewachsener, sumpfiger Grund’ (aus ahd. (hr)riot, riod, mhd. riet) oder aber - als Nebenform zu schwzdt. Rǖti - ‘Rodung, ausgereuteter Platz im Wald’ (aus ahd. *riod, mhd. riet) bedeutet (vgl. DFA 4 2013: 313; BENB I/ 5 2017: Sp. 163-164). Das TNB 2.2 (2007: 452) erachtet die zweite Deutung als weniger zutreffend (s. auch FLNB I/ 5 1999: 427), weshalb die entsprechenden FamN ausschliesslich im Artikel III-3.3 «Wohnstättennamen zu Uferlandschaften, Sümpfen und Sumpfpf lanzen» Berücksichtigung finden. Mit Blick auf die Formvarianz lässt sich festhalten, dass in der Namenauswahl alle vier dominanten Bildungsmuster von WohnstättenN vertreten sind: Bspw. gehören Anderrüti, Imgrüt und Vonrüti zu den PräpositionsN, während Reut und Groth endungslos sind. Das Sample enthält zudem Ableitungen auf -er wie Grüter oder Rüttener und solche auf -mann wie Reutimann. 9 Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass FamN zu reuten in der Schicht «vor 1800» zahlreich vorkommen. Die Belege verteilen sich allerdings nicht gleichmässig über die Deutschschweiz, sondern ballen sich vorwiegend in der nördlichen Hälfte. Die meisten Tokens erreichen die Kantone Luzern (26 Tokens), Zürich (21 Tokens), Thurgau (17 Tokens) und St. Gallen (13 Tokens). Dies stimmt insofern mit der Verbreitung entsprechender Toponyme überein, als für Letztere ebenfalls eine stärkere Konzentration in den nördlicheren Deutschschweizer Kantonen und damit im Mittelland festzustellen ist (vgl. Abfrage auf ortsnamen.ch o. J.; Berchtold/ Rothenbühler 2022). FamN zu roden treten in der Schicht «vor 1800» nur in drei Gemeinden in Erscheinung: Groth in Berikon (AG), Rode in Effingen (AG) und Roder in Wengi b. Büren (BE). 5 Vgl. Artikel I-1.12 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. iu». 6 Vgl. Artikel I-1.5 «Entrundung». 7 Vgl. Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle» für das Vorkommen im bundesdeutschen Raum. Für Toponyme mit Rod bzw. Grod in der Deutschschweiz s. bspw. das BENB I/ 5 (2017: Sp. 212-215). 8 Vgl. Artikel II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner». 9 Vgl. die Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor», II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu», II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in», II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von», II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen» sowie II-2.7 «Familiennamen auf -mann». 3.6 Wohnstättennamen zu Rodungen 831 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="832"?> Zweite Karte {390}: Wohnstättennamen zu schwenden Namenauswahl: Die zweite Karte enthält FamN aus der Schicht «vor 1800», die zu einem Toponym bzw. ortsbezeichnenden Lexem Schwand, Schwendi, Gschwend o. ä. gebildet sind. Abgefragte Namen Typ schwenden, vor 1800: Amschwand, Aschwanden, Deschwanden, Gschwend, Herrenschwand, Neuenschwander, Neuschwander, Schwander, Schwendbühl, Schwendeler, Schwendener, Schwender, Schwendi, Schwendimann, Schwenter, von Deschwanden, von Herrenschwand. 17 Types, 62 Tokens. Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 408: Daten zur zweiten Karte {390} Detailangaben zur Namenauswahl: Die ausgewählten FamN gehen zurück auf schwzdt. schwände(n), schwänte(n) ‘zum Schwinden/ Absterben bringen, insbesondere durch das Schälen eines Baums’ (aus ahd. swenten, mhd. swenden), schwzdt. Schwand ‘Hau, Kahlschlag in einem Wald’ (aus ahd., mhd. swant) bzw. schwzdt. Schwändi ‘Stelle, wo der Wald ausgereutet wurde’ (aus ahd. swentī, mhd. swende) oder einem Toponym derselben Grundlage (z. B. Schwand, Schwendi, Kollektivbildung Gschwend ). 10 Im Unterschied zum Begriff reuten meint die Rodungstechnik des Schwendens spezifisch das «Abschälen der Rinde, wodurch die Bäume zum Verdorren und Absterben gebracht wurden» (e-HLS 2008: s. v. Landesausbau). Wie das BENB I/ 5 (2017: Sp. 890) anmerkt, entwickelten sich Schwand, Schwändi u. ä. «jedoch später zu allgemeinen Rodungstermini». Appellativische resp. toponymische Elemente aus der Wortfamilie schwenden treten im Sample auch als Bestimmungswort (Schwendbühl ) oder als Grundwort (z. B. Herrenschwand ) von Komposita auf. Wie bei der ersten Karte sind auch hier alle vier dominanten Bildungsmuster von WohnstättenN vertreten, vgl. bspw. Amschwand, Herrenschwand, Schwender und Schwendimann. Kommentar: Die FamN zu schwenden treten hauptsächlich in einem Gebiet auf, das sich von Saanen im Berner Oberland über das Emmental (BE) sowie die Kantone Luzern, Uri und Schwyz bis in die Nordostschweiz (AR, SG) erstreckt. Die Belegorte liegen somit mehrheitlich in voralpinen oder sogar in alpinen Regionen. Wiederum zeigt die Familiennamenkarte Übereinstimmungen mit dem Vorkommen entsprechender Toponyme: So stellt Zinsli (1971: 48) für die ÖrtlichkeitsN Schwand und Schwendi ein «sehr dicht besetzter, geradezu geschlossener Quergürtel durch die Schweiz zwischen Karte 390: WohnstättenN zu schwenden, vor 1800 10 Gemäss Zinsli (1971: 47) ist Schwand schon seit dem 8. Jh. urkundlich belegt, während er Schwendi als «möglicherweise etwas jüngere» Form betrachtet. 832 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="833"?> Mittelland und Hochalpen» fest (s. auch Zinsli 1971: Tafeln V, VI; Berchtold/ Rothenbühler 2022; Namenkarte 3 in Graf 2025: 315). Dritte Karte {391}: Wohnstättennamen zu reuten und schwenden im Kontrast Namenauswahl: Ergänzend zu den zwei vorhergehenden Kartenbildern wird hier der Typ schwenden dem Typ reuten gegenübergestellt. Im Fokus steht dabei die Frage, in welchem räumlichen Verhältnis die beiden Namengruppen zueinander stehen. Abgefragte Namen Typ reuten: Anderrüthi, Anderrüti, Bernhardsgrütter, Greuter, Greutert, Greutmann, Grüter, Grütter, Habisreutinger, Hochreutener, Hochreuter, Hochreutiner, Imgrüt, Imgrüth, Reudt, Reut, Reutegger, Reuteler, Reutemann, Reutener, Reuter, Reutimann, Reutti, Ritler, Rittiner, Rüthemann, Rüthi, Rüthy, Rütimann, Rüttener, Rütter, Rütti, Rüttimann, Rüttner, Vonrüti, von Rütte. 36 Types, 116 Tokens. Typ schwenden: Amschwand, Aschwanden, Deschwanden, Gschwend, Herrenschwand, Neuenschwander, Neuschwander, Schwander, Schwendbühl, Schwendeler, Schwendener, Schwender, Schwendi, Schwendimann, Schwenter, von Deschwanden, von Herrenschwand. 17 Types, 62 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-80, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 409: Daten zur dritten Karte {391} Detailangaben zur Namenauswahl: Für Etymologien und Angaben zur Namenauswahl s. die Ausführungen bei der ersten und der zweiten Karte. Für Toponyme gilt, dass Typ Schwendi «allgemein eher jüngeren Ursprungs (hoch- und spätmittelalterlich) und weniger häufig» ist als Typ Rüt(t)i (TNB 2.2 2007: 535). Auch im historischen Familiennamenbestand der Deutschschweiz erreichen die WohnstättenN zu schwenden eine deutlich weniger hohe Type- und Tokenfrequenz als jene zu reuten. Kommentar: Vergleicht man die Verbreitung von Toponymen wie auch von FamN zu reuten und schwenden, ergibt sich zwar keine strikt komplementäre Distribution, aber doch ein jeweils spezifischer, aneinander angrenzender Namenraum (Berchtold/ Rothenbühler 2022): Während Toponyme ebenso wie WohnstättenN zu reuten gehäuft im mittelländischen Hauptsiedlungsgebiet der Deutschschweiz auftreten (vgl. e-HLS 2009: s. v. Mittelland (Region)), kommen jene zu schwenden mehrheitlich im voralpinen Raum vor, der tendenziell später besiedelt worden ist (vgl. e-HLS 2015: s. v. Siedlung; e-HLS 2015: s. v. Voralpen). Mit Perler (2022) ist davon auszugehen, dass ÖrtlichkeitsN wie Rüt, Rüti und Grüt «Zeugnisse der ersten Phase des Landesausbaus» sind, Karte 391: WohnstättenN zu reuten und schwenden im Kontrast, vor 1800 3.6 Wohnstättennamen zu Rodungen 833 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="834"?> wohingegen Toponyme wie Schwand, Schwendi und Gschwend «eine spätere Rodungsphase» in höheren und abgelegeneren Lagen repräsentieren. 11 Die kartierten WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800» spiegeln diese verschiedenen Phasen in ihrer räumlichen Ausbreitung wider. Vierte Karte {392}: Wohnstättennamen zu stocken Namenauswahl: Die vierte Karte gilt WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800», die sich zu einem Toponym oder zu einem ortsbezeichnenden Lexem aus der Wortfamilie stocken stellen. Abgefragte Namen Typ stocken, vor 1800: Steckli, Stock, Stockar, Stocker, Stöckli, Stocklin, Stöcklin, Stöckly, Stockmann, Stoecklin, Stokar von Neuforn, von Stockar- Scherer-Castell. 12 Types, 77 Tokens. Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 410: Daten zur vierten Karte {392} Detailangaben zur Namenauswahl: Die FamN der vierten Karte gehören zu schwzdt. stocke(n), stockne(n) ‘einen Baumstrunk bis auf die Wurzel stückweise spalten, Wurzelstöcke ausroden’ (aus mhd. stocken) bzw. schwzdt. Stock ‘Stamm eines Baums, Wurzelstock, Baumstrunk’ (aus ahd., mhd. stoc) oder zu einem darauf basierenden Toponym. 12 Beim Prozess des Stockens wurden das Wurzelwerk und die Baumstrünke, die nach dem Niederbrennen eines Walds zunächst noch im Boden blieben, für eine nachhaltige Urbarisierung entfernt (TNB 2.2 2007: 573; e-HLS 2008: s. v. Landesausbau). Für Stöckli und Varianten kommt auch eine übertragene Bedeutung von schwzdt. Stock infrage, sodass alternativ ein ÜberN für einen steifen, eigensinnigen, schmächtigen Menschen o. ä. vorliegen könnte. Bei Stokar von Neuforn und von Stockar-Scherer-Castell handelt es sich um Erweiterungen des FamN Stockar; die Namenträger: innen zählen zum Patriziat (vgl. Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de»). Die Form Stockar selbst ist gemäss Berchtold/ Graf (i. V.: s. v. Stockar) volksetymologisch an mhd. stoc-ar ‘Würgfalke, Jochgeier’ angeglichen worden. Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass WohnstättenN zu stocken schwerpunktmässig in den Kantonen Luzern und Aargau auftreten, daneben aber auch in weiteren Teilen der Deutschschweiz alteingesessen sind. Bspw. clustert der FamN Stöcklin mit 6 Tokens in Karte 392: WohnstättenN zu stocken, vor 1800 11 Auch Zinsli (1971: 47) merkt zu Schwand -Toponymen an: «[E]s handelt sich hier eben um einen Typus der zweiten, schon hochmittelalterlichen Rodungsphase, in der das lange wild gebliebene nördliche Voralpenland mit Axt und Haue erobert und dann zu jener Einzelhof landschaft wird, die sich ja bis auf unsere Tage siedlungsmäßig und volkskundlich deutlich ausprägt». Vgl. jedoch BENB I/ 5 (2017: Sp. 389) und Zinsli (1971: 51) für Einschränkungen hinsichtlich namengeographischer Analysen. 12 Daneben bedeutet schwzdt. Stock auch ‘stumpfkegelige Gebirgsform oder Anhöhe; Berg im Sinne von gebirgige Anhöhe, Gipfel’ und Weiteres (Id. 10 1881 ff.: Sp. 1674). 834 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="835"?> Basel-Landschaft, während die nasallose Form Stöckli u. a. in der bernischen Gantrischregion vorkommt. Fünfte Karte {393}: Wohnstättennamen zu brennen Namenauswahl: Die fünfte Karte rückt WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800» in den Mittelpunkt, die auf das Rodungselement Brand bzw. auf brennen zurückgehen. Abgefragte Namen Typ brennen, vor 1800: Brand, Brandenberg, Brandenberger, Brander, Brändle, Brändli, Brändlin, Brändly, Brandstetter, Brennwald, Brennwalder, Brönimann, Brönnimann. 13 Types, 91 Tokens. Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 411: Daten zur fünften Karte {393} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Karte bildet FamN zu ortsbezeichnenden Lexemen bzw. zu Toponymen ab, die auf die «Beseitigung von Wald und Gestrüpp durch Niederbrennen (Brandrodung)» Bezug nehmen (e-HLS 2008: s. v. Landesausbau). 13 Die ausgewählten WohnstättenN lassen sich auf schwzdt. bränne(n), brenne(n), brönne(n) ‘durch Brand zerstören, verbrennen, mit Feuer roden; in Brand sein’ (aus ahd., mhd. brennen und ahd. brinnan, mhd. brinnen) bzw. schwzdt. Brand ‘Feuerbrand, Verbrennung; Stelle, wo im Wald gebrannt und gereutet worden ist; etwas Brennendes/ Angebranntes u. ä.’ (aus ahd., mhd. brant) oder auf ein daraus hervorgegangenes Toponym zurückführen. Insbesondere für Brändli und Varianten kommt alternativ eine Deutung als Patronym infrage, bei der von einer Kurzform zu einem Ruf N auf ahd. -brant auszugehen wäre (z. B. Hildebrand ). 14 Bei Brennwald handelt es sich womöglich nicht um einen WohnstättenN zu einem gleichnamigen Toponym, sondern um einen SatzN im Sinne von ‘brenn [den] Wald’ (wohl für eine Person, die mit Brandrodung betraut war). 15 Für Brönimann und Brönnimann könnte auch schwzdt. Brennimann, Brönnimann ‘Irrlicht, -wisch; die in Feuergestalt umgehende Seele eines unseligen Menschen’ (als ÜberN für eine unheimliche oder seltsam anmutende Person) namengebend gewesen sein. In Berner Urbaren des 16. Jh. findet sich allerdings eine ältere Form Brendimann, die zusammen mit Brönnimann in Niedermuhlern (BE) belegt ist (vgl. Ramseyer unveröffentlicht), sodass der FamN im Sinne von Karte 393: WohnstättenN zu brennen, vor 1800 13 Bei der sogenannten Brandwechselwirtschaft wurde der Boden nach der Brandrodung zeitlich beschränkt genutzt, bevor man ihn zur Erholung sich selbst überliess. Diese Art der Bodennutzung war im Mittelalter v. a. noch in alpinen Regionen verbreitet (e-HLS 2004: s. v. Brandwechselwirtschaft). Vgl. Artikel III-3.7 «Wohnstättennamen zu Kulturland». 14 Der FamN Brandt kommt ausschliesslich in der Romandie vor und wird gestützt auf Morlet (1997: 137) als Patronym kategorisiert; entsprechend ist Brandt im vorliegenden Kartenbild nicht enthalten. 15 Vgl. Artikel II-4.1 «Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen». 3.6 Wohnstättennamen zu Rodungen 835 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="836"?> ‘Person, die mit Brandroden betraut ist’ oder ‘Person, die bei oder auf einer brandgerodeten Stelle wohnhaft ist’ gedeutet werden kann. Schliesslich bleibt auch zu bedenken, dass die FamN mit Brand in Einzelfällen auf einen unbeabsichtigten Feuerbrand hinweisen können (vgl. BENB I/ 4 2011: Sp. 525). Kommentar: Die fünfte Karte zeigt ein weitläufiges Vorkommen von WohnstättenN zur Brandrodung. Die Belege dehnen sich vom südbernischen Verwaltungskreis Obersimmental-Saanen über das Berner Mittelland und das Emmental (BE) weiter in die nordöstliche Deutschschweiz aus, wo die Kantone Zürich und St. Gallen hohe Tokenfrequenzen ausweisen. Daneben finden sich ein Cluster im Kanton Uri (hier Brand ) und ein geringes Vorkommen in der Nordwestschweiz (Büren SO, Basel BS). Sechste Karte {394}: Wohnstättennamen zu sengen Namenauswahl: Die sechste Karte widmet sich schliesslich den FamN aus der Schicht «vor 1800», in denen ein Toponym oder ein ortsbezeichnendes Lexem zu sengen fest geworden ist. Abgefragte Namen Typ sengen, vor 1800: Hosang, Hosig, Imseng, Senggen. 12 Tokens. Kreise 20-30, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 412: Daten zur sechsten Karte {394} Detailangaben zur Namenauswahl: Das Sample umfasst vier FamN zu schwzdt. sänge(n) ‘sengen, an-/ verbrennen’ (aus ahd. bisengen, mhd. sengen) bzw. schwzdt. Sang, Seng, Senge(n), Sangi u. ä. ‘Absengung, brandgerodeter Ort’ oder zu einem darauf basierenden Toponym. Die FamN Hosang und Hosig werden vom RNB 3 (1986: 472) zu schwzdt. Hō(ch)sang ‘hoch gelegene, durch Feuer gerodete Stelle’ (aus mhd. hochsang) gestellt (s. auch Socin 1903: 379). Alternativ wäre mit dem DFD (2025b: s. v. Hosang) von einem ÜberN zu mhd. hōchgesenge ‘Hochgesang’ für einen frommen Menschen auszugehen; doch gemäss Id. 7 (1881 ff.: Sp. 1187) sind Zusammensetzungen mit Sang häufig als bzw. in FlurN belegt. Unberücksichtigt blieb der FamN Fürsinger (Schmitten GR), der im RNB 3 (1986: 727) als BerufsN für jemanden, der mit Feuer sengt, also Wald rodet, gedeutet wird. Gemäss DFD (2025a: s. v. Feuersinger) ist aber auch ein entsprechender WohnstättenN denkbar. Der FamN wäre dann im gleichen Gebiet verbreitet wie die beiden WohnstättenN Hosang und Hosig. Zudem fehlen die FamN Vogelsang und Vogelsanger, die nicht zur vorliegenden Motivgruppe gehören: Ursprünglich bezogen sich entsprechende FlurN auf mit Buschwerk bestandenes Gelände, wo auffälliger Vogelgesang zu vernehmen war; Vogelsang wurde jedoch später zu einer Modebezeichnung für schöne, liebreizende Stellen. Kommentar: Die WohnstättenN zu sengen sind niederfrequent und auf südliche Gebiete beschränkt: Hosang und Hosig kommen in der Karte 394: WohnstättenN zu sengen, vor 1800 836 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="837"?> Region Viamala (GR) und seltener auch in der Surselva (GR) vor. Der FamN Imseng beschränkt sich auf die Walliser Bezirke Raron und Visp, während der FamN Senggen im Goms (Gemeinde Obergesteln VS) alteingesessen ist. 16 Tendenziell erscheinen die Namenbelege der vorliegenden sechsten Karte somit komplementär zu den WohnstättenN, die auf Brand bzw. brennen zurückgehen (s. fünfte Karte). Ob es sich dabei aufgrund der geringen Anzahl von FamN zu sengen um einen Zufallsbefund handelt, wäre unter Einbezug der arealen Verbreitung entsprechender Toponyme zu prüfen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Stocker (4'120 Tokens), Stöckli (3'984 Tokens) und Brand (2'613 Tokens). In der Schicht «vor 1800» finden sich weitere Namengruppen, deren zugrunde liegendes Toponym bzw. ortsbezeichnendes Lexem semantische Nähe zu Rodungen (insbesondere zum Holzschlag) aufweisen: • Kauer (Dürrenroth, Trachselwald BE) und Kauert (Dotzigen BE) stellen sich zu schwzdt. Ghau (Kollektivbildung zu mhd. hou ‘Schnitt, (Holz-)Hieb, Holzschlag’) oder zu einem darauf basierenden Toponym. Auch Hauert (BE, Unterramsern SO) und Haueter (BE) lassen sich auf schwzdt. Hau ‘Hieb, Holzschlag im Wald, Waldabteil, Bürgeranteil an Holz’ (aus mhd. hou) bzw. auf ein Toponym derselben Grundlage zurückführen. Die vier FamN treten ausschliesslich im Kanton Bern (v. a. Emmental) mit einem Ausläufer in den benachbarten Kanton Solothurn auf. • Schlag (Waldenburg BL) stellt sich zu schwzdt. Schlag ‘Hau, Holzschlag, Rodung u. ä.’ (aus ahd. slag, mhd. slac) oder zu einem entsprechenden Toponym. • Schläpfer (AR, Appenzell AI) und Schlepfer (Appenzell AI) stellen sich (mit der älteren Form des FamN Gschläpfter; vgl. APNB 1 1958: 510) zu einem Toponym Gschläpft (‘Ort, wo Holz geschleift, geschleppt wird; Holzbahn’) bzw. zu einem Toponym Schlepfe(n), Schlepfer, das analog zu deuten ist. Alternativ könnte eine Bildung zu mhd. slipfen oder mhd. slipf im Sinne von ‘Gebiet mit Erdrutschgefahr’ vorliegen. Die beiden Familiennamentypes formen ein enges Cluster in den beiden Appenzell. • Schneiter (BE, Entlebuch LU, Niederneunforn TG, Unterstammheim ZH) und Schneitter (Spiez BE, Lommiswil SO) stellen sich zu schwzdt. Schneit, Schneite(n) ‘durch den Wald gehauener Weg, Durchstich, durch den Wald geschlagene Rodungsschneise’ oder zu einem darauf basierenden Toponym. Ebenso denkbar ist ein BerufsN zum Verb mhd. sneiten ‘schneiden, entästen’ für eine Person, die gewohnheits- oder berufsmässig Bäume schneidet. Der Namentyp ist charakteristisch für die Region rund um die Stadt Thun (BE). • Schröter (Riggisberg BE, Schwarzenberg LU, Wattwil SG, Eischoll VS) und Schroeter (FR) stellen sich zu schwzdt. Schröte(n), Schrōte(n) ‘Holzschlag, abgeholztes Waldstück’ oder zu einem daraus hervorgegangenen Toponym. Alternativ handelt es sich um BerufsN zu mhd. schrōtære, wobei damit verschiedene Berufe bezeichnet werden können (‘Schneider, Goldpräger; derjenige, der Wein- und Bierfässer auf- und ablädt’, schwzdt. auch ‘Holzhauer; wer Heu vom Heustock absticht’ oder ‘Schneider’). Für FamN zu Toponymen mit -wil, die zumeist «durch Rodung von Waldgebieten im Umkreis der primären Siedlungszonen und entlang der alten Verkehrswege» entstanden sind (Graf 2025: 315; s. auch Zinsli 1971: 43-46), vgl. die Artikel I-1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī» und III-2.2 «Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen». 17 Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA 4 (2013: 268-331) behandelt auf den Karten 115-143 Wohnstättenresp. HerkunftsN zu Rodungsorten, die zu Hag / Hagen und Scheid(e) gebildet sind oder auf roden, reuten, schwenden und schlagen basieren. Wie der DFA 4 (2013: 269) ausführt, gehen die FamN mit Hag / Hagen (zu mhd. hac, hagen ‘Dorngesträuch, Gebüsch, Einfriedung, umfriedeter Ort’ bzw. mittelniederdt. Hage(n) ‘Hecke, lebender Zaun, eingehegtes Grundstück’) «auf Toponyme zurück, die v. a. in der hochmittelalterlichen Rodungsperiode entstanden sind». 18 Nach Auskunft des DFA 4 (2013: 289) fallen auch Toponyme mit Scheid(e) (zu mhd. scheide ‘Scheidung, Trennung, Abschied, Grenze’) in diese Zeit. 19 Während Wohnstätten- und HerkunftsN zu roden eher in der Nordhälfte Deutschlands auftreten, prägen weiter südlich der Typ Reuther und der Typ Reiter (mit Entrundung, v. a. im südöstlichen Bayern) das Kartenbild (vgl. DFA 4 2013: 298, 310). Die zahlreichen Deutschschweizer FamN zu reuten schliessen sich diesen Vorkommen an und bilden als Ganzes einen zusammenhängenden oberdeutschen Familiennamenraum. Auch die Wohnstätten- und HerkunftsN zu schwenden sind hauptsächlich für den Süden Deutschlands bezeugt, sodass bei diesem Typus ebenfalls ein geographischer Anschluss an entsprechende Belege in der Deutschschweiz besteht (vgl. DFA 4 2013: 320). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 16 Das VSNB 4 (2024: 159) bezeugt mehrere simplizische und zusammengesetzte FlurN zu Seng. 17 Für FamN mit weiteren toponymischen Elementen wie -ighofen und -hausen, die die Schweizer Siedlungsgeschichte widerspiegeln, vgl. ebenfalls den Artikel III-2.2 «Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen» und zudem II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing». Für einen Überblick über die Bewegungen der Walser: innen, die zwischen dem 13. und 15. Jh. raue Hochtäler kolonisierten und so wesentlich am Landesausbau im Alpenraum beteiligt waren, beachte man das e-HLS (2008: s. v. Landesausbau; 2013: s. v. Walser) und Zinsli (1971: 50-51) sowie den Artikel III-2.4 «Herkunftsnamen zu Bezeichnungen von Stämmen, Volks- und Sprachgruppen». 18 Für die Deutschschweiz werden entsprechende FamN im Artikel III-3.4 «Wohnstättennamen nach der Vegetation» behandelt. 19 In der Schicht «vor 1800» finden sich die Deutschschweizer FamN Schait, Scheidmann, Schadegg (mit Monophthongierung), Scheidegger sowie daraus verkürztes Scheidiger (vgl. Artikel III-3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie»). 3.6 Wohnstättennamen zu Rodungen 837 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="838"?> 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. 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III-A «Kurzeinleitung zu Band III») zu Bezeichnungen und Namen von Kulturland gebildet sind. Hierbei interessiert, mit welcher räumlichen Verbreitung und Frequenz entsprechende Appellative wie bspw. schwzdt. Baumgarte(n) (‘eine hauptsächlich zum Obstbau benutzte Wiese, die sich meist in der Nähe des Hauses befindet’) oder darauf basierende Toponyme in der Deutschschweiz zu FamN fest geworden sind. Manche der im Folgenden aufgeführten WohnstättenN lassen sich alternativ auch als HerkunftsN interpretieren: Die Unterscheidung dieser zwei Benennungsmotive ist aus theoretischer und motivationsbezogener Sicht bedeutsam - WohnstättenN bezeichnen Ansässige, HerkunftsN Zugewanderte (vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») -, vielfach ist eine exakte Zuordnung jedoch nicht ohne Weiteres realisierbar (Fleischer 1964: 133; Kunze 2004: 85, 87). Bspw. finden sich in der Deutschschweiz zahlreiche Flurwie auch SiedlungsN vom Typus Ägerte, Ägete (s. erste Karte). Ebenso muss die Frage, ob die WohnstättenN zu Kulturland auf ein entsprechendes Toponym oder direkt auf ein Appellativ zurückgehen, im vorliegenden Artikel offenbleiben; für ein und dieselbe Namenform könnte auch beides zutreffen, wenn die Form zwei oder mehrmals unabhängig voneinander entstanden ist. Weiter bestehen generelle Überschneidungen zu BerufsN; so verweist z. B. der FamN Bracher ursprünglich entweder auf die Wohnstätte einer Person beim Brachland (s. erste Karte) oder benennt jenen, der das Umpf lügen und Lockern der Felder vornahm. Die im Folgenden kartierten Namen sind vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Bodennutzung zu betrachten, die hier in aller Kürze gestützt auf die Ausführungen im e-HLS (o. J.) und im LexMA (1977-1999) zusammengefasst werden soll: 1 Der Ackerbau nahm v. a. ab dem 11. Jh. im Zuge der Bevölkerungsentwicklung im Mittelland (zuungunsten der Viehwirtschaft) an Intensität zu, als «in grossem Umfang neue Anbauf lächen erschlossen (Landesausbau) und der Ertragsfaktor durch technologische Verbesserungen (z. B. Einführung des Beetpf luges) oder den Einsatz ertragreicherer Bodennutzungssysteme wie der Dreizelgenbrachwirtschaft […] anstelle der bis dahin verbreiteten Feldgraswirtschaft gesteigert wurde» (e-HLS 2016: s. v. Ackerbau; s. auch e-HLS 2007: s. v. Landwirtschaft). 2 Bei der Dreizelgenbrachwirtschaft - d. h. der zelgengebundenen, genossenschaftlich organisierten Dreifelderwirtschaft 3 - wurde jeweils eine Zelge mit Winterfrucht und eine mit Sommerfrucht bestellt, während die dritte brach lag; die Nutzung rotierte jährlich (e-HLS 2010: s. v. Dreifelderwirtschaft; s. auch e-HLS 2014: s. v. Zelgensysteme). Das Ausbreiten dieses Nutzungssystems im Hochmittelalter hängt gemäss e-HLS (2015: s. v. Bodennutzungssysteme) mit der «gleichzeitig stattfindenden Siedlungsverdichtung und Dorfbildung» zusammen, die insbesondere das Mittelland betraf (e-HLS 2015: s. v. Dorf ). Im Unterschied dazu fand in den «Hügelgebieten und Voralpenzonen […] diese Verdorfung und Verzelgung nicht oder nur in Ansätzen statt» (e-HLS 2023: s. v. Viehwirtschaft; s. auch e-HLS 2015: s. v. Dorf ). Das Ergebnis der «Kommunalisierung der landwirtschaftlichen Nutzungsorganisation» (e-HLS 2015: s. v. Agrarverfassung), die sich in vielfältigen rechtlichen Normen und Regulierungen niederschlug, war «eine klare räumliche Trennung zwischen Ackerland (ager, Innenfeld, Zelgen) einerseits, Weiden und Waldweiden (saltus, Aussenfeld, Allmend) andererseits. Die Siedlungen mit den Gärten (Zone des hortus) verdichteten sich und blieben gegen ager und saltus abgegrenzt» (e-HLS 2015: s. v. Bodennutzungssysteme; s. auch LexMA 1977-1999: s. v. Dorf ). Von Bedeutung waren dabei auch Zäune im Allgemeinen, die u. a. «dem dauernden oder period[ischen] Schutz bestimmter Liegenschaften (Zelgen), der Eingrenzung von Viehtriften, der Abgrenzung zu gefährl[ichem] Gelände» dienten (LexMA 1977-1999: s. v. Zaun), sowie der Etter - d. h. derjenige Zaun, der den Siedlungskern umfasst - im Spezifischen. Letzterer hatte «einerseits prakt[ische] Bedeutung, indem er vor eindringendem Vieh und vor Raubtieren schützte, anderseits rechtliche, weil er den Dorfraum von der Feldf lur trennte» (e-HLS 2005: s. v. Etter). Der vorliegende Artikel folgt der Einteilung in die drei Bereiche ager, saltus und hortus. Entsprechend werden in der ersten Karte FamN behandelt, die etymologisch einen Zusammenhang zum Ackerbau bzw. zu intensiv genutztem Ackerland aufweisen. Anschliessend nehmen die zweite, die dritte und die vierte Karte FamN zu Allmenden, Weiden und Wiesen in den Blick, bevor in der fünften Karte FamN mit appellativischem resp. toponymischem Garten thematisiert werden. Der Kartenkomplex wird mit der sechsten Karte vervollständigt, die FamN zu Zäunen, Einfriedungen oder eingefriedetem Land abbildet. 1 Für ausführliche Informationen beachte man im e-HLS (o. J.) insbesondere folgende Einträge: Ackerbau (e-HLS 2016), Agrarverfassung (e-HLS 2015), Agrarzonen (mit der grundlegenden Zweiteilung in das sogenannte Kornland (Ackerbau) und das sogenannte Hirtenland (Viehwirtschaft)) (e-HLS 2015), Bodennutzungssysteme (e-HLS 2015) und Landwirtschaft (e-HLS 2007). 2 Bei der Feldgraswirtschaft wechselten sich auf derselben Fläche Getreide- und Grasnutzung ab (e-HLS 2005: s. v. Feldgraswirtschaft). Für die verschiedenen Bodennutzungssysteme in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schweiz sei auf das e-HLS (2015: s. v. Bodennutzungssysteme) verwiesen. Zum Landesausbau in der Schweiz und zur Brandwechselwirtschaft vgl. den Artikel III-3.6 «Wohnstättennamen zu Rodungen» sowie die dort genannte Literatur. 3 Während Dreizelgen(brach)wirtschaft in der Deutschschweizer Historiographie meist die Organisation eines ganzen Dorfs nach dem System der Dreifelderwirtschaft meint, bezeichnet letzterer Begriff das Fruchtfolgesystem im Allgemeinen - «unabhängig davon, ob es einzelbetrieblich oder dorfweise angewandt wurde» (e-HLS 2010: s. v. Dreifelderwirtschaft; s. auch e-HLS 2014: s. v. Zelgensysteme). 3.7 Wohnstättennamen zu Kulturland 839 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="840"?> Erste Karte {395}: Wohnstättennamen zum Ackerbau Namenauswahl: Die erste Karte behandelt WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 4 die motivisch auf ein Appellativ aus dem Wortfeld des Ackerbaus bzw. auf ein daraus hervorgegangenes Toponym zurückgehen. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Die Gruppe «Sonstige» fasst sieben verschiedene Familiennamentypes zusammen. Abgefragte Namen Typ Acker: Abächerli, Aecherli, Amacher, Amacker, Dalcher, Dannacher, Eyacher, Hofacher, Hofacker, Hubacher, Krummenacher, Laubacher, Lengacher, Limacher, Rossacher, Steinacher, Zmilacher, Zweiacher, Zweiacker. 19 Types, 58 Tokens. Typ Ägerte: Aegerter, Egert, Egeter. 11 Tokens. Typ Breite: Breit, Breiter, Breitinger, Breitler. 7 Tokens. Typ Büne: Biner, Binner, Inderbinen. 5 Tokens. Typ Esch: Aeschmann, Escher, Eschmann, Oesch, von Escher. 18 Tokens. Typ Feld: Felder, Feldmann, Felzhalb, Glatzfelder, Grünenfelder, Hugenfeld, Imfeld. 7 Types, 31 Tokens. Sonstige: Bettenmann, Bracher, Broch, Juchler, Juchli, Jurt, Zelger. 7 Types, 20 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 413: Daten zur ersten Karte {395} Detailangaben zur Namenauswahl: 5 Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namen an. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Typ Acker: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Acher, Acker ‘Acker, Saatfeld, Stück Pf lugland; nutzbar gemachtes Land; angepf lanztes oder zur Anpf lanzung bestimmtes Stück Land’ (aus ahd. ahhar, ackar, mhd. acker). 6 Im deutschsprachigen Raum können Toponyme mit Acker neben ‘Acker’ «je nach Region und Zeit ein breites Spektrum speziellerer Bedeutungen abdecken, von ‘gesamte Anbauf läche’ bis ‘kleines Stück Land’ (DFA 4 2013: 820). Für (Teil-)Syno- Karte 395: WohnstättenN zum Ackerbau, vor 1800 4 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 5 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 6 Alternativ lassen sich die FamN Zweiacher und Zweiacker auch als ÜberN für jemanden mit wenig Besitz deuten. Für die FamN Achermann, Ackermann, Akermann vgl. Artikel III-4.3 «Berufs(über)namen zur Landwirtschaft». 840 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="841"?> nyme für ‘Acker’ im schweizerdeutschen Appellativwortschatz vgl. die Karte 89 im SDS VI (1988). • Typ Ägerte: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Ägerte(n), Ägete(n) u. ä. ‘Brachland, ausserhalb der Flurordnung nur zeitweise bebautes Ackerland’ (aus ahd. egerda, mhd. egerde, egerte). Egert könnte daneben auch auf einer Kurzform des Ruf N Eckehard basieren und wäre entsprechend als Patronym einzuordnen. • Typ Breite: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Breite, Breiti ‘ausgedehntes ebenes Feld; Komplex von Grundstücken (besonders Äckern) in ebener, fruchtbarer Lage; Herrenäcker mit Sondernutzungsrechten’ (aus ahd. breitī(n), mhd. breite(n)). 7 Die Form Breitinger wurde sekundär an die HerkunftsN auf -inger angeglichen (vgl. Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 48-49). 8 • Typ Büne: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Bǖne(n), Bĭne(n) ‘eingezäuntes und gedüngtes Stück Ackerland; Garten; Weide, Wiese’. Gemäss Id. 4 (1881 ff.: Sp. 1321) ist das Wort etymologisch mit mhd. biunde ‘der privaten Bebauung vorbehaltenes Grundstück’ verwandt. Wie der DFA 4 (2013: 804) festhält, «haben sich zeit- und regionalspezifische Sonderbedeutungen wie ‘geschlossenes Ackerland’ oder ‘Obstgarten’ herausgebildet». • Typ Esch: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Esch (aus ahd. ezzisc, mhd. ezzisch, ezesch, esch), welches Teil der Dreifelderwirtschaft ist. Der Begriff bezeichnet den Grund einer Dorfgemeinde, zu dem Wiesen und das eingezäunte, gewöhnlich vom Weiderecht ausgeschlossene Saatfeld gehören, und steht gemäss Id. 1 (1881 ff.: Sp. 569) begriff lich meist in Gegensatz zu Ägerte (s. o.) und Brāch (s. u.). Deutungskonkurrenz besteht zu FamN, die auf schwzdt. Esch, Esche(n) ‘Esche’ (aus ahd. asc, asca, mhd. asch, esch, esche) basieren. 9 Es wurde versucht, soweit möglich eine Gewichtung der beiden Deutungsmöglichkeiten vorzunehmen, eine klare Trennung oder Zuordnung ist aber vielfach nicht realisierbar (vgl. Id. 1 1881 ff.: Sp. 570). 10 • Typ Feld: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Feld ‘zu Ackerbau bestimmtes Land; Wiesen- oder Weideland’, auch ‘Niederung, Ebene, Talmulde, Fläche’ (aus ahd. fëld, mhd. vëlt). 11 Für Feldmann ist allenfalls auch eine Deutung als BerufsN zu mhd. vëltman zur Benennung eines Bauern möglich (s. jedoch DFD 2025: s. v. Feldmann). Der FamN Felzhalb ist gemäss Id. 2 (1881 ff.: Sp. 1165) als *Feld(e)s-halb ‘gegen die Seite des Feldes hin, auf der Seite des Feldes’ zu analysieren, für den Bewohner einer Liegenschaft, die gegen Kulturland hin gelegen war (im Gegensatz etwa zur Lage gegen Wald, Wohn- oder Werkgebäude hin). Ein Gegenstück zu Felzhalb liegt im Namen des heute nicht mehr existierenden (ehemals bedeutenden) Zürcher Geschlechts Holzhalb (etwa ‘gegen den Wald hin gelegen’) vor. • Sonstige: Die Gruppe umfasst Bettenmann zu schwzdt. Bett(e) ‘begrenztes Stück Pf lanzland; Feld- oder Gartenbeet, Kulturland im Allgemeinen u. ä.’ (aus ahd. betti, mhd. bette, bet), Bracher und Broch zu schwzdt. Brāch, Brache ‘umgebrochen liegendes, unbesätes Land’ (aus ahd. brāhha, mhd. brāche) 12 sowie Zelger zu schwzdt. Zälg ‘Feld der Dreifelderwirtschaft; bestelltes Feld, besonders als der dritte Teil der Gesamtf lur bei Anwendung der Dreifelderwirtschaft’ (aus ahd. zelga, mhd. zelge). Die FamN Juchler und Juchli wie auch Jurt stellen sich zu schwzdt. Juch ‘Morgen, ein Joch Kulturland’ (aus ahd. jūh, mhd. jiuch, jūch), wobei Jurt aus schwzdt. Juchert gekürzt ist. Dieses Flächenmass bezeichnete die Grösse eines Stücks Land, das ein Joch Ochsen an einem Tag umackern konnte. Für detailliertere Etymologien und weiterführende Angaben zu den ortsbezeichnenden Appellativa bzw. zu den Toponymen, die den hier kartierten WohnstättenN zugrunde liegen, sei auf das Id. (1881 ff.), das Online-Portal ortsnamen.ch (o. J.) und die regionalen Ortsnamenbücher der Schweiz wie das TNB 2 (2007) verwiesen. Die kartierten FamN zeigen grösstenteils eines der vier dominanten Bildungsmuster von WohnstättenN: Zu den PräpositionsN gehören z. B. Abächerli und Inderbinen, während Hofacker, Hugenfeld und Broch endungslos sind. Das Sample umfasst zudem Ableitungen auf -er wie Binner und solche auf -mann wie Feldmann. 13 Die Präposition von markiert im FamN von Escher den adligen resp. patrizischen Status der Namenträger: innen. 14 Kommentar: Die FamN der ersten Karte erstrecken sich über weite Teile der Deutschschweiz. Mehrheitlich liegen die Ortspunkte im f lacheren Mittelland; in voralpinen Regionen und im Alpenraum ballen sich die Belege oft entlang von Flüssen und/ oder in Talebenen. Die type- und tokenfrequenteste Namengruppe zu Acker tritt schwerpunktmässig in der westlichen Deutschschweiz in Erscheinung (insbesondere BE, LU, BL); einzig die beiden Tokens in St. Gallen (FamN Amacker) weichen davon ab. Während der DFA 4 (2013: 809) für den bundesdeutschen Raum feststellt, dass sich die Verbreitung von FamN mit Acker teilweise komplementär zu jener von FamN mit Feld verhält, treten entsprechende Belege in der Deutschschweiz oft im gleichen Gebiet auf (v. a. im luzernischen Entlebuch und im Kanton Obwalden). Tendenziell reicht der Typ Feld jedoch etwas stärker in die Ostschweiz hinein als der Typ Acker. Regional beschränkte Verbreitung zeigen der Typ Breite (Breit in BE, restliche FamN in ZH, SH, TG), der Typ Büne (VS) und der Typ Ägerte (Aegerter in BE, Egert und Egeter in SG, wobei das Vorkommen von Egert in Mels SG vom Typ Feld überdeckt wird), Bracher (BE), Broch (LU) und Jurt (LU). Der Typ Esch tritt mehrheitlich im Kanton Zürich (v. a. Eschmann mit 7 Tokens) auf, lässt sich aber u. a. auch im Wallis nachweisen. Einmalig belegt sind schliesslich die FamN Bettenmann (Altstätten SG), Juchler (Kirchberg SG), Juchli (Zufikon AG) sowie Zelger (Stans NW). 7 Für Breit kommt daneben eine Deutung als ÜberN zu mhd. breit ‘ausgedehnt, gross’ (wohl für jemanden, der breit gewachsen ist) infrage (vgl. Artikel III-5.1 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Gesamteindruck und Haare»). 8 Vgl. Artikel II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing». 9 Vgl. Artikel III-3.4 «Wohnstättennamen nach der Vegetation». 10 Bspw. zieht das Id. 1 (1881 ff.: Sp. 570) beim Walliser FamN Imesch tendenziell beide Etyma in Erwägung, während das VSNB 1 (2024: Sp. 133) dazu schreibt: «Das sonst gebräuchliche Esch II ‘Zelge, Saatfeld’ aus der Dreifelderwirtschaft […] ist im Wallis nicht belegt». 11 Vgl. Artikel III-3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie». 12 Vgl. dazu die Ausführungen im e-HLS (2002: s. v. Brache). 13 Vgl. die Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor», II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu», II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in», II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von», II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen» sowie II-2.7 «Familiennamen auf -mann». 14 Vgl. Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 3.7 Wohnstättennamen zu Kulturland 841 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="842"?> Zweite Karte {396}: Wohnstättennamen zu Allmenden und Weiden Namenauswahl: Die zweite Karte enthält FamN aus der Schicht «vor 1800», die auf appellativisches bzw. toponymisches Allmend, Atzi(n)g oder Weid zurückgehen. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ Allmend: Almer, von Allmen. 5 Tokens. Typ Atzing: Atzinger, von Atzigen. 2 Tokens. Typ Weid: Fogelweid, Schoenenweid, Vollenweider, Vollenwyder, Weidmann. 41 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 414: Daten zur zweiten Karte {396} Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namen an. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Die FamN Almer und von Allmen stellen sich zu schwzdt. Allme(n), Allme(n)d ‘ungeteilter Grundbesitz einer Gemeinde, gemeinsam genutzte Weide- oder Waldf läche’ (aus mhd. almeinde, almende) mit regional sehr unterschiedlicher bedeutungsmässiger Weiterentwicklung. Wie eingangs erwähnt, bildete die Allmend «[i]nnerhalb des idealtypischen Modells einer verzelgten dörf lichen Wirtschaft […] neben der Ackerf lur und dem Wohnbereich mit Hofstätten und Gärten die dritte ökonomisch-rechtliche Zone» (e-HLS 2001: s. v. Allmend ). • Die FamN Atzinger und von Atzigen stellen sich zu schwzdt. Atzi(n)g ‘als Weide gebrauchtes Stück Land, Alpwiesen, Bergweiden’. Für Atzinger kommt alternativ eine Ableitung mit dem Suffix -inger, das Zugehörigkeit ausdrückt, zum althochdeutschen Ruf N Azzo infrage. • Typ Weid: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Weid, Weide(n) ‘Weide, Grasland, Futterplatz für Tiere’ (aus ahd. weida, mhd. weide). 15 Während für andere Teile des deutschsprachigen Raums kaum zu entscheiden ist, ob die FamN allenfalls stattdessen auf die Baumbezeichnung mhd. wīde ‘Weide’ zurückgehen (vgl. DFA 4 2013: 864), kann für die Deutschschweiz anhand der Aussprache des Stammvokals als Diphthong bzw. als Monophthong i. d. R. eine Deutung vorgenommen werden. 16 Karte 396: WohnstättenN zu Allmenden und Weiden, vor 1800 15 Weidmann lässt sich alternativ als BerufsN zu mhd. weideman für eine mit der Jagd oder mit dem Fischfang betrauten Person auffassen, vgl. Artikel III-4.4 «Berufs(über)namen zur Jagd und Fischerei». 16 Vgl. die Artikel III-3.4 «Wohnstättennamen nach der Vegetation» sowie I- 1.10 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ī». 842 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="843"?> Für WohnstättenN mit Hard / Hart (aus ahd. hard, mhd. hart ‘Wald, Gemeintrift, Viehweide (im Wald)’) beachte man den Artikel III-3.4 «Wohnstättennamen nach der Vegetation». Für historische Hintergründe vgl. das e-HLS (2001: s. v. Allmend; 2013: s. v. Weiden; 2023: s. v. Viehwirtschaft) und das LexMA (1977-1999: s. v. Allmende, Weide). Kommentar: Die zweite Karte wird von FamN des Typs Weid geprägt, die hauptsächlich im Kanton Zürich (31 Tokens) alteingesessen sind. 17 Die beiden FamN Atzinger und von Atzigen treten jeweils einmal in Hallau (SH) bzw. in Alpnach (OW) in Erscheinung. Der Typ Allmend formt ein Cluster im Berner Oberland. Dritte Karte {397}: Wohnstättennamen zu Matte und Wiese Namenauswahl: Die dritte Karte untersucht die Verbreitung der Lexeme Matte und Wiese in FamN aus der Schicht «vor 1800». Wie Zinsli (1971: 85-86, Tafel X) für Deutschschweizer ÖrtlichkeitsN und der KSDS (2025: 185) für den schweizerdeutschen Appellativwortschatz ausweisen, sind Matte und Wiese geographisch komplementär verteilt. Von Interesse ist daher, ob diese distinkten Räume auch im Familiennamenbestand erkennbar sind. Abgefragte Namen Typ Matte: Andenmatten, Andermatt, Anthamatten, Bammatter, de Kalbermatten, de Riedmatten, Dürrenmatt, Hugenmatter, Kalbermatten, Kalbermatter, Lochmatter, Lomatter, Matt, Matter, Mattmann, Mühlematter, Odermatt, Pfammatter, Prumatt, Seematter, Streitmatter, Strittmatter, Summermatter, von Matt, von Riedmatten, Zermatten. 26 Types, 89 Tokens. Typ Wiese: Wieser, Wiesli, Wiesmann, Wiesner, Winnenwieser, Wiser, Wisler, Wismann, Wismer, Wissler, Wissmer, Wyser. 12 Types, 43 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 40-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 415: Daten zur dritten Karte {397} Detailangaben zur Namenauswahl: Den FamN der ersten Gruppe liegt schwzdt. Matt, Matte(n) ‘Wiese im Allgemeinen, Wiese im Talgrund; Wiese, die gemäht wird; ebene Grasf läche’ (aus mhd. mat(t)e) zugrunde. 18 Gemäss BENB I/ 3 (2008: Sp. 248-249) war das Karte 397: WohnstättenN zu Matte und Wiese, vor 1800 17 Mit Berchtold/ Graf (i. V.) ist zu vermuten, dass es sich bei einem Teil der zürcherischen und aargauischen Belege von Vollenweider und Vollenwyder um HerkunftsN zum Weiler Vollenweid in der Gemeinde Hausen am Albis (ZH) handelt. 18 In Einzelfällen kann eine Bildung zu schwzdt. Ma(a)d ‘Wiesenf läche, die gemäht wird’ (vgl. FamN Mädler) nicht ausgeschlossen werden (TNB 2.2 2007: 383). Beim FamN Matt könnte neben einem WohnstättenN auch ein Patronym zu einer verkürzten Form des Ruf N Matthäus oder Matthias vorliegen. Für den 3.7 Wohnstättennamen zu Kulturland 843 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="844"?> «noch heute im S[üdwesten] des dt. Sprachraums namenbildende App[ellativ] Matte […] früher im Gesamt-Schwzd. gebräuchlich», bevor es in den östlichen Gebieten von Wiese (aus ahd. wisa, mhd. wise) ‘Wiese’ verdrängt wurde (vgl. SDS VI 1988: Karte 80, 93). 19 Zum Verhältnis von Wiese und Matte führt der KSDS (2025: 185) weiter aus: Mit den Wörtern Wiese und Matte, die schon in den älteren Sprachstufen belegt sind, wurden ursprünglich unterschiedlich genutzte Wiesen bezeichnet: Die Wiese wurde abgeweidet, die Matte gemäht. Im Schweizerdeutschen wird diese Unterscheidung nicht mehr gemacht, vielmehr wurde Wiese zur allgemeinen Bezeichnung in der Ostschweiz, Matte, das eine Ableitung zum Verb mähen ist, zur allgemeinen Bezeichnung in der Westschweiz. Zinsli (1971: 85) stellt für den Deutschschweizer Örtlichkeitsnamenbestand - in Übereinstimmung mit der appellativischen Verbreitung - fest, dass sich «Matte der größern Westhälfte gegen gleichbedeutendes Wiese im östlichen Landesteil» abhebe und die Isoglosse entlang «einer der Dialektologie und der Volkskunde wohlbekannten kulturscheidenden Mitte, der sog. Brünig-Napf-Reuß-Zone» verlaufe (zu West-Ost-Gegensätzen im Schweizerdeutschen vgl. Hotzenköcherle 1984; KSDS 2025: 32-33). Das TNB 2.2 (2007: 383) betrachtet den Rückgang von Matte in der Ostschweiz im Kontext «spätmittelalterlicher Wortschatzerneuerungen»; nach Zinsli (1971: 85) lag die «Wort- und Namengrenze bereits im 14. Jahrhundert auf der Napfbarriere fest». Für historische Hintergründe zu Wiesen vgl. das e-HLS (2015: s. v. Wiesen) und das LexMA (1977-1999: s. v. Wiese). Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass die FamN zu Matte und Wiese grundsätzlich einen jeweils eigenen Namenraum formen: Der Typ Wiese ist vorwiegend in den beiden Kantonen Thurgau und Zürich (zusammen 21 Tokens) alteingesessen. Der areale Schwerpunkt der Matte-Belege ist hingegen im Kanton Wallis (52 Tokens) zu verorten, sodass zwischen den beiden Ballungszentren eine grosse geographische Distanz liegt. Die weiteren Ortspunkte des Typs Matte finden sich mehrheitlich in der westlichen Hälfte der Deutschschweiz. Gleichzeitig weist das Kartenbild im Mittelland mehrere areale Überlagerungen der beiden Namengruppen aus, so bspw. im luzernisch-aargauischen Grenzgebiet oder im Kanton Basel-Landschaft. Als Grundtendenz zeigen die FamN zu Matte und Wiese dennoch eine Verbreitung, die starke Ähnlichkeiten mit jener der Appellativa (vgl. SDS VI 1988: Karte 93) und jener der Toponyme (vgl. Zinsli 1971: Tafel X) aufweist. FamN Andermatt kommt auch ein Bezug zum SiedlungsN Andermatt (UR) im Sinne eines HerkunftsN infrage. 19 Für Wiesli, Wiesmann und Wismann ist grundsätzlich auch eine Deutung als Patronym denkbar; konkret als FamN zu einer Kurzform des Ruf N Alois, der in Formen wie Wīsel, Wīseli, Wīsi, Wisli usw. gut belegt ist, resp. zum althochdeutschen Ruf N Wiseman. 844 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="845"?> Vierte Karte {398}: Wohnstättennamen zu Wasen und Brüel Namenauswahl: Die vierte Karte gilt FamN aus der Schicht «vor 1800», die zu appellativischem bzw. toponymischem Wase(n) und Brüel gebildet sind. Die zwei Lexeme weisen ein relativ grosses Bedeutungsspektrum auf (vgl. TNB 2.2 2007: 97, 647) und sind im Unterschied zur vorhergehenden Karte nicht als diatopische Varianten voneinander zu verstehen. Die entsprechenden FamN werden dennoch zusammen kartiert, weil Wase(n) und Brüel - zumindest in gewissen Bedeutungen - die semantischen Merkmale feucht und Wiese als gemeinsamen Nenner haben (Details s. u.). Abgefragte Namen Typ Wasen: Wasem, Waser, Wasmer, Wasser, Wassmer. 27 Tokens. Typ Brüel: Brielmann, Brühlmann, Brüllmann, Brülmann. 21 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 416: Daten zur vierten Karte {398} Detailangaben zur Namenauswahl: In der Schicht «vor 1800» liegen mit Wasem, Waser, Wasmer, Wasser und Wassmer fünf FamN vor, die Berchtold/ Graf (i. V.) zu schwzdt. Wase(n), Wasem, Wasme(n) ‘feuchtes Gelände/ Grasland, Wieswuchs, Rasen; (fruchtbares) Kulturland im Allgemeinen; oberste, bewachsene Erdschicht u. ä.’ (aus ahd. waso, mhd. wase) stellen. 20 Entsprechende Toponyme «bezeichnen häufig gut gepf legte ebene Wiesenplätze» und dabei insbesondere jene, die keinen Sondernutzungsbeschränkungen unterlagen, wodurch sie sich «als Dorf-, Fest- und Spielplätze wie auch als Gerichts- oder Strafvollzugsstätten» eigneten (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 6015665). Kunze (2004: 103) erwähnt, dass jüngeres, ursprünglich ostmitteldeutsches Rasen im Unterschied zu älterem Wasen kaum mehr in FamN fest geworden sei; damit übereinstimmend sind in der Schicht «vor 1800» keine WohnstättenN zu ersterem Lexem bezeugt. Die FamN der zweiten Gruppe basieren auf schwzdt. Brüel ‘Dorfwiese, Wässerwiese’ (aus mhd. brüel ). Gemäss TNB 2.2 (2007: 97) ref lektieren entsprechende Toponyme «meist die ehemals ertragreichsten und fruchtbarsten Kulturlandstücke eines Dorfes, ehemalige mit Buschwerk bestandene oder umgebene Wässerwiesen, die in gutes Acker- oder Wiesland umgewandelt worden sind». Oft handelte es sich auch um eine «zum Herrenhof gehörige große Wiese in Dorfnähe» (DFA 4 2013: 860; s. auch TNB 2.2 2007: 97). Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass beide Namengruppen mehrheitlich auf das Mittelland beschränkt sind. Der Typ Wasen erstreckt sich vom bernischen Gantrischgebiet über die Kantone Karte 398: WohnstättenN zu Wasen und Brüel, vor 1800 20 Wasser kann auch ein WohnstättenN sein für jemanden, der an einem Gewässer wohnhaft ist. Wasmer und Wassmer benennen alternativ als BerufsN eine Person, die mit der Beseitigung von toten Tieren betraut ist (vgl. schwzdt. (älter) Wasmer ‘Abdecker’). 3.7 Wohnstättennamen zu Kulturland 845 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="846"?> Solothurn, Luzern und Aargau bis in den Bezirk Winterthur (ZH). Daneben treten Streubelege in Nidwalden und Obwalden sowie im Wallis in Erscheinung. Die zu Brüel gebildeten mann-Ableitungen kommen konzentriert im Kanton Thurgau (14 Tokens) in den beiden Bezirken Arbon und Weinfelden vor. Die weiteren Ortspunkte des Typs Brüel liegen alle in der Nordhälfte der Deutschschweiz. Fünfte Karte {399}: Wohnstättennamen zu Garten Namenauswahl: Die fünfte Karte widmet sich WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800», die auf schwzdt. Garte(n) resp. auf ein Kompositum mit schwzdt. Garte(n) als Letztglied beruhen oder auf einem daraus hervorgegangenen Toponym basieren. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Die Gruppe «Sonstige» fasst fünf verschiedene Familiennamentypes zusammen. Abgefragte Namen Typ Garten: Amgarten, Gartenmann, Gartmann. 15 Tokens. Typ Baumgarten: Bangerter, Baumgart, Baumgartner, Baumgärtner, Imbaumgarten. 90 Tokens. Typ Heimgarten: Hangartner, Hängärtner, Heimgartner, Hengartner, Hengärtner. 15 Tokens. Typ Weingarten: Weingart, Weingartner. 7 Tokens. Sonstige: Bremgartner, Haufgartner, Hirschgartner, Hopfengärtner, Zwygart. 8 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 417: Daten zur fünften Karte {399} Detailangaben zur Namenauswahl: Alle ausgewählten FamN der ersten Gruppe gehen zurück auf das Appellativ schwzdt. Garte(n) ‘Garten; mit Zaun, Hag, Weidengef lecht eingefangener Platz, auch im offenen Feld, worin man Flachs, Hanf, Kartoffeln zieht, wodurch er sich von Ackerland unterscheidet; Pf lanzland; das in unmittelbarer Nähe der Wohnungen gelegene, eingezäunte und besser gedüngte (Wies-)Land; einem Privaten ausnahmsweise eingeräumtes Pf lanzland auf der Allmend’ (Id. 2 1881 ff.: Sp. 432) resp. auf ein entsprechendes Toponym. 21 Die restlichen vier Namengruppen beruhen hingegen jeweils auf einem Garten-Kompositum, das i. d. R. eine landwirtschaftliche Sonderkultur bezeichnet. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Typ Baumgarten: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Baumgart, Baumgarte(n), Bangert u. ä. ‘Obstgarten, mit Obstbäumen bestandene Wiese, meist in der Nähe des Hofs’. 22 Karte 399: WohnstättenN zu Garten, vor 1800 21 Für den BerufsN Gärtner vgl. Artikel III-4.3 «Berufs(über)namen zur Landwirtschaft». Auch Gartenmann und Gartmann lassen sich alternativ als BerufsN für eine Person, die einen Garten bearbeitete, deuten. 22 Für FamN zum Lexem Hofstatt, das ebenfalls die Bedeutung ‘Baumgarten’ aufweisen kann (KSDS 2025: 185), vgl. Artikel III-3.10 «Wohnstättennamen zu 846 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="847"?> • Typ Heimgarten: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Heimgart, Heimgarte(n), Heingart, Heng(g)ert u. ä. ‘eingefriedeter Garten, Dorfplatz, abgegrenzter Raum innerhalb mehrerer Heimstätten’, aber auch ‘Gesellschaft, Zusammenkunft von Nachbarn, besonders von jungen Leuten beiderlei Geschlechts’. Neben entsprechenden WohnstättenN sind auch BerufsN (für eine Person, die wohl den Dorfplatz zu pf legen hatte) und ÜberN (etwa für eine Person, die Zusammenkünfte pf legte) denkbar. • Die FamN Weingart und Weingartner stellen sich zu schwzdt. Wī(n)gart, Wī(n)garte(n) ‘Weingarten, Weinberg, Rebland’. • Sonstige: Die Gruppe umfasst Bremgartner mit unklarer Deutung des Erstglieds (vgl. BENB I/ 4 2011: Sp. 554), 23 Haufgartner zu schwzdt. Hanfgarte(n) ‘Hanffeld’, Hirschgartner wohl mit dem Erstglied schwzdt. Hirse für einen hofnahen Hirseacker, Hopfengärtner für einen Garten, in dem Hopfen angepf lanzt wurde, und Zwygart wohl mit dem Erstglied mhd. zwīen ‘pfropfen’ für eine Örtlichkeit, wo Pf lanzen veredelt wurden. Für historische Hintergründe vgl. das e-HLS (2010: s. v. Gartenbau; 2010: s. v. Obstbau; 2014: s. v. Weinbau). Kommentar: Die fünfte Karte zeigt, dass die ausgewählten FamN teils weitläufig über die Deutschschweiz verteilt sind, teils nur regional vorkommen. Das Kartenbild wird stark von Baumgarten- Belegen geprägt, die sich schwerpunktmässig in den Kantonen Bern (28 Tokens) und St. Gallen (20 Tokens) finden, aber darüber hinaus in zwölf weiteren Kantonen auftreten. Auch FamN zu Heimgarten weisen ein grösseres Verbreitungsgebiet auf, wobei sich eine Konzentration am Nordostrand der Deutschschweiz zeigt. Der Typ Garten clustert in den Regionen Surselva (GR) und Viamala (GR), wo Gartmann alteingesessen ist. Der endungslose FamN Weingart tritt im bernischen Seeland auf, die Ableitung Weingartner ist im Kanton Luzern bezeugt. Die Gruppe «Sonstige» verteilt sich grösstenteils auf die Kantone Bern (Hopfengärtner in Biel, Zwygart im Verwaltungskreis Bern-Mittelland) und Luzern (Bremgartner in Schenkon, Haufgartner in Ruswil), einzig Hirschgartner in der Stadt Zürich weicht davon ab. Sechste Karte {400}: Wohnstättennamen zu Zäunen, Einfriedungen und eingefriedetem Land Namenauswahl: Die sechste Karte nimmt WohnstättenN zu Zäunen (inklusive Zaunöffnungen u. ä.), Einfriedungen und eingefriedetem Land in den Blick. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Die Gruppe «Sonstige» fasst sieben verschiedene Familiennamentypes zusammen. Für FamN mit dem Lexem Hag, das ursprünglich eine lebendige Hecke, später auch einen unbelebten Karte 400: WohnstättenN zu Zäunen, Einfriedungen und eingefriedetem Land, vor 1800 Bezeichnungen für Höfe, Anwesen und Siedlungen». Für FamN zu Obstbäumen vgl. Artikel III-3.4 «Wohnstättennamen nach der Vegetation». 23 Bremgarten ist sowohl als FlurN als auch als SiedlungsN bezeugt; möglich ist daher auch ein HerkunftsN. 3.7 Wohnstättennamen zu Kulturland 847 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="848"?> Zaun bezeichnete, vgl. den Artikel III-3.4 «Wohnstättennamen nach der Vegetation» (sechsten Karte). Abgefragte Namen Typ Bitzi: Bützer, Inderbitzi, Inderbitzin. 11 Tokens. Typ Bünte: Bünder, Bünter, Püntener, Pünter. 7 Tokens. Typ Eschtor: Estermann. 10 Tokens. Typ Fang: Fanger, Ifanger, Infanger. 5 Tokens. Typ Tür: Dörler, Dürlemann, Dürler, Thürlemann, Thurler, Thürler, Thürlimann, Türler. 8 Types, 19 Tokens. Typ Zaun: Fanzun, Vonzun, Zenzünen, Zinner. 7 Tokens. Sonstige: Düllmann, Eder, Hurt, Hurter, Imstepf , Scheier, Tüller. 7 Types, 17 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 418: Daten zur sechsten Karte {400} Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namen an. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Typ Bitzi: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Bitzi ‘eingehegtes Stück Land (meist hinter dem Dorfzaun), Einzäunung, Zaun, Umzäunung’ (aus ahd. bizūni, mhd. biziune). • Typ Bünte: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Bünt, Bünte(n), Bünti ‘freies, besonderem Anbau vorbehaltenes und eingehegtes Grundstück, eingezäuntes Land mit privater Nutzniessung, Gehege’ (aus ahd. biunta, mhd. biunde). • Der FamN Estermann stellt sich zu schwzdt. Eschtor, Ester ‘Fallgatter, Gittertür am Dorf-, Flur- oder Grenzzaun, an den Eingängen zu einer Zelg’ (aus mhd. ezzischtor, eschtor, estor). 24 • Typ Fang: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Fang ‘eingefriedetes Land; Land, das aus dem allgemeinen Besitz durch Einzäunung ausgeschieden ist’, auch ‘Ort, an dem man ein wildes Tier fing oder tötete’ bzw. schwzdt. Ī(n)fang ‘Einhegung, eingezäuntes Land mit Sondernutzungsrechten’ (aus mhd. īnvanc, infanc). 25 • Typ Tür: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Tür, Türe(n) ‘Öffnung, Zaundurchlass, Türe des Dorfhags’ (aus ahd. turi, tura, mhd. tür, türe). Gemäss TNB 2.2 (2007: 619) erscheint das Wort in den FlurN immer im Diminutiv, was sich in den l-haltigen FamN widerspiegelt. Die ausgewählten Namen lassen jedoch auch eine Deutung als BerufsN für einen Türwächter zu. • Typ Zaun: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Zūn ‘(toter oder lebendiger) Zaun, Umzäunung’ (aus ahd., mhd. zūn). • Sonstige: Die Gruppe umfasst Düllmann und Tüller zu schwzdt. Tüll ‘hölzerner Zaun, Umzäunung einer Liegenschaft’ (aus mhd. tülle), Eder zu schwzdt. Etter ‘Zaungef lecht, Torgatter, Umzäunung des Dorfs, Gemeindebezirk’ (aus ahd. etar, mhd. eter), 26 Hurt und Hurter zu schwzdt. Hurd, Hurt ‘gef lochtener Zaun, Gattertür, Hag, Flechtwerk aus Ruten’ (aus ahd. hurt, hurd, mhd. hurt), Imstepf zu schwzdt. Stepf , Stepfe(n) ‘Stiege über einen Zaun’ (wohl zu schwzdt. Stapf oder schwzdt. stepfen) und Scheier zu schwzdt. Schīe(n) ‘Zaunpfahl, Umzäunung von Pfählen’ (aus mhd. schīe). 27 Für dialektales Bünte / Bünti und für allgemeine Bezeichnungen eines Zauns in den Mundarten vgl. den KSDS (2025: 186-187). Historische Hintergründe werden im e-HLS (2005: s. v. Etter; 2015: s. v. Dorf ) und im LexMA (1977-1999: s. v. Zaun) behandelt. Kommentar: Die sechste Karte zeigt eine Anhäufung der ausgewählten FamN in der Innerschweiz mit weiteren Belegen über verschiedene Teilgebiete der Deutschschweiz verteilt. Das Hervortreten der Innerschweiz ist u. a. darauf zurückzuführen, dass der Typ Bitzi im Kanton Schwyz (9 Tokens), der FamN Estermann im Kanton Luzern (9 Tokens) sowie der Typ Fang in den Kantonen Obwalden und Uri (insgesamt 5 Tokens) clustern. Auch der Typ Bünte ist grösstenteils in der Zentralschweiz alteingesessen (insgesamt 5 Tokens). Die FamN zu Tür treten einerseits in der Nordostschweiz (SG, TG) und andererseits im Südwesten der Deutschschweiz (BE, FR) auf. Die Zaun-Belege verteilen sich gleichmässig auf die Kantone Wallis und Graubünden. In der Gruppe «Sonstige» beschränken sich Düllmann und Tüller auf den Kanton Bern, Imstepf auf das Wallis und Scheier auf die Nordostschweiz (AI, SH). Ein Vorkommen in verschiedenen Regionen zeigen Eder (Kriens LU; Fischingen TG; Termen VS) und Hurter (LU; Schaffhausen SH; ZH), dessen endungslose Variante Hurt einmalig in Mumpf (AG) bezeugt ist. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Baumgartner (10'536 Tokens), Odermatt (5'040 Tokens) und Felder (2'954 Tokens). Selten sind in der Schicht «vor 1800» auch WohnstättenN dokumentiert, deren zugrunde liegendes Lexem darauf Bezug nimmt, was angebaut wurde (s. dazu auch Kunze 2004: 103). Bspw. enthält der FamN Anderhirsern (Sarnen OW) das Appellativ schwzdt. Hirse, welches auch in FlurN verbreitet ist (hier Kollektivbildung Hirsere(n) ‘Hirsefeld’; vgl. BENB I/ 2 1987: Sp. 256), und benennt eine Person, die bei einem entsprechenden Feld wohnhaft war. Dieser Motivgruppe sind auch der FamN Weizenegger (Künten AG) und allenfalls weitere wie Dinkel (Eiken, Rheinfelden, Sisseln AG; Müllheim TG) zugehörig. 28 Bezeichnungen und Toponyme von unbesiedeltem, nicht-agrarisch genutztem Land sind ebenfalls in den Familiennamenbestand der Deutschschweiz eingegangen. Die entsprechenden Namen aus der Schicht «vor 1800» lassen sich zwei Lexemen zuordnen, weisen aber jeweils Deutungskonkurrenzen auf: • Typ Heid: Die FamN Hädener, Haid, Heid, Heider und Heiter (insgesamt 16 Tokens) stellen sich als WohnstättenN zu schwzdt. Heid, Heiti ‘ebenes, unbebautes, wildbewachsenes Land, Heide; Heidekraut’ (aus ahd. heida, mhd. heide) oder als ÜberN zu schwzdt. Heid 24 Für weitere FamN mit Tor vgl. Artikel III-3.8 «Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen». 25 Für den FamN Fankhauser vgl. Artikel III-3.8 «Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen». 26 Alternativ liegt wie bei den FamN Etter, Etterli, Etterlin und Oederlin ein ÜberN zu schwzdt. (älter) Etter, Ätter ‘Oheim (im Sinne von Bruder des Vaters); Vetter’ vor (vgl. Artikel III-5.8 «Übernamen nach Verwandtschaft»). 27 Für den FamN Furter, dem mehrdeutiges schwzdt. Furt (‘Fluss-/ Bachübergang, Rinnsal, Wassergraben; (fahrbarer) Durchlass auf dem Feld durch einen Zaun, Feldweg’) zugrunde liegt, vgl. Artikel III-3.2 «Wohnstättennamen nach Gewässern und wasserbaulichen Anlagen». 28 Vgl. Artikel III-4.3 «Berufs(über)namen zur Landwirtschaft». 848 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="849"?> ‘Heide; die als wild gedachte Bevölkerung der vorchristlichen Zeit; Gesindel’ (aus ahd. heidan, mhd. heiden). Im Falle der in Goldach (SG) und Untereggen (SG) alteingesessenen Hädener ist wohl von einem HerkunftsN zum nahe gelegenen Ort Heiden (mundartlich Hǟde) in Appenzell Ausserrhoden auszugehen. • Typ Wüesti: Der FamN Wüstiner (1 Token) und - sofern es sich in Einzelfällen nicht um einen ÜberN zu mhd. wüeste ‘unschön, unansehnlich, hässlich’ handelt - auch die FamN Wüst/ Wüest (30 Tokens) basieren auf schwzdt. Wüesti ‘Einöde; unbewohntes, unbebautes bzw. vegetationsarmes Land; einsame, verlassene Gegend’ (Adjektivabstraktum aus ahd. wuosti, mhd. wüeste, wuoste). Wüesti in ÖrtlichkeitsN bezieht sich meist auf eine abgegangene Siedlung, in deren Umkreis aber sekundär wieder Siedlungen entstehen konnten. 29 Das seltene Vorkommen eindeutiger Fälle in der Schweiz entspricht insofern den Kartenbildern für den bundesdeutschen Raum, als Süddeutschland sowohl bei FamN zu Heide als auch bei FamN mit wüst tendenziell gegenüber der Nordhälfte zurücktritt (Nübling/ Kunze 2023: 347-348). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 4 (2013) stehen auf den Karten 356-363 FamN mit Feld und Acker wie Schönfelder oder Hofäcker im Fokus (vgl. DFA 4 2013: 808-825), bevor auf den Karten 374-384 WohnstättenN zu Wiesen und Weiden wie Angerer, Strittmatter, Weidner oder Wieschemann Beachtung finden (vgl. DFA 4 2013: 846-875). FamN zu Hecken, Barrieren, Zäunen und eingehegtem Land wie Bitzer, Landwehrmann, Peunter oder Zaun werden auf den Karten 349-355 behandelt (vgl. DFA 4 2013: 790-807). Schliesslich gelten die Karten 385-395 den FamN zu unbebautem Land mit Heide und wüst wie Heitmann oder Wiest (vgl. DFA 4 2013: 876-899). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur BENB I/ 2 = Zinsli, Paul/ Glatthard, Peter (Hrsg.) (1987): Ortsnamenbuch des Kantons Bern [Alter Kantonsteil]. I: Dokumentation und Deutung. Zweiter Teil: G-K/ CH. Bern: Francke. BENB I/ 3 = Schneider,Thomas F./ Blatter, Erich (Hrsg.) (2008): Ortsnamenbuch des Kantons Bern [Alter Kantonsteil]. I: Dokumentation und Deutung. Dritter Teil: L-M. Basel, Tübingen: Francke. BENB I/ 4 = Schneider,Thomas F./ Blatter, Erich (Hrsg.) (2011): Ortsnamenbuch des Kantons Bern [Alter Kantonsteil]. I: Dokumentation und Deutung. Vierter Teil: N-B/ P. Basel, Tübingen: Francke. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 4 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2013): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 4: Familiennamen nach Herkunft und Wohnstätte. Berlin, Boston: De Gruyter. DFD = Heuser, Rita (2025): Feldmann. 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Strukturen und Schichten in den Siedlungs- und Flurnamen der deutschen Schweiz (Schriften des deutschschweizerischen Sprachvereins 7). Frauenfeld: Huber. Esther Loosli 850 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="851"?> 3.8 Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen Schlagwörter: Brücke, Haus, Kirche, Mauer, Mühle, Schmiede, Toponym Gegenstand und Fragestellung In diesem Artikel werden FamN aus der Schicht «vor 1800» besprochen, die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 25.07.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») auf appellativische Bezeichnungen von Bauten und Wegen oder auf entsprechende Toponyme zurückgehen. Auf den ersten vier Karten werden FamN dargestellt, deren jeweiliges Etymon in Bezug zu bewohnten resp. unbewohnten Bauten im allgemeineren Sinne steht (erste und zweite Karte) oder auf Arbeitsstätten (dritte Karte) und kirchliche Bauten (vierte Karte) im Spezifischen referiert. Die fünfte Karte behandelt WohnstättenN zu Mauern, Türmen und Toren. Anschliessend folgen auf der sechsten, der siebten und der achten Karte FamN wie Brücker und Strässli, die aus Bezeichnungen und Namen für Wege bzw. Brücken im weiteren Sinne hervorgegangen sind. 1 (Potenzielle) WohnstättenN zu HäuserN wie Zur Gilgen (aus schwzdt. Gilg ‘Lilie’) werden nicht hier, sondern in einem separaten Artikel thematisiert. 2 FamN mit dem mehrdeutigen Element Burg (‘Burg, umschlossener, befestigter Ort, Stadt’, auch ‘burgähnliche erhöhte oder felsige Geländestelle’) finden ebenfalls an anderer Stelle Berücksichtigung. 3 Als generelle Bedingung der nachfolgenden Namensamples sei an dieser Stelle genannt, dass (Be-)Deutungskonkurrenzen häufig nicht ausgeschlossen werden können: Die Unterscheidung von Wohnstätten- und HerkunftsN ist aus theoretischer und motivationsbezogener Sicht bedeutsam - WohnstättenN bezeichnen Ansässige, HerkunftsN Zugewanderte (vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III»). Ohne historische Sondierung (und teils selbst mit ihr) lassen sich die beiden Benennungsmotive jedoch oft nicht eindeutig trennen (Fleischer 1964: 133; Kunze 2004: 85, 87). So sind bspw. Neuhaus (erste Karte) und Chappel (vierte Karte) in der Deutschschweiz als Flurwie auch als SiedlungsN bezeugt. Ebenso muss die Frage, ob die WohnstättenN nach Bauten und Wegen auf ein entsprechendes Toponym oder direkt auf ein Appellativ zurückgehen, im vorliegenden Artikel offenbleiben; für ein und dieselbe Namenform könnte auch beides zutreffen, wenn die Form zwei oder mehrmals unabhängig voneinander entstanden ist. Für FamN, die mit den Personenbezeichnungen bildenden Suffixen -er und -mann abgeleitet sind, kommt darüber hinaus grundsätzlich auch eine Deutung als BerufsN infrage. Bspw. lässt sich Thormann als BerufsN für den Torwächter oder aber als WohnstättenN für den am Stadttor Wohnhaften verstehen und Hüsler kann sich sowohl auf einen Tagelöhner (da dieser nur in einem kleinen Haus zur Miete wohnte) wie auch allgemein auf eine Person, die lediglich ein (kleines) Haus bewohnte (also keinen Hof bzw. kein Land besass oder bewirtschaftete), beziehen. Häufig sind die beiden Benennungsmotive deshalb schwer zu trennen, weil in vorindustrieller Zeit und auch noch danach die Einheit von Wohnen und Arbeiten üblich ist (vgl. e-HLS 2015: s. v. Wohnen); so etwa auch beim FamN Durrer (zu schwzdt. Turm, Turn, Ture(n) ‘Turm’), da «der Turmwächter, z. B. von einem Turm der Stadtmauer, häufig selbst im Turm wohnte» (DFA 4 2013: 981). Bei einer strikteren Namenauswahl wären diese mehrdeutigen FamN alle ausgeschlossen, was zu einem grossen Verlust an Namenmaterial führen würde. Im Sinne eines vollständigeren Überblicks über die hier interessierende Motivgruppe wurden daher tendenziell eher weite Selektionskriterien angewendet. 1 Ob WohnstättenN wie Holenweg auf kulturräumliche oder auf naturräumliche Merkmale zurückgehen, wird im vorliegenden Artikel nicht differenziert. 2 Vgl. Artikel III-3.9 «Wohnstättennamen zu Häusernamen». 3 Vgl. Artikel III-3.10 «Wohnstättennamen zu Bezeichnungen für Höfe, Anwesen und Siedlungen». 3.8 Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen 851 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="852"?> Erste Karte {401}: Wohnstättennamen zu Haus Namenauswahl: Die erste Karte gilt WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 4 die appellativisches oder toponymisches Haus enthalten. Nebst den verschiedenen Ableitungen zu Haus wie Häusermann und Häusli in dunklem Petrol werden in hellgrüner Farbe auch Komposita mit dem Endglied -haus wie Neuhäusler und Steinhäuslin berücksichtigt. Abgefragte Namen Typ Haus: Hauser, Häusermann, Häusler, Häusli, Hausmann, Heusler, Heussler, Hischier, Huser, Hüsler, Husmann, Zenhäusern. 12 Types, 102 Tokens. Typ -haus: Althaus, Arzethauser, Fankhauser, Geisshüsler, Guthauser, Neuhaus, Neuhauser, Neuhäusler, Niederhauser, Niederhäuser, Oberhauser, Oberhäuser, Schmidhauser, Schmidhäusler, Schweighauser, Sennhauser, Steinhauser, Steinhäuslin, Tischhauser, Zumoberhaus. 20 Types, 84 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 419: Daten zur ersten Karte {401} Detailangaben zur Namenauswahl: 5 Die FamN der ersten Namengruppe stellen sich zu schwzdt. Hūs ‘Haus, Wohnung, Haushaltung, Gebäude’ (aus ahd., mhd. hūs) oder zu einem darauf basierenden Toponym. WohnstättenN mit Haus benennen i. d. R. «jemanden, der an bzw. in einem besonders markanten Gebäude wohnt, z. B. Gast-, Guts- oder Rathaus, allgemein einem Steinhaus oder einer Burg» (DFD 2025a: s. v. Haus). Zur teilweise schwierigen Abgrenzung von WohnstättenN zu -haus (für ein einzelnes Gehöft) und HerkunftsN zu -hausen (i. d. R. für ganze Dörfer) s. DFA 3 (2012: 257) und Nübling/ Kunze (2023: 351). 6 Bei den Varianten Hauser und Huser sowie Hüsler und Varianten kann neben einem Wohnstättenresp. einem HerkunftsN auch ein BerufsN für einen Mieter eines Hauses, für einen Tagelöhner, für einen Hausverwalter o. ä. vorliegen (s. Abschnitt Karte 401: WohnstättenN zu Haus, vor 1800 4 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 5 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 6 Von der vorliegenden Karte wurde etwa der FamN Husner (Gipf-Oberfrick, Wittnau AG) ausgeschlossen, den Berchtold/ Graf (i. V.) als HerkunftsN zu einem SiedlungsN Hausen deuten. Für HerkunftsN zu Schweizer SiedlungsN, die das toponymische Endglied -hausen (zu ahd. (ze) hūsun ‘bei den Häusern’) enthalten, beachte man den Artikel III-2.2 «Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen». 852 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="853"?> «Gegenstand und Fragestellung»). Für Häusermann kommt alternativ eine Deutung als ÜberN zu mhd. hiuze ‘munter, frech’ infrage (vgl. die FamN Häuser, Häusser, Heusser, Hüser und Hüsser). Als konkurrierende Deutung von Hausmann und Husmann ist ein BerufsN zu mhd. hūsman ‘Person, der die Pf lege des Hauses übertragen ist’ (das in der Mundart dann auch weitere Bedeutungen wie ‘Hausmieter’, ‘Hausvermieter’ oder ‘Verwalter eines Gotteshauses’ annimmt) anzuführen. Die beiden FamN Hischier (zu walliserdt. Hīschi ‘Häuschen’ mit Entrundung des Stammvokals und Palatalisierung von s) und Zenhäusern mit der Verschmelzungsform zen (← zu den) dürfen als Regionalspezifika des Deutschwallis gelten. 7 Sie lassen sich sowohl als Wohnstättenals auch als HerkunftsN zum Ortsteil zen Hischern, heute Zenhäusern, in der Gemeinde Bürchen (VS) auffassen. Durch Komposition wurde die Grundbedeutung des Lexems Haus in den zusammengesetzten Formen der zweiten Namengruppe angereichert; bspw. benennen Steinhauser und Steinhäuslin wohl eine Person, die in einem (kleinen) Haus aus Stein oder einem (kleinen) Haus an einer steinigen, felsigen Stelle wohnhaft ist. Nicht unmittelbar transparent sind insbesondere die Komposita Fankhauser (aus Fang - ‘Haus/ Hof in einer Sondernutzungszone, in einem umfriedeten Landstück’), 8 Schweighauser (‘Viehhof, Sennerei; Hof, auf dem Vieh gehalten und Käse hergestellt wird’) und Tischhauser (zum Toponym Tischenhaus ‘Haus einer Person/ Familie namens Disch’). Gegensatzpaare bilden die FamN Althaus - Neuhaus / Neuhauser / Neuhäusler mit Referenz auf das relative Alter des Gebäudes sowie die FamN Niederhauser / Niederhäuser - Oberhauser/ Oberhäuser / Zumoberhaus mit Referenz auf die relative Höhenlage des Gebäudes. 9 Für Entwicklungen des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Wohnens vgl. das e-HLS (2015: s. v. Wohnen; 2020: s. v. Bauernhaus). Für detailliertere Etymologien und weiterführende Angaben zu den ortsbezeichnenden Appellativa bzw. zu den Toponymen, die den hier kartierten FamN zugrunde liegen, sei auf das Id. (1881 ff.), das Online- Portal ortsnamen.ch (o. J.) und die regionalen Ortsnamenbücher der Schweiz wie das TNB 2 (2007) verwiesen. Die kartierten FamN zeigen grösstenteils eines der vier dominanten Bildungsmuster von WohnstättenN: Zu den PräpositionsN gehören Zenhäusern und Zumoberhaus, während Althaus und Neuhaus endungslos sind. Das Sample umfasst zudem viele Ableitungen auf -er wie Guthauser und solche auf -mann wie Hausmann. 10 Ob Diminution bei FamN wie Steinhäuslin bereits vor der Familiennamenentstehung eingetreten ist oder nicht, lässt sich ohne historische Sondierung nicht festlegen. 11 Kommentar: Wie die erste Karte zeigt, treten die FamN der ersten Namengruppe über die Deutschschweiz verteilt auf. Ein grösseres Vorkommen weisen die in der Nordhälfte der Deutschschweiz gelegenen Kantone Zürich und Aargau sowie weiter östlich die Kantone Thurgau und St. Gallen auf. Im Südwesten treten das Berner Mittelland und das Wallis hervor. Von den 102 Tokens des Typs Haus fallen 47 Ortspunkte auf den frequenten FamN Hauser, der die höchste Konzentration im Kanton Zürich (14 Tokens) erreicht, aber daneben in zehn weiteren Kantonen alteingesessen ist. Die Haus-Komposita sind mit 30 Tokens häufig im Kanton Bern mit Schwerpunkt in der Region Emmental bezeugt, kommen darüber hinaus allerdings auch in der Nordostschweiz in den Kantonen Thurgau (hier v. a. Althaus) und St. Gallen, im Südwesten in den Kantonen Freiburg (hier v. a. Neuhaus) und Wallis und schliesslich im Kanton Basel-Landschaft in grösserer Zahl vor. 7 Vgl. die Artikel I-1.5 «Entrundung» und II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu». 8 Zum Typ Fang vgl. Artikel III-3.7 «Wohnstättennamen zu Kulturland». Der FamN Fankhauser ist in der Schicht «vor 1800» sowohl in der Gemeinde Trub (BE), in der sich das Toponym Fankhaus verorten lässt, als auch in drei weiteren bernischen Gemeinden (Burgdorf mit Einbürgerung aus Trub im Jahr 1604, Eggiwil, Langnau i. E.) bezeugt. Es ist daher wohl teils von einem Wohnstätten- und teils von einem HerkunftsN auszugehen. 9 Vgl. Artikel III-3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie». 10 Vgl. die Artikel II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor», II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu», II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in», II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von», II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen» sowie II-2.7 «Familiennamen auf -mann». 11 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» und II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y». 3.8 Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen 853 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="854"?> Zweite Karte {402}: Wohnstättennamen zu Scheunen, Ställen und weiteren (un-)bewohnten Bauten Namenauswahl: Die zweite Karte umfasst WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800», die auf appellativische Bezeichnungen für Scheunen, Ställe und andere (un-)bewohnte Bauten oder auf daraus entstandene Toponyme zurückgehen. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Die Gruppe «Sonstige» fasst fünf verschiedene Familiennamentypes zusammen. Der Typus Būr und der FamN Kottmann weisen semantische Nähe zu jenen FamN der ersten Karte auf, in denen eine Diminutivform von Haus (im Sinne von ‘kleine Behausung’) fest geworden ist (z. B. Häusler, Häusli). Ferner gleicht bspw. auch der FamN Geisshüsler (s. erste Karte), der wohl einen Wohnort bei einem Ziegenstall benennt, den hier kartierten FamN Ruhstaller und Eugster/ Eugstler (zu Etymologien s. u.). Die beiden ersten Karten sind daher im Verbund zu betrachten. Abgefragte Namen Typ Äugst: Eugster, Eugstler. 14 Tokens. Typ Būr: Beurer, Bührer, Bürer. 9 Tokens. Typ Laube: Laube, Läubli. 7 Tokens. Typ Scheuer: Scheuermann, Scheurer, Scheurmann, Schürer, Schürmann. 35 Tokens. Typ Schopf : Schopfer, Schöpfer. 8 Tokens. Typ Speicher: Spicher, Spycher. 6 Tokens. Typ Stadel: Städeli, Städelin, Stadelmann, Stadler, Städler, Stadlin. 6 Types, 45 Tokens. Typ Tenn: Denner, Dennler. 5 Tokens. Typ Zust: Zust, Züst. 6 Tokens. Sonstige: Gadmer, Kottmann, Ruhstaller, Schärmeli, Soller. 14 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 420: Daten zur zweiten Karte {402} Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namen an. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Die FamN Eugster und Eugstler stellen sich zu schwzdt. Äugst ‘kleine Scheune, Schober; Schafstall, Schafpferch; kleiner Stall für Kleinvieh’ (aus ahd. awist, ewist, ouwist, mhd. öust). 12 • Die FamN Beurer, Bührer und Bürer stellen sich zu schwzdt. Būr, Pūr ‘(kleines, einräumiges) Haus, Hütte; Stall, Milchkammer, Käsespei- Karte 402: WohnstättenN zu Scheunen, Ställen und weiteren (un-)bewohnten Bauten, vor 1800 12 Ausgeklammert wurde der FamN Eyster (Bister, Filet, Greich, Mörel VS), der aufgrund seiner geographischen Verbreitung als HerkunftsN zum SiedlungsN Eisten im Gantertal (VS) gedeutet werden kann, der wiederum auf eine entrundete Form eist < mhd. öust zurückgeht. 854 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="855"?> cher in den Sennhütten’ (aus ahd., mhd. būr). In der Deutschschweiz sind neben entsprechenden FlurN auch viele SiedlungsN wie Büren, Büron u. ä. verbreitet. • Die FamN Laube und Läubli stellen sich zu schwzdt. Laube(n) ‘leicht und luftig gebauter, meist nach einer oder mehreren Seiten offener Raum; Nebenraum’ (aus ahd. louba, mhd. loube). Es handelt sich gemäss TNB 2.2 (2007: 255-256) ursprünglich um eine Ableitung zu Laub für ein Schutzdach aus Laub. 13 Formal ist bei Läubli auch ein ÜberN zum Adjektiv schwzdt. laub ‘lieb, ruhig; freigebig’ denkbar. • Typ Scheuer: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Schǖr, Schǖre(n) ‘Scheune, Scheuer, Tenn, Kornboden; alle der Ökonomie dienenden Räumlichkeiten’ (aus ahd. skūra, skiura, mhd. schiur(e)). 14 Alternativ liegt jeweils ein BerufsN für den Pächter eines Grundstücks mit Scheune (schwzdt. Schǖrguet) oder den Verwalter einer herrschaftlichen Scheune vor. • Die FamN Schopfer und Schöpfer stellen sich zu schwzdt. Schopf ‘(kleiner) Schuppen, angebautes Gebäude, offener Unterstand, Vorhalle’ (aus ahd. scoph, mhd. schopf(e)). Für Schöpfer im Kanton Luzern besteht insofern Deutungskonkurrenz, als auch ein HerkunftsN zum luzernischen SiedlungsN Schüpfheim (dialektal Schüpfe, vgl. FamN Schüpfer) denkbar ist. • Die FamN Spicher und Spycher stellen sich zu schwzdt. Spicher ‘Speicher, Kornspeicher, Scheune’ (aus ahd. spīhhāri, mhd. spīcher). Bei den als endungslos erscheinenden FamN stellt sich die Frage, ob ggf. eine haplologische Verkürzung von -erer eingetreten sein könnte. 15 • Typ Stadel: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Stadel ‘Scheune, scheunenartiges oder landwirtschaftliches Gebäude; Vorratsgebäude für Getreide und Viehfutter’ (aus ahd. stadal, mhd. stadel ). Bei Stadler und Städler ist auch ein BerufsN im Sinne von ‘wer für die Scheune und das darin Enthaltene, Eingelagerte zuständig ist’ möglich. • Die FamN Denner und Dennler stellen sich zu schwzdt. Tenn ‘Dreschplatz im Freien oder in einer Scheune; ebener Platz im Freien; Lauf-, Futtergang im Viehstall; Raum zum Einführen und Abladen von Heufudern’ (aus ahd. tenna, tenni, mhd. tenne). Alternativ liegen WohnstättenN zu Tann ‘Tannengehölz’ bzw. Tanne vor. 16 • Die FamN Zust und Züst stellen sich zu schwzdt. Zust, Sust ‘Warenschuppen; Dach für Vieh in den Alpen; im alten Transitverkehr öffentliche gedeckte Halle zum Einstellen der Saumtiere bzw. Wagen mit Kaufmannsgütern’ (zu rätorom. susta, suosta ‘Schuppen, Warenlager; Schirmdach (auf steinernem Unterbau) für das Vieh in den Alpen’; ital. sosta ‘Rast, Pause, Halt, Stop’; vgl. TNB 2.2 2007: 590, 681). Im Online-Portal ortsnamen.ch (o. J.: Nr. 1007024) wird daneben ein Patronym aus einer gerundeten Form des KoseN Zist (zum Ruf N Franziskus, Francesco) in Betracht gezogen. Zu Susten und zur Säumerei im Allgemeinen vgl. die Ausführungen im e-HLS (2011: s. v. Susten; 2012: s. v. Säumerei). • Sonstige: Die Gruppe umfasst Gadmer zu schwzdt. Gade(n), Gadem ‘Haus von nur einem Gemach; Gemach, Kammer; Nebengebäude im Gegensatz zu Haus, Viehstall oder Scheune; Heuschober’ (aus ahd. gadum, mhd. gadem, gaden), Kottmann zu schwzdt. Chotte(n) ‘Pferch, bretterner Verschlag für das Vieh; kleines, armseliges Haus’ (aus mhd. kot(e)), 17 Ruhstaller zu schwzdt. Rue(w)stall ‘Ruhestall; Unterstand auf einer Weide’ (mit dem Grundwort aus ahd., mhd. stal ), Schärmeli zu schwzdt. Schërm, Schërme(n) ‘Vordach, Unterstand, Schutzort’ (aus ahd. scërm, mhd. schërm(e)) und Soller zu schwzdt. Soller ‘Estrich, Dachboden, Zimmerdecke’ (aus ahd. solari, mhd. solre, sölre, soller). 18 Unberücksichtigt blieben FamN wie Stähli oder Stahl, die nach Berchtold/ Graf (i. V.) als BerufsüberN zu mhd. stahel, stāl ‘Stahl, stählerne Rüstung’ für den (Stahl-)Schmied aufzufassen sind und daher im Artikel III-4.5 «Berufs(über)namen zur Metallverarbeitung» behandelt werden. Es ist aber grundsätzlich nicht ganz auszuschliessen, dass in Einzelfällen stattdessen ein WohnstättenN zu mhd. stal ‘Wohnort, Stelle, Ort zum Einstellen des Viehs, Stall’ vorliegt (s. DFD 2025c: s. v. Stahl ). Für die (historische) diatopische Variation von Scheune, Scheuer, Stadel und Kasten als Übersetzungen von lat. horreum vgl. die Ausführungen im DFA 4 (2013: 945-946; s. auch Nübling/ Kunze 2023: 351) und dabei besonders die Verbreitungskarte 411 (DFA 4 2013: 944). Zu Wohn- und Wirtschaftsgebäuden im landwirtschaftlichen Kontext beachte man das e-HLS (2020: s. v. Bauernhaus). Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass sich die ausgewählten FamN tendenziell über das Mittelland verteilen, während voralpine und alpine Räume wenig vertreten sind. Die zwei tokenfrequentesten Typen Scheuer und Stadel weisen eine fast vollständig komplementäre Verteilung in der Deutschschweiz auf: Während die erste Namengruppe in der westlichen Hälfte vorherrscht (v. a. LU, BE, AG, SO), häufen sich weiter östlich die Stadel-Vorkommen (v. a. SG, TG, ZH, LU). Die Schweizer Belege schliessen sich damit dem südwestdeutschen Scheuer- und dem südostdeutschen Stadel-Raum an und bilden so einen länderübergreifenden Namenraum (vgl. DFA 4 2013: 944). Namencluster finden sich für den Typ Äugst im Appenzellerland, für den Typ Būr im Kanton Schaffhausen (hier Bührer), für den Typ Speicher im bernisch-freiburgischen Grenzgebiet, für den Typ Tenn im Oberaargau (BE) und für den Typ Zust in Appenzell Ausserrhoden. Der Typ Laube ist im Aargauischen sowie vereinzelt in der Nordostschweiz belegt. Die FamN zu Schopf streuen über die Deutschschweiz. Der FamN Soller konzentriert sich am Bodensee, während Kottmann im Kanton Luzern und Ruhstaller im Kanton Schwyz verbreitet sind. Einmalig bezeugt sind Gadmer (Davos GR) und Schärmeli (Matzendorf SO). 13 Vgl. die FamN zu Laub im Artikel III-3.4 «Wohnstättennamen nach der Vegetation» (Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle»). 14 Hingegen blieb der FamN Scheuner (Bern, Oberbalm, Rapperswil BE) als HerkunftsN zum SiedlungsN Scheunen (BE), der wiederum auf mhd. schiun(e) ‘Scheune, Ökonomiegebäude’ beruht, in der Kartierung unberücksichtigt. 15 Vgl. Artikel II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen». 16 Vgl. Artikel III-3.4 «Wohnstättennamen nach der Vegetation». 17 Wie bei Hauser/ Huser sowie Häusler und Varianten kommt neben einem WohnstättenN auch ein BerufsN für einen Tagelöhner infrage. 18 Denkbar ist jedoch auch eine er-Bildung zu schwzdt. Sol ‘Lache, Pfütze (in der sich das Wild suhlt)’; vgl. Artikel III-3.3 «Wohnstättennamen zu Uferlandschaften, Sümpfen und Sumpfpf lanzen». 3.8 Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen 855 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="856"?> Dritte Karte {403}: Wohnstättennamen zu Arbeitsstätten Namenauswahl: Die dritte Karte enthält FamN aus der Schicht «vor 1800», die zu den Lexemen bzw. Toponymen Mühle und Schmiede / Schmitte gebildet sind. 19 Ergänzend dazu werden FamN vom Typ Ofen kartiert, auch wenn z. T. nicht abschliessend zu bestimmen ist, ob sie sich motivisch wirklich auf einen Ofen zum Backen, Schmelzen, Brennen, Heizen oder doch eher auf eine Geländeform bzw. auf die Körperform einer Person beziehen. 20 Abgefragte Namen Typ Mühle: Indermühle, Möhl, Mühle, Mühlebach, Mühlefluh, Mühlegg, Mühlemann, Mühlematter, Müllegg, Müllhaupt, Mülli, von Mühlenen, von Mülinen, Vonmüllenen, von Müllinen, Zmilacher, Zurmühle. 17 Types, 43 Tokens. Typ Ofen: Bachofen, Bachofer, Bachofner, Oefeli, Oefelin, Zumofen. 6 Types, 27 Tokens. Typ Schmitte: Inderschmitten, Schmidhalter, Schmidter, Schmitter, Zurschmiede, Zurschmitten. 6 Types, 14 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 421: Daten zur dritten Karte {403} Detailangaben zur Namenauswahl: In den FamN der ersten Gruppe ist schwzdt. Müli ‘Mühle’ (aus ahd. mulīn, mulī, mhd. mül, müle) fest geworden. 21 Neben Simplizia, Ableitungen und PräpositionsN sind auch Komposita mit Mühle als Bestimmungs- oder Grundwort kartiert. 22 Wie das TNB 2.2 (2007: 398) festhält, belegen die zahlreichen Mühle-FlurN «die eminente Bedeutung, die Mühlen in früheren Zeiten zukam». Auch schwzdt. Schmitte ‘Schmiedewerk- Karte 403: WohnstättenN zu Arbeitsstätten, vor 1800 19 Für entsprechende BerufsN wie Müller und Schmied vgl. die Artikel III-4.2 «Berufs(über)namen zum Bäckereigewerbe» und III-4.5 «Berufs(über)namen zur Metallverarbeitung». 20 Vgl. die Artikel III-3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie» sowie III-5.1 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Gesamteindruck und Haare». 21 In der Schicht «vor 1800» findet sich ferner der mehrdeutige FamN Ribi (Ermatingen TG), der sich u. a. als WohnstättenN zu schwzdt. Rībi ‘Hanfmühle’ deuten lässt. Auch der FamN Oeli (Klarsreuti TG) steht mit der Müllerei in Beziehung; er geht entweder als BerufsN auf schwzdt. (älter) Öli ‘Ölmüller, Ölträger, hausierender Spezereiträger’ oder als WohnstättenN auf schwzdt. Öli ‘Ölmühle’ zurück. Die beiden lexikalischen Typen sind niederfrequent und wurden daher von der Kartierung ausgeschlossen. Der FamN Mühlemann kann einerseits als WohnstättenN für eine Person, die in oder bei einer Mühle wohnhaft ist, aufgefasst werden, andererseits als BerufsN für eine Person, die in einer Mühle arbeitet, resp. können hier beide Motive ineinandergreifen (vgl. Abschnitt «Gegenstand und Fragestellung»). 22 Morphosyntaktisch wie graphisch-lautlich auffällig ist der FamN Zmilacher (Ernen VS): Die initiale Z-Schreibung geht auf die agglutinierte Präposition zu zurück; ferner zeigt das zugrunde liegende Lexem Mühleacker ‘der Acker bei der Mühle’ (VSNB 3 2024: Sp. 279) Entrundung. Vgl. die Artikel II-3.1 «Artikelproklise» und I-1.5 «Entrundung». 856 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="857"?> statt’ (aus ahd. smitta, mhd. smitte) kommt als Arbeitsstätte einer im Mittelalter zentralen Berufsgruppe in einer Vielzahl von FlurN vor und hat mehrfach Eingang in den Familiennamenbestand der Deutschschweiz gefunden. Die Namengruppe umfasst er-Ableitungen, PräpositionsN und ein Kompositum mit Schmiede als Bestimmungswort. 23 Wie bereits erwähnt, sind FamN zu schwzdt. Ofe(n) ‘Ofen’ (aus ahd. ovan, mhd. oven) mehrdeutig, sodass neben WohnstättenN z. T. auch BerufsN bzw. BerufsüberN und ÜberN infrage kommen. 24 In FlurN «benennt das Element ofe nicht nur Kohlöfen, Aschöfen, Harzöfen, Pechöfen und Glasöfen», sondern u. a. metaphorisch auch Felshöhlen, die an einen Ofen erinnern (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 4042473). 25 Zu sogenannten Ehaften - d. h. «die dem Gemeinwesen unentbehrlichen, konzessionspf lichtigen Gewerbebetriebe samt Gebäuden» - wie Mühlen (v. a. Getreide-, Papier-, Pulvermühlen) und Schmieden (z. B. Huf-, Sensen-, Hammerschmieden) oder auch Backhäuser vgl. das e-HLS (2008: s. v. Ehaften). Dieses bietet ferner weiterführende Informationen zu Mühlen (u. a. zu typischen Standorten von Mühlebetrieben), zur Müllerei und zu Back-/ Ofenhäusern (e-HLS 2009a: s. v. Müllerei; e-HLS 2009b: s. v. Bäckerei; e-HLS 2012: s. v. Mühlen). Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass sich alle drei Namentypen über die Deutschschweiz verteilen. Der Typ Mühle weist dabei u. a. räumliche Konzentrationen im Oberaargau (BE), im Aargau an der schweizerisch-deutschen Grenze und in der Innerschweiz auf. Die FamN zu Ofen ballen sich hauptsächlich im Kanton Zürich (insgesamt 18 Tokens), wo Bachofen und Bachofner alteingesessen sind. Die dritte Namengruppe kommt gehäuft im Wallis vor. Vierte Karte {404}: Wohnstättennamen zu kirchlichen Bauten und sonstigen kirchlichen Örtlichkeiten Namenauswahl: Die vierte Karte nimmt WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800» in den Blick, die auf Gebäude oder sonstige Örtlichkeiten des kirchlichen Bereichs Bezug nehmen. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ Kapelle: Kappeler, Käppeli, Kappler. 45 Tokens. Typ Kirche: Kilchenmann, Kilchmann, Kirchen, Zur Kirchen, Zurkirch, Zurkirchen. 6 Types, 15 Tokens. Typ Kirchhof : Kilchhofer, Kirchhofer. 11 Tokens. Typ Klause: Klausner, Klossner, Kluser, Zenklusen. 14 Tokens. Typ Kreuz: Crüzer, Kreutzer, Kreuz, Kreuzer. 8 Tokens. Karte 404: WohnstättenN zu kirchlichen Bauten und sonstigen kirchlichen Örtlichkeiten, vor 1800 23 Die FamN Schmidhauser (Rothenf luh BL, TG) und Schmidhäusler (Bösingen, St. Ursen FR), die auf die Wohnstätte des örtlichen Schmieds Bezug nehmen, wurden bei der ersten Karte abgebildet. 24 Für die FamN Bachofer und Bachofner (sowie allenfalls für Bachofen) ist insbesondere auch eine Bildung auf -hof denkbar; vgl. dazu den Artikel III-3.10 «Wohnstättennamen zu Bezeichnungen für Höfe, Anwesen und Siedlungen». 25 Vgl. Artikel III-3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie». 3.8 Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen 857 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="858"?> Typ Zelle: Ehrenzeller, Zeller. 29 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 422: Daten zur vierten Karte {404} Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namen an. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Die FamN Kappeler, Käppeli und Kappler stellen sich zu schwzdt. Chappel, Chappele(n) ‘Kapelle’ (aus ahd. kapella, mhd. kappel, kapëlle, kappëlle). • Typ Kirche: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Chirche(n), Chilche(n) ‘Kirche, Gotteshaus’ (aus ahd. kirihha, kilihha, mhd. kirche, kilche). Für Kilchenmann und Kilchmann ist alternativ von einem BerufsN für denjenigen, der die Grundstücke der Kirche bewirtschaftete und daher der Kirche zinspf lichtig war, auszugehen. Allenfalls liegt auch ein ÜberN zur abgegangenen Bedeutung schwzdt. Chilche(n)ma(nn) ‘Mann, der wegen Vergehens zu öffentlicher Kirchenbusse verurteilt worden ist’ (Id. 4 1881 ff.: Sp. 265) vor. • Die FamN Kilchhofer und Kirchhofer stellen sich zu schwzdt. Chirchhof , Chilchhof ‘Friedhof ’, in weitem Sinne auch ‘umfriedetes Gelände bei der Kirche’ (mit dem Bestimmungswort aus ahd. kirihha, kilihha, mhd. kirche, kilche und dem Grundwort aus ahd., mhd. hof ). 26 • Typ Klause: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Chlūs ‘Klause, Einsiedelei, Klosterzelle, Kloster’, aber auch ‘Engpass, Felskluft, Schleuse’ (aus ahd. klūsa, mhd. klūs(e)). 27 Denkbar ist bei den er- Ableitungen auch ein ÜberN für eine Person, die kaum aus dem Haus kam oder in anderer Weise mit der Lebensform eines Einsiedlers in Verbindung gebracht wurde. • Typ Kreuz: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Chrǖz ‘Kreuz’ (aus ahd. krūzi, mhd. kriuz(e)). In FlurN verweist Kreuz «auf das Kreuz als Symbol des christlichen Glaubens» (d. h. Weg-, Feld- oder Gedenkkreuze), allerdings auch «auf Dinge in Kreuzform, so v. a. zwei sich kreuzende Wege oder Strassen», sowie «auf Grenzmarkierungen in Kreuzform» (TNB 2.2 2007: 146). • Der FamN Zeller stellt sich zu schwzdt. Zäll ‘Zelle, Kammer; Kirche, Kapelle, Einsiedelei, Klostergut’, auch ‘Speicher, Wirtschaftshof eines Klosters, Vorratsraum’ (aus ahd. zella, mhd. zelle). Ehrenzeller ist etymologisch als ‘der Wirtschaftshof einer Person namens Arin’ einzuordnen (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 4007509). Ausgeschlossen wurden die als HerkunftsN aufzufassenden FamN Appenzeller und daraus verkürztes Pazeller zum Toponym Appenzell, das wiederum als Kompositum aus ahd. abbat + ahd. zella ‘der Wirtschaftshof des Abtes des Klosters (St. Gallen) für die grundherrlichen Naturalienabgaben’ gedeutet wird (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 802003101). Für die Vorkommen von Zeller im Appenzellerland ist nicht auszuschliessen, dass es sich um elliptische Bildungen aus Appenzeller handelt. Zur Kirche als Bauwerk vgl. das e-HLS (2017: s. v. Kirchenbau). Kommentar: Die FamN der vierten Karte, die motivisch in einem Zusammenhang mit kirchlichen Bauten oder sonstigen kirchlichen Örtlichkeiten stehen, sind hauptsächlich im Deutschschweizer Mittelland verbreitet. Die höchste Frequenz erreicht der Typ Kapelle, dessen Schwerpunkt einerseits in den aneinandergrenzenden Kantonen Luzern und Aargau und andererseits in der Nordostschweiz (TG, ZH, SG) liegt. Wie der DFA 4 (2013: 338) anmerkt, ist der Südwesten Deutschlands reich an Kappel-Toponymen, die in verschiedenen Varianten im Familiennameninventar fest geworden sind. Die Schweizer Vorkommen schliessen sich dem bundesdeutschen Verbreitungsgebiet an. Auch der Typ Zelle tritt gemäss DFA 4 (2013: 332) schwerpunktmässig in Süddeutschland auf - der Namentypus findet seine Fortsetzung in der Schweiz, wo sich die Belege über das Territorium verteilen: Vereinzelte Belege treten in den Kantonen Basel-Landschaft, Aargau, Zürich, Thurgau, Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden auf. Mehr als 5 Tokens erreichen die Kantone Bern (v. a. das Berner Oberland) und St. Gallen; letzteres Gebiet ist mit 11 Tokens am stärksten von FamN zu Zelle geprägt. Der Typ Kirche ist westlastig mit Ballungen in den benachbarten Bezirken Entlebuch (LU) und Emmental (BE). Auch die Varianten Kilchhofer und Kirchhofer treten gehäuft in letzterem Gebiet auf, während die Typen Klause und Kreuz Schwerpunkte in südlichen Kantonen aufweisen (VS bzw. VS und GR). 26 Für weitere FamN mit Hof vgl. Artikel III-3.10 «Wohnstättennamen zu Bezeichnungen für Höfe, Anwesen und Siedlungen». 27 Vgl. Artikel III-3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie». 858 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="859"?> Fünfte Karte {405}: Wohnstättennamen zu Mauern, Türmen und Toren Namenauswahl: Die fünfte Karte rückt WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800» in den Fokus, die aus den Appellativen Mauer, Turm und Tor oder aus darauf basierenden Toponymen hervorgegangen sind. Für die zahlreichen WohnstättenN zum Lexem schwzdt. Rei(n) (aus ahd., mhd. rein), das eine Schutzwehr, aber auch einen lang gestreckten Abhang bezeichnet, vgl. den Artikel III-3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie». Abgefragte Namen Typ Mauer: Auf der Maur, Aufdermauer, Aufdermaur, Gmür, Indermaur, Maurer, Mühry, Murer, Muri, Müri, Murmann, Müry. 12 Types, 95 Tokens. Typ Turm: Durni, Durrer, Im Thurn, Imthurn, Thurni, Zumthurm. 6 Types, 9 Tokens. Typ Tor: Dorer, Dormann, Thormann, Zumthor. 5 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 423: Daten zur fünften Karte {405} Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namen an. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Typ Mauer: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Mūr, Mūre(n) ‘Mauer, Wand aus Steinen’ (aus ahd. mūra, mhd. mūr(e)) bzw. zur Kollektivbildung schwzdt. Gmür ‘Gemäuer, Gebäude’ (aus mhd. gemiure). Für entsprechende Toponyme merkt das TNB 2.2 (2007: 403) an: «Nach traditioneller Ansicht verweist das Element Muur in Flurnamen oft auf Örtlichkeiten, wo früher römische Niederlassungen bestanden […], doch braucht dies nicht immer so zu sein. Vielmehr handelt es sich bei den Mauern oft auch um kleine Mäuerchen zur Begrenzung von Äckern, um Stützmäuerchen von Äckern in Haldenlagen usw.». In die Namengruppe wurden auch der häufige FamN Maurer (vor 1800 mit 64 Tokens) 28 und seine Variante Murer aufgenommen, auch wenn als Hauptbedeutung meist ein BerufsN angesetzt wird. Muri lässt sich einerseits als Wohnstättenresp. HerkunftsN, andererseits als Patronym zum Ruf N Mauritius deuten. • Typ Turm: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Turm, Turn, Ture(n) ‘Turm’, übertragen auch für entsprechende Felsformationen (aus ahd. turra, turri, turn, mhd. tur(e)n, tor(e)n). 29 Karte 405: WohnstättenN zu Mauern, Türmen und Toren, vor 1800 28 Vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 29 Vgl. Artikel III-3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie». 3.8 Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen 859 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="860"?> • Typ Tor: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Tor ‘Tor, grosse Tür; Öffnung in der Stadtmauer’, auch ‘Öffnung im Weidezaun» (aus ahd., mhd. tor). 30 Wie eingangs erwähnt, können die FamN Thormann und Dormann auch auf den Beruf des Torwächters referieren. Kommentar: Die fünfte Karte wird von FamN zu Mauer dominiert, die in den Kantonen Bern (28 Tokens), Zürich (23 Tokens) und St. Gallen (11 Tokens) an jeweils mehr als 10 Ortspunkten alteingesessen sind. Als Schwerpunkte tritt im Westen das Aaretal zwischen den Städten Bern und Thun (BE), im Nordosten das Zürichseegebiet hervor. Beide Arealbildungen sind geprägt vom FamN Maurer, der in der Schicht «vor 1800» in Bezug auf die Anzahl Belegorte den 37. Rang aller Schweizer FamN erreicht. 31 Die FamN zu Turm zeigen eine leichte Häufung in den Innerschweizer Kantonen Obwalden und Nidwalden (insgesamt 4 Tokens), jene zu Tor streuen (jeweils einmalig in AG, BE, BL, LU, SG). Während WohnstättenN zu Türmen und Toren in Deutschland gemäss DFA 4 (2013: 979) «meist städtisch» auftreten, trifft dies für die hier vorliegende Namenauswahl nicht in gleichem Masse zu; vgl. etwa auch die Mauer-Belege im ländlichen, alpinen Berner Oberland. Sechste Karte {406}: Wohnstättennamen zu Gasse und Strasse Namenauswahl: Die sechste Karte dokumentiert die zu Gasse und Strasse gebildeten FamN aus der Schicht «vor 1800». Die entsprechenden Namen werden kontrastiv dargestellt, weil das «Verhältnis der Wörter […] in der historischen Toponomastik vielfältig diskutiert» wird und daher auch für die daraus hervorgegangenen FamN von Interesse ist (DFA 4 2013: 906; s. auch Nübling/ Kunze 2023: 348-349). Abgefragte Namen Typ Gasse: Engesser, Gaschen, Gass, Gasser, Gassler, Gassmann, Gassner, Gessler, Gessner, Rischgasser. 10 Types, 88 Tokens. Typ Strasse: Hochstrasser, Strasser, Strässle, Strässler, Strässli, Strassmann, Strössler, Strösslin. 8 Types, 42 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-80, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 424: Daten zur sechsten Karte {406} Karte 406: WohnstättenN zu Gasse und Strasse, vor 1800 30 Für FamN zu schwzdt. Eschtor vgl. Artikel III-3.7 «Wohnstättennamen zu Kulturland». 31 Die auf der historischen Datenschicht «vor 1800» basierenden Frequenzangaben zu den FamN sind allerdings nur bedingt als Frequenzen zu betrachten, vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 860 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="861"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Die FamN der ersten Gruppe stellen sich zu schwzdt. Gass ‘Strasse, Gasse, Hohlweg, Durchgang’ (aus ahd. gaʒʒa, mhd. gaʒʒe), jene der zweiten Gruppe zu schwzdt. Strāss ‘(Land-)Strasse, befahrbarer Verkehrsweg’ (aus ahd. strāʒa, mhd. strāʒe). 32 Nach Auskunft des TNB 2.2 (2007: 218) bezeichnen Gass-FlurN «meist das Land in unmittelbarer Nähe eines schmalen Geh- oder Fahrwegs, meist zwischen Erhebungen, Zäunen oder Mauern hindurch (während der Weg durch das Fehlen seitlicher Begrenzung gekennzeichnet ist)». FlurN mit Strasse hingegen «beziehen sich auf Landstücke, die in unmittelbarer Nähe eines Verkehrswegs liegen, wobei dieser im Unterschied zur Gasse oder zum Weg i. d. R. geschottert, gepf lastert und befahrbar ist» (TNB 2.2 2007: 580). Das jüngere, aus dem Lateinischen entlehnte Lexem Strasse verdrängte älteres Gasse resp. engte dessen Bedeutung ein (EtymWB 1993a: s. v. Gasse; Nübling/ Kunze 2023: 348), wobei Gasse im süddeutschen Raum noch präsenter ist als in norddeutschen Gebieten. Für Bedeutungsunterschiede sowie diachrone und diatopische Variation in der Appellativik sei auf das Id. 2 (1881 ff.: Sp. 449) verwiesen; für FamN zu Weg s. die nachfolgende siebte Karte. Zur Entwicklung des mittelalterlichen Strassen- und Wegnetzes beachte man die Ausführungen im e-HLS (2015: s. v. Strassen), das «die Städtegründungen, die Herausbildung der Territorialherrschaft im Spätmittelalter sowie v. a. die Flurordnungen der Siedlungen und Dörfer» als die drei prägenden Faktoren erachtet. Kommentar: Die sechste Karte zeigt, dass der Typ Gasse tendenziell in einem grösseren Gebiet erscheint als der Typ Strasse. So sind letztere FamN hauptsächlich in der nördlichen Hälfte der Deutschschweiz alteingesessen, wo sie sich von den Kantonen Aargau und Luzern (zusammen 15 Tokens) über Zürich (8 Tokens) bis in die Kantone St. Gallen und Thurgau (zusammen 15 Tokens) erstrecken. Im Unterschied dazu reichen die WohnstättenN zu Gasse weiter in westliche und südliche Gebiete: Während der südlichste Strasse- Beleg in Dierikon (LU) zwischen Vierwaldstättersee und Zugersee liegt, tritt Typ Gasse u. a. auch im Wallis in Erscheinung. Das Ballungszentrum der zweiten Namengruppe ist mit jeweils 14 Tokens in den Kantonen Bern und Luzern zu verorten; häufigere Vorkommen verzeichnen auch die Kantone Zürich und Aargau, wo sich die beiden Namentypen durchmischen. Zwischen der vorliegenden Karte und der entsprechenden Verbreitungskarte für den bundesdeutschen Raum (DFA 4 2013: 907) zeigt sich insgesamt eine hohe Übereinstimmung: Im Südwesten überwiegt tendenziell Typ Gasse, doch besonders nördlich des Bodensees weist die DFA-Karte 398 höhere Vorkommen von FamN zu Strasse aus (DFA 4 2013: 907, 909). 32 Für die FamN Strössler und Strösslin vgl. Artikel I-1.7 «Erhalt oder Verdumpfung von mhd. ā». 3.8 Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen 861 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="862"?> Siebte Karte {407}: Wohnstättennamen zu Wegen, Steigen und Stiegen Namenauswahl: In engem Zusammenhang zur vorhergehenden sechsten Karte werden in der siebten Karte FamN aus der Schicht «vor 1800» abgebildet, die etymologisch auf Bezeichnungen für einen Weg, einen Steig o. ä. bzw. auf entsprechende Toponyme zurückgehen. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ Steig: Steiger, von Steiger. 33 Tokens. Typ Stieg: Stieger, Styger. 8 Tokens. Typ Strick: Stricker, Strickler. 17 Tokens. Typ Weg: Altwegg, Amweg, Berweger, Holenweg, Holenweger, Hollenwäger, Hollenweger, Riedweg, Wäger, Wegener, Weger, Wegmann, Zellweger, Zillweger. 14 Types, 71 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 425: Daten zur siebten Karte {407} Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namen an. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Typ Steig: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Steig ‘steiler Weg, ansteigende Fahrstrasse; Steigung im Gelände’ (aus ahd. steiga, mhd. steige). Gemäss TNB 2.2 (2007: 568) beziehen sich FlurN mit Steig - im Unterschied zum Typ Stieg - «weniger auf Fusspfade denn auf Fahrwege», auch wenn die Unterscheidung «schon früh erschwert» ist. Für patrizisches von im FamN von Steiger vgl. den Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». • Die FamN Stieger und Styger stellen sich zu schwzdt. Stīg, Stīge(n) ‘Steig, Pfad, ansteigender Weg’ (aus ahd. stīg, stīga, mhd. stīc, stīge). • Die FamN Stricker und Strickler stellen sich zu schwzdt. Strick ‘schmaler Weg/ Pfad; schmale Felsstücke, schmale Geländeformen allgemein’ (aus ahd. stric, mhd. stric, strickes). Alternativ liegt ein BerufsN zu mhd. stricker ‘Seiler, Strumpf- und Hosenstricker’ vor. • Typ Weg: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Wëg ‘Weg, Strasse, Pfad’ (aus ahd. weg, mhd. wec, weg). In FlurN bezieht sich Weg «auf Verkehrs- und Transportrouten ebenso wie auf von Tieren begangenen Strecken. Meist sind es schmale Durchgänge, denen eine seitliche Begrenzung fehlt und die - im Unterschied zur Strasse und zur Gasse - nicht mit dem Wagen befahren werden» (TNB 2.2 2007: 650). Für Wäger, Wegmann und weitere ist alternativ ein BerufsN für eine Person, die den Strassenunterhalt besorgte, oder ggf. auch für eine mit Wägepf lichten betraute Amtsperson möglich. Für FamN zu Steg vgl. die achte Karte und für das Verhältnis von Steg, Stieg und Steig beachte man die Ausführungen im DFA 4 (2013: 921). Karte 407: WohnstättenN zu Wegen, Steigen und Stiegen, vor 1800 862 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="863"?> FamN zu Enge, Stutz, Stalde u. ä., die motivisch bisweilen auf die Bedeutung ‘beengter bzw. (steil) ansteigender Weg’ zurückgehen können, werden im Artikel III-3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie» behandelt. Kommentar: Die siebte Karte zeigt ein erhöhtes Vorkommen von FamN zu Weg in der Nordostschweiz mit Schwerpunkt in den Kantonen Zürich (25 Tokens) und Thurgau (10 Tokens). Am zweithäufigsten ist der Typ Steig, der ebenfalls im nordöstlichen Teil der Deutschschweiz (v. a. SG) geballt auftritt. Wie bei der erstgenannten Namengruppe sind jedoch auch Streubelege in (süd-)westlicheren Gebieten bezeugt. Im Unterschied dazu kommen die FamN zu Stieg und jene zu Strick ausschliesslich in der Osthälfte der Deutschschweiz vor (SZ, SG, AR resp. ZG, ZH, SG, AR). Zur Verbreitung von Weg, Steg, Stieg und Steig im bundesdeutschen Raum schreibt der DFA 4 (2013: 918-919): «Die Lücken der Hauptkarte [mit FamN zu Weg] werden teilweise von FamN der Typen Steg-, Stieg- und Steiggefüllt, deren Bedeutungsspektrum sich historisch partiell mit dem von Weg überschneiden kann» (s. etwa auch BENB I/ 6 2020: Sp. 239). Mit Blick auf das vorliegende Kartenbild lässt sich für die Deutschschweiz feststellen, dass appellativisches bzw. toponymisches Weg, Stieg und Steig tendenziell in den gleichen Gebieten - nämlich vorwiegend in der Nordostschweiz - in FamN fest geworden sind; einzig die vier Stieg -Belege im Kanton Schwyz setzen sich etwas ab. Vergleicht man jedoch die Verbreitung von FamN zu Steg (achte Karte) mit den Weg -Vorkommen (vorliegende siebte Karte), so offenbart sich ein beinahe komplementäres Bild. Ob es sich dabei um einen Zufallsbefund handelt oder ob allenfalls diatopische Variation vorliegen könnte, müsste in einer vertiefenden Arbeit unter Einbezug entsprechender Toponyme untersucht werden. Achte Karte {408}: Wohnstättennamen zu Brücken und Stegen Namenauswahl: Die achte Karte dokumentiert FamN aus der Schicht «vor 1800», bei denen Brücken und Stege namengebend waren. Die WohnstättenN werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Die Gruppe «Sonstige» fasst vier verschiedene Familiennamentypes zusammen. Abgefragte Namen Typ Brücke: Briggeler, Briggen, Brigger, Briker, Brücker, Bruckner, Brüggemann, Brugger, Brügger, Brüggimann, Bruggmann, Zurbriggen, Zurbrügg. 13 Types, 75 Tokens. Typ Steg: Alpstäg, Im Obersteg, Imobersteg, Obersteg, Stäger, Steg, Steger, Stegmann, Zumsteg. 9 Types, 37 Tokens. Sonstige: Imark, Speck, Specker, Speckert. 11 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 426: Daten zur achten Karte {408} Karte 408: WohnstättenN zu Brücken und Stegen, vor 1800 3.8 Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen 863 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="864"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung aller kartierten Namen an. Als Etyma werden Appellativa genannt, denkbar ist aber jeweils auch ein auf diesen basierendes Toponym: • Typ Brücke: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Brugg, Brügg, Brugge(n) ‘Brücke, Knüppelweg durch nasses Gebiet’ (aus ahd. brugga, mhd. brücke, brucke, brügge). 33 Bei den Brugger-Namenträger: innen aus dem Kanton Aargau ist aufgrund der lokalen Namenverbreitung auch mit HerkunftsN zum SiedlungsN Brugg (AG) zu rechnen; ähnlich lässt sich für Brigger als konkurrierende Deutung ein HerkunftsN zum SiedlungsN Brig (VS) annehmen. Bei Bruggmann und Varianten kann sowohl ein WohnstättenN als auch ein BerufsN für den Brückenwärter vorliegen. • Typ Steg: Die FamN stellen sich zu schwzdt. Stëg ‘Steg, kleine (Holz-)Brücke, schmale, leichte Brücke, schmaler Weg’ (aus ahd. stëg, mhd. stëc, stëg). Gemäss EtymWB (1993b: s. v. Steg) bezeichnet Steg «ursprünglich wohl nur den Auf- und Abstieg zu der das Wasser überbrückenden (Holz)konstruktion, dann erst die Brücke selbst». • Sonstige: Die Gruppe umfasst Imark zu schwzdt. Arch ‘Vorbrücke, Brückenjoch’ (aus lat. arca) sowie Speck, Specker und Speckert zu schwzdt. Speck ‘Knüppelweg durch nasses Gebiet, Landstück am Knüppelweg; sumpfiges Land’ (mhd. spëcke). 34 Zu Brücken und Stegen im Mittelalter vgl. das e-HLS (2011: s. v. Brücken). Einer Brücke «kommt historisch nebst dem Verkehrszweck in vielerlei Hinsicht grosse Bedeutung zu, sie hat militärische, politische und rechtliche Funktionen» (TNB 2.2 2007: 98). Kommentar: Die achte Karte weist ein grossräumiges Vorkommen von Brücke-FamN aus, die insbesondere im Wallis, im Berner Oberland, im Innerschweizer Kanton Uri und in der Nordostschweiz (v. a. TG, SG) gehäuft belegt sind. Der Typ Steg ist mehrheitlich im Aargauischen und in der südlichen Hälfte des Kantons Bern verbreitet (zusammen 22 von insgesamt 37 Tokens). Imark ist einmalig in Himmelried (SO) bezeugt; Specker ist für den Kanton Thurgau charakteristisch, während mit -t erweitertes Speckert weiter westlich im Aargau in Erscheinung tritt und Speck streut. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Gasser (7'128 Tokens), Maurer (6'583 Tokens) und Hauser (5'484 Tokens). Klammert man Maurer aus, da er gemäss Berchtold/ Graf (i. V.) und DFD (2025b: s. v. Maurer) tendenziell öfter als BerufsN denn als WohnstättenN zu interpretieren ist, rückt Fankhauser (5'188 Tokens) auf den dritten Platz nach. Die dritte Karte, die WohnstättenN der Typen Mühle, Ofen und Schmitte abbildet, liesse sich mit dem Typ Bleichi erweitern. Das Lexem schwzdt. Bleichi tritt häufig in FlurN auf und benennt Plätze, wo Stoff/ Leinwand gebleicht wurde; allerdings zeigt es «vielfache Vermischungen» mit dem Lexem schwzdt. Bleike(n) (‘Rutschgebiet, Geröllhang, Schutthalde, Lichtung’) resp. daraus hervorgegangenen Toponymen (TNB 2.2 2007: 76-77). Bei den FamN Bleichmann (Gelfingen, Hitzkirch LU) und Bleiker (SG) bestehen somit nicht nur Deutungskonkurrenzen zwischen einem BerufsN für den Bleicher und einem WohnstättenN, auch die Zuordnung zu einer Motivgruppe innerhalb des letzteren Benennungsmotivs ist unsicher. Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA 4 (2013) behandelt FamN zu Orten mit Bezeichnungen aus dem kirchlichen Bereich wie Zellner oder Klostermann auf den Karten 144-150 (vgl. DFA 4 2013: 332-345), FamN zu Scheunen, Speichern und Viehhöfen wie Schünemann, Stadler und Schweier auf den Karten 411-416 (vgl. DFA 4 2013: 944-959) sowie FamN zu kleinen Behausungen wie Kotter, Buder und Hausler auf den Karten 417-426 (vgl. DFA 4 2013: 960-977). Vervollständigt wird die Motivgruppe mit FamN zu Türmen und Toren wie Thurner und Portmann auf den Karten 427-430 (vgl. DFA 4 2013: 978-989). Aus der semantischen Kategorie der Wege und Brücken werden einerseits FamN zu Gassen und Strassen wie Nungesser und Strate auf den Karten 396-398 (vgl. DFA 4 2013: 900-909), andererseits FamN zu Wegen bzw. Pfaden, Stegen, Steigen und Stiegen wie Hellweger, Stegmann, Staiger und Stiegele auf den Karten 399-404 abgebildet (vgl. DFA 4 2013: 910-929). Für grammatisch ausgerichtete, aber bisweilen auch lexikalisch-semantisch aussagekräftige Karten zu den hier untersuchten FamN beachte man die Verweise im DFA 4 (2013: XXXI-XXXII). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur BENB I/ 6 = Schneider,Thomas F./ Hofer, Roland/ Thöny, Luzius (Hrsg.) (2020): Ortsnamenbuch des Kantons Bern [Alter Kantonsteil]. I: Dokumentation und Deutung. Sechster Teil: Se-Di/ Ti. Tübingen: Narr Francke Attempto. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. 33 Vgl. die Artikel I-1.3 «Fehlende und durchgeführte Umlautung», I-1.5 «Entrundung» und I-2.6 «Schreibvariation bei Plosiven im Inlaut». 34 Vgl. die Artikel II-2.13 «Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut» und III-3.3 «Wohnstättennamen zu Uferlandschaften, Sümpfen und Sumpfpf lanzen». Für Speck ist eine Deutung als ÜberN resp. als BerufsüberN zu mhd. spec ‘unter der Haut gelagertes Fett (von Mensch und Tier)’ für einen beleibten Menschen resp. einen Metzger nicht auszuschliessen. 864 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="865"?> DFA 4 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2013): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 4: Familiennamen nach Herkunft und Wohnstätte. Berlin, Boston: De Gruyter. DFD = Heuser, Rita (2025a): Haus. Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). http: / / www.namenforschung.net/ id/ name/ 3002/ 1 (letzter Zugriff 02.09.2025). DFD = Heuser, Rita (2025b): Maurer. Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). http: / / www.namenforschung.net/ id/ name/ 173/ 1 (letzter Zugriff 02.09.2025). DFD = Heuser, Rita (2025c): Stahl. Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). http: / / www.namenforschung.net/ id/ name/ 183/ 1 (letzter Zugriff 02.09.2025). e-HLS = Dubler, Anne-Marie (2008): Ehaften. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 013731/ 2008-02-12/ (letzter Zugriff 25.07.2025). e-HLS = Dubler, Anne-Marie (2009a): Müllerei. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 013992/ 2009-11-26/ (letzter Zugriff 25.07.2025). e-HLS = Dubler, Anne-Marie (2009b): Bäckerei. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 013994/ 2009-04-16/ (letzter Zugriff 25.07.2025). e-HLS = Dubler, Anne-Marie (2012): Mühlen. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 013884/ 2012-05-31 (letzter Zugriff 25.07.2025). e-HLS = Furrer, Benno (2020): Bauernhaus. 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Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 25.07.2025). Fleischer, Wolfgang (1964): Die deutschen Personennamen. Geschichte, Bildung und Bedeutung (Wissenschaftliche Taschenbücher 20). Berlin: Akademie. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. ortsnamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): ortsnamen.ch. Das Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung. https: / / www.ortsnamen.ch/ de/ (letzter Zugriff 25.07.2025). TNB 2 = Nyffenegger, Eugen/ Graf, Martin H. (2007): Die Flurnamen des Kantons Thurgau. Teilbd. 1: Einführung und Sachlexikon. Teilbd. 2: Etymologisches Flurnamenlexikon. Teilbd. 3: Verzeichnis und Dokumentation der Flurnamen des Kantons Thurgau A-K. Teilbd. 4: Verzeichnis und Dokumentation der Flurnamen des Kantons Thurgau L-Z (Thurgauer Namenbuch 2). Frauenfeld, Stuttgart, Wien: Huber. VSNB 3 = Werlen, Iwar (Hrsg.) (2024): Oberwalliser Orts- und Flurnamenbuch. Bd. 3: Flurnamen K-R. Tübingen: Narr Francke Attempto. Esther Loosli 3.8 Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen 865 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="866"?> 3.9 Wohnstättennamen zu Häusernamen Schlagwörter: Burg, Fabelwesen, Gegenstand, Haus, Hausname, Himmelskörper, Pf lanze, Religion, Stadt, Tier, Toponym Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel widmet sich WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800», die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 06.10.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») und Literaturrecherchen potenziell auf sogenannten HäuserN basieren. 1 Dieser Begriff wird im vorliegenden Kartenkomplex in Anlehnung an Kunze (2004: 105, 177) verwendet, um auf (bewohnte) Gebäude zu referieren, die im Mittelalter resp. in der Frühen Neuzeit vornehmlich in städtischer Umgebung nach einem (Fabel-)Tier, einer Pf lanze, einem Himmelskörper oder einem anderen Motiv benannt wurden. Z. B. findet sich vor 1800 in den Städten Bern (BE), Schaffhausen (SH) und Winterthur (ZH) der FamN Pfau, der möglicherweise aus einem HäuserN zum Pfawen hervorgegangen ist, wie er im Id. 5 (1881 ff.: Sp. 1205) seit dem 13. Jh. belegt ist. HäuserN wie zum Pfawen lassen sich den Toponymen zuordnen, weil «die bezeichneten Referenzobjekte ortsfixiert sind, kartographisch erfasst werden können und das Merkmal [+besiedelt] tragen» (Schweden 2021: 111). In der Literatur (u. a. Bach 1953: 85) werden solche HäuserN z. T. terminologisch getrennt von sogenannten HausN, die i. d. R. kleineren ländlich-dörf lichen Kommunikationsgemeinschaften angehören, in diesen auch heute noch als ÖrtlichkeitsN für die Georeferenzierung von Wohnstätten wie auch in Verbindung mit Ruf N als inoffizielle PersonenN in Gebrauch sind, als Phänomen der Mündlichkeit zu gelten haben und bisher eher als Anthroponyme denn als Toponyme erforscht wurden (Bach 1953: 85-86; Kunze 2004: 10, 177; Debus 2013: 145; Schweden 2021: 109-112; Schweden 2023: 8-9). 2 Gerade die jüngere Forschung verwendet allerdings oft auch die Bezeichnungen städtischer HausN und ländlicher HausN resp. nur HausN ohne Differenzierung, um auf die beiden Namenklassen Bezug zu nehmen (Hengst 2010; Debus 2013: 141, 146; Schweden 2021: 109-111). 3 Im deutschsprachigen Raum lassen sich HäuserN ab dem 12. Jh. resp. Anfang des 13. Jh. in (süd-)westlichen Städten wie Köln, Mainz, Worms, Speyer oder Basel bezeugen (Grohne 1912: 88, 110; Bach 1953: 90; Kunze 2004: 105). 4 Die massgebliche, korpusbasierte Studie Grohnes (1912: 88) weist besonders frühe Vorkommen in der Stadt Köln nach, wo HäuserN schon um 1150 in Quellen auftauchen. Vermutlich fungierte der Rhein als «Verbreitungsschiene» dieser Namenklasse (Nübling/ Kunze 2023: 351), zeigen doch die entlang dieses Flusses gelegenen, siedlungsgeschichtlich alten Städte wie Basel gemäss Weber (2004: 474) nicht nur die frühesten, sondern auch die umfassendsten Zeugnisse (s. auch Grohne 1912: 88, 96-97, 110; Schmid 1934: 4). Später kommen HäuserN z. T. auch in nördlicheren bzw. östlicheren Teilen des deutschsprachigen Raums als Mikrotoponyme auf (Grohne 1912: 92-95; Bach 1953: 90; Kunze 2004: 105), dies besonders frequent in der Stadt Wien (Kunze 2004: 105; Nübling/ Kunze 2023: 351). Inwieweit und wann die Praxis der Häusernamenbildung in der Deutschschweiz Fuss gefasst hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, weil sowohl (jüngere) Einzelals auch vergleichende Studien selten sind (Hengst 2010; Signori 2013: 29). Deutlich tritt die Stadt Basel hervor (Grohne 1912: 89, 110; Bach 1953: 90; Mischke 2015: 194; BSNB 3 2016: 76-77), die mit ca. 10'000 Einwohner: innen als einzige der Schweiz zu den mittelalterlichen Grossstädten gezählt werden kann (e-HLS 2018: s. v. Stadt), vom Hochmittelalter an «unbestritten das wirtschaftliche Zentrum am südlichen Oberrhein» bildete und «engen Kontakt mit anderen Städten des südwestdeutschen Sprachraums» pf legte (e-HLS 2017: s. v. Basel-Stadt). Grohne (1912: 97, 106) merkt an, dass Grossstädte wie Basel mit hoher Häusernamendichte auf mittlere und kleinere Städte in der Umgebung ausstrahlten, wo nach deren Vorbild ebenfalls HäuserN aufkamen (s. auch Weber 2004: 478). Geographisch vage bleibt Dejung (1944: 4) mit seinem Hinweis, dass «seit 1350 in den Quellen der schweizerischen Städtegeschichte die Hausnamen [= HäuserN] erwähnt» seien. Schmid (1934: 15) hebt neben Basel v. a. die Stadt Zürich heraus, für die gemäss Grohne (1912: 89, 91) ab 1200 resp. ab 1270 HäuserN bezeugt sind. Zusätzlich merkt Schmid (1934: 1 Ein anderes, hier nicht behandeltes Phänomen stellen WohnstättenN mit dem Präfix Ca- (aus rätorom. casa ‘Haus’) wie Capaul, Cavietzel und Caduff dar, die ein Charakteristikum der (alt-)rätoromanischen Sprachgebiete sind und zu den ältesten FamN der Rätoromania wie auch der Schweiz überhaupt zählen. Ursprünglich bezeichnete eine Form wie Capaul das Haus oder den Hof, in dem eine bestimmte Person oder eine bestimmte Hausgemeinschaft lebte (‘das Haus oder die Wohnstätte (der Familie) des Paul’); vgl. Artikel II-2.19 «Familiennamen mit Präfix Ca-». 2 Für eine ausführlichere Charakterisierung und Abgrenzung dieser beiden Namenklassen - auch in lexikalisch-motivischer und chronologischer Hinsicht - s. Schweden (2021: 109-112; 2023: 8-9). 3 Im vorliegenden Artikel wird aber nicht beides unter dem Begriff HausN gefasst, weil zwischen den Phänomenen «deutliche Unterschiede» bestehen, die «terminologisch erfasst sein» sollten (Debus 2013: 143). Dem Terminus HäuserN wird hier gegenüber städtischem HausN der Vorzug gegeben, da auch die Kartenbilder nicht ausschliesslich in den Städten Namenvorkommen ausweisen. 4 Das Aufkommen der HäuserN geht zeitlich mit einer siedlungsgeschichtlichen Phase einher, die «sich nicht nur durch zahlreiche Neugründungen, sondern auch [durch] das schnelle Wachstum bereits bestehender Orte auszeichnet», was HäuserN als Identifizierungs- und Orientierungshilfe nützlich machte (Wolk 2005: 124; s. auch Grohne 1912: 86-88, 102-103; e-HLS 2015: s. v. Städtegründung). Ungefähr parallel zu dieser Entwicklung bildeten sich auch die FamN aus (Grohne 1912: 113-114), die z. T. eine enge und wechselseitige Beziehung mit den HäuserN zeigen. Socin (1903: 400) schreibt bspw.: «Heinricus dictus Tanz (Übername zur Andeutung seiner Tanzkunst oder Tanzlust) kommt 1257 […] und öfter so vor; von ihm heisst das Haus, welches er bewohnte, zum Tanz, und hievon wieder 1272 der Insasse Heinrich zum Tanz». 866 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="867"?> 5) an, dass sich «die Südgrenze für die Verbreitung der Hausnamensitte [= Häusernamensitte]» mitten durch die Deutschschweiz ziehe: Als äusserste Posten gegen Südwesten könnten etwa Liestal, Olten, Zofingen, dann vielleicht die luzernischen Städtchen Sursee und Sempach und endlich Luzern und Zug genannt werden, während im Nordosten unseres Landes, vor Allem [sic! ] in den Kantonen Zürich, Thurgau, St. Gallen und in Stadt und Kanton Schaffhausen, die Hausnamen [= HäuserN] noch heute allgemein verbreitet sind. Merkwürdig ist für uns die Feststellung, dass die Hausnamen [= HäuserN] südwestlich der genannten Linie, in den von Alters her deutschsprachigen Gegenden von Solothurn, Bern und in den deutschen Bezirken von Freiburg nicht Eingang gefunden haben (Schmid 1934: 5). Auch Grohne (1912: 103) und Weber (2004: 478) verorten die Praxis der Häusernamenbildung - neben Basel und Zürich - in mittelalterlichen kleineren Städten wie Baden (AG), Luzern (LU), Stein am Rhein (SH), Schaffhausen (SH), Bischofszell (TG), Winterthur (ZH) und Zug (ZG), die alle in der Nordhälfte der Deutschschweiz liegen. 5 Hier wie in anderen deutschsprachigen Regionen erlitten die HäuserN ab dem 17./ 18 Jh. einen Funktionsverlust, als u. a. infolge des starken Städtewachstums und französischen Einf lusses Hausnummern eingeführt wurden (Garrioch 1994: 38-39; Kunze 2004: 105; Weber 2004: 479; Schweden 2021: 111). 6 In der Gegenwart haben die Überbleibsel der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Häusernamengebung «hauptsächlich kulturellen und ästhetischen Wert» (Schweden 2021: 111); am prominentesten sind historische HäuserN noch bei Gasthäusern (z. B. Krone, Anker, Löwe(n)) und Apotheken (z. B. Apotheke zum güldenen Engel, Löwen-Apotheke) erhalten, teils wurden sie in StrassenN fest (Kunze 2004: 105; Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 252-256; Schweden 2021: 111). 7 Auch (ehemalige) Zunfthäuser tragen heute noch Namen, so etwa in Bern die Gesellschaftshäuser zu Mittellöwen (Gerber), zum Narren und Distelzwang (Adel) oder zum Affen (Steinmetze und Steinhauer) (s. Türler 1896: 50-53). Die in Deutschland und/ oder in der Deutschschweiz historisch bezeugten HäuserN speisen sich häufig aus einer der folgenden Motivquellen (vgl. Grohne 1912: 4-85; Bach 1952: 270-272; Guyer 1953: 8; Kunze 2004: 105; Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 253; Schweden 2021: 110), 8 die zur Veranschaulichung mit Belegen aus Grohne (1912) für die Stadt Basel und Corrodi-Sulzer (1939) für die Stadt Zürich ergänzt wurden: 9 1. Aussehen und Lage des Gebäudes: zem roten Huse (Basel, 1276), zem Kupherturne (Basel, 1277), zum Steinkeller (Zürich, 1357), zum Swirbogen (Zürich, 1463) 2. Gewerbe/ Nutzung des Gebäudes: zir Walchun (Basel, 1247), zer Kupfershmitten (Basel, 1300), zum Silberschmied (Zürich, 1357), zur Öltrotte (Zürich, 1408) 3. (Fabel-)Tiere: zem Einhürne (Basel, 1279), zum Kranich (Zürich, 1357), zum Phönix (Zürich, 1357), zur Grossen Mugge (Zürich, 1370), zum Weissen Wind (d. h. Windhund; Zürich, 1401), zur Meise (Zürich, 1401), Roter Eber (Zürich, 1425), Zum Bärenkopf (Zürich, 1444), zum Rindfuss (Zürich, 1463) 4. Pf lanzen und Früchte: ad Rosam (Basel, 1261), zim Nuzpoume (Basel, 1281), zem Rosengarten (Basel, 1321), zur Traube (Zürich, 1357), zum Rebstock (Zürich, 1369), zum Vordern Holder (Zürich, 1401), Saffran (Zürich, 1442), Weisse Gilge (d. h. weisse Lilie; Zürich, 1444), Zum Tannenwald (Zürich, 1444) 5. Kleidung, Waffen, Geräte und weitere Gegenstände: zum Spiess (Zürich, 1357), zum Roten Knopf (Zürich, 1357), Roter Krug (Zürich, 1357), zur Kappe (Zürich, 1408), zur Kette (Zürich, 1408), zum Schuh (Zürich, 1408), zur Geige (Zürich, 1412), zum Besen (Zürich, 1425), Wegisen (Zürich, 1463) 6. Himmelskörper und weitere Naturerscheinungen: zur Sonne (Zürich, 1357), zum Mond (Zürich, 1357), zum Sternen (Zürich, 1467), zum Regenbogen (Zürich, 1467) 7. Mythologie und Religion (christliche Symbole, Heilige usw.): zem Engele (Basel, 1279), zůr Megede (d. h. Jungfrau Maria; Basel, 1460), zum Riesen (Zürich, 1357), zum Tempel (Zürich, 1357), zum Geilen Mönch (Zürich, 1412), zum Heiden (Zürich, 1455), zum Paradies (Zürich, 1467), zum Bischof (Zürich, 1467), zum Sankt Jörg (Zürich, 1469) 8. Heraldik und Herrschaftssymbole: zem roten Schilte (Basel, 1344), zur Krone (Zürich, 1357), zum Silberschild (Zürich, 1410), zum Roten Löwen (Zürich, 1444) 9. SiedlungsN und BurgN: domus dicta Blůmenstein (Basel, 1287), ze Blotzheim (Basel, 1414), zum Venedig (Basel, 1486), zum Rossberg (Zürich, 1454) 10. BeiN oder FamN der Bewohner: innen resp. Besitzer: innen des Hauses (s. u.) 5 Ob in anderen Gebieten tatsächlich kaum HäuserN vergeben wurden und ob ihr (vermeintliches) Zurücktreten im Süden der Deutschschweiz (u. a.) mit dem Gebrauch von runenähnlichen Hausmarken zusammenhängt - wie dies Grohne (1912: 98) für Norddeutschland annimmt -, wäre genauer zu untersuchen (vgl. Stebler 1907: 165; Schmid 1934: 5). Für Freiburg i. Ü. zieht Studerus (1926) zumindest bei einigen historischen Beiresp. FamN wie etwa Struss (1428), Eychhorn (1392), Pfäwen (1385) oder Rosenkrantz (15. Jh.) einen HäuserN bzw. ein Hauszeichen als namengebendes Motiv in Erwägung. Gemäss Bärtschi (1953-1954: 55) berichten bernische Quellen des 14. Jh. nicht von äusserem Häuserschmuck (in der Form von Hauszeichen), wie er nach den HäuserN zu schliessen damals bereits in Zürich, Luzern und Basel bekannt gewesen sei. Ähnlich schreibt von Rodt (1919: 122): «Die alten Steuerrodel in Bern bezeichnen gewöhnlich die Häuser nach den Namen ihrer Besitzer, doch finden sich auch einzelne Ausnahmen, wie z. B. die Sandegg, das rote Haus [oder] die Hölle». 6 Für einen Überblick über die Anfänge der Hausnummerierung zu Beginn der Frühen Neuzeit und deren Durchsetzung im Laufe des 18. Jh. sei auf Tantner (2015) und Garrioch (1994) verwiesen. 7 Für eine Auseinandersetzung mit StrassenN s. Schneider (1954) und Illi/ Leonhard/ Haas (2008). Für Namen von Gasthäusern und Apotheken beachte man u. a. Schmid (1934), Steiger (1949), Wäber (1971; 1977), Jehle (1996), Bart (2003), Wolk (2005) und Kunze (2011; 2012) resp. Keller (1979; 1985), Hellfritzsch (1996), Köpp (2012) und Schaub (2025). 8 Die aufgeführten Motivquellen sind über den deutschsprachigen Raum hinaus auch bei HäuserN in anderen Teilen Westeuropas (z. B. Frankreich, England, Niederlande) vertreten; doch variieren die konkreten HäuserN motivisch in Abhängigkeit des Zeitraums, des Landes, der Region und der Stadt (Garrioch 1994: 26; s. auch Grohne 1912: 111-112). Gewisse HäuserN tauchen aber in der Literatur für verschiedene Städte immer wieder auf (vgl. etwa die HäuserN in Grohne 1912: 68). 9 Während in der älteren Literatur in Anlehnung an Grohne (1912: 1) oft zwischen früheren, auf natürlichen Merkmalen basierenden HäuserN wie zum roten Haus oder zur Linde und späteren, (auf der Basis eines Hauszeichens) künstlich gebildeten HäuserN wie zum Kranich oder zum Regenbogen unterschieden wurde, ist diese Zweiteilung in jüngerer Zeit aufgegeben worden (vgl. etwa Signori 2013: 30; BSNB 3 2016: 80). 3.9 Wohnstättennamen zu Häusernamen 867 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="868"?> Die genannten Motivquellen sind weder als abschliessend noch als voneinander distinkt aufzufassen, gerade auch weil wörtliche und übertragene Bedeutungen der Lexeme dazu führen, dass sich HäuserN häufig mehreren Motivquellen zuordnen lassen; so bspw. Zum Pelikan (Zürich, 1467) oder zum Lämmlein (Zürich, 1408) zur dritten Gruppe als Tiere und zur siebten Gruppe als verbreitete christliche Symbole (vgl. Butzer/ Jacob 2021: 356-358, 466). Während bei HäuserN der ersten zwei Gruppen die Motivation der Namengebung i. d. R. nachvollziehbar ist, lässt sich die Entstehung von Formen wie zum Löwen oder zum faulen Apfel oft nicht oder nur ansatzweise - mit verschiedenen möglichen Ursprüngen - erklären (vgl. Grohne 1912: 50; Weber 2004: 472; Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 251-252). Wie die oben aufgelisteten HäuserN veranschaulichen, handelt es sich der Form nach mehrheitlich um Syntagmen mit der Präposition zu, dem Definitartikel und einem Simplex oder Kompositum als Kopf der Nominalphrase; häufig treten Adjektive (darunter besonders das Farbadjektiv rot) auf (vgl. Tobler-Meyer 1894: 162; Grohne 1912: 12-13; Hatt 2014: 19). Die HäuserN wurden meistens «am oder vorm Haus sichtbar in Bild oder Schrift angebracht» und dienten vor dem Aufkommen von Hausnummern als «Identifizierungs- und Orientierungshilfe» (Schweden 2021: 110; s. auch Grohne 1912: 97), die i. d. R. auch für die von Analphabetismus geprägte Bevölkerungsmehrheit verständlich war (s. dazu e-HLS 2015: s. v. Alphabetisierung). Tendenziell ist der Nutzen von HäuserN allerdings für die ab dem 12./ 13. Jh. zunehmende städtische Verwaltung und dabei besonders für Rechtsgeschäfte (Besitzerwechsel, Steuern, Schulden, Zinsen usw.) höher einzuschätzen als die blosse Orientierungshilfe für Ortsfremde und Einheimische (Grohne 1912: 166; Dejung 1944: 3; Weber 2004: 472; Wolk 2005: 124-125; Signori 2013: 45; Mischke 2015: 196; BSNB 3 2016: 78). 10 Beispiele wie Nicol. dict. zim Affen ‘Nikolaus genannt [im Haus] zum Affen’, Werner zem Slegel ‘Werner [im Haus] zum Schlegel’, Henricus zem Dragen ‘Heinrich [im Haus] zum Drachen’, Conrad zem Kemel ‘Konrad [im Haus] zum Kamel’ oder Burkh. zem Himele ‘Burkhard [im Haus] zum Himmel’ zeigen, dass HäuserN «eine enge Verknüpfung mit dem Besitzer» (oder dem Bewohner) aufweisen und «meist in Urkunden in Verbindung mit diesem genannt» wurden (Schweden 2021: 111). 11 Aus dem regelmässigen (schriftlichen) Gebrauch von HäuserN zur Identifikation der Hausbesitzer: innen resp. -bewohner: innen konnten sich allmählich FamN herausbilden (Nübling/ Kunze 2023: 352); 12 z. B. findet sich für Basel 1289 der Beleg Nicolaus Vulpes [Fuchs] de domo [aus dem Haus] zem Fuchse (Hengst 2010). Die Zahl solcher FamN «ist von dem Alter der Sitte, Häusern Namen zu geben, abhängig und daher landschaftlich verschieden» (Bach 1953: 90). Rolker (2009: 71) sieht den Brauch, Bei- und FamN zu HäuserN zu führen, auch als «Demonstration des eigenen sozialen Status»: Durch Benennung nach «repräsentativen Stadthöfen und -häusern» lässt sich Sozialprestige vermitteln (Rolker 2009: 76). 13 Zu zeitlichen und diatopischen Faktoren gesellt sich also wahrscheinlich ein diastratisches Moment, was sozioonomastisch von Interesse ist. Potenzielle WohnstättenN zu HäuserN wie Pfau sollen hier - trotz geringer Type- und Tokenfrequenz (vgl. schon Grohne 1912: 177) - auch deshalb thematisiert werden, weil die ihnen zugrunde liegenden Mikrotoponyme «hinsichtlich der baulichen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung» mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Städte bedeutsam sind (Weber 2004: 472; s. auch Garrioch 1994: 27). Eine Untersuchung von WohnstättenN zu HäuserN erweist sich als schwierig, da es sich in mehrfacher Hinsicht um eine kaum fassbare Motivgruppe handelt und für potenzielle Fälle stets auch andere Entstehungspfade infrage kommen (vgl. Kunze 2004: 105; Nübling/ Kunze 2023: 352). Für weite Teile der Deutschschweiz fehlen gesicherte Angaben dazu, zu welchem Zeitpunkt und in welchem Umfang HäuserN entstanden sind. Die Literatur geht tendenziell davon aus, dass die FamN in der Deutschschweiz bereits (relativ) verfestigt waren, als HäuserN auch in anderen Gegenden als der Stadt Basel in grösserer Zahl aufkamen (Socin 1903: 402; Grohne 1912: 114, 129; Surläuly 1927: 81; Guyer 1953: 14); 14 spätere Namenwechsel sind jedoch nicht auszuschliessen (s. FamN Zur Gilgen bei der dritten Karte; Rolker 2009: 71). Ferner erlaubt das blosse Vorkommen von HäuserN in einer bestimmten Ortschaft nicht, auf die Existenz daraus hervorgegangener FamN zu schliessen (Grohne 1912: 129). So gibt es für die Stadt Zürich zwar zahlreiche historische Belege von HäuserN, nach Bach (1953: 90) würden sich jedoch «nur vereinzelte Fälle oder Spuren der Einwirkung der Häusernamen auf die F[amN] feststellen» lassen (s. aber Tobler-Meyer 1894: 163-166). Schwierigkeiten entstehen insbesondere auch dadurch, dass nicht nur die HäuserN auf die Hausbesitzer: innen resp. -bewohner: innen übertragen wurden, sondern diese umgekehrt auch einem Haus ihren Namen geben konnten (s. o. zehnte Motivquelle; Grohne 1912: 50; Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 252; BSNB 3 2016: 92). Z. B. erwähnt Hatt (2014: 144) für Schaffhausen (SH) ein Haus zum Otter mit einer entsprechenden bildlichen Darstellung an der Hauswand (wahrscheinlich von 1683), wobei es sich zugleich um «das heraldische Emblem des damaligen Besitzers Zunftmeister Franz Ott» handle; weshalb eher von der Entwicklung FamN → HäuserN (mit volks- 10 Auf der Basis historischer Basler Steuerbücher bilanziert Signori (2013: 30), dass HäuserN kein blosses Hilfsmittel waren, «sondern vielmehr ein Strukturmerkmal spätmittelalterlicher Urbanität, ein Strukturmerkmal, das fest in seiner grundherrschaftlichen Verfaßtheit verankert war» (s. auch Tantner 2015: 607-608; BSNB 3 2016: 77-78). 11 Grohne (1912: 115-128) listet für verschiedene Städte Deutschlands und der Schweiz «typische Beispiele» von Beiresp. FamN zu HäuserN auf. Die fünf hier genannten Formen gelten für die Stadt Basel und wurden von Grohne (1912: 120-122) aus Socin (1903: 369-400) zusammengetragen. Eine Auswahl solcher historischer Belege bieten auch Surläuly (1927: 82-83) für Baden (AG) und Tobler-Meyer (1894: 164-166) für Zürich. 12 Solche FamN gehören innerhalb der WohnstättenN zu einer jüngeren Schicht (Bach 1953: 91); vgl. Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle». 13 Ähnlich fassen Garrioch (1994: 35) und Mischke (2015: 176) HäuserN bzw. WohnstättenN zu HäuserN als symbolisches Kapital auf. 14 Nach Grohne (1912: 129) kommt hinzu, dass diejenigen Gebäude, «die zuerst einen Namen führen, meist Patrizierhäuser sind, deren Besitzer den übrigen Bürgern in derAnnahme eines Familien- oder Geschlechtsnamens vorangingen». Zu Namen von Patrizierfamilien in der Deutschschweiz vgl. Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 868 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="869"?> etymologischer Umdeutung von Ott, eigentlich zu einem Ruf N mit dem Element ahd. ōd ‘Reichtum, Besitz, Erbgut’) auszugehen sei. Um eindeutige Beispiele für WohnstättenN zu HäuserN handelt es sich streng genommen nur dann, wenn der HäuserN älter als der entsprechende FamN ist und gestützt auf historische Quellen ein Bezug zwischen den Namenträger: innen und dem so benannten Haus hergestellt werden kann. 15 Grundsätzlich können FamN zu HäuserN nach Bach (1952: 269-270) verschiedene Bildungsmuster aufweisen; darunter Syntagmen mit der Präposition zu, unerweiterte Formen (Simplizia und Komposita), 16 Diminutivbildungen oder auch bewohnerbezeichnende Ableitungen auf -er und -mann. Fehlt die Präposition bei einem potenziellen Fall, wird es schwierig(er), ihn als FamN zu einem HäuserN zu identifizieren (vgl. Grohne 1912: 136, 177). Gemäss Bach (1952: 269) wäre zu schlussfolgern, dass ein FamN nicht aus einem HäuserN entstanden ist, «wenn der erste Träger des Namens bei seinem ersten Auftreten niemals etwa zum Falken usw., sondern nur Falke usw. genannt wird». Während die (historische) Form der FamN als Anhaltspunkt für die Namendeutung dienen kann, gilt dies für die ihnen zugrunde liegenden Lexeme i. d. R. nicht (vgl. DFA 4 2013: 991): Da die Häusernamen […] viele Motive enthalten, die auch in anderen Namengruppen auftreten, kommen bei der Herleitung entsprechender Familiennamen ebensoviele Möglichkeiten in Frage: bei Tieren wie Eber, Wolf , Rabe germ. Rufnamen, bei Hecht, Schlei, Stör indirekte Berufsnamen, bei Krebs, Ochs, Frosch, Strauß, Taube Übernamen, bei Pf lanzen wie Holderbaum, Rautenbusch, Rosenstock generelle Wohnstättennamen, bei Gegenständen wie Hammer, Reif(f ), Panzer indirekte Berufsnamen, bei Klotz, Schlegel die Gestalt betreffende Übernamen […] usw. (Kunze 2004: 105). Wenn im Folgenden (Deutsch-)Schweizer FamN aus der Schicht «vor 1800» der Motivgruppe der HäuserN zugeordnet werden, dann handelt es sich hierbei lediglich um eine Deutungsmöglichkeit unter mehreren. Für ein und dieselbe Namenform können oftmals auch unterschiedliche Entstehungswege vorliegen, wenn die Form zwei oder mehrmals unabhängig voneinander entstanden ist. Dies könnte bspw. beim FamN Lämmlin zutreffen, der sowohl in der kleinen, ländlichen Gemeinde Ferenbalm (BE) im Südwesten der Deutschschweiz als auch in der Stadt Schaffhausen ganz im Norden des Landes alteingesessen ist, für die Hatt (2014: 142) den HäuserN Lämmlein mehrfach nachweist. Die Frage nach der Chronologie von FamN und HäuserN muss bei diesem Beispiel jedoch - wie in den allermeisten anderen Fällen - offenbleiben und im Rahmen zukünftiger ‘Tiefenbohrungen’ aufgegriffen werden. Die Namenauswahl basiert auf verschiedenen Quellen, die bei der ersten Karte genannt werden. Um genauere Aussagen zu treffen, bedürfte es einer vertieften Auseinandersetzung auf Basis umfangreicher historischer Sondierungen, die hier nicht geleistet werden kann und deshalb als Forschungsdesiderat anzusehen ist. Dabei könnten wahrscheinlich auch Beibzw. FamN zu HäuserN aufscheinen, die sich nicht durchgesetzt haben. 17 Die erste Karte gibt einen Überblick, welche WohnstättenN (an gewissen Ortspunkten) auf einen HäuserN zurückgehen könnten. Die zweite Karte basiert auf demselben Sample wie die erste, unterscheidet die FamN jedoch nach Motivquelle des potenziell zugrunde liegenden HäuserN. Die dritte Karte fokussiert schliesslich Einzelfälle wie Pfau, die gestützt auf die Forschungsliteratur und/ oder ihr geographisches Auftreten am ehesten als WohnstättenN zu HäuserN infrage kommen. 15 Dieses schwierige Unterfangen wird - neben oft mangelnder Beleglage im Allgemeinen - noch dadurch verkompliziert, dass HäuserN auf andere Häuser übergehen konnten und mehrere Häuser den gleichen Namen trugen (Haberbosch 1947: 55). Zudem führten häufig «Besitzer- und Funktionswechsel sowie bauliche Veränderungen zu neuen Namen» (Weber 2004: 474); s. dazu die Beispiele in Haberbosch (1949: 63) und Keller (1979). 16 Mischke (2015: 178) erwähnt, dass sich in historischen Quellen der Stadt Basel bei Beibzw. FamN zu HäuserN «eine Tendenz zu komplexeren Formen» wie Rebhuhn, Rotenhenne oder Schellenhase erkennen lasse (s. auch Meier 1974: 18, ebenfalls für Basel). 17 Bspw. führt Grohne (1912: 142) für die Stadt Basel die Belege Erh. Lintwurm (1432), Macharius Leopardus (1500) und H. Schunde gen. Regenbogen (1529) an. Weitere historische Beiresp. FamN für Basel (BS) wie etwa Waltherus de Stella (1250) und her Walther zem Sternen (1273) finden sich im BSNB 2 (2016: 723). Bart (2003) dokumentiert für die Stadt Luzern einen H. zer Gloggen (1349) sowie einen Berchtolde zem Roten Koph (1381); für Zürich (ZH) erwähnen Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 89) einen Růd[olf] zu dem Hirz (1313). Studerus (1926: 115) hält für Freiburg (FR) - und damit für den Südwesten der Deutschschweiz - fest: «Nach dem Hause zur Gilge benennt sich Melchior Zurgilgen 1594». Ausserhalb des vermuteten Kerngebiets von HäuserN liegen auch die historischen Belege Mane (‘Mond’, 1420), Regenbog (1515) und Eckstein (1870) aus der Bündner Stadt Chur (RNB 3 1986: 482). 3.9 Wohnstättennamen zu Häusernamen 869 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="870"?> Erste Karte {409}: Gesamtkarte der potenziellen Wohnstättennamen zu Häusernamen Namenauswahl: Die erste Karte behandelt eine Auswahl an FamN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 18 für die ein HäuserN als namengebendes Motiv grundsätzlich denkbar ist. Keiner der kartierten FamN kann zweifellos auf einen HäuserN zurückgeführt werden; es sind jeweils auch andere Motivgruppen innerhalb der WohnstättenN und/ oder andere Benennungsmotive möglich. Zudem ist generell zu beachten, dass mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht alle aufscheinenden Kreise der vorliegenden Motivgruppe angehören. Auf ein Ausblenden von Belegen in nicht-städtischen Gebieten und/ oder in der Südhälfte der Deutschschweiz wurde u. a. deshalb verzichtet, um potenzielle Fälle ausserhalb des vermuteten Kerngebiets nicht von vornherein auszuschliessen. Abgefragte Namen Potenzielle WohnstättenN zu HäuserN, vor 1800: Adler, Anker, Baer, Bär, Beer, Biber, Bieber, Birbaum, Blum, Bock, Bockhorn, Böckli, Böcklin, Brack, Buntschu, de Reyff , Deubel, Distel, Disteli, Drack, Dub, Eckenstein, Eggstein, Eichhorn, Eisenhut, Engel, Falck, Falk, Fisch, Fuchs, Fux, Ganz, Geier, Geyer, Gilgen, Grünblatt, Gyr, Haas, Habicht, Haering, Hahn, Hammer, Häring, Hecht, Hertenstein, Himmel, Himmelrich, Hirz, Horn, Imber, Imper, Kopf , Kränzlin, Krebs, Kreuz, Kron, Kronig, Kropf , Krug, Lämmle, Lämmli, Lämmlin, Leu, Leumann, Leuw, Ley, Linden, Loew, Löw, Luchs, Lymann, Moehr, Mohr, Möhr, Moor, Naegeli, Nägeli, Nägelin, Nussbaum, Ochs, Oechsli, Oechslin, Otter, Pfau, Prack, Rapp, Reif , Reiff , Ries, Riesen, Rihs, Ris, Riss, Ritter, Römer, Roos, Röösli, Rosenkranz, Rosenstock, Rösli, Salm, Salmen, Samson, Schild, Schilt, Schlegel, Schlüssel, Schnegg, Spiegel, Spies, Spiess, Stern, Störchli, Strauss, Traub, Vogel, von Meiss, Wider, Wind, Wolf , Wolff , Zeit, Zur Gilgen, Zurlinden. 124 Types, 778 Tokens. Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 0-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Kantone Tabelle 427: Daten zur ersten Karte {409} Detailangaben zur Namenauswahl: 19 In der etymologischen Datenbank von Berchtold/ Graf (i. V.) werden FamN, die zu einem HäuserN gebildet sein könnten, nicht konsequent als solche ausgewiesen. Ergänzend zur projektinternen Vorsondierung (vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») wurde daher mit verschiedenen Me- Karte 409: Potenzielle WohnstättenN zu HäuserN (Gesamtkarte), vor 1800 18 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 19 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 870 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="871"?> thoden manuell nach potenziellen Fällen gesucht. Die Namenauswahl stützt sich einerseits auf die Angaben in Berchtold/ Graf (i. V.), im DFD (o. J.), im Online-Portal familiennamen.ch (o. J.) und im Id. (1881 ff.), andererseits auf regionale Namenbücher der Schweiz (u. a. Tobler-Meyer 1894: 161-166; Socin 1903: 369-400; Surläuly 1927: 81-82; Schobinger/ Egli/ Kläui 1994) und auf Literatur zu HäuserN im Deutschschweizer resp. (süd-)deutschen Raum (etwa Schmidt 1930 für Freiburg i. B.; Kuthe 2018 für Konstanz; daneben auch Schmidt 1888 für Strassburg). Neben der grundlegenden Studie Grohnes (1912) wurden für die Schweiz konkret u. a. folgende Quellen herangezogen: Meier (1974), das BSNB 2 (2016) und das BSNB 3 (2016: 76-89) für Basel (BS), Senti (1952) und Hunziker (2009) für Rheinfelden (AG), Rochholz (1884) für Aarau (AG), Geissberger (1899) und Riniker (1935) für Brugg (AG), Haberbosch (1947; 1949; 1961) für Baden (AG), von Liebenau (1881: 62-65) und Bart (2003) für Luzern (LU), Corrodi-Sulzer (1939) und Guyer (1953) für Zürich (ZH), Frick (1929) und Dejung (1944) für Winterthur (ZH), Keller (1979) und Hatt (2014) für Schaffhausen (SH), Stiefel (1945) und Urner (1988) für Stein am Rhein (SH), Bridler (1940) für Bischofszell (TG) sowie Ledergerber/ Fischer (2017) für St. Gallen (SG). 20 Für die Erstellung des Gesamtsamples wurde erstens für die in der Häusernamenliteratur genannten Fälle überprüft, ob FamN mit entsprechender lexikalischer Grundlage in der Schicht «vor 1800» vorkommen. Zweitens wurde für FamN, die Berchtold/ Graf (i. V.) oder andere oben genannte Quellen als WohnstättenN zu HäuserN erwägen, nach entsprechenden Nennungen historischer HäuserN recherchiert. Drittens wurden für die Städte Basel, Bern, Freiburg i. Ü., Luzern, Schaffhausen, St. Gallen, Winterthur und Zürich alle FamN aus der Schicht «vor 1800» auf mögliche Treffer durchgesehen. Um das überaus weite Feld potenzieller WohnstättenN zu HäuserN zumindest etwas einzugrenzen, blieben die erste Motivquelle (Aussehen/ Lage des Gebäudes, etwa Zurbrügg, Zumthurm), die zweite (Gewerbe/ Nutzung des Gebäudes, etwa Bachofen, Zurschmitten) und die neunte (SiedlungsN und BurgN, etwa Kronenberg, Sommerau) grösstenteils unberücksichtigt (s. aber Eckenstein, Eggstein, Hertenstein bei der zweiten Karte). 21 Für die Menge der verbliebenen FamN wurde versucht, so weit wie möglich eine Gewichtung der verschiedenen Deutungsmöglichkeiten vorzunehmen: Z. B. sind zwar Tierbezeichnungen insgesamt häufig als HäuserN bezeugt, gewisse Fälle wie Adler, Löwe oder Pfau sind jedoch gängiger als andere, sodass u. a. die FamN Ahl, Bräm / Brem, Humbel/ Hummel, Kauz oder Maienfisch / Mayenfisch nicht kartiert wurden. Obwohl grundsätzlich verschiedene Bildungsmuster auftreten können (s. Abschnitt «Gegenstand und Fragestellung»), wurde nicht-suffigierten FamN mehrheitlich der Vorzug gegeben (etwa Blum gegenüber Blumer, Horn gegenüber Horner, Kreuz gegenüber Crüzer / Kreutzer / Kreuzer, Nussbaum gegenüber Nussbaumer). 22 Insgesamt ist das vorliegende Sample v. a. als Ausgangspunkt für weitere Studien zu verstehen. Es liesse sich durch striktere Selektionskriterien und ausführliche historische Sondierungen nicht nur deutlich verringern (s. dritte Karte), sondern allenfalls auch mit weiteren FamN erweitern, so evtl. mit Agenstein, Babst und Varianten, Balthasar, Bischof und Varianten, Danz, Degen, Eisenring / Isenring, Harnisch, Langmesser, Mönch / Münch, Kleemann, Küng und Varianten, Stiefel, Streckeisen, Thurneysen oder Vogelsang sowie weiteren FamN zu Tierbezeichnungen wie z. B. Schäfli. 23 Kommentar: Die erste Karte zeigt ein weitläufiges Auftreten der ausgewählten FamN - sowohl in der Nordals auch in der Südhälfte der Deutschschweiz und nicht nur in städtischen, sondern auch in ländlichen Gebieten. Bspw. kommt der FamN Habicht vor 1800 in der Nordostschweiz in der Stadt Schaffhausen vor, während sich Schild im östlichen Berner Oberland ballt. Wie bereits mehrfach erwähnt, ist davon auszugehen, dass es sich bei einem Grossteil der Ortspunkte um Fehltreffer handelt. Als Beispiel seien die simplizischen FamN Leu, Leuw, Ley, Loew und Löw (alle zur Tierbezeichnung Löwe) herausgegriffen: Die verschiedenen Varianten treten vor 1800 mit insgesamt 37 Tokens in Erscheinung, wobei gemäss Berchtold/ Graf (i. V.) i. d. R. ein ÜberN für einen mutigen, kräftigen oder temperamentvollen Menschen vorliegt. 24 Gelegentlich kann der Name jedoch von einem HäuserN übernommen worden sein und somit den WohnstättenN angehören (vgl. noch die zahlreichen Gasthäuser Löwe(n)); auch muss mit volksetymologischen Eindeutschungen von Levi und Übersetzungen aus dem Hebräischen gerechnet werden. Es ist zu vermuten, dass städtische Belege wie Leu in Basel (BS) oder Luzern (LU) eher auf einem HäuserN basieren als etwa Leu in ländlichen Gemeinden des Oberaargaus (u. a. Huttwil, Rohrbachgraben, Leimiswil BE). 25 Die Karte stimmt jedoch insofern mit der eingangs zitierten Literatur überein, als die relative Häufigkeit von Süden gegen Norden tendenziell zunimmt und die beiden Kantone Schaffhausen (4,4 %, 21 Tokens) und Basel-Stadt (3,05 %, 8 Tokens) mit historisch bezeugter Häusernamengebung am stärksten hervortreten. 20 S. auch die Aufstellung des BABS (2023). 21 Die letztere Gruppe ist kaum zu greifen; die zugrunde liegenden HäuserN der ersten zwei Gruppen blieben «oft recht abstrakt» und sind daher ebenfalls nur schwer als «individuelle» HäuserN wahrnehmbar (Rolker 2009: 70), so bspw. das «häufig vorkommende hist. H[äuser]N-Element Keller» (BSNB 2 2016: 411). Solche FamN finden an anderer Stelle im Lexik-Band Berücksichtigung; vgl. u. a. die Artikel III-3.8 «Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen» (z. B. Zurmühle, Zumofen, Zurschmiede) und III-3.10 «Wohnstättennamen zu Bezeichnungen für Höfe, Anwesen und Siedlungen» (z. B. Zurburg) sowie den Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle». 22 Als Ausnahmen figurieren der Name Lymann und seine Variante Leumann, die aufgrund folgender Angabe im e-HLS (2008: s. v. Leumann) aufgenommen wurden: «Alteingesessene ref. Fam. von Kümmertshausen und Mattwil. 1579 ist sie unter dem Namen Lyman bezeugt, vorher nannte sie sich vermutlich Leu (Löwenhaus in Kümmertshausen)». 23 Einen vollständigen Überblick bietet der Artikel III-5.6 «Übernamen nach Tierbezeichnungen». 24 Vgl. Artikel III-5.3 «Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel». 25 Das BSNB 2 (2016: 470-473) bezeugt für die Stadt Basel eine häufige Verwendung des Löwen als Hauszeichen und HäuserN. 3.9 Wohnstättennamen zu Häusernamen 871 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="872"?> Zweite Karte {410}: Potenzielle Wohnstättennamen zu Häusernamen nach Motivquelle Namenauswahl: Die zweite Karte basiert auf dem bereits beschriebenen Gesamtsample, ordnet die potenziellen WohnstättenN zu HäuserN jedoch nach deren Motivquelle. Die Einteilung und Benennung der verschiedenen Namengruppen basiert auf den eingangs vorgestellten Kategorien, wobei drei Motivquellen (1., 2., 9.) wie bei der ersten Karte erwähnt nur in Ausnahmefällen berücksichtigt wurden. Zudem wurden nicht-klassifizierbare FamN und FamN zu selteneren Motivquellen in der Kategorie «Sonstige» zusammengefasst. Abgefragte Namen WohnstättenN zu HäuserN nach dem Aussehen des Gebäudes: Eckenstein, Eggstein. 3 Tokens. WohnstättenN zu HäuserN nach (Fabel-)Tieren: Adler, Baer, Bär, Beer, Biber, Bieber, Bock, Bockhorn, Böckli, Böcklin, Brack, Distel, Disteli, Drack, Dub, Eichhorn, Falck, Falk, Fisch, Fuchs, Fux, Ganz, Geier, Geyer, Gyr, Haas, Habicht, Haering, Hahn, Häring, Hecht, Hirz, Krebs, Lämmle, Lämmli, Lämmlin, Leu, Leumann, Leuw, Ley, Loew, Löw, Luchs, Lymann, Ochs, Oechsli, Oechslin, Otter, Pfau, Prack, Rapp, Salm, Salmen, Schnegg, Störchli, Strauss, Vogel, von Meiss, Wider, Wolf , Wolff . 61 Types, 435 Tokens. WohnstättenN zu HäuserN nach Pflanzen und Früchten: Birbaum, Blum, Gilgen, Grünblatt, Imber, Imper, Kränzlin, Linden, Naegeli, Nägeli, Nägelin, Nussbaum, Roos, Röösli, Rosenstock, Rösli, Traub, Zur Gilgen, Zurlinden. 19 Types, 125 Tokens. WohnstättenN zu HäuserN nach Gegenständen: Anker, Buntschu, de Reyff , Eisenhut, Hammer, Horn, Krug, Reif , Reiff , Schlegel, Schlüssel, Spiegel, Spies, Spiess. 14 Types, 75 Tokens. WohnstättenN zu HäuserN nach Mythologie und Religion: Deubel, Engel, Himmel, Himmelrich, Kreuz, Moehr, Mohr, Möhr, Moor, Ries, Riesen, Rihs, Ris, Riss, Ritter, Römer, Rosenkranz, Samson. 18 Types, 109 Tokens. Sonstige: Hertenstein, Kopf , Kron, Kronig, Kropf , Schild, Schilt, Stern, Wind, Zeit. 10 Types, 31 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 35-65, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 428: Daten zur zweiten Karte {410} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Zuordnung der einzelnen FamN zu den verschiedenen Motivquellen basiert auf der bei der ersten Karte genannten Literatur, lässt sich aber oft nicht abschliessend vornehmen. Mehrere Kategorien kommen bspw. bei Distel/ Disteli (‘Distelfink, Stieglitz’ vs. ‘Distel, distelartige Pf lanze, stachliges Kraut’), den FamN zu Löwe (Tier vs. häufiges heraldisches bzw. weltliches Symbol vs. christliches Symbol; vgl. Butzer/ Jacob 2021: 371-373), Lämmli(n) / Lämmle (Tier vs. häufiges christliches Symbol; vgl. Butzer/ Jacob 2021: 356-358) und Schnegg (Tier vs. Aussehen des Gebäudes im Sinne von ‘schneckenartige Windung/ Wendeltreppe’) infrage. Die nachfolgende Auf listung geht einzeln auf die kartierten Namengruppen ein und gibt die jeweils wichtigsten Eckpunkte an. Karte 410: Potenzielle WohnstättenN zu HäuserN nach Motivquelle, vor 1800 872 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="873"?> • Aussehen des Gebäudes: Während allgemein gehaltene HäuserN wie zum Turm (dazu ggf. der FamN Zumthurm) ausgeklammert wurden, fanden Eckenstein und Eggstein aufgrund ihrer klareren Zuordenbarkeit im Kartenbild Berücksichtigung (für Näheres s. dritte Karte). • (Fabel-)Tiere: HäuserN zu Tierbezeichnungen inklusive tierischen Fabelwesen werden in historischen Quellen häufig genannt (vgl. Kunze 2004: 155; Nübling/ Kunze 2023: 353); 26 damit übereinstimmend erreicht die vorliegende Namengruppe die höchste Anzahl potenzieller Fälle. Im Familiennamenbestand sind einerseits Bezeichnungen für Säugetiere (z. B. Bär, Widder, Wolf ), Vögel (z. B. Gans, Habicht, Hahn), Fische resp. Krebstiere (Hecht, Hering, Krebs) und Weichtiere (Schnecke) fest geworden. Dabei handelt es sich grösstenteils um in der (mittelalterlichen) Schweiz einheimische Tiere; bspw. kam auch der Lachs früher häufig in hiesigen Gewässern vor. 27 Andererseits umfasst die Namengruppe die zwei FamN Drack (‘Drache, das bekannte Ungeheuer und Fabeltier’) und Eichhorn. Letzterem FamN liegt wohl mehrheitlich schwzdt. Eichhorn ‘Eichhörnchen’ zugrunde, gemäss Haberbosch (1949: 64) wechseln Einhorn und Eichhorn aber in historischen Quellen z. T. miteinander ab, sodass auch ein Bezug zum Fabeltier denkbar ist. Insgesamt bestehen bei dieser Motivquelle v. a. Deutungskonkurrenzen zu BerufsüberN (etwa für den Fischer oder den Vogelfänger) resp. zu ÜberN. 28 Zudem ist zu betonen, dass HäuserN zu Tieren (u. a. Adler, Bär, Löwe) oftmals auch heraldische Ursprünge haben können (Guyer 1953: 24). Als Ausschlüsse seien Python im Kanton Freiburg (zu frz. pitié ‘Mitleid, Erbarmen’; vgl. Morlet 1997: 729) und Pelican im Kanton Graubünden explizit angeführt. 29 • Pf lanzen und Früchte: Wie Nübling/ Kunze (2023: 353) betonen, stellten Zweige, Blätter, Blumen und Pf lanzen als Ganzes «im Mittelalter ein beliebtes Motiv für Hauszeichen» und daraus hervorgegangene HäuserN dar. 30 Die Namengruppe setzt sich aus Bezeichnungen für Laubbäume (Birnbaum, Linde, Nussbaum) und für Blumen (Lilie, Rose) 31 sowie einigen weiteren Lexemen wie Traube und Ingwer 32 zusammen. Insgesamt ist also primär die einheimische Flora im Familiennameninventar repräsentiert, auch wenn für verschiedene Städte des deutschsprachigen Raums HäuserN wie zur Palme, zum Dattelbaum, zum Feigenbaum usw. historisch bezeugt sind. Die ausgewählten FamN weisen u. a. Deutungskonkurrenz zu generellen WohnstättenN auf. 33 • Gegenstände: Die den FamN zugrunde liegenden Lexeme stehen i. d. R. mit einem mittelalterlichen Gewerbe in Zusammenhang; so z. B. der Hammer mit dem Schmied oder einem Angehörigen eines anderen Berufszweigs, der häufig oder regelmässig mit einem Hammer zu hantieren hatte. Entsprechend zeigen sich hier Überschneidungen mit BerufsüberN. Als Ausschluss sei Glogg (Meilen ZH) explizit erwähnt: Gemäss Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 72) handelt es sich hierbei um den Namen einer savoyischen Familie, der sich wohl ursprünglich auf frz. clos ‘Gehege’ bezog, im Zuge der sprachlichen Integration jedoch an Glocke angeglichen wurde. • Mythologie und Religion: Die Namengruppe ist lexikalisch-motivisch vielfältig. Neben FamN des Typs Mohr (evtl. mit Bezug zum heiligen Mauritius oder zu den heiligen drei Königen) 34 und Riese (evtl. mit Bezug zu Goliath) ist die christliche Religion auf verschiedene Weisen vertreten (zur biblischen Figur Simson / Samson s. dritte Karte). Der HäuserN zum Ritter wird i. d. R. als Verkürzung aus zum Ritter St. Georg aufgefasst (Grohne 1912: 26; Dejung 1944: 13; s. aber Guyer 1953: 29); zum Römer wird in der Literatur oft mit Rompilgern in Verbindung gebracht und gehört damit in einem weiten Sinn ebenfalls zur vorliegenden Motivquelle. Konkurrierend kommt eine Zuordnung als ÜberN, daneben auch als Patronyme, BerufsüberN und generelle WohnstättenN infrage. • Sonstige: Die FamN Schild, Schilt lassen sich auf ein am Wohnhaus angebrachtes Schildzeichen zurückführen und benennen die Bewohner: innen eines damit markierten Hauses. Für Kron und Kronig kommt als zugrunde liegender HäuserN sowohl zur Krone als auch zum Kranich infrage. Stern, Wind und im weiten Sinn auch Zeit beziehen sich auf Naturerscheinungen; bei Wind ist jedoch auch mhd. wint ‘Hund für die Jagd’ (später erweitert zu Windhund ) als zugrunde liegendes Lexem möglich (vgl. EtymWB 1993: s. v. Windhund ). Das genaue Motiv von Kopf und Kropf ist unsicher, beide sind aber (historisch) in der Deutschschweiz als HäuserN bezeugt (z. B. Basel BS bzw. Zürich ZH). Der FamN Hertenstein (Rorschach SG; Steckborn TG; Kyburg ZH) schliesslich wird meistens mit der gleichnamigen Burg resp. den gleichnamigen Siedlungen in Verbindung gebracht; in Steckborn (TG) ist gemäss Berchtold/ Graf (i. V.) aber ein entsprechender HäuserN (historisch) belegt. Ein Zusammenhang zwischen historisch bezeugten HäuserN und in derselben Gemeinde alteingesessenen FamN lässt sich grundsätzlich nur schwer nachweisen. Ansatzweise ist dies für die FamN Blum, Pfau und Strauss möglich, die vor 1800 u. a. in der Stadt Winterthur (ZH) vorkommen, wo auch entsprechende historische HäuserN dokumentiert sind (vgl. Dejung 1944: 17, 30, 33). Als weiteres Beispiel sei der FamN Ritter in der Stadt Basel genannt, der allenfalls auf einen HäuserN zum Ritter zurückgeht - umgekehrt aber dem Haus auch seinen Namen gegeben haben könnte (vgl. BSNB 2 2016: 610-611) resp. unabhängig von einem solchen HäuserN entstanden sein könnte. Wie viele andere FamN im Sample tritt Ritter vor 1800 in mehreren Gemeinden in Erscheinung und es ist unwahrscheinlich, dass alle Belege mit einem entsprechenden HäuserN in Bezug stehen. Dies gilt 26 ZurAllgegenwärtigkeit und Bedeutsamkeit von (Fabel-)Tieren im Mittelalter und in der Heraldik vgl. Obermaier (2009). 27 ‘Exotische’ Tiere, wie sie häufig als HäuserN belegt sind (z. B. Delfin, Elefant, Kamel, Leopard, Meerkatze, Panther), treten in der Schicht «vor 1800» hingegen zurück (s. aber Strauss). 28 Vgl. insbesondere die Artikel III-5.6 «Übernamen nach Tierbezeichnungen» und III-4.4 «Berufs(über)namen zur Jagd und Fischerei». 29 Pelikan ist als HäuserN in verschiedenen deutschsprachigen Städten belegt (vgl. etwa Corrodi-Sulzer 1939: 898 für Zürich ZH; Bridler 1940: 46 für Bischofszell TG; BSNB 2 2016: 560-561 für Basel BS). Bei dem in Vrin (GR) alteingesessenen FamN Pelican handelt es sich aber um die alte oberitalienische Berufsbezeichnung für den Kürschner. Zugrunde liegt ursprünglich der SpottN ital. pela-cane ‘Hundeschinder’, der aber schon ab dem 13. Jh. in der Lombardei zur neutralen Berufsbezeichnung wurde (RNB 3 1986: 725). 30 Für die Bedeutung und Nutzung von Pf lanzen im Mittelalter s. Birkhan (2012). 31 Simplizisches Rose ist vor 1800 nur in den französischsprachigen Gemeinden Ballaigues (VD) und Borex (VD) bezeugt und wurde daher von der Namenauswahl ausgeschlossen. 32 Vgl. in der Stadt Basel den HäuserN zum Imber (Zunfthaus der Krämer) im danach benannten Imbergässlein (BSNB 2 2016: 379). 33 Vgl. Artikel III-3.4 «Wohnstättennamen nach der Vegetation». 34 Dieser Namentypus geht etymologisch zurück auf das Lexem mhd. mōr(e) ‘Bewohner Mauretaniens (Marokkos), Äthiopiens’, das mit abwertenden Eigenschaften und rassistischen Bedeutungen verknüpft ist. Für eine Auseinandersetzung mit Fokus auf entsprechende HäuserN in Zürich vgl. Darman/ Schär (2023). 3.9 Wohnstättennamen zu Häusernamen 873 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="874"?> bspw. auch bei den Varianten Nägeli (Hundwil AR; BE; Malix GR; Rorschach SG; Neuhausen am Rheinfall SH; TG; ZH), Naegeli (Adliswil ZH) und Nägelin (Bretzwil, Liedertswil, Reigoldswil BL), die meistens als BerufsüberN zur Diminutivform von mhd. nagel ‘Nagel oder Schraube aus Metall’ für den Nagelschmied aufgefasst werden (vgl. etwa Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 124-125). Gemäss familiennamen.ch (o. J.: s. v. Nägeli) könnte der FamN allerdings auch auf den Gewürzhandel zurückgehen (zu schwzdt. Nägeli ‘Gewürznelke’) 35 oder in Einzelfällen auf einem entsprechenden HäuserN basieren, den es z. B. in Fluntern bei Zürich (ZH) gebe. 36 Ob ein solcher HäuserN zu schwzdt. Nägeli im Sinne von ‘Nelke’, ‘Gewürznelke’ oder ‘kleiner Nagel’ zu deuten ist (vgl. Id. 4 1881 ff.: Sp. 692), kann nicht entschieden werden. Insgesamt ist anzunehmen, dass der FamN Nägeli und seine Varianten in der Deutschschweiz mehrfach unabhängig voneinander entstanden sind und unterschiedliche Entstehungspfade vorliegen können. Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass sich die FamN zu den verschiedenen Motivquellen von HäuserN im Allgemeinen nicht komplementär über die Deutschschweiz verteilen, sondern gemeinsame Verbreitungsräume aufweisen. Nicht nur in type- und tokenfrequenzieller Hinsicht, sondern auch in Bezug auf ihr räumliches Auftreten prägt die Namengruppe der (Fabel-)Tiere das Kartenbild stark. Dritte Karte {411}: Einzelfälle von potenziellen Wohnstättennamen zu Häusernamen Namenauswahl: Aus dem in den ersten beiden Karten behandelten Gesamtsample wurden hier einige FamN herausgegriffen und einzeln abgebildet, für die eine Deutung als WohnstättenN zu einem HäuserN eher infrage kommt als bei anderen bisher besprochenen Fällen. In der vorliegenden dritten Karte werden also einigermassen klare Fälle von WohnstättenN zu HäuserN kartiert, wobei auch hier stets Deutungskonkurrenzen gegeben sind. Abgefragte Namen Typ Adler: Adler. 4 Tokens. Typ Drache: Drack. 1 Token. Typ Eck(en)stein: Eckenstein, Eggstein. 3 Tokens. Typ Geier: Geier, Geyer, Gyr. 7 Tokens. Typ Gilge: Gilgen, Zur Gilgen. 4 Tokens. Typ Habicht: Habicht. 1 Token. Typ Krone: Kron, Kronig. 3 Tokens. Typ Pfau: Pfau. 3 Tokens. Typ Salm: Salm, Salmen. 3 Tokens. Typ Samson: Samson. 1 Token. Typ Schlüssel: Schlüssel. 1 Token. Typ Spiegel: Spiegel. 1 Token. Typ Stern: Stern. 5 Tokens. Typ Traube: Traub. 1 Token. Typ Wind: Wind. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Karte 411: Potenzielle WohnstättenN zu HäuserN in Auswahl, vor 1800 35 Vgl. auch die FamN Pfefferli und Kümin im Artikel III-4.10 «Berufs(über)namen zu Bezeichnungen für Kaufleute und Händler». 36 Gemäss e-FNB (1989: s. v. Nägeli) wurden Personen mit dem FamN Nägeli 1742 in der Stadt Zürich mit Herkunft aus der Gemeinde Fluntern (ZH) eingebürgert. 874 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="875"?> Kreise 30-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 429: Daten zur dritten Karte {411} Detailangaben zur Namenauswahl: Im vorliegenden Sample sind grösstenteils Simplizia vertreten; morphosyntaktisch auffällig ist insbesondere Zur Gilgen mit Präposition-Artikel-Enklise. Durch den Erhalt der Präposition zu ist dieser FamN der Form nach am ehesten als WohnstättenN zu einem HäuserN erkennbar (s. Abschnitt «Gegenstand und Fragestellung»). In den folgenden Absätzen wird genauer auf die einzelnen Namentypen (in der Reihenfolge der Kartierung) eingegangen und die jeweilige Verbreitung in der Schicht «vor 1800» genannt. Der FamN Adler (Hornussen, Magden, Oberrüti AG; Riedholz SO) ist motivisch mehrdeutig, wird i. d. R. aber als WohnstättenN zu einem HäuserN (zum) Adler - z. B. nach einem Wappen, als weltliches Machtsymbol, als christliches Symbol für den Evangelisten Johannes o. ä. (vgl. BSNB 2 2016: 50; Butzer/ Jacob 2021: 6-8) - gewertet. Daneben ist aber auch ein ÜberN nach dem Aussehen (etwa der ‘Adlernase’) oder dem Charakter möglich, wobei letzterer Motivbereich der vielgestaltigen Adlersymbolik des christlichen und heidnischen Altertums und des Mittelalters verpf lichtet ist. Der Adler steht hier für Macht, Herrschaft, Stolz, Scharfsicht, ewiges Leben usw. 37 Der FamN Drack (Obersiggenthal AG) lässt sich als ÜberN für einen furchteinf lössenden Menschen oder allgemeiner für eine schlechte, unberechenbare, grimmige Person deuten. 38 Denkbar ist allerdings ebenso ein WohnstättenN nach dem im Mittelalter häufigen HäuserN bzw. Hauszeichen eines Drachens (Kunze 2004: 105), der u. a. als Symbol des Glücks, aber auch des Bösen gilt (vgl. Butzer/ Jacob 2021: 115-117). Die Gemeinde Obersiggenthal (AG) liegt in unmittelbarer Nähe zu Baden und Brugg, für die historische Belege von HäuserN vorliegen (s. Literatur bei der ersten Karte). Bei den FamN Eckenstein (Zofingen AG; Basel BS) und Eggstein (Herlisberg LU) handelt es sich mit relativ grosser Wahrscheinlichkeit um WohnstättenN zu einem in mittelalterlichen Städten recht häufigen HäuserN Egg-, Eck(en)stein, der auf den Eckstein (den Ortstein oder Eckquader) im Hausbau Bezug nimmt (vgl. etwa Haberbosch 1949: 66 für Baden AG; Guyer 1953: 11 für Zürich ZH; Keller 1979: 48 für Schaffhausen SH). Die FamN Geier (Ramsen SH; Halden TG), Geyer (Burg im Leimental BL; Ramsen SH) und Gyr (Laupersdorf SO; Einsiedeln SZ; Uster ZH) lassen sich zum einen als ÜberN deuten, wobei ein konkretes Motiv schwer zu eruieren ist (vielleicht im Sinne von ‘übermütig’, ‘räuberisch’, ‘habgierig’ oder ‘fresssüchtig’). 39 Zum anderen können die Namenvarianten jemanden benennen, der «in oder nah bei einem Haus mit dem Namen Zum Geier wohnt» (DFD 2025a: s. v. Geier); vgl. dazu den Beleg von 1335 Peter zem Gyrn für Zürich (Id. 2 1881 ff.: Sp. 405). Der Geier figuriert gemäss Butzer/ Jacob (2021: 215) u. a. als «Symbol seel[ischer] Schmerzen, des drohenden Unheils, der Kraft sowie der Jungfräulichkeit». Der FamN Zur Gilgen (Luzern LU) darf als relativ gesicherter Fall eines WohnstättenN zu einem HäuserN gelten. Bei den ersten Namenträger: innen handelt es sich um eine Luzerner Patrizierfamilie, «die vermutlich wegen eines Hausnamens [= HäuserN] um 1450 ihren Namen von Getzenheim oder Getzenhans zu zur Gilgen änderte und sich auch Zurgilgen oder a Liliis schrieb» (e-HLS 2015: s. v. zur Gilgen; Kursivierung EL). 40 Gilg ist eine historische Bezeichnung für die Lilie (Id. 2 1881 ff.: Sp. 232), die eine vielfältige Symbolik aufweist (vgl. Birkhan 2012: 214, 224; Butzer/ Jacob 2021: 367-369) und häufig in HäuserN auftritt (Kunze 2004: 105). Ein solcher kann auch dem FamN Gilgen (Rüeggisberg, Rüschegg, Wahlern BE) zugrunde liegen. Das Online-Portal familiennamen.ch (o. J.: s. v. Gilgen) erachtet die alternative Deutung als Patronym zum Ruf N Aegidius allerdings als wahrscheinlicher, was mit der geographischen Verbreitung des FamN im bernischen Gantrischgebiet (eine eher ländliche, voralpine bis alpine Region) eher übereinstimmen würde. Der FamN Habicht ist vor 1800 einzig in der Stadt Schaffhausen alteingesessen, in der auch ein Haus den Namen zum Habicht trägt (Hatt 2014: 81). 41 Daneben kommt ein BerufsüberN für einen Falkner, der Habichte abrichtete, oder ein metaphorisch zu verstehender ÜberN infrage, wobei konkrete Motive recht unklar bleiben. 42 Wie bei der zweiten Karte erwähnt, lassen sich die FamN Kron (Ettingen BL) und Kronig (Randa, Zermatt VS) nicht sicher einem Lexem zuordnen. Gemäss Berchtold/ Graf (i. V.) ist wohl von einem WohnstättenN zu einem HäuserN bzw. zu einem Hauszeichen auszugehen, die auf mhd. krōn(e) ‘Kranz, Krone’ beruhen. Die Krone wird «als Symbol politischer oder religiöser Macht und davon abgeleitet als Symbol der Tugend und Weisheit» angesehen und ist oft als HäuserN bezeugt (BSNB 2 2016: 439; s. auch Butzer/ Jacob 2021: 344-345). Womöglich stellen sich die FamN aber stattdessen zu mhd. krone, einer Nebenform von mhd. krane, kranech ‘Kranich’, wodurch entweder ebenfalls ein WohnstättenN zu einem entsprechenden HäuserN (vgl. etwa Hatt 2014: 142 für Schaffhausen SH) resp. Hauszeichen oder ein ÜberN «für einen hochbeinigen, mageren oder stolzen Menschen» gegeben wäre (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 405). Der FamN Pfau (Bern BE; Schaffhausen SH; Winterthur ZH) benennt entweder als ÜberN eine eitle Person oder aber als WohnstättenN die Besitzer: innen bzw. Bewohner: innen eines Hauses zum Pfauen (s. Abschnitt «Gegenstand und Fragestellung»). Entsprechende HäuserN können u. a. vom Pfau als christlichem Symbol für die Unsterblichkeit motiviert sein (Butzer/ Jacob 2021: 469-470) und kommen (historisch) z. B. in den Städten Winterthur (ZH) und Schaffhausen (SH) vor (Frick 1929: 48; Hatt 2014: 32). Die FamN Salm (Auenstein, Veltheim AG) und Salmen (Bilten GL) stellen sich zu mhd. salm(e), schwzdt. Salm, Salme(n) ‘Lachs’ (Id. 7 1881 ff.: Sp. 866) und bezeichnen möglicherweise den darauf spezialisierten Fischer. 43 Eher aber haben die historisch häufigen HäuserN 37 Vgl. Artikel III-5.6 «Übernamen nach Tierbezeichnungen». 38 Vgl. die Artikel III-5.6 «Übernamen nach Tierbezeichnungen» und III-5.3 «Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel». 39 Vgl. Artikel III-5.6 «Übernamen nach Tierbezeichnungen». 40 Den HäuserN zur Gilge weist auch von Liebenau (1881: 63) für die Stadt Luzern («in der Judengaß») nach. In der Schicht «19. Jh.» ist die Form Zurgilgen in den drei Obwaldner Gemeinden Sarnen, Kerns und Giswil bezeugt. 41 Rutz-Schwarz (1962: 152) führt für die Stadt Schaffhausen den historischen Beleg Hans Hapich (1525) an, legt sich aber nicht fest, ob der FamN auf den HäuserN zum Habicht zurückgeht oder umgekehrt. 42 Vgl. die Artikel III-4.4 «Berufs(über)namen zur Jagd und Fischerei» und III- 5.6 «Übernamen nach Tierbezeichnungen». 43 Vgl. die Artikel III-4.4 «Berufs(über)namen zur Jagd und Fischerei» und III- 5.6 «Übernamen nach Tierbezeichnungen». 3.9 Wohnstättennamen zu Häusernamen 875 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="876"?> Salm, Salmen (so etwa in Basel BS, Baden AG, Brugg AG, Rheinau ZH, Winterthur ZH, Zürich ZH) als namengebendes Motiv für die Hausbesitzer: innen oder -bewohner: innen gedient. Erwägenswert ist allerdings auch ein Zusammenhang mit dem Ruf N Salomon. Die Ortspunkte des FamN Salm liegen - im Unterschied zu jenem von Salmen - im vermuteten Kerngebiet der Deutschschweizer Häusernamengebung. Der FamN Samson ist vor 1800 ausschliesslich in der französischsprachigen Schweiz bezeugt (Saint-Saphorin (Lavaux) VD), wurde hier aber trotzdem aufgenommen, weil der Name Samson «großteils auf als Hauszeichen gemalte Darstellungen vom Löwenkopf Samsons» (DFA 4 2013: 991) bzw. «auf die als Hauszeichen beliebte Darstellung von Samsons Kampf mit dem Löwen» zurückgeht (DFA 4 2013: 1004). Der DFA 4 (2013: 1004) erachtet die Deutung als WohnstättenN zu einem entsprechenden HäuserN - zumindest für deutschsprachige Gebiete - als wahrscheinlicher als ein Patronym, weil der Ruf N Simson / Samson im Mittelalter nicht häufig gewesen sei. Der FamN Schlüssel (Altishofen LU) ist gemäss Berchtold/ Graf (i. V.) entweder als BerufsüberN zu mhd. slüʒʒel für den Schlüsselhersteller resp. -bewahrer (v. a. des Stadttorschlüssels) oder aber als WohnstättenN zu einem der früher häufigen HäuserN (bzw. GasthausN) Schlüssel aufzufassen. Nach Grohne (1912: 137) steht «bei den Namen Schlüssel und Bu[n]tschuh, die in jeder älteren Stadt wiederkehren, […] die Beziehung zum Hausnamen [= HäuserN]» fest (für den FamN Buntschu s. u.). Der Schlüssel ist u. a. «[a]ls Haushaltsgegenstand, Handwerkserzeugnis des Schlossers und Symbol für den Apostel Petrus» in HäuserN eingegangen (BSNB 2 2016: 656; s. auch Butzer/ Jacob 2021: 554-556). Der FamN Spiegel (Kestenholz SO) ist laut Berchtold/ Graf (i. V.) zumeist aus einem BeiN für eine Person entstanden, die in einem Haus zum Spiegel wohnhaft war. Gemäss Grohne (1912: 15) «fehlt eigentlich in keiner größeren Stadt» ein entsprechender HäuserN. So schreibt etwa auch das BSNB 2 (2016: 701): «Das Hauszeichen des Spiegels als Haushaltsgegenstand oder als Symbol der Selbsterkenntnis und der Jungfrau Maria hat im M[ittelalter] in Basel verschiedene HausN [= HäuserN] motiviert» (zur Symbolik s. auch Butzer/ Jacob 2021: 602-604). Konkurrenziert wird die Deutung als WohnstättenN von einem BerufsüberN (zu mhd. spiegel ‘Spiegel von Metall oder Glas; Brille’) für den Hersteller von Spiegeln und Brillen, weniger hingegen von einem ÜberN zu mhd. spiegel ‘Vorbild’. Beim FamN Stern (Gurzelen, Rüti bei Riggisberg BE; Freiburg, Montagny-les-Monts FR; Uesslingen TG) «kann zu einem großen Teil von einer Herkunft aus Hauszeichen und entsprechenden Häusernamen ausgegangen werden» (Nübling/ Kunze 2023: 352). Stern, Sternen ist auch als Name von Gasthäusern stark verbreitet. Benennungshintergrund bei Letzteren ist wohl meist der Brauerstern, bei den Wohnhäusern dagegen etwa der Stern als «Zeichen für Unzählbarkeit, Ruhm und die Zukunft» oder als «Symbol Christi und der christlichen Heilsordnung» (BSNB 2 2016: 721; s. auch Butzer/ Jacob 2021: 619-620). Der DFD (2025b: s. v. Stern) zieht ferner einen ÜberN «für eine besonders wertgeschätzte oder liebenswerte Person» in Betracht. Die Belegorte des FamN liegen mehrheitlich im Südwesten der Deutschschweiz und damit ausserhalb des vermuteten Kerngebiets von HäuserN; geographischer Ausreisser ist Stern in der Gemeinde Uesslingen (nahe Frauenfeld TG). Der FamN Traub (Schöff lisdorf ZH) ist entweder als BerufsüberN für einen Rebbauern oder aber als WohnstättenN zu einem entsprechenden HäuserN (besonders GasthausN) zu deuten. 44 Als Symbol steht die Traube etwa für Fruchtbarkeit, Wohlleben, erotischen Genuss oder Jesus Christus und den (gläubigen) Menschen (Butzer/ Jacob 2021: 656-658); aber wahrscheinlich sind danach benannte HäuserN eher auf die Traube als häufiges Wirtshauszeichen (vgl. Id. 14 1881ff: Sp. 190) zurückzuführen. Der FamN Wind (Kaiserstuhl AG) geht möglicherweise als genereller WohnstättenN auf einen FlurN Wind (für Orte, wo es windet) zurück; vorliegen kann jedoch auch ein WohnstättenN zu einem HäuserN wie bspw. zum weissen Wind - wo Wind wohl für ‘Hund für die Jagd, Windhund’ steht (so etwa in Baden AG; vgl. Haberbosch 1961: 57). Für die Stadt Zürich belegt Grohne (1912: 122) den Beibzw. FamN zem Winde (1304). Denkbar ist auch die Zugehörigkeit zu einem männlichen Ruf N Wino. Andere FamN wie etwa Blum, bei dem die Wahrscheinlichkeit, dass ein HäuserN zugrunde liegt, gemäss Kunze (2004: 105) ebenfalls «rel[ativ] hoch» ist, wurden aus verschiedenen Gründen hier ausgeklammert. Konkret bei Blum liegen vor 1800 so viele Belegorte (29 Tokens) vor, dass sie das Kartenbild dominiert hätten. Der FamN clustert im luzernischen Wahlkreis Willisau (11 Tokens), Streubelege sind in acht weiteren Kantonen zu finden. Auch FamN wie Schild, Schilt werden in der Literatur oftmals als wahrscheinliche Fälle angesehen, weil der HäuserN zum Schild (meist basierend auf einem Wappenschild) weitverbreitet ist (Grohne 1912: 18-19, 76; Guyer 1953: 12; Weber 2004: 475). Mit einer starken Ballung im östlichen Berner Oberland und weiteren Ortspunkten im bernischen Emmental (daneben noch Grenchen SO) treten die beiden Varianten allerdings im (Vor-)Alpenraum auf und damit gerade nicht in einem Deutschschweizer Gebiet, für das Häusernamenbildungen als gängig angesehen werden. Daher wäre zu erwägen, ob eher ein BerufsüberN für den Schildmacher bzw. Wappenmaler oder ein WohnstättenN zu einem schildförmigen, dreieckigen Flurstück vorliegen könnte (DFD 2025c: s. v. Schild ). 45 So existiert in der oberemmentalischen Gemeinde Schangnau (BE), wo der FamN Schild alteingesessen ist, ein FlurN Schilt/ Im Schild (ortsnamen.ch o. J.: Nr. 309055688). Aufgrund seines geographischen Auftretens wurde auch der FamN Buntschu (‘Buntschuh’, d. h. ‘Schuh mit Riemen zum Umschnüren der Beine’) ausgeklammert, der vor 1800 mit 3 Tokens im freiburgischen Sensebezirk erscheint (vgl. Studerus 1926: 177-178). 46 Als letztes Beispiel sei der FamN Rosenstock mit einem Einzelvorkommen in der Stadt Zürich genannt. Sowohl lexikalisch als auch geographisch liegt eine Benennung nach der Wohnstätte für jemanden, der in einem gleichnamigen Haus wohnte, nahe (vgl. DFD 2025: s. v. Rosenstock). So tritt der HäuserN zum Rosenstock (historisch) in verschiedenen deutschsprachigen Städten auf (vgl. etwa Grohne 1912: 194 für Erfurt; Kuthe 2018: 18 für Konstanz) und zwar gemäss Id. 10 (1881 ff.: Sp. 1754) auch in der Stadt Zürich (konkret in der Predigergasse). Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 137) nennen allerdings den historischen Beleg Gerhard von Rostok (Zürich, 1357) und setzen gestützt darauf einen FamN «nach der Herkunft aus Rostock (Mecklenburg D), später volksetymologisch umgedeutet», an. 47 44 Vgl. Artikel III-4.3 «Berufs(über)namen zur Landwirtschaft». 45 Vgl. die Artikel III-4.5 «Berufs(über)namen zur Metallverarbeitung» und III- 3.1 «Wohnstättennamen zur Geländeform und Topographie». 46 Vgl. Artikel III-4.6 «Berufs(über)namen zum Textil-, Leder- und Pelzhandwerk». 47 Dem ist entgegenzusetzen, dass sich HerkunftsN zu bundesdeutschen Toponymen in der Schicht «vor 1800» vornehmlich auf Örtlichkeiten in den 876 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="877"?> Kommentar: Wie die dritte Karte ausweist, sind die ausgewählten FamN insgesamt niederfrequent und streuen über die Deutschschweiz, daneben treten Samson und ein Einzelbeleg von Stern im französischen Sprachgebiet auf. Für die spezifischen Ortspunkte vgl. den Abschnitt «Detailangaben zur Namenauswahl». In Übereinstimmung mit den beiden Gesamtkarten zeigt auch die vorliegende Auswahlkarte, dass Belege zwar in Städten (Freiburg FR, Bern BE, Basel BS, Luzern LU, Winterthur ZH, Schaffhausen SH) resp. in der Nordhälfte der Deutschschweiz (Kantone BS, BL, AG, ZH, SH, TG) vorkommen, aber nicht ausschliesslich. Ob dieses Kartenbild auf die Namenauswahl und Fehltreffer (d. h. Ortspunkte von FamN mit anderem Entstehungspfad) zurückzuführen ist oder ob allenfalls die Annahmen der Literatur mit weiteren Gebieten der Häusernamengebung zu ergänzen wären, gilt es in vertiefenden Studien zu klären. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Fuchs (6'962 Tokens), Vogel (5'907 Tokens) und Haas (3'813 Tokens). Den (potenziellen) WohnstättenN zu HäuserN ähneln jene, die sich auf Namen von Burgen zurückführen lassen (Grohne 1912: 113; Dejung 1944: 5). Zwar gehört ersterer Namentyp wie eingangs erwähnt einer jüngeren Schicht innerhalb der WohnstättenN an (Bach 1953: 91), während FamN zu Stamm-/ Herrschaftssitzen nicht nur zu den ältesten WohnstättenN, sondern - mit Vorkommen im südwestdeutschen Raum ab Ende des 10. Jh. - auch zu den frühesten FamN überhaupt zählen (Bach 1952: 263; Bach 1953: 193, 212; Mischke 2015: 188). Doch den beiden Motivgruppen ist u. a. gemein, dass sie in sozioonomastischer Hinsicht ursprünglich auf gewisse soziale Gruppen konzentriert sind; konkret auf Adelige resp. bei FamN zu HäuserN zusätzlich etwa auf Patrizier: innen, Kauf leute oder Handwerkerfamilien (vgl. BSNB 3 2016: 80). Möglich ist jedoch auch, dass die ersten Träger: innen von FamN zu BurgN nicht adelig waren, sondern etwa in einem Dienst- oder Abhängigkeitsverhältnis zu den jeweiligen Burgherren standen und/ oder Bewohner: innen nahegelegener (oft gleichnamiger) Siedlungen waren. Einen Bezug zu einer Burg(anlage) bzw. Burgruine legen gemäss Berchtold/ Graf (i. V.) folgende FamN aus der Schicht «vor 1800» nahe: Bellmond / Bellmont, Biberstein, Blauenstein / Bläuenstein, Blumenstein, Blumenthal, Brandes, Castelberg, Friberg / Fryberg, Haldenstein, Heeb, Helfenberger, Helfenstein, (von) Hospenthal, Kiburger / Kyburger, Mayr von Baldegg, Meyer von Schauensee, Planta-Wildenberg, Ramstein, Rauchenstein / Ruchenstein, Richenstein, Rosenberg / Rosenberger, Schauenberg, Schnyder von Wartensee, Segesser von Brunegg, Singenberger, Thierstein, von Aarburg / Vonaarburg oder von Wartburg. 48 Die genannten FamN breiten sich über die Deutschschweiz aus - mit verschiedenen Schwerpunkten etwa in den Kantonen Graubünden und Luzern sowie dem daran angrenzenden Aargau. Zu Burgen in der Schweiz, ihrer Errichtung im Kontext der mittelalterlichen Herrschaftsbildung und zur Burgnamengebung vgl. das e-HLS (2015: s. v. Burgen und Schlösser); für letztere Thematik s. auch Boxler (1996), Walther (2004) und Nübling/ Fahlbusch/ Heuser (2015: 257-258). Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA 4 (2013: 990-1007) behandelt auf den Karten 431-439 eine Auswahl an WohnstättenN zu HäuserN wie etwa Stern und Morgenstern (Himmelskörper), Glock und Silberhorn (Gegenstände), Greif und Kuhaupt ((Fabel-)Tiere), Lilie, Rosenzweig und Lindenblatt (Pf lanzen) sowie Samson (Religion). Auf der Basis dieser neun Karten merkt der DFA 4 (2013: 1007) an: «Man könnte erwarten, dass die hier kartierten FamN ihre Verbreitungsschwerpunkte in den Regionen finden, wo mittelalterliche HäuserN üblich waren […], v. a. in den Rheingegenden von Konstanz bis Köln. Doch zeichnet sich dies in keinem der behandelten Fälle deutlich ab». Nübling/ Kunze (2023: 353) resümieren: «Typisch für diese Namen sind Streubilder». Damit liegen insgesamt ähnliche Kartenbilder wie im vorliegenden Artikel vor. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. 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Esther Loosli 3.9 Wohnstättennamen zu Häusernamen 879 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="880"?> 3.10 Wohnstättennamen zu Bezeichnungen für Höfe, Anwesen und Siedlungen Schlagwörter: Burg, Dorf, Heim, Hube, Lehen, Statt, Toponym Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel widmet sich FamN aus der Schicht «vor 1800», die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 20.08.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») zu Bezeichnungen für Höfe, Anwesen und (Klein-)Siedlungen o. ä. gebildet sind. Entsprechend interessieren hier ausschliesslich FamN, denen ein Appellativ wie schwzdt. Hof oder schwzdt. Lehe(n) resp. ein aus diesen hervorgegangenes Toponym zugrunde liegt (z. B. FamN Imhof , Lee). Unberücksichtigt bleiben hingegen WohnstättenN wie Asper oder Bammatter, die sich einem Hof (in der ehemaligen Gemeinde Wollishofen, heute Stadt Zürich ZH) bzw. einem Weiler (in Naters VS) in der Deutschschweiz zuordnen lassen, deren jeweiliges Etymon semantisch aber nicht der vorliegenden Motivgruppe angehört. 1 Die erste und die zweite Karte geben einen Überblick über WohnstättenN mit appellativischem bzw. toponymischem Hof , bevor in der dritten Karte die zu Lehen, Hube (‘Hufe’) und Schuppose gebildeten FamN behandelt werden. Die vierte Karte gilt WohnstättenN mit Heim, Statt, Burg und Dorf . Die Frage, ob die hier kartierten FamN zu Bezeichnungen für Höfe, Anwesen und (Klein-)Siedlungen auf ein entsprechendes Toponym oder direkt auf ein Appellativ zurückgehen, muss im vorliegenden Artikel offenbleiben; für ein und dieselbe Namenform könnte auch beides zutreffen, wenn die Form zwei oder mehrmals unabhängig voneinander entstanden ist. Ferner lassen sich manche der im Folgenden aufgeführten WohnstättenN alternativ auch als HerkunftsN interpretieren: Die Unterscheidung dieser zwei Benennungsmotive ist aus theoretischer und motivationsbezogener Sicht bedeutsam - WohnstättenN bezeichnen Ansässige, HerkunftsN Zugewanderte (vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») -, vielfach ist eine exakte Zuordnung jedoch nicht ohne Weiteres realisierbar (Fleischer 1964: 133; Kunze 2004: 85, 87). So ist z. B. Hofstatt, Hofstett u. ä. ‘Hofstätte, ländliches Heimwesen mit Umschwung; Baumgarten’ (s. vierte Karte) als FlurN recht häufig (vgl. TNB 2.2 2007: 296), doch könnte es sich beim FamN Hofstetter auch um einen HerkunftsN für jemanden aus einer Gemeinde, einem Weiler usw. namens Hofstatt, Hofstetten handeln. Weiter bestehen generelle Deutungskonkurrenzen zu BerufsN: Bspw. basiert der FamN Huber auf schwzdt. Hueb ‘Lehengut von bestimmter Grösse; kleiner Hof; kleines Landstück’ und bezeichnet entweder als BerufsN den Inhaber (also den Bauern), der ein solches Gut bewirtschaftet, oder aber Huber verweist auf eines der häufigen Toponyme Hu(e)b und fungiert damit als WohnstättenN (oder ggf. als HerkunftsN) für eine dort wohnhafte Person. 2 Zugleich spielen bei FamN wie Huber auch rechtlich-ständische Belange hinein (s. ausführlich e-HLS 2013: s. v. Grundherrschaft; e- HLS 2013: s. v. ständische Gesellschaft). So sind besonders die FamN der dritten Karte, aber z. T. auch diejenigen der ersten beiden Karten im Kontext der Herrschaftsbzw. Abhängigkeitsverhältnisse und der Gesellschaftsordnung des Mittelalters zu betrachten: In der Grundherrschaft verband sich das Herreneigentum (dominium directum) von Boden und Gütern mit vielfältig kombinierten Herrschaftsrechten (Twing und Bann, niedere Gerichtsrechte, Dienste, Abgaben, persönliche Abhängigkeiten usw.) gegenüber den Personen (Hofjünger, bäuerliche Leihenehmer), die diese Güter (Höfe, Huben, Schupposen, handwerkliche und gewerbliche Einrichtungen) i. d. R. unter der Rechtsform der Leihe im Nutzungseigentum (dominium utile) bewirtschafteten (e-HLS 2013: s. v. Grundherrschaft). 3 Für detailliertere historische Hintergründe vgl. das e-HLS (2008: s. v. Lehen; 2009: s. v. Lehnswesen; 2010: s. v. Grundbesitz; 2012: s. v. Leihe; 2013: s. v. Grundherrschaft) und das LexMA (1977-1999: s. v. Grundherrschaft, Hufe, Lehen). Erste und zweite Karte {412, 413}: Wohnstättennamen zu Hof Namenauswahl: Die erste Karte bildet alle WohnstättenN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 4 ab, die als Grundwort das Appellativ bzw. das Toponym Hof enthalten. Dieses Element erscheint ausserordentlich häufig als FlurN (vgl. TNB 2.2 2007: 296) und ist in verschiedenen Bildungsweisen in den Familiennamenbestand der Deutschschweiz eingegangen. FamN zu SiedlungsN mit -hofen wie Hugelshofer zu Hugelshofen (‘bei den Höfen des Hugolt’) in der Gemeinde Kemmental (TG) werden nicht behandelt. 5 Die zweite Karte greift die drei tokenfrequentesten FamN der ersten Karte auf und stellt sie kontrastiv dar. Abgefragte Namen Typ Hof , vor 1800: Amhof , Bachofen, Bachofer, Bachofner, Bauhofer, Birkhofer, Bronhofer, Brunnhofer, Buchhofer, Buhofer, Freihofer, Frohofer, Heimhofer, Hof , Hofer, Hoffer, Hoffmann, Höfler, Hofmann, Hofner, Imhof , Im Hof , Imhoff , Imhoof , Imhooff , Kachelhofer, Kappelhofer, Kelhofer, 1 Der FamN Asper (zu Asp ‘Espengehölz’) wird im Artikel III-3.4 «Wohnstättennamen nach der Vegetation» behandelt; der FamN Bammatter (mit dem Grundwort Matte ‘Wiese im Allgemeinen, Wiese im Talgrund; Wiese, die gemäht wird; ebene Grasf läche’) findet im Artikel III-3.7 «Wohnstättennamen zu Kulturland» Berücksichtigung. 2 Für FamN wie Huber, Hofer und Leemann im Kontext der Deutschschweizer BerufsN s. Artikel III-4.3 «Berufs(über)namen zur Landwirtschaft». 3 Zur Terminologie merkt das e-HLS (2012: s. v. Leihe) an: «Leihe ist ein Fachbegriff der Rechtsgeschichte, der sich in der Literatur ab ca. 1900 für die historische bäuerliche, gewerbliche und städtische Leihe zur Abgrenzung vom ritterlich-feudalen Lehen (lateinisch feudum, beneficium) einbürgerte. Die Quellensprache kennt diese Unterscheidung nicht, sie bezeichnet solche Rechtsverhältnisse bäuerlicher, gewerblicher oder städtischer Natur grundsätzlich als ‹Lehen›». 4 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 5 Für HerkunftsN wie Büttikofer zu SiedlungsN mit -ighofen vgl. Artikel III-2.2 «Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen». 880 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="881"?> Karte 412: WohnstättenN zu Hof, vor 1800 Karte 413: FamN Hofmann, Hofer und Imhof kontrastiv, vor 1800 3.10 Wohnstättennamen zu Bezeichnungen für Höfe, Anwesen und Siedlungen 881 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="882"?> Mauerhofer, Maurhofer, Meienhofer, Meierhofer, Meyerhofer, Mitterhoffer, Seelhofer, Selhofer, von Hoffmann, Wattenhofer. 38 Types, 255 Tokens. Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-90, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 430: Daten zur ersten Karte {412} Abgefragte Namen Hofmann: 58 Tokens. Hofer: 51 Tokens. Imhof : 50 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 20-80, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 431: Daten zur zweiten Karte {413} Detailangaben zur Namenauswahl: 6 Den ausgewählten FamN liegt schwzdt. Hof ‘Hof, Gehöft, (grösseres) Bauerngut; Besitzung eines Grundherrn; grösseres, einen offenen Innenraum umschliessendes Gebäude, umschlossener Platz’ (aus ahd., mhd. hof ) oder ein entsprechendes Toponym zugrunde. Das Sample umfasst einerseits das unerweiterte Grundwort Hof , Ableitungen mit -er bzw. -mann (z. B. Hofer, Hoffmann) sowie PräpositionsN wie Amhof oder Imhoof . 7 Andererseits enthält die erste Karte verschiedene Komposita mit -hof als Letztglied wie bspw. Bauhofer/ Buhofer zu schwzdt. Bū(w)hof (‘Bauernhof ’), Frohofer zu schwzdt. Frōnhof (‘vom Grundherren mit Hilfe von Frohnarbeiten der Hörigen bewirtschafteter Hof, Herren-, Herrschaftshof ’), Kappelhofer (‘der Hof bei der Kapelle’), Kelhofer zu schwzdt. Këlhof (‘Hof, der dem Keller als grundherrlichem Beamten zugewiesen ist’), Meierhofer/ Meyerhofer zu schwzdt. Meierhof (‘an den Meier als grundherrlichen Beamten verliehener Hof ’) oder Seelhofer / Selhofer zu mhd. salhof , selehof (‘Hof mit Herrenhaus; Herrenhof, von dem andere Höfe abhängig sind; Meierhof ’). Die zusammengesetzten Formen Bachofen, Bachofer und Bachofner sind mehrdeutig und können sowohl einen Hof bei einem Bach als auch einen Backofen benennen. 8 Die WohnstättenN Kilchhofer und Kirchhofer zu schwzdt. Chirchhof , Chilchhof (‘Friedhof ’, in weitem Sinne auch ‘umfriedetes Gelände bei der Kirche’) werden zusammen mit anderen FamN aus dem kirchlichen Bereich im Artikel III-3.8 «Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen» besprochen. Ausgeschlossen wurde ferner der FamN Spielhofer, der sich zu schwzdt. Spilhof ‘Spielplatz zu Tanz, theatralischen Aufführungen, sportlichen Wettkämpfen’ stellt und daher semantisch von den zugrunde liegenden Lexemen der hier kartierten Fälle abweicht. Für historische Hintergründe zu den im Familiennameninventar fest gewordenen Lexemen vgl. die Ausführungen im e-HLS (2005: s. v. Fronhof ; 2010: s. v. Grundbesitz; 2011: s. v. Eigenwirtschaft; 2013: s. v. Grundherrschaft) und im LexMA (1977-1999: s. v. Grundherrschaft). Mit WohnstättenN wie Frohofer, Meierhofer, Selhofer und Huber (s. u.) lässt der Familiennamenbestand die klassische bzw. zweigeteilte Grundherrschaft (Villikationsverfassung) des (Früh-)Mittelalters erkennen, wobei als «wichtigste Elemente dieses Wirtschafts- und Sozialsystems […] einerseits der Herren- oder Fronhof, dessen grundherrliche Verwalter (Vögte, Meier) die Bebauung des Herren- oder Sallands in herrschaftlicher Eigenwirtschaft organisierten, andererseits die Hofstellen (Huben) der abhängigen bäuerlichen Produzenten (Hörige), die neben vielfältigen Abgaben vereinzelt auch Frondienste vor dem Herrenhof leisteten», zu nennen sind (e-HLS 2013: s. v. Grundherrschaft). Gemäss e-HLS (2013: s. v. Grundherrschaft) war diese Form der Grundherrschaft zwar in der Deutschschweiz verbreitet, aber nicht überall in gleichem Masse: In manchen Gebieten, etwa in den alpinen Zonen der Zentralschweiz, konnte sich die klassische Grundherrschaft bis ins Hochmittelalter kaum durchsetzen. Auch war sie bereits im Frühmittelalter überall nur eine unter verschiedenen agrarischen Organisationsformen; neben der Grundherrschaft gab es die freibäuerliche Produktion, herrschaftliche Gutsbetriebe mit unfreiem Hofpersonal ohne abhängige Hofstellen und die reine Abgabenwirtschaft ohne Frondienste. Im Hochmittelalter erfolgte der Rückgang der Villikationsverfassung […] räumlich und zeitlich unterschiedlich rasch. Für den Wandel hin zur Rentengrundherrschaft ab dem Hochmittelalter vgl. das e-HLS (2013: s. v. Grundherrschaft) und das LexMA (1977-1999: s. v. Grundherrschaft). Kommentar: Die erste Karte weist ein grossf lächiges Vorkommen der WohnstättenN zu Hof aus. Eine starke Ansammlung an Belegen zeigt sich einerseits im mittelländischen Teil des Kantons Bern (insgesamt 68 Tokens); das Berner Oberland und das Emmental gehen hingegen kaum mit. Andererseits tritt auch der Kanton Zürich (insgesamt 53 Tokens) mit einer Ballung rund um die Stadt Uster hervor. In relativer Hinsicht sind es die (vor-)alpinen Gebiete des Kantons Uri und des Bezirks Brig (VS), die die höchsten Konzentrationen des Typs Hof erreichen. Mit Blick auf die einzelnen Familiennamentypes stechen Hofmann, Hofer und Imhof hervor: Sie sind in der Schicht «vor 1800» an 58, 51 resp. 50 Ortspunkten alteingesessen und erreichen damit die Ränge 41, 50 und 51 der häufigsten FamN in dieser Zeitschicht. 9 Zusammen machen sie 159 der insgesamt 255 Tokens aus, sodass das erste Kartenbild verhältnismässig stark von diesen drei FamN geprägt ist. Innerhalb der Dreiergruppe ist Imhof auf der Basis der Präposition-Artikel-Enklise am eindeutigsten als WohnstättenN einzuordnen, während für Hofer und Hofmann eine Deutungskonkurrenz zu BerufsN besteht. 10 Vergleicht man ihre Verbreitungsgebiete in der zweiten Karte, lassen sich in der Tendenz unterschiedliche 6 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 7 Vgl. die Artikel II-2.16 «Endungslose Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.10 «Variation -er, -ler, -ner bei Wohnstätten- und Herkunftsnamen», II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-3.2 «Familiennamen mit den Präpositionen ab, an, auf , aus, ohne, vor», II-3.3 «Familiennamen mit der Präposition zu», II-3.4 «Familiennamen mit der Präposition in» sowie II-3.5 «Familiennamen mit der Präposition von». Die Präposition von im FamN von Hoffmann soll im Sinne eines Adelsprädikats den entsprechenden gesellschaftlichen Status vermitteln (vgl. Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de»). 8 Vgl. Artikel III-3.8 «Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen». 9 Die auf der historischen Datenschicht «vor 1800» basierenden Frequenzangaben zu den FamN sind allerdings nur bedingt als Frequenzen zu betrachten, vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 10 Vgl. Artikel III-4.3 «Berufs(über)namen zur Landwirtschaft». 882 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="883"?> Namenräume feststellen: 11 So tritt der PräpositionsN Imhof in den Alpenkantonen Wallis und Uri am stärksten hervor (12 bzw. 10 Tokens), gefolgt von Ortspunkten im Berner Mittelland und im Kanton Basel-Landschaft (8 bzw. 7 Tokens). Hofer zeigt eine starke Westlastigkeit: 38 von 51 Ortspunkten liegen im nördlichen Teil des Kantons Bern und im benachbarten Kanton Solothurn; daran schliessen sich die Belege in den Kantonen Basel-Landschaft und Aargau an (zusammen 9 Tokens). Der FamN Hofmann kommt zwar ebenfalls öfters im Kanton Bern vor (16 Tokens), aber erstens in fast komplementärer Verteilung (Seeland, Gantrischregion) und zweitens liegt sein Hauptverbreitungsgebiet deutlich weiter östlich in den Kantonen Zürich, Thurgau und St. Gallen (in diesen drei Kantonen insgesamt 33 Tokens). Dritte Karte {414}: Wohnstättennamen zu Lehen, Hube und Schuppose Namenauswahl: Die dritte Karte gilt FamN aus der Schicht «vor 1800», in denen Lehen, Hube (‘Hufe’) und Schuppose fest geworden sind. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert und kartiert. Abgefragte Namen Typ Lehen: Amlehn, Grundlehner, Jegerlehner, Lechmann, Lechner, Lee, Leemann, Lehmann, Lehner. 9 Types, 104 Tokens. Typ Hube: Anderhub, Hiebler, Houber, Huber, Hüberli, Hüblin, Hubmann, Hueber, von Huben, Vonhuben. 10 Types, 228 Tokens. Typ Schuppose: Schupisser, Schuppisser. 4 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-50, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 432: Daten zur dritten Karte {414} Detailangaben zur Namenauswahl: Die erste Namengruppe basiert auf schwzdt. Lehe(n), Lee ‘Leihe, Lehen, Lehenhof, geliehenes Gut’ (aus ahd. lēhan, lēn, mhd. lēhen, lēn) oder auf einem entsprechenden Toponym. Wie das TNB 2.2 (2007: 358) hervorhebt, sind solche FlurN Zeugen des mittelalterlichen landwirtschaftlichen Lehenswesens: Die mit Lehen benannten Grundstücke beziehen sich auf ein «Gut, das dem Begünstigten zur Nutzung überlassen wurde, um diesem die Erfüllung von Pf lichten im Dienste des Verleihers zu ermöglichen». Verliehen wurden die Güter sowohl von weltlichen als auch von kirchlichen Herren. Die zweite Namengruppe stellt sich zu schwzdt. Hueb (aus ahd. huob, huoba, mhd. huobe), das in der Mundart eine Vielzahl von möglichen Bedeutungen aufweist (vgl. TNB 2.2 2007: 304), oder zu Karte 414: WohnstättenN zu Lehen, Hube und Schuppose, vor 1800 11 Diese Grundtendenz bleibt auch bestehen, wenn Schreibvarianten wie Hoffmann, Hoffer oder Imhoof mitkartiert werden. 3.10 Wohnstättennamen zu Bezeichnungen für Höfe, Anwesen und Siedlungen 883 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="884"?> einem darauf basierenden Toponym. Hueb benennt «primär den einzelnen, von einem grundherrschaftlichen Herrenhof abhängigen, zureichend ausgestatteten kleinen bäuerlichen Wirtschaftsbetrieb» (Hof samt Kulturland); «sekundär, nach allgemeinem Kenntnisstand ab dem Hochmittelalter, begann die Hufe (resp. Hueb) eine Leistungsresp. Flächeneinheit zu bezeichnen» (TNB 2.2 2007: 305). In der Folge wird damit «ein Flächenmaß im Ackerbau bezeichnet, das ein einzelner Bauer mit einem Pf lug bewirtschaften kann. Zumeist wird es in einer Größenordnung von etwa 30 Morgen angegeben, wobei jedoch regional und zeitlich große Unterschiede auszumachen sind» (DFD 2025: s. v. Huber). Die dritte Karte bildet schliesslich auch die beiden FamN Schupisser und Schuppisser ab, denen schwzdt. Schu(e)poss, Schuepis, Schuppese(n) ‘Bezeichnung bestimmter (kleinerer oder mittelgrosser) Bauerngüter, grundherrschaftliches Kleingut; Haus, Hofstätte und zugehörige Wirtschaftsf lächen; auch als (ungefähres) Landmass’ (aus mhd. schuepoze, scuopoza u. ä.) oder ein daraus hervorgegangenes Toponym zugrunde liegt (für Genaueres zur Etymologie s. TNB 2.2 2007: 525-526). Im Online-Portal ortsnamen.ch (o. J.: Nr. 8004286) wird zu diesem Flurnamentypus Folgendes angegeben: Eine Schueposs war ein grundherrschaftliches (Erb-)Lehen und umfasste 7-15 Jucharten (also 25'000-55'000 qm), oft als Drittel oder Viertel einer Hueb. Schuepossen sind seit dem frühen 12. Jh. in Süddeutschland, im Elsass und in der deutschen Schweiz (ohne Alpenraum) nachweisbar. Sie scheinen durch die Aufteilung grösserer grundherrlicher Güter entstanden zu sein und dürften auf eine Intensivierung der Landwirtschaft hinweisen. Für weitere historische Hintergründe beachte man die Ausführungen im e-HLS (2008: s. v. Hube; 2008: s. v. Lehen; 2009: s. v. Lehnswesen; 2010: s. v. Grundbesitz; 2012: s. v. Leihe; 2012: s. v. Schuppose; 2013: s. v. Grundherrschaft; 2015: s. v. Agrarverfassung) und im LexMA (1977-1999: s. v. Grundherrschaft, Hufe, Lehen). Für die hier kartierten er- und mann-Ableitungen (z. B. Leemann, Huber) im Kontext von BerufsN zu landwirtschaftlichen Tätigkeiten vgl. den Artikel III-4.3 «Berufs(über)namen zur Landwirtschaft», der darüber hinaus u. a. auch den häufigen Typ Widmer (zu mhd. widemer ‘Inhaber eines Widem’ für einen Landwirt, der als Pächter den zur Kirche gehörenden Hof bewirtschaftete’) bespricht. Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass die ausgewählten FamN vorwiegend im Deutschschweizer Mittelland alteingesessen sind, während die voralpinen Gebiete und der Alpenraum deutlich weniger Anteil an den drei Namentypen haben (s. dazu die historischen Ausführungen bei der ersten Karte). Der Typ Lehen breitet sich von der Stadt Freiburg (FR) in einem weiten Bogen über das Mittelland (z. B. Jegerlehner im Kanton Bern, Leemann nordwestlich des Zürichsees) bis an das östliche Ende des Bodensees aus und kommt daneben auch im Kanton Wallis (hier FamN Lehner) mehrfach vor. Innerhalb dieser Namengruppe überwiegt der FamN Lehmann mit 64 Tokens, dessen Verbreitung diejenige des gesamten Typs bestimmt. Noch stärker von einem EinzelN geprägt ist der Typ Hube: So entfällt mit 208 von insgesamt 228 Tokens ein Grossteil der Ortspunkte auf den FamN Huber, der in der Schicht «vor 1800» nach Müller (431 Tokens), Meier (300 Tokens), Schmid (273 Tokens) und Keller (225 Tokens) der fünfthäufigste FamN in der Deutschschweiz überhaupt ist. 12 Huber breitet sich über die Deutschschweiz aus, erreicht jedoch in der östlichen Hälfte eine deutlich höhere Belegdichte (55 Tokens in ZH, zudem je über 20 Tokens in TG, SG, AG und LU). 13 Die restlichen, niederfrequenten Familiennamentypes der zweiten Namengruppe treten in kleinräumigen Arealen (Hubmann in TG, Anderhub im Wahlkreis Hochdorf LU) oder nur einmalig auf. Der FamN Schuppisser ist in der Schicht «vor 1800» in Niederglatt (ZH), Winterthur (ZH) und Oberrohrdorf (AG) bezeugt, Schupisser kommt in unmittelbarer Nähe dazu in Niederrohrdorf (AG) vor. Die dritte Namengruppe ist somit sehr niederfrequent; die wenigen Belege liegen in Übereinstimmung zur Verbreitung des entsprechenden Flurnamentyps nicht im Alpenraum, sondern im Mittelland. Vierte Karte {415}: Wohnstättennamen zu Heim, Statt, Burg und Dorf Namenauswahl: Die vierte Karte rückt FamN zu den vier Lexemen Heim, Statt, Burg und Dorf in den Mittelpunkt. Die entsprechenden WohnstättenN werden hier gemeinsam in einem Kartenbild dargestellt, weil sie auf «semantisch vergleichbaren Wörtern» basieren (DFA 3 2012: 245). Abgefragte Namen Typ Heim: Oberheim. 1 Token. Typ Statt: Brandstetter, Halbstadt, Hochstaettler, Hofstädter, Hofstätter, Hofstetter, Hostetmann, Hostettler, Stettler. 9 Types, 68 Tokens. Typ Burg: Augsburger, Augstburger, Burg, Burger, Bürgler, Burgstaller, von Burg, Vorburger, Zurburg. 9 Types, 42 Tokens. Typ Dorf : Dörfler, Dörfliger, Dörflinger, Imdorf , Imoberdorf . 9 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 433: Daten zur vierten Karte {415} Detailangaben zur Namenauswahl: Zum ersten Namentyp zählt einzig der FamN Oberheim, der sich aus der relativen Richtungsangabe ober und schwzdt. Heim ‘Haus, Heim, Ort, Heimat, Wohnstätte’ (aus ahd. heima, mhd. heim) zusammensetzt und jemanden benennt, der vom Siedlungskern aus gedacht weiter oben wohnte. Daneben kommt jedoch auch eine Deutung als Patronym zum germanischen Ruf N Heimo infrage. In der Schicht «vor 1800» gibt es nur wenige FamN auf -heim, die entweder noch nicht abschliessend gedeutet sind (Autenheimer, Ditesheim, Durheim, Urheim) oder als HerkunftsN zu einem (grösstenteils ausländischen) SiedlungsN zu gelten haben (Bernheim, Glutz-Blotzheim, Guggenheim, Oppenheim; Mühlheim zur Gemeinde Mülchi BE, deren frühere Namenform Mühlheim lautete; vgl. BENB I/ 3 2008: Sp. 348-349). 14 Zu ÖrtlichkeitsN mit Heim in der Deutschschweiz wird auf ortsnamen.ch (o. J.: Nr. 802004831) angemerkt: «Heim als Grundwort von Siedlungsnamen ist in einem grossen Teil des deutschen Sprachgebiets verbreitet. […] In der Deutschschweiz ist dieser Namentypus jedoch nur spärlich vertreten». Die Seltenheit von Heim-Toponymen spiegelt 12 Vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 13 Damit schliessen sich die Schweizer Vorkommen dem bundesdeutschen Raum an, wo «Bayern als typisches Huber-Gebiet» zutage tritt (Nübling/ Kunze 2023: 359). 14 Die HerkunftsN Bernheim, Guggenheim und Oppenheim gehören zu den alten jüdischen Geschlechtern von Endingen und Lengnau im aargauischen Surbtal (s. ausführlicher e-HLS 2009: s. v. Antisemitismus; e-HLS 2016: s. v. Judentum). 884 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="885"?> sich im geringen Vorkommen entsprechender WohnstättenN (resp. HerkunftsN) wider. Die zweite Namengruppe besteht einerseits aus der Ableitung Stettler und andererseits aus zusammengesetzten bzw. univerbierten Formen, die schwzdt. Statt ‘Stätte, Stelle, Ort, Platz, Raum, Wohnstätte’ (aus ahd. stad, mhd. stat) oder ein entsprechendes Toponym enthalten: Brandstetter stellt sich zu schwzdt. Brandstat(t) ‘Stelle, wo mit Feuer gerodet wurde’, 15 während der FamN Halbstadt aus halb und Statt gebildet ist und wohl eine Person bezeichnet, die nur ein halbes Bauerngut bewirtschaftete bzw. bewohnte. 16 Den FamN Hochstaettler setzen Berchtold/ Graf (i. V.) in Bezug zu einem Toponym Hochstat (wahrscheinlich für jemanden, der seinen Wohnsitz an einer hoch gelegenen Stelle hatte); es könnte sich jedoch auch um eine Umdeutung des FamN Hostättler (zum Toponym Hofstatt) handeln (vgl. die historischen Belege bei ortsnamen.ch o. J.: Nr. 261057238). Die restlichen FamN der zweiten Gruppe basieren alle auf schwzdt. Hofstat(t), Hoschtet, Hostet u. ä. ‘ländliches Heimwesen mit Umschwung; Stelle, wo ein Gebäude/ Haus aufgeführt wird’, auch ‘Baumgarten’ (für die heutigen Mundarten vgl. KSDS 2025: 185). 17 Gemäss e-HLS (2007: s. v. Hofstätten) war die Hofstatt auf dem Land «im Rahmen der Grundherrschaft ein Teil der Hube», sodass die vorliegenden Namen im Verbund mit der vorhergehenden dritten Karte zu betrachten sind. Das Namenelement Statt bzw. Stetten (Dativ Plural) kommt in der Schicht «vor 1800» ansonsten nur in den HerkunftsN von Bonstetten (mit Interferenzform de Bonstetten) und Rostetter (zum SiedlungsN Radtstadt im österreichischen Bundesland Salzburg) vor. 18 Die FamN der dritten Gruppe basieren auf schwzdt. Burg ‘Burg, umschlossener, befestigter Ort, Stadt’ (aus ahd. burg, mhd. burc) in verschiedenen Bildungen. Das Lexem Burg hat diachron einen Bedeutungswandel bzw. eine Bedeutungsverengung erfahren (Walther 2004: 430, 433), die Nübling/ Fahlbusch/ Heuser (2015: 257) wie folgt beschreiben: «Mhd. burg meinte zunächst allgemein ‘befestigte Siedlung’, bezeichnete ursprünglich also auch urbane Siedlungen (SiedlungsN Augsburg) und wurde in dieser Bedeutung seit dem 12. Jh. durch mhd. stat abgelöst, während sich burg auf ‘Burg, Befestigungsanlage’ verengte». Die vorliegende Namenauswahl umfasst einer- Karte 415: WohnstättenN zu Heim, Statt, Burg und Dorf, vor 1800 15 Für WohnstättenN zur Brandrodung vgl. Artikel III-3.6 «Wohnstättennamen zu Rodungen». 16 Zur Schreibung des FamN Halbstadt vgl. den Hinweis im TNB 2.2 (2007: 566): «Die Unterscheidung zwischen Statt und Stadt bildet sich erst in der Neuzeit aus, es handelt sich ursprünglich um das gleiche Wort» (s. auch Walther 2004: 451). 17 Für WohnstättenN mit appellativischem bzw. toponymischem Baumgarten vgl. Artikel III-3.7 «Wohnstättennamen zu Kulturland». 18 Wie das TNB 2.2 (2007: 566) anmerkt, kommt den Siedlungsnamentypen -ingen, -ikon, -husen und -wil im südalemannischen Raum eine grössere Bedeutung zu. Für entsprechende FamN vgl. den Artikel III-2.2 «Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen». 3.10 Wohnstättennamen zu Bezeichnungen für Höfe, Anwesen und Siedlungen 885 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="886"?> seits simplizisches Burg, die PräpositionsN Zurburg und von Burg sowie die suffigierten Formen Burger und Bürgler. Andererseits wurden auch die präfigierten Formen Augsburger, Augstburger und Vorburger sowie zusammengesetztes Burgstaller berücksichtigt, deren zugrunde liegendes Lexem im Vergleich zu Burg mehr oder weniger semantisch angereichert ist. 19 So stellt sich letzterer FamN zu mhd. burgstal ‘Standort einer Burg, Burghügel, Burg’ oder einem FlurN Burgstall, Burgstel, wie er häufig in der Schweiz vorkommt, während Vorburger auf schwzdt. Vorburg ‘äusserer Burghof ’ basiert. Die Varianten Augsburger und Augstburger gehen auf schwzdt. Ūsburger ‘ausserhalb der Stadtgrenzen wohnender Bürger’ zurück (vgl. e-HLS 2001: s. v. Ausbürger). 20 Die beiden FamN sind ebenso wie Burger schwer einzuordnen, weil sich in ihnen Bezüge auf die Wohnstätte und auf den Stand ineinander verschränken. Konkret bezeichnet Burger nicht nur den Bewohner eines befestigten Orts, sondern später auch einen Stadtbewohner mit allen Rechten (im Gegensatz zum Beisassen/ Hintersassen; vgl. e-HLS 2021: s. v. Bürgerrecht). Auch bei von Burg ist möglich, dass nicht auf die Wohnstätte (resp. die Herkunft) referiert wird, sondern der Name eher ein grundherrschaftliches Abhängigkeitsverhältnis ausdrückt. Insgesamt ist die dritte Namengruppe daher als mehrdeutig zu betrachten, was allgemein für das Lexem Burg bzw. für Burg -Toponyme gilt, die «für Orte bei ehemaligen Burgstellen oder im übertragenen Sinn für burgähnliche erhöhte oder felsige Geländestellen» stehen können; darüber hinaus vermischt sich das Element «in der Burg- und Flurnamengebung mit dem Geländewort Berg, mit dem es vermutlich im Ablautverhältnis steht» (VSNB 1 2024: Sp. 306; s. auch TNB 2.2 2007: 107). Festzuhalten ist zudem, dass nicht immer unterschieden werden kann, ob dem FamN motivisch eine spezifische Burg zugrunde liegt oder nicht. Bspw. bezieht sich Zurburg (Balgach SG) wahrscheinlich auf die ehemalige Burg Balgach, welche oberhalb des Dorfs stand, dann aber zerstört wurde. 21 Der vierte Namentypus enthält schwzdt. Dorf ‘Dorf, Gehöft, Häusergruppe, Weiler, bebautes (und umzäuntes) Land’ (aus ahd. dorf , thorf , mhd. dorf ) oder ein darauf basierendes Toponym. Dorf bezieht sich in FlurN gemäss TNB 2.2 (2007: 157-158) ganz allgemein «auf eine Häusergruppe resp. insbesondere den Kern einer Ortschaft», nicht auf eine politische Einheit. Ausgewählt wurden die beiden PräpositionsN Imdorf (für eine Person, die im Dorfkern wohnhaft war - wohl im Gegensatz zu jemandem, der ausserhalb wohnte) und Imoberdorf (für eine Person, die im oberen Dorf wohnhaft war) sowie die Ableitungen Dörfler, Dörfliger und Dörflinger, die wohl alle den Bewohner eines geschlossenen Dorfs (im Gegensatz zum weiteren Siedlungsgebiet) bezeichnen. 22 Kommentar: Die vierte Karte lässt erkennen, dass sich der Typ Statt tendenziell auf einer Diagonale vom bernischen Gantrischgebiet bis nach Appenzell Ausserrhoden ausbreitet. Die meisten Vorkommen verzeichnen die Kantone Bern (v. a. das Mittelland) und St. Gallen, wobei in ersterem Verbreitungsgebiet der FamN Stettler (13 von insgesamt 22 Tokens) und in zweiterem der FamN Hofstetter (15 von insgesamt 18 Tokens) die höchsten Frequenzen aufweisen. Die Verbreitung des Typs Burg ähnelt den Statt-FamN insofern, als sich die Belege auch hier von der südwestlichen bis in die nordöstliche Deutschschweiz erstrecken; der Norden ist jedoch etwas stärker am Namentyp beteiligt. Schwerpunkte formen u. a. die FamN Augsburger / Augstburger im Berner Mittelland mit dem angrenzenden Emmental (BE) und der FamN Burger im Aargauischen. Der Typ Dorf ist mit Dörfler in Fisibach (AG), Dörfliger in Fulenbach (SO) und Dörflinger in Wahlern (BE) vertreten. Der FamN Imdorf clustert im Verwaltungskreis Interlaken-Oberhasli (BE), während Imoberdorf geballt im Goms (VS) auftritt. Der FamN Oberheim ist einzig in Liesberg (BL) alteingesessen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Huber (17'351 Tokens), Hofer (9'025 Tokens) und Hofmann (5'564 Tokens). In der Schicht «vor 1800» kommen vereinzelte FamN vor, die sich im weiteren Sinne der vorliegenden Motivgruppe anschliessen lassen; so bspw. Eigel (WohnstättenN zu Eigen ‘Eigengut, Privatbesitz’ oder allenfalls Patronym zum althochdeutschen Ruf N Agilo), Pfändler (WohnstättenN zu Pfand ‘Grundstück oder Hof, der als Sicherheitsleistung in Zahlung genommen resp. gegeben wurde’ oder aber BerufsN zu mhd. phander, phender ‘Auspfänder, Pfandgläubiger’) und Syz (WohnstättenN zu Sitz ‘Wohnsitz; Ort, wo man das Recht auf Wohnsitz hat’ oder allenfalls Patronym zum althochdeutschen Ruf N Siz(z)o). Eine Namengruppe bilden Ort, Oertli, Oertly und Oertle, die sich einerseits als Patronyme zu einer Kurzform aus einem althochdeutschen Ruf N wie Ortilo oder Ortlieb stellen lassen, andererseits aber auch als WohnstättenN zu schwzdt. Ort ‘Ortschaft; Punkt oder Teil eines Raums; Gesichtspunkt; äusserster Punkt oder Teile eines Raums; Ecke; Ende (räumlich und zeitlich); Rand; Saum’ oder zu einem darauf basierenden Toponym gedeutet werden können. Wie auf ortsnamen.ch (o. J.: Nr. 4003326, 16007422) angemerkt, bezeichnet Ort in FlurN jedoch v. a. (rechtliche) Grenzen oder die Spitze bzw. den äussersten Punkt einer Landschaftsgestalt (s. auch DFA 3 2012: 313-315), sodass die FamN semantisch von der vorliegenden Motivgruppe abrücken. Schliesslich sei an dieser Stelle der FamN Kasteler (Guggisberg, Rüschegg BE; Marly-le-Grand FR; Romoos LU) genannt, der eine Ergänzung zum Typ Burg in der vierten Karte darstellt. So handelt es sich bei Kasteler entweder um einen BerufsN zu mhd. kastellære ‘Schloss-, Burgverwalter’ für den Hausvogt, Schlossaufseher u. ä. oder aber um einen WohnstättenN (resp. HerkunftsN) zu einem der häufigen ÖrtlichkeitsN vom Typ Chastel, Kastel, die letztlich auch auf mhd. kastël (aus lat. castellum ‘befestigter Ort, Burg’) zurückgehen. 19 Unberücksichtigt blieben hingegen HerkunftsN wie Kiburger / Kyburger oder von Aarburg / Vonarburg. 20 Die FamN unterlagen einer volksetymologischen Umdeutung, indem sie mit dem StadtN Augsburg (Deutschland), einer der im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit bedeutendsten Städte Europas, in Verbindung gebracht wurden. 21 So hält Boxler (1996: 1597) fest: «Viele Burgen werden von den Anwohnern nicht mit ihrem offiziellen, sondern mit einem stark appellativisch geprägten Namen bezeichnet (z. B. Burg, Burstel < burgstall ‘Stelle einer [ehemaligen] Burg, it. Castello, frz. Château)». Zu Burgen in der Schweiz, ihrer Errichtung im Kontext der mittelalterlichen Herrschaftsbildung und zur Burgnamengebung vgl. das e- HLS (2015: s. v. Burgen und Schlösser); für letztere Thematik s. auch Boxler (1996) und Walther (2004). Für ausgewählte FamN zu BurgN vgl. Artikel III-3.9 «Wohnstättennamen zu Häusernamen». 22 Unberücksichtigt blieben hingegen FamN auf -dorf / -torf , die sich als HerkunftsN zu einem spezifischen SiedlungsN stellen (z. B. Bliggensdorfer zum Ort Blickensdorf in Baar ZG, Filistorf zum gleichnamigen Weiler in Schmitten FR). Für alle FamN auf -dorf / -torf vgl. Artikel III-2.2 «Herkunftsnamen zu spezifischen Siedlungsnamentypen». 886 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="887"?> Vergleich mit benachbartem Ausland: Der DFA 4 (2013: 196-211) widmet sich auf den Karten 84-91 FamN zu Toponymen (meist SiedlungsN) mit -heim wie Bergheimer oder Buchheim. FamN zu anderen hier diskutierten Lexemen wie Statt, Dorf und Hof finden in grammatisch ausgerichteten Karten Berücksichtigung (vgl. die Verweise im DFA 4 2013: XXXI). Für die hier als mehrdeutig behandelten FamN Hofer, Huber, Lehner usw. beachte man die Ausführungen bzw. die Verweise im DFA 5 (2016). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur BENB I/ 3 = Schneider,Thomas F./ Blatter, Erich (Hrsg.) (2008): Ortsnamenbuch des Kantons Bern [Alter Kantonsteil]. I: Dokumentation und Deutung. Dritter Teil: L-M. Basel, Tübingen: Francke. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. 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Esther Loosli 888 3 Wohnstättennamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="889"?> 4 Berufsnamen und Berufsübernamen 4.1 Berufs(über)namen zum Nahrungsmittelgewerbe Schlagwörter: Bewirtung, Fleischergewerbe, Milchprodukt, Speisezubereitung Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel gilt Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 24.06.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») einen Bezug zum Nahrungsmittelgewerbe aufweisen. Konkret geht es dabei um drei Bereiche: Fleischereihandwerk, Herstellung von Milchprodukten sowie Speisezubereitung und Bewirtung. Berufs- und BerufsüberN, die mit dem Bäckereigewerbe inklusive der Mehlerzeugung in Verbindung stehen, werden an dieser Stelle nicht berücksichtigt; sie sind im Artikel III-4.2 «Berufs(über)namen zum Bäckereigewerbe» dokumentiert. Zunächst zum Bereich des Metzgereigewerbes, der Fleischverarbeitung und dem Verkauf von Fleisch: Die Metzger waren in den mittelalterlichen Städten anders organisiert als auf dem Land. In den Städten waren die Gewerbetreibenden in den meisten Fällen Mitglieder von Zünften, deren Schlacht- und Verkaufsbänke an dafür bestimmten Orten innerhalb der Stadt eingerichtet waren. Auf dem Land gab es hingegen die Kundenmetzger, die die Tiere gegen Entlöhnung auf den Höfen schlachteten und dort auch das Fleisch zu Fleischerzeugnissen verarbeiteten (e-HLS 2010: s. v. Metzgerei). Im zweiten thematischen Bereich beziehen sich die Berufs- und BerufsüberN auf die mittelalterliche Herstellung von Milchprodukten aus Kuh-, Schaf- und Ziegenmilch wie Anken (Butter), Käse und Ziger. Die Produktion dieser Milcherzeugnisse «erfolgte im Eigenbetrieb oder durch Lehnbauern auf den Alpgütern der Klöster und des Adels und ist ab dem 13. Jahrhundert urkundlich belegt: Die Bergkäslein (caseoli alpini) der Appenzeller an das Kloster St. Gallen, die Zinskäslein der habsburgischen Herrschaft Spitzenberg (1309) oder des Klosters Trub im Emmental (1363) waren vermutlich von Hand gepresste Weichkäse» (e-HLS 2018: s. v. Käse). Vor der Käseherstellung mit Lab wurde bis ins 15. Jh. hauptsächlich Ziger hergestellt - ein Frischkäse, der als Nebenprodukt bei der Käseherstellung hervorgeht. Dieser ist zwar teuer, aber auch lange haltbar (e-HLS 2018: s. v. Käse). Des Weiteren sind Berufs- und BerufsüberN von Interesse, die auf die Speisezubereitung und die Bewirtung zurückgehen. Sie können sich auf unterschiedliche Gestaltungen von mittelalterlicher Gastlichkeit beziehen, die allgemein dazu dienten, Unterkunft und Speisen für reisende, auswärtige oder bedürftige Personen bereitzustellen. Neben den Gasthäusern existierten dazu verschiedene Institutionen der Gastlichkeit wie Hospize, Pilgerherbergen, Elendenherbergen und Armenhäuser sowie Spitäler (e-HLS 2006: s. v. Gasthäuser). Die erste Karte widmet sich FamN wie Fleischmann oder Metzler, die auf das Metzgereigewerbe zurückgehen. Auf der zweiten Karte werden FamN wie Anken und Käser abgebildet, die auf die Herstellung von Milchprodukten referieren. FamN wie Koch oder Wirth, die sich auf die Zubereitung von Speisen und die Bewirtung beziehen, werden auf der abschliessenden dritten Karte behandelt. Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="890"?> Erste Karte {416}: Berufs(über)namen zum Metzgereigewerbe Namenauswahl: Die erste Karte gilt Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 1 die auf das Gewerbe des Metzgers zurückgehen. Die entsprechenden FamN werden nach den unterschiedlichen zugrunde liegenden Lexemen gruppiert. Abgefragte Namen Typ Fleischer: Fleischli, Fleischmann. 8 Tokens. Typ Metzger: Mätzler, Meschler, Metzger, Metzker, Metzler, Mezger. 6 Types, 26 Tokens. Typ Schlachter: Schlachter. 3 Tokens. Typ Tscharner: de Tscharner, Tscharner, von Tscharner. 12 Tokens. Typ Wurster: Wurster. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-50, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 434: Daten zur ersten Karte {416} Detailangaben zur Namenauswahl: 2 Das Handwerk der Metzger umfasst das Schlachten der Tiere, die Fleischverarbeitung und den Verkauf des Fleisches, teilweise auch den Viehhandel. Auf dem Land wurde die Fleischversorgung lange Zeit durch Selbstversorgung geregelt. Stör- oder Kundenmetzger übernahmen dabei das Schlachten und die Weiterverarbeitung des Fleisches (e-HLS 2010: s. v. Metzgerei). In den Deutschschweizer Städten waren die Metzger in Zünften organisiert. Die städtischen Schlachtplätze und Verkaufsstellen, sogenannte Fleischbänke, befanden sich meist an einem f liessenden Gewässer, sodass die Schlachtabfälle direkt entsorgt werden konnten (e-HLS 2010: s. v. Metzgerei). Die hier versammelten Berufs- und BerufsüberN können fünf unterschiedlichen Berufsbezeichnungen des Metzgereigewerbes zugeordnet werden (nach der Kartierung in alphabetischer Reihenfolge). Diese lassen sich jedoch nicht nach städtischen oder ländlichen Handwerkspraktiken unterscheiden. • Typ Fleischer: Zum Lexem Fleischer lassen sich der BerufsN Fleischmann (zu mhd. vleischman ‘Fleischer’; Ebner 2015: 203) und der BerufsüberN Fleischli (zu mhd. vleisch ‘Fleisch’) stellen. Karte 416: Berufs(über)N zum Metzgereigewerbe, vor 1800 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 890 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="891"?> • Typ Metzger: Die BerufsN Metzger, Metzker und Mezger sind mhd. metzjære, metzjer, metziger ‘Metzger; Fleischer, der Altvieh (Ochsen, Kühe) schlachtet’ zuzuordnen, das wohl eine Mischung aus mittellat. mattiarius ‘Wurster’ und mittellat. macellarius ‘Fleischwarenhändler’ ist (Ebner 2015: 487). Der BerufsN Metzler mit den Varianten Mätzler und Meschler geht auf mhd. metzeler, metzler ‘Metzger’ aus mittellat. macellarius ‘Fleischwarenhändler’ zurück (Ebner 2015: 487-488). • Typ Schlachter: Der BerufsN Schlachter bezeichnet einen Handwerker, der Tiere in einem Schlachthaus oder gegen Lohn als Hausschlächter schlachtet, bzw. auch allgemein einen Metzger, Fleischer. Schlachter geht zurück auf mhd. slahter, slahtære ‘Schlächter’, mhd. vleischslahter ‘Fleischer, Metzger’ (Ebner 2015: 648). • Typ Tscharner: Der BerufsN Tscharner ist zu mhd. scharne ‘Fleischbank, Verkaufsbank’ zu stellen; gemeint ist der Fleischverkäufer (Ebner 2015: 628). • Typ Wurster: Der BerufsN Wurster basiert auf mhd. wurster ‘Fleischer, der Würste herstellt; Wurstmacher’ (Ebner 2015: 842). Bis auf die FamN Fleischli (l-Diminutiv) und Fleischmann (Ableitung auf -mann) handelt es sich bei den übrigen Namen des Samples um BerufsN auf -er. 3 Für die FamN de Tscharner und von Tscharner vgl. die Artikel II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de» und II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». Kommentar: Die erste Karte zeigt eine klare geographische Verteilung der unterschiedlichen Typen. Der frequente BerufsN Metzger und seine Varianten treten hauptsächlich in der Nordostschweiz (SG, TG) auf. Der Name Tscharner konzentriert sich im Kanton Graubünden. In der Innerschweiz erscheinen Namennester zum BerufsN Fleischmann (SZ) und zum BerufsüberN Fleischli (LU). Der seltene BerufsN Schlachter kommt in der Nordwestschweiz vor (AG, JU). Mit nur 1 Token ist Wurster in Winterthur (ZH) alteingesessen. Insgesamt erscheinen die ausgewählten FamN hauptsächlich in ländlichen Gebieten. Für die Städte Bern (BE), Chur (GR), Schaffhausen (SH) und Winterthur (ZH) sind einmalige Vorkommen dokumentiert. Die Verbreitung der FamN lässt demnach keine spezifische Aufteilung von Berufs- und BerufsüberN in Bezug auf städtisches vs. ländliches Metzgereigewerbe zu. 3 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.7 «Familiennamen auf -mann» und II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen». 4.1 Berufs(über)namen zum Nahrungsmittelgewerbe 891 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="892"?> Zweite Karte {417}: Berufs(über)namen zur Herstellung von Milchprodukten Namenauswahl: Die zweite Karte dokumentiert Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die in Bezug zur Herstellung von verschiedenen Produkten aus Milch stehen, wie Anken (Butter), Käse oder Ziger. Die entsprechenden FamN werden nach den unterschiedlichen zugrunde liegenden Lexemen gruppiert. Abgefragte Namen Typ Anken: Anken, Ankli, Anklin, Auchli. 10 Tokens. Typ Käse: Kaeser, Käser, Käsermann, Käslin, Keser. 32 Tokens. Typ Ziger: Ziegerer, Zigerli. 2 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 435: Daten zur zweiten Karte {417} Detailangaben zur Namenauswahl: Das Namensample lässt sich gemäss der mittelalterlichen Milchwirtschaft den drei Typen Anken, Käse und Ziger zuordnen. Im Voralpen- und Alpenraum f lorierte bereits in spätmittelalterlicher Zeit die spezialisierte Käse- und Zigerherstellung sowie der Handel mit diesen Erzeugnissen. Die Produktion von Butter und Milch wurde hauptsächlich im Mittelland betrieben. In der Frühen Neuzeit gewann die Käseherstellung durch die Innovation der Labkäserei zunehmend an Bedeutung (e-HLS 2018: s. v. Käse). Der FamN Anken und die Diminutivvarianten Ankli, Anklin, Auchli (zu mhd. anke ‘(frische) Butter’, ahd. anko ‘Anke, Butter’) der ersten Gruppe sind ausschliesslich BerufsüberN, die sich über das Produkt Anken indirekt auf dessen Hersteller beziehen. Anke(n) ist im Schweizerdeutschen gemäss Id. 1 (1881 ff.: Sp. 341) das eigentliche Normalwort für ‘Butter’. In den (Nord-)Ostschweizer Kantonen (AI, AR, GR, SG, SH, TG) wird das Wort Schmalz synonym verwendet (SDS V 1983: Karte 179). Der FamN Schmalz (Büren an der Aare, Meinisberg, Nidau BE; Jona SG) wäre folglich auch dieser Gruppe zuzuordnen, wird jedoch aufgrund des mehrdeutigen Etymons ausgeschlossen: Schmalz bedeutet i. d. R. ‘ausgelassenes tierisches Fett’, kann sich aber auch auf ‘ausgelassene Butter’ oder einfach ‘Butter’ beziehen. Die zweite Namengruppe zeigt FamN mit Bezug zur Käseherstellung wie die BerufsN Kaeser, Käser, Keser (zu mhd. kaese ‘Käse’) und Käsermann. Letzterer kann sowohl auf die Herstellung als auch auf den Handel mit Käse referieren. Ausserdem bezieht sich der BerufsüberN Käslin indirekt auf den Käser. Die dritte Gruppe umfasst den BerufsN Ziegerer und den BerufsüberN Zigerli, die zu mhd. ziger ‘die festere Masse, die sich beim Gerinnen der Molke ausscheidet, Quark’ gebildet sind und auf die Herstellung von Ziger referieren (Ebner 2015: 857). 4 Für den häufigen FamN Senn (zu mhd. senne, sennære ‘Hirte, Senne; Lehensmann, der die Milchpro- Karte 417: Berufs(über)N zur Herstellung von Milchprodukten, vor 1800 4 Es besteht kein Bezug zum Wort Ziege für ‘Geiss’, denn dieses ist in den alemannischen Mundarten ein neuhochdeutscher Import aus der Standardsprache. 892 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="893"?> dukte herstellt und das Vieh besorgt’) vgl. den Artikel III-4.3 «Berufs(über)namen zur Landwirtschaft». Kommentar: Die FamN der zweiten Karte erscheinen hauptsächlich im westlichen und nördlichen Gebiet der Deutschschweiz in den Kantonen Aargau, Bern, Freiburg und Solothurn. Anken und Varianten treten als kleine Namennester in unterschiedlichen Räumen auf (Anken in BE, Ankli in SO, Anklin in BL, Auchli in LU). Der frequente FamN Käser konzentriert sich in Regionen der Kantone Aargau, Bern und Freiburg; die Belege in letzteren zwei Gebieten stehen in Nachbarschaft zum Bezirk Greyerz und zum Verwaltungskreis Emmental, zwei historisch wie heute wichtige Gebiete der Käseproduktion. FamN zur Zigerherstellung sind mit jeweils 1 Token (Ziegerer in GR, Zigerli in BE) sehr selten. Dritte Karte {418}: Berufs(über)namen zur Speisezubereitung und Bewirtung Namenauswahl: Die dritte Karte zeigt Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die auf die Zubereitung von Speisen und die Bewirtung referieren. Die entsprechenden FamN werden nach den unterschiedlichen zugrunde liegenden Lexemen gruppiert. Abgefragte Namen Typ Breikoch: Briner, Briw, Bryner. 18 Tokens. Typ Koch: Koch, Kocher, Köchli, Koechlin. 74 Tokens. Typ Schenker: Schenk, Schenker. 31 Tokens. Typ Speiser: Speiser, Spieser. 6 Tokens. Typ Wirt: Werth, Wirth, Wirthner, Wirz, Würth. 82 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 436: Daten zur dritten Karte {418} Detailangaben zur Namenauswahl: Die FamN dieses Samples beziehen sich auf die Zubereitung von Speisen und die Bewirtung in unterschiedlichen Beherbergungsstätten wie Wirtshäuser, Hospize oder Armenherbergen (e-HLS 2006: s. v. Gasthäuser). Zum Typ Breikoch zählen die BerufsN Briner, Bryner wie auch der BerufsüberN Briw (zu mhd. brī(e) ‘Brei’). Dem Typ Koch lassen sich Namen mit unterschiedlichem Bildungsmuster zuordnen: die endungslose Form Koch, die er-Ableitung Kocher sowie die l-Diminutive Köchli und Koechlin. Die Namen zum Lexem Schenker sind einerseits zu mhd. schenke ‘einschenkender Diener; Mundschenk; Wein, Bier ausschenkender Wirt’ für den Gastwirt (Schenk), andererseits zu mhd. schenken ‘einschenken’ (Schenker) zu stellen. Speiser und Spieser gehen zurück auf mhd. spīsære, spīser, schwzdt. Spīser, diphthongiert Speiser ‘Speisemeister (eines Klosters o. ä.)’ für eine Person, die mit der Beschaffung und v. a. der Austeilung der Speisen und Getränke an der Tafel betraut war. Die letzte Gruppe umfasst BerufsN zum Lexem Wirt wie Wirth (zu mhd. wirt ‘Ehemann, Hausherr, Landesherr’, Karte 418: Berufs(über)N zur Speisezubereitung und Bewirtung, vor 1800 4.1 Berufs(über)namen zum Nahrungsmittelgewerbe 893 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="894"?> später auch ‘Inhaber eines Wirtshauses, Gasthalter’) oder mit gerundetem bzw. gesenktem Vokal Würth und Werth. Kommentar: Die FamN der dritten Karte sind mehrheitlich im Mittelland verbreitet und bilden jeweils Ballungsräume. Die hohen Frequenzen der Typen Koch und Wirt sind den BerufsN Koch (52 Tokens; v. a. AG und LU), Wirz (39 Tokens; v. a. AG, BL und ZH) und Wirth (34 Tokens; v. a. SG und ZH) geschuldet. Die FamN Briw (VS), Koechlin (BS), Spieser (SZ) und Wirthner (VS) treten hingegen singulär auf. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Koch (7'744 Tokens), Schenk (4'457 Tokens) und Käser (3'938 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: FamN, die sich auf das Nahrungsmittelgewerbe beziehen, werden im DFA 5 (2016: 126-197) auf den Karten 46-72 dargestellt. Dabei widmet sich der Themenkomplex den drei Bereichen «Müller, Bäcker» (Karten 46-53), «Metzger» (Karten 54-59) und «Fischer, Fischhändler» (Karten 60-72). An dieser Stelle interessieren jedoch einzig die Verbreitungskarten zum Metzgereigewerbe, da das Bäckereigewerbe sowie die Fischerei in jeweils anderen Artikeln besprochen werden (vgl. die Artikel III-4.2 «Berufs(über)namen zum Bäckereigewerbe» und III-4.4 «Berufs(über)namen zur Jagd und Fischerei»). FamN zur Bewirtung werden im DFA 5 (2016: 518-541) auf den Karten 201-209 behandelt; für weitere Berufs(über)N wie Koch vgl. die Verweise im DFA 5 (2016: XXVII-XXVIII) auf grammatisch ausgerichtete Karten. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. Ebner, Jakob (2015): Wörterbuch historischer Berufsbezeichnungen. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Dubler, Anne-Marie (2010): Metzgerei. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 013993/ 2010-11-11/ (letzter Zugriff 24.06.2025). e-HLS = Müller (Brugg), Felix/ Dubler, Anne-Marie (2006): Gasthäuser. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 016323/ 2006-11-20/ (letzter Zugriff 24.06.2025). e-HLS = Sauerländer, Dominik/ Dubler, Anne-Marie (2018): Käse. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 013951/ 2018-02-05/ (letzter Zugriff 24.06.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 24.06.2025). Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. SDS V = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1983): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. V: Wortgeographie II: Menschliche Gemeinschaft - Kleidung - Nahrung. Bern: Francke. Martina Heer 894 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="895"?> 4.2 Berufs(über)namen zum Bäckereigewerbe Schlagwörter: Backware, Brot, Mehl, Mühle, Nahrungsmittelgewerbe Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel widmet sich Berufs- und BerufsüberN aus dem Bereich des Bäckereigewerbes. Es werden Namen kartiert, die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 07.03.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») aus der Produktion von Brot oder Gebäck sowie aus der Gewinnung von Mehl hervorgegangen sind. Im Mittelalter konzentrierte sich die gewerbliche Brotherstellung hauptsächlich auf die Städte, während die bäuerlichen Haushalte als Selbstversorger ihr Brot in den eigenen oder kommunalen Ofenhäusern produzierten (LexMA 1977-1999: s. v. Brot; Reith 1991: 22; e-HLS 2009: s. v. Bäckerei). In den spätmittelalterlichen Städten gehörten die Bäcker «zu den ältesten Berufen des Lebensmittelsektors» (LexMA 1977-1999: s. v. Brot). Sie organisierten sich in der Deutschschweiz in Zünften und waren dementsprechend an zünftische Regeln gebunden (e-HLS 2009: s. v. Bäckerei). «Mit der Privilegierung verband sich die Pf licht zum Dienst an der Öffentlichkeit: Bäcker waren nach geltender Ordnung verpf lichtet, wöchentlich dreibis fünfmal Weiss- und Schwarzbrot zu backen. […] Brotschauer kontrollierten die Qualität, büssten und konfiszierten bei Mängeln» (e-HLS 2009: s. v. Bäckerei). Das Angebot der mittelalterlichen Backerzeugnisse variierte je nach Form, Getreidesorte und Kleingebäck. Für die Backwaren wurden hauptsächlich die Getreide Roggen, Weizen und Dinkel verwendet. Dabei dienten für die feineren und gehobeneren Gebäcke wie Bretzeln, Mütschli, Weggen oder Zöpfe das feinere Weizenmehl; für das Sauerteigbrot hingegen das dunkle Roggenmehl (LexMA 1977-1999: s. v. Brot; Casemir 2009: 170; e-HLS 2009: s. v. Bäckerei). Bei den kartierten FamN wird unterschieden zwischen direkten Berufsbezeichnungen (Pfister, Beck) und indirekten Berufsbezeichnungen (auch BerufsüberN genannt), die bspw. das Produkt beschreiben und sich damit auf den Hersteller beziehen (Brodt, Kuchen). In diesen Fällen konkurrieren die Benennungsmotive der BerufsüberN und der ÜberN miteinander, was eine eindeutige Zuweisung erschwert resp. unmöglich macht (Kohlheim/ Kohlheim 2014: 151). 1 Die erste Karte bildet alle Namen der Deutschschweiz ab, die sich als BerufsN zum Beruf des Bäckers stellen. In der zweiten Karte werden die entsprechenden BerufsüberN behandelt. Die dritte Karte zeigt Berufs- und BerufsüberN, die der Mehlgewinnung zugeordnet werden können und daher für das Bäckereigewerbe relevant sind. Hier findet insbesondere der häufigste FamN der (Deutsch-)Schweiz, 2 Müller, Beachtung. 1 Zum Mühlenbetrieb vgl. den entsprechenden Artikel im e-HLS (2012: s. v. Mühlen). 2 Vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 4.2 Berufs(über)namen zum Bäckereigewerbe 895 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="896"?> Erste Karte {419}: Berufsnamen zum Beruf des Bäckers Namenauswahl: Die erste Karte enthält alle Deutschschweizer FamN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 3 die sich eindeutig als BerufsN zum Beruf des Bäckers einteilen lassen. Abgefragte Namen Typ Pfister: Pfister, Pfisterer. 71 Tokens. Typ Beck: Beck, Becker, Bek, Bekk, Brodbeck, Brodtbeck, Brotbeck, Oberbeck, Surbeck. 9 Types, 44 Tokens. Typ Simmler: Simler, Simmler. 4 Tokens. Typ Zeltner: Zeltner. 4 Tokens. Typ Brodmann: Brodmann. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 30-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 437: Daten zur ersten Karte {419} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Die FamN des Typs Beck gehen auf mhd. becke ‘Bäcker’ zurück. Die Komposita Brodbeck / Brodtbeck / Brotbeck, Oberbeck und Surbeck spezifizieren den Beruf des Bäckers: Der Brotbeck stellte lediglich Brot her, der Oberbeck war ein Bäcker in leitender Stellung und der Surbeck war auf Sauerteigbrot spezialisiert. Die FamN des Typs Pfister basieren auf mhd. phister ‘Bäcker’, das wiederum auf lat. pistor ‘Müller, Bäcker, Kuchenbäcker’ zurückzuführen ist. Mit Pfister konnte ursprünglich auch auf den Kloster- oder den Hofbäcker referiert werden (Ebner 2015: 543). Die FamN Simler / Simmler zu mhd. sëmeler ‘Weissbrotbäcker’ (vgl. mhd. sëmele, sëmel, simele, simel ‘feines Weizenmehl, -brot, Semmel’) bezeichnete den Bäcker, der Semmeln herstellte. Zeltner stellt sich zu mhd. zelte ‘f laches Backwerk, Kuchen’ und benannte den Kuchenbäcker, der bspw. Biberzelten (‘Lebkuchen’) backte. Der FamN Brodmann schliesslich ist gebildet aus Brod ‘Brot’ und Mann für den Brotbäcker oder auch den Brotverkäufer. Formal umfasst das Sample Komposita (Brodbeck, Oberbeck) sowie Nomina agentis auf -mann (Brodmann) bzw. auf -(n)er (Simmler, Zeltner). Bei Pfisterer ist wahrscheinlich Suffigierung mit patronymischem -er anzusetzen, denkbar ist jedoch auch ein Nomen agentis zum Verb schwzdt. pfistere(n) ‘backen’ (Id. 5 1881 ff.: Sp. 1198). Um endungslose Agensbildungen handelt es sich bei Beck / Bek / Bekk, die Karte 419: BerufsN zum Beruf des Bäckers, vor 1800 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 896 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="897"?> sprachhistorisch jüngere Form lautet Becker, wobei hier allenfalls auch patronymisches -er vorliegen könnte. 5 Für Bezeichnungen des Bäckers in den Mundarten der Deutschschweiz beachte man die entsprechenden Ausführungen und die Karte im KSDS (2025: 192-193). Die weiteste Verbreitung zeigt das Appellativ Beck, das «[f]ast in der ganzen Deutschschweiz» verbreitet ist (KSDS 2025: 193). Auch FamN zur Berufsbezeichnung des Bäckers werden im KSDS kartiert und besprochen (vgl. Berchtold 2025: 321). Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass sich die FamN des Typs Pfister über das Mittelland erstrecken, wobei sie eine deutliche Ballung im Kanton Zürich aufweisen. Einige Ortspunkte sind daneben im Berner Oberland und in der rätoromanischsprachigen Surselva (GR) bezeugt. Die FamN des Typs Beck breiten sich ebenfalls mehrheitlich im Mittelland aus. Im (vor-)alpinen Gebiet ist der Namentyp hingegen kaum dokumentiert. Der Typ Simmler beschränkt sich auf die Kantone Zürich und Schaffhausen, während Zeltner ausschliesslich im Kanton Solothurn an der Grenze zum Kanton Bern vorkommt und Brodmann einmalig im Kanton Basel-Landschaft (Gemeinde Ettingen) auftritt. Das Deutschwallis sowie die Innerschweizer Kantone Obwalden, Nidwalden und Uri bleiben frei von BerufsN für den Bäcker. Zweite Karte {420}: Berufsübernamen zum Beruf des Bäckers Namenauswahl: Die zweite Karte zeigt alle Deutschschweizer FamN aus der Schicht «vor 1800», die sich eindeutig als BerufsüberN zum Beruf des Bäckers klassifizieren lassen. Es handelt sich dabei um indirekte Berufsbezeichnungen, die das Produkt beschreiben und sich so auf den spezialisierten Hersteller der Backwaren beziehen. Abgefragte Namen Typ Leisibach: Leisebach, Leisibach, Lisibach. 8 Tokens. Typ Kuchen: Kuchen, Küchli, Küchlin, Kuoch. 6 Tokens. Typ Brot: Brodt, Weissbrodt, Wyssbrod. 3 Tokens. Typ Flaad: Flaad. 1 Token. Typ Laib: Laib. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 30-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 438: Daten zur zweiten Karte {420} Detailangaben zur Namenauswahl: Die FamN des Typs Leisibach beruhen auf schwzdt. līsbache(n) ‘schwach gebacken’ zu schwzdt. līs Karte 420: BerufsüberN zum Beruf des Bäckers, vor 1800 5 Vgl. die Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung», II-2.18 «Komposita: Formvarianten im Kontrast», II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen», II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner» und II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 4.2 Berufs(über)namen zum Bäckereigewerbe 897 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="898"?> ‘öd, geschmacklos’. Der Typ Kuchen stellt sich zu mhd. kuoche ‘f lacher, runder, im Ofen meist aus blossem Brotteig gebackener Kuchen’. Auf mhd. brōt ‘Brot’ gehen die FamN Brodt, Weissbrodt und Wyssbrod zurück. Während der FamN Brodt für den Bäcker stand, der Brot produzierte, nehmen die FamN Weissbrodt, Wyssbrod spezifisch auf den Bäcker von Weissbrot Bezug. Flaad zu mhd. vlade ‘breiter dünner Kuchen, Fladen’ benannte den Hersteller bzw. Bäcker von dünnen Backwaren. Der BerufsüberN Laib ist aus mhd. leip ‘Laib Brot als Ganzes’ hervorgegangen. Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass die FamN des Typs Leisibach ein Namennest in der Zentralschweiz - v. a. im Kanton Luzern - bilden. Im Unterschied dazu streut der Typ Kuchen über die Deutschschweiz mit Vorkommen in den Gemeinden Lyss (BE), Ossingen (ZH), Diessenhofen (TG), Lax (VS) und Thusis (GR). Die FamN des Typs Brot sind ausschliesslich im nördlichen Teil des Kantons Bern alteingesessen (Brodt im Oberaargau, Weissbrodt und Wyssbrod am Bielersee). Der FamN Flaad tritt einmalig in Rorbas (ZH) in Erscheinung, der FamN Laib in Amriswil (TG). Dritte Karte {421}: Berufs(über)namen zur Mehlgewinnung Namenauswahl: Ausgewählt wurden Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die auf die Mehlgewinnung Bezug nehmen. 6 Abgefragte Namen Typ Müller: Kellermüller, Müller. 433 Tokens. Typ Staub: Staub, Stauber, Stäuber, Staubli, Stäubli, Steiby, Steuble, Stoob, Stoop, Stübi. 10 Types, 60 Tokens. Typ Buetler: Buetler, Büttler. 10 Tokens. Typ Mähli: Mähli. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 439: Daten zur dritten Karte {421} Detailangaben zur Namenauswahl: Das Sample umfasst sowohl BerufsN (Stäuber) als auch BerufsüberN (Staub), die hier aufgrund der geringeren Anzahl Types beide gemeinsam kartiert wurden. Ausgeschlossen wurden sogenannte lokalisierte BerufsN, die mit einem Toponym resp. ortsbezeichnenden Appellativ als Erstglied Karte 421: Berufs(über)N zur Mehlgewinnung, vor 1800 6 Für WohnstättenN zur Mühle wie Mühlemann, Mülli oder Indermühle vgl. Artikel III-3.8 «Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen». 898 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="899"?> und der überaus häufigen Berufsbezeichnung Müller als Zweitglied zwei Benennungsmotive in sich vereinen (Fleischer 1964: 114; Kunze 2004: 95; Nübling/ Kunze 2023: 322-323). 7 Daher gehören zum Typ Müller hier nur die zwei FamN Kellermüller und Müller. Sie gehen zurück auf mhd. mülner, mülnære ‘Müller, Betreiber einer Mühle’. Das Kompositum Kellermüller setzt sich aus Keller ‘Verwalter’ und Müller zusammen und bezeichnete wohl den Verwalter einer Mühle. Der Typ Staub beruht auf mhd. stouben, stöuben ‘Staub aufwirbeln’, was sich konkret auf den Mehlstaub bezieht, sodass FamN wie Staubli und Stoop als indirekte Berufsbezeichnungen für den Müller gelten können. Auch Buetler und Büttler zu mhd. biuteln ‘mit einem Beutel sieben, sichten’ (bezogen auf das Trennen des Mehls von der Spreu) benannten indirekt einen Müller. Ausgeschlossen wurde der FamN Beutler, da er sich nicht eindeutig der Mehlgewinnung zuordnen lässt: Beutler kann nebst der Mehlgewinnung auch auf mhd. biutelære, biuteler ‘Beutelmacher’, also auf einen Hersteller von Beuteln und Taschen, zurückgehen. 8 Der BerufsüberN Mähli zu mhd. mel ‘Mehl’ bezeichnete den Müller oder auch den Mehlhändler. Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass sich der hochfrequente FamN Müller dicht über das ganze Mittelland und bis ins (vor-)alpine Gebiet ausbreitet. Der FamN Kellermüller kommt hingegen nur in den Gemeinden Wiesendangen (ZH) und Winterthur (ZH) vor. Der Typ Staub tritt v. a. im Kanton Zürich und in der weiteren Nordostschweiz auf. Daneben zeigen sich Vorkommen in der Zentralschweiz sowie in den Kantonen Bern und Freiburg. Die FamN des Typs Buetler bilden - abgesehen von einem Einzelvorkommen in Mümliswil (SO) - ein kleines Namennest in einem zusammenhängenden Gebiet, das sich über die Kantone Luzern, Aargau und Zug erstreckt. Der FamN Mähli tritt einmalig in Glattfelden (ZH) auf. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Müller (49'935 Tokens), Pfister (7'164 Tokens) und Staub (4'248 Tokens). Müller ist nicht nur im Sample des vorliegenden Artikels, sondern insgesamt in der Schweiz der häufigste FamN - sowohl historisch in der Schicht «vor 1800» als auch rezent (vgl. BFS 2023: STATPOP 2022). 9 In Deutschland ist Müller ebenfalls der häufigste FamN überhaupt (vgl. DFD 2025: s. v. Müller), was sich gemäss Nübling/ Fahlbusch/ Heuser (2015: 150-151) wie folgt erklären lässt: Dass Müller an der Spitze steht, hat den einfachen Grund, dass dieser Beruf in sämtlichen Dialekten heteronymfrei ist und war, d. h., so und nicht anders bezeichnet wird (abgesehen von kleinen Möller- und Miller-Arealen) - während andere, ebenso verbreitete Berufe wie Metzger oder Bäcker zu viele Dialektwörter und -varianten hatten, um an die Spitze zu kommen […]. Die Gruppe der lokalisierten BerufsN auf -müller umfasst folgende Namen: Bahnmüller, Buchmüller, Eichmüller, Ettmüller, Geymüller, Haumüller, Hellmüller, Hintermüller, Lerchmüller, Lormüller, Segmüller, Stegmüller, von Geymüller, Wegmüller, Wehrmüller, Weiersmüller, Werdmüller, Werthmüller und Wertmüller. Sie konzentrieren sich in der Schicht «vor 1800» v. a. im Mittelland, mit einem erhöhten Vorkommen im Kanton Bern (13 Tokens). In den (vor-)alpinen Regionen treten sie hingegen - anders als der Typ Müller im vorliegenden Artikel - nicht auf. Für genauere Angaben vgl. den Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» (vierte Karte). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 5 (2016: 126-153) werden FamN zu Berufen aus dem Bäckereigewerbe einschliesslich des Berufs des Müllers auf den Karten 46-53 behandelt. Die Variation Beck / Böck wird im DFA 1 (2009: 116) auf Karte 48 thematisiert; im DFA 3 (2012: 80) kommt auf Karte 38 zudem die Formvarianz Beck - Becker zur Sprache. Nübling/ Kunze (2023: 369-376) widmen sich dem FamN Müller und den Komposita auf -müller sowie den FamN zum Beruf des Bäckers. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone (2025): Familiennamen und ihre räumliche Verteilung. In: Christen, Helen/ Glaser, Elvira/ Friedli, Matthias (Hrsg.): Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz, 319-329. 8., überarbeitete und erweiterte Auf lage. Basel: Schwabe. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2023): STATPOP 2022. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Kanton und nach Sprachregion für das Jahr 2022. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 26925057 (letzter Zugriff 07.03.2025). Casemir, Kirstin (2009): Familiennamen aus Berufsbezeichnungen. Namengebung und Namenmotivation am Beispiel des Bäckergewerbes. In: Hengst, Karlheinz/ Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. Bd. 1: Deutsche Familiennamen im deutschen Sprachraum (Onomastica Lipsiensia 6.1), 165-191. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. 7 Vgl. die Angaben im Abschnitt «Ergänzungen und Vergleichsfälle» und die ausführlichere Diskussion im Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» (vierte Karte). 8 Vgl. Artikel III-4.6 «Berufs(über)namen zum Textil-, Leder- und Pelzhandwerk». 9 Vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 4.2 Berufs(über)namen zum Bäckereigewerbe 899 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="900"?> DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. DFD = Brandmüller, Stefanie/ Peschke, Simone (2025): Müller. Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). http: / / www.namenforschung.net/ id/ name/ 1/ 1 (letzter Zugriff 07.03.2025). Ebner, Jakob (2015): Wörterbuch historischer Berufsbezeichnungen. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Dubler, Anne-Marie (2009): Bäckerei. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 013994/ 2009-04-16/ (letzter Zugriff 07.03.2025). e-HLS = Dubler, Anne-Marie (2012): Mühlen. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 013884/ 2012-05-31 (letzter Zugriff 07.03.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 07.03.2025). Fleischer, Wolfgang (1964): Die deutschen Personennamen. Geschichte, Bildung und Bedeutung (Wissenschaftliche Taschenbücher 20). Berlin: Akademie. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2014): Spätmittelalterliche Regensburger Übernamen. Wortschatz und Namengebung (Germanistische Bibliothek 53). Heidelberg: Winter. KSDS = Christen, Helen/ Glaser, Elvira/ Friedli, Matthias (Hrsg.) (2025): Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz. 8., überarbeitete und erweiterte Auf lage. Basel: Schwabe. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. LexMA = Bautier, Robert-Henri et al. (1977-1999): Lexikon des Mittelalters. 10 Bde. Online-Version (mit Nutzerbeschränkung) in der Datenbank BREPOLiS Medieval Encyclopaedias (BME). apps.brepolis.net/ lexiema/ test/ Default2.aspx (letzter Zugriff 07.03.2025). Nübling, Damaris/ Fahlbusch, Fabian/ Heuser, Rita (2015): Namen. Eine Einführung in die Onomastik (Narr Studienbücher). 2., überarbeitete und erweiterte Auf lage. Tübingen: Narr Francke Attempto. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. Reith, Reinhold (Hrsg.) (1991): Lexikon des alten Handwerks. Vom späten Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. 2., durchgesehene Auf lage. München: Beck. Selma Vonlanthen, Martina Heer 900 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="901"?> 4.3 Berufs(über)namen zur Landwirtschaft Schlagwörter: Ackerbau, Bauer, Gemüse, Getreide, Hirt, Tierkastration, Viehzucht, Weinbau Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel gilt Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 24.06.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») einen Bezug zu landwirtschaftlichen Tätigkeiten aufweisen. Im Mittelalter war der grösste Teil der Bevölkerung in einem landwirtschaftlichen Bereich tätig. Die Arbeit der bäuerlichen Familien war auf die Sicherung des eigenen Lebensunterhalts ausgerichtet (e-HLS 2015: s. v. Bauern): «Familiäre Konsumbedürfnisse und daneben herrschaftl[ich] erzwungene Abgaben bestimmten weitgehend das Ausmaß der Produktion» (LexMA 1977-1999: s. v. Bauer, Bauerntum). Dabei bestand die Familienwirtschaft hauptsächlich im Ackerbau und in der Viehzucht. Die Konzentration der landwirtschaftlichen Tätigkeiten auf spezielle Teilbereiche führte aber im Spätmittelalter zu sozialen Ungleichheiten in der bäuerlichen Bevölkerungsschicht: «Gerade kapitalintensive Produktionsformen wie die Viehwirtschaft oder der Weinbau erhöhten die sozialen und wirtschaftlichen Unterschiede. Auch die unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten zum Markt verstärkten diese Entwicklung» (e-HLS 2015: s. v. Bauern). Diese verschiedenen Spezialisierungen der Bauernschicht im Mittelalter spiegeln sich auch in den FamN wider. Dieser Artikel zeigt deshalb auf verschiedenen Ebenen Berufs- und BerufsüberN mit Bezug zur Landwirtschaft. Konkret weisen die ersten drei Karten die Verbreitung von unterschiedlichen Bezeichnungen des Bauern aus: So dokumentiert die erste Karte FamN zu allgemeinen Bezeichnungen wie Achermann, Bur oder Bumann. Auf der zweiten Karte werden BerufsN wie Hofmann, Lehner oder Widmer gezeigt, die sich durch soziale Unterschiede der mittelalterlichen Landwirte ausgebildet haben. Die BerufsN zu den frequenten Typen Huber und Meier werden auf der dritten Karte separat behandelt. Die weiteren fünf Karten zeigen unterschiedliche Bereiche der Landwirtschaft auf: Die Verbreitung von FamN wie Aelpler, Hirt, Lämmler oder Gelzer, die sich auf Hirten und Sennen sowie auf die Viehzucht und die Tierkastration beziehen, werden auf der vierten Karte abgebildet. Die fünfte Karte bezieht sich mit Berufs- und BerufsüberN wie Dinkelmann oder Häberli auf den landwirtschaftlichen Getreideanbau. Die sechste Karte widmet sich dem Bereich des Ackerbaus und der Feldarbeit. FamN wie Bohner, Kriesi oder Mohn zum spezifischen Anbau von Gemüse, Obst und Gewerbepf lanzen (z. B. Hopfen, Mohn) werden auf der siebten Karte dokumentiert. Die abschliessende achte Karte zeigt BerufsN zum Weinbau und illustriert die Verbreitung von FamN wie Reber oder Winzeler. 4.3 Berufs(über)namen zur Landwirtschaft 901 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="902"?> Erste Karte {422}: Berufsnamen zu Bezeichnungen des Bauern Namenauswahl: Die erste Karte gilt BerufsN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 1 die zu direkten Bezeichnungen für den Bauern gebildet sind. Die FamN werden nach den zugrunde liegenden Lexemen Ackermann, Bauer und Baumann gruppiert. Abgefragte Namen Typ Ackermann: Achermann, Ackermann, Akermann. 52 Tokens. Typ Bauer: Bauer, Baur, Bäurle, Bäurlin, Bur, Bürli, Hofbauer, Paur. 8 Types, 45 Tokens. Typ Baumann: Baumann, Bumann, de Buman. 144 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 440: Daten zur ersten Karte {422} Detailangaben zur Namenauswahl: 2 Die Berufsbezeichnung Ackermann ist bereits im Althochdeutschen als ackarman belegt und referierte auf den Ackermann, Landmann bzw. den Bauern; mhd. ackerman bedeutete ebenfalls ‘Ackerbauer’. Im gegenwartssprachlichen Lexikon ist Ackermann ausgestorben, in den FamN jedoch erhalten geblieben. Ebenso hat sich die Berufsbezeichnung Baumann ausschliesslich im Onomastikon konserviert. Baumann enthält im Wortstamm das althochdeutsche Lexem bū, das ‘Wohnung, Wohnstatt’ bedeutete. Im Mittelhochdeutschen wird die Bedeutung um den Aspekt ‘Bestellung des Felds oder des Weinbergs’ erweitert. Būman meinte demnach einen Landmann, einen abhängigen Bauern bzw. Pächter eines Bauernguts. Im älteren Schweizerdeutschen war Būmann zudem eine Bezeichnung für den Rebmann oder Weingärtner (Id. 4 1881 ff.: Sp. 270). Im Neuhochdeutschen hat sich einzig die Berufsbezeichnung Bauer (< mhd. (ge)būre, būr) durchgesetzt. Bauer bezeichnet gegenwärtig eine in der Landwirtschaft tätige Person, die dementsprechend ein landwirtschaftliches Anwesen als Inhaber oder Pächter bewirtschaftet. Die Bezeichnung hat sich seit dem 11. Jh. etabliert. Sie geht ursprünglich auf ahd. gibūro ‘Familien-, Stammesgenosse; Dorfgenosse; Anwohner, Nachbar; Mitbürger; Landmann’ zurück und meinte insbesondere den ‘Mitbewohner auf dem Land’. Das Sample umfasst formal l-Diminutive (Bäurle, Bäurlin, Bürli), Ableitungen auf -mann (Ackermann, Baumann), Komposita (Hofbauer) und einfache Grundwörter (Bauer, Baur). 3 Karte 422: BerufsN zu Bezeichnungen des Bauern, vor 1800 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 3 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» und II-2.15 «En- 902 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="903"?> Kommentar: Die erste Karte weist ein grossf lächiges Vorkommen der kartierten BerufsN aus. Die FamN des Typs Ackermann erscheinen mit unterschiedlicher Frequenz und teils verschiedenen geographischen Schwerpunkten: Achermann tritt neben einem kleinen Nest im Kanton Nidwalden v. a. im Kanton Luzern geballt auf. Die Form Ackermann ist in verschiedenen Gebieten dokumentiert (AG, FR, GL, LU, SO, TG), während Akermann nur an drei Ortspunkten jeweils nahe zu Deutschland auftritt (Rorschach, Straubenzell SG; Hochwald SO). Der Typ Baumann breitet sich relativ dicht über das Gebiet der Deutschschweiz aus: Eine starke Ansammlung an Belegorten zeigt sich in den Kantonen Zürich (37 Tokens), Aargau (20 Tokens), Bern (18 Tokens), St. Gallen und Uri (jeweils 13 Tokens). Dabei tritt der FamN Baumann besonders frequent in Erscheinung, 4 während sich die Variante Bumann mit Monophthongschreibung hauptsächlich im Kanton Wallis konzentriert. 5 Die BerufsN des Typs Bauer sind weniger frequent und treten verstreut in der Deutschschweiz auf. Zweite Karte {423}: Berufsnamen nach der rechtlichen Stellung des Bauern Namenauswahl: Die zweite Karte widmet sich BerufsN aus der Schicht «vor 1800», die aus solchen Berufsbezeichnungen für den Bauern hervorgegangen sind, die auf die unterschiedlichen rechtlichen Stellungen innerhalb des mittelalterlichen Bauernstands verweisen (RNB 3 1986: 613). Die FamN werden nach den zugrunde liegenden Lexemen gruppiert. BerufsN zu den Lexemen Huber und Meier sind aufgrund ihres häufigen Vorkommens von der Kartierung ausgeschlossen und werden in der nachfolgenden dritten Karte separat dokumentiert. Abgefragte Namen Typ Hofer: Hofer, Hoffer. 52 Tokens. Typ Hofmann: Hoffmann, Hofmann, von Hoffmann. 80 Tokens. Typ Lehensmann: Lechmann, Leemann, Lehmann. 77 Tokens. Typ Lehner: Lechner, Lehner. 20 Tokens. Typ Wid(e)mer: Vidmer, Widmer, Wiedmer, Witmer, Wittmer. 135 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 441: Daten zur zweiten Karte {423} Karte 423: BerufsN nach der rechtlichen Stellung des Bauern, vor 1800 dungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». Für den FamN de Buman s. die Artikel II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de» und II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 4 Baumann ist vor 1800 der neunthäufigste FamN; vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 5 Vgl. Artikel I-1.11 «Monophthong- und Diphthongschreibungen von mhd. ū» (sechste Karte). 4.3 Berufs(über)namen zur Landwirtschaft 903 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="904"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Typ Hofer: Die BerufsN stellen sich zu mhd. hovære ‘Inhaber oder Bauer eines Hofs, einer bäuerlichen Grundeinheit’ für den Bewirtschafter eines landwirtschaftlichen Guts bzw. für den Bauern eines herrschaftlichen Hofs (Ebner 2015: 310). • Typ Hofmann: Die BerufsN gehen zurück auf mhd. hoveman ‘Bauer, der zu einem Hof gehört; Diener am Hof eines Fürsten’, auch ‘ein Gehöft bewohnender Bauer oder Gutsverwalter’, wohl zumeist für einen selbstständigen oder abhängigen Bauern, der mit einem grundherrschaftlichen Hof belehnt war (Ebner 2015: 311). • Typ Lehensmann: Es handelt sich um BerufsN oder auch StandesN zu mhd. lēhenman ‘Lehensmann; Inhaber eines Lehens, der gegenüber dem Lehensherrn zu bestimmten Abgaben und Diensten verpf lichtet ist’. Im (älteren) Schweizerdeutschen ist auch die Form Lëchenmann ‘Lehenmann, Pächter eines Bauernguts’ bezeugt (Id. 4 1881 ff.: Sp. 266-267; Ebner 2015: 441); der Name nimmt auf den gesellschaftlichen Stand Bezug und zeigt «den Übergang vom freien Bauern zum Pächter» an (RNB 3 1986: 677). • Typ Lehner: Die BerufsN bzw. StandesN basieren auf mhd. lēhenære, lēner ‘Bauer, der ein Bauerngut als Lehen besitzt’ (Ebner 2015: 442-443). • Typ Wid(e)mer: Die BerufsN sind zu mhd. widemer ‘Inhaber eines Widem’ gebildet und bezeichnen einen Bauern, der als Pächter einen zur Kirche gehörenden Hof bewirtschaftet (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 719; Ebner 2015: 831). Als Widem (mhd. wideme, widem, widen) wird eine ‘Schenkung von Grundstücken und Gebäuden an eine kirchliche Institution, insbesondere der Pfarrhof ’ bezeichnet (Ebner 2015: 831). Bei den FamN der Typen Hofer, Hofmann, Lehensmann und Lehner kann das Benennungsmotiv der BerufsN mit jenen der Herkunftsbzw. der WohnstättenN konkurrieren. So kann bspw. der FamN Hof(f )er ebenso als bezugnehmend auf einen der häufigen ÖrtlichkeitsN Hof gedeutet werden. 6 Kommentar: Die zweite Karte zeigt allgemein eine starke Ballung der ausgewählten FamN im Mittelland. Im Kanton Bern treten - bis auf BerufsN des Typs Lehner - Namen aller fünf Typen frequent auf. Dazu zählen v. a. die FamN Hofer (28 Tokens), Lehmann (27 Tokens), Hofmann (16 Tokens) und Wiedmer (13 Tokens). Auch im Kanton Zürich ballen sich FamN dieser Typen: Spitzenreiter in der Verbreitung sind hier hauptsächlich BerufsN wie Widmer (25 Tokens), Hofmann (23 Tokens) und Leemann (10 Tokens). Am häufigsten im Gebiet der Deutschschweiz erscheint der FamN Widmer mit gesamt 135 Tokens. Neben seinem Vorkommen im Kanton Zürich ist er in den Kantonen Aargau, Luzern und St. Gallen dokumentiert. FamN zum Typ Lehner konzentrieren sich einerseits im Süden im Kanton Wallis und andererseits im Nordosten im Kanton St. Gallen. 6 Vgl. Artikel III-3.10 «Wohnstättennamen zu Bezeichnungen für Höfe, Anwesen und Siedlungen». 904 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="905"?> Dritte Karte {424}: Typ Huber und Typ Meier Namenauswahl: Analog zur zweiten Karte behandelt auch die dritte Karte BerufsN, die auf die rechtliche Stellung der bäuerlichen Gesellschaft im Mittelalter Bezug nehmen. Dabei werden ausschliesslich FamN zu den beiden Lexemen Huber und Meier kartiert, die aufgrund ihrer frequenten Verbreitung von der zweiten Karte ausgeschlossen wurden. Abgefragte Namen Typ Huber: Huber, Hueber, Houber. 210 Tokens. Typ Meier: de Meyer, de Meyeres, Maier, Mayer, Mayr, Meier, Meyer, Scheuermeier, Vollmeier. 9 Types, 502 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 442: Daten zur dritten Karte {424} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier versammelten FamN sind einerseits Ableitungen auf -er zu mhd. huobe ‘Hufe, Stück Land von einem gewissen Mass; bäuerliches Lehengut von bestimmter Grösse’ für den zinspf lichtigen Inhaber oder den Bauern, der ein solches Gut bewirtschaftet (Id. 2 1881 ff.: Sp. 962; Ebner 2015: 323). Möglich ist auch ein Bezug zu einem der häufigen Siedlungs- und FlurN Hu(e)b, weshalb es sich bei der ersten Namengruppe alternativ auch um Herkunft- oder WohnstättenN handeln könnte. 7 Andererseits zeigt die Karte BerufsN zu mhd. meier, meiger (Lehnwort zu lat. maior domus ‘Hausmeier, Gutsverwalter’) ‘Gutsverwalter, der im Auftrag des Grundherrn die Aufsicht über die Bewirtschaftung der Güter führt’, daneben auch ‘Grossbauer’ und im älteren Schweizerdeutschen ebenfalls ‘Dorfvorsteher; Lehenmann, Pächter’ sowie überhaupt ‘Bauer’. Der BerufsN Scheuermeier enthält als Bestimmungswort mhd. schiure ‘Scheune’ und bezieht sich auf den Verwalter eines grösseren Hofs. Der FamN Vollmeier geht auf die Bezeichnung für einen Gutsverwalter zurück, der ein ganzes Hofgut besitzt und bewirtschaftet. 8 Die hier kartierten BerufsN geben Einblick in den sozialen Wandel der Bauernschicht im Mittelalter: So entwickelten sich «je nach Stand des Lehenswesens und der Güterverwaltung sehr verschiedene Bedeutungen, die den Übergang von grundherrlicher zu politischer Verwaltung sowie von Grundabhängigkeit zu freiem Bauerntum zeigen» (Ebner 2015: 478). Karte 424: BerufsN nach der rechtlichen Stellung des Bauern (Typ Huber und Typ Meier), vor 1800 7 Vgl. Artikel III-3.10 «Wohnstättennamen zu Bezeichnungen für Höfe, Anwesen und Siedlungen». 8 Bei weiteren Komposita mit dem Grundwort Meier wie Haslimeier oder Langmeier ist denkbar, dass das Bestimmungswort bereits den FamN Meier, Meyer differenziert und nicht mehr den Beruf des Meiers näher spezifiziert, weshalb diese FamN von der Kartierung ausgeschlossen wurden. Sie werden im Artikel II- 2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» berücksichtigt. 4.3 Berufs(über)namen zur Landwirtschaft 905 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="906"?> Kommentar: Beide Namentypen der dritten Karte weisen Verbreitungsräume über die gesamte Deutschschweiz mit unterschiedlichen Ballungsgebieten auf: FamN zum Lexem Meier konzentrieren sich hauptsächlich in Gebieten des Mittellands (AG, ZH), der Innerschweiz (LU) und der Nordwestschweiz (BL). 9 BerufsN des Typs Huber zeigen neben ihrem frequenten Erscheinen in den Kantonen Zürich und Luzern einen deutlichen Schwerpunkt in der Nordostschweiz (TG). Vierte Karte {425}: Berufs(über)namen zu Hirten, Sennen und zur Viehzucht Namenauswahl: Die vierte Karte wendet sich Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800» zu, die sich zum einen allgemein auf die Erwerbstätigkeiten der Hirten und Sennen beziehen und die zum anderen nach den spezifischen Nutztieren auf die Tätigkeit der Viehzucht und das Besorgen und Hüten der Tiere referieren. Zum Themenkomplex der Viehzucht zählen auch BerufsN aus dem Bereich der medizinischen Behandlung der Tiere. Dementsprechend werden BerufsN, die in Zusammenhang mit der Tierkastration stehen, in der Karte integriert. Abgefragte Namen Berufs(über)N zu Hirten und Sennen allgemein: Aelpler, Fueter, Fuoter, Herdener, Herder, Hirt, Hirter, Küher, Senn. 9 Types, 92 Tokens. Berufs(über)N zur Tierkastration: Beerstecher, Gelzer, Nunnenmacher, Stecher. 5 Tokens. Berufs(über)N zur Gans: Gansner, Gasner. 4 Tokens. Berufs(über)N zum Pferd: Rosser. 2 Tokens. Berufs(über)N zum Rind: Echser, Exer, Exner, Kalberer, Ochsenmann, Ochsner, Rinder, Rinderer, Rinderknecht, Rinderli, Stierli, Stierlin. 12 Types, 47 Tokens. Berufs(über)N zum Schaf: Lämmler, Schaefer, Schäfer, Schäffeler, Schäfler, Schefer. 6 Types, 27 Tokens. Berufs(über)N zum Schwein: Schwyn. 1 Token. Berufs(über)N zur Ziege: Geiser, Geisseler, Geisser, Geissmann. 22 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 443: Daten zur vierten Karte {425} Karte 425: Berufs(über)N zu Hirten, Sennen und zur Viehzucht, vor 1800 9 Vgl. Artikel I-1.9 «Diphthongwandel von mhd. ei, ou, öu» (erste und zweite Karte). 906 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="907"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Neben der Dreifelderwirtschaft bildeten die Viehhaltung und die Zucht von Grossvieh wie Pferden und Rindern sowie von Kleinvieh wie Gänsen, Schafen, Schweinen und Ziegen einen weiteren wichtigen Wirtschaftszweig im Mittelalter: Schafe lieferten Wolle, Schweine v. a. Fleisch, Ziegen waren die Milchlieferanten des Kleinbauern und Taglöhners […]. Auf kleinen und mittleren Betrieben wurden die Kühe nicht nur gemolken, sondern auch vor den Pf lug gespannt. Grossbauern und herrschaftliche Höfe hielten Ochsen oder Pferde als Zugtiere (e-HLS 2023: s. v. Viehwirtschaft). Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Aelpler: Der BerufsN ist zum Lexem schwzdt. Älpler zu stellen, das einen Sennen, auch Alpbediensteten, der im Sommer auf der Alp das Vieh besorgt, Käse herstellt usw., oder einen Alpbesitzer bezeichnet. • Fueter, Fuoter: Die BerufsüberN beziehen sich auf schwzdt. Fueter ‘Nahrung des Viehs und der Pferde’ (Id. 1 1881 ff.: Sp. 1138) und nehmen Bezug auf den Futterknecht, der das Vieh füttert. • Geiser, Geisser: Die BerufsN basieren auf mhd. geiʒer ‘Geissenhüter’ und stehen für eine Person, die vornehmlich mit dem Hüten von Ziegen betraut ist. • Gelzer: Der BerufsN stellt sich zu schwzdt. Galzer ‘Schweinekastrierer’. • Herdener, Herder: Die BerufsN gehen auf mhd. hërtære, hërter ‘Hirte, Kuhhirte’ zurück und benennen denjenigen, der Kühe hütet. • Küher: Der BerufsN bezieht sich auf schwzdt. (älter) Chüejer und nimmt Bezug auf die Person, die als Eigentümer oder Pächter von Kühen Milchwirtschaft betreibt; Chüejer meint daneben auch den Kuhhirten oder den Melker. • Nunnenmacher: Der BerufsN zu mhd. nunnenmacher ‘Sauschneider’ steht für eine Person, die mit der Kastration von weiblichen Tieren betraut ist. • Ochsner, Echser, Exer, Exner: Die BerufsN zu mhd. ohsenære ‘Ochsenhirt, Ochsentreiber, Ochsenbauer’ verweisen auf denjenigen, der mit dem Hüten von Ochsen beauftragt ist oder die Tiere für das Ausüben landwirtschaftlicher Tätigkeiten einsetzt. Die entrundeten Formen (Echser, Ex(n)er) gehen auf eine umgelautete Form Öchs(n)er zurück. • Rosser: Der BerufsN stellt sich zu schwzdt. (älter) Rosser ‘Pferdeknecht’ und bezieht sich damit auf die Person, die mit der Pf lege von Pferden betraut ist. • Senn: Der BerufsN beruht auf dem Lexem mhd. sennære, senne, das den Hirten bzw. den Sennen oder den Lehensmann, der die Milchprodukte herstellt und das Vieh besorgt, bezeichnet. Kommentar: Die FamN der vierten Karte, die sich allgemein auf Hirten und Sennen beziehen - insbesondere der frequente BerufsN Senn -, treten schwerpunktmässig im nördlichen Teil der Schweiz (BL, AG, ZH) auf. Die häufigen BerufsN mit Bezug zur Rinderzucht ballen sich mit dem FamN Ochsner hauptsächlich im Kanton Zürich. Die ebenfalls frequenten BerufsN zur Schafzucht - v. a. der FamN Schefer - konzentrieren sich in der Nordostschweiz (AR), während sich FamN mit Bezug zur Ziege schwerpunktmässig über das Mittelland verteilen. Berufs- und BerufsüberN zu Pferde- oder Schweinebauern sind hingegen selten: Der FamN Rosser ist mit jeweils 1 Token in Frutigen (BE) und Kandersteg (BE) belegt. Mit nur 1 Token ist Schwyn in Beringen (SH) alteingesessen. BerufsN zur Tierkastration erscheinen vereinzelt in unterschiedlichen Gebieten (BE, BL, GR und SH). Die FamN Gansner und Gasner bilden einen kleinen Namenraum in den Regionen Prättigau/ Davos und Landquart (GR). 4.3 Berufs(über)namen zur Landwirtschaft 907 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="908"?> Fünfte Karte {426}: Berufs(über)namen zum Getreideanbau Namenauswahl: Die fünfte Karte zeigt Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die sich auf den Getreideanbau beziehen. Die FamN werden nach den zugrunde liegenden Lexemen zu fünf Getreidesorten gruppiert. Abgefragte Namen Typ Dinkel: Dinkel, Dinkelmann. 5 Tokens. Typ Gerste: Gerster. 9 Tokens. Typ Hafer: Grieshaber, Häberli, Häberlin, Häberling, Häberly, Habersaat, Haeberlin, Wildhaber. 8 Types, 40 Tokens. Typ Hirse: Hirs. 1 Token. Typ Roggen: Roggen, Rogger, Roggli, Roggo. 10 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 444: Daten zur fünften Karte {426} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Berufs- und BerufsüberN zum Getreideanbau bzw. für den Getreidebauern beziehen sich auf fünf Getreidesorten (Dinkel, Gerste, Hafer, Hirse und Roggen), die im Mittelalter im Gebiet der heutigen Schweiz angebaut wurden und die v. a. zur Herstellung von Brot, von breiartigen Speisen (schwzdt. Mues) oder von Bier gebraucht wurden. Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Typ Dinkel: Zum Lexem Dinkel lassen sich der BerufsN Dinkelmann und der BerufsüberN Dinkel stellen. Die Weizenart Triticum spelta war im Mittelalter im Gebiet der heutigen Deutschschweiz das vorherrschende Getreide für Brot. Es war «anspruchslos, nässe- und kälteresistent, weshalb e[s] als Wintergetreide bis in höhere Lagen angebaut wurde» (e-HLS 2010: s. v. Dinkel ). • Typ Gerste: Der BerufsN Gerster, zu mhd. gërste ‘Gerste’, bezeichnet einen Bauern, der Gerste anpf lanzt oder verkauft. Die Gerste wurde hauptsächlich für die Herstellung von Brei und Bier verwendet. Ähnlich wie der Dinkel ist die Gerste für ein raues Klima geeignet, sodass sie auch in höheren Lagen angebaut werden kann (e-HLS 2010: s. v. Gerste). • Typ Hafer: Die BerufsüberN sind dem Lexem Hafer zuzuordnen. Der Saathafer war im Mittelalter eine beliebte Kulturpf lanze für die Zubereitung von breiartigen Speisen: «Insbesondere für das hohe und späte MA ist H[afer] z. T. in grossen Mengen nachweisbar. Er war das im schweiz. Mittelland und in der Nordwestschweiz vorherrschende Sommergetreide im Rotationssystem der Dreizelgenwirtschaft» (e-HLS 2007: s. v. Hafer). 10 Dieses dominierende Karte 426: Berufs(über)N zum Getreideanbau, vor 1800 10 Für FamN mit Bezug zur Dreizelgenwirtschaft wie Bracher, Escher oder Zelger vgl. Artikel III-3.7 «Wohnstättennamen zu Kulturland». 908 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="909"?> Vorkommen des Hafers in mittelalterlicher Zeit zeigt sich denn auch in der Vielfalt der FamN, die sich indirekt über das Getreide auf den Anbauer des Hafers beziehen. • Typ Hirse: Der BerufsüberN Hirs, zu mhd. hirs(e) ‘Hirse’, bezeichnet einen Anbauer von Getreide bzw. Hirse. Die Hirse als wichtiger Lieferant von Eiweiss, Kohlenhydraten und Fetten wurde früher - neben dem Hafer - für Brei verwendet, der als «schmackhafte Alltags- und Festspeise im M[ittelalter] und in der Frühneuzeit galt» (e-HLS 2007: s. v. Hirse). • Typ Roggen: Die Berufs- und BerufsüberN beziehen sich auf den Roggenbauern. Vor dem breiten Aufkommen des Dinkels im Mittelalter war der Roggen das wichtigste Brotgetreide. Aufgrund seiner Anspruchslosigkeit und Widerstandsfähigkeit gegen Trockenheit und Nässe war der Roggen «die wichtigste Brotfrucht der inneralpinen Trockentäler» (e-HLS 2012: s. v. Roggen). Kommentar: Die Berufs- und BerufsüberN der fünften Karte erscheinen jeweils konzentriert in unterschiedlichen Gebieten der Deutschschweiz: So treten die FamN des Typs Dinkel v. a. im Kanton Aargau auf. Namen, die auf den Gerstenbauern zurückgehen, ballen sich im Kanton Basel-Landschaft. Die frequenten FamN des Typs Hafer kommen hauptsächlich in der Nordostschweiz (TG) vor. Berufs- und BerufsüberN zum Roggenanbau sind in der Innerschweiz (LU) und im Kanton Freiburg dokumentiert. Der FamN Hirs als einziger Name zum Lexem Hirse ist nur in Dielsdorf (ZH) alteingesessen. Sechste Karte {427}: Berufs(über)namen zu Ackerbau und Feldarbeit Namenauswahl: Die sechste Karte zeigt Berufs- und BerufsüberN zu den landwirtschaftlichen Tätigkeiten des Ackerbaus und der Feldarbeit. Die entsprechenden FamN decken semantisch ein breites Spektrum ab; sie werden dennoch zusammen kartiert, da sie den semantischen Bereich Ackerbau und Feldarbeit als gemeinsamen Nenner haben. Abgefragte Namen Typ Gärtner: Gartenmann, Gartmann, Gärtner. 17 Tokens. Typ Graser: Graser, Gräser. 2 Tokens. Typ Mahder: Mader, Mäder, Maeder, Meder, Moder. 43 Tokens. Typ Recher: Rächer, Recher. 3 Tokens. Typ Schoch: Schoch, Schocher, Schöchli, Schöchlin. 31 Tokens. Sonstige: Enk, Hächler, Heuer, Jetter, Laderer, Pfluger, Raggenbass, Spreiter, Strohecker, Werchmann, Zetter. 11 Types, 25 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 445: Daten zur sechsten Karte {427} Karte 427: Berufs(über)N zu Ackerbau und Feldarbeit, vor 1800 4.3 Berufs(über)namen zur Landwirtschaft 909 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="910"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Enk: zu mhd. enke ‘Vieh-, Ackerknecht’ • Hächler: zu schwzdt. hächle(n) ‘mit der Hechel arbeiten’; einem Gerät mit kammartigen Drähten, um die Knospen von Hanf oder Flachs von den Stängeln zu trennen • Heuer: zu mhd. höuwer, houwer ‘Mäher, Heumacher’ bzw. schwzdt. Heu(w)er ‘Arbeiter in der Heuernte’ für den Mäher oder Helfer bei der Heuernte (Id. 2 1881 ff.: Sp. 1821) • Jetter: zu mhd. jëter ‘Jäter’ für eine Person, die Gras und anderes Gewächs mit der Handsense oder der Sichel zurückschneidet • Typ Mahder: zu mhd. mādære, māder, mæder ‘Mäher’ für eine Person, die in der landwirtschaftlichen Graswirtschaft schwerpunktmässig für das Mähen zuständig ist, sich beim Mähen durch besondere Eigenschaften auszeichnet o. ä. Beim FamN Moder liegt gemäss RNB 3 (1986: 686) eine «tirol[ische] Form für ‘Mähder’» vor; «das dumpfe a des Tirolischen [ist] von den Rätoromanen als o wiedergegeben worden». • Typ Recher: zu mhd. rëcher ‘wer mit dem Rechen hantiert, arbeitet’, wohl für eine Person, die im Rahmen ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit regelmässig mit einer Harke, einem Rechen oder einem ähnlichen Werkzeug Arbeiten zu verrichten hat • Raggenbass: zu schwzdt. Roggenbōsse(n) ‘überdroschene Roggengarbe’ (Id. 4 1881 ff.: Sp. 1730) für den Landwirt bzw. die Person, die mit dem Binden von Stroh oder dem Dreschen von Roggen betraut ist • Typ Schoch: zu mhd. schoche ‘Heuhaufen; Heuschober’ für diejenige Person, die im Sommer für das Bereiten, Aufstellen o. ä. der Heuhaufen zuständig ist • Spreiter: zu mhd. spreiten ‘ausbreiten, überdecken’, in der Landwirtschaft jünger auch ‘ausstreuen; auseinanderlegen, zum Trocknen, Rösten auslegen’ (Id. 10 1881 ff.: Sp. 951), wohl für eine Person, deren spezialisierte Tätigkeit etwa das Ausstreuen des Düngers, das Auslegen von Flachs oder Hanf zum Rösten oder das Zetten von Heugras ist • Zetter: zu mhd. zetten, zeten ‘streuen, zerstreut fallen lassen, ausbreiten’ für jemanden, der Heu auseinanderstreut Kommentar: Die sechste Karte zeigt, dass sich die FamN zu Ackerbau und Feldarbeit über die Deutschschweiz ausbreiten. Der frequenteste Name im Sample ist Mäder mit 30 Ortspunkten; er erreicht nicht nur die höchste Tokenfrequenz, sondern auch die grösste räumliche Verbreitung. Eine Ballung der ausgewählten Berufs- und BerufsüberN zeigt sich in der Nordostschweiz (AI, AR, SG, ZH). Der BerufsüberN Schoch bildet mit 15 Tokens ein Nest im Kanton Zürich; daneben ist der Typ auch in den angrenzenden Kantonen verbreitet. Im Nordwesten konzentriert sich der FamN Hächler im Aargau (8 Tokens). Fast ausschliesslich im Kanton Graubünden treten FamN des Typs Gärtner auf. Siebte Karte {428}: Berufs(über)namen zum Anbau von Obst, Gemüse und Gewerbepflanzen Namenauswahl: Die siebte Karte dokumentiert Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die in Bezug zum Anbau von Obst, Gemüse und Gewerbepf lanzen stehen. Abgefragte Namen Typ Birne: Birmann. 1 Token. Typ Bohne: Bohner, Boner. 7 Tokens. Typ Flachs: Flachsmann. 3 Tokens. Typ Hopfen: Hopf . 2 Tokens. Typ Kirsche: Kirsch, Kirscher, Kirschmann, Kriesi. 6 Tokens. Typ Knoblauch: Knoblauch. 2 Tokens. Typ Kohl: Köhli, Kollhopp, Werz. 5 Tokens. Typ Kraut: Kraut, Kräutli, Kreider, Krütli, Krüttli. 6 Tokens. Typ Linse: Linsi. 2 Tokens. Typ Mohn: Mohn. 3 Tokens. Typ Rettich: Rettich. 1 Token. Typ Rübe: Morach, Räbsamen, Rebsamen, Rüber. 19 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 30-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 446: Daten zur siebten Karte {428} Detailangaben zur Namenauswahl: In mittelalterlichen Gärten wurden unterschiedliche Gemüsesorten angepf lanzt: [D]ie wichtigsten Blattgemüse [waren] Mangold, Gartenampfer, Gartenmelde und Spinat, sodann die Kohlarten Kabis, Wirz und Grünkohl. Zu den am häufigsten angepf lanzten Wurzel- und Knollengemüsen gehörten gelbe Karotten, Mairüben, Pastinaken, Randen (Rotrüben), Rettiche und Sellerie (e-HLS 2010: s. v. Gartenbau). Pf lanzen, die hauptsächlich zum gewerblichen Nutzen angebaut wurden, wie bspw. Flachs für das Textilgewerbe oder Hopfen für die Bierproduktion, werden als Gewerbe- oder Handelspf lanzen bezeichnet (e-HLS 2021: s. v. Gewerbepflanzen). Die FamN dieses Samples gehen hauptsächlich auf Bezeichnungen für Obst-, Gemüse- oder weitere Nutzpf lanzen zurück, die durch das Produkt indirekt auf den entsprechenden Bauern verweisen. Die ausgewählten FamN wurden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Eine Ausnahme bilden die Typen Kohl und Rübe: Der Typ Kohl enthält auch den FamN Werz, der auf eine Bezeichnung für den (Kopf-)Kohl zurückgeht. Dem Typ Rübe wurde auch der FamN Morach zu mhd. morhe, morche, more ‘Möhre, Mohrrübe, Morchel’ zugeordnet. Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Birmann: zu mhd. bir, bire ‘Birne’ als Bezeichnung für den Birnenbauern oder den Birnenhändler • Flachsmann: zu mhd. vlahs ‘Flachs’ als Bezeichnung für den Flachsbauern oder den Flachshändler (Ebner 2015: 200) • Hopf : zu mhd. hopfe ‘Hopfen’ für den Hopfenbauern oder den Hopfenhändler • Kollhopp: zu mhd.*kōlhoubet ‘Kohlhaupt’, wohl als BerufsüberN für einen Gemüsebauern oder Gemüsegärtner 910 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="911"?> • Kraut, Kräutli, Krütli, Krüttli: zu mhd. krūt ‘Blätterpf lanze, Kraut, Gemüse (besonders Kohl)’, wohl für einen Gemüsebauern oder Kräutersammler • Linsi: zu mhd. linse ‘Linse’ für einen Linsenbauern • Rettich: zu mhd. retich ‘Rettich’, schwzdt. Rettich ‘Rettig, Runkelrübe, Mangold’ für einen darauf spezialisierten Bauern • Räbsamen, Rebsamen: zu mhd. rabsāme ‘Rübensame’, schwzdt. Räbsame(n) ‘Same der weissen Rübe’ für einen Rübenbauern Kommentar: Die siebte Karte zeigt die geographische Verteilung der verschiedenen Typen, die insgesamt eher selten auftreten: Die FamN des Typs Rübe sind an verschiedenen Orten der Deutschschweiz dokumentiert (AG, LU, ZH, TG, SG); dabei konzentriert sich der FamN Rebsamen im Kanton Zürich (7 Tokens). FamN, die zum Typ Kohl zählen, kommen v. a. im Kanton Bern vor. Daneben treten sie jeweils einmal in den Kantonen St. Gallen und Zürich auf. Die Berufs- und BerufsüberN des Typs Kraut streuen über verschiedene Kantone (SO, BL, AG, LU, ZH). Auch die FamN des Typs Kirsche sind an verschiedenen Orten alteingesessen. So beschränkt sich der BerufsüberN Kriesi auf den Kanton Zürich, während die FamN Kirsch und Kirscher im Kanton Bern bzw. im Aargau alteingesessen sind. Der FamN Boner kommt hauptsächlich in den Kantonen Graubünden und Solothurn vor; die Variante Bohner tritt hingegen einmalig im Kanton Bern in Erscheinung. Die folgenden Typen treten grösstenteils in je einem Kanton auf: Typ Flachs und Typ Linse im Kanton Zürich, Typ Hopfen im Kanton Bern, Typ Knoblauch im Aargau und Typ Mohn im Thurgau. Die Typen Birne und Rettich treten jeweils einmalig im Kanton Basel-Stadt resp. im Aargau auf. Karte 428: Berufs(über)N zum Anbau von Gemüse, Obst und Gewerbepflanzen, vor 1800 4.3 Berufs(über)namen zur Landwirtschaft 911 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="912"?> Achte Karte {429}: Berufsnamen zum Weinbau Namenauswahl: Die achte Karte gilt BerufsN aus der Schicht «vor 1800», die auf den Weinbau referieren. 11 Die FamN werden nach den zugrunde liegenden Lexemen bzw. nach Bildungsweisen kartiert. Abgefragte Namen Typ Rebe: Räber, Reber. 26 Tokens. Typ Rebmann: Rämann, Rebmann. 13 Tokens. Typ Torggel: Torgler. 1 Token. Typ Weinmann: Weinmann, Wymann. 10 Tokens. Typ Weinzierl: Weinzürle, Winzeler. 9 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 447: Daten zur achten Karte {429} Detailangaben zur Namenauswahl: Weinbau war im Mittelalter auf dem Gebiet der heutigen Schweiz weitverbreitet: «Um 1000 wurde der Weinbau wohl im gesamten Mittelland vom Bodensee bis nach Genf, in den Alpentälern (Bündner Herrschaft und Wallis) sowie auf der Alpensüdseite im Tessin und Veltlin betrieben» (e-HLS 2014: s. v. Weinbau). Die Rebgüter waren in Besitz von weltlichen (adelige Personen, Spitäler, Städte) und kirchlichen Grundherrn (Klöster). Die Bewirtschaftung erfolgte anfangs von Bauern im Frondienst, im Spätmittelalter dann von bäuerlichen Pächtern (e-HLS 2014: s. v. Weinbau). Die hier kartierten BerufsN lassen sich fünf unterschiedlichen Berufsbezeichnungen aus dem Tätigkeitsfeld des Weinbaus zuordnen (nach der Kartierung in alphabetischer Reihenfolge): • Typ Rebe: Die BerufsN Räber und Reber lassen sich zu mhd. rëbe ‘Rebe, Weingarten’ stellen. • Typ Rebmann: Die BerufsN Rämann und Rebmann basieren auf mhd. rëbe ‘Rebe, Weingarten’ für den Weinbauern oder für denjenigen, der die Reben eines anderen gegen Lohn pf legt und bearbeitet. Die mundartliche Form Rämann weist eine Assimilation von b an den nachfolgenden Konsonanten m auf. • Typ Torggel: Der BerufsN Torgler zu mhd. torkelære ‘Kelterer’ bezeichnet eine Person, die in der Weinherstellung tätig ist. Möglich ist auch eine allgemeine Bezeichnung für einen Weinbauern. • Typ Weinmann: Die BerufsN Weinmann und Wymann zu mhd. wīn ‘Wein’ bezeichnen einen Weinbauern oder einen Weinhändler. • Typ Weinzierl: Die BerufsN Weinzürle und Winzeler sind zu mhd. wīnzürl(e), wīnzürne ‘Weinbauer, Winzer’ zu stellen. Karte 429: BerufsN zum Weinbau, vor 1800 11 Für den möglichen BerufsüberN Traub vgl. die Einzelkartierung und die ausführliche Diskussion im Artikel III-3.9 «Wohnstättennamen zu Häusernamen» (dritte Karte). 912 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="913"?> Der FamN Leeger zum schwäbisch-badischen Lexem Leger ‘Weinbergarbeiter (der die Rebe durch Einlegen, auch Ab- oder Umlegen, verjüngt)’ für eine im Weinbau tätige Person wird aufgrund seiner Herkunft aus dem süddeutschen Raum von der Kartierung ausgeschlossen. Der FamN ist vor 1800 in den Zürcher Gemeinden Stadel und Steinmaur bezeugt. Weingart und Weingartner werden im Artikel III-3.7 «Wohnstättennamen zu Kulturland» (fünfte Karte) behandelt. Kommentar: Wie die achte Karte zeigt, sind die BerufsN des Typs Reber im Kanton Bern verbreitet, aber auch in den Kantonen Luzern und Aargau. Der Typ Rebmann tritt im Vergleich dazu tendenziell weiter nördlich und östlich auf. Im Kanton Zürich erscheinen die BerufsN Winzeler, Weinmann und Rebmann zu gleichen Teilen. Der Name Torgler ist nur in der Gemeinde Au (SG) alteingesessen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Meier (32'070 Tokens), Huber (17'351 Tokens) und Meyer (16'311 Tokens). Sie gehören damit zu den zehn häufigsten FamN der Schweiz; vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». In der Schicht «vor 1800» sind weitere FamN dokumentiert, die sich motivisch zur Landwirtschaft stellen, aber gegenüber den hier behandelten Berufs(über)N weniger frequent sind und/ oder sich semantisch nicht sinnvoll gruppieren lassen. Erwähnt seien an dieser Stelle explizit jene Berufs(über)N, die einen (berufsmässigen) Imker bezeichnen: Beyeler (Albligen, Guggisberg, Rüschegg, Wahlern BE) zu schwzdt. Bei(j)eler ‘Bienenzüchter, Imker’, Binkert (Koblenz, Leibstadt, Leuggern, Oeschgen, Zuzgen AG) zu mhd. bin(e)kar, schwzdt. Bīcher, Binker, Binkert usw. ‘Bienenkorb, Bienenstock’ sowie Imber/ Imper (Burg im Leimental BL bzw. St. Gallenkappel, Uznach SG) zu schwzdt. Imb(e)ler ‘Imker, Bienenzüchter’. Vergleich mit benachbartem Ausland: FamN, die sich auf die Landwirtschaft beziehen, werden im DFA 5 (2016: 2-125) auf den Karten 1-45 dargestellt. Der umfassende Themenkomplex wird nach den verschiedenen landwirtschaftlichen Tätigkeiten in fünf Bereiche unterteilt: «Bauern, Landarbeiter» (Karten 1-16), «Getreide-, Gemüse-, Obstbauern» (Karten 17-31), «Weinbauern, Bienenzüchter» (Karten 32-35), «Hirten» (Karten 36-42) und «Tierkastratoren» (Karten 43-45). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. Ebner, Jakob (2015): Wörterbuch historischer Berufsbezeichnungen. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Della Casa, Philippe et al. (2015): Bauern. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 016370/ 2015-07-28/ (letzter Zugriff 24.06.2025). e-HLS = Flutsch, Laurent/ Lüdi, Heidi (2014): Weinbau. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 013937/ 2014-11-11/ (letzter Zugriff 24.06.2025). e-HLS = Irniger, Margrit (2021): Gewerbepf lanzen. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 013941/ 2021-01-05/ (letzter Zugriff 24.06.2025). e-HLS = Irniger, Margrit/ Kobel, Fritz (2010): Gartenbau. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 013939/ 2010-05-07/ (letzter Zugriff 24.06.2025). e-HLS = Jacomet, Stefanie (2007): Hafer. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 027663/ 2007-11-20/ (letzter Zugriff 24.06.2025). e-HLS = Jacomet, Stefanie/ Mattmüller, Markus (2007): Hirse. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 027665/ 2007-12-18/ (letzter Zugriff 24.06.2025). e-HLS = Jacomet, Stefanie/ Mattmüller, Markus (2010): Gerste. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 027662/ 2010-05-07/ (letzter Zugriff 24.06.2025). e-HLS = Jacomet, Stefanie/ Mattmüller, Markus (2012): Roggen. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 027661/ 2012-01-05/ (letzter Zugriff 24.06.2025). e-HLS = Lehmann, Peter/ Sauerländer, Dominik/ Moser, Peter (2023): Viehwirtschaft. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 026236/ 2023-11-21/ (letzter Zugriff 24.06.2025). e-HLS = Mattmüller, Markus/ Dubler, Anne-Marie (2010): Dinkel. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 027659/ 2010-09-23/ (letzter Zugriff 24.06.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 24.06.2025). Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2005): Duden - Familiennamen. Herkunft und Bedeutung. 2., völlig neu bearbeitete Auf lage. Mannheim et al.: Dudenverlag. LexMA = Bautier, Robert-Henri et al. (1977-1999): Lexikon des Mittelalters. 10 Bde. Online-Version (mit Nutzerbeschränkung) in der Datenbank BREPOLiS Medieval Encyclopaedias (BME). apps.brepolis.net/ lexiema/ test/ Default2.aspx (letzter Zugriff 24.06.2025). RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Martina Heer 4.3 Berufs(über)namen zur Landwirtschaft 913 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="914"?> 4.4 Berufs(über)namen zur Jagd und Fischerei Schlagwörter: Fischernetz, Krebsfang, Nahrungsmittelgewerbe, Vogelfang Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel behandelt FamN, die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 24.07.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») auf Berufsbezeichnungen zur Jagd und zur Fischerei zurückgehen. Diese Tätigkeiten zählen nebst dem Sammeln von Pf lanzen oder pf lanzlichen Bestandteilen (Knollen, Samen) zu den ältesten Arten der Nahrungsmittelbesorgung der Menschen. So bildete die Jagd «während Hunderttausenden von Jahren die Grundlage der Nahrungsbeschaffung» (e-HLS 2008: s. v. Jagd ). Im Mittelalter «erfüllte der Fisch […] die wichtige Funktion der geschmackgebenden Beilage» (e-HLS 2021: s. v. Fischerei). Der Fischkonsum hielt sich dennoch in Grenzen, da Fisch sehr teuer und deshalb nicht für alle Menschen erschwinglich war. Im Spätmittelalter wurde Jagd auf sogenanntes «hohes Wild» (wie Hirsche und Wildsäue) und «niederes Wild» (wie Füchse, Hasen oder Vögel) betrieben. Die übliche Jagdwaffe ab dem 13. Jh. war die Armbrust, ab dem 17. Jh. kamen Feuerwaffen dazu. In der Schweiz fanden des Weiteren Schwert und Knebelspiess Anwendung bei der Jagd (e-HLS 2008: s. v. Jagd ). Zudem wurde die Beize - die Jagd mit abgerichteten Falken (e-HLS 2008: s. v. Jagd ) - ausgeübt. Vögel wurden allerdings nicht nur als Jagdwaffe eingesetzt, sondern auch selbst gejagt. So wurden Sing- und Speisevögel «mit leimbestrichenen Reisigbündeln, Käfigen mit Lockvögeln, Netzen usw.» gefangen (Ebner 2015: 790). Die Relevanz der Jagd und Fischerei im mittelalterlichen Alltag spiegelt sich im Deutschschweizer Familiennamengut wider. Die meisten FamN zu diesem Themenbereich sind indirekte Berufsbezeichnungen, die bspw. das gefangene Tier benennen wie Fisch, Fink, Hecht, Krebs, Vögeli usw. Allerdings ist anzumerken, dass die Benennungsmotive der BerufsüberN und der ÜberN miteinander konkurrieren, was eine eindeutige Zuordnung erschwert resp. unmöglich macht. So kann es sich z. B. bei dem FamN Schuppli um einen BerufsüberN für den Fischer und Fischhändler handeln oder aber um einen ÜberN für eine Person mit auffallend schuppiger (Kopf-)Haut bzw. für jemanden mit Blatternarben (Kohlheim/ Kohlheim 2014: 151). Die Mehrheit dieser FamN wurde bereits im Artikel III-5.6 «Übernamen nach Tierbezeichnungen» ausführlich behandelt und wird an dieser Stelle deshalb nicht weiter berücksichtigt. Die erste Karte bietet einen Gesamtüberblick über die Verteilung der beiden Berufsgruppen ( Jäger und Fischer). Auf der zweiten Karte sind die Berufs(über)N zur Jagd nach lexikalischen Typen abgebildet. Die dritte Karte zeigt die verschiedenen Berufs(über)namentypen zur Fischerei. 914 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="915"?> Erste Karte {430}: Berufs(über)namen zur Jagd und Fischerei Namenauswahl: Die erste Karte zeigt die Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 1 die auf Berufsbezeichnungen für den Jäger und den Fischer zurückgehen. Abgefragte Namen Berufs(über)N zur Jagd: Amsler, Falkner, Federer, Jaeger, Jäger, Jeger, Jegger, Jegher, Lussi, Lüssi, Vogler, Weidmann. 12 Types, 79 Tokens. Berufs(über)N zur Fischerei: de Fischer, Fischer, Fischler, Krebser, Maeschi, Netzer, Schüeb, Schüep, Schuepp, Schüepp, Schuppli, Vischer, von Fischer. 13 Types, 114 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Fläche 10-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 448: Daten zur ersten Karte {430} Detailangaben zur Namenauswahl: 2 Die meisten der hier versammelten FamN sind BerufsN, also direkte Berufsbezeichnungen wie Weidmann für den Jäger allgemein, Amsler für den Vogelfänger oder Fischler für den Fischer. Der BerufsN Krebser bezieht sich auf den Krebsfänger, dessen Tätigkeit ebenfalls dem Fischereigewerbe zuzuordnen ist. Bei einigen FamN, insbesondere jenen zur Fischerei, handelt es sich um indirekte BerufsN (also um BerufsüberN) wie Maeschi zu schwzdt. Masch ‘Masche in Fischer- und Jägernetz’ (Id. 4 1881 ff.: Sp. 501) oder Schuppli zu schwzdt. Schuep ‘Schuppe’ (Id. 8 1881 ff.: Sp. 1028). Zu den Etymologien der kartierten FamN vgl. die Angaben bei der zweiten und der dritten Karte. Das Sample umfasst formal BerufsN auf -(l/ n)er (Jäger, Fischler, Falkner), ein l-Diminutiv (Schuppli), Nomina agentis auf -i (Lussi, Lüssi) sowie eine Suffixbildung mit -mann (Weidmann). 3 Für den FamN von Fischer und den in der französischsprachigen Schweiz vorkommenden FamN de Fischer vgl. die Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de» und II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de». Karte 430: Berufs(über)N zur Jagd und Fischerei gesamthaft, vor 1800 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 3 Vgl. die Artikel II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen», II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y» und II-2.7 «Familiennamen auf -mann». 4.4 Berufs(über)namen zur Jagd und Fischerei 915 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="916"?> Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass FamN mit Bezug zur Jagd überwiegend im Norden und (Nord-)Osten der Deutschschweiz auftreten sowie vereinzelt auch im Wallis vorkommen. Berufs- und BerufsüberN zur Fischerei sind zahlreicher und ziehen sich über das Mittelland bis in voralpine Gebiete. Dabei erscheinen die FamN häufig in der Nähe von grösseren Gewässern (s. dritte Karte). Die Innerschweizer Kantone und die Ostschweiz bleiben bis auf wenige Vorkommen frei, ebenso das Wallis. Zweite Karte {431}: Berufs(über)namen zur Jagd Namenauswahl: Die zweite Karte zeigt jene FamN aus der Schicht «vor 1800», die auf Berufsbezeichnungen für den Jäger bzw. Vogelfänger zurückgehen. Die Namen werden nach den zugrunde liegenden Lexemen gruppiert. Abgefragte Namen Typ Amsler: Amsler. 7 Tokens. Typ Falkner: Falkner. 1 Token. Typ Federer: Federer. 2 Tokens. Typ Jäger: Jaeger, Jäger, Jeger, Jegger, Jegher. 32 Tokens. Typ Lussi: Lussi, Lüssi. 8 Tokens. Typ Vogler: Vogler. 14 Tokens. Typ Weidmann: Weidmann. 15 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 449: Daten zur zweiten Karte {431} Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Typ Amsler: Der BerufsN Amsler geht auf die spezifische Vogelart mhd. amsel ‘Amsel’ zurück und bezeichnet den Vogelfänger oder möglicherweise auch den Vogelhändler. • Typ Falkner: Der BerufsN Falkner zu mhd. valkenære, valkener ‘Falkner’ bezieht sich auf die Beizjagd und bezeichnet den Jäger, der Jagdfalken betreut und sie für die Jagd einsetzt. • Typ Federer: Der BerufsN Federer geht auf mhd. vëder(e) ‘Feder, f laumiges Pelzwerk’ zurück und steht für einen auf Vogelwild spezialisierten Jäger oder einen Jäger, der die Falkenjagd betreibt. • Typ Jäger: Die BerufsN stellen sich zu mhd. jeger(e) ‘Jäger’. Jaeger und Jegger im französischsprachigen Teil des Kantons Freiburg sind französisierte Formen von Jäger. Der FamN Jegher im (einst) rätoromanischsprachigen Gebiet Graubündens weist graphematische Adaption auf. Karte 431: Berufs(über)N zur Jagd, vor 1800 916 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="917"?> • Typ Lussi: Die BerufsN Lussi und Lüssi beziehen sich auf mhd. lūʒen ‘verborgen liegen, sich versteckt halten, lauern’, schwzdt. lūsse(n) ‘lauern’ und bezeichnen eine Person, die dem Wild wie ein Jäger auf lauert. Der FamN Lussi im Tessin ist homograph und muss anders gedeutet werden. • Typ Vogler: Der BerufsN Vogler zu mhd. vogelære, vogeler ‘Vogelfänger’ geht im Unterschied zum FamN Amsler auf die allgemeine Gattungsbezeichnung Vogel zurück. • Typ Weidmann: Der BerufsN Weidmann kommt von mhd. weideman ‘Jäger, Fischer’. 4 Er könnte sich also auch auf einen Fischer (s. dritte Karte) beziehen. Die Zuteilung zur Jagd wurde analog zum DFA 5 (2016: 529) vorgenommen. Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass FamN zur Jagd v. a. in der (Nord-)Ostschweiz vorkommen. Dieses Bild geht teilweise auf die Verbreitung des Typs Jäger zurück, der in diesen Gebieten gehäuft auftritt. Während in der westlichen Deutschschweiz Streubelege auszumachen sind, bleibt die Zentralschweiz - abgesehen von einem Einzelbeleg im Kanton Schwyz an der Grenze zu Zürich - frei von diesem Namentyp. Der FamN Weidmann ballt sich im Kanton Zürich, mit einem weiteren Vorkommen im Kanton Schwyz. Der Typ Vogler erscheint überwiegend in der Nordostschweiz sowie im Kanton Aargau an der Grenze zu Zürich, daneben ist er einmalig in Obwalden alteingesessen. Der Typ Lussi konzentriert sich im Kanton Zürich. Der BerufsN Amsler bildet ein kleines Namennest im Kanton Aargau, mit je einem weiteren Vorkommen in den angrenzenden Kantonen Basel-Landschaft und Zürich. Der FamN Federer ist im Kanton St. Gallen an der Landesgrenze zu Österreich bezeugt. Der BerufsN Falkner tritt einmalig in der Stadt Basel (BS) auf. Dritte Karte {432}: Berufs(über)namen zur Fischerei Namenauswahl: Die dritte Karte gilt den FamN, die auf Berufsbezeichnungen aus dem Fischereigewerbe zurückgehen. Die Namen werden nach den zugrunde liegenden Lexemen gruppiert. Abgefragte Namen Typ Fischer: de Fischer, Fischer, Fischler, Vischer, von Fischer. 88 Tokens. Typ Krebser: Krebser. 6 Tokens. Typ Masche: Maeschi. 1 Token. Typ Netzer: Netzer. 1 Token. Typ Schuppe: Schüeb, Schüep, Schuepp, Schüepp, Schuppli. 18 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 450: Daten zur dritten Karte {432} Karte 432: Berufs(über)N zur Fischerei, vor 1800 4 Denkbar ist auch ein WohnstättenN zu schwzdt. Weid, Weide(n) ‘Weide, Grasland, Futterplatz für Tiere’ oder zu einem darauf basierenden Toponym (vgl. Artikel III-3.7 «Wohnstättennamen zu Kulturland»). 4.4 Berufs(über)namen zur Jagd und Fischerei 917 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="918"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Typ Fischer: Die BerufsN gehen auf mhd. vischære, vischer ‘Fischer’ zurück. • Typ Krebser: Der BerufsN Krebser stellt sich zu mhd. krëbez, krëbz für den Krebsfänger. • Typ Masche: Der BerufsüberN Maeschi bezieht sich auf schwzdt. Masch ‘Masche in Fischer- und Jägernetz’. Maeschi könnte somit auch den Jäger bezeichnen, der Name wurde jedoch aufgrund seiner semantischen Ähnlichkeit zu Netzer an dieser Stelle berücksichtigt. • Typ Netzer: Der BerufsN Netzer, zu mhd. netze ‘Netz’, bezeichnet wahrscheinlich einen Netzfischer. Möglich ist auch ein Bezug zum Hersteller von (Fischer-)Netzen. • Typ Schuppe: Die BerufsüberN gehen auf mhd. schuope ‘Schuppe’ bzw. schwzdt. Schuep ‘Bekleidung des tierischen oder pf lanzlichen Körpers, v. a. Fischschuppen; Kopfschuppen’ zurück. Kommentar: Wie die dritte Karte zeigt, ziehen sich die FamN des Typs Fischer über das Mittelland bis in die Romandie und ins voralpine Gebiet. Dabei konzentriert sich die frequente Variante Fischer hauptsächlich in den Kantonen Aargau (21 Tokens) und Zürich (19 Tokens). Auffällig ist die Verbreitung der FamN in der Nähe von grösseren Gewässern: Einerseits entlang der Aare vom Berner Oberland über die verschiedenen Seen (Brienzersee, Thunersee, Bielersee) bis zur Mündung in den Rhein (AG), andererseits entlang des Rheins von Chur (GR) über den Bodensee (TG) und die Stadt Schaffhausen bis Basel-Stadt. Eine weitere Verdichtung der FamN zeigt sich in der Region des Sempachersees (LU). Der Typ Schuppe erstreckt sich über die Kantone Aargau, Zürich und Thurgau. Der BerufsN Krebser bildet ein Namennest im Kanton Zürich entlang der Glatt und ist zudem in Thun (BE) alteingesessen. Die Vermutung liegt nahe, dass in diesen Gebieten Krebsfang betrieben wurde. Der BerufsüberN Maeschi findet sich einmalig in Büren an der Aare (BE) und der Name Netzer tritt lediglich am Sempachersee in Schenkon (LU) auf. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Fischer (13'539 Tokens), Jäger (2'833 Tokens) und Weidmann (1'462 Tokens). Fischer gehört damit zu den häufigsten FamN in der Schweiz; vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Vergleich mit benachbartem Ausland: Der BerufsN Fischer besetzte im Jahr 2005 den vierten Platz der häufigsten FamN Deutschlands (vgl. Nübling/ Kunze 2023: 34). Für weiterführende Angaben zu Frequenzen in anderen Ländern vgl. das DFD (2025: s. v. Fischer). Die FamN zur Fischerei werden im DFA 5 (2016: 170-197) auf den Karten 60-72 behandelt. Berufs- und BerufsüberN zur Jagd sind «weniger dicht besetzte Bereiche» (DFA 5 2016: XXV), weshalb sie im DFA 5 (2016) nicht weiter berücksichtigt wurden. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. DFD = Busley, Simone (2025): Fischer. Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). http: / / www.namenforschung.net/ id/ name/ 4/ 1 (letzter Zugriff 24.07.2025). Ebner, Jakob (2015): Wörterbuch historischer Berufsbezeichnungen. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Amacher, Urs/ Geiger, Wolfgang (2021): Fischerei. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 013943/ 2021-01-15/ (letzter Zugriff 24.07.2025). e-HLS = Müller, Kurt/ Blankenhorn, Hans-Jörg (2008): Jagd. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 013942/ 2008-01-28/ (letzter Zugriff 24.07.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 24.07.2025). Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2014): Spätmittelalterliche Regensburger Übernamen. Wortschatz und Namengebung (Germanistische Bibliothek 53). Heidelberg: Winter. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. Selma Vonlanthen, Martina Heer 918 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="919"?> 4.5 Berufs(über)namen zur Metallverarbeitung Schlagwörter: Rohstoff, Schmied, Waffe, Werkzeug Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel widmet sich FamN, die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 17.04.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») auf Berufsbezeichnungen aus dem Bereich der Metallverarbeitung zurückgehen. Das semantische Feld umfasst sowohl die Rohbearbeitung von Metall als auch die Weiterverarbeitung zu Gebrauchsgegenständen. Das Handwerk der Metallverarbeitung zählt zu den ältesten gewerblichen Tätigkeiten, was jungsteinzeitliche Fundgegenstände aus dem Gebiet der heutigen Schweiz bezeugen (e-HLS 2009: s. v. Metallverarbeitende Handwerke). Für das Leben im Mittelalter war das metallverarbeitende Gewerbe von grosser Relevanz. Das Schmiedehandwerk gehörte in früheren Zeiten zu den angesehensten Berufsgruppen; die Differenzierung in viele hochspezialisierte Zweige ist Ausdruck des grossen Bedarfs an Metallgegenständen, die die Schmiede für den alltäglichen Gebrauch herstellten. Ihre Arbeit richtete sich nach der Nachfrage «des Verkehrs (Hufbeschlag, Wagen-, Schiffbau), des Handwerks (Werkzeuge), der Wald-, Land- und Hauswirtschaft (Werkzeuge, Geräte, Gegenstände)» (e-HLS 2009: s. v. Metallverarbeitende Handwerke). Ab dem 13. Jh. kamen neben dem herkömmlichen Schmiedehandwerk weitere metallverarbeitende Berufe auf, die sich insbesondere auf die Herstellung von Ausrüstung und Waffen oder auf spezifisches Kunsthandwerk spezialisierten (e-HLS 2009: s. v. Metallverarbeitende Handwerke). Für ausführlichere historische Hintergründe zur Metallverarbeitung und zur Metallindustrie s. die einschlägigen Artikel im e-HLS (2009: s. v. Metallindustrie; 2009: s. v. Metallverarbeitende Handwerke; 2018: s. v. Handwerk). Die erste Karte stellt FamN wie Stahel oder Mösch dar, denen eine Bezeichnung für metallische Roh- oder Werkstoffe zugrunde liegt. Im Anschluss thematisiert der Kartenkomplex verschiedene Bereiche der Metallverarbeitung: Die zweite Karte zeigt Berufs- und BerufsüberN zur Herstellung von gefässartigen Gegenständen wie Kessler oder Pfannenschmid, während auf der dritten Karte FamN zur Herstellung von Waffen wie Harnisch oder Hallenbarter abgebildet werden. Die vierte Karte enthält FamN zu Werkzeugen, was sowohl die Herstellung von Werkzeugen als auch die Benutzung von Werkzeugen beinhaltet (z. B. Haemmerli, Sägesser), und die fünfte Karte wendet sich jenen FamN zu, die auf die Herstellung kleinerer Gegenstände zurückgehen (z. B. Spori, Schlosser). Es werden mehrheitlich direkte BerufsN (z. B. Spengler ‘Blechschmied’) kartiert, aber auch indirekte BerufsN (sogenannte BerufsüberN wie z. B. Hammer), die bspw. das Material, das Werkzeug oder das Produkt bezeichnen und sich so auf den Hersteller beziehen, werden für die Kartierungen berücksichtigt. In diesen Fällen konkurrieren die Benennungsmotive der BerufsüberN und der ÜberN miteinander, was eine eindeutige Zuweisung erschwert resp. unmöglich macht (Kohlheim/ Kohlheim 2014: 151). Die abschliessende sechste Karte bietet einen panschweizerischen Überblick über die häufigsten BerufsN zum Beruf des Schmieds. 1 In der rezenten Rangliste aller FamN der Schweiz liegt Schmid nach Müller und Meier auf dem dritten Rang (BFS 2023: STATPOP 2022); dies gilt auch für die historische Schicht «vor 1800» (Müller mit 431, Meier mit 300 und Schmid mit 273 Belegorten). 2 Mit Kunze (2004: 117) ist zu betonen, dass BerufsN für den Schmied in vielen Teilen Europas zu den häufigsten FamN überhaupt gehören, was auf die oben erwähnte «weite Verbreitung und Bedeutung des Schmiedehandwerks zu mittelalterlicher Zeit zurückzuführen» ist (DFD 2025: s. v. Schmidt). 1 Auf eine exklusive Karte zu allen Schmied -Namen inklusive Komposita wird hier verzichtet, da diese FamN bereits in den Artikeln I-2.7 «Schreibvariation bei Plosiven im Auslaut» und II-2.18 «Komposita: Formvarianten im Kontrast» kartiert werden. 2 Die auf der historischen Datenschicht «vor 1800» basierenden Frequenzangaben zu den FamN sind allerdings nur bedingt als Frequenzen zu betrachten, vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 4.5 Berufs(über)namen zur Metallverarbeitung 919 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="920"?> Erste Karte {433}: Berufs(über)namen zu metallischen Roh- oder Werkstoffen Namenauswahl: Die erste Karte zeigt Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 3 die Bezeichnungen für einen metallischen Roh- oder Werkstoff enthalten. Abgebildet werden die FamN der drei häufigsten Typen Stahl, Eisen und Mösch. Abgefragte Namen Typ Stahl: Stachel, Staehelin, Stahel, Stäheli, Stähelin, Stahl, Stählin, Stehelin, Stehl, Stehle, Stehli, Stehlin. 12 Types, 70 Tokens. Typ Eisen: Domeisen, Dünneisen, Eisenhut, Eisenring, Isenring, Isenschmid, Isler, Kecheisen, Reheis, Ringeisen, Singeisen, Sperisen, Wildisen. 13 Types, 69 Tokens. Typ Mösch: Mäschli, Moeschler, Mösch, Mösching, Möschinger, Möschler, Möschli, Möschlin. 8 Types, 12 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 0-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 451: Daten zur ersten Karte {433} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Die FamN des Typs Stahl gehen in erster Linie auf mhd. stahel, stāl ‘Stahl, stählerne Rüstung’ zurück und benannten ursprünglich einen Stahlschmied. Eine mögliche Mehrdeutigkeit ist jedoch nicht auszuschliessen: Denkbar ist grundsätzlich auch ein ÜberN für eine sture Person oder allenfalls ein WohnstättenN zu mhd. stal ‘Wohnort, Stelle, Stall, Ort zum Einstellen des Viehs’ (s. DFD 2025: s. v. Stahl ). 5 Die FamN des Typs Mösch gehen auf schwzdt. Mösch ‘Messing’ zurück. Da die FamN zu mhd. īsen ‘Eisen’ in sich sehr heterogen sind, werden ihre einschlägigen Deutungen in Tabelle 452 einzeln aufgeführt. Das eisenverarbeitende Handwerk war im Mittelalter hochgradig differenziert, was seinen Niederschlag in vielen verschiedenen Bei- und FamN gefunden hat. Karte 433: Berufs(über)N zu metallischen Roh- oder Werkstoffen, vor 1800 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 5 Vgl. Artikel III-3.8 «Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen». 920 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="921"?> FamN Einschlägige Deutung Domeisen zu fnhd. daum(en)eisen ‘Handfessel, Daumenschraube (als Folter- oder Fesselwerkzeug)’, auch ‘Werkzeug des Drahtziehers’ für den Hersteller derartiger Geräte Dünneisen zu nhd. Dünneisen ‘Eisenblech, verzinntes Blech’ für den spezialisierten Schmied und Hersteller solcher Bleche Eisenhut zu mhd. īsenhuot ‘eiserner Helm, eiserne Haube’ für den Waffen- oder Panzerschmied Eisenring, Isenring zu mhd. īsenrinc ‘Eisen-, Panzerring’ für den Panzerschmied Isenschmid zu mhd. īsensmit für den Schmied, der Eisen bearbeitet (im Gegensatz dazu stehen die FamN Goldschmid, Kupferschmid und Kupferschmied, die als niederfrequente Namengruppen hier weggelassen wurden; vgl. Artikel II-2.18 «Komposita: Formvarianten im Kontrast») Isler zu mhd. īsen ‘Eisen; verarbeitetes Eisen’ für den Schmied, der Eisen bearbeitet, oder für den Eisenhändler Kecheisen SatzN aus quick [das] Eisen! ‘reinige das Eisen von Unreinheiten! ’ zum Verb quicken (bergmännisch) ‘mit Quecksilber vermengen, amalgamieren oder davon scheiden’ für einen Schmied Reheis zu fnhd. Rauheisen ‘Roheisen; das nicht weiter bearbeitete Eisen’ für einen Schmied Ringeisen zu schwzdt. (älter) Ringīse(n) ‘hufeisenartiges Beschläg an Schuhen’ für den Hersteller derartiger Eisenstücke Singeisen aus dem Verbalstamm mhd. singin der Bedeutung ‘knistern, prasseln, zischen’ und mhd. īsen, wohl übertragen aus einem Geräusch, das bei der Bearbeitung des Eisens entsteht, für einen Schmied Sperisen zu mhd. spërīsen ‘die eiserne Spitze des Speers’ für den Schmied, der solche Teile herstellte Wildisen zu mhd. wilde, wilt ‘ungezähmt, wild’ und mhd. īsen für einen Waffenschmied Tabelle 452: Einschlägige Deutung der FamN zu mhd. īsen ‘Eisen’ Formal umfasst das Sample Komposita sowie Zusammenrückungen mit Eisen-/ -eisen (Eisenhut, Ringeisen, Singeisen), l-Diminutive (Möschlin) und Ableitungen auf -er (Isler, Möschler). 6 Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass die FamN der Typen Stahl und Eisen überwiegend in der Nordostschweiz auftreten. Daneben ist die erste Namengruppe auch im Nordwesten der Deutschschweiz mehrfach vertreten (v. a. BL, BS), während Typ Eisen im westlichen Mittelland nur vereinzelt auftritt. Die FamN des Typs Mösch verteilen sich mit insgesamt wenigen Belegen auf die Kantone Aargau, Basel- Landschaft, Bern und Solothurn. Die Zentralschweiz bleibt ausser in Grenznähe zu den Kantonen Aargau und Zürich frei von allen Typen; die Kantone Glarus, Freiburg und Wallis ebenfalls. In Graubünden sind nur wenige Vorkommen bezeugt. 6 Vgl. die Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung», II-2.18 «Komposita: Formvarianten im Kontrast», II-4.1 «Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen», II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» und II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen». Zum Typ Stahl s. Artikel I-2.4 «Variation ch / h für germ. χ». 4.5 Berufs(über)namen zur Metallverarbeitung 921 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="922"?> Zweite Karte {434}: Berufs(über)namen zur Herstellung gefässartiger Gegenstände Namenauswahl: Die zweite Karte umfasst Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die mit der Herstellung gefässartiger Gegenstände aus Metall in Verbindung gebracht werden können. Diese Gegenstände sind im Einzelnen etwa Küchenutensilien wie Pfannen, Töpfe und Kellen, aber auch Glocken oder unspezifische Gefässe. Abgefragte Namen Typ Kessler: Kesseli, Kessler. 36 Tokens. Typ Treichler: Treichler, Trinkler. 10 Tokens. Typ Pfanner: Pfannenschmid, Pfanner. 4 Tokens. Typ Gatzmann: Gatzmann. 1 Token. Typ Giesser: Giesser. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 453: Daten zur zweiten Karte {434} Detailangaben zur Namenauswahl: Die FamN des Typs Kessler basieren auf mhd. keʒʒelære, keʒʒeler ‘Kessel-, Kupferschmied’ resp. mhd. keʒʒel ‘Kessel’. Treichler und Trinkler gehen auf schwzdt. Treichle, Trinkele ‘Viehschelle, Kuhglocke’ zurück. Eine gewisse Mehrdeutigkeit lässt sich nicht ausschliessen, da die FamN sowohl den Hersteller dieser Glocken als auch den Träger bei Umzügen bezeichnen könnten. Namen des Typs Pfanner bezeichneten den Pfannenschmied. Gatzmann stellt sich zu schwzdt. Gatz ‘Schöpfkelle aus Metall (meist Kupfer)’ und benannte den Hersteller solcher Kellen. Giesser schliesslich geht auf mhd. gieʒen ‘giessen, Metall giessen’ zurück und bezeichnete unspezifisch einen Metallarbeiter, der Gefässe oder Glocken herstellte. Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass sich der Typ Kessler einerseits in einer nordsüdlichen Ausdehnung vom Kanton Basel-Landschaft bis in den Kanton Freiburg zieht und andererseits über die Ostschweiz verteilt ist. Die Zentralschweiz bleibt frei von dieser Namengruppe - abgesehen von zwei Vorkommen im Kanton Schwyz, die an das Verbreitungsgebiet in der Ostschweiz anschliessen. Der Typ Treichler bildet ein Namennest im westlich daran angrenzenden Gebiet der Kantone Zug und Zürich. Der Typ Pfanner findet sich in den Kantonen St. Gallen, Zürich und Basel-Stadt. Singulär sind die FamN Gatzmann in Winterthur (ZH) und Giesser in Altishausen (TG). Karte 434: Berufs(über)N zur Herstellung gefässartiger Gegenstände, vor 1800 922 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="923"?> Dritte Karte {435}: Berufs(über)namen zur Herstellung von Waffen Namenauswahl: Die dritte Karte widmet sich Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die auf die Herstellung von Waffen zurückgehen. Abgefragte Namen Typ Schilter: Schild, Schilt, Schilter. 22 Tokens. Typ Harnisch: Harnisch. 2 Tokens. Typ Banzer: Banzer. 1 Token. Typ Haggenmacher: Haggenmacher. 1 Token. Typ Hallenbarter: Hallenbarter. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 22-38, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 454: Daten zur dritten Karte {435} Detailangaben zur Namenauswahl: Schilter geht zurück auf mhd. schiltære ‘Schildmacher, Wappenmaler’ für den gewerbsmässigen Verfertiger und Ausgestalter von Schilden (als Schutzwaffen, aber auch Wappen- und Aushängeschilden). Schild und Schilt lassen sich als BerufsüberN zu mhd. schilt ‘Schild, Wappenschild’ für den Schildmacher deuten. Gelegentlich kann der FamN jedoch auch auf ein am Wohnhaus angebrachtes Schildzeichen zurückzuführen sein und damit den Bewohner des damit markierten Hauses meinen. 7 Der BerufsüberN Harnisch stellt sich zu mhd. harnas, harnasch ‘Panzer, Harnisch’ für den Waffenschmied, spezifischer den Hersteller von Harnischen. Auch Banzer zu mhd. panzier, panzer ‘Panzer, Harnisch’ bezeichnete den Waffenschmied, der v. a. Harnische herstellte. Haggenmacher basiert auf einer Bezeichnung für den Verfertiger von Hakenbüchsen, eine Gattung von Vorderladern (Feuerwaffen). Hallenbarter stand für den Hersteller von Hellebarden, eine Stosswaffe mit scharfer Spitze. Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass diese Motivgruppe grösstenteils sehr niederfrequent ist, einzig der Typ Schilter erreicht eine zweistellige Tokenzahl. Der FamN Schilter beschränkt sich allgemein auf die Zentralschweiz und bildet ein Namennest im Kanton Schwyz. Die Varianten Schild und Schilt sind hingegen typisch für das östliche Berner Oberland, mit weiteren Belegen im Emmental (BE) und in Grenchen (SO). Harnisch kommt jeweils mit einem Ortspunkt in den Kantonen Bern und Solothurn vor. Banzer tritt einmalig in Feldis/ Veulden (GR) in Erscheinung, Haggenmacher in Winterthur (ZH) und Hallenbarter in Obergesteln (VS). Karte 435: Berufs(über)N zur Herstellung von Waffen, vor 1800 7 Vgl. Artikel III-3.9 «Wohnstättennamen zu Häusernamen». 4.5 Berufs(über)namen zur Metallverarbeitung 923 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="924"?> Vierte Karte {436}: Berufs(über)namen zu Werkzeugen Namenauswahl: Die vierte Karte thematisiert Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die sich zu Bezeichnungen von Werkzeugen stellen. Die Kategorie Werkzeuge bezieht sich sowohl auf die Benutzung von bestimmten Werkzeugen als auch auf deren Herstellung. Abgefragte Namen Typ Hammer: Haemmerli, Hammer, Hammerer, Hämmerli. 15 Tokens. Typ Sägesser: Sägesser, Segessemann, Segessenmann, Segesser, Segiser. 9 Tokens. Typ Dengler: Dängeli, Dengler. 3 Tokens. Typ Zähner: Zähner. 3 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 455: Daten zur vierten Karte {436} Detailangaben zur Namenauswahl: Die FamN des Typs Hammer gehen auf mhd. hamer ‘Hammer’ bzw. auf mhd. hamerære ‘Hämmerer, Hammerschmied’ zurück und bezeichneten den Schmied, der regelmässig einen Hammer benutzte. Der Typ Sägesser findet seinen Ursprung in mhd. sëgense ‘Sense’ und benannte den Hersteller von Sensen. Allerdings lässt sich nicht ausschliessen, dass damit stattdessen der Mäher gemeint war. 8 Der Typ Dengler zu mhd. tengen, tengelen ‘schlagen, klopfen, hämmern’ resp. mhd. tengeler ‘Dengler’ bezeichnete Personen, die Sensen, Sicheln oder Pf lugsechen durch Hämmern schärften. Der BerufsN Zähner stellt sich zu mhd. zeiner ‘Zeinschmied’ für einen Schmied, der Metall (Eisen, Kupfer, Gold) mit einem Hammer zu Stäben verarbeitete. Die Schreibung (und Lautung) mit <äh> ref lektiert die Aussprache in der appenzellischen Mundart. Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass sich die FamN des Typs Hammer entlang einer Linie an der Grenze zwischen Jura und Mittelland verteilen. Weitere Vorkommen finden sich in den Kantonen Luzern und Glarus sowie in Rorschach (SG). Der Typ Sägesser bildet ein kleines Namennest im Oberaargau (BE). Nebst weiteren Ortspunkten im Kanton Bern tritt der Typ zudem in den Städten Basel und Luzern auf. Der Typ Dengler verteilt sich über die Kantone Bern, Luzern und Appenzell Innerrhoden. Zähner ist ausschliesslich im Kanton Appenzell Ausserrhoden alteingesessen. Karte 436: Berufs(über)N zu Werkzeugen, vor 1800 8 Vgl. Artikel III-4.3 «Berufs(über)namen zur Landwirtschaft». 924 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="925"?> Fünfte Karte {437}: Berufs(über)namen zur Herstellung kleinerer Gegenstände Namenauswahl: Die fünfte Karte enthält Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die auf die Herstellung kleinerer Gegenstände aus Metall Bezug nehmen. Abgefragte Namen Typ Nagel: Naegeli, Nagel, Nägeli, Nägelin. 39 Tokens. Typ Sporrer: Spoerry, Spori, Spöri, Spörli, Sporrer, Spörri. 6 Types, 27 Tokens. Typ Spengler: Spengeler, Spengler. 14 Tokens. Typ Schlosser: Schlosser. 4 Tokens. Typ Nadler: Nadler. 3 Tokens. Typ Hafter: Haffter, Hafter. 2 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 456: Daten zur fünften Karte {437} Detailangaben zur Namenauswahl: Die FamN des Typs Nagel gehen auf mhd. nagel ‘Nagel an Fingern oder Zehen; Nagel oder Schraube aus Holz oder Metall’ zurück und bezeichneten einen Nagelschmied, also einen Spezialisten aus dem Schmiedehandwerk, der Nägel verschiedener Typen (v. a. Hufnägel, Schuhnägel, Brettnägel, aber auch winzige Nägel für Beschläge usw.) herstellte. Für die Diminutivformen ist jedoch ein Bezug zum Gewürzhandel (schwzdt. Nägeli ‘Gewürznelke’) nicht gänzlich auszuschliessen. Die FamN des Typs Sporrer basieren auf mhd. sporære, sporer ‘Sporenmacher, Kleinschmied’ resp. auf mhd. spor(e) ‘Sporn’ oder schwzdt. spore(n) ‘mit Sporen versehen, Sporen herstellen’ und benannten den spezialisierten Schmied, der mit der Herstellung von Sporen, Steigbügeln, Striegeln, Zäumen, Beschlägen u. ä. betraut war. Der Typ Spengler geht zurück auf mhd. spange bzw. auf die Diminutivform mhd. spengelīn, spengel ‘Spange, Band, Beschlag’ und bezeichnete den Spengler oder Blechschmied, der kleinere Gegenstände wie Spangen oder Rohre, aber auch Gefässe herstellte. Schlosser zu mhd. slozzer ‘Schlosser’ bezeichnete den Schmied, der feinere Eisenarbeit machte, bspw. Schlösser. Nadler beruht auf mhd. nādelære, nādeler ‘Nadelmacher, Nadler’. Die FamN des Typs Hafter gehen auf mhd. haft ‘Band, Naht, Festhaltung’ zurück und benannten den spezialisierten Handwerker zur Herstellung von Spangen, Broschen oder Ziernadeln. Kommentar: Die fünfte Karte zeigt, dass der Typ Nagel v. a. in der Nordostschweiz auftritt, mit einer Ballung im Kanton Zürich. Weitere Vorkommen finden sich u. a. im Berner Oberland, im Kanton Basel- Landschaft sowie in Churwalden (GR). Ebenfalls im Nordosten, mit Schwerpunkt im Kanton Zürich, clustert der Typ Sporrer. Einige Ortspunkte liegen zudem im Kanton Bern. Der Typ Spengler tritt gehäuft im Kanton Thurgau in Erscheinung; daneben ausserdem in Karte 437: Berufs(über)N zur Herstellung kleinerer Gegenstände, vor 1800 4.5 Berufs(über)namen zur Metallverarbeitung 925 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="926"?> den Kantonen Schaffhausen, Aargau und Luzern. Der FamN Schlosser kommt vereinzelt in den Kantonen Basel-Stadt, Solothurn, Bern und Graubünden vor. Nadler tritt im Kanton Thurgau und mit einem Ortspunkt im Kanton Aargau auf. Der Typ Hafter beschränkt sich auf die Gemeinde Weinfelden (TG), in der beide Schreibvarianten alteingesessen sind. Sechste Karte {438}: Berufsnamen zum Beruf des Schmieds panschweizerisch Namenauswahl: Die sechste Karte umfasst jene Namen aus der Schicht «vor 1800», die als häufigste BerufsN (inklusive deren Varianten) für den Schmied in den vier Sprachgebieten der Schweiz identifiziert wurden. 9 Abgefragte Namen Deutsche BerufsN für den Schmied: Schmed, Schmedt, Schmid, Schmidt, Schmied, Schmit, Schmitt. 7 Types, 336 Tokens. Französische BerufsN für den Schmied: Favre, Faivre. 80 Tokens. Italienische BerufsN für den Schmied: Ferrari. 33 Tokens. Rätoromanische BerufsN für den Schmied: Farrèr, Fratschöl, Fravi. 6 Tokens. Datenschichten: vor 1800 u. Herkunft (alle Typen) Kreise 15-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 50-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 457: Daten zur sechsten Karte {438} Detailangaben zur Namenauswahl: Die deutschsprachigen FamN gehen alle auf mhd. smit ‘Schmied, Metallarbeiter’ zurück. Gemeingermanisch handelt es sich bei Schmied um «eine Sammelbezeichnung für Handwerker, die mit scharfem Werkzeug harte Materialien bearbeiten, wie Metall, aber auch Holz. Später erfolgt die Bedeutungsspezifizierung zum ‘Eisenschmied’» (DFD 2025: s. v. Schmidt). In den drei romanischsprachigen Gebieten der Schweiz - wie auch in der Romania allgemein - konkurrieren verschiedene etymologische Typen, die den Beruf des Schmieds bezeichnen (FEW 3 1928 ff.: 342). Die hier kartierten FamN ref lektieren drei Haupttypen: 1. FamN aus lat. faber ‘Handwerker, Schmied’: frz. Favre und Faivre (GPSR VII 1924 ff.: 209) 2. FamN aus Ableitungen zu lat. ferrum ‘Eisen’: ital. Ferrari sowie rätorom. Farrèr und Fratschöl (DRG 6 1939 ff.: 135; Caffarelli/ Marcato 2008: 754) Karte 438: BerufsN zum Beruf des Schmieds panschweizerisch, vor 1800 9 Für weitere BerufsN für den Schmied wie Schmidlin, Hufschmid oder Kaltschmied beachte man, wie bereits erwähnt, den Artikel II-2.18 «Komposita: Formvarianten im Kontrast» (fünfte Karte). Deutschschweizer WohnstättenN zur Schmiede wie Inderschmitten, Schmitter oder Zurschmiede werden im Artikel III- 3.8 «Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen» behandelt. 926 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="927"?> 3. FamN aus Ableitungen zu lat. fabrica ‘Werkstatt, Schmiede’: rätorom. Fravi Kommentar: Die sechste Karte zeigt, dass sich die geographische Verbreitung der vier Namengruppen grösstenteils mit den Landessprachregionen der Schweiz deckt (vgl. Karte 283 in der III-A «Kurzeinleitung zu Band III»). Auffällig ist die Präsenz des deutschen Namentyps Schmied auch in den rätoromanischen Sprachregionen, z. B. in der Surselva (GR). Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Schmid (29'436 Tokens), Favre (5'286 Tokens) und Schmidt (3'523 Tokens). Klammert man die bereits historisch sehr frequenten und weit verbreiteten Namen der sechsten Karte aus, 10 erreichen Kessler (3'326 Tokens), Isler (2'332 Tokens) und Stäheli (1'676 Tokens) die höchsten Frequenzen. Vergleich mit benachbartem Ausland: Die BerufsN zum metallverarbeitenden Gewerbe werden im DFA 5 (2016: 220-267) auf den Karten 81-99 dargestellt. Dabei wird eine Unterteilung in Grobschmiede (DFA 5 2016: 220-237) einerseits und Klein-, Blechsowie Waffenschmiede (DFA 5 2016: 238-267) andererseits vorgenommen. Auch in Nübling/ Kunze (2023: 390-395) werden die BerufsN für den Schmied kartiert. Kunze (2004: 116-119) behandelt FamN zum metallverarbeitenden Gewerbe ebenfalls und unterteilt sie in die Berufe Schmied, Klempner, Schlosser und Waffenhersteller. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2023): STATPOP 2022. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Kanton und nach Sprachregion für das Jahr 2022. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 26925057 (letzter Zugriff 17.04.2025). Caffarelli, Enzo/ Marcato, Carla (2008): I cognomi d’Italia: dizionario storico ed etimologico. 2 Bde. (La nostra lingua). Torino: UTET. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. DFD = Heuser, Rita (2025): Stahl. Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). http: / / www.namenforschung.net/ id/ name/ 183/ 1 (letzter Zugriff 24.09.2025). DFD = Kunz, Nikola (2025): Schmidt. Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). http: / / www.namenforschung.net/ id/ name/ 2/ 1 (letzter Zugriff 24.09.2025). DRG = Dicziunari Rumantsch Grischun (1939 ff.): Bd. 1 ff. Chur: Bischofberger, dann Winterthur: Stamparia, dann Chur: Societad Retorumantscha. e-HLS = Degen, Bernard (2009): Metallindustrie. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 013986/ 2009-11-05/ (letzter Zugriff 17.04.2025). e-HLS = Dubler, Anne-Marie (2009): Metallverarbeitende Handwerke. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 013980/ 2009-11-05/ (letzter Zugriff 17.04.2025). e-HLS = Dubler, Anne-Marie (2018): Handwerk. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 013954/ 2018-01-25/ (letzter Zugriff 17.04.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 17.04.2025). FEW = Französisches Etymologisches Wörterbuch. Eine Darstellung des galloromanischen Sprachschatzes (1928 ff.): Bd. 1 ff. Basel et al.: Zbinden et al. GPSR = Glossaire des patois de la Suisse romande (1924 ff.): Bd. 1 ff. Neuchâtel, Paris: Attinger, dann Genève: Librairie Droz. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2014): Spätmittelalterliche Regensburger Übernamen. Wortschatz und Namengebung (Germanistische Bibliothek 53). Heidelberg: Winter. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. Selma Vonlanthen, Martina Heer 10 Vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 4.5 Berufs(über)namen zur Metallverarbeitung 927 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="928"?> 4.6 Berufs(über)namen zum Textil-, Leder- und Pelzhandwerk Schlagwörter: Gerberei, Kleidung, Näharbeit, Schuhmacherhandwerk, Stoffverarbeitung Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel gilt Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 18.09.2024; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») einen Bezug zu den Bereichen des Textil-, Leder- und Pelzhandwerks aufweisen. Es werden zum einen Namen kartiert, die aus der Produktion von Leder und Pelz (z. B. Gerber, Ledergerber) sowie von Textilien (z. B. Walker) hervorgegangen sind, zum anderen solche Namen, die sich auf Handwerke beziehen, die aus Leder, Pelz oder Textilien Gebrauchsgegenstände herstellen wie Sauter und Kürsener (Leder- und Pelzverarbeitung) oder Hutmacher und Spinner (Textilverarbeitung). Ausserdem wird die Verbreitung von FamN zu verschiedenen Kleidungsstücken (z. B. Mantel, Hösli) aufgezeigt, die sich jeweils als indirekte Berufsbezeichnungen (auch BerufsüberN genannt) auf die Hersteller der Kleidung beziehen können. Anzumerken ist, dass in diesen Fällen die Benennungsmotive der BerufsüberN und der ÜberN miteinander konkurrieren, was eine eindeutige Zuordnung erschwert resp. unmöglich macht. So kann es sich bspw. bei dem FamN Buntschu um einen BerufsüberN für den Hersteller von solchen Schuhen handeln oder aber um einen ÜberN für den Träger von Schuhen mit Riemen zum Umschnüren (Kohlheim/ Kohlheim 2014: 151). Die erste Karte fasst alle Berufs- und BerufsüberN zusammen, die zum semantischen Feld des Textilhandwerks zählen. Die zweite Karte behandelt eine Teilmenge der Namen der ersten Karte und gruppiert sie nach den unterschiedlichen Arbeitsschritten (Stoffaufbereitung, Spinnen, Garn- und Wollverarbeitung, Textilveredlung, Näharbeiten) der Stoffherstellung bzw. -weiterverarbeitung. Die dritte Karte widmet sich den BerufsN, die zum semantischen Feld des Leder- und Pelzhandwerks zählen. Diese FamN werden in der vierten Karte nach den handwerklichen Tätigkeiten der Herstellung von Leder und nach der weiteren Verarbeitung von Leder und Pelz unterschieden und kontrastiv dargestellt. FamN wie Sauter, Schuhmacher, Schuster oder Albisser, die zum Schuhmacherhandwerk zählen, sind von der vierten Karte ausgeschlossen und werden auf der nachfolgenden fünften Karte separat aufgeführt. Die abschliessende sechste Karte zeigt die Verbreitung aller BerufsüberN, die aus den Kleidungsstücken Kapuze, Oberbekleidung, Hose und Schuhwerk hervorgegangen sind und sich auf deren Hersteller beziehen. Erste Karte {439}: Berufs(über)namen zum Textilhandwerk Namenauswahl: Die erste Karte zeigt alle Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 1 die zum semantischen Feld des Textilhandwerks gehören. Dazu zählen FamN aus den Tätigkeitsfeldern zur Herstellung von Stoffen (z. B. Leinwand) aus den jeweiligen Rohmaterialien (Flachs, Hanf, Leinen, Wolle) sowie solche, die aus den handwerklichen Tätigkeiten der Verarbeitung zu Gebrauchsgegenständen wie Bekleidung oder Seil hervorgegangen sind. Abgefragte Namen Berufs(über)N zum Textilhandwerk, vor 1800: Bendel, Bläuer, Bleuel, Bleuer, Bleuler, Büsser, Derrer, Dünki, Färber, Gernler, Gugler, Hosner, Hueter, Huter, Hutmacher, Hutmann, Hutter, Hutterli, Kugler, Liner, Linner, Loder, Näher, Najer, Nater, Natterer, Neier, Neiger, Netzer, Neyer, Neyerlin, Notter, Perler, Pleuer, Plüer, Sailer, Sartory, Schneider, Schnider, Schniderlin, Schnidrig, Schnyder, Schnyder von Wartensee, Schnydrig, Seiler, Snider, Snidro, Spinner, Spuhler, Spühler, Spuler, Strähler, Strehler, Studler, Wäber, Waeber, Wäffler, Wäfler, Walcher, Walker, Walkmeister, Wamister, Weber, Wepfer, Wollschlegel, Wullschleger. 66 Types, 578 Tokens. Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 5-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 458: Daten zur ersten Karte {439} Detailangaben zur Namenauswahl: 2 Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Bläuer, Bleuel, Bleuer, Bleuler, Pleuer, Plüer: zu mhd. bliuwe(l)n ‘schlagen, stampfen’, schwzdt. blüüw(e)(l)e(n) ‘mit einem schweren Holzschlegel bearbeiten, insbesondere Garn vor dem Weben weichklopfen, Hanf mit einem Schlegel in der Reibemühle weichquetschen’ für den Inhaber einer Stampfmühle oder den Wollwäscher • Derrer: zu mhd. derren ‘dörren, austrocknen (lassen)’ wohl für den Flachs- oder Hanfröster 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 928 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="929"?> • Gernler: zu mhd. garn ‘Garn, Faden’ für den Netzstricker oder -f lechter • Hutterli: Diminutivform zu mhd. huotære ‘Hutmacher’ • Liner, Linner: zu mhd. līn ‘Lein, Flachs’ für den Leinenweber oder den Leinenhändler nach dessen charakteristischem Arbeitsmaterial • Loder: zu mhd. lodære, loder ‘Wollenweber, der Loden (grobes, ungefärbtes Tuch) herstellt’ • Nater, Natterer, Notter: zu mhd. nātære, nāter ‘Schneider’ für den (Flick-)Schneider, aber auch den Kürschner, der Näharbeiten durchführt • Studler: abgeleitet von mhd. stu(o)del ‘Unterlage, Pfosten, Säule’, etwas jünger auch ‘Webstuhl’ für den Weber • Wäffler, Wäfler: zu mhd. wëvel, wëfel ‘der Einschlag beim Gewebe’ bzw. jünger ‘Querfaden im Gewebe bzw. das entsprechende Material (Garn, Wolle)’ für den Weber bzw. einen Spezialisten im Webergewerbe • Walcher, Walker: zu mhd. walker ‘Walker’ für einen Angehörigen des Gewerbes, bei dem Wolle und andere Gewebe im lauwarmen Seifenwasser zwecks Verfilzung gestampft und gerieben wurden Formal sind die meisten FamN des Samples Nomina agentis auf -er. 3 Weitere Bildungsmuster sind u. a. Diminutiva (Hutterli, Neyerlin), Ableitung auf -mann (Hutmann) bzw. -ig(er) (Schnidrig) oder Nomina instrumenti auf -el (Wollschlegel ). 4 Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass sich die Berufs- und BerufsüberN zum Textilhandwerk über weite Gebiete der Deutschschweiz erstrecken; mit einer grossen Belegdichte (mehr als 50 Tokens) in den Kantonen Bern, Aargau, Zürich und St. Gallen. Diese lässt sich u. a. auf die Ballungsgebiete der frequenten FamN Schneider (v. a. BE und ZH) und Weber (v. a. AG, BE, SG, ZH) zurückführen. Einschränkend sei angemerkt, dass das Mittelland durch seine Besiedlungsstruktur grundsätzlich eine höhere Frequenz erreicht als (vor-)alpine Regionen. Schwerpunkte erscheinen zudem im Wallis (Bezirk Raron) sowie im Mittelland am Unterlauf der Aare ab dem Bielersee (Berner Verwaltungskreise Bern-Mittelland, Seeland, Oberaargau), in einem Streifen vom Sarganserland bis zur Stadt Zürich (v. a. Bezirke/ Wahlkreise Sarganserland, See-Gaster, Toggenburg, Bezirk Hinwil, Bezirk Uster) sowie in den Kantonen Thurgau, Schaffhausen und in beiden Basel (BS, BL). Einzig das Kantonsgebiet Nidwaldens bildet eine Ausnahme ohne Beleg. Die Karte zeigt, dass grundsätzlich kein Stadt-Land-Gegensatz gegeben ist und sich die Verbreitung der Namen in städtischen und ländlichen Regionen gleichmässig verteilt. Karte 439: Berufs(über)N zur Textilherstellung und -verarbeitung, vor 1800 3 Vgl. Artikel II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen». 4 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.7 «Familiennamen auf -mann» und II-2.4 «Familiennamen auf -ig / -ing». 4.6 Berufs(über)namen zum Textil-, Leder- und Pelzhandwerk 929 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="930"?> Zweite Karte {440}: Berufs(über)namen zu Verarbeitungsschritten der Stoffherstellung und -weiterverarbeitung Namenauswahl: Die zweite Karte widmet sich im Bereich des Textilhandwerks den Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die den vier Verarbeitungsschritten der Stoffherstellung sowie der Weiterverarbeitung durch Näharbeit zugeordnet werden können: 1. Stoffaufbereitung, 2. Spinnen, 3. Garn- und Wollverarbeitung durch Weben oder Flechten und 4. Textilveredlung sowie Näharbeiten. FamN, die sich nicht nach diesen Verarbeitungsschritten einteilen lassen, wie Bendel, Hutmacher oder Seiler, werden von der Kartierung ausgeschlossen. Weber (Garn- und Wollverarbeitung) und Schneider (Näharbeiten) wurden aufgrund ihres hochfrequenten Vorkommens (Weber mit 176 Tokens, Schneider mit 128 Tokens) 5 mehrheitlich in den Kantonen Bern, Basel-Landschaft, St. Gallen und Zürich bei der Kartierung nicht berücksichtigt. Abgefragte Namen Berufs(über)N zur Stoffaufbereitung: Bläuer, Bleuel, Bleuer, Bleuler, Derrer, Pleuer, Plüer, Strähler, Strehler, Walcher, Walker, Walkmeister, Wollschlegel, Wullschleger. 14 Types, 67 Tokens. Berufs(über)N zum Spinnen: Spinner. 4 Tokens. Berufs(über)N zur Garn- und Wollverarbeitung: Loder, Spuhler, Spühler, Spuler, Studler, Wäber, Waeber, Wäffler, Wäfler, Wepfer. 10 Types, 24 Tokens. Berufs(über)N zur Textilveredlung: Dünki, Färber. 8 Tokens. Berufs(über)N zu Näharbeiten: Büsser, Näher, Najer, Nater, Natterer, Neier, Neiger, Neyer, Neyerlin, Notter, Sartory, Schnider, Schniderlin, Schnidrig, Schnyder, Schnyder von Wartensee, Schnydrig, Snider, Snidro. 19 Types, 95 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 15-40, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 459: Daten zur zweiten Karte {440} Karte 440: Berufs(über)N zur Stoffherstellung und -weiterverarbeitung, vor 1800 5 Vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 930 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="931"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Die Berufs- und BerufsüberN des Textilhandwerks lassen sich nach den vier Verarbeitungsschritten gemäss e-HLS (2014: s. v. Textilindustrie) in vier verschiedene Namengruppen unterteilen. Ergänzt werden sie mit der Weiterverarbeitung des Stoffs durch das Nähhandwerk als fünfte Kategorie: 1. Die Stoffaufbereitung durch Waschen und Kämmen der Wolle oder der Rohfasern: z. B. Derrer (s. erste Karte), Strähler (zu mhd. strǣlen ‘kämmen, glatt streichen’ für den Kammmacher oder den Wollkämmer/ Wollkrempler, also für einen Angehörigen des Berufszweigs, der mit der Weiterverarbeitung gewaschener Wolle betraut war), Walker (s. erste Karte) oder Wullschleger (zu mhd. wollensleger, wörtlich ‘Wollschläger’ für eine Person, die Wolle durch Schlagen bearbeitet) 2. Die Verarbeitung durch das Spinnen: Spinner für eine Person, die mit dem Spinnen von Garn betraut war 3. Die Garn- und Wollverarbeitung durch Weben oder Flechten: z. B. Spuhler (zu spätmhd. spuoler, schwzdt. Spueler ‘wer gewerbsmässig für die Weberei spult’), Wäffler (s. erste Karte) oder Wepfer (zu schwzdt. Wëpfer ‘wer berufsmässig Gewebe herstellt’) 4. Die Veredlung der Textilien durch Bleichen und Färben: Färber für den Angehörigen des sich besonders ab dem 13. Jh. stark ausbreitenden Handwerks der Stofffärberei; 6 auch Dünki als Nomen agentis zu mhd. dunken ‘tauchen, tunken’, schwzdt. auch ‘färben’ gehört der vorliegenden Kategorie an. Das i-Suffix hat oft negativen Charakter und könnte hier jemanden benennen, der das Färberhandwerk nicht besonders gut beherrschte. 5. Weiterverarbeitung der Stoffe durch das Nähhandwerk: z. B. Näher, Najer, Neier, Neiger, Neyer (zu mhd. næjer ‘Näher’), Nater, Natterer, Notter (s. erste Karte), Schnider (zu mhd. snīdære ‘Schneider, Kleidermacher’ für den Hersteller von Textilien, wobei unterschiedliche Spezialisierungen seit ältester Zeit auszumachen sind) oder Sartory (zu lat. sartor ‘Flicker, Flickschneider’) Kommentar: Die fünf Namengruppen nach den verschiedenen Verarbeitungsschritten weisen in der zweiten Karte unterschiedliche Verbreitungsräume auf: Berufs(über)N, die auf die Stoffaufbereitung (erste Gruppe) zurückgehen, sind über die ganze Deutschschweiz verteilt. Sie konzentrieren sich in den Gebieten der Kantone Zürich, Aargau, Solothurn, Uri und Wallis. Besonders häufig tritt dabei der FamN Walker auf. Auch die BerufsN, die auf den Handwerken der Näharbeiten (fünfte Gruppe) basieren, zeigen ein weitläufiges Vorkommen. Sie erscheinen in der Nordwestschweiz (AG, SO), in der Nordostschweiz (SG), in der Innerschweiz (LU) sowie im Wallis. Insbesondere die frequenten Namen Schnider und Schnyder (zusammen 53 Ortspunkte) weisen dabei Ballungsgebiete auf. BerufsN der Garn- und Wollverarbeitung (dritte Gruppe) sind mit dem hochfrequenten, hier nicht abgebildeten FamN Weber im Mittelland verbreitet. 7 Die Varianten Waeber und Wäber wie auch die FamN Wäffler und Wäfler konzentrieren sich hingegen im westlichen Gebiet (BE, FR) und in nördlichen Teilen der Deutschschweiz (AG, ZH). Die niederfrequenten Namen Spinner (zweite Gruppe) und Färber (vierte Gruppe) treten nur vereinzelt auf. Der Name Spinner konzentriert sich dabei ausschliesslich in den beiden Zürcher Bezirken Affoltern und Horgen; Färber erscheint in den Gemeinden Thal (SG) und Tamins (GR). 6 Neue Methoden und Möglichkeiten der Stofffärbung erreichten im Hoch- und Spätmittelalter v. a. aus Flandern und Italien den deutschsprachigen Raum und veränderten die Textilverarbeitung nachhaltig. 7 Vgl. Artikel I-1.1 «Schreibvariation e / ä für germ. ë» (vierte Karte). 4.6 Berufs(über)namen zum Textil-, Leder- und Pelzhandwerk 931 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="932"?> Dritte Karte {441}: Berufsnamen zum Leder- und Pelzhandwerk Namenauswahl: Die dritte Karte illustriert ausschliesslich BerufsN aus der Schicht «vor 1800», die zum semantischen Feld des Lederbzw. des Pelzhandwerks gehören. Dazu zählen FamN, die aus den Tätigkeitsbereichen der Lederherstellung (z. B. Gerber) sowie der weiteren Verarbeitung von Leder und Pelz zu Gebrauchsgegenständen hervorgegangen sind (z. B. Beutler, Kürsener, Sattler). Abgefragte Namen BerufsN zum Leder- und Pelzhandwerk, vor 1800: Albietz, Albisser, Beutler, Däscher, Fählimann, Fehlmann, Fellmann, Gerber, Gerwer, Gürtler, Kürsener, Lädermann, Laederer, Laedermann, Lederer, Ledergerber, Ledermann, Sattler, Sauter, Sautter, Scheuzger, Schuhmacher, Schumacher, Schuster, Suter, Sutermeister, Sutter, Sutterlet, Sütterlin, Täscher, Täschler, von Schumacher, Zoutter, Zuter, Zutter. 35 Types, 335 Tokens. Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 5-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 460: Daten zur dritten Karte {441} Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Albietz, Albisser: zu mhd. altbüezer ‘Schuhf licker’ • Beutler: zu mhd. biutelære, biuteler ‘Beutelmacher’; konkurrierend zu schwzdt. Bǖtler ‘Beutler, Müller’ (vgl. Artikel III-4.2 «Berufs(über)namen zum Bäckereigewerbe») • Däscher, Täscher, Täschler: zu mhd. tasch(e)ner, spätmhd. teschler, täschner ‘Taschenmacher, Taschenhersteller’ • Fählimann, Fehlmann, Fellmann: zu mhd. vel ‘Fell von Tieren’ für den Pelzhändler • Gerber, Gerwer, Ledergerber: zu mhd. gerwer ‘Gerber, Handwerker, der aus rohen Tierhäuten Leder herstellt’ • Gürtler: zu mhd. gürtelære ‘Gürtler’ für den Hersteller von Gurten und Gürteln • Kürsener: zu mhd. kürsenære, schwzdt. Kürsener, Kürsiner für den Kürschner bzw. Pelznäher • Lädermann, Laedermann, Ledermann: zu Leder für den Gerber und Lederhändler • Laederer, Lederer: zu mhd. lëderer ‘Gerber’ • Sattler: zu mhd. sat(e)ler, schwzdt. Sattler ‘Sattler’ • Sauter, Sautter, Suter, Sutter, Sutterlet, Sütterlin, Zoutter, Zuter, Zutter: zu mhd. sūter ‘Näher, Schneider, Schuster’, Lehnwort zu lat. sūtor ‘Flickschuster’ Karte 441: BerufsN zur Lederherstellung bzw. -verarbeitung und zur Pelzverarbeitung, vor 1800 932 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="933"?> • Scheuzger, Schuster: vereinfacht aus mhd. schuohsūtære, schuohsūter ‘Schuhnäher, Schuster’ • Schuhmacher, Schumacher, von Schumacher: zu mhd. schuochmacher ‘Schuhmacher, Schuster’ Kommentar: Die ausgewählten FamN der dritten Karte ballen sich hauptsächlich in den bernischen Verwaltungskreisen Emmental (22 Tokens) und Bern-Mittelland (16 Tokens) sowie in den angrenzenden Kantonen Aargau (v. a. Bezirke Zofingen und Lenzburg) und Luzern (v. a. Wahlkreise Entlebuch, Hochdorf, Sursee und Willisau). Weitere Clusterbildungen zeigen sich im Raum Zürich und im nördlichen Gebiet des Kantons Basel-Landschaft (Bezirk Sissach). In der Ostschweiz treten die BerufsN mehrheitlich im Kanton St. Gallen (v. a. Wahlkreise Sarganserland, St. Gallen und Toggenburg) sowie im Kanton Graubünden auf. Im Gegensatz zum Textilhandwerk finden sich kaum BerufsN zum Lederhandwerk im Oberwallis. Vierte Karte {442}: Berufsnamen zu Verarbeitungsschritten des Leder- und Pelzhandwerks Namenauswahl: Die vierte Karte dokumentiert vergleichend diejenigen BerufsN aus der Schicht «vor 1800», die sich entweder dem Bereich der Herstellung (z. B. Ledergerber) oder jenem der Weiterverarbeitung und dem Handel (z. B. Fellmann, Täscher) von Leder und Pelz zuordnen lassen. BerufsN zur Herstellung von Schuhen, die ebenfalls dieser zweiten Kategorie zugeordnet werden können, sind auf der nachfolgenden fünften Karte zum Schuhmacherhandwerk separat dokumentiert. Abgefragte Namen BerufsN zur Herstellung: Gerber, Gerwer, Lädermann, Laederer, Laedermann, Lederer, Ledergerber, Ledermann. 8 Types, 51 Tokens. BerufsN zur Verarbeitung: Beutler, Däscher, Fählimann, Fehlmann, Fellmann, Gürtler, Kürsener, Sattler, Täscher, Täschler. 10 Types, 53 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 5-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 461: Daten zur vierten Karte {442} Karte 442: BerufsN zur Herstellung und Weiterverarbeitung von Leder und Pelz, vor 1800 4.6 Berufs(über)namen zum Textil-, Leder- und Pelzhandwerk 933 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="934"?> Detailangaben zur Namenauswahl: In der Schweiz lassen sich die Gerbertätigkeiten gemäss der mittelalterlichen Lederherstellung nach den unterschiedlichen Verfahren in die Rot- oder Lohgerber, die Weissgerber und die Sämischgerber unterteilen. Rot- oder Lohgerber stellen Leder aus Tierhäuten von Grossvieh mit Lohe, einem Gemisch aus gemahlener Eichen- oder Fichtenrinde, her. Dieses Leder wird bspw. für Sättel oder Schuhe verwendet. Weissgerber hingegen fertigen hauptsächlich Leder für Bekleidung durch Salzgerbung mit Alaun aus den Fellen von Kälbern, Schafen und Ziegen. Eine dritte Gerberkategorie bilden die Sämischgerber, die mittels Fett bzw. Tran wasserdichtes Leder aus Schaf- und Ziegenfellen produzieren (e-HLS 2012: s. v. Gerberei). Die Gerbereien waren an Flüssen oder Bächen - meist ausserhalb der Dörfer und Städte - angesiedelt, da die Gerber für die Lederherstellung auf f liessendes Wasser angewiesen waren. Trotz dieser Randlage und dem Gestank, der mit der Lederherstellung einherging, waren die Gerber in den spätmittelalterlichen Städten angesehene Personen, die sich in Zünften organisierten und ihren Wohlstand dem Handel mit Häuten, Leder und Pelzen verdankten (e-HLS 2012: s. v. Gerberei). FamN wie Gerber, Gerwer, Lederer oder Ledergerber gehen allgemein auf das Handwerk der Gerber zurück. Im Deutschschweizer Familiennamenbestand sind jedoch keine Namen enthalten, die sich auf eines der drei spezialisierten Verfahren der Lederherstellung beziehen. BerufsN wie Beutler, Kürsener oder Sattler verweisen auf die weitere Verarbeitung von Leder und Pelz sowie auf den Handel der Materialien und Produkte (e-HLS 2012: s. v. Gerberei). Dazu zählen auch Namen wie Fählimann, Fehlmann und Fellmann. Kommentar: Die BerufsN der vierten Karte weisen ein klares Verbreitungsbild nach Herstellung und nach Verarbeitung von Leder und Pelz auf: Namen, die sich auf die Herstellung beziehen, konzentrieren sich mehrheitlich im bernischen Kantonsgebiet. Dabei treten sowohl die FamN Gerber und Gerwer als auch die FamN Lädermann, Laedermann und Ledermann in den Verwaltungskreisen Emmental und Oberaargau auf. Weil die zugrunde liegenden Etyma als synonym aufgefasst werden können, lässt das gemeinsame Verbreitungsgebiet eine konkurrierende Verwendung der Namen in dieser Region vermuten. Vereinzelt erscheinen die BerufsN zur Herstellung auch im angrenzenden Kanton Solothurn (Gerber), in der Waadt (Laedermann, Lädermann, Ledermann) sowie in den östlich gelegenen Kantonen Graubünden (Gerber) und St. Gallen (Ledergerber). Namen, die sich auf die weitere Verarbeitung beziehen, bilden hauptsächlich Ballungen in den Kantonen Aargau und Luzern, wobei es sich um Cluster der FamN Fehlmann (AG) und Fellmann (LU) handelt. Weitere Namen zur Lederverarbeitung finden sich mit Beutler im Kanton Zürich oder mit Däscher bzw. Täscher in Graubünden. 934 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="935"?> Fünfte Karte {443}: Berufsnamen zum Schuhmacherhandwerk Namenauswahl: Die fünfte Karte widmet sich dem Schuhmacherhandwerk und zeigt alle FamN aus der Schicht «vor 1800», die zu dieser Berufskategorie zählen. Die Namen wurden nach den zugrunde liegenden Lexemen gruppiert und kartiert. Abgefragte Namen Typ Altbüezer: Albietz, Albisser. 8 Tokens. Typ Suter: Sauter, Sautter, Suter, Sutermeister, Sutter, Sutterlet, Sütterlin, Zoutter, Zuter, Zutter. 10 Types, 166 Tokens. Typ Schuhmacher: Schuhmacher, Schumacher, von Schumacher. 54 Tokens. Typ Schuster: Scheuzger, Schuster. 3 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 15-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 462: Daten zur fünften Karte {443} Detailangaben zur Namenauswahl: In der Schicht «vor 1800» sind insgesamt 17 FamN enthalten, die dem Schuhmacherhandwerk zugeordnet werden können. Sie lassen sich nach dem zugrunde liegenden Lexem in vier verschiedene Typen unterteilen: Typ Altbüezer, Typ Suter, Typ Schuhmacher und Typ Schuster (für Etymologien s. die Angaben bei der dritten Karte). Der BerufsN Sauter und seine Varianten (z. B. Suter, Sutermeister, Sütterlin) sind mit 10 Types der frequenteste Typ. Alle anderen weisen jeweils zwischen 2 oder 3 Types auf. Kommentar: Im Gegensatz zum Raumbild der vierten Karte zeigt die vorliegende fünfte Karte eine Verbreitung der ausgewählten FamN über die ganze Deutschschweiz, wo die unterschiedlichen Typen jeweils Ballungsräume bilden. Auffallend ist jedoch, dass sich diese nicht - wie es für ein Handwerk zu erwarten wäre - in den Städten befinden. Der frequente Typ Suter mit dem häufigen FamN Suter erscheint mehrheitlich - von Westen nach Osten - in den Kantonen Basel-Landschaft, Aargau, Zürich und St. Gallen. Die FamN mit Artikelproklise Zuter und Zutter (← d Sutter) sind im Kanton Bern dokumentiert; Zoutter mit graphematisch-phonologischer Romanisierung ist im französischsprachigen Teil des Wallis belegt. 8 BerufsN des Typs Schuhmacher treten v. a. in Gebieten der Kantone Bern, Luzern und St. Gallen auf. Der FamN Albisser ist nur im Kanton Luzern belegt, Albietz ist in Saint-Ursanne ( JU) alteingesessen. Die BerufsN Schuster und Scheuzger erscheinen punktuell in den Kantonen Aargau, Bern und Solothurn. Karte 443: BerufsN zum Schuhmacherhandwerk, vor 1800 8 Vgl. Artikel II-3.1 «Artikelproklise». 4.6 Berufs(über)namen zum Textil-, Leder- und Pelzhandwerk 935 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="936"?> Sechste Karte {444}: Berufsübernamen zu Kleidung Namenauswahl: Die sechste Karte zeigt BerufsüberN wie Stücheli, Mantel, Hösli oder Buntschu, die aus den vier verschiedenen Kleidungstypen Kapuze, Oberkleid, Hose und Schuhwerk hervorgegangen sind und sich indirekt auf die Berufe des Schneiders, Kürschners oder Schuhmachers beziehen. Abgefragte Namen BerufsüberN zur Kapuze: Stücheli. 1 Token. BerufsüberN zum Oberkleid: Juple, Kittel, Küttel, Mantel, Menteli, Schabrun, Schäpper, Schäppi, Schoop, Schopp, Tschopp, Zegg. 12 Types, 37 Tokens. BerufsüberN zum Beinkleid: Hoessly, Hösli, Hosmann, Hössli, Hossmann. 17 Tokens. BerufsüberN zum Schuh: Buntschu, Guldenschuh, Schieli, Schüeli, Stiefel. 17 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 10-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 10-70, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 463: Daten zur sechsten Karte {444} Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Buntschu: zu mhd. buntschuoch ‘Schuh mit Riemen zum Umschnüren der Beine’ • Schabrun, Schäpper, Schäppi: zu mhd. schap(p)(e)rūn (entlehnt aus frz. chaperon), schwzdt. Schapper, Schäpper ‘(kurzer) Mantel mit Kapuze (besonders als geistliche Tracht bei Mönchen und Nonnen)’ • Schoop, Schopp, Tschopp: zu mhd. schōpe, schwzdt. Schōp, Schōpe(n), Tschōp, Tschōpe(n), einem Wort für allerlei unterschiedliche Oberbekleidungsstücke, insbesondere für die Jacke, das Jackett, für Trachtbestandteile usw.; konkurrierend Schoop und Schopp zu mhd. schoup ‘Strohbündel, Strohwisch’ • Stücheli: zu schwzdt. Stūche(n) ‘Teil der (weiblichen) Kleidung (besonders der Tracht), Muff, Kopftuch, auch Cingulum der Geistlichen’ • Zegg: zu mhd. schëcke ‘eng anliegender, gesteppter Leibrock’ Kommentar: Die sechste Karte zeigt unterschiedliche Verbreitungsgebiete der BerufsüberN zu den verschiedenen Kleidungstypen: Der FamN Stücheli, der auf die Kapuzenbekleidung verweist, erscheint einmalig in Griesenberg (TG). BerufsüberN zu verschiedenen Oberbekleidungen sind hauptsächlich in der Innerschweiz (Küttel, Tschopp Karte 444: BerufsüberN zu Kleidung, vor 1800 936 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="937"?> in LU), in der Nordwestschweiz (Tschopp in BL, Menteli in SO) und in der Nordostschweiz (Schäppi in ZH, Juple in SG) verbreitet. FamN aus Hosenbekleidung konzentrieren sich hingegen in den drei Kantonen Bern, Glarus und Graubünden. Der FamN Stiefel erscheint gehäuft im Nordosten (ZH). Die übrigen BerufsüberN zum Schuhwerk treten verstreut über die Deutschschweiz auf. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Weber (18'880 Tokens), Schneider (17'138 Tokens) und Gerber (14'517 Tokens). Sie gehören allesamt zu den zehn häufigsten FamN der Schweiz; vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Vergleich mit benachbartem Ausland: BerufsN, die zum semantischen Feld des Textil-, Leder- und Pelzgewerbes zählen, zeigen sich im Familiennamengut von Deutschland in grosser Vielfalt. Der DFA 5 (2016: 354-483) bietet insgesamt 51 Karten (Karten 137-187) zu diesen drei Gewerbezweigen und zu den jeweiligen Handwerken wie «Gerber» (DFA 5 2016: 354-369), «Schuhmacher» (DFA 5 2016: 370-401), «Sattler, Beutler, Gürtler, Riemer» (DFA 5 2016: 402-421), «Weber, Färber, Seiler, Schnurmacher» (DFA 5 2016: 422-445) oder «Schneider, Seidensticker, Schröder» (DFA 5 2016: 446-483). Ebenso vielfältig sind die BerufsüberN im DFA 5 (2016: 363-482) kartiert, die sich indirekt auf das Handwerk der Gerber (Karte 141), der Schuhmacher (Karten 152, 153, 155), der Schneider und der Kürschner (Karten 176, 178, 179, 181-187) beziehen. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Dubler, Anne-Marie (2012): Gerberei. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 013972/ 2012-04-12/ (letzter Zugriff 18.09.2024). e-HLS = Dubler, Anne-Marie (2014): Textilindustrie. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 013957/ 2014-10-07/ (letzter Zugriff 18.09.2024). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 18.09.2024). Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2014): Spätmittelalterliche Regensburger Übernamen. Wortschatz und Namengebung (Germanistische Bibliothek 53). Heidelberg: Winter. Martina Heer 4.6 Berufs(über)namen zum Textil-, Leder- und Pelzhandwerk 937 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="938"?> 4.7 Berufs(über)namen zur Holzverarbeitung Schlagwörter: Drechsler, Holzgefäss, Küfer, Möbelherstellung, Schnitzer, Zimmermann Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel widmet sich Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 13.06.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») auf den Bereich der Holzverarbeitung referieren. Holz gilt in unserem Kulturkreis seit jeher als wichtiges Baumaterial für Wohn- oder Gewerbegebäude und als grundlegender Rohstoff für die Herstellung diverser Gegenstände für den Alltag wie Arbeitsgeräte, Werkzeuge oder Möbel. Die Holzverarbeitung in all ihrer Vielfalt stellte im Mittelalter einen wesentlichen Tätigkeitsbereich innerhalb des gewerblichen Handwerks dar: Trink-, Trag-, Lager- und Transportgefässe, Ausrüstungen von Mühlen, Boote, Fuhrwerke und Kutschen wurden aus Holz gefertigt. Ab dem Mittelalter spezialisierten sich Handwerker wie Kübler, Küfer, Wagner und Dreher auf deren Herstellung (e-HLS 2008: s. v. Holzwirtschaft). Einige Handwerksbzw. Berufsbezeichnungen aus diesem Bereich haben sich im Schweizer Familiennamengut verfestigt. Im folgenden Kartenkomplex werden konkret Berufs- und BerufsüberN aus fünf verschiedenen Bereichen der Holzverarbeitung behandelt: Die erste Karte bildet alle FamN ab, die zum Zimmermannshandwerk zählen (Zimmermann, Zimmerli). Die zweite Karte bespricht die Verbreitung der FamN zum Handwerk des Küfers. Dabei werden Berufs- und BerufsüberN wie Binder, Fässli oder Küffer nach verschiedenen Berufsbezeichnungen unterschieden. Die BerufsN aus Bezeichnungen für den Schnitzer (Schnetz, Schnetzler) werden auf der dritten Karte dokumentiert. Die vierte Karte gilt den BerufsN zum Drechslerhandwerk (Trachsler, Dreher) und die abschliessende fünfte Karte zeigt die Verbreitung der Berufs- und BerufsüberN zur Herstellung von Möbeln wie Kisten (Kistler), Holzstühlen (Sidler) und Polstersesseln (Sesseli). 938 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="939"?> Erste Karte {445}: Berufs(über)namen zum Beruf des Zimmermanns Namenauswahl: Die erste Karte enthält FamN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 1 die sich als Berufs- und BerufsüberN auf das Zimmermannshandwerk beziehen. Abgefragte Namen Bugmann: Bugmann. 1 Token. Zimmer: Zimmer. 3 Tokens. Zimmerli(n): Zimmerli, Zimmerlin. 16 Tokens. Zimmermann: Zimmermann. 94 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 5-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 464: Daten zur ersten Karte {445} Detailangaben zur Namenauswahl: 2 Das Handwerk des Zimmermanns (mhd. zimberman; lat. carpentarius, lignarius) umfasste bis ins 18. Jh. zahlreiche Arbeiten am Hausbau, wie die Anfertigung des Dachstuhls, das Erstellen des Fachwerks oder allgemein die Vorbereitung und den Einbau von Holzbauteilen (Ebner 2015: 858). Der FamN Zimmermann erscheint in der Schicht «vor 1800» häufig (94 Tokens) 3 und ohne Varianz der Schreibweise. Der BerufsN Bugmann hingegen ist selten; er bezeichnete einen spezialisierten Zimmermann, der Winkelbalken, sogenannte Büge (zu schwzdt. Bueg ‘schräg stehende Stütze, Strebe zwischen zwei Balken’) konstruierte. Die ebenfalls nicht häufig vorkommenden BerufsüberN Zimmer, Zimmerli und Zimmerlin sind zu mhd. zimber, zimmer ‘Bauholz’ zu stellen. Das Namensample umfasst formal Ableitungen auf -mann (Bugmann, Zimmermann), l-Diminutive (Zimmerli, Zimmerlin) und Simplizia (Zimmer). 4 Kommentar: Die erste Karte zeigt eine grosse Verbreitung des BerufsN Zimmermann im gesamten Mittelland und im Wallis mit gehäuften Vorkommen in den Kantonen Bern (24 Tokens), Aargau (17 Tokens), Luzern und St. Gallen (jeweils 11 Tokens). Der Name Bugmann ist hingegen nur in Döttingen (AG) alteingesessen. Die Karte 445: Berufs(über)N zum Beruf des Zimmermanns, vor 1800 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 3 Vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 4 Vgl. die Artikel II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven» und II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 4.7 Berufs(über)namen zur Holzverarbeitung 939 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="940"?> wenigen BerufsüberN treten v. a. in einem Namennest im Kanton Aargau auf, das von den diminuierten Formen Zimmerli und Zimmerlin konstituiert wird. Zimmer ist vor 1800 in Risch (ZG), Genf (GE) und Echichens (VD) bezeugt, wobei letzteres Vorkommen auf Zuwanderung aus Frankreich zurückgeht. Zweite Karte {446}: Berufs(über)namen zum Beruf des Küfers Namenauswahl: Die zweite Karte zeigt FamN aus der Schicht «vor 1800» wie Binder, Fässli oder Schädler, die auf das Handwerk des Küfers (mhd. küefer; lat. cūpārius) Bezug nehmen. Die Berufs- und BerufsüberN werden nach den zugrunde liegenden Lexemen gruppiert und kartiert. Abgefragte Namen Typ Becherer: Becher. 1 Token. Typ Binder: Bender, Bind, Binder, Bindt, Fassbind, Zbinden. 6 Types, 40 Tokens. Typ Böttcher: Betticher. 1 Token. Typ Fässler: Fässler, Fässli, Fassmeier, Fessler. 25 Tokens. Typ Kübler: Kübele, Kübler, Kubli, Kübli, Kupli. 23 Tokens. Typ Küfer: Kiefer, Kieffer, Küffer. 12 Tokens. Typ Lägeler: Lagler, Legler. 7 Tokens. Typ Schädler: Bindschädler, Bindschedler, Schädler, Schedler, Schödler. 16 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 15-90, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 465: Daten zur zweiten Karte {446} Detailangaben zur Namenauswahl: Fässer, Tonnen oder anderweitige Gefässe aus Holz dienten als Behältnis für den Transport und den Austausch von Waren: «Bis über die Schwelle unseres Jahrhunderts waren sie universell einsetzbare ‹container› für feste und f lüssige Waren aller Art» (Reith 1991: 34). Die Vielfalt der Berufsbezeichnungen für den Fassbauer spiegelt die Wichtigkeit dieses Berufszweigs wider. Je nach Sprachlandschaft und Art der Produkte wurden unterschiedliche Bezeichnungen verwendet, die schliesslich als FamN ins (Schweizer) Namengut eingegangen sind (Kunze 2004: 122-123). Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Typ Binder: zu mhd. binder ‘Fassbinder’ bzw. zu mhd. binden ‘binden, umwinden’ • Betticher: entrundete Variante zu spätmhd. botecher, fnhd. bötcher, botticher ‘Büttner, Böttcher, Hersteller von Fässern und Tonnen aus Holz’ Karte 446: Berufs(über)N zum Beruf des Küfers, vor 1800 940 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="941"?> • Typ Kübler: zu mhd. kübelære bzw. zu mhd. kübel für den Hersteller von Fässern oder ähnlichen Gefässen • Typ Küfer: zu mhd. küefer ‘Küfer, Böttcher’ • Typ Lägeler: zu mhd. lāgel, lægel ‘Fässchen’ bzw. zu schwzdt. (älter) Lāgel, Lōgel, Lägele(n), Legele(n) u. ä. ‘(kleines) Weinfass (von landschaftlich unterschiedlicher Form und Grösse)’ für den Hersteller derartiger Gefässe • Typ Schädler: zu mhd. schëdeler ‘Hersteller von Schüsseln’ (vgl. mhd. schëdel ‘ein Trockenmass; Holzbecher’) bzw. zu schwzdt. Schädler ‘Küfer, Schreiner; wer aus Holz Gefässe (besonders Milchgefässe, Tansen usw.) herstellt’ Kommentar: Die Berufs- und BerufsüberN der zweiten Karte erscheinen jeweils konzentriert in unterschiedlichen Gebieten der Deutschschweiz; so Binder und Kübler u. a. im Kanton Zürich, Fassbind und Lagler im Kanton Schwyz, Fässler in den Kantonen Schwyz und Appenzell Ausserrhoden, Schädler hauptsächlich im Kanton St. Gallen oder Kübli, Küffer und Zbinden im Westen der Deutschschweiz (BE, FR). Ein Vergleich zwischen der vorliegenden Namenkarte und der Karte 30 zur Berufsbezeichnung des Küfers im SDS V (1983) aus der Mitte des 20. Jh. zeigt, dass kaum Ähnlichkeiten ausgemacht werden können: Während dialektal der Typ Küfer dominiert und als Synonyme lediglich Chübler (einzelne Belege eher im Norden) und Schädler (in GR) kartiert werden, weist die vorliegende Namenkarte wesentlich mehr Varianz auf. Dies lässt auf eine historisch grössere Vielfalt an Begriffen schliessen, unter denen einige ältere Bezeichnungen wie Binder oder Lagler in den Dialekten kaum mehr oder nicht mehr nachzuweisen sind, während sie in den FamN überlebt haben. Dritte Karte {447}: Berufsnamen zum Beruf des Schnitzers Namenauswahl: Die dritte Karte bildet FamN aus der Schicht «vor 1800» ab, die sich auf das Handwerk des Schnitzers beziehen. Abgefragte Namen BerufsN zum Schnitzer, vor 1800: Schnetz, Schnetzer, Schnetzler, Schnezler, Schnitzer. 14 Tokens. Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 466: Daten zur dritten Karte {447} Detailangaben zur Namenauswahl: Der FamN Schnitzer (zu mhd. snitzære, snitzer) geht aus dem Schnitzerhandwerk hervor, das sich der Herstellung von kleineren Gegenständen aus Holz wie bspw. Wasser- oder Milchgefässen (Eimer, Gelten usw.) sowie dem Bau von Armbrüsten widmet. In gewissen Fällen kann mit der Berufsbezeichnung Schnitzer auch der Bildhauer von hölzernen Skulpturen und Bildwerken gemeint sein. Die FamN Schnetz, Schnetzer, Schnetzler und Schnezler (zu mhd. snëtzēre) sind Nebenformen zu Schnitzer. Kommentar: Wie die dritte Karte zeigt, erscheinen die Namen konzentriert in der Ostschweiz (SG) und vereinzelt am Nordrand Karte 447: BerufsN zum Beruf des Schnitzers, vor 1800 4.7 Berufs(über)namen zur Holzverarbeitung 941 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="942"?> des Landes (AG, SH). Der häufigste FamN Schnetzer tritt geballt im Kanton St. Gallen auf (7 Tokens). Vierte Karte {448}: Berufsnamen zum Beruf des Drechslers Namenauswahl: Die vierte Karte wendet sich FamN aus der Schicht «vor 1800» zu, die zum Handwerk des Drechslers (lat. tornarius, tornator) gestellt werden können. Die BerufsN werden nach den zugrunde liegenden Lexemen gruppiert und kartiert. Abgefragte Namen Typ Drechsler: Drexler, Droxler, Trachsel, Trächsel, Trachsler, Trächslin, Traxel, Traxler, Trechsel, Trochsler, Troxler. 11 Types, 60 Tokens. Typ Dreher: Dräyer, Dreher, Dreier, Dreyer, Treier, Treyer. 6 Types, 21 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 50-90, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 467: Daten zur vierten Karte {448} Detailangaben zur Namenauswahl: Die kartierten Namen gehen einerseits auf ahd. drāhsil, mhd. dræhsel, drëhsel bzw. mhd. dræhseler, drehseler ‘Drechsler’ zurück - also auf Bezeichnungen des Handwerkers, der Möbel(teile), Kunstgegenstände u. ä. auf der Drechselbank herstellte (Ebner 2015: 156; Berchtold 2017: 405). Formal zeigt die erste Namengruppe Varianz zwischen älteren Nomina-agentis- Bildungen auf -el und jüngeren er-Suffigierungen. 5 Andererseits liegen mit dem Typ Dreher Formen vor, die zum Verb mhd. dræjen ‘sich drehend bewegen; drehen, drechseln’ zu stellen sind (Ebner 2015: 156-157). Die Etyma mhd. dræhsel(er) und mhd. dræjen gehen auf dieselbe Wurzel indogerm. *ter(ə) - ‘reiben, drehend reiben u. ä.’ zurück, wobei letzterem eine schon vor dem Althochdeutschen eingetretene Erweiterung zugrunde liegt. Kommentar: Die BerufsN der vierten Karte treten in der Schicht «vor 1800» mit unterschiedlichen räumlichen Konzentrationen auf: Namen des Typs Drechsler erscheinen im Mittelland und in voralpinen Gebieten. Dabei bildet der FamN Troxler ein Cluster in der Innerschweiz mit Schwerpunkt im Kanton Luzern. Weiter westlich, im Kanton Bern, ist der Name Trachsel gehäuft alteingesessen. Die Variante Trachsler ballt sich hingegen im Kanton Zürich. FamN des Typs Dreher konzentrieren sich grösstenteils am Nordrand der Schweiz - insbesondere im Kanton Aargau, wo v. a. die Varianten Dreier, Dreyer, Treier und Treyer frequent sind. Karte 448: BerufsN zum Beruf des Drechslers, vor 1800 5 Vgl. Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis» sowie Berchtold (2017: 414-415). 942 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="943"?> Fünfte Karte {449}: Berufs(über)namen zur Möbelherstellung Namenauswahl: Die fünfte Karte illustriert Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die auf die Herstellung von Möbeln zurückgehen. Abgefragte Namen Berufs(über)N zur Kiste: Kast, Kistler, Ladmann. 9 Tokens. Berufs(über)N zum Holzstuhl: Ruckstuhl, Sidler, Sydler. 44 Tokens. Berufs(über)N zum Polsterstuhl: Sässeli, Sesseli, Sessler. 3 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 468: Daten zur fünften Karte {449} Detailangaben zur Namenauswahl: Das vorliegende Sample umfasst Berufs- und BerufsüberN zur Herstellung von Kisten und Stühlen bzw. Sesseln. Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Kast: zu mhd. kaste ‘Kasten, Behälter’ für einen Tischler • Kistler: zu mhd. kiste ‘Kasten (besonders zur Aufbewahrung der Kleider)’ für den Hersteller von Kisten und Truhen, die zu allerlei Zwecken dienten • Ladmann: zu schwzdt. Lad(e) ‘grosse tragbare Kiste’ oder in einer weiteren Bedeutung ‘vierkantiger Balken, langes Brett’ für eine Person, die in der Holzverarbeitung tätig war • Ruckstuhl: zu schwzdt. Ruggstuel ‘Stuhl bzw. Sitzgelegenheit mit Rückenlehne’ für einen Stuhlhersteller • Sidler, Sydler: zu mhd. sidel(e) ‘Stuhl, Sessel, Bank’, in der Schweiz meist im Sinne von ‘Stabelle’ (dem einfachen Holzstuhl mit schräg nach aussen gestellten, in die Sitzf läche eingezapften Beinen und durchbrochener Rücklehne) für den Hersteller von derartigem Sitzgerät • Sässeli, Sesseli, Sessler: zu mhd. sëzzel ‘Sessel’ für den spezialisierten Hersteller dieser gegenüber Stühlen und Stabellen vornehmeren und aufwendiger produzierten Sitzmöbel Kommentar: Die FamN der fünften Karte sind insgesamt niederfrequent und treten mehrheitlich im Mittelland auf. Die Namennester der FamN zum Holzstuhl in der Innerschweiz und in der Nordostschweiz sind dem BerufsN Sidler (LU) resp. dem BerufsüberN Ruckstuhl (TG) geschuldet. Karte 449: Berufs(über)N zur Möbelherstellung, vor 1800 4.7 Berufs(über)namen zur Holzverarbeitung 943 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="944"?> Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Zbinden (5'105 Tokens), Fässler (4'003 Tokens) und Trachsel (3'029 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: FamN, die sich auf das holzverarbeitende Gewerbe beziehen, werden im DFA 5 (2016: 268-331) auf den Karten 101-126 dargestellt. Der Themenkomplex wird dabei in drei Bereiche des Holzhandwerks unterteilt: «Sägemüller, Schreiner, Schnitzer» (Karten 101-112), «Drechsler, Wagner» (Karten 113-122) und «Böttcher» (Karten 123-126). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone (2017): Streifzug durch die Familiennamenlandschaft der deutschen Schweiz. Grundlagen zur digitalen Familiennamenforschung anhand exemplarischer Fallbeispiele. Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge 52(4), 401-429. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. Ebner, Jakob (2015): Wörterbuch historischer Berufsbezeichnungen. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Hürlimann, Katja (2008): Holzwirtschaft. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 014025/ 2008-01-08/ (letzter Zugriff 13.06.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 13.06.2025). Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Reith, Reinhold (Hrsg.) (1991): Lexikon des alten Handwerks. Vom späten Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. 2., durchgesehene Auf lage. München: Beck. SDS V = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1983): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. V: Wortgeographie II: Menschliche Gemeinschaft - Kleidung - Nahrung. Bern: Francke. Martina Heer 944 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="945"?> 4.8 Berufs(über)namen zum heilkundlichen Gewerbe Schlagwörter: Aderlass, Bader, Badstube, Barbier, Wundarzt Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel behandelt FamN, die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 24.07.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») auf Berufsbezeichnungen zum heilkundlichen Gewerbe zurückgehen. Dazu gehören der Bader als Inhaber oder Pächter einer Badstube und der Barbier, die beide körperliche Reinigungen und kleine (wund-)ärztliche Tätigkeiten ausführten. Zur Körperpf lege zählte in den mittelalterlichen Badstuben - neben den Dampf- und Schwitzbädern - «das Kopfwaschen (zwahen, zwagen) und das Kämmen, außerdem das Haareschneiden und bei männlichen Badegästen auch das Rasieren (scheren, balbieren, barbieren)» (Reith 1991: 17). Zu den einfachen medizinischen Arbeiten von Bader und Barbier gehörten «Aderlassen, Schröpfen, Klistiere und Salben Verabreichen bis zu Zahnziehen» (Ebner 2015: 75). Das regelmässige Baden sowie der Blutentzug wurden im Mittelalter zur Reinigung des Körpers und zur Vorbeugung von Krankheiten wie dem Aussatz (Lepra) praktiziert, wobei die Ausführung von Aderlass und Schröpfen meist in Verbindung mit bestimmten astrologischen Daten stand (Meyer 1985: 180; Ebner 2015: 68). Badstuben dienten jedoch nicht nur der Körperhygiene und der ärztlichen Versorgung, sondern auch der Unterhaltung mit Speis, Trank und sexuellen Gelegenheiten (Meyer 1985: 180; Reith 1991: 18; Ebner 2015: 68). U. a. deshalb kam es im 16. Jh. zur Schliessung der Badstuben: «Das Ende des Badens und des Berufs des Baders setzte […] wegen moralischer Bedenken und wegen der Gefahr von Ansteckung durch Syphilis ein» (Ebner 2015: 68). Die Berufsbezeichnungen des Baders und des Barbiers haben sich in verschiedenen FamN wie Beder, Scherer oder Schröpfer verfestigt. Die nachfolgende Karte bietet einen Überblick über Berufs- und BerufsüberN zu diesem Gewerbe. 4.8 Berufs(über)namen zum heilkundlichen Gewerbe 945 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="946"?> Karte {450}: Berufs(über)namen zum heilkundlichen Gewerbe Namenauswahl: Die Karte widmet sich Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 1 die sich auf das heilkundliche Gewerbe beziehen. Die FamN werden nach den zugrunde liegenden Lexemen in fünf Namengruppen unterteilt. Abgefragte Namen Typ Bader: Baader, Bader, Beder. 12 Tokens. Typ Lasser: Läser, Lässer. 8 Tokens. Typ Scherer: Schaerer, Schaerr, Schär, Schären, Schärer, Schärli, Schärlig, Schärrer, Scherer, Scherler, Scherrer. 11 Types, 163 Tokens. Typ Schröpfer: Schrepfer, Schröpfer. 3 Tokens. Typ Stuber: Stuber. 21 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 469: Daten zur Karte {450} Detailangaben zur Namenauswahl: 2 Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Typ Bader: Die BerufsN Baader, Bader und Beder sind zu mhd. badære, bader ‘Badeknecht, der das Bad zubereitet und die Badegäste bedient; auch der Inhaber einer Badstube’ zu stellen. • Typ Lasser: Die BerufsN Läser und Lässer gehen auf schwzdt. Lässer ‘Aderlasser’ (zu mhd. lāzer, læzer ‘Aderlasser’) zurück und bezeichnen eine Person, die Blutentzug durch Aderlass vornimmt. • Typ Scherer: Die FamN wie Scherer, Schärli oder Scherler beziehen sich auf schwzdt. Schërer ‘Scherer (wer schert), Barbier’ (zu mhd. schërære, schërer, dieses wiederum zum Verb mhd. schërn ‘(ab-)schneiden, Haare scheren’). Bei Schaerr und Schär ist aufgrund des Gleichklangs zu schwzdt. Schär ‘Schere’ (zu mhd. schære, schëre) auch ein BerufsüberN mit derselben Bedeutung möglich. • Typ Schröpfer: Die BerufsN Schrepfer und Schröpfer basieren auf schwzdt. Schrëpfer ‘Schröpfer’ (zu mhd. schreffer, dieses wiederum zum Verb mhd. schrëffen, schrëven ‘reissen, ritzen, kratzen’). Der Karte 450: Berufs(über)N zum heilkundlichen Gewerbe, vor 1800 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 946 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="947"?> Schröpfer war derjenige, der dem Körper mit kleinen, kugelförmigen Glasgefässen (sog. Schröpfköpfen) Blut entzog. • Typ Stuber: Der BerufsN Stuber referiert auf schwzdt. Stuber ‘Inhaber einer (Bad-)Stube’ (zu mhd. stuberer ‘Bader, der eine eigene Badstube besitzt’) (Ebner 2015: 741). Das Namensample umfasst überwiegend Bildungen auf -er (Bader, Schröpfer) und daneben suffixlose Nomina agentis (Schaerr, Schär) sowie jeweils einen Namen mit l-Diminutiv (Schärli) und einen mit zugehörigkeitsausdrückendem Suffix -li(n)g (Schärlig). 3 Kommentar: Die Karte zeigt ein Vorkommen der Berufs- und BerufsüberN im gesamten Mittelland, jedoch kaum in den alpinen Regionen und im südlichen Teil der Deutschschweiz (VS). Insbesondere FamN des Typs Scherer sind vom Westen bis in den Osten der Schweiz weitverbreitet. So erscheint Schär hauptsächlich im Kanton Bern (21 Tokens), Schärer in den Kantonen Bern (15 Tokens) und Zürich (17 Tokens). Scherer tritt konzentriert im Kanton Luzern (13 Tokens) auf und Scherrer ist im Kanton St. Gallen (24 Tokens) frequent. Die anderen vier Typen weisen jeweils eine klare geographische Verteilung auf: Die BerufsN des Typs Bader sind vorwiegend im nördlichen Teil der Schweiz (BL, SO, ZH) alteingesessen. Läser und Lässer konzentrieren sich im Kanton Aargau, doch Lässer kommt vereinzelt auch in den Kantonen Bern, Luzern, St. Gallen und Zürich vor. Der BerufsN Schrepfer ist selten - er tritt zweimal im Kanton Glarus in Erscheinung. Die gerundete Form Schröpfer ist einmalig im Kanton Graubünden bezeugt. Der FamN Stuber beschränkt sich hauptsächlich auf das Gebiet des Kantons Solothurn (16 Tokens). Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Schär (6'208 Tokens), Scherrer (4'897 Tokens) und Schärer (4'760 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: FamN, die auf das heilkundliche Gewerbe referieren, werden im DFA 5 (2016: 542-557) auf den Karten 210-214 illustriert. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. Ebner, Jakob (2015): Wörterbuch historischer Berufsbezeichnungen. Berlin, Boston: De Gruyter. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 24.07.2025). Meyer, Werner (1985): Hirsebrei und Hellebarde. Auf den Spuren des mittelalterlichen Lebens in der Schweiz. Olten, Freiburg i. B.: Walter. Reith, Reinhold (Hrsg.) (1991): Lexikon des alten Handwerks. Vom späten Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. 2., durchgesehene Auf lage. München: Beck. Martina Heer 3 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.5 «Familiennamen auf -ling», II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen» und II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 4.8 Berufs(über)namen zum heilkundlichen Gewerbe 947 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="948"?> 4.9 Berufs(über)namen zu weltlichen und klerikalen Ämtern Schlagwörter: Aufsicht, Botendienst, Kirchendienst, Rechtsprechung, Verwaltung, Wachdienst Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel gilt FamN aus der Schicht «vor 1800», die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 20.10.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») auf eine Bezeichnung für einen Amtsträger in der weltlichen oder klerikalen Verwaltung zurückgehen. Berufs- und BerufsüberN aus diesem Tätigkeitsbereich lassen Rückschlüsse sowohl auf die Struktur der mittelalterlichen Verwaltungssysteme als auch auf die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu. Für die Entwicklung des mittelalterlichen Verwaltungssystems waren Besitz und Herrschaft ausschlaggebend, denn sie machten die Dokumentation, Aktualisierung und Durchsetzung von Rechten und Ansprüchen notwendig. Dabei bildeten sich drei unterschiedliche Verwaltungseinheiten mit den entsprechenden amtlichen Berufszweigen und Stellungen aus: die Herrschaftsverwaltung, die Stadtverwaltung und die Landesverwaltung (e-HLS 2014: s. v. Verwaltung). Die mittelalterliche Herrschaftsverwaltung ist für die heutige Schweiz hauptsächlich für Klöster belegt, deren Verwaltungspraxis wie folgt organisiert war: Mönche besorgten die Verwaltung selbst im Rahmen von Klosterämtern, so der Cellerar [Keller], der Korn-/ Speichermeister (Verwaltung der Kornvorräte) und der Zinsmeister (Verwaltung der Zinseinkommen). […] Aussenpositionen unterstellte man geistlichen (Probst) oder weltlichen Verwaltern (Ammann, Meier, Schaffner) (e-HLS 2014: s. v. Verwaltung). In den mittelalterlichen Städten der Schweiz erfolgte ab dem 13. Jh. ein Umbruch in der Verwaltung. Dabei wurde die grundherrliche Verwaltung durch eine kommunale abgelöst und es entstand die Stadtverwaltung. Ihre Zuständigkeitsbereiche waren sehr vielseitig und umfassten bspw. «die Überwachung von Markt und Gewerbe, die Kontrolle der Masse und Gewichte und Waagen, der Qualität und Preise des Warenangebots durch vereidigte Amtsinhaber (z. B. Eichmeister)» (e-HLS 2014: s. v. Verwaltung). Die Eichmeister wurden u. a. auch als Fechtmeister oder Sinner bezeichnet (e-HLS 2004: s. v. Eichmeister). Auch Baumeister oder Kornhausmeister gehörten städtischen Betrieben an. In der Finanz- und Wirtschaftsverwaltung der Städte waren u. a. die Säckelmeister tätig, die die Geschäfte über laufende Einnahmen und Ausgaben führten (e-HLS 2014: s. v. Säckelmeister). Die Verwaltungen auf dem Land wurden erst im 14. und 15. Jh. - in den meisten Fällen durch die Unterstützung von Städten - gebildet. Diesen Landesverwaltungen stand ein Vogt bzw. Landvogt oder Kastlan vor (e-HLS 2007: s. v. Kastlan; e-HLS 2008: s. v. Landvogt). Zu seinem Personal zählten regionale Amtsleute wie die Weibel, die sich durch einen umfassenden Tätigkeitsbereich auswiesen: Als Gerichts- und Ratsdiener zitierte der Weibel die Parteien, bannte das Gericht und verkündete Termine und Urteile; daneben war er Pfändungsbeamter, Urkundsperson, Versteigerer bei Ganten und Gefangenenwärter. Bisweilen nahm er im erstinstanzlichen Zivilgericht den Vorsitz ein, war Kläger im Malefizgericht und Stimmenzähler an der Landsgemeinde und im Landrat (e-HLS 2012: s. v. Weibel ). Im nachfolgenden Kartenkomplex werden FamN abgebildet, deren jeweiliges zugrunde liegendes Lexem einen Bezug zur weltlichen bzw. klerikalen Verwaltung aufweist. Gemäss projektinterner Vorsondierung handelt es sich bei der vorliegenden Motivgruppe i. d. R. um direkte BerufsN. Entsprechende BerufsüberN sind in der Schicht «vor 1800» nur vereinzelt bezeugt. Die ersten fünf Karten weisen die Verbreitung von unterschiedlichen Bezeichnungen zu weltlichen Ämtern aus: So dokumentiert die erste Karte überblickshaft jene FamN, die sich auf die Verwaltung und Rechtsprechung beziehen (z. B. Bannwart, Schultheiss, Pfander). Die zweite Karte bildet eine Teilmenge der ersten Karte ab, indem die fünf häufigsten lexikalischen Typen (Typ Ammann, Typ Förster, Typ Keller, Typ Vogt, Typ Zehentner) ausgewählt wurden. BerufsN, die sich zum amtlichen Botendienst stellen lassen (z. B. Büttel, Weibel ), werden auf der dritten Karte behandelt. Die vierte Karte widmet sich den Verwaltungsbereichen Aufsicht und Wachdienst, bevor die fünfte Karte weitere BerufsN zu weltlichen Ämtern (z. B. Kieser, Markstaller) darstellt. Die sechste und die siebte Karte zeigen unterschiedliche Bereiche der klerikalen Verwaltung auf: Die Verbreitung von FamN wie Mesmer und Sigrist, die auf Berufsbezeichnungen für den Kirchendiener basieren, wird auf der sechsten Karte dokumentiert. Die abschliessende siebte Karte enthält die weiteren BerufsN mit Bezug zur klerikalen Verwaltung (z. B. Kilchmann, Probst). Manche Verwaltungsposten (z. B. Keller, Weibel) lassen sich nicht eindeutig einem weltlichen oder klerikalen Tätigkeitsbereich zuordnen. Die entsprechenden BerufsN wurden gemäss ihrer Etymologie nach Ermessen einem der beiden Bereiche zugewiesen. 948 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="949"?> Erste und zweite Karte {451, 452}: Berufs(über)namen zu Verwaltung und Rechtsprechung Namenauswahl: Die erste Karte bildet Berufs(über)N aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 1 ab, die sich auf Ämter und Positionen in der weltlichen Verwaltung und die Rechtsprechung beziehen. Für die zweite Karte wurde eine Teilmenge der ersten Karte ausgewählt: Das zweite Kartenbild zeigt die fünf häufigsten lexikalischen Typen (mindestens 30 Tokens als Namengruppe). Abgefragte Namen Berufs(über)N zu Verwaltung und Rechtsprechung, vor 1800: Amman, Ammann, Ammon, Bamert, Bammert, Bannwart, Barmet, Bauert, Besserer, Bourgmestre, Brunnenmeister, Buess, Burgermeister, d’Amman, d’Ammann, Foerster, Forster, Förstler, Foster, Füger, Ganter, Gantert, Gantner, Gatlen, Gattlen, Ghisler, Gisler, Gyseler, Gysler, Gyssler, Hänseler, Hänsler, Hascher, Hausheer, Hausherr, Hauswirth, Heger, Heimlicher, Henseler, Hensler, Kammermann, Kasteler, Keller, Kläfiger, Kläger, Kleger, Kormann, Loosli, Mahrer, Marrer, Meichtry, Metry, Meuter, Pfander, Pfändler, Pfenniger, Pfenninger, Pfoster, Pfrunder, Pfründer, Reifer, Reifler, Richter, Rieger, Rüeger, Rüger, Schaeffer, Schaffer, Schaffert, Schaffner, Schatzmann, Scheurmeister, Schultheiss, Schulthess, Stäbli, Stebler, Strohmeier, Stromeier, Suhner, Tschachtli, Tschechtelin, Veith, Vogt, Vögtli, Vögtlin, Voit, Voitel, von Keller, Zeder, Zeender, Zehender, Zehnder, Zehndler, Zehner, Zehntner, Zender, Zentner, Zoller. 98 Types, 681 Tokens. Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 5-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 470: Daten zur ersten Karte {451} Abgefragte Namen Typ Ammann: Amman, Ammann, Ammon, d’Amman, d’Ammann. 61 Tokens. Typ Förster: Foerster, Forster, Förstler, Foster. 44 Tokens. Typ Keller: Keller, von Keller. 227 Tokens. Typ Vogt: Veith, Vogt, Vögtli, Vögtlin, Voit, Voitel. 6 Types, 48 Tokens. Typ Zehentner: Zeder, Zeender, Zehender, Zehnder, Zehndler, Zehner, Zehntner, Zender, Zentner. 9 Types, 38 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 471: Daten zur zweiten Karte {452} Karte 451: Berufs(über)N zu Verwaltung und Rechtsprechung (Gesamtkarte), vor 1800 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 4.9 Berufs(über)namen zu weltlichen und klerikalen Ämtern 949 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="950"?> Detailangaben zur Namenauswahl: 2 Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Typ Ammann: Die BerufsN stellen sich zu mhd. ambetman, amtman ‘Verwalter des Grundherrn, Gemeindevorsteher’, auch ‘urteilsprechende Gerichtsperson; Diener, Beamter’ für eine Person, die im Verwaltungswesen tätig war und oftmals eine leitende, angesehene und verantwortungsvolle Position innehatte, häufig auch mit politischer Funktion. In der Deutschschweiz ist die Bezeichnung noch heute bspw. für den Gemeindepräsidenten in Gebrauch (Ebner 2015: 45). • Typ Förster: Die BerufsN gehen auf mhd. vorstære ‘Förster, Forstamtmann, Waldhüter’ zurück und benennen eine Person, die mit der Aufsicht über den Wald sowie dessen Bewirtschaftung und Pf lege betraut war. • FamN Ganter, Gantert, Gantner: Die BerufsN sind aus schwzdt. Ganter ‘Gantmeister’ hervorgegangen und bezeichnen eine Person, die für einen in Konkurs Verfallenen eine Gant ‘(Zwangs-)Versteigerung’ durchführte (Id. 2 1881 ff.: Sp. 378). 3 • FamN Heimlicher: zu mhd. heimlichære ‘Vertrauter, geheimer Rat’, schwzdt. (älter) Heimlicher ‘mit der Leitung geheim zu haltender Massregeln betrauter Beamter, geheimer Rat’ (Id. 2 1881 ff.: Sp. 1288) • Typ Keller: Die BerufsN beruhen auf mhd. këllære, këller ‘Kellermeister; herrschaftlicher Steuerbeamter, Verwalter der Weinberge und Weingülten’ (entlehnt aus lat. cell(en)ārius ‘Kellermeister’), schwzdt. (älter) Chëller ‘Verwalter grundherrschaftlicher Einkünfte an Naturalien, besonders auf kleineren, meistens Klöstern gehörenden Höfen’ (Id. 3 1881 ff.: Sp. 204). Der Keller war demnach ein Verwalter, der auf einem weltlichen oder kirchlichen Betrieb tätig war. • FamN Mahrer, Marrer: Die BerufsN lassen sich schwzdt. (älter) Marer, March(n)er ‘wer Marksteine setzt’ (Id. 4 1881 ff.: Sp. 393) zuordnen und meinen den Beamten, der für das Setzen von Grenzsteinen und die verbindliche Festlegung von Grenzverläufen zuständig war. Karte 452: BerufsN zu Verwaltung und Rechtsprechung (fünf häufigste lexikalische Typen), vor 1800 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 3 Für epenthetischen Dental vgl. Artikel II-2.13 «Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut». 950 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="951"?> • FamN Suhner: zu mhd. suoner, süener ‘Schiedsrichter, Friedensrichter’ für eine Person, die im älteren Rechtswesen mit der rechtsgültigen Versöhnung von Konf liktparteien betraut war • FamN Tschachtli, Tschechtelin: zu mhd. schahtelān ‘Kastellan, Burgvogt’ (entlehnt aus mittelfrz. chastelain ‘Burgvogt, Burgherr’) 4 , schwzdt. (älter) Tschachtlan ‘Stellvertreter des Landesherrn, höherer Beamter’ • Typ Vogt: Die BerufsN beziehen sich auf mhd. vog(e)t ‘Rechtsbeistand, Fürsprecher, Vormund, Verteidiger, höherer weltlicher Richter, Gerichtsbeamter usw.’, schwzdt. (älter) Vogt ‘Gemeindevorsteher; Vogtgerichtsherr’ (Id. 1 1881 ff.: Sp. 703-705). • Typ Zehentner: Die BerufsN basieren auf mhd. zëhendenære, zëhentnære, zëhendære, das einerseits ‘Zehntpf lichtiger’, andererseits ‘Zehnteinnehmer’ bedeutet. Es darf vermutet werden, dass das zugrunde liegende Motiv eher die Zehnteinnahme war; entsprechend handelte es sich beim ersten Namenträger wohl um einen Beamten, der im Auftrag des Zehntherrn den Zehnten einzog. Dies war ursprünglich die Abgabe, die zum Unterhalt der Kirche zu entrichten war (vgl. e-HLS 2015: s. v. Zehnt); davon ausgehend wurde später jedoch allgemein jede Abgabe so bezeichnet, die der Obrigkeit zu überlassen war. Der hochfrequente FamN Meier und seine Varianten (alle zu mhd. meier, meiger ‘Gutsverwalter, der im Auftrag des Grundherrn die Aufsicht über die Bewirtschaftung der Güter führt; Grossbauer’) werden im Artikel III-4.3 «Berufs(über)namen zur Landwirtschaft» berücksichtigt. Das Namensample umfasst formal hauptsächlich BerufsN auf -er, -ler und -ner (Zoller, Zehndler, Zehntner), endungslose (bzw. endungslos gewordene) Formen (Bannwart, Schultheiss) sowie Ableitungen auf -mann (Schatzmann). 5 Kommentar: Die erste Karte weist für die Berufs(über)N zu Verwaltung und Rechtsprechung Verbreitungsräume über die gesamte Deutschschweiz aus. Dabei zeigt sich eine grosse Konzentration in der nördlichen Hälfte der Deutschschweiz, insbesondere in der Nordostschweiz (SG, TG, ZH sowie AG). Wie die zweite Karte verdeutlicht, ist diese Ballung hauptsächlich den frequenten FamN Keller, Ammann und Forster geschuldet. Ferner bilden die BerufsN Vogt (10 Tokens in AG), Pfenninger (15 Tokens in ZH) und Schulthess (10 Tokens in ZH) jeweils Namennester in diesen nördlichen Gebieten. Ein weiteres Zentrum liegt im Kanton Bern (50 Tokens) mit kleinen Häufungen der FamN Ammann, Bannwart, Keller, Pfander und Zehnder. Die FamN Meichtry und Gattlen konzentrieren sich im Wallis, der FamN Schaffner im Kanton Basel-Landschaft. Die Verbreitung der fünf häufigsten lexikalischen Typen erstreckt sich über die Deutschschweiz. Die bereits auf der ersten Karte deutlich gewordene Konzentration dieser BerufsN zeigt sich hier erneut im Aargau und in der Nordostschweiz (SG, TG, ZH). Der mit Abstand frequenteste FamN im Sample ist Keller mit 226 Tokens (zudem von Keller einmalig in Zürich ZH); er zeigt die grösste räumliche Verbreitung in diesen Gebieten. Auch die BerufsN des Typs Ammann erscheinen jeweils konzentriert in der nördlichen Deutschschweiz sowie im Kanton Bern. Die BerufsN des Typs Förster häufen sich ebenfalls in der Nordostschweiz, dabei v. a. in den Kantonen St. Gallen und Thurgau. FamN des Typs Vogt erstrecken sich ab dem Aargau westwärts in die Kantone Basel-Landschaft, Solothurn und Bern. Die FamN des Typs Zehentner treten in kleinen Gruppen u. a. in den Kantonen Aargau, Bern, Luzern, Thurgau und Zürich auf. 4 Zu frz. châtelain stellen sich wohl zudem die beiden germanisierten FamN Gattlen und Gatlen (beide VS). 5 Vgl. die Artikel II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen», II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis», II-2.7 «Familiennamen auf -mann» und II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». Für die FamN d’Amman, d’Ammann und von Keller vgl. die Artikel II-3.7 «Familiennamen mit der Präposition de» und II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 4.9 Berufs(über)namen zu weltlichen und klerikalen Ämtern 951 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="952"?> Dritte Karte {453}: Berufsnamen zu amtlichen Botendiensten Namenauswahl: Die dritte Karte widmet sich BerufsN aus der Schicht «vor 1800», die auf Botenämter referieren. Dazu zählen bspw. der Gerichtsbote oder der Gerichtsdiener. Die FamN werden nach den zugrunde liegenden Lexemen gruppiert. Abgefragte Namen Typ Büttel: Bittel, Büttel. 5 Tokens. Typ Läufer: Laufer, Lauffer, Läuffer. 6 Tokens. Typ Rüeffer: Ruefer, Rufer. 9 Tokens. Typ Weibel: Waibel, Weibel. 39 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 5-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 472: Daten zur dritten Karte {453} Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Typ Büttel: Die BerufsN beziehen sich auf mhd. bütel ‘Gerichtsbote, Gerichtsdiener, Büttel (eigentlich Aufbieter)’, das zu mhd. bieten ‘gebieten, durch gerichtliches Gebot in Acht tun’ gebildet ist (Ebner 2015: 132). • Typ Läufer: Die BerufsN stellen sich zu mhd. loufære ‘laufender Bote’, im älteren Schweizerdeutschen insbesondere für den Staats-, Rats- und Gerichtsboten (Id. 3 1881 ff.: Sp. 1145). • Typ Rüeffer: Die BerufsN stellen sich zu schwzdt. (älter) Ruoffer, Rüef(f )er u. ä. ‘Person, die obrigkeitliche Mitteilungen durch Ausrufen bekannt macht’. Sie bezeichnen eine Person, die als amtlich bestimmter Ausrufer Verlautbarungen zu verkünden hatte. • Typ Weibel: Die BerufsN basieren auf mhd. weibel ‘Gerichtsbote, Gerichtsdiener’. Im Schweizerdeutschen bezieht sich die Amtsbezeichnung Weibel allgemein auf eine mit Administrativaufgaben betraute Person (im öffentlichen, rechtlichen Bereich, im militärischen Bereich, im Dorf, in der Kirche usw.) (Id. 15 1881 ff.: Sp. 109-121). Diese grosse Diversität der Aufgaben eines Weibels im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit in der Deutschschweiz lässt vermuten, dass unterschiedliche administrative Funktionen jeweils die Namengebung veranlasst haben könnten. Dies würde auch die vergleichsweise hohe Frequenz und die weite Verbreitung der entsprechenden FamN erklären. 6 Karte 453: BerufsN zu amtlichen Botendiensten, vor 1800 6 Zum Verhältnis von Waibel/ Weibel vgl. Artikel I-1.9 «Diphthongwandel von mhd. ei, ou, öu» (dritte Karte). 952 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="953"?> Kommentar: Wie die dritte Karte zeigt, konzentrieren sich die BerufsN dieser vier Typen in verschiedenen Gebieten der Deutschschweiz: So erscheinen FamN des Typs Weibel hauptsächlich im Kanton Bern sowie zu gleichen Teilen in den Kantonen Basel-Landschaft und Luzern. Die FamN Laufer und Lauffer konzentrieren sich im Kanton Zürich. Der FamN Rufer bildet ein Nest im Kanton Bern und im angrenzenden Kanton Solothurn. Ruefer ist als Einzelbeleg in Lüterkofen-Ichertswil (SO) dokumentiert. Auch der FamN Büttel ist vor 1800 nur in einer einzigen Gemeinde (Baar ZG) alteingesessen, während die entrundete Variante Bittel an mehreren Orten im Kanton Wallis auftritt. Vierte Karte {454}: Berufsnamen zu Aufsicht und Wachdienst Namenauswahl: Die vierte Karte zeigt BerufsN aus der Schicht «vor 1800», die sich auf amtliche Tätigkeiten der Aufsicht und des Wachdiensts beziehen. Die FamN werden nach den zugrunde liegenden Lexemen gruppiert. Abgefragte Namen Typ Grendelmeier: Grendelmeier, Grendelmeyer. 3 Tokens. Typ Schleusser: Schleuss, Schleusser. 2 Tokens. Typ Tormann: Dormann, Thormann. 3 Tokens. Typ Turmherr: Thurnheer, Thurnherr. 8 Tokens. Typ Wächter: Diriwächter, Thierwächter, Wachter, Wächter. 14 Tokens. Typ Wärter: Warth, Wärtli, Wartmann. 16 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 20-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 473: Daten zur vierten Karte {454} Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Typ Grendelmeier: Die BerufsN stellen sich zu mhd. grendel, grindel ‘Riegel, Balken’. Der Grendel oder Grindel war das äussere Gatter an den Stadttoren, eine Art Sperrbalken, der von einem Wächter geöffnet und geschlossen wurde (Id. 2 1881 ff.: Sp. 757-759). Der Karte 454: BerufsN zu Aufsicht und Wachdienst, vor 1800 4.9 Berufs(über)namen zu weltlichen und klerikalen Ämtern 953 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="954"?> FamN bezieht sich wohl auf eine Person, die bei diesem Sperrbalken wohnte und diesen bediente. • Typ Schleusser: Die BerufsN referieren auf schwzdt. schlǖsse(n) ‘schliessen’ und bezeichnen wohl eine Person, der die Aufgabe oblag, einen abschliessbaren Raum o. ä. zu verriegeln. • Typ Tormann: Die BerufsN basieren auf mhd. tor ‘Tor’, früher meist eine Öffnung in den Stadtmauern, und bezeichnen eine Person, die als Torwächter tätig war. • Typ Turmherr: Die BerufsN gehen auf mhd. turnhërre, turnhērre ‘oberster Turmwächter’ zurück. In der Schweiz bezieht sich der FamN insbesondere auf einen Beamten, dem die Aufsicht über die Türme (auch im Sinne von ‘Gefängnis’) oblag (Id. 2 1881 ff.: Sp. 1547). • Typ Wächter: Die BerufsN stellen sich zu mhd. wahtære, wehter ‘Wächter’, schwzdt. (älter) Wachter, (jünger) Wächter für den Tor-, Nacht-, Feuer- oder Stadtwächter. Die FamN Diriwächter und Thierwächter gehen auf mhd. tür-wehter ‘Pförtner, Torwächter’ zurück und bezeichnen eine Person, die den Ein- und Ausgang eines Gebäudes, einer Siedlung o. ä. zu bewachen hatte. 7 • Typ Wärter: Die BerufsN gehen aus mhd. wart(e), schwzdt. Wart ‘Aufseher,Verwalter, Pf leger, Wächter’ bzw. mhd. wartman ‘der auf der Warte steht, Wächter, Kundschafter, Vorposten’ hervor und benennen eine Person, die mit einer nicht mehr näher spezifizierbaren Aufsichts- oder Wachtfunktion betraut war. Nicht auszuschliessen ist gelegentlich ein WohnstättenN derselben lexikalischen Grundlage für einen Ort mit weitem Blick ins Gelände o. ä. Kommentar: Die vierte Karte zeigt ein weitläufiges Vorkommen der betreffenden FamN in der Deutschschweiz mit vereinzelten Ballungszentren: BerufsN des Typs Wächter sind hauptsächlich im Kanton Aargau verbreitet, vereinzelt treten sie auch in Teilen der Kantone Bern, Graubünden, St. Gallen, Thurgau und Zürich auf. Der FamN Thurnherr bildet ein kleines Nest in der Nordostschweiz (SG). Der FamN Wartmann konzentriert sich ebenfalls in der Nordostschweiz (TG, ZH). Die übrigen BerufsN treten vorwiegend als Einzelbelege verstreut über die Deutschschweiz auf. 7 Für die er-Ableitungen Dürler, Dörler, Thurler, Thürler und Türler sowie die mann-Bildungen Dürlemann, Thürlemann und Thürlimann, die ebenfalls einen Torwächter bzw. einen Türhüter bezeichnen können, vgl. Artikel III-3.7 «Wohnstättennamen zu Kulturland» (sechste Karte). 954 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="955"?> Fünfte Karte {455}: Berufs(über)namen zu weiteren weltlichen Ämtern Namenauswahl: Die fünfte Karte dokumentiert weitere Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die auf amtliche Tätigkeiten der Aufsicht und Verwaltung referieren, wie bspw. Kieser oder Marschall. Lexikalische Typen mit drei oder weniger dazugehörenden FamN wurden in der Kategorie «Sonstige» zusammengefasst. Abgefragte Namen Typ Fahner: Fähndrich, Fahner, Fenner, Venner. 14 Tokens. Typ Marschall: Margstahler, Markstahler, Markstaller, Marschall. 4 Tokens. Sonstige: Borell, Britschgi, Finner, Hausknecht, Kieser, Meister, Meisterhans, Messerli, Renner, Sinner, von Sinner. 11 Types, 50 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 5-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 474: Daten zur fünften Karte {455} Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Der FamN Borell, urkundlich Barall, bezieht sich möglicherweise auf frz. baral ‘altes Hohlmass’ und referiert auf die Person, die Hohlmasse eichte (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 46). • Der FamN Britschgi verweist auf den Pritschenmeister, der mit der Pritsche, einer Art Schindel, insbesondere in den Schützenvereinen für Ordnung und Kurzweil zu sorgen hatte (Id. 5 1881 ff.: Sp. 1023). • Typ Fahner: zu mhd. vaner, venre, vener ‘Fahnenträger’ • FamN Finner: Es handelt sich wohl um einen BerufsN zu mhd. pfinne, vinne ‘Nagel, Pf lock’, auch ‘Fäulnis’ - womit die sogenannte Finnenkrankheit (der Befall durch Bandwürmer) bei Schlachtvieh gemeint ist - für einen amtlichen Fleischbeschauer. • FamN Kieser: zu mhd. kieser ‘Prüfer, Schieds-, Kampfrichter’ für einen amtlich bestellten Prüfer etwa von Geld oder Getränken • Typ Marschall: zu mhd. marschalc ‘Pferdeknecht; Hof- oder städtischer Beamter, Aufseher über das Gesinde, Befehlshaber der waffenfähigen Mannschaft eines Hofs u. ä.’ bzw. zu mhd. mar(c)stallære, mar(c)staller ‘Pferdeknecht, Aufseher über den Marstall’, schwzdt. (älter) meist Marchstaller ‘Pferdebesorger in gehobener Stellung, Stallmeister, Stallaufseher’ (Id. 11 1881 ff.: Sp. 24) • FamN Sinner, von Sinner: zu mhd. sinner ‘Eichmeister’ für eine Person, die im Rahmen ihrer beruf lichen bzw. amtlichen Tätigkeit für die Überprüfung der Masse und Gewichte zuständig war Karte 455: Berufs(über)N zu weiteren weltlichen Ämtern, vor 1800 4.9 Berufs(über)namen zu weltlichen und klerikalen Ämtern 955 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="956"?> Kommentar: Die Berufs(über)N der fünften Karte weisen keine allzu hohen Frequenzen auf. Ein Schwerpunkt der Verbreitung zeigt sich im nordöstlichen Teil der Schweiz (ZH). Dabei konzentriert sich der Typ Marschall im Zürcher Bezirk Affoltern, der Typ Fahner in den beiden Bezirken Meilen und Uster. Der FamN Meister erscheint gehäuft im Bezirk Andelfingen (ZH) und im benachbarten Kanton Schaffhausen. Britschgi bildet ein Namennest im Kanton Obwalden, der BerufsN Messerli im Kanton Bern. Renner ist hauptsächlich im Kanton Uri verbreitet. Die übrigen FamN treten als Streubelege in der Deutschschweiz auf. Sechste Karte {456}: Berufsnamen zum Amt des Kirchendieners Namenauswahl: Die sechste Karte stellt BerufsN aus der Schicht «vor 1800» dar, die sich auf den Kirchendiener, d. h. den Angestellten einer Pfarrei, einer Kirchgemeinde oder eines Klosters beziehen. Der Kirchendiener bzw. Pfarreiangestellte ist für diverse (liturgische) Dienste in der Kirche zuständig. Die FamN werden nach den zugrunde liegenden Lexemen gruppiert. Abgefragte Namen Typ Glöckner: Glogger, Gloggner. 3 Tokens. Typ Küster: Custer, Koster, Kuster. 22 Tokens. Typ Mesner: Mesmer, Messmer. 12 Tokens. Typ Sigrist: Siegerist, Siegrist, Sigerist, Sigrist. 56 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 475: Daten zur sechsten Karte {456} Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Typ Glöckner: zu mhd. glockenære, gloggenære, schwzdt. Gloggner ‘Glöckner’ für den Kirchenangestellten, der u. a. das Läuten der Glocken zu besorgen hatte • Typ Küster: zu mhd. kuster, guster ‘Aufseher, Küster, Kirchendiener, auch Verwalter des Kirchenschatzes’ (entlehnt aus lat. custos ‘Wächter’; vgl. Ebner 2015: 425) • Typ Mesner: zu mhd. mess(e)nære ‘Kirchendiener, Küster, Mesner’ • Typ Sigrist: zu mhd. sigriste ‘Kirchendiener, Küster, Mesner’ (entlehnt aus lat. sacrista ‘Kirchendiener’) Kommentar: Die BerufsN zum Amt des Kirchendieners sind über die ganze Deutschschweiz verbreitet, weisen aber unterschiedliche Verbreitungsschwerpunkte auf: Namen des frequentesten Typs Karte 456: BerufsN zum Amt des Kirchendieners, vor 1800 956 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="957"?> Sigrist erscheinen hauptsächlich im nördlichen Teil der Schweiz (AG, BL, BS, SH, TG, ZH) sowie in der Innerschweiz (LU) und im Kanton Glarus; vereinzelt auch im Kanton Bern. Der Typ Küster konzentriert sich sowohl in Teilen der Ostschweiz (SG) als auch der Westschweiz (BE). Der Typ Mesner zeigt einen Schwerpunkt in der (Nord-)Ostschweiz (GR, SG, TG). In den Kantonen Bern und Luzern treten die FamN Glogger und Gloggner als Streubelege auf. Das Raumbild der FamN in der sechsten Karte deckt sich mit der Verbreitung der dialektalen Bezeichnungen für einen Kirchendiener (SDS V 1983: Karte 42). So erscheint Mes(s)mer in den Mundarten vornehmlich in der (Nord-)Ostschweiz (AI, AR, GR, SG, SH, TG, ZH) als gängige Berufsbezeichnung, während in den übrigen Gebieten die Bezeichnung Sigrist verwendet wird. 8 Siebte Karte {457}: Berufsnamen zu weiteren klerikalen Ämtern Namenauswahl: Die siebte Karte gilt weiteren BerufsN aus der Schicht «vor 1800» mit Bezug zu klerikalen Ämtern, wie bspw. Frauenknecht oder Probst. Abgefragte Namen BerufsN zu weiteren klerikalen Ämtern, vor 1800: Cleric, Feitknecht, Frauenknecht, Geistlich, Helfer, Kammerer, Kilchenmann, Kilchmann, Kirchmeier, Probst, von Grebel. 11 Types, 46 Tokens. Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Flächen 10-100, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 476: Daten zur siebten Karte {457} Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. Karte 457: BerufsN zu weiteren klerikalen Ämtern, vor 1800 8 Vgl. auch die beiden Karten in Kunze (2004: 130). 4.9 Berufs(über)namen zu weltlichen und klerikalen Ämtern 957 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="958"?> • Der FamN Cleric geht auf rätorom. cleric zurück und bezieht sich - neben der Bezeichnung für den Geistlichen - auf eine Art Büroangestellten in einer geistlichen Kanzlei (RNB 3 1986: 634). • Der FamN Frauenknecht bezieht sich vermutlich auf den Diener oder Knecht in einem Frauenkloster (Brechenmacher 1 1957-1963: 496). • FamN Helfer: zu mhd. helfer ‘Helfer, Geselle’, speziell schwzdt. ‘amtlich angestellter Gehilfe eines Pfarrers’ (Id. 2 1881 ff.: Sp. 1195) • FamN Kammerer: zu mhd. kamerære ‘Schatzmeister (über Geld, Kleinode, Waffen); Vorsteher und Verwalter der Kammereinkünfte (einer Stadt, eines Klosters)’; in der Deutschschweiz häufig für den Verwalter einer geistlichen Genossenschaft bzw. für den Finanzminister des Bischofs • FamN Kilchenmann, Kilchmann: zu schwzdt. Kilche ‘Kirche’ für denjenigen, der Grundstücke der Kirche bewirtschaftete und daher der Kirche zinspf lichtig war. Möglich ist auch ein WohnstättenN nach dem Wohnort bei einer Kirche. 9 • FamN Probst: zu mhd. brobest ‘Vorgesetzter, Aufseher, Probst’, schwzdt. Bropst, Propst ‘Propst, geistlicher Vorsteher, Aufseher einer Hauptkirche, eines Stifts, Klosters’ für jemanden, der die äusseren Angelegenheiten einer geistlichen Einrichtung leitete • FamN von Grebel: zu mhd. grebel ‘Totengräber’ für eine Person, die mit der Aufgabe betraut war, Gräber auszuheben und diese zu pf legen Kommentar: Die BerufsN der siebten Karte sind über die Deutschschweiz verbreitet und zeigen dabei Schwerpunkte in den nordwestlichen (BE, FR, SO) und östlichen (SG) Gebieten. Spitzenreiter im vorliegenden Namensample ist der FamN Probst, der vor 1800 an 24 Orten alteingesessen ist. Die starke Konzentration im Emmental (BE) kommt durch eine Kombination aus Probst und Kilchenmann zustande. Die übrigen BerufsN sind niederfrequent (weniger als 8 Tokens) und treten ohne klare Raumstruktur auf. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Keller (22'369 Tokens), Ammann (5'866 Tokens) und Vogt (4'465 Tokens). Gemäss der Rangliste aller FamN der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz belegt Keller im Jahr 2024 nach Müller, Meier und Schmied den vierten Platz (BFS 2025: STATPOP 2024). Vergleich mit benachbartem Ausland: FamN, die sich auf Bezeichnungen für weltliche und klerikale Ämter in der Verwaltung beziehen, werden im DFA 5 (2016: 580-655) auf den Karten 223-251 dargestellt. Dieser umfassende Themenkomplex ist wiederum in vier Bereiche unterteilt: «Vögte» (Karten 223-229), «Orts- und Bezirksvorsteher» (Karten 230-235), «Verwalter, Wächter und andere Ämter» (Karten 236-246) sowie «Kirchendiener» (Karten 247-251). FamN, die auf Ämterbezeichnungen zurückgehen, werden auch bei Kunze (2004: 130-135) behandelt und mit Kartenausschnitten illustriert. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2025): STATPOP 2024. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Sprachregion für das Jahr 2024. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 36062364 (letzter Zugriff 20.10.2025). Brechenmacher, Josef K. (1957-1963): Etymologisches Wörterbuch der Deutschen Familiennamen. 2 Bde. 2., von Grund auf neugearbeitete Auf lage. Limburg a. d. Lahn: Starke. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. Ebner, Jakob (2015): Wörterbuch historischer Berufsbezeichnungen. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Castelnuovo, Guido (2007): Kastlan. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 010354/ 2007-07-26/ (letzter Zugriff 20.10.2025). e-HLS = Dubler, Anne-Marie (2004): Eichmeister. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 030560/ 2004-01-20/ (letzter Zugriff 20.10.2025). e-HLS = Grüninger, Sebastian/ Ineichen, Andreas (2015): Zehnt. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 008982/ 2015- 01-25/ (letzter Zugriff 20.10.2025). e-HLS = Holenstein, André (2012): Weibel. 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Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fort- 9 Vgl. Artikel III-3.8 «Wohnstättennamen nach Bauten und Wegen». 958 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="959"?> gesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Schobinger, Viktor/ Egli, Alfred/ Kläui, Hans (1994): Zürcher Familiennamen. Entstehung, Verbreitung und Bedeutung der Namen alteingesessener Zürcher Familien. Zürich: Zürcher Kantonalbank. SDS V = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1983): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. V: Wortgeographie II: Menschliche Gemeinschaft - Kleidung - Nahrung. Bern: Francke. Martina Heer 4.9 Berufs(über)namen zu weltlichen und klerikalen Ämtern 959 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="960"?> 4.10 Berufs(über)namen zu Bezeichnungen für Kaufleute und Händler Schlagwörter: Fernhandel, Grosshandel, Handelsware, Handelsweg, Kleinhandel Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel gilt Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 11.11.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») auf eine Bezeichnung für Kauf leute und Händler zurückgehen oder einen Bezug zu Handelswaren aufweisen. Handel wird allgemein als Austausch bzw. Kauf und Verkauf von Waren aufgefasst. Die unterschiedlichen Handelstätigkeiten werden durch verschiedene Faktoren bestimmt wie bspw. die Handelsakteure und deren jeweilige gesellschaftliche Schicht (Handelsreisende, Kaufleute, Krämer, Hausierer usw.), die Handelsware (Leinwand, Salz, Vieh usw.), die geographische Distanz der Handelswege (lokal, regional, überregional oder international) oder die Form des Handels (Klein-, Gross- oder Fernhandel). Diese Faktoren können in unterschiedlicher Weise zusammenwirken und machen so die Vielschichtigkeit des vorliegenden Gegenstands deutlich (e-HLS 2011: s. v. Handel; e-HLS 2011: s. v. Kleinhandel ). In der Schweiz spielte ab dem Mittelalter in Bezug auf den Grossbzw. den Fernhandel neben der Nachfrage nach einer bestimmten Ware auch die geographische Lage eine zentrale Rolle, denn wichtige Handelswege und Verkehrsachsen Europas liefen durch das Gebiet der heutigen Schweiz. Dabei entstanden Handelszentren wie Luzern (LU) oder Zürich (ZH) sowie neue wichtige Handelsorte mit Messeplätzen wie Genf (GE) oder Zurzach (AG) (e-HLS 2011: s. v. Handel ), die die bisherigen Austauschmöglichkeiten von Waren auf den Wochen- und Jahrmärkten in Städten oder in grösseren Orten ergänzten. Zudem kam der lokale Handel v. a. durch das Aufkommen des Viehhandels - u. a. mit dem benachbarten Ausland - in Schwung: Die Viehzüchter der zentralen Alpentäler begannen auf die starke Nachfrage der umliegenden Regionen zu reagieren und ihr Vieh auf die neuen städtischen Märkte des Mittellandes und bald auch der Lombardei und Venetiens zu treiben. Auf dem Rückweg importierten sie Güter, welche die Bergregionen nicht oder nur in geringem Mass hervorbrachten: Salz, Getreide und Waffen (e-HLS 2011: s. v. Handel ). Städtische Kauf leute, die im Fernhandel oder im regionalen Handel tätig waren, zählten zur Oberschicht der Bevölkerung und waren i. d. R. in Zünften organisiert (e-HLS 2016: s. v. Kaufleute). Neben dem örtlichen Kleinhandel zogen Hausierer und Wanderhändler - teilweise «von eher zweifelhafter Reputation» (e-HLS 2011: s. v. Handel; s. u. Typ Täuscher) - mit ihrer Ware umher. Sie «transportierten ihre Waren selbst und boten sie an den Haustüren der Konsumenten oder auf Messen und Märkten feil» (e-HLS 2009: s. v. Hausierer). Das facettenreiche Handelsgewerbe ist auch in das Familiennameninventar der Schweiz eingegangen und spiegelt sich in gewissen Namen wider. Die erste Karte widmet sich Berufs- und BerufsüberN zu allgemeinen Bezeichnungen für Kauf leute und Händler wie Kaufmann, Hodler oder Krämer. Die zweite Karte geht von den jeweiligen Handelswaren aus, die sich als indirekte Berufsbezeichnungen für den (spezialisierten) Händler in FamN verfestigt haben, wie Straumann für den Strohverkäufer oder Oeli für den Ölhändler. Erste Karte {458}: Berufs(über)namen zu Bezeichnungen für Kaufleute und Händler Namenauswahl: Die erste Karte gilt Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 1 die aus allgemeinen Bezeichnungen für Kauf leute und Händler hervorgegangen sind. Dabei werden die Bezeichnungen zu diesem Berufsfeld weit gefasst: Sie referieren sowohl auf den Grossbzw. den Fernhändler als auch auf den Kleinwarenbzw. den Detailhändler. Die FamN werden nach den zugrunde liegenden Lexemen gruppiert. Abgefragte Namen Typ Gremper: Gremper. 2 Tokens. Typ Hodler: Hodel, Hodler. 25 Tokens. Typ Kaufmann: Kauf , Käufeler, Kaufle, Kauflin, Kaufmann. 90 Tokens. Typ Kramer: Cramer, Crameri, Kramer, Krämer, Kromer. 25 Tokens. Typ Ladner: Ladner. 5 Tokens. Typ Täuscher: Düscher, Teuscher, Tüscher. 12 Tokens. Typ Thürkauf : Thürkauf . 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 477: Daten zur ersten Karte {458} Detailangaben zur Namenauswahl: 2 Die hier versammelten Berufs- und BerufsüberN beziehen sich in den meisten Fällen auf Bezeichnungen für den Kleinhändler (Typ Gremper, Typ Kramer, Typ Täuscher). Einzig die FamN des Typs Kaufmann referieren auf den Grossbzw. den Fernhandel. Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Typ Gremper: Der BerufsN Gremper geht auf mhd. gremper ‘Krämer, Trödler’, schwzdt. Grämper ‘Kleinhändler, Krämer, Trödler’ zurück. • Typ Hodler: Der BerufsN Hodel stellt sich zu schwzdt. Hodel ‘Händler, Zwischenbzw. Kleinhandel treibender Kaufmann, Handel treibender Fuhrmann’. Bei Hodler handelt es sich um ein Nomen 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 960 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="961"?> agentis zu schwzdt. hodle(n) ‘Waren führen und damit Handel treiben’. Der BerufsN referiert dementsprechend ebenfalls auf einen fahrenden Händler bzw. auf einen Handel treibenden Fuhrmann. • Typ Kaufmann: Die Berufs- und BerufsüberN sind zu mhd. koufman ‘Kaufmann, Verkäufer, auch Käufer; Bürger’ resp. zu mhd. koufen ‘handeln, kaufen’ zu stellen. Sie bezeichnen einen Fern- oder Grosshändler, der im Kauf und Verkauf von Handelswaren tätig war. • Typ Kramer: Die BerufsN gehen auf mhd. krāmere, kræmer ‘Kleinhändler oder Handelsmann, der seine Ware in einer krāme (einem Verkaufsladen) anbietet’ zurück. Der FamN Cramer gelangte durch Einwanderung aus Strassburg nach Genf (e-FNB 1989: s. v. Cramer). Crameri im italienischsprachigen Puschlav (GR) kann entweder eine Italianisierung des deutschsprachigen FamN Kramer darstellen oder aber direkt aus lombard. cramar ‘wandernder Krämer’ hervorgegangen sein - einem der zahlreichen Germanismen, die in Kontaktregionen weitverbreitet sind (VSI 7 1952 ff.: 20). • Typ Ladner: Der BerufsN Ladner, zu mhd. ladener ‘Krämer’, bezieht sich auf den Krämer oder den Kleinhändler. • Typ Täuscher: Die BerufsN gehen auf mhd. tiuscher ‘Händler’ und ‘Betrüger’, schwzdt. Tǖscher, Tūscher ‘Tauscher’ zurück und bezeichnen einen (allenfalls nicht ganz ehrlichen) tauschenden Händler. Gemäss RNB 3 (1986: 627) findet sich die gleiche Doppeldeutung auch in den italienischen FamN Treccola und Trecalia, zu (alt-)ital. trecca, treccola ‘Hausierer(in)’ in der ursprünglichen Bedeutung ‘Betrüger(in)’. • Typ Thürkauf : Der BerufsüberN Thürkauf setzt sich aus dem Adjektiv mhd. tiur(e), schwzdt. tǖr ‘von hohem Wert, wertvoll, kostbar, teuer’ und dem Verb mhd. koufen ‘handeln, kaufen’ zusammen. Der Name bezieht sich wohl auf einen Kaufmann, der andere überbietet, oder auf einen Händler, der die Kundschaft mit seinen Preisen überfordert. Das Namensample umfasst formal BerufsN auf -er (Gremper, Kramer und Ladner), l-Diminutive (Kaufle, Kauflin) sowie eine Ableitung auf -mann (Kaufmann), Kauf und Hodel mit archaischer Nomina-agentis- Bildung und ein SatzN (Thürkauf ). 3 Kommentar: Wie die erste Karte zeigt, ist der frequente Typ Kaufmann über die ganze Deutschschweiz verteilt. Dabei tritt hauptsächlich der BerufsN Kaufmann in Luzern (24 Tokens), Aargau (16 Tokens), Solothurn (15 Tokens) und St. Gallen (9 Tokens) konzentriert auf. FamN des Typs Kramer erscheinen sowohl im Westen (FR) als auch im Norden (AG) bzw. Nordosten (ZH, SG) der Deutschschweiz. Der Typ Hodler tritt - bis auf die beiden Ausreisser in Olsberg (AG) und Arisdorf (BL) - ausschliesslich in den Kantonen Luzern und Bern auf. Auch der BerufsN Gremper (Möhlin und Karte 458: Berufs(über)N zu Bezeichnungen für Kaufleute und Händler, vor 1800 3 Vgl. die Artikel II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen», II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis» und II-4.1 «Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen». 4.10 Berufs(über)namen zu Bezeichnungen für Kaufleute und Händler 961 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="962"?> Zeiningen AG), der Typ Täuscher (BE; ein Ausreisser im benachbarten Kanton Solothurn) und der FamN Ladner (Region Prättigau/ Davos GR) konzentrieren sich jeweils in einem Gebiet. Thürkauf erscheint als Einzelbeleg in Oberwil (BL). Zweite Karte {459}: Berufs(über)namen nach der Handelsware Namenauswahl: Die zweite Karte widmet sich FamN aus der Schicht «vor 1800», die sich indirekt über die Handelsware als Bezeichnungen für den Händler etabliert haben; so bspw. die BerufsüberN Kümin und Pfefferli für den Gewürzhändler oder Schmalz für den Händler von Schmalzprodukten. Die FamN werden nach den zugrunde liegenden Lexemen gruppiert. Abgefragte Namen Typ Essig: Essig. 3 Tokens. Typ Kien: Kienast, Kiener. 24 Tokens. Typ Korn: Korner. 4 Tokens. Typ Kümmel: Kümin. 3 Tokens. Typ Öl: Oehler, Oeler, Oeli. 4 Tokens. Typ Pfeffer: Pfefferle, Pfefferlé, Pfefferli. 3 Tokens. Typ Pulver: Pulfer, Pulver. 8 Tokens. Typ Salz: Salzmann. 6 Tokens. Typ Schmalz: Schmalz. 4 Tokens. Typ Stroh: Straumann. 8 Tokens. Typ Wāt: Waad, Wobmann, Wopmann. 5 Tokens. Typ Zindel: Zindel, Zyndel. 4 Tokens. Typ Zot(t)e: Zotter. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-45, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 478: Daten zur zweiten Karte {459} Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Typ Essig: Der BerufsüberN Essig stellt sich zu mhd. ezzich ‘Essig’ und benennt den Hersteller oder Verkäufer von Essig. • Typ Kien: Der BerufsN Kiener, zu mhd. kien ‘Kienholz, Kienfackel’, und der BerufsüberN Kienast, zu mhd. kienast ‘Ast vom Kienbaum, Ast der Kiefer’, beziehen sich auf den Sammler oder den Händler von Kienholz. • Typ Korn: Der BerufsN Korner basiert auf mhd. korner, körner ‘Kornaufkäufer’ und referiert auf den Kornhändler. Karte 459: Berufs(über)N nach der Handelsware, vor 1800 962 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="963"?> • Typ Kümmel: Der BerufsüberN Kümin zu mhd. kumin ‘Kümmel’ (für Pf lanze und Frucht des Wiesenkümmels) benennt den Gewürzverkäufer oder alternativ den Anbauer von Kümmel. • Typ Öl: Die BerufsN Oeler und Oehler sind zu mhd. öler ‘Ölmüller’ zu stellen. Oeli geht auf schwzdt. (älter) Öli für den Ölmüller, Ölträger oder den hausierenden Spezereiträger (Id. 1 1881 ff.: Sp. 182) zurück. Die Namen referieren auf eine Person, die mit der Herstellung und/ oder dem Verkauf von Öl betraut war. • Typ Pfeffer: Die BerufsüberN gehen auf mhd. phëffer ‘Pfeffer’ zurück und bezeichnen einen Gewürzhändler. • Typ Pulver: Die BerufsüberN Pulfer und Pulver beruhen auf mhd. pulver ‘Pulver, Staub, Asche’ und stehen für den Hersteller oder den Händler von Gewürzen; möglicherweise auch für den Hersteller von Schiesspulver. • Typ Salz: Der BerufsN Salzmann bezieht sich auf mhd. salzman ‘Salzverkäufer, Salzhändler’ und bezeichnet eine Person, die mit dem Handel von Salz betraut ist. • Typ Schmalz: Der BerufsüberN Schmalz geht auf mhd. smalz ‘ausgelassenes Fett zum Kochen, Schmalz, Butter’ bzw. schwzdt. Schmalz ‘Fett verschiedener Herkunft für den Küchengebrauch’ sowie ‘tierisches Fett für Salben in der Volksmedizin’ (Id. 9 1881 ff.: Sp. 937-949) zurück. Der FamN benennt wohl den Händler oder den Produzenten von Schmalzprodukten. • Typ Stroh: Der BerufsüberN Straumann basiert auf mhd. strō ‘Stroh’ und meint den Strohhändler. • Typ Wāt: Die Berufs- und BerufsüberN stellen sich zu mhd. wāt ‘Kleidungsstück’, schwzdt. (älter) Wāt ‘(kostbares) Tuch, Stoff; Gewand’ (Id. 16 1881 ff.: Sp. 2198). Sie bezeichnen eine Person, die mit Tuch oder Stoff handelt. • Typ Zindel: Die BerufsüberN Zindel und Zyndel, zu mhd. zindel ‘Zindel, Taft, eine Art Seidenstoff ’, beziehen sich auf den Stoffhändler. • Typ Zot(t)e: Der BerufsN Zotter referiert auf mhd. zote, zotte ‘was zotticht herabhangt, Zotte, Flausch’ (Ebner 2015: 863) und meint damit eine Person, die mit alten Kleidern bzw. Textilabfällen handelt. Kommentar: Die Berufs- und BerufsüberN der zweiten Karte sind über die ganze Deutschschweiz verbreitet. Der frequenteste Typ Kien erscheint hauptsächlich im Kanton Bern und mit einigen Vorkommen in den Kantonen Aargau, Luzern und Zürich. Die meisten anderen Typen treten ausschliesslich bzw. mehrheitlich jeweils in einem Kantonsgebiet auf: der Typ Essig im Aargau, der Typ Korn im Kanton Luzern, der Typ Kümmel im Kanton Schwyz, der Typ Pulver im Kanton Bern, der Typ Schmalz in den Kantonen Bern und St. Gallen, der Typ Stroh in den westlichen Kantonen Basel-Landschaft und Solothurn, der Typ Wāt in der Innerschweiz (LU, SZ) und der Typ Zindel in der Ostschweiz (GR, GL, SG). Bei den BerufsüberN des Typs Pfeffer zeigen sich einzelne Streubelege in den Kantonen Freiburg, Solothurn und Wallis. Auch der BerufsN Salzmann und der Typ Öl streuen über verschiedene Gebiete der Deutschschweiz (VS, BE, LU, ZH bzw. BE, SG). Der FamN Zotter ist einmalig in der Gemeinde Rorschacherberg (SG) alteingesessen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Kaufmann (9'806 Tokens), Hodel (2'551 Tokens) und Salzmann (2'443 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: FamN, die sich auf Bezeichnungen für Kauf leute und Händler beziehen, werden im DFA 5 (2016: 500-518) auf den Karten 194-201 dargestellt. Dabei werden u. a. FamN wie Fratzscher, Frotscher, Fretschner oder Pfretzschner zu mhd. phretzner ‘Kleinhändler, Lebensmittelhändler’ (Karte 198) abgebildet sowie die Verbreitung und Varianz von FamN zu mhd. kumin ‘Kümmel’ wie Kümmel, Kimmel, Kimmelmann, Kümmeler und Kimmig dokumentiert (Karte 200). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. Ebner, Jakob (2015): Wörterbuch historischer Berufsbezeichnungen. Berlin, Boston: De Gruyter. e-FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (1989): Familiennamenbuch der Schweiz. Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989. Digital zur Verfügung gestellt durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ (letzter Zugriff 11.11.2025). e-HLS = Bergier, Jean-François/ Radeff, Anne/ Stadler, Hans (2011): Handel. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 014032/ 2011-04-07/ (letzter Zugriff 11.11.2025). e-HLS = Illi, Martin/ Stadler, Hans (2016): Kaufleute. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 016380/ 2016-03-23/ (letzter Zugriff 11.11.2025). e-HLS = Radeff, Anne (2009): Hausierer. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 014033/ 2009-11-05/ (letzter Zugriff 11.11.2025). e-HLS = Radeff, Anne (2011): Kleinhandel. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 026300/ 2011-11-03/ (letzter Zugriff 11.11.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 11.11.2025). 4.10 Berufs(über)namen zu Bezeichnungen für Kaufleute und Händler 963 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="964"?> Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. VSI = Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana (1952 ff.): Bd. 1 ff. Lugano: Mazzuconi, dann Bellinzona: Centro di dialettologia e di etnografia. Martina Heer 964 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="965"?> 4.11 Berufs(über)namen zum Unterhaltungsgewerbe Schlagwörter: Blasinstrument, Musikant, Musikinstrument, Saiteninstrument, Schlaginstrument, Spielleute Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel gilt Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 19.11.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») einen Bezug zum Unterhaltungsgewerbe aufweisen. Zu diesen Berufen zählen Akrobaten, Musikanten, Gaukler, Dompteure, Jongleure, Schauspieler und Tänzer. «Sie gehörten zu den Fahrenden und lebten als Randgruppen in besonderen Quartieren wie dem Kohlenberg in Basel oder dem Kratz in Zürich. Ihre Tätigkeiten zählten zum Teil zu den unehrlichen Berufen» (e-HLS 2012: s. v. Spielleute). Die berufsmässigen Unterhaltungskünstler werden teilweise unter dem Sammelbegriff «Spielleute» zusammengefasst. 1 Dennoch lassen sich Unterscheidungen in der Stellung der Spielleute vornehmen: So kann unter den Musikanten den Trommlern und den Pfeifern eine gewisse offizielle Funktion zugeschrieben werden, da sie bei der Landsgemeinde aufspielten oder auch Teil des militärischen Aufgebots waren (RNB 3 1986: 628). Ausserdem boten die Spielleute auf Festen wie Hochzeiten oder Kirchweihen sowie auf Marktplätzen oder an Jahrmärkten ihre Künste dar (RNB 3 1986: 628; e-HLS 2015: s. v. Feste). Zu den üblichen Musikinstrumenten zählten Blasinstrumente wie Pfeifen oder Schwegeln (eine Art hölzerne Flöte), Schlaginstrumente wie Schellen oder Trommeln und Saiteninstrumente wie Geigen oder Leiern, die in FamN wie Schwegler, Scheller oder Gyger fest geworden sind. Neben Musik boten die Spielleute auch Schauspiel und Tanz dar. Ferner spielten sie mit den Anwesenden u. a. Karten- oder Würfelspiele und versuchten, ihnen «das Geld abzunehmen» (RNB 3 1986: 628). Gaukler unterhielten das Publikum mit Spässen und Possen, aber auch als Komödianten, Taschenspieler oder Seiltänzer (DWb 4 1854-1961: Sp. 1563-1564); daneben waren Kampfkünste Teil des Unterhaltungsprogramms (Kunze 2004: 135). All diese Darbietungen lassen sich in FamN nachzeichnen; vgl. bspw. die BerufsN Gaugler, Springer und Kämpf . Lexeme für Unterhaltungstätigkeiten, wie etwa Gaukler oder Spielmann, sind häufig mehrdeutig und fassen mehrere Berufe unter einem Begriff zusammen. Dies liegt wohl in der Tatsache begründet, dass die Künstler mehrere Tätigkeiten ausübten. Am Lexem Spielmann lässt sich dies exemplarisch illustrieren: Das Bedeutungsspektrum umfasst bereits im Mittelhochdeutschen verschiedene Berufe: mhd. spilman ‘Spielmann, fahrender Sänger, Musikant, Gaukler’. Im DWb 16 (1854-1961: Sp. 2408) wird dieser Bedeutungsbereich noch weiter ausgedehnt: spilman bezeichnet zunächst die mittelalterlichen nachfolger der römischen joculatores, mimi u. s. w., die fahrenden, die durch allerlei kunststücke und primitive, volksthümlich-derbe kunstübung, als seiltänzer, gaukler, taschenspieler, kunstreiter, jongleure, springer, tänzer, puppen- und possenspieler, besonders auch als musikanten [auftraten]. Dadurch entsteht für Spielmann ein sehr allgemeines, unspezifisches Berufsspektrum, das mit Blick auf historische Wörterbücher einen Schwerpunkt in der Musik gehabt haben dürfte (Id. 4 1881 ff.: Sp. 279; Ebner 2015: 713). Die erste Karte gibt einen Überblick über die interessierenden Berufs- und BerufsüberN und unterscheidet dabei FamN, die als Grundlage ein Instrument oder das Spielen eines Instruments beinhalten, von FamN, die den weiteren Berufen des Unterhaltungsgewerbes zuzuschreiben sind. Die folgenden drei Karten stellen dann jeweils eine Teilmenge der Gesamtkarte dar: Die zweite Karte enthält Berufs- und BerufsüberN nach Blasinstrumenten, danach bildet die dritte Karte Namen nach weiteren Musikinstrumenten ab. FamN zu den übrigen Berufen des Unterhaltungsgewerbes werden in der vierten Karte behandelt. 1 Historisch sind auch Frauen als Teil der Spielleute fassbar (e-HLS 2013: s. v. Fahrende; speziell zu Spielfrauen im Mittelalter vgl. Salmen 2000), wie auch die Lexeme mhd. spilwīp ‘Musikantin, Gauklerin’ sowie die Movierung mhd. goukelærinne belegen. 4.11 Berufs(über)namen zum Unterhaltungsgewerbe 965 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="966"?> Erste Karte {460}: Gesamtkarte Namenauswahl: Die erste Karte zeigt alle Berufs- und BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 2 die sich dem Unterhaltungsgewerbe zuordnen lassen. Für die vorliegende Karte wurde eine Unterscheidung zwischen FamN, die als lexikalische Grundlage ein Musikinstrument haben oder das Spielen eines Instruments beinhalten (Musikanten), und FamN, die sich auf andere Unterhaltungsbereiche beziehen (weitere Spielleute), vorgenommen. Abgefragte Namen Berufs(über)N zu Musikanten: Beugger, Beuggert, Blaser, Deuber, Dudle, Dudler, Dudli, Dutler, Dutli, Dutly, Fleuti, Geiger, Geigy, Giger, Gyger, Lautenschlager, Lyrenmann, Lyrer, Pfeifer, Pfeiffer, Pfiffer, Pfiffner, Pfyffer, Schell, Scheller, Schwägler, Schwägli, Schwegler, Täuber, Teuber, Trummer, Zingg, Zinggeler. 33 Types, 203 Tokens. Berufs(über)N zu weiteren Spielleuten: Dänzer, Denzler, Doppler, Fechter, Gabler, Gamper, Gämperle, Gämperli, Gaugler, Gempeler, Gemperle, Gemperli, Jufer, Kämpf , Kämpfer, Kempf , Schirmer, Senger, Sing, Singer, Spieler, Spielmann, Spiller, Spillmann, Sprecher, Spring, Springer, Werfeli, Werffeli. 29 Types, 150 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 5-80, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 479: Daten zur ersten Karte {460} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 Die meisten der kartierten Fälle sind BerufsN, also FamN zu direkten Berufsbezeichnungen wie Geiger zu mhd. gīgære, gīger für den Geigenspieler. Bei wenigen FamN handelt es sich um BerufsüberN wie z. B. Zingg zu mhd. zinke ‘Zacken, Zinke, Spitze; Blashorn’. Zu weiteren Etymologien der ausgewählten FamN vgl. die Angaben bei den folgenden Karten. Das Namensample umfasst formal BerufsN auf -(l/ n)er (Blaser, Deuber, Zinggeler), l-Diminutive (Gämperle, Gemperli), Ableitungen auf -mann (Lyrenmann, Spillmann), Nomina agentis auf -i (Dudli) sowie endungslose (bzw. endungslos gewordene) Agensbildungen Karte 460: Berufs(über)N zum Unterhaltungsgewerbe gesamthaft, vor 1800 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 966 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="967"?> (Kämpf , Kempf aus mhd. kempfe, ahd. kempfo) und Zusammenbildungen (Lautenschlager). 4 Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass Berufs- und BerufsüberN mit Bezug zum Unterhaltungsgewerbe in der gesamten Deutschschweiz vorkommen. Bis auf Nidwalden und das Wallis sind alle Kantone mit deutschsprachigem Bevölkerungsanteil auf der Karte vertreten. Ein Schwerpunkt zeigt sich im Mittelland, in den Kantonen Bern, Zürich, Thurgau und St. Gallen. Die relative Flächenkartierung hebt aber auch (vor-)alpine Regionen hervor, wie den Wahlkreis Sarganserland (SG) oder die Region Plessur (GR). Die folgenden drei Karten helfen, diese Ballungen etwas differenzierter zu lesen, denn in manchen Gebieten treten EinzelN gehäuft auf. Zweite Karte {461}: Berufs(über)namen nach Blasinstrumenten Namenauswahl: Die zweite Karte stellt eine Teilmenge der ersten Karte dar und zeigt Berufssowie BerufsüberN aus der Schicht «vor 1800», die sich auf Blasinstrumente oder auf Spieler von Blasinstrumenten beziehen. Die FamN werden nach den zugrunde liegenden Lexemen gruppiert. Abgefragte Namen Typ Blāser: Blaser. 19 Tokens. Typ Dūdle: Dudle, Dudler, Dudli, Dutler, Dutli, Dutly. 6 Types, 9 Tokens. Typ Fläute: Fleuti. 2 Tokens. Typ Pfeifer: Pfeifer, Pfeiffer, Pfiffer, Pfiffner, Pfyffer. 26 Tokens. Typ Schwegler: Schwägler, Schwägi, Schwegler. 13 Tokens. Typ Tauber: Deuber, Täuber, Teuber. 4 Tokens. Typ Zink: Zingg, Zinggeler. 25 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 480: Daten zur zweiten Karte {461} Karte 461: Berufs(über)N nach Blasinstrumenten, vor 1800 4 Vgl. die Artikel II-2.11 «Variation -er, -ler, -ner bei Berufsnamen», II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y» sowie II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 4.11 Berufs(über)namen zum Unterhaltungsgewerbe 967 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="968"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • FamN Blaser: zu mhd. blāsen ‘blasen, hauchen, schnauben’ für eine Person, die ein Blasinstrument spielt (Id. 5 1881 ff.: Sp. 148) • Typ Dūdle: zu schwzdt. dūd(e)le(n) ‘auf der Sackpfeife, dem Horn, der Klarinette, der (Hand-)Orgel (schlecht) spielen, dudeln’ für den Spieler eines solchen Instruments • FamN Fleuti: zu schwzdt. fläute(n) ‘die Flöte blasen’ (Id. 1 1881 ff.: Sp. 1230) • Typ Pfeifer: zu mhd. phīfer ‘Pfeifer, Spielmann’ für eine Person, die berufsmässig oder für besondere Anlässe auf der Pfeife (einer Art kleinen Flöte) spielt • Typ Schwegler: zu schwzdt. schwëgle(n) ‘auf der Schwegel blasen, pfeifen’ (Id. 9 1881 ff.: Sp. 1769); die Schwegel ist eine schalmei- oder klarinettenähnliche Flöte, die man im Mittelalter und in der Renaissance v. a. als militärisches Instrument verwendete und später auch in der Volksmusik benutzte. • Typ Tauber: zu mhd. töuben, schwzdt. täube(n) ‘ein Tuba ähnliches Blasinstrument spielen’ (aus lat. tuba ‘Röhre; Blasinstrument, Trompete, Posaune’; Ebner 2015: 754); möglich ist auch ein ÜberN, der sich auf eine schwätzerische oder wütende Person bezieht. 5 • Typ Zink: zu mhd. zinke ‘Zacken, Zinke, Spitze; Blashorn’ für eine Person, die das entsprechende Blasinstrument spielte; jünger sind übertragene Bedeutungen des mittelhochdeutschen Wortes für besonders vorspringende Stellen am menschlichen Körper. 6 Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass die Berufs- und BerufsüberN nach Blasinstrumenten Verbreitungsräume über die gesamte Deutschschweiz mit unterschiedlichen Ballungszonen aufweisen: So tritt der FamN Blaser ausschliesslich in den beiden Kantonen Bern und Schwyz auf und bildet dabei jeweils ein Cluster. FamN, die sich zum Typ Zink stellen, konzentrieren sich in den Kantonen Bern und Thurgau. Der Typ Dūdle erscheint hauptsächlich in der Nordostschweiz; ebenso die BerufsN zum Lexem Pfeifer mit weiteren Häufungen in der Innerschweiz (LU). Als luzernisch können ferner jene FamN gelten, die sich auf die Schwegel beziehen. Die BerufsN des Typs Tauber treten einzeln und verstreut über die Kantone Aargau, Schaffhausen, Schwyz und Zürich auf. Der FamN Fleuti ist nur in zwei Orten im Berner Oberland (Gsteig und Saanen BE) alteingesessen. 5 Vgl. Artikel III-5.5 «Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sprechweise und Sprachverhalten». 6 Vgl. Artikel III-5.2 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Körperteile und Gang». 968 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="969"?> Dritte Karte {462}: Berufsnamen nach weiteren Musikinstrumenten Namenauswahl: Die dritte Karte stellt ebenfalls eine Teilmenge der ersten Karte dar. Sie widmet sich BerufsN aus der Schicht «vor 1800», die sich auf weitere Musikinstrumente wie Saiten- und Schlaginstrumente resp. deren Spieler beziehen. Bei diesen FamN handelt es sich ausschliesslich um direkte BerufsN. Sie werden nach den zugrunde liegenden Lexemen gruppiert. Abgefragte Namen Typ Beugger: Beugger, Beuggert. 5 Tokens. Typ Geiger: Geiger, Geigy, Giger, Gyger. 70 Tokens. Typ Lautenschläger: Lautenschlager. 8 Tokens. Typ Leierspieler: Lyrenmann, Lyrer. 4 Tokens. Typ Scheller: Schell, Scheller. 13 Tokens. Typ Trummer: Trummer. 5 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 481: Daten zur dritten Karte {462} Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Typ Beugger: zu schwzdt. (älter) bäugge(n), baugge(n) ‘die Trommel oder Pauke schlagen; prügeln’. Der Name bezeichnete eine Person, die gewerbsmässig oder regelmässig musizierte, oder aber eine Person, die zu physischer Gewalt neigte. 7 Schliesslich ist auch ein HerkunftsN zum Toponym Beuggen in der Gemeinde Bubendorf (BL) denkbar. 8 • Typ Geiger: zu mhd. gīgære, gīger ‘Geiger’; ursprünglich waren damit v. a. fahrende Spielleute oder Musiker, die in einem Dienstverhältnis zu einem Herrn standen, gemeint. • FamN Lautenschlager: zu mhd. lūtenslaher ‘Spielmann, der die Laute spielt’ • Typ Leierspieler: zu mhd. līre ‘Leier’ für den Leierspieler • Typ Scheller: zu mhd. schelle ‘Glocke, Schelle’ für den Musikanten, den Hersteller oder den Träger von Glocken, die teilweise an der Kleidung oder Rüstung getragen wurden. Möglich ist auch ein ÜberN, der eine lärmende, übermütige Person bezeichnet. 9 Karte 462: BerufsN nach weiteren Musikinstrumenten, vor 1800 7 Vgl. Artikel III-5.4 «Übernamen nach Charakter und Verhalten: Aggressivität». 8 Zu epenthetischem Dental vgl. Artikel II-2.13 «Familiennamen mit unorganischem t-Antritt im Auslaut». 9 Vgl. Artikel III-5.3 «Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel». 4.11 Berufs(über)namen zum Unterhaltungsgewerbe 969 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="970"?> • FamN Trummer: zu schwzdt. (älter) Trummer ‘Trommler’ (Id. 14 1881 ff.: Sp. 1025) für den ein Schlaginstrument spielenden Musikanten, besonders wohl für einen (fahrenden) Spielmann Kommentar: Wie die dritte Karte zeigt, erstrecken sich die FamN zu weiteren Musikinstrumenten über die Deutschschweiz. Der frequenteste Typ im Sample stellen die BerufsN zum Lexem Geiger mit insgesamt 70 Ortspunkten dar. Eine grosse Konzentration dieser BerufsN ergibt sich in der Nordostschweiz (SG mit 23 Tokens); weitere Häufungen treten in den Kantonen Aargau, Bern, Graubünden, Luzern und Thurgau auf. Der BerufsN Scheller bildet mit 8 Tokens ein Nest im Kanton Zürich, während die endungslose Agensbildung Schell streut. Der FamN Lautenschlager konzentriert sich in der Nordostschweiz (TG, SG); der FamN Trummer tritt hauptsächlich im westlichen Berner Oberland auf. Fast ausschliesslich im Kanton Uri erscheinen FamN des Typs Leierspieler, Beugger und Beuggert sind mit jeweils einzelnen Vorkommen in den Kantonen Bern, Basel-Landschaft, Schaffhausen und Zürich dokumentiert. Vierte Karte {463}: Berufsnamen nach Unterhaltungsbereich Namenauswahl: Die vierte Karte widmet sich jenen BerufsN aus der Schicht «vor 1800», deren lexikalische Grundlage auf eine Darbietung wie Akrobatik, Kampf oder Spiel verweist. Die ausgewählten FamN werden nach Berufsgruppen eingeteilt. Abgefragte Namen BerufsN zu Akrobaten: Gamper, Gämperle, Gämperli, Gempeler, Gemperle, Gemperli, Spring, Springer. 8 Types, 40 Tokens. BerufsN zu Gauklern: Gabler, Gaugler, Jufer. 9 Tokens. BerufsN zu Kämpfern: Fechter, Kämpf , Kämpfer, Kempf , Schirmer. 23 Tokens. BerufsN zu Sängern: Senger, Sing, Singer, Sprecher. 28 Tokens. BerufsN zu Spielern: Spieler, Spielmann, Spiller, Spillmann. 29 Tokens. BerufsN zu Tänzern: Dänzer, Denzler. 17 Tokens. BerufsN zu Würfelspielern: Doppler, Werfeli, Werffeli. 4 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 482: Daten zur vierten Karte {463} Detailangaben zur Namenauswahl: Die FamN zur Berufsgruppe Spieler wurden aufgrund ihres allgemeinen und breiten Bedeutungsspektrums hier eingeordnet. Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) an. • FamN Doppler: zu mhd. topelære ‘Würfelspieler’, aber auch ‘Würfelmacher’. Ausgehend von der zweiten Bedeutung ist konkurrierend auch ein BerufsN für den Hersteller von Würfeln denkbar; Karte 463: BerufsN nach Unterhaltungsbereich, vor 1800 970 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="971"?> dies ist ein Handwerkszweig, der zum Drechslergewerbe gehört (Ebner 2015: 153). 10 • FamN Gabler: zu schwzdt. Gabli, Gabeli, Gabler, Gabli(n)g ‘Mensch, der possierliche Bewegungen und Stellungen annimmt, Gaukler’; möglich ist auch ein ÜberN nach der Bedeutung ‘schlanker Mensch, grosser Kerl mit langen Beinen’ (Id. 2 1881 ff.: Sp. 61). Weiter ist auch eine Ableitung zu mhd. gabele ‘Gabel’ für den Gabelmacher nicht auszuschliessen. • FamN Gamper und Varianten: zu schwzdt. gampe(n) ‘sich auf- und abwärts (auch hin und her) bewegen, nicht feststehen, schaukeln, schwanken’; konkurrierend ist auch eine Deutung als ÜberN für eine unruhige Person möglich. 11 • FamN Gaugler: zu mhd. goukelære ‘Zauberer, Gaukler, Taschenspieler’ • FamN Jufer: wohl Ableitung zu mhd. jūf ‘grober, verächtlicher Scherz’, wie er von Gauklern gemacht wird • FamN Schirmer: zu mhd. schirmære, schirmer ‘Fechter, Fechtmeister’ • FamN Sprecher: zu mhd. sprëchære, sprëcher ‘Lied-, Spruchsprecher’; konkurrierend ist auch ein ÜberN nach der Bedeutung ‘Sprecher, Schwätzer’ für einen Vielredner denkbar. Zudem kommt ein BerufsN für einen Gerichtsbeamten, der in einem (schieds-)gerichtlichen Verfahren ein Urteil spricht, infrage. Kommentar: Die vierte Karte zeigt ein weitläufiges Vorkommen der einschlägigen BerufsN in der Deutschschweiz, wobei einige Häufungen auf EinzelN zurückgehen: Im Westen der Deutschschweiz clustert Spring in der Region Bern-Mittelland (BE); Gaugler kommt lediglich in fünf solothurnischen Gemeinden vor. Der FamN Denzler verdichtet sich im Raum Pfäffikon (ZH) und Uster (ZH) und zeigt ein weiteres Vorkommen in Baden (AG). Gamper ist in der gewählten Zeitschicht typisch für den Thurgau, die Diminutivvarianten (Gämperle, Gämperli, Gemperle, Gemperli) kommen ausschliesslich im Kanton St. Gallen vor (Raum Wil, Toggenburg). Demgegenüber tritt der BerufsN Sprecher gehäuft im Kanton Graubünden in der Region Prättigau und um die Stadt Chur auf. Manche der kartierten Namen zeigen ein Streubild: Kempf weist zwar ein verdichtetes Vorkommen im Kanton Uri auf, hat aber auch Ortspunkte in anderen Kantonen (SO, ZH); für den FamN Singer lässt sich keinen arealen Schwerpunkt ausmachen (BE, BL, GR, SH, SO, TG). Die beiden BerufsN Spielmann und Spillmann zeigen tendenziell auch Streubilder, wobei die erste Namenform nur in der westlichen Deutschschweiz (BE, FR, SO, westlicher AG) und die zweite nur in der östlichen Landeshälfte (östlicher AG, ZH, ZG) vorkommt. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Blaser (5'667 Tokens), Giger (4'307 Tokens) und Zingg (2'793 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: BerufsN, die zum Unterhaltungsgewerbe gehören, sind im DFA 5 (2016: 558-579) auf den Karten 215-222 dargestellt. Dabei werden FamN zu Bezeichnungen von Musikern und Gauklern wie Fiedler (Karte 215), Flöter (Karte 216), Bünger (Karte 217) oder Gockel (Karte 222) behandelt. Nübling/ Kunze (2023: 404-406) berücksichtigen Namen wie Pauker, Trümper oder Lautenschläger. Auch Kunze (2004: 134-135) illustriert BerufsN zu diesem Bereich unter Berücksichtigung verschiedener Instrumente sowie verschiedener Berufszweige wie Akrobaten, Gaukler oder Fechtkünstler. In Deutschland zeigt sich ein deutlicher Gegensatz zwischen FamN des Typs Geiger im Süden und des Typs Fiedler im Norden (vgl. Karte 215; DFA 5 2016: 558); die Deutschschweizer Belege des Typs Geiger schliessen sich diesem südlichen Gebiet Deutschlands an und formen so einen zusammenhängenden Namenraum. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. DWb = Grimm, Jacob/ Grimm, Wilhelm (1854-1961): Deutsches Wörterbuch. Digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/ 23. https: / / www.woerterbuchnetz.de/ DWB (letzter Zugriff 19.11.2025). Ebner, Jakob (2015): Wörterbuch historischer Berufsbezeichnungen. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Dubler, Anne-Marie (2013): Fahrende. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 025616/ 2013-10-03/ (letzter Zugriff 19.11.2025). e-HLS = Illi, Martin (2012): Spielleute. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 025740/ 2012-02-29/ (letzter Zugriff 19.11.2025). e-HLS = Leimgruber, Walter (2015): Feste. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 017447/ 2015-02-19/ (letzter Zugriff 19.11.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 19.11.2025). Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fort- 10 Vgl. Artikel III-4.7 «Berufs(über)namen zur Holzverarbeitung». 11 Vgl. Artikel III-5.3 «Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel». 4.11 Berufs(über)namen zum Unterhaltungsgewerbe 971 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="972"?> gesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Salmen, Walter (2000): Spielfrauen im Mittelalter. Hildesheim, Zürich, New York: Olms. Simone Berchtold, Martina Heer 972 4 Berufsnamen und Berufsübernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="973"?> 5 Übernamen 5.1 Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Gesamteindruck und Haare Schlagwörter: Gesichtsfarbe, Haarfarbe, Haarform, Haarmenge, Haarwuchs, Hautfarbe, Körpergrösse, Körperumfang Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel widmet sich FamN, deren zugrunde liegende Lexeme gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 28.05.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») auf körperliche Merkmale zurückgehen. Im Kartenkomplex steht die Frage im Fokus, wie sich diese Merkmale - gemeint sind damit sichtbare, äusserliche Besonderheiten wie Körperform, Proportionen, Haarfarbe, Behaarung, Gangart - im Deutschschweizer Familiennamenbestand widerspiegeln. Eine Menge an verschiedenen ÜberN geht auf den menschlichen Körper zurück, denn «[w]enn man einen Menschen beschreibt, wird man i. d. R. erst den Gesamteindruck, dann sicher bald die Haare schildern, dann weitere Merkmale, meist von oben nach unten. Diese spontane Art, Menschen zu beschreiben, hat sich auch in den Familiennamen niedergeschlagen» (Kunze 2004: 141). Bei ÜberN nach äusserlichen Kennzeichen kann man davon ausgehen, dass die ursprünglich so benannte Person oder Familie durch das jeweilige Kennzeichen charakterisiert werden konnte (Kunze 2004: 139). Dabei steht i. d. R. eine Abweichung zur jeweils geltenden gesellschaftlichen Norm im Vordergrund. Nübling/ Kunze (2023: 408) sprechen davon, «dass immer Devianz benannt wird. Die bezeichnete Eigenschaft war so auffällig und damit (eher) selten, dass sie den ersten Namenträger vom Rest der Gruppe unterschied». In diesem Punkt weichen ÜberN von den Benennungsmotiven der Patronyme, BerufsN oder WohnstättenN ab: Während in diesen Namen eine allgemeine und neutrale Benennung vorgenommen wurde, wird bei den ÜberN häufig die Abweichung hervorgehoben. Ähnlich gelagert sind HerkunftsN, die das Fremde betonen und damit auch eine Art der Abweichung in den Fokus rücken. Dadurch sind diese Namen zwar beschreibend, aber tendenziell negativ oder wenig schmeichelhaft (Debus 2009: 104). Die Vergabe der ÜberN gleicht der Vergabe von SpitzN, also von inoffiziellen und nichtamtlichen PersonenN, im gegenwärtigen Sprachgebrauch (Nübling 2014). Grundsätzlich sei aber festgehalten, dass aus dem Namen selbst zwar meist die «Namenetymologie, aber keine gesicherte Namendeutung» (Kohlheim 1998: 238) erschlossen werden kann. So geht der FamN Helbling etymologisch auf mhd. helbelinc ‘Münzstück im halben Wert des jeweiligen Pfennigs’ zurück. Das Wort entwickelt im Schweizerdeutschen verschiedene Bedeutungen, die von der Kernbedeutung ‘die Hälfte irgendeines Dings’ ausgehen (Id. 2 1881 ff.: Sp. 1171-1172), auf Menschen übertragen also Kleinheit, aber dann auch Unreife. 1 Um körperliche Besonderheiten einer Person zu versprachlichen, können drei Wege eingeschlagen werden: 1. direkte Benennung des Merkmals oder des Sachverhalts mit den zur Verfügung stehenden Lexemen wie Klein, Mägerli, Roth; 2. metaphorische Benennung aufgrund von Ähnlichkeiten wie Rapp im Sinne von ‘schwarz wie ein Rabe’ oder 3. metonymische Benennung aufgrund eines tatsächlichen, häufigen «Pars pro Toto»-Zusammenhangs, wenn ein auffälliges Körperteil für die ganze Person steht wie in Kopf , Hirni, Schenkel (Kunze 2004: 139, 143; Kohlheim/ Kohlheim 2014: 150). Aufgrund der Fülle an FamN nach körperlichen Merkmalen wird die Motivgruppe in zwei Artikel aufgeteilt, die der eingangs beschriebenen Anordnung folgen: Zuerst liegt der Fokus auf dem Gesamteindruck, danach werden die restlichen Eigenschaften von oben nach unten besprochen. In diesem ersten Artikel werden neben FamN nach dem äusseren Erscheinungsbild auch FamN nach dem Farbeindruck behandelt, der entweder die Haarfarbe oder die Gesichtsbzw. die Hautfarbe meint. Die erste Karte widmet sich FamN nach der Körpergrösse, die zweite Karte solchen nach dem Körperumfang und die dritte Karte FamN nach dem (positiv oder negativ bewerteten) Gesamtaussehen. Die vierte und die fünfte Karte veranschaulichen FamN nach dem Farbeindruck, bevor die sechste Karte abschliessend FamN nach Haarmenge und Haarwuchs bzw. -form thematisiert. Der zweite Artikel zu ÜberN nach körperlichen Merkmalen behandelt dann FamN, die zu Körperteilen wie dem Kopf als Ganzen, zu Teilen des Kopfs, zum Rumpf, zu den Beinen usw. oder nach der Gangart einer Person gebildet wurden (vgl. Artikel III-5.2 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Körperteile und Gang»). 1 Bei Münzeinheiten ist daneben auch die Deutung nach einer Abgabeart oder der Bezug auf Reichtum resp. Armut möglich; vgl. Artikel III-5.10 «Übernamen nach gesellschaftlich-wirtschaftlichen Aspekten». Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="974"?> Erste Karte {464}: Übernamen nach der Körpergrösse Namenauswahl: Die erste Karte zeigt alle ÜberN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 2 die sich auf Lexeme mit der Bedeutung ‘klein’ oder ‘gross’ zurückführen lassen. 3 Die ausgewählten FamN werden nach der Bedeutung ihrer zugrunde liegenden Lexeme gruppiert und kartiert. Abgefragte Namen ÜberN nach kleiner Körpergrösse: Bicker, Bigger, Bingesser, Binggeli, Bingisser, Böhni, Böhny, Bondt, Böni, Bont, Funk, Helblig, Helbling, Kägi, Kegel, Keigel, Keim, Keist, Keust, Kid, Kihm, Kim, Kislig, Kisslig, Kissling, Kleimann, Klein, Kleiner, Knopf , Knopfli, Knöpfli, Knöri, Knörr, Knutti, Krügel, Krüse, Krüsi, Kurz, Kurzen, Kürzi, Kurzo, Kyd, Kym, Maendly, Mändli, Mändly, Mendelin, Mendly, Pfosi, Scheitlin, Schittli, Schoder, Schudel, Spahni, Spähni, Speerli, Stofer, Stoffer, Stohl, Stoll, Stump, Stumpf , Stünzi, Weniger, Zigerli, Zigerlig. 66 Types, 217 Tokens. ÜberN nach grosser Körpergrösse: Drüssel, Grob, Gross, Grossen, Grossmann, Hählen, Hehlen, Hoch, Lang, Läng, Lengen, Ries, Riesen, Rihs, Ris, Riss, Schrag, Schrago, Trüssel, von Gross, Zaeslein, Zaeslin. 22 Types, 181 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-70, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 483: Daten zur ersten Karte {464} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Bingesser, Bingisser: zu schwzdt. Binggis ‘Knirps’ • Grob: zu mhd. grop in der alten Bedeutung ‘an Masse gross, dick, stark’ Karte 464: ÜberN nach kleiner und grosser Körpergrösse, vor 1800 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Mit dem RNB 3 (1986: 780) sei darauf hingewiesen, dass es Berührungspunkte zur Kategorie ‘jung’ vs. ‘alt’ gibt, denn ein FamN wie Klein kann neben dem Kleingewachsenen auch den Jüngeren von zwei (gleichnamigen) Familienmitgliedern bezeichnen, ebenso Gross den Grossgewachsenen oder Älteren; vgl. Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» (sechste Karte). 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 974 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="975"?> • Knöri, Knörr: zu schwzdt. (älter) Chnorri, Chnörri ‘kleiner, aber dicker, auch grober Bursche’ • Pfosi: zu schwzdt. (älter) Pfosi, Pfösi ‘kleingewachsener, auch unbeholfener Mensch’ • Scheitlin, Schittli: zu mhd. schīt, schwzdt. Schīt ‘Brennscheit’ für eine Person von geringer Körpergrösse • Schrag, Schrago: zu mhd. schrage ‘Gestell, Untergestell (eines Tisches o. ä.)’, davon ausgehend in übertragenem Sinne ‘langer, hagerer Mensch’ • Stofer, Stoffer: zu schwzdt. (älter) Stofer ‘im Wachstum zurückgebliebener Mensch’ • Stohl, Stoll: zu schwzdt. (älter) Stoll(en) ‘Stütze, Unterlage, Gestell, Pfosten’ für einen untersetzten, stämmigen Menschen • Stump: zu schwzdt. Stump, Stumpf ‘verkürzter oder übrigbleibender Teil des menschlichen Körpers’; konkurrierend ist auch ein WohnstättenN zu einem Toponym Stump(f ) denkbar. • Stünzi: zu mhd. stunz ‘stumpf, abgestumpft, kurz’ für eine Person von untersetztem Körperbau • Zigerli, Zigerlig: zu schwzdt. Ziger ‘Ziger’ für eine Person nach dem Aussehen eines geformten Zigerballens (klein, rundlich, gedrungen o. ä.); konkurrierend kann auch ein BerufsüberN für den Käsehändler vorliegen. Die FamN bilden zwei der im Abschnitt «Gegenstand und Fragestellung» erwähnten Arten der Versprachlichung ab: 1. Manche der kartierten FamN leiten sich von Lexemen mit allgemeiner Bedeutung ab und gehören zur direkten Benennung: So können etwa die Adjektive klein und kurz hinsichtlich der Körpergrösse beide ‘klein’ bedeuten, während grob, gross, hoch und lang alle drei semantisch auf ‘gross’ verweisen. Andere Lexeme zeigen ein breiter gefächertes Bedeutungsspektrum: Bei schwzdt. Chnorri, Chnörri ‘kleiner, aber dicker Bursche; grober Bursche nach Körperbau und Sitten’ (Id. 3 1881 ff.: Sp. 757) - das den FamN Knöri und Knörr zugrunde liegt - tritt einerseits die Verschränkung zweier körperlicher Eigenschaften auf (nämlich ‘klein’ zusammen mit ‘dick’, um einen rundlichen, gedrungenen Körperbau zu bezeichnen). Die Verknüpfung mehrerer körperlicher Eigenschaften ist mehrfach und in unterschiedlichen Kombinationen zu beobachten: Die Bedeutung ‘klein’ kann mit ‘dick’, ‘schmächtig’, aber auch mit ‘mager’ oder ‘unansehnlich’ verbunden sein; ‘gross’ entsprechend etwa mit ‘lang’ oder ‘dünn’. Andererseits werden in Chnorri, Chnörri auch Bedeutungsaspekte der Körpergrösse mit charakterlichen Merkmalen verschränkt, indem auch der Aspekt ‘grob nach Sitten’ mitschwingt. Diese Verschränkung von Bedeutungsaspekten liegt auch in anderen namenstiftenden Lexemen vor, so etwa in Pfosi, das sowohl ‘klein’ als auch ‘unbeholfen’ bedeutet. Durch die Überlagerung mehrerer Bedeutungsaspekte ergeben sich Schwierigkeiten bei der Abgrenzung oder Unschärfen bei der Bestimmung des semantischen Gehalts. Bei der Zuordnung der FamN wurde daher der in den Wörterbüchern erstgenannte Bedeutungsaspekt zur Einordnung herangezogen: Bspw. wurde der FamN Bigger zu schwzdt. Bīgger ‘kleiner, unansehnlicher, im Wachstum zurückgebliebener, magerer, schwächlicher Mensch, kleiner Knabe’ (Id. 4 1881 ff.: Sp. 1080) wegen der Erstnennung von ‘klein’ hier kartiert. 2. In anderen Fällen kommt es durch eine Ähnlichkeitsbeziehung zwischen zwei Konzepten zu einer metaphorischen Benennung, so in den FamN Böhni, Böhny, Böni (zu mhd. bōne ‘Bohne’) nach der Kleinheit der Pf lanze oder in Funk (zu mhd. vunke ‘Funke’) nach der geringen Grösse eines Feuerfunkens. 5 Teilweise kann Kleinheit auch durch diminutivische Modifikation verstärkt werden, vgl. etwa den FamN Zigerli. Formal umfasst das Sample u. a. l-Diminutive (Mändly, Schittli), i- Diminutive (Spahni, Spähni), Formen mit schwachem Genitiv (Grossen, Lengen), FamN auf -o (Schrago) und Simplizia (Bont, Funk). 6 Kommentar: Wie die erste Karte zeigt, handelt es sich bei der vorliegenden Motivgruppe tendenziell um ein mittelländisches Phänomen, das vom westlichen Kanton Freiburg bis in den östlichen Kanton St. Gallen belegt ist. Das Berner Oberland sowie das Wallis und Graubünden zeigen wenige Vorkommen, die Zentralschweiz (OW, NW, UR) weist keine Belege aus. Das Kartenbild lässt innerhalb der Kantone jeweils areale Schwerpunkte erkennen, die auf EinzelN zurückgehen; so bspw. Bon(d)t (AR, SG), Kissling, Kislig, Kisslig neben Riesen (v. a. Bern-Mittelland und Raum Thun) oder Lang (AG, LU); auch Kägi bildet mit 21 Ortspunkten ein Areal im Zürcher Oberland. Herausstechend bezüglich Quantität ist der FamN Grob: Mit 49 Tokens ist er der häufigste Name im kartierten Sample. Er clustert sowohl im sankt-gallischen Toggenburg als auch im zürcherischen Albisgebiet. Insgesamt tritt Devianz in Bezug auf die Körpergrösse etwas häufiger bei Kleinheit auf (217 zu 181 Tokens). Hervorzuheben ist, dass in diesem Bereich mehr Lexeme bei der Namengebung zum Einsatz kamen: Kleinheit ist mit 66 Types lexikalisch vielfältiger abgedeckt als Grösse mit 22 Types. Aus lexikalischer Sicht ist zudem auffallend, dass die direkte Benennung in den beiden semantischen Bereichen unterschiedlich häufig vorkommt: Während der FamN Klein lediglich vier Ortspunkte abdeckt (AG, SG, SO), sind neben Grob auch die FamN Gross (25 Tokens) und Lang (37 Tokens) deutlich häufiger belegt. 5 Die FamN Keim, Kihm, Kim, Kym, Keist, Keust sowie Kid und Kyd werden aufgrund ihrer Metaphorik auch im Artikel III-5.8 «Übernamen nach Verwandtschaft» (vierte Karte) kartiert und besprochen. Die Namen gehen etymologisch auf mhd. kīm(e) ‘Keim, Spross’, schwzdt. Cheist ‘Keim, Zweig’ resp. mhd. kīde, kīt ‘Schössling, Spross; Keim’ zurück und bedienen sich somit einem Bild aus dem botanischen Bereich. 6 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y», II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe», II-2.14 «Germanisches Grundwort mit Suffix -o» und II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». 5.1 Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Gesamteindruck und Haare 975 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="976"?> Zweite Karte {465}: Übernamen nach dem Körperumfang Namenauswahl: Die zweite Karte zeigt alle ÜberN aus der Schicht «vor 1800», die sich auf Lexeme mit der Bedeutung ‘dünn’ oder ‘dick’ zurückführen lassen. Die ausgewählten FamN werden nach der Bedeutung ihrer zugrunde liegenden Lexeme gruppiert und kartiert. Abgefragte Namen ÜberN nach dünnem Körperumfang: Ast, Birenstihl, Birnstiel, Dirren, Dür, Dürr, Gabler, Gnägi, Gräub, Greub, Grieb, Mägerli, Rahm, Rahn, Rohn, Schaub, Schäuble, Schäublin, Schiferli, Schifferle, Schifferli, Spahn, Spichtig, Spichtin, Spichty, Spirgi, Spiri, Spleiss, Spohn, Spöndli, Spöndlin, Spörndli, Spyr, Staeblin, Stengel, Stengele, Stingel, Stingelin, Tannast, Thür, Thürr, Würmli. 42 Types, 120 Tokens. ÜberN nach dickem Körperumfang: Bieglin, Bloch, Blunschi, Bluntschli, Brack, Bratschi, Brünggel, Bucheli, Buchter, Dick, Dickenmann, Diggelmann, Dikelmann, Dikenmann, Feiss, Feissli, Güdel, Knaus, Knobel, Knubel, Knup, Knupp, Knus, Knüsel, Knüsli, Kolb, Kölbener, Kölbli, Kolp, Krügel, Mast, Mauch, Mauderli, Mock, Möckli, Mogg, Möklin, Mügeli, Nohl, Noll, Nölli, Prack, Rolli, Schilplin, Schlumpf , Scholl, Schölly, Schwere, Schweri, Schwery, Stamm, Stössel, Stuck, Stucki, Stücklin, Stucky, Stücky. 57 Types, 228 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-70, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 484: Daten zur zweiten Karte {465} Detailangaben zur Namenauswahl: Hier gilt, was bereits bei der ersten Karte erwähnt wurde: Vielfach kommt es in den Lexemen, die den FamN zugrunde liegen, zur Überlagerung von Eigenschaften. So sind häufig die Aspekte ‘klein’ und ‘dünn’ in einem Lexem enthalten und können nicht getrennt werden. Auch die Bedeutung ‘hager’ resp. ‘mager’ ist bei ‘dünn’ vielfach mitgemeint. Bei der Zuordnung von FamN zur vorliegenden Motivgruppe wurde gleich verfahren wie bei der ersten Karte. Neben der direkten Benennung der Eigenschaft wie in Mägerli oder Dick kann das dem FamN zugrunde liegende Lexem auch hier auf einer metaphorischen Ähnlichkeitsbeziehung beruhen. So wird in den FamN Birenstihl, Birnstiel (zu schwzdt. Bire(n)stil ‘Stiel der Birne’) die Form eines Birnenstiels auf den mageren oder schmächtigen Körperbau einer Person übertragen und umgekehrt wird mit Mock (zu mhd. mocke ‘Klumpen, Brocken’) auf den plumpen Körperbau Bezug genommen. Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Blunschi, Bluntschli: zu schwzdt. Blunschi ‘dicke, plumpe, schlampige Person’ Karte 465: ÜberN nach dünnem oder dickem Körperumfang, vor 1800 976 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="977"?> • Brack, Prack: zu schwzdt. Brack ‘Mensch oder Tier von unverhältnismässiger Beleibtheit’; konkurrierend ist auch eine Deutung zu schwzdt. Brack ‘männlicher Hund, Spürhund, Schosshund’ denkbar. • Gnägi: zu schwzdt. Gnagi, Gnägi ‘Knochen zum Abnagen’, davon ausgehend ‘äusserst magerer Mensch’ • Gräub, Greub: zu mhd. griebe ‘Griebe, ausgeschmelzter Fettwürfel’, schwzdt. Griebe ‘magerer, schmächtiger Mensch’ • Knup, Knupp: zu schwzdt. (älter) Chnūp ‘rundlicher, knolliger Gegenstand’ • Knaus, Knus: zu schwzdt. (älter) Chnūs ‘Geschwulst, Knorren, Knäuel’, übertragen auf Menschen ‘wohlbeleibter Mensch’ • Knüsel, Knüsli: zu schwzdt. Chnüs(s)el ‘grösseres Stück’ • Rahm, Rahn: zu mhd. ran, rān ‘schmächtig, dünn, schlank, hager, knochig’ • Schaub: zu mhd. schoup ‘Strohbündel, Strohwisch’, übertragen wohl magerer, hagerer Mensch • Schwere, Schweri, Schwery: zu schwzdt. Schweri ‘Masse, Gewicht’; konkurrierend ist auch ein ÜberN zu schwzdt. Schweri ‘Flucher’ möglich. Kommentar: Die areale Verbreitung der beiden Namengruppen entspricht in ihren Grundzügen der ersten Karte, da die (vor-)alpinen Regionen wie das Berner Oberland, der Kanton Graubünden und die Zentralschweiz gegenüber dem Mittelland in der zweiten Karte kaum in Erscheinung treten. Das Oberwallis weist im Gegensatz zur ersten Karte aber mehr Ortspunkte auf. Die Anzahl Types der beiden Merkmale ‘dünn’ und ‘dick’ ist ähnlich (42 zu 57 Types), aber das Merkmal ‘dick’ wurde häufiger in FamN verfestigt (228 zu 120 Tokens). Bezüglich Quantität ist der FamN Schaub hervorzuheben: Er bildet im Kanton Basel-Landschaft ein Namennest mit 31 Ortspunkten. Teilweise entstehen Areale auch durch die Summe verschiedener Typen, wie es für den Kanton Zürich illustriert werden soll: Auf dem Kantonsgebiet treten Diggelmann und Knüsli fast exklusiv auf, neben Schlumpf , Stucki, Bluntschli, Möckli (mit je 2 bis 5 Tokens). Mit nur je einem Ortspunkt sind die Namen Dikelmann, Knaus, Knus, Kolb, Mock, Nohl, Stamm und Stössel zu nennen. 5.1 Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Gesamteindruck und Haare 977 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="978"?> Dritte Karte {466}: Übernamen nach dem Aussehen Namenauswahl: Die dritte Karte zeigt alle FamN aus der Schicht «vor 1800», die sich auf Lexeme mit der Bedeutung ‘schön’ oder ‘unschön’ zurückführen lassen. Die ausgewählten FamN werden nach der Bedeutung ihrer zugrunde liegenden Lexeme gruppiert und kartiert. Abgefragte Namen ÜberN nach schönem Aussehen: Schön, Schöni, Schönmann, Wäch. 13 Tokens. ÜberN nach unschönem Aussehen: Wüest, Wüst. 30 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 485: Daten zur dritten Karte {466} Detailangaben zur Namenauswahl: Die kartierten Motivgruppen werden durch direkte Benennungen abgedeckt: Die FamN Schön, Schöni und Schönmann stellen sich zum Adjektiv schön (< mhd. schœn(e) ‘herrlich, schön’), der FamN Wäch zum Adjektiv schwzdt. (älter) wäh, wäch ‘gut, schön’ (< mhd. wæhe ‘glänzend, schön’). Der Bedeutungsaspekt ‘unschön’ ist in den FamN Wüest, Wüst zu mhd. wüest ‘unschön, hässlich’ enthalten; konkurrenzierend ist hier auch ein WohnstättenN bzw. ein HerkunftsN zu einem Toponym Wüest möglich. 7 Kommentar: Die dritte Karte zeigt ein verdichtetes Vorkommen dieser ÜberN in Gebieten des Kantons Luzern sowie in der Nordostschweiz (ZH, TG, SG). Dieses Bild ist hauptsächlich den beiden FamN Wüest und Wüst zuzuschreiben. Auffällig an der Verbreitung von ÜberN nach schönem Aussehen ist folgender Aspekt: Positive Normabweichungen treten deutlich seltener als Motiv auf, was die soziale Kontrolle der namengebenden Gemeinschaft durch vornehmlich negative Benennungen unterstreicht (Kunze 2004: 139). Karte 466: ÜberN nach schönem und unschönem Aussehen, vor 1800 7 Vgl. Artikel III-3.7 «Wohnstättennamen zu Kulturland». 978 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="979"?> Vierte Karte {467}: Übernamen nach der Haar- oder Hautfarbe Namenauswahl: Die vierte Karte zeigt alle FamN aus der Schicht «vor 1800», die etymologisch das Wortfeld der (Haar-)Farbe durch ein Farbadjektiv abdecken. Neben dem Gesamteindruck sind die Haare einer Person oft namengebend gewesen: Das erste optische Erscheinungsbild eines Menschen wird, neben Körpergröße und -form, maßgeblich durch seine Haare bestimmt. So nimmt es nicht wunder, dass ein Großteil der Übernamen sich auf das menschliche Haar bezieht, sei es hinsichtlich seiner Farbe, seiner Form, Struktur und Beschaffenheit, seiner Dichte oder seiner Abwesenheit (Nübling/ Kunze 2023: 420). Abgefragte Namen ÜberN nach weisser Haar-/ Hautfarbe: Blank, Blass, Falb, Glanzmann, von Weiss, Weishaupt, Weiss, Weissen, Weisshaupt, Weisskopf , Weissmann, Wiss, Wissmann, Wyshaupt, Wyss, Wyssa, Wyssen, Wysshaar, Wyssmann. 19 Types, 203 Tokens. ÜberN nach roter Haar-/ Hautfarbe: Roth, Rötheli, Röthelin, Rothermann, Rothlin, Röthlin, Rothmann, Rott, Rottermann, von Rodt. 10 Types, 110 Tokens. ÜberN nach schwarzer Haar-/ Hautfarbe: Dunkel, Schwartz, Schwarz, Schwarzen, Schwarzer, Schwarzmann. 6 Types, 56 Tokens. ÜberN nach brauner Haar-/ Hautfarbe: Braun, Brumann, Brun, Bruni. 54 Tokens. ÜberN nach grauer Haar-/ Hautfarbe: Graa, Grau. 6 Tokens. ÜberN nach blauer Haar-/ Hautfarbe: Blau. 2 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 486: Daten zur vierten Karte {467} Detailangaben zur Namenauswahl: Wie bereits erwähnt, nehmen FamN, die auf Farbadjektiven beruhen, wohl meist Bezug auf die Haarfarbe. Ergänzend sei aber noch der Bezug zum Farbeindruck der Haut erwähnt: «Bei den einfachen Weiß(er), Wiss, Wyss, Witt(e) bzw. Schwarz(e), Schward(t), Schwarte(n), Schwerting ist vielleicht manchmal die Hautfarbe gemeint; eindeutig sind aber Weißhaar, -haupt, -happel, -schädel, Weischedel, Wittkopp, Schimmel(haupt), Schwarzkopf » (Kunze 2004: 141). Während also Komposita wie Wysshaar und Weisshaupt als eindeutig in Bezug auf die Haarfarbe zu lesen sind, da das Grundwort explizit auf die Haare resp. den Kopf referiert, sind Simplizia wie Blass, Roth oder Braun mehrdeutig und können auch die Hautfarbe betreffen. 8 Von den vorkommenden Farben ist einzig der FamN Blau zu schwzdt. blau ‘von blauer Färbung der mensch- Karte 467: ÜberN nach der Haar- oder Hautfarbe, vor 1800 8 Zur konkurrierenden Bedeutung von Roth als ÜberN nach dem Charakter vgl. Artikel III-5.3 «Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel». 5.1 Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Gesamteindruck und Haare 979 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="980"?> lichen Haut’ neben ‘blass, durchsichtig’ (Id. 5 1881 ff.: Sp. 241) ausschliesslich mit Bezug auf die Hautfarbe zu lesen. Dem Farbeindruck ‘weiss’ wurden für die vorliegende Karte auch ‘blond’ und ‘hell’ zugeordnet. Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) an. • Blank: zu mhd. blanc ‘blinkend, weiss, glänzend, schön’ • Blass: zu schwzdt. Blass ‘blondhaariger, bleicher Mensch’ • Falb: zu mhd. val, valb ‘hellhaarig, bleich’ • Graa: Nebenform zu Grau • Braun: zu mhd. brūn ‘braun, dunkelfarbig’; konkurrierend handelt es sich um einen FamN zum Ruf N Bruno, der aber auch auf dem Adjektiv beruht. Kommentar: Die vierte Karte zeigt ein relativ gleichmässiges Auftreten dieses semantischen Typs in der Deutschschweiz: Das Mittelland dominiert zwar aufgrund höherer Ortsdichte, aber auch im Berner Oberland oder in der Zentralschweiz sind FamN mit Bezug zu Farbeindrücken vorhanden. Mit Blick auf die Tokens entfallen - in abnehmender Frequenz angeordnet - auf die Farben Weiss und Rot mit Abstand die meisten Ortspunkte; Schwarz und Braun zeigen ähnliche Frequenzen. Hinsichtlich der einzelnen Farben ergeben sich keine speziell eingrenzbaren Areale. Fünfte Karte {468}: Übernamen nach der Haar- oder Hautfarbe metaphorisch Namenauswahl: Die fünfte Karte ergänzt die vorhergehende vierte Karte und greift den Farbeindruck wieder auf. Im Fokus stehen nun jedoch nicht FamN, in denen Adjektive für Farben fest geworden sind, sondern solche, die auf metaphorischen Benennungen von Haar- oder Hautfarbe basieren. Abgefragte Namen ÜberN nach weisser Haar-/ Hautfarbe (metaphorisch): Schneble, Schnebli, Schneebeli, Schneeli, Schneuwly, Schnewlin. 6 Types, 16 Tokens. ÜberN nach roter Haar-/ Hautfarbe (metaphorisch): Fuchs, Füchslin, Füri, Fux, Rothfuchs. 61 Tokens. ÜberN nach schwarzer Haar-/ Hautfarbe (metaphorisch): Kohli, Kohly, Kolly, Moehr, Mohr, Möhr, Moor, Rapo, Rapp, Rappo, Rüssli. 11 Types, 51 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-65, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 487: Daten zur fünften Karte {468} Detailangaben zur Namenauswahl: Alle sechs FamN, die metaphorisch auf eine weisse oder helle Haarbzw. Hautfarbe Bezug Karte 468: ÜberN nach der Haar- oder Hautfarbe metaphorisch, vor 1800 980 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="981"?> nehmen, gehen auf eine diminuierte Form von mhd. snē, snēwes resp. die Nebenformen snēhe, schnēbe ‘Schnee’ zurück. Jene, die auf die Farbe Rot Bezug nehmen, basieren auf der Tierbezeichnung Fuchs, ausgenommen ist der FamN Füri zu schwzdt. Fǖr ‘Feuer’. Die Farbe des Tierpelzes wurde u. a. auf Tiere, aber auch auf Menschen mit roten Haaren oder rotem Bart übertragen (DWb 4 1854-1961: Sp. 337; Id. 1 1881 ff.: Sp. 665). FamN mit Bezug zu schwarzer resp. dunkler Farbe wurden zum einen aus einem Vergleich mit Kohle bzw. Russ, zum anderen mit mhd. rappe, schwzdt. Rapp ‘(Kohl-)Rabe’ gebildet, einer Vogelart, deren Gefieder einfarbig schwarz ist. Der ÜberN Mohr und Varianten gehen auf mhd. mōr(e) ‘Bewohner Mauretaniens (Marokkos), Äthiopiens’ zurück, das in weiterer Folge auch ‘Mensch mit dunkler Hautfarbe oder schmutzigem Aussehen’ (Id. 4 1881 ff.: Sp. 376) bedeutete; denkbar ist auch, dass jemand so benannt wurde, der sich bei Schauspielen oder Umzügen als schwarze Person verkleidete (Id. 4 1881 ff.: Sp. 376). Es liegt eine metaphorische Benennung vor, d. h. ein Bezug zu einem Bewohner Nordafrikas ist kaum gegeben. Kommentar: Die fünfte Karte zeigt, dass in FamN ein metaphorischer Bezug v. a. für ‘rot’ und ‘schwarz’ resp. ‘dunkel’ fest geworden ist. FamN, die auf die Farbe Weiss Bezug nehmen, sind nicht sehr häufig. Ein Cluster bildet Schneebeli im zürcherischen Albisgebiet. Namen zur Tierbezeichnung Fuchs für den Farbeindruck ‘rot’ kommen in der ganzen deutschsprachigen Schweiz vor. Auffallend viele Namen mit Bezug zu schwarzer Farbe finden sich im Grenzgebiet der Kantone Freiburg und Bern mit den Namen Kolly (nur FR) und Kohli, Kohly (nur BE). Die Namen vom Typ Moor verteilen sich über verschiedene, unzusammenhängende Gebiete, so im Berner Oberland oder im Grenzgebiet der Kantone Aargau und Zürich. Sechste Karte {469}: Übernamen nach Haarmenge und Haarwuchs/ -form Namenauswahl: Die sechste Karte umfasst alle einschlägigen ÜberN aus der Schicht «vor 1800», die etymologisch die Haarmenge und den Haarwuchs resp. die Haarform anzeigen. Abgefragte Namen ÜberN nach Haarmenge: Blösch, Glatz, Schörrli, Siebenhaar, Tscherrig, Tscherry. 6 Types, 16 Tokens. ÜberN nach Haarwuchs/ -form: Glatthard, Glättli, Hutzli, Hutzmann, Kraushaar, Krüse, Krüsi, Reidhaar, Reidt, Reithaar, Rub, Rubi, Ruch, Ruche, Schüttel, Straub, Straubhaar, Ströbel, Strub, Strübi, Strübin, Strüby, Strupler, Tschupp. 24 Types, 92 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 5-65, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 488: Daten zur sechsten Karte {469} Karte 469: ÜberN nach Haarmenge und Haarwuchs/ -form, vor 1800 5.1 Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Gesamteindruck und Haare 981 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="982"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Die sechs ÜberN nach der Haarmenge nehmen Bezug auf wenig Haare wie Blösch zu schwzdt. Blösch ‘Kahlkopf ’, Schörrli zu schwzdt. g(e)schore(n) ‘geschoren, glatzköpfig’ oder Tscherrig und Tscherry zu piemontesisch cerica ‘Tonsur’ bzw. cérich ‘Student am Priesterseminar’, im Schweizerdeutschen dann ‘Kahlkopf ’, aber auch ‘Student’. Der univerbierte FamN Siebenhaar benannte ursprünglich eine Person, die so wenig Haare hatte, dass diese schon (fast) zählbar waren. Bei der zweiten Namengruppe wird bis auf Glatthard, Glättli (zu mhd. glatt) v. a. eine lockige, krause Haarform benannt, vgl. bspw.: • Kraushaar, Krüse, Krüsi: zu mhd. krūs ‘gelockt, kraus’; konkurrierend zu schwzdt. (älter) Chrüsi ‘Kosename für eine kleine, rundliche Person’ • Reidhaar, Reidt, Reithaar: zu mhd. reit ‘lockig, kraus’ • Rub, Rubi: zu schwzdt. (älter) rūb ‘kraus vom Haar’ Daneben tritt auch das Erscheinungsbild ‘zerzaust, struppig’ auf: • Hutzli, Hutzmann: zu schwzdt. Hutz ‘etwas Zerzaustes’ • Ruch, Ruche: zu mhd. rūch ‘haarig, struppig, zottig’; allenfalls liegt auch die Bedeutung ‘rauh, hart, streng, derb’ nach der Wesensart vor. • Straub, Straubhaar, Strub, Strübi, Strübin, Strüby, Strupler: alle basierend auf schwzdt. strūb ‘struppig, ungekämmt’ Kommentar: Die sechste Karte zeigt, dass die Haarmenge weniger häufig in FamN fest geworden ist als der Haarwuchs oder die Haarform. Ein Cluster der ersten semantischen Gruppe bilden die FamN Tscherrig und Tscherry im Oberwallis. Die FamN der zweiten Gruppe sind über die Deutschschweiz verbreitet. Teilweise entstehen Areale durch die Summe verschiedener Typen, wie es für die Kantone Bern und St. Gallen illustriert werden soll (der häufigste Name wird jeweils mit Tokens angegeben): Glatthard, Hutzli, Rubi, Schüttel und Straubhaar treten fast exklusiv auf dem bernischen Kantonsgebiet auf, daneben sind auch Ruch (7 Tokens) und Straub dokumentiert. Exklusiv im Kanton St. Gallen sind Hutzmann und Strübin alteingesessen, zudem kommen Krüsi, Ruch, Strub und Strübi (6 Tokens) vor. Insgesamt fällt auf, dass offenbar v. a. krause Haare Anlass zur Namengebung waren und wohl entsprechend als Abweichung vom Normalfall wahrgenommen wurden. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Wyss (12'265 Tokens), Roth (10'905 Tokens) und Fuchs (6'962 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: FamN, die auf den Körper zurückgehen, werden im DFA 5 (2016: 656-857) auf den Karten 252-338 dargestellt. Dabei wird eine grobe Unterteilung in die beiden Bereiche «Gesamter Körper» (Karten 252-287) einerseits und «Haare und Körperteile» (Karten 288-338) andererseits mit jeweils weiteren Unterteilungen vorgenommen. Auch in Nübling/ Kunze (2023: 408-460) werden Namen wie Groß, Klein, Spatz, Stange, Fett, Mager, Knorr oder Schmehling kartiert. Kunze (2004: 140-141) bespricht ÜberN nach Körpergrösse, -umfang und -form sowie ÜberN nach den Haaren (Farbe, Form, Menge). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Debus, Friedhelm (2009): Die Entstehung der deutschen Familiennamen aus Beinamen. In: Hengst, Karlheinz/ Krüger, Dietlind (Hrsg.): Familiennamen im Deutschen. Erforschung und Nachschlagewerke. Bd. 1: Deutsche Familiennamen im deutschen Sprachraum (Onomastica Lipsiensia 6.1), 85-108. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. DWb = Grimm, Jacob/ Grimm, Wilhelm (1854-1961): Deutsches Wörterbuch. Digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/ 23. https: / / www.woerterbuchnetz.de/ DWB (letzter Zugriff 28.05.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 28.05.2025). Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa (1998): Übernamen als Spiegel spätmittelalterlicher Mentalität. In: Nicolaisen, Wilhelm F. (Hrsg.): Proceedings of the XIXth International Congress of Onomastic Sciences, Aberdeen, 4-11 August 1996. Bd. 3, 237-243. Aberdeen: University of Aberdeen. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2014): Spätmittelalterliche Regensburger Übernamen. Wortschatz und Namengebung (Germanistische Bibliothek 53). Heidelberg: Winter. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. 982 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="983"?> Nübling, Damaris (2014): Emotionalität in Namen: Spitznamen, Kosenamen, Spottnamen - und ihr gendernivellierender Effekt. In: Vaňková, Lenka (Hrsg.): Emotionalität im Text, 103-122. Tübingen: Stauffenburg. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Simone Berchtold 5.1 Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Gesamteindruck und Haare 983 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="984"?> 5.2 Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Körperteile und Gang Schlagwörter: Arm, Bein, Fuss, Hals, Kopf, Rumpf Gegenstand und Fragestellung Im zweiteiligen Artikelkomplex zu körperlichen Merkmalen steht die Frage im Fokus, wie sich sichtbare, äusserliche Besonderheiten wie Körperform, Körperteile oder Gangart im Deutschschweizer Familiennamenbestand widerspiegeln. Zur allgemeinen Motivation dieser Gruppe von ÜberN sei auf den Artikel III-5.1 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Gesamteindruck und Haare» verwiesen, der FamN nach der Gesamterscheinung (Klein, Gross, Dürr, Dick, Schön, Wüest), FamN nach dem Farbeindruck der Haare oder der Haut (Roth, Schwarz, Wyss) sowie FamN nach Haarmenge (Glatz) und Haarform (Krüsi) thematisiert. Der vorliegende zweite Artikel behandelt FamN, die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 20.05.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») zu spezifischen Körperteilen sowie nach der Gangart gebildet sind. Der Kartenkomplex folgt der Anordnung Kunzes (2004: 141) und bespricht die ausgewählten FamN nach zugrunde liegendem Lexem von oben nach unten: Während die erste Karte ÜberN aufnimmt, die auf Lexeme für den Kopf als Ganzen zurückgehen, zeigt die zweite Karte FamN, die auf Teile des Kopfs Bezug nehmen. Die dritte Karte bildet ÜberN zum Hals, Rumpf und Arm ab, die vierte Karte dann jene zu den Beinen und Füssen. Die fünfte, die sechste und die siebte Karte schliesslich widmen sich FamN, die auf den Gang, also auf eine charakteristische Gangart, verweisen. Erste Karte {470}: Übernamen nach dem Kopf Namenauswahl: Die erste Karte zeigt alle einschlägigen FamN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 1 in denen Lexeme für den menschlichen Kopf fest geworden sind. Die Anordnung der Namengruppen erfolgt nach absteigender Häufigkeit. Abgefragte Namen Typ Haupt: Haupt, Häuptli, Hauptlin, Hautle. 11 Tokens. Typ Kopf : Kopf , Köpfli. 9 Tokens. Typ Tolder: Dolder. 8 Tokens. Typ Schädel: Schädeli, Schädelin. 5 Tokens. Typ Motsch: Motschi. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 489: Daten zur ersten Karte {470} Detailangaben zur Namenauswahl: 2 Die ausgewählten FamN gehen einerseits auf Lexeme zurück, die den Kopf mit im Deutschen üblichen Wörtern bezeichnen: älteres Haupt (zur Etymologie vgl. EtymWB 1993a: s. v. Haupt), jüngeres Kopf (Kunze 2004: 143) sowie Schädel (zu mhd. schedel ‘Hirnschale, Kopf; auch ein Trockenmass’). Als Motiv für die Namenvergabe kann von einer auffälligen Kopfform ausgegangen werden. Konkurrierend ist bei Kopf ein BerufsüberN zur älteren Bedeutung von mhd. kopf ‘Trinkgefäss, Becher, Hirnschale’ für den Drechsler solcher Gefässe denkbar. Für Haupt ist ein ÜberN nach der gesellschaftlichen Stellung im Sinne von ‘Oberhaupt; Person mit herausragender Stellung’ nicht auszuschliessen. Schliesslich kommt für den FamN Schädel auch eine Deutung als Diminutivform zu mhd. schade ‘Schädiger, schadender Feind’ oder mhd. schade, schwzdt. Schade(n) ‘Schaden, Schädigung, Verlust’ im Sinne eines Widersachers infrage. Andererseits liegen im Sample auch metaphorische Benennungen für das Konzept ‘Kopf ’ vor: Der FamN Dolder stellt sich zu mhd. tolder ‘Baumwipfel’, schwzdt. Tolder ‘Spitze eines Pf lanzentriebs; Baumwipfel’, übertragen scherzhaft bzw. spottend auch ‘Kopf ’ (Id. 12 1881 ff.: Sp. 1725-1726). Der FamN Motschi ist zu schwzdt. (älter) Motsch ‘Brotlaib’, übertragen ‘dicker Kopf ’ (Id. 4 1881 ff.: Sp. 598), gebildet. Die Namen weisen unterschiedliche Bildungsmuster auf: Das Sample umfasst l-Diminutive (Häuptli, Schädelin), i-Diminutive (Motschi) und Simplizia (Haupt, Kopf ). 3 Kommentar: Die FamN der ersten Karte, die motivisch auf dem Kopf beruhen, können hinsichtlich Type- und Tokenzahlen als niederfrequent eingestuft werden. Die Karte zeigt, dass FamN, die auf dem älteren Lexem Haupt beruhen, vorwiegend im Kanton Zürich vorkommen. Demgegenüber finden sich die FamN zu jüngerem Kopf grösstenteils in der Zentralschweiz. Als bernisch kann der Typ Schädel eingestuft werden - das Vorkommen im Aargau geht nachweislich auf Zuzug aus Kirchlindach (BE) zurück. Der FamN Dolder hat einen Schwerpunkt im Kanton Thurgau. 1 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 2 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 3 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y» und II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». 984 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="985"?> Karte 470: ÜberN nach dem Kopf, vor 1800 Karte 471: ÜberN nach Teilen des Kopfs, vor 1800 5.2 Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Körperteile und Gang 985 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="986"?> Zweite Karte {471}: Übernamen nach Teilen des Kopfs Namenauswahl: Die zweite Karte zeigt alle einschlägigen FamN aus der Schicht «vor 1800», die auf Lexeme für Teile des Kopfs wie der Stirn oder den Augen zurückgehen. Abgefragte Namen ÜberN nach der Stirn: Stirnemann, Stirnimann. 16 Tokens. ÜberN nach dem Hirn: Hirni. 2 Tokens. ÜberN nach dem Auge: Gloor, Glur, Glutz, Gugg, Schäli, Schälin, Schiller, Schilli, Stauss, Stäussi, Stüssi, von Blarer. 12 Types, 43 Tokens. ÜberN nach der Nase: Zingg. 24 Tokens. ÜberN nach der Backe: Bäggli. 1 Token. ÜberN nach dem Mund: Hasenfratz, Lätsch, Letsch, Muhl, Rothmund, Schnoz, Zaugg. 7 Types, 27 Tokens. ÜberN nach dem Zahn: Struch, Struchen, Zahn, Zahnd, Zähndler, Zahner, Zähnler, Zahno. 8 Types, 29 Tokens. ÜberN nach dem Ohr: Oehrli. 4 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 490: Daten zur zweiten Karte {471} Detailangaben zur Namenauswahl: Den hier kartierten FamN liegt eine metonymische Benennung eines Menschen aufgrund eines physischen Merkmals zugrunde: Ein irgendwie auffälliges Körperteil wird für die Benennung der ganzen Person herangezogen. Den ÜberN zum Auge wurden auch solche FamN zugerechnet, in denen die Art des Schauens fest geworden ist (Kunze 2004: 143), wie Gloor (zu schwzdt. glāre(n) ‘starren Blickes dreinschauen’) oder Glur (zu schwzdt. (älter) glūre(n) ‘scharf, starr, auch blinzelnd sehen’). Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Bäggli: Diminutiv zu mhd. backe ‘Backe, Kinnlade’, schwzdt. Bagge ‘Wange’ • Hasenfratz: zu schwzdt. (älter) Hasenfratz ‘Lippenspalte’ • Hirni: zu mhd. hirne, hirn ‘Hirn, Gehirn, Stirne’, übertragen auch ‘Verstand’ • Lätsch, Letsch: zu schwzdt. Lätsch ‘verdriessliche, mürrische, weinerliche Miene mit aufgeworfener, herabhängender Unterlippe; Hängemaul’ • Schiller, Schilli: zu mhd. schilher ‘Schielender’ resp. zum Verb mhd. schilhen ‘schielen’; konkurrierend ist für Schilli auch eine Nebenform von Schilling nach einer Abgabeart möglich. • Schnoz: zu schwzdt. Schnotz ‘Schnauze’ • Stauss, Stäussi, Stüssi: zu schwzdt. stusse(n), stüsse(n) ‘stier dreinsehen’ • Struch, Struchen: zu schwzdt. strūch ‘raue Zähne habend’; konkurrierend ist auch eine Bildung zu schwzdt. strūche(n) ‘streiten, kämpfen’ nach der Wesensart möglich. • Zaugg: zu schwzdt. Zaugge(n) ‘Ausgussschnabel an einem Gefäss’, davon ausgehend übertragen ‘hervorstehendes, spitzes Maul’ • Zingg: zu mhd. zinke ‘Blashorn’, übertragen auf die Nase; konkurrierend kann auch ein BerufsüberN für den Spieler/ Hersteller dieses Instruments angenommen werden. Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass FamN zu Teilen des Kopfs in der Schicht «vor 1800» unterschiedlich zahlreich vorkommen: Einige FamN wie Bäggli, Gugg, Schiller, Stauss oder Zahno treten vor 1800 nur an einem Ort auf. Die frequenteren FamN des Samples verteilen sich nicht gleichmässig über die Deutschschweiz, sondern zeigen Ballungen, die meist auf die Häufung eines EinzelN zurückgehen: So dominieren die FamN Struch, Struchen im Berner Seeland, Glutz im Wasseramt des Kantons Solothurn und Zahn, Zahnd im Grenzgebiet der Kantone Freiburg und Bern. Ebenfalls bernisch ist Zaugg (v. a. Emmental). Mit dem FamN Gloor liegt ein Name vor, der vor 1800 nur im Aargau auftritt. Südlich anschliessend zeigt sich das Verbreitungsgebiet von Stirnimann in den luzernischen Wahlkreisen Sursee und Willisau. Für den Nordosten der Deutschschweiz ist der FamN Zingg zu nennen, der das Gebiet im Bezirk Weinfelden (TG) und in angrenzenden sankt-gallischen Gemeinden bildet. Stüssi clustert - neben Vorkommen im Kanton Zürich - im Kanton Glarus. Abschliessend sei noch auf den FamN Schnoz verwiesen, der in der gewählten Zeitschicht nur in der romanischsprachigen Surselva (GR) vorkommt. 986 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="987"?> Dritte Karte {472}: Übernamen nach dem Hals, Rumpf und Arm Namenauswahl: Die dritte Karte zeigt alle einschlägigen FamN aus der Schicht «vor 1800», die auf ein Lexem zurückgehen, das die Körperteile Hals, Rumpf oder Arm bezeichnet. Abgefragte Namen ÜberN nach dem Hals: Kähli, Kählin, Kälin, Källi, Kellerhals, Kropf , Kropfli, Kröpfli, Schlund. 9 Types, 15 Tokens. ÜberN nach dem Rumpf: Ruckli, Ruggle, Rumpf . 10 Tokens. ÜberN nach dem Arm: Arm, Dumelin, Faust, Fust, Knöchel, Lengg, Lingg, Vust. 8 Types, 21 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 25-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 491: Daten zur dritten Karte {472} Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Dumelin: Diminutiv zu mhd. dūme ‘Daumen’; konkurrierend kann auch ein ÜberN zu mhd. tumb ‘unverständig, unerfahren, dumm’ angesetzt werden. • Faust, Fust, Vust: zu mhd. vūst ‘Faust’ • Kähli, Kählin, Kälin, Källi: zu mhd. kël(e) ‘Kehle, Hals; Luftröhre, Schlund’; konkurrierend auch zu schwzdt. (älter) Chǟli ‘Mann, der wackelig geht’ oder zu schwzdt. Challi, Chälli ‘ungeschlachter, schwerfälliger Mensch’ • Kellerhals: zu mhd. këllerhals ‘vorspringender, gewölbter Eingang eines Kellers’, übertragen auf eine Person mit einem auffällig langen Hals, allenfalls auch einem langgestreckten Oberkörper (mhd. hals bedeutet ‘Hals, Kopf und Brust’) • Lengg, Lingg: zu mhd. linc, lënc ‘link; linkisch, unwissend’, jünger besonders auch ‘linkshändig’ • Ruckli, Ruggle: Diminutiv zu schwzdt. Rugge(n) ‘Rücken, Buckel’; konkurrierend ist auch ein Patronym zum Ruf N Rüdiger oder ein ÜberN zu schwzdt. Ruck, Rugg ‘schnelle, ruckartige Bewegung’ möglich. Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass ÜberN nach dem Hals, Rumpf und Arm niederfrequent sind und im Mittelland sowie vereinzelt im Alpenraum auftreten. Dabei sind - bis auf Lingg und Ruckli im Kanton Luzern - kaum Cluster auszumachen. Eher treten die FamN verstreut auf, so bspw. Faust in den Kantonen Wallis, Basel- Stadt, Zürich und St. Gallen. Auch in diesem Sample kommen FamN Karte 472: ÜberN nach dem Hals, Rumpf und Arm, vor 1800 5.2 Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Körperteile und Gang 987 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="988"?> vor, die vor 1800 nur an einem Ort alteingesessen sind (z. B. Knöchel in Basel BS, Ruggle in Bernhardzell SG oder Schlund in Schneisingen AG). Vierte Karte {473}: Übernamen nach den Beinen und Füssen Namenauswahl: Die vierte Karte zeigt alle einschlägigen FamN aus der Schicht «vor 1800», deren zugrunde liegende Lexeme den Bereich der unteren Gliedmasse abdecken. Abgefragte Namen ÜberN nach dem Bein: Holbein, Kurzbein. 3 Tokens. ÜberN nach dem Schenkel: Schenkel. 18 Tokens. ÜberN nach der Ferse: Fotsch, Votsch. 2 Tokens. ÜberN nach dem Fuss: Barfuss, Bärfuss, Fues, Fuess, Fuss, Fussen, Hockenfuss, Oggenfuss, Rehfuss. 9 Types, 11 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 492: Daten zur vierten Karte {473} Detailangaben zur Namenauswahl: Das Motiv der vorliegenden Namengruppen beruht entweder auf auffällig geformten oder deformierten Beinen resp. Füssen und nimmt dadurch vielleicht schon Bezug auf die Gangart (s. fünfte, sechste und siebte Karte). Während die Grundbedeutung von Bein zuerst ‘Knochen’ ist, nimmt das Lexem bereits im Althochdeutschen die Bedeutungen ‘Bein als Ganzes’ sowie ‘Ober- oder Unterschenkel’ an (EtymWB 1993b: s. v. Bein), welche in den FamN Holbein ‘nach aussen gebogenes Bein’ und Kurzbein ‘kurzes Bein’ auftreten (vgl. auch Kunze 2004: 145). Das Lexem Fuss bezeichnet einerseits den Fuss, andererseits aber auch das ganze Bein. Ob die daraus gebildeten FamN auf den eigentlichen Fuss oder das ganze Bein Bezug nehmen, kann meist nicht entschieden werden. Neben den Simplizia Fues, Fuess, Fuss und genitivischem Fussen kommen in der Schicht «vor 1800» auch Komposita auf -fuss vor. Diese nehmen meist explizit auf einen verwachsenen Fuss Bezug (so Hockenfuss ‘Klumpfuss’) oder sie sind metaphorisch als Vergleich mit Tierfüssen zu lesen wie Bärfuss und die zugehörige Variante Barfuss sowie Rehfuss. Das Bestimmungswort in Oggenfuss ist unklar, allenfalls liegt mhd. ouke, ouche ‘Kröte’ vor. Die FamN Fotsch, Votsch gehen auf schwzdt. Fōtsch ‘Ferse’ zurück (Id. 1 1881 ff.: Sp. 1142). Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass Benennungen nach den unteren Gliedmassen nicht besonders häufig Eingang in das Familiennameninventar der Deutschschweiz gefunden haben. Von den 14 Types entfallen die meisten Ortspunkte auf den EinzelN Schenkel, der v. a. im Kanton Zürich alteingesessen ist. Anders als Schenkel ist ein grosser Teil der restlichen FamN (bspw. Barfuss, Bärfuss, Hockenfuss oder Rehfuss) nur einmalig bezeugt. Karte 473: ÜberN nach den Beinen und Füssen, vor 1800 988 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="989"?> Fünfte, sechste und siebte Karte {474, 475, 476}: Übernamen nach dem Gang Namenauswahl: Eng verbunden mit den Beinen und Füssen und allenfalls durch deren Missbildungen bedingt ist der Gang resp. die Gangart. Die fünfte Karte zeigt alle einschlägigen ÜberN aus der Schicht «vor 1800», die zum Gang resp. zur Gangart gehören. Die beiden weiteren Karten stellen je eine Teilmenge davon dar: Die sechste Karte umfasst die fünf häufigsten lexikalischen Typen mit ihren Varianten. Die siebte Karte nimmt jene ÜberN auf, die zwischen 4 und 8 Tokens aufweisen und sich somit im vorliegenden Sample im mittleren Frequenzbereich befinden. Die seltenen FamN kommen dementsprechend nur in der fünften Karte vor und werden nicht mehr gesondert kartiert. Die Anordnung in der sechsten und der siebten Karte erfolgt jeweils in absteigender Frequenz. Abgefragte Namen ÜberN nach dem Gang, vor 1800: Biser, Daepp, Dalp, Däpp, Däppeler, Deppeler, Dütschler, Gamp, Gampp, Geng, Gimpert, Ging, Gingg, Ginggen, Gnepf , Grogg, Hinker, Hobler, Höpli, Hoppeler, Höppeler, Hoppler, Höppli, Hüppeler, Klingelfuss, Klingenfuss, Kräuchi, Kriemler, Krucker, Lirgg, Schiegg, Schnelli, Schümperli, Schümperlin, Schürch, Schwengeler, Schwenk, Schwick, Spettig, Stampfler, Stampfli, Stämpfli, Stapfer, Stelzer, Stürchler, Süsli, Traber, Tremp, Trepp, Trümpeler, Trümpi, Trümpler, Trümpy, Tschamper, Tschirky, Tschumper, Tschümperle, Tschümperli, Tschümperlin, Tschuppert, Wenk, Wenker, Wink, Wipf . 64 Types, 202 Tokens. Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 5-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 493: Daten zur fünften Karte {474} Abgefragte Namen Typ stampfen: Stampfler, Stampfli, Stämpfli. 31 Tokens. Typ wänken: Wenk, Wenker. 19 Tokens. Typ schürchen: Schürch. 18 Tokens. Typ tschumpen: Schümperli, Schümperlin, Tschumper, Tschümperle, Tschümperli, Tschümperlin. 6 Types, 17 Tokens. Typ hopplen: Hobler, Höpli, Hoppeler, Höppeler, Hoppler, Höppli. 6 Types, 15 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 494: Daten zur sechsten Karte {475} Karte 474: ÜberN nach dem Gang, vor 1800 5.2 Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Körperteile und Gang 989 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="990"?> Abgefragte Namen Typ traben: Traber. 8 Tokens. Typ wepfen: Wipf . 8 Tokens. Typ tütschen: Dütschler. 6 Tokens. Typ täppen: Daepp, Däpp, Däppeler, Deppeler. 6 Tokens. Typ trampen: Tremp. 5 Tokens. Typ grāggen: Grogg. 4 Tokens. Typ kriechen: Kräuchi. 4 Tokens. Typ chrucken: Krucker. 4 Tokens. Typ stapfen: Stapfer. 4 Tokens. Typ trappen: Trepp. 4 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 495: Daten zur siebten Karte {476} Detailangaben zur Namenauswahl: ÜberN nach der Gangart sind häufig in deutschsprachigen Familiennamenbeständen bezeugt. Auf diesen Aspekt wird auch in der Literatur verschiedentlich Bezug genommen, so in Kunze (2004: 145), Kohlheim/ Kohlheim (2014: 151) oder Nübling/ Kunze (2023: 428-431). Hintergrund einer auffallenden Gangart mag in vielen Fällen eine fehlende oder aus heutiger Sicht minimale Therapie bei Knochenbrüchen oder anderen Erkrankungen wie Knochenentzündung, Gicht oder Diabetes gewesen sein, die die betroffenen Personen mit einer unheilbaren Beeinträchtigung zurückliess (e-HLS 2023: s. v. Paläopathologie). Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Daepp, Däpp, Däppeler, Deppeler: zu schwzdt. täppe(n) resp. täppele(n) ‘langsam gehen oder arbeiten; schleichen’ • Dütschler: zu schwzdt. tütsche(n) mit der nur für das Toggenburg belegten Bedeutung ‘sich unsicher bewegen, schwanken, torkeln’ (Id. 13 1881 ff.: Sp. 2181); formal ist auch eine Bildung zu schwzdt. Tutsch (wohl) im Sinne von ‘Klotz, plumpe Masse, unbeholfener, plumper, dummer Mensch’ denkbar. • Gnepf : zu mhd. gnepfen ‘hinken, wanken’ • Klingelfuss, Klingenfuss: Kompositum aus mhd., fnhd. kling(e)len ‘ein Geräusch erzeugen’ und Fuss, aber nicht mit Bezug auf das Körperteil selbst, sondern für einen lautstarken oder anderswie klanglich hervorstechenden Gang • Kräuchi: zu mhd. kriechen, schwzdt. chrieche(n) ‘kriechen’ • Krucker: zu schwzdt. chrucke(n) ‘sich mühsam schleppen, herumhumpeln’ • Schürch: zu schwzdt. schürche(n) ‘schieben’ wohl für einen schiebenden, schleppenden Gang • Trümpeler, Trümpler: zu schwzdt. (älter) trümpele(n) ‘mit kleinen, kurzen Schritten gehen, trippeln’ Karte 475: ÜberN nach dem Gang mit hoher Frequenz, vor 1800 990 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="991"?> • Wenk, Wenker: zu schwzdt. wänke(n) ‘wanken, schwanken’ sowie ‘wenden, abkehren, eine seitliche Bewegung machen’ • Wipf : mhd. wipf ‘Schwung, schnelle Bewegung’, schwzdt. wëpfe(n) ‘schnell gehen, sich beeilen’ Kommentar: Die fünfte Karte zeigt, dass FamN zur Gangart in der Schicht «vor 1800» zahlreich vorkommen: Mit 64 Types und 202 Tokens liegen hier verglichen mit den ersten vier Karten die höchsten Type- und Tokenzahlen vor. Die Belege verteilen sich nicht gleichmässig über die Deutschschweiz, sondern ballen sich vorwiegend in der nördlichen Hälfte. Die meisten Tokens erreichen der nördliche Teil des Kantons Bern (38 Tokens) sowie die Kantone St. Gallen (33 Tokens), Zürich (24 Tokens), Thurgau (23 Tokens), Aargau (20 Tokens) und Solothurn (18 Tokens). Die relative Flächenkartierung hebt besonders den Bezirk Wasseramt (SO) hervor, wo ÜberN zum Gang vor 1800 4,55 % ausmachen. Daneben weisen auch die Bezirke Dietikon (ZH), Schwyz (SZ) und Mittelland (AR) sowie der Wahlkreis Toggenburg (SG) mit einem relativen Anteil von über 2 % eine dunklere Flächenfärbung aus. Die sechste und die siebte Karte helfen, diese Ballungen etwas differenzierter darzustellen, denn in manchen Gebieten treten EinzelN gehäuft auf. So wird auf der sechsten Karte deutlich, dass in Solothurn der FamN Stampfli (16 Tokens) und in St. Gallen der FamN Wenk (14 Tokens) clustert. Im Kanton Bern kommen die beiden FamN Schürch (Emmental, daneben auch LU) und Stämpfli gehäuft vor. Als EinzelN zwar nicht häufig, aber in Summe ebenfalls im oberen Frequenzspektrum figurieren die ÜberN zu schwzdt. tschumpe(n): Die diminuierten Varianten mit Tsch-Anlaut (Tschümperle, Tschümperli, Tschümperlin) konzentrieren sich dabei vorrangig im Kanton Schwyz, während die FamN mit Sch-Anlaut (Schümperli, Schümperlin) im Thurgau auftreten. FamN des Typs hopplen kommen einerseits in Teilen des Kantons Aargau (zwischen Brugg und Muri), andererseits in den Kantonen Zürich und Thurgau vor. Die siebte Karte zeigt, dass die ÜberN im mittleren Frequenzbereich mehrheitlich nahe beieinander liegen: Der FamN Traber kommt ausschliesslich im Kanton Thurgau vor. Der FamN Wipf clustert im Zürcher Weinland sowie im angrenzenden Lohn (SH), daneben zeigt er auch zwei Vorkommen im Aargau. Als toggenburgisch kann der FamN Dütschler angesprochen werden und ebenfalls nur im Kanton St. Gallen ist der Name Tremp verzeichnet (Wahlkreis See-Gaster). Im Kanton Bern lassen sich die beiden FamN Grogg (Oberaargau) und Kräuchi (Grenzgebiet zwischen Seeland, Bern- Mittelland und Emmental) verorten. Einziger Vertreter in Graubünden ist der FamN Trepp (Region Viamala). Vorkommen in verschiedenen Regionen zeigen der Typ täppen (Daepp, Däpp in BE; Däppeler, Deppeler in AG), der FamN Krucker (LU, SG, TG) und der FamN Stapfer (AG, ZH). Abschliessend sei erwähnt, dass 27 der kartierten Types in der Schicht «vor 1800» nur einmal vorkommen, so etwa Lirgg (Signau BE), Ginggen (Zweisimmen BE), Gnepf (Buchs ZH) oder Tschirky Karte 476: ÜberN nach dem Gang mit mittlerer Frequenz, vor 1800 5.2 Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Körperteile und Gang 991 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="992"?> (Weisstannen SG). An ihnen zeigt sich, wie lexikalisch vielfältig dieser semantische Bereich auch in der Deutschschweiz besetzt ist. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Schürch (2'209 Tokens), Stampfli (1'520 Tokens) und Wenk (1'119 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: FamN, die auf den Körper zurückgehen, werden im DFA 5 (2016: 656-857) auf den Karten 252-338 dargestellt. Dabei wird eine grobe Unterteilung in «Gesamter Körper» (Karten 252-287) einerseits und «Haare und Körperteile» (Karten 288-338) andererseits mit jeweils weiteren Unterteilungen wie «Beine, Füße, Gangart» (Karten 326-338) vorgenommen. In Nübling/ Kunze (2023: 408-460) werden Namen wie Breitschädel, Spinnenhirn, Schiller, Pausback, Luchterhand oder Liesegang kartiert. Auch Kunze (2004: 142-145) illustriert ÜberN mit den Lexemen Haupt und Kopf , ÜberN zu Teilen des Kopfs sowie zu weiteren Körperteilen und zu anderen Auffälligkeiten (Linkshänder). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Cooper, Christine/ Lösch, Sandra (2023): Paläopathologie. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 061526/ 2023-10-26 (letzter Zugriff 20.05.2025). EtymWB = Pfeifer, Wolfgang et al. (1993a): Haupt. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. https: / / www. dwds.de/ wb/ etymwb/ Haupt (letzter Zugriff 20.05.2025). EtymWB = Pfeifer, Wolfgang et al. (1993b): Bein. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. https: / / www. dwds.de/ wb/ etymwb/ Bein (letzter Zugriff 20.05.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 20.05.2025). Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2014): Spätmittelalterliche Regensburger Übernamen. Wortschatz und Namengebung (Germanistische Bibliothek 53). Heidelberg: Winter. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. Simone Berchtold 992 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="993"?> 5.3 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel Schlagwörter: angeberisch, angenehm, ängstlich, Arbeitsverhalten, böse, dumm, einfältig, Essverhalten, freundlich, froh, gut, lebendig, munter, mutig, nervös, prahlerisch, sorgenvoll, sorglos, tapfer, Trinkverhalten, tüchtig, unfreundlich, unruhig Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel gilt ÜberN aus der Schicht «vor 1800», die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 14.10.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») Bezug auf charakterliche Eigenschaften und Verhaltensweisen einer Person nehmen. Zwei Merkmale werden ausgeklammert und aufgrund ihrer Häufigkeit in eigenen Artikeln bearbeitet: Aggressivität einerseits und Sprechweise bzw. Sprachverhalten andererseits. 1 Andere Eigenheiten, die in FamN auftreten, werden in diesem Sammelartikel berücksichtigt. Dabei können verschiedene Aspekte betont worden sein wie etwa ein angenehmer oder bösartiger Charakter, eine sorglose oder sorgenvolle Wesensart sowie ein kluges oder einfältiges Verhalten. Es geht also primär um persönlichkeitsinhärente Merkmale (Kohlheim/ Kohlheim 2014: 151), die im Unterschied zu äusserlichen Merkmalen nicht sichtbar sind. 2 Grundsätzlich kann als Motiv für die Namengebung Abweichung von einer vorgestellten Norm gelten (Kunze 2004: 147): Hinter der Motivation steht wohl häufig die Orientierung an «Normvorstellungen der namengebenden Gemeinschaft» (Kunze 2004: 139). «Die bezeichnete Eigenschaft war so auffällig und damit (eher) selten, dass sie den ersten Namenträger vom Rest der Gruppe unterschied» (Nübling/ Kunze 2023: 408). Es ist davon auszugehen, dass häufiger negative Abweichungen namengebend wirkten, wie dies Kohlheim/ Kohlheim (2014: 151) festhalten: «Neben negativen Eigenschaften kommen, allerdings seltener, auch positive Eigenschaften zur Sprache». Auch das RNB 3 (1986: 779) kommt zum Schluss, dass «Übernamen mit negativer Wertung weit häufiger als die positiven Beurteilungen» sind. Zur Namenauswahl der nachfolgenden Karten sei an dieser Stelle angemerkt, dass die Mehrdeutigkeit der zugrunde liegenden Lexeme eine eindeutige Zuordnung der ÜberN oft schwierig bis unmöglich macht. Auf diesen Aspekt weist bereits das RNB 3 (1986: 777) hin: Da ist einmal das Problem der Abgrenzung: Wo hört die Bedeutungsgruppe ‘wild-ungestüm’ auf, wo beginnt die Gruppe ‘mürrisch-grob’? Dabei muss weiter in Betracht gezogen werden, dass im Rätoromanischen, wie im Bündnerdeutschen und im Italienischen, die Wörter selten nur eine Bedeutung haben, v. a. wenn es sich, wie hier, um Wörter der emotionell-affektischen Zone handelt. Am ÜberN Frutig soll das Problem der Mehrdeutigkeit illustriert werden: Der Name geht etymologisch auf das Adjektiv mhd. vrüetic ‘rasch zur Tat, eifrig, behände, munter, rüstig, tapfer’ zurück, das im Schweizerdeutschen ein noch breiteres Bedeutungsspektrum entwickelt hat: schwzdt. fruetig, früetig ‘von Menschen (früher auch etwa von Tieren): 1. munter, froh, frisch, lebhaft, rüstig, wacker, tapfer, furchtlos, rasch, entschlossen; 2. hurtig, behände, schnell, f link’ (Id. 1 1881 ff.: Sp. 1340-1341). Ein eindeutiges Motiv ist in solchen Fällen nicht mehr auszumachen, denn «eine einwandfrei fundierte, ganzheitliche Namendeutung kann nur in Ausnahmefällen vollzogen werden, da i. d. R. keine Äußerungen des Namengebers zu seiner Motivation vorliegen» (Kohlheim/ Kohlheim 2014: 148). Zusätzlich ist mit qualitativem Bedeutungswandel der zugrunde liegenden Lexeme zu rechnen: Während mhd. frech ‘mutig, kühn, tapfer, keck, dreist, lebhaft’ bedeutet - auch schwzdt. ‘herzhaft, unerschrocken, mutig, kühn, keck in gutem Sinn’ (Id. 1 1881 ff.: Sp. 1271) -, ist das Adjektiv im Gegenwartsdeutschen mit dem Bedeutungsspektrum ‘dreist, unverschämt, schamlos’ eher in den negativen Bereich übergegangen. Eine Einteilung in positive und negative Eigenschaften verbietet sich deshalb teilweise, da beide Aspekte im Bedeutungsspektrum eines Wortes vorkommen können und nicht mehr eruiert werden kann, ob bei der Namengebung das positive oder das negative Merkmal ausschlaggebend war. Auch die Chronologie des Bedeutungswandels lässt sich nur relativ über die Auswertung historischer Belege rekonstruieren. 3 Ebenfalls können sich Bedeutungsaspekte, die den Körper betreffen, mit charakterlichen Merkmalen verschränken. So kann das Adjektiv grob, das dem FamN Grob zugrunde liegt, einen robusten, korpulenten, starkknochigen Körperbau beschreiben und auch Bezug auf einen unfeinen Charakter nehmen. Zusammenfassend ist also festzuhalten, dass in den meisten Lexemen ein Spektrum an Bedeutungen gebündelt ist, das sich nicht deutlich abgrenzen lässt. Im vorliegenden Artikel wird auch von einer expliziten Zuteilung in negative und positive Eigenschaften abgesehen, da beide Aspekte wie bereits erwähnt in einem Lexem vorkommen können. Der Wahl von und der Zuordnung zu Kartenthemen wurden einerseits Beispiele aus der Literatur (Kunze 2004: 147; DFA 5 2016: 858-907, 954-977, 978-999) und andererseits eigene Arbeiten am Datenmaterial zugrunde gelegt. Dabei wurden FamN gruppiert, die auf semantisch vergleichbaren Wörtern basieren wie z. B. FamN, die auf ein Lexem mit der Bedeutung ‘böse’ oder ‘sorgenvoll’ zurückgehen. Im Sinne eines vollständigeren Überblicks über die hier interessierende Motivgruppe wurden tendenziell eher weite Selektionskriterien angewendet, wobei stets die oben genannten Unschärfen des jeweiligen Bedeutungsspektrums zu bedenken sind. Zudem sei erwähnt, dass in diesem Artikel relativ viele Namen aufgenommen wurden, die in der Schicht «vor 1800» nur 1 bis 2 Tokens 1 Vgl. die Artikel III-5.4 «Übernamen nach Charakter und Verhalten: Aggressivität» und III-5.5 «Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sprechweise und Sprachverhalten». 2 Zu äusserlichen Merkmalen vgl. die Artikel III-5.1 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Gesamteindruck und Haare» sowie III-5.2 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Körperteile und Gang». 3 Fritz (2005: 29-32) illustriert am Fallbeispiel mhd. kluoc die Veränderung im Gebrauch von 1230 bis ins 16. Jh. 5.3 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel 993 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="994"?> aufweisen. Um die Kartenbilder nicht mit Namengruppen zu überfrachten, wurden diese einfach oder zweifach auftretenden FamN jeweils in der Kategorie «Sonstige» zusammengefasst. Die Bildung von ÜberN erfolgt im Prinzip auf zweifachem Weg: Der FamN kann auf der direkten Benennung der Eigenschaft basieren (Kunze 2004: 139), dann liegt i. d. R. ein Adjektiv wie gut, frech, wacker oder ein Substantiv wie Held, Kummer, Schlumpf (‘grosser Bissen’) vor (Fleischer 1964: 149). Die Benennung kann daneben auch metaphorisch motiviert sein, indem bspw. auf Tiere referiert wird (z. B. bei den FamN Fuchs, Hase oder Löwe) und die den Tieren zugesprochenen Eigenschaften auf Menschen übertragen werden; so gilt der Fuchs als schlau, der Hase als ängstlich und der Löwe als mutig. 4 Neben einer metaphorischen Verwendung eines Lexems ist z. T. auch eine ironische denkbar, sodass als namengebendes Motiv gerade das Antonym des zugrunde liegenden Lexems anzusetzen wäre. Bspw. ist es möglich, dass Witzig zu mhd. witzec ‘verständig, klug, weise’ zur Charakterisierung einer Person genutzt wurde, der man Klugheit geradezu absprach. 5 Formal können die Namen neben einem unerweiterten Grundwort auch Nomina agentis auf -(l/ n)er oder -i sein wie Nüscheler zum Verb schwzdt. nüschele(n) ‘suchend in etwas herumwühlen; langsam und ungeschickt an etwas herumarbeiten usw.’ (Id. 4 1881 ff.: Sp. 834) oder Strebi zu schwzdt. strebe(n) ‘sich heftig regen, bewegen; sich aufrichten, bäumen; kämpfen’. In manchen Fällen liegt auch eine Zusammenrückung vor wie bei Schafroth ‘[ich] schaffe Rat’, einer Verbindung aus Verb und Nomen, oder Schafflützel ‘[ich] arbeite wenig’, einer Verbindung aus Verb und Adjektiv. 6 Die ersten elf Karten widmen sich jeweils einer Charakter- und Verhaltensweise: angenehm, freundlich (erste Karte), gut, tüchtig (zweite Karte), mutig, tapfer (dritte Karte), lebendig, munter (vierte Karte), klug, schlau (fünfte Karte), einfältig, dumm (sechste Karte), sorglos, froh (siebte Karte), sorgenvoll, ängstlich (achte Karte), unruhig, nervös (neunte Karte), prahlerisch, angeberisch (zehnte Karte) sowie böse, unfreundlich (elfte Karte). Die zwölfte Karte stellt FamN dar, die als ÜberN zum Arbeitsverhalten eingeordnet werden können, die darauffolgende dreizehnte Karte gilt ÜberN, die auf das Ess- und Trinkverhalten Bezug nehmen. Schliesslich gruppiert die vierzehnte Karte weitere Charakter- und Verhaltensweisen, die sich keiner der bereits genannten Eigenschaften zuordnen lassen, die aber regionalspezifisch auftreten und darum ebenfalls berücksichtigt werden. Erste Karte {477}: Übernamen nach angenehmem, freundlichem Charakter und Verhalten Namenauswahl: Die erste Karte bildet alle einschlägigen ÜberN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 7 ab, die auf Lexeme zurückgehen, die sich semantisch auf die Charaktereigenschaft ‘angenehm’, ‘freundlich’ bis ‘anständig’ beziehen. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ Freienmuth: Freienmuth, Freiermuth. 4 Tokens. Typ fueg: Füeg, Fügi, Fügli, Fuog. 7 Tokens. Typ genehm: Gnehm. 7 Tokens. Typ hold: Hold, Holdener, Holder. 9 Tokens. Typ hübsch: Hübscher, Hübschi. 10 Tokens. Typ lieb: Lieb, Lieber, Liebergsell, Lieberherr, Liebi, Lüber. 6 Types, 20 Tokens. Typ loslich: Loosli. 3 Tokens. Typ schön: Schön, Schöni, Schönmann. 12 Tokens. Typ süss: Süess, Süss, Süssli, Süsslin. 17 Tokens. Sonstige: Glücki, Goenner, Gutherz, Härz, Heil, Hohermuth, Küssler, Lächler, Lustig, Milt, Schatz, Schickli, Segenreich, Senften, Treu, Trost, Wägli. 17 Types, 17 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 496: Daten zur ersten Karte {477} Detailangaben zur Namenauswahl: 8 Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) an. • Typ fueg: Die FamN stellen sich zu schwzdt. füege(n) ‘passend, genehm sein’. • Typ hold: Die FamN stellen sich zu mhd. hold ‘jemandem/ etwas zugeneigt, freundlich gestimmt sein’. Die Form Holdener ist gemäss SZNB 3 (2012: 109) eine Ableitung zum Verb mhd., schwzdt. hulde(n) ‘huldigen, sich mit jemandem freundschaftlich verbinden’, mhd. *huldenære ‘einer, der sich jemanden geneigt macht’. Diese Namenerklärung ist nicht ganz unproblematisch, da Nomina agentis auf -er üblicherweise nicht vom Infinitiv gebildet werden; darum ist konkurrierend auch ein WohnstättenN mit Bezug auf eines der vielen Holder-Toponyme (die sich auf Holunderbewuchs beziehen) mit Dissimilation Holderer zu Holdener zu erwägen. 4 Zur Mehrdeutigkeit der FamN, die auf Tierbezeichnungen zurückgehen, vgl. generell den Artikel III-5.6 «Übernamen nach Tierbezeichnungen». 5 Von Nübling/ Kunze (2023: 441) wird z. B. auch der FamN Sieb(en)list als ironischer ÜberN eingestuft, «da Bildungen mit Siebeneher auf eine geringe Ausprägung der Eigenschaft hinweisen». 6 Für verschiedene Bildungsmuster von ÜberN vgl. die Artikel II-2.6 «Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich», II-1.2 «Flektierte Adjektivformen», II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen», II-4.1 «Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen», II-4.2 «Zusammenrückungen mit nominalen und adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen» und II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 7 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 8 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 994 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="995"?> • Typ loslich: Der FamN Loosli gehört zu mhd. lōslich, lœslich ‘freundlich, anmutig’, im Schweizerdeutschen mit Ausfall von auslautendem -ch. Konkurrierend ist auch ein BerufsüberN zu schwzdt. Lōs ‘der einem zustehende Anteil’ für einen Beamten, «der bei der Verteilung von Waldnutzen oder Gemeindeland jedem sein Los zuteilte», denkbar (Christen 1998: 348). • Der FamN Schickli stellt sich zu schwzdt. schickli(ch) ‘passend, anständig’ mit charakteristischem Ausfall von auslautendem -ch. 9 • Der FamN Wägli stellt sich zu schwzdt. wägli(ch) ‘passend, angemessen’, auch hier mit Ausfall von auslautendem -ch. Kommentar: Die erste Karte zeigt einen Schwerpunkt der ausgewählten ÜberN in der nördlichen Landeshälfte, wo sie teils spezifische, teils unspezifische Verbreitungsräume aufweisen. Trotz der weiträumigen Flächenabdeckung sind die meisten Typen im niederfrequenten Bereich anzusiedeln. Dieser quantitative Befund kann die eingangs gemachte Anmerkung stützen, dass sich die namengebende Gesellschaft bei der Namenvergabe eher an negativen Abweichungen orientierte und Positives nicht so häufig als Identifikationsmerkmal einer Person herangezogen wurde. Eine spezifische Raumbildung lassen die folgenden EinzelN erkennen: Der FamN Füeg konzentriert sich im Kanton Solothurn, während Loosli im Unteremmental (Sumiswald, Eriswil, Wyssachen BE) ein Namennest formt. Gnehm ist nur in der Nordostschweiz zwischen Stein am Rhein (SH) und Stäfa (ZH) alteingesessen, Freienmuth tritt im Kanton Thurgau und Holdener im Kanton Schwyz auf. Mit weiträumiger Verbreitung ist der FamN Hübscher (AG, BE, BS, LU, SH) zu nennen. Während der FamN Süss - ebenso wie der Typ schön - ein Streubild zeigt, clustert die Form mit digraphischer Schreibung Süess im Entlebuch (LU). Die Namengruppe mit den meisten Types und Tokens bildet der Typ lieb mit gesamt 20 Ortspunkten. Dabei ist Lieberherr der häufigste EinzelN (9 Tokens); er ist für das Toggenburg (SG) und die angrenzende Gemeinde Urnäsch (AR) typisch. Karte 477: ÜberN nach angenehmem, freundlichem Charakter und Verhalten, vor 1800 9 Vgl. Artikel II-2.6 «Familiennamen aus Adjektiven auf -ig und -lich» (zweite und dritte Karte). 5.3 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel 995 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="996"?> Zweite Karte {478}: Übernamen nach gutem, tüchtigem Charakter und Verhalten Namenauswahl: Die in der zweiten Karte gezeigten FamN gehen auf Lexeme zurück, die sich im Bedeutungsspektrum zwischen ‘gut’, ‘tüchtig’ und ‘rechtschaffen’ bewegen. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ bieder: Biderbost, Bieder, Biedermann, Biedert. 16 Tokens. Typ gut: Gut, Gutersohn, Guth, Gutknecht, Gutmann. 55 Tokens. Typ Kern: Cherno, Kern, Kernen. 25 Tokens. Typ Mann: Mann. 4 Tokens. Typ wacker: Wacker, Wäcker, Wäckerli, Wäckerlig, Wäckerlin, Wäckerling, Waeckerling. 7 Types, 14 Tokens. Typ wätlich: Wethli, Wetli, Woodtli. 6 Tokens. Typ weidenlich: Weideli. 5 Tokens. Typ wohlgemut: Wohlgemut, Wohlgemuth. 7 Tokens. Typ Wohlwend: Wohlwend. 6 Tokens. Sonstige: Fromm, Säuberli. 3 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 497: Daten zur zweiten Karte {478} Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) an. Generell sei angemerkt, dass die Merkmale ‘gut, tüchtig’ teilweise kaum vom Bedeutungsspektrum ‘mutig, tapfer’ (vgl. dritte Karte) zu trennen sind. Die beiden Karten ergänzen sich somit gegenseitig. • Typ bieder: zu mhd. biderbe ‘brav, tüchtig, angesehen’, schwzdt. biderb ‘ehrenwert, wacker, rechtschaffen, loyal, unbescholten’ • Typ Kern: zu mhd. kern ‘innerer Teil einer Frucht; Same’; gemäss Brechenmacher 2 (1957-1963: 31) kann hier Benennung für einen tüchtigen, kernhaften Menschen vorliegen; konkurrierend ist auch ein BerufsüberN für einen Getreidebauern denkbar. • FamN Mann: zu mhd. man ‘Mensch, (erwachsener) Mann, Lehnsmann, Vasall, tüchtiger, streitbarer Mann’ u. ä. für einen tüchtigen, tapferen Mann (DFD 2025a: s. v. Mann) • FamN Säuberli: zu schwzdt. sǖberli(ch) ‘rein, reinlich; anständig; gehörig; tüchtig; anständig’ • Typ wätlich: zu schwzdt. wätli(ch) ‘artig, gefällig; geschickt, begabt, tüchtig’, auch ‘stattlich, rechtschaffen’ • FamN Weideli: zu schwzdt. weidenli(ch) ‘tüchtig, vorzüglich, stattlich’, auch ‘mutig, tapfer’ Kommentar: Die zweite Karte zeigt ein verdichtetes Vorkommen der kartierten Namen in der nördlichen Landeshälfte, wobei sich die Ortspunkte v. a. ab den Kantonen Luzern und Solothurn in Richtung Nordostschweiz verdichten. Der häufigste Name im Sample ist Gut Karte 478: ÜberN nach gutem, tüchtigem Charakter und Verhalten, vor 1800 996 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="997"?> mit 37 Ortspunkten, die sich im beschriebenen nordöstlichen Verdichtungsraum finden. Der Name Gutmann hingegen clustert im westlichen Seeland (BE), dann aber auch im nördlichen Teil des Kantons Zürich sowie im angrenzenden Mellikon (AG). Die FamN des Typs Kern streuen, wobei die Variante Kernen mit schwachem Genitivsuffix typisch für das Berner Oberland ist. Die FamN mit dem Element wohl kommen in der nördlichen und östlichen Deutschschweiz ohne erkennbare Clusterbildung vor. Auch FamN des Typs wacker zeigen keine klare Raumbildung. Demgegenüber kommt der Name Woodtli in vier benachbarten Gemeinden des Bezirks Zofingen (AG) vor und Mann erscheint punktuell im Emmental (BE). Dritte Karte {479}: Übernamen nach mutigem, tapferem Charakter und Verhalten Namenauswahl: Die dritte Karte gilt ÜberN aus der Schicht «vor 1800», die sich auf das Bedeutungsspektrum ‘mutig’, ‘tapfer’ oder ‘kühn’ zurückführen lassen. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ Deubelbeiss: Deubelbeiss. 3 Tokens. Typ Fierz: Fierz, Fietz. 6 Tokens. Typ frech: Frech. 4 Tokens. Typ Frevel: Fraefel, Frevel. 5 Tokens. Typ Held: Held. 9 Tokens. Typ Knaus: Knaus, Knus. 7 Tokens. Typ Löwe: Leu, Leumann, Leuw, Ley, Loew, Löw, Lymann. 7 Types, 44 Tokens. Typ stark: Stark, Starkenmann, Starkermann, Sterchi, Sterki. 23 Tokens. Typ tapfer: Tapfert. 1 Token. Typ turstig: Durst, Dürst. 12 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 498: Daten zur dritten Karte {479} Karte 479: ÜberN nach mutigem, tapferem Charakter und Verhalten, vor 1800 5.3 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel 997 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="998"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) an. Generell sei angemerkt, dass die Merkmale ‘mutig, tapfer’ teilweise kaum vom Bedeutungsspektrum ‘gut, tüchtig’ (vgl. zweite Karte) zu trennen sind. Die beiden Karten ergänzen sich somit gegenseitig. • FamN Deubelbeiss: SatzN aus schwzdt. Deubel, Teupel ‘Teufel’ und schwzdt. bīsse(n) ‘beissen’ für eine Person, die es mit dem Teufel selbst aufnimmt (Brechenmacher 1 1957-1963: 356) oder die mit dem Teufel verglichen wurde. Ältere Formen des Namens lauten Tüfelbeiss oder Tüfelbyss (Id. 4 1881 ff.: Sp. 1680). • Typ Fierz: zu mhd. viez(e) ‘Held, schlauer Feind, Teufelskerl, Teufel’ • Typ Frevel: zu mhd. vrëvel(e), vräfel ‘mutig, kühn, unerschrocken, verwegen’; jedoch bereits im ausgehenden Mittelalter mit negativer Entwicklung zu ‘verschlagen, dreist, unverschämt, gewalttätig’ • Typ Knaus: mhd. knūz ‘keck, vermessen, waghalsig’; konkurrierend auch ÜberN nach dem Körperumfang zu schwzdt. (älter) Chnūs ‘wohlbeleibter Mensch; vierschrötige Person’ • Typ turstig: zu schwzdt. turstig ‘kühn, waghalsig, verwegen’; konkurrierend ist für umlautloses Durst auch eine Erklärung als ÜberN zu mhd. durst ‘Durst’ für den Durstigen, allenfalls den Trinker denkbar. FamN des Typs Löwe sind zwar durchsichtig, dennoch soll hier eine Erläuterung gegeben werden - und zwar bezüglich der Symbolik (vgl. auch andere FamN zu Tierbezeichnungen wie Fuchs und Hase): Der Löwe symbolisiert Positives (Macht, Stärke, Leben, Mütterlichkeit) und Negatives (Böses). Bereits im Alten Testament ist der Löwe Sinnbild unüberwindlicher Stärke und auch in der Fabelliteratur etablieren sich seit der Antike die Eigenschaften ‘Grossmut’ und ‘Tapferkeit’ in Bezug auf das Tier (Butzer/ Jacob 2021: 371-372). Diese Eigenschaften können in der Folge auch metaphorisch auf Menschen übertragen worden sein. Kommentar: Die dritte Karte zeigt ein weitläufiges Vorkommen von ÜberN zu mutigem, tapferem Verhalten. Die Belege dehnen sich vom Berner Oberland und vom Emmental (BE) über die Zentralschweiz und die Südostschweiz weiter in die nordöstliche Deutschschweiz aus. Teilweise sind FamN typisch für einzelne Kantone: So clustert der ÜberN Deubelbeiss im Aargau, Fierz mit seiner Variante Fietz im Kanton Zürich, Frefel im Thurgau und Dürst im Kanton Glarus. Beim Typ stark lassen sich die beiden frequenten Varianten ebenfalls regional verorten: Stark clustert nur im Osten in beiden Appenzell und Sterchi nur im Westen im Kanton Bern. Nicht regionalspezifisch ist der FamN Leu, der in neun Kantonen alteingesessen ist (AG, BE, GL, LU, SG, SH, SO, SZ, ZH) und stellenweise das Kartenbild stark prägt. 998 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="999"?> Vierte Karte {480}: Übernamen nach lebendigem, munterem Charakter und Verhalten Namenauswahl: Die vierte Karte thematisiert ÜberN aus der Schicht «vor 1800», die sich auf das Bedeutungsspektrum ‘lebendig’, ‘munter’ bis ‘keck’ zurückführen lassen. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ flück: Flouck, Fluck, Flück. 17 Tokens. Typ frisch: Frisch, Frischherz, Frischknecht, Frischkopf . 12 Tokens. Typ hüss: Häuser, Häusermann, Häusser, Heusser, Heussi, Hüser, Hüss, Hüsser. 8 Types, 37 Tokens. Typ kech: Käch, Kaech, Kech. 18 Tokens. Typ nuefer: Nufer, Nuoffer. 7 Tokens. Typ rösch: Resch, Rösch, Röschli, Rösti. 16 Tokens. Typ schnüeper: Schnieper. 4 Tokens. Sonstige: Frutig, Grüring, Haberstich. 4 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 499: Daten zur vierten Karte {480} Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) an. • Typ flück: zu schwzdt. (älter) flück ‘f lügge; hellauf, wohlauf, munter’ • Typ hüss: zu mhd. hiuze ‘munter, frech’; im älteren Schweizerdeutschen ist das Wort im Ruf des Fuhrmanns hüüss! sowie im präfigierten ghüss ‘stolz, selbstbewusst’ nachgewiesen (Id. 2 1881 ff.: Sp. 1752). • Typ kech: zu schwzdt. chëch ‘lebenskräftig, rüstig’, auch ‘keck, frech’ • Typ nuefer: zu schwzdt. nuefer, nüefer ‘munter, frisch, lebhaft’ • Typ rösch: zu mhd. resch(e) ‘schnell, munter, lebhaft’, schwzdt. gerundet als rȫsch ‘rasch, frisch’ • Typ schnüeper: Schnieper ist eine entrundete Form zu schwzdt. schnüeper, schnueper ‘lebenskräftig, lebensfreudig, munter, lebhaft’. Kommentar: Die vierte Karte zeigt einen Schwerpunkt der ausgewählten ÜberN im Mittelland, wo sie teils spezifische Verbreitungsräume aufweisen. Auffallend ist die Gebietsbildung der FamN vom Typ hüss im Kanton Zürich und westlich anschliessend im Aargau. Auch der FamN Rösch zeigt ein grösseres Verbreitungsgebiet, welches sich vom Wahlkreis Willisau (LU) über den Oberaargau (BE) bis ins Seeland (BE) erstreckt, während Rösti nur im Raum Simmental-Frutigen (BE) typisch ist. Das Auftreten von Schnieper ist in der Karte 480: ÜberN nach lebendigem, munterem Charakter und Verhalten, vor 1800 5.3 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel 999 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1000"?> gewählten Schicht auf den Kanton Luzern beschränkt. FamN des Typs kech treten einerseits im Kanton Luzern und andererseits in den Kantonen Solothurn, Bern und Freiburg gehäuft in Erscheinung, wobei die Variante Kaech mit ae-Graphie auf Freiburg beschränkt ist. Der FamN Nufer zeigt ein Streubild mit Vorkommen im Berner Oberland und im Thurgau. Die beiden Namen Flück und Fluck zeigen tendenziell auch Streubilder, wobei die umgelautete Namenform nur in der westlichen Deutschschweiz (BE, BL, LU, SO) und die nichtumgelautete Form nur in der östlichen Landeshälfte (ZH) auftreten. Der in der französischsprachigen Schweiz vorkommende FamN Flouck geht auf Zuwanderung aus dem deutschsprachigen Raum zurück. Fünfte Karte {481}: Übernamen nach klugem, schlauem Charakter und Verhalten Namenauswahl: Die fünfte Karte illustriert ÜberN, die das Bedeutungsspektrum ‘klug’, ‘schlau’ bis ‘listig’ abdecken. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ Fuchs: Fuchs, Füchslin, Fux. 59 Tokens. Typ kündig: Kündig, Kündiger. 22 Tokens. Typ Nünlist: Nünlist. 4 Tokens. Typ Schafroth: Schafroth. 5 Tokens. Typ witzig: Witzig. 5 Tokens. Sonstige: Hirni, Kloug, Laurer, Rathgeb, Ringele, Ringgeli, Sinniger. 7 Types, 9 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 500: Daten zur fünften Karte {481} Detailangaben zur Namenauswahl: FamN zum Typ Fuchs können einerseits Bezug auf die rote Farbe (etwa der Haare) nehmen, andererseits aber auch nach einer dem Tier zugesprochenen Eigenschaft vergeben worden sein: So werden dem Fuchs bereits seit der Antike «Tücke, List und Verschlagenheit» nachgesagt (Butzer/ Jacob 2021: 204). Diese Zuschreibungen werden in der deutschsprachigen Fabeltradition ab dem 12. Jh. fortgeführt und so dürften die darin verarbeiteten Stoffe einer breiteren Bevölkerungsschicht bekannt gewesen sein. Insgesamt überwiegt beim Fuchs der «negative Symbolgehalt» des Tiers (Butzer/ Jacob 2021: 204). Ebenfalls eher im negativen Spektrum bewegt sich der FamN Nünlist - zusammen- Karte 481: ÜberN nach klugem, schlauem Charakter und Verhalten, vor 1800 1000 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1001"?> gesetzt aus dem Zahlwort mhd. niun ‘neun’ und mhd. list ‘Weisheit, Klugheit, Schlauheit’ - für eine Person, die man als besserwisserisch empfand (‘Neunmalkluger’). 10 Schafroth, eine Zusammenrückung aus schaffen und Rat, kann ebenfalls negativ als ‘jemand, der gerne und oft Ratschläge erteilt’ oder aber positiv als ‘jemand, bei dem man sich gerne Rat holt’ interpretiert werden (DFD 2025b: s. v. Schaffrath). 11 Folgenden FamN liegen Adjektive zugrunde: Kloug zu mhd. kluoc mit breitem Bedeutungsspektrum wie u. a. ‘höfisch, geistig gewandt, klug, weise, listig, schlau’; Kündig, Kündiger zu mhd. kündec ‘bekannt, klug, geschickt, aufmerksam’; Sinniger zu schwzdt. sinnig ‘verständig, klug’; Witzig zu mhd. witzec ‘verständig, klug, weise’. Der FamN Laurer ist ein Nomen agentis auf -er zu mhd. lūre ‘schlauer, hinterlistiger Mensch’; die FamN Ringele, Ringgeli sind Nomina agentis auf -i zu schwzdt. ringg(e)le(n) ‘sich drehen, wenden’, auch ‘etwas schlau einrichten, eine schwierige oder verfahrene Sache mit Mühe und Geschick in Ordnung bringen’. Auf Substantiven basieren die ÜberN Hirni zu mhd. hirne ‘Hirn, Gehirn’, bildlich auch ‘Verstand’ und Rathgeb zu mhd. rātgëbe ‘Ratgeber, Berater, Helfer’. Kommentar: Die fünfte Karte zeigt ein grossf lächiges Vorkommen der einschlägigen ÜberN in der Deutschschweiz, wobei die meisten Ortspunkte auf FamN des Typs Fuchs entfallen: Die Form Fuchs kann als Default angesehen werden und kommt in 13 Kantonen vor (AG, AI, BE, BL, GR, JU, LU, SG, SH, SO, SZ, TG, VS). Demgegenüber clustert die Variante Fux im Kanton Wallis mit 4 Ortspunkten. Die Diminutivform Füchslin hingegen ist nur zweimal belegt (Brugg AG, Einsiedeln SZ). Die weiteren vier kartierten Typen zeigen teils ein begrenztes räumliches Auftreten: In der westlichen Deutschschweiz konzentrieren sich die beiden FamN Schafroth und Nünlist; ersterer kommt lediglich im Emmental (BE) und zweiterer nur im Kanton Solothurn vor. Der FamN Kündig ist zwar auch in der Zentralschweiz alteingesessen (LU, SZ), clustert aber v. a. im Zürcher Oberland. Kündiger hingegen ist nur in Nürensdorf (ZH) bezeugt. Der FamN Witzig konzentriert sich ebenfalls im Kanton Zürich, hier aber v. a. im nördlichen Teil (Zürcher Weinland). 10 Vgl. Artikel II-4.2 «Zusammenrückungen mit nominalen und adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen». 11 Vgl. Artikel II-4.1 «Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen». 5.3 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel 1001 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1002"?> Sechste Karte {482}: Übernamen nach einfältigem, dummem Charakter und Verhalten Namenauswahl: Die sechste Karte behandelt FamN aus der Schicht «vor 1800», in denen einfältiges oder dummes Verhalten namengebend gewesen sein kann. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ Blösch: Blösch. 4 Tokens. Typ Dummermuth: Dummermuth, Thummermuth. 5 Tokens. Typ Gauch: Gauch. 5 Tokens. Typ grob: Grob, Gröble, Gröbli, Gröbly. 58 Tokens. Typ Klöti: Klöti. 6 Tokens. Typ Strausack: Strausack, Strausak. 3 Tokens. Typ Tribelhorn: Tribelhorn. 4 Tokens. Typ Tschudi: Tschudi, Tschudin, Tschudy. 22 Tokens. Typ Tschumi: Tschumi, Tschümmy. 3 Tokens. Typ Tüsel: Düsel, Düssel, Tüsel. 3 Tokens. Sonstige: Bauder, Dopple, Dumelin, Gänsli, Gemuseus, Geugel, Konanz, Tscheer. 8 Types, 10 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 501: Daten zur sechsten Karte {482} Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) an. 12 • FamN Bauder: abgeleitet von schwzdt. baude(n) ‘sich in Worten und Handlungen einfältig benehmen’ • FamN Blösch: zu schwzdt. Blösch mit Bezug auf Menschen in der Bedeutung ‘Kahlkopf ’ oder als Bezeichnung für eine unbeholfene, einfältige Person • FamN Gauch: zu mhd. gouch ‘Tor, Narr’, auch ‘Kuckuck; Bastard’ • FamN Geugel: zu schwzdt. Gäugel ‘einfältiger, leichtsinniger Mensch’ sowie ‘Hanswurst, Spassvogel’ • Typ grob: zum Adjektiv schwzdt. grob, das ein breites Bedeutungsspektrum umfasst: Bezogen auf Menschen kann einerseits auf die Gestalt des Körpers Bezug genommen werden im Sinne von ‘robust, korpulent, starkknochig’, mit Bezug auf den Charakter meint grob ‘unfein, ungebildet’. • FamN Klöti: zu schwzdt. Chlöti ‘unreinlicher Knabe oder Mann; unbeholfener, einfältiger, stumpfsinniger, energieloser, liederlicher Mensch’; konkurrierend ist auch ein HerkunftsN zum Toponym Kloten möglich. Karte 482: ÜberN nach einfältigem, dummem Charakter und Verhalten, vor 1800 12 Auch FamN, die auf der Grundlage der Tierbezeichnungen Ochse (FamN Oechsli, Oechslin), Stier (FamN Stierli, Stierlin) und Widder (FamN Wider) gebildet sind, können metaphorisch als ‘stur, einfältig’ gedeutet werden. Zugunsten der Übersichtlichkeit wurden sie hier nicht kartiert; es sei auf den Artikel III-5.6 «Übernamen nach Tierbezeichnungen» verwiesen. 1002 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1003"?> • FamN Tribelhorn: zu oberdt. Tribelhorn ‘Dummkopf ’ (Brechenmacher 1 1957-1963: 346) • FamN Tscheer: entrundete Form von schwzdt. Tschöör ‘dummer, einfältiger Mensch’, auch ‘Taubstummer’ Kommentar: Die sechste Karte lässt erkennen, dass sich ÜberN zu diesem Motiv mehrheitlich nördlich einer gedachten Linie vom freiburgischen Tentlingen über Emmetten (NW) bis nach Schwanden (GL) ausbreiten. Dabei fällt v. a. die Häufigkeit des Typs Grob auf: Der FamN Grob sowie die diminuierten Varianten Gröble, Gröbli, Gröbly weisen eine Konzentration in den Kantonen Zug, Zürich und St. Gallen auf. Auch die Namen Tschudi, Tschudin, Tschudy sind im gewählten Sample häufig; sie ballen sich einerseits im Kanton Glarus und andererseits in der Nordwestschweiz (AG, BL, BS), wobei die Variante Tschudin ausschliesslich in Basel-Stadt und Basel-Landschaft vorkommt. Manche der niederfrequenten FamN clustern ebenfalls: So tritt der FamN Blösch um die Stadt Biel (BE) in Erscheinung. Die FamN Dummermuth, Thummermuth sind im Raum Thun (BE) und in angrenzenden Gemeinden bezeugt (Schlosswil, Signau BE). Mit Strausa(c)k liegt ein solothurnischer Name vor. Ausschliesslich im Osten der Schweiz sind folgende Namen alteingesessen: Tribelhorn (AI, AR) sowie Düsel, Düssel, Tüsel (SG). Siebte Karte {483}: Übernamen nach sorglosem, frohem Charakter und Verhalten Namenauswahl: Die FamN der siebten Karte basieren auf Lexemen, die auf einen sorglosen und frohen Charakter verweisen, was auch den Aspekt des Leichtfertigen umfassen kann. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ Fink: Fink. 9 Tokens. Typ fröhlich: Froelich, Froelicher, Fröhli, Fröhlich, Fröhlicher, Frölich, Frölicher. 7 Types, 31 Tokens. Typ Gähler: Gähler. 3 Tokens. Typ Goll: Gohl, Goll. 3 Tokens. Typ licht: Lichtin, Liechti. 18 Tokens. Typ los: Loos, Lössi. 3 Tokens. Typ Scherz: Schärz, Scherz. 6 Tokens. Typ Vogel: Freivogel, Vogel, Vögele, Vögeli, Vögelin, Waldvogel. 6 Types, 100 Tokens. Sonstige: Fasnacht, Freudemann, Geiler, Lustig, Ohnsorg, Schwank, Speerli, von Freudenreich. 8 Types, 10 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 502: Daten zur siebten Karte {483} Karte 483: ÜberN nach sorglosem, frohem Charakter und Verhalten, vor 1800 5.3 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel 1003 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1004"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) an. • FamN Gohl, Goll: zu mhd. gogel, gōl ‘ausgelassen, lustig, üppig’ • FamN Gähler, Geiler: zu mhd. geilære ‘fröhlicher Mensch’; Gähler zeigt appenzellische Monophthongierung von ahd., mhd. ei (APNB 1 1958: 152-155). Für die Form Geiler ist konkurrierend auch ein ÜberN zu mhd. gīlære, gīler ‘Bettler’, auch ‘Betrüger, Schwindler, Gauner’ möglich. • Typ licht: Die FamN stellen sich zu mhd. liecht ‘hell, strahlend’, schwzdt. līcht, liecht ‘leicht’, auf Personen bezogen ‘unzuverlässig, leichtsinnig, leichtfertig’; konkurrierend kann auch ein WohnstättenN zu einem Toponym Liechti ‘gerodete Stelle’ (BENB I/ 3 2008: Sp. 102) vorliegen. • FamN Loos, Lössi: zum Adjektiv mhd. lōs ‘frei, ledig; mutwillig, fröhlich, leichtfertig’ für eine fröhliche oder auch leichtfertige Person • FamN Speerli: Diminutiv zu schwzdt. (älter) Spar ‘Spatz’ für eine f linke, fröhliche Person; denkbar ist auch eine Benennung nach der geringen Körpergrösse einer Person. Kommentar: Die siebte Karte zeigt ein weitläufiges Vorkommen der einschlägigen ÜberN in der Deutschschweiz, wobei die meisten Ortspunkte auf FamN des Typs Vogel entfallen: Die beiden Formen Vogel und Vögeli können als häufige Vertreter angesprochen werden und kommen in 14 resp. 10 Kantonen vor. Demgegenüber figuriert Waldvogel im Kanton Schwyz (6 Tokens), Freivogel in der Nordwestschweiz (je 1 Token in BL und AG), Vögelin in Basel-Landschaft (4 Tokens) und Vögele im Aargau (2 Tokens). Manche der kartierten Typen zeigen ein Streubild: Die FamN Fink, Gohl und Goll kommen sowohl im Kanton Zürich wie auch im Kanton Bern vor. FamN vom Typ fröhlich konzentrieren sich in den Kantonen Solothurn, Aargau, Zürich und Thurgau. Der FamN Liechti ist v. a. im Emmental (BE) verbreitet, zeigt aber darüber hinaus noch Ortspunkte in anderen Gebieten (AG, ZH). Die FamN Schärz, Scherz sowie Lössi sind vor 1800 lediglich im Kanton Bern alteingesessen. Als typisch appenzellisch kann Gähler gelten. 1004 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1005"?> Achte Karte {484}: Übernamen nach sorgenvollem, ängstlichem Charakter und Verhalten Namenauswahl: Die achte Karte stellt FamN aus der Schicht «vor 1800» dar, die auf Lexeme zurückgehen, welche die Merkmale ‘sorgenvoll’, ‘ängstlich’ bis ‘zweifelnd’ enthalten. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ Angst: Angst, Angstmann. 6 Tokens. Typ Hase: Haas, Haeselin, Häsele, Häsli, Hässli, Rennhaas, Schellhaas. 7 Types, 51 Tokens. Typ Kummer: Kimmerling, Kummer, Kümmerli, Kümmerling, Kümmerling soit Kimmerling. 27 Tokens. Typ schmucken: Schmucki, Schmuckle, Schmuckli, Schmuki, Schmukle, Schmukli. 6 Types, 15 Tokens. Typ trüb: Trüb, Trüeb. 18 Tokens. Typ Zweifel: Zweifel. 11 Tokens. Sonstige: Schwilch, Sorg, Sorgen. 4 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 503: Daten zur achten Karte {484} Detailangaben zur Namenauswahl: Während die FamN vom Typ Angst, Kummer, Sorg und Zweifel auf abstrakte Begriffe zurückgehen, liegt den FamN des Typs Hase die gleichlautende Tierbezeichnung zugrunde. Der Hase kann in der abendländischen Kultur verschiedene Eigenschaften repräsentieren: Er ist «Symbol der Fruchtbarkeit und Erotik, der Friedfertigkeit, der List und Verschlagenheit, der Ängstlichkeit, Einfalt und Überheblichkeit» (Butzer/ Jacob 2021: 258). Die genaue Motivik hinter den FamN bleibt unklar, aber aufgrund der Bildungen Rennhaas mit dem Verb rennen und Schellhaas mit dem Adjektiv mhd. schel ‘aufspringend’ dürfte wohl das Motiv eines ängstlichen oder schreckhaft auffahrenden Menschen, der zur schnellen Flucht neigte, im Vordergrund gestanden haben. Den FamN des Typs schmucken liegt das Verb mhd. smucken, smücken ‘in etwas eng Umschliessendes drücken, an sich drücken, schmiegen’ zugrunde, das im älteren Schweizerdeutschen die Bedeutung ‘sich ducken, fürchten, still und leise tun’ (Id. 9 1881 ff.: Sp. 916) entwickelt. Der FamN Schwilch gehört zu mhd. swil(i)ch ‘schwül, lau’, auch ‘ängstlich’. Die FamN Trüb, Trüeb basieren auf schwzdt. trüeb ‘bedrückt, betrübt vom Gemüt’. Kommentar: Die FamN der achte Karte treten überwiegend in der Nordhälfte der Deutschschweiz auf. Neben den häufigen und über die Deutschschweiz verteilten FamN des Typs Hase zeigen sich teilweise regional begrenzte Vorkommen: Als glarnerisch kann in der gewählten Zeitschicht der FamN Zweifel gelten. Jene FamN, die Karte 484: ÜberN nach sorgenvollem, ängstlichem Charakter und Verhalten, vor 1800 5.3 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel 1005 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1006"?> auf schmucken basieren, sind vor 1800 fast ausschliesslich im westlichen Teil des Kantons St. Gallen alteingesessen. Der FamN Trüb tritt - neben zwei Vorkommen im Kanton Luzern - vornehmlich vom rechten Zürichseeufer bis ins Zürcher Unterland auf. Der FamN Kummer clustert im Oberaargau (BE) sowie im angrenzenden Kanton Solothurn und zeigt zudem ein klares Areal im Halbbezirk Östlich Raron (VS). Neunte Karte {485}: Übernamen nach unruhigem, nervösem Charakter und Verhalten Namenauswahl: Die neunte Karte enthält FamN aus der Schicht «vor 1800», die auf das körperlich unruhige Verhalten einer Person zurückgehen. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ Bräme: Bräm, Brem, Bremi. 12 Tokens. Typ Gamper: Gamper, Gämperle, Gämperli, Gempeler, Gemperle, Gemperli. 6 Types, 24 Tokens. Typ Hiestand: Hiestand. 5 Tokens. Typ Hummel: Humbel, Hümbeli, Hümbelin, Hummel, Ummel. 16 Tokens. Typ rangglen: Renggli. 12 Tokens. Typ streben: Strebel, Strebi. 11 Tokens. Typ Wespe: Wäspe, Wäspi, Wespe, Wespi. 17 Tokens. Sonstige: Ringele, Ringgeli, Schutz, Zabli, Zeberli, Zitterli. 6 Types, 7 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 504: Daten zur neunten Karte {485} Detailangaben zur Namenauswahl: Die kartierten FamN gehen z. T. auf die Bezeichnungen von Insekten - Bräme, Hummel (in der älteren Mundart, insbesondere im Berndeutschen, auch Ummel ) und Wespe - zurück: Dabei wird die Art der Flugbewegung auf Menschen übertragen; so etwa bei schwzdt. Wäspe ‘Person mit geschäftigem, nervösem Verhalten, hin und her fahrend’ (Id. 16 1881 ff.: Sp. 2156). Ein Teil der FamN sind Nomina agentis zu Verben, die sich auf eine unruhige Körperhaltung im Allgemeinen beziehen lassen. 13 Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger weiterer Namen (in alphabetischer Reihenfolge) an. • Die FamN des Typs Gamper gehen auf schwzdt. gampe(n) ‘sich auf- und abwärts (auch hin und her) bewegen, nicht fest stehen, Karte 485: ÜberN nach unruhigem, nervösem Charakter und Verhalten, vor 1800 13 Es besteht semantische Nähe zu ÜberN, die sich auf den Gang beziehen; vgl. Artikel III-5.2 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Körperteile und Gang» (fünfte, sechste und siebte Karte). 1006 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1007"?> schaukeln, schwanken’ zurück; konkurrierend ist auch eine Deutung als BerufsN für einen Akrobaten möglich. 14 • Der FamN Hiestand ist ein SatzN zu mhd. hie stant! ‘hier, steh! ’, vielleicht für eine unruhige Person. • Der FamN Renggli ist zum Verb schwzdt. ranggle(n), ränggle(n) ‘sich unruhig bewegen, sich drehen und winden’ zu stellen; konkurrierend ist auch ein WohnstättenN zu einem Toponym Rengg möglich. Die beiden FamN Ringele, Ringgeli gehören zu einem formal und semantisch verwandten Verb schwzdt. ringg(e)le(n) ‘sich drehen, wenden’ (s. auch fünfte Karte). • Die FamN Strebel, Strebi gehören zu schwzdt. strebe(n) ‘sich heftig regen, bewegen’. Kommentar: Die neunte Karte zeigt eine Konzentration der FamN in der Nordhälfte der Schweiz: Ein grosses Vorkommen weist der nordöstliche Teil des Kantons Aargau mit 29 Tokens auf, welche auf FamN des Typs Hummel und auf den FamN Strebel entfallen. In der Nordostschweiz vereinen die Kantone Zürich (16 Tokens), Thurgau (10 Tokens) sowie St. Gallen (23 Tokens) die meisten Ortspunkte auf sich. Dabei zeigen sich kleinräumige Verbreitungsgebiete einzelner Namentypen: Der FamN Hiestand tritt ausschliesslich am oberen linken Zürichseeufer (ZH) auf; auch die verschiedenen Formen zur Tierbezeichnung Wespe sind hauptsächlich im westlichen Teil St. Gallens und im angrenzenden Kanton Zürich zu finden. Daneben fällt auf, dass der FamN Renggli ausschliesslich und verdichtet im Kanton Luzern vorkommt. Mit den FamN zum Typ Bräme schliesslich liegen FamN vor, die vorwiegend im Grenzgebiet der Kantone Aargau und Zürich alteingesessen sind. Zehnte Karte {486}: Übernamen nach prahlerischem, angeberischem Charakter und Verhalten Namenauswahl: Die zehnte Karte bildet alle einschlägigen ÜberN aus der Schicht «vor 1800» ab, die sich auf die Charaktereigenschaft ‘prahlerisch’, ‘angeberisch’ bis ‘verschwenderisch’, ‘heuchlerisch’ beziehen. Es handelt sich hierbei um einen soziohistorisch wichtigen Aspekt, denn «Neid, Eitelkeit, Verschwendung, Angeberei und Prahlerei wurden von den Mitmenschen genau registriert» (Kohlheim/ Kohlheim 2014: 152). Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ bratschen: Bratschi. 5 Tokens. Typ broglen: Brog, Broger, Brogle, Brogli. 17 Tokens. Typ glatt: Glättli, Glettig. 7 Tokens. Typ güden: Güdel, Güder. 5 Tokens. Typ schallen: de Schaller, Schaller. 35 Tokens. Typ schreien: Schreier, Schreyer. 11 Tokens. Typ stolz: Stolz, Stulz. 13 Tokens. Karte 486: ÜberN nach prahlerischem, angeberischem Charakter und Verhalten, vor 1800 14 Vgl. Artikel III-4.11 «Berufs(über)namen zum Unterhaltungsgewerbe». 5.3 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel 1007 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1008"?> Sonstige: Blarer, Boppart, Branger, Brassel, Brasser, Fatzer, Geuggis, Köfer, Köferli, Sauser, Schwarb, Schwarber, Spiegler, Suser, Süsli. 15 Types, 17 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 505: Daten zur zehnten Karte {486} Detailangaben zur Namenauswahl: Bei den zugrunde liegenden Lexemen dieses Namensamples besteht semantische Nähe zur Sprechweise, denn jemand, der laut spricht, kann auch als angeberisch aufgefasst werden (Kunze 2004: 147). 15 Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) an. • FamN Bratschi: zu schwzdt. Bratschi ‘unverständiger Schwätzer, Prahler’, auch ‘fetter, plumper Mensch’ • Typ broglen: zu schwzdt. broge(n) resp. schwzdt. brogle(n) ‘sich brüsten, grosstun, prahlen; laut und aufgeregt reden’ • FamN Glättli, Glettig: zu mhd. glatt ‘glatt, glänzend’, fnhd. glat dann auch ‘hintergründig falsch, schmeichlerisch, heuchlerisch’; die im älteren Schweizerdeutschen überlieferten Ableitungen mit glatt haben häufig den Aspekt des Schmeichlerischen, vgl. schwzdt. Glättling ‘Schmeichler’ (Id. 2 1881 ff.: Sp. 654). • FamN Güdel, Güder: zu mhd. giudel resp. mhd. giuder ‘Prahler, Verschwender’ • FamN (de) Schaller: zu schwzdt. Schaller ‘(leerer) Schwätzer, Prahler’; konkurrierend können die Vorkommen in Graubünden und im Wallis auf Toponyme des Typs Schall, Schali zurückgehen. Beim singulären Typ de Schaller handelt es sich um eine Freiburger Patrizierfamilie. 16 • FamN Stolz, Stulz: zu schwzdt. stolz ‘meist abschätzig von Überheblichkeit resp. von prahlerischem, hochfahrendem Wesen’ Kommentar: Die ÜberN der zehnten Karte treten über die Deutschschweiz verteilt auf. Ein grösseres Vorkommen weisen die in der westlichen Deutschschweiz gelegenen Kantone Bern und Freiburg, im Nordwesten der Kanton Aargau sowie weiter östlich der Kanton St. Gallen auf. In der Zentralschweiz tritt der Kanton Luzern und im Süden das Wallis hervor. Diese Verbreitungszentren gehen teilweise auf EinzelN zurück, die geographisch begrenzt auftreten: FamN des Typs broglen zeigen im Kanton Aargau mit Brogle, Brogli die höchste Konzentration (13 Tokens); Brog tritt hingegen im Berner Oberland in Erscheinung. Die FamN Schreier, Schreyer kommen in der Grenzregion der Kantone Bern und Solothurn gehäuft vor (10 Tokens). Der FamN Glettig ist im Toggenburg (SG) typisch. Während Stolz ebenfalls in der Nordostschweiz auftritt, zeigt sich der FamN in der Form Stulz in der westlichen Deutschschweiz, wo diese Form in der älteren Mundartlautung typisch war (Id. 11 1881 ff.: Sp. 380). Der häufigste FamN im Sample ist Schaller mit 34 Tokens; er weist auch das grösste Verbreitungsgebiet auf (BE, FR, GR, JU, LU, SO, VS). Elfte Karte {487}: Übernamen nach bösem, unfreundlichem Charakter und Verhalten Namenauswahl: Die elfte Karte wendet sich ÜberN aus der Schicht «vor 1800» zu, die sich semantisch auf negative Charaktereigenschaften zurückführen lassen, die ein Spektrum zwischen ‘herrschsüchtig’, ‘böse’ und ‘unfreundlich’ abdecken. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ hässig: Hässig. 11 Tokens. Typ kalt: Kalt. 9 Tokens. Typ räss: Raas, Raetzo, Räss, Rätz, Rätzo, Räz. 6 Types, 15 Tokens. Typ Schade: Schaad, Schad. 16 Tokens. Typ Schalch: Schalch, Schälchli, Schälkli, Schälklin. 7 Tokens. Typ sur: Sauer, Saurenmann, Saurer, Suremann, Suri, Süri, Sury, Süry, von Sury, von Sury d’Aspremont, von Sury von Büssy. 11 Types, 14 Tokens. Typ Trüssel: Drüssel, Trüssel. 4 Tokens. Typ Wicht: Wicht. 8 Tokens. Sonstige: Adank, Deubel, Drack, Gramm, Harb, Scharf , Schelbli, Uebelin, Uebelmann, Ungemuth, Zängeler, Zängerle. 12 Types, 16 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 506: Daten zur elften Karte {487} Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) an. • FamN Hässig: zum Adjektiv schwzdt. hässig ‘gehässig, unverträglich, streitsüchtig, mürrisch’ • FamN Kalt: zu schwzdt. chalt im übertragenen oder verstärkenden Sinn von ‘grimmig, bissig’ gebraucht, auch ‘gefühllos, gleichgültig’ • Typ räss: zu schwzdt. rāss, rǟss ‘scharf, schnell, heftig’, auf Personen bezogen ‘unfreundlich; lüstern’ • Typ Schalch: zu schwzdt. Schalch, Schalck ‘Schurke, Bösewicht’, auch ‘hinterhältiger, schlauer, unaufrichtiger Mensch’ • Typ sur: zu schwzdt. sūr ‘sauer, scharf, grimmig (im Streit), verdriesslich, mürrisch’ • Typ Trüssel: zu schwzdt. Drüssel ‘schmollender, unfreundlicher Mensch’; konkurrierend ist auch schwzdt. Trüssel ‘grosser, grober, (geistig oder körperlich) schwerfälliger, plumper Mensch u. ä.’ möglich. • FamN Wicht: zu mhd. wiht ‘Geschöpf, Wesen, Ding’; im Schweizerdeutschen übertragen auf Menschen auch im Sinne von ‘böse, schlechte Person’ 15 Vgl. Artikel III-5.5 «Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sprechweise und Sprachverhalten». 16 Vgl. Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 1008 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1009"?> Das Adjektiv schwzdt. rot konnte im älteren Schweizerdeutschen neben der Farbbezeichnung auch (angebliche) ungünstige Eigenschaften von Menschen bezeichnen wie ‘herrschsüchtig, verschlagen, falsch, hässig, zanksüchtig’ (vgl. die Belege im Id. 6 1881 ff.: Sp. 1738). Zugunsten der Übersichtlichkeit wurden FamN des Typs Roth hier nicht kartiert; es sei auf die vierte Karte im Artikel III-5.1 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Gesamteindruck und Haare» verwiesen. Kommentar: Die elfte Karte lässt erkennen, dass sich ÜberN zu diesem Motiv nördlich einer gedachten Linie zwischen Sigriswil im Berner Oberland (BE) und Luzein im Prättigau (GR) ausbreiten. Dabei zeigen vier FamN deutliche Clusterbildungen (von West nach Ost): Wicht im Kanton Freiburg, Schaad im Berner Oberaargau und in angrenzenden solothurnischen Gebieten, Kalt im Kanton Aargau und Hässig im Kanton St. Gallen. Karte 487: ÜberN nach bösem, unfreundlichem Charakter und Verhalten, vor 1800 5.3 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel 1009 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1010"?> Zwölfte Karte {488}: Übernamen nach dem Arbeitsverhalten Namenauswahl: Die zwölfte Karte widmet sich ÜberN, die aus der Art des Arbeitens motiviert sind. Mehrheitlich hat sich der negative Aspekt ‘langsam’ in die FamN eingeschrieben. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ täppen: Daepp, Däpp, Däppeler, Deppeler. 6 Tokens. Typ Feier: Feier, Feyer. 3 Tokens. Typ Feierabend: Feierabend, Fierobe. 3 Tokens. Typ Lämp: Lemp, Lempen. 4 Tokens. Typ lōren: Lori, Lory. 5 Tokens. Typ Schafflützel: Schafflützel. 5 Tokens. Typ tämperlen: Temperli. 6 Tokens. Sonstige: Heutschi, Hurschler, Nüesch, Nüscheler, Schlauri. 5 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 507: Daten zur zwölften Karte {488} Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) an. • Typ täppen: zu schwzdt. täppe(n) resp. schwzdt. täppele(n) ‘langsam gehen oder arbeiten; schleichen’ • Typen Feier, Feierabend: zu mhd. vīre ‘Feier, Festtag’ sowie ‘das Feiern, Ausruhen von der Arbeit’ wohl für eine Person, die gern feierte oder sich lieber ausruhte, als zu arbeiten; ähnlich auch Feierabend für jemanden, der die Zeit nach Arbeitsschluss dem Arbeitstag vorzog 17 • FamN Heutschi: zu schwzdt. hautsche(n) ‘etwas allzu hastig und f lüchtig verrichten’ • FamN Hurschler: zu schwzdt. hurschle(n) ‘eilfertig, unordentlich arbeiten’ • FamN Lemp, Lempen: zu schwzdt. Lämp ‘arbeitsscheuer, verschwenderischer, unüberlegt handelnder Mensch’ • FamN Lori, Lory: zu schwzdt. lōre(n) ‘zaudern, langsam sein oder arbeiten’; konkurrierend ist auch ein Patronym zum Ruf N Lorenz möglich. • FamN Nüesch, Nüscheler: zu schwzdt. nuesche(n), nusche(n) resp. schwzdt. nüschele(n) ‘suchend in etwas herumwühlen; langsam und ungeschickt an etwas herumarbeiten’ • FamN Schafflützel: Zusammenrückung aus dem Verb mhd. schaffen ‘arbeiten’ und dem Adjektiv mhd. lützel ‘wenig’ wohl für eine Person, die nicht gern arbeitete Karte 488: ÜberN nach dem Arbeitsverhalten, vor 1800 17 Vgl. Artikel III-5.9 «Übernamen nach gesellschaftlich-biographischen Aspekten» (dritte Karte). 1010 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1011"?> • FamN Schlauri: zu schwzdt. (älter) Schlauri ‘gleichgültiger, nachlässiger Mensch, Müssiggänger’ • FamN Temperli: zu schwzdt. tämperle(n) ‘ohne Eifer etwas (Unwichtiges) tun’ Kommentar: Die zwölfte Karte zeigt insgesamt nur ein geringes Vorkommen an FamN, die den hier behandelten Sinnbereich abdecken. Die kartierten ÜberN weisen teils spezifische Verbreitungsräume auf, teils streuen sie: Der FamN Schafflützel tritt im Kanton St. Gallen (Toggenburg) gehäuft in Erscheinung, der FamN Temperli im Raum zwischen Uster und Pfäffikon (ZH). Beim Typ täppen lassen sich die Formen ohne Suffix (Daepp, Däpp) als bernisch, jene mit (l)er-Endung (Däppeler, Deppeler) als aargauisch einordnen. Lemp ballt sich im Oberaargau (BE), während Lempen mit schwachem Genitivsuffix im westlichen Berner Oberland alteingesessen ist. Bei den weiteren FamN lassen sich keine spezifischen Cluster beschreiben. Dreizehnte Karte {489}: Übernamen nach dem Ess- und Trinkverhalten Namenauswahl: Die dreizehnte Karte dokumentiert ÜberN aus der Schicht «vor 1800», deren Lexeme auf das Ess- und Trinkverhalten bezogen werden können. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ brauchen: Brauch, Bräuchi, Brauchli, Brauchlin, Bruch, Bruhin. 6 Types, 12 Tokens. Typ essen: Ess. 5 Tokens. Typ füllen: Füllemann. 3 Tokens. Typ mauchen: Mauch, Mauchle. 5 Tokens. Typ Schlumpf : Schlumpf . 19 Tokens. Typ Süsstrunk: Süsstrunk. 3 Tokens. Sonstige: Bauk, Bislin, Böllenrücher, Durst, Grieshaber, Laubi, Murpf , Schlund, Vollimann. 9 Types, 12 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 508: Daten zur dreizehnten Karte {489} Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) an. • FamN Bauk: wohl zu schwzdt. Bauk ‘Bonvivant, Fresser, Schmarotzer’ • FamN Böllenrücher: Analog zur Bildung schwzdt. Bölle(n)-Fäuk (Id. 1 1881 ff.: Sp. 725) handelt es sich bei Böllenrücher wohl um einen ÜberN für eine Person, der man einen unangenehmen Geruch nach dem Verzehr von Bölle(n) ‘Zwiebeln’ nachsagte. Karte 489: ÜberN nach dem Ess- und Trinkverhalten, vor 1800 5.3 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel 1011 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1012"?> • Typ brauchen: zu schwzdt. brūchen ‘geniessen, essen, trinken’ • FamN Ess: zu mhd. essen, schwzdt. essen ‘essen’; konkurrierend ist auch ein Patronym zu einem germanischen Ruf N wie Esso, Ezzo möglich. • FamN Laubi: zu schwzdt. Laubi ‘Ochse’, spöttische Bezeichnung für einen Vielesser; denkbar ist auch ein ÜberN zu schwzdt. Laubi ‘Sanftmut, Zartheit’ nach einer Charaktereigenschaft des ersten Namenträgers. • FamN Mauch, Mauchle: zu schwzdt. Mauch, einem Wort mit grossem Bedeutungsspektrum, das in Bezug auf Personen v. a. auf den Aspekt ‘wohlgenährte, essbegierige, auch schmarotzende Person’ eingeengt werden kann. • FamN Murpf : zu schwzdt. murpfe(n), mürpfe(n), verächtlich für ‘essen, kauen’ • FamN Schlumpf : zu schwzdt. (älter) Schlumpf ‘grosser Bissen, Quantum Essen, das man auf einmal in den Mund nehmen kann’ Kommentar: Die ÜberN der dreizehnten Karte sind auf die Nordhälfte der Schweiz begrenzt und treten hier vornehmlich in der Zentralschweiz und im Nordosten des Landes auf. Dabei ist Schlumpf der FamN mit der weitesten Verbreitung (AR, LU, SG, ZG, ZH); auch die FamN Ess (LU, TG, ZH) und Füllemann (SG, TG) weisen Ortspunkte in verschiedenen Gebieten auf. Kleinräumig konzentriert zeigen sich hingegen die FamN Süsstrunk (TG, ZH) und Mauchle (SG). Vierzehnte Karte {490}: Übernamen zu weiteren Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen Namenauswahl: Die vierzehnte Karte versteht sich als Sammelkarte. Sie behandelt FamN aus der Schicht «vor 1800» zu acht miteinander nicht näher verwandten Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen, die aber aufgrund ihrer Regionalspezifik und Frequenz gut in einer Karte zusammengefasst werden können. Die Namen werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ blasen: Blaser. 19 Tokens. Typ heilig: Hälg, Helg. 12 Tokens. Typ krauen: Krauer. 21 Tokens. Typ schlafen: Schläfli. 9 Tokens. Typ schwören: Schwere, Schweri, Schwery. 10 Tokens. Typ trölen: Tröhler, Tröller. 4 Tokens. Typ wunderlich: Wunderli, Wunderlin. 9 Tokens. Typ zäh: Zäch. 5 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 509: Daten zur vierzehnten Karte {490} Karte 490: ÜberN zu weiteren Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen, vor 1800 1012 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1013"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) an. • FamN Blaser: Nomen agentis auf -er zu mhd. blāsen ‘blasen, hauchen, schnauben’ für jemanden, der durch Atemgeräusche auffiel; denkbar ist auch ein BerufsN für eine Person, die ein Blasinstrument spielte. 18 • FamN Hälg, Helg: zu schwzdt. heilig ‘heilig’, von Personen ‘fromm, religiös gesinnt’, auch ‘andächtig’ für eine fromme, möglicherweise bigotte Person; denkbar ist auch ein BerufsüberN für den Maler von Helgen, also von Heiligenbildern (Brechenmacher 1 1957-1963: 689). • FamN Krauer: zu schwzdt. chrau(w)e(n) ‘kratzen’, wohl für eine Person, die sich (als Zwangshandlung oder im engeren Sinne krankheits- oder hygienebedingt) häufig am Körper kratzte • FamN Schläfli: Diminutiv zu schwzdt. Schlāf ‘Schlaf ’ für eine Person, die zu häufigem, unzeitigem Schlaf oder anderswie auffälligem Schlafverhalten neigte; denkbar ist auch ein Bezug zu schwzdt. (älter) Schlāf(f ) ‘Schlafgenosse’ für den soldatischen Zimmergenossen. • Typ schwören: Nomina agentis auf -i zu schwzdt. schwere(n) ‘schwören’, aber auch ‘f luchen’, wohl abwertend für eine Person, die viel f luchte • FamN Tröhler, Tröller: Nomina agentis zu schwzdt. tröle(n) mit einem breiten Bedeutungsspektrum von ‘drehend bewegen; langsam machen’ bis ‘streiten; prozessieren’ oder zum Substantiv schwzdt. Tröler mit einem negativ besetzten Bedeutungsspektrum ‘langsamer Mensch, Schwindler, Querulant, Person mit unsolidem Lebenswandel’ • FamN Wunderli(n): zu schwzdt. wunderli(ch) ‘übersinnlich, aussergewöhnlich’, dann auch ‘seltsam, sonderbar’, ‘launisch, mürrisch’ nach einer entsprechenden Charaktereigenschaft • FamN Zäch: zu schwzdt. zäh ‘mühsam, beschwerlich, schleppend vorankommend’, von Menschen v. a. ‘beharrlich, hartnäckig’ für eine Person von hartnäckigem, vielleicht ausdauerndem Wesen oder von einer körperlich starken Konstitution Kommentar: Die vierzehnte Karte zeigt, dass die ausgewählten ÜberN teilweise konzentriert in unterschiedlichen Gebieten der Deutschschweiz erscheinen: Der FamN Zäch tritt vornehmlich im St. Galler Rheintal auf. Ebenfalls in St. Gallen (Wahlkreis Wil) haben die FamN Hälg, Helg ihren Schwerpunkt, neben weiteren Vorkommen im Thurgau. Der FamN Schläfli zeigt einen Verbreitungsraum in der westlichen Deutschschweiz (SO, BE), wo auch Tröhler, Tröller (FR) figurieren. Die weiteren FamN treten jeweils in zwei räumlich getrennten Gebieten auf: der FamN Blaser einerseits im Kanton Schwyz und andererseits im Emmental (BE); der FamN Krauer zum einen im Kanton Luzern, zum anderen im Kanton Zürich am oberen Zürichsee. Ebenfalls getrennte Räume mit einer zusätzlichen Verteilung der Varianten zeigen folgende Namen: Während die FamN Schwere, Schweri vor 1800 nur im nördlichen Aargau alteingessen sind, kommt die Form Schwery nur im Wallis vor. Ähnlich tritt Wunderlin nur im Fricktal (AG) auf, Wunderli hingegen nur am Zürichsee (v. a. Bezirk Meilen ZH). Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Fuchs (6'962 Tokens), Vogel (5'907 Tokens) und Blaser (5'667 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: FamN, die auf Charakterzüge und Verhaltensweisen Bezug nehmen, werden im DFA 5 (2016: 858-907, 954-977, 978-999) unter folgenden Aspekten berücksichtigt: «Wesensart» auf den Karten 339-346, «Klugheit, Tapferkeit, Temperament» auf den Karten 347-354 sowie «Leid, Freude» auf den Karten 383-392. In Nübling/ Kunze (2023: 436-443) werden solche Namen im Abschnitt «Süssmuth, Sauer, Ungefug: Charakter und Verhaltensweisen» kartiert und besprochen. Kunze (2004: 146-147) illustriert ebenfalls ÜberN nach der Wesensart. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur APNB 1 = Sonderegger, Stefan (1958): Die Orts- und Flurnamen des Landes Appenzell. Grammatische Darstellung (Appenzeller Namenbuch 1). Frauenfeld: Huber. BENB I/ 3 = Schneider,Thomas F./ Blatter, Erich (Hrsg.) (2008): Ortsnamenbuch des Kantons Bern [Alter Kantonsteil]. I: Dokumentation und Deutung. Dritter Teil: L-M. Basel, Tübingen: Francke. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Brechenmacher, Josef K. (1957-1963): Etymologisches Wörterbuch der Deutschen Familiennamen. 2 Bde. 2., von Grund auf neugearbeitete Auf lage. Limburg a. d. Lahn: Starke. Burdorf, Dieter/ Fasbender, Christoph/ Moennighoff, Burkhard (Hrsg.) (2007): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. 3., völlig neu bearbeitete Auf lage. Stuttgart, Weimar: Metzler. Butzer, Günter/ Jacob, Joachim (Hrsg.) (2021): Metzler Lexikon literarischer Symbole. 3., erweiterte und um ein Bedeutungsregister ergänzte Auf lage. Stuttgart: Metzler. Christen, Hans-Rudolf (1998): Emmentaler Geschlechter- und Wappenbuch. Münsingen, Bern: Fischer. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. 18 Vgl. Artikel III-4.11 «Berufs(über)namen zum Unterhaltungsgewerbe». 5.3 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel 1013 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1014"?> DFD = Heuser, Rita (2025a): Mann. Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). www.namenforschung.net/ id/ name/ 294/ 1 (letzter Zugriff 14.10.2025). DFD = Heuser, Rita (2025b): Schaffrath. Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). http: / / www.namenforschung.net/ id/ name/ 3222/ 1 (letzter Zugriff 14.10.2025). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 14.10.2025). Fleischer, Wolfgang (1964): Die deutschen Personennamen. Geschichte, Bildung und Bedeutung (Wissenschaftliche Taschenbücher 20). Berlin: Akademie. Fritz, Gerd (2005): Einführung in die historische Semantik (Germanistische Arbeitshefte 42). Tübingen: Niemeyer. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2014): Spätmittelalterliche Regensburger Übernamen. Wortschatz und Namengebung (Germanistische Bibliothek 53). Heidelberg: Winter. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. SZNB = Weibel, Viktor/ Hug, Albert (2012): Schwyzer Namenbuch. Die Orts- und Flurnamen des Kantons Schwyz. 6 Bde. Schwyz: Triner. Simone Berchtold 1014 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1015"?> 5.4 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Aggressivität Schlagwörter: gewaltbereit, schlagen, ungestüm, wild, zornig Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel gilt ÜberN aus der Schicht «vor 1800», die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 19.08.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») Bezug auf die aggressive Verhaltensweise einer Person nehmen (Kunze 2004: 147; Kohlheim/ Kohlheim 2014: 152). Dabei können verschiedene Eigenschaften wie heftig, jähzornig, ungestüm, streitlustig, wild oder zornig betont worden sein, die im Folgenden berücksichtigt werden. Im weitesten Sinne wird in den ausgewählten FamN also eine Wesensart umrissen, die von Aggressivität über Zornigkeit bis hin zu Gewaltbereitschaft reicht. Diese Eigenschaften können als konstantes Merkmal eingeordnet werden, das eine Person charakterisiert (Kohlheim/ Kohlheim 2014: 149). Man kann davon ausgehen, dass diese Wesensart so auffallend war, «dass sie den ersten Namenträger vom Rest der Gruppe unterschied» (Nübling/ Kunze 2023: 408) und dass sie häufiger zum Gegenstand der Benennung wurde als positive Eigenschaften. In der Literatur wird verschiedentlich darauf hingewiesen, dass negative Charakterzüge häufig in Namen fest geworden sind; bspw. schreibt das RNB 3 (1986: 782): «Auffällig ist die sehr grosse Zahl an Übernamen, die wildes, heftiges, zorniges Wesen bezeichnen» (s. auch Kunze 2004: 139, 147). Grundsätzlich sei aber festgehalten, dass bei vielen der Lexeme, auf denen die Namen basieren, bereits Polysemie vorherrscht und dass darum die konkrete Motivation ohne Belege nicht mehr eruiert werden kann (Kohlheim/ Kohlheim 2014: 158). So liegt dem FamN Wild mhd. wilde, wilt zugrunde, das bereits im Mittelhochdeutschen ‘wild’, ‘ungezähmt’, ‘irre’, ‘sittenlos’, ‘untreu’, aber auch ‘unbekannt, fremd, ungewohnt, fremdartig, entfremdet, wunderbar, seltsam, unheimlich’ bedeuten kann (Lexer 3 1872-1878: Sp. 884). Darüber hinaus kommen im älteren Schweizerdeutschen noch weitere Aspekte hinzu wie ‘aufbrausend, zügellos, ungestüm’ neben ‘urwüchsig, roh’ (Id. 15 1881 ff.: Sp. 1498-1521). Dieses Problem der Mehrdeutigkeit und Abgrenzung wird im RNB 3 (1986: 777) treffend und auch sprachenübergreifend thematisiert: Wo hört die Bedeutungsgruppe ‘wild-ungestüm’ auf, wo beginnt die Gruppe ‘mürrisch-grob’? Dabei muss weiter in Betracht gezogen werden, dass im Rätoromanischen, wie im Bündnerdeutschen und im Italienischen, die Wörter selten nur eine Bedeutung haben, v. a. wenn es sich, wie hier, um Wörter der emotionell-affektischen Zone handelt. Zudem muss Aggressivität zur Zeit der Namengebung nicht unbedingt negativ gewertet worden sein: «Ab dem 15. Jahrhundert spielte die ritterliche Ideologie bei den neuen eidgenössischen Eliten als Rechtfertigung von Gewaltanwendung (Rittertum als Kriegertum) und Legitimation sozialer und politischer Führungsansprüche eine Rolle» (e-HLS 2011: s. v. Rittertum). Da auch auf dem Gebiet der heutigen Schweiz bis ins 19. Jh. bewaffnete Auseinandersetzungen stattfanden (e-HLS 2008: s. v. Kriegführung), mag eine gewisse Form der Aggression auch als positiv bewertet worden sein. 1 Im vorliegenden Artikel interessiert, mit welcher räumlichen Verbreitung und Frequenz entsprechende Lexeme in der Deutschschweiz zu FamN fest geworden sind. Die erste Karte stellt alle FamN der Deutschschweiz dar, die als ÜberN zu aggressivem Verhalten eingeordnet werden können. Die darauffolgende zweite Karte bildet eine Teilmenge davon ab: Auf ihr werden die frequentesten lexikalischen Typen kontrastiv dargestellt. Aufgrund der problematisierten Mehrdeutigkeit der zugrunde liegenden Lexeme wurde auf weitere Karten verzichtet. 1 Vgl. dazu auch: «Der ausschlaggebende Faktor in der spätmittelalterlichen eidgenössischen Kriegführung dürfte der moralische gewesen sein. Für die Eidgenossen standen die Freiheit und die Unabhängigkeit ihrer Orte auf dem Spiel. Viele Kämpfende waren vom unbändigen Willen erfüllt, den Gegner zu schlagen. Die urwüchsige, auf elementarer Aggressivität beruhende Kraft der ungestümen Bauern und Hirten verlieh den Gevierthaufen ihre Schrecken verbreitende Wucht. Diese Eigenschaften erfuhren v. a. im Rückblick des 19. und 20. Jahrhunderts eine mythische Stilisierung» (e-HLS 2008: s. v. Kriegführung). 5.4 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Aggressivität 1015 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1016"?> Erste Karte {491}: Gesamtkarte Namenauswahl: Die erste Karte bildet alle einschlägigen ÜberN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 2 ab, die sich semantisch auf die Aggressivität einer Person zurückführen lassen. Abgefragte Namen ÜberN nach aggressivem Verhalten, vor 1800: Baggenstos, Baggenstoss, Beugger, Biegger, Bissig, Bötschi, Bretsch, Bretscher, Bretschger, Brütsch, Brütschlin, Buff , Buri, Burri, Deuber, Dober, Dobmann, Dohner, Donner, Faust, Fauster, Feuz, Föhn, Fraefel, Frefel, Fust, Fuster, Gaegauf , Gägauf , Gagg, Gramm, Granzi, Grass, Grell, Gremli, Gremlich, Grimm, Griner, Groll, Gschwind, Häcki, Häderli, Herger, Höhn, Kaderli, Knüssi, Kraft, Krell, Krieg, Krieger, Rolli, Ruch, Ruche, Ruchti, Ruh, Schälli, Scheuss, Schiess, Schiesser, Schlaginhaufen, Strauss, Streit, Streiter, Stritt, Struch, Stucker, Stuker, Stürm, Sturni, Sturny, Täuber, Teuber, Tröhler, Tröller, von Wild, Wichser, Wider, Wild, Wildbolz, Wildermuth, Wildi, Wildy, Würsch, Wyrsch, Zangger, Zemp, Zenger, Zorn, Zürni. 89 Types, 365 Tokens. Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 5-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 510: Daten zur ersten Karte {491} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) an; zu den häufigsten Typen vgl. die Auf listung bei der zweiten Karte. • Biegger stellt sich zu mhd. bieger ‘Zänker, Streiter’; denkbar ist auch Anschluss an mhd. biegger ‘Heuchler’, einem allerdings wenig verbreiteten Wort. • Bötschi: zu schwzdt. botsche(n), bötsche(n) ‘(an-)stossen, (an-)schlagen’ • Bretsch, Bretscher, Bretschger: zu schwzdt. brätsche(n) ‘schlagen, klatschen, züchtigen, rasseln’; vgl. auch schwzdt. Brätscher ‘Schläger’ • Buff : zu schwzdt. buffe(n) ‘schlagen, stossen’ • Dober, Dobmann: zu schwzdt. tobe(n) ‘nicht bei Verstand sein, toben’, auch ‘sinnlos schwatzen’ • Gaegauf , Gägauf : Zusammenrückung aus mhd. gāch, gæhe ‘ungestüm, schnell, jäh’ und der Präposition auf für einen jäh auffahrenden, jähzornigen Menschen • Gagg: zu schwzdt. (älter) Gāgg ‘mürrischer, unzufriedener, streitsüchtiger Mensch’ Karte 491: ÜberN nach aggressivem Verhalten, vor 1800 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 1016 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1017"?> • Kaderli: zu schwzdt. chädere(n) ‘zanken, keifen’, konkurrierend auch ‘schreien, lallen’ nach der Sprechweise oder Metronym zu einer diminuierten Kurzform des Ruf N Katharina • Schiess, Schiesser: zu mhd. schieʒen ‘werfen, schiessen’; ersterer FamN vielleicht zu schwzdt. Schiess ‘hastiger, ungestümer Bursche’; konkurrierend kann Schiesser auch BerufsN wohl für einen Schützen sein. 4 • Zemp: zu schwäb.-alem. zemple(n) ‘streiten, sich zanken’, auch ‘alles besser wissen wollen, Streit anfangen’ Die kartierten FamN zeigen folgende morphologische Muster: unerweitertes Grundwort (Grimm, Zorn), l-Diminutive (Häderli, Kaderli), abgeleitete Nomina agentis auf -i (Sturny, Wildi) bzw. auf -(l)er (Bretscher, Dober) und endungslose Nomina agentis (Bretsch, Schiess), Ableitungen auf -mann (Dobmann), Komposita (Baggenstos, Wildbolz), Zusammenrückungen (Wildermuth) sowie PräpositionsN mit patrizischem von (von Wild ). 5 Kommentar: Die ausgewählten FamN der ersten Karte erstrecken sich über die gesamte Deutschschweiz und sind in 21 Kantonen vorhanden. Dabei tritt zwar das dichter besiedelte Mittelland in absoluten Zahlen mit vielen Ortspunkten auf, aber Teile des (Vor-)Alpenraums zeigen dafür hohe relative Anteile (östliches Berner Oberland, NW, UR, SZ, GL). Das westliche Berner Oberland und das Wallis sind kaum am Namentyp beteiligt. Auf den Kanton Bern entfallen mit gesamt 90 Tokens die meisten Ortspunkte, gefolgt vom Kanton Zürich mit 66 Tokens. Hier ist besonders im Südosten des Kantonsgebiets eine Häufung auszumachen (vgl. zweite Karte). Zu erwähnen ist, dass gut 40 % der FamN (35 der 89 Types) vor 1800 nur einen einzigen Ortspunkt aufweisen. Zweite Karte {492}: Häufigste lexikalische Typen Namenauswahl: Für die zweite Karte wurde eine Teilmenge der ersten Karte ausgewählt: Im folgenden Kartenbild werden die sieben häufigsten lexikalischen Typen (mindestens 10 Tokens als Namengruppe) kontrastiert. Die Reihenfolge der Typen erfolgt in abnehmender Frequenz. Abgefragte Namen Typ Wild: von Wild, Wild, Wildbolz, Wildermuth, Wildi, Wildy. 6 Types, 50 Tokens. Typ Burri: Buri, Burri. 28 Tokens. Typ Ruch: Ruch, Ruche, Ruchti, Ruh. 24 Tokens. Karte 492: ÜberN nach aggressivem Verhalten, häufigste lexikalische Typen, vor 1800 4 Zum morphologischen Typus ohne Suffix vgl. Artikel II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis». 5 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen», II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis», II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung», II-4.2 «Zusammenrückungen mit nominalen und adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen» und II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 5.4 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Aggressivität 1017 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1018"?> Typ Grimm: Grimm. 22 Tokens. Typ Krieg: Krieg, Krieger. 18 Tokens. Typ Streit: Streit, Streiter, Stritt. 17 Tokens. Typ Zangger: Zangger, Zenger. 16 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 511: Daten zur zweiten Karte {492} Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in der Reihenfolge der Kartierung) an, bis auf den Typ Wild, der bereits im Abschnitt «Gegenstand und Fragestellung» thematisiert wurde. • Typ Burri: zu mhd. burren ‘sausen, brausen’, schwzdt. besonders auch ‘poltern, zornig aufbrausen, brummen, zanken’; konkurrierend ist auch ein Patronym zu einer Kurzform des Ruf N Burkhard möglich. • Typ Ruch: zu mhd. rūch ‘haarig, struppig, zottig’ und ‘rau, hart, streng, wirsch’ nach der Wesensart, konkurrierend auch für jemanden mit struppigem Haarwuchs 6 • Typ Grimm: zu mhd. grim ‘Wut, Grimm, Wildheit’ oder zum Adjektiv mhd. grim, grimme ‘unfreundlich, schrecklich, wild’ • Typ Krieg: zu mhd. kriec ‘Streit, Zank, Hader’, allenfalls auch zum Adjektiv mhd. kriege ‘widerstrebend, störrisch’ • Typ Streit: zu mhd. strīt ‘Streit mit Worten (Zank) oder mit Waffen’; das BENB I/ 6 (2020: Sp. 468) erwägt auch eine Anbindung zur Pf lanzenbezeichnung schwzdt. Strit, Strīt ‘Immergrün’. • Typ Zangger: zu mhd. zanken ‘streiten, zanken, kämpfen’ Kommentar: Aufgrund der zweiten Karte lassen sich manchen Gebietsbildungen, die auf der ersten Karte deutlich wurden, Typen zuordnen: So zeigt sich die Häufung von FamN im Südosten des Kantons Zürich als Bündel der drei FamN Grimm, Zangger und Wild, wobei letzterer auch im angrenzenden, westlichen Teil des Kantons St. Gallen häufig vorkommt (v. a. Wahlkreis Toggenburg) und bis nach Appenzell Innerrhoden reicht. Demgegenüber sind die Formen Wildi, Wildy als aargauisch einzustufen. Auch für die folgenden Namen können typische Verbreitungsräume skizziert werden: FamN des Typs Streit zeigen neben Ortspunkten im Kanton Freiburg ein Ballungsgebiet südlich der Stadt Bern (BE) bis zum Thunersee (BE). Der FamN Zenger ist vor 1800 nur im Berner Oberland vertreten. FamN des Typs Ruch treten zum einen im Kanton Bern auf - der FamN Ruchti im Seeland und um die Stadt Thun sowie Ruch im Emmental. Zum anderen sind die FamN Ruch und Ruh im Grenzgebiet der Kantone Schaffhausen, Thurgau und Zürich alteingesessen. Der Name Krieg ist einerseits gestreut über das Berner Mittelland und andererseits geballt im Linthgebiet (SZ) verbreitet. Die Form Krieger hingegen kann als luzernisch eingeordnet werden. Der FamN Grimm hat sein Hauptverbreitungsgebiet in den nördlichen Kantonen (BS, BL, SO, AG, SG) mit einem Schwerpunkt im Kanton Zürich. Fast komplementär treten die beiden häufigsten Typen Wild und Burri auf: Während ersterer vornehmlich im Nordosten vorkommt, figuriert zweiterer v. a. in der zentralen und westlichen Deutschschweiz (LU, BE). Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Burri (6'588 Tokens), Zemp (2'795 Tokens) und Wild (2'575 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: FamN, die auf Aggressivität und Feindschaft, aber auch Freundschaft Bezug nehmen, werden im DFA 5 (2016: 908-929) auf den Karten 355-363 dargestellt. In Nübling/ Kunze (2023: 436-443) werden im Abschnitt zu Charakter und Verhaltensweisen verschiedene Namen zusammengefasst, darunter z. B. die FamN Unfried, Ungefug sowie Zenker, Zanker, die auf das hier interessierende Merkmal ‘aggressiv’ Bezug nehmen. Kunze (2004: 146-147) illustriert ebenfalls ÜberN nach der Wesensart mit einem eigenen Abschnitt zu Aggressivität; auch Kohlheim/ Kohlheim (2014: 152) nennen FamN wie Schelle oder Sturm neben SatzN wie Hefdenstrit oder Zukchswert, die dem zornigen Charakter oder der Streitlust geschuldet sind. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur BENB I/ 6 = Schneider,Thomas F./ Hofer, Roland/ Thöny, Luzius (Hrsg.) (2020): Ortsnamenbuch des Kantons Bern [Alter Kantonsteil]. I: Dokumentation und Deutung. Sechster Teil: Se-Di/ Ti. Tübingen: Narr Francke Attempto. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Hälg-Steffen, Franziska (2011): Rittertum. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 017434/ 2011-11-25/ (letzter Zugriff 19.08.2025). e-HLS = Senn, Hans (2008): Kriegführung. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 008594/ 2008-11-04/ (letzter Zugriff 19.08.2025). 6 Vgl. die Artikel III-5.1 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Gesamteindruck und Haare» und I-2.4 «Variation ch / h für germ. χ» (erste Karte). 1018 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1019"?> familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 19.08.2025). Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2014): Spätmittelalterliche Regensburger Übernamen. Wortschatz und Namengebung (Germanistische Bibliothek 53). Heidelberg: Winter. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Lexer, Matthias (1872-1878): Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. Digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/ 23. https: / / www.woerterbuchnetz.de/ Lexer (letzter Zugriff 19.08.2025). Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Simone Berchtold 5.4 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Aggressivität 1019 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1020"?> 5.5 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sprechweise und Sprachverhalten Schlagwörter: brüllen, lärmen, prahlen, schreien, schwatzen, stottern Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel gilt ÜberN aus der Schicht «vor 1800», die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 08.07.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») Bezug auf die Sprechweise oder das Sprachverhalten einer Person nehmen. Im vorliegenden Artikel interessiert, mit welcher räumlichen Verbreitung und Frequenz entsprechende Lexeme in der Deutschschweiz zu FamN fest geworden sind. Dabei können verschiedene Aspekte betont worden sein: das laute, lärmende Reden wie bei Braschler, das Stottern wie bei Lirgg, das Schwätzen wie bei Reller, aber auch das Gegenteil - das Leisesein - wie bei Duss (Kunze 2004: 147; Kohlheim/ Kohlheim 2014: 152). Die Sprechweise resp. das Sprachverhalten kann als konstantes Merkmal eingeordnet werden, das eine Person charakterisiert (Kohlheim/ Kohlheim 2014: 149). Man kann davon ausgehen, dass diese Eigenschaft so auffallend war, «dass sie den ersten Namenträger vom Rest der Gruppe unterschied» (Nübling/ Kunze 2023: 408). Grundsätzlich sei aber festgehalten, dass bei vielen der Lexeme, die den Namen zugrunde liegen, bereits Polysemie vorherrscht und dass darum die konkrete Motivation ohne Belege nicht mehr eruiert werden kann (Kohlheim/ Kohlheim 2014: 158). Diese Mehrdeutigkeit kann Charakteristika der Sprechweise mit charakterlichen Merkmalen verbinden: So verschränken sich im Lexem schwzdt. tōse(n), das dem FamN Thoos zugrunde liegt, die Aspekte ‘laut reden’ und ‘prahlen’. 1 Die erste Karte stellt alle FamN der Deutschschweiz dar, die als ÜberN zur Sprechweise und zum Sprachverhalten eingeordnet werden können. Die folgende zweite Karte bildet eine Teilmenge davon ab: Auf ihr werden die frequentesten lexikalischen Typen kontrastiv dargestellt. Auf weitere Karten wurde aus folgenden Gründen verzichtet: Einerseits ist eine semantische Ausdifferenzierung der zugrunde liegenden Lexeme kaum möglich, da sie - wie bereits erwähnt - polysem sind. So ist zwar das Merkmal ‘laut’ in 33 FamN enthalten und somit motivisch am häufigsten, aber meist ist es kombiniert mit weiteren Merkmalen wie ‘rufen’, ‘lärmen’, ‘reden’, ‘prahlen’, ‘gellen’, ‘schrill’, ‘schwatzen’ oder auch ‘brüllen’, die sich semantisch schwer gegeneinander abgrenzen lassen. Zumindest lässt sich als ein Ergebnis die Normvorstellung oder das Empfinden der Namengeber: innen ablesen, dass man Menschen häufig als zu laut empfand (Kunze 2004: 139). Diesen Aspekt halten auch Kohlheim/ Kohlheim (2014: 153) fest: «Laute Menschen standen oft im Visier der Namengeber und wurden mit Übernamen» bedacht. Andererseits sind viele FamN nur singulär belegt. So ist das Merkmal ‘stottern’ zwar vorhanden, aber lediglich in vier FamN (Lirgg, Stammler, Stätzler, Stemmer), die vor 1800 nur je einen Ortspunkt aufweisen. Erste Karte {493}: Gesamtkarte Namenauswahl: Die erste Karte bildet alle einschlägigen ÜberN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 2 ab, die sich semantisch auf die Sprechweise oder das Sprachverhalten einer Person zurückführen lassen. Abgefragte Namen ÜberN nach der Sprechweise und dem Sprachverhalten, vor 1800: Blarer, Braschler, Brassel, Bratschi, Brog, Broger, Brögli, Brotschi, Brotschin, Brumm, Brutsche, Brutschi, Brutschy, Deuber, Döös, Doser, Duss, Gautschi, Gautschy, Gemuseus, Goiser, Gräppi, Grogg, Gröli, Güggi, Gügi, Gygax, Hauri, Haury, Höner, Kaderli, Klägli, Klingel, Krähemann, Krähenmann, Kräher, Krayer, Kreier, Lier, Lirgg, Maffli, Muff , Muggle, Muggler, Müggler, Muggli, Mugglin, Nüsperli, Preschli, Preschlin, Rauscher, Rausser, Reller, Rümbeli, Rümmeli, Rüscher, Russer, Schnelli, Schreier, Schreyer, Stammler, Stätzler, Stemmer, Still, Täuber, Tauss, Teuber, Thoos, von Blarer, Zahner. 70 Types, 172 Tokens. Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 5-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 512: Daten zur ersten Karte {493} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt; zu den häufigsten Typen vgl. die Auf listung bei der zweiten Karte. • Brotschi, Brotschin: zu schwzdt. brōtsche(n), brotsche(n) ‘undeutlich, unverständlich reden, stammeln, lallen’ • Gautschi, Gautschy: zu schwzdt. (älter) Gautschi, Gäutschi ‘Schreier, gedankenloser Schwätzer’ • Gemuseus: zu alem. G(e)schmus ‘dummes, unnützes Gerede’ in humanistischer Manier latinisierte Bildung 4 1 Bei den zugrunde liegenden Lexemen dieses Namensamples besteht teilweise semantische Nähe zu prahlerischem, angeberischem Charakter und Verhalten, denn jemand, der laut spricht, kann auch als angeberisch aufgefasst werden (vgl. bspw. Kunze 2004: 147; DFA 5 2016: 941). Es sei darum auch auf den Artikel III-5.3 «Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sammelartikel» (zehnte Karte, z. B. FamN Schaller) verwiesen. 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 4 Vgl. Artikel II-2.21 «Latinisierungen». 1020 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1021"?> • Goiser: zu schwzdt. günse(n), goisse(n) ‘einen durchdringenden Schrei ausstossen, gellen’ • Gygax: zu schwzdt. Gīgax ‘wer gluckst wie ein Huhn’ • Preschli, Preschlin: zu schwzdt. (älter) braschle(n) ‘zu schnell, laut und aufdringlich (auch prahlerisch oder gedankenlos) schwatzen’ • Reller: zu schwzdt. relle(n), ralle(n) ‘(zu viel) schwatzen, klatschen, muhen, klappern’ • Stätzler: zu schwzdt. (älter) statzle(n) ‘stammeln, stottern’ • Thoos: zu schwzdt. tōse(n) ‘tosen’, besonders auch ‘laut reden, lärmen, prahlen’ • von Blarer: zu schwzdt. (älter) plarre(n) ‘brüllen, plärren’; denkbar ist auch eine Anbindung an mhd., schwzdt. plarre(n) ‘gaffen, stieren’. Die kartierten FamN zeigen folgende Bildungsmuster: l-Diminutive (Klägli), abgeleitete Nomina agentis auf -i (Brotschi, Hauri) bzw. auf -(l)er (Blarer, Stammler, Stätzler) und endungslose Nomina agentis (Muff , Thoos). Das Sample umfasst zudem Ableitungen auf -mann (Krähemann) sowie PräpositionsN mit patrizischem von (von Blarer). 5 Kommentar: Die ausgewählten FamN der ersten Karte erstrecken sich über weite Teile der Deutschschweiz. Mehrheitlich liegen die Ortspunkte einerseits im nördlichen Teil des Kantons Bern sowie in den angrenzenden Kantonen Solothurn und Aargau und andererseits in der Nordostschweiz (SG, TG, ZH). Weniger Tokens entfallen auf die nördlichsten Landesteile (BS, BL, nördlicher Teil des Kantons AG, SH). Auch grosse Teile der Zentralschweiz (NW, OW, UR, SZ) und der Kanton Glarus haben keinen Anteil am Namentyp. Streubelege treten in Freiburg, im Berner Oberland und in Graubünden auf. Zu erwähnen ist, dass gut zwei Drittel der FamN (43 der 70 Types) vor 1800 nur einen Ortspunkt aufweisen. Hohe relative Anteile zeigen sich in und um den Bezirk Kulm (AG), im Bezirk Uster (ZH) sowie im Bezirk March (SZ) und im angrenzenden Wahlkreis See-Gaster (SG). Karte 493: ÜberN nach der Sprechweise und dem Sprachverhalten, vor 1800 5 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen», II-2.15 «Endungslose Agensbildungen/ Nomina agentis» und II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 5.5 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sprechweise und Sprachverhalten 1021 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1022"?> Zweite Karte {494}: Häufigste lexikalische Typen Namenauswahl: Für die zweite Karte wurde eine Teilmenge der ersten Karte ausgewählt: Im folgenden Kartenbild werden die sechs häufigsten lexikalischen Typen (mindestens 10 Tokens als Namengruppe) kontrastiert. Die Reihenfolge der Typen erfolgt in abnehmender Frequenz. Abgefragte Namen Typ Mugg: Muggle, Muggler, Müggler, Muggli, Mugglin. 18 Tokens. Typ Duss: Duss, Tauss. 11 Tokens. Typ Muff : Muff . 11 Tokens. Typ Schreier: Schreier, Schreyer. 11 Tokens. Typ Hauri: Hauri, Haury. 10 Tokens. Typ Zahner: Zahner. 10 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 513: Daten zur zweiten Karte {494} Detailangaben zur Namenauswahl: Die folgende Auf listung gibt die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in der Reihenfolge der Kartierung) an. • Muggle, Muggler, Müggler, Muggli, Mugglin: verschiedene Ableitungsmuster zu schwzdt. (älter) muggle(n) mit einem breiten Bedeutungsspektrum ‘dumpfe, stöhnende Laute von sich geben; murren, brummen; keuchen, ächzen’; konkurrierend wird der bündnerische Beleg von Muggli (Tavetsch GR) im RNB 3 (1986: 879) zu mhd. mucke ‘Mücke’ gestellt. • Duss, Tauss: zu schwzdt. tūss ‘still, kleinlaut’ • Muff : zu schwzdt. muffe(n) ‘undeutlich sprechen’; als Grundlage können auch noch weitere Lexeme dieser Wortfamilie in Betracht kommen, so etwa schwzdt. Muff ‘Dummkopf, gefühlloser, beschränkter Mensch’ oder schwzdt. muff ‘schlecht gelaunt, mürrisch’. • Schreier, Schreyer: zu mhd. schrīer ‘Schreier, Ausrufer, Herold’, im älteren Schweizerdeutschen v. a. ‘Prahler, Stänker’; denkbar ist aber auch ein BerufsN für den Ausrufer, den fahrenden Krämer. • Hauri, Haury: zu schwzdt. haure(n), houre(n) ‘laut rufen, laut reden, heulen, schreien’ • Zahner: zu mhd. zannen ‘knurren, heulen, weinen’; konkurrierend ist auch ein Bezug zu mhd. zan(t) ‘Zahn’ möglich. 6 Kommentar: Die zweite Karte mit den häufigsten Typen zeigt grundsätzlich eine Häufung im südlichen Aargau und angrenzend im Kanton Luzern bis ins Entlebuch sowie im Zürcher Oberland und Karte 494: ÜberN nach der Sprechweise und dem Sprachverhalten, häufigste lexikalische Typen, vor 1800 6 Vgl. Artikel III-5.2 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Körperteile und Gang». 1022 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1023"?> im angrenzenden Kanton St. Gallen. Ein Aspekt, der dabei besonders auffällt, ist: Je nach Typ zeigt sich eine räumlich mehr oder weniger begrenzte Clusterbildung. Die FamN Schreier, Schreyer kommen in der westlichen Deutschschweiz (BE, SO) vor, daneben findet sich ein Streubeleg im Kanton St. Gallen. Die beiden endungslosen FamN Duss und Muff treten ausschliesslich im Kanton Luzern auf, während Tauss auf das Berner Oberland beschränkt bleibt. Hauri und Haury clustern im Aargau neben weiteren Vorkommen in benachbarten Gebieten (LU, SO). FamN vom Typ Mugg sind etwas breiter gestreut: Muggler, Müggler und Muggli können als zürcherisch eingeordnet werden, wobei Muggli vereinzelt auch noch westlich (AG, LU) und südlich (GR) davon auftritt. Zahner schliesslich ist vornehmlich im Kanton St. Gallen bezeugt (Wahlkreise Wil und See-Gaster). Motivisch-semantisch sind auf der Karte verschiedene Sprechweisen vertreten, die stellvertretend das Spektrum von leise (Duss, Tauss) bis laut (Hauri, Haury, Schreier, Schreyer) und von dumpf, murrend (Muggle und Varianten) über undeutlich (Muff ) bis knurrend (Zahner) umfassen. Betrachtet man das im Artikel kartierte Sample gesamthaft, lassen sich zwei Punkte hervorheben: Einerseits fällt die niedrige Frequenz der meisten Namen auf, andererseits die Clusterverteilung der häufigsten Typen. Der erste Punkt lässt vermuten, dass ÜberN nach der Sprechweise und dem Sprachverhalten teilweise sehr punktuell und unabhängig voneinander entstanden sind - unter Rückgriff auf verschiedene Lexeme. Der zweite Punkt lässt vermuten, dass beim kleinräumigen Auftreten bestimmter Types - denn auch das Vorkommen von 10 Tokens ist äusserst niederfrequent - eine einzige namentragende Person der Ursprung sein kann. Insbesondere der letztgenannte Punkt müsste auf Basis historischer Sondierungen überprüft werden, was hier jedoch nicht geleistet werden kann und deshalb als Forschungsdesiderat anzusehen ist. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Gautschi (1'874 Tokens), Hauri (1'840 Tokens) und Muff (1'714 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: FamN, die auf das Sprachverhalten zurückgehen, werden im DFA 5 (2016: 930-953) auf den Karten 364-372 dargestellt. Nach Ausweis der genannten Karten ist in Deutschland lautes Reden lexikalisch vielfältiger und häufiger abgedeckt als leises Reden. Auch in Kunze (2004: 147) und in Nübling/ Kunze (2023: 434-436) werden Namen wie Göhler, Schaller, Schnarr, Stiller oder Thümmler thematisiert. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 08.07.2025). Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2014): Spätmittelalterliche Regensburger Übernamen. Wortschatz und Namengebung (Germanistische Bibliothek 53). Heidelberg: Winter. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Simone Berchtold 5.5 Übernamen nach Charakter und Verhalten: Sprechweise und Sprachverhalten 1023 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1024"?> 5.6 Übernamen nach Tierbezeichnungen Schlagwörter: Fisch, Insekt, Nutztier, Säugetier, Vogel, Wildtier, Wurm Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel widmet sich FamN, die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 30.04.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») auf Tierbezeichnungen zurückgehen. Diese Gruppe ist innerhalb der ÜberN insofern ein Sonderfall, als hier keine rein semantisch, sondern primär eine lexikalisch motivierte Gruppe vorliegt. Diese Ausnahme ist aber gerechtfertigt, da Tierbezeichnungen sehr häufig in FamN vorkommen. Zur Namendeutung sei folgende Ausgangslage skizziert: In einem ersten Schritt kann jeweils die Formel ‘Person, die in irgendeiner Beziehung zum Tier X steht’ formuliert werden. «Der nächste Schritt, eine einwandfrei fundierte, ganzheitliche Namendeutung, kann nur in Ausnahmefällen vollzogen werden, da i. d. R. keine Äußerungen des Namengebers zu seiner Motivation vorliegen» (Kohlheim/ Kohlheim 2014: 148). Gleichwohl können allgemeine Tendenzen zur Namenvergabe angeführt werden: Wenn Tierbezeichnungen zu FamN geworden sind, liegen i. d. R. metaphorische Benennungen zugrunde (Kohlheim/ Kohlheim 2014: 150). Eine Eigenschaft, die dem jeweiligen Tier zugesprochen wird, wird auf den Menschen übertragen. So können FamN aus Vogelbezeichnungen wie «Spatz, Spar; Sperl, Lüning usw. ‘Sperling’ für einen kleinen, mageren oder f linken Menschen» verwendet worden sein (Kunze 2004: 139). Es können auch (vermeintliche) charakterliche Eigenschaften als Motiv zugrunde liegen wie Hummel, Hammel für den Brummigen, Fink(e) für den Fröhlichen, Hahn für den Stolzen oder Rauf lustigen, Bock, Böcklin für den Störrischen. Teils ist beides möglich: Mück(e) für den Kleinen oder Lästigen, Stier, Steer für den Massigen oder Hartnäckigen, Kreft ‘Krebs’ für den Rothäutigen oder Krebsartigen (Langsamen u. ä.), Krähe, Krah, Krei, Krey für den Schwarzhaarigen oder Lauten, Würmelin(g) für den Kleinen oder Langsamen (Kunze 2004: 155). Zudem ist manchen Tieren auch eine Symbolik zu eigen, die auf dem christlichen Altertum beruht: Einerseits versinnbildlicht der Löwe den Evangelisten Markus, der Adler Johannes (Buchberger/ Kasper 1995: 1057). Andererseits gelten der Löwe und der Adler als Symbole der (politischen) Stärke, der Löwe speziell als König der Erde, der Adler hingegen als König der Lüfte (Butzer/ Jacob 2021: 7). Der Bär symbolisiert in der Antike und in der christlichen Tradition Göttliches - so zähmt der heilige Gallus einen Bären, der ihm danach zu Diensten ist -, aber auch Dämonisches (Butzer/ Jacob 2021: 54). Die genannten drei Tiere figurieren häufig als Wappentiere, aber auch als Benennungen von Häusern und Gasthäusern (Kunze 2011; Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 254). So wurden ab dem 13. Jh. vornehmlich in Städten Häuser mit bildlichen Darstellungen von Tieren gekennzeichnet, wobei man u. a. auf folgende Tiere zurückgriff: «Biberer ‘im Haus zum Biber’, Eichhorn, Hahn, Iltis, Lämmle, Lindwurm, Kemler ‘im Haus zum Kamel’, Löwe, Rapp ‘Rabe’, Roß, Rößle, Schneck» (Kunze 2004: 105). Unter Bezug auf den HäuserN konnten auch die Bewohner identifiziert werden (Kunze 2004: 105). Daher ist auch Konkurrenz mit FamN aus HäuserN möglich, welche eine Untergruppe der WohnstättenN darstellen. 1 Schliesslich basieren auch dithematische Ruf N (z. B. Arnhild aus ahd. arn ‘Adler’ + ahd. hiltia ‘Kampf ’, Rambod aus ahd. hraban ‘Rabe’ + ahd. boto ‘Bote’) auf Tieren wie «Adler, Bär, Bock, Eber, Falke (Habicht), Hirsch, Hund, Krähe, Marder, Rabe, Roß, Schwan, Stier, Widder, Wolf, Wurm (= Lindwurm, Schlange, Drache)» (Kunze 2004: 27). Theoretisch sind also auch Kurzformen oder Derivate aus Ruf N nicht auszuschliessen (z. B. Beer aus Bern[hard] oder Wolf aus Wolf[gang]). 2 Darüber hinaus bestehen Überschneidungen zum Benennungsmotiv der BerufsüberN, denn «[a]uch indirekte Berufsnamen wurden von Tieren gewonnen: Butt, Buth, Dorsch, Hecht, Heeckt, Karpf , Karpp, Schlei, Schlie(he), Stint etwa für den Fischer oder Fischhändler, Sperber für den Jäger, Schwein für den Schwineköper ‘Schweinehändler’» (Kunze 2004: 155). Wie die Auf listung zeigt, wohnt der hier behandelten lexikalischen Gruppe grundsätzlich eine Mehrdeutigkeit inne. Aus grammatischer Sicht fällt auf, dass überwiegend Tierbezeichnungen mit maskulinem Genus als FamN aufscheinen; Ausnahmen sind feminines Gans oder Schwalbe. Dies könnte den Umstand widerspiegeln, dass die ersten FamN überwiegend, wenn nicht ausschliesslich auf Personen männlichen Geschlechts referierten (vgl. Abschnitt 6.3 in der I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz»). Die im Artikel gewählte Einteilung der Tierbezeichnungen soll keinen anachronistisch gegenwärtigen Blick auf Tiere geben, sondern sich an gängigen Einteilungen der Frühen Neuzeit orientieren, denn in dieser Zeit sind auch FamN entstanden und fest geworden (vgl. Abschnitt 6.2 in der I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz»). Als Vorlage wurde Konrad von Megenbergs (1309-1374) «Buch der Natur» (digitalisiert von Miller/ Zimmermann 2016) ausgewählt, das «mit nahezu 140 Textzeugen zu den am besten und am breitesten überlieferten deutschsprachigen Naturkompendien des Mittelalters» gehört (Spyra/ Effinger 2008); das Kompendium selbst beruht wiederum auf älteren Vorlagen (LexMA 1977-1999: s. v. Tierkunde). In diesem Buch wird folgende Einteilung der Tiere vorgenommen: vierfüssige Tiere auf der Erde resp. Tiere im Allgemeinen (z. B. Biber, Dachs, Hase, Hund, Otter, Pferd, Wolf ), Vögel (z. B. Adler, Falke, Gans, Storch), Meerwunder (z. B. Delphin, Meerhund, Meerjungfrau, Wasserpferd), Fische (z. B. Aal, Krebs, Meerspinne, Meerschwein), Schlangen (z. B. Drache, Eidechse, Natter, Unke) und Würmer (z. B. Spinne, Ameise, Mücke, Frosch, Egel, Schnecke). In Anlehnung an diese Einteilung (vgl. auch Luff/ Steer 2003) wurden auf den ersten beiden Karten Namen nach Bezeichnungen von 1 Vgl. Artikel III-3.9 «Wohnstättennamen zu Häusernamen». 2 Vgl. Artikel III-1.4 «Patronyme zu Kurzformen von germanischen Rufnamen». 1024 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1025"?> vierfüssigen Tieren (das sind vornehmlich Säugetiere) gewählt, bevor auf den nächsten beiden Karten FamN nach Vogelbezeichnungen in den Fokus rücken. Da bei diesen zwei Tiergruppen relativ viele FamN vorhanden sind, zeigen die erste und die dritte Karte jeweils die frequenten FamN, während die zweite und die vierte Karte die weniger frequenten Namen aufnehmen. Die fünfte Karte bespricht FamN nach Fischbezeichnungen, während sich die sechste Karte FamN zuwendet, die aus Bezeichnungen für Insekten, Schlangen und Würmer entstanden sind. Die siebte Karte schliesslich fasst als Gesamtkarte alle FamN nach Tierbezeichnungen in einem Kartenbild zusammen. Erste und zweite Karte {495, 496}: Übernamen nach Bezeichnungen für vierfüssige Tiere Namenauswahl: Die ersten beiden Karten zeigen FamN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 3 die zum lexikalischen Feld der Tierbezeichnungen und hier speziell zu den vierfüssigen Tieren gehören, welche sich gemäss von Megenberg (vgl. Miller/ Zimmermann 2016) auf der Erde bewegen. Das sind im heutigen Verständnis Säugetiere, zu denen sowohl Nutzals auch Wildtiere zählen. Während die erste Karte die fünf häufigsten FamN Bär, Fuchs, Haas, Leu und Wolf mit ihren jeweiligen Varianten abbildet, zeigt die zweite Karte alle weiteren Tiere dieses lexikalischen Felds. Niederfrequente FamN werden in der zweiten Karte zur Gruppe «Sonstige» zusammengefasst. Die FamN werden nach den zugrunde liegenden Lexemen gruppiert. Abgefragte Namen Typ Bär: Baer, Bär, Beer, Beeri, Beerle, Beerli, Berli, Zbären. 8 Types, 68 Tokens. Typ Fuchs: Fuchs, Füchslin, Fux, Rothfuchs. 60 Tokens. Typ Hase: Haas, Haasen, Haeselin, Häsele, Häseli, Hasen, Häsli, Hässli, Rennhaas, Schellhaas. 10 Types, 56 Tokens. Typ Löwe: Leu, Leumann, Leuw, Ley, Loew, Löw, Lymann. 7 Types, 44 Tokens. Typ Wolf : Wolf , Wolff , Wölfle, Wölfli. 44 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 514: Daten zur ersten Karte {495} Karte 495: ÜberN nach den häufigsten Bezeichnungen für vierfüssige Tiere, vor 1800 3 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 5.6 Übernamen nach Tierbezeichnungen 1025 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1026"?> Abgefragte Namen Typ Biber: Biber, Bieber. 4 Tokens. Typ Bock: Bock, Böckli, Böcklin. 6 Tokens. Typ Bracke: Brack, Prack. 6 Tokens. Typ Guhl: Guhl, Gull. 5 Tokens. Typ Hirsch: Hirschi, Hirschy, Hirtzel, Hirz, Hirzel. 23 Tokens. Typ Hobi: Hobi, Hoby. 7 Tokens. Typ Ochse: Oechsli, Oechslin. 4 Tokens. Typ Ster: Stähr, Sterren. 3 Tokens. Typ Stier: Stierli, Stierlin. 10 Tokens. Sonstige: Barbisch, Büsel, Eichhorn, Luchs, Mauderli, Otter, Rehli, Schäfli, Schwyn, Uhr, von Frisching. 11 Types, 13 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 515: Daten zur zweiten Karte {496} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Barbisch: zu rätorom. barbeisch ‘Hammel, Widder’ • Brack, Prack: zu mhd. bracke ‘Spür-, Spielhund’; konkurrierend aber auch schwzdt. Brack ‘Mensch oder Tier von unverhältnismässiger Beleibtheit’ • Büsel: zu schwzdt. Busel, Büsel ‘Katze’, aber auch ‘Kalb, Rind’ • Guhl, Gull: zu mhd. gūl ‘Eber, männliches Tier überhaupt’; daraus haben verschiedene Spezialisierungen stattgefunden, vgl. schwzdt. Gūl ‘Haushahn’, aber auch ‘Gaul, Arbeitspferd’. • Haeselin, Häsele, Häseli, Häsli, Hässli: Neben einem Diminutiv zu Hase kann konkurrierend auch schwzdt. Häs (diminuiert Häsigli, Häsili) ‘Schwein(chen)’ vorliegen. • Hobi, Hoby: zu schwzdt. Hobi ‘verschnittener Hengst, Wallach; Gaul’; konkurrierend ist auch ein ÜberN zu historisch belegtem Hopein ‘Hochbein’ (z. B. hochbeinig; evtl. hinkend) denkbar. • Mauderli: zu schwzdt. Mauder ‘männliche Katze, Kater’ • Schellhaas: zu mhd. schel ‘aufspringend, auffahrend’ und mhd. hase ‘Hase’ • Stähr, Sterren: zu schwzdt. (älter) Ster ‘Schafwidder’ • Uhr: zu schwzdt. Ur ‘Auerochse’, älter auch ‘Stier’ • von Frisching: zu mhd. vrisching ‘junges Lamm oder Schwein’ Karte 496: ÜberN nach weiteren Bezeichnungen für vierfüssige Tiere, vor 1800 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 1026 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1027"?> Die Bildungsmuster, die in den FamN vorkommen, sind: l-Diminutive (Beerli, Häseli), Ableitungen mit i-Suffix (Beeri, Hirschi) bzw. mit -mann (Leumann, Lymann), schwache Genitive (Ha(a)sen, Sterren), zweigliedrige Strukturen mit einem Nomen (Rennhaas, Rothfuchs, Schellhaas), FamN mit Artikelproklise (Zbären) sowie Simplizia (Bär, Stähr). 5 Die Präposition von markiert im FamN von Frisching den adeligen resp. patrizischen Status der Namenträger: innen. 6 Kommentar: Die beiden Karten zeigen, dass Tierbezeichnungen von Säugetieren in der gesamten Deutschschweiz zu FamN geworden sind. Das geographische Bild der ersten Karte wird zum grössten Teil von den fünf häufigsten FamN in diesem Sample konstituiert: Fuchs (53 Tokens), Haas (44 Tokens), Bär (43 Tokens), Wolf (39 Tokens) und Leu (31 Tokens). Je nach Name formen sich unterschiedliche Gebiete: Der FamN Bär dominiert im Albisgebiet (ZH), aber auch am südlichen Bodenseeufer (TG). Im aargauischen Limmattal, im unteren Aaretal sowie im Kanton Schwyz häuft sich der FamN Fuchs; die Variante Fux kann als typisch für das Oberwallis eingestuft werden. Träger: innen des FamN Haas hingegen konzentrieren sich in der Zentralschweiz im luzernischen Entlebuch und um die Stadt Luzern sowie im bernischen Seeland. Wolf kann fast als gesamtdeutschschweizerisch bewertet werden: Der Name kommt in 13 Kantonen vor. In Mies (VD) sind die Namenträger: innen nachweislich um 1778 aus Deutschland kommend eingebürgert worden. Auch der Name Leu, der in neun Deutschschweizer Kantonen alteingesessen ist, zeigt ein weitläufiges Vorkommen. Was die erste Karte aus lexikalischer Perspektive ausweist, ist, dass die fünf häufigsten lexikalischen Typen auf Bezeichnungen für Wildtiere zurückgehen. Die zweite Karte behandelt all jene Namengruppen, die 10 Tokens und weniger zählen. Hier zeigt sich gesamthaft ein dichteres Vorkommen in der (Nord-)Ostschweiz. Regional beschränkte Verbreitung in diesem Raum weisen Brack (Bözberg, Bezirk Brugg AG), Gull, Guhl (TG, ZH), Hirzel (v. a. ZH), Hobi, Hoby (Seeztal SG) und Stierli (AG, ZH) auf. Im Gegensatz dazu streuen die FamN zu Bock im Norden (AG, SG, TG, ZH). Daneben zeigen Hirschi, Hirschy (BE) und Sterren (VS) Verbreitungsgebiete in der westlichen und südlichen Deutschschweiz. 5 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y», II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe», II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung», II-3.1 «Artikelproklise» und II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». 6 Vgl. Artikel II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de». 5.6 Übernamen nach Tierbezeichnungen 1027 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1028"?> Dritte und vierte Karte {497, 498}: Übernamen nach Vogelbezeichnungen Namenauswahl: Die dritte und die vierte Karte zeigen alle FamN aus der Schicht «vor 1800», die zum lexikalischen Feld der Vogelbezeichnungen gehören. Auf der dritten Karte finden sich die häufigsten sieben Vogelarten im Deutschschweizer Familiennamenbestand; auf der vierten Karte dann die weiteren FamN zu diesem Bereich. Die Anordnung erfolgt in diesem Abschnitt nicht nach Lexemen, sondern nach der zugrunde liegenden Vogelart. Abgefragte Namen ÜberN zum Falken: Falk, Falck. 12 Tokens. ÜberN zum Finken: Distel, Fink. 11 Tokens. ÜberN zum Kauz: Hauri, Haury, Kauz, Kutzli. 12 Tokens. ÜberN zur Krähe: Gräppi, Grogg, Krägi, Kräig, Rapo, Rapp, Rappo. 7 Types, 15 Tokens. ÜberN zur Lerche: Lerch. 11 Tokens. ÜberN zum Spatzen: Spaar, Spahr, Speerli. 15 Tokens. ÜberN zum Vogel: Freivogel, Vogel, Vögele, Vögeli, Vögelin, Waldvogel. 6 Types, 100 Tokens. ÜberN zur Weihe: Wey. 11 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 516: Daten zur dritten Karte {497} Abgefragte Namen ÜberN zum Federspiel: Federspiel. 2 Tokens. ÜberN zur Gans: Gänsli, Gansner. 5 Tokens. ÜberN zum Geier: Geier, Geyer, Gyr. 7 Tokens. ÜberN zum Hahn: Hahn. 3 Tokens. ÜberN zum Kuckuck: Gugerli, Gugger. 11 Tokens. ÜberN zur Meise: von Meiss. 1 Tokens. ÜberN zur Schwalbe: Schwalm, Spiri, Spyr. 8 Tokens. ÜberN zum Specht: Specht. 3 Tokens. ÜberN zum Strauss: Strauss. 7 Tokens. ÜberN zur Taube: Kauter, Kuder. 2 Tokens. ÜberN zum Zeisig: Cisli, Zinsli. 4 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Gemeinden Tabelle 517: Daten zur vierten Karte {498} Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. Karte 497: ÜberN nach den häufigsten Vogelbezeichnungen, vor 1800 1028 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1029"?> • Cisli, Zinsli: zu schwzdt. Zisli ‘Zeisig’ (bei Zinsli mit n-Einschub); konkurrierend kann auch mhd. zinzeln ‘schmeicheln, kosen’ oder eine Kurzform zum Ruf N Vincentius im FamN fest geworden sein. • Distel: zu schwzdt. Distel ‘Distelfink, Stieglitz’; konkurrierend ist auch die gleichlautende Pf lanzenbezeichnung Distel ‘Distel, distelartige Pf lanze’ denkbar. • Federspiel: zu schwzdt. Fëdere(n)spil ‘zur Jagd abgerichteter oder dazu geeigneter Raubvogel’ • Gräppi: zu schwzdt. Grapp ‘Krähe’ • Grogg: zu schwzdt. Grāgg ‘Krähe; Rabe’; möglich ist auch der Verbalstamm von schwzdt. grāgge(n) ‘(am Boden) kriechen, schleichen’ nach der Gangart einer Person. • Gyr: wie Geier, Geyer zu mhd. gīr ‘Geier’, speziell ‘Lämmergeier’ • Hauri, Haury: zu schwzdt. Hauri ‘Uhu, Nachteule’, aber auch ‘wer laut mit schreiender Stimme redet oder singt’ • Kauter, Kuder: zu schwzdt. Chūt, Chūter ‘Taubenmännchen,Tauber’ • Krägi, Kräig: zu mhd. krā, kræe, kræje usw. ‘Krähe’, mit <g> als ursprünglichem Gleitlaut • Schwalm: zu mhd. swalwe ‘Schwalbe’, schwzdt. auch als Schwalm 7 • Spaar, Spahr, Speerli: zu mhd. spar, spare, schwzdt. (älter) Spar ‘Sperling, Spatz’ • Spiri, Spyr: zu mhd. spīre ‘Spierschwalbe, Turmschwalbe’ • Wey: zu mhd. wī(e), wīh, weie ‘Weihe, Falke’, schwzdt. Wī, Wei auch ‘Mäusebussard, Habicht’ Die Bildungsmuster, die in den FamN vorkommen, sind: i-Ableitungen (Hauri, Spiri), l-Diminutive (Gänsli, Kutzli, Vögele), ner-Ableitung (Gansner), Komposita (Waldvogel ), Erweiterung mit Suffix -o (Rap(p)o), FamN mit patrizischem von (von Meiss) sowie Simplizia (Geier, Gyr, Rapp). 8 Kommentar: Die beiden Karten zeigen, dass FamN aus Vogelbezeichnungen im Grossen und Ganzen in den nördlichen Landesteilen und hier besonders im Mittelland konzentriert sind. Im alpinen Raum nehmen die Ortspunkte deutlich ab. In der dritten Karte erstrecken sich FamN zu Falke, Fink, Spatz und Vogel über die Deutschschweiz. Demgegenüber treten FamN zur Lerche und zur Krähe in der westlichen Deutschschweiz auf. Bei Gräppi und Grogg, die beide im Kanton Bern auftreten, sind offenbar zwei unterschiedliche Dialektbezeichnungen für die Krähe in FamN fest geworden. Daneben clustern andere FamN wie Hauri, Haury (im Raum Zofingen AG) und Wey (AG, LU). Die vierte Karte zeigt insgesamt - trotz weniger Ortspunkte - einen ähnlichen Verbreitungsraum wie die vorangehende Karte, allerdings tritt hier auch der Kanton Graubünden mit FamN zu Federspiel, Gans (konzentriert im Prättigau) und Zeisig in Erschei- Karte 498: ÜberN nach weiteren Vogelbezeichnungen, vor 1800 7 Vgl. Artikel I-2.2 «Assimilationen und Dissimilationen». 8 Vgl. die Artikel II-2.2 «Familiennamen auf -i/ -y», II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung», II-2.14 «Germanisches Grundwort mit Suffix -o», II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de» und II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». 5.6 Übernamen nach Tierbezeichnungen 1029 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1030"?> nung. Die meisten FamN der vierten Karte wie Hahn, Gugger, Specht oder Strauss streuen und lassen kein Zentrum erkennen. Eine Ausnahme bildet der Name Gugerli mit einem Cluster im Grenzgebiet der Kantone Aargau und Zürich. Auffallend ist, dass die beiden häufigsten FamN im kartierten Sample auf die Gattungsbezeichnung Vogel selbst zurückgehen (Vogel, Vögeli mit 47 resp. 34 Tokens); weitere, spezifischere Bezeichnungen in FamN sind demgegenüber weit seltener, wie die nächsthäufigen FamN Lerch und Wey (mit je 11 Tokens) zeigen. Auf beiden Karten gibt es auch FamN, die in der gewählten Zeitschicht singulär auftreten, so etwa Gänsli (Wellhausen TG), Kauter (St. Gallen SG) oder Kauz (Wyssachen BE). Fünfte Karte {499}: Übernamen nach Fischbezeichnungen Namenauswahl: Die fünfte Karte zeigt alle FamN aus der Schicht «vor 1800», die zum lexikalischen Feld der Fischbezeichnungen gehören. In von Megenbergs Einteilung (vgl. Miller/ Zimmermann 2016) gehört der Krebs zu den Fischen; heute wird er wie Insekten oder Spinnen der Gruppe der Gliederfüsser zugeordnet. Die ausgewählten FamN wurden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert; der Typ Hering enthält dabei auch die beiden FamN Maienfisch und Mayenfisch, die auf eine Bezeichnung für eine Heringsart zurückgehen. Abgefragte Namen Typ Aal: Ahl. 2 Tokens. Typ Fisch: Fisch, Fischli, Fischlin. 23 Tokens. Typ Hering: Haering, Häring, Maienfisch, Mayenfisch. 11 Tokens. Typ Hecht: Hecht. 3 Tokens. Typ Karpfen: Karpf . 4 Tokens. Typ Krebs: Krebs. 18 Tokens. Typ Salm: Salm, Salmen. 3 Tokens. Typ Stint: Stindt. 1 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 518: Daten zur fünften Karte {499} Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Haering, Häring: zu mhd. herinc ‘Hering’; konkurrierend ist auch eine patronymische ing -Ableitung zum Ruf N Hero möglich. • Maienfisch, Mayenfisch: zu fnhd. maienfisch ‘Maifisch (eine Heringsart)’ Karte 499: ÜberN nach Fischbezeichnungen, vor 1800 1030 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1031"?> • Salm, Salmen: zu mhd. salm(e), schwzdt. Salm, Salmen ‘Lachs’ • Stindt: zu mittelniederdt. stint ‘Stinz (Osmerus eperlanus)’ 9 Kommentar: Wie die fünfte Karte zeigt, haben Fischbezeichnungen deutlich weniger Spuren in FamN hinterlassen als Bezeichnungen für Säugetiere und Vögel. Sofern entsprechende ÜberN vorkommen, bleiben sie vornehmlich auf die Nordhälfte der Deutschschweiz beschränkt. Ähnlich wie bei der dritten Karte mit FamN zu Vogelbezeichnungen entfallen auch in diesem Wortfeld gesamthaft die meisten FamN auf den allgemeinen Gattungsbegriff Fisch (15 Tokens) neben Fischlin (5 Tokens) und Fischli (3 Tokens). Erstgenannter FamN häuft sich im Thurgau und in Appenzell Ausserrhoden, zweitgenannter Name kommt vor 1800 nur im Bezirk Schwyz (SZ) vor. Spezifischere Bezeichnungen wie Häring (6 Tokens) oder Karpf (4 Tokens) sind seltener als FamN bezeugt. Der häufigste EinzelN ist Krebs mit 18 Ortspunkten, die sich zwischen Twann (BE) und Reutigen (BE) formieren. Sechste Karte {500}: Übernamen nach Bezeichnungen für Insekten, Schlangen und Würmer Namenauswahl: Die sechste Karte zeigt alle FamN aus der Schicht «vor 1800», die zum lexikalischen Feld der Schlangen und Würmer gehören. Diese Gruppe umfasst in der Frühen Neuzeit auch Insekten, welche hier ebenfalls berücksichtigt werden. Abgefragte Namen Typ Breme: Bräm, Brem, Bremi. 12 Tokens. Typ Drache: Drack. 1 Token. Typ Hummel: Humbel, Hümbeli, Hümbelin, Hummel, Ummel. 16 Tokens. Typ Molch: Moll. 8 Tokens. Typ Schnecke: Schnegg. 2 Tokens. Typ Wespe: Wäspe, Wäspi, Wespe, Wespi. 17 Tokens. Typ Wurm: Würmli. 6 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 519: Daten zur sechsten Karte {500} Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Karte 500: ÜberN nach Bezeichnungen für Insekten, Schlangen und Würmer, vor 1800 9 Gemäss Schobinger/ Egli/ Kläui (1994: 159) dürfte dieser Name durch Einbürgerung einer Person aus Mittel- oder Norddeutschland im 18. Jh. in die Schweiz gelangt sein. 5.6 Übernamen nach Tierbezeichnungen 1031 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1032"?> Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Drack: zu mhd. drache, dracke, trache, tracke, schwzdt. Drack, Trach, Track ‘Drache’; ein Fabeltier, das in der Alltagskultur der Frühen Neuzeit präsent war, aber auch ein häufiges Hauszeichen darstellte (Brechenmacher 1 1957-1963: 335) • Humbel, Hümbeli, Hümbelin, Hummel, Ummel: zu mhd. hummel, humbel ‘Hummel’ 10 • Moll: zu mhd. mol, molle ‘Eidechse, Molch’, dann auch ‘Kröte, Engerling, schwarzer Regenwurm’ • Würmli: l-Diminutiv zu mhd. wurm ‘Wurm, Insekt (auch f liegendes), Spinne, Fliege, Mücke, Natter, Schlange, Drache’; das Bedeutungsspektrum, welches bereits im Mittelhochdeutschen eine breite Palette einnimmt, setzt sich auch im Schweizerdeutschen fort, begonnen bei ‘Regenwurm’ über ‘Schlange (Viper, Natter)’ zu ‘Blindschleiche’ oder ‘Hundertfüssler’ bis ‘Drache’, aber auch ‘Insekt’ und ‘Käfer’ (Id. 16 1881 ff.: Sp. 1510-1511). Kommentar: Die sechste Karte zeigt neben dem Berner Mittelland eine Konzentration vornehmlich in der Nordostschweiz. Diese Ballungsräume gehen mehrheitlich auf EinzelN zurück, die geographisch begrenzt auftreten. Der FamN Moll zeigt ausschliesslich Ortspunkte zwischen Biel (BE) und solothurnischen Gemeinden im Aaretal. Der FamN Humbel sowie die Diminutivvarianten Hümbeli, Hümbelin treten nur in aargauischen Gebieten auf (Bezirke Baden, Brugg, Bremgarten), der Name Hummel ist demgegenüber weiter verbreitet. Im Limmattal und im Furttal (ZH/ AG) formiert sich ein Zentrum des Typs Bräm. Auch die FamN zur Tierbezeichnung Wespe treten gehäuft auf: Die Namen Wäspe, Wäspi und Wespi verdichten sich an der heutigen Kantonsgrenze zwischen dem Zürcher Oberland (ZH) und dem Toggenburg (SG). Siebte Karte {501}: Gesamtkarte Namenauswahl: Die siebte Karte fasst alle in den vorherigen Karten besprochenen FamN aus der Schicht «vor 1800» zusammen. Abgefragte Namen ÜberN nach Tierbezeichnungen, vor 1800: Ahl, Baer, Bär, Barbisch, Beer, Beeri, Beerle, Beerli, Berli, Biber, Bieber, Bock, Böckli, Böcklin, Brack, Bräm, Brem, Bremi, Büsel, Cisli, Distel, Drack, Eichhorn, Falck, Falk, Federspiel, Fink, Fisch, Fischli, Fischlin, Freivogel, Fuchs, Füchslin, Fux, Gänsli, Gansner, Geier, Geyer, Gräppi, Grogg, Gugerli, Gugger, Guhl, Gull, Gyr, Haas, Haasen, Haering, Haeselin, Hahn, Häring, Häsele, Häseli, Hasen, Häsli, Hässli, Hauri, Haury, Hecht, Hirschi, Hirschy, Hirtzel, Hirz, Hirzel, Hobi, Hoby, Humbel, Hümbeli, Hümbelin, Hummel, Karpf , Kauter, Kauz, Krägi, Kräig, Krebs, Kuder, Kutzli, Lerch, Leu, Leumann, Leuw, Ley, Loew, Löw, Luchs, Lymann, Maienfisch, Mauderli, Mayenfisch, Moll, Oechsli, Oechslin, Otter, Prack, Karte 501: ÜberN nach Tierbezeichnungen, vor 1800 10 Vgl. Artikel I-2.2 «Assimilationen und Dissimilationen». 1032 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1033"?> Rapo, Rapp, Rappo, Rehli, Rennhaas, Rothfuchs, Salm, Salmen, Schäfli, Schellhaas, Schnegg, Schwalm, Schwyn, Spaar, Spahr, Specht, Speerli, Spiri, Spyr, Stähr, Sterren, Stierli, Stierlin, Stindt, Strauss, Uhr, Ummel, Vogel, Vögele, Vögeli, Vögelin, von Frisching, von Meiss, Waldvogel, Wäspe, Wäspi, Wespe, Wespi, Wey, Wolf , Wolff , Wölfle, Wölfli, Würmli, Zbären, Zinsli. 141 Types, 720 Tokens. Flächen 5-100, relative Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 520: Daten zur siebten Karte {501} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den ausgewählten FamN vgl. die Ausführungen bei den ersten sechs Karten. Kommentar: Die siebte Karte (Gesamtkarte) macht noch einmal deutlich, dass Bezeichnungen für Tiere in der gesamten Deutschschweiz in FamN vorkommen. Wie die relative Flächenkartierung ausweist, sind insbesondere in den nördlichen und östlichen Regionen der Deutschschweiz FamN aus Tierbezeichnungen fest geworden. Ein verdichtetes Vorkommen lässt sich v. a. für den Kanton Schaffhausen sowie den Bezirk Einsiedeln (SZ) feststellen; daneben kommt diese Motivgruppe konzentriert im Raum südlich des Bodensees (TG, SG), um die Stadt Zürich sowie im Bezirk Affoltern (ZH) vor. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Fuchs (6'962 Tokens), Vogel (5'907 Tokens) und Haas (3'813 Tokens). Vergleich mit benachbartem Ausland: FamN nach Tierbezeichnungen werden im DFA (2009-2018) aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu verschiedenen Benennungsmotiven in mehreren Bänden aufgenommen; hier sei nur eine Auswahl gegeben: Die FamN Beer, Behr, Bär, Baer, Bähr werden als Kurzformen zu Bernhard im DFA 6 (2017: 47-49) behandelt. FamN zur Tierbezeichnung Fuchs werden an mehreren Stellen besprochen (DFA 2 2011: 203, 722-725, 729, 731, 741, 834; DFA 3 2012: 457, 590-593, 777; DFA 5 2016: 733, 755, 762). Der Typ Hase erscheint im DFA 1 (2009: 555, 794-796, 802-803), ebenso der Typ Vogel (DFA 1 2009: 744-746, 752). FamN zu Lerche werden im DFA 5 (2016: 996-997) kartiert; auf der Karte 266 werden zudem jene FamN behandelt, die auf die Tierbezeichnung Sperling zurückgehen (DFA 5 2016: 676-679). In demselben Band gelten die Karten 353-354 den FamN zu Löwe (DFA 5 2016: 903-906) und auf Karte 371 figurieren FamN zu Krähe (DFA 5 2016: 948-950). Der Typ Wolf - als letztes Beispiel - wird im DFA 1 (2009: 218-220, 225, 643), im DFA 2 (2011: 167-172, 180-181) und im DFA 3 (2012: 193) besprochen. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Brechenmacher, Josef K. (1957-1963): Etymologisches Wörterbuch der Deutschen Familiennamen. 2 Bde. 2., von Grund auf neugearbeitete Auf lage. Limburg a. d. Lahn: Starke. Buchberger, Michael/ Kasper, Walter (Hrsg.) (1995): Lexikon für Theologie und Kirche. Bd. 3: Dämon bis Fragmentenstreit. 3., völlig neu bearbeitete Auf lage. Freiburg i. B.: Herder. Butzer, Günter/ Jacob, Joachim (Hrsg.) (2021): Metzler Lexikon literarischer Symbole. 3., erweiterte und um ein Bedeutungsregister ergänzte Auf lage. Stuttgart: Metzler. DFA = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009-2018): Deutscher Familiennamenatlas. 7 Bde. Berlin, New York, Boston: De Gruyter. DFA 1 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2009): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 1: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen I: Vokalismus. Berlin, New York: De Gruyter. DFA 2 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2011): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 2: Graphematik/ Phonologie der Familiennamen II: Konsonantismus. Berlin, New York: De Gruyter. DFA 3 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2012): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 3: Morphologie der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. DFA 6 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2017): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 6: Familiennamen aus Rufnamen. Berlin, Boston: De Gruyter. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 30.04.2025). Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2014): Spätmittelalterliche Regensburger Übernamen. Wortschatz und Namengebung (Germanistische Bibliothek 53). Heidelberg: Winter. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Kunze, Konrad (2011): Gasthausnamen-Geographie. Beispiele im schwachen Dativ (Zum Schwanen). 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Simone Berchtold 1034 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1035"?> 5.7 Übernamen nach Standesbezeichnungen Schlagwörter: Adel, Bauer, Dritter Stand, Klerus Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel widmet sich FamN, die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 11.11.2024; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») auf Standesbezeichnungen zurückgehen und deren jeweils zugrunde liegendes Lexem metaphorisch zu verstehen ist. Dem mittelalterlichen Verständnis der Gesellschaftsordnung entsprechend wurden die drei Stände Adel (bellatores), Klerus (oratores) und Dritter Stand (laboratores) unterschieden, die hierarchisch abgestuft waren (e-HLS 2013: s. v. Ständische Gesellschaft). Bezug auf den Adel nehmen FamN wie Graf , Herzog oder König; auf den Klerus wird bei FamN wie Abt, Bischof oder Münch verwiesen. Diese Namengebung kann durch ein relationales Merkmal bezogen auf ein Abhängigkeits- oder Dienstverhältnis motiviert sein; in ihr kann sich aber auch eine ironischspöttische Zuschreibung im Sinne von ‘führt sich auf wie X’ manifestieren (Bach 1952: 299-300; Fleischer 1964: 154; Kunze 2004: 151; e-WSK 2022a: s. v. Übername; Nübling/ Kunze 2023: 447). 1 Schliesslich können auch «Fastnachts-, Krippen- und andere Schauspiele, in denen man solche Rollen einnahm», ausschlaggebend gewesen sein (Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2015: 155). 2 Die meisten FamN nach dem Dritten Stand gelten nicht als ÜberN, sondern als BerufsN (Ackermann, Bauer, Lehmann), da die Benennung sachlich-deskriptiv, ohne subjektiv-ironische Kennzeichnung motiviert war (e-WSK 2022b: s. v. Berufsname). 3 Der grösste Teil der Bevölkerung zählte zum Dritten Stand (Kunze 2004: 111), der «nicht allein die Bauern, sondern alle Nichtadligen und Nichtgeistlichen, also auch Städter, Handwerker und Kauf leute» umfasste (e-HLS 2015: s. v. Bauern). Als ÜberN für den Dritten Stand werden hier FamN wie Frei, Freimann aufgenommen, da sie implizit auf die rechtliche Stellung der Bauern Bezug nehmen. Zudem finden FamN wie Leibundgut Berücksichtigung, die die unfreie Seite dieses Standes betonen. Wie bereits erwähnt, bestehen grundsätzlich Schwierigkeiten bezüglich der Motivation solcher FamN: Das Hauptproblem bei der Untersuchung der Übernamen besteht darin, dass zwar die Etymologie meist ermittelt werden kann, die Eruierung der Motivation jedoch nur selten möglich ist. Dies gilt insbesondere für diejenigen Übernamen, die Bezeichnungen für Tiere und Pf lanzen, Gegenstände und Materialien, Nahrungsmittel und Getränke, Zeitpunkte und Zeiträume oder weltliche und geistliche Würdenträger enthalten (Kohlheim 2011: 248). Es kann daher für die FamN in einem ersten Schritt jeweils die Formel ‘Person, die in irgendeiner Beziehung zu X steht’ formuliert werden. «Der nächste Schritt, eine einwandfrei fundierte, ganzheitliche Namendeutung, kann nur in Ausnahmefällen vollzogen werden, da i. d. R. keine Äußerungen des Namengebers zu seiner Motivation vorliegen» (Kohlheim/ Kohlheim 2014: 148). Aus den genannten Gründen kann auch nicht geklärt werden, ob bei Varianten mit und ohne Diminutiv wie Graf - Gräflin erstere eine Person benannte, welche bei einem Grafen angestellt war, und zweitere eine Person benannte, welche durch gräf liches Verhalten oder Imitation adeliger Lebensweise auffiel. Letztlich wären für eine zweifelsfreie Zuordnung Benennungskontexte oder metasprachliche Äusserungen zur Namenvergabe wichtig; diese sind aber i. d. R. nicht vorhanden (Kohlheim 2011: 249). Die ersten drei Karten widmen sich je einem Stand in der Reihenfolge Adel, Klerus und Dritter Stand, während die vierte Karte den häufigsten Typ jeder Motivgruppe kontrastiert. 1 Solche spöttisch motivierten SpitzN belegt das RNB 3 (1986: 780) für Romanischbünden noch im 20. Jh.: «Nicht selten sind spöttische Vergleiche mit Ämtern und Würden. Der Bauer im hochgelegenen Weiler Laus hiess il Papa da Laus, sein Sohn il Cardinal da Laus; auf dem Hofe B. in P. wirtschafteten zwei Brüder, die il Uestg da B. und l’Avat da B., also ‹der Bischof und der Abt› von B., genannt wurden». 2 Zur Problematik der Zuordnung vgl. auch das RNB 3 (1986: 608-609), hier mit Bezug zum geistlichen Stand, sowie Bach (1952: 299-301) mit weiteren Beispielen. 3 Vgl. Artikel III-4.3 «Berufs(über)namen zur Landwirtschaft». 5.7 Übernamen nach Standesbezeichnungen 1035 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1036"?> Erste Karte {502}: Übernamen mit Bezug zum Adel Namenauswahl: Die erste Karte bildet alle einschlägigen ÜberN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 4 ab, die semantisch in das Wortfeld des Adels gehören. Die vier häufigsten FamN werden mit ihren Varianten zu Typen gruppiert und nach absteigender Tokenfrequenz der Namengruppen kartiert. ÜberN mit weniger als 10 Tokens werden in der Kategorie «Sonstige» zusammengefasst. Abgefragte Namen Typ Graf : Graf , Graff , Gräflein, Gräflin, Graven, Gröflin. 6 Types, 85 Tokens. Typ Küng: Koenig, Köng, König, Küng. 78 Tokens. Typ Herzog: Herzig, Herzog. 54 Tokens. Typ Kaiser: Kaiser, Kayser, Keiser. 43 Tokens. Sonstige: Edel, Edelmann, Fürst, Guntli, Halbedel, Halbritter, Junker, Prinz. 8 Types, 29 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 521: Daten zur ersten Karte {502} Detailangaben zur Namenauswahl: 5 Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Der FamN Edel gehört zum Adjektiv mhd. edel(e) ‘von gutem Geschlecht, adelig, edel’; konkurrierend kann der Name auch als Patronym zu einer Kurzform eines zweigliedrigen Ruf N wie Adalbert erklärt werden, wobei der erste Bestandteil auf dasselbe Adjektiv zurückgeht. • Der FamN Guntli ist wohl eine schweizerdeutsche Diminutivbildung zu rätorom. cunt ‘Graf ’ (Stricker 1992: 44); als konkurrierende Deutung nimmt das RNB 3 (1986: 174) ein Patronym basierend auf ahd. gund ‘Krieg’ an. • Der FamN Halbedel beruht auf fnhd. halbedel ‘von nicht vollkommen edler Geburt’ (weil ein Elternteil nicht-adelig ist). Ähnlich motiviert ist Halbritter zu mhd. halpritter ‘nicht vollkommener Ritter; Mann von schlichterAbkunft, der Ritterdienste tut oder nach Ritterart lebt’. Karte 502: ÜberN mit Bezug zum Adel, vor 1800 4 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 5 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 1036 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1037"?> • Der FamN Junker ist eine kontrahierte Form aus mhd. junc und mhd. herre und steht zuerst für einen jungen Herrn oder einen jungen (noch nicht Ritter gewordenen) Adeligen. Im Frühneuhochdeutschen wird junker nach wie vor neutral verwendet, aber «auch ironisch auf Personen niederen Standes bezogen» (e-FWB 2017 ff.: s. v. junker). • Die FamN Koenig, Köng, König zeigen Senkung gegenüber ihrem Pendant Küng (alle zu mhd. künic, künec, künc ‘König’). 6 Die Bildungstypen, die in den FamN vorkommen, sind: l-Diminutive (Gräflein, Guntli), Formen mit schwachem Genitiv (Graven) und Suffigierungen mit -mann (Edelmann). Daneben figurieren Simplizia (Graf , König). Das Lexem Herzog ist diachron ein Kompositum aus germ. *harja- ‘Heer’ und germ. *tuhan-, tugan- ‘Führer’ (EtymWB 1993a: s. v. Herzog). 7 Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass FamN mit Bezug zum Adelsstand vornehmlich im Mittelland auftreten. Dabei formen sich je nach Typ unterschiedliche Gebiete: Der Typ Küng dominiert im Berner Mittelland, im Entlebuch (LU) und im Kanton Glarus. Im Toggenburg (SG) bildet der Typ Kaiser einen Schwerpunkt. Im bernischen Oberaargau, im Fricktal (AG) sowie am Südufer des Untersees (TG) überwiegt der Typ Herzog. Der mit Abstand häufigste FamN im vorliegenden Sample ist Graf (80 Tokens), 8 der zudem mit fünf weiteren (Schreib-)Varianten ein breites Formenspektrum aufweist. Sein Vorkommen streut vom Berner Oberland über die Region Willisau (LU) bis in den Nordwesten sowie vermehrt auch in den Nordosten (ZH, SG). Wenige bis keine Vorkommen kennzeichnen die Zentralschweiz (SZ, OW, UR) sowie den Kanton Wallis, aber auch Gebiete in den Kantonen Solothurn, Aargau und Zürich haben keinen Anteil an der vorliegenden Motivgruppe. 6 Vgl. Artikel I-1.8 «Senkung von mhd. i, u, ü». 7 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe», II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen» und II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». 8 Vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 5.7 Übernamen nach Standesbezeichnungen 1037 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1038"?> Zweite Karte {503}: Übernamen mit Bezug zum Klerus Namenauswahl: Die zweite Karte gilt ÜberN aus der Schicht «vor 1800», die semantisch in das Wortfeld des Klerus gehören. Die FamN werden nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert und nach absteigender Tokenfrequenz der Namengruppen kartiert. Abgefragte Namen Typ Bischof : Bischof , Bischoff , Byschof . 33 Tokens. Typ Bapst: Babst, Bapst, Bobst, Pabst. 12 Tokens. Typ Pfäffli: Pfaff , Pfaffen, Pfäffli. 10 Tokens. Typ Abt: Abt, Abbt. 8 Tokens. Typ Münch: Mönch, Münch. 6 Tokens. Typ Pfarrer: Pfarrer. 2 Tokens. Typ Tempelmann: Tempelmann. 1 Token. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 522: Daten zur zweiten Karte {503} Detailangaben zur Namenauswahl: Die FamN Pfaff , Pfaffen, Pfäffli gehen auf das Lexem Pfaff (entlehnt aus griech. papā´ s (παπᾶς) ‘niederer Geistlicher’) zurück, das ursprünglich den Geistlichen benannte. Die Denotation war bis zur Reformation neutral, erst danach wird das Wort negativ verwendet (EtymWB 1993b: s. v. Pfaffe). Gemäss Id. 5 (1881 ff.: Sp. 1061) konnte auch eine weltliche Person so bezeichnet werden, wenn sie sich durch Bildung oder eine andere Fertigkeit auszeichnete. Der nur in der Stadt Zürich (ZH) belegte FamN Tempelmann nimmt wohl Bezug auf eine Anstellung bei einer Kirche wie dem Fraumünster oder dem Grossmünster (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 163). Konkurrierend kann eine Benennung für einen Lehensmann des Templerordens vorliegen, allenfalls ist der Name auch scherzhaft für einen Priester zu verstehen (Id. 4 1881 ff.: Sp. 281). Der Form nach handelt es sich bei den ausgewählten FamN um l- Diminutive (Pfäffli) und Suffigierungen mit -mann (Tempelmann), daneben kommen v. a. Simplizia (Bischof , Babst) vor. Der FamN Mönch zeigt Senkung gegenüber seinem Pendant Münch (zu mhd. münech ‘Mönch’). Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass FamN mit Bezug zum Klerus vorrangig in der nördlichen Deutschschweiz auftreten. Manche der Typen bilden kleinräumige Areale: Der Typ Bischof ist in verschiedenen Kantonen alteingesessen, bildet aber ein Zentrum südlich des Bodensees (AI, SG, TG). Der Typ Bapst kommt v. a. in der Stadt Freiburg (FR) und in ihrer Umgebung sowie in drei solothurnischen Gemeinden vor. Der Typ Abt findet sich einerseits in Basel-Landschaft, andererseits gehäuft im südöstlichen Teil des Kantons Aargau (Freiamt). Ob das Auftreten mit einem ehemals wichtigen Kloster (z. B. Kloster Muri im Aargau) oder einem kirchlichen Verwaltungsgebiet (e-HLS 2008: s. v. Konstanz (Fürstbistum)) in der jeweiligen Region zusammenhängt, kann ohne historische Karte 503: ÜberN mit Bezug zum Klerus, vor 1800 1038 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1039"?> Zusammenhänge nicht beantwortet werden. Für Graubünden hält das RNB 3 (1986: 641) beim FamN Bischof jedoch fest, dass ein Bezug zu Besitzungen des Bischofs von Chur möglich sei, denn «tatsächlich ist der F[am]N hauptsächlich im alten bischöf lichen Churrätien nachzuweisen». Dritte Karte {504}: Übernamen mit Bezug zum Dritten Stand Namenauswahl: Für die dritte Karte wurden jene FamN aus der Schicht «vor 1800» identifiziert, die semantisch in das Wortfeld des Dritten Standes gehören. Dabei können zwei Gruppen unterschieden werden: einerseits FamN, die auf den freien Bauern Bezug nehmen, andererseits FamN, die auf den unfreien Bauern referieren. Für die Namenauswahl wurden die Selektionskriterien eher weit gefasst; auch weniger metaphorische Fälle (s. Abschnitt «Gegenstand und Fragestellung») wurden eingeschlossen. Abgefragte Namen Typ Frei: Frei, Freimann, Frey, Freymann, Fry, Frymann. 6 Types, 238 Tokens. Typ Eigen: Eigenheer, Eigensatz. 7 Tokens. Typ Eigenmann: Eigenmann. 5 Tokens. Typ Frau: Freuler, Freyler. 6 Tokens. Typ Leibundgut: Leibundgut. 9 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 523: Daten zur dritten Karte {504} Detailangaben zur Namenauswahl: Zu den ÜberN, die auf den freien Bauern Bezug nehmen, gehören v. a. diejenigen des Typs Frei: Sie beruhen auf schwzdt. Frī ‘freier Mann,Vollfreier’, i. d. R. mit Bezug auf die rechtliche Stellung als Freibauer (Id. 1 1881 ff.: Sp. 1256; RNB 3 1986: 673). 9 Zur gesellschaftlichen Vielschichtigkeit der Freien und deren Entwicklung unter historischer Perspektive vgl. e-HLS (2015: s. v. Freie). Aufgenommen wurden auch die zwar bedeutungsähnlichen, aber im Gebrauch wohl weniger metaphorisch motivierten FamN Eigenheer und Eigensatz ‘auf eigenem Grund sitzender Mann bzw. Herr’, welche beide StandesN für den Besitzenden sind (Brechenmacher 1 1957-1963: 389). Beide genannten Namengruppen bilden semantisch einen Gegensatz zu Dienstleuten und Leibeigenen, zu denen die weiteren kartierten FamN gehören. Dies ist einmal der FamN Eigenmann, der auf mhd. eigenman ‘Dienstmann, Höriger’ zurückgeht. Auch dieser FamN ist nicht metaphorisch, sondern im eigentlichen Wortsinn zu erklären. Die FamN Freuler, Freyler nehmen Bezug auf eine spezifische Form von Abhängigkeit: Sie sind von mhd. Karte 504: ÜberN mit Bezug zum Dritten Stand, vor 1800 9 Im Rätoromanischen findet sich dieses Motiv im FamN Liver zu alträtorom. *liver ‘frei’ (RNB 3 1986: 673). 5.7 Übernamen nach Standesbezeichnungen 1039 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1040"?> vrouwe ‘Herrin, Gebieterin, besonders Jungfrau Maria’, nhd. Frau abgeleitet und benennen eine Person im Dienste oder in der Leibeigenschaft eines Frauenklosters oder einer Kirche, die der Jungfrau Maria gewidmet war. Schliesslich bezeichnet Leibundgut - gebildet aus mhd. līp ‘Leib’ und mhd. guot ‘Gut’ - denjenigen, der sich als Person an einen fremden Haushalt verdingt hat (Brechenmacher 2 1957-1963: 166). Die Bildungstypen, die in der vorliegenden Namenauswahl vorkommen, sind Suffigierungen mit -ler (Freuler) resp. -mann (Freimann), Komposita (Eigenheer) und Zusammenrückungen (Leibundgut), daneben figurieren Simplizia (Frei, Fry). Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass FamN zu schwzdt. Frī den häufigsten Typ des Samples darstellen. Sie treten verdichtet ostwärts ab einer Linie Basel-Luzern auf; als Ballungsräume können entsprechend die Nordwestschweiz und die Nordostschweiz beschrieben werden. Westlich dieser Linie (SO, BE, FR) sowie in der Zentralschweiz kommt der Namentyp ebenfalls vor, aber nicht in dieser Häufigkeit. Der FamN Eigensatz clustert im Wahlkreis Willisau (LU); daneben kommt er an 2 Ortspunkten im Aargau vor. Eigenheer erscheint lediglich in Kleinandelfingen (ZH), wo der Name zusammen mit Frei und Frey auftritt. FamN für Unfreie zeigen in der Tendenz kleinräumige Strukturen: So clustert Eigenmann im Thurgau, Freuler in Glarus (neben Basel BS und Schaffhausen SH) und Leibundgut im bernischen Oberaargau und im daran angrenzenden Emmental (BE). Vierte Karte {505}: Typ Graf, Typ Bischof und Typ Frei kontrastiv Namenauswahl: Die vierte Karte gilt dem jeweils frequentesten Typ aus den ersten drei Karten. Hier werden also die häufigsten FamN mit Bezug zum Adel (Typ Graf ), zum Klerus (Typ Bischof ) und zum Dritten Stand (Typ Frei) einander gegenübergestellt. In Ergänzung zu den Einzelkarten wird das Verbreitungsgebiet dieser drei Namentypen verglichen, um neben den räumlichen auch die quantitativen Verhältnisse offenzulegen. Abgefragte Namen Typ Graf : Graf , Graff , Gräflein, Gräflin, Graven, Gröflin. 6 Types, 85 Tokens. Typ Bischof : Bischof , Bischoff , Byschof . 33 Tokens. Typ Frei: Frei, Freimann, Frey, Freymann, Fry, Frymann. 6 Types, 238 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 15-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 524: Daten zur vierten Karte {505} Karte 505: Typ Graf, Typ Bischof und Typ Frei kontrastiv, vor 1800 1040 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1041"?> Detailangaben zur Namenauswahl: S. die Beschreibungen bei den vorhergehenden Karten. Kommentar: Die vierte Karte zeigt in Ergänzung zur dritten Karte noch einmal sehr deutlich, dass von den drei Ständebezeichnungen jene mit Bezug auf freie Bauern am häufigsten vorkommen. Der Typ Frey, Freye, Frei ist im deutschen Bundesland Baden-Württemberg ebenfalls frequent (vgl. Karte 13 im DFA 5 2016: 28) und bildet mit der Schweiz einen Namenraum im Südwesten des deutschen Sprachgebiets. In der Schweiz sind die Namen Frei und Frey hochfrequent und zählen gegenwärtig zu den 50 häufigsten FamN (BFS 2025: STATPOP 2024). 10 Dies lässt darauf schliessen, dass es zur Zeit der Familiennamenentstehung einen hohen Anteil nicht-höriger Bauern gab (Kunze 2004: 199). Man könnte argumentieren, dass ÜberN mit Bezug auf Adel und Klerus i. d. R. metaphorisch sind und diese Benennung eher gelegentlich vorkam, wohingegen in ÜberN vom Typ Frei wohl meist wörtlich gemeinte Ursprünge zum Bauerstand zu finden sind. Dies unterstreicht auch die im Abschnitt «Gegenstand und Fragestellung» angeführte Tatsache, dass der grösste Teil der Bevölkerung zum Dritten Stand zählte. Die Typen Graf und Bischof treten im Gesamtbild lediglich im Südwesten (Berner Oberland) und im Nordosten (beide Appenzell, nördliches St. Gallen sowie Thurgau) deutlich hervor. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Der jeweils häufigste FamN pro Stand ist im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Graf (12'393 Tokens) mit Bezug zum Adel, Bischof (3'227 Tokens) mit Bezug zum Klerus und Frei (13'758 Tokens) mit Bezug zum Dritten Stand. Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 5 (2016: 27-30) werden im Kapitel «Landwirtschaft» auf der Karte 13 die FamN Frey, Freye, Frye kartiert. Ferner werden im Kapitel «Biographische Merkmale» im Abschnitt «personale Beziehungen» auf den Karten 400-401 (DFA 5 2016: 1019-1027) FamN zu den Lexemen König und Kaiser dargestellt sowie weitere FamN wie Bischof , Fürst, Prinz besprochen (ohne Kartierung). Im DFA 1 (2009: 48-57) gelten die Karten 21-23 dem Tonvokal in Graf . Vgl. auch den Abschnitt zu Kaiser und König inklusive Kartierung in Nübling/ Kunze (2023: 447-448). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Bach, Adolf (1952): Deutsche Namenkunde. Bd. I, 1: Die deutschen Personennamen. Einleitung. Zur Laut- und Formenlehre, Wortfügung, -bildung und -bedeutung der deutschen Personennamen. 2., stark erweiterte Auf lage. Heidelberg: Winter. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. BFS = Bundesamt für Statistik (2025): STATPOP 2024. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz nach Sprachregion für das Jahr 2024. https: / / www.bfs.admin.ch/ asset/ de/ 36062364 (letzter Zugriff 01.09.2025). Brechenmacher, Josef K. 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Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. https: / / www. dwds.de/ wb/ etymwb/ Pfaffe (letzter Zugriff 11.11.2024). e-WSK = Kohlheim, Rosa (2022a): Übername. Wörterbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (WSK) Online. https: / / www.degruyter.com/ database/ WSK/ entry/ wsk_id70c89dfc-b5e6-4a6c-8143-01cdf6c98138/ html (letzter Zugriff 11.11.2024). e-WSK = Kohlheim, Rosa (2022b): Berufsname. Wörterbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (WSK) Online. https: / / www.degruyter.com/ database/ WSK/ entry/ wsk_id969dd2c2-0c5f-4933-9d2b-296c7a7954da/ html (letzter Zugriff 11.11.2024). familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 11.11.2024). Fleischer, Wolfgang (1964): Die deutschen Personennamen. Geschichte, Bildung und Bedeutung (Wissenschaftliche Taschenbücher 20). Berlin: Akademie. 10 Vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 5.7 Übernamen nach Standesbezeichnungen 1041 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1042"?> Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa (2011): Hammer, Stahl und Mehlhose: Berufsnamen oder Übernamen? In: Ziegler, Arne/ Windberger Heidenkummer, Erika (Hrsg.): Methoden der Namenforschung. Methodologie, Methodik und Praxis, 245-254. Berlin: Akademie. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2014): Spätmittelalterliche Regensburger Übernamen. Wortschatz und Namengebung (Germanistische Bibliothek 53). Heidelberg: Winter. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Nübling, Damaris/ Fahlbusch, Fabian/ Heuser, Rita (2015): Namen. Eine Einführung in die Onomastik (Narr Studienbücher). 2., überarbeitete und erweiterte Auf lage. Tübingen: Narr Francke Attempto. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. Entstehung, Gebrauch, Verbreitung und Bedeutung der Familiennamen. Berlin, Boston: De Gruyter. RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Schobinger, Viktor/ Egli, Alfred/ Kläui, Hans (1994): Zürcher Familiennamen. Entstehung, Verbreitung und Bedeutung der Namen alteingesessener Zürcher Familien. Zürich: Zürcher Kantonalbank. Stricker, Hans (1992): Romanische Personen- und Familiennamen im Südteil des Kantons St. Gallen, in Liechtenstein und im Vorarlberger Oberland. Werdenberger Jahrbuch. Beiträge zu Geschichte und Kultur der Gemeinden Wartau, Sevelen, Buchs, Grabs, Gams und Sennwald 5, 36-50. Simone Berchtold 1042 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1043"?> 5.8 Übernamen nach Verwandtschaft Schlagwörter: Heiratsverwandtschaft, Kernfamilie, weitere Verwandtschaft Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel widmet sich Deutschschweizer FamN, deren Lexeme gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 18.09.2024; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») zum semantischen Feld der Verwandtschaft gehören. Bei Verwandtschaft handelt es sich um ein relationales Merkmal bezogen auf die jeweiligen familialen Lebensumstände der Benannten (e-WSK 2022: s. v. Übername). Somit sind diese Namen Teil der biographisch motivierten ÜberN. 1 Zum vorliegenden Artikel zählen FamN, die einerseits auf Lexeme aus dem Wortfeld 1. der Kernfamilie (z. B. Bruder), 2. der weiteren Verwandtschaft (z. B. Eheim ‘Onkel mütterlicherseits’) und 3. der Heiratsverwandtschaft (z. B. Bräutigam) zurückgehen (Nübling et al. 2017: 168-169). Andererseits werden im Folgenden auch FamN abgebildet, deren Lexeme diesen Bereich metaphorisch besetzen wie Spross oder Stamm für einen männlichen Nachkommen, aber auch Adjektive wie Jung und Alt, die im Kontext der FamN die Vater-Sohn-Beziehung spiegeln können. Kunze (2004: 151) nimmt an, dass sich viele dieser Namen aus der vertraulichen Anrede entwickelt haben. Zu den letztgenannten bemerkt Kunze (2004: 139): «Viele Übernamen dürften urspr[ünglich] auch nur relativ gemeint gewesen sein, um z. B. einen älteren Hans von einem jüngeren Hans zu unterscheiden, wobei der Alt nicht bes. alt, der Jung nicht bes. jung zu sein brauchte». Auch wenn das Lexem und somit die Etymologie der meisten ÜberN ermittelt werden kann, so ist «die Eruierung der Motivation jedoch nur selten möglich» (Kohlheim 2011: 248). Zudem sind die zugrunde liegenden Lexeme bereits polysem, was das Aufdecken der Namenmotivation zusätzlich erschwert. Zum Wortfeld der Verwandtschaft in den schweizerdeutschen Mundarten vgl. im SDS IV (1969) die Karten 117-148; zur historischen Einbettung der Ehe und der Hochzeit s. die Ausführungen im e-HLS (2013: s. v. Ehe; 2013: s. v. Hochzeit). Die erste Karte gibt einen Überblick über das Gesamtphänomen, bevor die folgenden Karten jeweils eine Teilmenge davon unter einem bestimmten Aspekt darstellen: Die zweite Karte unterscheidet FamN nach Lexemen aus dem Wortfeld der Kernfamilie, der weiteren Verwandtschaft und der Heiratsverwandtschaft; es werden somit Verwandtschaftsgrad resp. Verwandtschaftstyp unterschieden. Die dritte Karte widmet sich jenen ÜberN, die auf den Adjektiven mhd. alt, junc und minner beruhen, während die vierte Karte FamN behandelt, die den Bereich der Verwandtschaft metaphorisch abdecken. 1 Für weitere FamN nach biographischen Merkmalen vgl. Artikel III-5.9 «Übernamen nach gesellschaftlich-biographischen Aspekten». 5.8 Übernamen nach Verwandtschaft 1043 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1044"?> Erste Karte {506}: Gesamtkarte Namenauswahl: Die erste Karte bildet alle einschlägigen ÜberN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB) 2 ab, die sich semantisch auf Verwandtschaft zurückführen lassen. Abgefragte Namen ÜberN nach Verwandtschaft, vor 1800: Alt, Bräutigam, Bruder, Bruderer, Brüderlein, Brüderli, Brüderlin, Brudermann, Buob, de Techtermann, Eheim, Eidam, Etter, Etterli, Etterlin, Freund, Gutersohn, Jung, Jungen, Jungi, Jungo, Jungsten, Keim, Keist, Keust, Kid, Kihm, Kim, Kind, Kindschi, Kyd, Kym, Maag, Minder, Minger, Münger, Naef , Naeff , Näf , Näff , Nef , Neff , Neffen, Oederlin, Oehen, Poo, Pua, Schwager, Schwestermann, Spross, Stamm, Techtermann, Tochtermann, Vetter, Vetterli. 55 Types, 260 Tokens. Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 5-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 525: Daten zur ersten Karte {506} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 In Tabelle 526 werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen einiger Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. Da bei manchen der Begriffe eine Generalisierung der Bedeutung eingetreten ist (z. B. bei Näf und Vetter), kann der Grad der Verwandtschaft nicht genauer bestimmt werden. FamN Etymologie Konkurrierende (Be-)Deutungen, Anmerkungen Buob, Poo, Pua mhd. buobe ‘Knabe, Diener’, schwzdt. (älter) ‘Sohn’; Poo, Pua zu tirolisch Bua, Pua (RNB 3 1986: 636) ‘Knecht; Bursche in dienender Stellung’ Karte 506: ÜberN nach Verwandtschaft gesamt, vor 1800 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 1044 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1045"?> FamN Etymologie Konkurrierende (Be-)Deutungen, Anmerkungen Eheim, Oehen mhd. œheim(e) ‘Mutterbruder’, ‘Schwestersohn, Neffe’, ‘Verwandter allgemein’, schwzdt. Öchi, Öhi, Ehi ‘Oheim, Onkel mütterlicherseits’ Das Lexem besitzt bereits im Mittelhochdeutschen ein breites Bedeutungsspektrum und kann zudem als vertraulich ehrende Anrede gebraucht werden. Eidam mhd. eidem ‘Schwiegersohn, Schwiegervater’, fnhd. eidam ‘angeheirateter männlicher Verwandter’ schwzdt. (älter) Äde ‘Vaterbruder’ Etter, Etterli, Etterlin, Oederlin schwzdt. (älter) Etter, Ätter ‘Oheim (Bruder des Vaters); Vetter’ mhd. ëter, schwzdt. Etter ‘Zaungef lecht; Gemeindebezirk; Torgatter’ Keim, Kihm, Kim, Kym mhd. kīm(e) ‘Keim, Spross, Sprössling’ für den Nachkommen Bezug auf Kleinheit oder Zartheit des ersten Namenträgers Keist, Keust schwzdt. Cheist ‘Keim, Zweig’, auch ‘Same von Menschen und Tieren’ für den Nachkommen Bezug auf Kleinheit oder Zartheit des ersten Namenträgers Kid, Kyd mhd. kīde, kīt ‘Schössling, Spross’, auch ‘Keim’ Bezug auf Kleinheit oder Zartheit des ersten Namenträgers Maag mhd. māc, māge ‘Blutsverwandter in der Seitenlinie’ So bereits 1247 in Zürich belegt (Baumgartner 1983: 311) Minder, Minger, Münger mhd. minner ‘kleiner an Grösse, geringer an Zahl’ Speziell im Berndeutschen - aber auch in anderen Mundarten der Deutschschweiz - bedeutet es ‘jüngerer/ jüngster Sohn’, der (vielleicht) den väterlichen Hof erbt (Sommer 1944: 48; Christen 1998: 374; e-HLS 2006: s. v. Erbrecht). Naef , Naeff , Näf , Näff , Nef , Neff , Neffen mhd. nëve, nëf ‘Neffe, Schwestersohn, Mutterbruder’, im weiteren Sinne auch ‘Verwandter allgemein’ Das Lexem hat sich teilweise zu einem allgemeinen Begriff für ‘Verwandter’ entwickelt. Vetter, Vetterli mhd. veter(e) ‘Vaterbruder, Vetter’, schwzdt. (älter) ‘Onkel’ resp. ‘männlicher Verwandter allgemein’ Das Lexem hat sich teilweise zu einem allgemeinen Begriff für ‘Verwandter’ entwickelt. Tabelle 526: Etymologien ausgewählter FamN Die Bildungstypen, die in den FamN vorkommen, sind: Bildungen mit schwachem Genitivsuffix (Neffen), Suffigierung mit patronymischem -er (Bruderer), Erweiterung mit der Endung -o (Jungo), f lektierte Adjektivformen (Jungsten), l-Diminutive (Etterli, Oederlin), Suffigierungen mit -mann (Schwestermann), syntaktische Zusammenrückung (Gutersohn), FamN mit Präposition (de Techtermann), Ableitung auf -i (Jungi) sowie Simplizia (Bruder, Kim). 4 Kommentar: Die erste Karte zeigt, dass ÜberN mit Bezug zu Verwandtschaft in grossen Teilen der Deutschschweiz auftreten und auch Streubelege in der französisch- und rätoromanischsprachigen Schweiz zu finden sind. Im Mittelland zeigt sich der Nordosten mit den Kantonen Thurgau, St. Gallen und den beiden Appenzell als Gebiet mit deutlich mehr Vorkommen als andere Regionen. Der mit Abstand häufigste FamN ist Näf , 5 der zudem mit sechs weiteren (Schreib-)Varianten ein breites Formenspektrum aufweist. Wenige bis keine Vorkommen kennzeichnen die Zentralschweiz sowie den Südwesten der Deutschschweiz (Berner Oberland, VS). 4 Vgl. die Artikel II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe», II-2.9 «Patronymische, metronymische Suffixe -mann und -er, -ler, -ner», II-2.14 «Germanisches Grundwort mit Suffix -o», II-1.2 «Flektierte Adjektivformen», II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-4.2 «Zusammenrückungen mit nominalen und adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen», II-3.6 «Familiennamen von Patriziergeschlechtern mit von und de» sowie II-2.12 «Variation Typ -er, Typ -li, Typ -i und unerweiterte Formen bei Übernamen». 5 Vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 5.8 Übernamen nach Verwandtschaft 1045 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1046"?> Zweite Karte {507}: Übernamen nach Kernfamilie, weiterer Verwandtschaft und Heiratsverwandtschaft Namenauswahl: Für die zweite Karte wurde eine Teilmenge der ersten Karte semantisch weiter differenziert und kontrastiv dargestellt: Konkret wurde unterschieden, ob der FamN auf ein Lexem aus dem Bereich 1. der Kernfamilie, 2. der weiteren Verwandtschaft oder 3. der Heiratsverwandtschaft zurückgeht. Abgefragte Namen ÜberN zur Kernfamilie: Bruder, Bruderer, Brüderlein, Brüderli, Brüderlin, Brudermann, Buob, Gutersohn, Kind, Kindschi, Poo, Pua. 12 Types, 33 Tokens. ÜberN zur weiteren Verwandtschaft: Eheim, Etter, Etterli, Etterlin, Freund, Maag, Naef , Naeff , Näf , Näff , Nef , Neff , Neffen, Oederlin, Oehen, Vetter, Vetterli. 17 Types, 148 Tokens. ÜberN zur Heiratsverwandtschaft: Bräutigam, de Techtermann, Eidam, Schwager, Schwestermann, Techtermann, Tochtermann. 7 Types, 10 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 5-60, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 527: Daten zur zweiten Karte {507} Detailangaben zur Namenauswahl: Bei der gewählten Zuordnung wird auf biologische und nicht-biologische Verwandtschaft Bezug genommen (vgl. e-HLS 2013: s. v. Verwandtschaft): Während Kernfamilie, weitere Verwandtschaft und metaphorischer Gebrauch wie Spross für die biologische Zugehörigkeit stehen, sind in der Gruppe der Heiratsverwandtschaft Lexeme enthalten, die auf nicht-biologische Verwandtschaft schliessen lassen. Zu Etymologien vgl. die Detailangaben bei der ersten Karte. Das Wortfeld der Kernfamilie wird durch folgende sechs Lexeme etabliert: Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Sohn und Tochter (Nübling et al. 2017: 168), von denen die meisten keinen Eingang in den Deutschschweizer Familiennamenbestand der Schicht «vor 1800» gefunden haben. Das Lexem Bub gehört zwar nicht zur Kernfamilie, die Bedeutung ist aber im älteren Schweizerdeutschen ebenfalls ‘Sohn’ (Id. 4 1881 ff.: Sp. 926), weshalb die darauf basierenden ÜberN Buob, Poo und Pua hier berücksichtigt werden. Ähnlich verhält es sich mit den FamN Kind und Kindschi, die auf mhd. kint zurückgehen, welches ‘Kind allgemein’, aber auch ‘Sohn, Tochter’ bedeuten kann; denkbar ist allerdings auch der Bezug auf eine junge, unerfahrene oder kindische Person. Beim Lexem Bruder ist neben dem biologischen Namenmotiv auch eine Referenz auf einen Klosterbruder oder ein Mitglied einer anderen Bruderschaft denkbar. Die weitere Verwandtschaft umfasst FamN wie Näf oder Vetter zu Lexemen, die Blutsverwandte jenseits der Kernfamilie benennen. Der FamN Freund Karte 507: ÜberN nach Verwandtschaft kontrastiv, vor 1800 1046 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1047"?> zu mhd. vriunt wird ebenfalls hier eingereiht, denn Letzteres bedeutet neben ‘Freund, Geliebter’ auch ‘Verwandter’ (Lexer 3 1872-1878: Sp. 526; Id. 1 1881 ff.: Sp. 1304). In der Gruppe der Heiratsverwandtschaft schliesslich werden FamN berücksichtigt, die in ihrem Wortmaterial auf die Schliessung der Ehe hindeuten wie Bräutigam (zu mhd. briutegome ‘Neuvermählter, Bräutigam, Mann der Braut’), Schwestermann (zu mhd. swësterman ‘Mann der Schwester’) oder Tochtermann (zu mhd. tohterman ‘Schwiegersohn’, auch ‘Stiefsohn’). Kommentar: ÜberN, die auf das Wortfeld der weiteren Verwandtschaft zurückgehen, stellen die grösste Gruppe der zweiten Karte dar. Hier ist der bereits erwähnte FamN Näf mit seinen Varianten zu nennen; er tritt in vielen Deutschschweizer Kantonen (AG, AR, GR, LU, SG, SO, SZ, TG, ZH) auf und zeigt dabei einen Schwerpunkt im Nordosten (SG, AI, AR). Nur wenige FamN gehen auf ein Lexem zur Bezeichnung der Kernfamilie zurück: Diese häufen sich ebenfalls in den nordöstlichen Kantonen St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden. Es treten in diesem Gebiet gehäuft, aber nicht exklusiv die FamN Bruderer und Buob auf. Nur in Graubünden kommen die FamN Kind (Chur) und Kindschi (Davos) vor; letzterer ist formal ein walserischer Diminutiv (SDS III 1975: Karte 149). Noch seltener ist Heiratsverwandtschaft im Familiennamenbestand der Deutschschweiz auszumachen. Im Thurgau erscheint ein Namennest mit dem FamN Schwager. Aus semantischer Perspektive kann festgehalten werden, dass in den kartierten FamN i. d. R. auf männliche Personen Bezug genommen wird (vgl. u. a. Schwager oder Tochtermann). 6 6 Zum Verhältnis von Geschlecht und FamN vgl. Abschnitt 6.3 in der I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz». 5.8 Übernamen nach Verwandtschaft 1047 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1048"?> Dritte Karte {508}: Typ Jung, Typ Minder und Typ Alt Namenauswahl: Für die dritte Karte wurden jene FamN aus der ersten Karte ausgewählt, die das Element mhd. junc ‘jung’ bzw. mhd. alt ‘alt’ enthalten. Fähndrich (2000: 211) merkt an, dass Jung häufig auftritt, «um zwei Generationen einer Familie auseinanderzuhalten». Ähnliches hält Heer (2024: 141) für urbarielle Aufzeichnungen im Kanton Bern fest: «Diese Zusätze dienen hauptsächlich der Unterscheidung zwischen zinspf lichtigen Personen mit gleichem Namen, die zur selben Familie gehören und gemeinsam an derselben Stelle im Urbar aufgeführt sind». Da der Vater und traditionell meist der älteste Sohn den gleichen Ruf N trugen, konnten sich diese Adjektive als unterscheidende BeiN verfestigen. Der Typ Minder wird hier ebenfalls aufgenommen, da er in der Schweiz den jüngsten Sohn benennt und v. a. dort entstanden sein dürfte, wo das Jüngstenerbrecht (Minorat) in Kraft war. 7 Dieses Jüngstenerbrecht galt in der Schweiz im «Weiler- und Einzelhofgebiet von der Nordostschweiz bis in die bernische Waadt» (e-HLS 2006: s. v. Erbrecht). Abgefragte Namen Typ Jung: Jung, Jungen, Jünger, Jungi, Jungo, Jungsten. 6 Types, 28 Tokens. Typ Minder: Minder, Minger, Münger. 16 Tokens. Typ Alt: Alt. 6 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 5-65, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 528: Daten zur dritten Karte {508} Detailangaben zur Namenauswahl: Etymologische Angaben finden sich bei den Detailangaben zur ersten Karte. Der Typ Jung tritt formal in der Grundform (Jung), als schwacher Genitiv (Jungen), mit der Endung -i (Jungi) und -o (Jungo) sowie in f lektierter Form (Jünger, Jungsten) auf. Die FamN zu mhd. minner zeigen gegenüber der mittelhochdeutschen Ausgangsform Dissimilation von nn > nd (Minder) sowie z. T. - die für das Berndeutsche typische - Velarisierung von nd > ng (Minger, Münger) und bei Münger zusätzliche Rundung von i > ü. 8 Karte 508: Typ Jung, Typ Minder und Typ Alt, vor 1800 7 Vgl. dazu im e-HLS (2006: s. v. Erbrecht): «Das im Einzelhofgebiet verbreitete Jüngstenerbrecht (Minorat) diente der Bewahrung einer wirtschaftlichen Hofgrösse, das v. a. im Adel und ab dem 16. Jahrhundert im Patriziat praktizierte Ältestenerbrecht (Majorat; Fideikommiss) der Herrschafts- und Vermögenserhaltung». 8 Vgl. die Artikel II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe», II-2.14 «Germanisches Grundwort mit Suffix -o», II-1.2 «Flektierte Adjektivformen», I-2.2 «Assimilationen und Dissimilationen» und I-1.6 «Rundung». 1048 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1049"?> Kommentar: FamN vom Typ Jung finden sich vornehmlich in der westlichen Deutschschweiz (BE, FR), im Kanton Luzern und im südlichen Aargau sowie vereinzelt im Nordosten. Auch der Typ Minder tritt v. a. im nördlichen Kanton Bern sowie im luzernischen Entlebuch auf. Es handelt sich dabei um Gebiete mit Einzelhofsiedlung, in denen das beschriebene Jüngstenerbrecht gilt (e-HLS 2005: s. v. Entlebuch (Vogtei, Amt)). Es ist auffallend, dass der Typ Jung gut viermal häufiger belegt ist als der FamN Alt. Dies deckt sich mit den Beobachtungen für Deutschland im DFA 5 (2016: 1002): «Da bei Gleichnamigkeit von Vater und Sohn meist der Junior, seltener (auch) der Senior als solche markiert werden (Hans (Vater) vs. Hans der Junge (Sohn)), tritt Typ Jung etwa siebenmal häufiger als Typ Alt auf». Ramseyer (unveröffentlicht) bemerkt zusätzlich zu dieser Praxis, dass die Unterscheidung alt - jung bei Frauen selten gemacht werde. Dies unterstreicht im Allgemeinen den Aspekt, dass Frauen nicht zu den Benannten gehörten (vgl. Abschnitt 6.3 in der I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz»). Vierte Karte {509}: Übernamen nach Verwandtschaft metaphorisch Namenauswahl: Ausgewählt wurden diejenigen FamN aus der ersten Karte, bei denen der Bezug zur Verwandtschaft über eine Metapher zustande kommt - so bspw. bei Stamm oder Keim, wo Lexeme aus dem botanischen Bereich als Bilder für verwandtschaftliche Zusammengehörigkeit verwendet werden. Abgefragte Namen Typ Keim: Keim, Kihm, Kim, Kym. 7 Tokens. Typ Keist: Keist, Keust. 5 Tokens. Typ Kid: Kid, Kyd. 3 Tokens. Typ Spross: Spross. 1 Token. Typ Stamm: Stamm. 5 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 529: Daten zur vierten Karte {509} Detailangaben zur Namenauswahl: Für Etymologien vgl. die Angaben zur ersten Karte. Formal treten die FamN in dieser Gruppe als Simplizia auf wie Spross zu mhd. sproz, sprozze ‘was hervorspriesst, Schössling’. Zu bedenken bleibt, dass bei denjenigen FamN, die metaphorisch von etwas Kleinem (Keim, Keist und Kid ) abgeleitet sind, auch jeweils Bedeutungskonkurrenz zu Kleinheit nicht ausgeschlossen werden kann. 9 Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass aus dieser Art der Benennung vergleichsweise wenige FamN entstanden sind, die zudem kein einheitliches Verbreitungsbild zeigen. Einzig der FamN Keist bildet ein Namennest im luzernischen Wahlkreis Willisau. Neben Spross Karte 509: ÜberN nach Verwandtschaft metaphorisch, vor 1800 9 Vgl. Artikel III-5.1 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Gesamteindruck und Haare» (erste Karte). 5.8 Übernamen nach Verwandtschaft 1049 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1050"?> (Ersigen BE) treten auch Keim (Bursinel VD), Keust (Härkingen SO) und Kid (Weesen SG) vor 1800 singulär auf. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Näf (3'817 Tokens), Etter (2'640 Tokens) und Minder (2'436 Tokens). In Bezug auf die dritte Karte sei auf den Artikel II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung» (sechste Karte) verwiesen, der zusammengesetzte FamN mit den Adjektiven gross und klein wie Grossniklaus oder Kleinjenni abbildet. Die Adjektive gross und klein können in diesen Bildungen dazu dienen, Personen mit demselben Ruf N aufgrund ihres Alters zu unterscheiden (z. B. Vater vs. Sohn). Der Aspekt des Alters kann auch in den simplizischen FamN Gross bzw. Klein zum Tragen kommen, vgl. dazu den Artikel III-5.1 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Gesamteindruck und Haare» (erste Karte). Vergleich mit benachbartem Ausland: Im DFA 5 (2016: 1000-1019) werden auf den Karten 393-399 FamN zu den Bereichen «Generationen» und «personale Beziehungen» dargestellt, darunter Jung und Alt (Karte 393), Vetter (Karte 396), Eheim und Varianten (Karte 397), Schwager (Karte 398) sowie Eidam und Varianten (Karte 399). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur Baumgartner, Xaver (1983): Namengebung im mittelalterlichen Zürich. Die alt- und mittelhochdeutschen Personennamen der Zürcher Überlieferung vom Jahr 1000 bis zum Jahr 1254 (Studia Onomastica Helvetica 1). Arbon: Historisch-Genealogischer Verlag. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Christen, Hans-Rudolf (1998): Emmentaler Geschlechter- und Wappenbuch. Münsingen, Bern: Fischer. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. e-HLS = Dubler, Anne-Marie (2013): Hochzeit. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 027286/ 2013-10-03/ (letzter Zugriff 04.07.2025). e-HLS = Dubler, Anne-Marie/ Schnyder, Bernhard (2006): Erbrecht. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ articles/ 009609/ 2006-10-23/ (letzter Zugriff 18.09.2024). e-HLS = Glauser, Fritz (2005): Entlebuch (Vogtei, Amt). Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 007510/ 2005-11-14/ (letzter Zugriff 18.09.2024). e-HLS = Head-König, Anne-Lise (2013): Ehe. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 007975/ 2013-10-03/ (letzter Zugriff 04.07.2025). e-HLS = Kälin, Urs (2013): Verwandtschaft. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 016099/ 2013-02-25/ (letzter Zugriff 18.09.2024). e-WSK = Kohlheim, Rosa (2022): Übername. Wörterbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (WSK) Online. https: / / www.degruyter.com/ database/ WSK/ entry/ wsk_id70c89dfc-b5e6-4a6c-8143-01cdf6c98138/ html (letzter Zugriff 18.09.2024). Fähndrich, Thomas (2000): Zuger Familiennamen. Entstehungsprozesse, Verfestigung, Bedeutungen (Beiträge zur Zuger Geschichte 14). Zug: Kalt- Zehnder. familiennamen.ch = Schweizerisches Idiotikon (o. J.): familiennamen.ch. Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 18.09.2024). Heer, Martina (2024): Hanns Jm grund, ein sun Lienharts vff der Flu. Historische Personennamen - Benennungsformen, Benennungsvariation und Benennungspraktiken in Berner Urbaren des 16. Jahrhunderts. Universität Zürich. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa (2011): Hammer, Stahl und Mehlhose: Berufsnamen oder Übernamen? In: Ziegler, Arne/ Windberger Heidenkummer, Erika (Hrsg.): Methoden der Namenforschung. Methodologie, Methodik und Praxis, 245-254. Berlin: Akademie. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Lexer, Matthias (1872-1878): Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. Digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/ 23. https: / / www.woerterbuchnetz.de/ Lexer (letzter Zugriff 18.09.2024). Nübling, Damaris et al. (2017): Historische Sprachwissenschaft des Deutschen. Eine Einführung in die Prinzipien des Sprachwandels (Narr Studienbücher). 5., aktualisierte Auf lage. Tübingen: Narr Francke Attempto. Ramseyer, Rudolf J. (unveröffentlicht): Vorarbeiten zu einem Personennamenbuch des Kantons Bern. Unveröffentlichte Daten. Beruhend auf Urbaren hauptsächlich aus dem 16. Jh. Staatsarchiv Bern (N R. Ramseyer 15-22). RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. SDS III = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1975): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. III: Formengeographie. Bern: Francke. SDS IV = Baumgartner, Heinrich et al. (Hrsg.) (1969): Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS). Bd. IV: Wortgeographie I: Der Mensch - Kleinwörter. Bern: Francke. 1050 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1051"?> Sommer, Hans (1944): Kleine Namenkunde. Unsere Familiennamen und Familienwappen im Spiegel der Kultur- und Sprachgeschichte. Bern: Haupt. Simone Berchtold 5.8 Übernamen nach Verwandtschaft 1051 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1052"?> 5.9 Übernamen nach gesellschaftlich-biographischen Aspekten Schlagwörter: Ansässige, Ausbildung, Kreuzzug, Pilgerreise, Religion, Zeitpunkt, Zeitraum, Zuzug Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel gilt ÜberN aus der Schicht «vor 1800», die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 30.06.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») einen Bezug zu gesellschaftlichen Aspekten aufweisen. Aufgrund der Vielfalt der FamN wird eine Aufteilung auf zwei Artikel vorgenommen, die einerseits biographische und andererseits wirtschaftliche Aspekte in den Vordergrund stellen - auch wenn diese in der namengebenden Gesellschaft oft ineinandergreifen. Im Artikel III-5.10 «Übernamen nach gesellschaftlich-wirtschaftlichen Aspekten» werden FamN mit Bezug zu Achtung und Missachtung sowie Reichtum und Armut dargestellt; weiters werden ÜberN nach Münzeinheiten sowie nach dem Stand der Witwenschaft und dem Aspekt der Erbschaft kartiert. Hier interessieren dagegen FamN, die vorrangig mit gesellschaftlich-biographischen Merkmalen in Zusammenhang stehen. 1 Solche ÜberN können zweifach motiviert sein: Sie können von dauerhaften Merkmalen wie dem Wohnort abgeleitet sein oder durch vorübergehende Umstände wie eine Ausbildung oder eine Pilgerreise angestossen worden sein (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 38). Grundsätzlich kann die konkrete Motivation ohne Belege oder metasprachliche Äusserungen zum Entstehungskontext nicht mehr eruiert werden (Kohlheim/ Kohlheim 2014: 158). Auf mögliche Motive resp. historische Eckpunkte wird bei den einzelnen Karten eingegangen. Die erste Karte behandelt ÜberN nach dem Gesichtspunkt der Ansässigkeit resp. des Zuzugs in örtliche Gemeinschaften. Der Aspekt der Ausbildung wird auf der zweiten Karte thematisiert. ÜberN nach Zeiträumen und Zeitpunkten wie Monats- oder Tagesbezeichnungen werden in der dritten Karte illustriert. Die vierte Karte geht auf FamN nach Pilgerreisen oder Kreuzzügen ein. Schliesslich bildet die fünfte Karte den FamN Jud ab, der aufgrund semantisch-lexikalischer Mehrdeutigkeit unterschiedlich beurteilt werden kann. 1 Ebenfalls Teil der Lebensgeschichte sind verwandtschaftliche Beziehungen; FamN, die diesen Bereich abdecken, werden im Artikel III-5.8 «Übernamen nach Verwandtschaft» behandelt. 1052 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1053"?> Erste Karte {510}: Übernamen für Ansässige und Zugezogene Namenauswahl: Die erste Karte gilt ÜberN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 2 die unter dem Aspekt der Ansässigkeit, des Zurückkehrens und des Zuzugs charakterisiert werden können. Die ausgewählten FamN werden nach zugrunde liegendem Lexem eingeteilt. Abgefragte Namen Typ Landmann: Lanthemann, Lanthmann. 3 Tokens. Typ Wiederkehr: Widerkehr, Wiederkehr. 18 Tokens. Typ Neukomm: Neukom, Neukomm, Nüchem. 10 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 530: Daten zur ersten Karte {510} Detailangaben zur Namenauswahl: 3 Die FamN des vorliegenden Samples umreissen semantisch den Eingesessenen und die Zugezogenen. Der Eingesessene kommt in den FamN Lanthemann, Lanthmann zum Ausdruck; diese gehen auf mhd. lantman, fnhd. landman ‘Einheimischer in seiner Eigenschaft als Rechtsbürger’, schwzdt. Landmann ‘Vollbürger’ (Id. 4 1881 ff.: Sp. 267) zurück. 4 Beim Zuzug können zwei Gruppen unterschieden werden: Einerseits jene, die wieder zurückkommen - vermutlich also Personen, die bereits ansässig waren und dann wegzogen oder berufsbedingt auf Wanderschaft 5 waren -, andererseits jene, die neu zuziehen, die also Migration durchliefen. Erstere Gruppe wird durch die FamN Widerkehr, Wiederkehr ‘der/ die Wiederkehrende’, zweitere durch Neukom, Neukomm, Nüchem ‘der/ die neu Hinzukommende’ in den Namen versprachlicht. Kommentar: Die erste Karte zeigt für die drei Typen je andere Areale: FamN zum Typ Landmann treten ausschliesslich im Kanton Karte 510: ÜberN für Ansässige und Zugezogene, vor 1800 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 4 Für die FamN Burger (‘Bewohner eines befestigen Orts’, später ‘Stadtbewohner mit allen Rechten’) und Ausburger/ Augstburger (‘ausserhalb der Stadtgrenzen wohnender Bürger’) vgl. Artikel III-3.10 «Wohnstättennamen zu Bezeichnungen für Höfe, Anwesen und Siedlungen». 5 Vgl. dazu v. a. die Mobilität der Gesellen: «Die Wanderschaft der Gesellen ist ab dem 14. Jahrhundert belegt. Sie kam der Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften entgegen und führte zur raschen Verbreitung der jeweiligen handwerksspezifischen Kenntnisse. Zur Entlastung des Arbeitsmarkts und zur Verhinderung einer strukturellen Arbeitslosigkeit wurde im 16. Jahrhundert die Wanderzeit verlängert und für obligatorisch erklärt» (e-HLS 2010: s. v. Gesellen). 5.9 Übernamen nach gesellschaftlich-biographischen Aspekten 1053 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1054"?> Freiburg auf, wo sie auch im 16. Jh. historisch bezeugt sind, vgl. etwa Bendicht und Michel Landtiman, Pitzius Landtman und Caspar Lanteman’s sun (Studerus 1926: 94). Die vorliegenden Formen Lanthemann, Lanthmann mit th-Graphie sind als Adaption ans Französische zu erklären. 6 Der FamN Wiederkehr clustert im östlichen Aargau. Alle drei Varianten des Typs Neukomm sind nördlich des Rheins in den Kantonen Zürich und Schaffhausen vertreten; weitere Streubelege finden sich in der westlichen Deutschschweiz. Zweite Karte {511}: Übernamen nach der Ausbildung Namenauswahl: Die zweite Karte bildet ÜberN aus der Schicht «vor 1800» ab, die den Aspekt der Ausbildung behandeln. Die ausgewählten FamN werden nach zugrunde liegendem Lexem eingeteilt. Abgefragte Namen Typ Tscherry: Tscherrig, Tscherry. 7 Tokens. Typ Schuler: Schouler, Schueler, Schuler, Schuoler. 39 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 531: Daten zur zweiten Karte {511} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Schulausbildung im Mittelalter war ganz auf die Ausbildung des Klerus fokussiert und wurde dementsprechend von kirchlichen Institutionen ausgerichtet (e-HLS 2012: s. v. Schulwesen). Ein Hinweis auf die Ausbildung von Mönchen dürfte in den FamN Tscherrig und Tscherry enthalten sein: Sie gehen auf piemontesisch cerica ‘Tonsur’ bzw. cérich ‘Student am Priesterseminar’ zurück, im Schweizerdeutschen sodann Tschērig ‘Kahlkopf ’ und ‘Student der Theologie’ (Id. 14 1881 ff.: Sp. 1788). Die typische Frisur - eine geschorene kreisrunde Stelle auf dem Kopf - wurde metonymisch auf die Person resp. auf den in Ausbildung befindlichen Kleriker übertragen. Die FamN Schouler, Schueler, Schuler und Schuoler gehen auf mhd. schuolære, schüelære ‘Schüler, Student’ zurück. Auch dieser Familiennamentypus ist im Kontext des historischen Schulwesens zu sehen: Durch die Entwicklung der Städte ab dem 13. Jh. entstand parallel zum kirchlichen auch ein städtisches Schulwesen, das die nötigen Fachkräfte wie Rechtskundige oder Kanzleimitarbeiter ausbildete (e-HLS 2012: s. v. Schulwesen). In Städten und grösseren Ortschaften war das Schulwesen früher entwickelt als auf dem Land. Auch war die Ausbildung der männlichen Bevölkerung vorrangig. So gibt es Schätzungen zur Alphabetisierung der Männer, aber nicht jener der Frauen: «In den ländlichen Regionen Zürichs waren um 1650 etwa 30-35 % der Männer alphabetisiert, um 1700 bereits 40 %, um 1780 schliesslich 80 %» (e-HLS 2015: s. v. Alpha- Karte 511: ÜberN nach der Ausbildung, vor 1800 6 Vgl. Artikel I-3.5 «Integration deutscher Familiennamen ins Französische». Die Form Landmann wird in der Schweiz erst im 20. Jh. durch Einbürgerung aus Deutschland und Österreich heimisch; s. auch DFD (2025: s. v. Landmann). 1054 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1055"?> betisierung). 7 Die Bildungspolitik von der Aufklärungszeit bis zur Gründung des Bundestaats 1848 mündete in einem Schulwesen, in welchem die Volksschule unter kantonaler Hoheit stand: «Um 1900 war in der ganzen Schweiz die obligatorische, unentgeltliche, unter staatlicher Leitung stehende Primarschule realisiert, die in den meisten Kantonen mit dem 6. oder 7. Altersjahr der Kinder einsetzte» (e-HLS 2012: s. v. Primarschule). In diesem Kontext ist es nachvollziehbar, dass Ausbildung ein Alleinstellungsmerkmal sein konnte, dass jener, der eine - vielleicht auch höhere - Ausbildung erhielt, sich von der restlichen Bevölkerung abhob. Das Lexem Schueler umfasst im älteren Schweizerdeutschen sowohl die Bedeutung ‘Schüler’, ‘Student’, ‘Kleriker, Mitglied einer Theologenschule’ als auch die Bedeutung ‘Schulmeister’ (Id. 8 1881 ff.: Sp. 627-633). Kommentar: Die zweite Karte zeigt insgesamt drei Verbreitungsräume neben vereinzelten Streubelegen: Der Typ Schuler konstituiert einen westlichen Raum vornehmlich im Kanton Freiburg; er bildet auch einen Raum in der Zentralschweiz, im Kanton Glarus sowie in der bündnerischen Surselva, hier in der Form Schuoler. Die FamN Tscherrig, Tscherry können mit Blick auf die Karte als typisch walliserisch eingestuft werden. Gemäss Id. 14 (1881 ff.: Sp. 1788) ist das Lexem Tschērig auch in den Gemeinden Pomatt (Italien), Bosco/ Gurin (TI) sowie im Kanton Uri verbreitet, was allesamt walserisch geprägte Gebiete sind (e-HLS 2013: s. v. Walser). Gesamthaft fällt auf, dass auf der Karte nicht das Mittelland, sondern eher zentrale und alpine Landesteile hervortreten. Allenfalls lässt sich dieses Vorkommen mit dem später einsetzenden Schulwesen in ländlichen Regionen erklären: «Generell waren die Elementarschulen in den Städten und grösseren Ortschaften früher entwickelt und besser ausgebaut als auf dem Land. Am rückständigsten erwiesen sich in dieser Hinsicht Gemeinden in der Hügel- und Bergzone mit weit verzweigten Einzelhofsiedlungen» (e-HLS 2012: s. v. Schulwesen). In solchen Gebieten war Ausbildung eher ein Alleinstellungsmerkmal als in Städten. 7 Auch Messerli (2002: 329) beobachtet für den Kanton Zürich in der zweiten Hälfte des 18. Jh. grosse Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Bezug auf die Lesefähigkeit. Zudem sei erwähnt, dass die «Schulpf licht […] im ganzen 19. Jahrhundert bei vielen Familien und Gemeinden auf Widerstand [stiess]. Sie wurde unter anderem als Normierung durch den sich entwickelnden modernen Rechtsstaat wahrgenommen. Das Schulhaus repräsentierte dessen Macht vor Ort. Ein Grund war aber auch die Kinderarbeit in Landwirtschaft und Fabriken, die von vielen Eltern als selbstverständliche Fortsetzung der Subsistenzwirtschaft angesehen wurde» (e-HLS 2012: s. v. Primarschule). 5.9 Übernamen nach gesellschaftlich-biographischen Aspekten 1055 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1056"?> Dritte Karte {512}: Übernamen nach Zeiträumen und Zeitpunkten Namenauswahl: Die dritte Karte widmet sich ÜberN aus der Schicht «vor 1800», die auf einem Lexem für einen Zeitraum oder einen (biographischen) Zeitpunkt beruhen. Dies können Lexeme sein, die Bezug auf den Jahresanfang oder auf eine Jahreszeit, auf einen Monat oder auf einen Tag nehmen. Die ausgewählten FamN werden nach der Art der zugrunde liegenden Zeiteinheiten gruppiert. Abgefragte Namen ÜberN zum Jahresanfang: Gujer, Gutjahr, Guyer. 26 Tokens. ÜberN zu einer Jahreszeit: Herbst, Sommer, Winter. 17 Tokens. ÜberN zu einem Monat: April, Genner, Horner, Jüni, Mai, May, Merz, von Jenner, von May. 9 Types, 38 Tokens. ÜberN zu einem Tag: Freitag, Freytag, Ostertag. 8 Tokens. ÜberN zu einer Tageszeit: Feierabend, Fierobe, Früh, Frühauf , Mörgeli, Späti, Spätig. 7 Types, 29 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 532: Daten zur dritten Karte {512} Detailangaben zur Namenauswahl: Die Zeitpunkte oder -abschnitte können auf verschiedene biographische Stationen eines Menschenlebens Bezug nehmen: Einerseits kann die Geburt ausschlaggebend gewesen sein, wenn Gutjahr und die daraus kontrahierten Formen Gujer, Guyer ‘Neujahrstag’, Sonntag, Freitag oder Mai als FamN auftreten; andererseits können aber auch Termine für Abgaben, Zinstermine oder Arbeitsleistungen diese Namen motiviert haben (Kunze 2004: 151). Schliesslich können bei FamN nach Tageszeiten persönliche Vorlieben hineingespielt haben. So benennen Früh, Frühauf und Mörgeli (Diminutiv zu Morgen) einen Frühaufsteher, umgekehrt wurde wohl mit Feierabend und der dialektnahen Variante Fierobe sowie Späti und Spätig jemand benannt, der die Zeit nach Arbeitsschluss oder am Abend schätzte. Die FamN Genner, von Jenner und Horner gehen jeweils auf ältere Monatsbezeichnungen zurück: auf schwzdt. (älter) Jänner ‘Januar’, das in Urkunden des 14./ 15. Jh. <Genner> geschrieben wird, und auf schwzdt. Horner, älter für ‘Februar’ (vgl. dazu auch SDS IV 1969: Karte 3). Für Jüni vermutet Ramseyer (unveröffentlicht) eine aus Junius gekürzte und durch Umlaut bewusst veränderte Form für ein im Monat Juni gefundenes Findelkind. 8 Kommentar: Die dritte Karte zeigt, dass das Motiv der Zeitpunkte und Zeitspannen verteilt über das ganze Mittelland und den Voralpenraum vorhanden ist. Mit den meisten Types und Tokens treten FamN nach Monaten in Erscheinung: Hier ist der FamN Merz mit Karte 512: ÜberN nach Zeiträumen und Zeitpunkten, vor 1800 8 Ramseyer (unveröffentlicht) bezieht sich dabei auf ein Beispiel in Bach (1953: 203), in welchem die Monatsbezeichnung Januar als FamN verwendet wurde: «In Tuttlingen in Württemberg erhielten Kinder ex illicito coitu früher vom Pfarrer den R[uf]N Januarius»; hier allerdings ohne lautliche Verfremdung. 1056 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1057"?> 18 Tokens der häufigste Name; er zeigt ein breit gestreutes Vorkommen (AG, AR, FR, LU, SG, SO, TG, ZG, ZH) mit einem Schwerpunkt im Aargau (7 Tokens). Demgegenüber treten verschiedene FamN mit geographischen Schwerpunkten auf. So beschränken sich FamN vom Typ Jahresanfang - Gujer, Gutjahr, Guyer - auf den Kanton Zürich, ebenso der FamN Mörgeli. Der FamN Sommer clustert v. a. im Emmental (BE) und der FamN Späti konzentriert sich im südlichen Teil des Kantons Solothurn. Ebenfalls räumlich begrenzt tritt der FamN Früh auf: Er formt einen Schwerpunkt in den sanktgallischen Wahlkreisen Wil und Toggenburg sowie in angrenzenden Gebieten (AR, TG). Die anderen Namentypen zeigen keine spezifischen Verbreitungsräume und treten teilweise singulär auf; so bspw. Ostertag (Luzern LU), April (Ermatingen TG) oder Spätig (Lüscherz BE). Vierte Karte {513}: Übernamen nach Pilgerreise und Kreuzzug Namenauswahl: Die vierte Karte behandelt ÜberN aus der Schicht «vor 1800», die auf die Teilnahme einer Person an einer Pilgerreise oder an einem Kreuzzug hindeuten. Die ausgewählten FamN werden nach zugrunde liegendem Lexem eingeteilt. Abgefragte Namen Typ Bilger: Bilger, Bilgerig. 4 Tokens. Typ Jerusalem: Jerusalem. 1 Token. Typ Römer: Römer. 8 Tokens. Typ Salathe: Saladin, Salathe. 5 Tokens. Typ Sarasin: Sarasin, Sarrasin. 4 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 533: Daten zur vierten Karte {513} Detailangaben zur Namenauswahl: FamN, die hier kartiert werden, können als zeitlich begrenztes Lebensereignis einer Person beschrieben werden: «Als vorübergehende/ zufällige Merkmale einer Person sind u. a. einmalige Handlungen und Tätigkeiten (z. B. eine Pilgerfahrt, eine Spielrolle) […] anzusehen» (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 42). Die Teilnahme von Personen aus dem Gebiet der heutigen Schweiz an Kreuzzügen oder an Pilgerreisen ist historisch bezeugt: «Die Kreuzzugsbewegung als Teil des religiösen Aufbruchs im Hochmittelalter erfasste seit Ende des 11. Jahrhunderts auch das Gebiet der Schweiz» (e-HLS 2007: s. v. Kreuzzüge). Teilweise wurde von der religiösen Obrigkeit zur Teilnahme aufgerufen, teilweise zogen Einzelpersonen unabhängig davon als Pilger in den Orient, um «sich dem Kampf gegen die Heiden anzuschliessen» (e-HLS 2007: s. v. Kreuzzüge). Daraus ergibt sich, dass Pilger auch als Kämpfer auftraten und es zu Überschneidungen im Kreuzzugs- und Pilgerwesen kommen konnte. Dies zeigt sich auch am Bedeutungsspektrum des mittelhochdeutschen Lexems bilgerī(n), bilgerīm ‘Pilger, Wallfahren- Karte 513: ÜberN nach Pilgerreise und Kreuzzug, vor 1800 5.9 Übernamen nach gesellschaftlich-biographischen Aspekten 1057 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1058"?> der’ und auch ‘Kreuzfahrer’, welches die Grundlage für die FamN Bilger und Bilgerig darstellt. Die restlichen FamN im Sample gehen nicht auf ein Appellativ zurück, sondern enthalten ein Toponym oder einen Ruf N. Die Typen Salathe und Sarasin sind durch ihre Vergabe im christlichen Kontext aber gleichwohl als ÜberN zu lesen und nicht als HerkunftsN oder Patronyme: • Der FamN Jerusalem basiert auf dem Namen der gleichlautenden Stadt und ist als ÜberN für einen Jerusalempilger zu deuten. • Der FamN Römer ist eine Ableitung zum Namen der Stadt Rom und kann den Rompilger, aber auch den Fernkaufmann benennen. In der Schweiz ist auch die Benennung eines Angehörigen der päpstlichen Schweizergarde in Rom denkbar, die 1506 gegründet wurde (e-HLS 2007: s. v. Schweizergarden). • Die FamN Saladin und Salathe gehen wohl auf den arabischen Ruf N Salah ad-Din zurück. Durch den gleichnamigen Sultan (12. Jh.), «der als siegreicher Gegner der Christen während der Kreuzzüge geachtet und gefürchtet war» (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 567), wurde der Name bekannt und als ÜberN wohl einem Teilnehmer an einem Kreuzzug gegeben. Alternativ könnte auch schwzdt. Salade ‘eine Art Helm oder Sturmhaube’, entlehnt aus frz. salade, namengebend gewesen sein. In diesem Sinn wären Saladin und Salathe als BerufsüberN für den Hersteller oder als ÜberN für den Träger eines solchen Helms zu werten. • Ähnlich motiviert sind die FamN Sarasin und Sarrasin für einen Kreuzfahrer oder Pilger; die beiden Schreibvarianten beruhen auf dem VolksN mhd. Sarrazīn ‘Sarazene’, auch ‘Heide’. Die Familie Sarasin in der Stadt Basel geht nachweislich auf eine aus Lothringen stammende Hugenottenfamilie zurück, die 1628 in Basel das Bürgerrecht erhielt (e-HLS 2024: s. v. Sarasin (BS)). Mit dieser Familie nicht verwandt, aber durch ähnliche Umstände veranlasst, gelangte eine Familie in den 1550er-Jahren nach Genf (e-HLS 2010: s. v. Sarasin (GE)). Kommentar: Die vierte Karte zeigt zwar, dass FamN mit Bezug auf das vorliegende Motiv selten sind; sie verweist aber auch auf einen deutlichen Schwerpunkt in den beiden Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft. Die FamN Saladin, Salathe und Sarasin clustern hier. Die anderen Namentypen zeigen keine spezifischen bzw. keine zusammenhängenden Verbreitungsräume. Fünfte Karte {514}: Spezialfall Jud Namenauswahl: Die fünfte Karte illustriert den FamN Jud in der Schicht «vor 1800». Dieser wird hier als Spezialfall bezeichnet, da die Motivation hinter dem FamN komplex resp. vielfach von jüngeren Bedeutungsentwicklungen des Lexems überlagert ist. Zu den Eckpunkten, die eine etymologische Eingrenzung vornehmen wollen, s. u. Karte 514: FamN Jud, vor 1800 1058 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1059"?> Abgefragte Namen Jud, vor 1800: 16 Tokens. Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Flächen 10-70, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: Bezirke Tabelle 534: Daten zur fünften Karte {514} Detailangaben zur Namenauswahl: Als lexikalische Grundlage des FamN Jud sind zwei Etyma möglich: zum einen das Lexem Jude, zum anderen Ruf N, die sowohl germanisch als auch hebräisch gedeutet werden können. Während die lexikalische Grundlage des Lexems Jude klar ist, ist die Namenmotivation hinter dem FamN Jud weniger eindeutig resp. teilweise durch Bedeutungsveränderungen des Lexems überlagert worden. Die Vorformen ahd. judeo und mhd. jude sind in beiden Sprachstufen die neutrale Benennung für eine Person jüdischen Glaubens (AWb 4 1952 ff.: Sp. 1833). Eine Bedeutungsverschlechterung des Lexems - wie der Bezug zu Gewinnsucht, Wucherei, schlauer Händler - ist nach Ausweis historischer Wörterbücher des Deutschen ab dem 16. Jh. auszumachen (DWb 10 1854-1961: Sp. 2353; Id. 3 1881 ff.: Sp. 11-13). Belege für den BeiN erscheinen aber bereits ab dem 13. Jh. So führt Socin (1903: 554) bspw. an: 1200 Albertus Judeus, 1284 her Berthold der Jude oder Elsin Judinen, auch diminuiert dominus Burchardus Judeli. Auffallend ist, dass hier jeweils Personen mit germanischen Ruf N urkunden. Juden hingegen führen gemäss der Belege und der Erläuterungen in Socin (1903: 561) alttestamentarische Ruf N wie David, Moses, Joseph oder Samuel. Zudem wird in den Belegen für jüdische Personen häufiger die beschreibende Nominalphrase der Jude verwendet, z. B. 1299 Jacob der jude von Murten, 1301 Ysaach Herre der jude von Friburg oder 1386 Joseph von Richenwiler der jude (Socin 1903: 561-562). Aus den genannten Eckpunkten kann abgeleitet werden, dass 1. die Bedeutung ‘Wucherer, gerissener Händler’ zu jung ist, als dass sie die Namengebung motiviert haben könnte, und dass 2. es sich bei den historisch von Socin (1903) genannten Personen nicht um Juden handelt, da sie germanische Ruf N tragen. Das teilweise angeführte Motiv, dass der Name für einen Angehörigen der jüdischen Religion (FamOs o. J.: s. v. Jud ) stehe, ist zusätzlich mit einem sozioonomastischen Argument zu relativieren: Juden trugen bis ins 18. Jh. mehrheitlich keine FamN. Die jüdische Bevölkerung war einnamig resp. nutzte ein patronymisches Benennungssystem (Kunze 2004: 169; Kohlheim/ Kohlheim 2005: 18). Socin (1903: 563) illustriert dies mit einer Liste aus der Wormser Judenurkunde von 1377, wo von 36 Personen 33 patronymisch benannt werden, zwei einnamig sind und eine Person einen BeiN nach der Herkunft trägt. Die Einführung fester FamN für Juden war politisch gesteuert und erfolgte mehrheitlich im 19. Jh. aufgrund der Emanzipationsgesetze: Was jüdische Bürger angeht, so erfolgen Erlasse zur Führung fester FamN bspw. in Österreich 1787, Frankfurt am Main 1807, Hessen- Darmstadt 1808, Baden 1809, Preußen 1812, Bayern 1813, Kurhessen 1818, Anhalt 1822, Sachsen-Weimar 1823, Württemberg 1828, Sachsen 1834. Mit Einführung der Standesämter 1874 ist die Entwicklung im Wesentlichen abgeschlossen (Nübling/ Kunze 2023: 16; vgl. zudem Kunze 2004: 62). Daher scheint die sehr allgemeine Motivik, wie sie Kohlheim/ Kohlheim (2005: 358) anführen, die Benennung sei «wohl auf Beziehungen des ersten Namensträgers zu Juden zurückzuführen», wahrscheinlicher. Allenfalls können - wie dies auch in der Literatur genannt wird (DFD 2025: s. v. Jud ) - konvertierte Juden benannt worden sein. 9 Unter diesem Aspekt wäre die Verbindung zum jüdischen Glauben zwar noch vorhanden, aber unter dem Gesichtspunkt, dass mit dem Namen an einen früheren Zustand erinnert wird. Daneben kann der FamN Jud aber auch als Patronym oder Metronym zu einem Ruf N erklärt werden (vgl. auch DFD 2025: s. v. Jud ): Er lässt sich auf Ruf N zurückführen, die auf germ. *euþa, *juþa ‘Kind, Abkömmling’ beruhen. Frühe Vorkommen zugehöriger Namenformen sind in Förstemann (1900: 981-982) belegt, und zwar sowohl männliche Namenformen (Judo oder Juto) als auch weibliche (Judda, Judida oder Judinta). Durch Nebensilbenabschwächung und Apokope kann aus Judo, Juto oder Judda die Form Jud entstanden sein. Auch Baumgartner (1983: 306-307) belegt die Form Judeman ab 1172, die - analog zu Ruf N wie Hartman(n) oder Herman(n) - aus Judo, Jude und dem Suffix -mann gebildet sein kann. Dem FamN Jud kann aber auch der hebräische Ruf N Judith (zu hebr. yehūdīt ‘Judäerin’) zugrunde liegen (Kohlheim/ Kohlheim 2013: 252). Kommentar: Die fünfte Karte weist einen deutlichen Schwerpunkt des FamN Jud am oberen Zürichseeufer (ZH) sowie im Wahlkreis See-Gaster (SG) aus, daneben treten Ortspunkte im Toggenburg (SG) sowie im Kanton Graubünden auf. Dies sind aber nicht jene Gebiete, in welchen jüdische Personen historisch fassbar werden: In Schweizer Städten wie Genf, Basel, Zürich, St. Gallen ist eine jüdische Siedlungstätigkeit ab 1150 historisch bezeugt: «Die Grösse der meisten mittelalterlichen jüdischen Gemeinden lässt sich mangels Quellen nicht bestimmen. Im Spätmittelalter sind Synagogen in Basel, Diessenhofen, Genf, Lausanne, Luzern, Murten, Schaffhausen, Solothurn und Zürich nachgewiesen, was auf ein lebendiges Gemeindeleben hindeutet» (e-HLS 2016: s. v. Judentum). Auf dem Land wird eine jüdische Bevölkerung erst ab dem 16. Jh. greifbar: «Erst im späten 16. Jahrhundert mehren sich wieder die Belege für die Präsenz von Juden in den Regionen um Basel einschliesslich des Sundgaus und um Waldshut und Zurzach» (e-HLS 2016: s. v. Judentum). Das Verbreitungsgebiet des FamN Jud spricht dafür, dass eher die Namendeutung als Patronym oder Metronym anzunehmen ist. Aufgrund der Form kann sowohl ein männlicher als auch ein weiblicher Ruf N angesetzt werden. Falls ein Metronym vorläge, liesse sich der FamN in die Reihe der etymologisch ähnlich gelagerten FamN Jutz, Jütz, Jutzeler, Jutzi einreihen. 10 Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Schuler (5'748 Tokens), Sommer (4'627 Tokens) und Wiederkehr (2'143 Tokens). In der Schicht «vor 1800» finden sich vereinzelt weitere FamN, die Bezug auf die Biographie des ersten Namenträgers nehmen. Dazu 9 Surläuly (1927: 142-143) illustriert die Entwicklung des FamN der Familie Eberler-Gruͤnenzwig von 1317 bis 1531, «nachdem die jüdische Familie zum Christentum übergetreten war, suchte sie auch äußerlich die Erinnerung an ihre Vorgeschichte zu verwischen, indem sie allmählich dem angestammten Namen entsagte und anfing, sich mit einem neuen Namen (hergenommen von der Wohnstätte) zu benennen». Offenbar hatte der Übertritt zum christlichen Glauben Auswirkungen auf die Namenvergabe, denn die Familie änderte auch die Ruf N von hebr. Matthias oder Elias zu germ. Heinrich oder Lienhart. 10 Vgl. Artikel III-1.11 «Metronyme: Gesamtdarstellung». 5.9 Übernamen nach gesellschaftlich-biographischen Aspekten 1059 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1060"?> gehört Findling (Leibstadt AG) zu mhd. vundelinc ‘Findelkind’ sowie evtl. auch Fund (Landiswil, Niederbipp BE) für ein ausgesetztes, elternloses Kind. Der Mangel nur eines Elternteils dürfte motivgebend gewesen sein beim FamN Vaterlaus (Berg am Irchel, Flaach ZH), der sich zum Adjektiv mhd. vaterlōs ‘ohne Vater’ stellt (Schobinger/ Egli/ Kläui 1994: 167). Formal konnte langes ō zu au diphthongiert werden, was bei dieser Form anzunehmen ist (familiennamen.ch o. J.: s. v. Vaterlaus). Vergleich mit benachbartem Ausland: FamN, die auf biographische Merkmale Bezug nehmen, werden im DFA 5 (2016: 978-1065) auf den Karten 383-419 dargestellt. Dabei wird eine grundlegende Unterteilung in die Bereiche «Leid, Freude» (Karten 383-392), «Generationen, personale Beziehungen» (Karten 393-401), «Jahreszeiten, Monate» (Karten 402-410) sowie «Tage, Tageszeiten» (Karten 411-419) mit jeweils weiteren Unterteilungen vorgenommen. Auch in Nübling/ Kunze (2023: 443-452) werden Namen zu biographischen Merkmalen wie Freitag, Sonntag, Abend oder Mai kartiert. Kunze (2004: 150-151) illustriert ebenfalls ÜberN nach der Lebensgeschichte. Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur AWb = Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig (1952 ff.): Althochdeutsches Wörterbuch. Digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities bereitgestellt durch die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. https: / / awb.sawleipzig.de/ AWB (letzter Zugriff 30.06.2025). Bach, Adolf (1953): Deutsche Namenkunde. Bd. I, 2: Die deutschen Personennamen. Die deutschen Personennamen in geschichtlicher, geographischer, soziologischer und psychologischer Betrachtung. 2., stark erweiterte Auflage. Heidelberg: Winter. Baumgartner, Xaver (1983): Namengebung im mittelalterlichen Zürich. 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Mannheim et al.: Dudenverlag. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2013): Duden - Lexikon der Vornamen. Herkunft, Bedeutung und Gebrauch von über 8000 Vornamen; mit den neusten Trends und Namen aus aller Welt. 6., völlig neu bearbeitete Auf lage. Mannheim, Zürich: Dudenverlag. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2014): Spätmittelalterliche Regensburger Übernamen. Wortschatz und Namengebung (Germanistische Bibliothek 53). Heidelberg: Winter. 1060 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1061"?> Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Messerli, Alfred (2002): Lesen und schreiben 1700 bis 1900. Untersuchung zur Durchsetzung der Literalität in der Schweiz (Germanistische Linguistik 229). Tübingen: Niemeyer. Nübling, Damaris/ Kunze, Konrad (2023): Kleiner deutscher Familiennamenatlas. 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Surläuly, Karl (1927): Zur Geschichte der deutschen Personennamen nach Badener Quellen des 13., 14. und 15. Jahrhunderts. Aarau: Sauerländer. Simone Berchtold 5.9 Übernamen nach gesellschaftlich-biographischen Aspekten 1061 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1062"?> 5.10 Übernamen nach gesellschaftlich-wirtschaftlichen Aspekten Schlagwörter: Achtung, Ansehen, Armut, Erbe, Erbschaft, Missachtung, Reichtum, Witwenschaft Gegenstand und Fragestellung Dieser Artikel gilt ÜberN aus der Schicht «vor 1800», die gemäss projektinterner Vorsondierung (Stand 30.06.2025; vgl. III-A «Kurzeinleitung zu Band III») einen Bezug zu gesellschaftlichen Aspekten aufweisen. Aufgrund der Vielfalt der FamN wird eine Aufteilung auf zwei Artikel vorgenommen, die einerseits biographische und andererseits wirtschaftliche Aspekte in den Vordergrund stellen - auch wenn diese in der namengebenden Gesellschaft oft ineinandergreifen. Im Artikel III-5.9 «Übernamen nach gesellschaftlich-biographischen Aspekten» werden FamN mit den Motiven Ansässigkeit und Zuzug, Ausbildung, Zeitpunkte und Zeiträume, Kreuzzug und Pilgerreise sowie der Spezialfall Jud behandelt. Im vorliegenden Artikel interessieren dagegen FamN, die sich vorrangig auf gesellschaftlichwirtschaftliche Merkmale beziehen. Darunter fallen ÜberN, die auf die Stellung einer Person innerhalb der Gesellschaft Bezug nehmen. Dieser Bezug kann bei Namen auftreten, die Achtung ausdrücken (bspw. die FamN Ehrbar oder Altherr). Es kann aber auch auf das Gegenteil, also auf Missachtung, referiert werden (bspw. FamN Bettler). Der FamN Bettler zeigt beispielhaft, dass im zugrunde liegenden Lexem die Merkmale ‘missachtet’ und ‘arm’ zusammen auftreten. Die Einstellung gegenüber Armut und Reichtum ist im christlichen Kulturkreis im Mittelalter ambivalent: Armut war einerseits stigmatisiert (vgl. FamN Bettler), aber andererseits auch eine Tugend (e-HLS 2015: s. v. Armut). Reichtum wurde in biblischen Schriften teilweise als Gottessegen, teilweise aber auch als Hindernis in der Beziehung des Menschen zu Gott gesehen (e-HLS 2011: s. v. Reichtum). Dass das Ansehen einer Person innerhalb einer Gesellschaft häufig eng mit dem Vorhandensein von Besitz und Vermögen verschränkt ist, beschreibt das RNB 3 (1986: 607) folgendermassen: Armut und Reichtum spielen als Benennungsmotive eine beträchtliche Rolle. Dies ist bedingt durch die strenge moralische Wertordnung im Bauerndorf, wo Reichtum zwar allgemein beneidet wird, aber doch gleichbedeutend ist mit gehobener sozialer Stellung. Armut dagegen war, v. a. in protestantischen Gebieten, ein Zeichen für einen Lebenswandel, der dem Herrn nicht gefällig war. Dadurch kann Reichtum mit Achtung und Armut mit Missachtung gekoppelt sein, weshalb ÜberN zu diesen Merkmalen hier eingeordnet werden. Ebenfalls als Teil der wirtschaftlichen Umstände werden Namen nach Münzen behandelt, da sie ebenfalls durch Reichtum oder Armut motiviert sein können. Auch Witwenschaft und Erbschaft werden hier berücksichtigt, da das Eintreten beider Ereignisse meist auch wirtschaftliche Veränderungen mit sich brachte. Die hier behandelten FamN weisen auf ein konstantes, also dauerhaftes Merkmal hin; bspw. durch die Benennung nach dem Reichtum oder den Bezug zur Witwenschaft (Kohlheim/ Kohlheim 2005: 38). Grundsätzlich sei festgehalten, dass bei vielen der Lexeme, die den Namen zugrunde liegen, bereits Polysemie vorherrscht und dass darum die konkrete Motivation ohne Belege nicht mehr eruiert werden kann (Kohlheim/ Kohlheim 2014: 158). So kann der FamN Haupt (zu mhd. houbet, houpt ‘Kopf ’) einerseits auf die Kopfform Bezug nehmen, andererseits aber auch auf die gesellschaftliche Stellung referieren. 1 Auf mögliche Motive resp. historische Eckpunkte wird bei den einzelnen Karten eingegangen. Die ersten beiden Karten geben einen Überblick über FamN zum Aspekt der gesellschaftlichen Achtung und Missachtung. Eng daran gekoppelt sind die Motive Armut und Reichtum, die auf der dritten Karte folgen. Indirekt auf wirtschaftliche Aspekte verweisen die FamN der vierten Karte, die auf Münzeinheiten beruhen. Die fünfte Karte dokumentiert ÜberN nach dem Lebensabschnitt der Witwenschaft, während die sechste Karte dem Thema Erben gewidmet ist. Erste Karte {515}: Übernamen nach gesellschaftlicher Achtung und Ansehen Namenauswahl: Die erste Karte umfasst ÜberN aus der Schicht «vor 1800» (Datenquelle: FNB), 2 die auf Lexeme zurückgehen, deren Bedeutungsspektrum das Merkmal ‘geachtet’ oder ‘angesehen’ enthält. 3 Die FamN sind nach zugrunde liegendem Lexem gruppiert. Abgefragte Namen Typ Edel: Edel, Edelmann. 9 Tokens. Typ Ehre: Ehrbar, Ehrmann, Ehrsam. 13 Tokens. Typ Gross: Gross, Grossen, Grossmann, von Gross. 50 Tokens. Typ Haupt: Haupt, Häuptli, Hauptlin, Hautle. 11 Tokens. Typ Herr: Alder, Altheer, Alther, Altherr, Heer, Herren, Junker, Zehren. 8 Types, 48 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 535: Daten zur ersten Karte {515} Detailangaben zur Namenauswahl: 4 Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen 1 Vgl. Artikel III-5.2 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Körperteile und Gang». 2 Das Kartenmaterial und die Geodaten stammen von swisstopo (2022a; 2022b). 3 FamN wie Graf , König, Bischof werden im Artikel III-5.7 «Übernamen nach Standesbezeichnungen» besprochen, da ihnen zumeist eine ironisch-spöttische Zuschreibung im Sinne von ‘führt sich auf wie X’ oder ein Abhängigkeitsverhältnis zugrunde liegt und nicht die Benennung effektiver Amtsinhaber zum FamN geführt hat. 4 Die etymologischen Angaben beruhen im gesamten Artikel, wo nicht anders angegeben, auf Berchtold/ Graf (i. V.) und sind als Kurzfassung zu verstehen. Für umfassendere Informationen verweisen wir auf Berchtold/ Graf (i. V.), familiennamen.ch (o. J.) sowie ggf. auf regionale Namenbücher. 1062 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1063"?> aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Typ Edel: Die FamN Edel und Edelmann enthalten das Lexem mhd. edel(e) ‘von adeligem Stand, vortreff lich’ zur Benennung für den Adeligen oder für einen Freien (im Gegensatz zu einem Hörigen); denkbar ist auch jemand mit vornehmem Verhalten oder edlem Charakter. Konkurrierend kann bei Edel auch eine Kurzform zu einem Ruf N mit dem Erstglied Adalwie in Adalbert vorliegen, welches auf demselben Adjektiv beruht. • Typ Ehre: Den FamN liegen verschiedene Bildungen mit mhd. ēre ‘Ehre, Ansehen, Ruhm, fürstliche Macht’ zugrunde, die jeweils Bezug auf die angesehene Stellung des Benannten nehmen. • Typ Gross: Die FamN stellen sich zu den Adjektiven mhd. grōz, schwzdt. gross, die neben ‘gross, dick, stark’ auch ‘angesehen, vornehm’ bedeuten können. • Typ Herr: Der Gruppe liegt das Lexem mhd. hērre, herre zugrunde, welches ein breites Bedeutungsspektrum abdecken kann: von ‘Herr allgemein’, über ‘Jesus Christus’ zu ‘Pfarrer’, ‘Heerführer’, ‘Hausherr’ und ‘Mann höheren Standes’. In den Namen Alder, Altheer, Alther, Altherr ist das Substantiv mit dem Adjektiv alt zusammengesetzt, in kontrahiertem Junker mit dem Adjektiv jung (zu mhd. junc hērre) - jeweils für einen alten/ älteren resp. jungen/ jüngeren Herrn. Während das Lexem fnhd. altherre eine durchwegs positive Bedeutung wie ‘Person mit Erfahrung und Autorität, Teil der politischen Führung’ beibehält, wird fnhd. junker neutral für ‘(meist junger) Herr adeliger Herkunft, Adeliger, Dienstherr’ gebraucht, aber «auch ironisch auf Personen niederen Standes bezogen» (e-FWB 2017 ff.: s. v. junker). Konkurrierend können bei Heer, Herren auch Kurzformen von Ruf N wie Hermann u. ä. zum FamN geführt haben. • Typ Haupt: Die FamN mit Haupt werden hier unter dem Bedeutungsaspekt ‘hervorragende Person in Gemeinde oder Staat, Mitglied der Obrigkeit’ berücksichtigt. Diese Bedeutung ist noch in nhd. Oberhaupt ‘jemand, der an der Spitze von etwas steht’ enthalten. Der FamN Hautle zeigt appenzellischen p-Schwund in der Lautfolge -pt- (APNB 1 1958: 294). Das Sample der ersten Karte umfasst formal l-Diminutive (Häuptli, Hauptlin), Suffigierungen mit -mann (Ehrmann, Grossmann), Formen mit schwachem Genitiv (Grossen, Herren), Komposita (Altherr) und Simplizia (Edel, Haupt). 5 Artikelproklise tritt im FamN Zehren (← ds Hēren ‘des Herrn’) auf. 6 Karte 515: ÜberN nach einer geachteten Stellung in der Gesellschaft, vor 1800 5 Vgl. die Artikel II-2.1 «Familiennamen mit l-Diminutiven», II-2.7 «Familiennamen auf -mann», II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe» und II-2.17 «Komposita: Gesamtdarstellung». 6 Vgl. Artikel II-3.1 «Artikelproklise». 5.10 Übernamen nach gesellschaftlich-wirtschaftlichen Aspekten 1063 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1064"?> Kommentar: Die erste Karte zeigt im Grossen und Ganzen eine Verteilung der Namen im Mittelland und (Vor-)Alpenraum, ausgenommen dem Kanton Wallis und Teilen der Zentralschweiz. Dabei wird das Bild von den vier häufigsten FamN Gross, Grossmann, Ehrsam und Altherr geprägt, die je unterschiedliche geographische Schwerpunkte aufweisen. So ist Gross im Raum Freiburg (FR) und im Seeland (BE) häufig, aber auch im Zürcher Oberland, während der FamN Grossmann am Brienzersee (BE) und um die Stadt Schwyz (SZ) einen Ballungsraum bildet. Der FamN Ehrsam tritt konzentriert in den Kantonen Solothurn, Basel-Landschaft, Aargau und Zürich auf. Mit Altherr, Alther und kontrahiertem Alder liegen FamN vor, die - bis auf ein Vorkommen in Obersaxen (GR) - ausschliesslich in der Nordostschweiz (AR, SG, ZH) figurieren. Im Vergleich mit den anderen Karten in diesem Artikel weist der Aspekt der Achtung die grösste Type- und Tokenfrequenz auf (21 Types, 131 Tokens), wobei ein Drittel der kartierten Types in der gewählten Zeitschicht nur je 1 Ortspunkt hat wie bspw. Altheer (Illighausen TG) oder Hautle (Appenzell AI). Zweite Karte {516}: Übernamen nach gesellschaftlicher Missachtung Namenauswahl: Die zweite Karte behandelt ÜberN aus der Schicht «vor 1800», die im Unterschied zur ersten Karte auf Lexeme zurückgehen, die sich durch das Merkmal ‘weniger geachtet’ auszeichnen. Es werden hier FamN aus verschiedenen Blickwinkeln kartiert: zwei semantisch definierte Gruppen (Bettler, Unfreie) und eine formal definierte (Komposita mit Halb-); aufgrund der geringen Type- und Tokenzahlen schien es aber angezeigt, alle drei Gruppen hier zusammen zu kartieren. Abgefragte Namen ÜberN für Bettler: Bettler, Bitter, Geiler, Heuscher. 8 Tokens. ÜberN für Unfreie: Eigenmann, Freuler, Freyler, Leibundgut. 20 Tokens. Typ Halb: Halbedel, Halbheer, Halbritter. 5 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 536: Daten zur zweiten Karte {516} Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben Karte 516: ÜberN nach einer weniger geachteten Stellung in der Gesellschaft, vor 1800 1064 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1065"?> sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • ÜberN für Bettler: Hier werden verschiedene FamN zusammengefasst, deren zugrunde liegende Lexeme den Bettler benennen: Bettler zu mhd. betelære, beteler ‘wer betteln geht’, Bitter zu schwzdt. (älter) Bitter ‘ein (um Almosen) Bittender’, Geiler zu schwzdt. Gīler ‘gewerbsmässiger Bettler; Gauner’ und Heuscher zu mhd. heuschen ‘fragen, fordern’, schwzdt. Heischer, Heuscher ‘Bettler’. Das Bettelwesen ist damals wie heute ein Teil des öffentlichen Lebens und hat in der Geschichte wechselnde Stellenwerte eingenommen: Während im Mittelalter das Spenden von Almosen an Bettelnde als positiv gewertet wurde, änderte sich ab dem 14. Jh. die Einstellung gegenüber dieser Gesellschaftsgruppe und sie wurden in ehrliche oder betrügerische Bettelnde eingeteilt. «Die durch die wirtschaftliche Not mobil gewordenen Armen lösten in der sesshaften Bevölkerung allgemein Angst und Ablehnung aus» (e-HLS 2008: s. v. Bettelwesen). • ÜberN für Unfreie: Hier wird eine Gruppe von FamN gebündelt, deren gemeinsamer Nenner die Unfreiheit resp. das Verdingen in fremden Haushalten oder Höfen darstellt: Eigenmann zu fnhd. eigenman ‘männlicher Leibeigener, Unfreier, Untertan’, schwzdt. Eigenmann ‘Höriger’; Freuler und Freyler als ler-Ableitungen zu mhd. vrouwe ‘Frau, Herrin (über Gesinde); Gottesmutter Maria’ für Zugehörige zu einem Frauenkloster; Leibundgut als Zusammenrückung für eine Person, die sich lebenslänglich in einem Haushalt verdingt. Gemäss Brechenmacher 2 (1957-1963: 166) hiess das Rechtsgeschäft «einen zu Leib und Gut annehmen». • Typ Halb: Die Bildungen mit Halbbeziehen sich auf den Zustand des Unvollständigen in Relation zum Erwarteten. Die zugrunde liegenden Bildungen sind bereits in historischen Varietäten resp. im Schweizerdeutschen lexikalisiert: mhd. halpritter ‘nicht vollkommener Ritter’; fnhd. halbedel ‘von nicht vollkommen edler Geburt’; schwzdt. Halbher(r) ‘wer sich zwar das Ansehen eines Herrn gibt, den Herrn spielt, aber doch zum Mittelstand gehört, Mittelding zwischen Bauer und Städter‘ (Id. 2 1881 ff.: Sp. 1531). Gemäss Bach (1953: 203) kann mit FamN vom Typ Halbwie Halfpape, Halbritter, Halbherr auch der unehelich Geborene nach dem Stande des Vaters bezeichnet worden sein. 7 Kommentar: Die zweite Karte zeigt, dass die ausgewählten FamN vornehmlich in der nördlichen Landeshälfte vorkommen. Der häufigste FamN ist Leibundgut, der mit 9 Ortspunkten einen Raum im bernischen Oberaargau sowie im unteren Emmental (BE) bildet. Der FamN Halbheer tritt ausschliesslich im Zürcher Oberland auf. Das Vorkommen in der südlichen Landeshälfte im Berner Simmental geht auf den FamN Bettler zurück. Mehr als die Hälfte der kartierten Namen (6 der 11 Types) tritt in der gewählten Zeitschicht singulär auf, so etwa Freyler (Basel BS), Geiler (Bürglen TG) und Halbritter (Boniswil AG). 7 Vgl. Artikel III-5.7 «Übernamen nach Standesbezeichnungen». 5.10 Übernamen nach gesellschaftlich-wirtschaftlichen Aspekten 1065 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1066"?> Dritte Karte {517}: Übernamen nach Armut und Reichtum Namenauswahl: Die dritte Karte rückt ÜberN aus der Schicht «vor 1800» in den Fokus, die auf die wirtschaftliche Stellung in einem allgemeinen Sinn Bezug nehmen - gemeint ist konkret der Bezug zu Armut oder Reichtum. Lexeme für Bettler, die per se als arm gelten, werden hier nicht mehr berücksichtigt, da sie bereits auf der zweiten Karte aufgenommen wurden. Die ausgewählten FamN werden semantisch nach der Bedeutung ‘arm’ oder ‘reich’ eingeteilt und kontrastiv dargestellt. Abgefragte Namen ÜberN nach Armut: Arm, Hablützel, Nievergelt, Würsten, Zahler. 18 Tokens. ÜberN nach Reichtum: Boppart, Göldi, Guldi, Reich, Reichen, Rich, Richen, Rychen, Schatz, Schatzmann. 10 Types, 35 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 537: Daten zur dritten Karte {517} Detailangaben zur Namenauswahl: Nachfolgend werden die einschlägige Deutung und ggf. die konkurrierenden (Be-)Deutungen aller kartierten Namen (in alphabetischer Reihenfolge) angegeben sowie in Einzelfällen allgemeine Informationen zu den ausgewählten FamN genannt. • Arm: zu mhd. arm mit verschiedenen Bedeutungen wie ‘mittellos; schwächlich, unansehnlich; unglücklich; erbärmlich’; konkurrierend ist auch eine Anbindung an Arm für das Körperteil möglich. 8 • Boppart: zu schwzdt. Boppart ‘reicher, stolzer Bauer oder einer, der sich so stellt’ • Göldi, Guldi: zu mhd. guldīn, spätmhd. golden ‘golden, goldfarben, schön’; konkurrierend ist auch ein BerufsüberN für einen Goldschmied denkbar. • Hablützel: Zusammenrückung aus dem Verbstamm hab ‘haben’ und dem Adjektiv lützel ‘klein; gering; armselig, ärmlich’ wohl für eine Person, die notorisch auf ihren geringen Besitz aufmerksam machte. 9 • Nievergelt: Zusammenrückung aus nie vergelten ‘nie zurückbezahlen’ für einen notorisch säumigen Schuldner, also wohl jemanden, der kaum über Geldmittel verfügte. • Reich, Reichen, Rich, Richen, Rychen: zu mhd. rīch(e) ‘vornehm, edel, mächtig, reich’; konkurrierend kann auch ein Patronym, eine Kurzform zu Vollformen wie Reichard oder Reichwald vorliegen, deren Erstglied aber wiederum auf demselben Lexem (ahd. rīch) beruht. • Schatz, Schatzmann: zu mhd. schaz ‘Geld und Gut, Reichtum, Schatz, Vermögen allgemein’ als ÜberN für einen reichen oder Karte 517: ÜberN nach der wirtschaftlichen Stellung arm und reich, vor 1800 8 Vgl. Artikel III-5.2 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Körperteile und Gang». 9 Vgl. Artikel II-4.1 «Zusammenrückungen mit verbalem Bestandteil/ Satznamen». 1066 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1067"?> sehr beliebten Menschen. Konkurrierend ist auch ein BerufsN für eine Person möglich, die mit Einschätzungen, Besteuerungen u. ä. betraut war. • Würsten: zur Superlativform von mhd., schwzdt. wirs ‘schlimmer, schlechter, niedriger, weniger’ in einer gerundeten Form 10 • Zahler: zu mhd. zaler ‘Schuldner’ für eine verschuldete Person Kommentar: Die dritte Karte lässt für die ausgewählten FamN zwei Gebiete deutlicher hervortreten: einerseits das Berner Oberland mit den FamN Reichen und Rychen, andererseits ein Gebiet im sanktgallischen Wahlkreis Toggenburg mit dem FamN Reich. Im Berner Oberland sind auch die FamN Würsten und Zahler alteingesessen, während Arm gebündelt im Emmental (BE) vorkommt. 11 Daneben bildet der FamN Hablützel ein kleines Gebiet in der Grenzregion zwischen Zürcher Unterland und Schaffhausen. Der FamN Nievergelt ist vornehmlich im Knonauer Amt (ZH) vertreten. Vierte Karte {518}: Übernamen nach Münzeinheiten Namenauswahl: Die vierte Karte gilt ÜberN aus der Schicht «vor 1800», die auf Bezeichnungen von Münzeinheiten, also früher gebräuchlichen Währungen, zurückgehen. Fleischer (1964: 153) führt verschiedene Beweggründe für die Benennung nach Münzen an: 1. Reichtum bei hohem Geldwert der Münze, 2. Armut bei niederem Geldwert der Münze, 3. Schuld in einer gewissen Höhe, 4. Summe, die jemand ausleiht, und schliesslich 5. Art oder Einheit einer Abgabe, einer Steuer. Die ausgewählten FamN werden nach zugrunde liegendem Lexem eingeteilt. Abgefragte Namen Typ Haller: Haller, Häller. 14 Tokens. Typ Hälbling: Helblig, Helbling. 10 Tokens. Typ Pfund: Pfund. 8 Tokens. Typ Schilling: Schilli, Schillig, Schilliger, Schilling. 19 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 538: Daten zur vierten Karte {518} Karte 518: ÜberN nach Münzeinheiten, vor 1800 10 Vgl. die Artikel II-1.2 «Flektierte Adjektivformen» und I-1.6 «Rundung». 11 Die Armut des Emmentals ist historisch bezeugt, aber für die Bildung der FamN nicht mehr ausschlaggebend, denn sie hat ihren Ursprung im 19. Jh. In dieser Zeit wurde das einst wirtschaftlich fortgeschrittene Emmental zur Armenregion: «Im 17. und 18. Jahrhundert waren das Emmental und sein Gewerbezentrum Langnau für ihren Wohlstand berühmt, der auf dem Export von Leinwandprodukten (Gespinst, Tuche), Käse, Holz und Pferden beruhte; das Gebiet war damals vermutlich der wirtschaftlich am weitesten entwickelte Landesteil Berns. Erst nachdem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Leinwandgewerbe infolge der Konkurrenz der Fabrikkantone untergegangen und die Alpkäserei wegen der neuen Talkäserei zusammengebrochen war, wurde - nicht zuletzt durch Jeremias Gotthelfs Werk - die Armennot des Emmentals sprichwörtlich» (e-HLS 2018: s. v. Emmental ). 5.10 Übernamen nach gesellschaftlich-wirtschaftlichen Aspekten 1067 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1068"?> Detailangaben zur Namenauswahl: Die kartierten FamN gehen auf Währungseinheiten zurück, die alle zu einem Zeitpunkt - von der Frühen Neuzeit bis ins 19. Jh. - in der Schweiz als Münzeinheiten üblich waren: 12 • Haller, Häller: zu schwzdt. Haller, Häller ‘Heller’, nach dem Ort der Erstprägung Schwäbisch Hall: «Der H[aller] (oder Heller) war ab dem SpätMA die kleinste Münzeinheit in den Münzsystemen der Schweiz» (e-HLS 2015: s. v. Haller); die Münze war bis Ende des 18. Jh. in Verwendung. Konkurrierend sind auch HerkunftsN zu SiedlungsN Hall oder WohnstättenN zu FlurN Hal(l)e(n), einer Nebenform zu Halde(n), möglich. • Helblig, Helbling: zu mhd. helblinc ‘Münzstück im halben Wert des jeweiligen Pfennigs’, schwzdt. Hälbling: «Ab dem 13. Jahrhundert wurden vermehrt Halbstücke (Obole oder später Hälblinge) des Pfennigs geprägt» (e-HLS 2010: s. v. Pfennig). • Pfund: zu schwzdt. Pfund, das zuerst eine Gewichtseinheit bezeichnete, die sich im Frühmittelalter zur Recheneinheit veränderte und «bis zur Einführung des Frankens 1850 in der Schweiz in Gebrauch» blieb (e-HLS 2010: s. v. Pfund ). • Schilli, Schillig, Schilliger, Schilling: zu schwzdt. Schilli(n)g; Schillingprägungen setzen in der Deutschschweiz im 15. Jh. ein und die Münzen spielen in der Neuzeit eine wichtige Rolle als kleine Einheit (e-HLS 2011: s. v. Schilling). Für den FamN Schilli ist formal auch eine Deutung als ÜberN zu schwzdt. (älter) Schilli ‘Schieler’ möglich. 13 Kommentar: Die vierte Karte zeigt, dass die ausgewählten FamN kaum regionale, sondern eher punktuelle Vorkommen aufweisen: Der Typ Haller dominiert zwar im Aargau und südlich anschliessend im Kanton Luzern, FamN vom Typ Hälbling kommen dann aber vereinzelt im Kanton Bern und am oberen Teil des Zürichsees vor (ZH, SZ, SG). Der FamN Pfund weist neben 4 Ortspunkten im Simmental (BE) noch weitere verstreute Belege auf. Auch der häufigste Typ Schilling zeigt ein Streubild und tritt punktuell in mehreren Deutschschweizer Gebieten (Mittelland und Zentralschweiz) in Erscheinung. 12 Auf die regionalen Unterschiede vom 14. bis zum 18. Jh. sei hier nur hingewiesen: «Die Grafen bzw. Herzöge von Savoyen, die Stadt Genf, die Fürstbischöfe von Lausanne und Sitten sowie die Fürstäbte von St. Gallen gaben Silbermünzen aus (Groschen, Taler, Dicken, Plappart), seltener auch Goldmünzen. Im 14. und 16. Jahrhundert verlieh der Fürstbischof von Chur sein Münzrecht dem Gotteshausbund. Die eidgenössischen Orte prägten ähnliche Münzwerte, zu denen allerdings noch Krone, Pistole und Batzen hinzukamen. Dieses reiche und vielfältige Münzwesen blieb bis 1798 erhalten» (e-HLS 2010: s. v. Münzen). 13 Vgl. Artikel III-5.2 «Übernamen nach körperlichen Merkmalen: Körperteile und Gang». 1068 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1069"?> Fünfte Karte {519}: Übernamen nach der Witwenschaft Namenauswahl: Die fünfte Karte illustriert ÜberN aus der Schicht «vor 1800», die auf die Witwenschaft Bezug nehmen. Der Tod des Ehepartners ist ein Lebensereignis, das - vorrangig für die Frau - in früherer Zeit auch mit tiefgreifenden sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen verbunden war. Die ausgewählten FamN werden nach Bezug auf weibliche und männliche Formen unterschieden und kontrastiv dargestellt. Abgefragte Namen Typ Witwe: Wittwa, Wittwen. 3 Tokens. Typ Witwer: Wittwer. 12 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-40, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 539: Daten zur fünften Karte {519} Detailangaben zur Namenauswahl: Durch den Tod des Ehepartners entstanden vor der Einführung der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) v. a. für Frauen teils prekäre Lebensverhältnisse. Witwen waren rechtlich gegenüber Witwern benachteiligt und aufgrund von eingeschränktem Erbrecht eher einem Armutsrisiko ausgesetzt (e-HLS 2015: s. v. Witwenschaft). Die weibliche Form geht auf ahd. wituwa, mhd. wit(e)we, witiwe, witib zurück; die männliche Form mhd. wit(e)wer ist davon mittels er-Suffix abgeleitet. Die entsprechenden ÜberN nehmen entweder Bezug auf die verwitwete Person selbst oder «auf Kinder, die von einer Witwe aufgezogen wurden» (RNB 3 1986: 638); allenfalls spielt auch die Rechtslage bezüglich Erbe in der entsprechenden Region eine Rolle. Historisch sind für Graubünden sowohl Schreibungen mit -a (1467 Hans Witwa), schwache Genitive auf -en (1430 Hein der Witwen) als auch solche mit -er am Wortende (1480 Jos Witter) bezeugt (RNB 3 1986: 638), jeweils mit einem männlichen Ruf N kombiniert. Gemäss Id. 16 (1881 ff.: Sp. 2334) ref lektiert die Form Witwe(n) eher schriftsprachlichen Gebrauch, da die Mundartform Witt-Frauw lautete. Kommentar: Die fünfte Karte weist für die männliche Form Wittwer ein Verbreitungsgebiet am Thunersee sowie nördlich anschliessend bis ins südliche Emmental (BE) aus. 14 Die weiblichen Formen sind demgegenüber nur im östlichen Graubünden zu FamN geworden. Da sich die frühen FamN fast ausschliesslich auf Männer beziehen (vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz»), ist es auffallend, dass es überhaupt weibliche Formen gibt. Die deutlich höhere Tokenzahl der männlichen Form lässt sich allenfalls (auch) Karte 519: ÜberN nach der Witwenschaft, vor 1800 14 Im historischen Material für Bern ist - sofern exzerpiert - lediglich die ältere schweizerdeutsche Form Witlig (Id. 16 1881 ff.: Sp. 2331) als FamN vorhanden: Hanß Wÿttlig oder Jo ᵉ rg Wyttling (Ramseyer unveröffentlicht). Für das Amt Aarwangen führt Ramseyer (unveröffentlicht) ein Beispiel für den gefestigten FamN neben einer Berufsbezeichnung an: Hanß Wÿttlig der seÿler. 5.10 Übernamen nach gesellschaftlich-wirtschaftlichen Aspekten 1069 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1070"?> mit den demographischen Verhältnissen erklären: «Bereits im Mittelalter gab es mehr Witwen als Witwer und in den Städten waren sie stets übervertreten» (e-HLS 2015: s. v. Witwenschaft). Insofern wäre die männliche Witwenschaft seltener und eher ein Alleinstellungsmerkmal, das zur Namengebung motivieren konnte. Ein Blick in historische Daten müsste diese Hypothese stützen. Sechste Karte {520}: Übernamen nach Erbe oder Erbschaft Namenauswahl: Die sechste Karte thematisiert ÜberN aus der Schicht «vor 1800», die unter dem Aspekt des Erbens charakterisiert werden können. Da dieser Aspekt nur in einem lexikalischen Typ vorliegt, werden die ausgewählten FamN nach ihrem morphologischen Formtyp kontrastiv dargestellt. Abgefragte Namen Erb: 20 Tokens. Erpen: 4 Tokens. Datenschicht: vor 1800 (alle Typen) Kreise 20-35, absolute Darstellung, Feinheitsgrad: historische Gemeinden Tabelle 540: Daten zur sechsten Karte {520} Detailangaben zur Namenauswahl: Die hier behandelten FamN gehen beide auf mhd. erbe ‘Nachkomme, Erbe’ zurück. Während Erb Apokope zeigt, ist Erpen eine Form mit schwachem Genitivsuffix; ältere Schreibungen sind Erpo, Erpon, Erbo, Herpos (Walliser Wappenbuch 1946: 88). Formal ist auch ein Patronym zum Ruf N Arbo, Erbo denkbar; der Ruf N beruht auf derselben etymologischen Grundlage wie Erbe. Ob hier männliche oder weibliche Erben gemeint sind, kann aus der Wortform nicht erschlossen werden. Da sich frühe FamN i. d. R. auf Männer beziehen (vgl. I-A «Einleitung zum Familiennamenatlas der Deutschschweiz»), dürften hier männliche Nachkommen gemeint sein. Zudem wurden Söhne «v. a. im ländlichen Erbrecht gegenüber Töchtern begünstigt, zum Beispiel im Sohnsvorteil oder im Erbrecht eines einzigen Sohnes» (e-HLS 2006: s. v. Erbrecht). Es sei noch angemerkt, dass Erbe kein Lexem des Wortfelds Verwandtschaft ist, 15 aber aufgrund der historischen und rechtlichen Eckpunkte bei Erbschaften i. d. R. Nachkommen bedacht wurden: «Grundregeln des mittelalterlichen Erbrechts waren die Bindung des Erbguts an das Haus und an die Blutsverwandtschaft des Erblassers, wobei Männer- und Frauengut getrennt behandelt wurden, sowie der absolute Vorrang der Nachkommen (Deszendenten) in der Erbfolge» (e-HLS 2006: s. v. Erbrecht). Kommentar: Die sechste Karte weist den FamN Erb als den nördlichen Typus und Erpen als jenen des Wallis aus. Formal passt dies zum allgemeinen Verteilungsbild der jeweiligen morphologischen Struktur: Die Form Erpen mit schwachem Genitivsuffix tritt in der Karte 520: ÜberN nach Erbe oder Erbschaft, vor 1800 15 Vgl. Artikel III-5.8 «Übernamen nach Verwandtschaft». 1070 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1071"?> Südwestschweiz auf, wo dieses Bildungsmuster häufig vertreten ist. 16 Erb kommt v. a. in der nördlichen Landeshälfte vor, von Basel-Landschaft bis St. Gallen. Ergänzungen und Vergleichsfälle Ergänzungen und Vergleichsfälle Schweiz: Die häufigsten drei der hier behandelten FamN sind im Datensatz «2020» (Schweizer Staatsbürger: innen, Datenquelle: BFS): Wittwer (4'079 Tokens), Haller (3'007 Tokens) und Herren (2'074 Tokens). Wenn man vereinzelte FamN wie Bettler, Pfund oder Zahler gemeinsam kartiert, fällt auf, dass das Berner Simmental als Namenraum hervortritt. Dieser Befund müsste noch mit einer systematischen Recherche, allenfalls auch mit Sichtung historischer Belege untermauert werden. Vergleich mit benachbartem Ausland: Kunze (2004: 139) nennt Geld und Geldwert als namengebendes Motiv und führt die FamN Schilling und Pfund an. Berücksichtigung finden auch die FamN auf -pfennig sowie die Namen Hundertmark, Hundertpfund als ÜberN für den Reichen (Kunze 2004: 146, 151). ÜberN, die auf wirtschaftliche Merkmale Bezug nehmen, werden im DFA 5 (2016: 978-1065) nicht behandelt; dort liegt der Schwerpunkt auf biographischen Merkmalen (Karten 383-419). Datenquellen BFS = Bundesamt für Statistik (2021): STATPOP 2020. Nachnamen der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz für das Jahr 2020. Datenlieferung für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». FNB = Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.) (2020): Familiennamenbuch der Schweiz. Datenlieferung aus der Online-Datenbank der 3. Auf lage von 1989 (https: / / hls-dhs-dss.ch/ famn/ ) durch das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) für die Nutzung im Rahmen des Projekts «Familiennamenatlas der Deutschschweiz. Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete». swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022a): Amtliches Ortschaftenverzeichnis mit Postleitzahl und Perimeter. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ amtliches-ortschaftenverzeichnis. swisstopo = Bundesamt für Landestopografie (2022b): swissBOUNDA- RIES3D. Administrative Einheiten und Grenzen der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein in vektorieller Form. Datenbezug in der Version 01/ 2022 von der Webseite https: / / www.swisstopo.admin.ch/ de/ landschaftsmodell-swissboundaries3d. Literatur APNB 1 = Sonderegger, Stefan (1958): Die Orts- und Flurnamen des Landes Appenzell. Grammatische Darstellung (Appenzeller Namenbuch 1). Frauenfeld: Huber. Bach, Adolf (1953): Deutsche Namenkunde. Bd. I, 2: Die deutschen Personennamen. Die deutschen Personennamen in geschichtlicher, geographischer, soziologischer und psychologischer Betrachtung. 2., stark erweiterte Auflage. Heidelberg: Winter. Berchtold, Simone/ Graf, Martin H. (i. V.): Die Familiennamen der deutschen Schweiz. Ein etymologisches Lexikon. Einschliesslich der rätoromanischen Namen nach den Vorarbeiten von Konrad Huber. Brechenmacher, Josef K. (1957-1963): Etymologisches Wörterbuch der Deutschen Familiennamen. 2 Bde. 2., von Grund auf neugearbeitete Auf lage. Limburg a. d. Lahn: Starke. DFA 5 = Kunze, Konrad/ Nübling, Damaris (Hrsg.) (2016): Deutscher Familiennamenatlas. Bd. 5: Familiennamen nach Beruf und persönlichen Merkmalen. Berlin, Boston: De Gruyter. e-FWB = Niedersächsische Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (2017 ff.): junker. Online-Version des Frühneuhochdeutschen Wörterbuches (FWB). http: / / fwb-online.de/ go/ junker.s.0m_1741127050 (letzter Zugriff 30.06.2025). e-HLS = Dubler, Anne-Marie (2018): Emmental. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). https: / / hls-dhs-dss.ch/ de/ articles/ 008495/ 2018-01-18/ (letzter Zugriff 30.06.2025). e-HLS = Dubler, Anne-Marie/ Schnyder, Bernhard (2006): Erbrecht. 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Das Portal der schweizerischen Familiennamenforschung. https: / / familiennamen.ch/ (letzter Zugriff 30.06.2025). Fleischer, Wolfgang (1964): Die deutschen Personennamen. Geschichte, Bildung und Bedeutung (Wissenschaftliche Taschenbücher 20). Berlin: Akademie. Id. = Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache (1881 ff.): Begonnen von Friedrich Staub und Ludwig Tobler, fortgesetzt unter der Leitung von Albert Bachmann, Otto Gröger u. a. Bd. 1 ff. Frauenfeld: Huber bzw. Basel: Schwabe. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2005): Duden - Familiennamen. Herkunft und Bedeutung. 2., völlig neu bearbeitete Auf lage. Mannheim et al.: Dudenverlag. Kohlheim, Rosa/ Kohlheim, Volker (2014): Spätmittelalterliche Regensburger Übernamen. Wortschatz und Namengebung (Germanistische Bibliothek 53). Heidelberg: Winter. Kunze, Konrad (2004): dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auf lage. München: dtv. Ramseyer, Rudolf J. (unveröffentlicht): Vorarbeiten zu einem Personennamenbuch des Kantons Bern. Unveröffentlichte Daten. Beruhend auf Urbaren hauptsächlich aus dem 16. Jh. Staatsarchiv Bern (N R. Ramseyer 15-22). 16 Vgl. Artikel II-1.1 «Schwache und starke Genitivsuffixe». 5.10 Übernamen nach gesellschaftlich-wirtschaftlichen Aspekten 1071 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1072"?> RNB 3 = Huber, Konrad (Hrsg.) (1986): Rätisches Namenbuch. Begründet von Robert von Planta und Andrea Schorta. Bd. 3: Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete. Teil 1: Von Rufnamen abgeleitete Familiennamen. Teil 2: Von Übernamen abgeleitete Familiennamen (Romanica Helvetica 101). Bern: Francke. Walliser Wappenbuch = Kantonsarchiv unter Mithilfe der beiden historischen Vereine des Kantons Wallis unter den Auspizien des Staatsrates (1946): Armorial Valaisan. Walliser Wappenbuch. Zürich: Orell Füssli. Simone Berchtold 1072 5 Übernamen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1073"?> Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Die nachfolgenden Register und Verzeichnisse gelten für alle drei Bände des FDS. Die Seitenzahlen 1−316 beziehen sich auf Band I «Graphie und Phonologie», die Seitenzahlen 317−622 auf Band II «Morphologie und Syntax» und die Seitenzahlen 623−1121 auf Band III «Lexik und Benennungsmotive». Familiennamenregister A à Wengen 774, 784 ab Yberg 239, 558, 562, 774, 814 Abächerli 350, 354, 558, 562, 840 Abbt 179, 1038 Abbühl 558, 562, 774, 776 Abderhalden 93, 558, 562, 774, 784 Abegg 558, 562, 774 Abegglen 558, 562, 774 Aberegg 558, 562, 774 Aberli 90, 92, 186, 350, 354, 357 Aberlin 90, 92, 186, 352, 354, 357 Abgottspon 558, 562, 746 Abplanalp 558, 562 Abrecht 90, 92 Abt 179, 1038 Accola 719, 722, 724 Achermann 213, 405, 406, 409, 902 Ackermann 213, 405, 406, 409, 902 Ackle 353, 355, 357 Acklin 352, 354, 357 Adank 90, 190, 558, 1008 Adler 179, 181, 870, 872, 874 Aeberhard 249 Aeberhardt 249 Aeberli 350, 354, 357 Aebersold 493, 804 Aebi 67, 72, 157, 186, 364, 365 Aebin 67, 186, 364, 365 Aebischer 67, 72, 428 Aebisegger 67, 244, 774 Aebli 350, 354, 357 Aeby 67, 157, 364, 365 Aecherli 67, 350, 354, 840 Aegerter 67, 428, 840 Aehrenbold 67 Aellen 67, 334, 335, 337 Aellig 67, 382, 384, 385 Aelpler 67, 440, 906 Aemisegger 67, 428, 774 Aemmer 67 Aenishänslin 67, 352, 354, 357, 510, 513, 520, 702, 704 Aeple 353, 355, 357 Aepli 350, 354, 357 Aeppli 350, 354, 357 Aerne 60, 67, 364, 365, 666, 671 Aerni 56, 60, 67, 157, 364, 365, 666, 671 Aerny 60, 67, 157, 302, 364, 365, 666, 671 Aerschmann 302 Aeschbach 67, 238, 493, 793, 810 Aeschbacher 67, 238, 793, 810 Aeschi 67, 364, 365, 810 Aeschimann 67, 405, 406, 408, 810 Aeschlimann 67, 72, 405, 406, 408, 414, 416, 810 Aeschmann 67, 405, 406, 408, 810, 840 Affeltranger 744 Affentranger 428 Affolter 492, 813 Agenstein 826 Aggeler 178, 418, 422, 719, 722, 724 Agner 418, 422, 719, 722, 724, 734 Agten 334, 335, 337, 719, 722, 724 Ahl 1030, 1032 Ahorn 191, 810 Akermann 213, 405, 406, 409, 902 Akert 179, 464 Aklin 352, 354, 357 Albert 464 Albietz 482, 485, 503, 513, 932, 935 Albisser 438, 485, 503, 513, 932, 935 Albrecht 90, 92 Alchenberger 239 Alder 179, 506, 513, 1062 Alemann 764, 768 Aletz 374, 719, 722, 724 Alge 758, 760 Alig 382, 384, 385 Alioth 255 Alispach 238, 793 Allaman 764, 768 Allamand 764, 768 Allamann 764, 768 Allemand 764, 768 Allemann 764, 768 Allenbach 238, 492, 793 Allenspach 238, 244, 492, 793 Allgäuer 109, 758, 760 Allgöwer 109, 758, 760 Allimann 764, 768 Almer 842 Alpstäg 863 Alt 401, 1044, 1048 Altenbach 238, 793 Altenberger 239, 744 Altermath 302 Althaus 126, 131, 852 Altheer 162, 166, 179, 506, 513, 1062 Alther 166, 179, 506, 513, 1062 Altherr 166, 179, 506, 513, 1062 Altmann 405, 406 Altorfer 207, 241, 244, 428, 754 Altwegg 493, 862 am Rhyn 559, 560, 774, 784 Amacher 213, 559, 560, 840 Amacker 213, 559, 560, 840 Ambauen 559, 560 Amberg 239, 559, 560, 774, 776 Ambiel 75, 79, 80, 559, 560, 774, 776 Ambord 559, 560, 774, 784 Ambort 559, 560, 774, 784 Ambrosius 542, 545 Ambuel 268 Ambühl 80, 559, 560, 774, 776 Amgarten 559, 560, 846 Amgwerd 179, 559, 560, 802 Amherd 559, 560, 828 Amhof 559, 560, 880 Amlehn 559, 560, 883 Amman 195, 405, 406, 409, 949 Ammann 405, 406, 409, 949, 958 Ammon 195, 405, 406, 409, 949 Amoos 163, 496, 559, 560, 804, 807 Amos 496, 559, 560, 804, 807 Amport 559, 560, 774, 784 Amrein 559, 560, 562, 774, 784 Amrhein 559, 560, 774, 784 Amschwand 559, 560, 832, 833 Amsler 915, 916 Amstad 559, 560, 808 Amstalden 559, 560, 774, 784 Amstein 559, 560, 826 Amstutz 496, 559, 560, 562, 774, 784 Amweg 559, 560, 862 Andenmatten 559, 560, 843 Anderau 559, 560, 802 Anderauer 559, 560, 802 Anderegg 559, 560, 562, 774 Andereggen 559, 560, 774 Anderes 466 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1074"?> Anderfuhren 559, 560, 774 Anderhalden 93, 559, 560, 774, 784 Anderhirsern 559, 560, 848 Anderhub 559, 560, 883 Andermatt 559, 560, 843 Anderrüthi 136, 140, 559, 560, 830, 833 Anderrüti 136, 140, 559, 560, 830, 833 Anders 466 Anderwert 464 Andrae 548 Andres 466 Andri 157 Andrist 462, 466, 468 Andry 157 Anex-dit-Chenaud 613 Angehrn 559, 774 Angliker 383, 384, 385, 752 Angst 179, 1005 Angstmann 179, 405, 406, 410, 1005 Anhorn 191, 810 Anken 892 Anker 870, 872 Ankli 186, 350, 354, 892 Anklin 186, 352, 354, 892 Anliker 383, 384, 385, 752 Anna 719, 722, 723, 724, 731 Annaheim 512, 513, 719, 722, 723, 724, 731 Annasohn 510, 513, 719, 722, 723, 724, 731 Anneler 178, 418, 422, 719, 722, 723, 724, 731 Annen 334, 335, 337, 719, 722, 723, 724, 731 Anner 418, 422, 719, 722, 723, 724, 731 Anrig 285, 297 Ans 703, 706 Anspach 238, 793 Antenen 334, 335, 337 Antener 178, 418, 421 Anthamatten 559, 843 Anthenien 74, 76, 80, 334, 335, 337 Anthonien 334, 337 Appert 464 Appius 542, 545 April 1056 Arbenz 758, 760 Arbez dit Arbel 613 Aregger 166, 428 Arm 401, 987, 1066 Armbruster 438 Arnet 677 Arni 56, 60, 364, 365, 666, 671 Arnitz 334, 335 Arnold 661, 672, 677, 680 Arregger 166 Artho 275, 277 Arzethauser 126, 131, 852 Aschmann 405, 406, 409 Aschwanden 559, 832, 833 Asper 810 Ast 976 Athenon soit Attenon 618 Attenhofer 758, 760 Attiger 188, 744 Attinger 188, 383, 384, 385, 744, 752 Atz 374 Atzenweiler 114, 119, 755 Atzenwiler 113, 119, 755 Atzinger 842 Atzli 350, 354, 357, 376 Auchli 350, 354, 892 Auer 802 Auf der Maur 126, 131, 558, 562, 859 Aufdenblatten 558, 562, 774 Aufdereggen 558, 562, 774 Aufdermauer 126, 131, 181, 558, 562, 859 Aufdermaur 126, 131, 558, 562, 859 Augsburger 884 Augstburger 884 Aus der Au 558, 802 Ausderau 558, 802 B Baader 162, 438, 946 Bäbler 418, 421 Babst 90, 91, 179, 181, 230, 1038 Bach 493, 793 Bacher 56, 61, 428, 432, 793 Bächer 56, 61, 793 Bächinger 758, 760, 762 Bächle 353, 355 Bächler 68, 70, 72, 430, 432 Bächli 186, 350, 354 Bächlin 186, 352, 354 Bachmann 405, 406, 408, 411, 793, 800 Bachofen 856, 880 Bachofer 438, 444, 856, 880 Bachofner 442, 444, 856, 880 Bächtiger 42, 428 Bader 56, 61, 438, 946 Bäder 68, 72, 682, 686 Badraun 683 Badrutt 230, 683 Baechler 68, 70, 72, 430, 432 Baeder 68, 72, 682, 686 Baehler 418, 422, 719, 722, 723, 724, 730 Baer 454, 870, 872, 1025, 1032 Baeriswyl 113, 114, 119, 492, 755 Baggenstos 506, 513, 1016 Baggenstoss 506, 513, 1016 Bäggli 350, 354, 358, 986 Bähler 418, 422, 719, 722, 723, 724, 726, 730, 736 Bahnmüller 508, 513, 524, 899 Baier 107, 156, 230, 769 Baldenweg 609 Balderer 758, 760, 762 Baldesberger 239 Baldinger 428 Balett 292, 297 Balimann 405, 406 Ballaman 302 Ballauf 126, 130 Ballenegger 774 Bälliger 383, 384, 385, 752 Ballmann 418, 420 Ballmer 468 Ballmert 468 Balmer 428, 468 Balsiger 428 Baltensberger 272 Baltensperger 240, 272, 428, 744 Baltensweiler 114, 119, 744, 755 Baltisberger 239 Baltischweiler 114, 119, 755 Balz 374 Balzli 350, 354, 357, 376 Bamberger 239, 758, 760, 762 Bamert 195, 464, 482, 949 Bammatter 843 Bammert 195, 464, 482, 949 Bandli 186, 364, 365 Bandlin 186, 364, 365 Bangerter 428, 846 Banholzer 208, 816 Bannholzer 208, 816 Bänninger 383, 384, 385, 428, 744, 752 Bannwart 482, 949 Bansi 312 Bänteli 364, 365 Bantli 230, 364, 365 Banz 374 Bänz 42, 47, 374 Banzer 923 Bänziger 42, 428 Bapst 90, 91, 179, 181, 230, 1038 Bär 454, 870, 872, 1025, 1032 Barben 334, 335, 337, 719, 722, 724 Barbisch 285, 291, 297, 1026, 1032 Bärenbold 509, 513 Bärenfaller 428 Barfuss 56, 506, 513, 988 Bärfuss 56, 506, 513, 988 Bargetzi 288, 292, 296, 297 Bäriswyl 113, 114, 119, 492, 755 Barmet 195, 482, 949 Bärni 42, 47, 157 Bärny 157 Bärri 272 Bart 259 Barth 255, 259 Barthlome 258 Bartholdi 548 Bartlome 258 Bärtsch 42, 47, 375 Bärtschi 42, 47, 377 Bärtschiger 744 Bäschlin 352, 354, 357 Baschon 282 Baschong 275, 278, 280 Baschung 275, 278, 280, 282 Basler 179, 428, 743 Batschelet 275, 280 Bätschi 364, 365, 377 Bätschmann 42, 47, 378, 415, 418, 420 Bättig 396, 400, 401 Batzig 396, 400 Batzli 350, 354 Baudenbacher 238, 758, 760, 762, 793 Bauder 1002 Bauer 126, 128, 179, 181, 230, 482, 485, 902 Bauert 464, 482, 949 Bauhofer 126, 132, 503, 513, 880 Bauk 482, 1011 Bauler 418, 421 Baumann 126, 128, 132, 133, 405, 406, 409, 411, 902 Baumberger 108, 239, 428 Baumeler 178, 430, 432, 821 Baumer 108, 432, 821 Baumer Büel 149, 515, 774 Baumgart 493, 846 Baumgartner 56, 61, 62, 428, 846, 848 Baumgärtner 56, 61, 428, 846 Bäumler 109, 821 Baumli 56, 59, 350, 354, 821 Bäumli 56, 59, 109, 186, 350, 354, 821 Bäumlin 59, 109, 186, 352, 354, 821 Baur 126, 128, 179, 230, 482, 485, 902 Bäurle 353, 355, 358, 902 Bäurlin 352, 354, 358, 902 Bayer 107, 156, 230, 769 Bazzi 312 Bearth 255 Becher 940 Bechler 70, 430, 432 Béchon 282 Bechtiger 42 Beck 50, 52, 482, 485, 499, 522, 896 Becker 50, 438, 485, 522, 896 Beder 56, 61, 438, 946 Beeler 162, 418, 422, 719, 722, 723, 724, 726, 730, 736 Beeli 162 Beer 162, 454, 870, 872, 1025, 1032 Beeri 162, 454, 1025, 1032 Beerle 162, 353, 355, 358, 454, 1025, 1032 Beerli 162, 350, 354, 358, 454, 1025, 1032 Beerstecher 162, 438, 503, 513, 906 Beetschen 162, 334, 335, 337, 682, 685, 688 Begert 464 Beier 230, 769 Bek 50, 482, 485, 522, 896 Bekk 50, 482, 485, 522, 896 1074 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1075"?> Belart 275 Beldi 364, 365 Belinger 382, 384, 385 Beljean 702 Bellmond 877 Bellmont 877 Bellwald 816 Bellwalder 746, 816 Belperroud 682, 688 Belz 50, 179 Bendel 928 Bendele 178, 353, 355 Bender 97, 438, 485, 940 Benguerel dit Jacot 613 Benguerel-dit-Jacot 613 Benguerel-dit-Perroud 613 Benker 434, 466, 744 Benkert 434, 462, 464, 466, 744 Benninger 744 Benoit-dit-Roulier 613 Bensegger 774 Benteli 364, 365 Benz 42, 47, 374 Benziger 42, 188 Benzinger 188 Bercantal-dit-Birchenthal 613 Berchenmeier 104, 508, 513, 523 Bercher 418, 421 Berchten 334, 335, 337 Bereuter 758, 760 Bergdorf 207, 241, 754 Bergen 774, 776 Berger 428, 774, 776, 789 Bergmann 405, 406, 408, 774, 776 Bergundthal 609 Beriger 188 Beringer 188 Berli 350, 354, 358, 454, 1025, 1032 Berlinger 428 Bernard 249 Bernath 255 Berner 743 Bernert 468 Bernhard 249 Bernhardsgrütter 140, 830, 833 Bernhardt 249 Bernhart 249 Bernhauser 126, 131, 758, 760, 762 Bernheim 758, 760, 762 Berni 42, 47 Berri 157, 272 Berry 157 Berthel 356 Berthoud dit Gallon 613 Berthoud-dit-Gallon 613 Bertsch 42, 47, 375 Bertsche 377 Bertschi 42, 47, 157, 186, 364, 365, 377 Bertschin 186, 364, 365, 377 Bertschinger 383, 384, 385, 428, 744, 752 Bertschmann 378, 415, 418, 420 Bertschy 157, 364, 365 Berweger 862 Berwert 464 Berz 374 Besmer 179, 438 Besserer 438, 949 Betsch 375 Betschen 334, 335, 337, 682, 685, 688 Betschmann 42, 47, 378, 415, 418, 420 Betschon 275, 278, 280, 282 Bettenmann 405, 406, 408, 840 Betticher 74, 76, 80, 438, 940 Bettler 1064, 1071 Bettschen 334, 335, 337, 682, 685, 688 Beugger 466, 966, 969, 1016 Beuggert 462, 464, 466, 966, 969 Beurer 854 Beusch 814 Beuter 438 Beutler 94, 136, 138, 438, 932, 933 Beutter 438 Beyeler 178, 440, 913 Bezzola 312, 314 Bhend 179 Biber 870, 872, 1026, 1032 Biberstein 492, 877 Bickel 230 Bicker 974 Bider 466 Biderbost 342, 343, 996 Bieber 870, 872, 1026, 1032 Biechler 75, 79, 80, 174, 179, 221, 774, 776 Bieder 466, 996 Biedermann 405, 406, 410, 996 Biedert 462, 464, 466, 996 Biegger 1016 Bieglin 75, 79, 80, 352, 354, 358, 976 Biehly 302 Biel 75, 79, 80, 774, 776 Bielander 774 Bieler 75, 79, 80, 774, 776 Bieli 774, 776 Bielmann 405, 406, 408, 774, 776 Bienz 374 Bieri 230, 234, 364, 365, 370, 661, 682, 685, 688, 690, 716 Bietenholz 208, 744, 816 Bigard dit Picard 613 Bigger 974 Bigler 428 Bilang 196, 198 Bilger 1057 Bilgerig 1057 Billig 188 Billing 188 Billwiller 113, 114, 119, 755 Bind 483, 485, 940 Binder 438, 485, 940 Bindschädler 42, 44, 438, 503, 513, 940 Bindschedler 42, 44, 438, 503, 513, 940 Bindt 483, 485, 940 Biner 74, 77, 80, 840 Bingesser 424, 974 Binggeli 178, 350, 354, 358, 974 Bingisser 424, 974 Binkert 913 Binner 74, 77, 80, 840 Binz 805 Binzegger 744 Bippus 542, 545 Birbaum 493, 813, 870, 872 Bircher 86, 213, 428, 432, 810 Birchler 213, 430, 432, 810 Birchmeier 104, 213, 508, 513, 523 Birenstihl 506, 513, 976 Biri 157, 166, 364, 365, 682, 685, 688 Birkhofer 810, 880 Birmann 405, 409, 910 Birnstiel 506, 513, 976 Birrer 428, 810 Birri 166, 364, 365, 682, 685, 688 Birrwyler 113, 114, 119, 755 Biry 157, 166, 364, 365, 682, 685, 688 Bisang 275, 278 Bischof 1038, 1040, 1041 Bischofberger 239, 428 Bischoff 1038, 1040 Biser 989 Bisi dit Bigy 613 Bisig 382, 384, 385 Bislin 352, 354, 1011 Bissegger 428 Bissig 396, 400, 401, 1016 Bittel 74, 77, 80, 487, 952 Bitter 401, 1064 Bitterli 186 Bitterlin 186 Bitzius 542, 545 Biveroni 312, 748 Bivetti 312 Bivrun 748 Blank 979 Blarer 1008, 1020 Blaser 90, 966, 967, 971, 1012, 1013 Blasimann 418, 420 Blass 979 Blatt 774 Blatter 774 Blatti 774 Blattmann 405, 406, 408, 774 Blattmer 774 Blattner 774 Blatty 302 Blau 401, 979 Blauenstein 56, 877 Bläuenstein 56, 877 Bläuer 136, 138, 438, 444, 928, 930 Bleichenbacher 238, 793 Bleichmann 405, 406, 411, 864 Bleiker 213, 864 Bleisch 230, 292, 297 Blessing 382, 384, 385 Bleuel 136, 139, 928, 930 Bleuer 136, 138, 438, 444, 928, 930 Bleuler 136, 138, 440, 444, 928, 930 Blickensdorfer 272 Blickenstorfer 207, 241, 272, 428, 754 Bliggensdorfer 207, 241, 754 Bliggenstorfer 207, 241, 754 Blikisdorf 207, 241, 754 Blindenbacher 238, 793 Bloch 976 Blöchliger 188 Blöchlinger 188 Bloesch 302 Blösch 981, 1002 Blum 147, 148, 870, 872 Blumenauer 147, 148 Blumenstein 147, 148, 877 Blumenthal 147, 148, 492, 877 Blumer 147, 148 Blümli 350, 354, 358 Blunschi 456, 976 Bluntschli 350, 354, 358, 456, 976 Bobst 90, 91, 179, 181, 230, 1038 Bock 454, 870, 872, 1026, 1032 Bockhorn 870, 872 Böckli 186, 350, 354, 358, 454, 870, 872, 1026, 1032 Böcklin 186, 352, 354, 358, 454, 870, 872, 1026, 1032 Boden 774, 783 Bodenmann 405, 406, 408, 774, 783 Boder 774, 783 Bodmer 774, 783 Böesch 818 Boeschenstein 826 Bögli 186, 350, 354, 774 Böglin 186, 352, 354, 774 Bohl 165, 168, 774, 776 Böhlen 334, 335, 337 Bohler 56, 61, 168, 428, 774, 776 Böhler 56, 61, 428, 774, 776 Bohlhalder 168, 774, 784 Bohlhalter 168, 774, 784 Bohli 168, 230, 364, 365 Böhm soit Boehm 618 Bohnenblust 506, 513 Bohner 438, 910 Bohni 56, 60 Böhni 56, 60, 974 Bohny 56, 60 Böhny 56, 60, 974 Bohrer 166, 438 Boler 774, 776 Boll 56, 168, 493, 774, 776 Böll 56, 774, 776 Böllenrücher 506, 513, 1011 Boller 56, 61, 168, 428, 774, 776 Familiennamenregister 1075 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1076"?> Böller 56, 61, 774, 776 Bolleter 418, 421 Bollhalder 168, 774, 784 Bolli 168, 186, 364, 365 Bolliger 188, 428 Bollin 186 Bollinger 188, 428 Bollmann 405, 406, 408, 774, 776 Bölsterli 350, 354 Bolthauser 126, 131, 753 Bolz 374 Bolzli 350, 354, 357, 376 Bombeli 178, 195, 350, 354 Bomberger 108, 239 Bomio-Giovanascini 703 Bommeli 178, 350, 354 Bommer 108, 428, 821 Bonadurer 748 Bondeli 98, 178, 350, 354 Bondt 98, 974 Boner 438, 910 Böni 60, 974 Boni-Pedretti 682, 688 Bonjean 702 Bonjour dit Brazey 613 Bonjour-dit-Brazey 613 Bont 98, 974 Bönzli 350, 354, 376 Boo 163, 275, 277 Boog 163 Bool 163, 165, 774, 776 Boos 163 Bopp 215, 230 Boppart 1008, 1066 Bordet dit Burdet 613 Borell 955 Borel-Petitjean 702 Borer 166, 438 Borgeaud dit Avocat 613 Boringhieri 312 Borner 428 Bornhauser 126, 131, 753 Borrer 166, 438 Borsinger 383, 384, 385, 744, 752 Borter 428, 432, 774, 784 Bortis 544, 545, 548 Bosc dit Bosco 613 Bosch 56, 493, 818 Bösch 56, 493, 499, 818 Böschenstein 826 Boschung 275, 278, 280, 281 Bösiger 428 Bosio 312 Bossard 249, 679 Bossardt 249, 679 Bossart 249, 679 Bossart soit Bossard 302, 618 Bossert 249, 464, 679 Bosshard 249, 252, 679, 680 Bosshardt 249, 679 Bosshart 249, 679 Bossinger 383, 384, 385, 744, 752 Bossli 350, 354, 357 Bötschi 364, 365, 1016 Bourcart 249, 302, 305 Bourgknecht 275, 282 Bourgmestre 302, 305, 503, 513, 949 Bourquard 302, 305 Bourquenez 282 Bovet 282 Bovy-Lysberg 515 Bowee 162, 275, 280, 282 Bracher 90, 840 Brack 870, 872, 976, 1026, 1032 Brader 230 Brägenzer 758, 760 Brägger 428 Bräm 42, 46, 454, 1006, 1031, 1032 Brand 835, 837 Brandenberg 239, 835 Brandenberger 239, 428, 835 Brander 428, 835 Brandes 877 Brändle 353, 355, 357, 835 Brändli 186, 350, 354, 835 Brändlin 186, 352, 354, 357, 835 Brändly 350, 354, 357, 835 Brandstetter 835, 884 Brandt-dit-Grieurin 613 Brandt-dit-Gruérin 302, 613 Brandt-dit-Simeon 302, 613 Brandt-dit-Siméon 613 Branger 1008 Brantschen 334, 335, 337 Braschler 452, 1020 Brassel 452, 483, 485, 1008, 1020 Brasser 452, 485, 1008 Bratschi 976, 1007, 1020 Bratteler 178 Brauch 126, 129, 456, 483, 485, 1011 Bräuchi 456, 485, 1011 Brauchli 126, 186, 350, 354, 358, 456, 1011 Brauchlin 126, 186, 352, 355, 358, 456, 1011 Brauen 774 Braun 126, 129, 401, 979 Braunschweig 758, 760, 762 Braunschweiler 114, 119, 126, 755, 797 Braunwalder 816 Bräutigam 1044, 1046 Brechbühl 149, 774 Brechbühler 149, 774 Bregenzer 428, 758, 760 Breit 840 Breitenbach 238, 793 Breitenberg 239, 774 Breitenmoser 428, 804, 807 Breitenstein 493, 826 Breiter 428, 432, 840 Breitinger 840 Breitler 430, 432, 840 Breitschmid 251, 509, 513, 526 Brem 42, 46, 454, 1006, 1031, 1032 Bremgartner 428, 846 Bremi 454, 1006, 1031, 1032 Brenn 50, 483, 485 Brenner 50, 485 Brennwald 600, 602, 603, 816, 835 Brennwalder 816, 835 Brenzikofer 752 Bretsch 452, 483, 485, 1016 Bretscher 452, 485, 1016 Bretschger 452, 485, 1016 Breu 136, 141, 482 Breuning 382, 384, 385 Briaux alias Dupertuis 619 Bridler 418, 422, 719, 722, 724 Briefer 438 Brielmann 75, 79, 80, 405, 406, 408, 845 Briggeler 74, 77, 80, 178, 243, 430, 432, 863 Briggen 74, 77, 80, 243, 863 Brigger 74, 77, 80, 243, 432, 863 Briker 74, 77, 80, 243, 428, 863 Briner 893 Brisacher 750, 758, 760, 762 Brisig 113, 382, 384, 385 Britschgi 955 Briw 113, 114, 117, 893 Broch 493, 840 Brodbeck 50, 482, 503, 513, 522, 896 Broder 428 Brodmann 405, 406, 409, 896 Brodt 897 Brodtbeck 482, 503, 513, 522, 896 Brog 452, 483, 485, 1007, 1020 Broger 452, 485, 1007, 1020 Brogle 364, 366, 452, 485, 1007 Brogli 364, 366, 452, 485, 1007 Brögli 364, 366, 1020 Bromberger 239, 774, 818 Bronhofer 98, 797, 880 Brönimann 405, 406, 835 Bronner 432, 797 Brönnimann 406, 835 Brotbeck 482, 503, 513, 522, 896 Brotschi 186, 1020 Brotschin 186, 1020 Bruch 126, 456, 483, 485, 1011 Brücker 56, 58, 61, 80, 243, 428, 432, 863 Bruckner 56, 58, 61, 243, 431, 432, 863 Bruder 147, 148, 454, 1044, 1046 Bruderer 147, 148, 424, 1044, 1046 Brüderlein 352, 355, 358, 454, 1044, 1046 Brüderli 186, 350, 354, 358, 454, 1044, 1046 Brüderlin 186, 352, 355, 358, 454, 1044, 1046 Brudermann 147, 148, 406, 410, 1044, 1046 Brüesch 149 Brüggemann 56, 58, 243, 406, 863 Brugger 56, 58, 61, 243, 428, 432, 863 Brügger 56, 58, 61, 80, 243, 428, 432, 863 Brüggimann 56, 58, 243, 406, 863 Bruggisser 272 Bruggmann 56, 58, 243, 406, 411, 863 Brugisser 272 Bruhin 126, 129, 1011 Brühlmann 80, 406, 408, 845 Brühlmeier 104, 508, 513, 523 Bruholz 126, 131, 208, 816 Brühweiler 114, 119, 755 Brühwiler 113, 114, 119, 428, 755 Brulhart 302, 306, 821 Brülhart 821 Brülisauer 136 Brüllhardt 821 Brüllmann 406, 408, 845 Brülmann 406, 408, 845 Brum von Seldeneck 586 Brumann 129, 406, 410, 979 Brumm 1020 Brun 126, 129, 401, 979 Bründler 430, 432, 797 Brünggel 976 Brüngger 428, 744 Bruni 364, 368, 979 Brunisholz 56, 208, 816 Brünisholz 56, 208, 492, 816 Brunnenmeister 444, 503, 513, 528, 949 Brunner 428, 432, 434, 797, 800 Brunner dit Fontaine 302, 613, 616 Brunnhofer 797, 880 Brunnschweiler 114, 119, 126, 755, 797 Brunny 302 Brunold 126, 130 Brunschweiler 114, 119, 126, 755, 797 Brunschwiler 113, 114, 119, 126, 428, 755, 797 Brunschwyler 113, 114, 119, 270 Brupbacher 238, 428, 793 Bruppacher 238, 428, 793 Brusch 56, 287, 288, 289, 297 Brüsch 56, 149 Brüschweiler 114, 119, 428, 755 Brütsch 456, 482, 485, 1016 Brutsche 456, 485, 1020 Brutschi 456, 485, 1020 Brütschlin 352, 355, 358, 456, 1016 Brutschy 456, 485, 1020 Bryner 893 Bubendorf 207, 241, 754 Buchegger 428, 774, 810 Büchel 149, 221, 493, 774, 776 Bücheler 149, 174, 178, 221, 428, 774, 776 1076 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1077"?> Bucheli 178, 350, 354, 358, 976 Bücheli 149, 178, 221, 350, 354, 774, 776 Buchenhorner 810 Bucher 147, 148, 150, 428, 434, 810, 821 Buchhofer 147, 148, 810, 880 Büchi 149, 364, 369, 810 Buchle 353, 355, 357 Büchle 353, 355, 774, 776, 810 Büchler 149, 174, 179, 221, 428, 774, 776 Buchli 350, 354, 357 Büchli 186, 350, 354, 774, 776, 810 Büchlin 186, 352, 355, 774, 776, 810 Buchmann 147, 148, 406, 408, 810 Buchmeyer 104, 508, 513, 523 Buchmüller 147, 148, 508, 513, 524, 899 Buchs 818 Buchschacher 810 Buchser 428, 818 Buchter 976 Buchwalder 810, 816 Buck 774, 776 Buckelmann 406 Büecheler 149, 174, 178, 221, 774, 776 Büel 80, 149, 774, 776 Bueler 56, 61, 147, 774, 776 Büeler 56, 61, 80, 149, 428, 774, 776 Buess 147, 483, 949 Büetiger 149 Buetler 136, 138, 438, 898 Buff 483, 1016 Bugmann 406, 409, 939 Bugnes dit Bugnet 613 Bühler 80, 149, 221, 224, 428, 774, 776, 789 Bühlmann 149, 221, 224, 406, 408, 774, 776 Buhofer 126, 132, 503, 513, 880 Buholzer 208, 428, 810, 816 Bührer 428, 854 Bula 275, 277, 280 Bulacher 758, 760, 762 Bumann 126, 128, 132, 406, 409, 902 Bumbach 238, 793 Bumbacher 238, 793 Bundeli 178, 350, 354, 357 Bünder 848 Bünter 136, 140, 432, 848 Buntschu 870, 872, 936 Bünzli 86, 350, 354, 805 Bünzly 269 Buob 147, 1044, 1046 Buol 147 Buomberger 147, 239 Bur 126, 128, 179, 230, 482, 485, 902 Bürcher 86, 810 Burckhardt 249 Bürdel 275 Bürer 854 Burg 884 Burgat dit Grellet 613 Burgäzzi 288, 291, 292, 296, 297 Burgdorfer 207, 241, 754 Bürge 60, 242, 364, 365, 667, 671 Burgener 178, 428, 746 Burger 884 Burgermeister 444, 503, 513, 949 Bürgi 60, 157, 186, 242, 364, 365, 667, 671 Bürgin 60, 186, 242, 364, 365, 667, 671 Bürgis 242, 334, 335 Bürgisser 242 Bürgler 428, 884 Burgmeier 104 Burgstaller 884 Bürgy 60, 157, 242, 364, 365, 667, 671 Buri 166, 364, 365, 476, 1016, 1017 Burkard 249 Burkardt 249 Burkart 249 Bürke 60, 242, 364, 365, 667, 671 Bürker 810 Burkhalter 93, 428, 774, 784 Burkhard 249 Burkhard soit Bourcart 302, 305, 618 Burkhardt 249 Burkhart 249 Burki 56, 60, 242, 667, 671 Bürki 56, 60, 157, 242, 244, 364, 365, 667, 671 Bürkle 242, 353, 355, 357, 667 Bürkler 242, 418, 667 Bürkli 242, 350, 354, 357, 667 Burkolter 93, 774, 784 Burky 60, 242, 667, 671 Bürky 60, 157, 242, 364, 365, 667, 671 Burky soit Bürki 618 Burlet 126, 130 Bürli 350, 354, 358, 902 Bürlimann 406, 409, 414, 485 Burner 758, 760 Burren 334, 335, 337, 476 Burri 166, 364, 365, 370, 476, 1016, 1017, 1018 Burtschi 377 Büsch 814 Buschauer 774, 810 Buschor 774, 810 Büsel 1026, 1032 Busenhart 744 Buser 428 Buss 483 Büsser 438, 928, 930 Bussmann 418, 420 Bütikofer 428, 752 Bütschi 774, 776 Bütschli 350, 354, 774, 776 Buttauer 744, 756 Büttel 80, 487, 952 Büttiker 383, 384, 385, 428, 752 Büttikofer 752 Büttler 136, 138, 438, 898 Butzberger 302 Bützberger 239 Bützer 848 Buxtorf 207, 241, 754, 758, 760, 762 Büzberger 239 Bysäth 255 Byschof 1038, 1040 C Cabalzar 532, 533 Cabernard 532, 533 Cabiallavetta 532, 534 Cabrin 532, 533 Cadalbert 532, 533 Cadetg 532, 533 Cadieli 532, 533, 534 Cadiepolt 532, 533, 534 Cadisch 532, 533 Cadonau 532, 533 Cadosch 532, 533 Cadosi 532, 533 Cadotsch 532, 534 Caduff 532, 533, 535, 656 Cadurisch 532, 533 Cadusch 532, 533 Caf lisch 532, 533 Cagenard 532, 533 Cagianut 532, 533, 703 Cagianuth 532, 533, 703, 706 Cagienard 532, 533 Cahannes 532, 533 Cahans 532, 533, 534, 703, 706 Cahenzli 350, 354, 357, 376, 532, 533, 534 Cajacob 532, 533, 534 Cajochen 532, 533, 534 Cajoos 163, 532, 533 Cajöri 532, 533 Calame dit Longjean 613 Calame-dit-Barbier 613 Calame-dit-Longjean 613, 702 Calame-Longjean 702 Caliesch 532, 533 Caliezi 532, 533 Calivers 532, 534 Calörtscher 532, 533 Caluori 532, 533 Caluzi 532, 533 Camartin 532, 533, 692 Camastral 532, 534 Camathias 532, 533 Camen 532, 533 Camenisch 532, 533, 535 Camenzind 195, 201, 272, 505, 513, 515 Camichel 532, 533 Camiu 532, 533 Campler 430 Candraja 532, 533 Candreia 532, 533 Candrian 532, 533 Canetg 532, 533, 703 Cantieni 532, 533 Cantieny 532, 533 Capadrutt 532, 533, 683, 688 Capatt 532, 533 Capaul 532, 533 Capeder 532, 533, 683, 688 Capetet dit Capatet 613 Caplazi 532, 533 Capol 532, 533 Caprez 532, 534 Carigiet 532, 533 Carisch 532, 534 Carlen 262, 334, 335, 337 Caseel 162, 532, 534 Caseli 532, 534 Casentieri 532, 534 Caspar 263, 546 Casparin 546 Casparis 544, 545, 546 Casper 263 Caspescha 532, 534 Castelberg 239, 492, 748, 877 Castrischer 748 Cathomas 532, 534 Cathomen 532, 534 Cathry 719, 722, 724, 735 Catschegn 532, 534 Cavegn 532, 534 Cavelti 532, 534 Cavelty 532, 534 Caveng 295, 297, 532, 534 Caviezel 532, 534, 535 Cavigelli 532, 534 Cavigilli 532, 534 Chavanel dit Lavoz 613 Cherno 210, 474, 996 Chiprut soit Ciprut 618 Chopard-dit-Jean 613 Christ 210, 696, 698, 699 Christan 696 Christe 696, 699 Christeler 178, 210, 418, 421, 696, 698 Christeller 178, 210, 418, 421 Christen 210, 661, 696, 698, 699 Christener 178, 418, 421, 696, 698 Christig 210, 382, 384, 385, 696, 698 Christin 696 Christinat 696 Christiner 178, 210, 418, 421, 696, 698 Christinet 696 Christinger 210, 382, 384, 385, 696, 698 Christmann 210, 418, 420, 696, 698 Christoff 210 Cina 799 Familiennamenregister 1077 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1078"?> Cisli 191, 1028, 1032 Claus 233, 263 Clausen 233, 263, 334, 335, 337 Clavadetscher 748 Clemenz 263 Cleric 957 Clodel 263 Clopath 255 Colani 312 Colemberg 195, 239 Colenberg 239 Collenberg 239 Colomb-dit-Delay 613 Columberg 195, 239 Commend soit Command 618 Comminoth 255 Condrau 644 Conrad 190, 262, 644, 646 Conradin 644 Conus 542, 545, 548 Conzett 644 Coradi 262, 644, 646 Corai 644 Coray 644 Cordett 644 Coretti 644 Corneli 263 Corradi 262, 644, 646 Corradin 644 Corradini 312, 644 Corrodi 262, 644, 646 Coucheman 302 Courvoisier-dit-Voisin 613 Cramer 90, 91, 438, 960 Crameri 960 Crastan 696 Crastanell 696 Crausaz dit Crousaz 613 Cretin 696 Cristin 696 Crittin 696 Crosnier soit Cronier 618 Crud dit Bertholet 613 Crufer 287, 297, 532, 534 Crüzer 136, 857 Cuenat 644 Cuendet 644 Cueni 147, 262, 364, 365, 644, 646 Cuenin 644 Cuennet 644 Cuenot 644 Cujean 702 Cunz 262, 374, 644, 646 Cuoni 147, 157, 262, 364, 365, 644, 646 Cuony 147, 157, 262, 364, 365, 644, 646 Cuonz 147, 374, 644 Cuorad 147, 644 Curau 644 Curschellas 748 Custer 444, 956 D d’Allèves 590 d’Amman 195, 406, 409, 590, 592, 949 d’Ammann 195, 302, 406, 409, 590, 592, 949 d’Andiran 590 d’Aujourd’hui 590 d’Auriol 590 d’Epagnier 591 d’Erlach 302, 591, 592 d’Espine 591 d’Eternod 591 d’Yvernois 591 da Costa 595 da Silva 595 Daepp 68, 72, 452, 482, 485, 989, 990, 1010 Daetwyler 302 Dafond 590 Dahinden 609, 610 Dähler 814 Dahli 231, 364, 369 Dalcher 213, 493, 774, 840 Dali 231, 364, 369 Dällenbach 231, 238, 793, 814 Daller 231, 774, 783 Dallmann 231, 406, 408, 774, 783 Dalp 483, 989 Damann 406, 408, 799 Dambach 238, 493, 793, 799 Dammann 406, 408, 799 Damon dit Pichat 613 Damonti 590 Damur 590 Dändliker 383, 384, 385, 744, 752 Dandrea 590 Dängeli 178, 364, 366, 924 Dänger 231 Däniker 383, 384, 385, 744, 752 Danioth 255 Dannacher 213, 493, 814, 840 Dannmeier 104, 508, 513, 523 Danuser 748 Dänzer 438, 444, 966, 970 Däpp 68, 72, 452, 482, 485, 989, 990, 1010 Däppeler 178, 452, 485, 989, 990, 1010 Däppen 334, 335, 337 Däppen dit Tappet 302, 613 Darms 590 Darnutzer 231, 748 Darnuzer 231, 748 Darx 302, 590, 592 Däscher 231, 438, 444, 932, 933 Dattelzweig dit Dattel 613 Dätwiler 113, 114, 119, 153, 755 Dätwyler 113, 114, 119, 153, 428, 755 Daubenmeyer 104 Dauth 255 Dauwalder 816 Davatz 590 De Agostini 590 De Angelis 544, 545, 590 de Bary 590 De Bassus 542, 545, 590 de Beausobre 590 De Bernardi 590 De Bernardis 544, 545, 590 de Blaireville 590 de Blonay 590 de Boccard 590 de Bons 590 de Bonstetten 302, 584, 590, 592 de Bosset 590 de Bouillanne 590 de Bourgknecht 275, 584, 590, 592 de Boyve 590 de Brot 590 de Budé 590 de Buman 126, 132, 302, 406, 409, 584, 590, 592, 902 de Bumann 128 de Buren 584, 590, 592 de Büren 584, 590, 592 de Candolle 590 De Carli 590 de Castella 590 de Cérenville 590 de Cerjat 590 de Chambrier 590 de Chapeaurouge 590 de Chappuis 590 de Charrière 590 de Charrière de Sévery 590 de Chastonay 590 de Chollet 590 de Choudens 590 de Claparède 590 de Cocatrix 590 de Coppet 590 de Coulon 590 de Courten 590 de Crousaz 590 de Dardel 590 de Diesbach 238, 302, 584, 590, 592, 793 de Diesbach-Belleroche 302, 515, 584, 590, 592 de Dompierre 590 de Félice 590 de Fernex 590 De Filippis 544, 545, 590 de Fischer 302, 590, 592, 915, 917 de Forestier 590 de Gady 590 de Gallatin 590 De Gasparo 590 De Giacomi 590 De Gottardi 590 de Gottrau 302, 584, 590, 592 de Goumoens 590 de Goumoëns 590 de Goumöens 590 de Gunten 590, 592 de Hennezel 302, 590, 592 de Hesse 302, 590, 592 de Joffrey 590 de Kaenel 302 de Kalbermatten 302, 584, 590, 592, 746, 843 de Kennen 302, 590, 592 de la Harpe 590 De la Reussille 590 de Lamorte 590 de Landerset 302, 584, 590, 592 de Lavallaz 590 de Lenzbourg 302, 305, 590, 592 de Lerber 584, 590, 592 de Lessert 590 de Leyderrier 590 de Limoge 590 de Loës 591 de Loriol 591 de Loys 591 De Luigi 591 de Luze 591 de Maillardoz 591 De Maria 591 de Marval 591 De Mattei 591 de Merveilleux 591 de Mestral 591 de Mestral Combremont 591 de Meuron 591 de Meyer 104, 523, 591, 592, 905 de Meyeres 104, 523, 591, 592, 905 de Miéville 591 de Molin 591 De Mont 591 de Montenach 302, 584, 591, 592, 750 de Montet 591 de Montmollin 591 de Morsier 591 De Nervo 591 de Niederhäusern 302, 591, 592 de Palézieux dit Falconnet 591, 613 de Perregaux 591 de Perrot 591 De Pietro 591, 682, 688 de Pourtalès 591 de Pourtalès-Marcet 591 de Preux 591 de Pury 591 de Quervain 591 de Raemy 591 de Rameru 591 de Reyff 302, 584, 591, 592, 870, 872 de Reynier 591 de Reynold 584, 591, 592 De Riaz 591 de Ribaupierre 591 1078 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1079"?> de Riedmatten 302, 584, 591, 592, 746, 843 de Rivaz 591 de Roche 591 de Roguin 591 De Rossa 591 de Rougemont 591 de Roulet 591 de Sandol-Roy 591 de Saussure 591 de Schaller 302, 584, 591, 592, 1007 de Seigneux 591 de Senarclens 591 de Siebenthal 302, 591, 592 De St. Jon 591, 748 de Stockalper 302, 584, 591, 592 De Stoppani 591 de Stoutz 302, 305, 591, 592 de Sybourg 302, 305, 591 de Tavel 584, 591, 592 de Techtermann 302, 406, 410, 584, 591, 592, 1044, 1046 de Torrenté 591 de Traz soit Détraz 618 de Trey 591 de Tribolet-Hardy 591 de Tscharner 302, 591, 592, 890 de Vallière 591 de Vantéry 591 de Vevey 591 de Villa 282, 591 De Vizzi 591 de Wattenwyl 113, 119, 302 de Weck 302, 584, 591, 592 de Weiss 302, 584, 591, 592 de Werra 302, 584, 591, 592 de Ziegler 302 de Zurich 302 Deagostini 580, 590 Deambrosi 590 Debamp 590 Debartolomei 590 Debary 590, 758, 760 Debattista 590 Debély 590 Debernardi 590 Debernardis 544, 545, 590 Debétaz 590 Debieux 590 Debluë 590 De-Bolla 590 Debon 590 Debonneville 590 Debons 590 Debossens 590 Debourgogne 590 Debrot 590 Debrunner 428, 797 Debulle 590 Decapitani 590 Decarisch 590 Decarli 590 De-Carli 590 Decarro 590 Decasper 546, 590 Dechevrens 590 Dechristophoris 544, 545, 590 Deck 50, 482, 485 Decker 50, 438, 485 Decollogny 590 Decoppet 590 Decorges 590 Decrausaz 590 Decrauzat 590 Decreuze-dit-Dupoil 590, 613 Decrusch 590 Decurtins 590 Dedelley 590 Dederod 590 Dedomo 590 Dedual 590 Defanti 590 Deferne 590 Defferrard 590 Defilippis 544, 545, 590 Defilla 590 Def lorin 590 Defrancesco 590 Defuns 590 Degallier 590 Degenève 590 Deggeller 744 Degiacomi 590 Degiorgi 590 Degiovanfrancesco 590, 703 Degiovannini 590, 703 Degonda 590, 748 Degoumois 590 Degrange 590 Degruffy 590 Degrussa 590 Degunda 590, 748 Deis 714 Deiss 714 Dejoux 590 Dekumbis 544, 545, 590 Del Biaggio 590 Del Don 590 Del Martini 591, 692 Del Pietro 591, 682, 688 Del Siro 591 Del Thé 591 Del Zopp 591 Delabays 590 Delachaux 590 Delachaux-dit-Gay 590, 613 Delachaux-dit-Peter 590, 613, 682, 686, 688 Delacombaz 590 Delacoste 590 Delacour 590 Delacrausaz 590 Delacrétaz 590 Delacuisine 590 Deladoey 590 Deladoëy 590 Delafoge 590 Delafontaine 590 Delagrange 590 Delaigue 590 Delajoux 590 Delalay 590 Delaloye 590 Delamadeleine 590 Delamuraz 590 Delapierre 590 Delaplace 590 Delaporte 590 Delapré 590 Delaprez 590 Delaquis 590 Delarageaz 590 Delaraye 590 Delarue 590 Delarze 590 Delasara 590 Delasoie 590 Delassaraz 590 Delatena 590 Delavaux 590 Delavigne 590 Delavy 590 Delbiaggio 590 Delcò 590 Delécraz 590 Deléderray 590 Delédevant 590 Deléglise 590 Deleiderrier 590 Delémont 590 Delesderrier 590 Delespinasse 590 Delessert 590 Delévaux 590 Deleysin 590 Delez 590 Delfoc 590 Delgrande 590 Delisle 590 Dell’Ambrogio 591 Dell’Avo 591 Dell’Era 591 Dell’Oro 591 Della Bruna 590 Della Cà 590 Della Casa 590 Della Cassina 590 Della Croce 590 Della Giovanna 591, 703 Della Pietra 591 Della Vecchia 591 Dellabella 590 Dellacasa 590 Dellagana 591 Dellagiacoma 591 Dellamaria 591 Dellamonica 591 Dellasanta 591 Dellatorre 591 Dellenbach 231, 238, 793, 814 Deller 231, 774, 780 Dellsperger 240 Delmartini 591, 692 Delmenico 591 Delmonico 591 Delmonté 309, 591 Delmuè 591 Delnon 591 Delnotaro 591 Delor 591 Delorenzi 591 Delorme 591 Delorme soit Delormoz 618 Deloséa 591 Delponte 591 Delprete 591 Delrè 591 Delucchi 591 Deluche 591 Deluigi 591 Delure 591 Deluz 591 Delz 758, 760, 762 Demages 591 Demagistri 591 Demarchi 591 De-Marchi 591 Demaria 591 Demarmels 591, 592, 748 Demarta 591 Demartin 580, 591, 692 Demartines 591, 692 Demartini 591, 692 Demattei 591 Demaurex 591 Demelais 591 Demellayer 591 Demenga 591 Demeyriez 591 Demicheli 591 Demière 591 Demiéville 591 Demilliac 591 Demoinsel 591 Demole 591 Demont 591 Demonterjaud 591 Demott 591 Demund 591 Demuth 147, 148, 255, 506, 513 Denger 231 Dengler 440, 924 Denicola 591 Denner 432, 814, 854 Dennler 430, 432, 814, 854 Denogent 591 Denoréaz 591 Denoth 591, 703, 706 Familiennamenregister 1079 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1080"?> Denuder 591, 592 Dény soit Denys 618 Denz 74, 76, 80, 231, 374 Denzler 440, 444, 966, 970 Depallens 591 Depeder 591, 683, 688 DePerrot 682, 688 Depeursinge 591 Depierraz 591 Depierre 591, 682, 688 Depietri 591, 682, 688 Deplaz 591, 748 Deplazes 591, 748 Deppe 452, 485 Deppeler 178, 452, 485, 989, 990, 1010 Deppierraz 591 Deprati 591 Deprez 591 Depuoz 591 Derabours 591 Deragisch 591, 748 Derameru 591 Derameruz 591 Derendinger 428 Dergias 591 Deriaz 591 Derighetti 591 Derigo 591 Deringer 231, 769 Derivaz 591 Dermon 591 Deroche 591 Derrer 438, 928, 930 Deruaz 591 Derungs 591, 595 Dervey 591 Des Arts 591 Des Gouttes 591 Desarzens 591 De-Sassi 591 Desax 591 Desbaillet 591 Desbaillets 591 Desboeufs 591 Desbrosse 591 Deschamps 591 Deschenaux 591 Deschoux 591 Deschwanden 832, 833 Desclouds 591 Descloux 591 Descoeudres 591 Descombaz 591 Descombes 591 Descoullayes 591 Descuves 591 Desfayes 591 Desfeux 591 Desgrandchamps 591 Desgraz 591 Desjardins 591 Deslarzes 591 Deslex 591 Desmeules 591 Desoche 591 Desplan 591 Despland 591 Desplands 591 Despond 591 Desponds 591 Despont 591 Despraz 591 Desquartiers 591 Dessarzin 591 Dessauges 591 Dessaules 591 Dessaules-dit-Duneuf 613 Dessaux 591 Dessemontet 591 Dessert 591 Dessibourg 302, 305, 591 Dessiex 591 Dessimoz 591 Dessingy 591 Dessonnaz 591 Destefani 591 Destraz 591 Desvignes 591 Desvoignes 591 Dethomas 591 Detorrenté 591 Detrey 591 Dettli 350, 354, 357 Dettling 388, 390, 391, 392, 393 Dettwiler 113, 114, 119, 153, 428, 755 Dettwyler 113, 114, 119, 153, 755 Deubel 870, 872, 1008 Deubelbeiss 483, 506, 513, 997 Deuber 109, 231, 966, 967, 1016, 1020 Deucher 136, 231 Deutsch 136, 139, 179, 231, 232, 402, 764 Devallonné 591 Devantay 591 Devanthéry 591 Devaud 591 Dévaud-dit-Garin 613 Devaux 591 Devecchi 591 Devecis 544, 545, 591 Devegney 591 Develey 591 Devênes 591 Devenoge 591 Devenoges 591 Devesin 591 Devevey 591 Devillard 591 Deville 591 Devinard 591 Devincenti 591 Devins 591 Devittori 591 Devonas 591, 748 Dewarrat 591 Dick 401, 976 Dickenmann 406, 410, 976 Dieboldswyler 113, 114, 119, 755 Diener 146, 438 Diesbach 238, 793 Dieth 255 Diethelm 146 Dietiker 383, 384, 385, 744, 752 Dietler 146, 418, 421 Dietliker 383, 384, 385, 744, 752 Dietlin 352, 355, 357 Dietrich 146 Dietsche 364, 365, 377 Dietschi 146, 157, 364, 365, 377 Dietschweiler 114, 119, 755 Dietschy 157, 364, 365 Dietwiler 113, 114, 119, 755 Dietz 374 Dietzi 364, 365, 376 Dietziker 383, 384, 385, 744, 752 Diez 374 Diezi 364, 365, 376 Diezig 382, 384, 385 Dieziger 744 Diezinger 744 Diggelmann 406, 410, 976 Dikelmann 406, 410, 976 Dikenmann 406, 410, 976 Dillena 591 Dillier 418, 422, 719, 722, 724 Dillmann 231, 418, 420 Dingetschweiler 114, 119, 755 Dinkel 848, 908 Dinkelmann 406, 409, 908 Dinner 231 Diriwächter 74, 77, 80, 231, 438, 503, 513, 953 Dirren 74, 77, 80, 334, 335, 337, 338, 976 Disler 421, 714 Dissler 418, 421, 714 Distel 821, 870, 872, 1028, 1032 Disteli 178, 821, 870, 872 Ditscher 418, 421 Dittli 350, 354, 357 Döbeli 178, 774, 782 Dober 1016 Dobler 231, 428, 774, 782 Dobmann 406, 410, 1016 Doessekker 268 Doggweiler 114, 119, 231, 744, 755 Doggwiler 113, 114, 119, 231, 744, 755 Dogwiler 113, 114, 119, 231, 744, 755 Dohner 168, 1016 Dolder 984 Dolf 656, 658 Dolfi 656 Dolfini 656 Dollenbacher 238, 793 Domeisen 114, 120, 920 Dommann 231 Dommen 231 Donatsch 293, 297 Donatz 293, 297 Dönier 418, 421 Donner 168, 1016 Dönz 80, 231, 374 Döös 163, 483, 1020 Dopple 1002 Doppler 966, 970 Dorer 859 Dörf ler 884 Dörf liger 188, 884 Dörf linger 188, 884 Dörig 100, 102, 231, 769 Dörler 100, 231, 848 Dormann 231, 406, 859, 953 Dornacher 750 Dornbierer 758, 760 Dorner 818 Dort 719, 722, 724 Dorta 591 dos Santos 595 Dosenbach 238, 793 Doser 1020 Dössegger 744 Dössekel 744 Dössekker 744 Dossenbach 238, 793 Doswald 816 Dovat soit Dovaz 618 Drack 870, 872, 874, 1008, 1031, 1032 Dräyer 110, 231, 232, 942 Dreher 438, 942 Dreier 110, 231, 232, 942 Dressi-Dolfino 656 Drexler 231, 232, 438, 942 Dreyer 110, 231, 232, 942 Dreyfuss 302 Drittenbass 231, 600, 603, 604 Droxler 90, 91, 231, 232, 438, 942 Droz dit Busset 613 Droz-dit-Busset 613, 620 Drüssel 231, 487, 974, 1008 Du Bochet 591 Du Bois 591 Du Bois de Dunilac 591 Du Bois-dit du-Terraux 591, 613 du Fay de Lavallaz 591 Du Fresne 591 Du Martheray 591 Du Mont 591 du Plessis-Gouret 591 Du Pontet 591 Du Roveray 591 Duaime 591 Duamel 591 1080 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1081"?> Dub 870, 872 Dubach 238, 493, 793, 794 Dubacher 238, 428, 793 Dubas 591 Dubauloz 591 Dubely soit Dubelly 618 Dübendorf 302, 434 Dübendorfer 207, 241, 428, 434, 744 Duber 126, 129 Dubey 591 Dubi 56, 60 Dübi 56, 60 Dubied 591 Düblin 352, 355, 358 Dubochet 591 Dubois 591, 595 DuBois 591 Dubois du Nilac 591 Dubois-dit-Bonclaude 591, 613 Dubois-dit-Cosandier 591, 613, 614 Dubois-dit-du Terraux 613, 614 Dubois-Dunilach 591 Dubois-Franck 515, 591 Dubosson 591 Duboule 591 Duboulet 591 Duboux 591 Dubrez 591 Dubrit 591 Dubs 334, 335 Dubugnon 591 Dubuis 591, 595 Düby 270 Ducarroz 591 Ducart 591 Ducertot 591 Duchemin 591 Duchêne 591 Duchesne 591 Duchosal 591 Duchoud 591 Duchoux 591 Ducimetière 591 Ducimetière alias Monod 591, 619 Duclos 591 Ducloux 591 Ducommun 591 Ducommun dit Boudry 614 Ducommun dit Verron 614 Ducommun-dit-Boudry 591, 613, 614 Ducommun-dit-l’Allemand 613 Ducommun-dit-Tinnon 591, 613, 614 Ducommun-dit-Verron 591, 613, 614, 620 Ducommun-Petit-Compère 591 Ducor 591 Ducotterd 591 Ducraux 591 Ducrest 591 Ducret 591 Ducrey 591 Ducros 591 Ducrot 591 Dudan 591 Duding 302, 306 Dudle 452, 966, 967 Dudler 452, 966, 967 Dudli 452, 966, 967 Dufaure 591 Dufaux 591 Dufay de Lavallaz 591 Dufay-de Lavallaz 591 Dufey 591 Duff 466, 656 Duffey 591 Duffing 302 Duf lon 591 Dufner 758, 760, 762 Dufour 591 Dufrêne 591 Dufresne 591 Duft 462, 466 Dugerdil 591 Düggeli 178, 186, 350, 354, 357 Düggelin 178, 186, 352, 355, 357 Dugon 591 Dujac 591 Dukase soit Ducas 618 Dulex 591 Dülli 350, 354, 357 Düllmann 406, 848 Dulon 591 Dumard 591 Dumas 591 Dumauthioz 591 Dumazel 591 Dumelin 178, 352, 355, 358, 987, 1002 Dumermuth 147, 148 Dummermuth 147, 148, 231, 255, 609, 1002 Dumont 591 Dumont dit Voitel 614 Dumont-dit-Vieiljean 591, 613, 702 Dumont-dit-Voitel 591, 613 Dumoulin 591 Dumur 591 Dumusc 591 Dumusque 591 Dunand 591 Dunand soit Dunant 618 Dunant 591 Duner 231 Dunkel 979 Dünki 364, 366, 928, 930 Dünneisen 114, 120, 505, 513, 920 Dünnenberger 239, 774 Dünner 344 Dunoyer 591 Dünscher 758, 760 Dupan 591 Duparc 591 Dupasquier 591 DuPasquier 591 Duperret 591 Duperrex 591 Duperrez 591 Duperrut 591 Duperthuis 591 Dupertuis 591 Dupertuis dit Neveu 591, 613, 614 Dupertuis-dit-Neveu 591, 613 Dupin 591 Duplain 591 Duplan 591 Duplessis 591 Duplessis-Gouret 591 Dupont 591 Dupontet 591 Duport 591 Dupraz 591 Dupré 591 Dupuget 591 Dupuis 591 Dür 166, 231, 338, 401, 976 Durafour 591 Dürger 769 Dürholz 208, 816, 827 Duriaux 591 Durier 591 Durieu 591 Dürig 166, 188, 231, 769 Düring 166, 188, 231, 769 Düringer 231, 769 Dürlemann 231, 406, 414, 848 Dürler 80, 231, 848 Dürmeyer 104, 509, 513, 523 Dürmüller 827 Durni 859 Dürr 80, 166, 338, 401, 976 Dürrenberger 239, 827 Dürrenmatt 493, 827, 843 Durrer 428, 859 Dürrig 166, 188, 231, 769 Dürring 166, 188, 231, 769 Durschei 748 Durst 997, 1011 Dürst 997 Dürsteler 178, 428, 744, 827 Durtschi 231 Durussel 591 Duruz 591 Düscher 136, 138, 231, 438, 960 Düsel 231, 487, 1002 Duss 401, 1020, 1022 Düssel 231, 487, 1002 Dusserre 591 Dussex 591 Dussez 591 Dussin 591 Dussoix 591 Dussuet 591 Dustour 591 Duthaler 774 Dutheil 591 Duthon 591 Duthovex 591 Dutler 452, 966, 967 Dutli 452, 966, 967 Dutly 452, 966, 967 Dutoit 591 Dutour 591 Dutruit 591 Dutruy 591 Dütsch 136, 139, 179, 231, 232, 402, 764 Dütschler 989, 990 Duttweiler 114, 119, 428, 755 Duttwiler 113, 114, 119, 153, 755 Duttwyler 113, 114, 119, 153, 755 Duval 591 Duvanel 591 Duvanney 591 Duveluz 591 Duverney 591 Duvillard 591 Duvoisin 591 Dysli 350, 354, 714 Dyssli 302 E Ebener 174, 178, 428, 774, 783 Ebensberger 239 Eberhard 249 Eberhardt 249 Eberhart 249 Eberle 353, 355, 358 Eberlé 302, 308 Eberli 186, 350, 354, 358 Eberlin 186, 352, 355, 358 Ebersold 804 Ebiner 178, 774, 783 Ebinger 758, 760 Eblin 352, 355, 358 Ebner 174, 179, 428, 774, 783 Ebneter 428, 774, 783 Ebnöther 428, 774, 783 Echemann 302 Echser 74, 76, 80, 438, 444, 906 Eckard 244 Eckenstein 870, 874 Eckert 244, 464 Ecklin 269, 272 Ecknauer 756 Edel 401, 1036, 1062 Edelmann 406, 410, 1036, 1062 Eder 848 Egeli 176, 178, 350, 354, 358, 665, 671 Egert 464, 840 Egeter 840 Egg 774 Eggel 244, 356, 665, 671 Eggemann 406, 408, 774 Eggen 774 Eggenberg 240, 774 Eggenberger 240, 774 Familiennamenregister 1081 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1082"?> Eggenschwiler 113, 114, 119, 428, 755 Eggenweiler 114, 119, 755, 758, 760, 762 Egger 428, 432, 774 Eggermann 406, 408, 774 Eggerschwiler 113, 114, 119, 755 Eggertswyler 113, 114, 119, 302, 755 Eggimann 406, 408, 774 Eggler 430, 432, 774 Eggli 176, 179, 272, 350, 354, 665, 671 Eggly 176, 179, 302, 350, 354, 665, 671 Eggmann 179, 406, 408, 774 Eggnauer 756 Eggo 244, 474 Eggspühler 244, 774 Eggstein 870, 874 Egle 176, 179, 353, 355, 358, 665, 671 Egli 176, 179, 181, 186, 191, 350, 354, 358, 360, 665, 671, 672 Eglin 176, 179, 186, 352, 355, 358, 665, 671 Eglinger 758, 760 Egly 269 Eheim 74, 76, 80, 1044, 1046 Ehinguer 302 Ehrat 249 Ehrbar 402, 1062 Ehrensberger 240, 744 Ehrensperger 240, 428, 744 Ehrenzeller 858 Ehret 249 Ehrismann 406 Ehrle 353, 355, 358 Ehrler 428, 810 Ehrli 269 Ehrliholzer 208, 816 Ehrmann 406, 1062 Ehrsam 402, 1062 Eich 493, 810 Eichelberger 240, 810 Eichenberger 240, 244, 774, 810 Eicher 428, 432, 810 Eichholzer 208, 428, 810, 816 Eichhorn 870, 872, 1026, 1032 Eichi 810 Eichler 430, 432, 810 Eichlisberger 240, 774, 810 Eichmann 406, 408, 810 Eichmüller 508, 513, 524, 899 Eidam 1044, 1046 Eidelberger 240 Eienberger 240 Eigel 886 Eigenheer 162, 179, 503, 513, 528, 1039 Eigenmann 406, 410, 1039, 1064 Eigensatz 1039 Eiholzer 208, 428, 810, 816 Eilinger 758, 760, 762 Eimann 302 Eisen 114 Eisenbart 114, 120 Eisenegger 114, 120, 774, 828 Eisenhut 114, 120, 147, 148, 505, 513, 870, 872, 920 Eisenlohr 114, 120, 826, 828 Eisenreich 114, 120 Eisenring 114, 120, 505, 513, 920 Ellenberg 240, 774 Ellenberger 240, 428, 774 Eller 418, 422, 719, 722, 724 Ellezingue 302 Elliker 383, 384, 385, 744, 752 Elmer 428 Elmiger 428 Elsa 719, 722, 724 Elsaesser 302 Elsasser 56, 61, 758, 760 Elsässer 56, 61, 758, 760 Elsener 178, 418, 422, 719, 722, 723, 724, 732 Elser 418, 422, 719, 722, 723, 724, 732 Elsig 382, 384, 385, 719, 722, 723, 724, 732 Elsinger 418, 422, 719, 722, 723, 724, 732 Elzi 719, 722, 723, 724, 732 Elzingre 302 Emmenegger 244, 428, 774 Emmisberger 240 End 493 Enderis 466 Enderli 186, 350, 354, 358 Enderlin 186, 352, 355, 358 Eng 50, 401 Engel 870, 872 Engelberger 240 Engeler 174, 178 Engeli 178 Engelmann 418, 420 Engeloch 50, 774, 780 Engemann 50, 406, 408, 774 Engensperger 240, 774 Engesser 50, 860 Engetschwiler 113, 114, 119, 755 Enggist 50, 342, 343 Enggwiller 114, 119, 755 Engimann 50, 406, 408, 774 Engler 174, 179 Engweiler 114, 119, 755 Enk 482, 909 Enzen 334, 335, 337 Enzler 418, 421 Enzmann 418, 420 Epli 350, 354, 358 Eppenberger 240, 428 Epper 418, 421 Erath 302 Erb 1070 Erhard 249 Erhart 249 Erismann 406 Erlacher 750 Erler 302 Erne 60, 364, 365, 666, 671 Erni 60, 157, 364, 365, 666, 671 Erny 60, 157, 364, 365, 666, 671 Erpen 1070 Erzberger 240 Erzinger 428, 758, 760, 762, 763 Eschbach 238, 793, 810 Escher 428, 810, 840 Eschler 810 Eschmann 406, 408, 810, 840 Escuvillon soit Esquivillon 618 Ess 482, 1011 Essig 962 Esslinger 744 Estermann 406, 408, 848 Etter 84, 85, 454, 1044, 1046, 1050 Etterli 186, 350, 354, 358, 454, 1044, 1046 Etterlin 84, 85, 186, 352, 355, 358, 454, 1044, 1046 Ettlin 74, 76, 80, 81, 352, 355 Ettmüller 508, 513, 524, 899 Etzensberger 240, 744 Etzensperger 240, 428, 744 Etzweiler 114, 119, 755 Eugster 428, 432, 854 Eugstler 430, 432, 854 Euler 136, 138, 438 Ewig 396, 400 Exer 74, 76, 80, 438, 444, 906 Exner 74, 76, 80, 442, 444, 906 Eyacher 213, 802, 840 Eyen 74, 78, 80, 802 Eyer 74, 78, 80, 81, 428, 802 Eyholzer 208, 802, 810, 816 Eymann 406, 408, 802 Eyster 74, 78, 80, 428, 746 F Fabel 356, 358 Faës 302 Fafri 275, 282 Fählimann 406, 409, 932, 933 Fähndrich 164, 955 Fahner 438, 955 Fahrer 428, 799 Fährlin 352, 355 Fahrnbühl 149, 774 Fahrni 493 Faivre 926 Falb 979 Falck 870, 872, 1032 Falk 870, 872, 1032 Falkeisen 114, 120, 505, 513 Falkner 442, 915, 916 Fallegger 428 Faller 748 Fälmi 74, 76, 80 Famos 496, 804, 807 Fanger 848 Fankhauser 126, 131, 428, 852, 864 Fanzun 126, 848 Färber 438, 928, 930 Farny 302 Farrèr 926 Fasnacht 1003 Fassbind 210, 483, 940 Fasser 210, 438 Fässler 440, 940, 944 Fässli 350, 354, 940 Fassmeier 104, 210, 509, 513, 523, 940 Fatzer 1008 Faust 126, 129, 456, 987, 1016 Fauster 126, 129, 456, 1016 Favre 282, 926, 927 Favre dit Jean Favre 614 Favre-Brandt 515 Favre-dit-Jeanfavre 613, 702 Favre-dit-Jean-Favre 613, 702 Favre-Leuba 515 Favri 275 Fear 482, 485 Fechter 966, 970 Federer 438, 915, 916 Federle 353, 355, 358 Federli 350, 354, 358 Federspiel 506, 513, 1028, 1032 Feer 162, 165, 482, 485 Fegble 269 Fehlbaum 810 Fehlmann 168, 406, 409, 932, 933 Fehr 164, 165, 482, 485 Fehrenbach 238, 744, 793 Fehrlin 352, 355 Feier 155, 1010 Feierabend 114, 117, 506, 513, 1010, 1056 Feigenwinter 600, 602, 603 Feiss 454, 976 Feissli 350, 354, 358, 454, 976 Feissly 303 Feitknecht 957 Felber 428, 810 Felchlin 352, 355, 358 Felder 428, 774, 783, 840, 848 Feldmann 406, 774, 783, 840 Feldscher 482 Feliser 418 Fellmann 168, 406, 409, 932, 933 Feltscher 482 Felzhalb 840 Fenner 438, 955 Fercher 438, 485 Ferr 482, 485 Ferrari 926 Ferrario dit Ferrari 613 Ferrari-Pedruzzi 682, 688 Fessler 440, 940 Fetscherin 275, 278, 280 Fetz 287, 288, 296, 297 1082 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1083"?> Feurer 136, 138, 438 Feusi 452, 485 Feuz 452, 483, 485, 1016 Feyer 155, 1010 Fiechter 146, 428, 814 Fieni 287, 297 Fient 287, 297 Fierobe 114, 302, 506, 513, 1010, 1056 Fierz 997 Fietz 997 Fifel 114, 117 Fiffel 114, 117 Filistorf 207, 241, 302, 754 Filliger 188 Fillinger 188 Findling 179, 391, 392, 393, 1060 Fink 1003, 1028, 1032 Finner 438, 955 Finschi 287, 297, 377, 538 Finsterwald 493, 816 Fintschin 377 Fisch 870, 872, 1030, 1032 Fischbach 238, 793 Fischbacher 238, 793, 794 Fischer 434, 438, 444, 915, 917, 918 Fischler 434, 440, 444, 915, 917 Fischli 186, 350, 354, 1030, 1032 Fischlin 186, 352, 355, 1030, 1032 Fister 302 Fittler 418, 421 Fitze 190 Fitzi 190 Fitzli 190, 350, 354, 358, 376 Fivian 275, 278, 282 Flaad 162, 897 Flach 492, 744 Flacher 744 Flachmüller 509, 513, 524 Flachsmann 406, 409, 910 Fläcklin 42, 46, 352, 355, 358 Flammer 438 Fleckenstein 826 Flecklin 42, 46, 352, 355, 358 Fleisch 289, 296, 297 Fleischli 350, 354, 890 Fleischlin 269 Fleischmann 406, 409, 890 Fleuti 364, 366, 966, 967 Fleuty 303 Flori 157, 715 Florin 715 Flory 157, 715 Flouck 302, 305, 999 Flubacher 147, 148, 238, 428, 793 Fluck 56, 58, 999 Flück 56, 58, 999 Fluckiger 303, 306 Flückiger 428 Flüeler 149, 430, 774 Flüeli 149, 350, 354, 774 Flugi 312 Fluhbacher 147, 148, 238, 793 Flühler 149, 430, 774 Flühmann 406, 408, 774 Fluor 147, 774 Fluri 157, 715 Flury 157, 715 Flütsch 375, 715 Foerster 56, 61, 302, 438, 444, 949 Fogelweid 302, 842 Föhn 1016 Fölmi 80 Foltz 302, 307, 374 Folz 374 Fonio 312 Forer 166, 814 Forrer 166, 428, 814 Forster 56, 61, 438, 444, 949 Förstler 440, 444, 949 Foster 438, 444, 949 Fotsch 988 Fournet dit Fornex 614 Fraefel 401, 997, 1016 Frank 769 Franzen 334, 335, 337 Franziscus 542, 545 Fratschöl 926 Frauenfelder 428 Frauenknecht 503, 513, 957 Frautschi 377 Fravi 926 Frech 997 Frefel 401, 1016 Frehner 179, 418, 422, 719, 722, 724, 733 Frei 114, 121, 123, 155, 158, 401, 1039, 1040, 1041 Freiburghaus 114, 121, 126, 131 Freienmuth 114, 121, 147, 148, 255, 609, 994 Freiermuth 114, 121, 147, 148, 255, 609, 994 Freihofer 114, 121, 880 Freiholz 114, 121, 208, 816 Freimann 114, 121, 155, 406, 410, 1039, 1040 Freimüller 114, 121, 509, 513, 524 Freitag 114, 117, 155, 506, 513, 1056 Freivogel 114, 121, 1003, 1028, 1032 Fren 719, 722, 724, 733 Frener 179, 418, 422, 719, 722, 724, 733 Frenn 719, 722, 724, 733 Fretz 483 Freudemann 109, 179, 406, 410, 1003 Freudweiler 114, 119, 744, 755 Freuler 424, 1039, 1064 Freund 136, 139, 1044, 1046 Frevel 997 Frey 114, 121, 155, 401, 1039, 1040 Freyenmuth 147, 148, 270 Freyler 1039, 1064 Freymann 114, 121, 155, 406, 410, 1039, 1040 Freytag 114, 117, 155, 506, 513, 1056 Freyvogel 114, 121, 270 Friberg 114, 121, 153, 240, 877 Fricker 428, 741 Fridli 186, 350, 354, 358 Fridlin 186, 352, 355, 358 Friedauer 756 Frieden 334, 335, 337 Friedinger 758, 760, 762 Friedli 186, 350, 354, 358, 360 Friedlin 186, 352, 355, 358 Friedlos 402 Friedmann 418, 420 Fries 482 Fringeli 178, 350, 354 Frisch 999 Frischherz 208, 999 Frischknecht 999 Frischkopf 206, 999 Fritsche 377 Fritschi 186, 377 Fritschin 186, 377 Fritz 374 Fritzsché 303, 308 Frizzoni 312 Froehlich 268, 398, 399 Froelich 70, 72, 398, 399, 400, 1003 Froelicher 70, 72, 344, 1003 Fröhli 398, 399, 400, 1003 Fröhlich 164, 398, 399, 400, 401, 1003 Fröhlicher 344, 1003 Frohofer 880 Frölich 70, 72, 398, 399, 400, 1003 Frölicher 70, 72, 344, 1003 Fromm 996 Frommenwiler 114, 119, 755 Früh 1056 Frühauf 609, 1056 Frund 302, 306 Frutig 396, 400, 999 Frutiger 428 Frutschi 157, 377 Frutschy 157 Fry 114, 121, 1039, 1040 Fryberg 114, 121, 153, 240, 877 Frymann 114, 121, 406, 410, 1039, 1040 Fuchs 454, 458, 870, 872, 877, 980, 982, 1000, 1013, 1025, 1032, 1033 Fuchslin 303, 306 Füchslin 352, 355, 358, 454, 980, 1000, 1025, 1032 Füeg 149, 452, 483, 485, 994 Fues 147, 210, 988 Fuess 147, 210, 988 Fueter 147, 906 Füger 438, 949 Fügi 149, 364, 366, 452, 485, 994 Fügli 149, 398, 399, 400, 994 Füglistaller 429 Fuhrer 166, 428, 774 Führer 438 Fuhrimann 406, 408, 774 Füllemann 406, 410, 1011 Fümberger 240 Fumet soit Flumet 618 Fund 1060 Funk 974 Fuog 994 Fuoter 147, 906 Furer 166, 428, 774 Fürer 136, 138, 166, 438 Fürholz 136, 208, 506, 513, 816 Füri 136, 139, 980 Furlenmeier 104, 508, 513, 523 Furler 429 Furrer 166, 428, 774 Fürrer 166, 438 Fürst 179, 1036 Fürstenberger 240, 758, 760, 762 Furter 799 Fuss 147, 148, 210, 988 Fussen 334, 335, 337, 988 Fust 126, 129, 456, 987, 1016 Fuster 126, 129, 456, 1016 Fux 454, 870, 872, 980, 1000, 1025, 1032 G Gabathuler 285, 289, 291, 292, 295, 297, 299, 532, 534, 539, 540 Gaberthüel 285, 288, 289, 292, 297 Gabler 966, 970, 976 Gabus 542, 545 Gächter 429 Gacon dit Carême 613 Gadient 285, 297 Gadmer 854 Gaegauf 68, 72, 126, 129, 609, 1016 Gaehler 268 Gafafer 292, 297, 532, 534 Gaffner 303 Gägauf 68, 72, 126, 129, 609, 1016 Gagg 482, 1016 Gähler 1003 Gahlinger 758, 760, 762 Gähweiler 114, 119, 755 Gähwiler 114, 119, 429, 755 Gähwiller 114, 119, 755 Galbier 292, 297, 532, 534 Galli 56, 60 Gälli 56, 60 Galliker 383, 384, 385, 752 Gallmann 418, 420 Gallus 542, 545 Gallusser 418, 421 Gally 270 Gammeter 429 Gamp 456, 483, 485, 989 Gamper 456, 485, 966, 970, 1006 Gämperle 353, 355, 358, 456, 966, 970, 1006 Familiennamenregister 1083 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1084"?> Gämperli 350, 354, 358, 456, 966, 970, 1006 Gampp 456, 483, 485, 989 Gander 428, 774, 786 Gänsli 350, 354, 358, 1002, 1028, 1032 Gansner 189, 906, 1028, 1032 Gantenbein 285, 291, 292, 295, 296, 297, 299, 600, 603, 604, 606 Ganter 438, 444, 466, 949 Gantert 462, 464, 466, 949 Gantner 442, 444, 466, 949 Ganz 870, 872 Ganzoni 312, 703 Garbald 287, 291, 292, 297 Gardi 719, 722, 724 Garius 542, 545 Garnus 542, 545 Gartenhauser 126, 131 Gartenmann 406, 846, 909 Gartmann 406, 846, 909 Gärtner 438, 909 Gartwyl 114, 119, 755 Gaschen 860 Gasner 189, 906 Gass 493, 860 Gasser 428, 432, 860, 864 Gassert 468 Gassler 430, 432, 860 Gassmann 406, 408, 860 Gassner 431, 432, 860 Gatlen 949 Gattiker 383, 384, 385, 429, 744, 752 Gattlen 949 Gätzi 364, 365 Gatzmann 406, 409, 922 Gauch 1002 Gaugler 966, 970 Gäumann 109, 406, 408, 774, 783 Gautier 282 Gautschi 1020, 1023 Gautschy 1020 Gebert 464 Gebhard 249 Gebhardt 249 Gebhart 249 Gebistorf 207, 241, 754 Geel 162 Geeler 162, 165 Geer 162 Geerig 162, 165, 188 Geering 162, 165, 188 Geeser 162, 418, 422, 719, 722, 724 Gehler 165 Gehr 493, 774 Gehren 774 Gehrer 774 Gehrig 164, 165, 188 Gehring 164, 165, 188 Geier 114, 117, 155, 870, 872, 874, 1028, 1032 Geiger 114, 116, 438, 966, 969 Geigy 114, 966, 969 Geiler 1003, 1064 Geilinger 758, 760, 762 Geiser 438, 444, 906 Geissberger 240 Geissbühler 149, 244, 428, 774 Geisseler 178, 906 Geisser 438, 444, 906 Geisshüsler 136, 140, 430, 852 Geissler 440, 444 Geissmann 406, 409, 906 Geistlich 957 Gelbert 464 Gelzer 438, 906 Gempeler 178, 456, 485, 966, 970, 1006 Gemperle 353, 355, 358, 456, 966, 970, 1006 Gemperli 350, 354, 358, 456, 966, 970, 1006 Gemuseus 542, 545, 548, 1002, 1020 Genasci 703 Genasci Borgna 703 Genazzi 703 Genazzini 703 Genel 703 Genelin 703 Genella 703 Genelli 703 Geng 989 Gengenbach 238, 758, 760, 762, 793 Genini 703 Genner 1056 Genoni 703 Gentsch 375 Genua 758, 760 Gerber 438, 446, 932, 933, 937 Gerig 188 Gering 188 Gerle 353, 355, 358 Germann 716 Gernler 440, 928 Gersbach 238, 758, 760, 762, 793 Gerschwiler 114, 119, 429, 755 Gerschwyler 114, 119, 303 Gerspacher 238, 758, 760, 762, 793 Gerster 908 Gerth 255 Gertsch 375 Gertschen 334, 335, 337 Gervais 282 Gerwer 438, 932, 933 Geser 418, 422, 719, 722, 724 Gessler 430, 432, 860 Gessner 431, 432, 860 Getzmann 418, 420 Geu 109, 774, 783 Geugel 487, 1002 Geuggis 1008 Geyer 114, 117, 155, 870, 872, 874, 1028, 1032 Geymüller 508, 513, 524, 899 Gfeller 172, 179, 428, 774 Ghisler 174, 179, 949 Giamboni 703 Giambonini 703 Gianascio 703 Gianatelli 703 Gianella 703 Gianelli 703 Gianetta 703 Gianetti 703 Gianettoni 703 Giani 703 Gianiel 703 Gianinazzi 703 Gianini 703 Giannini 703 Giannoni 703 Gianoca 703 Gianocca 703 Gianocco 703 Gianola 703 Gianoli 703 Gianolini 703 Gianolio 703 Gianolli 703 Gianom 703 Gianoni 703 Gianora 703 Gianossi 703 Gianotti 703 Gibel 493, 774 Gienal 703 Gienuth 255, 703, 706 Giesser 438, 922 Giezendanner 429 Giger 114, 116, 153, 438, 966, 969, 971 Gilgen 334, 335, 337, 870, 872, 874 Gilgien 334, 335, 337 Gillmann 418, 420 Gilomen 275, 278 Gimpert 462, 464, 989 Ging 483, 989 Gingg 483, 989 Ginggen 334, 335, 337, 989 Giontini soit Giuntini 618 Giorgio 312 Giovanelli 703 Giovanetti 703 Giovanettina 703 Giovannacci 703 Giovannari 703 Giovannini 703 Giovannone 703 Giovannoni 703 Giovanoli 703 Giovanora 703 Girard dit Guerre 613 Girell di Giovanoel 591, 703 Girsberger 240, 744 Girschweiler 114, 119, 755 Girsperger 240, 744 Gischig 382, 384, 385 Gisel 270 Gisi 186 Gisin 186 Gisler 174, 179, 181, 949 Glaisen 233, 334, 335, 337 Glanzmann 406, 410, 979 Glarner 743 Glaser 438 Glattfelder 429, 744 Glatthard 462, 981 Glatthardt 303 Glättli 350, 354, 358, 981, 1007 Glatz 981 Glatzfelder 840 Glaus 233 Glausen 233, 334, 335, 337 Glauser 233, 418, 421, 425 Gleichner 114, 117, 172, 179 Glesti 172, 179 Glettig 396, 400, 1007 Glinz 483 Glogger 438, 444, 956 Gloggner 442, 444, 956 Gloor 90, 92, 94, 163, 483, 986 Glor 90, 92, 483 Glücki 172, 179, 364, 368, 994 Glur 483, 986 Glutz 483, 515, 986 Glutz-Blotzheim 515 Glutz-Ruchti 515 Gmünder 172, 179 Gmür 136, 140, 172, 179, 493, 859 Gnädinger 172, 179 Gnägi 172, 179, 976 Gnehm 164, 172, 179, 994 Gnepf 206, 483, 989 Gnos 172, 179 Gobbo soit Gobbi 618 Gobelet 282 Gobeli 275, 282 Gobert 464 Goenner 994 Goetschi 70, 72, 377 Goetschmann 70, 72, 378, 415, 418, 420 Goetz 374 Gohl 168, 482, 1003 Goiser 1020 Goldenberger 240, 774 Goldener 178, 431 Goldenmann 406 Goldenschoue 303, 305 Goldenschue 303 Golder 438 Göldi 1066 Goldiger 188 Goldinger 188 Göldlin 352, 355 Göldlin von Tiefenau 586 Goldmann 406 Goldschmid 251, 503, 513, 526 1084 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1085"?> Goll 168, 482, 1003 Gonseth 255 Gontersweiler 98, 114, 119, 755 Gonzenbach 238, 492, 793 Good 163 Göpfert 195, 464 Gossauer 744, 756 Gossner 431 Gossweiler 114, 119, 429, 744, 755 Gosswiler 114, 119, 744, 755 Gostely 303 Goswiler 114, 119, 744, 755 Götsch 375 Götschi 70, 72, 186, 377 Götschin 186, 377 Götschmann 70, 72, 378, 415, 418, 420 Gottier 56, 275, 277, 282 Göttier 56, 275, 277, 282 Gottsponer 746 Götz 374 Gougginsperg 240, 302, 305 Gougler 303, 305 Graa 162, 401, 979 Grâa 303 Grab 493, 774, 782 Graber 428, 774, 782 Graden 172, 179 Graf 90, 338, 454, 458, 1036, 1040, 1041 Graff 90, 302, 338, 454, 1036, 1040 Gräff 303 Gräf lein 90, 91, 352, 355, 358, 454, 1036, 1040 Gräf lin 90, 91, 352, 355, 358, 454, 1036, 1040 Grämiger 188 Gramm 1008, 1016 Grandjean 702 Grandjean-Perrenoud-Comtesse 702 Grandpierre 682, 688 Grand-Pierre 682, 688 Gränicher 429 Granzi 1016 Gräppi 1020, 1028, 1032 Graser 56, 61, 438, 909 Gräser 56, 61, 438, 909 Grass 1016 Grässli 288, 297, 350, 354, 538 Gräther 272 Gratwohl 172, 179 Grätzer 418, 421 Grau 401, 979 Gräub 976 Grauwiler 114, 119, 755 Graven 334, 335, 337, 338, 1036, 1040 Gräzer 418, 421 Greber 428, 774, 782 Greder 418, 422, 719, 722, 723, 724, 728 Gredig 382, 384, 385, 719, 722, 723, 724, 728 Grediger 188 Gredinger 188 Grell 1016 Greminger 188, 429 Gremli 398, 399, 400, 1016 Gremlich 398, 399, 400, 1016 Gremminger 188 Gremper 438, 960 Grendelmeier 104, 155, 508, 513, 523, 953 Grendelmeyer 104, 155, 508, 513, 523, 953 Grenzinger 758, 760 Greset-dit-Grisel 613 Gresli 269 Gretener 178, 418, 422, 719, 722, 723, 724, 728 Greter 258, 418, 422, 434, 447, 719, 722, 723, 724, 728 Grether 258, 272, 418, 422, 719, 722, 723, 724, 728 Gretler 418, 422, 434, 447, 719, 722, 723, 724, 728 Greub 976 Greuter 172, 179, 429, 466, 830, 833 Greutert 136, 140, 172, 179, 462, 464, 466, 830, 833 Greutmann 172, 179, 406, 408, 830, 833 Grezet dit Grisel 614 Grezet soit Grisel 618 Grezet-dit-Grisel 614 Grieb 976 Grieder 146, 172, 179, 428, 805, 807 Grieshaber 505, 513, 908, 1011 Griessen 808 Griesser 758, 760, 762 Grimm 1016, 1018 Griner 1016 Grob 172, 179, 401, 454, 974, 1002 Gröble 172, 179, 353, 355, 358, 454, 1002 Gröbli 172, 179, 350, 354, 358, 454, 1002 Gröbly 172, 179, 350, 354, 358, 454, 1002 Gröf lin 90, 91, 352, 355, 358, 454, 1036, 1040 Grogg 90, 989, 990, 1020, 1028, 1032 Grögli 364, 366 Gröli 1020 Grolimund 275 Groll 1016 Grollimund 275 Groshaupt 302 Grosjean 702 Grospierre-Tochenet 682, 688 Gross 210, 338, 401, 974, 1050, 1062 Grossen 210, 334, 335, 337, 338, 974, 1062 Grossenbacher 210, 238, 429, 793 Grossert 210 Grossglauser 210, 418, 421, 510, 513 Grossheutschi 210, 510, 513 Grossholz 208, 210, 816 Grossmann 210, 406, 410, 974, 1062 Grossniklaus 210, 510, 513, 1050 Grossrieder 146, 210, 805, 807 Grosswiler 114, 119, 210, 755 Groth 255, 830 Grubenmann 147, 148, 406, 408, 774, 780 Gruber 147, 148, 428, 774, 780 Grübler 149, 774, 780 Grunauer 147, 148, 756 Grünblatt 149, 870, 872 Grundbacher 238, 793 Gründeler 174, 178, 430, 432, 774, 783 Grunder 428, 432, 774, 783 Grundlehner 883 Gründler 174, 179, 430, 432, 774, 783 Grundmann 406, 408, 774, 783 Grüneisen 114, 120 Grünenfelder 149, 429, 840 Grünenwald 149, 493, 816 Grunholzer 208, 816 Grünig 149, 188, 492, 494 Grüniger 149, 188, 494 Grüninger 149, 188, 429, 494 Grünwald 149, 816 Gruober 147, 774, 780 Grüring 149, 172, 179, 999 Grüter 136, 140, 172, 179, 466, 830, 833 Grütter 136, 140, 172, 179, 466, 830, 833 Gschläpfter 837 Gschwend 172, 179, 832, 833 Gschwind 172, 179, 1016 Gsell 172, 179 Gsponer 172, 179, 429, 746 Gsteiger 172, 179 Gübeli 178, 350, 354, 774, 776 Gübelin 269 Gubelmann 406, 408, 774, 776 Gubler 428, 774, 776 Gubser 429 Güdel 487, 488, 976, 1007 Güder 488, 1007 Gueisbühler 149, 244, 302 Guelbert 303 Gugelberg 240 Gugelmann 406, 774, 776 Gugerli 350, 354, 358, 1028, 1032 Gugg 483, 986 Guggenbach 238, 515, 793 Guggenberger 240, 515 Guggenbühl 149, 493, 774 Guggenheim 758, 760 Gugger 1028, 1032 Güggi 364, 366, 1020 Guggisberg 240, 492 Gügi 364, 366, 1020 Gugler 928 Gügler 774, 776 Gugoltz 509, 513 Gugolz 509, 513 Guhl 1026, 1032 Gujer 609, 1056 Guldener 178, 744 Guldenmann 406 Guldenschuh 936 Guldi 1066 Guldimann 406 Gull 1026, 1032 Güller 428, 804 Gundelfinger 758, 760 Gündhart 249 Güngerich 196, 198 Güntensperger 240, 744 Günter 257 Guntersweiler 114, 119, 755 Güntert 249, 257 Günthard 249 Günthardt 249 Günthart 249 Günther 257 Gunthert 249, 302, 306 Günthert 249, 257 Guntli 186, 292, 297, 350, 354, 358, 538, 540, 1036 Guntlin 186 Güntlisberger 240, 428, 774 Gunz 374 Gunzenhauser 126, 131, 758, 760, 762 Gunzinger 383, 384, 385, 752 Güpfer 206 Gupfert 303, 306 Güpfert 195, 464 Gürber 438 Gürlet 275, 277 Gurliat soit Gurliaz 618 Gürtler 438, 932, 933 Gurtner 429 Gurzeler 178 Gut 147, 148, 259, 401, 996 Gutersohn 147, 148, 609, 996, 1044, 1046 Guth 147, 148, 255, 259, 401, 996 Guthauser 126, 131, 852 Gutherz 147, 148, 208, 609, 994 Gutjahr 90, 147, 148, 609, 1056 Gutknecht 147, 148, 996 Gutmann 147, 148, 406, 996 Güttinger 429 Gutzwiller 114, 119, 755 Guyer 609, 1056 Gwerder 172, 179, 429, 802 Gygax 114, 117, 1020 Gyger 114, 116, 153, 438, 966, 969 Gygi 114, 117 Gygli 114, 117, 350, 354 Familiennamenregister 1085 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1086"?> Gyr 114, 117, 870, 872, 874, 1028, 1032 Gysel 114, 117 Gyseler 174, 178, 949 Gysi 186 Gysin 186 Gysler 174, 179, 949 Gysling 388, 390, 391, 392, 393 Gyssler 174, 179, 949 Gyssling 388, 390, 391, 392, 393 H Haab 162, 493 Haag 162, 493, 820 Haari 162, 166, 275 Haas 162, 168, 454, 870, 872, 877, 1005, 1025, 1032, 1033 Haasen 162, 334, 337, 1025, 1032 Haasmüller 162, 509, 513, 524 Habegger 429 Häberli 186, 350, 354, 908 Häberlin 68, 72, 186, 352, 355, 908 Häberling 388, 390, 391, 392, 393, 908 Häberly 350, 354, 908 Habermacher 438, 447 Habersaat 90, 162, 505, 513, 908 Haberstich 600, 603, 999 Habicht 870, 872, 874 Habisreutinger 830, 833 Hablützel 600, 603, 604, 1066 Habs 600, 603 Hachen 334, 335, 337 Hächler 438, 909 Häcki 1016 Hädener 178, 848, 849 Häderli 350, 354, 358, 1016 Hädinger 188 Hadorn 493, 818, 820 Haeberlin 68, 72, 352, 355, 908 Haefeli 68, 72, 178, 186, 350, 354 Haefelin 68, 72, 178, 186, 352, 355 Haefely 178, 350, 354 Haeffely 178, 350, 354 Haege 820 Haegler 68, 72, 430, 432, 820 Haemmerli 68, 72, 350, 354, 924 Haener 268 Haenggi 68, 70, 72, 196 Haenni 68, 70, 72, 364, 365, 702, 705 Haering 382, 384, 385, 870, 872, 1030, 1032 Haeselin 176, 178, 352, 355, 358, 454, 1005, 1025, 1032 Haeussler 303 Häfele 178, 353, 355 Häfelfinger 429 Häfeli 68, 72, 178, 186, 350, 354 Häfelin 68, 72, 178, 186, 352, 355 Haffner 438 Haffter 438, 925 Hafner 438 Hafter 438, 925 Hagedorn 818, 820 Hägeli 178, 350, 354, 820 Hagemann 406, 408, 820 Hagen 820 Hagenbach 238, 758, 760, 793 Hagenbuch 810, 820 Hagenbucher 429, 744, 810, 820 Hagenbüchli 350, 354, 810, 820 Hager 432, 820 Haggenmacher 438, 447, 923 Hagger 90, 91, 456 Häggi 820 Hagi 56, 820 Hägi 56, 820 Hägler 68, 72 Hagmann 406, 408, 820 Hagnauer 756 Hagner 431, 432, 820 Hägni 744 Hählen 974 Hahn 870, 872, 1028, 1032 Hähni 364, 365, 702, 705 Haid 107, 848 Haissly 303 Haizmann 107, 190, 376, 415, 418, 420 Halbedel 1036, 1064 Halbeisen 114, 120 Halbenleib 609 Halbheer 162, 506, 513, 1064 Halbritter 506, 513, 1036, 1064 Halbstadt 884 Haldemann 93, 406, 408, 774, 784 Haldenstein 93, 877 Haldenwang 93 Halder 93, 428, 432, 774, 784 Haldi 93, 493, 774, 784 Haldimann 93, 406, 408, 774, 784 Haldner 93, 431, 432, 774, 784 Haldy 93, 774, 784 Hälg 179, 1012 Hallauer 756 Hallenbarter 438, 923 Haller 1067, 1071 Häller 1067 Hallwyler 114, 119, 755 Hälmle 353, 355 Halter 93, 428, 432, 774, 784 Haltiner 93, 178, 431, 432, 774, 784 Haltinner 93, 178, 431, 432, 774, 784 Haltmann 93, 406, 408, 774, 784 Haltmeier 104, 155, 508, 513, 523 Haltmeyer 104, 155, 508, 513, 523 Haltner 93, 431, 432, 774, 784 Hamberger 240 Hämiker 383, 384, 385, 752 Hämmann 418, 420 Hammer 870, 872, 924 Hammerer 438, 924 Hämmerli 68, 72, 350, 354, 924 Handmann 406, 409 Handschin 377, 520, 702, 704 Häne 364, 365, 702, 705 Häner 418, 421, 702, 705 Hangartner 56, 61, 846 Hängärtner 56, 61, 846 Hänger 418, 421 Hänggeli 178, 196, 350, 354, 358 Hänggi 68, 70, 72, 196, 201 Hanhard 249 Hanhart 249 Häni 157, 364, 365, 702, 705 Hanimann 418, 420 Hänni 68, 70, 72, 157, 364, 365, 702, 705, 707 Hänny 157, 364, 365, 702, 705 Hans 520, 702, 704 Hänseler 174, 178, 520, 949 Hanselmann 414, 416, 418, 420, 425, 520, 702, 704 Hansemann 418, 420, 520, 702, 704 Hänsenberger 240, 429 Hanser 418, 421, 520, 702, 704 Hänsler 174, 179, 520, 949 Hansli 56, 59, 186, 350, 354, 358, 520, 702, 704 Hänsli 56, 59, 350, 354, 358, 520, 702, 704 Hanslin 186, 352, 355, 358, 520, 702, 704 Hansmann 418, 420, 520, 702, 704 Hantz 302, 307, 702, 706 Hantzsch soit Hantsch 618 Häny 157, 364, 365, 702, 705 Hänz 374 Hänzi 376 Harb 401, 1008 Hard 821 Harder 428, 821 Hardmeier 104, 508, 513, 523 Hardmeyer 104, 270 Hardtmeyer 104, 270 Härdy 270 Hari 166, 275 Häring 382, 384, 385, 870, 872, 1030, 1032 Harisberger 240 Harnisch 923 Harnischberg 240, 774 Harri 157, 166, 275 Harry 157, 166, 275 Härtli 350, 354, 358, 675 Hartmann 420, 425, 675, 680 Hartmeier 104, 155, 508, 513, 523 Hartmeyer 104, 155, 508, 513, 523 Härtsch 375, 675 Härz 675, 994 Harzenmoser 804, 807 Hascher 438, 949 Haselbach 238, 793, 818 Häsele 176, 178, 353, 355, 358, 454, 1005, 1025, 1032 Häseli 176, 178, 350, 354, 358, 454, 1025, 1032 Hasen 334, 335, 337, 1025, 1032 Hasenfratz 506, 513, 986 Haslach 818 Haslebacher 238, 793 Haslemann 406, 408, 818 Hasler 56, 61, 818 Häsler 56, 61 Häsli 176, 179, 350, 354, 358, 454, 1005, 1025, 1032 Haslimann 406, 408, 818 Haslimeier 104, 508, 513, 523 Hässig 396, 400, 1008 Hassler 818 Hässli 176, 179, 350, 354, 358, 454, 1005, 1025, 1032 Hättenschweiler 114, 119, 755 Hättenschwiler 114, 119, 755 Hättenschwiller 114, 119, 755 Hatz 374 Haubenschmid 126, 128, 251, 503, 513, 526 Hauck 302 Haudenschild 600, 602, 603 Hauenstein 600, 602, 603, 604 Hauert 462, 464, 468, 837 Haueter 428, 837 Haufgartner 428, 846 Haug 126, 130, 668, 671 Haumüller 508, 513, 524, 899 Haupt 179, 454, 984, 1062 Häuptli 109, 350, 354, 358, 454, 984, 1062 Hauptlin 179, 352, 355, 358, 454, 984, 1062 Hauri 1020, 1022, 1023, 1028, 1032 Haury 1020, 1022, 1028, 1032 Haus 126, 520, 702, 704 Hausamann 126, 128, 406, 409, 503, 513 Hausammann 126, 128, 406, 409, 503, 513 Hausegger 126, 131, 774 Häuselmann 189, 414, 418, 420, 520, 702, 704 Hauser 126, 131, 432, 852, 864 Häuser 136, 139, 344, 452, 485, 999 Häusermann 136, 406, 852, 999 Hausheer 126, 128, 162, 166, 179, 503, 513, 949 Hausherr 126, 128, 166, 179, 503, 513, 949 Hausin 189, 520, 702, 704 Hausknecht 127, 128, 503, 513, 528, 955 Häusler 136, 138, 438, 852 Häusli 136, 140, 350, 354, 852 Hausmann 127, 128, 406, 852 Häusser 136, 139, 344, 452, 485, 999 Hauswirth 127, 128, 255, 503, 513, 949 Hautle 353, 355, 358, 454, 984, 1062 Hauwiler 114, 119, 127, 755 1086 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1087"?> Haymoz 474 Hayoz 474, 478 Hebeisen 114, 120, 506, 513 Hecht 50, 179, 870, 872, 1030, 1032 Heckendorn 818 Hediger 188, 429 Hedinger 188, 429 Heeb 162, 877 Heer 162, 179, 1062 Hegelbach 238, 493, 793 Heger 438, 949 Hegetschweiler 114, 119, 744, 755 Hegg 820 Heggendorn 493, 818, 820 Heggi 820 Heggli 186, 350, 354, 820 Hegglin 186, 352, 355, 820 Hegi 820 Hegnauer 744, 756 Hegner 820 Hehlen 974 Heid 107, 848 Heidelberger 240, 758, 760, 762 Heider 848 Heierle 190, 353, 355, 358 Heierli 190, 350, 354, 358 Heil 994 Heimann 155, 418, 420 Heimberg 240 Heimen 334, 335, 337 Heimgartner 846 Heimhofer 880 Heimlicher 438, 949 Heimo 474 Heimoz 155, 474 Heinen 155, 334, 335, 337 Heini 190 Heiniger 429 Heinimann 418, 420 Heinis 190, 334, 335 Heinz 190, 374 Heinzelmann 376, 414, 418, 420 Heinzely 178, 302, 350, 354, 358 Heinzen 334, 335, 337 Heinzer 418, 421 Heinzmann 190, 376, 415, 418, 420 Heiri 190 Heiss 520, 702, 704 Heiter 848 Heitsch 375 Heitz 374 Heiz 190, 374 Heizmann 107, 190, 376, 415, 418, 420 Helblig 391, 392, 393, 974, 1067 Helbling 391, 392, 393, 394, 974, 1067 Held 179, 997 Heldner 431, 432, 774 Helfenberger 240, 877 Helfenstein 493, 877 Helfer 207, 438, 957 Helg 179, 1012 Hell 774 Heller 428, 432, 774 Hellmüller 508, 513, 524, 899 Hemmann 418, 420 Hemmerling 388, 390, 391, 392, 393 Henauer 756 Hengartner 56, 61, 846 Hengärtner 56, 61, 846 Henggeler 178, 418, 421 Henggi 70, 196 Henguely 303 Henne 702, 705 Henneberg 303, 434 Henneberger 240, 434, 774 Hennemann 418, 420 Henni 70, 157, 364, 365, 702, 705 Henny 157, 364, 365, 702, 705 Hensch 375 Henschen 334, 335, 337 Hensel 356, 358, 520, 702, 704 Henseler 174, 178, 520, 949 Hensemberger 195, 240 Hensler 174, 179, 520, 949 Hentsch 375 Hentz 374 Hentzi 303, 307 Henz 374 Henzelin 178, 352, 355, 358 Henzen 334, 335, 337 Henzi 376 Henzmann 376, 415, 418, 420 Hepp 215 Herbert 50, 464 Herbst 50, 179, 1056 Herde 828 Herdener 178, 442, 444, 906 Herder 438, 444, 906 Herdi 303 Herensperger 240, 272, 744 Herger 50, 1016 Heri 50 Hermann 50, 166, 420, 425, 678 Hermatschweiler 114, 119, 744, 755 Hermetschweiler 114, 119, 744, 755 Herport 50 Herren 334, 335, 337, 1062, 1071 Herrenschwand 832, 833 Herrensperger 272 Herrli 50, 350, 354, 358 Herrmann 50, 166, 420, 425, 678 Herrsche 50, 166, 377, 675 Hersberger 50, 240, 429 Hersche 50, 166, 378, 675 Hersperger 50, 240, 429 Hert 50 Hertach 493 Hertel 50 Hertenstein 50, 492, 870, 872 Hertig 50, 382, 384, 385 Hertli 50, 350, 354 Hertner 821 Hertzeisen 50, 114, 120, 302, 609 Herzer 439 Herzig 50, 506, 513, 1036 Herzog 50, 52, 208, 506, 513, 515, 1036 Hess 769, 771 Hettlinger 744 Heuberger 240, 428 Heuer 109, 439, 909 Heuscher 136, 1064 Heusi 136, 139, 485 Heusler 136, 138, 439, 852 Heusser 136, 139, 344, 346, 452, 485, 999 Heussi 136, 139, 364, 366, 452, 485, 999 Heussler 136, 138, 439, 852 Heussy 270 Heutschi 364, 366, 1010 Heyer 439 Heymann 155, 418, 420 Heymoz 155, 474 Heynen 155, 334, 335, 337 Hiebler 75, 79, 80, 883 Hiertzeler 303, 307 Hiestand 600, 603, 1006 Hilfiker 383, 384, 385, 429, 752 Hilpert 464 Hilpertshauser 127, 131 Hiltbrunner 429, 797 Hilti 157 Hiltmann 418, 420 Hilty 157 Hilzinger 758, 760, 762 Himly 302 Himmel 774, 870, 872 Himmelberger 240 Himmelrich 870, 872 Himmler 774 Hindenlang 758, 760, 762 Hinderling 391, 392, 393 Hindermann 406, 408 Hinker 989 Hinn 195 Hinnen 195 Hinterberger 240, 774 Hintermann 406, 408 Hintermeister 508, 513 Hintermüller 508, 513, 524, 899 Hippenmeyer 104, 509, 513, 523 Hirni 986, 1000 Hirs 908 Hirsbrunner 797 Hirschgartner 428, 744, 846 Hirschi 1026, 1032 Hirschi soit Hirschy 303, 618 Hirschy 1026, 1032 Hirsig 758, 760 Hirsiger 758, 760 Hirt 906 Hirter 439, 906 Hirtzel 1026, 1032 Hirz 870, 872, 1026, 1032 Hirzel 1026, 1032 Hischier 74, 77, 80, 428, 852 Hitz 374 Hobi 1026, 1032 Hobler 174, 179, 452, 989 Hoby 1026, 1032 Hoch 401, 974 Höchener 174, 178, 224, 431, 774 Höchle 353, 355, 774 Höchli 350, 354, 774 Höchner 174, 179, 224, 774 Hochreutener 431, 432, 830, 833 Hochreuter 432, 830, 833 Hochreutiner 431, 432, 830, 833 Hochstaettler 884 Hochstrasser 90, 210, 428, 860 Hochuli 358, 510, 513 Hockenfuss 506, 513, 988 Hodel 487, 488, 960, 963 Hodler 439, 488, 960 Hoenger 303 Hoessly 350, 354, 358, 936 Hof 493, 880 Hofacher 213, 840 Hofacker 213, 840 Hofbauer 127, 128, 482, 503, 513, 902 Hofer 880, 882, 886, 903 Hoffer 880, 903 Hoffmann 406, 409, 880, 903 Hoffmeyer 104, 508, 513, 523 Höf ler 880 Hofmann 406, 409, 880, 882, 886, 903 Hofmänner 439, 503, 513 Hofmeier 104, 508, 513, 523 Hofner 880 Hofstädter 432, 884 Hofstätter 432, 884 Hofstetter 429, 432, 884 Hogg 90, 91, 456 Högger 428, 774, 776 Hohener 56, 61, 174, 178, 224, 431, 774 Höhener 56, 61, 164, 174, 178, 224, 431, 774 Hohermuth 147, 148, 255, 609, 994 Hohl 164, 165, 493, 774, 780 Hohler 428, 774, 780 Höhn 1016 Holbein 506, 513, 988 Hold 401, 994 Holdeneker 93 Holdener 178, 994 Holder 344, 994 Holenstein 492, 826 Holenweg 862 Holenweger 862 Holer 774, 780 Holi 364, 369, 774, 780 Hollenstein 492, 826 Familiennamenregister 1087 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1088"?> Hollenwäger 42, 862 Hollenweger 42, 428, 862 Holler 818 Holliger 188, 429 Hollinger 188, 429 Holy 364, 369, 774, 780 Holzach 750, 816 Holzer 816 Holzherr 179, 503, 513 Hölzli 350, 354, 816 Holzmann 406, 409, 816 Holzreuter 439, 503, 513 Holzschitter 439 Homberger 240 Honauer 429, 756 Honegger 428, 774 Höneisen 114, 120, 506, 513 Höner 1020 Hönger 744 Hongler 418, 421 Honsberger 98, 240 Honsperger 98, 240 Hoog 90, 91, 163, 456 Hool 163, 165, 774, 780 Hopf 206, 910 Hopfengärtner 206, 846 Höpli 364, 366, 452, 989 Hoppeler 56, 61, 174, 178, 452, 989 Höppeler 56, 61, 174, 178, 452, 989 Hoppler 174, 179, 452, 989 Höppli 364, 366, 452, 989 Horber 429 Horisberger 240 Hörler 430 Horn 493, 774, 870, 872 Hörndli 350, 354, 774 Horner 56, 61, 1056 Hörner 56, 61 Horni 56, 60, 774 Hörni 56, 60, 774 Hörnlimann 190, 406, 408, 414, 774 Hornüng 302 Horst 98, 818 Hort 493 Hosang 493, 836 Hosig 836 Hösli 350, 354, 358, 936 Hosmann 406, 936 Hosner 442, 928 Hospenthal 877 Hosslé 303, 308 Hössli 350, 354, 358, 936 Hössly 303 Hossmann 406, 936 Hostetmann 406, 408, 884 Hostettler 430, 432, 884 Hottenberg 240 Hottiger 188, 744 Hottinger 188, 429, 744 Hotz 483 Houber 302, 305, 883, 905 Houlmann 302, 305, 418, 420 Howald 493, 816 Hoz 483 Hubacher 147, 148, 493, 840 Hubeli 176, 178, 350, 354, 774, 776 Huber 147, 148, 150, 883, 886, 905, 913 Hüberli 350, 354, 883 Hubert 464 Hubler 774, 776 Hubleur 302 Hubli 176, 179, 350, 354, 774, 776 Hüblin 352, 355, 883 Hubmann 147, 148, 406, 883 Hübscher 994 Hübschi 179, 994 Hubschmid 147, 148, 251, 503, 513, 526 Hueber 147, 883, 905 Hueter 147, 439, 928 Hufschmid 147, 148, 251, 503, 513, 526 Hug 126, 130, 668, 671, 672 Hugener 178, 418, 421, 668, 671 Hugenfeld 840 Hugenmatter 843 Hugentobler 429 Huggel 356 Hüggel 668, 671 Huggenberger 240, 429, 744 Huggler 418, 421, 668, 671 Hugi 56, 60 Hügi 56, 60, 186, 668, 671 Hügin 186, 668, 671 Hügli 157, 350, 354, 358, 668, 671 Hügly 157, 350, 354, 358, 668, 671 Hugo 474, 668, 671 Huguenin-dit-Benjamin 613 Huguenin-dit-Lenoir 613 Hühnli 350, 354 Hulmann 302, 418, 420 Humair 105 Humbel 199, 454, 1006, 1031, 1032 Hümbeli 178, 186, 199, 350, 354, 358, 454, 1006, 1031, 1032 Hümbelin 178, 186, 199, 352, 355, 358, 454, 1006, 1031, 1032 Humbert-Droz-dit-Walter 613 Hummel 199, 454, 1006, 1031, 1032 Hung 179 Hungerbühler 149, 428, 774, 827 Hünig 382, 384, 385 Hüninger 758, 760 Hunkeler 178, 429, 741 Hunsperger 240 Hunziker 383, 384, 385, 386, 429, 741, 752, 757 Huonder 644 Hüppeler 178, 989 Hüppi 186 Hüppin 186 Hürbi 186 Hürbin 186 Hürlimann 190, 406, 408, 414, 416, 774 Hurny 303 Hürsch 616 Hürsch dit Cerf 613, 614, 616 Hurschler 1010 Hurst 56, 818 Hürst 56, 818 Hurt 848 Hurter 428, 848 Hurtig 396, 400 Hürzeler 178 Hüselmann 414, 418, 420, 520, 702, 704 Huser 126, 131, 432, 852 Hüser 136, 139, 344, 452, 485, 999 Husi 126, 129 Husistein 126, 131 Hüsler 136, 138, 140, 439, 852 Husmann 126, 406, 852 Husner 126, 131, 431, 432 Hüss 136, 139, 401, 452, 483, 485, 999 Hüsser 136, 139, 344, 452, 485, 999 Hüssy 136, 139, 364, 366, 452, 485 Husy 126, 129 Hut 147, 148 Huter 147, 148, 439, 447, 928 Hutiger 303 Hutmacher 147, 148, 439, 447, 928 Hutmann 147, 148, 406, 409, 928 Hüttenmoser 428, 804, 807 Hutter 147, 148, 439, 928 Hutterli 350, 354, 928 Hutzli 350, 354, 358, 981 Hutzmann 406, 410, 981 Huwiler 114, 119, 126, 153, 429, 755 Huwyler 114, 119, 126, 153, 429, 755 Hux 334, 335 I Ibach 114, 238, 793, 814 Iberg 240, 774, 814 Idtensohn 510, 513, 719, 722, 723, 724, 729 Ifanger 189, 848 Ifert 464 Illi 157 Illien 334, 335, 337 Illy 157, 350, 354, 358 Im Boden 303 Im Hof 570, 571, 880 Im Obersteg 570, 571, 774, 863 Im Thurn 570, 571, 859 Imahorn 570, 571, 810 Imark 570, 571, 863 Imbach 238, 570, 571, 793 Imbaumgarten 570, 571, 846 Imber 439, 870, 872, 913 Imbiederland 570, 774 Imboden 570, 571, 572, 774, 783 Imdorf 207, 241, 570, 571, 884 Imer 302 Imesch 570, 571, 810 Imfeld 570, 571, 774, 783, 840 Imgrüt 136, 140, 179, 570, 571, 830, 833 Imgrüth 136, 140, 179, 255, 570, 571, 830, 833 Imhasly 570, 571, 818 Imhof 570, 571, 572, 880, 882 Imhoff 570, 571, 880 Imholz 208, 570, 571, 816 Imhoof 163, 570, 571, 880 Imhooff 163, 570, 571, 880 Imlig 388, 390, 391, 392, 393 Immeli 178, 350, 354 Immenhauser 127, 131, 753, 758, 760, 762 Immoos 163, 496, 570, 571, 804, 807 Imoberdorf 207, 241, 570, 571, 774, 884 Imobersteg 570, 571, 774, 863 Imper 439, 870, 872, 913 Imsand 570, 571, 824 Imseng 570, 571, 836 Imstepf 206, 570, 571, 848 Imthurn 570, 571, 859 Imwinkelried 570, 571, 774, 805, 807 In Albon 570 Inäbnit 570, 571, 774, 783 Inalbon 570 Inauen 570, 571, 572, 802 Inderbinen 74, 77, 80, 570, 571, 840 Inderbitzi 186, 570, 571, 848 Inderbitzin 186, 570, 571, 848 Indergand 570, 571, 774, 786 Inderkum 570, 571, 774 Inderkummen 570, 571, 774 Indermaur 127, 131, 570, 571, 859 Indermitte 570, 571 Indermühle 570, 571, 856 Inderschmitten 570, 571, 856 Inderwildi 570, 571, 774 Ineichen 570, 571, 810 Infanger 189, 428, 848 Inglin 352, 355, 358 Inhelder 570, 571, 774 Inmos 303 Inwyler 114, 119, 755 Ipser 439 Irmel 722, 724 Irmeltrud 719 Irmiger 188 Irminger 188 Isaac 162 Isaak 162 Isch 114, 493, 828 Ischer 114, 828 Ischi 114, 828 Iseli 114, 120, 178, 186, 350, 354 Iselin 114, 120, 178, 186, 352, 355 Isely 114, 120, 178, 302, 350, 354 Isenegger 114, 120, 428, 774, 828 Isenrich 114, 120 1088 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1089"?> Isenring 114, 120, 505, 513, 920 Isenschmid 114, 116, 120, 251, 503, 513, 526, 920 Isler 116, 440, 808, 920, 927 Isliker 383, 384, 385, 752 Ita 719, 722, 723, 724, 729 Itel 114, 117 Item 334, 335, 337, 719, 722, 723, 724, 729 Iten 334, 335, 337, 339, 719, 722, 723, 724, 726, 729, 736 Ith 255, 719, 722, 723, 724, 729 Itin 719, 722, 723, 724, 729 Itschner 744 Itten 334, 335, 337, 719, 722, 723, 724, 729 Ittensohn 510, 513, 719, 722, 723, 724, 729 Ittig 382, 384, 385, 719, 722, 723, 724, 729 Ittin 719, 722, 723, 724, 729 J Jaberg 240, 492 Jäck 62, 712 Jäckh 62, 712 Jäckli 186, 350, 354, 358, 712 Jäcklin 186, 352, 355, 358, 712 Jacober 418, 421, 712 Jacot-Descombes-dit-Gendre 613 Jacot-dit-Montandon 613, 614 Jaeger 50, 68, 70, 72, 439, 915, 916 Jaeggi 60, 68, 70, 72, 157, 712 Jaeggli 268 Jaeggy 60, 157, 712 Jaermann 303 Jäger 50, 68, 70, 72, 439, 915, 916, 918 Jaggi 56, 60, 157, 712 Jäggi 56, 60, 62, 68, 70, 72, 186, 712 Jäggin 60, 186, 712 Jäggli 350, 354, 358 Jaggy 60, 157, 712 Jägli 350, 354, 358, 712 Jahn 702, 704 Jaisli 350, 354 Jäk 62, 712 Jakob 712 Jakober 418, 421, 712 Jakoberger 240 Jan 702 Jan du Chêne 702 Jandin 703 Janett 703 Janggen 285, 287, 291, 297, 334, 335, 337, 703, 706 Janigg 703, 706 Janin 702 Janjöri 512, 513, 703 Janka 285, 287, 291, 297, 703, 706 Janki 285, 287, 297, 538, 703, 706 Jann 702, 704 Janner 418, 421, 702, 704 Janom 703 Jans 189, 702, 704 Janser 418, 421, 702, 704 Januarius dit Décarli 614 Januth 703, 706 Janutin 703 Janz 702, 704 Janzi 364, 365, 376, 702, 704 Jaques dit Jaques-Dalcroze 614 Järmann 418, 420 Jaun 492 Jaus 189, 702, 704 Jauslin 189, 352, 355, 358, 702, 704 Jaussi 189, 702, 704 Jean 702 Jeanbourquin 702 Jean-Cartier 702 Jeandet 702 Jeandrevin 702 Jeandupeux 702 Jeanfavre 702 Jeangros 702 Jeanguenat 702 Jeanguenin 702 Jeanhenry 702 Jeanjaquet 702 Jeanloz 702 Jeanmaire 702 Jeanmaire dit Quartier 614 Jeanmaire-dit-Cartier 613, 702 Jeanmaire-dit-Quartier 613, 702 Jean-Mairet 702 Jeanmonod 702 Jeannerat 702 Jeanneret 282, 702 Jeanneret-de-la Coudre 702 Jeanneret-Gris 702 Jeanneret-Grosjean 702 Jeannet 702 Jeannin 702 Jeannot 702 Jeannotat 702 Jeannottat 702 Jeanperrin 682, 688, 702 Jean-Petit-Matile 702 Jeanprêtre 702 Jeanquartier 702 Jeanrenaud 702 Jean-Richard 702 Jeanrichard-dit-Bressel 613, 702 JeanRichard-dit-Bressel 613 Jean-Richard-dit-Bressel 613, 702 Jeck 62, 712 Jeckelmann 414, 418, 420, 712 Jecklin 352, 355, 358, 712 Jeger 50, 70, 439, 915, 916 Jegerlehner 428, 883 Jegge 60, 712 Jegger 50, 439, 915, 916 Jeggi 60, 70, 712 Jeggli 350, 354, 358, 712 Jegher 50, 439, 915, 916 Jehle 75, 79, 80 Jehli 75, 79, 80 Jeitziner 746 Jeiziner 746 Jekelmann 414, 418, 420, 712 Jeker 429 Jemmely 302 Jenal 703, 706 Jenatsch 703 Jendly 350, 354, 358, 702 Jenelten 334, 335, 337 Jenk 702 Jenni 157, 702, 704, 705, 707 Jenny 157, 702, 704, 705, 707 Jensch 375, 702 Jentsch 375, 702 Jergen 74, 76, 80, 334, 335, 337 Jerjen 74, 76, 80, 334, 335, 337 Jermann 418, 420 Jerusalem 1057 Jetter 439, 909 Jetzer 418, 421 Jezler 418, 421 Jochberg 240, 758, 760 Joggi 712 Johann 702, 704 Johanni 702, 704 Johannot 302, 702 John 702 Johner 164 Jöhri 364, 365 Joneli 178, 350, 354, 358, 702 Jonin 702 Joos 163, 711 Joost 163, 711 Jordi 364, 365 Jörg 80 Jörger 418, 421 Jöri 186, 364, 365 Jörigustin 512, 513 Jörimann 418, 420 Jörin 186, 364, 365 Joseph-dit-Lehmann 614 Jösler 418, 421 Joss 711 Jossen 334, 335, 337 Jost 711, 716 Josti 157 Josty 157 Joud-dit-Gafner 614 Juchler 840 Juchli 350, 354, 840 Jud 1059 Juen 147, 702 Jufer 966, 970 Julen 334, 335, 337 Jundt 719, 722, 724 Jung 338, 401, 1044, 1048 Jungen 334, 335, 337, 338, 1044, 1048 Jünger 344, 1048 Jungholz 208, 816 Jungi 1044, 1048 Jungo 474, 478, 1044, 1048 Jungsten 179, 342, 343, 1044, 1048 Jüni 1056 Junker 179, 506, 513, 1036, 1062 Junz 374 Juple 354, 355, 936 Jurt 493, 840 Jutz 56, 58, 374, 719, 722, 724 Jütz 56, 58, 374, 719, 722, 724 Jutzeler 178, 418, 422, 719, 722, 724 Jutzet 302 Jutzi 376, 719, 722, 724 Juvalta 748 K Käch 42, 46, 210, 999 Kächeisen 272 Kachelhofer 880 Kaderli 350, 354, 1016, 1020 Kaech 42, 46, 302, 999 Kaeser 56, 61, 68, 70, 72, 439, 892 Kaeslin 268 Kaestlin 352, 355 Kagan soit Kagann 618 Kägi 210, 974 Kähli 168, 186, 987 Kählin 168, 186, 352, 355, 358, 987 Kaiser 107, 156, 210, 1036 Kalberer 439, 906 Kalbermatten 492, 746, 843 Kalbermatter 429, 746, 843 Kalbfuss 505, 513 Kalchofner 213, 431 Kalenbach 238, 793 Kälin 352, 355, 358, 987 Kallen 334, 335, 337 Kallenbach 238, 793 Källi 168, 987 Kalt 401, 1008 Kaltbrunner 797 Kaltenbach 238, 793 Kaltenrieder 805, 807 Kaltschmied 251, 503, 513, 526 Kamber 199, 439, 447 Kambli 199, 350, 354 Kamer 429 Kamerzin 195, 302, 505, 513 Kamm 199 Kammacher 195, 439, 447 Kammenzind 272 Kammer 195, 199, 439 Kammerer 439, 957 Kammermann 406, 949 Kämpf 50, 206, 210, 482, 485, 966, 970 Kämpfen 50, 206, 334, 335, 337 Kämpfer 50, 206, 439, 485, 966, 970 Känel 799 Känzig 758, 760, 762 Kapfer 206, 774 Kappeler 174, 178, 210, 429, 857 Kappelhofer 880 Familiennamenregister 1089 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1090"?> Käppeli 178, 210, 350, 354, 857 Kappenthuler 285, 289, 295, 296, 297, 539 Kappler 174, 179, 857 Karlen 210, 262, 264, 334, 335, 337 Karli 262, 364, 365 Karpf 206, 1030, 1032 Karrer 210, 439 Kaser 56, 61, 210 Käser 56, 61, 68, 70, 72, 210, 439, 892, 894 Käsermann 406, 409, 892 Käslin 352, 355, 892 Kaspar 210, 263 Kasper 210, 263 Kast 943 Kasteler 178, 210, 886, 949 Kästli 210, 350, 354 Kathriner 418, 422, 719, 722, 724, 735 Kauer 179, 466, 837 Kauert 179, 462, 464, 466, 837 Kauf 207, 482, 485, 960 Käufeler 178, 439, 485, 960 Kauf le 207, 354, 355, 960 Kauf lin 207, 352, 355, 960 Kaufmann 207, 210, 214, 406, 409, 485, 960, 963 Kauter 127, 129, 1028, 1032 Kauz 454, 1028, 1032 Kayser 107, 156, 1036 Kech 42, 46, 999 Kecheisen 114, 120, 272, 600, 602, 603, 604, 920 Keel 162, 165, 493, 774 Kegel 974 Kehl 165, 774 Kehrli 350, 354 Kehrmann 406 Keigel 974 Keim 974, 1044, 1049 Keiser 107, 155, 210, 1036 Keist 81, 974, 1044, 1049 Kelhofer 880 Kellenberg 240 Kellenberger 240, 429 Keller 210, 444, 446, 949, 958 Kellerhals 506, 513, 987 Kellermüller 509, 513, 524, 898 Kellersberger 240 Kempf 50, 206, 210, 482, 485, 966, 970 Kenel 799 Kengelbacher 238, 793 Kennel 799 Kerdjeian dit Peniguian 614 Kerker 179 Kerli 350, 354 Kern 210, 996 Kernen 334, 335, 337, 996 Keser 70, 439, 892 Kesseli 50, 178, 350, 354, 922 Kesselring 50, 505, 513 Kessely 269 Kessi 50, 774, 780 Kessler 50, 52, 210, 439, 922, 927 Kestenholz 208, 816 Ketterer 418, 422, 719, 722, 724, 735 Keuffer dit Barrelet 302, 613 Keust 81, 974, 1044, 1049 Keyser 107, 155 Kiburger 744, 877 Kid 114, 117, 153, 974, 1044, 1049 Kiefer 75, 79, 80, 207, 439, 940 Kieffer 75, 79, 80, 207, 439, 940 Kielholz 208, 816 Kienast 505, 513, 962 Kienberger 240 Kiener 146, 210, 439, 962 Kienholz 208, 505, 513, 816 Kieni 262, 364, 365, 644, 646 Kienle 354, 355 Kienz 75, 79, 80, 374, 644, 646 Kieser 439, 826, 955 Kihm 974, 1044, 1049 Kilchenmann 200, 406, 857, 957 Kilcher 179, 200, 210, 503, 513 Kilchher 166, 179, 200, 503, 513 Kilchherr 166, 179, 200, 503, 513, 528 Kilchhofer 200, 857 Kilchmann 200, 406, 857, 957 Kilchoer 200, 302 Kilchör 200 Kilchsperger 200, 240 Killer 179, 200, 503, 513 Kim 974, 1044, 1049 Kimmerling 74, 77, 80, 391, 392, 393, 1005 Kind 1044, 1046 Kindhauser 127, 131, 744, 753 Kindlimann 406, 414 Kindschi 360, 1044, 1046 Kindweiler 114, 119, 755, 758, 760 Kinimann 406, 774 Kipfer 206, 429 Kirchen 200, 857 Kircher 179, 200, 503, 513 Kirchhofer 200, 210, 428, 857 Kirchmeier 104, 200, 444, 503, 513, 523, 957 Kirsch 910 Kirscher 439, 910 Kirschmann 406, 910 Kiser 826 Kislig 391, 392, 393, 974 Kisner soit Küstner 618 Kisslig 391, 392, 393, 974 Kissling 391, 392, 393, 394, 974 Kistler 210, 440, 943 Kittel 86, 936 Klaas 162, 233, 263 Kläfiger 444, 949 Kläger 439, 949 Klägli 350, 354, 358, 1020 Klare 210 Kläsi 233, 263 Klaus 210, 233, 263, 264 Klauser 210, 233, 263, 418, 421 Kläusler 233, 263, 418, 421 Kläusli 80, 233, 263, 350, 354, 358 Klausner 127, 129, 233, 774, 857 Klauss 233, 263 Klay 56 Kläy 56 Kleck 483 Klee 162 Kleeb 162, 210 Kleeli 162, 350, 354, 821 Kleemann 162, 406, 821 Kleger 439, 949 Kleiber 439 Kleimann 190, 406, 410, 974 Klein 210, 974, 1050 Kleiner 210, 344, 346, 466, 974 Kleinert 462, 464, 466 Kleinjenni 190, 510, 513, 702, 704, 1050 Kleinpeter 190, 510, 513, 682, 688 Kleinstein 190, 510, 513 Kleisli 74, 78, 80, 233, 263, 350, 354, 358 Klemenz 263 Klingel 1020 Klingelfuss 506, 513, 989 Klingenfuss 506, 513, 989 Klinger 210, 774 Klingler 210 Klingnauer 756 Klodel 263 Klopfenstein 206, 600, 602, 603, 604 Klopfer 206, 439 Klopfstein 206, 600, 602, 603, 604 Klossner 774, 857 Kloter 744 Klöti 364, 369, 1002 Klötzli 350, 354, 358 Kloug 302, 305, 1000 Kluser 126, 131, 210, 428, 774, 857 Knabenhans 509, 513, 520, 528, 702, 704 Knapp 482 Knaus 127, 129, 210, 456, 976, 997 Knébel 302 Knecht 210 Knechtle 354, 355, 358 Knechtli 350, 354 Kneubühl 142, 149, 774 Kneubühler 142, 149, 428, 774 Knill 483 Knobel 98, 976 Knoblauch 910 Knöchel 987 Knopf 206, 974 Knopf li 56, 59, 206, 350, 354, 974 Knöpf li 56, 59, 206, 350, 354, 974 Knöri 456, 974 Knörr 456, 974 Knubel 976 Knup 976 Knupp 210, 976 Knus 126, 129, 456, 976, 997 Knüsel 210, 976 Knüsli 350, 354, 358, 456, 976 Knüssi 456, 1016 Knutti 974 Kobel 210, 466, 712, 774 Kobelt 462, 466, 468, 712, 774 Kobi 712 Kobler 774 Koblet 462, 466, 712, 774 Koch 210, 893, 894 Kocher 210, 439, 893 Kocherhans 512, 513, 520, 702, 704 Köchli 186, 210, 350, 354, 893 Köchlin 70, 72, 186, 352, 355 Koebel 356, 358, 466, 712 Koechlin 70, 72, 352, 355, 893 Koeferli 268 Koelner 758, 760, 762 Koenel 303 Koenel dit Chenaud 303, 613, 616 Koenig 70, 72, 1036 Koerber 70, 72, 439 Koetschet 302 Kofel 493, 774 Köfer 1008 Köferli 350, 354, 358, 1008 Kofmehl 600, 602, 603, 604 Kofmel 600, 602, 603, 604 Kohlbrenner 439, 503, 513 Kohlbrunner 168, 797 Kohler 56, 61, 62, 164, 168, 210, 439 Köhler 56, 61, 439 Kohlert 468 Kohli 980 Köhli 350, 354, 910 Kohly 168, 980 Kolb 210, 248, 454, 976 Kölbener 178, 421, 424, 976 Kölbli 350, 354, 358, 454, 976 Kölla 758, 760, 762 Kollbrunner 168, 428, 797 Koller 61, 168, 210, 439 Kollhopp 910 Kölliker 210, 429 Kolly 168, 980 Kolp 248, 454, 976 Komminoth 255 Konanz 1002 Koneth 255 Köng 100, 179, 1036 König 70, 72, 100, 102, 210, 1036 Konrad 190, 210, 262, 644, 646 Könz 262, 374, 644 Kopf 206, 870, 872, 984 Köpfer 206 Köpf li 210, 350, 354, 984 1090 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1091"?> Kopp 56, 210, 712 Köpp 56, 712 Köppel 356, 358, 466, 712 Köppli 186, 350, 354, 358, 712 Köpplin 186, 352, 355, 358, 712 Koradi 262, 644, 646 Körber 70, 72, 439 Kormann 406, 409, 949 Korneli 263 Korner 439, 962 Korrodi 262, 644, 646 Kosdigian soit Ksdikian 618 Koster 98, 444, 956 Kostezer 758, 760, 762 Köstli 350, 354, 358 Kottmann 406, 409, 854 Koull 303, 305 Kraaz 90, 162, 482 Kradolfer 429 Kraft 210, 1016 Krägi 1028, 1032 Krähemann 406, 410, 1020 Krähenbühl 493, 774 Krähenmann 406, 410, 1020 Kräher 1020 Kräig 1028, 1032 Krailiger 303 Kramer 56, 61, 90, 91, 210, 439, 960 Krämer 56, 61, 439, 960 Kramis 804, 807 Kränzli 269 Kränzlin 352, 355, 358, 870, 872 Krapf 206 Krattiger 188, 210, 429 Krattinger 188 Krättli 350, 354 Kräuchi 989, 990 Krauer 210, 1012 Kraushaar 90, 127, 129, 162, 506, 513, 981 Kraut 127, 129, 910 Kräutler 136, 138, 440, 444 Kräutli 136, 139, 350, 354, 358, 910 Krayenbühl 774 Krayer 110, 1020 Krebs 179, 210, 870, 872, 1030, 1032 Krebser 179, 915, 917 Kreider 910 Kreienbühl 493, 774 Kreienbühler 774 Kreier 110, 1020 Krell 1016 Kressbach 238, 793 Kressebuch 147, 148, 810 Kretz 210 Kreuter 439, 444 Kreutschy 302 Kreutzer 136, 140, 857 Kreuz 136, 140, 857, 870, 872 Kreuzer 136, 140, 210, 428, 857 Kreyenbühl 774 Krieg 146, 456, 1016, 1018 Krieger 456, 1016, 1018 Kriemler 989 Krienbühl 121, 493, 774 Kriesi 910 Kromer 90, 91, 439, 960 Kron 870, 872, 874 Kronauer 756, 758, 760, 762 Kronenberg 240 Kronenberger 240, 758, 760, 762 Kronig 870, 872, 874 Kropf 206, 454, 870, 872, 987 Kropf li 56, 59, 206, 350, 354, 358, 454, 987 Kröpf li 56, 59, 206, 350, 354, 358, 454, 987 Kroug 303, 305 Krucker 210, 989, 990 Krug 870, 872 Krügel 974, 976 Krumm 338, 401 Krummen 334, 335, 337, 338 Krummenacher 213, 493, 774, 840 Krüse 974, 981 Krüsi 210, 974, 981 Krütli 136, 139, 350, 354, 358, 910 Krüttli 136, 139, 350, 354, 358, 910 Kübele 176, 178, 354, 355, 940 Kubler 302, 306 Kübler 210, 439, 940 Kubli 56, 59, 176, 179, 350, 354, 940 Kübli 56, 59, 176, 179, 350, 354, 940 Kuchen 897 Küchler 210 Küchli 186, 350, 354, 897 Küchlin 186, 352, 355, 897 Kuder 1028, 1032 Küderli 350, 354 Kuenlin 147, 352, 355, 358, 644, 646 Kuentz 147, 262, 374, 644, 646 Kuenzi 56, 60, 147, 157, 364, 365, 376, 644, 646 Küenzi 56, 60, 80, 149, 364, 365, 376, 644, 646 Küenzli 303 Küenzlin 149, 352, 355, 358, 376, 644, 646 Kuenzy 147, 157, 364, 365, 644, 646 Kuert 147, 464, 644, 646 Kuffer 303 Küffer 80, 149, 207, 439, 940 Küffer dit Barillet 302, 613 Kuffer dit Barrillier 302, 306, 613 Küffer-dit-Barrillier 302, 613 Kügeli 178, 350, 354 Kugler 928 Küher 439, 906 Kuhn 56, 210, 644, 646, 647, 648 Kühn 56, 644, 646 Kühne 644, 646 Kuhnen 334, 335, 337, 644, 646 Kühni 644, 646 Kühnis 334, 335, 644, 646 Kull 644, 646 Kulli 157, 350, 354, 358, 644, 646 Külling 382, 384, 385 Kully 157, 350, 354, 358, 644, 646 Kümin 962 Kumli 350, 354, 774 Kummer 210, 454, 774, 1005 Kümmerli 210, 350, 354, 358, 454, 1005 Kümmerling 80, 391, 392, 393, 1005 Kümmerling soit Kimmerling 302, 391, 392, 393, 618, 1005 Kummli 350, 354, 774 Kundert 147, 148, 464, 644, 646 Kündig 210, 396, 400, 401, 1000 Kündiger 1000 Kunfermann 406, 408, 774 Küng 100, 179, 210, 1036 Kuni 147, 148, 157, 262, 364, 365, 644, 646 Kunkler 439 Künsch 375 Kuntschen 334, 335, 337, 644 Kuntz 262, 374, 644 Kuntzy 303, 306, 307 Kuny 147, 148, 157, 262, 364, 365, 644, 646 Kunz 147, 148, 150, 210, 262, 264, 374, 379, 644, 646, 647, 648, 654, 661, 672, 680 Künzi 149, 364, 365, 376, 644, 646, 647 Künzle 354, 355, 358, 376, 644, 646 Künzler 210, 418, 421, 425 Künzli 149, 210, 350, 354, 358, 376, 644, 646, 647, 648 Kuoch 147, 897 Kuonen 147, 334, 335, 337, 644, 646 Kuoni 147, 262, 364, 365, 644, 646 Kupfer 303, 306 Küpfer 206, 210 Kupferschmid 206, 251, 503, 513, 515, 526 Kupferschmied 206, 251, 503, 513, 526 Kupli 59, 176, 179, 350, 354, 940 Kupp 452, 483, 485 Kupper 210, 452, 466, 485 Kuppert 462, 464, 466 Kurath 190, 255, 644, 646 Kuratle 190, 354, 355, 358, 644, 646 Kuratli 190, 350, 354, 358, 644, 646 Kureth 190, 255, 644, 646 Kuri 157, 364, 365 Kurmann 406, 409 Kürsener 178, 439, 932, 933 Kürsteiner 429, 826 Kurt 644, 646 Kurth 255, 644, 646 Kury 56, 60, 157, 364, 365 Küry 56, 60 Kurz 210, 338, 401, 974 Kurzbein 506, 513, 988 Kurzen 334, 335, 337, 338, 974 Kürzi 364, 369, 974 Kurzmeier 104, 509, 513, 523 Kurzo 474, 974 Kuser 744 Küssenberger 240, 758, 760, 762 Küssler 994 Kuster 210, 444, 956 Küttel 86, 88, 936 Kutter 439 Kutzli 350, 354, 358, 454, 1028, 1032 Kyburger 744, 877 Kyd 114, 117, 153, 974, 1044, 1049 Kym 974, 1044, 1049 L Laager 162, 774 Läber 48, 774, 776 Labhard 249 Labhardt 249 Labhart 249 Lacher 432, 447 Lächler 994 Lachner 431, 432, 447 Lack 493 Läderach 493, 750 Laderer 424, 909 Lädermann 42, 44, 406, 409, 932, 933 Ladmann 406, 409, 943 Ladner 442, 960 Lädrach 179, 493, 750 Laederach 303 Laederer 302, 439, 932, 933 Laedermann 42, 44, 302, 406, 409, 932, 933 Laemlé 303, 308 Lagler 439, 940 Laib 897 Laim 824 Laimbacher 107, 238, 793, 824 Lambert 464 Lambrigger 74, 77, 80, 243, 746 Lämmle 354, 355, 870, 872 Lämmler 906 Lämmli 186, 350, 354, 870, 872 Lämmlin 186, 352, 355, 870, 872 Lampert 464 Landenberg 240 Landenberger 240, 744 Landert 464 Landis 483 Landös 483 Lang 56, 62, 338, 401, 974 Läng 56, 338, 401, 974 Langenauer 756 Langenberger 240, 774 Langenegger 429, 774 Langhans 510, 513, 520, 528, 702, 704 Langhard 821 Langhart 821 Langmeier 104, 509, 513, 523 Familiennamenregister 1091 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1092"?> Langmesser 505, 513 Lanthemann 302, 406, 410, 1053 Lanthmann 302, 406, 410, 1053 Lantz 302, 307, 374 Lanz 374, 379 Lappert 464 Larue soit Laruaz 618 Läser 272, 439, 946 Lässer 439, 946 Lätsch 986 Latscha 275, 280 Lätt 824 Lattmann 406, 409 Laub 108, 493, 821 Laubacher 493, 840 Laubbacher 238, 793 Laube 854 Lauber 821 Laubi 1011 Läubli 350, 354, 854 Lauchenauer 756 Lauener 178, 429, 774, 786 Laufer 952 Lauffer 56, 61, 952 Läuffer 56, 61, 952 Lauper 429 Läuppi 136, 139, 650, 652 Laurer 127, 129, 1000 Lautenschlager 127, 128, 439, 966, 969 Lauwiner 272 Leber 48, 428, 774, 776 Lechmann 220, 406, 409, 883, 903 Lechner 220, 439, 883, 903 Lederer 439, 932, 933 Ledergerber 439, 503, 513, 932, 933 Ledermann 42, 44, 406, 409, 932, 933 Lee 162, 883 Leeger 162, 439 Leemann 162, 165, 406, 409, 883, 903 Leeser 162 Léger 650 Legler 439, 940 Lehmann 164, 165, 168, 220, 224, 406, 409, 883, 903 Lehner 164, 220, 439, 883, 903 Lehnherr 179, 503, 513 Lei 824 Leibacher 238, 429, 793, 824 Leibensberger 240, 744 Leibundgut 114, 117, 147, 148, 609, 610, 1039, 1064 Leicht 114 Leiggener 178, 746 Leimbacher 107, 238, 429, 793, 824 Leimer 824 Leimgruber 147, 148, 824 Leipersberger 240 Leisebach 114, 117, 483, 897 Leiser 428 Leisibach 114, 117, 483, 897 Lemm Marugg 515 Lemmenmeier 104, 509, 513, 523 Lemp 1010 Lempen 334, 335, 337, 1010 Lendemberg 195, 240, 302 Lendenmann 97, 406, 408, 810 Lengacher 213, 840 Lengen 334, 335, 337, 338, 974 Lengg 97, 987 Lenggenhagen 820 Lenggenhager 820 Lengweiler 114, 119, 755 Lengwiler 114, 119, 755 Lenherr 179, 503, 513 Lenzi 186, 364, 365 Lenzin 186, 364, 365 Lenzinger 383, 384, 385, 752 Lerch 814, 1028, 1032 Lerchi 814 Lerchmüller 508, 513, 524, 899 Lerjen 334, 335, 337 Leser 272 Letsch 986 Letter 824 Leu 109, 870, 872, 997, 1025, 1032 Leuba-dit-Galland 613 Leuber 439, 444 Leubi 136, 139, 186 Leubin 136, 139, 186 Leubler 440, 444 Leuenberg 240 Leuenberger 240, 244, 429, 741, 749 Leuener 178, 774, 786 Leumann 406, 870, 872, 997, 1025, 1032 Leupi 136, 139, 186, 650, 652 Leupin 136, 139, 186, 650, 652 Leupold 136, 139, 650, 652 Leupp 136, 139, 650, 652 Leuppi 136, 139, 650, 652 Leutenegger 429 Leutert 136, 139, 257, 464, 650, 652 Leuthard 136, 139, 650, 652 Leuthardt 136, 139, 650, 652 Leuthert 136, 139, 257, 464, 650, 652 Leuthold 136, 139, 650, 652, 653, 654 Leuthy 136, 139, 364, 365, 650, 652 Leutwiler 114, 119, 153, 755 Leutwyler 114, 119, 153, 755 Leuw 109, 870, 872, 997, 1025, 1032 Leuzinger 429 Lewerer 774, 776 Ley 78, 870, 872, 997, 1025, 1032 Lichtensteiger 429 Lichtin 364, 368, 1003 Lieb 142, 994 Lieber 142, 994 Liebergsell 142, 179, 609, 994 Lieberherr 142, 609, 610, 994 Liebi 142, 994 Liechti 146, 364, 368, 468, 1003 Lienberger 240 Lienert 249, 464 Lienhard 146, 249 Lienhardt 249 Lienhart 249 Lier 1020 Liggenstorfer 207, 241, 754, 758, 760, 762 Limacher 114, 213, 493, 824, 840 Lindauer 756 Lindegger 428, 774, 810 Lindemann 406, 408, 810 Linden 810, 870, 872 Lindenberger 240, 774, 810 Lindenmann 406, 408, 810 Lindenmeyer 105, 508, 513, 523 Linder 428, 810 Liner 114, 116, 439, 928 Lingg 987 Linggi 364, 368 Liniger 428, 810 Linner 114, 116, 439, 928 Linsi 910 Liotard 650 Lipp 215 Lippuner 513 Lirgg 483, 989, 1020 Lischer 428 Lisibach 114, 117, 483, 897 Litzistorf 207, 241, 754 Lochbrunner 797 Locher 428, 774, 780 Lochiger 188 Lochinger 188 Lochmann 406, 408, 774, 780 Lochmatter 843 Loder 439, 928, 930 Loeffel 303 Loeliger 70, 72, 758, 760, 762 Loepfe 268 Loew 109, 870, 872, 997, 1025, 1032 Löffel 84, 85, 88, 207 Loffing 302 Löff ler 84, 85, 439 Löhrer 826 Löhrli 350, 354 Löliger 70, 72, 758, 760, 762 Lomatter 843 Lombris 748 Lombriser 748 Lonnay soit Delaunay 618 Loob 821 Loop 108, 163 Loos 163, 1003 Looser 163 Loosli 163, 949, 994 Loppacher 238, 793 Lörch 758, 760, 762 Lori 1010 Lorius 542, 545 Lormüller 508, 513, 524, 899 Lörtscher 439 Lory 1010 Lössi 1003 Lötscher 429, 746 Lottenbach 238, 793 Loutenbach 238, 302, 305, 434, 793 Loutz 302, 305, 374 Löw 109, 870, 872, 997, 1025, 1032 Lowiner 178, 272, 746, 774, 786 Lüber 142, 994 Lüchinger 136, 140 Luchs 870, 872, 1026, 1032 Luchsinger 429 Ludäscher 758, 760 Luder 418, 421 Ludi 56, 60, 186 Lüdi 56, 60, 157, 186 Ludin 56, 60, 186 Lüdin 56, 60, 186 Ludy 303, 306 Lüdy 157 Lüem 149 Luggen 334, 335, 337 Lugin 303 Luginbuhl 303 Luginbühl 149, 493, 774 Luis 275, 277 Lumpert 464 Lüpold 136, 139, 650, 652 Luquin dit Lucain 613 Lüscher 429 Lussi 56, 58, 126, 128, 129, 364, 366, 915, 916 Lüssi 56, 58, 364, 366, 915, 916 Lussmann 406, 409 Lussy 270 Lustenberger 240, 429 Lustig 396, 400, 994, 1003 Luterbacher 238, 434, 793 Luternauer 756 Luthard 303, 306 Lüthard 136, 139, 650, 652 Lüthardt 136, 139, 650, 652 Lüthert 136, 139, 464, 650, 652 Lüthi 136, 139, 143, 157, 186, 191, 364, 365, 370, 650, 652, 653, 654, 661, 672, 680 Lüthin 136, 139, 186, 364, 365, 650, 652 Lüthold 136, 139, 257, 650, 652 Luthy 303, 306 Lüthy 136, 139, 157, 364, 365, 650, 652, 653, 654 Lütold 136, 139, 257, 650, 652 Lütolf 136, 139, 650, 652 Lütscher 136, 139 Lutstorf 207, 241, 754 Lutz 56, 58, 374, 379 Lütz 56, 58, 136, 139, 374 Lutzelschwab 302, 306, 509, 513 Lützelschwab 509, 513 Lymann 406, 870, 872, 997, 1025, 1032 Lyner 270 Lyoth 255 1092 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1093"?> Lyrenmann 114, 116, 406, 409, 966, 969 Lyrer 114, 116, 117, 439, 966, 969 Lysser 429 M Maag 90, 162, 1044, 1046 Macaër soit Mocaër 618 Mächler 440 Mader 56, 61, 909 Mäder 56, 61, 68, 70, 72, 909 Mädler 430 Maeder 56, 68, 70, 72, 909 Maendly 68, 70, 72, 350, 354, 358, 974 Maerklin 268 Maerky 303 Maeschi 915, 917 Maff li 364, 366, 1020 Mägerli 350, 354, 358, 976 Mägert 464 Mägli 186, 350, 354 Mäglin 186, 352, 355, 358 Mahler 90, 91, 164, 439 Mähli 898 Mähly 269 Mahni 364, 365 Mahrer 439, 949 Mai 156, 1056 Maibach 238, 793 Maienfisch 156, 505, 513, 1030, 1032 Maier 105, 156, 444, 523, 905 Malgiaritta 195 Malloth 255, 758, 760 Mändli 350, 354, 358, 974 Mändly 68, 70, 72, 350, 354, 358, 974 Mangisch 334, 335 Manhart 249 Mani 364, 365 Mann 996 Mannhard 249 Mannhart 249 Manni 364, 365 Mantel 936 Manz 374 Marbach 238, 492, 793 Marbacher 238, 429, 793 Marchi 312, 314 Marending 275, 278 Marggi 364, 365 Margreth 255, 719, 722, 723, 724, 728 Margstahler 439, 955 Marguth 255 Mark 56 Märk 56 Märke 364, 365 Märki 364, 365 Märkli 186, 350, 354, 358 Märklin 186, 352, 355, 358 Markstahler 168, 439, 955 Markstaller 168, 439, 955 Markwalder 816 Marmet dit Dégus 614 Marner 444 Marolf 92 Marrer 439, 949 Marro 474 Marschall 955 Martel 356, 358, 692 Martenaz 692 Martenet 692 Marthaler 429, 744 Marthy 258, 692, 694 Marti 157, 186, 191, 661, 672, 692, 694, 716 Martig 382, 384, 385, 692 Martignoli 692 Martignoni 692 Martin 186, 692, 694 Martin-Achard 692 Martinaglia 692 Martinali 692 Martin-du Pan 692 Martinelli 692 Martinenghi 692 Martinet 692 Martinetti 692 Martini 692 Martinoia 692 Martinola 692 Martinoli 692 Martinoni 692 Marty 157, 258, 692, 694 Mäschli 350, 354, 920 Mast 976 Masüger 748 Mathey-Doret dit Doret 613 Mathier 418, 421, 714 Mathis 714 Mathyer 418, 421, 714 Mathys 714, 716 Matsch 375, 714 Matt 843 Mattenberger 240, 774 Matter 428, 843 Matthey-dit-des Bornels 613 Matthey-Jeantet 702 Matthey-Pierret 682, 688 Matthis 714 Matthys 714 Matti 364, 365 Mattig 382, 384, 385, 714 Mattle 354, 355, 358, 714 Mattli 350, 354, 358, 714 Mattmann 406, 408, 843 Matty 303 Mätz 374, 719, 722, 724 Mätzener 178 Matzinger 429 Mätzler 444, 890 Mauch 456, 482, 976, 1011 Mauchle 354, 355, 358, 456, 1011 Mauderli 350, 354, 358, 976, 1026, 1032 Mauerhofer 127, 131, 882 Maugweiler 114, 119, 755 Maurer 127, 859, 864 Maurhofer 127, 131, 882 Mäusli 350, 354 May 156, 1056 Mayenfisch 156, 505, 513, 1030, 1032 Mayer 105, 156, 444, 523, 905 Mayor-dit-Beaujon 613 Mayr 105, 179, 523, 905 Mayr von Baldegg 105, 179, 523, 586, 877 Mazenauer 756 Meder 56, 70, 909 Meer 162, 165 Meerli 162 Megert 464 Mehlem 758, 760, 762 Mehr 165 Meichtry 949 Meienberg 155, 240 Meienberger 240 Meienhofer 882 Meier 104, 106, 110, 155, 158, 444, 446, 523, 905, 913, 958 Meierhans 104, 155, 512, 513, 520, 523, 702, 704 Meierhofer 104, 155, 882 Meili 350, 354, 358 Meinen 334, 335, 337 Meinrath 255 Meister 444, 955 Meisterhans 509, 513, 520, 528, 702, 705, 955 Mélanjoie-dit-Savoie 613, 614 Meli 287, 297, 538, 540 Mellenberger 240 Melliger 429 Mendelin 178, 352, 355, 358, 974 Mendler 418, 421 Mendly 70, 350, 354, 358, 974 Mengi 364, 365 Menner 418, 421 Menni 312 Menoud-dit-Gendre 613 Mensch 179, 482 Menteler 178 Menteli 178, 350, 354, 936 Menth 255 Menti 364, 365 Menut soit Menu 618 Menz 374 Menzel 356 Menzi 364, 365 Menzli 350, 354, 376 Merian-Genast 515 Merke 364, 365 Merkelbach 238, 793 Merki 364, 365 Merkli 350, 354, 358 Merlach 750 Mermillod soit Marmillod 618 Mermoz soit Mermod 618 Merz 1056 Meschler 890 Mesmer 444, 956 Messerli 350, 354, 955 Messikomer 744 Messikommer 744 Messmer 444, 956 Metry 949 Mettauer 756 Mettler 429 Metz 374, 719, 722, 724 Metzener 178 Metzger 444, 890 Metzker 302, 444, 890 Metzler 444, 890 Meuli 350, 354, 358 Meuter 949 Meuwly 350, 354, 358 Meyenberg 155, 240 Meyer 104, 106, 110, 155, 158, 444, 523, 905, 913 Meyer von Schauensee 104, 162, 523, 586, 795, 877 Meyerhans 104, 155, 512, 513, 520, 523, 702, 705 Meyerhofer 104, 155, 882 Meyhoffer 302 Meyli 350, 354, 358 Mezenen 334, 335, 337, 719, 722, 724 Mezger 444, 890 Michael 710 Michel 710, 716 Michlig 382, 384, 385, 710 Miesch 493, 821 Mieschbühler 149, 774 Milt 994 Minder 1044, 1048, 1050 Minger 86, 196, 198, 1044, 1048 Minikus 542, 545 Minsch 287, 288, 296, 297 Mirra soit Mira 618 Mischler 493, 818 Misteli 178, 350, 354, 358 Mittelholzer 208, 428, 816 Mitterhoffer 882 Mittner 431 Mock 454, 976 Möckli 350, 354, 358, 454, 976 Mockly 303 Moder 439, 909 Moehr 56, 302, 870, 872, 980 Moeli 70, 72, 350, 354, 358 Moeri 303 Moery 303 Moesch 268 Moeschinger 268 Moeschler 70, 72, 440, 920 Mogg 454, 976 Moggi 312 Möhl 856 Familiennamenregister 1093 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1094"?> Mohler 90, 91, 439 Mohn 910 Mohr 56, 164, 165, 870, 872, 980 Möhr 56, 870, 872, 980 Moine dit Moënne 613 Möklin 352, 355, 358, 454, 976 Möli 70, 72, 350, 354, 358 Moll 1031, 1032 Mönch 100, 179, 1038 Moning 275, 278 Moor 163, 165, 870, 872, 980 Moos 163, 493, 496, 804, 807 Moosberger 163, 240 Moosbrugger 58, 163, 243 Mooser 163, 428, 432, 496, 804, 807 Moosmann 163, 406, 408, 496, 804, 807 Morach 910 Morant 275 Morf 90, 92 Mörgeli 178, 350, 354, 358, 454, 1056 Morgen 454 Morgenegg 774 Mori 56, 60, 364, 365 Möri 56, 60, 364, 365 Mörikofer 752 Mornard soit Mornal 618 Morof 90, 92 Mosberger 240 Mosca 312, 314 Mösch 920 Möschberger 240 Mösching 920 Möschinger 920 Möschler 70, 72, 440, 920 Möschli 186, 350, 354, 920 Möschlin 186, 352, 355, 920 Moser 428, 432, 434, 496, 804, 807, 808 Mosheer 162 Mosimann 406, 408, 496, 804, 807 Mösle 269 Mösler 430, 432 Mösli 350, 354 Mosmann 406, 408, 496, 804, 807 Motschi 364, 368, 984 Möttele 178, 354, 355, 358 Mötteli 178, 350, 354, 358 Mottis 544, 545 Mozer 302 Müdespacher 238, 744, 793 Müessli 350, 354 Muff 482, 1020, 1022, 1023 Mügeli 178, 350, 354, 358, 976 Muggensturm 506, 513 Muggle 364, 366, 452, 1020, 1022 Muggler 56, 58, 61, 452, 1020, 1022 Müggler 56, 58, 61, 452, 1020, 1022 Muggli 186, 364, 366, 452, 1020, 1022 Mugglin 186, 364, 366, 452, 1020, 1022 Mugwyler 758, 760 Muhl 986 Mühle 856 Mühlebach 164, 238, 493, 793, 856 Mühlef luh 147, 148, 774, 856 Mühlegg 774, 856 Mühlemann 164, 406, 856 Mühlematter 843, 856 Mühlestein 493 Mühlethaler 164, 429 Mühry 859 Mülhauser 127, 131, 758, 760 Müllegg 774, 856 Müllener 178 Muller 302, 306, 309, 444 Müller 444, 446, 524, 898, 899, 958 Müllhaupt 179, 856 Mülli 493, 856 Mülly 270 Munch 303, 306 Münch 179, 1038 Mundtwiler 114, 119, 755 Mundweiler 114, 119, 755 Mundwiler 114, 119, 755 Mundwyler 114, 119, 270 Münger 86, 88, 196, 198, 201, 1044, 1048 Müntener 178 Muntwiler 114, 119, 153, 428, 755 Muntwyler 114, 119, 153, 755 Munz 374 Munzinger 758, 760, 762 Muoser 147, 439 Muralti 282 Murbach 238, 492, 793 Murer 126, 859 Muri 859 Müri 859 Muri soit Mury 618 Murmann 126, 131, 406, 408, 859 Murpf 483, 1011 Murri 364, 366 Murschetg 748 Mürset 275, 277 Müry 859 Muschot 275, 277, 280 Muspach 238, 793 Muster 483 Mutach 750 Muth 255 Muther 429, 746 Mutter 746 Mutti 364, 368 Mützenberg 240 N Nabholz 208, 505, 514 Nachbur 90, 126, 506, 514 Nadler 90, 439, 925 Naef 42, 46, 1044, 1046 Naeff 42, 46, 1044, 1046 Naegeli 50, 68, 72, 178, 350, 354, 870, 872, 925 Näf 42, 46, 1044, 1046, 1050 Näfen 334, 335, 337 Näff 42, 46, 1044, 1046 Nagel 925 Nägeli 50, 68, 72, 178, 186, 350, 354, 870, 872, 925 Nägelin 50, 178, 186, 352, 355, 870, 872, 925 Näher 439, 928, 930 Najer 110, 439, 928, 930 Nänni 157, 364, 365, 719, 722, 723, 724, 731 Nänny 157, 364, 365, 719, 722, 723, 724, 731 Näpfer 206 Näpf li 269 Näpf lin 206, 352, 355 Nater 90, 91, 439, 928, 930 Natsch 287, 297 Natterer 424, 928, 930 Nauer 439 Nauli 350, 354, 358 Nebiker 383, 384, 385, 429, 752 Néckaz 302 Neeracher 162, 744, 750 Neeser 162, 418, 422, 719, 722, 724, 734 Nef 42, 46, 1044, 1046 Neff 42, 46, 1044, 1046 Neffen 334, 337, 1044, 1046 Neidhardt 114, 249 Neidhart 114, 249 Neier 110, 439, 928, 930 Neiger 110, 439, 928, 930 Nein 74, 78, 80 Neiner 74, 78, 80 Neithard 114, 249 Neithardt 114, 249 Nellen 334, 335, 337, 719, 722, 724 Nepfer 206 Neracher 744, 750 Ness 719, 722, 724, 734 Nessensohn 510, 514, 719, 722, 724, 734 Netzer 439, 915, 917, 928 Neuenschwander 136, 141, 143, 832, 833 Neuhaus 127, 131, 136, 141, 852 Neuhauser 127, 131, 136, 141, 429, 432, 852 Neuhäusler 136, 140, 141, 430, 432, 852 Neukom 136, 141, 1053 Neukomm 136, 141, 600, 603, 1053 Neuschwander 136, 141, 832, 833 Neuweiler 114, 119, 136, 141, 755 Neyer 110, 439, 928, 930 Neyerlin 352, 355, 928, 930 Nicole soit Nicoulaz 618 Nicolet dit Félix 614 Nicolet-dit-Favre 613 Nicolet-dit-Félix 613, 620 Nidecker 270 Nidegger 774 Nideröst 342, 343, 346, 774, 788 Nidrist 179, 342, 343, 774, 788 Niederberger 240, 428, 774 Niederer 344, 346, 428, 774, 788 Niederhauser 56, 61, 127, 131, 429, 852 Niederhäuser 56, 61, 136, 140, 852 Niederist 342, 343, 774, 788 Niedermann 406, 408, 775, 788 Niedermayr 105 Niedrist 179, 342, 343, 775, 788 Niehans 510, 514, 520, 702, 705 Nieriker 744 Niethammer 505, 514 Nietlisbach 238, 793 Nietlispach 238, 793 Nievergelt 146, 600, 603, 606, 1066 Niffeler 178 Niggeler 178, 418, 421 Niggeli 176, 178, 350, 354, 358 Niggli 176, 179, 350, 354, 358 Nigris 544, 545 Noerbel 272 Nohl 168, 976 Noirjean 702 Noletta 703 Nolfi 312, 364, 365 Noll 168, 976 Nolli 703 Nölli 976 Nollo 703 Nörbel 272 Nösberger 240 Notegen 703, 706 Noth 255 Noti 702 Nottal 703 Nottaris 544, 545 Notter 90, 91, 439, 928, 930 Notz 374 Nötzli 186, 350, 354, 358, 376 Nötzlin 186, 352, 355, 358, 376 Nüchem 136, 141, 1053 Nüesch 149, 452, 483, 485, 1010 Nufer 147, 148, 999 Nünlist 136, 139, 609, 1000 Nunnenmacher 439, 447, 906 Nuoffer 147, 999 Nurizzo dit Nuris 614 Nusbaumer 429 Nüscheler 178, 452, 485, 1010 Nüsperli 1020 Nussbaum 813, 870, 872 Nussbaumer 429, 813 Nussberger 240, 775, 813 Nüssle 59, 354, 355, 358 Nussli 56, 58, 59, 350, 354, 358 Nüssli 56, 58, 59, 350, 354, 358 Nussly 303 Nuth 287, 297, 703, 706 1094 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1095"?> Nutli 287, 297, 350, 354, 358, 538, 703, 706 Nutt 287, 297, 703, 706 Nuttli 287, 297, 350, 354, 358, 538, 703, 706 Nutz 616 Nutz-dit-Profit 302, 613, 616 Nydegger 429, 775 Nyfeler 178 Nyffeler 178 Nyffenegger 429 O Oberbeck 482, 503, 514, 522, 896 Oberbühler 244, 775 Oberer 344, 428, 775, 788 Oberhänsli 350, 354, 358, 514, 520, 702, 705 Oberhauser 56, 61, 127, 131, 852 Oberhäuser 56, 61, 136, 140, 852 Oberheim 514, 884 Oberholzer 208, 429, 816 Oberle 90, 92, 354, 355, 358 Oberli 90, 92, 94, 186, 350, 354, 358 Oberlin 90, 92, 186, 352, 355, 358 Oberson 510, 514 Obersteg 775, 863 Oberteufer 142, 207 Oberteuffer 142, 207 Obertüfer 142 Oberwiler 114, 119, 755 Obrecht 90, 92 Obrist 179, 342, 343, 346, 775, 788 Ochs 870, 872 Ochsenbein 505, 514 Ochsenmann 406, 409, 906 Ochsner 442, 444, 906 Oderbolz 758, 760, 762 Odermatt 562, 843, 848 Oechsli 67, 186, 350, 354, 358, 870, 872, 1026, 1032 Oechslin 67, 186, 352, 355, 358, 870, 872, 1026, 1032 Oederlin 67, 84, 85, 352, 355, 358, 454, 1044, 1046 Oefeli 67, 178, 186, 350, 354, 856 Oefelin 67, 178, 186, 352, 355, 856 Oegerli 67, 350, 354, 358 Oegger 67 Oeggerli 67, 350, 354, 358 Oehen 67, 80, 1044, 1046 Oehler 67, 439, 962 Oehninger 67, 429, 758, 760, 762 Oehrli 67, 350, 354, 358, 986 Oeler 67, 439, 962 Oelhafen 67 Oeli 67, 962 Oeri 67 Oertle 67, 354, 355, 358, 886 Oertli 67, 157, 350, 354, 358, 886 Oertly 67, 157, 350, 354, 886 Oes 67 Oesch 67, 810, 840 Oeschger 67 Oester 67 Oetiker 67, 383, 384, 385, 429, 744, 752 Oetliker 67, 383, 384, 385, 752 Oetterli 67, 350, 354, 358, 454 Oettle 67, 354, 355, 358, 669, 671 Oettli 67, 80, 350, 354, 358, 669, 671 Offenhauser 127, 131 Offenhäuser 136, 140 Offner 442 Oggenfuss 506, 514, 988 Ohnsorg 90, 190, 558, 1003 Olbrecht 90, 92 Omlin 352, 355, 358 Oppeliguer 303 Oppenheim 758, 760, 762 Oppikofer 752 Oppliger 429 Oppliguer 303 Opprecht 90 Orlandi 656 Ort 886 Oser 94 Ostadal soit Oscadal 618 Ostermeier 105, 508, 514, 523 Ostertag 506, 514, 1056 Osterwald 816 Osterwalder 429, 816 Othenin-Robert 656, 660 Ott 669, 671 Otter 454, 870, 872, 1026, 1032 Otth 255, 669, 671 Otti 669, 671 Ottiger 383, 384, 385, 429, 752 Ottiker 383, 384, 385, 744, 752 Ottinger 383, 384, 385, 744, 752 Otto 474, 669, 671 Ottoz 474 Otz 374 Otzenberger 240 P Pabst 90, 91, 179, 181, 228, 230, 1038 Pachon 282 Padrun 683, 688 Padrutt 230, 683, 688 Pali 157 Palmy 228 Paly 157 Panier 228 Panier dit Pannier 613 Pantli 228, 230, 364, 365 Papis 544, 545 Pappa 228 Paréaz dit Parian 613 Paréaz dit Pariaz 613 Pargätzi 228, 288, 292, 296, 297 Parli 358 Pärli 228, 358 Parpan 748 Parzini soit Parsini 618 Pascalis 544, 545 Paschetto soit Pasquet 618 Passavant 758, 760 Passer 228 Passeraub 228 Patscheider 228 Patzen 748 Pauli 228 Pauly 302 Paur 127, 128, 179, 228, 230, 482, 485, 902 Pauvre-dit-Bourgeois 613 Peder 683, 688 Pedermann 418, 420, 683, 686 Pedotti 312 Pedrani 682, 688 Pedranti 682, 688 Pedrazzetti 682, 688 Pedrazzi 682, 688 Pedrazzini 682, 688 Pedrazzoli 682, 688 Pedrelli 682, 688 Pedrett 683, 688 Pedretti 682, 688 Pedretti Barudoni 682, 688 Pedretti Berudi 682, 688 Pedretti Molinetto 682, 688 Pedretti-Rodi 682, 688 Pedrina 546, 682, 688 Pedrini 546, 682, 688 Pedrini Marti 546, 682, 688 Pedrinis 544, 545, 546, 682, 688 Pedrioli 682, 688 Pedroia 682, 688 Pedroietta 682, 688 Pedroli 682, 688 Pedrolini 682, 688 Pedroncini 682, 688 Pedroni 682, 688 Pedrotta 682, 688 Pedrotti 682, 688 Pedrotti-Ferrari 682, 688 Pedrozzi 682, 688 Pedrusci 682, 688 Pedrussio 682, 688 Pedruzzi 682, 688 Peer 162, 769 Peier 107, 155, 228, 230, 769 Peng 228, 285, 287, 292, 295, 297 Perazzi 682, 688 Peretti 682, 688 Peri 682, 688 Periat 682, 688 Perini 312 Perinoni 682, 688 Perler 228, 439, 928 Pernet 682, 688 Perny 682, 688 Peroni 682, 688 Perozzi 682, 688 Perrad soit Perrard 618 Perraudin 682, 688 Perreaud 682, 688 Perrelet 682, 688 Perren 228, 334, 335, 337, 682, 685, 688 Perrenod 682, 688 Perrenod-dit-Pernod 613, 682, 688 Perrenoud 682, 688 Perrenoud-André 682, 688 Perrenoud-dit-Pernod 613, 682, 688 Perrenoud-Favre 682, 688 Perrenoud-Jeanneret 682, 688, 703 Perrenoud-le-Favre 682, 688 Perret 682, 688, 690 Perreten 228, 682, 688 Perret-Gentil 682, 688 Perret-Gentil-dit-Maillard 613, 614, 682, 688 Perret-Jeanneret 682, 688, 703 Perretten 682, 686 Perriard 682, 688 Perrig 228, 382, 384, 385, 682, 688 Perrin 682, 688 Perrinjaquet 682, 688 Perro 228, 275, 280, 682, 688 Perrod 682, 688 Perrodin 682, 688 Perron 228 Perrot 682, 688 Perrottet 682, 688 Perroud 682, 688 Perucchi 682, 688 Petar 682, 686 Peter 661, 682, 685, 688, 690, 716 Péter-Comtesse 682, 686, 688 Peter-Contesse 682, 686, 688 Péter-Contesse 682, 686, 688 Peterer 228, 418, 421, 682, 688 Peterhans 228, 512, 514, 520, 528, 682, 688, 702, 705 Peterli 228, 350, 354, 358, 682, 688 Petermann 418, 420, 682, 685, 688 Pétermann 418, 420, 682, 686 Peternier 228, 682, 688 Petitjean 703 Petitpierre 682, 688 Petitpierre-chez-Jean 535, 682, 688, 703 Petraglio 682, 688 Petralli 682, 688 Pétremand 682, 686 Pétremand-Besancenet 682, 686, 688 Petrig 228, 382, 384, 385, 682, 688 Petrimpol 683, 688 Petrini 683, 688 Petrocchi 683, 688 Petrolini 683, 688 Petroni 683, 688 Petschen 293, 297 Petter 682, 686 Pettermand 682, 686 Peyer 107, 155, 228, 230, 769 Peytermann 682, 686 Familiennamenregister 1095 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1096"?> Pfaff 206, 207, 456, 482, 1038 Pfaffen 206, 207, 334, 335, 337, 1038 Pfaffhauser 127, 131, 206, 207, 744, 753 Pfäff li 206, 350, 354, 358, 456, 1038 Pfammatter 206, 429, 843 Pfander 206, 439, 949 Pfändler 206, 886, 949 Pfannenschmid 206, 251, 503, 514, 526, 922 Pfanner 206, 439, 922 Pfarrer 206, 1038 Pfau 206, 870, 872, 874 Pfefferle 206, 207, 354, 355, 962 Pfefferlé 206, 207, 302, 308, 962 Pfefferli 206, 207, 350, 354, 962 Pfeifer 114, 116, 206, 207, 439, 444, 966, 967 Pfeiffer 114, 116, 206, 207, 439, 444, 966, 967 Pfenniger 188, 206, 439, 949 Pfenninger 188, 206, 439, 949 Pfeuty 303 Pfiffer 114, 116, 153, 206, 207, 439, 444, 966, 967 Pfiffner 114, 116, 206, 207, 442, 444, 966, 967 Pfirter 206, 758, 760 Pfister 206, 444, 896, 899 Pfisterer 206, 424, 896 Pf leghard 206, 462, 600, 602, 603, 604 Pf leghart 206, 462, 600, 602, 603, 604 Pf luger 147, 148, 206, 439, 909 Pf lüger 206, 439 Pf lugi 147, 148, 206, 364, 366 Pf lugshaupt 147, 148, 179, 206, 505, 514 Pfosi 974 Pfoster 206, 949 Pfrunder 56, 58, 61, 206, 439, 949 Pfründer 56, 58, 61, 206, 439, 949 Pfund 206, 1067, 1071 Pfürter 206 Pfyffer 114, 116, 153, 206, 207, 439, 444, 966, 967 Pfyffer von Altishofen 206, 586 Pfyl 114, 117, 206 Philip 302 Piat 228 Picard 758, 760 Piccard soit Picard 618 Pichel 228, 775 Pickel 228, 230 Pidermann 418, 420, 683, 686, 688 Pieren 228, 334, 335, 337, 682, 688 Pieri 228, 230, 682, 688 Pierig 228, 382, 384, 385, 682, 688 Pierre 682, 688 Pierrehumbert 682, 688 Pierroz 682, 688 Pieth 228, 255 Pietrolini 683, 688 Pikard 758, 760 Piré soit Piret 618 Pitsch 287, 293, 297 Pitschen 293, 297 Pitschi 293, 297, 538 Pitz 287, 293, 297 Planta-Wildenberg 240, 515, 877 Planzer 228 Plapp 228 Plattner 228, 775 Platzer 228 Pleisch 228, 230, 292, 297 Pletscher 228, 439 Pleuer 136, 138, 439, 444, 928, 930 Plouda 748 Plüer 136, 138, 302, 439, 444, 928, 930 Plüss 228 Pohli 228, 230, 364, 365 Pommer 228 Poo 163, 1044, 1046 Pool 163 Popp 228, 230 Pörtig 228 Portmann 228, 406, 408, 775, 784 Portner 228, 431, 432, 775, 784 Poschung 228, 275, 278, 280 Prack 228, 870, 872, 976, 1026, 1032 Prader 228, 230 Preisig 114, 228, 382, 384, 386 Preiswerk 114, 117, 228, 505, 514 Preschli 186, 228, 364, 366, 452, 1020 Preschlin 186, 228, 364, 366, 452, 1020 Prince-dit-Clottu 613 Prinz 228, 1036 Prisi 228 Probst 179, 228, 957 Profos 228 Prumatt 126, 228, 843 Pua 1044, 1046 Pulfer 228, 962 Pulver 228, 962 Pümpin 228 Püntener 140, 178, 228, 431, 432, 848 Pünter 136, 140, 228, 432, 848 Pupikofer 228, 752 Puppe dit Poppé 613 Puppikofer 228, 752 Pürro 228, 474, 476 Purtschert 228, 464 Putzi 228, 748 Q Quartier-dit-Maire 613, 614 R Raaf laub 162 Raas 162, 401, 1008 Räber 42, 44, 439, 912 Räbsamen 42, 46, 910 Racheli soit Rachelli 618 Rächer 42, 44, 439, 909 Raedlé 302, 308 Raemy 302, 309 Raetzo 68, 72, 474, 1008 Rageth 255 Ragetli 350, 354, 358, 538 Ragettli 350, 354, 358, 538 Raggenbass 505, 514, 909 Raguth 255 Raguth Tscharner 515 Rahm 976 Rähmi 60 Rahn 976 Raimann 107, 156, 406, 408, 775, 784 Rämann 406, 409, 912 Ramel 356 Ramensperger 240 Rami 56, 60 Rämi 56, 60 Ramisberger 240 Ramsauer 756 Ramseier 429, 756, 757 Ramser 429 Ramseyer 429, 756 Ramsperger 240 Ramstein 877 Randegger 758, 760, 762 Rankwiler 114, 119, 755, 758, 760 Rapo 474, 980, 1028, 1033 Rapp 215, 870, 872, 980, 1028, 1033 Rappo 474, 980, 1028, 1033 Raschein 748 Raschle 56, 59 Räschle 56, 59 Raschli 59 Räss 1008 Rast 493 Rastberger 240 Rastorfer 241, 754, 758, 760, 762 Räth 255 Rathgeb 90, 482, 1000 Raths 334, 335 Rätz 1008 Rätzo 68, 72, 474, 1008 Rauber 56, 61 Räuber 56, 61 Rauchenstein 127, 131, 877 Rauft 189, 775, 784 Räuftlin 189, 352, 355, 775, 784 Rauschenbach 238, 793 Rauscher 127, 129, 1020 Rausser 127, 129, 1020 Rawyler 114, 119, 755 Raymann 107, 156, 406, 408, 775, 784 Räz 1008 Reber 42, 44, 439, 912 Rebmann 406, 409, 912 Rebsamen 42, 46, 910 Rechberger 240, 775 Recher 42, 44, 439, 909 Rechsteiner 272, 429, 826, 828 Reck 482 Réckling 302 Reding 382, 384, 385 Redinger 758, 760 Redolfi 656 Regez 374 Regli 719, 722, 724 Reheis 114, 120, 920 Rehfous 302, 305, 506, 514 Rehfuss 506, 514, 988 Rehli 350, 354, 358, 1026, 1033 Rehsteiner 272 Reich 114, 117, 338, 401, 1066 Reichen 114, 334, 335, 337, 338, 1066 Reichenbach 238, 492, 793 Reichlin 352, 355 Reichling 114, 388, 390, 391, 392, 393 Reichmuth 147, 148, 255 Reidenbach 238, 793 Reidhaar 90, 162, 506, 514, 981 Reidt 981 Reif 870, 872 Reifer 439, 444, 949 Reiff 870, 872 Reif ler 440, 444, 949 Reimann 107, 155, 190, 406, 408, 775, 784 Rein 775, 784 Reinacher 750 Reindle 354, 355, 358 Reinert 249, 464 Reinhard 249 Reinhardt 249 Reinhart 249 Reinle 354, 355, 358 Reinli 350, 354 Reinmann 107, 190, 406, 408, 775, 784 Reiser 114, 775, 784, 818 Reist 468, 483 Reithaar 90, 162, 506, 514, 981 Reitnauer 756 Reller 1020 Remensperger 240, 272 Remisberger 272 Rempf ler 195, 430 Remy 302 Renaud dit de l’Hôtel Neuf 613 Renaud-dit-Louis 613, 614 Renggli 1006 Renner 955 Rennhaas 162, 1005, 1025, 1033 Rennhard 249 Rennhart 249 Rensch 748 Rentsch 375 Renz 374 Resch 84, 85, 454, 999 Resin soit Raisin 618 Rest 696 1096 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1097"?> Rettich 910 Reudt 830, 833 Reut 136, 140, 830, 833 Reutegger 136, 140, 775, 830, 833 Reuteler 136, 140, 178, 830, 833 Reutemann 136, 140, 406, 408, 830, 833 Reutener 136, 140, 174, 178, 431, 432, 830, 833 Reuter 136, 140, 830, 833 Reuthinger 136, 140 Reutiger 136, 140 Reutimann 136, 140, 406, 408, 830, 833 Reutimann dit Rüttimann 303, 613 Reutlinger 136, 140 Reutter 136, 140 Reutti 136, 140, 830, 833 Reutty 136, 140, 270 Rey 775, 784 Reymann 107, 155, 406, 408, 775, 784 Rhein 302 Rheinegger 775, 792 Rheiner 114, 792 Rhiner 114, 153, 428, 792 Rhinisperger 240 Rhyn 775, 784 Rhyner 114, 153, 428, 792 Rich 114, 117, 338, 401, 1066 Richard 676 Richard dit Leschery 613 Richen 114, 153, 334, 337, 338, 1066 Richenberger 240, 428, 775 Richener 114, 153, 174, 178 Richenstein 114, 877 Richi 364, 365, 676 Richle 354, 355, 358, 676 Richli 350, 354, 358, 676 Richner 114, 153, 174, 179 Richter 439, 949 Rickenbach 238, 492, 494, 793 Rickenbacher 238, 494, 793 Rickenmann 406, 408 Rickli 350, 354 Ricklin 269, 272 Ridin 659 Riebli 75, 79, 80, 350, 354, 358 Riedberger 240 Riedener 178, 431, 432, 805, 807 Rieder 146, 428, 432, 476, 805, 807, 808 Riederer 428, 476, 805, 807 Riedhauser 127, 131, 758, 760, 762 Riedi 75, 79, 80, 656, 658, 659 Riediker 383, 384, 386, 744, 752 Riedo 146, 474, 476, 478, 805, 807 Riedtmann 406, 408, 476, 805, 807 Riedweg 146, 493, 862 Riedwyl 114, 119, 755 Riedy 303 Rieger 75, 79, 80, 949 Riegg 75, 79, 80, 656, 658, 660 Riemensberger 240 Ries 870, 872, 974 Riesch 75, 79, 80, 375, 656 Riesen 870, 872, 974 Rietberger 240 Rieter 432, 476, 805, 807 Riethmann 406, 408, 476, 805, 807 Rietli 350, 354, 476, 805, 807 Rietmann 406, 408, 476, 805, 807 Rietsche 75, 79, 80, 378, 656, 658, 659 Rietschi 75, 79, 80, 186, 378, 656, 658, 659 Rietschin 75, 79, 80, 186, 378, 656, 658, 659 Rigert 464 Riggenbach 238, 494, 793 Riggenbacher 238, 494, 793 Rigoleth 255 Rihner 114, 153, 792 Rihs 870, 872, 974 Rikenbach 238, 494, 793 Rikenbacher 238, 494, 793 Rikli 350, 354 Rikly 303 Rimann 406, 408 Rimensberger 240 Rimensperger 240 Rimle 354, 355, 358 Rinder 906 Rinderer 906 Rinderknecht 503, 514, 906 Rinderli 350, 354, 906 Rindisbacher 238, 793 Rindlisbacher 238, 428, 793 Riner 114, 428, 792 Rinert 464 Ringeisen 114, 120, 505, 514, 920 Ringele 178, 364, 366, 1000, 1006 Ringgeli 178, 364, 366, 1000, 1006 Ringgenberg 240 Ringger 439 Ringier 275 Ringli 350, 354, 358 Ringuisen 302 Rippstein 493 Ris 870, 872, 974 Rischgasser 860 Riser 114, 153, 428, 775, 784, 818 Risler 775, 784 Riss 870, 872, 974 Risser 775, 784, 818 Rithener 178, 302 Rithner 302 Ritler 430, 432, 830, 833 Ritschard 676 Rittener 178 Rittener-Ruff 302, 515 Ritter 116, 439, 870, 872 Rittiner 74, 77, 80, 178, 746, 830, 833 Rittner 116 Ritzmann 418, 420 Robadey 656 Robert 464, 656, 660 Robert-Charrue 656 Robert-Dayon 656, 660 Robert-Grandpierre 656, 660, 682, 688 Roberti 656, 660 Roberti Del Vecchio 656, 660 Roberti Maggiore 656, 660 Roberti-Foc 656, 660 Robertini 656, 660 Robert-Laurent 656, 660 Robert-Nicoud 656, 660 Robert-Prince 656, 660 Robert-Rose 656, 660 Robert-Tissot 656, 660 Robin 656 Rode 830 Roder 656, 830 Roderer 424 Rodt 303 Rogenmoser 744 Roger 656 Roget 656 Roggen 908 Rogger 908 Roggero 656 Roggli 350, 354, 908 Roggo 474, 908 Roggwiler 114, 119, 755 Roggwiller 114, 119, 755 Rohn 976 Rohner 164, 168, 428, 821 Rohr 805 Rohrbach 238, 492, 793 Rohrbasser 429, 744 Rohrer 164, 428, 805, 808 Roland 656, 658 Roll 483 Roller 439 Rolli 350, 354, 358, 976, 1016 Rölli 186, 350, 354 Röllin 186, 352, 355 Romang 275, 278 Romberg 240, 775 Römer 870, 872, 1057 Römmel 356 Roner 821 Ronner 168, 428, 821 Ronus 542, 545 Ronzi 312 Roos 163, 493, 870, 872 Röösli 163, 350, 354, 870, 872 Roost 163 Roppel 195 Rordorf 207, 241, 754 Rösch 84, 85, 454, 999 Roschet 275, 280 Röschli 350, 354, 358, 454, 999 Rosemund 724 Rosenberg 240, 493, 775, 877 Rosenberger 240, 428, 775, 877 Roseng 275, 278 Rosenkranz 505, 514, 870, 872 Rosenmund 719, 722 Rosenstock 870, 872 Rosin 719, 722, 724 Rösli 350, 354, 870, 872 Rossacher 213, 840 Rösselet 275 Rosser 439, 906 Rossi-Pedruzzi 683, 688 Rossmann 406, 409 Rostetter 758, 760 Rösti 364, 368, 999 Rotach 750 Roten 259, 334, 335, 337, 338 Roth 255, 259, 260, 338, 401, 454, 458, 979, 982 Rothacher 213, 750 Rötheli 176, 178, 186, 350, 354, 358, 454, 979 Röthelin 176, 178, 186, 352, 355, 358, 454, 979 Rothen 259, 334, 335, 337, 338 Rothenbach 238, 793 Rothenberger 240, 775 Rothenbühler 775 Rothenf luh 775, 828 Rothermann 406, 410, 979 Rothfuchs 506, 514, 980, 1025, 1033 Rothlin 56, 59, 176, 179, 352, 355, 358, 454, 979 Röthlin 56, 59, 176, 179, 352, 355, 358, 454, 979 Röthlisberger 240, 244, 429 Rothmann 406, 410, 979 Rothmund 986 Rötschi 378, 656, 658, 659 Rott 259, 338, 401, 454, 979 Rottenschweiler 114, 119, 755 Rottermann 406, 410, 979 Rottmann 406 Rotzetta 282 Rotzetter 275, 282 Roudolf 656 Rouff 303, 305 Rouff soit Rueff 303, 305, 618 Rouffy 303, 305 Rousier dit Möckly 613 Rub 401, 456, 981 Rubeli 176, 178, 350, 354, 358, 656, 658, 659 Rüber 439, 910 Rubi 186, 456, 981 Rubin 186 Rubischung 275, 278, 280 Rubitschung 275, 278, 280 Rubli 176, 179, 350, 354, 358, 656, 658, 659 Rübli 350, 354 Ruch 126, 129, 219, 401, 456, 981, 1016, 1017 Familiennamenregister 1097 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1098"?> Ruche 126, 129, 219, 456, 981, 1016, 1017 Ruchenstein 126, 131, 877 Ruchti 219, 1016, 1017 Ruchty soit Rochty 303, 618 Ruckli 350, 354, 358, 987 Rucklin 303 Ruckstuhl 505, 514, 943 Rüdemann 418, 420, 656, 658, 659 Ruden 334, 337, 656, 658, 659 Rudi 147, 148, 186, 364, 365, 656, 658, 659 Rudin 56, 60, 147, 148, 186, 364, 365, 656, 658, 659 Rüdin 56, 60, 149, 364, 365, 656, 658, 659 Rüdisühli 656, 658, 659 Rüdisüli 656, 658, 659 Rüdliger 382, 384, 386 Rüdlinger 429 Rudolf 147, 148, 656, 658 Rüede 149, 364, 365, 656, 658, 659 Ruedi 56, 60, 147, 364, 365, 656, 658, 659 Rüedi 56, 60, 80, 149, 157, 186, 364, 365, 656, 658, 659 Ruedin 302, 306 Rüedin 149, 186, 364, 365, 656, 658, 659 Ruedolf 147, 148, 656, 658 Rüedy 149, 157, 364, 365, 656, 658, 659 Ruef 147, 148, 656, 658, 659 Ruefer 147, 148, 952 Rueff 147, 148, 302, 656, 658, 659 Rüef li 149, 350, 354, 358, 656, 658, 659 Rueg 303, 306 Rüeger 80, 149, 949 Rüegg 80, 149, 656, 658, 660, 661 Ruegger 303, 306 Rüegger 149, 656, 658, 660 Rüegsegger 149, 429 Rüenzler 149 Ruepp 147, 148, 656, 658, 659 Ruesch 56, 147, 148, 375, 656, 658, 659 Rüesch 56, 80, 149, 375, 656, 658, 659 Ruesser 147, 148 Ruetsch 147, 148, 375, 656, 658, 659 Ruetschi 268 Rüetschi 80, 149, 378, 656, 658, 659 Rüetschli 149, 350, 354, 358, 378, 656, 658, 659 Ruf 656, 658, 659 Rüfenacht 492, 750 Rufener 178, 775, 786 Rufer 952 Ruff 656, 658, 659 Ruffener 178, 775, 786 Ruffi 775, 786 Rüffieux 275 Ruffiner 178, 428, 775, 786 Ruffner 775, 786 Rufi 775, 786 Rufibach 238, 793 Rufiner 178, 775, 786 Ruf li 56, 59, 186, 350, 354, 656, 658, 659 Rüf li 56, 59, 149, 350, 354, 358, 656, 658, 659 Ruf lin 186, 352, 355, 358, 656, 658, 659 Rüger 149, 949 Rüggi 364, 365, 656, 658, 660 Ruggle 354, 355, 358, 987 Ruggli 269, 272 Ruh 219, 1016, 1017 Rühli 186 Rühlin 186, 352, 355, 358 Ruhstaller 854 Rümbeli 178, 195, 364, 366, 1020 Rümmeli 178, 364, 366, 1020 Rumo 474 Rumpf 206, 987 Ruosch 56, 147, 375, 656, 658, 659 Ruoss 147, 656, 658 Rupf 656 Rüphi soit Rouffi 618 Rupli 176, 179, 350, 354, 358, 656, 658, 659 Rupp 656, 658, 659, 661 Ruppen 334, 335, 337, 656, 658, 659 Ruppert 656, 658 Ruppli 176, 179, 350, 354, 358, 656, 658, 659 Rupplin 269 Ruprecht 656, 658 Rusch 56, 147, 148, 375, 656, 658, 659 Rüsch 56, 149, 375, 656, 658, 659 Rüscher 1020 Rüschlin 352, 355, 358 Russenberger 240, 775 Russer 126, 129, 1020 Russi 56, 58, 60, 656, 658 Rüssi 56, 58, 60, 656, 658 Rüssli 350, 354, 358, 980 Rusterholz 208, 493, 810, 816 Rüthemann 136, 406, 408, 830, 833 Rüthi 136, 140, 830, 833 Rüthy 136, 140, 830, 833 Rütimann 136, 140, 406, 408, 830, 833 Rütimeyer 105, 136, 508, 514, 523 Rutishauser 127, 131, 429, 741, 753 Rutsch 56, 58, 375, 656, 658, 659 Rütsch 56, 58, 375, 656, 658, 659 Rütsche 56, 58, 60, 80, 149, 378, 656, 658, 659 Rutschi 56, 58, 60, 378, 656, 658, 659 Rütschi 56, 58, 60, 80, 378, 656, 658, 659 Rutschmann 378, 415, 418, 420, 656, 658, 659 Rutscho 56, 58, 474, 656, 658, 659 Rüttener 80, 136, 140, 174, 178, 431, 432, 830, 833 Rütter 136, 140, 428, 432, 830, 833 Rütti 136, 493, 830, 833 Rüttimann 136, 140, 406, 408, 830, 833 Rüttner 136, 140, 174, 179, 431, 432, 830, 833 Rutz 374, 656, 658, 661 Rutzer 418, 421 Rychard 676 Rychen 114, 153, 334, 335, 337, 338, 1066 Rychen dit Ryhen 614 Rychener 114, 153, 174, 178 Rychner 114, 153, 174, 179 Ryf 114 Ryff 114 Ryffel 114, 356 Ryhen 303 Ryhiner 114, 792 Ryhner 114, 153, 792 Rykart 676 Rykenmann 270 Rymann 406, 408 Ryser 114, 153, 428, 775, 784, 818 Rysler 775, 784 Ryter 114, 116, 439 S Saam 162 Saameli 162, 178, 350, 354, 358 Saegesser 303 Sägesser 42, 44, 189, 439, 924 Sahli 350, 354, 358 Sailer 107, 439, 928 Saladin 1057 Salathe 1057 Salchli 350, 354, 827 Salis 515 Salis Gross 515 Salis-Seewis 162, 515 Sallenbach 238, 493, 793, 810 Saller 744 Salm 870, 872, 874, 1030, 1033 Salmen 870, 872, 874, 1030, 1033 Salvisberg 240, 493, 775 Salzgeber 208, 428 Salzmann 208, 406, 409, 962, 963 Sameli 178, 350, 354, 358 Sammt 179 Samson 870, 872, 874 Sandmeier 105, 155, 508, 514, 523 Sandmeyer 105, 155, 508, 514, 523 Sandoz-dit-Bragard 614 Sandoz-Longjean 703 Saner 429 Sangrouber 302, 305 Santmann 406, 408, 824 Santschi 378 Sarasin 166, 1057 Sarbach 238, 493, 793 Sarrasin 166, 1057 Sartoris 544, 545 Sartory 928, 930 Sässeli 42, 46, 178, 943 Sättele 178, 354, 355, 775 Sätteli 178, 775 Sattler 439, 932, 933 Säuberli 136, 139, 398, 399, 400, 996 Säuberlin 269, 398, 399, 402 Sauer 127, 181, 401, 1008 Saurenmann 127, 129, 406, 410, 1008 Saurer 127, 129, 344, 1008 Sauser 127, 129, 1008 Sauter 127, 128, 444, 932, 935 Sautter 127, 128, 444, 932, 935 Sax 492 Saxer 429 Scartazzoni 312 Schaad 162, 456, 482, 1008 Schabegg 775 Schabron 275, 278, 280 Schabrun 936 Schachenmann 406, 408 Schacher 428 Schachtler 439 Schad 456, 482, 1008 Schadegg 493, 775 Schädeli 178, 186, 350, 354, 358, 456, 984 Schädelin 178, 186, 352, 355, 358, 456, 984 Schädler 42, 44, 439, 940 Schaefer 68, 70, 72, 207, 439, 444, 906 Schaeffer 439, 949 Schaeppi 268 Schaer 272, 303 Schaerer 42, 44, 439, 444, 485, 946 Schaerr 166, 482, 485, 946 Schäfer 68, 70, 72, 207, 439, 444, 906 Schäffeler 178, 207, 440, 444, 906 Schaffer 207, 439, 444, 466, 949 Schäffer 207 Schaffert 207, 462, 464, 466, 949 Schaffhauser 127, 131, 429, 743, 753 Schaffhuser 126, 131, 743, 753 Schaff lützel 207, 600, 603, 604, 1010 Schaffner 207, 442, 444, 466, 949 Schaffter 439 Schäf ler 207, 440, 444, 906 Schäf li 207, 350, 354, 358, 1026, 1033 Schafroth 207, 255, 600, 602, 603, 606, 1000 Schafter 439 Schaible 114, 354, 355 Schalbetter 775 Schalch 213, 456, 1008 Schalcher 744 Schälchli 213, 350, 354, 358, 456, 1008 Schälchlin 213, 269 1098 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1099"?> Schäli 186, 350, 354, 986 Schälin 186, 352, 355, 986 Schälkli 186, 213, 350, 354, 358, 456, 1008 Schälklin 186, 213, 352, 355, 358, 456, 1008 Schallberger 240 Schällebaum 600, 602, 603, 604 Schallenberg 240 Schallenberger 240 Schaller 1007 Schälli 364, 366, 1016 Schällibaum 600, 602, 603, 604 Schaltenbrand 600, 602, 603 Schambron 275, 278, 280 Schaniel 293, 297, 703, 706 Schäpper 936 Schäppi 936 Schär 166, 482, 485, 487, 946, 947 Schären 334, 335, 337, 946 Schärer 42, 44, 48, 166, 439, 444, 485, 946, 947 Scharf 401, 1008 Schärli 350, 354, 946 Schärlig 946 Schärmeli 178, 350, 354, 854 Scharpf 206 Schärrer 42, 44, 166, 439, 444, 485, 946 Schärz 42, 46, 1003 Schatt 493 Schätti 186, 364, 365 Schättin 186, 364, 365 Schatz 994, 1066 Schatzmann 406, 409, 949, 1066 Schaub 454, 976 Schäuble 354, 355, 358, 454, 976 Schäubli 269 Schäublin 352, 355, 358, 454, 976 Schauenberg 240, 775, 877 Schaufelberger 240, 429, 775 Schaufelbühl 149, 775 Schauli 186 Schaulin 186 Schawalder 758, 760 Schedler 42, 44, 439, 940 Schefer 70, 207, 439, 444, 906 Scheffmacher 207, 439, 447 Scheiben 114, 775 Scheibener 178, 431 Scheibler 114 Scheibli 114, 350, 354 Scheidegger 429, 775 Scheidiger 775 Scheidmann 406, 408 Scheier 114, 121, 848 Scheim 114, 117 Scheinholzer 208, 816 Scheitlin 114, 117, 352, 355, 358, 974 Scheiwiler 114, 119, 755 Scheiwiller 114, 119, 755 Schelbli 350, 354, 358, 1008 Schell 483, 485, 966, 969 Schelldorfer 207, 241, 754, 758, 760, 762 Schellenbaum 600, 602, 603, 604 Schellenberg 240 Scheller 485, 966, 969 Schellhaas 162, 1005, 1025, 1033 Scheltorfer 207, 241, 754, 758, 760, 762 Schenevey 275, 280 Schenk 482, 485, 487, 893, 894 Schenkel 988 Schenker 439, 485, 893 Scherer 42, 44, 166, 439, 444, 485, 946 Scherler 440, 444, 946 Schernberg 240, 775 Scherrer 42, 44, 48, 166, 439, 444, 485, 946, 947 Schertenleib 600, 602, 603, 606 Scherwey 275, 280, 282 Scherz 42, 46, 1003 Schett 287, 297 Scheuermann 136, 406, 854 Scheuermeier 105, 136, 138, 444, 503, 514, 523, 905 Scheuner 136 Scheurer 136, 854 Scheurmann 136, 406, 854 Scheurmeister 136, 138, 444, 503, 514, 949 Scheuss 483, 485, 1016 Scheuzger 444, 932, 935 Schib 114, 117, 483 Schibenegg 758, 760, 762 Schibler 114 Schibli 114, 350, 354 Schick 452, 483, 485 Schicker 452, 485 Schickli 398, 399, 400, 994 Schiegg 989 Schieli 75, 79, 80, 350, 354, 936 Schiess 468, 483, 485, 1016 Schiesser 210, 439, 485, 1016 Schiferli 350, 354, 358, 976 Schifferle 354, 355, 358, 976 Schifferli 350, 354, 358, 976 Schiffmann 207, 406, 409 Schild 870, 872, 923 Schildknecht 503, 514 Schiller 452, 986 Schilli 452, 986, 1067 Schillig 391, 392, 393, 1067 Schilliger 424, 1067 Schilling 391, 392, 393, 394, 1067 Schilplin 74, 77, 80, 352, 355, 358, 976 Schilt 870, 872, 923 Schilter 439, 923 Schiltknecht 503, 514, 528 Schindelholz 208, 505, 514 Schindler 439 Schinner 195 Schinz 374 Schirmer 439, 966, 970 Schittli 114, 117, 350, 354, 358, 974 Schlachter 890 Schlaepfer 303 Schläf li 350, 354, 358, 1012 Schlag 837 Schlaginhaufen 600, 603, 1016 Schlanser 748 Schlapbach 238, 492, 793 Schläpfer 837 Schlappach 238, 793 Schläppy 303 Schlatter 775, 806 Schlauri 1010 Schlecht 338, 401 Schlechten 334, 335, 337, 338 Schlee 162, 818 Schlegel 870, 872 Schleiniger 383, 384, 386, 744, 752 Schlepfer 837 Schleppi 303 Schleppy 303 Schleuniger 383, 384, 386, 744, 752 Schleuss 483, 485, 953 Schleusser 439, 485, 953 Schliessbach 238, 793 Schlittler 440 Schlosser 439, 925 Schlub 147, 148, 248 Schluchter 56, 61, 775 Schlüchter 56, 61, 775 Schlueb 147, 148, 248 Schluep 147, 148, 248 Schlumpf 206, 976, 1011 Schlund 987, 1011 Schlup 147, 148, 248 Schlupp 147, 148, 248 Schlüssel 870, 872, 874 Schmalz 962 Schmed 97, 251, 526, 926 Schmeder 526 Schmedt 97, 251, 526, 926 Schmid 251, 252, 526, 926, 927 Schmidely 303 Schmidhalter 93, 775, 784, 856 Schmidhauser 127, 131, 429, 432, 753, 852 Schmidhäusler 136, 140, 430, 432, 852 Schmidheini 157, 512, 514, 526 Schmidheiny 157, 512, 514, 526 Schmidig 382, 384, 386, 526 Schmidiger 526 Schmidle 354, 355, 526 Schmidli 186, 350, 354, 526 Schmidlin 186, 352, 355, 526 Schmidt 251, 252, 526, 926, 927 Schmidter 856 Schmidweber 509, 514, 526 Schmied 251, 526, 926, 958 Schmit 251, 526, 926 Schmitt 251, 526, 926 Schmitter 429, 856 Schmitz 334, 335, 526 Schmocker 429 Schmon 287, 297 Schmoutz 302, 305 Schmucki 456, 1005 Schmuckle 354, 355, 358, 456, 1005 Schmuckli 350, 354, 358, 456, 1005 Schmuki 456, 1005 Schmukle 354, 355, 358, 456, 1005 Schmukli 350, 354, 358, 456, 1005 Schnäbeli 303 Schnarwiler 114, 119, 755 Schneble 354, 355, 358, 980 Schnebli 350, 354, 358, 980 Schneebeli 162, 350, 354, 358, 980 Schneeberg 303 Schneeberger 162, 240, 428, 775 Schneeli 162, 350, 354, 358, 980 Schnegg 870, 872, 1031, 1033 Schneider 114, 116, 123, 439, 446, 928, 937 Schneiter 837 Schneitter 837 Schnell 401, 456 Schneller 439 Schnelli 364, 366, 456, 989, 1020 Schnellmann 406 Schnetz 482, 485, 941 Schnetzer 439, 444, 485, 941 Schnetzler 440, 444, 485, 941 Schneuwly 350, 354, 358, 980 Schnewlin 352, 355, 358, 980 Schnezler 440, 444, 485, 941 Schnider 114, 116, 153, 439, 928, 930 Schniderlin 352, 355, 928, 930 Schnidrig 382, 384, 386, 928, 930 Schnieper 75, 79, 80, 999 Schnirley 302 Schnitter 439 Schnitzer 439, 941 Schnoz 986 Schnüriger 428 Schnurrenberger 240, 429, 744 Schnyder 114, 116, 153, 439, 928, 930 Schnyder von Wartensee 162, 586, 795, 877, 928, 930 Schnydrig 382, 384, 386, 928, 930 Schöbi 364, 365 Schoch 909 Schocher 439, 909 Schöchli 186, 350, 354, 909 Schöchlin 186, 352, 355, 909 Schodele 302 Schoder 974 Schödler 439, 940 Schoenauer 70, 72, 756 Schoenenweid 842 Schoeneweid 303 Familiennamenregister 1099 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1100"?> Scholer 90, 439 Scholl 454, 976 Schollenberger 240, 744 Scholler 90, 439 Schölly 454, 976 Schön 401, 978, 994 Schönauer 70, 72, 756 Schönberger 240, 775 Schönenberg 240, 492 Schönenberger 240, 429, 775 Schönholzer 208, 816 Schöni 978, 994 Schönmann 406, 410, 978, 994 Schönthal 775 Schoop 163, 936 Schoor 163, 166, 483, 485 Schopfer 206, 428, 854 Schöpfer 206, 854 Schopp 936 Schor 166, 483, 485 Schorer 485 Schori 364, 366, 485 Schornegg 775 Schorno 474, 775 Schornoz 302, 474 Schorr 166, 483, 485 Schörrli 350, 354, 358, 981 Schorro 474 Schöttli 350, 354, 358 Schouler 302, 305, 1054 Schrackmann 406, 408, 775 Schrag 974 Schrago 474, 974 Schrämli 350, 354, 358 Schrämmli 350, 354, 358 Schraner 429 Schranz 775 Schreiber 114, 116, 439 Schreier 114, 121, 155, 1007, 1020, 1022 Schrepfer 206, 439, 946 Schreyer 114, 121, 155, 1007, 1020, 1022 Schriber 114, 116, 153, 439 Schroeter 70, 72, 302, 837 Schrofer 775 Schröpfer 206, 439, 946 Schröter 70, 72, 837 Schryber 114, 116, 153, 439 Schucani 312 Schudel 974 Schüeb 149, 248, 454, 915, 917 Schueler 147, 148, 302, 1054 Schüeli 80, 149, 350, 354, 936 Schüep 149, 248, 454, 915, 917 Schuepp 56, 147, 148, 248, 454, 915, 917 Schüepp 56, 149, 248, 454, 915, 917 Schuhmacher 439, 447, 932, 935 Schuler 147, 148, 1054, 1059 Schultheiss 482, 503, 514, 949 Schulthess 482, 503, 514, 949 Schumacher 439, 447, 932, 935 Schümperli 186, 350, 354, 358, 456, 989 Schümperlin 186, 352, 355, 358, 456, 989 Schuoler 147, 1054 Schüpbach 238, 492, 499, 793, 794, 800 Schüpfer 429 Schupisser 883 Schuppisser 428, 883 Schuppli 350, 354, 358, 454, 915, 917 Schurch 303 Schürch 483, 989, 992 Schürer 136, 854 Schürmann 136, 406, 854 Schürpf 206, 483 Schurtenberger 240, 775 Schuster 444, 503, 514, 932, 935 Schuttanner 758, 760 Schüttel 981 Schutz 483, 1006 Schütz 208, 482 Schwaar 162 Schwab 90, 91, 769, 771 Schwager 90, 1044, 1046 Schwägi 967 Schwägler 42, 44, 439, 966, 967 Schwägli 364, 366, 966 Schwalm 195, 1028, 1033 Schwammberger 240 Schwander 428, 432, 832, 833 Schwaninger 758, 760, 762 Schwank 483, 1003 Schwarb 452, 483, 485, 1008 Schwarber 452, 485, 1008 Schwartz 338, 454, 979 Schwartzlin 454 Schwartzmann 303, 307 Schwarz 338, 401, 454, 979 Schwarzen 334, 335, 337, 338, 979 Schwarzenbach 238, 493, 793 Schwarzenberger 240, 429 Schwarzer 344, 979 Schwarzmann 406, 410, 979 Schwarzwald 816 Schwegler 42, 44, 439, 966, 967 Schweighauser 127, 131, 852 Schweingruber 114, 147, 148, 428, 775, 780 Schweiter 114, 742 Schweitzer 114, 742 Schweizer 114, 429, 742, 749 Schwendbühl 149, 775, 832, 833 Schwendeler 178, 430, 432, 832, 833 Schwendener 178, 431, 432, 832, 833 Schwender 432, 832, 833 Schwendi 832, 833 Schwendimann 406, 408, 832, 833 Schwengeler 178, 989 Schwenk 483, 989 Schwenter 432, 832, 833 Schwere 976, 1012 Schweri 976, 1012 Schwertfeger 439, 503, 514 Schwery 976, 1012 Schwerzmann 406, 408, 828 Schwestermann 406, 410, 1044, 1046 Schwick 483, 989 Schwilch 1005 Schwingruber 114, 147, 148, 775, 780 Schwisquebel 303 Schwitter 114, 214, 429, 742 Schwitzer 114, 742 Schwitzerlet 302, 742 Schwitzguebel 303, 307 Schwitzguébel 303, 307 Schwitzkébel 303, 307 Schwizer 114, 153, 429, 742 Schwizgebel 514 Schwob 90, 91, 769 Schwyn 114, 117, 906, 1026, 1033 Schwyter 114, 429, 742 Schwytzer von Buonas 147, 586, 742 Schwyzer 114, 153, 214, 429, 742 Sciobéret 302 Screta von Zavorziz 586 Secchi 312 Seckinger 758, 760, 762 Sedelberger 240, 775 Seeberger 162, 240, 775, 795 Seeger 162, 439 Seeholzer 162, 208, 795, 816 Seelhofer 162, 882 Seeli 163 Seemann 163, 406 Seematter 163, 795, 843 Seewer 163, 429, 795 Segenreich 506, 514, 994 Seger 439 Segessemann 189, 406, 409, 924 Segessenmann 189, 406, 409, 924 Segesser 42, 44, 189, 439, 924 Segesser von Brunegg 586, 877 Segginger 758, 760, 762 Segiser 189, 439, 924 Segmüller 508, 514, 524, 899 Seifert 464 Seiffert 464 Seiler 107, 439, 928 Seitz 374 Seiz 374 Sekinger 758, 760, 762 Selhofer 882 Seliner 178, 287, 297, 418, 421, 539 Semadeni 748 Sempach 238, 793 Senften 50, 334, 335, 337, 994 Senger 439, 966, 970 Senggen 836 Senn 482, 487, 906 Sennhauser 127, 131, 429, 852 Senti 287, 297 Serrardi 312 Sesseli 42, 46, 178, 943 Sessler 439, 943 Setz 374 Sewer 795 Siber 439 Sidler 439, 943 Siebenhaar 90, 162, 609, 981 Siebenmann 406, 409 Sieber 439 Siegen 334, 335, 337 Siegenthaler 429 Siegerist 956 Siegmann 418, 420 Siegrist 179, 956 Sievert 464 Siffert 464 Sigerist 956 Siggen 334, 335, 337 Signer 418, 421, 425 Sigrist 179, 956 Simler 439, 896 Simmler 439, 896 Sing 483, 485, 966, 970 Singeisen 114, 120, 600, 602, 603, 604, 920 Singenberger 240, 877 Singer 439, 485, 966, 970 Sinner 439, 955 Sinniger 1000 Snell 303 Snider 114, 116, 928, 930 Snidro 114, 116, 928, 930 Soder 797 Sogel-dit-Piquard 614 Soguel dit Picard 614 Soguel dit Piquard 614 Soguel-dit-Picard 613 Soguel-dit-Piquard 613 Sohm 108, 165, 168 Soland 758, 760, 762, 763 Solenthaler 775 Solinger 383, 384, 385, 744, 752 Sollberger 240 Soller 493, 854 Solothurner 743 Solothurnmann 406, 408, 743 Soltermann 406, 408, 743 Som 108 Somm 108, 168 Sommer 98, 99, 102, 1056, 1059 Sommerau 98, 99, 756 Sommerauer 98, 99, 756 Sommerhalder 98, 99, 428, 775, 784 Sonderegger 429 Sonnenwyl 114, 119, 755 Sooder 163, 797 Soom 108, 163, 165 Sorg 1005 Sorgen 334, 335, 337, 1005 1100 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1101"?> Sossauer 756 Soutter 303, 305 Spaar 162, 165, 1028, 1033 Spaetig 303 Spahn 90, 91, 454, 976 Spahni 56, 60, 90, 91, 974 Spähni 56, 60, 90, 91, 974 Spahr 164, 165, 1028, 1033 Spaltenstein 600, 602, 603, 604 Spänhauer 439, 503, 514 Späni 60, 90, 91 Späti 364, 368, 468, 1056 Spätig 382, 384, 386, 1056 Spechbach 238, 793 Specht 1028, 1033 Speck 863 Specker 428, 434, 466, 863 Speckert 434, 462, 464, 466, 863 Speerli 163, 350, 354, 358, 974, 1003, 1028, 1033 Speiser 114, 116, 439, 893 Spengeler 174, 178, 440, 925 Spengler 174, 179, 440, 925 Sperisen 114, 120, 505, 514, 920 Spettig 396, 400, 989 Spicher 114, 153, 854 Spichtig 396, 400, 976 Spichtin 976 Spichty 976 Spiegel 870, 872, 874 Spiegelberg 240, 775 Spiegler 1008 Spieler 439, 966, 970 Spielmann 406, 409, 966, 970 Spies 870, 872 Spieser 114, 116, 439, 893 Spiess 870, 872 Spiller 439, 966, 970 Spillmann 406, 409, 966, 970 Spinner 439, 928, 930 Spinnler 439 Spirgi 976 Spiri 114, 117, 364, 365, 366, 976, 1028, 1033 Spirig 382, 384, 386 Spitteler 174, 178 Spittler 174, 179 Spitz 493, 775 Spitzli 350, 354, 775 Spitzly 350, 354, 775 Spleiss 976 Spoerri 268 Spoerry 56, 364, 366, 925 Spohn 90, 91, 454, 976 Spöndli 90, 91, 186, 350, 354, 358, 454, 976 Spöndlin 90, 91, 186, 352, 355, 358, 454, 976 Spori 56, 364, 366, 925 Spöri 56, 166, 364, 366, 925 Spörli 350, 354, 925 Spörndli 90, 91, 350, 354, 358, 454, 976 Sporrer 439, 925 Spörri 56, 166, 364, 366, 925 Sprecher 966, 970 Spreiter 439, 909 Spreng 483, 485 Sprenger 439, 485 Spreuer 136, 141, 439 Spreuermann 136, 141, 406, 409 Spring 483, 485, 966, 970 Springer 485, 966, 970 Spross 1044, 1049 Sprung 775 Sprunger 775 Sprüngli 186, 350, 354, 775 Sprünglin 186, 352, 355, 775 Spuhler 56, 61, 439, 928, 930 Spühler 56, 61, 439, 928, 930 Spuler 439, 928, 930 Spycher 114, 153, 493, 854 Spyr 114, 117, 976, 1028, 1033 Spyri 270 Stäbli 350, 354, 949 Stachel 222, 920 Stachenmann 406 Städeli 59, 178, 186, 350, 354, 854 Städelin 59, 178, 186, 352, 355, 854 Stadelmann 406, 854 Stadler 56, 61, 854 Städler 56, 61, 854 Stadlin 59, 352, 355, 854 Stadtmann 406, 408, 808 Staeblin 352, 355, 358, 976 Staedeli 268 Staehelin 68, 70, 72, 176, 178, 222, 352, 355, 920 Staehlin 268 Staffelbach 238, 793 Stäger 42, 428, 863 Stahel 164, 222, 920 Stäheli 164, 176, 178, 186, 222, 350, 354, 920, 927 Stähelin 68, 70, 72, 164, 176, 178, 186, 222, 352, 355, 920 Stahl 222, 920 Stähli 164, 176, 179, 186, 222, 350, 354 Stählin 176, 179, 186, 222, 352, 355, 920 Stähr 1026, 1033 Stalder 428, 775, 784, 789 Stäldi 775, 784 Stalé soit Stalet 618 Stamm 976, 1044, 1049 Stammbach 195, 199, 238, 793 Stammler 1020 Stampbach 199, 238, 793 Stampf ler 206, 456, 989 Stampf li 56, 59, 206, 350, 354, 358, 456, 989, 992 Stämpf li 56, 59, 206, 350, 354, 358, 456, 989 Stänz 48, 374 Stapfer 206, 989, 990 Stark 401, 997 Starkenmann 406, 410, 997 Starkermann 406, 410, 997 Stärkle 354, 355 Starrost soit Starrast 618 Stätzler 1020 Staub 108, 110, 898, 899 Stauber 56, 61, 898 Stäuber 56, 61, 109, 898 Stäuble 59, 109, 354, 355 Staubli 56, 59, 350, 354, 898 Stäubli 56, 59, 109, 350, 354, 898 Staudacher 818 Staudenmann 127, 131, 406, 408, 818 Stauder 127, 131, 432, 818 Staufer 775, 776 Stauffenegger 775 Stauffer 775, 776 Stauffiger 775, 776 Stauss 452, 483, 485, 986 Stäussi 136, 139, 452, 485, 986 Stebler 949 Stecher 439, 906 Steckli 74, 76, 80, 350, 354, 834 Steg 863 Steger 42, 428, 863 Stegmann 406, 408, 863 Stegmüller 508, 514, 524, 899 Stehelin 70, 176, 178, 222, 352, 355, 920 Stehl 222, 920 Stehle 176, 179, 222, 354, 355, 920 Stehli 164, 176, 179, 186, 222, 350, 354, 920 Stehlin 176, 179, 186, 222, 352, 355, 920 Stehrenberger 240 Steiby 302, 898 Steiger 775, 862 Steigmeier 105, 114, 155, 508, 514, 523 Steigmeyer 105, 114, 155, 508, 514, 523 Steimann 190, 406, 826 Steimer 826 Stein 826 Steinach 750, 826 Steinacher 213, 826, 840 Steinauer 756, 826 Steinbacher 238, 793, 826 Steinbrüchel 487 Steinbrunner 797 Steinegger 244, 428, 775, 826 Steinemann 406, 826 Steiner 826, 828 Steingruber 147, 148, 428, 826 Steinhauer 439, 503, 514 Steinhauser 127, 852 Steinhäuslin 352, 355, 852 Steinlin 352, 355, 826 Steinmann 190, 406, 826, 828 Steinmen 406, 826 Stékoffer 302 Stelli 350, 354 Stelzer 989 Stemmer 1020 Stempfel 206 Stengel 454, 976 Stengele 178, 454, 976 Stenz 48, 374 Stephani 548 Sterchi 50, 213, 364, 369, 997 Sterki 50, 213, 364, 369, 997 Stern 870, 872, 874 Sterren 334, 335, 337, 1026, 1033 Stettbacher 238, 744, 793 Stettler 429, 884 Steuble 59, 109, 354, 355, 898 Steudler 136, 140, 430, 432, 818 Stich 775 Sticher 775 Stickelberger 74, 77, 80, 240, 758, 760 Stiefel 936 Stieger 114, 428, 862 Stierchler 303 Stierli 146, 186, 350, 354, 358, 906, 1026, 1033 Stierlin 186, 352, 355, 358, 906, 1026, 1033 Stiffel 302 Still 401, 1020 Stillhard 821 Stillhart 821 Stindt 1030, 1033 Stingel 454, 976 Stingelin 178, 454, 976 Stirnemann 406, 410, 986 Stirnimann 406, 410, 986 Stock 834 Stockar 834 Stocker 834, 837 Stöckli 80, 186, 350, 354, 360, 834, 837 Stocklin 56, 59, 352, 355, 834 Stöcklin 56, 59, 70, 72, 186, 352, 355, 834 Stockly 303 Stöckly 350, 354, 834 Stockmann 406, 408, 834 Stockmeyer 105, 508, 514, 523 Stoecklin 56, 59, 70, 72, 352, 355, 834 Stofer 974 Stoffer 974 Stohl 168, 974 Stokar von Neuforn 586, 834 Stoky 302 Stoll 168, 974 Stoller 428, 775 Familiennamenregister 1101 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1102"?> Stolz 401, 1007 Stoob 108, 163, 248, 898 Stoop 108, 163, 248, 898 Stooss 163, 493 Stöpfer 206 Stoppany 312 Stör 452, 483, 485 Storchenegger 775 Störchli 350, 354, 870, 872 Störchlin 269 Störi 452, 485 Stössel 976 Stotzer 775, 784 Stoudemann 303, 305 Stouder 302, 305, 428, 432, 818 Stoudmann 302, 305, 406, 408, 818 Stouky 303, 305 Strahl 90 Strähl 164 Strähler 439, 928, 930 Strahm 90, 493 Stram 90 Strassburger 90, 758, 760 Strasser 90, 210, 428, 432, 860 Strässle 354, 355, 860 Strässler 90, 91, 430, 432, 860 Strässli 350, 354, 860 Strassmann 90, 210, 406, 408, 860 Straub 127, 129, 456, 981 Straubhaar 90, 127, 129, 162, 466, 506, 514, 981 Straubhardt 462, 466 Sträuli 109, 350, 354, 358 Straumann 406, 409, 962 Strausack 1002 Strausak 1002 Strauss 127, 870, 872, 1016, 1028, 1033 Strebel 487, 1006 Strebi 364, 366, 1006 Streckeisen 114, 120, 505, 514 Strehler 439, 928, 930 Streichenberg 240 Streiff 207, 483, 775 Streipf 206, 483, 775 Streit 114, 117, 456, 616, 1016, 1018 Streit dit Provins 303, 613, 616 Streit-dit-Provin 302 Streit-dit-Provins 613 Streiter 114, 117, 456, 1016, 1018 Streitmatter 843 Streule 109, 354, 355, 358 Streuli 109, 350, 354, 358 Streun 136, 139, 483 Stricker 432, 775, 862 Strickler 430, 432, 775, 862 Striffeler 178 Stritt 114, 117, 456, 1016, 1018 Strittmatter 843 Ströbel 981 Strohecker 505, 514, 909 Strohmeier 105, 444, 503, 514, 523, 949 Stromeier 105, 444, 503, 514, 523, 949 Strössler 90, 91, 430, 432, 860 Strösslin 352, 355, 860 Strub 126, 129, 456, 981 Strübi 186, 364, 368, 981 Strübin 186, 364, 368, 981 Strüby 364, 368, 981 Struch 126, 129, 338, 401, 483, 986, 1016 Struchen 334, 335, 337, 338, 986 Struffenegger 775 Strupler 126, 129, 456, 981 Stryffeler 178 Stuber 439, 946 Stübi 136, 139, 898 Stuby 302 Stücheli 178, 350, 354, 936 Stuck 364, 454, 976 Stückelberg 240 Stückelberger 80, 240, 758, 760 Stucker 1016 Stucki 56, 58, 60, 364, 365, 366, 454, 976 Stücklin 352, 355, 358, 364, 454, 976 Stucky 56, 58, 60, 364, 365, 366, 454, 976 Stücky 56, 58, 60, 364, 365, 366, 454, 976 Stüdeli 176, 178, 350, 354, 818 Studemann 126, 131, 406, 408, 818 Studer 126, 131, 133, 428, 432, 818, 821 Studhalter 93, 775, 784, 818 Stüdi 136, 140, 818 Studiger 188, 818 Studinger 188, 818 Stüdle 176, 179, 354, 355, 818 Studler 439, 928, 930 Stüdli 176, 179, 350, 354, 818 Stühlinger 758, 760, 762 Stuker 1016 Stulz 1007 Stump 974 Stumpf 206, 974 Stünzi 974 Stupanus 542, 545 Stupf 206 Stürchler 989 Stürm 454, 1016 Stürmlin 352, 355, 358, 454 Sturni 1016 Sturny 1016 Sturzenegger 775 Stürzinger 383, 385, 744, 752 Stüssi 136, 139, 452, 485, 986 Stutz 493, 496, 499, 775, 784 Stutzer 496, 775, 784 Stutzmann 406, 408, 496, 775, 784 Styger 114, 862 Styner 418 Süess 149, 401, 454, 994 Suffert 464 Suhner 439, 949 Sulger Büel 149, 515, 775 Sulser 804 Sulzberger 240, 429, 804 Sulzener 178, 431, 432, 804 Sulzer 429, 432, 804 Sulzmann 406, 408, 804 Summermatter 99, 428, 843 Supersaxo 548 Suppiger 188, 429, 758, 760, 762, 763 Suppinger 188, 758, 760, 762 Surbeck 50, 128, 482, 503, 514, 515, 522, 896 Surber 429 Suremann 126, 129, 406, 410, 1008 Surer 126, 129 Suri 56, 60, 126, 129, 1008 Süri 56, 60, 1008 Surläuly 510, 514 Sury 56, 60, 126, 129, 1008 Süry 56, 60, 1008 Suser 126, 129, 1008 Süsli 136, 139, 350, 354, 358, 989, 1008 Süss 149, 401, 454, 994 Süssli 149, 186, 350, 354, 358, 454, 994 Süsslin 149, 186, 352, 355, 358, 454, 994 Süsstrunk 149, 1011 Suter 126, 128, 133, 214, 444, 932, 935 Sutermeister 126, 128, 444, 503, 514, 528, 932, 935 Sutter 126, 128, 214, 444, 932, 935 Sutterlet 302, 932, 935 Sütterlin 352, 355, 932, 935 Sutz 374 Sydler 439, 943 Syz 886 T Tagmann 406, 409 Tall 703 Tannast 976 Tanner 432, 814, 821 Tanniger 418, 422, 552, 554, 719, 722, 723, 724, 731 Tännler 430, 432, 814 Tapfert 206, 462, 464, 997 Tarnutzer 231, 748 Täscher 231, 439, 444, 932, 933 Täschler 231, 440, 444, 932, 933 Täuber 109, 231, 966, 967, 1016, 1020 Taugwalder 816 Tauss 1020, 1022 Techtermann 74, 76, 80, 406, 410, 1044, 1046 Tedeschi 764 Teigu dit Schapira 614 Tellenbach 231, 238, 793, 814 Teller 231, 775, 780 Tempelmann 406, 410, 1038 Temperli 1010 Tenger 231 Tenisch 74, 76, 80, 334, 335 Tenner 748 Tenz 74, 76, 80, 231, 374 Tepping 302 Testuz 282 Tettü 275, 282 Teuber 109, 231, 966, 967, 1016, 1020 Teucher 136, 231 Teufer 142, 775 Teuscher 136, 138, 439, 960 Teutsch 136, 139, 179, 231, 232, 402, 764 Teutschmann 139, 406, 408 Thaler 56, 61, 231, 255, 775, 783 Thäler 56, 61, 231, 255, 775, 783 Thali 231, 255, 364, 369 Thaller 231, 255, 775, 783 Thalman 255, 302, 406, 408, 775, 783 Thalmann 231, 255, 260, 406, 408, 775, 783 Theiler 255 Theilkäs 255 Theintz 302, 307, 374 Theler 231, 255, 814 Thellung 255 Thenen 74, 76, 80, 255, 334, 335, 337 Thentz 302, 307, 374 Theus 542, 545, 548 Thevenin soit Thevenet 618 Thierstein 255, 877 Thierwächter 74, 77, 80, 231, 255, 439, 953 Thiessing 255, 382, 384, 385, 714 Thomale 255 Thomann 231, 255 Thomi 255, 364, 365 Thommen 231, 255 Thommer 255, 258, 418, 421 Thönen 80, 255, 334, 335, 337 Thöni 80, 157, 255, 258 Thöny 157, 255 Thoos 163, 255, 483, 1020 Thörig 100, 231, 255, 769 Thormann 231, 255, 406, 859, 953 Thossy 255 Thowe 255 Thrier 255 Thüeler 149, 255, 775, 780 Thüler 149, 255, 775, 780 Thuli 255 Thüller 149, 255, 775, 780 Thum 255 Thummermuth 147, 148, 231, 255, 609, 1002 Thuner 231, 255 Thür 166, 231, 255, 338, 401, 976 1102 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1103"?> Thürig 188, 231, 255, 769 Thüring 188, 231, 255, 769 Thüringer 231, 255, 769 Thürkauf 136, 139, 255, 600, 603, 960 Thürlemann 231, 255, 406, 414, 848 Thurler 56, 61, 231, 255, 848 Thürler 56, 61, 255, 302, 848 Thürlimann 231, 255, 406, 414, 848 Thurlingue 255, 302 Thurneysen 114, 120, 255, 505, 514 Thurnheer 163, 166, 179, 255, 503, 514, 953 Thurnherr 166, 179, 255, 503, 514, 953 Thurni 255, 859 Thürr 166, 255, 338, 401, 976 Thurthaler 255 Thut 147, 148, 255 Tiefenauer 142, 207, 756 Tiefenbach 142, 207, 238, 793 Tiefenthal 142, 207 Tieffenbach 142, 207, 238, 793 Tillmann 231, 418, 420 Tinetti 692 Tini 692 Tinner 231 Tischhauser 127, 131, 428, 852 Tissot dit Sanfin 614 Tissot-dit-Choppia 613 Tissot-dit-Sanfin 613, 614 Tizzoni 312 Tobler 231, 234, 428, 775, 782 Tochtermann 406, 410, 1044, 1046 Tödtli 350, 354, 358 Toggweiler 114, 119, 231, 744, 755 Toggwiler 114, 119, 231, 755 Tognoni 312 Tomamichel 512, 514, 710 Tommer 258, 418, 421 Töngi 196 Töni 258 Tönz 80, 231, 374 Topfel 195 Torel soit Thorel 618 Torgler 439, 912 Törig 100, 231 Traber 989, 990 Trachsel 56, 90, 91, 231, 232, 234, 487, 488, 942, 944 Trächsel 42, 44, 56, 231, 232, 487, 942 Trachsler 90, 91, 231, 232, 439, 488, 942 Trächslin 272, 352, 355, 942 Traub 127, 129, 870, 872, 874 Trautweiler 114, 119, 755, 758, 760, 762 Traxel 90, 91, 231, 232, 487, 942 Traxler 90, 91, 231, 232, 439, 942 Trechsel 42, 44, 231, 232, 487, 942 Trechslin 272 Treichler 189, 439, 922 Treier 110, 231, 232, 942 Tremp 483, 989, 990 Trepp 989, 990 Tresch 482 Treu 136, 141, 401, 994 Treyer 110, 231, 232, 942 Tribelhorn 506, 514, 1002 Trindler 418, 422, 719, 722, 724, 735 Triner 418, 422, 719, 722, 724 Trinkler 189, 922 Trittebach 238, 793 Trittenbach 238, 793 Trittenbass 231, 600, 603, 604 Trittibach 238, 793 Trochsler 231, 232, 439, 942 Trog 775, 780, 797 Troger 775, 780, 797 Tröhler 1012, 1016 Tröller 1012, 1016 Tröndle 354, 355, 358 Trösch 482 Trost 994 Trottmann 406, 409 Troxler 90, 91, 94, 231, 232, 439, 942 Trüb 149, 401, 1005 Trueb 268 Trüeb 149, 401, 1005 Trüllinger 383, 385, 752 Trummer 439, 966, 969 Trümpeler 174, 178, 452, 989 Trümpi 364, 366, 452, 989 Trümpler 174, 179, 452, 989 Trümpy 364, 366, 452, 989 Truniger 188 Truninger 188, 429 Truog 147 Trüssel 231, 487, 974, 1008 Trutmann 126, 130, 420 Truttmann 126, 130, 420 Tryndler 418, 422, 719, 722, 724 Trynler 735 Tschabold 275, 277, 280 Tschachtli 949 Tschaggelar 275, 280 Tschaggeny 275, 280 Tschamper 989 Tschampion 275, 278, 280 Tschamun 293, 297 Tschan 275, 278, 280, 702, 706 Tschanen 275, 278, 280, 334, 335, 337, 702, 706 Tschäni 275, 278, 280 Tschann 275, 278, 280, 702, 706 Tschannen 275, 278, 280, 281, 334, 335, 337, 702, 706 Tschantré 275, 280, 282 Tschanz 275, 278, 280, 281, 702, 706 Tschäppät 275, 280 Tschäppeler 178 Tscharland 275, 280 Tscharner 890 Tschechtelin 352, 355, 949 Tscheer 74, 76, 80, 163, 1002 Tscherrig 382, 384, 386, 981, 1054 Tscherry 981, 1054 Tschilar 275, 280 Tschirky 364, 366, 989 Tschirren 334, 335, 337 Tschopp 936 Tschudi 186, 1002 Tschudin 186, 1002 Tschudy 1002 Tschugmall 297 Tschumi 1002 Tschümmy 1002 Tschumper 456, 989 Tschümperle 354, 355, 358, 456, 989 Tschümperli 186, 350, 354, 358, 456, 989 Tschümperlin 186, 352, 355, 358, 456, 989 Tschumy 303 Tschupp 981 Tschuppert 462, 464, 989 Tuchschmid 251, 509, 514, 526 Tüfer 142, 775 Tuff li 350, 354, 656, 658 Tuggener 178 Tugginer 178 Tujetsch 748 Tüller 848 Türler 231, 848 Turtschi 231 Tüscher 136, 138, 231, 439, 960 Tüsel 231, 487, 1002 Tütsch 136, 139, 179, 231, 232, 402, 764 Twerenbold 214, 509, 514 U Uebelhard 249, 821, 827 Uebelhardt 249, 821, 827 Uebelhart 249, 821, 827 Uebelin 67, 178, 352, 355, 1008 Uebelmann 67, 406, 410, 1008 Uebersax 492 Uehlinger 67, 758, 760, 762 Uelligger 147, 148 Ueltschi 147, 148, 378 Uetz 374 Uez 374 Uffholz 208, 558, 562 Ufholz 208, 558, 562 Uhler 418, 421 Uhlmann 147, 148, 418, 420, 425 Uhr 1026, 1033 Ullmann 147, 148, 418, 420 Ullmann dit Ulmo 613 Ulmann 147, 148, 418, 420, 425 Ulmer 429, 758, 760, 762 Umbehr 280 Umberg 240 Umbricht 179 Ummel 199, 454, 1006, 1031, 1033 Ungemuth 147, 148, 255, 1008 Ungricht 179, 181 Unholz 208 Unteregger 775 Unternährer 428, 775, 827 Untersander 775, 824 Untersee 163, 795 Urner 431 Urscheler 178, 418, 422, 719, 722, 724 Ursenbacher 238, 793 Ursprung 493, 797 Urwyler 114, 119, 755 Uster 492 Usteri 364, 369 Utiger 188 Utinger 188 Uttinger 188 Utz 374 Utzinger 429 V Valzer 302, 770 Vananti 703 Vanazzi 703 Vanetta 703 Vanetti 703 Vanina 703 Vanini 703 Vannini 703 Vannotti 703 Vanolli 703 Vanoni 703 Vanotti 703 Vaterlaus 402, 1060 Veith 255, 949 Venner 439, 955 Veraguth 255 Veschio soit Vescio 618 Vest 50 Vesti 287, 292, 295, 297, 538 Vetsch 287, 288, 293, 297, 299, 375 Vetter 50, 454, 1044, 1046 Vetterli 350, 354, 358, 454, 1044, 1046 Vettiger 429 Vidmer 302, 439, 903 Viesel 302 Vifian 275, 278, 282 Villiger 188, 429 Villinger 188 Vinzenz 190 Vischer 439, 444, 915, 917 Vivian 282 Voegeli 303 Voellmy 70, 72 Vogel 870, 872, 877, 1003, 1013, 1028, 1033 Vogelbacher 238, 793 Vögele 178, 354, 355, 1003, 1028, 1033 Vögeli 178, 186, 350, 354, 1003, 1028, 1033 Familiennamenregister 1103 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1104"?> Vögelin 178, 186, 352, 355, 1003, 1028, 1033 Vogelsang 493 Voggensperger 240, 758, 760, 762 Vogler 915, 916 Vogt 179, 949, 958 Vögtli 179, 186, 350, 354, 949 Vögtlin 179, 186, 352, 355, 949 Voit 949 Voitel 949 Volken 334, 335, 337 Völki 186 Völkin 186 Völkle 354, 355, 358 Völkli 350, 354, 358 Vollenweider 842 Vollenwyder 842 Vollimann 406, 1011 Vollmeier 105, 444, 503, 514, 523, 905 Völlmy 70, 72 Volz 374 Vomsattel 576, 579, 581, 775 von Aarburg 584, 877 von Aesch 576, 578, 579 von Ah 576, 578, 579, 587 von Albertis 544, 545, 580 von Allmen 576, 578, 579, 580, 842 von Arb 576, 578, 579 von Arx 576, 578, 579, 580 von Atzigen 576, 578, 579, 842 von Auw 576, 578, 579, 802 von Bachmann alias Pacquement 584, 619, 793 von Ballmoos 163, 584, 587 von Bayer 107, 230, 584, 769 von Bergen 576, 578, 579 von Blarer 584, 986, 1020 von Bondeli 178, 350, 354, 584 von Bonstetten 584 von Brunn 584, 797 von Büren 584, 587 von Burg 576, 578, 579, 884 von Dach 275 von Däniken 576, 578, 579 von der Aa 576, 579 von der Weid 584 von Deschwanden 576, 578, 579, 832, 833 von Eggis 584 von Erlach 584, 750 von Ernst 584 von Escher 584, 810, 840 von Euw 576, 578, 579, 802 von Fellenberg 240, 584 von Felten 576, 578, 579 von Fischer 584, 915, 917 von Flüe 149, 576, 578, 579, 775 von Freudenreich 179, 506, 514, 584, 1003 von Frisching 584, 1026, 1033 von Geymüller 508, 514, 524, 899 von Gonzenbach 238, 576, 578, 579, 793 von Goumoëns 584 von Graffenried 584 von Grebel 487, 584, 957 von Grenus 542, 545 von Greyerz 584 von Gross 338, 584, 974, 1062 von Grünigen 149, 494, 576, 578, 579 von Gunten 576, 578, 579 von Haller 584 von Hallwyl 114, 119, 584, 755 von Heininger 576, 578, 579 von Herrenschwand 584, 832, 833 von Hettlingen 584 von Hoffmann 406, 409, 584, 882, 903 von Holzen 576, 579, 816 von Hospenthal 584, 877 von Hotzen 578 von Huben 576, 578, 579, 883 von Hurter-Ammann 406, 515 von Ins 576, 578, 579 von Jenner 584, 1056 von Kaenel 303 von Känel 576, 578, 579, 616, 799 von Känel dit Chenaud 614 von Keller 584, 949 von Lerber 584 von Luternau 584 von Mandach 576, 578, 579, 750 von Matt 576, 578, 579, 843 von May 584, 1056 von Meiss 584, 870, 872, 1028, 1033 von Meyenburg 514, 515, 584 von Moos 163, 496, 576, 578, 579, 804, 807 von Morlot 584 von Mühlenen 576, 578, 579, 856 von Mülinen 584, 856 von Müller 524, 584 von Müllinen 584, 856 von Muralt 584 von Mutach 584, 750 von Niederhäusern 576, 578, 579 von Orelli 584 von Reding 382, 384, 385, 584 von Reding Biberegg 584 von Rickenbach 238, 494, 576, 578, 579, 793 von Riedmatten 584, 746, 843 von Rodt 259, 338, 584, 979 von Rohr 576, 578, 579 von Roten 334, 335, 337, 338, 584 von Rotz 576, 578, 579 von Rütte 576, 578, 579, 830, 833 von Salis 515, 584 von Schallen 576, 578, 579 von Schännis 584 von Schmid 251, 526, 584 von Schulthess Rechberg 240, 503, 514, 584 von Schumacher 447, 584, 932 von Schwarzenberg 240, 584, 758, 760, 762 von Schwerzenbach 238, 584, 793 von Sepibus 548 von Siebenthal 576, 578, 579 von Sinner 584, 955 von Sonnenberg 240, 584 von Speyr 584, 758, 760, 762 von Steiger 584, 775, 862 von Stockalper 584 von Stockar-Scherer-Castell 515, 584, 834 von Stürler 584 von Sury 126, 129, 584, 1008 von Sury d’Aspremont 586, 1008 von Sury von Büssy 586, 1008 von Tavel 584 von Tobel 576, 578, 579, 775, 782 von Tscharner 584, 890 von Vigier-von Steinbrugg 58, 243, 515, 586, 758, 760 von Vivis 584 von Waldkirch 200, 584, 816 von Wartburg 576, 578, 579, 877 von Wattenwyl 114, 119, 584, 755 von Wedel 584, 758, 760, 762 von Weiss 584, 979 von Weissenf luh 576, 578, 579, 775 von Werdt 584 von Werra 584 von Wild 584, 1016, 1017 von Willa 275, 280, 282 von Wurstemberger 240, 584 von Wyl 576, 578, 579 von Wyss 114, 117, 584 von Wyttenbach 238, 584, 793 von Zeerleder 163, 584 von Ziegler 208, 584 von Zuben 576, 578, 579, 797 Vonaarburg 877 Vonarburg 576, 578, 579 Vonarx 576, 578, 579 Vonäsch 576, 578, 579 Vonau 576, 578, 579 Vonder Mühll 576, 579 Vonderaa 162, 576, 579 Vonei 74, 78, 80, 576, 578, 579, 802 Vonesch 576, 578, 579 Vonescha 576, 578, 579 Voneschen 576, 578, 579 Voney 74, 78, 80, 576, 578, 579, 802 Vonhuben 576, 578, 579, 883 Vonlanthen 576, 578, 579, 580 Vonmont 576, 578, 579 Vonmoos 163, 496, 576, 578, 579, 804, 807 Vonmüllenen 576, 578, 579, 856 Vonplon 576, 578, 579, 758, 760 Vonrufs 576, 578, 579 Vonrüti 136, 140, 576, 578, 579, 830, 833 Vonschallen 576, 578, 579 Vontobel 576, 578, 579, 775, 782 Vonwald 576, 578, 579, 816 Vonwil 114, 119, 576, 578, 579, 755 Vonwiller 114, 119, 576, 578, 579, 755 Vonwyl 114, 119, 270, 576, 578, 579 Vonzun 126, 576, 578, 579, 848 Voramwald 558, 816 Vorburger 884 Vordermann 406, 408 Votsch 988 Vuille dit Bille 614 Vuille-dit-Bille 613 Vuille-dit-Wille 613 Vust 129, 302, 456, 987 W Waad 90, 162, 962 Wäber 42, 45, 439, 928, 930 Wäch 401, 978 Wächli 350, 354 Wachter 56, 61, 439, 953 Wächter 56, 61, 439, 953 Wacker 56, 454, 996 Wäcker 56, 454, 996 Wäckerli 186, 350, 354, 358, 454, 996 Wäckerlig 388, 390, 391, 392, 393, 996 Wäckerlin 186, 352, 355, 358, 454, 996 Wäckerling 68, 72, 388, 390, 391, 392, 393, 996 Wädenschwiler 114, 119, 755 Wädensweiler 114, 119, 755 Waeber 42, 45, 302, 309, 439, 928, 930 Waechter 303 Waeckerling 68, 72, 388, 390, 391, 392, 393, 996 Waegelin 268 Waeger 268 Waelli 268 Waespe 268 Wäff ler 439, 928, 930 Wäf ler 439, 928, 930 Wägeli 178, 350, 354 Wagemann 406, 409 Wäger 439, 862 Wagisbach 238, 793 Wägli 994 Wagner 439 Wagnière 302 Wahl 164, 766, 768 Wahli 168, 766, 768 Wähni 364, 365 Währen 334, 335, 337 Wahrenberger 240, 429 Waibel 107, 487, 952 Walch 766, 768 Walcher 213, 439, 928, 930 1104 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1105"?> Wälchli 350, 354, 358, 766, 768 Waldburg 816 Waldburger 428, 816 Walde 816 Walden 816 Walder 429, 432, 816 Waldesbühl 149, 244, 493, 775 Waldis 334, 335 Waldisberg 240 Waldisperg 240 Waldispühl 149, 244, 493, 775 Waldkirch 200, 816 Waldmann 406, 816 Waldmeier 105, 155, 508, 514, 523, 528 Waldmeyer 105, 155, 508, 514, 523 Waldner 431, 432, 816 Waldsburger 816 Waldspurger 816 Waldvogel 506, 514, 1003, 1028, 1033 Walker 213, 439, 928, 930 Walkmeister 444, 503, 514, 928, 930 Wälle 364, 365 Waller 766, 768 Walli 168, 766, 768 Wälli 157, 364, 365 Walliker 383, 385, 386, 752 Wallimann 406, 408, 775 Walliser 770 Wälly 157, 364, 365 Walpen 334, 335, 337 Walperswiler 114, 119, 755 Walpert 464 Walser 429, 770 Wälte 60, 364, 365 Wälten 334, 335, 337 Waltenspühl 149, 244, 775 Waltenspül 149, 244, 775 Walter 56, 257 Wälter 56 Wälterlin 352, 355, 358 Waltert 257 Walther 257 Walthert 257 Walti 56, 60, 364, 365 Wälti 56, 60, 157, 364, 365 Waltisberg 240 Waltisbühl 149, 244, 775 Waltisperg 240 Walty 270 Wälty 60, 157, 364, 365 Walz 374 Walzer 770 Wamister 439, 928 Wampf ler 195, 775 Wandeler 174, 178 Wandf luh 775 Wandler 174, 179 Wanger 775, 784 Wangler 440 Wannenmacher 439, 447 Wanner 447 Wanzenried 146, 492 Wartenweiler 114, 119, 429, 755 Warth 255, 482, 953 Wärtli 350, 354, 953 Wartmann 406, 953 Wasem 493, 845 Waser 428, 845 Wasmer 428, 845 Wäspe 1006, 1031, 1033 Wäspi 1006, 1031, 1033 Wasser 210, 845 Wasserfallen 210, 493 Wassermann 210, 406 Wassmer 210, 428, 845 Wattenhofer 882 Weber 42, 45, 48, 439, 446, 928, 937 Wechsler 439 Weder 429, 802 Weerli 163, 165, 190, 350, 354, 358 Wegelin 178, 352, 355 Wegener 178, 431, 432, 862 Weger 432, 862 Wegmann 406, 862 Wegmüller 508, 514, 524, 528, 899 Wehren 334, 335, 337 Wehrle 190, 354, 355, 358 Wehrlé 303, 308 Wehrli 157, 164, 165, 186, 350, 354, 358 Wehrlin 186, 190, 352, 355, 358 Wehrly 157, 190, 302, 350, 354, 358 Wehrmüller 508, 514, 524, 899 Weibel 107, 487, 952 Weideli 398, 399, 400, 996 Weidenmann 406, 408, 810 Weidmann 406, 842, 915, 916, 918 Weier 114, 121, 155, 796 Weiermann 114, 121, 155, 406, 796 Weiersmüller 114, 121, 508, 514, 524, 899 Weil 114, 119, 755 Weilemann 114, 119 Weilenmann 114, 119, 406, 408, 755 Weiler 114, 119, 755 Weingand 114 Weingart 114, 493, 846 Weingartner 114, 846 Weinmann 116, 406, 409, 912 Weinzürle 114, 116, 912 Weisf log 210 Weishaupt 114, 117, 210, 506, 514, 979 Weiss 114, 117, 210, 338, 401, 979 Weissbaum 210, 813 Weissbrodt 114, 117, 210, 505, 514, 897 Weissen 114, 210, 334, 335, 337, 338, 979 Weissenbach 210, 238, 793 Weissenberger 210, 240 Weissenburger 210 Weisser 210 Weisshaupt 114, 117, 210, 506, 514, 979 Weisskopf 206, 210, 506, 514, 979 Weissmann 114, 117, 210, 406, 979 Weissmuller 210, 303, 306 Weissmüller 114, 210, 503, 514, 524 Weisstanner 210 Weitnauer 756 Weizenegger 775, 848 Wellenberg 240 Wellig 382, 384, 386 Welschen 179, 334, 335, 337, 766, 768 Welte 60, 364, 365 Welten 334, 335, 337 Welti 60, 186, 364, 365 Weltin 60, 186, 364, 365 Welts soit Fink 618 Weltsch 179, 402, 766, 768 Wenge 775, 784 Wenger 775, 784 Wengi 775, 784 Weniger 974 Wenk 452, 483, 485, 989, 992 Wenker 452, 485, 989 Wenziker 383, 385, 386, 752 Wenzinger 383, 385, 752 Wepfer 439, 928, 930 Werchmann 406, 409, 909 Werdenberg 240 Werder 428, 802 Werdmüller 508, 514, 524, 802, 899 Werenfels 758, 760, 762 Werfeli 178, 207, 350, 354, 966, 970 Werffeli 178, 207, 350, 354, 966, 970 Werlen 334, 335, 337 Werly 190, 302, 350, 354, 358 Wermelinger 429 Wermuth 147, 148, 255 Werndli 84, 85, 190, 350, 354, 358 Wernle 190, 354, 355, 358 Wernli 190, 350, 354, 358 Wertenberg 303 Werth 97, 255, 893 Werthemann 406 Werthmann 406 Werthmüller 508, 514, 524, 802, 899 Wertmüller 508, 514, 524, 802, 899 Werz 910 Wespe 1006, 1031, 1033 Wespi 1006, 1031, 1033 Wessner 431 Wethli 259, 398, 399, 400, 996 Wetli 259, 398, 399, 400, 996 Wettenschwiler 114, 119, 755 Wetter 429 Wetterwald 816 Wetzel 356 Wetzler 418, 421 Wey 114, 121, 1028, 1033 Weyeneth 255 Weyer 114, 121, 155, 796 Weyermann 114, 121, 155, 406, 796 Wich 114 Wichert 114, 464 Wichser 1016 Wicht 1008 Wichtermann 406 Wickart 114 Wicki 157, 364, 365 Wickihalder 93, 775, 784 Wickihalter 93, 775, 784 Wickle 269 Wickli 350, 354, 358 Wicky 157, 364, 365 Widenmeier 105, 508, 514, 523 Wider 870, 872, 1016 Widerkehr 506, 514, 1053 Widler 114, 153, 430, 432, 810 Widli 114, 350, 354, 810 Widmann 406, 408, 810 Widmayer 105, 302, 508, 514, 523 Widmeier 105, 508, 514, 523 Widmer 439, 903 Widrig 285, 292, 295, 296, 297, 396, 400 Wiedemann 406, 408, 810 Wiedemeier 105, 508, 514, 523 Wiedenkeller 503, 514 Wiedenmeier 105, 508, 514, 523 Wiederkehr 164, 506, 514, 1053, 1059 Wiedler 114, 430, 432, 810 Wiedmann 406, 408, 810 Wiedmer 439, 903 Wieland 146 Wienert 464 Wiesendanger 429 Wieser 428, 432, 843 Wiesli 350, 354, 843 Wiesmann 406, 408, 843 Wiesner 431, 432, 843 Wietlisbach 238, 492, 793 Wietlispach 238, 793 Wiezel 356 Wigert 114, 464 Wiget 114 Wigger 428 Wiggli 350, 354, 358 Wiher 114, 121, 153, 796 Wikart 114 Wiki 364, 365 Wild 401, 456, 1016, 1017, 1018 Wildberger 240 Wildbolz 509, 514, 1016, 1017 Wildeisen 114, 120 Wildener 178, 431 Wildermuth 147, 148, 255, 609, 1016, 1017 Wildhaber 505, 514, 908 Wildi 456, 1016, 1017 Wildisen 114, 120, 920 Wildy 456, 1016, 1017 Familiennamenregister 1105 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1106"?> Wiler 114, 119, 153, 755 Wilhelmi 548 Willa 280 Willen 334, 335, 337 Willener 178, 418, 421 Willi 157 Willimann 420 Williner 178, 418, 421 Willisch 334, 335 Willmann 420 Willome 275, 277 Willy 157 Winckler 775 Wind 870, 872, 874 Windlin 352, 355 Windsch 179 Wingeier 756 Wingeyer 756 Winiger 383, 385, 386, 429, 752 Winistörfer 207 Wink 483, 989 Winkelmann 406, 408, 775 Winkenbach 238, 793 Winkler 428, 775 Winnenwieser 843 Wintenberger 240 Winter 1056 Winterberg 240, 775 Winterberger 240 Winteregg 775 Wintsch 179 Wintzenried 302, 307 Winz 374 Winzap 600, 602, 603 Winzeler 114, 116, 178, 912 Winzenried 492 Wipf 206, 454, 989, 990 Wipf li 206, 350, 354, 454 Wirth 86, 255, 260, 893 Wirthlin 352, 355, 358 Wirthner 421, 424, 893 Wirths 334, 335 Wirtz 303, 307 Wirz 334, 335, 893 Wiser 428, 432, 843 Wisler 430, 432, 843 Wismann 406, 408, 843 Wismer 428, 843 Wiss 114, 117, 153, 338, 401, 979 Wissenmeier 105, 508, 514, 523 Wissler 430, 432, 843 Wissmann 114, 117, 153, 406, 979 Wissmer 843 Wisswald 816 With 255 Witmer 439, 903 Witschi 378 Wittenwiler 114, 119, 755 Wittenwiller 114, 119, 755 Wittlin 352, 355, 358 Wittmer 439, 903 Wittnauer 756 Wittwa 179, 1069 Wittweiler 114, 119, 755 Wittwen 179, 1069 Wittwer 179, 1069, 1071 Witzig 396, 400, 1000 Wobmann 90, 195, 406, 409, 962 Wohlfender 503, 514 Wohlgemut 147, 148, 259, 506, 514, 996 Wohlgemuth 147, 148, 164, 255, 259, 506, 514, 996 Wohlhauser 127, 131, 753 Wohlwend 164, 600, 603, 996 Wohnlich 398, 399, 400 Wolf 670, 672, 870, 872, 1025, 1033 Wolfender 503, 514 Wolfensberger 240, 429 Wolfensperger 240 Wolfer 418, 421, 670 Wolff 670, 870, 872, 1025, 1033 Wolfisberg 240 Wölf le 354, 355, 358, 670, 1025, 1033 Wölf li 350, 354, 358, 670, 1025, 1033 Wolf lisberg 240 Wolleb 600, 603 Wollenmann 406, 408 Wollschlegel 50, 505, 514, 928, 930 Woodtli 90, 92, 163, 398, 399, 400, 401, 996 Wopmann 90, 195, 406, 409, 962 Wörndli 84, 85, 190, 350, 354 Wuermli 268 Wüest 149, 849, 978 Wuff li 350, 354, 358 Wüger 195, 428, 493 Wuhrmann 147, 148, 406, 408, 799 Wullimann 418, 420 Wullschleger 50, 439, 928, 930 Wunderli 186, 398, 399, 400, 1012 Wunderlin 186, 398, 399, 400, 401, 402, 1012 Wurf lein 352, 355, 358 Würmli 350, 354, 358, 976, 1031, 1033 Würsch 86, 338, 401, 1016 Würst 303 Würsten 86, 179, 334, 335, 337, 338, 342, 343, 346, 1066 Wurster 439, 890 Würtenberger 240, 758, 760 Würth 86, 255, 893 Würzer 493, 821 Wüscher 86, 439 Wüst 149, 401, 849, 978 Wüstiner 178, 431, 849 Wütschert 464 Wybert 464 Wydemeier 270 Wyden 114, 493, 810 Wyder 114, 428, 432, 810 Wydler 114, 153, 430, 432, 810 Wyer 114, 121, 493, 796 Wyher 114, 121, 153, 796 Wylemann 114, 119, 406, 408, 755 Wylenmann 114, 119, 406, 408, 755 Wyler 114, 119, 153, 755 Wymann 114, 116, 406, 409, 912 Wynistorf 207, 241, 754 Wyrsch 86, 338, 1016 Wyser 432, 843 Wyshaupt 114, 117, 506, 514, 979 Wysling 388, 390, 391, 392, 393 Wyss 114, 117, 123, 153, 210, 214, 338, 401, 979, 982 Wyssa 979 Wyssbrod 114, 117, 210, 505, 514, 897 Wyss-Chodat 210, 515 Wysseier 210, 756 Wyssen 114, 117, 210, 334, 335, 337, 338, 979 Wyssenbach 210, 238, 793 Wysser 303 Wysseyer 210, 756 Wysshaar 90, 114, 117, 162, 210, 506, 514, 979 Wysshaupt 114, 117, 210, 506, 514 Wyssling 210, 388, 390, 391, 392, 393 Wyssmann 114, 117, 153, 210, 406, 979 Wyssmüller 114, 210, 503, 514, 524 Wyttenbach 238, 793 Y Yenni 302 Yenny 302 Yergen 74, 76, 80, 302, 334, 335, 337 Z Z’Rotz 555, 564, 566 Zabli 1006 Zäch 1012 Zaeslein 352, 355, 358, 974 Zaeslin 352, 355, 974 Zahler 1066, 1071 Zahm 401 Zahn 164, 195, 208, 456, 986 Zahnd 208, 456, 986 Zähndler 42, 44, 456, 986 Zahner 164, 208, 986, 1020, 1022 Zähner 439, 924 Zähnler 456, 986 Zahno 474, 986 Zährlin 352, 355, 358 Zambelli 703 Zambone-dit-Zamboni 614 Zamboni 703 Zanetta 703 Zanetti 703 Zanetti Streccia 703 Zängeler 178, 456, 1008 Zängerle 354, 355, 358, 456, 1008 Zangger 1016, 1018 Zanini 703 Zanoja 703 Zanolari 703 Zanoli 703 Zanolini 703 Zanoni 703 Zanugg 293, 297, 703, 706 Zaugg 986 Zbären 181, 334, 335, 337, 552, 554, 555, 1025, 1033 Zberg 181, 240, 555, 564, 566, 775, 776 Zbinden 334, 335, 337, 339, 552, 554, 555, 556, 940, 944 Zbrun 555, 564, 797 Zeberli 350, 354, 358, 1006 Zeder 190, 439, 444, 949 Zeender 163, 165, 208, 439, 444, 949 Zeerleder 163, 600, 602, 603 Zegg 936 Zehender 208, 439, 444, 949 Zehnder 164, 165, 208, 439, 444, 949 Zehndler 42, 44, 208, 440, 444, 949 Zehner 208, 439, 444, 949 Zehnter 303 Zehntner 208, 442, 444, 949 Zehren 334, 335, 337, 552, 554, 555, 1062 Zeiger 439 Zeilbeer 163 Zeindler 440 Zeit 870, 872 Zelger 840 Zeller 429, 858 Zellweger 428, 862 Zeltner 442, 896 Zemp 483, 1016, 1018 Zen Ruffinen 565, 775, 786 Zender 190, 208, 439, 444, 949 Zengaffinen 565, 567 Zenger 1016, 1018 Zenguinian soit Zinguinian 618 Zenhäusern 565, 567, 852 Zenklusen 126, 131, 565, 567, 775, 857 Zen-Ruffinen 565, 567, 775, 786 Zentner 442, 444, 949 Zentriegen 565, 567 Zenzünen 80, 136, 140, 565, 567, 848 Zermatten 564, 566, 843 Zerzuben 564, 566, 797 Zesiger 429, 758, 760, 762 Zetter 439, 909 Zgraggen 555, 564, 566, 567 Zibach 238, 555, 564, 793, 814 Ziegerer 439, 892 Ziegler 146, 208, 439 Zieri 564, 566 Zigerli 350, 354, 358, 892, 974 Zigerlig 391, 392, 393, 974 Zihlmann 406, 408 Zillig 74, 77, 80, 382, 384, 386 Zillweger 862 Zimiker 383, 385, 386, 752 1106 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1107"?> Zimmer 208, 939 Zimmerli 186, 208, 350, 354, 939 Zimmerlin 186, 208, 352, 355, 939 Zimmermann 208, 214, 406, 409, 411, 939 Zindel 962 Zingerli 350, 354, 358 Zingg 208, 966, 967, 971, 986 Zinggeler 178, 966, 967 Zinner 74, 77, 80, 848 Zinniker 383, 385, 386, 752 Zinsli 191, 192, 1028, 1033 Ziörjen 334, 335, 337, 564, 566 Zisli 192 Ziswyler 114, 119, 755 Zitterli 350, 354, 358, 1006 Zlauwinen 555, 564, 566, 775, 786 Zmilacher 555, 564, 566, 840, 856 Zmoos 163, 496, 555, 564, 566, 804, 807 Zmutt 555, 564, 566 Zöbeli 178, 350, 354 Zobrist 179, 342, 343, 555, 775, 788 Zoller 208, 439, 949 Zollet 275 Zöllig 100, 382, 384, 386 Zolliker 429 Zollikofer 752 Zollinger 383, 385, 386, 429, 752, 757 Zopfi 206 Zorn 1016 Zosso 474 Zotter 962 Zoutter 302, 305, 552, 554, 555, 932, 935 Zryd 555, 564, 566, 805, 807 Zuan 703 Zuber 126, 208, 797 Zuberbühler 428, 775, 797 Zuberer 126, 208, 797 Zubler 126, 208, 797 Zübli 186, 208, 350, 354, 797 Züblin 186, 208, 352, 355, 797 Zuest 268 Züger 136, 138, 143, 179, 503, 514, 515 Zülli 157 Züllig 80, 382, 384, 386 Zülly 157 Zum Brunn 565, 797 Zum Offen 303 Zum Wald 565, 567, 816 Zumbach 238, 565, 567, 793 Zumbrunn 565, 567, 797 Zumbrunnen 565, 567, 616, 797 Zumbühl 244, 565, 567, 775, 776 Zumkehr 565, 567 Zumkemi 565, 567, 775 Zumoberhaus 127, 131, 565, 567, 775, 852 Zumofen 565, 567, 775, 856 Zumsteg 565, 567, 863 Zumstein 565, 567, 826 Zumtaugwald 565, 567, 816 Zumthor 565, 567, 859 Zumthurm 565, 567, 775, 859 Zumwald 565, 567, 816 Zünd 483, 485, 488, 499 Zundel 56, 485, 487, 488 Zündel 56, 485, 487, 488 Zuppiger 188 Zuppinger 188 Zur Gilgen 564, 870, 872, 874 Zur Kirchen 200, 564, 857 Zurbriggen 74, 77, 80, 81, 243, 564, 566, 863 Zurbrügg 58, 80, 243, 564, 566, 863 Zurbrugg dit Despond 303, 306, 613 Zurbuchen 564, 566, 567, 810 Zurburg 564, 566, 884 Zürch 179, 743 Zürcher 179, 181, 208, 429, 743, 749 Zureich 564, 566, 810 Zurf luh 56, 564, 566, 775 Zurf lüh 56, 564, 566, 775 Zurgilgen 566 Zurich 208, 302, 743 Züricher 208, 743 Zurkirch 200, 564, 566, 857 Zurkirchen 200, 565, 566, 857 Zurlinden 565, 566, 810, 870, 872 Zurmühle 164, 565, 566, 856 Zürni 1016 Zurniwen 565, 566 Zürrer 208, 429, 743 Zurschmiede 565, 566, 856 Zurschmitten 565, 566, 856 Zurwerra 565, 566 Zust 56, 854 Züst 56, 493, 854 Zuter 552, 555, 932, 935 Zutter 181, 552, 554, 555, 556, 932, 935 Zwahlen 334, 335, 337, 339, 552, 554, 555, 556, 766, 768, 771 Zwald 181, 555, 564, 566, 816 Zweiacher 213, 609, 840 Zweiacker 213, 609, 840 Zweifel 114, 117, 208, 1005 Zweilin 269 Zwick 483, 485 Zwicki 485 Zwicky 485 Zwicky von Gauen 586 Zwissig 303, 566 Zwyer 114, 121 Zwygart 114, 121, 555, 564, 566, 846 Zwyssig 555, 564, 566 Zybach 238, 555, 564, 566, 793, 814 Zyndel 962 Zyro 275, 280 Familiennamenregister 1107 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1108"?> Register der Fachausdrücke A Ableitung → Derivat Abstraktum 362 Adaption 261, 266, 274, 284, 301, 311, 537 → Integration Adelsprädikat 574, 583 → Patriziat Adjektiv 333, 341, 362, 395, 608 Adverb 341, 608 Affrizierung 204 → zweite Lautverschiebung Alemannisch 74, 83, 96, 112, 126, 135, 145, 185, 193 altoberdt. iu 135 Anlaut 65, 226, 254, 261 Aphärese 284 → Tilgung Apokope 170, 284 → Tilgung Assimilation 193, 551 ausländisches Toponym 758 → Toponym Auslaut 112, 135, 185, 246, 254, 460 → Auslautverhärtung, Silbenauslaut Auslautverhärtung 246 → Auslaut B Berufsname 333, 381, 437, 480, 889, 895, 901, 914, 919, 928, 938, 945, 948, 960, 965 → lokalisierter Berufsname Berufsübername 388, 597, 889, 895, 901, 914, 919, 928, 938, 945, 948, 960, 965 Betonung 284, 301, 537 biblischer Rufname 682, 696, 701, 709, 718, 727 C Ca-Präfix 531 → Präfix Chronologie 54, 349, 372, 381, 404, 426, 437, 450, 480, 490, 574 D Definitartikel 551, 557, 564, 569, 597 Dehnungs-h 160 Derivat 404, 413, 417, 426, 437, 450, 471, 519, 531 → Suffix Diakritikum 65 Dialektgliederung 204 Differenzierungsvariante 254, 519, 542 Digraph 65, 112, 126, 135, 145, 254, 266 Diminutiv 185, 266, 362, 413, 450, 537 → l-Diminutiv Diphthongierung 284 Diphthongschreibung 112, 126, 135, 145 Diphthongwandel 103 Dissimilation 193 dithematischer Rufname 643, 650, 655, 663, 674 Doppelkonsonant 160 Doppelname 501, 612 Doppelvokal 160 dynastischer Rufname 643, 650, 655, 663, 727 E Eindeutschung 274, 284, 537 el-Suffix 480 → Suffix Entrundung 74 Epenthese 193, 460 er-Suffix 417, 426, 437, 450, 460, 480, 490, 501, 537 → Suffix F Flexion 333, 341 Fortis 226, 236, 246 Französisch 261, 274, 301, 542, 583, 589 Frikativ 217 Frikativierung 204 → zweite Lautverschiebung G Genitiv 333, 551 germ. ë 41, 50 germ. χ 217 germanischer Rufname 643, 650, 655, 663, 674, 718, 727 Grundwort 450, 501, 519 Guttural 217 H Häusername 531, 866 Hausname 866 Heiligenname 643, 682, 691, 701, 709, 718, 727 Herkunftsname 381, 426, 490, 557, 564, 574, 739, 750, 758, 764 Hiatus 112, 135 Hybridbildung 531, 589 Hydronym 791 I i(n)-Suffix 152, 362, 450, 480 → Suffix ig-Suffix 381, 395 → Suffix ing-Suffix 381, 388 → Suffix Inlaut 65, 236, 254 Integration 274, 284, 301, 311, 537 → Adaption Interferenz 261, 274, 284, 301, 311, 537 → Sprachkontakt Italienisch 311, 542, 589 K Komparation 341 Kompositum 236, 417, 501, 519 Konsonantenschwund 185 → Nasalschwund, Tilgung, Velarschwund kontrahierte Form 643, 655, 674 Kosename 362 Kürzenanzeige 160 Kurzform 643, 650, 655, 663, 674, 696, 701, 709, 718, 727 L Längenanzeige 160 Latinisierung 261, 542 l-Diminutiv 349, 413, 450 → Diminutiv Lehnwort 204, 226, 437 Lenis 226, 236, 246 ler-Suffix 417, 426, 437, 450 → Suffix lexemgebunden 83, 96, 103, 254 lich-Suffix 395 → Suffix ling-Suffix 381, 388 → Suffix lokalisierter Berufsname 501, 519 → Berufsname M männlicher Rufname 643, 650, 655, 663, 674, 682, 691, 696, 701, 709 mann-Suffix 404, 413, 417, 480, 490 → Suffix Mehrnamigkeit 612 Metronym 333, 372, 381, 417, 718, 727 mhd. ā 89 mhd. ei 103, 152 mhd. i 96 mhd. ī 112, 152 mhd. ie 145 mhd. iu 135 mhd. ou 103 mhd. öu 103 mhd. u 96 mhd. ū 126 mhd. ü 96 mhd. ue 145 mhd. üe 145 Mittelsilbe 170 Modifikation 349 Monograph 112, 126, 135, 145 Monophthongierung 103, 284 Monophthongschreibung 112, 126, 135, 145 morphologisches Schreibprinzip 50, 246 N Namenpragmatik 583, 589, 612 Namenzusatz 612 Nasalschwund 185, 381, 388 → Konsonantenschwund, Tilgung Nebensilbenabschwächung 170 ner-Suffix 417, 426, 437, 450 → Suffix nicht-germanischer Rufname 682, 691, 696, 701, 709, 718, 727 niederfrequent 74, 83, 96 Nomen agentis 152, 362, 404, 437, 450, 480 Nord-Süd-Gliederung 89 Nullmarkierung 450, 480, 490 O onymischer Marker 333, 381, 388, 460, 471, 480, 490, 531, 542 Onymisierung 362 o-Suffix 471 → Suffix P Patriziat 583 → Adelsprädikat Patronym 89, 226, 254, 261, 333, 349, 372, 381, 388, 417, 643, 650, 655, 663, 674, 682, 691, 696, 701, 709 Plosiv 204, 226, 236, 246 Präfix 170, 531 → Ca-Präfix Präposition 490, 557, 564, 569, 574, 583, 589, 597 1108 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1109"?> Primärumlaut 50 → Umlaut Proklise 551 → Verschmelzung R Rätoromanisch 261, 284, 311, 531, 537, 542, 589, 739 Reanalyse 417, 426, 437, 460 Rufname → biblischer Rufname, dithematischer Rufname, dynastischer Rufname, germanischer Rufname, Heiligenname, kontrahierte Form, Kurzform, männlicher Rufname, Vollform, weiblicher Rufname Rundung 83 S Satzname 597, 608 Schonung des Namenkörpers → Wortkörperschonung Schreibtradition 266 → schriftsprachlicher Einf luss Schreibvariation 41, 50, 65, 89, 152, 193, 226, 236, 246, 254, 261, 266, 349 schriftsprachlicher Einf luss 74, 96, 145 → Schreibtradition sch-Suffix 372 → Suffix Sekundärumlaut 284, 388 → Umlaut Senkung 41, 96, 103 Silbenauslaut 126 → Auslaut Silbenstruktur 170 Simplex 395, 450, 519 sohn-Bildung 501 Spirantenschwächung 217 Spirantisierung → Frikativierung Sprachkontakt 261, 274, 284, 301, 311, 471, 537, 583, 589 → Interferenz Staubsches Gesetz 185 Suffix 185, 372, 381, 388, 395, 404, 413, 417, 426, 437, 450, 471, 519, 542 → Derivat, el-Suffix, er-Suffix, i(n)- Suffix, ig-Suffix, ing-Suffix, ler- Suffix, lich-Suffix, ling-Suffix, mann-Suffix, ner-Suffix, o-Suffix, sch-Suffix, tsch-Suffix, tz-Suffix, z-Suffix Suffixerweiterung 417, 426, 437, 460 Suffixkombination 372, 413 Superlativ 341 Synkope 170, 284 → Tilgung T Tenuesverschiebung 204 Tilgung 170 → Aphärese, Apokope, Konsonantenschwund, Nasalschwund, Synkope, Velarschwund Toponym 362, 381, 531, 569, 739, 750, 758, 773, 791, 802, 809, 823, 829, 839, 851, 866, 880 toponymisches Element 750 → Toponym Transparenzstatus 41, 112 Trema 54, 65, 266 tsch-Suffix 372, 413 → Suffix tz-Suffix 372 → Suffix U Übername 254, 333, 349, 381, 388, 395, 450, 480, 597, 608, 973, 984, 993, 1015, 1020, 1024, 1035, 1043, 1052, 1062 Übersetzung 311, 612 Umlaut 65 → Primärumlaut, Sekundärumlaut Umlautung 54 Univerbierung → Zusammenrückung V Velarschwund 395 → Konsonantenschwund Velarisierung 193 Velarschwund → Tilgung Verb 362, 597 Verdumpfung 89 Verschmelzung 551, 557, 564, 569, 574 → Proklise Vokalqualität 41, 50, 54, 74, 83, 89, 96, 103 Vokalquantität 160 Volksetymologie 284 Vollform 643, 650, 655, 663, 674, 709, 718, 727 W weiblicher Rufname 718, 727 westgermanische Konsonantengemination 236 Wohnstättenname 426, 490, 531, 557, 564, 569, 574, 773, 791, 802, 809, 823, 829, 839, 851, 866, 880 Wortkörperschonung 54 Z Zahlwort 608 z-Suffix 372, 413 → Suffix Zusammenbildung 437 Zusammenrückung 551, 557, 574, 597, 608 Zusammensetzung → Kompositum zweite Lautverschiebung 204, 226, 236 → Affrizierung, Frikativierung Register der Fachausdrücke 1109 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1110"?> Historisches Sachregister A Achtung 1062 Ackerbau 839, 901 Adel 1035 Aderlass 945 Aggressivität 1015 Alemann: innen 764 Alte Orte 739 Amt 948 angeberisch 993 angenehm 993 ängstlich 993 Ansässige 1052 Ansehen 1062 Arbeitsverhalten 993 Arm 984 Armut 1062 Aufsicht 948 Ausbildung 1052 Ausland 758 B Bach 791 Bäckereigewerbe 895 Backware 895 Bader 945 Badstube 945 Barbier 945 Bauer 901, 1035 Baute 851 Bein 984 Belgien 758 Bergsturz 773 Bewirtung 889 biographisch 1052 Blasinstrument 965 Bodenbeschaffenheit 823 Bodenerhebung 773 Bodenvertiefung 773 böse 993 Botendienst 948 brennen 829 Brot 895 Brücke 851 brüllen 1020 Brunnen 791 Burg 866, 880 C Charakter 993, 1015, 1020 D Damm 791 Deutschland 758, 764 Deutschsprachige 764 Dorf 750, 880 Drechsler 938 Dritter Stand 1035 dumm 993 E Ebene 773 einfältig 993 Einfriedung 839 Erbe 1062 Erbschaft 1062 Essverhalten 993 F Fabelwesen 866 Fernhandel 960 Feuchtgebiet 802 Fisch 1024 Fischerei 914 Fischernetz 914 Fleischergewerbe 889 Fluss 791 Frankreich 758 freundlich 993 froh 993 Fuss 984 G Gang 984 Garten 839 Gegenstand 866 Geländeeinschnitt 773 Geländeform 773 Gemüse 901 Gerberei 928 Gesamteindruck 973 gesellschaftlich 1052, 1062 Gesichtsfarbe 973 Getreide 901 gewaltbereit 1015 Gewässer 750, 791 Grosshandel 960 gut 993 H Haare 973 Haarfarbe 973 Haarform 973 Haarmenge 973 Haarwuchs 973 Hag 809 Hals 984 Handelsware 960 Handelsweg 960 Händler 960 Hang 773 Haus 851, 866 Hautfarbe 973 Heilkunde 945 Heim 880 Heiratsverwandtschaft 1043 Himmelskörper 866 Hirt 901 Hof 880 Holz 809 Holzgefäss 938 Holzverarbeitung 938 Hube 880 I Insekt 1024 Insel 750, 802 Italien 758 J Jagd 914 K Kanal 791 Kauf leute 960 Kernfamilie 1043 Kirche 851 Kirchendienst 948 Kleidung 928 Kleinhandel 960 klerikales Amt 948 Klerus 1035 Kopf 984 Körper 973, 984 Körpergrösse 973 Körperteil 984 Körperumfang 973 Krebsfang 914 Kreuzzug 1052 Küfer 938 Kulturland 839 L Lache 802 Land am Wasser 802 Landwirtschaft 901 lärmen 1020 Laubbaum 809 lebendig 993 Lederhandwerk 928 Lehen 880 lehmig 823 Liechtenstein 758 M Mauer 851 Mehl 895 Metallverarbeitung 919 Migration 266, 274, 301, 311, 612, 739, 758 Milchprodukt 889 Missachtung 1062 Möbelherstellung 938 Mühle 851, 895 munter 993 Musikant 965 Musikinstrument 965 mutig 993 N Nadelbaum 809 Näharbeit 928 Nahrungsmittelgewerbe 889, 895, 914 nervös 993 Nutztier 1024 O Obstbaum 809 Orientierungsangabe 773 Österreich 758 P Pelzhandwerk 928 Pf lanze 866 Pilgerreise 1052 prahlen 1020 prahlerisch 993 Q Quelle 791 R Rechtsprechung 948 Reichtum 1062 Religion 866, 1052 reuten 829 Rhein 791 Rodung 829 Rohstoff 919 Romanischsprachige 764 Rumpf 984 S Saiteninstrument 965 sandig 823 Säugetier 1024 schlagen 1015 Schlaginstrument 965 Schmied 919 Schmiede 851 Schnitzer 938 schreien 1020 Schuhmacherhandwerk 928 schwatzen 1020 1110 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1111"?> schwenden 829 See 791 Siedlung 750, 880 Siedlungsgeschichte 750, 829 sorgenvoll 993 sorglos 993 Speisezubereitung 889 Spielleute 965 Sprachgruppe 764 Sprachverhalten 1020 Sprechweise 1020 Stadt 739, 866 Stamm 764 Stand 1035 Statt 880 steinig 823 stocken 829 Stoffverarbeitung 928 stottern 1020 Strauch 809 Sumpf 802 Sumpfpf lanze 802 T tapfer 993 Textilhandwerk 928 Tier 866, 1024 Tierkastration 901 Topographie 773 Trinkverhalten 993 tüchtig 993 U Uferlandschaft 802 unfreundlich 993 ungestüm 1015 unruhig 993 Unterhaltungsgewerbe 965 V Vegetation 809 Verhalten 993, 1015, 1020 Verwaltung 948 Verwandtschaft 1043 Viehzucht 901 Vogel 1024 Vogelfang 914 Volksgruppe 764 W Wachdienst 948 Waffe 919 Wald 809 Walser: innen 739, 764 Weg 851 Weide 839 Weiher 791 Weiler 750 Weinbau 901 weitere Verwandtschaft 1043 weltliches Amt 948 Werkzeug 919 Wiese 839 wild 1015 Wildtier 1024 wirtschaftlich 1062 Witwenschaft 1062 Wundarzt 945 Wurm 1024 Wüstung 839 Z Zaun 839 Zeitpunkt 1052 Zeitraum 1052 Zimmermann 938 zornig 1015 Zuzug 1052 Historisches Sachregister 1111 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1112"?> Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Beispielfilter ÜberN auf -le, deutschsprachig, vor 1800, Kanton St. Gallen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 Abbildung 2: Ausschnitt der Kartierungsoberf läche . . . . . . . . . . . 24 1112 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1113"?> Kartenverzeichnis Karte 1: Grundkarte des FDS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 Karte 2: Sprachregionen der Schweiz 1860 . . . . . . . . . . . . . . . . 21 Karte 3: Dreiteilung der Schweiz in Jura - Mittelland - Alpen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 Karte 4: Beispielkarte HerkunftsN zu Schweizer Toponymen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 Karte 5: FamN mit <e>, <ä> oder <ae> für germ. ë, vor 1800 42 Karte 6: FamN mit <e>, <ä> oder <ae> für germ. ë ohne Typ Weber, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Karte 7: BerufsN mit <e>, <ä> oder <ae> für germ. ë ohne Typ Weber, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 Karte 8: Variation von <e>, <ä> und <ae> im BerufsN Weber, Wäber, Waeber, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 Karte 9: Über- und BerufsüberN mit <e>, <ä> oder <ae> für germ. ë, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 Karte 10: Patronyme mit <e> und <ä> für germ. ë, vor 1800 47 Karte 11: Realisierung des Primärumlauts, vor 1800 . . . . . . . . 51 Karte 12: Umlaut und Nicht-Umlaut in Dubletten, vor 1800 . 56 Karte 13: Umlaut und Nicht-Umlaut in FamN mit u, vor 1800 58 Karte 14: Umlaut und Nicht-Umlaut bei l-Diminutiven, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 Karte 15: Umlaut und Nicht-Umlaut bei i-Diminutiven, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 Karte 16: Umlaut und Nicht-Umlaut bei Derivaten auf -er, -ler, -ner, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 Karte 17: FamN mit <Ae>, <Oe> oder <Ue> im Anlaut, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Karte 18: Dubletten mit <ae> oder <ä> im Inlaut, vor 1800 . 68 Karte 19: Tripletten mit <ae>, <ä> oder <e> im Inlaut, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 Karte 20: Dubletten mit <oe> oder <ö> im Inlaut, vor 1800 . 70 Karte 21: Dubletten mit <ae>, <ä> und <oe>, <ö> im Inlaut, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 Karte 22: FamN mit Entrundung, vor 1800 u. Herkunft . . . . . 75 Karte 23: FamN mit Entrundung von mhd. ö, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 Karte 24: FamN mit Entrundung von mhd. ü, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 Karte 25: FamN mit Entrundung von mhd. öu, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 Karte 26: FamN mit Entrundung von mhd. üe, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 Karte 27: FamN mit und ohne Entrundung, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 Karte 28: Rundung und Nicht-Rundung von e zu ö (Sammeldarstellung), vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . 84 Karte 29: Rundung und Nicht-Rundung von e zu ö (Einzeldarstellung), vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . 85 Karte 30: Rundung und Nicht-Rundung von i zu ü (Sammeldarstellung), vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . 86 Karte 31: Rundung und Nicht-Rundung von i zu ü (Einzeldarstellung), vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . 87 Karte 32: Erhalt oder Verdumpfung von mhd. ā, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 Karte 33: Erhalt oder Verdumpfung von mhd. ā in Dubletten, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 Karte 34: Erhalt oder Verdumpfung von mhd. ā in Patronymen, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 Karte 35: Erhalt oder Verdumpfung von mhd. a vor l, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 Karte 36: FamN mit Senkung von i zu e, vor 1800 . . . . . . . . . 97 Karte 37: FamN mit Senkung von u zu o, vor 1800 . . . . . . . . . 98 Karte 38: FamN mit dem Lexem mhd. sumer, vor 1800 . . . . . 99 Karte 39: FamN mit Senkung von ü zu ö, vor 1800 . . . . . . . . . 100 Karte 40: FamN mit dem Lexem mhd. künec, vor 1800 . . . . . 101 Karte 41: FamN zu mhd. meier, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . 104 Karte 42: Meier vs. Meyer, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . 106 Karte 43: Mhd. ei in Dubletten, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . 107 Karte 44: Mhd. ou in Dubletten, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . 108 Karte 45: Mhd. öu in FamN, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . 109 Karte 46: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ī, vor 1800, 19. Jh. u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 Karte 47: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ī, 2020 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 Karte 48: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ī in BerufsN, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . 116 Karte 49: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ī in Über- und BerufsüberN, vor 1800 u. Herkunft 117 Karte 50: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ī in FamN mit Wil, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . 118 Karte 51: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ī in FamN mit mhd. īsen, vor 1800, 19. Jh. u. Herkunft 120 Karte 52: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ī im (Silben-)Auslaut oder im Hiatus, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 Karte 53: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ū, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 Karte 54: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ū in BerufsN, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . 128 Karte 55: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ū in Über- und BerufsüberN, vor 1800 u. Herkunft 129 Karte 56: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ū in Patronymen, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . 130 Karte 57: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ū in Wohnstätten- und HerkunftsN, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 Karte 58: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. ū im Silbenauslaut, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . 132 Karte 59: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. iu, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 Kartenverzeichnis 1113 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1114"?> Karte 60: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. iu in BerufsN, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . 137 Karte 61: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. iu in Über- und BerufsüberN, vor 1800 u. Herkunft 138 Karte 62: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. iu in Patronymen, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . 139 Karte 63: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. iu in Wohnstätten- und HerkunftsN, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140 Karte 64: Monophthongvs. Diphthongschreibung von mhd. iu im (Silben-)Auslaut oder im Hiatus, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 Karte 65: Ref lexe von altoberdt. iu, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . 142 Karte 66: Diphthongschreibung von mhd. ie, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146 Karte 67: Diphthongvs. Monophthongschreibung von mhd. ue, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 Karte 68: Diphthongvs. Monophthongschreibung von mhd. ue ohne Bucher, Huber, Kunz, vor 1800 u. Herkunft 148 Karte 69: Diphthongvs. Monophthongschreibung von mhd. üe, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 Karte 70: Schreibvariation i/ y in Dubletten, vor 1800 . . . . . . . 153 Karte 71: Schreibvariation ei/ ey in Dubletten, vor 1800 . . . . . 154 Karte 72: Schreibvariation ai/ ay in Dubletten, vor 1800 . . . . 156 Karte 73: Schreibvariation i/ y bei Patronymen und Metronymen auf -i(n), vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 Karte 74: Längenanzeige durch Vokalverdopplung, vor 1800 162 Karte 75: Längenanzeige durch Dehnungs-h, vor 1800 . . . . . . 164 Karte 76: Vokalverdopplung vs. Dehnungs-h in Dubletten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 Karte 77: Doppelkonsonanz <rr> vs. Einfachkonsonanz <r> in Dubletten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 Karte 78: Doppelkonsonanz vs. Dehnungs-h in Dubletten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 Karte 79: FamN mit Synkope im Präfix Ge- / ge-, vor 1800 . . 172 Karte 80: FamN auf -(e)ler bzw. -(e)ner mit und ohne Synkope in der Mittelsilbe, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174 Karte 81: FamN auf -(e)li mit und ohne Synkope in der Mittelsilbe, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 Karte 82: FamN auf -eler, -ener und -eli ohne Synkope in der Mittelsilbe, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 Karte 83: FamN mit Synkope, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 Karte 84: FamN mit und ohne Nasal im Auslaut, vor 1800 . . 187 Karte 85: FamN mit und ohne Nasal im Suffix -ing(er), vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188 Karte 86: FamN mit und ohne Nasal vor Frikativ, vor 1800 . 189 Karte 87: FamN mit und ohne Nasal in anderen Inlautkontexten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190 Karte 88: Assimilationen und Dissimilationen, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Karte 89: Velarisierung von -nd - und -nzu -ng -, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 Karte 90: nd -Velarisierung, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 Karte 91: Varianz -mbvs. -mm-, vor 1800 u. Herkunft . . . . . 199 Karte 92: Dissimilation von r zu l vor Frikativ, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200 Karte 93: Zweite Lautverschiebung p, pp als pf , vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206 Karte 94: Zweite Lautverschiebung p als ff , f , vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 Karte 95: Zweite Lautverschiebung t, tt als ts, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 Karte 96: Zweite Lautverschiebung t als ss, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 Karte 97: Zweite Lautverschiebung k als K im Anlaut, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211 Karte 98: Zweite Lautverschiebung k als Ch im Anlaut, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211 Karte 99: Zweite Lautverschiebung k im Anlaut kontrastiv, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212 Karte 100: Zweite Lautverschiebung k als ch und ck, k im Inlaut, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213 Karte 101: Variation ch / h in FamN zu rau, vor 1800 . . . . . . . . . 219 Karte 102: Variation ch / h in FamN zu Lehen, vor 1800 . . . . . . 220 Karte 103: Variation ch / h in FamN zu Bühl, vor 1800 . . . . . . . . 221 Karte 104: Variation ch / h in FamN zu Stahl, vor 1800 . . . . . . . 223 Karte 105: P -Schreibung in initialer Position, vor 1800 . . . . . . 228 Karte 106: B/ P -Schreibvarianz, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230 Karte 107: D/ T-Schreibvarianz, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231 Karte 108: D/ T-Schreibvarianz aus germ. þ, vor 1800 . . . . . . . . 232 Karte 109: G/ K-Schreibvarianz, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 Karte 110: FamN mit dem Grundwort Bach, vor 1800 . . . . . . . 238 Karte 111: FamN mit dem Grundwort Berg, vor 1800 . . . . . . . . 239 Karte 112: FamN mit dem Grundwort Dorf , vor 1800 . . . . . . . . 241 Karte 113: g / k-Varianz in Kurzformen zu Burkhard, vor 1800 242 Karte 114: gg / ck / k-Varianz in FamN zu Brücke, vor 1800 . . . . 243 Karte 115: b / p-Variation im Auslaut von Dubletten, vor 1800. 248 Karte 116: d / t-Variation im Auslaut von Patronymen auf -hard, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249 Karte 117: d / t-Variation im Auslaut von FamN zu Schmied, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250 Karte 118: d / t-Variation im Auslaut von FamN zu Schmied (ohne Schmid ), vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 Karte 119: th-Schreibung in initialer und finaler Position, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255 Karte 120: t / th-Schreibvarianz in FamN aus zweigliedrigen germanischen Ruf N, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 Karte 121: t / th-Schreibvarianz in FamN aus nicht-germanischen Ruf N, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258 Karte 122: t / th-Schreibvarianz in ÜberN, vor 1800 . . . . . . . . . . 259 Karte 123: Schreibvarianz C/ K bei Patronymen aus germanischen Ruf N, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262 Karte 124: Schreibvarianz C/ K bei Patronymen aus nichtgermanischen Ruf N, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263 Karte 125: FamN mit Ersatz der Tremaschreibung durch Digraphieschreibung, 19. Jh. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268 Karte 126: FamN mit Adaption von l-Diminutiven, 19. Jh. . . . 269 Karte 127: FamN mit Adaption der Schreibung von <i> und <y>, 19. Jh. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 Karte 128: Eingedeutschte französische FamN, vor 1800 . . . . . 275 Karte 129: Graphematisch-phonologische Realisierungen von frz. <au>, <eau>, <ou> und <u> in eingedeutschten FamN, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277 Karte 130: Graphematisch-phonologische Realisierungen der französischen Nasalvokale am Wortende in eingedeutschten FamN, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278 1114 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1115"?> Karte 131: Graphematisch-phonologische Realisierungen von frz. [ʒ] oder [ʃ] in eingedeutschten FamN, vor 1800 279 Karte 132: Schwund von finalem <t>, <d>, <z> in eingedeutschten FamN, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281 Karte 133: Akzentwechsel auf die Erstsilbe in rätoromanischen FamN, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285 Karte 134: Silbenverlust in rätoromanischen FamN, vor 1800. 286 Karte 135: Rätoromanische FamN mit Vokalsenkung, Vokalhebung oder deutschem Sekundärumlaut, vor 1800 288 Karte 136: Deutsche Diphthongierungen und Monophthongierungen in rätoromanischen FamN, vor 1800 . . . 289 Karte 137: Rätoromanische FamN mit Wechseln bei den unbetonten Vokalen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290 Karte 138: Rätoromanische FamN mit Wechseln bei der Stimmhaftigkeit von Konsonanten, vor 1800 . . . . . . 292 Karte 139: Rätoromanische FamN mit Sibilantenwechsel, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293 Karte 140: Rätoromanische FamN mit Veränderungen bei den Resonanten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294 Karte 141: Volksetymologie und Ablenkung in rätoromanischen FamN, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 296 Karte 142: Graphematisch-phonologische Interferenzen in rätoromanischen FamN, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . 297 Karte 143: Französisierte deutsche FamN, vor 1800 u. 19. Jh. . 302 Karte 144: Graphematisch-phonologische Realisierungen von dt. u in französisierten FamN, vor 1800 u. 19. Jh. . 305 Karte 145: Graphematische Realisierungen von dt. ü in französisierten FamN, vor 1800 u. 19. Jh. . . . . . . . . . . . . . 306 Karte 146: Graphematisch-phonologische Realisierungen von dt. z in französisierten FamN, vor 1800 u. 19. Jh. . 307 Karte 147: Graphematische Markierung der Endsilbenbetonung in französisierten FamN, vor 1800 u. 19. Jh. . 308 Karte 148: Italianisierte rätoromanische FamN, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 312 Karte 149: Grundkarte des FDS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323 Karte 150: Sprachregionen der Schweiz 1860 . . . . . . . . . . . . . . . . 324 Karte 151: Dreiteilung der Schweiz in Jura - Mittelland - Alpen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325 Karte 152: FamN mit schwachem und starkem Genitivsuffix, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 334 Karte 153: FamN mit schwachem und starkem Genitivsuffix, 2020 Heimatorte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 335 Karte 154: FamN mit schwachem Genitivsuffix nach Benennungsmotiv, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . 337 Karte 155: ÜberN ohne und mit schwachem Genitivsuffix, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 338 Karte 156: Superlativformen nach Lexem, vor 1800 u. Herkunft 342 Karte 157: Vokalvarianten Superlativsuffixe, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343 Karte 158: Adjektiv- und Adverbstämme mit -er, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 344 Karte 159: li- und ly-Diminutive, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 351 Karte 160: lin- und lein-Diminutive, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . 352 Karte 161: le-Diminutive, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353 Karte 162: Gesamtkarte l-Diminutive, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . 355 Karte 163: FamN mit el-Diminutiv zu germanischen und nichtgermanischen Ruf N, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 356 Karte 164: Patronyme mit l-Diminutiv, vor 1800 . . . . . . . . . . . . 357 Karte 165: ÜberN mit l-Diminutiv, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . 359 Karte 166: Gesamtkarte der FamN auf -i(n), -y, -e, vor 1800 . 364 Karte 167: FamN zu Hypokoristika, KurzN und appellativischen Diminutiven auf -i(n), -y, -e, vor 1800 . . . . . 365 Karte 168: FamN zu appellativischen Diminutiven auf -i, -y, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367 Karte 169: FamN zu Nomina agentis auf -i(n), -y, -e, vor 1800 367 Karte 170: FamN mit onymisierenden -i(n), -y, vor 1800 . . . . . 368 Karte 171: FamN auf -i, -y zu Toponymen oder Adjektivabstrakta, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 369 Karte 172: Patronyme und Metronyme auf -(t)z, vor 1800 . . . 374 Karte 173: Patronyme auf -tsch und -sch, vor 1800 . . . . . . . . . . 375 Karte 174: Suffixkombinationen mit -(t)z, vor 1800 . . . . . . . . . . 376 Karte 175: Suffixkombinationen mit -(t)sch, vor 1800 . . . . . . . . 377 Karte 176: FamN auf -i(n)g nach Benennungsmotiv, vor 1800 382 Karte 177: FamN auf -i(n)ger / -iker neben Toponymen auf -ikon, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383 Karte 178: FamN auf -i(n)g vs. FamN auf -i(n)ger/ -iker, vor 1800 384 Karte 179: FamN auf -ing, -inger ohne Nasalschwund vs. FamN auf -ig, -iger / -iker mit Nasalschwund, vor 1800 . . . 385 Karte 180: FamN mit Suffix -ling, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389 Karte 181: FamN auf -ling nach Benennungsmotiv, vor 1800 . 390 Karte 182: FamN auf -ling mit und ohne Appellativanschluss, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 391 Karte 183: FamN auf -ling mit und ohne graphischen Nasalschwund, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 392 Karte 184: FamN auf -ling mit und ohne Sekundärumlaut, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 393 Karte 185: FamN aus Adjektiven auf -ig, vor 1800 u. Herkunft 397 Karte 186: FamN aus Adjektiven auf -lich nach Lexem, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 398 Karte 187: FamN aus Adjektiven auf -lich nach Varianten -lich, -li, -lin, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399 Karte 188: FamN aus Adjektiven, -ig, -lich vs. Simplizia, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 400 Karte 189: FamN auf -mann, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . 405 Karte 190: FamN auf -mann, 2020 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 407 Karte 191: Wohnstätten- und HerkunftsN auf -mann, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 408 Karte 192: BerufsN auf -mann, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . 409 Karte 193: ÜberN auf -mann, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . 410 Karte 194: FamN mit -li, -le, -el und -mann, vor 1800 . . . . . . . 414 Karte 195: FamN mit -z, -tsch und -mann, vor 1800 . . . . . . . . . 415 Karte 196: Patronyme und Metronyme auf -mann und -er, -ler, -ner, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419 Karte 197: Patronyme auf -mann kontrastiv, vor 1800 . . . . . . . 420 Karte 198: Patronyme auf -er, -ler und -ner kontrastiv, vor 1800 421 Karte 199: Metronyme auf -er, -ler und -ner kontrastiv, vor 1800 422 Karte 200: Patronymisches -er, -ler, -ner an anderen Basen als Ruf N, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 423 Karte 201: Wohnstätten- und HerkunftsN auf -er, vor 1800 . . 428 Karte 202: Wohnstätten- und HerkunftsN auf -ler, vor 1800 . 430 Karte 203: Wohnstätten- und HerkunftsN auf -ner, vor 1800 . 431 Karte 204: Dubletten und Tripletten auf -er, -ler, -ner, vor 1800 433 Karte 205: BerufsN auf -er, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 439 Karte 206: BerufsN auf -ler, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 441 Karte 207: BerufsN auf -ner, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 442 Karte 208: Dubletten und Triplette auf -er, -ler, -ner, vor 1800 443 Kartenverzeichnis 1115 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1116"?> Karte 209: BerufsN auf -er aus Entlehnungen, vor 1800 . . . . . . 445 Karte 210: Formvarianz bei Nomina agentis, vor 1800 . . . . . . . 452 Karte 211: Nebeneinander von nicht-diminuierten und diminuierten Formen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 454 Karte 212: Formvarianz bei gemischten Typen, vor 1800 . . . . . 456 Karte 213: Unorganischer t-Antritt im Auslaut, vor 1800 . . . . 462 Karte 214: FamN auf -ert im Kontrast, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . 464 Karte 215: Dubletten mit und ohne t-Antritt, vor 1800 . . . . . . . 466 Karte 216: Germanisches Grundwort + -o und verwandte Typen, Darstellung Gesamtschweiz, vor 1800 . . . . . . . 473 Karte 217: Germanisches Grundwort + -o und verwandte Typen, Kanton Freiburg, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 474 Karte 218: Pürro und Pendants, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 477 Karte 219: Riedo und Pendants, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 477 Karte 220: Endungslose Nomina agentis mit unmittelbarem Appellativanschluss, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 482 Karte 221: Endungslose Nomina agentis ohne unmittelbaren Appellativanschluss, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 484 Karte 222: Bildungsmuster von Nomina agentis im Kontrast, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 485 Karte 223: Endungslose HerkunftsN, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . 492 Karte 224: Endungslose WohnstättenN, vor 1800 . . . . . . . . . . . . 493 Karte 225: HerkunftsN zu Grüni(n)gen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . 495 Karte 226: HerkunftsN zu Rickenbach, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . 495 Karte 227: WohnstättenN zu Moos, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . 497 Karte 228: WohnstättenN zu Stutz, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . 497 Karte 229: Berufsnamenkomposita mit nicht-onymischen Gliedern, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 503 Karte 230: Berufsübernamenkomposita mit nicht-onymischen Gliedern, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 505 Karte 231: Übernamenkomposita mit nicht-onymischen Gliedern, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 507 Karte 232: Lokalisierte BerufsN, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 508 Karte 233: Berufsnamen- und Übernamenkomposita mit nichtonymischem und anthroponymischem Glied, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 509 Karte 234: Metronyme und Patronyme mit nicht-onymischem und anthroponymischem Glied, vor 1800 . . . . . . . . . 511 Karte 235: Metronyme und Patronyme mit anthroponymischen Gliedern, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 512 Karte 236: Familiennamenkomposita, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . 513 Karte 237: Komposita mit Hans im Kontrast, vor 1800 . . . . . . . 521 Karte 238: Komposita mit Beck im Kontrast, vor 1800 . . . . . . . 522 Karte 239: Komposita mit Meier im Kontrast, vor 1800 . . . . . . 523 Karte 240: Komposita mit Müller im Kontrast, vor 1800 . . . . . 525 Karte 241: Komposita mit Schmied im Kontrast, vor 1800 . . . . 526 Karte 242: FamN mit Ca-, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . 532 Karte 243: FamN mit Canach zweitem Namenelement, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 533 Karte 244: FamN mit Ca- + deutsches Namenelement, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 534 Karte 245: Deutsche Diminutive an rätoromanischen FamN, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 538 Karte 246: Deutsche Herkunftssuffixe an rätoromanischen FamN, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 539 Karte 247: FamN mit lateinischem Suffix -us, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 543 Karte 248: FamN mit lateinischem Suffix -is, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 544 Karte 249: FamN mit lateinischem Suffix -us und -is, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 545 Karte 250: Familiennamenstamm Caspar, vor 1800 u. Herkunft 546 Karte 251: Familiennamenstamm Pedrini, vor 1800 . . . . . . . . . . 547 Karte 252: Artikelproklise in FamN nach Kasus des Definitartikels, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 553 Karte 253: Artikelproklise in FamN nach Kasus des Definitartikels, 2020 Heimatorte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 554 Karte 254: FamN mit anlautendem Zaus Artikelvs. aus Präpositionsproklise, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 555 Karte 255: FamN mit den Präpositionen ab, auf , aus, ohne und vor, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 558 Karte 256: FamN mit der Präposition an, vor 1800 u. Herkunft 559 Karte 257: FamN mit der Präposition an nach Bildungstyp, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 560 Karte 258: FamN mit den Präpositionen ab und auf mit und ohne Artikelwort, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . 561 Karte 259: FamN mit der Präposition zu, vor 1800 u. Herkunft 565 Karte 260: FamN mit der Präposition zu, 2020 Heimatorte . . . 566 Karte 261: FamN mit der Präposition in, vor 1800 u. Herkunft 570 Karte 262: FamN mit der Präposition in, 2020 Heimatorte . . . 571 Karte 263: FamN mit der Präposition von, vor 1800 u. Herkunft 575 Karte 264: FamN mit der Präposition von, 2020 Heimatorte . . 577 Karte 265: Getrennt- und Zusammenschreibung bei FamN mit von, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 578 Karte 266: Herkunfts- und WohnstättenN mit der Präposition von, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 579 Karte 267: PatrizierN mit von und de, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . 585 Karte 268: PatrizierN mit «Namenelement + von + Namenelement», vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 586 Karte 269: FamN mit Präposition de, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . 590 Karte 270: FamN mit Präposition de und einem deutschen Namenelement, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . 593 Karte 271: SatzN mit verbalem Bestandteil, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 600 Karte 272: Reihenfolge vom verbalen und nominalen Bestandteil in SatzN, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . 602 Karte 273: SatzN nach Benennungsmotiv, vor 1800 u. Herkunft 603 Karte 274: Namenreihen in SatzN, vor 1800 u. Herkunft . . . . . 604 Karte 275: FamN Gantenbein, vor 1800 u. Herkunft vs. 2020 Heimatorte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 605 Karte 276: FamN Nievergelt, vor 1800 u. Herkunft vs. 2020 Heimatorte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 605 Karte 277: SatzN ohne verbalen Bestandteil und Wortgruppen mit nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . 609 Karte 278: Mehrgliedrige FamN mit dem Element dit diachron, vor 1800, 19. Jh. u. 20. Jh. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 614 Karte 279: Fallbeispiele Typ «Übersetzung» mit deutschsprachigen Pendants, vor 1800 u. 19. Jh. . . . . . . . . . . . . . . 616 Karte 280: Mehrgliedrige FamN mit dem Element soit diachron, vor 1800, 19. Jh. u. 20. Jh. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 618 Karte 281: Mehrgliedrige FamN mit dem Element alias diachron, vor 1800 u. 19. Jh. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 619 Karte 282: Grundkarte des FDS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 632 Karte 283: Sprachregionen der Schweiz 1860 . . . . . . . . . . . . . . . . 633 1116 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1117"?> Karte 284: Dreiteilung der Schweiz in Jura - Mittelland - Alpen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 634 Karte 285: Patronyme zu Kuonrat nach sprachlicher Zugehörigkeit, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 644 Karte 286: Patronyme zu Kuonrat in der Deutschschweiz nach Ausgangsform, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . 646 Karte 287: Die vier häufigsten deutschen Patronyme zu Kuonrat, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 647 Karte 288: Patronyme zu liut nach sprachlicher Zugehörigkeit, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 651 Karte 289: Patronyme zu liut in der Deutschschweiz nach Ausgangsform, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 652 Karte 290: Die drei häufigsten deutschen Patronyme zu liut, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 653 Karte 291: Patronyme zu hruod nach sprachlicher Zugehörigkeit, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 656 Karte 292: Patronyme zu hruod in der Deutschschweiz aus Voll-, Kurz- und kontrahierten Formen, vor 1800 . 658 Karte 293: Patronyme zu hruod in der Deutschschweiz nach Ausgangsform, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 659 Karte 294: Patronyme zu Robert(o), vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . 660 Karte 295: Familiennamentyp Egli, vor 1800 u. Herkunft . . . . 665 Karte 296: Familiennamentyp Erni, vor 1800 u. Herkunft . . . . 666 Karte 297: Familiennamentyp Bürgi, vor 1800 u. Herkunft . . . 667 Karte 298: Familiennamentyp Hug, vor 1800 u. Herkunft . . . . 668 Karte 299: Familiennamentyp Ott, vor 1800 u. Herkunft . . . . . 669 Karte 300: Familiennamentyp Wolf , vor 1800 u. Herkunft . . . . 670 Karte 301: Patronyme aus suffigierten vs. unsuffigierten Kurzformen germanischer Ruf N, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 671 Karte 302: Familiennamentyp Hartmann, vor 1800 u. Herkunft 675 Karte 303: Familiennamentyp Richard, vor 1800 u. Herkunft . 676 Karte 304: Familiennamentyp Arnold, vor 1800 u. Herkunft . . 677 Karte 305: Familiennamentyp Hermann, vor 1800 u. Herkunft 678 Karte 306: Familiennamentyp Bosshard, vor 1800 u. Herkunft 679 Karte 307: Patronyme zu Petrus nach sprachlicher Zugehörigkeit, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 683 Karte 308: Die fünf häufigsten deutschen Patronyme zu Petrus, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 685 Karte 309: Interferenzerscheinungen in Patronymen zu Petrus, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 686 Karte 310: Patronyme zu Petrus nach Bildungstyp, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 688 Karte 311: Patronyme zu Martīnus nach Bildungstyp, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 692 Karte 312: Patronyme zu Martīnus mit und ohne finales -n, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 693 Karte 313: Patronyme zu Christiānus nach sprachlicher Zugehörigkeit, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . 697 Karte 314: Patronyme zu Christiānus in der Deutschschweiz nach Bildungstyp, vor 1800 u. Herkunft . . . . . . . . . . 698 Karte 315: Patronyme zu Johannes nach sprachlicher Zugehörigkeit, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 702 Karte 316: Patronyme zu Johannes in der Deutschschweiz nach Ausgangsform, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 704 Karte 317: Die vier häufigsten deutschen Patronyme zu Johannes, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 705 Karte 318: Interferenzerscheinungen in Patronymen zu Johannes, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 706 Karte 319: Familiennamentyp Michel, vor 1800 u. Herkunft . . 710 Karte 320: Familiennamentyp Jost, vor 1800 u. Herkunft . . . . 711 Karte 321: Familiennamentyp Jakob, vor 1800 u. Herkunft . . . 712 Karte 322: Familiennamentyp Matthias, vor 1800 u. Herkunft 714 Karte 323: Familiennamentyp Fluri, vor 1800 u. Herkunft . . . . 715 Karte 324: Metronyme in der Deutschschweiz, vor 1800 . . . . . 719 Karte 325: Metronyme aus nicht-germanischen vs. germanischen Ruf N, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 722 Karte 326: Metronyme aus produktiven Ruf N, vor 1800 . . . . . 723 Karte 327: Metronyme nach Bildungstyp, vor 1800 . . . . . . . . . . 724 Karte 328: Metronyme zu Margarete, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . 728 Karte 329: Metronyme zu Ita, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 729 Karte 330: Metronyme zu Beela, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 730 Karte 331: Metronyme zu Anna, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 731 Karte 332: Metronyme zu Elisabeth, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . 732 Karte 333: Metronyme zu Verena, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 733 Karte 334: Metronyme zu Agnes, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 734 Karte 335: Metronyme zu Katharina, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . 735 Karte 336: HerkunftsN zu Schweizer Toponymen nach Frequenz, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 741 Karte 337: HerkunftsN zu Schwyz und Swites, vor 1800 . . . . . . 742 Karte 338: HerkunftsN zu StädteN, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . 743 Karte 339: HerkunftsN zu Toponymen aus dem Kanton Zürich, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 745 Karte 340: HerkunftsN zu Toponymen aus dem Deutschwallis, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 746 Karte 341: Die vier häufigsten HerkunftsN zu Toponymen aus dem Deutschwallis, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 747 Karte 342: HerkunftsN zu rätoromanischen Toponymen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 748 Karte 343: HerkunftsN zu Toponymen mit -ach, vor 1800 . . . 751 Karte 344: HerkunftsN zu Toponymen mit -ikon und -ighofen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 752 Karte 345: HerkunftsN zu Toponymen mit -hausen, vor 1800 753 Karte 346: HerkunftsN zu Toponymen mit -dorf , vor 1800 . . . 754 Karte 347: HerkunftsN zu Toponymen mit -wil, vor 1800 . . . . 755 Karte 348: HerkunftsN zu Toponymen mit -au, vor 1800 . . . . 756 Karte 349: HerkunftsN zu ausländischen Toponymen, vor 1800 759 Karte 350: HerkunftsN zu ausländischen Toponymen nach Herkunftsland, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 760 Karte 351: HerkunftsN zu bundesdeutschen Toponymen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 762 Karte 352: HerkunftsN zu Bezeichnungen für die Deutschsprachigen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 765 Karte 353: HerkunftsN zu Bezeichnungen für die Romanischsprachigen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 766 Karte 354: Typ Alemanne und Typ Wahl kontrastiv, vor 1800 768 Karte 355: HerkunftsN zu Stammesbezeichnungen, vor 1800 . 769 Karte 356: HerkunftsN zum VolksN Walser oder zum GebietsN Wallis, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 771 Karte 357: WohnstättenN zur Geländeform und Topographie, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 774 Karte 358: WohnstättenN zu Bodenerhebungen, vor 1800 . . . . 777 Karte 359: WohnstättenN mit Büel, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . 778 Karte 360: WohnstättenN zu Bodenvertiefungen, vor 1800 . . . 780 Karte 361: WohnstättenN zu Geländeeinschnitten, vor 1800 . 782 Kartenverzeichnis 1117 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1118"?> Karte 362: WohnstättenN zu Ebenen, Niederungen o. ä., vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 783 Karte 363: WohnstättenN zu (Ab-)Hängen, vor 1800 . . . . . . . . . 785 Karte 364: WohnstättenN mit Halde und Rein, vor 1800 . . . . . 785 Karte 365: WohnstättenN zu Steinlawinen, Geröllhalden und Bergstürzen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 787 Karte 366: WohnstättenN zu Orientierungsangaben, vor 1800 788 Karte 367: Wohnstätten- und HerkunftsN zum FlussN Rhein, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 792 Karte 368: Wohnstätten- und HerkunftsN mit Bach, vor 1800 793 Karte 369: Die drei häufigsten HerkunftsN mit -bach, vor 1800 794 Karte 370: Wohnstätten- und HerkunftsN mit See, vor 1800 . 795 Karte 371: Wohnstätten- und HerkunftsN mit Weiher, vor 1800 796 Karte 372: Wohnstätten- und HerkunftsN zu Quellen und Brunnen (ohne Brunner), vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . 797 Karte 373: FamN Brunner, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 798 Karte 374: Wohnstätten- und HerkunftsN zu Flussdurchgängen, Dämmen und Kanälen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . 799 Karte 375: WohnstättenN zu Uferlandschaften und Land am Wasser, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 803 Karte 376: WohnstättenN zu Sümpfen und Feuchtgebieten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 804 Karte 377: WohnstättenN zu Sumpfpf lanzen, vor 1800 . . . . . . . 805 Karte 378: WohnstättenN zu Moos und Ried kontrastiv, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 807 Karte 379: WohnstättenN zur Buche, Eiche, Esche und Linde, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 811 Karte 380: WohnstättenN zu weiteren Laubbäumen, vor 1800 811 Karte 381: WohnstättenN zu Obstbäumen, vor 1800 . . . . . . . . . 813 Karte 382: WohnstättenN zu Nadelbäumen, vor 1800 . . . . . . . . 814 Karte 383: Wohnstätten- und HerkunftsN mit Holz und Wald, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 816 Karte 384: WohnstättenN zu Sträuchern und Gebüsch, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 818 Karte 385: WohnstättenN mit Hag, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . 820 Karte 386: WohnstättenN zu lehmigem und sandigem Grund, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 824 Karte 387: WohnstättenN zu steinigem Grund, vor 1800 . . . . . 825 Karte 388: WohnstättenN zu dürrem, unfruchtbarem oder magerem Grund, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 827 Karte 389: WohnstättenN zu reuten und roden, vor 1800 . . . . . 830 Karte 390: WohnstättenN zu schwenden, vor 1800 . . . . . . . . . . . 832 Karte 391: WohnstättenN zu reuten und schwenden im Kontrast, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 833 Karte 392: WohnstättenN zu stocken, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . 834 Karte 393: WohnstättenN zu brennen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . 835 Karte 394: WohnstättenN zu sengen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . 836 Karte 395: WohnstättenN zum Ackerbau, vor 1800 . . . . . . . . . . 840 Karte 396: WohnstättenN zu Allmenden und Weiden, vor 1800 842 Karte 397: WohnstättenN zu Matte und Wiese, vor 1800 . . . . . 843 Karte 398: WohnstättenN zu Wasen und Brüel, vor 1800 . . . . . 845 Karte 399: WohnstättenN zu Garten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . 846 Karte 400: WohnstättenN zu Zäunen, Einfriedungen und eingefriedetem Land, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 847 Karte 401: WohnstättenN zu Haus, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . 852 Karte 402: WohnstättenN zu Scheunen, Ställen und weiteren (un-)bewohnten Bauten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . 854 Karte 403: WohnstättenN zu Arbeitsstätten, vor 1800 . . . . . . . . 856 Karte 404: WohnstättenN zu kirchlichen Bauten und sonstigen kirchlichen Örtlichkeiten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . 857 Karte 405: WohnstättenN zu Mauern, Türmen und Toren, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 859 Karte 406: WohnstättenN zu Gasse und Strasse, vor 1800 . . . . 860 Karte 407: WohnstättenN zu Wegen, Steigen und Stiegen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 862 Karte 408: WohnstättenN zu Brücken und Stegen, vor 1800 . 863 Karte 409: Potenzielle WohnstättenN zu HäuserN (Gesamtkarte), vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 870 Karte 410: Potenzielle WohnstättenN zu HäuserN nach Motivquelle, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 872 Karte 411: Potenzielle WohnstättenN zu HäuserN in Auswahl, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 874 Karte 412: WohnstättenN zu Hof , vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 881 Karte 413: FamN Hofmann, Hofer und Imhof kontrastiv, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 881 Karte 414: WohnstättenN zu Lehen, Hube und Schuppose, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 883 Karte 415: WohnstättenN zu Heim, Statt, Burg und Dorf , vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 885 Karte 416: Berufs(über)N zum Metzgereigewerbe, vor 1800 . . 890 Karte 417: Berufs(über)N zur Herstellung von Milchprodukten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 892 Karte 418: Berufs(über)N zur Speisezubereitung und Bewirtung, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 893 Karte 419: BerufsN zum Beruf des Bäckers, vor 1800 . . . . . . . . 896 Karte 420: BerufsüberN zum Beruf des Bäckers, vor 1800 . . . . 897 Karte 421: Berufs(über)N zur Mehlgewinnung, vor 1800 . . . . . 898 Karte 422: BerufsN zu Bezeichnungen des Bauern, vor 1800 . 902 Karte 423: BerufsN nach der rechtlichen Stellung des Bauern, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 903 Karte 424: BerufsN nach der rechtlichen Stellung des Bauern (Typ Huber und Typ Meier), vor 1800 . . . . . . . . . . . . 905 Karte 425: Berufs(über)N zu Hirten, Sennen und zur Viehzucht, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 906 Karte 426: Berufs(über)N zum Getreideanbau, vor 1800 . . . . . . 908 Karte 427: Berufs(über)N zu Ackerbau und Feldarbeit, vor 1800 909 Karte 428: Berufs(über)N zum Anbau von Gemüse, Obst und Gewerbepf lanzen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 911 Karte 429: BerufsN zum Weinbau, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . 912 Karte 430: Berufs(über)N zur Jagd und Fischerei gesamthaft, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 915 Karte 431: Berufs(über)N zur Jagd, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . 916 Karte 432: Berufs(über)N zur Fischerei, vor 1800 . . . . . . . . . . . . 917 Karte 433: Berufs(über)N zu metallischen Roh- oder Werkstoffen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 920 Karte 434: Berufs(über)N zur Herstellung gefässartiger Gegenstände, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 922 Karte 435: Berufs(über)N zur Herstellung von Waffen, vor 1800 923 Karte 436: Berufs(über)N zu Werkzeugen, vor 1800 . . . . . . . . . . 924 Karte 437: Berufs(über)N zur Herstellung kleinerer Gegenstände, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 925 Karte 438: BerufsN zum Beruf des Schmieds panschweizerisch, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 926 Karte 439: Berufs(über)N zur Textilherstellung und -verarbeitung, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 929 1118 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1119"?> Karte 440: Berufs(über)N zur Stoffherstellung und -weiterverarbeitung, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 930 Karte 441: BerufsN zur Lederherstellung bzw. -verarbeitung und zur Pelzverarbeitung, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . 932 Karte 442: BerufsN zur Herstellung und Weiterverarbeitung von Leder und Pelz, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 933 Karte 443: BerufsN zum Schuhmacherhandwerk, vor 1800 . . . 935 Karte 444: BerufsüberN zu Kleidung, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . 936 Karte 445: Berufs(über)N zum Beruf des Zimmermanns, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 939 Karte 446: Berufs(über)N zum Beruf des Küfers, vor 1800 . . . 940 Karte 447: BerufsN zum Beruf des Schnitzers, vor 1800 . . . . . . 941 Karte 448: BerufsN zum Beruf des Drechslers, vor 1800 . . . . . 942 Karte 449: Berufs(über)N zur Möbelherstellung, vor 1800 . . . . 943 Karte 450: Berufs(über)N zum heilkundlichen Gewerbe, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 946 Karte 451: Berufs(über)N zu Verwaltung und Rechtsprechung (Gesamtkarte), vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 949 Karte 452: BerufsN zu Verwaltung und Rechtsprechung (fünf häufigste lexikalische Typen), vor 1800 . . . . . . . . . . . 950 Karte 453: BerufsN zu amtlichen Botendiensten, vor 1800 . . . 952 Karte 454: BerufsN zu Aufsicht und Wachdienst, vor 1800 . . . 953 Karte 455: Berufs(über)N zu weiteren weltlichen Ämtern, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 955 Karte 456: BerufsN zum Amt des Kirchendieners, vor 1800 . . 956 Karte 457: BerufsN zu weiteren klerikalen Ämtern, vor 1800 . 957 Karte 458: Berufs(über)N zu Bezeichnungen für Kauf leute und Händler, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 961 Karte 459: Berufs(über)N nach der Handelsware, vor 1800 . . . 962 Karte 460: Berufs(über)N zum Unterhaltungsgewerbe gesamthaft, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 966 Karte 461: Berufs(über)N nach Blasinstrumenten, vor 1800 . . 967 Karte 462: BerufsN nach weiteren Musikinstrumenten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 969 Karte 463: BerufsN nach Unterhaltungsbereich, vor 1800 . . . . 970 Karte 464: ÜberN nach kleiner und grosser Körpergrösse, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 974 Karte 465: ÜberN nach dünnem oder dickem Körperumfang, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 976 Karte 466: ÜberN nach schönem und unschönem Aussehen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 978 Karte 467: ÜberN nach der Haar- oder Hautfarbe, vor 1800 . 979 Karte 468: ÜberN nach der Haar- oder Hautfarbe metaphorisch, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 980 Karte 469: ÜberN nach Haarmenge und Haarwuchs/ -form, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 981 Karte 470: ÜberN nach dem Kopf, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . 985 Karte 471: ÜberN nach Teilen des Kopfs, vor 1800 . . . . . . . . . . 985 Karte 472: ÜberN nach dem Hals, Rumpf und Arm, vor 1800 987 Karte 473: ÜberN nach den Beinen und Füssen, vor 1800 . . . . 988 Karte 474: ÜberN nach dem Gang, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . 989 Karte 475: ÜberN nach dem Gang mit hoher Frequenz, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 990 Karte 476: ÜberN nach dem Gang mit mittlerer Frequenz, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 991 Karte 477: ÜberN nach angenehmem, freundlichem Charakter und Verhalten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 995 Karte 478: ÜberN nach gutem, tüchtigem Charakter und Verhalten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 996 Karte 479: ÜberN nach mutigem, tapferem Charakter und Verhalten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 997 Karte 480: ÜberN nach lebendigem, munterem Charakter und Verhalten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 999 Karte 481: ÜberN nach klugem, schlauem Charakter und Verhalten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1000 Karte 482: ÜberN nach einfältigem, dummem Charakter und Verhalten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1002 Karte 483: ÜberN nach sorglosem, frohem Charakter und Verhalten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1003 Karte 484: ÜberN nach sorgenvollem, ängstlichem Charakter und Verhalten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1005 Karte 485: ÜberN nach unruhigem, nervösem Charakter und Verhalten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1006 Karte 486: ÜberN nach prahlerischem, angeberischem Charakter und Verhalten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1007 Karte 487: ÜberN nach bösem, unfreundlichem Charakter und Verhalten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1009 Karte 488: ÜberN nach dem Arbeitsverhalten, vor 1800 . . . . . 1010 Karte 489: ÜberN nach dem Ess- und Trinkverhalten, vor 1800 1011 Karte 490: ÜberN zu weiteren Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1012 Karte 491: ÜberN nach aggressivem Verhalten, vor 1800 . . . . . 1016 Karte 492: ÜberN nach aggressivem Verhalten, häufigste lexikalische Typen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1017 Karte 493: ÜberN nach der Sprechweise und dem Sprachverhalten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1021 Karte 494: ÜberN nach der Sprechweise und dem Sprachverhalten, häufigste lexikalische Typen, vor 1800 . . . . 1022 Karte 495: ÜberN nach den häufigsten Bezeichnungen für vierfüssige Tiere, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1025 Karte 496: ÜberN nach weiteren Bezeichnungen für vierfüssige Tiere, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1026 Karte 497: ÜberN nach den häufigsten Vogelbezeichnungen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1028 Karte 498: ÜberN nach weiteren Vogelbezeichnungen, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1029 Karte 499: ÜberN nach Fischbezeichnungen, vor 1800 . . . . . . . 1030 Karte 500: ÜberN nach Bezeichnungen für Insekten, Schlangen und Würmer, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1031 Karte 501: ÜberN nach Tierbezeichnungen, vor 1800 . . . . . . . . 1032 Karte 502: ÜberN mit Bezug zum Adel, vor 1800 . . . . . . . . . . . . 1036 Karte 503: ÜberN mit Bezug zum Klerus, vor 1800 . . . . . . . . . . 1038 Karte 504: ÜberN mit Bezug zum Dritten Stand, vor 1800 . . . 1039 Karte 505: Typ Graf , Typ Bischof und Typ Frei kontrastiv, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1040 Karte 506: ÜberN nach Verwandtschaft gesamt, vor 1800 . . . . 1044 Karte 507: ÜberN nach Verwandtschaft kontrastiv, vor 1800 . 1046 Karte 508: Typ Jung, Typ Minder und Typ Alt, vor 1800 . . . . . 1048 Karte 509: ÜberN nach Verwandtschaft metaphorisch, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1049 Karte 510: ÜberN für Ansässige und Zugezogene, vor 1800 . . 1053 Karte 511: ÜberN nach der Ausbildung, vor 1800 . . . . . . . . . . . . 1054 Karte 512: ÜberN nach Zeiträumen und Zeitpunkten, vor 1800 1056 Karte 513: ÜberN nach Pilgerreise und Kreuzzug, vor 1800 . . 1057 Karte 514: FamN Jud, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1058 Kartenverzeichnis 1119 Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1120"?> Karte 515: ÜberN nach einer geachteten Stellung in der Gesellschaft, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1063 Karte 516: ÜberN nach einer weniger geachteten Stellung in der Gesellschaft, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1064 Karte 517: ÜberN nach der wirtschaftlichen Stellung arm und reich, vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1066 Karte 518: ÜberN nach Münzeinheiten, vor 1800 . . . . . . . . . . . . 1067 Karte 519: ÜberN nach der Witwenschaft, vor 1800 . . . . . . . . . 1069 Karte 520: ÜberN nach Erbe oder Erbschaft, vor 1800 . . . . . . . 1070 1120 Gesamtregister und Verzeichnisse der drei Bände Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1121"?> Kurzbiographien der Autorinnen Luise Kempf ( * 1980 in Lahr/ Schwarzwald) studierte Germanistik und Vergleichende Sprachwissenschaft in Mainz und Helsinki. In Mainz wirkte sie am «Deutschen Familiennamenatlas» (DFA) mit und promovierte mit einer Studie zur Wortbildung. Seit 2020 ist sie Professorin für germanistische Linguistik an der Universität Bern, wo sie 2023 habilitierte. 2022-2026 leitete sie das Projekt «Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Linda Steiner ( * 1978 in Lugano/ Tessin) studierte Vergleichende romanische Sprachwissenschaft in Zürich, wo sie 2013 mit einer Dissertation zur lexikalischen Semantik promovierte. 2014-2022 war sie am Deutschen Seminar der Universität Zürich als wissenschaftliche Mitarbeiterin für die beiden Projekte «St. Galler Namenbuch: Die Siedlungsnamen des Kantons St. Gallen» und «Die Flurnamen des Kantons St. Gallen» (TopSG) sowie als Dozentin tätig. 2022-2026 wirkte sie als operative Projektleiterin und Redaktorin beim Projekt «Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Simone Berchtold ( * 1972 in Feldkirch/ Vorarlberg) studierte Germanistik und Anglistik/ Amerikanistik in Wien und promovierte in Zürich mit einer onomastischen Arbeit. Seit 2005 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin am Deutschen Seminar der Universität Zürich tätig. Mit Martin Hannes Graf zusammen erarbeitet sie seit 2010 ein etymologisches Lexikon der Familiennamen der deutschen Schweiz. Als Co-Leiterin führte sie 2019-2022 das Projekt «Die Flurnamen des Kantons St. Gallen» (TopSG). 2022-2026 arbeitete sie beim Projekt «Familiennamenatlas der Deutschschweiz» als Redaktorin. Esther Loosli ( * 1996 in Eriswil/ Bern) schloss 2022 ihr Masterstudium in Deutscher Sprachwissenschaft und Englisch mit soziolinguistischem Schwerpunkt an der Universität Bern ab. Nach einer Verlagsanstellung im Bereich Redaktion, Lektorat und Korrektorat arbeitete sie 2023-2026 als Redaktorin und Korrektorin beim Projekt «Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Martina Heer ( * 1981 in Luzern) studierte Germanistik und Vergleichende germanische Sprachwissenschaft an der Universität Zürich. Sie arbeitete als Doktorandin beim Projekt «Ortsnamenbuch des Kantons Bern» (BENB) und promovierte an der Universität Zürich zu historischen Personennamen. 2022-2026 arbeitete sie als Redaktorin beim Projekt «Familiennamenatlas der Deutschschweiz». Selma Vonlanthen ( * 1999 in Bern) schloss 2026 ihr Masterstudium in Deutscher Sprach- und Literaturwissenschaft und Gender Studies an den Universitäten Bern und Wien ab. Als Hilfsassistentin war sie 2022-2023 am Forschungsprojekt «Swiss German Dialects Across Time and Space» (SDATS) und 2022-2026 am «Familiennamenatlas der Deutschschweiz» beteiligt. Im Rahmen einer Mutterschaftsvertretung wirkte sie 2025 zudem temporär als Redaktorin mit. Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf <?page no="1122"?> ISBN 978-3-381-14511-9 Der dreibändige Atlas bietet erstmals eine umfassende Darstellung und Analyse der vielfältigen Deutschschweizer Familiennamen. In 110 thematischen Artikeln untersucht er systematisch Grammatik, Lexik und Benennungsmotive und bringt dabei Sprache und Kultur des Mittelalters wie auch der Frühen Neuzeit ans Licht. Er zeigt, wie sich Familiennamen zwischen Dialekt und Standard bewegen, eigene Strukturen entwickeln und so einzigartige Einblicke in die Sprachgeschichte eröffnen. Ein innovatives Kartierungsverfahren rekonstruiert Namenareale über mehrere Zeitstufen und macht Stabilität wie auch Migration sichtbar. Neben den deutschsprachigen Namen werden in Auswahl französische, italienische und rätoromanische Namen einbezogen. Dadurch treten sowohl die für die Schweiz charakteristischen Sprachkontaktphänomene als auch die Spezifika der deutschsprachigen Namen deutlich hervor. Mit über 500 kommentierten Karten ist der Atlas ein Referenzwerk für Fachpersonen der Bereiche Germanistik, Romanistik, Linguistik, Dialektologie, Sprachgeschichte, Namenforschung und Schweizer Geschichte. In Band I werden Themen der Graphie und Phonologie behandelt. Diese gliedern sich in die Bereiche Vokalismus, Konsonantismus sowie graphematisch-phonologische Adaptionen und Kontaktphänomene. Band II untersucht Themen der Morphologie und Syntax. Diese gliedern sich in die Bereiche Flexion, Wortbildung, Verbindungen mit Präposition und/ oder Artikel sowie Verbindungen mit verbalen, nominalen, adjektivischen oder adverbialen Bestandteilen. Band III gilt Themen der Semantik, Lexik und Benennungsmotivik. Behandelt werden Familiennamen aus Rufnamen, Herkunftsnamen, Wohnstättennamen, Berufsnamen und Übernamen. Kempf (Hrsg.) Bde. I-III FAMILIENNAMENATLAS DER DEUTSCHSCHWEIZ Luise Kempf (Hrsg.) FAMILIENNAMENATLAS DER DEUTSCHSCHWEIZ Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete Bände I bis III Bearbeitet von Luise Kempf, Simone Berchtold, Linda Steiner, Esther Loosli, Martina Heer, Jeffrey Pheiff, Elia Ackermann und Selma Vonlanthen Hochauflösende PDF-Version verfügbar unter: https: / / files.narr.digital/ FDS/ 9783381145126.pdf