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Epistolares Erzählen

Der Brief als Bühne und Laboratorium in der skandinavischen Prosa des 18. Jahrhunderts

0727
2026
978-3-381-14532-4
978-3-381-14531-7
A. Francke Verlag 
Patrizia Huber
10.24053/9783381145324

Das 18. Jahrhundert war das Jahrhundert des Briefs - doch Briefe waren weit mehr als nur Mittel privater Kommunikation. Diese Studie fragt anhand exemplarischer Lektüren nach dem innovativen Potenzial der epistolaren Literatur und zeigt, wie Briefe als Bühne und Labor dienten: Mit ihnen wurden Schriftpraktiken und die Materialität der Literatur ausgestellt sowie gattungsüberschreitendes und medienreflektiertes Erzählen erprobt. Im Mittelpunkt stehen Texte von Ludvig Holberg, Hans Bergeström und Charlotta Dorothea Biehl, die den Brief für autobiografische Selbstinszenierung, empfindsam-kollektive Utopien und dramatisch-immersive Geschichtsschreibung einsetzten. So wird sichtbar, wie der Brief die Literatur des 18. Jahrhunderts reflektierte und veränderte - und bis heute als Musterfall von generischer, praxeologischer und medialer Hybridität gelten darf.

Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften9783381145324/9783381145324.pdf
<?page no="0"?> ISBN 978-3-381-14531-7 Das 18. Jahrhundert war das Jahrhundert des Briefs - doch Briefe waren weit mehr als nur Mittel privater Kommunikation. Diese Studie fragt anhand exemplarischer Lektüren nach dem innovativen Potenzial der epistolaren Literatur und zeigt, wie Briefe als Bühne und Labor dienten: Mit ihnen wurden Schriftpraktiken und die Materialität der Literatur ausgestellt sowie gattungsüberschreitendes und medienreflektiertes Erzählen erprobt. Im Mittelpunkt stehen Texte von Ludvig Holberg, Hans Bergeström und Charlotta Dorothea Biehl, die den Brief für autobiografische Selbstinszenierung, empfindsam-kollektive Utopien und dramatisch-immersive Geschichtsschreibung einsetzten. So wird sichtbar, wie der Brief die Literatur des 18. Jahrhunderts reflektierte und veränderte - und bis heute als Musterfall von generischer, praxeologischer und medialer Hybridität gelten darf. Patrizia Huber promovierte und forscht an der Universität Zürich. Patrizia Huber Epistolares Erzählen 76 Epistolares Erzählen Der Brief als Bühne und Laboratorium in der skandinavischen Prosa des 18. Jahrhunderts Patrizia Huber <?page no="1"?> Epistolares Erzählen <?page no="2"?> Beiträge zur Nordischen Philologie Herausgegeben von der Schweizerischen Gesellschaft für Skandinavische Studien Redaktion: Jürg Glauser (Basel/ Zürich), Klaus Müller-Wille (Zürich), Anna Katharina Richter (Zürich), Lena Rohrbach (Basel/ Zürich), Lukas Rösli (Berlin) Begutachtung: Die Bände der Reihe werden einem (Double blind-)Peer-Review Verfahren unterzogen. Ausführliche Angaben zu den Mitgliedern der Redaktion sowie zu deren Aufgaben und Funktionen und zur Manuskriptbegutachtung finden sich auf der Homepage der Schweizerischen Gesellschaft für Skandinavische Studien (http: / / www.sagw.ch/ sgss). Band 76 · 2026 <?page no="3"?> Patrizia Huber Epistolares Erzählen Der Brief als Bühne und Laboratorium in der skandinavischen Prosa des 18. Jahrhunderts <?page no="4"?> Umschlagabbildung: Cornelis Norbertus Gysbrechts, Quodlibet, 1675, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, Inv.-Nr.: WRM 2828 (Foto: Historisches Archiv der Stadt Köln mit Rheinischem Bildarchiv, rba_c008572). Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. Dr. Patrizia Huber Universität Zürich Deutsches Seminar Abteilung für Skandinavistik Schönberggasse 9 8001 Zürich https: / / orcid.org/ 0009-0001-3939-2895 Gedruckt mit Unterstützung der Schweizerischen Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften. DOI: https: / / www.doi.org/ 10.24053/ 9783381145324 © 2026 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 1661-2086 ISBN 978-3-381-14531-7 (Print) ISBN 978-3-381-14532-4 (ePDF) ISBN 978-3-381-14533-1 (ePub) <?page no="5"?> Vorwort Die vorliegende Dissertation wurde im Herbstsemester 2024 von der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich auf Antrag der Promotionskommission, bestehend aus Prof. Dr. Klaus Müller-Wille, Prof. Dr. Mats Malm und Prof. Dr. Lena Rohrbach, angenommen. Entstanden ist die Arbeit im Rahmen meiner Anstellung als Doktorand: in im SNF-Forschungsprojekt Romanhaftwerden. Skandinavische Prosaliteratur der späten Vormoderne unter Leitung von Prof. Dr. Lena Rohrbach und Prof. Dr. Klaus Müller-Wille und später als Assistent: in in der Abteilung Skandinavistik an der Universität Zürich. Die Arbeit wäre nicht zustande gekommen ohne die Unterstützung meines Erstbetreuers Prof. Dr. Klaus Müller-Wille, der mich mit seinen nachforschenden Fragen und konstruktiven Ratschlägen inspiriert und mit der nie endenden Begeisterung und dem Interesse an meinem Thema durch jede Verwirrung geholfen hat. Mein Dank gilt auch meinem Zweitbetreuer Prof. Dr. Mats Malm, der mich bereits früh herausforderte, meine Thesen stets auch aus einer anderen Perspektive zu sehen. In diesem Zuge bin ich auch Prof. Dr. Lena Rohrbach zu Dank verpflichtet, mit der ich im Rahmen des Forschungsprojekts inspirierende Diskussionen führen durfte und die mich bestärkt hat, meinen Weg in der Forschung weiterzugehen. Die Arbeit entstand zudem im Austausch mit meinen Projektpartner: innen Dr. Anna Katharina Richter, Madita Knöpfle und Timon von Mentlen, die mich mit ihrer Forschung immer wieder inspirierten. Eine wertvollere Zusammenarbeit hätte ich mir nicht wünschen können. Außerdem möchte ich mich bei Prof. Dr. Simona Zetterberg-Nielsen und Dr. Henrik Blicher für die anregenden Diskussionen über die skandinavische Literatur des 18. Jahrhunderts bedanken. Der Leiterin der Sorø Akademis Bibliotek, Ann Furholt Pedersen, sei für ihre Hilfe bei der Sichtung von Charlotta Dorothea Biehls Briefen gedankt. Bei der Graduiertenschule der Philosophischen Fakultät und dem Schweizerischen Nationalfonds bedanke ich mich für die finanzielle Unterstützung meiner Auslandsaufenthalte. Den Mitgliedern des Autonomen Kolloquiums am Deutschen Seminar möchte ich für die zahlreichen kritischen und konstruktiven Diskussionen und die Einblicke in andere Arbeitsformen und Themen danken. Wichtig waren für mich auch die fachlichen und außerfachlichen Gespräche mit Céline Martins-Thomas, Vera Zimmermann, Anina Knop, Rahel Hochstrasser und Eliane Jaberg. Ein großes Dankeschön geht schließlich an Céline Martins-Thomas für ihre Unterstützung und ihr sorgfältiges Lektorat. Ohne die unermüdliche Unterstützung meiner Eltern wäre diese Dissertation nicht entstanden. Ihre Förderung, Enthusiasmus und ihr stets offenes Ohr haben mich durch viele schwierige Phasen getragen. Zürich, Januar 2026 Patrizia Huber Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="7"?> Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 1.1 Jens Schelderup Sneedorff: Breve (1759) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 1.2 Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 1.2.1 Was ist ein Brief? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 1.2.2 Mediologische Narratologie und Praxeologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 1.2.3 Der Brief als Bühne und Labor? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 1.3 Epistolare Literatur in Skandinavien während des 18. Jahrhunderts . . . . . . 24 1.4 Korpus und Disposition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 I Epistolare Praktiken: Der Brief als Bühne 2 Epistolare Rahmungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 2.1 Den Rahmen setzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 2.2 Kunstwerke rahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 2.3 Rahmen aufbrechen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 3 Praxeologie der Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 3.1 Parergonale Lese-Szenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 3.2 Schreib- und Leseszenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 3.3 Lesen mit dem ganzen Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 3.4 4E Cognition und körperliche Lektüre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 4 Epistolare Materialität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 4.1 Schriftbildlichkeit und die Widerständigkeit des Materials . . . . . . . . . . . . . . . 66 4.2 Seelenabdrücke: Physiognomik des Briefs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 4.3 Epistolare Spurenlese in Handschrift und im Druck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 5 Epistolare Bühnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 II Epistolares Erzählen: Der Brief als Laboratorium 6 Ludvig Holbergs Inschriften: Epistolares Selbst-Schreiben und die Literarisierung des Autors . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 6.1 Autobiografische Sendungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 6.2 Γνῶθι σεαυτόν : Das Selbst in Schichten und Fragmenten abbilden . . . . . . . 101 6.2.1 Hybrider Brief . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 6.2.2 Die Masken der epistolaren Autobiografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="8"?> 6.2.3 Narrative Rahmungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 6.2.4 Figurierte Pseudonyme und Metamorphosen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 6.3 Exzerpierendes Erzählen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 6.3.1 Zitatcollage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 6.3.2 Der Menippeische Gelehrte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 6.3.3 Literarische Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 6.4 Die Literarisierung des Autors . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente: Epistolare Utopie und kollektives Erzählen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 7.1 Reisebriefe aus zwei unbekannten Ländern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 7.2 Utopische Hybriditäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 7.2.1 imago und narratio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 7.2.2 Kognitive Grenzüberschreitungen und Gattungshybridität . . . . . . . . . 147 7.3 Paratexte und Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 7.3.1 Bildlichkeit und Erzählung im Paratext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 7.3.2 Epistolare Utopien der Empfindsamkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 7.4 Zwischen journalistischer Dynamik und empfindsamer Materialität . . . . . . 161 7.4.1 Die stürmische Zeit der Tryckfrihetstiden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 7.4.2 Schriftliche Korrespondenzen: Die Indianiske Bref als utopische Wochenschrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 7.4.3 Utopische Materialität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174 7.5 Utopien (er-)schreiben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft: Epistolare Vergegenwärtigung und anekdotische Historiografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182 8.1 Literarische Pionierarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182 8.2 Historiografisches Schreiben jenseits der Konventionen: Chronique Scandaleuse, Historia Arcana und Anekdote . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190 8.3 Temporalität der Briefliteratur: Ereignisketten erzählen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 8.3.1 Linearisierung des Erzählens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 8.3.2 Sprünge in der Kette: Anachronisches Erzählen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 8.3.3 Alternative Geschichte: Bifurkationen des Zeitstrahls . . . . . . . . . . . . . 207 8.4 Anekdotisch erzählen: Vergegenwärtigungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 8.4.1 Historiografische Vergegenwärtigung: Eintauchen in die Vergangenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 8.4.2 Johann Christoph Gatterer und die evidentia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 8.4.3 Historische Aktionspotenziale: Die evidentia der Temporalität . . . . . 219 8.5 Die Zeit der Monarchie erzählen: Performative Historiografie . . . . . . . . . . . . 228 9 Fazit: Transversale Epistolarität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 Abstract & Keywords . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239 8 Inhalt Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="9"?> Anhang: Auswertung der Zitate in Ad virum perillustrem *** epistola (1728) . . . . . . 243 Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246 Siglenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 Primärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 Sekundärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265 Inhalt 9 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="11"?> 1 Einleitung 1.1 Jens Schelderup Sneedorff: Breve (1759) 1759 veröffentlichte die Druckerei in Sorø eine anonyme Briefsammlung, die den schlichten Namen Breve ( „ Briefe “ ) trug. Viel mehr teilte das Titelblatt den interessierten Kund: innen der Buchhandlungen nicht mit - und das stellte ein Problem dar, wie der Brief eines aufgebrachten Freundes des Herausgebers gegen Ende des Buches verrät. [D]et mindste maa De give Deres Skrift en smuk Titel, og lade Leserne vide hvad De heder og hvem De er. I Steden for B REVE , en Titel hvor af ingen kann giöre sig noget Begreb om Indholdet, uden at lese den hele Bog igiennem (og hvor mange mene De vel har Taalmodighed der til) kunde De i det mindste have sadt: Betenkninger over adskillige Politiske, Philosophiske, Moralske og andre vigtige Materier forfattede i Breve til adskillige Personer, og efter mange fornemme Personers og gode Venners Begiering udgivne. De forlader mig at jeg, som en god Ven af Dem, giver Dem disse faa Erindringer. (BR: 324 - 325) Sie müssen Ihrer Schrift wenigstens einen schönen Titel geben und die Leser wissen lassen, wie Sie heißen und wer Sie sind. Anstelle von B RIEFE , einem Titel, bei dem sich niemand einen Begriff vom Inhalt machen kann, ohne das ganze Buch durchzulesen (und wie viele haben wohl die Geduld dazu? ), hätten Sie wenigstens schreiben können: Überlegungen zu verschiedenen politischen, philosophischen, moralischen und anderen wichtigen Themen, in Briefen an verschiedene Personen verfasst und auf Wunsch vieler angesehener Persönlichkeiten und guter Freunde veröffentlicht. Sie gestatten mir, Ihnen als guter Freund diese wenigen Hinweise zu geben. 1 Das Titelblatt ist gelinde gesagt fragwürdig. Nicht allein, dass Jens Schelderup Sneedorff die Sammlung anonym veröffentlichen möchte; der unterdeterminierte, ‚ unschöne ‘ Titel leistet ihr keinen Dienst. Ein Titel, das ergibt sich aus den Ausführungen des Freundes, sollte den Inhalt des Buches so präzise ankündigen, dass die Interessent: innen in der Buchhandlung beim ersten Blick wissen, was sie erwarten dürfen. Auch wenn es sich um eine Sammlung mit großer Themenbreite handelt, müsse zumindest diese essayistische Absicht genannt werden. Breve verweist zwar als rhematischer Titel auf die Form des Textes, tut dies jedoch indeterminierter als ‚ Roman ‘ , ‚ Gedichte ‘ oder ‚ Erzählung ‘ . Denn ein Brief ist weder eine Gattung noch strikt faktual oder fiktional - das galt 1759 genauso wie heute. 2 „ Die Mischung, das ist der Brief, die Epistel, die kein Genre ist, sondern alle Genres, die Literatur selbst “ , konstatiert Derrida (1982: 62). Am schlichten Titel Breve verbalisiert sich die formale und inhaltliche Offenheit der Epistolarität als Problem. In der Mitte des 18. Jahrhunderts, als das epistolare Schreiben nicht nur die private Kommunikation dominierte, sondern auch die Buchhandlungen überschwemmte, reichte das Format nicht mehr als Kaufargument. 1 Wenn nichts anderes angegeben ist, stammen die Übersetzungen von der: die Autor: in. 2 In kürzlich erschienen Sammelbänden mit Fokus auf den modernen Brief lautet die Definition ganz ähnlich (Matthews-Schlinzig u. a. 2020a: XI; Kasper u. a. 2021a). Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="12"?> Nun hat sich Sneedorff offensichtlich gegen den Ratschlag seines Freundes entschieden, zumal die Sammlung ohne weitere Titelinformationen erschien, gibt seiner Leserschaft jedoch im ersten Brief der Sammlung immerhin einen Ausblick auf den folgenden Inhalt und versucht, seine „ Brev-Vexling “ von anderen Textsorten abzugrenzen. 3 Abb. 1 Titelseite von Jens Schelderups Sneedorffs Breve (1759), S. [1]. Men for dog ikke ved alt for langvarig en Tavshed, at give Dem Aarsag til at mistenke mig for Efterladenhed i en Pligt hvortil Taknemmelighed nu har paalagt mig en ny Forbindelse, har jeg anvendt nogle af de Timer som jeg kan spare fra saa alvorligt et Arbeide og fra andre Forretninger hvortil den störste Deel af Dagen er bestemt, paa en Brev-Vexling, som i Henseende til Forandring af Materierne og Skrivemaaden, har tient mig til en behagelig Tids-Fordriv. Mine Laeserinder (Thi jeg har og iblant Dem fundet mange, som med en Lacedemonisk Nidkierhed bekymre sig om det almindelige Beste, og som i Smukhed, Forstand og Dyd ligne den Elskværdige Dame til hvilken det nest fölgende Brev er skrevet) vilde imidlertid betiene sig af denne Samling, ligesom af Uge-Blade, og andre saadanne Skrifter, som formedelst Materiernes Foranderlighed, og den Korthed hvormed de er afhandlede tiene Dem til Tids-Fordriv enten paa en Lyst-Reise eller ved et Coffe-Bord, og De kan tillige med mine andre Lesere ansee den som et Mellem-Stykke, hvormed jeg önskede at kunde fordrive Dem noget af Tiden, indtil jeg kan have den Ære at opvarte Dem med de andre Dele. De ser let af Indholdet, at denne Samling af Breve ikke er bestemt til at tiene til Modeler enten i et Cancellie eller i en Skriver-Stue [ … ]. (BR: 4 - 5) Um Ihnen aber nicht durch ein allzu langes Schweigen Grund zu geben, mich der Nachlässigkeit in einer Pflicht zu verdächtigen, zu der mir die Dankbarkeit jetzt eine neue Verpflichtung auferlegt hat, habe ich einige der Stunden, die ich von solch ernsten Arbeiten und von anderen 3 Auch Plesner (1930: 44 - 47) weist auf die selbstreflexive Ironie der Breve hin und situiert sie daneben im historischen und kulturellen Kontext. 12 1 Einleitung Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="13"?> Geschäften, denen der größte Teil des Tages gewidmet ist, entbehren kann, mit dem Schreiben eines Briefwechsels verbracht, was mir in Anbetracht der Abwechslung der Materien und der Schreibart als angenehmer Zeitvertreib diente. Meine Leserinnen (denn ich habe viele unter ihnen gefunden, die mit einem lakedämonischen Eifer für das Gemeinwohl besorgt sind und die an Schönheit, Verstand und Tugend der liebenswürdigen Dame gleichen, an die der folgende Brief geschrieben ist) würden jedoch von dieser Sammlung ebenso Gebrauch machen wie von Wochenblättern und anderen derartigen Schriften, die wegen der Wechselhaftigkeit der Materien und der Kürze, mit der sie behandelt werden, dazu dienen wird, Ihnen die Zeit entweder auf einer Lustfahrt oder bei einer Kaffeetafel zu vertreiben, und Sie mögen ihn wie auch meine anderen Leser als ein Zwischenstück betrachten, von dem ich wünsche, dass es Ihnen einen Teil der Zeit vertreiben möge, bis ich die Ehre habe, Ihnen mit den anderen Teilen aufzuwarten. Sie werden aus dem Inhalt unschwer erkennen, dass diese Briefsammlung nicht als Modell in Kanzlei oder Schreibstube dienen soll [ … ]. Bei seiner Sammlung handle es sich keineswegs um eines dieser Manuale, die mithilfe von „ Ceremonierne i Titler, Overog Under-Skrift “ die Systematik der Epistolografie lehren sollen und deren Vorlagen abgeschrieben werden können (BR: 5). 4 Seine Briefe sollen unterhalten und die Zeit vertreiben. Weil sie abwechslungsreich und kurz, gleichwohl sinnreich gehalten sind, eignen sie sich genauso für „ Lyst-Reise “ und „ Coffe-Bord “ wie für die moralische Erziehung ihrer Leser: innen. Zur Anleitung, wie sie dieses utile-dulci- Motto umsetzen sollen, verweist Sneedorff auf die beliebten moralischen Wochenschriften, in denen im Geist der Aufklärung eine Sammlung unterschiedlicher faktualer und fiktionaler Textsorten die Leserschaft über gesellschaftliche Themen informierten. 5 Die Briefsammlung verfügt deshalb über eine stilistische und thematische Breite und richtet sich an beide Geschlechter. Möchte man Sneedorffs Erklärungen zusammenfassen, so sind die Briefe für alle Personen und Gelegenheiten geeignet. Indem die Sammlung damit jedes Bedürfnis stillen kann, ist sie nicht nur stilistisch und thematisch heterogen, sondern auch polyfunktional. Nebenbei dienen die Briefe als „ et Mellem-Stykke “ , das die Zeit überbrücken soll, bis die weiteren Teile eines nicht weiter erläuterten Projekts erscheinen. 6 Damit hat Sneedorff indessen eine Bezeichnung gefunden, die das poetologische Potenzial seiner Briefsammlung im Kern trifft. Ein Zwischenstück ist sie in generischer, thematischer, sozialer und vor allem auch narrativer Hinsicht: Das Buch bewegt sich zwischen 4 „ die Zeremonien in Titeln, Über- und Unter-Schriften “ . 5 Eine solche Wochenschrift mit deutlichem Bezug auf den englischen The Spectator wird Sneedorff nur zwei Jahre später selbst gründen: Den patriotiske Tilskuer ( „ Der patriotische Zuschauer “ , 1761 - 1763) war wie die Breve thematisch und stilistisch heterogen, operierte, da verschiedene fiktive Figuren zu Wort kamen, ebenso polyphon und polyperspektivisch und verfolgte einen Aufklärungsgedanken. Die Zeitschrift kann daher als eine Art Fortführung der poetologischen Absichten in den Breve gelten. 6 Dabei dürfte es sich um die Übersetzung von Voltaires moralphilosophischer Erzählung Le monde comme il va (1748) handeln, der Sneedorff noch mehrere Teile folgen lassen wird. Verden som den er Eller Babues Syn ( „ Die Welt, wie sie ist, oder Babues Ansichten “ , 1758) ist auch in Briefform gehalten, stellt sich aber als fiktionaler Text heraus, der gesellschaftliche Probleme aus der Perspektive eines Fremden diskutiert. In dem Falle von Sneedorffs eigenhändigen Fortsetzungen berichtet Babue aus Schythien, einem allegorisch verhüllten Dänemark (Fortsettelse af Babues Syn, „ Fortsetzung von Babues Ansichten “ , 1759; Babues Svar paa nogle Breve til ham, „ Babues Antwort auf ein paar Briefe an ihn “ , 1759). Die Babue-Texte sind in ein publikatorisches Streitgespräch zwischen Sneedorff und Tyge Rothe eingebettet (Plesner 1930: 47 - 49); Sneedorff und Rothe sind beides Gründungsmitglieder der 1759 gegründeten Selskabet til de skiønne og nyttige Videnskabers Forfremmelse. 1.1 Jens Schelderup Sneedorff: Breve (1759) 13 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="14"?> den Gattungen, thematischen Feldern, praktischen Anwendungen und Erzählinstanzen. 7 Denn in den Briefen wechseln auch immer wieder die Briefschreibenden und Adressat: innen. Wenn Sneedorff in seiner Einleitung jedoch beteuert, dass er die Sammlung selbst in seinen ledigen Stunden geschrieben habe, führen die kurzen Korrespondenzen zwischen verschiedenen Schreiber: innen und Adressat: innen dazu, dass sich Sneedorff in mehrere Autorpersonae vervielfältigt und nunmehr auch die Rolle des Herausgebers seiner Schreibarbeit besetzt. 8 Nicht nur aus diesem Grund erscheint diese plötzlich fingiert: Die Kritik des „ Freundes “ stößt sogar eine mise-en-abyme an, da sie Sneedorff erreicht, nachdem jener das gedruckte Titelblatt einsehen konnte: „ Jeg har lest de Ark som De har sent mig af den Samling af Breve, som De har ladet trykke “ (BR: 320). 9 Dies suggeriert, dass Breve bereits gedruckt vorlag und gelesen werden konnte, zur selben Zeit jedoch noch zusammengestellt wurde und der Brief des Freundes eingeschlossen werden konnte - auch was dies betrifft, ist Breve ein Zwischenstück. Indem der Brief damit den Titelfindungsprozess ebenso wie die Praxis, Texte an Freunde zu versenden, um Rückmeldungen einzuholen, thematisiert, schreibt sich die Textgenese selbstreflexiv in die Sammlung ein. Damit verweist Breve auf die Schreibszene und die literarischen Praktiken, ohne die das Buch nicht entstanden wären, und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Materialität und Medialität der Literatur. Die Briefsammlung sendet trotz ihres faktualen Anspruchs Fiktionssignale, die aus fiktionalen Erzählformen bekannt sind. Die mise-en-abyme etwa hat ihr Vorbild in Miguel de Cervantes ’ Abenteuerroman Don Quijote. Der Beginn des zweiten Teils von Don Quijote ist eines der ersten und gleichzeitig berühmtesten Beispiele der Frühen Neuzeit für die metaleptische Reflexion des materiellen Kontextes im Text und die Reaktion der Protagonisten darauf. Quijote und Sancho Panza diskutieren nicht nur die Verschriftlichung ihrer Geschichte, sondern kritisieren auch die illegitimen Fortsetzungen und Raubdrucke, die im Zuge des erfolgreichen ersten Teils entstanden sind. Da es sich beim epistolaren Erzählen um die intermediale Repräsentation eines Schriftstücks handelt, das auch über non-verbale Codes kommuniziert, transportiert es stets die Präsenz der Materialität in die gedruckte Literatur. Was für die heutige Literatur gilt, zeigt sich auch im 18. Jahrhundert: „ The material and sensual quality of the letter [ … ] derives [ … ] from a need to reintegrate sensual aspects of communication “ (Löschnigg/ Schuh 2018a: 3). Dieser mehrfache Zustand des Dazwischen der Epistolarität - quer zum Gattungssystem, polyphon und polyperspektivisch, hybrid und polyfunktional, faktual und fiktional - fordert den Literaturbetrieb und unsere Vorstellung von Literatur und Erzählen heraus. Bereits die 7 Im Hinblick darauf, dass sich die Briefsammlung an Leserinnen richtet, die sich für tugendhafte Inhalte interessieren, äußert sich in dieser mehrfachen Transgression und absichtlichen Gattungshybridisierung auch eine deutliche Fürsprache für poetische Erkenntnisverfahren. Sneedorff hat sich später deutlich für den Nutzen der schönen Künste gegenüber der logisch-mathematischen Eindeutigkeit ausgesprochen (Sneedorff 1775: 96 - 102; Koch 2016). 8 Mit anderen Worten gehe ich davon aus, dass die Rahmung der Sammlung durch den ersten Brief auch möglichen „ wirklichen “ Briefen einen fiktiven Status verleiht. Demgegenüber unterteilt Plesner (1930: 46 - 47) die Sammlung in echte Korrespondenz, aus den Vorlesungen entwickelte ästhetisch oder sozial interessierte Briefe und „ novellistische “ Texte. 9 „ Ich habe die Bogen gelesen, die Sie mir von der Sammlung Briefe geschickt haben, die Sie drucken ließen “ . 14 1 Einleitung Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="15"?> epistolare Literatur der 18. Jahrhunderts diente neben der Erforschung der Bewusstseinsdarstellung als Experimentierfeld und Bühne für narrative und rhetorische Verfahren. 10 Das Kernanliegen dieser Arbeit ist es, diese stilistischen, generischen, medialen und narratologischen Hybridisierungen der skandinavischen epistolaren Literatur des 18. Jahrhunderts zu verfolgen. Anstelle der Konzentration auf einzelne Briefgattungen soll das vielschichtige Zusammenspiel der unterschiedlichen Formen der epistolaren Literatur herausgearbeitet werden. Dabei gehe ich von der Annahme aus, dass die Epistolarität neue Formen des Erzählens hervorbringen konnte, da sie durch ihren transversalen Status Gattungen, literarische Praktiken und Medialität vernetzte. Im Fokus stehen insbesondere der Transfer von faktualem und fiktionalem Erzählen, der Umgang mit dem Gattungssystem sowie die Ausbildung und Integration von Schreib- und Lesepraktiken. Um diesem Anspruch gerecht werden, wird ein mehrdimensionaler Ansatz entwickelt, der narratologisches, mediologisches und praxeologisches Wissen verbindet. 1.2 Methodik 1.2.1 Was ist ein Brief? Die Beantwortung der Frage ist nicht zu unterschätzen, leitet sie doch gar einen eigenen Sammelband ein (Matthews-Schlinzig/ Socha 2018a). Die Schwierigkeit des Unterfangens wird von den Herausgeber: innen schon gleich zu Beginn konstatiert: „ Jede Definition von ‚ Brief ‘ hängt davon ab, wer sie wann und in welchem Kontext formuliert “ (Matthews- Schlinzig/ Socha 2018b: 9). Ähnliche Probleme bei der Definitionsarbeit zeigen sich auch in den enzyklopädischen Bemühungen im 18. Jahrhundert. Sneedorffs Spiel mit der Unterdetermination und stilistischen Freiheit des Mediums Brief liest sich in diesem Zusammenhang als Echo der französischen Encyclopédie, die sich einer präzisen Definition des epistolaren Stils verweigerte: „ Il est plus facile de sentir que de définir les qualités que doit avoir le style épistolaire “ (Diderot/ d ’ Alembert 1755: 816). 11 Auch Zedlers Universal-Lexicon begnügt sich mit einer Minimaldefinition, in der es sich auf die Materialität der Mitteilung konzentriert. Der Brief sei „ eine kurtze, wohlgesetzte und von allerhand Sachen handelnde Rede, so man einander unter einem Siegel schrifftlich zuschickt; wenn man nicht mündlich mit einander sprechen kan “ (1733: 1359; s. auch Giuriato 2008: 3 - 4). Er ist die schriftliche Substitution des höflichen, privaten Gesprächs, wird aber erst durch die Versiegelung und den Versand zum Brief im engeren Sinn. Beide Nachschlagewerke unterscheiden zwischen ‚ eigentlichen ‘ und ‚ uneigentlichen ‘ Briefen: 12 Der Zedler teilt in 10 Gemäß Löschnigg und Schuh (2018b: 21) setzen hingegen erst die Texte nach 1800 die Epistolarität für raffinierte Erzählmanöver ein, nachdem Wahrnehmung anders dargestellt werden konnte: „ [W]ith the establishment of more effective non-epistolary forms of rendering consciousness in narrative fiction, the epistolary mode was no longer required to fulfil this purpose “ . Stattdessen gelte für die moderne Literatur, dass „ [l]etters are verbal instruments that only rarely offer ‚ short-cuts ‘ to the heart “ (2018b: 23). 11 „ Es ist viel einfacher zu spüren als zu definieren, welche Qualitäten den epistolaren Stil ausmachen “ . 12 Nickisch unterscheidet in seinem briefgeschichtlichen Standardwerk zwischen „ dem Brief in ‚ eigentlicher ‘ (primärer) und dem in ‚ uneigentlicher ‘ (sekundärer) Verwendung “ . Eigentliche Briefe entstammen der persönlichen Alltagskommunikation, sind folglich pragmatisch motiviert, uneigentliche Briefe folgen „ literarisch-künstlerische[n] Intentionen [ … ] zwecks Konstitution einer fingierten 1.2 Methodik 15 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="16"?> „ sinnreiche “ und „ gemeine “ Briefe auf, wobei die sinnreichen Briefe im essayistischen Stil „ von dem Feuer und Witze desjenigen seinen Vorzug erhalten, der ihn schreibet, so daß die Natur gantz in demselben herrschet, und man keine Regeln der Kunst, ausser die allgemeinen, von nöthen hat “ (1734: 1428). Im Gegensatz dazu finden sich in der Encyclopédie (1755: 816) über mehrere Seiten zahlreiche Einträge zu den unterschiedlichsten Briefgattungen und ein eigener Artikel über den epistolaren Stil, den berühmte Schriftsteller: innen in Briefsammlungen einsetzen. 13 Dass Alltagsmitteilungen nicht mit den literarischen Schöpfungen genialer Köpfe verglichen werden können, scheint den beiden Nachschlagewerken nötig hervorzuheben, hingegen wird nicht zwischen fiktionalen/ faktualen, gedruckten/ ungedruckten oder gebundenen/ ungebundenen Texten differenziert. 14 Es besteht somit eine Beziehung zwischen den ungebundenen, ungedruckten Briefen im engeren Sinne und dem Briefformat im gedruckten und gebundenen Buch; beide gehören zur heterogenen Gruppe „ Briefe “ . Das Problem der eindeutigen Definition bekundet auch das Handbuch Brief (2020): Der Brief ist gleichermaßen Text, materiales Objekt und Ereignis/ Handlung. Er ist Medium einer zeitversetzten, über eine räumliche Distanz hinweg erfolgenden und meist persönlichen schriftlichen Kommunikation. Materiale Aspekte wie etwa Briefpapier, Umschlag, Briefbeigaben und das verwendete Schreibgerät, strukturelle Momente wie Anrede, Grußformel, Ort/ Datum und Unterschrift sowie Adresse sind ebenso von Bedeutung wie die Tatsache, dass der Brief meist auf Serialität, auf eine fortgesetzte Korrespondenz zielt und, sofern mehrere Akteur*innen beteiligt sind, die Herstellung epistolarer Netzwerke ermöglicht. In Briefen manifestieren sich kulturelle Praktiken ebenso wie individuelle Eigenschaften: Sie sind historische Quellen und zeitgeschichtliche Dokumente (besonders ‚ Ego-Dokumente ‘ ), sie passen sich unterschiedlichen Verwendungskontexten an, und sie sind Texte, die sich spezifischer rhetorisch-literarischer Strategien bedienen sowie über ästhetisches, performatives und fiktionales Potential verfügen. Vor diesem Hintergrund werden sie auch zu Mit-Erzeugern neuer Textsorten bzw. Kommunikationsformen, und zwar sowohl nichtfiktionaler wie fiktionaler. Es überrascht deshalb wenig, dass sie im Laufe der Jahrhunderte nicht nur in Gestalt diverser ‚ Briefgenres ‘ , sondern auch im Gewand einer Vielfalt von Bedeutungen und Begriffen begegnen: sei es als ‚ Urkunde ‘ , ‚ Epistel ‘ , ‚ Schreiben ‘ oder, im Zeitalter des Digitalen, als Tweet oder WhatsApp-Nachricht. (Matthews-Schlinzig u. a. 2020a: XI) In einer historischen Linie mit dem 18. Jahrhundert zählen die Herausgeber: innen zum Medium Brief ungedruckte Briefe und die vielen Briefgattungen und Textsorten, die das Format des Schriftstücks als nicht-pragmatische Erzählfunktion einsetzen. Wie der Zedler rücken sie die spezifische Materialität des epistolaren Schreibens und die Praktiken des Versendens in den Vordergrund, bestimmen es aber nicht als Substitution des mündlichen oder fiktionalen Wirklichkeit “ (Nickisch 1991: 19 - 21). Inwieweit sich diese beiden Typen eindeutig voneinander abgrenzen lassen, ist zu bezweifeln. Scheinbar pragmatische Briefe können immer noch einen ästhetischen Effekt anstreben, was die zahlreichen publizierten privaten Korrespondenzen beweisen dürften. Dies bedenkt Nickisch (1991: 21 - 22, 101) bereits selbst, behält die Unterteilung allerdings bei. 13 Auf alltägliche Schreiben scheint sich der Eintrag ‚ Lettres des Modernes “ zu konzentrieren, die im „ style simple, libre, familier, vif & naturel “ gehalten, jedoch meistens mit Jargon und Nichtigkeiten gefüllt seien (Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers 1765: 413; „ Briefe der Modernen “ , „ einfacher, freier, familiärer, lebendiger und natürlicher Stil “ ). 14 Die Unterscheidung gedruckt/ ungedruckt, gebunden/ ungebunden verwende ich nach Lothar Müller (2012: 122 - 123). 16 1 Einleitung Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="17"?> Gesprächs. Der Brief ist polymorph und polyfunktional - besonders in historischer und kultureller Sicht - , 15 kennt aber topische rhetorische Strukturen und steht für ästhetische und performative Zwecke zur Verfügung. Zwar ist er keine Gattung, es können sich aber epistolare Gattungen und Textsorten entwickeln (Liebesbrief, Bittbrief, Epistel etc.). Der Blick in die Definitionsvorschläge zeigt, dass es zu kurz gegriffen wäre, die Epistolarität aus einer rein textuellen oder materiellen Perspektive zu begreifen. In allen Quellen wird in variierender Explizitheit reflektiert, dass sie ihr volles Potenzial erst im Zusammenspiel von Stilistik, sinnlicher Medialität und praxeologischem Kontext entfaltet. Der Kontext bestimmt über den Brief als Kommunikationsmedium: Als solches ist er Mittel eines singulären Kommunikationsakts aus Versand und Empfang, den er allerdings als schriftliche Spur, als Objekt, konserviert und somit überdauert. Erst wenn der epistolare Ausdruck Mustergültigkeit gewonnen hat und seine Formalität wiederholbar ist, kann von einer Briefgattung gesprochen werden. 16 So kann der Brief als Triade von Kommunikationsmedium, Kommunikationsform und Gattung verstanden werden, deren Elemente voneinander abhängig sind (Kasper u. a. 2021a: 4 - 7). Infolge dieses Zusammenspiels darf die Beschäftigung mit gedruckten, uneigentlichen Briefen die Beziehung zu den eigentlichen Briefen nicht aus den Augen verlieren. Die Erzählfunktion „ Brief “ verweist stets auf das nicht-stilisierte, extratextuelle und ungedruckte Schriftstück mitsamt seinen medialen und praxeologischen Merkmale. Die eine Form gäbe es nicht ohne die andere und umgekehrt. Es existieren mittlerweile zahlreiche Vorschläge, wie die epistolaren Erzählformen differenziert werden können. Löschnigg und Schuh (2018b: 16) schlagen vor, zwischen der epistolaren Langform, der epistolary fiction, einerseits und den in Erzähltexte integrierten epistolaren Elementen, dem epistolary mode, zu unterscheiden, da die gleichzeitige Präsenz verschiedener Erzählformen Auswirkungen auf das gesamte Erzählen habe. Der Begriff epistolary fiction schließt allerdings von Beginn an die konstatierte fiktional-faktuale Hybridität des epistolaren Erzählens aus, weshalb ich von seiner Verwendung absehen werde. Es wird nachfolgend stattdessen von ‚ epistolarer Literatur ‘ gesprochen, wenn es sich um Texte in epistolarer Reinform handelt. Ferner ist es sinnvoll, die eingebetteten epistolaren Elemente als eigenes Phänomen zu betrachten, jedoch wird der Begriff „ Modus “ einerseits in der Narratologie seit Genette für die Distanz der Erzählung zum Erzählten bzw. die Perspektive der Erzählung verwendet. Andererseits fehlt dem Begriff eine materiell-mediale Konnotation, um die es mir im Wesentlichen geht. Die Einbettung epistolarer Elemente figuriert die epistolografische Praxis, Dokumente - meistens Porträts - den Briefen beizulegen. Diese Verbindung zu Schreibpraktiken soll deshalb beibehalten bleiben, weshalb in Anlehnung an Nickischs (1991: 157) „ Einlage-Briefe “ bzw. „ Briefeinlagen “ von ‚ epistolaren Einlagen ‘ gesprochen werden soll, wenn die Briefe nur einzelne, distinkte Elemente darstellen. 15 Das epistolare Erzählen beeindrucke durch seine „ elasticity and adaptability “ (Löschnigg/ Schuh 2018b: 15). 16 Wenn, mit anderen Worten, Briefsteller auftauchen, die Muster unterrichten und zur Abschrift bereitstellen (Vellusig 2018: 60 - 61). 1.2 Methodik 17 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="18"?> 1.2.2 Mediologische Narratologie und Praxeologie Die Epistolarität scheint im 18. Jahrhundert einen Nerv zu treffen. Trotz der geschilderten Ambiguität - oder gerade deswegen - entbrannte ein Trend zur epistolaren Literatur. Im Gleichschritt mit der Erkundung des polyfunktionalen Potenzials im eigentlichen Gebrauch und der Vervielfältigung des Briefverkehrs infolge erhöhter Korrespondenz im Bereich des Handels und technologischen Entwicklungen (Leffler 2007: 28 - 29; Jensen 1983: 57 - 58; Hansson 2004: 416; Bladh 1999: 43, zit. bei Forselius 2015: 65), verarbeitet die gedruckte Literatur das epistolare Schreiben „ als ein way of life und eine Form der Lebenskunst “ (Kasper u. a. 2021a: 15 - 16). Was das epistolare Erzählen leistet, ist die metadiskursive Sichtbarmachung von Kommunikation und Schriftlichkeit: By its very mise-en-abyme of the writer-reader relationship, the epistolary form models the complex dynamics involved in writing and reading; in its preoccupation with the myriad mediatory aspects involved in communication, in the way that it wrestles with the problem of making narrative out of discourse, in its attempts to resolve mimetic and artistic impulses, epistolary literature exposes the conflicting impulses that generate all literature. (Altman 1982: 212) Epistolare Erzählformen bilden nicht nur Briefkorrespondenzen ab, sondern, wie Altman festhält, spiegeln das Verhältnis jeder literarischen Kommunikationssituation. Literarische Vermittlung und die Sinnbildung beim Lesen können beobachtet werden; das Wissensgefälle zwischen den intratextuellen und den extratextuellen Leser: innen führt einerseits zu dramatischer Ironie und zeigt andererseits, wie hermeneutische Prozesse ablaufen (Löschnigg/ Schuh 2018b: 23 - 26). Daneben werden schriftliche Praktiken zu Elementen der Handlung, treiben diese an oder verzögern sie. Als genuin schriftliches Medium bietet sich die Epistolarität als Experimentierkasten für narrative Innovationen an, die sich in markierter Differenz zu oralen Erzähltraditionen konstituieren konnten. An ihrer statt beruft sich das epistolare Erzählen auf Praktiken, die im Zuge der strukturellen Verschriftlichung der Gesellschaft entstanden, und kann folglich Verbindungen zu neuen Wissens- und Kommunikationsformen schaffen (Kasper u. a. 2021a: 16). Zu dem Zeitpunkt, wo etwa der Handel nicht mehr nur in Präsenz und mündlich erfolgt, sondern vor allem über die räumlichen und zeitlichen Distanzen überspannenden brieflichen Beziehungen, kann epistolare Literatur auch diese Kommunikationsform imitieren. Die räumliche Distanz der Briefpartner: innen, das betonen Encyclopédie und Zedler, konstituiert die Korrespondenz. Insofern sie als schriftliche Kommunikation zerdehnt, d. h. in räumlicher und zeitlicher Abwesenheit der beiden Kommunikationspartner: innen mit Phasenverzug erfolgt, entfällt der mimisch-gestische Ausdruck der präsentischen Interaktion (Nickisch 1991: 11 - 12). Der Phasenverzug zwingt vielmehr dazu, die Haltung zum Adressaten zu artikulieren, anstatt dass sie durch Körpersprache oder Intonation angedeutet werden könnte. Infolgedessen muss die symbolische Distanz zwischen den Kommunikationspartner: innen in der epistolaren Literatur schriftlich reguliert werden, worauf sie als sekundäre Erzählung lesbar wird (Vellusig 2018: 64 - 66; Kasper u. a. 2021a: 9 - 12). Was die zeitliche Distanz betrifft, so kommt es beim epistolaren Erzählen zu nichtlinearen Beziehungen der Erzählebenen. Wer einen Brief liest, erfasst die verschriftete Mitteilung aus der Vergangenheit als Gegenwart; Lesende vergegenwärtigen die Schreibszene der Briefschreiber: innen. In der Folge gilt für sie zum einen als aktueller Zustand 18 1 Einleitung Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="19"?> und Information, was die Verfasser: innen in ihrer Mitteilung festhielten. Zum anderen malen sich jene die zukünftige Leseszene aus und binden sie bisweilen in den Text ein. „ Brev fra Lady G.? - Jo ganske rigtig! “ (FG: 74), imaginiert und verschriftlicht etwa Charlotte G. in Charlotte Badens Fortsetzung von Richardsons berühmten Briefroman Den fortsatte Grandison ( „ Der fortgesetzte Grandison “ , 1785) die Reaktion der Freundin Harriet auf den just angekommenen Brief. 17 Indessen verwirren sich auch auf der Seite der Schreibenden die zeitlichen Parameter, da sich Retrospektion und gegenwärtige Stimmung von homodiegetischer Erzählinstanz und handelnder Figur (erzählendes Ich und erzähltes Ich) überblenden. Oft spielt die emotionale und epistemologische Lage der Erzählinstanz auch in den erzählten Begebenheiten eine Rolle, sodass gewissermaßen eine doppelte, unbestimmbare Fokalisierung vorliegt. Es besteht somit eine Kontinuität von Erzählinstanz und Figur, die in Gérard Genettes narratologischen System nicht vorgesehen ist (Meixner 2019: 30 - 31, 106 - 107). Die narrativen Transgressionen des Briefromans brachten diesen bereits selbst im Diskurs der Erzählung (1994 [1972]) dazu, eigene Kategorien für das epistolare Erzählen zu finden. Dazu gehört neben der doppelten Fokalisierung die „ eingeschobene Narration “ des polylogischen Briefromans, bei der „ sich die Geschichte und die Narration [ … ] dergestalt verwickeln können, dass letztere auf erstere reagiert “ (Genette 2010: 140 - 141, zit. 140). Die zeitliche „ Dreidimensionalität des Briefromans “ (Voßkamp 1971: 99) besteht darin, dass in der Gegenwart der Schreibszene Vergangenheit und Zukunft verbunden werden, insofern als die Schreibenden im Bericht die vergangenen Ereignisse aktualisieren und in der Adressierung Zukunft entwerfen. Sneedorffs selbstreflexive Titeldiskussion geht von der Annahme aus, dass sich ein Text an den Bedürfnissen seiner Leser: innen zu orientieren habe. Dieses Merkmal kennzeichnet indessen auch die Briefkommunikation und damit das epistolare Erzählen, da Briefe im Gegensatz zum Tagebuch nicht primär Verhandlungen mit dem Selbst, sondern mit einem Anderen sind. Die Versiegelung, die in den enzyklopädischen Darstellungen stets zu Beginn der Definition steht, ist die materielle Praxis dieser adressatenspezifischen Kommunikationsform. Dabei nimmt die schreibende Person spezifische historisch und kulturell geprägte Rollen ein, die sie auf die adressierte Person abstimmt (Nickisch 1991: 10 - 11; Löschnigg/ Schuh 2018b: 17 - 23; Voßkamp 1971: 83 - 84). 18 Natürlich schreiben die meisten Briefverfasser: innen über sich selbst, doch darf dies nicht als naive, ungefilterte Selbstoffenbarung interpretiert werden; vielmehr - und das gilt auch für die Literatur des 18. Jahrhunderts! - verbindet das epistolare Erzählen „ both the subjective consciousness of the writer as well as the rhetoric used vis-à-vis a specific reader “ (Löschnigg/ Schuh 2018b: 20). Briefe sind insofern Sprechhandlungen, als dass sie bei den Leser: innen etwas bewirken möchten, und sei es nur deren empathische Anteilnahme am Geschilderten. Damit illustriert das epistolare Erzählen allerdings, dass Erzählen stets auch extranarrative Funktionen erfüllt: Anstatt ausschließlich eine Geschichte zu präsentieren, folgen die Briefe ideologischen, didaktischen, apologetischen oder gar manipulativen Intentio- 17 „ Brief von Lady G.? Ja ganz richtig! “ 18 Kasper u. a. (2021a: 5) zitieren Cornelia Bohn, die eine wesentliche Differenz zum Buchdruck feststellt: „ Während sich beim Buchdruck der Adressat selbst bestimmt, bestimmt der Brief seinen Adressaten selbst “ (Bohn 1997: 44). 1.2 Methodik 19 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="20"?> nen. 19 Wie die Geschichte organisiert wird, hängt wiederum vom epistemologischen Profil der Erzählinstanz, in diesem Fall den Briefschreiber: innen, ab. Analoges gilt für die Herausgeberfunktion, die selbst nicht als Erzählinstanz auftreten muss, jedoch das Material nach extranarrativen Funktionen arrangieren kann. Epistolares Erzählen macht es infolgedessen nötig, die Abhängigkeit der extranarrativen Funktionen von der narrativen Funktion infrage zu stellen. 20 Die zeitlichen, räumlichen und stimmlichen Irregularitäten, inklusive der mise-enabyme, des epistolaren Erzählens führen schließlich zum Kollaps der Erzählebenen im Sinne der strukturalistischen Narratologie: Schemata der narrativen Rahmung können zwar gezeichnet werden, müssen aber Transgressionen mitbedenken (vgl. etwa das Schema bei Löschnigg/ Schuh 2018b: 35). Denn abgesehen von der Inklusion der Adressierten in das Schreiben und deren Verschränkung mit dem Ich-Bezug, der Überblendung von Zeiten, Erzählinstanzen und Fokalisierungen benutzt das epistolare Erzählen eine dramatisch-narrative Mischform. Die Epistolarität dramatisiert das Erzählen, weil sich die Schreiber: innen scheinbar unvermittelt dialogisch äußern und handeln, während das Material gleichzeitig von einer Herausgeberfunktion mit narrativer Absicht organisiert ist. Daher wechselt die Perspektive während der Lektüre fortlaufend zwischen den Briefpartner: innen und der distanziert-evaluierenden Position der Herausgeberinstanz. Bereits die literaturtheoretischen Schriften Ende des 18. Jahrhunderts diagnostizierten dem epistolaren Erzählen deshalb die Position des ‚ Mitteldings ‘ zwischen narrativem und dramatischem Modus und erkennen damit eine weitere Hybridität. 21 Als intermediale Repräsentation von Briefen verweist epistolares Erzählen auf die Materialität und Medialität der schriftlichen Artefakte. Diese schlagen sich in der typografischen Gestaltung des Textes sowie in der Darstellung von Schreib- und Lesepraktiken nieder. Höfliche Techniken in Form von Adressierung und Unterschrift, deren Lehre Sneedorff im Einleitungsbrief dezidiert abweist, spielen eine ebenso wichtige Rolle wie die Dechiffrierung der Handschriften, um zum Herzen und zur Seele des Schreibenden vorzudringen. Insofern als das epistolare Erzählen diese Praktiken ausstellt und gleichzeitig selbst mediale Merkmale des Briefs repräsentiert, bildet es ein Bindeglied zwischen literarischen Praktiken und deren Reflexion. Dabei lenkt es die Aufmerksamkeit auf die soziale und mediale Kontextualität von Literatur, ihre „ textual condition “ , die nach McGann (1991: 13 - 14) die Existenz von Texten als materielle, historisch veränderliche Artefakte offenbart. Als solche kommunizieren die Typografie, das Buchformat, das Layout, Papier und Tinte - kurz: die physische Dimension von Texten - in bibliografischen Codes, welche die linguistischen Zeichen affirmativ oder kontrastiv ergänzen. Mit dem Einbezug der bibliografischen Aspekte löst sich das literaturwissenschaftliche 19 Die ideologische Funktion findet sich bereits bei Genette (2010: 166 - 169), während die restlichen aus der Tabelle bei Löschnigg/ Schuh (2018b: 33) stammen, die noch weitere (therapeutisch, anerkennend, emotiv, informativ, argumentativ sowie appellierend) aufführen. 20 Die narrative Funktion regiert bei Genette (2010: 166) die anderen Funktionen. 21 Diese widersprüchliche Kombination konstatiert auch Voßkamp (1971: 105): „ Zwei scheinbar widerstreitende künstlerische Intentionen sucht der Briefroman zu verbinden: ein individualisierendes, auf die psychologische Charakterschilderung zielendes, dramatisch-dialogisches Moment und ein überindividuelles, episch-teleologisches der Gesamtkomposition “ . 20 1 Einleitung Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="21"?> Verständnis von der Autorinstanz und wendet sich dem Netzwerk an Akteur: innen zu, das in die Produktion, Distribution und Rezeption von Literatur involviert ist (McGann 1991: 60). Der Brief als schriftliches Medium, das maßgeblich über seine Materialität kommuniziert, führt die Literatur auf ihre stets präsente, doch oft vergessene Medialität zurück. Die Schreib- und Lese-Szenen erbringen daher die doppelte Leistung, den Umgang mit Briefen und, in Analogie, mit der epistolaren Literatur zu veranschaulichen. Mit den Begriffen Schreib- und Lese-Szenen werden die bereits narrativ und medial potenzierten Inszenierungen von Praktiken bezeichnet, um sie von den jedes literarische Artefakt rahmenden historischen Schreib- und Leseszenen ohne Bindestrich zu differenzieren (vgl. dazu auch unten 3.2). Dabei kristallisieren sich einerseits die Unterschiede der Kommunikation in Brief und Buch heraus, etwa die ausgeprägtere Präsenz des (Schrift-) Körpers im Brief; andererseits werden transversale Schreib- und Lektürepraktiken deutlich, wie die Gewohnheit, Briefe vorzulesen und weiterzureichen, welche die Vorstellung eines strikt intimen Privatbriefs an eine: n Empfänger: in aushebelt. Sneedorffs Einleitung macht auf zwei andere 1759 bereits gefestigte Praktiken aufmerksam: die Lektüre im Freien bzw. auf der Lustfahrt und das gesellige Lesen an der Kaffeetafel. Damit wäre Breve eines der ersten selbstdeklarierten coffee table books. Diese Materialität, die räumliche Verortung in der Natur oder im Lesezimmer, kennen Schreib- und Lese-Szene gleichermaßen; beim epistolaren Schreiben ist sie sogar konventionell an den Anfang oder das Ende eines Schreibens gesetzt. Daneben prä- oder refiguriert die Darstellung des Lesens stets die Leseszene der empirischen Leser: innen und kommentiert diese mithin selbstreflexiv. Aus kognitionswissenschaftlicher Perspektive machen diese Inszenierungen des Lesens die nicht zu tilgende Präsenz des Körpers in der vermeintlich stillen, passiven Lektüre sichtbar. Der Ansatz der körperlich verfahrenden 4E Cognition schlüsselt demgegenüber die Lese-Szenen als Einladung der extratextuellen Leser: innen zum körperlichen, empathischen Nachvollzug auf (vgl. unten 3.4). Aus der Trias von Gattung, Medialität und Praxeologie ergibt sich ein Forschungsinteresse, das nach den rhetorischen Spannungsfeldern und Poetologien des epistolaren Erzählens fragt. 1.2.3 Der Brief als Bühne und Labor? Die Verfahren der Epistolarität - Rahmungsstruktur sowie die Bedeutung von Praktiken und Materialität - verleihen der epistolaren Literatur sowohl einen theatralen als auch einen experimentellen Gestus. Bühne und Labor sind dabei nicht nur passende Funktionsbezeichnungen, sondern auch kulturgeschichtlich im 18. Jahrhundert verankert. Ist es doch das Jahrhundert, in dem das Theater zur ästhetischen Leitgattung und zum Aufklärungsinstrument avanciert und sich die Naturwissenschaften in ihrer modernen Form rund um das Laboratorium institutionalisieren. Die Metapher der Szenografie ist für den theatralen Gestus der Erzählfunktion Brief besonders aufschlussreich, weil sie sowohl die Bühne und ihre theatralen Praktiken (skéné, σκηνή ) als auch die Schrift und den Griffel als schriftproduzierendes Instrument (graphé, γραφή ) einschließt. Szenografie, so erklärt ein Sammelband mit einem Zitat von Roland Barthes, verbindet das Performative mit Textualität: „ La métaphore de la scénographie est encore féconde; elle n ’ a pas été exploité complètement. Cela consisterait à donner un primat à celui qui met en scène par rapport à celui qui joue “ (Barthes 1994: 1485; Neumann 1.2 Methodik 21 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="22"?> 2000: 11). 22 Die Schrift birgt ihre Inszenierung bereits in sich, so die These; sie verweist auf die inszenierende Instanz und die Inszenierungsmechanismen (Neumann 2000: 11 - 12). Dabei zeigt sich, dass Texte ein mehrschichtiges ‚ Zeichentheater ‘ aufführen, in dem die Performativität der Bedeutungsproduktion von kulturellen Prozessen zum Ausdruck kommt (Neumann 2000: 13 - 14). Wenn nun epistolare Literatur laut Altman eine miseen-abyme von schriftlichen Kommunikationsprozessen darstellt, so kann die Erzählfunktion Brief als doppelte Bühne gelten, die den inszenatorischen Akt der Schrift erfahrbar macht. Mit ihr lassen sich Schrift- und Lesepraktiken, Autorschaft, Schriftlichkeit und die Grenze von Fiktionalität und Faktualität in Szene setzen. Es ist kein Zufall, dass Literaturtheorie und -geschichte häufig Theatermetaphern nutzen, um die Funktionsweise epistolarer Texte zu beschreiben. In ihnen treten die Inszenierung von Dialogizität (Wirth 2008: 168) ebenso hervor wie die latenten Motive der Figuren in einer dreidimensionalen Zentralperspektive (Luhmann 1995: 142 - 145). Darüber hinaus greift epistolare Literatur auf dramatische Techniken zurück, wenn sie linguistische und materielle Codes zur Darstellung verwendet, also verbale und nonverbale Inhalte repräsentiert. Die Schriftzeichen des gedruckten Textes erscheinen dann als Figuren dramatischer Darstellung. Wie Rahmungsverfahren und Inszenierung von Praktiken und Materialität zusammenspielen, um diese dramatische Seite der Erzählfunktion Brief zu entfalten, wird in den nächsten drei Kapiteln untersucht. Zugleich zeigen die Analysen in den Kapiteln 6 - 8, dass dramatische Verfahren die Erzählstruktur maßgeblich beeinflussen. Dort erweisen sich Autorschaft als Maskenspiel, diegetische und textuelle Räume als imaginative Bühnen und die Darstellung von Handlung als räumliche Vergegenwärtigung. Epistolare Literatur verbirgt ihren inszenatorischen Gestus also selbst dann nicht, wenn sie primär auf Erzählexperimente ausgerichtet ist. Zum Laboratorium wird das epistolare Erzählen insofern, als seine stilistischen, generischen, medialen und narratologischen Hybridisierungen ein Möglichkeitsfeld für narrative Experimente eröffnen. 23 Das Laboratorium beschreibt die Éncyclopédie (1765: 145) als „ lieu clos & couvert “ , der trotzdem groß genug sei, „ pour que [ … ] l ’ artiste puisse y man œ uvrer sans embarras “ . 24 Doch betrifft die Einrichtung nicht nur den inneren Raum, auch die topografische Platzierung des Laboratoriums unterliegt zahlreichen Voraussetzungen. Ein Labor benötigt gute Lichtverhältnisse, ausreichende Belüftung, Dachboden, Keller, fließendes Wasser sowie einen geschützten Hof oder Garten. Nur mit solchen Präparationen können die untersuchten Stoffe verschiedenen Bedingungen unterworfen und in unterschiedliche Kontexte versetzt werden, um sie dann genau zu beleuchten und aus verschiedenen Perspektiven zu untersuchen. Auf diese Weise kann der 22 „ Die Metapher der Szenografie ist noch immer produktiv; sie wurde noch nicht vollständig ausgeschöpft. Sie würde darin bestehen, demjenigen, der inszeniert, Vorrang vor demjenigen zu geben, der spielt. “ 23 Das Laboratorium wurde in den letzten fünfzehn Jahren auf vielfältige Weise mit der Aufklärung in Beziehung gesetzt; so trägt zum einen eine ganze Publikationsreihe den Titel „ Laboratorium Aufklärung “ (s. den gleichnamigen Auftaktsband Breidbach/ Rosa 2010), zum anderen finden sich in Forschungsbeiträgen zur Konstellation ‚ Literatur und Experiment ‘ auch Überlegungen zum Laboratorium (s. etwa Gamper/ Werner/ Zimmer 2009). 24 „ geschlossener und überdachter Ort “ , „ damit der Künstler ohne Verlegenheit manövrieren kann “ . 22 1 Einleitung Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="23"?> naturwissenschaftliche Künstler neues Wissen produzieren. 25 Mag Literatur auch nicht nach den Methoden der empirischen Wissenschaften arbeiten, so ist sie dennoch ein Ort der Wissenserzeugung und kann in ihrem Kompetenzrahmen innovativ operieren. Das zeigt sich insbesondere im 18. Jahrhundert, als sich die Ordnungen des Wissens und Handelns vom Paradigma der Providenz lösten, um sich stattdessen auf Kontingenz und komplexe Systeme auszurichten. Damit gewann die Fiktionalität an diskursivem Gewicht: Wenn ohnehin alles dem Zufall auferlegt ist, produziert die Einbildungskraft keine realitätsfernen Chimären, sondern mögliche Zukunftsentwürfe und alternative Welten. Dabei bedienen sich Naturwissenschaft und Literatur derselben Lizenz zur Fiktion und Poiesis bei ihren Versuchsanlagen: Hier erscheint der ‚ Versuch ‘ als epistemologische und poetologische Kategorie des modernen Wissens - eine Kategorie also, die unter gewissen Voraussetzungen Erkenntnisse hervorbringen kann, die dies aber auch immer unter bestimmten Bedingungen der Konstruktion und Darstellung tut. Ein Versuch muss deshalb stets unter Beteiligung der Einbildungskraft erfunden werden, er muss durch handwerkliche Kunstfertigkeit und mittels Instrumenten und Maschinen inszeniert werden, und er muss durch rhetorische, narrative und mediale Praktiken erläutert, repräsentiert und distribuiert werden [ … ]. (Gamper 2009: 13) Literatur eignet sich somit dazu, philosophische Reflexionen in ästhetische Erfahrungen zu materialisieren; Denk- und Erzählexperimente lassen sich mithilfe der Einbildungskraft konkret und prägnant ausarbeiten. Da literarische Texte diegetische Welten und Wahrnehmungsperspektiven schaffen, können Leser: innen die Produkte dieser Wissensarbeit körperlich nachvollziehen und in ihren Erfahrungsschatz aufnehmen. Im Unterschied zu naturwissenschaftlichen Experimenten sind literarische Versuchsanlagen allerdings nicht reproduzier-, falsifizier- oder validierbar. Sie sind einmalige Ereignisse ausgeprägter Ambiguität, sinnlicher Verdichtung und Originalität, die zum Durch- und Weiterdenken anregen (Nünning 2022: 319 - 321; Gamper 2009: 15 - 16). Dennoch beruhen beide Formen auf derselben Grundoperation: für relevant erachtete Phänomene werden ausgewählt, isoliert und in veränderte Kontexte gestellt, um das Thema untersuchen zu können (Nünning 2022: 321; Elgin 2007: 49). Unter diesen Grundvoraussetzungen vermögen literarische Texte Hypothesen zu testen und neues Wissen zu generieren; sie erschaffen Neues und sind zukunftsorientiert strukturiert (Nünning 2022: 321 - 322). Da die Erzählfunktion Brief Phänomene auf die narrative und mediale Bühne bringt, bietet sie einerseits einen begrenzten Rahmen, der von den Künstler: innen als Laboratorium genutzt werden kann. Andererseits ist die Epistolarität zukunftsorientiert und ermöglicht dank der Hybridisierungen, Kontexte zu manipulieren, Elemente zu isolieren oder Neubildungen zu synthetisieren. Wie Montaignes Essais ist sie auf heterogene Serialität angelegt, die keinen Anspruch auf absolute Wahrheit erhebt, sondern die 25 Der Begriff Laboratorium ist im 18. Jahrhundert zunächst für die Räumlichkeiten der Chemie vorgesehen, auch wenn es bereits zu metaphorischen Übertragungen (u. a. für militärische Produktionsstätten) kommt (Diderot 1765: 145). Die beiden historischen Wörterbücher der dänischen bzw. schwedischen Sprache verzeichnen die Verwendung für Experimentierlokale in anderen Disziplinen erst mit der Fixierung der wissenschaftlichen Institutionen im 19. Jahrhundert (SAOB 1939: L9; ODS 1931). 1.2 Methodik 23 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="24"?> Variationen des Möglichen erprobt. 26 Darüber hinaus ist Epistolarität wesentlich durch den Einbezug der Materialität und deren Praktiken strukturiert, sodass sie eine geeignete Ausgangslage für einen körperlichen und geistigen Nachvollzug von Gedankenexperimenten bildet. Sie fördert eine ästhetische Erfahrung, die der poetischen Evidenz der neuen Welten in Alexander Baumgartens Aesthetica (1750/ 1758) entspricht: Denn sie schlüsselt den Gegenstand zwar nicht wie die rationale Erkenntnis deutlich und klar auf, stellt ihn jedoch maximal anschaulich in Worten dar und oszilliert damit zwischen sinnlicher Empfindung und objektiver Logik. Baumgarten benennt diese Qualität der poetischen Evidenz als nitor, als schimmernde, unscharfe Erkenntnis (Baumgarten 2009: 565, 614 - 630; Mirbach 2009: LXIV; Berndt 2017: 326 - 337). Schließlich reflektiert die Epistolarität ihre Akteure und Instrumente stets mit und löst damit neben des Nachvollzugs der ästhetischen Erfahrung auch den Vergleich von den dargestellten, ggf. unterschiedlichen, Perspektiven sowie die Reflexion des Darstellungsverfahrens selbst aus. Damit verdoppelt sich ihre Funktion als Bühne: Epistolarität führt nicht nur Konstellationen vor, sondern inszeniert zugleich das Experimentieren mit dem Erzählen selbst. Die Erzählfunktion Brief ist daher Bühne und Laboratorium für genuin literarisches Erzählen - ein Erzählen, das verbale und non-verbale Zeichen einsetzt, außerhalb der Stil- und Gattungskonventionen operiert und selbstreflexiv verfährt. Hier können ergebnisoffen Hypothesen erprobt, epistemologische Fragestellungen untersucht und neues Wissen hervorgebracht werden. 1.3 Epistolare Literatur in Skandinavien während des 18. Jahrhunderts In den westlichen Literaturwissenschaften markierte das epistolare Erzählen lange den Anfang des modernen Romans und der Entdeckung der Subjektivität im Zuge der Empfindsamkeit. Die homodiegetischen Erzählinstanzen des Briefromans, so der Tenor, ermöglichten das ‚ realistische ‘ , psychologisierende Erzählen, das den bürgerlichen Roman des 19. Jahrhunderts kennzeichnen würde (u. a. Reinlein 2003). 27 Obgleich eine Korrelation mittlerweile hinterfragt wurde (etwa von Zetterberg-Nielsen 2022), existiert zumindest für den angelsächsischen Roman eine Simultanität von einsetzender Romanliteratur und erfolgreicher fiktionaler Epistolarität. Anders verhält es sich im skandinavischen Raum: Sogenannte „ Briefromane “ , d. h. fiktionale Prosatexte, die ihre Geschichte ausschließlich mittels Briefkorrespondenz erzählen, finden sich im 18. Jahrhundert nur wenige, dazu werden gemeinhin Erik Pontoppidans Menoza (1742), Charlotta Dorothea Biehls Brevvexling imellem fortrolige Venner ( „ Briefwechsel zwischen vertraulichen Freund: innen “ , 26 Gamper (2009: 19) vergleicht Montaignes essayistische Wissenserzeugung in den Essais (1580) und Francis Bacons Begründung einer Methodologie des Experiments in Instauratio Magna (1620) hinsichtlich ihres Verständnisses des Versuchs; so zeichnen sich beide durch die „ positive[ ] Bewertung der Erfahrung, der Absetzung von der traditionellen Wissenschaft, der Einsicht in die notwendige Prozessualität von Wissensproduktion und [die] Begründung von Wissen in ineinanderlaufenden Akten von Performativität und Repräsentativität “ aus. 27 Joe Bray (2003) erkennt zwar die narrative Komplexität der Bewusstseinsdarstellung im Briefroman, sieht diese dennoch als die primäre Funktion des epistolaren Erzählens an, die im 19. Jahrhundert in Techniken wie den free indirect discourse führte. 24 1 Einleitung Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="25"?> 1783) und Hans Bergeströms Indianiske Bref ( „ Indianische Briefe “ , 1770) gerechnet. Die skandinavische Literatur verlangt deshalb noch mehr als andere europäische Literaturen derselben Zeit einen transgenerischen Ansatz, der die Verhandlungen im Gattungssystem im Zuge des Romanhaftwerdens, d. h. die hybriden und dialogischen Textstrategien einberechnet (Rohrbach 2021: 14 - 15). Die Romanhaftwerdung geht auf Michail Bachtins Aufsatz „ Epic and Novel “ (1981) zurück, der damit einerseits den Roman als grundlegend dynamische und non-generische Gattung bezeichnet (Bakhtin 1981: 3: „ the novel is the sole genre that continues to develop, that is as yet uncompleted “ ), andererseits die Dynamik beschreibt, die einem Gattungssystem widerfährt, wenn es mit einer erstarkenden Romanliteratur in Kontakt kommt. Denn wenn der Roman andere Gattungen zitiert und sie mithin kritisch beleuchtet, lässt er diese ursprünglichen Formen nicht unbeschadet zurück. Vielmehr ließe sich feststellen, dass sich die ganze Literatur dynamisiert und in kritischer Selbstbefragung wiederfindet: They become more free and flexible, their language renews itself by incorporating extraliterary heteroglossia and the „ novelistic “ layers of literary language, they become dialogized, permeated with laughter, irony, humor, elements of self-parody and finally - this is the most important thing - the novel inserts into these other genres an indeterminacy, a certain semantic openendedness, a living contact with unfinished, still-evolving contemporary reality (the openended present). As we will see below, all these phenomena are explained by the transposition of other genres into this new and peculiar zone for structuring artistic models (a zone of contact with the present in all its openendedness), a zone that was first appropriated by the novel. (Bakhtin 1981: 7) Diese gegenseitige Affizierung von romanhaften Texten und anderen Gattungen zeigt sich auch in der epistolaren Literatur, die dank der begrifflichen Unterdetermination des Briefs einerseits verschiedene stilistische Elemente kombinieren und andererseits das Erzählen selbst zum Thema machen kann. Die Effekte der Romanhaftwerdung im 18. Jahrhundert zeigten sich in meinen Untersuchungen darin, dass die generischen Hybridisierungen der Texte erst aufgerollt werden mussten, um die spezifische Wirkungsweise der Erzählfunktion Brief nachzuvollziehen. Dabei wurde auch deutlich, dass diese romanhafte Selbstreflexivität auch gerade zur Dynamisierung und Reflexion von Medialität und Materialität führte. Es existieren grundsätzlich zwei Herangehensweisen, die Briefkultur des 18. Jahrhunderts zu untersuchen: Die eine untersucht das narrative Potenzial der eigentlichen Briefkorrespondenzen, die andere beschäftigt sich mit der uneigentlichen, von Beginn an für den Druck bestimmten epistolaren Literatur. Die erste Perspektive verfolgten im schwedischen Raum seit Stina Hanssons grundlegender Erarbeitung der inländischen Briefkultur zahlreiche Arbeiten, dasselbe gilt für das dänische Königreich. Die meisten dieser Studien legten dar, wie sich das weibliche Schreiben unabhängig vom männlich dominierten Literaturbetrieb entwickeln konnte (Hansson 1988, 2004; Liljewall 2007; Liebst u. a. 1988; Jensen 1983). Damit korrigiert das Interesse für das epistolare Schreiben auch das Verständnis, dass der Literaturbetrieb sich allein aus weißen, heterosexuellen cis Männern zusammensetze - eine Erkenntnis, die sich auch in der Auseinandersetzung mit der epistolaren Literatur ergibt. Die zweite Perspektive fragt nach den Poetologien der Epistolarität. In der anglophonen und deutschsprachigen Forschung existieren seit den 1970er-Jahren mehrere Studien, die 1.3 Epistolare Literatur in Skandinavien während des 18. Jahrhunderts 25 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="26"?> den Fokus von der empfindsam-subjektiven Selbstdarstellung im Brief zu einer formalistischen Deutung verschoben haben. 28 In erster Linie war dabei der Briefroman von Interesse, etwa bei Janet Altman (1982), Elizabeth Jane MacArthur (1990), Joe Bray (2003), Wilhelm Voßkamp (1971), Gideon Stiening/ Robert Vellusig (2012a). MacArthurs Extravagant Narratives. Closure and Dynamics in the Epistolary Form (1990) und Altmans Epistolarity. Approaches to a Form (1982) beschreiben, wie mit der Epistolarität das Erzählen dynamisiert und heterogene, ambige Texte geschaffen werden konnten, die nachdrücklich auf die Unabgeschlossenheit der Sinnproduktion und die Rolle der Leser: innen verweisen (MacArthur 1990: 33; Altman 1982: 206 - 207). An diesen dynamischen Textbegriff anschließend nähert sich Beebee in Epistolary Fiction in Europe 1500 - 1850 (1999) in erster Linie dem Briefroman von einer transgenerischen und transversalen Perspektive, um das poetologische Potenzial des Briefs als Medium ohne Gattungskonvention zu untersuchen. Sein umfangreicher Korpus bezeugt die Polymorphie des Briefs, der sich den veränderlichen historischen und kulturellen Bedingungen anpassen konnte, dabei aber als Figuration der menschlichen Kommunikation diese auch formte. 29 Beebee arbeitet außerdem die bibliografischen Codes der epistolaren Literatur in seine Überlegungen ein, was bei der restlichen Forschung oftmals unterschlagen wurde. Deutschsprachige Beiträge interessierten sich genauso für die formale Ebene des epistolaren Schreibens. So umriss Vellusig in „ Aufklärung und Briefkultur. Wie das Herz sprechen lernt, wenn es zu schreiben beginnt “ (2011) dessen komplexe, transversale, als „ medial zwar interaktionsfreie, konzeptionell, dem kommunikativen Duktus nach aber interaktionsnahe Ausdrucksform: linguistisch gesprochen Sprache der Nähe im Medium der Schrift “ (Vellusig 2011: 165 - 166, s. auch 2000). Infolgedessen ist bereits das Medium des eigentlichen Briefs von Hybridität geprägt. Schließlich beweist neben Stiening und Vellusigs Sammelband Poetik des Briefromans. Wissens- und mediengeschichtliche Studien (2012) die jüngst erschienene Tertiärliteratur das anhaltende Interesse und die allmählich erfolgende wissenschaftliche Fixierung der epistolaren Literatur (Matthews-Schlinzig/ Socha 2018a; Matthews-Schlinzig u. a. 2020b; Kasper u. a. 2021b). Dort und in der rezenten Sekundärliteratur zum Brief zeigt sich eine methodologische Verschiebung von narratologischen und romangeschichtlichen zu mediologischen, den Kontext und die Netzwerke einschließenden Ansätzen (Bohnenkamp/ Wiethölter 2008a; Wiethölter/ Bohnenkamp 2010; Gabler 2022). Im schwedischen Kontext sind vor allem Yvonne Lefflers Studie „ Jag har fått ett bref …“ . Den tidiga svenska brevromanen 1770 - 1870 (2007) über die ersten schwedischen Briefromane sowie Tilda Maria Forselius ’ Untersuchung der epistolaren Formen im journalistischen Erzählen und deren Einbettung im Literaturbetrieb des 18. Jahrhunderts hervorzuheben. Lefflers Frühgeschichte des schwedischen Briefromans arbeitet die Bedeutung des Briefromans für die Etablierung der schwedischen Romanliteratur heraus und erklärt mithin, weshalb dieser erst spät innerhalb des europäischen Kontextes auftrat. Denn die meisten schwedischen Briefromane erschienen lange nach der europäischen Briefromanwelle im 18. Jahrhundert erst zwischen 1816 und 1840. Mögliche Gründe dafür 28 Diese Richtung schlug sich aber auch in kürzeren skandinavistischen Studien nieder (Birklund Andersen 1999; Fischer 2006; Schröder 2016). 29 „ Fictional uses of the letter appropriated the status and power the letter had acquired from its established functions within other discursive practices “ (Beebee 1999: 3 - 4). 26 1 Einleitung Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="27"?> liegen in ästhetischen und moralischen Normen wie Lesepraktiken und sozialer Struktur: Zensur, das Primat von Lyrik und Dramatik sowie des französischen Klassizismus, eine intensive statt extensive Lesekultur und schließlich die kleine Mittelschicht hätten eine ähnliche Briefromanwelle wie in der englischen und deutschen Literatur im 18. Jahrhundert verhindert (Leffler 2007: 272 - 274). Die schwedischen Briefromane von 1770 bis 1870 hätten den Autor: innen stattdessen als „ tillfälligt formexperiment med ett bestämt estetiskt syfte “ gedient (Leffler 2007: 280), als Grundlage für Medien- und Erzählreflexion und intertextuelle, bisweilen parodistische Diskussion von Gattungskonventionen (Leffler 2007: 291 - 295). 30 Mit Blick auf ihr Korpus konstatiert sie darum Hybridität und metafiktionales Spiel mit dem Gattungssystem, doch gerade dies betont eine prekäre Leerstelle im theoretischen Fundament der ansonsten sorgfältigen Untersuchung eines von der Forschung weitestgehend vernachlässigten Materials umso stärker: Es wird nicht ersichtlich, mit welcher Definition des Briefromans die Autorin ihr Korpus zusammengestellt hat. So wird Catharina Ahlgrens Brefwäxling (1772) nicht eingeschlossen, obwohl ihre philosophischen Auseinandersetzungen in das Setting einer fiktiven Korrespondenz platziert sind und mithin „ bitvis som en brevroman “ erscheinen (Leffler 2007: 39). 31 Nichtsdestotrotz beschreiben ihre Forschungsergebnisse überzeugend, welche Rolle die epistolare Literatur für den schwedischen Literaturbetrieb im 18. und 19. Jahrhundert spielte. Ahlgrens Brefwäxling widmet Forselius in God dag, min läsare! Bland berättare, brevskrivare, boktryckare och andra bidragsgivare i tidig svensk veckopress 1730 - 1773 (2015) ein ganzes Kapitel, wo sie Ahlgrens Engführung von philosophischer Reflexion und empfindsamem, weiblichem Freundschaftsdienst sowie die Funktionalisierung der typografischen Gestaltung herausarbeitet (Forselius 2015: 187 - 210). Die fiktiven und realen Briefeinlagen der moralischen Wochenschriften sind Orte, an denen die Herausgeber: innen die Vorstellung schaffen können, in einem regen Austausch mit dem Literaturbetrieb und ihren Leser: innen zu stehen. Die Epistolarität bewirkt auch hier Dynamisierung: Die Wochenschriften inkorporieren und performieren Schriftkultur als kollektives, dynamisches Netzwerk (Forselius 2015: 214 - 217). Deshalb gilt es, die Aufmerksamkeit von einzelnen Autor: innen zu literarischen Netzwerken zu verschieben, was Forselius nicht nur mit ihrem mediologischen Ansatz, sondern auch mit der Kartierung des Stockholmer Literaturbetriebs von Kaffeehaus über Druckpresse bis zu den Lektürepraktiken leistet. Für das epistolare Erzählen in der dänischen Literatur spielte Charlotta Dorothea Biehl eine wichtige Rolle, die bereits von ihren Zeitgenoss: innen zu einer der produktivsten Autor: innen des Jahrhunderts gezählt wurde. Marianne Alenius ’ (1987) umfassende Monographie über das Gesamtwerk mit besonderem Fokus auf die epistolare Autobiographie Mit ubetydelige Levnets Løb ( „ Der Lauf meines unbedeutenden Lebens “ , 1787) prägt die Forschung bis heute. Die Funktionalisierung des Briefs stellt in Biehls Autorschaft ein Kontinuum dar, das handfestes Material für die transversale Position der Epistolarität quer zur Grenze von Faktualität und Fiktionalität liefert. Biehl setzt die epistolare Medialität und Hybridität bewusst ein, um innovative Erzählverfahren und die eigene Stimme zu finden. Daran schließt auch Anne-Marie Mais (2011) Aufsatz über Biehls 30 „ ein zufälliges Formexperiment mit einer bestimmten ästhetischen Absicht “ . 31 „ teilweise wie ein Briefroman “ . Die fiktionalisierte Wochenschrift erfreute sich solchen Erfolgs, dass Ahlgren im Folgejahr eine Fortsetzung veröffentlicht (Ahlgren 1773). 1.3 Epistolare Literatur in Skandinavien während des 18. Jahrhunderts 27 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="28"?> Historiske Breve ( „ Historische Briefe “ , 1783/ 1784) an, die sie im Zusammenhang des dramatischen Schaffens der Autorin als szenische Darstellungen der Geschichte liest. Da romanhafte Texte und epistolares Erzählen nicht nur häufig die Wege kreuzen, sondern auch Verfahren teilen, mit denen sie hybridisierend die Grenzen zur faktualen Literatur verwischen, sind für mein Vorhaben auch Untersuchungen des skandinavischen Romans von Interesse. Für die Beschäftigung mit dem Roman im 18. Jahrhundert sind zwei frühe Studien anhaltend relevant, Fredrik Bööks Romanens och prosaberättelsens historia i Sverige intill 1809 (1907) und Hakon Stangerups Romanen i Danmark i det attende aarhundrede (1936). Beide konstruieren zwar eine teleologische Geschichte mit dem Höhepunkt im realistisch erzählenden, bürgerlichen Roman und werten dementsprechend davon abweichende Erzählformen ab. Jedoch stellen ihre ausführlichen Durchsichten zweier umfangreicher Korpora bisweilen die einzigen Quellen für weniger bekannte Texte dar, weshalb sie häufig den Ausgangspunkt meiner Textauswahl bildeten. Für die schwedische und die dänische Literatur erschienen in jüngerer Zeit ebenfalls zwei Romanstudien, die sich dem Material mit den Erkenntnissen der modernen Literaturwissenschaft und mit Fokus auf die poetologische Dimension näherten. Gemäß Mats Malms Textens auktoritet. De första svenska romanernas villkor (2001) operieren die romanhaften Texte des 18. Jahrhunderts zu anderen ästhetischen und fiktionstheoretischen Bedingungen als die Literatur nach 1800, da Schwedens normative Poetik und Zensur der Geschichte und der Erzählung Grenzen setzte. Diese äußern sich in den Texten und Paratexten in Form von „ auktoriseringsprinciper “ , d. h. poetologischen Strategien, um das Erzählen normativ abzusichern. Neben pseudofaktualen Authentifizierungsstrategien, die den dargestellten Inhalt als Manuskript oder die Figuren als historische Personen ausgeben, zeige sich in den schwedischen Romanen, dass die Veranschaulichung der Tugend in beeindruckender Bildlichkeit missbilligt wurde: 32 Statt überwältigenden Bildern waren rührende und nachvollziehbare Fabeln gefragt, moralische Exzellenz sollte also im Verhalten der Figuren und mithilfe stringenter Handlungsentwicklung dargestellt werden. So konzentriert sich Jakob Henrik Mörks ‚ Barockroman ‘ Adalriks och Göthildas Äfwentyr ( „ Die Abenteuer von Adalrik und Göthilda “ , 1742 - 1744) auf die Darstellung der Figurencharaktere in deren Verhalten, meidet die Materialisierung der zahlreichen Schicksalsschläge, mit denen die Handlung gattungskonform vorangetrieben wird, und zielt stattdessen auf Abstraktion und geistliche Thematik ab (Malm 2001: 95 - 119, 233). Malm rehabilitiert zahlreiche der Texte, die aus dem realistischen Paradigma von Bööks Abhandlung fielen, gleichzeitig wird deutlich, dass diese keineswegs eine homogene schwedische Gattung „ Roman “ bilden. Das liegt nicht nur daran, dass sie unterschiedlichen ästhetischen Maximen folgen (etwa müssen Mörks stark religiöse Texte in Anlehnung an christliche Textsorten, u. a. Legenden, verstanden werden, während andere Texte eher in Verbindung zur französi- 32 „ Den grundläggande föreställningen synes således vara denna: framställningens mimesis, representationen, kan utnyttjas främst för att åskådliggöra odygd - som tilltalande eller frånstötande - men handlingens mimesis, efterbildningen, klargör, om den inte är vidlyftig, dygdens karaktär. Enligt denna tankefigur hör åskådliggörandet principiellt till det onda. “ (Malm 2001: 84; „ Die grundlegende Vorstellung scheint also folgende zu sein: Die Mimesis der Darstellung, die Repräsentation, kann in erster Linie dazu genutzt werden, Laster - als anziehend oder abstoßend - zu veranschaulichen, während die Mimesis der Handlung, die Nachahmung, sofern sie nicht übertrieben ist, den Charakter der Tugend verdeutlicht. Nach dieser Denkweise gehört die Veranschaulichung grundsätzlich zum Bösen “ .) 28 1 Einleitung Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="29"?> schen Romanliteratur stehen), sie bedienen sich auch wie in den anderen europäischen Literaturen häufig hybrider, intertextueller und polyphoner Techniken. So erklärt die weibliche Herausgeberin Flamminia in Anders Säfströms En Fri-Murares Lefwerndes Beskrifning, Utgifwen Af Et Fruntimmer ( „ Die Lebensbeschreibung eines Freimaurers, von einem Frauenzimmer herausgegeben “ , 1754), es handle sich um ein echtes autobiografisches „ Manuscript “ , das sie selbst in der Sammlung eines Freundes entdeckt habe und keine Beziehung zu einem ähnlichen, „ under andra namn nyligen utkommen på främmande Språk “ unterhalte (FMLB: A2v; Malm 2001: 158 - 162). 33 Gleichzeitig setzt sich Fri-Murare aus mehreren Episoden und entsprechend vielen verschiedenen stilistischen Formen zusammen. Auf der anderen Seite legt Simona Zetterberg-Nielsens Fiktionens fødsel. Fremkomsten af den danske roman (2022) dar, wie sich der Roman als erste genuin fiktionale Gattung etablierte, indem er zunächst auf Erzähltechniken und Gattungen der faktualen Literatur zurückgegriffen habe. 34 Auch Zetterberg-Nielsen (2022: 505 - 522) plädiert für die Innovationskraft der Epistolarität, dank der das Erzählen nicht nur Polyperspektivik explorieren konnte, sondern auch erste Formen unzuverlässigen Erzählens sowie selbstreflexive und metatextuelle Verfahren aufgetreten seien. So belügt die titelgebende Sophie im anonym erschienenen Roman Sophie Grevinde af S … s Levnetsbeskrivelse og Reiser i de nordiske Lænder ( „ Sophie, Gräfin von S … s Lebensbeschreibung und Reisen in den nordischen Ländern “ , 1783/ 1784) ihre Adressatin. Da sie in diesem Moment die fokalisierte Erzähl- 33 „ kürzlich unter anderem Namen in fremder Sprache erschienenen [Manuskripten] “ . Entgegen der Aussage der fiktiven Herausgeberin bezieht sich FMLB jedoch auf fremdsprachige Vorlagen, was der Text am Ende noch selbst einräumt (FMLB: 556 - 557). Die Haupterzählung, eine Lebensaufzeichnung, basiert auf Prévosts Mémoires d ’ un honnête homme ( „ Memoiren eines ehrlichen Mannes “ , 1745) und deren Fortsetzung Memoires d ’ un honnête-homme, revûs, corrigés, augmentés d ’ un second volume, et imprimés sur un nouveau manuscrit de l ’ auteur, publié par mr. de M*** ( „ Memoiren eines ehrlichen Mannes, überarbeitet, korrigiert, um einen zweiten Band erweitert und nach einem neuen Manuskript des Autors gedruckt, herausgegeben von Herrn de M***. “ , 1753) von Eléazar Mauvillon, verändert und ergänzt diese Vorlagen allerdings mit allerlei weiteren Episoden (Malm 2001: 158; Böök 1907: 206 - 210; Eichhorn 1869: 104). Diese eklektische Erzählweise bot sich gerade deswegen an, weil der Text seriell im Wochentakt erschien, sodass die Ausgaben unterschiedlich stilistisch gestaltet werden konnten. Wie der Titel vermuten lässt, hält sich die Handlung mitunter bei einer Freimaurerloge auf, in deren geheime Rituale somit Einblick gewährt wird (s. dazu auch Böök 1907: 206 - 207); darüber hinaus wird in die autobiografische Erzählung eine Vielzahl kleinerer Liebes- und Familienintrigen, Idyllen, aber auch gegen Ende Gedichte eingewoben und Fußnoten ergänzt. 34 „ 1700-talsromanen etableres som fiktionsgenre gennem forordene til romanerne, hvor forfatterne forsøgte at forklare, hvad det vil sige, at deres værker er fiktive; gennem afviklingen af den pseudofaktuelle retorik; i forskellen på romanen og romancen og folkebogen, hvor de sidstnævnte ikke definerer sig som opfundne genrer; i etableringen af romanen op imod faktuelle diskurser som rejserapporter, opdragelsesmanualer og historieskrivning og i udviklingen af fortælleteknikker, der langsomt åbnede for et udvidet repertoire af fiktionalitetsteknikker “ (Zetterberg-Nielsen 2022: 585; „ Der Roman des 18. Jahrhunderts etablierte sich als fiktionales Genre in den Romanvorworten, in denen die Autoren zu erklären versuchten, was es bedeutet, dass ihre Werke fiktiv sind; [sowie] durch die Abkehr von der pseudofaktualen Rhetorik; durch die Differenzierung des Romans von der Romance sowie Volksbuch, wobei sich Letztere nicht als erfundene Gattungen definieren; durch die Etablierung des Romans gegenüber faktualen Diskursen wie Reiseberichten, Erziehungshandbüchern und Geschichtsschreibung und durch die Entwicklung von Erzähltechniken, die langsam ein erweitertes Repertoire an Fiktionalitätstechniken eröffneten “ ). Auch wenn ich auf ihre Arbeit erst zum Abschluss meines Doktorats zugreifen konnte, begleiteten mich die Aufsätze, Vorträge und gemeinsamen Gespräche schon zuvor. 1.3 Epistolare Literatur in Skandinavien während des 18. Jahrhunderts 29 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="30"?> instanz ist, werden auch die Leser: innen zunächst in die Irre geführt. Sophies Unzuverlässigkeit äußert sich als underreporting, weil sie Elemente aus ihrem Leben ausspart, um nicht die Achtung ihrer Adressatin zu verlieren (Zetterberg-Nielsen 2022: 517). Damit zeigt der Text die Macht der epistolaren Erzählinstanz, die das Geschilderte nach eigenen, extranarrativen Funktionen entwerfen kann: „ Brevformen er således et manipulativt middel, der præger læserens opfattelse af historien og karakterfortælleren, som udlægger historien efter forgodtbefindende. Det tillader hende at underrapportere om hvilken status, den historie, der bliver fortalt, har “ (Zetterberg-Nielsen 2022: 519). 35 Andererseits setzt Biehl in der Erzählung „ General Dorsan og Grevinden Orville. En Fortælling i Breve “ (1781) die epistolare Polyphonie und Polyperspektivik ein, um verschiedene Figuren einander gegenüber zu stellen; wie in der Dramatik wird eine Figur erst durch den Brief einer anderen Figur fremdcharakterisiert, bevor sie in ihrem eigenen Schreiben selbst auftritt (Zetterberg-Nielsen 2022: 512). Dadurch kann sie die Leser: innen dazu auffordern, die Aussagen der einzelnen Figuren miteinander zu vergleichen und kritisch zu bewerten. In diesem Zusammenhang finden auch Erzählverfahren Beachtung, die das gesamte mediale Spektrum des Buchs ausnutzen, d. h. typografische und paratextuelle Instrumente einsetzen, wie etwa Auflistungen (Zetterberg-Nielsen 2022: 495 - 499), unterschiedliche Repräsentationsformen von Gedanken und Rede (Zetterberg-Nielsen 2022: 489 - 495) und die Affizierung des Paratextes durch die Fiktion (z. B. in Thielos Den grønne April [ „ Der grüne April “ , 1760]: Zetterberg-Nielsen 2022: 539 - 548). Zetterberg-Nielsens Studie verdeutlicht die Fluidität und Instabilität des dänischen Gattungssystems, das sich allmählich im Austausch mit dem romanhaften Erzählen im 18. Jahrhundert fixierte. Wie die Forschung der epistolaren Literatur herausfand, stellt auch die dynamische Epistolarität ein wesentliches Instrument dieser hybridisierenden Operationen dar. Deshalb scheint es angebracht, die zeitgenössische begriffliche Unterdeterminierung vom Brief zur Grundlage der Untersuchung zu erklären und wie Beebee transgenerisch zu verfahren. Die dynamischen Gattungssysteme legen es nahe, die Verwendung des Briefs in der skandinavischen Literatur nicht nur in einer Gattung (Briefroman bzw. Wochenschrift), sondern in ihren unterschiedlichen Prä- und Refigurationen zu beleuchten. 1.4 Korpus und Disposition Indem ich auf gedruckte, uneigentliche Briefe fokussiere, wird die Epistolarität als selbstreflexive und potenziell metaleptische Erzählfunktion herausgearbeitet, die Phänomene auf die Bühne bringt und mit dem Erzählen experimentiert. Da sich die Grenzen zwischen fiktionalem und faktualem Erzählen oftmals nicht deutlich bestimmen lassen, zieht auch mein Korpus keine strikten Grenzen. Gewisse Annahmen mussten dennoch getroffen werden: Das große Korpus epistolarer Literatur des 18. Jahrhunderts soll nicht in seiner Gesamtheit, sondern anhand von vertieften Lektüren einzelner, poetologisch interessanter Texte erfasst werden. Während im ersten Teil mehrere Texte zur Erarbei- 35 „ Die Briefform ist somit ein manipulatives Mittel, um die Wahrnehmung des Lesers von der Geschichte und der Erzählfigur zu beeinflussen, die die Geschichte nach eigenem Ermessen interpretiert. Dies ermöglicht es ihr, den Status der erzählten Geschichte zu untertreiben “ . 30 1 Einleitung Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="31"?> tung der theoretischen Aspekte und eines Verständnisses für den historischen Umgang mit dem Brief beitragen, werden im zweiten Teil drei Texte umfassend analysiert. Das eine Ende des ausgewerteten Zeitraums bildet Ludvig Holbergs epistolare Autobiografie (1728), die dem essayistischen Schreiben im Briefformat in Skandinavien enormen Auftrieb verlieh und noch vor den epochemachenden Briefromanen des Engländers Samuel Richardson erschien. Das andere wurde bei Charlotta Dorothea Biehls historiografischen Briefen (1784/ 1785) gesetzt. Diese blickten in den 1780er-Jahren auf ein Jahrhundert voller epistolarer Literatur zurück und projizierten diese selbstreflexiven und hybridisierenden Effekte der Erzählfunktion Brief auf das handschriftliche Schreiben. Zwischen diesen beiden Eckpunkten kam das epistolare Erzählen in Dänemark und Schweden in vielfältiger Form und zu unterschiedlichen Funktionen zum Einsatz. Neben den Übersetzungen einschlägiger ausländischer Texte (u. a. von Samuel Richardsons Pamela und zahlreichen Reiseberichten) finden sich eingebettete Briefe in umfassenderen romanhaften Erzählungen (Niels Prahl: Lars Larsen, eller Aagerups selsomme Hændelser og forunderlige Tildragelser [ „ Lars Larsen oder Aagerups seltsame Ereignisse und wundersame Begebenheiten “ , 1758 - 1777], Gustaf Rålamb: En Swensk Adelsmans Äfwentyr, I Utrikes Orter [ „ Die Abenteuer eines schwedischen Adligen an ausländischen Orten “ , 1759/ 1780], Anders Säfström: En Fri-Murares Lefwernes Beskrifning [1754], Carl August Thielo: Den grønne April, ders.: Enveloppens eller Saloppen forunderlige Hændelser [ „ Die seltsamen Ereignisse der Enveloppe oder Saloppe “ , 1763]) oder als Beglaubigung einer Aussage im Reisebericht (Hans Egede: Omstændelig og udførlig Relation angaaende den Grønlandske Missions Begyndelse og Fortsættelse [ „ Umfassender und ausführlicher Bericht über den Beginn und die Fortsetzung der Mission in Grönland “ , 1738]). Oft diente das Briefformat gesamthaft als Rahmen für essayistische Schriften (Sneedorff: Breve [1759], Ludvig Holberg: Epistler [ „ Episteln “ , 1748]), Reiseberichte (Uno von Troil: Bref rörande en resa til Island [ „ Briefe über eine Reise nach Island “ , 1777]) oder aber in der Manier des Briefromans zur Darstellung einer fiktiven Welt (Charlotte Baden: Den fortsatte Grandison [1785], Hans Bergeström: Indianiske Bref [1770], Charlotta Dorothea Biehl: „ General Dorsan “ [1781]). Die Epistolarität scheint sich außerdem dafür anzubieten, einen Text anonym zu publizieren; zahlreiche der erfassten Texte konnten erst später ihren Autor: innen zugeschrieben werden (epistolares Gesamtformat: Sneedorff, Bergeström, Baden; epistolare Einbettungen: Rålamb, Thielo). Interessante Sonderfälle bilden dabei Badens Fortsetzung von Richardsons Briefroman Grandison und Thielos Werk. Den fortsatte Grandison erschien zunächst anonym in einer sogenannten ‚ Frauenzimmerbibliothek ‘ und wurde erst sieben Jahre später unter dem Namen der Autorin zusammen mit weiteren Texten aus ihrer Feder nochmals aufgelegt (Baden 1785a, 1785b, 1792; s. dazu auch Huber 2024a). Während die Zuschreibungen in den anderen Fällen von Bibliothekar: innen, Herausgeber: innen und Literaturwissenschaftler: innen vorgenommen wurden, handelt es sich hier folglich um eine Wiederaneignung eines zunächst in das Gemeingut gegebenen Textes. Thielo (1763: 380 - 381) reklamierte seine Texte auf ähnliche Weise wieder für sich, indem er sein zweitletztes Buch mit einer unterzeichneten Werkschau beendete. Die Auswahl der Texte ist begründungsbedürftig, zumal sich zu faktualen auch explizit fiktionale Texte gesellen, die mal konventioneller, mal weniger konventionell erzählen: Tatsächlich bewegen sich alle Texte meines Korpus auf einem Spektrum des fiktionalen 1.4 Korpus und Disposition 31 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="32"?> und faktualen Erzählens und setzen etablierte Strategien beider Pragmatiken ein. Der Transfer von Erzählstrategien aus der faktualen in die fiktionale Literatur wurde bisher vor allem am romanhaften Erzählen dargestellt. 36 Die erfolgreichsten Romanformen des 18. Jahrhunderts fingieren faktuale Textsorten wie Autobiografie, epistolare Korrespondenz und Geschichtsschreibung. Wie der Parasitismus den Wirt selten unbeschadet zurücklässt, kommt es auch in der Beziehung Roman - faktuale Literatur zu wechselseitigen Dynamiken, was sich häufig in den Paratexten niederschlägt (Huber/ Knöpfle 2025). Gerade in der Geschichtsschreibung zeigt sich, wie Verfahren der Dramatisierung zur Darstellung der Vergangenheit als Erlebnis adoptiert wurden (s. u., Kap. 8). 37 Wie Zetterberg-Nielsen (2022: 576 - 577) darlegt, existierte vor 1700 noch keine deutliche ontologische Differenzierung zwischen Fakt und Fiktion. Während des 18. Jahrhunderts kam es jedoch infolge des naturwissenschaftlichen Fortschritts und dessen erstmaligen Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion zu einer ‚ regelrechten Fiktionsrevolution ‘ (2022: 577), die den Roman als erste von Beginn an fiktionale Gattung hervorbrachte. Dass es sich dabei um eine literarische Innovation handelte, spiegelt sich in Dänemark in enzyklopädischen und paratextuellen Reflexionen und Definitionen des Fiktionalen wider (Zetterberg-Nielsen 2022: 110 - 178, 575 - 577, 2018, 2015). In einer solchen Rekalibrierung des Gattungssystems, in dem Grenzen herausgefordert und neu gesetzt und einzelne Gattungen entweder der Faktualität oder der Fiktionalität zugeordnet wurden, kann es leicht zum Transfer von narrativen Verfahren kommen. 38 Das Spektrum der Texte meines Korpus reicht von prominenter Fiktionalität zu streng quellentreuer Faktualität. An dem einen Ende lässt sich Thielos höchst unkonventioneller Kleinstroman Enveloppen verorten, der sich bereits auf dem Titelblatt ‚ Roman ‘ nennt und im exordialen Paratext Erzählebenen einreißt (s. u., Kap. 2). Das andere Ende markiert Egedes Omstændelig og udførlig Relation, die ihren Dokumentarismus durch Repräsentationen von Egedes Korrespondenz mit den Kirchenoberhäuptern demonstriert. Hier verlangen nicht nur der Anspruch, einen authentischen Bericht über eine Reise abzulegen, sondern vor allem der kirchliche Kontext der dargestellten Grönlandmission und die Stellung des Autors nach Faktualität. Im ersten Teil sollen die Verschränkungen von Rahmungsfunktion, Schreib- und Lesepraktiken und Materialität aus der Forschungsliteratur herausgearbeitet und in Dialog mit mehreren epistolaren Texten des 18. Jahrhunderts gebracht werden. Dazu wird zunächst im zweiten Kapitel die Rahmungsfunktion der epistolaren Literatur präsentiert, die mit Jacques Derridas Parergonalität als paradoxes Verfahren verstanden werden kann. Erst infolge der Rahmung kann die Funktionalität des Kunstwerks beobachtet werden, doch gleichzeitig beeinflusst die Rahmung das Gerahmte, sie „ wirkt, von 36 Velle (2018) setzt etwa Holbergs Iter subterraneum (1745) mit dem naturwissenschaftlichen Schreiben in Bezug, während Zetterberg-Nielsen (2022) auch den Einfluss von Reiseliteratur und Geschichtsschreibung kartiert. 37 „ Als ein geeignetes Modell für die Integration von erzählendem Nachvollziehen, Theorie der Geschichte, Komposition der Ereignis- und Handlungsabläufe, von expliziten Bewertungen und Anschaulichkeit erschien vielen Autoren der soeben salonfähig gewordene Roman “ (Harth 1996: 860). 38 Ähnliches konstatiert Leffler (2007: 15) bezüglich der schwedischen „ Briefromane “ um 1800: Anstelle deutlicher Differenzierung ‚ väcker flera av texterna frågor om begreppen genre och roman, förhållandet mellan fiktion och verklighet “ ( „ stellen mehrere Texte die Begriffe Gattung und Roman, aber auch das Verhältnis zwischen Fiktion und Wirklichkeit infrage “ ). 32 1 Einleitung Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="33"?> einem bestimmten Außen im Innern des Verfahrens mit “ (Derrida 1992: 74). Das epistolare Schreiben ästhetisiert damit die Brieflektüre, die maßgeblich von der Lust am Aufbrechen des Umschlags geleitet wird. Die Rahmungen, die das epistolare Erzählen mitbringt, fungieren als Bühnen und Labors, wo Schreib- und Lesepraktiken sowie medienspezifische Aspekte des Briefs und des Buches inszeniert, untersucht und herausgefordert werden können. Deshalb zeichnet das dritte Kapitel nach, wie Schreib- und Leseszenen und die gestische Dimension des Lesens in der epistolaren Literatur vorkommen. Im vierten Kapitel dienen zwei Perspektiven auf den Kontakt von Körper, Schrift und Seele als Grundlage, um die Bedeutung der Materialität für das Medium Brief und in seiner Verlängerung für das epistolare Erzählen im Druck zu konturieren. Während Lavaters Physiognomik aus der Verschriftung der Körperkonturen eines Menschen und dem körperlichen Abdruck der Handschrift die Seele beobachten möchte, zielt die zeitgenössische Epistolografie auf eine Kultur des höflichen medialen Auftritts, indem sie die korrekte Handhabung von Schreibgerät und -unterlage lehrt. In beiden Fällen liefert die Materialität der Schrift einen zusätzlichen, natürlichen Code, der die Informationen der künstlichen Zeichen der Sprache stören kann. Nachdem die ersten drei Kapitel den Umgang mit der Epistolarität skizziert haben, beschäftigt sich der zweite Teil mit dem poetologischen Potenzial des epistolaren Erzählens. Welche Effekte bergen die medialen, narrativen und generischen Transgressionen der Epistolarität für die Literatur des 18. Jahrhunderts? Die Textauswahl folgt der Dreiteilung des narratologischen Systems in Stimme, Modus und Zeit, die seit Genettes Discours du récit (1972) häufig vorgenommen wird. 39 Das epistolare Erzählen verlangt, alle drei Kategorien neu zu denken, da seine selbstreflexive und metaleptische Struktur ein strukturalistisches Verständnis von Erzählungen kollabieren lässt. Der Brief ist nicht nur gleichzeitig Ereignis und Mitteilung, sondern er lässt auch Zeiten, Erzählebenen und Fokalisierungen zerfließen, materielle Sinnlichkeit und immateriellen Sinn sowie dramatische Präsentation und narrative Vermittlung gleichermaßen darstellen. Unter den erfolgreichsten literarischen Gattungen, die sich im 18. Jahrhundert neu konstituierten bzw. maßgeblich veränderten und mit Vorliebe das epistolare Erzählen einsetzten, geraten insbesondere die Autobiografie, der Reisebericht und die Historiografie an die jeweiligen Grenzen der drei Erzählkategorien. Die epistolare Autobiografie stellt die Frage nach dem Ort der Erzählinstanz und der Möglichkeit einer klaren Trennung von Erzählebenen (Stimme); in fiktionalen Reisebriefen werden Begegnungen mit Fremdperspektiven und die Grenzen dramatischer Darstellung vorgeführt (Modus); schließlich muss sich das historiografische Erzählen mit dem Problem der Vergegenwärtigung und der Regulierung der Temporalität auseinandersetzen (Zeit). Dabei zeigt sich, dass die Erzählfunktion Brief als Labor für unkonventionelle Erzählformen dient und dies gleichzeitig zur Aufführung bringt. In der anonym erschienenen, auf Latein verfassten Ad virum perillustrem *** epistola ( „ Brief an einen wohlgeborenen Herrn “ , 1728) präsentiert sich Ludvig Holberg dem europäischen Publikum selbstbewusst als literarisch versierter Autor, der sich virtuos zwischen satirischer Erzählung und moralischer Reflexion bewegen kann. Indem die 39 Dieser Trigonometrie des Erzählens folgt auch das Standardwerk der deutschsprachigen Narratologie (Martínez/ Scheffel 2020), eine andere Aufteilung wählte Wolf Schmid (2014). Die Struktur meiner Untersuchung wurde dabei von Sebastian Meixners (2019) Systematik inspiriert. 1.4 Korpus und Disposition 33 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="34"?> Lebensgeschichte als Freundschaftsdienst für einen ebenso namenlos bleibenden hochwohlgeborenen Herrn fingiert wird, der diese ohne Erlaubnis des Autors veröffentlicht hat, wird der Brief von einer Herausgeberfiktion gerahmt und ein intratextueller Adressat installiert. Diese Verdopplung der Adressaten - zwischen extratextuellen Leser: innen und Autor steht die epistolare Kommunikationssituation - wird durch die Vervielfältigung der Autorpersona und eine hybridisierende Zitierstrategie begleitet, mit der zusätzlich die wichtigsten Autoren der klassischen Literaturgeschichte vom Text inkorporiert werden. Damit bringt Holberg Praktiken des Literaturbetriebs und die intertextuelle Verfasstheit von Büchern auf die Bühne, während es ihm dank der innovativen Erzählweise gleichzeitig gelingt, die eigene Autorpersona zu einem Stück Literatur werden zu lassen. In Hans Bergeströms Indianiske Bref (1770) dient die Erzählfunktion Brief zur Ausstellung von idealen sozialen und politischen Praktiken. In diesen Briefen schildert ein schwedischer Reisender seine Erlebnisse und Erfahrungen auf zwei Südseeinseln, auf die er sich - das Handlungsmuster der Robinsonaden andeutend - nach Schiffbrüchen retten konnte. Zum Briefeschreiben kommt er allerdings erst auf der zweiten Insel, einer Kopie von Morus ’ Utopia, da die erste weder die Abreise der Neuankömmlinge noch Kontakt mit der Außenwelt erlaubte. Seine Briefe berichten deshalb abwechselnd vom dystopischen Philippinien und vom utopischen Petræa, was der Erzählung ermöglicht, analog zwischen satirisch-grotesker Erzählung und staatsphilosophischer Beschreibung zu wechseln. Während die philippinische Unmoral in kurzweiligen, ereignisreichen Anekdoten dargestellt wird, kommt für Petræas Vorbildlichkeit ein dokumentarischer Ansatz mit eingebetteten Schriftstücken zum Einsatz. Gerahmt wird die Doppelperspektive von empfindsamer Briefrhetorik, die Herzensschriften und Freundschaftsdienst zu einer neuen Form der utopischen Erzählung und Miteinanders erklärt. Das historiografische Schreiben verlangt schließlich ein Zeitmanagement, das nicht nur den Bezug zur Vergangenheit reflektiert, sondern sich auch seiner Rolle für die Zukunft bewusst ist. Charlotta Dorothea Biehls Historiske Breve über die jüngere Geschichte des dänischen Königshofs schaffen es, beide Referenzpunkte miteinander zu verbinden, indem sie Biehls Erzählposition in Schreib-Szenen konturieren. Auf diese Weise kann gleichermaßen die Schreibszene wie die erzählte Geschichte vergegenwärtigt werden. Die Vergangenheit inszeniert Biehl im Rückgriff auf Strategien des fiktionalen Erzählens als ganzheitliches, körperliches Erlebnis, in das die extratextuellen Leser: innen eintauchen und vermittels dessen sie die Konsequenzen der Ereignisse selbst nachvollziehen können. Die Briefe inszenieren daher die Ereignisse hinter den Kulissen der offiziellen dänischen Geschichte und der historiografischen Arbeit. Doch sie weisen auch in die Zukunft: Da Briefe nicht nur ihre zukünftige Leseszene imaginieren, sondern vielmehr auch häufig eine bestimmte Zukunftsvision erwirken möchten, wird Biehls vergegenwärtigende Historiografie zu einem politischen Text, der mit der mitreißenden Darstellung der Struensee-Affäre die Wiederholung eines solch einschneidenden Ereignisses zu verhindern sucht. 34 1 Einleitung Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="35"?> I Epistolare Praktiken: Der Brief als Bühne <?page no="37"?> 2 Epistolare Rahmungen 2.1 Den Rahmen setzen Briefe werden in Umschlägen verschickt - Briefumschläge schaffen wiederum Erwartungen an den verborgenen Inhalt. Wenn die Absender: innen nicht ihre Adresse notiert haben und so unmissverständlich auf sich verweisen, liefern die Handschrift, andere epistolare Eigenheiten der Schreiber: innen wie Aufkleber, Küsse, Zeichnungen oder der Poststempel Hinweise auf die Herkunft. Doch dies sind lediglich Anhaltspunkte, von denen die Lektüre geleitet und geformt wird. Die Verhüllung des Umschlags verwandelt den Brief in ein Schriftstück, das eine geheimnisvolle Aura umgibt. Um zum wahren Gehalt der Mitteilung vorzudringen, muss erst ein wichtiges Ritual der epistolaren Kommunikation vollzogen werden: Das Siegel muss gebrochen, der rahmende Umschlag muss geöffnet werden. Epistolare Rahmungen gilt es aufzubrechen, das ist Konsens und Praxis. Die Lust am Aufbrechen des (fremden) Briefs und der voyeuristische Einblick in Mitteilungen, die für andere Adressat: innen gedacht sind, machen einen wesentlichen Teil der Faszination am epistolaren Erzählen aus. Indem Kommunikation repräsentiert wird, erhalten die extratextuellen Leser: innen Zutritt in Räume und Beziehungen, die sie in ihrem Alltag vielleicht noch nicht erleben konnten (dazu auch Löschnigg/ Schuh 2018b: 25). Eine konsequente narrative Fortführung solchen Rahmenbruchs setzt C. A. Thielos Den grønne April (1760) ein; hier werden nicht nur Umschläge, sondern auch die Fokalisierung aufgebrochen (s. u., Kap. 3.1). Doch überdauert die Lust am Aufbrechen das Jahrhundert des Briefs: In den 1990er-Jahren setzten sie auch die erfolgreichen multimedialen Kinderromane des Hasen Felix ein (Langen/ Droop 1994). In diesen Kinderbüchern versteckte sich in jedem Kapitel ein eingeklebter, frankierter Briefumschlag aus Pappe, in dem ein mit Zeichnungen verzierter, sorgfältiger geschriebener Brief aus den eigenen Händen des fortgelaufenen Plüschhasen Felix aufbewahrt war. Die Geschichte wurde auf diese Weise polyperspektivisch, aus der Sicht des Hasen sowie von einer heterodiegetischen Erzählinstanz mit Einblick in die Gefühlswelt von Felix ’ junger Besitzerin Sophie, geschildert. Wahres Vergnügen brachte jedoch die multimediale Anlage der Bücher, denn neben den haptischen Briefen mit eigener typografischer Gestaltung waren den Geschichten passende Materialien beigelegt: Jongliertücher aus Felix ’ Zirkusleben, Aufkleber von der Weltreise, eine Weihnachtsmütze in den Weihnachtsbriefen (Langen/ Droop 1999, 1994, 1997). Felix ’ Briefbücher laden zu einem anderen Akt des Lesens ein, da sie das non-verbale, visuelle und haptische Erlebnis der epistolaren Kommunikation reproduzieren. Die Briefe in der skandinavischen Prosaliteratur des 18. Jahrhunderts kannten zwar die multimediale Aufbereitung ihrer Materialität noch nicht, allerdings besitzen auch sie Rahmungen, die mit Vorliebe aufgebrochen werden. Rahmungsfunktion übernehmen paratextuelle Elemente, vor allem Kommentare von (fiktiven) Herausgeberinstanzen in Vorworten oder Fußnoten, aber auch die typografische Gestaltung der Buchseite, etwa in Form von Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="38"?> Vignetten oder durch variierende Breite des Satzes (zur Funktionalität der Herausgeberfiktion Wirth 2008, 2004). Auf der Ebene der Geschichte rahmen Schreib- und Lese-Szenen eingebettete Briefe, sodass hier von diegetischer Rahmung gesprochen werden kann. Andererseits bieten sich Briefe auch selbst als Rahmen für Mitteilungen, Ausschnitte aus dem Alltag, thematische Einheiten, Metaerzählungen und verstreute Gedanken an. 1 Ihre Eingebundenheit in die alltägliche Kommunikation und gleichzeitige generische Offenheit verleiht ihnen die Erlaubnis zur rhetorischen Freiheit und zur Unabgeschlossenheit sowie thematischen Kürze. Briefe sollen keine enzyklopädischen Abhandlungen werden, sondern Skizzen bleiben. Damit bilden Briefe strukturell, thematisch und medial abgegrenzte Guckkastenbühnen. Abb. 2 Der Musenbrief in Carl August Thielos Enveloppen eller Saloppens forunderlige Hændelser (1760), S. 4 - 5. Dass Rahmung stets den Bruch mit dem Rahmen impliziert, ist das Kernthema von Carl August Thielos Enveloppen eller Saloppens forunderlige Hændelser. En comisk Roman. Oversat af Vers ( „ Die seltsamen Ereignisse der Enveloppe oder Saloppe. Ein komischer Roman. Aus Versen übersetzt “ , 1763). Das nur 36 Seiten umfassende Büchlein nimmt die Rahmungsoperation der Epistolarität als Auftakt, um in einem beeindruckenden Parforce- 1 So setzt auch Biehl die Briefform in ihrer Brevvexling ein (Zetterberg-Nielsen 2022: 513). 38 2 Epistolare Rahmungen Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="39"?> ritt die stets zur Disposition stehende Spannung von medialen, narrativen und generischen Rahmungen zu diskutieren (zur Funktionalisierung des Briefs als Paratext, Gattungsgedächtnis und Verschriftung der Schreibszene s. Huber 2023). ENV wird nicht von einem Vorwort, sondern einem apostrophierenden Brief eingeleitet: „ For Verkets Vigtigheds Skyld vil jeg skrive et Brev, i Stæden for en Fortale “ , wie ein Kommentar betont, der noch vor dem Paratext steht und damit als Para-Paratext agiert. 2 Allerkiereste Muse! Dersom din Principal, Mester Apollo ikke har laant sin Liire ud til en Poet, eller til et andet vigtigt Hoved; saa giør mig den Villighed og bede ham: at laane mig den. Inden en Tiid af 9 Timer skal jeg levere ham Liiren ubeskadiget tilbage. Sødeste Muse! dersom han spørger: hvortil jeg vil bruge den; saa svar: at jeg vil oversette en Efterretning om Envelopperne, nemlig om deres Opfindelse, Antagelse, Nytte og Undergang. Svarer Apollo, at man kuns har liden Ære af Oversettelser, og at man ingen Deel har i Skriftet som man har oversat; saa siig ham kun paa mine Veyne: at det ikke er hans Sag; men laaner han dig Liiren uden Indvendninger, saa vil jeg lade denne Tingst hendte hos dig. Jeg forbliver med største Høyagtelse Allerkiereste Muse! Manglebierg ved Hirschholm din Ven. den 9. Juli 1763. Oversetter af disse Tildragelser P. S. Aarsagerne til denne Begieringere: ere Pro Primo: at være saa lykkelig, at røre vores Skiønnes Hierter med disse Tildragelser. Pro Secundo: at jeg kan forandre noget i Autorens poetiske Tanker. Pro Tertio: at jeg kan vælge en anden ulykkelig Hændelse, i Steden for den, som bliver fortalt i Originalet. - - - Bliv ikke vred kiere Muse! at Efter-Skriften er vigtigere end Brevet. (ENV: 4 - 5) Allerliebste Muse! Wenn dein Vorsteher, Meister Apollo, seine Leier nicht einem Dichter oder einem anderen wichtigen Kopf geliehen hat; tu mir den Gefallen, ihn zu bitten: sie mir zu leihen. Innerhalb einer Frist von 9 Stunden werde ich ihm die Leier unbeschädigt zurückgeben. Süßeste Muse! wenn er fragt: wozu ich sie gebrauchen werde; so antworte: dass ich einen Bericht über die Envelopper übersetzen möchte, nämlich über ihre Erfindung, Annahme, Nützlichkeit und Untergang. Wenn Apollo antwortet, dass Übersetzungen nur wenig Ehre brächten, und dass man an der Schrift, die man übersetzt hat, keinen Anteil habe; so sage ihm nur in meinem Namen: dass es nicht seine Sache ist; wenn er dir aber die Leier ohne Einsprüche leiht, so will ich dieses Dings bei dir holen. Ich verbleibe mit der größten Hochachtung Allerliebste Muse! Manglebierg zu Hirschholm dein Freund, am 9. Juli 1763. Übersetzer dieser Begebenheiten PS. Die Gründe für diese Bitte: sind Pro Primo: um so glücklich zu sein, die Herzen unserer Schönen mit diesen Begebenheiten zu berühren. Pro Secundo: dass ich in den poetischen Gedanken des Autors etwas verändern kann. Pro Tertio: dass ich ein anderes unglückliches Ereignis anstelle des im Original erzählten wählen möge. - - - Ärgere dich nicht, liebe Muse! dass die Nachschrift wichtiger ist als der Brief. 2 „ Angesichts der Wichtigkeit des Werkes werde ich einen Brief statt einer Erzählung schreiben. “ 2.1 Den Rahmen setzen 39 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="40"?> Tatsächlich ersucht der Brief entgegen der paratextuellen Konvention nicht die Gunst der Leser: innen, sondern der Muse des Verfassers. In der Musenanrufung erläutert dieser zunächst seine Absicht, die Geschichte der Enveloppe zu übersetzen, weshalb er auf die Hilfe von Muse und Apollos Leier angewiesen sei. Doch bereits im Postskriptum offenbart sich, dass dies nicht ganz der Wahrheit entspricht. Nein, „ Tanker “ und „ Hændelse “ , res und verba, des Ursprungstexts gedenkt der Verfasser zu modifizieren - und somit maßgeblich in den Text einzugreifen. Damit gibt er sich selbst als unzuverlässiger Erzähler zu erkennen und bricht den gesteckten Rahmen einer Übersetzung, um den Text für künstlerische Freiheit zu öffnen. Der Musenbrief invertiert die konventionelle Anordnung von Rahmung und Gerahmtem: Stehen Briefe normalerweise eingebettet im Innern des Textes, agiert er hier als Rahmung der folgenden nicht-epistolaren Erzählung. Die wesentlichen Informationen des Briefs werden außerdem nicht im Haupttext, sondern erst in den Marginalien geliefert, da erst dort die wahre Funktion des Autors erklärt wird. Daneben bildet die Bitte nach Apollos Leier die Suche nach Inspiration und die Schreibszene ab, die zwar alle Texte rahmen, aber selten ihre Spuren hinterlassen. Auch stellt die Musenanrufung Gattungskonventionen auf den Kopf, zumal die epische Musenanrufung in das epistolare Medium transponiert wird. Wie diese am Textanfang als Schwelle zur Fiktionalität diente, scheint auch der Musenbrief bereits Element eines narrativen Maskenspiels zu sein (Huber 2023: 218 - 219). Doch wird er gemeinsam mit dem gerahmten Text gelesen, erfüllt er dennoch die Kardinaltugend des Vorworts, die richtige Lektüre des folgenden Textes anzustoßen. Denn die Erzählung über den Aufstieg und Fall eines modischen Überwurfs für Damen beantwortet die Frage nach der formenden ‚ Gewalt des Rahmens ‘ (Derrida 1992: 91) in vielfältigen Rahmungsinversionen und -dekonstruktionen (s. dazu Huber im Druck). 3 Dass dabei keineswegs sämtliche Antworten negativ ausfallen, verdeutlicht gerade das produktive Potenzial der Rahmungsfigur. 2.2 Kunstwerke rahmen Rahmungen erfüllen im künstlerischen Bereich einen wichtigen Zweck, da sie das Kunstwerk von der Außenwelt abschirmen und einen Raum der Fiktion definieren. Erst die Setzung des Rahmens ermöglicht die Bezugnahme des künstlerischen Objekts auf die Wirklichkeit, erlaubt Spiegelungen und Kontrastierungen. 4 „ The frame renders the work autonomous in visible space “ , erklärt der Kunstwissenschaftler Louis Marin, it puts representation into a state of exclusive presence; it faithfully defines the conditions of visual reception and of the contemplation as such. [ … ] Through the frame, the picture is never simply one thing to be seen among many: it becomes the object of contemplation. (Marin 1996: 82) 3 Andersen (1977: 69 - 70) erläutert die Bedeutung des Kleidungsstücks Enveloppe, das nur während weniger Jahrzehnte in Kopenhagen populär war. 4 Es sei „ die Typologie des Rahmens “ , so Dünkelsbühler (1991: 208), die das „ Denken in Binäroppositionen - und das heißt ein Denken nach dem Identitätsprinzip - ermöglicht “ . 40 2 Epistolare Rahmungen Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="41"?> Ohne Rahmen gibt es keine Aufmerksamkeit für das Kunstwerk und keine ästhetische Versenkung. Auch der Musenbrief lädt als eingefügtes, von einem para-paratextuellen Kommentar gerahmtes Schriftstück zur Betrachtung ein. Brief, Tagebuch, Beichten und weitere Alltagsformen der Schriftlichkeit dienen dem Roman, so Bachtin (2010: 212), zur Inkorporation von „ gegenständlich-produktive[n] Standpunkte[n] “ der Wirklichkeit. Die Rekontextualisierung erweitert derweil nicht nur das Repertoire des Romans, sondern verwandelt die eingebetteten nicht-literarischen Gattungsexponate auch in Anschauungsobjekte, die auf ihre Funktionen - und insbesondere deren Grenzen - hin untersucht werden können. Diese Ausschnitte der Wirklichkeit kommen somit in den Genuss der Aufmerksamkeit, die das Publikum künstlerischen Objekten schenkt. In ähnlicher Weise setzt die Guckkastenbühne des zeitgenössischen bürgerlichen Theaters die kuratierte Fremdperspektive auf die Wirklichkeit ein, um damit Unsichtbares sichtbar zu machen und Strukturen offenzulegen. Zentralperspektive, Bühnenbildtechnik und das Erzählen im Roman beruhen laut Luhmann alle gleichermaßen auf der doppelten Rahmung (Luhmann 1995: 139 - 145). Sie ermöglicht erst, was Luhmann „ Latenzbeobachtung “ nennt: die Aufmerksamkeit für alles, was außerhalb des Rahmens liegt, also unsichtbar bleibt. Dadurch wird die Form des Kunstwerks anschaulich. So setzt die Zentralperspektive der Darstellung zwar Grenzen, weist jedoch gleichzeitig auf einen nicht repräsentierten Betrachter der Szene und den Raum außerhalb des Gemäldes. Mithilfe der Einbildungskraft konstruieren die Betrachter: innen des Gemäldes - bei Luhmann: die Beobachter zweiter Ordnung - , was die Repräsentation jenseits der Grenzen zeigt. Der Bildrahmen verliert damit nicht seine Funktion als Grenze der Komposition; aber die Beobachtungsverhältnisse im Bild und ebenso die Zentralperspektive selbst machen zugleich deutlich, daß die Welt über den Bildrahmen hinausreicht und daß eigentlich die beobachtbare Welt abgebildet wird. So kann auch das unsichtbar Bleibende in das Bild hineingezogen, durch es sichtbar gemacht werden. (Luhmann 1995: 141 - 142) Indem die Rahmung demnach auf ihr Außen zeigt, wohnt ihrer konstruktiven, illusionssteigernden Kraft bereits der Rahmenbruch inne. Die literarische Nutzbarmachung der doppelten Rahmung entwickelt Luhmann an dem epistolaren Beststeller des 18. Jahrhunderts, Samuel Richardsons Pamela. Statt auf die Medialität der Briefe konzentriert er sich aber auf die sogenannten „ latenten Motive “ , d. h. Motivierungen, die den Figuren selbst (noch) nicht bewusst sind, aber sich den Leser: innen in der Beobachtung der figuralen Selbstverschriftungen enthüllen. Sie sind insofern latent, als dass sie in den Eigenaussagen und den Wesen der Figuren angelegt sind, aber für jene unsichtbar bleiben müssen (Luhmann 1995: 142 - 145). Indem sich Luhmann auf die psychische Dimension des Erzählens beschränkt, bleibt Form bei ihm transzendentale Formalität und die Beobachtung verharrt in der sprachlich-stilistischen Dimension. Die Analogie zur Sichtbarmachung des Unsichtbaren in der Zentralperspektive und der Bühnenbildtechnik des bürgerlichen Theaters meint im Fall der Epistolarität zwar einerseits die polyperspektivische Darstellung von Figurenperspektiven, die dank der Rahmung - der „ Suggestion einer Beobachtung zweiter Ordnung “ - beobachtet werden können (Luhmann 1995: 144). Allerdings repräsentiert der eingebettete Brief eine „ Form in der Form “ (Pankow 2002: 124; dazu auch Wirth 2008: 164 - 165), zumal er von einer räumlich und zeitlich separierten Instanz für die Lektüre zitiert bzw. ediert wurde. Die Rahmung multipliziert sich entsprechend, sodass die Leser: innen in der Position des Beobachters dritter Ordnung stehen 2.2 Kunstwerke rahmen 41 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="42"?> und neben den intradiegetischen Figurenperspektiven die Selektions- und Editionsfunktion der Herausgeber: inneninstanz beobachten. Damit wird Selbstreflexivität im Sinn der mise-en-abyme losgestoßen: Die Lesenden verfolgen sowohl das Arrangement der Herausgeber: inneninstanz als auch die Figurenperspektiven in den Briefen. Im Material artikulieren sich die latenten Motive der Figuren und im Arrangement die Auswahl- und Ordnungskriterien mitsamt den beinhalteten blinden Flecken (Wirth 2008: 169). Die Beobachtung der Editionsfunktion schafft Aufmerksamkeit für den Umgang mit schriftlichen Dokumenten, der sich - sofern er Spuren hinterlässt - vornehmlich auf der typografischen Ebene (z. B. mit Asterisken für Auslassungen) und im Paratext (als Fußnoten, Vor- und Nachworte, Einschübe etc.) manifestiert. Wenn aber erst das Bewusstsein für die schriftliche Bearbeitung von Schriftstücken vorhanden ist, wird auch die Bedeutung der Schriftlichkeit in der intradiegetischen Erzählung und Geschichte sichtbar. Die Beobachtung des äußeren Rahmens rückt zur inneren Rahmung vor. Anstatt die latenten Motive des Figurenhandelns zu erkennen, ergänzt die Einbildungskraft die diegetische Welt, die jenseits der Grenzen des Briefs liegt. Demnach verlangt die Epistolarität danach, Luhmanns Latenzbeobachtung in Analogie zur Malerei formal weiterzudenken. Dazu referiert der Brief implizit auf die Schreib- und Leseszenen sowie auf die Wirklichkeit, die den Gehalt der Briefe liefert und gleichsam ‚ hinter dem Text liegt ‘ . Zu diesem Unsichtbaren gehören auch die Unterbrechungen im Brief, illustriert durch weiße Stellen oder typografische Zeichen, die auf eine Welt verweisen, von der die Schreibarbeit aufgehalten wird (Flint 2002). Diese non-verbalen Zeichen bilden insofern die blinden Flecken im Schriftbild. Die Bedeutung des Kontextes manifestiert sich zudem in den Leerstellen, die sich aus dem geteilten Wissen zwischen den primären Briefpartner: innen ergeben und von der Rezeption anhand impliziter Informationen produktiv erschlossen werden müssen. Der Brief als Guckkasten stellt die Geschichte, die Epistolarität und auch das Erzählen als Anschauungsobjekte dar, zeigt aber gleichzeitig auf alles, was außerhalb der Repräsentation liegt, was ungeschrieben bleibt. Die Metapher des Guckkastens Brief ist nicht so weit hergeholt, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Auch die Tatsache, dass das epistolare Erzählen in zeitgenössischen Quellen und Forschung als dramatische Form beschrieben wurde, plausibilisiert den Vergleich des Briefes mit der Guckkastenbühne. 5 So sei der Briefroman dramatisch, weil die Figuren ihre Erlebnisse und Gefühle im Sinne von Richardsons „ written, as it were, to the Moment “ (Richardson 2022: 6) unmittelbar schriftlich festhielten und diese Mitteilungen ebenso unmittelbar ohne Erzählinstanz dargestellt würden. 6 Das polyperspektivische Spiel dieser scheinbar unmittelbaren, „ dramatische[n] Fügung “ entsteht jedoch erst aus „ der Performativität eines editorialen Dispositivs, das den Briefwechsel als dialogisches Geflecht arrangiert. Der Eindruck der Gegenwärtigkeit der Fügung verdankt sich dagegen dem Umstand, daß jeder Brief zitierte Figurenrede, also Rede im dramatischen Modus ist “ 5 Voßkamp (1971: 100) erläutert die Dramatik des Briefromans in Texten im 18. Jahrhundert. 6 Die Faszination des Briefromans, so Leffler (2007: 280 - 285), folge aus dem unmittelbaren Kontakt mit den Schreibenden und der Beobachtung der erzählten Intrigen (dazu auch Strobel 2020: 316; Nickisch 1991: 190; etwas überraschend auch Reinlein 2003). Stiening und Vellusig (2012b) führen den Briefroman auf mediale Veränderungen - konkret: die umfängliche Verschriftlichung der Kultur im 18. Jahrhundert - zurück. Voßkamp (1971) zieht die Funktionalität von narrativen Zeitstrukturen und den Adressat: innenbezug in die Argumentation ein. 42 2 Epistolare Rahmungen Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="43"?> (Wirth 2008: 170, meine Hervorhebung). Dramatisch werden die repräsentierten Briefe folglich erst durch die Vermittlung der Herausgeberfunktion, die das Material arrangiert. Dabei erfüllen sie eine zu den theatralen Gesten analoge Funktion und sind Spuren der Schreibszene: „ Die Mitteilung erfolgt also einmal auf der illokutionären respektive propositionalen Ebene dessen, was gesagt wird; zum anderen hat die Mitteilung auf der indexikalischen Ebene dessen, was sich an ihr zeigt, den Charakter eines sprachlichen Symptoms “ (Wirth 2008: 173). Da der eingebettete Brief eine Form in der Form ist, zeigt er auf den latenten Gehalt der Schreibszene und der rahmenden Editionsszene. Zeigen kann in diesem Fall buchstäblich verstanden werden, da es sich um eine typografische Repräsentation eines Briefs handelt, die visuelle Codes einsetzt. Die Literatur des 18. Jahrhunderts arbeitet daher polymodal, d. h. sie inszeniert die epistolaren Einlagen auf dem textuellen Tableau der Buchseite mit verbalen und non-verbalen visuellen Zeichen. Die Rahmungsstruktur legt es nahe, die Dramatik der epistolaren Literatur in der Terminologie zu verankern. Daher übernehme ich die in der Manuskriptkunde bereits etablierte Bezeichnung mise-en-page für die typografische Gestaltung der Buchseite, mit der die bewusste Steuerung des Schriftbildes in Analogie zur mise-en-scène des Theaters oder des Films verstanden werden kann. In Kapitel 4 unten werde ich zeigen, wie die doppelte Rahmung es ermöglicht, die Medialität und den Umgang mit Briefen auf der Ebene der Geschichte und der Erzählung zu beobachten und die Performativität der Schriftbildlichkeit vom handschriftlichen Dokument auf die mise-en-page zu übertragen. 2.3 Rahmen aufbrechen Epistolare Rahmungen bieten zwar weitreichende künstlerische Freiheiten und innovative Perspektivierungen, gehören aber per definitionem aufgebrochen. Dieses dekonstruktive Moment artikuliert sich in Thielos Musenbrief, indem er die Kommunikation stört, Konventionen auf den Kopf stellt und so das Unsichtbare sichtbar macht. Damit fordert er zum einen Gattungskonventionen und Leser: innenerwartungen heraus, zum anderen demonstriert er die Lust am Aufbrechen des Rahmens. Dem Phänomen, dass Rahmen jederzeit gebrochen werden können, geht Jacques Derrida in La vérité en peinture (1978) nach. So definiert sich zwar das rahmende parergon, das Beiwerk in Malerei und Literatur, als Anhängsel des Werks, erfülle aber weitaus mehr als diese Supplementfunktion: Es präsentiert die Inhalte und bestimmt sogar maßgeblich die Funktionalität des Kunstwerks mit: „ Ein Parergon tritt dem ergon, der gemachten Arbeit, der Tatsache, dem Werk entgegen, zur Seite und zu ihm hinzu, aber es fällt nicht beiseite, es berührt und wirkt, von einem bestimmten Außen her, im Innern des Verfahrens mit “ (Derrida 1992: 74). Diese Funktion der Rahmung wurde seit der Renaissance erst in der Kunst und anschließend in der Literatur zum Thema (Dembeck 2007: 34 - 46): Zum einen wurden Rahmungen zunehmend in das Kunstwerk hineingeholt; man denke etwa an Cornelis Norbertus Gijsbrechts Trompe l ’ oeil. Bagsiden af et indrammet maleri ( „ Trompe l ’ oeil. Die Rückseite eines gerahmten Gemäldes “ , 1668 - 1672), das die hintere Seite der Leinwand zeigt. Zum anderen bringen Titelblätter in Büchern eine Faszination am Rahmen zum Ausdruck; so heißt der Appendix von Abraham Ortelius ’ Atlas Theatrum orbis terrarium (1570) nicht nur Parergon theatri (1579), sondern zeigt 2.3 Rahmen aufbrechen 43 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="44"?> dieses Parergon auf der Titelseite auch mehrfach von Säulen eingerahmt (Duro 2019: 28). Indem die Kunstwerke der Renaissance und des Barocks derart die Bilderrahmen reduplizierten oder ihre Sujets in auffälligen Nischen oder Säulenbögen platzierten, präsentierten sie sich als „ intrinsisch gerahmte ‚ selbstbewußte Bild[er] ‘“ (Dembeck 2007: 40; mit Bezug auf den Titel von Stoichi ță 1998), die ihre Funktion als ästhetisches Objekt selbstreflexiv darstellen. In der Literatur des 18. Jahrhunderts leisteten die Paratexte dieselbe ästhetische Selbstreflexion, indem sie ihren Status als Rahmung in den Vordergrund rückten und von der Fiktion affiziert wurden. Der Musenbrief der Enveloppe gibt ein Beispiel solcher selbstreflexiver Rahmungsverfahren, zumal die Funktion des Paratextelements „ Vorwort “ explizit infrage gestellt und stattdessen die Notwendigkeit für einen Brief postuliert wird. Marin (1996: 83 - 84) spricht im Kontext der Malerei von Rahmenfiguren, mit denen die Betrachtung des Kunstwerks gesteuert werden kann. Diese liegen zwar innerhalb des Gemäldes, sind sich ihrer lenkenden Funktion jedoch bewusst. Die Paratexte sind demnach selbstbewusste Rahmenfiguren des Textes, die von ihrer Position innerhalb des Buches wissen und sogar von der Fiktion eingeschlossen werden, sich aber auch an die Leser: innen außerhalb des Buches richten (dazu auch Dembeck 2007: 418). Dabei lotet die Literatur das Spannungsfeld von Rahmung als Figur und Rahmung als Ornament aus und stellt nicht nur zur Disposition, was zu einem Kunstwerk gehört, sondern auch, wo die Fiktion aufhört (Dembeck 2007: 406 - 437). Uwe Wirth (2008) belegt, dass die Paratexte des 18. Jahrhunderts außerdem schriftliche Praktiken in den Vordergrund rücken und bevorzugt die Herausgeberfunktion beherbergen, deren Editionsszene erst die Autorfunktion hervorbringt. Indem Kunst und Literatur Rahmungen inszenieren, enthüllen sie die Fragilität bzw. „ Akzidentalität des Rahmens “ (Derrida 1992: 94), d. h. den innewohnenden Bruch der Rahmung. Da Rahmungen stets kontingent gesetzt sind, zeichnen sie keine überdauernden Grenzen ein, sondern sind vielmehr performative Operationen. Die performativen Paratexte rücken diese Prozessualität und den parergonalen Einfluss auf den gerahmten Text sowie die Rahmensetzer: innen in den Vordergrund, indem sie das reibungslose Rahmungsverfahren aushebeln. Dieses poetologische Spiel wird im 19. Jahrhundert bei Kierkegaard, Almqvist und Andersen schließlich in komplexen philosophischen Denkfiguren des Paratexts gipfeln (Müller-Wille 2005: 37 - 108). Wie Sneedorffs satirischer Kommentar in den Breve bewies, wird den paratextuellen Eintrittsschwellen epistolarer Literatur große Bedeutung beigemessen, weil sie die Gattung des Textes deklarieren sollen. Denn Briefe sind polyfunktional und polymorph, sodass sie sich den Bedürfnissen der Autor: innen anpassen und ein weites thematisches Spektrum bespielen können. Montesquieu verteidigte in den Lettres persanes ( „ Persische Briefe “ , 1754 [1721]) diese Erlaubnis zur Digression als wesentlichen Mehrwert des epistolaren Schreibens: Enfin, dans les romans ordinaires, les digressions ne peuvent être permises que lorsqu ’ elles forment elles-mêmes un nouveau roman. On n ’ y sauroit méler de raisonnements, parce qu ’ aucuns des personnages n ’ y ayant été assemblés pour raisonner, cela choqueroit le dessein et la nature de l ’ ouvrage. Mais, dans la forme des lettres, où les acteurs ne sont pas choisis, et où les sujets qu ’ on traite ne sont dépendants d ’ aucun dessein ou d ’ aucun plan déjà formé, l ’ auteur s ’ est donné l ’ avantage de pouvoir joindre de la philosophie, de la politique et de la morale à un roman, et de lier le tout par une chaîne secrète et, en quelque façon, inconnue. (Montesquieu 1992: 1 - 2) 44 2 Epistolare Rahmungen Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="45"?> In gewöhnlichen Romanen endlich können Abschweifungen nur dann gestattet werden, wenn sie in sich selbst einen neuen Roman bilden. Man könnte denselben keine Betrachtungen einflechten; denn da keine der dargestellten Personen darin vorgeführt werden, um Betrachtungen anzustellen, so würde das dem Zweck und der Natur des Werkes zuwiderlaufen. In der Form von Briefen dagegen, wo die handelnden Personen nicht absichtlich gewählt sind, und wo die behandelten Gegenstände von keinem Endzwecke oder bereits gefaßten Plane abhängen, befindet sich der Autor in der günstigen Lage, Philosophie, Politik und Moral mit einem Roman verbinden zu können und das Ganze durch eine geheime und gewissermaßen unbekannte Kette zu verknüpfen. (Montesquieu 1885: 23 - 24) Das Schreiben in Assoziationsketten ergibt sich aus dem Verständnis des Briefs als Seelenabdruck (s. u., Kap. 4.2) und besitzt deshalb gewisse Übereinstimmungen mit dem inneren Monolog des Modernismus. Genauso wie die Gedanken ihren eigenen Gesetzen gehorchen, darf sich auch die Epistolarität an einer ‚ geheimen und unbekannten Kette ‘ aus unterschiedlichen Gegenständen entlangbewegen. Diese rhetorische Freiheit führt damit zum Aufbruch des Gattungssystems und erweitert nicht nur das Repertoire des Romans, sondern von allen Arten der Literatur, fiktional wie faktual. Weil sich das epistolare Erzählen dabei jedes Mal neue Regeln setzt, bricht es jedoch nicht nur diese narrative Tradition, sondern sogar das Erzählen selbst auf. Der epistolare Bruch mit den Konventionen kann darüber hinaus literatursoziologisch verstanden werden, denn der Brief ermöglicht marginalisierten Stimmen - in erster Linie Frauen, denen das Feld der epistolaren Literatur von den ‚ richtigen ‘ männlichen Autoren zugestanden wurde - die Teilnahme an zeitgenössischen Debatten und am Literaturbetrieb. 7 Die Epistolarität bricht folglich die Rahmung des Literatursystems auf und gewährt den Ausgeschlossenen und Unsichtbaren Eintritt, fragt somit als dekonstruktive Kraft nach der Autorität über den Diskurs und das Literatursystem (Beebee 1999: 88). Wenn schließlich auch die ungedruckten Briefe berücksichtigt werden, schreibt sie eine alternative Literaturgeschichte jenseits des Kanons (s. dazu u. a. Hämmerle/ Saurer 2003; Hansson 1988; Liljewall 2007; Elam 2004; Öhrberg 2001). Das Spiel mit den Gattungskonventionen artikuliert sich in Thielos ENV auf der Titelseite, wo der rhematische Titel den Text als Übersetzung aus Versen in einen „ comisk Roman “ ausweist. Infolgedessen werden beide Gattungen als Verständnishorizonte aufgerufen, wenn nicht gar übereinandergeblendet, und der Text in einer generischen Zone des Dazwischens - der Transposition - verortet. 8 Auch der Haupttitel (Enveloppens eller Saloppens), der zwei Namen zur Auswahl anbietet, entscheidet sich nicht zur deutlichen Definition, sondern präsentiert den Protagonisten als unbestimmte Dopplung. Dass das Wort ‚ Enveloppe ‘ freilich unter anderem Briefumschlag bedeutet und somit nach Siegel- 7 Charlotte Baden nutzte faktuale und fiktionale Briefe, um Stellung gegen männliche Sittenwächter weiblicher Leserinnen zu beziehen (Huber 2024a). 8 Diese Transposition in der Gattungsangabe erinnert an Henry Fieldings (1742: V) Beschreibung des Romanstils als „ a comic Epic-Poem in Prose “ . Darüber hinaus deklariert sich der Text mit dem Schlagwort Roman als fiktionale Erzählung, was ihn von den anderen romanhaften Veröffentlichungen desselben Autors unterscheidet. Diese erschienen allesamt unter dem pseudofaktualen Deckmantel widersprüchlicher Aussagen zur Herkunft des Textes (dazu auch Zetterberg-Nielsen 2015: 404 - 408, 2022: 141 - 146). 2.3 Rahmen aufbrechen 45 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="46"?> bruch verlangt (Supplement til ODS 1992 - 2005), 9 aber als Briefumschlag auch auf den Bruch der epistolaren Literatur mit Gattungssystem und -konventionen verweist, setzt dem satirisch-invertierenden Erzählmanöver die sprichwörtliche Krone auf (Huber im Druck). Doch die Lust am Aufbrechen führt nicht nur zur Digression, sondern auch zu ihrem Gegensatz, der Ellipse: Da Briefe als kleine Form der Literatur gelten, aktivieren sie das poetische Potenzial der Lücke, das dem epistolaren Erzählen die Erlaubnis zum Verzicht und zur Unfertigkeit verleiht; weil ein Brief nie die ganze Welt abbilden kann und noch weniger muss, können Sachverhalte ungesagt und nicht zu Ende gedacht bleiben. Da Briefe selten alleine, sondern vielmehr im Korrespondenzzusammenhang auftreten, kann einmal Geschriebenes in einem Folgebrief ergänzt, revidiert oder von den Briefpartner: innen korrigiert werden. Die Epistolarität führt deshalb die widersprüchliche Poetologie mit sich, einerseits im Einzelbrief die kuratierte Perspektive auf einen Ausschnitt der Wirklichkeit darzustellen, andererseits diese Perspektive aufgrund der stilistischen und rhetorischen Freiheit digressiv zu brechen. Die Lust am Aufbrechen und die diversen stilistischen Freiheiten bilden die idealen Voraussetzungen, um das epistolare Schreiben als Laboratorium einzusetzen. Wie Montesquieu argumentierte, setzt jeder epistolare Text neue Ansprüche und Regeln. Doch dazu müssen erst Rahmungen gesetzt werden; bevor die Rahmungsfunktion ausgehebelt werden kann, muss sie im Kunstwerk redupliziert und in ein Anschauungsobjekt verwandelt werden. Dann wird das im Alltag Unsichtbare enthüllt und die literarische Untersuchung des Briefs sowie der Literatur möglich. Es ist nicht verwunderlich, dass die Epistolarität ihre Blüte in einer Zeit fand, in der Wissenschaft und Kunst starre Denkmuster durch selbstreflexive Verfahren herausforderten und mithin nach der Möglichkeit von objektivem Wissen fragten. Die Epistolarität vermochte es daher, „ to defamiliarize literature itself “ (Beebee 1999: 100), indem sie diese an epistemologische, mediale und stilistische Grenzen stoßen ließ. In Thielos ENV führt das Spiel mit dem Rahmenbruch am Ende in die narrative Aporie und den Kollaps der Erzählebenen. Nachdem die epistolare Enveloppe geöffnet, der Überwurf aufgeschlagen - kurz: alles Innere nach außen gekehrt wurde - , scheint das Projekt an seiner eigenen rhetorischen Dekonstruktion zu zerbrechen. Die Erzählung von wirtschaftlichem Erfolg und Niederlage treibt ein wildes metaphorisches Spiel, das die Enveloppe als Metapher von Kunstwerken im Allgemeinen, Büchern, Romanen oder epistolarer Literatur codiert und dabei das semantische Feld beständig verschiebt. Dabei wird mit jeder eingebrochenen Rahmensetzung deutlicher herausgearbeitet, wie sich selbst die Sprache an der ‚ Gewalt des Rahmens ‘ beteiligt und letztlich genauso fragil und akzidentell ist (Huber, im Druck). Der Musenbrief ist folglich das Vehikel für eine Narration, die sich in der Figuration verfängt. 9 Allerdings impliziert dies keinen Umschlag, sondern, wie es im 18. Jahrhundert üblich war, dass das Briefpapier zu einem Couvert gefaltet und mit einem Siegel geschlossen wird. Die Praxis, einen separaten Umschlag zu verwenden, etablierte sich erst im Zuge der industrialisierten Massenherstellung von Couverts in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Siegert 1993: 130 - 131). Auf die Bedeutung des Siegels geht auch Müller (2012: 158) kurz ein. 46 2 Epistolare Rahmungen Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="47"?> 3 Praxeologie der Kommunikation 3.1 Parergonale Lese-Szenen Auch der intimste Brief geht auf seinem Weg von Schreiber: in zu Empfänger: in meist durch zahlreiche Hände. Briefe werden geschrieben, gelesen und vorgelesen, interpretiert, geküsst, abgeschrieben, vervielfältigt und archiviert - oder vor dem Absenden verworfen, nach dem Tod verbrannt und wiederentdeckt. Dieses Handeln mit Schriften wird in der epistolaren Literatur Teil des Textes und kann zur Reflexion von Medialität, Materialität und Erzählen fruchtbar gemacht werden. Welche parergonalen und metaleptischen Implikationen die Darstellung von Brieflektüren haben kann, führt eine kurze Brieferzählung in C. A. Thielos äußerst unkonventionellem Den grønne April (1760) vor. 1 In diesem satirischen und hybriden Tagebuchroman schreibt ein ‚ grüner Autor ‘ seine Erlebnisse während des Monats Aprils nieder und übt sich dabei in der literarischen Ausschlachtung sämtlicher folkloristischer Konnotationen, die mit diesem Monat verbunden sind. Einerseits wird das wechselhafte Aprilwetter konsequent in die Variation von Typografie und Textformen sowie Themen übersetzt, andererseits die Redewendung at løbe April auf der Handlungsebene durchexerziert und das Bedeutungsspektrum des Adjektivs grøn in verschiedenen Kontexten ausgelotet. 2 Die Einträge werden von einer Poetik der Serendipität geleitet, denn dem Schreiber fallen zahlreiche unterschiedliche Schriftstücke in die Hände, die Anstöße für episodische Erzählungen geben und in den Text eingebaut werden. Das Prinzip des Zufalls leitet diese Aprilwerdung der Poetik, in deren Zentrum der kreative Umgang mit „ Lektürefunden “ in Gestalt von „ Fortschreibung und Rekombination “ steht (Möller 2020: 137). 3 Dabei wird anhand eines Briefwechsels auch die Rezeption und Produktion von Briefen und Briefromanen abgebildet. Der Tagebuchschreiber stolpert zufällig in einen Briefwechsel hinein, als er seine Frau und die Bekannte Margrethe in flagranti beim Lesen eines fremden Briefs erwischt. Obwohl sich zunächst darüber empörend und die Frauen zur Tugend ermahnend, schließt sich der Tagebuchschreiber dann doch der kollektiven Lektüre an - ja, er fertigt sogar eine 1 Ohne Simona Zetterberg-Nielsens Präsentation bei der internationalen Konferenz Novelizations of Scandinavian Prose Literature in the Late Premodern Period. Narratological Approaches (Universität Zürich 2019) sowie der detaillierteren Analyse im Rahmen eines Aufsatzes (Zetterberg-Nielsen 2020) wäre ich nicht auf diesen experimentellen Text gestoßen. Meine Überlegungen fundieren auf ihrer Interpretation von Thielos illusionsbrechender und nicht-linearer Erzählweise. 2 Das ODS (1919) definiert die Redewendung at løbe April wie folgt: „ løbe (rende) april olgn., (nu sj.) løbe af sted i et opdigtet ærinde, til ingen nytte olgn. “ . 3 Die Serendipität des Querlesens bezeichnet eine ästhetische Praxis, die für epistemologische Zwecke Autorschaft und Lektüre verschränkt. Sie hinterfragt das übliche Verhältnis von primärer Produktion und sekundärer Rezeption und stellt stattdessen kollektive und kollaborative Formen von Autorschaft dar (Möller 2020: 151 - 153). Auch Zetterberg-Nielsen (2020: 299 - 300, 2022: 539 - 548) kommt zum Fazit, dass Kohärenz in GA nicht aus narrativer, kausaler Linearität, sondern über metaphorische Strategien entsteht. Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="48"?> Abschrift an. Am Anfang der nun folgenden Korrespondenz steht also ein Verbrechen gegen den Anstand und das Postgesetz: Brevet havde været forseiglet, men Nysgierrigheden havde forledet Margrethe og min Kone til, at brække det. Jeg kom just ind i Stuen, da de læste det. Jeg skiændte paa dem, at de havde brækket Brevet; men Margarethe sagde: Lad mig kuns raade, jeg kand den Kunst, at aabne et Brev lige saa godt som den beste Secretair, og lukke det igien, jeg har i min Livs-Tid aabnet nogle hundrede Breve, jeg har læst dem, og bragt dem i forrige Skikkelse igien. Her er Udskriften af Brevet: [ … ]. (GA: 35 - 36) Der Brief war versiegelt gewesen, aber die Neugierde hatte Margrethe und meine Frau veranlasst, ihn zu öffnen. Ich kam in die Stube, als sie ihn gerade lasen. Ich machte ihnen Vorwürfe, weil sie den Brief aufgebrochen hatten; aber Margarethe sagte: Lassen Sie mich eines sagen, ich beherrsche die Kunst, einen Brief so gut wie der beste Sekretär zu öffnen, und wieder zu schließen, in meiner Lebenszeit habe ich einige hundert Briefe geöffnet, habe sie gelesen und wieder in ihre ursprüngliche Form gebracht. Hier ist die Abschrift des Briefes: [ … ]. Margrethe, als „ Spion for de Fornemme “ , verschafft hier dem Ehepaar Zugang zum Brief - und damit zur Geschichte, die sich daraus entspinnt. Der Tagebuchschreiber scheint sich der moralischen und rechtlichen Problematik bewusst zu sein, dennoch wird auch er von der voyeuristischen Neugier gepackt. Dabei steigert er die vorausgegangene Verletzung des Briefgeheimnisses noch, wenn er mit den Abschriften in Den grønne April die Privatbriefe einem anonymen Publikum vorlegt. Solchermaßen bricht die Erzählung das Briefsiegel gleich doppelt: auf intradiegetischer und extradiegetischer Ebene. Indem geschildert wird, wie ein versiegelter Brief aufgebrochen, gelesen und abgeschrieben wird, werden auch selbstreflexiv Praktiken des Literaturbetriebs inszeniert. Denn die Szene verweist auf die Veröffentlichung von Briefwechseln zur Unterhaltung und Befriedigung eines voyeuristischen Interesses an den Geheimnissen anderer Menschen. So verkörpert der Tagebuchschreiber den nach außen anständigen Leser, der heimlich Briefwechsel oder Briefromane liest, um seine Lust am Unbekannten und Verborgenen zu befriedigen. Wenn Margrethe als „ Spion “ , gar „ som den beste Secretair “ beschrieben wird, fallen andererseits Schlagworte der Gattung der Historiae Arcanae oder Anekdota, der geheimen Geschichten (s. u., Kap. 6.2). Auch hier berichten Personen mit Zugang zu privilegiertem Wissen von geheimen Informationen und bisher unveröffentlichten Geschehnissen. 4 Im Öffnen des versiegelten Briefs wird somit der rhetorische Gestus, der die Historia Arcana kennzeichnet, zur Handlung. Beim aufgebrochenen Brief handelt es sich um die Werbung des alten und vor allem wohlhabenden Nicomedes der jungen Climene, für die letztere zwar nichts anderes als Gelächter übrig hat, die sie aber trotzdem beantwortet. Bereits dem zweiten Brief legt Nicomedes vor lauter blinder Liebe sein Testament bei, damit Climenes Name eingetragen werden könnte, sobald beide offiziell verheiratet wären. Doch anstatt wiederum höflich, aber abweisend zu antworten, zeigt die Umworbene das Schreiben sowohl ihrem Freund 4 Andererseits referiert die Bezeichnung auf Thielos eigene Wochenschrift Spionen. Et Ugeblad ( „ Der Spion. Ein Wochenblatt “ , 1758), in der die episodischen Erzählungen mit der Rahmengeschichte eines lauschenden Spions verbunden werden. 48 3 Praxeologie der Kommunikation Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="49"?> als auch ihrer Mutter, um den Briefschreiber vorzuführen. Daraufhin schickt die Mutter den Brief samt Testament postwendend an Nicomedes zurück und rahmt ihn mit einem Schreiben, in dem sie Stellung zu seinem Verhalten bezieht und sich selbst als Gemahlin anbietet. Alle Bemühungen scheinen allerdings vergeblich, da Nicomedes schwer erkrankt, bevor er das Angebot der Mutter annehmen könnte. Letztlich von den finanziellen Vorteilen eines greifbaren Erbes überzeugt, versucht Climene gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Freund, noch am Sterbebett eine Heirat mit Nicomedes einzufädeln. Zum Unmut aller scheitert auch dieser letzte Versuch und Nicomedes ’ Bruder empfängt das gesamte Erbe (GA: 35 - 45). Ein kurzer Tagebucheintrag am 6. April fasst „ dette Optrin “ ( „ diesen Zwischenfall “ ) mit der Feststellung zusammen, dass alle beteiligten Figuren am Ende ‚ April gelaufen ‘ seien (GA: 44 - 45). Im Verlauf dieser Briefintrige findet die Erzählung die Lust am Aufbrechen in der Narration: Denn wer Briefsiegel aufbrechen kann, kann auch narrative Rahmen durchqueren. Statt am Ende des dritten Briefs die Reaktionen der drei neugierigen Brieflesenden (Margrethe, Tagebuchschreiber sowie Ehefrau) zu dokumentieren, wird Climenes Leseszene dargestellt: Climene erholdte Brevet, og loe deraf. Hun loe saaledes, som alle Piger, der ere 17 Aar gamle, lee af en gammel Mand, enskiønt han har mange Midler. Hun var ydermeere saa aabenmundet, og foreviste Brevet og Testamentet til hendes Elskelige. [ … ] Climene tænkte: Stakkels Climene! (GA: 40) Climene erhielt den Brief, und musste darüber lachen. Sie lachte so, wie alle Mädchen, die 17 Jahre alt sind, über einen alten Mann lachen, auch wenn er viele [finanzielle] Mittel hat. Sie war außerdem so geschwätzig, dass sie den Brief und das Testament ihrem Geliebten vorführte. [ … ] Climene dachte: Arme Climene! Damit bricht die Erzählung allerdings epistemologische Grenzen, da sich der Tagebuchschreiber Climenes Leseszene zwar ausmalen, aber nicht wissen kann. Er kann und wird bei der Lektüre der Briefe Vermutungen darüber anstellen, wie sich Schreiber und Empfängerin dazu verhalten, welche Handlungen und Antworten die Briefe auslösen können - kurz: was rund um die Schriftstücke geschah. Aber es ist ihm prinzipiell unmöglich, die sich außerhalb der Briefe zutragenden Ereignisse zu erzählen. Eine solche Kompetenzerweiterung müsste thematisiert oder mithilfe von „ transitionsteknikker “ dramatisiert werden. 5 Wie sich in der Lese-Szene illegal Einblick in die Briefe verschafft wird, kann nun auch die Narration in Gebiete vordringen, die ihr mit natürlichen Erkenntnismöglichkeiten verschlossen bleiben müssten. Wenn Briefe als Bildnisse der Seele verstanden werden, so erlaubt deren Lektüre Zutritt zum Inneren des Menschen. Dies setzt der Abschnitt performativ um, indem nicht mehr nur strukturell über die epistolare Vermittlung, sondern wirklich erkannt wird, was die Schreibenden denken. 5 „ Transitionsteknikkerne fungerede som mellemled til at formidle fiktive historier, der udvidede fortælleperspektivet samtidig med, at de opretholdt rammen af en fortælleposition, hvor forfatteren kunne gøre rede for sit kendskab til det, der blev fortalt “ ( „ Transitionstechniken fungierten als Zwischenglieder, um fiktionale Geschichten zu vermitteln, die die Erzählperspektive erweiterten und gleichzeitig den Rahmen einer Erzählposition aufrechterhielten, in der der Autor über sein Wissen über das Erzählte Rechenschaft ablegen konnte “ , Zetterberg-Nielsen 2022: 583, s. auch 501 - 503). 3.1 Parergonale Lese-Szenen 49 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="50"?> Folgerichtig wird das Erzählen an seine epistemologischen Grenzen geführt und paraleptische Effekte ästhetisch ausgeschöpft. 6 Dass Climene Nicomedes ’ Brief ihrem Freund und ihrer Mutter zeigt, liest sich nunmehr als metadiegetische Fortsetzung der Reihe an Veröffentlichungen eigentlich verborgener oder zu verbergender Informationen an ein nicht intendiertes Publikum. Daneben entspricht die Retoursendung des Testaments als Beilage eines neuen Briefs strukturell der kommentierten Edition: Die ursprünglichen Schriftstücke werden neu verpackt und in einen neuen Kontext gestellt - genauso wie der gesamte Briefwechsel innerhalb des Tagebuchs neu gerahmt wurde. Das ursprüngliche Aufbrechen des Briefsiegels löste eine Kaskade an rekursiven Rahmungen aus, die wie in Enveloppen auf vielfältige Weise gebrochen und in Handlung umgesetzt werden. Die Inszenierung der Lust am Aufbrechen in Handlung und Erzählung führt Den grønne April schließlich zur selbstreflexiven Frage nach der epistemologischen Erlaubnis der Erzählinstanz: Reicht ihre Macht des Aufbrechens bis zu den Köpfen der Figuren? 3.2 Schreib- und Leseszenen Die historische, jeden Text rahmende Schreibszene lässt sich von ihrer Schwester, der selbstreflexiven, im Text dargestellten Schreib-Szene differenzieren. Die Begriffe gehen beide aus einem Interesse für die Materialität der Literatur hervor, entwickelten sich jedoch aus- und nacheinander. Das Schreiben spielte zwar bereits bei Barthes, Derrida und Foucault eine Rolle, die darin Auswege aus traditionellen Autorschaftskonzepten suchten (Barthes 1984, 2012; Derrida 1967, 1974: 178 - 243; Foucault 2003). Die Verwendung des Schreibszenenbegriffs in der jüngeren Forschung stieß jedoch Rüdiger Campe (2012: 271) an, der mit ihm ein „ nicht-stabiles Ensemble von Sprache, Instrumentalität und Geste “ fasste, das sich als materielle Spur in den Text einschreibt oder selbstreferenziell thematisiert. 7 Keine der drei heterogenen Domänen (Sprachsystem, Technologie und Verkörperung) kann gegenüber der anderen vernachlässigt werden und nur im Verbund formen sie diese historische Tätigkeit, die sich Schreiben nennt. 8 Damit wird zum einen die Aufmerksamkeit auf die Faktoren des Schreibakts gelenkt, die außerhalb der auktorialen Kontrolle stehen, wie beispielsweise die Widerständigkeit des Materials. Zum anderen kann eine Literaturproduktion einbezogen werden, die nicht der Vorstellung der romantischen Autorschaft entspricht, d. h. die etwa mehrere Schreibende involviert oder aus einer Personalunion der literaturbetrieblichen Akteure (Drucker, Verleger, Autor) stammt. Co-Autorschaft existierte bereits bei der Herstellung der Encyclopédie, und Samuel Richardson druckte und publizierte seine eigenen Romane. Andererseits lässt 6 Genette (2010: 125) spricht von Paralepsen, wenn die Fokalisierung ihre epistemologischen Möglichkeiten insofern übersteigt, als dass ein Zuviel an Informationen gegeben wird. 7 Kürzlich zog Campe (Campe 2021) ein vorläufiges Fazit zu seinen Grundüberlegungen und der rezenten Forschung. Als Einführung eignet sich Zanettis Anthologie Schreiben als Kulturtechnik (2012), in der die wichtigsten Grundlagentexte zur Materialität des Schreibens versammelt wurden. 8 „ Respecting the autonomy of the assembled factors is as important as recognizing the emergence of the writing scene as form and function of connectivity “ , pointiert Campe (2021: 1124). 50 3 Praxeologie der Kommunikation Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="51"?> sich die performative, literarische Schreib-Szene von der historischen Schreibszene differenzieren: 1. [D]as Schreiben hält sich bei und an sich selbst auf, indem es sich selbst thematisiert, reflektiert und problematisiert, und schafft so einen Rahmen, durch den es aus dem Alltag herausgenommen, gleichsam auf eine Bühne gehoben ist, auf der es sich präsentiert und darstellt; 2. dabei stellen sich verschiedene Rollenzuschreibungen und Rollenverteilungen ein; diese wiederum werfen 3. die Frage nach der Regie dieser Inszenierungen auf. (Stingelin 2004: 8) Die Schreib-Szene erhält ihre Bedeutung somit maßgeblich aus der Doppelbedeutung von Szene als a) Arrangement heterogener Elemente und Zeichen und b) einem gerahmten Geschehen, das beobachtet werden kann. In seinem Postskript zum Schreibszenenkomplex erklärt Campe (2021: 1118) deshalb die Beobachtungsinstanz zur Bedingung für die Schreib-Szene, weil nur sie diese Verdopplung wahrnehmen und als textuelle Selbstreflexion enthüllen kann: „ By appearing together onstage, body movements, words and backdrops form an assemblage, and it takes an act of reflection on the part of observers to look at them as playing their role in a scene. “ In autobiografischen oder autofiktionalen Settings läuft diese Reflexion des Schreibens auch auf eine Selbstreflexion und -konstitution des schreibenden Subjekts in dem Sinn heraus, wie es Barthes mit dem ‚ Schreiben im Medium ‘ für die moderne Ästhetik beschrieben hatte. 9 Die epistolare Literatur des 18. Jahrhunderts überträgt diese schreibende Selbstkonstitution auf die Figuren, zumal das Erzählen ihrer Schreibszenen auch Formen der Selbstdarstellung sowie Auseinandersetzungen mit dem Kontext bilden. Indessen lassen sich Schreib-Szenen nicht auf das Selbst der Schreibenden reduzieren, da in ihnen, wie auch Campe hervorhebt, auch allgemeine literarische, kulturelle und soziale Themen zur Darstellung kommen. 10 Zwar lassen sich schließlich historische Schreibszenen und ästhetisch avancierte Schreib- Szenen terminologisch differenzieren, jedoch stehen beide in einem zyklischen Möglichkeitszusammenhang: Genauso wie Schreiben und Schrift in einem untrennbaren Verhältnis stehen, besitzen Schreibszenen die Anlagen für Schreib-Szenen und Schreib-Szenen lassen sich wiederum auf historische Schreibszenen zurückführen. 11 Insofern als dass die Materialität des Briefes stets die rahmende Schreibszene konserviert, stellen Korrespondenzen den „ wechselseitige[n] Austausch adressatenspezifischer Schreibszenen “ dar (Bunzel 2008: 237). Schreib-Szenen sind nach den Konventionen der epistolaren Kommunikation essenzieller Bestandteil des Briefanfangs oder -schlusses. In ihnen verorten sich die Schreibenden zeitlich und räumlich und kontextualisieren den Beweggrund ihrer Kontaktnahme; sie bilden eine körperliche und 9 Schreiben erfolgt laut Barthes (2012: 249) insofern im Modus des Mediums, weil sich „ das Subjekt unmittelbar zeitgleich zum Schreiben konstituiert, sich durch das Schreiben vollzieht und in Mitleidenschaft zieht “ . 10 Zu diesem Fazit führt ihn die Lektüre von Lévi-Strauss ’ Traurige Tropen (1955) und Derridas Grammatologie (1967), die ein eurozentrisches Verständnis von Schreiben und Schrift offenlegen (Campe 2021: 1116 - 1122). 11 „ The work of literature is done in the back-and-forth between writing scenes and scenes of writing, in the work of formation, deformation, and transformation “ (Campe 2021: 1132). 3.2 Schreib- und Leseszenen 51 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="52"?> szenische Grundlage für die Beziehung zwischen Briefverfasser: innen und -empfänger: innen. Dabei weist bereits Campe (2012: 271 - 272) darauf hin, dass allein die beiden fundamentalen Elemente des Briefs, Datum und Ort, auf die rahmende Schreibszene referieren und mithin zu deren Imagination einladen (s. auch Bunzel 2008: 242). Die Thematisierung des eigenen Schreibens ist folglich zunächst nichts Außergewöhnliches, jedoch wird die Konventionalität gesprengt, wenn das Schreiben nicht mehr als isolierter Akt dargestellt wird, die Widerstände des Schreibens inszeniert werden oder die Bedingungen des Schreibens zu eigenen literarischen Praktiken führen. In Charlotta Dorothea Biehls Brieferzählung General Dorsan og Grevinden af Orville. En Fortælling i Breve ( „ General Dorsan und die Gräfin von Orville. Eine Erzählung in Briefen “ , 1783) situieren die Verfasser: innen ihr Schreiben jeweils zu Beginn oder am Ende ihrer Briefe und ermöglichen damit flüchtige Einblicke in den Alltag der diegetischen Welt mitsamt den potenziellen Schreibpraktiken. So erscheint der urbane Rhythmus als partieller Auslöser dafür, dem Schreiben eine Eigenzeit zu gewähren und ‚ die Nacht zum Tag zu machen ‘ : „ Jeg omfavner min Sophia “ , schreibt die junge Henriette ihrer Freundin, og veed ikke om jeg skal ønske hende en god Nat eller Morgen, siden det alt begynder at dages; thi foruden det, at man her i Byen giør Nat til Dag, saa har den Fornøyelse at meddele hende mine Tanker holdt mig længe munter, men nu begynder Søvnen at trykke Øynene sammen [ … ]. (MF I: 122) Ich umarme meine Sophia, und weiß nicht, ob ich ihr eine gute Nacht oder einen guten Morgen wünschen soll, da es schon zu dämmern beginnt; denn abgesehen davon, dass man in dieser Stadt die Nacht zum Tag macht, hat mich das Vergnügen, ihr meine Gedanken mitzuteilen, lange bei Laune gehalten, aber jetzt beginnt der Schlaf meine Augen zu schließen. Für sich genommen mag diese verschobene Temporalität nicht weiter ungewöhnlich wirken. Als Auftakt für die nachfolgende Erzählung gelesen, nimmt sie allerdings die zentrale Intrige vorweg, in der es maßgeblich um das rechtzeitige Handeln geht, bevor eine schlimme Konsequenz eintritt. Bereits früh erfahren die Figuren von den Machenschaften eines Neiders, der den titelgebenden General Dorsan wegen schlampiger Rechnungsdokumentation vor Gericht bringen möchte. In der Folge wird von beiden Seiten alles daran gesetzt, die nötigen Beweismittel zu beschaffen, um zuerst Kontakt mit den Behörden aufnehmen zu können. Gleichzeitig entscheidet sich Dorsan dafür, sich dem Gesellschaftsleben in der Stadt und dem Trubel rund um die Vorwürfe zu entziehen und für längere Zeit auf dem Land zu bleiben. Dass sich Henriette für ihren Brief ungestörte Schreibzeit reserviert, bildet damit einerseits das retardierende Gegenstück zum steigenden Tempo im Verlauf der Erzählung. Andererseits übersetzt die Eigenzeit der Schreib- Szene Dorsans räumliche Idyllenflucht in eine zeitliche und erklärt jene für obsolet. Aber auch Schreib-Szenen, in denen die Grundkonstellation der epistolaren Kommunikation - ein: e isolierte: r Briefverfasser: in setzt ein Schreiben an eine: n Empfänger: in auf - aufgebrochen werden, erweitern das Verständnis von Briefpraktiken und fordern narratologische Systematiken heraus. In Den fortsatte Grandison, i Sexten Breve ( „ Der fortgesetzte Grandison in sechzehn Briefen “ , 1785), Charlotte Badens Fortsetzung von Samuel Richardsons Briefroman The History of Sir Charles Grandison (1753/ 1754, im Volksmund 52 3 Praxeologie der Kommunikation Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="53"?> „ Grandison “ ) bauen die Figuren immer wieder dramatische Passagen ein. 12 Als die junge Ehefrau von Grandison, Harriet, kurz nach ihrer Niederkunft Besuch von ihrer besten Freundin Charlotte erhält, schreibt jene einen Brief an Harriets Großmutter. Harriet ist es zwar noch ärztlich untersagt, selbst zu schreiben, aber ihre Freundin bietet ihr großzügig einige Zeilen des Briefs an: Abb. 3 In Charlotte Badens Den fortsatte Grandison, i Sexten Breve (1785), S. 21 wird der Wechsel der Hände von Asterisken repräsentiert. 12 Die Brieferzählung setzt tatsächlich unmittelbar nach Richardsons Original mit dem 62. Brief ein und nimmt Handlungsfäden auf, die das Original nicht weiterverfolgt hatte: So wird Harriets Heirat mit dem titelgebenden Grandison und die Geburt des gemeinsamen Kindes erzählt. Andererseits wird ein oft kritisiertes ursprüngliches Handlungselement gestrichen, um stattdessen ein anderes Ende zu entwerfen. Die tugendhafte Clementine, Grandisons erste Verlobte, heiratet nicht wie bei Richardson den Grafen Belvedere, sondern stirbt aus Kummer im Kloster (Huber 2024a, 2024b). In diesem Sinne handelt es sich bei FG durchaus um ein frühes Stück Fanfiction. 3.2 Schreib- und Leseszenen 53 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="54"?> - Nei, ingen skrivning, Harriet! - „ Kun to Linier, min Charlotte! “ - Nu! der er da en Blyantspen! Skriv fire! men saa ikke et Bogstav mere! * * * O min Mormoder! Ja visselig: den Retskafnes Bøn formaaer meget. Deres har formaaet, at jeg er bleven en lykkelig Kone, en glad Barnemoder. Bliv ved at bede og velsigne Deres Harriet! * * * Hun kunde have sat til: en lydig Søster; thi nu gav hun mig igien Papiret, for at undertegne mig som Deres ydmyge Tienerinde og hengivne Charlotte G. (FG: 21) - Nein, keine Schreiberei, Harriet! - „ Nur zwei Zeilen, meine Charlotte! “ - Na! hier ist ein Bleistift! Schreib vier! aber dann nicht einen Buchstaben mehr! * * * O meine Großmutter! Ja, in der Tat: das Beten der Rechtschaffenen kann viel bewirken. Ihres hat mich zu einer glücklichen Ehefrau und einer frohen Kindesmutter gemacht. Betet weiter und segnet eure Harriet! * * * Sie hätte hinzufügen können: eine gehorsame Schwester; denn nun gab sie mir das Papier wieder, um als Ihre demütige Dienerin und ergebene Charlotte G. zu unterzeichnen. Anstatt trocken anzukündigen, dass Harriet ein paar Worte an die Großmutter richten wird, verschriftlicht Charlotte den Dialog mit der Freundin, sodass der Wechsel der schreibenden Hand dramatisiert wird. Damit kontextualisiert sie ihre eigene Schreibszene: Vermutlich sitzt sie in einer ruhigeren Ecke abseits des regen Treibens in Grandisons Haus und wird aber von der jungen Mutter gestört, die sich nach Kontakt mit ihrer Familie sehnt. Die wenigen Zeilen erzählen weitaus mehr, als sie explizit sagen, gerade weil sie im mündlichen Dialog zwischen den beiden schreibenden Händen und im schriftlichen Dialog mit der Empfängerin stehen. Der Handel um die Briefzeilen lenkt daneben die Aufmerksamkeit auf die Materialität der Schrift, die in diesem Fall tatsächlich markant ausfällt. Zum einen wird der Wechsel der Hand und des Schreibutensils - Harriet wird nur der Bleistift erlaubt, nicht die scheinbar anstrengendere Feder - nicht durch einen veränderten Schriftsatz dargestellt, vielmehr markieren die Asteriske die Unterbrechung des Schreibens. Der Text zeigt somit, was auf dem Papier fehlt, und zeigt nicht, welche materiellen Zeichen sich wirklich darauf verbergen. Zum anderen füllt Harriets Nachricht sogar mehr als die zugestandenen vier Zeilen (s. Abb. 3). Innovativ ist diese kollektive Schreib-Szene, weil sie den Dialog unmittelbar darstellt und typografische Auszeichnungen zum Erzählen einsetzt; letztere sind allerdings zumindest in den narratologischen Modellen in Genettes Nachfolge nicht berücksichtigt. In Niels Prahls Reiseroman Lars Larsen, eller Aagerups selsomme Hændelser og forunderlige Tildragelser (1758 - 1777) tauchen immer wieder Briefe und andere Schriftstücke auf, 54 3 Praxeologie der Kommunikation Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="55"?> die geschrieben, versendet und gelesen werden. 13 So bildet sogar ein Brief den Anstoß für die Abreise aus Kopenhagen, da der autodiegetisch berichtende Lars Larsen von einer Frau per Schreiben zu einem Treffen eingeladen wird. Dort wird sie ihm eröffnen, dass er einen Jüngling auf einer Europareise begleiten soll - jedoch enthüllt dieser sich als ebenjene verkleidete Dame! Nach dieser unerwarteten Wendung und der Hochzeit zwischen der Auftragsgeberin und einem Baron wird Lars im zweiten Buch allein weiterreisen und aufgrund einer Verwechslung festgenommen. Nicht genug, dass ihm der Brief eines adligen Doppelgängers, Georg Qvintel, ausgeliefert wurde, den er nach langem Überlegen geöffnet und gelesen hatte; es stellte sich auch heraus, dass dieser unter Haftbefehl stand. Im denkbar unglücklichsten Moment findet ihn die Polizei mit Brief und Ring von Qvintels Geliebter, Hermoline, in seinem Zimmer und nimmt ihn in Gewahrsam. Die Korrespondenz, die ihm gestattet wird, nutzt er als erstes, um Hermoline einen Brief zu schreiben, damit sie, von seiner wahren Identität überzeugt, ihn aus der Haft retten könnte. Dieser Brief veranlasst einen der schwersten Schreibakte in Lars Larsens Leben: Men da jeg fik Pennen i Haanden, blev jeg saa tankefuld, at jeg ikke kunde finde paa Ord at begynde med. Jeg vilde skrive fyndigt og igiennemtrængende og tillige ydmygt og medlidende, saa jeg kunde betage Frøkenen de urigtige og falske Tanker om mig, men derhos dog ikke saaledes, at det skulde formere hendes Bedrøvelse. Intet Brev har varet mig fortrydeligere at skrive, end dette. Endelig giorde jeg dog en Begyndelse og skrev omtrent i følgende Stiil: [ … ]. (LL: 59) Aber als ich die Feder in die Hand bekam, verlor ich mich so in Gedanken, dass ich gar keine Worte für den Anfang finden konnte. Ich wollte pointiert und eindringlich, aber trotzdem demütig und mitfühlend schreiben, damit ich dem Fräulein die unrichtigen und falschen Gedanken über mich nehmen konnte, aber dabei doch nicht so, dass es ihren Kummer vergrößern würde. Kein Brief war für mich schwerer zu schreiben als dieser. Endlich aber machte ich einen Anfang und schrieb etwa in folgendem Stil: [ … ]. Nicht das eigentliche Schreiben wird dargestellt, sondern die Widerstände und das ihm vorausgehende Zögern. Die Bedeutung dieses Briefs artikuliert sich in Lars ’ Suche nach dem richtigen Wort und dem passenden Ton, der Gegensätzliches zusammenbringen soll. Denn der Brief soll Lars ’ Identität und Individualität bezeugen, in gewisser Weise Hermoline eine Abfuhr erteilen, sie dennoch nicht derart kränken, dass sie Lars ihre Hilfe verweigert. Außerdem soll er Lars ’ empathische Anteilnahme an ihrem Schicksal - dem Verschwinden des Geliebten - ausdrücken. Der Widerstand gegen das Schreiben ergibt sich infolgedessen aus dem stilistischen Anspruch an den Brief, weshalb es überrascht, dass der Inhalt des diegetischen Originals nicht wiedergegeben wird. Vielmehr folgt auf diese Schreibszene eine Approximation an den Stil des schicksalhaften Briefs ( „ omtrent i følgende Stiil “ ). 13 Zetterberg-Nielsen (2022: 291 - 294) rechnet Lars Larsen als erste originale dänische Robinsonade, die wie Defoes Roman ihren Protagonisten auf einer einsamen Insel stranden lässt, darüber hinaus aber auch komplexe Liebesbeziehungen in die Handlung einbindet. So tauchen bereits auf den ersten paar Seiten homosexuelle und feministische Untertöne und eine Crossdressing-Erzählung auf. Das Reisemotiv ermöglicht die Aufhebung von normativer Sexualität und Tabuisierung von sexuellem Begehren (Zetterberg-Nielsen 2022: 297). Auch Stangerup (1936: 185 - 189) führt den mehrbändigen Roman unter den ‚ realistischen Abenteuerromanen ‘ auf, kritisiert ihn allerdings ansonsten für fehlende psychologische und thematische Tiefe. 3.2 Schreib- und Leseszenen 55 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="56"?> Auch der zweite Brief an Hermoline, die ihn nicht als andere Person anerkennt, bereitet Lars Larsen Mühe: „ Jeg blev siddende i et heelt Qvarter og længer, uden at kunde finde paa saadanne Talemaader som jeg vilde have. Endelig af Utaalmodighed over mig selv skrev jeg følgende: “ (LL: 69 - 70). 14 Während den Anstoß für den Anfang des ersten Briefes vermutlich ein genialer Einfall gab, erscheint diese Niederschrift eher als trotzige Ergreifung der Kontrolle über das Schreiben. Den drei Grundelementen der Schreibszene zugeordnet, bestimmte beim ersten Brief das Sprachsystem das Schreiben, während der zweite Brief von der Geste des Schreibenden initiiert wird. Dieser mag freilich stilistische Finesse vermissen, sodass er nicht als Annäherung an das perfekte Produkt, sondern in seinem ursprünglichen Wortlaut zitiert werden kann. Die Leseszene appliziert die methodischen Ansätze der Schreibszene auf das Lesen und die Selbstbeobachtung des Lesens. Mit Vilém Flussers Kommentaren zur Schreibgeste als Modell kommt Klaus Müller-Wille zu folgender Auswahl an Elementen der Leseszene: Oberfläche (Blatt Papier), Werkzeug (das Buch), Zeichen (Buchstaben), eine Konvention (Bedeutung der Buchstaben), Regeln (Lesepraxis), ein System (Hermeneutik), ein durch das System der Sprache bezeichnetes System (semantische Kenntnis der Sprache), eine zu lesende Botschaft (Ideen) und die (körperliche) Praktik des Lesens [ … ]. (Müller-Wille 2017: 42) Der Begriff der Lese-Szene bezeichnet demzufolge die selbstreferenzielle Struktur, in der die Spannungen zwischen Sprache, Instrumentalität und Geste des Lesens beobachtet und thematisiert werden (Müller-Wille 2017: 42; Hron/ Benne 2020: 72; s. auch zur Geste des Lesens: Benne 2021; Hron/ Benne 2024). Im Gegensatz zur Schreib-Szene involvieren sie die empirischen Lesenden in die Selbstreflexion; denn während die extratextuelle Selbstreferenz der Schreib-Szene eine Produktion voraussetzt, befinden sich die Leser: innen immer schon in einer Leseszene, wenn sie auf eine Lese-Szene treffen. Deshalb verfolgen sie zwar einerseits als Beobachtung dritter Ordnung die Selbstbeobachtung des Textes, stehen andererseits aber in einer selbstreferenziellen Reduplikationsstruktur der Darstellung. Die Aufmerksamkeit für die Leseszenen der Literaturgeschichte ermöglicht es, historische und kulturelle Veränderungen der Lesepraktiken festzustellen (z. B. „ magische Lektüren “ , kollektive Leseformen, wiederholendes Lesen etc. Parr/ Honold 2018: 233 - 384). Im 18. Jahrhundert kam es etwa zu Stilisierungen des Lesens in der freien Natur oder zu Gründungen von Lesezirkeln und literarischen Salons, die das Vorlesen ritualisierten (Schneider 2015: 754 - 758; s. zur fetischisierenden Verklärung der Lektüre in der idyllischen Natur Huber 2024a). Andererseits zeigt die Exzerpierkunst, dass Leseszenen häufig auch Schreibpraktiken beinhalteten: Das Exzerpieren nahm bis ins 18. Jahrhundert einen bedeutenden Platz in den Rhetoriklehren ein, da es als Methode zur Wortschatzerweiterung und Schulung der versierten Ausdrucksweise betrachtet wurde. Es bildete und bildet auch heute im Verborgenen einen wichtigen Grundpfeiler der ersten Phase des Schreibprozesses, der inventio (Décultot/ Krämer/ Zedelmaier 2020). Selbstbeobachtungen des Lesens können deshalb auch Selbstreflexionen des Schreibens vorbereiten (s. u., Kap. 6.3). Andererseits können sich die ersten Leseszenen bereits beim Schreiben abspielen, wobei Texte nicht selten erst gar nicht über das Stadium der Selbstlektüre hinausgelangen (Giuriato u. a. 2008). Hier bildet die epistolare Kommunikation keine Ausnahme: Die 14 „ Ich blieb eine ganze Viertelstunde und länger sitzen, ohne dass mir die geeigneten Formulierungen einfielen. Schließlich, aus Ungeduld mit mir selbst, schrieb ich folgendes: “ 56 3 Praxeologie der Kommunikation Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="57"?> Verfasser: innen nehmen gründliche Selbstlektüren an ihren Briefen vor, korrigieren, streichen und ergänzen, sodass Schreib- und Leseszene Hand in Hand gehen. Im Material schlagen sich diese lesenden Schreibakte auch schriftbildlich nieder, wobei sich mitunter mehrere Bearbeitungsphasen ausmachen lassen (Bunzel 2008: 237 - 238). 15 Wie das kollektive Lesen im 18. Jahrhundert institutionalisiert wurde, kennt auch die epistolare Korrespondenz gemeinschaftliche Praktiken. Die Texte in meinem Korpus stellen häufig kollektiv-soziale Lektürepraktiken dar, bei denen Briefe weitergereicht und -geschickt, vorgelesen und sogar abgeschrieben werden. 16 Die epistolaren Lese-Szenen eröffnen somit, analog zu den alternativen Formen von Autorschaft in der Schreib-Szene, einen Blick auf weitere Arten der Lektüre, die nicht der ‚ romantischen ‘ Szene der passiv empfangenden, meist weiblichen Leserin entsprechen (s. dazu etwa Koschorke 1999: 230). Obwohl als Herzensschriften an Einzelpersonen adressiert, nehmen Briefe einen Platz in der parergonalen Grenzregion zwischen Privatraum und Öffentlichkeit ein und richten sich an einen Kreis von Vertrauten rund um die Adressat: innen. In diesem abgeschlossenen Resonanzraum werden die Beteiligten selbst zu Literaturvermittler: innen, weil sie Schriftstücke aus fremder Hand reproduzieren, rekontextualisieren und wie Herausgeber: innen kommentieren und interpretieren, an die Rezeption also neuerlich die Produktion anschließen. Während diese Szenen die Wechselwirkung zwischen dem Akt des Lesens und den daraus resultierenden Schreibgesten zur Darstellung bringen, bleibt die Einbindung des Körpers nicht auf solche zeichenproduzierenden Handlungen beschränkt. Im 18. Jahrhundert wurden Lese-Szenen regelrecht als Tableaus inszeniert, in denen die Lektüre von zahlreichen weiteren Gebärden begleitet wurde. Tatsächlich zeigt die jüngere Kognitionswissenschaft, dass Lesen ohne körperliche Sinnlichkeit, ohne die Simulation von Wahrnehmungseindrücken nicht funktionieren könnte. 3.3 Lesen mit dem ganzen Körper Das Beispiel aus Badens Den fortsatte Grandison stellte das Schreiben in seiner gestischaffektiven Dimension dar. 17 Jedoch wird in den Briefen auch die Lektüre in ihrer Körperlichkeit inszeniert und als selbstreflexive und metaleptisch grundierte Aktivität enthüllt (Huber 2024b: 129 - 131). Wiederum ist es Charlotte, deren pointierte Figurendarstellung das Bild der vermeintlich versunkenen Leserin mit einer lebhaften Alltagsszene aushebelt: Der sidder hun nu, imens jeg skriver, og læser Deres brev. - Punctum! Hvor mon troe hun nu standsede? thi nu tog hun Brillerne af, tørrede det høire Øie, som er mere genegent til Vemodighed end det andet - Her tog hun Brillerne paa igien - nu af igien, for at tage en Prise Tobak - „ hm! hm! den stakkels Clementine vil fra Verden! det bør ikke nægtes hende. “ - Var det den Sag, hvorfor Faster blev urolig under Læsningen? (her sukkede hun hult). „ Hvad svarer De 15 In diesem Sinne trifft es nicht völlig zu, dass Leseszenen keine Spuren im Material hinterlassen (Pethes 2020: 111 - 112). Es ist Pethes (2020: 130) aber zuzustimmen, dass Leseszenen die „ formalen und materiellen [ … ] Dimension[en] von Literatur “ aufwerten. 16 Eine solche kollektive Lese-Szene findet sich auch zu Beginn von Badens Den fortsatte Grandison (Huber 2024b: 143 - 151). 17 Dieser und der folgende Abschnitt basieren auf meinem bereits veröffentlichten Artikel über Badens Erzählung (Huber 2024b). 3.3 Lesen mit dem ganzen Körper 57 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="58"?> herpaa til Lady Grandison, Charlotte? - - Er jeg ikke ret brudt, Harriet, med dette gamle Familie- Inventarium? Nu vil hun læse, hvad jeg har skrevet - Herefter vil jeg skrive til Dem med Karakterer - - Jeg skriver utydelig, Faster! Jeg vil forelæse Dem mit Svar til Harriet. - - Hør, hvor Deres Papegoie tydelig nævner Deres Navn, det kann høres igiennem tre Værelser. [ … ] Nu gik hun til den bestandige, og jeg kan da rolig skrive. (FG: 41 - 42) Da sitzt sie nun, während ich schreibe, und liest Ihren Brief. - Punctum! Wo mag sie wohl aufgehört haben? Denn gerade nahm sie die Brille ab, trocknete das rechte Auge, das mehr zur Wehmut neigt als das andere. Da setzte sie die Brille wieder auf - jetzt wieder ab, um eine Prise Tabak zu nehmen - „ hm! hm! die arme Clementine will von der Welt! das sollte man ihr nicht verwehren. “ - War das der Grund, warum Tante während des Lesens unruhig wurde? (hier seufzte sie gedämpft). „ Was antworten Sie Lady Grandison darauf, Charlotte? “ - - Bin ich nicht ziemlich geplagt, Harriet, mit diesem altem Familien-Inventarium? Nun will sie lesen, was ich geschrieben habe - Ab jetzt werde ich Euch mit Charakteren schreiben - - Ich schreibe undeutlich, Tante! Ich werde Euch meine Antwort an Harriet vorlesen. - Hört, wie Euer Papagei deutlich Euren Namen nennt, man kann es durch drei Zimmer hören. [ … ] Nun ist sie zu dem Unverbesserlichen gegangen, und ich kann in aller Ruhe schreiben. Charlottes alte Tante Selby liest den Brief mit dem gesamten Körper: Sie muss das Papier ablegen, weil sie vor Rührung weint, nimmt es wieder auf, legt wiederum eine Pause ein, um eine Prise Schnupftabak zu nehmen. Die Dynamik der Szene speist sich einerseits aus dem Wechselspiel zwischen Erzählerrede, direkter Figurenrede und Adressierung der Empfängerin. Andererseits entpuppt sich Charlotte als veritable Alltagschronistin, die das Geschehen ihrer Gegenwart unmittelbar festhält; in diesem Kammerspiel nähern sich Erzählzeit und erzählte Zeit maximal an. Charlottes Schrift agiert als Vermittlerin zwischen der adressierten Harriet und der erzählten Lese-Szene und überbrückt so zeitliche und räumliche Distanz. Sie synchronisiert die drei Temporalitäten der epistolaren Kommunikation (Geschichte, Präsentation der Erzählung und Lektüre), um sie miteinander ins Gespräch zu bringen. Das Lesen wird aber auch lebendig, weil es in soziale und kommunikative Kontexte eingebettet ist, wo es sich fortpflanzen kann: Clementines Brief an Harriet wurde an Charlotte weitergeschickt und landete schließlich in den Händen der Tante. In diese kommunikative Kette muss auch die Erzählung eingegliedert werden, da der Brief über unbekannte Umwege auch den Leser: innen in gedruckter Form zugänglich wird, die auf diese Weise in den erweiterten Kreis der Freund: innen eingeschlossen werden. Demnach bildet der dynamische Wechsel zwischen Erzähler- und Figurenrede diese konzentrisch wachsende Publikationsbewegung diegetisch ab. Die adressierte Harriet steht dabei stellvertretend für das Publikum, sodass es zu einer mehrstufigen, metaleptischen Lese-Szene kommen kann. Tatsächlich weist die Erzählung ihre selbstreferenzielle Lesbarkeit selbst aus und appliziert den Akt des Lesens rekursiv auf die Darstellung, insofern als Charlottes „ Punctum! “ Tante Selby in einen lebendigen, lesbaren Text verwandelt. Damit schildert sie nicht nur, wie die Tante liest, sondern offenbart sich als Beobachterin einer Lese-Szene. Das Lesen als gestisch-affektive Praxis wird somit selbst zum deutbaren Text - oder anders gewendet: Lektürepraktiken schreiben am und auf den Körper. Diese Lese-Szene produziert doppelt Text, denn wenn Epistolarität ständig Schreib- und Leseakte induziert, erfolgt das Schreiben in Den fortsatte Grandison unmittelbar an und auf Selbys Körper. Lesen führt zum gestisch-affektiven Ausdruck, zu den Körperzeichen, die von einer beobachtenden 58 3 Praxeologie der Kommunikation Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="59"?> Instanz gedeutet und wiederum in einem Brief verschriftet werden. Dabei entspinnt sich schließlich ein selbstreflexives Vexierspiel, das Selbys uneigentlichen Körpertext auf dem Weg über Charlottes Verschriftung in den Druck in einen realen Text verwandelt. Wenn Charlotte dabei absichtlich undeutlich schreibt, führt die Erzählung die Analogie von Buchstaben- und Körperschrift noch weiter. Damit wird die Verwandlung von Selby in Text invertiert: Charlottes Aussagen sollen vor der Tante verborgen bleiben, weshalb sie in unlesbare Schriftzeichen - „ Karakterer “ - transponiert werden müssen. Diese materiellen Widerstände retten sich gleichwohl nicht in den Druck, sodass Charlottes Satire für die Leser: innen wieder lesbar ist. Zwar verlangt der Text somit keine Entzifferungsarbeit mehr, jedoch kommt stattdessen die Einbildungskraft zum Einsatz, die auf der Grundlage von Charlottes Kommentar die unlesbaren Zeichen imaginiert und den Drucktext in der Vorstellung wieder in einen Brief zurückverwandelt. Badens Lese-Szene inszeniert einerseits das Lesen in seiner komplexen, dynamischen Mehrdeutigkeit als körperliche Aktivität, Übertragung schriftbasierter Wahrnehmungsweisen auf Menschen und metaleptisches, selbstreflexives Verfahren des epistolaren Erzählens. Andererseits ist die Körperlichkeit dieser epistolaren Lektüre eine völlig andere, als es die Gattungskonvention der Empfindsamkeit diktiert. Statt den topischen Herzensschriften und vergossenen Tränen verfasst Charlotte eine Satire auf die empfindelnde Briefleserin, die genauso zum Schnupfen innehält wie zum Weinen. Indem damit Kenntnis der Genreliteratur bewiesen und unterlaufen wird, offenbart der Abschnitt einen weiteren Grad der Lesbarkeit: den Umgang mit literarischen Motiven und die daraus folgende Möglichkeit zur intertextuellen Lektüre. Wie andere Schreib- und Lese-Szenen in meinem Korpus zeigt Charlottes Verschriftlichung, dass damit selten bloß epistolare Konventionen erfüllt werden, sondern, indem sie den epistolaren und empfindsamen Körperlichkeitsdiskurs verschränken, eine sinnliche Form des Erzählens auf die Bühne bringen. 3.4 4E Cognition und körperliche Lektüre Das Konzept der Lese-Szene gehört um einen theoretischen Rahmen ergänzt, der das Lesen als grundlegend physischen Akt versteht. Einen möglichen Ansatz, der sich insbesondere für das materialitätsaufmerksame 18. Jahrhundert eignet, bietet die Embodied Narratology, die u. a. von Marco Caracciolo und Karin Kukkonen in mehreren Studien und einem Einführungswerk ausgearbeitet wurde. Sie gilt als zweite Generation der kognitiven Erzähltheorie, weil sie narratologische Konsequenzen aus den Thesen der 4E Cognition, also der jüngsten Kognitionswissenschaft, zieht (Caracciolo/ Kukkonen 2021; Brosch 2018; s. auch spezifisch für die Literatur des 18. Jahrhunderts: Kukkonen 2019). Diese vier E ergeben sich aus dem Verständnis rezenter neurologischer Forschung, dass kognitive Prozesse embodied, embedded, extended sowie enactive erfolgen: [T]he core claim of these models is that the mind is uniquely shaped by the makeup of the human body in its interaction with concrete environments (embedded cognition) that emerge from perceptual, affective, and intersubjective patterns (enactive cognition). Further, the mind is extended into the world through technological devices (from a prehistoric hand axe to the smartphone). (Caracciolo/ Kukkonen 2021: 3) 3.4 4E Cognition und körperliche Lektüre 59 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="60"?> Auch wenn es innerhalb des Forschungsfelds noch Auseinandersetzungen darüber gibt, inwiefern alle vier Merkmale am Erkenntnisprozess beteiligt sind (Newen u. a. 2018: 4; Menary 2010: 459 - 460), ist man sich einig, dass eine strikte Trennung von immateriellen, transzendenten Denkprozessen und körperlichen Praktiken ausgeschlossen werden muss. „ [P]erception is not the construction of an internal, pictorial representation of the world, but a dynamic, explorative engagement that is made possible by bodily movements and results in an illusion of picture-like sharpness “ (Caracciolo/ Kukkonen 2021: 72). Karin Kukkonen zeigte in 4E Cognition and Eighteenth-Century Fiction. How the Novel Found Its Feet (2019), wie eng Körperlichkeit, sinnliche Wahrnehmung, Technologien und Erzählen in der englischen Romanliteratur des 18. Jahrhunderts verknüpft sind. Es zeichnet sich ab, dass in dem historischen Moment, als sich die stille Lektüre allmählich etablierte, Vorleserituale und andere Formen des kollektiven Lesens aber noch präsent waren und institutionalisiert wurden (Schneider 2015: 755 - 758), verkörpertes Erzählen die methodische Lücke füllen kann, die formalistische und strukturalistische Ansätze in Bezug auf die Literatur vor 1800 aufklaffen lassen. Gerade die Präsenz der inneren Stimme bei der stillen Lektüre zeugt von einer nicht zu tilgenden Körperlichkeit der Rezeption: [The] inner voice plays a central role in the reception of the text, even if we no longer read out loud. Once we take into account the physical dimension of embodied language and the resonances it evokes in readers, reading loses its visual dominant, and once we pay attention to the ways in which texts modulate embodied predictions, it does not need to be considered dead. We might primarily use our eyes when reading, but the meaning and the experience we get in reading depends on our entire bodies. (Kukkonen 2019: 209) Ebenso lassen sich Phänomene der Immersion, die in der Forschung auch unter Begriffen wie ästhetischer Illusion, ‚ Rezentrierung ‘ oder Barthes ’ effet de réel gehandelt werden (Wolf 2013, 2014; Ryan 1991), mit der embodied cognition begreifen. Damit sind diese beinahe unheimlichen ästhetischen Effekte des Miterlebnisses gemeint, bei denen Leser: innen das Gefühl erhalten, selbst Teil der diegetischen Welt zu werden, und Handlung mit körperlichen Reaktionen nachvollziehen (z. B. mit Tränenverguss). Im Diskurs des 18. Jahrhunderts werden solche Immersionseffekte mit der Vorstellungs- oder Einbildungskraft beschrieben; im Zuge der Romandebatte wird auch vor der hypertrophen Imagination gewarnt, durch die besonders leicht zu beeinflussende Leser: innen von den Erzählungen in den Bann gezogen werden (Huber 2024a; Koschorke 1999: 398 - 406). Dabei spricht das Miterlebnis zwar scheinbar ausschließlich die visuelle Vorstellungskraft an (nicht ohne Grund spricht man von Einbildung), arbeitet jedoch mit denselben Verfahren, wie wenn die Realität wahrgenommen wird: „ it involves enacting what it would be like to perceive a space “ (Caracciolo/ Kukkonen 2021: 72), betrifft also auch Akustik, Olfaktorik, Haptik. Laut Kukkonen (2019: 12) kennt die Literatur verschiedene Strategien, um diese Körperlichkeit zu evozieren und die Körper der Lesenden zu involvieren. Kulturelles Wissen, Praktiken und Formen der sprachlichen Vermittlung bilden den Hintergrund des kognitiven Prozesses, den wir Lesen nennen. Sie sind im Kontext der Literatur angesiedelt, finden sich jedoch auch als verdichtete Refigurationen in den Texten. Das Ergebnis dieser Begegnung von Text, Kontext und Leser: innen ist eine komplexe, weil mehrstufige Beteiligung bis hin zum zyklischen Zusammenspiel. Auf diese Weise entwickeln und tradieren sich Lesepraktiken rund um und in Literatur. 60 3 Praxeologie der Kommunikation Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="61"?> Indem die Leser: innen sich mit den Figuren, Erzählinstanzen und der Erzählung in Beziehung setzen und bewusst und unbewusst dargestellte Praktiken nachahmen, vollziehen sie die gesamte dargestellte Wahrnehmung nach. Diese beinhaltet nebst visuellen und somatischen Aspekten emotionale, epistemische und axiologische Elemente, weshalb der körperliche Nachvollzug die Grundlage für die empathische Beteiligung der Leser: innen bilden kann (Caracciolo/ Kukkonen 2021: 76). Zu den Verfahren des Zusammenspiels von Text, Kontext und Leser: innen gehören ebenso parergonale Strukturen, mit denen die Aufmerksamkeit auf die Selbstreflexion und den Vergleich von Perspektiven gelenkt wird. Lesen pendelt somit zwischen Immersion und distanzierender Reflexion. Zu den Strategien der Distanzregulierung gehören die mise-en-page, der Wechsel von Erzählinstanzen und der Einsatz von direkter oder indirekter Rede. Aspekte können so vom Text in den Vorder- oder Hintergrund gerückt werden, Illusion gebildet oder gebrochen, Wahrnehmungen kontrastiert oder überblendet werden (Kukkonen 2019: 58; Caracciolo/ Kukkonen 2021: 51 - 56, 170). 18 In Den grønne April imaginieren die Leser: innen etwa die Schreib- und Leseszenen der Figuren und erkennen gleichzeitig die Rahmungsfunktion durch den Tagebuchschreiber und dessen illegalen Eintritt in die fremde Wahrnehmung. Damit lässt sich ein Vermittlungsmodell konstruieren, das im Gegensatz zu Genettes (2010: 121 - 135) Fokalisierung Elemente einschließt, die außerhalb der semantischen und verbalen Dimension der Erzählung in der typografischen Materialität selbst liegen. Andererseits bildet die Multiplizierung der Erzählinstanzen und die daraus folgende parergonale Dynamik eine Grundthese der Embodied Narratology, sodass sich eine strikte Unterteilung in deutlich getrennte Erzählebenen erübrigt (Caracciolo/ Kukkonen 2021: 54). Denn hinter allen Erzählinstanzen und Perspektiven steht letztlich eine selegierende Erzählfunktion, die, indem sie erzählt, auch immer etwas zeigt. Die Zeigegeste als nicht zwangsläufig verbalisierte Kommunikation eignet sich, um die Funktionalität des materiellen Erzählens in der epistolaren Literatur zu erfassen. Oft werden Informationen nicht über explizite Aussagen der Erzählinstanz vermittelt, sondern über Elemente der mise-en-page (s. zur Zeigegeste der Literatur: Mersch 2002). Diese für die epistolare Korrespondenz so fundamentale Körperlichkeit gilt es im nächsten Kapitel aus der Perspektive einiger Texte des 18. Jahrhunderts zu betrachten. In einem weiteren Sinn kann mit der Zeigegeste außerdem die bisweilen explizite Präsenz einer Herausgeberinstanz eingeschlossen werden, welche die Briefe zum Druck befördert haben muss - sei diese auch fiktionaler Natur. Wenn ferner Briefe innerhalb des Figurenkreises weitergeschickt oder vorgelesen werden, wie es in Den grønne April oder Den fortsatte Grandison der Fall ist, vervielfältigt sich die Anzahl der Perspektiven und der Zeigegesten entsprechend. Wie der empathische Nachvollzug als körperliche Wahrnehmung in der Literatur funktionalisiert werden kann, zeigt sich in meinem Korpus exemplarisch in der Eröffnungsszene von Badens Den fortsatte Grandison (Huber 2024b: 143 - 151). Die ersten Seiten müssen die Position dieser selbstdeklarierten Fortsetzung deutlich ausweisen und Ausblick darauf geben, was sie gegenüber dem Original und anderen Fortschreibungen 18 Ursula Rautenberg (2015: 297 - 300) gibt in ihrem Handbuchartikel einen Überblick über die Bedeutung von typografischen Mittel zur Leserlenkung. 3.4 4E Cognition und körperliche Lektüre 61 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="62"?> auszeichnet. Diese und weitere exordiale Informationen werden über die Erzählung selbst vermittelt, wobei die Körperlichkeit der Inszenierung und die Materialität der mise-enpage eine wichtige Rolle spielen. 19 Als Fortsetzung von Richardsons Grandison nimmt Badens Erzählung die offengebliebenen Handlungsstränge des Vorgängerromans auf und bringt sie zu einem für die Autorin und für viele zeitgenössische Leser: innen befriedigenden Ende. Dabei nimmt sie sich in erster Linie zweier Kritikpunkte an: Zum einen hörte Grandison im siebten Band mit Harriets und Grandisons Heirat auf, ohne deren Eheleben zu verfolgen; zum anderen vermählte sich Clementine, Grandisons erste, italienische Liebe, ohne weitere Gewissenskonflikte mit dem Graf Belvedere, nachdem der Bund mit Grandison aus religiösen Gründen nicht geschlossen werden konnte. Die Leser: innen wünschten sich allerdings Szenen aus Harriets und Grandisons häuslichem Alltag und eine Darstellung von Clementine, die auf ihre große Liebe verzichtet und deshalb weniger skrupellos den einen Geliebten mit einem anderen ersetzt. In Den fortsatte Grandison entscheidet sich Clementine zunächst für einen Klosteraufenthalt, um sich zu sammeln, geht aber letztlich am Konflikt zwischen den Erwartungen ihrer Eltern, der Gesellschaft und Belvedere einerseits und den Ansprüchen an sich selbst andererseits zugrunde. Der erste Brief ist eine doppelte Exposition, denn er führt in die Geschichte ein und stellt gleichzeitig mithilfe einer kollektiven und gestisch-affektiven Lese-Szene das Erzähltableau auf (Huber 2024b: 143). Indem Harriet ihrer Großmutter von der Ankunft und der Lektüre eines Briefbündels aus Italien berichtet, wird das verkörperte Lesen eingeführt und zur Nachahmung empfohlen: 62 Brev. Fortsættelse af Lady Grandison til Mad. Shirley. En hel Pakke Breve blev bragt mig i Gaar. Jeg kiendte Marggrevens Seigl; men hvor stor min Længsel end var efter at vide deres Indhold, lagde jeg dem dog ubrudte paa Bordet indtil Sir Carl kom hiem fra nogle Forretninger, han havde havt i den afdøde Sir Hargraves Huus. [ … ] Jeg slog min ene Arm om hans Hals, trykkede ham op til mit bankende Hierte, og holdt i den anden Haand Pakken fra Bologna. „ Her er Brev, Elskelige Sir “ , sagde jeg „ fra vore Venner, fra vor Clementine. Hvor længes jeg efter at vide deres lykkelige Hiemkomst! “ Jeg saae Glæden tindre i Sir Carls Øine. Med en Ærbødighed, som er ham altid saa egen, tog han Pakken af min Haand, og gav sine Folk Ordre, ikke at komme ind, førend han ringede. Derpaa tog han mig ved Haanden, og førde mig til Sofaen, sigende: „ Nu ville vi forestille os, min elskelige Harriet! at vi ere samlede med vore Venner fra Bologna. “ Derpaa aabnede han Pakken, hvori fandtes et Brev fra Marggrevinden, og et fra hendes Dotter, begge til mig; et til Sir Carl fra Marggreven, og et til Sønnen Signor Jeronymo; et fra Pater Marescotti til Dr. Bartlett. De overøse Sir Carl og mig med Velsignelser, og prise hver Time lykkelig, som de have tilbragt i Engelland. [ … ] Clementines Brev maatte vi adskillige Gange lægge bort, for at tørre Taarerne af vore Øine, som dets Læsning foraarsagede. - Hvor megen Ømhed viser ikke den elskværdige Pige over vor Skilsmisse! og hvor længselfuld er hun efter at høre, at jeg lykkelig har overvundet mit Forestaaende, og glædet, som hun skriver, hendes ypperlige Ven og Broder Sir Carl. (FG: 1 - 2) 19 Genette (1989: 190 - 221) hat die notwendigen Funktionen und Informationen des Vorworts in Paratexte zusammengefasst. 62 3 Praxeologie der Kommunikation Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="63"?> 62. Brief Fortsetzung von Lady Grandison an Mad. Shirley. Ein ganzes Bündel Briefe wurde mir gestern gebracht. Ich erkannte das Siegel des Markgrafen; wie groß auch mein Verlangen danach war, deren Inhalt zu erfahren, legte ich sie doch unaufgebrochen auf den Tisch, bis Sir Carl von einigen Geschäften im Haus des verstorbenen Sir Hargraves zurückkommen würde. [ … ] Ich legte einen Arm um seinen Hals, drückte ihn hoch an mein klopfendes Herz, und hielt das Bündel aus Bologna in der anderen Hand. „ Hier sind Briefe, lieber Sir “ , sagte ich „ von unseren Freunden, von unserer Clementine. Wie sehr sehne ich mich danach, von ihrer glücklichen Heimkehr zu erfahren! “ Ich sah die Freude in Sir Carls Augen funkeln. Mit der ihm so eigenen Ehrfurcht nahm er das Bündel aus meiner Hand, und gab seinen Bediensteten die Anweisung, nicht hereinzukommen, bevor er läutete. Darauf nahm er mich bei der Hand, und führte mich zum Sofa, während er sagte: „ Jetzt wollen wir uns vorstellen, meine liebste Harriet! dass wir mit unseren Freunden aus Bologna versammelt sind. “ Darauf öffnete er das Bündel, worin sich ein Brief von der Markgräfin, und einer von ihrer Tochter, beide an mich, befanden; einer an Sir Carl vom Markgrafen, und einer an den Sohn Signor Jeronymo; einer von Pater Marescotti an Dr. Bartlett. Sie überschütten Sir Carl und mich mit ihren Segenswünschen, und preisen jede Stunde glücklich, die sie in England verbrachten. [ … ] Clementines Brief mussten wir mehrmals weglegen, um unsere Augen von den Tränen zu trocknen, die seine Lektüre verursachte. - Wie viel Zärtlichkeit zeigt das liebenswürdige Mädchen über unsere Trennung! und wie sehr sie sich danach sehnt zu hören, dass ich mein Bevorstehendes überwunden habe, und wie glücklich sie darüber sei, wie sie schreibt, dass ich ihrem vortrefflichen Freund und Bruder Sir Carl gefallen habe. Die gemeinsame Lese-Szene wird von einer buchstäblichen Installation des Bühnenraums eingeleitet: Die Türen werden geschlossen und eine Eigenzeit des Lesens inauguriert, indem die Bediensteten angewiesen werden, nicht zu stören, um schließlich die verschrifteten Figuren mithilfe der Einbildungskraft in den Raum zu projizieren. Grandisons Zauberformel „ Nu ville vi forestille os “ lässt das epistolare Kammerspiel beginnen, in dem jeder der italienischen Freunde den Anwesenden - aber auch Abwesenden! - etwas mitteilen darf. Es handelt sich folglich nicht um immersives Lesen, da sich das Ehepaar nicht in die Schreibszenen versetzt, sondern - wenn man so möchte - um ein eruptives Lesen, bei dem die Protagonisten aus den Briefen heraustreten und an der Leseszene teilnehmen. Die Briefe agieren wie Schauspieler: innen, denn sie sind die Materialisierung ihrer Verfasser: innen und sichern so deren Auftreten in der Lese-Szene. Sie erhalten ihre Bedeutung erst, wenn sie von dem Publikum als verkörperte Verlängerungen der Verfasser: innen durchschaut und mit den schriftbasierten Vorstellungen gefüllt werden. 3.4 4E Cognition und körperliche Lektüre 63 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="64"?> Abb. 4 Der Beginn von Charlotte Badens Briefromanfortsetzung Den fortsatte Grandison, i Sexten Breve (1785), S. 1. Diese Lese-Szene kann und muss als metaleptische Spiegelung der empirischen Leseszene verstanden werden. Der Druck reproduziert tatsächlich die beiden wesentlichen Komponenten des lesenden Kammerspiels, die Rahmung des Bühnenraums und den Figurenauftritt, mit typografischen Mitteln (Huber 2024b: 150 - 151). Zum einen stehen zu Beginn der Erzählung mehrere Überschriften und eine Vignette, sodass explizit ein Fiktionsraum eröffnet wird, der sich in der diegetischen Welt von Grandison verortet (s. Abb. 4). Die Briefnummerierung sowie die Nennung von Schreiberin und Adressatin fungieren wie Regieanweisungen, die Zeit und Raum des Geschehens angeben. Die gefettete Auszeichnung der Figurennamen parallelisiert zum anderen typografisch das Heraustreten der Figuren in der kollektiven Lese-Szene. Auch ihre eigenwillige Materialität kann durch die Einbildungskraft mit Bedeutung gefüllt und als Stellvertretung der fiktionalen Figuren erkannt werden. Textuelle Materialität und selbstreflexive Lese-Szene - Mittel der körperlichen Distanzregulierung von Immersion und Reflexion - verschränken sich damit zum Entwurf eines Lektüremodus, der die Erzählung wie ein Theaterstück rezipiert. Ein solches Lesen darf durchaus von den Inhalten bewegt werden, wie die Reaktion des Ehepaars auf Clementines emotionalen Brief beweist. Vergossene Tränen nach einer rührenden Geschichte sind nicht Ausdruck übertriebener Empfindelei, sondern eines wahren empathischen Nachvollzugs der Erzählung, der nebst somatischer Nachahmung 64 3 Praxeologie der Kommunikation Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="65"?> auch emotional stattfindet. Wenn diese Eröffnungsszene das Lesen als gestisch-affektive Praxis vorstellt, erfüllt sie zunächst exordiale Funktionen und führt vor, wie die Erzählung zu lesen sei. Dabei inszeniert sie aber auch die Körperlichkeit von epistolarer Literatur in Analogie zur Dramatik und schlägt eine soziale und kollektive Form der Lektüre vor. Die besprochenen Beispiele offenbaren, wie Briefe als literarische Objekte zirkulieren, abgeschrieben, weitergegeben, gelesen und kommentiert werden. Diese Praktiken überschreiten - wie in Thielos Den grønne April - nicht nur soziale und räumliche Grenzen, sondern auch die diegetische Ordnung: Sie bringen die Erzählinstanz in epistemologische Widersprüche und eröffnen Räume für Selbstreflexion und narrative Grenzüberschreitung. Schreiben und Lesen erscheinen dabei nicht als isolierte Akte, sondern als kollektive, verkörperte und oft dialogisch strukturierte Prozesse - geprägt von körperlichen Widerständen, affektiven Reaktionen und materieller Inszenierung. Epistolare Schreib- und Leseszenen entfalten ein hohes Maß an Selbstreflexivität: Sie dramatisieren Schreibsituationen und machen Lektüren zur beobachtbaren, sozialen Praxis. Besonders in Badens Figur der Tante wird die Lektüre als gestisch-affektiver Vorgang sichtbar, der zeigt, wie der lesende Körper selbst zum Bedeutungsträger wird. Um diese Formen körperlich inszenierter Epistolarität zu erfassen, bedarf es einer Ergänzung der materialästhetischen Konzepte Schreib- und Lese-Szene durch eine kognitionsnarratologische Methodik. Die 4E Cognition versteht Lesen als körperlich eingebetteten, interaktiven Prozess, der sich zwischen Immersion und Reflexion bewegt. Der empathische Nachvollzug wird dabei als leiblich-affektive Praxis begreifbar, in der typografische Gestaltung ebenso bedeutungsstiftend und lektüreleitend wirkt wie die Ebene der Geschichte. Inwiefern sich so virtuelle Epistolarität und typografische Materialität zu einem körperlich modellierten Erzählen verbinden, wird das nächste Kapitel klären. Insgesamt verlangen die Texte meines Korpus nach einer praxeologischen Perspektive auf die epistolaren Praktiken in der Literatur, die Schreiben und Lesen nicht nur als Motive, sondern als Verfahren ernst nimmt - Verfahren, bei denen Darstellung, Materialität und Rezeption eng ineinandergreifen. 3.4 4E Cognition und körperliche Lektüre 65 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="66"?> 4 Epistolare Materialität 4.1 Schriftbildlichkeit und die Widerständigkeit des Materials Die Schreib- und Lese-Szenen der epistolaren Literatur verhandeln immer wieder, welche Funktion die Materialität in der Briefkorrespondenz erfüllt: Dabei handelt es sich allerdings nicht nur um Floskeln der empfindsamen Herzensschrift, sondern um konkrete Untersuchungen des Briefkörpers. Dieses Substitut seiner Verfasser: innen wird in den Texten meines Korpus auffällig häufig auf Schreibspuren untersucht, die den via Buchstabencode transportierten Sinn unterstützen oder unterlaufen. Was diegetisch derart aufgeführt wird, vollzieht sich formal in der mise-en-page, die von den Leser: innen entsprechend den von den Erzählungen präfigurierten Lese-Szenen auf ihre typografischen Anzeichen untersucht werden können. Damit misst das epistolare Erzählen der Materialität der Schriftstücke eine besondere Bedeutung zur Sinnkonstruktion zu, die den Bereich einer traditionellen Narratologie übersteigt und daher nach methodischen Vervollständigungen verlangt. In der fiktionalen Autobiografie En Swensk Adelmans Äfwentyr i Utrikes Orter (1759/ 1780) sorgt ein Brief, der auf dem Sterbebett geschrieben wurde, für besonders bewegende Lese- Szenen. Der Hans Gustaf Rålamb zugeschriebene Text erschien zweibändig, wobei zwischen erstem und zweitem Band 21 Jahre liegen; die Fortsetzung wurde außerdem als Doppelband mitsamt dem ersten Teil von 1759 veröffentlicht. Die erheblichen stilistischen und kompositorischen Unterschiede sind deshalb auch Ausdruck veränderter kultureller Normen und Schriftpraktiken (Malm 2001: 187). Während in der Erstveröffentlichung der autodiegetische Erzähler, der schwedische Adlige Adolph, retrospektiv sein Leben schildert, wird der Doppelband von 1780 von einem auktorialen Vorwort gerahmt. Darin beansprucht der anonyme Autor die Urheberschaft und erklärt, dass er beabsichtigt habe, „ att skrifwa något Original “ (SAÄ: 2), wobei Original Schlagwortcharakter hat und die pseudofaktuale Autobiografie der Erstausgabe explizit in ein fiktionales Produkt verwandelt. 1 Die Handlung spielt in ganz Europa (Schweden, Italien, Türkei, Frankreich, Spanien, Polen) und ist von zahlreichen Metadiegesen durchsetzt, die von Figuren erzählt werden, denen Adolph begegnet. Den narrativen Rahmen bildet eine galante Liebesgeschichte: Der Protagonist verliebt sich in Spanien in die mysteriöse und unerreichbare Donna Marca, mit der er allein über Stellvertreterobjekte - u. a. Briefe und ein Porträt - in Kontakt treten kann. Zu Beginn des zweiten Bandes gelingt die Heirat, doch das Glück währt nicht lange: Donna Marca verstirbt kurz nach der Geburt des ersten Sohns in Venedig, während Adolph bei der 1 In demselben Jahr, vermutlich vor Rålambs eigener Fortsetzung, erschien mit En Swensk Adelsmans Äfwentyr, I Utrikes Orter. Senare Delen (1780) eine weitere anonyme Publikation, die Erik Erland Ullman zugeschrieben wird. Indem ich Rålambs Bücher als zwei für sich stehende Einheiten verstehe, schließe ich mich Mats Malms (2001: 187) Interpretation an, dass die beiden Teile nicht zeitnah entstanden sind, wie das Vorwort des zweiten Bands behauptet. Vielmehr wurde der zweite Band vermutlich erst in Reaktion auf die Fortsetzung von Ullman, wenn nicht begonnen, dann zumindest konzeptionell zu Ende geführt. Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="67"?> Familie seiner Schwester in Warschau weilt. Ihr biologischer Tod setzt die Reihe der dramaturgischen Suspensionen fort und entrückt die Geliebte endgültig in die Transzendenz. 2 Die Verstorbene hinterlässt ihrem Mann jedoch einen Abschiedsbrief, der materielle und praxeologische Paradoxien entfaltet. Er wird in einem Schmuckkästchen aufbewahrt und soll nur in Anwesenheit sämtlicher Freunde gelesen werden, weil man eine starke „ alteration “ beim Witwer befürchtet. So hatte bereits die mündliche Botschaft von Donna Marcas Tod ihn dermaßen geschwächt, dass er einige Zeit im Bett verbringen musste. Darin liegt er auch, als er - umgeben von den Dienern und Freunden Selima und Mustapha und seinem venezianischen Freund Gref Corsini - den Brief aus dem Kästchen hebt: P ALVICIANI hade sagt S ELIMA och M USTAPHA , i det skrinet han hade med sig ifrån Grefwinnan med des Jouveler, låg et bref ifrån henne skrifwit i des dödsstund och just i det hon dog. Samma bref hade Gref C ORSINI lagt i detta Jouvelskrin och wore angelägit det öppnades innan wår skilsmässa, at de wore tilstädes wid den alteration mig kunde wid deß öpnande påkomma. Efter detta rådslåendet kommo de en dag in til mig, och hade P ALVICIANI skrinet i handen: de budo mig läsa up det, men som jag blef härwid bestört, öpnades det i hast af S ELIMA ; jag såg där öfwerst et papper, hwilket jag hastigt tog til mig och läste, lade det til min mun och dånade: som man detta sig förwäntat, öpnade man mig ådren och jag kom mig för, såsom utur en djup sömn. P ALVICIANI frågade mig, om jag erindrade mig, at Grefwinnans ande nu kanske med oro och bekymmer såg mitt tilstånd, och det farliga perspective den såg för sin Sons framtid, om jag ej sacktade och stillade min sorg: jag brast i tårar, hwilket likasom lisade mitt klämda hjerta; desse mine wänners förnuftiga och öma föreställningar werkade saktmod och stillhet hos mig. Jag tog åter Grefwinnans bref, läste det med tårar flere gånger igenom, och war af följande innehåll: [ … ]. (SAÄ: 200) P ALVICIANI hatte S ELIMA und M USTAPHA gesagt, dass in dem Kästchen, das er von der Gräfin mit den Juwelen mitgebracht hatte, ein Brief von ihr lag, den sie in ihrer Todesstunde und gerade in dem Moment, als sie starb, geschrieben hatte. Graf C ORSINI hatte denselben Brief in dieses Schmuckkästchen gelegt und darauf bestanden, dass es vor unserem Abschied geöffnet werde, damit sie bei der Alteration, die mir beim Öffnen widerfahren könnte, anwesend sein könnten. Nach dieser Beratung kamen sie eines Tages zu mir und P ALVICIANI hielt das Kästchen in der Hand: Sie baten mich, es vorzulesen, aber da ich darüber bestürzt war, wurde es hastig von S ELIMA geöffnet; ich sah zuoberst ein Papier, das ich hastig an mich nahm und las, es an meinen Mund legte und ohnmächtig wurde: Weil man dies erwartet hatte, öffnete man mir die Adern, und ich erwachte wie aus einem tiefen Schlaf. P ALVICIANI fragte mich, ob ich mich daran erinnere, dass der Geist der Gräfin nun vielleicht mit Sorge und Unruhe meinen Zustand sah und die gefährliche Zukunftsperspektive für ihren Sohn sah, wenn ich meine Sorge nicht milderte und stillte: Ich brach in Tränen aus, was mein beklemmtes Herz beruhigte; die vernünftigen und liebevollen Vorstellungen meiner Freunde führten zu Sanftmut und Ruhe in mir. Ich nahm erneut den Brief der Gräfin, las ihn unter Tränen mehrmals durch, und er war von folgendem Inhalt: [ … ]. Wie erwartet löst die Lektüre des Briefs bei Adolph eine starke emotionale Reaktion aus, die sich psychisch und physisch ausdrückt und der nur durch eine medizinische Lösung - den Aderlass - Einhalt geboten werden kann. Weitere stille Lektüren folgen, bevor Adolph 2 Gemäß Koschorke (1999: 154 - 156) bedient sich die Literatur der Empfindsamkeit am Fundus der christlichen Transzendenzmetaphorik, um bürgerlich-säkularisierte Erzählungen der ständig in die Unmöglichkeit und Distanz verschobenen Liebe zu schildern und mithin in dieser Aufhebung der Körperlichkeit das Streben nach rein geistigem Austausch darzustellen. So zeichnet sich die ideale, feinfühlige Figur durch leichte Sterblichkeit aus und die reine Liebe erreicht ihr Ideal erst im Tod der beiden Geliebten. 4.1 Schriftbildlichkeit und die Widerständigkeit des Materials 67 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="68"?> den Brief laut vorliest. Das suggeriert zumindest die mise-en-page, die den Briefinhalt wie eine direkte Rede in Anführungszeichen setzt und in den Fließtext einbettet. Typografisch ist der Brief damit nicht als Fremddokument markiert. Dramaturgisch ist die Lese-Szene hingegen doppelt gerahmt: Da Adolphs Freunde sein Krankenbett umgeben und seine Brieflektüre beobachten, fungieren sie topologisch als Rahmenfiguren. In seiner flankierenden Position enthüllt dieses fiktionale Publikum die Szene als theatrale Praxis und wirkt rezeptionslenkend, indem es im Verbund mit den Vorsichtsmaßnahmen die Aufmerksamkeit bündelt und die Leseszene zum auratischen Moment stilisiert. Die Konfiguration der Lese-Szene präsentiert die Lektüre als polymodales Tableau, auf dem Adolphs Körper wie Tante Selby in Den fortsatte Grandison folgerichtig als Bedeutungsträger auftritt. 3 Erst nachdem die emotionale Kraft des Briefs von Gref Corsini kommentiert und in der Lese-Szene dargestellt wurde, erfahren die Freunde und damit die Leser: innen die eigentliche Mitteilung. Dramaturgisch formuliert: Indem der Brief zunächst als rein materielles Requisit einer Lese-Szene eingeführt wird, bilden sich Erwartungen an den Inhalt, wobei der gestisch-affektive Ausdruck die Rezeption präfiguriert. SAÄ legt den Leser: innen nahe, empathisch auf den Brief zu reagieren. Abb. 5 Donna Marcas Todesbrief in Hans Gustaf Rålambs En Swensk Adelsmans Äfwentyr, I Utrikes Orter. Andra Delen (1780), S. 200 - 201. 3 Die empfindsame Literatur funktioniert maßgeblich über theatrale Strukturen, bei denen der Körper zum rhetorischen Instrument wird (Goring 2005: 153). 68 4 Epistolare Materialität Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="69"?> „ Jag dör med wårt Barn i famnen, at det måtte få det sista klappet af mitt nu snart stelnade hjerta, hwilket Er och honom tilhört, men med den förtröstan, at han får Ert, sedan Försynen nu frånrycker honom mitt. Om min wän älskat mig, så wårdas Er hälsa, at befrämja denna wår kärlekspants wälfärd: wåre kroppar skiljas, men min ande, tror jag, blir kring Er ständigt swäfwande, til deß wåre själar en gång i den sälla ewigheten träffas, at aldrig mer skiljas: mina sista dagar i werlden woro för sälla, at bli långwariga, och Allmagten fant, at en sådan lycksalighet på jorden icke kunde bäras af en dödelig. Försäkra Er Fru Mor om den wördnad jag bär för henne i grafwen, och äfwen om min wänskap til Er Syster och Swåger. Ack om Fröken M ARGARETHA blefwe min A DOLPHS m - - - jag - - - för - ej - adjeu - jag - - dö - - . “ (SAÄ: 200 - 201) „ Ich sterbe mit unserem Kind in meinen Armen, damit es den letzten Schlag meines nun bald erstarrten Herzens empfangen möge, das Euch und ihm gehört, aber mit der Zuversicht, dass es Eures erhalten wird, da ihm die Vorsehung nun meines entreißt. Wenn mein Freund mich geliebt hat, so bewahre Er seine Gesundheit, um das Wohlergehen dieses Pfandes unserer Liebe zu fördern: Unsere Körper trennen sich, aber mein Geist, so glaube ich, wird stets um Euch schweben, bis sich unsere Seelen einmal in der seligen Ewigkeit wiederfinden, um nie wieder getrennt zu werden: Meine letzten Tage auf Erden waren zu selig, um von Dauer zu sein, und die Allmacht fand, dass ein Sterblicher ein solches Glück auf Erden nicht ertragen könne. Versichert Eurer Frau Mutter die Hochachtung, die ich ihr im Grab entgegenbringe, und auch meine Freundschaft zu Eurer Schwester und Eurem Schwager. Ach, möge nur Fräulein M ARGARETHA meines A DOLPHS G - - - ich - - - für - nicht - adieu - ich - - sterbe - - . “ Nun ist klar, was Adolph so emotional bewegt haben muss. Es sind die letzten, unvollständig gebliebenen Worte des Briefs, die darauf deuten, dass Donna Marca während des Schreibens verstarb (s. Abb. 5). Der Brief wurde tatsächlich in „ dess dödsstund “ ( „ ihrer Todesstunde “ ) geschrieben, die er für immer in seiner Materialität konserviert und damit die Verfasserin sowie den Todeszeitpunkt metonymisch substituiert. Diese beinahe unerhörte Schrift, in die sich das Unsagbare eingeschrieben hat, wird von den Figuren wie eine Kontaktreliquie behandelt. 4 Sie wird in einem edlen Schmuckkästchen mit anderen Besitztümern von Donna Marca aufbewahrt und Adolph liest und küsst sie mehrmals - täglich, wie er berichtet: „ ingen dag gick förbi, som jag ej med wåta ögon läste hennes bref och kyste, och sedan warsamt såsom min dyraste Clenod [i skrinet] inlade “ (SAÄ: 201). 5 Noch mehr als das Grabtuch Jesu ist der Brief an die Person gebunden, denn zwar berührte auch Donna Marca das Papier und produzierte erst in der Schreibgeste mit Feder und Tinte einen Abdruck, vor allem aber weist die individuelle Handschrift unmissverständlich auf die Verstorbene und die abbrechende Schrift auf den Übergang von Leben und Tod, auf das Sterben. Wer die Kontaktreliquie in ihren beiden Bedeutungen verstehen möchte, ist somit auf eine entschlüsselnde Lektüre der Zeichen als Schreibspuren angewiesen. Wenn der Brief Zeichen seiner Verfasserin und der Todesstunde ist, dann sind die abgebrochenen Worte ‚ Meta-Spuren ‘ , weil sie sich auf dieses Zeichen legen und weitere Schlüsse nach sich ziehen. Kurz gesagt: Erst mit Blick auf die Materialität des Briefs lässt sich der Kontext der Schreibszene rekonstruieren. 4 Die empfindsame Semiotik eignet sich die Praktiken des christlichen Reliquienkults nicht nur an, sondern strebt sogar nach der Transzendentalisierung des Körpers (Koschorke 1999: 146 - 157). 5 „ kein Tag verging, an dem ich nicht mit feuchten Augen ihre Briefe las und küsste und sie danach vorsichtig wie meinen kostbarsten Schatz [in die Schatulle] legte “ . 4.1 Schriftbildlichkeit und die Widerständigkeit des Materials 69 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="70"?> Es sind die Lücken, die den Moment des Sterbens figurieren. Diese entsprechen beim Vorlesen einer Pause oder einem Stocken, werden von der mise-en-page allerdings mit Gedankenstrichen simuliert. Der Druck produziert folglich ein Zuviel an Zeichen, in dessen Folge sich die gedruckte Seite an den entscheidenden auratischen Stellen illusionsbrechend vom fiktiven Sterbebrief unterscheidet. Tatsächlich repräsentiert die Erzählung auch nicht das Schriftstück selbst, sondern seinen Vortrag. Zwischen Erzählung und Brief legt sich deshalb eine weitere interpretierende Vermittlungsposition, sodass der Brief mehrfach von seinem Ursprung entkoppelt ist. Denkt man den Druck der fiktionalen Autobiografie hinzu, wird er zunächst in Rede, dann in das fiktive Manuskript, schließlich in den Druck überführt. Der Kern seiner Bedeutsamkeit, die schriftbildliche Materialität, wird gänzlich der Einbildungskraft der Leser: innen überlassen, die jedoch eine mehrstufige Transpositionsleistung zu erbringen haben. Der Verzicht auf die Materialisierung der schicksalsschwangeren Zeichen scheint es auf die Suspension der Zeichenhaftigkeit anzulegen, 6 indem die Materialität des Briefs durch typografische dissimulatio verhüllt wird. Diese abwesende Präsenz entspricht allerdings der entrückten Aura, die der Brief in der Diegese ausstrahlt, und dem dramaturgischen Setting in der Lese-Szene, sodass letztlich das Motiv der ständig abwesenden Geliebten aus dem ersten Band auch typografisch umgesetzt wird. Indem Adolph ihn vorliest, leiht er ihm nicht bloß seine Stimme, sondern belebt ihn vielmehr. Damit setzt die Szene eine rhetorische Figur des klassischen Theaters um: Mittels der Prosopopoiia wird einem leblosen Gegenstand, einer Maske oder einer Toten eine Stimme verliehen und diese letztlich beseelt (s. u., Kap. 6). Diese Vokalisierung des Stummen kann unheimliche Wechselwirkungen zwischen Lebenden und Toten in Gang setzen, wirkt aber stets zumindest latent katachrestisch. Daneben steht die Figur „ für die das verstehende Lesen leitende Frage nach der Quelle der Äußerung, nach dem Autor, der sie verantwortet “ (Menke 1997: 227). Der vokalisierte Brief beschwört Donna Marca in den Kreis der Freunde, sodass sie ihre letzten Worte selbst sprechen kann. Die materielle Spur transportiert zwar die Verfasserin, aber erst das Aussprechen der Worte lässt sie auf der Bühne der Lese-Szene auftreten. Somit befindet sich der Brief im Spannungsfeld von Vokalität und Literalität sowie toter Materie und lebendigem Geist. Der Beschwörung der Verstorbenen und der Belebung des Unbelebten entspricht die Simulation der Handschrift im Druck. Wie einem stummen Objekt eine Stimme verliehen wird, werden die typografischen Zeichen mit menschlicher Körperlichkeit beseelt. Im gleichen Zug erhält der unpersönliche, anonymisierte Druck eine individuelle Dimension. Da die mehrstufige Transposition allerdings widersprüchlich verläuft - Zeichen produziert, wo keine sein sollten - , unterliegt dieser Passage ein hybrider, dynamischer Textbegriff, der Mündlichkeit und Schriftlichkeit sowie Handschrift und Druck einschließt und Sinn in ihrer prozessualen Verbindung stiftet. Die Lese-Szene in En Swensk Adelmans Äfwentyr i Utrikes Orter ist damit weitaus komplexer angelegt, als eine erste Lektüre vermuten lässt. Eine zweite Lese-Szene schließt sich einige Seiten später an, die das Motiv der bedeutungsschwangeren, abwesenden Präsenz auf die Spitze treibt. Sie ist in ein Gespräch zwischen Morgan und Adolph eingebettet, dessen Thema die Gefühle von Adolph und 6 Der empfindsame Reliquienkult ist um das Verschwinden der verbindenden Zeichen bemüht (Bischoff 2013: 62). 70 4 Epistolare Materialität Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="71"?> Margaretha, Schwester von Adolphs Schwager in Warschau, zueinander ist. Gemeinsam analysieren Herr und Diener Reaktionen und Aussagen, um Zu- oder Abneigung festzustellen. Um Adolph von Margarethas Wohlwollen zu überzeugen, berichtet Morgan von der gemeinsamen rekonstruierenden Lektüre: Hon frågade mig, om jag någonsin sedt salige Grefwinnans bref och hade det i behåll. Jag sade henne hela brefwets innehåll och måste med en blyartspenna på et papper teckna de afbrutna ord och bokstäfwer hon ej förmådde utföra, hwarwid Fröken M ARGARETHA föll i tårar, och sade, at den Frun måst warit förträffelig och at ogörligt wore för någon dödlig upfylla deß ställe [ … ]. (SAÄ: 229) Sie fragte mich, ob ich jemals den Brief der seligen Gräfin gesehen hätte und ob ich ihn noch hätte. Ich sagte ihr den gesamten Inhalt des Briefes und musste mit einem Bleistift auf einem Blatt Papier die abgebrochenen Wörter und Buchstaben zeichnen, die jene nicht [mehr] auszuführen vermochte, woraufhin Fräulein M ARGARETHA in Tränen ausbrach und sagte, dass diese Frau vortrefflich gewesen sein müsse und dass es für einen Sterblichen unmöglich sei, ihren Platz einzunehmen [ … ]. Morgan gibt den Inhalt zunächst mündlich wieder, zeichnet darauf die abgebrochenen Worte, in denen sich das Sterben konserviert, aus dem Gedächtnis auf ein Stück Papier. Um eine Lese-Szene im engeren Sinn handelt es sich in diesem Kontext somit nur, weil Morgan schreiben muss, um die materiellen Zeichen der Mitteilung vermitteln zu können. Diese Abschrift löst auch bei Margaretha emotionale und körperliche Reaktionen aus: Sie weint. Somit behält der Sterbebrief auch in der Reproduktion - sogar der bloß erinnerten - seine auratische Kraft. Die Verstorbene apostrophiert die intradiegetische Leserin gespensterhaft aus dem Jenseits, zumal sie wörtlich über ihre Gefühle „ i grafwen “ ( „ im Grab “ ) spricht. Weil sich Margaretha und der Protagonist zum Zeitpunkt dieser Lese- Szene bereits angenähert haben, liegt Donna Marcas Wunsch einerseits in unmittelbarer Reichweite und enthüllt andererseits den prophetischen Charakter des Briefs. 7 Damit weist sich die Verstorbene auch in ihrer Klarsicht als transzendentale Gestalt - wenn nicht als Heilige - aus. Mit Morgan als intradiegetischem Erzähler besitzt auch diese Lese-Szene eine doppelt funktionale Rahmenfigur. Er bildet das Scharnier zwischen Brief und Lese-Szene und zwischen Lese-Szene und Wiedererzählung. Seine vermittelnde Position zeigt auf die gestisch-affektive Dimension, die hier die Materialität des Briefs als wesentlichen Bedeutungsträger hervorhebt. In Morgans Erzählung wird die Zeichenhaftigkeit der Schrift nicht verhüllt, sondern vielmehr als notwendiges Objekt der Lektüre präsentiert. Morgan erkennt die Schrift als Schreibspur, die nur in der materiellen Reproduktion wirkungsvoll vermittelt werden kann. Die Refiguration stellt die ideale Lektüre als eine materiell versierte dar, die semantische und semiotische Bedeutung in Bezug setzt. Diese Lesepraxis scheint nicht auf das originale Schriftstück begrenzt, sondern kann und darf reproduziert werden. Damit kommentiert die Szene letztlich die Lektüre von epistolaren Texten selbstreflexiv und legt eine Applikation der dargestellten Handschriftenlektüre auf den vorliegenden Text nahe. Der Sinn befindet sich demnach genauso in den linguistischen 7 Dieser himmlischen Fähigkeit ist sich Selima bereits in der ersten Lese-Szene am Krankenbett gewiss, denn sie glaubt im Brief eine „ Prophetia “ zu erkennen (SAÄ: 201). 4.1 Schriftbildlichkeit und die Widerständigkeit des Materials 71 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="72"?> wie in den bibliografischen Codes und zwischen mimesis und poiesis - und wiederum erscheint der Text in seiner komplexen Hybridität. Die verschränkten Schreib- und Leseszenen in SAÄ verhandeln, welchen Stellenwert die Materialität eines Schriftstücks in der Rezeption einnimmt. Wie die unvollständigen Buchstaben in diesem Fall das reibungslose Lesen stören und eine andere Form der Dechiffrierung einfordern, tritt die Materialität eines Buchs - die Schrift, das Format, die Beschaffenheit des Papiers - immer dann zutage, wenn sie die Lektüre behindert (vgl. für mediologische Ansätze, die Lesen und Materialität verbinden: Strowick 2005; Mersch 2002; Assmann 2012). Briefe mit ihrer deutlich erkennbaren Struktur, eingerahmt von Anrede, Datierung und Signatur, fallen genauso ins Auge wie etwa die Gedichte der konkreten Poesie. In solchen Momenten artikuliert sich die „ Schriftbildlichkeit “ des Textes (Krämer/ Cancik-Kirschbaum/ Totzke 2012): Die Schrift ist nebst Sinnträgerin auch stets grafisches Element und erhält ihre Bedeutung aus den dynamischen Wechselwirkungen zwischen Textur und Textualität. Wenn der Text als opake, materielle Oberfläche wahrgenommen wird, anstatt dass ein in der Schrift gespeicherter immaterieller Sinn nachvollzogen würde, äußert sich die „ Kippfigur des Lesens “ (Assmann 2012). Wie bei den Kippfiguren der Kunst sind die beiden Formen phänomenologisch nicht gleichzeitig, sondern stets separat zu erfassen. So wird entweder die Materialität oder die Textualität des Mediums gesehen, auch wenn sie ontologisch simultan existieren. Insofern sind sie auch als gleichrangig zu bewerten (Krämer/ Totzke 2012: 23 - 24): Nicht nur in Störfällen beeinflusst die Materialität des Mediums die Deutung des Signifikats, sondern grundsätzlich; in den meisten Fällen erleichtert sie jedoch die Lektüre. Mit dem Bewusstsein für die Bildlichkeit des Textes wird der Blick für die räumliche Struktur von Texten geöffnet: Zwar können diese durchaus analog zur mündlichen Sprache linear gelesen werden, aber ebenso sind nicht-lineare Verfahren möglich, indem etwa vor- und zurückgeblättert wird oder Passagen übersprungen und andere wiedergelesen werden. Daneben entfaltet sich der Text auf der (Buch-)Seite als zweidimensionale Fläche, sodass die Zeichen diagrammatisch in Relationen von oben/ unten, recht/ links usw. erfasst werden können. Aber auch den Lücken im Schriftbild kommt eine wichtige Funktion zu, zumal ohne die weißen Stellen keine Schrift zu entziffern wäre (Krämer/ Totzke 2012: 16 - 17). Die weißen Stellen in der epistolaren Korrespondenz des 17. und 18. Jahrhunderts waren sogar sozial codiert: Der Abstand zwischen Anrede und Haupttext symbolisierte die Ranghöhe der adressierten Person. 8 Schließlich begreift das Konzept der Schriftbildlichkeit die Schrift als Doppelfigur von Sagen und Zeigen: Sie ist gleichzeitig diskursive Struktur und ikonischer Zeichenkomplex (Krämer/ Totzke 2012: 25). Zur ikonischen Funktion gehören letztlich auch vermeintlich ornamentale Elemente; auch Vignetten und Querstriche können Bedeutungsträger sein und narrative Funktionen erfüllen. So nutzte Samuel Richardson in seinen Briefromanen Asteriske, wenn die Briefschreibenden das Schreiben unterbrachen. Als solche repräsentieren sie Zeitspannen in der Handlung und Ereignisse, die außerhalb der Schreibszene vonstattengehen (Flint 8 Ein Blick in die zeitgenössischen Briefsteller reicht, um die Bedeutung von Titeln und materieller Gestaltung als Zeichen des Anstands zu erkennen (u. a. bei Finkenhagen 1749: 48 - 49). 72 4 Epistolare Materialität Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="73"?> 2002: 648 - 649). Auf ähnliche Weise verkörpern die Gedankenstriche in SAÄ Lücken im Geschriebenen. Der Fokus auf die Materialität als Akteur in der literarischen Produktion sowie Rezeption verdeutlicht folglich, dass jedes Lesemedium ein materieller Rest eignet, der sich im Extrem dem menschlichen Verstand sogar entziehen kann (Mersch 2002: 19 - 20). Epistolare Literatur arbeitet dabei im Spannungsbereich zwischen Ungedrucktem und Gedrucktem sowie Opazität und Transparenz. Die Texte in meinem Korpus bauen mehrheitlich auf der Virtualität von ungedruckten und ungebundenen Privatbriefen auf, die sie (erstmalig) zum Druck befördern und der Öffentlichkeit vorlegen. Was (vermeintlich) bislang im Verborgenen lag, präsentiert sich nun der Betrachtung. Gedrucktes und Ungedrucktes kann wie bei Sneedorffs Breve außerdem simultan existieren, wo die Briefsammlung gleichzeitig gedruckt vorliegt und von einem Briefschreiber kommentiert werden kann, dessen Kommentar Teil ebendieser Sammlung wird. Die Bedeutung der Materialität in der ungedruckten epistolaren Kommunikation war bereits den ersten Briefsteller ein Anliegen, im 18. Jahrhundert fanden sie außerdem Rückhalt im wachsenden Interesse für die Semiotik. Das Zeichensystem der Künste, das von Bodmer und Breitinger, Mendelssohn und Lessing maßgeblich geprägt wurde, legt die theoretischen Grundlagen für die semiotische Doppelcodierung der Epistolarität als indexikalisch-ikonisches und arbiträres Zeichen. 9 Stellvertretend für diesen Diskurs wird im Folgenden die Unterscheidung in Mendelssohns Aufsatz besprochen, worauf die Bedeutung der natürlichen (An-)Zeichen in einem dänischen Briefsteller aus dem 18. Jahrhundert und Lavaters Physiognomik auf die Epistolografie bezogen wird (4.2). Diese theoretischen Zuschnitte werden mit Beispielen aus dem Korpus auf ihre praktische Anwendung hin durchleuchtet, auf denen aufbauend ich einen Vorschlag mache, wie die epistolare Materialität im Druck terminologisch gefasst werden kann (4.3). 4.2 Seelenabdrücke: Physiognomik des Briefs Welche Grundlage liefert der semiotische Diskurs des 18. Jahrhunderts für die epistolare Materialität? Zwar gibt es bei Moses Mendelssohns berühmter Zeichenlehre ‚ der schönen Künste und Wissenschaften ‘ Ansätze dafür, dass Medien kombiniert werden können, doch wird die Literatur davon ausgespart. Eine solche semiotische Komplexität findet sich indessen in zeitgenössischen Briefstellern, die neben der korrekten rhetorischen Gestaltung der Schreiben auch deren mediale Umsetzung lehren. Hier wird deutlich, dass Schrift keinen rein imaginativen, transzendentalen Dialog vermittelt, sondern stets an materielle Elemente zurückgebunden ist. 10 9 Eine theoretisch avancierte Interpretation der Aufklärungssemiotik im Hinblick auf ihre Bedeutung für die literarische Kommunikation leistet Koschorke (1999: 263 - 287) in seiner mediensoziologischen Untersuchung der Empfindsamkeit. 10 Gemäß Koschorke (1999: 320 - 321) strebt die Empfindsamkeitsmedientheorie hingegen danach, die schriftlichen Zeichen von jeglicher Materialität zu entledigen. Die Schrift erfordert am Ende dieses Prozesses „ eine von den Sinnesorganen abgelöste, ausschließlich ‚ seelenhafte ‘ Rezeptivität “ (1999: 320). In Bezug auf epistolare Texte zeigt sich aber gerade, wie sich die Schrift gegen solche Absichten behauptet. 4.2 Seelenabdrücke: Physiognomik des Briefs 73 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="74"?> Während spätestens seit Peirce im allgemeinen Diskurs des 20. und 21. Jahrhunderts von drei verschiedenen Zeichentypen die Rede ist (icon, index, symbol), unterscheidet die Zeichenlehre der Aufklärung nur zwei Arten: natürliche und arbiträr-konventionelle Zeichen. „ Natürlich “ seien die Zeichen, so Moses Mendelssohn zu Beginn der „ Betrachtungen über die Quellen und die Verbindungen der schönen Künste und Wissenschaften “ (1757), [W]enn die Verbindung des Zeichens mit der bezeichneten Sache in den Eigenschaften des Bezeichneten selbst begründet ist. Die Leidenschaften sind, vermöge ihrer Natur mit gewissen Bewegungen in den Gliedmaßen unsers Körpers, so wie mit gewissen Tönen und Geberden verknüpft. Wer also eine Gemüthsbewegung durch die ihr zukommenden Töne, Geberden und Bewegungen ausdrückt, der bedient sich der natürlichen Zeichen. Hingegen werden diejenigen Zeichen willkührlich genannt, die vermöge ihrer Natur mit der bezeichneten Sache nichts gemein haben, aber doch willkührlich dafür angenommen worden sind. Von dieser Art sind die artikulirten Töne aller Sprachen, die Buchstaben, die hieroglyphischen Zeichen der Alten, und einige allegorische Bilder, die man mit Recht zu den Hieroglyphen zählen kann. (Mendelssohn 1757: 243) Als Beispiel für die natürlichen Zeichen wird die menschliche Ausdrucksweise in Gestik, Mimik und nichtsprachlichen Lauten aufgeführt, während die unterschiedlichen Sprachen, sei es in schriftlicher oder mündlicher Form, willkürliche Zeichen verwenden. Natürliche Zeichen kommen außerdem in den „ schönen Künsten “ zum Einsatz, worunter Mendelssohn die Malerei, Bildhauerei, Architektur, Tanz und Musik zählt. Sie vereinen somit indexikalischen und ikonischen Typus. Diese Differenzierung gründet nicht in der Frage, ob es sich um mimetische oder nicht-mimetische Repräsentationen handelt, sondern in der Erzeugungsquelle. Natürliche Zeichen ergeben sich aus der Natur, willkürliche entstehen aus den Setzungen rationaler Subjekte und sind folglich Produkte der Konvention (dazu auch Wellbery 1984: 25 - 27). Da nun die „ schönen Künste “ jeweils nur einzelne Sinne ansprechen, verfügen sie über einen auf den jeweiligen Sinn begrenzten Satz an Repräsentationsmöglichkeiten. Mit den willkürlichen Zeichen lässt sich jedoch grundsätzlich alles ausdrücken, selbst die Repräsentationen, die normalerweise durch natürliche Zeichen dargestellt werden (Mendelssohn 1757: 245; vgl. auch Wellbery 1984: 97). Da die Poesie folglich sowohl abstrakte Konzepte als auch Landschaftsbilder darstellen kann, erteilt ihr Mendelssohn ein privilegiertes Repräsentationspotenzial. 11 Tatsächlich stellt er damit die zunächst vorgenommene Unterteilung in schöne Künste und Wissenschaften infrage, weil die willkürlichen Zeichen der Literatur auf natürliche Zeichenverhältnisse verweisen können. Schließlich wendet sich Mendelssohn der künstlerischen Kombination verschiedener Medien zu, um den Ausdruck „ noch sinnlicher “ zu gestalten und das „ Gemüth gleichsam von allen Seiten zu bestürmen “ (1757: 257). Werden mehrere Künste miteinander verbunden, muss allerdings darauf geachtet werden, dass eine Hauptabsicht verfolgt wird, 11 „ Der Dichter kann alles ausdrücken, wovon sich unsere Seele einen klaren Begriff machen kann. Alle Schönheiten der Natur in Farben, Figuren und Tönen; die ganze Herrlichkeit der Schöpfung; der Zusammenhang des unermeßlichen Weltgebäudes; die Rathschlüsse Gottes und seine unendlichen Eigenschaften; alle Neigungen und Leidenschaften unserer Seele; unsere subtilsten Gedanken, Empfindungen und Entschließungen, können der poetischen Begeisterung zum Stoff dienen “ (Mendelssohn 1757: 245). 74 4 Epistolare Materialität Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="75"?> welche die intermedialen Bezüge organisiert (1757: 257 - 258). So müsse sich die Musik der Poesie unterordnen, wenn es primär um den Text eines Liedes gehe, umgekehrt unterstütze die Poesie die Empfindungen der Musik in der Oper, weshalb sich dort der Dichter in seinen Einfällen zurückhalten müsse (1757: 258 - 261). Es werden demnach eindrücklichere Vorstellungen ausgelöst, wenn verschiedene Sinne gleichzeitig angesprochen werden. Genauso erhöht auch die Kombination von natürlichen und willkürlichen Zeichen die Empfindung, weil sie das Kunstwerk komplexer, da zusammengesetzt (complexus, „ zusammengeflochten “ ), gestaltet. Weil Mendelssohn die Literatur ausdrücklich von den schönen Künsten trennt, bleibt nicht nur offen, ob sie durch Medienmischung noch sinnlicher werden kann, sondern auch, wie ein solcher Austausch aussehen könnte. Das letzte Stück zu einer zweifach codierten Kunst lässt sich jedoch methodisch mit den neueren Epistolografien des 18. Jahrhunderts gehen. Der Brief übermittelt als schriftlicher Text einerseits einen Sinn in willkürlichen Buchstabenzeichen, andererseits ist die Schrift als Schreibspur das natürliche Zeichen einer bestimmten Schreibszene. Daher wird im 18. Jahrhundert die Physiognomik der persönlichen Interaktion auf die schriftliche Kommunikation übertragen. Wie im Gespräch soll ein guter Eindruck hinterlassen werden; dem höflichen Verhalten und der adretten Kleidung in der Öffentlichkeit entspricht die saubere Gestaltung des Briefs. Der Bedeutung der medialen Gestaltung widmet sich Johannes Finkenhagen in seinem Briefsteller Anmerkninger over den Kunst at skrive et godt Brev (1749) eingehend. Er distanziert sich vom strengen Kanzleistil des Barocks, um eine moderne Briefkunst nach französischen, galanten Vorbildern zu etablieren (Jensen 1983: 62 - 64). Sein Fokus liegt auf den Privatbriefen, die er in Freundschafts-, Liebes-, Kompliments- und Gratulationsbriefe sowie galante Briefe unterteilt, behandelt wird aber auch das formelle Schreiben. Dabei werden zuerst allgemeine stilistische Aussagen getroffen, bevor die einzelnen Briefgattungen und schließlich die Handgriffe bei Unterschrift, Datierung und Versiegelung erläutert werden. Sogar der Lektüre von gedruckten Briefen werden zwei Seiten gewidmet (Finkenhagen 1749: 8 - 10). 12 Es sei höchste Zeit gewesen, so Finkenhagen, einen eigenen dänischen Briefsteller zu veröffentlichen, denn er habe aufgrund der „ adskillige ynkelige Breve, jeg har seet ved mange Leiligheder fra Folk som man snart af hver Linie kunde see, hvor de havde studeret til dette Brev, og hvor de havde bidt sig i Fingrene, førend de havde kundet blive færdig dermed “ einen unbedingten Bedarf an ordentlichen Mustern festgestellt (Finkenhagen 1749: ) (1v). 13 Mit seinem Beharren auf einen „ flydende og naturel “ Stil verfolgt er dieselben Ziele wie sein berühmter deutscher Kollege C. F. Gellert zwei Jahre später (Finkenhagen 1749: 1). 14 Im Gegensatz zu diesem verstrickt er sich aber nicht in der folgenschweren Feststellung, dass der Brief die „ freye Nachahmung des guten Gesprächs “ sei, sondern erklärt ihn von Beginn an zum Ersatz eines Gesprächs (Gellert 1751: 3; vgl. Finkenhagen 1749: 3 passim). Briefe sind Kommunikationsmedien, die dann 12 Auch hier gilt es, Fauxpas zu vermeiden. Auch wenn die gedruckten Briefe als Muster herhalten dürfen, sollten sie nicht komplett in die eigene Korrespondenz kopiert werden. 13 „ zahlreiche bedauerliche Briefe, die ich bei vielen Gelegenheiten von Leuten gesehen habe, bei denen man schon auf den ersten Blick erkennen konnte, wo sie beim Briefe grübeln mussten und wie sehr sie sich in die Finger gebissen hatten, bevor sie ihn fertigstellen konnten “ . 14 „ fließender und natürlicher Stil “ . Gellert wurde rund eine Dekade später von Jacob Baden auch auf Dänisch übersetzt (Gellert 1762). Gemäß Alenius (1987: 54 - 55) hängt Finkenberg noch der alten, streng formellen Epistolografie an, die erst mit Gellert überwunden wird. 4.2 Seelenabdrücke: Physiognomik des Briefs 75 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="76"?> zum Einsatz kommen, wenn raumzeitliche Distanzen überbrückt werden sollen. Freilich soll geschrieben werden, wie man spricht, aber diese stilisierte Mündlichkeit ist keine authentische Abbildung eines Gesprächs, sondern rhetorisch geformte Schriftlichkeit. Schließlich können sich die Schreibenden gründlicher überlegen, wie etwas formuliert werden sollte: Man könne beim Gespräch sein Anliegen nicht „ paa saa god og net en Maade, eller i saa axact [sic! ] en Orden “ vorbringen wie beim Schreiben, wo man doch „ har Tid til at betænke sig, og at udelukke det, som egentlig ikke hører Sagen til, og derimod overlægge, hvorledes man best kand forestille den, og exprimere sig til sin Fordeel “ (1749: 3). 15 Diese auf konzeptionelle Mündlichkeit pochende Stillehre wird von zahlreichen Passagen über die materiellen Aspekte der Epistolografie begleitet. Vor allem bei „ Supliquer “ und „ Memorialer “ , d. h. formellen Schreiben, muss das Schreiben sorgfältig geplant werden: 16 Hvad sig nu Memorialer eller Supliquer angaaer, eller saadanne Breve, hvori man beder en stor Herre om en Naade, da bør saadanne Breve altid være skrevne paa et heelt Ark, endskiønt Arket ikke blev halv skreven. Hvor stort det Rum bør være, som er imellem Titlen og den første Linie paa Brevet, er gandske ulige, og kommer an paa, hvormeget jeg enten er fornemmere eller ringere, end den, jeg skriver til; thi jo større dette aabne Rum er, jo mere Respect viser det. (Finkenhagen 1749: 48) Was nun Gesuche oder Suppliken betrifft, oder solche Briefe, in denen man einen bedeutenden Herrn um eine Gunst bittet, so sollten solche Briefe immer auf einem ganzen Papierbogen geschrieben sein, auch wenn der Bogen nicht halb beschrieben würde. Wie groß der Abstand zwischen dem Titel und der ersten Zeile des Briefes sein sollte, ist völlig unterschiedlich und hängt davon ab, inwieweit ich entweder vornehmer oder niedrig stehender bin als der, an den ich schreibe; denn je größer dieser offene Raum ist, desto mehr Respekt zeigt er. [ … ] man [bør altid] stræbe efter, at have saa meget aabet Rum til Slutning, at Underskriften og Navnet ikke skal komme til at staae for nær ved Slutningen af Brevet, men at Enden kand være ligesaa ærbødig, som Begyndelsen; [ … ] Naar man legger sit Brev sammen, maa man ogsaa observere, at man ikke legger det i for mange Folder, saa det bliver for lidet og uanseeligt; thi i Særdeeleshed, naar jeg skriver en fornemme Mand til, saa maa Brevet have en skikkelig Størrelse, og altlid være i Convolute. (Finkenhagen 1749: 49) [ … ] man [sollte immer] danach streben, so viel Platz am Ende zu lassen, dass die Unterschrift und der Name nicht zu nah am Ende des Briefes stehen, sondern dass das Ende genauso ehrerbietig ist wie der Anfang; [ … ] Wenn man seinen Brief zusammenlegt, muss man auch darauf achten, dass man ihn nicht zu oft faltet, damit er nicht zu klein und unansehnlich wird; denn insbesondere wenn ich an einen vornehmen Herrn schreibe, muss der Brief eine angemessene Größe haben und immer in einem Umschlag verschickt werden. 15 „ auf so gute und nette Weise oder in so exakter Reihenfolge “ , „ Zeit zum Nachdenken hat und ausschließen kann, was eigentlich nicht zur Sache gehört, und sich stattdessen überlegen kann, wie man es am besten darstellen und sich zu seinem Vorteil ausdrücken kann “ . 16 „ Bittschriften “ , „ offizielle Gesuche “ . 76 4 Epistolare Materialität Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="77"?> Ceremonialer maa ogsaa tages i agt ved Forseglingen; Thi det er bekiendt, hvad det er for en Buk, at vilde forsegle et Brev til en stor Mand, eller til et fornemme Fruentimmer med Oblat. [ … ] I det mindste kand man derved være vis paa, at ingen har Aarsag at moquere sig over, at man tracterer dem familiaire. (Finkenhagen 1749: 50) Auch bei der Versiegelung müssen Förmlichkeiten beachtet werden; denn es ist bekannt, was es für eine Schande ist, einen Brief an einen bedeutenden Mann oder an eine vornehme Dame mit einer Oblate zu versiegeln. [ … ] Zumindest kann man dadurch sicher sein, dass niemand Anlass hat, sich darüber zu mokieren, dass man ihn: sie zu familiär behandeln würde. Eine ordentliche Gestaltung ist ausdrücklich geboten, wenn man sich mit einer Bitte an eine andere Person wendet, umso mehr, wenn diese Person einen offiziellen Titel und somit soziales Kapital besitzt. Finkenhagens Ratschläge decken Papierverwendung, -zuschnitt und -faltung sowie die korrekte Versiegelung der gefalteten Mitteilung ab. Sogar die Platzierung des Textes und der Leerräume müssen bei der Planung des Schreibens miteinberechnet werden, da sie sozial codiert sind. Denn Grundlage dieser Briefdidaktik ist die Annahme einer metonymischen Lektüre, die den Brief als Stellvertreter seiner Schreiber: innen versteht. Dass offiziellen Dokumenten besondere Beachtung geschenkt wird, überrascht daher nicht, doch gilt die Prämisse der sorgfältigen Gestaltung für alle Brieftypen. So empfiehlt Finkenhagen, Mitteilungen jeweils zuerst auf Sudelpapier zu entwerfen, ehe sie reingeschrieben werden: Det er vel unødvendig, om jeg vil erindre om den Feyl det er, at sende et Brev bort, i sær til een, som er fornemmere end jeg, naar der enten var raderet eller udslettet, og omskrevet derudi, thi enhver veed, at det ikke kommer sig at sende et klakket Brev til en fornemme Mand, og at, naar jeg er forbunden til at forandre noget i mit Brev, saa er jeg ogsaa forbunden til at skrive det gandske om. Derfor giør man meget klog, om man altid conciperer saadanne Breve først, og siden reenskriver dem, thi man maa have saa stor Erfarenhed, og saa fortreffelig et Talent til at skrive, som man vil ønske sig, saa kand der dog enten i Stilen eller Expressionerne let falde noget, som man siden synes, at man nok ville have forandret. (Finkenhagen 1749: 30) Es ist wohl unnötig, daran zu erinnern, wie unangebracht es ist, einen Brief zu versenden, insbesondere an jemanden, der vornehmer ist als ich, wenn dieser entweder radiert oder getilgt und dann neu geschrieben wurde, denn jeder weiß, dass es nicht angebracht ist, einen krakeligen Brief an einen vornehmen Mann zu schicken, und dass ich, wenn ich etwas in meinem Brief ändern muss, auch verpflichtet bin, ihn komplett neu zu schreiben. Deshalb ist es sehr klug, solche Briefe immer zuerst zu entwerfen und dann ins Reine zu schreiben, denn man mag noch so viel Erfahrung und ein noch so hervorragendes Talent zum Schreiben haben, wie man sich nur wünschen kann, dennoch kann es leicht vorkommen, dass man später gerne etwas entweder im Stil oder in den Ausdrücken geändert hätte. In diesen und ähnlichen Ausführungen beweist sich Marshall McLuhans berühmte These „ The medium is the message “ (McLuhan 1964: 7), denn ein „ klakket Brev “ hinterlässt einen schlechten Eindruck bei den Adressat: innen. 17 Er ist Spur einer ungeplanten, hastigen Schreibweise, die als fehlende Achtung, sogar als nachlässiges Verhalten ausgelegt werden kann. Die Aufmerksamkeit, die der sorgfältigen Komposition, Faltung und Versiegelung der Briefe entgegengebracht wird, zeugt von materiellen Lektüren, die auch die Gestaltung der Mitteilungen interpretieren. Finkenhagens Lehre geht davon aus, dass die Briefe 17 „ krakeliger Brief “ . 4.2 Seelenabdrücke: Physiognomik des Briefs 77 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="78"?> zuallererst physische Objekte sind, die durch Hände gehen und äußerlich wahrgenommen werden, und leitet daraus praxeologische Regeln ab. Natürlich ist es für einen wirkungsvollen Auftritt wichtig, dass die äußere Erscheinung überzeugt, denn ein unordentlich gestalteter Brief wird womöglich gar nicht erst gelesen. Zu dieser höflichen Briefkunst gehören sogar Details wie die für die Empfänger: innen bequemste Platzierung der Datierung (am Ende, weil zunächst nachgesehen wird, wer den Brief geschrieben hat). (Finkenhagen 1749: 49) Da die epistolare Materialität folglich untrennbar an die Schreibszene gebunden ist und die Stimmung der Schreiber: innen mit non-verbalen Zeichen konserviert, weist sie ‚ sprachliche Symptome ‘ auf (Wirth 2008: 165 - 167). Diese Symptomatik weist gleichzeitig auf den vergangenen Entstehungszeitpunkt zurück und wirkt vergegenwärtigend, indem sie die abwesenden Briefpartner: innen verbindet. In letzter Konsequenz kann der Brief damit die Aufgaben von Präsenzinteraktionen übernehmen und von den Empfänger: innen physiognomisch gelesen werden (Koschorke 1999: 196). Allerdings zeugt Finkenhagens aufgestelltes Regelwerk davon, dass die höfliche Epistolografie keineswegs unmittelbare Herzensschriften produziert haben möchte. Hinter dem Eindruck der Natürlichkeit steht nicht spontane Verschriftlichung, sondern sorgfältige und langwierige kompositorische Arbeit. Doch taugt die Physiognomik Lavater ’ scher Prägung als Metapher, um die materiellen Lektüren der epistolaren Texte zu begreifen. Angeleitet vom Unmittelbarkeitsparadigma, das sich zwar als Fiktion entpuppte, aber dennoch als gesellschaftlicher Konsens galt, ersuchen Physiognomik und Epistolografie den direkten Zugriff auf das wahre Wesen eines Menschen. Deren Nähe ist tatsächlich bereits in der etablierten Metapher des Briefs als Gesicht und Seelenabdruck angelegt. 18 Da ist es rhetorisch ein Leichtes, von den substituierenden Schriftzügen auf die menschlichen Gesichtszüge zu schließen. Die Ähnlichkeit zeichnet sich sogar im literarischen Diskurs des 18. Jahrhunderts ab, da Brief und die in der physiognomischen Methode eingesetzte Silhouette mit den einander thematisch und strukturell entsprechenden Begriffen von Seelenabdruck und Herzensschrift beschrieben werden (vgl. zum Brief: Wirth 2008: 166 - 167; sowie zur Silhouette: Stoichi ță 1997: 157 - 159). Außer diesen begrifflichen und strukturellen Übereinstimmungen setzt Johann Caspar Lavater Physiognomie und Epistolografie unmittelbar in Beziehung. Im dritten Band seiner Physiognomischen Fragmente (1775 - 1778) skizziert er eine Physiognomik der Handschrift, deren grafischer Ausdruck an den Körper sowie den Charakter eines Menschen gekoppelt ist. Über die Mehrfachcodierung des Charakterbegriffs als menschliches Wesensmerkmal, Drucktype und stilistische Gestaltung bringt er einen medialen Komplex hervor, der Handschrift, Druckschrift und Gemüt kurzschließen kann. 19 Wie 18 Schon eine der ersten rhetorischen Brieflehren der Antike, Demetrios ’ Peri hermeneias, bezeichnet den Brief als Bildnis der Seele ( „εἰκόνα ἕκαστος τῆς ἑαυτοῦ ψυχῆς“ , Demetr. De elocutione 4.227). Indem Demetrios nicht den Begriff εἴδωλον (eídolon) verwendet, der in der platonischen Ideenlehre das Trugbild meint, stellt das epistolare Seelenbild eine konkret-materielle - ikonische - Repräsentation der Verfasser: innen dar (Gabler 2022: 8). Demetrios ’ Epistolografie ist darüber hinaus ein wesentlicher Referenzpunkt für das vorgestellte materielle Verständnis des Briefs, weil sie als eine der wenigen die epistolare Stilistik nicht aus der Analogie mit dem Gespräch entwickelt, sondern als schriftbasierter Abdruck einer Schreibszene. 19 Dieser theoretische Anschluss ist Hans-Georg von Arburgs Aufsatz über die mediale Dialektik von Lavaters Handschriften verpflichtet. Von Arburg (2016) schlüsselt Lavaters implizit verfahrende Rhetorik, die Theologie, Humoralpathologie, Medialität und Physiognomie kurzschließt, erhellend auf. 78 4 Epistolare Materialität Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="79"?> jedes Geschöpf auf den göttlichen Schöpfer zurückweise, enthülle jede Schrift ihre: n Verfasser: in. Auf den Einwand, ein Mensch produziere nicht bloß eine (sich stets gleichbleibende) Schrift, antwortet er mit einem Rückgriff auf die Humoralpathologie. Auch wenn das Verhalten in einzelnen Situationen unterschiedlich ausfallen könne, trüge es doch immer die Züge ein und desselben Charakters: Man wird einwenden: „ Ebenderselbe Mensch, der doch nur Einen Charakter hat, schreibt oft so verschieden, wie möglich. “ - Ich antworte: „ Ebenderselbe Mensch, der doch nur Einen Charakter hat, handelt oft, dem Anschein nach wenigstens, so verschieden, wie möglich. “ - Und dennoch .. selbst seine verschiedensten Handlungen haben Ein Gepräge; Eine Färbung; Einen Gehalt. Der Sanftmüthigste kann zornmüthig seyn; aber sein Zorn ist nur sein Zorn, und keines andern. So zürnt kein anderer Zornmüthiger, und kein anderer Sanftmüthiger, wie er. Sein Zorn hat dasselbe Gepräge, dieselbe Tinktur, wie seine Sanftmuth. Sein Blut behält eben dieselbe Mischung, wenn er zürnt, wie, wenn er sanftmüthig ist; oder bekömmt wenigstens nicht die Mischung, die das erhitzte Geblüte des Zornmüthigen hat. (Lavater 1777: 112) Der Charakter bildet den Ursprung, aus dem ein Spektrum an möglichen Gefühlsregungen hervorgehen kann. So unterschiedlich sich der Mensch situativ gebärdet, weist sein Verhalten doch stets auf einen individuellen Kern. Lavaters Antwort, argumentiert sie auch psychologisch, ist bezeichnenderweise von medialer Metaphorik durchsetzt: Alle Gemütsregungen haben „ [e]in Gepräge; [e]ine Färbung “ ; sie stammen aus derselben „ Tinktur “ ; sie sind Kopien des Originals, Abdrücke des einen Druckkopfes. So lässt er die (typo-)grafische Dimension nie gänzlich hinter sich und kann deshalb ohne große Umschweife das emotionale mit dem handschriftlichen Spektrum vergleichen: Die schlechte Schrift eines Schönschreibers sehe immer noch anders aus als diejenige eines Schlechtschreibers. Kurzerhand dreht er so das Gegenargument auf den Kopf: Die Heterogenität der Schriften spreche vielmehr für die Individualität der Handschrift. Insofern als der Körper die Gemütsverfassung gebärdend anzeigt und die Hand die vielfältigsten und somit auch detailliertesten Bewegungen vollführen könne, müsse auch das Produkt dieser Bewegungen Signatur der Emotionen sein. Der zweite Konnex von Ursprung und dynamischem Abdruck legt darüber hinaus nahe, dass zwar jede Schrift von ihrem Kontext geprägt ist, sich in jedem dieser tokens allerdings der darunter liegende type bewahrt (Arburg 2016: 27 - 30). Denn eben aus dieser Verschiedenheit erhellet, daß sich die Handschrift eines Menschen nach seiner jedesmaligen Lage und Gemüthsverfassung richte. [ … ] Wer will ’ s läugnen, daß man ’ s nicht oft einer Schrift leicht ansehen könne, ob sie mit Ruhe oder Unruhe verfaßt worden? ob sie einen langsamen oder schnellen, ordentlichen oder unordentlichen, festen oder schwankenden, leichten oder schwerfälligen Verfasser habe? (Lavater 1777: 112 - 113) Lavater, so von Arburg (2016: 30), begreift die Schrift somit maßgeblich als Spur einer Produktion, d. h. als Zeugnis einer Schreibszene: „ Der handschriftliche Schriftzug wird zum Siegel des in actu beweglichen, aber als agens festen Charakterzugs. “ Die Handschrift gibt sowohl Auskunft über ihre Begleitumstände als auch über Charakteranlagen, wie Lavater (1777: 115 - 118) in den folgenden Beispielanalysen auch anschaulich darlegt. Dieses Wissen kann genutzt werden, um „ aus der bloßen Handschrift der Addresse auf den Charakter des Briefstellers [zu] schließen “ (1777: 113). Eines müsse zumindest jeder Skeptiker zugeben: „ Von einem gewissen Grade von Reinlichkeit und Regelmäßigkeit, ich will nicht sagen: moralischer - zeugt eine reinliche, regelmäßige Schrift immer “ (1777: 113). Was Finken- 4.2 Seelenabdrücke: Physiognomik des Briefs 79 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="80"?> hagen seine Leser: innen lehrt und folglich mit sorgfältiger Schreibübung zu erreichen ist, wird hier zu einem individuellen Merkmal erhoben: Ein moralisch vorbildlicher Charakter produziert reinliche Handschrift. Obwohl beide für die unmittelbare Natürlichkeit der schriftlichen Mitteilung plädieren, unterscheiden sie sich in ihrer Interpretation und den praxeologischen Konsequenzen grundlegend. Während Finkenhagens Epistolografie die „ imaginative[n] Qualitäten “ des Briefs als „ mimisch-gestische Artikulation “ ins Kalkül der Komposition einbezieht und die Simulation eines anständigen Charakters lehrt (Vellusig 2011: 167, s. auch 2018: 68), nimmt Lavaters Proto-Grafologie an, dass das schriftliche Produkt unmittelbar und unverfälscht mit dem wahren Kern des Menschen verbunden ist. 4.3 Epistolare Spurenlese in Handschrift und im Druck Physiognomische Praktiken speisen sich in die Darstellungen der fiktionalen Literatur des 18. Jahrhunderts, wo sie mithilfe von typografischen Strategien eine materielle Form des Erzählens etablieren. So ist auch die schreibende Lese-Szene in Rålambs SAÄ in eine reiche physiognomische Motivik eingebettet, mit der das Lesen in all seinen Dimensionen in den Fokus rückt. Die Figuren legen die Worte und Gebärden der anderen Personen aus, um zu deren verborgenen Gefühlen vorzustoßen. Diese Lektüren sind von der Auffassung geleitet, dass Gestik und Mimik Anzeichen der dynamischen Gemütsverfassung, aber auch der Charakteranlagen sind (Malm 2001: 204 - 206). Sie geben nicht nur bessere Auskunft über die Gefühle einer Figur als deren expliziten Aussagen, sie zeigen diese sogar unmissverständlich an, bevor es die Figur selbst weiß. So kann Morgan Margaretha zusichern, dass ihre Gefühle von Adolph erwidert werden, auch wenn sich dieser seiner Liebe noch gar nicht bewusst ist: „ jag försäkrade, [ … ] at jag hade märkt en otrolig åtskilnad hos Herr Generalen ifrån första stunden han kommit i hennes sällskap “ (SAÄ: 148). 20 Erst später deutet dieser selbst die Zuneigung, die er für Margaretha verspüren muss, aus dem Umstand, dass er bei ihrem Anblick oder dem reinen Gedanken an sie errötet: „ Jag kände, huru jag rådnade, och tillika öfwertygades, at hwad M ORGAN sagt, wore til alla delar grundadt “ (SAÄ: 150). 21 In diesem Kontext erscheint die schreibend verfahrende Lese-Szene als Erweiterung dieser Deutungspraxis in die Schriftlichkeit, deren materielle Gestalt demnach genauso Anzeichen von Gefühlen und Gedanken beinhaltet, die der schreibenden Figur selbst (noch) nicht bewusst sind oder die sie verbergen möchte. In den fiktionalen Prosatexten des 18. Jahrhunderts kommt die physiognomisch-materielle Brieflektüre stets in den Momenten zur Anwendung, wenn sich die Figuren, insbesondere die Liebenden, über die Gefühle anderer Personen vergewissern möchten. Dabei gelingt sie nicht immer wie in SAÄ. Der schwedische Fortsetzungsroman En Fri- Murares Lefwernes Beskrifning (1754) und der dänische Reiseroman Lars Larsen, eller Aagerups selsomme Hændelser og forunderlige Tildragelser (1758 - 1777) teilen sich die 20 „ Ich versicherte, [ … ] dass ich vom ersten Moment an, als er in ihre Gesellschaft kam, einen unglaublichen Unterschied beim Herrn General bemerkt hatte “ . 21 „ Ich fühlte, wie ich errötete, und war gleichzeitig davon überzeugt, dass das, was M ORGAN gesagt hatte, in jeder Hinsicht stimmte “ . 80 4 Epistolare Materialität Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="81"?> Erzählsituation (fiktionale autodiegetische Autobiografie) sowie die Desavouierung der materiellen Lektüre als defizitäre Methode. 22 Der namenlos bleibende Erzähler von En Fri-Murares Lefwernes Beskrifning schildert etwa seine Versuche, im „ Styl “ eines Briefs Beweise für die heimlichen Absichten der Verfasserin zu lesen, die eigentlich sein Gefallen erregt hatte. 23 Allerdings waren ihm vernichtende Gerüchte über sie zu Ohren gekommen, sodass er sich über ihren wahren Charakter Klarheit verschaffen musste. Betrügte sie ihren kranken Ehemann, den Hofrat, tatsächlich mit dessen jungem Schreiber oder handelte es sich nur um von Neiderinnen gestreute Gerüchte? Besonders beunruhigt war der Protagonist jedoch darüber, dass sich damit seine physiognomische Deutung als Irrtum herausgestellt hätte: „ Huru? är det möjeligt, at utwärtes anseende til dygd och beskiedlighet, är allenast en Mantel, at skyla en skamlig swaghet? [ … ] Det tycktes mig äfwen om jag rådfrågade Naturens Lagar, at denna Sämjan war omöglig; ty ansigtes Lineamenter förräda gemenligen hjärtats bögelser “ (FMLB: 99 - 100). 24 Die epistemologische Sicherheit der eigenen Wahrnehmung steht damit auf dem Spiel. Um alle Sorgen zu vertreiben, nutzt der Protagonist seinen militärischen Grad und schickt einen Unteroffizier zur Spionage ins Haus des Hofrats. Doch anstatt dass dieser seinen Auftrag ausführt, wirbt er den verdächtigten Schreiber kurzerhand an, damit er direkt vom Erzähler-Protagonisten befragt werden könnte. Dem Verhör kommt indessen ein Brief der Hofrätin zuvor, der stattdessen examiniert werden soll. Die Lektüre wird wohl, denkt sich der Protagonist, das Verhältnis der Hofrätin zum Jüngling aufdecken. Physiognomische Deutung, Gerüchte und materielle Lektüre des Briefs werden folglich einander gegenübergestellt und miteinander abgeglichen. Jag kunde dock ej öpna hännes bref utan en stark rörelse. Min gißning war riktig. Det war en trägen förbön, för en stackars Yngling, skref hon, som ej war fallen för liderlighet, och som et olyckligt tilfälle lockat til et parti, hwilket ej tiente honom: hon påminte mig vår sammanwaro hos Lands-Höfdinge-Frun, likasom hon fruktat, at jag glömt bort hännes namn; hon lämnade äfwen i min frihet, huru mycket jag wille begära för Skrifwarens lösgifning. Jag läste wäl fyra gänger igenom detta hännes bref. Jag betraktade hännes styl och skrifart, ända in til de minsta pen-drag. Fastän jag hågades, at tro hänne wara oskyldig, kunde jag ändå ej slippa åtskilliga ledsamma twifwelsmål, som spökade för mina ögon. Jag mente mig läsa uti hännes styl en oro, en ömhet, som ej kunde hafwa annat ursprung än et kiärt hierta. En stackars Yngling! hwad för en ton, sade jag för mig sielf? Huru hon beklagar honom? Huru hon älskar den Skrifwaren! Ach hwad hon är galen i den karlen! (FMLB: 102) Ich konnte ihren Brief jedoch nicht ohne eine starke Bewegung öffnen. Meine Vermutung war richtig. Es sei eine inständige Fürbitte für einen armen Jüngling, schrieb sie, der nicht der 22 Prahls Lars Larsen darf zudem als erster selbstbewusster Roman der dänischen Literatur gelten (Zetterberg-Nielsen 2022: 143), zumal der Autor im Vorwort erläutert, weshalb er seine Erzählung einen Roman nennt und nicht unter dem Deckmantel eines „ virkelig Tildragelse “ drucken lässt (LL: [6]). Obwohl der Text gleichzeitig, wie das Vorwort auch erläutert, im Nachlass von Lars Larsen Aagerup selbst gefunden wurde. Selten findet man die paradoxe Funktionalität des pseudofaktualen Erzählens derart auf die Spitze getrieben. 23 Laut Böök (1907: 206) geht dieser Teil noch auf die Vorlage von Prévost zurück. 24 „ Wie? Ist es möglich, dass der äußere Schein von Tugend und Bescheidenheit nur ein Mantel ist, um eine schändliche Schwäche zu verbergen? [ … ] Es schien mir, auch wenn ich die Gesetze der Natur zu Rate zog, dass diese Eintracht [zwischen Hofrätin und Schreiber, PH] unmöglich war; denn die Züge des Gesichts verraten gewöhnlich die Neigungen des Herzens “ . 4.3 Epistolare Spurenlese in Handschrift und im Druck 81 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="82"?> Liederlichkeit verfallen sei, und den ein unglücklicher Zufall zu einer Partie hingezogen habe, die ihm nicht diente: sie erinnerte mich an unser Zusammentreffen bei der Frau Landesregierungspräsidentin, als hätte sie befürchtet, dass ich ihren Namen vergessen hatte; sie stellte mir sogar frei, wie viel ich für das Lösegeld des Schreibers verlangen würde. Ich habe diesen Brief wohl viermal durchgelesen. Ich studierte ihren Stil und Schreibart, bis hin zu den kleinsten Federzügen. Obwohl ich hoffte, sie für unschuldig zu halten, konnte ich doch einige schlimme Zweifel nicht loswerden, die vor meinen Augen herumspuken. Ich glaubte in ihrem Stil eine Besorgnis, eine Zärtlichkeit zu lesen, die keinen anderen Ursprung haben konnte als den eines liebenden Herzens. Ein armer Jüngling! was für ein Ton, sagte ich zu mir selbst? Wie sie ihn bemitleidet? Wie sehr sie diesen Schreiber liebt! Oh, wie ist sie verrückt nach diesem Kerl! Der Protagonist sucht wie die Figuren in SAÄ die verborgenen Informationen auf stilistischer und materieller Ebene ( „ stil och skrifart “ ), wobei er den Brief einer solch peinlichen Prüfung unterzieht, dass er jeden einzelnen Schriftzug ( „ de minsta pen-drag “ ) studiert. Darin meint er sowohl die Gemütsverfassung in der Schreibszene als auch den unterliegenden Charakter zu erkennen: Der Stil strahlt große Unruhe und Mitleid für den Schreiber aus; sie muss, schließt er, verrückt nach dem Jungen sein. Die Passage lotet dieselbe Mehrdeutigkeit des Schreibzugs aus, wie sie bei Lavater zu finden war, wenn sie die „ Lineamenter “ des Gesichts mit den „ pen-drag “ und den dahinterliegenden Charakterzügen assoziiert. Aus den Einkerbungen spricht ebenso statischer und dynamischer Charakter der Hofrätin, jedoch bleibt die Probe mangelhaft. Die relativierenden Worte des retrospektiven Erzählers deuten bereits an ( „ Jag mente mig läsa …“ ), dass er die falschen Schlüsse gezogen hatte. Das beweist auch der folgende Besuch im Haus des Hofrats, mit dem der Protagonist ursprünglich jeden Zweifel aus der Welt schaffen wollte, weil er sich nicht mehr auf den Brief als Substitut der Verfasserin verlassen konnte: „ All förtret, som fölgde med dessa tankar, hindrade mig dock intet, at nyttia tilfället, ej allenast at visa hänne min tienstaktighet, utan äfwen at se hänne, och med mina egna ögon döma om hännes upförande ” (FMLB: 102). 25 Diese letzte physiognomische Prüfung liefert endlich unmissverständliche Ergebnisse: Die Hofrätin verhält sich nicht nur vorbildlich, die Worte ihres kranken Ehemanns entlasten sie auch von jeglichem Misstrauen. Letztlich ist es aber der Ton ihrer eigenen Worte, der die Zweifel des Protagonisten beseitigt: „ Håf-Rådinnan swarade härtil så rörande, at jag kiände huru omögligt det war, at icke tro det, som kom ifrån en så wacker mun. [ … ] Jag hörde denna utlåtelsen med mindre swårighet än jag hade läst hännes bref “ (FMLB: 105). 26 In der direkten Gegenüberstellung von epistolarer Korrespondenz und persönlicher Begegnung zeigt sich, dass der Ton im direkten Gespräch leichter zu deuten ist und die Gesichtszüge auf überzeugende Weise mit den Charakterzügen verbunden sind. Damit wird der materiellen Lektüre von Briefen jedoch nicht pauschal ein Wahrheitsgehalt abgesprochen. Denn der Protagonist konnte aus Liebe zur Hofrätin nicht mehr klar sehen, sodass eine objektive materielle Untersuchung des Briefs unmöglich wurde. Stattdessen vertraute er lediglich auf den „ hörbaren “ Ton des Geschriebenen. Da er seine Schlussfolgerungen aus dem Stil und nicht aus den Schreibspuren 25 „ All der Ärger, der diesen Gedanken folgte, hinderte mich jedoch nicht daran, die Gelegenheit zu nutzen, ihr nicht nur meine Hilfsbereitschaft zu zeigen, sondern sie auch zu sehen und ihr Verhalten mit eigenen Augen zu beurteilen “ . 26 „ Die Hofrätin antwortete darauf so rührend, dass ich spürte, wie unmöglich es war, nicht zu glauben, was aus einem so schönen Mund kam. [ … ] Ich hörte diese Aussage mit weniger Schwierigkeiten, als ich ihren Brief gelesen hatte “ . 82 4 Epistolare Materialität Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="83"?> gezogen hatte, entgingen ihm die wesentlichen Informationen des Schriftstücks. Im persönlichen Gespräch vermittelt allerdings der Ton genügend Informationen, sodass auch ein physiognomischer Leser mit getrübtem Blick - der schöne Mund der Hofrätin mag auch ablenken - zu aussagekräftigen Ergebnissen kommen kann. So arbeitet En Fri- Murares Lefwernes Beskrifning in der Konfrontation von Mündlichkeit und Schriftlichkeit zwar die spezifischen Merkmale und die entsprechenden Interpretationspraktiken heraus, stellt aber nicht den Wert der physiognomischen bzw. materiellen Lektüre infrage; vielmehr werden sie beide über die begriffliche Mehrfachcodierung von Schriftzug und Gesichtszug zusammengeführt. Es mag indessen eine Ironie des Schicksals sein, dass die einzige Figur, die Gefühle verbirgt, der Protagonist selbst ist. Während der ganzen Intrige um die Hofrätin fallen immer wieder Andeutungen, dass er romantische Gefühle für diese hegt, sie aber vor sich selbst wie vor seinen Freunden stets leugnet. 27 Diese Vermutungen werden nach dem Tod des Hofrats eingelöst, als die beiden sich schließlich einander annähern. Damit erklärt sich auch, woher die Gespenster kamen, die den Blick des Protagonisten be-geisterten. Eine Schreib-Szene aus Niels Prahls Lars Larsen, eller Aagerups selsomme Hændelser og forunderlige Tildragelser (1758 - 1777) wurde bereits im letzten Kapitel besprochen, der gesamte Abschnitt thematisiert aber neben der Selbstbeobachtung des Schreibens auch die Materialität der Schriftstücke. An dieser entscheidenden Stelle, an der ein Brief über Leben und Tod entscheiden soll, wird sogar die Handschrift als individualisiertes Merkmal entkräftet. Prahls Reiseroman vereint generell unkonventionelle Handlungsmotive. So werden homosexuelle Beziehungen dargestellt und Geschlechternormen zur Disposition gestellt (Zetterberg-Nielsen 2022: 292 - 297). Zwischen dem Protagonisten Lars und einem weiteren auf der einsamen Insel Gestrandeten kommt es zu einem starken homosozialen Bund, der später mit einem Kind und einer symbolischen Heirat besiegelt wird. Expliziter könnte Homosexualität in einem Text des 18. Jahrhunderts nicht thematisiert werden. Darüber hinaus taucht Crossdressing nicht nur als wiederkehrendes Motiv auf, sondern wirkt sogar handlungstreibend. Dass sich Lars damit schwertut, die richtigen Worte an Hermoline, Qvintels Geliebte, zu finden, um sie von seiner Identität zu überzeugen, war bereits Thema. Nun soll der eigentliche Brief im Fokus stehen, der wie die bisherigen Beispiele mit semantischer Überdeterminierung spielt. Allerdings kommt in diesem Falle die Mehrdeutigkeit von „ Character “ als Schriftzeichen und Wesenszug zur Anwendung. „ Maae jeg allene udbede mig den Godhed af dem “ , bittet er, at de vil overveye, [ … ] at jeg ikke kan være Qvintel, allene fordi jeg nægter det. Den Character kand umuelig passe sig paa Qvintel. [ … ] Skulde han vel kunde nægte sig for saa værdig en Frøken, hvis Dyd og høye Egenskaber staaer altid spillende for ham? (LL: 60 - 61) Darf ich sie nur um die Freundlichkeit bitten, dass sie bedenken [ … ], dass ich nicht Qvintel sein kann, einfach weil ich es ablehne. Dieser Charakter könnte unmöglich zu Qvintel passen. [ … ] 27 Vgl. FMLB: 100: „ Men jag märkte äfwen, at mina tankar deltogo i denna saken, af ännu hemligare driffiädrar; emedan jag giömde dem undan en wäns ögon, för hwilken jag dock wille hfwa ingenting dolgt “ ( „ Aber ich bemerkte auch, dass meine Gedanken in diese Angelegenheit aus noch geheimeren Triebfedern verwickelt waren; da ich sie vor den Augen eines Freundes verbarg, vor dem ich doch sonst nichts verheimlicht hätte “ ). 4.3 Epistolare Spurenlese in Handschrift und im Druck 83 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="84"?> Sollte er in der Lage sein, sich einer so würdigen Dame zu verweigern, deren Tugend und hohe Qualitäten immer für ihn im Spiel sind? Einige Sätze später führt er seine eigene Handschrift als aussagekräftiges Beweismittel an: „ Dette Brev som jeg har skrevet med min egen Haand, maae sige dem, om jeg er Qvintel eller ey. Jeg slutter, at Hr. Qvintel har før havt den Ære at skrive dem til, og at de altsaa kiender hans Haand “ (LL: 61). 28 Schließlich versiegelt er den Brief, sodass allein der flüchtige Blick auf das Briefäußere seine Identität bezeugen dürfte (LL: 62). Doch trotz dieser Überzeugungsstrategien fühlt sich Hermoline umso mehr bestärkt, dass es sich bei Lars um ihren Qvintel handeln muss. In ihrer Antwort begründet sie ihre Sicherheit damit, dass sie Qvintels bekannte Züge in der verstellten Handschrift erkennen könne. Allerkiereste Qvintel! I hvor meget de end foger at overbevise mig om, at de ikke er Qvintel, og i hvor sterk de end nægter det, saa faaer de mig dog aldrig til at troe andet. Deres Brev overbeviser mig endogsaa derom; thi de har ikke saaledes kundet forandre deres Pictur, at jeg jo nok kan see Haanden er deres egen. Den liten Forskiel er af ingen Betydenhed for mig. At de har lagt sig et fremmed Signet til, falder jeg heller ikke i Forundring over, naar de engang har foresat sig at ville passere for en anden Person. Dersom det er Kierlighed, som forleder mig dertil, saa har jeg dog intet at bebreyde mig. Jeg elsker dem bestandig, i hvem de giver sig ud for. Jeg vil herefter kalde dem min allerkiereste Aagerup! og jeg er ret vel tilfreds med deres Brev. Jeg finder derudi den Overbeviisning, jeg forlanger, naar jeg veed, at de ikke vil være Hr. Qvintel, men Hr. Aagerup. (LL: 66 - 67) Allerliebster Qvintel! Wie sehr Sie sich auch bemühen, mich davon zu überzeugen, dass Sie nicht Qvintel sind, und wie sehr Sie es auch leugnen, Sie werden mich niemals vom Gegenteil überzeugen können. Ihr Brief überzeugt mich sogar davon; denn Sie haben Ihre „ Piktur “ nicht so weit verändern können, dass ich immer noch sehen kann, dass es Ihre eigene Hand ist. Der kleine Unterschied ist für mich von keinster Bedeutung. Es wundert mich auch nicht, dass Sie ein fremdes Signet angenommen haben, wo Sie sich doch einmal vorgenommen haben, als andere Person zu passieren. Weil es Liebe ist, die mich dazu veranlasst, so habe ich mir nichts vorzuwerfen. Ich liebe Sie beständig, für wen auch immer Sie sich ausgeben möchten. Ich werde Sie von nun an mein allerliebster Aagerup nennen! und ich bin mit Ihrem Brief ganz zufrieden. Ich finde darin die Überzeugung, die ich brauche, damit ich weiß, dass Sie nicht Herr Qvintel, sondern Herr Aagerup sein wollen. Auch hier scheitert also die materielle Lektüre des Briefs: Selbst die individualisierende Handschrift und Unterschrift besitzen nicht mehr die Fähigkeit, die Identität einer Person zu bestimmen. Stattdessen scheint das Doppelgängermotiv von der Ähnlichkeit der Erscheinung auf die Übereinstimmung der Handschrift ausgeweitet zu werden. Lars ’ Handschrift ist für Hermoline keine eigene Ausdrucksform, sondern eine Variante von Qvintels „ Pictur “ . 29 Dabei gründet die scheinbare Identität wiederum auf der verzerrten Wahrnehmung der Leserin: Es handelt sich folglich um keine unheimliche Doppelgängerhandschrift, sondern um ein epistemologisches Problem. Um ihrer seelischen Verfassung 28 „ Dieser Brief, den ich mit meiner eigenen Hand geschrieben habe, muss ihnen sagen, ob ich Qvintel bin oder nicht. Ich gehe davon aus, dass Herr Qvintel schon einmal die Ehre hatte, an sie zu schreiben, und dass sie daher seine Handschrift kennen “ . 29 Pictur/ piktur verzeichnet lediglich das schwedische SAOB (1953: P 831); hier werden nebst der ursprünglichen Bedeutung „ målarkonst “ bzw. „ teckning, figur “ mehrere Belegstellen für die übertragene Bedeutung „ Handschrift “ aufgeführt. 84 4 Epistolare Materialität Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="85"?> willen möchte sich Hermoline lieber vorstellen, dass sich der Geliebte als jemand anderes ausgibt, als dass er ohne Nachricht plötzlich verschwunden wäre. Ihre verliebte Ignoranz trägt verhängnisvolle Konsequenzen, denn die materielle Fehllektüre sabotiert Lars ’ gesamten Rettungsplan. Hermolines materielle Lektüre führt sie indessen zum Schluss, dass Qvintel/ Lars jenseits des reinen Namenwechsels eine doppelte Persönlichkeit besitzen muss. „ Jeg skal vove alting baade for Hr. Qvintel og Hr. Aagerup, som jeg elsker begge to i en og samme Person “ (LL: 69). 30 Die Grenze scheint durch die Materialität der Schrift zu verlaufen: Könnte die Annahme eines anderen Namens noch als Tarnungsmanöver gelten, tangiert die Veränderung der Handschrift Persönlichkeitskonstitution. So untrennbar ist die Handschrift an die Individualität der Briefschreiber: innen gebunden, dass ihre Variation neue Identitäten produziert. Im Gegensatz zu Lavaters und Finkenhagens Position ist die Heterogenität des schriftlichen Ausdrucks nicht natürliche Variation und Protokoll der Gemütsverfassung, sondern klares Zeichen für eine wesentliche Vielheit - und das bedeutet: Hermoline kennt keinen statischen Charakter mit dynamischen Charakterausdruck. In En Fri-Murares Lefwernes Beskrifning und Lars Larsen wird zum einen die epistemologische Sicherheit der physiognomischen Lektüre von Briefen diskutiert, sofern sie bei Figuren mit verzerrter Wahrnehmung zu Fehlinterpretationen führt. 31 Zum andern nutzen sie die Polysemie von Charakter bzw. Zug, um Persönlichkeit und Schreibspuren in ein Begriffsfeld zu bringen. Dagegen beweisen die Lese-Szenen in SAÄ, wie die erfolgreiche physiognomische Lektüre von Körpersprache und Schrift als Erkenntnisinstrument genutzt werden kann, um Verborgenes und Unbewusstes an die Oberfläche zu bringen. In den Texten wird diese Untersuchung der Materialität mit der sorgfältigen Interpretation der stilistischen Gestaltung gekoppelt. Insofern verfügen Briefe über eine dreigliedrige Struktur, die Bedeutung generieren kann; sie schließen, so Rüdiger Campe (1996: 296), „ medizinisch-physiognomischem Zeichenbegriff und grammatischem Bedeutungsbegriff und die nichtsemantische Deutung des Figuren- und Stilgebrauchs “ zusammen. So viel zum handschriftlichen Brief, aber was gilt im Kontakt mit seinem gedruckten, noch dazu fingierten Verwandten? Als Basisbestimmung darf gelten: Als dramatische Figuration der individuellen Schreibspuren entwickelt der gedruckte Brief, je nach gewählter Form der Simulation, mediale und/ oder narrative Polyphonie und Hybridität. Dies verlangt der Erklärung: Die epistolare Literatur präsentiert den Brief als Dokument innerhalb der Rahmung des Buches, sodass es zu parergonaler Dynamik zwischen einzelnem Brief und seinem Kontext kommt. Gedruckte Briefe, seien es Sammlungen von realem Briefverkehr oder fingierte Briefe, sind jedoch stets von einem Mangel gezeichnet: „ Sobald Briefe Texte sind, sind 30 „ Ich werde alles für Herrn Qvintel und Herrn Aagerup riskieren, die ich beide in ein und derselben Person liebe “ . 31 Die Physiognomik kommt laut Dieter Mersch (2002: 59) ohnehin nicht ohne prophetische Anteile aus, denn es bleiben stets Elemente des menschlichen Körpers übrig, die sich nicht lesen und systematisieren lassen: „ Je stärker sich deshalb das Denken des Körpers zu bemächtigen sucht, um ihn in seiner Rätselhaftigkeit zu entschlüsseln, desto undurchdringlicher behauptet sich die Unerforschlichkeit seines Fleisches “ . Das bedeutet für die epistolare Physiognomik, dass auch sie nicht jede materielle Spur aufschlüsseln kann. 4.3 Epistolare Spurenlese in Handschrift und im Druck 85 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="86"?> Briefe keine Briefe mehr. Denn die Verwandlung eines Briefes in einen Text ist eine Prozedur, die ganz unmittelbar die epistolare Botschaft betrifft, indem sie diese in geradezu elementarer Weise beschneidet “ (Bohnenkamp/ Wiethölter 2008b: IX). Damit haben es Bohnenkamp und Wiethölter einleitend zu einer Ausstellung über die Materialität des Briefs auf den Punkt gebracht. Gedruckte Texte und Briefe eignen gegensätzliche Merkmale, die im langen Jahrhundert des Briefs zum dialektischen Problem, aber auch zur ästhetischen Herausforderung werden. Sie sind in unterschiedliche pragmatische und kommunikative Kontexte eingebettet und besitzen unterschiedliche phänomenologische Qualitäten. Da der Druck die epistolare Materialität nur teilweise aktualisieren kann, handelt es sich bei epistolarer Literatur prinzipiell um das Resultat intermedialer Transpositionsverfahren. Infolge des Medienwechsels von Brief zu Text wird das epistolare Medium den Regeln des literarischen Systems unterworfen. Die Differenz tritt am deutlichsten an den charakterisierenden Merkmalen der persönlichen Mitteilung zutage, welche die Grundlage der physiognomischen Methode darstellen. Die gedruckte epistolare Literatur kann weder die Handschriften der Verfasser: innen noch Briefpapier, Siegel und andere Spuren auf dem Blatt authentisch reproduzieren. Damit wird die Grundlage der materiellen Lektüre ihren Deutungsobjekten entzogen, wie Müller (1991: 278) in Bezug auf Briefromane feststellt: „ Die Außenhaut des Briefes, seine sprechende Oberfläche, die im 18. Jahrhundert noch konkurrenzlos von der Handschrift gebildet wird, rückt als virtuelles Bild hinter die gedruckte Buchseite. “ Die besprochenen Beispiele zeigten, wie die einzigartige Materialität der Handschriften zwar erzählt wurde, aber von der mise-en-page nur bedingt reproduziert werden konnte. Es entsteht folglich ein medialer Hybrid aus Brief und Drucktext: 32 Der Text simuliert mit den zur Verfügung stehenden Mitteln einen handschriftlichen Brief, indem medial deckungsgleiche Elemente reproduziert und medienspezifische Strukturen des Epistolaren diskursiviert und/ oder in der Vorstellung der Leser: innen evoziert werden. 33 Da der Brief aber, wie der Durchgang durch die epistolare Physiognomik gezeigt hat, selbst die Seele der Verfasser: innen und die Schreibszene abbildet, stellt die epistolare Literatur eine doppelte Repräsentation dar. Sie bringt daher Briefe mit typografischen Mitteln auf die Bühne der Buchseite. Dies gilt auch für den Brief im engeren Sinne, dessen singuläre, flüchtige Kommunikation im Zuge der Textwerdung in ein vervielfältigtes, permanentes Objekt verwandelt wird (Vellusig 2018: 71). Somit ist auch hinsichtlich der Materialität der epistolaren Literatur eine performative Qualität festzustellen, die in der Forschung als Dramatik des Briefromans bekannt ist. Allerdings benennt diese damit überwiegend die vermeintliche Unmittelbarkeit und Gleichzeitigkeit der Kommunikation, mit der die Differenz von Medium und Mitteilung aufgehoben wird (u. a. Ter-Nedden 2012: 99). Uwe Wirth führt die epistolare Dramatik hingegen mediologisch und im Einklang mit meinem Verständnis auf die Doppelfunktion des Briefs zurück, der sowohl Spur einer Schreib-Szene als auch inszenierte schriftliche Rede - somit vergleichbar mit den Repliken im Theater - ist (Wirth 2008: 167). Die Briefe der epistolaren Literatur sind dramatische Figuren, die das virtuelle handschriftliche Dokument und in der Verlängerung dessen Schreiber: innen verkörpern. Die Metaphorik des dramatischen Briefromans 32 Im Sinne von Bachtins „ hybrider Konstruktion “ (Bachtin 2010: 195, 244 - 251). 33 Die Terminologie baut auf Rajewskys (2002) Systematik auf, verbindet aber ihre beiden Typen „ simulierende Systemerwähnung “ und „ Systemkontamination “ . 86 4 Epistolare Materialität Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="87"?> erlaubt es, die epistolare Literatur als polymodale Texte zu begreifen und dem Zusammenspiel von verbalen und non-verbalen Zeichen Rechnung zu tragen. Freilich setzt die epistolare Literatur weder akustische noch olfaktorische oder taktile Codes ein, aber sie funktioniert im höheren Maße als andere Darstellungsformen maßgeblich dank der semantischen Dimension von ursprünglich ornamentalen Zeichen. Dass der Briefroman theatral angelegt ist, war bereits den Zeitgenossen bewusst. Die Dramatik des Briefromans kam in der Debatte über den Nutzen der fiktionalen Literatur zum Einsatz, um die Effekte der Lektüre solcher Texte mithilfe der aristotelischen Wirkungsästhetik zu beschreiben. 34 Abb. 6 Typografische Mittel unterteilen die einzelnen Briefe in Charlotta Dorothea Biehls „ General Dorsan og Grevinden af Orville. En Fortælling i Breve “ (1781), S. 126. Es lassen sich zwei grundlegende Phänotypen der Repräsentation von Briefen im Druck unterscheiden: Um die diegetischen Briefe in der Vorstellung der Leser: innen zu evozieren, erklärt die Typografie ihre Zeichen zu Merkmalen der Epistolarität: Asteriske dienen der Darstellung der niedergelegten Schreibarbeit, Vignetten repräsentieren den Rand des Papiers und Sprünge in Raum und Zeit (Flint 2002: 648 - 649), Überschriften übernehmen 34 Charlotte Baden (1792: 97 - 98) sprach sich für eine empathische Lektüre aus, die sich in die Figuren hineinversetzt und sich gestisch-affektiv vollzieht. 4.3 Epistolare Spurenlese in Handschrift und im Druck 87 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="88"?> die Adressierung an der Außenseite des gefalteten Billets (vgl. Abb. 6). Dieser simulierende Typ strebt eine ‚ syndiegetische ‘ Repräsentation an, die das diegetische Schriftbild reproduziert. 35 Briefsimulationen zielen darauf ab, im Sinne der dissimulatio die eigene Medialität zu verbergen und als simulatio die epistolare Materialität zu (re-)präsentieren. Ist der spezifische Ausdruck der Handschrift von Bedeutung, wird er von den Verfasser: innen selbst oder von ihren Lesenden thematisiert. Auf der anderen Seite verwehren sich einige Texte in meinem Korpus der typografischen Authentizitätsstrategie und betten die Briefe größtenteils unmarkiert in den Fließtext ein. Insofern sie wie direkte Figurenreden mit Anführungszeichen am linken Rand als fremde Rede ausgezeichnet werden, erhalten sie strukturell denselben Status wie mündliche Aussagen, sodass der Unterschied zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit eingeebnet wird. Dieser integrierende Typ kaschiert folglich die Materialität des erzählten Schriftstücks. Beide Phänotypen führen eine zusätzliche Erzählebene und mitunter weitere Erzählinstanzen in den Text ein. Doch während der integrierende Phänotyp demnach narrativ polyphon daherkommen kann und sicherlich narrative Hybridität erzeugt, findet sich in der simulierenden Form auch eine typografische, d. h. mediale Polyphonie. Da die verschiedenen Erzählebenen durch die mise-en-page gekennzeichnet werden, sind sie auch mit bloßem Auge beim reinen Durchblättern zu unterscheiden. Diese repräsentierten Schriftstücke besitzen schriftbildliche Komponenten, die sich der physiognomisch-materiellen Lektüre echter Briefe annähern. In der Forschung wird größtenteils auf diese Unterscheidung verzichtet; wenn von Briefen die Rede ist, sind die simulierenden Formen gemeint. 36 Das mag thematisch und methodisch begründet sein, weil meistens die Funktionalität von Briefromanen aus narratologisch-formalistischer Perspektive untersucht wird. Obwohl die Schriftlichkeit der Kommunikation stets eine wesentliche Komponente der Argumentation darstellt (u. a. Altman 1982; Beebee 1999; Stiening/ Vellusig 2012a), werden somit die bibliografischen Codes ausgeblendet. Für den einzelnen eingebetteten Brief findet sich bisher keine feste Nomenklatur; Honnefelder spricht vom Brief im Roman, Füger vom Romanbrief und Nickisch von Einlage-Briefen bzw. Briefeinlagen (Honnefelder 1975; Füger 1977: 632; Nickisch 1991: 157 - 170.). 37 Jedoch bestimmt die typografische Gestaltung maßgeblich, wie stark die parergonale Funktion greifen kann und ob der Brief scheinbar unmittelbar im dramatischen oder mittelbar im narrativen Modus dargestellt wird. Die Unterschiede des gewählten Typs zeigen sich folglich zunächst im Erscheinungsbild, zeitigen aber vor allem narrative Konsequenzen; insofern lässt sich die narrative Funktionalität der epistolaren Einlage nicht ohne ihre materielle Medialität untersuchen. 35 Bunia (2005: 391) entwickelt am Beispiel von E. T. A. Hoffmanns Kater Murr einen Entwurf für eine mediologische Narratologie. Syndiegetisch sind Elemente der mise-en-page, die auch in der Erzählung existieren. Er fügt außerdem der Genette ’ schen Dualität von „ Wer spricht? “ und „ Wer sieht? “ die dritte Instanz des „ Wer schreibt? “ hinzu, um die rahmende Ebene der Herausgeberinstanz zu unterscheiden (Bunia 2005: 387). Damit können aber auch Erzählsituationen beschrieben werden, in denen Texte übersetzt oder der Schreibinstanz diktiert wurden. 36 Honnefelder (1975: 12 - 13) unterscheidet zwar zwischen dem Brief als „ explizite[s] primäre[s] Zeichen “ und dem Brief als ‚ künstlerische[s] Produkt ‘ , aber damit verläuft seine Grenze entlang den Erzählebenen und dem poetischen Raffinement der Erzählung, nicht der typografischen Gestaltungsweise. 37 Nickisch ordnet diesen „ Einlage-Brief “ nach Gattung und - quer dazu, aber vermutlich allein in der faktualen Literatur vorgesehen - in seinem Verwendungszweck als Beleg. 88 4 Epistolare Materialität Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="89"?> Abb. 7 Der Brief von Donna Marca an Adolph im ersten Teil von Hans Gustaf Rålambs En Swensk Adelsmans Äfwentyr, I Utrikes Orter. Förra Delen (1759), S. 29. Abb. 8 Der Brief von Donna Marca an Adolph im ersten Teil von Hans Gustaf Rålambs En Swensk Adelsmans Äfwentyr, I Utrikes Orter. Andra Delen (1780), S. 28. Die unterschiedliche Funktionalität der Typen verlangt nach einem Beispiel, das beide mit kontrastierendem Ergebnis einsetzt. Die zweite Auflage des ersten Bandes von SAÄ (vgl. Abb. 8) entscheidet sich gegen die simulierende Einbettung zweier handlungsrelevanter Briefe, die in Verbindung mit Donna Marca stehen. Der erste Brief stammt von ihrer Dienerin Theresa, der zweite von ihr selbst. In beiden Fällen erscheint die Unterschrift in der ersten Auflage (vgl. Abb. 7) durch Leerzeilen abgesetzt und kursiviert, sodass die geschwungenen Buchstaben syndiegetisch an Schreibschrift erinnern und die Briefe bereits bei einer kursorischen Durchsicht als solche zu erkennen sind. Im Gegensatz dazu verwendet die zweite Auflage Versalien; damit verliert die Signatur aber ihre handschriftliche Qualität, weil sämtliche Namen im Text in Versalien gesetzt sind. Die eingebetteten Briefe der zweiten Auflage besitzen keine separate Materialität mehr und nähern sich dem Autorerzählerdiskurs an. Suggeriert die mise-en-page der ersten Auflage, dass die Briefe als Fremddokumente der Autobiografie beigelegt wurden, erscheinen sie nun stattdessen als Abschriften. Die typografische Gestaltung bestimmt somit über die Authentizität der Reproduktion und die narrative Haltung des Textes. Deutlich ausgezeichnete Briefe suggerieren eine stärkere Polyphonie des Erzählens, während reduzierte materielle Auszeichnung die eingebetteten Texte in den rahmenden Diskurs 4.3 Epistolare Spurenlese in Handschrift und im Druck 89 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="90"?> eingliedert, die Polyphonie also zurücknimmt. Damit entscheidet der Grad an typografischer Polyphonie und Hybridität auch über die Haltung der intradiegetischen Erzählbzw. Herausgeberinstanz zu den zitierten Briefen. Eine kleine Nebenbemerkung zur indirekten Wiedererzählung von Briefen ist an dieser Stelle angebracht. Diese integriert die Schriftstücke dermaßen in den Diskurs der zitierenden Erzählinstanz, dass keine Polyphonie mehr festgestellt werden kann (dagegen narrative Hybridität). Wie die Wahl zwischen Simulation und Integration mit Nähe und Distanz verbunden ist und als Wiedererzählung maximale Überblendung erreicht, zeigt wiederum SAÄ. Der Roman beinhaltet mehrere handlungsrelevante Schriftstücke, die eingebettet, wiedererzählt oder sogar erst von der Erzählung zum Dokument zusammengefügt werden. Die zahlreichen Briefe, die Adolph von seiner schwedischen Familie erhält, werden nicht als metametadiegetische Texte eingelassen, sondern von ihm paraphrasiert. Ein Beispiel sollte genügen - Adolphs Schwester schreibt an ihren Bruder: „ Min Mor, skref hon, sitter nu i et wälmående tilstånd af de penningar hon fick hemskickade, hwilka höra min Bror til, och jag för min del, om detta giftet bifalles, kommer ock i bästa tilstånd, utan at wara hwarken min Mor eller Bror til beswär “ (SAÄ: 45). 38 Um das gleiche Thema geht es im Brief des befreundeten Reichrats, allerdings bezieht sich „ min Mor “ in diesem Fall auf den Autorerzähler und nicht auf den Briefschreiber: „ Han hade ock rådt, skref han, min Mor, at igenlösa sina gods och göra dem til Fidei Commiss “ (SAÄ: 45). 39 Adolph vermischt direkte und indirekte Rede in eine Hybridform, in der die verschobenen Personalpronomen eine schillernde Identifizierung von Schreibenden und Empfänger implizieren. Wie der Erzähldiskurs einer multiplen Persönlichkeit bewegt sich Adolph unbemerkt zwischen eigener und fremder Position. Die Konsequenz ist, dass indirekte Wiedererzählung von Briefen Figuren- und Erzählerrede maximal überblendet und synthetisiert, bis sie nicht mehr zu unterscheiden sind. Somit präsentieren diese Familienbriefe weniger Außenperspektiven auf den Autorerzähler (Malm 2001: 193) als durch diesen vermittelte Fremdaussagen, die ihre Funktion als dokumentarische Beweismittel damit eingebüßt haben. SAÄ kennt ebenso das Gegenteil dieser Integrationsstrategie, da es mündlich Erzähltes als eingebettetes Schriftstück präsentiert. Eine lange Passage nimmt die Biografie des englischen Lebemanns Kermaleck ein, den Adolph auf seinen Reisen kennenlernt. Dieser vertritt mit seiner epikureischen Philosophie weder Adolphs noch die üblichen moralischen Werte der zeitgenössischen schwedischen Gesellschaft. Gerade aus diesem Grund scheint der Text bemüht, sich narrativ und medial von der Lebensgeschichte zu distanzieren. 40 Obwohl Kermaleck Adolph zu verschiedenen Zeitpunkten von seinem Leben erzählte, fügt letzterer diese Versatzstücke als zusammenhängenden, linearen Bericht ein, der zusätzlich mit einer Überschrift versehen ist ( „ Utdrag af Mylord K ERMALECKS Lefwernes- 38 „ Meine Mutter, schrieb sie, ist jetzt in einem guten Zustand von dem Geld, das sie heimgeschickt bekam und das meinem Bruder gehört, und ich für meinen Teil, wenn diese Heirat genehmigt wird, werde auch in dem besten Zustand sein, ohne eine Last für meine Mutter oder meinen Bruder zu sein “ . 39 „ Er habe meiner Mutter auch geraten, schrieb er, die Güter einzulösen und sie zu einem Fideii Commiss zu machen “ . 40 Die Figur schien die Forschung fasziniert zu haben: Böök (1907: 221 - 233) sieht in diesem Engländer die einzige interessante Figur des Romans, Nordberg (1944: 208 - 309) schenkt ihm ein ganzes Kapitel, in dem er dessen Philosophie und vertretenen Werte analysiert, und auch Malm (2001: 196 - 203) baut sein Hauptargument auf der Erzählweise des Abschnitts auf. 90 4 Epistolare Materialität Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="91"?> Beskrifning “ , SAÄ: 89). 41 Die paratextuelle Rahmung ist aber erst vollständig, als die einzige Fußnote des Textes das Ende des Abschnitts markiert: „ *) Mannens Moral och Christendom är icke et tjenligit Mönster, men liknar många Originaler. De origtiga satserne wederläggas wackert längre ned “ (SAÄ: 102). 42 Damit weist die Erzählung rhetorisch und medial aus, dass sie die vorgetragenen Ansichten nicht vertritt. In der Manier von kommentierten Editionen referiert eine Herausgeberinstanz auf den originalen Text, um das Verständnis der Leser: innen zu garantieren. Malms (2001: 202) Interpretation, dergemäß die Funktion der Figur Kermaleck in der „ förkroppsligande av en världsåskådning “ bestehe, lässt sich mit der materiellen Medialität des Textes bestätigen. 43 Denn auch diese Präsentation eines Dokuments, das keines war, funktioniert allein dank eines Materialisierungsprozesses. SAÄ setzt demnach bewusst Erzählstrategien ein, um Polyphonie oder Hybridität zu erzeugen, d. h. Fremd- und Eigenperspektive der Erzählinstanz zu entdifferenzieren oder zu differenzieren. Diese Verfahren verlaufen nicht entlang der Achsen von Schriftlichkeit und Mündlichkeit, sondern quer dazu, wenn mündlich Mitgeteiltes wie Schrift inszeniert wird und umgekehrt. Der unüberbrückbare mediale gap der epistolaren Literatur stattet diese mit selbstreflexivem Potenzial aus, sodass Kommunikations-, Schreib- und Lesepraktiken diskutiert werden können. Von der physiognomischen Praxeologie des Briefs übernimmt sie die doppelte Lektüre, die verbal-semantisch und materiell verfährt und die Kontexte des Schreibens imaginiert. Das Bewusstsein für die sprachliche Symptomatik führt zur Einsicht in die tiefer liegenden Dimensionen des Textes, d. h. die nicht explizierten Intentionen und unwillkürlichen Eigenaussagen, die sich in Stil und mise-en-page zeigen. Eine Lektüre im Sinne der Epistolografie begreift den gedruckten Text als Spur einer Schreib-Szene im weiteren Sinne und demnach als Ergebnis eines Publikationsprozesses mit all seinen verschieden gelagerten Schreib-Szenen. Ein solcher größerer Fokus muss letztlich neben den eigentlichen ‚ Briefen ‘ auch weitere non-verbale, materielle Elemente einbeziehen. Dazu gehören insbesondere die paratextuellen Strukturen, die in parergonaler Verlängerung Über- und Unterschrift, Datierung und Siegel des Buchs darstellen. Gerade um die transgressive Dynamik der Epistolarität im Druck beschreiben zu können, werden in der Folge auch Titelblätter, Vorworte und weiteres Beiwerk in den Blick genommen. Erst dort zeigt sich, wie sich der epistolare Text im Gattungssystem verortet und welche Schreib- und Lesepraktiken er impliziert, implementiert und inauguriert. 41 „ Auszug aus Lord K ERMALECKS Lebensbeschreibung “ . 42 „ *) Die Moral und das Christentum des Mannes sind keine brauchbaren Vorbilder, ähneln jedoch [denen] vieler Originale. Die unrichtigen Sätze werden weiter unten widerlegt “ . 43 „ Verkörperlichung einer Weltanschauung “ . 4.3 Epistolare Spurenlese in Handschrift und im Druck 91 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="92"?> 5 Epistolare Bühnen Epistolare Literatur lässt sich als Spiel mit Rahmungen beschreiben: Indem die erzählten Briefe rahmen, ermöglichen sie die Einbettung von thematischen Einheiten, abgegrenzten Motivkomplexen und Metaerzählungen, in denen Bezüge zu dem Bereich außerhalb des Rahmens hergestellt werden können. Dies schafft zum einen kuratierte Fremdperspektiven auf ein Stück Wirklichkeit, weshalb ich die Metapher von der ‚ Guckkastenbühne Brief ‘ vorgeschlagen habe. Da die repräsentierten Briefe demnach eine doppelte Rahmung inaugurieren, sind sie als ‚ Form in der Form ‘ zu betrachten, mit der die Form des Textes, d. h. das Erzählen, die Epistolarität und die Textgenese samt der Editionsfunktion, sichtbar wird. Gleichzeitig verweist der Ausschnitt, der im epistolaren Rahmen zur Darstellung kommt, auf die diegetische Welt, die außerhalb des Textes liegt und von den Leser: innen inferiert werden kann. Insofern als damit dramatische Strukturen etabliert werden, ist der Brief der epistolaren Literatur als Bühne zu betrachten, auf der Inhalte mit polymodalen Mitteln und meistens selbstreflexiv inszeniert werden. Mit der Rahmungsstruktur einher geht die Erlaubnis zur Ellipse: Da Briefe nur Ausschnitte zeigen können, dürfen sie unabgeschlossen und offen bleiben. Diese Einheiten können in der seriellen Briefkorrespondenz ergänzt, revidiert und kritisiert werden - und damit der kuratierte Fokus digressiv überschritten werden. Die Tendenz zur Transgression und Rahmenbruch ist dem epistolaren Erzählen überraschenderweise inhärent: Gehört es doch zu jeder Brieflektüre, dass Umschläge - Rahmungen - aufgebrochen werden, um zu den wesentlichen Inhalten vorzudringen. Die Rahmung ist in diesem Fall ein paradoxes, selbstreflexives Parergon, das „ von einem bestimmten Außen her, im Innern des Verfahrens mit[wirkt] “ . Briefe sind Orte des Konventionsbruchs und der innovativen Grenzüberschreitung, da sie stilistisch und medial zwischen und quer zu den Exponenten des Gattungssystems liegen. Aufgrund dieser Lust am Aufbrechen erzählen sie polyfunktional, polyphon, polymodal und hybridisierend und lassen die Literatur an epistemologische, mediale und stilistische Grenzen stoßen. Es ist dieses transgressive Potenzial in einem dennoch begrenzten, manipulierbaren Raum, dass die epistolare Literatur zum idealen Laboratorium für narrative Experimente werden lässt. In der epistolaren Literatur finden sich diegetische und mediale Rahmungen, wobei die mise-en-page die Briefe medial rahmt. Hingegen bestehen diegetische Rahmungen häufig aus Schreib- und Lese-Szenen, in denen der Umgang mit Briefen dargestellt wird und mithin eine selbstreflexive Inszenierung von Medialität, Materialität und Schreib- und Lektürepraktiken stattfindet. Schreib-Szenen und Lese-Szenen sind nicht nur textuelle Selbstreflexionen, sondern weisen auch auf soziale, politische und kulturelle Bedingungen des Schreibens und Lesens. Insofern als dass die rahmende Schreibszene in der epistolaren Materialität konserviert wird und häufig im Text als Schreib-Szene zur Darstellung kommt, stellen Korrespondenzen den „ wechselseitige[n] Austausch adressatenspezifischer Schreibszenen “ dar (Bunzel 2008: 237). In den Texten des 18. Jahrhunderts zeigt sich in den Schreib- und Lese-Szenen die unumgängliche Präsenz - bisweilen gar Widerständigkeit - der schriftlichen Materialität, mit denen die Figuren hadern, die sie Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="93"?> deuten oder verfälschen möchten. Da auch die empfindsame Epistolografie auf einen spezifischen Körperlichkeitsdiskurs setzt, vereinen sich so Rhetorik und Handlung, um empathischen Nachvollzug zu ermöglichen. Die Lese-Szenen prä- und refigurieren Lektürepraktiken, an denen sich die Leser: innen mit ihrem ganzen Körper beteiligen und die sie auf ihre eigenen Erkenntnisverfahren in Kontakt mit dem gedruckten Text projizieren können. Die Embodied Narratology liefert dabei das Instrumentarium, um die Verschränkung von empfindsamer Herzensschrift und epistolarer Materialität herauszuarbeiten und für die Interpretation nutzbar zu machen. Indem die Embodied Narratology die jüngeren neurologischen Erkenntnisse, nach denen kognitive Prozesse als embodied, embedded, extended und enactive aufzufassen seien, auf den Erzähltext appliziert, versteht sie die Lektüre als körperlichen Nachvollzug, der genauso verfährt wie bei der realen Wahrnehmung. Dabei verhalten sich die Lesenden zum einen zu den dargestellten Handlungen, zum anderen zu den typografischen Auszeichnungen, Erzählinstanzen und Fokalisierungen. Dieser körperliche Nachvollzug des Erzähltextes liegt der empathischen Beteilung an der Handlung zugrunde: Mitgefühl bedeutet demnach zunächst Miterlebnis. Ein letzter Mehrwert der Embodied Narratology gegenüber anderen narratologischen Ansätzen besteht im gleichberechtigten Einbezug der Materialität, deren Bedeutung für die epistolare Literatur zentral ist. Die Schreib- und Lese-Szenen liefern daneben Hinweise für eine interpretative Annäherung an die Texte des Untersuchungszeitraums. Indem sich die Figuren den Briefen häufig mit einer doppelten Lektüre, einer semantischen und einer materiellen, nähern, beweisen die Erzählungen ein Bewusstsein für die Schriftbildlichkeit der Schrift. Damit ist zum einen die duale Eigenschaft der Schrift gemeint, die transparente Figur oder opakes Ornament sein kann, was sich im Druck etwa durch die Ko-Präsenz von Buchstaben und typografischen Zeichen äußert. Zum anderen verweist die Schriftbildlichkeit im Gegensatz zu einer streng linearen Lektüre wie beim mündlichen Vortrag auf die Räumlichkeit des Schriftstücks, das nicht-lineare Verfahren ermöglicht. Die Lese-Szenen verarbeiten außerdem den Unterschied von indexikalisch-ikonischer Schreibspur und willkürlichem Buchstabenzeichen. Während letztere Entzifferung nach Konvention verlangen, können erstere physiognomisch gelesen werden. Die Schrift erhält dabei den gleichen Status wie der Schattenriss oder die Mimik, d. h. sie hält etwas Unwillkürliches und Natürliches fest, das die Schreibenden nicht bewusst steuern können. Wer die Physiognomik nach Lavater in seinen Brieflektüren verwendet, kann demnach aus den Zeichen einen tieferen Sinn herauslesen, der den verbal-semantischen unterstützt oder untergräbt. Auch wenn sich das Unmittelbarkeitsparadigma aufgrund der zahlreichen Epistolografien, darunter Finkenhagens Briefsteller, als Fiktion enthüllt, verbleiben die Figuren meines Korpus beim Glauben an die Natürlichkeit des epistolaren Ausdrucks. Die Bedeutung der epistolaren Materialität führt zwangsläufig zur Frage, welche Bedeutung dann die Materialität und Medialität des Drucks für das epistolare Erzählen besitzt. Denn die fingierten Briefe oder veröffentlichten Briefkorrespondenzen sind keine Faksimiles handschriftlicher Dokumente, sondern intermediale Repräsentationen. Die Metapher der epistolaren Dramatik, wie sie auch schon das 18. Jahrhundert kennt, kann auf das Buch appliziert werden. Die Typografie repräsentiert dann wie dramatische Figuren die epistolare Materialität auf der Bühne der Buchseite. Epistolare Literatur ist 5 Epistolare Bühnen 93 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="94"?> daher polymodal strukturiert und muss anhand des Zusammenspiels von verbalen und non-verbalen Zeichen verstanden werden. Es wurden ferner zwei Phänotypen der Darstellung bestimmt: Der simulierende Typ operiert syndiegetisch, d. h. versucht das diegetische Schriftbild mit den typografischen Mitteln zu reproduzieren. Briefsimulationen zielen darauf ab, die eigene Medialität zu verbergen und die epistolare Materialität zu (re-)präsentieren. Andererseits ebnet der integrierende Typ die medialen Unterschiede zwischen eingebetteten Briefen und rahmenden Text sowie Mündlichkeit und Schriftlichkeit ein. Der integrierende Phänotyp ist narrativ polyphon und hybrid, der simulierende zusätzlich medial polyphon und hybrid. Mit diesen dramatischen Strategien, epistolare Praktiken sowohl narrativ als auch medial darzustellen und den Leser: innen zur kritischen Bewertung vorzulegen, bestreitet die Epistolarität die Funktion der Bühne. Die Bedeutung der drei Aspekte - Parergonalität, Schriftpraktiken und Materialität - wird in den folgenden Analysen die Grundlage für die Untersuchung der narrativen Experimente bilden. Denn die drei Texte nutzen den transversalen Status der Epistolarität nicht nur dazu, neue Erzählformen zu finden, sondern stellen ihre Verfahren gleichzeitig mit dramatischen Techniken aus. 94 5 Epistolare Bühnen Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="95"?> II Epistolares Erzählen: Der Brief als Laboratorium <?page no="97"?> 6 Ludvig Holbergs Inschriften: Epistolares Selbst-Schreiben und die Literarisierung des Autors NIhil est, Vir Perillustris, qvod libentiùs suscipio, qvam id qvod tu injungis. At jubes me in literas mittere ea, qvæ ad vitam meam spectant, cum tamen ille non sim, cui munere Numinis datum est facere scribenda. Deposcis à me nugas, qvæ vix ab otiosis impetrare aliqvid perituri temporis possunt, injungis mihi historiam (AVPE I: 1) Es gibt nichts, was ich lieber tun würde, als was du mir aufträgst. Aber was du mir hier befiehlst, ist, die Umstände meines Lebens in Buchstaben zu fassen, obwohl ich nicht zu denen gehöre, die Gott ausersehen hat, etwas Aufzeichnungswürdiges zu leisten. Du verlangst von mir Kleinigkeiten, für die selbst die Müßigsten kaum einige flüchtige Augenblicke aufwenden werden; du verlangst von mir eine Geschichte 6.1 Autobiografische Sendungen 1728 erschien ein rund zweihundertseitiger Oktavoband von Ludvig Holberg, 1 der mit seinem Titel Ludovici Holbergii ad virum perillustrem *** epistola ( „ Ludvig Holbergs Brief an einen wohlgeborenen Herrn *** “ ) einen veröffentlichten Brief an einen anonymen hochwohlgeborenen Herrn (Vir Perillustris) erwarten lässt. Nachdem sich Holberg zunächst akademisch einen Namen gemacht und im Verlauf der 1720er ein literarisches Renommee mit dem satirischen Versepos Peder Paars (1719/ 1720) und seinen Komödien verdient hatte, wendete er sich hier in der Sprache der Gelehrten an das europäische Publikum, um sich selbst in eigenen Worten vorzustellen (Billeskov Jansen 1971: 17 - 18; Skovgaard-Petersen 2018, 2017: 45; Thomsen o. D.). Der Brief ist autobiografisches „ selffashioning “ (Greenblatt 1980): Holberg kartiert sein Leben von der Geburt bis zur aktuellen Schreibszene, die Bedingung und Ziel des Erzählens bildet. 2 Auf diese erste veröffentlichte epistolare Selbstdarstellung sollen nahezu im Dekadentakt zwei weitere folgen, die jeweils zeitlich dort ansetzen, wo der vorherige Band aufgehört hatte (AVPE II - III, 1737, 1743); in der skandinavischen Forschung sind die Texte als Levnedsbreve ( „ Lebensbriefe “ ) bekannt. Doch vertauscht Holberg 1728 mit der ersten Epistola zum 1 In der Folge werde ich zwar den Autornamen Holberg für den Erzähler und die weiteren Alter-Egos des Textes verwenden, möchte damit jedoch nicht eine positivistische bzw. strikt biografischauthentische Note anschlagen. Der Text ist keine simple Selbstoffenbarung eines berühmten Autors, sondern ein doppelbödiges Konstrukt. Dass gerade die Instanz des Autornamen problematisiert wird, ist zentrales Argument dieses Kapitels. 2 So meint auch Karen Skovgaard-Petersen (2017: 48), Holberg liefere mit den drei Lebensbriefen ein Selbstporträt als Schriftsteller. Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="98"?> ersten Mal die bisherige Aufteilung seines Werks in lateinische Wissenschaft und dänische Poesie, um ein hybrides Stück Literatur hervorzubringen. AVPE I zeichnet sich durch seine Heterogenität aus: Titelblatt und Vorwort weisen den Text zunächst als veröffentlichten Brief von Ludvig Holberg an einen anonymen hochwohlgeborenen Herrn aus, wobei sich rasch herausstellt, dass die ersten paratextuellen Informationen fingiert sind. Ähnliche metafiktionale Verfahren setzte Holberg auch in seinen anderen epistolaren Texten Moralske Tanker ( „ Moralische Gedanken “ , 1744) und Epistler ( „ Episteln “ , 1748 - 1754) ein, wobei er die performative Parergonalität in den Moralske Tanker in einem „ metabrev i bokstavleg forstand “ auf die Spitze trieb (Vinje 2000: 145). 3 Während sich in der späteren epistolaren Essayistik allerdings die metafiktionalen Passagen auf den Haupttext beschränken, operiert AVPE I mit einem performativen, parergonalen Paratext. Insofern als der Paratext als ‚ Schwelle ‘ zwischen Außenwelt und Text einladend und vorbereitend zugleich wirkt und somit Lektüreerwartungen schafft (Genette 1989: 10), ist zu fragen, welche Funktion diese fiktionalen Elemente in einer autobiografischen Schrift erfüllen. In der Literatur über Holberg stand daher immer wieder zur Debatte, ob der Text als autobiografisch zu betrachten sei: 4 Das Spiel mit Wahrheit und poetischer Erfindung ziele auf „ lystig desorientering “ und „ glidebanefornemmelser “ , meint Ejnar Thomsen (1954: 21), die Unsicherheit stelle sodann die rhetorische Figuration in den Vordergrund, kann mit Eiliv Vinje (2000: 158) ergänzt werden. 5 Ole Thomsen (2024: 337 - 455) verwirft alle Lektüren, die von rein fiktionalen Texten ausgehen; gewiss setze Holberg rhetorische Vexierspiele ein, doch legen die AVPE insgesamt das Selbstzeugnis des Autors und seiner poetischen Philosophie ab. 6 Autofiktional dürfte der Brief dennoch sein, darauf könnte sich die jüngere Forschung einigen. Dabei spielen gerade auch figurative Verfahren eine Rolle, doch statt nur auf die diskursive und inhaltliche Ebene zu fokussieren, möchte ich diese auch an der Materialität und Medialität des Buches festmachen. Bereits Ejnar Thomsen (1954: 19 - 24) führte den Paratext als augenfälligstes Fiktionssignal auf; jedoch ist er Teil eines umfassenderen Erzählverfahrens, dessen Ziel die Literarisierung des Autors ist. „ [L]iv og sprog legeredes “ , wie Ole Thomsen (2024: 353) konstatiert; ich möchte pointieren: Leben und Literatur verschmelzen in dem Maße, dass literarische Praktiken in die Welt sickern und zu Handlung werden. 7 Dazu gehört auch die Herausgeber- und Brieffiktion des AVPE I, die im Vorwort angestoßen wird. Darin erklärt der Vir Perillustris, dass er den Lebensbrief ohne die Erlaubnis ( „ inscio ipso “ ) des Briefverfassers in Druck gegeben habe: 3 „ Metabrief im buchstäblichen Sinn “ . 4 Skovgaard-Petersens Artikel stellt die Frage um die Fiktionalität ins Zentrum, benutzt den Begriff der Autofiktion dagegen nicht. Sie kommt zum Ergebnis, dass er die Leser: innen zwar im Unklaren darüber lässt, was wahr und erfunden ist, er in der Darstellung seines Wesens und seiner moralischen Einstellung jedoch authentisch bleibe. Die philosophische und psychologische „ self-dissection “ sei ihm geglückt (Skovgaard-Petersen 2017: 55). Einen Überblick über die ältere Forschung bis ca. 1950 (u. a. Billeskov Jansen, Müller, Olsvig) liefert Thomsen (1954: 9 - 18); die späteren Positionen (Nielsen, Kondrup, Christensen) deckte Vinje ab (2000: 154 - 157). 5 „ lustige Desorientierung “ , „ Rutschbahneindrücke “ . 6 Hier zeige sich vielmehr Holbergs „ fiktionsfilosofi “ in nuce, weil er fiktional erzählende Passagen mit philosophischen Reflexionen zusammenbringe, doch letztlich philosophische, sinnlich grundierte Erkenntnis anstrebe (Thomsen 2024: 365 - 397, besonders 359 - 397). 7 „ Leben und Sprache verschmelzen “ . 98 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="99"?> Abb. 9 Das Herausgebervorwort des anonymen Herrn in Ludvig Holbergs Ad virum perillustrem *** epistola (1728), S. [ii]. Cum variis casibus jactatus fuerit celeberrimus Autor ob crebras, qvas facultatibus destitutus suscepit peregrinationes, vitaqve illius turbarum satis ferax ob poemata satyrica, carmina jocularia & comoedias morales, qvæ non leves illi molestias crearunt, editionem hujus epistolæ haud ingratam popularibus fore spero; præsertim cum solita illi scripta sit ingenii festivitate, qvæ ipsas etiam nugas commendabiles reddit. Qvo magis crisi civium expositus sit Autor, eò paratior erit audaciæ venia, in eo, qvod Epistolam amico tantùm scriptam, sed existimationi scribentis consulentem publici juris facere, inscio ipso, sustinuerim: poterit etiam eadem epistola de errore illos convincere, qvi lingvâ danica nil neqve scribi neqve scribi posse autumarunt. (AVPE I: ii) Dieser weithin gefeierte Schriftsteller ist durch eine ganze Reihe von Abenteuern umhergewirbelt worden, weil er häufig ohne einen Groschen in der Tasche ins Ausland gereist ist, und es hat viel Aufruhr in seinem Leben gegeben, weil er sich mit satirischen Gedichten, scherzhaften Liedern und moralischen Komödien so viel Ärger eingehandelt hat. Aus diesen beiden Gründen hoffe ich, dass die Landsleute die Veröffentlichung dieses Briefes begrüßen werden, zumal er mit seinem heiteren Witz geschrieben ist, der selbst Kleinigkeiten lesenswert macht. Je härter die Kritik ist, die der Autor von seinen Mitbürgern erdulden musste, desto leichter wird man mir verzeihen, dass ich es gewagt habe, ohne sein Wissen einen Brief zu veröffentlichen, der nur an einen Freund gerichtet ist, aber dennoch voller Sorge um seinen guten Ruf ist. Dieser Brief wird 6.1 Autobiografische Sendungen 99 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="100"?> auch diejenigen widerlegen, die behauptet haben, dass in der dänischen Sprache nichts geschrieben wird und nichts geschrieben werden kann. Das Vorwort macht also klar, dass der Herausgeber zugleich Adressat des Briefes bzw. des folgenden, gerahmten Textes ist. Außer dem Hinweis, dass der Brief ein intimes Dokument sei, thematisiert der Vir Perillustris den genauen Kontext nicht. Es bleibt an dieser Stelle somit offen, ob Holberg auf einen anderen Brief antwortet (u. a. als Teil einer längeren Korrespondenz) oder im Auftrag des Vir Perillustris schreibt. 8 Im Gegensatz zu anderen Vorworten gibt es keine Erläuterungen zu den vorgenommenen Emendationen oder sonstigen Bearbeitungen des Manuskripts, genauso wenig wird der Inhalt des Textes zusammengefasst. Die Leserschaft erfährt einzig, dass die erzählten Kleinigkeiten des Briefs unterhaltsam zu lesen seien; mit dieser paratextuellen Rahmung müsste man einen Privatbrief erwarten, der allein von Alltagsgeschäften berichtet. Dem widerspricht jedoch, was das Vorwort anstelle der üblichen Informationen liefert: Im Mittelpunkt steht dort der Autor, die Literatur und literarische Praktiken. Der Briefverfasser wird gleich im ersten Satz - als sei es eine gegebene Tatsache - als berühmter Autor präsentiert, der allerdings kürzlich unverdient in Verruf geraten ist (so auch Thomsen 2024: 348). Wenn die intendierten Leser von AVPE I tatsächlich europäische Gelehrte sind, wie es die Forschung mehrfach vermutet hat, dann soll diesen mit einem solchen Anfang unmissverständlich verdeutlicht werden, von welcher Eminenz sie in der Folge lesen dürfen. Jedoch sah sich dieser berühmte Autor, der folglich bereits mehrere Bücher veröffentlicht haben muss, genötigt, seine Auslandsreisen aufgrund Geldmangels zu Fuß durchzuführen. Der zweite Teilsatz widerspricht dem Konzept der gefeierten Autorschaft und verortet den Briefverfasser vielmehr in der Nähe der geächteten Berufsschriftsteller. Zu dieser Schlussfolgerung passt die Aufzählung jener Texte, die ihn in Kritik gebracht haben: Es handelt sich ausschließlich um Unterhaltungsliteratur (satirische Gedichte, Schmähgedichte und moralische Komödien). Damit wird Holberg zwar als vermeintlich problematischer Autor ausgewiesen, doch dürfte dahinter eine Marketingstrategie liegen, da die genannten Texte den Teil von Holbergs Autorschaft ausmachen, der aus dem Dänischen übersetzt werden könnte. So geben sie dem Herausgeber dann auch die Veranlassung dazu, den Brief zu veröffentlichen ( „ editionem hujus epistolae “ ), weil sie von demselben heiteren Witz ( „ sit ingenii festivitate “ ) und Sprachtalent leben. Im Alleingang konnte der Autor damit beweisen, dass sich das Dänische durchaus für anspruchsvolle poetische Vorhaben eignet. Das Vorwort greift in der Darstellung des Autors somit auf das Vokabular des Literaturbetriebs zurück (Gattungen, Werk des Autors, Veröffentlichung eines Briefs, literarischer Witz, Sprache), führt mit dem Hinweis auf die kritischen Stimmen und der indirekten Anrede an das Publikum ( „ publici juris facere “ ) aber auch einige der Akteure aus dem Feld auf. Es fehlt nur noch die Erwähnung der Veröffentlichung bzw. des Drucks selbst - doch dies wird spätestens mit den kommentierten Errata eingelöst. 9 Damit bereitet das Vorwort angemessen auf den folgenden Brief vor, wo die literarische Welt Handlungsmotiv und rhetorische Leitfigur bildet. Der AVPE I ist daher nicht nur ein simulierter Brief, sondern simuliert selbst literarische Phänomene und Praktiken. 8 Erst in der folgenden Einleitung des Haupttextes motiviert Holberg die Niederschrift seiner Lebensgeschichte als Auftragsarbeit des Vir Perillustris (AVPE I: 1 - 2). 9 Zumindest in den Vorworten der dänischen fiktionalen Prosa wird der Buchdruck - explizit die langsame Druckerpresse - immer wieder thematisiert (Zetterberg-Nielsen 2018: 97). 100 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="101"?> Andererseits liegt dieses Vorwort im Kern eines Erzählmanövers, das maßgeblich durch die dialogische Struktur des Epistolaren bestimmt ist. Auch wenn der Titel eine simple Struktur von Sender und Empfänger ankündigt, sind die Erzählinstanzen - das zeigt der erste, wagende Blick ins Vorwort, wo sich auch der Adressat zu Wort meldet - miteinander verstrickt. Anstelle eines singulären Subjekts, das sich gegenüber dem Adressaten selbst aus- und darlegt, setzt AVPE I auf die polyphone Vervielfältigung der Erzählinstanzen und hebelt mithin die narratologische Kategorie der ‚ Stimme ‘ aus. Dies kann durchaus als Fiktionssignal verstanden werden, das an dieser Stelle ein naives Verständnis einer autobiografischen Offenbarung problematisiert. 10 Absichtlich würde Holberg diese Fiktionalisierung einsetzen, um auf weitere Rätsel vorzubereiten: „ Just som en mystifikator der, nu og da helt anmassende, gør opmærksom på at han mystificerer - just som en sådan mystifax er han apertus. En æggende duplicitet! “ (Thomsen 1954: 23). 11 Doch sind auch die Rätsel einfach zu lösen, wenn man die Signale des Vorworts erkennt: Denn es stellt thematisch literarische Praktiken und in der Geste der Herausgeberfiktion die Darstellung der Erzählung, d. h. die rhetorischen Verfahren, in den Vordergrund. Der fiktive Herausgeber und Adressat ist indessen nicht die einzige Erzählinstanz - oder: Persona - , die statt Holberg spricht und handelt, da auch die diegetische Welt mit zahlreichen Doppelgängern bevölkert ist. Das Ich des über sich selbst schreibenden Autors vervielfältigt sich so in Figuren und Erzählinstanzen und spricht auch deshalb mehrstimmig, weil der Fließtext mit intertextuellen, häufig kursivierten Zitaten durchsetzt ist. Doch die Rätsel des Mystifax Holberg - die offenkundige Fiktionalität, der polyphone Text und die Vervielfältigung des Autors innerhalb eines autobiografischen Textes - lassen sich, so die These, mit dem Schlüssel der rahmenden Epistolarität lösen. Die transgressive Dynamik der Epistolarität, ihr Potenzial zur Hybridisierung und Polyphonie sowie zur Selbst- und Medienreflexion und ihr Status als schriftliche Praxis, waren Holberg willkommenes Erzähllabor und Bühne für die Literarisierung des Autors und seines Werks. Die Türen zur Lösung des Rätsels führen jedoch noch durch den Gattungsahnen Autobiografie bzw. Selbst-Schreiben und dem Vorschlag, den Text unter der rhetorischen Figur der Prosopopoiia zu verstehen (6.2.2). Danach wird das Profil der Erzählinstanzen und Doppelgängerfiguren in AVPE I skizziert (6.2.3, 6.2.4), die auf die Inszenierung von Pseudonymen angelegt sind. Schließlich möchte ich das exzerpierende Erzählen als Leitfigur für die Menippeische Zitatcollage und die Schreib- und Lese-Szenen in AVPE I vorstellen (6.3). Pseudonyme, exzerpierendes Erzählen und die Darstellung von Schreib- und Lesepraktiken tragen alle dazu bei, Holbergs Autorschaft sowie Autorfigur zu einem Stück Literatur werden zu lassen. 6.2 Γνῶθι σεαυτόν : Das Selbst in Schichten und Fragmenten abbilden 6.2.1 Hybrider Brief Es gibt viele Gründe für die ‚ lustige Desorientierung ‘ der Leser: innen, die der AVPE I in die Wege leitet, jedoch dürfte die Gattungshybridität eine maßgebliche Rolle dabei spielen. 10 „ What can we trust? “ , wie Skovgaard-Petersen (2017: 46) performativ fragt. 11 „ Gerade als Mystifikator, der, hin und wieder ganz anmaßend darauf hinweist, dass er mystifiziert - gerade als solcher Mystifax, ist er apertus. Eine provokante Doppelbödigkeit! “ 6.2 Γνῶθι σεαυτόν : Das Selbst in Schichten und Fragmenten abbilden 101 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="102"?> Der AVPE I wurde zwar immer als Holbergs Autobiografie verstanden, was insofern zutrifft, als dieser die Erlebnisse seines Lebens und seine Autorschaft schildert. Doch die immer wiederkehrende Frage nach dem fiktionalen Status des Textes beweist, dass eine rein faktuale Lesart in die Irre führen würde. Für die fiktionalen Anteile bürgen zum einen die zahlreichen offensichtlichen und verdeckten Zitate und die Handlungselemente im Stil der Menippeischen Satire. Demgegenüber stehen die Selbstdeklarationen des Briefschreibers Holberg als Historiker und des Briefs als „ historia “ , wie bereits die Einleitung klarmacht: „ injungis mihi historiam “ (AVPE I: 1, s. u., Kap. 6.2.3). 12 In die Historia des eigenen Lebens sind dann die Reiseberichtselemente eingebettet, mit denen auf das Menippeische verwiesen wird. Diese paradoxe Hybridisierung leitet Holberg immer wieder dazu an, mit der Glaubwürdigkeit seines Briefs zu kokettieren: Keine Fabeln, sondern Geschichte möchte er schreiben, beteuert er scheinbar augenzwinkernd, wie es Don Juan getan habe (vgl. AVPE I: 97). Ähnlich hybridisierend verfährt sein Roman Niels Klimii iter subterraneum (1741; „ Nicolai Klims Unterirdische Reise “ , 1750), mit dem die AVPE I somit die romanhafte Inkorporation und Mischung verschiedener Gattungen und Erzähltraditionen sowie die daraus entstehende selbstreflexive und poetologische Gattungsdiskussion teilt (Velle 2018: 135, 160). Mit der Nähe zur Menippeischen Satire und der medialen Form der epistolaren Autobiografie verweist AVPE I auf das Schrifttum der Humanisten des 16. und 17. Jahrhunderts. Beide Gattungen spielen eine Rolle für die Literarisierung des Autors, da sie als gelehrte Erzählformen die Inschrift in die Literaturgeschichte ermöglichen. Mit ihnen erreicht Holberg das gewünschte Publikum, dem er im selben Zug sein Wissen über die antike und zeitgenössische Literatur präsentieren kann. Diese verarbeitet er aber innovativ in seinen Text, um mit dieser „ intersproglig, intertekstuel og interkulturel præstation af de forunderlige “ (Thomsen 2024: 357) seinen Autornamen in den literarischen Kosmos einzuschreiben. 13 Ich möchte die beiden Gattungen nicht nur als Verständnishorizonte darstellen, sondern auch aus beiden Figuren herausarbeiten, anhand derer AVPE I die Literarisierung des Autors erreicht. Bei der epistolaren Autobiografie handelt es sich um die Figur der Prosopopoiia, die Verstimmlichung des Stimmlosen, und bei der Menippeischen Satire um die gelehrte Verknüpfung im intertextuellen Netzwerk. 6.2.2 Die Masken der epistolaren Autobiografie Es ist kühn, bei diesem Text von einer Autobiografie zu sprechen. 14 Selbst das Vorwort verliert kein Wort darüber, dass der Autor im publizierten Brief sein Leben und seine Lebensgeschichte untersuchen würde. Doch wirft der Begriff Autobiografie grundsätzlich Probleme auf, da er erst im auslaufenden 18. Jahrhundert auftaucht und aus dem empfindsamen Interesse am eigenen Ich entstand. Im Fokus der Autobiografie steht daher das moderne Subjekt, das seine komplexe Psychologie untersucht und dem Leser offenlegt. Entsprechend entwickelte sich die Autobiografie in der heute geläufigen Form durch und mit dem medialen Umbruch und den neuen Vervielfältigungsformen. Bei älteren Texten mit autobiografischer Intention kann deshalb von autobiografischem 12 „ Sie verlangen eine Geschichte von mir “ . 13 „ intersprachlichen, intertextuellen und interkulturellen Leistung des Wunderbaren “ . 14 Vinje (2000: 154 - 157) steht kritisch zur autobiografischen Lesart in der bisherigen Forschung. 102 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="103"?> Schrifttum nur in einem weiten Sinn gesprochen werden; es bietet sich hier in Anlehnung an Annegret Heitmanns Monografie (1994) die Bezeichnung ‚ Selbst-Schreiben ‘ an, um sowohl die Alterität des Autobiografischen vor der Etablierung des modernen Subjektivismus als auch die Bedeutung der Schriftlichkeit hervorzuheben. Als Oberbegriff kann Selbst-Schreiben die beiden Teile Selbstnarrativierung und Selbstdarstellung umfassen: ich-zentrierte, auf Authentizität zielende Selbstnarrativierung und publikumsorientierte, performative Selbstdarstellung. 15 Doch darf die Selbstnarrativierung nicht als authentische Gegenseite einer beschönigenden, künstlichen Darstellung verstanden werden. Auch wenn ein aufrichtiger und authentischer Bericht abgelegt werden soll, bleibt absolute objektive Faktualität unmöglich, da die retrospektive Narrativierung des eigenen Lebens stets subjektiv gefärbt und häufig auch ästhetisiert ist (Wagner-Egelhaaf 2019: 1 - 4; Heitmann 1994: 41 - 57). Die Epistolarität macht daher nur einen Kern des Selbst-Schreibens offensichtlich, der ohnehin allen Formen inhärent ist: die Ausrichtung der Darstellung auf Adressat: innen und deren performatives Moment. 16 Es ist daher nur ein scheinbarer Widerspruch, dass sich ein Text, der sich als Beschäftigung des Ichs mit sich selbst ausgibt, in ein dialogisches Medium gebettet ist. Die Adressierung lässt sich in den Architexten der AVPE I - III in unterschiedlicher Ausprägung nachverfolgen. Das autobiografische Schreiben besaß in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch keine gefestigte Form; dies mag zum einen daran liegen, dass das Interesse für das Individuum und die Subjektivität erst um 1800 seinen Höhepunkt finden sollte. Zum anderen hing der literarischen Beschäftigung mit dem eigenen Ich noch der Ruf der narzisstischen amor proprius an. Wer in der Antike und im Mittelalter zu viel von sich selbst sprach, galt der Hybris verfallen (Westerwelle 2019: 734 - 736). Die Selbstdarstellung musste vielmehr primär für die Leser: innen von Nutzen sein, indem sie eine der rhetorischen Funktionen Überzeugung, Abschreckung, Tadel oder Lob erfüllte (Beaujour 1980: 13 - 14). Der exemplarische Charakter des Vorhabens und die eigene Bedeutungslosigkeit legten Autor: innen gerne in direkten Leser: innenadressen zu Beginn des Textes demutsvoll aus. So beteuert Montaigne (2017: 27) in den autobiografischen Essais, das sein wenig interessantes Thema, nämlich die Darstellung der eigenen Persönlichkeit, den guten Ruf seiner restlichen Autorschaft zu schädigen drohe. Einer ähnlichen Rhetorik folgt Holberg in den ersten Abschnitten der AVPE I, wenn er befürchtet, dass sich sowieso niemand für sein langweiliges Leben interessierte, das er hier zu allem Übel auch noch in schlechter Form präsentiere (AVPE I: 1 - 2). Während sich die spirituelle Tradition des Selbst-Schreibens an Gott (Augustinus) oder ein anonymes Lesepublikum (Rousseau) richtet, kennen die epistolaren Texte bestimmte personale Adressat: innen. Bereits die ersten und berühmtesten autobiografischen Schriften der Antike und des Humanismus setzten auf (fingierte) Epistolarität. Tatsächlich baut Holberg mit einer beeindruckenden Häufigkeit Zitate aus den autobiografischen Briefen des römischen Schriftstellers Plinius d. J. ein, dessen Briefsammlung für ihren literarischen 15 Dömling (2001: 24 - 25) wählt auch „ Selbstdarstellung “ , um die Konstruktion der eigenen Identität als „ self-portrait “ wiederzugeben (vgl. auch Heitmann 1994). 16 So verweist Wuthenow (1992: 1272) auf die narrativen Topoi des Selbst-Schreibens, „ die subjektive Wahrheit und damit Glaubwürdigkeit verbürgen sollen. Somit aber verhält sich der autobiographische Erzähler bereits als solcher zu einem imaginären Publikum, das er, je nachdem, informiert, beruhigt oder auch provoziert “ . 6.2 Γνῶθι σεαυτόν : Das Selbst in Schichten und Fragmenten abbilden 103 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="104"?> Anspruch und inhaltliche Variation berühmt ist (Müller 1994: 67). Plinius schreibt vom Leben in seinem Landhaus, dem Ausbruch des Vesuvs, aber auch über Literatur, Kunst, Ethik und Geschichte. Die Briefe sind zwar an Freunde adressiert (u. a. Tacitus), jedoch deuten der durchkomponierte Aufbau und die Sprache darauf hin, dass im Vordergrund die Selbstdarstellung an ein breiteres Publikum steht. Somit geben sie nicht eine alltägliche Kommunikation wieder, sondern sind „ well-thought-out artistic miniature paintings “ (Enenkel 2019a: 567 - 568). Die epistolaren Formen der römischen Antike wurden von den Renaissancehumanisten aufgenommen und erweitert. Dabei war es naheliegend, dass sie den Brief als geeignete Form für ihr autobiografisches Schrifttum auserkoren, zumal er bereits als wichtigstes Kommunikationsmittel innerhalb der humanistischen ‚ Republik der Gelehrten ‘ (Res publica literaria) 17 unentbehrlich war. Dank der epistolaren Form konnten sie das Bild der gefeierten und geachteten Forscher stilisieren, die sich im regen Austausch mit (berühmten) Freunden befinden. 18 Genau wie Plinius deckten die autobiografischen Briefe eine Vielzahl an unterschiedlichen Themen ab, legten aber einen Schwerpunkt auf den Bildungsweg, die Schreib- und Lesepraktiken, die besuchten Orte und Freunde auf den Europareisen und das spezifische ‚ Lernumfeld ‘ (Haus, Bibliothek). Daneben fanden literarische, rhetorische und philosophische Betrachtungen ihren Platz; historische Ereignisse und öffentliche Ämter gaben den äußeren zeitlichen Rahmen (Enenkel 2019a: 570 - 571, 2019b). Wie sein Gattungsahne Plinius schildert etwa Petrarca in den Familiares res das Leben als Gelehrter in der Stadt und als Hausherr auf dem Land, erzählt aber auch von seinen Reisen und der Krönung zum poeta laureatus. Zitate aus Vergils und Horaz ’ Lyrik verdichten das Selbstbildnis. Die Selbstdarstellung in epistolarer Form der AVPE ist demnach ein bewusster intertextueller Verweis auf das Schrifttum antiker und humanistischer Gelehrter. Dadurch ergeben sich aber nicht nur Anknüpfungspunkte zu philosophischen Schulen und literarischen Gattungstraditionen (Thomsen 2024: 370 - 408), sondern auch in erster Linie zu gelehrten Praktiken und Gesten (s. u., Kap. 6.3). Die Autobiografietheorien des 20. Jahrhunderts arbeiteten lange mit Texten, die nach Rousseau entstanden, sodass sie einerseits subjektivistisch grundiert sind, andererseits an bestimmte medienhistorische Bedingungen geknüpft sind. So setzt Philippe Lejeunes (1998) autobiografischer Pakt, der geschlossen wird, wenn der Autor: innenname auf dem gedruckten Titelblatt mit dem Namen der Erzählfigur übereinstimmt, explizit moderne Publikationspraktiken voraus. 19 Mag der autobiografische Pakt somit an Überzeitlichkeit mangeln, zeigt sich daran zumindest die Entstehung der Autor-Funktion, da der Autorname nicht nur die leere Referenz des Pronomens ich füllen soll, sondern auch für die Authentizität des Textes bürgt. 20 In Bezug auf skandinavisches Material gehören Annegret Heitmanns (1994) und Johnny Kondrups (1982) Arbeiten zu den bekanntesten und ausdifferenziertesten Modifikationen, um Lejeunes Konzept auch auf Schriften vor 1770 anwenden zu können. Doch Holbergs AVPE I-III lassen auch diese Unternehmen auf 17 Eine Bezeichnung, die auch die Schriftlichkeit und die Epistolarität impliziert, auf der das Gelehrtentum notwendigerweise aufbaut. 18 Ähnlich also wie Holbergs Berühmtheit bereits im Vorwort als Fakt aufgeführt wird. 19 Dem stellt Lejeune (1998: 232) später den romanesken Pakt gegenüber. 20 So seien dann auch Pseudonyme nichts anderes als Autornamen, Platzhalter für die sich dahinter versteckende Person (Lejeune 1998: 228 - 229). 104 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="105"?> Aporien stoßen: So zeigt Eiliv Vinje (2000: 157), dass die vermeintliche autobiografische Essenz der AVPE I (Kondrup 1982: 136) gerade offenlässt, ob der Erzähler Holberg über sich selbst spricht oder eine überindividuelle rhetorische Reflexionsfigur einsetzt. 21 Doch gilt für die AVPE I - III ohnehin, dass sie zuallererst Briefe sind; 22 als solche sind sie auf den Dialog von Briefverfasser Holberg und Adressat ausgerichtet. Da sie wie Holbergs restliches Werk rhetorisch durchkomponiert sind (Vinje 2000), braucht es also eine rhetorische Lektüre auf der Grundlage ihrer Epistolarität, mit der das performative Wechselspiel zwischen schreibendem Ich und adressierten Du als Praxis des epistolaren Selbst-Schreibens entworfen werden kann. Autobiografisches Schreiben und Rhetorik finden in Paul de Mans Autobiography as De-facement (1979) über die Gedankenfigur der Prosopopoiia ( προσωποποιία ) zusammen. 23 Angesichts der methodischen Schwierigkeit, das Autobiografische als Gattung zu definieren, richtet er die Aufmerksamkeit auf dessen rhetorischen Verfahren. Mit der Prosopopoiia wird einer abwesenden, verstorbenen oder im Allgemeinen stimmlosen Entität eine Stimme verliehen. Der Begriff geht auf griech. prósopon ( πρόσωπον , „ Gesicht, Persona, Maske, Rolle “ ) zurück und verweist daher etymologisch auch auf Praktiken des antiken Theaters. Im Gegensatz zur Personifikation, bei der ein anthropomorphes Objekt oder Wesen aus eigener Kraft sprechen kann, bedarf die Prosopopoiia eines sprachlichen Tauschprozesses. 24 In Paul de Mans Lektüre geben sich Autor: innen mittels der Prosopopoiia figurativ ein Gesicht, wenn sie über ihr Leben schreiben: „ Our topic deals with the giving and taking away of faces, with face and deface, figure, figuration and disfiguration “ (de Man 1979: 926). Das Selbst wird folglich rhetorisch und selbstreferentiell erzeugt, sodass es nicht nur allein im Text existiert, sondern dieser auch zur Maske seiner Autor: innen wird, die „ as intelligible and as memorable as a face “ den Autornamen konservieren soll (de Man 1979: 926; vgl. auch Menke 1997). Selbst-Schreiben ist daher der Akt, die eigene textuelle Persona zu profilieren. Als rein rhetorische Operation droht die Prosopopoiia jedoch stets in die Defiguration zu kippen und die fehlende, jeweils nur rhetorisch aufgeschobene ‚ natürliche ‘ Identität zu enthüllen. Das autobiografische Projekt ist dem Scheitern verurteilt, betont de Man: Die Verschriftlichung kann niemals ein Leben darstellen, sondern nur eine „ succession of voiceless tropes “ produzieren (de Man 1979: 930; vgl auch Block 2019). Da de Man die Funktionalität der Prosopopoiia an Wordworths Essays upon Epitaphs (1810) illustriert, kann er die mediale Unheimlichkeit der Figur als „ the voice-frombeyond-the-grave “ herausarbeiten (de Man 1979: 927). Die Schriften von Wordsworths 21 Die AVPE I - III halten sich an die Tugend des decorum, so Thomsen (2024: 356, 407 - 408), die nach einer Balance des Individuellen und Universalen verlange. Es sei dem Menschen als Aufgabe gegeben, das Allgemeinmenschliche mit dem Persönlichen in Harmonie zu bringen. Daher erscheint es meines Erachtens müßig, einzelne Textpassagen zum autobiografischen Kern zu erklären. 22 Das Primat der Epistolarität unterstreicht auch Skovgaard-Petersen (2017: 46): „ The autobiographical letters are letters, strictly speaking “ (so auch Thomsen 2024: 341). 23 Die Prosopopoiia war auch fester Bestandteil der klassischen rhetorischen Ausbildung: Hier galt es, sich die Ausdrucksweise von historischen oder fiktiven Figuren anzugeignen, indem aus ihrer Sicht Texte - vor allem Briefe! - verfasst wurden (Till 2020: 42). 24 Lausberg führt demgegenüber die Prosopopoiia unter den fictio personae auf, also als rhetorische Technik, mit der „ nichtpersonenhafte[ ] Dinge als sprechende[ ] sowie zu sonstigem Verhalten befähigte[ ] Personen “ eingeführt werden (Lausberg 1960: 411). Damit versteht er sie nicht zwingend unter dem Diktat des Stimmentausches. 6.2 Γνῶθι σεαυτόν : Das Selbst in Schichten und Fragmenten abbilden 105 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="106"?> Grabsteinen stehen für die Namen und Mitteilungen der Toten, die von den Lebenden zum Klingen gebracht und belebt werden müssen, um ihren Sinn freizugeben. Die Vokalisierung der toten Schrift - der Schrift der Toten - lässt nicht nur die Toten leben, sondern bedeutet auch, „ by the same token, that the living are struck dumb, frozen in their own death “ (de Man 1979: 928). Daher bewegt sich die Prosopopoiia im Spannungsfeld von Subjekt und Objekt, Mündlichkeit und Schriftlichkeit sowie Leben und Tod. Die mediale Unheimlichkeit betrifft auch die narratologische Kategorie der Stimme, die als Metapher für die scheinbar vernommene Stimme der Erzählinstanz auf den Ursprung des Erzählens weist. 25 Die geisterhaft beseelte Aussageinstanz ist nicht viel mehr als die belebende Konstruktion der Leser: innen und insofern eine „ Metapher für eine grammatische Instanz, die als solche (semantisch) leer ist “ (Menke 1997: 229). Insofern als die Prosopopoiia latent unheimlich ist und den Entzug der Sprache figurieren kann, lenkt sie die Aufmerksamkeit auf den Diskurs und die Form. Infolgedessen hält sie die Erzählung auf, enthüllt die rhetorischen Techniken des Textes und wirkt metafiktional. Doch hängen Figuration und ihre Auflösung in der Defiguration unweigerlich miteinander zusammen, weil die autobiografische Figur der Prosopopoiia für das Verständnis sogar notwendig ist. Für Paul de Man eignet daher alle Texte ein autobiografisches Element, weil Sinnproduktion stets darauf basiert, dass Leser: innen und Autor: innen einerseits sich selbst in den Text projizieren und andererseits ein Selbst konstruieren, das den Ursprung des Textes bildet. 26 Das dialogische Gegenstück der Prosopopoiia bildet die Apostrophe (de Man 1979: 926). Beide Figuren lassen das Absente auftreten und bringen es mit Präsentem in Dialog, jedoch ist der Austausch der Stimmen chiastisch verschränkt. Tatsächlich besitzt die Dialogizität der Apostrophe sogar einen autobiografischen Impuls, da sich die Aussageinstanz - das leere grammatische Ich - in der Adressierung eines Anderen profilieren kann: „ Durch die fiktive Adressierung ‚ gibt ‘ der Sprecher, das ‚ Ich ‘ des Textes, dem Angesprochenen Stimme und Gesicht, Leben und menschliche Gestalt, und zwar genau insofern als umgekehrt ‚ reziprok ‘ in dieser ‚ Geste ‘ der Sprache das ‚ Ich ‘ des Textes unterstellt, gesetzt wird “ (Menke 1997: 238). Genauso geht für Jonathan Culler (2001: 154 - 155) die Apostrophe nicht bloß in der Beziehungsarbeit zwischen Ich und Du auf, sondern stellt auch ein wichtiges Instrument der Selbstkonstitution dar: „ [T]he vocative of apostrophe is a device which the poetic voice uses to establish with an object a relationship which helps to constitute him [sic! ]. The object is treated as a subject, an I which implies a certain type of you in its turn “ (Culler 2001: 157). In einer Art Hybride können die Adressierten auch „ fragments of the self “ repräsentieren, mit denen das sprechende Ich die diegetische Welt ausstattet und sich anstatt mit dem Anderen, nur mit dem „ drama of ‚ the one mind ’ s ’ modifications “ auseinandersetzt (Culler 2001: 162, 164). 25 Die Stimme zeige die „ Beziehung zum Subjekt (oder allgemeiner zur Instanz) des Aussagevorgangs “ an, so Genette (2010: 15). Meixner (2019: 27 - 30) bezeichnet den Ursprung des Erzählens stattdessen als „ Ort “ , um eine Anthropomorphisierung zu umgehen. 26 Die Prosopopoiia ist nicht nur gespiegelt, sondern impliziert auch Spiegelungen: „ The autobiographical moment happens as an alignment between the two subjects involved in the process of reading in which they determine each other by mutual reflexive substitution. The structure implies differentiation as well as similarity, since both depend on a substitutive exchange that constitutes the subject “ (de Man 1979: 921). 106 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="107"?> Dieser Produktion an Personae ist analog zu De Mans Reihe stimmloser Tropen keine Grenzen gesetzt; vielmehr zeigt sich mit Blick auf AVPE I, dass ein solches rhetorisches Manöver zur eigenmächtigen Pluralisierung tendiert. 27 Doch egal, wer hinter den Angerufenen steht, pausiert jede Apostrophe für einen Augenblick die Erzählung und verwandelt stattdessen die metasprachliche Ebene - die ‚ Zeit des Schreibens ‘ - in Handlung (Culler 2001: 165 - 166; so auch Derrida 1980: 8). Wenn sich infolgedessen der Fokus von der erzählten Geschichte auf die Darstellung und die Erzählinstanz verschiebt, führt die Apostrophe zu einem „ fictive, discursive event “ (Culler 2001: 169). Die epistolare Kommunikation wird von der Prosopopoiia und der Apostrophe getragen. Im Dialog mit dem Du konstruieren sich zum einen Briefverfasser: innen als Selbst, zum anderen verwandelt sich der Brief zur Maske seiner Urheber: innen. So hat die Analyse der Lese-Szenen bei Prahl bewiesen, dass der Brief von den Figuren als Seelenbildnis verstanden wurde, das in der materiellen und stilistischen Gestaltung etwas birgt, das die bewusste Intention übersteigt. Im Grunde macht die epistolare Form die Eigenschaft des Autobiografischen sichtbar, dass es sich letztlich um adressatenspezifische Selbstkonstruktionen handelt, die mit rhetorischen und materiellen Mitteln Identitäten ohne stabile extratextuelle Referenz erzeugt. AVPE I setzt die epistolare Dialogizität als Doppelfigur Prosopopoiia-Apostrophe ein und - wie zu sehen sein wird - stößt damit eine ganze Reihe von weiteren rhetorischen und narrativen Pseudonymisierungen an. 6.2.3 Narrative Rahmungen Dass der AVPE I im Vorwort mit einer Herausgeberfiktion einsetzt, ist zunächst innerhalb der epistolaren Literatur keine Besonderheit. Weitaus außergewöhnlicher ist, dass der Rahmen am Ende in den Errata wieder aufgenommen und geschlossen wird. 28 Ganz im Gegenteil zu Holbergs sonstiger Tendenz, „ sjældent den (fysiske) side af det medie, som han udtrykte sig i “ , zu thematisieren, gibt er sich dieses Mal den „ muligheder for leg med teksten efter manuskriptfasen, som typografien tillader “ hin (Bjerring-Hansen 2015: 90), um die mühsamen Publikationspraktiken nach der eigentlichen Drucklegung zu inszenieren. 29 Die Errata sind von einem Kommentar des erzürnten Briefverfassers Holberg gerahmt, der Stellung zur unerlaubten Veröffentlichung ( „ typis evulgatam “ ) nimmt. Er antwortet dabei nicht nur auf das Vorwort des Freundes, sondern lässt auch das Personal der Buchproduktion zum Appell antreten: 27 Ähnlich erklärt auch das Ich in La Carte Postale (Derrida 1980: 10), dass es als mehrere unterschreibt, d. h. mehrere Personae birgt. 28 Vgl. auch Ejnar Thomsens (1954: 20 - 21) Lektüre der Errata, der diese allerdings auf die Epistolarität verweisend ein „ postscriptum “ nennt. 29 „ selten die (physische) Seite des Mediums, in dem er sich ausdrückte “ , „ typografischen Möglichkeiten eines Spiels mit dem Text nach der Manuskriptphase “ . Tatsächlich bestritt Holberg bis ca. 1741 die Finanzierung seiner Bücher selbst; Schmidt (2023: 136 - 137) nennt ihn deshalb Selbstverleger und Buchhändler. 6.2 Γνῶθι σεαυτόν : Das Selbst in Schichten und Fragmenten abbilden 107 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="108"?> Abb. 10 Die Errata in Ludvig Holbergs Ad virum perillustrem *** epistola (1728), S. [213]. Non absqve aliqva animi ægritudine video epistolam ab amico, cui soli scripta erat, typis evulgatam, præsertim cum non paucis scateat erroribus, qvi oscitantia eorum, qvibus cura editionis demandata fuit, irrepserunt. At qvid loqvor de ægritudine animi, qvasi fas mihi esset graviùs succensere Viro, cui plurimùm debeo; Igitur, cum res semel facta infecta fieri neqveat, deleatur omnis indignatio. Pleraque errata ea sunt, qvæ ne ab iniqvissimis qvidem censoribus Autori mihi imputari possunt, cum eædem sæpe voculæ jam recte jam secus in una eâdemqve pagina impressæ sint. Qvocirca conspectum eorum heic dare supersedeo, in eo excusatior, qvod totam hanc hiemem febri tertiana miserè vexor, adeo ut nec animus nec vires mihi suppetant ad singula curatius examinanda. Notanda tantum sunt gravissima, qvæ seqvuntur. (AVPE I: 213) Mit einigem Bedauern sehe ich, dass dieser Brief von dem Freund, an den er allein gerichtet war, gedruckt und vervielfältigt wurde, zumal er mit nicht wenigen Fehlern behaftet ist, die sich durch die Schläfrigkeit der mit seiner Veröffentlichung betrauten Personen eingeschlichen haben. Aber warum von Bedauern sprechen, als ob ich das Recht hätte, einem Herrn, dem ich so viel verdanke, ernsthaft zu grollen? Also tilgen wir allen Groll, da das Geschehene nicht ungeschehen gemacht werden kann. Die meisten Fehler sind so beschaffen, dass nicht einmal die ungerechtesten Kritiker mich, den Autor, dafür verantwortlich machen können, da dieselben Worte bald richtig, bald falsch auf ein und derselben Seite gedruckt sind. Ich sehe daher davon ab, die Fehler hier aufzulisten, was um so mehr zu entschuldigen ist, als ich den ganzen Winter hindurch leider vom Dreitagefieber heimgesucht worden bin, sodass ich weder die Lust noch die Kräfte für eine sorgfältige Prüfung der einzelnen Punkte habe. Aufgeführt sind nur die schwerwiegendsten Fehler, wie folgt. 108 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="109"?> Da sind zunächst die Drucker ( „ qvibus cura editionis demandata fuit “ ): Sie werden für die Druckfehler in Verantwortung gezogen und sind die eigentlichen Adressaten von Holbergs Kritik. Aus dieser Gruppe wird der Vir Perillustris ausgeschlossen, denn ihm habe Holberg so viel zu verdanken, dass er nicht auf ihn wütend sein könne. Holbergs Kommentar wirft darüber hinaus einen Blick in die Zukunft, wenn er die Reaktion der Literaturkritiker erwähnt. Damit verdeutlichen die Errata, dass ein Buch durch mehrere Hände geht: Herausgeber, Drucker, Setzer und Kritiker - sie alle haben Anteil am Schicksal eines Buchs. Indem sie in diesem Kommentar aufgeführt werden, sind sie nun auch explizit in den AVPE I eingeschrieben und existieren als Figuren in deren diegetischen Welt. Vorwort und Errata beschäftigen sich somit jeweils mit einem Aspekt der Buchproduktion: Während das Vorwort die Zeit vor der Drucklegung thematisiert, inszenieren die Errata die Praktiken während und nach dem Druck. Damit führt AVPE I die Fiktionalisierung des Paratextes zu ihrer logischen Konsequenz und nutzt als einer von wenigen Texten des 18. Jahrhunderts - mir ist bislang kein anderes Beispiel bekannt - auch den letzten Schritt der Buchgenese als Ort des Erzählens. Doch bleibt der Buchmarkt und allen voran die Probleme, die er einem Autor bereiten kann, auch im gerahmten Brief Hauptthema. Holberg schildert ausführlich die Kontroversen um sein bisher veröffentlichtes Werk und die damit verbundenen Mühen (z. B. die Anschuldigung des Plagiats, AVPE I: 119 - 125), rät andererseits gleich zu Beginn von der Veröffentlichung des Briefs ab (AVPE I: 1 - 2). Die paratextuelle Rahmung ist daher schon rein thematisch nicht vom Haupttext zu trennen. Da der Vir Perillustris im Vorwort seine Funktion als Herausgeber performativ zu Wort kommen lässt, kann dieses als Editions-Szene verstanden werden. In solchen vollzieht sich laut Uwe Wirth die Herausgeberfunktion, die er als die „ entscheidende transformierende und transmittierende Schnittstelle im technischen Ablauf des Zur-Welt-Kommens des Buches “ begreift (Wirth 2008: 108). Denn ohne die Schaltfunktion der Herausgeberschaft im Makrokosmos des Literaturbetriebs und im Mikrokosmos des einzelnen Buches kommt kein Buch in gedruckter und vervielfältigter Form zustande. Gegen außen muss sie die Leser: innen auf den Text vorbereiten, innerhalb des Textes hingegen organisierend Kohärenz stiften. Diese Gesten materialisieren sich in den paratextuellen Editions-Szenen; in Herausgeberfiktionen fungieren solche Thematisierungen der ‚ Editionsmaximen ‘ als poetologische Selbstreflexion des Schreibens und des Veröffentlichens (Wirth 2008: 109). Wenn Holberg die Medialität und Materialität des Buchs und des Buchdrucks an den neuralgischen Stellen des Buches - im Paratext und in der Briefeinleitung - performativ und thematisch in Szene setzt, erklärt auch er die Literatur und ihre Praktiken von Beginn an zur Leitfigur. In AVPE I werden Herausgeberschaft und Korrekturarbeit auf unterschiedliche Instanzen differenziert, sodass sich die Korrektur aus der Editions-Szene mit entsprechender Korrekturfigur auskoppelt. Die Errata signalisieren bereits in ihrer paratextuellen Funktion, aber auch explizit durch die Apostrophe an den Freund eine andere zeitliche und strukturelle Ebene als die Editions-Szene des Vorworts. Wie beschrieben inszeniert die Korrektur-Szene die Eingriffe in den Text nach dem Druck und schließt somit den medienreflektierenden Rahmen, den das Vorwort geöffnet hat. Wie zu sehen sein wird, bildet AVPE I den gesamten Prozess von der Niederschrift (in den Schreib-Szenen des Briefs) bis zu den letzten Korrekturen (Errata) ab. Strukturell verfährt AVPE I wie ein- 6.2 Γνῶθι σεαυτόν : Das Selbst in Schichten und Fragmenten abbilden 109 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="110"?> schlägige Vertreter des Briefromans mit Herausgeberfiktion, die in den performativen Paratexten das Veröffentlichen selbstreflexiv diskutieren. Diese paratextuelle Performativität erweitert Wirths (2008: 13) These der ‚ Autorschaft als Selbstherausgeberschaft ‘ von der Romanliteratur auf das Selbst-Schreiben. Das Vorwort der AVPE I konstituiert einen Schreib- und Lesemodus, der Autorschaft als schriftliche Praxis im Literaturbetrieb reflektiert. Zwar handelt es sich bei Holbergs Einführung als berühmten Autor durchaus um eine selbstreflexive Aussage über literarische Autorschaft. 30 Doch hat sie vor allem zur Folge, dass Holberg als Autorfigur innerhalb der diegetischen Welt performativ erschaffen wird. Als solche materialisiert sie sich auf der Bühne des repräsentierten Briefs. Die darauffolgende Erwähnung des Briefs kommt einer zitierenden Geste gleich, die sich ähnlich geriert wie die performativen Zitate der fiktionalen Herausgebervorworte des zeitgenössischen Briefromans: „ Das heißt, der Autor bringt einen Erzähldiskurs zur Welt, indem er in der Maske fingierter oder fiktiver Herausgeberschaft die schriftliche Rede seiner eigenen intradiegetischen Figuren zitiert “ . Das Vorwort kann daher als performatives Zitat verstanden werden, worauf infolge der parergonalen Dynamik „ weitere Zitatgesten folgen “ können (Wirth 2008: 187). Wie der Herausgeber dem Briefschreiber durch das paratextuelle Zitat Gesicht und Stimme verleiht, kann auch dieser weiter zitieren und weitere Figuren erschaffen. Tatsächlich wird die Geste des Zitierens im Brief von AVPE I nicht nur wiederholt, sondern sogar typografisch ausgezeichnet und als intertextuelle, gelehrte Praxis inszeniert. Abb. 11 Erzählstruktur in AVPE I. 30 Nach Wirth (2008: 16) schaffen Vorworte im 18. Jahrhundert nicht nur das Bewusstsein für Fiktivität, sondern auch für literarische Autorschaft. 110 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="111"?> Doch führt das fiktive ‚ Selbstzitat ‘ des Vorworts zur doppelten metaleptischen Potenzierung des Formats, wie es Wirth ursprünglich definiert hatte. Erstens vollführt der AVPE I eine paradoxe Zirkelbewegung, wo der echte Autor zwar in der Maske des Herausgebers auf eine intradiegetische, briefschreibende Figur verweist, diese aber zugleich eine Kopie von ihm selbst ist und somit wieder auf sich selbst zurückweist. Zweitens stellt sich mit den Errata heraus, dass das Vorwort gar nicht die äußerste Rahmung des Textes darstellt, sondern es noch eine weitere Ebene und sogar eine Antwort gibt. Das Herausgebervorwort steht vielmehr am Beginn einer noch komplexeren metaleptischen „ Rahmenkonfusion “ (Wirth 2008: 17) oder mise-en-abyme, weil sowohl Freund als auch Holberg in den Paratexten verdoppelt werden und mittels Apostrophen aufeinander Bezug nehmen. Wird doch der Herausgeber als Briefempfänger im Brief apostrophiert, sodass er dort mittels Prosopopoiia vom Briefschreiber Gesicht und Stimme erhält. Diese Apostrophe und Prosopopoiia funktioniert allerdings reziprok, wenn der Herausgeber den Autor als Figur im Vorwort erschafft. Zur folgenschweren Verdopplung kommt es mit den Errata, wo der intradiegetische Briefverfasser Holberg im Korrektor-Holberg als Erzählinstanz dupliziert wird. Dieser Korrektor-Holberg apostrophiert abermals den Freund und Herausgeber, sodass jener zu einem sekundären Adressaten innerhalb des Buches wird. Erschafft also Korrektor-Holberg, zeitlich am letzten Punkt der Buchproduktion, die Figur des Herausgebers? Oder umgekehrt der Herausgeber alle anderen Erzählinstanzen, weil das Vorwort den Text einleitend rahmt und somit stets als erstes gelesen wird? Die beiden Figuren Apostrophe und Prosopopoiia werden in AVPE anhand der parallelen Struktur von Brief - Vorwort und Vorwort - Errata nicht nur chiastisch miteinander verschränkt, sondern auch gespiegelt. Anlässlich dieses Erzählmanövers wird es schwierig bis unmöglich, deutliche Erzählebenen und Unterscheidungen zwischen Erzählinstanzen zu distinguieren - die mise-en-abyme ist komplett. Hätte man jedoch das Titelblatt genau studiert, wären just solche kreisenden Selbstreflexionen und metafiktionalen Erzählstrategien zu erwarten gewesen. Denn auf der ansonsten schlicht und knapp gehaltenen Titelei prangt auch eine Vignette, auf der eine geflügelte Sphinx zu sehen ist. Die Sphinx steht einerseits für Enigmata, stellte sie dem König Ödipus doch das berühmte Rätsel „ Was geht morgens auf vier, mittags auf zwei und abends auf drei Beinen? “ , das die Metapher des Lebens als Tag aufnimmt. Andererseits - und heute vielleicht weniger bekannt - figuriert sie das Orakel von Delphi. Diese Verbindung stellt etwa ein später Druck von Alciatos Emblemata (1621) für das Emblem einer Sphinx mit dem Titel „ Submovendam ignorantiam “ ( „ Unwissenheit muss beseitigt werden “ ) her: „ At quibus est notum, quid Delphica littera possit, / Praecipitis monstri guttura dira secant. “ 31 Wer die Kraft des delphischen Buchstaben zur Kenntnis nimmt, kann die Sphinx bezwingen. Der delphische Buchstabe verweist auf die dort am Tempel- 31 „ QUOD monstrum id? Sphinx est. Cur candida virginis ora, Et volucrum pennas, crura leonis habet? Hanc faciem assumpsit rerum ignorantia: tanti Scilicet est triplex caussa & origo mali. Sunt quos ingenium leve, sunt quos blanda voluptas, Sunt & quos faciunt corda superba rudes. At quibus est notum, quid Delphica littera possit, Praecipitis monstri guttura dira secant. Namque vir ipse bipesque tripesque & quadrupes idem est, Primaque prudentis laurea, nosse virum. “ ; „ What monster is that? - It is the Sphinx. - Why has it the bright face of a maiden, the wings of birds, the legs of a lion? - Ignorance has assumed this form, because the cause and origin of this great evil is threefold. There are some whom frivolity makes ignorant, others the blandishments of pleasure, still others arrogance. But those who are aware of the force of the Delphic letter, these cut the dread throat of the lowering monster. For 6.2 Γνῶθι σεαυτόν : Das Selbst in Schichten und Fragmenten abbilden 111 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="112"?> eingang aufgebrachte Inschrift „Γνῶθι σεαυτόν“ ( „ Erkenne dich selbst! “ ), die auch als sokratische Maxime der Selbsterkenntnis bekannt ist. In dieser Bedeutung ist der Mensch nicht die korrekte Antwort, sondern erst das zu lösende Rätsel der Sphinx, das jedem Menschen als Lebensaufgabe gegeben ist (Alciato 1621: 799; Schöne/ Henkel 1967: 1789 - 1790). Ihre Präsenz auf der Titelseite der AVPE I platziert den Text in die Tradition der sokratisch-platonischen Philosophie und unter das Motto der permanenten Selbstbefragung und -vergewisserung. Sie operiert als Schlüsselfigur für das autobiografische Anliegen, aber auch für Holbergs Selbstverständnis und Poetologie, im Besonderen seine ironische, mit Paradoxien operierenden Rhetorik. 32 Soviel zum Bild, das statt Einblicke in die Autorfigur Rätsel ankündigt; nicht weniger kryptisch ist der Text des Titelblatts. Der kritische Freund, der sich über den nichtssagenden Titel von Sneedorffs Breve geärgert hat, müsste auch Holberg rügen, da sich die Abb. 12 Titelblatt der Erstausgabe von Ad virum perillustrem *** epistola (1728), S. [i]. man himself is two-legged, three-legged, four-legged, one and the same, and the first victory of the wise is to know the man “ (Alciato 1621: 796). 32 Nicht ohne Grund trägt Thomsens (1954) Gesamtschau über Holbergs Werk mit Schwerpunkt auf den lateinischen Texten, vor allem den Lebensbriefen, den Titel Sfinxen, auch Skovgaard-Petersen (2017: 55) betont den Stellenwert der Autognosis und Holbergs „ insistence on conducting a scrutiny of himself, a self-dissection, in dialogue with classical moral philosophy “ in den AVPE I - III. Allerdings könne die Selbsterkenntnis nie an ein Ende gelangen, so Ole Thomsen (2024: 346), da dem Individuum völlige Synopsis notwendigerweise verwehrt ist. 112 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="113"?> Überschrift auf wenige Stichworte zur Form, Medium und Urheberschaft beschränkt. Dies fällt gerade im Vergleich mit Holbergs literarischen Durchbruch Peder Paars (1719) und der zwei Jahre zuvor erschienenen Metamorphosis ( „ Metamorphosen “ , 1726) auf, die den Text ausführlich ankündigen und ihm ein Zitat aus der klassischen Literatur als Motto voransetzen. Doch welche Assoziationen und Erwartungen weckt das Titelblatt trotz seiner Wortkargheit? Insofern als das Medium „ E PISTOLA “ am größten gesetzt ist, wird es zum primären Erkennungsmerkmal und Verkaufsargument erklärt. Nicht eine schlagwortartige Subgattung des Selbst-Schreibens regiert die Textsorte, sondern die notorisch unterdeterminierte Epistolarität. Damit ist klar, dass es sich nicht wie die rund 30 Jahre später erscheinende Schrift von Rousseau um eine Antwort auf Augustinus ’ Confessiones handelt und daher keine selbstdarlegende Beichte erwartet werden kann. Wie bei Sneedorffs Briefsammlung fehlen weitere Informationen zum Inhalt des veröffentlichten Briefs, jedoch werden zumindest der Urheber, „ L UDOVICI H OLBERGII “ , und im kleinsten Schriftgrad der Empfänger genannt. Dessen sozialer Stand gibt zumindest Indizien zum Stilniveau des Briefs, weil es der Anstand verlangt, dass ein Vir Perillustris im höheren Stil adressiert wird; dass auch diese Annahme nicht ganz zutrifft und der Brief sogar ins Satirische fällt, enthüllt allerdings erst die Lektüre. Dem entsprechen wiederum die fehlenden Angaben zu Publikationsort und -jahr, weil diese Praxis vor allem für billige folkebøger oder skillingsviser verwendet wurde, um deren Haltbarkeitsdatum zu verlängern; ähnlich unspezifisch ist die Angabe „ Trykt i dette Aar “ auf der Erstausgabe von Peder Paars (Bjerring-Hansen 2015: 100 - 101). 33 Diese zwielichtigen Veröffentlichungszusammenhänge und die paratextuelle Ähnlichkeit zu Satiren unterminieren die Eminenz eines adressierten Vir Perillustris. Derart typografisch ambig hybridisiert das Titelblatt Satire, sokratische Philosophie und Privatbrief zu einer paradoxen und dezidiert nicht-autobiografischen Maske. 34 Dreh- und Angelpunkt dieser Hybridisierung ist jedoch die hervorgehobene E PISTOLA und damit die transgressive und parergonale Dynamik der Epistolarität. Die Gattungsgeschichte der epistolaren Autobiografie zeigte, dass sich Selbst-Schreiben aus zwei gegensätzlichen Dynamiken bestimmt: der ich-zentrierten, auf Authentizität zielenden Selbstnarrativierung und der publikumsorientierten, performativen Selbstdarstellung. Wenn sich Briefe als Texte an Empfänger: innen definieren, deren Form und Gelingen sich ganz aus dem Du ergibt, dann erklärt sich AVPE I die Selbstdarstellung zum Programm. Die thematische, strukturelle und stilistische Ausrichtung auf den Adressaten zeigt sich nicht nur auf dem Titelblatt, sondern auch im restlichen Paratext und im Brief in Gestalt der iterativen Apostrophen. Genauso wie Briefe performativ sind, Zukunft erwirken und ihre Adressat: innen erreichen möchten, entspannt das epistolare Selbst- Schreiben eine Selbstdarstellung im Dialog mit dem apostrophierten Du; sei es, um das Ich im Kontrast zum Anderen zu profilieren oder die „ fragments of the self “ auf verschiedene Instanzen aufzuteilen. Im AVPE I erzählt das epistolare Ich im Dialog mit dem Freund und 33 „ In diesem Jahr gedruckt “ . 34 Die Ambiguität dieses hybriden Titelblatts kommt insbesondere im Vergleich mit der Doppelausgabe von AVPE I - II (1737) zum Ausdruck. Während sich AVPE I äußerst schlicht und hybridisierend satirisch-höflich präsentiert, vermittelt die Fortsetzung mit ihren rot-schwarzen Lettern und der Nennung von Publikationsort und -jahr nicht nur barocke Buchfassade, sondern auch dezidiert selbstbewusste Autorität. 6.2 Γνῶθι σεαυτόν : Das Selbst in Schichten und Fragmenten abbilden 113 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="114"?> fiktiven Herausgeber seine Lebensgeschichte und erhält somit sein Gesicht und seine Stimme aus der Anrufung einer abwesenden Instanz. Die paradoxe gegenseitige Prosopopoiia-Apostrophe von Vir Perillustris und Holberg weist auf den metasprachlichen und -fiktionalen Aspekt der Figuren, wie es auch ähnliche rhetorische Manöver von Holbergs epistolaren Erzählen (u. a. Wortwitz, Paradoxie, Fiktionsbrüche) erzielen (Vinje 2000: 146 - 158; Thomsen 2024: 357 passim). Ihre serielle Produktion ‚ stimmloser Tropen ‘ wird im Zuge der Literarisierung des Autors zur ästhetischen Praxis des Selbst-Schreibens. Denn der apostrophierte Vir Perillustris bildet dabei lediglich eines von vielen ‚ Selbstfragmenten ‘ bzw. Persona-Masken, mit denen Holberg die diegetische Welt bevölkert. Der Paratext setzt somit eine hybride und ambivalente Rahmungsstrategie ein, die sowohl mit Fiktionssignalen operiert als auch authentische Selbstdarstellung ankündigt. Im eigentlichen Brief wird diese paradoxe Hybridität um ein Vexierspiel von Fakt und Fiktion ergänzt. Wie sich die beiden Erzählinstanzen Vir Perillustris und Holberg in poetischen Akten gegenseitig hervorbringen, soll der fiktive Adressat auch die narrative Zuverlässigkeit des Briefschreibers sichern (Skovgaard-Petersen 2017: 49 - 51). Wenn er wiederholt in die Pflicht genommen wird, selbst die Glaubwürdigkeit des Erzählten zu prüfen, erklärt ihn der Briefschreiber sogar zum eigenen Gewissen (so auch Thomsen 2024: 346). 35 Doch bedingen diese Beteuerungen jeweils Apostrophen, denen Culler latente Metafiktionalität diagnostiziert hatte. Damit wird die wesentliche Frage der Authentizität des Erzählten an eine fiktionalisierende Figur und die paradoxe reziproke Verstimmlichung verwiesen - und fortlaufend zur Disposition gestellt. Doch damit nicht genug: Das Spiel mit der narrativen (Un-)Zuverlässigkeit knüpft schließlich auch an der Gattungshybridität des Titelblatts an, wenn es sich just an den Unterschieden von Fabel und Historia entbrennt. Angesichts eines nur knapp entgangenen Piratenangriffs auf einer Schifffahrt führt Holberg aus, dass er seine Erzählung wie andere Schriftsteller zur Räuberpistole ausschmücken könnte, wenn er denn nur wollte. Einer anonymen Leserschaft würde er wohl Fabeln auftischen, erklärt er in einer Apostrophe an den Vir Perillustris, weil niemand über die genauen Vorgänge Bescheid wissen kann, andererseits möchte er vom Vir Perillustris nicht des Lügens bezichtigt werden: „ [G]ratiùs auribus meis erit, si dicas scripsisse me historiam nobilis Hispani (Don Juan), ac si dicam mihi scribas ob splendidas fabulas, ob jucunda mendacia “ (AVPE I: 97). 36 Im brieflichen Austausch mit dem Vir Perillustris ist Holberg nämlich Historiograf seiner Erlebnisse; schließlich ist es das, was jener ursprünglich von ihm verlangt hatte ( „ injungis mihi historiam “ , AVPE I: 1). Dass als Beispiel für eine wahre Geschichte gerade auf den fiktionalen Stoff des Libertins Don Juans verwiesen wird, stellt die Beteuerung zur narrativen Zuverlässigkeit freilich satirisch auf den Kopf. Gemeinsam mit dem fiktiven Adressaten als Authentizitätsgaranten verunsichert diese Aussage, ob Holbergs Erzählung tatsächlich für bare Münze genommen werden darf. 35 Damit folgt AVPE I Luhmanns (1995: 101 - 104) Konzept der Beobachtung, wonach die Beobachtung erster Ordnung selbst nicht über das Beobachtete urteilen kann; dafür ist die Beobachtung zweiter Ordnung vonnöten. 36 „ Lieber hörte ich, dass du mir sagst, ich habe eine Geschichte geschrieben wie die über den adligen Spanier (Don Juan), als wenn du mir schreibst, ich behaupte herrliche Fabeln oder entzückende Lügen “ . 114 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="115"?> Noch deutlicher werden diese metafiktionalen und selbstreflexiven Erzählmanöver, wenn Holberg sie nicht nur in eine Apostrophe, sondern gar in ein Schweigegebot einbettet: Die Erzählung der Aufenthalte in Rom und Paris veranlassen den Briefverfasser, sich auch mit den Anforderungen an Reiseberichte auseinanderzusetzen. 37 So gehört es sich, dass ein Bericht über Paris auch den französischen Hof in Versailles beschreibt (AVPE I: 185). Da sein Empfänger jedoch der Vir Perillustris sei, könne er getrost darauf verzichten, sich solche pikanten Erzählungen auszudenken: „ sub fide silentii dicta sunto “ , schreibt er wie vielerorts sonst im Text, Versailles habe er nämlich gar nicht besucht (AVPE I: 185). 38 Holberg differenziert damit zwischen einem aufrichtigen Bericht an den vertrauten Freund und einem fingierten, der die Ansprüche eines anonymen Publikums befriedigen würde. Die fingierte Veröffentlichung eines Privatbriefs verleiht dabei den Eindruck, dass ein intimer und exklusiver Einblick in die wahre Geschichte gegeben wird und nicht ein umsatzstarkes Produkt verkauft werden soll. Wird auf der einen Seite Intimität und private Offenheit inszeniert, zeigt sich der Text andernorts auch seines Status als vervielfältigtes, gedrucktes Buch bewusst. Das intendierte Publikum einer Veröffentlichung wird erwähnt, als Holberg es in einer virtuosen Inszenierung seiner selbst absichtlich unterlässt, die Zubereitung der italienischen Gerichte zu beschreiben, um sich vor Beschwerden zu schützen: 39 Omittam heic exertè partiteqve tibi exponere P. V. methodum, qvâ usus sum, coqvendi, qvâ arte jusculum, qvô successu menestram Italicam præparavi. Haud ignoro eqvidem ita jubere legem historiæ: at satiùs erit notam incurrere negligentis historici, qvam acerbæ Apiciorum Gallicorum crisi exponi, qvi in multis me cespitasse & à veris rei coqvinariæ regulis deflexisse forsitan dicerent. (AVPE I: 101) Ich unterlasse es hier, dem hochwohlgeborenen Herrn alle Einzelheiten meiner Methode darzulegen, wie ich kulinarisch vorgegangen bin, mit welcher Kunst ich die Brühe gekocht habe und wie erfolgreich ich eine italienische Menestra zubereitet habe. Ich bin mir bewusst, dass die Gesetze der Geschichtsschreibung dies verlangen; aber ich möchte mich lieber dem Vorwurf aussetzen, ein nachlässiger Geschichtsschreiber zu sein, als mich der scharfen Kritik der französischen Feinschmecker auszusetzen, die sagen könnten, dass ich in vielem versagt und von den Regeln der wahren Kochkunst abgewichen sei. Zum einen erzielt die Passage ihren humoristischen Effekt, indem sie die hehren Gesetze der Historiografie auf eine solch prosaische Angelegenheit wie eine italienische Minestrone anwendet und damit einen zwinkernden, selbstironischen Blick auf die Aufgabe des aufrichtigen Geschichtsschreibers richtet (so auch Skovgaard-Petersen 2017: 51). Zum anderen enthüllt sie, dass Holberg andere Leser: innen als den Vir Perillustris erwartet, die ihre Kritik auf ihn niederprasseln werden; ja, Holberg kokettiert sogar damit, dass sein Bericht auf dem europäischen Kontinent verbreitet werden könnte. Auch hier charakterisiert er sich als Historiograf, setzt sich folglich nicht zum Ziel, über sich selbst zu schreiben, sondern Reisen und Länder darzustellen. 37 Holbergs Spiel mit der Gattungstopik des Reiseberichts besprechen auch Skovgaard-Petersen (2017: 50 - 51) und Kragelund (1962: 17 - 18). 38 „ Unter dem Schweigegebot gesagt “ . 39 Nichtsdestotrotz hält er sich darauffolgend einige Passagen mit seinen exzentrischen Kochkünsten auf, auch wenn die Speisen selbst keine Rolle spielen (AVPE I: 101 - 102, s. auch unten 6.2.2). 6.2 Γνῶθι σεαυτόν : Das Selbst in Schichten und Fragmenten abbilden 115 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="116"?> In den zitierten Passagen verhandelt Holberg nicht nur die Gattungskonventionen und ihre Position zur Fiktionalität, spannt den Bogen von der Epistolarität zu Reisebericht und Historiografie, sondern knüpft die Authentizität seiner Erzählung auch an die apostrophierten Personae im Text - und verweist damit das Fiktionalitätsproblem an die Kategorie der narrativen Stimme. Wenn sich die Erzählinstanz durch gegenseitige Apostrophierung auseinander gebären, wird durch diese rhetorischen Manöver gleichermaßen die Garantie für die Wahrhaftigkeit der dargestellten Geschichte in die metaleptische Struktur gelegt: Der Briefverfasser bemüht sich lediglich anlässlich des fiktiven Adressaten darum, die Wahrheit zu schreiben; dieser steht wiederum im Vorwort implizit für die Echtheit des Briefs ein, den er hiermit in den Druck gibt. Die ambige Faktualität des AVPE I wird demnach aus der Epistolarität und ihrer Veröffentlichung entwickelt. Daneben bietet deren stilistische und generische Unbestimmtheit die Grundlage, Gattungen gegeneinander auszuspielen - Selbst-Schreiben, Reisebericht, Historiografie, Fabeln - und unentscheidbar zu hybridisieren. 6.2.4 Figurierte Pseudonyme und Metamorphosen Die Pluralisierung der Erzählinstanzen im paratextuellen Rahmen setzt sich im epistolaren Haupttext fort, der wiederum literarische Praktiken und den Literaturbetrieb figurativ inszeniert. In diesem Fall geht es allerdings nicht um die Rolle von Drucker, Setzer und Herausgeber, sondern um die auktoriale Praxis, Texte unter Pseudonym zu veröffentlichen. Das gestaltet AVPE I auf zwei Arten aus, um noch weitere rhetorische Masken zu erschaffen: Pseudonyme tauchen zuerst in ihrer gewohnten Funktion als anonymisierende Namen auf Titelblättern und danach performativ in der Form von Doppelgängerfiguren und Metamorphosen auf. Autobiografisch grundierte Schriften - dazu zählen auch private Briefwechsel - werden für gewöhnlich am ehesten gelesen, wenn sie von bekannten Personen geschrieben wurden. Nicht ohne Grund stellt deshalb das Vorwort den berühmten Autor dieser Lebensbeschreibung in einem Selbstdeklarativ vor, ohne aber - und dies ist bemerkenswert - dessen Namen zu nennen (AVPE I: ii). Denn celebritas des Schriftstellers und Bekanntheit des Namens bilden eine Einheit: „ Poterat etiam forsitan nomen meum qvodammodò peregrè celebrari “ , berühmt hätte sein Name wohl sein können, wie Holberg am Ende des Briefs erklärt (AVPE I: 211 - 212), „ ni scripsissem Danicô idiomate “ , wenn er doch nicht in der unbedeutenden Sprache Dänisch geschrieben hätte. Nein, auf dem europäischen Kontinent ist er genau so unbekannt, wie es das anonymisierende „ celeberrimus Autor “ im Vorwort andeutet. Das Berühmtheitsversprechen gilt es somit im Text performativ einzulösen und den Autornamen zu etablieren, und - wenn möglich - im selben Zug zu beweisen, dass Literatur auf Dänisch möglich ist, wie es das Vorwort behauptet. Schriftstellerische Virtuosität beweist Holberg zwar ausgiebig im AVPE I, aber er scheint sich gegen das benötigte Brandmarketing des eigenen Namens zu sträuben. Der Autorname fehlt selbst da, wo er zu erwarten wäre, da Holberg seinen Brief nicht einmal mit dem eigenen Namen unterzeichnet. Eine Suchanfrage im digitalisierten Text auf LHS weist lediglich zwei Treffer für den Begriff „ Holberg “ auf: zum einen auf dem Titelblatt, d. h. als typografische Prosopopoiia auf dem Gesicht des Buches; zum anderen leicht modifiziert auf seinem französischen Reisepass, der ihn jedoch nach Holland 116 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="117"?> platziert und zum Knaben erklärt ( „ Laissez passer & repasser le Garcon Lovis d ’ Holberg d ’ Amsterdam. “ , AVPE I: 18). 40 Holberg kommentiert daher nüchtern, er käme ihm ‚ eher wie eine Satire ‘ vor. An diesem Punkt zeigt sich, dass Lejeunes Definition der Autobiografie an AVPE I scheitern müsste. Möchte man diese nämlich heranziehen, müsste man konstatieren, dass sich die Erzählinstanz glatt verweigert, den Autornamen des Titelblatts nochmals zu nennen, und damit den autobiografischen Pakt ausschlägt. Die Nichtidentität der Namen würde gemäß Lejeune (1998: 232 - 234) den romanesken Pakt einsetzen lassen. Anstatt den Autornamen auch in der Geschichte zu bewerben, wird der Text und die diegetische Welt von figurierten Pseudonymen, ‚ Selbstfragmenten ‘ , bevölkert. Pseudonymisierung war im 18. Jahrhundert eine übliche paratextuelle Verschleierungsstrategie, um sich u. a. vor den Konsequenzen einer Zensur zu schützen oder aber einen Text in einer gesellschaftlich nicht angesehenen Gattung zu publizieren (Genette 1989: 54 - 55). Auch Holberg veröffentlichte zahlreiche Texte unter Pseudonymen, wobei er manche mehrmals verwendete. Hans Mikkelsen, das Pseudonym, unter dem Peder Paars, die Comoedier ( „ Komödien “ , 1723) und Metamorphosis erschienen, eignet sich Holberg im Brief sogar unter Gotteseid performativ als eigenes an: „ At Deum ter opt. Max. sanctè testor, nihil a me in joculari isto scribendi genere elaboratum, nisi qvod sub nomine Johannis Michaelidis prodiit “ (AVPE I: 199); mit Gott als Zeugen, Satire habe er bloß unter dem Namen Hans Mikkelsen geschrieben. Dass dies nicht stimmt, beweisen die zwei satirischen Streitschriften unter Pseudonym Dissertatio V. (1719) und Dissertatio juridica (1719), deren Titelblätter vom Text zitiert werden. Der Kontext ihrer Veröffentlichung sorgte in der dänischen Welt der Gelehrten für kleinere Skandale und bescherte Holberg vermutlich mehr Aufmerksamkeit, als ihm lieb gewesen wäre. Dies allein würde sie bereits aus der Geschichte herausheben, doch die mise-en-page scheint auch bemüht, sie typografisch auszuzeichnen, sodass sie beim Durchblättern des Buches stets ins Auge fallen. Dissertatio Qvinta de Historicis Danicis Qvam in Collegio Regio publicè tuebitur P AULUS R YTERUS cum Defendente pereximio C HRISTIANO A NDREÆ . (AVPE I: 123) Fünfte Dissertation über die dänischen Geschichtsschreiber wird im Collegium Regium öffentlich verteidigt von Poul Rytter mit dem äußerst hervorragenden Defendenten Christen Andersen. Die Dissertatio V. widerlegte die Plagiatsvorwürfe gegen Holbergs Introduction til de Europæiske Rigers Historier (1711), doch sind trotz der ernsten Angelegenheit alle Informationen auf dem Titelblatt fiktiv: Zwei lokal bekannte Langzeitstudenten standen Pate für die beiden Pseudonyme auf dem Titelblatt, die Nummerierung der Dissertation ist willkürlich gesetzt und gibt den Anschein, es handle sich um einen Abschnitt in einer umfangreicheren thematischen Reihe über die dänische Geschichtsschreibung (Kragelund 40 „ Lassen Sie den Jungen Ludvig von Holberg aus Amsterdam passieren und wiederkehren “ . 6.2 Γνῶθι σεαυτόν : Das Selbst in Schichten und Fragmenten abbilden 117 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="118"?> 2015 [1974]). Bereits auf der nächsten Seite vom AVPE I folgt eine juristische Abhandlung über das Heiratsrecht enger Verwandter, mit der Holberg ebenso polemisch auf eine jüngst erschienene Schrift antwortete. Für das Pseudonym der Dissertatio juridica bediente sich Holberg eines norwegischen Namensvetters des berühmten schwedischen Reformators Olaus Petri. O LAI P ETRI N ORVAGI D ISSERTATIO J URIDICA de Nuptiis propinqvorum in linea recta Jure Naturali prohibitis. (AVPE I: 124) Des Norwegers Olaus Petri juristische Dissertation über die vom Naturrecht verbotenen Ehen zwischen nahen Verwandten. Zu erwarten wäre, dass Holberg an dieser Stelle seine Autorschaft explizit anerkennt, wie er es später für das Pseudonym Hans Mikkelsen tat, zumal sogar prominent die Titelblätter repräsentiert werden. Doch stattdessen weist er jegliche Verantwortung von sich, erklärt, dass ihn seine Freunde dazu gedrängt hätten ( „ Habitô amicorum Senatu solicitor ad bellum redintegrandum “ , AVPE I: 124) und nennt sich selbst den Herausgeber der Abhandlungen: „ Dissertatiunculam edidi sub hoc titulo “ (AVPE I: 123) und „ Igitur Dissertationem edo sub hoc titulô “ (AVPE I: 124). 41 Da er die Texte auch seine Dissertationen nennt, wird die Autorschaft implizit deutlich - allein offiziell verbleibt er der Herausgeber. AVPE I bringt damit die Pseudonymisierungsstrategie des Literaturbetriebs medial und materiell auf die Bühne, indem die Schriften nicht bloß erwähnt, sondern anhand ihrer Titelblätter von der mise-en-page repräsentiert werden. Infolgedessen muss der Briefschreiber Holberg nicht beichten, dass er unter den spezifischen Pseudonymen Texte veröffentlicht hat, sondern kann als ihr Herausgeber auftreten. Die Kommentare zum Kontext der Veröffentlichungen bilden eine Editions-Szene, also die Darstellung der Herausgebertätigkeit, die gemeinsam mit dem re-entry eines Titelblatts in den Haupttext buchstäblich literarische Praktiken auf der Buchseite darstellt. Damit erscheint der Briefschreiber Holberg als Doppelgänger des Vir Perillustris und die Titelblätter als Verdopplung des AVPE I. Dies führt wie bei der paradoxen gegenseitigen Apostrophe zu selbstreflexiven und metafiktionalen Effekten, die dann den Vir Perillustris als Pseudonym von Holberg enttarnen. 42 41 „ Es hielten meine Freunde Rat und setzten sich dafür ein, dass ich den Krieg wiederaufnehme “ ; „ Eine kleine Dissertation veröffentlichte ich unter diesem Titel “ ; „ Nochmals veröffentliche ich eine Dissertation unter diesem Titel “ . Mit dem Verb edare beschreibt auch der Freund seine Herausgeberschaft des Briefs im Vorwort (AVPE I: ii). 42 Schenkt man andererseits den repräsentierten Titelblättern mehr Aufmerksamkeit, muss deren abgeänderter Wortlaut auffallen. Die Schriften werden vom Briefschreiber folglich nicht korrekt zitiert, was im Kontext aller Verfahren der Prosopopoiia und fingierenden Vexierspielen zwangsläufig zur Frage führt, welche andere Elemente leicht modifiziert dargestellt werden. 118 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="119"?> Die schriftstellerische Pseudonymisierung gehört bei Holberg auch zu den Lebenspraktiken, weil er auf seinen Europareisen oft inkognito unterwegs ist, im Rahmen des Briefs aber einige dieser Pseudonyme zitierend offenlegt. So ist der offizielle Dispens von der Fastenzeit auf den Namen des Freundes Mikkel Røg ausgestellt, den Holberg während seiner Reise durch Italien verwendet: „ Come il Sign. Mich. Recco non puo senza pericolo di sanità gvardare la Qvaresima &c. “ (AVPE I: 113). 43 Zwar stiftet sein Inkognito bisweilen Verwirrung, doch manche Verwechslungen treten auch ohne sein Zutun auf: Anlässlich seines bescheidenen theologischen Wissens und den Lateinfertigkeiten sehen die Engländer in ihm einen ausgebildeten Pfarrer oder Kaplan (AVPE I: 34). Fortlaufend vermeint man vermutlich wegen seines Akzentes, einen Deutschen oder Niederländer angetroffen zu haben. Nicht einmal seine Bekannten erkennen ihn wieder, als er nach dem längeren Aufenthalt in Rom nach Paris mit gebräunter Haut zurückkehrt: „ ab hospita aliisqve amicis vix agnitus fui qvà ob fuscum colorem, qvô tincta erat facies “ (AVPE I: 116). 44 Zu einer gegenseitigen Verwechslung kommt es andererseits, als Holberg einen Landsmann, der seine Nationalität ebenfalls nicht zu erkennen gibt, für einen Franzosen hält - und umgekehrt: „ Qvippe ignorabat ille tàm nomen qvàm patriam meam. Utrumqve enim dissimulaveram in Italia “ (AVPE I: 91). 45 Damit findet Holberg nicht nur einen Gleichgesinnten, sondern sogar einen Retter in der Not, denn nachdem der Däne mit der Signatur Carolo Montfort Danese ihn vor einem betrügerischen Wirt bewahrt hat, führt er ihn in ein besseres Gasthaus. Erst dort erfährt Holberg die Identität des anonymen Retters: Sed mox innotuit mihi gentem eum mentitum fuisse, soliqve hospiti patriam indicasse, qvi allato libro, in qvo jussu senatus notantur nomina advenarum, monstravit mihi nomen, qvod propriâ manu ita scripserat: Carolo Montfort Danese. Mirè lætabar ab incognito populari præstita mihi hæc officia fuisse. (AVPE I: 91) Aber bald bemerkte ich, dass er über seine Herkunft gelogen hatte und dass der Wirt der Einzige war, dem er sie mitgeteilt hatte; denn der brachte das Buch herbei, in dem alle Fremden nach dem Gesetz des Senats ihre Namen eintragen mussten, und zeigte mir den Namen, den dieser eigenhändig eingetragen hatte: Carolo Montfort Danese. Du glaubst nicht, wie sehr ich mich darüber freute, dass mir ein Landsmann einen solchen Gefallen getan hatte! Doch der Name ist auffällig: Bei Montfort klingt das typisch germanische Suffix -berg durch; hier handelt es sich um einen Dänen Karl Starkberg. Die Namensverwandtschaft und die weiteren Gemeinsamkeiten verwandeln den Helden Karl in einen Doppelgänger von Holberg. Was sich am Namen abzeichnet und sich in diesem Fall auch in der Handlung bestätigt: Wo Holberg erstarren würde und in die Fänge des Bösen käme, handelt Starkberg, ohne lange nachzudenken. Er scheint die mutige Seite von Holberg zu 43 „ Da der Signore Michele Rocco nicht ohne gesundheitliche Risiken die Fastenzeit beachten kann etc. “ . Der Name wird im Text nochmals erwähnt: „ [N]am interrogatus de patria Aqvisgranensem me dicebam, de nomine, vocabar Michael Rög, idqve eam ob causam, qvod profecturo in Italiam, & testimonium non habenti, suum mihi tradiderat amicus & municipalis meus Michael Rög “ ; „ Fragte man mich nach meiner Heimat, sagte ich Aachen, nach meinem Namen, Mikkel Røg; dieses aus dem Grund, dass mir mein Freund und Beamter Mikkel Røg seinen Pass gegeben hatte, als ich nach Italien aufbrechen wollte und keinen besaß “ (AVPE I: 91). 44 „ Meine Wirtin und meine Freunde konnten mich kaum wiedererkennen, weil ich so braun im Gesicht geworden war “ . 45 „ Warum er meinen Namen und mein Land nicht kannte? Beides hielt ich nämlich in Italien geheim “ . 6.2 Γνῶθι σεαυτόν : Das Selbst in Schichten und Fragmenten abbilden 119 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="120"?> verkörpern, die zum Zuge kommt, wenn die Situation weniger Worte, sondern Taten verlangt. Insofern stellt Starkberg eine extrakorporale Persona oder - mit den Begriffen von Praktiken im Literaturbetrieb - ein figuriertes Pseudonym dar. Einem anderen Doppelgänger begegnet Holberg während seiner Zeit in England, als er in Oxford von einem vermeintlichen Dänen mit Namen Holber hört, der nicht nur Namensvetter ( „ homonymos “ ) sein sollte, sondern ihm auch in der Wesensart ( „ congruentia morum “ ) ähnlich sei. Deutlicher kann das Doppelgängermotiv kaum ausgestaltet sein: Verum forsitan nomen nunqvam innotuisset, nisi fortuitò incidissem in studiosum qvendam nomine Holber, cui primùm indicabam homonymos nos esse, &, cum similitudo nominis juncta esset cum congruentia morum, solida utroqve nomine inter nos amicitia nectitur; Sæpè ludendo dicere solebam, descendere nos forsitan ab eodem stipite, originemqve illum debere uni Majorum meorum, qvi cum Canuto Magno in Britanniam trajecerat. (AVPE I: 33, meine Hervorhebung) Mein richtiger Name wäre vielleicht nie bemerkt worden, wenn ich nicht einem Studenten namens Holber begegnet wäre. Zuerst wies ich ihn darauf hin, dass wir Namensvetter waren, und als sich herausstellte, dass die Namensähnlichkeit mit einer Übereinstimmung des Wesens verbunden war, verknüpfte uns nach beiden Seiten eine feste Freundschaft. Ich pflegte im Scherz zu sagen, dass wir wahrscheinlich von demselben Stamm herabkommen und dass er ein Nachkomme eines meiner Vorfahren war, der mit Knut dem Großen nach England gekommen war. Wie sich herausstellt, ist dieser Doppelgänger im Gegensatz zu Karl Starkberg zwar kein Däne, sondern gebürtiger Engländer. Dennoch vereinen ihn und Holberg mehrere Gemeinsamkeiten, wie der Text typografisch und diskursiv verdeutlicht. Nebst erwähnter Ähnlichkeit von Namen und Sitten vermeint Holberg im Witz eine gemeinsame Stammesherkunft zu erkennen, sodass beide - Holber und Holberg - Entwicklungen desselben Ursprungs darstellen würden. Infolgedessen enthüllt sich Holber als Holbergs englische Variante, die sich einzig darin unterscheidet, dass sie anstelle von Kopenhagen in Oxford studiert. Vielleicht wird der englische Holber mit diesen Anlagen auch zu einem Satiriker, scheint die Erzählung zu suggerieren. Starkberg und Holber sind beide leichte Modifikationen des originalen Holbergs - der eine im Wesen, der andere in der Nationalität - und damit figurierte Pseudonyme, die anstelle des Autors in der Geschichte handeln können. Wenn jedoch der AVPE I diskursiv und medial auf diese Weise eine Riege an unterschiedlichen Personae erschafft, die alle gewisse Aspekte des Autors Holberg repräsentieren, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie der Text sein Ziel erreichen soll, den Autornamen in Europa zu etablieren. Doch die Beantwortung verlangt noch nach weiteren Tiefenbohrungen auf Handlungswie Erzählebene, denn es sind noch nicht alle Vervielfältigungsverfahren erfasst. Zu den Vervielfältigungen der Autorfigur und den Pseudonymisierungen gehört ebenso das Verwandlungsmotiv, das den Protagonisten im ewigen Wandel des Wesens zeigt. Der vagabundierende Student Holberg wirft sich in jeder neuen Stadt in eine andere Rolle und durchläuft so eine Karriere vom Sprach- und Musiklehrer, über den Philosophieprofessor bis zum philosophierenden Koch. Bereits auf den ersten Seiten des Briefs wird der für Holbergs Leben und Selbstwahrnehmung wichtigste Wechsel vom militärischen zum akademischen Leben geschildert, der zum Ort für einen poetologischen Kommentar des Motivs wird. Dass es sich um eine Schlüsselstelle des Textes handelt, markiert auch das erstmals geäußerte Schweigegebot. Insofern als dieses das Folgende als intime Enthüllung rahmt, wird es mit gesteigerter Aufmerksamkeit gelesen. 120 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="121"?> Sed hæc sub fide silentii dicta sunto, nam e præfecto manipuli transformari in Professorem Phil. & e Corporali adeo spiritualis fieri est mira & prope modum Ovidiana Metamorphosis, qvæ, si pluribus innotesceret, status qvæstio mihi forsitan a censoribus moveri posset, & sic à cathedra ad castra iterum retraherer. (AVPE I: 5) Aber unter dem Schweigegebot gesagt, die Verwandlung vom Präfekten zum Philosophieprofessor und vom Korporal zum Federfechter ist so erstaunlich und fast in der Weise von Ovids Metamorphosen, dass sie, wenn mehr als nur wir beide davon erfahren würden, die Richter veranlassen könnte, meinen Status infrage zu stellen, und dann würde ich vom Katheder wieder in die Kaserne zurückgezogen werden. Umso prominenter kommt der Verweis auf Ovids Metamorphosen daher, die als Motto auf die Rollenwechsel applizierbar sind. Wie in der griechischen Mythologie stößt Holberg die Lebensveränderung nicht selbst an, sondern - das signalisiert die Passivform „ transformari “ - wird in einem wunderbar-magischen Ereignis in den Professor der Philosophie verwandelt. Genauso geschieht die spätere Transformation zum Satiriker unfreiwillig und unpersönlich: „ ità calamum ego contra satyras stringendo ipse Satyricus factus “ (AVPE I: 125 - 126), zum Satiriker wird Holberg gemacht. 46 Wenn der Text hier die rhetorische Polemik des Satirischen mit militärischem Vokabular beschreibt, wird suggeriert, dass die erste Metamorphose nicht vollständig vollzogen wurde und sich der Soldat im Satiriker reinkarnieren konnte. Wenn die Lebenswandel und Autorschaftsveränderungen parallel erfolgen und mythologischen Gesetzen gehorchen, dürfte in Analogie geschlossen werden, dass sich auch die anderen außerliterarischen Rollen in die Gattungen und Stile der Autorschaft kanalisierten. Die zahlreichen Lebensentwürfe im AVPE I inszenieren damit einerseits den Kreisgang (gyrus) und die fortlaufende Uneinheitlichkeit (dissimilis) des Autoren Holbergs, mit der sich der Briefschreiber am Ende selbst beschreibt (AVPE I: 202). 47 Andererseits erklären sie das disparate Werk zum Zeitpunkt der Niederschrift performativ und narrativ als auktoriale Metamorphosen, in denen sich die Holbergs der einzelnen Stationen der Europareise reinkarnieren. 48 Der Philosophieprofessor führt etwa zu den historischen Texten, Sprach- und Musiklehrer finden sich im Sprach- und Rhythmusbewusstsein der lateinischen Texte und dänischen Komödien wieder und der kochende Philosoph, wie sich zeigen wird, ist die Personifikation von Holbergs exzerpierenden Erzählen. Indem diese Metamorphosen von der Erzählung nicht als endgültig gewertet werden, bleibt sogar noch stilistische Freiheit für das zukünftige Schaffen. AVPE I führt die Pseudonymisierungsstrategien des Literaturbetriebs in der diegetischen Welt auf, sodass literarische Praktiken und Motive in das wirkliche Leben von 46 „ Indem ich also eine Feder gegen die Satyrn zog, wurde ich selbst zum Satiriker “ . 47 Damit verstößt Holberg, so Ole Thomsen (o. D.), eigentlich gegen die stoische Moral: „ At være ‚ sig selv ulig ‘ , altså ubeslutsom og vægelsindet, at vaje som et siv for lykkeomslag og lidenskaber/ affekter, er det værste, der kan tænkes, ifølge den stoiske etik, som psykologen Holberg bestandig ligger i diskussion med. Det stoiske ideal er: urokkelig standhaftighed “ ( „ Sich ‚ selbst unähnlich ‘ , also unentschlossen und wankelmütig zu sein, sich wie Schilf im Wind von Glücksumschlägen und Leidenschaften/ Affekten hin und her treiben zu lassen, ist laut der stoischen Ethik, mit der sich der Psychologe Holberg in ständiger Diskussion befand, das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Das stoische Ideal ist: unerschütterliche Standhaftigkeit “ ). Holberg darf allerdings nicht als blütenreinen Stoiker charakterisiert werden, weil er dazu zu skeptisch veranlagt gewesen sei; sokratisch-kynischer Akademiker wäre daher die bessere Bezeichnung (Thomsen 2024: 381 - 382). 48 In AVPE I werden die historiografischen Schriften, die satirischen Texte und die Komödien vorgestellt. 6.2 Γνῶθι σεαυτόν : Das Selbst in Schichten und Fragmenten abbilden 121 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="122"?> Holberg übergehen und paratextuelle Instanzen als Wiedergänger in der Erzählung agieren. Scheinbar wird die Grenze zwischen Welt der Literatur und der ‚ wirklichen ‘ Welt verwischt; Literatur wird zum Schauplatz für Handlung und die eigentliche Handlung wird literarisiert. Daneben nutzt AVPE I die typo- und bibliografischen Codes des Buchdrucks zur Erzählung, indem die Paratexte zu Orten von fiktiven Editions-Szenen werden und intertextuelle Referenzen in der Autorschaft medial repräsentiert werden. Die figurierten Pseudonyme und die Herausgeberfiktion arbeiten anhand der Prinzipien der Prosopopoiia, indem sie als Stellvertreterfiguren für und durch den Autor sprechen und gleichzeitig als Apostrophen Auseinandersetzungen mit dem Ich darstellen. Gleichermaßen tragen die figurierten Pseudonyme, das Metamorphosenmotiv und der performative Paratext zur Pluralisierung des Autor-Ichs bei, dessen ‚ Selbstfragmente ‘ sowohl die intradiegetische Welt der Briefgeschichte als auch die extradiegetische der Herausgeberfiktion bevölkern. Statt eines einheitlichen Autors, repräsentiert durch einen eindeutigen Autornamen, stellt AVPE I daher einen komplexen Menschen mit unterschiedlichen Personae dar. 6.3 Exzerpierendes Erzählen 6.3.1 Zitatcollage Auf den ersten Blick fällt die prosimetrische Gestalt des Briefs auf, da zwischen den erzählenden Passagen immer wieder Verspassagen eingeschaltet werden. Das intendierte Publikum der europäischen Gelehrten dürfte schnell erkennen, dass es sich dabei um Zitate aus den Texten der antiken Autoren Plinius, Ovid, Vergil handelt, während heutige Leser: innen die Herkunft der Einschübe nach Konsultation des Kommentars und fleißiger Recherchearbeit eruieren können. 49 Nebst den offensichtlichen, eingeschobenen Verspassagen verarbeitet der Text kürzere Zitate in den Prosapartien; hierbei reicht das Spektrum von zwei geflügelten Worten bis zu ganzen Absätzen, die intertextuell auf die antiken Quellen referieren. Zum einen gibt es somit typografisch ausgezeichnete Zitate, die eingerückt und kursiviert werden, zum anderen in den Fließtext eingeflochtene, die entweder direkt oder indirekt verwendet werden (Kragelund 1962: 11 - 13, 1977). Ein Blick auf die erste Seite des Haupttextes kann als Beispiel aller drei Zitierpraktiken dienen: Die ersten zwei Zitate sind nicht markiert und stammen aus Plinius ’ Briefen, das eingerückte Gedicht aus Martials Epigrammen. Holberg rekontextualisiert und rekombiniert somit auf kleinstem Raum Texte unterschiedlicher Gattungen und Epochen „ paa en til Tider halsbrækkende Maade “ (Kragelund 1962: 13). 50 49 Hier muss ich Aage Kragelund und Finn Gredal Jensen für ihre Arbeit danken. Kragelund (1962, 1977, 1983) hat die Verbindung zur lateinischen Literatur ausführlich in drei aufeinanderfolgenden Publikationen besprochen; Jensens Kommentarapparat steht in der digitalisierten Version von Ludvig Holbergs Skrifter [LHS] frei zur Verfügung. 50 „ in einer bisweilen halsbrecherischen Weise “ . 122 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="123"?> Abb. 13 Bereits auf der ersten Seite des Haupttexts kommt die polyphone und hybride Gestalt zur Geltung (Ludvig Holberg: Ad virum perillustrem *** epistola [1728], S. 1). NIhil est, Vir Perillustris, qvod libentiùs suscipio, qvam id qvod tu injungis (Plin. Ep. 6.16.3). At jubes me in literas mittere ea, qvæ ad vitam meam spectant, cum tamen ille non sim, cui munere Numinis datum est facere scribenda (Plin. Ep. 6.16.3). Deposcis à me nugas, qvæ vix ab otiosis impetrare aliqvid perituri temporis possunt (Plin. Ep. 7.2.1), injungis mihi historiam, qvæ Cedro nunc licet ambulet peruncta, Cordylas madida tegat papyro, Vel thuris piperisqve sit cucullus. (Mart. 3.2, v. 7 & v. 4 - 5) (AVPE I: 1, meine Hervorhebungen) Nichts gibt es, hochwohlgeborener Herr, dass ich bereitwilliger übernehme, als was du mir aufträgst. Du befiehlst mir in Buchstaben zu gießen, was ich in meinem Leben gesehen habe, auch wenn ich keiner von denen bin, die vom Schicksal die Gabe erhalten haben, etwas Beschreibenswertes zu vollbringen. Du verlangst von mir Nichtigkeiten, denen kaum Müßiggänger etwas von ihrer auf diese Weise dahinschwindenden Zeit abgeben können, du verlangst von mir eine Geschichte, die mit Zedernöl gesalbt, so ihren Weg gehen kann, und mit feuchtem Papyrus Thunfische zudeckt, oder als Tüte für Weihrauch oder Pfeffer Verwendung findet 51 51 Die Zitate basieren auf publizierten deutschen Übersetzungen von Plinius (2010: 410 - 411, 468 - 469) und Martial (2013: 183). 6.3 Exzerpierendes Erzählen 123 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="124"?> Er reiht die Zitate jedoch nicht aneinander, um seinen Text in scholastischer Manier mit alten Autoritäten zu legitimieren. Es handelt sich vielmehr um „ en bevidst kompositorisk Viljesakt “ , der nicht bloß zitiert, sondern maßgeblich modifiziert (Kragelund 1962: 24). 52 Kragelund (1962: 11) bezeichnet Holberg daher als „ Mester i denne fine Citatkunst “ , weil er aus der Rekombination der intertextuellen Referenzen etwas völlig Neues und Originales produziert. 53 Wenn Holberg derart mit und durch die Worte seiner Vorbilder schreibt (so auch Skovgaard-Petersen 2017: 53; Billeskov Jansen 1939: 76), wirkt wiederum die Figur der Prosopopoiia, mit der Holberg innerhalb der Inszenierung seines Lebens intertextuelle Masken anlegen kann. Eine kursorische Übersicht der verwendeten Zitate zeigt, dass Anleihen von antiken Autoren vor allem aus der silbernen Latinität überwiegen. 54 Da die meisten Zitate aus den Briefen von Plinius d. J. stammen, schreiben sich die AVPE rein intertextuell in dessen Tradition der ‚ literarischen Briefe ‘ ein. 55 Dass jener eine wesentliche Inspirationsquelle für Holberg bildet und die Briefe thematisches und vor allem stilistisches Vorbild des vorliegenden Briefformats waren, wird schließlich im AVPE III auch explizit thematisiert. 56 Bereits die zitierte Einleitung des Briefs in AVPE I, die Darstellung des eigenen Textes als Bagatelle, referiert explizit und implizit mehrheitlich auf die Epistolae (Kragelund 1962: 36 - 37). Auch im weiteren Verlauf wechseln sich direkte Zitate und formale und thematische Anleihen ab; im AVPE III beschreibt Holberg etwa in Anlehnung an und mit den Worten von Plinius sein Leben auf dem Land samt den damit einhergehenden Verwaltungsaufgaben und agrarökonomischen Pflichten (AVPE III: 69 - 71). Nach Plinius folgt Cicero, allerdings nicht in Form seiner veröffentlichten Privatbriefe Ad familiares, vielmehr stehen häufig die Tusculanae disputationes Pate für vornehmlich philosophische Passagen. 57 Demnach zeigen auch die Hypotexte, dass sich Holberg stilistisch in Plinii Tradition stellt; denn aufgrund ihrer stilistischen Schlichtheit und Einbettung in eine Alltagskommunikation gelten Ciceros Briefe als ‚ literarische Privatbriefe ‘ (Müller 1994: 67). Zu diesen philosophischen Intertexten gesellen sich Zitate aus satirischen Schriften von Juvenal, Petronius Arbiter, Martial und aus dem Barockroman Utopia Didaci Bernardini seu Bidermani e Societate Iesu Sales Musici ( „ Utopia von Didacus Bernardinus oder Bidermanns witzige und geistreiche Geschichten “ , 1640) des Jesuiten Jakob Bidermann, der zwei Jahrzehnte später auch den Niels Klim maßgeblich beeinflussen sollte (Sivertsen 2010: 32 - 38; Velle 2018: 141 - 142). Der heute eher unbekannte, aber damals erfolgreiche Roman fasst Erzählepisoden aus der Schwank- und Abenteuerliteratur unter dem Gesamtnarrativ 52 „ einen bewussten kompositorischen Willensakt “ . 53 „ Meister in dieser edlen Zitatkunst “ . 54 Eine tabellarische Auflistung findet sich im Anhang. 55 Die vielen intertextuellen Referenzen und die Verwendung von Plinius ’ Darstellung des Vesuvausbruchs nahm Kragelund (1962: 37) zum Anlass, im Adressaten ein „ Skyggebillede af Tacitus “ zu sehen ( „ Schattenbild von Tacitus “ ). 56 „ Notarunt Scriptorum meorum Censores in Epigrammatibus me Martialem & in Epistolis Plinium Juniorem imitari “ (AVPE III: 37; „ Die Kritiker meiner Schriften bemerkten, dass ich Martial in den Epigrammen und Plinius d. J. in den Briefen nachahme “ ). 57 Die Dialoge kreisen um das stoische Ideal der Selbstbeherrschung, also um die Befreiung des philosophischen Subjekts von zu starken Emotionen und Leidenschaften, die die Verstandeskraft einschränken (Gildenhard 2011). 124 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="125"?> einer Reise von drei Studenten in das fiktive Land der Kimmerier und ihrer Hauptstadt Utopia; die Bewohner verkörpern jedoch nicht das politische und soziale Optimum wie Morus ’ Original, sondern handeln lasterhaft und kopflos wie die Schildbürger (Sieveke 2012). 58 Die Einbindung des Romans bietet sich zum einen an, weil die narrative Rahmung der ‚ utopischen ‘ Reise sowie der soziale Status der drei Studenten an die Europareisen des jungen Holbergs anschlussfähig sind, zum anderen arbeitet sie Elemente eines beliebten Erzähltextes ein, der trotz aller satirischer Groteske noch didaktischen Absichten verpflichtet bleibt. Die Zitatcollage entwickelt daher typografische und generische Heterogenität. Für die Erzählung bedeutet dies, dass sowohl mise-en-page als auch narrative Struktur polyphon sind und unterschiedliche Gattungen, Stile und Autoren miteinander in Dialog bringen. Insgesamt ist der AVPE I jedoch eine Hybride, da die Zitatcollage für und durch Holberg spricht, sodass keine deutliche Grenze zwischen den Zitaten und dem rahmenden Text des Briefschreibers gezogen werden kann. Die hybride Konstruktion des Romanhaften, wie sie Bachtin (2010: 195) definiert, trifft auch auf die Gestalt von AVPE I zu: „ die Unterteilung der Stimmen und Sprachen verläuft innerhalb eines syntaktischen Ganzen, oft innerhalb eines einfachen Satzes, oft gehört sogar ein und dasselbe Wort gleichzeitig zwei Sprachen und zwei Horizonten an “ . Dies beschreibt präzise, wie Holberg mit den Zitaten operiert, wenn er mit fremden Worten die Erlebnisse der Figur Holberg erzählt und gleichsam durch die Hypotexte sein Leben beobachtet. Die vom Roman bekannte Hybridität erklärt, weshalb die Forschung anlässlich der Einbindung von anderer Literatur, vor allem den satirischen Schriften, immer wieder auf die Frage nach dem Fiktionalitätsstatus zurückgekommen ist (Skovgaard-Petersen 2017: 51 - 53; Thomsen 2024: 356). Wenn Holberg durch und mit anderen schreibt, wie authentisch sind dann die geschilderten Erfahrungen und Erlebnisse? Freilich führen die verschiedenen narrativen Vexierspiele zum Bewusstsein um eine mögliche Unzuverlässigkeit der Erzählinstanz, gleichwohl erfüllt die Geste des Zitierens eine weitaus wichtigere Funktion als narrative Doppelbödigkeit zu erzeugen. Sie bringt nämlich die Aufmerksamkeit auf den Diskurs, also die Darstellung der Erzählung, und damit auf die Figur der Prosopopoiia. Es ist von sekundärer Bedeutung, ob sich die Ereignisse wirklich so zugetragen haben, stattdessen geht es darum, die einzelnen Masken und das performative ‚ Sprechen-durch ‘ zu entschlüsseln. Indem dadurch lesbar wird, durch und mit welchen Autoren Holberg sein Leben darstellen möchte, enthüllen sich die Zitate als die Gesichter seiner literarischen Vorbilder. Ein zweiter Aspekt dieser Selbstdarstellung durch zitierende Prosopopoiia zielt nicht auf bestimmte Autoren, sondern auf die Gattungen und Praktiken der gelehrten Welt. Eine kreative Zitatkunst, wie sie Holberg praktiziert, eignet nämlich auch die Exzerpierkunst und die Menippeische Satire. 6.3.2 Der Menippeische Gelehrte Der im Vorwort des Vir Perillustris angekündigte Witz, der sich in Holbergs Brief bemerkbar machen soll, konzentriert sich vor allem auf die Berichte von den Europareisen, bei denen Holberg oft die Bildungsinstitutionen besuchte. Pate stand hierfür nicht 58 Die 10. und letzte Auflage erschien 1762 (Sieveke 2012). 6.3 Exzerpierendes Erzählen 125 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="126"?> primär das humanistische Selbst-Schreiben, sondern die Menippeische Satire, zu der auch das in AVPE I vielzitierte Satyricon von Petronius Arbiter gehört (Kragelund 1977: 28 - 35). Diese seit der Antike bekannte, im Humanismus wiederentdeckte Prosagattung bildet auch den Hintergrund der Erzählung von Niels Klims fantastischer Reise im Nicolai Klimii iter subterraneum (Velle 2018: 135); 59 Sigrid Peters (1987: 55) zieht sie diesbezüglich sogar der Gattungsbezeichnung Roman vor. Legt man das Iter subterraneum neben den AVPE I, fällt bereits auf den ersten Blick auf, ohne die Texte überhaupt gelesen zu haben, dass beide im Prosimetrum verfasst sind und fortlaufend Zitate anderer Texte einbauen. Die intertextuelle Vernetzung und der Wechsel von Prosa zu Vers gelten seit den ersten theoretischen Werken zur Menippeischen Satire als Grundmerkmale der Gattung (De Smet 1996: 68 - 70). So gilt für John Dryden in A Discourse Concerning the Original and Progress of Satire (1693) als Menippeisch, was im Prosimetrum verfasst ist, Zitate zum parodistischen Zweck einsetzt und philosophische Inhalte im spielerisch-ironischen Ton aufbereitet (Peters 1987: 66 - 74). Menippeische Satiren setzen somit auf das ioco-seria, das Scherzhaft-Seriöse, das laut dem AVPE I auch Holbergs Autorschaft und Philosophie kennzeichnet: „ In jocis semper mentior, in rebus seriis rarò “ (AVPE I: 208). 60 Die paradoxe Paarung von Komik und philosophischem Anspruch charakterisiert dann auch gemäß Bachtin (1984: 114 - 119; dazu auch Meyer-Sickendieck 2007: 448) das Menippeische. Mit dem Ziel, die ethischen Kernprobleme des Lebens zu beantworten, versetzen Menippeische Satiren ihre Helden in ungewöhnliche Kontexte, um jenseits aller alltäglichen Bedingungen den ‚ nackten Fragen ‘ auf den Grund zu kommen. Begleitet wird diese Grundkonstellation von weiteren Widersprüchen: Dem Menippeischen steht der Einsatz von fantastischer Fiktionalität frei, auch wenn sie mit historischem Personal hantiert, und sie erzählt ihre Geschichten am liebsten in den Kloaken der Welt und im stetigen Widerspruch mit den höflichen Gepflogenheiten. Damit bricht sie fortlaufend mit den Erwartungen, dynamisiert nicht nur die Erzählung, sondern stößt auch Denkprozesse an. Letztlich geht es ihr um den Aufbruch von ‚ epischer und tragischer Einheit ‘ , indem sie mit „ sharp constrasts and oxymoronic combinations “ spielt. Diese paradoxe Dialogisierung zeigt sich auch in den Figuren der Menippeischen Satiren, deren Psyche oft von Wahnsinn gezeichnet sei, um die Vorstellung von einer einheitlichen Identität zu dekonstruieren: [T]he possibilities of another person and another life are revealed in him, he loses his finalized quality and ceases to mean only one thing; he ceases to coincide with himself. This destruction of the wholeness and finalized quality of a man is facilitated by the appearance, in the menippea, of a dialogic relationship to one ’ s own self (fraught with the possibility of split personality) [ … ]. (Bakhtin 1984: 116 - 117) 59 Skovgaard-Petersen und Zeeberg (o. D.) führen zwar die bekannten Werke der Menippeischen Satire als Gattungsahnen auf, verwenden jedoch nicht den Begriff. 60 „ Im Scherz lüge ich immer, in ernsten Angelegenheiten selten “ . Nebst der Verknüpfung zum Menippeischen ist der Satz bezeichnend für die ironische, ambivalente Erzählweise des AVPE I, da unter die „ rebus seriis “ der vorliegende Text gezahlt werden könnte und so implizit nach der Zuverlässigkeit der Erzählinstanz gefragt wird. Das Oxymoron taucht im AVPE III nochmals in ähnlichem Kontext auf, um den Einsatz von Humor im Iter subterraneum als philosophiedidaktische Methode zu rechtfertigen: „ ita in gratiam eorum, qvi solis jocis delectantur, seria nugis condiuntur “ (AVPE III: 13; „ so wird um derentwillen, die sich nur am Scherzhaften erfreuen können, das Ernsthafte mit Heiterem gewürzt “ ; Peters 1987: 78). 126 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="127"?> Als Beispiel nennt Bachtin (1984: 117) Varros postmodern anmutende Satire Bimarcus ( „ Doppelter Marcus “ , 2002: 8 - 11), die vom titelgebenden Marcus berichtet, der von seinem Gewissen - dem zweiten Marcus - heimgesucht wird, weil er einen versprochenen Text über Tropen und Figuren schreiben sollte, sich aber ständig mit anderen Aktivitäten beschäftigt. Marcus gespaltene Persönlichkeit wird als Dialog der beiden Stimmen dargestellt. Die epistolare Doppelfigur von Prosopopoiia-Apostrophe des AVPE I entspricht damit in ihrem Gestus Varros Aufspaltung der Ich-Erzählinstanz, da auch hier Autor und Urteilsinstanz im Dialog stehen. Die Dialogisierung beinhaltet schließlich ebenfalls die intertextuelle Inkorporation anderer Gattungen; nicht nur Verspassagen werden eingebaut, sondern auch Novellen, Briefe, Reden und Symposien. Dadurch integriert das Menippeische neben dem thematischen auch formal Heterogenes: „ Here, the content of life was poured into a stable form that possessed an inner logic, insuring the indissoluble linking up of all its elements “ (Bakhtin 1984: 119). Dabei wurden längst nicht alle Entlehnungen als solche ausgewiesen. Wie später im AVPE I war es üblich, die zitierten Passagen unmarkiert zu lassen, um „ dem Leser ein[en] literarische[n] Spaß [zu offerieren], der nur gelingen kann, wenn bei Autor [sic! ] und Adressatenschicht genaue Kenntnisse innerhalb eines gemeinsamen Lektürekanons vorausgesetzt werden können “ (Peters 1987: 54). So zeigt sich, dass die Absorption von anderen Texten in einer Zitierpraxis mündet, die das Zitierte innovativ rekonfiguriert, um etwas Neues zu schaffen. Es mag am dialektischen Potenzial des Menippeischen gelegen haben, das Widersprüchliches zu einem Dialog zusammenbrachte - das ioco-serio, Prosa und Vers, Erzählung und Intertextualität, philosophischer Anspruch und groteske Körperlichkeit, und die daraus resultierende Polyphonie - , dass die Menippeische Satire im Humanismus wieder zur Blüte fand, sich danach in den satirischen Erzählungen des 18. Jahrhunderts reinkarnierte (z. B. Jonathan Swifts A Tale of a Tub [1721]) und damit einen Platz in der volkssprachlichen Literatur fand. 61 Einige der neulateinischen humanistischen Satiren aus dem 16. und 17. Jahrhundert beschäftigen sich sogar in einer Art Nabelschau mit der gelehrten Welt, darunter Lipsius ’ Satyra Menippea. Somniun, Lusus in nostri aevi criticos ( „ Menippeische Satire. Ein Traum, ein Spiel in unseren kritischen Zeiten “ , 1581). Der Somnium schickt den Autor als Protagonisten in ein römisches Forum voller klassischer Autoren (Varro, Ovid, Sallust, Cicero), die sich von den Philologen des 16. Jahrhunderts missverstanden sahen und deshalb darüber Gericht halten, ob diese ihre Forschung fortsetzen dürfen (Porter 2014). Die Verbindung zu den antiken Vorbildern wurde somit neben dem Titel auch in Handlungselementen oder Figuren offengelegt. Um allerdings die Fülle dieser intertextuellen Vernetzungen verstehen und wertschätzen zu können, ist eine gemeinsame Lektürebiografie notwendig. Die Menippeischen Satiren sind daher nicht nur inhaltlich und sprachlich, sondern auch in ihrem Habitus eine unterhaltsam-philosophische Gattung für die Ingroup der res publica literaria. 62 61 Ihr Überleben sicherte die dialogische Organisation des Menippeischen, so Weinbrot (2005: 6 - 7, 115 - 137), mit der jegliche Form der falschen Orthodoxie bekämpft werden konnte. 62 Dies konstatiert auch Porter (2014): „ The language and allusions are designed to be erudite and difficult, a common characteristic of the genre “ . 6.3 Exzerpierendes Erzählen 127 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="128"?> Der AVPE I lehnt sich somit durch die Mischung von Prosa und Vers, philosophischer Reflexion und burlesken Episoden und der Pluralisierung der Erzählinstanzen auf Kosten eines einheitlichen Protagonisten strukturell an die Gattungsahnen an und setzt genauso Kenntnis der klassischen und sogar zeitgenössischen Literatur voraus. Allerdings verwehrt AVPE I - wie das Iter subterraneum - uneingeweihten Leser: innen nicht den Zutritt, da ein fehlendes Verständnis der Zitierpraxis einer unterhaltsamen Lektüre nicht im Wege steht. Die Handlung erzielt auch ohne klassische Bildung ihren humoristischen Effekt, allein die hybride Gegenüberstellung zweier gegensätzlicher Stimmen mittels intertextueller Durchdringung des Autobiografischen mit der fiktionalen Satire wird verborgen bleiben. Insofern gehört AVPE I zu den ‚ Menippeischen Satiren der Gattung ‘ (Weinbrot 2005: 6 - 7), die eine ursprünglich nicht-satirische Gattung mit dem ioco-serio besetzen. Die formale und inhaltliche Heterogenität organisiert der AVPE I nach der Logik eines epistolaren Selbst-Schreibens, das den Autor gleichermaßen in (pluralisierter) Persönlichkeit und Lektürebiografie wie der Arbeitsweise darstellt. Bemerkenswert ist, dass die Inschrift in die Menippeische Satire doppelt verfährt: Rein intertextuell knüpfen die Zitate an einen gelehrten Literaturkanon und insbesondere Menippeische Satiren an, strukturell imitiert AVPE I jedoch ebenso die Funktionalität der elitären Gattung performativ in der Geste des Zitierens. Das Erzählen im Prosimetrum und das hybridisierende Zitieren zum Zweck der Komik parodieren einen gelehrten Habitus und stellen den Autor Holberg als augenzwinkernden Kenner der literarischen Praktiken der Humanisten dar. Da dem intendierten gelehrten Publikum sowohl die klassischen als auch die humanistischen Menippeischen Satiren bekannt gewesen sein dürfen, war für sie die Durchdringung der epistolaren Autobiografie mit dem intellektuellen Gestus offensichtlich. Die Einarbeitung und die Auseinandersetzung mit fremder Literatur ist natürlich nicht nur ein Gattungsmerkmal der Menippeischen Satire, vielmehr reproduziert sie die gelehrte Grundpraxis des wissenschaftlichen Schreibens. Doch bevor die wissenschaftlichen Abhandlungen geschrieben werden können, muss sich im Dialog mit der Forschung dem Thema genähert werden. Das geschieht über eine gleichermaßen dialogische wie rekonfigurierende Operation: Die Kunst des Exzerpierens, die als ars excerpendi bis heute ein wichtiger Pfeiler der wissenschaftlichen Praxeologie ist. Auch wenn sie antike Wurzeln besitzt, wurde sie erst in der Ratgeberliteratur der Frühen Neuzeit systematisiert und ausführlich gelehrt. 63 Zum eigentlichen Schreiben des Exzerpts gehört auch die Auswahl, Verarbeitung und Archivierung des exzerpierten Materials (Décultot/ Krämer/ Zedelmaier 2020: 170). Die Lektüre ist dabei von den individuellen Absichten der lesenden Person geleitet und auf die spätere Nutzbarmachung der Notizen ausgerichtet, was sich etwa in der Verschlagwortung nach Ordnungsprinzipien niederschlägt. Diese erste Rekonfiguration der Texte, ihre Neuanordnung und Umschrift im persönlichen Archiv, durchläuft in der anschließenden Textproduktion eine weitere, sekundäre Stufe der Rekonfiguration: „ Excerpts can take the form of easily identifiable quotations, but they can also be obscured beyond recognition, consciously or unconsciously, with regard to their origin, by various editing methods (paraphrase, translation, etc.) “ (Décultot/ Krämer/ 63 Im Rahmen eines wissenschaftsgeschichtlichen und -poetischen Forschungsprojekts (Décultot 2014, Décultot/ Zedelmaier 2017; Décultot/ Krämer/ Zedelmaier 2020) erschienen in den letzten Jahren einige Sammelbänder zum Exzerpieren. 128 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="129"?> Zedelmaier 2020: 170). Da die Möglichkeiten solcher Verfahren von den technologischen Bedingungen abhängen, müssen nicht nur wissenschafts- und rhetorik-, sondern auch mediengeschichtliche Veränderungen einbezogen werden. Exzerpieren steht darüber hinaus in einem engen Verhältnis mit dem Zitieren und Plagiieren, die ihrerseits historischen Modifikationen unterliegen. Alle Praktiken weisen auf die Vernetzung der Literatur: Das Exzerpieren als gelehrte Praxis der Intertextualität zeigt in den Exzerpten, Zettelkästen und Manuskripten materiell, was die poststrukturalistische Intertextualitätstheorie als Netzwerk oder Gewebe der Literatur denkt. Die ars excerpendi darf als praxeologische Antwort auf den expandierenden Buchmarkt der Frühen Neuzeit verstanden werden. Exzerpte sollten gemäß den Ratgebern anhand von festen Regeln erstellt und in verschlagworteten und thematisch geordneten Exzerptbüchern gesammelt werden. Als fester Bestandteil des rhetorischen Systems bedient sich das Exzerpieren für diese Ordnungsprinzipien der humanistischen Topik. Exzerpte gehörten zum Alltag eines europäischen Gelehrten und bildeten neben der reinen Wissensaneignung stets die Grundlage eigener Texte (Décultot/ Krämer/ Zedelmaier 2020: 172 - 173). Im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts veränderte sich die strenge Kategorisierung in eine freiere, assoziative Form, die Exzerpte in heterogenen miscellanea oder adversaria lediglich nach dem Aufzeichnungszeitpunkt geordnet bündelte. Dies ermöglichte es, Exzerptbücher auch für nicht primär wissenschaftliche Zwecke anzulegen und poetologisch zu erkunden (z. B. wie Lichtenberg in seinen Sudelbüchern). Johann Joachim Winckelmann nutzte seine umfangreiche Exzerptpraxis etwa als Form des Selbst-Schreibens, indem er kürzere Exzerpte als Stationen seines Lebens tabellarisch sammelte und so „ [a]us dem Zusammenflicken ‚ fremder ‘ Zitate [ … ] ein Porträt seiner selbst “ schuf (Décultot 2018, dazu auch 2020: 254). Diese Übersicht der Exzerpte stellte für ihn auch eine Form der performativen Aneignung der Bücher dar: Indem er seine Biografie damit nacherzählte, waren sie nicht bloß gelesene Bücher oder erworbenes Wissen, sondern Teil seines individuellen Lebens. Während Winckelmann die produktiven Seiten des Exzerpierens erkundete, wurde an anderen Stellen Kritik an der Praxis laut. Es hieß, sie beeinträchtige den freien Gedankenfluss und produziere statt Neuem nur bereits gedachte Gedanken - mit anderen Worten: Plagiate. Wurde derart Krieg dagegen geführt, existierte die ars excerpendi im Geheimen doch weiter - und ist bis heute nicht verschwunden. 64 Da sie am Scheitelpunkt zwischen Wissenserwerb und -produktion steht (Décultot 2020: 240), formuliert die Exzerpierkunst aus poetologischer Sicht für den Wissenschaftsdiskurs aus, dass durch Abschreiben und Zusammenfassen Neues entsteht. Bereits der Zedler macht im Artikel über das „ Excerpiren “ darauf aufmerksam, dass die Gelehrsamkeit auf die Erfahrungen anderer angewiesen sei, um zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Die Rekontextualisierung enthebt den zitierten Text aus seinem ursprünglichen Sinngefüge in ein neues Netzwerk, sodass „ derselbe Text einen anderen Sinn erhalten “ kann (Cevolini 2017: 33). Das Exzerpieren kann daher als parergonales Verfahren begriffen werden, das von außen im Innern der gerahmten und zitierten Texte mitarbeitet. 64 Das beweist u. a. die kürzlich erschienene Sonderausgabe der Berichte zur Wissenschaftsgeschichte zum Exzerpieren in der Moderne (Décultot/ Krämer/ Zedelmaier 2020). 6.3 Exzerpierendes Erzählen 129 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="130"?> Ähnlich wie Winckelmann konstruiert Holberg mit der Zitatcollage seine Lebensgeschichte aus den Bauklötzen der früheren Lektüren, begnügt sich aber nicht wie jener mit einer tabellarischen Übersicht, sondern bindet die Zitate in eine Erzählung ein. Damit wird das Exzerpieren zur autobiografischen Praxis, sodass auch für AVPE I gilt: „ excerpting other works was a form of writing about himself “ (Décultot 2020: 254). Bemerkenswert ist dabei der Dialog zwischen den rekontextualisierten Intertexten, die aufgrund der Bezüge untereinander und mit dem rahmenden Brief statt einer linearen Erzählung ein dichtes, vielschichtiges Gewebe bilden. Dadurch wirkt das exzerpierende Erzählen dynamisierend und genauso pluralisierend wie die Aufspaltung des Ichs in (figurierte) Pseudonyme. Indem AVPE I Holbergs Lektürebiografie narrativiert, stellt er einerseits den Autor als poeta ductus dar, der ein weitreichendes Spektrum von der Antike bis zu beliebten modernen Texten kennt und sich auch als deren Schüler ausweist. Die gelehrten Leser: innen konnten diese zeigende Geste entschlüsseln und beobachten, „ wie der Autor sein Thema beobachtet (behandelt, verstanden, missverstanden) hat “ , wie er sich also zu den zitierten Texten verhält und sie sich zu eigen macht (Cevolini 2017: 35; s. auch Billeskov Jansen 1939: 76). Es ist in diesem Sinn ein narratives und typografisches „ Schau her, das hat meine literarische, rhetorische und philosophische Einstellung geprägt “ . Zusätzlich zur Parergonalität des Exzerpierens, die von außen nach innen wirkt und den zitierten Texten im neuen Kontext einen anderen Sinn verleiht, kontrastieren die satirischen Zitate in AVPE I die vermeintliche Authentizität des autobiografischen Rahmens. Demnach gibt der rahmende Text den Zitaten zwar einen neuen Sinn, er kann aber auch von diesen modifiziert werden, wenn sich das Netzwerk des Exzerpierten verselbständigt und eigenen Sinn produziert. Die exzerpierende Rekonfiguration ist infolgedessen dynamisch und nur bedingt auktorial steuerbar. Dies trifft auch gerade auf diese Fälle zu, wenn die Leser: innen nicht mehr der linearen Darstellung des Textes folgen, sondern an den Punkten der Zitate aussteigen, um diesen weiter zu folgen. Ein solches Potenzial der nicht-linearen Lektüre entfaltet der AVPE I, sofern die Leser: innen die Herkunft der Zitate kennen oder dieser forschend nachgehen, um die Funktion der intertextuellen Masken zu verstehen. Im Licht der Exzerpierkunst betrachtet, kann der oben gemachte Befund, dass sich die Zitatcollage an Gattungen und Praktiken anlehnt, auf eine performative Geste der Literatur umformuliert werden: Die polyphone Textgestalt und die bald offensichtlichen, bald unkenntlich gemachten Zitate bilden das Exzerpieren selbst ab und verwandeln den AVPE I in eine Art buchgewordene Schreibkammer, in der sich die schriftstellerische Arbeit als Spur noch nachverfolgen lässt. Maßgeblich ist dabei, dass das exzerpierende Erzählen wie das epistolare Erzählen im Allgemeinen eine genuin schriftliche Praxis repräsentiert, die keine Rückbindung an Konzepte der Vokalität besitzt und - hier knüpft es an die für AVPE I bereits festgestellten Erzähltechniken an - mit Literatur hantiert. Der Umgang mit der Literatur wird demnach in den Editions-Szenen der paratextuellen Rahmung als Umgang mit Briefen und Büchern, im Brief als bibliophile und gelehrte Praxeologie des Exzerpierens vorgeführt. 130 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="131"?> 6.3.3 Literarische Welt Was AVPE I zu einer bemerkenswerten Form des Selbst-Schreibens macht, ist die Tatsache, dass sie Literatur im Erzählen und in der Geschichte in den Fokus rückt. Das Exzerpieren und der Umgang mit Büchern äußert sich also nicht nur in der Erzählweise, sondern auch in den geschilderten Erlebnissen des vagabundierenden Holbergs. Denn in den Städtebeschreibungen werden stets die Bibliotheken und deren Büchersammlungen vorgestellt und erläutert, welche Services die einzelnen Institutionen anbieten und ob es sich dort in Ruhe arbeiten lässt. Damit taugt der Text ebenfalls als Studienführer. Doch die Bibliotheken bieten auch den idealen Schauplatz, um die Figur Holberg in Lese- und Schreib-Szenen darzustellen und zu zeigen, wie der Autor mit seinen Exzerpten umgeht und welche Rolle diese in seiner dynamischen Lektüre- und Schreibpraxis einnehmen. Ähnlich wie das exzerpierende Erzählen, das von der gelehrten Praxis zum intertextuellen und polyphonen Selbst-Schreiben umgeformt wird, verlässt die literarische Praxis den literarischen Raum und passiert die Grenzen der Bibliothek. Oft sieht sich Holberg auf seinen Studienreisen mit einer Verknappung konfrontiert, meistens handelt es sich um finanzielle Engpässe, doch bisweilen kommt es zu Einschränkungen seiner gelehrten Praktiken. Denn die einzelnen Bibliotheken besitzen je nach geltendem Recht unterschiedliche Maßstäbe, welche Bücher frei zugänglich sind und welche eine institutionelle Erlaubnis benötigen. In den römischen Bibliotheken Minerva und Sapientia wird ihm der Zugang zu den verbotenen Büchern verwehrt, weshalb er sich mit einer begrenzten Auswahl an Literatur begnügen muss. Hinc intra limites valdè angustos restricta fuere studia mea. In solis antiqvitatibus Romanis ac novis quibusdam descriptionibus Romæ hærebam. Ejusmodi librorum lectio fax mihi erat regiones ac vicos urbis lustranti interqve rudera erranti; Nam qvovis ferè die cum serenum esset c œ lum, integrâ horâ per scrupos glarearumqve fragmenta trahebam saucios pedes, excerpta manu tenens, qvorum solum lumen evicit errorem ac viam ostendit. (AVPE I: 107) Daher waren meine Studien auf sehr enge Grenzen beschränkt. Ich verharrte bei den römischen Altertümern und einigen neueren Beschreibungen von Rom. Die Lektüre dieser Bücher war mir eine Fackel, wenn ich die Viertel und Straßen der Stadt erkundete und durch die Ruinen wanderte; Denn fast jeden Tag, wenn der Himmel klar war, schleppten mich meine wunden Füße durch Kies und Gestein, die Exzerpte in der Hand haltend, deren Licht allein mich vor dem Verirren bewahrten und mir den Weg wiesen. Mit den Exzerpten in der Hand ( „ excerpta manu tenens “ ) als lotsende Fackel wandert Holberg durch die noch unbekannte Stadt, folgt ihnen blind und orientiert sich an den Worten der antiken Autoren und Reiseführer. Seine Lektüre und Notizen werden aus dem unmittelbaren Kontext der Bibliothek entkoppelt; indem sie die Reise anleiten und Bereiche der Stadt beleuchten, bestimmen sie maßgeblich darüber, was Holberg überhaupt wahrnehmen kann: Er sieht Rom nicht mehr, er liest es. Im Gegensatz zu den später florierenden Berichten über Reisende, deren Blicke derart in den Reiseführern klebten, dass sie mehr die Seiten ihrer Führer als die darin beschriebene Umgebung sahen, lotsen hier die nach den persönlichen Kriterien rekonfigurierten Exzerpte den Besuch. Daher handelt es sich um einen zwar von der Literatur informierten, dennoch persönlich entwickelten Verlauf. Die Erkundung imitiert das Exzerpieren, indem sie die schreibende Lektüre in die Inschrift in den städtischen Raum überführt. Indem sich Holberg zwar von 6.3 Exzerpierendes Erzählen 131 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="132"?> den Exzerpten anleiten lässt, hält er Kontakt mit der Literatur, gleichzeitig bahnt er sich seinen Weg durch die Stadt, die sich dadurch von den Besuchen anderer Reisender unterscheidet. 65 Diese Projektion des Exzerpierens auf die Lebenspraxis funktioniert auch deshalb, weil sowohl die Bibliothek als auch Rom kulturell als Gedächtnisorte, die Wissen und Geschichten räumlich fixieren, konnotiert sind. Wer durch Rom wandelt, geht durch die Geschichte und die Literatur, genauso wie die Lesenden in der Bibliothek die gesammelte Geschichte zwischen den Buchdeckeln passieren. Holbergs räumliche Lektüre ist indessen besonders kreativ und originell, weil er infolge der Literaturverknappung mit seiner Route ein eigenes Rom erschafft. Dass Holbergs Inschrift in die ewige Stadt, seine Imitation des Exzerpierens außerhalb der Bibliothek, in AVPE I wiederum zur Literatur wird, führt die metaphorische Projektion in einer Doppelwendung zurück auf ihren Ursprung. Sie ist Teil von Holbergs Selbstvergewisserung, aber - mit der epistolaren Ausrichtung auf das Du gedacht - auch vor allem Strategie der Selbstdarstellung. Insofern inszeniert sie die Stadttour als literarische Praxis und den Autor während einer ästhetischen Produktion außerhalb der Schreibkammer. Holberg ist ein solch talentierter Schriftsteller, dass er sogar ohne Feder und Papier schreiben kann - und zwar sich selbst in den Gedächtnisraum Rom. Insofern als andererseits Rom als literarischer Raum gedacht wird, präsentiert sich der wandernde Holberg als literarisierter Autor. Es ist daher kaum überraschend, dass sogar der erste Impuls für Holbergs Europareise von Büchern ausging: „ Idem Mag. Smidius plerasqve Europæ regiones juvenilibus annis peragraverat: evolvebam horis subsecivis diaria ejus, è qvorum lectione ingens me cupido cepit peregre abeundi “ (AVPE I: 14 - 15). 66 Selbst die Reiseform kopiert er aus seiner Lesefrucht, denn wie es der Magister Smed in seinen Reisetagebüchern dargestellt hatte, wird auch Holberg zu Fuß durch Europa pilgern ( „ peragraverat “ ). Während die Lektüre Holberg vor seiner Reise und in Rom hinaus in die Welt leitet, führt sie ihn während des einsamen Parisaufenthalts zu sich selbst und lässt ihn zum eigenbrötlerischen Buchmenschen werden. 67 Denn in Ermangelung von Bekanntschaften sind ihm die Bücher Freunde und Gesprächspartner, mit denen er sich dialogisch und exzerpierend auseinandersetzt: Sed ut ad telam revertar, hospitium tandem nactus sum in suburbio Sti Germani, in qvo aliqvot menses philosophicè admodùm transiguntur, inqve tanta hominum freqventia, tanqvam in secessu & extra societatem humanam constitutus, mecum tantùm & cum libellis loqvebar, nam præter hospitem meum ne minem noveram nemini ipse notus; freqventavi qvidem qvavis die hortos publicos, videbam ibi infinitam hominum multitudinem, sed sylvæ mihi erant non horti, arbores non homines, adeò ut in ipsa affluentia alter ego Tantalus sitirem: [ … ]. (AVPE I: 57 - 58) Aber um den Faden wieder aufzunehmen: Ich habe am Ende eine Unterkunft in der Vorstadt St. Germain gefunden, wo ich einige Monate ganz philosophisch verbrachte, mitten in der Menschenmenge war ich wie in der Einsamkeit und außerhalb der menschlichen Gesellschaft 65 Dafür spricht, dass im Kommentar der LHS konstatiert wird, es sei verwunderlich, dass Holberg das antike Portal, das er an dieser Stelle beschreibt, überhaupt gefunden hat (Gredal Jensen 2018). 66 „ Derselbe Magister Smed hatte in seinen jungen Jahren die meisten Regionen Europas durchwandert: Ich verbrachte Stunden damit, seine Tagebücher zu lesen, und deren Lektüre erfassten mich mit dem ungeheuren Wunsch, ins Ausland zu gehen “ . 67 Die Bibliothek war häufig Aufenthaltsort kauziger Gelehrter (Dickhaut 2021: 49). 132 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="133"?> angesiedelt, und ich sprach nur mit mir selbst und meinen Büchern, da ich außer meinem Wirt niemand kannte; jeden Tag besuchte ich die öffentlichen Parks, wo ich eine unendliche Menge an Menschen sah, aber für mich waren es Wälder, keine Parks, Bäume, keine Menschen, sodass ich in diesem Überfluss dürstete wie das Alter Ego von Tantalus: [ … ]. Die Szene ist mit leuchtenden Farben gemalt: Mitten in der Stadt, inmitten so vieler Menschen steht Holberg allein außerhalb der Gesellschaft. Wenn er die Zeit als besonders philosophisch bezeichnet ( „ menses philosophicè “ ), lässt ihn der alleinige Dialog mit der Literatur zum Typus des einsamen Philosophen werden, der den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hat. Dieser allmähliche Realitätsverlust zeichnet sich in den fingierenden Transformationen der Welt um ihn herum ab, da er wie ein moderner Ovid im zeitgenössischen Paris das Vorhandene in Fantasiegestalten verwandelt. Damit übertritt er wiederum die Grenzen zwischen Literatur und Wirklichkeit, doch dieses Mal handelt es sich nicht bloß um eine Inschrift in die fremde Stadt, sondern eine poetische und fingierende Produktion. Was sich hier in Kleinstformat äußert, lässt sich am besten als eine solche Verquickung von mythologischen Gestalten und Erzählungen und dokumentierenden Bericht verstehen, wie Hans Christian Andersen in Dryaden ( „ Die Dryade “ , 1868) seinen Parisbesuch literarisch verarbeiten wird. Genauso erschafft sich Holberg mithilfe der Fantasie etwas später eine eigene Landschaft und verwandelt die Landhäuser vor Marseille zu Städten. „ Brevi novum orbem mihi fingebam ” , kommentiert er mit Plinius (Kragelund 1962: 25) und das Schlagwort der ars fingendi aufnehmend seinen poetischen Tourismus (AVPE I: 84). 68 Holbergs Selbstdarstellung als kochender Philosoph war bereits in Bezug auf die Inszenierung von Fiktionalität und epistolarer Intimität Thema. Doch diese äußerst exzentrische und bildhafte Lese-Szene aus dem Romaufenthalt ist auch eine Schlüsselstelle für das exzerpierende Erzählen und die Literarisierung des Autors. Sie bringt Gelehrten- und Lebenspraxis nicht nur in engsten Kontakt und synchronisiert sie sogar, sondern stellt Holbergs exzerpierendes Erzählen zudem allegorisch als Suppenküche dar. Ne verò occupationibus his tempora studiis dari solita insumerentur, ante caminum stabant stilus & pugillares, unaqve manu librum, alterâ cochleare tenebam. Didici tamen interdum cum damno meo haud factu facile esse coqvere simul ac philosophari; Sæpè enim, cùm nimis attente legerem vel scriberem, in ollam meam adeò sæviebat Vulcanus, ut tota ferè puls in corticem egregiè adustam abierit, Fumidus aut alte spumis exuberaverit amnis. Puduit me initio sordidæ hujus occupationis, præsertim cùm ad animum revocarem pristinum nitorem, at excutitur mox iste pudor, cùm viderem nil usitatius esse in Italia. In hospitio meo duo erant Patricii Neapolitani, qvos in eodem ministerio occupatos non semel offendi, reseratis utriusqve cubiculi januîs, Fumantes pultibus ollæ Concentum fecerunt; Mea, utpote exigua olla, cantum primum & eorum, qvæ grandior erat, Bassum. (AVPE I: 102 - 103) 68 „ In Kürze fingierte ich eine neue Welt. “ Im Anschluss erklärt er, wie er die Palais in Städte verwandelt: „ Campos extra urbem ornant varietate gratissimâ, nunc intermissa, nunc continua tecta villarum, qvæ præstant multarum urbium faciem “ (AVPE I: 84; „ Die Ländereien außerhalb der Stadt sind höchst angenehm und vielfältig geschmückt, bald mit unterbrochenen, bald mit zusammenhängenden Dächern der Landhäuser, die den Anschein vieler Städte geben “ ). 6.3 Exzerpierendes Erzählen 133 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="134"?> Um die Zeit, die ich normalerweise meinen Studien widmete, nicht für diese Beschäftigung einzusetzen, standen Feder und Schreibtafel vor dem Ofen und in der einen Hand hielt ich das Buch, in der anderen den Kochlöffel. Ich musste jedoch zu meinem Schaden lernen, dass es nicht leicht ist, gleichzeitig zu köcheln und zu philosophieren. Denn oft wenn ich mich zu sehr im Lesen und Schreiben ereiferte, wütete Vulcanus so sehr in meinem Topf, dass fast der ganze Brei zu einer ganz besonders verbrannten Kruste wurde, dampfend im Gefäß und hoch über mit Schäumen wallend. Zuerst schämte ich mich über diese schmutzige Beschäftigung, vor allem wenn ich mich an die frühere Eleganz erinnerte, aber diese Scham wurde bald abgeschüttelt, als ich sah, dass in Italien nichts üblicher war. In meiner Unterkunft befanden sich zwei neapolitanische Adlige, die ich mehr als einmal mit derselben Verrichtung beschäftigt sah; wenn die Türen beider Zimmer offen standen, vollbrachten die dampfenden Töpfe mit dem Brei einen harmonischen Zusammenklang. Meiner, nämlich ein kleiner Topf, machte die Hauptstimme und ihre, die größer waren, den Bass. 69 Das Buch in der einen Hand, den Kochlöffel statt der Feder in der anderen. Die Szene ist in Wortwahl und rhetorischer Figuration formvollendet: Der eifrige Philosoph, der sich in seine Exzerpiertätigkeit hineinsteigert, wird nur noch vom Feuer überboten, das letztlich über Erfolg oder Niederlage bestimmt. Mit dem personifizierten Vulcanus als Kontrahenten wird das Bild zweier debattierender Hitzköpfe präsentiert: Holberg gegen den Kochtopf, wobei jener nur verlieren kann, weil er einem Gott gegenübersteht. „ Didici tamen interdum cum damno meo haud factu facile esse coqvere simul ac philosophari “ , erkennt Holberg, gleichzeitig kochen und philosophieren verlangt Geschick und Balancegefühl. Der kochende Philosoph liest, schreibt und rührt zusammen und hofft darauf, dass das Ergebnis genießbar ist. Die Verbindung zwischen der allegorischen Szene und der literarischen Praxis bildet zum einen Holberg selbst, dessen zwei Hände die Welten zusammenbringen, zum anderen das Verb „ coquere “ , das nebst „ kochen “ auch figurativ „ über etwas brüten, etwas ersinnen “ bedeuten kann (Georges 1913: 1688). Genauso wie die richtige Mischung an exzerpierter Grundlage gewahrt werden muss, müssen sich Philosophieren und poetisches Ausbrüten die Waage halten, damit nicht zu hitzköpfig oder zu fantastisch literarisch komponiert wird. Doch die Szene bindet danach noch die italienischen Mitbewohner in Holbergs Gasthaus ein, die dieselbe Lektürestrategie einsetzen: Gemeinsam mit den Neapolitanern bildet Holberg einen Chor kochender Philosophen, deren Gebrautes im permanenten Austausch steht und sogar zum wohlklingenden Konzert wird. Holberg arbeitet demnach in seiner Schreibpraxis wie ein Koch, der unterschiedliche Quellen und Selbstausgebrütetes vermischt, und bleibt dabei, illustriert an dem Kochkonzert, mit der europäischen Gelehrtenwelt im Dialog. Mithilfe der Schreib- und Lese-Szenen konstituiert AVPE I eine Welt, in der die Grenze zwischen Bücherwelt und Wirklichkeit verschwindet und gelehrte Schreib- und Lesepraktiken performativ in den Raum außerhalb der Bibliotheken getragen werden. Die Lektüre in der Form von Exzerpten gestaltet dabei die Wahrnehmung, indem sie Orte erhellt und mit den Worten der Autoren neue Welten erschaffen werden können. Die Inschrift in den Gedächtnisraum erfolgt einerseits geografisch in der Wanderung durch 69 Die Zitate sind aus der Aeneis (Verg. A. 7.465) sowie von Juvenal (Juv. 5.14). 134 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="135"?> Europa, andererseits literarisch in der Narrativierung ebendieser Reise. Gleichermaßen stellen die Selbstgespräche mit den Büchern und das kochende Philosophieren die Auseinandersetzung mit der Literatur und das exzerpierende Erzählen selbst dar. Diese performativen Schreibpraktiken arbeiten mit und in der Literatur und lassen die Worte anderer zu den eigenen werden. Die Verbindung von Literatur und Welt scheint schließlich auch den umgekehrten Weg gehen zu können. Am Ende des Briefs führt Holberg seine polymorphe Krankheit, den morbus, ein, die dynamisch den Ort der Schmerzen wechseln und verschiedene Effekte auf Holbergs Wesen haben kann. Der morbus schaltet auch die Wechselwirkung von Literatur und Wirklichkeit über den Körper des Autors kurz, da er den Wechsel von Lese- und Schreibgewohnheiten anstößt. Integrum biennium cephalargiâ adeo vexatus sum, ut ab omni meditatione abstinere coactus fuerim. Intereaqve temporis non nisi libros historicos ac ephemerides legebam. At post exactum istud biennium, morbô sedem aliò transferente meditationibus Philosophicis ac poësi maxime delectabar, & tunc exaratum à me est poëma istud heroicum una cum satyris ac com œ diis, qvarum nuper conspectum dedi. (AVPE I: 202) Zwei ganze Jahre litt ich so sehr an Kopfschmerzen, dass ich gezwungen war, auf jegliches Nachdenken zu verzichten. Während dieser Zeit las ich nur historische Bücher und Zeitschriften. Aber als die Krankheit nach genau zwei Jahren den Ort wechselte, hatte ich meine höchste Freude an philosophischen Reflexionen und an der Poesie; und da verfasste ich dieses Heldengedicht zusammen mit den Satiren und Komödien, von denen ich unlängst einen Abriss gegeben habe. Die Phase der Satiren und Komödien, die später den Namen Den Poetiske Raptus ( „ Der poetische Raptus “ ) erhielt, begründet Holberg psychopathologisch als Krankheitssymptom. Die psychopathologische Auseinandersetzung in den AVPE I - III dient zwar einerseits zur Darstellung von Holbergs philosophischer Auffassung (Thomsen o. D.). Andererseits gehört sie zum Motiv der Projektion von literarischen Praktiken in die Lebenspraxis, wo sie die schriftstellerische Arbeit als Konnex von Psyche, Physis und ästhetischer Produktion zeigt. Insofern als Lesen und Schreiben Symptome einer Krankheit sind, wird Holbergs Werk zur Verlängerung seines Körpers; bezieht man dann noch die autobiografische Prosopopoiia in die Interpretation ein, zeigt sich der AVPE I buchstäblich als das Gesicht des Autors. Literatur und Wirklichkeit sowie Körper des Autors stehen folglich in permanenter Wechselwirkung, ihre Praktiken können metaphorisch von dem einen Bereich in den anderen projiziert werden. Dadurch errichtet AVPE I eine Welt aus Text, die nach literarischen Regeln funktioniert. Dass die AVPE schließlich in Latein geschrieben sind, fördert diese Literarisierung der Welt und des Autors, da Latein als Sprache, die vor allem in der Schrift existiert, unmittelbar mit Schriftpraktiken assoziiert werden kann. Der Text tritt dadurch linguistisch und literaturgeschichtlich in eine Auseinandersetzung mit der Buchstabenwelt der lateinischen Literatur. 6.4 Die Literarisierung des Autors Der AVPE I bringt Literatur und literarische Praktiken mit verschiedenen Mitteln auf die Bühne und präsentiert sich infolgedessen selbst als performative Literatur. Zunächst 6.4 Die Literarisierung des Autors 135 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="136"?> inszeniert der Paratext die Evolution des Buches von seiner initialen (handschriftlichen) Schreibszene bis zur abschließenden Schlusskorrektur der Errata und lässt die Akteure des Literaturbetriebs (Autor, Herausgeber, Drucker und Setzer) auftreten. Was im Brief inhaltlich im Fokus steht, Holbergs literarisches Schaffen, wird in den Paratexten und der Einleitung figurativ ausagiert. Die performativen Paratexte funktionieren zudem metaleptisch, sodass der Ursprung des Erzählens nicht mehr bestimmt werden kann. Die einzelnen Erzählstimmen können nicht in ein Rahmungsschema eingeordnet werden; es bleibt unbestimmt, welche Erzählinstanz die andere gebiert. Da sich die Prosopopoiia vor allem über die Figur der Apostrophe entfalten kann, also in der Adressierung eines Abwesenden, wird auch hier eine schlichte Zuordnung verhindert. Ist es die Apostrophe des Vir Perillustris im Vorwort ( „ celeberrimus Autor “ , AVPE I: ii), die den Briefverfasser Holberg entstehen lässt bzw. sich selbst generiert? Oder entstehen vielmehr umgekehrt beide aus der Adressierung des Vir Perillustris der Briefeinleitung ( „ NIhil est, Vir Perillustris, qvod libentiùs suscipio “ , AVPE I: 1)? Oder schließlich beide aus der impliziten Apostrophe der Errata ( „ Non absqve aliqva animi ægritudine video epistolam ab amico “ , AVPE I: 213)? Das Motiv der Vervielfältigung taucht nochmals im eigentlichen Brief auf, wobei es dort sowohl medial als auch narrativ vollzogen wird, indem literarische Praktiken in die diegetische Welt überführt werden: Zum einen wird das Pseudonymisierungsverfahren selbst anhand von repräsentierten Titelblättern präsentiert, danach auch auf Holbergs Inkognito während der Europareisen und die Auftritte von Doppelgängern projiziert; zum anderen verhandelt die Geschichte das exzerpierende Erzählen performativ als Praxis außerhalb der Studierzimmer und verdeutlicht den Dialog mit der Literatur und die ästhetische Produktion, die Quellen kreativ mischt. Damit wirft AVPE I inhaltlich einen Scheinwerfer auf das Exzerpieren, das sich bereits medial und materiell in der Textgestalt bemerkbar macht. Die typografische Formatierung der exzerpierenden Intertextualität ergibt mediale Polyphonie und einen hybriden Text. Dabei verstärkt sich der Eindruck der Hybridität noch dadurch, dass der Haupttext visuell und intertextuell wie eine Menippeische Satire erzählt. Fundament dieser Hybridisierungsverfahren ist die Fiktion der Veröffentlichung eines nicht autorisierten Briefs, aus deren Editions-Szene sich weitere performative Zitiergesten entwickeln können. Ihre Rekontextualisierung des intimen Briefs spiegelt die Rekonfiguration von Exzerpten und eigenem Text auf der extradiegetischen Ebene. Indem die Schreib- und Lesepraktiken in anderen Bereichen des Lebens auftauchen und diese anleiten, profiliert sich die gelehrte Schriftlichkeit als allumfassende Praxeologie. Die Schauplätze der Reisen sind nunmehr Buchseiten, die nach den Regeln der gelehrten Exzerpierkunt schreibend gelesen werden. Auffällig ist hierbei nebst dem Vorzug, den die schöpferische Kraft erhält, dass der Transfer eine satirische mundus inversus erschafft, bei der das Exzerpieren außerhalb der Bibliothek in der realen Welt existiert. Wie bei den Menippeischen Satiren der Humanisten etabliert der AVPE I damit eine Nabelschau der gelehrten Welt. Dies bedingt ebenso, dass jegliche Figuren der intradiegetischen Welt zu Elementen eines literarischen Produktes werden - eine Konsequenz, die im Umkehrschluss erläutert, weshalb die Produktion von Pseudonymen und Doppelgängern in der Narration zu wuchern scheint. 136 6 Ludvig Holbergs Inschriften Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="137"?> Die Semantisierung des Paratextes und der Zitierstrategie, das Übergreifen der literarischen Praktiken auf andere Bereiche der Textwelt, sodass alles nur noch aus Lesen und Schreiben besteht, - sie führen alle dazu, dass das Konzept der Stimme dem Text fremd wird. AVPE I legt seine Rhetorisierung und Literarisierung ständig offen, indem er die Schrift und den Druck zur Semiose und zur Narration nutzt. Welche Rolle spielt dabei die Erzählfunktion Brief? Die Vervielfältigungen der Autorfigur, die paratextuell, medial und narrativ stattfindet, sind Verfahren der Prosopopoiia und der Apostrophe. Wie es Culler für die Apostrophe beschrieben hat, bevölkern auch in AVPE I Holbergs pseudonyme Selbstfragmente die mediale und die diegetische Welt und zwingen das Ich in die permanente, selbstreflexive Auseinandersetzung. Dabei spielt die Epistolarität eine maßgebliche Rolle, da sie nicht nur den Aspekt der Selbstdarstellung hervorhebt, sondern auch von Beginn an dialogisch ausgerichtet ist. Genauso wie sich das Ich im Brief dialogisch konstituiert, lebt auch AVPE I im Paratext, in der Geschichte und im exzerpierenden Erzählen durch seine Dialogizität. In den zwei Folgebriefen AVPE II - III werden diese Strategien reduziert, da zwar weiterhin der wohlgeborene Herr adressiert wird und Zitate aus der klassischen Literatur eingesetzt werden, die Texte jedoch ohne Herausgebervorworte und fiktive Doppelgängerfiguren auskommen. Alles spricht dafür, AVPE I als bewusste Selbstdarstellung des Autors Holberg zu verstehen: Freilich behandelt er die eigene Autorschaft explizit, wenn er die bisher erschienen Werke vorstellt, doch die performativen Strategien sind umso beeindruckender: Er präsentiert in den metareflexiven Schreib- und Lese-Szenen seine Poetologie und seinen Arbeitsmodus, legt exzerpierend seine Lektürebiografie und das Zeugnis des poeta ductus ab und beweist literarisches Können, indem er in der hybriden Mischung aus Versatzstücken verschiedener Autoren, Gattungen und Themen das rechte Maß hält. Indem er sich so mit den Worten seiner Vorbilder in die Literatur einschreibt und die Prinzipien seiner Autorschaft für die Nachwelt festhält, schafft er sich buchstäblich eine Maske und lässt den AVPE I mittels Prosopopoiia für sich sprechen. Das ist die Literarisierung des Autors. Daher ist es einerlei, wie fiktional oder faktual die erzählten Ereignisse aufzufassen sind, weil das eigentliche Interesse in der Erzählweise liegt. 6.4 Die Literarisierung des Autors 137 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="138"?> 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente: Epistolare Utopie und kollektives Erzählen 7.1 Reisebriefe aus zwei unbekannten Ländern Am 5. Mai 1770 wurde im Carlscronas Weckoblad eine neue Wochenschrift angekündigt, in der ein Reisender über die moralischen, politischen und ökonomischen Zustände zweier unbekannter Länder berichten und dabei gleichwohl unterhaltsame Abschnitte nicht missen lassen würde. Indianiske bref, är et värk, hvaraf första arket, vil Gud, d. 27 i nästa månad kommer at här af trycket utgifvas. Arbetet innehåller en resandes beskrifning om tvänne främmande och hittils obekanta land, det ena under dess fall och förderf, ock det andra under dess upprättande; hvarvid många besynnerliga händelser förekomma och hvilka länders Politiska, Moraliska och Oeconomiska beskaffenhet afskildras [ … ]. (Carlscronas Weckoblad. Nr. 18, 05.05.1770) Indianische Briefe ist ein Werk, dessen erste Ausgabe, so Gott will, am 27. des nächsten Monats hier als Druck erscheinen wird. Das Werk enthält die Beschreibung eines Reisenden über zwei fremde und bisher unbekannte Länder, das eine im Niedergang und Verfall, das andere im Aufbau; dabei kommen viele merkwürdige Ereignisse vor und die politische, moralische und wirtschaftliche Beschaffenheit dieser Länder wird beschrieben [ … ]. Die Werbung sollte dazu anregen, die wöchentlich erscheinenden Hefte entweder zu abonnieren oder einzeln zu erwerben. Dabei handelte es sich um die Indianiske bref. Eller Utförl. Beskrifning Öfwer Twänne Obekanta Rikens Moraliska, Politiska och Oeconomiska Beskaffenhet ( „ Indianische Briefe. Oder Ausführl. Beschreibung der moralischen, politischen und ökonomischen Beschaffenheit zweier unbekannter Reiche “ ), 24 Briefe eines anonymen Verfassers an seinen Freund Aristippe, 1 die von zwei Inselstaaten berichten, dem verkommenen Philippinien und dem beispielhaften Petræa. Die Annonce lässt einen Text erwarten, der wie die beiden Bestseller Gulliver ’ s Travels (1726) und Nicolai Klimii iter 1 Der Name scheint vermutlich intertextuell angelegt. Eine mögliche Lesart würde sich, wie Ljungquist knapp referiert, auf den griechischen Philosophen Aristippos von Kyrene beziehen, der die hedonistische Schule gründete (Ljungquist 2001: 83, FN 152). Die hedonistische Philosophie würde jedoch den sonstigen moralischen Vorstellungen der IB widersprechen, weshalb es plausibler ist, dass der Name von dem Fürstenspiegel Aristippe, ou De la Cour (1658; Herren von Balzac Aristippus, oder, Von dem Hof-Leben, 1662) des französischen Autors Jean-Louis Guez de Balzac übernommen wurde, der im 18. Jahrhundert in zahlreichen Übersetzungen in ganz Europa zirkulierte. Balzac widmete seinen Text der schwedischen Königin Christina, weshalb Kopien in Schweden im Umlauf gewesen sein dürften. Damit würde Bergeström mit seinem Adressaten an die Gattung der Staatsromane anknüpfen. Bei Balzac (1658: 8, 1662: 7) ist die Figur Aristippe so weise, dass sie die anderen Anwesenden in den wichtigsten Begebenheiten der Welt unterrichtet ( „ & sa Prudence tant acquise que naturelle, sçachant tout le Passé & tout le Present, nous apprenoit encore quelques nouuelles de l ’ Auenir “ ; „ und seine / so wohl zu wegen gebrachte als natürliche Wissenschafft / durch welche Er alles vergangene und gegenwärtige gleichsam vor den Augen hatte / stellete uns als in einem Spiegel auch das zukünfftige vor “ ). Diese Dialoge - diese „ sardeau des perles & de diamans “ (1658: 8; „ Bürde von Perlen und Diamanten “ , 1662: 8) - hält die Erzählinstanz jeweils an demselben Abend schriftlich fest. Der Aristippe fußt demzufolge auf einer Art Protokollfiktion. Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="139"?> subterraneum (1741) nicht nur Satire und moralische Didaktik vereint, sondern auch ähnlich der Länder Brobdingnag und Houyhnhnms bei Jonathan Swift bzw. Potu und Martinia bei Ludvig Holberg Optimum und Pessimum einer Gesellschaft darstellt. Somit wird hier eine Schrift angekündigt, die sich der Supra-Gattung ‚ utopische Literatur ‘ zuordnen lässt. Den Hauptteil der Hefte nehmen gattungskonform die utopische Trias der ethischen, politischen und ökonomischen Argumentation ein, die mit satirischen Episoden und zitierten schriftlichen Dokumenten sowie Reden ergänzt werden. Obwohl es sich daher um hybride, einzeln veröffentlichte ‚ Briefe ‘ handelt, werden die IB in der Forschung meistens unter dem Epitheton ‚ (Brief-)Roman ‘ besprochen (Leffler 2007: 41; Böök 1907: 262). 2 Auch wenn in der Werbung - und dem einleitendem Paratext, wie zu sehen sein wird - zwar die epistolare Form unerwähnt bleibt, ist es dem transversalen Status der Erzählfunktion Brief zu verdanken, dass das Gattungskonglomerat der IB nach außen zusammengehalten und intern verknüpft werden kann; sie authentifiziert aber auch das serielle Publikationsformat (Ljungquist 2001: 83, FN 151; Leffler 2007: 45). Denn als ob echte Briefe die Buchhandlung erreicht hätten, konnte das Publikum der Entfaltung der Erzählung seriell und Woche für Woche folgen. Daneben bringt der epistolare Modus eine empfindsame Rhetorik mit, die maßgeblich auf die Darstellung des utopischen Inhalts und die eingebetteten Dokumente einwirkt. 3 Die empfindsame Praxis der Briefkorrespondenz bildet auch einen Hintergrund, vor dem das utopische Erzählen an Kontur gewinnt. Allerdings wäre es zu kurz gegriffen, aufgrund des sentimentalen Stils die thematischen Schwerpunkte des zeitgenössischen Briefromans auf den Text zu applizieren; zwar fußt die Darstellung auf der empfindsamen Briefpraxis, sie interessiert sich jedoch nicht für die psychologisierende Entwicklung der Freundschaft zwischen den Briefpartnern. 4 Stattdessen versuchen sich die IB an einer Kompetenzerweiterung der Erzählfunktion Brief mit dem Ziel, die empfindsame Brieftopik zum Modell einer neuen Form des öffentlichen politischen Dialogs zu machen. I ch beabsichtige, die IB als eine utopische Form der epistolaren Literatur zu lesen, die sich durch Polymodalität und Gattungshybridität auszeichnet. Aus diesem Grund gilt es, das spezifische generische Feld, in dem sich der Text verortet, in den Blick zu nehmen. Hierbei spielt auch der gesamte Publikationskontext eine wichtige Rolle, da die IB nicht nur wie eine Zeitschrift seriell erschienen, sondern auch in nächster Nähe zur Zeitung Carlscronas Weckoblad standen; sie könnten infolgedessen als frühe Form des Feuilletonromans bezeichnet werden. Gattungshybridität zeichnen auch die „ Politieoch Commerce- Tidningar “ ( „ Polizei- und Handels-Zeitungen “ ) des 18. Jahrhunderts aus, da die wenigen offiziellen Nachrichten dazu führten, dass die wöchentlich erscheinenden Zeitungen auch mit literarischen und argumentativen Beiträgen und später auch Leser: innenbriefen ergänzt wurden (Oscarsson 2000: 134 - 135). Die oft wöchentlich erscheinenden moralischen Zeitschriften werden diese Hybridisierung, aber auch die Praxis der Leser: innenbriefe, für ihre oft fiktionalen Darstellungstechniken adaptieren. Mit den moralischen 2 Ljungquist (2001: 75 - 80) liefert eine gute Zusammenfassung der bis 2001 erschienenen literaturwissenschaftlichen und sozialhistorischen Forschungsgeschichte. 3 Bei Wegmann (1988: 81 - 89) findet sich eine gute Zusammenfassung der empfindsamen Rhetorik, die etwa auf Emphase und die Darstellung der Fülle des Gefühls setzt. 4 Anderer Meinung ist Leffler (2007: 46 - 47). 7.1 Reisebriefe aus zwei unbekannten Ländern 139 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="140"?> Zeitschriften teilen die IB folglich die serielle Veröffentlichung und den Einsatz von fiktionalen Briefen, was ich zur Grundlage nehmen werde, die Gestaltung der Epistolarität in zwei schwedischen Wochenschriften zum Vergleich heranzuziehen. Die IB berichten monologisch, d. h. mithilfe eines autodiegetischen Briefschreibers ohne die Antworten seines Adressaten, von den beiden Ländern Philippinien und Petræa. Der erste Brief motiviert den Anfang des Briefwechsels, was in diesem Fall bedeutet, die 20-jährige Stille zwischen den Briefpartnern zu rechtfertigen. Nach dem Abschied vom Adressaten an der Küste Pennsylvanias am 20. Juni 1701 ist der anonyme Briefverfasser wegen Unwetter bei einer unbekannten Insel, Philippinien, angekommen, die er nicht mehr verlassen durfte. Auch vom Postverkehr war die Insel abgeschnitten. Erst nach 20 Jahren gelang ihm, seinem Freund Anaxagoras und wenigen anderen Vertrauten die Flucht, die nach weiteren Strapazen auf der See an Petræas Strand endete (IB: 3 - 16). 5 In diesem utopischen Staat besitzt er politische Freiheit und die nötige heterotopische Distanz, um die beiden Systeme kontrastiv zu präsentieren. Er erfüllt die Funktion eines unbeteiligten Beobachters - und ist insofern interessenlose Vermittlungsinstanz - , der aus naturhistorischem, d. h. wissenschaftlichem, Eifer Geschichten aus der diegetischen Welt sammelt. Sein Handlungsspielraum beschränkt sich zwar weitestgehend auf den nächsten Freundeskreis; er greift daher im Gegensatz zu Holbergs Niels Klim nicht in die Politik ein, muss aber bisweilen unfreiwillig reagieren. 6 Neben der Handlungsexposition gibt der erste Brief allerdings auch einen ersten Einblick in die thematischen Schwerpunkte des Textes: In den nächsten elf Ausgaben wird, wie im Titel beworben, streng alternierend Regierung, Religion, Justiz und Erziehungswesen der beiden Staaten vorgestellt. Während die philippinische Situation überwiegend in satirisch-unterhaltsamen Episoden dargestellt wird, verwendet der Verfasser für das petrævianische System vor allem statische Beschreibungen, weshalb auch der Erzählmodus zwischen narrativ und deskriptiv changiert. Ein genauerer Blick auf die eingebetteten Dokumente offenbart schließlich, dass die monologisch schreibende Erzählinstanz auch Material zusammenträgt, mit dem sie eine Vielzahl von Stimmen und Perspektiven vereint. Somit erreichen das schwedische Publikum nebst den Briefen noch mehr ‚ authentische ‘ Papiere aus den beiden fiktiven Staaten; bemerkenswert ist hierbei, dass die Mehrheit der eingebetteten Fremdtexte typografisch als solche ausgezeichnet ist. Das Ende der Erzählung wird im letzten Brief schließlich durch die Abreise des Briefverfassers motiviert, der Petræa verlassen möchte, um eine weitere unbekannte Insel zu erforschen (IB: 384, 400). 7 Infolgedessen verabschiedet er sich von seinem Freund Aristippe auf unbestimmte Zeit und bittet ihn, die Briefe zur moralischen Erziehung zu veröffentlichen. 5 Genauso wie Aristippe könnte Anaxagoras auf den gleichnamigen griechischen Philosophen referieren (Ljungquist 2001: 83, FN 153). 6 So wird er in Philippinien für ein Lehrgedicht angeklagt (s. u., 7.4.3) und muss einen ansonsten tugendhaften Bürger vor der Selbstgewalt aufhalten (s. u., 7.4.2). 7 1771 erschien mit Om Nahkhanahamahhem eller dumhetens och dårskapens land ( „ Über Nahkhanahamahhem oder das Land der Dummheit und Torheit “ ) folgerichtig eine weitere - allerdings kürzere - satirische Erzählung, in der abermals ein europäischer Reisender in der Südsee auf fremde Völker trifft. Böök (1907: 267 - 270) findet diesen Text weitaus gelungener als die IB. 140 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="141"?> De beskrifningar jag om Petræa och Philippinien gjordt, äro likwäl inga hemligheter, ock som du nu har ditt wistande i en af Europens delar; så ger jag dig gjerna tilstånd, om du så behagar, at genom trycket utgifwa de bref, jag fått det nöjet dig meddela. Uti det land du dem utgifwer, torde de ej blifwa utan all nytta; de kunna åtminstone tiäna såsom Fabler, hwaraf de tänkande kunna leda en gagnelig Moral. (IB: 385) Die Beschreibungen, die ich von Petræa und Philippinien gemacht habe, sind jedoch keine Geheimnisse, und da du nun in einem Teil Europas lebst, erteile ich dir gerne die Erlaubnis, die Briefe, die ich dir mit Freude übermittelt habe, zu veröffentlichen, wenn du dies wünschst. In dem Land, in dem du sie veröffentlichst, dürften sie nicht ohne Nutzen bleiben; sie können zumindest als Fabeln dienen, aus denen denkende Menschen eine nützliche Moral ableiten können. Im Gegensatz zu anderen epistolaren Erzählungen des 18. Jahrhunderts - wozu freilich auch Holbergs AVPE I gehört - wird hier nicht in einem erläuternden Vorwort, sondern erst am Schluss Herkunft und Publikationsweg der Briefe kommentiert, wobei deren vermeintlicher Herausgeber, der Adressat Aristippe, ebenfalls erst am Ende mit dieser Funktion betraut wird. Doch stellt sich die Lage in den IB noch komplexer dar: Denn beide Bände der Sammelausgabe verfügen über ein eigenes Avertissement, das im zweiten Band eine anonyme Herausgeberinstanz zu Wort kommen lässt, die für „ deßa Brefs utgifwande “ verantwortlich zeichnet (IB: 194). 8 Dennoch bleibt ungewiss, ob die Avertissements von Aristippe stammen, inwiefern er überhaupt an der Publikation beteiligt war und in die Form der Briefe eingegriffen hat, ob etwa auch die wenigen Fußnoten von ihm stammen oder bereits von ihrem Verfasser gesetzt wurden (oder von einer dritten Instanz, z. B. dem Drucker oder Verleger). Der anonyme Autor der IB war der Blekinger Pfarrer und Schriftsteller Hans Bergeström (1735 - 1784), der sowohl poetische als auch argumentative Texte veröffentlichte. Bergeström unterrichtete nach seinem Theologiestudium schwedische Kadetten in englischer Literatur an der Kadettenschule in Karlskrona und übersetzte englische und französische Literatur (u. a. Rousseau, Voltaire, John Gay, Edward Young). Die erfolgreiche Sammlung Poëtiska Arbeten ( „ Poetische Arbeiten “ , 1784) beinhaltet deshalb eine reiche Mischung an unterschiedlichen Gattungen mit einem Schwerpunkt auf moralischer Lyrik (Ljungquist 2001: 81 - 82). Nachdem er noch als Student gemeinsam mit C. F. Broomé die literarischmoralische Zeitschrift Achates och Sostratus ( „ Achates und Sostratus “ , 1763/ 4) herausgab, arbeitete er beim Carlscronas Weckoblad (1767 - 72); die IB, die in derselben Druckerei wie das Weckoblad gedruckt wurden, erschienen während seiner Zeit als Redakteur. Es könnte somit durchaus möglich sein, dass er selbst die Ankündigung seiner Erzählung verfasste. Auch die eingebetteten Lehrgedichte in den Briefen der IB lassen die Nähe der beiden Organe vermuten, da sie an ähnliche Stücke in Achates och Sostratus und in der literarischen Beilage „ Afton-Ro “ des Weckoblads erinnern. Nebst seiner journalistischen Tätigkeit besaß Bergeström reformpädagogische Bestrebungen, die u. a. in die Schrift Försök til den rätta christeliga upfostrans kännedom och wärkställighet, jämte några 8 „ die Herausgeberschaft dieser Briefe “ . 7.1 Reisebriefe aus zwei unbekannten Ländern 141 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="142"?> anmärkningar uti noterne öfwer Rousseaus Emile, eller ochristeliga upfostrings konst ( „ Versuch zur richtigen christlichen Erziehung und deren Umsetzung, zusammen mit einigen Anmerkungen zu Rousseaus Emile, oder der unchristlichen Erziehungskunst “ , 1766) flossen, wo er Rousseaus natürliche Erziehungslehre vehement zurückwies. Bergeströms Lehre fundiert dagegen auf pietistischen Praktiken und verlangt, dass zwar von den Bedürfnissen der Kinder ausgegangen wird, diese aber zwingend unterrichtet werden müssen. Einen allgemeinen Lehrplan stellte er daher trotzdem vor, legte aber ausdrücklich die Verwendung von einfacher Sprache nahe (so auch Westman 1954: 24 - 36). Bergeström war sich somit der Bedeutung der Vermittlung, des Modus einer Mitteilung, bewusst; die Verpackung der Lehre musste in seinen Augen auf die Adressat: innen zugeschnitten werden. Die vorgestellte Pädagogik des Försök klingt tatsächlich bisweilen in den IB durch, weshalb die beiden Texte von der Forschung bereits miteinander verglichen wurden (Westman 1954: 58 - 59). Weitaus bedeutsamer erscheint aber, dass die unterschiedliche typografische Gestaltung der IB und der Försök auf eine Zielgruppenausrichtung hinweisen: 9 Während sich die in Antiqua gesetzten Försök formal und argumentativ an ein gelehrtes Publikum richten, sprechen die IB eine breitere Leserschaft an, denen die wichtigsten Inhalte der moralischen Erziehung und Lehre vermittelt werden sollen. 10 Angesichts Paludans (1878: 332) Urteil, es handle sich bei den IB um „ den tørreste, langstrukne og trivielle Moral i kjedelig Brevform og i en affectert, opscruet Stil “ , stellt sich die Frage, welche Intentionen hinter gerade dieser Darstellung der Erzählung liegen. 11 Wenn daher im Folgenden der Modus des epistolaren Erzählens im Zentrum stehen soll, dann wird auch die didaktische Absicht eine Rolle spielen. 12 Lehrend und anleitend sind die IB insofern, als die Erzählung nicht bloß die Bräuche und Systeme fiktionaler Staaten darstellen soll, sondern, wie so häufig in der utopischen Literatur, auf politische Wirkung ausgelegt ist. In diesem Konnex scheint die Kombination von empfindsamer Epistolarität, utopischer Deskription und dokumentarischer Zitierpraxis praxeologische und epistemologische Funktionen zu erfüllen. Die beiden jüngeren literaturwissenschaftlichen Studien, in denen IB als frühe Beispiele der utopischen bzw. der epistolaren Literatur untersucht wurden, fokussieren auf einen der beiden Teilaspekte, die hier vereint werden sollen. Sarah Ljungquist geht in Den litterära utopin och dystopin i Sverige 1734 - 1940 (2001) der Tradition des utopischen Erzählens in der schwedischen Literatur nach, weshalb sie sich vor allem für die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Morus ’ gattungsschöpfender Utopia interessiert. Ihr Verdienst ist es einerseits, den Text von seiner programmatischen Verknüpfung mit dem Sozialismus gelöst zu haben: In früheren Darstellungen wurden die Beschreibungen des utopischen Petræa als Prototyp des sozialistischen Wohlfahrtsstaats dargelegt. Andererseits weist sie auf den innovativen Charakter der IB in ihrer heterogenen, also 9 Der Text ist entsprechend einer wissenschaftlichen Arbeit organisiert und setzt auf Beispiele aus der Literatur. 10 Dass Bergeström damit Erfolg hatte, zeigt die wohlwollende Kritik der Stockholmer Lärda Tidningar (Ljungquist 2001: 80 - 82). 11 „ die trockenste, langatmigste und trivialste Moral in langweiliger Briefform und in einem affektierten, übertriebenen Stil “ . 12 Dass der Text auf Didaxe zielt, zeigt auch der oben zitierte Abschnitt aus dem letzten Brief, wo der Verfasser seine Briefe explizit mit Fabeln vergleicht, d. h. ihren moralischen Gehalt und die Schulung der Moral herausstreicht. 142 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="143"?> polygenerischen, Textgestalt und streicht die Verwendung mehrerer Erzählebenen und das metafiktionale Spiel heraus (Ljungquist 2001: 92 - 93). 13 Indessen folgt Yvonne Leffler den briefpoetologischen Prämissen des Textes, den sie als erstes Analysebeispiel ihrer Studie „ Jag har fått ett bref …“ . Den tidiga svenska brevromanen 1770 - 1870 (2007) nutzt; demnach beschreibt sie in erster Linie die empfindsamen epistolaren Freundschaftspraktiken und kartografiert detailliert die narratologischen Funktionen. Gemäß ihrer Lektüre vermag es die intime Brieffiktion, die fantastische Reiseerzählung zu authentifizieren und das Publikum an den Text zu binden, da sich jenes neben den erzählten Ereignissen auch vor allem für die Entwicklung der Beziehung der beiden Briefpartner interessiere (Leffler 2007: 47). Obwohl ich dem individualisierten Adressaten ebenfalls Bedeutung zumessen werde, soll im Folgenden gezeigt werden, dass nicht einzig empfindsame Beziehungsarbeit im Erkenntnisinteresse des Textes steht. Das empfindsame utopische Erzählen der IB soll außerdem aus der Perspektive seiner Serialisierung sowie der Nähe zum moralischen Journalismus untersucht werden. Ich gehe dabei der These nach, dass die IB bewusst eine journalistische Alternative erschaffen, die das Optimum der Gesellschaft kollektiv und progressiv erschreibt. Um diese Engführung utopischer und empfindsamer Literatur sowie serialisierter und journalistischer Praktiken vorzunehmen, werden zunächst Merkmale der utopischen Literatur zusammengefasst (7.2), danach die Gattungsinformationen im Paratext und im ersten Brief von IB angeschaut, um die Bedeutung der empfindsamen Epistolarität fürs Erzählen zu konturieren (7.3). Schließlich wird der utopische Modus der IB anhand ihres historischen Kontextes in der schwedischen Tryckfrihetstiden und der Dialogizität der Wochenschrift einerseits und dem darstellenden Erzählen der Epistolarität als kollektive, grenzüberschreitende Praxis andererseits dargelegt (7.4). 7.2 Utopische Hybriditäten 7.2.1 imago und narratio Thomas Morus ’ gattungsschöpfende Utopia steht stilbildend für die Polymodalität der utopischen Literatur, da sie der Anschaulichkeit des Bildes (imago) die Progression des Erzählens (narratio) gegenüberstellt. Beide Aspekte tragen zur Hybridität des utopischen Erzählens bei, die noch bis zu den IB nachzuverfolgen ist. Andererseits schafft das narrative Projekt, indem es bisher noch Inexistentes und Undenkbares erzählt, unweigerlich Paradoxien in der Darstellung und der Geschichte, sodass beide Teile des utopischen Erzählens transgressiv operieren. 13 Die Begriffe polymodal und polygenerisch gehen auf Pohls (2010: 51) Handbuchartikel zurück. 7.2 Utopische Hybriditäten 143 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="144"?> Abb. 14 Holzschnitt von Ambrosius Holbein in der zweiten Auflage von Thomas Morus ’ De optimo reip. statu deque nova insula Utopia libellus vere aureus, nec minus salutaris quam festivus, clarissimi disertissimique viri Thomae Mori inclytae civitatis Londinensis civis & vicecomitis (Basel 1518), S. 16. Was mit der Interaktion von imago und narratio gemeint ist, lässt sich am besten an einem Holzschnitt von Ambrosius Holbein in der zweiten Auflage der Utopia (1518) erläutern (Marin 1996: 86 - 87, 1993: 419 - 420). Der Holzschnitt zeigt eine Vogelperspektive auf die Insel Utopia, die allerdings im Bildhintergrund liegt; der untere Rand des Bildes wird von drei Personen gesäumt, die den Blick auf die Insel rahmen. Es handelt sich um den Reisenden Raphael Hythlodeus, der die Insel selbst besucht hat und den anderen beiden davon erzählt. Dass er über Utopia spricht, wird mit einem Fingerzeig dargestellt; doch folgen die beiden Zuhörenden diesem nicht und würdigen den prächtigen Ausblick mit keinem Blick, sondern schauen ausschließlich den Erzähler gebannt an. Die Insel im Bildhintergrund scheint deshalb das Vorstellungsbild zu sein, das ihnen durch die Erzählung von Hythlodeus vor dem inneren Auge liegt. Diese Vorstellung erschafft folglich ein Bild aus der Sprache - und verbindet imago und narratio. Doch ein genauer Blick enthüllt, dass die dargestellte Insel mit Namensschildern versehen ist; es handelt sich somit um eine Karte, ein mit Wissen beschriftetes, lesbares Bild. Als solches muss sie eine Darstellung in einem Buch - diesem Buch - sein, die jedoch nur dessen Leser: innen zugänglich wird. Der Holzschnitt repräsentiert so die verschiedenen Transmissionsstufen der Utopia: Die Zweiteilung in Vorder- und Hintergrund überführt die mehrstufige narrative Rahmung in eine bildliche Darstellung. So soll der Reisende Hythlodeus dem extradiegetischen Erzähler Morus und seinem Freund Petrus Aegidius während eines 144 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="145"?> Gesprächs von der Insel erzählt haben (Marin 1990: 50 - 51). Diese Erzählung schreibt Morus später auf, worauf sie als Utopia in Druck kommen kann. Damit bringt der gesamte Holzschnitt Bild und Erzählung über die Medialität des gedruckten Buchs zusammen. Die Rahmungsfiguren des Holzschnitts bilden wie die extradiegetische Ebene der Erzählung die vermittelnde Schaltstelle zwischen der Insel und den Leser: innen. In beiden Fällen wird die Verschränkung von Bild und sprachlicher Erzählung über den Text bzw. den Druck erzielt. Auch Petrus Aegidius ’ Brief an Hieronymus Buslidius führt Sprache und Bild über die Textualität zueinander: Denn Morus habe „ die Insel so anschaulich geschildert, so unmittelbar vor Augen geführt [ … ], daß ich, je öfter ich es lese, jedesmal noch etwas mehr zu erblicken glaube als damals, wo ich den Hythlodeus selbst erzählen gehört habe “ (Morus 2012: 28). Das wesentliche Stichwort in diesem Kontext ist die evidentia, die Evidenz der Vorstellungskraft, die in der Lektüre des gedruckten Buchs noch stärker wirkt, als beim reinen Zuhören, auch wenn er dort in direktem Kontakt mit dem Gewährsmann der Geschichte stand. Damit bringt das Libellus vere aureus - das „ wahrhaftig goldene Büchlein “ - der Utopia die fiktive Insel und ihr ideales Gemeinwesen in die Stuben und Studierzimmer: „ The faraway island is now here, but as a text, and the image we see is just the result of a fiction, a description “ (Marin 1993: 418). Um die Insel vor den Augen erscheinen zu lassen, so Marin, setzt der Text auf Beschreibungen, die das Porträt des idealen Gemeinwesens schildern. Utopic discourse is perhaps this extreme pretension of language to provide a complete portrait of an organized and inhabited space. If it does manage it, however, it is perhaps because this portrait is constituted by its discourse and constructed through its language in order to serve as the origin and foundation for every map and every image. Utopia is a figure in discourse and subtends it. It is also in the narrative, but at the very place narrative pauses to allow another type of voice to come through. It no longer involves dialogue, staging, chance meetings, surprises, or discourses contained within narrative in the form of discourse. Rather, a unique and equalizing voice peaceably projects a full image onto the page. Progressively, as if on a screen, it gives birth to an iconic presence in the form of a representation; it is a “ presence ” that is but representation. (Marin 1990: 51) Marin knüpft hier das Gegensatzpaar Bild und Sprache an zwei unterschiedliche Modi, Beschreibung und Erzählung. Wenn der Staat in seiner Gesamtheit beschrieben wird, müsse die Erzählung ausgesetzt werden, die Zeit stehen bleiben und Polyphonie unterbunden werden. Dennoch, in einer paradoxen Wende, entsteht dieses Bild über die Insel progressiv, weil es letztlich eine sprachliche Repräsentation ist. Daher zeichnet sich der ‚ utopische Diskurs ‘ mindestens durch zwei unterschiedliche Modi aus, die sich gegenseitig bedingen. Werden aber noch die weiteren Formen der Hybridisierung einberechnet, handelt es sich vielmehr um Polymodalität. Andererseits zeigt Marins kurzes Zitat, dass sich an die Gegensätze Bild - Sprache, Beschreibung - Erzählung noch weitere Paare anschließen, die kurz thematisiert werden müssen: Gleichzeitigkeit - Zeitlichkeit, Zustand - Entwicklung, Gesamtheit - Ausschnitt. Die Verschränkung von Bild und Sprache und die ‚ ikonische Präsenz ‘ der utopischen Erzählung lädt zur Betrachtung ein. Da der utopische Ort ein abgeschlossener, fiktiver Raum innerhalb der wirklichen Welt ist, der meistens erst nach einer Reise erreicht werden kann, ist er wie auf dem Holzschnitt doppelt gerahmt. Dieser „ frame-within-a-frame [ … ] is a specific wondrous stage, set within the world stage “ (Suvin 1973: 134), auf der eine 7.2 Utopische Hybriditäten 145 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="146"?> alternative Wirklichkeit vor- und aufgeführt werden kann. Freilich ist die metaphorische Spiegelung der Welt im utopischen Gemeinwesen einleuchtend, da der begrenzte Ausschnitt wie die Theaterbühne auf den rahmenden Kontext weisen kann. Darko Suvin weist andererseits auf die parergonale Bedeutung der Erzählweise von utopischer Literatur (Suvin 1973: 134 - 135), da die Insel auch mittels Erzählverfahren vermittelt bzw. gerahmt wird. Performative Parergonalität zeigt sich in Morus ’ Utopia einerseits in der mehrstufigen Transmission des Berichts über die Insel, andererseits in einem allmählich anwachsenden Paratext. Darüber hinaus setzt bereits Morus ’ Utopia auf die Evidenz im Druck durch die Vermittlung von Bild und Sprache im Verbund, also auf non-verbale und verbale Codes, sodass auch das Buch funktional zur Bühne wird, besonders wenn epistolar erzählt wird. Der Text kann angeschaut werden, den Erzählungen durch die Lektüre gelauscht werden. In IB bedeutet dies, wie zu sehen sein wird, dass die Anschaulichkeit des Textes mitunter über repräsentierte Dokumente der diegetischen Welt erzielt wird, die den Leser: innen als sprachlich-materielle Figuren vorgelegt werden. Insofern als dass die utopische Literatur die Funktionalität von Staaten erzählt, muss sie gesamte Systeme abbilden: „ Es ist nicht ein Aspekt, ein Ausschnitt oder eine Szene des Politischen, die in der Utopie dargestellt werden; Fluchtpunkt der Darstellung ist eine politische Gesamtheit, eine Totalität “ (Hagel 2016: 26). Wie auf dem Holzschnitt geht es darum, einen Überblick über das System der utopischen Gesellschaft zu verschaffen, doch kann die Erzählung an dieser Aufgabe nur scheitern, da sie mit den Mitteln der sprachlichen Darstellung nie dasselbe Maß an Synopsis erreichen kann wie ein Bild. Die ‚ ikonische Präsenz ‘ des utopischen Erzählens kann stets nur defizitäre Illusion sein. Überblick über die Gesamtheit des Systems und dramatische Darstellung anhand eines begrenzten Raums stehen somit in einem Spannungsfeld. Die Verzahnung von Beschreibung und Erzählung führt zur Spannung zwischen synchroner Darstellung eines Staats und fortschreitender Temporalität der Handlung. So steht zu Beginn der Erzählung oft eine Reise zu einem fernen Ort, der Anlass dazu gibt, die zeitlichen, räumlichen und politischen Parameter neu zu mischen. Die beiden Pole deskriptiver Synchronität und narrativer Chronologie werden durch die Opposition von Zustand und Entwicklung ergänzt. Im idealen Gemeinwesen muss die Zeit notwendigerweise aufgehoben sein, da sich ein Optimum weder verbessern kann noch verändern sollte; auch der Titel der Utopia verweist auf einen Zustand des Staates (De optimo reip. statu). Dynamische Progression findet sich allerdings häufiger in den utopischen Texten des 18. Jahrhunderts, wo die Idee der Perfektibilität und das Bewusstsein für die Kontingenz einen stabilen Fiktionsraum bedrohen (Hagel 2016: 133 - 151). Plötzliche Schicksale und stetige Optimierung des Individuums und der Gesellschaft lassen sich nicht mit Morus ’ Grundmodell vereinbaren. Während die Darstellung mindestens die gegensätzlichen Modi Beschreibung und Erzählung einsetzt, opponieren in der Geschichte deshalb Zustand und Schicksal. In der Schilderung des politischen Aufbaus, wie etwa in Schnabels Insel Felsenburg (1731 - 1743), wird der Weg zum Ideal entfaltet, der bei Morus noch fehlte. Plötzlich hereinbrechende Schicksale schaffen hingegen bei den Figuren das Bewusstsein für den prekären Zustand ihres Gemeinwesens, das daher vor äußeren Einflüssen geschützt werden muss (Hagel 2016: 353 - 354). Die Erzählung der Entwicklung des Staates und dessen Schutz besitzen schließlich die Funktion, politische Praxis exemplarisch anzuleiten. 146 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="147"?> Morus ’ Utopia zeichnet sich durch einen dualen Erzählmodus aus, der statische Beschreibung und progressive Erzählung kombiniert und dessen paradoxe Komplexität in Ambrosius ’ Holzschnitt zum Ausdruck kommt. Die utopische Erzählung soll dadurch Ideen auf der Bühne einer fremden Welt darstellen und mit diesen Vorstellungsbildern das Denken anregen. 7.2.2 Kognitive Grenzüberschreitungen und Gattungshybridität Indem sich das utopische Erzählen inmitten mehrerer Spannungsfelder in Geschichte, Darstellung und typografischer Gestaltung entfaltet, stellt es Widersprüche koexistent dar und fordert mithin die Grenzen des Denkens heraus. Infolgedessen operiert es nach Marin im Modus des Weder-noch und Sowohl-als-auch und befindet sich in einem neutralen, nicht fixierbaren Raum (Marin 1990: 54, 1993: 405). An diesem fiktiven, aber rigoros begrenzten Raum kann es mithilfe von cognitive estrangement (Suvin 1973: 132) erzählen, was bisher weder realisierbar noch vorstellbar war, und auf kognitiver Ebene Grenzen überschreiten. 14 Die Erzählung erweist sich daher als narratives Erkenntnisinstrument, „ whose functions is to prove a fruitful bewilderment, and to jar the mind into some heightened but unconceptualizable consciousness of its own powers, functions, aims and structural limits “ (Jameson 1977: 11; so auch Suvin 1973: 132 - 133). Als solches kann sie die Praktikabilität von Gesellschaftsmodellen - oder allgemeiner formuliert: von Hypothesen - prüfen. Dieser „ mode utopique “ entspricht der hypothetiko-deduktiven Methode der empirischen Wissenschaften (Ruyer 1950: 9), die etwa in der Mathematik angewendet wurde, um zunächst irrationale und dann sogar imaginäre Zahlen sowie die Riemannsche Geometrie zu imaginieren und zu beweisen. 15 Damit schafft das utopische Erzählen einen Schulterschluss zwischen wissenschaftlicher Reflexion und ästhetischer Praxis, indem es einen fiktiven Raum bietet, wo „ les possibles latéraux “ auserzählt werden können (Ruyer 1950: 9). 16 Lateral sind diese möglichen utopischen Welten insofern, als dass sie Alternativversionen der Wirklichkeit darstellen. Das Potenzial liegt hierbei in der spielerischen Erprobung der Alternativen, die sich im Gegensatz zur wissenschaftlichen Methode nicht mit der Falsifizierung von Hypothesen begnügen muss, sondern gerade an diesem Punkt, wo die Fiktionalität beginnt, ansetzen kann (Ruyer 1950: 13 - 14; so auch Marin 1990: 54). 17 Die utopische Erzählung und der utopische Staat verweisen dadurch von der Diegese und vom Buch nach außen auf die sozialen, politischen und kulturellen Systeme der Wirklichkeit. 14 Die Utopieforschung zitiert zwar regelmäßig Suvins Entfremdungseffekt, ignoriert jedoch seine vier formalen Strukturen des Utopischen, die gerade für gattungs- und modushybride Texte brauchbar wären. So besitzen diese Narrative (1) einen isolierten locus, (2) artikulieren sich „ in a panoramic sweep “ über die Organisation dieses Ortes, (3) der in formale, hierarchische Systeme strukturiert ist; und (4) die Narration bedient sich einer impliziten oder expliziten dramatischen Strategie (Suvin 1973: 133 - 134). Einige Elemente seiner ausführlicheren Definition nutze ich für die vorliegende Lektüre. 15 In der Riemannschen Geometrie wird mit n Dimensionen gerechnet, um sogenannte Riemannsche Mannigfaltigkeiten, d. h. Krümmungen und andere Verhältnisse der Körper im menschlich nicht visualisierbaren Raum zu beschreiben. 16 „ die lateralen Möglichkeiten “ . 17 „ Utopia operates by example and demonstration, deictically. At the basis of all utopian debates, in its open or hidden dialogues, is a gesture of pointing, a wide-eyed glance from here to there, a ‚ travelling shot ‘ moving from the author ’ s everyday lookout to the wondrous panorama of a far-off land “ (Suvin 1973: 121). 7.2 Utopische Hybriditäten 147 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="148"?> Der Einsatz der utopischen Erzählung als wissenschaftliche Methode und die kognitiven Grenzüberschreitungen erklären auch den pseudofaktualen Status vieler utopischer Erzählungen. So wurde in Morus ’ Utopia die vermeintliche Faktualität mit Briefen des anderen Zuhörers Petrus Aegidius unterlegt, während die IB im Paratext als ‚ historische Arbeit ‘ deklariert werden. Da es die pseudofaktuale Erzählweise ermöglicht, „ to make not only general ethical claims [ … ], but also to raise problems foreign to the figures bequeathed by history “ (Paige 2011: 30), also alternative Szenarien der Vergangenheit zu entwerfen, können Zukunftsvisionen narrativ ergründet werden. Die Faktualität ergibt sich somit aus der Nähe zur Wirklichkeit. Jedoch verlangt die Darstellung von utopischen Widersprüche und die Erprobung von Hypothesen zwingend Fiktionalität (vgl. Marin 1990: 54). Genauso wie das Sowohl-als-auch der utopischen Erzählung Pseudofaktualität fördert, führt die Nähe zur wissenschaftlichen Reflexion zur Hybridisierung von Gattungen. Während sich in Morus ’ Utopia etwa eine Mischung aus Dialog, Monolog, Schäferidylle, Reisebericht, Ethnografie und Predigt findet, arbeiten spätere utopische Erzählungen auch noch Elemente der Robinsonade, der Telemachie oder pietistischer Erbauungsschriften ein (Chordas 2010; Hagel 2016: 172 - 195). Im Laufe der Zeit inkorporierte das utopische Erzählen weitere Gattungen und Textsorten, sodass es sich im 18. Jahrhundert um „ ein permeables und polemogenes, nicht eindeutig strukturiertes Gebiet [handelt], in dem konkurrierende Angebote ästhetischer Entscheidungen und epistemischer Konstellationen aufeinandertreffen und in dessen Fluchtpunkt die Darstellung der Totalität eines Gemeinwesens steht “ (Hagel 2016: 134; vgl. auch Pohl 2010: 51 - 56). Die stilistische und generische Hybridität führt dazu, dass verschiedene Perspektiven auf die fiktive Welt versammelt, also polyperspektivisch erzählt wird. In der Forschung wird diese Gattungshybridisierung häufig mit moraldidaktischer und politischer Intention in Verbindung gebracht (dazu auch Vieira 2010: 6 - 7). Nicht ohne Grund wird die Lektüre des „ wahrhaft goldenen Büchleins “ Utopia als „ salutaris “ ( „ heilsam “ ) deklariert. Chordas (2010: 14) argumentiert, dass die Gattungshybridität und Pseudofaktualität es ermöglichten, die Erzählung stärker an die Wirklichkeit zu knüpfen: „ More and his successors draw on specific forms available to them at the time of composition because of the suitability of those forms for the kind of work a utopian text is expected by its author, and subsequently by its audience, to perform. “ Die utopische Literatur gewinnt folglich dadurch an politischem Gehalt, indem sie sich die epistemischen Praktiken der faktualen Gattungen aneignet. Wenn wissenschaftliche Diskurse die utopische Welt besiedeln, ist der Sprung zur Umsetzung in der realen Welt umso kleiner. In der hybriden, polymodalen und polyperspektivischen Erzählweise der utopischen Literatur können politische Praxis und fiktionale Erzählung zusammenkommen. 18 Der Anspruch auf gesamthafte Darstellung und politische Praxis führt in der utopischen Literatur meistens zu den drei Themenclustern Ethik, Politik und Ökonomie. So kann der Staat in platonischer Tradition als Kosmos und die Spiegelung des Staates in der privaten Sphäre dargestellt werden. Das moralische Handeln des einzelnen Bürgers wiederholt sich in der Staatspolitik und die Haushaltung der einzelnen Familie spiegelt den Staatshaushalt (Nipperdey 1962: 370 - 371). 18 Diese These liegt Hagels (2016) Arbeit zur utopischen Literatur bis 1800 mit besonderem Fokus auf deutschsprachigen Texten zugrunde. 148 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="149"?> Somit produziert die Absicht, einen einheitlichen Überblick über den Zustand eines Staates zu verschaffen, paradoxerweise dynamische, hybride Narration, die zwar nicht zwingend kontingente Welten erzählen muss, jedoch nach einer Kontingenz der Erzählweisen fragen lässt. Im Kontext meines Forschungsinteresses verknüpft sich diese Frage auch mit der typografischen Gestaltung, da jene die heterogene rhetorische Hülle entweder homogenisieren oder deren innere Differenzen noch stärker kontrastieren kann. Infolgedessen ergibt sich für die Beschreibung des utopischen Erzählens die Trias Geschichte - Darstellung - mise-en-page, deren einzelne Elemente sich jeweils unterschiedlich zueinander verhalten können. Gerade die simulierende Repräsentation stellt die eingefügten Textsorten zwar authentisch dar, hält jedoch gleichzeitig die immersive Lektüre auf, weil sie die Materialität betont und zu medialer Hybridität führt. So lässt sich das Widerspiel von Stillstand und Entwicklung, Synchronizität und Temporalität, auch auf dieser Ebene finden. Das utopische Erzählen entfaltet sich in der paradoxen Wechselwirkung von Gegensatzpaaren - imago - narratio, Beschreibung - Erzählung, Zustand - Entwicklung, Übersicht - Ausschnitt sowie wissenschaftlicher Reflexion und ästhetischer Praxis - und überschreitet daher fortlaufend Grenzen. Diese transgressive Funktionalität setzt sich in den Texten insofern stilistisch und typografisch um, als dass sie polymodal und -perspektivisch und gattungshybrid erzählen. Im Folgenden wird die dreifache Transgression in Geschichte, Darstellung und mise-en-page eine wesentliche Rolle spielen; der darin angestrebte Erzählmodus soll in Anlehnung an Ruyer als utopischer Modus bezeichnet werden. Die IB erzählen dabei nicht nur utopisch, sondern führen den utopischen Modus auch didaktisch vor, indem sie Alternativen des Gemeinwesens vorstellen, alternative Darstellungsformen etablieren und auf deren Praktikabilität prüfen. Diese Konflikte zwischen der rahmenden empfindsamen Epistolarität und der gerahmten utopisch-dystopischen Erzählung sowie zwischen dynamischer Serialität und statischer Materialität erweisen sich als die gattungstypische Hybridität und Paradoxie des utopischen Modus. 7.3 Paratexte und Briefe 7.3.1 Bildlichkeit und Erzählung im Paratext Der Paratext schafft Erwartung an Gattung, Stil und Thematik. Titelblatt und Avertissement der IB weisen die Briefe als utopische Literatur aus, zeugen aber auch bereits von einem Bewusstsein für deren Materialität. Doch lässt der Paratext noch nichts von der empfindsamen Briefrhetorik ahnen, mit der die utopischen und dystopischen Inhalte vermittelt werden; dies löst der Anfang des ersten Briefs ein, den ich wegen seiner paratextuellen Funktionalität als nicht deklarierte Erweiterung des Paratexts lesen werde. Das Titelblatt führt neben dem thematischen Titel Indianiske Bref eine rhematische Zusammenfassung des dargestellten Inhalts: „ Indianiske Bref. Eller Utförl. Beskrifning Öfwer Twänne Obekanta Rikens Moraliska, Politiska och Oeconomiska Beskaffenhet “ (IB: 1). 19 Bemerkenswert ist hierbei, dass die mise-en-page den Schwerpunkt nicht auf 19 Es handelt sich um das Titelblatt des gebundenen Buchs in zwei Bänden, das sich in der Königlichen Bibliothek in Stockholm befindet. Die einzelnen Briefe bzw. Ausgaben besitzen nochmals eigene Überschriften, auf denen Indianiske Bref wiederholt wird und die fortlaufend nummeriert sind. Titel- 7.3 Paratexte und Briefe 149 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="150"?> den thematischen Titel legt, sondern auf die rhematische Selbstdeklaration Utförl. Beskrifning. Die Beskrifning birgt für den folgenden Text zwei Bedeutungen: Zum einen verweist sie auf den deskriptiven Modus, mit dem das Bild und demzufolge der Zustand zweier Reiche dargestellt werden soll. Zum anderen steckt darin ein Fingerzeig auf den materiellen Akt der Textgenese, die Be-Schreibung der Briefe, womit von Beginn an ein Fokus auf die Schriftlichkeit und die simulierende Repräsentation von Briefen gesetzt wird. Dass die Epistolarität gleichwohl einen besonderen Stellenwert einnimmt, zeigt der direkte Vergleich mit Morus ’ Utopia (1516), die auf ihrem Titelblatt als „ Libellus vere aureus nec minus salutaris quam festivus de O PTIMO R EIP . S TATU , D EQUE N OVA I NSULA U TOPIA “ angekündigt wird (Morus 2012: 6). 20 Libellus gegenüber Bref: Dies impliziert Handschriftlichkeit und Serialität gegenüber Druck und einmaliger Veröffentlichung, aber auch die Möglichkeit der materiellen Lektüre der abgebildeten Briefe. Abb. 15 Titelblatt von Hans Bergeströms Indianiske Bref (1770), S. [1]. blatt, Avertissement und erster Brief beanspruchen wie die restlichen Ausgaben insgesamt 16 Seiten, d. h. eine Lage, weshalb die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass auch die ursprüngliche Einzelausgabe mitsamt dem vorliegenden Titelblatt vertrieben wurde. 20 „ Ein wahrhaft goldenes Büchlein von / D ER B ESTEN S TAATSVERFASSUNG U ND V ON D ER N EUEN I NSEL U TOPIA / nicht minder heilsam als kurzweilig zu lesen “ (Morus 2012: 7). 150 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="151"?> Thematischer und rhematischer Titel widersprechen sich allerdings insofern, als dass Bref die Produktionsästhetik eines fortlaufenden und seriellen Schreibens samt vorläufiger Unabgeschlossenheit sowie stilistische Offenheit andeutet, während eine Utförlig Beskrifning abgeschlossene Totalität statuiert. Infolge dieser materiellen und textgenetischen Grundlage müssen in IB somit Aspekte und Ausschnitte der beiden Staaten präsentiert werden. Dass jedoch beide Begriffe auf dem Titelblatt im unlösbaren Konflikt stehen, entpuppt sich als eine der vielen utopischen Paradoxien, die sich durch das Sowohl-alsauch der Gegensätze ergeben. Schließlich verweisen die letzten Zeilen darauf, dass die beiden Staaten in ihrer dreigegliederten Gesamtheit aus Ethik, Politik und Ökonomik erfasst werden. Der Titel selbst, Indianiske Bref, erinnert an Montesquieus erfolgreiche Lettres persanes (1721), die in demselben Jahr erschienen, wie die fiktive Schreibszene stattgefunden haben soll. Allerdings wird das Personal und die Verortung der Schreibszene in den IB im Vergleich zu ihrem Hypotext auf den Kopf gestellt, denn in den Lettres persanes schreiben persische Gelehrte aus Paris nach Persien, während hier ein europäischer - vermutlich schwedischer - Reisender aus der Südsee nach Europa schreibt. Das Attribut indianisch zeigt folglich nicht analog auf den Urheber oder die Adressat: innen der Briefe, sondern designiert den Ort der Entstehung, eine unbekannte Insel vor Amerika. Laut dem SAOB hatte das Adjektiv indiansk im 18. Jahrhundert zunächst eine geografische Bedeutung und bezog sich auf Indien und Nord- und Südamerika; demzufolge wäre der Titel eine Reminiszenz an die populäre Reiseliteratur, u. a. Amerigo Vespuccis Briefe aus der Neuen Welt (Mundus Novus, 1503). Vor allem Vespuccis und Kolumbus ’ Briefe gelten auch als wichtige Inspirationsquellen für Morus ’ Utopia (Vieira 2010: 4), gaben in Verbindung mit einer generellen Flut an Publikationen über die Neue Welt aber auch den Impuls für satirische Erzählungen über unbekannte Orte mit fremden gesellschaftlichen Strukturen (Ludvig Holbergs Iter subterraneum wird stets als wichtigster Stellvertreter des Genres in Skandinavien genannt). 21 Doch verzeichnet das Wörterbuch eine weitere Bedeutung, die u. a. bei Carl von Linné auftaucht: Er entkoppelt es von der konkreten Verortung und verwendet es synonym mit „ tropisch, südländisch “ , aber auch „ exotisch “ im Generellen (SAOB 1933: Sp. I 340). Der Titel Indianiske Bref erfüllt demzufolge die marktwirtschaftliche Funktion, Exotik zu signalisieren, und bringt den Text in die Nähe epistolarer, fiktionaler wie faktualer, Reiseliteratur mit ähnlichen Titeln. 22 Die serielle Distribution der IB verstärken den Effekt dieses Marketinginstruments noch weiter, weil sie die Illusion 21 Leask (2019: 94) beschreibt die Situation auf dem englischen Buch- und Periodikamarkt folgend: „ [T]he plundering of travel accounts in popular periodicals, often posing as reviews of new publications, such as the London Magazine ’ s pre-publication of James Bruce ’ s and James Cook ’ s travels, reviews in the Gentleman ’ s Magazine, the Monthly Review, or the Analytical Review, the enduring popular success of fictional travelogues such as Defoe ’ s Robinson Crusoe or Swift ’ s Gulliver ’ s Travels, and, at the bottom end of the market, the chapbooks ’ mingling of romance with popular exoticism, ensured that travel writing permeated all levels of literary culture. This process of cultural permeation was furthered by the institution of circulating and subscription libraries in the second half of the eighteenth century, which made even expensive illustrated travel books accessible to a wider public. “ Ähnliche Verhältnisse dürfen für das restliche Europa gegolten haben. 22 Aus diesem Grund ließen sich die Indianiske Bref auch aus post-kolonialer Perspektive mit Fokus auf die Imaginationen der Fremde bzw. des Anderen untersuchen. Eine solche Lektüre wird hier nicht geleistet, es sei aber auf ähnliche Analysen kanonischer Texte der anglophonen fiktionalen Reiseliteratur verwiesen (Hawes 1991; Shankar 2001; Markley 2006). 7.3 Paratexte und Briefe 151 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="152"?> schaffen, die Lesenden stünden in unmittelbaren Kontakt mit den Erlebnissen und Erfahrungen der Erzählinstanz, deren fortlaufend eintreffende Briefe direkt in den Druck gegeben werden. Nur zu leicht ist die implizite - und einzige! - Zeitangabe der Schreib- Szene im ersten Brief vergessen, sodass die einzelnen Ausgaben nicht als historische Dokumente, sondern als aktuelle Briefe gelesen werden können. Die IB leben daher von der epistolaren Illusion, dass sich die Zeitpunkte des Schreibens und des Druckens maximal angenähert haben, wenn nicht sogar zusammengefallen sind. Direkt nach dem Titelblatt folgt das Avertissement (s. Abb. 16), die Werbung oder das Vorwort, wo Inhalt, Absicht und Darstellungsmodus der Schrift kurz erläutert werden. 23 Gleich mit dem ersten Satz wird die Wahrhaftigkeit des Textes deklariert: Abb. 16 „ Avertissement “ in Hans Bergeströms Indianiske Bref (1770), S. 2. Här meddelas ett arbete, som wäl till deß natur är Historiskt; Men de föremål, som här wäcka uppmärksamhet äro en rättskaffens Christendom, en sann Sedolära, en wis Regering, en nyttig 23 „ Avertissemang “ meint laut SAOB (1903, Sp. A, 2724) „ tillkännagifvande, underrättelse; annons “ . Ähnliches findet sich im entsprechenden Eintrag „ Avertissement “ in der Encyclopédie (1751: 870): „ Les auteurs, à la tête de leurs ouvrages, mettent quelquefois un avertissement au lecteur, pour le prévenir sur certaines choses relatives aux matieres qu ’ ils traitent, ou à leur méthode. Quand ces avertissemens sont d ’ une certaine étendue, on les nomme Préfaces. “ Angesichts der Kürze des Avertissements übernimmt es die Doppelrolle von Werbung und Vorwort. 152 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="153"?> Hushållning. Den sanna äran ock dygden afbildas uti deras rätta färgor, ock motsatserne däraf wisa huru owärdigt människjo-slägtet är utom dem. Här föreställas wäl Twänne okända Riken; men et olykligt Philippinien gifwer, å ena sidan tilkänna huru långt ett land kan förfalla i fördärf ock olycka, när GUdsfrugtan ock ärlighet förswunnit. Liksom å andra sidan ett sält Petræa tilkänna gifwer den högd af lycka ock wälmagt, hwartill ett Rike kan, genom wisdom ock GUdagtighet upphjälpas. Med ett ord, här framläggas för Allmänhetens ögon twänne möjeligheter, lyckeligt det land, som i tid lärer sig att förekomma den ena, ock söka den andra. (IB: 2) Hier wird eine Arbeit mitgeteilt, die zwar in ihrer Natur historisch ist; aber die Angelegenheiten, die hier Aufmerksamkeit erregen, sind rechtschaffenes Christentum, wahre Moral, weise Regierung, vernünftige Haushaltsführung. Wahre Ehre und Tugend werden in ihren richtigen Farben abgebildet, und die Gegensätze davon zeigen, wie unwürdig das Menschengeschlecht ohne sie ist. Hier werden zwar zwei unbekannte Reiche vorgestellt; doch zeigt ein unglückliches Philippinien auf der einen Seite, wie tief sich ein Land in Verderben und Unglück stürzen kann, wenn Gottesfurcht und Ehrlichkeit verschwunden sind. Wie auf der anderen Seite ein glückliches Petræa die Höhe von Glück und Wohlstand zeigt, zu der ein Reich durch Weisheit und Gottesgehorsam erhoben werden kann. Mit einem Wort, hier werden der Allgemeinheit zwei Möglichkeiten vor Augen geführt, glücklich das Land, das rechtzeitig lernt, der einen zuvorzukommen und die andere zu suchen. Historisch ist der Inhalt, weil die Briefe laut Fiktion aus den 1720er-Jahren stammen und somit zeitlich verankert sind. Ferner weist das Avertissement auf die naturhistorische Methodik, von den Sitten und Gebräuchen ferner Ländern zu berichten. Damit deklariert der Paratext den Text als faktuale, gar wissenschaftliche Gattung, bedient sich folglich pseudofaktualer Strategien, um einen Bezug der Briefe auf die Wirklichkeit zu beanspruchen. Als ‚ authentische ‘ Briefe eines Reisenden in einer alternativen Welt beanspruchen die IB für die dargestellte Geschichte Wahrheit und daher Allgemeingültigkeit. Historisch ist daher auch, wie zu sehen sein wird, der Darstellungsmodus der Briefe, da die Ästhetik des progressiven Schreibens einen zeitlichen Verlauf, historische Linearität, erschafft. Im Avertissement wird das Publikum darauf aufmerksam gemacht, dass im Folgenden die Systeme zweier antagonistischer Reiche geschildert werden - dass nicht nur eine utopische Gesamtheit abgebildet, sondern auch dystopischer Verfall erzählt wird. Allerdings beziehen sich die Stichworte imago und narratio nicht eindeutig und ausschließlich auf Utopie und Dystopie, sondern erscheinen miteinander verschränkt. Mit der Ankündigung, dass die wahre Tugend in ihren richtigen Farben abgebildet wird und die beiden Länder dem Publikum vor Augen gelegt werden, wird die Anschaulichkeit des Erzählens betont. Die Erzählung operiert mit der rhetorischen Figur der evidentia; die Beschreibungen sind so anschaulich, dass Vorstellungsbilder hervorgerufen werden. Doch scheint es sich nicht allein um mentale Bilder zu handeln, die zur Prüfung vorgelegt werden sollen. Die Epistolarität impliziert auch gerade simulierende Repräsentation von Materialität. Wie in der Utopia der Druck eine noch bessere Vorstellung der Insel erzeugen kann, vermögen es auch die Indianiske Bref die Zustände der fremden Inseln zu dokumentieren. Das vergleichende ‚ Vorlegen ‘ zweier Systeme zielt neben dem Hinweis auf materielle Lektüre auch auf die Aufgabe der Urteilsfällung ab, mit der die Leser: innen betraut werden; die Evidenz der Darstellung soll auch politische Praxis provozieren. Zwar nimmt das Avertissement das Ergebnis der Bewertung bereits vorweg - Petræa ist anzustreben, Philippinien zu fliehen - , doch zumindest legt es eine Lektüre nahe, die das Dargestellte 7.3 Paratexte und Briefe 153 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="154"?> nicht nur in Lebenspraxis, sondern auch direkt in politische Prämissen übersetzt. Damit klingt der Anspruch des Textes durch, eine diegetische Welt zu gestalten, die auf die Wirklichkeit als Vor- oder Schreckbild applizierbar ist. Andererseits verweist das Avertissement auf eine historische Entwicklung von Petræa und Philippinien. Philippinien stellt dar, wie tief ein Land ins Unglück fallen kann, während sich an Petræa zeigt, wie ein Land zum Ideal emporsteigen kann (IB: 2). Die Möglichkeit der Entwicklung verleiht der Anregung zur politischen Praxis noch mehr Gewicht, zumal sie nahelegt, dass Veränderung erzielt werden kann, wenn man sich nur tugendhaft und vor allem gottesfürchtig verhält. Ein korrekt gelebter christlicher Glauben scheint über Aufstieg oder Niedergang eines Staates zu entscheiden. Damit erweitert das Avertissement den Themencluster des Titelblatts um die vierte Kategorie Religion. Diese steht allerdings keineswegs gleichberechtigt neben Politik, Ethik und Ökonomie: Wenn Philippiniens Gottlosigkeit zum Niedergang führte und sich das Optimum der Insel Petræa hingegen aus der weisen Gottesfurcht entwickelt, bedingen Religion und Moral die Gestalt der politischen und ökonomischen Organisation. Diese thematische Organisation weicht von der architextuellen Identität von Philosophie und Religion in der Utopia ab, kann aber mit dem Beruf des Autors begründet werden (Svensson 1987: 24; Westman 1954: 50). 24 Die protestantische Konfession ist als Vorbild der idealen Religionsausübung in Petræa deutlich zu erkennen. Die Themen in den folgenden Briefen lassen sich bisweilen deutlicher, bisweilen weniger deutlich den vier Kategorien zuordnen (s. Tab. 1). Die Sedolära betrifft hier alle Aspekte der moralischen Erziehung, d. h. Bildungssystem, Unterhaltungsformen und familiäre Erziehung, die Regering umfasst alle politischen Glieder mitsamt der Justiz und sozialstaatlichen Maßnahmen wie der Armenversorgung, und Hushållning schließt als direkte Übersetzung des griechischen oikos private und öffentliche Sphäre ein. Die Themengestaltung der Ausgaben gibt die vergleichende Methodik des Erzählens wieder und weist eine sorgfältige Planung der Publikation aus. Reihum beschäftigen sich jeweils zwei Briefe mit der Religion, der Justiz oder der Unterhaltung in den beiden Systemen. Andere Ausgaben vereinen verschiedene Sachverhalte, flechten figurale Erzählungen oder literarische Texte ein. Am Anfang der zweiten Hälfte an Briefen steht wiederum ein eigenes Avertissement (IB: 194). Es legt ebenfalls pseudofaktuale Interpretation und vergleichende Methodik nahe und plädiert für die Anwendbarkeit des Textes als Zukunftsvision: „ Hwad Swerige är, wete wi; men hwad det kan blifwa wete wi icke “ (IB: 194). 25 Doch handle es sich nur um fiktionale Möglichkeiten, wie die kommentierende Herausgeberinstanz konstatiert und gleichzeitig Interpretationen der ersten zwölf Ausgaben verwirft, die in den Darstellungen schwedische Verhältnisse wiederzuerkennen meinten. Dem sei nicht so, denn es liege ihr fern, sich polemisch gegen Schweden zu stellen. Damit zeigt das zweite Avertissement noch deutlicher, dass sich die IB als Anregung zur politischen Praxis verstehen und dafür pseudofaktuale Erzählstrategien einsetzen, um diese Übersetzung zu erleichtern. 24 Religion und Philosophie seien austauschbar: „ Religion and nature, pleasure and happiness, rational wisdom and the natural love of God, human charity: all elements are interdependent. [ … ] Utopian religion, in short, is philosophy, and philosophy is religion within the limit of simple nature “ (Marin 1990: 169). 25 „ Was Schweden ist, wissen wir; aber was es werden kann, wissen wir nicht “ . 154 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="155"?> Brief Seiten Thema 1 3 - 16 Einführung, erste Vergleiche, Ausblick auf Thematik 2 17 - 32 Politik in P und Ph* 3 33 - 48 Religion in Ph 4 49 - 64 Religion in P 5 65 - 80 Justiz in P 6 81 - 96 Justiz in Ph gegenüber P 7 97 - 112 Erziehung in Ph 8 113 - 128 Erziehung in P, im Vergleich mit System in Ph 9 129 - 144 Unterhaltung in Ph und P 10 145 - 160 Unterhaltung auf dem Land, ehrenvolle Priester 11 161 - 176 Egalität in P 12 177 - 192 Beantwortung von Leser: innenfragen und -kritik 13 195 - 208 Demut und Hochmut in Ph und P 14 209 - 224 Gier und Hochmut 15 225 - 240 Acrisius ’ Geschichte: Gier in Ph 16 241 - 256 Armenversorgung in P 17 257 - 272 Bedeutung von Freundschaft 18 273 - 304 Eingebildete Gelehrte in Ph 19 305 - 320 Trauer über verstorbenen Freund Philander 20 321 - 336 Gedicht Philanders Instruction För sin Son 26 21 337 - 352 Strafvollzug in Ph 22 353 - 368 Strafvollzug in P 23 369 - 384 Bedeutung der Gerechtigkeit 24 385 - 400 Miscellanea *P: Petræa, Ph: Philippinien Tab. 1 Grobe Themenübersicht über die 24 Briefe der beiden Bände von Indianiske Bref. Der einleitende Paratext gibt bereits die Impulse der formalen und typografischen Textgestalt vor: Auf der Grenze zwischen Fiktionalität und Faktualität und hybridisierend, zeichnen die IB ein Bild zweier fremder Gemeinwesen, deren Vergleich zum Nachdenken und zur Praxis anstoßen soll. Insofern sie an utopische Gattungstraditionen anknüpfen, schaffen sie sich einen Verständnishorizont, in dem wissenschaftliche Reflexion und ästhetische Praxis zusammenkommen. Doch entwickeln sie aus dieser Gattungstradition eine eigene Form, indem sie einerseits die utopische Trias um die Religion erweitern und andererseits - wie zu sehen sein wird - Materialität und dynamische Serialität zur narrativen Leitfigur erklären. Das Ziel der narrativen Evidenz erreichen sie daher mit- 26 „ Philanders Instruktion an seinen Sohn “ . 7.3 Paratexte und Briefe 155 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="156"?> unter durch die epistolare Materialität in Darstellung und mise-en-page: Hier können sie Vorstellungsbilder auf der epistolaren Bühne vor Augen führen. Die Dynamik, den anderen Pol der utopischen Erzählung, findet sich zwar auch im historischen Wachstum der beiden dargestellten Staaten. Sie kommt aber auch in der seriellen Progression der Veröffentlichung zu tragen, die sich an die journalistischen Praktiken anlehnt, aus denen sich die IB den Leserbrief zu eigen machen. Nimmt man den Aufruf der Herausgeberinstanz indessen ernst, dass Zukunftsbilder des schwedischen Staats gezeichnet werden sollen, muss auch der historische Kontext der IB einbezogen werden. Tatsächlich zeigt sich dort eine noch nie dagewesene Beschleunigung der Ereignisse, denn der schwedische Buch- und Zeitschriftenmarkt und die politische Situation zum Zeitpunkt der Publikation der IB werden von Veränderungen gerüttelt. 7.3.2 Epistolare Utopien der Empfindsamkeit Der einleitende Paratext ließ nicht vermuten, dass IB in der stilistischen Verpackung der utopisch-dystopischen Inhalte eigene Wege beschreiten wird. Die Rahmung der utopischen Beschreibung und der dystopischen Erzählung durch eine empfindsame Brieftopik ist nicht nur innovativ, sondern auch außergewöhnlich. Wie beschrieben zeichnet sich die utopische Literatur zwar häufig durch Gattungshybridisierung aus; gerne werden satirische Erzählverfahren in der Schilderung von Utopien und Dystopien eingesetzt (z. B. in Holbergs Iter subterraneum oder Swifts Gulliver ’ s Travels). Doch die Paarung mit empfindsamer Herzensschrift überrascht - gerade auch weil sich politische Argumentation und rührselige Empfindsamkeit zu widersprechen scheinen. Wie bereitet man die Leser: innen also auf diese paradoxe Verbindung vor? Und wie überzeugt man sie davon, auch die folgenden Hefte der Wochenschrift zu kaufen? Diese exordialen Aufgaben obliegen der gesamten ersten Ausgabe, die einen ersten Vorgeschmack der empfindsamen Metaphorik und der thematischen Schwerpunkte und Handlungsmotive liefert, aber auch die Methodik des vergleichenden Erzählens zweier Orte diegetisch begründet. Im Gegensatz zu heutigen seriellen Narrativen gehört es nicht zur Verkaufsstrategie, die Leser: innen mit einem mitreißenden Spannungsbogen an das Format zu binden. Der erste Brief macht von Beginn an deutlich, dass sich dieser Text nicht als Abenteuerroman oder Robinsonade versteht und daher jegliche Abenteuererzählungen ausklammert. Die ereignisreiche Seereise soll nicht erzählt werden - sie ist bloß Mittel zum Zweck: „ Jag förbigår de händelser, som under wår Resa träffade. De äro alle med Järnbokstäfwer skrefne i mitt minne, till den Ewiga Försynens ära. Ock jag hastar til det ögnableck, då wi, efter många undslippne faror, blefwo warse ett land, som ej, kunde på wåra Sjö-kort igenfinnas “ (IB: 4). 27 Im Vordergrund soll, wie das Titelblatt und das Avertissement angekündigt haben, 27 „ Ich überspringe die Ereignisse, die während unserer Reise eintrafen. Sie sind alle mit eisernen Buchstaben in mein Gedächtnis eingeschrieben, zur Ehre der ewigen Vorsehung. Und ich eile zu dem Augenblick, als wir, nach vielen entgangenen Gefahren, ein Land erblickten, das nicht auf unseren Seekarten zu finden war “ . Dass die Ereignisse mit „ Järnbokstäfwer “ ins Gedächtnis des Briefschreibers eingetragen sind, fungiert somit als bereits erfolgte kognitive Verschriftlichung (bzw. Abdruck, insofern die eisernen Buchstaben an die metallenen Lettern des Buchdrucks erinnern), die nicht nochmals mit Papier und Tinte wiederholt werden muss. Kognitive und materielle Verschriftlichung werden damit gleichwertig behandelt. 156 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="157"?> die Beschreibung der beiden Länder stehen, nicht eine burleske Stationenreise des Briefschreibers. Daher informiert das umfassende Handlungsreferat des ersten Briefs auch knapp darüber, dass dem Briefschreiber die Rettung ins ideale Petræa geglückt ist. Die IB verstehen sich selbst folglich nicht als Unterhaltungsliteratur, sondern vielmehr als Erbauungsschriften und staatspolitische Traktate. Damit wird zwar auf die Entfaltung spannender Handlungsverläufe in der Temporalität der Schreibszene verzichtet, doch kann der Briefschreiber aus seiner Beobachterposition stattdessen die historischen Entwicklungen der dargestellten Inseln kartieren. Narrative Progression ist im Gegensatz zu empfindsamen Briefromanen daher weniger im unmittelbaren Umfeld des Schreibers zu erwarten. Zu den historischen Veränderungen der Inseln gehört der moralische Zerfall von Philippinien, der den Schwerpunkt im ersten Brief bildet. Zunächst beschreibt der Schreiber aber den aktuellen Zustand: Die Philippinier leben in Scheinwelten, wo die Rede nicht mit den Taten übereinstimmt und alle - sogar der Briefverfasser - getäuscht werden, die christliche Religion befindet sich in einem desolaten Zustand, da die schrifttreue Praxis als Sekte verdrängt und verfolgt wird, und schließlich spiegelt sich das sündige Verhalten in der halbtierischen Gestalt der Philippinier. Im Gegensatz zu den Hybridwesen in Gulliver ’ s Travels werden die tierischen Merkmale allerdings nicht vererbt, sondern entstehen erst durch Lasterhaftigkeit und können sich, wenn man sich moralisch korrekt verhält, wieder zurückbilden (IB: 4 - 15). Dabei spielt es keine Rolle, ob man in Philippinien geboren wurde oder nicht; sobald man einen Fuß auf die Insel setzt, unterliegt man diesem seltsamen Fluch. So ergeht es nach eigener Aussage auch dem Briefschreiber, der sich zu hedonistischem Verhalten mitreißen lässt, darauf mit Schrecken bemerkt, dass auch ihm Klauen wachsen, und im Dialog mit seinem tugendhaften Freund Anaxagoras wieder zu Vernunft und Gottesfurcht zurückfindet (IB: 6 - 7). Ein ähnliches Gespräch, aber mit vertauschten Rollen, findet am Ende des Textes statt, bei dem das erzählte Ich einen aufgebrachten Herrn mit vernünftigen Ratschlägen zur Besinnung bringt (s. u., Kap. 7.4.2). Hier wie dort vermag es der persönliche Austausch, Sinneswandel auszulösen und für Klarsicht zu sorgen. Neben diesen Metamorphosen der einzelnen Bürger berichtet der erste Brief auch von den gesellschaftlichen und politischen Transformationen des gesamten Staats Philippinien. Analog zur Abbildung der fehlenden Moral im Aussehen der Bewohner wirkt sich auch die Religionspraxis auf die staatspolitische Situation aus. Die philippinische Geschichte ist von einem Auf und Ab der Religionsausübung geprägt: von der gottlosen Urgeschichte zu einer kurzen Periode rechtschaffener christlicher Praxis, um dann wiederum im sündigen Untergang zu enden. Damit wird jedoch die perfektible Tendenz der utopischen Literatur des 18. Jahrhunderts auf den Kopf gestellt: Philippinien entwickelte sich nicht stetig zum Besseren, auch die kurze Phase des Aufschwungs ist nicht von Dauer. Im Großen wie im Kleinen ist der Staat vielmehr der Beweis für die historische Deterioration. So viel zur Handlungsexposition im ersten Brief, aber welche paratextuellen Informationen liefert die Darstellung? Hier setzt nun die Rhetorik des empfindsamen Briefromans ein, die im Titelblatt und dem Avertissement noch fehlte. Sie vermittelt einen von der epistolaren Materialität geprägten Erzählmodus und regt zu einer ebenso materiell verfahrenden Lektüre an. Die affektiv-gestischen Floskeln der ersten Abschnitte legen einen deutlichen Schwerpunkt auf die Beziehungsarbeit mit und in schriftlichen Dokumenten: 7.3 Paratexte und Briefe 157 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="158"?> Älskade Aristippe. Det war den 20 Junii 1701, som wi wid Pensilvaniens strand skildes från hwarannan. Det war då, min kära Aristippe, som jag för sidsta gången kanhända här i werlden omfamnade dig. Jag flög med en stormande wind från din åsyn: och, hwad stormar har jag icke sedan måst undergå! Huru ömt blir icke wårt hjerta genom en ren och Christelig wänskap? Jag tyckte mig öka hafwets watn med de bittra floder, som flöto utur mina ögon öfwer förlusten af din närwarelse. Hundrade gånger, ja, wid hwar fart, som skjeppet tog mellan wågornes swall tänkte jag med fasa på de omständigheter, som hindrade dig, min Aristippe, att gjöra mig sällskap. Mitt hjerta will upplösas i ömhet, ock min hand allenast tolka känslor. Men du längtar att weta mina öden. Jag will meddela dig dem, ock de Folkslags Historia, bland hwilka jag wistats och wistas. (IB: 3) Geliebter Aristippe. Es war am 20. Juni 1701, als wir uns an der Küste von Pennsylvania voneinander trennten. Damals, mein lieber Aristippe, umarmte ich dich vielleicht zum letzten Mal auf der Welt. Ich flog mit einem stürmischen Wind aus deinem Anblick: und welche Stürme habe ich seitdem ertragen müssen! Wie zart wird doch unser Herz durch eine reine und christliche Freundschaft? Es schien mir, als würde ich die Wassermassen des Meeres mit den bitteren Flüssen vermehren, die über den Verlust deiner Gegenwart aus meinen Augen flossen. Hundertmal, ja, bei jeder Fahrt, die das Schiff zwischen den Wogen machte, dachte ich mit Schrecken an die Umstände, die dich, mein Aristippe, daran hinderten, mir Gesellschaft zu leisten. Mein Herz will sich in Zärtlichkeit auflösen, und meine Hand nur Gefühle deuten. Doch du sehnst dich danach, meine Schicksale zu erfahren. Ich will sie dir erzählen und die Historia der Völker, unter denen ich verkehrte und verkehre. Der Abschied zeigt eine enge Freundschaft zwischen Briefschreiber und Adressaten, die sich in Tränenergüssen materialisiert. Noch in der Schreibszene 20 Jahre nach dem beschriebenen Ereignis spürt der Verfasser den Verlust so schmerzlich, dass seine Hand nichts anderes als Gefühle in Schrift übersetzen kann. 28 Ähnliche empfindsame Beschreibungen der Gemütslage stehen in den späteren Ausgaben regelmäßig am Briefanfang und -ende, geben aber selten Informationen zur genauen Art der Beziehung der Briefpartner oder Aristippes Wesen. Inhaltsleer bleibt die Rhetorik dennoch nicht, da die schriftliche Materialisierung von Emotionen das Fundament für eine andere Kommunikation und Argumentation bildet und die IB an ein Motiv des utopischen Archetexts bindet. Der Übersetzung von Affekt in Schrift liegt das Verständnis des Briefs als unmittelbarer Seelenabdruck zugrunde; er ist damit die Spur einer Schreibszene, die sich in die Schreibunterlage eingeprägt hat. Diese Inschrift ins Material ermöglicht explizit die doppelte, verbal-semantisch und materiell verfahrende, Erzählweise und Lektüre, die etwa in Rålambs En Swensk Adelsmans Äfwentyr den Tod der schreibenden Donna Marca dramatisiert hatte. Auch in den IB konserviert sich in der Materialität neben der reinen Information ein affektiv-gestischer Gehalt, der die Schreib-Szene dramatisiert und mit Temporalität verseht. Tatsächlich findet sich eine ähnliche materielle Lektüre von Spuren auch im Gattungsahnen Utopia. Sie verbindet dort die beiden Aspekte imago und narratio, da sie aus der 28 Diese Verschriftlichung der Gefühle wird prompt wieder unterbunden und ab der nächsten Seite nur noch auf die Geschichte der fremden Insel fokussiert. 158 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="159"?> Lektüre von topografischen Spuren eine Erzählung entwickelt. Die Rede ist von dem absichtlichen Einschnitt in die Landschaft um Utopia, um die Insel vom Festland zu trennen. Jener Einschnitt soll nicht nur eine Spur hinterlassen haben, sondern lässt sich mit Marin (1990: 100) auch als Inschrift identifizieren, die nach Erzählung verlangt und diese gleichzeitig fördert: „ Utopia is itself the result of a written foundation, an incision in continuous space: narrative of foundation “ . Er versteht die Darstellung dieses Einschnitts als doppelten Diskurs, der Beschreibung von Materialität mit der Erzählung von Handlungsverläufen zusammenbringt - und so das Bild erzählen lässt. Die Inschriften des Briefschreibers in den IB geben einen ebensolchen Einblick in den Moment ihrer Entstehung. An genau diesem Ort treffen sich das empfindsame Verständnis von Briefen als Seelenabdrücke mit der utopischen Poetik. Denn es ist nicht nur die Gemütslage des Schreibers, die sich im Material einprägt, sondern auch seine Gedankengänge. Briefe bieten, wie oben in Kapitel 2 dargelegt, die Möglichkeit, Argumentationen fortlaufend und ohne Anspruch auf Abgeschlossenheit zu entwickeln. Dass es dem Text just um die argumentative Seite geht, zeigt sich in mehreren Apostrophen an den Empfänger, mit denen die ‚ richtige ‘ Lektüre gesichert werden soll. Die sentimentalen Floskeln des Briefanfangs betonen folglich die körperliche und die epistolare Materialität, um damit den Brief als lesbare Spur der Schreibszene offenzulegen. Zwar weist die intime Rhetorik auch auf eine enge Freundschaft zwischen Schreiber und Adressat hin, doch wird diese außer solchen Apostrophen nicht weiter vertieft, stattdessen entpuppt sich der Adressat vielmehr als gesichtsloser Stellvertreter der Leser: innen, in den sie sich hineinversetzen können. Daher zielt die empfindsame Rhetorik eher auf einen spezifischen Rezeptionsmodus, der - analog zur utopischen imago und narratio - die Erzählung in der Materialität und die Materialität der Erzählung erkennt. Während sich das nächste Kapitel damit beschäftigen wird, wie die empfindsame Epistolarität das utopische Erzählen beeinflusst, soll an dieser Stelle nochmals auf den Wechsel von Beschreibung und Erzählung in den IB eingegangen werden. Dabei zeigt sich, dass zwar häufig das utopische System beschrieben und der dystopische Zerfall erzählt wird, doch kommt es bisweilen auch zu chiastischen Verschränkungen. Beide Fälle lassen sich am besten mit Beispielen exemplarisch darstellen: Im siebten und achten Brief wird etwa das Erziehungswesen der beiden Länder vorgestellt: Petræa kennt ein staatlich geregeltes Erziehungssystem, das allen, sogar den Mittellosen, eine Bildung ermöglicht, während es in Philippinien zwar auch Schulen und Privatlehrer gibt, die Eltern aber mehr Wert darauf legen, dass ihre Sprösslinge im Vergnügen ausgebildet werden (IB: 113 - 128). Die petrævianische Lehrerausbildung ist staatlich geregelt und kennt ähnliche Anforderungen wie heutige Schulsysteme, z. B. in Finnland (IB: 114 - 116). Hela uppfostrings wärket, sa wäl det allmänna, som enskilta styres i Petræa af 10 ärlige, wise, och lärde män, hwilka hålla öfwer Scholarne en noga wård, och njuta därföre af Riket en skälig wedergällning: Deßa män äro alla Professorer, och utgiöra i Adria en Academie, skild ifrån andra därutinnan, at här intet annat föreläses, än konsten, at uppföda barn, från det de gå in i werlden tils de blifwa nyttige för det allmänna. Och denna Academie frequenteras af ingen annan ungdom, än den som antingen til Publique eller enskild uppfostran ärnar låta bruka sig. (IB: 114) Das gesamte Erziehungswesen, sowohl das allgemeine als auch das individuelle, wird in Petræa von 10 ehrlichen, weisen und gelehrten Männern geleitet, die die Schüler streng beaufsichtigen und dafür vom Königreich eine angemessene Vergütung erhalten: Diese Männer sind alle Profes- 7.3 Paratexte und Briefe 159 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="160"?> soren und bilden in Adria eine Akademie, die sich von anderen dadurch unterscheidet, dass hier nichts anderes gelehrt wird als die Kunst, Kinder zu erziehen, von ihrem Eintritt in die Welt bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie für die Allgemeinheit nützlich werden. Und diese Akademie wird von keinen anderen Jugendlichen frequentiert als denen, die entweder eine Laufbahn in der öffentlichen oder privaten Erziehung anstreben. Wie viele andere Bereiche im Staat Petræa ist auch das Schulwesen streng reguliert; der Briefverfasser nennt hier wie andernorts konkrete Zahlen und beschreibt die komplizierte Bürokratie, die das Gerüst des Systems ausmacht: 29 Zehn Professoren lehren in einer pädagogischen Akademie und überwachen das Bildungswesen bis in die entferntesten Ecken des Landes. Zwar wird im Zuge der Vorstellung des petrævianischen Systems im achten Brief auch das pädagogische ‚ Werk ‘ in Philippinien erläutert (IB: 118 - 127), jedoch wird dieses vor allem anhand eines Exempels dargestellt. Im siebten Brief berichtet der Briefschreiber von der Bildungsgeschichte des philippinischen Jünglings Dorimon, der von seinen Eltern zu luxuria und Faulheit erzogen und niemals für ein Vergehen bestraft wurde. „ Innan han ännu wet hwad det är, han wärderar, har man således lärt honom wärdera; och innan han ännu wet hwad han bör willa, will han med häftighet. Alt som lyser, är honom redan nödwändigt. Han will hafwa alt “ (IB: 98). 30 Als Dorimon acht war, bekam er einen Informator, Leander, der ihm tugendhaftes Verhalten beibringen wollte, dafür jedoch von den Eltern aus dem Haus geworfen wurde, nachdem sich Dorimon bei ihnen beklagt hatte: „ Herr Leander är så owettig. Han säger at mina kläder ej äro wackra, och at det är bara trosor. Min mor har sagt, at jag skall älska min Informator; men det kan ja ej giöra, fär han är så elak, och han säger liksom en piga sade en gång, hwilken min mor kiörde bort, at jag är så högfärdig. “ (IB: 104). 31 Für die Eltern war daher klar: Der „ Philosophe “ muss gehen. Doch führt die Erziehung zu Hochmut und Verfänglichkeit dazu, dass Dorimon beim Fechten seinen besten Freund erschlägt, darauf von seinen Eltern verstoßen wird und schließlich allein am Rande der Gesellschaft endet: „ Han blef således på en gång af lyckan och alla människor öfwergifwen, som ej, utan af lyckan wäntat sig lifwets förmoner “ (IB: 112). 32 Diese Geschichte veranschaulicht folglich, wie einerseits die Normalität in der philippinischen mundus inversus aussieht und was andererseits einer Person blüht, die nicht vernünftig erzogen wurde. Dieser Wechsel von Beschreibung und Erzählung entspricht der dualen Darstellungsweise der Utopia, ordnet sich aber auch in eine tugendhafte Romanpoetik ein, die Gutes exemplarisch abbildet und Schlechtes unterhaltsam schildert. Die schwedischen Romane bedienen sich 29 Wie sich die Regierung in sieben verschiedene Deputationen aufteilt, die sich aus den Oberhäuptern aller Familien aller fünf Stände zusammensetzen, und in welcher Beziehung diese zum Monarchen stehen, legt der zweite Brief dar (IB: 17 - 27). 30 „ Bevor er überhaupt weiß, was er schätzt, hat man ihm beigebracht, zu schätzen; und bevor er überhaupt weiß, was er will, will er es mit Leidenschaft. Alles, was glänzt, ist für ihn bereits unverzichtbar. Er will alles haben “ . 31 „ Herr Leander ist so gemein. Er sagt, dass meine Kleider nicht schön und nur Lumpen seien. Meine Mutter hat gesagt, dass ich meinen Informator lieben soll, aber das kann ich nicht, denn er ist so fies, und er sagt, wie eine Magd einmal gesagt hatte, die meine Mutter weggeschickt hatte, dass ich so hochmütig sei “ . 32 „ Er wurde somit auf einen Schlag vom Glück und von allen Menschen verlassen, die nur vom Glück die Vorzüge des Lebens erwartet hatten “ . 160 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="161"?> zweier gegensätzlicher Legitimationsstrategien für ihre fiktionalen Erzählungen, wie Mats Malm erklärt: Den grundläggande föreställningen synes således vara denna: framställningens mimesis, representationen, kan utnyttjas främst för att åskådliggöra odygd - som tilltalande eller frånstötande - men handlingens mimesis, efterbildningen, klargör, om den inte är vidlyftig, dygdens karaktär. Enligt denna tankefigur hör åskådliggörandet principiellt till det onda. (Malm 2001: 84) Die grundlegende Vorstellung scheint also folgende gewesen sein: Die Mimesis der Darstellung, die Repräsentation, kann in erster Linie dazu genutzt werden, Laster - als anziehend oder abstoßend - zu veranschaulichen, während die Mimesis der Handlung, die Nachahmung, sofern sie nicht übertrieben ist, den Charakter der Tugend verdeutlicht. Nach dieser Vorstellung gehört die Veranschaulichung grundsätzlich zum Bösen. Doch finden sich in den IB auch Erzählungen von moralischen Vorbildern (z. B. IB: 305 - 320) und Beschreibungen des dystopischen Staatswesens (z. B. IB: 353 - 368). Die Existenz zweier Darstellungsverfahren ist dem Text indessen bewusst; sie wird in kommentierenden Passagen thematisiert und mit Werturteilen versehen. Im vierten Brief entschuldigt sich der Schreiber für die satirische Darstellung der philippinischen Religion im vorigen Brief. Der letzte Brief, beteuert er, „ war långt [ … ] och ledsamt: bägge delarne, emedan det intet annat innehölt, än ängsliga målningar på ett ännu ängsligare Philippinien “ (IB: 49). 33 Das ist gelinde gesagt überraschend, lassen sich doch die erzählenden, meistens satirischen Abschnitte weitaus kurzweiliger lesen als die Beschreibung des bürokratischen, petrævianischen Systems. Der Kommentar scheint daher didaktisch und lektüreanleitend motiviert zu sein: Die Leser: innen werden darauf hingewiesen, welche Inhalte von der Erzählung für wichtiger erachtet werden und was zum Kern des Arguments zählt - die satirischen Geschichten der philippinischen Hybridgestalten gehören nicht dazu. Der ersten Ausgabe obliegt die Aufgabe, Methodik und Thematik der neuen Wochenschrift zu vermitteln und zum weiteren Kauf anzuregen. Titelblatt und Avertissement verorten die IB dabei im generischen Feld der utopischen Literatur, während der Brieftext die Bedeutung der empfindsamen Rhetorik und der kontrastiven Methodik vermittelt. Unterhaltsamen Abenteuerepisoden wird explizit die Absage erteilt, dafür die Funktionalität der epistolaren Materialität als doppelter Bedeutungsträger auf das utopische Erzählen appliziert. Aufklärung darüber, warum die IB hier einen eigenen Weg beschreiten, gibt ein Blick auf die politische Situation zur Zeit der Veröffentlichung und die Nähe der moralischen Wochenschrift zum Journalismus. 7.4 Zwischen journalistischer Dynamik und empfindsamer Materialität 7.4.1 Die stürmische Zeit der Tryckfrihetstiden Dass die IB in einem journalistischen Kontext entstanden sind, wird an der typografischen Gestaltung deutlich. Die Briefe sind nicht nur nummeriert, sondern auch beinahe alle 33 „ war lang [ … ] und traurig: beides, da er nichts anderes enthielt als bedrückende Malereien von einem noch bedrückenderen Philippinien “ . 7.4 Zwischen journalistischer Dynamik und empfindsamer Materialität 161 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="162"?> sechzehn Seiten lang, was somit exakt dem Umfang eines Druckbogens entspricht. Wie erwähnt erschienen die IB wöchentlich und waren mit der Wochenzeitung Carlscronas Weckoblad (1754 - 1878) verknüpft; entsprechend konnten sie entweder abonniert oder einzeln erworben werden. Die Nummerierung der einzelnen Ausgaben weist dabei bereits auf die vorantreibende Tendenz, um die es im Folgenden gehen soll; rein äußerlich inszenieren sich die IB damit als progressives, serielles Medium mit einer vorwärts gerichteten Zeitlichkeit, dessen einzelne Elemente in einer festgelegten Reihenfolge konsumiert werden sollten. 34 Solche mediale Eigenschaften spielen für das serielle Erzählen eine wesentliche Rolle, denn sie bestimmen über das Gelingen und damit die weitere Existenz des jeweiligen Formats (Hagedorn 1994). Die serielle Distribution von Erzählformaten dient zum einen als Vermarktungs- und Kostenoptimierungsstrategie, bringt zum anderen auch eigene Voraussetzungen, Praktiken und Potenziale mit. Erzählaufschübe sind etwa üblich: Am Ende der Ausgaben wird gerne mit fesselnden Cliffhangern gearbeitet, um die Leser: innen zum Erwerb des Folgeexemplars zu motivieren. Selbst in den IB werden ähnliche Techniken eingesetzt; ein baldiges Ende der Korrespondenz wird etwa im 22. Brief angekündigt, aber erst im 24. und letzten Brief genauer erläutert. Andere Erzähltechniken, die sich der Serialität schulden, aber auf ein anderes Kalkül weisen, sind mehrmals wiederholte Informationen. Kerninformationen der diegetischen Welt, etwa die Bezeichnung für orthodoxe Christen in Philippinien, werden nach der Exposition im ersten Brief später nochmals wiederholt. Damit wird vorgebeugt, dass wichtige Informationen auch denjenigen nicht entgehen, die nicht alle Ausgaben lesen konnten. Die IB teilten sich den Platz in den Auslagen der Buch- und Zeitschriftenhändler mit anderen seriell erscheinenden Schriften. Dies potenziert den pseudofaktualen Charakter der IB, da sie nicht nur faktuale Schreibweisen reproduzieren, sondern auch in nächster Nähe zu den hybridisierten Textsorten lagen, d. h. zu den Periodika und authentischen Reiseberichten. 35 Formal befinden sie sich außerdem in nächster Nähe zu den fiktiven Einsendebriefen der journalistischen Essayistik, die faktuale Einsendungen imitierten und im satirischen Stil Missstände der Gesellschaft und Charakterschwächen thematisierten. Die Publizistik des 18. Jahrhunderts zeigt, wie die Presse zum schriftlichen Forum werden konnte, wo erste demokratische Formen erprobt und stilistische und thematische Grenzen ausgelotet werden konnten. Die gleichzeitige Existenz und Wechselwirkung von fiktionalen und faktualen Texten spielt hierbei eine wichtige Rolle, oft standen sie in solch unmittelbaren Kontakt, dass es wohl bisweilen schwierig werden konnte, sie trennscharf zu unterscheiden. Auch in Schweden gab es eine reiche fiktionale Spectator-Literatur, allen 34 Das serielle Erzählen lässt sich definieren als „ practice of offering a narrative text to consumers in isolated, materially independent units available at different but predictable times: in a word, in successive episodes “ (Hagedorn 1994: 27 - 28). Die Nummerierung erinnert moderne Leser: innen deshalb nicht von ungefähr an ähnliche Nummerierungen von progressiv aufgebauten Fernsehserien, die - im Gegensatz zu seriellen Medien mit loser narrativer Struktur - in einer spezifischen Reihenfolge angeschaut werden müssen. 35 Als Briefe kamen auch die ersten Neuigkeiten über die neue Welt nach Europa; faktuale und fiktionale Reisebriefe übten einen Entfremdungseffekt auf die bisher bekannte Wirklichkeit aus und besaßen Transformationspotenzial: „ The letter was integral to the process we call Enlightenment. Little by little, the news brought by letters from everywhere and anywhere had a transformative effect on readers. New information ‚ defamiliarized ‘ their world “ (Beebee 1999: 78). 162 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="163"?> voran ihr stil- und gattungsbildender Wegbereiter Then Swänska Argus ( „ Der schwedische Argus “ , 1732 - 1734) von Olof von Dalin. Dalins „ virtuos förmåga att imitera olika stilarter, inte minst de folkliga “ (Oscarsson 2000: 108), bewies, wie die Hybridisierung verschiedener Gattungen dazu genutzt werden konnte, die Gesellschaft polyperspektivisch zu beleuchten. 36 Dabei setzte er bewusst fiktive Leser: innenbriefe und typografische Erzählstrategien ein. 37 Diese Strategien kennzeichneten den Argus als schnell reagierendes, partizipatives Medium, das Diskussionen fördern möchte und sich im Austausch mit der Leserschaft stets im Entstehen befindet (Forselius 2015: 49 - 50). Das 18. Jahrhundert war insgesamt ein ereignisreiches Jahrhundert für den europäischen Journalismus, aber auch im Speziellen für die schwedische Presse. Im gleichen Schritt, wie die Einwohnerzahlen der Städte und Kleinstädte wuchsen, entstanden auch zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften (insgesamt ca. 340, davon 50 - 60 reine Nachrichtenjournale, vgl. Oscarsson 2000: 206) Viele davon überlebten kaum ihren ersten Geburtstag, einige wenige - darunter das Carlscronas Weckoblad (ab 1878 Nya Karlskrona Weckoblad, ab 1908 Karlskrona-Tidningen) - wurden erst im 20. Jahrhundert eingestellt. Die Vergrößerung des Zeitungsmarktes resultierte u. a. in verschiedenen journalistischen Hybridformaten, die Nachrichtennotizen mit Essayistik verbanden, aber auch wissenschaftliche und literarische Rezension, Unterhaltungsliteratur und Debattenforum kombinierten, weshalb ausgeprägte Gattungshybridität insgesamt als konstitutives Merkmal der Periodika gelten darf. Auch das Carlscronas Weckoblad musste wegen mangelnden Materials die „ Politieoch Commerce-Tidningar “ ( „ Polizei- und Handels-Nachrichten “ ) mit Feuilletons ergänzen. Mit der revolutionären Tryckfrihetsförordningen 1766 erhielt Schweden eine Pressefreiheit, für die es in der europäischen Politik keine Vorgängerin gab und die in der kurzen Periode bis 1774, der sogenannten Tryckfrihetstiden ( „ Zeit der Pressefreiheit “ ), für eine Blüte des Journalismus sorgte. Die einschneidendste Veränderung dürfte die Aufhebung der Vorhandzensur (außer für religiöse Texte) gewesen sein: Anstatt dass nur Texte mit „ Imprimatur “ -Stempel vertrieben werden durften, wurde nun lediglich der Missbrauch der Druckfreiheit geahndet, d. h. alles konnte gedruckt werden, solange es keine Leugnung der evangelischen Lehre, Kritik des Grundgesetzes oder Schmähungen gegen Regierung, Beamten oder Mitbürger beinhaltete. Die Bevölkerung wurde sogar ausdrücklich dazu eingeladen, in gedruckter Form an der politischen Debatte teilzunehmen. Ebenso wurde die Veröffentlichung von Behörden- und Ratsprotokollen durch Zeitungen erlaubt (Oscarsson 2000: 140 - 142). Die Tryckfrihetstiden fiel mit einem Zeitraum des politischen Umbruchs (zwei umfangreiche Reichstage wurden 1769/ 1770 und 1771/ 1772 abgehalten) zusammen, den sie freilich auch beeinflusste: Die zuvor in der Sicherheit isolierter Treffpunkte geäußerte Kritik an den Räten und Behörden wurde nun in den journalistischen Organen an die Öffentlichkeit getragen, gleichzeitig spielten sich die Grabenkämpfe der Regierungswechsel in Zeitschriften und Pamphleten ab (Nordin 2020; Gustafsson 2009). Dies führte neben einer Welle an kurzlebigen journalistischen Formaten, die 36 „ virtuoses Können, die unterschiedlichsten Stilarten zu imitieren, nicht zuletzt die volkstümlichen “ . 37 Wer sich für Dalins typografische Narration interessiert, der konsultiere z. B. die letzte Ausgabe des Argus (1734), wo Dalin fulminant seine Feder mit einer fallenden Buchstabenfolge fallen lässt (Forselius 2008). Daneben zeigt Forselius (2015) in ihrer Studie des epistolaren journalistischen Erzählens, inwiefern die materiellen, technologischen und sozialen Kontexte dessen Form bestimmten. 7.4 Zwischen journalistischer Dynamik und empfindsamer Materialität 163 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="164"?> sich oft von der objektiven Berichterstattung zugunsten der politischen Propaganda verabschiedeten, zur Blüte der moralischen Essayistik und einer neuen Debattenkultur im politischen Leserbrief (Skuncke 2003: 266). 38 Kurz gesagt: Das Publikum gewöhnte sich daran, äußerst tendenziöse Darlegungen politischen und ethischen Inhalts in den Periodika zu lesen. Unter dem Schutz der Anonymität bedienten sich die Autoren einer polemischen und vulgären Sprache, vergleichbar mit der Situation in digitalen Debattenforen. 39 Da jedoch direkte Schmähungen strikt untersagt waren, kamen allegorische Erzählstrategien zum Einsatz. So wurde es zur Kunst, „ att peka ut antagonisterna med hjälp av anspelningar och omskrivningar eller [ … ] ‚ fiktioner och målningar ‘ som gjorde det svårt att fastställa var gränsen för det tillåtna gick “ (Oscarsson 2000: 150). 40 Damit findet aber auch ein ästhetisches Moment Eintritt in die politische Rhetorik, das die Grenze zwischen Faktualität und Fiktionalität verschiebt. Die Tryckfrihetstiden kann somit als Zeit der ‚ Papierkriege ‘ gelten, in der sich abzeichnet, wie die wachsende Druckkultur eine zwar politisch-demokratische, aber auch polemisch geteilte Öffentlichkeit in den Periodika und Pamphleten schaffen konnte. Die Pressefreiheit artikulierte ein neues Verständnis der schriftlichen Öffentlichkeit, indem sie die Veröffentlichung der behördlichen Dokumente erlaubte und der Publizistik mithin die Funktion eines sekundären, demokratischen Organs und Archivs verlieh, das als Grundlage für eine informierte politische Meinung dienen sollte. 41 Publizierte Dokumente wurden demokratisch. Die politische Debatte selbst spielte sich in einem größeren Maße in Praktiken der typografischen Schriftlichkeit ab. In demselben Maße wie freier diskutiert werden durfte, wurde der Ton der neuen Foren polemischer und vulgärer. Die Pressefreiheit führte schließlich gemeinsam mit dem wachsenden Vertrieb ausländischer und schwedischer Romane nicht nur zur Expansion, sondern gar zur Sättigung des Buchmarkts (Forselius 2015: 190; Björkman 2006: 91). Nicht zuletzt deshalb bot der Journalismus und die periodische Veröffentlichung ein Gefäß für Essayistik und fiktionale Literatur, insbesondere für serielle Erzählformen wie die IB oder andere Texte, u. a. Catharina Ahlgrens anonymer Brefwäxling Emellan Twänne Fruntimmer ( „ Briefwechsel zwischen zwei Frauenzimmern “ , 1772). 42 7.4.2 Schriftliche Korrespondenzen: Die Indianiske Bref als utopische Wochenschrift Vor den authentischen politischen Debatten in den Leserbriefspalten gab es die einzelnen essayistischen, meist fiktionalen Einsendungen in den Periodika; auf die Bedeutung von 38 Laut Oscarsson (2000: 150) entstanden 30 - 40 unterschiedliche Periodika in der Zeitspanne von acht Jahren. 39 „ Språket blev fränare, skämten och anspelningar grövre “ (Oscarsson 2000: 153; „ Die Sprache wurde schroffer, die Witze und Anspielungen derber “ ). Zeitgenossen nahmen die vor allem auch in Pamphleten geführten Debatte als „ en högst obehaglig mediestorm “ wahr (Nordin 2020: 95; „ einen höchst unbehaglichen Mediensturm “ ). 40 „ die Antagonisten mithilfe von Anspielungen und Umschreibungen oder ‚ Fiktionen und Malereien ‘ zu entlarven, die es schwer machten, die Grenze des Zulässigen zu festzulegen “ . 41 Allein die Veröffentlichung entsprach schon einem politischen Akt (Munck 2012: 240). 42 Forselius (2015: 187 - 210) widmet Ahlgrens drei moralischen Zeitschriften (1772 - 1773) ein ausführliches Kapitel. 164 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="165"?> Dalins Argus für die Formen des journalistischen Schreibens wurde bereits hingewiesen. Die IB knüpfen mit ihrer moralischen und didaktischen Intention an diese Tradition an, reagieren aber auch in einem weiteren Punkt auf literarische Vorgänger. Forselius (2015) stellt in ihrer Studie mehrere erfolgreiche moralische Zeitschriften vor, die in der Folge des Argus in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und mit jeweils eigenen stilistischen Entscheidungen genauso meinungsbildend wirken wollten. Auf dem generischen Feld befinden sich Gjörwells Bref om Blandade Ämnen ( „ Briefe über gemischte Themen “ , 1754) und Ahlgrens Brefwäxling (1772) in nächster Nähe der IB, die beide formal reine Brieffiktionen sind, sich jedoch stilistisch erheblich unterscheiden. Während Gjörwells monologische Briefe sachlich und informationsorientiert bleiben, verwendet Ahlgren eine empfindsame Rhetorik mit ausgeprägter Körpermetaphorik. Die IB sind insofern eine Verquickung von Gjörwells Konzentration auf Inhalte in Ahlgrens empfindsames Kleid. Im Relief dieser schwedischen Spectator-Literatur und gerade Gjörwells Periodika zeichnet sich die Innovation der IB ab: Es war in den moralischen Zeitschriften üblich, fiktionale und faktuale Leser: innenbriefe zu veröffentlichen, die vom Herausgeber einleitend kommentiert und oft auch beantwortet wurden. So bettete auch Dalins Argus die zitierten Briefe in die Rede des Erzählers ein, behandelte diese aber eher wie einen mündlichen Dialog mit dem Publikum (Forselius 2015: 216). Im Übrigen lässt sich solche Publikumsbeteiligung nicht nur in moralischen Wochenschriften finden; sämtliche Periodika riefen zur Einsendung von Leser: innenbriefen auf, wobei sich meisten die Herausgeberinstanzen direkt an die Leserschaft wandten. Auch Gjörwells Bref Om Blandade Ämnen (1754) bat um Einsendungen, stand aber vor dem Problem, dass der gesetzte epistolare Rahmen eigentlich gar keine Herausgeberinstanz besaß, die das Material orchestrierte. Deshalb wurde der Aufruf in der vierten Ausgabe als separate „ Kundgjörelse “ ( „ Bekanntmachung “ ) gedruckt (Gjörwell 1754: 54, s. Abb. 17), die zwar die Grundstruktur der Brieffiktion intakt lässt, aber eine Metaebene einführt, die de facto einer Herausgeberfunktion entspricht. Die „ Kundgjörelse “ bittet nicht nur nach Einsendungen, sondern hält auch formale und thematische Richtlinien fest (Forselius 2015: 173). Tatsächlich wurde die Brieffiktion vom Zeitgenossen Abraham Sahlstedt für die mangelnde Authentizität kritisiert, da abseits der Anrede eines anonym bleibenden Adressaten und der Signatur ein intimer, natürlicher Stil fehlte, wie er der empfindsamen Rhetorik entsprechen würde (Sahlstedt 1754; Forselius 2015: 175 - 183). Die Epistolarität reduziert sich in den Bref Om Blandade Ämnen folglich im Grunde auf die paratextuellen und typografischen Markierungen, wohingegen Inhalt und Rhetorik der einzelnen Briefe vielmehr philosophischen und ökonomischen Traktaten entsprechen, bei denen der Verfasser ein anonymes Publikum adressiert. Dass die Kritik den Stil am empfindsamen Briefroman maß, auch wenn die Bref explizit ein essayistisches Vorhaben verfolgten, ist wichtig für die vorliegende Diskussion: Damit artikuliert sich ein Verständnis der epistolaren Stilistik, das keinen Unterschied zwischen verschiedenen Gattungen macht. Wird epistolar erzählt, so sollte es mit individualisierten Briefpartnern und möglichst in empfindsamer Brieftopik erfolgen. Empfindsame Rhetorik und philosophische Argumentation schlossen sich - zumindest in den Augen des Sprachforschers Sahlsteds - nicht aus. 7.4 Zwischen journalistischer Dynamik und empfindsamer Materialität 165 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="166"?> Abb. 17 Die „ Kundgjörelse “ in Carl Christoffer Gjörwells Bref Om Blandade Ämnen (1754), S. 54. Die verlangte empfindsame Briefrhetorik findet sich freilich in den IB. Sie kommt in den einleitenden und abschließenden Passagen zum Einsatz und folgt konsequent den Normen der Gellert ’ schen Brieflehre und des empfindsamen Freundschaftskults. Der Adressat der IB besitzt einen Namen, wird in den Diskurs einbezogen und lässt dennoch genügend Freiraum, damit sich die Leserschaft mit ihm identifizieren kann. Die Beziehungsarbeit ermöglichte es sogar, eine implizite Bitte um Leserbriefe innerhalb der Brieffiktion zu platzieren - und damit eine ähnliche metanarrative Bekanntmachung wie in Gjörwells Bref zu umgehen. Am Ende der sechsten Ausgabe bittet der Schreiber seinen Freund Aristippe plötzlich um Antwort auf seine Darlegungen. Damit gehen jedoch zwei Konsequenzen einher: Zum einen hebelt die Möglichkeit der postalischen Kommunikation die architextuelle Isoliertheit des utopischen Nicht-Ortes aus, zum anderen ist die Bitte der explizite Beginn einer gemeinsamen Reflexion im Dialog. Lef nu wäl, min Aristippe, skrif nu ofta. Skrif ömt. Ditt hjerta wandt wid ädla känslor talar det bästa tungomålet; och du wet, at jag i det språket icke är oöfwad. Du wet at deß röst är mig kärare, än all annan; dock önskade jag at du däruti blandar din starka gåfwa at dömma. Säg mig dina tankar om Philippinien. Yttra dig om Petræa; Och förtig inga anmärkningar öfwer de berättelser jag dig om bägge gjort. Skrif ofta, käraste Aristippe, skrif mycket hwar gång; ty dina 166 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="167"?> bref blifwa altid för mitt hjärta det samma, som en wäl tillagad måltid, för den wällustigaste smak, då han af många rätter får hämta en långsam förnöjelse och i hwilken mening jag oupphörligen är Adria d. - - - din wällustigaste wän. 43 (IB: 96) Lebwohl, mein Aristippe, schreib oft. Schreib zärtlich. Dein Herz, zu edlen Gefühlen gewohnt, spricht die beste Sprache; und du weißt, dass ich in dieser Sprache nicht ungeübt bin. Du weißt, dass dessen Stimme mir lieber als alles andere ist; doch wünschte ich, dass du dein starkes Urteilsvermögen dort hineinmischst. Sag mir deine Gedanken über Philippinien. Äußere dich zu Petræa; Und verschweige keine Anmerkungen über die Erzählungen, die ich dir von beiden gemacht habe. Schreibe oft, liebster Aristippe, schreib jedes Mal viel; denn deine Briefe werden für mein Herz immer dasselbe wie eine gut zubereitete Mahlzeit für den Geschmack des Wollüstigen, wenn er von vielen Gerichten ein langsames Vergnügen erhält, und in der Bedeutung bin ich unaufhörlich Adria, am - - - dein sehr wollüstiger Freund. Da Aristippe selbst nicht konturiert wird und auch die Darstellung der Beziehung der beiden über die üblichen empfindsamen Floskeln kaum hinausgeht, bleibt der Adressat als Leerstelle für die Leser: innen offen. Die Adressierungen im Text werden so zu Apostrophen an das anonyme Publikum; sie sind „ Dialogpartner “ der Korrespondenz (Voßkamp 1971: 108; s. auch zu anderen Aufrufen Forselius 2015: 134). Der Schluss des sechsten Briefes versucht aber nicht nur den Austausch über die präsentierten Themen loszutreten, sondern setzt wie die „ Kundgjörelse “ auch stilistische Normen für die Einsendungen. So bedient sich der Schreiber zwar der empfindsamen Floskeln, wenn er die Herzenssprache als edelste Ausdrucksform bezeichnet, verlangt aber von seinem Adressaten gerade keine reine Emotionalität, sondern primär rationale Bewertungen. Allein Antworten, die tankar und anmärkningar, Gedanken und Kommentare, zu den Zuständen in den beiden Ländern beinhalten, können den Wissenshunger des Briefverfassers stillen. Damit zielt diese Schreibpraxis gerade nicht auf rein phatische Kommunikation und inhaltslose Freundschaftshandlung, was nach Reinlein (2003: 53) das Grundanliegen des empfindsamen Briefwechsels darstellt. Die Bitte zeigt allerdings auch in einem weiteren Aspekt exemplarisch, welche Effekte empfindsame Rhetorik in den IB nach sich zieht. Die ausgeprägte Essensmetaphorik ist dabei nur die Kulmination einer Stilistik, die den Körper dezidiert als Briefkörper versteht und daher Schriftlichkeit und Mündlichkeit über die Materialität des Briefs in Dialog bringen kann. Da sich in der epistolaren Schriftspur die Seele des Schreibenden einprägt, artikuliert sich im Brief auch das Herz selbst: In freudiger Erwartung hofft der Briefschreiber bald Aristippes Herz in dessen Schrift zu hören. Wenn das Herz in Aristippes Schrift selbst spricht, überschreitet es die Grenzen der schriftlichen Materialität und wird zur auditiven Empfindung beim Lesenden. Doch verbleibt die Metaphorik nicht bei der Fantasie eines mündlichen Gesprächs, sondern setzt ebenfalls die Lektüre von geistreichen Briefen mit einer sättigenden Mahlzeit gleich. Entsprechend ähnlichen christlichen 43 wällustig, d. h. „ wollüstig “ , scheint hier positiv besetzt zu sein; das Adjektiv bedeutet erst im sekundären Sinn eine hemmungslose Sinnlichkeit (SAOB 2019: Sp. V, 2065). Es ist daher nicht nur im Sinne der luxuria zu verstehen. 7.4 Zwischen journalistischer Dynamik und empfindsamer Materialität 167 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="168"?> Allegorien ist die epistolare Schrift zugleich Herzensrede und gehaltvolle Materialität. Die Herzensstimme erfährt ihre Materialisierung daher erst in der Schriftlichkeit; infolgedessen bildet die empfindsame Epistolarität das Medium für wahre Gespräche zwischen den Herzen, bei dem die beiden Stimmen in unmittelbaren Kontakt kommen können (s. auch Koschorke 1999: 191 - 196). Die IB sind von ähnlichen Fantasien der unmittelbaren Epistolarität getragen, die sich auch in anderen empfindsamen Texten finden. Allerdings verleugnen sie die eigene schriftliche Materialität nicht (Koschorke 1999: 236 - 241), sondern machen sie zur Grundlage der gemeinsamen Diskussion. Körperlichkeit und Seelengespräch werden also vereint, doch unter Ausschluss der topischen Emotionalität; Sentimentalität zielt in den IB auf den vernünftigen Flügel der empfindsamen Tendenz (Sauder 2015: 135 - 136). Diese Vermittlung über die epistolare Schrift entspricht strukturell dem Vorstellungsbild der Insel Utopia, das erst über den Druck seine wahre Wirkung entfaltet und dann jedoch zu stärkeren Eindrücken führt als die Augenzeugenschaft. Bei den IB fällt hingegen der epistolaren Korrespondenz diese erkenntnisfördernde Funktion zu: Da sie die Herzen in unmittelbaren Austausch versetzt, können die Briefpartner direkt und noch klarer auf die utopische Geschichte und deren philosophischen Gehalt zugreifen. In den Apostrophen an den Freund zeigt sich schließlich, dass auch dort Körperlichkeit, Schrift und Inhalte miteinander verschränkt sind: Auch Aristippe kann das Erzählte bei der Lektüre sehen und schmecken ( „ Ditt hjerta skall smaka en ren wällust, då du läser den högd af sällhet, [ … ] du skall se et lycksaligt Petræa “ , IB: 49). 44 Nicht nur erfolgt ähnlich wie in Gjörwells Bref die Bitte nach Einsendungen erst, nachdem die Veröffentlichung der IB bereits erfolgreich gestartet hat, sondern auch nachdem der anonyme Schreiber bereits einen Brief von Aristippe erhalten hat. Ob es sich dabei um eine tatsächliche Einsendung oder einen rhetorischen Kniff handelt, ist nicht nachzuweisen, beeinflusst aber die narrative Funktionalität der Aufforderung nicht. Bemerkenswert ist vielmehr, wann Aristippes Schreiben erwähnt wird, denn anstatt den sechsten Brief, der die Aufforderung enthält, damit einzuleiten, reagiert der Verfasser erst gegen Ende des Heftes - und damit kurz vor dem Leser: innenbriefaufruf: Jag har fått ditt kära bref, och du undrar min Aristippe, kanhända, at jag skrifwit så långt, utan at betyga min glädje däröfwer. Men jag wet at du är wiß om mitt hiärta och will hälre höra fortsättningen af de berättelser jag börjat. Dock måste du tillåta, at jag icke så helt och hållit förnöjer dig, utan äfwen skrifwer några ord til mitt egit sinnes förnöjelse [ … ]. (IB: 95) Ich habe deinen lieben Brief erhalten, und du fragst dich vielleicht, mein Aristippe, warum ich so lange geschrieben habe, ohne meine Freude darüber zu bezeugen. Aber ich weiß, dass du dir um mein Herz gewiss bist und dass du lieber die Fortsetzung der von mir begonnenen Erzählungen hören möchtest. Doch musst du erlauben, dass ich nicht nur so ganz und gar dich vergnüge, sondern auch einige Worte zum Vergnügen meines eigenen Gemüts schreibe [ … ]. Wie die Aufforderung zur Antwort leitet auch diese Anerkennung der erhaltenen Schrift eine Bedingung der Korrespondenz ein. Denn der Briefschreiber räumt sich hiermit das Recht ein, selbst über die Themenauswahl zu regieren. Die Verschriftlichung der Erlebnisse erfüllt nämlich nicht nur eine kommunikative Funktion, sondern ist auch vor allem 44 „ Dein Herz wird reine Wonne empfinden, wenn du den Gipfel der Glückseligkeit liest, [ … ] du wirst ein glückliches Petræa sehen “ . 168 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="169"?> Selbstzweck. Die Briefe führen somit einen doppelten Dialog - nach innen im Selbstgespräch mit sich selbst und nach außen als Kommunikation mit Aristippe - und dienen gleichermaßen der Unterhaltung wie der Berichterstattung. Dass Aristippes Brief nur kurz am Ende erwähnt, aber keineswegs ausführlich beantwortet wird, führt diese Hoheit über die thematische Gestaltung performativ vor. Ähnlich agiert die Trennung von Herz und Erzählung: Sie ist ein weiteres explizites Indiz dafür, dass es den IB nicht um empfindsamen Freundschaftskult geht - die Beziehung ist beiden klar und muss nicht weiter dargestellt werden - und sie sich stattdessen für die Inhalte interessieren. Dieser doppelte Gedankenaustausch ist es dann auch, was den Schreiber nachhaltig antreibt: „ Jag fortfar at njuta en wällust, som öfwerträffar all annan: den, min Aristippe, at blanda mina tankar med dina “ , gibt der Briefschreiber zu, um rhetorisch weiterzufragen: „ Men hwad tiänst kunna deßa ofullkomliga rader tilskynda dig? jo, du anser dem så; ty du läs dem med nöje “ (IB: 81). 45 Wie die Aufforderung nach Briefen erfolgt auch der Hinweis, nichts mehr einzusenden, in einer Apostrophe an den Adressaten. Sie findet sich am Ende des 22. Briefs und wird an die Diegese gebunden: Lef nu wäl, min Aristippe, och ehuru mycket jag kan hafwa felat, sa straffa aldrig mig med den ringaste minskning af din wänskap. Nu får jag äfwen be dig, at du icke mera skrifwer mig til. En bön, som störtar mitt hiärta uti djupaste ängslan. Men det får blifwa därwid. Då jag nästa gång skrifwer dig til, skall du få weta ordsaken. Här gifwes intet beständigt på jorden; Min nyfikenhet at lära känna människor och werlden, har i många år gjort mitt wistande owaracktigt. (IB: 368) Leb nun wohl, mein Aristippe, und auch wie sehr ich geirrt habe, so strafe mich nie mit der geringsten Minderung deiner Freundschaft. Nun muss ich dich auch bitten, dass du mir nicht mehr schreibst. Eine Bitte, die mein Herz in die tiefste Verzweiflung stürzt. Aber dabei muss es bleiben. Wenn ich dir das nächste Mal schreibe, sollst du die Ursache erfahren. Hier gibt es nichts Beständiges auf der Welt; Meine Neugier, Menschen und die Welt kennenzulernen, hat in vielen Jahren bezweckt, dass mein Aufenthalt unbeständig ist. Das Versprechen wird im übernächsten und letzten Brief eingehalten, wo der Verfasser den Grund für den Abbruch der Korrespondenz erläutert: Er werde gemeinsam mit Anaxagoras von Petræa abreisen, um eine weitere unbekannte Insel zu erkunden. An der Bitte im drittletzten Brief sind zwei Dinge hervorzuheben: Einerseits wird das Ende der seriellen Publikation wie bereits der Anfang pseudofaktual mit dem Handlungsverlauf motiviert. Andererseits überrascht, dass die Ankündigung ohne genauere Erläuterung erfolgt; genauso denkbar wäre die diegetische Kontextualisierung in der letzten Ausgabe der IB gewesen. Diese vorzeitige Information lässt sich jedoch erklären, wenn ein realer Brieffluss in Betracht gezogen wird. Denn so zeigt sich, dass ein zeitlicher Vorlauf vor Publikationsende miteinberechnet wurde und damit gesichert wurde, dass keine Publikumseinsendungen mehr bei den Buchhändlern eintreffen, wenn die IB mit dem 24. Brief abgeschlossen sind. 46 45 „ Ich genieße weiterhin ein Vergnügen, das alle anderen übertrifft: das, mein Aristippe, meine Gedanken mit deinen zu vermischen [ … ] Aber welchen Dienst können dir diese unvollkommenen Zeilen tun? Doch, du hältst sie dafür [für nützlich, PH]; denn du liest sie mit Vergnügen “ . 46 Daneben mag es eine geschickte Marketingstrategie darstellen, die Gründe der Reise narrativ aufzuschieben, um die Neugier des Publikums wachzuhalten und auch noch die letzten zwei Ausgaben der IB zu verkaufen. Hagedorn (1994: 29) skizziert diese marktwirtschaftlichen Aspekte des seriellen Erzählens. 7.4 Zwischen journalistischer Dynamik und empfindsamer Materialität 169 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="170"?> Nun scheint der Briefaufruf geglückt zu sein, zumal sich mehrere Passagen finden, in denen der Verfasser die Fragen des Adressaten beantwortet. Eine besonders ausführliche Antwort findet sich im 12. Brief, dem letzten Brief der ersten Serie (IB: 176 - 192): In seinem letzten Schreiben habe Aristippe viel Unterschiedliches zu den bisherigen Briefen bemerkt, bemerkt der Schreiber: „ Du hedrar och upplyser mig med några wärda och uppricktiga anmärkningar öfwer wißa ställen och ämnen uti de bref jag hittils warit nog lycklig at få dig meddela “ (IB: 178). 47 Daher sieht sich der Schreiber gezwungen, einen heterogenen Fragenkatalog durchzugehen, etwa über das Zweiparteiensystem in Philippinien, dessen Rivalen „ Slaghökar “ ( „ Habichte “ ) und „ Rapphöns “ ( „ Rebhühner “ ) an die beiden schwedischen Reichstagsparteien Hattar und Mössar erinnern; die geringe Anzahl an verständigen Gelehrten in Philippinien; und die Existenz einer philippinischen Polizei. Wird dieser thematisch heterogene Brief im Licht seines Publikationskontextes und anderen moralischen Zeitschriften gelesen, erschweren sich die Vermutungen, dass es zu Briefen oder Gesprächen mit dem Publikum kam. Wie moralische Zeitschriften mit Einsendungen umgingen und diese im variablen Grad fingierten, wurde am Beispiel von Gjörwells Bref deutlich. Angesichts der Tatsache, dass der 12. Brief die erste Hälfte an Ausgaben abschließt und somit eine Zwischenetappe der Veröffentlichung darstellt, wäre es strukturell und zeitlich ein idealer Moment, um sich den Fragen von außen zuzuwenden. Aktuelle Geschehnisse scheinen hinter den Ausführungen im 23. Brief zu liegen, denn hier wird erwähnt, dass der Adressat aus Reaktion auf die aufkeimenden Revolutionsbewegungen in der westlichen Welt nach den Freiheitswünschen der Philippinier gefragt habe: 48 „ Du har begärt, min Aristippe, uti ditt sista bref, at få weta mina tankar, i anlednig af ett wist folks häftiga rörelser, om frihets andans rätta beskaffenhet uti ett land där onskan tagit aldeles öfwerhanden, hwarwid du fäster din upmärksamhet på det högst olyckliga och oförlikneliga Philippiniens tilstånd “ (IB: 371). 49 Diese Frage bewegt den Verfasser zu einer ausführlichen Reflexion über die Gefahren der Selbstgewalt und den Voraussetzungen der rechtlichen Freiheit. In ihrem Kontext findet sich aber auch eine zentrale Aussage zum poetologischen Selbstverständnis der IB. Einige Seiten später berichtet der Briefschreiber exemplarisch von der Begegnung in Philippinien mit einem Mann, der aus lauter Verzweiflung die einzige Rettung aus der tragischen politischen 47 „ Du ehrst und erleuchtest mich mit einigen wertvollen und aufrichtigen Anmerkungen zu bestimmten Stellen und Themen in den Briefen, die ich bisher das Glück hatte, dir mitzuteilen “ . 48 Bei diesen revolutionären Bewegungen könnte es sich zur Zeit der Veröffentlichung entweder um die europäischen Kriege der vorigen Dekaden (z. B. den Polnischen Erbfolgekrieg), die politischen Unruhen in Nordamerika, die am 16. Dezember 1773 in der Boston Tea Party kulminieren sollen, oder die aktuelle politische Situation in Schweden handeln. 49 „ Du hast in deinem letzten Brief verlangt, mein Aristippe, meine Gedanken über die heftigen Bewegungen eines gewissen Volks zu hören, über die rechte Beschaffenheit des Freiheitsgeistes in einem Land, wo das Böse die Überhand gewonnen hat, wobei du deine Aufmerksamkeit auf den Zustand des höchst unglücklichen und unvergleichlichen Philippiniens richtest “ . Das Stichwort Revolution fällt allerdings erst später: „ Min Aristippe, jag talar med någon wanlig ifwer i detta ämne; men du utlåtar det, när du wet, at jag i andra werlds delar sett slika faseliga Revolutioner, där ett olyckligt Stats-raseri har ödelagt alt, och det är ej mitt fel, at jag på en gång måste ifra emot det och dig “ (IB: 381; „ Mein Aristippe, ich spreche mit gewohnter Leidenschaft über dieses Thema; aber du vergibst es, wenn du weißt, dass ich in anderen Teilen der Welt solche schrecklichen Revolutionen gesehen habe, in denen ein unglücklicher Staatswahnsinn alles zerstört hat, und es ist nicht meine Schuld, dass ich mich sofort dagegen und gegen dich aussprechen muss “ ). Diese anderen Orte könnten wiederum Hinweise auf tatsächliche politische Unruhen darstellen. 170 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="171"?> Situation in der Revolution sah (IB: 375 - 380). Doch der Verfasser reagiert überraschend: Obwohl er die Lasterhaftigkeit des Staates in seinen Briefen in den buntesten Farben dargestellt und angeklagt hatte, stimmt er dem Herrn nicht zu. Nein, ihn habe „ denna Mannens otålmodighet “ (IB: 378) bekümmert und er sah sich genötigt, ihm zu erklären, warum die Veränderung nicht durch einen radikalen Umsturz kommen dürfte: „ Men som min Siäl hatar uprors andan lika så högt och ifrigt, som jag älskar friheten, så hopasamlade jag alla de förnuftiga råd jag ägde, at stilla en harm, som hade så högt upstigit “ (IB: 378). 50 Im Gespräch betont er, dass die Einsichtigen Rechtsmissbräuche nicht mit Gewalt ahnden dürften. Wohl aber könne man das System von innen aushöhlen, indem man auf dem Schriftweg für das rechte Christentum und die Menschenliebe lobbyiere: „ Jag bad honom, genom en fri, Patriotisk och wördsam skrift, andraga sina tankar för Rikets höga förman, uti hwars hjerta en ren och ädel ömhet för folket bodde, och af hwars milda hand han åtminstone för sig och de sina kunde, med fullkomlig trygghet wänta räddning och hiälp “ (IB: 380). 51 Der Weg zur inneren - und potenziell auch äußeren, politischen - Ruhe führt somit über patriotische, maßvolle Schriften; auch wenn sich die Bürgerpflicht hier zugegebenermaßen darin erschöpft, sich selbst und die eigene Familie vor dem Unheil zu retten. In dieser Charakterisierung der vernünftigen Schrift äußert sich indessen auch eine selbstreflexive Zusammenfassung der Intention hinter den IB, über die Epistolarität in einen Dialog zu treten. Eine ähnliche demokratische Bedeutung misst die petrævianische Justiz und Pressefreiheit der Schriftlichkeit zu, wenn sie die Offenlegung und Verbreitung der Ratsprotokolle, Anklagen und Debatten in gedruckter Form vorschreibt. Missstände sollen in der politischen Öffentlichkeit des Buchdrucks geahndet werden, berichtet der Briefschreiber, sofern dies nicht in Schmähschriften oder Satiren geschehe (IB: 66 - 71). 52 Wer aber rhetorisch ausgewogene, patriotische Schriften verfasst, sei unantastbar: „ Eho fördenskull, som här utgifwer tryckta skrifter, rörande det allmänna bästa, han talar för allmänheten, och til allmänheten, är således en helig del af den samma, hwilken ej kan wara utan allmänheten answarig, för hwars skull, och i hwars namn han talar “ (IB: 66). 53 Mit den Beispielen der patriotischen Schriftlichkeit wird ein politischer Austausch in der schriftlichen Öffentlichkeit ausdrücklich befürwortet, sofern dabei auf polemische Rhetorik verzichtet wird. Nimmt man den Modus der IB als programmatisches Postulat, sollte sich die schriftliche Debattenkultur an der empfindsamen Rhetorik orientieren und den gegenseitigen Respekt eines freundschaftlichen Miteinanders wahren. Vernünftiges Han- 50 „ die Ungeduld dieses Manns “ , „ Aber wie meine Seele den Geist des Aufruhrs genauso hoch und eifrig hasst, wie ich die Freiheit liebe, so sammelte ich alle meine vernünftigen Ratschläge, die ich besaß, zusammen, um den Unmut zu stillen, der so hoch aufgestiegen war “ . 51 „ Ich bat ihn, durch eine freie, Patriotische und ehrerbietige Schrift, seine Gedanken vor den hohen Anführer des Reiches zu tragen, in dessen Herz eine reine und edle Zärtlichkeit für das Volk wohnte, und von dessen milder Hand er zumindest für sich und die Seinigen mit voller Sicherheit Rettung und Hilfe erhoffen konnte “ . 52 Mit diesem Detail spiegeln die IB nicht nur die aktuelle politische Gesetzgebung in Schweden, sondern führen sie vor allem einen Schritt weiter. Denn die Veröffentlichung der behördlichen Dokumente ist hier notwendiger und fundamentaler Bestandteil der Rechtsprechung, wohingegen die schwedische Pressefreiheit es den journalistischen Organen lediglich erlaubt, Protokolle zu verbreiten. 53 „ Derjenige also, der hier gedruckte Schriften veröffentlicht, die das öffentliche Wohl betreffen, der spreche für die Allgemeinheit und an die Allgemeinheit, ist also ein heiliger Teil derselben, der nur für die Allgemeinheit verantwortlich sein kann, um derentwillen, und in deren Namen er spricht “ . 7.4 Zwischen journalistischer Dynamik und empfindsamer Materialität 171 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="172"?> deln bedeutet somit, die rationale und politische Debatte in die sentimentale und patriotische Ausdrucksweise der „ Patriotisk och wördsam skrift “ zu betten. 54 Die IB schlagen einen solchen Austausch aber nicht nur vor, sondern erproben zugleich dessen Praktikabilität. Damit schaffen sie einen direkten Gegenentwurf zum aufgeheizten Klima des zeitgenössischen schwedischen Journalismus, obschon sie wie die satirischen Pamphlete die Wirklichkeit fiktionalisieren und mitunter eine satirische mundus inversus präsentieren. Die vernünftige Beziehungsarbeit setzt auf die gemeinsame Ausarbeitung statt der polemischen Parteinahme und Frontenverhärtung oder der Flucht in die radikale Revolution. Auf ähnliche Weise bildet in Sinolds glückseeligster Insul (1723) die pietistische Gewissensforschung den Grundpfeiler des politischen Systems (Hagel 2016: 170). Tatsächlich ist ein solcher vernünftiger schriftlicher Austausch der Empfindsamkeit nicht fremd. Die schriftliche Kommunikation verband nicht nur die einsamen Schreibenden und Lesenden über zeitliche und räumliche Distanzen hinweg, sondern schien sogar dem direkten Dialog in Präsenz überlegen. Auf die Inhalte reduziert, galt der Druck als aufrichtiger, interessenloser und gehaltvoller Gedankenaustausch ohne publikumswirksame Selbstinszenierung (Koschorke 1999: 179 - 185, besonders 180). Ebenso am utopischen Gegenstand interessiert nutzen die IB die epistolare Kommunikation als selbstreflexives und kooperatives Erkenntnisinstrument, mit dem beide Briefpartner klarer sehen. 55 Dieses Erkenntnisinstrument funktioniert nach den Regeln der epistolaren Kommunikation dialogisch, progressiv, flexibel und reaktiv. Die Brieffiktion bewirkt, dass der Verfasser kontinuierlich an den seriell erscheinenden Texten schreibt und auf erhaltene Fragen und Urteile reagieren kann - wenn er sich denn dafür entscheidet. Die epistolare Korrespondenz überführt die Simulation des humanistischen Dialogs, wie sie in der Utopia eingesetzt wird, in die Schriftlichkeit. Laut Chordas (2010: 28) sei der Dialog dort mitnichten bloß rhetorischer Kniff, sondern beeinflusst das Wesen der Utopie als Denkfigur. Das Dialogische durchdringt daher die Darstellung und die Geschichte, also den utopischen Staat. In derselben Weise funktioniert die Epistolarität in der politischen Öffentlichkeit der Periodika und im privaten Briefverkehr, aber auch in der fiktionalen Erzählung als dialogische Praxis eines kollektiven Denkens. Briefe fordern und fördern Widerlegung: „ [J]eder Einzelbrief [bedeutet] eine Aufforderung zur produktiven Antithese einer möglichen Antwort “ , konstatiert Voßkamp (1971: 108). Jede einzelne Ausgabe der IB verlangt folglich nach kritischer Stellungnahme. Damit diktiert die empfindsame Briefpraxis sowohl Stilistik als auch Produktionsästhetik der IB: Progressiv (1), in schriftlicher Form (2) und im kollektiven Austausch (3) soll das Optimum von Ethik, Politik und Ökonomik erarbeitet werden. Dass dieser kollektive, progressive Modus als Ideal betrachtet werden kann, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass epistolare Korrespondenzen im dystopischen Philippinien verboten sind. 56 54 „ Patriotischen und ehrfurchtsvollen Schrift “ . 55 Pietismus und Empfindsamkeit lassen sich im Übrigen über das tertium comparationis der Rhetorik verbinden, sodass kooperative Erkenntnis und Gewissensforschung zwei Seiten derselben Medaille darstellen (Wegmann 1988: 34). 56 Vgl. der Kommentar des Briefschreibers: „ Wore jag i Heraclea bland den stadens wördige och så kallade Orthodoxe män, och de wiste den oskyldiga brefwäxling, jag med dig förer; Så blefwe jag wißerligen den olyckligaste “ (IB: 43; „ Wäre ich in Heraclea unter den würdigsten und so genannten orthodoxen 172 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="173"?> Wie die wenige Jahre zuvor erschienenen Bref om Blandade Ämnen präsentieren sich die IB als authentische Schriftprodukte. Während die Bref wegen eines stilistischen Anachronismus von den Zeitgenossen kritisiert wurden, setzen die IB konsequent auf authentische, empfindsame Rhetorik und vernünftige Gewissensleitung, was als innovativ für die Darstellung von utopischen Inhalten betrachtet werden darf. 57 In diesem Sinne etablieren sie einen utopisch-paradoxen Modus, um über politische, ökonomische, moralische und religiöse Inhalte zu schreiben. Sie schaffen jene produktive Verwunderung, die für Jameson (1977: 11, „ fruitful bewilderment “ ) die utopische Literatur eignet. Welche Folgen hat die empfindsame Rhetorik für den utopischen Modus? Die Funktion des fiktionalen empfindsamen Briefs, so Nolden (1995: 29), liege auch gerade darin, zum Ausdruck zu bringen, „ was in der Öffentlichkeit noch nicht [ … ] gesagt werden darf, aber schon auf dem Wege ist, ‚ offenes Geheimnis ‘ zu sein “ . Da sich die IB aber von der phatischen Funktion des Freundschaftsdienstes losgesagt haben, decken sie viel eher die philosophischen Inhalte auf, die bisher noch nicht öffentlich gesagt werden durften. Und dies setzen sie als zukunftsoffenen und aktuellen Austausch um: Der utopische Modus nimmt die Impulse des Wochenschriftkontextes auf, indem er die Möglichkeiten der schriftlichen Beteiligung der seriellen Veröffentlichung nutzt. Die serielle Schreibszene ist für äußere Impulse rezeptiv, folglich formbar und zukunftsoffen. Ganz im Gegensatz zur Erzählsituation der Utopia, wo sich der extradiegetische Erzähler Morus an das Gespräch mit Hythlodeus erinnert, der sich wiederum an seinen Besuch erinnert, können der Adressat und die Leser: innen der IB auf deren Gestaltung Einfluss nehmen. Aktuelle Themen und kürzlich eingetroffene Ereignisse können eingebaut werden, um die Darstellung der beiden Systeme an aktuellen Fragestellungen zu schärfen. Damit kollektiviert der empfindsame Briefwechsel das Erzählen. Die IB beweisen, dass die produktive Verwunderung der utopischen Literatur Geschichte und Darstellung betreffen muss. Eine innovative formale Gestaltung kann „ Spielräume des Denkens (und Wahrnehmens) [ … ] öffnen “ (Benne/ Abbt 2021: 40). Die utopische Methode kann daher alternative Staats- und Regierungsformen sowie Gesellschaftsordnungen einerseits und alternative, innovative Darstellungsweisen andererseits erproben. In den IB werden empfindsames Schriftlichkeitskonzept und Moral also in die utopische Erzählung getragen, wo sie die politische Debattenkultur und das Literaturverständnis beeinflussen. Die IB orientieren sich an der materiellen Epistemologie der Epistolarität, die Gedankenarbeit im Schreibakt festhält und spurenlesend nachvollzieht. Dieser kollektive Denk- und Gestaltungsprozess sprengt nebst inhaltlichen und formalen auch auktoriale Grenzen. Wird der utopische Gegenstand in der epistolaren Korrespondenz und innerhalb eines journalistischen Kontextes ausgearbeitet, schließen die possibles latéraux des utopischen Modus eben auch die lateralen, außerhalb des Buches liegenden, Erzähl- und Textgeneratoren ein. Damit definieren die IB das Objekt, aber auch die Subjekte des utopischen Schreibens neu. Schließlich verlangt der epistolare Freundschaftsdienst, dass der ständige Austausch zwischen Produktion und Rezeption die Basis dieses utopischen Modus bilden muss. Männern der Stadt, und zeigte ihnen diesen unschuldigen Briefwechsel, den ich mit dir führe; So würde ich vermutlich der Unglücklichste werden “ ). 57 Zur gleichen Einschätzung kommt Ljungquist (2001: 93). 7.4 Zwischen journalistischer Dynamik und empfindsamer Materialität 173 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="174"?> Das vorgeschlagene Erkenntnisverfahren, der utopische Modus des Erzählens und des Lesens, gleicht in den IB einer spielerischen Erkundung des ästhetischen Potenzials der Epistolarität. Weil sich die spielerische Erprobung der alternativen Formen als kollektive Praxis manifestiert - einem Spiel mit mehreren Akteuren - , kann die Verfremdung der dargestellten Welt dank sozialer Gemeinschaft und im vernünftigen Gespräch ausgehalten werden - ja, sogar in politische Praxis übertragen werden. Vernünftige Schriften sind die Lösung von politischen Problemen. Der utopische locus, der sichere Schauplatz der utopischen Praktiken, ist daher die empfindsame Korrespondenz. 58 7.4.3 Utopische Materialität Der utopische Modus des Erzählens und Lesens schlägt sich daneben in zahlreichen Dokumenten nieder, die der Verfasser in seine Briefe einbettet. 59 Sie werden diskursiv und typografisch simuliert und nur selten integriert, sodass sie ihre generischen und modalen Merkmale behalten und jeweils spezifische Artikulationsformen und Kontexte in den rahmenden Brief einbringen. Dies führt zur polyphonen und polyperspektivischen Darstellung der diegetischen Welt. Brief Seiten Gattung Ort Thema 3 43 - 45 Politische Stellungnahme P* Einlage zu neuem Gesetz, das Reden oder Schriften gegen Pfarrer verbietet. 6 90 - 92 Lyrik: Lehrgedicht Ph Heraclitus 9 142 - 143 Komödie P Titel Den onyttige Läromästaren 60 9 143 - 144 Tragödie P Titel den ärlige och olycklige 61 10 152 Lyrik P Anaxagoras ’ Deklamation (Schäferidylle) 10 153 Lyrik P Antwort des petrævianischen Landpfarrers Cælicola (Schäferidylle) 11 162 - 171 Parlamentsrede P Vorschlag für Egalität in Petræa, Abschaffung des Erbadels 14 213 - 220 Lyrik: Lehrgedicht Ph Heraclitus 15 225 Lyrik (4 Zeilen) Ph Vers über Tür: Vergänglichkeit des Reichtums 15 226 - 239 Autobiografie Ph Titel Acrisii Historia (Bekehrungsschilderung) 62 15 235 - 236 Lyrik Ph 16 248 - 250 Lyrik Ph Heraclitus 16 254 - 255 Gesetz P Vorschriften für die Armenversorgung 58 Sie ist die „ pocket of stasis within the ferment and rushing forces of social change “ , das Moment des epistemologischen Innehaltens in den „ transitional periods “ (Jameson 2005a: 15). 59 Wie die eingebetteten Gattungen im Roman bewahren sie „ ihre konstruktive Elastizität und Selbständigkeit sowie ihre sprachliche und stilistische Eigenart “ (Bachtin 2010: 210). 60 „ Der unnütze Lehrmeister “ . 61 „ Der Ehrliche und der Unglückliche “ . 62 „ Acrisius ’ Geschichte “ . 174 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="175"?> Brief Seiten Gattung Ort Thema 18 278 - 304 Lyrik: Lehrgedicht Ph Democritus: Blindbocken 63 20 321 - 336 Lyrik: Lehrgedicht P Titel Philanders Instruction För sin Son 64 22 353 - 359 Parlamentsrede P Schrift in den „ allmänne acter “ , fast vollständige Abschaffung der Todesstrafe 65 24 390 - 400 Parlamentsrede P Schrift, die zu Petræas ‚ glücklicher ‘ Verwandlung geführt hat. *P: Petræa, Ph: Philippinien Tab. 2 Übersicht über die Dokumenteneinlagen in Indianiske Bref. Mit ganzen neun Texten überwiegen aufklärerische Gedichte, darauf folgt eine größere Gruppe parlamentarischer Dokumente. Die unter Pseudonym erschienenen moralphilosophischen Heraclitus-Ausschnitte stellen in allegorischer, aber melancholischer, Weise die Fehler der philippinischen Gesellschaft dar und erinnern damit an die Darstellung des Briefschreibers. Da man ihn in Philippinien sogar für deren Autor hielt, wurde er dafür angeklagt. Seinem Freund Aristippe erklärt er seine Achtung für die Gedichte, die seiner moralischen Haltung und Einschätzung der philippinischen Gesellschaft entsprechen würden, beteuert aber, dass sie nicht aus seiner Feder stammten (IB: 89 - 90). Am meisten Platz beansprucht das Lehrgedicht Blindbocken, das mit seinen 26 Seiten sogar den ansonsten beibehaltenen Umfang von 16 Seiten pro Ausgabe sprengt. 66 Laut der Überschrift antwortet in Blindbocken der satirische philippinische Philosoph Democritus auf die melancholischen Heraclitus-Ausschnitte (IB: 278); nebst Gegenentwurf darf es als Klimax der Heraclitus-Ausschnitte betrachtet werden. Sowohl die Heraclitus-Passagen als auch Blindbocken werden narrativ in die diegetische Welt gebettet und an Figuren gebunden. Allerdings thematisieren sie keine spezifischen Verhältnisse in Philippinien, sondern sind in ihrem Appell an Tugend und Moral auffällig allgemein gehalten. Mit dieser Verarbeitung von heterogenem Material referieren die IB auf das gattungshybride Darstellungsverfahren von Morus ’ Utopia und situieren gleichermaßen epistemische Praktiken in der diegetischen Welt, die eine Transposition in die Wirklichkeit erleichtern. Darüber hinaus statten sie die Erzählung des Briefverfassers mit zusätzlichen Perspektiven von aktorialen Erzählinstanzen aus. Der Briefverfasser erklärt in einer Randbemerkung, dass er gezielt die Archive von Petræa aufgesucht habe, um in dessen Geschichte zu forschen (vgl. IB: 51 - 52). Diese Archivarbeit und ein Interesse für die politischen System motivieren den Einsatz von Fremddokumenten; der Briefverfasser versteht sich folglich 63 „ Die Blinde Kuh “ . 64 „ Philanders Instruktion an seinen Sohn “ . 65 „ allgemeinen Acten “ . 66 Es mussten somit für diese Ausgabe statt einem, zwei Bogen Papier verwendet werden, sodass höhere Produktionskosten anfielen. Hier bleibt es fraglich, ob die Ausgabe trotzdem zum normalen Preis verkauft wurde oder der doppelte Betrag verlangt wurde. Im Übrigen scheinen auch 20. und 21. Brief gemeinsam verkauft worden zu sein, da auf der letzten Seite der 20. Ausgabe eine Kustode den Anfang des nächsten Heftes ausweist (IB: 336), was darauf hinweist, dass die beiden Hefte in einem Bund erschienen. 7.4 Zwischen journalistischer Dynamik und empfindsamer Materialität 175 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="176"?> auch als Forscher. Polyperspektivisch werden die IB dank dieses Archiveifers und der folgenden Veröffentlichung im Druck. Folgt man Wirths (2008: 171; s. auch Nünning/ Nünning 2013) Verständnis des Begriffs, so braucht es eine mehrschichtige Erzählsituation, die Perspektiven nicht bloß nebeneinander ordnet, sondern übereinanderlegt. In diesem Fall lassen sich in Darstellung und Geschichte mehrere konkurrierende und auf verschiedenen Ebenen verortete Perspektiven ausmachen: a) der jeweilige Schreiber der Dokumente, b) der Dokumente lesende Briefverfasser, c) der Empfänger und vermeintliche Herausgeber Aristippe, d) der Beobachter dritter bzw. vierter Ordnung der IB. 67 Abb. 18 Parlamentsrede in Hans Bergeströms Indianiske Bref (1770), S. 171. 67 Nach Wirth (2008: 171) setzt der Briefroman die Interferenz der drei Perspektiven (b - d) voraus, damit die Polyperspektivik als dessen fundamentale Architektur bezeichnet werden könnte. Der Umgang mit dem heterogenen Material lässt außerdem die Reflexions- und Evaluationsfunktion des polyperspektivischen Erzählens des Briefromans in den IB noch stärker greifen. So etabliert der Briefroman eine permanente Bewegung zwischen verschiedenen Perspektiven: „ Der dauernde Wechsel der Perspektive im Nachvollzug der verschiedenen Schreibsituationen und die Notwendigkeit eines fortwährenden Reagierens, Vergleichens und Selbstkorrigierens im Zusammenspiel von Identifikation und Reaktion charakterisiert eine Weise der Rezeption, die ein synthetisches Bewußtsein des Lesers erfordert, das den Roman erst eigentlich ‚ erschafft ‘“ (Voßkamp 1971: 108). 176 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="177"?> Die Dokumente aus der petrævianischen Gesellschaft werden sowohl simuliert als auch in den Fließtext integriert; letzteres ist vor allem bei den Parlamentsreden der Fall. Sie stehen wegen dieses Widerspruchs von mise-en-page und narrativer Rahmung in einem Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Wiedererzählung und Archivdokument, und veranschaulichen gerade aus dieser Paradoxie, wie der Materialität Vorschub geleistet wird. Als Vergleich mögen die Reden im 11. bzw. 24. Brief dienen: Die Rede für die Egalität beginnt auf der rechten Seite mit eigener Überschrift ( „ Hederlige och wärdaste Med- Bårgare! “ , IB: 162) und schließt mit der Signatur des Antragsstellers ab ( „ Jag har talat. Jag wäntar Edert utslag. Jag fordrar Edert bifall. / Sigarius “ , IB: 171). 68 Die typografische Gestaltung ist syndiegetisch und repräsentiert das Dokument der vorgetragenen Rede. Dessen Schriftlichkeit wird auch von einem Erzählkommentar hervorgehoben, der es nun „ Wort für Wort “ wiedergeben kann: „ [D]å Lagen i detta ämnet [die Egalität des Menschen, PH] faststältes, i anledning af en skrift, som en fri och ärlig medbårgare uppläste; Och emedan jag samma skrift händelsewis ofwerkommit, will jag dig den, ord ifrån ord, meddela. “ (IB: 161). 69 Dank des glücklichen Zufallsfundes kann das wichtige Dokument authentisch zitiert werden. Andererseits - und das ist bemerkenswert - ist dieses Dokument konzeptionell mündlich gestaltet, insofern es bei einem Reichstag vorgelesen wurde. Im Zitat äußert sich die Mündlichkeit sowohl in der Schlussformel „ Jag har talat “ als auch in der Bitte um Zuspruch. Schließlich schwingt in der Einbettung von politischen Akten für die Darstellung der historischen Genese des Staates Petræa ein Bewusstsein für das Archiv als politischen und sozialen Historiografen mit. Ohne die Existenz von archivarischen Praktiken wäre es dem fremden Briefschreiber nicht möglich gewesen, sich selbst mit den Dokumenten auseinanderzusetzen und die eigene Darstellung mit aktorialen Perspektiven und Erzählinstanzen zu bereichern. Das Erzählen profitiert davon, dass die Politik - selbst bei den mündlichen Praktiken des Parlaments - primär mit schriftlichen Dokumenten arbeitet, denen eine Bedeutung abseits der aktuellen Situation zugemessen wird, weshalb sie für die Nachwelt sorgfältig archiviert werden. Das Archiv erscheint so als Spurensammlung der Geschichte, als ein Ort, an dem in Dokumente eingeprägte Erzählungen vereint liegen. Der Briefverfasser ist demzufolge ein forschender Spurenleser mit historiografischem Anspruch, dessen Quellenlektüre implizit dargestellt wird. Damit werden in den IB ähnlich wie in AVPE I wissenschaftliche Praktiken in epistolares Schreiben transferiert. Die auf authentische Repräsentation zielende mise-en-page schafft die Illusion des direkten Zugriffs auf die petrævianische Politik und Geschichte, genauso wie der epistolare Rahmen vermeintlich unmittelbar die Korrespondenz eines Reisenden in der Südsee transportiert. 70 Sie vergegenwärtigen sowohl den Moment ihres Vortrags vor dem 68 „ Ehrwürdige und hochgeschätzte Mitbürger! “ , „ Ich habe gesprochen. Ich erwarte Eure Entscheidung. Ich bitte um Eure Zustimmung. Sigarius “ . 69 „ Als das Gesetz zu diesem Thema aufgrund einer Schrift, die ein freier und ehrlicher Mitbürger verlas, festgelegt wurde; Und da ich zufällig auf diese Schrift gestoßen bin, möchte ich sie dir Wort für Wort mitteilen “ . 70 Zugleich gefährdet die Simulation des Dokuments die Authentizität der Brieffiktion selbst, denn als ‚ mitgeteilte ‘ , d. h. abgeschriebene, Rede sind handschriftliche und typografische Form nicht deckungsgleich. 7.4 Zwischen journalistischer Dynamik und empfindsamer Materialität 177 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="178"?> Parlament als auch den Moment der epistolaren Schreibszene, sodass sich beide überlagern, ohne ineinander aufzugehen. 71 Gleiche Präsenzeffekte finden sich bei den Theaterstückpassagen (vgl. Abb. 19): Die typografische Gestaltung versucht zwar auch hier möglichst den typografischen Konventionen zu entsprechen. Da diese jedoch, folgt man der narrativen Rahmung, gar keine eingebetteten Fremddokumente, sondern Erinnerungen des Schreibers seien, ergibt sich ein paradoxer Bruch der Brieffiktion: „ Nyligen förestäldes här på skådeplatsen en sådan [Comedie, PH], kallad den onyttige Läromästaren, ett Poëtiskt wärk, [ … ] och börjades detta skådespel med twänne ynglingar, som framkommo talandes med hwarannan på detta sättet “ (IB: 142). 72 Eine Lektüre, die der Materialität des Textes Aufmerksamkeit schenkt, erkennt die Inkongruenz zwischen handschriftlicher Epistolarität und typografischer Gattungskonvention und die daraus entstandene metaleptische Dynamik. Paradoxerweise sträubt sich gerade die intendierte authentische Simulation des eingebetteten Materials - und damit eine vermeintlich illusionssteigernde Technik - gegen eine widerspruchsfreie Diegese. Dass gerade Theaterstückpassagen derart materiell performativ werden, kann als verdoppelte Enthüllung der Darstellung verstanden werden. Theatertexte repräsentieren nicht nur verbale, sondern auch vor allem non-verbale Inhalte und Praktiken und sind unweigerlich an (Bühnen-)Darstellung geknüpft. Demnach repräsentieren die Ausschnitte sowohl Dokumente als auch theatrale Praktiken und non-verbale Codes, die sich in der Doppelbedeutung der Schriftbildlichkeit des gesamten Textes der IB spiegeln. Während inhaltlich auf Bühnenhandlungen verwiesen wird, treten die simulierten Dokumente auf der Bühne des epistolaren Textes auf. Andererseits veranschaulichen die Passagen in einer weiteren, rekursiven Performativität, dass alle eingebetteten Dokumente die Funktion erfüllen, die diegetische Welt in polyperspektivischen und polyphonen Ausschnitten zu zeigen. Denn die Passagen sind ihrerseits Ausschnitte der Stücke, die aus der Mitte herausgelöst sind und Anfang und Ende der Fantasie überlassen. Sie legen nahe, dass der Briefverfasser Zugriff auf zahlreiche Texte haben muss und dass folglich die diegetische Welt an den Rändern des Textes weitergeht. Insofern führen die Passsagen metatheatral die Zitierpraxis der IB vor, die ausschnitthaft Dokumente aus der diegetischen Welt (als dramatis personae) einbettet, um die dort enthaltenen Praktiken sowie den Kompositionsmodus selbst aufzuführen. Die Dokumente sind weitere Bühnen innerhalb der epistolaren Schrift bzw. innerhalb der fiktiven Welt. An den Theaterstückpassagen äußert sich damit eine mehrfache Spiegelungsfigur; sie befinden sich aber auch im Spannungsfeld der utopischen, paradoxen Gegensatzpaare - Ausschnitt - Gesamtheit, imago - narratio, Zustand - Entwicklung - und überführen sie in dramatische Praxis. 71 Der epistolaren Historiografie und ihrer Problematik der narrativen Vergegenwärtigung werden im nächsten Kapitel (7. Epistolare Vergegenwärtigung) weiter nachgegangen. 72 „ Kürzlich wurde hier am Theater ein solches Stück aufgeführt, genannt „ Der unnütze Lehrer “ , ein poetisches Werk, [ … ] und dieses Schauspiel begann mit zwei jungen Männern, die miteinander auf folgende Weise sprachen “ . 178 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="179"?> Abb. 19 Theaterstückausschnitte in Hans Bergeströms Indianiske Bref (1780), S. 142 - 143. Insgesamt wird deutlich, dass der Antagonismus von Narration der Dystopie und Beschreibung der Utopie keinen entsprechenden Gegensatz in der Zitierpraxis aufweist. Es werden Texte von beiden Inseln eingefügt, die allesamt exemplarischen Charakter besitzen. Was als authentisches Dokument simuliert und somit spurenlesend nachvollzogen werden kann, scheint den Moralvorstellungen der Erzählinstanz zu entsprechen. Zwar innerhalb der verwerflichen philippinischen Gesellschaft, aber von tugendhaften Autoren produziert, zeigen die Lehrgedichte und die autobiografische Bekehrungsschilderung didaktisch, welches Verhalten angestrebt werden sollte. Weil sie nicht an Spezifika der Handlung gebunden sind, funktionieren sie in Inhalt und Rhetorik auch außerhalb des Erzählrahmens. Auch die eingebetteten petrævianischen Parlamentsreden, die bisweilen integriert werden, können aus den IB in einen anderen Kontext extrapoliert werden. Hier noch stärker als in den Lehrgedichten adressiert ein hybrid schreibend-sprechender Bürger über mehrere Transmissionsstufen hinweg die Leser: innen, die sich - via Aristippe und dank des verfremdenden Präsenzeffektes - in die Position der zuhörenden Mitbürger projizieren können. Egalität, Todesstrafe und Abschaffung des Erbadels sind Themen, die auch außerhalb der IB in der schriftlichen Öffentlichkeit und an den Treffpunkten der 7.4 Zwischen journalistischer Dynamik und empfindsamer Materialität 179 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="180"?> sozialen Gefüge diskutiert wurden und aus einer empfindsamen, auf Empathie fußenden, politischen Haltung folgen müssten. Die Einbettung von Parlamentsreden ist somit auf die Erprobung der Praktikabilität des utopischen Systems ausgelegt, zumal sich diese - zumindest theoretisch - geringfügig modifiziert in die Organe der schwedischen Politik überführen ließen. Hinsichtlich des Vorschlags des zweiten Avertissements, die IB als Zukunftsvisionen von Schweden zu lesen, stellen diese Reden ein Modell für den Weg zur politischen Veränderung vor. 7.5 Utopien (er-)schreiben Indem sie die empfindsame Rhetorik auf staatsphilosophische und satirische Inhalte applizieren, nutzen die IB die Erzählfunktion Brief zur utopischen Erprobung der lateralen Möglichkeiten des Erzählens. Das epistolare Erzählen überschreitet dabei die Grenzen der empfindsamen sowie utopischen Tradition und fordert Leseerwartungen heraus. Wenn die Erzählung nicht einlöst, was ihre ersten sentimentalen Zeilen versprechen, entstehen Verfremdungseffekte, die sich auf der Handlungsebene spiegeln. Was die Utopieforschung bisher als kognitive Leistung vor allem in Bezug auf den Inhalt beschrieben hat, findet sich hier als formale und mediale Grenzüberschreitung. In der Epistolarität kann sich darüber hinaus artikulieren, was bisher nur im Geheimen oder noch nie gedacht wurde; die utopische Grenzüberschreitung wird somit auch durch die intime Kommunikationssituation des empfindsamen Briefs motiviert. Andererseits erweitert das journalistische Schreiben die Produktion hin zur anonymen Leserschaft, die am Dialog über ideale Gemeinwesen teilnehmen soll. Wenn empfindsame Literatur hauptsächlich Kommunikationsprozesse inszeniert (Fischer 2006: 77; dazu auch Luhmann 2012: 153 - 154), dann zeigen die IB den kommunikativen Aspekt der literarischen Utopie. 73 Der journalistische Kontext bringt Praktiken mit, die das Erzählen kollektivieren: Der Dialog der moralischen Zeitschriften mit den Leser: innen in Einsendebriefen kann auf die Darstellung der IB appliziert werden, weil sie genauso wöchentlich erscheinen wie die Periodika. Dieses kollektive Schreiben führt in den IB zur Idee des kollektiven Denkens als epistolare Praxis. Es ist folglich deren Produkt, der Briefwechsel, der eigentliche Ort der Utopie. Auf der Bühne der Epistolarität können Praktiken dargestellt werden, aber auch mehrere Perspektiven zur vergleichenden Reflexion präsentiert werden. Die Polyperspektivik des Briefwechsels vermag es, Widersprüchliches nebeneinander darzustellen und in Dialog zu bringen. Sie lässt es aber auch zu, die Selektions- und Organisationskriterien der Herausgeber: inneninstanz zu evaluieren. Das utopische, ideale Gemeinwesen vollzieht sich als empfindsame Schriftpraxis, als kollektive, respektvolle und empathische Erarbeitung des Optimums, weshalb sie jede 73 „ Vad dessa texter handlar om och iscensätter är kommunikationsprocesser, som de dock inte själva är en del av. De erbjuder oss en beskrivning av ett allegoriskt teckensystem, från vilket vi som läsare visserligen är uteslutna, men vars principer vi kan identifiera och i fantasin omsätta “ (Fischer 2006: 77; „ Diese Texte thematisieren und inszenieren Kommunikationsprozesse, zu denen sie selbst allerdings nicht gehören. Sie bieten uns die Beschreibung eines allegorischen Zeichensystems, von dem wir als Leser: innen freilich ausgeschlossen sind, mit dessen Prinzipien wir uns jedoch identifizieren und in der Fantasie umsetzen können “ ). 180 7 Hans Bergeströms utopische Dokumente Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="181"?> Ausübung einer politischen Praxis grundiert: Wie die Religion im idealen Staat Petræa Ethos, Politik und Ökonomie durchdringt, ist die empfindsame Briefkorrespondenz der nötige erste Schritt der politischen Beteiligung. Das politische und soziale Optimum ist demnach seinerseits auf empathische Bürger: innen angewiesen. Wenn die IB wie die moralischen Zeitschriften einen Beitrag zu ihrem historischen Kontext leisten wollten, präsentieren sie eine vernünftige, dialogische Alternative zum polemischen Umgangston der Pamphlete. Der schriftliche Austausch der epistolaren Praxis empfiehlt sich so als gemeinschaftliche, mitgestaltende Grundlage weiterer Umstrukturierungsprozess. Wenn utopische Texte nach Marin beschreiben und erzählen, dann setzen die IB neben dem narrativen und dem deskriptiven Modus auch den dramatischen Modus der Epistolarität ein. Die Bedeutung der (typografischen) Materialität wird stilistisch an den Theaterstückpassagen vorgeführt und an die empfindsame Rhetorik des körperlichen Schreibens gebunden. In der Epistolarität wird die Geschichte und die Schriftpraktiken vor Augen geführt. Diese utopische, polymodale „ active bricolage “ (Jameson 2005b: 34) legt den Fokus auf eine Produktionsästhetik, die ihre Genese zum Erkenntnisinstrument erklärt. Die Metapher des textuellen Bastelns scheint hier äußerst passend, weil sie die polyphone Medialität der IB kennzeichnet, die den Rekombinationseifer vor allem auch typografisch simulieren. Indem die einzelnen Dokumente ihren Zugriff auf die Welt bewahren, fordern und fördern sie eine materielle Lektüre, wie sie in der empfindsamen Metaphorik des epistolaren Rahmens eingeführt wird. Das epistolare Erzählen ermöglicht daher ein zugleich vergegenwärtigendes und distanziert-evaluierendes Lesen. Wenn gemäß Jameson (2005b: 35) die Produktion von Utopien im Nachzug der Utopia gar zu einer „ hobby-like activity “ wurde, erscheint das Erzählen in Briefen und mit eingebetteten Dokumenten als nachzuahmende exemplarische Praxis, die eine Weltschöpfung mit hybriden Elementen vorschlägt. Denn durch die Rahmungsstruktur innerhalb der Brieffiktion wird die typografische Materialität syndiegetisch und als Handlung lesbar, d. h. die Dokumente bieten nicht nur einen Zugriff auf die fiktive Welt, sondern konturieren die Organisationsleistung der schreibenden Erzählinstanz. Die Metapher der active bricolage, die diesen polymodalen und hybriden Text hervorbringt, hebt vor allem auch das spielerische Moment der Aktivität hervor, die sich hier als Erprobung des kollektiven Storytellings versteht. Wir erinnern uns: Wer sich in die Politik einbringen möchte, muss patriotisch schreiben - und das bedeutet: vernünftig und epistolografisch, d. h. die eigene Sprach- und Gedankenarbeit ins Material einprägend, seiner eigenen epistemologischen Disposition bewusst und dialogisch. Die empfindsam-vernünftige Korrespondenz ist dann der utopische, ruhige und sichere, locus in Zeiten der sozialen und politischen Turbulenz. 7.5 Utopien (er-)schreiben 181 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="182"?> 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft: Epistolare Vergegenwärtigung und anekdotische Historiografie 8.1 Literarische Pionierarbeit Intet er lettere, intet er ogsaa vanskeligere end at skrive en Historie. Udi den første Henseende seer man, at alle bemænge sig dermed, og udi den sidste, at faa driste sig dertil. Snart haver en ikke faaet Lyst til at være Author, førend han giør en Begyndelse med at skrive Historie, som det allerletteste Arbeide; thi hvad kand være lettere end at fortælle forbigangne Ting, som man enten selv kand erindre, eller finder stykkeviis skrevne for sig. (Holberg 1735: A1r) Nichts ist leichter, nichts aber ist auch schwehrer, als eine Historie zu schreiben. Was das erste anlanget: so siehet man, daß sich ein jeder damit abgiebt: in Ansehung des leztern aber wagen sich nur wenige daran. Kaum ist manchem die Lust angekommen, ein Schriftsteller zu werden: so fängt er gleich an, eine Historie, als die allerleichteste Arbeit, zu schreiben. Denn was kann leichter seyn, als vergangene Dinge zu erzehlen, deren man sich entweder selbst erinnern kann, oder die man stükweise vor sich beschrieben findet. (Holberg 1759: 1) Zu ihrer Zeit eine der wichtigsten Schriftstellerinnen Dänemarks, ist Charlotta Dorothea Biehl mittlerweile neben ihren literarischen Zeitgenossen beinahe in Vergessenheit geraten. Sie spielte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts jedoch als Kultur- und Literaturvermittlerin eine wichtige Rolle in Kopenhagen. 1 Ihr sprachliches Talent erlaubte es ihr, Texte aus dem Französischen, Italienischen, Spanischen und Deutschen zu übersetzen; ihr Don Quijote ist nicht nur die erste dänische Übersetzung von Cervantes ’ Roman, sondern blieb auch bis in die 1990er-Jahre in Gebrauch. Daneben bespielte sie mit ihrer eigenen Variante der französischen comédie larmoyante, einer Form der empfindsamen Komödie, während zehn Jahren beinahe im Alleingang das Theater Det kongelige teater / Den Danske Skueplads in Kopenhagen (Alenius 2004: 78 - 80). Neben diesen Arbeiten schrieb Biehl zwei Romane, eine vierbändige Kurzgeschichtensammlung und rund 449 Briefe an ihren Freund Johan Bülow (Alenius 1987: 115). Letztere führten dazu, dass sie vor allem als Dänemarks virtuoseste Briefschreiberin des 18. Jahrhunderts bekannt wurde. 2 Briefe treten immer wieder in ihren Texten auf, sei es als Briefroman oder -erzählung, dramaturgisches und titelgebendes Element im Singspiel Kierligheds-Brevene ( „ Die Liebesbriefe “ , 1774) oder als formale Rahmung der an Bülow adressierten Lebensbeschreibung Mit ubetydelige Levnets-Løb (1787; 1986). Ein Querschnitt durch Biehls Werk offenbart nicht nur eine Vorliebe für das epistolare Format, sondern auch literarische 1 Marianne Alenius (1987) betrieb umfassende Grundlagenarbeit zu Biehls literarischem Schaffen, weshalb ihre Monografie auch heute noch das wichtigste Referenzwerk darstellt. Da sie zudem den Fokus auf das epistolare Schreiben legt, eröffneten mir ihre Darlegungen den Zugang zu Biehls Werk. 2 Obwohl Charlotta Dorothea Biehl immer wieder für ihre literarische Fähigkeiten hervorgehoben wird, liegen die Briefe immer noch unediert in der Bibliothek der Sorø Akademi. Es ist zu hoffen, dass sie im Zuge der größeren Aufmerksamkeit für die weiblichen Schriftstellerinnen der Literaturgeschichte in naher Zukunft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="183"?> Pionierarbeit: Sie war die erste in Dänemark, die Briefromane, empfindsame Komödien und Heroiden publizierte (Alenius 2004). Abb. 20 Der Beginn der Schreibarbeit erfolgte am 22. Februar 1784 mit der Regierungszeit von Christian VI. (Charlotta Dorothea Biehl an Johan Bülow, 22.02.1784). Dieses Werk sollte gegen Ende von Biehls Schaffen mit der - wie sich Holberg im Motto dieses Kapitels beklagt - am schwersten zu schreibenden Gattung vervollständigt werden. Historiografie ist mehr als die Niederschrift von ein paar verstreuten Erinnerungen, sie verlangt erzählerisches Talent und scharfes Urteilsvermögen - ja, mehr noch: nach einem „ heelt og fuldkommet Menneske “ (Holberg 1735: A1r). 3 Diese Aufgabe bürdete sie sich allerdings nicht selbst auf. Ihr Freund Bülow wünschte sich, dass sie die Geschichte des dänischen Königshofs aufschreiben möge, die sie doch hautnah miterlebt hatte oder Kontakt zu Augenzeug: innen hatte. Es schien vermutlich beiden klar, dass dieser Auftrag 3 „ ganzen und vollkommenen Menschen “ . Ähnlich polemisiert Voltaire (1765: 225) 30 Jahre später über die „ Kunst der Geschichtsschreibung “ : „ Mais l ’ art de bien écrire l ’ Histoire sera toujours très-rare. On sait assez qu ’ il faut un style grave, pur, varié, agréable. Il en est des lois pour écrire l ’ Histoire comme de celles de tous les arts de l ’ esprit ; beaucoup de préceptes, & peu de grands artistes. “ (Voltaire 1765: 225; „ Aber die Kunst, Geschichte gut zu schreiben, wird immer sehr selten sein. Es ist allgemein bekannt, dass ein ernster, reiner, abwechslungsreicher und angenehmer Stil erforderlich ist. Die Gesetze des Geschichtsschreibens sind denen aller Geisteswissenschaften ähnlich; viele Regeln und wenige große Künstler “ ). 8.1 Literarische Pionierarbeit 183 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="184"?> nur in epistolarer Form umgesetzt werden könnte. Die historiografischen Briefe entstanden 1784 - 1785, blieben allerdings zu Biehls Lebzeiten unveröffentlicht. Als - wie sie es selbst in einem Brief an Bülow nennt - „ Chronique Scandaleuse “ (Brief an Johan Bülow vom 04.03.1784, zit. nach Alenius 1987: 111), die intime Einblicke in die geheimsten Bereiche der Macht gewährt und pikante Details enthüllt, wäre eine Veröffentlichung zu riskant gewesen (vgl. auch HB: 40; Olden-Jørgensen 2018: 55). Stattdessen adressierte sie die Briefe an Bülow, der sie in seiner privaten Bibliothek aufbewahrte, bis er sie nach seinem Tod der Sorø Akademi vermachte. Dort wurden sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Johan Henrik Bang gefunden, der sie schließlich 1865 in einer kommentierten Edition publizierte. 4 Da die Historiske Breve in Biehls private Korrespondenz an Bülow eingebettet sind und aufgrund der nicht erfolgten Veröffentlichung einen inoffiziellen Status innerhalb der zeitgenössischen dänischen Geschichtswissenschaft einnahmen, verwendete sie die Forschung lange allein als Quellenmaterial. Die Autorin bezeichnete ihr Vorhaben anfänglich sogar selbst „ et Udkast til den nyere Danske Historie “ , allerdings stellen die Historiske Breve ein ambitioniertes historiografisches Projekt dar, das weit mehr leistet, als lediglich die „ smaae Handlinger “ der Menschen aufzuzeichnen (HB: 40). 5 Diese Sicht konnte spätestens Marianne Alenius ’ bedeutsame Aufarbeitung von Biehls Gesamtwerk beweisen (Alenius 1987: 110 - 115; s. auch Mai 2011; Olden-Jørgensen 2018). Rein formal zeigt sich bereits, dass die Briefe, so Alenius, das Endprodukt eines Überarbeitungsprozesses darstellen dürften, zumal nur selten Wörter gestrichen oder korrigiert wurden. Ihre scheinbare Alltagseinbettung und unmittelbare Spontaneität sind deshalb rhetorische Techniken (Alenius 1987: 112 - 113). Im Gegensatz zu den anderen Privatbriefen wird jedoch ein weniger intimer Ton angeschlagen und die gemeinsame Beziehung nur selten thematisiert (Alenius 1987: 113 - 114). Auch die Adressierungen an Bülow scheinen rhetorisch motiviert zu sein: Sie sind die Tarnung, die eine Archivierung garantiert und legitimiert, wie auch Apostrophen an die intendierten Leser: innen aus der unbekannten Zukunft (Alenius 1987: 114 - 115; Mai 2011: 203; Olden-Jørgensen 2018: 63). 6 Genaue Angaben zur Textgenese fehlen indessen, da die Arbeit im Gegensatz zur 4 Da die Briefe seither nur in Auszügen veröffentlicht wurden, verwende ich Johann Henrik Bangs Edition. Er entschied sich dazu, die Briefe nicht in der chronologischen Folge ihrer Abschrift (gemäß Datum) abzudrucken, sondern der Chronologie des historischen Gegenstands folgend. Deshalb beginnt seine Edition mit den Briefen zu Frederik IV., obwohl diese erst im Verlauf des Vorhabens entstanden (HB: 7 - 33). 5 „ einen Entwurf für die neuere Dänische Geschichte “ , „ kleine Ereignisse “ . Die Selbstdeklaration mag zwar ein Verständnis der Briefe als Dokumente der Gegenwartsgeschichte und Quellen für zukünftige Forschende ausdrücken, kann aber ebenso ein rhetorischer Demutstopos sein, dessen sich auch Holberg geflissentlich zu bedienen wusste, z. B. „ at om jeg ikke har kunnet tilveiebringe en god Historie, saa har jeg dog arbeidet derpaa, og skal intet være mig kiærere end at see andre meere habile Penne at øve sig udi deslige vanskelige Afrisninger “ (Holberg 1735: C1v); „ daß wenn ich in meinen historischen Schriften nicht eine gute Historie habe zuwege bringen können, ich mich doch darauf beflissen habe; und nichts soll mir lieber seyn, als wenn andere und geschicktere Federn sich in dergleichen schwehren Abrissen üben wollen “ (Holberg 1759: 20). 6 Dagegen halte ich es für unwahrscheinlich, dass der Text an Kronprinz Frederik VI. gerichtet war (Olden-Jørgensen 2018: 53 - 54). Wie in anderen geheimen Geschichten (u. a. Suhms Hemmelige efterretninger, „ Heimliche Nachrichten “ ) ist sich Biehl der Bedeutung einer Zeitzeugenarchivierung für die zukünftige Geschichtsforschung bewusst. Der Regent könnte jedoch insofern von den Briefen profitiert haben, als dass sich sein Berater Bülow danach eine Meinung bildete. Auch wenn er die 184 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="185"?> gleichzeitig entstehenden Regeringsforandringen ( „ Der Regierungswechsel “ , 1784; Biehl 1867) nur selten in den (überlieferten) Privatbriefen erwähnt wird. 7 Allerdings unterstützt auch die paratextuelle Gestaltung der Briefe Alenius ’ These: Innerhalb eines Briefs ist in den unteren Marginalien das erste Wort des Folgeblattes aufgeführt, genauso wie es im Buchdruck Usus ist. Die Praxis sichert die richtige Reihenfolge der einzelnen Blätter und taucht in Biehls rein privaten Schreiben an Bülow nicht auf. Bestes Indiz ist aber Biehls Eigenaussage im letzten Brief, dass sie diese Geschichte für ihren Nachlass schreibe: „ jeg [ … ] foresatte mig altsaa at skrive det op og lægge det iblandt de Papiirer, der skulde gives Dem efter min Död “ (HB: 341). 8 Daher schreibt sie, was in hundert Jahren ohnehin problemlos gesagt werden könne (HB: 321 - 322). Es herrscht deshalb aller Grund der Annahme, dass sie die Historiske Breve für die Nachwelt komponierte und die Manuskripte als druckfertig verstand. Die Organisation der historiografischen Darstellung zeugt davon, dass sich das Vorhaben während des Schreibprozesses wandelte und Biehl ihren Text an zusätzliche Ansprüche anpasste. Denn sie arbeitete die Regierungszeit von Frederik IV. (1671 - 1730) erst im Juli 1784 auf, nachdem sie sich im Februar 1784 zunächst dafür entschieden hatte, mit dessen Sohn Christian VI. (1699 - 1746) einzusetzen. Gleichzeitig mit diesem vergrößerten Rahmen kommt es zu Veränderungen in Stil und Erzählung: Sammelt Biehl anfangs nur kleinere Episoden, Anecdoter, erweitert sie im Verlauf den thematischen Zuschnitt und arbeitet wirtschafts- und militärgeschichtliche Hintergründe ein (HB: 125 - 127, 171 - 177). Zugleich bemüht sie sich um einen argumentativen Ton und tritt - worauf ich später noch genauer eingehen werde - allmählich präsenter als Historiografin auf. Im Gegensatz zu Holbergs Ad virum *** perillustrem epistola und Bergeströms Indianiske Bref sollen somit in diesem Kapitel authentische handschriftliche Briefe im Zentrum stehen. Obwohl die Historiske Breve zu Biehls Lebzeiten höchstens als Manuskript zirkuliert haben könnten, eignet sie derselbe literarische Anspruch wie die anderen beiden Texte. Eine umfassendere paratextuelle Besprechung muss allerdings in diesem Fall entfallen, dennoch - und dies mag erstaunlich wirken - arbeiten sie mit ähnlichen parergonalen und selbstreflexiven Erzählstrategien wie die Epistola und die Indianiske Bref. Denn mit der homo-, zuweilen sogar autodiegetischen Erzählinstanz, die aus der Retrospektive eigene Erlebnisse und gesammelte Augenzeugenberichte schildert, changiert die Erzählsituation zwischen retrospektiver Erzählszene und vergangenem Erzählten. Diese Anbindung und Rückkopplung an die Erzählbzw. Schreib-Szene wird noch durch die epistolare Konvention verstärkt, das Schreiben mindestens zu datieren und oft zu kommentieren. Dadurch wechselt die Darstellung narrativ und materiell zwischen Geschichte und Erzählbzw. Schreib-Szene und schafft multiple Zeitpunkte, die miteinander in Verbindung stehen. berichteten Ereignisse bereits kannte, bot Biehls Darstellung eine Fremdperspektive auf die Vergangenheit und brachte diese außerdem in eine sinnvolle Ganzheit. 7 Tatsächlich erwähnt Biehl weder die Historiske Breve noch die Regeringsforandringen in ihrer Autobiografie (Alenius 1987: 114). 8 „ ich [ … ] nahm mir also vor, es aufzuschreiben und es zu den Papieren zu legen, die Ihnen nach meinem Tod übergeben werden sollten “ . 8.1 Literarische Pionierarbeit 185 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="186"?> Der Zeitpunkt der Schreibszene ist dabei nicht unerheblich, zumal die Briefe während einer für Dänemarks und Europas Politik unsicheren Zeit entstanden. Nachdem sich der Leibarzt Johann Friedrich Struensee 1770 die instabile geistige Gesundheit des Königs Christian VII. zunutze machen wusste, um während einer kurzen Periode diktatorisch aufklärerische Gesetze durchzusetzen, ging die Macht 1772 unter Ove Høegh-Guldberg an den Staatsrat und die Kabinette (Feldbaek 1990: 227 - 233). 9 Dies unter dem Deckmantel größerer politischer Stabilität infolge der veränderten Beschlussfassung, die nun nicht mehr allein von der Unterschrift des Königs abhing, sondern auch von einer Reihe Beamten. Abermals Diktatur, aber dieses Mal eine besser verborgene. Im April 1784 wurde dieses Modell jedoch wieder abgeschafft, als der junge Kronprinz Frederik VI. (1768 - 1839) die Macht an die Königskrone band. 10 Doch auch die restliche Welt sah sich von Erbfolgekriegen und politischen Unruhen gebeutelt (s. o., Kap. 7.3), die bekanntlich unter anderem in die Amerikanische und die Französische Revolution münden sollten. Die Historiske Breve sind deshalb auch Protokolle einer Krisenzeit: Die sich überstürzenden Ereignisse der Periode 1770 - 1784 passen in Kosellecks Begriff der Sattelzeit (1750 - 1850), der retrospektiv aus Forschungssicht eine Periode der kulturellen Veränderung bezeichnet, die von den Zeitgenossen selbst als Zeit des permanenten Übergangs wahrgenommen wurde. Die multiple Zeitstruktur ist zwar der Epistolarität im Allgemeinen nicht fremd - Briefschreibende befinden sich im ständigen Austausch mit Vergangenheit und Zukunft (Voßkamp 1971: 99) - , doch sie widerspricht dezidiert dem historiografischen Kerngeschäft, lineare Kausalitätsketten zu bilden, um zu erklären, wie sich die Vergangenheit in unsere Gegenwart entwickelt hat. Dabei bildet die Historiografie das Grundparadigma des Erzählens ab: Retrospektiv wird eine Folge von Begebenheiten erzählt, die sich alle auseinander ergeben und auf ein Ende zustreben. Jedes einzelne Glied der Erzählung gebiert notwendigerweise das folgende und darf nicht entfernt werden. Schritte zur Seite, in Form von unzusammenhängenden Zufälligkeiten oder nicht realisierten Kontingenzen, verhindern das vorantreibende Moment der Erzählung (s. u., Kap. 8.3). Die Historiske Breve etablieren jedoch alternative Temporalitäten, an denen der lineare Zeitstrahl verlassen wird, indem sie nicht-chronologische und metaleptische Momente implementieren. Wie narrative Zeitkontrolle und metaleptischer Bruch der Darstellung kombiniert werden, soll in einem Beispiel heuristisch herausgearbeitet werden. Im Brief vom 17. März 1784 berichtet Biehl von Ereignissen, die sich in den letzten Jahren vor dem Tod von Frederik V. (1723 - 1766) zutrugen. Wie an anderen Stellen schildert sie das Wesen des Regenten nicht in beschreibenden Adjektiven, sondern in Anekdoten, anhand derer die Leser: innen in direkten Kontakt mit der historischen Figur kommen sollen. Dabei bewegt sie sich zwangsläufig kontinuierlich auf den Tod von Frederik V. zu, was sie anscheinend in solche Betrübnis stürzt, dass sie noch weitere Anekdoten einschaltet, um den - letztlich unausweichlichen - Moment hinauszuzögern: 9 Auf politischer Ebene bewirkte der Coup, dass Christian VII. nur noch repräsentative Funktionen erfüllen konnte, während de facto Ove Høegh-Guldberg regierte, der von der Königinmutter Juliane Marie unterstützt wurde. 10 Biehl stellte diese Gegenwartsgeschichte zu derselben Zeit wie den historischen Rückblick in der Regeringsforandringen dar. 186 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="187"?> I denne Forfatning blev alleting indtil det i sine Fölger for Dannemark saa höyst beklagelige Dödsfald tildrog sig, men forend jeg rörer ved det, som endnu vil væde Papiiret med mine Taare, vil jeg meddeele Dem nogle Anecdoter, som om de just ikke tegner Regenten, saa dog Mennesket, og et Hierte, der var dannet til Tusendes Lyksalighed, naar ikke baade Tiiderne og nedrige Menneskers Ondskab, havde besmittet det med Vellysters farlige og fortærende Gift. (HB: 178) So blieb alles, bis sich der für Dänemark so bedauerliche Todesfall ereignete, aber bevor ich darauf eingehe, was noch immer das Papier mit meinen Tränen benetzen wird, möchte ich Ihnen einige Anekdoten erzählen, die zwar nicht den Regenten, sondern den Menschen und ein Herz zeichnen, das zum Glück Tausender geschaffen war, wenn nicht sowohl die Zeit als auch die Bosheit niederträchtiger Menschen es mit dem gefährlichen und zerstörerischen Gift der Wollust befleckt hätten. Zunächst lässt sich feststellen, dass die Darstellung der Erzählung in den Vordergrund tritt, um den Verlauf der Erzählung zu bestimmen. Dadurch erhält die Erzählung eine subjektive Färbung, denn sie gestaltet sich nicht nach den Ansprüchen des historischen Inhalts, sondern nach den Emotionen seiner Verfasserin. Indem diese somit explizit den inhaltlichen und zeitlichen Verlauf der Geschichte steuert, wird ihre Rolle als Selektions- und Organisationsinstanz offenbar. Die erzählte Zeit wird pausiert, um stattdessen in analeptischen Anekdoten den Menschen hinter dem Regenten Frederik V. darzustellen. Damit verzögert Biehl zwar die Erzählung des Todes, führt ihren Leser: innen jedoch gleichzeitig die menschlichen Qualitäten vor Augen, weswegen sie den Verlust des Königs so schmerzlich erlebte und erleben wird. Die Zeitkontrolle folgt somit auch rhetorischen Absichten. Ein genauer Blick verrät ebenso, dass Biehl mit der Erwähnung des Todesfalls einen Ausblick auf den weiteren Handlungsverlauf gibt und somit eine kurze Prolepse mit anschließendem Stillstand und schließlich analeptischer Erzählung verbindet. Andererseits werden sämtliche Dimensionen des epistolaren Erzählens bemüht, um Raum und Zeit zu wechseln. Biehls Erzählstimme bricht nicht als körperloser Diskurs in die Geschichte ein, vielmehr evozieren und materialisieren die prophezeiten Tränen die Schreib-Szene. Im gleichen Zuge wie sich die Erzählstimme gegenüber der erzählten Geschichte profiliert, wird die Aufmerksamkeit auf die Gegenwart der Erzählsituation gelenkt, sodass die Pause in der erzählten Geschichte mit dem Jetzt der Schreib-Szene gefüllt wird. Schließlich deuten die Tränen auf die Materialität des epistolaren Erzählens und unterstützen als zusätzliche Strategie den Themenwechsel. Anstatt eine rationale Erklärung zu geben, wechselt die Argumentation von der linguistischen zur materiellen Ebene, um sich danach einem anderen Inhalt zuzuwenden. Allen Bemühungen zum Trotz muss der Tod des Regenten unausweichlich eintreten, jedoch zwingt dessen Schilderung Biehl zu einem erneuten Umschlag des Erzählens - und in diesem Fall auch der Schreib-Szene. Om hun [Königin Juliane Marie, PH] var hos ham da han döde, eller om Medici havde faaet hende da de saae Enden var nær, af Frygt for stærke Convulsioner til at gaae fra ham, erindrer jeg ikke meere ret, men imellem 3 og 4 leed Dannemark et ubodeligt Tab, saa fremt vor nu elskede Friderich ikke opretter det. Farvel, paa nogle Öyeblik min elskede Ven. Jeg var nödt til at holde op, min Beste for at komme til at græde ud, men förend jeg gaaer videre vil jeg sige Dem, at det som jeg har sagt Dem om Kongens Forhold og Tale i hans Sygdom, har Wolert, som var bestandig hos ham fortalt mig med vaade Öyne. (HB: 187 - 188) 8.1 Literarische Pionierarbeit 187 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="188"?> Ob sie bei ihm war, als er starb, oder ob die Ärzte sie zu ihm gebracht hatten, als sie sahen, dass das Ende nah war, aus Angst vor starken Krämpfen, daran erinnere ich mich nicht mehr genau, aber zwischen 3 und 4 erlitt Dänemark einen unersetzlichen Verlust, sofern unser geliebter Frederik ihn nicht wieder gutmacht. Lebewohl, für einige Augenblicke, mein geliebter Freund. Ich musste aufhören, mein Lieber, um mich auszuheulen, aber bevor ich weitermache, möchte ich Ihnen sagen, dass das, was ich Ihnen über die Lage des Königs und seine Worte während seiner Krankheit erzählt habe, mir Wolert, der ständig bei ihm war, mit feuchten Augen erzählt hatte. Entgegen der Vorhersage manifestiert sich Biehls Rührung nicht als Tränen auf dem Papier, sondern als eine abrupte Unterbrechung des Erzählflusses, markiert durch die eingeschobene Verabschiedung. Die abermalige subjektive Färbung der Erzählerrede enthüllt eine empathische Erzählerin, die von den Schicksalen ihrer Figuren bewegt wird. Tatsächlich präfiguriert Biehls emotionale Empathie eine Lektüre, die historiografische Erkenntnis aus der sinnlichen Vergegenwärtigung gewinnt. Bewegende Darstellung ist Biehl ein Anliegen. Jedoch beansprucht die emotionale Dimension nur eine Hälfte von Biehls historiografischer Poetologie, denn die Autorin strebt andererseits danach, die Vergangenheit möglichst wahrheitsgetreu wiederzugeben und mit Augenzeug: innenberichten zu belegen. So verknüpft sie auch im Zitat die Entschuldigung mit der rationalen, weil wissenschaftlichen, Nennung ihres Zeugen Leibarzt Wolert. Dass sich emotionale Beteiligung und historiografischer Anspruch die Waage halten, äußert sich auch in der diskursiven Gestaltung der Passage: So folgt die Quellenangabe noch im gleichen Satz wie die Begründung der Unterbrechung. Dass Biehl um die detaillierte wissenschaftliche Rekonstruktion bemüht war, zeigt sich auch daran, dass sie etwa das finanzielle Ungleichgewicht im Militär in genauen Summen dargelegt hat. 11 11 Ein Auszug mag zum Beweis genügen: „ Fra det Freden blev sluttet i Friderich den 4des Tiid indtil Aaret (17)63 var Compagniernes Friefolk Capitainens Leve Bröd; Gagen belöb sig ikke höyere end til 220 Rdr og 100 Rdr recrut Penge, saa han af Compagniets Friefolk baade maatte hværve, capitulere, betale Geværene i Stand holdte og Mundering, Læder Toy og Geværer, naar nogen löb bort med samme, og det over blevne var hans, uden Regnskab for hvad det indbragte. Denne Indretning mishagede St. Germain. Capitaineme bleve ansadte for 500 Rdr Gage og 100 Rdr Qvarteer Penge, derimod skulde Hværving, Capitulation, Desertion, kort alle bestridende Omkostninger skee for Kongelig Regning, og det overblevne af Friefolkenes Traktement, Bröd og Qvarteer Penge legges i Regiments Cassen, og af dem alle Omkostningerne engang i sin Tid bestrides, naar Armeen engang skulde rykke i Feldten igien. [ … ] At denne Indretning io kunde have sin store og væsendtlige Nytte, er meget mueligt, men at den paa den Tiid maatte opvække en almindelig Misfornöyelse er ustridig; thi Landet var forgieldet og maatte betale store Renter, og Statens Udgifter forögedes derved saaledes, at der maatte giöres et nyt Laan og betales nye Renter, for at kunde sanke Penge i Regiments Casserne, der laae döde og frugteslöse “ (HB: 172 - 174; „ Von dem Zeitpunkt, als der Frieden in der Zeit von Frederik IV. geschlossen wurde, bis zum Jahr (17)63 waren die Freikämpfer der Kompanien die Lebensgrundlage des Chefs; der Sold belief sich auf nicht mehr als 220 Reichstalern und 100 Reichstalern Rekrutengeld, sodass er von den Freikämpfern der Kompanie rekrutieren, kapitulieren [d. h. zum befristeten Dienst verpflichten, PH], die Gewehre in Stand halten und Ausrüstung, Uniform sowie Gewehre bezahlen musste, wenn jemand mit diesen davonlief, und der Überschuss gehörte ihm, ohne dass er Rechenschaft darüber ablegen musste, was es einbrachte. Diese Regelung missfiel St. Germain. Die Chefs wurden für 500 Reichstaler Sold und 100 Reichstaler Quartiergeld eingestellt, stattdessen mussten Rekrutierung, Kapitulation, Desertion, kurz alle bestrittenen Kosten auf königliche Rechnung gehen, und der Überschuss des Soldes für die Freikämpfer, Brot und Quartiergelder, in die Regimentskasse gelegt werden, und davon alle Kosten erst dann bestritten werden, wenn die Armee wieder ins Feld ziehen sollte. [ … ] Dass diese Maßnahme durchaus ihren großen und wesentlichen Nutzen haben könnte, ist 188 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="189"?> Schließlich stellen die „ Anecdoter “ , die Biehl statt des Todes erzählt, ein wichtiges Erzählinstrument der Briefe dar. In ihnen kondensiert sich eine Poetologie des historiografischen Erzählens, die keine nackten Fakten berichtet, sondern die Leser: innen an den historischen Figuren teilhaben lassen möchte. Personalgeschichte soll in diesen Kleinsterzählungen erleb- und nachvollziehbar werden. Sie sind Zeitbilder, in denen die Vergangenheit mit ihren Akteuren illustriert werden soll ( „ tegner [ … ] Mennesket “ , HB: 178). 12 Für die narrative Zeitkontrolle bedeuten die Anecdoter die Schilderung einer Vergangenheit als immersives Erlebnis, bei dem eine Gegenwart simuliert, d. h. Geschichte vergegenwärtigt wird (zur Beziehung von Zeit und Lektüre: Currie 2018). Sie sind aber auch Instrumente einer Erzählstrategie, die aus den fiktionalen Gattungen stammt, und verknüpfen die beiden wesentlichen Hybriditäten der Historiske Breve: In ihnen paart sich empathische Anteilnahme und wissenschaftliche Objektivität sowie faktuale Argumentation und fiktionales Erzählen. Somit zeichnen sich die Historiske Breve durch ähnliche widersprüchliche und grenzüberschreitende Verfahren aus, wie auch in den bisher besprochenen epistolaren Texte festgestellt wurde. An der zitierten Passage lassen sich zusammenfassend vier Aspekte herausarbeiten: Erstens bewegt sich die Erzählerin Biehl frei auf dem narrativen Zeitstrahl; in metanarrativen Kommentaren zeigt sie sich als Selektions- und Organisationsinstanz, die den Handlungs- und Zeitverlauf steuert. Sie kann aus einer zeitlich entrückten Position auf den gesamten Zeitstrahl der erzählten Geschichte zugreifen und muss nicht der physikalischen Linearität der Zeit folgen; sie kann Anachronien einbauen. An den Tränen auf dem Papier zeigte sich zweitens, dass solche Verfahren die Erzählebenen kollabieren lassen. Dabei werden zwei Zeitpunkte miteinander parallelisiert: die Gegenwart der Schreib- Szene und die Quasi-Gegenwart der diegetischen Szene. Eine ähnliche narrative Vergegenwärtigung strebt drittens die narrative Ausprägung der Historiografie ab der Hälfte des 18. Jahrhunderts an, denen auch Biehls Historiske Breve verpflichtet sind. Viertens bildet die konventionelle Datierung der Briefe im Gegensatz zu den Büchern der institutionellen Historiografie materiell Chronologie ab. Biehls Historiske Breve kombinieren daher kausalgenetische Linearität und die Zeitlichkeit durchbrechende Vergegenwärtigung. Beides sind Verfahren, die sich sowohl die zeitgenössische Geschichtsschreibung als auch Romanpoetologie zunutze machen. Dieses Kapitel interessiert sich also dafür, wie Biehl die Erzählfunktion Brief einsetzt, um fiktionale Erzähltechniken in die historiografische Darstellung einzubinden und damit Zeitstrukturen zu bilden, die nicht nach physikalischen Gesetzmäßigkeiten verlaufen. Dafür soll auch hier das Gattungsfeld einbezogen werden, in denen sich die Historiske Breve verorten, da auch dieses von Anleihen aus der fiktionalen Literatur geprägt ist (8.2), um darauf genauer auf die Bedeutung der narrativen Zeitkontrolle für die Historiografie zu fokussieren. Dies erfolgt zunächst anhand der Forderung nach kausaler Linearisierung der Ereignisse, die sowohl die Geschichtsals auch die Romantheorie stellt (8.3). Danach sehr gut möglich, aber dass sie zu dieser Zeit allgemeine Unzufriedenheit hervorrufen musste, ist unbestreitbar; denn das Land war verschuldet und musste hohe Zinsen zahlen, und die Staatsausgaben stiegen dadurch so stark an, dass ein neues Darlehen aufgenommen und neue Zinsen gezahlt werden mussten, um Geld in die Kassen des Regiments zu bringen, das brach lag und keine Erträge abwarf “ ). 12 Geschichte wird bei Biehl in dramatischen Tableaus dargestellt, die zum Nachdenken anregen (Mai 2011). 8.1 Literarische Pionierarbeit 189 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="190"?> wird der Bruch des zeitlichen Verlaufs, also die Inszenierung des historischen Moments und der epistolaren Schreib-Szene, besprochen; Biehl und die Historiografie des späten 18. Jahrhunderts nutzen die rhetorische Dramatisierung als empathische Vergegenwärtigung (8.4). Die beiden zeitstrukturierenden Verfahren - Linearisierung und Zeitlichkeit durchbrechende Vergegenwärtigung - führen bei den Historiske Breve zu einer epistolartransgressiven Form der Historiografie. Schließlich sollen im Rückgriff auf die figurative Funktion der ereignishaften und veranschaulichenden Anekdote des New Historicism generelle Aussagen über die Rolle des epistolaren Erzählens in der Historiografie getroffen werden (8.5). 8.2 Historiografisches Schreiben jenseits der Konventionen: Chronique Scandaleuse, Historia Arcana und Anekdote Die Chroniques Scandaleuses setzen auf Erzählstrategien, die sich in erster Linie durch Hybridität und Heterogenität auszeichnen und historische Temporalität neu konzipieren. Ihren Anfang nahmen sie mit dem Fund eines antiken Manuskripts. Prokopios ’ Anekdota ( „ Unveröffentlichtes “ , 1623) erzählen von den Begebenheiten, die sich rund um die Ereignisse seiner offiziellen, groß angelegten Kriegsgeschichten anlagerten, und entwerfen mit demselben Personal eine Parallelgeschichte des Intimen. Diese Historia Arcana, „ geheime Geschichte “ , wie der lateinische Titel lautet, löste im 17. und frühen 18. Jahrhundert eine Welle an Veröffentlichungen aus, die gleichermaßen das Verborgene der Vergangenheit ans Tageslicht brachten. 13 Sie gaben einen Blick hinter die Kulissen der Macht, dekonstruierten deren öffentliches Gebaren als reines Schauspiel und entlarvten die wahren Schlüsselfiguren. Gerade im Absolutismus, wo sich die gesamte Staatsgewalt in einer Person bündelte, war das Privatleben des Monarchen ein Politikum (Krefting 2017: 12 - 14). Wie Dänemark mit der Struensee-Affäre erfahren musste, besaßen die engsten Bezugspersonen des Königs größeren Handlungsspielraum und Möglichkeiten zur Einflussnahme - sie konnten, beherrschten sie die Kunst der Manipulation, nach eigenen Gelüsten verfügen. Damit präsentieren die Historiae Arcanae den Mikrokosmos der intimen Räume als Spiegelung des staatspolitischen Makrokosmos und verlagern den Fokus auf die Rolle marginalisierter Instanzen: Frauen, Dienerschaft, Tiere, ja sogar Objekte enthüllten sich als die wahren Akteure im royalen Schauspiel (Bullard 2017: 6). Die meisten dieser alternativen Enthüllungsgeschichten erschienen im 17. und 18. Jahrhundert in Anlehnung an Prokopios unter den rhematischen Titeln Anekdoten oder Geheime Geschichten (bzw. Secret Histories, Histoires secrètes, Hemmelige Efterretninger usw.). Die in Frankreich beliebte Bezeichnung Chroniques Scandaleuses kommt dabei nicht 13 In den letzten Jahren beschäftigte sich die literaturwissenschaftliche sowie politikgeschichtliche Forschung vor allem im anglophonen Raum mit der secret history. Dabei revidierte sie auch die bisherige Auffassung, dass die höfischen Romane des 17. Jahrhunderts bzw. die romans à clef lediglich als fiktionale Werke zu betrachten seien, und schlug hingegen eine differenzierende, deren historiografische Bedeutung einberechnende Perspektive vor (Bullard/ Carnell 2017; Bullard 2016; Burke 2012, 2016; Carnell 2015; Cowan 2018; McKeon 2005). Krefting (2017) beschäftigte sich mit den skandinavischen geheimen Geschichten. 190 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="191"?> von ungefähr, denn insbesondere diese Texte, aber auch im Allgemeinen die Gattung der Historiae Arcanae, legten einen Fokus auf erotische Beziehungen. Zur Darstellung dieser Nebenschauplätzen der Geschichte werden unkonventionelle Erzählverfahren eingesetzt, die vor allem aus der fiktionalen Literatur stammen. Der Rückgriff auf Theatermetaphorik - der Blick hinter die Kulissen, die Enthüllung des royalen Schauspiels und der Handlungsfähigkeit von wenigen historischen Figuren - lässt bereits eine Nähe zur dramaturgischen Komposition und der poetischen Darstellung vom Allgemeinen im Besonderen vermuten. Doch auch das erotische Thema der Chroniques Scandaleuses findet sich in den galanten Romanen des 17. Jahrhunderts wieder. Tatsächlich besitzen der Roman und die Historia Arcana mit dem roman à clef, der Schlüsselliteratur, eine gemeinsame Schnittmenge (Kanzog 2007). 14 Mit den romanhaften Texten verbindet die Chronique Scandaleuse aber auch der Einsatz von extratextuellen Dokumenten im Fließtext. Als Hybridform zwischen Geschichtsschreibung, dramatischer Repräsentation, höfischem Roman und fragmentarischen Formen verlangen die Historiae Arcanae nach ‚ transversalen Lesepraktiken ‘ , wie Rebecca Bullard (2017: 7) erläutert: „ These texts ask us to read across boundaries: between texts, literary traditions, cultures, and geografical territories “ . Bevor es allerdings zu einer transversal operierenden Lektüre kommen kann, müssen die Texte mit ebensolchen Schreibpraktiken produziert werden. Die Autor: innen der Historiae Arcanae verfügen somit über literarisches Wissen und Fähigkeiten in verschiedenen Gattungen. Insofern die Historia Arcana über Diskursgrenzen hinweg agiert, fordert sie die institutionelle Geschichtsschreibung mehrfach heraus. Sie unterminiert zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung die offizielle historische Erzählung und ermöglicht ein neues, nicht nur revidiertes, sondern auch komplexeres Verständnis der Vergangenheit. Damit schärft sie nicht zuletzt das Bewusstsein für eine stets mögliche und immer noch ausstehende Korrektur des historiografischen Metanarrativs. Mit anderen Worten, die Zukunft erhält Einzug in die Erzählung der Vergangenheit. Das anekdotische Erzählen verlagert den Schwerpunkt des historiografischen Schreibens wiederum in die Gegenwart. Verwies der Begriff der Anekdote anfänglich noch nahe am griechischen Ursprung auf jegliches unveröffentlichtes Material, kondensierte er sich um 1800 zur heutigen Bedeutung der gattungsunabhängigen, pointierten Kleinsterzählung (Hilzinger 1997). Historische Anekdotensammlungen des späten 18. Jahrhunderts verabschiedeten sich von der einsträngigen und meistens teleologischen Erzählung der Geschichte. Vielmehr sollte die gleichberechtige Sammlung von alltäglichen Kleinigkeiten und bedeutenden politischen Ereignissen die Vergangenheit als heterogenes und komplexes Mosaik rekonstruieren (Hilzinger 1997: 59). Biehl verwendet den Begriff der Anekdote bereits in der veränderten Bedeutung ‚ Kleinsterzählung einer merkwürdigen Begebenheit ‘ , lässt dieser allerdings strukturell die Funktion des wissenschaftlichen Belegs zukommen, weil sie die historischen Figuren in einer authentischen, d. h. so stattgefundenen Szene porträtieren. Das Wort „ Anecdote “ findet sich in den Historiske Breve insgesamt fünfmal (HB: 10, 162, 178, 312, 317 - 318), jeweils um in kurze veranschaulichende Szenen einzuleiten, die als Beweismittel für eine 14 Die Transparenz der Kodifizierung der Schlüsselliteratur ist auf einem Spektrum angesiedelt und auch von den jeweiligen Leser: innen abhängig. Die Aufschlüsselung, so Kanzog (2007: 380), falle dem zeitgenössischen Publikum leichter. 8.2 Historiografisches Schreiben jenseits der Konventionen 191 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="192"?> Situation oder eine Charaktereigenschaft dienen sollen. Daher können auch andere Kleinsterzählungen als anekdotisch betrachtet werden, auch wenn sie nicht mit dem Stichwort versehen sind, jedoch mit der Floskel „ Som et Beviis paa “ (HB: 317) eingeleitet werden. Diese findet sich in metanarrativen Kommentaren und verknüpft allgemeine Urteile mit szenischer Erzählung. 15 Biehls Anekdoten sind folglich gleichermaßen veranschaulichende Darstellung der Vergangenheit wie authentifizierendes Quellenmaterial der präsentierten Geschichte. Neben der Veranschaulichung der Vergangenheit zeigte Biehls Anekdotenhandhabung in Bezug auf Frederiks V. Tod, dass die Anekdoten extratextuelle Funktionen erfüllen können, die nicht primär zur historiografischen Darstellung dienen. Zwar stellen die eingeflochtenen Anekdoten das Wesen des Monarchen dar, sie sollten jedoch primär ein Ereignis aufschieben, das die Autorin noch nicht niederschreiben konnte. Im Durchgang der Gattungsgeschichte zeichnet sich die formale sowie kompositorische Komplexität und Textualität der Historiske Breve im Sinne ihrer Eingebundenheit in konkrete Situationen und textuelle Netzwerke ab. Die Epistolarität setzt diese konzeptionelle Anlage formal um: Privatbriefe sind gemeinhin kleine Schriften und berichten aus dem Alltag, sodass sie als gebündelte Korrespondenz wie die Anekdotensammlungen Mosaikbilder ihres Gegenstands und ihrer Verfasser: innen bilden können. Sie sind revidierbar und verweisen stets auf die Antwort, d. h. in die Zukunft. Daneben betten sie häufig extratextuelles Material ein, nutzen hybride Erzählstrategien und bewegen sich außerhalb der sozialen Konventionen und jenseits von Gattungsgrenzen. Wie alle Historiae Arcanae basieren die Historiske Breve ihre Darstellung auf die Augenzeugenschaft der Verfasserin bzw. der vertraulichen Quellen aus erster Hand. Damit stillen sie den Bedarf an Gegenwartsbzw. Zeitzeugenaufzeichnung, dessen Mangel Holberg (1744: 530, 1735: B2v) noch bitter beklagt hatte, als er in Dannemarks Riges Historie (1735; Dänische Reichs-Historie, 1759) die ältere dänische Nationalgeschichte schrieb (Olden-Jørgensen 2018: 62 - 63). Indessen besitzen sie wohl kaum ikonoklastische, das historiografische Metanarrativ unterminierende Absichten, die Briefe versuchen sich vielmehr in der empathischen Annäherung an die Königsfamilie. Angestrebt wird eher, wie sich zeigen wird, eine Unterweisung der Leser: innen in der historischen Urteilsbildung. Dass die Gattung Chronique Scandaleuse nur teilweise auf die Historiske Breve passt, zeigt nicht zuletzt ein Blick auf ihre eigene Verwendung des Begriffs. Zwar bezeichnet Biehl damit in einem Privatbrief zu Beginn noch das gesamte Projekt, während des Schreibprozesses scheint sie sich aber davon zu distanzieren. In den Historiske Breve selbst werden lediglich einzelne Ereignisverläufe - spezifischer: Intrigen - Histoire Scandaleuse bzw. Chronique Scandaleuse genannt. 16 Demnach verwendet Biehl den Begriff nicht, um ihr gesamtes literarisches 15 „ als Beweis für “ . Um die politische Handlungsfähigkeit von Christians VI. Frau Sophie Magdalene darzulegen, berichtet Biehl etwa von einer Episode, als sich die Königin für den Studenten (und späteren Historiker) Jacob Langebek einsetzte, der sich gegen den damaligen pietistischen Hofprediger Erik Pontoppidan d. J. ausgesprochen hatte (HB: 38 - 40). Mit folgenden Worten wird die Erzählung eingeführt: „ Til et Beviis paa, hvorvidt hendes Myndighed gik, vil Jeg fortælle Dem noget, som meget faa veed “ (HB: 38; „ Als Beweis dafür, wie weit ihre Mündigkeit ging, will ich Euch etwas erzählen, das nur sehr wenige wissen “ ). 16 Der Begriff taucht zweimal auf; das eine Mal in Bezug auf Juliane Maries Hochzeitsstiftung ( „ Da jeg har vildet meddeele Dem L ’ Histoire scandaleuse i en uafbrudt Kiede “ , HB: 122; „ Da ich Euch die Histoire 192 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="193"?> Verfahren zu beschreiben, sondern um Ereignisse unter einem gemeinsamen inhaltlichen Merkmal zusammenzufassen. Mit anderen Worten, die Betonung liegt auf dem Adjektiv scandaleuse. Stattdessen scheinen die Briefe für sie ein, wenn auch erstes, dennoch vollkommen legitimes Stück National- oder Personalgeschichte darzustellen. Die Selbstdeklaration innerhalb des Textes lautet demnach „ et Udkast til den nyere Danske Historie “ (HB: 40) und „ dette Art af Udkast til Friderich den femtes Historie “ (HB: 196). 17 8.3 Temporalität der Briefliteratur: Ereignisketten erzählen 8.3.1 Linearisierung des Erzählens In Übereinstimmung mit der generellen Tendenz zu erzählerischeren Formen der Geschichtsschreibung (Woolf 2011: 288 - 289), scheint auch dieses Projekt den Nutzen der Erzählung als Erkenntnisinstrument zu sehen: Die Historiografie erzählt, um das Eintreffen eines Ereignisses zu erläutern. Ein guter Geschichtsschreiber - so viel ist für die Historiker der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts klar - bringt das Ereignis in eine konsekutive Ordnung von Ursachen und Folgen. 18 Die Darstellung einer linearen Geschichte folgt somit der Absicht, Klarheit über eine unklare Vergangenheit zu schaffen. Wenn Charlotta Dorothea Biehl in ihren Briefen die Geschehnisse am dänischen Hof der jüngsten Vergangenheit darstellt, erfüllt sie einen Bedarf an Erläuterung und Zeitporträtierung. Im ersten Brief des Projekts (22.02.1784) erklärt Biehl ihre Absicht, Bülow auf dessen Wunsch, ihre „ Betragtninger over Tiiderne og deres Forskiellighed “ mitzuteilen - und zwar „ som om han kunde læse i mit Hierte “ (HB: 33). 19 Der empfindsame Topos der Herzlektüre drückt aus, dass sie aufrichtig und ehrlich eine Geschichte erzählen möchte, die unmittelbar - scheinbar ohne Umweg über die Sprache - verständlich ist. Es geht somit grundlegend um ein narrativ fundiertes Verständnis der vergangenen Zeit. An diese Aussage anschließend webt sie allgemeine Reflexionen über die Ähnlichkeit von Zeitabschnitten ein; es sei ihr nämlich aufgefallen, dass die Zeit von Frederiks IV. Regentschaft und ihre Gegenwart teilweise übereinstimmen. Deshalb fragt sie sich, ob Könige mit dem Namen Frederik dazu bestimmt seien, Dänemark Freude und Trost zu bringen. Vielleicht, mutmaßt sie, führten ähnliche äußere Umstände dazu, dass die beiden Könige den gleichen Charakter entwickelten. Das Urteil überlässt sie Bülow bzw. ihren Adressat: innen, möchte dazu aber eine Zeit als Antithese abbilden, die nicht von einem Frederik regiert wurde. scandaleuse in einer ungebrochenen Kette mitteilen wollte “ , vgl. auch unten 8.3.2), das andere Mal als Sammelbezeichnung für alle erotischen Verbindungen am Königshof ( „ og til et Beviis derpaa, vil jeg giöre Dem lidet bekiendt med den Tiids Chronique Scandaleuse, endskiönt jeg kan slutte mig til, at De umuelig kan være uvidende om den “ , HB: 247; „ und als Beweis dafür, will ich Euch ein wenig mit der damaligen Chronique Scandaleuse bekanntmachen, auch wenn ich davon ausgehen kann, dass Ihr diese unmöglich nicht kennen könnt “ ). 17 „ ein Entwurf für die neuere Dänische Geschichte “ , „ diese Art von Entwurf für die Geschichte von Frederik V. “ . 18 So lobt J. S. Sneedorff Holberg dafür, dass er die Ereignisse „ i deres Oprindelse, Sammenheng og Fölger “ zeigte (BR: 41; „ in ihrer Entstehung, ihrem Zusammenhang und ihren Folgen “ ; Olden-Jørgensen 2015: 37 - 38). 19 „ Betrachtungen über die Zeiten und ihre Unterschiede “ , „ als ob Ihr in meinem Herzen lesen könntet “ . 8.3 Temporalität der Briefliteratur: Ereignisketten erzählen 193 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="194"?> om det har været saa bestandig, veed jed ikke; men at det er rigtigt i Henseende til de To, som jeg har kiendt, det veed jeg sikkert. Aarsagen hertil drister jeg mig ikke at bestemme, om den skulde ligge i en slags Overeenstemmelse imellem begges Tids Alder vil jeg overlade Dem selv at dömme om, og derfor giöre dem en Afbildning over Forfatningen paa den Tiid de ikke var til [ … ]. (HB: 34) ob das immer so war, weiß ich nicht; aber dass es auf die beiden zutrifft, die ich gekannt habe, das weiß ich mit Sicherheit. Ich wage es nicht, den Grund dafür zu bestimmen, ob es in einer Art Übereinstimmung zwischen den beiden Zeitaltern liegt, überlasse ich Euch selbst zu beurteilen, und deshalb gebe ich Euch eine Abbildung der Zustände zu der Zeit, in der sie nicht da waren [ … ]. Damit ist das Ziel erstmal gesetzt: Es geht um aus der Zeitlichkeit entrückte Perspektiven und das Bild des großen Ganzen eines Zeitalters, um dieses anschließend mit der Gegenwart vergleichen zu können. Drei Punkte können folglich für ihr Projekt bestimmt werden: Erstens soll ein narratives Verstehen gefördert werden, das zweitens aus dem Überblick über die Zeitabschnitte und drittens zum Zweck des Gegenwartsvergleichs erfolgt. Die Methodik dieser historiografischen Annäherung kennt erzählende Abbildungen ( „ en Afbildning over Forfatningen “ ) und entsprechend den bereits eingesetzten stilistischen Mitteln empfindsame Rhetorik. Insofern als das Verständnis von längeren Zeitabschnitten Distanzierung von den einzelnen Zeitpunkten bedeutet, die Metapher der Abbildung aber vielmehr visualisierte Vergegenwärtigung, beinhalten die Historiske Breve zwei widersprüchliche Maximen. Die erste Perspektive erzielt ihren Erfolg mit der kohärenten Konstruktion einer linearen Geschichte, die in sich ein Ganzes bildet. Die zweite muss wiederum die einzelnen Momente so lebhaft darstellen, dass sie vergegenwärtigt werden können. Dem ersten Anspruch, der Linearisierung der Vergangenheit, widmet sich dieses Unterkapitel, der Vergegenwärtigung unter dem Motto der Abbildung und ihrem Aktionspotenzial das nächste. Ein anderer berühmter Dramatiker und unermüdlicher Briefeschreiber zeichnete sich ebenso mit einem stattlichen historiografischen Werk aus, nach dessen Vorbild Biehls Historiske Breve durchaus entstanden sein können: In einem berühmten Ausspruch vergleicht Voltaire die Kunst der Geschichtsschreibung mit dem Drama: „ J ’ ai toujours pensé que l ’ histoire demande le même art que la tragédie, une exposition, un n œ ud, un dénoûment, et qu ’ il est nécessaire de présenter tellement toutes les figures du tableau, qu ’ elles fassent valoir le principal personnage, sans affecter jamais l ’ envie de le faire valoir “ (Voltaire 1880: 470; Volpilhac-Auger 2009; Baridon 1997: 290). 20 Bemerkenswert daran: Voltaires Vergleich räumt der Historiografie einen Grad an Poetizität ein. Erfolgreiche Historiografie setzt das literarische Können voraus, Handlungen zusammenzufügen, die wie die Tragödie einen Konflikt entwickeln, der vor dem Ende aufgelöst wird. Geschichte gilt es folglich nicht weitläufig, nicht als Aufzählung von Fakten und Ereignissen, zu erzählen - keine Annalen oder Chroniken, sondern Fabeln. Mit diesen 20 „ Ich habe immer gedacht, dass die Geschichte die gleiche Kunst wie die Tragödie erfordert, eine Exposition, einen Knoten, eine Auflösung, und dass es notwendig ist, alle Figuren des Tableaus so zu präsentieren, dass sie die Hauptfigur hervorheben, ohne jemals die Lust zu ihrer Darstellung zu stören “ . 194 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="195"?> Stichworten macht sich Voltaire natürlich Aristoteles ’ Tragödientheorie zunutze, zu der genauso gehört, dass der mythos, die Handlung, ein in sich geschlossenes Ganzes von bestimmter Größe bildet, das den gesetzten Rahmen des Textes weder übersteigt noch unterschreitet. Der zweite Teil des Zitats erweitert allerdings die Tragödienmetapher um das Verständnis des Textes als Bühne. Nicht nur die Makrostruktur muss gekonnt zusammengefügt werden, auch die Darstellung des einzelnen ‚ Bühnenbilds ‘ sollte das Verhältnis zwischen Hauptfigur und wesentlichen Faktoren einerseits und Hintergrund andererseits nicht aus dem Auge verlieren. Just diese Balance zwischen dem großen Ganzen und der einzelnen Figur, die es plastisch zur Vorführung bringt, hielt Voltaire in seinen historischen Schriften; in Le siècle de Louis XIV (1751) stellte er zwar das Leben des Sonnenkönigs dar, versinnbildlichte in ihm aber vor allem dessen Zeitalter. Der einzelnen Anekdote wurde dabei nur ein Wert zugemessen, wenn sie einen größeren Sachverhalt metonymisch darstellt und mithin das komplexeste politische Geschehen auf eine Idee kondensiert. Die Übertragung der Fabelkonstruktion vom Drama auf die Erzählung leistete Ende des 18. Jahrhunderts Friedrich von Blanckenburg im Versuch über den Roman (1774), den Fulda (1996: 84 - 85, 101 - 102) als Essenz des pragmatischen Romanprogramms rechnet. 21 Da Blanckenburg die Qualität eines guten Romans in der Anordnung seiner Handlung und der korrespondierenden Kontrolle der Temporalität bestimmt, dient seine Studie in Sebastian Meixners (2019) Entwurf einer epistemologisch grundierten Narratologie als Grundlage, um das Verständnis der narrativen Zeit vor 1800 nachzuzeichnen. 22 Insofern als dass Blanckenburg die Temporalität der Romanhandlung an die psychologische Entwicklung der Figuren knüpft, erweist sich seine Theorie auch für Biehls Erzählen, das sich für die Darstellung der royalen Persönlichkeiten interessiert, als fruchtbar. Wie zu sehen sein wird, interessiert sich auch ihre empathische Historiografie für das Innere der historischen Figuren. Wie stehen zeitliche Ordnung und psychologische Entwicklung in Blanckenburgs idealem Roman in Verbindung und welche Schlüsse liefert dies für das historiografische Erzählen? Blanckenburg dient das Drama als Gegenpol des Romanerzählens, weil es nicht in die Psyche der Figuren eindringt und sich auf die äußeren Leidenschaften beschränken muss. Genau dies vermag jedoch der Roman: Er kann die ungebrochene, kausalgenetische ‚ innere Geschichte ‘ eines Charakters darstellen. „ So verhält es sich im wirklichen Leben. Das Innre und das Aeußere des Menschen hängt so genau zusammen, daß wir schlechterdings jenes kennen müssen, wenn wir uns die Erscheinungen in diesem, und die ganzen Aeußerungen des Menschen erklären und begreiflich machen wollen “ (Blanckenburg 1965: 263). Damit steht jedoch auch Blanckenburgs erste Forderung an den Romanautor fest: Alle Äußerungen und Handlungen sollen sich im Wesen der Figuren begründen und dürfen nicht überraschen. Es sollen ungebrochene Ereignisketten gebildet werden, die alle Ursachen und Konsequenzen eines Ereignisses darstellen und deren Folge sich notwendig 21 Für eine Verschränkung von Roman- und Geschichtstheorie spricht sich auch Voßkamp (1973: 189 - 190) aus. 22 Zur Handlungsordnung und Zeitkontrolle schreibt Blanckenburg (1965: 254): „ Wie muß also der Romanendichter seine Begebenheiten und Charaktere ordnen, daß er in den Lesern solche Vorstellungen und Empfindungen errege, wie wir sie, als vernünftige Menschen zu allererst haben sollten? “ . 8.3 Temporalität der Briefliteratur: Ereignisketten erzählen 195 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="196"?> auseinander entwickelt. 23 Sprünge oder Lücken müssen jedoch vermieden werden, damit die Leser: innen nie selbst erraten müssen, wie etwas motiviert sein könnte (Blanckenburg 1965: 261 - 276, 376 - 378). Auf diese Weise wird der Autor zum „ Schöpfer und Geschichtschreiber “ , da er zum einen als kreativer Schöpfer die ganze Zeit und damit die gesamte lineare Entwicklung der Figuren überblicken und daraus eine abgeschlossene Erzählung komponieren kann, deren kausale Ereigniskette er aber zum anderen fortlaufend ergründet (Blanckenburg 1965: 379). Wichtig ist also, dass sich die Kausalität der Handlung auf ein Ziel bewegt; am Schluss soll die Geschichte ein vollendetes Ganzes ergeben (Blanckenburg 1965: 254; Meixner 2019: 56 - 58). Wie Meixner (2019: 59) darlegt, können solche doppelt motivierten Ereignisketten prinzipiell nur aus der Retrospektive erzählt werden. Die Ursachen der inneren Geschichte finden sich in den zahlreichen Umwelteinflüssen, „ gewisse Verbindungen [ … ], unter welchen [die Figur] in der wirklichen Welt das geworden ist, was sie ist “ (Blanckenburg 1965: 207), - dazu gehören Erziehung, Klasse, Arbeit und sozialer Umgang (Blanckenburg 1965: 207 - 208). Dieses soziale Grundprinzip fordert deshalb, dass das ganze Umfeld einer Figur dargestellt werden muss, „ so daß all ’ diese kleinen Züge aus ihrem Leben und aus ihrem ganzen Seyn, mit dem Ganzen dieser Person, in der genauesten Verbindung als Wirkung und Ursache stehen “ (Blanckenburg 1965: 208). Somit ist nicht nur lückenlose Kausalität der erzählten Geschichte nötig, sondern auch die enge Verbindung von Innerem und Äußerem. Zwischen beiden sollten idealerweise keine Lücken existieren. Zu einer folgenschweren Ungleichzeitigkeit zwischen Äußerem und Innerem kommt es jedoch beim epistolaren Erzählen, wie auch Blanckenburg erkennen muss: Hatte er sich zuvor noch mit der Linearisierung der Ereignisse für die Erzählung beschäftigt, wendet er sich hinsichtlich des Briefromans der Kausalität auf diskursiver Ebene in der Erzählgeschichte zu. 24 Hier komme es zu rhetorischen und inhaltlichen Anachronien und Paradoxien: Einerseits stört sich Blanckenburg an fehlender stilistischer Logik; so schreiben die Figuren ihre Briefe selten in der emotionalen Verfassung, in der sie sich in der Schreibszene befinden, sondern schildern alles chronologisch auf das schicksalshafte Ereignis und die Gegenwart der Schreibszene zustrebend - wie sich auch gleichzeitig die Atmosphäre allmählich intensiviere - und enden in der Erregung, in der sie sich von Beginn an schon befanden. Die Manuskriptfiktion produziert demnach stilistische Paradoxie. Andererseits verstieße eine authentische Umsetzung gegen die lineare Kausalität, weil sie rhetorische Analepsen produzieren würde. Wenn die Person nämlich den Brief in dem Tone angefangen hätte, in welchen ihre Gemüthsfassung, da sie sich zum Schreiben niedersetzte, gestimmt war: so würde der Leser natürlich nicht durch die verschiedenen Vorstellungen, durch die die Person hindurch gegangen ist, um in ihren letztern Gemüthszustand zu kommen, geführt werden können; er würde das letztere zu erst erfahren, die Wirkung ehe, als die Ursache gewahr werden müssen. Daraus würden, dem Ansehn nach, Lücken oder Sprünge im Werke entstehen. (Blanckenburg 1965: 524) 23 Für Blanckenburg (1965: 341 - 342) ist die Notwendigkeit der einzelnen Ereignisse wichtiger als ihre Wahrscheinlichkeit. Wenn sie sich ganz aus dem Charakter der Figur rechtfertigen lassen, dürfen sie auch grundsätzlich unwahrscheinlich sein. Wahrscheinliche Handlungen jedoch, die plötzlich und überraschend auftauchen, sind zu unterlassen. 24 Der Begriff Erzählgeschichte in Abgrenzung zur erzählten Geschichte geht auf Wolf Schmid (2014: 246) zurück. 196 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="197"?> Der erregte Stil eines solchen Briefs würde eine Emotion darstellen, ohne dass ihre Entwicklung zuvor behandelt wurde. Diese Anachronien stören die fortlaufende Entwicklung der Ereignisketten. Damit stößt Blanckenburg auf die epistolare Transgression der Erzählzeit, die auch Genette an die Grenzen seiner Narratologie brachte. Wenn jener erklärt, dass sich im Briefroman „ die Geschichte und die Narration [ … ] dergestalt verwickeln können, dass letztere auf erstere reagiert “ (Genette 2010: 140), wiederholt er beinahe wortwörtlich, was Blanckenburg zweihundert Jahre früher in seiner Proto- Narratologie formuliert hatte. Seine Abneigung gegen den Briefroman zeigt, dass er der Bedeutung der Erzählgeschichte im epistolaren Erzählen auf die Spur gekommen ist. Denn das Problem des hysteron proton des Erzählens liegt darin, dass die Epistolarität mit der Schreibszene und der erzählten Geschichte zwei Zeitpunkte mit ihren jeweiligen Perspektiven übereinanderlegt. Insofern als der Brief sowohl Medium als auch Handlungselement ist, ist die Erzählgeschichte - also die extradiegetische Ebene - genauso wichtig für die Handlung wie die erzählte Geschichte - also die intradiegetische Ebene. Solche Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen stört jedoch die kausale Linearisierung, meint Blanckenburg. Weniger normativ formuliert: Das epistolare Erzählen ermöglicht ein Erzählverfahren, das mit doppelter Perspektive operiert und komplexe Zeitstrukturen anlegt, die nicht der physikalischen Chronologie entsprechen, sondern dreidimensional operieren (Voßkamp 1971: 99; dazu auch Strobel 2020: 313). Zu den komplexeren Erzähloperationen gehört auch die Verwendung von Plotmustern in der historiografischen Erzählung (Ric œ ur 1988, 1991; White 1984). Indem kulturell tradierte Handlungs- und Erzählmuster Kausalität und Finalität zusammenbringen, können sie die Zeit mit Sinn ausstatten. Gemäß Paul Ric œ ur erfolgt die Gliederung des heterogenen Geschehens in ein kohärentes und konsistentes Ganzes durch eine retrospektive Operation, die Ereignisse strukturiert und Anfang und Ende setzt. Zeit wird verständlich - oder in seinen Worten „ in dem Maße zur menschlichen [ … ], in dem sie sich nach einem Modus des Narrativen gestaltet, und [ … ] die Erzählung [erlangt] ihren vollen Sinn, wenn sie eine Bedingung der zeitlichen Existenz wird “ (Ric œ ur 1988: 87, Hervorhebung im Original). 25 Das Problem der Kontingenz löst Ric œ ur mit dem Rückgriff auf Aristoteles ’ mythos, die Fabel der Tragödie, der dissonante Elemente sogar zum wichtigsten Element des idealen Dramas macht. Den Umschlag des Glücks, die peripeteia, verwandelt der mythos in ein Element der notwendigen und wahrscheinlichen Ereignisfolge (Ric œ ur 1988: 75; Currie 2018: 36). Dies führt in der Lektüre dazu, dass die fortlaufend erzählte Ereigniskette mit dem Blick auf das Ganze der Geschichte zusammengebracht und Sinn generiert werden kann (Ric œ ur 1988: 92 - 129). Doch auch weitere kulturell tradierte Erzählmuster fiktionaler Gattungen (z. B. Komödie, Satire) leiten Komposition und Rezeption, sodass die Erzählung eine Sinnhaftigkeit produzieren kann, die nicht durch Argumentation erreicht werden könnte (Fulda 1996: 95 - 99). Im historiografischen Erzählen sind diese Plots eine Lösung für die fehlende Synopsis der Historiograf: innen, die ansonsten die Konstruktion von kausalgenetischen und teleologischen Erzählungen einschränken müsste. Dabei äußern sich in der Wahl des Handlungsmuster auch extranarrative Funktionen und Intentionen, denen die historische 25 Im Original: „ que le temps devient temps humain dans la mesure où il est articulé sur un mode narratif, et que le récit atteint sa signification plénière quand il devient une condition de l ’ existence temporelle “ (Ric œ ur 1983: 85). 8.3 Temporalität der Briefliteratur: Ereignisketten erzählen 197 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="198"?> Erzählung folgt. Wie beim Briefroman die Schreibszene das Erzählte formt, beeinflussen auch die applizierten Darstellungen die Perspektive auf die Vergangenheit. Die Adaption fiktionaler Handlungsmuster legte neben Ric œ ur auch Voltaire mit seinem dramatischen Vergleich nahe; eine andere Interpretation durch Plotmuster bzw. Gattungsformen verbalisiert sich in den Historiske Breve, als Biehl einzelne Handlungsverläufe als Chronique bzw. Histoire Scandaleuse bezeichnet, bevor diese erzählt wurden. Erzählstrategien der fiktionalen Gattungen können somit Pate für das historiografische Erzählen stehen und bringen mithin eigene narrative Zeitstrukturen mit; um 1800 gilt das besonders für die Techniken und Motive des Bildungsromans. Die Existenz solcher Plotmuster äußert sich genauso in der Rezeption, denn wer liest, schreitet mit der Erwartung vorwärts, dass das Erzählte keine sinnlose Ansammlung von Einzelereignissen ist, sondern auf ein Ziel strebt, dass die vermeintlichen Schicksalsschläge mit Sinn ausstattet (Ric œ ur 1988: 108). Lesende applizieren dieselben Erzählmuster auf Texte und erwarten eine retrospektive Auflösung der Handlung. Diese Antizipation der Retrospektion verbindet die lineare Progression des Erzählens, die mit der physikalischen Zeiterfahrung übereinstimmt, mit der Perspektive der narrativen Totalität und der teleologischen Motivierung, die sich aus der poetischen Komposition ergibt (Ric œ ur 1988: 106 - 108; Fulda 1996: 94 - 95). Demnach kommt es auch hier zu Zeitsprüngen zwischen erzählter Vergangenheit und Gegenwart des Erzählens. Im Prinzip wäre die Historiografie prädestiniert, nach Blanckenburgs Poetologie aus der Retrospektive lineare Kausalität zu formen; jedoch scheiterte die pragmatische Historik der Aufklärung gerade an dem Anspruch der ungebrochenen Ereigniskette, weil sich deren implizierte Eindimensionalität nicht in den angestrebten Systembegriff integrieren ließ. Die Kette, die Lieblingsmetapher der Aufklärungshistoriker, wurde daher bald durch Gewebemetaphern abgelöst (Fulda 1996: 91 - 93, 99 - 100). Die Erzählung der Vergangenheit verlangt deshalb komplexere Verfahren: Zum einen kann sie sich die Handlungsmuster zunutze machen, zum anderen muss sie verstehen, dass die Konstruktion linearer Kausalität nicht zwangsläufig lineare Temporalität bedeutet, alleine schon, weil auch simultane Ereignisse derselben Begebenheit nacheinander erzählt werden müssen. Die Erzählinstanz muss sich somit frei auf dem Zeitstrahl bewegen können. Für die Historiografie bedeuten solche Anachronien Zusagen an ein narratives Verfahren, das die Produktion kausaler Ereignisketten der Wiedergabe physikalischer Zeitlichkeit vorzieht, das - mit anderen Worten - anerkennt, dass es keine eindimensionale Beziehung zwischen Kausalität und Temporalität geben kann, und mithin narratives Verstehen vor zeitliche Linearität stellt. Denn die entgegengesetzte Operation würde kein narratives Verstehen erzeugen, sondern tabellenartige Annalen. Für die Analyse von Biehls Erzählverfahren ergeben sich zwei Fragenkomplexe: Zum einen ist zu untersuchen, welchen Stellenwert die innere Geschichte in ihrer Historiografie einnimmt und ob diese, wie von Blanckenburg programmatisch verlangt, die äußere, in diesem Fall also politische, Geschichte bedingt. Zum anderen ist von Interesse, ob sie die Zeit strukturiert, um Kausalität zu schaffen, und mithin der kausalen Linearität den Vorzug vor der temporalen erteilt. Dafür sollen die Momente im Fokus stehen, wo sie anachronisch erzählt, d. h. die zeitliche Linearität verlässt, um lineare Kausalität zu erreichen. Daneben gilt es auch auf transferierte Handlungsmuster fiktionaler Gattungen zu achten, die zur narrativen Zeitkontrolle eingesetzt werden. Dabei bietet gerade das 198 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="199"?> epistolare Erzählen die Möglichkeit, komplexe Zeitstrukturen zu etablieren und Erzähltechniken zu hybridisieren. 8.3.2 Sprünge in der Kette: Anachronisches Erzählen Die dänische Hofgeschichte des 18. Jahrhunderts beinhaltet erwartungsgemäß viele verschiedene Nebenhandlungen, die erzählt werden können und das Ziel einer geradlinigen Handlung zu gefährden drohen. Immer wieder treten neue Figuren auf die historische Bühne, die einen wesentlichen Einfluss auf die dänische Politik ausübten. Deshalb bricht Biehl mehrmals den chronologischen Verlauf, um die Lebensgeschichte einzelner Personen zu schildern (z. B. die Geschichte der Prostituierten Anne Cathrine Benthagen, volkstümlich bekannt unter ihrem Spitznamen „ Støvel-Cathrine “ , wie Biehl nicht zu erwähnen auslässt, HB: 225 - 231). Zwar berichten diese nicht wie in den zahlreichen figuralen Metadiegesen des zeitgenössischen Romans ihren Werdegang selbst, aber die Funktion der Analepsen ist vergleichbar: Die Vergangenheiten der Figuren führen zu Konsequenzen im Haupthandlungsstrang und treiben somit durch den Zeitsprung die Progression der Kausalität an. Solche und ähnliche Wechsel im raumzeitlichen Koordinatensystem erklärt Biehl in metanarrativen Kommentaren ausgerechnet mit der Metapher der ungebrochenen Kette, wie etwa „ Da jeg har vildet meddeele Dem L ’ Histoire scandaleuse i en uafbrudt Kiede, saa nödes jeg nu at gaae langt til bage i Tiiden “ (HB: 122). 26 Mit diesem Stichwort greift sie nicht nur die Lieblingsmetapher der pragmatischen Aufklärungshistorie auf, sondern deutet auch auf die literarischen Verfahren, die nach Blanckenburg Handlung als Kausalnexus konfigurieren. Der Kommentar leitet nach einem längeren Exkurs über die Mätressen, die König Frederik V. kurz vor und nach der Heirat mit seiner zweiten Frau Juliane Marie besuchte, in einen neuen Abschnitt ein und lenkt die Erzählung wieder zurück auf die primäre Handlung. Biehl beschäftigt sich im Folgenden damit, weshalb nicht nur Frederik V. eine Abneigung gegen Juliane Marie hegte, sondern auch die gesamte dänische Nation. Auch wenn sie nur mutmaßen kann, setzt sie den Anfang ihrer Histoire Scandaleuse bei einer Heiratskuppelei kurz nach der Ankunft von Juliane Marie in Kopenhagen (HB: 122 - 123). Da dies die erste Amtshandlung der Königin darstellte, hatte sie beim Volk von Beginn an einen schweren Stand: „ [D]e ligesom kappedes om, at give hendes Foretagende et tvetydigt Udseende, og da det förste hun udmerkede sig ved, var at stifte Egteskab, saa raabte alle, at hun begyndte med at blande sig i fremmede Famillie Sager for at ende med at befale i det heele, naar hun först havde vant dem til Lydighed “ . 27 Ging es vor der Analepse noch um Frederiks Abneigung gegenüber Juliane Marie und die daraus folgenden Mätressenbesuche, richtet sich die Aufmerksamkeit nun auf die Stimmung im Volk. Die Analepse vollzieht somit einen Perspektivenwechsel, sodass die Erzählung zwar temporal diskontinuierlich voranschreitet, dafür jedoch polyperspekti- 26 „ Da ich Euch die Histoire scandaleuse in einer ungebrochenen Kette mitteilen möchte, muss ich nun weit in der Zeit zurückgehen “ . 27 „ Sie wetteiferten geradezu darum, ihrem Unternehmen einen zweideutigen Anstrich zu geben, und da sie sich zunächst durch Heiratsstiftung hervorgetan hatte, riefen alle, sie habe damit begonnen, sich in fremde Familienangelegenheiten einzumischen, um am Ende, nachdem sie alle erst einmal gefügig gemacht hatte, über alles zu herrschen “ . 8.3 Temporalität der Briefliteratur: Ereignisketten erzählen 199 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="200"?> visch wird. Insofern schließt der Zeitsprung thematisch an die zuvor geschilderte Ereigniskette an. Da die Gattungsbezeichnung die Handlung präfiguriert und dezidiert als Skandalgeschichte mit ungebrochener Ereigniskette bezeichnet, legt sie das Verständnis nach tradierten Handlungsmuster nahe. Das Stichwort Geschichte lässt eine kausalgenetische Entwicklung erwarten, die bei Juliane Maries erster Amtshandlung einsetzt und eskalierende Progression prognostiziert. Andererseits verbalisiert der Text mit den beiden Schlagworten die Befürchtung des Volkes vor einer solchen kausalgenetischen Eskalation, da dieses die Kuppelei als Auslöser ( „ begyndte med “ ) einer möglichen lückenlosen Kette weiterer Skandale ( „ for at ende med “ ) interpretiert. Das Volk ahnte folglich den Anfang einer Histoire Scandaleuse - genauso wie auch jetzt die Leser: innen mit einer solchen in der Erzählung rechnen. Was beim Volk epistemologisch unmöglich sein sollte - es kann keine dramaturgisch komponierten Geschichten antizipieren - , wird im Text zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Die nur schwer greifbare Stimmung im Volk wird demnach zur performativen Erzählfigur. Die Histoire Scandaleuse ist schließlich weniger Gattungsbezeichnung als mehrfache Metapher, die Rhetorik, Erzählverfahren und intradiegetischen Sachverhalt miteinander in Beziehung bringt. Die Metapher der ungebrochenen Kette taucht ein weiteres Mal in den Historiske Breve auf, als Biehl zu Beginn des Briefs vom 10. April 1784 an einen früheren Zeitpunkt springen muss: „ For at fölge Tingenes Orden i en nogenlunde uafbrudt Kiede har jeg talt om det, som i Aaret 1770 tildrog sig i Holstein, uden at have anfört en Deel af det, som skeedte förend Hoffet forlod Byen, hvoraf Dronning Sophie Magdalenes Död var det vigtigste “ (HB: 253). 28 Bei der erzählten ungebrochenen Kette handelt es sich um die ersten Veränderungen, die Struensee in der dänischen Regierung umsetzte, und die Auflösung des Geheimrats, dank der umso leichter neue Gesetze eingeführt werden konnten (HB: 249 - 252, s. zum historischen Hintergrund: Feldbaek 1990: 234 - 237). Zwar erzählte Biehl folglich einen fortlaufenden Ereignisverlauf, berücksichtigte jedoch nicht alle Begebenheiten, wie sie chronologisch vonstatten gingen. In diesem Fall wurde ein Ereignis ausgeklammert, das in jeder institutionellen Geschichte als wichtige Begebenheit hervorgehoben worden wäre: Es wurde nichts Minderes als der Tod eines Mitglieds der Königsfamilie zugunsten eines anderen Handlungsstrangs übersprungen. Die Stelle offenbart zwei überraschende strukturelle Funktionen: Zum einen wiederholt Biehl mit dieser Ellipse diskursiv die Behandlung, die die verstorbene Sophia Magdalene, die Großmutter des amtierenden Christian VII., von ihrem Umfeld und dem Volk erhielt. Wie Biehl im Anschluss an den metanarrativen Kommentar erzählt, erhielt die Königinmutter nicht mal einen eigenen Sarg, sondern wurde in einem Flickwerk aus verschiedenen Überresten, die man aus früheren Särgen zusammengeklaubt hatte, beerdigt. Biehls Gespür für die bittere Ironie des Lebens zeigt sich an dieser Stelle von seiner besten Seite: „ [S]aa blev det heele Castrum doloris sammenlappet af det, der til Nöd var brugeligt af Christian den 6 tes , Lovises og Friderich den 5 tes , som giorde den besynderligste Samling ud i 28 „ Um der Reihenfolge der Ereignisse in einer einigermaßen ununterbrochenen Kette zu folgen, habe ich über das gesprochen, was sich im Jahr 1770 in Holstein ereignete, ohne einen Teil dessen zu erwähnen, was geschah, bevor der Hof die Stadt verließ, wobei der Tod von Königin Sophie Magdalena das Wichtigste war “ . 200 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="201"?> det heele “ (HB: 256). 29 Doch nicht nur das: König Christian VII. und Königin Caroline Mathilde besuchten lieber eine Vorführung in Kopenhagen, als der Mutter in Roskilde die letzte Ehre zu erweisen (HB: 256). Freilich wird Sophia Magdalenas Tod nicht völlig ausgeklammert, jedoch wird die Lücke in der Erzählung erst durch den metanarrativen Kommentar sichtbar. Diegetische Vergangenheit und diskursive Schreib-Szene zeichnen sich somit durch dieselbe Missachtung von Sophia Magdalenas Tod aus. Umso schwerer wiegt die Ellipse, weil Biehl im vorherigen Brief die Struensee-Handlung verließ, um mit einer Anekdote über den gegenwärtigen Kronprinzen Frederik VI. zu enden. Diese Anekdote steht nicht in direkter Kontiguität zu den erzählten Ereignissen, sondern verfolgt lediglich den materiell fundierten, extranarrativen Zweck, den leeren Platz auf dem Papier füllen, wie der einleitende Kommentar erklärt: „ Förend jeg ender dette Blad maa jeg tilföie en Anmerkning over den Belönning Pligternes Udövelse förer med sig “ (HB: 252 - 253). 30 Danach berichtet sie, wie das innige Verhalten zwischen dem Kronprinzen und seinem Vater Christian VII. das Volk zu Tränen rührte. Nach den erzählten Tumulten rund um Struensees Machtergreifung schließt Biehl den Brief damit nicht nur mit einem Sprung in die Gegenwart, sondern auch mit einer kontrastierenden, versöhnlichen Note. Die Lücke in der Erzählchronologie wird buchstäblich mit Wohlfühlinhalten überspielt; wie sich das Königspaar lieber mit einem Schauspiel beschäftigte, füllt Biehl die chronologische und materielle Lücke mit einer optimistischen Anekdote aus der Gegenwart. Indem die Analepse eine zuvor vorgenommene Ellipse füllt, wird nicht nur die Unvollständigkeit der zeitlichen Kontinuität freigelegt, sondern auch gezeigt, dass die Kettenmetapher dezidiert kausalen, nicht temporalen, Fortschritt meint. Damit gibt Biehl der Literarizität ihrer Erzählung den Vorsprung vor der chronologischen Genauigkeit. Es geht ihr nicht um die Konstruktion von physikalischer Zeitlichkeit, sondern von synthetisierenden Fabeln mit Kausalnexus, weshalb sie den Begebenheiten folgt, wie sie sich thematisch verknüpfen. Holberg (1735: B1r) verwendet die Kettenmetapher in der Betænkning in derselben Opposition: „ En Historieskriver maa [ … ] beflitte sig paa at Historien hænger sammen i en Kiæde, saaledes, at han undertiden tager enten det foregaaende eller efterfølgende Aars Historie til Hielp, for at udføre paa et Sted en vigtig Tings Beskrivelse; Thi Læseren, som længes efter Udfaldet, støder sig over Historiens Interruption “ . 31 Zum Primat des Erzählens gehört in diesem Fall aber auch die Spiegelung der diegetischen Welt im Erzählverfahren. Denn das elliptische Erzählen repräsentiert das historische Faktum der Gleichgültigkeit und Verdrängung zunächst strukturell, bevor es dieses erzählt: Verdrängung in der Darstellung und in der Geschichte. Ebenso wird diese Verdrängung von einem Flickwerk aus Anekdoten verschiedener Zeitpunkte geleistet, wie auch Sophia Magdalenas Sarg aus Versatzstücken anderer Gegenstände zusammengebastelt wurde - 29 „ [S]o wurde das gesamte Castrum doloris aus dem zusammengesetzt, was sich notdürftig von Christian VI., Louise und Frederik V. verwenden ließ, wodurch es zur seltsamsten Sammlung überhaupt kam “ . 30 „ Bevor ich dieses Blatt ende, muss ich noch eine Anmerkung über die Belohnung hinzufügen, die mit der Erfüllung von Pflichten einhergeht “ . 31 „ Kurz, ein Geschichtschreiber muß, so viel als möglich, sich befleißigen, daß die Historie als eine Kette zusammen hange, so, daß er bisweilen die Historie entweder vom vorigen, oder folgenden Jahre zu Hülfe nimmt, um an seinem Orte die Beschreibung einer wichtigen Sache auszuführen. Denn der Leser, welchen nach dem Ausgange verlanget, stößet sich an die [sic! ] Unterbrechung der Historie “ (Holberg 1759: 10). 8.3 Temporalität der Briefliteratur: Ereignisketten erzählen 201 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="202"?> auch Biehl bettet sie in Miscellanea ein. In derselben Weise kam die befürchtete kausalgenetische Eskalation der Histoire als narrative Einheit mit Anfang und Ende zum Ausdruck. Auch dort wurde die unmögliche Zukunftsschau zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Die Anachronien werden neben der Kettenmetapher häufig mit dem Anspruch auf Vollständigkeit gerechtfertigt. So möchte Biehl ihre Darstellung der tugendhaften Louise mit einer analeptischen Anekdote kontrastieren (HB: 87 - 91), um (rhetorisch) proleptisch den Vorwurf der subjektiven Einseitigkeit zu entkräften: „ Det som nu fölger vil uden Tvivl overbeviise Dem, min Beste, at jeg hverken har været partiisk eller overdrevet Tingene i mindste Maade, men for at giöre Beretningen saa fuldstændigt som mueligt maae jeg gaae tilbage i Tiiden “ (HB: 87). 32 Im Anschluss schildert sie, wie die „ Byens Skönheder “ ( „ die Stadtschönheiten “ ) während den Theatervorstellungen darum wetteiferten, die Gunst des Königs zu gewinnen. Louise reagierte, indem sie ihren Ehemann auf das lächerliche Verhalten aufmerksam machte und es mit ihm gemeinsam verspottete. Die jungen Frauen mögen nochmals die Liebe des Volkes für das Königspaar darstellen, doch zeigt sich hier eine charakterliche Schwäche von Louise, die Biehl allerdings nicht als solche verstanden haben möchte. Vielmehr beweise es Louises Größe, dass sie dem Schauspiel nicht mit Eifersucht, sondern Humor und Gelassenheit begegnet sei. 33 Auch wenn Biehl relativiert, trägt die Episode dazu bei, eine Erzählung zu konstruieren, die alle Aspekte der Vergangenheit darstellt. Vollständigkeit wird auf zwei Ebenen erzielt: Zum einen innerhalb der Anekdote, die von Anfang bis Ende erzählt werden muss, zum anderen in der Gesamterzählung, die positive und negative Eigenschaften der historischen Figuren abdeckt. Nur so kann Biehl das Ziel der aufrichtigen Historiografin erreichen. Das äquivalente Gegenstück, die Prolepse, stört genauso die fortlaufende lineare Zeitlichkeit und fällt umso stärker in der Erzählung auf, da sie ans prophetische Erzählen mit determinierter Zukunft erinnert. Sie stattet andererseits die Erzählung mit finaler Motivierung aus und lässt die Ereignisse aus der Vorausdeutung folgen. In den Historiske Breve werden Prolepsen eingesetzt, um auf bedeutende Ereignisse der Geschichte aufmerksam zu machen. Eine Häufung von Prolepsen findet sich etwa in der Passage über Königin Louise, die erste Ehefrau von Frederik V., die noch sehr jung verstarb. Bereits bei ihrer Ankunft in Kopenhagen kündigt ein kurzer Kommentar deren Tod an: „ Jeg saae hende den sidste Gang hun var ude i den samme Kiole, som jeg saae hende i Dagen efter 32 „ Was nun folgt, wird Euch zweifellos davon überzeugen, mein Bester, dass ich weder voreingenommen war noch die Dinge im Geringsten übertrieben habe, aber um den Bericht so vollständig wie möglich zu machen, muss ich in der Zeit zurückgehen “ . 33 „ Da Dronningens Forhold heri saa vel kunde ansees for en Politique, at hun ligesom vilde offendtlig bevidne at hun ingen Anledning havde til Ialousie og det tillige er den Fornuftiges Rettighed at belee modvillige Daarer, saa er det heller aldrig falden mig ind at ansee den Fornöyelse, hun fandt i at sætte hende [gemeint ist Frue Agerskow, die schrilleste der Verehrerinnen, PH] i et latterligt Lys, for en Natur Feyl. “ (HB: 90; „ Da das Verhalten der Königin in dieser Angelegenheit durchaus als eine Politik angesehen werden könnte, mit der sie öffentlich bekunden wollte, dass sie keinen Grund zur Eifersucht hatte, und es zudem das Recht der Vernünftigen ist, widerwillige Dummköpfe zu belächeln, ist es mir nie in den Sinn gekommen, die Freude, die sie daran hatte, sie [gemeint ist Frau Agerskow, die schrilleste der Verehrerinnen, PH] in ein lächerliches Licht zu rücken, als einen Charakterfehler anzusehen “ ). 202 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="203"?> hendes Indtog “ (HB: 70). 34 Damit steht die ganze Erzählung von Louises Leben unter dem Zeichen ihres frühen Todes; ihr Auftritt auf der historischen Bühne wird von Anfang an als temporär präsentiert. Dieser Effekt wird noch verstärkt, indem Louise metonymisch über ihr Kleid eingeführt wird. Weil sie am Anfang und Ende dieselbe Garderobe trägt, werden diese Momente nicht nur parallelisiert, sie konstruieren auch ein deutlich abgrenzbares Intervall in der Geschichte. Diese Vorstellung nimmt Biehl wenige Zeilen später auf, als sie argumentiert, dass es überflüssig sei, Louises häusliches Leben im Detail zu schildern, weil es sich nie groß verändert habe: Da hendes heele Liv var den huuslige og godgiörende Huusmoders, saa var det eene Aar det andet saa ligt at jeg allene maatte fortælle Dem de samme Handlinger med nogle forandrede Omstændigheder, jeg vil derfor forlade hende indtil den ulykkeligste Tids Punct for Dannemark kommer, den hvori det mistede hende, et Tab, hvorfra efter al Sandsynlighed, alle de Ulykker det har sukket under siden, har sit Udspring. (HB: 72) Da ihr ganzes Leben das einer häuslichen und wohltätigen Hausfrau war, glichen sich die Jahre so sehr, dass ich Ihnen nur dieselben Handlungen mit einigen veränderten Umständen erzählen könnte. Ich werde sie daher so lange verlassen, bis der unglücklichste Zeitpunkt für Dänemark kommt, an dem es sie verlor; ein Verlust, in dem aller Wahrscheinlichkeit nach all die Schicksalsschläge, unter denen es seitdem gelitten hat, ihren Ursprung haben. Somit kennzeichnet sich Louises Kopenhagener Leben durch eine weitere spezifisch literarische Temporalität aus, denn sie kann im Großen und Ganzen im iterativen Modus erzählt werden, wie Biehl mit eigenen Worten erklärt. Louises iteratives Intervall bildet einen kontrastierenden, harmonischen Hintergrund zu den außergewöhnlichen Ereignissen der Jahre, zu denen die Skandale rund um Frederiks V. Alkoholismus gehören (HB: 72 - 75, 97 - 103). Das Ende dieser sorglosen Phase, an dem Dänemark ins ‚ Unglück ‘ stürzen wird, wird auch hier durch einen proleptischen Kommentar gekennzeichnet. So figuriert das Kleid Louise, wie Louises iteratives Intervall mit jähem Ende auch metonymisch das ganze Land vertritt: Ereignisse gab es kaum, allerdings kam das Ende zu früh und unerwartet. In diesem Sinn kann Louises Wesen genauso sinnbildlich für die Lage der Nation stehen, wie bei Voltaire Louis XIV.: Sie wird als vollkommen tugendhafte Königin dargestellt, deren Erlebnisse an Märchenwelten erinnern. So bringt ihr Besuch der begehbaren Illuminationen anlässlich des Monarchiejubiläums eine kindliche Begeisterungsfähigkeit zum Ausdruck (HB: 83), oder ein häusliches Stillleben, das in seiner dezenten Erotik an Liebesromane erinnert (HB: 61 - 62), porträtiert ihre Liebe zu Frederik V. Zumindest was die Mode betrifft, bestätigt sich die metonymische Rhetorik: Blieb Louise genügsam und kannte keine Eitelkeit, so sah auch das Volk keinen Bedarf, die Mode zu wechseln (HB: 71). Biehl arbeitet damit das Argument der Repräsentation und der Vorbildfunktion der Königsfamilie in ihre Darstellung ein, wiederholt allerdings nicht bloß die Allgemeinplätze, sondern setzt sie rhetorisch und strukturell um. Louise und ihr Kleid werden zu Symbolen der Geschichte, gerade auch weil sie stets durch ihre abgeschlossene Temporalität definiert werden. Die Prolepsen dienen somit vor allem dazu, ein notwendigerweise endendes Intervall einzuzeichnen und ein einschneidendes Ereignis in Dänemarks Geschichte hervorzuheben. Dieses Intervall ist in sich geschlossen und 34 „ Ich sah sie beim letzten Mal, als sie unterwegs war, in demselben Kleid wie am Tag nach ihrer Ankunft “ . 8.3 Temporalität der Briefliteratur: Ereignisketten erzählen 203 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="204"?> homogen: Indem Biehl mehrmals darauf hinweist, wie Louise sich immer gleichgeblieben ist, verstärkt sie den Eindruck einer zeitlichen Totalität, die sich vollständig durch regelmäßig auftretende, nur iterativ zu erzählende Begebenheiten auszeichnet. Somit schaffen die rhetorischen Zeitsprünge, auch wenn sie punktuell die lineare Chronologie durchbrechen, narrative Kohärenz. Mittels Ana- und Prolepsen verbindet Biehl die chronologische Sukzession mit nichtchronologischen Elementen und schafft mithin eine multidimensionale, narrative Zeit, die zwischen den Einzelereignissen und der narrativen Konfiguration vermittelt. Daneben erfüllen die Zeitsprünge rhetorische Funktionen und strukturieren die historische Erzählung. Analepsen bilden sekundäre Kausalketten, die das Zeitbild mit weiteren Perspektiven verdichten, aber auch diegetische Begebenheiten figurativ umsetzen. Die Prolepsen motivieren die Erzählung final und eignen sich für tropische Funktionen, weil sie geschlossene Temporalitäten bilden. Deshalb entwerfen Anachronien komplexe Vergangenheitserzählungen, die ein Verständnis für die Vielschichtigkeit der gelebten Zeit fördern. Diese Vielschichtigkeit taucht in den Historiske Breve stets mit dem Ziel der historiografischen Vollständigkeit auf, wie in den verschiedenen Zitaten gesehen wurde. Biehl führt sie jedoch mehrmals als Beweis für die Kardinaltugend der Historikerin an, unparteiisch zu berichten (u. a. HB: 196). 35 Tatsächlich birgt die vollständige Darstellung der Vergangenheit ein weitaus umfangreicheres narratives Problem, als man vermuten könnte. Denn dies widerspricht der Vorstellung einer linearisierten, kausalgenetischen historischen Erzählung, die aus der Fülle der Ereignisse die wesentlichen Faktoren auswählt und in eine Folge bringt. Anstelle der Entwicklung eines narrativen Ganzen mit kohärenter Fabel verliert sich das vollständige Erzählen in Digressionen. Diese ‚ Weitläufigkeit ‘ rechtfertigt Biehl nicht mit rhetorischen, sondern mit sozialen Argumenten: Jeg haaber min elskede Bülow [at] i hvor ufuldkommen dette Art af Udkast til Friderich den femtes Historie end er, at De dog ikke med Föye kan anklage mig for Mangel paa en god Historie Skrivers ypperligste Egenskab: Upartiiskhed, og denne troer jeg endog tvinger enhver, der betragter hans Dyder og Feyl til at giöre den Slutning, at De förste vare hans egne, og de sidste hans Opdragelses hans Tiiders, og slette Menneskers, som fandt deres Regning ved at dysse ham i Dvale ved Vellysternes farlige og tillokkende Gift. Med Vidende og Villie har jeg ikke forbiegaaet noget, som var værd at lægge Mærke til, men er snarere bange, at jeg har været for vidtlöftig; finder De det saa, min Beste, saa vær forvisset om at det allene er skeedt fordi jeg finder min störste og eeneste Glæde i at kunde sige til mig selv, dette giör du for din Bülow, og da det kun er lidet og ubetydeligt hvad jeg kan udrette for Dem, hvad Under da, om den Vellyst mit Arbeyde har været mig, har bragt mig til at giöre det saa vidtlöftigt som mueligt. Det viiser i det mindste Villien, om Ævnen fattes, og hiin er saa ganske aldeeles Deres, at De ikke stærkere kan foröge de Forbindtligheder, jeg allerede skylder Dem, end (ved) at benytte sig af den hvordan og hvori De lyster; thi jeg er med det varmeste Venskab min elskede Bülows uforanderlige B(iehl) (HB: 196) 35 Derselben Maxime folgt Holberg in seinen historischen Schriften, wie er in der „ Betænkning over Historier “ (1735; „ Bedenken über die Geschichte “ , 1759) und in der „ Epistola C CCXXVIII . “ (1749) erklärt (Olden-Jørgensen 2018: 55, 63). 204 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="205"?> Ich hoffe, mein geliebter Bülow, dass Ihr mir trotz der Unvollkommenheit dieses Entwurfs zur Geschichte Frederiks V. nicht vorwerfen könnt, dass es mir an der wichtigsten Eigenschaft eines guten Geschichtsschreibers mangelt: Unparteilichkeit, und ich glaube sogar, dass diese jeden, der dessen [Frederik V., PH] Tugenden und Fehler betrachtet, zu dem Schluss zwingt, dass die Ersteren seine eigenen sind und die Letzteren der damaligen Erziehung und den niederträchtigen Menschen zuschulden kommen, die ihren Vorteil darin sahen, ihn mit dem gefährlichen und verlockenden Gift der Wollust in Trance zu versetzen. Mit Wissen und Willen habe ich nichts ausgelassen, was es wert wäre, beachtet zu werden, sondern fürchte vielmehr, dass ich zu weitläufig war; wenn Ihr das so seht, mein Bester, dann seid mir versichert, dass dies nur geschehen ist, weil ich meine größte und einzige Freude darin finde, mir selbst sagen zu können: das tust du für deinen Bülow, und da es nur wenig und unbedeutend ist, was ich für Euch ausrichten kann, welches Wunder ist es dann, wenn die Lust, die mir meine Arbeit bereitet hat, mich dazu gebracht hat, sie so weitläufig wie möglich zu gestalten. Zumindest beweist es den Willen, wenn schon die Fähigkeit fehlen mag, und der gehört so ganz und gar Euch, dass Ihr die Verbindlichkeiten, die ich Ihnen bereits schulde, nicht stärker erhöhen könnten, als dass Ihr davon Gebrauch macht, wie und wofür Ihr wünscht; denn ich bin mit der wärmsten Freundschaft meines geliebten Bülows unveränderliche B(iehl) Mangelnde Beschränkung auf das Wesentliche wird in der Beteuerung zum Freundschaftsdienst aufgehoben. Aufgrund ihrer Hingebung zu Bülow hat Biehl mehr Stoff in die Erzählung inkludiert, als für die lineare Kausalität notwendig gewesen wäre. Der Kommentar zeugt von Biehls Wissen um den Verstoß gegen die historiografische Kondensierung und umgeht diesen mit dem Wechsel auf die extratextuelle, emotionale Ebene. So ist dann das Projekt von einem doppelten Anspruch angetrieben: gegenüber der Historiografie und gegenüber dem adressierten Bülow. Gleichzeitig wird aber historiografische Objektivität an die sozialen Praktiken der Empfindsamkeit gebunden; die Aufopferung für Bülow lässt sich als figurierte Aufopferung für die Historiografie lesen. In der Beteuerung verbalisiert sich Biehls Lust am Erzählen und an der Arbeit mit dem Material, die sie zur Digression bringen und mit der streng linearen Kausalität der pragmatischen Historiografie brechen lässt. Hinter dem Zuspruch zur ausführlichen ( „ vidtlöftig “ ) Darstellung mag implizit das Verständnis stehen, dass sich der Adressat - und mit ihm die intendierte Nachwelt - selbst ein Urteil über die historische Situation bilden soll. 36 Insofern als die Vergangenheit nicht als eine einfache Kausalkette präsentiert wird, stört ausführliches Erzählen zunächst das narrative Verstehen. Stattdessen übernehmen die Lesenden die Rolle der narrativen Selektions- und Ordnungsinstanz und müssen sich ihre Geschichte selbst aus der Darstellung formen. Diese Kompetenzerweiterung der Lektüre infolge der reduzierten linearen Kausalität kommentiert Biehl metanarrativ: 36 Andererseits ist es bemerkenswert, dass sich Biehl damit einen Begriff aneignet, der im 17. und 18. Jahrhundert ‚ fiktional ‘ und negativ vorbelastet war. Zumindest in schwedischen poetischen Texten meint vidtlöftig bzw. widlyftig ein Merkmal, das Romane auszeichnet, weil sie „ weitläufiger “ erzählen als etwa das Gedicht, in anderen Kontexten verweist es auf digressives Erzählen, wie es von Laurence Sterne und auf dänischem Boden C. A. Thielo bekannt ist. Biehl rekurriert zwar auch auf Ausführlichkeit in der Nähe zur hypertrophen Digression, richtet es aber als Kennzeichen einer objektiven, weil vollständigen, historiografischen Narration aus (zur schwedischen Verwendung in Reaktion auf Huets Traité de l ’ origine des romans [1670]: Malm 2001: 69 - 70, 84 - 86). 8.3 Temporalität der Briefliteratur: Ereignisketten erzählen 205 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="206"?> De seer min elskede Bülow at jeg endog til Trods for Vaersomhedens Love holder mit Löfte om at sige Dem alt hvad jeg vidste [ … ]. Da dette er alt, hvad jeg med Vished kan sige om dette udspredte Rygte og Anledningen til det, saa maae De see om Deres egen Forstand kan hitte ud af dette Labyrinth ved saa svag en leede Traad. (HB: 237 - 238) Ihr seht, mein geliebter Bülow, dass ich trotz aller Vorsicht mein Versprechen halte, Euch alles zu sagen, was ich weiß [ … ]. Da dies alles ist, was ich mit Gewissheit über dieses weit verbreitete Gerücht und dessen Ursache sagen kann, müsst Ihr selbst sehen, ob Euer eigener Verstand mit diesem schwachen Faden aus diesem Labyrinth herausfinden kann. Mit dem Anspruch an Vollständigkeit kommt allerdings ein Aspekt in Biehls Historiografie hinzu, den sie in ihren moraldidaktischen Erzählungen nicht verfolgt. Während sie hier den Leser: innen mehr Freiraum zur eigenen Urteilsbildung gewährt, machen die Moralske Fortællinger (1781/ 1782) und die Romane ihre Moral klar und deutlich: Biehls fortællinger udtrykker faste moralske standpunkter, der ikke overlader meget til læserens begær efter karaktereller plotmæssig fortolkning. [ … ] Formålet er ikke at tegne nuancerede portrætter af individualiserede karakterer, men at lære læserne - og særligt de kvindelige - at leve et liv efter fornuftige principper og at kende forskel på det virkelige og det påtagede. (Zetterberg-Nielsen 2022: 432) Biehls Erzählungen drücken eindeutige moralische Standpunkte aus, die dem Leser wenig Raum für eigene Interpretationen der Charaktere oder der Handlung lassen. [ … ] Das Ziel ist nicht, nuancierte Porträts individualisierter Figuren zu zeichnen, sondern den Leser: innen - insbesondere den weiblichen - beizubringen, ein Leben nach vernünftigen Prinzipien zu führen und den Unterschied zwischen dem Wirklichen und dem Scheinbaren zu erkennen. Diese starke, beinahe sich aufdrängende Moralisierung führte Stangerup (1936: 286) dazu, Biehls Prosa aus der Belletristik zu verweisen und stattdessen als „ direkte opdragendemoraliserende Læsning “ zu klassifizieren. 37 Sogar ihr großes Briefromanwerk Brevvexling imellem fortrolige Venner erzähle nicht polyperspektivisch, sondern sei eine predigende „ Selvdebat “ (Stangerup 1936: 287). 38 Demgegenüber gebärt sich das historiografische Labyrinth anders: Verschiedene Perspektiven werden eingeführt, die Biehl zwar gegeneinander abwägt, aber letztlich die Urteilsfällung den Adressat: innen überlasst. Vollständigkeit und lineare Kausalität bilden somit zwei Endpunkte eines Spektrums, auf dem sich das historiografische Erzählen bewegen kann. Das eine Ende erfordert Ausführlichkeit und Aufmerksamkeit für das Detail (amplificatio) sowie den Einsatz von Anachronien und spricht das Urteilvermögen der Lesenden an, das andere Ende setzt Kondensierung und doppelte Motivierung der Fabelkonstruktion voraus. Biehl versucht beides - und verliert sich unweigerlich in einer paradoxalen Doppelbewegung. In Bezug auf die Linearisierung kommt beim epistolaren Schreiben ein Aspekt hinzu, der bereits in den Indianiske Bref eine Rolle spielte. Die innere Chronologie der Erzählung mag zwar diskontinuierlich gestaltet sein, weil zugunsten der narrativen Komposition Anachronien eingebaut werden. Jedoch ist diese Erzählung in eine sukzessive äußere Chronologie gebettet, die sich aus den aufeinanderfolgenden Briefen ergibt. Die Datierungen konstruieren auf der materiellen Ebene eine Folge von Schreibszenen, die der physikalischen irreversiblen Zeiterfahrung entsprechen. Die einzelnen Briefe sind Zeug- 37 „ direkt erziehend-moralisierende Lektüre “ . 38 „ Selbstdebatte “ . 206 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="207"?> nisse von Einzelereignissen, die sich auf einem Zeitstrahl entsprechend der Parameter Vorher/ Nachher bzw. Früher/ Später einordnen lassen. Tatsächlich entspricht die Folge der datierten Briefe größtenteils der inneren Temporalität; spätere Briefe berichten von Ereignissen der jüngeren Vergangenheit. Allerdings wird diese parallele Kontinuität an zwei Stellen gebrochen: Erstens als Biehl im Juni 1784 die historiografische Darstellung um eine umfassende Analepse erweitert, die sich in einem Brief mit der Regentschaft von Frederik IV. (1671 - 1730) beschäftigt. Diesen versieht sie zweitens mit der Aufforderung, einen Abschnitt aus einem früheren Brief einzufügen, der aus der Zeit vor dem historiografischen Projekt stammt. So sträuben sich sogar die datierten Briefe der sukzessiven Zeiterfahrung und setzen stattdessen narrative Anachronien um. Wenn der Diskurs über die Ordnung der Briefe waltet, diese aber mit materiellen Zeichen einer anderen, chronologischen Zeitlichkeit versehen sind, hat dies Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Erzählen und Schreiben. Die Historiske Breve räumen damit auch der realen, von physikalischen Gesetzen bestimmten Zeit nicht-chronologische Beziehungen ein. Die narrative Konfiguration bringt nicht nur die ungegliederte Vergangenheit in eine sinnvolle Ordnung, sondern setzt auch die Texte in einen neuen Kontext und verleiht ihnen dadurch neuen Sinn. Das ist kein überraschender Fund, zumal sich das Schreiben selten kontinuierlich an der narrativen Konfiguration entlangarbeitet, sondern eigener Temporalität folgt. Das kann jede: r bezeugen, der: die einmal einen größeren Text geschrieben hat. Nur wenige beginnen am Anfang und enden am Schluss. In Bezug auf die Historiske Breve ist jedoch außergewöhnlich, dass sich diese diskontinuierliche Textgenese nicht in Überarbeitungsstufen manifestiert, deren Verlauf ansonsten von der Editionsphilologie rekonstruiert werden, sondern in der Materialität der epistolaren Korrespondenz. 8.3.3 Alternative Geschichte: Bifurkationen des Zeitstrahls Angesichts Biehls Beflissenheit, ihre Quellen und den Sicherheitsgrad der erzählten Anekdote zu nennen, könnte man meinen, dass sich in den Historiske Breve nur Erzählungen mit zumindest minimaler Wahrheit befänden. Tatsächlich erzählt Biehl jedoch nicht nur, was sie selbst gesehen oder gehört hat, sondern entfaltet auch, was nie eingetreten ist. Am Ende ihres Parforceritts durch die jüngste dänische Geschichte stellt sie im Brief vom 19.10.1784 (HB: 322 - 341) auf Wunsch ihres Adressaten Reflexionen über alternative Geschichtsverläufe an und komponiert so das nicht aktualisierte Potenzial der Vergangenheit. 39 Gemäß Anne-Marie Mai (2011: 205 - 206) betreibt Biehl an diesen Stellen „ kontrafaktisk historieanalyse “ , weil sie darzulegen sucht, „ hvor let historiens gang kunne have været anderledes, hvis kongerne havde fået en bedre opdragelse, haft kærlige 39 „ Min Ven troer, at jeg ikke ved en vis Begivenhed har været saa ödsel med mine Betragtninger som sædvanlig, og önsker, at jeg skulde indhente hvad jeg har forsömt, hans Villie er mig en Lov, men jeg er bange, at det allene bliver en Gientagelse af hvad jeg allerede har sagt ham i den Materie “ (HB: 322; „ Mein Freund glaubt, dass ich bei einem bestimmten Ereignis nicht so großzügig mit meinen Überlegungen umgegangen bin wie sonst, und wünscht, dass ich das Versäumte nachhole. Sein Wille ist mir Gesetz, aber ich fürchte, dass dies nur eine Wiederholung dessen sein wird, was ich ihm in dieser Materie bereits gesagt habe “ ). 8.3 Temporalität der Briefliteratur: Ereignisketten erzählen 207 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="208"?> fortrolige og balance i deres ægteskaber “ . 40 Statt eine Erzählung zu verfolgen, konstruiert sie somit laterale Fabeln mit anderen Ergebnissen. Um die Alternativszenarien zu entwerfen, muss Biehl die Rolle der erzählenden Beobachterin, die Gesehenes und Gehörtes wiedergibt, ablegen und als beurteilende Historiografin in den Vordergrund treten. Doch auch wenn sich demnach das Verhältnis von Erzählung und Argumentation kehrt, fundiert letztere auf narrativen Operationen. Biehls kontrafaktische Geschichte konzentriert sich auf die Struensee-Affäre, die als einschneidendes Ereignis für Dänemarks Geschichte nach Erklärungen verlangt. Wie schaffte es der Leibarzt Struensee, König Christian VII. derart einzunehmen? Welche Stellschrauben hätten justiert werden müssen, damit der König verständiger gehandelt und Struensee widerstanden hätte? Dabei verfolgt Biehl keinen zusammenhängenden alternativen Geschichtsverlauf, sondern wechselt punktuell in den Irrealis, um zu erläutern, was möglich gewesen wäre. Sie sucht die Antworten allerdings nicht in den Ereignissen unmittelbar vor Struensees Auftritt auf der politischen Bühne, sondern durchaus modern entwicklungspsychologisch in Christians VII. Kindheit. Legitimiert wird dieser große Zeitsprung zu Beginn mit einer Pflanzenallegorie: Wie eine junge Pflanze nur in der richtigen Umgebung und mit der entsprechenden Pflege gedeiht, müsse auch jedes Kind in den Händen eines fähigen Hofmeisters erzogen werden, der „ ved at studere dens Natur, hielper og understötter den i alle dens Udviklinger og Fremgang “ (HB: 322). Was Christian VII. nun damals zum Wachsen gebraucht hätte, war schlicht und einfach Liebe. Jeg vil endog tilstaae ham, at Prindsens Hierte ikke var böyeligt og Menneskekierligt af Naturen, men desto skadeligere blev en haard Behandling; desto stærkere trængte det til at blödgiöres ved Kierlighed, og naar han havde bragt det dertil, da ved denne milde Fölelse lære ham at kiende hvor södt det er at fortiene Kierlighed, og at Pligternes nöyagtige Opfyldelse er det eneste Middel til at blive virkelig elsket. (HB: 323) Ich möchte ihm sogar zugestehen, dass das Herz des Prinzen von Natur aus nicht sanftmütig und menschenfreundlich war, aber umso schädlicher wurde ihm eine harte Behandlung; desto stärker musste es durch Liebe erweicht werden, und wenn er es so weit gebracht hätte, ihm dann mit diesem milden Gefühl beizubringen, wie süß es ist, Liebe zu verdienen, und dass die genaue Erfüllung der Pflichten das einzige Mittel ist, um wirklich geliebt zu werden. Doch statt dem nötigen Wohlwollen begegnete der königliche Erzieher Ditlev Reventlow dem jungen Prinzen mit Gewalt und Machtgebaren, pflanzte ihm eine Abscheu vor „ Favoriter “ und damit eine grundsätzliche Angst vor Freundschaften ein (HB: 325 - 326), und führte ihm Gott als strafende Instanz vor (HB: 327 - 328). 41 Weil er meinte, dass ein 40 „ kontrafaktische Geschichtsanalyse “ , „ wie leicht die Geschichte anders hätte verlaufen können, wenn die Könige eine bessere Erziehung, liebevolle Vertraute und ausgeglichene Ehen gehabt hätten “ . 41 „ Havde han [Ditlev Reventlow, PH] sadt den Afskye, han vilde indprænte Prindsen for Favoriter de behörige Grændser, havde han viist ham, at det ikke var Kierligheden og Fortroeligheden, som Regenten bar for en værdig Mand, der var lastværdig, at da Venskab var Livets störste Lyksalighed, saa var Regenten som Menneske ogsaa berettiget til at nyde den, skiönt med lidet Haab om at finde en sand Ven; [ … ] saa havde han udfört et priiseligt og hans Kald værdigt Foretagende, men efter det Begreb, som man gav ham, saa hadede han Navnet, men ikke Virkningen, og denne Afsyke var saa stærk hos ham, at den hævngierrige Prinds af Hessen betiente sig af den, til at faae Reverdil, der ikke vilde rette sig efter hans selvraadige Villie, ud af Landet ved to eller tree Gange i en Ironisk Tone at nævne ham for Kongen, som hans Favorit “ (HB: 325 - 326; „ Hätte er [Ditlev Reventlow, PH] der Abscheu, die er dem 208 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="209"?> Kind besser durch Furcht als Liebe erzogen würde, trieb er den jungen Prinzen letztlich zu den „ störste Grumheder “ ( „ größten Grausamkeiten “ ) der Geschichte (HB: 323). Havde hans Siels Ævner ikke været underkuet, havde en grum Medfart ikke berövet ham det kiekke Moed, der bestrider alle Vanskeligheder for at bane sig Veyen til Æren, saa maaskee han havde opoffret alleting for den; men i den Forfatning han var, og uden Opmuntring af alle dem der vare om ham, Reverdil [Élie-Salomon-François Reverdil, Christians VII. Lehrer für französische Literatur, PH] undtagen, og uden den behörige Understöttelse af dem, der ved at give ham alle muelige Oplysninger, burde giort ham Arbeydet let og behageligt, var det umueligt andet, end at han maatte kiedes derved. (HB: 330) Wären seine geistigen Fähigkeiten nicht unterdrückt worden, hätte ihm ein grausames Schicksal nicht den Mut genommen, alle Schwierigkeiten zu überwinden, um sich den Weg zum Ruhm zu bahnen, dann hätte er vielleicht alles dafür geopfert; aber in seinem Zustand und ohne die Ermutigung all derer, die ihn umgaben, Reverdil [Élie-Salomon-François Reverdil, Christians VII. Lehrer für französische Literatur, PH] ausgenommen, und ohne die angemessene Unterstützung derer, die ihm durch die Bereitstellung aller möglichen Informationen die Arbeit leicht und angenehm hätten machen sollen, konnte er nur dessen überdrüssig werden. Et feigt og frygtsomt Hierte, min Ven, er ikke i Stand til at elske, det kan vel baade udtrykke og föle en slags Behag, men det er ikke sand Kierlighed. [ … ] Ved grum Medfart var Sæden til oprigtig Kierlighed ganske qvalt i Kongens Hierte; Rædsel og Forfængelighed vare hans eneste Drivfiædre og strede med hinanden om Fortrinet; af den sidste kunde en fornuftig Hovmester have draget store Fordeele, den kunde blevet en Spoere til store Tings Udförelse, men i stæden for at give den en rigtig Vendning havde Reventlou nedtrykt og underkuet den med. (HB: 331 - 332) Ein feiges und ängstliches Herz, mein Freund, ist nicht fähig zu lieben, es kann zwar eine Art von Wohlgefallen ausdrücken und empfinden, aber das ist keine wahre Liebe. [ … ] Durch grausames Verhalten wurde der Samen aufrichtiger Liebe im Herzen des Königs völlig erstickt; Furcht und Eitelkeit waren seine einzigen Triebfedern und stritten miteinander um die Vorherrschaft; aus Prinzen für Favoriten einprägen wollte, die angemessenen Grenzen gesetzt, hätte er ihm gezeigt, dass es nicht die Liebe und das Vertrauen waren, die der Regent einem würdigen Mann entgegenbrachte, die verwerflich waren, dass, da Freundschaft das größte Glück im Leben war, auch der Regent als Mensch das Recht gehabt hätte, sie zu genießen, wenn auch mit wenig Hoffnung, einen wahren Freund zu finden; [ … ] dann hätte er ein lobenswertes und seiner Berufung würdiges Unterfangen vollbracht, aber nach dem Verständnis, das man ihm [dem Prinzen, PH] gab, hasste er den Namen, aber nicht die Wirkung, und diese Abscheu war bei ihm so stark, dass der rachsüchtige Prinz von Hessen sie sich zunutze machte, um Reverdil, der sich seinem eigenmächtigen Willen nicht unterwerfen wollte, aus dem Land zu vertreiben, indem er ihn zwei- oder dreimal in ironischem Tonfall vor dem König als dessen Favoriten bezeichnete “ ). „ Havde Reventlou endda sögt at bringe Prindsen til at elske Gud, saa havde den beklagelige Herre dog havt en sikker Tilflugt og et fast Skiold, men hvad enten han selv meere frygtede end elskede Gud, eller han troede at retfærdiggiöre sit Forhold ved at tale om Gud, som et Væsen, hvis Hævn og Straf ved den mindste Forseelse var uundgaaelig, saa tiente det Begreb, han fik, allene til at indjage den unge Herre samme Rædsel for det höyeste Væsen, som han havde for sin barske Hovmester “ (HB: 327 - 328; „ Hätte Reventlou sogar versucht, den Prinzen dazu zu bringen, Gott zu lieben, hätte der bedauernswerte Herr doch einen sicheren Zufluchtsort und einen festen Schutzschild gehabt, aber ob er nun Gott mehr fürchtete als liebte, oder glaubte, sein Verhalten rechtfertigen zu können, indem er von Gott als einem Wesen sprach, dessen Rache und Strafe bei der geringsten Verfehlung unausweichlich waren, so diente ihm das Verständnis, das er sich zurechtgelegt hatte, nur dazu, dem jungen Herrn dieselbe Furcht vor dem höchsten Wesen einzuflößen, die er vor seinem strengen Haushofmeister hatte “ ). 8.3 Temporalität der Briefliteratur: Ereignisketten erzählen 209 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="210"?> Letzterer hätte ein vernünftiger Hofmeister großen Nutzen ziehen können, sie hätte zu großen Taten anspornen können, aber anstatt ihr eine richtige Wendung zu geben, hatte Reventlow auch sie unterdrückt und unterworfen. Die Ausschnitte zeigen, dass die kurzen Abschnitte im Irrealis ( „ Havde …“ ) den wirklichen Ereignisverlauf kontrastieren sollen, um die wesentlichen Faktoren im Leben des Königs herauszuarbeiten. Es wird klar für Reventlows Rolle als nächste Bezugsperson argumentiert, deren pädagogische Entscheidungen weitreichende Konsequenzen trugen. Da jener Christian VII. kein Wohlwollen entgegenbrachte und mit seiner Erziehung auch jede weitere Form der Liebe aus dessen Leben verbannte, besaß der Prinz keinen Zufluchtsort und keine bestärkende Stabilität. Selbst spätere Einlenkungen wären möglich gewesen und hätten Angst und Eitelkeit in tugendhafte Ambition gewendet. Schließlich wechselten Christians VII. Bezugspersonen so häufig, dass die Verlustängste ihn lehrten, kein Vertrauen mehr in Menschen zu setzen (HB: 326 - 327). Biehls Überlegungen zeigen, dass sie Reventlows Handlungsspektrum rekonstruiert und ihm die Fähigkeit zuspricht, sich für eine Verhaltensweise zu entscheiden. Denn die nötigen Grundlagen für eine verständige Pädagogik waren bei ihm vorhanden; Biehl beschreibt ihn als „ Mand af store Indsigter og Kundskaber, Ærligheds og Ærens strængeste Tilbeder “ (HB: 322). 42 Damit begreift sie sein Handeln nicht als determiniert, sondern als zukunftsoffen und variabel, und seinen Charakter als komplex und vielschichtig. Andererseits benötigt der Entwurf der alternativen Geschichtsverläufe, dass überzeitliche, kausalgenetische Prinzipien angenommen werden, die auf die veränderten Konstellationen appliziert werden können. Im konkreten Fall heißt das, dass ein Prinz, der Liebe erfahren hätte, genau diese weitergegeben hätte und sich für Menschen in seinem Umfeld eingesetzt hätte. Die einmaligen Ereignisse der Vergangenheit werden somit anhand von überzeitlichen Prinzipien modifiziert, um laterale Zeitlinien zu entwerfen. Biehl schafft so Verzweigungsstellen des wirklichen Zeitstrahls, oder Bifurkationen, wie sie in der Physik genannt werden (zur Bifurkation als literaturwissenschaftliches Analyseinstrument: Wozonig 2008: 127, 138). Nebst multipler Zeitlichkeit imaginiert sie auch Paralleluniversen, in denen Reventlows Charakter ihm Ruhm eingebracht hätte; in unserer Welt richtete er großes Unheil an, aber „ paa et andet Sted havde [han] kunde blevet Landets Velgiörer “ (HB: 322 - 323). 43 Die kontrafaktische Geschichte stellt ein faszinierendes Bindeglied zwischen fiktionalem und faktualem Erzählen dar, weil sie die Fiktionalität zum historiografischen Erkenntnisgewinn nutzt, aber auch den Zuwachs von fantastischen und utopischen Erzählungen beförderte. Tatsächlich erfinden sowohl die kritische Militärgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts als auch die ersten fantastischen Romane des 19. Jahrhunderts Paralleluniversen, in denen entscheidende Ereignisse nicht eingetreten sind (Gallagher 2018: 3). 44 Da statt des realen Verlaufs multiple Sequenzen verfolgt und miteinander verglichen 42 „ Mann großer Erkenntnisse und Wissens, strengster Verehrer von Ehrlichkeit und Ehre “ . 43 „ andernorts hätte er der Wohltäter des Landes werden können “ . 44 Auch bei Ric œ ur (1991: 273 - 287) taucht die kontrafaktische Methode auf. Er subsumiert sie unter dem Begriff der „ Quasi-Fabel “ ; sie werde von der Historiografie eingesetzt, um die relevanten Faktoren eines Ereignisses zu eruieren. Es handelt sich um eine Quasi-Fabel, weil zwar die Merkmale der narrativen Fabelkomposition genutzt, den rekonstruierten alternativen Handlungssträngen aber mit empirischen Methoden Wahrscheinlichkeitsgrade zugewiesen werden und sie in wissenschaftliche Argumentationen eingebettet werden. 210 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="211"?> werden, bewegt sich die Zeit nicht vorwärts, sondern vielmehr lateral in der Gleichzeitigkeit (Gallagher 2018: 47). Wobei es sich bei dieser Gleichzeitigkeit gerade nicht um eine „ simultaneity in time but of times “ handelt, die folglich zur gleichberechtigten Position aller Paralleluniversen führt (Morson 1994: 118). 45 Insofern verlässt Biehl in diesem Brief die selbst gesetzte Aufgabe, die Kausalketten der Geschichte zu erzählen, und fächert multiple Handlungsstränge auf. Diese Technik ermöglicht es, den Bias der Nachwelt zu umgehen, aus deren Retrospektion der historische Verlauf schnell anachronistisch als kausale Progression begriffen werden könnte. Stattdessen stellt sich die kontrafaktische Geschichte eine komplexe Welt mit unterschiedlichen Handlungsoptionen vor. Daneben gründet sie auf der Annahme, dass der reale Zeitstrahl und die reale Welt eine Möglichkeit von vielen darstellen. Diese Vorstellung geht auf Gottfried Wilhelm Leibniz ’ Theorie der möglichen Welten zurück, die sich während des 18. Jahrhunderts verbreitete. Neben der lateralen Auffächerung der Zeit in der Gleichzeitigkeit führt die kontrafaktische Geschichte noch eine weitere temporale Dimension in die Erzählung ein. Indem die Handlungsoptionen der Vergangenheit rekonstruiert werden, wird der vergangene Augenblick als Gegenwart und die jetzige Gegenwart als Zukunft imaginiert. Dadurch zeigt sich die Vergangenheit als indeterminiert und mit der „ Unvorhersehbarkeit [der] Zukunft “ versehen (Ric œ ur 1988: 281; dazu auch Currie 2007: 29 - 50). Biehls Brief lenkt demnach die Aufmerksamkeit auch auf die Tendenz der historiografischen Narration, eine einzelne, lineare Erzählung der Vergangenheit zu komponieren. Anstatt dass die ungebrochene Kausalkette einer fortschreitenden Temporalität erzählt wird, etabliert der kontrafaktische Modus eine omnitemporale Textwelt, die der physikalischen Chronologie widerspricht und sich stattdessen in alle Dimensionen bewegt (Gallagher 2018: 47). Das letzte Element dieser vielschichtigen Temporalität stellt der Versuch dar, von der Gegenwart der Schreibszene auf die Zukunft zuzugreifen. Catherine Gallaghers gattungs- und zeitübergreifende Studie stellte fest, dass sich fiktionale und faktuale Texte in dieser Funktionalität übereinstimmen. Indem Fehler und verantwortliche Akteure nicht nur benannt, sondern vor allem beurteilt werden, und sich brachliegendes Aktionspotenzial der Vergangenheit manifestiert, werden gegenwärtige oder zukünftige Entscheidungen mit Erfahrungswissen ausgestattet. Damit kann die kreative Retrospektion bewusst eingesetzt werden, um Gegenwart und Zukunft zu formen (Gallagher 2018: 5 - 8). Wie später deutlich werden wird, teilt die kontrafaktische Methode diese Eigenschaft mit dem anschauenden Erzählen der epistolaren Historiografie und dessen ausgeprägten dramatischen Modus. In ihrer Essenz entspricht die Omnitemporalität der kontrafaktischen Geschichte den Erzählstrategien, die das Zeitbild der Vergangenheit multidimensional und rhetorisch zu verdichten suchen. Doch anstelle von zusätzlichen Perspektiven und strukturellen Parallelismen werden alternative Ereignisverläufe in das präsentierte Bild eingewoben. Gemeinsam ist ihnen der Anspruch, Komplexität und Polyphonie herzustellen. Biehls Gedankenexperiment, welche Einflüsse in Christians VII. Leben gefehlt haben, damit sich verständige Charakterzüge entwickelt hätten, fokussiert auf einen komplexe- 45 Kontrafaktische Geschichte führt insofern auch einen topologischen Aspekt in die Erzählung ein, weil sie alle möglichen Ereignisse zu jedem Zeitpunkt erkennt. Morson (1994: 119) spricht deshalb auch von der Zeit als „ field “ . 8.3 Temporalität der Briefliteratur: Ereignisketten erzählen 211 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="212"?> ren Aspekt der kontrafaktischen Geschichtsschreibung. Da die Veränderung oder gar Tilgung von Ereignissen maßgebliche Faktoren im Leben des Menschen streicht, wird der Blick für die zahlreichen latenten Charaktermerkmale, Gedanken, Gefühle und Handlungen geöffnet, die sich stattdessen hätten ausprägen können (Gallagher 2018: 12 - 13). Daraus ergeben sich, wie Catherine Gallagher in Telling It Like It Wasn ’ t (2018) erklärt, zwangsläufig konkurrierende Möglichkeiten und instabile Charakter: [T]he thought experiments create counterfactual characters charged with a peculiar kind of indeterminacy, visibly wavering between actual and alternative destinies and saturated with unspent potential. No longer flattened against the outlines of their actual destinies, these counterfactual characters have the vitality of the permanently unfinished. (Gallagher 2018: 13) Diese Dynamisierung der historischen Figuren und die daraus folgende Unsicherheit äußert sich bei Biehl im Modus des Vielleicht; ganz sicher kann sie sich nicht sein, ob Christian VII. anders gehandelt hätte, aber vielleicht hätte er sich für seine Mitmenschen eingesetzt ( „ saa maaskee han havde opoffret alleting for den “ , HB: 330) oder - hier existiert stärkerer Grund zur Annahme - wäre er weniger ängstlich gewesen ( „ saa kan man med Föye troe, al hans Haab og faste Tilliid til Gud havde formindsket den Angst, der var bleven ham naturlig og giort den hærligste Virkning “ , HB: 334). 46 Das kausalgenetische Prinzip, nach welchem die lateralen Ereignisverläufe konfiguriert und bis zu einem Ergebnis verfolgt werden, fügt sich in Blanckenburgs Charakterisierung des Erzählers als Schöpfer und Geschichtsschreiber ein. Die zwei Anforderungen der kontrafaktischen Geschichte, Kreativität und Kenntnis von allgemeinen Prinzipien, spiegeln sich somit in Blanckenburgs Maxime der lückenlosen, doppelt motivierten Geschichte. Die Verbindung der inneren und äußeren Geschichte legt Biehl schließlich am Ende ihrer kontrafaktischen Reflexion in einem ausdeutenden Kommentar dar, indem sie jede Wirkung auf ihre Ursache zurückführt (HB: 337 - 338): Das ausschweifende Leben drückt ein Verlangen nach Freiheit aus, die vermeintliche Illoyalität und fehlende Empathie sind Produkt des Missbrauchs in der Kindheit, die Angst vor Menschen folgt aus dem Imposter-Phänomen, das ihm Reventlow in den Kopf gesetzt hatte, und die fehlende Religiosität ergibt sich ganz natürlich aus dem Glauben, Gott sei ein strenger Richter. Alles begründet sich also im Inneren des Königs. Um die innere Geschichte eines Menschen darstellen zu können, braucht es gemäß Blanckenburg philosophische und psychologische Einsicht in das menschliche Wesen. Gegenüber des „ bloßen Erzehlers “ - und das meint trockene enumeratio (Fulda 1996: 87 - 88) - muss der Romanautor ein „ aufmerksame[r] Beobachter der menschlichen Natur, [ein] tiefe[r] Kenner des menschlichen Herzens “ sein (Blanckenburg 1965: 273). Genau dieser Blick für die vermeintlichen Kleinigkeiten des Kontextes und deren Auswirkungen offenbart sich in Biehls Reflexionen. In den gesamten Historiske Breve, doch vor allem in diesem Brief versetzt sie sich in die historischen Figuren, um deren Handeln verstehen zu können. Doch nicht nur das: Mehrmals fordert sie Bülow auf, es ihr gleichzutun und sich die historischen Situationen zu vergegenwärtigen. Wenn darauf die Darstellung von der 46 „ so hätte er alles dafür geopfert “ , „ so kann man mit Fug glauben, dass seine ganze Hoffnung und Vertrauen auf Gott die Angst reduziert hätte, die ihm zur Natur wurde und die herrlichste Wirkung hatte “ . 212 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="213"?> emotionalen und körperlichen Pein folgt, der sich Christian VII. ausgesetzt sah, tritt die Vergangenheit unmittelbar auf und kann mit allen Sinnen nachvollzogen werden. Sæt Dem nu, min Ven, for et Öyeblik i den beklagelige Herres Forfatning, [ … ] og siig saa, om ikke Deres ved Legemet svækkede Siel, ikke med Begierlighed havde grebet efter et Middel, der lovede saa kildrende Fordeele? (HB: 335) Versetzt Euch nun, mein Freund, für einen Augenblick in die Lage dieses bedauerlichen Herrn [ … ] und sagt mir, ob Eure durch den Körper geschwächte Seele nicht ebenfalls begierig nach einem Mittel gegriffen hätte, das so verlockende Vorteile versprach? Forestill dem engang hvad han dagligen maae föle og lide ved at forestille sig Fölgerne af hans Forurettelse [ … ] Overvey hvad han har lidt fra sit femte til sit Syttende Aar; [ … ] og saa hvad han har lidt og hvorledes han er bleven behandlet i de sidste Tolv Aar, og saa vil deres Siel bæve af Afskye og smelte af Medynk. (HB: 338) Stellt euch einmal vor, was er bei der Vorstellung der Folgen seiner Verunglimpfung täglich fühlen und erleiden musste [ … ] Überlegt euch, was er von seinem fünften bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr erlitten hat; [ … ] und dann, was er in den letzten zwölf Jahren erlitten hat und wie er behandelt wurde, und dann wird Eure Seele vor Abscheu erzittern und vor Mitleid schmelzen. Das Ziel dieser Vergegenwärtigung ist empathische Anteilnahme und emotionale Bewegung ( „ bæve af Afskyse og smelte af Medynk “ ). Indem sie an ethische Werte appelliert, werden rationale Erklärungsmuster für Christians VII. Verhalten verabschiedet und zugleich der Mehrwert dieser inoffiziellen Royalgeschichte demonstriert. Weil sich die institutionelle Historiografie auf politische und militärische Belange konzentriert, die sich mithilfe von logischen Prinzipien erklären lassen, muss sie für die wahren Ursachen der Struensee-Affäre blind bleiben. Wer aber die Schicksale empathisch nachvollzieht, kann nicht anders als zu erkennen, dass es sich um die notwendigen Konsequenzen der Ursachen handelt. Die erste Aufforderung zur Vergegenwärtigung schließt deshalb mit „ [H]vad Under da, at han sögte at bilde sig selv noget ind, hvor ved han kunde være roelig baade for det forbie gange og tilkommende “ (HB: 335). 47 Der alternative Verlauf, den Biehl bloß andeutet, aber nie ganz auserzählt, hebt ein folgenschweres Ereignis der dänischen Geschichte auf und beurteilt die Handlungsgewalt der Akteure. Die Fehler und deren Auswirkungen werden explizit benannt. Indem Biehl kontrafaktische Geschichte schreibt, entwirft sie eine alternative Vergangenheit, die zu einem besseren Ende gefunden hätte. Daneben ermöglicht die intensive Beschäftigung mit dem einzelnen Menschen den vergegenwärtigenden Nachvollzug der Vergangenheit, wodurch die zeitliche Distanz zur dargestellten Situation durchbrochen wird und mithin die narrativen Ebenen kollabieren. Biehls kontrafaktische Geschichte behält in ihrer Verfahrensweise den Kontakt zur wissenschaftlichen Argumentation und lässt Raum für allgemeine Reflexionen, bedient sich jedoch zugleich literarischer Erzähltechniken, um die Adressat: innen zur immersiven Rezeption anzuregen. Die Apostrophen sind hier keine Mittel der Selbstkonstitution oder des Selbstgesprächs der Erzählinstanz wie in Holbergs Pseudonymisierungsstrategie in AVPE I, sondern fordern vergleichbar mit der empfind- 47 „ Wen wundert es da noch, dass er sich versuchte etwas einzubilden, das ihn sowohl über den Gang des Vergangenen wie Kommenden ruhig stimmte “ . 8.3 Temporalität der Briefliteratur: Ereignisketten erzählen 213 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="214"?> samen Briefrhetorik in den IB zur kreativen Mitproduktion auf. Die Adressierungen teilen letztlich die Arbeit der kontrafaktischen Analyse zwischen Schreiberin und Leser auf. Es geht in den Vergegenwärtigungen um die initiale Annäherung an die Psychologie der historischen Figuren, die das Potenzial des Charakters fundiert. Die Komplexität der kontrafaktischen Konfiguration von Charakteren wird so von der Kooperation aufgefangen. Paradoxerweise erreicht Biehl mit der Rückseite der offiziellen Geschichte die (Selbst-) Reflexion und Übung des Urteilsvermögens, die Holberg (1735: C1r) zur Maxime der Historiografie auserkoren hatte: „ at underviise og at være et Speil, hvorudi man af forbigangne Ting kand see og dømme om tilkommende, lære at kiende sig selv tillige med andre “ . 48 Da die kontrafaktische Historiografie multidimensional und omnitemporal funktioniert, verdeutlicht sie die zeitliche Doppelstruktur der historischen Erzählung umso stärker: Zwar müssen Erzählungen auf der diskursiven Ebene notwendigerweise linearisiert werden, jedoch wird die progressive Kausalität durch vergegenwärtigende Momente hervorgebracht, die äußere mit innerer Geschichte verknüpfen. Gleichzeitigkeit und Fortschritt sowie Chronologie und Nicht-Chronologie sind zu gleichen Teilen in der historiografischen Erzählung enthalten. Die Präsenz der (Schreib-)Szene und der Kollaps der Erzählebenen sind schließlich Schlüsselszenen, die das politische und ideologische Gehalt von Biehls Historiske Breve offenbaren. Diesem Potenzial der Vergegenwärtigung widmet sich der nächste Abschnitt. 8.4 Anekdotisch erzählen: Vergegenwärtigungen 8.4.1 Historiografische Vergegenwärtigung: Eintauchen in die Vergangenheit Wie das Zitat aus dem ersten Brief (22.02.1784) zeigte, kündigte Biehl an, die historischen Szenen abzubilden ( „ Afbildning “ ), damit sich Bülow davon ein eigenes Bild machen und mit der Gegenwart abgleichen könne (HB: 33 - 34). Das ODS listet unter dem Eintrag „ Afbildning “ zuerst die konkrete materielle Bedeutung „ gengivelse “ , aber auch im erweiterten Sinn „ beskrivelse i ord “ (ODS 1919). 49 Die semantischen Unterschiede sind minimal: Die Beschreibung in Worten soll genauso wie die Abbildungen der bildenden Kunst in mentale Vorstellungsbilder übersetzt werden (vgl. hierzu auch oben 7.2.1). Die Absicht scheint instinktiv sinnvoll und verständlich; spielt sie doch mit dem Register der rhetorischen evidentia und folgt dem poetologischen Kernanliegen des 18. Jahrhunderts, Vorstellungen bei den Rezipient: innen hervorzurufen. Tatsächlich ist der bildliche Zugang zur Vergangenheit auch für Biehl nicht nur ein Produkt der Geschichtsschreibung, sondern der Einbildungskraft im Allgemeinen - und deshalb dem adressierten Bülow zugänglich: „ Giör Dem nu, min Beste, af det jeg sagde dem i mit forrige Brev, og hvad jeg her har sagt Dem en Afbildning om Tilstanden paa den 48 „ sie sollen zum Unterricht dienen, und ein Spiegel seyn, worin man aus vergangenen Dingen sehen kann, wie man von zukünftigen urtheilen soll; imgleichen sich selbst und andere kennen zu lernen “ (Holberg 1759: 19). 49 „ Wiedergabe “ , „ Beschreibung in Worten “ . Für die zweite Bedeutung wird Biehls Erzählsammlung Moralske Fortællinger (1781/ 1782) zitiert: „ (han) giorde hende saa rørende en Afbildning paa et kierligt Ægtepars Lyksalighed, at hun rakte ham sin Haand. Biehl.MF.II.27 “ ( „ (er) machte ihr eine solch bewegende Abbildung von dem Glück eines verliebten Ehepaars, dass sie ihm die Hand reichte “ ). 214 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="215"?> Tiid “ (HB: 49). 50 Die Abbildung ist somit Erkenntnisinstrument der historiografischen Darstellung und der Lektüre; das zeigte bereits der Blick auf Biehls kontrafaktische Geschichte. Dieser methodischen Maxime folgt auch die bereits erwähnte Szene, in der die innige Liebe von Frederik V. und seiner ersten Ehefrau Louise veranschaulicht wird. Biehl erzählt, wie sie Zuschauerin eines erotischen Tableaus wurde, als sie zu Weihnachten in die Fenster des Königshofs blickte: Der Teller Kirschen, mit dem Frederik Louise zu Weihnachten überraschte, inspirierte beide zu einem stummen Liebesspiel, das in einem minutenlangen Kuss auf Louises Brust gipfelte. Prindsessen stod foran sit Toillette, som stod for et meget stor Fag Vinduer der gik ud til Gaarden og som det syntes sögte efter noget i Æskerne, da Cron Prindsen kom ind til hende med en Tallerken med Kirsebær. Hun gav ham et Kys for dem, og har ventelig bedet ham spiise med; thi han sadte Tallerkenen paa Toilettet og nu gik det paa en spisen lös. Men hvordan spiiste de? Af det Kirsebær han skulde have tog hun Stilken i Munden og han maatte tage det ved hendes Læber; hun fik sine paa samme Maade af ham, men formodendtlig maatte hun et par Gange have trokken Bæret ind i Munden, saa han ikke fik andet end Kysset; thi han truede hende, og ved den næste Gang maae han ved sin Hurtighed have trykket Bæret i tu, siden hun viiste ham at det var stænket paa hendes Bryst, men som hun viiste ham det, laae hans Læber paa Stædet, og hendes til hans Pande, siden det övrige af hans Ansigt var skiult. I denne Stilling bleve de i nogle Minuter, begyndte derpaa at spise Kirsebær igien, og da Tallerkenen var tom, slog han sin höyre Arm om hendes Liv og gik ud af Gemakket med hende. (HB: 62) Die Prinzessin stand vor ihrem Toilettentisch, der vor einem sehr großen Fachfenster stand, das zum Hof hinausging, und schien in den Schubladen nach etwas zu suchen, als der Kronprinz mit einem Teller Kirschen zu ihr hineinkam. Sie gab ihm einen Kuss dafür und bat ihn vermutlich, mit ihr zu essen, denn er stellte den Teller auf den Toilettentisch und nun ging ein Essen los. Aber wie aßen sie? Von der Kirsche, die er bekommen sollte, nahm sie den Stiel in den Mund, und er musste sie von ihren Lippen nehmen; sie bekam ihre auf die gleiche Weise von ihm, aber vermutlich musste sie die Kirsche ein paar Mal in den Mund genommen haben, damit er nichts anderes als einen Kuss bekam; denn er drohte ihr, und beim nächsten Mal muss er mit seiner Schnelligkeit die Beere zerquetscht haben, da sie ihm zeigte, dass sie auf ihre Brust gespritzt war, aber als sie ihm das zeigte, lagen seine Lippen schon auf der Stelle, und ihre an seiner Stirn, da der Rest seines Gesichts verdeckt war. In dieser Position blieben sie einige Minuten, begannen dann wieder, Kirschen zu essen, und als der Teller leer war, legte er seinen rechten Arm um ihre Taille und ging mit ihr aus dem Zimmer. Diese anekdotische, aber bildgewaltige Erzählung nennt Biehl sogar selbst „ Malerie “ : „ Siig mig, min Beste om dette kielne Malerie har deres Biefald; thi staaer det Dem ikke an, skal De ikke faae fleere “ (HB: 62). 51 Das ‚ Gemälde ‘ vermittelt die Beziehung des Königspaars besser, als es jegliche Erklärung schaffen könnte: In nur wenigen Zügen drückt Biehl die Liebe und die Freude am Spiel aus - und nutzt ihre Perspektive maximal aus. Da sie aus ihrer Position vor dem Fenster buchstäblich Beobachterin eines Tableaus ist, kann sie die Szene nur visuell wiedergeben. Wie bei der populären dramatischen Gattung steht sie als 50 „ Macht Euch nun, mein Bester, von dem, was ich in meinem vorigen Brief sagte und was ich Euch hier gesagt habe, eine Abbildung vom damaligen Zustand “ . 51 „ Gemälde “ , „ Sag mir, mein Bester, ob dieses zärtliche Gemälde Euren Beifall findet; denn wenn es Euch nicht gefällt, sollt Ihr keine weiteren erhalten “ . 8.4 Anekdotisch erzählen: Vergegenwärtigungen 215 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="216"?> ausgeschlossenes Publikum vor einem gerahmten, immanenten Geschehen. 52 Das stellt in diesem Fall jedoch keinen Verlust dar, denn wie das Zitat zeigt, ist auch Biehls doppelt gerahmtes, stummes Tableau voller Lebendigkeit. So funktioniert die Szene doppelt bildlich, weil sie einerseits rein visuell erzählt werden kann, andererseits die Liebe des Königspaars als Sinnbild darstellt. Die doppelte Rahmung führt schließlich dazu, dass diese „ Malerie “ zu einem doppelten Tableau führt, bei dem Biehl Rahmenfigur einer Repräsentation ist, deren Zugang sie steuert. 8.4.2 Johann Christoph Gatterer und die evidentia Mit ihrer markierten Theatralität und Visualität stellt die Kirschenszene zwar eine Ausnahme in den Historiske Breve dar, aber dem Anspruch, Abbildungen der Vergangenheit zu erschaffen, folgen ebenso die kontrafaktische Geschichte und die zahlreichen anekdotischen Kleinsterzählungen, aus denen Biehls Projekt perlenkettenhaft besteht. Ihre historiografische Erzählweise erfüllt dabei den Anspruch der neueren erzählerischen Ausprägung der Historiografie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Welche Bedeutung dabei die evidentia besaß, zeigt die Vorrede von der Evidenz in der Geschichtkunde (1767) des deutschen Historikers Johann Christoph Gatterer (1727 - 1799). 53 Er konstatiert, dass die Aufzählung ‚ trockener ‘ Fakten nicht zur Überzeugung reicht, vielmehr soll der Geschichtsschreiber erzählen und emotional bewegen (movere): Der Geschichtschreiber soll [die Begebenheiten] erzählen. Sagt er mir sie so trocken weg: so weiß ich wol ungefähr, was vorgegangen ist; allein ich will noch mehr haben: ich will gerührt, ich will bis zur Evidenz überzeugt seyn. Nun wolan! der Geschichtschreiber führe mich dann in die Cabinete der Grossen, und in die Versamlungen freyer Völker: er lasse mich hier das Entstehen wichtiger Begebenheiten und Staatsveränderungen mit Augen sehen [ … ]. (Gatterer 1767: 14, meine Hervorhebung) 54 Die veranschaulichende Darstellung der Geschichte legt den Lesenden den Sachverhalt nicht nur vor Augen, sondern lässt sie in das Geschehen eintreten. Es handelt sich somit um die imaginative Erzeugung einer ästhetischen Illusion, bei der die Lesenden die Vergangenheit aus der Position von Augenzeug: innen wahrnehmen können. Tatsächlich verlangt Gatterers (1767: 11) „ ideale Gegenwart der Begebenheiten “ ausdrücklich nach räumlicher Kopräsenz als Grundlage des narrativen Verstehens (Fulda 2023: 28). Ähnliche Aussagen über den Nutzen der evidentia in der Geschichtsschreibung finden sich auch 52 Olden-Jørgensen (2018: 59) bezeichnet diese Stellen als „ små tableauer “ ( „ kleine Tableaus “ ). In ähnlicher Weise spricht Mai (2011: 205) von einer „ scenisk fortælling “ ( „ szenischen Erzählung “ ). Biehl verwendet selbst nie die Bezeichnung „ tableau “ , sondern stets „ afbildning “ . Da der Begriff Tableau im literarischen Kontext vor allem eine stumme Form des Theaters meint, die sich gerade im 18. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute, sollten nur diejenigen Szenen Tableaus genannt werden, die genauso auf Bildlichkeit und non-verbale Kommunikation setzen. Der künstlerische und wissenschaftliche Hintergrund des literarischen Tableaus im 18. und 19. Jahrhundert bringt allerdings noch weitere Bedeutungsebenen (Graczyk 2004). 53 Für diesen Abschnitt verdanke ich Inspiration und Erläuterung Fulda (1996: 159 - 165). 54 Mit Gatterer hat sich der Erzählbegriff grundlegend verändert. Was bei Blanckenburg noch unverknüpfte Aufzählung von Ereignissen bedeutete (enumeratio), ist bei Gatterer synonym mit einer lebhaften Darstellung (Fulda 1996: 87). 216 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="217"?> schon bei Olof von Dalin und Anders Botin, wobei dort die Visualität der rhetorischen Figur ohne ihre räumlich-imaginative Entsprechung im Vordergrund steht (Eriksson 1973: 19, 33). 55 Erstaunlich ist jedoch an Gatterers Aufsatz, dass er die evidentia nicht bloß als Gemeinplatz einstreut, sondern bewusst einsetzt, um poetische Verfahren und Einbildungskraft für die Historiografie zugänglich zu machen. 56 Die „ Wahrheit der Romane “ (Gatterer 1767: 22), ihr Vermögen, dank ästhetischer Illusion zu bewegen, wird damit zur historiografischen Methode. Die klassischen rhetorischen Techniken der evidentia, die szenische, lebhafte Darstellung von Orten, Personen und Dingen, aber auch der Einsatz des Präsens als Erzähltempus, der direkten Rede und des mimetischen Modus (Gatterer 1767: 16 - 18) 57 arbeiten der wissenschaftlichen Legitimation eines möglichen Geschehens zu. Zwar überzeugt eine derart anschauend erzählte Geschichte Lesende bereits von der Möglichkeit eines Geschehens, wird aber erst durch ‚ historische Demonstration ‘ , d. h. durch den Beweis anhand von Quellenfunden und Sekundärliteratur, zur historischen Wahrheit (Gatterer 1767: 22 - 36). 58 Das Gebot nach Vergegenwärtigung gilt auch für die Hermeneutik, denn was anschauend erzählt wird, muss zunächst von der Einbildungskraft des Historiografen produziert worden sein. Es ist also nötig, dass er selbst anschauend denken kan: er muß durch ideale Gegenwart der Begebenheiten zuvor selbst Zuschauer worden seyn, und alsdann kan er, wenn er nur sonst ein geschickter Mensch ist, hoffen, daß er das, was er anschauend erkant hat, auch werde anschauend erzählen, und seine Leser in die Situation von Zuschauern versetzen können. (Gatterer 1767: 13) Demnach entsprechen sich Produktion und Rezeption in der imaginativen Vergegenwärtigung des vergangenen Geschehens. 59 Auch Biehls historisches Tableau wird mit der imaginativen Erinnerungsleistung der Erzählerin eingeleitet: „ Men hvad enten hans Valg var frie villig, eller bestemt, saa elskede de hinanden overmaade höyt; [ … ] i den Tid de vare paa Charlottenborg har jeg meere end een Gang funden en sand Fornöyelse i at see paa Dem, uden at de saae mig, i sær erindrer jeg mig den sidste Juule Aften, som om det 55 Dalin (1747: XI) beteuert, dass er in seiner Geschichte gedenkt, „ at afmåla med fria och oweldiga färgor de förflutna tiders öden “ ( „ mit freien und unverfälschten Farben die Schicksale vergangener Zeiten abmalen “ ). Botin (1771: 6; zit. bei Eriksson 1973: 33) wiederum - in einer Schrift über Dalin! - verlangt von den Historikern, dass sie „ pryda sitt Arbete med lifliga och rörande målningar, som äro grundade på förnuft, sanning och billighet “ ( „ ihre Arbeit mit lebendigen und bewegenden Gemälden zieren, die auf Vernunft, Wahrheit und Anstand fußen “ ). 56 Die etymologische Grundlage legt seine Argumentation natürlich nahe, aber auch die einleitende Übersetzung der „ Evidenz “ mit dem „ Augenscheinliche[n], [der] Augenscheinlichkeit “ unterstützt das Verständnis eines visuellen Zugangs zur Geschichte (Gatterer 1767: 3). 57 Die klassischen Techniken der evidentia finden sich in Lausbergs (1960: § 811 - 817) rhetorischem Handbuch. 58 Es reichen für Gatterer demnach die Darlegung der „ Möglichkeit und Tatsächlichkeit eines Geschehens “ , während die notwendige Kausalität im Gegensatz zur pragmatischen Aufklärungshistorie nicht mehr bewiesen werden muss (Fulda 1996: 159). 59 Ric œ ur (1991: 225 - 241) wird den historiografischen Erkenntnisprozess zweihundert Jahre später genauso beschreiben: Zunächst müssen Historiograf: innen das vergangene Ereignis so vergegenwärtigen, wie sie es aus den Spuren der Vergangenheit wahrnehmen. Sodann können sie eine kohärente und sinnvolle Erzählung konstruieren, die das reale Ereignis möglichst genau re-konstruiert. Erst nach dieser maximalen Annäherung könne der Vergangenheit im Modus der absoluten Alterität begegnet werden, um wissenschaftliche Objektivität zu gewähren. 8.4 Anekdotisch erzählen: Vergegenwärtigungen 217 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="218"?> var i Gaar “ (HB: 61 - 62). 60 Die szenische Darstellung greift auf eine so klare Vorstellung zurück, als sei die zeitliche Differenz zum vergangenen Ereignis auf ein Minimum reduziert. Diese Tilgung des zeitlichen Abstands überträgt sich auf die Darstellung, die den vergegenwärtigenden Nachvollzug der Szene ermöglicht. So erklärt auch Gatterer, dass die anschauend erzählten Geschichten „ überall [ … ] aus dem Vergangen etwas Gegenwärtiges machen, damit der Leser Antheil an der Sache nehme, und dadurch unterhalten, oft auch gerührt werde “ (Gatterer 1767: 16). Es ergibt sich folglich, dass die ideale Geschichtsschreibung die Vorstellung von räumlicher Präsenz und Gleichzeitigkeit hervorruft. 61 Eine solche historische Erzählung übertrifft dann sogar den Roman, weil sich die Ereignisse, die von den Lesenden gerade empathisch nachvollzogen wurden, als wahr entpuppen: „ Der Leser, der eine evident erzählte Geschichte gelesen hat, [ … ] hält sich gegen den Geschichtschreiber für doppelt verbunden, erstlich, daß er ihn unterhalten, und hernach, daß er ihn mit wirklichen Wahrheiten unterhalten hat “ (Gatterer 1767: 37 - 38). 62 Gatterer erteilt der Historiografie Qualitäten des romanhaften Erzählens und, auch wenn er es nicht explizit formuliert, empfiehlt die Übernahme von fiktionalen Erzählmuster, wie sie in der aufblühenden Romanliteratur bekannt und beliebt sind. 63 In den Nödiga Förnufts-Öfningar ( „ Notwendige Vernunftsübungen “ , 1737) des schwedischen Autors Anders Rydelius (1737: 22 - 23) wird die fiktionale Literatur mitsamt dem Roman etwa über die Verwendung von „ liufliga Sin-bilder “ ( „ liebliche Sinnbilder “ ) definiert, mit denen ein pädagogischer Zweck erfüllt werden kann (Malm 2001: 69 - 71). Dieselben moraldidaktischen Ergebnisse, wie sie im zeitgenössischen Romandiskurs floskelartig fallen, tauchen auch in der Vorrede auf ( „ Abscheu gegen das Laster und Liebe zur Tugend “ , Gatterer 1767: 18). Die historische Erzählung lehrt aber nicht nur Vernunft und Empathie, sondern leitet vor allem zur Handlung, zu „ ruhmwürdige[n] Entschliessungen “ , an (Gatterer 1767: 16). 64 Zwar verlangt Gatterer mehrmals, dass Historiograf und Leser zu Zuschauern werden, die weiteren Aussagen machen jedoch deutlich, dass es sich dabei nicht um eine rein bildliche Darstellung handelt. Das epistolare Erzählen besitzt besonderes Potenzial zur Vergegenwärtigung, wobei es zusätzlich zur Vergegenwärtigung der historischen Erzählung auch weitere Zeitpunkte zugänglich macht, da die Polyperspektivik seiner parergonalen Struktur nicht nur die erzählte Vergangenheit, sondern auch die Schreibszene und eine mögliche Lesezene dramatisiert (Voßkamp 1971). Im Zentrum steht dabei die psychologische Annäherung 60 „ Aber mag seine Wahl freiwillig oder bestimmt gewesen sein, so liebten sie sich über alles; [ … ] in der Zeit, als sie auf Charlottenburg waren, habe ich mehr als einmal wahre Freude daran gefunden, sie zu beobachten, ohne dass sie mich gesehen hätten; ich erinnere mich besonders gut an den letzten Heiligabend, als wäre es gestern gewesen “ . 61 Wirklich innovativ ist an Gatterers Programm die Aktivierung einer räumlichen Immersion, zumal zeitliche Metalepsen in der Historiografie seit der Antike Usus waren (Fulda 2023: 28). 62 Während sich das Romanpublikum stets wünscht, dass die Schicksale, von denen es gerührt wurde, „ nicht blos erdichtet, sondern wirklich geschehen seyn mögen “ (Gatterer 1767: 22). 63 Blanckenburg (1965: 424 - 437, 493 - 519) basiert seine Ausführungen auf dieselbe ästhetische Theorie wie Gatterer (Henry Homes Elements of Criticism [1762] und dessen „ ideale Gegenwart “ ) und empfiehlt genauso anschauendes Erzählen. Nur so können Urteilsvermögen und Empfindungen geschult und eingeübt werden. 64 So unterstreicht auch Fulda (1996: 163), dass es Gatterer um „ Rührung statt Verstandeserkenntnis, handlungsrelevante Tugendwirkung statt kontemplativer Erkenntnis “ gehe. 218 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="219"?> an die Figuren, die bei Blanckenburg zur Forderung nach der Übereinstimmung von innerer und äußerer Geschichte führte und später in das genetische Modell des Bildungsromans mündete. Allerdings setzte die institutionelle Historiografie - mitsamt Johann Christoph Gatterer - diese formalen Veränderungen erst mit dem Historismus vollumfänglich um. Biehl setzt mit der Vergegenwärtigung auf eine Funktion der Illusion, die in Holbergs Betænkning noch keine Rolle gespielt hatte. Zwar spricht auch er sich dafür aus, dass die Leser: innen bewegt ( „ opvække hver Læsers Attention, og sætte ham i fuld Bevægelse “ , Holberg 1735: B4v) und unterhaltende Fabeln konstruiert werden, aber die Unterhaltung bleibt streng an die rationale Reflexionskraft gebunden. 65 Ein ‚ munterer Stil ‘ ist nur insoweit wichtig, um „ de serieuse Ting “ zu erklären (Holberg 1735: C1r). 66 Biehls empathische Geschichte ist demnach von einem anderen Verständnis der Grenzen und Mittel der Historiografie geprägt. 8.4.3 Historische Aktionspotenziale: Die evidentia der Temporalität Die bisherigen Zitate ermöglichten die Vergegenwärtigung des Geschehens primär durch ihre ausgeprägte Visualität, allerdings kann die Immersion der Lesenden auch über zeitstrukturierende Operationen erzielt werden. In diesem Fall muss der Fokus darauf gelegt werden, wie Zeit vermittelt wird und in welcher Beziehung Erzählung, Geschichte und - da es sich um epistolare Texte handelt - Material stehen. Vergegenwärtigt werden in den Historiske Breve nicht nur die Szenen der Geschichte, sondern auch die Schreib- Szenen. Sie walten somit als selbstreflexive Rahmenfiguren der Vergangenheit und wirken „ von einem bestimmten Außen, im Innern des Verfahrens mit “ (Derrida 1992: 74). Biehl entwirft in den Schreib-Szenen einen Konnex von Zeit, Materialität, Schreiben und Erzählen, der für das gesamte historiografische Projekt von Bedeutung ist. So beendet sie den ersten Brief vom 22. Februar 1784 aufgrund der fortgeschrittenen Zeit, deren Spuren sich im Material eingezeichnet haben: „ Papiiret er næsten fuldt, min Beste, og Soelens kiere Straaler blænder mig “ (HB: 40, s. Abb. 21). 67 Etwas ausführlicher fällt die zweite Schreibszene am Ende des Briefs vom 23. Februar 1784 aus: Naar De lader Öyet falde tilbage paa alt hvad De har læst, og betænker hvor meget jeg fylder paa en Side, saa kan De ikke finde det utroeligt, at Klokken er nærmere Et end Tolv, og at jeg siden de forlod mig ikke har giort andet. Hvad Slutning jeg önsker, at De skulde drage heraf, fatter de let, den, at ved hver Gang mit glade Öye hefter sig paa deres blide Ansigt foröges min Hengivenhed til dem, og giver mig en ustridig Vished om, at mit uforfalskede og reene Venskab til Dem maae ideligen tiltage, og da det giör min sande Lykke, saa maae jeg alt meere og meere blive Deres lykkelige Dorothea (HB: 59 - 60) Wenn Ihr Eure Augen nochmals auf alles, was Ihr gelesen habt, richtet und bedenkt, wie viel Platz ich auf einer Seite fülle, dann könnt Ihr es nicht für unglaubwürdig halten, dass es eher ein Uhr statt zwölf Uhr ist, und ich nichts anderes getan habe, seit Ihr mich verlassen habt. Was für eine Schlussfolgerung Ihr daraus ziehen sollt, versteht Ihr leicht: Jedes Mal, wenn mein glück- 65 „ des Lesers Aufmerksamkeit erregen, und ihn in volle Bewegung setzen muß “ (Holberg 1759: 18). 66 „ die ernsthaften Sachen “ (Holberg 1759: 19). 67 „ Das Papier ist fast voll, mein Bester, und die zarten Strahlen der Sonne blenden mich “ . 8.4 Anekdotisch erzählen: Vergegenwärtigungen 219 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="220"?> liches Auge auf Eurem freundlichen Gesicht verharrt, wächst meine Zuneigung zu Euch und gibt mir die unbestreitbare Gewissheit, dass meine unverfälschte und reine Freundschaft zu Euch beständig zunehmen muss, und da dies mein wahres Glück ist, werde ich mehr und mehr Eure glückliche Dorothea Abb. 21 Ein Blick auf die letzte Seite des Briefs zeigt, dass das Papier tatsächlich fast vollgeschrieben war (Charlotta Dorothea Biehl an Johan Bülow, 22.02.1784). Sowohl die kurze als auch die ausführlichere Schreib-Szene werfen einen flüchtigen Blick auf Biehls Schreibtisch und verlagern die Aufmerksamkeit von der erzählten Geschichte auf den Moment ihrer materiellen Entstehung. Zum einen leisten sie epistolare Beziehungsarbeit: Die zweite malt Biehl als hingebungsvolle Autorin, die allein für ihren Freund erschafft. Beide rechtfertigen den Abschluss des Schreibens über die Erwähnung des Briefpapiers, das die fortgeschrittene Stunde anzeigen soll. Die Unterbrechung der Erzählung wird somit mit der Zeitlichkeit der rahmenden Schreibszene legitimiert. Zum anderen dient die Materialität als Grundlage der vergegenwärtigenden Lektüre; in diesem Fall wird allerdings die historische Schreibszene anstelle des historischen Gegenstands visualisiert - und dies mit besonderer Aufmerksamkeit auf dem Zeitpunkt des Schreibens. Die eingebetteten Schreib-Szenen sind folglich zwar Elemente der konventionellen Briefrhetorik, aber vor allem narrativ funktionalisiert, weil sie die Autorin der Historiske 220 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="221"?> Breve auf die historiografische Bühne bringen. Damit sind sie Orte, an denen Biehl ihr auktoriales Rollenverständnis und Verhältnis zum Gegenstand inszenieren und ihre Stimme im Diskurs profilieren kann. Über andere Zeiten kann Biehl hingegen weitaus weniger frei walten. So klagt sie zu Beginn des zweiten Briefs über all die verpassten Möglichkeiten, mit Bülow zu sprechen, weil ihr Bruder ständig bei ihr zuhause sitzt und seine Bekannten einlädt. De mærker nok, min Bülow at jeg er vranten, jeg er det ogsaa og det med Föye; De opoffrer mig Deres kostbare Öyeblikke, for at giöre mig mine behagelige, og en andens Behag til at hænge over en Ovn skal beröve mig Livets eneste sande Glæde, er virkelig dog haardt. Men da jeg nu har skaffet min Harme Luft, saa vil jeg gaae til min Historie igien. (HB: 42) Ihr merkt wohl, mein Bülow, dass ich wütend bin, das bin ich auch, und zwar mit Fug [und Recht]; Sie opfern mir Ihre kostbaren Augenblicke, um mir meine behaglicher zu machen, und dass mir die Vorliebe eines anderen, über einem Ofen zu hängen, die einzige wahre Freude meines Lebens rauben soll, ist doch wirklich hart. Aber da ich nun meinem Ärger Luft verschafft habe, werde ich wieder zu meiner Geschichte zurückkehren. Wie bei den beiden Schreib-Szenen kontextualisiert Biehl den Raum und die Bedingungen, die ihr Schreiben rahmen. Einerseits wird deutlich, wie sie sich ihren eigenen Freiraum stets erkämpfen muss - ein Phänomen, dessen Ausmaße Virginia Woolf in A Room of One ’ s Own (1929) ausführlich beschrieben hat. Andererseits ist die Szene ein seltenes und angesichts des historiografischen Anspruchs überraschendes Zeugnis von Biehls Gemütsverfassung. Die anschauliche Erzählung der Unannehmlichkeiten, die der Bruder ihr bereitet, ist in allgemeine moralisierende Reflexionen über das menschliche Wesen eingebettet. Dies lädt zum empathischen Nachvollzug ihrer Situation ein und stattet sie mit Charaktereigenschaften aus, die eine unpersönliche und unmarkierte Erzählinstanz nicht besäße. Ihre Erzählstimme ist folglich ungemein menschlicher als der Standarderzähler der institutionellen Historiografie. 68 Wenn Marianne Alenius mit ihrer These recht haben sollte - und dagegen spricht meines Erachtens nichts - , dass die Historiske Breve genauso wie die Regeringsforandringen überarbeitet wurden, dann stellt sich bei dieser emotionalen und metaleptischen Digression die Frage, warum sie nicht gestrichen wurde. In einen historiografischen Text mit objektivem Anspruch gehören solche Abschnitte nämlich nicht. Dafür fügen sie sich in ihrer scheinbaren Spontaneität und Unmittelbarkeit organisch in den Rahmen der empfindsamen Briefkorrespondenz. Als solche bilden sie gemeinsam mit der Beteuerung zur digressiven Erzähllust im Dienste der Freundschaft, einen persönlichen, performativen und literarischen Zugang zur Vergangenheit, mit dem analog zu den IB ein empathischer Zugriff auf den Gegenstand gefunden werden kann. In den Schreib-Szenen manifestiert sich die Vermittlungsrolle von Biehl, aus deren Perspektive die privaten Räume des Königshofs den Leser: innen geöffnet werden. Damit kennzeichnen sie die „ Dreidimensionalität “ des epistolaren Erzählens, „ insofern zurückliegende oder unmittelbare Vergangenheit aktualisiert, Zukunft aus der Gegenwart intentional entworfen oder erfragt und beides im Akt des Schreibens zusammen mit dem Schreibvorgang selbst vergegenwärtigt wird “ (Voßkamp 1971: 99). Weil Biehl ge- 68 In der zeitgenössischen Historiografie wird normalerweise unmarkiert und mit Null-Fokalisierung erzählt (Fulda 1996: 97). 8.4 Anekdotisch erzählen: Vergegenwärtigungen 221 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="222"?> nauso vergegenwärtigt, wie sie vergegenwärtigt werden will, sind die Schreib-Szenen selbstreflexive Figuren der evidentia, mit denen die historiografische Operation vorgeführt wird. Der doppelte empathische Nachvollzug von Rahmung und Gerahmten sollte ihre Funktion als Rahmenfigur reflektieren. Als solche vermittelt sie nicht nur zwischen erzählter Geschichte und extratextuellem Kontext, sondern kann ebenso von beiden beeinflusst werden: In der Auseinandersetzung mit dem Erzählgegenstand wird sie vielleicht zu Tränen gerührt, andererseits bestimmt der extratextuelle Kontext über ihre Schreibzeit und damit über die Erzählgeschichte. Die Erzählung trägt somit Spuren ihrer Schreibszene, sowohl im Sinne Woolfs als auch in rhetorisch-didaktischer Sicht als auktoriale Intention, da epistolares Erzählen stets eine auf die Adressat: innen gerichtete Intention beinhaltet. Im Brief vom 23. Februar 1784 wird der Einfluss vom Kontext explizit: Erst nachdem Biehl Bülow von ihrer Wut berichtet hat, kann sie den Faden der historiografischen Erzählung wieder aufnehmen und im neutralen Ton schreiben. Die Schreib-Szenen stellen die Bedingungen des Schreibens in ihrer emotionalen, materiellen, zeitlichen und örtlichen Dimension dar. Allerdings spart die Inszenierung den Schreibanlass weitestgehend aus - von Freundschaftsdienst und der schmeichelnden Bitte um Erinnerungsaufzeichnung ist die Rede (u. a. HB: 33 - 34), aber welche Werte und Ziele verfolgt Biehls dänische Geschichte außerhalb des epistolaren Privatrahmens? Die rhetorisch-didaktische und ideologische Funktion des Erzählens besitzt besondere Bedeutung hinsichtlich der Adressierung der Historiske Breve, über die sich die Forschung bisher noch nicht einig ist. Doch das Bewusstsein für die gestaltende Macht der Historiografin, ihre Funktion als Rahmenfigur der Vergangenheitserzählung, eröffnet im Verbund mit einer Adressierung der Nachwelt extranarrative Funktionen und Aktionspotenziale von Biehls Historiografie, die sich als evidentia der Temporalität äußern. Ein unscheinbarer Bund der Historiske Breve liegt in der Sorø Akademi gesammelt unter dem Stichwort „ Siette “ ( „ der Siebte “ ). Darin berichtet Biehl von Christians VII. Regierungszeit und legt vor allen Dingen von Anfang bis Ende dar, wie es zur folgenschweren Struensee- Affäre kam, welche Konsequenzen sie nach sich zog und was sich rund um Struensees Hinrichtung ereignete. Die Briefe stammen alle laut Datum vom April 1784, wobei die zentralen Ereignisse des Staatscoups, die Unruhen der „ Juleaftens Fejde “ ( „ Weihnachtsabendfehde “ ) und die schicksalsträchtige Nacht vom 16. auf den 17. Januar 1772, in der Struensee gestürzt wurde, in zwei Briefen vom 16. bzw. 17. April referiert werden (HB: 277 - 289). Am 10. April 1784 berichtet Biehl über einen für den 28. September 1771 geplanten Anschlag, der dank eines verlorenen Briefs vereitelt werden konnte und einen Zusammenschluss von zahlreichen Akteuren aus unterschiedlichen Bereichen und Funktionen im dänischen Staat involvierte (HB: 271 - 274). Entsprechend ihres Anspruchs, die Geschichte vollständig darzulegen, fädelt Biehl die Struktur sorgfältig und im trockenen, aber objektiven Ton auf. Die Sachlichkeit gründet ebenso darauf, dass Biehl den gefundenen Brief in den eigenen Händen halten konnte und somit dessen genauen Inhalt kannte. Als die Erzählung zum geplanten Datum dieses Anschlags, dem Tag, als der Hof aus der Sommerresidenz zurückkehren sollte, fortschreitet, bricht ein emotionaler Ton in den Diskurs ein. Biehl habe, wie sie beteuert, mit großer Nervosität beobachtet, wie die zahlreichen Holzfäller, die in den Komplott involviert wurden, vor dem Schloss lungerten. Doch plötzlich erreichte sie die Nachricht, dass der Hof noch nicht zurückkehren konnte. „ Den Uroelighed 222 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="223"?> hvormed jeg saae Tömmerfolkene gaae ud og den Længsel hvormed jeg ventede at see den ansagde Cour at komme tilbage var overmaade stor, indtil man bragte mig den Efterretning, at en Upasselighed havde hindret Hoffet fra at komme “ (HB: 274). 69 Während sie ruhig aufatmen konnte, wurden nun die Komplotteure in Angst vor den drohenden Konsequenzen versetzt. Mit dieser Unruhe und Unsicherheit endet Biehl den Brief vom 10. April 1784. Der nächste ist erst wieder auf den 16. April 1784 datiert und knüpft in medias res an dieses Gefühl an: „ Med en endnu större Utaalmodighed, end den, min bedste Ven, hvormed jeg ventede paa Udfaldet af denne Tildragelse, længtes jeg efter at see hvad Fölgerne af Opdagelsen vilde blive, jeg gruede for at Struensee ved Blods Udgydelse vilde söge at indjage Skræk, og sætte sig i Sikkerhed vor Fremtiiden “ (HB: 274). 70 Die Artikulation ihrer Nervosität erfüllt zwei unterschiedliche Funktionen, von denen die eine die Schreibszene, die andere die Lektüre betrifft. Zum einen inszeniert sich Biehl wiederum als empathischer Mensch, jedoch in diesem Fall als empathische Beobachterin der vergangenen Ereignisse, d. h. aufgrund ihrer Doppelrolle als Erzählerin und Teilnehmerin der Handlungszeit wird sie folgerichtig intern fokalisiert und zu einem Ankerpunkt für die empathische Lektüre. Zum anderen ist es ein Leichtes, eine ebensolche ungeduldige Neugierde bei den Leser: innen festzustellen, die am Ende des vorherigen Briefs aufgrund des gesetzten Spannungsbogen über das gleiche unvollständige Wissen verfügen wie die historische Beobachterin Biehl. Da die Handlung auf ein entscheidendes Ereignis zutrieb, aber der Brief endete, bevor alle Folgen erzählt werden konnten, stießen die Leser: innen auf einen Cliffhanger (zur Koordination von Erzählen, Geschichte und Materialität: Caracciolo/ Kukkonen 2021: 164; Genette 2010: 54). Zwischen autodiegetischer Erzählerin und Rezipient: innen kommt es folglich zu einer emotionalen Spiegelung. Es kann deshalb angenommen werden, dass sowohl die historische Beobachterin Biehl als auch die Leser: innen die nächsten Ereignisse der Geschichte mit großer Spannung erwarteten: Geschichte und Lektüre befinden sich zumindest emotional und phänomenologisch in einer Simultanität. Dieses Gefühl der Unruhe und der Neugierde ist deshalb von Bedeutung, weil es in die Erzählung der Palastrevolution einleitet. Eine Eigenschaft des epistolaren Erzählens ist die Produktion von Cliffhangern, denn meistens wird inmitten eines vor sich gehenden Geschehens und in Erwartung eines wichtigen Ereignisses berichtet. In der Epistolarität kommt es deshalb oft zu erwartungsvollen Spannungen auf die nächste Mitteilung (Strobel 2020: 307; in Bezug auf fiktionale Epistolarität: Voßkamp 1971: 98). Biehls dramatische Darstellung der Nacht auf den 17. Januar 1772 schreitet in einem ähnlich hohen Tempo wie die erzählten Ereignisse voran. Da metanarrative Kommentare beinahe gänzlich ausgelassen werden, tritt die Erzählstimme zugunsten der dargestellten Handlung in den Hintergrund. Stattdessen wird zwischen mehreren Schauplätzen gewechselt, um der Wahrnehmung der verschiedenen Protagonisten zu folgen und deren Dialoge wiederzugeben. Die Szenenwechsel treiben die Handlung derart voran, dass sich 69 „ Die Unruhe, mit der ich die Holzfäller hinausgehen sah, und die Sehnsucht, mit der ich darauf wartete, den angekündigten Hofstaat zurückkehren zu sehen, waren überaus groß, bis man mir die Nachricht überbrachte, dass eine Unpässlichkeit den Hof daran gehindert hatte zu kommen “ . 70 „ Mit noch größerer Ungeduld als der, mit der ich, mein bester Freund, auf den Ausgang dieses Ereignisses gewartet hatte, sehnte ich mich danach zu sehen, welche Folgen die Entdeckung haben würde, ich fürchtete, dass Struensee durch Blutvergießen versuchen würde, Schrecken zu verbreiten und sich in Sicherheit vor der Zukunft zu bringen “ . 8.4 Anekdotisch erzählen: Vergegenwärtigungen 223 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="224"?> die Darstellung in einem atemlosen Tempo verliert, dessen Sog man sich nur schlecht entziehen kann. Diese Dramatik weckt zwar nur bei modernen Leser: innen Assoziationen zum schnellen Schnitt des filmischen Erzählens, führt aber grundsätzlich zu Vergegenwärtigung und empathischen Nachvollzug. Auch hier endet der Brief mit einem Cliffhanger, allerdings dieses Mal abrupt. Ohne erläuternde Entschuldigung unterbricht Biehl das Schreiben, um es am nächsten Tag - wiederum ohne Kontextualisierung und sogar ohne Anrede - fortzusetzen (vgl. Abb. 22). Noget efter Fem om Morgenen kom Eichstedt til dem, berettede Hendes Mayestet at alleting var nu roelig og stille og hans Regiement saaledes fordeelet Patrouille viis i Nærheden af Slottet, at De i et Öyeblik kunde stöde sammen. I Guds Navn da, sagde hun, krævede de fornödne Papiirer af Guldberg, som kom frem med sin Muffe, hvori de Cabinets Ordrer som Kongen skulde underskrive vare indsyede. Banner og Eichstedt gik hen og besadte alle de Gange og Döre, som Jessen anviiste dem med Vagt, og een eller to Officierer, og da det var skeedt, gik de tilbage, og toge med Dronningen, Prinds Friderich, Guldberg og Bieringskiold Veyen til Kongens Sovegemak, hvorved Jessen gik med Lys foran og lukkede op. Farvel min inderlig elskede Bülow for denne Gang. Den 17 de April 84. Ved Dörens uventede Aabning vaagnede Kongen, og kaldte i störste Angst og Forskrækkelse paa Schack, da han saae 6 til 7 Mennesker komme ind til sig, og Schack som hörte Kongen kalde, men ikke saae nogen, sprang hurtig af Sengen og kom Dronningen i Möde i den allerdybeste Negligé. Da han saae hende, vilde han löbe ud af Gemakket, men hun, hvis Blyefærdighed blev mindre sadt i Bevægelse over et halvt nögent Menneskes Nærværelse, end hun frygtede for den Hinder hans Anskrig over hendes Komme kunde giöre i hendes Anslags lykkelig Udförelse, om han kom ud af Gemakket, lod ham holde tilbage, og befalede ham at være roelig. Efter Banners Beretning, af hvis Mund jeg har det, skal Kongen med sammenfoldede Hænder have reyst sig op i Sengen og bedet for sit Liv. (HB: 285 - 286) Kurz nach fünf Uhr morgens kam Eichstedt zu ihnen und berichtete Ihrer Majestät, dass nun alles ruhig und still sei und sein Regiment so in Patrouillen in der Nähe des Schlosses aufgestellt sei, dass sie jeden Augenblick aufeinandertreffen könnten. In Gottes Namen, sagte sie, forderte die erforderlichen Papiere von Guldberg, der mit seinem Muff hervortrat, in dem die Kabinettsbefehle, die der König unterzeichnen sollte, eingenäht waren. Banner und Eichstedt gingen und besetzten alle Gänge und Türen, die Jessen ihnen zugewiesen hatte, mit Wachen und einem oder zwei Offizieren, und als das geschehen war, gingen sie zurück und zogen mit der Königin, Prinz Frederik, Guldberg und Bieringskiold zum Schlafgemach des Königs, wobei Jessen mit einer Kerze voranging und aufschloss. Lebewohl, mein innig geliebter Bülow, für dieses Mal. 17. April 1784 Vom unerwarteten Öffnen der Tür erwachte der König und rief in größter Angst und Schrecken nach Schack, als er sechs bis sieben Menschen zu sich hereinkommen sah. Schack, der den König rufen hörte, aber niemanden sah, sprang schnell aus dem Bett und kam der Königin im tiefsitzendem Negligé entgegen. Als er sie sah, wollte er aus dem Zimmer laufen, aber sie, deren Scham von der Anwesenheit eines halbnackten Menschen weniger erschüttert war als ihre Furcht vor dem Hindernis, das sein Aufschrei über ihr Kommen für die glückliche Ausführung ihres Anschlags darstellen könnte, sofern er aus dem Zimmer käme, ließ ihn zurückhalten und befahl ihm, ruhig zu bleiben. Nach Banners Bericht, aus dessen Mund ich es habe, soll der König mit gefalteten Händen aus dem Bett aufgestanden sein und um sein Leben gebetet haben. 224 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="225"?> Abb. 22 Wiederaufnahme der Erzählung ohne Anrede oder sonstige metanarrative Kommentierung (Charlotta Dorothea Biehl an Johan Bülow, 17.04.1784). Im Gegensatz zu Cliffhangern in gedruckten Texten erzeugt dieser Abbruch eine längere Pause, da nicht bloß umgeblättert, sondern der aktuelle Brief erst abgelegt werden muss, um den nächsten aufzunehmen und weiterlesen zu können. Die überstürzenden Ereignisse der Geschichte werden folglich mit der szenischen Darstellung und einer materiellen Pause koordiniert, sodass die Handlungsgeschwindigkeit hoch ist, die Lektüre aber nicht Schritt halten kann. Die Koordination von inhaltlicher und diskursiver Temporalität begünstigt Vergegenwärtigung und Immersion, deren Sogwirkung aber erst durch die Pause bewusst wird. Das wachsende Erzähltempo und die plötzliche Pause erzeugen bei der Lektüre Spannung und Erwartungen darüber, was als nächstes passieren wird. Obschon das Ende des nächtlichen Anschlags bekannt ist, fiebert man der Auflösung entgegen. Wie zuvor entsteht ein Gefühl der Dringlichkeit und des Handlungsbedarfs. Zwischen erzählter Geschichte und Lektüre kommt es folglich zu Simultanität und Äquivalenz, wie sieht es aber mit dem Verhältnis von Schreibszene und Erzählung aus? Die fiktionale Epistolarität schult das Bewusstsein für die Bedeutung der Intervalle zwischen den Briefen, in denen sich Ereignisse zutragen können, die maßgebliche Auswirkungen auf die Briefschreibenden und -lesenden haben (s. o., Kap. 8.3.2). Bisweilen erhalten diese Zwischenräume typografische Präsenz, etwa wenn Unterbrechungen mit 8.4 Anekdotisch erzählen: Vergegenwärtigungen 225 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="226"?> Asterisken gekennzeichnet werden. Insofern als Briefe andererseits Medium und Handlungselement sind, bestimmen die emotionalen, materiellen, politischen und ideologischen Aspekte der Schreibszene über die Intention und Funktion des epistolaren Schreibens. Am 14. April 1784 verhalf Bülow mit einer Gruppe Verbündeter dem jungen Kronprinzen Frederik VI. in einem Staatscoup an die Macht: Frederik VI. schaffte es, bei seiner ersten Geheimratssitzung eine Resolution zur Auflösung der Kabinettsregierung vom noch regierenden Christian VII. mitsamt dem wichtigen Dokument unterschreiben zu lassen. Im darauffolgenden Tumult sperrte sich Christian VII. aus Angst in ein Zimmer ein, worauf der Erbprinz - und Bruder Christians VII. - Frederik ihm hinterhereilte, um die Resolution an sich zu bringen. Das gelang ihm jedoch nicht, weil Frederik VI. ihn überwältigen konnte. Damit lag die ausführende Gewalt nun beim Staatsrat, der von Frederik VI. geleitet wurde, und die Regentschaft von Christian VII. war de facto beendet (Feldbaek 1990: 234 - 237). Die erzählte Palastrevolution und die politische Lage während der Schreibszene erscheinen so als Ereignisse mit zahlreichen Gemeinsamkeiten: Beide wurden von einer Gruppe sorgfältig geplant, im Innern des Königshofs durchgeführt und involvierten überstürzende Szenen, in denen es zu Handgemengen zwischen den Figuren kam und Christian VII. verängstigt wurde. In der Gegenüberstellung tritt gleichzeitig ein entscheidender Unterschied umso deutlicher hervor, da Frederik VI. den offiziellen politischen Abläufen folgte, als er die Machtverteilung über eine Resolution in die Wege leitete. Aus dieser Perspektive legitimiert die Erzählung implizit das jüngste Geschehen der Schreibszene, zumal dieses eine Ordnung wiedereinsetzte, die mit Christian VII. verloren gegangen war. 71 Die Koordination von Geschwindigkeiten in der Geschichte und der Erzählung führt oft zu Cliffhangern, im Besonderen, wenn sie mit einer materiellen Unterbrechung zusammentreffen. Doch hier ergibt sich eine Koordination, die als „ Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen “ bezeichnet werden könnte, sofern der Begriff von seiner ursprünglichen Bedeutung entkoppelt wird. 72 Denn es geht nicht um eine ontologische Gleichzeitigkeit, sondern eine epistolar-narrative: Obwohl zeitlich voneinander getrennt, bilden Schreibszene und erzählte Szene eine Analogie, die erst durch die Dreidimensionalität der epistolaren Erzählung zustande kommt. Insofern als Vergegenwärtigung auch beim kontrafaktischen Erzählen eingesetzt wurde, um laterale Zeiten zu entwerfen, verwandeln sich die Details dieser visualisierten Szenen zu Potenzialitäten der Vergangenheit - zu Augenblicken, in denen der historische Ereignisverlauf hätte verändert werden können. Der Hinweis auf das knappe Négligé scheint auf den ersten Blick überflüssig, tatsächlich vertieft er die psychologische Charakterisierung von Schack und der Königin Juliane Marie - und fragt implizit danach, was passiert wäre, wenn er nicht unangenehm berührt, oder sie weniger nonchalant gewesen wäre. Auf diese Weise betont die anschauende Erzählung die Rolle und Hand- 71 Nicht erst Guldberg 1772, sondern bereits Struensee wussten sich die labile geistige Gesundheit von Christian VII. zunutze zu machen. 72 Eigentlich bezeichnet der Begriff die gleichzeitige Existenz verschiedener Zeitstufen, einerseits die Simultanität von linearen und zyklischen Zeitschichten, andererseits die Simultanität verschiedener Gesellschaftsformen und technologischen Fortschrittsstufen. Er entstand um 1800 (Koselleck 2020: 132). 226 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="227"?> lungsfähigkeit des einzelnen Menschen in einem kritischen Moment der dänischen Politik. Der Fokus auf die Szene macht die Zukunftsoffenheit der historischen Situation bewusst, d. h. die Vergangenheit wird mit Merkmalen der Zukunft ausgestattet. Sobald es zu solchen Reflexionen über laterale Zeitstrahlen kommt, überkreuzt sich die vergegenwärtigende Zukunftsoffenheit der Vergangenheit mit der Retrospektion. Was sich in dieser Simultanität von Schreibszene und Geschichte artikuliert, ist das ‚ Projekt der zu machenden Geschichte ‘ , das Ric œ ur (1991: 368) zum Schluss seiner Studie der Zeit vorstellt. Seine narratologische Zeittheorie führte ihn letztlich zu einer praktischen Philosophie, die das politische Potenzial aus den überkreuzten Zeiten schöpft. Denn die zeitstrukturierenden Operationen des Erzählens und deren Rezeption offenbaren, dass sich Vergangenheitsinterpretation und Zukunftsentwürfe gegenseitig bedingen. So lassen sich im vergangenen Ereignisablauf verpasste Chancen für die Erlangung der erhofften Zukunft finden. 73 Zukunftsentwürfe und historische Retrospektion werden in der Gegenwart getroffen, die, so Ric œ ur, infolge der Vermittlung der Zeitperspektiven zur Zeit der Initiative werde. Die politisch-ethische Funktion des brachliegenden Potenzials der Vergangenheit lässt sich meines Erachtens auch in den Historiske Breve verfolgen, wie bereits der Blick auf die kontrafaktische Geschichte gezeigt hat (dazu auch Gallagher 2018: 47). Doch auch die Koordination von Schreibszene und erzählter Zeit führt zum Bewusstsein für den historischen Moment, für den einen Zeitpunkt (den kairos), an dem die Zukunft eines Landes nachhaltig verändert werden kann. Die unruhige Ungeduld, mit der Biehl den Brief vom 10. April beendete, ist sicherlich die authentische Wiedergabe ihres Gefühls während des intradiegetischen Zeitpunkts; sie kann aber genauso von der Schreibszene auf den Diskurs projiziert worden sein. Denn an diesem Tag wusste sie bereits von den Plänen der Staatscoupgruppe und wartete vermutlich ungeduldig auf die erste Geheimratssitzung von Frederik VI. Dieser Tag stellte für ihre Schreibszene den kairos dar. 74 Demnach hätte sie ihre Stimmung (noch) nicht von sich geschrieben, wie es beim Frust über den Bruder der Fall war. Während der Lektüre scheint dann der Palastputsch aufzufordern, aus den vergangenen Ereignissen eine Lehre zu ziehen und ähnliche Vorkommnisse zu verhindern. Die appellatorische Funktion ist in der Passage keineswegs explizit formuliert, sondern ergibt sich erst, wenn die zeitstrukturierende Operation und ihr atemloser Präsenzeffekt mit dem Zeitpunkt der Niederschrift zusammengeführt und mit der Kommunikationsintention des epistolaren Erzählens abgeglichen wird. Genauso verhüllt die epistolare Rhetorik ihre tatsächliche Adressierung, doch lässt sich dieser Knoten leicht lösen: Weil Bülow zur Zeit der Schreibszene seine wichtige Rolle im politischen Coup gegen Christian VII. bereits gespielt hatte, muss sich das Gefühl des Handlungsbedarfs, das die dramatische Darstellung weckt, nicht bei ihm einstellen. Es gilt 73 „ [U]nsere zukunftsbezogenen Erwartungen [können] die Neuinterpretation der Vergangenheit derart beeinflussen, daß diese in einer Vergangenheit, die angeblich ein für allemal vorbei sein soll, vergessene Möglichkeiten, brachliegende Potentialitäten oder niedergehaltene Bestrebungen aufdeckt (eine der Funktionen der Geschichte besteht in dieser Hinsicht darin, jene Augenblicke der Vergangenheit wieder vor Augen zu stellen, in denen die Zukunft noch nicht entschieden und die Vergangenheit selber ein Erfahrungsraum war, der sich einem Erwartungshorizont öffnete) “ (Ric œ ur 1991: 368). 74 Diese Interpretation ergibt sich auch aufgrund von Biehls Brief an Johan Bülow vom 08.04.1784 (Sorø Akademi), in dem sie in leicht kodifizierter Weise über den Kronprinzen und die nahende Sitzung schreibt. 8.4 Anekdotisch erzählen: Vergegenwärtigungen 227 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="228"?> vielmehr das anonyme Publikum der Nachwelt vor den Risiken zu warnen und ihnen das brachliegende Potenzial der Vergangenheit zur Zukunftsvision werden zu lassen. Dazu passt die Grundeigenschaft des epistolaren Schreibens, dass eine Antwort stets impliziert ist: „ Briefe möchten ihre Zukunft gleichsam erzwingen “ (Strobel 2020: 308). Mit dieser Aufmerksamkeit für das formale Doppelspiel der Historiske Breve lassen sich auch die reflektierenden Abschnitte am Ende des Textes in die Interpretation integrieren. Die allgemeinen Überlegungen, die Biehl aus den Ereignissen extrapoliert, dürften auch für zukünftige Situationen von Bedeutung sein. Wie gesehen wurde, adressiert sie Bülow mehrmals und versucht somit, den empathischen und reflektierenden Nachvollzug bei ihm und dem anonymen Publikum anzuregen. Insgesamt artikulieren die Historiske Breve eine politische und moralische Botschaft, die zwar optimistisch auf die neue Zeit blickt, jedoch auch mahnend an die geheimen Intrigen und Fallhöhen der Monarchie erinnert. Die anschauende Vergegenwärtigung der Historiografie hebt zwei zentrale Aspekte der Historiske Breve hervor. Sie bedienen sich im größeren Ausmaß Strategien des fiktionalen Erzählens, weil sie die Geschichte anhand einzelner Figuren veranschaulicht. Dabei geht es ihr gerade um mehr als die Vorstellung einer Geschichte, vielmehr möchte sie, dass die Leser: innen die Fülle der Vergangenheit selbst erfahren können. Eine historische Situation, die empathisch nachvollzogen werden soll, muss als Bild gestaltet werden, das einen menschlichen und ganzheitlichen Zugang liefert. Das Verdienst der epistolaren Ausprägung der Historiografie liegt somit darin, dass sie Impulse für eine empathische und damit ganzheitliche Lektüre liefert. Der zweite Aspekt betrifft die Simultanität der Zeiten in einer historischen Gegenwart. Die Epistolarität manifestiert die Erzählzeit in der Datierung, aber auch in Schreib-Szenen. Zum einen markieren diese die Vermittlungsrolle der Erzählinstanz zwischen erinnerter Vergangenheit und adressierter Zukunft. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf die Zukunftserwirkung der Briefe, d. h. die Potenzialität von axiologischen Funktionen, denen das Erzählen folgt. Das politische Aktionspotenzial der Historiske Breve liegt darin, dass ihre historiografische Darstellung die Leser: innen der Nachwelt zunächst belehren und danach vor ähnlichen Situationen ermahnen möchte. Die Briefe sind deshalb nicht bloße Erzählung, sondern performative Sprechakte. Es geht Biehl am Ende weniger um ein Sagen der Vergangenheit als um ein Handeln aus der Vergangenheit. 8.5 Die Zeit der Monarchie erzählen: Performative Historiografie Die Historiske Breve nutzen die Erzählfunktion Brief, um mit anderen Formen des historiografischen Erzählens zu experimentieren, indem sie fiktionales und faktuales Erzählen kombinieren und die Vergangenheit wie auch die Schreib-Szene selbst auf die Bühne bringen. Mit diesen Transgressionen stehen sie nicht allein da, wie der Blick auf die Gattungsahnen der Historia Arcana zeigte. Die Historia Arcana lässt nicht nur die marginalisierten Stimmen zu Wort kommen, sondern erzählt Geschichte auch mit innovativen rhetorischen und literarischen Verfahren. Sie operiert bezüglich ihres Inhalts und ihrer verbalen Gestaltung außerhalb der Konventionen und verbindet faktualen Gegenstand mit fiktionaler Schreibtradition. Diese Herausforderung der Gattungsgrenzen führt bei den 228 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="229"?> Historiske Breve zu einer eigenen Stilistik der Historiografie. Sie erzählen die Geschichte des dänischen Königshofs mit den Mitteln des bürgerlichen Romans - die einzelnen Episoden sind ähnlich wie Voltaires dramatische Geschichtsschreibung als Fabeln komponiert und stellen die Charaktere der historischen Figuren in Handlung dar. So figurieren die Mitglieder des Hofs auch als Metonymien des dänischen Staats und der Bevölkerung: Während persönliche Konflikte die Politik maßgeblich beeinflussen, repräsentieren Charaktereigenschaften wie Genügsamkeit oder Maßlosigkeit Tendenzen, die sich auch im Volk wiederfinden. Die Verbindung von literarischen Verfahren und historischem Gegenstand veranschaulicht die Geschichte als ganzheitliches und dreidimensionales Zeitbild, das immersiv vergegenwärtigt werden kann. Da Darstellung und Epistemologie an denselben Verfahren gemessen werden, setzt diese Rekonstruktion der vergangenen Wirklichkeit bei der Historiografin einen annähernden Kontakt mit der Vergangenheit voraus. Der Fokus auf die Akteure der Monarchie verlangt deshalb empathische Kompetenz, d. h. die Fähigkeit, sich in andere Menschen zu versetzen, um deren Handlungen nachzuvollziehen. Der empathische Nachvollzug der Vergangenheit liegt der moraldidaktischen Absicht der Historiske Breve zugrunde, die Liebe zur Tugend und Abscheu gegen das Laster lehren sollen. Intentionalität und Verfahren gliedern sich damit in Gatterers Entwurf der anschauend erzählten Geschichte ein. Andererseits entsprechen sie Biehls moraldidaktischer Absicht, die nach eigenen Worten auch hinter den Moralske Fortællinger (1781/ 1782) gelegen hat: Mit den Erzählungen beabsichtigte sie, „ at giøre min erhvervede Kundskab om Verden og det menneskelige Hierte nyttig for unge og uerfarne Personer af mit Kiøn “ (Biehl 1782: 349 - 350; s. auch Zetterberg-Nielsen 2022: 417 - 418). 75 Doch im Gegensatz zu den fiktionalen Erzählungen überlässt sie häufig die finale Urteilsfällung Bülow bzw. den Leser: innen. Die Temporalität der Historiske Breve konstituiert und durchbricht narrative Folge: Dank der kontinuierlichen Datierung weisen sie eine Chronologie auf, genauso ist der historische Gegenstand mehrheitlich chronologisch gegliedert. Dennoch übt Biehl Zeitkontrolle aus, indem sie an einigen Stellen Anachronien einbaut, um multidimensional und polyperspektivisch zu erzählen. Die Zeitlichkeit von Erzählung und Geschichte werden derart strukturiert, dass der historische Gegenstand auch figurativ dargestellt wird. Damit schaffen die Historiske Breve ein vielschichtiges Bild der Vergangenheit, das der Komplexität der gelebten Zeit rhetorisch und narrativ nahekommt, auch wenn historiografische Vollständigkeit ein unerreichbares Ideal bleiben muss. Eingriffe in die Vergangenheit arbeiten wesentliche Faktoren heraus, die zu Bifurkationen im Zeitstrahl führen. Die kontrafaktische Geschichte ist zwar Bestandteil der argumentativen Teile der Historiske Breve, dennoch substanziell auf kreatives Erzählen angewiesen, weil sie laterale Zeitstrahlen imaginiert und im Irrealis erzählt. Dafür muss die Vergangenheit ganzheitlich vergegenwärtigt werden, um das volle Handlungsspektrum der Figuren zu erkennen. Erst diese offene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ermöglicht es, alternative Verläufe und Enden der Geschichte zu produzieren. Die 75 „ mein erworbenes Wissen über die Welt und das menschliche Herz zum Nutzen für junge und unerfahrene Personen meines Geschlechts zu machen “ . Die explizite Adressierung von Frauen und die thematische Ausrichtung an weiblichen Anliegen sind innerhalb des literarischen Kontextes als innovativ zu betrachten (Zetterberg-Nielsen 2022: 417 - 418). 8.5 Die Zeit der Monarchie erzählen: Performative Historiografie 229 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="230"?> kontrafaktische Geschichte verbindet deshalb zukunftsoffene Vergegenwärtigung und lineare Kausalität. Das sind wesentliche poetische Kompetenzen, in die auch das Publikum eingeübt wird, indem die Schlusspunkte der alternativen Ereignisverläufe nicht erzählt werden. In ähnlicher Weise operieren die szenischen Passagen, in denen das Tempo gesteigert und auf Erzählerkommentare verzichtet wird, sodass sie Spannung aufbauen und ein Gefühl der Dringlichkeit hervorrufen. Das szenische Erzählen unterstützt die Vergegenwärtigung der Vergangenheit, anhand der die Leser: innen den Figuren möglichst nahekommen können. Dabei ist es bemerkenswert, dass die allumfassende Vergegenwärtigung die historische Szene auch mit narrativer Zeitkontrolle spüren lässt. Wie bei der kontrafaktischen Geschichte imaginiert dieses Verfahren die Kontingenz der Vergangenheit, indem es den Schwerpunkt bei den Details des historischen Moments und der Handlungsfähigkeit der einzelnen Figur setzt, sodass historische Kontinuität und Teleologie ausgehebelt werden. Die dreidimensionale Vergegenwärtigung des epistolaren Erzählens wird auf diese Weise mit der Praxis des empathischen Nachvollzugs verbunden, sodass brachliegendes Aktionspotenzial der Vergangenheit deutlich wird. Ähnlich argumentiert der New Historicism für die Bedeutung der Anekdote als einen Forschungsgegenstand, der unmittelbaren Zugang zur Vergangenheit verschafft. Dabei dient die Anekdote der heuristischen und inspirierenden Annäherung an die Vergangenheit. Sie zeichnet sich außerdem dadurch aus, dass sie in die Linearität der Zeit eingreift und somit narrative Zeitkontrolle ausübt. Ihr Mehrwert, so Joel Fineman, liegt in der paradoxen Vermählung von Dekonstruktion und Re-Konstruktion der historischen Erzählung. Die Anekdote durchbricht die teleologisch angelegte Geschichte, indem sie sich in ihr als gerahmte Kleinsterzählung einnistet: [T]he anecdote is the literary form that uniquely lets history happen by virtue of the way it introduces an opening into the teleological, and therefore timeless, narration of beginning, middle, and end. The anecdote produces the effect of the real, the occurrence of contingency, by establishing an event as an event within and yet without the framing context of historical successivity, i. e., it does so only in so far as its narration both comprises and refracts the narration it reports. (Fineman 1989: 61) Was Fineman hier beschreibt, kommt den Effekten gleich, die bei Biehls narrativer Vergegenwärtigungsstrategie gesehen wurden. Der Fokus verschiebt sich vom erzählenden Referat der vergangenen Ereignisse zur dramatischen Szene, deren Anschaulichkeit die rahmende historische Erzählung usurpiert. Oft lassen sich länger andauernde Veränderungen an einer Anekdote heuristisch darstellen. Sie kann auch außerhalb der historischen Kontinuität existieren und ist meistens das einzige Element, das in Erinnerung bleibt. Das anekdotische Erzählen ist somit performative Narration, weil es die Geschichte als Ereignis auf die Bühne bringt; es vereint, so konstatiert Fineman (1989: 60), Sein und Zeit - „ Being and Time “ . Indem Anekdoten Präsenz simulieren und Realitätseffekte auslösen, ermöglichen sie den empathischen Nachvollzug der Vergangenheit. Allerdings kann das anekdotische Erzählen kraft seiner dekonstruierenden und öffnenden Dynamik die rahmende Epistolarität verändern. Wenn mit der Anekdote die Geschichte auf formaler Ebene zum Ereignis wird und auf die Bühne tritt, dann setzt das epistolare Schreiben die Geschichtsschreibung in Szene - mit anderen Worten: the epistolary text lets historiography happen. Diese doppelte Rahmung wurde beim Kirschen- 230 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="231"?> Tableau sichtbar: Weil das epistolare Schreiben Schreib- und Lese-Szenen impliziert, beobachtet es sich stets selbst und bietet sich dem Publikum als Anschauungsobjekt an. Es verwandelt das historiografische Erkenntnisverfahren in eine erzählbare Anekdote, die - wie die historische Anekdote - das gesamte Verfahren symbolisch auf eine Kleinsterzählung reduziert und dieses gleichzeitig enthält. Statt der üblichen Entkopplung des räumlichen und zeitlichen Kontextes im wissenschaftlichen Schreiben richtet Biehl in den Historiske Breve den Scheinwerfer vielmehr auf die Ereignisse, die ihre Arbeit bestimmen. Den Konflikt mit dem Bruder muss sie erst von sich „ losschreiben “ , um sich danach dem historischen Gegenstand zuzuwenden; der zu erzählende Tod von Frederik V. geht ihr emotional dermaßen nahe, dass sie ihn mit Anekdoten aufschiebt. Indem sie sich somit selbst als empathische Historiografin darstellt, die gleichermaßen vom äußeren Kontext beeinflusst wird wie die Wahrnehmung ihrer Figuren nachvollzieht, führt sie die literarischen Ansprüche an ihr Projekt auf allegorische Weise in Schreib-Szenen aus. Ohnehin muss ich an dieser Stelle auf das Beispiel der Einleitung zurückkommen. Indem Biehl zwei Anekdoten über Frederik V. erzählt, verschiebt sie freilich nicht das historische Eintreten von Frederiks V. Tod, doch dessen diskursiven Auftritt und die dafür nötige poetische Bearbeitung. Diese Zeitkontrolle folgt keiner intradiegetischen Funktionalisierung, sondern kommt extranarrativen Motiven nach. Dabei ist bemerkenswert, dass Biehls Einsatz der Anekdoten eine der fundamentalsten extranarrativen Funktionen erfüllt: den zeitlichen Aufschub. Das Erzählen um des Aufschubs willen erfuhr seine berühmteste Entfaltung in Tausendundeine Nacht, in der Scheherazade ihre Hinrichtung jedes Mal auf den nächsten Tag verschiebt, indem sie dem König eine Geschichte erzählt. Deshalb sind Biehls Anekdoten doppelt performativ, denn neben der historischen Inszenierung werden sie als sprachliche Handlungen eingesetzt. Dies entspricht zudem der Funktionalität von Briefen, die zunächst Sprechhandlungen darstellen und erst in sekundärer, nicht-pragmatischer Verwendung zu Erzählformen umgenutzt werden. Damit knüpft diese narrative Zeitkontrolle an die Konstruktion von Simultanität an, wie sie anhand der Palastrevolution gesehen wurde. Beide Abschnitte sind performative Sprechakte, weil sie erzählen und handeln, und folgen mithin extranarrativen Motivierungen. Doch die Bezugspunkte der extranarrativen Motive opponieren sich: Der narrative Aufschub der eingeschobenen Anekdoten begründet sich im empathischen Nachvollzug der Schreiberin, während die Revolutionsszene das ungenutzte Aktionspotenzial der Vergangenheit visualisieren und die Beteiligung des Publikums aktivieren soll. Ein folgenschweres Ereignis hemmt und pausiert auf der einen Seite den Diskurs, auf der anderen beschleunigt es das Erzählen. Hier treibt es auf einen Umschlag zu, der umgesetzt, aber auch erzählt werden will. Die narrative Zeitkontrolle ist somit ein Instrument, das, weil damit extranarrative Funktionen erfüllt werden können, das epistolare Schreiben und allgemeiner das Erzählen zur Sprechhandlung werden lässt. Anekdotisches Erzählen und epistolares Schreiben sind von denselben Prämissen getragen: Sie setzen Rahmungs- und Spiegelungsverhältnisse in Gang, inszenieren Sachverhalte und bringen Wandel herbei - oder zielen zumindest auf einen Umschlag. Sie sind beide auf formaler Ebene Ereignisse, denn sie öffnen die teleologische und lineare Vergangenheitskonstruktion der Geschichte und ermöglichen lesende Vergegenwärtigung. Die Erzählfunktion Brief in der Historiografie konstruiert auf inhaltlicher, diskursiver und rezipierender Ebene Wendepunkte. Die Historiske Breve demonstrieren 8.5 Die Zeit der Monarchie erzählen: Performative Historiografie 231 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="232"?> folglich, dass die strukturelle Parallelisierung der Performativität von Geschichte und Darstellung durch deren Äquivalent in der Rezeption, der Lektüre, erweitert werden muss. Die gerahmten Erzählungen, seien sie materiell oder narrativ begrenzt, ordnen die Geschichte in greifbare und begreifliche Einheiten. Die Historiske Breve bieten deshalb nicht nur Orientierung, indem sie die Vergangenheit als lineare Kausalität erzählen, sondern auch weil sie diese in memorierbare Ideen kondensieren. 232 8 Charlotta Dorothea Biehls Briefe an die Zukunft Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="233"?> 9 Fazit: Transversale Epistolarität Die epistolare Literatur ist buchstäblich „ et Mellem-Stykke “ (BR: 4), da sie ihren Ort im Dazwischen hat: Quer zum Gattungssystem, polyphon und polyperspektivisch, polymodal und polyfunktional, faktual und fiktional fordert sie den Literaturbetrieb und die Vorstellung von Literatur und Erzählen im 18. Jahrhundert heraus. Diese medialen, generischen, narrativen und stilistischen Hybridisierungen der skandinavischen epistolaren Literatur des 18. Jahrhunderts wurden anhand von exemplarischen Analysen untersucht. Dabei zeigte sich ein breites Spektrum an unterschiedlichen epistolaren Erzählungen, von der Langform des polylogischen Briefromans bis zu in den Fließtext integrierten, typografisch nicht ausgezeichneten epistolaren Einlagen, aber auch historische, philosophische und essayistische Briefe. Deshalb stand das komplexe Zusammenspiel der unterschiedlichen Formen der epistolaren Literatur und gerade auch der Transfer von fiktionalen und faktualen Erzähltechniken im Fokus. Denn die Epistolarität wirkte deshalb innovationstreibend, weil ihr transversaler Status Gattungen, literarische Praktiken sowie Medialität und Materialität von Beginn an vernetzte. Indem die Epistolarität auf diese Weise Erzähltechniken außerhalb der Konventionen bietet, kann sie als Erzählfunktion Brief begriffen werden, die Bühne und Laboratorium schafft, um Praktiken der Literatur und Erzählverfahren performativ, selbstreflexiv und poetologisch zu verhandeln. Die Funktion der Bühne des epistolaren Erzählen grundiert auf Rahmungsverfahren: Die Epistolarität arbeitet mit und an dem Rahmen, insofern die innerhalb von Erzählungen repräsentierten Briefe stets als gerahmte Einheiten auftreten, während diese Rahmungen zugleich fortlaufend aufgebrochen werden. Als gerahmte narrative Einheiten mit Schreibenden und Lesenden stellen sie selbstreflexive mise-en-abymes der literarischen Kommunikationssituation zwischen Autor: innen und Leser: innen dar, sodass sie Schreib- und Lesepraktiken auf der Bühne der Buchseite vorführen können. In diesem Zusammenhang wurde mit Derridas Konzept der Parergonalität gezeigt, dass zwischen Rahmung und Gerahmtem eine paradoxe, interdependente Wechselwirkung besteht. Werden Rahmen rekursiv vervielfältigt, fällt das Rahmungsverfahren ins Auge und wird gebrochen. Dies ist bei der Epistolarität der Fall, die eine doppelte Rahmung innerhalb des Textrahmens etabliert. Tatsächlich ist der Rahmenbruch der Brieflektüre inhärent; um zum Gehalt einer Mitteilung vorzudringen, muss zunächst der Umschlag gebrochen werden. Für das epistolare Erzählen bedeutet dies, dass sich eine Lust am Aufbrechen von medialen, generischen, narrativen und stilistischen Rahmen verlautbart. Das epistolare Erzählen wird häufig als dramatisch-narrative Mischform bezeichnet, da die Briefe zum einen Kommunikationsmedium und Handlungselement sind, und zum anderen die repräsentierten Briefe ihre virtuellen Originale wie Figuren auf der Bühne der Buchseite verkörpern, gleichzeitig aber auch von einer regieführenden Herausgeberfunktion selegiert und geordnet werden. Auf der epistolaren Bühne werden in Schreib- und Lese-Szenen Medialität, Materialität und Schreib- und Lektürepraktiken selbstreflexiv zur Darstellung gebracht. Wenn die Materialität mit dem Körperlichkeitsdiskurs der empfind- Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="234"?> samen Briefrhetorik in Verbindung gebracht wird, offenbart sich die Körperlichkeit des Lesens als empathischer und gestisch-affektiver Nachvollzug. Die Aufmerksamkeit für die Körperlichkeit des Schreibens und Lesens in den dargestellten Briefpraktiken führte zur Frage, welche Rolle die Materialität des Drucks spielt. Da die Figuren in den von mir untersuchten Texten die Briefe häufig einer doppelten, verbal-semantischen und materiellen, Lektüre unterzogen, drückte sich ein Bewusstsein für den Status des Briefs sowohl als Kommunikationsmedium als auch als Schreibspur aus. Für die gedruckte epistolare Literatur bedeutet diese materielle Dimension zunächst, dass es einen medialen gap zwischen Druck und Handschrift gibt. Um diesen gap bei der intermedialen Repräsentation der fiktiven oder realen Dokumente im literarischen Text zu überbrücken, operiert der Druck entweder mit typografischen Figuren, die Handschriftlichkeit simulieren sollen, oder integriert die virtuellen Briefe wie Zitate in den Fließtext, sodass von medialer Polyphonie und Hybridität einerseits und narrativer Polyphonie und Hybridität andererseits gesprochen werden kann. Indem derart unter Einsatz typografischer Mittel erzählt wird, arbeitet das epistolare Erzählen auch polymodal, d. h. es setzt zwei semiotische Codes ein. Äußerlich zwar eine unterhaltsame autobiografische Schrift und eine Darstellung des Werks, berichtet in Ad virum perillustrem *** epistola jedoch nicht bloß ein Autor - in diesem Fall Ludvig Holberg - über sein Leben, sondern schreibt sich mittels verschiedener Erzählstrategien in den Text und in die Literatur ein. Zentraler Hebel dieser Literarisierung des Autors ist die Erzählfunktion Brief, die in diesem Fall vorgibt, dass ein epistolarer Text adressatenspezifisch geformt ist. Denn die Adressierung bringt die rhetorische Figur der Apostrophe mit sich, die wiederum mit der Prosopopoiia chiastisch verschränkt ist. Diese epistolare Dialogizität nimmt Holberg zur Grundlage, die Vorstellung des sich einheitlichen autobiografischen Selbst auszuhebeln. Stattdessen vervielfältigt er sich in mehrere Erzählinstanzen, wobei sich in den Verhältnissen Briefschreiber - Adressat, Herausgeber - Briefschreiber, Herausgeber - Korrektor metaleptische Interdependenzen von Adressaten und Adressanten äußern. Nebst der Vervielfältigung von Erzählinstanzen, die zu narrativer Polyphonie führt, inszeniert der Text literarische Praktiken medial und narrativ. Einerseits wird Pseudonymisierung in der Erzählung zum Handlungselement, da Holberg inkognito durch Europa reist und auf Doppelgänger trifft. Indem die Figur Holberg andererseits die Exzerpierkunst außerhalb der Bibliotheken praktiziert, wird der kreative Umgang mit Zitaten diegetisch vorgeführt. Das Exzerpieren schlägt sich aber auch in der typografischen Gestaltung des Textes nieder, weil laufend Zitate in die Erzählung eingewoben und somit mediale Polyphonie und Hybridität erzeugt werden. Daher kann beim AVPE I von einem exzerpierenden Erzählen gesprochen werden, das wie die rhetorische Figur der Prosopopoiia durch Texte von anderen erzählt. Da Schreib- und Lesepraktiken hier in nicht-literarischen Bereichen des Lebens auftauchen, profiliert sich die gelehrte Schriftlichkeit als allumfassende Praxeologie. Die gelehrte Literatur bildet auch den intertextuellen Hintergrund des AVPE I, da aus Vertretern der Menippeischen Satire zitiert wird und deren Erzählverfahren benutzt werden. Für das autobiografische Projekt des AVPE I scheint diese intertextuelle Prosopopoiia- Apostrophen-Figur auf den ersten Blick katachrestische Effekte auszulösen. Tatsächlich 234 9 Fazit: Transversale Epistolarität Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="235"?> legt Holberg das Zeugnis des poeta ductus ab - seine Exzerpte spiegeln seine Lektürebiografie - und beweist literarisches Können. Indem sich Holberg mit den Worten seiner Vorbilder in die Literatur einschreibt und in poetologischen Passagen die Prinzipien seiner Autorschaft für die Nachwelt festhält, schafft er sich buchstäblich eine Maske und literarisiert sich mithilfe des AVPE I selbst. Hans Bergeströms seriell veröffentlichte Indianiske Bref stellen zwei Reiche, das utopische Petræa und das dystopische Philippinien, im Vergleich und in wechselnden Erzählmodi dar. Indem sie die empfindsame Rhetorik auf diesen staatsphilosophischen und satirischen Inhalt applizieren, nutzen sie die Erzählfunktion Brief zur utopischen Erprobung der alternativen Möglichkeiten des Erzählens. Was die Utopieforschung bisher als kognitive Leistung vor allem in Bezug auf die erzählte Geschichte beschrieben hat, findet sich hier auch als formale, generische und mediale Grenzüberschreitung und Innovation. Erstens legt die empfindsame Korrespondenz eine politische Praxis nahe, der zufolge die Gestaltung des Gemeinwesens in vernünftigem, empathischem und respektvollem Dialog erfolgen soll, bei dem nicht primär Gefühle, sondern vor allem Ideen ausgetauscht werden. Diese politische Praxis der Schriftlichkeit wird von den IB daher zugleich vorgeschlagen und erprobt, sodass der empfindsame Briefwechsel nicht nur Vehikel der utopischen Imagination ist, sondern gar zum eigentlichen utopischen Ort wird. Zweitens können die IB im Rahmen der Korrespondenz mit Metadiegesen, simulierten und integrierten Dokumenten polyphon, polymodal und gattungshybrid erzählen, da der Verfasser seinem Adressaten die Funde seiner Archivarbeit zukommen lässt. Dabei werden diejenigen Dokumente eingebettet, die den moralischen und politischen Ansichten des Briefschreibers entsprechen, wobei es keine Rolle spielt, ob sie aus dem dystopischen Philippinien oder utopischen Petræa stammen. Diese rekombinierende Schriftpraxis - mit Fredric Jameson könnte sie als active bricolage bezeichnet werden - wird auf der epistolaren Bühne vor Augen geführt. Die Dokumenteneinlagen zeigen, dass die Erzählinstanz und Petræas Gemeinwesen zum einen der Schriftlichkeit eine wichtige Bedeutung beimessen. Zum anderen werden die Leser: innen in die Produktion von Utopien eingeführt, wenn sie die active bricolage verfolgen können und in den Apostrophen an den Adressaten zum Nachvollzug angehalten werden. Drittens werden mediale Grenzen überschritten, weil die utopische Briefkorrespondenz in einen journalistischen Kontext eingelassen ist, sich ergo aus dem Austausch mit fiktiven und realen Einsendungen der Leserschaft konstituiert. In den moralischen Wochenschriften des 18. Jahrhunderts werden Briefe als Einlagen und als fingierter Gesamtrahmen eingesetzt, wobei sich bei letzteren Leserbriefanfragen ans anonyme Publikum metafiktional und illusionsbrechend auswirken würden. Um dennoch das Erzählen und Denken zu kollektivieren, setzen die IB den Adressaten als Stellvertretung des anonymen Publikums ein, der an seiner statt um Antworten, Anmerkungen und Fragen gebeten werden kann. Damit präsentieren sie eine empfindsame Alternative zu den zeitgleich proliferierenden polemischen Pamphleten und Periodika. Die Polyphonie, Polymodalität und Gattungshybridität führen in den IB gleichermaßen zu einem polyperspektivischen Erzählen, das in den Dokumenten und Metadiegesen, aber auch durch den epistolaren Rahmen verschiedene Perspektiven anbietet, übereinanderlegt und miteinander vergleicht. Entsprechend dem Anspruch, die beiden fiktiven Reiche 9 Fazit: Transversale Epistolarität 235 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="236"?> kontrastierend zu beschreiben, präsentieren die IB kuratierte Fremdperspektiven auf die diegetische Welt, die vergegenwärtigt und evaluiert werden müssen. Die Polyperspektivik und Polyphonie des epistolaren Erzählens ermöglicht demnach, das kollektive Denken und Mitgestalten narrativ zu präfigurieren. Charlotta Dorothea Biehls Historiske Breve an den Freund Johan Bülow erzählen die Geschichte des dänischen Königshofs mit den Mitteln des bürgerlichen Romans; die einzelnen Episoden sind ähnlich wie Voltaires dramatische Geschichtsschreibung als Fabeln komponiert und stellen den Charakter der historischen Figuren in Handlung dar. Wiederum ist es die rahmende Epistolarität, die den Weg zum gattungshybriden und in diesem Fall dramatisch-vergegenwärtigenden Erzählen ebnet. Die Temporalität der Historiske Breve konstituiert und durchbricht narrative Folge: Dank der kontinuierlichen Datierung weisen sie eine Chronologie auf, genauso ist der historische Gegenstand mehrheitlich chronologisch gegliedert. Da jedoch das erklärte Ziel ihrer Darstellung lineare Kausalität als Grundlage für narratives Verständnis ist, greift Biehl dennoch mancherorts in die erzählte Zeit ein. Die entstehenden Anachronien münden einerseits in eine multidimensionale und polyperspektivische Erzählweise, andererseits figurieren sie die Komplexität der gelebten Zeit rhetorisch und narrativ. Den Gegenpol der Linearisierung bilden die Erzählverfahren, die auf eine Vergegenwärtigung der Vergangenheit zielen. Anhand von szenischen Anekdoten wird die Vergangenheit als ganzheitliches und dreidimensionales Zeitbild veranschaulicht, das immersiv vergegenwärtigt und daher empathisch nachvollzogen werden kann. Der empathische Nachvollzug liegt der moraldidaktischen Absicht der Historiske Breve zugrunde, die Liebe zur Tugend und Abscheu gegen das Laster lehren wollen. Intentionalität und Verfahren gliedern sich damit in Johann Christoph Gatterers Entwurf der anschauend erzählten Geschichte ein und zielen auf die Immersion garantierende evidentia, die allerdings dezidiert ein körperliches, allumfassendes Miterlebnis meint, das Raum und Zeit der Erzählung vergegenwärtigt. Insofern als dadurch das teleologische Bias der Retrospektion ausgesetzt wird, da die Szene der Vergangenheit als zukunftsoffene Gegenwart wahrgenommen wird, erfüllt die evidentia eine methodologische Funktion innerhalb der Historiografie. In der nämlichen Absicht setzt Biehl die kontrafaktische Geschichte als historiografische Methode ein: Da sie ausgehend von Bifurkationen alternative Ereignisverläufe imaginiert, führt sie des Weiteren Argumentation und Poetik sowie lineare Kausalität und Vergegenwärtigung zusammen. In diese beiden Kompetenzen der narrativen Zeitkontrolle wird auch der Adressat und mit ihm das Publikum allmählich eingeübt, wenn Biehl mehrmals zum empathischen Nachvollzug auffordert, dann aber die Schlusspunkte der alternativen Ereignisverläufe offenlässt. Doch dramatisiert Biehl nicht nur die Vergangenheit, sondern auch ihre Schreibszenen, sodass erzählte Geschichte und Erzählgeschichte zu historischen Anekdoten und damit zu Ereignissen werden. Weil das epistolare Schreiben Schreib- und Lese-Szenen impliziert, verwandelt es das historiografische Erkenntnisverfahren in erzählbare Anekdoten, die das gesamte Verfahren auf eine Kleinsterzählung reduzieren und dieses gleichzeitig enthalten. Bringt die Anekdote die Geschichte veranschaulichend auf die Bühne, so setzt das epistolare Schreiben die Geschichtsschreibung in Szene. Dort zeigt sich Biehl als Historiografin, die das Schicksal der Figuren empathisch nachvollzieht und ebenso vom historischen Kontext beeinflusst ist. Wird die Bedeutung der Schreibszene darüber hinaus mit 236 9 Fazit: Transversale Epistolarität Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="237"?> der Dreidimensionalität der Epistolarität gelesen, nach der Zukunft entworfen, Vergangenheit aktualisiert und Gegenwart hergestellt wird, wird der Bezug der anschauend erzählenden Historiografie auf den historischen Kontext der Historiske Breve lesbar. Geschrieben zur Zeit eines politischen Umbruchs, Krisenmomente erläuternd, sind sie schließlich auch ermahnende und lehrende Briefe an die Nachwelt. Holberg, Bergeström und Biehl, aber auch die weiteren von mir untersuchten Texte nutzten die Erzählfunktion Brief als Laboratorium, um transversale Formen des Erzählens zu erproben und gleichzeitig das Erzählen selbstreflexiv zu ergründen. Die stilistische Offenheit des Briefs führte dazu, dass sie Gattungen hybridisierend zusammenbrachten und innovativ im Gattungssystem wirkten. Holberg verband seinen autobiografischen Anspruch mit der Form der Menippeischen Satire, Bergeström schrieb utopische Literatur als empfindsamen Briefroman und Biehl setzte wissenschaftliche Historiografie mit dramatischen Erzähltechniken um. In allen drei Texten konnte damit der freie Transfer von fiktionalen und faktualen Verfahren nachgewiesen werden. Darüber hinaus wurde mit einer ausgestellten Schriftlichkeit des Erzählens experimentiert, um neue Rezeptionsweisen aus der Materialität der repräsentierten Briefe zu entwickeln. Ein die Texte verbindender Fund war hier wiederum die epistolare Grenzüberschreitung, mit der bei Holberg quer zur eindeutigen Erzählinstanz, bei Bergeström jenseits des epistemischen Horizonts und bei Biehl jenseits ihrer Gegenwart operiert wurde. Daneben führte das Bewusstsein für die Schriftbildlichkeit dazu, dass das epistolare Erzählen die Figur der körperlichen evidentia einsetzt, um den Leser: innen vermeintlich unmittelbar die diegetische Welt zur eigenen Untersuchung vorzulegen. Doch ein Laboratorium wäre kein Ort des geschützten Experiments, würde diese Immersion nicht von einer distanzierten Evaluation kontrastiert. Diese Aufgabe übernehmen die polyphone Anlage einerseits und die Dreidimensionalität andererseits, mit denen die Perspektiven der Schreibenden sowie der Lesenden in den oft mehrfach gerahmten Erzählungen miteinander verglichen werden können. Infolge dieser doppelten Wirkung von vergegenwärtigender Anschauung und distanzierender Reflexion führt die Erzählfunktion Brief schließlich zur Selbstreflexion des epistolaren Erzählens. Es ging den Texten meines Korpus immer wieder darum, die Erzählinstanz selbst in den Fokus zu rücken und ihre Erkenntnisverfahren sowie Absichten freizulegen. Denn insofern Briefe adressatenspezifische Texte sind, die Zukunft entwerfen oder sogar erwirken wollen, machen sie auf die extranarrativen Funktionen aufmerksam. Anstatt dass angenommen wird, dass Erzählinstanzen lediglich eine narrative Funktion erfüllten, kommen ideologische (Biehl, Bergeström), didaktische (Biehl, Bergeström) und poetologische (Holberg) Absichten in den Blick. Die Ausführungen und die Analysen der letzten drei Kapitel zeigten darüber hinaus, dass der Aspekt des Laboratoriums nicht ohne den zweiten Aspekt der Bühne gedacht werden kann. Vielmehr nutzten alle drei Texte von Holberg, Bergeström und Biehl auch dramatische Techniken, um ihre Erzählinnovationen vorzuführen und zu reflektieren. Holbergs Prosopopoiia-Apostrophen-Figur findet ihren Ursprung genauso in einer theatralischen Praxis wie auch Bergeström die simulierten Dokumente auf einer Bühne auftreten lässt und Biehl die Geschichte in szenischen, immersionsantreibenden Darstellungen schildert. Diese Erkenntnisse decken sich mit den Befunden, die Simona Zetterberg-Nielsen (2022: 505 - 522) für die Innovationskraft der Epistolarität in der dänischen Romanliteratur 9 Fazit: Transversale Epistolarität 237 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="238"?> ausstellte. Auch meine Untersuchungen belegen, wie bewusst die skandinavische Literatur mit der Epistolarität umging, um andere, genuin schriftliche Formen des Erzählens zu erkunden. Dennoch überrascht es, dass sich transgressive Erzählverfahren ebenso in äußerst satirischen und für den Literaturbetrieb außergewöhnlichen Texten wie C. A. Thielos Den grønne April als auch aufgrund des wissenschaftlichen Anspruchs konventionelleren Textformen wie Biehls Historiografie oder Egedes Bericht der Grönlandmission finden. Freilich unterscheiden sich die Texte im Grad ihrer Transgressivität, dennoch lassen sich ähnliche Tendenzen ausmachen. Im Hinblick auf die epistolare Literatur des restlichen Europas lassen sich ähnliche Verfahren feststellen, wie auch die anglophone und deutschsprachige Forschung festhält (Altman 1982; MacArthur 1990; Beebee 1999; Stiening/ Vellusig 2012a). Mit der vorliegenden Studie konnte eine Grundlage geschaffen werden, um die epistolare Literatur der skandinavischen Literatur des 18. Jahrhunderts systematisch besonders im Hinblick auf die Produktivität des materiellen Erzählens zu untersuchen. Aufgrund der transnationalen Anlage meines Unterfangens konnten zahlreiche Texte nur knapp behandelt werden, weshalb es in allen drei festlandskandinavischen Sprachen noch weiteres Material zu bearbeiten gibt. 238 9 Fazit: Transversale Epistolarität Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="239"?> Abstract & Keywords The eighteenth century has often been described as the century of the letter. Nowhere else did epistolary culture play such a formative role in both everyday communication and literary expression. Letters became a medium of sociability and cultural exchange; they shaped social practices, and also served as literary devices in a wide variety of genres. Private correspondence was cultivated as a refined art, often with an eye towards future publication, while letters on history, philosophy, and travel appeared in bookshops alongside epistolary novels. This heterogeneous field of epistolarity not only attests to the enormous popularity of the form but also reveals its function as a site of experimentation where material, generic, and narrative conventions could be renegotiated. Because of its position across and beyond traditional generic boundaries, the letter acquired a transversal function: it interconnected practices, procedures, and media forms, and thus created an experimental space crucial for literary innovation. This study examines the stylistic, generic, material, and narrative hybridisations of eighteenth-century Scandinavian epistolary literature. It argues that epistolarity must be understood not simply as a genre in its own right, but as a narrative function that could be mobilised across genres, oscillating between factual and fictional modes and continually foregrounding the materiality of writing. On this basis, the study develops a historically grounded mediological narratology: an approach that combines narratological categories with the insights of mediology and praxeology in order to account for the specific ways in which letters shaped narrative forms. By ‘ historically grounded mediological narratology ’ I refer to an analytic model structured along three axes - (A) materiality and mediality (address, sealing, typography, handwriting), (B) practices of writing and reading (addressivity, collective reception, document insertion), and (C) narrative and material framing techniques - through which epistolary texts are described and compared. On this basis, the analysis focuses on letters not intended for everyday private exchange but designed to stage communicative situations for narrative, ideological, or poetological purposes. By reading such texts as epistolary functions rather than fixed genres, this study shows how they turned the letter into both a stage and a laboratory for narrative experimentation: a stage on which practices of writing and reading could be performed and reflected, and a laboratory in which generic, material, and narrative conventions could be transgressed and transformed. Underlying this approach is the recognition that epistolary practices in the eighteenth century were not merely linguistic, but equally material and praxeological. Encyclopedic writings of the period defined the letter in terms of its physical and procedural qualities: a letter was written because immediate oral communication was impossible; its sealing and addressing marked it as a specific communicative act. Material features such as the choice of writing instrument and paper, or nonverbal traces such as tears, kisses, or other marks, were understood as meaningful codes in themselves, giving rise to what contemporaries called a “ physiognomy ” of the letter. Such elements could reveal tensions or contradictions between linguistic content and material form. Epistolarity therefore always carried with it Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="240"?> a dimension of self-aware mediality: the letter simultaneously conveyed information and displayed its own conditions of communication. Letters also generated cultural practices that extended beyond the writing act itself. Addressing, sealing, and even the collective reading of letters within families and social circles were part of a shared repertoire of epistolary culture. Letters were rarely purely private; they circulated in semi-public spaces and were frequently read aloud. In literary texts these practices became inscribed in scenes of writing and reading. Writers often dramatised their struggles with composition, or staged acts of reception by depicting the breaking of seals, the physical unfolding of documents, or the emotional responses of readers. In such narrative moments, epistolary writing pointed to those aspects of communication that could not be directly transferred into print: the materiality of handwriting, the embodied practice of reading, and the physical resistance of paper, ink, and seal. Printed texts sought to compensate for this gap through intermedial or narrative representation. In doing so, they highlighted the presence - and often the instability - of mediality in all forms of writing. It is against this backdrop that this study situates its corpus of texts, which spans a range of epistolary configurations in eighteenth-century Scandinavia. The selection includes Ludvig Holberg ’ s Ad virum perillustrem *** epistola (1727), Hans Bergeström ’ s Indianiske Bref (1770), and Charlotta Dorothea Biehl ’ s Historiske Breve (1784/ 85), as well as works by Charlotte Baden, Hans Gustaf Rålamb, and Carl August Thielo. The corpus was selected to cover a representative spectrum of epistolary deployments - autobiographical, utopian-political, and historiographical - between 1727 and 1785, each exemplary for distinct constellations of materiality, practice, and narrative configuration. The first part of this study analyses how writing and reading practices, materiality, and framing structures are inscribed into these works. The second part asks about the innovative and poetological potential of epistolarity: what effects result from the material, narrative, and generic transgressions of epistolary writing, what are the narrative experiments of the epistolary laboratory? To operationalise this approach, the study proposes a triadic matrix mapping epistolary materials and practices (addressivity, sealing, document handling) onto narratological categories (voice, mode, time) via framing operations (insertion, editorial fiction, anachrony). Holberg primarily stresses voice through editorial and authorial polyphony; Bergeström privileges mode via documentary insertion and dialogic design; Biehl reconfigures time by combining chronology with immersive re-enactment and counterfactual branching. Autobiographical epistolary writing (Holberg) raises the question of the location of the narrative voice and the possibility of separating levels of narration. Epistolary travel writing (Bergeström) explores encounters with foreign perspectives and tests the limits of dramatic representation. Historiographic epistolary writing (Biehl) confronts the problem of temporal regulation and of immersive visualisation of the past as present. Across all these cases, the letter becomes a site where narratological categories are stretched, destabilised, and redefined. Holberg ’ s Ad virum perillustrem *** epistola is more than an autobiographical record. It uses the epistolary form to stage the author ’ s inscription into literature itself. Central to this self-literarisation are the rhetorical figures of apostrophe and prosopopeia - the rhetorical animation of absent or dead voices. Through apostrophic address, Holberg 240 Abstract & Keywords Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="241"?> multiplies narrators, generating polyphony, as the roles of letter-writer and addressee, editor and author, editor and corrector intertwine metaleptically. Prosopopeia further allows him to animate absent voices and texts, so that intertextual references become embedded in the very structure of the narrative. The text thus blurs the boundaries between author, narrator, editor, and character, and foregrounds the performative aspect of autobiographical self-construction. In addition, Holberg incorporates practices of excerption - the collecting and reworking of quotations - directly into the narrative, both thematically and typographically. The result is what I call an “ excerptive narration ” : a text that tells through the words of others, demonstrating how learned literacy, grounded in practices of excerption, permeates everyday life beyond the library. Holberg ’ s autobiographical project thereby illustrates how epistolary writing could serve as a medium for experimenting with narrative polyphony, intertextual bricolage, and the literary construction of authorship. Bergeström ’ s Indianiske Bref presents a different configuration. Published serially, it stages a correspondence that contrasts two imagined realms: the utopian Petræa and the dystopian Philippinien. By applying the rhetoric of sensibility to political and satirical content, Bergeström turns the letter into a tool for testing alternative modes of storytelling. The correspondence itself models a political practice based on reasoned, respectful dialogue - a sensitive alternative to the polemical pamphlets of the time. At the same time, the text incorporates metadiegetic insertions and simulated documents, creating polyphony and hybridisation. These inserted documents, selected to match the moral and political views of the letter-writer, illustrate akin to what might be described, following Jameson, as ‚ active bricolage ‘ : the recombination of textual fragments into new configurations. The epistolary frame allows the reader to witness this practice, turning the production of utopias into a collective process. Moreover, the correspondence situates itself within a journalistic context, interacting with fictional and real letters to the editor in contemporary periodicals. By treating the epistolary addressee as a substitute for the anonymous readership, the text maintains the illusion of intimacy while simultaneously addressing a public audience. The result is a polyphonic and polyperspectival narration that not only contrasts utopia and dystopia but also models collective thinking and participation. In Bergeström ’ s work, epistolarity thus emerges as a vehicle for utopian imagination, political dialogue, and generic experimentation. Biehl ’ s Historiske Breve represent yet another mode of epistolary writing. Addressed to Johan Bülow, they recount the history of the Danish court in the form of a correspondence. By adopting the narrative strategies of the sentimental novel and Voltairean dramatic historiography, Biehl transforms historical material into a sequence of immersive and memorable anecdotes. The epistolary frame allows her to combine chronological narration with dramatic re-enactment, thereby producing both linearity and immersion. The continuous dating of the letters suggests chronology, yet anachronistic shifts complicate causal progression and create a multidimensional, polyperspectival narrative. The result is a historiography that stages the past as if it were present, inviting empathic participation from the reader. Biehl employs the rhetorical device of evidentia to render the historical events vividly and corporeally, enabling an immersive re-experiencing of the past. At the same time, she experiments with counterfactual history, imagining alternative outcomes of events. These strategies align with Johann Christoph Gatterer ’ s notion of Abstract & Keywords 241 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="242"?> history told through Vergegenwärtigung, but Biehl expands them by dramatising not only historical events but also her own act of writing. This staging of the scene of historiographical writing is on the one hand an immediate consequence of epistolary narrative since writing and reading is usually discussed and represented in letters. It transforms, on the other hand, the process of historical inquiry itself into a narratable and memorable event, an anecdote. Written during a period of political upheaval, her Historiske Breve thus function not only as historiography but also as admonitory letters to posterity. Across these case studies, a common pattern emerges: Holberg, Bergeström, Biehl, and their contemporaries used the epistolary form as a laboratory for transversal narration. They hybridised genres, experimented with the transfer of factual and fictional techniques, and reflected on the materiality and mediality of writing. Epistolarity enabled them to break narrative frames, multiply voices, and explore the embodied dimension of reading and writing. The letter, in this sense, was not merely a means of communication but an engine of literary innovation. The study thus identifies epistolarity as a pivotal driver of eighteenth-century Scandinavian literary innovation and proposes a historically sensitive mediological narratology as a transferable model. More broadly, it calls for a reconsideration of literature as a history of experimental and hybrid practices that continually renegotiate the relations between fact and fiction, materiality and textuality, private communication and public discourse. Keywords Epistolarity, epistolary literature, mediology, material narrative, 18 th century, reading and writing practices, genre hybridisation, narrative experiments Epistolarität, epistolare Literatur, Mediologie, Materialität des Erzählens, 18. Jahrhundert, Schreib- und Lesepraktiken, Gattungshybridität, narrative Experimente 242 Abstract & Keywords Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="243"?> Anhang: Auswertung der Zitate in Ad virum perillustrem *** epistola (1728) Autor Anzahl Epoche Gattung Bemerkungen Plinius d. J. 100 Nachklassik literarische Briefe Cicero 69 Klassik Dialoge 16 Tusculanae disputationes, viele direkte Zitate Juvenal 88 Nachklassik Satire Petronius 53 Nachklassik satirischer Roman Satyricon Horaz 49 Klassik Lyrik 7 Briefe Epistel 16 satirische Lyrik Satyrarum libri 6 Hymnus Carmen Saeculare 2 Poetologie Ars poetica Vergil 24 Klassik Lyrik 11 Epos Aeneis 3 Lehrgedicht Georgica Bidermann 24 Barock satirischer Roman Utopia, viele klassische Zitate vermutlich durch Bidermann vermittelt (s. zur Rolle von Bidermann: Sivertsen 2010: 32 - 39) Ovid 17 Klassik Lyrik 13 Epos Metarmophoses 3 ironisches Lehrepos Ars amatoria 1 Briefe Tristia Martial 14 Nachklassik satirische Epigramme Molière 3 Barock Drama inkl. Don Juan Livius 2 Klassik Historiografie Ab urbe condita Aelius Spartanus 1 Spätantike Biografie Historia Augusta Seneca 1 Nachklassik Briefe Plutarch 1 Römisches Zeitalter Historiografie explizit Apuleius 1 Nachklassik satirischer Roman Bemerkungen Klassik ca. 102 v. Chr. - 17 n. Chr. Nachklassik ca. 14 - 239 n. Chr. Spätantike ca. 284 - 636 n. Chr. Römisches Zeitalter ca. 145 v. Chr. - 284 n. Chr. Die Auswertung erfolgte anhand des Onlinekommentars in Ludvig Holbergs skrifter (Gredal Jensen 2018) Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="244"?> Abbildungsverzeichnis Abb. 1 Sneedorff, Jens Schelderup (1759). Breve. Soröe: Jonas Lindgren, S. [1] (Det Kongelige Bibliotek, København). Abb. 2 Thielo, Carl August (1760). Enveloppen eller Saloppens forunderlige Hændelser. Kiøbenhavn: L. N. Svare 1760, S. 4 - 5 (Det Kongelige Bibliotek, København). Abb. 3 Baden, Charlotte. Den fortsatte Grandison, i Sexten Breve. Kiøbenhavn: Gyldendals Forlag 1785, S. 21 (Det Kongelige Bibliotek, København). Abb. 4 Baden, Charlotte. Den fortsatte Grandison, i Sexten Breve. Kiøbenhavn: Gyldendals Forlag 1785, S. 1 (Det Kongelige Bibliotek, København). Abb. 5 Rålamb, Hans Gustaf (1780). En Swensk Adelsmans Äfwentyr, I Utrikes Orter. Andra Delen. Stockholm: Johan Georg Lange, S. 200 - 201 (Kungliga biblioteket, Stockholm, https: / / litteraturbanken.se/ f%C3%B6rfattare/ R%C3%A5lambHG/ titlar/ Adelsmans%C3%84fwentyr2-1780/ sida/ 94/ faksimil, abgerufen am 08.10.2025). Abb. 6 Biehl, Charlotte (1781). „ General Dorsan og Grevinden af Orville. En Fortælling i Breve “ . In: Moralske Fortællinger. Bd. 1. Kiøbenhavn: H. C. Sander, S. 126 (Det Kongelige Bibliotek, København). Abb. 7 Rålamb, Hans Gustaf (1759). En Swensk Adelsmans Äfwentyr, I Utrikes Orter. Förra Delen. Stockholm: Lars Salvius, S. 29 (Kungliga biblioteket, Stockholm, https: / / litteraturbanken.se/ f%C3% B6rfattare/ R%C3%A5lambHG/ titlar/ Adelsmans%C3%84fwentyr1759/ sida/ 33/ faksimil, abgerufen am 02.10.2025). Abb. 8 Rålamb, Hans Gustaf (1780). En Swensk Adelsmans Äfwentyr, I Utrikes Orter. Första Delen. Stockholm: Johan Georg Lange, S. 28 (Kungliga biblioteket, Stockholm, https: / / litteraturbanken.se/ f%C3%B6rfattare/ R%C3%A5lambHG/ titlar/ Adelsmans%C3%84fwentyr1-1780/ sida/ 34/ faksimil, abgerufen am 02.10.2025). Abb. 9 Holberg, Ludvig (1728). Ludovici Holbergii ad virum perillustrem *** epistola. o. O., S. [ii] (Det Kongelige Bibliotek, København). Abb. 10 Holberg, Ludvig (1728). Ludovici Holbergii ad virum perillustrem *** epistola, S. [213] (Det Kongelige Bibliotek København). Abb. 11 Erzählstruktur in AVPE I. Eigene Darstellung. Abb. 12 Holberg, Ludvig (1728). Ludovici Holbergii ad virum perillustrem *** epistola. o. O., S. [i] (Det Kongelige Bibliotek, København). Abb. 13 Holberg, Ludvig (1728). Ludovici Holbergii ad virum perillustrem *** epistola. o. O., S. 1 (Det Kongelige Bibliotek, København). Abb. 14 Morus, Thomas (1518). De optimo reip. statu deque nova insula Utopia libellus vere aureus, nec minus salutaris quam festivus, clarissimi disertissimique viri Thomae Mori inclytae civitatis Londinensis civis & vicecomitis. Basel: Johannes Froben, S. 16 (Universitätsbibliothek Basel). Abb. 15 Bergeström, Hans (1770). Indianiske Bref. Karlskrona: Kongl. Am: ts Boktryckeriet, S. 1 (Kungliga biblioteket, Stockholm). Abb. 16 Bergeström, Hans (1770). Indianiske Bref. Karlskrona: Kongl. Am: ts Boktryckeriet, S. 2 (Kungliga biblioteket, Stockholm). Abb. 17 Gjörwell, Carl Christoffer (1754). Bref Om Blandade Ämnen. Bd. 4. Stockholm: Peter Jöranßon Nyström, S. 54 (Kungliga biblioteket, Stockholm, https: / / litteraturbanken.se/ f%C3% B6rfattare/ Gj%C3%B6rwellCC/ titlar/ BrefOmBlandade%C3%84mnen/ sida/ 54/ faksimil, abgerufen am 05.10.2025). Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="245"?> Abb. 18 Bergeström, Hans (1770). Indianiske Bref. Karlskrona: Kongl. Am: ts Boktryckeriet, S. 171 (Kungliga biblioteket, Stockholm). Abb. 19 Bergeström, Hans (1770). Indianiske Bref. Karlskrona: Kongl. Am: ts Boktryckeriet, S. 142 - 143 (Kungliga biblioteket, Stockholm). Abb. 20 Charlotta Dorothea Biehl an Johan Bülow, 22.02.1784 (Sorø Akademis Bibliotek). Abb. 21 Charlotta Dorothea Biehl an Johan Bülow, 22.02.1784 (Sorø Akademis Bibliotek). Abb. 22 Charlotta Dorothea Biehl an Johan Bülow, 17.04.1784 (Sorø Akademis Bibliotek). Abbildungsverzeichnis 245 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="246"?> Tabellenverzeichnis Tab. 1 Grobe Themenübersicht über die 24 Briefe der beiden Bände von Indianiske Bref. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154 Tab. 2 Übersicht über die Dokumenteneinlagen in Indianiske Bref . . . . . . . . . . . . . . . 174 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="247"?> Siglenverzeichnis AVPE I Holberg, Ludvig (1728). Ludovici Holbergii ad virum perillustrem *** epistola. o. O. AVPE II Holberg, Ludvig (1737). „ Ad virum perillustrem epistola secunda “ . In: Ludovici Holbergii Opuscula quaedam latina, Epistola I. Cujus nova haec editio prioribus est emendatior. Epistola II. Quinque libri epigrammatum. Lipsiae: Hieron. Christ. Paulli, S. 213 - 228. AVPE II Holberg, Ludvig (1743). „ Ad virum perillustrem epistola tertia “ . In: Lud. Holbergii Opusculorum Latinorum pars altera. o. O., S. 1 - 192. BR Sneedorff, Jens Schelderup (1759). Breve. Soröe: Jonas Lindgren. ENV Thielo, Carl August (1763). Enveloppens eller Saloppens forunderlige Hændelser. En comisk Roman oversat af Vers. Kiøbenhavn: L. N. Svare. FG Baden, Charlotte (1785). Den fortsatte Grandison, i Sexten Breve. Kiøbenhavn: Gyldendals Forlag. FMLB Säfström, Anders (1754). En Fri-Murares Lefwernes Beskrifning, Utgifwen Af Et Fruntimmer. Stockholm: Peter Jöransson Nyström. GA Thielo, Carl August (1760). Den grønne April. Kiøbenhavn: L. N. Svare. HB Biehl, Charlotta Dorothea (1865). Charlotte Dorothea Biehls historiske Breve. Hg. von J. H. Bang (= Historisk Tidsskrift Bd. 3, Reihe 4). Kjøbenhavn: Bianco Lunos. IB Bergeström, Hans (1770). Indianiske bref. Eller Utförl. beskrifning öfwer twänne obekanta rikens moraliska, politiska och oeconomiska beskaffenhet. Karlskrona: Kongl. Am: ts Boktryckeriet. LL Prahl, Niels (1759). Lars Larsen, eller Aagerups selsomme Hændelser og forunderlige Tildragelser. En Original Dansk Roman i Sex Bøger. Anden Bog. Sorøe: Jonas Lindgren. MF Biehl, Charlotta Dorothea (1781/ 1782). Moralske Fortællinger. 4 Bd. Kiøbenhavn: H. C. Sander. SAÄ Rålamb, Hans Gustaf (2001). En swensk adelsmans äfwentyr. Hg. von Mats Malm (= Svenska författare 1100 - 729). Stockholm: Svenska vitterhetssamfundet. Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="248"?> Literaturverzeichnis Primärliteratur [Ahlgren, Catharina] (1772). Brefwäxling Emellan Twänne Fruntimmer, Den ena i Stockholm och Den andra på Landet i Åtskillige blandade Ämnen. Stockholm: Johan Arvid Carlbohm. [Ahlgren, Catharina] (1773). Brefwäxling Emellan Adelaide och någre Wittre Snillen, I Omwäxlande Ämnen. Stockholm: Johan Arvid Carlbohm. Alciato, Andrea (1621). „ Submovendam ignorantiam. E MBLEMA C LXXXVIII “ . 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Dissertatio V. de historicis Danicis, Qvam Disqvisitioni Publicæ Submittit Paulus Ruter, Dum Defendente pereximio Christiano Andreæ, In Auditorio Collegii Regii. o. O. [Holberg, Ludvig] (1719). Dissertatio Juridica De Nuptiis Propinquorum In Linea Recta Jure Naturali prohibitis, Qvam Sub Præsidio Clariss: Mag: Petri Albini, Habuit Olaus Petri Norwegus. Rostoch: apud Martinum Cramerum. [Holberg, Ludvig] (1723 - 1725). Comoedier. Sammenskrevne for Den nye oprettede Danske Skue-Plads. Ved Hans Mickelsen, Borger og Indvaaner i Callundborg. Med Just Justesens Fortale. Bd. 1 - 3. o. O. [Holberg, Ludvig] (1726). Metamorphosis eller Forvandlinger, Ved Hans Mikkelsen, Borger og Indvaaner udi Callundborg, Med nogle Orthographiske Anmerkninger. Kiøbenhavn. Holberg, Ludvig (1728). Ludovici Holbergii ad virum perillustrem *** epistola. o. O. Holberg, Ludvig (1735). „ Betænkning over Historier “ . In: Dannemarks Riges Historie. Kjøbenhavn: J. J. Høpffner, Bl. A1r - C1v. 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J. 124, 130 Bjerring-Hansen, Jens 107, 113 Blanckenburg, Eberhard 195 - 199, 212, 219 Bohnenkamp, Anne 26, 86 Böök, Fredrik 28, 139 Bülow, Johan 182 - 184, 193, 204 - 206, 212, 214, 221 f., 224, 226 - 229, 236, 241 Bunia, Remigius 88 Campe, Rüdiger 50 - 52, 85 Caracciolo, Marco 59 - 61 Christian VI. 185, 192 Christian VII. 186, 200 f., 208 - 213, 222, 226 f. Cicero, Marcus Tullius 124, 127, 243 Culler, Jonathan 106 f., 114, 137 d ’ Alembert, Jean le Rond 15 Dalin, Olof von 163, 217 Décultot, Élisabeth 56, 128 - 130 Demetrios von Phaleron 78 Derrida, Jacques 11, 33, 40, 43 f., 50, 107, 219 Diderot, Denis 15 Dryden, John 126 Egede, Hans 31 f., 238 Fielding, Henry 45 Fineman, Joel 230 Finkenhagen, Johannes 75 - 77, 80 Flint, Christopher 42, 72, 87 Flusser, Vilém 56 Forselius, Tilda Maria 18, 26 f., 163 - 165, 167 Foucault, Michel 50 Frederik IV. 185, 193, 207 Frederik V. 186 f., 192, 199, 202 f., 205, 215, 231 Frederik VI. 184, 186, 201, 226 f. Fulda, Daniel 195, 197 f., 212, 216 Gallagher, Catherine 210 - 212, 227 Gatterer, Johann Christoph 216 - 219, 236, 241 Gellert, Christian Fürchtegott 75, 166 Genette, Gérard 17, 19 f., 33, 61, 98, 117, 197, 223 Gijsbrecht, Cornelis Norbertus 43 Giuriato, Davide 15, 56 Hagedorn, Roger 162 Hagel, Michael Dominik 146, 148, 172 Hansson, Stina 18, 25, 45 Heitmann, Annegret 103 f. Holbein, Ambrosius 144 Holberg, Ludvig 31, 33, 97 f., 100 - 103, 105, 107, 109 - 112, 114 - 122, 124 f., 128, 130 - 137, 139, 151, 182 - 184, 192 f., 201, 204, 214, 219, 234 f., 237, 240, 242 Honnefelder, Gottfried 88 Horaz (Quintus Horatius Flaccus) 104, 243 Jameson, Fredric 147, 173 f., 181, 235, 241 Juvenal, Decimus Iunius Iuvenalis 124, 134, 243 Königin Caroline Mathilde (Frau von Christian VII.) 201 Königin Juliane Marie (Frau von Frederik V.) 186 f., 192, 199 f., 226 Königin Louise (Frau von Frederik V.) 202 f., 215 Königin Sophie Magdalena (Frau von Christian VI.) 200 Koschorke, Albrecht 57, 60, 78, 168, 172 Kragelund, Aage 117, 122, 124 Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="266"?> Krämer, Sybille 72 Kukkonen, Karin 59 - 61 Lavater, Johann Caspar 78 f., 82, 93 Leffler, Yvonne 18, 27, 139, 143 Lejeune, Philippe 117 Linné, Carl von 151 Louis XIV. 203 Luhmann, Niklas 41, 180 MacArthur, Elizabeth Jane 26, 238 Mai, Anne-Marie 207, 216 Malm, Mats 28, 66, 80, 91, 161, 218 Man, Paul de 105 f. Marin, Louis 40, 44, 144 f., 147 f., 159, 181 Martial (Marcus Valerius Martialis) 122, 124, 243 McGann, Jerome J. 20 Meixner, Sebastian 19, 195 f. Mendelssohn, Moses 73 f. Mersch, Dieter 61, 72 f. Montesquieu, Charles-Louis Secondat de 44 - 46, 151 Mörk, Jacob Henrik 28 Morus, Thomas 34, 125, 142 - 148, 150 f., 173, 175 Müller-Wille, Klaus 44, 56 Nickisch, Reinhard M. G. 15, 17 - 19, 88 Olden-Jørgensen, Sebastian 184, 192 Ortelius, Abraham 43 Ovid (Publius Ovidius Naso) 122, 127, 133, 243 Petrarca, Francesco 104 Petronius (Titus Petronius Arbiter) 124, 126, 243 Plinius d. J. (Gaius Plinius Caecilius Secundus) 103 f., 122, 124, 133, 243 Pontoppidan, Erik 24 Prahl, Niels 31, 54, 83, 85, 107 Rålamb, Gustaf 80, 158 Rålamb, Hans Gustaf 31, 66, 240 Reventlow, Ditlev 208, 210, 212 Richardson, Samuel 31, 42, 50, 72 Ric œ ur, Paul 197 f., 210 f., 217, 227 Rousseau, Jean-Jacques 103 f., 113, 141 Rydelius, Anders 218 Säfström, Anders 29, 31, 81 f. Sahlstedt, Abraham 165 Sallust (Gaius Sallustius Crispus) 127 Skovgaard-Petersen, Karen 97, 115, 124 f. Sneedorff, Jens Schelderup 11 - 13, 20 f., 31, 113, 193 Stangerup, Hakon 28, 206 Stiening, Gideon 26, 88, 238 Stoichi ță , Victor 44, 78 Struensee, Johann Friedrich 186, 190, 200 f., 208, 213, 222 f., 226 Suvin, Darko 145, 147 Swift, Jonathan 127, 139 Tacitus (Publius Cornelius Tacitus) 104, 124 Thielo, Carl August 31, 37 f., 45 - 47, 65, 205, 238, 240 Troil, Uno von 31 Ullman, Erik Erland 66 Varro, Publius Terentius Varro 127 Vellusig, Robert 18, 26, 80, 86, 88, 238 Vergil (Publius Vergilius Maro) 104, 122, 134, 243 Voltaire 141, 183, 194, 198, 203 Voßkamp, Wilhelm 19, 26, 167, 172, 186, 197, 218, 221, 223 White, Hayden 197 Wiethölter, Waltraud 26, 86 Wirth, Uwe 38, 41, 43 f., 78, 86, 109 - 111, 176 Woolf, Virginia 221 Zetterberg-Nielsen, Simona 24, 29, 32, 83, 206, 229, 237 266 Personenregister Huber, Epistolares Erzählen BNPH 76 (2026) DOI 10.24053/ 9783381145324 <?page no="267"?> Beiträge zur Nordischen Philologie Herausgegeben von der Schweizerischen Gesellschaft für Skandinavische Studien Die Schweizerische Gesellschaft für Skandinavische Studien (SGSS) gibt die Schriftenreihe „Beiträge zur Nordischen Philologie“ (BNPh) heraus. In den BNPh werden wissenschaftliche Untersuchungen aus dem gesamten Fachbereich der Nordischen Philologie/ Skandinavistik veröffentlicht. Es handelt sich dabei vor allem um Studien zur Literatur-, Sprach- und Kulturwissenschaft der skandinavischen Länder Dänemark, Färöer, Island, Norwegen, Schweden und Finnland. Die international ausgerichtete und keineswegs nur auf die schweizerische Nordistik begrenzte Schriftenreihe macht allen Interessierten Ergebnisse skandinavistischer Forschungsprojekte in Form von Tagungs- und thematischen Sammelbänden, akademischen Qualifikationsschriften und anderen Monographien zugänglich. Bisher sind erschienen: Frühere Bände finden Sie unter: http: / / narr.de 44 Andrea Hesse Zur Grammatikalisierung der Pseudokoordination im Norwegischen und in den anderen skandinavischen Sprachen 2009, 264 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8328-0 45 Jürg Glauser, Susanne Kramarz-Bein (Hrsg.) Rittersagas Übersetzung, Überlieferung, Transmission 2013, 288 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8357-0 46 Klaus Müller-Wille (Hrsg.) Hans Christian Andersen und die Heterogenität der Moderne 2009, 246 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8351-8 47 Oskar Bandle Die Gliederung des Nordgermanischen Reprint der Erstauflage mit einer Einführung von Kurt Braunmüller 2011, 168 Seiten €[D] 100,- ISBN 48 Simone Ochsner Goldschmidt Wissensspuren Generierung, Ordnung und Inszenierung von Wissen in Erik Pontoppidans Norges naturlige Historie 1752/ 53 2011, 295 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8439-3 49 Frederike Felcht Grenzüberschreitende Geschichten H. C. Andersens Texte aus globaler Perspektive 2013, 312 Seiten €[D] 49,- ISBN 978-3-7720-8487-4 50 Thomas Seiler (Hrsg.) Skandinavisch-iberoamerikanische Kulturbeziehungen 2013, 240 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8480-5 51 Klaus Müller-Wille, Joachim Schiedermair (Hrsg.) Wechselkurse des Vertrauens Zur Konzeptualisierung von Ökonomie und Vertrauen im nordischen Idealismus (1800-1870) 2013, 213 Seiten €[D] 49,- ISBN 978-3-7720-8478-2 <?page no="268"?> 52 Hendrik Lambertus Von monströsen Helden und heldenhaften Monstern Zur Darstellung und Funktion des Fremden in den originalen Riddarasögur 2013, 260 Seiten €[D] 49,- ISBN 978-3-7720-8486-7 53 Alois Wolf Die Saga von der Njálsbrenna und die Frage nach dem Epos im europäischen Mittelalter 2014, 128 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8496-6 54 Walter Baumgartner Gibt es den Elch? - Fins elgen? Aufsätze 1969-2011 zur neueren skandinavischen Lyrik - Essays 1969-2011 om nyere skandinavisk lyrikk 2014, 338 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8540-6 55 Lukas Rösli Topographien der eddischen Mythen Eine Untersuchung zu den Raumnarrativen und den narrativen Räumen in der Lieder-Edda und der Prosa-Edda 2015, 235 Seiten €[D] 49,- ISBN 978-3-7720-8552-9 56 Katharina Seidel Textvarianz und Textstabilität Studien zur Transmission der Ívens saga, Erex saga und Parcevals saga 2014, 248 Seiten €[D] 59,- ISBN 978-3-7720-8558-1 57 Laura Sonja Wamhoff Isländische Erinnerungskultur 1100-1300 Altnordische Historiographie und kulturelles Gedächtnis 2016, 260 Seiten €[D] 59,- ISBN 978-3-7720-8585-7 58 Klaus Müller-Wille, Sophie Wennerscheid (Hrsg.) Kierkegaard und das Theater in Vorb., ca. 220 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8621-2 59 Klaus Müller-Wille, Kate Heslop, Anna Katharina Richter, Lukas Rösli (Hrsg.) Skandinavische Schriftlandschaften Vänbok till Jürg Glauser 2017, 345 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8628-1 60 Hans-Peter Naumann Metrische Runeninschriften in Skandinavien Einführung, Edition und Kommentare 2018, 488 Seiten €[D] 69,- ISBN 978-3-7720-8652-6 61 Petra Bäni Rigler Bilderbuch - Lesebuch - Künstlerbuch Elsa Beskows Ästhetik des Materiellen 2019, 304 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8661-8 62 Kathrin Hubli Kunstprojekt (Mumin-)Buch Tove Janssons prozessuale Ästhetik und materielle Transmission 2019, 184 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8655-7 63 Sandra Schneeberger Handeln mit Dichtung Literarische Performativität in der altisländischen Prosa-Edda 2020, 206 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8672-4 64 Jürg Glauser (Hrsg.) 50 Jahre Skandinavistik in der Schweiz Eine kurze Geschichte der Abteilungen für Nordische Philologie an der Universität Basel und der Universität Zürich 1968-2018 2019, 296 Seiten €[D] 59,99 ISBN 978-3-7720-8679-3 65 Elena Brandenburg Karl der Große im Norden Rezeption französischer Heldenepik in den altostnordischen Handschriften 2019, 237 Seiten €[D] 59,- ISBN 978-3-7720-8680-9 <?page no="269"?> 66 Kevin Müller Schreiben und Lesen im Altisländischen Lexeme, syntagmatische Relationen und Konzepte in der Jóns saga helga, Sturlunga saga und Laurentius saga biskups 2020, 310 Seiten €[D] 59,- ISBN 978-3-7720-8694-6 67 Katharina Bock Philosemitische Schwärmereien Jüdische Figuren in der dänischen Erzählliteratur des 19. Jahrhunderts 2021, 264 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-7720-8747-9 68 Massimiliano Bampi, Anna Katharina Richter (Hrsg.) Die dänischen Eufemiaviser und die Rezeption höfischer Kultur im spätmittelalterlichen Dänemark - The Eufemiaviser and the Reception of Courtly Culture in Late Medieval Denmark 2021, 216 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8750-9 69 Nathalie Christen Zeiten schreiben Skandinavische Provinzdarstellungen nach der Jahrtausendwende 2026, 198 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8761-5 70 Julia Meier Inselromane Adam Oehlenschlägers Roman Die Inseln im Südmeere / Øen i Sydhavet im Dialog mit J. G. Schnabels Insel Felsenburg 2022, 274 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-7720-8760-8 71 Lukas Dettwiler Am Wortgrund: Zur Poetik im Werk Göran Tunströms 2022, 269 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-7720-8770-7 72 Anna Katharina Heiniger, Rebecca Merkelbach, Alexander Wilson (Hrsg.) Þáttasyrpa - Studien zu Literatur, Kultur und Sprache in Nordeuropa Festschrift für Stefanie Gropper 2022, 392 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-7720-8769-1 73 Ellen E. Peters Medium Sagazeit Eine literatursoziologische Annäherung an das ‚postklassische‘ Erzählen der Íslendingasaga im Spätmittelalter 2024, 391 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-381-10521-2 74 Friederike Richter Die Prosa-Edda auf Papier Neuschreiben und Rezeption in illuminierten Handschriften der Frühen Neuzeit 2025, 598 Seiten €[D] 79,- ISBN 978-3-381-13091-7 75 Hanna Rinderle Verflochtene Geschichten Afrikabezüge in deutscher und schwedischer Migrations- und Fluchtliteratur (1995-2017) 2026, 261 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-381-14231-6 76 Patrizia Huber Epistolares Erzählen rief als Bühne und Laboratorium in der skandinavischen Prosa des 18. Jahrhunderts 2026, 266 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-381-14531-7 <?page no="270"?> ISBN 978-3-381-14531-7 Das 18. Jahrhundert war das Jahrhundert des Briefs - doch Briefe waren weit mehr als nur Mittel privater Kommunikation. Diese Studie fragt anhand exemplarischer Lektüren nach dem innovativen Potenzial der epistolaren Literatur und zeigt, wie Briefe als Bühne und Labor dienten: Mit ihnen wurden Schriftpraktiken und die Materialität der Literatur ausgestellt sowie gattungsüberschreitendes und medienreflektiertes Erzählen erprobt. Im Mittelpunkt stehen Texte von Ludvig Holberg, Hans Bergeström und Charlotta Dorothea Biehl, die den Brief für autobiografische Selbstinszenierung, empfindsam-kollektive Utopien und dramatisch-immersive Geschichtsschreibung einsetzten. So wird sichtbar, wie der Brief die Literatur des 18. Jahrhunderts reflektierte und veränderte - und bis heute als Musterfall von generischer, praxeologischer und medialer Hybridität gelten darf. Patrizia Huber promovierte und forscht an der Universität Zürich. Patrizia Huber Epistolares Erzählen 76 Epistolares Erzählen Der Brief als Bühne und Laboratorium in der skandinavischen Prosa des 18. Jahrhunderts Patrizia Huber