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Deutsch-chinesische Beziehungen

Wirtschaft, Politik, Gesellschaft

0119
2026
978-3-381-14552-2
978-3-381-14551-5
UVK Verlag 
Dirk Linowski
10.24053/9783381145522

Der "Wiederaufstieg" Chinas ist das dominierende geopolitische Ereignis seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1990. Wir befinden uns seit Ende der 2010er Jahre in einer Phase offener politischer, wirtschaftlicher und militärischer Rivalität, in der die beiden Supermächte USA und China versuchen, ihre Einflusszonen zu stabilisieren und auszuweiten. Deutschland, und damit die EU, befindet sich im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Abhängigkeit von China und sicherheitspolitischen Bedenken. In Verbindung mit hausgemachten Problemen steht nichts weniger als Deutschlands Wirtschafts- und damit Gesellschaftsmodell in Frage. Im Westen ist heute kaum noch bekannt, was in China gedacht und getan wird. Das Buch hat sich zum Ziel gesetzt, bei allen Unterschieden auch Positives sichtbar zu machen, das heißt Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Es versteht sich als Vademecum zu chinesischen Besonderheiten - ein Wegweiser, der den Leser befähigen soll, Schnittmengen wie auch mögliche Konfliktlinien zwischen Deutschland und China in einer zunehmend unübersichtlich anmutenden Welt klarer zu erkennen.

9783381145522/9783381145522.pdf
<?page no="0"?> Dirk Linowski Deutsch-chinesische Beziehungen Wirtschaft, Politik, Gesellschaft 2. Auflage <?page no="1"?> Deutsch-chinesische Beziehungen <?page no="2"?> Prof. Dr. Dr. h. c. Dirk Linowski studierte an der Universität Rostock und an der Université Paris I, Panthéon Sorbonne, Mathematik und Ma‐ thematische Statistik. Im Jahre 1999 promovierte er an der Universität Rostock in Betriebswirtschaftslehre. Nach einer Assistenzprofessur an der Universiteit Nijmegen in den Niederlanden und einem einjährigen Lehr- und Forschungsaufenthalt an der Tongji Universität Shanghai und der Shanghai Normal University in China wurde er im Jahre 2004 auf den Lehrstuhl für Asset Management mit ab 2006 verbundenem Direktorat des Instituts for International Business Studies an der wissenschaftlichen Steinbeis-Hoch‐ schule Berlin berufen, das er bis 2021 innehatte. Prof. Linowski verbrachte etwa die Hälfte seines Berufslebens im Ausland, er war von 2004 bis 2024 „Distinguished Guest Professor“ an der Shanghai Normal University. In der Lehre immer am Zahn der Zeit zu sein, wird in unserer schnelllebigen Zeit immer mehr zur Herausforderung. Mit unserer neuen fachübergreifenden Reihe nuggets präsentieren wir Ihnen die aktuellen Trends, die Forschung, Lehre und Gesellschaft beschäftigen - wissenschaftlich fundiert und kompakt dargestellt. Ein besonderes Augenmerk legt die Reihe auf den didaktischen Anspruch, denn die Bände sind vor allem konzipiert als kleine Bausteine, die Sie für Ihre Lehrveranstaltung ganz unkompliziert einsetzen können. Mit unseren nuggets bekommen Sie prägnante und kompakt dar‐ gestellte Themen im handlichen Buchformat, verfasst von Expert: innen, die gezielte Information mit fundierter Analyse verbinden und damit aktuelles Wissen vermitteln, ohne den Fokus auf das Wesentliche zu verlieren. Damit sind sie für Lehre und Studium vor allem eines: Gold wert! So gezielt die Themen in den Bänden bearbeitet werden, so breit ist auch das Fachspektrum, das die nuggets abdecken: von den Wirtschaftswissenschaf‐ ten über die Geisteswissenschaften und die Naturwissenschaften bis hin zur Sozialwissenschaft - Leser: innen aller Fachbereiche können in dieser Reihe fündig werden. <?page no="3"?> Dirk Linowski Deutsch-chinesische Beziehungen Wirtschaft, Politik, Gesellschaft 2., überarbeitete und erweiterte Auflage <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381145522 © UVK Verlag 2026 ‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikro‐ verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Heraus‐ geber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 2941-2730 ISBN 978-3-381-14551-5 (Print) ISBN 978-3-381-14552-2 (ePDF) ISBN 978-3-381-14553-9 (ePub) Umschlagabbildung: © iStockphoto zhaojiankang Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 7 15 1 21 2 27 2.1 28 2.2 32 2.3 38 2.4 41 43 3 45 54 4 61 4.1 62 4.2 68 4.3 79 4.4 83 4.5 90 95 5 99 5.1 103 5.2 109 5.3 110 5.4 114 118 Inhalt Vorwort zur 2. Auflage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorwort der 1. Auflage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auftakt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . China und Deutschland: Aus der Sicht des jeweils anderen . . . . . Von der Aufklärung in die Gegenwart . . . . . . . . . . . . . . . . . Barriere No. 1! Die Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Barriere No. 2? Konfuzianische Tugenden . . . . . . . . . . . . . . Deutschland, das Land der Tugend . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Exkurs: Von Konfuzius zu Kant und Schopenhauer . . . . . . . . . . . . Kleine Geografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Exkurs: Taiwan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart . . . . . . . . . . . . . . . Von Mao über Deng zu Xi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Fokus auf Technologie und erste Folgen . . . . . . . . . . . . Globalisierung und Bruttoinlandsprodukt . . . . . . . . . . . . . . Die Börsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die chinesische Währung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Exkurs: Yuan vs. US-Dollar im „Kampf um die Weltherrschaft“ . Demografie und Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Ein-Kind-Politik und ihre Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorbild Japan? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Mandat des Himmels und der Fluch des Konfuzius . . . Die Kommunistische Partei und das politische System Chinas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Exkurs: Wohlstand und Glück . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> 6 121 6.1 123 6.2 125 128 7 131 7.1 131 7.2 136 7.3 138 144 8 153 8.1 154 8.2 158 168 9 173 181 187 187 187 188 188 189 189 191 192 192 193 194 195 199 Bildung in China . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das chinesische Bildungssystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Hochschulen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Exkurs: Die Bielefeld Hainan University of Applied Sciences . . . Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abhängigkeiten? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die BRICS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Neue Seidenstraße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Exkurs: Spieltheorie und Politik(wissenschaft) . . . . . . . . . . . . . . . . Brücken und Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Umwelt- und Klimapolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Miteinander leben und lernen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Exkurs: Indien, das „neue China“? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schlussakkord . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Glossar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Im Text direkt verwendete Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorwort zur 2. Auflage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorwort der 1. Auflage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Auftakt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. China und Deutschland: Aus der Sicht des jeweils anderen . . . 3. Kleine Geografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart . . . . . . . . . . . . . 5. Demografie und Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6. Bildung in China . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7. Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8. Brücken und Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9. Schlussakkord . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Leseempfehlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> Vorwort zur 2. Auflage Jeden Tag würden wir beim Versuch, die aktuelle Situation in der Weltpolitik bzw. die Rahmenbedingungen zu beschreiben, die unser Leben und Arbeiten prägen, eine einzigartige Momentaufnahme erstellen. Die erste Auflage dieses Buches erschien im Sommer des Jahres 2024, und sie begann nicht mit direkten Reflexionen zu China und Deutschland, sondern zu China und den USA. Ich habe in meinem Text aus dem vergangenen Jahr zahlreiche Ergänzungen und Erweiterungen vorgenommen. Nicht verändert habe ich das Vorwort der ersten Auflage, das die Momentaufnahme aus dem Juli 2024 darstellt. In einem Text wie diesem kann es nicht darum gehen, die Tagespolitik detailliert zu verarbeiten; dafür sind Nachrichtensendungen, Presse und auch Institutionen, die sich mit aktuellen Fragen beschäftigen, wie die Stiftung Wissenschaft und Politik, oder auch die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, zuständig. Wir werden hier versuchen, die langen Linien der Entwicklung Chinas zu verstehen und dabei auf Bausteine aus der Sprache, der Demografie, der Geschichte und der Philosophie zurückgreifen, um China und seine Bedeutung für uns besser zu verstehen. Wie sich die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bezie‐ hungen Deutschlands bzw. der EU zu China entwickeln, wird wesentlich von der Politik, die in Washington gemacht wird, beeinflusst. Auch hier werden wir wieder mit den USA beginnen. Im Januar 2025 übernahm Donald Trump zum zweiten Mal die US-Präsidentschaft. Der 45. US-Präsident wurde zum 47. Präsidenten. Die Eskalation des durch US-Präsident Donald Trump losgetretenen Zollkonflikts im Frühjahr 2025 zeigte, dass China bzw. die chinesische Regierung auf allen Ebenen auf einen nicht-militärischen Groß‐ konflikt mit den USA gut vorbereitet war: Seit mehreren Jahrzehnten wurde Technologie gefördert, wurden Märkte diversifiziert und internationale Allianzen ausgebaut. Obwohl die EU-Kommission im Jahr 2024 Zölle bis zu 45 % auf chinesische Elektroauto-Importe verhängt hatte, hat sich der Anteil der chinesischen Automobilhersteller an den Gesamtverkäufen in Europa von 2,9% im Mai 2024 auf 5,9% im Mai 2025 in etwa verdoppelt. [1] Gegenwärtig setzen erste chinesische Unternehmen auf Direktinvestitionen in Produktionsanlagen in Europa. Hauptinvestitionsland ist Ungarn, das sich, während in Deutschland <?page no="8"?> Industriearbeitsplätze abgebaut werden, immer mehr zum Zentrum der europäischen Automobilindustrie entwickelt. Der Stand 2024 weltgrößte Batteriehersteller CATL (Contemporary Amperex Technology) produziert in Ungarn, investierte aber auch etwa 1,8 Mrd. Euro in eine Fabrik in Arnstadt in Thüringen. Dies hat zudem den von China wie den europäischen Ländern optisch gewünschten Effekt, dass das Handelsbilanzdefizit sich nicht weiter in Richtung China verschiebt. Jetzt geht China das Risiko ein, dass Technologien und Know-how abfließen. Die größte Gefahr für diese neue chinesische Strategie liegt bei Erscheinen dieses Buches darin, dass die US-Regierung weiterhin offensiv versucht, den Handel anderer Länder mit China einzuschränken. Überlegungen der Amerikaner Mitte 2025, die EU-Strategie gegen Russland nicht zu unterstützen, gingen ebenfalls in diese Richtung. Ob der Versuch Trumps, Russland aus der strategischen Umklammerung Chinas zu befreien, langfristig erfolgreich ist, bezweifle ich (s. auch Exkurs zu Kapitel 7 und Kapitel 9). Zu den positiven Nebenwirkungen des Politikwechsels in den USA gehört, dass die Berichterstattung zu China in Deutschland seit Beginn des Jahres 2025 deutlich differenzierter und sachlicher erfolgt, als es in den Jahren davor der Fall war, wo über China überwiegend negativ und dabei oft abwertend berichtet wurde. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der BASF, Martin Brudermüller, stellte dazu bereits im Jahre 2023 fest: China-Bashing führt nur dazu, dass die Zukunft der EU vernachlässigt wird. „Europa verliert in vieler Hinsicht an Wettbewerbsfähigkeit.“ Es ist „eine Illusion zu hoffen, mit Staatsgeld durch die Energiekrise zu kommen und dann in den alten Strukturen weiterzumachen“. Dazu erkannte Brudermüller Ende 2023 zum wiederholten Male, dass nicht nur chinesische Windkraftanlagen und Elektroautos inzwischen besser und zugleich billiger seien als ihre westlichen Konkurrenzprodukte. [2] Überall auf der Welt sind es zuvorderst demografische Entwicklungen, die wirtschaftliche, soziale und politische Veränderungen, wenn auch nicht monokausal erklären, so doch wesentlich mitbestimmen. Tatsächlich wurde in China Anfang 2025 mit der Erhöhung des Renteneintrittsalters eine Reform mit enormen gesellschaftlichen Konsequenzen begonnen, auf die bereits seit langer Zeit gewartet wurde: Die Regierung sieht sich als Spät‐ folge der Ein-Kind-Politik mit niedrigen Geburtenraten konfrontiert: Die Geburtenrate ist seit Mitte der 1990er Jahre nicht mehr bestandserhaltend und in den Jahren 2023 und 2024 gegen das Allzeittief von 1,0 konvergiert (s. Kapitel 5). Wie man dies begründet (die chinesische Regierung hat 8 Vorwort zur 2. Auflage <?page no="9"?> es in dieser Hinsicht fraglos einfacher als ihre westlichen Pendants) ist primär nachrangig: Tatsache ist, dass eine solche Reform Mut erfordert, den die chinesische Führung zeigt, und über den deutsche Regierungen der vergangenen zwei Jahrzehnten bezüglich Kranken-, Renten- und Pfle‐ geversicherung nicht verfügten, obwohl die demografische Entwicklung hin zu einer Schrumpfung und Alterung der Kernbevölkerung (d. h. ohne Migration) bereits seit Jahrzehnten allgemein bekannt ist. Nachdenken über China heißt auch zu versuchen, im Positiven wie im Negativen zu lernen, und China und uns selbst betreffend nicht alte Fehler zu wiederholen. Die Chinesen der Qing-Dynastie machten Ende des 18. Jahrhunderts den Fehler, sich für den Nabel der Welt zu halten und ihre Gesellschaftsordnung zum Maß aller Dinge zu erklären. Auf diesem Holzweg sind wir in Nordamerika und Europa wieder. Dabei hat sich die Welt weitergedreht. Der chinesischen Regierung ist es in den vergangenen Jahrzehnten gelungen, Hunderte Millionen Menschen aus absoluter Armut zu befreien, und damit ist China bzw. sein politisch-wirtschaftliches Modell für weite Teile der gegenwärtigen Welt zum Vorbild geworden. Dies strahlt nicht nur in den „Globalen Süden“, sondern auch nach Mitteleuropa. Dass es sich lohnen kann, mit China gut zu stehen, sieht man an den chinesischen Direktinvestitionen in Ungarn. Europa ist für einen großen Teil des „Rests der Welt“, also für bald 8 Milliarden Menschen, nicht viel mehr als ein alternder, von Armutsmigra‐ tion bedrohter Kontinent mit viel Kriminalität drinnen und Kriegen an der Peripherie, sowie ein paar netten Sehenswürdigkeiten in oft herunter‐ gekommenen Städten und einigen guten Schulen und Krankenhäusern für Leute, die Geld haben. Die Tatsache, dass (nach einer Formulierung des früheren belgischen Ministerpräsidenten Mark Eysken) Europa ein politischer Zwerg und ein mi‐ litärischer Wurm ist (dem in der Gegenwart die Mittel fehlen, internationale Entwicklungen zu gestalten und der zudem seine äußere Sicherheit erkau‐ fen muss), hat Auswirkungen auf die Wirtschaft. Die Machtverhältnisse innerhalb des Westens wurden im Sommer 2025 bei den Verhandlungen zwischen den USA und Russland zur Ukraine und mehr noch bei Abschluss des „Handelsdeals“ zwischen der EU und den USA deutlich. Vor den Augen der Welt wurde die EU durch das Zollabkommen mit den USA herabgestuft. Dies wurde, in einer Gegenwart, in der der regelbasierte Handel nach WTO-Regeln weitgehend passé ist und „Deals“ zwischen Staaten bzw. Staatengruppen abgeschlossen werden, überall auf der Welt registriert. Als Vorwort zur 2. Auflage 9 <?page no="10"?> Verteidiger des Multilateralismus fielen im ersten Halbjahr von Donald Trumps 2. Präsidentschaft vor allem Brasilien und Indien auf. Inwieweit die EU ein eigenständiger Akteur in der Sicherheitswie der Klimapolitik (Stichwort Green Deal) bleiben kann, wird sich in nicht allzu ferner Zukunft erweisen. Während die USA und China eint, dass beide nach möglichst großer Autonomie bzw. Unabhängigkeit vom „Rest der Welt“ streben, befinden sich die großen geopolitischen Verlierer der Gegenwart sehr offensichtlich in Europa und dies betrifft nicht nur die alten Großmächte Großbritannien, Frankreich und Deutschland, sondern auch Russland. In diesem Text wird u. a. versucht zu zeigen, dass die chinesische Außenpolitik deutlich reaktiver ist, als bei uns üblicherweise angenommen: Sie nutzt in der Tradition des alten Militärstrategen Sunzi (s. Exkurs zu Kapitel 7) primär Fehler anderer geopolitischer Akteure und stößt in Lücken, die insbesondere die USA aufmachen. Aus chinesischer Perspektive nicht überraschend ist die Wertschätzung der Regierungen durch die von ihnen Regierten kaum irgendwo anders so niedrig wie in den meisten der 27 EU-Staaten. Deutschland ist - nicht nur in China - kaum noch Vorbild, wie vor 20 - 30 Jahren. Die Eliten der meisten anderen Länder wollen nicht mehr werden, wie wir es heute sind. So wie China sich in vielerlei Hinsicht vom Westen emanzipierte, hat sich sich ein Großteil des „Globalen Südens“ vom Westen als Vorbild abgewandt. Besonders deutlich kommt dies dadurch zum Ausdruck, dass China derzeit für etwa 120 Länder, darunter auch die NATO-Alliierten Japan, Südkorea und Australien, der wichtigste Handelspartner ist, und das sowohl als Lieferant (Exporte) als auch als Abnehmer (Importe). Aus dem Westen wurden mehrfach Versuche kommuniziert, der Belt und Road Initiative etwas entgegenzusetzen. So versprachen die G7 im Juni 2023 600 Mrd. USD für Infrastrukturinitiativen in Entwicklungsländer, während gleichzeitig Goetheinstitute geschlossen wurden und überall in der westlichen Welt die Staatsfinanzen aus dem Ruder liefen. Dass dieses Versprechen wohl eher ein Versprecher war, ahnten die potenziellen Adressaten schnell und vertrauten wirtschaftlich weiter auf China. Die Präferenz der meisten Schwellenländer für Partnerschaften mit China impliziert nicht gleich Freundschaft, findet aber vor dem Hintergrund statt, dass man sich gegenseitig zuhört, um die Interessenlage des Gegenübers zu verstehen (ein neues Schlagwort dafür ist Strategische Empathie). In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Deutschland in Europa Mitte der 10 Vorwort zur 2. Auflage <?page no="11"?> 1 Die Formulierung, dass Staaten keine Freunde, sondern Interessen haben, wird sowohl Lord Palmerston als auch Charles de Gaulle zugeschrieben. Passender ist hier wohl zu sagen, dass Deutschland bzw. Europa in der Gegenwart über keine Partnerschaften in belastbaren Allianzen verfügt. 2020er Jahre keine internationalen Freunde hat. 1 Weder Russland, noch China, noch die USA, und auch nicht Indien oder Lateinamerika oder Sub‐ sahara-Afrika können mit unserer weitgehend belehrenden und oft wenig informierten Art viel anfangen. Es gilt weiterhin das Zitat der früheren nigerianischen Spitzenpolitikerin und gegenwärtigen WTO-Generaldirek‐ torin Ngozi Okonjo-Iweala: „Sprechen wir mit China, bekommen wir einen Flughafen; sprechen wir mit Deutschland, bekommen wir einen Vortrag.“ [3] Wir lesen und hören regelmäßig, dass gegen Donald Trump, Xi Jinping und Wladimir Putin nur ein starkes, einiges Europa hilft. Das Problem: Dieses handlungsfähige, einige Europa gibt es nicht, und es ist auch nicht am Ho‐ rizont sichtbar. Die EU ist nicht als Verteidigungsallianz zur Durchsetzung übernationaler Interessen aufgebaut worden. Zwar wurde im Dezember 2024 mit dem Litauer Andrius Kubilius erstmals ein EU-Kommissar für Verteidigung (und Raumfahrt) ernannt und eine Strategie vorgelegt, wie die europäischen Verteidigungsfähigkeiten bis 2030 aufgebaut werden sollen, aber der Weg ist weit und die nationalen Egoismen und Inkompatibilitäten sind bekannt. Wenn aber ein Umbau der EU von einer bürokratischen Kompromissfabrik hin zu einem Gestalter aktiver Technologie- und Wis‐ senschaftsförderungspolitik nicht gelingt, wird der alte Kontinent nicht nur gegenüber China und den USA weiter zurückfallen. Zuvorderst müssen wir alle wieder verinnerlichen, dass die Basis von Wohlstand Arbeit ist, und dazu zählt auch der Erwerb von Wissen. Die gegenwärtige Vorstellung, dass Planwirtschaft Mist ist, basiert auf dem Scheitern der Sowjetunion und ihrer Alliierten und einem fatalen Missverständnis von Adam Smith‘ „ordnender Hand des Marktes“. Man kann mit einiger Berechtigung sagen, dass die DDR unter anderem an einem Mangel an nützlichen Informationen gescheitert ist. Das moderne China ist indes anders. Es gibt Pläne für die großen Linien, die regelmäßig den sich ändernden Gegebenheiten angepasst werden. Um die Masse an Kleinkram kümmert sich die Regierung nicht und man ist viel flexibler (und auch härter) als im Westen gemeinhin angenommen. Praktisch ist das Wirt‐ Vorwort zur 2. Auflage 11 <?page no="12"?> 2 Bereits vor ca. 20 Jahren sagte ein chinesischer Kollege während seines ersten Deutsch‐ landbesuches zu mir „Wir haben Sozialismus, ihr habt Kapitalismus. Lass‘ uns mal die Begriffe klären.“ 3 Hier gibt es eine schöne Anekdote: Als US-Außenmininister Henry Kissinger den chinesischen Ministerpräsidenten Zhou Enlai Anfang der 1970er Jahre fragte, was er schaftssystem des modernen China ein „Kapitalismus mit Leitplanken“ den man, anstelle von Planwirtschaft, auch treffend als strategisch gesteuerten Hyperkapitalismus, bezeichnen kann. 2 Auch ist China anders „totalitär“, als die meisten Menschen im Westen zu meinen gedenken. Die Menschen sollen sich im öffentlichen Raum regelkonform verhalten, was sie in ihren vier Wänden tun, interessiert die Regierung in den seltensten Fällen. Privat gibt es - jedenfalls wo ich mich bewege - weniger implizite Sprechverbote als bei uns: Auch wenn jedermann in Deutschland sagen darf, was er will, sofern er sich im Rahmen der Verfassung bewegt, ist es meiner Wahrnehmung nach im Jahre 2025 eher ungewöhnlich, dass in Deutschland in (teilweise) unbekannter Runde zum Beispiel über die Coronazeit, Israel und Palästina oder den Krieg in der Ukraine einfach laut nachgedacht wird. Die großen Herausforderungen der Zukunft sind für fast alle Gesellschaf‐ ten mit der zunehmenden Alterung und Schrumpfung der Gesellschaften verbunden. Dies eint uns mit China. Unsere weitgehende Planlosigkeit gilt es zu übererdenken, wollen wir nicht (in nicht sehr ferner Zukunft) mit Armut als Massenphänomen konfrontiert werden. Die chinesische Regierung zeigt ihr Selbstbewustsein dem Westen gegen‐ über offen. Die Begegnungen zur 50-jährigen Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der EU und China fanden im Sommer 2025 in Peking statt, nachdem Chinas Staats- und Parteiführer Xi Jinping eine Einladung nach Brüssel im Frühjahr 2025 dankend abgelehnt hatte, dafür aber an der Parade der russischen Armee zum Gedenken des Sieges im II. Weltkrieg in Moskau teilgenommen hatte. Spiegelbildlich lud Chinas Staats- und Parteiführer Xi Jinping Russlands Präsidenten Wladimir Putin und US-Präsidenten Donald Trump (der diese Einladung nicht annahm) zu den chinesischen Feierlichkeiten anlässlich des 80. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges im September 2025 nach Peking ein. Die Europäer spielten in diesen Planungen, wenn überhaupt, nur eine nachgeordnete Rolle. Lernen müssen wir wieder, in langen Zeiträumen zu denken. 3 Andernfalls fallen wir weiter gegenüber China, wo viel über uns gewußt wird und 12 Vorwort zur 2. Auflage <?page no="13"?> von der Französischen Revolution halte, soll Zhou geantwortet haben „Too early to tell“. wo man uns in technischer Hinsicht nicht mehr unbedingt braucht, weiter zurück. Was wir uns gesellschaftlich klarmachen müssen - und diesbezüg‐ lich besteht weitgehender Konsens zwischen eher regierungskritischen Beobachtern und „Chinaverstehern“ - ist, dass weder die US-Regierung noch China (und Russland natürlich auch nicht) ein Interesse an einer starken EU haben. Die Frage ist, welche praktischen Schlussfolgerungen wir daraus ziehen. In diesem Buch werden Sie, jenseits der allgemeinen Verweise auf die Notwendigkeit des Wiederaufbaus von China-Kompetenz und der Notwendigkeit, den Herausforderungen der Gegenwart mit Mut zu begegnen,keine Vorschläge für die Tagespolitik finden. In dieser überarbeiteten und erweiterten Ausgabe der „Deutsch-chinesischen Beziehungen“ finden Sie deutlich mehr Einschübe in Kästen als in der 1. Auflage. In diesen werden kleine „Geschichten“ erzählt, die ich inhaltlich für relevant halte, die aber den Lesefluss des Textes behindert hätten. An zahlreichen Stellen in diesem Text wird auf die konfuzianische Alltagsethik und ihre Bedeutung in den zwischenmenschlichen Beziehungen verwiesen, ohne dabei den Anspruch zu erheben, eine erschöpfende und zusammenhängende Darstellung derselben zur Verfügung zu stellen. Im Grunde handelt es sich bei diesem Text um ein Vademecum zu chinesischen „Besonderheiten“, das den Leser befähigen möge, tiefergehende Fragen zu stellen, um Schnittmengen und Interessenskonflikte zwischen Deutschland und China in einer zunehmend unübersichtlich erscheinenden Welt zu erkennen. An dieser Stelle möchte ich noch erwähnen, dass ich selbst nie über etwas gesprochenes Alltagschinesisch und das Erkennen von maximal 200 Schriftzeichen hinausgekommen bin. Dieses Buch stellt somit auch den Versuch dar zu zeigen, dass man, auch wenn man die Sprache nicht gut beherrscht, einiges von und in China (und ebenso anderen Ländern) verstehen und lernen kann, sofern man interessiert und offen ist. Im Unterschied zur 1. Auflage gibt es in diesem Buch ein kleines Glossar. Ich danke, neben den im Vorwort der 1. Auflage Genannten insbesondere Cedric Korte, Niklas Schönherr und meinem Vater für zahlreiche Denkanstöße und Hinweise, die in diesen Text eingeflossen sind. Rostock, im Oktober 2025 Vorwort zur 2. Auflage 13 <?page no="15"?> 4 So ganz eindeutig ist dabei nicht, was der Westen ist: Sie können im Verlauf einer schnellen Onlinerecherche ohne viel Mühe zehn oder auch mehr unterschiedliche Definitionen finden, die sich in unterschiedlicher Weise auf die griechisch-römische Geschichte, die Rechts- und Regierungsform, die christliche Religion, Geografie und weitere „Pfeiler“ stützen. Vorwort der 1. Auflage Nachdem China acht Jahre lang Deutschlands wichtigster Handelpartner war, schickten die USA sich Anfang 2024 an, diese Rolle zu übernehmen [4] und das nicht nur kurzfristig. China ist, Mitte der 2020er Jahre, in Deutschland nicht en vogue. Schauen wir kurz in die jüngere Vergangenheit. Nach einer Annäherung zwischen China und Deutschland in den letzten Lebensjahren des „Großen Steuermanns“ Mao Zedong (1893 - 1976) Mitte der 1970er Jahre - damals gab es noch den „Systemrivalen“ Sowjetunion - folgte in Deutschland im Zuge der sogenannten Öffnungspolitik ab 1992 eine Phase der „China-Euphorie“. Ihren verspäteten Abschluss fand diese im Jahr 2006 im vom Wirtschafts‐ historiker Niall Ferguson und dem heutigen Präsidenten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft Moritz Schularick kreierten Begriff Chimerica, der eine „Symbiose“ der USA und Chinas meint. Praktisch war dies der Beginn einer Periode von gleichzeitiger pragmatischer Kooperation und Wettbewerb des Westens 4 und Chinas, die spätestens im Jahre 2019 ihr formales Ende fand. Seit 2019 bezeichnet die EU, den USA bzw. ihrem damaligen Präsidenten Trump mit zwei Jahren Verspätung folgend, China als Partner, Wettbewer‐ ber und Rivalen. Vier Jahre später wurde durch die Bundesregierung eine Chinastrategie verabschiedet, die grundsätzlich mehr auf Unterschiede und Abgrenzung abstellt als auf Gemeinsamkeiten und Kooperation. In dieser heißt es beispielweise, China wolle weltweit „wirtschaftliche und techno‐ logische Abhängigkeiten schaffen, um diese zur Durchsetzung politischer Ziele und Interessen zu nutzen“. [5] Mit der Übergabe der US-Präsidentschaft von Donald Trump an Joe Biden hat sich in Washington allenfalls der Ton in Nuancen geändert; direkt im Nachgang seiner Wahl im November 2020 bezeichneten die Oberkomman‐ dierenden der US Navy, der Marines und der Coast Guard gemeinsam China als „umfassendste langfristige Bedrohung“ der USA. Im Frühjahr 2024 und damit kurz vor den Wahlen im Jahr 2024 verfügte Präsident Biden über neue <?page no="16"?> 5 Machen Sie sich an dieser Stelle bitte kurz klar, welche Denkweise hinter dem Begriff „Strafzölle“ steht. „Strafe“ setzt ein asymmetrisches Verhältnis voraus - wer jemanden bestraft, stellt sich über ihn. In einem Kontext formaler Gleichrangigkeit (wie zwischen souveränen Staaten) zielt der Verweis auf eine mögliche Bestrafung auf eine Deutungshoheit in moralischer und machtpolitischer Hinsicht. Strafzölle 5 auf chinesische Einfuhren in der Annahme, damit seine Chancen auf eine Wiederwahl zu erhöhen. Die große Zeit der internationalen Organisationen scheint vorbei zu sein und das Fundament der internationalen Rechtsordnung zerfällt: Streit‐ schlichtung über die Welthandelsorganisation WTO funktioniert praktisch nicht mehr, der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wird von der jeweili‐ gen Gegenseite (aus westlicher Sicht Russland und China) lahmgelegt und der Internationale Strafgerichtshof wird von den deutschen Medien bejubelt, wenn er einen Haftbefehl gegen den russischen Präsidenten Putin ausstellt und verdammt, wenn ein solcher gegen den israelischen Premierminister Netanjahu möglich scheint. Wenn Sie dieses Buch in der Hand halten, haben in den USA wieder Präsidentschaftswahlen stattgefunden. Tatsächlich ist die „Abneigung“ ge‐ genüber China und die Überzeugung, es „eindämmen zu müssen“, fast das einzige große Thema in den USA, in dem sich Republikaner und Demokraten weitgehend einig sind: Für den näheren Fortgang der geopolitischen Riva‐ lität zwischen USA und China ist es somit vermutlich nachrangig, ob Trump oder Biden oder jemand anderes ab Januar 2025 im Oval Office residiert. Ob Deutschland bzw. seine politische Führung die Notwendigkeit sieht, sich den USA anzuschließen oder ob wir weiter Handel sowohl mit den USA als auch mit China treiben können, wird sich zeigen. Im Fall eines Rückbaus des Außenhandels müssen wir uns, der Theorie der komparativen Vorteile von David Ricardo (1772 - 1823) folgend, mit der jeder Student der Wirtschaftswissenschaft im Grundstudium bekannt gemacht wird, mit‐ telfristig quasi deterministisch auf Wohlstandsverluste einrichten. Es wird dann Aufgabe der Politik sein, dem Wahlvolk den Trade-off zwischen den Vorteilen eines weitgehend auf der Idee des Freihandels basierenden internationalen Handelssystems und „mehr Unabhängigkeit“ zu erläutern. Dies wäre in „normalen Zeiten“, also ohne demografischen Wandel, Kriege an der Peripherie und Migrationsdruck an den Außengrenzen der EU bereits eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Änderungen der Wahrnehmung Chinas durch die Europäer sind nicht neu. Bevor China mit dem 1. Opiumkrieg von 1839 - 1842 im Westen der 16 Vorwort der 1. Auflage <?page no="17"?> Verachtung anheimfiel, genoss es im späten 17. bis Ende des 18. Jahrhunderts bei vielen europäischen Intellektuellen und Aristokraten einen ausgezeich‐ neten Ruf. Jeder europäische Fürst, der etwas auf sich hielt, hatte im Barock und Rokoko eine Sammlung chinesischen Porzellans aus der Ming- (1368 - 1644) und aus der Qing-Dynastie (1644 - 1911); chinesische Pagoden oder Türme finden sich in den Parks und Schlössgärten ganz Europas. Der bekannteste China-Kenner des Barocks war der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1716), der mehrfach darauf hinwies, dass die Europäer zu wenig über Sprache, Philosophie und Geschichte Chinas wissen, um belastbare Urteile fällen zu können. Der deutsche Sinologe Ole Döring führte dazu 300 Jahre später aus: „Wir können die Entwicklungen im heutigen China nicht ansatzweise verstehen, wenn wir politische Begriffe wie ‚totalitär‘ oder ‚zentralistische Diktatur‘ in den Mittelpunkt stellen. Die entsprechenden chinesischen Äquivalente sind historisch, moralisch und politisch ganz anders verknüpft und im Diskurs präsent, als dass sie in Begriffen unserer Erfahrungswelt aufgehen könnten.“ [6] Das Bild von China, das die meisten öffentlichen und privaten deutschen Leitmedien seit vielen Jahren zeichnen, ist kein gutes. Die Darstellungen konzentrierten sich seit Beginn der 2020er Jahre primär auf Überwachung, Jugendarbeitslosigkeit und eine Immobilienkrise (auf Tibet, Taiwan und die Uiguren in Xinjiang wird an anderen Stellen eingegangen). Spiegelbildlich war ein Großteil der chinesischen Berichterstattung zu Deutschland und den USA im Herbst 2023 und Frühjahr 2024, als ich nach mehr als drei Jahren „Corona-Pause“ wieder in China war, den Folgen von ungeregelter Zuwan‐ derung, Inflation und Drogenkonsum gewidmet. Beide Darstellungen sind nicht völlig falsch, sie sind jedoch einseitig und überzogen. Auf Deutschland übertragen bedeutet dies, sich vorzustellen, ein oder zwei Stunden durch das Frankfurter Bahnhofsviertel im Frühsommer des Jahres 2024 zu spazieren, die Eindrücke zu notieren und sich daraus ein Deutschlandbild gemacht zu haben. Richtig ist, dass sich China in einer Wirtschaftskrise befindet, die in etwa dem Zustand der Bundesrepublik Deutschland Mitte der 1990er Jahre, nach Beendigung des „Einheitsbooms“, entspricht. Nach 40 Jahren Wachstum bekommen die weniger guten Absolventen der Universitäten nicht die Jobs, die ihnen noch wenige Jahre zuvor vorschwebten und die Eintrittsgehälter sind zumeist auf einem Niveau, das ein materiell nur sehr bescheidenes Vorwort der 1. Auflage 17 <?page no="18"?> 6 Im Chinesischen wird erst der Nachname und dann der Vorname genannt. Der Nachname besteht immer aus einer Silbe, der Vorname kann aus ein oder zwei Silben bestehen. 7 Eine Diskussion, die in Deutschland bezüglich der sogenannten Generation Z übrigens inhaltlich ähnlich geführt wird (nur eben nicht von der Regierung). 8 Zitiert nach [7]. Nicholas Burns, Botschafter der USA in der VR China, informierte im Herbst 2023 das State Department, dass man überhaupt nicht mehr wisse, was in China vor sich gehe. Andere Quellen zitieren Burns mit 700 US-Studenten, die 2023 in China lebten. China ist hier im Vorteil: Obwohl auch die Zahl der chinesischen Studierenden in den USA seit 2020/ 2021 stark rückläufig ist, studieren immer noch mehr als 200.000 Chinesen in den USA (Stand Frühjahr 2024). Leben ermöglicht. Chinas Staatsführer Xi Jinping 6 selbst hat dies im Herbst 2023 derart auf den Punkt gebracht, dass die Jugend lernen müsse „Bit‐ terkeit zu essen“. Er gebraucht hier einen sprachlichen Ausdruck, den wir verstehen, so aber nie verwenden würden. Dabei geht es prinzipiell um den mit der inzwischen beendeten Ein-Kind-Politik verbundenen sich anbahnenden Generationenkonflikt und die psychische Belastbarkeit der Wohlstandskinder, 7 deren Existenz den wohl höchsten Preis für den wirt‐ schaftlichen Aufschwung der vergangenen vier Jahrzehnte darstellt. Dass diese Übergangsphase kommen musste, war jedermann, der sich mit China beschäftigte, klar. Respekt (den China aus dem Westen nicht hinreichend erhielt und in absehbarer Zeit auch nicht erhalten wird) verdient aber die Tatsache, dass der Wachstumsprozess so lange und ohne echte Turbulenzen vonstatten ging. Mitte 2023 waren nicht einmal mehr 400 Studenten aus den USA in China erfasst, davon mehr als die Hälfte in Peking. 8 Ursächlich für den Rückgang der US-Studenten in China waren dabei die schlechte Presse Chinas in den USA - junge Amerikaner sehen es in der Gegenwart offensichtlich als karriereschädigend an, in China zu studieren - als auch die restrikti‐ ven Maßnahmen der chinesischen Behörden während der Corona-Krise. Wie in einer gescheiterten Ehe gab es nicht den allein Schuldigen, beide Supermächte bzw. ihre Entscheidungsträger haben ihren Anteil an der wechselseitigen Entfremdung. Einige Führer der USA und Chinas haben aber inzwischen offensichtlich verstanden, dass die Sprachlosigkeit auf beiden Seiten überwunden werden muss, eine Erkenntnis, die sich in der deutschen Politik Mitte 2024 offensichtlich noch nicht durchgesetzt hat. Offensichtlich hat noch nicht einmal der Versuch stattgefunden, laut darüber nachzudenken, ob ein geschwächtes China für uns gefährlicher ist als ein 18 Vorwort der 1. Auflage <?page no="19"?> stabiles China (wenn man schon der Meinung ist, dass China eine Gefahr für den Westen darstellt). Dazu müsste man aber etwas über China wissen. Ich habe mehr als die Hälfte meines Berufslebens im Ausland verbracht. Seit 2002 bin ich regelmäßiger Gast an verschiedenen Universitäten Shang‐ hais, an denen ich insgesamt ca. vier Jahre tätig war. Ich denke somit, die Grundlinien chinesischen politischen Denkens - die die chinesische Führung offen kommuniziert - gut genug zu verstehen, um diese hinrei‐ chend präzise und verständlich erläutern zu können. Meine Überlegungen zu China, die ich Ihnen hier darlege, sind aus mehr als 20 Jahren Arbeiten und Leben mit chinesischen Kollegen, von denen einige enge Freunde wurden, gestützt. Ebensolange bin ich häufig in den USA und verfolge somit die Entwicklung der „US-amerikanischen Sicht auf China“. China ist ungeheuer divers und Shanghai ist damit ebensowenig reprä‐ sentativ für China wie New York für die USA. Auch sind meine chinesischen Freunde und Kollegen auschließlich gebildete und wohlhabende Menschen. Nichtsdestotrotz leben wir physisch miteinander: An Wochenenden in Shanghai fahre ich zu „meiner chinesischen Familie“: Dort versucht man wie wir, einigermaßen anständig durchs Leben zu kommen und vor allem den Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen. Im vorletzten Kapitel dieses Buches lesen Sie einen Gastbeitrag. Eine Chinesin, die mit einem Deutschen verheiratet ist, mit dem sie gemeinsam drei Kinder hat, berichtet dort von den besonderen Freuden und Schwierigkeiten in einer deutsch-chinesischen Familie. Zu jeder Teildisziplin der chinesischen Gesellschaft, Philosophie und Geschichte existieren umfangreiche Fachbücher, die jedes für sich für die Komplexität der Materie stehen und die für die Tiefen(aus)bildung verfasst wurden. Unbestreitbare Vorteile des hier verwendeten Monogra‐ fie-Formates sind die Konzentration auf das Wesentliche und der Zwang, verständlich zu schreiben. Neben klassischen Argumentationslinien werde ich deshalb eigene Beobachtungen und Erlebnisse einstreuen. Um die Lesbarkeit zu erleichtern, werden nachrangigen Aussagen, die fast immer durch wenig aufwendige Recherchen verifiziert werden können, keine Quellen zugeordnet, ebenso wird auf ein Glossar sowie Sach-, Namens- und Abürzungsverzeichnisse verzichtet. Sie finden im Text und im Anhang aber zahlreiche Literaturhinweise. Dabei wird Ihnen auffallen, dass viele dieser Quellen - Gutes muss nicht neu sein - relativ alt sind. Insbesondere habe ich mich bemüht, so selten wie möglich chinesische Dynastien und chinesischen Namen zu nennen (ohne geht es natürlich nicht! ), da dies den Vorwort der 1. Auflage 19 <?page no="20"?> nichtgeschulten Leser im Allgemeinen verwirrt und mitunter sogar zum Leseabbruch führt. Tatsächlich hoffe ich, Sie, verehrte Leserin oder verehrter Leser, mit diesem kurzen Text zu China zum Nachdenken über sich selbst, unsere Gesellschaft bzw. eine Gesellschaft, in der Sie bzw. wir leben möchten, anzuregen. Dabei dürfen wir eines nie aus den Augen verlieren: Unser Wohl‐ stand wird weiter auf Gedeih und Verderb von unserer Bildung, und damit sind explizit nicht nur fachliche Aspekte gemeint, und unserer Fähigkeit, wertschöpfend zu arbeiten, abhängen. Anders ausgedrückt: Die Zukunft Deutschlands wird primär an seinen Schulen und Hochschulen entschieden. Uns fehlt es in vielerlei Hinsicht an Wissen, und dieses wiederum ist notwendige Voraussetzung, um unsere Interessen zu verstehen und im Anschluss artikulieren zu können. Dass der Erwerb von Wissen Freude bereiten und zugleich und „Hunger auf mehr“ machen kann, liegt in der Natur der Sache. Wenn Sie dieses Buch zum Weiterfragen, Lesen und Reisen motivieren sollte, hat es seinen Zweck erfüllt. Dass einzelne Argumentationen Teilen aus meinem deutlich umfangrei‐ cheren Buch „Herausforderungen der Wirtschaftspolitik“ [8], das in 2. Auflage im Jahr 2022 beim UTB-Verlag in Tübingen erschienen ist, ähneln, liegt in der Natur der Sache. China steht dort implizit immer als ein gesell‐ schaftliches „Gegenmodell“ im Raum. Auch formal gibt es eine Kontinuität, indem ich in diesem Text jedem Kapitel einen Exkurs nachgestellt habe. Unverändert bleibt meine Überzeugung, dass wir (noch) in der für uns besten aller Welten leben. Ich danke Iris Bockholt, Rolf Drees, Andreas Ebert, Frederik Hill, David Kantel, Jacob Kleinow, Louis Aaron König, Verena Lindow, Finja Lene Probandt, Junhua Tang, Frank Witt und Haifeng Zendeh für Ihre Anmer‐ kungen und Korrekturen des Rohmanuskripts. Es bleibt zu sagen, dass alle inhaltlichen Fehler oder Unkorrektheiten allein mir zuzuschreiben sind. Rostock, im Juli 2024 Unter dem Link https: / / de.china-embassy.gov.cn/ det/ lsfw/ visa/ können aktuelle Informationen zu Einreisebedingungen deutscher Staatsbürger in die VR China abgerufen werden. 20 Vorwort der 1. Auflage <?page no="21"?> 9 Im Folgenden verwende ich aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum. 1 Auftakt Stellen wir uns einen zwanzigjährigen Leser 9 , vielleicht Sie selbst, vor, der dieses oder auch ein anderes Buch in die Hand nimmt. Sie sind ein noch teilweise unbeschriebenes Blatt, Sie eint mit Gleichaltrigen, dass Sie vermutlich vor Kurzem das Abitur abgelegt haben, auch wenn Sie auf unterschiedliche Weise, auf einer Waldorf-Schule, einem klassischen Gymnasium oder einem Wirtschaftsgymnasium, darauf vorbereitet wurden. Sie denken also „ähnlich“ bzw. Sie sind ähnlich konditioniert. Wenn Sie sich weitere 20 Jahre später mit Ihren ehemaligen Klassenkameraden treffen, sitzen u. a. Juristen, Ärzte, Ingenieure, Wirtschaftswissenschaftler und Naturwissenschaftler am Tisch. Wenn Sie dann das Terrain der Jugendge‐ schichten verlassen und sich Gesellschaft und Politik zuwenden, könnten Sie feststellen, dass es berufliche Besonderheiten gibt, die die Art der Menschen, die Welt zu betrachten, prägen. Anders ausgedrückt. Ein Mathematiker hat im Allgemeinen eine andere Art, Probleme zu analysieren und zu lösen bzw. „durchs Leben zu gehen“ als ein Jurist. Wir sind gewohnt, Entscheidungen zu treffen, ohne jedes Mal die Voraus‐ setzungen zu hinterfragen. Ein Großteil unseres Verhaltens basiert auf der Art, wie wir konditioniert sind bzw. auf Konventionen, die sich im Laufe der Zeit ändern können (z. B. Damen den Vortritt lassen, ihnen in den Mantel helfen, Gendern, usw.) oder die sehr zeitstabil sind (Rechtsverkehr auf dem europäischen Kontinent, in weiten Teilen von Festlandasien und auf dem amerikanischen Doppelkontinent, Linksverkehr in Großbritannien, Indien, Thailand, Australien, Japan und Neuseeland). In keinem dieser Fälle handelt es sich um Naturgesetze, sondern um verbindliche Regeln, die in einer Gesellschaft existieren und eingehalten werden, um das Leben der Menschen berechenbarer zu gestalten. Je mehr Menschen auf engem Raum leben, umso wichtiger werden funktionierende Regeln und deren Einhaltung, um Ordnung zu bewahren. Konventionen sind kein Wissen. Im Allgemeinen glauben wir auch viel mehr zu wissen, als dass dies tatsächlich der Fall ist. Wir leben zudem - zumeist gut - mit Theorien, ohne uns daran zu erinnern, dass es Theorien <?page no="22"?> 10 Das erste Papiergeld wurde in China vor etwas mehr als 1.000 Jahren in der späten Tang-Dynaste (618 - 907) erfunden und in der Song-Dynastie (960 - 1279) popularisiert. sind. Prinzipiell wissen wir, dass einige der Theorien, mit denen wir hantie‐ ren, falsch sind. Wir wissen nur nicht welche. Über hunderte Jahre waren auch die klügsten Menschen ihrer Zeit davon überzeugt, dass Phlogiston, ein Feuerstoff, existiere, der aus brennbaren Körpern bei der Verbrennung entweicht sowie bei Erwärmung in sie eindringt. Es war schließlich der französische Chemiker Antoine de Lavoisier (1743 - 1794), der am Ende des 18. Jahrhunderts Gewichtsveränderungen verschiedener Stoffe bei Oxida‐ tion bzw. Reduktion untersuchte und entdeckte, dass das Element Sauerstoff dabei die entscheidende Rolle spielte. Etwas, was sehr lange als gesichertes Wissen angesehen wurde, war quasi über Nacht widerlegt. Wenn Sie nun ob der Unwissenheit unserer Vorfahren die Achseln zucken, so ist das etwas voreilig. Bewegen wir uns fast in die Gegenwart: Jahrzehnte haben Studenten der Wirtschaftswissenschaften und Ingenieure und Juristen im Nebenfach gelernt, dass Geld drei Funktionen erfüllt, nämlich die des allgemeinen Tauschmittels, der Rechnungsweseneinheit und des Wertaufbewahrungsmittels. Der Ursprung des Geldes wird in der ökonomischen Literatur zumeist über zwei Personen illustriert, die üblicher‐ weise Männer sind. Einer stellt nun z. B. Schuhe und der andere Mann Tische her. Leider braucht der Tischler nicht immer Schuhe, wenn er einen Tisch fertiggestellt hat und umgekehrt, zudem ist das Austauschverhältnis von Tischen und Schuhen nicht geklärt. Dann fällt plötzlich Geld vom Himmel und die Menschen beginnen zu produzieren und zu konsumieren. Alles war theoretisch in zufriedenstellender Ordnung, der Ursprung des Geldes in seiner Eigenschaft als allgemeines Tauschmittel dargestellt: bis der inzwischen verstorbene amerikanische Anthropologe David Graeber (1961 - 2020) in seinem im Jahre 2011 erschienenen Buch „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ [9] einem breiten Publikum darlegte, dass der Ursprung des Geldes in seiner Eigenschaft als Rechnungsweseneinheit liegt. Graeber beginnt seine Argumentation mit der übrigens leicht beobachtbaren Tatsache, dass bisher kein physisches Geld, d. h. Münzen, 10 gefunden wurde, das älter ist als 2.800 Jahre, Zeugnisse menschlicher Zivilisationen wie die ägyptischen Pyramiden aber 2.000 Jahre oder noch deutlich früher entstanden. Dies ist insbesondere deshalb interessant, als die ältesten Keilschrifttexte fast 22 1 Auftakt <?page no="23"?> 11 Vgl. zum Beispiel Kapitel 10 in Noah Yuval Hararis sehr lesenswertem populärwissen‐ schaftlichen Buch „Sapiens. Eine kurze Geschichte der Menschheit“. [10] ausschließlich Buchhaltung widerspiegeln. 11 Münzgeld erschien dann in historischen Dimensionen fast zugleich in Griechenland, Nordindien und in China. [11] Um es kurz zu machen: Die Theorie, dass der Ursprung des Geldes in seiner Eigenschaft als Tauschmittel liegt, erwies sich als offensichtlich falsch. Aus der Tatsache, dass die wichtigste Funktion von Geld in der Gegenwart die eines Tauschmittels ist, wurde auf die Entstehung geschlossen. Irrelevant ist das nicht, es liegt in unseren geldbasierten Gesellschaften sehr wohl in unserem Interesse zu verstehen, wo das Geld herkommt bzw. wie es entstand. Erkenntnis kann auf unterschiedliche Arten entstehen: Die Philosophen Immanuel Kant (1724 - 1804) und Karl Marx (1818 - 1883) arbeiteten fast ausschließlich am Schreibtisch; Kant verließ Zeit seines Lebens nicht einmal seine Geburtsstadt Königsberg. Nichtsdestotrotz war er einer der wirkmäch‐ tigsten Denker der Neuzeit. Am anderen Extrem: Dem zweieinhalbfachen Weltumsegler James Cook (1728 - 1779) verdanken wir nicht nur zahlreiche geografische Entdeckungen im Pazifik, sondern auch Erkenntnisse, wie der Seefahrerkrankheit Skorbut begegnet werden konnte. Charles Darwin (1809 - 1882) umrundete ebenfalls die Erde per Schiff, bevor er seine Evolutionstheorie entwickelte. Tatsächlich waren aber Marx und Kant keine reinen „Schreibtischdenker“; Marx profitierte von den Beobachtungen und Erkenntnissen des Kapitalisten Friedrich Engels (1820 - 1895) und Immanuel Kant korrespondierte mit vielen namhaften Naturwissenschaftlern seiner Zeit. Er war wissenschaftlich auf der Höhe seiner Zeit! Der Kant zugesprochene Ausspruch „Theorie ohne Praxis ist leer, Praxis ohne Theorie ist blind.“ ist nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern auch für das hinreichende Verständnis fremder Kulturen richtig. Wir sollten also zunächst beobachten (oder auf vertrauenswürdige Beobachtungen abstellen) und Fragen stellen, bevor wir zu Wertaussagen kommen. Wenn wir uns also fremden Kulturen zuwenden, so erkennen wir, dass diese auf Konventionen beruhen, die wir oft nicht oder nicht hinreichend verstehen (von Verinnerlichung ist hier überhaupt nicht die Rede). Die auf den ersten Blick wichtigste Konvention in China, die für fast alle Europäer und Ame‐ rikaner eine quasi unüberwindbare Barriere darstellt, ist die Verständigung über die chinesische Schrift. Es gibt derart viele Zeichen, dass auch der gebildetste Chinese mitunter mit Schriftzeichen konfrontiert wird, die er 1 Auftakt 23 <?page no="24"?> 12 Im Aufsatz „The Effect of Language on Economic Behavior: Evidence from Savings Rates, Health Behaviors, and Retirement Assets“ (2013) erwähnt M. Keith Chen auch, dass die Deutschen und die Chinesen zu den Völkern mit den höchsten Sparraten gehören. Er vermutet, dass das daran liegt, weil die Zukunft durch die Sprache gedanklich „näher“ an der Gegenwart sei. [12] 13 Es gibt im Westen und in China auch unterschiedliche Vorstellungen oder Priorisierun‐ gen von Aspekten von Freiheit. Ich kenne mehrere kluge junge Europäer, die noch vor Beginn von Donald Trumps zweiter Amtszeit für Jahre nach China gegangen sind, weil sie die Forschungsbedingungen bzw. -freiheiten im Bereich alternative Energien und Künstliche Intelligenz in China offensichtlich überzeugender finden als in den USA oder gar in Deutschland. Für sie tritt, solange sie sich beruflich ausleben können, wie nicht kennt, anderseits verwendet er im Mündlichen mitunter Worte, für die er das Schriftzeichen nicht kennt. Dies sind Erfahrungen, die uns im Westen völlig fremd sind (s. auch Abschnitt 2.1)! Wenn Sie der Argumentation folgen, dass deutsche Juristen in bestimmten Lebenssituationen grundsätzlich anders „ticken“ als deutsche Mathematiker, sollten Sie rasch zugestehen können, dass das Erlernen einer Zeichenschrift Menschen anders prägt als das Erlernen einer Schriftsprache, die wie bei uns auf sechsundzwanzig Buchstaben und einigen zusätzlichen Sonderzeichen beruht. Beachten Sie bereits hier, dass es keine Schriftsprache gibt, die dem Chinesischen bezüglich Eindeutigkeit überlegen ist. Im Deutschen sind wir übrigens gewohnt, die Zukunft durch die Gegenwart auszudrücken. Auch das ist eine Konvention, die wir mit sehr wenigen Sprachen, eine der wenigen ist tatsächlich das Chinesische, gemeinsam haben. In den meisten Sprachen ist das anders, wenn Sie also z. B. auf Englisch sagen „Tomorrow I fly home“, würde man Sie verstehen. Das ist aber grammatisch falsch oder mindestens schlechtes Englisch. 12 Um also zu verstehen, warum viele Dinge in China anders sind als bei uns, müssen wir uns neben Wirtschaft und Politik mit Geschichte, Sprache und Philosophie beschäftigen. Hinter dem im Westen in den vergangenen Jahrzehnten propagierten Konzept des Wandels durch Annäherung steht bzw. stand die implizite Annahme, dass das westliche System dem chine‐ sischen (wie auch allen anderen, die sich uns durch Handel annähern sollten) überlegen sei. Dass die Mehrheit der Chinesen mit „freiheitlichen Werten“ wenig anfangen kann, wie in zahlreichen westlichen Medien dauerhaft behauptet, bezweifle ich in dieser Pauschalität. Reisefreiheit und die Möglichkeit, sich öffentlich zu äußern, sind positiv konnotiert, die Freiheit, öffentlich Bücher zu verbrennen und Drogen zu konsumieren oder auch nur Häuserwände zu beschmieren, sind es allerdings nicht. 13 24 1 Auftakt <?page no="25"?> für ihre chinesischen jungen Forscherkollegen der Wunsch nach politischer Freiheit offensichtlich in den Hintergrund. S. auch Abschnitt 4.2. Während der Westen noch vor 20 Jahren in vieler Hinsicht als Vorbild angesehen wurde, hat sich sein Bild in China langsam, aber stetig eingetrübt. Das Gesamtkonzept des heutigen Westens wird meines Erachtens von der überwältigenden Mehrheit der Chinesen, und dazu gehören auch meine gebildeten und weltoffenen Shanghaier Freunde und Kollegen, nicht als wünschenswert oder überlegen eingeordnet. Mit Bezug auf China wird bei uns zudem ignoriert, dass ein substanzieller Teil des derzeitigen deutschen Wohlstandes mit Chinas Wiederaufstieg ver‐ bunden ist und hier reden wir keinesfalls nur über die Gehälter in Wolfsburg oder Ludwigshafen, die ohne die China-Aktivitäten von Volkswagen und der BASF deutlich geringer ausfallen würden. Nicht nur hier täte uns etwas Bescheidenheit gut. 1 Auftakt 25 <?page no="27"?> 14 Um das Jahr 150 n. Chr. lebten jeweils etwa 50 Millionen Menschern im Römischen Reich und im China der Han-Dynastie und damit in beiden Reichen zusammen die Hälfte aller Menschen weltweit. 2 China und Deutschland: Aus der Sicht des jeweils anderen Vor 2.000 Jahren existierten zwei Weltreiche, das Römische im Westen und das Chinesische der Han-Dynastie im Osten. 14 Beide Reiche wurden von ei‐ nem Kaiser, also einem Herrscher über einen wesentlichen Teil des Erdballs, angeführt. Die römisch-chinesischen Beziehungen, wenn man sie so nennen will, waren indirekter Natur. Zwischen der Ostgrenze des römischen Reiches im heutigen Syrien und der Westgrenze des Han-Reiches lagen mehr als 4.000 km: Zwischen den Großreichen befanden sich zeitweise weitere starke Reiche wie die Parther und die Sassaniden, wichtiger noch sind geografische Barrieren wie Wüsten und Hochgebirge, die einem direkten Kontakt entge‐ genstanden. Über die westlichen Ausläufer der historischen Seidenstraße (s. Abschnitt 7.3) erreichten einige wenige Luxusgüter aus China Europa und in die Gegenrichtung gelangten Münzen sowie offensichtlich auch einige europäische Gene nach China. In beiden Reichen wusste man von der Existenz des jeweils anderen. Das wechselseitige Interesse war aber gering; man war sich jeweils groß genug. Über die Zeit in Mittel- und Westeuropa nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches wissen wir relativ wenig. Europa begann erst ab dem späten 12. Jahrhundert langsam wieder zu erwachen. Es waren die Berichte von Marco Polo aus dem „Zivilisationswunderland“ China, dessen Kaiser Kublai-Khan (1215 - 1294) aus der mongolischen Yuan-Dynastie und einer der eindrucksvollsten Führer der chinesischen Geschichte die Europäer über die folgenden Jahrhunderte inspirierte. Im Zuge der großen geografischen Entdeckungsreisen - Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus, Umsegelung des Kaps der Guten Hoffnung und Erreichen Indiens durch Vasco da Gama sowie die Weltumsegelung durch Fernando Magellan - dauerte es nicht lange, bis christliche Missionare in weiten Teilen Ost- und Südostasiens auftauchten. In China unter der damals herrschenden Ming-Dynastie (1368 - 1644) waren die Reisenden zunächst willkommen. <?page no="28"?> 15 Jesuiten sind die Mitglieder der katholischen Ordensgemeinschaft „Gesellschaft Jesu“. An jesuitischen Bildungsstätten wurde bereits im 16. Jahrhundert neben Theologie auch Mathematik, Physik und Astronomie gelehrt. 16 Die endgültige Bestätigung erfolgte durch Papst Benedikt XIV. im Jahre 1742. 17 Historiker sind sich weitgehend einig, dass die „deutschen Lande“ von 1618 - 1648 etwa 40 % ihrer Bevölkerung verloren, wobei ‚verloren‘ ein Euphemismus für elendig zugrunde gingen ist. Der Jesuit 15 Matteo Ricci (1562 - 1610) arbeitete sich durch seine technische Expertise ab 1585 in Kanton (heute Guangzhou) nach oben und wurde schließlich zu einem der wichtigsten Berater des Kaisers. Sein Ansehen soll so groß gewesen sein, dass Kaiser Wanli bei seinem Tod 300 Glocken läuten ließ. Die „Methode“ der Jesuiten - Akkomodation genannt - war so einfach wie erfolgreich: Sie versuchten, sich die Sitten, Denkweisen und natürlich die Sprachen ihrer Gastländer zu Eigen zu machen und deren Mentalität und Kultur nicht zuwider zu handeln. In China wollten die Jesuiten den Menschen, die zum katholischen Glauben konvertierten, ihre alten konfuzi‐ anischen Riten belassen. Es gab eine lange Diskussion mit der Kurie in Rom, bis schließlich die konfuzianischen Riten für Katholiken verboten wurden: entweder - oder. Der sogenannte Ritenstreit endete mit dem Verbot der chinesischen Bräuche für Katholiken im Jahr 1704 durch Papst Clemens XI. 16 Als Folge verbot der Qing-Kaiser Yongzheng (1678 - 1735) im Jahre 1724 das Christentum in China und das westliche Chinabild begann sich von nun an langsam einzutrüben. Anders ausgedrückt: Das Papsttum bzw. synonym der Westen hat hier durch Unwissen gepaart mit Überheblichkeit eine einmalige Chance verpasst. Die amerikanische Kommunistin Pearl S. Buck (1892 - 1973) hat den gleichen Fehler ein zweites Mal nach der Gründung der Volksrepublik China erkannt: Der Westen habe China niemals verloren, er habe sich nur unsinnigerweise von ihm losgesagt. [13] 2.1 Von der Aufklärung in die Gegenwart Gottfried Wilhelm Leibniz war der erste westliche Denker von Rang, der verstand, dass es zu seinen Lebzeiten mit China eine zweite Hochkultur auf Erden gab. Leibniz war wesentlich durch die Auswirkungen des Drei‐ ßigjährigen Krieges, an dessen Ende er geboren wurde und der Deutschland im Zustand der Zerstörung hinterließ, geprägt. 17 Vergleichbare Zweifel an der Überlegenheit der christlichen bzw. westlichen Zivilisation kamen erst 28 2 China und Deutschland: Aus der Sicht des jeweils anderen <?page no="29"?> 18 Als Beginn des langsamen Niedergangs Chinas wird zumeist das Jahr 1750 angesehen. Ian Morris identifiziert als Beginn des Niedergangs Chinas bereits die Regierungszeit von Kaiser Kangxi von 1661 - 1722. Es gibt, oft mit Verweis auf die Abschaffung der Hochseeflotte und das kaiserliche Verbot aus dem Jahr 1477, Seeschiffe mit mehr als zwei Masten zu bauen, auch Historiker, die den Beginn des relativen Niedergang Chinas gegenüber dem Westen bereits im 15.-Jahrhundert in der Ming-Dynastie ansetzen. wieder während und nach dem I. Weltkrieg auf, an dessen Ende mit dem Deutschen Kaiserreich, dem Russischen Zarenreich, der Österreich-Ungari‐ schen Doppelmonarchie und dem Osmanischen Reich vier Reiche kollabier‐ ten. Etwa 17 Millionen Menschen waren am Ende des Großen Krieges tot, Millionen schwerverwundet und weite Teile Europas unter Verwendung von Giftgas und weiteren „Errungenschaften“ der modernen Technologie wie Artillerie, Panzer und Flugzeuge in Schutt und Asche gelegt. Die Verhee‐ rungen nahmen mit Ende des Weltkriegs kein Ende: ein kleiner Bürgerkrieg in Deutschland, gefolgt von einer Hyperinflation, ein großer in Russland, das danach in der Sowjetunion aufging, die Spanische Grippe überall. Erstmalig waren die Zweifler an Fortschritt bzw. an der Überlegenheit des Westens in Europa und Asien zu finden. Von Zweifeln an dieser Überlegenheit des Westens war dann nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nichts mehr zu spüren. Die neueste Geschichte begann ihren Lauf zu nehmen. Hungersnöte und Bürgerkriege gab es auch in der chinesischen Ge‐ schichte; der Beginn der Qing-Dynastie war indes durch die drei großen Kaiser Kangxi, Yongzhen und Qianlong geprägt, die zusammen 138 Jahre regierten. China erreichte nicht nur seine geografisch größte Ausdehnung, es prosperierte. Jeder dritte Erdenbürger war im Jahre 1800 Chinese. Die Regierungszeit des Kaisers Qianlong (1711 - 1799) war einerseits der Höhepunkt chinesischer Macht, anderseits Beginn eines schleichenden Niedergangs. 18 Der Ausgang der berühmt gewordenen Macartney-Mission im Jahre 1793 spielte dabei eine entscheidende Rolle. Als das englische Königreich Handel unter Gleichen suchte, antwortete der Sohn des Himmels an König George III. über dessen Abgesandten Lord Macartney „Wir, durch die Gnade des Himmels Kaiser, belehren den König von England, unsere Anklage zur Kenntnis zu nehmen: Das Himmlische Reich, das alles be‐ herrscht, was zwischen vier Meeren liegt … schätzt keine seltenen und kostbaren Dinge … auch haben wir nicht den geringsten Bedarf an Manufakturen Eures Landes. … Daher haben wir Euren Tributgesandten befohlen, sicher nach Hause 2.1 Von der Aufklärung in die Gegenwart 29 <?page no="30"?> zurückzukehren. Ihr, o König, sollt einfach in Einklang mit unseren Wünschen handeln, indem Ihr Eure Loyalität stärkt und ewigen Gehorsam schwört.“ [14] China war das „Reich der Mitte“ (zhong guo), um es herum nur niedriger ent‐ wickelte Völker (Barbaren). Eine zweite mindestens ebenso selbstbewußte etwa 3.000 Jahre alte Bezeichnung für China, die auch heute noch verwendet wird, lautet „Alles unter dem Himmel“ (tian xia). Etwa vier Jahrzehnte nach Lord Macartneys Abreise begannen mit dem ersten Opiumkrieg die hundert verlorenen Jahre, die auf Chinesisch „das Jahrhundert der Scham“ heißen und die erst mit der Proklamation der VR China durch Mao Zedong im Jahre 1949 beendet wurden. England kaufte zunächst weiter Tee in China und bezahlte mit Silber: Bis in die 1830er Jahre. Dann begannen die Engländer im großen Stil Opium aus ihrer Kronkolonie Indien nach China zu verschiffen, das dort, im Gegensatz zu anderen Ländern, nicht gegessen oder getrunken, sondern geraucht wurde und damit eine ungleich stärkere Wirkung hatte. 1839 erklärte Kaiser Daoguang dem Opiumhandel, der zur Paralysierung weiter Teile Südchinas führte, den Krieg. Schlussendlich entsandte der Premierminister des Vereinigten Königreichs Lord Melbourne (der Namensgeber der heutigen australischen Großstadt) eine Flotte nach China, die den Hafen von Kanton (Guangzhou) in kurzer Zeit in viele kleine Teile zerschoss. Folgen wir Ian Morris, einem der sprach- und wirkmächtigsten lebenden Historiker: „Es war kein rühmlicher Tag für das Vereinigte Königreich. … Es war ungefähr so, als würde das Drogenkartell von Tijuana die mexikanische Regierung dazu bringen, als Vergeltung für einen Schlag der US-Behörde zur Drogenbekämpfung eine schwer bewaffnete, um sich schießende Truppe, nach San Diego zu schicken und vom Weißen Haus zu verlangen, dass es den Drogenbaronen den Verkaufs‐ wert des beschlagnahmten Kokains (plus Zinsen und Transportkosten) ersetzt und überdies die Kosten der Militäraktion übernimmt.“ [15] Als Folge des 1. Opiumkrieges (1839 - 1842) griffen Opiumsucht und Sittenverfall um sich und das Chinesische Reich verfiel, wenn auch langsam. Nun stürzten sich alle westlichen Mächte inklusive Japan auf China. Eine Sonderrolle spielte Russland, das in zwei Kriegen, beide immerhin fast ohne Tote, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etwa eine Million 30 2 China und Deutschland: Aus der Sicht des jeweils anderen <?page no="31"?> 19 Zu den weniger bekannten Ungleichen Verträgen zählen der Vertrag von Aigun (1858) und der Vertrag von Peking (1860) zwischen Russland und China. Die Stadt Wladi‐ wostok (wörtlich: Beherrsche den Osten) wurde offiziell gegründet, nachdem das Gebiet durch den Vertrag von Peking von China an Russland abgetreten worden war. Interessante Ausführungen zum chinesisch-russischen Verhältnis finden sich in Kapitel 5 von Marina Rudyaks Buch „Dialog mit dem Drachen“. [16] 20 Wenn Ihnen diese Formulierung bekannt vorkommt, ist das im Sinne des Erzählflusses. Dies war die Devise Frankreichs nach dem 1870 gegen Preußen verlorenen Krieg, der mit dem Verlust Elsass-Lohringens an das nun vereinigte Deutschland endete. 21 Ich habe an anderer Stelle bereits geschrieben, dass mir ein gebildeter chinesischer Kollege vor ca. 20 Jahren versicherte, dass Sibirien in 100 Jahren (wieder) chinesisch sein werde. 22 Der Begriff bzw. das rassistische Konzept der gelben Gefahr wird oft mit den Nazis assoziiert. Tatsächlich wurde er bereits Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich und Deutschland fast parallel „kreiert“. Unterschlagen wird dabei zumeist, dass in den 1970er und frühen 1980er Jahren in Westdeutschland und den USA - fast sicher als Antwort auf die „Mao-Bibel“ schwenkende Studenten - oft mit Bezug auf Mao Zedongs China von einer gelben Gefahr gesprochen wurde. Die „gelbe Gefahr“ kam nicht allein aus China: Ende der 1980er Jahre wurde im Westen vielfach davon ausgegangen bzw. befürchtet, vom viel kleineren Japan abgehängt zu werden. Quadratkilometer aus dem Norden Chinas riss. 19 Bis heute gilt in China: Darüber sprechen, nie, daran denken immer. 2021 Auch wenn Russland und China sich regelmäßig ihrer Freundschaft versichern, hat China auch noch mit Russland „historische Rechnungen“ offen und die russische Regierung weiß das. Machen wir einen Sprung in Richtung Gegenwart: Nach einer langen Anlaufphase seit Beginn der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zahl‐ reicher westlicher Staaten mit China in den 1970er Jahren - eine schöne Referenz zur „Tischtennisdiplomatie“ finden Sie in dem Film „Forrest Gump“ aus dem Jahre 1994 - erschien China Ende der 1990er Jahre langsam im kollektiven Bewusstsein des Westens. Bewunderung für die Aufbauleistung mischten sich bereits mit unseligen Referenzen an eine gelbe Gefahr. 22 Im Unterschied zu den Leitprintmedien in Großbritannien, Frankreich und den USA zeichnen sich wichtige Vertreter der deutschen Presse durch eine besondere Gehässigkeit oder Herabsetzung Chinas aus. Relativierend, wenn das Wort hier passend erscheint, kann allenfalls angefügt werden, dass diese besondere Bösartigkeit nicht auf China beschränkt ist, sondern unter anderem auch vor den gewählten Präsidenten der USA George W. Bush und Donald Trump nicht Halt machte. Abb. 2.1 zeigt vier Titelblätter des SPIEGEL (die hier gewählt wurde, weil der SPIEGEL Jahrzehnte lang das meinungsbildenste deutsche Printmedium 2.1 Von der Aufklärung in die Gegenwart 31 <?page no="32"?> war) zu Industriespionage, Chinas Revolutionsführer Mao Zedong, den Olympischen Spielen im Jahr 2008 und dem Covid19-Ausbruch Anfang 2020, die fraglos durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt sind, bei denen man aber nicht Chinese sein muss, um diese als unsachlich, herabsetzend und persönlich verletzend zu empfinden. Abb. 2.1: SPIEGEL-Titelblätter 40/ 2005 [17], 35/ 2007 [18], 15/ 2008 [19] und 6/ 2020 [20] (SPIEGEL, 2005, 1. Oktober; SPIEGEL, 2007, 27. August; SPIEGEL, 2008, 7. April; SPIEGEL, 2020, 1. Februar) 2.2 Barriere No. 1! Die Sprache Wenn wir uns mit fremden Kulturen oder auch anderen Lebensweisen als der unseren beschäftigen, ist es meiner Erfahrung nach sinnvoll, zunächst auf Unterschiede einzugehen, um uns im Anschluss den Gemeinsamkeiten zuzuwenden. Die klassische chinesische Denkweise geht in die entgegen‐ gesetzte Richtung. Man sollte mit dem Gemeinsamen beginnen, um das Trennende dann auf einer breiteren Basis klären zu können. Relationalität vs. Rationalität In China steht an Stelle der individuellen Rationalität die Relationalität, das ist ein Zustand, in dem Individuen (oder auch Gruppen) im Einklang mit dem Beziehungsgeflecht, dem sie angehören, denken und handeln. Während wir im Westen im Allgemeinen ein Ziel definieren und uns im Anschluss über die zu dessen Erreichung erforderlichen Ressourcen Gedanken machen, steht in China zumeist am Anfang eine persönliche Beziehung, wobei Freundschaft als Prozess verstanden werden muss, in 32 2 China und Deutschland: Aus der Sicht des jeweils anderen <?page no="33"?> 23 Das erste Schriftsystem in China existierte bereits vor ca. 3.250 Jahren unter der Shang-Dynastie und es umfasste mehr als 5.000 Zeichen. [22] dem gemeinsame Projekte entstehen können. Beziehungen dienen nicht einem Zweck; sie sind der Zweck bzw. das Interesse selbst. Wenn eine Beziehung stabil ist, lassen sich immer wieder neue Interessen finden. Persönliche gute Beziehungen zwischen handelnden Personen sind für die von ihnen vertretenen Organisationen oder Staaten von herausra‐ gendem Interesse. Dies erklärt auch, dass China in der Außenpolitik auf bilaterale Beziehungen setzt. [21] Mehr dazu findet der interessierte Leser in der Literaturempfehlung von François Julliens Buch „A treatise on efficacy“. So wie wir nicht als Europäer geboren wurden, sondern z. B. als Dresdner in Sachsen in Deutschland zu Europäern werden können und nicht umgekehrt, können wir versuchen, so weit wie möglich qualitative Unterschiede zu verstehen, um im Anschluss besser zu erkennen, was uns eint; und das ist nicht nur, dass wir alle Menschen sind. Einer der fundamentalen Unter‐ schiede zwischen dem Westen und China - mit tiefgehenden Auswirkungen - ist die Schriftsprache. Die chinesische Sprache verfügt, je nach Systematik, über 70.000 bis etwa 100.000 verschiedene Zeichen, wobei die Mehrzahl der Zeichen äußerst selten verwendet wird. 23 Die chinesische Schrift: Tradition und Verbindung in die Gegen‐ wart Das im Jahr 100 n. Chr. während der Han-Dynastie vom Schriftgelehrten Xu Shen verfasste erste chinesische Wörterbuch Shuowen Jiezi umfasst 9.353 Zeichen, von denen heute noch etwa 3.000 verwendet werden. Das Werk bildet eine logische Grundlage dafür, wie moderne Künstliche Intelligenz chinesische Schriftzeichen dekonstruiert, etwa durch die Analyse ihrer Bestandteile bzw. Radikale, also der grafischen oder semantischen Elemente eines Zeichens. Es gibt unterschiedliche Angaben, wieviele Zeichen zu Grundbzw. Durch‐ schnittskenntnissen oder außergewöhnlichen Kenntnissen korrespondie‐ 2.2 Barriere No. 1! Die Sprache 33 <?page no="34"?> 24 Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass 600 Zeichen bereits etwa 80 % der Kommunikation abdecken, 1.500 Zeichen korrespondieren zu 95 % und 2.400 Zeichen zu 99 %. Meine beiden gebildetsten chinesischen Kollegen, ein Mathematiker und ein Ökonom, schätzen ihre Kapazität auf etwa 15.000 bzw. 10.000 Zeichen, die sie erkennen. 25 Alle Sendungen des chinesischen Fernsehens sind mit Untertiteln versehen. 26 Die meisten gebildeten deutschsprachigen Zeitgenossen haben bei uns schon große Schwierigkeiten, Handschriften ihrer Urgroßeltern oder einen 100 Jahre alten Text in Frakturschrift zu lesen! 27 Unter Transkription versteht man das Umschreiben der Schriftzeichen einer Sprache in die Zeichen einer anderen Sprache unter Verwendung der Aussprache der Zielsprache (die im Normalfall die eigene Sprache, oder alternativ Englisch, ist). ren. In der VR China wurden im Jahre 1988 insgesamt 3.500 Zeichen für den erforderlichen Alltagsgebrauch festgelegt. Diese werden unterteilt in 2.000 „Alltagsschriftzeichen ersten Grades“ und 1.500 „Schriftzeichen für den Nebengebrauch“. 24 Interessant ist in diesem Zusammenhang etwas anderes: Wenn selbst die größten Schriftgelehrten nicht mehr als ca. 20.000 Zeichen beherrschen, so gibt es im Leben eines jeden, auch hochgebildeten Chinesen, immer wieder Momente, in denen ein Schriftzeichen nicht erkannt wird bzw. ein Wort nicht in ein Schriftzeichen übersetzt werden kann. Dies ist etwas grundsätzlich anderes, als wenn Sie z. B. einen Text über Quanten‐ physik oder Biochemie nicht verstehen, diesen aber ohne die enthaltenen Formeln (die grundsätzlich auch Sprachen repräsentieren) vorlesen können. Es handelt sich somit um eine Erfahrung, die a priori nicht nur bescheiden macht, sondern um etwas, das wir Europäer oder Amerikaner (jedenfalls fast alle von uns mit Ausnahme derer, die eine ostasiatische Zeichensprache beherrschen) nicht kennen können. Die geschriebene Sprache war und ist das historisch einigende Band Chinas: Während die meisten Chinesen auch heute nicht einmal den Dialekt ihres Nachbarortes verstehen 25 , sind gebildete Menschen, wenn auch mit gewissen Mühen, in der Lage, Texte, die 2.500 Jahre alt sind, zu lesen. 26 Zu beachten ist, dass Kantonesisch und Mandarin (der Dialekt der Haup‐ stadt Peking, der zum Standard für Gesamtchina erklärt wurde) selbst für ungeschulte Fremde unterschiedlich klingen und somit unterschiedliche Transkriptionsanforderungen stellen. 27 Die wichtigsten englisch basierten Umschriften des Hochchinesischen (Mandarin) sind das in der VR China verwendete Pinyin und die ältere, in Taiwan verwendete, Umschrift nach Wade Giles, die zwischen 1912 und 1921 entwickelt wurde. Pinyin wird in der Regel nicht für Kantonesisch 34 2 China und Deutschland: Aus der Sicht des jeweils anderen <?page no="35"?> 28 Ein interessantes Interview gab Zhou drei Jahre vor seinem Tod dem SPIEGEl. [25] 29 Eine auf Pinyin fußende Art, auf dem Computer Chinesisch zu schreiben, besteht darin, eine lateinische Buchstabenfolge einzutippen, und dann das passende Zeichen aus der Menge, die dazu korrespondiert, auszuwählen. Zunehmend verwendet werden Hand‐ schrifterkennungssysteme, bei denen mit einem Stift auf einem Bildschirm geschrieben wird. verwendet, hier werden meistens Jyutping oder Yale verwendet. Auch gibt es Transkriptionssysteme ins Russische, Arabische und Persische. Im Jahre 1949 wurde in der VR China das sogenannte Simplified Chinese und 1955 die Lautumschrift Pinyin eingeführt: Dabei wurden zahlreiche Zeichen vereinfacht. Zum Beispiel wurde das alte Zeichen für Pferd (ma) 馬 zu 马 „vereinfacht“. In diesem Fall muss man schon genau hinschauen, um die Äquivalenz beider Zeichen zu erahnen. Etwas besser geht dies z. B. bei den Zeichen für gekochten Reis (mifan): aus- 米飯 wurde 米 饭 . Vor der Ausrufung der VR China im Jahr 1949 war die überwiegende Mehrzahl der Chinesen Analphabeten; der wohlhabende Vater des Revolu‐ tionsführers Mao Zedong beherrschte Ende des 19. Jahrhunders ca. 200 Zeichen, die offensichtlich genügten, um kaufmännische Bücher zu führen. [23] Die Vereinfachung hatte primär das Ziel, das geschriebene Chinesisch bzw. den für das gewöhnliche Volk relevanten Teil einfacher erlernbar zu machen. So wurde die überwiegende Anzahl der Schriftzeichen (jedenfalls die meisten derer, die selten verwendet werden) nicht vereinfacht. [24] Umgesetzt wurde die Mammutaufgabe, eine passende Umschrift zu ent‐ wickeln - Mao Zedong bzw. Mao Tse Tung in Wade Giles Umschrift erwog offensichtlich zeitweise, das Zeichensystem ganz abzuschaffen, konnte sich der Legende nach aber nicht zwischen dem lateinischen und dem kyrilli‐ schen Alphabet entscheiden - durch den Schriftgelehrten Zhou Youguang, der 2017 im Alter von 111 Jahren verstarb. 28 Pinyin ist das heute verwendete Transkriptionssystem in der VR China, Singapur, Malaysia und bei den Vereinten Nationen; in Hongkong, Macao und Taiwan werden weiterhin das klassische (non-simplified) Schriftchinesisch und die Wade Giles-Umschrift verwendet. Pinyin ist prinzipiell nur eine Um- oder Hilfsschrift (und zugleich ein lexikalisches Ordnungssystem), die u. a. Kindern beim Erlernen der Zeichen und beim Schreiben auf dem Computer hilft 29 ; wenn Sie aber in China nach dem Weg fragen und Ihre Zieladresse in Pinyin, d. h. in lateinischer Umschrift, zeigen, werden Sie zumeist Ratlosigkeit ernten. 2.2 Barriere No. 1! Die Sprache 35 <?page no="36"?> 30 Auf Youtube findet man zahlreiche Beispiele und Minikurse. Benachbarte Sprachen Das geschriebene Japanisch ist ein „Derivat“ des Chinesischen in dem Sinne, dass vor ca. 1.500 Jahren chinesische Schriftzeichen von Mönchen der Tang-Dynastie aus China nach Japan mitgebracht wurden, die Basis für die Entwicklung der japanischen Schriftsprache waren. Die moderne koreanische Schrift basiert hingegen auf einem im 15. Jahrhundert entwickelten Alphabet. Das Koreanische beinhaltet aber zahlreiche chi‐ nesische Lehnwörter. Das einzige südostasiatische Land, das einmal eine auf dem Chinesischen basierende Zeichensprache hatte und diese mit Hilfe seiner damaligen Kolonialmacht Frankreich durch ein lateinisches Alphabet mit vielen Sonderzeichen ersetzte, ist Vietnam. Das Chinesische war ursprünglich eine sogenannte einsilbige Sprache, das heißt, es bestand weitestgehend aus einsibigen Wörtern, die unveränderlich sind. Das moderne Hochchinesisch Mandarin verwendet heute neben ein‐ silbigen viele mehrsilbige Wörter. Verben werden im Chinesischen nicht konjugiert, Substantive nicht dekliniert. Dafür gibt es z. B. Partikel, die der Grundform angehängt werden, um eine Zeitform darzustellen. Wenn Sie Chinesisch lernen, so lernen Sie die zu den einzelnen Vokabeln gehörigen Zeichen. Da die Anzahl der Silben beschränkt ist, kann jede Silbe unterschiedlich betont werden. Mandarin hat vier Betonungen (s. u.), Kantonisch neun (des‐ halb klingt es für uns auch qualitativ anders und wird anders transkribiert). Im Mandarin gibt es die Varianten hoch gleichbleibend, hoch-tief-hoch, mit ansteigendem und mit fallendem Ton. 30 Mandarin verfügt über etwa 400 verschiedene Silben, von denen fast jede auf die vier verschiedenen Weisen ausgesprochen werden kann: Dies sei hier an einem Standardbeispiel illustriert, das Sie in vielen Anleitungen zur chinesischen Aussprache finden. Mutter (mā) Hanf-(má) Pferd (mǎ) Schimpfen (mà) 妈 麻 马 骂 Hoch gleichblei‐ bender Ton Ansteigender Ton Erst fallend, dann steigender Ton Fallender Ton 36 2 China und Deutschland: Aus der Sicht des jeweils anderen <?page no="37"?> 31 Wenn in diesem Text die Pinyin-Umschrift verwendet wird, so geschieht dies ohne Betonungszeichen über den Vokalen. 32 Klassiker aus der Alltagssprache sind die Übertragung von „Vorsicht: Rutschig.“ aus dem Chinesischen ( 小心地滑 ) ins Englische zu „Slip and fall down carefully.“ oder Praktisch gibt es noch einen fünften neutralen Ton (ohne Sonderzeichen); in unserem Fall z.-B. die zweite Silbe in Mama (māma) 妈妈 . Manche Silben können bis zu 50 Bedeutungen haben (ein Satz, den Sie immer wieder hören werden, ist, „Ja das klingt genauso, ist aber ein anderes Zeichen“.) Was eine auf ihre Art betonte Silbe bedeutet, ist also stark vom Umfeld bzw. Kontext abhängig. Was gemeint ist, ergibt sich durch die Verwendung von Hilfswörtern und aus der Stellung im Satzbau. Für diesen gelten nun strengere Regeln als in den indogermanischen Sprachen. Auch kann ein Zeichen sehr unterschiedliche Bedeutungen haben: Das Zeichen 花 (huā) kann beispielsweise sowohl „Blume“ als auch „Geld ausgeben“ be‐ deuten und 面 (miàn): kann „Gesicht“ oder „Nudeln“ bedeuten. 31 Das Chinesische ist ursprünglich aus einer Bildsprache entstanden und hat diesen Charakter teilweise bewahrt. Diese Schrift hat gegenüber unserer lateinischen Schrift den Vorteil, dass jemand, der die Bedeutung einzelner Zeichen (wie übrigens die arabischen Ziffern 1, 2, 3, …) kennt, sie in seiner eigenen Sprache lesen kann. Dies erklärt, dass alte chinesische Texte von Kundigen aus aller Welt relativ einfach gelesen werden können. Inwieweit die Sprache die geistige Entwicklung determiniert hat und umgekehrt, ist nicht Gegenstand unserer Betrachtung. Es gibt aber offensichtlich einen Zusammenhang zwischen der chinesischen Schriftsprache und der Tatsa‐ che, dass sich im alten China keine Logik wie im antiken Griechenland entwickelte. [26] Übersetzungen aus dem Chinesischen von Prosa, philosophischen Texten und Lyrik sind viel schwieriger als innerhalb der europäischen Sprachfamilie (Schauen Sie sich spaßeshalber einmal an, wie die erste Seite von z. B. „Die Elenden“ von Victor Hugo oder „Anna Karenina“ von Lew Tolstoi in unterschiedlichen deutschen Übersetzungen beschaffen sind, um das Problem zu erahnen! ) Wenn Sie also verschiedene Übersetzungen von alten oder auch modernen chinesischen Gedichten vor sich liegen haben, kann es durchaus eine Weile dauern, bis Sie verstehen, dass es sich, wenn schon nicht um dasselbe, so doch um das „gleiche“ Gedicht handelt. Anders ausgedrückt: Wörtliche Übersetzungen vom Deutschen ins Chinesische und umgekehrt sind praktisch kaum möglich. 32 2.2 Barriere No. 1! Die Sprache 37 <?page no="38"?> „Civilized toilet“, wenn vermittelt werden soll, dass bestimmte Abfälle oder Verhaltens‐ weisen nicht erwünscht sind. 33 Vgl. [27] Weitergehende gut verständliche Ausführungen zur chinesischen Sprache finden sich im Anhang von Charlotte Kerners Buch „Rote Sonne, roter Tiger“. 34 Der Konfuzianismus wird oft auch als eine philosophische und ethische Lehre eingeord‐ net. Ob er eine Religion war oder nicht, hängt davon ab, was man unter einer Religion versteht (Der Evolutionsbiologe Jared Diamond stellte zum Beispiel 16 Definitionen von Religion zusammen, um im Anschluss eine eigene Definition zu präsentieren.). Weitgehend unbestritten ist, dass es Elemente des Konfuzianismus gibt, die religiösen Charakter haben, wie die Rituale des Ahnenkults (das heißt, dass der Mensch immer Teil seiner Ahnenkette ist) und die Betonung des Himmels als moralische Kraft. Verschwunden sind die Riten, d. h. stark verkürzt, die vorgegebene Ordnung für die Durchführung von zeremoniellen Handlungen, die konstituierend für die Ausübung dieser „Religion“ war. Ein Ritus ist die Art und Weise, wie die Liturgie (im Christentum der Gottesdienst) gefeiert wird. Dieser Ritus ist für jede Religion oder auch für jede Kirche (im Katholizismus existieren z. B. sechs Teilkirchen oder Riten) unterschiedlich. Hier noch ein Nachtrag: Sie können, wie Milliarden Menschen (zumeist Chinesen) vor Ihnen, die chinesische Sprache erlernen, aber nicht nebenbei! Wie in der Mathematik und der Musik gilt: Je jünger Sie beim Start sind, umso besser. Ich habe mehrere sehr sprachtalentierte Europäer und Ameri‐ kaner kennengelernt, die erst im Alter von 18 oder 20 Jahren mit dem Chine‐ sischlernen begonnen hatten und nach einem Jahr Fremdsprachenunterricht (d. h. dann aber mindestens 10 Stunden pro Tag) wirklich gut Chinesisch gesprochen und geschrieben haben. Referenz für die Chinesischkenntnisse sind die HSK-Tests (Hanyu Shuiping Kaoshi): Ein bestandener HSK1 bestä‐ tigt Grundkenntnisse, HSK6 korrespondiert zur „hohen Schule“. 33 2.3 Barriere No. 2? Konfuzianische Tugenden Mit guten Gründen wird Konfuzius (chinesisch Kongzi oder Kong Zi), dessen Lebenszeit zumeist mit 551 v. Chr. - 479 v. Chr. angegeben wird, von vielen Menschen auf der gesamten Erde als wirkmächtigster Philosoph der Menschheitsgeschichte angesehen. Ich kann bestätigen, dass alle meine chinesischen Kollegen und Freunde, jung oder alt, Mann oder Frau, bewusst oder unbewusst, stets etwas von Konfuzius in sich tragen. Bezüglich des Begriffes Konfuzianismus muss zwischen der Alltagsethik (Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg’ auch keinem andren zu, Respekt vor Älteren, usw.) und der mit dem Untergang der Qing-Dynastie im Jahre 1911 ebenfalls untergangenen „Religion“ des Konfuzianismus, von der wir sehr wenig wissen, unterschieden werden. 34 38 2 China und Deutschland: Aus der Sicht des jeweils anderen <?page no="39"?> 35 Einen guten Überblick zu Konfuzius, Menzius, Laotse (in neuerer Transkription Laodse oder Laozi) und den Legalisten findet man in Störigs „Kleine Weltgeschichte der Philosophie“ [26] Es ist in jedem Fall falsch, die Geschichte der chinesischen Philosophie auf Konfuzius und seine Nachfolger zu reduzieren. 35 Unsere verkürzte Wahrnehmung der chinesischen Philosophie beruht auf dem postumen „Erfolg“ von Konfuzius, dessen erweiterte Lehre bereits im Jahre 136 v. Chr. zur „Staatsideologie“ durch Kaiser Wudi erklärt wurde, der nur 12 Jahre später die erste Reichsakademie zur Ausbildung von höheren Beamten gründete. Das Fragezeichen im Titel dieses Unterkapitels impliziert, dass die Wert‐ schätzung konfuzianischer Tugenden (für Deutsche) eigentlich keine Barri‐ ere ist. Ich habe den aktuellen „Konfuzianismus light“, wie er gelehrt und gelebt wird, den klassischen deutschen Sekundärtugenden stets als nah empfunden. Philosophisch scheint mir der „Abstand“ zwischen Konfuzius und Kant und dessen vier Grundfragen „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? “ geringer zu sein als der zwischen der klassischen deutschen Philosophie und dem durch John Locke begründeten empirischen Skeptizismus. Ich bitte nicht missverstanden zu werden: John Locke war ein außergewöhnlicher Denker, es geht mir hier um die „geistige Nachbarschaft“. Individuum vs. Gesellschaft Antworten auf die Frage „Was ist der Mensch? “ führen im Osten oft über die Familie als kleinste Zelle der Gemeinschaft und im Westen über das Individuum. Dies spiegelt sich auch in den Verfassungen wider: Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sind die ersten fünf Artikel dem Individuum gewidmet; in China werden die Grundrechte der Bürger im Zusammenhang mit ihren Pflichten erst ab Artikel 33 der Verfassung behandelt. Von einem (auch kleinen) Staat kann vieles abstrahiert werden, nicht aber das Versprechen, die (innere und äußere) Sicherheit seiner Bewoh‐ ner zu sichern bzw. zu garantieren. Im Grunde haben Menschen in der Frühzeit der Menschheitsgeschichte an verschiedenen Orten Freiheiten an den Staat delegiert, um von ihm dafür beschützt zu werden. Dies 2.3 Barriere No. 2? Konfuzianische Tugenden 39 <?page no="40"?> 36 Von großer Bedeutung im Business sind die etwa 2.000 Jahre alten 36 Strategeme, die ihrerseits auf den etwa 2.500 Jahre alten Ausführungen zur Kriegskunst des Mili‐ tärstrategen Sunzi aufbauen. Kurz gesagt handelt es sich um Überlistungstechniken. Das Ideal ist „Siegen ohne zu kämpfen“. Da diese Techniken geistiges Gemeingut sind, ist sozusagen selbst schuld, wer sich austricksen oder täuschen lässt. S. auch den Exkurs zu Kapitel 7. 37 Es ist anzumerken, dass die ab ca. 1990 Geborenen im Berufsleben insgesamt weniger gehorsam sind als die Älteren und dass in dieser Generation, wenn auch nicht so ausgeprägt wie im Westen, work-life-balance-Überlegungen zu beobachten sind (s. auch Abschnitt 5.1). betraf insbesondere die sesshaften Ackerbauern und ihre begründeten Befürchtungen vor Nomadenüberfällen. Das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft war auch Gegen‐ stand der klassischen griechischen Philosophie: Es wurde von Heraklit über Sokrates und Platon zu Aristoteles thematisiert. Aristoteles geht über Platon, für den das Gute des Einzelnen untrennbar mit dem Wohl des Staates verbunden ist, hinaus. Für Aristoteles ist der Mensch von Natur aus ein Gemeinwesen; das gute Leben nur in der Gemeinschaft möglich. Ethik und Politik hängen eng zusammen. Aristoteles und Konfuzius teilen somit die Vorstellung, dass das Individuum untrennbar mit der Gesellschaft verbunden ist und Tugend im sozialen Kontext entsteht. Letztlich geht es auch heute um eine angemessene Balance zwischen Freiheit und Freiheitsverzicht, die in der Gesellschaft immer wieder neu ausgehandelt werden muss (s. auch Abschnitt 4.1) Schwierig kann es allerdings im Geschäftsleben werden 36 : So übersetzt sich „Die Familie ist die bedeutenste Einheit der Gesellschaft“ oft in „Traue niemanden außerhalb der Familie (im erweiterten Sinne)“ und „Die Bezie‐ hung zwischen Eltern und Kindern basiert auf Respekt und Unterordnung“ in „Keine Kritik am Chef “ (mit anderen Worten: Kreativität wird nicht belohnt). 37 Die Gegenrichtung existiert allerdings ebenso: So kritisieren Chefs ihre jungen Mitarbeiter bzw. Eltern ihre Kinder mitunter nur sehr zurückhaltend, um Motivationen nicht zu beschädigen. Das Konzept der guanxi - ein Begriff, der „Beziehungen“ bzw. Bezie‐ hungsaustausch von bilateral bis Networking und damit verbundene Rechte und Pflichten beschreibt - kann nicht ohne Weiteres in eine europäische Sprache übertragen werden. Es basiert auf der Erkenntnis, dass jeder ein‐ 40 2 China und Deutschland: Aus der Sicht des jeweils anderen <?page no="41"?> 38 Frankreich (fa guo) bedeutet das Land von Recht und Ordnung, England (ying guo) das Land der Tapferen, USA (mei guo) schönes Land, Japan (ri ben) Ursprung der Sonne (bzw. das Land der aufgehenden Sonne), usw. Vgl. auch [28]. 39 Ende der 1980er Jahre soll der ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger durch die Frage „Welche Telefonnummer hat Europa? “ darauf aufmerksam gemacht haben, dass es keine einheitliche europäische Außenpolitik gäbe. 40 Das ist jedenfalls die offizielle chinesische Lesart: Tatsächlich hat Japan hat sich mehr‐ fach offiziell für Kriegsverbrechen entschuldigt, aber die Entschuldigungen wurden und werden in China und Korea als ungenügend, halbherzig oder widersprüchlich zelne Mensch andere Menschen braucht, um in einer potenziell feindlichen Welt zu überleben. Gegenseitige Gefälligkeiten in Gruppen, die oft zu erweiterten Familien korrespondien, sind die Folge. Basis der guanxi ist, dass jedes Mitglied des Netzwerkes gemäß seinen Fähigkeiten etwas beiträgt. Dass arbeitsfähige Menschen nicht arbeiten, und von ihren Mitmenschen „durchgefüttert werden“, ist dabei undenkbar. Meine Rolle besteht seit zwei Jahrzehnten darin, potenzielle Auslandstudenten und ihre Eltern zu beraten; dafür profitieren ich und meine Familie und Freunde vom Wohlstand und den Ressourcen meines chinesischen Netzwerkes. 2.4 Deutschland, das Land der Tugend Die USA sind fraglos die „Referenznation“, aber Deutschland genießt in China (noch) eine besondere Wertschätzung und das trotz des sorgfältig verfolgten Niedergangs von Infrastruktur und Industrie bei gleichzeitigem eigenem Wiederaufstieg. Namen sollen im Chinesischen etwas Gutes bedeuten, wobei die Namen für die europäischen Staaten erst im 19. Jahrhundert, als man in Kontakt zum Rest der Welt trat, eingeführt wurden. Deutschland heißt auf Chinesisch de guo, das Land der Tugend. 38 Dieser Ehrenname steht in direkter Beziehung zur deutschen Philosophie und Literatur. Wie in den USA gibt es in China keine Telefonnummer für Europa 39 . Besondere Bedeutung für China besitzen Frankreich und England als ehemalige Kolonialmächte und, sicher aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke bzw. deren Wiedergewinnung nach dem II. Weltkrieg, Deutschland. Den Deutschen wird in China zudem hoch angerechnet, dass sie sich, im Unterschied zu den Japanern, für ihre Verbrechen im II. Weltkrieg explizit entschuldigt haben. 40 2.4 Deutschland, das Land der Tugend 41 <?page no="42"?> wahrgenommen. Wir werden noch sehen, dass dies in China niemanden hindert, von Japan zu lernen. John Rabe Zu den großen Deutschen in China zählt John Rabe, der während des II. Weltkrieges zu Zeiten des berühmt-berüchtigten Massakers von Nanjing (Nanking) Ende 1937 bis Anfang 1938 für die Firma Siemens in China tätig war. Die Geschichte von John Rabe, auch der gute Deutsche von Nanking genannt, wurde mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle verfilmt [29]: Die berühmteste Szene des Films, der 2009 in die Kinos kam, ist die, in der er eine riesige Hakenkreuzflagge aufspannen lässt, unter der sich chinesische Zivilisten verstecken konnten, dies in der korrekten Annahme, dass die Japaner es nicht wagen würden, die Fahne des Deutschen Reiches zu bombardieren. John Rabe ging offensichtlich so weit; vergewaltigende japanische Soldaten von den misshandelten Mädchen und Frauen persönlich wegzuzerren. Im Februar 1938 zog Siemens John Rabe aus China ab. John Rabe war wie Oskar Schindler (der aus Schindlers Liste) überzeugter Nazionalso‐ zialist und wie letzterer einer der größten Zivilhelden der Nazizeit. Das Wirken beider sollte uns daran erinnern, Menschen primär nach ihren Taten zu beurteilen. Wie Oskar Schindler starb John Rabe verarmt und vereinsamt. Insbesondere wurde und wird aber die deutsche Ingenieurskunst in China geschätzt. Nicht nur von Volkswagen, das eine besondere Wertschätzung in China genießt (s. Box in Abschnitt 4.3), wurde gelernt, auch bezüglich regenerativer Energien hat man sich vieles in Deutschland abgeschaut (und dann teilweise verbessert). Dass die Deutschen seit Anfang der 2020er Jahre offensichtlich bewusst ihre Industrie zurückstutzen bzw. abschaffen, wird - übrigens nicht nur in China - mit offenem Unverständnis hin bis zu ebenso offener Belustigung quittiert. Die chinesische Denkweise hat damit kein Problem: Europa, und damit Deutschland, habe eben seine Zeit gehabt. Die Zukunft wird anderswo gestaltet. Dass deutsche Firmen beim Aufbau der chinesischen Industrie wichtige Helfer waren, ist davon unabhängig: Sie haben schließlich auch gut verdient. Dankbarkeit ist selten im privaten 42 2 China und Deutschland: Aus der Sicht des jeweils anderen <?page no="43"?> und schon gar nicht im zwischenstaatlichen Bereich eine zeitlich belastbare Kategorie. Exkurs: Von Konfuzius zu Kant und Schopenhauer Zwischen dem Wirken von Konfuzius und Immanuel Kant liegen etwa 2.300 Jahre Menschheitsgeschichte. So wie in der Renaissance auf die griechische und römische Klassik zurückgegriffen wurde, gab es handfeste Gründe, warum die europäische Aufklärung durch die klassische chinesische Philosophie inspiriert wurde. Konfuzius bot eine Ethik an, die keiner Religion bedurfte, sondern das eigene Handeln durch die Vernunft leitete. Es gab also keinen höheren Grund, dass sich die Menschen von Klerus und Aristokratie gängeln lassen mussten. Die wichtigste Eigenschaft des edlen Menschen bei Konfuzius ist die Mitmenschlichkeit. Sie ist die höchste aller Tugenden, gefolgt von Rechtschaffenheit, Sittlichkeit, Weisheit und Vertrauenswürdigkeit. Beginnen muss man bei sich selbst; d. h. die Tugend entwickelt sich durch ständige Übung im Menschen selbst. Wenn ein Mensch die Tugend über seine eigenen Wünsche stellt, so kann er seinen Mitmenschen mit Mitmenschlichkeit (mitunter auch als Güte, Liebe, Hilfe oder Opfer übersetzt) begegnen. Äußere Verhaltensweisen sind Verlässlichkeit und Höflichkeit. Die im Konfuzianismus angelegte Vorstellung der Autonomie des Individuums wurde auch von Kant entwickelt. Das Sittengesetz (der kategorische Imperativ) lautet 1. Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. 2. Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden solle. 3. Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchtest. 4. Handle so, dass der Wille durch seine Maxime sich selbst zugleich als allgemein gesetzgebend betrachten könne. 5. Handle so, als ob du durch deine Maxime jederzeit ein gesetzge‐ bendes Glied im allgemeinen Reich der Zwecke wärest. Exkurs: Von Konfuzius zu Kant und Schopenhauer 43 <?page no="44"?> 41 Diese Bezeichnung (bzw. Beschreibung) stammt von Schopenhauer selbst. Mit der praktischen Vernunft kann der Mensch als Entscheider also sein eigenes Leben und damit auch das der Gesellschaft gestalten. Kants philosophischer Nachfolger Arthur Schopenhauer (1788 -1860) formulierte schließlich im Jahre 1840 in dem von der Königlichen Dänischen Akademie nichtprämierten Aufsatz  41 „Über das Fundament der Moral“: „Eine Tugend, die allein auf Belohnung und Bestrafung beruht, ist keine Tugend.“ Diese Erkenntnis ist für unser tägliches Leben von deutlich größerer Bedeutung als wir anzunehmen geneigt sein könnten. Bei bestimmten Berufsgruppen (die natürlich auch gut bezahlt sind) erwarten wir, dass diese ihre Arbeit mehr als nur kor‐ rekt erledigen, dass sie also näherungsweise tugendhaft sind. Dazu zählen unter anderem Lehrer, Ärzte und Richter. Hier schließt der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger an: Der in der Gegenwart fast permanenten Kontrolltätigkeit bzw. Kennziffernverwendung liegt ein Menschenbild zugrunde, das vereinfacht besagt, dass Menschen nur auf Zuckerbrot und Peitsche reagieren. Weil vielleicht 5 % oder 10 % der Lehrer, Ärzte und Richter faul sind, werden die verbleibenden 90 % oder 95 % mit einem institutionellen Misstrauen konfrontiert, das ihnen die Freude an der Arbeit verdirbt. Diese intrinsische Freude an geistiger Arbeit brauchen wir aber, um u. a. gute Lehrer, Ärzte und Richter zu haben. [30] 44 2 China und Deutschland: Aus der Sicht des jeweils anderen <?page no="45"?> 42 Es überrascht sicher nicht, dass die USA und China in den Quellen ihres „Einzugsge‐ bietes“ jeweils als drittgrößtes Land der Erde geführt werden. 43 Zu Taiwan wird auf den Exkurs dieses Kapitels verwiesen. 3 Kleine Geografie China ist, je nach Messart, flächenmäßig das dritt- oder viertgrößte Land der Erde. Nach Russland und Kanada werden Platz drei und vier unterschiedlich vergeben; mit Alaska sind die USA das drittgrößte Land der Erde; wenn man Land und Wasser rechnet, ist China die Nummer drei. 42 Das ist letztlich ziem‐ lich unwesentlich: China ist mit ca. 9,6 Mio. km 2 etwa 27-mal so groß wie Deutschland, mehr als doppelt so groß wie die gesamte Europäische Union und seine Bevölkerung beträgt etwa das 17-fache der von Deutschland bzw. reichlich das Dreifache der EU. Nun ist es wie so oft mit Verhältnissen und Durchschnittswerten: Diese erklären ohne zusätzliche Informationen wenig. Ein Großteil Chinas ist aus leicht nachvollziehbaren geografischen Gründen kaum bewohnt. So leben in Tibet auf einer Fläche, die in etwa der Deutschlands, Frankreichs und der Benelux-Länder entspricht, weniger Menschen als im Großraum Hamburg. Ebenso sind die nördlichen und nordwestlichen Provinzen sehr dünn besiedelt. Die halbautonome Provinz Xinjiang im Westen Chinas ist mit ca. 1,665 Mio. km² die flächenmäßig größte Provinz Chinas und schon seit Jahrhunderten „Unruheprovinz“. Von den ca. 26 Mio. Einwohnern (Stand 2024) gehören inzwischen weniger als die Hälfte der lokalen muslimischen Minderheit der Uiguren an. Die chinesische Zentralregierung fährt, wie in Tibet und anderen, im Westen weniger bekannten, „kritischen Gebieten“, immer eine mehrgleisige Strategie, um diese einzugliedern und damit zu befrieden: „Belohnung“ der kooperativen Mitglieder der jeweiligen Minderheit, Verfolgung und Bestrafung aller rea‐ len und potenziellen Sezessionisten und Zuwanderung von Han-Chinesen. China hat, wie sonst nur noch Russland, 14 Nachbarländer, mit denen es eine Landgrenze teilt. Dies sind, in alphabetischer Reihenfolge, Afghanistan, Bhutan, Indien, Kasachstan, Kirgisistan, Laos, die Mongolei, Myanmar, Nepal, Nordkorea, Pakistan, Russland, Tadschikistan und Vietnam. Ferner hat China im Ost- und Südchinesischen Meer (teils umstrittene) Seegrenzen mit Nordkorea, Südkorea, Japan, Vietnam, den Philippinen, Malaysia, Brunei und Indonesien. 43 Die Beziehungen zwischen China und den meisten seiner Anrainerstaaten, insbesondere mit Indien (s. nachfolgende Box), Japan (mit <?page no="46"?> 44 China verfügte Mitte 2025 über ca. 17 % der Weltbevölkerung, aber nur über 9 % der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche und 6 % der Süßasservorräte der Erde. Diese Rela‐ tionen sind wichtig zu verstehen, um die Bedeutung der Belt and Road Initiave und auch die Offenheit der Regierung gegenüber gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln zu erklären. dem es keine echte Aussöhnung nach dem II. Weltkrieg gegeben hat) und Vietnam (mit dem sich China in den späten 1970er Jahren im Krieg befand), sind mit „kompliziert“ recht freundlich beschrieben. Während die meisten Nachbarn Chinas einem wirtschaftlich und militärisch starken China skeptisch gegenüberstehen, gibt es in China historisch begründete „Einkreisungsängste“ (s. auch Kapitel 7 und Kapitel 1 in Henry Kissingers Buch). So wie im Süden Tibet, dessen Annexion oder Integration, je nach Per‐ spektive, erst 1951 unter Mao Zedong vollständig abgeschlossen war, stellt Xinjiang historisch eine Pufferzone nach Westen dar. In Tibet entspringen zudem die Quellen der großen drei chinesischen Flüsse: der Gelbe Fluss, der im Norden, der Jangtse, der bei Shanghai und der Perlfluss, der im Süden des Landes ins Meer fließen. Tibet ist das natürliche Grenzland zur zweiten Bevölkerungssupermacht Indien und allein die theoretische Möglichkeit, dass Indien im Falle eines Falles China von der Flusswasserversorgung abschneiden könnte, erklärt die Bedeutung Tibets für China. 44 Zum chinesisch-indischen Verhältnis Bis in die Gegenwart existiert kein bilaterales Abkommen, das den ca. 3.500 km langen Grenzverlauf zwischen Indien und China klar definiert. Beide Länder beziehen sich auf unterschiedliche historische Karten (Indien insbesondere auf die sogenannte McMahon-Linie, die China nie anerkannte) und Vorstellungen. Nachdem Indien in den 1950er Jahren unter seinem ersten Ministerprä‐ sidenten Jawaharlal Nehru eines der ersten Länder war, die die VR China diplomatisch anerkannten, kühlte sich das Verhältnis der beiden Länder ab 1962, dem Jahr des durch China gewonnenen Grenzkrieges zwischen Indien und China, deutlich ab, auch wenn es insgesamt „nur“ etwa 2.000 Tote gab und es kaum zu territorialen Verschiebungen kam. Als sich das Verhältnis zwischen der Sowjetunion und China ab den späten 1950er Jahren deutlich verschlechterte, wandte sich Indien der 46 3 Kleine Geografie <?page no="47"?> Sowjetunion zu, die Indien bei der Industrialisierung, der Energiewirt‐ schaft und in der Bildung unterstützte. Im Kalten Krieg unterstützte die Sowjetunion Indien zudem gegen USA-Pakistan-China-Allianzen. Das gegenwärtige politische Verhältnis zwischen China und Indien ist keineswegs spannungsfrei und von gegenseitigem Misstrauen ge‐ kennzeichnet. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die strategische Partnerschaft Chinas mit Indiens schwierigem Nachbar Pakistan (s. auch Abschnitt 7.2) und der chinesischen Seite missfällt die militärische Zusammenarbeit Indiens mit den USA, Japan und Australien im Rahmen des Quadrilateral Security Dialogue (QUAD). Relevant für Chinas Sicherheit ist heute nicht mehr der Norden, aus dem über mehr als zwei Jahrtausende die Angreifer kamen. Die berühmtesten und erfolgreichsten waren die Mongolen unter Dschingis Khan im frühen 13. Jahrhundert, gefolgt von den Russen in der zweiten Hälfte des 19. Jahr‐ hunderts. Die Mongolei, Ostsibirien und der russische Ferne Osten sind fast menschenleer; es gibt eher (allerdings, um die russische Regierung nicht zu verärgern, sehr vorsichtige) Gegenbewegungen von Chinesen nach Norden. In der Mongolei ist die „Integration“ bereits weit fortgeschritten: Die zukünftigen Eliten wurden und werden weitestgehend in China ausgebildet. Die geopolitisch sensibelste Grenze für China ist der Osten. Wie ein Blick auf eine Landkarte Ostasiens (vgl. Abb. 3.1) schnell klarmacht, kann China relativ einfach über Japan, Südkorea, Taiwan und die Philippinen - in der Gegenwart alles „unsinkbare amerikanische Flugzeugträger“ - von der Straße in Malakka abgeschnitten werden, durch die auf etwa 10.000 - 12.000 Tankern pro Jahr ein Großteil der chinesischen Ölimporte geht und dazu weitere zehntausend Containerschiffe im Jahr ihre Waren von und nach China transportieren. Malaysia könnte die Durchquerung der Straße von Malakka ohne viel Aufwand sperren, was nicht nur zu Ängsten in China, sondern auch in Japan und Australien führt. 3 Kleine Geografie 47 <?page no="48"?> Abb. 3.1: China und seine Nachbarn (Quelle: Wikipedia [31]) Chinas Antworten auf diese mögliche Bedrohung sind massive Investitionen in die Kriegsmarine und die Verfolgung der Landstränge der Belt and Road Initiave (BRI) z. B. nach Gwadar in Pakistan, wo inzwischen Zugang zum Indischen Ozean besteht (vgl. auch Abschnitt 7.3). Nicht überraschend unternimmt China auch in der Arktis und hier insbesondere die Nordost‐ route betreffend große Anstrengungen, die Teil der Belt and Road Initiative geworden sind (vgl. Abschnitt 7.3). 48 3 Kleine Geografie <?page no="49"?> Die Große Chinesische Mauer Mit Mauern kennen die Deutschen sich aus, auch wenn hierzulande alles um einiges kleiner als in China war und ist. Die heute noch existierenden Überreste der chinesischen Mauer stammen zumeist aus der Ming-Dy‐ nastie (1368 - 1644). Die breiten und begehbaren Teile nur wenige Kilometer nördlich von Peking waren als künstliche Grenze, die die Barbaren am Einfall in China hindern sollten, konzipiert. Die Ursprünge der Großen Chinesischen Mauer gehen etwa 2.800 Jahre zurück; große Erweiterungen wurden unter der Herrschaft des ersten Reichseinigers, des Gelben Kaisers (chinesisch Qin Shihuangdi) gemacht. Um 220 v. Chr. sollen bereits ca. 5.000 km Mauer an der Nordgrenze des Reiches existiert haben. Ob die Mauer langfristig erfolgreich war oder nicht, hängt von der Per‐ spektive ab. Jedenfalls gelang es den Chinesen, die wenigen Eindring‐ linge (darunter die Mongolen Dschingis Khans), die diese überwanden, erfolgreich zu assimilieren. Was wir natürlich nicht wissen können, ist, welche Wendungen die chinesische Geschichte ohne die Mauer genommen hätte. Geschadet hat China die Konzentration seiner Kaiser auf den Westen und den Norden dann im 19. Jahrhundert. So begriffen sie erst zu spät, welche (für die Qing-Dynastie letztlich tödliche) Gefahr von den euro‐ päischen Seefahrern, die im Osten und Südosten anlandeten, ausging. Da half die Mauer nicht. Der überwiegende Teil der Menschen lebt in Ost- und Nordostchina. Allein in Shanghai und seinen beiden Nachbarprovinzen Zhejiang und Jiangsu leben offiziell mehr als 160 Millionen Menschen auf knapp 60 Prozent der Fläche Deutschlands (was wiederum zu einer in etwa dreifachen Bevöke‐ rungsdichte im Vergleich zu Deutschland führt). 3 Kleine Geografie 49 <?page no="50"?> 45 Diese Million Menschen auf der Nanjing Dong Lu entspricht in etwa der Million Menschen, die auf der Avenue des Champs Elysées die französische (Herren-) Fuß‐ ballnationalmannschaft feiern, wenn diese Weltmeister geworden ist. Das war bisher zweimal, 1998 und 2018, der Fall. 46 Seit der Pandemie sind die Straßen weniger voll (wenngleich immer noch viel voller als bei uns). Auch in China gibt es inzwischen Essenlieferdienste. Ein Teil des Lebens hat sich in die inzwischen viel größeren Wohnungen verlagert. Abb. 3.2: Topografie Chinas (Quelle: dreamstime.com [32] Lange vor der Covid19-Pandemie hatte ich mir zur Gewohnheit gemacht, mit Erstbesuchern Chinas an einem Samstagnachmittag auf die Nanjing Dong Lu, die meist frequentierte Einkaufsstraße der Welt, zu gehen. Dort wälzten sich - jeden Samstagnachmittag - zeitgleich etwa eine Million Menschen durch die Straße. 4546 Wenn wir über China sprechen, so stellen wir relativ schnell fest, dass unsere Kategorien und Konzepte oft nicht hinreichend tauglich sind, um China zu begreifen. China ist kein Nationalstaat im europäischen Sinne und 50 3 Kleine Geografie <?page no="51"?> 47 Ich habe diese Bezeichnung das erste Mal vom englischen Chinaexperten Martin Jacques gehört, von dem zahlreiche informative Videos auf Youtube verfügbar sind. wird es auch nicht werden. China ist, wie zuletzt auf westeuropäischem Boden das Römische Reich, ein „Civilization State“. 47 Diese Aussage ist des‐ halb so wichtig, als wir konditioniert sind, politisch und auch ökonomisch nationalstaatlich zu denken. Civilization State versus Nationalstaat nach westfälischem Prinzip So wie es einen US-amerikanischen Exzeptionalismus gibt, existiert auch, und das bereits viel länger, ein chinesisches Pendant, das allerdings nie zum zum Ziel hatte, die ganze Welt nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Der Unterschied zwischen einem „Civilization State“ (Zivilisationsstaat) und einem Nationalstaat (nach westfälischem Prinzip) liegt vor allem in der Idee von Identität, Legitimation, Souveränität und der historischen Grundlage politischer Ordnung. Unser Verständnis des Nationalstaats geht auf den westfälischen Frieden von 1648, der den 30-jährigen Krieg beendete, zurück. Ein Nationalstaat ist charakterisiert durch klare Grenzen, der Staat ist Träger der höchsten Autorität innerhalb seines Territoriums, die Gesellschaft basiert fast immer auf ethno-nationaler Identität oder einer staatsbürgerlichen Nation, es besteht zumeist eine klare Trennung von Staat und Religion, der Staat legitimiert sich durch Verfassung, Gesetze und demokratische Institutionen und die Außenpolitik orientiert sich an Gleichheit souverä‐ ner Staaten. Alle modernen europäischen Staaten sind Nationalstaaten. Ein Civilization State versteht sich hingegen als Fortsetzung einer jahr‐ tausendealten Zivilisation. Damit steht die kulturelle Kontinuität über modernen (westlichen) Normen und die Nation ist nicht primär durch ethnische Zugehörigkeit oder Staatsbürgerschaft definiert, sondern durch eine gemeinsame „Zivilisationserfahrung“. Der Staat bezieht seine Legitimität grundsätzlich durch Tradition, Geschichte und kulturelle Werte. Zwischen Staat, Kultur und oft auch (Quasi-)Religion bestehen keine klaren Abgrenzungen. Die Außenpolitik ist zudem auch oft durch das Gefühl einer kulturellen Überlegenheit charakterisiert. Nicht nur China beruft sich auf seine 5.000-jährige Geschichte, auch der indische 3 Kleine Geografie 51 <?page no="52"?> 48 Die jeweilige Minderheit ist im Personalausweis eingetragen. 49 Ältere Bezeichnungen für Xinjiang sind Sinkiang und Ost-Turkestan. Insgesamt gibt es etwa 20 Millionen Uiguren weltweit, davon geschätzt 3.000 in Deutschland. Die starke öffentliche Wahrnehmung der Uiguren in Deutschland ist eng verbunden mit dem 2004 in München gegründeten und seitdem dort ansässigen Uigurischen Weltkongress, Premierminister Narendra Modi spricht oft vom „wiederauflebenden indischen Zivilisationsstaat“. Ein Zivilisationsstaat beansprucht damit eine tiefere historische und kulturelle Legitimität als ein Nationalstaat im westfälischen Sinne. Er sieht sich nicht nur als Staat, sondern als Hüter einer alten, überstaatli‐ chen Zivilisation. Wichtige weitere Sonderfälle sind Russland (Stichworte Drittes Rom und Eurasische Identität) und die USA, wobei beide Merkmale eines Nationalstaates und eines Civilization State in sich tragen. Die USA sind ein souveräner Nationalstaat mit klarer Gewaltenteilung und Verfassung. Sie sind auf Staatsbürgerschaft gegründet - „E pluribus unum“ (aus vielen eines) und es existiert eine klare Trennung von Staat und Religion. Der Staat besitzt Legitimität durch demokratische Institutionen (inklusive das Militär) und Rechtsstaatlichkeit. Dabei sind die USA auch durch Merkmale eines Civilization State charakterisiert. Dies durch die Idee, dass die USA eine einzigartige Mission haben, etwa zur Verbreitung von Demokratie und Freiheit. Zudem verstehen sich die USA als Verwirklichung der „aufgeklärten Zivilisation“, gegründet auf universelle Werte, wie Freiheit, Individualismus und Recht. Die nach außen getragene, kulturelle Überlegenheit von Civilization States provoziert oder verstärkt wiederum Konflikte mit anderen Zi‐ vilisationsstaaten wie zwischen den USA, China, Indien oder auch Russland. China ist im Unterschied zum zweiten Bevölkerungsriesen Indien fast mono-ethnisch. Von den 1,419 Mrd. Einwohnern (Stand Ende 2024) sind etwas mehr als 90 % sogenannte Han-Chinesen, die verbleibenden 125 Milli‐ onen Menschen gehören zu einer der 55 staatlich anerkannten Minderheiten (die fast alle die chinesische Sprache in Wort in Schrift beherrschen) 48 . Die zahlenmäßig größte Minderheit sind mit ca. 20 Mio. Menschen die Zhuang, gefolgt von den Hui, den Mandschu, den Miao und den Uiguren in Xinjiang mit jeweils etwa 10 Millionen Menschen. 49 China hat im Laufe 52 3 Kleine Geografie <?page no="53"?> einer politischen Dachorganisation der uigurischen Diaspora, die von der chinesischen Regierung als „separatistisch“ und „terroristisch“ eingestuft wird. 50 Die Bergmannsche Regel besagt, dass innerhalb einer Säugetierart oder bei nahen verwandten Arten die Individuen in kälteren Regionen tendenziell größer sind als in wärmeren Regionen.- 51 In (Mainland-)chinesischen Quellen werden 23 Provinzen angegeben. Die 23. Provinz ist nicht überraschend Taiwan. 52 Mitunter wird in deutscher Übersetzung auch der alte Begriff Reichsstädte verwendet. der Jahrtausende viele Eindringlinge oder Vertreter von „Randvölkern“, von Turkstämmen über Mongolen, Koreaner u.v.m., absorbiert. Tatsächlich gibt es im Gegensatz zu Korea und Japan, beides Länder, die lange abgeschottet waren und die in der Gegenwart durch die niedrigsten Ausländerquoten weltweit unter den entwickelten Ländern charakterisiert sind, kein „typi‐ sches chinesisches Gesicht“, dafür eine recht große Variabilität der Phänoty‐ pen. Auch sind die Menschen im Norden wie in Europa - die Bergmannsche Regel 50 gilt auch für Menschen - um einiges länger als im Süden. Das Land ist administrativ in 22 Festlandsprovinzen 51 , fünf Autonome Re‐ gionen von Minderheiten (Tibet, Xinjiang, Innere Mongolei, Ningxia und Gu‐ angxi), vier regierungsunmittelbare Städte 52 (Peking, Tianjin, Shanghai und die weltgrößte Stadt Chongqing) und zwei Sonderverwaltungszonen (Hongkong und Macao) untergliedert und es hat, wie zu Beginn dieses Abschnitts bereits erwähnt, Landgrenzen mit 14 Nationalstaaten (s. Abb. 3.3). 3 Kleine Geografie 53 <?page no="54"?> Abb. 3.3: Administrative Gliederung Chinas und Bevölkerungsdichte (Quelle: Academic dictionaries and encyclopaedias [33]) Exkurs: Taiwan Unbestreitbar ist, dass Taiwan der Name einer Insel östlich des chine‐ sischen Festlands ist, deren kürzeste Entfernung zum Festland 130 Kilometer beträgt. Auf ihren 36.197 Quadratkilometern - das ist etwa so groß wie Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg - lebten Mitte der 2020er-Jahre knapp 24 Millionen Menschen, die überwiegende Mehrheit davon im Norden und Westen. Wenn man Weiteres zu Taiwan schreibt oder sagt, riskiert man allerdings, von mindestens einer Seite Prügel zu beziehen. Im Normalfall reicht es für zwei. Tatsächlich war ich mehrmals in Taiwan und davon einmal sowohl vor und nach den vorletzten Präsidentschaftswahlen im Januar 2016. Vor den Wahlen war die Stimmung sehr aufgeheizt, die Gesellschaft 54 3 Kleine Geografie <?page no="55"?> 53 Das vollständige Zitat lautet „Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltge‐ schichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat verges‐ sen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ [34] schien in zwei Lager im Sinne von Erhaltung des status quo vs. mehr Unabhängigkeit von der VR China zerfallen zu sein, nach den Wahlen beruhigten sich Gewinner und Verlierer (die das Wahlergebnis nicht in Frage stellten). Die letzte Präsidentschaftswahl im Januar 2024 gewann der „Sezessionist“ Lai Ching-te von der Demokratischen Fortschritts‐ partei DPP mit etwa 40 % der Stimmen gegen zwei Gegenkandidaten. An der Lagerbildung hat sich offensichtlich nichts geändert. Zur Geschichte Taiwans in China lesen Sie bitte die einschlägige Stan‐ dardliteratur. Seien Sie aber nicht erstaunt, wenn Sie dabei durchaus unterschiedliche Darstellungen vorfinden. Für uns ist hier von Bedeu‐ tung, dass Taiwan von 1895 - 1945 von Japan besetzt war. Taiwans Bevölkerung wurde, da Taiwan von den Besetzern als Teil Japans betrachtet wurde, relativ gut behandelt. Überreste der japanischen Zeit findet man zuhauf; so wurde der heutige Präsidentenpalast in Taipeh (der mich beim ersten Anblick entfernt an das Hamburger Rathaus erinnerte) von einem japanischen Architekten gebaut, der in Deutschland studiert hatte. Auf wenige Orte und historische Entwicklungen passt Karl Marx‘ berühmter Ausspruch „Geschichte wiederholt sich. Das erste mal als Tragödie, das zweite mal als Farce.“ 53 besser als auf die Geschichte von Taiwan. Nachdem sich der letzte Ming-Kaiser Chongzhen im April 1644 in Folge der Eroberung Pekings durch Aufständische erhängte, rief der kommandierende Ming-General die Mandschu zu Hilfe, um die Auf‐ ständischen zu vertreiben. Die Qing aus dem Volk der Mandschu dach‐ ten nicht daran, die Ming zu restaurieren, sondern sie gründeten nach erfolgreicher Auftragserfüllung ihre eigene Dynastie. 1644 herrschten die Qing zwar formal über China, allerdings hatten sie noch nicht das ganze Reich unter Kontrolle. Vor allem in Südost- und Südchina gab es Ming-Loyalisten, die die neue Dynastie nicht anerkannten. Die Folge war ein Bürgerkrieg. Bis 1661 gelang es den Qing, die Kontrolle über Fujian, die Provinz gegenüber von Taiwan, zu erlangen und die verbliebenen Ming-Loyalisten setzten unter ihrem Führer, der den lateinischen Namen Koxinga führt, mit 25.000 Mann auf 900 Schiffen Exkurs: Taiwan 55 <?page no="56"?> nach Taiwan über. Die flüchtigen Chinesen vertrieben die Holländer, die die Insel damals besetzt hatten und Koxinga gründete ein eigenes Königreich, ohne den Anspruch auf China aufzugeben. Die Qing ließen sich Zeit bis 1683, um Taiwan von Koxingas Nachfolgern zu erobern und in China einzugliedern. Am Ende des gegen die Kommunisten verlorenen Bürgerkrieges setzte Guomindang-Führer Chiang Kai-shek (der Name wird im Westen üblicher‐ weise in Wade Giles-Notation geschrieben) 1949 mit etwa einer Million Menschen (Soldaten und deren Familien) vom chinesischen Festland nach Taiwan über, von wo er die Republik China proklamierte, und zwar ohne den Machtanspruch auf Festlandchina aufzugeben. Chiang Kai-shek und die Guomindang (auch Kuomintang) Chiang Kai-shek (Mandarin Jiang Jieshi) war eine der schillerndsten Personen der chinesischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Er war „der Mann, der China verlor“. Im Jahr 1908 erhielt Chiang, der beim chinesischen Militär diente, ein Stipendium für ein Militärstudium in Tokio, wo er unter anderem den späteren Revolutionsführer Sun Yatsen kennenlernte und Mitglied von dessen Organisation, der späteren Nationalen Volkspartei Guomindang (auch kurz: Nationalisten) wurde. Nach dem Sturz der Qing-Dynastie 1912 versank China im Bürgerkrieg zahlreicher Warlords. Chiangs eigentliche politische Karriere begann 1923, als die Sowjetunion den Guomindang Unterstützung bei der Wiederherstellung der staat‐ lichen chinesischen Einheit zusagte. 1924 übernahm er die Leitung der Militärakademie von Whampoa, mit der die Guomindang eine eigene Armee aufbauen wollte. Die Guomindang musste ab 1924 auf Druck der Kommunistischen Internationale eine Einheitsfront mit den chinesischen Kommunisten eingehen. Als Sun Yatsen 1925 starb, wurde Chiang Oberkommandierender der Nationalen Revolutionsarmee, und er begann den lange geplanten und letztlich gescheiterten Nordfeldzug, um Chinas Einheit wieder herzustellen. Im April 1927 war er für das Blutbad unter Shanghaier Kommunisten verantwortlich, das er gemein‐ sam mit Warlords und Verbrechern der berühmt-berüchtigten Grünen Bande verübte. Dies war das Ende der ersten Einheitsfront zwischen der KP Chinas und der Guomindang und das Ende der sowjetischen 56 3 Kleine Geografie <?page no="57"?> 54 Die drei Töchter des reichen Unternehmers Charlie Soong (auch Song) waren Meiling (die die Macht liebte), Ailing (die das Geld liebte) und Sun Yatsens Witwe Qingling (die das Land liebte), die der Volksrepublik bis zu ihrem Tod im Jahr 1981 in verschiedenen hohen Positionen diente, ohne dabei Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas gewesen zu sein. 55 Noch heute verlaufen die parteipolitischen Trennlinien zwischen der Demokratischen Fortschrittspartei DPP und der Kuomintang KMT oft entlang des familiären Hinter‐ grundes. Im Süden ist die DPP stärker, im Norden die KMT. Das liegt zuvorderst daran, dass die Nachfahren der Neuansiedler des Jahres 1949 heute noch tendenziell im Norden leben. 56 Die Republik China bzw. Taiwan musste 1971 den Sitz in der UNO-Generalversamm‐ lung für die VR China räumen. Die Stimmen für die Volksrepublik kamen zu einem Großteil aus Afrika, vgl. auch Rudyak, Kapitel 4, und Linowski, Kapitel 13 und 15. Unterstützung der Nationalisten. Die Guomindang spaltete sich, und Chiang heiratete durch Meiling Song 54 , die in den USA studiert hatte und fließend Englisch sprach, in die damalige chinesische High Society ein. 1928 wurde Chiang Vorsitzender der neuen Nationalregierung. 1931 überfiel Japan China und begann, Teile des Landes zu okkupieren. Chiang versuchte, sich mit den militärisch überlegenen Japanern eini‐ germaßen gut zu stellen und bekämpfte dafür die Kommunisten, die den anti-japanischen Widerstand anführten. Nachdem sich Chiang nach dem Ende des II. Weltkrieges der amerika‐ nischen Forderung widersetzte, mit den Kommunisten eine Koalitions‐ regierung der nationalen Einheit zu bilden und die USA daraufhin ihre Militärlieferungen an die Guomindang einstellten, verlor er den Bürger‐ krieg gegen Mao Zedongs Kommunisten, die 1949 die Volksrepublik China gründeten. Chiang setzte sich mit ca. 1 Million Menschen nach Taiwan ab 55 , wo er das Kriegsrecht ausrief und verkündete „Ruhmreich das Festland zu‐ rückerobern! “ Als die UNO 1971 die VR China anerkannte 56 , ließ Chiang die Chance verstreichen, seine alte „Republik China“ (die nominell bis heute fortbesteht) aufzugeben und Taiwan zu einem unabhängigen Staat zu erklären. Exkurs: Taiwan 57 <?page no="58"?> Die VR China betrachtet sich als Rechtsnachfolger der Republik China und damit Taiwan, obwohl sie die Insel nie beherrscht hat, als „unab‐ trennbaren Bestandteil des chinesischen Territoriums“, während sich Taiwan (offiziell Republik China) inzwischen als souveränen Staat sieht, von dem sich Festlandchina-abgespalten-hat. Taiwan hat sich ab den späten 1980er Jahren von einer Diktatur, in der bis 1987 das Kriegsrecht herrschte (zunächst unter Chiang Kai-shek, dann unter dessen Sohn Chiang Ching-kuo, der in den 1980er Jahren mit schrittweisen Reformen begann und schließlich das Kriegsrecht aufhob und den Weg in ein Mehrparteiensystem freimachte), zu einer „Musterdemokratie“ entwickelt. Es hat dabei eine eigene Währung und eine eigene Armee, was a priori genügen könnte, um gut mit dem status quo zu leben. Allerdings haben die meisten jungen bis mittelalten Taiwaner kaum noch echte Beziehungen zum Festland, sie fühlen sich als Taiwaner und nicht als Chinesen. Ihre Sezessionsinteressen sind somit psychologisch nachvollziehbar. Bis heute haben die USA Taiwan nicht als eigenständigen Staat dip‐ lomatisch anerkannt. Nachdem sie am 1. Januar 1979 offizielle diplo‐ matische Beziehungen mit der VR China aufnahmen, folgte im April 1979 mit dem „Taiwan Relations Act“ ein Gesetz, dass unter formaler Beibehaltung der Ein-China-Politik die internationalen Beziehungen der USA zur „Republik China auf-Taiwan“ neu definierte. Von Bedeutung für die aktuellen Beziehungen zwischen der VR China und Taiwan ist der sogenannte 1992-Consensus als die zentrale politi‐ sche Formel, auf die sich Vertreter der Volksrepublik China und der Republik China (Taiwan) im Jahr 1992 in Hongkong informell (es gibt kein formales schriftliches Abkommen, weshalb der Konsens auch umstritten ist) verständigt haben, in dem beide Seiten anerkennen, dass es nur ein China gibt. Dabei dürfen beide Seiten interpretieren, was „China“ bedeutet. Für die Volksrepublik gilt, dass sie das einzige China ist und Taiwan ein Teil davon. Taiwans Sicht ist, dass die Republik China (ROC) das „wahre China“ ist, das seit 1949 nur noch auf Taiwan existiert. Die Guomindang unterstützt den Konsens, um den Dialog mit Peking zu ermöglichen, während die Demokratische Fortschrittspartei den Konsens ablehnt, da er Chinas Anspruch auf Taiwan impliziert. Die Crux ist in jedem Fall, dass eine offizielle Loslösung Taiwans von der Volksrepublik als Kriegserklärung aufgefasst würde bzw. werden müsste. Da die Perioden staatlichen Zerfalls in Chinas mehrtausendjäh‐ 58 3 Kleine Geografie <?page no="59"?> riger Geschichte fast immer an der Peripherie ihren Ausgang nahmen, handelt es sich aus Perspektive der chinesischen Zentralregierung um eine prinzipielle Frage. Sollte China Taiwan also als Folge einer offiziellen Loslösung vom „Mutterland“ angreifen, besteht seitens der USA keine Garantie eines Eingreifens. Im Falle des Versuches einer gewaltsamen (Wieder-)Eingliederung Taiwans in die Volksrepublik stellt sich die Situation anders dar. Eine solche Entscheidung, einen Angriff Chinas auf Taiwan, träfe in beiden Szenarien aber wohl nur ein einzelner Mensch, der viel zu der Thematik gesagt hat, in dessen Kopf wir aber nicht hereinschauen können (s. Abschnitt 4.1). Wenn Ausländer in der Volksrepublik zu einem Bekenntnis aufgefor‐ dert werden, dass Taiwan ein Teil Chinas sei, hat sich in meinem Umfeld die Antwort durchgesetzt, dass Taiwan natürlich ein Teil Chinas sei und zwar der beste und schönste. Damit ist die Diskussion im Allgemeinen (oft, aber nicht immer, mit Augenzwinkern) zu Ende. Nicht ganz so gelassen sehen das offensichtlich viele Taiwaner. Die dauerhafte Beschwörung und Wahrnehmung einer Kriegsgefahr - der „Economist“ bezeichnete Taiwan im Jahre 2022 als „the most dangerous place on earth“ - ist jedenfalls nicht spurlos an meinen taiwanischen Kontakten vorbei gegangen (Wie sollte sie auch? ). Was bedeutet das nun für die deutsche Außenpolitik? Deutschland erkennt die Volksrepublik China als einzig legitime Regierung Chinas an. Diese „Ein-China-Politik“ bedeutet, dass Taiwan von Deutschland völkerrechtlich nicht als unabhängiger Staat anerkannt wird. Es beste‐ hen somit keine unmittelbaren diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Taiwan. Dabei pflegt Deutschland umfassende in‐ offizielle Beziehungen zu Taiwan - insbesondere in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Kultur und Technologie. Deutschland würdigt Taiwans demokratische Entwicklung und en‐ gagiert sich dafür, dass Taiwan in internationalen Organisationen zumindest als Beobachter teilnehmen kann, soweit dies nicht staatliche Anerkennung voraussetzt, wie in der Weltgesundheitsorganisation WHO. Deutschland setzt sich, wie auch die EU, für die Wahrung des Status quo in der Taiwanstraße ein. Das bedeutet: keine einseitige Veränderung durch Gewalt oder Zwang - weder von China noch von Taiwan. Tatsächlich habe ich Taiwan während meiner Besuche in den 2000er und 2010er Jahren - bei konstanter Belustigung über das Chiang Exkurs: Taiwan 59 <?page no="60"?> Kai-shek-Memorial, in dem Chiang wie ein Kaiser verehrt wird - als eines der zivilisiertesten Länder, die ich je besucht habe, empfunden. Diese Aussage und die oben gemachte Bezeichnung „Musterdemo‐ kratie“ stehen offensichtlich im Widerspruch zu den immer wieder stattfindenden Prügeleien im Parlament von Taiwan. Ich kann hier nur eine Empfehlung geben: Machen Sie sich selbst ein Bild! 60 3 Kleine Geografie <?page no="61"?> 57 Der bekannte Journalist Li Zexin schrieb am 11. April 2025 auf X: „China wird den US-Markt verlieren. Wenn die Vereinigten Staaten „…sich vollständig vom chinesischen Markt abschotten wollen, dann nur zu. Die Welt ist groß genug. Es interessiert uns nicht: China gibt es schon seit 5.000 Jahren. Die meiste Zeit davon gab es keine Vereinigten Staaten und wir haben überlebt.“ [35] 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart Man könnte durchaus erwarten, hier einige Ausführungen über die Nazizeit und deren Verarbeitung in Deutschland vorzufinden. Tatsächlich spielt dieser „hässlichste Teil“ unserer Vergangenheit, obwohl er zeitlich deutlich näher an der Gegenwart liegt, in unserem Alltag insgesamt eine viel geringere Rolle als die Periode vom Beginn des 1. Opiumkrieges 1839 bis zur Gründung der VR China im Jahr 1949 in China. Ich habe zu Beginn meiner Tätigkeit in China von einem chinesischen Freund, dem gegenüber ich äußerte, dass ich die Verbrechen der Nazizeit historisch für singulär halte, den müden Kommentar bekommen „Wir haben auch unsere Leichen im Keller.“. Alle Chinesen, die ich kenne, sind, unabhängig von ihrer formalen Bildung, sehr geschichtsbewusst, wobei ihnen dabei sicher hilft, sich der einzigen seit mehreren Jahrtausenden durchgängig existierenden Hochkul‐ tur zugehörig zu fühlen. Wichtig ist hier, dass es sich um ein echtes Interesse an Geschichte handelt, das keiner Institutionalisierung bedarf. 57 Im Westen wird diese Zeit im Allgemeinen „die 100 verlorenen Jahre“ genannt. Das ist, die Wiederholung erfolgt bewußt, eine recht freihändige Übersetzung der chinesischen Wahrnehmung, die von den 100 Jahren der Scham spricht. China hat übrigens keinerlei staatliche Entschädigung für Kriegsverbrechen westlicher Staaten und selbst Japans vom Beginn des ersten Opiumkrieges bis zur Gründung der VR China gefordert. Die Begründung dafür lautet, dass die Chinesen selbst schuld daran gewesen seien, dass auf China „rumgetrampelt“ werden konnte. Die alles überragenden politischen Figuren des 20. Jahrhunderts in China waren Mao Zedong (1893 - 1976) und Deng Xiaoping (1904 - 1997). Nach Jahrzehnten des Niedergangs, Bürgerkriegen, Angriffen von außen (der wichtigste war die Attacke Japans auf China ab dem Jahre 1931, die von den meisten zeitgenössischen Historikern als Beginn des II. Weltkriegs angesehen wird) und Hungersnöten mit numerisch für uns schwer vorstell‐ <?page no="62"?> 58 Einen hervorragenden Überblick über das 20. Jahrhundert in China findet man in Konrad Seitz‘ „China. Eine Weltmacht kehrt zurück“ [36]. Seitz war Spitzendiplomat im Auswärtigen Amt und „rechte Hand“ des Außenministers der deutschen Einheit, Hans Dietrich Genscher. Er wurde für seine Verdienste auf seinen Wunsch hin von 1995 - 1999 als Botschafter Deutschlands nach China entsandt. Ein weiterer schriftstellerisch sehr aktiver ehemaliger deutscher Botschafter in China war Erwin Wickert, der u. a. „John Rabe. Der gute Deutsche von Nanking“ [37] schrieb; vgl. Abschnitt 2.4. bar vielen Toten, war es schließlich Mao Zedong, der den Chinesen nicht nur ihren Nationalstolz zurückgab, nachdem er erst Japaner, Engländer, Franzosen, Amerikaner, dann die Bürgerkriegsgegner der Guomindang und schließlich die Sowjets aus dem Land geworfen hatte, er schuf damit auch die soziale Basis für Dengs Reformen. 58 4.1 Von Mao über Deng zu Xi Solange Mao lebte, war er, der Große Steuermann, als Revolutionsführer, praktisch sakrosankt. Daran änderten auch „Fehlexperimente“ wie der „Große Sprung nach vorn“ (eine Kampagne zur Industrialisierung Chinas von unten in den Jahren 1958 - 1961, die zu geschätzt 30 Millionen Toten führte) und die „Große Proletarische Kulturrevolution“ (1966 - 1976), auch als „10 Jahre Chaos“ bezeichnet, nichts. Bereits im Jahre 1978 und damit nur zwei Jahre nach Maos Tod verfügte Deng, dass Mao zu 70 Prozent gut (die erste Phase bis zur Proklamation der VR China) und zu 30 Prozent (der folgende Rest als Quasi-Alleinherrscher) schlecht war. Deng zitierte hier übrigens Mao selbst, der, empört über die Abnabelung Chruschtschows von Stalin, selbiges über Stalin sagte. Damit ist die Diskussion bis heute beendet: Deng sah klar voraus, dass China über Jahrzehnte alle Kräfte benötigen würde, um nach vorn zu schauen. Mao erledigte den politischen, Deng den folgenden wirtschaftlichen Teil von Chinas „Rückkehr“: Mao sah in der starren Anwendung der Lehren von Konfuzius das Hauptübel der Rückständigkeit Chinas, das bis in das späte 18. Jahrhundert mit Abstand das wirtschaftlich stärkste Gebilde der Welt war, dann aber durch Arroganz und Unfähigkeit seiner Eliten gegenüber dem Westen immer mehr ins Hintertreffen geriet. Mao brach schließlich sämtliche gesellschaftlichen Konventionen auf: Die sozial bedeutendste ist dabei die veränderte Rolle der Frauen in der chinesischen Gesellschaft. Die konfuzianische Sittenlehre verlangte über viele Jahrhunderte, dass Frauen ihr Leben lang gehorchen mussten: zuerst dem Vater, dann dem Ehemann 62 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart <?page no="63"?> und schlussendlich mitunter selbst dem eigenen Sohn. Unter Mao wurden Frauen Soldatinnen der Nationalen Volksbefreiungsarmee, es wurde Chinas erstes Ehegesetz erlassen, Scheidungen wurden legalisiert, Brauthandel und Konkubinat verboten. Seit Mao stützen Frauen den halben Himmel (bis auf das oberste Führungsgremium der Kommunistischen Partei, vgl. Abschnitt 5.5). Füßebinden Die Suche nach menschlicher Schönheit führte zu fast allen Zeiten und überall auf der Welt, wo Menschen leben, zu geistigen Verirrungen. In Europa waren dies z. B. eng geschnürte Korsetts, die vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert die Körper von Frauen einzwängten und im Barock und Rokoko mitunter über einen Meter hohe Perücken für Frauen, die deren Leben unnötig verkomplizierten. Auch die Männer blieben nicht verschont: Reste dieser Tradition können noch heute in englischen Gerichten bestaunt werden. Zu den bizarrsten Abwegen, oder, anders betracht, Großverbrechen in der Geschichte der Menschheit gehört das Füße(ab)binden. Die Tradition, Mädchen im Alter von 5 - 8 Jahren die Zehen zu brechen und jahrelang einzubandagieren, um sie am Wachstum zu hindern, geht auf das Ende der Tang-Dynastie im frühen 10. Jahrhundert n. Chr. zurück, als ein Kaiser offensichtlich Gefallen an den kleinen Füßen einer Tänzerin gefunden hatte. Obwohl es kurz danach mit der Tang-Dynastie vorbei war, überlebte das Schönheitsideal der Lotusfüße weitere 1.000 Jahre. Kleine Frauenfüße - die Füße einer Frau wurden in der klassischen chinesischen Literatur vielfach als wichtigste erotische Zone der Frau beschrieben (in Japan war das interessanterweise der Frauennacken) - gehörten zum Schönheitsideal der alten chinesischen Männer. Die Ideallänge der Frauenfüße schwankte; sie bewegte sich im Laufe der Jahrhunderte zwischen 10 und 12 bis 15 Zentimetern. Sekundärfolge (? ) war, dass Frauen mit solchen Minifüßen nur noch watscheln und damit auch kaum weglaufen konnten. Das Füßebinden traf zunächst die Mädchen der Oberschicht, die Mäd‐ chen, deren Eltern Bauern waren, wurden, da sie noch für die Feldarbeit benötigt wurden, zunächst verschont. Im Laufe der Geschichte weitete sich dieser „Brauch“ aber auf alle Schichten des chinesischen Volkes aus. 4.1 Von Mao über Deng zu Xi 63 <?page no="64"?> Tatsächlich waren es gerade die Mütter, die aufpassten, dass die Füße ihrer Töchter richtig gebrochen wurden, war dies doch Voraussetzung für eine gute Heirat. In der Gegenwart sterben die letzten sehr alten Frauen, deren Füße in ihrer Kindheit noch misshandelt wurden. Eine von Maos ersten Amtshandlungen nach Gründung der VR China war es, das Brechen und Abbinden der Füße kleiner Mädchen gesetzlich zu verbieten. Es sollte uns nicht schwerfallen, die Tatsache, dass inzwischen mehr als eine Milliarde Mädchen nicht mehr auf Stummeln laufen mußten, Maos „70% gut“ zuzurechnen. Nach Maos Tod im Jahre 1976 gab es eine kurze Übergangszeit, die bereits 1979 qualitativ abgeschlossen war, als es ein neues personelles Machtzent‐ rum gab. Es war Deng Xiaoping, den der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (1918 - 2015) einige Male als die positivste Figur der großen Politik des 20. Jahrhunderts bezeichnete, der mit dem Beginn der ökonomischen Re‐ formpolitik Ende der 1970er Jahre die zweite Stufe zur Wiedererstarkung Chinas zündete. Ebenfalls Ende der 1970er Jahre wurde die Ein-Kind-Politik eingeführt, die in Verbindung mit besserer Krankenversorgung nicht nur zu einer rapiden Alterung der Gesellschaft, sondern auch zu einem veränderten Sozialverhalten führte (vgl. Kapitel 5). Deng war es, der die wirtschaftliche Öffnungspolitik Chinas begann und diese, gegen zahlreiche Widerstände, ab 1992 durchsetzte. Die berühmtesten Zitate aus dieser Zeit sind „Egal, ob die Katze schwarz oder weiß ist, Hauptsache sie fängt Mäuse“ und „Es ist glorreich, reich zu werden, aber einige werden eher reich als die anderen.“ und „Entwicklung ist die harte Wahrheit.“ Eine kurze Unterbrechung gab es mit dem im Westen sogenannten Massaker am Platz des Himmlischen Friedens (chinesisch Tiananmen-Platz) am 4. Juni 1989, in dessen Anschluss die westlichen Staaten ihre Beziehungen zu China einfroren. Während in der Sowjetunion erste Auflösungserscheinungen zu erleben waren, zog die chinesische Parteiführung unter Deng Xiaoping die entsprechenden Schlussfolgerungen: Sie schlug den Aufstand im Sommer 1989 blutig nieder und bewahrte das Gewaltmonopol der Kommunistischen Partei. Deng hatte richtig kalkuliert: Die Aussicht auf künftige Geschäfte war im Westen stark genug, um Bedenken zu Menschenrechten beiseitezuwischen. Ab 1992 setze ein stetiger Strom westlicher Investitionen nach China ein. 64 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart <?page no="65"?> Menschenrechte Menschenrechte sind Rechte, die jedem Menschen, unabhängig von seiner Stellung in Staat, Gesellschaft, Familie, Beruf, Religion und Kultur allein dadurch zustehen, weil er ein Mensch ist. Mit der Idee der Menschenrechte ist im westlichen (Mainstream-)Denken der Gegenwart das normative Prinzip der Menschenwürde verbunden. Unterschieden werden Menschenbzw. Freiheitsrechte erster Ordnung, die individuelle Freiheiten vor Eingriffen des Staates schützen, Freiheits‐ rechte zweiter Ordnung, die den Staat aktiv verpflichten, Leistungen bereitzustellen und die historisch relativ neuen Freiheitsrechte dritter Ordnung, das sind kollektive Rechte, wie das Recht auf Frieden und eine gesunde Umwelt. Die Freiheitsrechte erster Ordnung, insbesondere Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Recht auf Leben, Schutz vor Folter, werden auch als negative Freiheitsrechte bezeichnet, die Frei‐ heitsrechte zweiter Ordnung (Recht auf Bildung, Arbeit, soziale Sicher‐ heit, Gesundheit, angemessenen Lebensstandard) als positive Freiheits‐ rechte. Im Grunde geht es hier um die klassische Unterscheidung in der politischen Philosophie und Rechtswissenschaft von Freiheit von etwas und Freiheit für etwas. Immer mehr Menschenrechte sind grundsätzlich einklagbar, z. B. vor internationalen Gerichten wie dem Europäischen Gerichtshof für Men‐ schenrechte und dem Internationaler Strafgerichtshof, wobei diese Ge‐ richtsbarkeiten allerdings von wichtigen Ländern wie Russland, China und den USA nicht anerkannt werden. Deutschlands Akzeptanz die‐ ser Institutionen ist offensichtlich relativ: Nachdem der Internationale Strafgerichtshof im Jahr 2024 einen Haftbefehl gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu ausstellte, ließ Friedrich Merz die Welt nach seiner Wahl zum Bundeskanzler 2025 wissen, dass man Mittel und Wege finden werde, damit Netanjahu Deutschland besuchen und wieder verlassen kann, ohne verhaftet zu werden (s. auch Vorwort zur 1. Auflage). China konzentriert sich bei klarer Priorisierung von kollektiven gegen‐ über individuellen Interessen auf die Menschenrechte zweiter Ordnung und dabei primär auf die Abschaffung von Armut bzw. allgemeiner auf die Gewährung von Sicherheit, die gegenüber individueller Freiheit dominiert. Dass es auch im Westen Unterschiede des Verständnisses der 4.1 Von Mao über Deng zu Xi 65 <?page no="66"?> Menschenrechte gibt, wurde im Sommer 2025 deutlich, als die US-Regie‐ rung Deutschland, Frankreich und Großbritannien „significant human rights issues“ vorwarf. Ähnliche Vorwürfe gegenüber der US-Regierung wurden nach Donald Trumps zweiter Amtsübernahme auch aus Europa geäußert, wenn auch nicht explizit von Regierungen. Die folgenden Regierungen waren die unter Jiang Zemin 1993 - 2003 und Hu Jintao von 2003 - 2013. Seitdem ist Xi Jinping die Nr.-1 in der Kommunisti‐ schen Partei Chinas und damit im chinesischen Staat. Die Jahre unter Deng, Jiang und Hu werden mitunter als Jahre der kollektiven Führung bezeichnet, Xi hat, etwas lax ausgedrückt, den Normalzustand, dass nur einer herrscht, der aber in ein Regelwerk eingebunden ist, wiederhergestellt. Die Qualität der Regierung hängt also, wie zumeist in der Vergangenheit, wesentlich von der Qualität der Berater ab, die die Nr. 1 um sich schart. Tatsache dürfte sein, dass Xi Jinping über eine historische Mission bezüglich Chinas zukünftiger Größe zu verfügen meint (Im Chinesischen wird der Begriff fuxing verwendet, der in etwa unserem Ausdruck Renaissance entspricht. Denken Sie an den Titel von Konrad Seitz’ Buch, der explizit von der Rückkehr einer Großmacht spricht): China soll bis 2049 (das ist das 100. Jahr des Bestehens der VR China) in die Rolle eines (nicht des) Global Leaders gebracht werden, d. h. Xi will China als mindestens gleichberechtigte Weltmacht neben den USA etablieren. Xi Jinping steht schlussendlich vor seinem Volk und der Geschichte allein dafür gerade, ob seine Politik nach innen und nach außen erfolgreich sein wird oder nicht. Im Westen häufig geäußerte Vorstellungen, dass China die Welt beherr‐ schen wolle, basieren meines Erachtens primär auf einem Mangel an Wissen über die chinesische Kultur und Geschichte gepaart mit Angstmacherei. Die Rolle eines Hegemons muss man sich personell und finanziell leisten können, wovon China, selbst wenn der Wunsch bestände, weit entfernt ist und die chinesische Führung weiß das. Die Jahre nach Deng Tatsächlich gibt es eine logische historische Kontinuität im Handeln aller chinesischen Regierungen seit Mao Zedong, die dem Ziel unterge‐ ordnet waren, „China wieder groß zu machen“. 66 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart <?page no="67"?> Der Nachfolger von Deng Xiaoping war Jiang Zemin, der die Kommu‐ nistische Partei Chinas von 1993 - 2003 anführte. Jiang gelang es, die Macht der Partei nach den Unruhen am Tiananmen-Platz im Jahre 1989 zu konsolidieren. Er öffnete die Kommunistische Partei Chinas neben Bauern und Arbeitern auch für Unternehmer und eröffnete damit den Weg zur modernen Funktionärs- und Unternehmerpartei. Wichtigste außenpolitische Ereignisse seiner Regierungszeit waren die Rückgabe von Hongkong im Jahre 1997 und Macaos im Jahre 1999 sowie der Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2001. Während Jiangs Regierungszeit wurden viele Staatsunternehmen privatisiert oder umstrukturiert. Die BIP-Wachstumsraten betrugen 8 - 10 % pro Jahr und China wurde zur „Werkbank der Welt“. Die Ein-Kind-Politik wurde weitgehend durchgesetzt und die Entwicklung zur Verstädterung nahm unter Jiang Fahrt auf. Jiang starb Ende 2022 im Alter von 96 Jahren. Unter Hu Jintao (geboren 1942), der mit seinem Premierminister Wen Jiaobao (geboren 1942) von 2003 - 2013 regierte, wurde das Konzept der harmonischen Gesellschaft propagiert. Kollateralschäden des an‐ dauernd hohen Wirtschaftswachstums wie soziale Ungleichheit bei beginnender Alterung der Bevölkerung und Umweltverschmutzung wurden offen addressiert und die Infrastruktur (inklusive Wissenschaft und Forschung) des Landes wurde massiv entwickelt. Die Stärkung der nationalen Identität und Souveränitätsansprüche, insbesondere mit Blick auf Taiwan, wurden bereits in Hus Amtszeit recht offensiv verfolgt. Abb. 4.1: Mao Zedong (1893 - 1976), Deng Xiaoping (1904 - 1977, Xi Jinping (geb. 1953). Quelle: sina.com [38] 4.1 Von Mao über Deng zu Xi 67 <?page no="68"?> 59 Das bedeutet nicht, dass er „seine Wahrheit“ öffentlich hinausposaunte. Chinesische Tradition war, dass Intellektuelle sich mit Denkschriften an den Kaiser wendeten in der Hoffnung, dass ihre Schriften von einem klugen Beamten gelesen und weitergeleitet wurden. In der näheren Vergangenheit machte der Fall des Alibaba-Gründers Jack Ma Schlagzeilen, der im Oktober 2020 öffentlich der Regierung bescheinigte, von moderner Technologie keine Ahnung zu haben. Dieser „Übermut“ bekam weder dem Aktienkurs von Alibaba noch ihm selbst besonders gut. Jack Ma verschwand in China bis Februar 2025, als er öffentlich auf einem Treffen Xi Jinpings mit Technologiemanagern wieder auftauchte, von der Bildfläche. Die Regierung machte an seinem Fall exemplarisch klar, dass sie sich von Tech-Milliardären keinesfalls auf der Nase herumtanzen lasse und sie machte ferner klar, dass alle Reichen Chinas nur reich seien, weil die Regierung ihnen dies erlaube. Herrscher und Gebildete Ja-Sagen hat unter chinesischen Intellektuellen traditionell einen schlechten Ruf (was nicht bedeutet, dass es keine oder wenige Schmeich‐ ler und Claqueure gibt). Intellektuelle im „Elfenbeinturm“ kennt die chinesische Tradition nicht, der gebildete Mensch ist verpflichtet, sich einzumischen. Der wahre Intellektuelle sagte auch dem Kaiser, selbst auf die Gefahr seines Lebens, die Wahrheit. 59 (vgl. Abschnitt 2.3). 4.2 Der Fokus auf Technologie und erste Folgen Konsens besteht heute in China sowie im Westen, dass der Niedergang Chinas bzw. dessen Zurückfallen gegenüber dem Westen ab spätestens 1800 wesentlich durch die Geringschätzung der konfuzianisch gebildeten Elite gegenüber Technologie begründet und damit selbst verschuldet war: Bis ins späte 19. Jahrhundert gab es keine technischen Bildungsanstalten, und das Wissen bzw. die Erfindungen großer Techniker - Papier, Buchdruck, Kompass, Schießpulver, Porzellan, Papiergeld, die Schubkarre, die Kanone und vieles mehr wurde in China erfunden - gingen zeitweise sogar wieder verloren, während sich die Eliten über Jahrhunderte fast ausschließlich mit den klassischen philosophischen Texten von Konfuzius und seinen Nachfolgern und deren Interpretation beschäftigten. Ab dem 1. Opiumkrieg schossen die westlichen Barbaren mit Leichtigkeit chinesische Flotten zuammen, sie rissen Teil für Teil aus Ostchina heraus und zerstörten selbst den alten Sommerpalast im Peking im Jahre 1860 im Zuge einer der zahlreichen Straf- oder Vergeltungsaktionen. Mit Japan, das 68 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart <?page no="69"?> sich nach Abschaffung des Shogunats im Jahre 1867 und der anschließenden Meiji-Restauration innerhalb weniger Jahrzehnte in die technische Moderne katapultierte und 1905 eine europäische Macht, Russland, im Krieg besiegte, war der Beweis für jedermann, der sehen wollte, sichtbar: Asiaten waren nicht per se den Europäern und ihren Abkömmlingen in Amerika unterle‐ gen. Der qualitative Fehler, dem Geistigen einseitig den Vorzug vor dem Technischen zu geben, so einhelliger Konsens der Führer seit Gründung der Volksrepublik China im Jahre 1949, würde nicht wiederholt werden. China begann bereits unter Mao, zu einer der führenden Technologiemächte aufzusteigen. Als es neben den USA noch die Sowjetunion gab, existierten zwei Referenznationen. In dieser für die meisten Chinesen bitterarmen Zeit wurde im Jahr 1964 in China die erste Atombombe und 1967 die erste Wasserstoffbombe gezündet. Besondere Ereignisse der Neuzeit, mit denen für die Welt und vor allem die eigene Bevölkerung sichtbar gemacht wurde, zu den USA aufgeschlossen zu haben, waren der erste Chinese im Weltall, der Taikonaut Yang Liwei im Jahr 2003, die erste Chinesin im Weltall Liu Yang im Jahr 2012, der erste chinesische Flugzeugträger, die Liaoning im Jahr 2012, sowie die erste unbemannte Mondlandung im Jahr 2013. Am 1. Juni 2024, kurz vor Erscheinen der ersten Auflage dieses Buches, landete die Mondsonde „Chang‘e-6“ erfolgreich auf der Rückseite des Mondes, um drei Wochen später wieder mit Gesteinsproben auf der Erde einzutreffen. Im Westen, und hier insbesondere an den Börsen, schlug im Januar 2025 die Nachricht über die Leistungsfähigkeit des KI-Sprachmodells DeepSeek R1 wie eine Bombe ein. Die chinesische Open-Source-KI ist nicht nur qualitativ ebenso leistungsfähig wie ihre US-amerikanischen Pendants ChatGPT von OpenAI, Gemini von Google und Claude von Anthropic; ihre Entwicklung war offensichtlich wesentlich billiger. Da die chinesischen Entwickler durch Sanktionen von Hochleistungschips US-amerikanischer Hersteller abgeschnitten waren, mussten sie viel Geist in Form von Mathematik für die Sicherstellung von parallelen Rechenprozessen nutzbar machen. Sanktionen sind ein mehrschneidiges Schwert: In diesem Fall haben die US-Sanktionen im Hochtechnologiebereich die chinesischen Heraus‐ forderer schlussendlich gestärkt. Dass sich chinesische Militärtechnologie hervorragend entwickelt hat, steht auch in direkter Verbindung zur Nutzung Künstlicher Intelligenz. Für die europäische Rüstungsindustrie und Ver‐ teidigungspolitiker überrraschend stellten sich im indisch-pakistanischen Konflikt im Frühjahr 2025 die von Pakistan eingesetzten Militärjets aus chi‐ 4.2 Der Fokus auf Technologie und erste Folgen 69 <?page no="70"?> nesischer Produktion den von Indien verwendeten französischen Rafale-Jets in vielerlei Hinsicht überlegen heraus. Wir im Westen haben in den letzten Jahrzehnten langfristige gesellschaft‐ liche Planung vernachlässigt und werden, wie die Baumeister mittelalter‐ licher Kirchen in Europa und die chinesische Regierung wieder lernen müssen, darüber nachzudenken und etwas mehr als nur skizzieren, wo wir bzw. unsere Gesellschaften hinwollen. Industriepolitik in China steht in direktem Zusammenhang mit Bildungs- und Hochschulpolitik. Auf einer gemeinsamen Tagung der Chinese Academy of Sciences und der deutschen Leopoldina Ende 2024 erfuhr ich, dass es in China etwa 6.000 Professoren gibt, die sich mit Batterietechnik beschäftigen. Die Anzahl der deutschen Professoren, die sich mit Speichern elektrischer Energie beschäftigen, verrät Ihnen relativ schnell Google oder ChatGPT. Einzelfälle von staatlicher Förderung in Deutschland, wie die Hunderte Millionen Euro teure Unter‐ stützung des gescheiterten schwedischen Batterieherrstellers Northvolt sind noch lange kein Bestandteil einer Strategie. Der (deutsche) Staat ist, nach Moritz Schularick, nicht besonders gut, die Gewinner von morgen zu identifizieren, aber die Verlierer von gestern finden den (deutschen) Staat. Jenseits dieser Medienereignisse findet man in China das mit 40.000 km Länge größte zusammenhängende Schnellbahnnetz der Welt. Die Züge fahren sekundengenau ein und aus. Dass die Chinesen Instandhaltung und nicht nur den Neubau beherrschen, kann man z. B. in Shanghai studieren. Die inzwischen 30 Jahre alte Metrolinie 1 fährt sauber und pünktlich wie eh und je. Öffnungspolitik und Technologietransfer 1978 erlaubte die chinesische Regierung Chinas erstmals ausländische Direktinvestitionen. Seit den 1980er Jahren verfolgte China eine Politik, bei der ausländische Unternehmen, die auf dem chinesischen Markt tätig sein wollten, häufig gezwungen waren, ein Joint Venture mit einem chinesischen Partner einzugehen. Dies war insbesondere der Fall (in den von der Regierung als strategisch wichtig eingestuften Sektoren) in der Automobilindustrie, der Telekommunikation, im Energiesektor und in der Luftfahrt. Oft war ein Technologietransfer Bedingung für die Marktzulassung. Praktisch bedeutete dies neben der Verpflichtung zur lokalen Fertigung mit chinesischen Zulieferern die Offenlegung von Quellcodes oder 70 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart <?page no="71"?> technischen Designs und der Betrieb gemeinsamer Forschungs- und Entwicklungszentren. Dies war zwar rechtlich nicht explizit vorge‐ schrieben, in der Praxis wurde aber der Zugang zu Genehmigungen oder günstigen Rahmenbedingungen oft davon abhängig gemacht, dass westliche Unternehmen ihre Technologie mit dem chinesischen Partner teilten. Der Volkswagenkonzern verbündete sich zum Beispiel bereits 1984 mit der Shanghai Automotive Industry Corporation SAIC zu SAIC Volks‐ wagen und 1991 mit der First Automotive Group zu FAW-Volkswagen und Siemens ging u. a. bei Gas- und Dampfturbinen, in der Medizin‐ technik und Industrieautomatisierung zahlreiche Joint Ventures ein. Die deutschen Industriekonzerne leisteten durch den Technologietransfer in Verbindung mit Managementtechniken einen wesentlichen Beitrag zur Industrialisierung Chinas und unfreiwillig zum Entstehen ihrer aktuell wichtigsten Konkurrenz in China und auf den Weltmärkten. Der gegenwärtig erfolgreichste Elektroautohersteller Chinas Build Your Dreams (BYD) ist ohne die „Vorarbeiten“ von Volkswagen und Hua‐ wei ohne Siemens’ Aktivitäten kaum denkbar (s. auch Abschnitt 4.3). Huawei positioniert sich als Technologiekonzern übrigens auch im Premiumsegment der Automobile und ist damit direkte Konkurrenz für BMW und Mercedes. Mit Beginn der 2000er Jahre marschierten die US-Unternehmen Alpha‐ bet/ Google, Meta/ Facebook, Amazon und Apple weltweit durch; begleitet durch einige Dutzende weniger große Internet- und Softwarefirmen aus den USA (von Oracle und Yahoo zu Ebay, usw., usw.) und die etwas ältere, öffentlich leise, aber um so mächtiger gewordene Firma Microsoft, die Ende Juli 2025 über eine Marktkapitalisierung von ca. 4.000 Mrd US-Dollar (und damit mehr als das Zehnfache des teuersten europäischen Softwareun‐ ternehmens, der SAP) verfügte. Während diese US-Unternehmen auch in Europa dominierten, entwickelte sich in China eine eigene Internetwelt. Die 4.2 Der Fokus auf Technologie und erste Folgen 71 <?page no="72"?> 60 Verbindliches Dokument ist der auf dem 19. Parteitag der KPC im Jahr 2017 beschlossene Plan des „sozialistischen Modernisierungsstaates“, in dem eine „Zwei-Schritte-Strategie“ formuliert wurde: Bis 2035 soll die grundlegende sozialisti‐ sche Modernisierung erfolgen und bis 2049 der vollständige Aufbau eines „starken, demokratischen, zivilisierten, harmonischen und modernen sozialistischen Staates“ abgeschlossen sein. politische Führung Chinas hatte früh begriffen 60 , dass es sich hier um um Fragen der Unabhängigkeit und damit um Machtfragen handelt. Was wir bisher nur auf dem Niveau der Unternehmen kannten, findet heute auf einer Makroebene statt. So gibt es zu jedem amerikanischen Quasi-Monopolisten ein chinesisches Pendant, auch wenn die einzelnen Schwerpunkte und Strategien durchaus unterschiedlich sind. Taobao kor‐ respondiert zu Ebay, Didi zu Uber, Ctrip ist booking.com und diverse Onlinereiseportale in einem. Die größten Onlineunternehmen Chinas sind Baidu (auch der Betreiber einer gleichnamigen Suchmaschine, die, jedenfalls vor KI, nicht an die Qualität von Google herankam), Alibaba (Führer im chinesischen E-Commerce und oft besser als Amazon) und Tencent, das On‐ linespiele anbietet und den zur Allzweckalltagssoftware ausgebauten Mes‐ sengerdienst WeChat betreibt. WeChat ist zugleich Bank, Büro, Kaufhaus, Reisebüro, Partnervermittlung und noch einiges mehr. Dies gilt ebenso im Zahlungsabwicklungsbereich. Während es in Europa auch in der Gegenwart kein Äquivalent zu Paypal und keinen relevanten Kreditkartenanbieter gibt, steht MasterCard und Visa China Union Pay gegenüber. Die Entwicklung in China geht indes in Richtung Gesichtserkennung weiter. Microsoft stellt mit seinem Gründer Bill Gates, den Xi Jinping im Juni 2023 nach einem langen persönlichen Treffen „einen alten Freund Chinas“ nannte, eine Ausnahme mit Ausnahmen dar. Windows und MS-Office sind in China weitverbreitet, aber dort, wo die chinesische Regierung sicherheitsrelevante Aspekte sieht, wird offensichtlich zunehmend (weniger komfortable und leistungsfähige) chinesische Software eingesetzt. In der Onlinewelt der vergangenen 25 Jahre kamen die disruptiven Inno‐ vationen fast immer aus den USA. In China wurden diese Basisinnovationen studiert und verbessert und die ursprünglichen Innovatoren teilweise aus dem Markt gedrängt. 72 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart <?page no="73"?> 61 Die Meinungsbildung erfolgt zumeist im House Select Committee on the Chinese Commu‐ nist Party, einem parteiübergreifenden Sonderausschuss des US-Repräsentantenhauses, der im Januar 2023 eingerichtet wurde. Dieser Ausschuss soll Empfehlungen ausarbei‐ Kopien Kopien sind in China a priori ein Zeichen von Respekt. Man kopiert schließlich nur, was man gut findet. Dabei gab (und gibt es, wenn auch immer weniger) Fälle, wo die Kopien mit Copyrights oder Patenten in Kollision kommen. Ich erinnere mich an den Fall einer Messe in Shanghai um das Jahr 2010, wo ein deutscher Mittelständler Tobsuchtanfälle bekam, als er den Nachbau einer seiner Maschinen nur ein paar Dutzend Meter von seinem Stand entfernt entdeckte. Der Vertreter der kopierenden chinesischen Firma versuchte, dem aufgebrachten Deutschen zu erklären, dass er auch Produkte anderer Firmen hätte kopieren können, das aber nicht getan habe, weil er genau diese eine Maschine besonders überzeugend fand. Der Erfolg seiner Beschwichti‐ gungsversuche hielt sich - nicht überraschend - in Grenzen. Kopiert werden aber auch Ideen (und Technologie) von chinesischen Firmen. So wurden in allen Großstädten ab 2014 app-basierte Leihfahrräder stationiert, die mit QR-Codes entsperrt werden konnten. Den ersten Anbietern folgten rasch Nachahmer, die mit geringeren Preisen antraten, und einen derart ruinösen Preiskampf anzettelten, der schluss‐ endlich zu Pleiten fast aller Anbieter führte und allein in Shanghai zu ca. 30.000 Fahrrädern, die auf sogenannten Fahrradfriedhöfen liegen und dort irgendwann mal einem Recycling zugeführt werden sollen. Bike-Sharing ist heute fest im urbanen Alltag der Großstädte verankert. Übrig geblieben sind mehrere Firmen mit finanzstarken Muttergesell‐ schaften, von denen Meituan Bike mit der Techgröße Tencent im Rücken die marktmächtigste nicht nur in Shanghai, sondern in ganz China ist. Das erste große chinesische Unternehmen, das von US-Technologie abge‐ schnitten wurde und von den USA international bekämpft wurde, war der Mobiltelefonhersteller und Netzwerkausrüster Huawei, das seit Mitte 2024 Wichtigste ist der Kurzvideodienst TikTok. Mitte März 2024 stimmte eine parteiübergreifende Mehrheit von Republikanern und Demokraten im Repräsentantenhaus mit 352 zu 65 Stimmen für ein Gesetz, an dessen Ende ein Zwangsverkauf von TikTok stehen könnte. 61 TikTok hat zwar 4.2 Der Fokus auf Technologie und erste Folgen 73 <?page no="74"?> ten, wie die USA strategisch auf die Herausforderung durch die Kommunistische Partei Chinas reagieren können. Er hat keine gesetzgebende Gewalt, kann aber Anhörungen durchführen, Zeugen befragen und Berichte und Empfehlungen veröffentlichen, die als Grundlage für Gesetze oder politische Maßnahmen dienen. 62 Im August 2020 erließ Donald Trump zwei Executive Orders, von denen die erste alle Transaktionen zwischen ByteDance und Entitäten in den USA verbot, und die zweite ByteDance verpflichtete, die US-TikTok-Geschäfte innerhalb von 90 Tagen zu veräußern. Diese Frist wurde mehrmals verlängert. Die US-Regierung hatte in der Tat gute Gründe, TikTok nicht zu verbieten, hatte die App doch bereits Mitte 2020 ca. 100 Millionen aktive Nutzer in den USA (die Zahl stieg auf etwa 170 Millionen Nutzer Ende 2024), die zumeist auch Wähler sind. Im Spätsommer 2025 zeichnete sich nach mehr als fünf Jahren Tauziehen eine Lösung des Zwangsverkaufes ab, bei der die US-Regierung und die chinesische Regierung offensichtlich eine Kompromisslösung fanden. Details lagen bei Ende der Redaktion dieses Textes noch nicht vor. 63 Bereits im Jahr 2012 wurden in den USA erste Vorwürfe laut, dass die chinesische Regierung Huawei für Spionage nutzen könne, 2018 wurde die Finanzvorständin und Tochter des Firmengründers Meng Wanzhou in den USA angeklagt, Iran-Sanktionen der US-Regierung durch Bankbetrug unterlaufen zu haben; worauf sie von 2018 - 2021 in Kanada festgetzt wurde. 2022 verbot die US-Regierung den Verkauf und Import von Kommunikationsgeräten von Huawei. Mitte 2025 ist Huawei stark wie nie: Der Economist titelte am 13. Juni 2024 „America’s assissination attempt on Huawei is backfiring. The company is growing stronger and less vulnerable.“ [39] seine Konzernzentralen in Singapur und Los Angeles, aber mit der Firma Bytedance eine chinesische Muttergesellschaft. Damit war und ist TikTok nach gängiger Lesart in den USA prädestiniert, Daten seiner Kunden zu missbrauchen, diese nach China zu exportieren, Wahlen zu manipulieren usw. Beweise für all diese Anschuldigungen wurden meines Wissens bis Mitte 2025 nicht präsentiert. 62 Tatsächlich sind die bevorzugten Ziele amerikanischer Anschuldigungen chinesische Unternehmen, die besser sind als ihre US-Pendants. Huawei ist trotz der Sanktionen der US-Amerikaner die weltweite Nummer 1 im Ausrüstungsmarkt für Telekommunikationstechnik. 63 Weder gibt es ameri‐ kanische noch europäische Unternehmen, die beim Mobilfunkstandard 5G mit Huawei technisch wie ökonomisch konkurrieren können und 6G ist bereits unterwegs (wenn auch nicht zuerst in Deutschland). Womit wir wieder bei TikTok sind: Die Algorithmen des Unternehmens kennen ihre Nutzer viel besser (und sie sind schneller) als die von Youtube oder auch Amazon. 74 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart <?page no="75"?> 64 Im Jahr 2023 verzeichnete China 1.642.582 Patentanmeldungen, was einem Anteil von 47,2 % an den weltweiten Anmeldungen entspricht. [40] 65 Regelmäßig upgedatete Informationen findet man z. B. beim Mercator Institute for China Studies. [41] Wissenschaft in China China ist in der Gegenwart das Land, aus dem die meisten Patente 64 und wissenschaftlichen Publikationen kommen. Die Nr. 1 weltweit bezüglich Forschungsoutput ist inzwischen die Tsinghua Universität in Peking. China hat die USA und die EU bei der Anzahl einflussreicher Publika‐ tionen in der Biotechnologie überholt und ist führend in Bereichen wie synthetischer Biologie und Genomforschung. China trägt derzeit etwa ein Viertel der weltweiten akademischen Veröffentlichungen in Materialwissenschaften und Chemie bei. In der KI liefern sich die USA und China ein Kopf-an-Kopf-Rennen, Europa ist weit abgeschlagen. Dies ist insbesondere deshalb von Belang, weil die Innovatoren der Ge‐ genwart die Standards der KI setzen werden, nach denen weltweit in der Zukunft gearbeit wird. KI wird stark in der Automobilindustrie und hier insbesondere der Entwicklung autonomer Fahrzeuge und intelligenter Fahrzeugsysteme eingesetzt; weitere wichtige Anwendungsfelder lie‐ gen in der Gesichtserkennung und in der Medizin. 65 Nachdem der Economist bereits im Januar 2019 einen Titel „Red moon rising. Will China dominate science? “ [42] herausbrachte, folgte im Juni 2024 die Antwort auf diese Suggestivfrage in einem großen Artikel „China has become a scientific superpower. From plant biology to superconductor physics is the country at a cutting edge.“ [43] Chinas Aufstieg zur Wissenschaftsmacht ist das Ergebnis eines langen geplanten und gesteuerten Prozesses. Die Entwicklung in Technik und Naturwissenschaften beschrieb Frank Sieren bereits im Jahr 2018 in seinem Buch „Zukunft? China! *“ [44]. Sieren diskutiert unter anderem, dass Deutschland zwar das erste Land weltweit ist, in dem (unter dem ehemaligen Verfassungsrichter Udo di Fabio) ethische Leitlinien für das automatisierte und vernetzte Fahren entwickelt wurden, die technolo‐ gischen Fortschritte aber primär in den USA und China erbracht werden. Der erste zentrale Forschungsplan Chinas, das 863-Programm, wurde im Jahr 1986 veröffentlicht und er beinhaltete insbesondere die Förde‐ rung von Biotechnologie, IT und Raumfahrt. Im Jahre 2006 wurde 4.2 Der Fokus auf Technologie und erste Folgen 75 <?page no="76"?> 66 Tatsächlich sind aber unverändert viele junge chinesische Spitzenforscher in den USA tätig, um ihre zukünftige Karriere in China abzusichern und dabei näherungsweise das Doppelte wie bei einer vergleichbaren Stelle in China zu verdienen. Auch in der Gegenwart genügen 5 - 10 erfolgreiche Jahre in den USA oft, um später eine Professur an einer chinesischen Spitzenuniversität zu bekommen. der Medium and Long Term Plan 2006 - 2020 veröffentlicht, der das Ziel formulierte, China bis 2020 zu einer innovationsgetriebenen Ge‐ sellschaft umzugestalten. Die Früchte dieser Entwicklung können in der Gegenwart bestaunt werden. Aktuell das wichtigste Dokument ist der 14. Fünfjahresplan für die Zeit von 2021 - 2025, in dem erstmals Wissenschaft und Technologie explizit als zentrale produktive Kräfte benannt werden. Die wissenschaftlichen Anstrengungen Chinas in der Gegenwart sind eng verbunden mit der industriellen Transformationsstrategie „Made in China 2025“. Dabei wird Forschung eng mit wirtschaftlicher und strategischer Entwicklung verzahnt - insbesondere mit Blick auf Tech‐ nologieunabhängigkeit. Forschung wird eingesetzt, um Importabhän‐ gigkeiten z. B. bei Chips, Pharmawirkstoffen oder Robotik und landwirt‐ schaftlichen Produkten zu reduzieren und mit dem bereits erwähnten Mangel an Wasser umzugehen. Erfolgreiche Forschung erfordert kluge und fleißige Menschen sowie fast immer viel Geld. In China gibt es inzwischen mehr Wissenschaftler als in den USA und Europa zusammen. Im Jahr 2023 wurden etwa 2,6 % des chinesischen BIPs in Forschung und Entwicklung investiert, bei gleicher Größenordnung in den USA und etwa 3,1 % in Deutsch‐ land (in Indien waren es nur 0,6% bei deutlich geringerem BIP (vgl. Exkurs zu Kapitel 8). [45] Die Sozialwissenschaften spielen in der Wissenschaftspolitik Chinas nur eine nachgeordnete Rolle. In China wurde in den letzten Jahrzehnten eine große Bildungstradition neu belebt. Schwerpunktmäßig gefördert werden von der Regierung als wesentlich eingestufte Sektoren (s. o.). Die USA haben hier, wie die Deutschen in der Industrie, unfreiwillig Entwicklungshilfe geleistet. Ein Großteil der mehrere Millionen Chinesen, die von 1980 bis 2020 in die USA zum Studium und als Forscher gingen, sind mit den an den US-amerikanischen Bildungs- und Forschungseinrichtungen erworbe‐ nen Kenntnissen inzwischen wieder in China. 66 76 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart <?page no="77"?> 67 Ein chinesisches Äquivalent lautet „Verstecke Deine Stärke, warte auf Deine Zeit.“ 68 Auf Chinesisch 社交媒体 (shejiao meiti). Shejiao bedeutet gesellschaftliche Kommu‐ nikationen und meiti Medien.- Tatsächlich hat der Fokus auf Technologie zu einer, vorsichtig ausgedrückt, vermutlich unbeabsichtigten Herausforderung der USA geführt. In der im Jahre 2015 veröffentlichten Strategie Made in China 2025 wurde ausgeführt, dass China im Jahre 2025 die weltweite Nr. 1 in Robotik, Mikroelektronik, Biotechnologie, Pharmakologie, Künstlicher Intelligenz, autonomen Fahren und einigen weiteren Zukunftstechnologien sein wolle. Es war schluss‐ endlich Donald Trump, der öffentlich feststellte, dass es nur eine Nr. 1 geben könne und ab 2017 einen Wirtschaftskrieg gegen China eröffnete. Eine solche offene Herausforderung der USA war bzw. wäre den früheren Regierungen unter Deng Xiaoping, Jiang Zemin und Hu Jintao jedenfalls nicht passiert. Wie vor dem I. Weltkrieg in Frankreich mit Bezug auf Elsass-Lothringen galt die Devise zwecks zukünftiger Größe „Daran denken immer. Darüber reden nie.“ 67 Das heutige China ist technisierter als der Westen, wobei Europa wie‐ derum auch den USA in vielerlei Hinsicht hinterherhinkt. Als westlicher (wohlwollender) Beobachter hat man jedoch vielfach den Eindruck, dass China in das andere Extrem, d. h. „Technologie kann alles“, gerutscht ist. Bargeld ist, trotz regelmäßiger Verweise der Regierung, dass es offizielles Zahlungsmittel ist, weitgehend verschwunden; es wird fast nur noch mit Smartphones bezahlt, was unter anderem dazu geführt hat, dass Bettler mit QR-Codes hantieren und der Beruf der Taschendiebe praktisch ausgestorben ist. Elektronische Zahlung hat sich von unten, weil billiger (Ökonomen benutzen hier den Begriff Transaktionskosten) durchgesetzt. Wichtig zu wissen ist, dass keine der die heutige chinesische Gesellschaft prägenden Techniken eine chinesische Innovation war. Dies betrifft die Schnellzüge, die Elemente des französischen TGV, des deutschen ICE und des japanischen Shinkansen in sich tragen, ebenso wie die sogenannten sozialen Medien. 68 Das bereits erwähnte alles dominiertende Programm Wechat der Firma Tencent vereinigt Eigenschaften von Facebook, Google und Amazon und einiges mehr und ist fraglos besser (im Sinne von Effizienz) als die westlichen Pendants; allein: Die Innovationen kamen aus dem Westen inklusive Japan. 4.2 Der Fokus auf Technologie und erste Folgen 77 <?page no="78"?> 69 Eine weitere Analogie ist die Verfeinerung des Teegenusses. Man braucht Jahre, um sich in den guten Tee „hineinzutrinken“. Sehr gute Teesorten kosten mehr als 1.000 Euro pro Kilogramm (oder 100 Euro für 100 Gramm), die teuersten Teesorten bewegen sich im Bereich von ca. 30.000 Euro pro Kilogramm. 70 Hier sind wir, allen öffentlichen Beteuerungen zum Trotz, teilweise auf einem ähnlichen Weg. Da die Abiturnote noch immer das wichtigste Kriterium für die Vergabe eines Medizinstudienplatzes ist, konvergiert das Verhältnis zwischen Frauen und Männern unter den Studienanfängern in Deutschland inzwischen gegen 2: 1. Wenn Sie dachten, dass 1,0 eine natürliche Grenze für eine Abiturgesamtnote darstellt, so irren Sie sich: Nicht nur die Humboldt-Universität zu Berlin hat bereits 2024 eine Abiturnote noch darunter als Zielkriterium für einen Medizinstudienplatz erklärt, was, da es kaum junge Männer gibt, die solche Noten erreichen, das Verhältnis numerisch weiter zu Gunsten der Frauen verschieben wird. In diesem Kontext stellte die Medizinnobelpreisträgerin Christiane Nüßlein-Volhard in einem Interview im SPIEGEL vom 19. Mai 2024 fest: „Ich finde, dass wir langsam [mit Frauenförderung] aufhören sollten, weil wir Gefahr laufen, die Männer zu diskriminieren. Es gibt viel zu häufig Ausschreibungen, bei denen von vornherein absehbar ist, dass eine Frau genommen werden muss. Ein Mann braucht Wie in der traditionellen chinesischen Kunst besteht Meisterschaft bei inkrementellen Verbesserungen. 69 Ein Maler beginnt also immer noch oft, etwas vereinfacht, als junger Mensch Seerosen oder Bergpanoramen, aber nicht beides zugleich zu malen, und tut dies dann sein Leben lang mit dem Ziel, seine Kunst immer mehr zu vervollkommnen. Ebenso in der klassischen Peking-Oper. Eine Sängerin singt eine Rolle in einer Oper ein Leben lang und nicht heute die Lady Macbeth aus Verdis Oper und in der kommenden Saison Puccinis Madame Butterfly. Diese Herangehensweise der inkrementellen Verbesserungen ist histo‐ risch tradiert: Technologisch innovative Zeiten mit großen eigenen Erfin‐ dungen wie Papier, Buchdruck, Kompass und Schießpulver waren in der langen chinesischen Geschichte eher selten. Das böse Wort „Handys machen dick, dumm und faul“ kann nirgendwo auf der Welt besser als in den chinesischen Großstädten studiert werden. Viele Kinder und Jugendliche sind übergewichtig (dies hat auch mit der traditionellen Geringschätzung von Breitensport und offensichtlich unzu‐ reichendem Schulsport zu tun); wenn Sie in der U-Bahn ein Buch lesen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Sie der Einzige sind, der das tut. An den Universitäten erfolgt ein „Durchmarsch der Frauen“; mehr als 80 Prozent meiner Spitzenstudenten sind inzwischen junge Frauen. Diese Beobachtung bzw. die anhaltende Tendenz zu einer weiter zunehmenden Dominanz der Frauen wird von all meinen Kollegen in allen Fächern bestätigt. 70 78 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart <?page no="79"?> sich gar nicht erst zu bewerben, weil er keine Chance hat. Das ist ein Unding und widerspricht auch jedem Gleichstellungsgesetz.“ [46] Die sozialen Folgen sind bereits absehbar: Die Konzentrationsfähigkeit insbesondere der Jungen sinkt; zurück bleiben große Jungs, die nicht erwachsen werden wollen und nachts im Internet „rumlungern“; den klugen jungen Frauen stehen trotz Männerüberschuss, der auf die Ein-Kind-Politik zurückgeht, nicht genügend Männer auf Augenhöhe gegenüber. Viele von ihnen finden keinen Partner, der ihren Ansprüchen genügt und sie bleiben unfreiwillig partner- und kinderlos. Dies ist um so bemerkenswerter, weil die Familie in China nach wie vor das Zentrum eines sinnerfüllten Lebens darstellt. 4.3 Globalisierung und Bruttoinlandsprodukt Die Globalisierung, wie wir sie (noch) kennen, war erst möglich, nachdem sich seit den 1970er Jahren zwei entscheidende technologische Innovationen gemeinsam durchsetzten: Die Verbreitung der Computertechnik und die Containerschifffahrt. In historisch sehr kurzen Zeiträumen explodierte der Welthandel quantitativ; von vormals Agrar- und Luxusgütern im weiteren Sinne erweiterte sich der Welthandelsstrom auf Güter des täglichen Bedarfs. Die nun vorhandenen Technologien brachten eine zunächst potenzielle Nachfrage nach billigen Textil- und Industriegütern in Westeuropa und Nordamerika mit einem sich entwickelnden Angebot primär aus Süd- und Ostasien zusammen und ließen die Theorie der komparativen Vorteile in qualitativ und quantitativ anderen Dimensionen wahr werden. Als erste stiegen die „kleinen Tiger“ Taiwan, Singapur und Südkorea in die Massenproduktion von Textilien und Spielzeug ein, die dann nach Nordamerika und nach Westeuropa verschifft wurden. Richtig Fahrt nahm die Globalisierung ab den späten 1990er Jahren auf, als ein Großteil der Direktinvestitionen nach China ging. Volkswagen in China und Build Your Dreams (BYD) Volkswagen und China ist eine ganz besondere Geschichte. Der Konzern aus Wolfsburg war der erste namhafte westliche Konzern, der in China investierte. Am 11. April 1983, also etwa 10 Jahre vor dem Beginn 4.3 Globalisierung und Bruttoinlandsprodukt 79 <?page no="80"?> 71 Die Bedeutung des kulturellen Austausches für unsere Gesellschaften, sowie die Tatsache, dass langanhaltender Einfluss kulturell erworben und verteidigt werden muss, wurde in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland langsam vergessen. Die seriell gekürzten Mittel des DAAD und der Goethe-Institute sprechen für sich. 72 Die weltweiten Gesamtauslandsinvestionen im Jahr 1983 betrugen 42,72 Mrd. US-Dollar (gegenüber 2.012,57 Mrd. US-Dollar im Jahr 2022). [47] der Direktinvestitionsmania in China, wurde unter dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Carl Hahn der erste Volkswagen Santana in Shanghai montiert. Die Santanas waren bis in die 2010er Jahre das Taxi in Shanghai. Antreiber des Projektes war einer der ersten Chinesen, die in den 1970er Jahren zum Studium nach Deutschland kamen! 71 [48] [49] Volkswagen kam nach China, als kaum jemand im Westen an China glaubte, 72 und ist damit ein alter Freund Chinas, das höchste Lob, das eine Person oder ein Unternehmen aus dem Ausland erhalten kann. Das be‐ deutet nicht, dass Volkswagen das Primat der Politik - öffentliche Kritik seiner Partner bzw. der Regierung ist ein absolutes no go, intern kann viel diskutiert werden - außer Kraft setzen kann. Volkswagen wird aber primär nicht als ausländischer Konzern, sondern als (guter) Teil Chinas gesehen. In der Gegenwart dominiert Volkswagen auf dem chinesischen Automarkt nicht mehr, insbesondere im Bereich der E-Mobilität spielt der VW-Konzern keine bedeutende Rolle. Der Treiber der E-Mobiltät in China war der in Aachen promovierte Professor, Präsident der Tongji Universität in Shanghai und langjährige Minister für Wissenschaft und Technologie Wan Gang, der wiederum den amtierenden VW-Chef Oliver Blume promovierte. Wie bereits erwähnt, haben BYD und andere chinesische Automobil‐ produzenten viel von Volkswagen gelernt und weiterentwickelt; dies betrifft Technologie, Management und Internationalisierung. BYD wurde 1995 als Hersteller von wiederaufladbaren Batterien ge‐ gründet. 2003 stieg das Unternehmen in die Automobilproduktion ein; seit 2022 produziert BYD ausschließlich batterieelektrische Fahrzeuge und Plug-in-Hybride. Das Unternehmen betreibt neben seinen Fabriken in China Werke in den USA, Brasilien, Thailand, Indien und Ungarn, ein weiterer bedeutender Produktionsstandort außerhalb Chinas ist in Mexiko geplant. Im Jahr 2024 verkaufte BYD insgesamt 4,27 Millionen Fahrzeuge weltweit. 80 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart <?page no="81"?> BYD expandiert inzwischen direkt in die EU, wobei primär in Ungarn investiert wird. Bereits 2016 eröffnete BYD ein Werk zur Montage von Elektrobussen in Komárom. Im Bau befindet sich in Szeged ein Werk mit einer Investitionssumme von etwa 4 Milliarden Euro und einer Jahreskapazität von ca. 200.000 Autos; ebenso ist ein Zentrum für Vertrieb, Kundendienst, Fahrzeugtests und die Entwicklung lokalisierter Modelle in Ungarn vorgesehen. Eine Schlüsseltechnologie von BYD ist die Blade Battery, eine Li‐ thium-Eisenphosphat-Batterie, die für ihre Sicherheit, Langlebigkeit und hohe Energiedichte bekannt ist. Diese Batterien werden nicht nur in BYD-Fahrzeugen verwendet, sondern auch an andere Hersteller wie Toyota, Nio und Tesla geliefert. Abbildung 4.2 illustriert die Entwicklung der Direktinvestionen weltweit. 0.000 0.500 1.000 1.500 2.000 2.500 3.000 3.500 1979 1983 1987 1991 1995 1999 2003 2007 2011 2015 2019 2023 Abb. 4.2: Entwicklung der ausländischen Direktinvestitionen von 1980 - 2023 in Mrd. US-Dollar (Eigene Darstellung: Daten von der Weltbank) [50] In Abb. 4.2 sieht man klar die „Explosion“ des Welthandels ab den späten 1990er Jahren. Der erste Rückschlag um das Jahr 2002 beruht primär auf den Auswirkungen des Attentats auf die USA am 11. September 2001. Der zweite Rückschlag ab 2007 kann weitgehend mit dem Ausbruch und den Folgen der Weltfinanzkrise bei gleichzeitig sehr schwachem US-Dollar erklärt 4.3 Globalisierung und Bruttoinlandsprodukt 81 <?page no="82"?> werden. Ab 2020 waren es primär die Auswirkungen der Coronapandemie in Verbindung mit der Sanktionspolitik, die von den US-Regierungen unter Trump und Biden gegen China verfolgt wurde, die den Rückgang der Direktinvestitionen erklären. Fast parallel zu den Auslandsinvestitionen explodierte das Bruttoinlands‐ produkt Chinas (Nebenwirkungen waren nicht nur in den ersten Jahren des Wirtschaftsaufschwungs starke soziale Ungleichheit, Umweltverschmut‐ zung und Korruption, deren Abschaffung bzw. Bekämpfung im Zentrum der Innenpolitik der Regierung unter Xi Jinping stehen). 0 2.000 4.000 6.000 8.000 10.000 12.000 14.000 16.000 18.000 20.000 1980 1982 1984 1986 1988 1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 2020 2022 2024 Abb. 4.3: Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) in jeweiligen Preisen von 1980 bis 2024 in Mrd. US-Dollar (Eigene Darstellung: Daten vom National Bureau of Statistics of China [51] Das BIP per capita in China wurde für 2024 auf ca. 12.600 USD geschätzt, das ist etwas weniger als ein Viertel des Wertes in Deutschland und zugleich das Fünffache des Wertes in Indien. Tatsächlich sind solche Zahlen nur wenig aussagekräftig, da sie einerseits kaum etwas über die Kaufkraft (zur Illustration: mit 2.500 Euro netto im Monat kommen Sie in weiten Teilen Vorpommerns oder Nordhessens vermutlich gut über die Runden, in München, Berlin oder Hamburg aber fast sicher nicht) und anderseits a priori nichts über die Einkommensverteilung sagen (denselben Durchschnittswert 82 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart <?page no="83"?> können Sie bei näherungsweiser Gleichverteilung oder auch, wenn einer oder wenige sehr viel, und die meisten anderen sehr wenig haben, erhalten). Ungleichverteilung des Einkommens Die Ungleichheit des Einkommens wird üblicherweise über den Gini-In‐ dex gemessen. Westliche Organisationen schätzen den Gini-Index in China numerisch auf etwas über 0,5, was in etwa dem Wert der USA entspricht und eine hohe Ungleichheit anzeigt. China selbst veröffent‐ licht keine Daten zum Gini-Index. Große Differenzen zwischen den Provinzen treiben den Gini-Index nach oben, sagen aber nichts über die sehr unterschiedlichen Lebenshaltungskosten aus. Wenn Sie durch China reisen, sehen Sie, dass der Wohlstand ungleich verteilt ist. Einige Katzen haben, um Dengs berühmtes Wort abzuwan‐ deln, offensichtlich eher Mäuse gefangen als andere. Schätzungen zur Wohlstandsverteilung von Weltbank, staatlichen Stellen in China und externen Firmen wie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC ordnen der Mittelschicht derzeit zwischen einem Drittel (400-500 Millionen Menschen) und der Hälfte der Bevölkerung (etwa 700 Millionen Men‐ schen) zu. Ein zentrales Problem (wie in den westlichen Gesellschaften! ) ist inzwi‐ schen die Vererbung von Wohlstand, die mit Zugang zu guten Schulen für die Kinder der entsprechend Begünstigten einhergeht und damit das Leistungsprinzip teilweise außer Kraft setzt. Die Regierung versucht hier gegenzusteuern (z. B. durch ein weitgehendes Verbot privater Bildungsangebote für Kinder, die sich nur der wohlhabende Teil der Bevölkerung leisten könnte), aus meiner Sicht mit überschaubarem Erfolg. Meine Beobachtungen aus 20 Jahren China sind, dass es viele relativ arme Menschen aber keine bittere Armut gibt und ebenso Menschen, die hungrig sind, aber keine Menschen, die an Hunger leiden. 4.4 Die Börsen Im Jahre 1992, praktisch direkt im Anschluss an Deng Xiaopings berühmt gewordene Reise nach Südchina, wurden in Shanghai und in Shenzhen zwei 4.4 Die Börsen 83 <?page no="84"?> 73 In China gehen also immer noch neue Firmen an die Börse. Zum Vergleich: In Deutschland sinkt die Anzahl der börsennotierten Unternehmen seit 2007, als sie mit 761 Unternehmen ihr Maximum annahm. Ende 2023 waren in Deutschland 429 Unternehmen börsennotiert. Aktienbörsen eröffnet. Die Anzahl der gelisteten Firmen stieg von 53 im Gründungsjahr auf 5.392 im Jahre 2024 (gegenüber 5.079 im Jahre 2020). 73 Wichtiger als die Anzahl der Firmen ist aber die Marktkapitalisierung und, wenn wir über Macht reden, das Verhältnis aus der Summe der in US-Dollar gemessenen Werte der in den USA am New York Stock Exchange und der NASDAQ notierten Aktien und der in China in Shanghai, Shenz‐ hen und Hongkong gelisteten Aktien. Die folgende Tabelle liefert einen Überblick über die Marktkapitalisierungen der wichtigsten asiatischen und nordamerikanischen Aktienbörsen in den Jahren 2012, 2018 und 2024. Zum Vergleich: Die Marktkapitalisierung aller börsennotierten Unterrnehmen in Deutschland betrug Ende 2024 2.044 Mrd. US-Dollar). 2024 2018 2012 NYSE Group 28.330 20.679 14.086 Nasdaq Stock Market 26.620 9.757 4.582 Japan Exchange Group - Tokyo 6.004 5.297 3.479 Hong Kong Exchanges 3.975 3.819 2.832 Shanghai Stock Exchange 7.436 3.919 2.547 Shenzhen Stock Exchange 4.685 2.405 1.150 SE India 5.000 2.083 1.263 Tabelle: Marktkapitalisierungen ausgewählter Börsenplätze am Ende der Jahre 2012, 2018 und 2024 in Mrd. USD (Quelle: Shanghai Stock Exchange [52]) Das Verhältnis der Marktkapitalisierungen aller gelisterten Aktien von New York Stock Exchange (NYSE) und Nasdaq zu Shenzhen, Shanghai und Hongkong betrug bereits 2012 ca. 3: 1 und es ist seitdem noch gestiegen: Die weltweite Dominanz der amerikanischen Aktienmärkte ist ungebrochen. Dies hat verschiedene (nicht nur regulatorische) Ursachen: In den USA sind auch viele nicht-amerikanische Unternehmen gelistet (aus Deutschland unter anderem die Firma Biontech). Auch gibt es nur wenige Derivate 84 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart <?page no="85"?> 74 Die Regierung versucht dies zu ändern, indem sie Immobilienentwickler anhält, Woh‐ nungen zum Vermieten zu bauen. wie Futures und Optionen, die an den Börsen in Shanghai und Shenzhen gehandelt werden, womit die Notwendigkeit von Sicherungsgeschäften (englisch Hedging), die die Umsätze nach oben treiben, für die Emittenten entfällt. Immobilien Etwas anders stellt sich die Sachlage dar, wenn man fragt, wo die Leute in den USA und in China ihr Geld investiert haben. In China steckt der überwiegende Teil des Geldes der Menschen in Immobilien und nicht in Aktien. Anders ausgedrückt: In den USA hängt der Zustand der Gesamtwirtschaft wesentlich an den Aktienmärkten, in China am Immobilienmarkt. Das Preisverhältnis von Shanghai zu Tokio bei gleich‐ wertigen Wohnimmobilien beträgt etwa 2,5: 1 (bei deutlich niedrigeren Gehältern in Shanghai, die price-to income ratio beträgt etwa 1,5: 1). [53] In China gibt es relativ wenige Mietimmobilien 74 , die überwiegende Mehrzahl der Leute kauft eine Wohnung, um selbst darin zu wohnen. Das bedeutet, dass Gutverdiener in Städten wie Shanghai, Peking, Shenzhen und Guangzhou, sofern Sie nicht Erben sind, im Laufe ihres Lebens kaum in der Lage sind, ihre Eigentumswohnung (der Begriff ist nicht ganz richtig, da bei Neubauten üblicherweise Nutzungsrechte für 99 Jahre verkauft werden) abzubezahlen und diese somit sehr lange zu einem gewissen Teil der Bank (die wiederum dem Staat gehört) gehört, die den Kredit vergeben hat. Damit hat der Staat selbstverständlich einen Hebel, um Wohlverhalten zu erzeugen. Dies ist im „Musterkapi‐ talismusland“ Singapur, dessen in Großbritannien ausgebildeter legen‐ därer „Staatsvater“ Lee Kuan Yew das wichtigste persönliche Vorbild für die nach Mao kommenden chinesischen Reformer ab den späten 1970er Jahren war, nicht anders. Praktisch gehören in Singapur fast alle Wohnungen dem Staat. Die Immobilienpreise sind für die Regierung von höchster Bedeutung: Einerseits kann sie sich nicht leisten, dass diese drastisch fallen, da dadurch Hunderte Millionen Menschen teilenteignet würden, anderseits 4.4 Die Börsen 85 <?page no="86"?> 75 Verkomplizierend kommt hinzu, dass es inbesondere in den ärmeren Provinzen in Zentral- und Westchina Unmengen von leerstehenden oder nicht fertiggestellten Wohnungen (Schätzungen gehen bis hin zu 90 Millionen) gibt, die auf Grund von Fehlanreizen und Fehlspekulationen gebaut wurden. In China ist eben alles ein bisschen größer als bei uns in Europa (Stichwort Immobilienkrise in Spanien ab 2008, die zu einer „verlorenen Generation“ führte). dürfen sie auch nicht weiter steigen, da Wohnungen bereits heute kaum erschwinglich sind. 75 Die folgende Abbildung illustriert den Indexwert des Shanghai-Stock Ex‐ change von 2000 - Anfang 2025. 0.000 1.000 2.000 3.000 4.000 5.000 6.000 7.000 01/ 2000 01/ 2004 01/ 2008 01/ 2012 01/ 2016 01/ 2020 01/ 2024 Abb. 4.4: Der Shanghai Composite-Index 04/ 2000 - 04/ 2025 (Eigene Darstellung: Daten von Shanghai Stock Exchange) Große Ausschläge gab es 2007 und 2015; allerdings waren diese, da die Anzahl der Anleger noch verhältnismäßig gering war, für die Stimmung im Land weit weniger bedeutsam als es die Börse heute ist. Die chinesischen Börsen haben sich in Indexform von Januar 2016 bis Mitte 2025 seitwärts bewegt. Das ist deutlich schlechter als der US-Markt und auch als ihre wichtigen europäischen Pendants. Ursächlich dafür sind Überkapazitäten in vielen Bereichen: Viele Unternehmen produzieren zwar und tragen zum BIP bei, sie machen aber nur geringe oder keine Gewinne. Im Gegensatz zu den USA und Europa gab es seit 2018 kaum Inflation (der Höchstwert war 86 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart <?page no="87"?> 76 Tatsächlich gab und gibt es diverse unerwartete regulatorische Eingriffe der Regierung, die Anleger auf dem falschen Fuss erwischten. Dies ist aber, Stichwort Energiewende in Deutschland, kein spezifisch chinesisches Phänomen. Kursstützend ist hingegen, dass staatliche Lebensversicherer ab 2025 etwa 30 % der neuen Prämien in Aktien investieren sollen. 77 Während einige Unternehmen bewusst auf eine Notierung an den Festlandbörsen verzichten, wurden große Unternehmen wie u. a. China Mobile, Sinopec und China Life Insurance aufgrund politischer Spannungen von US-Börsen ausgeschlossen oder haben sich selbst von den US-amerikanischen Kapitalmärkten zurückgezogen. Die Wahl der Börsenplätze spiegelt somit eine komplexe Abwägung zwischen Marktchancen und regulatorischen Rahmenbedingungen wider. 2,9% im Jahre 2019). Abbildung 4.3 spiegelt also die reale Wertentwicklung recht gut wider. An Chinas Börsen dominieren derzeit ca. 50 Millionen manipulierbare Kleinanleger, von denen viele nicht systematisch anlegen, sondern eher intuitiv „zocken“ und damit auch ihren Spieltrieb ausleben. Für Langfristan‐ leger waren die Indizes in Shanghai und Shenzhen enttäuschend: Offensicht‐ lich hat es aber auch genügend Gewinner gegeben und nicht nur Firmen, wie der 2023 pleite gegangene Immobilienentwickler Evergrande, die die west‐ liche Berichterstattung dominierten. Wenn wir vereinfachend annehmen, dass (bei beliebigen Zeitintervallen) ein Drittel der Aktien fällt, ein weiteres Drittel unveränder bleibt und ein letztes Drittel im Wert zuninmmt, folgt, dass Investoren oder Spekulanten reale Chancen auf Gewinne haben, wenn sie in die richtigen Aktien investieren. Kurz: Erfolgreiche Investitionen an den chinesischen Börsen sind nicht unmöglich; notwendige Voraussetzung dafür ist aber ein aktiver Investiti‐ onsstil auf Grundlage eines Verständnisses der demografischen Entwicklung und der „langen Linien“ der Politik. 76 Die Folgen der relativ schlechten Performance von Chinas Technologieflagschiffen Tencent und Alibaba hatten zumeist Ausländer zu tragen: 77 Beide Aktien werden nicht in Shanghai oder Shenzhen, sondern in New York und in Hongkong gehandelt und sind für „Normalchinesen“ nicht direkt investierbar, die, wenn man von Kunst abstrahiert, für Investitionen oft nur die Wahl zwischen in Shanghai und Shenzhen gehandelten Aktien und Im‐ mobilien haben. Die Erwähnung einer wichtigen Technologiefirma werden Sie eventuell vermisst haben: Huawei gehört zu 99 % seinen Mitarbeitern und ist nicht börsennotiert. Damit kommen wir zur dritten chinesischen Börse (wenn wir von der Börse in Taiwan abstrahieren). Dem Hongkong Stock Exchange mit dem 4.4 Die Börsen 87 <?page no="88"?> Hauptindex HangSeng. Viele ausländische Investoren meiden direkte Inves‐ titionen in Festlandchina und nutzen Hongkong als rechtlich sichereren und transparenten Zugang. Die Hong Kong Exchange (HKEX) bieten ein westlich orientiertes Rechtssystem. Über Programme wie Shanghai-Hong Kong Stock Connect und Shenzhen-Hong Kong Stock Connect können Anleger aus Festlandchina in Hongkonger Aktien investieren - und um‐ gekehrt, was die Integration der chinesischen und internationalen Finanz‐ märkte unter Beibehaltung von Kapitalverkehrskontrollen befördert. Einige Unternehmen, darunter Alibaba und Tencent, sind sowohl in New York als auch in Hongkong notiert. Damit stellt der HKEX einen Heimathafen für chinesische Unternehmen dar, sollten diese z. B. in New York nicht mehr gehandelt werden können und es bleibt die Möglichkeit, ggf. über die Börse Kapital aufnehmen. Zudem werden an der Börse in Hongkong viele Produkte, die in der chinesischen Währung Renminbi (RMB) notiert sind, gehandelt. Die HKEX spielt damit eine zentrale Rolle bei der Internationalisierung des RMB. 0.000 5.000 10.000 15.000 20.000 25.000 30.000 35.000 01/ 2000 01/ 2004 01/ 2008 01/ 2012 01/ 2016 01/ 2020 01/ 2024 Abb. 4.5: Der HangSeng-Index 04/ 2000 - 04/ 2025 (Eigene Darstellung: Daten von Shang‐ hai Stock Exchange) Hongkong und mit der Stadt seine Wertpapierbörse ist für China als Tor zur Welt von großer Wichtigkeit. Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren mit der fortschreitenden Eingliederung Hongkongs in die VR China ab 1997 und insbesondere seit der Niederschlagung der Proteste ab 2019 (s. nach‐ folgende Box) aber zahlreiche westliche Investoren weiter nach Singapur gezogen, wo es ebenfalls eine starke Finanzindustrie, einen großen Hafen und wenig Bürokratie gibt, um von dort aus ihren Geschäften nachzugehen. 88 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart <?page no="89"?> Die westlichen Investoren in Hongkong werden durch Investoren aus der VR China ersetzt und die Finanzindustrie Hongkongs entwickelt sich derzeit hin zur Vermittlung von chinesischem Kapital ins Ausland (Stichwort Belt and Road Initiative; vgl. Abschnitt 7.3) Hongkong Hongkong ist eine Großstadt und Sonderverwaltungszone im Mün‐ dungsgebiet des Perlflusses in Südchina. In Hongkong leben ca. 7,5 Mio. Einwohner (Stand 2023) auf 1.115 km². Nach dem Sieg Großbritanniens im Ersten Opiumkrieg (1839 - 1942) wurde die Insel Hongkong im Vertrag von Nanjing (einer der sogenannten Ungleichen Verträge) von der sich im Niedergang befindlichen Qing-Dynastie nicht ganz freiwillig an Großbritannien abgetreten. 1860 kam die Halbinsel Kowloon in Folge des Zweiten Opiumkriegs zu Großbritannien und 1898 erhielt Großbritannien die „New Territories“ für 99 Jahre zur Pacht. Hongkong entwickelte sich zu einem wichtigen Handels- und Finanzzentrum zwi‐ schen China und dem Westen. Zwischen 1941 und 1945 war Hongkong von Japan besetzt. Nach Kriegsende wurde die britische Kontrolle wie‐ derhergestellt. Nach zähen Verhandlungen zwischen Großbritannien und der VR China wurde Hongkong am 1. Juli 1997 an China zurückge‐ geben. Im Rahmen des Prinzips „Ein Land, zwei Systeme“ wurde aus Peking zugesichert, dass Hongkong für 50 Jahre ein hohes Maß an Autonomie behalten würde - inklusive eines eigenen Rechtssystems, Meinungsfreiheit und marktwirtschaftlicher Strukturen. Seit 2020 wird Hongkong durch ein Sicherheitsgesetz stärker kontrol‐ liert, welches zur Einschränkung von politischen Freiheiten führte. Die Proteste, die im Sommer 2019 in Hongkong begannen, wurden, soweit ich das über Gespräche in meinem Shanghaier Umfeld beurteilen kann, in China ohne Sympathie verfolgt. Auch gilt, dass es in Hongkong während der britischen Besatzungszeit mehrere gewalttätige Aufstände gab (die bekanntesten im Jahr 1967, die in Originalausschnitten Eingang in den Film „2046“ [54] von Wong Kar-Wai fanden). Heute ist Hongkong unverändert eine zentrale Plattform für Handel und internationale Wirtschafts- und Finanzbeziehungen und Tor von und nach China. 4.4 Die Börsen 89 <?page no="90"?> 78 Eine starke Heimatwährung zwingt die international tätigen Unternehmen zu Innova‐ tion und Effizienz. Sie kann also langfristig stark machen, wie die Schweiz bzw. viele in ihr produzierende Unternehmen seit Jahrzehnten beweisen. 79 Das Handelsvolumen, das ist die Summe der Importe aus und Exporte nach China, zwischen Deutschland und China betrug im Jahr 2023 254 Milliarden Euro. Das sind ca. 3.000 Euro pro Bundesbürger! Vgl. Abb. 4.7. 4.5 Die chinesische Währung Seit Gründung Volksrepublik China im Jahre 1949 heißt die chinesische Währung Renminbi (abgekürzt RMB), chinesisch für Volksgeld. Wenn von einer einzelnen Einheit wie 1 Euro oder 1 Dollar gesprochen wird, wird in China im Allgemeinen der alte Begriff Yuan verwendet. Auch gibt es zahlreiche umgangssprachliche Bezeichnungen (wie im Deutschen Kohle, Zaster, Knete, usw.) von denen die gängigste Kuai ist. Im Folgenden wenden wir uns den Austauschrelationen von RMB (bzw. Yuan) zu Euro und Dollar zu. Diese sind für uns von besonderem Interesse, da China einer unserer wichtigsten Handelspartner ist und damit ein schwacher Euro - zumindestens kurzfristig 78 - deutsche Importe verschlechtert und Exporte nach China begünstigt. 79 Für China bzw. die chinesischen Unternehmen stellt sich die Situation gespiegelt dar. Ein starker Yuan (was das gleiche ist wie ein schwacher Euro) ist gut für chinesische Importe aus Europa (inklusive Urlaub oder Studien von Chinesen in Europa) aber a priori negativ für die chinesischen Exporteure. Währungsrelationen Wenn der Wechselkurs im Ausgangszustand mit 1 Euro = 8 RMB angenommen wird, dann würde ein zukünftiger Wechselkurs von 1 Euro = 7 RMB einen schwachen Euro (man bekommt weniger RMB pro Euro) und spiegelsymmetrisch einen starken RMB bedeuten (für einen RMB bekommt man 1/ 7 Euro anstelle von lediglich 1/ 8 Euro). Analog wäre der Euro bei einem Wechselkurs von 1 Euro = 9 RMB stark (bzw. stärker als heute) und der RMB schwach. Beachten Sie, dass es sich hier um rein numerische Austauschverhältnisse handelt, die nichts über die Kaufkraft besagen. Nehmen wir zunächst die Perspektive eines deutschen Exporteurs an. Wenn seine in Deutschland hergestellte Maschine inklusive Transport nach China z. B. 10.000 Euro kostet und das Unternehmen mit einem 90 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart <?page no="91"?> Gewinn von 10 % kalkuliert, dann muss das Unternehmen in diesem Ausgangszustand 88.000 RMB erlösen. Wird der Euro nun mit einem Wechselkurs von 1: 7 schwächer, dann kann es diese 88.000 RMB in 12.571 Euro umtauschen, sein Gewinn würde c.p. um ca. 15 % steigen. Wird der Euro hingegen stärker, dann kann es die 88.000 RMB nur noch in 88.000 RMB/ (9 RMB/ Euro) tauschen und das Unternehmen macht bei einem Erlös von umgerechnet 9.778 Euro einen Verlust in Höhe von 222-Euro. Wenn ein chinesisches Unternehmen im Ausgangszustand von einem deutschen Importeur für z. B. eine Hose mit 100 RMB kalkuliert, dann korrespondiert dies zu 12,50 Euro. Sinkt der Wert des Euro, dann könnte der chinesische Produzent vom deutschen Importeur c.p. 100 RMB/ (7 RMB/ Euro) = 14,28 Euro verlangen. Steigt der Euro im Wert auf 1-Euro zu 9 RMB, dann könnte der chinesische Produzent die Hose theoretisch für nur 11,11 Euro verkaufen, ohne dass sein Erlös geschmälert wird. Zumeist wird er eine Preiserhöhung nicht durchsetzen können, also wird er billiger produzieren müssen oder pleite gehen. Es sind nun die eine brutale Konkurrenz innerhalb Chinas überlebenden Unternehmen, die auf die Weltmärkte strömen. Sowohl Deutschland als auch China sind exportorientierte Volkswirtschaf‐ ten; ein schwacher Euro, der deutsche Exporte begünstigt und ein schwacher RMB, der chinesische Exporte stützt, schließen sich aber aus. China hat neben seiner Größe den unbestreitbaren Vorteil, dass es eine eigene Zentralbank hat, während die Europäische Zentralbank nicht nur die Interessen Deutschlands, sondern aller Mitglieder der Eurozone im Blick haben muss. Trotz aller Diversifizierungsanstrengungen, die die chinesische Regie‐ rung unternimmt, ragen Mitte der 2020er Jahre mit den USA und der Euro‐ päischen Union zwei Handelspartner heraus. Damit kommt aus chinesischer Sicht den Wechselkursen von RMB und US-Dollar sowie RMB und Euro eine herausragende Bedeutung zu. Dass die chinesische Regierung ihre Währung bisher nicht frei konvertierbar gemacht hat, ist als Zeichen großer Vorsicht bzw. Klugheit - man sieht sich den USA auf den Finanzmärkten nicht ge‐ wachsen - zu verstehen. Das Problem der chinesischen Zentralbank ist nun, dass Euro und USD frei konvertierbare Währungen sind, die chinesische Zentralbank also nicht beide gleichzeitig direkt „unter Kontrolle“ halten kann. Die chinesische Politik hat sich früh entschieden, den Wechselkurs des 4.5 Die chinesische Währung 91 <?page no="92"?> 80 Von Bedeutung ist hier auch, dass zahlreiche Verträge zu natürlichen Ressourcen wie Öl und Edelmetallen wie Gold auch ohne amerikanische Beteiligung in US-Dollar abgeschlossen werden. RMB zum US-Dollar „zu managen“ (s. Abb. 4.6). 80 Praktisch bedeutet dies, dass pro Arbeitstag von der chinesischen Zentralbank, der People’s Bank of China (nicht zu verwechseln mit der großen Geschäftsbank Bank of China) ein Wechselkurs des US-Dollars zum RMB (oder eine enge Spannbreite) festgelegt wird. Dabei hat die chinesische Zentralbank, ganz sicher auch ein Auge auf den Wechselkurs der chinesischen Währung zum Euro. 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 04/ 2000 04/ 2006 04/ 2012 04/ 2018 04/ 2024 Abb. 4.6: Wechselkurs von RMB pro USD 04/ 2000 - 04/ 2025 (Eigene Darstellung: Daten von Shanghai Stock Exchange) Bis Juli 2005 koppelte die chinesische Zentralbank den RMB zu einem festen Wechselkurs von ca. 8,27 RMB an den US-Dollar. Beschwerden und Druck der USA und weiterer westlicher Handelspartner inklusive Japan mit der Begründung, China erschleiche sich über seine künstlich unterbewertete Währung Handelsvorteile, führten nach Chinas Beitritt zur Welthandelsor‐ ganisation WTO zu einer schrittweisen kontrollierten Aufwertung des RMB gegenüber dem US-Dollar bis 2013 um insgesamt etwa ein Viertel. Seit 2014 ist unter beträchtlichen Schwankungen eine leicht gegenläufige Bewegung zu beobachten. Zu abnehmenden Wachstumsraten des BIPs korrespondierte nun, begleitet von lautstarker Kritik der amerikanischen Politik, eine von der 92 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart <?page no="93"?> 81 Die Einführung von Euro-Bargeld erfolgte drei Jahre später am 1. Januar 2002. chinesischen Zentralbank gesteuerte leichte Abwertung des RMB gegenüber dem US-Dollar. Bevor wir uns dem Austauschverhältnis von RMB und Euro zuwenden, müssen wir uns dem wichtigsten flexiblen Währungspaar weltweit, dem von Euro und US-Dollar, widmen. 0,5 0,7 0,9 1,1 1,3 1,5 1,7 01/ 1999 01/ 2004 01/ 2009 01/ 2014 01/ 2019 01/ 2024 Abb. 4.7: Wechselkurs von USD pro Euro 01/ 1999 - 04/ 2025 (Eigene Darstellung: Daten von Shanghai Stock Exchange) Bei Einführung des Euro als Buchgeld 81 am 01.01.1999 wurde ein Wechsel‐ kurs von 1,17 US-Dollar pro Euro festgelegt. Die neue Währung verlor zunächst deutlich an Wert gegenüber dem US-Dollar, nur 13 Monate nach seiner Einführung war ein Euro weniger wert als ein US-Dollar. Bis sich ab März 2002 - US-Präsident George W. Bush hatte inzwischen als Antwort auf die Anschläge des 11. September 2001 seinen weitgehend schuldenfinanzier‐ ten „Krieg gegen den Terror“ ausgerufen - das Bild zu ändern begann. Im Juli 2008, also zu Beginn der Weltfinanzkrise, erreichte der Euro sein bisheriges Allzeithoch mit fast 1,60 US-Dollar, die für einen Euro zu bezahlen waren. Innerhalb von nur reichlich 6 Jahren hatte der US-Dollar gegenüber dem Euro fast die Hälfte seines Wertes verloren! Danach wertete der US-Dollar gegenüber dem Euro, wenn auch langsam, wieder auf. Über eine Antwort auf die Frage, ob die Schwächung des Dollar gegenüber dem Euro seit Anfang 2025 von Dauer sein wird, bzw. sich fortsetzen wird, können zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Buches nur Mutmaßungen angestellt werden. Argumente für einen langfristig schwachen Dollar gibt es ebenso wie für einen schwachen Euro und die meisten weiteren Weltwährungen. 4.5 Die chinesische Währung 93 <?page no="94"?> Die Stärke des Schweizer Franken und Preisentwicklung von Gold und Bitcoin unterstreichen dies. Die folgende Grafik illustriert nun das für China wie Deutschland so wichtige Austauschverhältnis von RMB und Euro. 5 6 7 8 9 10 11 12 01/ 1999 01/ 2004 01/ 2009 01/ 2014 01/ 2019 01/ 2024 Abb. 4.8: Wechselkurs von RMB pro Euro 01/ 1999 - 04/ 2025 (Eigene Darstellung: Daten von Shanghai Stock Exchange) Seit 2015 ist es der chinesischen Zentralbank bei leichter Abwertung ge‐ genüber dem US-Dollar gelungen, den Wechselkurs zwischen Euro und RMB in einem vergleichsweise engen Korridor von knapp unter 7 RMB pro Euro bis knapp über 8 RMB pro Euro „mitzusteuern“. Zu beachten ist im hiesigen Kontext, dass es in den vergangenen Jahren in China im Gegensatz zur Euro-Zone und den USA kaum Inflation gab, was zu einer Kaufkraftabwertung des Euro gegenüber dem RMB in der Größenordnung von mehr als 20 % korrespondiert und chinesischen Unternehmen somit einen Vorteil im internationalen Handel verschafft! Indem die chinesische Zentralbank versucht, zugleich „vernünftige“ Wechselkurse zum US-Dollar und zum Euro mitzugestalten, dient sie dem übergeordneten Ziel, die soziale Stabilität in China zu bewahren und das bedeutet im hiesigen Kontext, Arbeitsplätze zu sichern und zu schaffen. Bisher ist ihr dies, wie ein Blick auf die Exporte und Importe Chinas mit Blick auf Deutschland zeigt, recht gut gelungen. 94 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart <?page no="95"?> 82 Relativ gesehen ist Europa auf dem absteigenden Ast. Im Jahre 2010 war die Wirt‐ schaftsleistung der EU in etwa so hoch wie die der USA. Dreizehn Jahre später überstieg der Wert der USA (bei einer deutlich kleineren Bevölkerung) den der EU um ca. 50 % und China hatte zur EU aufgeschlossen. 0 50 100 150 200 250 2007 2009 2011 2013 2015 2017 2019 2021 2023 Außenhandel Deutschlands mit China in Mrd. Euro Importe aus China Exporte nach China Abb. 4.9: Wert der deutschen Importe aus und Exporte nach China von 2007 - 2023 in Mrd. Euro (Eigene Darstellung: Daten vom Statistischen Bundesamt [55]) In den vergangenen Jahren hat nicht nur die Differenz zwischen chinesi‐ schen Importen nach Deutschland und Exporten nach China ein hohes Niveau angenommen; auch ist China gegenüber den USA als Exportdesti‐ nation deutscher Güter und Dienstleistungen in der Zeit zurückgefallen. Exkurs: Yuan vs. US-Dollar im „Kampf um die Weltherrschaft“ Die beiden politisch, ökonomisch und militärisch dominierenden Mächte der Gegenwart sind fraglos die USA und China. Europa ist (noch) ein wirtschaftliches Schwergewicht 82 , politisch und militärisch aber mit den „beiden Großen“ nicht auf Augenhöhe. Trotz der Größe und der wirtschaftlichen Stärke der Europäischen Union war es dem Euro zu keiner Zeit gelungen, auch nur annähernd die Akzeptanz des US-Dollars weltweit zu erreichen; selbst nicht zu Zeiten von dessem höchsten relativen Werteverlust um das Jahr 2008. Selbst im Shanghai Exkurs: Yuan vs. US-Dollar im „Kampf um die Weltherrschaft“ 95 <?page no="96"?> 83 Die Haushaltsdefizite in den USA haben sich seit einigen Jahren auf einem Niveau von über 6 % des BIPs eingepegelt und werden nach bisherigem Kenntnisstand bis zum Ende des laufenden Jahrzehnts auch in dieser Größenordnung verbleiben. 2025 bezahlen die USA mehr Zinsen für ihre Statschulden als sie für ihr Militär zur Verfügung haben. Bereits 2010 stellte Admiral Michael Mullen, Chief of Joint Staff, fest: „The most significant threat to our national security is our debt. …And the reason I say that is because the ability for our country to resource our military … is going to be directly proportional - over time, not next year or the year after, but over time - to help our economy. That’s why it’s so important that the economy move in the right direction, because the strength and the support and the resources that our military uses are directly related to the health of our economy over time.“ [56] des Jahres 2025 muss meine Bankfiliale erst Euros bestellen, bevor ich diese einen Tag später kaufen kann. Kein Land oder eine Staatenunion verfügt über annähernd so tiefe Kapitalmärkte wie die USA. Weder der Euro noch der RMB werden auf absehbare Zeit in der Lage sein, den Dollar als Weltleitwährung zu ersetzen. Tatsächlich sind es die USA bzw. ihre Regierungen selbst, die den US-Dollar durch eine ausufernde Schuldenpolitik gefährden. 83 Wenn in Europa im Jahr 2025 davon gesprochen wird, dass der Euro den US-Dollar teilweise als Weltleit- und Reservewährung ablösen könne, so sind dies zunächst einmal Träume, die mit der Realität wenig zu tun haben. Den wichtigsten kurzfristigen Zuwachs an Bedeutung auf den Währungs- und Edelmetallmärkten nach Trumps Wiederwahl hatte nicht der Euro, sondern Gold. Zwar für wünschenswert, aber unrealistisch und damit realitätsfern halte ich Überlegungen aus der EU-Kommission unter dem Label WTO 2.0 hinsichtlich einer neuen Welthandelsordnung ohne die USA und China. Einen ersten Schritt in diese Richtung müsste bzw. könnte die EU-Kommission selbst machen, indem sie aufhörte, die Welt mit unseren bzw. ihren Sozial- und Umweltregeln beglücken zu wollen. Der zweite Punkt ist politischer Natur: Nachdem US-Präsident Barack Obama während des Arabischen Frühlings in den Jahren 2011 und 2012 keinen Finger rührte, um den jahrzehntelangen Allierten der USA, Ägyptens Präsident Hosni Mubarak, vor dem Gefängnis zu bewahren, setzte ein Umdenken in der Golfregion, insbesondere in den Vereinig‐ ten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien, ein. Getreu der Ahnung we might be the next begann man, sich von den USA, wenn nicht unabhängig, so doch unabhängiger zu machen. China ist inzwischen der wichtigste Abnehmer von saudischem Öl und Saudi-Arabien damit 96 4 Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart <?page no="97"?> 84 Historisch „zulässig“ bzw. akzeptiert war bei gegebenen rechtlichen Voraussetzungen bisher das Zugreifen auf das Vermögen von Privatpersonen und Unternehmen. Staaten, und die russische Zentralbank ist der Russischen Föderation zugeordnet, genossen Immunität. 85 Es kann z. B. vereinbart werden, dass innerhalb der folgenden 10 Jahre so und so viele Tausend Tonnen von Ressourcen wie Kupfer, Seltene Erden, Kohle und vieles mehr gegen eine festgelegte Anzahl von Straßenund/ oder Eisenbahnkilometern, Staudämmen, usw. „getauscht“ werden und zwar ohne unverzichtbaren Bezug auf eine Währung und sich täglich ändernde Marktpreise. von China abhängiger als umgekehrt. Ende 2023 vereinbarte China mit Saudi-Arabien einen direkten Währungstausch: also ohne US-Dollar. [57] Kurz zuvor, im März 2023, war es China, das eine Annäherung zwischen Saudi-Arabien und dem Iran vermittelte, und nicht die USA. Auf diesen Bedeutungsverlust im Nahen Osten versucht US-Präsident Trump zu Beginn seiner zweiten Amtszeit zu reagieren. Last but not least: Die in Folge des Angriffs Russlands auf die Ukraine erlassenen US-Sanktionen zwingen selbst indirekte Handelspartner Russlands, des Iran und weiterer sogenannter „Pariastaaten“ zum Aus‐ weichen auf andere Währungen (und Gold, zu dessen nachhaltigsten Käufern mehr als zwei Jahrzehnte lang die russische und die chinesi‐ sche Zentralbank zählten). Inwieweit Versuche, russisches Staatsver‐ mögen zu konfiszieren und dies der Ukraine zur Verfügung zu stellen, den Ruf von Europa als sicheren Investitionsstandort beeinträchtigen, wird sich zeigen. 84 Das Gesamtbild auf den Währungs- und Gütermärkten dürfte in der absehbaren Zukunft weniger homogen sein als wir es seit Beginn der 1990er Jahre gewohnt waren und die Aussagekraft der internationalen Statistiken dürfte weiter sinken. Die Tatsache, dass jedermann, der US-Dollar verwendet, subject to American law ist, wird fast sicher den vermehrten Einsatz von anderen Währungen als dem US-Dollar sowie Gold und Kryptogeld beschleunigen; ebenso werden langfristige Tauschgeschäfte, wie sie China im Rahmen seiner Belt and Road Initiative mit zahlreichen Entwicklungsländern bereits seit weit über einem Jahrzehnt praktiziert, an Bedeutung zunehmen. 85 Exkurs: Yuan vs. US-Dollar im „Kampf um die Weltherrschaft“ 97 <?page no="98"?> Wilhelm Schmeisser, Yana Kaziulla, Hannes Ortmeier, Margarita Spiger Die neue Seidenstraße Digitalisierung und strategische Herausforderungen Die Seidenstraße ist die älteste Handelsroute weltweit und erzählt Geschichten von Abenteuern, Karawanen und vom Handel mit seltenen Waren zwischen dem europäischen und asiatischen Kontinent. Diese Zeiten schienen lange vorbei. Doch nun belebt China die uralten Routen und will sie wieder zu einer zentralen Handelsverbindungausbauen. Nicht nur Europa weiter ... b <?page no="99"?> 86 Der einzige Kontinent mit hohen Fertilitäten in der Gegenwart ist Afrika mit 4,07 Kindern pro Frau (Stand 2023); in allen anderen Kontinenten ist die Fertilität nicht mehr bestandserhaltend. [59] Für Asien resuliert der aggregiert niedrige Wert von 1,88 aus den niedrigen Geburtenraten der Schwergewichte China (1,0) und Indien (2,03). Es gibt aber zahlreiche Länder (wie Afghanistan, das für Deutschland bezüglich Migration relevant ist), die nach wie vor durch hohe Fertilitäten charakterisiert sind. 87 Tatsächlich gab es mehrere Zeiten in der Menschheitsgeschichte, in denen etwa jeder dritte Erdenbewohner Chinese war. Dies war um ca. 200 n. Chr., 1600 n. Chr. und zwischen 1800 n.-Chr. und 1850 n.-Chr. der Fall. 5 Demografie und Gesellschaft Mitte 2025 lebten etwa 8,2 Mrd. Menschen auf der Erde. Offensichtlich befinden wir uns nach mehreren Tausend Jahren Wachstum global relativ kurz vor einer Schrumpfung der Weltbevölkerung. 86 Einer der ersten Demo‐ grafen, die dies qualitativ vorhersagten, war der ehemalige Direktor des BERLIN-Instituts Reiner Klingholz in seinem 2014 erschienen Buch „Sklaven des Wachstums“ [58]. So wie bessere Ernährung in Verbindung mit Kunstdünger, leistungsfähi‐ geren Gesundheitssystemen und gesunkener Kindersterblichkeit (die auch direkt mit dem Erfolg von Impfungen zusammenhängt) in den letzten zwei Jahrhunderten zu einer steigenden Bevölkerung geführt haben, erklären Demografen den derzeitigen Rückgang der Geburten weltweit vor allem mit besserer Bildung, der Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln und der Stellung von Frauen in der Gesellschaft. Je selbstbestimmter Frauen ihr Leben gestalten können, desto weniger Kinder bekommen sie. Versuche seitens der Politik, Frauen zu bewegen, sich für mehr Kinder zu entscheiden, blieben bislang weitgehend erfolglos. Maßnahmen wie Elternzeit, höheres Kindergeld oder auch kostenlose Kitajahre haben allenfalls zu kurzzeitigen Anstiegen der Geburten geführt, wie u.-a. das Beispiel Deutschland zeigt. Als Mao 1976 starb, war jeder vierte Erdenbewohner Chinese und das, ohne die Auslandschinesen zu zählen, die man heute auf ca. 40 - 50 Millionen Menschen schätzt. In der Gegenwart ist es nur noch etwa jeder Sechste. 87 Chinas relativer Anteil an der Weltbevölkerung schrumpft, wie der Europas. In absoluten Zahlen betrug die Bevölkerung Chinas im Jahr 2024 etwa 1,419 Mrd. Menschen und damit in etwa das Dreifache der Bevölkerung der Europäischen Union bzw. knapp das Doppelte der Summe von EU und USA. Die Bevölkerung der VR China ist bei Erscheinen dieses Buches in absoluten <?page no="100"?> 88 Im Herbst 2023 und im Frühjahr 2024 wurden äußerst unrühmliche Statistiken zur Lebenserwartung in Deutschland, das im westeuropäischen Ranking am unteren Ende rangiert, publiziert, vgl. [61]. 89 Der zu seiner alten Bevölkerung passende schwache Japanische Yen hat wesentlich dazu geführt, dass Deutschland seit 2023, trotz Stukturproblemen und Niedergang von Teilen der eigenen Industrie, als drittstärkste Wirtschaftsnation in den in US-Dollar Zahlen noch in der Nähe ihres Allzeithochs, das 2021 erreicht wurde. Im Jahr 2022 verzeichnete China erstmals seit über 60 Jahren einen Bevölkerungs‐ rückgang, die Bevölkerung beginnt nun (zunächst langsam) zu schrumpfen. Im Jahre 2023 wurde China von Indien als bevölkerungsreichstes Land der Erde überholt. China und Indien, das muss man sich immer wieder vor Augen halten, sind ganz unabhängig von der UN-Charta faktisch schlicht zu groß, um „normale“ Mitglieder im Club der Nationen zu sein. Aufgrund der Auswirkungen der Ein-Kind-Politik (s. das folgende Un‐ terkapitel) und der durch ein deutlich verbessertes Gesundheitssystem erhöhten Lebenserwartung - diese lag im Jahr 2022 bei 76 Jahren für Männer und 81,3 Jahren für Frauen [60] - ist das Durchschnittsalter der Chinesen in den vergangenen vier Jahrzehnten deutlich gestiegen. Die Lebenserwartung liegt bei Männern und Frauen jeweils nur ca. zwei Jahre unter den deutschen Vergleichswerten, aber jeweils ca. 6 Jahre unterhalb der japanischen Werte. Mit anderen Worten: Bezüglich der Lebenserwartung ist Deutschland näher an China (und umgekehrt) als an Japan. 88 Der Alterungs- und Schrumpfungsprozess der chinesischen Bevölkerung wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der vorhersehba‐ ren Zukunft an Dynamik gewinnen. Wie dieser Prozess tatsächlich ablaufen wird, bleibt eine offene Frage. Die quantitativen Prognosen, mit denen derzeit öffentlich argumentiert wird, sind jedenfalls mit höchster Vorsicht zu genießen: Für China wurde z. B. im Jahr 2010 das Bevölkerungsmaximum bereits für 2015 prognostiziert und nicht erst für 2021. Selbst für unser kleines Deutschland erwiesen sich ab 2009 alle mir bekannten Prognosen - auch unter Herausrechnen der „Einmaleffekte“ Syrien und Ukraine - der Bevölkerungsentwicklung wenige Jahre später als falsch. Das hat nichts mit mangelnder Kompetenz der Demografen, die diese Szenarien gerechnet haben, zu tun. Geändert hatten sich die Fakten. [62] Die chinesische Regierung hat seit langem erkannt, dass es primär auf die Qualität der Bevölkerung ankommt und weniger auf die Quantität. Unfreiwilliges Vorbild ist in vielerlei Hinsicht Japan, dem es offensichtlich gelingt, friedlich zu schrumpfen. 89 In China muss heute also bereits gedacht 100 5 Demografie und Gesellschaft <?page no="101"?> angefertigten Rankings geführt wird. Dies wird indes nicht von Dauer sein: Indien steht relativ kurz davor, Deutschland als drittstärkste Volkswirtschaft abzulösen. werden, was wir, die wir unseren Fachkräftemangel von außen und damit auch auf Kosten Dritter lösen wollen, nicht einmal zu denken wagen. [63] Inwieweit eine kluge Bevölkerung gehorsam sein wird, wird sich erwei‐ sen. Dies hängt heute wie gestern und in Zukunft ganz sicher direkt von der Qualität ihrer Führung ab. 5 Demografie und Gesellschaft 101 <?page no="102"?> Abb. 5.1: Altersverteilung der Bevölkerung in der VR China: 1950, 1978 und 2024 (Quelle: Populationpyramid [64]) 102 5 Demografie und Gesellschaft <?page no="103"?> 5.1 Die Ein-Kind-Politik und ihre Folgen Um dem - nach über 100 Jahren endlich Frieden! - 1949 beginnenden ex‐ plosionsartigen Bevölkerungswachstum zu begegnen, führte die chinesische Zentralregierung im Jahre 1979 die Ein-Kind-Politik ein. Während Mao Ze‐ dong im Sinne von mehr Menschen gleich mehr Macht noch Kinderreichtum propagiert hatte, waren spätestens mit dem „Großen Sprung nach vorn“ wieder die Risiken einer (zu) großen Bevölkerung erfahrbar geworden. Ab Mitte der 1970er Jahre versuchte die Regierung durch mehr oder weniger sanfte Propaganda, die sozialen Normen zu verändern, indem sie die Men‐ schen zu überzeugen suchte, später zu heiraten, längere Geburtenabstände einzuplanen, um schlussendlich weniger Kinder zu bekommen. Urbanisierung und Wanderarbeiter China war traditionell ein Bauernland und Kinder zu haben bedeutete Reichtum für die Familien. China erlebte in den vergangenen knapp 50 Jahren die bisher größte Urbanisierungswelle der Menschheitsge‐ schichte. Zu Beginn der Öffnungspolitik im Jahr 1980 wohnten ca.190 Millionen Menschen und damit etwa ein Fünftel der Bevölkerung in Städten. Im Jahr 2014 überstieg die Stadtbevölkerung zahlenmäßig erstmals die Zahl der Landbevölkerung, und heute leben etwa zwei Drittel der chinesischen Bevölkerung in Städten. Dieser Wandel brachte neben ökonomischen und ökologischen auch tiefgreifende soziale Ve‐ ränderungen mit sich. Dazu zählt das Verschwinden der Großfamilien mit den dazu gehörigen Konsequenzen, die die Gegenwart Chinas prägen und die in diesem Buch besprochen werden. Geschätzte 290 Millionen Menschen (das entspricht mehr als einem Fünftel der gegenwärtigen Gesamtbevölkerung) sind sogenannte Wan‐ derarbeiter (auf Chinesisch nongmin gong, Bauernarbeiter), die in den Städten ihren Unterhalt verdienen und ohne die der Aufschwung Chinas in den vergangenen Jahrzehnten nicht möglich gewesen wäre. Das Hu‐ kou-System (System der ständigen Wohnsitzkontrolle) hat dazu geführt, dass es in China keine Slums gibt, in denen arme Zuwanderer aus dem ländlichen Raum leben, da ihnen der Umzug in die großen Städte untersagt war. Die Mehrzahl der Wanderarbeiter ist weiterhin in ihrem ländlichen Hukou gemeldet, selbst wenn sie schon viele Jahre in Städten arbeiten. Ein Großteil der Wanderarbeiter wohnt in der Nähe zu Fabri‐ 5.1 Die Ein-Kind-Politik und ihre Folgen 103 <?page no="104"?> 90 Es gab einige wenige Ausnahmen, insbesondere für die 55 anerkannten Minderheiten. Siehe auch Abschnitt 6.2. 91 Konsequent wurde die Ein-Kind-Politik in den großen Städten durchgesetzt. So wurde in mir bekannten Fällen auch Eltern eines schwer behinderten Kindes verwehrt, ein zweites Kind zu bekommen. Parallel kenne ich einige Fälle, wo es in Dörfern Familien mit drei oder selbst vier Kindern gab, die bis in die späten 1980er Jahre geboren wurden. ken oder Baustellen in von ihren Arbeitgebern gestellten Unterkünften. Da das Hukou-System die meisten sozialen Leistungen, insbesondere Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und Wohnsubventionen an den registrierten Wohnort bindet, haben viele Wanderarbeiter und ihre Kinder weniger Rechte, was den Besuch von Schulen, Krankenhäusern u.v.m. betrifft als die Stammbevölkerung. Die Regierung ist sich der sozialen Sprengkraft der Zweiklassengesell‐ schaft bewußt, so wurden in den vergangenen Jahren in vielen kleineren und mittleren Städten die Hürden für eine Umschreibung gelockert bzw. ganz aufgehoben, während die Zuwanderung in Megastädten wie Peking, Shanghai, Shenzhen und Guangzhou weiterhin begrenzt wird. Auch wurden Reformen angekündigt, um Binnenmigranten aus ländlichen Regionen mehr Rechte zu geben, vor allem beim Zugang zu städtischen Dienstleistungen. Das National Bureau of Statistics of China veröffentlicht jährlich den Monitoring Report on Migrant Workers ( 农 民工 监测调查报 告 ). Während sich die Bevölkerung in den 30 Jahren nach Gründung der VR China fast verdoppelte (trotz Rückschlägen wie dem „Großen Sprung nach vorn“, s. Abschnitt 4.1), betrug der Zuwachs der Bevölkerung in den 45 Jahren danach „nur noch“ ca. 50 Prozent. Auf Grund der Ein-Kind-Poli‐ tik wurden mehr als 500 Millionen Menschen nicht mehr geboren! Die Ein-Kind-Politik besagte, wie der Name andeutet, dass ein chinesisches Ehepaar nach 1979 bis zu ihrer Aufhebung im Jahre 2015 nur das Recht auf ein Kind hatte. 90 Zu Beginn der Einführung der Ein-Kind-Politik wurde diese von der damals überwiegend ländlichen Bevölkerung oft nicht ernst genom‐ men, bis sie mit zum Teil brutaler Gewalt wie öffentlich vorgenommenen Abtreibungen durchgesetzt wurde. Da sich die Mehrzahl der Bauernfamilien unter diesen Umständen entschied, nur noch einen männlichen Nachfolger „zu wollen“, waren massenweise Abtreibungen weiblicher Föten, vor allem auf dem Lande, die Folge. 91 Dies führte zu einem krassen Missverhältnis 104 5 Demografie und Gesellschaft <?page no="105"?> Den Eltern gelang es mit Unterstützung durch die Dorfgemeinschaft, die Behörden auszutricksen, indem ihre Kinder bei Kontrollen in anderen Familien untergebracht wurden und auch Totgeburten vorgetäuscht wurden, die nach der Kontrolle wieder sehr lebendig waren. 92 Biologisch „normal“ ist ein Jungsüberschuss in der Größenordnung von 4 - 5 %. In Deutschland liegt der numerische Wert recht zeitinvariant bei 105 männliche Lebendgeburten vs. 100 weibliche Lebendgeburten. zwischen weiblichen und männlichen Lebendgeburten und damit seit ca. dem Jahre 2000 zu einem eklatanten Überhang von Männern gegenüber Frauen im heiratsfähigen Alter. Der untere Teil der Abbildung 5.1, der die Bevölkerungsverteilung Chinas im Jahr 2024 darstellt, erlaubt unter Verwendung der Grundrechenarten einige interessante Schlüsse. Wir konzentieren uns hier auf das Alterscluster 25-29 Jahre: 3,2% aller Chinesen sind von 25 - 29 Jahre alt und männlich und 2,8% weiblich. Somit sind zusammen 6 % der Gesamtbevölkerung zwischen 25 - 29 Jahre alt. Davon waren zum Zeitpunkt der Betrachtung (2024) ca. 45,41 Millionen männlich und 39,73 Millionen weiblich. In dieser für die Familiengründung relevanten Gruppe können ceteris paribus fast 6 Millio‐ nen Männer keine Partnerin finden, weil die potenzielle Partnerin physisch nicht existiert! Je nachdem wie man rechnet (inklusive Zweitfrauen reicher Chinesen, was verboten ist und der ebenso offiziell verbotenen Prostitution, die dem Heiratsmarkt junge Frauen entzieht) kommt man auf ca. 25 - 30 Millionen Männer im heiratsfähigen und -willigen Alter, denen physisch keine Frau gegenübersteht. Diese „übrig gelassenen“ Männer sind, nicht überraschend, zumeist arm und wenig gebildet. Obwohl es in China bis heute gesetzlich verboten ist, sich vor der Geburt über das Geschlecht des ungeborenen Kindes zu informieren, setzten und setzen sich die meisten werdenden Eltern darüber hinweg. Die aktuellen Re‐ lationen befinden sich trotz anhaltender Verstädterung interessanterweise immer noch relativ weit entfernt vom biologischen Normalzustand. 92 Nach einem Tiefpunkt von ca. 120 männlichen zu 100 weiblichen Lebendgeburten in den Jahren 2006 - 2010 liegt das Verhältnis der letzten Kohorte (0 - 4 Jahre) in Abbildung 5.1 bei ca. 110 Jungen zu 100 Mädchen. In den vergangenen Jahren wurden durch die chinesische Zentralregie‐ rung mehr und mehr Ausnahmen formuliert bis hin zur völligen Aufgabe der Ein-Kind-Politik im Jahre 2015. Tatsächlich fruchteten aber die bisherigen Versuche der Regierung nicht, die Geburten wieder moderat „anzukurbeln“. Die Geburtenrate Chinas konvergiert offensichtlich gegen die sehr niedri‐ 5.1 Die Ein-Kind-Politik und ihre Folgen 105 <?page no="106"?> 93 Diese, zusammengefasste Geburtenziffer genannte, Zahl ist das gewichtete Mittel von 1,23 Kinder pro Frau mit deutscher Staatsangehörigkeit und 1,84 Kinder pro in Deutschland lebender Frau mit ausländischer Staatsangehörigkeit. 94 Auch beim geopolitischen Rivalen USA sinken die Geburtenraten. Im Jahr 2024 nahm die Fertilitätsrate ein bisheriges Allzeittief von 1,61 an. Der Höchstwert nach dem II. Weltkrieg wurde 1958 in den USA mit 3,7 Kindern pro Frau erreicht. Seitdem sinkt die Geburtenrate, mit einer leichten Zwischenerholung Anfang der 1990er Jahre, die vermutlich im direkten Zusammenhang mit dem Ende der geopolitischen Rivalität mit der Sowjetunion einher ging. gen Werte Japans, Südkoreas und Taiwans, die alle noch unterhalb der deutschen Geburtenrate von derzeit ca. 1,35 Kinder (Stand 2024) pro Frau charakterisiert sind. 93 0,00 1,00 2,00 3,00 4,00 5,00 6,00 7,00 1950 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015 2020 2023 2024 2025 Abb. 5.2: Fertilität in China 1950 - 2025. Eigene Darstellung (Daten vom Staatlichen Amt für Statistik der Volksrepublik China) [65] Die Geburtenrate in China tendiert Mitte der dritten Dekade des 21. Jahr‐ hunderts gegen 1,0 d. h., dass 100 Frauen im Durchschnitt 100 Kinder, von denen auf Grund der Disparität zwischen männlichen und weiblichen Geburten nur 48 Mädchen sind, zur Welt bringen. Diese 48 Mädchen werden c.p. 23 Mädchen gebären usw. Wenn man nun weiterrechnet (zur Entwicklung der Gesamtbevölkerung trägt neben Fertilität und Mortalität auch die Migration bei) so werden in den aktuellen Hauptszenarien [66] für das Jahr 2100 (das ist gar nicht mehr so lange hin; da sollten von den jüngeren Lesern dieses Buches noch einige am Leben sein) Bevölkerungen von 670 Millionen Menschen in China und ca. 410 Millionen (insgesamt viel jüngere) Menschen in den USA prognostiziert. 94 Diese quantitativen Werte sollte man nicht zu ernst nehmen; so werden technologischer Fortschritt, Klimawandel 106 5 Demografie und Gesellschaft <?page no="107"?> 95 Die Begriffe weißer Kragen (lanling) und blauer Kragen (bailing) sind direkte Überset‐ zungen von blue collar und white collar aus dem Englischen, die in die chinesischen Alltagssprache Eingang gefunden haben. 96 Ernährung und Krankenversorgung machen gemeinsam den Unterschied: Die durch‐ schnittliche Lebenserwartung in China liegt derzeit um fast 10 Jahre höher als in Indien. und Einkommens- und Vermögensstruktur Einflüsse auf die Entwicklung der Bevölkerungen haben. Demografische Entwicklungen verlaufen relativ träge. Schrumpfende und vergreisende Bevölkerungen werden Regierun‐ gen und ihre Völker vor enorme Herausforderungen stellen. Das betrifft längst nicht mehr nur die Industriestaaten. Eine immer geringere Zahl von Erwerbstätigen wird Renten und medizinische Versorgung kaum noch wie bisher finanzieren können. Es ist es aus heutiger Sicht schwer vorstellbar, dass wenige junge Menschen vielen aus dem Arbeitsleben ausgeschiedenen alten Menschen ein materiell wohlhabendes Alter ermöglichen können werden. Trotz zu erwartender Fortschritte bezüglich Anwendungen von Robotik und Künstlicher Intelligenz ist es also mindestens denkbar, dass wir auf der Welt eine drastische Zunahme von Altersarmut beobachten werden und dies wird insbesondere Menschen betreffen, die weder Kinder haben noch über hinreichende Ersparnisse für das Alter verfügen. Damit könnte langfristig eine weitgehend vergessene Motivation, Kinder zu bekommen, wieder relevant werden: Kinder zu haben, um im Alter versorgt zu werden bzw. „anständig leben zu können“. Wie diese demografischen Prozesse ablaufen, werden wir schlussendlich erst wissen, wenn sie eingetreten sind. In China wird der Anteil der über 65-Jährigen bis 2050 c.p. auf mehr als 30 Prozent steigen. Erwartet werden 300 Millionen neue Rentner in den nächsten zehn Jahren. Die Zentralregierung hat Anfang 2025 eine Reform des Rentenalters begonnen, die eine gestaffelte Anhebung des Rentenalters über einen Zeitraum von 15 Jahren vorsieht. Frauen können, abhängig davon, ob sie körperlich schwere Tätigkeiten (blauer Kragen) 95 oder z. B. Bürotätigkeiten (weißer Kragen) ausgeführt haben, zukünftig frühestens mit 55 Jahren (davor 50 Jahre) bzw. 58 Jahren (davor 55 Jahre) und Männer mit 63 Jahren (davor 60 Jahre) in Rente gehen. Weitere Anpassungen (d. h. Erhöhungen des Renteneintrittsalters sind bereits absehbar). Die Ein-Kind-Politik hat in Verbindung mit besserer Ernährung und Kran‐ kenversorgung 96 nicht nur zu einer dramatischen Alterung der Gesellschaft, sondern auch zu einem veränderten Sozialverhalten geführt. Früher war die Familie wie eine Pyramide aufgebaut; oben die Großeltern, unten die Enkelschar; heute müssen sich zwei Eltern um ihr Kind und vier Eltern 5.1 Die Ein-Kind-Politik und ihre Folgen 107 <?page no="108"?> 97 Wie in Deutschland erhalten Beamte (und dazu zählen auch ehemalige Professoren) Renten, die zumeist über dem Doppelten des Normalniveaus liegen. Und wie in Deutschland finden das viele Nicht-Beamte in China ungerecht. 98 Die wichtigste kindliche Bezugsperson fast aller meiner chinesischen Kollegen war entweder die Großmutter oder der Großvater. 99 Das Durchschnittsalter der Mütter in China bei der Geburt ihres ersten Kindes war 27,4 Jahre im Jahr 2022 [67] (Zum Vergleich: In Deutschland waren es im Jahr 2022 29,9 Jahre), gegenüber 26,4 Jahren im Jahr 2019 und 25,88 Jahren im Jahr 2015. Besonders hoch war das Alter der Frauen bei der Erstgeburt mit 30,36 Jahre im Jahr 2022 in Shanghai. kümmern. Traditionell tragen - wie früher in Europa auch - in China die Kinder die Hauptlast der Fürsorge für ihre alternden Familienmitglieder. Die Beständigkeit dieser informellen Strukturen bröckelt aber seit inzwischen etwa vier Jahrzehnten (Stichworte Wanderarbeiter, beruflich motivierten Umzüge inklusive Studium). Chinas Krankenversicherung deckt nahezu alle Bürger ab, allerdings übernimmt sie, mit Ausnahme einiger chronisch Krankheiten, nur etwa die Hälfte der Kosten. Hier liegt eine wesentliche Ursache für die hohe Sparquote in China. Das aktuelle Rentensystem in China ist eine Kombina‐ tion aus einer niedrig angesetzten staatlichen Rente mit gesundheitlicher Basisabsicherung. Durchschnittliche monatliche Renten in den großen Städ‐ ten betragen zwischen 3.000 - 6.000 RMB (400 - 800 Euro). 97 Individualver‐ sicherungen aus dem Privatsektor sind indes nur eine Option für die Mittel- und Oberschicht. Neben der Anhebung des Renteneintrittsalters gibt es seit Dezember 2024 auch ein neues, staatliches Rentensparpaket, das diverse Steuerentlastungen beim Erwerb von Finanzprodukten anbietet.- Mit der Demografie verändern sich die Sozialbeziehungen und der wirt‐ schaftliche Druck auf die überwiegende Mehrzahl der Haushalte steigt. Hinzu kommt der partielle Verlust der Unterordnung der Kinder, da sich von früher Jugend fast alles um die Kinder dreht. In China gibt es noch ein weiteres sehr ernstes Problem: Die Rolle der Erziehung der kleinen Kinder oblag in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend den Großeltern. 98 Dies erklärt, warum die Regierung so lange gezögert hat, das Renteneintrittsalter zu erhöhen. Wenn die Menschen also länger arbeiten müssen, wird nicht nur zu klären sein, wer die Kinder großzieht, sondern auch, ob das Alter der Erstgeburt weiter steigt 99 und wie viele Kinder nicht mehr geboren werden. Vermutlich läge die Bevölkerung Chinas heute ohne den „Eingriff “ der Ein-Kind-Politik um die Zwei-Milliarden-Menschen-Grenze. Der wirt‐ schaftliche Aufschwung, den China in den vergangenen Jahrzehnten erfuhr, 108 5 Demografie und Gesellschaft <?page no="109"?> hätte in dieser Form nicht stattfinden können. Weitgehender Konsens be‐ steht in der chinesischen Gesellschaft, dass es richtig war, dass die Regierung ab den 1970er Jahren bezüglich der Geburten intervenierte. Diskutiert wird aber mitunter, ob nicht eine Zwei-Kind-Politik wie in Vietnam klüger gewesen wäre, da sich Ende der 1970er Jahre bereits ein Rückgang der Geburten abzeichnete (s. Abb. 5.2). Man ist aber nicht rückwärtsgewandt und hadert mit Dingen, die nicht mehr geändert werden können. 5.2 Vorbild Japan? Wenn man davon abstrahiert, dass China über die Jahrtausende Einwande‐ rer (darunter auch siegreiche Angreifer wie die Mongolen) absorbiert hat, gibt es wie in Japan und Südkorea keine Migrationstradition. Zudem ist China auch viel zu groß, um seine Probleme - Stichwort wieder Fachkräfte‐ mangel - auf dem Rücken bzw. auf Kosten seiner Nachbarn lösen zu können. Der demografische Wandel in Japan - Japan hatte im Jahr 2010 mit 128,19 Mio. Menschen das Maximum an Bevölkerung erreicht und ist bis Ende 2024 bei gleichzeitiger Alterung um ca. 4,5 Millionen Menschen geschrumpft - muss, da die Regierung Frauen offensichtlich nicht zum Gebären zwingen will, Chinas Vorbild sein. Nach den Gesetzen der Ökonomie gibt es neben Einwanderung grund‐ sätzlich zwei Möglichkeiten bzw. Kombinationen, die Hand in Hand mit der Rentenproblematik und der Kindererziehung gehen, um mehr Arbeitskraft verfügbar zu machen: Dies sind längere Arbeitszeiten und eine Steigerung der Erwerbsquote. Beides kann in Japan beobachtet werden. Es gibt alte Busfahrer, alte Rezeptionisten, alte Menschen, die Parks reinigen, die im Supermarkt Regale einräumen etc. Vieles geht also inzwischen etwas lang‐ samer und das wird so akzeptiert. Die japanische Regierung hat dabei kluge finanzielle Rahmenbedingungern hinsichtlich Besteuerung und Bezahlung von Menschen im Rentenalter formuliert. Zudem scheinen mir die alten Menschen, die ich in japanischen Großstädten arbeiten gesehen habe, geistig und körperlich im Durchschnitt gesünder zu sein als ihre Pendants in Deutschland und den USA. Arbeit ist offensichtlich - weitgehend unabhän‐ gig vom Alter und dem intellektuellen Anspruch - nicht nur Mittel zum Leben, sondern auch sozial von herausragender Bedeutung. 5.2 Vorbild Japan? 109 <?page no="110"?> 100 Das Konzept oder Ziel der Harmonie ist in China von überragender Bedeutung: Ein Niveau tiefer: Das Betriebssystem der Handys der Firma Huawei, das bereits vor den US-Sanktionen entwickelt wurde und Android ersetzte, heißt Harmonie. 101 Ein sehr gebildeter, weltgewandter und weitgereister chinesischer Freund sagte vor ca. 20 Jahren zu mir, dass er die Demokratie als für China nicht geeignet halte. Die verkürzte Argumentation war, dass seine Stimme dann genauso viel wert sei, wie die eines ungebildeten Bauern oder Arbeiters, von den es sehr viele gäbe. Ich würde seine Aussage derart verallgemeinern, dass eine langfristig erfolgreiche Demokratie ein gebildetes Volk voraussetzt. 5.3 Das Mandat des Himmels und der Fluch des Konfuzius Die geistigen Wurzeln des heutigen Chinas wurden etwa vor 2.300 - 2.600 Jahren in Zeiten von Bürgerkriegen und Zerrüttung gelegt. Die chinesische Philosophie wird seitdem durch Fragen, wie Frieden und Harmonie 100 wiederhergestellt werden können, dominiert. Als Zeichen der Kontinuität wurde das historisch mehr als zweieinhalbtausend Jahre alte Ziel der „harmonischen Gesellschaft“ im Jahre 2004 auf der 4. Plenartagung des 16. Parteitages der KP Chinas zur Staatsdoktrin erklärt. Unter Xi Jinping wurde die harmonische Gesellschaft in den „Chinesischen Traum“ weiter‐ entwickelt. In der klassischen chinesischen Tradition herrscht der Kaiser (heute ersetzt durch die Kommunistische Partei Chinas, diese wiederum vertreten durch Xi Jinping) durch seine Tugend. Seine Tugend und Weisheit strahlen nach unten; sie sind Vorbild für die Beamten, die wiederum Vorbild für das Volk sind. Die Devise des Herzogs von Zhou „Führer in der Tugend zu sein, dem das Volk nacheifert.“ [68] gilt nun seit 3.000 Jahren! Die für mich wichtigste Passage im nur wenige hundert Jahre jüngeren Lun-yu (Gespräche des Konfuzius) lautet: „Führe das Volk durch Gesetze, und ordne es durch Strafen, und das Volk wird versuchen, den Strafen zu entgehen, aber es wird keine Scham haben. Führe das Volk durch Tugend und ordne es durch die Rituale des Anstandes, und das Volk wird Scham haben und gut werden.“ [69] Im Zentrum aller Herrschaftsüberlegungen in China steht bis heute nicht die Herrschaft durch das Volk, sondern die Herrschaft für das Volk. 101 Der Kaiser hat also die Pflicht dafür zu sorgen, dass die Menschen ein möglichst „langweiliges“ Leben haben (in der Gegenwart etwas verkürzt 110 5 Demografie und Gesellschaft <?page no="111"?> 102 Wenn der Kaiser und seine Beamtenschaft nicht mehr Vorbild sind, folgt logisch, dass er bzw. seine Dynastie das Mandat des Himmels verlieren. Die wörtliche Übersetzung für Revolution ins Chinesische lautet „Wechsel des Auftrages“. auf ‚kein Hunger, kein Krieg, gute Lebensaussichten für die Kinder, …‘). Er ist der erste Diener unter dem Himmel, eine Vorstellung, die uns aus dem Preußenkönigtum von Friedrich II. bekannt vorkommt. In mehreren historischen Perioden der vergangenen zweieinhalbtausend Jahre, in denen der Kaiser sein Mandat nicht entsprechend wahrnahm, kam es zu brutalen Aufständen, Bürgerkriegen und mitunter zur Ablösung der alten Dynastie, die das Mandat des Himmels verloren hatte. 102 Von Konfuzius’ wichtigstem philosophischen Nachfolger Menzius ist das folgende, bis in die heutige Politik Wirkende, überliefert: „Hier ist der Weg, die Oberherrschaft zu gewinnen: Gewinne das Volk, und du gewinnst die Oberherrschaft. Hier ist der Weg, die Menschen zu gewinnen: Gewinne ihre Herzen, und du gewinnst das Volk. Hier ist der Weg, ihre Herzen zu gewinnen: Gib ihnen, was sie wünschen, und erlege ihnen nicht auf, was sie nicht mögen.“ [70] Menzius ging so weit, zu erklären, dass eine Regierung, die nicht dafür sorge, dass es dem Volk gut gehe, abgelöst werden müsse! Das ist meiner Kenntnis nach die härteste je formulierte Drohung an eine Regierung. Solange die Regierung ihre Arbeit also anständig verrichtet, d. h. dass sie den Leuten ein gutes Leben ermöglicht, verdient sie uneingeschränkten Respekt und Loyalität. Aber wehe, dem ist nicht so. Dann gehört die alte Dynastie gestürzt und eine neue Dynastie wird erscheinen. So lautet der Fluch des Konfuzius (oder besser, der Konfuzius zugeschriebene Fluch) Mögest Du in interessanten Zeiten leben! Wenn Sie das derzeit verbindliche Dokument der chinesischen Regierung zu den Menschenrechten, in englischer Übersetzung „Human Rights Action Plan of China (2021 - 2025“ [71] lesen, wird Ihnen auffallen, dass die Schwerpunkte anders gesetzt sind, als es im Westen der Fall ist (s. auch Abschnitt 4.1): Wir verwenden zwar denselben Begriff, meinen aber etwas anderes und produzieren damit Missverständnisse. Einen guten Überblick zu relevanten Fehlübertragungen finden Sie in „Decoding China“. [72] 5.3 Das Mandat des Himmels und der Fluch des Konfuzius 111 <?page no="112"?> 103 Wir erörtern an dieser Stelle nicht, ob Kinder überhaupt geschlagen werden sollten. In der Gegenwart wird dies in unserem Kulturkreis zumeist abgelehnt. Dabei handelt es sich aber wiederum um eine Konvention, die sich im Laufe der Zeit - schauen Sie sich z. B. Wilhelm Buschs Bildgeschichten aus dem späten 19. Jahrhundert an, in denen Eltern und Lehrer fast ständig auf Kinder einprügeln - verändert hat. 104 Ich weiß das nicht mit Gewissheit zu sagen, nehme aber stark an, dass die Chefs dazu „graue Kassen“ nutzten. So etwas gibt es als Folge von Xi Jinpings andauernden Antikorruptionskampagnen in der Gegenwart - jedenfalls in Peking und Shanghai - nicht mehr. Der Chef in China Der Mensch ist in China durch seine Pflichten definiert; Rechte basieren auf wahrgenommenen Pflichten. Dieses Prinzip zieht sich vom Kaiser bis in die Familien. Wenn z. B. ein Vater seine Kinder grundlos schlägt 103 , können diese ihn bei Krankheit oder im Alter im Zweifel sich selbst überlassen. Ein guter Vater verdient hingegen lebenslang Respekt. Sie werden in China rasch feststellen, dass ein chinesischer Chef über deutlich mehr Rechte, aber ebenso über mehr und tiefergehende Pflich‐ ten verfügt als sein deutsches Pendant. Und wenn Sie mit einer Gruppe Chinesen dienstlich zusammentreffen, werden Sie feststellen, dass einer (oder eine) entscheidet. Das ist zumeist nicht derjenige, der am meisten spricht. Im Folgenden berichte ich unkommentiert einige Erlebnisse, die ich in meinem Umfeld an zwei Shangaier Universitäten erlebt habe. - Ein ehemaliger Universitätsprofessor, der ein wirklich guter Chef war, und seit vielen Jahren pensioniert, erkrankte als 80-jähriger Mann an Krebs und verbrachte deshalb knapp drei Monate im Krankenhaus. Er bekam jeden Tag Besuch von einem seiner beiden ehemaligen Oberassistenten, die inzwischen selbst Professoren ge‐ worden waren. Die Fragen, dass sie dafür doch nichts „zurückbekä‐ men“ oder ob einmal pro Woche nicht auch reiche, hätten die beiden Herren nicht verstanden. Es war ihre Pflicht, ihrem ehemaligen Chef in schwerer Zeit zur Seite zu stehen. Nachdem dieser genesen war, beschränkten sie ihre Besuche wieder auf ein monatliches Teetrinken. - Ein guter Chef, und davon habe ich mehrere erlebt, berät und hilft seinen Mitarbeitern bei Ehestress und, jedenfalls bis etwa 2015, auch bei Geldproblemen. 104 Er kann, dann muss das Problem aber 112 5 Demografie und Gesellschaft <?page no="113"?> dringend sein, auch am Wochenende und in der Nacht angerufen werden. Wenn es dringend ist, muss er sich das auch anhören. Sonst ist er kein guter Chef. Es sollte dann aber auch dringend sein. - Als sich ein ehemaliger Mitarbeiter, zu dem ich ein sehr enges persönliches Verhältnis hatte, mit Familiengründungsplänen trug, wurde mir die betreffende Dame vorgestellt und mir wurde relativ schnell klar, dass er eine Aussage von seinem Ex-Chef erwarte, ob dieser glaube, dass er die richtige Partnerin ausgewählt habe. - Ein befreundeter Professor suchte für eine junge Doktorin, die bereits 30 Jahre alt war, lange und ausdauernd einen Ehemann. Er konnte erst ruhen, als seine ehemalige Studentin verheiratet war …. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass die großen chinesischen Dynastien der Zhou, Han, Tang, Song, Ming und Qing allesamt länger als 250 Jahre „durchhielten“ (also jeweils länger, als die Vereinigten Staaten von Amerika bei Erscheinen dieses Buches existieren) bevor sie durch gewaltsamen Umsturz und Tod der alten Eliten, inklusive des Kaisers, abgelöst wurden und dagegen die Dauer der Existenz der seit 1949 herrschenden „Dynastie“, der Kommunistischen Partei Chinas (KPC), stellt, dann erschließt sich rasch, dass die Herrschaft der KPC gerade erst dem Alter eines Jungerwachsenen entspricht. Mit anderen Worten: Die noch junge herrschende Dynastie muss sich noch lange täglich beweisen und es gibt genügend ernste He‐ rausforderungen. Neben der geopolitischen Rivalität mit den USA - der Handelskrieg und die zahlreichen Embargos, insbesondere von Halbleitern, tun der chinesischen Wirtschaft natürlich weh - sind es insbesondere demo‐ grafische Fragen und hier zuvorderst der Überschuss an wenig qualifizierten Männern, den die Regierung ständig im Auge haben muss. Worauf die Regierung immer zählen kann, ist die Leidensfähigkeit ihres Volkes. Aber eben nur bis zu einem gewissen Punkt, der nicht überschritten werden darf. Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte während ihrer 16-jährigen Amtszeit meines Wissens nur ein freundschaftliches Verhält‐ nis zu einem weiteren Spitzenpolitiker aufgebaut, dem von 2003 - 2013 amtierenden Premierminister Wen Jiabao (nach Präsident Hu Jintao die damalige Nr. 2 in China). Als Bundeskanzlerin Merkel neben Deutschland mit Eurorettung und einigem mehr beschäftigt war, erwähnte sie sinngemäß 5.3 Das Mandat des Himmels und der Fluch des Konfuzius 113 <?page no="114"?> einmal am Rande, dass es einen gäbe, mit dem sie nicht tauschen wolle, da dessen Aufgabenlast noch größer sei: Gemeint war Wen Jiaobao. 5.4 Die Kommunistische Partei und das politische System Chinas Die chinesische Staatsführung bezeichnet das politische System als „So‐ zialismus chinesischer Prägung“. Mit Definitionen ist es so eine Sache: Jenseits gelegentlicher protektionistischer Maßnahmen im Inland und im Außenhandel lehrt die direkte Beobachtung in China, dass die dortige Wirtschaftsordnung in unserem Verständnis eher eine nicht-soziale Markt‐ wirtschaft ist, die um einiges härter als bei uns in Deutschland ist. Das größte Buchgeschäft in Shanghai wurde in der Corona-Zeit vom Online-Handel pulverisiert, ebenso wie Hypermärkte von Walmart, Carrefour oder chine‐ sischen Ketten. Gehobene Restaurants schlossen mangels Kundschaft, ohne dass die Regierung auch nur einen Finger rührte. Die folgende Abbildung gibt einen kurzen Überblick zur Funktionsweise des chinesischen Staates. Abb. 5.3: Das politische System der VR China (Quelle: In Anlehnung an die Bundeszentrale für Politische Bildung [73]) 114 5 Demografie und Gesellschaft <?page no="115"?> 105 Der Lange Marsch (es ist zumeist von 12.500 Kilometern die Rede) ist der Gründungsbzw. Heldenmythos der Kommunistischen Partei Chinas. Nur etwa 10 Prozent der 90.000 Kommunisten, die 1934 und 1935 im chinesischen Bürgerkrieg von Chiang Kai-sheks Truppen durch China verfolgt wurden, überlebten. Die Kommunistische Partei Chinas hatte Ende 2024 knapp über 100 Milli‐ onen Mitglieder und damit mehr Mitglieder als Deutschland Einwohner; sie ist damit aber nur die zweitstärkste Partei der Welt nach der BJP von Premierminister Modi in Indien, die ungefähr doppelt so viele Mitglieder zählt. Das bedeutet, dass etwa jeder neunte Chinese, der sich im Arbeitsleben befindet, Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas ist. Die Mitgliederan‐ zahl der KP Chinas ist, obwohl absolut seit Jahrzehnten steigend, für eine „Staatspartei“ (wie die SED, die in der DDR mehr als 2 Millionen Mitglieder bei 17 Millionen Einwohnern und vielen Kindern hatte) damit relativ gering. Theoretisch ist die KP Chinas, Konfuzius und den Legalisten, die Erb‐ adel ablehnten, folgend, eine Meritokratie und damit in der Tradition des chinesischen Kaiserreiches. In der Praxis - Stichwort „Prinzlinge“ für die Nachfahren des „kommunistischen Uradels“, der überlebenden Teilnehmer des Langen Marsches  105 - ist dem ganz sicher nicht überall so. Das Idealbild besteht aber immer noch darin, dass der oder die Beste ein Amt durch einen Auswahlprozess bekommen sollte, unabhängig von der Herkunft. Mitglied der Kommunistischen Partei werden In der DDR wurde fast jeder junge Mensch (zumeist mehrfach) mit der Frage konfrontiert, ob er Mitglied der SED werden wolle. Die Frage kam, wenn auch häufig in einem Karrierekontext gestellt, relativ unabhängig von Position und Bildung, und Selbstbewerbungen wurden zumeist wohlwollend geprüft. Dies ist in China nicht der Fall. Potenziell neue Mitglieder werden angesprochen und sie sind fast nur die besten Schüler vor dem Abitur oder zu Beginn des Studiums an der Universität. Dies verhindert natürlich keine „Kultur von Ja-Sagern“, sorgt aber insgesamt für eine hohe intellektuelle Qualität der Kader. Der Grundsatz der KPC, der ständig wiederholt wird, lautet, dem Volk von ganzem Herzen und mit ganzer Kraft zu dienen. Daraus folgt, dass Führungskräfte der KPC moralisch nicht angreifbar sein dürfen. Dass in der Realität Klugheit aber trotzdem oft moralische Integrität schlägt, steht selbstredend auf 5.4 Die Kommunistische Partei und das politische System Chinas 115 <?page no="116"?> einem anderen Blatt. Gegenüber Westlern wird die Mitgliedschaft in der KPC mitunter im Sinne von „Das bedeutet nicht viel.“ relativiert. Wenn man zweimal gefragt wurde und dankend abgelehnt hatte, war die Sache nach meiner Erfahrung bzw. in meinem Umkreis (China ist groß) auch erledigt gewesen. Von einem dritten Mal habe ich bisher nichts gehört. Dann war aber auch klar, dass bestimmte Leitungspositionen für den Nichtkommunisten nicht mehr erreichbar waren. In diesem Sinne handelt es sich bei den meisten normalen Mitgliedern der KP Chinas um Nachfolger der sogenannten Gentry (des niederen Beamtenadels). Dass die zumeist selbst wohlhabend gewordenen Kader mehrheitlich von ihrem Volk erwarten, sich aufzuopfern, ist nicht der Fall. Vielmehr gelten die „Opferappelle“ der Regierung primär der Partei und ihren Funktionären selbst. Richtig ist, dass es sprachlich und im Verhalten der Kader wie der „normalen Leute“ zahlreiche Nuancen gibt, sich auszudrücken und zu handeln. Jeder, der in seinem Leben sprachlich und argumentativ einem Konformitätsdruck ausgesetzt gewesen war, sollte wissen, was damit gemeint ist. Die offiziellen Regularien für eine Mitgliedschaft in der Kommunisti‐ schen Partei Chinas findet man unter [74]. Der engere Führungszirkel besteht aus den sieben (derzeit ausschließlich älteren männlichen) Mitgliedern des Ständigen Ausschusses des Politbüros, welches 25 Mitglieder hat. Minister sind bedeutend oder weniger bedeutend, je nachdem ob sie Mitglied dieses Ausschusses sind. Xi Jinping, der im Jahre 2023 zum dritten Mal zum Parteichef der KPC gewählt wurde, ist offensichtlich die unumschränkte Nr. 1 in der politischen Hierarchie der VR Chinas. Das Rätselraten im Westen um Mitte 2023 verschwundene Spitzenpolitiker wie den ehemaligen Verteidigungsminister Li Shangfu und den Außenminister Qin Gang zeigt vor allem eines an: Uninformiertheit und Mangel an Chinakompetenz. Bezüglich Qin Gang waren bereits im September 2023 die chinesischen sozialen Medien voll mit Vermutungen, dass es der CIA gelungen sei, ihn „umzudrehen“ und dass er auf Grund von Spionage für den großen Rivalen „aus dem Verkehr gezogen worden sei“. Es dauerte mehr als drei Monate, bis dieses Gerücht (das offiziell natürlich weder dementiert noch bestätigt wird) von einer renommierten englischen Zeitung aufgenommen wurde. 116 5 Demografie und Gesellschaft <?page no="117"?> Ob bzw. inwieweit Xi Jinping der überstürzte Ausstieg aus den Co‐ rona-Schutzmaßmahmen Anfang 2023 geschadet hat, kann von außen kaum beurteilt werden. Das Land befand sich meiner Wahrnehmung nach von Mitte 2023 bis Anfang 2025 in einer „Nachcorona-Starre“, die erst langsam wieder dem chinesischen Optimismus Platz machte. Zudem traf die Coronapandemie China nach ca. 35 Jahren Wachstum in einem Stadium des Transitionsprozesses, in dem drei Jahrzehnte früher im Jahre 1992 bereits der „kleine Tiger“ Südkorea in starke Turbulenzen geriet. Die zentrale Herausforderung für die chinesische Führung besteht nun darin, ein neues Wirtschaftsmodell zu etablieren, das der Demografie, den Überkapazitäten und der Rivalität mit den USA gegenüber besteht. Das Modell, das der chinesischen Führung vorschwebt, orientiert sich in vielerlei Hinsicht an Japan; um den „richtigen Weg“ wird aber offensichtlich gerungen (s. Abschnitt 8.2). Die Chancen, dass dies gelingt, sind meines Erachtens nicht schlecht: Die chinesische Denk- und Handlungsweise ist langfristorientiert. Dabei hilft es der Regierung fraglos, dass sie sich nicht ständig mit den Ergebnissen von Wahlen oder Umfragen auseinanderset‐ zen muss (auch wenn die Regierung die Stimmung im Volk aufmerksam verfolgt). Sozialkonten und Überwachung Die Begriffe Sozialkonten oder Sozialpunkte werden seit den 2010er Jahren im Westen immer öfter verwendet, um den autoritären Cha‐ rakter Chinas zu illustrieren. Tatsächlich wussten alle Chinesen, mit denen ich darüber gesprochen hatte, zunächst überhaupt nicht, was gemeint war. Richtig ist, dass Sozialkontrollen im weiteren Sinne (s. Abschnitt 8.2) vorwärtsgetrieben werden (mit sehr unterschiedlichen lokalen Ausprägungen), wobei die Menschen Druck „wie die Fische im Wasser“ ausweichen, was sie, sofern sie die direkte Konfrontation mit der Staatsgewalt vermeiden, auch können. Das Lesen von Politliteratur und das Anschauen von „Pflichtvideos“ wird zumeist als lästige Pflicht empfunden, der man sich so weit wie möglich entzieht. Die meisten mir bekannten Ansätze sind positiv: Wer dauerhaft ein gutes Verhalten zeigt, erhält (kleine) Privilegien. [75] Überwachungskameras finden sich inzwischen fast überall, wobei nicht immer klar ist, ob sie angeschaltet sind oder nicht. Auch in China verändern Menschen ihr Verhalten, wenn sie sich beobachtet fühlen: 5.4 Die Kommunistische Partei und das politische System Chinas 117 <?page no="118"?> 106 Chinas Denken ist nicht nur durch den Konfuzianismus, sondern ebenso durch den Buddhismus geprägt, der um die Zeitenwende aus Indien nach China kam und von dort aus weiter in die genannten „Ableger“ der chinesischen Zivilisation wanderte. 107 Man leidet und genießt, sehr im Unterschied zum Westen, zumeist im Stillen. Zugrun‐ deliegend ist hier, ich beziehe mich hier explizit auf meinen weiten Bekannten- und Freundeskreis in China, eine „Schicksalsgläubigkeit“. Es ist also das Schicksal, das einem Lasten auferlegt oder Freuden zugesteht. 108 Dass das auch mitunter im Westen bezweifelt werden kann, beweist sehr schön das Lied „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ von Burt Bacharach und Marlene Dietrich [76]. Inzwischen ist der Straßenverkehr überall in China, wo ich nach der Pandemie war, weniger anarchisch, die Menschen beherzigen überwie‐ gend die Verkehrsregeln. Exkurs: Wohlstand und Glück Glück oder das Streben nach Glück, „the pursuit of happiness“, ist westliches Denken. Etwas auch nur ansatzweise Vergleichbares findet sich nicht im klassischen chinesischen Denken 106 , das auch Japan, Korea und Vietnam beeinflusst hat. Auch wenn viele junge Chinesen zumeist diffuse Vorstellungen von Glück haben - Hollywood läßt grüßen - hat das nicht dazu geführt, dass in China offen über Gefühle oder Befindlichkeiten gesprochen wird. 107 Bekannt ist zudem, dass eine gute Bildung, lange Lebenserwartung, gute Gesundheitsversorgung und materieller Wohlstand noch lange nicht glücklich machen, und das gilt im Westen wie im Osten. Die Frage bleibt natürlich, ob bzw. inwieweit „Glücksmaximierung“ überhaupt ein sinnvoller Ansatz in einer Gesellschaft im 21.-Jahrhundert sein kann. 108 Mit der Explosion des BIPs wurde die Armut in China ab 1979 massiv reduziert; tatsächlich hat die Kommunistische Partei Chinas seitdem den größten jemals erbrachten Beitrag weltweit zur Bekämpfung von absoluter Armut geleistet. Wenn die elementaren Grundbedürfnisse gedeckt sind, kommen soziale Befindlichkeiten verstärkt ins Spiel: Armutsforscher verwenden dann überlicherweise das Konzept der relativen Armut. Während vor 40 Jahren fast alle Chinesen fast gleich arm waren, haben heute viele etwas zu verlieren und in etwa ebenso 118 5 Demografie und Gesellschaft <?page no="119"?> viele etwas für sich oder ihre Kinder nachzuholen. Die Probeme der jungen Leute, die nicht nur eine Familiengründung oft verhindern, wurden bereits erörtert. Es ist somit kaum überraschend, dass mir seit Jahren von meinen Studenten ein vielstimmiges „no“ auf meine Frage, ob sie glauben, dass die Menschen mit der Verhunderfachung des BIPs glücklicher geworden sind, entgegenschallt. Risikoaversion und Alltagsaberglaube In Abschnitt 5.4 haben wir uns mit dem Mandat des Himmels beschäf‐ tigt. Naturkatastrophen wurden nicht nur im alten China als Vorboten großer Ereignisse angesehen, die mitunter selbst den Entzug des Man‐ dats des Himmels für die herrschende Dynastie ankündigten. So war die Abschaffung der Hochseeflotte im frühen 15. Jahrhundert ursächlich mit Missernten und diversen Naturkatastrophen verbunden und dem Erdbeben in Tangshan am 28. Juni 1976 mit über 200.000 Toten folgte Maos Tod am 9. September 1976: Für die meisten Chinesen bestehen hier ganz klare Ursache-Wirkungs-Beziehungen. So wie es einen Alltagskonfuzianismus gibt, so gibt es auch einen All‐ tagsaberglauben. Als ich vor ca. 20 Jahren als „Chinaneuling“ zahlreiche buddhistische Klöster besichtigte, teilte mir ein chinesischer Freund mit, dass die Mehrzahl der Opfernden Mitglieder der Kommunistischen Partei seien: Die sichern sich, meinte er, noch einmal ab. Sie sollten sich auch nicht wundern, wenn im modernen Elektroauto Ih‐ res chinesischen Partners eine Knoblauchzwiebel liegt, die vermeintlich Böses fernhält; ebenso gibt es wenige Tage, an denen man zum Friedhof geht, um die Verstorbenen zu ehren, und viele, an denen man das besser nicht tut, will man nicht riskieren, krank zu werden. Glücksbringer, zumeist in rot, gibt es natürlich auch zuhauf. Farben und Zahlen wecken Assoziationen: Gelb für die Erde und den Kaiser, Weiß für Westen, Metall, Trauer, Reinheit und Schwarz für Norden, Wasser und Kälte. Rot steht für Feuer, Herz und Lebenskraft. Die Aufzählung ist nicht vollständig. Wenn Sie im chinesischen Fernsehen ein Laufband mit Börsenkursen sehen, steht rot für steigende Kurse und grün für fallende Kurse; es ist also genau andersrum als bei uns. Ebenso steht rot beim westlichen Militär für den (potenziellen) Feind, in China (und Russland) steht es für die eigenen Leute. Exkurs: Wohlstand und Glück 119 <?page no="120"?> Die Zahlen fünf, acht und neun sind Glückszahlen (Sie werden oft neun Mitglieder eines Aufsichtsrates oder einer Kommission, vorfinden.), die vier (‚si‘ klingt wie Tod) wird gemieden. Es gibt Hochhäuser, die haben keine vierte Etage (jedenfalls keine Etage, der die vier zugeordnet ist), sondern nur eine erste, zweite, dritte, fünfte, usw. … Häuser werden nach den Fengshui-Prinzipien gebaut … Ob das alles so geglaubt wird, weiß ich bis heute nicht: Mein Eindruck ist, s. o., dass man gern auf Nummer sicher geht; dass es jedenfalls nicht schadet, sich abzusichern. Etwas Ähnliches war in Hongkong zu beobachten, dessen Rückkehr zu China bereits Jahre vor der tatsächlichen Übergabe durch Großbritan‐ nien im Jahre 1997 feststand. Zahlreiche reiche Hongkong-Chinesen nutzen den Zusammenbruch der DDR im Jahre 1989, um sich deren Pässe zu besorgen (d. h. zu kaufen), mit denen sie im Zuge der deutschen Wiedervereinigung automatisch gesamtdeutsche Staatsbürger wurden. Als ab 1997 „alles nicht so schlimm“ wurde, wie im Extremfall befürchtet, blieben sie weiter in Hongkong. 120 5 Demografie und Gesellschaft <?page no="121"?> 109 Durch die Staatsexamina wurden im alten China die Beamtengrade verliehen. Ein erstes oder zweites bestandenes Examen (das jeweils mehrere Jahre der Vorbereitung kostete) wurde mit Posten auf Kreis- oder Bezirksebene belohnt, usw. [77] 110 Das Riesenreich wurde ca. 2.000 Jahre lang von einer winzigen Anzahl von Beamten verwaltet. Um 1900 gab es bei 400 Millionen Menschen nur 20.000 (nach anderen Schätzungen 40.000 Beamte). Die Beamten führten nur festgelegte Abgaben an den Kaiser ab, den Rest konnten sie legal behalten. [78] 6 Bildung in China Der Weg zur Verinnerlichung von Moral führt in der klassischen chinesi‐ schen Philosophie über die Erziehung. Der Himmel stellte für die alten Chinesen seit der Zhou-Dynastie (1046 v. Chr. - 256 v. Chr.) eine ethische Gottheit dar, die die Tugendhaften belohnt und die Lasterhaften bestraft: Tugend ist das Ziel der Erziehung des Menschen und Ergebnis dauernder Übung, die den Menschen in Übereinstimmung mit der Ordnung des Himmels bringt. Erziehung und Bildung gehen also Hand in Hand. Der Sohn eines einfachen Bauern konnte im alten China zwar nicht ohne Umsturz Kaiser werden, dafür aber Kanzler oder hoher Minister. Dafür musste er, was tatsächlich in einigen Fällen dokumentiert ist, im letzten und entscheidenden siebten Staatsexamen die Nase vorn haben. 109 Ein Studium erforderte nicht nur Zeit, Intelligenz und Fleiß, sondern auch viel Geld, letzteres insbesondere, um gute Lehrer zu bezahlen. Damit hatten (und haben! ) die Kinder reicher Leute naturgemäß bessere Chancen, auf Bildung basierend Karriere zu machen als die Kinder einfacher Leute. Ebenso bildete sich aber die bis heute nicht vollständig erloschene Tradition heraus, dass die Bauern eines Dorfes das Geld zusammenlegen, damit ein besonders begabtes Kind studieren und sich auf die Prüfungen vorbereiten konnte. Reziproke Verpflichtung des jungen Menschen war und ist es dann natürlich, sich im erfolgreichen Falle gegenüber der Gemeinschaft, die ihm das Studium ermöglicht hat, dankbar zu zeigen. Aus der chinesischen Geschichte können wir eine wichtige „Gesetzmä‐ ßigkeit“ ableiten, die auch in der Gegenwart gilt: Es wird als selbstverständ‐ lich angesehen, dass Bildung Geld kostet. Bildung verspricht, technisch ausgedrückt, eine hohe Rendite. Bildung und Wohlstand bilden traditionell ein Paar in China. Wer gebildet war, wurde im kaiserlichen China Beamter und zumeist reich. 110 Ein höherer Abschluss bedeutet zumeist mehr Geld nach dem Studium. Heute spielt es eine große Rolle, von welcher Universität <?page no="122"?> man kommt und auch, welches Fach dort studiert wurde. Karrieretechnisch sehr angesagt sind aktuell BWL, VWL und Computer Sciences. In China wird nicht über die „Schimäre“ Chancengleichheit geredet, statt‐ dessen unternimmt die Regierung viel, damit ein gewisses Maß an Chancenungleichheit nicht überschritten wird. Dies mussten u. a. die Aktionäre der Firma Tencent im Jahr 2022 leidvoll erfahren, als zahlreiche private Bildungsangebote von der Regierung verboten wurden. Dazu drei kleine Anekdoten, die sich beide vor etwa sechs Jahren zuge‐ tragen haben: Ich fragte einen jüngeren, promovierten Kollegen mit der Perspektive, Professor zu werden, ob er und seine Frau, die damals wie heute einen hochdotierten Verwaltungsjob an einer renommierten Shanghaier Univer‐ sität hatte, nicht erwögen, ein zweites Kind zu haben. Die Antwort war nein mit der Begründung, dass dafür das Geld fehle. Sagte er, bevor er sich in ein hochpreisiges Modell eines deutschen Automobilherstellers setzte, um in seine vorzeigbare Wohnung im erweiterten Stadtzentrum von Shanghai zu fahren. Ein wohlhabender und sehr gebildeter Freund, der in Deutschland promo‐ viert hatte, schickte seinen Sohn regelmäßig zum betreuten Legospielen. Er und seine Frau gaben jeden Monat umgerechnet mehrere Hundert Euro da‐ für aus, damit der vierjährige Junge mit anderen Kindern von „zertifizierten Lego-Trainern“ beim Spielen angeleitet wurde. Meine Frage bzw. Vorschlag, ob es nicht sinnvoller sei, dass er selbst ab und zu mit seinem Sohn spiele, wurde verstanden. Der Freund brach den geld- und zeitintensiven Unsinn etwas später ab. Wichtig zu verstehen ist, dass beide Väter der Überzeugung waren, nur das Beste für ihr Kind (auch das nie Geborene) zu tun. Dazu zählt sicher auch, dass im Umfeld wahrgenommen wird, was die Eltern für die Bildung ihres Kindes tun bzw. bezahlen. Jede Mutter oder Vater will, dass ihr Kind die oder der Beste sein wird, dabei ausblendend, dass nicht jedes Kind (selbst, wenn verschiedene Kategorien oder Disziplinen zur Verfügung stehen) am besten sein kann. Ein weiterer sehr kluger Kollege sagte mir einige Jahre früher traurig, dass er seinen Sohn schlagen müsse, damit dieser besser in der Schule werde. Ich könnte diese Liste fortsetzen: Junge Frauen, die als Erwachsene erklärten, dass sie eine verpfuschte Kindheit hatten, weil sie an jedem Wochenende Nachhilfeunterricht verschrieben bekamen, um die hohen Erwartungen der Eltern zu erfüllen, und und und… Dies ist keinesfalls ein Moment, um „Überlegenheitsgefühle“ zu entwi‐ ckeln. Der Anteil der unglücklichen Kinder und der überforderten Eltern 122 6 Bildung in China <?page no="123"?> 111 Im Jahr 2023 unterzogen sich ab dem 7. Juni 12,91 Millionen Schüler der Hochschu‐ laufnahmeprüfung (chinesisch Gaokao). [79] Das sind, wie bei den amerikanischen Highschools, über 80 % aller Schüler eines Jahrgangs. Seit 2013 wird der Gaokao mit Ziel höherer Flexibilität reformiert, die Schüler können neben Chinesisch, Mathematik und einer Fremdsprache (zumeist Englisch) drei weitere Fächer aus den Bereichen Politik, Geschichte, Geografie, Physik, Chemie und Biologie wählen. [80] wächst auch und gerade in Deutschland. Während der Corona-Pandemie sind insbesondere jene Kinder gut durch die Krise gekommen, deren Eltern über Geld, Zeit und Bildung verfügten. Immer mehr Eltern, die es sich leisten können, holen ihre Kinder aus dem staatlichen Schulsystem, zu dem sie das Vertrauen verloren haben, und schicken ihre Kinder auf Privatschulen. Wie beim Kauf einer Wohnung determiniert die Herkunft inzwischen viel zu oft die Zukunft, der Leistungsgedanke bzw. das Leistungsprinzip als konstituierendes Merkmal einer funktionierenden Marktwirtschaft werden dabei ausgehebelt. Tatsächlich werden wir das Schlimmste nur in einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung verhindern können, d. h. dass die Schulleiter in Zusammenarbeit mit der vielbeschworenen Zivilgesellschaft über mindestens ein Jahrzehnt Lücken stopfen werden müssen. Wenn man es etwas verkürzt zusammenfasst, lernen unsere Kinder (oft unfreiwillig bei inzwischen flächendeckendem Lehrermangel, Stundenaus‐ fall und falsch gesetzen Prioritäten) zuwenig und die chinesischen Kinder müssen vielfach mehr lernen, als ihnen und ihrem kindlichen Stand guttut. Insoweit stellt m. E. weder das deutsche noch das chinesische System ein Vorbild für den jeweils anderen dar; wir könnten aber gemeinsam miteinander reden und voneinander lernen, wie man es besser nicht machen sollte. Dies sollte uns eigentlich nicht schwerfallen, weil für uns alle „die Kinder die Zukunft sind“. 6.1 Das chinesische Bildungssystem In China wird das Schulsystem von der Zentralregierung organisiert und ist nicht, wie in Deutschland, Länderbzw. Provinzsache. Das bedeutet z. B. in jedem Juni, dass alle chinesischen Abiturienten zeitgleich ein Zentralabitur (mit wenigen regionalen Nuancen) schreiben. 111 Das chinesische Bildungsministerium ist zugleich für die Grundschulaus‐ bildung, die Berufsbildung und die Hochschulbildung zuständig. Seit 1986 besteht in China eine neunjährige Schulpflicht, bestehend aus einer sechs‐ 6.1 Das chinesische Bildungssystem 123 <?page no="124"?> jährigen Grundschule und drei Jahren Mittelschule; die Analphabetenrate ist praktisch Null. Staatlichen Schulen sind, wenn man wie in Deutschland von geringen Ausgaben für Lehrmaterialen absieht, kostenfrei. Nach der Mittelschule gehen die Jugendlichen entweder in eine berufsvorbereitende Schule oder auf eine Schule, die ein Hochschulstudium vorbeitet. Abb. 6.1: Das chinesische Bildungssystem (in Anlehnung an diverse chinesische Quellen) Es gibt private Schulen und Kindergärten, die, wie in Deutschland, der staatlichen Aufsicht unterworfen sind. Die letzten mir verfügbaren Zahlen lagen bei Kosten in Höhe von umgerechnet ca. 2.000 Euro pro Monat im Montessori-Kindergarten in Peking oder 2.500 Euro pro Monat an der Deutschen Schule in Shanghai Yangpu. Trotz dieser exorbitanten Gebühren werden einigen dieser Schulen (denen, mit dem besten Ruf) die Türen eingerannt; es gibt zahlreiche Fotos, in denen Eltern Schlange stehen, um ihr Kind an einer teuren Schule anzumelden. 124 6 Bildung in China <?page no="125"?> 112 Das Essen spielt in China eine viel größere Rolle als in den westlichen Ländern inklusive Frankreich und Italien. Eine typische Begrüßung lautet „Was hast Du heute gegessen? “ Bildungsbürgertum à la Chinoise Bereits Anfang der 2000er Jahre unternahm die Regierung einiges, um dem „Vulgärmaterialismus“ ihres Volkes zu begegnen. Alte Traditionen wie Kalligraphie und das Spielen von historischen Musikinstrumenten wie den Saiteninstrumenten Erhu und der seit mehr als 3.000 Jahre existierenden Guqin eroberten sich ihren Platz im Leben gebildeter und wohlhabender Menschen. In meinem Umfeld gibt es zahlreiche Erwachsene, die im fortgeschrittenen Alter, angefangen haben, ein Instrument zu lernen, anfangs nur zum Spaß, das dann aber sehr ernsthaft betreiben. Andere begannen mit Kalligraphien und brachten es hier zu beträchtlicher Meisterschaft. Dahinter steht natürlich wieder der alte Meister Konfuzius. Gerade sehr gebildete und erfolgreiche Menschen sind sich ihrer Unzulänglichkeit bewußt: Sie wollen mehr lernen und sich „vervollkommnen“. Während die Peking-Oper für die meisten europäische Ohren ohne Schulung schwer zu mögen ist, sind zahlreiche klassische und moderne chinesische Stücke, die für Flöte, Erhu oder Guqin geschrieben sind, für uns sehr gefällig anzuhören. Youtube ist Ihr Freund! 6.2 Die Hochschulen Mit der Abiturnote bzw. der erhaltenen Punktezahl im Gaokao wird der Zugang zu den Universitäten bestimmt. Ein junger Mensch wird im Allge‐ meinen die im Ranking höchste für ihn erreichbare Hochschule (von denen es über 3.000 in China gibt) wählen; da die Jobs in Staat und Wirtschaft weitgehend starr gemäß dem Ruf der Universität vergeben werden. Die Tochter eines Freundes kam so aus Shanghai widerwillig nach Peking. Widerwillig, weil sie das dortige Essen nicht mochte, was in etwa so ist, als würden Sie München als Studienort in Frage stellen, weil Sie Haxen, Weiß‐ wurst und Weißbier nicht mögen. 112 Die Studiengebühren sind aus deutscher Sicht relativ hoch, wenn auch niedriger als die erwähnten Gebühren von 6.2 Die Hochschulen 125 <?page no="126"?> 113 An den beiden berühmtesten Universitäten des Landes, der Tsinghua und der Beida, werden keine Studiengebühren erhoben und die Kosten für einen Wohnheimplatz (für Bachelorstudenten in einem 8-Personenzimmer) belaufen sich umgerechnet auf moderate 200 Euro pro Jahr. Privatschulen. Dabei gibt es ein ausgebautes System von Stipendien und Teilstipendien. 113 Die renommiertesten Universitäten Chinas sind alle staatlich und sie befinden sich traditionell in Peking (Shanghai ist „nur“ die Wirtschaftsmetropole). Ganz oben stehen die technisch orientierte Qinghua-Universität (auch Tsinghua) und die geistes- und naturwissenschaftlich orientierte Peking-Universität (Beida), die in etwa die Rollen des Massachusetts Insitute of Technology (MIT) und der Harvard University in den USA einnehmen. Die wichtigsten chinesischen Eliteuniversitäten befinden sich im Projekt 985, das die Top 10 betrifft. Danach kommen 15 - 30 landesweit bekannte Spitzenuniversitäten, gefolgt von reichlich 100 weiteren Universitäten im sogenannten Projekt 211. [81] Und dann kommt langsam der große Rest. Während das deutsche Hochschulsystem trotz sogenannter Eliteuniversi‐ täten deutlich egalitärer ist als z. B. in den USA, Großbritannien und Frankreich, existieren zahlreiche Parallelen zwischen dem chinesischen und dem französischen Bildungssystem im Allgemeinen und speziell zwischen den Grandes Écoles und den chinesischen Projekt-985-Universitäten. Die traditionelle Wertschätzung von formaler Bildung wurde nur ein ein‐ ziges Mal in den vergangenen mehr als 2.000 Jahren, während der von Mao Zedong angeführten Kulturrevolution 1966-1976, die zur Schließung der chinesischen Universitäten von 1969 bis zur vollständigen Wiedereröffnung 1977 führte, durchbrochen. Positivdiskriminierung von Minderheiten China bzw. seine Führer haben sich über Jahrtausende als kulturelle Führer der Welt verstanden. Etwas vereinfacht: Es gab China und die Barbaren. Aus diesem Überlegenheitsgefühl hat sich über die Jahr‐ hunderte eine Positivdiskriminierung von ethnischen Minderheiten entwickelt, die „weicher“ angefasst werden als die „richtigen“ Chinesen. Während die Ein-Kind-Politik bei den Han-Chinesen im Zweifel brutal durchgesetzt wurde, blieben die staatlich anerkannten Minderheiten davon weitgehend verschont. Ziel war es, denen, die willig waren (und 126 6 Bildung in China <?page no="127"?> das betrifft auch die Uiguren in Xinjiang), die Möglichkeit zu geben, zur chinesischen Kultur aufzuschließen bzw. sich ihr anzuschließen (was Sie übrigens auch mit blonden Haaren können). Diese „Methode“ trug historisch fraglos zur Befriedung der Peripherie bei. Dies geht einher mit deutlich niedrigeren Eingangsvoraussetzungen für Universitätszulassungen und korrespondiert mit dem in der Vide‐ oempfehlung „Understanding the Rise of China“ [82] des britischen Intellektuellen Martin Jacques angesprochenen Superioritätsgefühl vie‐ ler Han-Chinesen. Noch immer streben jedes Jahr Zehntausende Chinesen ins Ausland, um dort zu studieren und bringen damit viel Geld in ihre zeitweiligen Gastländer. Während in der Vergangenheit vor allem Bachelorstudiengänge im Ausland gefragt waren, hat sich der Schwerpunkt in Richtung Masterstudiengänge und Promotionen verschoben. Auch wenn die Universitäten der USA immer noch das Maß aller Dinge sind, so haben die amerikanischen Universitäten im Laufe des letzten Jahrzehnts für Chinesen relativ an Attraktivität verlo‐ ren. Gründe waren aus affirmative action (das amerikanische Pendant der chinesischen Positivdiskriminierung von Minderheiten) folgende Berufun‐ gen von offensichtlich nicht hinreichend qualifizierten Professoren, wie der im Januar 2024 zurückgetretenen Harvard-Präsidentin Claudine Gay, der gleichzeitige Qualitätssprung der eigenen Universitäten, schließlich die „Gängelung der US-Universitäten“ durch US-Präsident Trump mit dem Höhepunkt im Mai 2025, der Harvard Universität verbieten zu wollen, Aus‐ länder zu immatrikulieren; und insbesondere Alternativen in Hongkong und vor allem in Singapur, wo sich inzwischen einige der besten Universitäten der Welt befinden. 6.2 Die Hochschulen 127 <?page no="128"?> 114 Ich halte die Behauptung für zulässig, dass dies für einen vorzeigbaren Teil der Universitätsstudenten (anders verhält sich dies bei den Fachhochschulen und den Dualen Hochschulen) in Deutschland ebenso gilt. Klicken Sie sich ggf. mal durch das Organigramm einer beliebigen deutschen Universität und schauen Sie, wie die Studentenzahlen nach Fächern verteilt sind. Exkurs: Die Bielefeld Hainan University of Applied Sciences Als Xi Jinping im Mai 2023 der Jugend empfahl zu lernen „Bitterkeit zu essen“, war dies an die vielen Studenten und Absolventen der chinesischen Hochschulen gerichtet, deren Vorstellungen zu ihrem Leben und ihren zukünftigen Einkünften sich gerade wie Eis in der Sonne auflösten. Tatsache ist, dass die chinesischen Hochschulen ihre Absolventen vielfach nicht den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes entsprechend ausbilden und diese mit marktfernen Kenntnissen in das Berufsleben entlassen. 114 Die alles entscheidende Prüfung im Leben eines jungen Menschen ist, wie in Japan, die Abiturprüfung, die die Hochschule und damit seine zukünftige Karriere weitgehend bestimmt. Bisher ist es in China nicht gelungen, ein Äquivalent zur dualen Berufs- und Hochschulausbildung zu schaffen. Die Regierung sieht hier offensichtlich Handlungsbedarf. Es wurde verstanden, dass die Gesellschaft es sich nicht leisten kann, im bisherigen starren System viel Intelligenz brach liegen zu lassen. Tatsächlich ist es eine deutsche Hochschule, die (Fach-)Hochschule Bielefeld, die mit der Bielefeld Hainan University of Applied Sciences (BiUH) auf der „Ferieninsel“ Hainan gegenüber von Nordvietnam seit Herbst 2023 erstmalig eine eigenständige aus dem Ausland gegründete Hochschule nach chinesischem Recht betreibt [83], wofür die Präsiden‐ tin der Hochschule, nicht überraschend, in Deutschland teils heftig angegriffen wurde. Basis der Gründung ist die Wirtschaftsentwicklungszone Yangpu/ Danzhou im Norden von Hainan, wo sich zahlreiche nationale und internationale Investoren aus dem Sektor der Industrie 4.0 angesiedelt haben. Langfristig sollen etwa 12.000 junge Leute in englischer Sprache Informatik, Maschinenbau, Elektrotrechnik, Mechatronik, usw. auf Bachelor- und Masterniveau studieren. 128 6 Bildung in China <?page no="129"?> 115 Dies sind nicht nur die BASF, Volkswagen, Siemens, Bayer, Mercedes und BMW, sondern auch viele mittelgroße und kleine Unternehmen. Ende 2023 waren in in China etwa 5.200 deutsche Unternehme tätig, die dort mehr als 100 Mrd. Euro investiert hatten. Es lohnt sich in mehrerlei Hinsicht, dieses Projekt als einen Prototyp zukünftiger chinesisch-deutscher Beziehungen im Auge zu behalten. Die Voraussetzungen für einen Erfolg der BiUH (sprich: be you) sind a priori gegeben. Deutsche und Chinesen sind im Geschäftsbzw. Arbeitsleben durchaus kompatibel, was die Erfolge der vielen großen und kleineren deutschen Untenehmen beweisen, die mitunter bereits Jahrzehnte erfolgreich in China produzieren und Geld verdienen. 115 Die großen Fragen werden sein, ob die Selbstorganisation der Unterneh‐ men, deren Kooperation mit der Hochschule Basis des Modells ist, und die politische Unterstützung des Projektes (oder besser Nichtbehinde‐ rung) von beiden Seiten anhalten. Exkurs: Die Bielefeld Hainan University of Applied Sciences 129 <?page no="131"?> 116 Zu den „Metallen der Seltenen Erden“ zählen die chemischen Elemente der 3. Neben‐ gruppe des Periodensystems. Seltene Erden werden u. a. für die Herstellung von Smartphones, Elektromotoren und - batterien, Solarpanels und Windkraftanlagen, Kühlschränke und auch modernen Waffen, benötigt. Hauptproduzent und -exporteur Seltener Erden der China. 117 Diese Entwicklung setzt sich fort. Im Juni 2024 teilte der französische Pharmakonzern Eurapi mit, Ende 2025 das letzte Werk in Europa für die Metamizol-Produktion (das ist ein Grundstoff für das Schmerzmittel Novalgin) einzustellen. Dieser Wirkstoff wird in Zukunft exklusiv aus China kommen. 7 Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“? 7.1 Abhängigkeiten? In Deutschland wird seit Anfang 2022 oft und viel darübergeschrieben, dass Deutschland von China einseitig abhängig und nicht noch einmal den „Russland-Fehler“ begehen dürfe. Die Empfehlungen folgten bis vor Kurzem zumeist auf dem Fuße: Sie gingen von einer teilweisen (de-risking) bis hin zu einer weitgehenden Entkopplung (decoupling) der wirtschaftlichen Aktivitäten. Die mit viel Selbstbewußtsein und wenig Kenntnis vortragene pauschale Behauptung einer einseitigen Abhängigkeit von China wird durch ihre regelmäßige Wiederholung nicht richtiger. Sie ist - jedenfalls in ihrer negativen Verallgemeinerung - grober Unfug! Richtig ist auch, dass zahlreiche deutsche Unternehmen, exemplarisch seien hier wiederum die BASF und Volkswagen genannt, von den Gewin‐ nen in China abhängen. Anders ausgedrückt: Deutsche Gehälter und die Dividenden der Aktionäre werden von den Gewinnen aus China teilweise finanziert. Richtig ist ferner, dass es Abhängigkeiten im Bereich der Seltenen Erden 116 und bei der Herstellung von Vorprodukten der Pharmaindustrie gab (was schmerzlich zu Beginn der Corona-Pandemie bemerkt wurde, als diverse Antibiotika nicht mehr ausreichend verfügbar waren) und immer noch gibt. Das liegt aber nicht an einer unterstellten Ruchlosigkeit der Chinesen, wobei die chinesische Regierung sicher nichts dagegen hat, wenn sich ihre Partner von ihr bzw. ihrem Wohlverhalten selbst abhängig machen: Die Vorproduktion von Grundstoffen der Pharmaindustrie wurde allein aus Kosten- oder Effizienzgründen (wobei die „Ersparnisse“ relativ gering waren) vor allem nach China und Indien outgesourct 117 und wenn von Abhängigkeiten bei Seltenen Erden gesprochen wird, dann sollten wir <?page no="132"?> 118 Bis Anfang 2018 verkauften wir Plastikmüll nach China, was die chinesische Regierung schließlich zum Leidwesen der EU-Kommission unterband. uns klarmachen, dass der Abbau derselben auch in Deutschland oder in anderen Teilen Europas möglich ist. Nur ist das dann eben ein teureres und zudem giftiges Geschäft, das wir bisher gern ausgelagert haben, und unsere europäischen Partner, z.-B. Schweden und Finnland, wo große Vorkommen an Seltenen Erden identifiziert wurden, zeigen bisher wenig Neigung, ihre Landschaft für unsere Energiewende und Industrie zu zerstören. Zudem gibt es auch kaum noch Menschen bei uns, die noch etwas von Bergbau verstehen und es gibt in Deutschland nur wenige Möglichkeiten (insbesondere an der Technischen Universität Freiberg) Bergbau zu studieren. Womit wir sehen, dass Wissen nicht nur erworben wird, sondern auch verloren geht. Wahrscheinlicher ist, dass wir es, weil immer noch giftig, anderweitig auslagern werden (so wie wir unseren Müll in arme Teile der Welt expor‐ tieren 118 . [84]) Dass wir bezüglich Textilien und Haushaltselektronik von China abhängig sind bzw. sein sollen, halte ich nicht für nachvollziehbar. All diese niedrigwertigen Konsumgüter könnten wir selbst produzieren bzw. an anderen Orten produzieren lassen, nur nicht zu den aktuellen Preisen. Die deutsche Wirtschaft scheint weiter von China überzeugt zu sein. Der Anteil Chinas (inklusive Hongkong) an allen ausländischen Direktin‐ vestitionen der deutschen Wirtschaft hat 2024 wieder die 10 %-Marke überschritten. Trotz der Strategie Made in China 2025, die ein Höchstmaß an Autarkie zum Ziel hat, gibt es durchaus auch Abhängigkeiten Chinas vom Westen, die allerdings aktiv reduziert werden: Dies betrifft Hochtechnologie (Chips, Maschinenbau, Optik), Zugang zu industriellem Know-how sowie Zugang zu Kapital- und Absatzmärkten. Von allen großen Staaten sind die USA wirtschaftlich am wenigsten mit der Welt verflochten. Laut Macrotrends (es gibt von Seiten der Informati‐ onsbereitsteller zum Teil deutlich unterschiedliche Methoden und Werte, die publiziert werden) betrug die Außenhandelsquote, das ist die Summe der Importe und Exporte dividiert durch das Bruttoinlandprodukt im Jahr 2023 in den USA 24,9 % bei 82,8 % für Deutschland und 97,2 % für die EU (27). China gelingt es seit dem Jahr 2006, als seine Außenhandelsquote mit 64,48 % ihren Höhepunkt annahm, die relative Verflechtung mit dem „Rest der Welt“ zu reduzieren (auf 36,35-% im Jahr 2023). Nun haben es die EU und die Nationalstaaten durchaus in der Hand, durch Gesetze und Regulierung zu steuern, dass bestimmte Dinge bei uns 132 7 Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“? <?page no="133"?> 119 Hier muss man nicht exklusiv US-Präsident Donald Trump bemühen. Diese Aussage gilt gerade im Zusammenhang mit den Beziehungen Deutschlands zu seinen europäischen Partnern. So wie sich die deutsch-polnischen Beziehungen seit Mitte der 2010er Jahre insgesamt wenig harmonisch entwickelten, ist eine Entfremdung von Frankreich denkbar, wenn sich dort die extreme Rechte oder Linke politisch durchsetzte. Der Anstoß kann aber auch aus Deutschland kommen: Man muss nicht eine zukünftige Re‐ gierungsbeteiligung der AfD antizipieren: Sollte Deutschland die Bundeswehr tatsäch‐ lich zur stärksten konventionellen Armee Europas jenseits von Russland entwickeln (wie von Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner Regierungserklärung im Mai 2025 angekündigt), dürfte dies mit Verweis auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts unter unseren geografischen Nachbarn nicht nur auf Begeisterung stoßen. selbst hergestellt werden müssen. Die Diskussion um 5G und Huawei zeigt dies. Es ist grundsätzlich so vernünftig wie legitim, darüber zu diskutieren, inwieweit man sich potenziell von einer nichtbefreundeten Macht abhängig macht (wobei in der Vergangenheit zumeist unterschlagen wurde, dass heutige Freunde nicht notwendigerweise unsere Freunde von morgen sein müssen 119 ). Allerdings sollten diese Diskussionen nicht frei von Sachver‐ stand (über den ich in diesem Fall z. B. nicht verfüge) geführt werden. Of‐ fensichtlich differierten die Einschätzungen selbst in der Bundesregierung, in der von Anfang 2023 bis Mitte 2024 ohne Ergebnis darüber diskutiert wird, ob Bauteile von Huawei im deutschen Antennennetz ausgetauscht werden sollen oder nicht. Die Lösung der Deutschen Bundesregierung vom Juli 2024 ist, dass in deutschen 5G-Kernnetzen bis spätestens Ende 2026 keine Komponenten mehr von Huawei und ZTE eingesetzt werden dürfen und dass in den 5G-Zugangs- und Transportnetzen bis spätestens Ende 2029 die „kritischen Systeme“ zu ersetzen sind. Huawei selbst sagt, dass Daten im Antennennetz überhaupt nicht verar‐ beitet würden; auch könne das Netz nicht von außen abgeschaltet oder ma‐ nipuliert werden. Da es in den vergangenen Jahren in Deutschland keinen einzigen öffentlich bekannt gewordenen Zwischenfall mit Huawei gegeben hat, stellt sich offensichtlich nicht die Frage objektiver Sicherheitsmängel, sondern die nach der „politischen Zuverlässigkeit“. Zurück bleibt ein fader Geschmack, und zwar weil die bevorzugten Ziele solcher Anschuldigungen und Ausschlüsse chinesische Unternehmen sind, die besser sind als ihre westlichen Konkurrenten. Im Raum steht also eine politische Markteintrittsbarriere, die es so eigentlich nur in nichtliberalen Handelsnationen geben dürfte. Damit, darüber sollten wir uns im Klaren sein, stellen wir unsere Wirtschaftsordnung selbst in Frage. Um „richtig unabhängig“ zu sein, müsste man wie ein Eremit leben, was wohl niemand von uns ernsthaft 7.1 Abhängigkeiten? 133 <?page no="134"?> 120 Wenn von Investitionssummen gesprochen wird, gibt es mitunter unterschiedliche Zahlen: Während einige Quellen ausschließlich die Summe der direkten Zuflüsse erfassen, berücksichtigen andere zusätzlich auch reinvestierte Gewinne. in Betracht ziehen wird. Da die Arbeitsteilung die Mutter des Wohlstandes ist, handelt es sich letztlich immer wieder um ein Abwägungsproblem, wieviel Abhängigkeit mit unserem Sicherheitsbedürfnis zu vereinbaren ist. Tatsächlich sind mir bisher weder ein konzertierter Versuch noch Ansätze einer Strategie bekannt, in Europa eine IT-Industrie zu errichten, die es mit den USA bzw. China aufnehmen kann. Dass die Seltenen Erden, die die deutsche Rüstungsindustrie für ihre Produktion benötigt, zu einem Großteil vom systemischen Rivalen China importiert werden (müssen), sei hier noch am Rande erwähnt. Abbildung 7.1. stellt die größten deutschen Handelspartner vor und nach der Corona-Pandemie dar. Dabei wird nicht nur deutlich, dass wir nicht nur viel mehr aus China importieren als wir exportieren, sondern auch, dass sich diese Bewegung in den vergangenen Jahren verstärkt hat, vgl. auch Abb. 4.9. Man muss den Boden der Realität verlassen (Stichworte hohe Energiepreise und Abwanderung der Industrie in Deutschland), um zu hoffen, dass sich diese Relationen kurzbis mittelfristig wieder „einrenken“. Bezüglich Investitionen ergibt sich ein umgekehrtes Bild: Im Jahr 2022 be‐ trug der Bestand deutscher Direktinvestitionen in China laut Auswärtigem Amt 122,41 Milliarden Euro, während die chinesischen Direktinvestitionen in Deutschland nur ca. 4,77 Mrd. Euro betrugen. [85] 120 Dies liegt übrigens auch daran, dass chinesische Privatpersonen und Unternehmen bei uns oft nicht das kaufen können, was sie interessiert (wie Beteiligungen an Tech‐ nologie- und Transportunternehmen) und dass sie nicht interessiert, was sie von oder bei uns kaufen könnten. Der im Sommer 2025 bekanntgegebene Verkauf der Dachgesellschaft von Media Markt und Saturn, Ceconomy, an das chinesische Internetunternehmen JD.com stellt tatsächlich eine Ausnahme dar. 134 7 Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“? <?page no="135"?> Abb. 7.1: Die größten Handelspartner Deutschlands 2020 und 2023 (Quelle: Statistisches Bundesamt [86]) Wie bzw. ob dieses Handelsbilanzungleichgewicht abgebaut werden kann, ist also eine offene Frage. Langjährige Versuche der USA unter den Präsi‐ denten Trump und Biden waren aus Sicht der USA wenig erfolgreich. China wird weiter nach Deutschland exportieren: Niederwertige Konsumgüter, die z. B. über Shein und Temu verkauft werden, ebenso Technik wie Solarpanels und Elektroautos, die oft sowohl technisch besser als auch 7.1 Abhängigkeiten? 135 <?page no="136"?> 121 Ironischerweise gab es kein liquides Investment weltweit, dass in den vergangenen 20 Jahren mit den Renditen der US-amerikanischen Big Tech, also Microsoft, Google (heute Alphabet), Facebook (heute Meta), Amazon, Apple und später Tesla, Nvidia und Palantir konkurieren konnte. preislich günstiger sind als ihre westlichen Pendants. Zu Seltenen Erden und Arzneimittel(vorprodukte)n wurde das Entsprechende bereits gesagt. 7.2 Die BRICS Im Jahre 2001 kreierte der Goldman-Sachs Ökonom Jim O’Neill den Begriff BRIC, später zu BRICS erweitert. Das Akronym BRICS stellte eine „Invest‐ mentstory“ dar, die unterstellte, dass die großen aufstrebenden Schwellen‐ länder Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika die auch demogra‐ fisch alte Welt langfristig outperformen würden. 121 Dabei gab es bezüglich Investments in Russland zu keinem Zeitpunkt ähnliche Argumente wie für solche in den verbleibenden vier Ländern. Außer der Tatsache, dass es sich um die jeweils größte sich entwickelnde Volkswirtschaft in der jeweiligen Region handelte, hatten und haben Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika bezüglich ihrer wirtschaftlichen Struktur wenig gemeinsam. Im Laufe der letzten Jahre entwickelte sich diese Staatsgemeinschaft aus der amerikanischen Retorte tatsächlich zu einer losen Union, die einen Kontrapunkt zum alten Westen bildet. Es war weniger ein einigendes Band, sondern vielmehr ein Konsens darüber, was man nicht wollte, der die Entwicklung der BRICS politisierte. Anfang 2024 wurden die BRICS um die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Äthiopien, Argentinien, Iran, Ägypten und Saudi-Arabien erweitert, weitere 40 Länder haben offensichtlich bereits angeklopft. Die nun erwei‐ terten BRICS als dezidiert antiwestlich und unter chinesischer Führung zu bezeichnen ist falsch; gerade die Ölexporteure VAE und Saudi-Arabien bemühen sich um gute (nicht nur geschäftliche) Beziehungen zum Westen und nach China. Ebenso ist es falsch, unter den BRICS eine Anti-NATO oder Anti-EU unter der Führung von China zu verstehen. Weder Brasilien noch Indien (nicht erst unter Premierminister Modi) haben sich in der Vergangenheit noch werden sie sich zukünftig ebenso wenig China wie den USA unterordnen. Etwas anders stellt sich dies bei der Shanghaier Organisation für Zusam‐ menarbeit (SCO) dar, zu der seit 2001 die Gründungsmitglieder China, Russ‐ 136 7 Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“? <?page no="137"?> 122 Erinnern Sie sich in diesem Zusammenhang an den in Abschnitt 4.1 gemachten Verweis von Kanzler Merz, Benjamin Netanjahu in Deutschland trotz Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofs nicht festnehmen zu lassen und denken Sie dabei an George Orwells „Alle Tiere sind gleich, aber einige sind gleicher.“ Außerhalb des Westens tut man das offensichtlich. 123 Indien ist trotz mehrerer Versuche immer noch kein Mitglied des Ständigen Sicherheits‐ rates der UNO, während Frankreich und Großbritannien, die über jeweils weniger als 5-% der indischen Bevölkerung verfügen, dies immer noch sind. land, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan gehören, zu denen später Indien, Pakistan und der Iran sowie mehrere Beobachterstaaten dazukamen. Im Zentrum der Aktivitäten der SCO stehen die Bekämpfung von Terrorismus, Separatismus und Extremismus. Es gibt gemeinsame Militärübungen, aber keine Bestandsverpflichtung wie in der NATO. Was die alten und neuen BRICS-Mitglieder eint, ist ihr zunehmender Unwille, nach den Regeln des Westens, die bei uns gern als regelbasierte Ordnung bezeichnet werden, in vom Westen dominierten Organisationen zu spielen. 122 Dieser Prozess ging relativ langsam vonstatten. So wurde die Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) als Gegengewicht zu den ame‐ rikanisch dominierten Institutionen Weltbank und dem Weltwährungsfond im Oktober 2014 formell etabliert, nachdem China viele Jahre erfolglos versucht hatte, dort mehr Einfluss zu gewinnen. 123 Den Ansehensverlust des Westens weitweit beschleunigten gescheiterte „Nation Building“-Versuche im Irak, der Verrat Amerikas an seinem jahr‐ zehntelangen Verbündeten, Ägyptens Präsident Hosni Mubarak, während des Arabischen Frühlings und vor allem das Versagen des Westens in Chinas Nachbarn Afghanistan (zu dessen Ende die Verbündeten vor Ort schmählich im Stich gelassen wurden, was bei uns und in den USA weitgehend verdrängt wurde und vergessen ist, nicht aber im „Rest der Welt“). Hinzu kommen die Abhängigkeit vom US-Dollar (dessen Gebrauch den Verwender wie bereits erwähnt US-amerikanischem Recht unterwirft) und die Einfrierung der russischen Zentralguthaben in den USA und der EU. Die Aufzählung ist nicht vollständig. Es gibt keinen Teil der Erde, dessen relativer Bedeutungsverlust größer ist als der Europas. Unsere Selbstwahrnehmung hat somit viel mit Chiang Kai-sheks Sicht aus Taiwan auf sich und die Welt gemeinsam. Wir sind in Europa, das haben unsere Eliten entweder noch nicht hinreichend verstan‐ den oder sie wissen es geschickt zu verbergen, lange schon nicht mehr im Zentrum der Macht und des Interesses. Das ist aber auch nicht schlimm, 7.2 Die BRICS 137 <?page no="138"?> 124 Ein älterer, inzwischen nicht mehr verwendeter Name ist One Belt, One Road (OBOR). wenn man John Maynard Keynes’ kluge Frage „nach dem guten Leben“ ins Zentrum der Überlegungen stellt. Man sollte es aber verstehen. 7.3 Die Neue Seidenstraße Die historische Seidenstraße war der wichtigste Handelsweg zwischen Europa und China in der Antike und im Mittelalter. Der Begriff Seidenstraße ist relativ jung; er entstand erst im 19. Jahrhundert unter Verweis auf Chinas Luxusprodukt Seide, dessen Produktionsgeheimnis bis ins 6. Jahrhundert bewahrt wurde. Die Seidenstraße war eine Handelsroute vom Mittelmeer‐ raum bis nach Ostasien. Ab dem 15. Jahrhundert verlor die Seidenstraße an Bedeutung, da der Handel nun zunehmend über den Seeweg abgewickelt wurde. Mit Xi Jinpings Machtantritt - China war bereits back on stage - im Jahr 2013 startete China mit der Neuen Seidenstraße, die zumeist als Belt and Road Initiative (BRI) bezeichnet wird, 124 das größte Infrastruktur-Projekt der Zivilisationsgeschichte. Abb. 7.2: Land- und Seestränge der Belt and Road Initiative (Quelle: Deutschlandfunk [87]) 138 7 Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“? <?page no="139"?> 125 Deutschland ist formal nicht Teil der BRI, der deutsche Binnenhafen Duisburg aber technisch Teil der Neuen Seidenstraße. 126 Für 120 Länder, davon 30 in Afrika, aber auch für westlich orientierte Länder, die nicht Teil der BRI sind, ist China der wichtigste Handelspartner (Stand 2024). Südkorea, Japan, Australien und Neuseeland, die nicht Mitglied der BRI sind, versuchen den Spagat, einerseits mit China Handel zu treiben, sich aber von den USA „beschützen“ zu lassen. Dass sich das auf Dauer so durchhalten lässt, halte ich mit Verweis auf den gesunden Menschenverstand für äußerst unwahrscheinlich. 127 Im Jahr 2017 wurde die BRI in das Parteistatut der KPC (das ist die „Verfassung“ der Partei) aufgenommen. Darin steht, dass die KPC die Belt and Road Initiative aktiv vorantreiben wird. In der BRI sind ca. 140 von 193 heute existierenden Staaten organisiert, also die meisten Länder bis auf Indien und den harten Kern des erweiterten Westens 125 sowie einige arme und geografisch schwer zugängliche Länder wie in Zentralafrika und im Südpazifik. Durch die BRI sind ca. 70 % der Weltbevölkerung wirtschaftlich mehr oder weniger eng mit China verbun‐ den. Das ist auch nicht überraschend, ist China doch für sehr viele Länder der wichtigste Handelspartner geworden. 126 Von Bedeutung ist, dass die BRI zwar nicht den in westlichen Medien oft erwähnten Verfassungsrang in China besitzt, sie aber über einen außergewöhnlich hohen politischen Status verfügt, der verfassungsähnliche Bedeutung im politischen Alltag haben kann. 127 Das bedeutet, dass die chinesische Zentralregierung und Chinas Präsident Xi Jinping persönlich ihr Renommée bei der eigenen Bevölkerung direkt mit der BRI verbunden haben. China ist insbesondere auch dort und gerade auf unserem Nachbar‐ kontinent Afrika präsent, wo der Westen nicht hingeht, es geht offenen Konfrontationen mit dem Westen somit weitgehend aus dem Wege. Eines der wenigen Länder, in denen es zu einem Wettbewerb zwischen dem chinesischen und dem westlichen Wirtschaftssystem kommt, ist die ehe‐ malige englische Kolonie Kenia. [88] Im Gegensatz zu den Soft Items wie Frauenförderung, Korruptionsbekämpfung, Gesundheit etc., die der Westen in Entwicklungsländern fördert, fangen die Chinesen wie bereits zu Hause erprobt mit den notwendigen Voraussetzungen von zeitgemäßer Zivilisation an, d. h. mit Wasser, Strom, Straßen und Flughäfen, (s. auch die Ausführun‐ gen zu Menschenrechten in Abschnitt 4.1). Neben den im Westen als Hauptmotivation der BRI ausgemachten Zielen der Versorgung Chinas mit Rohstoffen und der Sicherung von Absatzmärk‐ ten gilt es noch einen weiteren wichtigen Aspekt zu erwähnen, auf den bereits hingewiesen wurde. Die BRI, d. h. der Bau von Straßen, Tunneln, 7.3 Die Neue Seidenstraße 139 <?page no="140"?> 128 Seit 2008 war die Nordostpassage jedes Jahr für einige Wochen zwischen Mitte August und Anfang Oktober eisfrei. - Eisenbahnen, Staudämmen und Flugplätzen im Ausland, erfordert Arbeiter. Sie leistet also einen wichtigen Beitrag, um den „Dampfkessel“ China zu entlasten, indem sie gering qualifizierte Männer aus China temporär abzieht und diesen nach ihrer Rückkehr nach China finanziell erlaubt, eine Familie zu gründen. Die Arktis zieht nicht erst seit Donald Trumps Wiedereinzug ins Weiße Haus im Januar 2025 verstärkt Aufmerksamkeit im Westen auf sich. Trumps kurz vor Weihnachten 2024 geäußerte Überlegungen, Grönland in die USA einzugliedern, sind indessen nicht neu. Die Idee, die Insel zu kaufen, wurde erstmalig im Jahr 2019 kolportiert. Begründet wird das strategische Interesse der USA an Grönland primär mit Sicherheitsinteressen, d. h. mit Blick auf einen aus China und dessen „Juniorpartner“ Russland bestehenden „Gegenblock“. Wichtig in diesem Zusammenhang sind die klimatischen Veränderungen in der Arktis, die es bereits heute im arktischen Sommer ermöglichen, Schiffe von China am Russischen Fernen Osten, Sibirien und dem europäischen Teil Russlands und Norwegen vorbei nach Europa (und Nordamerika) zu schicken. 128 Der traditionelle Seeweg von Shanghai nach Hamburg oder Rotterdam durch den Suezkanal hat eine Länge von ca. 21.000 km, der Weg über die Nordwestpassage beträgt ca. 16.000 km und der über die Nordostpassage nur noch ca. 14.000 km. Die Nordostpassage hat dabei zwei wesentliche Vorteile aus chinesischer Sicht: Sie ist kürzer und billiger zu befahren und sie kann, wie z. B. die Straße von Malakka, durch die ein Großteil der chinesischen Handelsschiffe fährt und durch die die Ölversorgung Chinas läuft, im Ernstfall nicht einfach durch die USA oder amerikanische Alliierte gesperrt werden. Den bisherigen zwei Hauptrouten, der Landroute von China nach Europa über Russland und Zentralasien und der maritimen Route, die vom Chinesi‐ schen Meer über den Indischen Ozean, das Rote Meer, den Suezkanal und das Mittelmeer nach Europa führt, wird nun die Nordostpassage hinzugefügt. Bei der BRI handelt es sich grundsätzlich nicht um einen festen Plan (mit dem sich China in häufiger westlicher Lesart die Welt unterwerfen sucht) sondern vielmehr um eine „Idee“ bzw. einen Leitgedanken, der weiterentwi‐ ckelt wird (das Schlüsselwort dahinter ist Konnektivität). Konkret sind das die Global Development Initiative, die Xi Jinping im Jahr 2021 verkündete und die von der Global Security Initiative (2022) und der Global Civilization 140 7 Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“? <?page no="141"?> 129 In Ostsibirien lebten im Jahr 2024 auf 5,1 Mio. km² weniger als 7 Millionen Menschen, davon etwa die Hälfte in größeren Städten wie Irkutsk, Chaborowsk und Magadan, der Rest verstreut in kleinen Städten und Dörfern. Mit über 6 Mio. km² ist der ebenfalls fast menschenleere Ferne Osten mit der wichtigen Stadt Wladiwostok geografisch/ ad‐ ministrativ nicht Teil von Sibirien. Initiative (2023) flankiert werden. Dabei werden in Verbindung mit dem demografischen Wandel in China und im Rest der Welt wie auch im Klima‐ wandel nicht primär Risiken identifiziert, sondern auch nach Antworten gesucht, davon zu profitieren. China hat mit Russland eine Grenze von ca. 4.200 km Länge. Sibirien ist mit weniger als 40 Millionen Menschen (Stand 2024) auf 13 Mio km² fast menschenleer, dies gilt insbesondere für den östlichen Teil Sibiriens und noch mehr für für den riesigen Fernen Osten Russlands. 129 Abb. 7.3: Die Nordostpassage (Quelle: Wikipedia [89]) Im Sommer 2024 wurden neben dem bereits existierenden Eisbrecher Xue‐ long (wörtlich Eisdrache) drei weitere chinesische Eisbrecher eingesetzt. Neben dem Landkorridor durch Zentralasien und dem Seeweg durch den Indopazifik stellt der Weg durch das Nordpolarmeer nun den dritten Korri‐ 7.3 Die Neue Seidenstraße 141 <?page no="142"?> dor der BRI dar. China ist bereits seit langem in der Arktis aktiv (nur wurde das im Westen offensichtlich nicht hinreichend verfolgt), tatsächlich hat niemand Geringeres als Xi Jinping bereits im Jahr 2014 geäußert, dass China eine polare Macht zu werden gedenke. China hat wie Deutschland im Arktischen Rat (Englisch: Arctic Council) einen Beobachterstatus. Die Erfolge hinsichtlich Präsenz und Investitionen sind in den Anrainerstaaten außer Russland bisher recht gering. [90] Noch unter US-Präsident Joe Biden wurde im Juli 2024 der sogenannte ICE-Pakt zwischen den USA, Kanada und Finnland abgeschlossen, der den USA zukünftig durch Bau und Kauf von Eisbrechern eine verstärkte Präsenz in der Arktis erlaubt. [91] Wichtige praktisch relevante Fragen sind bisher nicht beantwortet wor‐ den. Handelt es sich bei der Nördlichen Seeroute um eine internationale Wasserstraße, die auch anderen Schiffen als russischen und chinesischen offensteht? Wichtig zu verstehen ist, dass China seine ökonomischen Aktivitäten kulturell flankiert. Während Deutschland seit Jahrzehnten systematisch weniger in die Goethe-Institute [92] und den DAAD [93] investiert, tut China genau das Gegenteil. Mehr als 500 Konfuzius-Institute weltweit be‐ reiten Ausländer auf China vor. Unterrichtet wird nicht nur die chinesische Sprache, die Konfuzius-Institute vermitteln ebenso die chinesische Kultur (inklusive Kochen) und das Gesellschaftsverständnis. Die zukünftigen Eliten zahlreicher Entwicklungsländer studieren heute an Universitäten in China und sie werden die Beziehung zu ihrem zeitweiligen Gastland mit nach Hause tragen. Zu den bittersten Erfahrungen meines Beruflebens gehört die Tatsache, dass wir seit etwa 2010 traditionell deutschlandfreundliche Länder wie Äthiopien und die Mongolei an China verloren haben und - siehe die oben genannten aktuellen Budgetkürzungen - noch nicht einmal etwas daraus gelernt haben. Wir haben, in Anlehnung an Pearl Buck (vgl. Kapitel 2), diese Länder nicht verloren. Wir haben uns von ihnen losgesagt. Ein Extrakapitel, das den Rahmen dieses Buches sprengen würde, ver‐ diente Chinas Engagement in Lateinamerika. In Südamerika gibt es aus historischen Gründen kaum Ost-West-Verbindungen und die Anden und die Amazonasregion stellen geografisch schwer überwindbare Hindernisse dar. Von S-o Paulo, der bevölkerungsreichsten Stadt Brasiliens, gibt es bisher nur drei Verbindungen über Fernstraßen, die jeweils etwa 3.500 Kilometer lang sind. Dies ändert sich Mitte der 2020er Jahre - auch hier mit Dank an Donald Trump, dessen Politik dazu beigetragen hat, dass chinesische 142 7 Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“? <?page no="143"?> Projekte in Südamerika leichter Fuß fassen konnten. Chinesische Investoren und Betreiber des Hafens Chancay in Peru wollen sich über die Anden und durch den Regenwald per Schiene, Fluss und Straße mit allen südame‐ rikanischen Staaten verbinden. Dass China Eisenbahnen im Hochgebirge bauen kann, hat es zu Hause bewiesen: Unberührt von der Wahrnehmung zahlreicher westlicher Experten bis Ende des 20. Jahrhunderts, dass der Bau einer Eisenbahn durch Tibet technisch unmöglich sei, wurde diese vom damaligen Staats- und Parteiführer Hu Jintao 2006 offiziell eingeweiht. Seitdem fahren in Lhasa Züge ein und aus. Auch institutionell geht es vorwärts: Im Mai 2025 unterzeichneten China und der 50-Millionen-Men‐ schen-Staat Kolumbien einen Kooperationsplan zur BRI. Dass das auch für Deutschland interessant ist, und dass sich in Lateinamerika Chancen für deutsch-spanisch-(chinesische) und deutsch-portugiesisch-(chinesische) Kooperationen auftun, liegt sehr offensichtlich auf der Hand. Chinas politischer Einfluss in Europa ist insgesamt schwer einzuschät‐ zen. Jenseits von Schlagworten wie „Partner, Wettbewerber und systemi‐ scher Rivale“ gibt es keine einheitliche europäische Chinapolitik. Das ist auch nicht schwer zu verstehen, wenn man die Wirtschaftsbeziehungen Deutschlands zu China, die durch hohe Direktinvestitionen in Chemie-, Automobilindustrie und den Maschinenbau charakterisiert sind, mit den Interessen Frankreichs (Verkauf von in Frankreich hergestellter Kosmetik und Luxusaccessoires sowie Wein, Cognac und Tourismus nach Frankreich) vergleicht. Deutschland hat, um es kurz zu machen, bezüglich China andere Interessen als Frankreich und dies sieht aus italienischer, spanischer, por‐ tugiesischer, griechischer (China ist Großinvestor des wichtigsten Hafens Piräus), ungarischer, usw. Perspektive nicht anders aus. China ist also wie die USA gut beraten, direkt mit den europäischen Staaten zu verhandeln und nur, wenn unbedingt nötig, mit der EU. Die ursprünglich 16 + 1 genannte Initiative, in der kleinere ost- und mitteleuropäische Staaten bilaterale Verträge mit China geschlossen haben, hat mit Estland, Lettland und Litauen bereits drei Mitglieder wieder verloren, allerdings ist deren wirtschaftliche Bedeutung bei insgesamt weniger als 6 Millionen Einwohnern auch recht begrenzt. Schmerzhafter für China war fraglos der Rückzug Italiens Ende 2023. Tatsächlich ist China aber durch seine Exporte überall in Europa mehr oder weniger stark präsent. Die chinesische Regierung hatte es im vergangenen Jahrzehnt geschafft, das Bild vom freundlichen Giganten, welches sie von sich in der Welt vermit‐ teln wollte, substanziell zu beschädigen. So wird informell ohne Umschweife 7.3 Die Neue Seidenstraße 143 <?page no="144"?> 130 Gerade im akademischen Bereich gibt es starke „Herdentriebe“. Wie in Unternehmen und Parteien machen Sie an Universitäten als origineller Denker nicht notwendiger‐ weise Karriere. Es sind schließlich „die Alten“, die den Wert Ihrer Gedanken beurteilen und deren Theorien kritisieren Sie im Allgemeinen besser nicht zu forsch, wollen Sie zum Beispiel Professor werden. Dies korrespondiert übrigens zu den inkrementellen Verbesserungen in der Wirtschaft, die bereits besprochen wurden. bestätigt, dass der Umgang insbesondere mit den geografischen Nachbarn Vietnam, den Philippinen, Japan, Südkorea und auch Indien mitunter nicht nur unsensibel oder ungeschickt war, sondern ohne Not Konflikte oder Ablehnung provoziert hat. Tatsächlich hat die chinesische Führung die „Irri‐ tationen“ in vielen Ländern nach Donald Trumps Zollpolitikankündigungen im Frühjahr 2025 genutzt, sich wieder als dauerhaft verlässlichen Partner ins Gespräch zu bringen. Dies betrifft nicht nur Europa, sondern primär Malaysia, Vietnam und selbst Südkorea und Japan. Auch wenn die eigenen Erfolge in Wissenschaft und Technik selbstredend in den chinesischen Medien dargestellt werden, redet öffentlich niemand mehr laut von der „Strategie 2025“ mit der die USA als weltweiter Techno‐ logieführer im Jahre 2015 offen herausgefordert wurden. Dass beim letzten Seidenstraßengipfel Mitte Oktober 2023 führende Vertreter von ca. 140 Nationalstaaten teilnahmen, spricht für sich. Und dafür, dass die Musik längst woanders spielt, als in einem alternden, zerstrittenen und mit Kriegen an der Peripherie sowie Armutsmigration konfrontierten Europa. Exkurs: Spieltheorie und Politik(wissenschaft) Wenn Sie sich die gegenwärtigen Interessen und Diskussionen an den amerikanischen und vielen europäischen Abteilungen der Politikwis‐ senschaften und der volkswirtschaftlichen Institute anschauen (die alle regelmäßig ihre Existenzberechtigung nachweisen müssen), dann kommen Sie immer wieder zu einem Thema: Der geopolitischen Riva‐ lität zwischen den USA und China und inbesondere der Taiwan-Problematik. Ein Kollege, der im Herbst 2023 und Frühjahr 2024 an einer renommierten Universität an der Westküste der USA forschte, brachte es kurz auf die (Suggestiv-)Frage „Im Geiste schon im Krieg? “ 130 Bezüglich der Politologie wie der Ökonomie und ihrer Teildisziplinen können wir kurz festhalten, dass sich diese wissenschaftlicher Metho‐ den vor allem aus der mathematischen Statistik und der Optimierung 144 7 Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“? <?page no="145"?> bedient, dass ihr „Fundament“ aber sowohl ortsals auch zeitveränder‐ lich ist und dass es sich um Sozialwissenschaften handelt. Experimente können nicht in unverändertem Versuchsaufbau wiederholt werden. Wir können immer noch nicht zweimal im selben Fluss baden. Bedeutende aktuelle Theoriestränge der Politikwissenschaft sind der Behavioralismus, die Neue Politische Ökonomie, die Systemtheorie, Rational Choice bzw. Social Choice Ansätze und die Spieltheorie. Letztere zählt derzeit zu den populärsten Methoden in den Sozialwis‐ senschaften. Die Spieltheorie ist eine mathematische Methode, die rationales Ent‐ scheidungsverhalten in sozialen Konfliktsituationen ableitet, in denen der Erfolg des Einzelnen nicht nur vom eigenen Handeln, sondern auch von den Aktionen anderer Handelnder abhängt. Sie wird auch als Mathematik zur Modellierung von Interessenkonflikten bezeichnet. Spieltheoretische Modelle finden u. a. Anwendungen in der Politik, im Militärwesen, in der Theorie (und Praxis) der öffentlichen Güter und im Kartellrecht. Einige berühmte Spiele sind das Gefangenendilemma mit und ohne Mafia, die Schlacht in der Bismarck-See, der Kampf der Geschlechter und Stein-Schere-Papier. Im Folgenden werde ich Ihnen an einem Spiel, dessen Ausgangsform sich z. B. als HDTV-Rennen zwischen den USA und Japan in Dixit und Nalebuffs Buch „Spieltheorie für Einsteiger“ [94] findet, illustrieren, dass wir uns mit vermeintlich wissenschaftlichen Methoden in der Politikberatung auf sehr wackeligem Grund befinden. Ich nenne das Spiel „Rennen zum Mars“. Die Spieler sind, nicht überraschend, China und die USA. Dieses Beispiel mag Ihnen weit hergeholt erscheinen. Einen für alle sichtbaren Spieler haben wir aber. Tatsächlich machte US-Präsident Donald Trump bereits während der ersten 100 Tage seiner zweiten Amtszeit mehrfach klar, dass er die Stars and Stripes auf dem Mars gehisst sehen wolle. Der chinesischen Denkweise entspräche es aber kaum, sich offen auf ein solches Rennen einzulassen. Der in der Gegenwart neben Konfuzius wirkmächtigste Denker des chinesischen Altertums ist der General und Militärstratege Sunzi, dem die folgende Box gewidmet ist. Exkurs: Spieltheorie und Politik(wissenschaft) 145 <?page no="146"?> Sunzi Sunzi war ein chinesischer General, der von 554 v. Chr. - 496 v. Chr. in der Übergangsperiode zur Zeit der Frühlings- und Herbstannalen (770 v. Chr. - 476 v. Chr.), die der Periode der Streitenden Reiche (Englisch: warring states) voranging, lebte. Anstelle des Königshauses der Zhou, die nominell herrschten, erstarkten Territorialherrscher, insbesondere die sogenannten Fünf Hegemonen. Sunzis Werk „Die Kunst des Krieges“ [95] (auch bekannt unter dem Titel „Sunzi über die Kriegskunst“) gilt als erstes und eines der wichtigsten Bücher der Menschheitsgeschichte zur Militärstrategie. Es wird oft gemeinsam mit Ausführungen seines Nachfolgers Sun Bin „Sun Bin über Kriegskunst“ verlegt. Es gibt in der Tat Theoretiker, die bestreiten, dass Carl von Clausewitz wesentliche von Sunzi unabhängige eigene Gedanken entwickelt hat (was m. E. unfair ist, da von Clausewitz eine andere Analyseebene hat, wenn er davon ausgeht, dass Krieg beginnt, wenn die Diplomatie versagt hat. Die Planung ist bei Sunzi der Beginn des Krieges. Feldzüge sollten möglichst kurz sein: Seine Überlegungen betreffen Strategien für die Phase vor dem eigentlichen Krieg im Sinne von Kämpfen. Neben Konfuzius wirkt Sunzi tief in die Gegenwart: Das betrifft inter‐ nationale Beziehungen ebenso wie das Geschäftsleben. Henry Kissinger eröffnet sein Buch zu China [96] mit auf Sunzi basierenden Reflexionen Mao Zedongs im Grenzkrieg gegen Indien im Jahre 1962 und fragt rhetorisch, wo es so etwas sonst auf der Welt gebe, dass Entscheidungen in der Tagespolitik mit Gedanken alter Gelehrter erläutert würden. Wenn man Kriege als extremste Ausprägungen von Konflikten versteht, leuchtet es ein, dass die hier gefundenen Regeln auch für niederschwel‐ lige Konflikte sinnvoll verwendet werden können. Idealerweise wird ein Krieg ohne Schlachten geführt, um weder Zeit noch Soldaten zu verlieren. Erreicht werden kann dies durch die Anwendung von Listen. Mit ande‐ ren Worten: Der Kampf Mann gegen Mann ist bis auf Ausnahmefälle nur etwas für Idioten, die Ihr eigenes Leben und ihre Gesundheit geringschätzen. „Die Kunst des Krieges“ besteht aus 13 kurzen Kapiteln (im Original sind das etwas weniger als 6.000 chinesische Schriftzeichen). Das Buch eröffnet in Kapitel 1 mit Überlegungen zur Täuschung des Gegners. 146 7 Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“? <?page no="147"?> Sunzi entwickelt allgemeine Prinzipien zum Wissen über sich selbst und Wissen über das Gegenüber: Kennst Du Dein Gegenüber und Dich selbst, gewinnst Du 100 Schlach‐ ten. Kennst Du Dich selbst, aber Dein Gegenüber nicht, droht Dir für jeden Sieg eine Niederlage. Kennst Du weder Dich selbst noch den anderen, droht Dir in jeder Schlacht eine Niederlage. Die fünf Kardinalfehler eines Generals (Entscheiders) sind - Unbekümmertheit. Diese führt zur Vernichtung. - Feigheit. Diese führt zur Gefangennahme. - Empfindliches Ehrgefühl. Führt zu Scham. - Ungezügeltes Temperament. Macht anfällig für Provokationen. - Übergroße Sorge um die eigenen Männer. Lässt den General schlechte Entscheidungen treffen. 1. Das Rennen zum Mars: Ausgangssituation Ausgangspunkt ist die Annahme, dass die beiden Supermächte be‐ mannte Raumflüge zum Mars vorbereiten. Solche Anstrengungen sind teuer und riskant, bringen aber bei einem tatsächlichen Erfolg einen enormen Reputationsgewinn bezüglich technologischer (und militär‐ ischer) Leistungsfähigkeit bzw. Führungsanspruch weltweit mit sich. Gehen wir vereinfacht davon aus, dass sowohl China als auch die USA je ein großes und ein kleines Programm lancieren können, um als erste Nation bemannt den Mars zu erreichen. Ein großes Programm ist teurer, zielt aber auf eine kürzere Zeit bis zur Erreichung des Zieles, als erster auf dem Mars zu erscheinen. Naturgemäß gibt es vier verschiedenen Kombinationen: China Kleines Programm Großes Programm USA Kleines Programm Großes Programm Exkurs: Spieltheorie und Politik(wissenschaft) 147 <?page no="148"?> Nun muss man die Realität zunächst aufbereiten, bis diese einer mathematischen Vorgehensweise zugänglich gemacht werden kann. Im Folgenden müssen wir Annahmen über die Präferenzen, die hier ordinal wiedergegeben werden, machen. Dabei setzen wir voraus, dass sowohl China als auch die USA grundsätzlich weniger Ausgaben gegenüber hohen Ausgaben für das Programm bevorzugen. Dazu nehmen wir an, dass die USA China technologisch leicht überlegen sind. Ferner sei angenommen, dass die US-Regierung größere Probleme im Kongress und gegenüber ihrer Bevölkerung hat, hohe Ausgaben für eine Mars-Mission zu rechtfertigen, als die chinesische Regierung, für die ein Reputationsverlust im Sinne von zweiter Sieger als bedroh‐ licher angenommen wird. Wir ordnen nun die Wünschbarkeit der vier Kombinationen für beide Spieler: 4 entspricht der wünschbarsten, 1 der am wenigsten wünschbaren Kombination. Bei den folgenden Paaren bezeichnet das erste Attribut die Programmwahl der USA und das zweite die Chinas. Für die USA korrespondieren - „4“ zu (klein, klein). Die Ausgaben und die öffentliche Sichtbarkeit des Rennens sind so gering wie möglich und die Chance, das Ren‐ nen zu gewinnen und ggf. öffentlichkeitswirksam zu vermarkten, sind bei dem angenommenen technologischen Vorsprung größer als 50-%. - „3“ zu (groß, klein). Die Ausgaben der USA sind zwar hoch, ein teuer erkaufter „Sieg“ der USA aber hochwahrscheinlich. - „2“ zu (klein, groß). China hat nun eine hohe Chance, das Rennen zu gewinnen, die USA können die Bedeutung des Ausgangs aber ggf. herunterspielen. - „1“ zu (groß, groß): Die USA haben zwar eine Chance, die größer als 50 % ist, das Rennen zu gewinnen. Es besteht aber eine nicht zu vernachlässigende Möglichkeit des Eintretens des worst cases, nämlich das Rennen bei hohen Ausgaben vor den Augen der Welt zu verlieren. Für China stellt sich die Situation annahmegemäß wie folgt dar: - Die mit „4“ wünschbarste Kombination ist es, ein eigenes großes Programm zu starten, während die USA nur ein kleines Programm finanzieren. Die Gewinnwahrscheinlichkeit ist dann deutlich grö‐ 148 7 Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“? <?page no="149"?> ßer als 50 %. Im Falle einer Niederlage kann diese „unter den Tisch gekehrt“ werden. - Die „3“ geht an die Kombination (klein, klein). Die Siegwahrschein‐ lichkeit ist zwar geringer als 50 %, die eigene sowie die Weltöffent‐ lichkeit über das Rennen aber nicht wirklich im Bilde. - Die „2“ geht an (groß, klein). Damit ist der öffentlichkeitswirksame Sieg der USA hochwahrscheinlich; man könnte sich bei ungünsti‐ gem Ausgang aber als nicht hinreichend am Gewinnen interessiert darstellen. - Die schlechteste Kombination für China stellt (groß, groß) dar. Bei hohen Ausgaben riskiert die Regierung, vor der Weltöffentlichkeit und dem eigenen Volk gegen die USA bloßgestellt zu werden. Die ausgefüllte Lösungsmatrix sieht nun wie folgt aus, wobei die erste Ziffer die Präferenz der USA darstellt und die zweite die Präferenz Chinas: China Kleines Programm Großes Programm USA Kleines Programm (4,3) (2,4) Großes Programm (3,2) (1,1) Wir nehmen bei gegebenem Input die Perspektiven beider Länder ein: Wenn China ein kleines Programm startet, sollten die USA ein kleines Programm starten (4>3). Wenn China ein großes Programm startet, sollten die USA auch ein kleines Programm starten (2>1). Ein kleines Programm ist somit die dominante Strategie der USA. Wenn die USA ein kleines Programm wählen, sollte China ein großes Programm starten (4>3). Wenn die USA ein großes Programm starten, sollte China ein kleines Programm starten (2 >1). China hat zwar keine dominante Strategie, weiß aber, dass die USA mit einem kleinen Programm eine dominante Strategie hat. China beginnt ergo ein großes Programm und (klein, groß) ist die Lösung des Spiels. Exkurs: Spieltheorie und Politik(wissenschaft) 149 <?page no="150"?> 2. Vom simultanen zum sequentiellen Spiel Die Logik des soeben präsentierten Spiels führt nun dazu, dass die USA nur die drittbeste (oder zweitschlechteste) aller vier möglichen Lösungen erzielen. Die Frage ist, wie sie ihre Situation verbessern kön‐ nen. Dazu müssen wir uns erinnern, dass die bisherigen Betrachtungen simultaner Natur waren. Gehen wir nun davon aus, dass die USA den ersten Zug ziehen, das heißt, sie informieren die Öfentlichkeit, ob sie ein großes oder ein kleines Programm starten. China folgt dann in Abhängigkeit von der US-Vorgabe. Wenn die USA mit einem kleinen Programm eröffnen, befinden wir uns wieder in der bereits bekannten Situation: China wird mit einem großen Programm antworten. Wenn die USA aber mit einem großen Programm eröffnen, wird China mit einem kleinen Programm antworten (2>1). In diesem Fall haben die USA ihre Situation durch das Gehen eines ersten Schrittes (Ankündigung eines großen Programms) verbessert. Der Punkt ist, dass China den USA glauben muss, dass sie ihrer Ankündigung, ein großes Programm zu lancieren, tatsächlich Taten folgen lassen! Damit sind wir - leider? - aber noch nicht fertig. Natürlich weiß China, dass die USA einen ersten Schritt ziehen könnte, womit sich Chinas Situation verschlechtern würde. Somit kann China sich auch dafür entscheiden, den ersten Schritt zu gehen: Wenn China nun ein großes Programm ankündigt, werden die USA rational mit klein antworten. 3. Falsche Präferenzen Wenn Sie mit den bisher vorgenommenen ordinalen Zuordnungen nicht immer einverstanden waren, befinden Sie sich auf einem guten Weg! Obwohl durchaus logisch sind diese nämlich keinesfalls so zwin‐ gend, wie sie bisher dargestellt wurden. Nehmen wir jetzt an, dass die USA eine falsche Vorstellung von den Präferenzen der chinesischen Regierung haben. Der chinesischen Regierung sind die Ausgaben weniger egal und/ oder ist sie von der Sinnhaftigkeit des Rennens weniger überzeugt als bisher unterstellt. Die amerikanischen Präferenzen bleiben unverändert, es ändern sich aber die Präferenzen der Chinesen. 150 7 Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“? <?page no="151"?> - Die mit „4“ wünschbarste Kombination für China ist es, ein eigenes kleines Programm zu starten, während die USA nur ein kleines Programm finanzieren. Die Gewinnwahrscheinlichkeit ist zwar kleiner als 50 %, aber real existent. Im Falle einer Niederlage bekommt diese kaum jemand mit. - Die „3“ geht an die Kombination (groß, klein). Die Siegwahrschein‐ lichkeit ist zwar sehr gering, die Bedeutung bzw. Existenz eines Rennens kann aber geleugnet werden. - „Die „2“ geht an (klein, groß). Hier ist der Sieg Chinas wahrschein‐ licher als 50 %, aber auf Grund des Gesagten teuer erkauft bzw. weniger gut ausschlachtbar. - Die schlechteste Kombination für China stellt unverändert (groß, groß) dar. Bei hohen Ausgaben riskiert die Regierung, das Rennen gegen die USA vor der Weltöffentlichkeit und dem eigenen Volk zu verlieren. Die Lösungsmatrix sieht nun wie folgt aus: China Kleines Programm Großes Programm USA Kleines Programm (4,4) (2,2) Großes Programm (3,3) (1,1) Es folgt, dass (klein, klein) Gleichgewicht des Spieles wird. Oder gewesen wäre! Die Amerikaner hätten nach Auswertung des ersten Szenarios ein großes Programm ankündigen können. Damit wäre mit 3<4 ihr Nutzen aber schlechter als im hiesigen Spiel! Ferner können wir auch annehmen, dass die US-Regierung bzw. die gewählten Repräsentanten ihr Volk nicht richtig einschätzen, d. h. dass die Annahmen bezüglich der eigenen Präferenzen falsch sind. So könnte es der Bevölkerung der USA unter Umständen vermittelbar sein, China weltöffentlich „in die Schranken zu weisen“, d. h. dass die USA - wie bereits einmal gesehen - sich dafür entscheiden, ein großes Programm zu starten …. Dann könnten wir nach dem bisher Gesehenen zwei weitere Matrizen aufstellen; einmal unter der Annahme, dass die Chinesen leicht viel Geld mobilisieren können und dann unter der Exkurs: Spieltheorie und Politik(wissenschaft) 151 <?page no="152"?> 131 Abwegig ist das keinesfalls, vgl. Abschnitt 4.2. modifizierten Annahme, dass sie dies nicht können. Ihnen fallen sicher noch weitere Modifikationen ein: z. B. dass China technologisch und organisatorisch gleichwertig oder in unserem Beispielfall gar besser als die USA aufgestellt ist. 131 Aber was ist nun richtig? Das ist überhaupt nicht klar! Solange wir nicht in den Kopf unseres Gegenübers schauen können bzw. dessen Entscheidungskalkül verstehen, haben wir nicht viel erreicht. Und das vor allem deshalb, weil davon auszugehen ist, dass unser Gegenüber die Methode, die wir verwenden, auch kennt. Erinnern Sie sich nun an die vor wenigen Seiten gemachte Aussage, dass ein möglicher Angriff Chinas auf Taiwan wohl nur von einem einzigen Menschen entschieden würde. Oder vielleicht doch nicht…? Generell stehe ich der Anwendung wissenschaftlicher Methoden in der Politik sehr skeptisch gegenüber. Es geht auch hier viel mehr um Wis‐ sen als um Wissenschaft (deren Erkenntnisse und abgeleitete Empfeh‐ lungen oft als alternativlos erscheinen oder dargestellt werden). Dies alles bedeutet nicht, dass die Spieltheorie in der politischen Analyse nutzlos ist. Sie ist eine brauchbare Methode, um sich die Komplexität einer Situation und mögliche Szenarien einer weiteren Entwicklung klarzumachen. Eine „Wunderwaffe“ bei der Entscheidungsfindung ist sie bzw. kann sie, da sie geistiges Gemeingut darstellt, nicht sein. Wir müssen weiter, nach Kant, den Mut haben, uns unseres eigenen Ver‐ standes zu bedienen und für unsere Entscheidungen die Verantwortung zu übernehmen. 152 7 Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“? <?page no="153"?> 8 Brücken und Ausblick Im Amerikanischen gibt es den schönen Spruch „We agree to disagree.“ Das ist viel mehr, als Sie vielleicht denken! Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt sagte als alter Mann mehrfach, dass er die Demokratie in Deutschland im Zweifel mit seinem Krückstock verteidigen würde, er hielt aber wenig von „Demokratieexport“. In unserem Kontext übersetzt bedeutet dies, gegensätzliche Positionen (auch wenn wir diese nicht gutheißen) oder auch Gesellschaftsmodelle zu tolerieren. Dies ist insbesondere dann ein vernünftiger Ansatz, wenn alle Beteiligten erkennen, dass die Alternative (vermeidbare) harte Konflikte sind. Liberal zu sein bedeutet in seiner verkürztesten Form, dass ein jeder so leben möge wie er will, vorausgesetzt, er stört andere nicht wesentlich dabei, ihr Leben zu führen. In diesem Sinne sind wir in der Gegenwart m. E. in Deutschland weder nach innen noch nach außen besonders liberal. Im internationalen Kontext müssen wir in Rechnung stellen, dass in den USA, China (auch in Russland, Brasilien und Indien) alles Politische Innenpolitik ist (und in Luxemburg demzufolge fast alles Außenpolitik). Im Unterschied zum Privatleben, oder mit Abstrichen, Unternehmen, können sich Spitzenpolitiker ihre Gegenüber aber nicht aussuchen. Sie können also nicht weglaufen, der andere (z. B. der russische Präsident Wladimir Putin) ist immer noch da. Damit kommen aus Eigeninteresse zwei Dinge ins Spiel bzw. diese werden wichtig: Wissen und Interesse am jeweiligen Gegenüber, das heißt zu verstehen, dass unser Gegenüber auch seine Probleme hat, und dazu die Erkenntnis, dass wir grundsätzlich alle den gleichen globalen Herausforderungen gegenüberstehen. Diese sind Umweltverwüstung in Zusammenhang mit dem Klimawandel, ein grundsätzlich gleichlaufender demografischer Wandel hin zu alternden und schrumpfenden Gesellschaf‐ ten und, Stichworte Künstliche Intelligenz, Bio- und Nukleartechnologie, ein technologischer Wandel, der zur Abschaffung des Menschen als Endpunkt des Fortschrittsgedankens führen kann. <?page no="154"?> 132 Selbiges hatte meines Wissens niemand vor 2017 von Peking, als die Hauptstadt zur kohlefreien Zone erklärt wurde, behauptet, dessen Luft sich in den vergangenen Jahren soweit verbessert hat, dass man tatsächlich einen Sternenhimmel sehen kann. Dass die Luft in Peking über Jahrzehnte so schlecht war, ist insofern interessant, als sie auch für die nationale Führung Chinas lebensverkürzend war. Diesbezüglich waren und sind alle Menschen in Peking gleich. 133 Das habe ich keiner Statistik entnommen; ich habe mich zu verschiedenen Zeiten an verschiedene Straßen gestellt und gezählt. Elektroautos haben in China ein grünes Nummernschild; sie sind also von Autos mit Verbrennermotoren sofort zu unterschei‐ den. 8.1 Umwelt- und Klimapolitik Die chinesische Regierung (der Terminus ist nicht ganz richtig, da es verschiedene Ebenen, insbesondere die Zentralregierung, die Provinzregie‐ rungen, gefolgt von den Bezirks-, Kreisebenen usw. gibt) unternimmt seit mindestens zwei Jahrzehnten beachtliche Anstrengungen im Umweltschutz. Bereits ab Anfang der 2000er Jahre wurde die Schwerindustrie inklusive alter Lkws und Busse aus Shanghai verbannt, dessen Luft ich für eine Großstadt dieser Größenordnung immer als recht passabel eingeschätzt habe. 132 Der Schwefeldioxid-Ausstoß ist in China seit dem Jahr 2010 um drei Viertel gesunken und dass dies offensichtlich den „Nebeneffekt“ hat, dass sich die Erwärmung über China und dem Nordpazifik beschleunigt, spielt, da sich das Leben Hunderter Millionen Menschen durch die sauberere Luft wesentlich verbessert hat, keine Rolle für die chinesische Politik. Die Lkw- und Busdreckschleudern, die Industrie und der Bergbau wurden zunächst in ärmere Teile des Landes weitergereicht und von dort teilweise in dünnbesiedelte Nachbarländer an der Peripherie (z. B. wird im großen Stil Kohle und Kupfer aus der Mongolei importiert). Insgesamt hat der Umweltschutz, weil er direkt lebensverlängernd ist! , in China hohe Priorität. Die Hauptursache für diese Aufwendungen liegt auch hier im Bedürfnis nach sozialer Stabilität. Es kam und kommt hunderte Male im Jahr vor, dass Menschengruppen aufgrund von wahren oder auch gestreuten Gerüchten über Luft- und Wasserverschmutzung oder illegale Entsorgung von Giftmüll vor oder auch in den Rathäusern randalieren. Während der Coronakrise hat die Elektromobilität in China einen unge‐ heuren Aufschwung genommen. In den Stadtzentren von Shanghai, Peking, Xian, Guangzhou und Shenzhen war bereits im Frühjahr 2024 etwa jedes zweite Auto ein E-Auto und fast alle Busse fuhren mit Elektroantrieb. In den Außenbezirken war es geschätzt bereits jedes zehnte Auto. 133 Erreicht 154 8 Brücken und Ausblick <?page no="155"?> 134 Wenn Sie in China ein Auto gekauft haben, können Sie damit, wie überall, erst fahren, wenn Sie eine Zulassung bzw. ein Nummernschild besitzen. In Shanghai kostete ein Nummernschild für Benziner oder Diesel-Pkws im Mai 2024 93.029 Yuan (umgerechnet ca. 12.000 Euro) für Privatpersonen und 140.367 Yuan (etwa 18.000 Euro) für Unternehmen. Privatpersonen, die ein E-Auto kauften, bekamen das Nummerschild kostenfrei, wenn es sich um ihr einziges Auto handelte. 135 In Deutschland wird der Verbrauch von elektrischem Strom mit 2,05 Cents pro Kilowattstunde (Stand 2025) besteuert. 136 Im Frühsommer 2025 gab es in Berlin Diskussionen, ob große Teile des Grunewaldes für die Energiewende, konkret für die Errichtung von Windrädern, gerodet werden sollen, da Berlin (wie die beiden anderen Stadtstaaten Hamburg und Bremen) laut Windenergieflächenbedarfsgesetz verpflichtet ist, bis 2032 0,5% seiner Landesfläche für die Errichtung von Windrädern zur Verfügung zu stellen: Die Flächenländer müssen laut diesem Gesetz bis 2032 2,2% ihrer Fläche für Windräder bereitstellen. wurde dies durch eine bevorzugte Zuteilung eines Nummernschildes 134 und eine hohe Subventionierung von elektrischem Strom, mit dem die Batterien im eigenen Haus über Nacht aufgeladen werden. Im Herbst 2023 kostete der Strom für 100 km mit einem Mittelklassewagen (in diesem Falle ein Tesla 3) in Shanghai umgerechnet ziemlich genau einen Euro und war damit deutlich billiger als die bereits günstigen Metrofahrkarten. 135 Hier handelt es sich primär um Umwelt- und nicht um Klimaschutz (dass das nicht das gleiche ist, beginnen wir in Deutschland langsam zu begreifen). Klimavs. Umweltschutz Klimaschutz zielt vor allem auf die Reduktion von Treibhausgasen ab, während Umweltschutz einen breiteren Fokus auf Natur, Biodiversität, Wasser, Boden und Luft hat. Idealerweise ergänzen sich beide, aber in der Praxis braucht es oft Abwägungen - und sorgfältige Planung, um Zielkonflikte zu minimieren. Dies sei an einigen allgemeinen Beispielen erläutert: 1. Windkraftanlagen in Naturschutzgebieten: Windenergie reduziert CO₂-Emissionen und hilft beim Ausstieg aus fossilen Energien. Der Bau von Windrädern kann Lebensräume von Tieren (z. B. von Vögeln und Fledermäusen) beeinträchtigen, vor allem in ökologisch sensiblen Gebieten. Konflikte bestehen zwischen Artenschutz, Er‐ holung der Menschen und klimafreundlicher Energie. 136 2. Aufforstung mit Monokulturen: Wälder binden CO₂, daher werden großflächig neue Wälder gepflanzt. Monokulturen wie Eukalyptus 8.1 Umwelt- und Klimapolitik 155 <?page no="156"?> oder Fichten erhöhen aber (wie in Deutschland im Harz, im Thürin‐ ger Wald und auch im Hochschwarzwald zu sehen) das Risiko von Schädlingen, senken die Biodiversität und verändern Wasserhaus‐ halte. Der Hauptkonflikt ist der zwischen Kohlenstoffbindung und Ökosystemgesundheit. 3. Elektroautos stoßen im Betrieb weniger CO₂ aus als Kraftwagen mit Verbrennermotor. Der Abbau von Lithium, Kobalt und Nickel (für Batterien) verursacht aber teils schwere Umweltschäden durch Wasserverbrauch, Bodenerosion und Schadstoffe. Der Kernkonflikt ist der zwischen der Reduzierung von Emissionen und dem Schutz von Ökosystemen. 4. Biokraftstoffe gelten als CO₂-neutral, weil das bei der Verbrennung freigesetzte CO₂ zuvor durch Pflanzen gebunden wurde. Der Anbau von Energiepflanzen führt häufig zu Monokulturen, Pestizideinsatz und Flächenkonkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Der Kon‐ flikt besteht zwischen CO₂-Einsparung und Boden- und Gewässer‐ schutz. Zudem stehen die betreffenden Flächen nicht mehr für die Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung. Der übergeordnete Konflikt, in den wir in Deutschland und Europa in den vergangenen zwei Jahrzehnten „hineingeschlittert“ sind, ist der zwischen Klimaschutz und der Erhaltung der wirtschaftlichen und speziell der industriellen Basis der Volkswirtschaften. In China ist man insgesamt pragmatisch: Wenn die Luftqualität in den Städten im Vordergrund steht, ist es a priori kein Widerspruch, wenn der Strom in „schmutzigen“ Kohlekraftwerken entsteht. Meiner Kenntnis nach ist es nicht beabsichtigt, fossile Energieträger vollständig durch regenerative Energien zu ersetzen, sondern 20 - 30 % der Energie soll - Stichwort: Versorgungssicherheit - langfristig aus fossilen Quellen gewonnen werden. Eine Ausnahme, die mittelfristig sowohl klimastabilisierend als auch um‐ weltschützend ist, besteht in Aufforstungen, die in großen Teilen Chinas verfolgt werden. Ob das für die Klima oder die Umwelt geschieht, ist auch egal, weil es gut ist. China ist heute neben den USA der größte „Klimasünder“, zugleich aber Vorreiter einer Energiewende, für die es einen langfristigen Plan gibt. 156 8 Brücken und Ausblick <?page no="157"?> 137 Zu Klimaschutz in China gibt es eine sehr umfangreiche Literatur und Forschung, die Sie z.-B. über scholar.google.com oder chatgpt.com recherchieren können. Im Jahr 2023 wurde in China laut Internationaler Energieagentur etwa fünfmal so viel Kohlendioxid wie in der Europäischen Union ausgestoßen und zugleich wurden mehr Photovoltaikanlagen in Betrieb genommen als im Rest der Welt. Bezüglich Klimaschutz zeigt sich die Zentralregierung grundsätzlich interessiert und willig, Vorrang hat aber auch hier die soziale Stabilität. Lax ausgedrückt: Soziale Unruhen könnten China bereits morgen erschüttern, während der Klimatod erst später droht. 137 Teile der europä‐ ischen Eliten bewegen sich seit einigen Jahren auch auf pragmatischeren Wegen: In Europa war es das dysfunktionale Militär in Verbindung mit einer Wahrnehmung Russlands als potenziellem Aggressor, das dazu geführt hat, dass Klimaziele inzwischen hinterfragt bzw. weniger konsequent verfolgt werden. Auch wenn massiv in Wind und Solarenergie investiert wurde und wird, ist die Kohle immer noch eine wichtige Energiequelle und sie wird dies auch noch lange bleiben. Bis 2030 wird sich die Anzahl der Kohlekraftwerke in China planmäßig (die Pläne liegen öffentlich aus bzw. sie sind einsehbar und sollten wörtlich genommen werden) noch erhöhen. Wenn über Klima und CO₂-Bilanzen geredet wird, sollten wir nicht vergessen, dass unsere Bilanzen entlastet werden, weil ein Großteil der Konsumgüter, die wir erwerben, in China hergestellt wird und damit der chinesischen Klimabilanz zugerechnet wird (der technische Terminus dafür lautet carbon leakage). Die derzeit praktizierte nationale Klimabuchführung ist also grob irreführend. Ein ungelöstes Problem, bei dem wir - durchaus im Eigeninteresse - mitwirken könnten, ist das Angehen des „Verpackungswahnsinns“ in China, hinter dem eine Verschwendung von Ressourcen jenseits unserer Vorstellungskraft steht. Dies besagt kurz, dass Unternehmen gerade in Zeiten einer Wirtschaftskrise versuchen, die Konsumenten durch immer schönere und mehr Verpackungen zu locken. Bei Süßigkeiten und Tee ist man oft erst nach Öffnen der vierten Ebene am Produkt. Dabei muss, und das sollten alle Konsumenten und Hersteller eigentlich wissen, die Verpackung schlussendlich vom Käufer mitbezahlt werden und sie reduziert gleichzeitig 8.1 Umwelt- und Klimapolitik 157 <?page no="158"?> 138 Ein Bewustseinswandel hin zu ökologisch vernünftigen Verhalten hat sich selbst in den von mir geschätzten gebildeten Kreisen Pekings und Shanghais noch nicht angedeutet. Man freut sich unverändert über die schönen Verpackungen. 139 Letztlich bleibt es natürlich nicht bei der Frage, Sie müssen im „Ernstfall“ auch liefern können, vgl. Abschnitt 2.3. mögliche Gewinne der Hersteller. Diese befinden sich, in Anlehnung an das bekannteste Spiel der Spieltheorie, in einem „Gefangendilemma“. 138 Ein weiteres ungelöstes Problem stellt die Sanierung von Flussgebie‐ ten und hier insbesondere das Gift im und am Gelben Fluss (chinesisch: huanghe) dar. Hier hat man in Deutschland Erfahrungen, die nutzbar wären: In Rhein, Neckar und Elbe wird heute wieder geangelt und gebadet, und das, obwohl sie in den 1970er Jahren tote Flüsse waren. Ebenso gibt es in Deutschland - erinnern Sie sich an die Fahrradfriedhöfe aus Abschnitt 4.2 - Erfahrungen im Bereich Recycling, die in China nutzbar gemacht werden könnten. 8.2 Miteinander leben und lernen Dass wir Menschen konditioniert sind, primär Unterschiede zu erkennen und zu benennen, ist so normal wie vernünftig. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, stets das Gemeinsame zu suchen und zu erkennen. Ian Morris, der uns im Verlauf dieser Monografie bereits begegnet ist, behauptet, und hier folge ich ihm, dass sich große Menschenmassen überall sehr ähnlich sind. Das ist etwas durchaus anderes als Hararis Vorstellung von der „Vereinigung der Menschheit“, die er in seinem Buch „Sapiens. Eine kurze Geschichte der Menschheit“ entwickelt. Essen, Gesundheit und Immobilien sind als Gesprächseintritt nicht hoff‐ nungslos aber die einfachste und zugleich effektivste Art, mit chinesischen Kollegen ins Gespräch zu kommen, sind die Kinder. Wenn also nach einer gewissen Zeit eine gegenseitige Wertschätzung entstanden ist (die immer auf fachlichen Kenntnissen und Fähigkeiten beruht) kann der Sprung zu persönlichen Freundschaften durchaus gelingen. In meinem Falle war es die frühe Frage an zwei Kollegen, was wir gemeinsam für die Zukunft unserer Kinder tun könnten. 139 Im Privaten geht es Chinesen wie uns: Man versucht, jeden Tag aufs Neue, durchs Leben zu kommen. Uneinigkeit oder Streit in der Familie, vor allem über Geld und die Erziehung der Kinder, gibt es in China wie bei uns und sind eher die Regel und nicht die Ausnahme. 158 8 Brücken und Ausblick <?page no="159"?> Dass es mitunter fundamental unterschiedliche Vorstellungen von der Familie gibt, werden fast alle Beteiligten an binationalen Ehen bestätigen können. Im Folgenden lesen Sie den Erfahrungsbericht einer in Deutschland lebenden Chinesin, die, obwohl sie zu einer nationalen Minderheit gehört, ganz klassisch chinesisch argumentiert. Sie werden, wie zu Beginn dieses Textes bereits angedeutet, feststellen, dass hinter ihren Ausführungen eine Sicht auf das Leben steht, die sich in Teilen von der westlichen unterscheidet. Dies betrifft Inhalt und Form. Eine kleine Brücke zwischen den Kulturen: Meine chine‐ sisch-deutsche Ehe (von H. H.) Die Großmutter trug eine elegante kurze Frisur in goldenem Blondton - einer Farbe, die nicht grell war, sondern sehr gut zu ihrer Hautfarbe passte. Sie trug einen beigen Rollkragenpullover und eine Perlenkette in harmonischen Farbtönen. Jedes Mal, wenn ich sie sah, wirkte sie so harmonisch und warmherzig. Dass ihr Rücken leicht gebeugt war, tat ihrer eleganten Ausstrahlung keinen Abbruch. Bei unserem Treffen zeigte sie mir das Buch, das sie gerade las: „Die drei Schwestern“ von Jung Chang. Ich war tief gerührt. Meine Gefühle für sie wandelten sich von Fremde und Bewunderung hin zu Respekt, Wärme, Zuneigung und Vertrautheit. Sie ist eine Frau, die viel erlebt hat an Geschichte und Ge‐ schichten. Sie liest gern und reist gern, wie das chinesische Sprichwort sagt: „Lies zehntausend Bücher, wandere zehntausend Meilen“, daher besitzt sie ihre Weisheit und Gelassenheit. Sie ist die Großmutter meines Mannes und lebt mit ihrem Ehemann in Nürnberg. Ich bewundere diese älteren Menschen sehr, sie sind sehr selbstständig und haben ihr Leben gut organisiert, ich spüre aber auch die Einsamkeit und manchmal sogar die Schwierigkeiten älterer Menschen in Deutschland, die es schwer haben, familiäre Freude und Wärme von Kindern und Enkelkindern zu genießen. Für mich, die ich als Zugewanderte aus China in Deutschland lebe, heißt das, dass ich darüber nachdenken muss, wie ich mein derzeitiges Leben besser gestalten könnte, und wie ich wohl im Alter werde leben können. Geboren in einer kleinen, damals schwach entwickelten Stadt im Nord‐ westen Chinas, in der Wüste Gobi, wollte ich schon als Kind weg von zu Hause und hin in die Zentren kultureller und wirtschaftlicher Entwicklung. Dazu gab es für uns Kinder aus normalen Familien nur 8.2 Miteinander leben und lernen 159 <?page no="160"?> einen Weg: für eine gute Bildung hart zu arbeiten und mit dieser guten Bildung dann die Heimatstadt zu verlassen. Shanghai, mein Studienort, zeigte mir, wie anders eine Stadt sein kann. Nach Bachelor und Master hatte ich durch glückliche Umstände die Gelegenheit, in Deutschland zu promovieren und zu erleben, wie komplett anders ein Land sein kann. Während der Promotion lernte ich meinen Mann kennen. Er fing damals von sich aus an, bei mir Chinesisch zu lernen, wir haben uns gut verstanden und ein Jahr später wurden wir ein Paar. Nach der Promotion kehrte ich wegen des Widerstands meiner Eltern gegen diese Beziehung nach China zurück. Ich wurde Dozentin an einer Fachhochschule mit fester Anstellung. Die Entfernung änderte aber nichts an der Beziehung zu meinem Freund. Unser Durchhalte‐ vermögen überzeugte meine Eltern und sie stimmten einer Heirat zu. Wir heirateten in Hongkong, feierten in Shenzhen und meine Eltern richteten für uns in Ningxia eine Hochzeit aus, gemischt muslimisch und ganz traditionell chinesisch, mit ungefähr 400 Gästen. Nach der Hochzeit blieb ich zunächst in China. Ein Jahr später, vor 12 Jahren, kam ich hochschwanger nach Deutschland, und mein Eheleben mit einem deutschen Mann und - nach und nach - unseren drei Kindern begann. Drei Monate nach dem Zusammenziehen kam unser erstes Kind, drei Jahre später das zweite, knapp fünf Jahre später das dritte. Mittlerweile geht auch der jüngste Sohn in die Schule. Nun schaue ich schon auf eine mehr als zehnjährige chinesisch-deutsche Ehe zurück, wir haben viel erlebt, Schwierigkeiten ebenso wie glückliche Momente. Eine Ehe ist eine sehr individuelle Angelegenheit, bei einer internati‐ onalen, einer interkulturellen Verbindung gibt es aber viel mehr zu berücksichtigen. Lassen Sie mich meine Erfahrungen zusammenfassen: Sprache ist Kommunikation, tief geprägt von der Kultur und Fundament des Denkens, eine Herausforderung für mehrsprachige Familien. Es hat uns sehr geholfen, dass jeder sich bemüht, die Sprache des anderen so gut wie möglich zu lernen und zu verstehen. Deutsch wurde zur Umgangssprache in unserer Familie. Mein deutscher Mann und ich, er und die Kinder, die Kinder untereinander: alle sprechen Deutsch. Ich spreche mit den Kindern nur Chinesisch, denn dass sie Chinesisch lernen, finden wir Eltern notwendig. Täglich üben wir mit den Kindern etwas Chinesisch, von einzelnen Schriftzeichen über verschiedene Ge‐ 160 8 Brücken und Ausblick <?page no="161"?> 140 Anmerkung von Dirk Linowski: Frau H. war zu diesem Zeitpunkt und während ihrer „Überbrückungstätigkeiten“ bereits von einer deutschen Universität promovierte Betriebswirtin. dichte und Geschichten bis zu den Gesprächen des Konfuzius. Das erfordert enorm viel Zeit, Energie und Überzeugung. Wir wünschen uns, dass die Kinder von beiden Sprachen und Kulturen profitieren können. Über die Sprache hinaus ist es sehr wichtig, Kultur und Lebensstil des anderen, das damit verbundenen Denken und Fühlen zu verstehen. Ich musste lernen, Brot und Käse zu essen und mich in neue Lebensgewohn‐ heiten einzufügen. Gleichzeitig lernen mein Mann und seine Familie nun schon seit mehr als zehn Jahren auch langsam meine Lebensgewohn‐ heiten kennen. In einem ähnlichen Kulturkreis erscheint die innere Logik nicht so wichtig, aber in einer neuen Familie sollte man bewusst und offen damit umgehen, sie akzeptieren und verstehen. Klischees und Vorurteile anderen Kulturen gegenüber sind immer vorhanden. Wenn sie innerhalb der Familie Bedeutung gewinnen, führen sie leicht zu Verwirrung im familiären Umgang. Es ist entscheidend für die persönliche und familiäre Entwicklung, wirtschaftlich unabhängig zu sein. In den ersten Jahren in Deutschland war mein Mann noch Student und ich bezog Hartz IV. Nach der Geburt unserer drei Kinder bestand die größte Herausforderung für mich darin, wirklich auf eigenen Füßen zu stehen. Zwischendurch hatte ich verschiedene Jobs - Chinesischlehrerin, Übersetzerin, Verwaltung und Putzen bei einer kleinen Akademie, Dozentin, bis ich später wieder ein Jahr lang als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer Universität arbeitete. 140 Seit vier Jahren bin ich als SAP-Beraterin angestellt und mein Mann arbeitet nun als Assistenzarzt und seine Facharztausbildung geht bald zu Ende. Ein geregeltes Einkommen durch Arbeit und Kinder, dieses Spannungsfeld zeigte sich mir in vollem Umfang. Besonders belastend war, dass familiäre Unterstützung in der Nähe unmöglich war. Meine Eltern wären sehr gerne behilflich gewesen, bekamen aber jeweils nur für drei Monate ein Visum, wofür wir jedes Mal 5.000 Euro auf der Bank sperren lassen und eine Verpflichtungserklärung abgeben mussten. Selbst in den letzten drei Jahren konnten wir mit unseren Gehaltsbescheinigungen immer noch keine richtige Verpflichtungser‐ klärung für ein Mehrjahresvisum für sie ausstellen. 8.2 Miteinander leben und lernen 161 <?page no="162"?> „Ein Paar, bei dem die Haustüren der Partner zueinander passen“ - im chinesischen Kontext gibt es diese Redewendung mit gewissen Anforderungen an den Familienhintergrund, die wirtschaftlichen Ver‐ hältnisse und das Bildungsniveau. Diesbezüglich sind mein Mann und ich weitgehend ungleich. Ich bin 11 Jahre älter als er. Was die finanzielle Situation angeht, hatte er von klein auf keine Sorgen, sein Vater ist Arzt. Meine Eltern hatten sehr einfache Berufe. Aber: beide Familien haben einen religiösen Hintergrund. Das war der wichtigste gemein‐ same Punkt, der zwei grundverschiedene Welten zusammenbrachte. Man muss auf unterschiedlichen Grundlagen Gemeinsamkeiten finden, einander respektieren und voneinander lernen! Kommunikation und Respekt für die Bedürfnisse des anderen - das ist sicher die größte Herausforderung. Zu den deutschen Feiertagen wur‐ den wir beispielsweise früher öfter von der Großfamilie meines Mannes eingeplant. Es war schwer, die Pläne für meine kleine Kernfamilie durchzusetzen, da es zu Konflikten mit der Großfamilie führte. Dadurch mussten wir lernen, mein Mann und ich selbst, unsere Bedürfnisse ver‐ antwortungsvoll in den Dienst für unsere kleine Familie zu stellen und zu einer Ausgewogenheit mit der großen Familie zu finden. Man sollte im Alltag respektvoll miteinander umgehen. So kann man gemeinsam einen Lebensstil finden, der die Grundlage für das Zusammenleben der ganzen Familie bildet. Nach 13 Jahren Eheleben bin ich nun zufrieden mit meinem Leben, selbstständig, in einer intakten Familie, in einer Ehe, die bisher alle Probleme hat überwinden können. Ich bin dankbar, dass meine Eltern all meine Bildungswege ermöglicht und einer scheinbar nicht einfachen Ehe zugestimmt haben. Ich bin dankbar, dass ich meinen Mann kennen‐ gelernt habe und wir eine wachsende Beziehung aufbauen konnten, und dass ich mich dadurch selbst besser kennenlernen konnte. Ich bin dankbar, dass ich die drei Kinder gemeinsam mit ihm erziehen und mit den Kindern zusammenleben kann. Ich bin auch dankbar, dass ich in einem anderen Land mit anderer Kultur leben und immer mehr verstehen kann. Vielleicht kann ich eines Tages auch so wie die Großmutter werden. 162 8 Brücken und Ausblick <?page no="163"?> 141 Praktisch dürfte das Staats- und Parteichef Xi Jinping persönlich gewesen sein; niemand sonst in China würde sich wagen, eine Entscheidung von solcher Tragweite zu treffen. 142 Machen Sie sich unter Rückgriff auf die Bevölkerungsrelationen bitte einmal die Lächerlichkeit der Behauptung, dass ein paar zehn- oder hundertausend Touristen aus Europa den Tourismus in China stabilisieren, klar. 143 In Wade-Giles Transkription Hsü Pei-hung und Chi Pai Shih. Reisen nach China war noch nie so einfach: Die VR China 141 hat - als Zeichen guten Willens und nicht, wie in zahlreichen deutschen Medien kolportiert, um ihre Tourismusbranche zu stützen 142 - u.-a. deutschen Staatsbürgern ab dem 1. Dezember 2023 für zunächst ein Jahr befristet die visafreie Einreise von zunächst 15 Tagen gestattet. Ab November 2024 verlängerte China die visafreie Einreise für Staatsangehörige aus mehr als 30 Ländern inklusive Deutschland von 15 auf 30 Tage. Ob diese Regelung für Deutschland im Jahr 2026 verlängert wird, stand bei Redaktionsschluss dieses Textes noch nicht fest. Man erkennt nur, was man kennt, lehrte der große Hegel. Einfacher ausgedrückt: Reisen Sie nach China und machen Sie sich selbst ein Bild! Selbst wenn Sie nur die Hauptstadt Peking und Shanghai besuchen, werden Sie feststellen, dass die Reise sich gelohnt hat. Die Tatsache, dass Sie natürlich Verständigungsprobleme haben werden, wird fast sicher dadurch aufgewogen, dass China ein für Ausländer sehr sicheres Reiseland ist. Eine der weitestgehend akzeptierten ungeschriebenen Regeln ist, Ausländer nicht zu bestehlen (was an wenigen touristischen Hotspots gelegentlich vorkommt) oder anderweitig zu schädigen. Ebenso gibt es ungeschriebene Positivregeln. Dazu zählt, dass Ausländer, selbst wenn sie sich nicht adäquat verhalten (sie wissen es halt nicht besser) gut behandelt werden. Fangen Sie also mit Beobachtungen an und versuchen Sie diese im Anschluss zu bewerten und nicht mit Theorien, in die Sie die Beobachtungen pressen. Jenseits der Kinder ist Bildung ein ganz großes Thema und damit meine ich explizit nicht die fachliche Bildung. Ich hatte vor Beginn meiner Tätigkeit in China das Glück, von meinem Vater mit Laotse und von meiner Mutter mit einigen chinesischen Malern bekannt gemacht zu werden. Dass ein Deutscher Bilder von Xu Beihong (1895 - 1953) und Qi Baishi 143 (1864 - 1957) erkennt, die in China fast jedes Kind kennt, wird nicht erwartet und dass ich hier „mitreden“ konnte, hat mir in China mehrfach sehr geholfen. 8.2 Miteinander leben und lernen 163 <?page no="164"?> 144 Ich halte es für eine moralische und ebenso ökonomische Bankrotterklärung erster Ordnung, dass in Deutschland mehr als 50.000 junge Menschen pro Jahr die Schule ohne einen Abschluss verlassen und wir gleichzeitig im Ausland, zumeist in ärmeren Ländern mit niedrigen Geburtenraten, auf die die Suche nach „Fachkräften“ gehen. Abb. 8.1: „Galoppierendes Pferd“ von Xu Beihong und „Krebse“ von Qi Baishi (Quelle: Weixin [97]) So wie Cato der Ältere (234-149 v. Chr.) in jeder Sitzung des Römischen Senats gefordert haben soll, dass Karthago zerstört werden solle, schließe ich meine Texte mit einem Appell, uns zu bilden. Wie die Chinesen wissen wir, dass eine lebenswerte Gesellschaft auf Gedeih und Verderb von unserer Bildung, und damit meine ich explizit nicht nur fachliche Aspekte, abhängen wird. Das Gegenmodell ist eine dünne Oberschicht und ein großer dummer Rest. 144 Eine funktionierende Demokratie, das habe ich bereits erwähnt, ist meiner Einschätzung nach nur mit einer gebildeten Bevölkerung möglich. Dass die Demokratie in Zeiten von Umweltzerstörung, Klimawandel und demografischem Wandel langfristig tatsächlich die beste aller Regierungs‐ formen ist, wird sich übrigens noch erweisen müssen. Eine kluge Außen- und Sicherheitspolitik ist kaum möglich, wenn man nicht über Sprachkenntnisse und landeskundliches Wissen verfügt. Inves‐ tieren müssen wir wieder verstärkt in Chinakompetenz, die es, wie auch Russland betreffend und ebenso den Nahen Osten, vor zwei oder drei Jahrzehnten noch in Deutschland gab. Die Sinologin Marina Rudyak, der wir in diesem Buch begegnet sind, wies an mehreren Stellen darauf hin, dass es derzeit etwa 500.000 Schüler in Deutschland gibt, die Latein lernen, denen nur 5.900 Schüler, die Chinesisch lernen, gegenüberstehen und dass 164 8 Brücken und Ausblick <?page no="165"?> 145 China muss die folgenden 15 bis 25 Jahre überbrücken, bis es demografisch in etwa dort ist, wo sich Japan heute befindet (vgl. die gegenwärtige Populationspyramide Japans und aktuellen Vorhersagen für China für die Jahre 2040 und 2050 bei populati‐ onpyramid.net). Das bedeutet im hiesigen Kontext vor allem Technisierung (bis hin zu Pflegerobotern) und die Nutzbarmachung von Möglichkeiten der Automatisierung in der Gesellschaft, wenn weniger Arbeitskräfte verfügbar sein werden. Darauf bereitet man sich vor: Wie in Abschnitt 4.2 dargestellt, kommt mehr als die Hälfte der wissen‐ schaftlichen Publikationen und Patente zu Künstlicher Intelligenz weltweit aktuell aus China. 146 In diesem Text wurde dargestellt, dass das gegenwärtige China durchaus dynamisch (jedenfalls dynamischer als Japan in den 1990er Jahren) ist, insbesondere weil die Stag‐ nation aktiv politisch gemanagt wird. „Japanisierung mit chinesischen (autoritären) Charakteristika“ ist als Beschreibung vielleicht treffender. unter den Teilnehmern des Attaché-Jahrgangs 2024 des Auswärtigen Amtes niemand Chinesisch als zweite Fremdsprache angegeben hatte (und nur ein Teilnehmer Russisch). [98] In der Gegenwart gibt es (noch) viele kluge Einzelpersonen, die sich aber, oft aus berechtigter Angst, dafür öffentlich Prügel zu beziehen, nicht zu Chinathemen äußern. Nötig ist meines Erach‐ tens eine Bündelung dieser Kompetenzen, was nicht bedeutet, dass daraus „Einheitsmeinungen“ folgen sollten. Es ist der gesellschaftliche zivilisierte Diskurs, der Voraussetzung für ein echtes Ringen um gute Lösungen ist, den wir nicht nur bezüglich China wieder lernen müssen. Die chinesische Regierung scheint mir in der Tat einen Masterplan zu haben, den ich etwas salopp „Japanisierung 145 plus Überwachung“ nenne. 146 Die Voraussetzungen für ein Gelingen sind meines Erachtens gegeben. Japan und China haben gemeinsam, dass hinter fast allem, jedenfalls dem, was von Bedeutung ist, der Meister Konfuzius steht. Wenn Konfuzius von „sich vervollkommnen“ und von Mitmenschlichkeit spricht, bedeutet dies, dass der Mensch lernen muss, sich zu beherrschen (vgl. Exkurs zu Kapitel 2 und Kapitel 6). Von der Selbstbeherrschung zur Selbstkontrolle und weiter zur Selbstüberwachung muss es dann gar nicht mehr so weit sein. Selbstüber‐ wachung ist nicht nur die billigste, sondern auch die effektivste Form der Überwachung. Tatsache ist, dass es in Japan, auch bei Großkonzernen, bis heute keine Managergehälter gibt, die auch nur ansatzweise das westliche Niveau, das dem der Normalverdiener seit 40 Jahren immer weiter enteilt, besitzen. Die japanische Gesellschaft ist viel weniger geldbasiert als die unsere; Fälle wie die Auszahlung von Boni für das Jahr 2022 an das Topma‐ nagement der Deutschen Bahn für die Teilerreichung von Teilzielen (die 8.2 Miteinander leben und lernen 165 <?page no="166"?> 147 Vorstände von Großkonzernen in Japan verdienen derzeit in etwa so viel wie ein Bereichsleiter in Deutschland in einem vergleichbaren Unternehmen. Hier geht es nicht darum, das japanische politische und wirtschaftliche System anzupreisen, sondern um die Existenz bzw. Abwesenheit von „Fragen der Ehre“ in der Gesellschaft und insbesondere ihren Eliten. 148 Vergegenwärtigen Sie sich in diesem Zusammenhang bitte, dass die technischen Möglichkeiten von Überwachung (Stichwort KI) im Westen genauso vorhanden sind wie in China. nichts mit dem Unternehmenszweck zu tun haben) [99] sind aus Gründen der Ehre in Japan undenkbar. 147 Die chinesische Regierung zielt mit Ausnahme der Mitglieder der Kom‐ munistischen Partei nicht auf eine Erziehung der Menschen (vgl. Abschnitt 5.5). Es genügt ihr, jedenfalls bisher, dass die Menschen im öffentlichen Raum funktionieren. Sie werden als Bürger Chinas oder als Gast also nicht erwarten, lange mit z. B. einer Regenbogenfahne durch die Straßen laufen zu können; was Sie aber in Ihren eigenen vier Wänden machen, ist der Regierung ziemlich egal. Den „Rest“ erledigen Möglichkeiten von Gesichtserkennungssoftware und die Tatsache, dass es möglich ist, Ihr Leben elektronisch (d.-h. über WeChat-Protokolle, Bewegungsanalyse über das Mobiltelefon und die Geldausgaben) sehr schnell fast vollständig nach‐ zuvollziehen: 148 Wenn man das will. Recht und Gesetz in China In China gibt es keine Tradition des geschriebenen Gesetzes. Sowohl Konfuzius als auch Laotse schätzten Gesetze gering, von Letzterem ist sinngemäß der Ausspruch „viele Gesetze, viele Verbrecher“ überliefert. Die Verrechtlichung der chinesischen Gesellschaft nahm tatsächlich erst um das Jahr 2000 mit Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO Fahrt auf. Tatsächlich gab und gibt es aber ein „System von roten Linien“, die nicht überschreitet, wer nicht riskieren will, die Rechte der Gemeinschaft zu verlieren. Bekanntestes Beispiel ist die Antwort des chinesischen Staates auf den Handel mit Drogen: Wer Drogen verkauft, nimmt billigend in Kauf, dass seine Abnehmer sterben bzw. körperlich und geistig ruiniert werden, und hat somit mit der entsprechenden Reaktion der Gesellschaft oder des Staates, dem Ausstoß aus der Gemeinschaft, zu rechnen. Diese harte Vorgehensweise hat fraglos auch mit den Demütigungen 166 8 Brücken und Ausblick <?page no="167"?> 149 Man muss sich hier kurz klarmachen, dass es die europäische Automobildustrie nicht gibt. Die deutschen Automobilherstellen wollen keine Zölle, da sie i) selbst viel in China verkaufen und keine Gegenzölle möchten, ii) teils an chinesischen Automobilherstellern beteiligt sind und somit auch selbst „Opfer“ der Zölle wären und iii) die deutschen Automarken zumeist andere Marktsegmente bedienen und daher in Europa die chinesische Konkurrenz nicht besonders fürchten. Ganz anders sieht es allerdings bei den französischen und italienischen Herstellern aus, welche überwiegend die unteren und mittleren Marktsegmente bedienen. Chinas nach den Opiumkriegen im 19. Jahrhundert und den daraus resultierenden sogenannten Ungleichen Verträgen zu tun. Der amerikanisch-westlichen „Rule of Law“ setzt China die „Rule-by-Law“ entgegen. Das bedeutet, dass die Parteiführung und die Regierung zwar selbst nur in geringem Maße an Regeln gebunden sind, ihre Politik aber kodifizieren, um die Regeln für alle transparent und verständlich zu machen. Es fällt schwer, aus den aktuellen politischen und wirtschaftlichen Vorgän‐ gen in den USA und der Europäischen Union eine zukunftsorientierte (von abgestimmt ist da überhaupt noch nicht die Rede) Strategie herauszulesen. Das beginnt ganz oben mit der geplanten großen Transformation Europas, dem Green Deal der Europäischen Kommission: Wenn die Elektroautos aus China kommen, so werden sie trotz Warnungen der deutschen Automobil‐ hersteller, die nicht vor der chinesischen Konkurrenz beschützt werden wollen, auch in Europa mit hohen Einfuhrsteuern belegt. Das Klima ist auf einmal nicht mehr ganz so wichtig und die Transformation kann warten. 149 Es ist grundsätzlich richtig, dass viele auch noch so gute amerikanische oder europäische Unternehmen unter Freihandelsbedingungen gegenüber chinesischen Konkurrenten, die bereits eine brutale Auslese in China über‐ standen haben und zudem auf ganz andere Skaleneffekte (wenn Sie in Europa 1 Million Kunden haben, hat Ihr chinesischer Konkurrent 10 der 20 Millionen Kunden) zurückgreifen können, kaum eine Chance haben können. Nur resultiert dies grundsätzlich aus ökonomischen Gesetzmäßigkeiten und nicht aus perfiden Absichten Ihrer chinesischen Wettbewerber oder der dahinterstehenden Politik. China könnte ganz sicher Autos und vieles mehr für die ganze Welt bauen, nur kann das langfristig weder für uns wie für die meisten Länder, die über Industrie verfügen, noch für China eine kluge Lösung darstellen. Wichtige Schwellenländer wie Indien, die Türkei, 8.2 Miteinander leben und lernen 167 <?page no="168"?> Brasililien, Südafrika und Indonesien erheben aus Anti-Duming-Erwägun‐ gen, Sicherheitsbedenken und protektionistischen Erwägungen relevante Einfuhrzölle auf chinesische Importe. Wenn man bei uns also zu der Schlussfolgerung kommt, dass eigene Industriezweige erhaltenswert sind, sollte man ökonomisch und politisch argumentieren und nicht über „gut und böse“. Dass Sanktionen ein kluger Weg sind, um potenzielle „Gegner“ kleinzuhalten, ist historisch nicht ge‐ deckt. Kuba, Nordkorea sowie der Iran sind immer noch da und die russische Wirtschaft ist seit 2022 nicht zusammengebrochen. Dass Huawei durch die westlichen Sanktionen letztlich gestärkt wurde, hatten „unsere Strategen“ offensichtlich nicht in ihren Szenarien. So wie die Russland-Sanktionen von EU und USA zu explodierenden Importen von Kasachstan, Kirgisien und Usbekistan geführt haben, die dann nach Russland weiter exportiert werden, zählen bisher vor allem Produzenten in Mexiko, Malaysia und Vietnam zu den Profiteuren der US-Sanktionen gegenüber China. So verdoppelten sich Vietnams Importe aus China innerhalb von vier Jahren von 65 Mrd. US-Dollar im Jahr 2018 auf 130 Mrd. US-Dollar im Jahr 2022. [100] Man muss nicht Ökonomie studiert haben, um qualitativ zu verstehen, was dahintersteht und dass das Ziel, die Abhängigkeit der USA von China zu senken, auf diese Weise bisher nicht erreicht wurde, dafür aber die betreffenden Importe der USA teurer geworden sind. Exkurs: Indien, das „neue China“? Dass die „regelbasierte Ordnung“ des Westens in großen Teilen der Welt abgelehnt wird, hat sich auch bei uns inzwischen weitgehend herumgesprochen, auch wenn diese Erkenntnis sich noch nicht in konstruktiven Angeboten an den „Globalen Süden“ übersetzt hat. Wenn es um potenzielle Verbündete gegen China, Russland, Iran und Nordkorea geht, kommt immer wieder die Sprache auf Indien, das dann neben den USA, der ältesten Demokratie der Welt, als größte Demokratie der Welt seinen Ehrenplatz zugewiesen bekommt. Tatsächlich zeigen die indischen Eliten wenig Neigung, sich einem Lager hinzuzugesellen. Indien ist groß und wichtig genug, dass es sich bis zum Sommer 2025 leisten konnte, weiterhin eng mit Russland 168 8 Brücken und Ausblick <?page no="169"?> 150 Russland, der Rechtsnachfolger der Sowjetunion, ist bis heute einer der wichtigsten Waffenlieferanten Indiens. Indiens Ministerpräsident Narendra Modi nannte Russlands Präsidenten Wladimir Putin während eines Treffens im Mai 2018, und auch später mehrfach, u. a. am 8. August 2025 öffentlich seinen Freund. „Had a very good and detailed conversation with my friend President Putin. I thanked him for sharing the latest developments on Ukraine. We also reviewed the progress in our bilateral agenda, and reaffirmed our commitment to further deepen the India-Russia Special and Privileged Strategic Partnership. I look forward to hosting President Putin in India later this year.“ [101] verbunden zu sein, ohne dafür vom Westen gemaßregelt zu werden. 150 Dass die von US-Präsident Donald Trump bis August 2025 eingeführten Zölle auf indische Importe in die USA sowie die zusätzlich angekündig‐ ten Strafmaßnahmen wegen der Wirtschaftsbeziehungen zu Russland den von ihm gewünschten Effekt haben werden, halte ich mittelbis langfristig für deutlich weniger wahrscheinlich, als dass sich Indien auch mit China und Brasilien - neben Russland - enger verständigt. Zwar hat Indien China als bevölkerungsreichstes Land - mit Jubel im eigenen Land! - überholt. Das sagt aber nichts über die Qualität der Bevölkerung aus. Wenn der Alphabetisierungsgrad in Indien für 2022 mit 76,32% angegeben wird [102], so werden dabei Menschen, die lediglich in der Lage sind, ihren Namen zu schreiben, als schreibkundig und damit nicht als Analphabeten gezählt. Legendär sind die indischen Wahlzettel, bei denen jede Partei ein Symbol hat. Die regierende BJP hat zum Beispiel die safranfarbene Lotusblüte, der Indische Na‐ tionalkongress eine offene Hand, eine der beiden Kommunistischen Parteien Sichel und Hammer, die andere Hammer, Sichel und Stern und die Bahujan Samaj Party (BSP) den Elefanten … Warum? Damit die Nichtlesekundigen auf dem Wahlzettel ihre Partei finden! Indien ist qualitativ in vieler Hinsicht anders divers als China. Es gibt ca. 100 ver‐ schiedene Sprachen, selbst Englisch funktioniert im Mündlichen nicht immer als Brücke. Damit fehlt das einigende Band der Sprache. Zudem ist Indien ein religiös tief gespaltenes Land: Einer überwältigenden Hindumehrheit stehen ca. 13 % Muslime, die über das Land verteilt sind, gegenüber. In absoluten Zahlen sind das ungefähr 180 Millionen Menschen! Die indische Bevölkerung ist relativ jung, inzwischen ist das Land aber auch durch sinkende Geburtenraten gekennzeichnet. Exkurs: Indien, das „neue China“? 169 <?page no="170"?> Abb. 8.2: Altersverteilung der Bevölkerung Indiens 2023 (Quelle: https: / / www.popu lationpyramid.net/ de/ indien/ 2023/ [103]) Die Bevölkerung Indiens wird aus heutiger Sicht um das Jahr 2050 mit ca. 1,6 - 1,7 Milliarden Menschen ihr Maximum annehmen und ab dann, wie China (und Europa ohne Migration), zu schrumpfen beginnen. In Indien gibt es keine zentrale Geburtenpolitik bzw. -kontrolle: Die Geburtenrate sinkt, ist regional aber sehr unterschiedlich. In reichen Bundesstaaten wie Kerala oder Tamil Nadu indizieren hohe Alphabeti‐ sierung und Frauenbildung einen direkten Einfluss auf Geburtenraten. Indien hat mit ca. 3,287 Millionen km 2 nur ein Drittel der Fläche Chinas und ist damit kleiner als die Europäische Union. Im Vergleich zu China und noch mehr zu Europa ist die bewohnbare Fläche pro Person sehr gering, etwa ein Viertel der Landesfläche Indiens ist Wüste oder Hochgebirge und somit kaum bewohnt. Auffällig ist - wie in China! - die Diskrepanz zwischen der Anzahl der männlichen und der weiblichen Indiviuen bis in hohe Alterskohorten, die nicht biologisch erklärt werden kann. Den größten absoluten Unterschied konstatieren wir in der Altersgruppe von 20 - 24 Jahren. Hier stehen ca. 67 Millionen junge Männer 60 Millionen jungen Frauen gegenüber, das Verhältnis beträgt etwa 112 : 100. Im Unterschied zu 170 8 Brücken und Ausblick <?page no="171"?> China wird dies nicht durch Abtreibungen weiblicher Föten erklärt; in Indien ist die Sterblichkeit der Mädchen gerade im Kleinkindalter viel höher als die der Jungen. Mit anderen Worten: Sehr arme Familien, von denen es viele gibt, lassen im Zweifel öfter ein kleines Mädchen verhungern als einen Jungen. Bezüglich des wirtschaftlichen Aufholprozesses ist Zurückhaltung angesagt. Das Bruttoinlandsprodunkt per capita (in US-Dollar) Chinas betrug im Jahre 2023 etwa das Fünffache Indiens. Wenn wir - in Indiens Sinne optimistisch - annehmen, dass die langfristige Wachstumsrate in China bei 4 % und in Indien bei 8 % liegt, dann dauert es noch über 40 Jahre, bis Indien auf individuellem Niveau mit China gleichgezogen hat. Kurz: Die Hoffnung im Westen auf einen Aufstieg Indiens beruhen weitestgehend auf der Abwesenheit von Kenntnissen gepaart mit dem egoistischen Wunsch, unsere Probleme mit Hilfe von außen klären zu können. Exkurs: Indien, das „neue China“? 171 <?page no="173"?> 9 Schlussakkord Spätestens mit der Reichseinigung 1871 wurde die deutsche Industrie zum wichtigsten Wohlstandsschöpfer des Landes, der selbst zwei verlorene große Kriege und die jahrzehntelange Teilung und weitgehende Zerstörung des Landes überstand. Seit 2018 hat sich die Industrieproduktion Deutschlands um mehr als ein Siebtel reduziert. In den vergangenen sieben Jahren wurden in Deutschland Zehntausende Industriearbeitsplätze abgebaut und dies scheint erst der Beginn einer (teilweisen) Deindustrialisierung Deutschlands zu sein. Dramatisch im Sinne Schumpeterscher schöpferischer Zerstörung ist, dass nichts wirklich Neues auf Trümmern der ehemals so erfolgreichen Automobil- und Chemieindustrie erwächst (die Ausweitung des öffentlichen Sektors kann kaum als Neues interpretiert werden). Die deutsche Politik und mit ihr große Teile der Unternehmensführer und der Gesellschaft träumten lange von hohen Wachstumsraten durch die ökologische Transformation der Gesellschaft: Wie wir heute wissen, war das ein klassischer Fall von Selbstüberschätzung bzw. Selbsttäuschung. Wenn, wie in der Gegenwart, der deutsche Staat viel Geld ausgibt, befördert dies nicht das Entstehen neuer wettbewerbsfähiger Sektoren: Je mehr Geld der Staat „in die Hand nimmt“, um so geringer ist c.p. die Notwendigkeit für die Unternehmen, sich weiter zu entwickeln um international wettbewerbsfähig zu sein. In den Vorworten der ersten und der zweiten Auflage dieses Buches stand, durchaus im denkbaren Widerspruch zu seinem Titel, viel über China, viel über die USA aber relativ wenig über Deutschland. Die Ursache ist schlicht, dass wir, in ökonomischer und politischer Notation, zumeist „Preisnehmer“ sind. Das große technologische Wettrennen findet zwischen US-amerikanischen und chinesischen Firmen statt. Das heißt, dass wir die USA bzw. die Handlungen ihrer wirtschaftlichen und politischen Führung, die always with and behind us sind, in unsere Analysen miteinbeziehen müssen. Dies gilt, von Russland abgesehen, für kein Land mehr als für China. Um Folgen der globalen Rivalität zwischen den USA und China auf uns abschätzen zu können, müssen wir zunächst mindestens zu verstehen versuchen, wie sich „das große Spiel“ in den vergangenen zwei Jahrzehnten entwickelt hat. <?page no="174"?> Russlands Krieg in der Ukraine Am 24. Februar 2022 begann ein groß angelegter Angriff durch die russische Armee aus mehreren Richtungen auf die Ukraine, der zum Ziel hatte, die ukrainische Regierung zu stürzen und durch ein prorussisches Regime zu ersetzen. In der Ukraine, im Baltikum und in Polen wird der Beginn des russisch-ukrainischen Krieges bereits auf März 2014 termi‐ niert, als russische Truppen im Vorfeld eines kontrovers diskutierten Referendums die Krim besetzen. Bei Erscheinen der 2. Auflage dieses Buches dauerte der Krieg bereits 3 1/ 2 Jahre, hundertausende Menschen waren tot oder verletzt und Teile der Ukraine und auch Russlands zerstört. Russland war also seit über 10 Jahren mit der Ukraine beschäf‐ tigt und der Westen mindestens genauso lange mit Sanktionierungen Russlands, wobei die wirtschaftliche Abhängigkeit Russlands von China mit jeder Sanktionsrunde zunahm. Aus Sunzis Perspektive ist der Angriff Russlands auf die Ukraine im Jahr 2022 „reiner Irrsinn“. Für China gibt es Stand Sommer 2025 aller‐ dings, auch wenn es diesen Angriff aus russischer Perspektive kaum gutheißen kann, keinen hinreichenden Grund, der seine „strategische Partnerschaft“ zu Russland gefährden könnte, da China selbst in mehr‐ facher Hinsicht von diesem Krieg profitiert (das bedeutet nicht, dass die chinesischen Bemühungen für einen Frieden grundsätzlich unehrlich sind; nur will China eben keinen Frieden zu den Bedingungen des Westens oder, im schlimmsten Fall, wie von Außenminister Wang Yi auch explizit gesagt wurde, dass Russland den Krieg verliert). China kauft Energie, insbesondere Erdöl, von Russland mit einem deutlichen Abschlag zu Marktpreisen ein und verbessert damit die Wettbewerbssituation seiner Unternehmen im internationalen Wettbe‐ werb und westliche Unternehmen, die früher in Osteuropa produzier‐ ten, wichen im Zuge des Krieges nach China aus. Da russische und andere nicht-westliche Unternehmen, um Sanktionen zu vermeiden oder zu umgehen, ihre Geschäfte nicht mehr in US-Dollar, sondern in chinesischen RMB abwickeln, stärkt China auch die Bedeutung seiner Währung. Solange der Westen mit Russland beschäftigt ist, kann er sich nicht mit voller Kraft gegen China wenden und dass die „Eindämmung“ Chinas nicht nur ein persönliches Faible Donald Trumps, sondern Ziel aller gegenwärtig relevanten US-amerikanischen Politiker ist, wurde bereits 174 9 Schlussakkord <?page no="175"?> in der Einleitung der 1. Ausgabe dieses Buches erwähnt. Durch die zahlreichen Sanktionspakete der EU, der USA und ihrer Alliierten bleibt Russland auch keine Wahl, als sich an China zu hängen; insbesondere, weil die russische Führung nicht wissen kann, welchen Kurs der 50. Präsident der USA gegenüber Russland fahren wird. Die chinesischen und russischen Regierenden sind sich jedenfalls einig, dass die USA nicht nach Ende des Kalten Krieges einzige Weltmacht geworden wären, wenn es ihnen nicht in den 1970er Jahren gelungen wäre, einen Keil zwischen die Sowjetunion und China zu treiben. Hier kommt das 3. Strategem von Sunzi „Mit dem Messer eines anderen töten“ zur Geltung. Russland ist in mehrerlei Hinsicht ein nützlicher Idiot für China. Die größeren Idioten, mit dieser Einschätzung dürfte auch Donald Trump einverstanden sein, waren aus chinesischer wie US-amerikani‐ scher Perspektive US-Präsident Joe Biden und dessen Vorvorgänger Barack Obama, die China durch ihre Fixierung auf Russland diese, von China gut genutzte Atempause, verschafften. Mit diesen Überle‐ gungen erhebe ich keinen Anspruch auf besondere Originalität; die amerikanischen Professoren Jeffrey Sachs und John Mearsheimer gehen unabhängig voneinander weiter, indem sie seit 2014 erklären, dass die USA und die NATO durch ihre Politik gegenüber der Ukraine Russland in den Krieg „hineinprovoziert“ hätten. Wenn wir uns mit Geschichte beschäftigen, so tun wir dies, um die Ver‐ gangenheit besser zu verstehen. Die Vergangenheit ist deshalb für uns interessant, weil wir hoffen, mit unseren Erkenntnissen aus dem Studium der Geschichte die Zukunft (besser: mögliche Zukünfte) einzuschätzen, im Idealfall die Zukunft vorhersagen zu können. Bezüglich dieser beiden genannten Aspekte verhält es sich wie mit Modellen in den Natur- und Ingenieurwissenschaften, die der Erklärung und der Vorhersage dienen sollen. In der Geschichte kann man aber schlecht reale Experimente machen; eine Duplizierung einer „Versuchsanordnung“ ist unmöglich. Geschichte verläuft, hier folge ich wieder Ian Morris, schwach determi‐ nistisch. So wie es Triebfedern gibt, z. B. in Marx’scher Diktion die Produk‐ tivkräfte, die auf die Produktionsverhältnisse wirken, so gab und gibt es Konstellationen und Personen, die dafür sorgen, dass an einer Weggabelung ein Weg und nicht der andere gewählt wird. Wenn nicht Kolumbus Amerika 9 Schlussakkord 175 <?page no="176"?> 151 Unterhaltsame „Was wäre gewesen wenn? “-Überlegungen zu möglichen Verläufen der Geschichte stellt Morris in Kapitel 11 seines Buches „Wer regiert die Welt? “ an. entdeckt, Vasco da Gama mit dem Schiff Indien erreicht oder Magellan die erste Weltumsegelung angeführt hätte, so hätten dies andere Seefahrer des späten 15. oder frühen 16. Jahrhundert getan. 151 Einleuchten sollte Ihnen aber auch das Gedankenspiel, dass sich eine deutsche Bundesregierung unter dem ehemaligen Bundeskanzler und offen erklärten Wladimir Putin-Freund Gerhard Schröder vermutlich anders zum Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 positioniert hätte als die damals amtierende Bundesregie‐ rung unter Kanzler Olaf Scholz. Inwieweit diese Weggabelungen auf dem großen Pfad der Geschichte von Belang sind, ist unter Historikern strittig. Noah Yuval Harari zählt zu den Historikern, die darlegen, dass sich die An‐ zahl der unabhängigen Kulturen seit Jahrtausenden verringere und die das „Ende der Geschichte“ in einer einzigen Weltkultur sehen. Tatsächlich gibt es aber auch Theorien mit Überzeugungskraft, die eine Dualität als vorläufigen Endzustand für möglich erachten. Wenn ich Chinas Gesellschaftsmodell heute (ohne wertendes Attribut) als eine qualitative Alternative zum west‐ lichen Modell betrachte, ist es möglich, dass die existierenden Unterschiede von einer höheren Perspektive vernachlässigbar sind, dass also die Voraus‐ setzungen für Hararis Vorhersage gegeben sind. Vielleicht ist das aber auch nicht der Fall. So wie es meines Erachtens keinesfalls zwingend war, dass sich monotheistische gegenüber dualistischen Religionen über Jahrhunderte schrittweise durchsetzen, so ist es durchaus denkbar, dass wir bei zwei oder, für mich weniger wahrscheinlich, auch mehr großen Gesellschaftsmodellen stehen bleiben. Das wird für das große Geschichtsbuch, das in 200 oder auch 500 Jahren geschrieben wird, von Belang sein; für unser Leben und das unserer direkten Nachkommen ist es aber sehr wahrscheinlich irrelevant. Wir, d. h. alle gegenwärtigen Gesellschaften, sehen uns heute den Folgen von jahrtausendelangem Bevölkerungswachstums (und das ist nicht nur Umweltzerstörung im engeren Sinne) bei „plötzlich“ alternden schrumpf‐ enden Bevölkerungen und dafür immer mächtiger werdender Technologie ähnlichen Herausforderungen gegenüber. Oder liegt hier bereits ein Wi‐ derspruch vor? Vielleicht brauchen wir eine weitere, höhere Perspektive? Albert Einstein formulierte kurz nach dem II. Weltkrieg „Die einzige Rettung der Zivilisation und der menschlichen Gattung liegt in der Schaffung einer Weltregierung. …Wenn die Idee einer Weltregierung nicht realistisch ist, dann gibt es nur eine realistische Aussicht für unsere Zukunft: die völlige 176 9 Schlussakkord <?page no="177"?> Vernichtung der Menschheit durch Menschen.“ [104] Womit wir wieder bei Harari wären. Die vor uns stehenden drei Großherausforderungen können jedenfalls nicht gegeneinander angegangen werden. Das klingt abstrakt und es ist abstrakt. Wir müssen uns also darauf konzentrieren, was uns eint bzw. was wir gemeinsam angehen können und dabei das „Gelassenheitsgebet“ berücksichtigen: Gott gebe mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Wir werden Mut brauchen, die Probleme, die zuvorderst mit unserer De‐ mografie zusammenhängen, nicht nur zu benennen, sondern Lösungen, anzugehen. Um zu verstehen, dass es keine reibungsfreien Lösungen geben kann, muss man nicht an einer Universität studiert haben. Die für unsere Ge‐ sellschaft zentrale Frage „Wie reformieren wir heute staatliche Institutionen grundsätzlich? “ ist allenfalls leise vernehmbar. Das gilt für die Bundeswehr genauso wie für den Wohnungsbau, das Rentensystem, das Gesundheitssys‐ tem und die öffentliche Verwaltung und ist damit ein strukturelles Problem. Was fehlt - und zwar parteiübergreifend - ist ein echter Reformwille. Während in den USA und Deutschland die offensichtliche Illusion gepflegt wird, dass man alle Probleme mit Geld lösen könne und sich die meisten westlichen Staaten immer mehr verschulden, priorisiert die chinesische Regierung die Entwicklung der Qualität ihrer Bevölkerung. Diesbezüglich können wir in der Tat von den chinesischen Regierungen der vergangenen 50 Jahre lernen. So waren es die Einführung der Ein-Kind-Politik und die gleichzeitige Öffnung zum Westen seit Ende der 1970er Jahre, die den Wiederaufschwung Chinas möglich machten. Man musste sich, weil man die Strategie „durchhielt“, nicht mehr wie davor primär damit beschäftigen, wie man Menschen ernährt, sondern kann sich darauf konzentrieren, wie man sie beschäftigt und ausbildet. Diesbezüglich ist China natürlich Vorbild für weite Teile der nichtwestlichen Welt, während wir in Europa Mitte der 2020er Jahre immer noch keine ernsthafte Diskussion führen, wie wir unsere strukturellen Probleme angehen wollen und wie bei einem vermeintlich unantastbaren Sozialstaat und einem 5 % vom BIP-Ausgabenversprechen für militärische Belange, was in etwa der Hälfte zukünftiger Bundeshaushalte entspricht (wenn man von weiterer Verschuldung, die dann sicher auch 9 Schlussakkord 177 <?page no="178"?> 152 Hier gibt es die böse Analogie von Experimenten mit Fröschen, die, wenn sie in kochendes Wasser geworfen werden, sofort heraushüpfen und, wenn auch verletzt, überleben und Fröschen, die sich in einem Topf auf einem Herd befinden, dessen Wasser stetig erwärmt wird, und die, weil sie nicht heraushüpfen, schlussendlich zu Tode gekocht werden. mit der euphemistischen Wortschöpfung Sondervermögen belegt werden, abstrahiert) die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft bewahrt werden soll. 152 Dazu zählt auf die bereits im Vorwort der ersten Auflage und in Abschnitt 8.2 implizit hingewiesene grundsätzliche Verteidigung des Prinzips des Freihandels, dem wir nicht nur einen wesentlichen Teil unseres Wohlstandes verdanken, sondern das auch friedenstiftend ist. Tatsächlich sind es nicht nur die USA unter Donald Trump, die die Grundsätze und das Funktionieren der WTO erodieren lassen, auch die EU folgt der Logik des Rechts des Stär‐ keren, indem sie den USA auf deren Druck bessere Konditionen einräumt als ihren anderen Handelspartnern. Deutschland ist nur eine Mittelmacht und selbst Europa spielt in weiten Teilen Afrikas und Südamerikas schon keine Rolle mehr. Wir sollten also um des Friedens und damit unseres Wohlstandes Willen alles tun, damit wir nicht im Lager der Decoupler enden. Der Journalist Gabor Steingart hielt im Frühsommer 2025 fest: „Das Europa der EU-Kommission hat in den vergangenen Jahrzehnten zwar ein Bürokratiemonster geschaffen, aber keine Vorstellung über die eigene Rolle in der Welt entwickelt.“ [105] Es wird Aufgabe kommender Generationen sein zu korrigieren versu‐ chen, was seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion versäumt wurde. Dafür bedarf es einer ganzheitlichen Strategie. Noch ist Deutschland in Europa - das hat nicht mit einem deutschen Sonderweg und einer Absage an die Einbindung Deutschlands in die EU und die NATO zu tun und schon gar nichts mit Amerikafeindlichkeit - groß genug, um eine in verschiedene Richtungen begehbare Brücke zwischen den Großmächten zu bilden und damit die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Eines der schönsten Zitate, die ich kenne, stammt aus dem Jahre 1983 von Harold Washington (1922 - 1987), dem ersten schwarzen Bürgermeister von Chicago: „Education is not a routine activity which is divorced from national defence. It is, in the most fundamental and important sense, the first line of national defence.“ 178 9 Schlussakkord <?page no="179"?> Sie können sich davon in einer kleinen Ausstellung in der obersten Etage der Harold Washington Library in Chicago überzeugen. So wie education im privaten wie nationalen Bereich self-defence ist, so ist auf individuellem wie gesellschaftlichen Niveau die Fähigkeit, Fehler zu erkennen und zu korrigieren, ein wesentliches Merkmal von Zukunftsfähigkeit. Zengzi, ein Schüler von Konfuzius, formulierte vor etwa 2.500 Jahren: „Der Weg der großen Wissenschaft besteht darin, die klaren Geisteskräfte zu klären, die Menschen zu lieben und sich das Ziel im höchsten Guten zu setzen. Indem die Alten auf der ganzen Erde die klaren Geisteskräfte klären wollten, ordneten sie zuerst ihren Staat; um ihren Staat zu ordnen, regelten sie zuerst ihr Haus; um ihr Haus zu regeln, bildeten sie zuerst ihr Bewusstsein; um ihr Bewusstsein zu bilden, machten sie zuerst ihre Gedanken wahr; um ihre Gedanken wahr zu machen, brachten sie zuerst ihre Erkenntnis auf das Höchste. Die höchste Erkenntnis besteht darin, die Wirklichkeit zu erfassen. Nur wenn die Wirklichkeit erfasst wird, ist die Erkenntnis auf ihrer Höhe; wenn die Erkenntnis auf ihrer Höhe ist, sind die Gedanken wahr; wenn die Gedanken wahr sind, wird das Bewusstsein recht; wenn das Bewusstsein recht ist, wird die Persönlichkeit gebildet; wenn die Persönlichkeit gebildet ist, wird das Haus geregelt; wenn das Haus geregelt ist, wird der Staat geordnet; wenn der Staat geordnet ist, kommt die Welt in Frieden.“ [106] Weniger über China als mit China und damit mit Chinesen zu reden wäre ein Anfang. 9 Schlussakkord 179 <?page no="181"?> Glossar 5G Bezeichnet die-fünfte Mobilfunkgeneration. Grundlage für Technologien wie autonomes Fahren und das Internet der Dinge. Ahnenkult Tote Vorfahren (die Ahnen) bzw. ihre (vermeintlich) weiter‐ bestehenden Geister werden mit Ritualen-verehrt, wobei der Ahnenkult im Allgemeinen in Verbindung mit Opferga‐ ben-durchgeführt wird. Big five Bezeichnung für die US-amerikanischen Technologiefirmen Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft. Später erweitert zu big seven mit Tesla und Nvidia. Der Begriff wird in China auch für die chinesischen staatlichen Großbanken Industrial and Commercial Bank of China (ICBC), Commer‐ cial Bank of China (CBC), Agricultural Bank of China (ABC), die Bank of China (BoC) und die Postal Savings Bank of China (PSoC) verwendet. Daoismus Die „Lehre vom Weg“, ist eine altchinesische Philosophie und Religion, in deren Zentrum die Lehre vom Dao steht. Der Daoismus ist nicht gleichzusetzen mit der Philosophie des Laotse, die nur einen Bestandteil des Daoismus darstellt. DeepSeek Chinesisches Unternehmen, das auf moderne Sprachmo‐ delle-und-künstliche Intelligenz-spezialisiert ist. DeepSeek wurde im Januar 2025 weltweit bekannt, als es sein KI-Modell DeepSeek R1 vorstellte. Im Unterschied zur US-Konkurrenz verfolgt DeepSeek einen open source-Ansatz, d. h. der Quell‐ code ist öffentlich zugänglich und kann von jedermann kostenlos genutzt, verändert und weitergegeben werden. Demografie Die Wissenschaft, die sich theoretisch und statistisch mit der Entwicklung von Bevölkerungen beschäftigt. Ein-China-Politik Die von der-VR China verfolgte politische-Prämisse, dass es nur ein China gibt, zu dem neben der Volksrepublik auch Macao, Hongkong und Taiwan gehören. Dabei identifiziert die Volksrepublik dieses eine China mit sich selbst. Gaokao Die-landesweit einheitliche Hochschulaufnahmeprüfung in China. Gentry Eine Art Landadel im alten China, der durch das Bestehen der kaiserlichen Prüfungen einen privilegierten Status innehatte, welcher sie berechtigte, ein Amt zu bekleiden. <?page no="182"?> Global Civilisation Initiative Initiative der chinesischen Regierung, die 2023 von Xi Jinping vorgestellt wurde, die der Begründung einer multipolaren Welt und der Suche nach Menschlichkeit und Harmonie für die ganze Welt dient. Global Develop‐ ment Initiative Von Xi Jinping 2021 vorgestellte multilaterale Entwicklungs‐ initiative, die die Erreichung der UN-Nachhaltigkeitsziele bis 2030 behandelt. Global Security Initiative Von Xi Jinping 2022 vorgestelltes globales Sicherheitskon‐ zept, das die Blockstrukturen des Kalten Krieges überwinden und das Zusammenleben der Länder ohne Sanktionen und ohne Kriege ermöglichen soll. Grüne Bande Kriminelle Geheimgesellschaft in der 1. Hälfte des 20.-Jahr‐ hunderts, die in Shanghai Opiumhandel, Glücksspiel und Prostitution kontrollierte. Großer Sprung nach vorn Gescheiterte Industrialisierungsinitiative unter Mao Zedong von 1958 bis 1961, in deren Verlauf viele Millionen Menschen verhungerten. Großer Steuer‐ mann Ehrenname bzw. Bezeichnung für Revolutionsführer und Republikgründer Mao Zedong. Der Terminus Steuermann wurde 2021 auch für Xi Jinping verwendet. Guanxi Begriff für überlebenswichtige persönliche Beziehungen und Netzwerke, die auf gegenseitigem Vertrauen, Gefälligkeiten und langfristiger Verpflichtung beruhen und eine zentrale Rolle im sozialen und geschäftlichen Leben spielen. Es geht dabei prinzipiell nicht nur um Kontakte, sondern um ein System gegenseitiger Unterstützung, bei dem man sich ver‐ pflichtet fühlt, Hilfe zu erwidern. Es existiert kein westliches Pendant. Guomindang (auch Kuomin‐ tang) Nationale Volkspartei Chinas (auch Nationalchinesen) Die Guomindang begründete 1912 die erste chinesische Republik, beherrschte China ab 1927 und musste sich 1949 nach dem verlorenen Bürgerkrireg gegen die Kommunistische Partei-nach-Taiwan zurückziehen. In der Gegenwart ist die Guomindang in Taiwan die Partei, die einer Annäherung an die VR China relativ offen gegenübersteht. Sie setzt sich für nach wie vor für die Ein China-Politik ein. Hukou System der Haushaltsregistrierung in der Volksrepublik China. Konnektivität (wörtlich: Verbin‐ dungsfähigkeit) Die Fähigkeit von Systemen, Geräten oder Menschen, mitei‐ nander verbunden zu sein und Daten auszutauschen.- 182 Glossar <?page no="183"?> Mandschu Volk aus der Mandschurei im Nordosten Chinas, dem die Dynastie der Qing entstammte. In der Gegenwart eine der 55 anerkannten ethnischen Minderheiten in der VR China. Macao Name einer Stadt und einer Sonderwirtschaftszone in Süd‐ china, die von 1557 bis 1999 unter portugiesischer Kontrolle stand. Macao ist heute für legales Glücksspiel bekannt. Made in China 2025 Strategischer Plan der Zentralregierung aus dem Jahr 2015, der Chinas Transformation zur Industriemacht in drei Pha‐ sen darstellt. Dazu wurden neun strategische Ziele formuliert und zehn Schlüsselindustrien definiert. Mao-Bibel Offiziell: „Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung“, auch klei‐ nes rotes Buch genannt. Enthält Zitate sowie Versatzstücke aus Maos Reden und Publikationen. Die weltweite Auflage seit dem ersten Erscheinen 1966 beträgt mehr als eine Milli‐ arde Exemplare. Konfuzianismus Untergegangenes ethisches System oder philosophische Le‐ benslehre; heute zumeist beschreibend für eine chinesische hierarchische Gesellschaft verwendet, die durch reziproke Verantwortlichkeiten charakterisiert ist. Kulturrevolution Eine 1966 bis 1969 und in Teilen bis 1976 von Vertretern der Führung der Kommunistischen Partei Chinas mit Mao Zedong an der Spitze eingeleitete Bewegung mit dem Ziel, überlieferte Denk- und Verhaltensweisen und „das geistige Antlitz der gesamten Gesellschaft zu ändern“. Die Kulturre‐ volution richtete sich besonders gegen Parteifunktionäre, Wissenschaftler, Künstler und Lehrer, die zu Millionen amts‐ enthoben und gedemütigt wurden. (Einen Eindruck erhalten Sie in Teilen des Films „Der letzte Kaiser“ von Bernardo Bertolucci.) Langer Marsch Militärischer Rückzug der Streitkräfte der Kommunistischen Partei Chinas unter Führung von Mao Zedong von Oktober 1934 bis Oktober 1935, um der Einkreisung durch die Trup‐ pen Chiang Kai-sheks-zu entgehen. Nur etwa zehn Prozent der 90.000 Soldaten und Angehörigen, die sich aus der Ji‐ anxi-Provinz auf den Langen Marsch begaben, erreichten ihr Ziel Yan‘ an in der nordchinesischen Provinz Shaanxi. Gilt auch als Helden- oder Gründungsmythos der Kommunisti‐ schen Partei Chinas. Legalismus/ Lega‐ listen Hauptströmung der klassischen chinesischen Philosophie bzw. deren Vertreter, die in Belohnung und Bestrafung die Schlüssel zur Wahrung der Macht sehen. Glossar 183 <?page no="184"?> Massaker am Platz des Himmlischen Friedens (auch Tianan‐ men-Massaker oder Zwischenfall vom 4. Juni 1989) Irreführende Bezeichnung für die blutige Niederschlagung von Studentenprotesten durch die Volksbefreiungsarmee im Juni 1989. Auf dem Platz selbst starben keine Menschen, er wurde nach Verhandlungen zwischen Militär und den Studenten bei aufgefahrenen Panzern friedlich geräumt. In anderen Teilen Pekings verloren indes Menschen (die nume‐ rischen Schätzungen differieren) ihr Leben. Helmut Schmidt bemerkte mehrmals, dass der Einsatz des Militärs eine viel größere Katastrophe verhindert habe. Multilateralismus Bezeichnung für die-Zusammenarbeit von drei oder mehr Staaten bzw. Staatenbünden zur gemeinsamen Bewältigung von Problemen oder zur Erreichung gemeinsamer Ziele.- Opiumkriege Die Opiumkriege waren zwei Kriege zwischen Großbritan‐ nien und dem Kaiserreich China 1839-1842 und 1856-1860. Darauf folgten die Ungleichen Verträge und eine Teilunter‐ werfung Chinas durch die Westmächte und Japan. Sie stellen den Beginn der „verlorenen 100 Jahre“ bis zur Ausrufung der VR China durch Mao Zedong im Jahre 1949 dar. Öffnungspolitik Auch Reform- und Öffnungspolitik. Bezeichnung für die Gesamtheit der wirtschaftlichen Reformen unter Deng Xiao‐ ping-und die Öffnungspolitik der-VR China-gegenüber der Welt und insbesondere dem-Westen. Beginn war 1978 mit den-Vier Modernisierungen (Landwirtschaft, Verteidigung, Industrie, Wissenschaft und Technik); ein offizielles Ende wurde noch nicht verkündet. per capita Pro Kopf. Prinzlinge (chine‐ sisch Taizidang) Bezeichnung für die oft einflussreichen Nachfahren der ho‐ hen Funktionäre der-ersten (s. auch Langer Marsch) und zweiten Generation (unter Deng Xiaoping) der Kommunis‐ tischen Partei Chinas. Protektionismus Schutz inländischer Produzenten vor ausländischer Konkur‐ renz mithilfe von Verboten, mengenmäßigen Beschränkun‐ gen, Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen wie Standards, Schutzvorschriften oder Genehmigungsverfah‐ ren. RMB (Renminbi) Wörtlich „Volksgeld“. Währung der Volksrepublik China. Hongkong und Taiwan verfügen mit dem Hongkong-Dollar und dem Taiwan-Dollar über eigene Währungen. In Macao wird entweder mit Macau-Pataca oder Hongkong-Dollar gezahlt. 184 Glossar <?page no="185"?> Seidenstraße Netz von historischen Handelswegen, das das heutige Xian in China über ca. 6.400 km mit dem Mittelmeerraum verband und das von ca. 115 v.-Chr. bis ins 13.-Jahrhundert seine Hochphase besaß. Auf dieser „Straße“ wurde u. a. das Luxus‐ gut Seide von Ost nach West transportiert. Strategem Versuch, einen Fehler der anderen Seite zu provozieren und auszunutzen. Nicht zu verwechseln mit Strategie. Streitende Reiche In der chinesischen Geschichte die Zeit zwischen 475 v. Chr. und 221 v.-Chr. Zu Beginn der Periode gab es 16 Fürsten‐ tümer, in der Mitte waren es 7 und am Ende setzten sich die Qin durch, die ab 221 v.-Chr. unter dem Gelben Kaiser Qin Shihuangdi den ersten vereinigten chinesischen Staat begründeten. Südreise von Deng Xiaoping Politische Inspektionstour des, obwohl bereits formal pen‐ sionierten, „Überragenden Führers“ Deng Xiaoping, nach Shenzhen, Zhuhai, Guangzhou und Shanghai vom 18. Januar bis 21. Februar 1992. Ungleiche Ver‐ träge Wurden zwischen Mitte des 19.-Jahrhunderts und dem Ersten Weltkrieg zwischen den westlichen Fremdmächten und China, Japan, Korea, Persien und Siam (Thailand) ge‐ schlossen. In China von herausragender Bedeutung war die erzwungene Öffnung von Häfen für Europäer und Nordame‐ rikaner (inklusive ausländische Konzessionen in Shanghai und die Kolonisierung von Hongkong). Glossar 185 <?page no="187"?> Im Text direkt verwendete Quellen Die Internetquellen wurden letztmalig am 10.09.2025 aufgerufen. Vorwort zur 2. Auflage [1] Vgl. https: / / www.jato.com/ resources/ media-and-press-releases/ chineseautomakers-double-european-market-share-in-may [2] Vgl. https: / / www.handelsblatt.com/ unternehmen/ industrie/ interview-ba sf-chef-martin-brudermueller-fuerchtet-um-europas-wettbewerbsfaehig keit/ 28811806.html und https: / / www.faz.net/ aktuell/ wirtschaft/ basf-chef -martin-brudermueller-die-chinesen-sind-besser-als-wir-19305572.html [3] Vgl. https: / / www.dw.com/ de/ deutschlands-afrika-politik-gibt-sich-besch eiden/ a-66772487 Vorwort der 1. Auflage [4] Vgl. https: / / www.welt.de/ wirtschaft/ article249760702/ Einbruch-bei-Ha ndel-mit-China-dieses-Land-steigt-jetzt-zu-unserem-groessten-Partnerauf.html [5] Vgl. https: / / www.auswaertiges-amt.de/ blob/ 2608578/ 810fdade376b1467f 20bdb697b2acd58/ china-strategie-data.pdf [6] Döring, Ole (2017). Warum wir keine Angst vor China haben müssen. In Der Tagesspiegel vom 2.11.2017. [7] Zitiert nach Osnos, Evan (2023). China‘s Age of Malaise, S.-28. The New Yorker vom 23.10.2023. [8] Linowski, Dirk (2022). Herausforderungen der Wirtschaftspolitik (2. Auf‐ lage). Tübingen: UTB-Verlag. <?page no="188"?> 1. Auftakt [9] Graeber, David (2011). Schulden. Die ersten 5000 Jahre. Stuttgart: Klett-Cotta. [10] Harari, Yuval Noah (2019). Sapiens. Eine kurze Geschichte der Mensch‐ heit. München: DVA. [11] Vgl. https: / / www.nationalgeographic.de/ geschichte-und-kultur/ 2021/ 08/ antikes-geld-aelteste-muenzpraegestaette-der-welt-in-china-entdeckt#: ~ : text=Bei%20Ausgrabungen%20in%20der%20antiken,Berechnungen%20% C3%A4lteste%20M%C3%BCnzpr%C3%A4gest%C3%A4tte%20der%20Welt [12] Chen, Keith M. (2013). The Effect of Language on Economic Behavior: Evidence from Savings Rates, Health Behaviors, and Retirement Assets. American Economic Review, Volume 103 (2), pp. 690 - 731. 2. China und Deutschland: Aus der Sicht des jeweils anderen [13] Buck, Pearl (1974). China gestern und heute, S.-71. Reinbek: Rowohlt. [14] Vgl. https: / / www.zeit.de/ zeit-geschichte/ 2012/ 01/ Chinas-Niedergang/ [15] Vgl. Morris, Ian (2012). Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen und beherrscht werden, S.-16. Frankfurt a.-M. & New York: Campus. [16] Rudyak, Marina (2025). Dialog mit dem Drachen, Campus. [17] SPIEGEL (2005, 1. Oktober). MAO: Anatomie eines Massenmörders, 40/ 2005. Der SPIEGEL. http: / / www.spiegel.de/ spiegel/ print/ d-42008699.h tml [18] SPIEGEL (2007, 27. August). Die gelben Spione. Der SPIEGEL. 35/ 2007. h ttp: / / www.spiegel.de/ spiegel/ print/ d-52715099.html [19] SPIEGEL (2008, 7. April). Die Herren der Ringe. Der SPIEGEL. 15/ 2008. h ttp: / / www.spiegel.de/ spiegel/ print/ d-56480065.html [20] SPIEGEL (2020, 1. Februar). Made in China. Der SPIEGEL. 6/ 2020. https: / / www.spiegel.de/ spiegel/ print/ index-2020-6.html [21] Rudyak, Marina (2025). Dialog mit dem Drachen, S.-77, Campus. [22] Zitiert nach Morris, Ian (2012). Wer regiert die Welt? Warum Zivilisatio‐ nen herrschen und beherrscht werden, S. 130. Frankfurt a. M. & New York: Campus. 188 Im Text direkt verwendete Quellen <?page no="189"?> [23] Zitiert nach Kerner, Charlotte (2015). Rote Sonne, roter Tiger. Rebell und Tyrann: Die Lebensgeschichte des Mao Zedong, S. 18. Landsberg: Beltz & Gelberg. [24] Vgl. https: / / www.sixthtone.com/ news/ 1012040 [25] Vgl. https: / / www.spiegel.de/ politik/ toene-verbinden-a-12d2c47f-0002-00 01-0000-000124838650 [26] Störig, H. J. (1999). Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Gütersloh: Fischer. [27] Vgl. http: / / www.hsk-pruefung.de/ [28] Vgl. https: / / ltl-chinesisch.de/ chinesische-laendernamen/ [29] John Rabe (2009). Film von Florian Gallenberger [30] Binswanger, Mathias (2010). Sinnlose Wettbewerbe: Warum wir immer mehr Unsinn produzieren. Freiburg: Herder. 3. Kleine Geografie [31] China und seine Nachbarn. https: / / de.m.wikipedia.org/ wiki/ Datei: Asia ,_administrative_divisions_-_de_-_colored.svg [32] Topografie Chinas. https: / / www.freeworldmaps.net/ asia/ china/ map.htm l [33] Admistrative Gliederung Chinas und Bevölkerungsdichte. Academic dic‐ tionaries and encyclopaedias. https: / / de.academic.ru/ pictures/ dewiki/ 66/ Bevoelkerungsdichte_Chinesischer_Provinzen.png [34] Marx, Karl (1852) Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Zitiert nach: -Marx Engels Werke Band-8, S.-115. 4. Vom Jahrhundert der Scham in die Gegenwart [35] Li, Zexin (2025). Ohne Titel. Zitiert nach [https: / / x.com/ DrDobber‐ stein/ status/ 1910644753483325909] [36] Seitz, Konrad (2000) China. Eine Weltmacht kehrt zurück. Siedler. [37] Wickert, Erwin (1997) John Rabe: Der gute Deutsche von Nanking. DVA. [38] Photos aus sina.com Im Text direkt verwendete Quellen 189 <?page no="190"?> [39] Vgl. https: / / www.economist.com/ briefing/ 2024/ 06/ 13/ americas-assassina tion-attempt-on-huawei-is-backfiring [40] Vgl. https: / / www.wipo.int/ web-publications/ world-intellectual-property -indicators-2024-highlights/ en/ patents-highlights.html [41] Vgl. https: / / merics.org/ en/ china-tech-observatory [42] The economist (12.01.2019) Red moon will rising. [43] The economist, (12.06. 2024). From plant biology to superrconductor physics ist he country at a cutting edge. [44] Sieren, Frank (2018). Zukunft? China! *, Penguin Verlag. [45] Weltbank (2025) www.data.worldbank.org [46] Vgl. https: / / www.spiegel.de/ wissenschaft/ christiane-nuesslein-volhardueber-buerokratie-in-der-wissenschaft-wer-kommt-auf-so-eine-idee-die -haben-einen-knall-a-6d87aec3-5a62-4023-acc7-35c99d2962f9 [47] Weltbank (2025). https: / / data.worldbank.org/ [48] Vgl. https: / / www.auto-motor-und-sport.de/ mittelklasse/ vw-plant-produ ktions-ende-des-santana/ [49] Vgl. https: / / german.beijingreview.com.cn/ Dossiers/ gk40/ Chinesisch_De utsche_Kooperation/ 201812/ t20181207_800150914.html [50] Weltbank (2025). https: / / data.worldbank.org/ indicator/ BX.KLT.DINV.CD .WD [51] National Bureau of Statistics of China (2025). https: / / www.stats.gov.cn/ e nglish/ [52] Shanghai Stock Exchange (2025). https: / / www.sse.com.cn/ [53] Vgl. https: / / www.numbeo.com/ property-investment/ compare_cities.jsp? country1=Japan&city1=Tokyo&country2=China&city2=Shanghai [54] Wong Kar-wei (2004). 2046. Film. [55] Statistisches Bundesamt (2024). Außenhandelsbilanzen der Jahre 2007 - 2023. https: / / www.destatis.de/ DE/ Themen/ Wirtschaft/ Aussenhandel/ _in halt.html [56] Politico (2012). Vgl. https: / / www.politico.com/ story/ 2012/ 12/ mike-mulle n-focuses-on-debt-as-security-threat-084648 [57] Deutsche Börse (2023). Vgl. https: / / www.boerse-frankfurt.de/ nachrichte n/ China-vereinbart-mit-Oel-Lieferant-Saudi-Arabien-Waehrungsgescha eft-fb317cd6-79dc-44a5-abfb-3c923ce30838 190 Im Text direkt verwendete Quellen <?page no="191"?> 5. Demografie und Gesellschaft [58] Klingholz, Reiner (2015). Sklaven des Wachstums. Campus. [59] Vgl. https: / / de.statista.com/ statistik/ daten/ studie/ 1724/ umfrage/ weltweit e-fertilitaetsrate-nach-kontinenten/ . [60] Statista (2024). https: / / de.statista.com/ statistik/ daten/ studie/ 1274310/ um frage/ vergleich-der-lebenserwartung-zwischen-china-taiwan-hongkong -und-macau/ [61] Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2024). https: / / www.bib.bun d.de/ DE/ Presse/ Mitteilungen/ 2024/ 2024-05-22-Deutschland-faellt-bei-Le benserwartung-in-Westeuropa-weiter-zurueck.html [62] Linowski, Dirk (2022). Herausforderungen der Wirtschaftspolitik (2. Auf‐ lage). Tübingen: UTB-Verlag. [63] Linowski, Dirk (2023). Was uns die Diskussion über den Fachkräftemangel über uns selbst verrät. https: / / wirtschaftundethik.de/ wp-content/ upload s/ 2023/ 08/ WE_01-2023_22-05-23-1.pdf [64] Populationpyramid.net (2025). https: / / www.populationpyramid.net/ chin a/ [65] National Bureau of Statistics of China (2025) https: / / www.stats.gov.cn/ e nglish/ [66] UN World Population Prospects. The 2022 Revision (2022) https: / / www .un.org/ development/ desa/ pd/ sites/ www.un.org.development.desa.pd/ fil es/ wpp2022_summary_of_results.pdf [67] China Daily (21.03.2024). China improving treatments for mothers and newborns, https: / / en.nhc.gov.cn/ 2024-03/ 21/ c_86295.htm. [68] Zitiert nach Seitz, Konrad (2000). China: Eine Weltmacht kehrt zurück, S. 52. München: Siedler. [69] Konfuzius (1998). Gespäche (Lun-yu). Ditzingen: Reclam. [70] Vgl. Lin, Yutang (1957). Konfuzius. Frankfurt a.M.: Fischer. [71] The State Council Information Office of the People’s Republic of China (2021). Human Rights Action Plan of China (2021 - 2025). https: / / www .ohchr.org/ sites/ default/ files/ documents/ issues/ business/ workinggroupb usiness [72] Bandurski, David, Katja Drinhausen, Jerker Hellström, Malin Oud und Marina Rudyak (2025) Decoding China. https: / / decodingchina.eu/ de/ [73] In Anlehnung an https: / / www.bpb.de/ themen/ asien/ china/ 44270/ charak teristika-des-politischen-systems/ Im Text direkt verwendete Quellen 191 <?page no="192"?> [74] China Daily (2021). Procedure of the CPC membership admission. h ttps: / / language.chinadaily.com.cn/ a/ 202102/ 10/ WS60233e20a31024ad0ba a8829.html [75] Vgl. u. a. Brühl, Jannis (2019). China, Orwell, und die Angst des Westens. https: / / www.sueddeutsche.de/ digital/ china-kredit-sesame-sozialkredit-u eberwachung-1.4442172 [76] Bacharach, Burt und Marlene Dietrich (1960). Wenn ich mir was wün‐ schen dürfte. https: / / www.youtube.com/ watch? v=qY0Gi8I_nWs 6. Bildung in China [77] Vgl. Seitz, Konrad (2000). China: Eine Weltmacht kehrt zurück, Kapitel 3, München: Siedler. [78] Vgl. Seitz, Konrad (2000). China: Eine Weltmacht kehrt zurück, S.-57 f. München: Siedler. [79] Vgl. https: / / www.globaltimes.cn/ page/ 202306/ 1292125.shtml [80] Radio China International (7. Juni 2024) https: / / german.cri.cn/ 2024/ 06/ 07 / ARTIv5pcgeuAdMDuj3g8pJpJ240530.shtml () [81] Vgl. https: / / www.chinaeducenter.com/ en/ cedu/ ceduproject211.php [82] Jacques, M. (2010). Understanding the rise of China. http: / / www.ted.com / talks/ martin_jacques_ understanding_the_rise_of_china [83] Vgl. https: / / www.hsbi.de/ presse/ pressemitteilungen/ premiere-in-chinahsbi-gruendet-eigenstaendige-hochschule-auf-der-tropeninsel-hainan 7. Gefangen im „Wettbewerb der Systeme“? [84] Vgl. u.-a. https: / / www.tagesschau.de/ wirtschaft/ weltwirtschaft/ plastikm uell-recycling-asien-exporte-kunststoff-umweltschutz-100.html und ht tps: / / www.greenpeace.de/ engagieren/ nachhaltiger-leben/ plastikmuellex porte-deutschland [85] Vgl. https: / / china.diplo.de/ cn-de/ willkommen-in-china/ wirtschaft/ wirtsc haft-bilateral [86] https: / / www.destatis.de/ DE/ Themen/ Wirtschaft/ Aussenhandel/ _Grafik/ _Statisch/ handelspartner.html 192 Im Text direkt verwendete Quellen <?page no="193"?> [87] Deutschlandfunk (2023). https: / / www.deutschlandfunk.de/ neue-seidenst rasse-verblasst-mythos-100.html [88] Linowski, Dirk (2022). Herausforderungen der Wirtschaftspolitik (2. Auf‐ lage), Kapitel 15 mit Exkurs. Tübingen: UTB-Verlag. [89] Wikipedia (2025) Die Nordostpassage [https: / / de.wikipedia.org/ wiki/ Nor dostpassage#/ media/ Datei: Northernsearoute.PNG) [90] Paul, Michael (2024). Chinas arktische Wende: Ursachen, Entwicklungen, Perspektiven, SWP aktuell, Nr.-68 im Dezember 2024) [91] https: / / www.tagesschau.de/ ausland/ europa/ groenland-trump-geschicht e-100.html [92] Vgl. z.-B. https: / / www.zeit.de/ kultur/ 2023-09/ goethe-institut-schliessung -stellenabbau-zukunftskonzept [93] Vgl. z.-B. https: / / www.daad.de/ de/ der-daad/ kommunikation-publikation en/ presse/ pressemitteilungen/ daad-vor-grossen-einschnitten_juli22/ [94] Avinash K. Dixit und Barry J. Nalebuff (1997). Spieltheorie für Einsteiger. Stuttgart: Schäffer-Poeschel. [95] Sunzi (2019). Die Kunst des Krieges. Nikol. [96] Kissinger, Henry (2012). China. Zwischen Tradition und Herausforde‐ rung. Pantheon. 8. Brücken und Ausblick [97] https: / / mp.weixin.qq.com/ s? __biz=MzIxNTE5MDk0Mw==&mid=26505 16510&idx=6&sn=65f48d3957153671581f1cd9c181a413&chksm=8f9310e eb8e499f8126f45c07c75679d4c9c1b7cae27ec1ecb0ff1c6391f81996ce0eeac d53d&scene=27 und https: / / mp.weixin.qq.com/ s? __biz=MzA5NTY3ND EyMw==&mid=2659506258&idx=3&sn=165cde852e590fb383cf0c686fd10 61e&chksm=8bcbb236bcbc3b206cdcbd0c0f5da79e592d08b8beb7e164936f 22cb2ee2d3d0bf052e4e3596&scene=27 [98] Rudyak, Marina (2025). Dialog mit dem Drachen, S.-189 - 199, Campus. [99] Tageschau (09. Februar 2024). https: / / www.tagesschau.de/ wirtschaft/ unt ernehmen/ bahn-vorstaende-keine-bonuszahlung-100.html [100] https: / / www.faz.net/ aktuell/ wirtschaft/ welthandel-chinas-neue-helfer-1 9772655.html [101] https: / / x.com/ narendramodi/ status/ 1953804374158840158 vom 08.08.2025 Im Text direkt verwendete Quellen 193 <?page no="194"?> [102] Statista (2024). https: / / de.statista.com/ statistik/ daten/ studie/ 170863/ umfr age/ alphabetisierung-in-indien/ [103] Vgl. https: / / www.populationpyramid.net/ de/ indien/ 2023/ 9. Schlussakkord [104] Zitiert nach Morris, S.-584. [105] Vgl. https: / / www.focus.de/ politik/ meinung/ 3-lehren-vom-schleimer-gipf el-nicht-alle-sprechen-gegen-trump_9c02c9e5-e59a-4e91-a4be-862eebec 0e35.html [106] Wilhelm, Richard (Übersetzer, 1983). Die Lehren des Konfuzius (Abschnitt „Das große Lernen, S.-635). Stuttgart: Reclam. 194 Im Text direkt verwendete Quellen <?page no="195"?> Leseempfehlungen Die meisten hier empfohlenen Bücher sind schon relativ alt, das sollte Sie, China ist noch viel älter, aber keineswegs abschrecken! Jonathan Spences’ Buch „Chinas Weg in die Moderne“ aus dem Jahre 1990 ist der Klassiker zur chinesischen Geschichte von der Ming-Dynastie bis zur Revolution im Jahre 1911. Konrad Seitz’ Buch „China: Eine Weltmacht kehrt zurück“ aus dem Jahre 2000 ist sehr umfangreich und kenntnisreich, aber für den Laien trotzdem gut lesbar. In diesem Buch finden sich eine hervorragende Darstellung der neueren Geschichte Chinas bis zum Jahre 2000 und ebenso beachtbare Vorhersagen bis fast in unsere Gegenwart. Henry Kissinger zeigt sich mit seinem Buch „China. Zwischen Tradition und Herausforderung“ aus dem Jahre 2012 als großer Kenner von Chinas Geschichte, Philosophie und Gesellschaft. Henry Kissinger war in China bis zu seinem Tode in seinem 101. Lebensjahr sehr geschätzt. Trotzdem wurde sein Buch bis zu seinem Tode im Jahre 2023 nicht vollständig in China verlegt. Der französische Philosoph und Sinologe François Jullien hat 1996 das Buch „Traité sur l’efficacité“ (von dem es eine englische Übersetzung mit dem Titel „A Treatise on Efficacy. Between Western and Chinese Thinking“ gibt) veröffentlicht. Jullien zeigt, dass Wirksamkeit in China anders verstan‐ den und erzeugt wird als im Westen, wo wir gewohnt sind, auf ein vorher bestimmtes Ziel hin zu handeln: Der westliche Ansatz von Strategie ist es im Allgemeinen, Modelle zu erstellen und diese möglichst auf dem kürzesten Weg umzusetzen. Im Krieg und in der Wirtschaft beginnt man mit einer Analyse des Ist-Zustands. Darauf aufbauend wird ein Plan erstellt, um möglichst schnell in den sehr klar vorgegebenen Sollzustand zu gelangen. Die Herausforderung besteht darin, den Abstand von Modell und Umset‐ zung so klein wie möglich zu halten. Wirksamkeit wird im Westen somit zumeist in Zweck-Mittel-Begriffen gedacht. In der chinesischen Denk- und Handlungsweise ist es nicht üblich, theoretische Idealmodelle zu entwickeln und zu versuchen, diese in die Praxis umzusetzen. Strategie ist vielmehr, die tragenden Faktoren einer Situation zu erkennen und sich auf diese zu <?page no="196"?> stützen. Der chinesische Stratege entwirft keinen großen Plan; er erkundet und spürt die Situation und Faktoren, die günstig für ihn sind. Im westlichen Denken führen Prozesse zu einem Ergebnis und enden dort; im chinesischen Denken gehen die Prozesse kontinuierlich weiter. Westliche und chinesische Vorstellungen von Handlungen, Zeit und Realität sind somit unterschiedlich. Mit Konsequenzen. Mut und Feigheit sind keine Eigenschaften, die man in sich hat, sondern sie ergeben sich aus der Situation oder dem Situationspotential. In der chinesischen Denkweise ist Wirksamkeit immer das Resultat eines Prozesses. Ian Morris’ „Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen und beherrscht werden“ ist Ihnen mehrfach in diesem Text begegnet. Das Buch aus dem Jahre 2011 heißt auf Englisch: „Why the West rules? For now“. Nach einem furiosen Auftakt, in dem Queen Victoria ihren geliebten Gatten Albert nach Peking entschwinden sieht, widmet es sich dem „Wettrennen“ östlicher und westlicher Gesellschaften. Morris ist weder ein Verfechter einer deterministischen Theorie noch hängt er der Idee an, dass Geschichte weitgehend zufällig abläuft. Er wagt den Blick in die Glaskugel. Noah Yuval Hararis Buch aus dem Jahr 2011 „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ aus dem Jahre 2011 erzählt mitunter bitter und manchmal mit Witz, wie sich unsere Spezies innerhalb von 12.000 Jahren zum Beherrscher der Erde aufgeschwungen hat. Hans Joachim Störigs „Kleine Weltgeschichte der Philosophie“ aus dem Jahre 1952 wird immer wieder aufs Neue verlegt. Das Buch gibt einen hervorragenden Überblick über die gesamte Philosophie der Menschheit. Störig scheint wirklich alle wichtigen Texte gelesen und dazu verstanden zu haben. Die Kapitel zur klassischen chinesischen Philosophie stellen eine gute Vor- oder auch Nachbereitung des Lesens der Originaltexte von Laotse und Konfuzius bis hin zu deren Nachnachnachfolgern in der Gegenwart dar. Harro von Senger bespricht in „Strategeme“ (die erste Auflage erschien bereits 1979) und zahlreichen Variationen seines ersten Buches die wichtigs‐ ten Kriegslisten, die im Business in China von Bedeutung sind. Diese sollten Sie unbedingt kennen, sollten Sie beabsichten, in China tätig zu werden. Der Spieltheoretiker Christian Rieck hat im Jahr 2020 mit „Die 36 Strategeme der Krise“ ein interessantes Buch geschrieben, das auf den Ideen von Sunzi und dessen Nachfolger Sun Bin basiert. 196 Leseempfehlungen <?page no="197"?> Zur Geschichte der VR China gibt es meines Wissens noch keine verlässliche historische Fachliteratur bzw. es kann diese nicht geben. Zu viele Beteiligte seit dem „Großen Sprung nach vorn“ und der „Kulturrevolution“ sind dafür noch am Leben. Hier sei dem interessierten Leser ein Ausweg über die Memoirenliteratur empfohlen. Ein sehr berührendes und rührendes Buch hat die Germanistin Zhao Jie 2013 mit „Kleiner Phoenix: Eine Kindheit unter Mao“ geschrieben. Hier hat die deutsche Sprache einer jungen Frau das Leben gerettet. Kleiner Phoenix war der Kosename der Großmutter der Autorin. „An Großvaters Hand: Meine Kindheit in China“ von Chen Jianghong ist eine Bildgeschichte aus dem Jahre 2008 im Stil der französischen bande dessinée. Charlotte Kerners Buch „Rote Sonne, roter Tiger“ ist ein aus meiner Sicht gelungener Versuch, Leben und Wirken Mao Zedongs differenziert und dabei gut lesbar darzustellen. Tatsächlich gibt es auch gute deutschsprachige China-Literatur jüngeren Datums: Frank Sieren ist ein deutscher Journalist, der seit vielen Jahren in China lebt und im Jahre 2006 durch das Interviewbuch „Nachbar China“ mit Helmut Schmidt bekannt wurde. „China to Go. Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur - 100 innovative Trends und erhellende Einblicke“ aus dem Jahre 2023 hält, was im Titel versprochen wird. Sehr lesenswert und informativ ist auch Frank Sierens Buch „Zukunft? China! *“. In diesem Buch aus dem Jahre 2018 werden alle wesentlichen Prozesse, die China zur gegenwärtigen Weltmacht machen, Stichworte u. a. E-Mobilität, Künstliche Intelligenz, Neue Seidenstraße, bereits dargestellt. Offensichtlich haben die meisten Leute in Wirtschaft und Politik, die das Buch bereits vor Jahren hätten lesen sollen, dies nicht getan. Sein letztes Werk aus dem Jahre 2025 ist „Der Auto-Schock: Wie China uns abhängen konnte und was das für unsere Zukunft bedeutet - Ein Blick hinter die Kulissen der chinesischen Innovationskraft“. Leseempfehlungen 197 <?page no="198"?> In Sina Hardaker und Peter Dannenbergs (Herausgeber) „Geografien einer Weltmacht“ aus dem Jahre 2023 finden Sie 46 Einzelbeiträge unter‐ schiedlicher Autoren zu fast allem, was in dem Ihnen vorliegenden Buch besprochen wird und einiges mehr. Dafür ist das Buch auch mehr als doppelt so umfangreich. Mit Genuss und einigem Erkenntnisgewinn habe ich Marina Rudyaks Buch „Dialog mit dem Drachen“ (erschienen im April 2025) gelesen. Das Buch setzt einiges an Wissen über das moderne China voraus, ist dabei aber gut lesbar. Frau Rudyak ist Sinologin, sie hat mehrere Jahre in China sowohl studiert als auch gearbeitet, bevor sie an der Universität Heidelberg Wissenschaftliche Mitarbeiterin wurde. Sie erläutert und illustriert das Konzept der Relationalität und die aktuelle philosophischen Denkschulen und ihren Einfluss auf die chinesische (Außen-)Politik. Frau Rudyak zeigt, dass es durchaus eine logische Kontinuität von Mao über Deng zu Xi gibt. Breiten Raum gewährt sie Chinas Verhältnis zu Russland und der Taiwan-Problematik. Lesenswert ist auch das Buch von Felix Lee und Finn Mayer-Kuckuk „China: Auswege aus einem Dilemma“. Die Kernthese lautet, dass China die Formung einer Welt mit China an der Spitze verfolgt (was etwas durchaus anderes ist als die Beherrschung der Welt). Im Buch werden viele Beispiele aus der Wirtschaft erwähnt und diskutiert. Einig sind sich die neueren Autoren, dass wir im Westen an einem Mangel an China-Kompetenz leiden, den es im Sinne von Selbstverteidigung bzw- -erhaltung zu beheben gilt. Denken Sie noch einmal an Harold Washington. 198 Leseempfehlungen <?page no="199"?> Abbildungsverzeichnis Abb. 2.1: SPIEGEL-Titelblätter 40/ 2005 [17], 35/ 2007 [18], 15/ 2008 [19] und 6/ 2020 [20] (SPIEGEL, 2005, 1. Oktober; SPIEGEL, 2007, 27. August; SPIEGEL, 2008, 7. April; SPIEGEL, 2020, 1. Februar) . . . . . . . . . . . . . . 32 Abb. 3.1: China und seine Nachbarn (Quelle: Wikipedia [31]) . 48 Abb. 3.2: Topografie Chinas (Quelle: dreamstime.com [32] . . . 50 Abb. 3.3: Administrative Gliederung Chinas und Bevölkerungsdichte (Quelle: Academic dictionaries and encyclopaedias [33]) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 Abb. 4.1: Mao Zedong (1893 - 1976), Deng Xiaoping (1904-- -1977, Xi Jinping (geb. 1953). Quelle: sina.com [38] . . 67 Abb. 4.2: Entwicklung der ausländischen Direktinvestitionen von 1980 - 2023 in Mrd. US-Dollar (Eigene Darstellung: Daten von der Weltbank) [50] . . . . . . . . 81 Abb. 4.3: Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) in jeweiligen Preisen von 1980 bis 2024 in Mrd. US-Dollar (Eigene Darstellung: Daten vom National Bureau of Statistics of China [51] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 Abb. 4.4: Der Shanghai Composite-Index 04/ 2000 - 04/ 2025 (Eigene Darstellung: Daten von Shanghai Stock Exchange) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 Abb. 4.5: Der HangSeng-Index 04/ 2000 - 04/ 2025 (Eigene Darstellung: Daten von Shanghai Stock Exchange) . 88 Abb. 4.6: Wechselkurs von RMB pro USD 04/ 2000 - 04/ 2025 (Eigene Darstellung: Daten von Shanghai Stock Exchange) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 Abb. 4.7: Wechselkurs von USD pro Euro 01/ 1999 - 04/ 2025 (Eigene Darstellung: Daten von Shanghai Stock Exchange) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 Abb. 4.8: Wechselkurs von RMB pro Euro 01/ 1999 - 04/ 2025 (Eigene Darstellung: Daten von Shanghai Stock Exchange) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 <?page no="200"?> Abb. 4.9: Wert der deutschen Importe aus und Exporte nach China von 2007 - 2023 in Mrd. Euro (Eigene Darstellung: Daten vom Statistischen Bundesamt [55]) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Abb. 5.1: Altersverteilung der Bevölkerung in der VR China: 1950, 1978 und 2024 (Quelle: Populationpyramid [64]) 102 Abb. 5.2: Fertilität in China 1950 - 2025. Eigene Darstellung (Daten vom Staatlichen Amt für Statistik der Volksrepublik China) [65] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Abb. 5.3: Das politische System der VR China (Quelle: In Anlehnung an die Bundeszentrale für Politische Bildung [73]) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 Abb. 6.1: Das chinesische Bildungssystem (in Anlehnung an diverse chinesische Quellen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 Abb. 7.1: Die größten Handelspartner Deutschlands 2020 und 2023 (Quelle: Statistisches Bundesamt [86]) . . . . . . . . 135 Abb. 7.2: Land- und Seestränge der Belt and Road Initiative (Quelle: Deutschlandfunk [87]) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 Abb. 7.3: Die Nordostpassage (Quelle: Wikipedia [89]) . . . . . . 141 Abb. 8.1: „Galoppierendes Pferd“ von Xu Beihong und „Krebse“ von Qi Baishi (Quelle: Weixin [97]) . . . . . . . . . . . . . . . 164 Abb. 8.2: Altersverteilung der Bevölkerung Indiens 2023 (Quelle: https: / / www.populationpyramid.net/ de/ indi en/ 2023/ [103]) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 200 Abbildungsverzeichnis <?page no="201"?> Bisher sind erschienen: Ulrich Sailer Digitalisierung im Controlling 2023, ISBN 978-3-381-10301-0 Michael von Hauff Wald und Klima 2023, ISBN 978-3-381-10311-9 Ralf Hafner Unternehmensbewertung 2024, ISBN 978-3-381-11351-4 Irene E. Rath / Wilhelm Schmeisser Internationale Unternehmenstätigkeit 2024, ISBN 978-3-381-11231-9 Reinhard Hünerberg / Matthias Hartmann Technologische Innovationen 2024, ISBN 978-3-381-11291-3 Ulrich Sailer Klimaneutrale Unternehmen 2024, ISBN 978-3-381-11341-5 Oˇ guz Alaku¸ s Basiswissen Kryptowährungen 2024, ISBN 978-3-381-11381-1 Uta Kirschten Personalmanagement: Gezielte Maßnahmen zur langfristigen Personalbindung 2024, ISBN 978-3-381-12151-9 Kariem Soliman Leitfaden Onlineumfragen 2024, ISBN 978-3-381-11961-5 Oˇ guz Alaku¸ s Das Prinzip von Kryptowährungen und Blockchain 2024, ISBN 978-3-381-12211-0 Eckart Koch Interkulturelles Management 2024, ISBN 978-3-381-11801-4 Margareta Kulessa Die Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft 2024, ISBN 978-3-381-11411-5 Jörg Brüggenkamp / Peter Preuss / Tobias Renk Schätzen in agilen Projekten 2024, ISBN 978-3-381-12511-1 nuggets Die Reihe nuggets behandelt anspruchsvolle Themen und Trends, die nicht nur Studierende beschäftigen. Expert: innen erklären und vertiefen kompakt und gleichzeitig tiefgehend Zusammenhänge und Wissenswertes zu brandneuen und speziellen Themen. Dabei spielt die richtige Balance zwischen gezielter Information und fundierter Analyse die wichtigste Rolle. Das Besondere an dieser Reihe ist, dass sie fachgebiets- und verlagsübergreifend konzipiert ist. Sowohl der Narr-Verlag als auch expert- und UVK-Autor: innen bereichern nuggets. <?page no="202"?> Michael von Hauff Nachhaltigkeit - Paradigma und Pflicht der Völkergemeinschaft 2024, ISBN 978-3-381-11281-4 Sven Seidenstricker / Jens Pöppelbuß / Thomas B. Berger / Heiko Fischer Digitaler Vertrieb 2025, ISBN 978-3-381-11441-2 Thomas Zerres / Michael Zerres Rechtliche Herausforderungen im Start-up-Marketing 2024, ISBN 978-3-381-12961-4 Barbara Weyerer Die proaktive Führungskraft 2025, ISBN 978-3-381-12491-6 Andreas Otterbach / Corinna Wenig Führend durch Wertschätzung 2025, ISBN 978-3-7398-3226-5 Michael Zerres / Thomas Zerres Start-ups und EU-Recht 2025, ISBN 978-3-381-13571-4 Rolf J. Daxhammer / Máté Facsar / Zsolt Papp Spekulationsblasen 2025, ISBN 978-3-381-14571-3 Alexander Brem Frugale Innovationen 2025, ISBN 978-3-381-10611-0 Michael Hesseler Herausforderungen für das Betriebliche Gesundheitsmanagement 2025, ISBN 978-3-381-12931-7 Bernd Villhauer Was ist Vermögen? 2025, ISBN 978-3-381-13141-9 Dirk Linowski Deutsch-chinesische Beziehungen 2025, ISBN 978-3-381-14551-5 <?page no="203"?> ISBN 978-3-381-14551-5 Der „Wiederaufstieg“ Chinas ist das dominierende geopolitische Ereignis seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1990. Wir befinden uns seit Ende der 2010er Jahre in einer Phase offener politischer, wirtschaftlicher und militärischer Rivalität, in der die beiden Supermächte USA und China versuchen, ihre Einflusszonen zu stabilisieren und auszuweiten. Deutschland, und damit die EU, befindet sich im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Abhängigkeit von China und sicherheitspolitischen Bedenken. In Verbindung mit hausgemachten Problemen steht nichts weniger als Deutschlands Wirtschafts- und damit Gesellschaftsmodell in Frage. Im Westen ist heute kaum noch bekannt, was in China gedacht und getan wird. Das Buch hat sich zum Ziel gesetzt, bei allen Unterschieden auch Positives sichtbar zu machen, das heißt Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Es versteht sich als Vademecum zu chinesischen Besonderheiten - ein Wegweiser, der den Leser befähigen soll, Schnittmengen wie auch mögliche Konfliktlinien zwischen Deutschland und China in einer zunehmend unübersichtlich anmutenden Welt klarer zu erkennen.