eBooks

Überleben mit Projektmanagement

Ein Roman mit eLearning-Kurs

1013
2025
978-3-3811-4602-4
978-3-3811-4601-7
UVK Verlag 
Claudia Lampert
10.24053/9783381146024

Gestrandet auf einer einsamen Insel setzt ein Team von Unternehmensberaterinnen und -beratern sein Projektmanagementwissen ein, um sich zu retten. Doch die üblichen Probleme in Projekten gefährden hier das Überleben, und Praktikantin Linda muss für die Rettung die Verantwortung übernehmen. Dieser Business-Roman vermittelt grundlegendes Wissen zu Projektmanagement und Teambuilding und plädiert für Werte wie Leidenschaft, Loyalität und Hilfsbereitschaft - denn Projekte scheitern an Menschen, nicht an Prozessen. Mit 100 Lernfolien und einem eLearning-Kurs zum Überprüfen des Lernfortschritts.

9783381146024/9783381146024.pdf
<?page no="0"?> ISBN 978-3-381-14601-7 Claudia Lampert ist zertifizierte und passionierte Projektmanagerin mit vielen Jahren Berufserfahrung in klassischen und agilen Projekten. Dabei hat sie zahlreiche Projektteams geführt und viele brisante Situationen erlebt. Diese hat sie nun in diesem Roman gebündelt. Gestrandet auf einer einsamen Insel setzt ein Team von Unternehmensberaterinnen und -beratern sein Projektmanagementwissen ein, um sich zu retten. Doch die üblichen Probleme in Projekten gefährden hier das Überleben, und Praktikantin Linda muss für die Rettung die Verantwortung übernehmen. Dieser Business-Roman vermittelt grundlegendes Wissen zu Projektmanagement und Teambuilding und plädiert für Werte wie Leidenschaft, Loyalität und Hilfsbereitschaft - denn Projekte scheitern an Menschen, nicht an Prozessen. Mit 100 Lernfolien und einem eLearning-Kurs zum Überprüfen des Lernfortschritts. Lampert Überleben mit Projektmanagement Claudia Lampert Überleben mit Projektmanagement Ein Roman mit eLearning-Kurs <?page no="1"?> Überleben mit Projektmanagement <?page no="2"?> Claudia Lampert ist zertifizierte und passionierte Projektmanagerin mit vielen Jahren Berufserfahrung in klassischen und agilen Projekten. Dabei hat sie zahl‐ reiche Projektteams geführt und viele brisante Situa‐ tionen erlebt. Diese hat sie nun in diesem Roman ge‐ bündelt. <?page no="3"?> Claudia Lampert Überleben mit Projektmanagement Ein Roman mit eLearning-Kurs <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381146024 © UVK Verlag 2025 ‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikro‐ verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Heraus‐ geber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISBN 978-3-381-14601-7 (Print) ISBN 978-3-381-14602-4 (ePDF) ISBN 978-3-381-14603-1 (ePub) Umschlagabbildung: © iStock - Oleh_Slobodeniuk Autorinnenfoto: Loredana La Rocca Photography Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 7 9 11 19 33 39 47 53 63 77 91 133 137 151 165 Inhalt Hinweise zum Buch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Aus welchem Holz sind wir geschnitzt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein Ausflug, der Wellen schlägt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ins kalte Wasser geworfen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine harte Nuss zu knacken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Es ist etwas im Busch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Stand-up-Paddle versus Stand-up-Meeting . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Probleme wie Sand am Meer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nicht den Kopf in den Sand stecken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wer kann uns das Wasser reichen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auf den Busch klopfen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sand im Getriebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sand in die Augen gestreut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Uns steht das Wasser bis zum Hals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> 179 207 215 227 229 230 Die Sanduhr läuft ab . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Stille Wasser sind tief . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nach der Ebbe kommt die Flut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein Meer von Gesichtern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> Hinweise zum Buch Zu diesem Buch gibt es einen ergänzenden eLearning-Kurs. Mithilfe des Kurses können Sie online überprüfen, inwieweit Sie die Themen des Buches verinner‐ licht haben. Gleichzeitig festigt die Wiederholung in Quiz-Form den Lernstoff. Der eLearning-Kurs kann Ihnen dabei helfen, sich gezielt auf Prüfungs‐ situationen vorzubereiten. Der eLearning-Kurs ist eng mit vorliegendem Buch verknüpft. Sie finden im Folgenden zu den wichtigen Kapiteln Links und QR-Codes, die Sie direkt zum dazu gehörigen Fragenkomplex bringen. Anders‐ herum erhalten Sie innerhalb des eLearning-Kurses am Ende eines Fragendurchlaufs neben der Auswertung der Lernstandskontrolle auch konkrete Hinweise, wo Sie das Thema bei Bedarf genauer nachlesen bzw. vertiefen können. Diese enge Verzahnung von Buch und eLear‐ ning-Kurs soll Ihnen dabei helfen, unkompliziert zwischen den Medien zu wechseln, und unterstützt so einen gezielten Lernfortschritt. Der eLearning-Kurs besteht aus drei Lerneinheiten: Lerneinheit 1 (https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1412) umfasst die Folien 1 bis 26 und damit die Themen Projekt, Projektmanagement, Konfliktes‐ kalation Stufe 1: Verhärtung, Wissensmatrix, Ursache-Wirkungs-Dia‐ gramm nach Ishikawa, Teamphase Forming, Teamphase Storming, Deming-Cycle, Projektziele, Wasserfall-Diagramm, Projektmanage‐ ment-Office, Kick-off-Meeting, Teamphase Norming, Kreativitätstech‐ niken, Eisenhower-Matrix, Projektstrukturplan, Arbeitspaket, Kon‐ flikteskalation Stufe 2: Polarisation und Debatte, Daily Stand-up Meeting, Change Request, Harvard-Konzept, Product Backlog, Scrum Sprint, Scope Creep, Pareto-Prinzip, Konflikteskalation Stufe 3: Taten statt Worte. <?page no="8"?> Lerneinheit 2 (https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1413) prüft das Wissen der Fo‐ lien 27 bis 62 ab. Die Themen dabei sind Kritischer Pfad, Risikomanage‐ ment, Group Think, Johari-Fenster, Social Inhibition, Social Loafing, Meilensteine, Social Compensation, Kanban, Klassisches versus agiles Projektmanagement, Scrum, Scrum Product Owner, Scrum Master, Pro‐ jektleiter*in, Das agile Manifest, Scrum, Entwickler*innen, Projektor‐ ganisation, Konflikteskalation Stufe 4: Sorge um Image und Koalition, Magisches Dreieck im klassischen und agilen Projektmanagement, Pro‐ jektcontrolling, Finanzmittelbedarf, Mittelabflussplanung, Forecast, Zielfunktionen, Project Canvas, Konflikteskalation Stufe 5: Gesichts‐ verlust, Teamphase Performing, 360-Grad-Feedback, Feedback-Burger, Lessons learned, Retrospektive, Business Model Canvas, Situative Füh‐ rung, Bedürfnispyramide nach Maslow, Komfortzonenmodell. Lerneinheit 3 (https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1414) befasst sich mit den Folien 63 bis 100 und somit mit Projektabschluss, X-Y-Theorie, Stakehol‐ deranalyse, Stakeholderportfolio, Kommunikationstabelle, Konfliktes‐ kalation Stufe 6: Drohstrategien, Vier-Ohren-Modell nach Schulz von Thun, Advocatus diaboli, Projektauftrag, Krisenmanagement, DIN 69901, Lenkungskreis, Task Force, Stacey-Matrix, Plan-Ist-Ver‐ gleich, Ressourcenmanagement, Ressourcenplanung, Projektportfolio, Priorisierung von Projekten, MoSCoW-Priorisierung, Teamphase Ad‐ journing, Konflikteskalation Stufe 7: Begrenzte Vernichtungsschläge, Kopfstandmethode, Risikoanalyse, Risikomatrix, Planning Poker, Ge‐ genmaßnahmen, Risk Shifting, Sechs Denkhüte, Konflikteskalation Stufe 8: Zersplitterung und Stufe 9: Gemeinsam in den Abgrund, Bro‐ ken-Windows-Theory, Zertifizierungen, Projekthandbuch, Changema‐ nagement, Prozesse, RACI-Matrix, Projekt-Review. Lernfolien | Die 100 Lernfolien, die auch im Buch abgebildet sind, liegen unter https: / / files.narr.digital/ 9783381146017/ Zusatzmaterial.pdf zum Download bereit. 8 Hinweise zum Buch <?page no="9"?> Vorwort Liebe Leserinnen und Leser, ein Drittel der gesamten Arbeitszeit in Deutschland wird in Projekten geleistet. Diese erreichen jedoch nur klägliche 66 von 100 Punkten beim Projekterfolg. Die Tendenz ist sogar sinkend, mit sechs Punkten weniger als 2013 (Studie „Projektifizierung 2.0“ der GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V., 2023). International sind nur 47,8% der Projekte erfolgreich (Studie des Project Management Institute, 2024). Das wirft die Frage auf: Warum scheitern so viele Projekte? Obwohl sich jedes Jahr Tausende zu Projektmanagerinnen und -managern ausbilden lassen und Zertifizierungen erwerben. Die Antwort lautet: Projekte scheitern nicht an der Planung/ Technik/ Pro‐ zessen, sondern an der Kommunikation. Oder positiv formuliert: Projekte gelingen nicht wegen effizienter Prozesse, sondern wegen passionierter Menschen. Dabei muss klar konstatiert werden, dass die Prozesse, sprich das Projekt‐ management-Wissen, die notwendige Basis bilden. Ohne sie sind Projekte definitiv zum Scheitern verurteilt. Doch diese grundlegenden Kenntnisse und Fachexpertise alleine reichen nicht aus. Sie wollen ergänzt werden um offene Kommunikation und eine werteorientierte Haltung. Während Sie im vorliegenden Buch in die Geschichte eintauchen, lernen Sie die Grundregeln des Projektmanagements und erleben hautnah die Herausforderungen und Konflikte der modernen Geschäftswelt. Gleichzeitig ist die Geschichte eine schonungslose Abrechnung mit dem formalistischen Abarbeiten von Standards und ein Plädoyer für gelebte Werte, Haltung und Engagement. Ohne Leidenschaft, Loyalität und Hilfs‐ bereitschaft sind unsere Projekte rettungslos verloren. Wenn Sie noch am Anfang Ihrer Karriere im Projektmanagement stehen, dann bieten Ihnen die Erläuterungen der verwendeten Fachbegriffe einen schnellen Einstieg in die Materie. Sie sind im Text fett markiert und werden am Ende jedes Kapitels mit einer Grafik erläutert. In einem Kasten am Kapitelende finden Sie weitere Informationen. Ihr neu erlangtes Wissen können Sie anhand eines eLearnings mit Testfragen überprüfen. <?page no="10"?> Wenn Sie bereits Erfahrung im Projektmanagement mitbringen, dann überspringen Sie getrost die Erläuterungen und tauchen Sie in die Ge‐ schichte um Linda und ihre Arbeitskollegen und ihren Kampf ums Überleben ein. Das Team macht viele Fehler und auch einiges richtig. Von beidem kann man lernen und man fühlt sich vielleicht an die eigenen Erfahrungen in Projekten erinnert. Alle Geschehnisse basieren, teilweise überspitzt, auf meiner jahrelangen Arbeit in Projekten. Sie sind gleichzeitig erstaunlich, beängstigend und motivierend, auf jeden Fall aber nie langweilig. Ich lade Sie herzlich ein, in die aufregende Welt des Projektmanagements. München, im Juli 2025 Claudia Lampert 10 Vorwort <?page no="11"?> Aus welchem Holz sind wir geschnitzt? Der Schweiß rann Linda den Rücken hinunter. Sie schob einen Ärmel ihres T-Shirts nach oben, doch als sie sah, wie rot ihre Haut schon nach der kurzen Zeit an Deck war, hielt sie inne. Sie brauchte dringend mehr Sonnencreme. Victoria kam die Treppe nach oben und trat an Deck. „Frank will, dass wir uns alle am Bug treffen. Ich glaube, er hält gleich eine Rede.“ Ihr Pareo glitzerte im Licht. „Kommst du? “, fragte sie über die Schulter und griff im Gehen in ihre langen blonden Haare. Linda zögerte. Schaffte sie es noch, schnell nach unten in ihre Kabine zu gehen? Doch Leon kam ihr schon entgegen, sodass sie sich dagegen entschied. Die Gefahr war zu groß, als Einzige zu spät zu kommen und die Blicke aller auf sich zu spüren. Schnell schlüpfte sie in ihre Stoffschuhe, damit man den abgeblätterten Nagellack nicht sah. Frank erhob sein Champagnerglas. „Ich danke euch, Leute! Ich meine es ernst. Ich war noch nie so dankbar, mit euch allen wortwörtlich in einem Boot zu sitzen. Wir haben uns diesen Urlaub redlich verdient. Ihr habt großartige Arbeit geleistet. Nach dem Abschlussgespräch hat der Kunde mich noch zweimal angerufen, um sich zu bedanken. Wir haben es geschafft, das Projekt komplett neu aus dem Boden zu stampfen und zum Laufen zu bringen. Ich sage euch, wir liefern nicht nur hundertprozentig ab, wir revolutionieren das System! “ Er breitete die Arme aus und lachte, sodass man nicht nur alle Zähne, sondern auch sein Zäpfchen sehen konnte. Victoria grinste und verdrehte die Augen. „Jetzt geht es aber langsam durch mit ihm“, sagte sie hinter vorgehaltener Hand. „Wir sind schließlich keine Ärzte, die Leben retten. Ich bin sicher, einige der Mitarbeiter dort sind Gott froh, die Berater mit ihren Rollköfferchen endlich wieder los zu sein.“ Linda beobachtete, wie Frank einem nach dem anderen zuprostete. Erst jetzt fiel ihr auf, wie klein er war. Vermutlich trug er bei der Arbeit Schuhe mit verstärkten Sohlen und wenn seine Haare nicht wie jetzt nass waren, schummelte die Föhnfrisur ein paar weitere Zentimeter hinzu. Er hatte einen seltsamen Gang, der Linda schon oft aufgefallen war. Er hielt sich kerzengerade und ging mehr auf den Fußballen als auf dem ganzen Fuß. Dabei federte er sich mit jedem Schritt ab. Trotzdem strahlte er Autorität aus und es fiel ihm nicht schwer, sich auch gegen Männer wie Leon zu behaupten. <?page no="12"?> Linda hatte keine Ahnung, wie erfolgreich das Projekt verlaufen war. Sie war erst vor kurzem zum Team gestoßen und hatte als Praktikantin nicht den Einblick beurteilen zu können, wie weltbewegend das Projekt war. Doch egal ob Frank übertrieb oder nicht, sie war hier. „Diese zwei Wochen genießen wir so richtig. Ich gehe sogar so weit zu sagen, keine Handys! Ernsthaft - lasst euch nicht dabei erwischen, wie ihr eure Mails checkt, ich warne euch! “ Linda schaute sich vorsichtig um. War das ein lahmer Chefwitz, über den alle aus Höflichkeit lachten? Oder stiegen ihnen nur langsam der Champagner und die Hitze zu Kopf ? „Ich würde mein Handy schon gerne behalten, ehrlich gesagt.“ „Hat unser Mäuschen auch mal eine Meinung? “ Leon haute ihr lachend auf die Schulter, sodass sie fast das Gleichgewicht verlor. Linda stieg vor Scham die Hitze ins Gesicht. Vorsichtig schielte sie unter ihre Achseln, ob man Schweißflecken sehen konnte. Leon zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch in die Luft. Direkt unterhalb seiner Hand an der Reling klebte das „Rauchen verboten“-Schild. Sein rechter Arm war bis zum Handgelenk mit einem verblassten Tribal-Muster tätowiert. Das hatte man bisher unter den weißen Hemden gar nicht gesehen. Victoria zog sie zur Seite. „Mach´ dir nichts daraus, du weißt doch, wie er ist.“ Linda runzelte die Stirn. Warum stellte Leon sie vor allen bloß? In den letzten Wochen hatte sie ihn mehr als nur ein Mal mit einer Nachtschicht gerettet und den Powerpoint-Folien den letzten Schliff gegeben, damit sein Arbeitspaket abgeschlossen wurde. „Wisst ihr was, ich setze noch einen drauf: Wir legen jetzt alle unsere Handys in eine Kiste und holen sie bis zum Ende des Urlaubs nicht mehr raus.“ Frank schaute herausfordernd in die Runde. Sehr zu Lindas Bestürzen waren die Kollegen bei der Idee sofort an Bord. Sogar Victoria, die sich weiter nur an Orangensaft hielt, meinte: „Das wird mir guttun, mal ganz ohne Elektrosmog.“ Einer nach dem anderen legte sein Handy in eine Schuhschachtel, die Frank auf den Tisch gestellt hatte. Jonas verpackte sein Blackberry vorher noch in eine zusätzliche Schutzhülle und Leon legte neben sein neues iPhone unaufgefordert seine Rolex. Mit aufgerissenen Augen schob er sie schnell zur Seite, als Victoria ihr mit Strasssteinchen besetztes Handy hineinplumpsen lies. Zögerlich legte Linda ihr Handy mit dem Display nach unten hinein, damit man die Sprünge im Glas nicht sah. Sie war mit Abstand die Jüngste. 12 Aus welchem Holz sind wir geschnitzt? <?page no="13"?> Nochmal zu widersprechen, brachte sie nicht über sich. Tom lächelte sie freundlich an, als er sein Samsung dazu legte. Es sah mit der abgewetzten Lederhülle sympathischerweise auch aus, als hätte es schon ein paar Jahre auf dem Buckel. „Linda, schreib doch noch schnell deinen Eltern, dass wir die nächsten Tage nicht erreichbar sind. Sonst machen sie sich nur wieder Sorgen um dich“, sagte Frank. „Ich habe schließlich versprochen, dass ich dich wohlbehalten wieder bringe. Und sag einen Gruß von mir.“ Sie nickte stumm und tippte die Nachricht, bevor sie ihr Handy endgültig abgab. Immer, wenn sie sich kurz der Illusion hingab, dass sie ein normales Teammitglied war, wurde ihr in Erinnerung gerufen, dass sie dankbar sein musste, hier zu sein. Dank Frank wussten nun auch alle anderen, warum sie ohne Studium die Stelle bekommen hatte. „Sag mal, Tom, wo kommst du eigentlich her? “, fragte Leon. „Ich bin aus Bremen“, antwortete Tom. „Nein, ich meine wo du wirklich herkommst.“ Tom sog hörbar die Luft ein. „Du meinst wegen meinem Teint? Meine Eltern kommen aus Mauritius, wenn es das ist, was du wissen willst.“ Er kratzte seinen Vollbart am Kinn. „Ich war dort aber nur ein paar Mal im Urlaub.“ „Na dann fühlst du dich ja bei den Temperaturen hier sicher wohl.“ Leon war der Typ Mensch, der in einer Ausstellung naserümpfend etwas zu laut ‚Tss, das könnte ich auch malen‘ sagen würde. Linda konnte nicht beurteilen, ob Leon Toms kühlen Ton nicht hörte oder nicht hören wollte. Tom beendete die Unterhaltung, indem er sich umdrehte und etwas zu trinken holte. Sie versuchte ein Seufzen zu unterdrücken. Ihre Brust fühlte sich eng an und sie spürte einen Anflug von Heimweh. Sie hatte sich fest vorgenommen, ihre Eltern nicht zu enttäuschen. Es musste einfach klappen mit diesem Job. Sie hatte schon zu viele Chancen vertan. Doch es war eine Sache, in ihrem kleinen Büro mit genauen Arbeitsaufträgen Powerpoint-Folien zu pinseln und sich in der Mittagspause nach draußen verkrümeln zu können. Für zwei Wochen mit dem Projektteam 24 Stunden am Tag zu verbringen, war eine ganz andere Hausnummer. Es war höchste Zeit, die Dinge in die Hand zu nehmen. Linda nahm sich fest vor, sich mit allen Kollegen anzufreunden. Aus welchem Holz sind wir geschnitzt? 13 <?page no="14"?> Schon am Abend bot sich ihr die erste Gelegenheit. Jonas stand in der kleinen Küche und begann mit den Vorbereitungen für das Abendessen. „Kann ich dir helfen? “, fragte sie. „Gerne, du kannst die Zucchini schneiden, wenn du möchtest. Wir grillen an Deck.“ Jonas war Controller und hatte alles im Griff - bewundernswert und für ihr Empfinden sehr einschüchternd. „Könntest du die Scheiben bitte etwas dicker schneiden? Die Garzeit ist sonst im Vergleich zum Fleisch zu kurz.“ Er hatte recht, was wollte man gegen diese bestechende Logik schon sagen? „Hast du dich auf den Urlaub gefreut? “, fragte sie. „Ja und nein. Ich meide die Sonne eigentlich. Vertrage ich nicht so gut. Ich bevorzuge üblicherweise die skandinavischen Länder, wegen meiner hellen Haut.“ Linda nickte verständnisvoll und schaute unauffällig auf seine tiefen Geheimratsecken. Das musste bei ihm früh losgegangen sein, denn er war erst zweiunddreißig. Als sie ihren Blick länger auf Jonas ruhen ließ, kam ihr in den Sinn, dass sie es immer ein bisschen merkwürdig fand, wenn Menschen Funktionskleidung trugen, obwohl sie gerade gar keinen Sport machten. „Aber als ich gehört habe, dass es ein Segeltörn ist, war ich begeistert. Ich war schon als Kind bei den Pfadfindern. Ich kann inzwischen achtzehn verschiedene Varianten von Knoten. Kann ich dir gerne mal zeigen, wenn du magst.“ „Wozu braucht man denn so viele? “ „Naja, sagen wir mal, du willst zwei Seile miteinander verbinden, dann könnte man dafür den Kreuzknoten verwenden. Wenn du eine nicht ver‐ stellbare Schlinge brauchst, würdest du einen Palstek wählen.“ Linda nickte, um aktives Zuhören zu signalisieren. Doch das war gar nicht notwendig. Jonas war in seinem Element. „Ich plane nächstes Jahr einen Bootsführerschein zu machen. Die Theorie habe ich quasi schon drauf. Aber man muss eine gewisse Anzahl von Praxisstunden vorweisen und die habe ich noch nicht zusammen. Linda war froh, dass Jonas so mitteilsam war. Sie hatte kein Hobby, durch das sie jemand anderem etwas beibringen konnte. Sie las gerne, bezweifelte aber stark, dass sie in Jonas Gunst stieg, wenn sie ihm das, oder dass sie gerne in Kunstmuseen ging, erzählte. Oder vielleicht würde er ihr aufgrund seines übergroßen Wissensdurstes doch ein Loch in den Bauch fragen. Linda presste die Lippen zusammen und lächelte in sich hinein. 14 Aus welchem Holz sind wir geschnitzt? <?page no="15"?> Inzwischen war Jonas von der Knotenkunde übergegangen zu einer Abhandlung über das Funken. Er hatte auf seinem Dachboden eine Funk‐ zentrale eingerichtet und hantierte dort mit selbst zusammengebauten Funkgeräten. Das war für Linda die lebendig gewordene Definition von „Der Weg ist das Ziel“. Es gab keinen Anlass und keinen Zweck, nur die pure Freude an der Beschäftigung mit der Technik und sich selbst. Das überraschte sie. Sie hatte gedacht, dass erfolgreiche Menschen immer ein Ziel hatten, auf das sie hinarbeiteten. Ausbildung, Studium, Arbeit, Geld, Anschaffungen, Erfolg. Doch Jonas schien glücklich zu sein, wie er war. Auf der anderen Seite hatte er einen Dachboden und das bedeutete in ihrer Heimatstadt München und den utopischen Wohnraumpreisen automatisch, dass Geld in seiner Welt offenbar kein Problem darstellte. Am Abend versammelten sich alle an Deck zum Abendessen. Jonas hatte den Grill auf die korrekte Temperatur vorgeheizt. Es gab Steaks und Garnelen, Pilze, Zucchini und Maiskolben wurden gegrillt. Linda beschränkte sich als Vegetarierin auf das Gemüse und Brot. Am Grill standen Leon und Jonas und nahmen sich regelmäßig gegenseitig die Grillzange aus der Hand. Im geschäftlichen Umfeld gab Frank selten die Zügel aus der Hand. Er war nicht unbedingt ein Mikromanager, aber man tat besser daran, ihn nicht zu überraschen. Er wollte den Weg, den man ging, mitgehen und das funktionierte auch gut, wie der Erfolg bewies. Frank hatte die Firma vor fünfundzwanzig Jahren gegründet. Damals war er gerade mit dem Studium fertig und da er schon früh eine Vorstellung hatte, wie man die Dinge besser angehen sollte, lag es auf der Hand, sich selbstständig zu machen. Über die Jahre war aus der One-Man-Show ein mittelständisches Unternehmen mit 500 Mitarbeitenden geworden. Sie berieten Unternehmen zu ihrem Projektmanagement. Er schätzte jeden in seinem Team für seine Fähigkeiten und wie sie sich gegenseitig ergänzten. Was er nicht duldete, war Passivität und er kritisierte seine Mitarbeiter, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Manche konnten das vertragen und wurden dadurch motiviert sich zu verbessern. Alle anderen waren nicht mehr dabei. Mit zunehmendem Alkoholpegel entwickelte sich das Abendessen zu einer kleinen Party. Es war befreiend, so vollkommen abgeschieden auf dem Meer zu liegen. Der Mond spiegelte sich auf der Wasseroberfläche und glitzerte auf den Wellen. Leon drehte die Musik noch lauter und prostete Linda zu. Aus welchem Holz sind wir geschnitzt? 15 <?page no="16"?> „Na, so gefällst du mir schon viel besser, wenn du mal ein bisschen lockerlässt“, rief er ihr quer über das Deck zu. „Weißt du was? Du gefällst mir auch viel besser nach einer Flasche Champagner.“ Linda hatte die Lacher auf ihrer Seite. Auch Leon grinste. „Das sollten wir mal öfter im Büro machen, anstatt uns jeden Tag zwölf Stunden den Arsch aufzureißen. Wie heißt das - Socializing? Feierabend-Bier? Mehr wie ein Start-up denken, weniger wie ein Konzern, sag ich euch! “ „Was? Willst du etwa einen Tischkicker aufstellen? “, fragte Victoria. „Da blamieren wir uns doch nur. Oder Linda, was würdest du sagen, wenn ich morgen mit Sneakern und Hosenanzug in die Arbeit käme? “ „Ich bin froh, dass ihr so hart gearbeitet habt, sonst wäre ich jetzt nicht zu diesem exotischen Urlaub eingeladen worden“, lachte Linda. „Da hat sie recht. Mit einem Tischkicker hätten wir wahrscheinlich ziemlich viel Zeit verdaddelt“, pflichtete ihr Jonas bei. „Das ist ein guter Einwand“, sagte Frank. „Philosophisch noch dazu. Doch wer weiß, was wir gelernt hätten oder wie effizient wir erst zusammenar‐ beiten würden, wenn wir uns schon früher besser kennen gelernt hätten.“ „Das sagt gerade der Richtige“. Victoria war kein Fan davon, dass Frank die Neuen, die nicht funktionierten, immer so schnell wieder rauswarf. Frank wusste ihren Blick zu deuten. „Ich weiß, ich weiß, ich will mich ja auch bessern. Ihr habt ja keine Ahnung was es kostet, dauernd rekrutieren zu müssen. Die Ausschreibung, die Auswahl, das Onboarding und erst der Wissensverlust…“ „Das Problem ist, dass man die Bewerber überhaupt nicht kennenlernt in einem kurzen Interview. Ich habe euch alle auch erst später durchschaut. Außer Victoria, bei ihr wusste ich von Tag eins, dass ich mich hundertpro‐ zentig auf sie verlassen kann und daran habe ich in den letzten zehn Jahren nicht einen Tag gezweifelt.“ Victoria warf ihm eine Kusshand zu und ihre Armkettchen klimperten. „Vielleicht auch bei Linda“, überlegte er. „Ich wüsste nicht, wie du mich überraschen könntest. Und das meine ich im positiven Sinne.“ Linda versuchte den Frosch in ihrem Hals hinunterzuschlucken und suchte nach einer schlagfertigen Antwort. Frank wippte unrhythmisch zur Musik und drehte sich zu ihr um. Wollte er etwa mit ihr tanzen? Linda machte einen kleinen Schritt zurück. Dann noch einen zweiten. Mit dem Fuß stieß sie gegen eine Champagnerflasche, die auf dem Boden stand. Sprudelnd entleerte sie sich über ihre Füße. Linda ruderte mit den Armen, 16 Aus welchem Holz sind wir geschnitzt? <?page no="17"?> doch sie hatte das Gleichgewicht schon verloren. Hart fiel sie auf das nasse Deck und der Schmerz schoss ihr in den Rücken. Stöhnend hielt sie sich das Steißbein und kniff die Augen fest zusammen. War das gerade wirklich passiert? Die Schmerzen und die Fassungslosigkeit schnürten ihr die Luft ab. Wie könnte sie jemals wieder einem der Kollegen in die Augen schauen? Wissen | Projekt - Projektmanagement Projektmanagement beinhaltet die nötige Struktur und das Wissen, um Projekte zum Erfolg zu führen. Teildisziplinen des Projektmanagements sind u. a. Zeit-, Kosten-, Ressourcen-, Risiko- und Stakeholdermanage‐ ment. Sie werden anhand von konkreten Methoden im Verlauf dieses Buches vorgestellt. Das Gegenstück zu Projektmanagement sind Linien- oder Routinetätig‐ keiten im Tagesgeschäft, die in Unternehmen ebenso relevant sind. Richtig angewendet, bietet Projektmanagement viele Vorteile. Dazu gehören eine klare Orientierung, um strategische Ziele zu erreichen, Effizienz in der Abwicklung von Projekten und die Möglichkeit Risiken frühzeitig zu erkennen und zu steuern. Die Überwachung von Zeit, Kos‐ ten und Qualität verhindert Verzögerungen, Budgetüberschreitungen und Mängel. Projekte gelingen nur, wenn die beteiligten Menschen als Team koordiniert zusammenarbeiten und professionell kommunizieren. Erfahrene Projektmanager*innen steuern den Erfolg ihrer Unterneh‐ men, doch auch bei privaten Projekten kann das Wissen über Projekt‐ management den entscheidenen Ausschlag geben, ob wir mit unseren Vorhaben erfolgreich sind, oder nicht. Aus welchem Holz sind wir geschnitzt? 17 <?page no="18"?> Definition Projekt Ein Projekt ist definiert als eine Aufgabe, die einmalig in der Gesamtheit der Bedingungen ist ein konkretes Ziel hat neuartig und komplex ist interdisziplinär bearbeitet wird zeitlich, personell und finanziell begrenzt ist Projektmanagement Projektmanagement ist definiert als die Gesamtheit aller Führungsmittel, -organisationen, -aufgaben und -techniken zur Abwicklung eines Projektes. Ein Projekt gliedert sich in 5 Phasen. 1 Initialisierung 2 Definition 3 Planung 4 Steuerung 5 Abschluss 18 Aus welchem Holz sind wir geschnitzt? <?page no="19"?> Ein Ausflug, der Wellen schlägt Am nächsten Morgen wachte Linda mit dem Kater des Jahrhunderts auf. Sie machte sich einen Kaffee und schleppte sich an Deck, um durch die frische Luft wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Die Sonne zeigte sich gerade erst am Horizont und die meisten schliefen noch. Nur John von der Crew war schon wach. Er bereitete gerade die Segel vor und sobald auch sein Kollege Matthew und die anderen wach waren, würden die Segel wieder gesetzt werden. „Das war ein toller Abend gestern, ihr seid eine coole Gruppe. Das haben wir nicht oft. Sonst gibt es auch Mal Streit oder Langeweile, aber ihr funktioniert gut als Team.“ „Ja, meinst du? Ich versuche gerade die Bruchstücke meiner Erinnerung zusammen zu setzen. War wohl doch ein bisschen viel gestern“, sagte Linda und rieb sich die Augen. „Oh nein, dann erinnerst du dich auch nicht mehr daran, wie wir getanzt haben? “, fragte John. „Leider nein.“ Linda befürchtete das Schlimmste. „Schnell oder langsam? “ „Schnell und wild, wir waren der Mittelpunkt der Party.“ John grinste zufrieden, während er in der Erinnerung schwelgte. „Na ich hoffe, das sehen die anderen nicht auch so, ich stehe eigentlich nicht so gerne im Mittelpunkt muss ich gestehen.“ „Ehrlich? Das merkt man dir gar nicht an. Du musst dir keine Sorgen machen. Das war wirklich witzig.“ „Dann bin ich froh, dass ich mich nicht blamiert habe.“ „Beim Tanzen? Auf keinen Fall. Wie geht es denn deinem Hintern? “, lachte John. Linda stutzte. „Wie meinst du denn das jetzt? “ „Sag bloß, das hast du auch vergessen. Das muss ja ein echter Filmriss sein. Du bist hingefallen.“ Lindas Lächeln gefror. Sie war was? Das konnte doch nicht wahr sein. Sie hatte sich felsenfest geschworen, dass das nie wieder passieren durfte. Wie viele Morgen wie diesen hatte sie schon erlebt und sich von anderen erzählen lassen, was sie getan hatte, während sie im Delirium war. Linda versuchte, die Regeln jedes Mal ein bisschen weiter zu dehnen. Sie versuchte sich im Social-Drinking. Ihre Regeln waren, nicht alleine zu trinken, nicht <?page no="20"?> ohne etwas gegessen zu haben, nicht mit einem Strohhalm, wodurch der Rausch schneller wirkte, und nichts Hochprozentiges. Damit war sie die letzten zehn Monate ziemlich erfolgreich durchgekommen. Nur gut, dass ihre Eltern den gestrigen Ausfall nicht mitbekommen hatten und, dass man sie nicht anrufen konnte, um sie wieder abholen zu lassen. Matthew winkte herüber und John erhob sich, um ihm zur Hand zu gehen. Im Weggehen drehte er sich nochmal um. „Wir haben übrigens auch langsam getanzt.“ Er warf ihr einen vielsagenden Blick zu und wackelte mit den Augenbrauen. Linda zuckte innerlich zusammen. Langsam erwachte einer nach dem anderen und sie segelten weiter. Das Schiff war zwar groß genug für die ganze Gruppe, aber bei einem Rich‐ tungswechsel musste man zusammenrücken, um das Gewicht richtig zu verlagern. Matthew und John machten die meiste Arbeit und gaben die Kommandos. Immer mal wieder brauchte es aber weitere Helfer. Dieses Mal meldete sich Tom freiwillig und half die Segel zu hissen. Von Linda wurde diesbezüglich nichts erwartet. Sie war nicht besonders kräftig. Toms muskulöse Oberarme waren jedoch unübersehbar wie dafür gemacht. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie ihn. Sie segelten mit hoher Geschwindigkeit und Linda saß fast ganz vorne zusammengekauert auf dem Boden, wie sie gebeten wurde es zu tun. Der Wind peitschte ihr ins Gesicht und wehte ihre langen Haare durcheinander. Sie schloss die Augen. Es störte sie nicht, dass sie patschnass wurde von der See, denn so sah niemand die Tränen, die ihre vor Scham geröteten Wangen hinunterliefen. Diese Leere zu fühlen war nichts Neues. Doch jedes Mal, wenn es wieder passierte, war die eigene Enttäuschung über sich selbst viel größer. Warum konnte sie nicht wie andere Menschen unbeschwert ein paar Gläser trinken? Sich amüsieren? Lustig sein? Freunde gewinnen? Zu allem Überfluss kam dieses Mal noch eine weitere Ebene hinzu. Das hier war keine private Runde, sondern ihre Arbeitskollegen und ihr Chef. Sie war die nächsten knapp zwei Wochen quasi gefangen mit ihnen auf kleinstem Raum. Sollte sie sich entschuldigen? Aber wie schlimm war es in Wirklichkeit gewesen? Vielleicht besaß Frank auch eine unerwartet große Portion Humor und konnte darüber hinwegsehen, dass sie sich danebenbenommen hatte? Es fehlte eine neutrale Instanz, die sie fragen konnte. Wenn sie zu Hause wäre, würden ihre Eltern für sie sortieren. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Das funktionierte für Freunde, vermeintliche Freunde, ihre Gedanken, ihre vergangenen Taten, 20 Ein Ausflug, der Wellen schlägt <?page no="21"?> ihre geplanten Aktivitäten. John hatte die Aktion für lustig befunden, aber was wusste er schon. Er war Skipper auf einem Urlaubssegelboot. In ein paar Wochen lernte er eine neue Gruppe kennen und sie waren vergessen. Konnte sie einen der anderen fragen? Vielleicht Victoria? Linda hatte den Eindruck, dass sie sie mochte. Aber konnte sie ihr vertrauen? Linda entschied sich zunächst abzuwarten und zu sehen, wie Frank sie behandelte. Dann konnte sie entweder mit gespielt guter Laune einsteigen oder sich zur Not doch entschuldigen. „Guten Morgen, meine Lieben, los geht‘s! “ Frank klatschte in die Hände. Sie hatten die Küste erreicht und der Anker war ausgeworfen. „Heute machen wir einen Ausflug an Land. Wir baden und verbringen den Tag am Strand. John und Matthew gehen tauchen und holen uns heute Abend wieder ab. Irgendwelche Fragen? “ Es gab keine Fragen, nur allgemeine Zustimmung. Alle freuten sich darauf, sich an Land die Beine zu vertreten. Nicht nur Linda war von der gestrigen ausschweifenden Nacht müde. Die anderen plagten sich, wie sie vermutete, zwar nicht mit so tiefschürfenden Gedanken, aber topfit sahen sie auch nicht aus. Als sie darauf wartete, an der Reihe zu sein, das Boot zu verlassen, stand sie mit einem Mal neben Frank. Er schaute sie mit einem langen prüfenden Blick an und sagte dann: „Nimmst du gar keinen Rucksack mit? Wir bleiben doch den ganzen Tag.“ Linda war verwirrt. Sie hatte eine kleine Strandtasche dabei, in der ein Handtuch, ihre Sonnenbrille und Sonnencreme lagen. War das ein Vorwurf ? „Du kannst ruhig nochmal runter gehen und deine Sachen in Ruhe einpacken. Wir haben genügend Zeit.“ Linda nickte, drehte sich um und ging in ihre Koje. Sie verstand nicht ganz, was Frank ihr sagen wollte, interpretierte es aber als wohlwollenden Smalltalk. Wahrscheinlich war ihm die Situation auch unangenehm. Sie rechnete es ihm hoch an, dass er den ersten Schritt gemacht hatte. Er hätte auch abwarten können oder seinem Ärger Luft machen. So zeigte er sich freundlich und sorgte sich um ihr Wohlergehen. Sie war jedoch etwas ratlos, was sie mitnehmen sollte. Das Wichtigste war Sonnencreme, da sie sonst sofort Sonnenallergie, einen juckenden Hautausschlag, bekam. Sie warf also noch eine zweite Tube in den Rucksack, packte Wechselklamotten, ein zweites Handtuch, ein paar Müsliriegel und ihr Armband mit der Gravur „She believed she could, so she did“ ein. Als sie schon fast zur Tür hinaus war, kehrte sie nochmal um und packte noch ein Ein Ausflug, der Wellen schlägt 21 <?page no="22"?> Buch ein. „Der Herr der Fliegen“ hatte sie sich schon ewig vorgenommen zu lesen. Möglicherweise fand sich ja am Nachmittag Zeit dafür. „Linda, bringst du mir bitte mein Baseballcap mit? “, rief Frank von oben. Sie bog nach links ab, ging in Franks Koje und schnappte sich das Baseballcap vom Bett. Als sie gerade zur Tür hinausgehen wollte, fiel ihr Blick auf Franks aufgeklappten Laptop. „Liquiditätsplanung“ stand über der Exceltabelle. Das erinnerte sie an ihre erste BWL-Vorlesung, der sie nach knapp einem Semester den Rücken gekehrt hatte. Wem machte es schließlich Spaß diese vielen roten Balken zu interpretieren? Schnell hastete sie zurück nach oben und band sich im Gehen einen Zopf. Mit offenen Haaren war die Hitze noch unerträglicher. Um zum Strand zu kommen, nutzten sie ein kleines Schlauchboot. Matthew und John paddelten noch einige Male hin und her und schafften die Verpflegung für den Tag hinüber. Am Strand stellten sie einen Faltpavillon auf, der zu allen Seiten offen war. Sie brachten ihren Grill mit, Feuerholz, Geschirr, und sogar Sitzkissen. Es sah eher wie ein Umzug aus mit den vielen Kisten und Körben, die nun am Strand standen. Zum Schluss schwammen Matthew und John zurück zum Schiff, nachdem sie das Schlauchboot am Strand befestigt hatten. Jonas zog das Beachtennis-Set heraus. „Wer hat Lust zu spielen? “ „Du traust dich was, da wirst du aber gleich alt aussehen, das verspreche ich dir! “ Leon riss ihm sofort einen Schläger aus der Hand. Linda genoss es, den Sand unter den Füßen zu spüren, er war wunderbar warm und fein. Sie konnte sich gar nicht daran erinnern, wann sie zuletzt im Urlaub gewesen war. Das musste der Spanienurlaub mit ihren Eltern vor neun Jahren gewesen sein. Sie hatte sich mit einem Mädchen angefreundet, mit der sie noch einige Jahre danach Kontakt hielt. Sie schrieben sich häufig E-Mails. Linda hatte schon lange nicht mehr an Simone gedacht. Damals fühlte es sich so gut an, unbeschwert zu berichten, was man erlebt hatte, worauf man sich freute, welche neuen Klamotten sie gerade total toll fand. Sie hatten sich sogar einige Male besucht und sich gegenseitig die Stadt gezeigt. Linda liebte Berlin. Was wäre gewesen, wenn sie damals zu Simone nach Berlin gefahren wäre? Wenn sie an diesem Wochenende überhaupt nicht in München gewesen wäre. Dann wäre sie nicht mit den anderen um die Häuser gezogen. Sie hätte nichts getrunken, wäre klar im Kopf geblieben, sie müsste sich jetzt keine Vorwürfe machen und wahrscheinlich hätte sie sogar die 22 Ein Ausflug, der Wellen schlägt <?page no="23"?> Ausbildung zur Industriekauffrau abgeschlossen und nicht kurz vor der Abschlussprüfung abgebrochen. Was Simone jetzt wohl machte? Jonas riss sie aus ihren Gedanken und fragte: „Schauen wir uns ein bisschen um? Ich wüsste gerne mehr über die Flora und Fauna hier.“ Linda musste grinsen. Natürlich wollte er das. Es war ein Traumstrand. Lang und breit und es war kein Haus in Sicht. Keine Hotels, die sich in Hochhäusern aneinanderreihten, keine Liegen oder Schirme, die man für viel Geld mieten musste, um in den Genuss zu kommen an diesem wunderbaren Ort verweilen zu dürfen. Erst viele Meter vom Meer entfernt begann die Vegetation. Linda ertappte sich dabei, nach einem Weg oder Steg Ausschau zu halten, wie er vor jedem Hotelkomplex angelegt worden wäre. Doch sie wollte sich vor Jonas keine Blöße geben und sagte daher zu. Linda und Jonas stapften durch den warmen Sand auf die Palmen zu. Als sie in deren kühleren Schatten ankamen, hielten beide unvermittelt an. Vor ihnen lag das Tor in eine andere Welt. Eine riesige grüne Wand aus Palmen und Farnen baute sich vor ihnen auf. Linda entdeckte bunte tropische Blüten in leuchtendem Orange und Rosa. Die Blätter der Bäume und Büsche schillerten von smaragdgrün bis grasgrün. Ein Äffchen versteckte sich in den Ästen und kletterte kreischend davon. Linda erinnerte sich an die Bilder von Henri Rousseau, die sie im Kunstunterricht in der Schule besprochen hatten. Einen Tiger konnte sie jedoch Gott sei Dank nicht entdecken. Im Rücken spürte sie den Wind, der vom Meer her wehte und die Wellen rauschten. Vor ihr erstreckte sich der riesige, stickige Dschungel. Vorsichtig übertraten Jonas und Linda die Grenze und gingen einen Trampelpfad entlang, der sich zwischen den Palmen bahnte. Nach wenigen Metern hörte man das Rauschen der Wellen kaum noch und Linda hörte ihre eigenen Schritte. Sie bewegte sich vorsichtig vorwärts, um sich nicht an den langen Gräsern zu schneiden. Je weiter sie ins Innere vordrangen, desto mehr gewöhnten sich ihre Ohren an die neue Umgebung. Sie hörte eine Vogelstimme, die sie nicht kannte und begann intensiver zu lauschen. Mit der Zeit war der Dschungel überhaupt nicht mehr ruhig. Überall raschelte es am Boden und Linda hörte einige Affen zetern. Der Schweiß rann in kleinen Rinnsalen ihren Rücken hinunter und das Shirt klebte ihr am Körper. Mit einem Arm wollte sie gerade einen Ast zur Seite biegen, da erstarrte sie. Am Boden zischte eine Schlange in ihre Richtung. Jonas, der hinter Ein Ausflug, der Wellen schlägt 23 <?page no="24"?> ihr gegangen war, musste so abrupt stoppen, dass er sie fast noch in ihre Richtung gestoßen hätte. Er überblickte die Lage sofort und riss sie am Arm herum. Er packte sie an den Schultern, um sie aus ihrer Starre aufzuwecken und rief: „Lauf! “ Lindas Beine wollten ihr nicht gehorchen, sie stolperte und brauchte mehrere Schritte, um sich wieder zu berappeln. Jonas zerrte sie weiter und sie bahnten sich ihren Weg zurück zum Strand. Der Rückweg zog sich gefühlt wie eine Ewigkeit hin. War das noch der richtige Pfad? Die richtige Richtung? Waren sie wirklich so tief in den Dschungel eingedrungen? Lindas Gedanken rasten und sie keuchte bei jedem Schritt. Endlich durchbrachen sie das grüne Dickicht und hörten erst auf zu rennen, als sie wieder im gleißenden Licht am Strand standen. Beide rangen nach Atem und als sie sich beruhigt hatten, hielten sie inne. Linda schaute Jonas an. Schlagartig mussten sie lachen. „Das behalten wir aber bitte für uns, dass wir uns vor einer kleinen Schlange erschreckt haben, ja? “, sagte Jonas. „Erschreckt habe eigentlich nur ich mich. Du hast ziemlich gut reagiert,“ sagte Linda. „Mein Puls rast trotzdem,“ erwiderte Jonas. „Vor allem dürfen wir das bitte nicht Frank erzählen. Er hat in seinem Terrarium zu Hause ein Dutzend dieser Viecher und liebt sie abgöttisch.“ Linda schlug die Hand vor den Mund. „Da könnte ich nicht eine Minute ruhig schlafen. Aber für ihn muss das hier dann das Paradies sein.“ Als sie zurückkamen, begrüßte Tom sie: „Wo wart ihr denn, wir haben uns schon fast Sorgen gemacht.“ „Wir haben einen Spaziergang gemacht und uns ein bisschen die Insel angeschaut“, wich Linda aus. Sie wollte sich nicht vor allen die Blöße geben und von ihrem Erlebnis berichten. Zum Mittagessen gab es vorbereitete Salate, Käse-Sandwiches und Platten mit aufgeschnittenem Obst in allen Farben des Regenbogens. Jonas nahm ein orangefarbenes Stück und spuckte es sofort wieder aus. „Igitt, ist das etwa diese Stinkfrucht? Das schmeckt ja schrecklich.“ Entgeistert schauten ihn die anderen an. Tom nahm auch ein Stück. „Meinst du das hier? Das ist Papaya! “ Die anderen brachen in Gelächter aus. „Seid ihr sicher? Das schmeckt doch total verfault.“ „Also, mir schmeckt‘s! “ Leon nahm die Platte und schaufelte die restliche Papaya auf seinen Teller. „So, jetzt bist du erlöst.“ 24 Ein Ausflug, der Wellen schlägt <?page no="25"?> Nach dem Essen fragte Victoria: „Wollen wir mal die Stand-up-Paddle-Bo‐ ards ausprobieren? “ Linda hatte noch nie auf so einem Board gestanden und eigentlich hatte sie sich gerade schon darauf gefreut, sich mit ihrem Buch in den Schatten des Pavillons zurückzuziehen. Aber dann erinnerte sie sich daran, dass sie sich vorgenommen hatte aktiver auf andere zuzugehen und sich in die Gruppe einzubringen, also sagte sie zu. „Das klappt so nicht“ sagte Victoria, als Linda gleich nach den ersten Metern im Wasser versuchte auf ihr Board zu klettern. „Wir müssen erst weiter raus, weil die Wellen hier zu stark sind.“ Das klang logisch und Linda ärgerte sich, dass sie nicht selbst soweit gedacht hatte. Aber das schien Victoria nicht zu stören. Sie sagte gerne ihre Meinung und gab den Ton an. Linda beobachtete genau, was Victoria machte und versuchte, es ihr nachzutun. Mit einiger Kraftanstrengung schaffte sie es, sich aus dem Wasser zu ziehen und auf das Board zu schieben. Victoria zeigte ihr die nächsten Schritte und gab Tipps. Erst lag sie eine Weile auf dem Board, was gut war, um sich an das Schaukeln zu gewöhnen, und als sie sich sicher genug fühlte, kniete sie sich darauf. So hatte Victoria es auch gemacht, nur war sie schon weiter. Victoria stand auf dem Board und legte eine Hand über die Augen, um sich vor der Sonne zu schützen. „Komm, trau dich, du bist viel zu vorsichtig. Du schaffst das! “ Linda gab sich einen Ruck. Sie stützte sich auf den Griff ihres Paddels, das auf dem Board lag und stand in Zeitlupe auf. Als sie auf dem Board stand, konnte sie ihr Glück kaum fassen. Sie schaute zu Victoria hinüber, erhob ihr Paddel und winkte ihr fröhlich zu. Doch das entpuppte sich leider als ein Fehler. Schon im nächsten Moment erfasste eine Welle ihr wackliges Board und Linda landete im Wasser. Prustend tauchte sie wieder auf und klammerte sich an das Board. „Nicht schlecht für den Anfang“, lachte Victoria. „Gleich nochmal! “ Victoria war ein lieber Mensch. Sie schaffte es, ihr die ganze Zeit Anwei‐ sungen zu geben, es aber immer freundlich und nie überheblich wirken zu lassen. Das machte sie auch zu einer guten Teamleiterin. Linda verstand, warum Frank Victoria so schätzte und schon so lange an ihr festhielt. „Mir ging es am Anfang genauso, als ich mit dem Stand-up-Paddeln angefangen habe. Keine Sorge, man wird ganz schnell besser und ich gebe zu, es ist auch viel einfacher, wenn man erst in einem Pool üben kann, bevor man ins Meer geht. Aber im Meer ist es viel aufregender und man kann eine bessere Aussicht genießen.“ Ein Ausflug, der Wellen schlägt 25 <?page no="26"?> Das stimmte. Sie waren inzwischen so weit draußen, dass der Strand nicht mehr eine lange gerade Linie war, sondern sich an den Seiten leicht bog. Sie lagen auf ihren Boards und sonnten sich. „Wo sind wir hier eigentlich? Ist das eine Insel oder das Festland? “, fragte Linda. „Ich habe keine Ahnung“, gestand Victoria. „Frank war super geheim‐ nisvoll vor der Reise. Normalerweise erzählt er mir alles. Ich hätte auch erwartet, dass ich ihn bei den Vorbereitungen unterstützen soll, aber er hat alles allein gemacht. Ich glaube, das hat ihm richtig Spaß gemacht. Er wollte uns alle mit etwas Außergewöhnlichem überraschen.“ „Ich finde, das ist ihm auch gelungen. Es ist wirklich ein toller Urlaub. Ich hätte im Leben nicht erwartet, dass ich mitdarf.“ „Ich freue mich, dass du dabei bist. Aber du hast recht, ich war auch überrascht, dass die Firma die Kosten für uns alle übernimmt. So etwas haben wir noch nie gemacht. Wenn wir mal einen Betriebsausflug gemacht haben, dann war das meistens eine Wandertour. Frank war schon immer der naturverbundene Typ.“ „Wäre es ok, wenn wir langsam zurückpaddeln? “, fragte Linda. „Die Sonne brennt ziemlich heftig.“ „Na klar, auf geht’s! “ Wieder am Strand begannen sie mit den Vorbereitungen für das Abendessen. Linda verteilte die Sitzkissen unter dem Pavillon in einem Halbkreis und Jonas zündete den Grill an. Auf zwei Felsbrocken, die in nächster Nähe lagen, bauten sie sich ihr Buffet auf und öffneten die vorbereiteten Schüsseln. Die Kühlakkus hatten das Fleisch frisch gehalten. „Ist euch auch schon aufgefallen, dass wir bisher fast gar nicht über die Arbeit geredet haben? “, fragte Frank. „Stimmt“, sagte Tom, „normalerweise tun wir jeden Tag nichts anderes, aber jetzt erscheint das alles so weit weg. Es wäre schön, wenn wir zuhause auch mehr Zeit hätten, um uns zwischendrin mal privat zu unterhalten.“ „Ich gebe mich gerne ein wenig geheimnisvoll“, scherzte Leon. Für Linda war es eine neue Situation, ihre Kollegen auf so engem Raum um sich zu haben. Sie arbeiteten alle von unterschiedlichen Standorten und oft vom Homeoffice aus. Einzig Frank kannte Linda schon von Kindesbeinen an und Victoria hatte sie beim offiziellen Vorstellungsgespräch kennen gelernt. Die anderen hatte sie persönlich noch nicht so oft getroffen. Dafür wurde sie von ihren Kollegen teilweise bemitleidet. Früher wurde mehr gereist und die Meetings fanden abwechselnd an den Standorten statt. So 26 Ein Ausflug, der Wellen schlägt <?page no="27"?> konnte man abends gemeinsam essen oder ein Bier trinken gehen. Das half ungemein, um sich besser kennen zu lernen und für das allseits hochgelobte „Teambuilding“. Was hieß das überhaupt? Auf den Powerpoint-Folien, die Linda im Akkord erstellte und die die Kollegen den Kunden verkauften, waren Definitionen zu lesen wie ‚ein positives Arbeitsklima zu schaffen‘ oder eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zu gewährleisten‘. Aber die wichtigste Botschaft war, das Teambuilding nicht dem Zufall zu überlassen. Denn schlussendlich war es der Geschäftsführung meist egal, ob die Menschen sich mochten oder nicht. Was zählte waren Umsatz und Gewinn, und funktionierende Teams generierten mehr davon. Powerpoint-Folien konnte man auch alleine pinseln und die Vorteile lagen auf der Hand. Keine Zeitverschwendung in der U-Bahn oder im Flugzeug, keine Uneinigkeit im Fünferbüro, ob das Fenster geschlossen wird oder offen steht. Keine Dissonanzen aufgrund von Schweißgeruch. Die Firmen sparten sich Mietkosten, Reisekosten, Betriebskosten - win-win. Das einzige, was alle zum Arbeiten brauchten, war eine stabile Internetverbindung. Tom hatte Linda erzählt, dass früher ganze Abteilungen zu Betriebsaus‐ flügen in den Klettergarten fuhren oder einen Kurs mit Coach buchten, um ein Tipi zu bauen. Sie als Berater versprachen den Personalabteilungen, die hauptsächlich ihren Kundenkreis darstellten, dass das auch anders ging. Wozu Geld ausgeben, um die Belegschaft an einen Ort zu karren. Dürfen wir vorstellen, das Online-Exit-Game! Oder wahlweise die Break-out-Session im Teams-Chat. Vor Weihnachten wurden Pakete mit Glühwein zu allen nach Hause verschickt. Den trank dann jeder für sich, aber natürlich nicht alleine, sondern vor dem PC. Kamera an, Teambuilding done. Dass niemand aus der Mühle ausbüchste, wurde sicher gestellt mit täglichen Meetings, genannt „Wake-up Call“ und freitagnachmittags wurde geladen zum „Weekly-closing“ oder „Wrap-up“. Was man früher bei einem Kaffee in der Büroküche klärte, wurde nun in „Sync-Meetings“ bilateral besprochen. Aber es funktionierte scheinbar. Linda arbeitete sich ein, die Firmen sparten Kosten, die Mitarbeiter freuten sich über weniger Wegezeiten, der Gewinn stieg. Vor diesem Hintergrund musste man sich eigentlich schon fast fragen, wozu sie hier einen gemeinsamen Urlaub verbrachten. Aus Franks Sicht, hätte es wohl auch eine virtuelle Cocktail-Hour getan. Alle happy? Ein Ausflug, der Wellen schlägt 27 <?page no="28"?> Doch nun saßen sie zusammen am Strand und hatten ausnahmslos alle einen entspannten Tag erlebt. Sie lehnten sich nach dem Essen auf ihren Sitzkissen zurück und genossen den Sonnenuntergang. „Frank, wann werden wir denn eigentlich wieder abgeholt? “, fragte Tom. „So um sieben haben wir verabredet“, antwortete er. „Bist du sicher? Es ist schon kurz nach acht.“ „Tatsächlich? Ich habe gar nicht auf die Uhr gesehen. Sie kommen bestimmt gleich.“ Die Unterhaltungen gingen weiter, aber immer öfter schaute jemand auf seine Armbanduhr. Irgendwann wurden alle still, den Blick an den Horizont geheftet. „Frank, willst du mal anrufen? Es wird doch langsam recht spät. Das ist doch nicht nötig, dass wir im Dunkeln ins Wasser müssen.“ Victoria hörte sich langsam etwas beunruhigt an. „Das würde ich natürlich tun, aber wir haben doch alle Handys abgege‐ ben.“ „Wie meinst du das? Auch du? “, fragte sie. „Wir sind ein Team, da will ich mich doch nicht ausschließen.“ „Ich bin davon ausgegangen, dass du trotzdem ein Notfallhandy mit‐ nimmst, wenn die komplette Gruppe hier zusammen ist und unser Boot woanders.“ „Entspann dich, sie kommen bestimmt gleich und dann bist du froh, dass wir unser Handy-Fasten nicht gebrochen haben.“ Inzwischen war die Sonne am Horizont untergegangen und es wurde schlagartig dunkel. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in Linda aus. Sie wäre jetzt gerne auf das Boot zurückgekehrt, um zu duschen und sich hinzulegen. Nach der durchfeierten Nacht und dem ganzen Tag in der Sonne war sie müde. „Langsam reicht’s mir“, sagte Leon, „wo bleiben die? Wir sind schließlich zahlende Kunden. Die können uns doch hier nicht sitzen lassen, nur weil sie sich noch ein bisschen länger amüsieren wollen.“ „Glaubt ihr, sie hatten einen Unfall? “, fragte Linda zaghaft. „Das kann schon passieren“, antwortete Tom. „Vor allem wenn man mehrere Tauchgänge an einem Tag macht, muss man genau berechnen, wie lange man dazwischen Pausen einlegt und wie lange der Safety Stop dauern muss. Weiß jemand, wie erfahren die zwei sind? “ Niemand konnte die Frage beantworten. Tom führte die Theorie weiter aus. „Wir hatten in einer Tauchgruppe mal jemanden, der Panik bekommen hat und zu schnell hoch 28 Ein Ausflug, der Wellen schlägt <?page no="29"?> gegangen ist. Die einzige Chance, die man hat, wenn man Langzeitfolgen vermeiden will, ist eine Dekompressionskammer. Die Tauchschulen wissen immer, wo die nächste ist und würden einen im schlimmsten Fall sofort hinbringen. Ich weiß aber nicht, wo hier eine in der näheren Umgebung ist.“ „Vielleicht mussten sie weit fahren und konnten deshalb nicht rechtzeitig hier sein“, mutmaßte Jonas. „Aber dann hätten sie doch jemand anderen schicken können.“ Victorias Stimme überschlug sich. „Ganz ruhig“, Frank legte ihr die Hand auf die Schulter. „Vielleicht haben sie das ja, aber derjenige braucht halt seine Zeit, um hierherzukommen. Oder es war für die Helfer schon zu spät, um noch loszufahren und sie kommen morgen früh.“ „Morgen? Bist du verrückt geworden? Wir können doch nicht die Nacht hier verbringen.“ Auf Victorias Hals bildeten sich rote Flecken. Diese Aus‐ sicht schien niemandem zuzusagen, wie Linda beim Blick in die Gesichter ihrer Kollegen feststellen konnte. Leon hatte sich als Erster wieder gefasst. „Stellt euch nicht so an. Wir sind hier im Paradies. Das ist wie im Film ‚The Beach‘ mit Leonardo DiCaprio. Wir können uns glücklich schätzen, hier sein zu dürfen. Wie oft hast du dich schon an so einen Ort gewünscht, wenn das Projekt mal nicht lief ? “ Leon hielt Tom sein Bier hin, um mit ihm anzustoßen. „Ich fühle mich aber eher wie Tom Hanks in ‚Cast Away‘. Wir stecken hier schließlich gerade nicht freiwillig fest.“ Jonas wirkte resigniert. „Wenn das hier ‚Cast Away‘ ist, dann lernen wir uns endlich mal richtig kennen und können froh sein, einander zu haben. Der war doch mehrere Jahre alleine auf der Insel, oder? “, fragte Tom. „Mehrere Jahre werden sie wohl hoffentlich nicht brauchen, um uns abzuholen. Jetzt verbreite hier mal bitte keine Panik.“ Frank versuchte die allgemeine Unruhe wegzureden. „Was wenn gar niemand informiert wurde? Das war ja nur eine Theorie mit der Dekompressionskammer“, sagte Tom mit leiser Stimme. „Nach allem was wir wissen, könnten sie genauso ertrunken sein und dann kommt uns niemand abholen.“ Linda schaute Tom an. Mit einem Schlag kam sie sich naiv vor, dass ihr dieser Gedanke noch gar nicht gekommen war. Wissen belastete. Sie wünschte sich, ein Handy zu haben und ihre Eltern anrufen zu können. Wenn sie das in der Vergangenheit getan hatte, dann hatte sie darauf alle möglichen Reaktionen erhalten. Mal waren sie genervt oder enttäuscht, verärgert oder verzweifelt ob ihres Zustandes. Aber ausnahmslos immer Ein Ausflug, der Wellen schlägt 29 <?page no="30"?> hatte sie sich darauf verlassen können, abgeholt zu werden. Sie musste sich keine Sorgen machen, kein Dach über dem Kopf zu haben - bis heute. „Na dann schlage ich vor, wir bereiten unser Nachtlager vor. Lieber in die Sterne schauen oder lieber unter dem Pavillon Zuflucht suchen? “ Frank gab sich betont fröhlich. Linda konnte sich noch immer nicht mit dem Gedanken anfreunden, die Nacht am Strand zu schlafen und richtete ihren Blick weiter auf das Meer. „Komm, da wirst du nichts sehen können. Sie werden uns schon finden, wir müssen nur den Grill anlassen, damit man das Licht sehen kann.“ Jonas schüttete Holzkohle nach. Linda zog sich ihre Wechselklamotten zusätzlich über. Ein Handtuch faltete sie zu einem Kopfkissen und eines nahm sie, um sich zuzudecken. Der Wind, der vom Meer kam, war frisch, aber der Sand, der sich den ganzen Tag über aufgeheizt hatte, war noch warm. Tom stellte die Kisten und Körbe, die sie mitgebracht hatten, in einer Reihe vor den Pavillon, um eine Barriere zum Meer zu bauen. Linda hatte einen Kloß im Hals, wollte sich aber auf keinen Fall vor den Kollegen eine Blöße geben und so zog sie es vor, gar nichts zu sagen. Auch Victoria saß wortlos da und ihre Augen schimmerten glasig. Sie hatte sich beide Picknickdecken genommen, aber niemand sagte etwas dazu. So sehr sie den Tag genossen hatten - dieses Ende warf dunkle Schatten zurück. „Wenn wir wieder auf dem Boot sind, will ich sofort mein Handy zurück‐ haben. Das war eine idiotische Idee“, sagte Jonas. „Es hat dich keiner gezwungen mitzumachen.“ Leon zeigte sich angriffs‐ lustig. „Dann ist es wohl auch kein Problem, wenn ich es mir zurückhole,“ entgegnete Jonas. „Nein, ist es nicht. Aber tu´ nicht so, als hätte irgendwer Schuld daran, dass wir hier sind. Das war ein harmloses Spiel und wir hatten alle Spaß dabei. Du fügst dich wirklich geschmeidig in die Opferrolle, das nervt.“ „Ich habe niemandem Vorwürfe gemacht. Nimm doch nicht immer gleich alles so persönlich, das schafft nur Konflikte.“ Victoria stand auf und schaute Frank kalt an. „Ich mache Vorwürfe. Und zwar dir, Frank. Das war unverantwortlich von dir, uns hierher zu bringen und die anderen einfach zum Tauchen fahren zu lassen. 30 Ein Ausflug, der Wellen schlägt <?page no="31"?> Die Stimmung kippte nun endgültig. Linda trank ihr Glas aus und legte sich hin. Der Alkohol wärmte von innen und verpackte die Worte, die um sie herum gesprochen wurden in Watte. Sie war schon halb eingeschlafen, als sie plötzlich auffuhr. Ein lautes schleifendes Geräusch kam auf sie zu. Doch aus welcher Richtung? Plötzlich tauchte Leon aus dem Dunkel in den Schein des Feuers und in ihr Blickfeld. Im Schlepptau hatte er das Schlauchboot, mit dem sie vom Segelboot zum Strand gepaddelt waren. „Da hier niemand anderes auf die Idee gekommen ist, bin ich mal so frei und reklamiere die Sänfte für mich.“ Linda verdrehte die Augen. Im Tageslicht hätte sie sich das nicht getraut. Zugegeben, er wusste sich irgendwie zu helfen. Sie verstand immer noch nicht, warum Frank ihn eingestellt hatte. Für Lindas Empfinden war er ein schrecklicher Mensch. Er war laut und anmaßend, wohingegen Linda Konfrontationen scheute. Sie nahm ihr Handtuch und legte sich neben Victoria. Die öffnete die Augen und schaute Linda an. Dann schob sie ihr eine der Decken zu und legte den Arm um sie. In der Nacht schlief Linda immer wieder ein, doch bei jedem Geräusch fuhr sie auf. Der Wind heulte und die Palmen wiegten sich raschelnd. Das Kreischen der Affen wurde über den Strand bis zu ihnen herüber geweht. Die Sandflöhe quälten sie und ließen sie nicht zur Ruhe kommen. Einmal erschreckte sie sich fast zu Tode, als sie eine Gestalt auf sich zulaufen sah. Aber es war nur Frank, der mehr Kohle auf den Grill legte, um das Feuer am Brennen zu halten. Linda war hin- und hergerissen. Das Schlauchboot hielt bestimmt einige der Sandflöhe ab. Sie überlegte, ob sie sich entweder zu Leon hineinlegen konnte oder ihn alternativ daraus verscheuchen. Ladies first, wie es hieß. Außerdem war er immer stets bemüht, allen zu zeigen, was für ein harter Kerl er doch war. Schlussendlich fehlte ihr aber zu beidem der Mut und sie blieb an ihrem Platz liegen. Irgendwann musste Linda doch eingeschlafen sein, denn sie wachte von leichtem Nieselregen auf, der ihr ins Gesicht fiel. Sie öffnete die Augen und setzte sich auf. Neben ihr lagen ihre Kollegen, die auch gerade wach wurden. Ihre Arme und Beine fühlten sich kalt und steif an und ihr Rücken schmerzte. Sie stand auf und klopfte sich den Sand von den Kleidern. Das Meer war aufgewühlt und die weißen Wellen schlugen an den Strand. Im Sand bildeten sich winzig kleine Vertiefungen. Aus dem Nieseln wurde Regen. Ein Ausflug, der Wellen schlägt 31 <?page no="32"?> Wissen | Konflikteskalation Stufe 1: Verhärtung Projekte werden von Menschen geplant und gesteuert. Die Ergebnisse hängen davon ab, wie gut und harmonisch diese Menschen zusammen‐ arbeiten können. In Projektteams treffen vorhandenes oder mangelndes Vertrauen aufeinander, ebenso wie Unsicherheiten, Offenheit oder Kon‐ kurrenzdenken. Im Zusammenspiel entwickelt sich eine Gruppendyna‐ mik, die über den Erfolg des Projektes mitentscheidet. Im Verlaufe dieses Buches werden mögliche Stufen einer Konflikteska‐ lation vorgestellt, ebenso wie die dahinter liegenden Gründe. Techniken für objektives und transparentes Handeln können Konflikten entgegen‐ wirken. Konflikteskalation nach Friedrich Glasl 1. Verhärtung Erste Spannungen sind spürbar und verschiedene Meinungen treffen aufeinander. 2. Polarisation und Debatte Meinungsverschiedenheiten verstärken sich und man versucht, den anderen unter Druck zu setzen. 3. Taten statt Worte Der Druck wird erhöht und Gespräche werden frustriert und ohne Ergebnis abgebrochen. 4. Sorge um Image und Koalition Ab hier kann es nur noch einen Gewinner geben. Man sucht Verbündete und bildet Parteien. 5. Gesichtsverlust Die gegenseitigen Angriffe sind persönlich und man versucht, den Gegner bloßzustellen. 2. Polarisation und Debatte Meinungsverschiedenheiten verstärken sich und man versucht, den anderen unter Druck zu setzen. 3. Taten statt Worte Der Druck wird erhöht und Gespräche werden frustriert und ohne Ergebnis abgebrochen. 4. Sorge um Image und Koalition Ab hier kann es nur noch einen Gewinner geben. Man sucht Verbündete und bildet Parteien. 5. Gesichtsverlust Die gegenseitigen Angriffe sind persönlich und man versucht, den Gegner bloßzustellen. 32 Ein Ausflug, der Wellen schlägt <?page no="33"?> Ins kalte Wasser geworfen Linda nahm die Tasche mit den Beachballschlägern und Bällen, drehte sie um und ließ den Inhalt in den Sand fallen. Dann legte sie sich die Tüte auf den Kopf und setzte sich zurück an ihren Platz. Sie mied den Blickkontakt zu ihren Kollegen. Alle starrten wortlos aufs Meer. Der Fischgestank war überwältigend. Die Wellen tosten und bildeten weiße Schaumkronen. Der Himmel war so grau, dass der Horizont und das Meer in der Ferne mitein‐ ander verschmolzen. Linda musste an das Bild „Die große Welle“ des japanischen Künstlers Hokusai denken. Die weißen Schaumkronen erinnerten sie immer an kleine Krallen. Wie Hände, die nach den Schwimmern griffen, um sie unter Wasser zu ziehen. Im Kunstunterricht hatten sie über das Bild gesprochen und jeder sollte eine Kopie des Werks als Grundlage nehmen und es weiter malen. Linda hatte gestaunt, als sie die Bilder ihrer Mitschüler sah. Einer hatte einen Surfer auf die höchste Welle gezeichnet. Eine andere hatte in den Vordergrund einen Strand mit spielenden Kindern gemalt. In Lindas Version tauchte sie selbst, winzig klein, so weit unten am Meeresboden wie möglich, um der riesigen Welle zu entkommen und sich vor ihr zu verstecken. Nach der Stunde wurde sie vom Lehrer nach vorne gerufen. Er gab ihr eine drei und schlug ihr vor, doch mal etwas Fröhlicheres zu zeichnen und sich allgemein nicht alles so zu Herzen zu nehmen. Tom war der erste, der die Stille brach. „Magst du etwas essen? Es sind noch Sandwiches von gestern übrig.“ Er kaute bereits und hielt ihr auch eines hin. Linda schüttelte mit dem Kopf. Sie spürte ein Stechen im Magen. Sie fühlte sich aufgewühlt wie vor einer schwierigen Prüfung, für die sie nicht genügend gelernt hatte. Die Muskeln in ihren Oberschenkeln schmerzten und sie spürte den Drang aufzuspringen und umherzulaufen, um ihre innere Beklemmung loszuwerden. Doch stattdessen saß sie steif und unbeweglich da und starrte aufs Meer. Eigentlich musste sie nur warten, aber sie fühlte sich, als würde jemand anderes auf sie warten und als hätte sie versäumt etwas zu tun. „Frank, was sollen wir jetzt tun? “ Jonas gab dem Drang sich zu bewegen nach und ging vor dem Pavillon auf und ab. Frank zuckte mit den Schultern. „Warten? “ <?page no="34"?> „Es ist schon fast Mittag. Wenn Matthew und John gestern Abend aus irgendeinem Grund nicht kommen konnten, dann müssten sie jetzt aber hier sein. Oder wenn sie jemand anderen geschickt haben, dann könnte derjenige auch bereits hier sein. Meinst du nicht? “ „Die Frage ist doch, wie lange wir hier noch rumsitzen wollen und wann wir anfangen, selbst etwas zu unternehmen“, sagte Leon. „Was willst du tun? “, fragte Victoria. „Wir haben doch keine Handys.“ „Es wird doch noch andere Möglichkeiten geben. Frank, haben wir wirklich nichts dabei? Auch kein Funkgerät? Einen Laptop? “, fragte Leon. „Was willst du denn mit einem Laptop? Dich hier ins WLAN einwählen? “ Jonas grinste. „Lach nicht so blöd. Ich habe es jedenfalls satt, hier im Regen herumzu‐ sitzen. Ich will das jetzt selbst in die Hand nehmen. Dann laufen wir eben in die nächste Stadt.“ Frank seufzte. „Das wird schwierig, wir sind hier auf einer Insel.“ „Ja und? Dann suchen wir uns halt jemanden, bei dem wir telefonieren können und dann lassen wir uns abholen.“ „Tut mir leid, aber hier gibt es niemanden, den wir fragen könnten. Als Matthew vorgeschlagen hat, dass sie uns zum Baden hier absetzen, meinte er, es sei ein wunderschöner naturbelassener Strand, weil es auf der Insel keine Infrastruktur gibt.“ Frank lächelte entschuldigend. „Willst du damit etwa sagen, dass du uns auf einer einsamen Insel hast aussetzen lassen? “ Victoria war schon wieder den Tränen nahe. Leon schleuderte einen Apfel, den er in der Hand hielt, in Richtung Meer. „Ist das dein Ernst? So blauäugig kann man doch gar nicht sein! “ Frank hob beide Hände. „Ich wollte nur, dass wir hier eine gute Zeit haben. Wenn ihr euch jetzt zusammentun wollt und mir die Schuld in die Schuhe schieben - bitte. Aber ich habe niemanden gezwungen mitzukommen. Ihr habt eure Handys alle freiwillig abgegeben und es hat auch niemand den Mund aufgemacht, dass es nicht die beste Idee ist, die Crew mit unserem Boot zu einem Tauchausflug zu schicken. Ich bin hier nicht der Papa und ihr meine Kinderschar, auf die ich aufpassen muss.“ Leon knüllte sein Handtuch zusammen und schrie dumpf hinein, sodass Linda zusammenzuckte. „Ich habe es satt. Ihr könnt ja weiter hier sitzen bleiben.“ Damit drehte Leon sich um und stapfte los den Strand entlang. Alle schauten ihm nach, aber niemand sagte etwas. 34 Ins kalte Wasser geworfen <?page no="35"?> Linda ärgerte sich, dass sie so naiv gewesen war, dieser Gruppe von Menschen, die sie kaum kannte, blind zu vertrauen. Das würde ihr nicht nochmal passieren. Am Nachmittag ergriff Jonas die Initiative und brachte das Gespräch wieder in Gang. „Was könnte es denn noch für Gründe für unsere Situation geben? Lasst uns doch mal in alle Richtungen überlegen, vielleicht fällt uns dann eine Lösung ein.“ „Du meinst außer einem Tauchunfall? “, fragte Victoria. „Keine Ahnung, mir fällt nichts ein.“ Sie wippte nervös mit dem rechten Fuß. „Es gibt doch verschiedene Einflussgrößen, wie im Fischgrät-Diagramm nach Ishikawa. Aus welchen Richtungen könnte die Ursache kommen? Material, Mensch, Methode, Umwelt, Ausrüstung.“ Tom stieg in Jonas Überlegung mit ein. „Es gibt so viele Möglichkeiten. Der Tauchunfall ist nur eine von vielen. Auch er wiederum könnte viele Ursachen haben. Menschlicher Natur oder das Material hat versagt.“ „Stimmt, aber der Tauchunfall ist ja nur eine Theorie. Was genau dazu geführt hat, bringt uns nicht weiter. Ich überlege, was sonst die Ursache sein könnte für unser Problem, dass wir hier gestrandet sind. Vielleicht hatten wir ein Missverständnis und sie wollten uns woanders abholen oder der Bootskompass hat versagt oder etwas am Schiff ist kaputt.“ „Was ändert das für uns? “, fragte Victoria. „Vielleicht gar nichts, aber möglicherweise können wir anders reagieren, wenn wir die Ursache kennen. Sagen wir mal, wir haben uns aus irgendei‐ nem Grund verpasst, sei es wegen der Zeit oder des Ortes. Dann könnte das bedeuten, dass sie woanders auf uns warten und wir müssen unsere Strategie ändern und suchen.“ „Oder jemand erlaubt sich nur einen ganz geschmacklosen Scherz mit uns“, seufzte Tom frustriert. „Wenn es ein Umweltfaktor ist und zum Beispiel die Strömung oder der Wind sie daran hindert herzukommen, dann sollten wir allerdings warten“, sagte Jonas. „Wir sollten uns lieber überlegen, wie wir die nächste Nacht verbringen wollen, es wird bald dunkel.“ Victoria durchfuhr ein kleiner Schauer. „Du hast recht“, antwortete Tom. „Ich sehe zwei Möglichkeiten. Entweder wir bleiben nochmal hier oder wir gehen in den Dschungel. Da wären wir vermutlich besser vor dem Regen geschützt.“ „Es wäre aber auch gefährlicher“, gab Victoria zu bedenken. „Das sind mir zu viele unknown unknowns. Dass wir nicht wissen, was mit Matthew Ins kalte Wasser geworfen 35 <?page no="36"?> und John ist, ist die eine Sache. Aber wir wissen nicht, was wir nicht wissen, was uns hier auf der Insel blühen könnte.“ „Wenn irgendein wilder Tiger uns fressen will, dann sind wir hier am Strand auch nicht sicherer.“ „Ich gehe hier nicht weg.“ Victoria hatte sich ihre Meinung gebildet. „Wenn wir nicht hier am Strand sind, verpassen wir womöglich das Boot.“ „Wenn jemand kommt, um uns abzuholen, dreht er ja wohl nicht gleich wieder um, wenn er uns nicht auf den ersten Blick sieht“, sagte Tom. „Dann macht eben jeder, was er will.“ Frank war offensichtlich einge‐ schnappt nach den vorherigen Vorwürfen in seine Richtung. Alle schauten sich an, doch weder Tom noch Victoria ließen sich überzeu‐ gen. Damit packten Tom und Frank ihre Sachen und zogen los in Richtung Dschungel. Victoria schaute aus den Augenwinkeln zu Linda herüber. Linda war unentschlossen. Was war die bessere Wahl? Sie überlegte so lange, bis Tom und Frank schon weit entfernt waren. Entmutigt setzte sie sich in den Sand. Auch Jonas entschied sich zu bleiben. Wahrscheinlich erinnerte auch er sich noch an ihre Begegnung mit der Schlange. Da waren Nässe und Kälte das kleinere Übel. Am Abend, als die anderen beiden schon schliefen, überkam Linda die Verzweiflung. Tränen liefen ihre Wangen hinunter. Aus der Kiste mit den Getränken nahm sie die Wodkaflasche und nahm einige Schlucke. Sie konnte sich gar nicht ausmalen, welches Ende diese verzwickte Situation nehmen sollte. Mit einem Mal erschien es ihr unrealistisch, dass aus dem Nichts das Boot wieder auftauchte und sie ihren Urlaub an Bord fortsetzen würden. Linda wickelte sich, so gut es ging, in die kleine Decke ein und wiegte sich in den Schlaf. Plötzlich spürte sie einen Windhauch an ihrer Wange. War da ein Tier in der Nähe? Mit den Händen suchte sie nach einem Gegenstand und ihre Finger spürten die Wodkaflasche. Linda hielt den Atem an und sprang mit einem Ruck auf. Sie schlug mit der Flasche nach dem Schatten. „Ahh, bist du verrückt geworden, du blöde Kuh? “, schrie Leon und hielt sich die Hand an die Stirn. Er krümmte sich vor Schmerzen nach vorne. Ein Licht flammte auf und Jonas zündete mit dem Feuerzeug eine der Fackeln an. Er kam näher und brachte Licht ins Dunkel. „Ich habe nur versucht leise zu sein, weil ihr schon geschlafen habt. Wolltest du mich umbringen? “, fragte Leon. Linda machte den Mund auf und wieder zu. Sie war davon überzeugt gewesen, in Gefahr zu sein. 36 Ins kalte Wasser geworfen <?page no="37"?> „Lass mich mal sehen, du blutest ja.“ Victoria kam mit einem Taschentuch herüber. Leon nahm es und presste es sich gegen die blutende Stirn. „Wenigstens hast du die Wunde auch gleich desinfiziert. Oder war die Wodkaflasche schon leer? Lass mal lieber die Finger vom Alkohol, Mädchen, damit kannst du nicht umgehen.“ Sie legten sich wieder hin. Linda schämte sich so, dass sie nicht einmal darüber nachdenken konnte, was es bedeutete, dass Leon nach seiner Erkundungstour wieder da war. Wissen | Ursache-Wirkungs-Diagramm nach Ishikawa - Wis‐ sensmatrix Wenn immer alle Fakten auf dem Tisch liegen würden, dann wäre es ein Leichtes ein Projekt zu planen. Und wenn Projekte immer so laufen würden, wie man sie geplant hat, dann bräuchte man keine Projektmanagerinnen und -manager. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Wo man bisher noch von VUCA (Volatility, Unvertainty, Complexity, Ambuguity) sprach, das die Welt als volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig beschreibt, wird dies heute erweitert um PUMO (polari‐ zed/ polarisiert, unthinkable/ undenkbar, matemorphic/ wandelbar, over‐ heated/ überhitzt) und BANI (brittle/ brüchig, anxious/ ängstlich, non-li‐ near/ nicht-linear, incomprehensible/ unverständlich). Als verantwortlicher Projektmanager bleibt einem nichts anderes übrig, als pragmatisch die gegebenen Informationen zu sammeln, zu analysie‐ ren, aufzubereiten und zielorientiert Schlüsse zu ziehen. Dafür gibt es Hilfsmittel und Werkzeuge. Wenn man heute schlauer ist als gestern, müssen eben Veränderungen vorgenommen werden. Ins kalte Wasser geworfen 37 <?page no="38"?> Ursache-Wirkungs-Diagramm nach Ishikawa Das Ursache-Wirkungs-Diagramm ist eine Methode zur Analyse von Problemen. Anhand des Diagramms identifiziert und analysiert man potenzielle Ursachen eines Problems. Mensch Material Maschine Methode Milieu Messung Money Management Problem Die Wissensmatrix Die Matrix stellt in Projekten eine Grundlage des Risikomanagements dar. Bekanntes Wissen sind dabei Ursache- Wirkungs-Zusammenhänge, die aus Erfahrung in Projekten bekannt sind. Unbekanntes Wissen sind Prognosen von Ereignissen, die im Einzelfall nicht vorhersehbar sind. Bekanntes Unwissen kann abgeschätzt werden, unbekanntes Unwissen kann jedoch unvorbereitet überraschen. Unbekanntes Bekanntes Wissen Unwissen unbekanntes Wissen unbekanntes Unwissen bekanntes Unwissen bekanntes Wissen 38 Ins kalte Wasser geworfen <?page no="39"?> Eine harte Nuss zu knacken Am nächsten Morgen blickte Linda in die grauen Wolken über ihr. Es hatte aufgehört zu regnen. Linda betäubte die Angst mit einer Flasche Whiskey, von der sie in regelmäßigen Abständen kleine Schlucke nahm. Am Grillabend auf dem Boot war über den Whiskey gefachsimpelt worden. Welcher Grad an Rauchigkeit am besten schmeckte und ob ein zwölfjähriger tatsächlich um zwanzig Prozent besser war, als ein zehnjähriger. Tom, der in Schottland studiert und einige Jahre dort gelebt hatte, hatte es als Frevel bezeichnet, den Whiskey mit Eiswürfeln zu trinken. Aber die Gefahr bestand im Moment zum Glück nicht. Linda versuchte, das Bild auf dem Verpackungskarton zu fixieren, aber es verschwamm immer wieder vor ihren Augen. War das ein Eisberg oder ein Felsen? Das Wasser peitschte dagegen und brach sich in schaumigen Wellen. Die Gischt sprühte hoch in den Himmel. Diese Gischt hatte sie gespürt, als sie auf dem Segelboot ganz vorne gesessen hatte. Ein frischer Sprühregen, der sich wie kleine Nadelstiche auf ihrer Haut anfühlte. Der Inhalt der Flasche selbst war honiggelb, und wenn sie sich konzen‐ trierte, konnte sie die Steinchen im Sand durch das Glas hindurchsehen. Linda drehte sich auf die Seite, bis sie auf allen Vieren landete und krabbelte zu ihrem Rucksack. Ihre Hände gehorchten ihr nicht richtig, aber sie schaffte es nach einigen Versuchen die Kabel ihrer Kopfhörer zu entwirren. Verzweifelt durchsuchte sie weiter alle Fächer, bis ihr wieder einfiel, dass sie ihr Handy nicht hier hatte, um Musik zu hören. Die hastige Bewegung brachte ihren Magen durcheinander und sie übergab sich in den Sand. Zitternd legte sie sich auf den Rücken und versuchte, sich nicht mehr zu bewegen. Alles drehte sich und sie traute sich nicht mehr die Augen zu schließen, weil sie dadurch den Halt komplett verlor. Als ihr Kopf und ihr Magen sich beruhigt hatten, schaute sich Linda um. Wo waren die anderen? Sie sah niemanden. Langsam stand sie auf und setzte einen Fuß vor den anderen zurück zum Pavillon. Die Kisten standen noch da, aber von ihren Kollegen war keine Spur zu erkennen. Sie hätte jetzt so dringend jemanden gebraucht, der ihr beruhigend zusprach und über den Kopf streichelte. Linda wisperte die so verzweifelt benötigten Sätze vor sich hin. „Es wird alles wieder gut. Mach dir keine Sorgen. Du wirst bald abgeholt. Bald bist du wieder zu Hause. Es ist alles nicht so schlimm. Du schaffst das. <?page no="40"?> Du wirst überleben. Du musst nur noch ein bisschen warten. Mach dir keine Gedanken. Schlaf ein bisschen. Schlaf.“ Später wachte Linda mit dem Geschmack von Sand im Mund auf. Ihre Zunge fühlte sich an wie ein trockenes Handtuch. Sie ging zu den Kisten und trank eine Flasche Wasser. Danach suchte sie in den Kisten nach etwas Essbarem, wurde aber nicht fündig. Frustriert gab sie auf. Sie hätte essen sollen, als Tom ihr etwas angeboten hatte. Jetzt war nichts mehr übrig. Jonas kam zu ihr herüber. „Hast du auch Hunger? Schau mal hier ist noch ein Apfel und eine Tomate, das können wir gerne teilen.“ Linda sah Jonas dankbar an. Er beobachtete sie, aber er schaute sie nicht sensationslustig, sondern interessiert an. „Wo wart ihr heute Morgen alle? “, fragte Linda. „Ich bin lange am Strand entlang gegangen, um zu sehen, ob ich irgend‐ jemanden treffe oder Hilfe holen kann. Das war aber leider erfolglos.“ „Hast du etwas gesehen, das uns helfen könnte? “ „Leider nein. Das Problem war, dass ich nicht wusste, in welche Richtung Leon gegangen war. Ich habe ihn morgens gar nicht gesehen. Es kann also sein, dass wir denselben Weg gegangen sind. Aber ich musste etwas tun. Ich konnte hier nicht mehr sitzen bleiben und daran denken, dass hinter der nächsten Kurve ein Hafen ist, wo unser Boot angelegt hat. Vielleicht ist meine Fantasie irgendwann ein bisschen mit mir durchgegangen.“ Jonas zog die Mundwinkel nach oben und zuckte mit den Schultern. „Ich will weitersuchen. Kommst du mit? “ Das Wasser und der Apfel hatten Linda geholfen und sie fühlte sich schon etwas aufgeräumter. „Ich komme mit.“ Da fielen ihr die Müsliriegel in ihrem Rucksack wieder ein. „Super, ein richtiges Festmahl für unsere Verhältnisse als Gestrandete“, freute sich Jonas. „Wenn das unsere letzten Vorräte waren, dann sollten wir auf dem Weg auch etwas Essbares suchen und nach Wasser Ausschau halten.“ Langsam dämmerte Linda, dass sie tatsächlich noch längere Zeit hier verbringen würden. Sie nahm ihren Rucksack und steckte die einzige Flasche Wasser ein, die sie finden konnte. Dann warf sie einen letzten prüfenden Blick aufs Meer. „In welche Richtung wollen wir gehen? Am Strand entlang oder in den Dschungel? “ Jonas antwortete: „Bevor ich wieder in den Dschungel gehe, würde ich gerne alle anderen Optionen ausschließen. Ich schlage vor, wir gehen am 40 Eine harte Nuss zu knacken <?page no="41"?> Strand entlang, aber in die entgegengesetzte Richtung, in die ich vorher gegangen bin.“ Damit setzten sie sich in Bewegung. Schon nach einer Stunde in der Hitze hatten beide einen hochroten Kopf und schwitzten. Jonas zog sein T-Shirt aus, tauchte es ins Meer und wickelte es sich um den Kopf. „Creme dich mal lieber auch ein, sonst bekommst du einen Sonnenbrand. Ich hätte zwar lieber zwei Flaschen Wasser, aber stattdessen habe ich zwei Flaschen Sonnencreme. Damit müssen wir also nicht sparen“, sagte Linda. Der Strand war lang und eintönig. Immer mal wieder kamen sie an einigen Felsen vorbei und nah am Wasser lagen Berge von grünen und braun vertrockneten Algen. Sie stanken nach Fisch, weshalb sie eine Weile weiter entfernt vom Wasser gegangen waren. Am Wasser war es aber etwas kühler, sodass sie den Gestank als kleineres Übel bevorzugten. Sie waren gefühlt stundenlang unterwegs und die Landschaft änderte sich nicht. Lindas Kreislauf machte ihr zu schaffen und das Handtuch auf ihrem Kopf immer wieder nass zu machen, half nur bedingt. „Wie lange wollen wir denn noch laufen? “, fragte Linda. „Warum, hast du einen Termin? “, fragte Jonas ironisch. „Haha, ja, ich will auf keinen Fall den Tatort verpassen. Nein, im Ernst. Was denkst du, wie lange wir schon unterwegs sind? “ „Ich habe keine Uhr, aber die Sonne steht sehr hoch, es könnte jetzt ungefähr Mittag sein. Willst du umdrehen? “ „Eigentlich nicht. Es wäre frustrierend ohne Ergebnis zurückzugehen. Aber ich habe keine Ahnung, wie groß diese Insel ist. Wir wissen nicht einmal, ob wir einmal rund herumlaufen können und ob es kürzer wäre, den Weg zurückzugehen oder weiterzulaufen.“ „Du hast recht. Was sollen wir machen? Eine Münze werfen? “ Linda überlegte und sagte dann: „Nein, ich möchte lieber zurückgehen. Es klingt verrückt, aber ich fühle mich unter diesem Faltpavillon irgendwie sicherer, als wenn wir heute Nacht irgendwo am Strand schlafen würden.“ „Ich bin froh, dass du das sagst. Der Gedanke fühlt sich nicht sehr verführerisch an.“ So trotteten sie Seite an Seite wieder zurück, bis Jonas das Gespräch wieder aufnahm. „Ich wünschte nur, ich könnte meinem Freund Bescheid sagen, dass es mir gut geht. Mir ist klar, dass er sich keine Sorgen macht, weil er gar nicht weiß, dass uns etwas passiert ist. Ich hatte ihm schon im Vorhinein gesagt, dass wir auf dem Boot wahrscheinlich kaum Empfang Eine harte Nuss zu knacken 41 <?page no="42"?> haben, aber ich kann mich nicht erinnern, wann wir das letzte Mal einen Tag nicht miteinander gesprochen haben.“ „Seid ihr schon lange zusammen? “ „Ja, schon fast zehn Jahre. Bevor wir aufgebrochen sind, habe ich einen Ring gekauft. Sobald wir zurück sind, mache ich ihm einen Antrag. Seit wir hier auf der Insel sind, kann ich ständig nur daran denken, warum ich es nicht schon viel früher gemacht habe. Ich wollte wohl den Spannungsbogen noch ein wenig erhöhen.“ Jonas schnaubte. „Das klingt nach einem guten Plan. Mach es am besten gleich am Flughafen, wenn er dich abholt. Ich mache ein paar Fotos von euch als Erinnerung. Er wird so froh sein, dich wieder zu haben, dass er bestimmt keine Sekunde darüber nachdenkt.“ „Was machst du, wenn wir wieder zurück sind? “, fragte Jonas. „Da habe ich, ehrlich gesagt, noch gar nicht drüber nachgedacht. Sollte ich denn etwas Bestimmtes tun? “ „Du musst natürlich nicht. Aber ich empfinde das hier als so einschnei‐ dendes Erlebnis, dass ich mir nicht vorstellen kann, danach so weiterzuleben wie vorher. Weißt du, was ich meine? “ Linda lachte. „Einschneidendes Erlebnis ist gut. Ich denke mal drüber nach und sag dir dann Bescheid, wenn ich weiß, was ich vorhabe.“ Auf dem Weg zurück wurde der Schatten, den die Palmen warfen, langsam länger und so gingen sie in dieser angenehmeren Kühle und nicht mehr in der Sonne am Wasser entlang. Als Linda lachte, warf sie ihren Kopf zurück und schaute nach oben in die Palmen. „Schau mal, was da hängt! Ich glaube, unser Ausflug hat sich doch gelohnt.“ „Kokosnüsse! Da hätten wir auch schon früher draufkommen können.“ Jonas hielt ihr die Hand zum High five hin und Linda schlug ein. Linda überlegte bereits, wer von ihnen auf die Palme klettern würde, als sie sah, dass darunter schon einige der Früchte lagen. Sie sammelten so viele, wie in ihren Rucksack passten und machten sich weiter auf den Weg zurück zu den anderen. Als sie das Lager in der Ferne erspähten, erwischte Linda sich bei dem Gedanken, dass sie sich fast freute. „Schaut mal, was wir gefunden haben“, jubelte Jonas, als sie die Kollegen erreicht hatten. Linda hatte wahnsinnigen Hunger und war gespannt, was die anderen zu ihrem erfolgreichen Beutezug sagen würden. Doch die anderen reagierten 42 Eine harte Nuss zu knacken <?page no="43"?> kaum. Sie standen in einem Kreis und schauten auf den Boden. Erst als Linda und Jonas näherkamen, sahen sie, dass Tom auf dem Boden saß. „Er ist von einer Palme gefallen. Hat sich wahrscheinlich den Fuß gebrochen“, sagte Victoria. Tom war blass und sein Gesicht schmerzverzerrt. „Vielleicht ist er auch nicht gebrochen, sondern es ist ein Bänderriss? “, mutmaßte Jonas. „Und was macht das für einen Unterschied? “, fragte Leon. „Mein Gott, sei doch nicht immer gleich so aggressiv, ich mache nur Konversation“, sagte Jonas. Neben ihnen lag ein Haufen Kokosnüsse. Auf einmal schaute Jonas auf. „Hört ihr das? “ Alle schauten nach oben. Erst hörten sie die Rotorblätter, dann sahen sie ihn. Ein Helikopter flog über dem Meer. Linda lies sofort ihren Rucksack fallen und fing an zu schreien. Sie wedelte mit den Armen und die anderen taten es ihr nach. Sogar Tom war aufgestanden, brach aber sofort wieder zusammen, als er das Gewicht auf seinem Fuß spürte. Sie rannten über den Strand auf das Wasser zu und versuchten die Aufmerksamkeit des Piloten zu erlangen. Jonas riss sich sein neongelbes Shirt vom Leib und wedelte damit durch die Luft. Der Helikopter flog über ihre Köpfe hinweg und weiter Richtung Urwald. Sie rannten hinterher und schrien, so laut sie konnten. Frank hörte als Erster auf zu rennen. Linda gab auf, als sie keine Luft mehr bekam. Ihr war schwindelig und ihr Herz schlug so heftig, dass ihr ganzer Körper bebte. Schließlich wurde auch Leon langsamer. Als der Helikopter außer Sichtweite war, kamen sie langsam wieder zusammen an die Stelle, an der Tom lag. Linda ließ sich in den Sand fallen. Sie sah schwarze Flecken vor ihren Augen und hatte Angst, gleich in Ohnmacht zu fallen. „Meint ihr, er kommt zurück? “, brachte sie schließlich stotternd hervor. Niemand antwortete ihr. Leon brach als Erster das Schweigen und richtete seine Worte gegen Linda. „Wo zur Hölle wart ihr? Wir dachten, ihr wartet hier. Warum habt ihr das Lager verlassen? “ „Wir haben Kokosnüsse gefunden.“ Lindas Euphorie war verflogen und sie wirkte kleinlaut. „Kokosnüsse? Die hängen hier an jeder scheiß Palme. Wo seid ihr denn dazu hingelaufen? “ Jonas kam ihr zur Hilfe. „Wir haben Hilfe gesucht oder einen Weg, um hier wegzukommen.“ Eine harte Nuss zu knacken 43 <?page no="44"?> „Was habt ihr eigentlich nicht kapiert, als ich gesagt habe, dass das hier eine Insel ohne Infrastruktur ist? “ Frank rollte mit den Augen. Leon explodierte. „Dieser Helikopter war vielleicht unsere einzige Chance hier wegzukommen. Wärt ihr hiergeblieben, hätte er uns gesehen. So war niemand von uns am Strand.“ „Wenn ihr euch als Team besser organisiert hättet, dann hätte es dieses Missverständnis nicht gegeben.“ Franks Stimme klang eiskalt. „Wieso ihr, gehörst du nicht zu unserem Team, nur weil du zuhause der Chef bist? Das hilft dir hier auch nichts“, sagte Jonas. Als sie sich wieder gefangen hatte und ihr Atem ruhiger war, flüsterte Linda: „Ich habe solchen Durst. Habt ihr etwas zu trinken? “ Sie leckte sich über ihre aufgesprungenen Lippen. Nur Jonas, Tom und sie saßen noch zusammen. „Nein, wir haben kein Wasser mehr, aber das scheint der richtige Moment zu sein, ein paar Kokosnüsse zu schlachten. Davon haben wir jetzt mehr als genug.“ Tom lächelte sie an. Er war nicht gerannt und behielt einen kühlen Kopf. Jonas ging zu den Kisten und durchwühlte sie, bis er die passenden Werkzeuge gefunden hatte. Ein Brotmesser und zwei kleine Küchenmesser. Mehr stand nicht zur Verfügung. „Glaubst du, damit könnte es klappen? “, fragte er Tom. „Wir müssen es ausprobieren.“ Damit legte er eine der Kokosnüsse auf den Boden und schlug mit dem Brotmesser darauf. Das Messer blieb stecken. Mühsam zog er es wieder heraus. Tom schlug so lange auf die Kokosnuss ein, bis die dicke grüne Schale komplett abging. Dann bohrte er mit dem kleinen Küchenmesser in die Löcher am unteren Ende. Es war zwar nur ein kleiner Schluck Kokoswasser, aber es war ein erster kleiner Erfolg und tat gut. Jonas ging zum Meer und tauchte ein Handtuch ins Wasser. Auf dem Weg zurück wrang er es aus und wickelte es dann vorsichtig um Toms Knöchel. „Hast du starke Schmerzen? “ „Es tut weh, aber ob er gebrochen ist, kann ich nicht sagen. Ich glaube, ich sollte mein Bein hochlegen. Kannst du mir nochmal helfen? “, fragte Tom. Jonas zog eine der Kisten heran und half ihm, sein Bein hochzulegen. Sie verbrachten die Zeit, bis es dunkel wurde, damit, abwechselnd auf die Kokosnüsse einzuschlagen, bis sie endlich so viele geöffnet hatten, dass sie einigermaßen ihren Durst stillen konnten. Sie hatten es auch geschafft, 44 Eine harte Nuss zu knacken <?page no="45"?> zwei Kokosnüsse so aufzubrechen, dass sie das Fruchtfleisch aus der harten braunen Schale nagen konnten. Wissen | Teamphase Forming Umgangssprachlich wird eine Gruppe von Menschen im Arbeitskontext schnell als Team bezeichnet. Doch es gibt Unterschiede zwischen beiden. In einer Gruppe arbeiten die Menschen unabhängig an ihrer Zielver‐ wirklichung. Sie tragen individuell Verantwortung und haben geringe Interaktionen mit den anderen Gruppenmitgliedern. Im Fokus stehen ihre eigenen Aufgaben und Interessen. Ein Team hingegen zeichnet sich durch die Zusammenarbeit an einem gemeinsamen Ziel aus. Ver‐ antwortung wird nach Rollen aufgeteilt und eine hohe Interaktion und Kooperation ermöglichen ein gemeinsames Ergebnis. Wenn ein Projektteam neu gebildet wird und unterschiedlichste Men‐ schen zum ersten Mal zusammenarbeiten, ist eine Zusammenarbeit als Team nicht selbstverständlich. Erfolgreiche Projektmanager wissen über die Notwendigkeit des Teambuildings Bescheid. Teamphasen nach Tuckman 1 Forming In der Orientierungphase formt sich das Team. Aufgaben und Rollen sind noch unklar und die Produktivität ist gering. Das Team braucht jetzt einen Leiter, der für Sicherheit und Orientierung sorgt. Adjourning Das Projekt nähert sich dem Ende und das Team löst sich wieder auf. Performing Wenn das Team eingespielt ist, kann es nun Hochleistungen erbringen. Man kann effizient Ziele erreichen. Storming Während die Rollen verteilt werden, kommt es zu Konkurrenz und Problemen auf persönlicher Ebene. Wenn das Team es schafft, Disziplin zu etablieren, kann es in die nächste Phase eintreten. 2 Norming In der Orientierungsphase werden Regeln und Prozesse etabliert. Man stellt sich auf gemeinsame Ziele ein und kann durch konstruktive Kommunikation Probleme lösen. 3 4 5 Storming Während die Rollen verteilt werden, kommt es zu Konkurrenz und Problemen auf persönlicher Ebene. Wenn das Team es schafft, Disziplin zu etablieren, kann es in die nächste Phase eintreten. 2 Norming In der Orientierungsphase werden Regeln und Prozesse etabliert. Man stellt sich auf gemeinsame Ziele ein und kann durch konstruktive Kommunikation Probleme lösen. 3 Adjourning Das Projekt nähert sich dem Ende und das Team löst sich wieder auf. Performing Wenn das Team eingespielt ist, kann es nun Hochleistungen erbringen. Man kann effizient Ziele erreichen. 4 5 Eine harte Nuss zu knacken 45 <?page no="47"?> Es ist etwas im Busch „Ich kann nicht aufstehen. Dieses Mal ist es viel schlimmer. Können Sie mir nicht wieder etwas spritzen, damit ich es besser ertragen kann? “ „Das geht nicht jeden Tag, sonst haben sie gleich noch eine Medika‐ mentenabhängigkeit am Hals. Sie schaffen das schon, Schätzchen. Einfach die Zähne zusammenbeißen. In ein paar Tagen ist das Gröbste geschafft. Dann können Sie wieder klar denken. Und bis dahin versuchen Sie sich auszuruhen.“ „Bitte gehen Sie nicht weg, ich kann nicht alleine bleiben. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“ „Ich muss mal wieder bei den anderen nach dem Rechten sehen. Aber ich schaue später nochmal nach Ihnen. Möchten Sie noch einen Tee? “ Linda schüttelte mit dem Kopf. Jäh spürte sie eine Hand an ihrer Schulter, die sie rüttelte. „Alles ok bei dir? “ Victoria beugte sich über sie und runzelte die Stirn. „Ähm, ja alles ok, muss wohl schlecht geträumt haben.“ In diesem Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher, als in das sterile Krankenbett zurückzukehren. Damals war es ihr wie die Hölle auf Erden erschienen. Was eine neue Perspektive doch ausmachen konnte. Linda schloss die Augen und träumte sich zurück. Was würde sie jetzt für eine heiße Dusche geben und für das fade Essen, dass ihr in der Klinik drei Mal am Tag auf einem grauen Tablett aufgezwungen wurde. Sie hatte es gehasst, unter ständiger Beobachtung zu stehen. Jeden Tag wurde ihr Blut abgenommen. Vertrauen war dort kein hohes Gut. Jeden Sonntag, wenn sie sich von ihren Eltern verabschiedet hatte und wieder auf ihr Zimmer ging, wusste sie, dass sie mit der Ärztin sprachen und über alle Werte informiert wurden. Sie hatte sich nichts vorzuwerfen. Selbst wenn sie gewollt hätte, hätte sie nicht gewusst, wie sie etwas zu trinken hätte auftreiben können. Die ängstlichen Blicke, mit denen ihre Eltern sie an den Besuchstagen bedachten, zeigten ihr aber, dass genau das vermutet wurde. Sie hatte beschwichtigend auf sie eingeredet und versucht, ihnen ihre Sorgen zu nehmen. Als Victoria ihr sagte, dass sie ein bisschen spazieren gehe, wurde Linda misstrauisch. Linda stand auf und als Victoria zwischen den Palmen verschwunden war, lief sie ihr hinterher. Was hatte sie vor? Linda ging einen schmalen Pfad <?page no="48"?> entlang, der sich durch den Dschungel schlängelte. Links und rechts ragten Äste und Gräser auf den Weg, aber sie waren an einigen Stellen abgeknickt. Erst versuchte sie, sich leise fortzubewegen, aber je weiter sie ging, desto mehr wurden ihre eigenen Geräusche von denen des Dschungels übertönt. Sie hörte das Schlagen von Vogelflügeln und das Rascheln ihrer Federn. Auf einmal machte der Weg eine scharfe Kurve. Linda war zu schnell gegangen und stolperte fast über Victoria, die am Boden kniete. „Was willst du denn hier? “ Victoria sah sie aus zusammengekniffenen Augen an. Linda war überrascht. War Victoria gestolpert und hingefallen? Dann sah sie, dass Victoria eine angebissene Banane in der Hand hielt. Vor ihr stand eine offene Kiste, die Victoria zu verstecken versuchte. Doch Linda sah, was sie verbarg. Die Kiste war voll mit Lebensmitteln. Es waren abgepackte Süßigkeiten, aber auch Sandwiches darin. Durch die Frischhaltefolie quoll Schimmel nach draußen. Linda presste ihre Lippen zusammen. „Hast du das etwa alles versteckt? “ „Ja und, was willst du jetzt machen? Willst du mich etwa verpetzen? Du glaubst doch nicht, dass die anderen so blöd sind und sich nichts gesichert haben.“ „Aber das Essen ist schlecht geworden. Da wäre es doch besser gewesen es zu teilen.“ „Behalt deine schlauen Vorschläge für dich. Deinetwegen sitzen wir doch überhaupt noch hier herum. Wärt ihr am Strand geblieben, wie ihr solltet, hätte uns der Helikopter rechtzeitig gesehen und wir hätten auf uns aufmerksam machen können. Auf deine besserwisserischen Sprüche kann ich verzichten.“ Victoria stand auf und baute sich ganz nah vor Linda auf. „Ich warne dich. Wenn du nicht für dich behältst, was du hier gesehen hast, kannst du dich auf was gefasst machen.“ Victoria packte ihr Handgelenk und zerquetschte es fast mit ihrer Hand. Dann ließ sie unvermittelt los und griff in die Kiste. „Hier“, sie warf ihr eine Tüte mit gesalzenen Erdnüssen zu. „Nimm das und dann hau endlich ab.“ Eine Flasche Wasser rollte sie ihr auch vor die Füße. Aus einem Reflex heraus hatte Linda die Tüte gefangen und starrte darauf. Victoria klemmte sich die Kiste unter den Arm und verschwand in den Büschen. Linda blieb perplex stehen. Was sollte sie jetzt tun? Victoria decken oder den anderen davon erzählen? Was würde passieren, wenn sie den anderen davon berichtete? Es konnte sein, dass es stimmte, was Victoria sagte und 48 Es ist etwas im Busch <?page no="49"?> sie die Einzige war, die kein Essen versteckt hatte. Das würde zwar niemand zugeben, aber trotzdem stünde sie als naiv da. Linda schwitzte und die Tüte rutschte ihr fast aus der Hand. Sie konnte sie nicht an den Strand mitnehmen, sonst würden die anderen sie fragen, woher die Erdnüsse kamen. Inzwischen hatten alle Hunger. Die Kokosnüsse füllten zwar den Magen, befriedigend war das aber nicht. Wenn sie jetzt mit den Erdnüssen auftauchte, würde das Fragen nach sich ziehen. Vermutlich würde sie sogar selbst beschuldigt werden, das Essen versteckt zu haben. Es war keine angenehme Vorstellung an den Pranger gestellt zu werden. Sie war viel kürzer im Unternehmen als Victoria und hatte sich bisher nicht das Vertrauen erarbeiten können, dass sie über jeden Zweifel erhaben war. Im Gegenteil. Sie hing mit dem Vertrauensaufbau Jahre hinterher. Bestimmt würde Frank für Victoria die Hand ins Feuer legen. Victoria war weg und mit ihr die Kiste. Linda hatte so konzentriert auf die Erdnüsse gestarrt, dass sie nicht einmal gesehen hatte, in welche Richtung sie gegangen war. Die Aufgabe, sich entscheiden zu müssen, erschien Linda wie eine unerträgliche Belastung. Ihr ganzer Körper schmerzte und eine bleierne Müdigkeit machte ihren Kopf dumpf und schwer. Sie konnte nicht mehr nachdenken, nicht mehr abwägen, sich Sorgen machen. Sie wünschte sich jemanden, der ihr die Entscheidungen abnahm. Warum hatte Victoria ihr die Erdnüsse gegeben? Aus Mitleid? Als Erpressungsversuch? Um ihr Schweigen zu erkaufen? Linda gab auf. Sie setzte sich auf den Boden, öffnete die Tüte, aß alle Nüsse auf und trank das Wasser. Dann grub sie mit den Händen ein Loch in den Boden, verbarg die Tüte und die Flasche darin und legte einige Blätter auf die lose Erde. Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging sie langsam zum Strand zurück. „Hat jemand einen Spiegel dabei? “, fragte Leon. „Wozu brauchst du den? Willst du dich für uns hübsch machen? “ Frank grinste. „Ernsthaft. Kann sich mal bitte jemand meine Stirn anschauen? Das fühlt sich komisch an.“ Linda horchte auf. Seitdem sie Leon aus Versehen mit der Wodkaflasche gegen die Stirn geschlagen hatte, hatte er eine Beule. Er hatte sich jedoch nie darüber beschwert und Linda hatte gehofft, dass sie darüber nicht wieder sprechen würden. Es ist etwas im Busch 49 <?page no="50"?> Jonas ging zu Leon und inspizierte die Wunde. „Das wirst du jetzt nicht gern hören, aber es hat sich entzündet.“ „Ja, das dachte ich mir schon. Haben wir irgendwelche Medizin? “, fragte Leon. „Nicht, dass ich wüsste. Das ist aber auch nicht alles.“ Jonas druckste herum, konnte den Blick aber nicht von Leons Stirn abwenden. „Schau lieber selbst.“ Jonas holte den Deckel einer Blechdose und hielt sie Leon vor das Gesicht. Der rückte näher heran und schrie angewidert auf. „Larven“, gab Jonas zur Erklärung an. Linda und Victoria kamen näher und sahen sich Leons Stirn an. Sie war rot und entzündet und schlagartig sahen sie den weißlichen Körper einer Larve, die erschien und sich sofort wieder ins Fleisch hinein vergrub. Linda schlug die Hand vor den Mund. Jonas Gesichtsausdruck zeugte von Sensationslust, wohingegen Victoria aussah, als müsse sie sich übergeben. „Meint ihr, die Larven sind eher ein gutes Zeichen und sie fressen das entzündete Gewebe, oder eher ein schlechtes und man sollte sie entfernen? “, fragte Tom interessiert. Linda schaute überrascht. Leon war nicht besonders angetan von Toms Optimismus. „Ein gutes Zeichen, dass diese Viecher mein Hirn fressen? Hast du sie noch alle? “ „Er braucht sofort Antibiotika“, sagte Victoria. Selbst Frank sah ein wenig blass aus. „Antibiotika haben wir nicht dabei, aber warte kurz.“ Er durchwühlte seine Tasche und hielt triumphierend eine Blisterpackung in die Höhe. „Ibuprofen! Da ist doch auch etwas Entzündungshemmendes drin, glaube ich.“ Victoria schaute nicht zufrieden aus. „Hat denn niemand an eine Reise‐ apotheke gedacht? “, fragte sie. „Liegt auf dem Schiff “, antwortete Jonas schnaubend. „Besser als nichts“, sagte Leon, „gib schon her.“ Er schluckte eine Ibupr‐ ofen-Tablette trocken runter. „Vielleich solltest du die Wunde immer wieder desinfizieren“, überlegte Victoria. „Das ist jetzt zu spät, sie ist ja schon entzündet“, sagte Tom. „Danke für diese Info. Ich will diese ekelhaften Larven jetzt sofort da raushaben“, sagte Leon mit gepresster Stimme. „Ok, ok“, Tom hob entschuldigend die Hände. „Wie holen wir sie raus? “ „Halt mir die Blechdose richtig hin, ich versuche sie rauszuziehen“, befahl Leon. Jonas tat, wie ihm geheißen. 50 Es ist etwas im Busch <?page no="51"?> Leon setzte seine beiden Zeigefinger an die Wunde und drückte. Doch die Larven kamen nicht heraus. Mit jedem Drücken schwoll die Beule nur noch mehr an. „Warte doch, bis sie sich wieder von allein zeigen“, schlug Tom vor. Leon verdrehte die Augen, wartete aber ab. Als das nächste Mal einer der weißen Körper zum Vorschein kam, pickte Leon mit Zeigefinger und Daumen danach, doch er war nicht schnell genug. Irgendwann fragte Jonas: „Kann mich mal jemand ablösen? Mein Arm schläft langsam ein.“ Das brachte Leon zur Weißglut. Er nahm die Blechdose, warf sie auf den Boden und trampelte darauf herum. Als er sich wieder beruhigt hatte, sagte Linda leise: „Es tut mir leid, Leon, das wollte ich nicht.“ „Davon kann ich mir jetzt auch nichts kaufen. Mach dich wenigstens nützlich und halte die Dose.“ Sie setzten sich in den Sand und Linda versuchte, sich mit der Dose in der Hand möglichst nicht zu bewegen. Sie vermied allerdings jeglichen Blickkontakt mit Leon, so gut es ging. Nach einer gefühlten Ewigkeit gab er auf. Ohne ein Wort zu sagen, stand er auf und ging weg. Es ist etwas im Busch 51 <?page no="53"?> Stand-up-Paddle versus Stand-up-Meeting „Wir müssen Wasser suchen.“ Tom sprach aus, was auch Linda sich schon gedacht, aber nicht gesagt hatte. „Wir können hier nicht weiter rumsitzen. Vielleicht werden wir bald gerettet, vielleicht auch erst später, aber unsere Vorräte sind aufgebraucht und ohne Süßwasser überleben wir nicht mehr lange.“ „Wo sind Frank und Victoria? “, fragte Linda. „Keine Ahnung, eventuell haben sie sich dasselbe gedacht und sind schon los? “, sagte Jonas. „Ich bin am ersten Tag nach links am Strand entlang gegangen, und Linda und Jonas sind nach rechts gegangen. Wisst ihr, wie weit ihr gegangen seid? “, fragte Leon. „Nur in Stunden, nicht in Kilometerangaben. Wir wissen auch nicht, wie weit wir die Insel umrundet haben“ sagte Jonas. „Ich auch nicht. Wir könnten uns aufteilen und schauen, ob wir uns auf der anderen Seite treffen.“ „Das hieße aber nochmal ein Tagesmarsch, von dem wir wissen, dass wir in den ersten Stunden überhaupt nichts finden.“ Jonas wiegte seinen Kopf zur Seite. „Ich glaube, es ist an der Zeit in den Dschungel zu gehen. Nach allem, was wir wissen, könnte um die Ecke ein Bach fließen und wir haben keine Ahnung davon.“ Tom war zum Aufbruch bereit. „Wie geht es denn deinem Knöchel? “, fragte Linda. Tom drehte das Gelenk in alle Richtungen und nickte dann. „Tut zwar noch weh, aber ich kann gehen. Solange ich nicht rennen muss, ist es ok, denke ich.“ „Aber was ist mit den Schlangen? “ Linda konnte ihre Angst nur schlecht verbergen. „Dann bleib doch hier. Wir brauchen sowieso jemanden, der Ausschau hält. Wir wollen schließlich das Helikopter-Fiasko nicht wiederholen“, sagte Leon. „Das hält sie aber nicht durch. Die Situation ist jetzt eine andere. Keiner von uns kann noch einen Tag ohne Wasser hier am Strand warten. Wir müssen so lange gehen, bis wir Wasser finden und vielleicht schaffen wir es dann nicht vor Einbruch der Dämmerung wieder hier zu sein.“ Toms Argumentation war einleuchtend. <?page no="54"?> Jonas ergänzte: „Wir können jetzt auch nicht länger auf Victoria und Frank warten. Vielleicht sind sie in der Nähe und haben noch Wasser bei sich, dann können sie hier am Strand warten und wir bringen ihnen was mit.“ „So machen wir es. Packt alle leeren Flaschen ein, die ihr finden könnt.“ Leon schnappte sich seinen Rucksack. „Am besten wir ziehen auch möglichst viele Klamotten an. Das wird zwar warm, aber besser als von irgendwas gestochen oder gebissen zu werden.“ Jonas warf Linda einen vielsagenden Blick zu. Nach wenigen Minuten war der Exkursionstrupp startklar. Sie sahen aus wie eine Schulklasse auf Ausflug, mit ihren Rucksäcken im Schlepptau. Linda betrat nun zum dritten Mal den Urwald. Hoffentlich verlief dieses Mal besser. Eine Weile war es mühsam vorwärtszukommen und sie stiegen auf den kleinen Pfaden über Äste und mussten Pflanzen aus dem Weg schieben. Im Gänsemarsch gingen sie hintereinander her. Dann veränderte sich der Dschungel. Er war lichter und es gab weniger niedrigwachsende Pflanzen. Die dichten Kronen der hohen Bäume schirmten die Sonne ab und der Wald ähnelte eher einer gotischen Kathedrale. Es war warm und ihnen war die Lust zu reden vergangen. Doch Linda genoss die Ruhe. Sie ging in der Mitte. Sollte vor ihr ein unvorhergesehener Zwischenfall eintreten, wäre sie nicht die Erste, die auf ihn treffen würde. Die hinter ihr gehenden Kollegen gaben ihr ein gewisses Gefühl der Sicherheit und sie konnte sich auf den Weg konzentrieren. Hier war es stiller als auf den ersten Kilometern. Sie hörten kein Affengeschrei und nur vereinzelte Vögel zwitscherten in den Bäumen. Sie fühlte sich in der Gesellschaft der anderen immer noch wie auf einer Party, zu der sie nicht eingeladen war, doch es gab aktuell keine andere Option, als mit ihnen im Gänsemarsch den Trampelpfad entlangzugehen. Lindas Fitnesslevel war eher unterdurchschnittlich, doch sie biss die Zähne zusammen, um sich vor den Männern keine Blöße zu geben. Auf einer Lichtung machten sie Rast und setzten sich ins Gras. „Ich verfluche uns gerade, weil wir kein Wasser gesammelt haben, als es geregnet hat“, sagte Tom. „Stimmt, das sollten wir beim nächsten Regen unbedingt tun. Worin könnten wir es denn auffangen? “, fragte Leon. „Haben wir eine Plastikplane dabei? “ 54 Stand-up-Paddle versus Stand-up-Meeting <?page no="55"?> „Ich glaube nicht, aber wir haben das Schlauchboot“, sagte Jonas. „Wenn wir es ausräumen, können wir darin gut Regenwasser sammeln. Wir könn‐ ten auch unsere Kisten leer machen, ich glaube, die sind wasserdicht. „Gute Idee. Das machen wir, wenn wir wieder am Strand sind“, sagte Tom. „Schade, dass wir nicht früher darüber nachgedacht haben. Das hätten wir schon jetzt machen können, bevor wir los sind. Wer weiß, wann es wieder regnet“, sagte Linda. In dem Moment stand Jonas auf und beugte sich über einen Busch. „Schaut mal, das hat schon jemand für uns erledigt.“ In den leicht zusammen gerollten Blättern glitzerten die Wassertropfen. Jonas ging in die Hocke und bog einen der kleinen Äste zu sich heran. Vorsichtig ließ er das Wasser in seinen Mund tropfen. „Tja, ist zwar mühsam, lohnt sich aber! “ „Halleluja, wir haben endlich Wasser gefunden.“ Tom freute sich. Sie verteilten sich und tranken aus so vielen Blättern, wie sie erreichen konnten. Dann ging Tom ein paar Schritte weiter und zog ein kleines Küchenmesser heraus, das er mitgenommen hatte. Er bog eine Liane zu sich und ritzte sie an. Ein paar wenige Tropfen traten heraus. „Schaut mal, darin ist auch Wasser gespeichert. Aber da müsste doch mehr rauszukriegen sein.“ Er setzte seinen Rucksack ab und holte das Brotmesser heraus. Mit Schwung schnitt er die Liane knapp über dem Boden ein. Dann setzte er so hoch oben an, wie er konnte und schlug eine Kerbe hinein. Mit einem Mal tropfte unten viel mehr heraus. Die anderen jubelten. Nacheinander schnitten sie einige Lianen auf und hielten die leeren Flaschen darunter. Es war zwar mühsam und das Wasser schmeckte nicht so klar wie aus dem Wasserhahn, aber auch nicht schlecht. Zum ersten Mal, seit sie auf der Insel waren, stellte sich bei Linda ein Gefühl der Erleichterung ein. Es war zwar alles schrecklich und sie wünschte, sie würde endlich aus diesem Alptraum erwachen, aber wenigstens ihr furchtbarer Durst war für den Moment gestillt. Sie atmete tief durch und ließ ihre angespannten Schultern fallen. Als sie aus dem Dschungel traten und wieder an den Strand kamen, traf die Gruppe auf Frank und Victoria. Bei der Arbeit war Frank ein gefürchteter Chef und Linda vermutete, dass er mehr als einmal wegen der Freundschaft zu ihren Eltern bei ihr Milde hatte walten lassen, als er eigentlich gerne explodiert wäre. Sie saßen am Feuer, aber als Frank sie erblickte, sprang er auf und fing an zu schreien. „Wo zur Hölle wart ihr? “ „Entspann dich - du wirst froh sein, wenn du siehst, was wir mitgebracht haben.“ Leon ließ seinen Rucksack in den Sand fallen. Stand-up-Paddle versus Stand-up-Meeting 55 <?page no="56"?> Frank hörte nicht zu. „Habt ihr eigentlich keinen Überlebenswillen? Das ist doch wohl logisch, dass es keinen Sinn ergibt, wenn in einer Gruppe alle alles gemeinsam machen. Habt ihr schon mal was von Arbeitsteilung und Rollenverteilung im Team gehört? Ich dachte, ihr seid Projektmanager. Was zur Hölle treibt ihr hier? Doppelstrukturen, keine Organisation, keine Absprachen. Jeder macht, was er will. Wie im Kindergarten. Wenn das unsere Kunden sehen würden, sie würden uns sofort den Auftrag entziehen.“ „Was habt ihr denn gemacht, während wir weg waren? Ihr habt euch doch bestimmt auch nützlich gemacht? ! “ Tom ärgerte sich über den Wutausbruch des Chefs. Sie waren hier schließlich nicht bei der Arbeit, wo ihm dieses Privileg zugestanden wurde. „Schon wieder seid ihr losgezogen, ohne vorher sinnvoll Aufgaben zu verteilen. Ich habe das langsam satt“, rief Frank. „Glaubst du, wir haben es nicht satt hier zu sein? Wenn du einen Vorschlag hast, wie wir wegkommen, immer her damit“ sagte Leon. „Es geht nicht nur darum, hier wegzukommen, sondern wie wir hier in der Zwischenzeit überleben und dafür …“ Leon schnitt ihm das Wort ab: „Wie bitte? Es geht nicht darum hier wegzukommen? Habe ich etwas verpasst? “ „Schon gut.“ Frank hob besänftigend die Hände. „Es geht darum hier wegzukommen. Aber wenn du mich aussprechen lassen würdest, dann würdest du verstehen, dass es ebenso darum geht, wie wir hier überleben und was wir dafür tun können. Ihr fügt euch so geschmeidig in eure Opferrolle, dass man den Eindruck bekommt, ihr wartet nur ab, bis der Krankenwagen um die Ecke biegt und ihr einsteigen könnt.“ „Warum hast du denn nichts gemacht? " Jetzt schaltete sich auch Jonas in die Diskussion ein. „Ich dachte, ich beobachte mal, wie ihr euch so anstellt. Ich habe euch doch nicht all die Jahre ausgebildet, damit ich euch jetzt alles vorkauen muss, oder? “ „Aber“, Leon wollte widersprechen, doch Frank ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Gerade du, Leon. Du wolltest doch gleich Teamleiter werden. Wenn ich deine Performance hier sehe, bin ich froh, dass ich auf mein Bauchgefühl gehört habe, dass du noch nicht so weit bist." Leons Augen weiteten sich. Dass Frank diese vertrauliche Information jetzt vor allen ausbreitete, hatte er nicht erwartet. Er schaute Jonas böse an, der ein Grinsen nicht verbergen konnte. Linda unterdrückte mit Mühe 56 Stand-up-Paddle versus Stand-up-Meeting <?page no="57"?> das Zittern ihrer Unterlippe. Unwillkürlich hatte sie einen Schritt zurück gemacht, um nicht im Epizentrum des Streits zu landen. Sie wischte ihre feuchten Handflächen an ihrer Hose ab. „Schön, dann nehme ich es jetzt in die Hand.“ Leon spannte die Brustmus‐ keln an. „Linda, du bist ab sofort dafür verantwortlich, dass das Feuer an bleibt und wir gesehen werden, wenn Hilfe kommt. Tom, du sorgst dafür, dass wir noch mehr Wasser aus den Lianen bekommen. Jonas, du fängst einen Affen, den wir grillen.“ „Pfff “, Frank lachte laut los. „Ist das dein Ernst? Das ist dein Verständnis von Personalführung? Ich lach´ mich tot. Das würde sogar unsere Prakti‐ kantin besser machen. Oder, Linda? “ Frank grinste zu ihr hinüber. Lindas Atem stockte. Sie war überrascht, so plötzlich in die Unterhaltung hineingezogen zu werden. Beim Beobachten und Zuhören fühlte sie sich wohler. Was sollte sie dazu sagen? Aber Gott sei Dank war es eine rhetori‐ sche Frage, denn Frank hatte sich schon wieder von ihr abgewandt. „Ab sofort läuft das hier anders. Ich will mein Team in Aktion sehen, keinen Haufen Mitläufer. Ihr wisst doch wie so etwas zu laufen hat: Plan - Do - Check - Act. Jonas, du organisierst ein ‚Kick-off-Meeting‘. Victoria, du leitest ab sofort jeden Morgen ein ‚Daily Stand-up Meeting‘. Ich will Statusberichte hören, wer wie seinen Beitrag geleistet hat. Meine Güte, seht das Ganze doch mal als Projekt an. Wir setzen uns ein Ziel, machen einen Plan und ziehen ihn durch." Frank drehte sich ohne ein weiteres Wort um und stampfte davon. Die anderen sahen sich betreten an. Das hatte Linda nicht kommen sehen. Es dauerte eine Weile, bis das Surren in ihren Ohren wieder aufhörte. Solche Situationen waren der blanke Horror. Ihre Eltern stritten zu Hause so gut wie nie und ihr gegenüber herrschte sowieso ein sanfter Umgangston. Sie wussten, wie schnell sie Kritik oder Streit aus der Bahn werfen konnte. So wurden Unstimmigkeiten eher vermieden. Doch es wirkte, als hätte Frank diese Konfrontation sogar genossen. War er deshalb ein guter Chef, weil er extrovertiert war und sich nicht scheute, klare Worte zu finden? Oder war er ein schlechter Chef, weil er sich dazu hinreißen ließ, seine Emotionen so offen zu zeigen? Jonas kickte eine der leeren Plastikflaschen wie einen Fußball weg und schob die Hände in die Hosentaschen. „Was wollen wir machen? War das ernst gemeint mit dem Kick-off ? “ Er zog die Schultern hoch. Stand-up-Paddle versus Stand-up-Meeting 57 <?page no="58"?> Leon antwortete als Erster: „Wir wollen überleben und wir wollen hier weg. Das ist doch logisch. Ist doch lächerlich, das jetzt als ‚Projekt‘ zu betiteln.“ Victoria blickte auf. „Du klingst wie einer unserer Kunden. Die sagen auch immer, sie wollen einfach arbeiten und die Diskussion auf der Metaebene sei Zeitverschwendung.“ Tom schaltete sich ebenfalls ein: „Das stimmt. Und wir halten immer dagegen, dass sich die Zeit, die man in das Projektmanagement investiert, automatisch auszahlt, weil man effizienter agiert.“ Victoria freute sich über den Zuspruch. „Ich glaube, Frank hat recht. Was ist denn ein Projekt? Es ist eine Aufgabe, die einmalig in der Gesamtheit der Bedingungen ist, ein konkretes Ziel hat, zeitlich, personell und finanziell begrenzt ist, interdisziplinär bearbeitet wird und neuartig und komplex ist. Wo, wenn nicht hier, wäre denn Projektmanagement gefragt? Keine Sorge, wir wollen uns ja nicht tagelang hinsetzen und ein Wasserfall-Diagramm erstellen.“ Leon schlug die Hände vor das Gesicht und schnaubte: „Ihr meint das tatsächlich ernst. Wir stehen hier im Dschungel und überlegen uns jetzt, unter welcher Palme wir das Projektmanagement-Office einrichten? “ „Du kannst nicht weg reden, dass wir in den letzten Tagen kopflos unterwegs waren. Wenn wir uns besser organisiert hätten, hätte eine Gruppe Wasser und Essen gesucht und die andere hätte abwechselnd das Feuer bewacht, damit wir eine mögliche Rettungsaktion nicht verpassen.“ Diese Argumentation leuchtete Linda ein. Wenn sie jetzt an den Büroall‐ tag zurückdachte, fiel ihr auf, dass es immer jemanden gegeben hatte, der die Führung in der Hand hielt und Aufgaben verteilte. Normalerweise war das Frank oder Victoria oder eben die Team- und Projektleiter. Aber hier waren alle so durch den Wind, dass man gar nicht die Möglichkeit hatte, sich mal kurz hinzusetzen und in Ruhe die nächsten Schritte zu planen. Hier hatte bisher niemand die Führung übernommen. Bis jetzt hatte sie auch immer noch damit gerechnet, dass doch schlagartig ein Boot auftauchte und sie rettete. Wie konnte Frank sich so schnell mit der neuen Situation anfreunden? „Ich bin todmüde. Ich kann darüber jetzt nicht weiter diskutieren. Aber wir müssen hier weg und wenn wir dafür unsere Kräfte bündeln, dann bin ich auf jeden Fall an Bord. Ob wir das ein Projekt nennen oder nicht, ist mir egal. Lasst uns morgen früh das ‚Kick-off-Meeting‘ machen und bis dahin 58 Stand-up-Paddle versus Stand-up-Meeting <?page no="59"?> kann jeder brainstormen, welche To Dos es gibt und wer welche Stärken in das Projekt mit einbringt.“ Tom grinste in die Runde. Als Linda auf dem Rücken lag und in den Sternenhimmel schaute, zermar‐ terte sie sich das Hirn. Was waren ihre Stärken? Die anderen hatten gelacht, aber Linda fiel nichts ein, das sie einbringen konnte, was für die anderen von Nutzen wäre. Die Profile, mit denen sie sich bei den Kunden vorstellten, be‐ inhalteten eine lange Liste an Erfahrungen und Expertise. Unter einem seriös lächelnden Businessportrait prangte ein Bullet Point nach dem anderen. Als Linda das erste Mal diese Profile gesehen hatte, musste sie unwillkürlich an Online-Shopping denken. Unter dem Produkt wurde aufgeführt, aus welchem Material es gemacht war und welche Features es mitbrachte. Fehlte nur noch, dass man in den Beraterprofilen auch Sternebewertungen wie in Onlineshops aufführte.“ Für die Berater war die Frage nach ihren Stärken kein Problem. Mit jeder Beauftragung stieg der Marktwert. Nach dem Projekt hatte man sich im günstigsten Fall neues Wissen angeeignet, das man in einem neuen Bullet Point verwursten konnte. Dieser wiederum war die Grundlage für die nächste Beauftragung. Dieses Prinzip fand nicht nur in der Beratung, sondern auch in den Konzernen Anwendung. Man stieg auf und wurde befördert, bis man irgendwann seinen persönlichen Gipfel erreicht hatte. Vor Lindas geistigem Auge schwebte die Powerpoint-Folie, die sie dazu erstellt hatte. Als Gestaltungselement hatte sie sich für die Metapher eines Bergsteigers entschieden. Er erklomm einen Berg mit mehreren Zwischen‐ halten. Am Sternenhimmel zog Linda mit dem Zeigefinger die Verbindungslinien zwischen den Sternen, aber ihr Lieblingssternbild Kassiopeia konnte sie nicht finden. Wissen | Teamphase Storming - Deming-Cycle - Projektziele - Wasserfall-Diagramm - Projektmanagement-Office Eine Projektmanagement-Weisheit besagt: „Sag mir, wie dein Projekt anfängt und ich sage dir, wie es aufhört.“ Am Anfang eines Projektes werden die Weichen gestellt für die Zu‐ sammenarbeit im Team und für die Struktur. Rollen werden verteilt, Verantwortlichkeiten geklärt, zu erreichende Ziele formuliert, ein Zeit‐ Stand-up-Paddle versus Stand-up-Meeting 59 <?page no="60"?> plan erstellt und über den Turnus von Besprechungen und Reporting entschieden. Die Zeit, die am Anfang in das Set-up investiert wird, zahlt sich später durch einen reibungsloseren Ablauf aus. Natürlich gibt es auch Projekte, die weniger strukturiert starten. Doch je nachdem, was auf dem Spiel steht, ist die Gefahr für ein Scheitern dann größer. Teamphasen nach Tuckman 1 Forming In der Orientierungphase formt sich das Team. Aufgaben und Rollen sind noch unklar und die Produktivität ist gering. Das Team braucht jetzt einen Leiter, der für Sicherheit und Orientierung sorgt. Adjourning Das Projekt nähert sich dem Ende und das Team löst sich wieder auf. Performing Wenn das Team eingespielt ist, kann es nun Hochleistungen erbringen. Man kann effizient Ziele erreichen. Storming Während die Rollen verteilt werden, kommt es zu Konkurrenz und Problemen auf persönlicher Ebene. Wenn das Team es schafft, Disziplin zu etablieren, kann es in die nächste Phase eintreten. 2 Norming In der Orientierungsphase werden Regeln und Prozesse etabliert. Man stellt sich auf gemeinsame Ziele ein und kann durch konstruktive Kommunikation Probleme lösen. 3 4 5 Norming In der Orientierungsphase werden Regeln und Prozesse etabliert. Man stellt sich auf gemeinsame Ziele ein und kann durch konstruktive Kommunikation Probleme lösen. 3 Adjourning Das Projekt nähert sich dem Ende und das Team löst sich wieder auf. Performing Wenn das Team eingespielt ist, kann es nun Hochleistungen erbringen. Man kann effizient Ziele erreichen. 4 5 Deming-Cycle (PDCA-Zyklus) Check (überprüfen) Schaue dir die Ergebnisse an. Plan (planen) Erstelle einen Plan für die Veränderung. Do (tun) Führe den Plan aus und unternimm die ersten Schritte. Act (Aktion) Implementiere die Lösung und protokolliere den Erfolg. 1 2 3 4 Der Deming-Cycle steht für Plan, Do, Check und Act und beschreibt einen Verbesserungsprozess. Im Projektmanagement wird er verwendet, um Abläufe zu optimieren. Man plant eine Maßnahme, setzt sie um, überprüft die Wirkung und leitet daraus gezielte Verbesserungen ab. 60 Stand-up-Paddle versus Stand-up-Meeting <?page no="61"?> Projektziele Die Projektziele beantworten die Fragen „Was soll am Ende entstanden sein? “ und „Wie soll das Ergebnis erreicht werden? “. Sie können in die Kategorien „Kann“, „Soll“ und „Muss“ eingeordnet werden. Ziele sollten SMART formuliert sein: spezifisch, messbar, realistisch, terminiert, akzeptiert. Hauptziel Leistungsziele Terminziele Kostenziele Soziale und ökonomische Ziele Nicht-Ziele Wasserfall-Diagramm Ein Wasserfall-Diagramm ist die Visualisierung der Projektphasen. Phasen sind inhaltlich und zeitlich abgrenzbare Abschnitte. Diese Methode wird im klassischen Projektmanagement angewendet und bildet das Gegenstück zum agilen Projektmanagement. Man verwendet sie für Projekte, die stark strukturiert sind und bei denen frühzeitig alle Anforderungen, Abläufe und Termine festgelegt werden können. Diese grobe Schätzung der Hauptaufgaben zeigt ihre Dauer, was helfen kann, Komplexität zu reduzieren. Stand-up-Paddle versus Stand-up-Meeting 61 <?page no="62"?> Projektmanagement-Office (PMO) “ “ Eine Projektmanagement-Abteilung oder das Project Management Office definiert die Strategie und die Ziele für alle Projektmanagement-bezogenen Entwicklungsvorgänge. Es unterstützt die Entwicklung durch Coaching, Mentoring oder Training und ermöglicht die Entwicklung kollektiver oder organisationaler Kompetenzen durch gemeinsame Aktivitäten aller an Projekten und Programmen beteiligten Personen. Externe Experten wie Berater und Coaches können hinzugezogen werden, um die bestehenden Erfahrungen optimal zu nutzen. IPMA Individual Competence Baseline, 2015, Seite 23 “ “ 62 Stand-up-Paddle versus Stand-up-Meeting <?page no="63"?> Probleme wie Sand am Meer Am nächsten Morgen stellte sich das Team im Kreis auf. Frank klatschte in die Hände und schaute Jonas erwartungsvoll an. Der räusperte sich und begann: „Guten Morgen zusammen. Herzlich willkommen zu unserem Kick-off-Meeting.“ Linda beobachtete, wie Tom und Victoria die Augen verdrehten und sich ihr Lachen verkneifen mussten. Leon hatte die Hände in die Hüfte gestemmt und schüttelte nur mit dem Kopf. Jonas fuhr unbeirrt fort: „Auf der Agenda stehen die folgenden Punkte: Erstens: Brainstorming. Wir sammeln alle Ideen, die uns einfallen, um Hilfe zu bekommen, um von dieser Insel wegzukommen und um gut zu überleben. Zweitens: Wir bewerten die Aufgaben nach Möglichkeit der Durchfüh‐ rung und wählen aus, welche wir umsetzen. Drittens: Die Priorisierung erfolgt nach Dringlichkeit und Wichtigkeit. Viertens: Wir verteilen die Aufgaben gemäß unserer Stärken. Sind mit diesem Vorgehen alle einverstanden? “ Linda blinzelte mehrfach. Jonas moderierte tatsächlich ein Kick-off-Mee‐ ting. Die Situation war einfach zu absurd. Aber sie träumte nicht, das war ihre neue Wirklichkeit. Als Mitglied in einem Projektteam in der Orientierungsphase. „Schweigen wird wie immer als Zustimmung gewertet“, rief Frank dazwi‐ schen. „Mach weiter, Jonas.“ „Zum Brainstorming am Anfang möchte ich nochmal kurz die Regeln wiederholen. Jeder formuliert seine Ideen kurz und knapp. Wir kommentie‐ ren nicht, sondern sammeln zunächst nur. Linda, darf ich dich bitten zu beginnen? “ Linda verhaspelte sich, konnte ihren Gedanken dann aber formulieren. „Wir könnten mit Steinen das Wort ‚SOS‘ an den Strand legen. Wenn wieder ein Helikopter kommt, würde er das sehen.“ Als keiner reagierte, fügte sie noch leise hinzu: „Ich glaube, ich habe das mal in einem Film gesehen.“ „Danke Linda, dann gehen wir jetzt im Uhrzeigersinn der Reihe nach weiter.“ <?page no="64"?> „Wir brauchen Waffen und müssen jagen gehen“, sagte Leon. „Wir verabreden ein Schichtsystem und einer bewacht immer das Feuer. Wir versuchen möglichst viel Rauch zu erzeugen, damit wir gesehen wer‐ den“, schlug Tom vor. „Ich will, dass wir uns so schnell wie möglich eine bessere Unterkunft bauen. Ich kann nicht schlafen bei dem Wind hier am Strand und vor wilden Tieren sollten wir uns auch schützen“, sagte Victoria. „Ein Spähtrupp schwärmt aus und sucht die Insel ab nach einer Süßwas‐ serquelle“, war Franks Beitrag. Alle schauten Jonas erwartungsvoll an. „Ja, ähm, vielen Dank für eure Beiträge. Wollen wir dann schon mit der Bewertung anfangen? “ „Es würde mir helfen, wenn wir die Vorschläge noch durchsprechen könnten, damit man besser versteht, was sich jeder einzelne dabei gedacht hat“, warf Victoria ein. „Richtig, gerne! “ Jonas war zwar ein höflicher Moderator, doch sofort platzte es aus ihm heraus: „Warum zur Hölle willst du jagen, Leon? Können wir nicht erstmal mit den Basics anfangen und irgendwelche Beeren sam‐ meln? “ „Ich brauche mein Eiweiß. Ohne das funktionieren die Muskeln nicht.“ Zum Beweis spannte Leon seinen Bizeps an. „Das dauert doch sicher einige Wochen, bis man einen Eiweißmangel spürt.“ Auch Victoria schaute ihn irritiert an. „Für Sportler wird empfohlen, zwei Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag zu sich zu nehmen. Das kann man nicht mit Beeren oder Kokosnüssen abdecken.“ „Wir sind hier aber nicht in einem Trainingslager und du bist nicht in der Nationalmannschaft“, sagte Jonas. „Was willst du damit sagen? Dass ich nicht jagen darf? Ist das jetzt die sagenumwobene Basisdemokratie? Dazu kann ich nur sagen: Danke, aber nein danke.“ „Jetzt stell doch nicht gleich auf stur. Wir sagen doch nicht, dass du nicht jagen darfst. Sondern nur, dass es wichtigere Dinge gibt“, beschwichtigte Frank. „Willst du sagen wichtiger oder dringender? “, fragte Victoria. „Wo liegt denn der Unterschied? “, rutschte es Linda heraus. Sofort bereute sie die Frage. Victoria verdrehte die Augen. „Das müsstest du aber inzwischen wissen.“ Linda biss sich auf die Lippe. 64 Probleme wie Sand am Meer <?page no="65"?> Da eilte ihr Tom zu Hilfe. „Schau, ich male es schnell auf.“ Mit den Füßen malte er ein Quadrat in den Sand und zog ein Kreuz in die Mitte. „Das sind die vier Quadranten. Auf der x-Achse wird die Wichtigkeit abgebildet und sie steigt von links nach rechts. Die y-Achse zeigt die Dringlichkeit, die von unten nach oben steigt. In diese vier Quadranten ordnen wir jetzt alle Aufgaben ein. Diejenigen die dringend und wichtig sind stehen ganz rechts oben. Diejenigen die unwichtig und nicht dringend, also nur nice-to-have sind, stehen links unten.“ Tom kam zurück in den Kreis und stellte sich neben Linda. Er legte seine Hand kurz auf ihren Oberarm und schaute ihr in die Augen. „Klingt das logisch? “ Linda nickte und lächelte ihn dankbar an. „Für mich klingt es, als seien das Jagen und damit der Eiweißkonsum wichtig, aber nicht dringend. Es wäre super, wenn wir uns ausgewogen er‐ nähren können, aber es gibt Dringenderes“, sagte Victoria zur Abwechslung einmal diplomatisch. Die anderen nickten zustimmend. Daraufhin nahm Leon ein Messer und rammte es in den Quadranten unten rechts, aber so nah wie möglich an die Trennlinie zu den „dringenden“ Dingen. „Sehr schön, dann können wir doch schon einen Haken setzen.“ Frank nahm die leere Tüte der Holzkohle, zerknüllte sie und legte sie nach ganz rechts oben. „Feuer ist das Wichtigste und das Dringendste. Es hält uns warm, wir werden gesehen und wir können Essen garen, wenn wir welches finden.“ Auch das wurde vom Team akzeptiert. Linda nahm einen Kieselstein und legte ihn nach ganz links unten. „Mit den Steinen eine Botschaft zu legen ist bestimmt nicht schlecht, aber wenn wir schon das Feuer haben, dann können wir das erstmal zurückstellen.“ Linda stellte zu ihrem Erschrecken fest, dass sich ihre Stimme überschlug, und sie beendete den Satz schnell. Jonas zog sich einen Schuh aus und deutete darauf. „Dann fehlt jetzt noch der Spähtrupp, der Wasser sucht.“ Er schaute sich suchend um. „Und der Bau einer Unterkunft.“ „Hier, fang! “ Tom warf ihm seine Schlüssel zu. „Das sind die Schlüssel zu unserem trauten Heim. Ich hoffe, es wird ‘ne hübsche Villa.“ Jonas lachte und fing die Schlüssel. „Wollen wir mit dem Paddelboot einmal raus, um zu sehen, wie nah das andere Ufer ist? “, fragte Tom. Probleme wie Sand am Meer 65 <?page no="66"?> „Schau dir mal die Wellen an“, sagte Victoria. „Das halte ich für die Ultima Ratio.“ Jonas machte weiter im Text: „Wer möchte denn welche Aufgabe über‐ nehmen? Wir müssen nicht alle Aufgaben in eine Reihenfolge sortieren, sondern manches kann durchaus parallel laufen.“ „Stimmt, aber wir wissen noch nicht, welche Gefahren die Insel birgt. Daher halte ich es für sinnvoll, wenn wir immer zu zweit bleiben“, sagte Tom. Jonas nickte. „Was haltet ihr von folgendem Vorschlag: Linda passt tagsüber auf das Feuer auf, nachts wechseln wir uns ab. Leon baut eine Hütte, Victoria und Tom suchen Essen - Wurzeln, Beeren, Kokosnüsse -, was ihr eben finden könnt und Frank und ich suchen die Insel ab nach einer Quelle und Hilfe. „Wer hat dich zum Chef gemacht, dass du denkst, du kannst das einfach entscheiden? “ Leon schaute ihn grimmig an. „Ich bleibe auf keinen Fall hier. Ich bin im Spähtrupp.“ Die anderen schauten sich betreten an. „Das sagst du doch nur, weil du trotzdem jagen willst, obwohl wir gemeinsam entschieden haben, dass das jetzt nicht die oberste Priorität hat.“ Jonas verschränkte die Arme und hob sein Kinn ein Stückchen. Er war nicht bereit, klein beizugeben. „Das ist eine Unterstellung und ich war einverstanden mit der Gruppen‐ entscheidung. Aber wenn du mir so kommst, dann können wir das ganze hier auch bleiben lassen. Entweder ich bin im Spähtrupp, oder jeder tut, was er für richtig hält.“ „Wartet doch mal, das muss doch nicht sein.“ Tom hob beruhigend die Hände. „Ehrlich gesagt fühlt sich mein Knöchel noch nicht so gut an, dass ich unbedingt über die ganze Insel laufen will, um Essen zu suchen. Ich würde mich freiwillig melden, die Hütte zu bauen.“ Jonas sagte: „Vielen Dank für den konstruktiven Vorschlag, Tom. Dann sammeln Victoria und Leon zusammen Beeren, ok? “ Linda schaute ihn an. War das ironisch gemeint? Er musste doch nicht auch noch Öl ins Feuer gießen. Leons Kopf wurde immer röter. Bevor die Situation eskalieren konnte, sprang Frank ein. „Ich wechsle gerne zum Beerensammeln.“ Er legte seinen Arm um Victoria. „Wir beide übernehmen das, ja? “ Victoria nickte und ergänzte: „Lasst uns iterativ vorgehen und regelmäßig die Zwischenergebnisse anschauen. Dann werden wir schon sehen, ob wir im nächsten Sprint Richtungsänderungen vornehmen müssen.“ 66 Probleme wie Sand am Meer <?page no="67"?> „Ok, dann - los geht’s! Wir sehen uns heute Abend wieder.“ Damit beendete Jonas das Kick-off-Meeting. Ohne sich eines Blickes zu würdigen, nahmen Leon und er sich ihre Rucksäcke und stapften in entgegengesetzte Richtungen los. Scheinbar hatte nun alle der Ehrgeiz gepackt. Linda fühlte sich wie ins Büro zurückgebeamt. Für eine kurze Zeit hatten die anderen aufgrund des Schocks ihre Beraterbrillen abgenommen und zeigten sich ebenso überfordert, wie Linda sich fühlte. Doch nun schlüpften sie wieder in ihre alten Rollen. Vielleicht konnten sie gar nicht mehr anders denken und organisierten alles in ihrem Leben wie Projekte. „Wollen wir uns zusammentun? “, fragte Tom. „Ich wollte die Diskussion vorher nicht noch mehr ausweiten, aber wir könnten doch gleichzeitig das Feuer am Laufen halten und gemeinsam die Hütte bauen, wenn du magst.“ „Sehr gerne, das ist eine gute Idee“, antwortete Linda. „Ich habe mir überlegt, wir sammeln erstmal lange Äste und Palmwedel und lehnen sie von drei Seiten an den Pavillon. Dann sind wir windgeschütz‐ ter.“ Linda überlegte und antwortete dann: „Die Palmwedel müssen wir dann zusammenbinden und wir brauchen Querverstrebungen, damit sie nicht umkippen. Schau mal, am Schlauchboot ist eine Schnur, die ist lang genug, um schon mal zwei der Pfeiler zu verbinden.“ „Super, so machen wir es.“ Gemeinsam stapften sie durch den Sand zu den Palmen. Auf dem Weg schaute Linda mehrfach zu Tom hinüber, doch es fiel ihr schwer das Wort zu ergreifen. „Du, was ich noch sagen wollte: Danke, dass du mir vorher geholfen hast. Das war mir so unangenehm …“ Ihre Stimme brach ab. Tom hielt an und schaute sie an. „Das habe ich gerne gemacht. Ich verstehe überhaupt nicht, warum Victoria so gemein zu dir ist. Das ist nicht in Ordnung.“ Linda nickte und sie gingen weiter. Sollte sie ihm davon erzählen, dass Victoria Essen versteckt hatte? „Nachdem ich hier den ersten Schock überwunden hatte, habe ich mir vorgenommen, mich möglichst weiter ‚normal‘ zu verhalten. Weißt du, was ich meine? “ Tom lächelte sie an. „Also höflich, zivilisiert, professionell. All das, was wir bei der Arbeit auch sind.“ Probleme wie Sand am Meer 67 <?page no="68"?> Linda nickte, doch wenn man ehrlich war, musste man zugeben, dass in der Arbeit auch nicht immer alle höflich und professionell waren. Tom fuhr fort: „Ich stelle mir vor, dass wir es bald geschafft haben, und wenn wir danach weiterarbeiten, dann will ich allen noch in die Augen schauen können und mich nicht dafür schämen, dass ich hier ein anderes Gesicht gezeigt habe.“ „Ich weiß, was du meinst. Das ist ein guter Vorsatz. Die ersten Tage wollte ich gar nicht wahrhaben, dass wir hier gelandet sind. Das war ein riesengroßer Schock. Ich habe die ganze Zeit nur auf das Meer gestarrt und gehofft, dass John und Matthew doch mit dem Boot anlegen. Ich habe mir die Szene richtig ausgemalt. Wie sie sich entschuldigen, dass es länger gedauert hat und sie von ihrem Tauchunfall berichten. Dann gehen wir alle auf das Boot und sie kümmern sich darum, dass es uns allen gut geht. Aber je länger wir hier sind, desto weniger wahrscheinlich ist das. Ich glaube, jetzt hätte ich eher einen Schock, wenn sie tatsächlich vor uns stehen würden.“ Linda lachte. „An die Zeit nach dem Urlaub hatte ich noch gar nicht gedacht.“ Tom nickte. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir danach wieder in unseren Meetings zusammensitzen. Wahrscheinlich muss ich mir dann immer Franks behaarten Bauch in der Badehose vorstellen.“ „Oh ja, dieses Bild würde ich auch gerne wieder vergessen.“ Sie grinsten sich an. Tom hatte begonnen Palmblätter zu sammeln und Linda schnitt mit dem Messer lange Schlingpflanzen ab. Sie fanden auch einiges an totem Holz, das gut als Brennmaterial dienen würde. Alles schleppten sie in mehreren Fuhren an den Strand. „Geht es dir inzwischen besser mit der Situation hier? “, fragte Tom. „Die ersten Tage waren wir alle ziemlich durch den Wind.“ Linda wusste nicht genau, ob Tom gesehen hatte, wie sie den zweiten Tag quasi im Delirium verbracht hatte. Aber er wirkte freundlich und aufgeschlossen und nicht, als wollte er sich über sie erheben. „Ich fühle mich in der Tat besser. Es fühlt sich zwar komplett verrückt an, hier zu sein und es fällt mir auch noch schwer, das Ganze als ‚Projekt‘ zu betrachten, wie Frank gesagt hat, aber es tut gut etwas zu tun zu haben. Wenn ich hier mit dir in der Hitze die Palmblätter schleppe, dann habe ich keine Zeit zum Nachdenken.“ „Ich bin auch froh darüber, dass wir uns organisiert haben, aber ich mache mir Sorgen, wie Leon und Jonas miteinander auskommen. Sie standen schon vor der Reise miteinander in Konkurrenz. Vor den Kunden haben sie sich 68 Probleme wie Sand am Meer <?page no="69"?> immer zusammengerissen, um uns nicht alle zu blamieren, aber hier scheint es so, als ob sie ihre Hemmungen verloren haben.“ „Hast du Sorge, dass nur einer von beiden zurückkommt heute Abend? “, fragte Linda mit einem Augenzwinkern. „Das könnte passieren, aber mehr Sorgen mache ich mir im Moment, dass sie sich nicht auf die Sache konzentrieren, und wir brauchen uns alle gegenseitig. Wir können es uns nicht leisten, dass die zwei sich in ihrem Streit verlieren und ihre Aufgabe nicht erfüllen. Dafür sind wir nicht genügend Personen. Jeder muss seinen Teil dazu beitragen, dass wir hier überleben.“ „Es wäre ausgezeichnet, wenn jedes Rädchen im System so funktionieren würde. Dann könnten wir uns eine Deadline setzen und genau berechnen, wie lange wir für welche Aufgabe brauchen.“ „Richtig. Wir könnten einen schönen Projektstrukturplan aufsetzen und ein Arbeitspaket nach dem anderen abarbeiten.“ „Ich weiß nur gar nicht, ob ich selbst so berechenbar bin. Manchmal würde ich mich gerne einfach in den Sand setzen und anfangen zu weinen.“ „Glaub mir, ich auch.“ Linda seufzte leise. Sie war erleichtert, mit Tom so offen sprechen zu können. Sie hatten sich hingesetzt, um sich auszuruhen. „Wenigstens haben wir hier mal richtig Zeit, uns länger zu unterhalten. Ich sage dir jetzt was, aber du darfst nicht lachen.“ Tom schaute sie erwar‐ tungsvoll an, bis sie nickte. „Du hast wunderschöne Haare. Du siehst so hübsch aus mit deinen dunklen Locken. Bei unseren Videokonferenzen hast du immer einen Zopf und von vorne sieht man deine Haare dann gar nicht.“ Darüber hatte sie noch nie nachgedacht. „Ach du meine Güte. Das sieht dann aus, als hätte ich eine Glatze? “ „So schlimm nicht, aber ich war sehr positiv überrascht, als ich dich das erste Mal live gesehen habe.“ Linda prustete los. Tom machte es ihr leicht über das Kompliment hin‐ wegzulachen, so dass sie sich nicht vor Verlegenheit in ihr Schneckenhaus zurückziehen musste, wie sie das normalerweise tun würde. „Ich gebe zu, ich war auch überrascht, als ich dich gesehen habe. Du bist so groß, dass ich dir nur bis zur Schulter reiche. Ich weiß auch nicht, warum ich mir dich kleiner vorgestellt habe.“ „Aber nicht als so kleiner Wicht wie Frank, oder? “ Sie mussten beide laut lachen. Probleme wie Sand am Meer 69 <?page no="70"?> „Wenn wir hier so entspannt sitzen, fühlt es sich fast wie Urlaub an.“ Linda erwischte sich bei dem Gedanken, dass sie die Zeit mit Tom genoss. Doch schlagartig durchfuhr sie der Gedanke an ihre Eltern. Sie sollte eigentlich nicht länger hier sein und sie wusste, dass sie sie zu Hause brauchten. Noch wurde sie nicht vermisst, weil sie offiziell im Urlaub war. Aber schon bald würden sie sich fragen, wo sie blieb. Der Pfleger, der im Moment alle zwei Tage kam, um ihrem Vater zu helfen und sich kümmerte, war nur für einen bestimmten Zeitraum gebucht. Tom schaute sie an. „Woran denkst du? Du wirkst, als wärst du mit deinen Gedanken ganz woanders.“ Linda sagte zögerlich: „Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich eigent‐ lich zu Hause sein müsste, um meinen Eltern zu helfen. Mein Vater sitzt im Rollstuhl.“ „Das tut mir sehr leid zu hören.“ Er kratzte sich am Hinterkopf. „Ich wollte eigentlich auch gar nicht mit auf den Segeltörn, aber meine Eltern haben mich dazu überredet.“ „Das ist gut, dass sie dich überredet haben. Klingt, als könntest du ein bisschen Abwechslung vertragen. Kümmerst du dich denn schon lange um ihn? “ „Es ist passiert, als ich einundzwanzig war. Seitdem war ich lange keine Hilfe - im Gegenteil. Aber ich bemühe mich, möglichst viel wieder gut zu machen. Soweit das eben geht.“ Tom nickte und Linda rechnete es ihm hoch an, dass er nicht weiter nachbohrte. Gemeinsam machten sie sich wieder an die Arbeit. Am Nachmittag saßen sie am Feuer und auch Jonas und Leon waren schon zurück. Leon sagte: „Ich würde jetzt alles für eine Zigarette tun. Das ist das Erste, was ich verlange, wenn wir wieder in der Zivilisation sind.“ „Ich habe noch Zigaretten“, antwortete Jonas. „Super, gibst du mir eine? “ „Klar, aber sie hat natürlich ihren Preis.“ Leon stöhnte genervt auf. „Was willst du denn dafür haben? Ich muss dir leider sagen, meine Mittel sind gerade begrenzt.“ „100 Euro.“ „100 Euro für eine Zigarette? Das ist ein Scherz, oder? “ „Nachfrage und Angebot, die Marktgesetze gelten auch hier.“ 70 Probleme wie Sand am Meer <?page no="71"?> Leon schnaubte. „Du machst dich lächerlich. Wer findet noch, dass das Wucher ist? “ Die anderen vermieden den Blickkontakt, um nicht zwischen die Fronten zu geraten und schließlich suchte er aus dem Geldbeutel in seinem Rucksack schnaubend einen Hundert-Euro-Schein. „Warte nur ab. Du wirst auch mal was brauchen.“ „Kein Problem, das kann ich mir ja dann kaufen.“ Jonas wedelte fröhlich mit dem Schein. „Leon, ich habe eine Idee“, sagte Linda. „Gibst du mir die Zigarette? “ „Das ist ein ungünstiger Zeitpunkt, um mit dem Rauchen anzufangen, Süße. Offensichtlich ist das hier ein rares Gut.“ „Ich habe mir überlegt, dass wir mit der glühenden Zigarette die Larven in deiner Stirn gut erwischen könnten. Das habe ich mal wo gelesen.“ Leon stutzte und blickte auf. „Das klingt pervers, aber machbar.“ Mit der glimmenden Zigarette setzte sich Linda vor Leon und wartete. Nach einiger Zeit zeigte sich die erste weiße Larve und Linda stupste sie schnell und vorsichtig an, um Leon nicht zu verbrennen. Es funktionierte! Nachdem Linda sieben Larven getötet hatte und sich keine weiteren mehr zeigten, schaute sie Leon triumphierend an. Er sprang auf und wirbelte sie einmal im Kreis herum. „Herrlich! Ein teurer Spaß, aber das war es wert. Du hast was gut bei mir, Linda! “ Linda lächelte. Endlich konnte sie sich nützlich machen und helfen. Leon war kompliziert und emotional, aber er war ein wichtiger Teil der Gruppe, und wenn sie es schaffte, sich mit ihm anzufreunden, dann würde sie ihren Platz besser behaupten können. Kurz bevor die Sonne ganz untergegangen war, standen endlich Victoria und Frank vor ihnen. Sie hatten mit frischem Wasser gefüllte Flaschen dabei und waren sichtlich stolz auf sich. Sie berichteten von ihrem Weg durch den Dschungel, auf dem sie allerlei abenteuerliche Tiere gesehen hatten. Ihr Bericht klang mehr wie ein fröh‐ licher Abenteuerroman und ließ keinerlei Ähnlichkeit mit Lindas eigenen Ausflügen in den Dschungel erahnen. Früher, als ihr Vater noch angeln gehen konnte, hatte er manchmal Fisch zum Abendessen mitgebracht. Er war stolz auf das, was er gefangen hatte, aber noch lieber erzählte er von seinen Angelkumpanen und den Geschichten, die sie sich gegenseitig auftischten. Sie übertrafen sich gegenseitig mit der Probleme wie Sand am Meer 71 <?page no="72"?> Größe der Fische, die sie schon gefangen hatten. Allerdings passierte dies immer zufällig dann, wenn einer allein unterwegs war und die anderen den Fang nicht bezeugen konnten. Aber da sie sich gegenseitig ihre Erfolge gönnten und sich den Spaß nicht verderben wollten, stellten sie nicht in Frage, welche exorbitanten Fänge den anderen geglückt waren. Linda hatte ihrem Vater oft angeboten ihn zum See zu fahren, damit er seine Freunde treffen konnte, aber er hatte immer abgelehnt. Er wollte nicht als Außenseiter am Ufer bleiben müssen. Deswegen verzichtete er lieber ganz darauf. Linda wünschte sich sehnlichst, dass ihr Vater irgendwann zustimmte. Sie hoffte, dass er sich dadurch besser fühlen würde, und sie wusste mit Sicherheit, dass ihr eigenes Gewissen erleichtert würde, müsste sie seinem Elend nicht weiter tatenlos zusehen. Als sie nun von ihrer erfolgreichen Mission berichteten, konnte Victoria gar nicht genug davon schwärmen, wie furchtlos Frank sie durch den Dschungel geführt hatte. Das überraschte Linda, denn Frank war ihr bisher nicht wie der mutige Ritter vorgekommen. In den ersten Tagen auf der Insel hatte er sich auch ziemlich zurückgehalten und von ihm war keinerlei Initiative ausgegangen. Jetzt fühlte sich Linda an das Seemannsgarn ihres Vaters und seiner Freunde erinnert. Wie konnte es sein, dass die beiden sich so leichttaten und für sie selbst jeder Schritt auf der Insel Kraft und Überwindung kostete? Sie konnten nicht sagen, wie weit sie gelaufen waren und es war bestimmt auch auf direktem Weg eine mehrstündige Wanderung, aber sie hatten einen schmalen Fluss entdeckt in dem Süßwasser floss. Von dort hatten sie das frische Wasser mitgebracht. Bevor Linda in ihrer neuen Behausung einschlief, dachte sie über den heutigen Tag nach. Sie war stolz auf das, was sie geleistet hatte, aber auch ein wenig enttäuscht darüber, dass es wahrscheinlich die einzige Nacht sein würde, die sie hier verbrachte. Den Pavillon von drei Seiten mit Ästen und Palmwedeln zu schützen, half gut gegen den Wind und schaffte ein Gefühl von Geborgenheit. Victoria und Frank hatten jedoch von dem Fluss und der Umgebung in den höchsten Tönen geschwärmt, sodass sie vermutete, schon morgen umziehen zu müssen. Es war erstaunlich, wie schnell man sich an etwas gewöhnen konnte. So ungern sie hier war, so ungern wollte sie diese Zufluchtsstätte gleich wieder verlassen. Noch einmal rief sie sich das Gefühl ins Gedächtnis, als sie mit Tom im warmen Sand saß und lauthals gelacht hatte. 72 Probleme wie Sand am Meer <?page no="73"?> Wissen | Kick-off-Meeting - Teamphase Norming - Kreativitäts‐ techniken - Eisenhower-Matrix - Projektstrukturplan - Arbeits‐ paket - Konflikteskalation Stufe 2: Polarisation und Debatte Erfolgskonzepte im Projektmanagement sind Struktur und Transparenz. In der Orientierungsphase eines Projektteams entscheidet sich, wie sich die einzelnen Mitglieder eingebunden fühlen und wie sehr sie sich im Sinne der Sache engagieren. Gemeinsames Brainstorming und die trans‐ parente Priorisierung von Arbeitspaketen in einem Projektstrukturplan schaffen Orientierung. In diesem Prozess am Anfang findet sich sowohl die inhaltliche Struktur der Arbeitspakete, die zusammengefügt das Projekt bilden, als auch die Struktur der zwischenmenschlichen Zusammenarbeit. Bereits in dieser frühen Phase werden die Weichen gestellt, wie das Projekt verläuft. Herrscht eine konstruktive Atmosphäre beim gemein‐ samen Brainstormen und Priorisieren? Oder polarisiert die Debatte und lässt Böses für den weiteren Verlauf erahnen? Kick-off-Meeting Liebe Mitglieder des Projektteams, ich freue mich, euch zum Kick-off-Meeting für unser Projekt „Überleben“ einzuladen. Unsere Agenda lautet wie folgt: 1. Begrüßung durch Projektleitung 2. Vorstellungsrunde 3. Klärung der Projektziele und Vision 4. Kaffeepause 5. Präsentation des Projektplans 6. Verteilung von Arbeitspaketen 7. Kommunikation im Projektverlauf 8. Offene Fragen Datei Termin Terminplanungs-Assistent Einfügen Hilfe Titel Einladung zum Kick-off-Meeting Beginn Ende Ort Senden Probleme wie Sand am Meer 73 <?page no="74"?> Teamphasen nach Tuckman 1 Forming In der Orientierungphase formt sich das Team. Aufgaben und Rollen sind noch unklar und die Produktivität ist gering. Das Team braucht jetzt einen Leiter, der für Sicherheit und Orientierung sorgt. Adjourning Das Projekt nähert sich dem Ende und das Team löst sich wieder auf. Performing Wenn das Team eingespielt ist, kann es nun Hochleistungen erbringen. Man kann effizient Ziele erreichen. Storming Während die Rollen verteilt werden, kommt es zu Konkurrenz und Problemen auf persönlicher Ebene. Wenn das Team es schafft, Disziplin zu etablieren, kann es in die nächste Phase eintreten. 2 Norming In der Orientierungsphase werden Regeln und Prozesse etabliert. Man stellt sich auf gemeinsame Ziele ein und kann durch konstruktive Kommunikation Probleme lösen. 3 4 5 Adjourning Das Projekt nähert sich dem Ende und das Team löst sich wieder auf. Performing Wenn das Team eingespielt ist, kann es nun Hochleistungen erbringen. Man kann effizient Ziele erreichen. 4 5 Kreativitätstechniken Im Projektmanagement nutzt man Kreativitätstechniken, wie z. B. Brainstorming, um neue Ideen zu entwickeln oder Probleme zu lösen. In beschrifteten Baumdiagrammen werden Assoziationen zu einem Thema visualisiert. Verbindungen zeigen Zusammenhänge auf. In der Gruppe werden ungeordnet und ungefiltert Ideen gesammelt. Eine Wertung findet erst im Anschluss statt, um den kreativen Fluss nicht zu stoppen. Brainstorming Mindmapping Brainwriting Morphologische Matrix De Bono Denkhüte Design Thinking Ideen werden schriftlich und anonym notiert. Die Notizen werden dann getauscht und von allen Teilnehmenden ergänzt. Gegebene Probleme werden in ihre einzelnen Parameter aufgeteilt, einzeln analysiert und Varianten entwickelt. In einer Diskussion setzt man sich bewusst verschiedene “Hüte” auf, um ein Problem aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. In einem iterativen Prozess erarbeitet ein multidisziplinäres Team innovative Lösungen. Die Nutzerorientierung steht im Fokus. 74 Probleme wie Sand am Meer <?page no="75"?> Eisenhower-Matrix Die Eisenhower-Matrix ist eine Methode zur Priorisierung von Aufgaben. Sie unterscheidet zwischen Dringlichkeit und Wichtigkeit und gibt, entsprechend der Einordnung in die vier Quadranten, eine Empfehlung, wie mit den Aufgaben verfahren werden kann, um Klarheit zu schaffen. Dringlichkeit Wichtigkeit nicht dringlich dringlich nicht wichtig wichtig löschen planen erledigen delegieren Projektstrukturplan Ein Projektstrukturplan (PSP) enthält alles, was an Aufgaben zur Erreichung der Ziele notwendig ist, inklusive der Projektmanagementaktivitäten. Ein PSP zeigt zunächst keine Reihenfolge oder Abhängigkeiten; er ist quasi die „Stückliste“ des Projektes. Mögliche Gliederungen können Teilprojekte, Phasen, Objekte oder Funktionen sein. Ein Arbeitspaket ist die kleinste Einheit in der Struktur. Projekttitel Projektmanagement Konzeption Durchführung Nachbereitung Arbeitspaket 1 Arbeitspaket 2 Arbeitspaket 3 … Probleme wie Sand am Meer 75 <?page no="76"?> Arbeitspaket Ein Arbeitspaket ist die kleinste Einheit in einem Projektstrukturplan. Korrekt beschrieben liefert es Informationen zu den folgenden Punkten: Verantwortlichkeiten Leistungsbeschreibung Dauer/ Aufwand Start und Ende Abhängigkeiten Systeme Codierung Mitarbeitende Fortschrittsmessung Konflikteskalation nach Friedrich Glasl 1. Verhärtung Erste Spannungen sind spürbar und verschiedene Meinungen treffen aufeinander. 2. Polarisation und Debatte Meinungsverschiedenheiten verstärken sich und man versucht, den anderen unter Druck zu setzen. 3. Taten statt Worte Der Druck wird erhöht und Gespräche werden frustriert und ohne Ergebnis abgebrochen. 4. Sorge um Image und Koalition Ab hier kann es nur noch einen Gewinner geben. Man sucht Verbündete und bildet Parteien. 5. Gesichtsverlust Die gegenseitigen Angriffe sind persönlich und man versucht, den Gegner bloßzustellen. 3. Taten statt Worte Der Druck wird erhöht und Gespräche werden frustriert und ohne Ergebnis abgebrochen. 4. Sorge um Image und Koalition Ab hier kann es nur noch einen Gewinner geben. Man sucht Verbündete und bildet Parteien. 5. Gesichtsverlust Die gegenseitigen Angriffe sind persönlich und man versucht, den Gegner bloßzustellen. 76 Probleme wie Sand am Meer <?page no="77"?> Nicht den Kopf in den Sand stecken Linda wachte von den Geräuschen auf, die die anderen beim Packen machten. Schnell erhob sie sich ebenfalls und fing an, ihre Sachen in den Rucksack zu stopfen. „Wenn jetzt alle wach sind, dann können wir ja los“, sagte Victoria. „Wohin willst du denn los? “, fragte Jonas und rieb sich die Augen. „Das ist doch logisch. Wir ziehen um an den Fluss.“ Victoria sah erstaunt in die Runde. „Warum soll das logisch sein? Weil du das entschieden hast? Wer hat dich zur Chefin gemacht? “ „Nein, nicht weil ich die Chefin bin, sondern weil es das Vernünftigste ist, was wir tun können. Oder willst du jeden Tag zum Fluss laufen und zurück, nur um Wasser zu holen? “ „Ich finde nur, dass wir das erstmal besprechen sollten.“ „Victoria, er hat recht. Wir hatten vereinbart, dass du ein Daily Stand-up Meeting leitest“, sprang ihm Frank zur Seite. „Von mir aus, dann kommt jetzt bitte alle zusammen und wir bilden einen Kreis.“ Als sie zusammenstanden, begann Victoria: „Dann berichten wir bitte jetzt im Uhrzeigersinn aus den einzelnen Arbeitsgruppen und beantworten drei Fragen: Erstens, was habe ich gestern gemacht, um das Ziel unseres Projek‐ tes zu erreichen? Zweitens, was werde ich heute tun und welche Aufgaben werde ich angehen? Drittens, welche Hindernisse sehe ich, die uns vom Erreichen des Projektziels abhalten können und welche Lösungsansätze sehe ich für das Problem? Ich fange selbst an. Frank und ich haben gestern eine Süßwasserquelle gefunden. Das ist ein essenzieller Schritt Richtung Überleben. Heute werde ich meinen Teil dazu beitragen, dorthin umzuziehen, damit wir in der Nähe der Wasserquelle sind. Hindernisse sehe ich nur, wenn dabei nicht alle mitziehen wollen.“ Ihr Blick wanderte zu Jonas. Sie wollte schon das Wort an die neben ihr stehende Linda übergeben, da unterbrach Leon sie. „Eigentlich war das ja gar nicht eure Aufgabe. Ihr solltet etwas zu Essen suchen und wir mussten gestern doch wieder Kokosnüsse essen.“ <?page no="78"?> „Ach entschuldige bitte, dann gehe ich das nächste Mal am Fluss vorbei und konzentriere mich auf meine zugewiesene Aufgabe. Wenn wir dann verdursten, kann ich mir wenigstens beruhigt sagen, dass ich mich an die Regeln gehalten habe.“ „Ich meine nur, dass wieder zwei Aufgaben doppelt bearbeitet wurden, und das wollten wir eigentlich vermeiden.“ „Das ist Formalismus pur. Sorry, aber wir sammeln hier keine Fleißstern‐ chen. Es wird getan, was getan werden muss“, sagte Victoria. Linda legte den Kopf schräg. Sie fragte sich, ob Victorias gestohlene Essensvorräte noch ausreichten. Sie hatte gestern bestimmt nicht nur Kokosnüsse gegessen. Ob sie wohl mit Frank geteilt hatte? „Linda, wir gehen jetzt bitte in der Agenda weiter.“ „Also ihr seht ja, dass Tom und ich die Hütte gebaut und das Feuer am Brennen gehalten haben. Ich weiß, eigentlich war nur das Feuer meine Aufgabe, aber ich hoffe, es ist trotzdem in Ordnung. Wir haben uns zusam‐ mengetan und beides erledigt.“ „Schön, und weiter? “ Victoria war offensichtlich immer noch verärgert. „Die Hütte ist erstmal fertig, da sehe ich keine weiteren To Dos. Aber ich denke auch, dass ein Umzug zum Fluss sinnvoll wäre. Ich mache mir nur Sorgen, dass wir so verpassen, Hilfe zu holen, wenn ein Boot oder Flugzeug vorbeikommt.“ „Genau mein Gedanke. Deswegen bringe ich es zur Sprache. Ich habe kein Problem mit einem Change Request. Man muss es nur als solchen deklarieren“, sagte Jonas. „Wir könnten uns aufteilen: eine Gruppe bleibt am Strand, eine geht zum Fluss, zur Wasserübergabe treffen wir uns in der Mitte“, schlug Tom vor. „Klingt nicht dumm, aber aufwändig. Da ist wieder die Gefahr der Doppelarbeit und dadurch verschwenden wir Ressourcen.“ „Man kann eben den Kuchen nicht gleichzeitig haben und essen“, sagte Frank. Jonas stutzte. „Was, wenn doch? Überlegt doch mal, wir verhandeln gerade nur zwei Optionen. Entweder am Fluss bleiben und Wasser haben oder am Strand bleiben und mögliche Hilfe rechtzeitig sehen. Wenn man nach dem Harvard-Konzept verhandelt, dann ist das Wichtigste, dass man überlegt, welche Optionen es noch gibt. Wie können wir den Kuchen größer machen? “ „Ah, ich weiß, worauf du hinauswillst.“ Tom freute sich. „Du bringst die Idee mit den Steinen am Strand wieder ins Spiel.“ 78 Nicht den Kopf in den Sand stecken <?page no="79"?> „Aber das hatten wir doch runterpriorisiert. Ich erinnere mich, Quadrant ganz links unten“, sagte Leon. „Stimmt, aber zu dem Zeitpunkt war es auch kein Problem am Strand das Feuer brennen zu lassen. Wenn wir umziehen, ändert sich die Lage.“ „Ok fein, dann priorisieren wir eben neu. Der Task wandert im Product Backlog an Prio 1. Wir arbeiten jetzt alle zusammen daran und ziehen danach um. Wenn wir am neuen Lager ankommen, kehren wir wieder in die Arbeitsgruppen zurück und gehen in einen neuen Sprint. Dann muss die Hütte eben nochmal aufgebaut werden“, schloss Victoria. „Vielleicht könntet ihr mehrere bauen, es war ziemlich eng heute Nacht.“ „Klassischer Fall von Scope Creep würde ich sagen“, unkte Leon. „Da bin ich ja mal gespannt, wie ihr das hinbekommen wollt-…“. „Habt ihr denn auf eurem Weg etwas Interessantes gefunden, Jonas? “, fragte Linda. „Nein, leider nicht. In dieser Richtung ist nur Urwald und kein Mensch ist in Sicht. Ich habe mir ein paar Pflanzen genauer angesehen und wir könnten vorsichtig ausprobieren, welche essbar sind. Das habe ich mich bisher aber noch nicht getraut. Wenn wir von der neuen Unterkunft aus anfangen zu suchen, dann wird unsere Reichweite vergrößert. Vielleicht haben wir dann mehr Glück.“ Es war gar nicht so leicht wie erwartet, die richtigen Steine zu finden. Sie sollten von der Größe her passen, so dass man sie noch tragen konnte, aber auch nicht zu klein sein, damit man sie auch aus großer Höhe sehen konnte. Alle zu hellen Steine ließen sie liegen, denn sie würden sich vom hellen Sand nicht genügend abheben. Die kleinen Steine legten sie in Reihen nebeneinander, damit die Größenverhältnisse passten. Nach einer Stunde trat Linda einige Schritte zurück und betrachtete das Werk. Auch Victoria und Frank hörten auf und schienen mit dem Ergebnis zufrieden. Es war schwierig zu beurteilen, ob die Buchstaben etwa gleich groß waren, da sich die Steine über viele Meter verteilten. „Komm, lass es gut sein, das muss reichen“, rief Frank Jonas zu, der gerade den Bogen des Buchstabens „O“ weiter vergrößern wollte. „Wir belassen es nach dem Pareto-Prinzip bei 80 %. Wenn wir jetzt noch mehr Arbeit reinstecken, verlieren wir nur Zeit und man kann es bestimmt auch so schon gut lesen.“ „Hey, kannst du das mal bitte abwaschen? “, rief Victoria Linda zu. Sie ging zu Victoria hinüber und beugte sich ebenfalls über die mitgebrachten Kisten. Nicht den Kopf in den Sand stecken 79 <?page no="80"?> An ihrem Ausflugstag auf die Insel, als die Welt noch in Ordnung war, hatten sie alles benutzte Geschirr in die Kisten geräumt. Sie hatten erwartet, dass John und Matthew sich an Bord darum kümmern würden. Jetzt war alles mit einer dicken Schimmelschicht überzogen. Bei dem Geruch wurde Linda übel. Aber Victoria hatte recht. Wenn sie einigermaßen kultiviert überleben wollten, sollten sie diese Hilfsmittel, diese Erinnerung an ein zivilisiertes Leben, in Ordnung halten. Außerdem wusste man nicht, was davon sich noch als nützlich erweisen sollte. Linda wollte Victoria freundlich antworten, dass sie sich darum küm‐ merte, aber die hatte sich schon abgewandt und war mit ihrer Tasche beschäftigt. Also trug Linda die Kisten ans Meer und spülte den Schimmel und den Schmutz so gut es ging ab. Sie würde dies noch einmal mit dem Süßwasser vom Fluss machen. Auf dem Weg zum Dschungel hinterließen sie eine Spur aus schwarzen Steinen, die die Richtung kennzeichnete, in die sie gegangen waren. Kurz bevor Linda den Pfad zwischen den Palmen betrat, drehte sie sich noch ein letztes Mal mit einem merkwürdig wehmütigen Gefühl im Bauch um und ließ ihren Blick über das Meer schweifen. Wie lange würde sie es nicht mehr sehen? Frank ging voran und führte das Team in Richtung Fluss. Sie gingen auf den schmalen Wegen einer hinter dem anderen. Linda war froh, dass sie wieder in der Mitte gehen konnte. Dadurch fühlte sich der Weg subjektiv sicherer an, auch wenn sie hinter jeder Kurve erwartete, einem Löwen gegenüberzustehen oder von einem Rudel Affen angegriffen zu werden. Langsam registrierte sie ein immer lauter werdendes Rauschen. Erst dachte sie, es wäre der Wind, der oben in den Baumwipfeln durch die Blätter fuhr, aber das Rauschen war monoton und wurde lauter, je weiter sie gingen. „Hört ihr das auch? “ Die anderen blieben stehen und lauschten. „Klingt nach Wasser, oder? Super, dann kann es nicht mehr weit sein.“ Frank ging, ohne zu zögern weiter. Nach einigen weiteren hundert Metern kam der Fluss in Sicht. Jäh durchfuhr Linda eine Welle der Erleichterung. Sie hatten es tatsächlich geschafft. Das Wasser strahlte eine angenehme Kühle ab und der Boden am Flussbett war weich und grün durch das Moos, das hier wuchs. Sie zog ihre Schuhe und Socken aus und stellte sich barfuß ans Flussufer. Ein tiefer Atemzug kitzelte sie in der Nase. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und 80 Nicht den Kopf in den Sand stecken <?page no="81"?> schloss die Augen. Sie erinnerte sich an ein Buch über Achtsamkeit, das im Gemeinschaftsraum der Entzugsklinik gelegen hatte. Es beschrieb, wie man sich auf den Moment konzentrieren sollte und dadurch alles andere unwichtig wurde. Es hieß, man könne nicht die Vergangenheit und nicht die Zukunft beeinflussen, sondern nur die Gegenwart und wie man sie selbst wahrnahm. Der Gedanke, dass man die Vergangenheit nicht beeinflussen konnte, gefiel Linda, aber dass man sie auch nicht bewerten sollte, erschien ihr wie ein Ding der Unmöglichkeit. Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als sie lautes Johlen hörte. Die anderen waren weiter flussaufwärts gegangen und Leon, Jonas, Tom und Frank waren auf dem Weg, sich in die Fluten zu stürzen. Sie wollte ihnen schon zurufen, dass das bestimmt keine gute Idee war, denn der Fluss kam ihr zu schnell vor, aber sie biss sich auf die Zunge. Sie hatte keine Lust von Leon wieder als Langweilerin hingestellt zu werden. Linda und Victoria blieben an Land, Tom und Frank lieferten sich in Ufernähe eine Wasserschlacht und Jonas und Leon begannen ein Wettschwimmen zum anderen Ufer. Urplötzlich stieß Jonas einen Schrei aus und hörte abrupt auf zu schwimmen. „Ich habe einen Krampf “, stieß er mit erstickter Stimme hervor. Er war noch nicht einmal bis zur Mitte des Flusses geschwommen, drehte nun aber schon wieder um. Er hievte sich mit Hilfe von Tom und Frank ans Ufer und wand sich vor Schmerz. Geistesgegenwärtig nahm Frank sein Bein und streckte es. „Du musst aufstehen und die Wade dehnen“, sagte Tom. Sie packten ihn an den Armen und halfen ihm, sich hinzustellen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht belastete er den Fuß und dehnte seine Beinrück‐ seite. „Geht’s wieder? “, fragte Victoria. „Komm, hör´ auf zu markieren“, rief Leon von der anderen Uferseite. „Gib zu, dass du verloren hast.“ Tom und Frank hielten ihn weiter fest und tauschten einen Blick aus. Franks Mundwinkel zuckten verdächtig. Da hielt es auch Tom nicht mehr aus und prustete los. „Es tut mir leid, ich kann nicht anders.“ Er krümmte sich vor Lachen und auch die anderen stimmten mit ein. „Seid ihr bescheuert? Ich hatte wirklich einen Krampf.“ Jonas Stimme ging im allgemeinen Gelächter unter. Nicht den Kopf in den Sand stecken 81 <?page no="82"?> Auch Linda stimmte mit ein. Es sah zu witzig aus, wie Jonas von einem Bein auf das andere gehüpft war und Leon auf der anderen Flussseite seinen Triumph feierte. „Das wird Leon sicher ewig auskosten, darauf kannst du dich gefasst machen“, sagte Tom. „Ich weiß, ich weiß. Keine Sorge, ich biete ihm bestimmt bald eine Revanche an. Alles andere wäre unfair.“ „Wo ist Leon überhaupt? “, fragte Linda. „Keine Ahnung, schwimmt er schon zurück? “, fragte Victoria. „Ich sehe ihn nirgends. Seid doch mal still“, erhob Frank seine Stimme. Alle schauten aufs Wasser und versuchten, Leon zu entdecken. Bis Lindas Blick flussabwärts wanderte. Als sie ihn sah, konnte sie ihn mit einem Mal auch schreien hören. Er trieb flussabwärts und immer wieder tauchte er an der Wasseroberfläche auf und man hörte seine erstickten Hilferufe. Linda schlug die Hände vor dem Mund zusammen. Jetzt reagierten alle gleichzeitig. Sofort rannten die anderen los und folgten dem Fluss. Leon war schon bestimmt fünfzig Meter entfernt. Nur Linda stand wie versteinert da. Victoria drehte sich zu ihr um und schrie sie an: „Los komm, wir müssen ihm helfen.“ Wie betäubt stolperte Linda vorwärts. Sie strauchelte und fiel hin, rappelte sich auf und lief weiter. Viel später als die anderen kam sie zum Stehen. Leon klammerte sich an einen Felsen in der Mitte des Flusses. Immer wieder rutschten seine Hände von dem glitschigen Stein ab und er tauchte kurz unter. An dieser Stelle war der Fluss schmaler, das Wasser floss viel schneller und auch das Rauschen wurde lauter. Frank rief ihm zu: „Halt dich fest! “ Zu den anderen gewandt sagte er: „Wir müssen ihm einen langen Ast oder irgendetwas reichen, damit wir ihn herziehen können.“ Hilflos sahen sie sich um. Am Rand des Flusses wuchsen viele Palmen, aber sie hatten so dicke Stämme, dass man sie nicht so schnell fällen oder biegen konnte. „Schnell, wir brauchen ein Messer, um eine Liane abzuschneiden und die werfen wir ihm zu.“ Frank schaute sie auffordernd an, aber Linda war unfähig sich zu bewegen. Ihre Beine waren schwer wie Blei und in ihren Ohren surrte es. Sie konnte nicht einordnen, ob es das Wasser war oder ob 82 Nicht den Kopf in den Sand stecken <?page no="83"?> das Surren in ihrem Kopf war. Sie sah, wie sich Franks Lippen bewegten, aber sie hörte nicht, was er sagte. Jonas war losgestürzt und bearbeitete mit dem Messer eine der dicken Lianen. Frank und Victoria zerrten daran, um sie schneller abzureißen. „Das Schlauchbootseil“, flüsterte Linda. Tom rief Leon weiter Durchhalteparolen über das Wasser zu. Wie in Zeitlupe bewegte sich Linda auf ihn zu und packte sein Handgelenk. „Das Schlauchbootseil“, flüsterte Linda erneut. Tom reagierte prompt und hastete, wenn auch noch humpelnd, los. In kurzer Zeit war er mit dem Seil zurück und warf es Leon zu. Schon beim zweiten Versuch blieb das Seil am Felsen hängen. Leons Kräfte schwanden, aber er schaffte es, sich das Seil um die Hand zu wickeln und es festzuhalten. Die anderen hatten von dem Versuch die Lianen abzuschneiden abgelassen und standen nun hinter Tom. Auch Frank stellte sich breitbeinig hin und hielt das Ende fest. „Lass los! “, brüllte Victoria. Leon ließ den Felsen los und wurde sofort einige Meter weiter gespült. Abwechselnd zogen Tom und Frank am Seil und schafften es, Leon zum Ufer zu zerren. Als Leon im Gras lag, keuchte er und spuckte Wasser. Auf allen Vieren hustete er und ließ sich dann erschöpft fallen. „Danke“, flüsterte er. Frank und Tom halfen ihm auf und stützten ihn auf dem Weg zurück zu ihren Sachen. Als er wieder zu Atem kam, sagte er erneut: „Danke, ihr habt mir das Leben gerettet, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“ „Dank nicht uns. Linda hatte die Idee mit dem Seil“, erwiderte Tom und nickte aufmunternd in ihre Richtung. Aber Linda ging ein paar Schritte weiter und setzte sich abseits ins Gras. Sie hatte Mühe die Tränen zurück‐ zuhalten und das Zittern ließ nur langsam nach. Nach einigen Minuten kam Jonas zurück. Sie hatten ihn bisher gar nicht vermisst, aber als sie flussaufwärts zu ihren Taschen und Rucksäcken zurückgekehrt waren, war er in die andere Richtung gegangen. „Wir haben es gerade noch rechtzeitig geschafft. Da unten kommt ein Wasserfall und der ist so hoch, dass du den Sturz wahrscheinlich nicht überlebt hättest“, sagte Jonas. Linda horchte auf, aber Leon war wohl noch zu erschöpft, um zuzuhören. „Ein Wasserfall? Den haben wir gestern gar nicht gesehen“, sagte Victoria. Nicht den Kopf in den Sand stecken 83 <?page no="84"?> „Stimmt, das laute Wasserrauschen hätte uns eigentlich schon den Hin‐ weis geben müssen“, sagte Tom. „Dann sollten wir lieber flussabwärts ziehen. Vor dem Wasserfall will ich nicht nochmal ins Wasser“, sagte Leon. „Machen wir das, bevor es dunkel wird.“ Franks Stimme klang zum ersten Mal, seit sie hier waren, ernsthaft besorgt. Sie wanderten am Fluss entlang und passierten den Wasserfall. Die Gischt wehte ihr ins Gesicht und Linda war froh, als das Team endlich Halt machte. Sie waren an einem Felsüberhang angekommen und ohne viel Diskussion war schnell entschieden, dass sie hierbleiben würden. „Gib mir mal dein Feuerzeug“, sagte Jonas und streckte den Arm zu Leon aus. Leon griff in seine nassen Hosentaschen und öffnete dann seinen Rucksack. Linda schwante übles, aber Leon wollte nicht so schnell aufgeben. „Oh nein, sag bitte nicht, dass du es im Wasser verloren hast“, seufzte Victoria. „Was ist denn mit deinem? “ Leon spielte den Ball an Jonas zurück. „Das ist leer, deswegen habe ich es gestern weggeworfen.“ „Ist das euer Ernst? Das heißt wir können kein Feuer machen? “ Frank schaute entsetzt in die Runde. „Ich kann nicht glauben, dass du so blöd warst, das Feuerzeug nicht aus deiner Hosentasche zu nehmen, bevor du ins Wasser gesprungen bist“, sagte Jonas und ballte die Fäuste. „Was erlaubst du dir? Das war doch keine Absicht! “, verteidigte Leon sich. „Ganz ehrlich, ich bin nicht einmal überrascht. Das ist einfach nur noch frustrierend, wie destruktiv du dich verhältst“, fuhr ihn Jonas kopfschüt‐ telnd an. Leon hob die Hände. „Wenn du so drauf bist, lohnt es sich nicht mit dir zu reden. Beruhige dich erstmal, dann kannst du wieder zu mir kommen.“ „Lasst es gut sein“, ging Frank dazwischen, „die Rettungsaktion hat so lange gedauert, dass wir jetzt nicht einmal mehr Zeit haben, uns einen Unterschlupf zu bauen und noch dazu können wir kein Feuer machen. Gute Nacht allerseits. So haben wir schon einen Punkt auf der Agenda für unser Meeting morgen früh. Fröhliches Brainstormen wünsche ich.“ Damit hatte Frank das letzte Wort für diesen Tag. 84 Nicht den Kopf in den Sand stecken <?page no="85"?> Wissen | Daily Stand-up Meeting - Change Request - Har‐ vard-Konzept - Product Backlog - Scrum Sprint - Scope Creep - Pareto-Prinzip - Konflikteskalation Stufe 3: Taten statt Worte Das Ziel jedes Projektes ist es, den Kunden oder Auftraggebern das zu liefern, was beauftragt wurde. Auf Englisch sagt man dazu „in time, in budget, in scope“. Die größte Herausforderung in der Praxis ist es, diese zuvor festgelegten Rahmenbedingungen einzuhalten und zu verteidi‐ gen. Denn allzu oft gibt es Änderungswünsche, der Umfang soll „nur ein kleines bisschen“ erweitert werden oder es wäre „so schön“, wenn man bis zum Termin X „etwas früher fertig werden könnte“. Für das Projektteam bedeutet dies Stress, denn die notwendigen Mittel, sprich mehr Ressourcen oder mehr Zeit, werden selten gewährt. Ein Projekt ohne Umwege auf das Ziel zuzusteuern ist harte Arbeit. Was dabei hilft, sind klare Regeln. Meetings mit einer Agenda, die eingehalten wird, und ein gesunder Pragmatismus, der zum richtigen Zeitpunkt sagt, was „gut genug“ - wenn auch noch nicht perfekt - ist. Konflikte in Projektteams lassen sich nie ganz vermeiden. Das ist auch nicht erstrebenswert, denn erfolgreich überwundene Konflikte bieten großartige Chancen. Moderatoren oder Mediatoren können dabei unterstützen. Solange Konflikte spätestens bei Stufe 3 gelöst werden, können immer noch beide gewinnen, und das Team kann sich gestärkt der Arbeit widmen. Ab Stufe 4 gibt es meist mindestens eine Partei, die „verliert“. Nicht den Kopf in den Sand stecken 85 <?page no="86"?> Daily Stand-up Meeting Frequenz: täglich Dauer: max. 15 min Sinn: Möglichkeit für Feedback und Organisation der eigenen Aufgaben Vorteil: Projektgeschwindigkeit wird hochgehalten Einheitliches Muster spart Organisationsaufwand Setup: im Stehen, um nicht durch Bequemlichkeit die Besprechungszeit zu überziehen Positiver Nebeneffekt: Gemeinsamer Start in den Tag Regel: Jede*r gibt ein kurzes Update und informiert offen über Schwierigkeiten Ursprung: Agiles Projektmanagement nach Scrum Change Request, Änderungsanforderung Änderungen in einem laufenden Projekt sind nichts Ungewöhnliches. Wichtig ist, sie proaktiv zu dokumentieren, zu bewerten und eine Entscheidung offen zwischen Auftraggeber, -nehmer und Projektteam zu kommunizieren. Ein Änderungsantrag muss Antworten auf die folgenden Fragen liefern:  Wie sieht der Status Quo aus?  Welche Änderung soll herbeigeführt werden?  Wie sieht der Soll-Zustand aus?  Aus welchem Grund soll die Änderung durchgeführt werden?  Welche monetären Auswirkungen bringt die Änderung mit sich?  Wie ist der zeitliche Ablauf der Änderung?  Wann soll die Änderung umgesetzt werden?  Wer stellt den Antrag?  Wer genehmigt und setzt die Änderung um? 86 Nicht den Kopf in den Sand stecken <?page no="87"?> Harvard-Konzept nach Fisher und Ury für Verhandlungen Menschen und Probleme getrennt voneinander behandeln Auf Interessen statt auf Positionen konzentrieren Objektive Beurteilungskriterien anwenden Entwicklung von Entscheidungsoptionen für Win-win- Situationen Eine Leitfrage des Konzeptes lautet: “Wie können wir den Kuchen größer machen? ” Product Backlog To Do Zu erledigen: Dies sind die Aufgaben, die als nächstes zur Bearbeitung bereit sind. Doing In Bearbeitung: Aufgaben die zurzeit bearbeitet werden. 03 Done 04 Backlog Das Backlog ist eine Sammlung aller Aufgaben, die im Rahmen des Projektes anfallen. To Do Zu erledigen: Dies sind die Aufgaben, die als Nächstes zur Bearbeitung bereit sind. Done Erledigt: Fertig bearbeitete Aufgaben werden, im Sinne der Nachvollziehbarkeit, gesammelt. Doing In Bearbeitung: Aufgaben, die zurzeit bearbeitet werden. To Do Zu erledigen: Dies sind die Aufgaben, die als Nächstes zur Bearbeitung bereit sind. Done Erledigt: Fertig bearbeitete Aufgaben werden, im Sinne der Nachvollziehbarkeit" gesammelt. Doing In Bearbeitung: Aufgaben, die zurzeit bearbeitet werden. Nicht den Kopf in den Sand stecken 87 <?page no="88"?> Scrum Sprint Ein Sprint beschreibt im agilen Projektmanagement den zeitlichen Ablauf, in dem das Team auf ein Zwischenziel hin arbeitet. Ein Sprint beschreibt im agilen Projektmanagement , in dem das Team auf ein Product Backlog Sprint Planning Meeting Sprint Backlog Verbessertes Produkt Daily Scrum Meeting Sprint 1 bis 4 Wochen 24h Scope Creep Ein Scope Creep ist das Gegenteil eines geordneten Änderungsmanagementprozesses. Schleichend (“creep”) wird der Umfang (“scope”) des Projektes vergrößert. Neue Anforderungen werden aufgenommen und der Arbeitsaufwand wächst, ohne dass dies ordentlich dokumentiert und gesteuert wird. Ziele und Deadlines können dabei in Gefahr geraten. Auch das Budget wird für Dinge genutzt, für die es nicht geplant war und gerät in Gefahr überschritten zu werden. 88 Nicht den Kopf in den Sand stecken <?page no="89"?> Pareto-Prinzip 80 % 20 % Mit einem Aufwand von 20 % erreicht man 80 % des gewünschten Ergebnisses. Um die letzten 20 % zu erreichen, bedarf es jedoch 80 % des Gesamtaufwandes. Konflikteskalation nach Friedrich Glasl 1. Verhärtung Erste Spannungen sind spürbar und verschiedene Meinungen treffen aufeinander. 2. Polarisation und Debatte Meinungsverschiedenheiten verstärken sich und man versucht, den anderen unter Druck zu setzen. 3. Taten statt Worte Der Druck wird erhöht und Gespräche werden frustriert und ohne Ergebnis abgebrochen. 4. Sorge um Image und Koalition Ab hier kann es nur noch einen Gewinner geben. Man sucht Verbündete und bildet Parteien. 5. Gesichtsverlust Die gegenseitigen Angriffe sind persönlich und man versucht, den Gegner bloßzustellen. 4. Sorge um Image und Koalition Ab hier kann es nur noch einen Gewinner geben. Man sucht Verbündete und bildet Parteien. 5. Gesichtsverlust Die gegenseitigen Angriffe sind persönlich und man versucht, den Gegner bloßzustellen. Nicht den Kopf in den Sand stecken 89 <?page no="91"?> Wer kann uns das Wasser reichen? Beim Daily Stand-up ergriff Victoria als Erste das Wort. „Ich glaube, wir sind uns alle einig - das war eine beschissene Nacht.“ „Sorry, ich bin gleich wieder da.“ Leon drehte sich um und rannte in den Urwald. Die anderen sahen sich an und Victoria legte die Stirn in Falten. Nach kurzer Zeit kam er wieder und stellte sich in den Kreis. „Wo waren wir gerade? “ „Willst du uns erklären, was das gerade war? “, fragte Victoria. „Eigentlich nicht, aber wenn ihr darauf besteht - Durchfall. Mich hat es ziemlich erwischt.“ „Bist du krank? “, fragte Linda. „Keine Ahnung, mein Magen grummelt und ich musste mich heute schon dreimal in die Büsche schlagen.“ „Komisch, wir haben doch alle dasselbe gegessen. Denkst du, eine der Kokosnüsse war schlecht? “, fragte Victoria. „Ich glaube nicht, dass es das war. Überlegt mal, was Leon gestern anders gemacht hat als wir“, warf Frank ein. „Er hat ziemlich viel Wasser aus dem Fluss geschluckt.“ Das Team quittierte das mit zustimmendem Nicken. „Ein Grund mehr, uns schnell zu überlegen, wie wir wieder Feuer machen können. Der Task liegt eindeutig auf dem kritischen Pfad. Wir müssen das Wasser ab sofort abkochen“, sagte Victoria. „Dann machen wir jetzt eine Runde Brainstorming. Haut alle Ideen raus: Wie können wir Feuer machen? “ „Feuersteine.“ „Brennglas.“ „Stöcke aneinander reiben.“ Stille. „Das war’s? Hm, mir fällt auch nicht mehr ein“, sagte Victoria. „Als Brennglas können wir den Boden einer Glasflasche nehmen. Gut, dass wir alles vom Strand mitgenommen haben.“ „Ich habe keinerlei Erfahrung mit den Methoden. Scheint, als müssten wir sie alle verproben“, sagte Tom. Linda kratzte sich am Hinterkopf. Das Wort „verproben“ stand sicher nicht im Duden. Diese Beratersprache war ihr immer noch befremdlich. „Ich war als Kind bei den Pfadfindern. Feuersteine erkenne ich, wenn ich sie sehe“, sagte Jonas. <?page no="92"?> „Das ist doch besser als nichts. Dann kannst du danach Ausschau halten, wenn du unterwegs bist“, sagte Tom. Jonas nickte. „Aber bitte erkläre wenigstens auch Leon, wie sie aussehen. Nachdem wir gestern fast einer Katastrophe entgangen sind, sollten wir unbedingt damit anfangen Risikomanagement zu betreiben“, ergänzte Victoria. „Wie meinst du das? “, fragte Jonas. „Es klingt makaber, aber wenn du morgen den Wasserfall runterfällst, dann wäre es hilfreich, wenn du dein Wissen über Feuersteine nicht mit ins Grab nimmst.“ Darauf fiel Jonas keine Antwort ein. Wortlos zog der Spähtrupp los. „Wie wollen wir uns ansonsten aufteilen? Der Himmel ist im Moment bedeckt“, fragte Victoria in Franks Richtung. „Ich nehme das Brennglas mit und suche weiter Essen. Wenn die Sonne rauskommt, versuche ich es unterwegs. Ich weiß, wir wollten eigentlich immer zu zweit losgehen, aber du hast richtigerweise gesagt, dass das Feuermachen auf dem kritischen Pfad liegt. Victoria, könntest du mit der Stockvariante hier anfangen? “ Victoria schaute zwar nicht besonders begeistert, wehrte sich aber auch nicht. Frank nahm eine der Glasflaschen und schlug sie gegen einen Stein.“ „Was machst du denn da? “ Tom schaute ihn bestürzt an. „Na, ich brauche doch ein Brennglas.“ „Aber dazu hättest du doch die ganze Flasche mitnehmen können und sogar noch mit Wasser füllen.“ „Ach, daran habe ich gar nicht gedacht. Egal, ich komme schon zurecht.“ Damit spazierte Frank los, um Essen zu suchen. Für ihren neuen Unterschlupf wählten Tom und Linda eine andere Form, denn nun hatten sie keinen Pavillon mehr, den sie nutzen konnten. Die Grundform war die eines Zeltes. Dazu gruben sie zwei etwa zehn Zentimeter tiefe Löcher, in die sie je einen langen Ast rammten. Oben auf den letzten 20 Zentimetern kreuzten sie sich und bildeten ein Dreieck. Mit einem Abstand von drei Metern errichteten sie ein weiteres dieser Dreiecke und verbanden die beiden mit einem langen Ast, der oben quergelegt wurde. Während Tom die langen Äste mit dem Brotmesser abgesägt hatte, zog Linda von weiteren frischen grünen Ästen die Rinde in langen Streifen ab. Diese nutzen sie, um die Verbindungen zwischen den Ästen fest zu verknoten. An beiden Schrägseiten rammten sie mehrere senkrechte Äste eng nebeneinander in 92 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="93"?> den Boden und lehnten sie gegen den neu entstandenen Dachfirst. Zwischen die Abstände in den Seitenwänden stopften sie Moos, klemmten kleine Äste hinein und webten Palmwedel zwischen den massiven Ästen hindurch. Es war eine mühselige Arbeit und schon nach kurzer Zeit taten Linda die Handflächen weh. Bei dem Sturz am Wasserfall gestern hatte sie sich die Handflächen aufgeschürft. Bei der Arbeit jetzt schnitten ihr die Äste zusätzlich in die Haut. Aber da Tom nicht müde wurde und kaum innehielt, wollte auch Linda sich keine Blöße geben. Als sie es nicht mehr aushielt, ging sie zum Fluss und hielt ihre Hände eine Weile hinein. Das Wasser war zwar nicht besonders kalt, aber es war trotzdem angenehm, die Erde abzuwaschen und eine Pause einzulegen. Als sie sich wieder umdrehte, sah sie, dass Tom schon einen weiteren halben Meter Wand errichtet hatte. Doch er war auf dem Weg zu ihr, krempelte seine Hosenbeine hoch und hängte seine Füße neben ihr ins Wasser. „Schau mal, da sind kleine Fische im Wasser. Wenn wir einen Stock anspitzen, können wir später versuchen sie zu angeln. Wie geht es dir? Du bist heute so still.“ „Es ist nichts, mir tun nur die Hände ein bisschen weh, weil ich gestern hingefallen bin.“ „Zeig mal her.“ Tom nahm ihre Hände in seine und begutachtete die gerötete Haut ihrer Handflächen. „Das sieht nicht gut aus, hoffentlich entzündet es sich nicht.“ Er führte ihre Hände zu seinem Mund und pustete, sodass Linda lachen musste. „Soll ich ‚Heile, heile Segen‘ singen? “ „Lieber nicht, wir wollen doch nicht die Tiere aufschrecken“, neckte Linda ihn. „Das war ein ziemlicher Schock gestern. Mir ist erst hinterher klar geworden, wie gefährlich es war. Wir hätten überhaupt nicht ins Wasser gehen sollen. Da warst du vernünftiger als wir.“ „Ich vernünftig? Ich stand so unter Schock, dass ich mich nicht bewegen konnte.“ „Aber dir ist eingefallen, das Seil zu nehmen.“ „Tja, aber geholfen habe ich trotzdem nicht.“ „Ich finde schon, dass du mit deiner Idee geholfen hast. Wir sollten öfter auf dich hören. Du hattest auch schon damit recht, dass wir am Strand die Steine für einen Hilferuf hinlegen sollten. Ich weiß nicht, warum wir nicht früher auf dich gehört haben.“ Wer kann uns das Wasser reichen? 93 <?page no="94"?> „In der Theorie sind meine Ideen nicht schlecht, aber in der Praxis versage ich regelmäßig.“ „Du standest eben unter Schock, das kann schon mal passieren in so einer Extremsituation.“ „Das passiert mir leider nicht das erste Mal. Wenn ich merke, dass es besonders wichtig ist, dass ich so schnell wie möglich reagiere, dann ist es am schlimmsten. Dann fühle ich mich wie gelähmt.“ Beim Wort gelähmt brach Linda jäh ab. „Magst du mir davon erzählen? “ Linda drehte ihren Kopf weg, begann dann aber doch zu sprechen. „Es ist mein Vater. Es ist meine Schuld, dass er im Rollstuhl sitzt.“ Es war das erste Mal seit Jahren, dass sie freiwillig die Geschichte erzählte. Tom schaute sie interessiert an und in seinen Augen sah Linda Empathie, aber nicht das Mitleid, dass sie sonst sah, wenn die Menschen von ihrem Hintergrund erfuhren. „Ich war mit meinen Freunden am Wochenende unterwegs und bin später nach Hause gekommen, als ich sollte. Als ich reinging, empfing mich mein Vater und war stinksauer. Er hat rumgeschrien und wir haben uns gestritten. Abrupt hat er aufgehört und ist ganz blass geworden. Dann ist er ins Bad und musste sich übergeben. Ich war irgendwie verwirrt und habe mich gefragt, ob er krank ist, bin dann aber in mein Zimmer und war froh, dass ich meine Ruhe hatte. Ich bin erst eine halbe Stunde später wieder rausgegangen und dann habe ich meinen Vater am Boden liegend gefunden. Er hatte Atemnot und einen richtigen Schweißausbruch. Ich kann nicht erklären warum, aber ich stand wie angewurzelt da. Ich habe meinen Vater angestarrt und mein Herz hat wie wild geklopft. Ich wusste, dass ich etwas tun musste, aber ich wusste nicht, was. Keine Ahnung, wie lange ich so dastand, aber irgendwann ist meine Mutter heimgekommen. Sie hat sofort geschaltet und den Notruf gewählt. Sie hat mich an den Schultern gepackt, geschüttelt und gerufen ‚Warum hast du nichts gemacht? ‘ Wir sind dann dem Krankenwagen hinterhergefahren und die Ärzte haben uns gesagt, dass er einen Schlaganfall hatte. Die nächsten Monate war er in Reha und hat sich erholt, aber er hat nie wieder laufen gelernt.“ Lange Zeit sagte Tom nichts und streichelte ihr über den Rücken. „Hast du schon mal mit jemandem darüber gesprochen, um es aufzuarbeiten? “ Linda seufzte. „Ein wenig, aber mehr, weil ich dazu genötigt wurde. Ich fand nicht, dass es hilft.“ „Hast du deswegen mit dem Trinken angefangen? “ 94 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="95"?> Erschreckt schaute Linda ihn an. „Ist das so offensichtlich? “ „Nein, du musst dir keine Sorgen machen, ich glaube nicht, dass die anderen sich deswegen Gedanken machen, aber ich hatte den Verdacht, dass du manchmal mehr trinkst, als du verträgst.“ „Frank weiß Bescheid. Er und meine Eltern sind schon seit Jahren befreundet. Sonst hätte ich auch die Stelle nie bekommen. Es ist meine Chance auf einen Neuanfang. Seit dem Abitur habe ich nichts zu Ende gebracht und meine Ausbildung und das Studium abgebrochen. Aber jetzt sind wir hier gelandet, also scheint das leider wieder nicht zu klappen.“ „Ja, das ist etwas unpraktisch. Ich hätte eigentlich auch etwas anderes zu erledigen gehabt.“ Erleichtert zog Linda die Mundwinkel nach oben. Sie konnte es nicht anders formulieren, mit Tom zu reden war einfach. Die Worte purzelten aus ihr heraus und er gab ihr das Gefühl, dass alles, was sie sagte und tat, in Ordnung war. Sie musste sich nicht anstrengen, ihr Leben oder ihren Charakter besser erscheinen zu lassen, als sie waren. Aber mit ihm hatte sie das Bedürfnis sich anzustrengen, um besser zu werden. „Ich habe schon einen Entzug versucht. Man könnte es also auch positiv sehen. Hier komme ich wenigstens nicht in Versuchung. Unsere Vorräte sind aufgebraucht.“ „Du hast recht und wir lernen auch noch so viel. Bei wem sollten wir uns nochmal bedanken, dass wir hier sein dürfen? “ „Haha, du lachst, aber es gibt tatsächlich Verrückte, die freiwillig so ein Survival-Training machen und auch noch Geld dafür bezahlen.“ „Ich frage später mal Frank, wie viel er uns vom Lohn abzieht, dafür, dass wir hier unseren ‚Urlaub‘ verlängern.“ „Jetzt, wo ich dir meine tiefsten Abgründe offenbart habe, musst du mir auch ein Geheimnis erzählen.“ „Stimmt, mal überlegen. Was ich bisher gut verstecken konnte, ist: Ich kann überhaupt nicht singen und das meine ich ernst. Überhaupt nicht. Ich glaube meine Stimme umfasst nicht einmal eine Oktave. Erwarte also bitte nicht, dass ich dir zu deinem Geburtstag am Montag ein Ständchen singe.“ Linda schob in gespielter Enttäuschung ihre Unterlippe vor. „Das ist wirklich zu schade, aber es gilt natürlich nicht als Geheimnis, das ist dir ja wohl klar.“ „Okay, du bist hartnäckig, das gefällt mir. Aber weißt du was, lieber als ein Geheimnis über mich würde ich dir ein Geheimnis über dich erzählen.“ „Ich bin ganz Ohr.“ Wer kann uns das Wasser reichen? 95 <?page no="96"?> „Ich öffne mal dein Johari-Fenster und erzähle dir von deinem blinden Fleck. Jede einzelne Idee, die du bisher hattest, war gut. Hätten wir auf dich gehört, wären wir hier schon viel weiter und das gilt auch für die Arbeit. Die Vorschläge, die du machst, sind immer durchdacht und sinnvoll, aber sie bleiben oft ungehört und fallen unter den Tisch oder jemand anderes reklamiert sie für sich. Erinnerst du dich an das Teammeeting, in dem wir über die beiden Co-CEOs gesprochen haben? Du hast gleich gesagt, dass es ein zwischenmenschliches Problem ist und wir einen Mediator einschalten sollten. Dann haben wir ewig über strukturelle Lösungen gesprochen und uns zum Schluss doch für den Mediator entschieden, aber erst als Leon ihn vorgeschlagen hat.“ „Ja, ich erinnere mich an die Situation und ich gebe auch zu, dass mich das ein bisschen geärgert hat. Aber ich bin doch noch neu. Was soll ich machen, auf den Tisch hauen und schreien ‚Hört mir endlich zu‘? “ „Leon ist auch noch nicht lange dabei.“ „Stimmt, aber er ist eben seniorer. Ich bringe keine Erfahrung mit.“ „Die Erfahrung gewinnst du nur, indem du in die Praxis gehst. Du machst es den Leuten zu leicht, dich zu übersehen.“ Linda dachte einen Moment nach. „Theoretisch bin ich gar nicht schüch‐ tern. Ich traue mir nur selber manchmal nicht über den Weg. Am liebs‐ ten würde ich in solchen Situationen kurz auf Pause drücken und eine Pro-und-Kontra-Liste schreiben. Dann könnte ich meine Emotion ausschal‐ ten und auf Nummer Sicher gehen. Vor allem, wenn andere dabei sind, fühle ich mich so schnell beobachtet und unter Druck gesetzt.“ „Auf Pause drücken würden wir, glaube ich, alle gerne ab und zu“, stimmte Tom ihr zu. „Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Ihr wirkt alle so selbstbewusst.“ „Apropos selbstbewusst, schau mal, wer da kommt.“ Frank schlüpfte zwischen den Palmen hindurch und kam mit stolz geschwellter Brust auf sie zu. Wie ein olympischer Fackelläufer hielt er einen dicken Ast, der am oberen Ende brannte. „Juhu“, Victoria applaudierte. „Na, Leute, da staunt ihr, was? So löst man Probleme.“ Er grinste und knutschte Victoria auf die Wange. Die lief prompt rot an und löste sich aus seiner Umarmung. „Nicht schlecht“, attestierte auch Tom. „Wie hast du es genau gemacht? “, fragte Linda, doch Frank ignorierte sie und sonnte sich weiter in seinem Ruhm. 96 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="97"?> „Sag´ doch mal, wie lange hat es gedauert? “, hakte Jonas nach. „Ach, das war gar kein Problem“, wischte Frank die Frage weg. Jonas sah Linda fragend an. Warum wollte Frank die Frage nicht beant‐ worten? Wenn er doch so stolz darauf war, hätte sie erwartet, dass er ihnen jeden Handgriff einzeln langwierig beschrieb und seine Heldenrolle noch weiter ausbaute. Doch außer Jonas störte sich niemand daran und so verfolgte auch Linda den Gedanken nicht weiter. Hauptsache, es war sichergestellt, das Wasser jetzt abkochen zu können und genau das taten sie auch. Victoria kümmerte sich darum und Frank schaute ihr dabei zu. Es war schwer einzuschätzen, wie sehr er sich verausgabt hatte. Leider gab es auch keine Möglichkeit, das zu überprüfen. Wie in einem Projekt, konnte nur das Arbeitsergebnis begutachtet werden. Wenn man keinen Einblick in die eigentliche Arbeit der anderen Teammitglieder hat, dann konnte man kaum beurteilen, wieviel Zeit und Energie jemand in die Erfüllung seiner Aufgaben steckte. Bei der Bewertung der Ergebnisse spielte das zunächst keine Rolle. Frank hatte ein Arbeitspaket übernommen und es in der vorgegebenen Zeit erledigt. Wie er sich seine Arbeit organisierte, blieb ihm selbst überlassen. Wenn man das große Ganze betrachtete, machte es aber sehr wohl einen Unterschied. Im Vergleich zu den anderen sah Frank erholt und zufrieden aus. Ging er emotional nur anders mit der Situation und den Aufgaben um? Oder konnte man ihm einen Strick daraus drehen, dass er keinen vollen Einsatz zeigte? Schließlich könnte er auch Hilfe anbieten, bei den anderen Arbeitspaketen mitarbeiten oder etwas Neues anfangen. Es gab mehr als genug zu tun, was den Aufenthalt auf der Insel angenehmer machen konnte. Aber war das überhaupt das Ziel? Linda arbeitete fleißig weiter am Unterschlupf mit Tom und gab ihr Bestes. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, aber es ärgerte sie maßlos, dass Frank schon früher „Feierabend“ machte, während ihre Hände schmerzten und sie trotzdem nicht aufgab. Als Linda abends in der neuen Bleibe erschöpft ihre Augen schloss, dachte sie weiter über den Tag nach. Ihr Frust wollte nicht abebben, aber was konnte sie tun? Frank darauf ansprechen? Sie hatte keine Beweise. Stillhalten und wie immer nichts sagen? Das war zwar nichts Neues für sie, aber wäre wie immer unbefriedigend. Den anderen von ihrer Vermutung erzählen? Auch hierfür hatte sie keine Beweise. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Eigentlich war es ja gar nicht das Ziel, alle Arbeitspakete hier schnellst- und bestmöglich abzuarbeiten. Im Grunde wollten sie ja nur runter von der Insel. Wer kann uns das Wasser reichen? 97 <?page no="98"?> Alles dazwischen waren nur Teilziele. Meilensteine, die es zu erreichen galt. Aber keiner davon war ausschlaggebend, wenn sie das Globalziel nicht erreichten. Wenn jetzt alle weniger machten, würde das Globalziel nur in noch weitere Ferne rücken. Wenngleich es sich gerechter anfühlen würde. Dass alle sich mehr anstrengten, war nicht realistisch. Die einzige Option, die in Lindas Hand lag, war ihre eigene Performance zu variieren. Diese Erkenntnis fühlte sich erstaunlich gut an. Man kann sein Glück in die eigene Hand nehmen. Sie würde sich doppelt anstrengen und dafür sorgen, dass sie endlich von dieser verdammten Insel wegkamen. Mit diesem Gedanken schlief Linda endlich ein. „Kommt mal mit, ich will euch etwas zeigen.“ Linda führte Tom und Frank ins Innere des Felsüberhangs. „Sind es gute oder schlechte Nachrichten? Du bist so geheimnisvoll“, sagte Tom. „Ich hoffe, euch gefällt meine Überraschung.“ Nach ein paar Schritten im Inneren blieb sie stehen. „Tadaa, darf ich vorstellen? “, Linda schob einige Palmenblätter weg, die sie an die Wand gelehnt hatte.“ „Wow, das ist ja irre. Ich liebe es! “ rief Frank. „Ich auch! Wann hast du das denn gezaubert? “, fragte Tom. „Ich habe mir überlegt, was mich motivieren könnte weiter durchzuhalten und habe mir in Erinnerung gerufen, was wir alles schon geschafft haben. Da ist mir unser Kanban-Board eingefallen. Im Büro visualisieren wir auch, was wir tun und was wir schon erledigt haben.“ Mit einem Stein hatte Linda für die drei Rubriken „To Do“, „In Progress“ und „Done“ weiße Linien auf den Felsen gemalt. „Den Klebezettelblock habe ich in einer der Kisten entdeckt.“ „Da haben wir ja noch einiges zu tun: Brot backen, Steinofen bauen, Kokosöl gewinnen, Werkzeuge herstellen. Wie viele Jahre hast du denn vor, hier zu bleiben? “, lachte Frank. „Wenn wir hier vor dem Board stehen, dann wird deutlich, dass wir im Moment nicht viele Themen angehen. Der Task ,Unterkunft bauen‘ wandert bald schon zu ‚Done‘ und außer ,Essen sammeln‘ und ,Insel auskundschaf‐ ten‘ tun wir im Moment nichts. Es fühlt sich nicht so an, als seien wir faul, aber wir könnten durchaus produktiver sein“, sagte Linda. „Lasst uns das gleich im Daily mit den anderen besprechen, dann können wir neue Aufgaben verteilen“, entschied Frank. 98 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="99"?> Beflügelt trat Linda nach draußen. Der Rest des Teams hatte sich schon zusammengefunden. „Linda will euch etwas zeigen“, ergriff Frank das Wort. „Das ist ja schön für Linda, aber das kann sie tun, wenn sie an der Reihe ist. Du hast gesagt, wir sollen hier ein Daily abhalten, also halten wir uns gefälligst auch an die Regeln.“ Leon war zwar bisher kein Fan des Dailys gewesen, aber anscheinend war er in der Stimmung, in der er nach einer Möglichkeit suchte, Streit anzuzetteln. Frank zog die Augenbrauen nach oben. „Gut, leg los, Victoria.“ Die runzelte die Stirn und schien kurz zu überlegen, auf welche Seite sie sich schlagen sollte. Die Stimmung war definitiv schon mal besser gewesen. „Na dann, schieß mal los, Linda: Was hast du seit dem letzten Daily Stand-up erreicht? Was wirst du heute erreichen? Erwartest du Hindernisse und kann das Team dir dabei helfen? “ Linda schoss das Blut in den Kopf. Darauf war sie nicht vorbereitet gewesen, aber es waren die üblichen Fragen in einem Stand-up. Als sie sich hilfesu‐ chend umschaute, deutete Tom mit seinem Blick zum Felsüberhang. Stimmt, sie war ja vorbereitet. „Also, Tom und ich haben wie besprochen an unserer Unterkunft gebaut und sind damit gestern ein gutes Stück vorangekommen. Wir können das heute noch weiter optimieren. Hindernisse sehe ich dabei eigentlich nicht.“ Sie holte kurz Luft. „Ich habe dann noch an etwas anderem gearbeitet, das ich euch gerne zeigen möchte.“ Frank nickte beflissentlich, als hätte er es sich selbst ausgedacht. Er er‐ weckte den Anschein, dass das Ganze hier langsam nach seinem Geschmack lief. Die anderen folgten Linda und quetschten sich alle in den schmalen Raum unter dem Felsüberhang. Wie schon zuvor erklärte Linda das Kanban-Board und zeigte, welche Aufgaben im Moment „in Bearbeitung“ waren. „Ja ok, finde ich nicht schlecht, können wir von mir aus so machen“, meinte Victoria achselzuckend. Jonas nickte ebenfalls zustimmend. Dann schauten alle Leon an. „Was schaut ihr mich jetzt an? Die fünfzehn Minuten sind gleich um. Ist das jetzt eine Brainstorming- oder eine Feedbackrunde? Ich bin verwirrt.“ Er genoss es sichtlich, Zwietracht zu säen. Wer kann uns das Wasser reichen? 99 <?page no="100"?> Jonas verdrehte hörbar die Augen. „Willst du uns verarschen? Erst hast du keinen Bock auf ein Daily und jetzt willst unbedingt du hier einen auf formal und bürokratisch machen? Glaub mir, niemand von uns hat Lust, hier zu sein und ehrlich gesagt habe ich am allerwenigsten Lust, jetzt hier mit dir diskutieren zu müssen. Geh´ uns nicht auf die Nerven und äußere dich inhaltlich.“ Doch damit erreichte Jonas genau das Gegenteil. Leon hob verteidigend die Hände. „Na schön. Du willst meine inhaltliche Meinung dazu wissen? Wer hat entschieden, dass wir hier nach der Kanban-Methode arbeiten? Warum überhaupt agil? Wenn das alles so wunderbar plan- und vorherseh‐ bar ist, dann lasst uns doch ganz klassisch einen Phasen- und Meilenstein‐ plan machen. Zum Beispiel: Die Hütte hat eine Planungsphase von zwei Stunden und eine Bauphase von drei Tagen. Der Meilenstein ist erreicht, wenn wir das erste Mal darin geschlafen haben, ohne zu frieren. Eine Phase ist ein inhaltlich und zeitlich abgrenzbarer Abschnitt und reduziert die Komplexi‐ tät. Meilensteine sind Ereignisse besonderer Bedeutung und sie begrenzen Phasen. Ich finde es wichtig, Meilensteine zu definieren. Sie können an den Phasenübergängen als Gates fungieren und wichtige Entscheidungs- und Messpunkte darstellen. Das motiviert doch ganz anders, wenn man sich zwischendrin immer mal wieder freuen kann und weiß, dass man auf dem richtigen Weg ist.“ Jonas hielt dagegen: „Klassisch kann man agieren, wenn man einen vor‐ gegebenen Endtermin hat und die Kosten strikt zu planen und einzuhalten hat. Wir haben aber keinen Endtermin. Sondern unsere Maßgabe ist es, so schnell wie möglich hier wegzukommen und wir müssen jederzeit flexibel und anpassungsfähig sein“. „Die einzelnen Arbeitspakete sind aber alle keine Raketenwissenschaft und ziemlich vorhersehbar. Das haben schon andere vor uns gemacht. Du erfindest ja hier nicht das Feuer neu, sondern du greifst auf dein Wissen von standardisierten Vorgängen zurück.“ „Trotzdem war keiner von uns bisher auf einer einsamen Insel gestrandet. Wir haben keine Referenzprojekte, die wir heranziehen könnten“, sagte Jonas. „Vielleicht nicht wir persönlich, aber du hast ja hoffentlich Robinson Crusoe gelesen oder halt, lass mich überlegen, du hast wenigstens ein paar Staffeln ‚Lost‘ gesehen, oder? “ Leon wurde zusehends aggressiver. „Was soll das denn jetzt bitte heißen? “ 100 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="101"?> Linda runzelte die Stirn. War Leon nur bewusst dagegen oder war das seine ehrliche Meinung? Mussten sie sich überhaupt zwischen klassischem und agilem Vorgehen entscheiden? Warum war das so wichtig? „Ich halte nichts von diesem gleichberechtigten Quatsch. Blabla, alle arbeiten eigeninitiativ, keine vernünftigen Hierarchien… Wir brauchen hier einen, der den Ton angibt und dann gibt es schon keine Reibungsverluste“, sagte Leon. „Und das bist natürlich du, richtig? “, schnaubte Jonas. „Wenn ihr das auch für das richtige Vorgehen haltet - gerne.“ Leon lächelte. Alle schauten Frank an. Der schaute von einem zum anderen. „Nö, erwartet da mal keine Entscheidung von mir. Hier herrscht das Gesetz der Insel.“ „Und das ist das Gesetz des Stärkeren? “, fragte Victoria „Naja, so unzivilisiert sind wir ja hoffentlich nicht. Noch nicht“, lachte Frank. „Nein, ich meine die Basisdemokratie.“ „Das heißt wir stimmen ab? “ „Genau das heißt es.“ „Ok, alle, die für agiles Vorgehen sind heben die Hand.“ Jonas riss seinen Arm hoch. Tom und Linda hoben ebenfalls ihren Arm. Das bedeutete drei Stimmen. „Da haben wir wohl eine Pattsituation“, triumphierte Leon. „Nicht so schnell, ich enthalte mich. Ich bin hier nicht der Chef, deswegen will ich euch mal alleine machen lassen.“ „Du widersprichst dir gerade selbst, Frank.“ Leon war sichtlich genervt. „Und was ist mit dir? “, fragte er in Richtung Victoria. „Ihr seid so in eurem Tunnel, wer recht hat und wer sich durchsetzt, dass ihr das Ziel aus dem Blick verliert. Es ist überhaupt nicht nötig, dass wir hier abstimmen. Wir brauchen uns auch nicht schulbuchmäßig für eine Variante entscheiden. Zeigt mir bitte ein Projekt im wahren Leben, in dem das gelebt wird. Überall heißt es doch ‚Ja klar arbeiten wir agil! … aber das Management braucht eben doch ein Flussdiagramm‘. Ein absoluter Widerspruch in sich. Oder man kommt in ein neues Projekt, in dem sie angeblich nach Scrum arbeiten, sogar im originären Gebiet der Software-Entwicklung. Man denkt ‚Wow, die sind gut aufgestellt, das läuft endlich mal rund.‘ Ein vernünftiger Product Owner, ein Scrum Master, der seinen Job versteht und dann Wer kann uns das Wasser reichen? 101 <?page no="102"?> kommt unverhofft einer zum Meeting mit dazu und stellt sich als der Projektleiter vor. Da denkt man sich ‚Wie bitte, was habt ihr eigentlich nicht verstanden? ‘ Product Owner und Projektleiter in ein und demselben Projekt? Das kann ja nur schiefgehen. Aber wisst ihr was, so langsam verstehe ich das. Man nutzt die Vorteile aus beiden Welten. Jetzt denke ich ‚Warum nicht? ‘ Lasst uns das probieren. Meiner Meinung nach wäre es der Ansatz der Wahl.“ „Welche Teile willst du jeweils kombinieren? “, fragte Linda. „Einer übernimmt die Projektleitung, die in schwierigen Situationen die Entscheidungsmacht hat. Ansonsten halten wir uns an das Vorgehen, wie im Scrum-Framework beschrieben. Wir arbeiten unsere Arbeitspakete in Sprints ab und tracken alles auf dem Kanban-Board. Wer in welchen Teams zusammen arbeitet, entscheiden wir jeden Tag neu und bewerten gemeinsam das Erreichte und was noch zu tun ist. Wir sind das selbstorgani‐ sierte Entwicklungsteam und fahren die anderen Rollen, die normalerweise vergeben werden, auf ein Minimum runter. Das ist nicht vorzeigbar und das würden wir keinem Kunden so verkaufen, aber hier ist die oberste Devise Pragmatismus. Wenn es uns zum Ziel führt, dann sind wir hier raus, schreiben ein Buch darüber und kein Hahn kräht mehr danach, ob wir uns an die Regeln gehalten haben oder nicht. In der Zertifizierungsprüfung bekomme ich für diese Antwort sicher null Punkte, aber nichts könnte mir gerade egaler sein.“ „Klingt einleuchtend“, nickte Tom. „Victoria, da du ja sowieso schon die Dailys leitest, könntest du gleich die Rolle der Scrum Masterin übernehmen, wenn du möchtest.“ Victoria wiegte noch abwägend ihren Kopf, schien aber nicht abgeneigt zu sein. „Was meint der Rest? “, fragte Tom. Jonas hob die Hand wie zum Schwur und setzte an: „Wir erschließen bessere Wege, von dieser Insel weg zu kommen, indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen. Durch diese Tätigkeit haben wir diese Werte zu schätzen gelernt: Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge. Funktionierende Wasserzufuhr mehr als umfassende Dokumentation. Zusammenarbeit mit den anderen Gestrandeten mehr als Gespräche, warum wir hier sind. Reagieren auf Veränderung mehr als das Befolgen eines Plans. 102 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="103"?> Das heißt, obwohl wir die Werte auf der rechten Seite wichtig finden, schätzen wir die Werte auf der linken Seite höher ein.“ Tom grinste. „Das werte ich mal als Zustimmung.“ „Dann müssen wir jetzt nur noch die restlichen Rollen verteilen. Ich übernehme als Scrum Masterin.“ Victoria schaute auffordernd in die Runde. „Linda, wollen wir beide weiter als Entwickler arbeiten? Das hat doch bisher gut funktioniert, oder? “ Linda lächelte Tom dankbar an. „Alles klar“, Leon klatschte in die Hände. „Dann mache ich den Projekt‐ leiter und einer von euch den Product Owner.“ Sein Blick wanderte zwischen Frank und Jonas. „Es ist ja wohl logisch, dass unser Chef der Projektleiter ist“. Jonas verdrehte die Augen. „Wir spielen doch hier nicht Mensch-ärgere-dich-nicht und teilen wahllos die Farben zu. Es gibt doch eine natürliche Ordnung.“ „Du willst doch aber nicht behaupten, dass das hier ein ganz normales Projekt ist und wir uns ‚in der Linie‘ befinden? Zuhause könnte ich gut damit leben, wenn du so argumentierst. Aber was wir hier machen, ist vollkommen losgelöst. Wenn dieses Projekt hier keine Matrixorganisation ist, dann fresse ich einen Besen.“ Leon lachte spöttisch auf. Frank schaltete sich ein. „Ich finde das gar nicht schlecht, wenn wir mal ein bisschen durchmischen. Es sind ja auch besondere Umstände hier. Ich trete gerne mal ins Glied zurück.“ Leon schaute Jonas triumphierend an. „Frank, das ist ein feiner Zug von dir! “ „Das heißt aber noch lange nicht, dass du automatisch Projektleiter bist. Es ist ja wohl klar, dass der Controller in der ersten Reihe steht. Hast du schon mal von irgendeiner erfolgreichen Firma gehört, die nicht von einem Kaufmann geführt wird? “, fragte Jonas. „Willst du damit sagen, dass man als Projektmanager weniger wert ist? “ „Natürlich nicht, alle sind wichtig. Aber wenn es ums Überleben geht, dann ist es nun mal das Wichtigste, mit den Ressourcen gut hauszuhalten. Das habe ich ja nicht erfunden, das ist ein Fakt.“ „Jetzt mach mal langsam. An oberster Stelle steht immer noch die Leistung im magischen Dreieck und an den unteren Ecken dann die Zeit und das Budget. Die Aufgabe des Projektcontrollings ist es lediglich Transparenz herzustellen.“ „Wir arbeiten ja aber hier nicht klassisch, wie wir eben festgelegt haben. Wir haben einen Product Owner und eine Scrum Masterin, also arbeiten Wer kann uns das Wasser reichen? 103 <?page no="104"?> wir folglich agil. Im agilen Projektmanagement wird das Dreieck auf den Kopf gestellt.“ Beide schauten fragend zu Frank. „Magisches Dreieck? Balakov, Elber, Bobic? Sorry Leute, ich komme aus Stuttgart, da bedeutet das etwas anderes“, sagte Frank ironisch. Jonas verdrehte die Augen und wandte sich wieder Leon zu. „Budget und Zeit stehen oben und die Leistung unten. Sie ergibt sich automatisch, wenn die oberen Komponenten stimmen und man fähiges Personal einsetzt.“ „Also sagst du selbst, dass das Budget nicht an der Spitze steht.“ „Ein Budget wird grundsätzlich mit der zeitlichen Komponente verknüpft. Nur Geld zu haben ist ja nicht die Kunst. Sondern über einen definierten Zeitraum immer genügend zur Verfügung zu haben, um das Ziel zu errei‐ chen, das ist die Herausforderung. Man muss seine Finanzmittelbedarfe im Projekt kennen. Dafür macht man eine Mittelabflussplanung und einen Forecast, um im Blick zu haben, wie man wirtschaften will und ob es der Realität entspricht. Wenn ich im Lotto gewinne und alles sofort auf den Kopf haue, bin ich ja auch schnell nicht mehr liquide“, sagte Jonas. „Was bringt es mir zu wissen, wie viele Bäume ich habe, um eine Hütte zu bauen und auszurechnen, bis wann ich sie fertig haben will, wenn ich nicht weiß, wie ich eine Axt halten muss? Der Projektleiter muss doch inhaltlich eine Ahnung haben.“ „Ach so, wir haben eine Axt dabei? “ Frank versuchte witzig zu sein, doch den anderen war scheinbar nicht zum Lachen zumute. „Was ist denn hier unser ‚Inhalt‘, von dem man eine Ahnung haben muss? “, fragte Jonas. „Naja, wir wollen hier weg“, antwortete Leon. „Das reicht als Ziel nicht. Das ist nicht spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch oder terminiert, das ist nicht SMART formuliert. Ziele müssen lösungsneutral, positiv und im Perfekt formuliert sein“, sagte Jonas und schaute sich um, wer ihn loben könnte für seine präzise Antwort. Jetzt schaltete sich Victoria ein: „Wenn unsere Ziele überhaupt nicht klar sind, wie sollen wir sie dann erreichen? Und was tracken wir auf dem Kanban-Board? Wenn die Aktivitäten nicht zu einem klaren Ziel führen, dann ist das nur eine Beschäftigungsmaßnahme. Genau wie unser Daily. Das bringt alles nichts. Ich habe auch überhaupt keine Lust, Scrum Masterin zu sein, wenn das nur Arbeit macht. Dann warten wir doch lieber ab und schonen unsere Ressourcen, irgendjemand holt uns bestimmt bald ab.“ Damit hatte Victoria bewusst oder unbewusst sowohl Leon als auch Jonas getriggert. 104 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="105"?> „Auf keinen Fall! “, riefen beide. „Wir haben Ziele, wir haben sie nur noch nicht präzise definiert, deswegen sind sie so diffus“, resümierte Tom. „Aber, dass wir sie brauchen, daran führt kein Weg vorbei. Ziele haben schließlich eine Funktion. Wir brauchen sie als Messkriterium zur Kontrolle, zu Orientierung, wohin wir wollen, zur Koordination, Selektion, um auch zu wissen, was wir nicht anstreben, und ich glaube, es tut uns als Team gut und schafft eine Verbindung zwischen uns, wenn wir dieselben Ziele vor Augen haben.“ Frank nickte strahlend. „Ich habe noch Papier hier, wenn ihr möchtet, kann ich ein Project Canvas notieren“, bot Linda an. „Bingo! Die Kleine bringt es auf den Punkt.“ Frank tätschelte ihr wohl‐ wollend die Schulter. „Du darfst es aber auch Projektsteckbrief nennen.“ Linda ignorierte die Geringschätzung, die sie in seinen Worten hörte, zeichnete kleine Rechtecke auf das Papier und beschriftete sie. Zweck - Budget - Umfeld - Meilensteine - Qualität - Ressourcen - Risiken und Chancen - Ergebnis - Kunde - Zeit. „Brauchen wir das wirklich so ausführlich? “, schaltete sich Jonas ein. „Mach doch lieber eine abgespeckte Version.“ „Es gibt tausend Versionen, verzetteln wir uns nicht damit“, brach Leon die Diskussion ab. Er riss den Zettel an sich und fing an zu schreiben. „Projektziel: Das Team ist unversehrt in Sicherheit auf dem Festland. Projektteam: Leon, Frank, Tom, Linda, Victoria, Jonas Ressourcen: Alles, was die Insel zu bieten hat, aus dem Wasser und an Land. Stakeholder: Projektteam, Angehörige zuhause, Skipper Risiken: Krankheit, Unfall, Tod, Hunger, Durst Termine: Meilenstein 1 X, Meilenstein 2 Y, Meilenstein 3 Z. Kosten: Arbeitskraft der Projektteammitglieder.“ „Es ist ein erster Aufschlag.“ Zu mehr Enthusiasmus konnte Jonas sich nicht hinreißen lassen. „Sorry, aber wir stehen hier jetzt schon ewig rum und diskutieren, ich brauch mal eine Pause.“ Victoria sah blass aus. Im Büro wäre jetzt der Zeitpunkt gewesen, an dem jemand eine „Bio‐ pause“ einforderte und jemand anderes würde die Fenster im Meetingraum aufreißen, gegen die „Denkerluft“. Wer kann uns das Wasser reichen? 105 <?page no="106"?> Die anderen nahmen Victorias Wunsch dankend an und die Gruppe zer‐ streute sich. Linda legte sich in das Schlauchboot und schloss die Augen. Manchmal hatte sie den Eindruck die Zeit raste davon, wenn sie beschäftigt war und nicht zum Nachdenken kam. Aber immer, wenn sie zur Ruhe kam, erschien es ihr, als sei sie schon endlos lange auf dieser gottverdammten Insel gefangen. Ihre Schultern waren steif und ihre Handflächen schmerzten immer noch. Sie seufzte. Man konnte sich doch nicht immer im Griff haben. Wie machten die anderen das nur? Waren sie nicht verzweifelt? Mit einer Hand massierte sie ihren Nacken. Der Rand des Schlauchboots war zu hoch, als dass man hier bequem hätte liegen können. Sie musste hier weg. Die Verzweiflung machte sich immer mehr in ihr breit. „Ich will nach Hause“, flüsterte sie. Sie konnte diese Gefühle, die ihr die Luft abschnürten und stechende Kopfschmerzen bereiteten, nicht weiter unterdrücken. Ein Schluchzen entfuhr ihr. Erschöpft setzte sie sich auf und umarmte mit ihren Armen die Beine. Unerwartet spürte sie eine Hand auf ihrem Rücken. „Komm mal her“, Tom setzte sich neben sie und nahm sie in den Arm. Zum ersten Mal seit sie hier war, spürte sie so etwas wie Geborgenheit. Eine kleine Oase inmitten einer unerträglichen Katastrophe. Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, kam ihr unverhofft eine Idee. „Was hältst du davon, wenn wir mit dem Schlauchboot am Ufer entlangpaddeln? So könnten wir herausfinden, ob wir wirklich auf einer Insel sind oder es irgendeinen Landweg in Sicherheit gibt und müssten nicht laufen. Wir könnten uns mit dem Rudern abwechseln und sogar Proviant mitnehmen.“ Tom nickte. „Das ist eine super Idee, lass uns das machen. Die letzten Tage war es zu windig, aber jetzt dürfte es sicherer sein, aufs Meer rauszugehen.“ Zurück am Kanban-Board wurden die Klebezettel in die Spalten sortiert. Victoria hatte gerade den „Hüttenbau“ auf „in Arbeit“ gesetzt und die „Was‐ sersuche“ in die Spalte „erledigt“ sortiert. Tom schrieb „Inselumrundung mit Paddelboot“ auf einen neuen Zettel und hängte ihn in die Kategorie „zu erledigen“. „Oh, eine neue Idee? “, fragte Jonas. „Ja, Linda und ich wollen das auspro‐ bieren, wir müssen endlich unsere Umgebung besser auskundschaften. Mit dieser Variante sparen wir Energie.“ „Ihr wisst doch aber gar nicht, wie groß die Insel ist und wie lange ihr unterwegs wärt“, warf Frank ein. „Darum geht es ja“, sagte Tom. 106 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="107"?> „Da könntet ihr aber ewig unterwegs sein.“ „Besser als ewig hierzubleiben, oder? “ „Ist aber auch nicht ungefährlich. Ihr könnt nicht zu nah am Ufer bleiben, weil es da zu viele Wellen gibt, und weiter draußen könnten Haie sein.“ Frank war offensichtlich kein Fan der Idee. „Ich habe mal gelesen, dass mehr Menschen von einer Kokosnuss erschla‐ gen werden als vom Hai gefressen“, warf Linda ein. Tom musste grinsen. „Ich finde, dass ihr das lassen solltet. Lasst uns lieber hierbleiben und uns hier optimal organisieren.“ „Du musst ja nicht mit, wenn du nicht möchtest. Wir passen sowieso nicht alle ins Boot. Linda und ich würden das alleine machen und ihr könnt hier an den anderen Aufgaben weiterarbeiten. Oder hast du tatsächlich so große Angst, dass uns was passiert, Frank? “ „Ich halte es einfach für keine gute Idee.“ Damit nahm er den Zettel und hängte ihn von „zu erledigen“ in eine neue Spalte weiter links ins „Backlog“. „Das ist jetzt aber nicht fair, Frank. Du kannst nicht auf der einen Seite sagen, dass du uns als Gruppe entscheiden lässt und dann doch deinen Willen durchsetzen. Als Scrum Masterin muss ich auf die Einhaltung der Aufgabenverteilung achten“, sagte Victoria. „Das ist eine Entscheidung, die jetzt der Product Owner fällen muss. Er ist für die Priorisierung der Aufgaben zuständig“, pflichtete Jonas ihr bei. „Wir haben aber keinen und wo ist eigentlich Leon? “, fragte Tom. Allgemeines Achselzucken. Abgemeldet hatte er sich bei niemandem. „Wir müssen jetzt zu einer Entscheidung kommen. Ich erkläre mich bereit, die Aufgabe des Product Owners zu übernehmen“, sagte Jonas. „Frank, du bist unser Chef, daher bin ich der Meinung, dass du natürlicherweise die Projektleitung übernehmen solltest. Außerdem ist Leon nicht da. Wenn ihm das Projekt wichtig wäre, dann wäre er jetzt hier und würde nicht irgendwo an seiner Sommerbräune arbeiten.“ Die anderen waren einverstanden. „Na dann, walte deines Amtes und entscheide über die Prioritäten. Fahren Linda und ich mit dem Schlauchboot raus? “ Jonas überlegte kurz. Dann nahm der den Zettel und hängte ihn kurzer‐ hand in die Spalte „in Bearbeitung“. „Macht euch bereit, ihr fahrt gleich morgen früh als erstes los.“ Frank zog genervt seine Augenbrauen hoch und stapfte davon. Die anderen sahen sich verwirrt an. Was hatte er nur? Wer kann uns das Wasser reichen? 107 <?page no="108"?> „Seid ihr komplett bescheuert? “, rief Leon. Linda öffnete mühsam ihre Augen. In ein paar Metern Entfernung standen sich Leon und Jonas gegenüber und schrien sich an. Offensichtlich war Leon die Nachricht überbracht worden, dass er in seiner Abwesenheit nicht zum Projektleiter ernannt worden war. „Ich reiße mir für euch den Arsch auf, um endlich was Vernünftiges zu essen zu besorgen und ihr hintergeht mich.“ „Wir haben dich nicht hintergangen, du bist weg, ohne jemandem Be‐ scheid zu sagen“, versuchte Frank zu schlichten. „Das stimmt nicht, ich habe dem da Bescheid gesagt.“ Er zeigte mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Jonas. „Davon weiß ich nichts.“ Jonas zeigte sich unbeeindruckt. Leons Kopf war hochrot angelaufen. „Du bist ein Lügner! Gib es zu, du wolltest nur nicht, dass ich Projektleiter werde.“ „Das war nicht meine Entscheidung, ich selbst bin ja auch nicht Projekt‐ leiter geworden, obwohl ich es eigentlich wollte.“ Er zuckte mit den Achseln. „Du willst mich bloßstellen, damit ich zuhause auch nicht Teamleiter werde.“ „Warum sollte ich das tun? Was hätte ich denn davon? Ich bin ja längst Teamleiter. Im Gegenteil - du bist scharf auf meinen Job und willst mich jetzt als Lügner hinstellen, damit du mich zuhause loswerden kannst. Du sägst an meinem Stuhl und das merke ich schon seit einiger Zeit. Du bist nicht gerade subtil unterwegs.“ „Wollen wir einfach jetzt sofort abhauen? “, flüsterte Tom Linda zu. „Ja bitte, das ist ja nicht zum Aushalten.“ Die beiden schnappten sich das Schlauchboot und ihre vorbereiteten Rucksäcke und machten sich auf den Weg in den Dschungel. Als sie ein paar Meter hinter sich und genügend Abstand zu den anderen gebracht hatten, atmete Linda durch. Nichts lieber, als von den anderen wegzukommen. Diese negative Stimmung machte alles noch viel schlimmer. „Das Boot fühlt sich recht schlapp an, oder? “, fragte Linda. „Stimmt, aber wir lassen jetzt sowieso erstmal die Luft raus. Dann ist es einfacher zu tragen.“ Sie stimmte Tom zu und öffnete die beiden Ventile. Langsam entwich die Luft und sie setzten sich zusätzlich auf das Boot, damit es schneller ging. „Ich bin so froh, dass wir da weg sind, jetzt fühlt es sich wieder fast an wie Urlaub.“ Linda lachte. 108 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="109"?> Als die Luft aus dem Boot raus war, umklammerte Tom es mit beiden Armen und sie marschierten los. Endlich spürte Linda wieder die angenehme Ruhe, wenn sie mit Tom zusammen war. Trotz der Anstrengung, in der Hitze zu gehen, merkte sie, wie sich ihre Schultern entspannten. „Was machst du als Erstes, wenn wir wieder zuhause sind? “, fragte Linda. „Eiskalt duschen und dann ein Eis essen. Schoko-Minze. Mit dem Gedanken schlafe ich jeden Abend ein.“ „Schoko-Minze? Ist ja eklig“, lachte Linda. „Und du? “ Sie überlegte kurz. „Definitiv auch duschen. Und als Nächstes nehme ich mir einen Anwalt oder Anwältin. Irgendjemand soll mir Schmerzensgeld zahlen für diesen Quatsch.“ „Gute Idee, da hänge ich mich mit dran bei deiner Klage. Du hast recht, wir müssen uns das nicht gefallen lassen. Finde ich gut, dass du das in die Hand nehmen willst.“ Tom lächelte sie an. Der Fußmarsch war heiß und anstrengend, aber langsam gewöhnte sich Linda auch an die neue Umgebung. Sie konnte die Strecke grob einschätzen und ihre Kräfte einteilen. Trotzdem war es eine willkommene Überraschung, als sie endlich wieder das Meer sahen. Linda sah an Toms Gesichtsausdruck, dass wohl auch er insgeheim darauf gehofft hatte, hier am Strand jemanden anzutreffen. Doch die Steine mit dem Schrei nach Hilfe lagen unverändert im Sand. Nachdem sie sich abgekühlt hatten, begann Linda damit das Boot aufzu‐ blasen. Es war schweißtreibend und sie musste oft eine Atempause einlegen. Die Abstände, in denen sie sich nun abwechselten, wurden immer kürzer, um den Kreislauf zu schonen. Irgendwann war das Boot prall mit Luft gefüllt und Linda hievte sich hinein. Tom holte die Rucksäcke und stieg ebenfalls ein. „Nach links oder rechts? “, fragte er. Linda zuckte mit den Achseln. „Überlassen wir es dem Schicksal und schauen mal, wohin wir treiben.“ „Ja, das ist wahrscheinlich am besten, dann sparen wir auch Kraft.“ Kurz saßen sie still da und warteten auf den Wind. Doch der setzte nicht ein. Stattdessen hörte Linda ein blubberndes Geräusch. „Was war das? Ist das Boot kaputt? “ Jetzt hörte auch Tom es. „Woher kommt das? “ Beide lehnten sich über die Reling und suchten den Stoff ab. Wer kann uns das Wasser reichen? 109 <?page no="110"?> „Oh nein, schau mal hier! “ Linda schaute sorgenvoll auf eine Stelle unterhalb des Paddels. Als sie ihren Finger darauflegte, hörte das blubbernde Geräusch augenblicklich auf. „Wie schlimm ist es? “ „Das Loch ist ziemlich groß. Eigentlich ist es eher ein Schnitt.“ „Wo denn? An der Naht? “ „Nein, mittendrin.“ „Wie kann das denn passieren? “ Inzwischen war der Luftverlust auch spürbar. Das Boot wurde immer weicher. Wortlos rutschten beide ins Wasser und zogen das Boot an den Strand. „Das kann doch wohl nicht wahr sein! Ich verstehe die Welt nicht mehr. Es war doch intakt, als wir los sind! “ „Definitiv! Es war heute Morgen ganz voll.“ „Denkst du, es war zu lange in der Sonne und ist an der Stelle aufgeplatzt? “ „Hm, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, und wenn, dann wäre es doch an einer Schwachstelle, an einer Naht passiert, oder? “ Die beiden schauten sich an. Offensichtlich wollte keiner aussprechen, was sie dachten, aber es führte kein Weg daran vorbei. „Wer war das? “, hauchte Linda. „Ich habe keine Ahnung, aber das sieht aus, wie mit einem Messer aufgeschlitzt.“ „Das muss jemand getan haben, direkt bevor wir los sind. Sonst hätte das Boot schon mehr Luft verloren.“ „Denkst du Leon war so wütend, weil er nicht Projektleiter geworden ist? “ „Könnte sein … Kurz bevor wir los sind, war er aber eigentlich damit beschäftigt rumzuschreien.“ „Naja, vom Prinzip her geht das beides. Aber es hätte doch jemand von den anderen mitbekommen, oder? “ „Vielleicht haben sie das auch nicht, die Gemüter waren ja recht erhitzt.“ „Auf jeden Fall kommen wir so nicht weit. Ich befürchte, unsere Idee lässt sich nicht in die Tat umsetzen.“ „Da hast du leider recht. Machen wir uns auf den Rückweg? “ Tom nickte. Als sie den Dschungel wieder betraten, kam Linda ein Gedanke. „Ich habe gerade Frank vor Augen. Er wollte partout nicht, dass wir mit dem Boot rausfahren. Denkst du, er war es? “ 110 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="111"?> Tom überlegte in Ruhe. „Mir fällt kein einziger Grund ein, warum er uns sabotieren sollte. Aber ich habe mich auch gewundert, warum er so strikt dagegen war. Es hätte ihm ja auch egal sein können und er hat keine andere Aufgabe auf die Agenda gesetzt, die ihm wichtiger gewesen wäre. Ich habe generell langsam das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Es war so seltsam, als er das Feuerzeug ‚gefunden‘ hat. Das kann doch kein Zufall sein. Die anderen merken das sicher auch. Jonas beäugt Frank neuerdings ganz skeptisch.“ „Sollen wir es ansprechen, wenn wir wieder bei den anderen sind? “, fragte Linda. „Das ist eine riskante Sache. Wir machen einen schweren Vorwurf, ohne Beweise zu haben. Keiner von uns hat etwas gesehen und wir schießen damit ins Blaue.“ „Wir könnten einzeln mit ihnen reden, ohne sie zu beschuldigen, und schauen, wie sie reagieren.“ „Dann sollten wir auch Jonas und Victoria vorher befragen“, überlegte Tom. „Ok, das machen wir.“ „Wollen wir uns aufteilen? Du fragst Victoria und ich Jonas? “ „Können wir lieber tauschen? “ „Können wir machen, aber darf ich fragen warum? Ich dachte du magst Victoria.“ Tom legte den Kopf schief. „Ja, ich mochte sie schon, aber seit wir auf der Insel sind, ist es ein bisschen schwierig.“ Linda zögerte, doch dann erzählte sie Tom die Geschichte, wie sie Victoria dabei erwischt hatte, Essen zu verstecken. „Wow, das überrascht mich jetzt schon, ich hatte sie in der Arbeit eigent‐ lich immer als Teamplayerin wahrgenommen. Das ist ja schlimmer als im Büro. In den Projekten bei Kunden habe ich auch schon oft mitbekommen, dass jemand ein Dokument extra so ablegt, dass die Kollegen es nicht finden, um einen Wissensvorsprung zu haben.“ „Vielleicht ist sie privat anders? “ „Meine Erfahrung hat bisher gezeigt, dass die Menschen keine zwei Persönlichkeiten haben. So, wie man sich in der Arbeit verhält, so ist man auch privat.“ „Wirklich? Ich glaube, bei mir stimmt das nicht. Ich versuche mich in der Arbeit immer mehr zu verstecken. Im Privaten, mit Menschen, die ich schon lange kenne, traue ich mich mehr aus mir herauszugehen, da bin ich, glaube ich, nicht so introvertiert.“ Wer kann uns das Wasser reichen? 111 <?page no="112"?> „Auf der Ebene gibt man sich bestimmt teilweise unterschiedlich. Aber ich meine so Grundlegendes wie Werte gibt man ja nicht an der Firmenpforte ab. Da ist man schon konsistent, wenn man nicht gerade schizophren ist.“ „Das klingt einleuchtend. Wenn man den Gedanken weiterführt und wir davon ausgehen, dass wir Victoria und ihre Werte bisher kannten, dann muss es einen guten Grund geben, warum sie so etwas macht.“ „Welcher Wert ist es denn, den wir jetzt vermissen, beziehungsweise den sie da anscheinend über Bord geworfen hat? “ „‘Gerechtigkeit‘? ‚Fairness‘? “ „Ja … wobei Victoria in der Hierarchie über uns steht. Eigentlich müsste bei ihr auch so etwas wie Verantwortungsgefühl greifen.“ „Ist das denn ein Wert und nicht nur eine Verhaltensweise? “ „Hm, das definiert wahrscheinlich jeder anders. Ich weiß nur, dass wir alle zu einem gewissen Grad den Wert Sicherheit haben und der wird gerade massiv untererfüllt.“ „Das Gegenteil von Sicherheit ist Freiheit. Wahrscheinlich ginge es uns besser, wenn wir das Ganze mehr als Abenteuer ansehen könnten. Irgendwie werden wir hier schon wieder rauskommen und bis dahin kann man auch versuchen, das Beste daraus zu machen.“ Tom lachte. „Da hat Frank aber ganze Arbeit geleistet. Jetzt klingst du schon fast wie er, wenn er sagt, wir sollen das hier als ‚Projekt‘ ansehen.“ Linda verdrehte im Spaß die Augen. „Glaub ruhig, was du willst, jeder hat seine eigene Wirklichkeit.“ Der Rückweg wirkte in Anbetracht der unverrichteten Dinge doppelt so lang wie der Hinweg. Doch irgendwann erreichten sie schließlich ihre Ausgangsbasis. Das Bild, das sich ihnen bot, war interessant. Es herrschte geschäftiges Treiben und Stille. Victoria war am Kokosnüsse knacken, bei Frank war anscheinend Waschtag, denn er hatte seine nassen Klamotten in der Hand und bemühte sich, sie über einen Ast zu hängen, sodass sie nicht auf dem Boden schleiften und wieder schmutzig wurden. Jonas sammelte Zweige für das Feuer und Leon pulte Körner aus einem fremd aussehenden Getreide. „Hallo zusammen“, sagte Tom in die Runde. Erstaunt drehten sich alle zu ihnen um. Doch das Erstaunen wich schnell Enttäuschung. „Na toll“, sagte Victoria. „Was macht ihr denn schon wieder hier? “ 112 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="113"?> „Danke für die nette Begrüßung! Ist dir irgendwas Besonderes über die Leber gelaufen oder ist das nur allgemein schlechte Laune? “ Tom zeigte sich kampfeslustig. „Na, ihr wolltet doch einen Ausweg suchen oder ist die Insel so klein, dass ihr schon einmal drum herum seid? “ „Nein“, antwortete Linda, „das Boot ist kaputt. Es ist ein klaffender Schnitt an der Seite und es verliert zu viel Luft, als dass wir hätten losfahren können.“ „Na, das war ja so klar“, sagte Victoria genervt. „Wirklich? Warum? Hast du etwas damit zu tun? “ Tom baute sich vor ihr auf. „Willst du mich verarschen? Aus welchem Grund sollte ich länger als unbedingt notwendig auf dieser Insel bleiben wollen? „Ich weiß nicht. Ich stelle nur fest, dass du dich definitiv anders verhältst, seit wir hier sind. Du warst bisher unser Ruhepol. Diejenige, die das Team zusammengehalten hat, wenn es schwierig wurde. Jetzt bist du nur noch launisch und dauernd kurz vorm Heulen.“ Leon lachte laut auf. „Du traust dich ja was, Tom. Du willst wohl hier die Bestie wecken.“ Das brachte Victoria vollends zu Weißglut. „Ihr spinnt ja wohl, lasst mich in Ruhe und kümmert euch um euren eigenen Kram.“ „Hier hat niemand mehr seinen ‚eigenen Kram‘. Wir sitzen hier wortwört‐ lich alle im selben Boot und das scheinst du nicht verstanden zu haben“, explodierte Tom. „Wie wäre es, wenn du lieber mal fragst, wie es Linda und mir geht, ob alles ok ist oder ob wir uns verletzt haben. Du denkst nur an dich und was mit uns anderen los ist, ist dir komplett egal.“ Jetzt schaltete sich Frank ein. „Lass deine Laune nicht an Victoria aus. Nur weil ihr das mit dem Boot nicht hinbekommen habt, kannst du sie jetzt nicht für alles verantwortlich machen.“ „Danke Frank, aber ich kann mich schon alleine verteidigen. Jetzt musst du auch nicht mehr damit anfangen, dich um mich zu kümmern.“ „Was heißt denn, ‚um dich kümmern‘? Ich will ja nur Tom begreiflich machen, dass du hier nicht die Mutti bist, die für ihn verantwortlich ist.“ „Meinst du nicht, dass du mir gegenüber eine größere Verantwortung hast? “ „Victoria, bitte. Müssen wir das jetzt vor den anderen besprechen? “ „Frank, das ist mir inzwischen sowas von egal. Es ist mir egal, was ihr von mir denkt, es ist mir egal was mit euch passiert, ich will hier nur weg.“ Wer kann uns das Wasser reichen? 113 <?page no="114"?> „Victoria, was ist denn los mit dir? Jetzt reiß dich mal zusammen, dein Verhalten ist unprofessionell.“ „Es gibt wichtigere Dinge, als dass dieser zusammengewürfelte Haufen von Versagern mich für professionell hält. Ich bin schwanger, Frank.“ Ihr Gesicht war kreidebleich. Frank sah kurz aus, als würde er ohnmächtig werden, doch dann schüt‐ telte er sich und ging mit weit ausgebreiteten Armen auf sie zu. „Oh mein Gott, das ist ja wundervoll, warum hast du mir das nicht früher gesagt? “ Linda und Tom schauten sich irritiert an. Auch Leon und Jonas schauten der Szene stirnrunzelnd zu. Erst ließ Victoria die Umarmung stocksteif über sich ergehen, doch irgendwann wurde ihr Rücken schlaff und sie schlang ihre Arme ebenfalls um Frank. „Sind die beiden ein Paar? “, wisperte Linda. Tom zuckte verwirrt mit den Schultern. Nach einigen Momenten nahm Frank Victoria an der Hand und die beiden verschwanden im Dschungel. Als sie weg waren, begann Leon hysterisch zu lachen. „Das ist komplett lächerlich.“ „Nein, jetzt ergibt es endlich einen Sinn.“ Linda schaute Tom an. „Du weißt schon, die Sache mit dem Essen.“ Tom zog die Augenbrauen hoch und nickte langsam. „Liebe am Arbeitsplatz, wer hätte das gedacht“, resümierte Jonas, „aber eigentlich gar nicht so ungewöhnlich. Statistisch gesehen hätte man sich das sogar denken können.“ Diese Neuigkeiten musste Linda erstmal verdauen und zog zu einem Spazier‐ gang los. Sie hatte in den letzten Tagen festgestellt, dass sie ihre Gedanken besser ordnen konnte, wenn sie nicht still an einem Ort verharrte, sondern in Bewegung blieb. In was für eine verrückte Gruppe von Menschen sie doch hier geraten war. Oder war das normal? Wahrscheinlich hatte Jonas recht. Statistisch gesehen konnte man quasi davon ausgehen, dass in einer Firma ihrer Größe irgendwer ein Verhältnis miteinander hatte. Womit musste man noch rechnen? Aufgrund der hohen Rate an Akademikern waren sie nicht unbedingt ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Doch vermutlich ver‐ schonte sie dies nicht von interpersonellen Konflikten, geschweige denn von 114 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="115"?> intrapersonellen. Bildung und höfliche Umgangsformen täuschten darüber nur allzu häufig hinweg. Wahrscheinlich war auch mindestens jemand dabei, der mit Depressionen zu kämpfen hatte oder spielsüchtig war. Als sie bei Einbruch der Dunkelheit zurückging, stellte sie mit Erschre‐ cken fest, dass die anderen im Halbdunkel saßen. „Das Feuer ist aus! “ „Ja, das haben wir auch schon gemerkt, Schlaubi-Schlumpf “, zischte Leon. Langsam hatten sich Lindas Augen an die Umgebung gewöhnt, und sie beobachtete, wie Leon, Tom und Jonas, jeder für sich, versuchten Feuer zu machen. Leon und Tom versuchten es mit dem Feuerbohren und drehten mit den Händen an Stöcken. Bei beiden hatte sich das Holz zwar schon dunkel verfärbt, aber Rauch war nicht zu sehen. Jonas schlug zwei Steine aufeinander, was Linda seltsam vorkam, denn sie hatte nicht mitbekommen, dass irgendwer Feuersteine gefunden hatte. Drehte Jonas langsam durch? Frank und Victoria waren noch nicht zurück. Nachdem Linda die ver‐ schiedenen Optionen gesichtet hatte, nahm sie sich frustriert auch einen Stock und ein flaches Stück Holz. Bisher hatte das noch niemand von ihnen hinbekommen. Die einzige Variante, die funktioniert hatte, war der Flaschenboden, der als Brennglas fungierte, aber da die Sonne nicht mehr schien, fiel diese Möglichkeit weg. Es war mühselig und frustrierend und Linda konnte sich kaum konzen‐ trieren, weil sie die ganze Zeit darüber nachdachte, wer wohl schuld daran war, dass das Feuer aus war. Da kamen endlich Victoria und Frank aus dem Dickicht. „Schaut mal, was wir gefunden haben! “ Victoria strahlte. So glücklich hatte Linda sie seit Tag eins nicht mehr gesehen. Als sie dann sah, was Frank in der Hand hielt, konnte sie Victorias Euphorie aber definitiv nachvollziehen. Ein Feuerzeug! „Wo habt ihr das denn her? “, fragte Leon. „Da staunt ihr, was? Frank hat es auf dem Boden gefunden, als wir spazieren waren. Jetzt kann er für uns alle Feuer machen! “ „Wie meinst du das, gefunden? Ist es das, was wir verloren hatten, oder ein neues? “ „Ach, was tut das schon zur Sache? Hauptsache wir haben Feuer! “ Victoria zog Frank zur Feuerstelle. „Komm, versuch´ gleich mal, ob es klappt.“ Frank hielt das Feuerzeug an den vorbereiteten Holzhaufen und siehe da, innerhalb von kurzer Zeit brannte das Feuer lichterloh. Die Anstrengung des Fußmarsches und die Wärme ließen Linda schnell einschlummern. Wer kann uns das Wasser reichen? 115 <?page no="116"?> Wissen | Kritischer Pfad - Risikomanagement - Group Think - Johari-Fenster - Social Inhibition - Social Loafing - Meilen‐ steine - Social Compensation - Kanban - Klassisches versus agiles Projektmanagement - Scrum - Scrum Product Owner - Scrum Master - Projektleiter*in - Das agile Manifest - Scrum Entwickler*innen - Projektorganisation - Konflikteskalation Stufe 4: Sorge um Image und Koalition - Magisches Dreieck im klassischen und agilen Projektmanagement - Projektcontrol‐ ling - Finanzmittelbedarf - Mittelabflussplanung - Forecast - Zielfunktionen - Project Canvas - Konflikteskalation Stufe 5: Gesichtsverlust - Teamphase Performing Die Entscheidung, wie ein Projekt abgewickelt wird, klassisch oder agil, sollte sofort zu Beginn des Projektes getroffen werden. Beide Methoden sind praxiserprobt, doch nicht einfach austauschbar. Dies hängt von den Anforderungen und Rahmenbedingungen des spezifischen Projektes ab. Wenn die Ziele, der Zeitplan und die Ressourcen klar feststehen, man also hohe Planungssicherheit hat, dann bietet es sich an, das Projekt mit klasssichem Projektmanagement, auch Wasserfallsmodell genannt, abzuwickeln. Phasen werden klar definiert und von Meilensteinen begrenzt. Bei weniger klaren Eckpunkten und hoher Unsicherheit, kann agiles Projektmanagement sinnvoll sein, da man iterativ vorgeht und mit Anpassung auf veränderte Anforderungen eingehen kann. Scrum ist eine Möglichkeit für die agile Abwicklung. Es entfaltet dann seine volle Wirkung, wenn man alle Rollen (u. a. Product Owner), Mee‐ tings (u.-a. Daily) und Artefakte (u.-a. Backlog) gemäß dem Framework umsetzt. Der Begriff „hybrid“ beschreibt eine Kombination aus beidem, wobei hier keine allgemein gültige Definition vorliegt. Doch nicht nur das einzelne Projekt und seine Gegebenheiten sollten bei der Entscheidung betrachtet werden. Ein agiles Projekt, das als Einziges in einem großen Unternehmen stattfindet, wird es schwer haben, wenn die Unternehmenskultur nicht reif dafür ist und Stakeholder trotzdem ein „klassisches“ Reporting erwarten. Projektcontrolling, also die finanzielle Steuerung des Projektes ist un‐ abhängig von der gewählte Methodik unumgänglich. 116 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="117"?> Konflikteskalation nach Friedrich Glasl 1. Verhärtung Erste Spannungen sind spürbar und verschiedene Meinungen treffen aufeinander. 2. Polarisation und Debatte Meinungsverschiedenheiten verstärken sich und man versucht, den anderen unter Druck zu setzen. 3. Taten statt Worte Der Druck wird erhöht und Gespräche werden frustriert und ohne Ergebnis abgebrochen. 4. Sorge um Image und Koalition Ab hier kann es nur noch einen Gewinner geben. Man sucht Verbündete und bildet Parteien. 5. Gesichtsverlust Die gegenseitigen Angriffe sind persönlich und man versucht, den Gegner bloßzustellen. 4. Sorge um Image und Koalition Ab hier kann es nur noch einen Gewinner geben. Man sucht Verbündete und bildet Parteien. 5. Gesichtsverlust Die gegenseitigen Angriffe sind persönlich und man versucht, den Gegner bloßzustellen. Kritischer Pfad Der kritische Pfad bezeichnet im klassischen Projektmanagement die längste Abfolge von Aufgaben, die nacheinander abgewickelt werden müssen. Aktivitäten auf dem kritischen Pfad bieten keinen Platz für Puffer. Deshalb bedeuten Verzögerungen auf dem kritischen Pfad eine Verzögerung des gesamten Projektes. Wer kann uns das Wasser reichen? 117 <?page no="118"?> Risikomanagement Risiken sind Ereignisse in Projekten mit potenziell negativen Auswirkungen auf zu erreichende Ziele. Risiken können in verschiedene Kategorien geordnet werden. Dazu gehören u. a. terminliche, technische, kaufmännische, politische, personelle Risiken. 1. Risikoidentifikation 2. Risikoanalyse und -bewertung 3. Planung von Gegenmaßnahmen 4. Risikoüberwachung Group Think (Gruppendenken) Gruppendenken ist ein Prozess, der eine gefährliche Dynamik in Gruppen entstehen lässt. Obwohl die einzelnen Personen kompetent sind, ordnen sie ihre Meinung der Gruppe unter und treffen dadurch schlechtere Entscheidungen oder Kompromisse, als sie es alleine tun würden. 118 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="119"?> Johari-Fenster anderen unbekannt mir bekannt mein Geheimnis Unbekanntes blinder Fleck öffentlicher Bereich mir unbekannt anderen bekannt Selbstwahrnehmung Fremdwahrnehmung Feedback etwas preisgeben Das Johari-Fenster zeigt, wie Feedback helfen kann, blinde Flecken aufzudecken und das gegenseitige Verständnis zu verbessern. Social Inhibition (= soziale Hemmung) Bei einer sozialen Hemmung vermeidet man Situationen, bei denen man mit anderen Menschen interagieren muss, aus Angst davor, dass sie die eigenen Handlungen, Äußerungen oder Gefühle missbilligen könnten. In einer starken Ausprägung kann dies bis zur sozialen Phobie führen. Negative, kurzfristige Bewältigungsmechanismen können Alkohol oder Drogen sein. Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass die meisten Menschen in unterschiedlicher Ausprägung Ängste haben und diese selbstverständlich mit in die Arbeit und die Projekte bringen. Eine empathische Zusammenarbeit kann große Potenziale bergen, die sonst unentdeckt blieben. Wer kann uns das Wasser reichen? 119 <?page no="120"?> Social Loafing bedeutet “soziales Faulenzen”. Manche Teammitglieder schaffen es “unter dem Radar” zu laufen. Sie leisten weniger, was aber oft unentdeckt bleibt. Entstehen kann dies durch fehlende Kontrolle, mangelnde Koordination oder geringe Motivation. Social Loafing (= soziales Faulenzen) Meilensteine Ein Wasserfall-Diagramm ist die Visualisierung der Projektphasen im klassischen Projektmanagement. Die Phasen werden begrenzt von Meilensteinen. Diese haben stets die Dauer null. Sie sind Ereignisse besonderer Bedeutung. Meilensteine liefern bei lang laufenden Projekten zwischendurch Erfolgsgefühle und helfen bei der Kommunikation mit dem Auftraggeber und anderen Stakeholdern. 120 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="121"?> Social Compensation (= soziale Kompensation) Soziale Kompensation ist das Gegenteil von sozialem Faulenzen. Manche Teammitglieder strengen sich mehr an als andere. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Entweder aus Angst davor, für eine schwächere Leistung zur Verantwortung gezogen zu werden, oder sie erhöhen ihre Leistungen, um die schwache Leistung anderer Teammitglieder auszugleichen und das Ziel trotzdem zu erreichen. Kanban Kanban ist eine Methode aus dem agilen Projektmanagement, die ein visuelles System verwendet, um den Fluss eines Prozesses abzubilden. Eine Tätigkeit wird aus dem Backlog ausgewählt und sie durchläuft während ihrer Bearbeitung die nachfolgenden Kategorien bis zu ihrer Fertigstellung. To Do Zu erledigen: Dies sind die Aufgaben, die als nächstes zur Bearbeitung bereit sind. Doing In Bearbeitung: Aufgaben die zurzeit bearbeitet werden. 03 Done 04 Backlog Das Backlog ist eine Sammlung aller Aufgaben, die im Rahmen des Projektes anfallen. To Do Zu erledigen: Dies sind die Aufgaben, die als Nächstes zur Bearbeitung bereit sind. Done Erledigt: Fertig bearbeitete Aufgaben werden, im Sinne der Nachvollziehbarkeit, gesammelt. Doing In Bearbeitung: Aufgaben die zurzeit bearbeitet werden. Wer kann uns das Wasser reichen? 121 <?page no="122"?> Klassisches versus agiles Projektmanagement Im klassischen Projektmanagement arbeitet man auf ein feststehendes Ziel hin. Der Umfang bzw. die Qualität sind definiert. Daran ausgerichtet arbeitet man die Arbeitspakete, nach einem zu Beginn festgelegten Phasen- und Meilensteinplan, ab. Dies eignet sich für klar strukturierbare Projekte, bei denen das erwartete Ergebnis definiert ist und man bezüglich der Prozesse auf Erfahrungswerte zurückgreifen kann, wie zum Beispiel bei Bauprojekten. Agiles Projektmanagement wendet man hingegen in Projekten an, bei denen das Endergebnis noch nicht genau absehbar ist, weil es zum Beispiel neu und innovativ ist, wie in der Softwareentwicklung. Man legt den Zeitraum und das Budget fest und arbeitet iterativ am variablen Umfang. Scrum Scrum ist eine Form des agilen Projektmanagements. Der Begriff „Scrum“ kommt aus dem Rugby-Sport und beschreibt die Situation eines „Gedränges“, wenn die Spieler durch Teamwork und Taktik um den Ball ringen. Übertragen auf das Projektmanagement arbeitet man hier ebenfalls flexibel, dynamisch und mit einem funktionsübergreifenden Team im regelmäßigen Austausch. Im Scrum-Prozess gibt es festgelegte Rollen wie Product Owner, Scrum Master und Entwickler sowie wiederkehrende Ereignisse, die einen standardisierten zeitlichen und inhaltlichen Rahmen haben. 122 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="123"?> Die Scrum Masterin sorgt dafür, dass Scrum richtig umgesetzt wird, unterstützt bei der Organisation und räumt Hindernisse aus dem Weg, damit das Entwicklungsteam effizient arbeiten kann. Scrum Product Owner Der zentrale Bestandteil von Scrum ist ein kleines Team von Menschen, ein Scrum Team. Das Team besteht aus einem*r Scrum Master*in, einem*r Product Owner*in und Entwickler*innen. Innerhalb eines Scrum Teams gibt es keine Hierarchien. Ein Scrum Team hat keinen Projektleiter der Anweisungen gibt, denn das ganze Team ist verantwortlich das Ziel zu erreichen. Der Product Owner verantwortet das Backlog. Er bildet die Schnittstelle zwischen Stakeholdern und Entwicklern und priorisiert die Arbeit, um das Ziel, den Kundenwunsch zu erfüllen, zu erreichen. Das Entwicklerteam verrichtet die eigentliche Arbeit. Dabei ist “Entwickler” nicht wörtlich zu nehmen. Das Team kann sich aus verschiedenen Experten zusammensetzen. Die Scrum Masterin sorgt dafür, dass Scrum richtig umgesetzt wird, unterstützt bei der Organisation und räumt Hindernisse aus dem Weg, damit das Entwicklungsteam effizient arbeiten kann. Das Entwicklerteam verrichtet die eigentliche Arbeit. Dabei ist “Entwickler” nicht wörtlich zu nehmen. Das Team kann sich aus verschiedenen Experten zusammensetzen. Die Scrum Masterin sorgt dafür, dass Scrum richtig umgesetzt wird, unterstützt bei der Organisation und räumt Hindernisse aus dem Weg, damit das Entwicklungsteam effizient arbeiten kann. Scrum Master*in Der zentrale Bestandteil von Scrum ist ein kleines Team von Menschen, ein Scrum Team. Das Team besteht aus einem*r Scrum Master*in, einem*r Product Owner*in und Entwickler*innen. Innerhalb eines Scrum Teams gibt es keine Hierarchien. Ein Scrum Team hat keinen Projektleiter der Anweisungen gibt, denn das ganze Team ist verantwortlich das Ziel zu erreichen Der Product Owner verantwortet das Backlog. Er bildet die Schnittstelle zwischen Stakeholdern und Entwicklern und priorisiert die Arbeit, um das Ziel, den Kundenwunsch zu erfüllen, zu erreichen. Das Entwicklerteam verrichtet die eigentliche Arbeit. Dabei ist “Entwickler” nicht wörtlich zu nehmen. Das Team kann sich aus verschiedenen Experten zusammensetzen. Das Entwicklerteam verrichtet die eigentliche Arbeit. Dabei ist “Entwickler” nicht wörtlich zu nehmen. Das Team kann sich aus verschiedenen Experten zusammensetzen. Wer kann uns das Wasser reichen? 123 <?page no="124"?> Projektleiter*in In einem klassisch organisierten Projekt gibt es eine Hierarchie. Die Projektleitung ist für die Erreichung der Ziele verantwortlich. Je nach Organisation gibt es weitere Rollen. Es gibt keine allgemein gültigen Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten (AKV). Deshalb ist es umso wichtiger, diese in einer AKV-Matrix festzuhalten, um Missverständnissen, Doppelarbeit und Fehlkommunikation vorzubeugen. Projektleiter*in Teilprojektleiter*in Teilprojektleiter*in Projektsteuer*in Projektcontroller*in Projekteinkäufer*in Projektmitarbeiter*in etc. Auftraggeber*in Steuerkreis Das agile Manifest Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln, indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen. Durch diese Tätigkeit haben wir diese Werte zu schätzen gelernt: Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge Funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation Zusammenarbeit mit dem Kunden mehr als Vertragsverhandlung Reagieren auf Veränderung mehr als das Befolgen eines Plans Das heißt, obwohl wir die Werte auf der rechten Seite wichtig finden, schätzen wir die Werte auf der linken Seite höher ein. Manifest für Agile Softwarentwicklung (agilemanifesto.org) ““ “ “ 124 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="125"?> Die Scrum Masterin sorgt dafür, dass Scrum richtig umgesetzt wird, unterstützt bei der Organisation und räumt Hindernisse aus dem Weg, damit das Entwicklungsteam effizient arbeiten kann. Scrum Entwickler*innen Der zentrale Bestandteil von Scrum ist ein kleines Team von Menschen, ein Scrum Team. Das Team besteht aus einem*r Scrum Master*in, einem*r Product Owner*in und Entwickler*innen. Innerhalb eines Scrum Teams gibt es keine Hierarchien. Ein Scrum Team hat keinen Projektleiter der Anweisungen gibt, denn das ganze Team ist verantwortlich das Ziel zu erreichen Der Product Owner verantwortet das Backlog. Er bildet die Schnittstelle zwischen Stakeholdern und Entwicklern und priorisiert die Arbeit, um das Ziel, den Kundenwunsch zu erfüllen, zu erreichen. Das Entwicklerteam verrichtet die eigentliche Arbeit. Dabei ist “Entwickler” nicht wörtlich zu nehmen. Das Team kann sich aus verschiedenen Experten zusammensetzen. Autonome Organisation Matrixorganisation Einflussorganisation Befugnisse Projektleitung alleinige fachliche und disziplinarische Verantwortung fachliche Verantwortung Koordination, Planung, Beratung, Entscheidungsempfehlungen Pro eindeutige Befugnisse und Verantwortlichkeiten, einfache Kommunikationswege flexibler Einsatz von Ressourcen, abteilungsübergreifende Projekte keine organisatorischen Änderungen notwendig, freie Ressourcenverteilung Kontra Know-how-Abfluss, Konfliktpotenzial bei Wiedereingliederung in die Linie nach Projektende Konflikte zwischen Projektleitung und Linienführungskraft möglich aufwändige Koordination Anwendung große und terminkritische Projekte mittlere bis große Projekte kleine und unkritische oder strategische, abteilungsübergreifende Projekte Projektorganisation Wer kann uns das Wasser reichen? 125 <?page no="126"?> Konflikteskalation nach Friedrich Glasl 1. Verhärtung Erste Spannungen sind spürbar und verschiedene Meinungen treffen aufeinander. 2. Polarisation und Debatte Meinungsverschiedenheiten verstärken sich und man versucht, den anderen unter Druck zu setzen. 3. Taten statt Worte Der Druck wird erhöht und Gespräche werden frustriert und ohne Ergebnis abgebrochen. 4. Sorge um Image und Koalition Ab hier kann es nur noch einen Gewinner geben. Man sucht Verbündete und bildet Parteien. 5. Gesichtsverlust Die gegenseitigen Angriffe sind persönlich und man versucht, den Gegner bloßzustellen. 5. Gesichtsverlust Die gegenseitigen Angriffe sind persönlich und man versucht, den Gegner bloßzustellen. Magisches Dreieck im klassischen Projektmanagement Der Erfolg bzw. die Erreichung der Ziele eines Projekts hängen von den Faktoren Leistung (Qualität), den Terminzielen und den zur Verfügung stehenden Ressourcen ab. Verändert man einen dieser Faktoren, indem man zum Beispiel das Budget kürzt, hat dies Auswirkungen auf die anderen. In diesem Beispiel ist dann vermutlich der Endtermin nicht mehr zu halten. Leistung Kosten Termin Klassisches Projektmanagement 126 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="127"?> Projektcontrolling Projektcontrolling ist eine Disziplin des Projektmanagements. Das Controlling wird aktiv, wenn es darum geht, zu analysieren, ob das Projekt wie geplant verläuft oder ob es Abweichungen gibt, die transparent zu machen sind. Dafür ist eine kontinuierliche Kostensteuerung ausschlaggebend. Basierend auf der Analyse werden steuernde Maßnahmen ergriffen, um das Projekt, wenn nötig, wieder auf Kurs zu bringen. Mögliche Maßnahmen sind Veränderungen in den Prozessen, den Finanz- oder Personalressourcen oder Prioritäten. Dem Controlling obliegt die Berichterstattung gegenüber dem Management zur Einhaltung der finanziellen Ziele. Magisches Dreieck im agilen Projektmanagement Im agilen Projektmanagement arbeitet man unter der Prämisse, dass die Kosten und Termine feststehen und man mit diesen verfügbaren Parametern ein variables Ziel, eine veränderliche Leistung, erreicht. Leistung Kosten Termin Kosten Termin Leistung Klassisches Projektmanagement Agiles Projektmanagement = veränderlich = festgelegt Wer kann uns das Wasser reichen? 127 <?page no="128"?> Finanzmittelbedarf Der Finanzmittelbedarf eines Projektes wird zu Beginn geschätzt und bei komplexen und langlaufenden Projekten mit Fortschritt des Projektes weiter präzisiert. Dabei empfiehlt es sich, im Unternehmen einer festgelegten Struktur zu folgen, um die Projekte für Entscheidungsträger*innen vergleichbar zu machen. Zu den einzelnen Kostenkategorien gehören z. B. die Projektkosten, die sich aus Fremd- und Eigenleistung zusammensetzen, Unschärfen wie Preisveränderungen und das Risikobudget. Mittelabflussplanung Kostensummenlinie = kumulierte Kosten Kostenganglinie = Kostenentwicklung über den Zeitverlauf Zeit Kosten Eine Mittelabflussplanung ist im Projektcontrolling wichtig, um den finanziellen Bedarf zeitgerecht zu steuern, Liquiditätsengpässe zu vermeiden und Budgets zu überwachen. 128 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="129"?> Forecast Der Projektforecast ist eine Prognose, wie sich das Projekt in der Zukunft entwickeln wird. Beim Forecast wird zu mehreren Zeitpunkten im Jahr, beispielsweise quartalsweise, auf Basis der bereits angefallenen Ist-Kosten und der noch zu erwartenden Kosten, eine Abschätzung abgegeben, wie viele Kosten im aktuellen Jahr noch im Rahmen des Projektes anfallen. Dies ist wichtig, da das Unternehmen diese Finanzmittel bereitstellen muss. Zielfunktionen Warum ist es wichtig, sich Ziele zu setzen? 1 3 5 2 4 Selektion, Auswahl von Alternativen Koordination des Projektes mit seiner Umgebung Orientierung Verbindung des Teams Kontrolle, als Messkriterium Wer kann uns das Wasser reichen? 129 <?page no="130"?> Projekttitel Projektziele Budget Projektleiter*in und Teammitglieder wichtige Meilensteine Risiken und Chancen Start- und Enddatum Abhängigkeiten zu anderen Projekten Stakeholder Beschreibung Project Canvas (Projektsteckbrief) Konflikteskalation nach Friedrich Glasl 1. Verhärtung Erste Spannungen sind spürbar und verschiedene Meinungen treffen aufeinander. 2. Polarisation und Debatte Meinungsverschiedenheiten verstärken sich und man versucht, den anderen unter Druck zu setzen. 3. Taten statt Worte Der Druck wird erhöht und Gespräche werden frustriert und ohne Ergebnis abgebrochen. 4. Sorge um Image und Koalition Ab hier kann es nur noch einen Gewinner geben. Man sucht Verbündete und bildet Parteien. 5. Gesichtsverlust Die gegenseitigen Angriffe sind persönlich und man versucht, den Gegner bloßzustellen. 130 Wer kann uns das Wasser reichen? <?page no="131"?> Teamphasen nach Tuckman 1 Forming In der Orientierungphase formt sich das Team. Aufgaben und Rollen sind noch unklar und die Produktivität ist gering. Das Team braucht jetzt einen Leiter, der für Sicherheit und Orientierung sorgt. Adjourning Das Projekt nähert sich dem Ende und das Team löst sich wieder auf. Performing Wenn das Team eingespielt ist, kann es nun Hochleistungen erbringen. Man kann effizient Ziele erreichen. Storming Während die Rollen verteilt werden, kommt es zu Konkurrenz und Problemen auf persönlicher Ebene. Wenn das Team es schafft, Disziplin zu etablieren, kann es in die nächste Phase eintreten. 2 Norming In der Orientierungsphase werden Regeln und Prozesse etabliert. Man stellt sich auf gemeinsame Ziele ein und kann durch konstruktive Kommunikation Probleme lösen. 3 4 5 Adjourning Das Projekt nähert sich dem Ende und das Team löst sich wieder auf. 5 Wer kann uns das Wasser reichen? 131 <?page no="133"?> Auf den Busch klopfen Am nächsten Morgen wachte Linda als Letzte auf. Als sie sich umschaute, stellte sie fest, dass alle anderen beschäftigt waren - mit Essen! Schlagartig war sie wach. Was war das und woher kam es? „Schau mal, ist das nicht toll? Frank ist heute Morgen ganz früh losge‐ gangen und hat Blaubeeren für alle gepflückt! “ Offensichtich hatte Frank in Victoria jetzt einen Fan gefunden. Ihre Bewunderung nervte zwar, aber die Blaubeeren wollte Linda sich auch nicht entgehen lassen und griff zu. Sie schmeckten etwas säuerlicher als die, die sie von zuhause kannte und sie waren kleiner, aber das stellte Linda erst fest, nachdem sie die zweite Handvoll verschlungen hatte. „Ich habe auf dem Spaziergang gestern auch noch aus der Ferne eine große Fläche mit Getreide gesehen. Ich glaube, es ist dasselbe, von dem du auch schon mal ein paar Halme gefunden hast, Leon. Lasst uns da später hingehen und was ernten, das können wir dann mit Steinen mahlen und Brot daraus backen am Feuer. Das habe ich mal in einer Doku gesehen, ich zeige euch, wie es geht.“ Linda staunte nicht schlecht. Vor allem, weil sie jetzt erst sah, dass es zusätzlich zu den Blaubeeren auch noch Papaya gab. Tom schnitt gerade eine in Stücke und reichte ihr eines. Dieser überraschende Reichtum war ja wundervoll. Womit hatten sie das nur verdient? Kurze Zeit später brachen die Männer auf, um das Getreide zu pflücken. Linda und Victoria blieben zurück und Linda beschloss, die schwangere Victoria zu schonen. Sie zog alleine los, um nach geeigneten Steinen zum Mahlen des Getreides zu suchen und wurde erfreulicherweise auch schnell fündig. Unter einiger Kraftanstrengung und mit vielen Pausen schaffte sie es, mehrere flache Steine zum Lager zu schleppen. So konnten sie gleichzeitig an mehreren Stationen das Getreide mahlen. Denn für so viele Menschen brauchte man bestimmt viel Getreide, um Brot zu backen, so dass alle endlich richtig satt wurden. Als sie das erste Mal von einer Tour zurückkam, sah sie, dass schon ein Haufen Getreide auf dem Boden lag. Beim zweiten Mal traf sie sogar Frank und Jonas, die gerade eine Fuhre ablieferten. Sie waren aber so ins Gespräch vertieft, dass Linda auch schnell wieder loszog. Als sie das nächste Mal wiederkam, stellte sie fest, dass Victoria schon emsig dabei war, die <?page no="134"?> Getreidekörner aus den Ähren zu lösen. Da sprach Frank sie an: „Komm, lass uns mal eine kleine Pause zusammen einlegen und ein paar Schritte gehen.“ Interessant, bisher hatte sie keine Zeit mit Frank alleine verbracht. Was er wohl wollte? „Wie du weißt, liegt mir ja sehr viel an mitarbeiterbezogener Führung, deswegen ist es mir wichtig, euch alle zu empowern und euch auf eurem Weg als Coach und Mentor zur Seite zu stehen.“ Erwartungsvoll schaute er sie an. Hatte er eine Frage gestellt? Zögerlich nickte sie. „Ich sehe das so“, fuhr Frank fort, „du bist eine wertvolle Projektmitarbei‐ terin und zeigst dich sensitiv für Probleme. Soll heißen, du siehst, wo Arbeit ansteht, und du bringst dich mit Ideen zur Lösung ein. Deine Neugierde ermöglicht es dir, wenn nötig, einen Perspektivwechsel zu vollziehen und du kannst auch die Meinungen anderer konstruktiv mit einbeziehen, ohne sofort zu werten.“ Linda folgte seinen Ausführungen und bemühte sich gleichzeitig, nicht über eine Wurzel zu stolpern, wenn sie Frank anschaute, um aktives Zuhören zu signalisieren. Was war das hier? Ein Mitarbeitergespräch? „Woran du allerdings noch arbeiten könntest, wäre deine Risikobereit‐ schaft. Du bist sehr zurückhaltend. Das macht dich sympathisch. Das ist übrigens das 360-Grad-Feedback, das ich von den anderen über dich eingeholt habe, aber meiner Einschätzung nach, machst du es denen eben auch zu leicht, weil du deine Meinung nie vehement verteidigst. Du gibst immer schnell nach und unterstützt die Ideen der anderen, obwohl deine teilweise besser sind.“ Das war in der Tat ein Mitarbeitergespräch! Zuerst hatte Linda in sich hinein lächeln müssen, als sie sich von außen beobachtete, wie sie hier mit ihrem Chef durch den Dschungel stapfte und sich sein Feedback anhörte. Aber was er sagte, war nicht unbedingt leicht. Fiel es so auf, dass sie zurückhaltend war? Fiel es negativ auf? Sie hatte immer gedacht, dass die anderen sich freuten, wenn sie sie unterstützte und nicht so viel Aufhebens um ihre eigene Person machte. Das taten andere schon genug. Es konnte doch nicht jeder an vorderster Front stehen. Aber wenn es so gesehen wurde, dass sie nur ein leichtes Opfer und fleißiges Arbeitsbienchen war, dem man dadurch die unangenehmen Aufgaben zuschustern konnte, dann war daran nichts Vorteilhaftes. Dann war das, was sie hier hörte, im Grunde genommen einfach beschämend. „Jetzt schau nicht so traurig! Ich habe dir doch am Anfang ganz viel Positives gesagt und das ist eben dein Entwicklungspotenzial. Und dass du dich entwickeln kannst, das hast du doch schon bewiesen. Schau dir mal 134 Auf den Busch klopfen <?page no="135"?> an, was du in der kurzen Zeit bei uns gelernt hast. Hut ab davor, das macht dir nicht jeder nach. Geh genau in diese Richtung weiter. Du bist eine gute Zuhörerin und lernst schnell. Trau dich ein bisschen mehr und dann wirst du schon sehen, dass du bald ein vollwertiges Projektmitglied bist.“ Da hatte er ihr doch glatt zwischen zwei Palmen einen kompletten Feedback-Burger serviert. „Weißt du, ich müsste das wahrscheinlich öfter machen, mit diesen Mitarbeitergesprächen. Ich sehe ja, dass ihr das braucht. Aber ich habe da bei mir eben auch noch ein Lernfeld. Ich bin der ergebnisorientierte Typ. Ich fokussiere mich auf Schlüsselziele, handle unternehmerisch und problemlösungsorientiert. Da darf ich ruhig noch ein bisschen öfter die Soft Skills rausholen“. Sein Lachen dröhnte in Lindas Ohren. Sie waren wieder zurück an der Feuerstelle angekommen. Frank wischte sich die Hände ab, als hätte er sie gerade bei der Arbeit schmutzig gemacht und wäre nun mit seinem Werk zufrieden. Er winkte Linda zum Abschied fröhlich zu und bog ohne ein weiteres Wort ab. Linda schüttelte perplex den Kopf. Er hatte sie mit einem Schlag in die vierte Klasse zurückversetzt. Sie hatte in der Schule immer sehr gute schriftliche Noten gehabt. Etwas auswendig zu lernen, fiel ihr leicht und sie hinterfragte die Dinge. Einen Abzug gab es immer in der mündlichen Note. Doch Linda hatte einfach wenig Bedürfnis ihre Gedanken mit anderen zu teilen. Was sollte das auch besser machen? Am Abend saßen sie zusammen am Feuer und um sie herum lag alles vorbereitet für den nächsten Tag, um Mehl zu mahlen und Brot zu backen. Tom ergriff das Wort: „Morgen hat Linda Geburtstag. Da fände ich es toll, wenn wir ein bisschen feiern.“ „Wie sollen wir denn feiern unter diesen Umständen? “, fragte Jonas. „Ich weiß noch nicht genau, aber wir könnten uns doch morgen Abend wieder hier treffen und jeder überlegt sich bis dahin etwas Nettes, was uns allen trotz dieser widrigen Umstände eine Freude macht.“ Linda lächelte. „Eine ausgezeichnete Idee, lasst uns das machen.“ Victoria stimmte zu und auch die anderen nickten. Wissen | 360-Grad-Feedback - Feedback-Burger Konstruktives, wertschätzendes Feedback, kann einer Person helfen, sich zu verbessern und die eigenen Stärken weiterzuentwickeln. Dies Auf den Busch klopfen 135 <?page no="136"?> ist der Fall, wenn das Feedback sachlich und respektvoll, in einer angemessenen Situation und zielorientiert überbracht wird. Sachlichkeit bedeutet dabei, konkrete Beschreibungen, anstatt allgemeiner Urteile. Dabei darf Feedback sowohl positiv als auch negativ ausfallen. Lob auf der anderen Seite ist die Anerkennung einer vergangenen Leistung. Es drückt Wertschätzung aus, ist aber weniger spezifisch und auf die Zukunft ausgerichtet. 360-Grad-Feedback Das 360-Grad-Feedback dient der Beurteilung von Mitarbeitenden. Dazu wird ein Rundumblick auf die Leistung und das Verhalten der Person von verschiedenen Kolleg*innen, Geschäftspartner*innen und Führungskräften eingeholt. 360 ° Feedback- Empfänger*in Feedback-Burger Der Feedbackburger wird in 3 Schritten zusammengesetzt: 1. Als Erstes startet die Führungskraft mit der unteren Brötchenhälfte: einem Lob oder Kompliment als „gute Basis“ für das Gespräch und einen sanften Einstieg. 2. Dann kommt das Herzstück, das Fleisch: die negative Kritik. 3. Diese wird abgeschwächt mit einem „Aber“, welches zum Abschluss, der zweiten Brötchenhälfte, einem hinterhergeschobenen weiteren Lob, überleitet. Einen Feedbackburger zu servieren, zeugt von schlechtem Stil. Gute Führungskräfte geben Feedback, so dass der Empfänger auch etwas damit anfangen kann: konkret, konstruktiv und direkt. 136 Auf den Busch klopfen <?page no="137"?> Sand im Getriebe „Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber das macht fast Spaß hier“, sagte Leon. „Da fallen mir auf Anhieb achtzehn lustigere Dinge ein“, antwortete Jonas. „Ich meine ja nur, dass wir uns inzwischen gut zusammengerauft haben, und wenn wir hier am Feuer sitzen, satt und sitt, dann vergesse ich ab und zu fast unsere Situation“, erwiderte Leon. Für ihre Verhältnisse hier war es wirklich ein Festessen geworden. Sie hatten den ganzen Tag gearbeitet, jeder und jede hatte sich eingebracht und so saßen sie nun abends zusammen und konnten ihr Glück kaum fassen. Zu den üblichen Kokosnüssen gab es Ananas und das „Brot“, das sie aus dem grob gemahlenen Getreide gebacken hatten. Es war zwar trocken und steinhart, aber bestrichen mit einer „Marmelade“ aus Blaubeermus konnte man es essen. Dazu gab es geröstete Kerne, die an Pinienkerne erinnerten, und Frank hatte es geschafft, mehrere Fische zu angeln. „So gefallt ihr mir schon viel besser. In den ersten Tagen war ich überrascht, wie kopflos alle rumgerannt sind, aber inzwischen haben wir uns gefangen. Das ist mein Team, wie ich es kenne! “, sagte Frank nicht ohne Stolz. „Ich kann trotzdem nicht aufhören, mich zu fragen, warum wir hier sind. Damit meine ich nicht die logische Erklärung, ob Matthew und John einen Unfall hatten oder was passiert sein könnte, sondern auch auf höherer Ebene. Wisst ihr, was ich meine? Irgendwas haben wir in unserem früheren Leben falsch gemacht, für das uns das Schicksal jetzt bestraft“, sagte Jonas nachdenklich. „Ja, unsere Karma-Bilanz muss ziemlich scheiße sein“, bestätigte Leon. Victoria spann den Faden weiter. „Auf der anderen Seite können wir Pluspunkte sammeln. Wenn wir das hier überleben, dann denkt sich da oben bestimmt jemand ‚Die haben genug durchgestanden, die strafen wir jetzt nicht auch noch mit Krebs oder Ähnlichem‘.“ „Stimmt, oder wir können ‚Lessons learned‘ mitnehmen, von denen wir den Rest unseres Lebens profitieren“, ergänzte Linda. „Ja, und wir geben unsere errungene Weisheit an andere weiter. Ich glaube, im nächsten Leben werde ich Personal Coach. Da findet sich bestimmt jemand, der sich meine Story anhört“, sagte Leon grinsend. <?page no="138"?> „Was sind denn eure wahnsinnig wertvollen Erkenntnisse, die ihr weiter‐ verkaufen wollt? “, fragte Jonas. „Das besprechen wir, wenn wir wieder zuhause sind in der ‚Projekt-Re‐ trospektive‘, sagte Frank mit einem Lächeln. „Ich finde, da müssen wir gar nicht warten, bis wir zuhause sind. Für mich ist das Glas halb voll, auch hier. Schaut mal, was wir hier schon erreicht haben. Ich hätte vorher nicht gedacht, dass ich es schaffe, in einem Dschun‐ gel ohne Infrastruktur, ohne Essen und fließendes Wasser zu überleben. Wir haben uns eine Unterkunft gebaut, wir haben Nahrung organisiert, aus unseren Fehlern vom Anfang gelernt und wenn kein unvorhergesehener Zwischenfall passiert, dann wüsste ich nicht, warum wir das nicht überleben sollten, auch wenn es noch etwas dauert, bis Hilfe kommt.“ Leon war heute wohl mit dem richtigen Bein zuerst aufgestanden. „Darüber hinaus haben wir uns als Team ganz neu kennen gelernt. Wenn man mal aufeinander angewiesen ist, dann arbeitet man viel vertrauensvol‐ ler zusammen. Ich glaube, wenn wir wieder zuhause sind, kann uns nichts mehr stoppen“, ergänzte Victoria. „Genau diese Erkenntnis sollten wir weitergeben, meint ihr nicht? “, fragte Frank. „Wie denn? Daraus ein Geschäftsmodell entwickeln? “, fragte Tom. „Ja, lasst uns doch mal ein ‚Business Model Canvas‘ durchgehen. Was wäre denn unsere Value Proposition? “, lachte Victoria. „Unsere Kunden könnten Unternehmen aller Art sein, die ihren Mitarbei‐ tern Teambuilding-Maßnahmen zukommen lassen wollen. Wir organisieren die Trips und versprechen, dass sie hinterher wie neu geboren zurückkom‐ men“, tönte Leon. Der Vorschlag sorgte für Gelächter. „Einer von uns ist als Coach mit dabei und schaut, dass sie sich nicht gegenseitig an die Gurgel gehen“, schlug Tom vor. „Unsere Key Activities sind dann Workshops wie ‚Vom Strohfeuer zum Lagerfeuer - Nachhaltige Mitarbeiterführung‘.“ Die anderen brachen in schallendes Gelächter aus. „Was haltet ihr von ‚Auf den Busch geklopft - Lernen Sie Ihr Team richtig kennen‘“, sagte Jonas. „Das ist der Hammer! Ich habe auch noch einen: ‚Kampf gegen die Buschtrommeln - Offene Kommunikation, statt Gerüchteküche‘“, sagte Victoria. „Vor Ort brauchen wir Key Partner, die für die Grundversorgung und medizinische Notfälle da sind“, warf Linda ein. 138 Sand im Getriebe <?page no="139"?> Auch Jonas schien langsam Gefallen an der Sache zu finden. „Wir könnten Pakete für unterschiedliche Customer Segments anbieten. Vom eintägigen Workshop im Bayerischen Wald bis zum Survival-Trip in Australien, der eine Woche dauert.“ „Leute, ich liebe euch! Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie ich mich freue, dass ihr diese Ideen entwickelt und, dass ihr so positiv seid.“ Frank nahm einen tiefen Atemzug und hörte beim Ausatmen nicht auf zu nicken. „Es läuft hier alles besser als geplant und als ich zu hoffen gewagt habe.“ „Wie meinst du das? “, fragte Jonas. „Eigentlich wollte ich es euch erst in zwei Tagen sagen, aber euch kann man nicht für dumm verkaufen, dafür habe ich viel zu viel Respekt vor euch. Es ist erstaunlich, wie sehr ihr euch weiterentwickelt habt in den letzten Tagen und damit meine ich jeden Einzelnen von euch.“ Frank zeigte mit seinem Finger nacheinander auf jeden von ihnen. Linda runzelte die Stirn. Wovon redete Frank? Die fragenden Gesichter ihrer Kollegen zeigten ihr, dass sie nicht die Einzige war, die verwirrt war. Jonas holte Luft, um etwas zu sagen, doch Frank schnitt ihm sofort das Wort ab. Sein Redefluss war nicht zu stoppen. „Am Anfang musste ich euch alles vorkauen. Hätte ich nicht eingegriffen und Aufgaben verteilt, dann wäre unser Projekt in die Binsen gegangen. Aber eure Entwicklung zu beobachten, stimmt mich positiv. Euer Reifegrad ist quasi dem Lehrbuch entsprechend gewachsen. So konnte ich meinen Führungsstil situativ anpassen. Am Anfang wart ihr ganz und gar hilflos. Da musste ich Aufgaben verteilen, als hätte ich es mit Grundschülern zu tun. Aber als ihr mit meiner Hilfe eure anfängliche Ohnmacht überwunden hattet, wart ihr viel motivierter und engagierter bei der Sache. Man musste euch zwar die Sache noch ‚verkaufen‘ und den Weg aufzeigen, aber ihr habt schon eine gewisse Eigeninitiative gezeigt. Jetzt schaut uns heute an, wir sitzen hier und diskutieren unser Business Model. Für so tolle Mitarbeiter würden mich andere beneiden. Ihr seid kompetent und schon viel weniger verunsichert als noch zu Anfang. Ganz offen und auf Augenhöhe können wir miteinander arbeiten und der nächste Schritt rückt näher. Dann kommt ihr zu mir auf die andere Seite und könnt euer Wissen an andere weitergeben. Anschließend kann ich mit gutem Gewissen delegieren und mich ganz auf euch verlassen.“ „Wovon zur Hölle redest du? “ Jonas kniff die Augen zusammen. Sand im Getriebe 139 <?page no="140"?> Frank war jetzt so richtig in Fahrt. „Wovon ich rede? Von uns natürlich! Von unserer Firma und unserem Erfolg. Das wird super werden, ich bin davon hundertprozentig überzeugt.“ „Willst du damit sagen, dass du dieses Business Model wirklich verkaufen willst? Das, was wir uns gerade zum Spaß ausgedacht haben? “ Fassungslos starrte Jonas Frank an. „Nicht zum Spaß! Verstehst du nicht, wie brillant das ist? Das gibt es so noch nicht auf dem Markt und ihr seid der Beweis dafür, dass es funktioniert.“ „Falls wir hier wieder rauskommen, dann ist mir alles recht, dann mache ich auch bei dieser lächerlichen Idee mit“, sagte Leon. Die anderen tauschten Blicke aus. „Ich glaube, der Knackpunkt ist nicht, falls wir hier rauskommen, sondern nur noch wann, richtig, Frank? “ Tom sah ihn kalt an. „Na klar kommen wir hier raus. Jetzt, wo wir unsere gemeinsame Vision haben, ist es ja nicht nötig, noch länger auf dem Boden zu schlafen.“ Frank warf lachend den Kopf in den Nacken. Linda traute ihren Ohren nicht. Zwischen ihren Augenbrauen bildete sich eine tiefe Falte. Leon war aufgestanden und sein Atem ging schwer. „Sprich es aus“, sagte er mit monotoner Stimme und machte einen Schritt auf Frank zu. Frank schaute ihn überrascht an und stand auch auf. „Ich will, dass du es aussprichst. Erklär uns, was das hier ist“, beharrte Leon. „Sag bloß, du bist wütend. Das kann ich jetzt nicht glauben. Willst du etwa sagen, dass es keine gute Idee ist? Was meint ihr denn? “ Frank blickte hektisch von einem zum anderen. „Ich meine, dass das eine krasse Nummer ist, die du hier mit uns abziehst“, schaltete sich jetzt auch Tom ein. „Ich sage es jetzt zum letzten Mal. Sprich es aus. Was machst du hier mit uns? “ Leon war inzwischen außer sich. „Bitte, wenn dir das weiterhilft: Das ist ein Workshop. Ich hatte eine Businessidee und habe sie verprobt. Das Experiment war erfolgreich, ihr könnt euch also beruhigen und euch darauf freuen, dass wir bald sehr erfolgreich genau diese Workshops verkaufen. Keine Sorge, ich beteilige euch am Erfolg. Darum geht es mir doch. Wir alle werden profitieren, ich will das nicht für mich allein beanspruchen. Wir setzen das als Team um und ich verspreche euch, jeder bekommt sein Stück vom Kuchen ab.“ In Lindas Ohren wurde das Surren lauter. Sie standen nun alle in einem engen Kreis um Frank. Leon baute sich bedrohlich vor Frank auf. „Du hast 140 Sand im Getriebe <?page no="141"?> ein Menschenexperiment mit uns gemacht und uns gegen unseren Willen hierher verschleppt? “, rief er. „Bist du gestört, Frank? Ich bin schwanger mit unserem Kind und du lässt zu, dass ich in diesem lebensgefährlichen Dschungel bleibe? “, schrie Victoria. „Ich habe sofort, als ich von deiner Schwangerschaft erfahren habe, dafür gesorgt, dass du ausreichend Nahrung bekommst. Ich hätte niemals zugelassen, dass dir etwas passiert.“ „Das hättest du nicht zugelassen? “, schnaubte Victoria. „Warum hast du zugelassen, dass Leon fast im Fluss ertrinkt? Wie hattest du vor das zu verhindern? “ Frank wich mehrere Schritte zurück. Jonas kickte mit dem Fuß gegen eine am Boden stehende Kiste und schrie: „Ich will hier sofort raus. Sofort. Wenn das hier organisiert war, dann gehst du jetzt sofort Hilfe holen und brichst diese perverse Scheiße ab! “ „Ich verstehe nicht, warum ihr euch so aufregt, euch geht es doch gut. Von diesem Erlebnis werdet ihr noch euren Enkeln erzählen.“ Er lachte nervös. „Ich … Ich wollte doch nur mal ein bisschen Sand ins Getriebe streuen … und so ein Gruppenerlebnis ist wahnsinnig viel Wert. Wenn man ein Team bilden will, dann reicht es nicht, wenn jeder seine eigene Arbeit macht und man sich zwei Stunden die Woche davon in einem Jour fixe erzählt. Ab und zu macht man mal die Urlaubsvertretung für einen Kollegen und dann zieht sich jeder wieder hinter seinen Computer ins Homeoffice zurück? Das kann man schon machen, aber damit erreicht man eben nur durchschnittliche Ergebnisse. Außerdem, findet ihr nicht auch, dass das schrecklich langweilig ist? So ein Durchschnittsarbeitsleben? Damit bleibt man niemandem in Erinnerung. Arbeit, Rente, Tod? ! Nein danke! “ Langsam verfestigte sich Franks Stimme wieder. „Damit kann ich mich nicht zufriedengeben und ich weiß, dass ihr das auch nicht wollt. Dann hat man am Ende nichts Großes geleistet, aber trotzdem im Hamsterrad seine Stunden abgearbeitet.“ Leon lachte hysterisch auf, doch das schien Frank nur weiter zu beflügeln. Linda wünschte, jemand würde ihn stoppen. Gleichzeitig starrte sie ihn fasziniert an. Frank redete wie in einem Fiebertraum. „Wieviel Zeit ist das denn wert? Vierzig Stunden die Woche? Oder fünfzig oder sechzig? Reicht es, wenn man die Miete bezahlen kann und ein paarmal im Jahr in den Urlaub fährt? Und was macht man mit der restlichen Zeit? Freitagabends zu müde, um sich von der Couch hochzuhieven, am Samstag, nachdem der Haushalt erledigt ist, Fußball schauen und abends ein paar Bier zu viel trinken.“ Frank zog angewidert den Mundwinkel hoch. „Das habe Sand im Getriebe 141 <?page no="142"?> ich jahrelang gemacht und was habe ich jetzt davon? Meine Frau ist weg, die Kinder sehe ich alle zwei Wochen und wir haben uns kaum etwas zu sagen. Der Durchschnittsdeutsche hat 3,7 Freunde. Mit denen bildet man dann eine Leidensgemeinschaft und bestätigt sich gegenseitig darin, dass man schon alles richtig macht. ‚Hilft ja nichts, oder? ‘, ‚Was muss, das muss‘ und so weiter … Was müsste passieren, dass man glücklicher wird? Laut Studien ist man sich einig, dass man ab einem Gehalt von 60.000 Euro pro Jahr eine Schwelle erreicht hat, ab der mehr Geld nicht glücklicher macht. Das verdient ihr selbst alle mehr oder weniger und auch die meisten unserer Kunden haben diese Grenze überschritten.“ Er stieß mit seinem Zeigefinger in die Luft. „Trotzdem gibt man sich nicht zufrieden und versucht immer mehr zu erreichen. Höher, schneller, weiter. Mein Haus, mein Boot, mein Auto. Aber das reicht nicht. Ihr kennt alle Maslows Bedürfnispyramide. Die Basis bilden die Grundbedürfnisse, wie Essen und Schlafen. Danach kommt das Bedürfnis nach Sicherheit, einem Dach über dem Kopf, Arbeit und ein geregeltes Einkommen. Darüber stehen soziale Bedürfnisse wie der Partner, Freunde und Liebe. Ich behaupte, dass diese Stufen die meisten Menschen in Deutschland erfüllt haben. Unser Sozialsystem macht es möglich, und wenn man die Grundlage quasi geschenkt bekommt, dann kann man seine Energie in die Erfüllung der sozialen Bedürfnisse stecken. Darüber stehen die Individualbedürfnisse wie Anerkennung und Geltung. Das ist nicht ganz so einfach zu bekommen, aber die meisten haben in ihrer sozialen Blase die Anerkennung, die sie brauchen, um sich wie wer zu fühlen. Die größte Herausforderung ist die Spitze der Pyramide zu erklimmen, die Selbstverwirklichung. Das schafft man weder mit dem stinknormalen 40-Stunden-Bürojob noch mit der Mietswohnung, in der man sich mit den Kindern gegenseitig auf die Nerven geht. Das fordert ein bisschen mehr Engagement und davor schrecken die meisten zurück. Dafür müsste man nämlich ein Risiko eingehen, seinen sicher bezahlten Job kündigen, was Eigenes aufmachen, die langweilige Alte verlassen, mal was wagen. In der Theorie denkt man, man macht es oder ist auf dem besten Weg dahin. Diese ganzen Self-Help-Bücher sprechen Bände … Dann denkt man ‚Oh, was bin ich doch wieder achtsam‘ oder ‚Ach, wie stolz ich auf mich bin, ich habe mich nicht über Kollege XY aufgeregt, sondern ich ziehe mir ein Learning aus der Situation‘. Ich sage euch, das ist alles Bullshit. Alles nur Rechtfertigung dafür, ein langweiliger Mitläufer zu sein.“ Frank spuckte vor Eifer bei jedem Wort Speichel. 142 Sand im Getriebe <?page no="143"?> Victoria rümpfte angeekelt die Nase. „Frank, jetzt reiß dich mal zusam‐ men. Das kannst du doch nicht ernst meinen“, sagte sie mit bebender Stimme. „Ich weigere mich, dieses öde Schema abzuarbeiten - dieses Klischee zu bedienen. Ihr wollt doch auch mehr, oder? “ Er blickte von einem zum anderen, als würde er auf glühenden Kohlen sitzen. Sie standen alle ruhig da, wenngleich teils mit zornverzerrtem Gesicht. „Die Leute wollen endlich mal wieder was Echtes spüren. Nicht diesen weichgespülten Quatsch, der alles angleicht. Alles soll fair und ausgeglichen sein, gendergerecht, chancengleich … Jaja, von mir aus, aber woran merkt man denn dann noch, dass man Einfluss hat, dass man Dinge in die Hand nehmen und die Welt verändern kann? Dafür braucht man Biss und Durchsetzungsvermögen, Darwin, Gesetz des Stärkeren … Wenn man dann noch Menschen findet, mit denen man auf derselben Wellenlänge ist, dann gibt es kein Limit, dann kann man alles erreichen, was man will. Aus dem Normalo-Bürosesselpupser muss man das eben ein bisschen rauskitzeln. Wisst ihr, was ich meine? Mal die Komfortzone zu verlassen, das passiert nicht so ohne weiteres. An dem Punkt kommen wir ins Spiel. Wir schaffen die Umgebung dafür, den Nährboden für Kampfgeist und dafür Großes zu leisten. Wir triggern die Menschen und schweißen sie durch diese krasse Erfahrung richtig zusammen. Ihr werdet sehen, das passiert auch mit uns.“ Beschwörend hob er die Hände. „Oder glaubt ihr, dass wir nach diesem Erlebnis einfach so zum Alltag zurückkehren? Nein, wir sind die Extrameile gegangen, wir sind aus unserer Komfortzone sowas von rauskatapultiert worden - das hinterlässt blei‐ benden Wert. In den ersten Tagen, als wir hier waren, wart ihr komplett in der Angstzone verhaftet. Wenn wir erstmal alles aufgearbeitet haben - wow, so eine Wachstumszone habt ihr noch nie gesehen, das schwöre ich euch! Ihr werdet es gar nicht erwarten können, das an die Kunden weiterzugeben.“ Franks Kopf lief langsam rot an, so sehr ereiferte er sich. „Leute, wir werden berühmt! Stellt euch das doch mal vor“, er streckte seine Hände in die Luft, als würde er eine Zeitung halten, „die Schlagzeile im Managermagazin ‚Revolutionäres Teambuilding‘, wir expandieren ins Ausland, wir gehen an die Börse! “ Der letzte Satz brachte das Fass zum Überlaufen. Leon schrie: „Dein Größenwahn kennt keine Grenzen, oder? “ Auch Tom schüttelte mit dem Kopf. „Er ist vollkommen übergeschnappt.“ Sand im Getriebe 143 <?page no="144"?> „Ich kann das nicht mehr mitanhören“, Victoria wendete sich ab. Linda liefen stumm die Tränen die Wangen hinunter. Jetzt gab es auch für Jonas kein Halten mehr. Er ging mehrere schnelle Schritte auf Frank zu und stieß mit seinen Handflächen so hart auf Franks Brust, dass dieser nach hinten stolperte und auf dem Boden landete. Jonas ging wieder auf ihn zu und kickte mit dem Fuß gegen sein Schienbein. „Los steh auf “, schrie er ihn an. „Ich sage es nicht nochmal! Brich das hier sofort ab und lass uns abholen! “ Tom stand mit einem Schlag neben ihm und legte beschwichtigend seine Hand auf Jonas Arm. „Lass das! “, rief Jonas, „Ich will mich nicht beruhigen, ich finde, ihr seid alle viel zu ruhig. Der Typ ist ein kranker Irrer, ich verbringe keine Minute länger mit ihm.“ Er schüttelte Toms Hand ab. „Du solltest wirklich gehen“, sagte Tom zu Frank gewandt. Frank schaute verwirrt und verängstigt nach oben. Er krabbelte ein Stück auf dem Boden, verhakte sich in einem Busch und verlor nochmals das Gleichgewicht, als er gerade aufgestanden war. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Ohne sich umzudrehen, ging er langsam rückwärts und erst, als er einige Meter zwischen sich und Jonas gebracht hatte, drehte er sich um und hastete ins Dickicht. Linda zitterte am ganzen Körper. Sie konnte ihren Blick nicht fokussieren. Mit einem Mal spürte sie Toms Hände auf ihren Schultern. Er zog sie an sich und streichelte ihr über den Rücken. Niemand sprach. Jonas war Frank ein paar Schritte nachgegangen und schaute weiter stumm in die Richtung, in die er gelaufen war. Leon schrie mehrmals vor Wut und hackte mit einem Küchenmesser auf ein Stück Holz ein. Linda hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. Irgendwann fand sie sich auf dem Boden sitzend wieder. Sie spürte die Anspannung in den Knochen und versuchte ihren Nacken und Rücken zu lockern. Sie war wahnsinnig müde und schloss die Augen. Der Erste, der sprach, war Leon. „Was denkt ihr, wie lange er braucht? Müssen wir hier noch eine Nacht verbringen? “ Toms Antwort war entmutigend: „Ich fürchte, da kommen wir nicht drum herum. Wo auch immer er hingeht, er wird eine Weile laufen müssen. Die nähere Umgebung kennen wir ja und da ist niemand.“ „Du denkst, er holt jemanden, der sich hier auf der Insel befindet? “, fragte Linda. Sofort redeten alle durcheinander. „Was soll er sonst tun? “ 144 Sand im Getriebe <?page no="145"?> „Ich dachte, er hat hier vielleicht doch irgendwo ein Handy versteckt.“ „Stimmt, das könnte auch sein.“ „Verdammt“, schrie Jonas und kickte gegen eine Palme. „Wir hätten ihn nicht alleine weggehen lassen sollen.“ „Warum? Denkst du, er geht alleine nach Hause und lässt uns hier? “, fragte Linda. „Keine Ahnung, ich weiß gar nichts mehr. Nur, dass wir weiterhin keinerlei Kontrolle über die Situation haben. Er kann machen, was er will. Er hat die Macht.“ „Ich glaube, Jonas hat ihm genug Angst eingejagt, sodass er sich nichts mehr traut“, beschwichtigte Victoria. „Woher willst du das wissen? Steckst du mit ihm unter einer Decke? Du glaubst doch wohl nicht, dass wir gerade dir weiterhin vertrauen? Du bist nicht ehrlich. Du hast von Anfang an Essen versteckt. Sag endlich, was du weißt! “, schrie Leon sie an. Victoria ging in Verteidigungshaltung. „Ich weiß gar nichts, ich wurde genauso hinters Licht geführt wie ihr auch.“ „Lüg mich nicht an. Ihr seid ein Paar, da wird er dich ja wohl in seinen Plan eingeweiht haben.“ Victoria hob beide Hände. „Ich schwöre, ich wusste nichts davon. Bitte glaub mir, ich bin genauso überrascht wie ihr.“ Ihr Gesicht war angstverzerrt. Leon ging auf sie zu. „Sag endlich, was du weißt, du Lügnerin! Wohin ist er gegangen? Wann kommt er wieder? “ Victoria schüttelte nur noch mit dem Kopf. Leon baute sich bedrohlich vor ihr auf. Er beugte sich zu ihr herunter, sodass sein Gesicht nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt war. Victoria zog sich zurück, bemerkte dabei allerdings nicht den großen Ast, der hinter ihr lag. Mit verängstigtem Gesicht beugte sie ihren ganzen Körper zurück, um Abstand zwischen sich und Leon zu bringen. Plötzlich ließ er einen wütenden Schrei los. Victoria stolperte rückwärts und schlug der Länge nach hin. „Oh mein Gott“, schrie Jonas. Alle rannten zu Victoria, sie lag still da und bewegte sich nicht. Tom beugte sich über sie und tastete nach ihrem Puls. „Was ist? Atmet sie? “ Jonas Stimme überschlug sich. „Ich weiß nicht, seid mal still.“ Tom atmete tief durch und fühlte nochmal. Da breitete sich ein kleines Rinnsal Blut unter Victorias Kopf aus. Linda schlug die Hände vor den Mund. Auch Leon wurde leichenblass. Sand im Getriebe 145 <?page no="146"?> „Los, jemand muss sie wiederbeleben! “, schrie Jonas hysterisch und wollte sich gerade über den leblosen Körper beugen, da legte Tom warnend seine Hand auf Jonas Brust und schob ihn weg. „Warte, ich glaube, ich spüre einen Puls.“ „Wie kann das sein, schau doch, wie sie blutet, sie ist bestimmt tot.“ Jonas atmete viel zu schnell und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Doch, hier, fühl selbst“, sagte Tom. Zitternd legte Jonas zwei Finger auf Victorias Hals. Etwa eine Minute verging. Linda rann der Schweiß den Nacken hinunter. Leon sagte kein Wort. Unversehens dann die Erleichterung, als Jonas nickte. „Oh, Gott sei Dank“, wimmerte Linda. Tom beugte sich mit seiner Wange über Victorias Gesicht. Sie atmete, aber nur ganz flach. „Meinst du, wir sollten sie bewegen? “, fragte Jonas. „Ich habe keine Ahnung. Vielleicht machen wir es damit schlimmer, viel‐ leicht sollten wir uns aber auch um ihre Wunde am Hinterkopf kümmern. Kommt, pack mit an“, sagte Tom in Lindas Richtung. Als er sie direkt ansprach, konnte Linda sich aus ihrer inneren Fessel befreien. Tom hob Victoria hoch, Linda stützte ihren Kopf. Jonas machte Platz, damit sie sie flach auf den Boden neben der Hütte legen konnten. Linda holte eines ihrer Handtücher. Nachdem sie Victoria umplatziert hatten, wurde klar, dass sie mit dem Kopf auf einem Stein gelandet war. Die Wunde war nicht allzu groß, aber sie blutete. „Gut, leg das Handtuch unter ihren Kopf, hoffentlich stillt das die Blu‐ tung“, sagte Tom. Nachdem die bewusstlose Victoria versorgt war, saßen die verbliebenen Teammitglieder um das Feuer. Es herrschte Stille. Linda versuchte ihre Gedanken zu ordnen und zu überlegen, was sie tun sollte, aber es gelang ihr nicht. Sie fühlte sich zurückversetzt an die ersten Tage, als klar war, dass sie nicht von der Insel abgeholt werden würden. Eine Mischung aus Panik und Angststarre. Die augenscheinliche Situation war schlimmer. Sie hatten eine Verletzte und die Kluft zu Leon war entschieden größer als am Anfang. Er war schuld an dieser Situation. Er hatte Victoria das angetan. Ob bewusst oder nicht, spielte keine Rolle. Die Schwere von Victorias Verletzung ließ sich nicht abschätzen. Bisher hatte keiner das Wort an Leon gerichtet. Es war zu offensichtlich, was passiert war. Auch Leon selbst blieb still. Welche Rechtfertigung hätte 146 Sand im Getriebe <?page no="147"?> hier einen Sinn gehabt? Was hätte er sagen sollen? Vielleicht war seine Angst, was mit Victoria geschehen würde, noch größer als die der anderen. Leon hatte sich bereit erklärt, die erste Nachtschicht zu übernehmen, um Victoria zu betreuen. Irgendwann schlief Linda ein, doch von Alpträumen geplagt, schreckte sie immer wieder hoch. Wissen | Lessons learned - Retrospektive - Business Model Canvas - Situative Führung - Bedürfnispyramide nach Maslow - Komfortzonenmodell Lessons learned und Retrospektive haben beide zum Ziel, die Erfah‐ rungen, die man im Projekt gemacht hat, zu reflektieren und daraus Maßnahmen zur Verbesserung zu generieren. Man fragt sich, was gut und was nicht gut lief und was man beim nächsten Mal anders oder besser machen will. Die Unterschiede zwischen beiden Formaten liegen darin, dass die Retrospektive ein Meeting im Rahmen von Scrum ist, das nach jedem Sprint stattfindet. Man identifiziert im Scrumteam Verbesserungspo‐ tenzial für den nächsten Sprint. Lessons learned wird in klassischen Projekten angewendet um, meist am Ende des Projektes, übergreifendes Lernen für die gesamte Organisation zu generieren. Es spricht nichts dagegen, auch beides ergänzend anzuwenden. So können Retrospekti‐ ven Input für Lessons learned liefern. Situative Führung ist die Kunst, auf Mitarbeitende individuell einzu‐ gehen und ihr Leistungsvermögen, gemessen an ihrem Reifegrad, zu fördern. Eine gute Führungskraft berücksichtigt dabei die Bedürfnisse der Mitarbeitenden und auch die Einschätzung, welche Tätigkeiten eine Herausforderung und ein Verlassen der Komfortzone bedeuten und welche nicht. Sand im Getriebe 147 <?page no="148"?> Lessons Learned - Wissensmanagement Lessons learned sind gewonnene Erkenntnisse aus dem Projekt. Sie schriftlich festzuhalten hilft, um sich klarzumachen, was man in späteren Projekten wiederholen möchte, weil es positiv war, oder was man anders machen möchte, um Fehler nicht zu wiederholen. Lessons learned dienen sowohl dem Projektteam selbst für die zukünftige Arbeit sowie Kolleginnen und Kollegen, die in vergleichbaren Projekten arbeiten. Die Lessons learned kann man aus der gesamten Projektarbeit ziehen, beispielsweise aus der Risikoanalyse, aus der zwischenmenschlichen Zusammenarbeit, dem Soll-Ist- Vergleich der Kosten etc. Retrospektive Die Retrospektive ist der Blick zurück, um zu analysieren, was gut lief und was verbessert werden müsste. Das Ziel ist es, aus den Erfahrungen zu lernen. Eine Retrospektive kann am Ende des Projekts erfolgen oder auch regelmäßig während der Durchführung. Das hielt uns zurück. Das raubte uns als Team Energie. Das ist unser Ziel. Das gab uns Energie. 148 Sand im Getriebe <?page no="149"?> Business Model Canvas Kostenstruktur Channels - Marktkanäle Kundensegmente Schlüsselpartner Wertversprechen Key Ressources Einnahmen Kundenbeziehungen Schlüsselaktivitäten Wer sind unsere Schlüsselpartner? Wichtige Zulieferer? Welche Aktivitäten führen unsere Partner durch? Welche Vertriebskanäle und Einnahmeströme haben wir? Welchen Wert liefern wir unseren Kunden? Welche Produkte bieten wir jedem Kundensegment an? Welche Neuheiten liefern wir? Wer ist unsere Zielgruppe, unsere wichtigsten Kunden? Ist es ein Massen- oder Nischenmarkt? Welche Art von Kundenbeziehung bauen wir zu den einzelnen Kundensegmenten aus? Durch welche Kanäle erreichen wir unsere Kunden? Welche funktionieren am besten und sind am günstigsten? Welche Ressourcen benötigen unsere Vertriebskanäle, Kundenbeziehungen und Einnahmenströme? Was sind die wichtigsten Kosten unseres Geschäftsmodells? Welche Schlüsselressourcen und Hauptaktivitäten sind am teuersten? Wofür bezahlen unsere Kunden? Wie zahlen sie? Wie tragen die einzelnen Zahlungsströme zum Gesamtumsatz bei? Situative Führung nach Hersey & Blanchard mitarbeiterorientiert aufgabenorientiert niedrig hoch niedrig hoch anweisen delegieren begleiten überzeugen Die Situative Führung legt die Annahme zugrunde, dass es keinen allgemeingültigen Führungsstil gibt, sondern dieser an den Reifegrad, also Entwicklungsstand, der Mitarbeitenden angepasst werden sollte. Je nachdem, wie engagiert und kompetent eine Person ist, führt die Führungskraft per Anweisung, überzeugend, begleitend oder delegierend. Sand im Getriebe 149 <?page no="150"?> Bedürfnispyramide nach Maslow Selbstverwirklichung Sozialbedürfnis Grund- oder Existenzbedürfnisse Anerkennung und Wertschätzung Sicherheit 04 03 02 01 05 Die Maslow‘sche Bedürfnispyramide hilft dabei, die Bedürfnisse und Motivationen von Projektteammitgliedern besser zu verstehen. Die Projektleitung kann dadurch ein förderliches Arbeitsumfeld schaffen, in dem die Teammitglieder ihre Leistungsfähigkeit entfalten können, wenn ihre Bedürfnisse gedeckt sind. Komfortzonenmodell Lernzone Herausforderungen annehmen, neue Fähigkeiten erlernen Komfortzone Wohlbefinden und Sicherheit, Stagnation und Langeweile Wachstumszone Erfüllung, Selbstvertrauen Angstzone Fokus auf Probleme, Zweifel In der Projektarbeit ist es wichtig, gemäß dem Komfortzonenmodell, die Teammitglieder aus der Komfortzone heraus in die Lernzone zu führen, jedoch ohne sie zu überfordern. Dadurch kann das Projekt Veränderungen konstruktiv gestalten und Innovation fördern. Nur wer den Mut hat, Herausforderungen anzunehmen, kann sein Potenzial entfalten. 150 Sand im Getriebe <?page no="151"?> Sand in die Augen gestreut Am nächsten Morgen wachte Linda gerädert und erschöpft auf. Müde schaute sie sich um. Jonas schlief noch, Tom saß neben Victoria und wischte ihr mit einem nassen Handtuch über die Stirn und Leon stocherte im Feuer. Es sah aus, als hätte er es die Nacht über am Brennen gehalten. Wenigstens etwas. Mit einem Mal spürte Linda eine ungeahnte Energie. Bald würden sie hier rauskommen. Bestimmt bog Frank gleich um die Ecke mit seinem selbstgefälligen Grinsen, wie er es schon oft getan hatte, wenn er sie mit etwas überrascht hatte, wie mit seiner Fackel oder als er weiteres Essen beschafft hatte. Doch er ließ auf sich warten. Da sie noch genügend Essen und auch abgekochtes Wasser hatten, gab es keinen Grund aktiv zu werden. Einzig Victorias Zustand trübte die Vorfreude auf die nahende Rettung. Sie war weiterhin nicht bei Bewusstsein. Linda war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, allein zu sein und dem Pflichtgefühl, da zu bleiben, um etwas tun zu können, wenn Victoria aufwachte oder sich ihr Zustand verschlimmerte. So oder so, Victoria musste schnellstmöglich in ein Krankenhaus gebracht werden. Nur zu dumm, dass Frank das nicht wusste. Ob er sie wohl alle noch eine Zeit lang schmoren lassen wollte? Sie hatten ihn extrem angegangen und ihm große Vorwürfe gemacht. Zu Recht, wie Linda fand. Er hatte sie in enorme Gefahr gebracht, nur um seinem Ego und seiner Gier nach einem prestigeträchtigen Geschäft zu frönen. Außerdem war das Schlimmste dann ja auch eingetreten. Es war ein Unfall passiert und möglicherweise erholte sich Victoria nicht davon. Linda traute sich nicht, Leon anzuschauen. Es war ein Unfall gewesen und sicherlich hatte er nicht gewollt, dass sie sich verletzte, aber offensichtlich war er unberechenbar. Was würde passieren, wenn sie ihn ebenfalls mit Vorwürfen konfrontierten, wie sie es bei Frank getan hatten? Ihr „Projekt“ schien gründlich schief gelaufen zu sein. Ein Haufen Ego‐ manen, die mit sich selbst beschäftigt sind, machen eben kein Team aus, egal welche Aufgabe man ihnen gibt. Aber wie entstand ein funktionieren‐ des, erfolgreiches Team? Lag es an den Eigenschaften, die die Einzelnen mitbrachten und wie gut sie sich automatisch ergänzten? Dann könnte man sagen, dass eine anders zusammengesetzte Gruppe von Menschen das Projekt erfolgreich zum Abschluss gebracht hätte. Waren sie also von <?page no="152"?> Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen oder hatte ihr Teambuilding nur nicht so gut funktioniert, wie Frank sich das gewünscht hatte? Oder lag es an den äußeren Umständen, den Projektrahmenbedingungen? Vielleicht waren die Voraussetzungen zu hart gewesen, sie hätten mehr Kapazitäten, sprich mehr Personen oder Ressourcen in Form von besserer Nahrung, gebraucht? Damit konnte man schneller denken und besseren Output erzielen. Linda konnte nur immer wieder mit dem Kopf schütteln, wenn sie an Frank und seine irrwitzige Idee dachte. Welches Menschenbild lag dieser zugrunde, fragte sie sich. Nach der X-Y-Theorie nach McGregor gab es zwei konträre Menschenbilder. Die Theorie X besagte, dass der Mensch generell faul und unwillig ist, keinen inneren Drang zur Arbeit hat und von außen gesteuert und motiviert werden muss. Er strebt eher nach Sicherheit als nach Selbstverwirklichung. Manager, die nach dieser Theorie handelten, führten Mitarbeitende also eher streng und gaben Anweisungen. Auf der anderen Seite gab es die Y-Theorie, die zugrunde legt, dass der Mensch von sich aus engagiert und leistungswillig ist. Wenn man als Manager die Bedingungen schaffte, dann übernahmen diese Menschen gerne Verantwortung und handelten kreativ und unternehmerisch. Linda war sich sicher, dass, wenn man Frank fragte, er ganz selbstver‐ ständlich die Y-Theorie als seine Sichtweise darstellen würde. Aber belog er sich damit nicht selbst? Er mochte sich zwar als Chef darstellen, der sein Team „empowert“ und sie herausfordert, über sich hinauszuwachsen, aber zu welchen Bedingungen? Er tat nichts, was nicht seinem Willen entsprach und unterstützte keine Idee, die nicht in sein Konzept passte. Es geschah ihm eigentlich ganz recht, wenn sein System implodierte und sein konservatives Menschenbild zur selbsterfüllenden Prophezeiung wurde. Wenn man Menschen nicht frei agieren ließ und ihnen Raum zur Entfaltung gab, dann reagierten sie eben entsprechend bockig und forderten weiter ein, anstatt selbst zu geben. Sie verbrachten den Tag größtenteils schweigend und wartend. Wo blieb Frank nur? Müsste er nicht langsam zurückkommen? Wenn er so weit laufen musste, bis er jemanden erreichen konnte, dann hatte er sich selbst ja auch die ganze Zeit über in Gefahr gebracht. Linda sprang auf. „Ich halte das nicht mehr aus! Das kann doch nicht sein, dass es so lange dauert! Was macht er denn nur? “ „Ich verstehe es auch nicht, er müsste doch längst zurück sein“, pflichtete Tom ihr bei. 152 Sand in die Augen gestreut <?page no="153"?> „Wir sind weiter auf uns alleine gestellt, niemand hilft uns“, sagte Jonas weinerlich. „Es muss hier irgendeinen Weg rausgeben. Ich sage, wir gehen los und suchen selber danach“, antwortete Leon. „Wo willst du denn suchen? Das haben wir doch schon gemacht. Hier im Umkreis ist nichts“, sagte Jonas. „Frank wollte um jeden Preis vermeiden, dass wir mit dem Boot entlang der Küste fahren. Bestimmt hätten wir so den Ausweg gefunden. Nur zu früh für seinen Geschmack“, sagte Linda säuerlich. Tom nickte zustimmend. „Was machen wir? Weiter warten? Frank su‐ chen? Das Boot reparieren? Vielleicht hat er hier irgendwo ein Handy versteckt? “ „Wir haben keine Ahnung, wo Frank hin ist, vielleicht ist das eine lange Wanderung und er braucht eben diese Zeit“, sagte Jonas. „Sagt mal, wenn wir weiter warten, glaubt ihr, jemand kommt dann automatisch? Vielleicht holt Frank gar niemanden, sondern liegt irgendwo in einem Liegestuhl, weil das Experiment sowieso in ein oder zwei Tagen beendet wird“, überlegte Tom. „Das Problem ist, dass wir keine Ahnung haben, wer über unsere Situation Bescheid weiß“, seufzte Jonas. „Aber ein paar Stakeholder gibt es ja schon in diesem ‚Projekt‘“, schaltete sich Linda ein. „An wen denkst du? “, fragte Tom. „Also wir als ‚Teilnehmende‘ sind eine Gruppe von Stakeholdern. Es gibt aber noch andere, die involviert sind, zum Beispiel Matthew und John, unsere Familien zuhause …“, zählte Linda auf. „Du hast recht! Uns hat Frank gar nichts gesagt und die repressive Strategie gewählt“, stimmte Tom zu, „aber möglicherweise hat er mit den anderen mehr kommuniziert, vielleicht hat er mit jemandem aus der Firma, der nicht dabei ist, das Ganze geplant, die partizipative Strategie. Das ist hier seine Ego-Show, aber er hat vermutlich nicht alles alleine organisiert. Sein Assistent hat unsere Flüge gebucht und das Boot gechartert, möglicherweise weiß der mehr.“ „Es kann sein, dass er mit Matthew und John in seinem Stakeholder‐ portfolio die diskursive Strategie gewählt hat. Er hat sie bestimmt nicht in seine Entscheidungsfindung eingebunden, aber er hat sie sicher informiert. Dann wissen sie hoffentlich so viel, dass sie uns zu einem bestimmten Sand in die Augen gestreut 153 <?page no="154"?> Zeitpunkt abholen kommen, ohne dass sie erst auf eine Nachricht warten. Wäre interessant seine Kommunikationstabelle zu sehen.“ „Wisst ihr, welcher erschreckende Gedanke mir gerade gekommen ist? Es kann sein, dass das Experiment noch gar nicht abgebrochen ist und Frank weiter beobachtet, was wir machen“, sagte Linda. „Oh Gott, das stimmt“, Leon schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen. „Ich ertrage das langsam nicht mehr.“ „Es gibt noch mehr Stakeholder“, sagte Tom nachdenklich, „mir fällt zum Beispiel die Fluggesellschaft ein. Die wissen nichts über unsere seltsame Firma und den verrückten Chef, haben keinen Einfluss und keine Macht oder Konfliktpotenzial, aber wenn wir nicht für den Rückflug einchecken, dann fällt das auf.“ „… und dann? Du wirst zweimal ausgerufen, dass das die letzte Möglich‐ keit zum Einsteigen ist und dann fliegen sie ohne uns los. Das passiert doch jeden Tag. Die werden sicher deswegen keine Vermisstenmeldung rausgeben“, sagte Leon. Tom nickte niedergeschlagen. „Uns bleibt noch Victoria. Wir als Teilnehmende sind nicht alle als homogene Gruppe zu sehen. Ich weiß, sie hat geschworen, dass sie nichts wusste und ich habe ihr auch geglaubt, aber vielleicht hat Frank ihr ja doch ein paar mehr Infos gegeben. Nachdem sie uns gesagt hatte, dass sie schwanger ist, haben die beiden ja einige Zeit alleine verbracht“, sagte Linda. „Dann hoffen wir umso mehr, dass sie bald wieder aufwacht, nur haben wir darauf gerade keinen Einfluss“, sagte Jonas. „Frank ist wirklich kein guter Projektmanager. Sonst hätte er in der Umfeldanalyse auch daran gedacht, dass man externe Stakeholder wie die Presse, Medien, die Gesetze und so weiter mitberücksichtigen muss. Ihm muss doch klar sein, dass das hier mindestens Freiheitsentzug ist“, regte sich Leon auf. „Ich befürchte, dass er einen Teil davon schon mitberücksichtigt hat. Die Pressemeldung liegt vermutlich schon vorbereitet in seiner Schreibtisch‐ schublade. Er denkt ja allen Ernstes, dass er damit berühmt wird“, sagte Tom. „Tja, wenn wir hier raus sind, kann Frank uns ja sein Stakeholderportfolio mal zeigen, aber im Moment bringt es nichts, sich den Kopf darüber zu zerbrechen“, Jonas zuckte mit den Achseln. „Das sehe ich anders.“ Alle drehten sich zu Linda um. „Es ist deshalb wichtig, weil wir danach unsere nächsten Schritte planen müssen. Ich will hier nicht mehr ausgeliefert sein und nur warten. Ich will aktiv werden, 154 Sand in die Augen gestreut <?page no="155"?> und wenn wir nicht wieder kopflos parallel arbeiten wollen wie am Anfang, dann sollten wir uns absprechen, welche Theorien wir verfolgen.“ „Gut, dass du das sagst“, stimmte Jonas ihr zu. „Dann teilen wir uns dieses Mal auf und verfolgen alle Optionen. Jemand geht zum Strand, für den Fall, dass wir automatisch dort abgeholt werden. Jemand bleibt hier, falls Frank veranlasst, dass wir abgeholt werden, wo er sich von uns getrennt hat und jemand sucht unabhängig von Frank Hilfe, falls der uns hier noch eine Weile mit Absicht sitzen lässt“, fasste Tom zusammen. „Und bis wann treffen wir uns wieder hier? “, fragte Jonas. „Na, sobald wir ein Ergebnis haben, was denkst du denn? “, zischte Leon. „Wie soll das funktionieren? Dann verpassen wir uns ja sicher“, gab Jonas angriffslustig zurück. „Wir müssen jede der Strategien so lange verfolgen, bis eine zum Ziel führt.“ Tom unterband die Diskussion. „Wer Hilfe gefunden hat, muss sich eben bemühen, die anderen zu finden oder suchen zu lassen. Wir haben gar nicht die Option hier termintreu zu planen, sondern wir müssen kapazitätstreu vorgehen. Jeder macht so viel und so schnell, wie er oder sie kann.“ „Bei den Projekten im realen Leben plant man üblicherweise termintreu, stellt dann fest, dass man nicht zum geplanten Endtermin fertig wird, weil die Kapazitäten nicht ausreichen und passt daraufhin an“, seufzte Jonas zynisch. „Inwiefern hilft uns dieser Beitrag jetzt weiter? “, fragte Leon. Jonas rollte mit den Augen und ignorierte ihn. „Wir sind vier Personen und haben drei Aufgaben. Wer macht was? Ich will Frank folgen und nach Hilfe suchen.“ „Frank ist weg und deshalb übernehme ich die Rolle des Projektleiters. Ich suche ihn. Du kannst dir etwas anderes aussuchen.“ Leon verschränkte die Arme. „Warum muss ich etwas anderes machen? Du kannst dir nicht immer die Rosinen rauspicken.“ Jonas’ Kopf lief rot an. „Entweder du zeigst mir gegenüber langsam mal etwas Respekt oder du kannst dich auf was gefasst machen.“ Leon ballte die Fäuste. „Jetzt passt mal gut auf ihr zwei“, Tom stellte sich zwischen beide, „euer Machtkampf oder was auch immer hinter eurem Konflikt steht, nimmt langsam Ausmaße an, die absolut inakzeptabel sind. Ihr schadet damit der Gruppe und riskiert, dass wir unser Projektziel nicht erreichen. Versucht Sand in die Augen gestreut 155 <?page no="156"?> doch mal, Sachbotschaften zu senden und sie auch so vom anderen zu hören. Ihr hört gerade beide eure Botschaften nur noch auf dem Beziehungs- oder Appell-Ohr.“ „Ich lasse mich hier nicht rumkommandieren! “, rief Jonas. Er schüttelte mehrmals nachdrücklich den Kopf. „Das musst du doch auch nicht. Konzentriere dich mal darauf, eine Selbstkundgabe zu senden.“ Tom gab nicht auf. „Das habe ich doch! Ich habe gesagt, ich will Frank folgen. Er hat bestimmt irgendwo ein Satellitentelefon versteckt. Wenn Leon das als Appell an ihn versteht etwas anderes zu machen, kann ich ja nichts dafür.“ „Mein Appell geht gerade an euch beide.“ „Wir können hier die Sachfrage doch getrennt von euch beiden betrach‐ ten“, schaltete sich Linda ein. „Ihr habt beide das Interesse loszugehen und nach Hilfe bzw. Frank zu suchen. Ihr versteift euch aber gerade auf die Position, dass der andere diese Aufgabe nicht ebenfalls durchführen soll. Das ist gar nicht nötig. Wir sind vier Personen und haben drei Aufgaben. Dann geht doch beide los.“ Leon und Jonas stutzten. Linda atmete langsam aus und nahm die Schultern zurück. „Ihr könnt euch sogar entscheiden, wie ihr die Aufgabe ausführt. Geht von mir aus jeder in eine andere Richtung, dann haben wir sogar noch unsere Erfolgschancen erhöht.“ Tom nickte ihr sichtbar stolz zu. Leon und Jonas widersprachen aus‐ nahmsweise nicht. Der Nervenkitzel, das Wort ergriffen und sich durchge‐ setzt zu haben, versorgte Linda mit einem ungeahnten Energieschub. Bevor noch jemand etwas sagen konnte, war Leon schon zwischen den Palmen verschwunden. Perplex starrte Jonas ihm hinterher. „Worüber denkst du nach? “, fragte Linda. Jonas kratzte sich am Kinn. „Manchmal denke ich, das kann doch nicht wahr sein mit ihm. Bestimmt hat Frank ihn hier als Advocatus diaboli eingeschleust, um uns herauszufordern… Aber okay…“, er wischte den Gedanken mit einer Handbewegung weg, „wir haben die Möglichkeit uns aufzuteilen, aber unsere Ressourcen sind trotzdem beschränkt. Das heißt, wir arbeiten nach dem Minimalprinzip? Unser Ziel ist klar, wir brauchen Hilfe, um hier rauszukommen. Dann würde ich sagen, wir schonen unsere Ressourcen, um nicht noch mehr Essen auftreiben zu müssen et cetera und schauen wohl einfach, dass wir jemanden finden“, sagte Jonas. 156 Sand in die Augen gestreut <?page no="157"?> „Ich verstehe, wie du denkst, aber ich würde eher nach dem Maximalprin‐ zip handeln,“ erwiderte Tom, „wir essen, was da ist, um Energie zu tanken, nehmen alles mit, was wir an gegebenen Mitteln haben und versuchen, so schnell wie möglich wegzukommen.“ „Das klingt gut! Was ich mit Minimalprinzip meinte, war eigentlich nur, dass ich keine Zeit darauf verwenden würde, mehr Vorräte anzulegen. Wir sind uns, denke ich, einig“, sagte Jonas. Linda und Tom hatten sich mit wenigen Worten verständigt, dass er an den Strand gehen und sie bei Victoria bleiben würde. „Ich kann ja, während ich hier bin, weiter Brot backen und Früchte sammeln. Wenn ihr zu lange unterwegs seid, ohne etwas zu erreichen, dann müsst ihr eben wieder hierher zurückkommen.“ Tom nickte. Er und Jonas packten Proviant in ihre Rucksäcke, ließen etwas für Linda übrig und marschierten in entgegengesetzte Richtungen los. Linda setzte sich auf einen Stein und atmete tief durch. Erschreckt zuckte sie zusammen, als Tom wieder vor ihr stand. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken, nur das Schlauchboot noch mitnehmen. Vielleicht finde ich unterwegs eine Möglichkeit es zu flicken mit Baumharz oder so …“ Linda blieb an seinem Blick hängen. „Wir schaffen das“, sagte Tom, „mach dir keine Sorgen, „das dauert hier nicht mehr lange. Ich kann uns schon genau vor mir sehen, wie wir in unseren Liegestühlen liegen und einen Cocktail in der Hand halten.“ Linda musste unwillkürlich lachen. Als Tom weg war, wandte sich Linda Victoria zu. Sie schwitzte stark, aber ihre Atmung ging gleichmäßig. Linda tupfte ihr ein wenig Wasser auf die ausgetrockneten Lippen. Bisher war sie noch nicht zu Bewusstsein gekommen, aber ihr Zustand schien sich auch nicht zu verschlechtern. Was sollte sie als nächstes tun? Neben ihr lag noch eine Papaya und auch Wasser war abgekocht. Sie wäre gerne ein wenig spazieren gegangen, um sich die Beine zu vertreten und über die Ereignisse des Tages nachzudenken, aber auf der anderen Seite wollte sie Victoria auch nicht hier alleine liegen lassen. Sie war vollkommen schutzlos ihrer Umwelt ausgeliefert. Linda saß eine Weile zusammengekauert neben Victoria. Als sie es nicht mehr aushielt, begann sie im Kreis zu laufen, immer so, dass sie den Blickkontakt nicht verlor. Wie weit sie wohl mit der Schwangerschaft vorangeschritten war? Entgeistert sah Linda vor ihrem inneren Auge, wie sie hier auch noch einer Geburt beiwohnen musste. „Mach dich nicht verrückt“, versuchte sie sich Sand in die Augen gestreut 157 <?page no="158"?> selbst zu beruhigen. Man sah noch nicht einmal etwas, und wenn sie wirklich so lange hierbleiben musste, dann hatte sie noch ganz andere Probleme, als Hebamme zu spielen. Ruckartig hielt sie inne. Sie hatte aus dem Augenwinkel heraus eine Bewegung gesehen. Schnell hastete sie zu Victoria. Die blinzelte mit den Augen und bewegte leicht ihre Hände. „Wie geht es dir? Hast du Schmerzen? “, fragte Linda. „Wasser“, hauchte Victoria. „Hier“, Linda hielt ihr eine Flasche an den Mund und stützte ihren Kopf, so gut es ging. Victoria trank ein paar wenige Schlucke und sackte wieder in sich zusammen. Linda drehte sie mühsam auf den Rücken und schob ihren Kopf etwas zur Seite, damit sie nicht genau auf der Platzwunde lag. Mehr konnte sie scheinbar nicht tun, doch die Erleichterung, dass Victoria wach geworden war und sogar kurz gesprochen hatte, war enorm. „Es wird alles gut“, flüsterte Linda und streichelte über Victorias Arm. „Wir werden bald abgeholt. Die anderen suchen nach Hilfe. Entweder sie finden jemanden oder Frank ist sowieso schon auf dem Weg. So oder so, es dauert nicht mehr lange, halte noch ein wenig durch.“ Als Victoria die Augen nicht wieder öffnete, setzte sich auch Linda wieder an ihren üblichen Platz. Es war ein gutes Zeichen, dass Victoria wieder das Bewusstsein erlangt hatte, doch jetzt stöhnte sie regelmäßig im Schlaf vor Schmerzen. Wie lange sie wohl noch die Zeit zusammen überbrücken mussten? Linda tat sich unglaublich selbst leid, aber Victoria in dieser schlimmen Verfassung zu sehen, wirkte noch ungerechter. Linda schossen die Tränen in die Augen, doch sie hörte nicht auf, Victorias Arm zu streicheln. Als sie kurz innehielt, spürte sie, wie Victorias Finger sich bewegten. Linda schloss ihre Hand um Victorias und sagte: „Wir schaffen das.“ Die Tränen versiegten und Linda spürte einen regelrechten Adrenalin‐ schub. Sie schaute sich um und prüfte die Vorräte. Die Papaya war noch da, genauso wie eine halbe Kokosnuss. Es gab zwar auch noch etwas Wasser, aber wenn Victoria jetzt öfter aufwachte, dann brauchten sie definitiv mehr davon. Linda kniete sich hin und legte eine Hand auf Victorias Schulter. „Ich gehe los und hole mehr Wasser vom Fluss, ich bleibe nicht lange weg.“ Es kam keine Antwort, aber sie hatte auch keine Wahl. Linda schnappte sich die verbliebenen Flaschen und marschierte Richtung Fluss. Auf halbem Weg fiel ihr das Blaubeerfeld ein. Es wäre auch nicht schlecht, noch mehr Essensvorräte zu haben, doch den genauen Weg kannte sie nicht. Auf gut 158 Sand in die Augen gestreut <?page no="159"?> Glück bewegte sie sich in die Richtung, aus der die Männer gekommen waren, als sie sie gesammelt hatten. Nach wenigen Minuten kam sie an einen Abgrund. Hatte sie sich ver‐ laufen? Sie wollte schon umkehren, doch spürte einen Impuls nochmal zurückzugehen. Eventuell waren die Blaubeeren unten und sie musste hinunterklettern? Vorsichtig beugte sie sich nach vorne. Erst sah sie gar nichts, doch als sie sich an einem langen Ast festhielt, konnte sie sich etwas weiter über den Felshang beugen. Vor Schreck rutschte ihr der Ast aus der Hand und im letzten Moment konnte sie wieder danach greifen. Sie fiel auf die Knie und rutschte keuchend vom Abgrund weg. Ihr Puls raste und die Äste zerschnitten ihr Hände und Knie. Linda legte sich auf den Rücken und drehte ihren Kopf weg. Unten lag Frank. Sie zwang sich tief einzuatmen. Er musste gestürzt sein. Vielleicht hatte er sich verlaufen und in der Dunkelheit das Gleichgewicht verloren. Dass jede Hilfe zu spät kam, war Linda klar. Sie hatte die Blutlache gesehen und den Winkel, in dem sein Körper unnatürlich verbogen war. Langsam versuchte sie, sich aufzurichten. Ihre Haare waren im Gestrüpp verheddert. An ihrem Arm lief ein kleines Rinnsal Blut entlang. Linda beobachtete es, bis der Tropfen das Handgelenk berührte. „Bei drei stehe ich auf.“ Doch die Drei verstrich und Linda schaffte es nicht, sich zu bewegen. Sie hatte jedes Zeitgefühl verloren und starrte weiter auf ihren Arm. Irgendwann war sie von sich selbst und ihrer Prokrastination genervt. „Wenn der Bluttropfen den kleinen Fingernagel erreicht, dann stehe ich auf.“ Kurz bevor es so weit war, zählte Linda einen lauten Countdown. Bei Null atmete sie tief ein und stand auf. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und begann zurück zu Victoria zu gehen, ohne sich noch einmal zu Frank umzudrehen. Bei Victoria angekommen, legte Linda sich neben sie und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Das schlechte Gewissen, dass sie keine einzige Aufgabe erledigt hatte, wiegte zwar schwer, aber nicht schwer genug, als dass sie noch einmal aufgestanden wäre. Die Neuigkeiten emotional zu verarbeiten war schließlich auch eine Aufgabe. Kurz bevor sie einschlief, drehte sich Linda nochmal um und überprüfte Victorias Atem. Wenigstens sie war noch am Leben. Nachdem Linda ein paar Stunden geschlafen hatte, holte sie Wasser vom Fluss, kochte es ab und aß alle verbliebenen Vorräte auf. Sollte sich doch einer der anderen darum kümmern, etwas Neues zu besorgen. Sie hatte keine Lust mehr, sich zu sorgen und zu kümmern. Die ganze Zeit über hatte sie Sand in die Augen gestreut 159 <?page no="160"?> sich bemüht konstruktiv zu sein, mitzuarbeiten, sich anzustrengen. Aber wozu? Frank war tot und Victoria fast. Leon und Jonas waren weg und kümmerten sich um sich selbst. Vielleicht waren sie längst in Sicherheit. Tom war ebenfalls weg, und wer wusste schon, wann er zurückkommen würde? Vielleicht war er auch verletzt oder tot. So oder so, niemand war da, der sich um sie kümmerte. Ihre Eltern hatten offensichtlich auch keinen Suchtrupp losgeschickt. Sie war allein. Einsam. Hilflos. Schutzlos ihrer Umgebung ausgeliefert. Die Idee, dass sie heldenhaft gefeiert und gerettet würden, hatte sie in den vergangenen Tagen manchmal zuversichtlich gestimmt, aber nun war zu viel Zeit vergangen. Die Chance sank mit jedem Tag mehr, dass dieses „Projekt“ zum Erfolg geführt würde. Von wem auch geführt? Es interessierte sowieso niemanden mehr. Linda konnte sich nicht erinnern, sich jemals so mutlos gefühlt zu haben. Nicht die Situation an sich war das Schlimmste, sondern, dass niemand bei ihr war. Kein „Partner in crime“, keine Freunde, keine Familie, keine Mitstreiter. Es war egal, ob Schrödingers Katze noch lebte. Niemand hatte ein Interesse daran, überhaupt nachzuschauen. Im Feuer sah sie ein zusammengeknülltes verkohltes Stück Papier. Jemand hatte „Der Herr der Fliegen“ aus ihrem Rucksack genommen und als Zündmaterial verwendet. Wissen | Projektabschluss - X-Y-Theorie - Stakeholderanalyse - Stakeholderportfolio - Kommunikationstabelle - Konflikteska‐ lation Stufe 6: Drohstrategien - Vier-Ohren-Modell nach Schulz von Thun - Advocatus diaboli Stakeholder haben einen direkten oder indirekten Einfluss auf den Projekterfolg. Es sind die Menschen, die Anforderungen stellen, Ent‐ scheidungen treffen und die Macht haben, das Projekt zu unterstützen oder zu behindern. Kein Projekt kann isoliert betrachtet und alleine durchgeführt werden, selbst wenn es technisch perfekt umgesetzt wird. Deshalb ist es essenziell, die Stakeholder zu identifizieren, zu analysie‐ ren und mit der passenden Kommunikationsstrategie zu informieren bzw. einzubinden. Falls dies bei wichtigen Stakeholdern unterbleibt, drohen sonst auch hier Konflikte, die das Projekt gefährden. Es gibt verschiedene Kommunikationsmodelle, das 4-Ohren-Modell ist eines von ihnen, die man bewusst einsetzen kann, um die Kommunika‐ tion zu optimieren und das Projekt zu einem positiven Abschluss zu führen. 160 Sand in die Augen gestreut <?page no="161"?> Projektabschluss Der Projektabschluss ist die letzte Phase im Projekt. Zu diesem Zeitpunkt erstellt man einen Abschlussbericht, in dem die tatsächlich erreichten Leistungen des Projektes aufgezeigt werden und man vergleicht sie mit dem ursprünglichen Ziel. Das Produkt wird ausgeliefert und das Projektteam löst sich auf. 1 Initialisierung 2 Definition 3 Planung 4 Steuerung 5 Abschluss 1 Initialisierung 1 Initialisierung 2 Definition 3 Planung 4 Steuerung X-Y-Theorie nach McGregor Die X-Theorie ist eine Managementphilosophie nach der Mitarbeitende von Natur aus faul sind und von außen, dem Vorgesetzten, motiviert werden müssen, um Leistung zu erbringen. Nach der Y-Theorie sind Menschen intrinsisch motiviert und brauchen nur den nötigen Entwicklungsspielraum, um selbst aktiv zu werden und Zufriedenheit aus ihrer Leistung zu erfahren. Sand in die Augen gestreut 161 <?page no="162"?> Stakeholderanalyse Die Umfeldanalyse untersucht sachliche und soziale Aspekte des Projektes in der Umgebung, in der das Projekt durchgeführt wird. Ein Part der sachlichen Analyse ist die Risikoanalyse, ein Part der sozialen Analyse ist die Stakeholderanalyse. Dabei sind Stakeholder alle Personen, die beteiligt und betroffen sind und ein berechtigtes Interesse haben. Nr. Rolle/ Name Interesse Einfluss Konfliktpotenzial 1 Auftraggeber erfolgreich abgeschlossenes Projekt hoch gering 2 Betriebsrat Datenschutz eingehalten hoch hoch 3 Politik sehr schnell abgeschlossenes Projekt mittel mittel 4 Controlling Einhaltung des Budgets hoch mittel Stakeholderportfolio Einfluss Konfliktpotenzial niedrig niedrig hoch diskursiv 1: n restriktiv n: m diskursiv 1: n partizipativ 1: 1 1 2 3 4 hoch Ein Stakeholderportfolio hilft dabei, den Einfluss und das Konfliktpotenzial von Stakeholdern zu analysieren. Um die Stakeholder gezielt steuern zu können, wählt man darauf basierend eine Kommunikationsstrategie, um Konflikte zu vermeiden und die Unterstützung für das Projekt sicherzustellen. Die Strategie kann von partizipativ (sehr intensive Einbindung), über diskursiv bis zu restriktiv (wenig Einbindung, lediglich Information) gewählt werden. 162 Sand in die Augen gestreut <?page no="163"?> Kommunikationstabelle Das Ergebnis, das aus dem Stakeholderportfolio resultiert, ist die Kommunikationstabelle. Entsprechend der gewählten Strategie legt man hier fest, wie die Kommunikation mit den Stakeholdern gestaltet wird. Nr. Wer an wen Was Wann Wie 1 Projektleitung an Auftraggeber Statusupdate monatlich Präsentation per E-Mail 2 Experte an Betriebsrat Abstimmung Datenschutz wöchentlich Besprechung 3 Projektleitung an Politik Projektvorstellung auf Einladung persönlicher Termin 4 Teilleitungen an Controlling Update zur Kostensteuerung bei Bedarf Besprechung Konflikteskalation nach Friedrich Glasl 6. Drohstrategien Man versucht, sich durch Drohungen zu behaupten und zu zeigen, wer die Macht hat. 7. Begrenzte Vernichtungsschläge Unmoralische Schachzüge werden angewandt, um den anderen zu schaden. 8. Zersplitterung Die Kommunikation wurde eingestellt und die Zerstörung des Kontrahenten ist das Ziel. 9. Gemeinsam in den Abgrund Es herrscht absolute Konfrontation. Schäden an anderen und sich selbst werden in Kauf genommen. 7. Begrenzte Vernichtungsschläge Unmoralische Schachzüge werden angewandt, um den anderen zu schaden. 8. Zersplitterung Die Kommunikation wurde eingestellt und die Zerstörung des Kontrahenten ist das Ziel. 9. Gemeinsam in den Abgrund Es herrscht absolute Konfrontation. Schäden an anderen und sich selbst werden in Kauf genommen. Sand in die Augen gestreut 163 <?page no="164"?> Vier-Ohren-Modell nach Schulz von Thun Aussagen können unterschiedlich gesagt und verstanden werden. Beispielsatz: „Ich will Projektleiter werden.“ • Sachinhalt: „Die Rolle Projektleitung interessiert mich.“ • Appell: „Du sollst etwas anderes machen.“ • Selbstkundgabe: „Für mich wäre die Rolle ein wichtiger Karriereschritt.“ • Beziehung: „Ich bin wichtiger als du.“ oder „Ich nehme dir Arbeit ab, weil du schon viele andere Aufgaben hast.“ Sachinhalt Beziehung Appell Selbstkundgabe Advocatus diaboli Ein Advocatus diaboli, sprich des Teufels Anwalt, ist dagegen. Gegen die etablierte Meinung, gegen die Gruppe, gegen Ideen und Vorschläge. Bewusst eingesetzt kann er oder sie ein wertvolles Mitglied im Team sein, um Gruppendenken vorzubeugen. Er oder sie beleuchtet dabei unbequeme Wahrheiten oder bisher nicht betrachtete Aspekte und ermöglicht eine informierte und reflektierte Entscheidungsfindung. 164 Sand in die Augen gestreut <?page no="165"?> Uns steht das Wasser bis zum Hals Linda wachte davon auf, dass ihre Stirn schlagartig kalt und nass war. Jonas stand über sie gebeugt und legte ihr einen nassen Lappen auf den Kopf. „Bist du ok? “, fragte er. „Hattest du einen Alptraum? “ „Ja, es geht schon …“ Linda setzte sich in den Schneidersitz und wischte sich das Gesicht mit ihrem Unterarm ab. „Wo warst du so lange? “, fragte sie ihn. „Naja, was heißt lange. Ich bin rumgelaufen und habe Ausschau gehalten. Aber da ich wieder hier bin, kannst du dir ja denken, dass ich weder Hilfe noch Frank gefunden habe. Wie war es hier? Geht es Victoria besser? “ „Sie kam wieder zu Bewusstsein, aber ihr Gestöhne ist unerträglich. Ich versuche, mich möglichst fernzuhalten, aber nicht zu weit weg zu gehen, falls sie doch Hilfe braucht.“ „Ok. Das klingt nicht gut. Ich hatte gehofft, es geht ihr besser.“ „Das ist aber noch nicht das Schlimmste“, sagte Linda. Jonas Augen weiteten sich. „Frank ist tot. Er liegt ein paar hundert Meter in die Richtung. Er ist einen Abgrund runter gestürzt.“ Linda hob schwach den Arm und deutete in die Richtung. „Ist er sicher tot? “ „Definitiv.“ Linda schossen die Tränen in die Augen. „Verdammt.“ Jonas vergrub sein Gesicht in den Händen. Wenige Stunden später stand Leon überraschend wieder in ihrem Lager. „Habt ihr was Neues? “, fragte er. „Nichts gefunden und noch mehr schlechte Neuigkeiten“. Jonas infor‐ mierte ihn mit knappen Worten über die Sachlage. „Na toll, was denn noch alles? “ Er blickte gen Himmel. „Damit ist unsere Chance hier wegzukommen gleich null.“ Leon kickte mit dem Fuß eine offene Wasserflasche um. „Hey, lass das, das war schon abgekocht“. Linda versuchte den Rest noch aufzufangen, bevor das ganze Wasser auslief. „Ist doch scheißegal. Ob wir heute sterben oder in drei Tagen macht nun wirklich keinen Unterschied mehr.“ Leon spuckte auf den Boden. „Warum sollten wir denn sterben? “, fragte Jonas. „Sei doch nicht so melodramatisch.“ <?page no="166"?> „Ihr beiden macht euch wirklich lächerlich mit eurem aufgesetzten Optimismus. Unser ‚Projektauftraggeber‘ ist weg.“ Er deutete mit den Fingern Gänsefüßchen an. „Wir können das Ziel nicht mehr aus eigener Kraft erreichen. Finito, wir haben fertig.“ „Frank war ein Mensch, nicht nur ein ‚Projektauftraggeber‘“, sagte Linda mit einem Kloß im Hals. Jonas ignorierte Linda und sprach so langsam mit Leon, als hätte er einen geistig Behinderten vor sich. „Dass Frank tot ist, ist ein schwerer Schlag, aber das heißt nicht, dass wir keine Optionen mehr haben. Unser Projekt steckt eben in einer Krise.“ Linda riss sich zusammen und setzte eine schnippische Miene auf. „Was sagt denn die Projektmanagement-Theorie zu Krisen im Projekt? Wie geht man da vor? “ Leon und Jonas drehten sich ungläubig zu ihr um. „Was schaut ihr so? Ich meine das ernst. In eurer Laufbahn wurde doch sicher schon mal ein Projekt in den Sand gesetzt. Was habt ihr da unternommen? “ Jonas schaute mit leerem Blick in die Ferne. „Das höhere Management informiert. Die Situation eskaliert. Meistens bekommt man dann eine Bud‐ geterhöhung und kann weitermachen.“ Er zuckte mit den Achseln. „Da brauchst du nicht in der DIN 69901 nachschauen, da steht nichts zum Krisenmanagement drin.“ „Budgeterhöhung und ein Teil des Projektteams wird ausgetauscht. Dann kann man den oder die Schuldigen im Nachhinein verantwortlich machen ohne, dass sie sich wehren können“, sagte Leon. „Ich hatte auch schon den Fall, dass ein Projekt gestoppt wurde. Das wurde zwischen Projektauftraggeber und Lenkungskreis beschlossen und wir als Projektteam haben dann durch einen Zeitungsartikel davon erfahren, der schon vor unserem nächsten Projekt-Jour Fixe erschien.“ Jonas schnaubte beim Gedanken daran. „Das halbe Team hat aus Protest gekündigt.“ Leon klatschte in die Hände. „Na, dann wissen wir ja, was wir jetzt tun müssen - erstmal eine Task Force gründen.“ Darüber musste sogar Jonas lachen. „Genau, oder wir rufen eben die Berater an. Die werden den Karren schon aus dem Dreck ziehen.“ Linda nickte traurig. „Es war einfach zu kompliziert alles. Vermutlich waren wir von Anfang an zum Scheitern verurteilt.“ „Ich würde nicht nur kompliziert sagen, chaotisch trifft es eher.“ Jonas legte abwägend seinen Kopf schief. Linda starrte ihn ungläubig an. Wollte 166 Uns steht das Wasser bis zum Hals <?page no="167"?> er sogar jetzt noch klugscheißen wegen ihrer Wortwahl? Doch er ließ sich nicht beirren. „Anhand der Stacey-Matrix kann man einordnen, wie gut ein Projekt verstanden wurde. Es gibt die Kategorien einfach, kompliziert, komplex und chaotisch. Die Einordnung bezieht sich sowohl auf die Anforderungen als auch auf den Lösungsansatz. Wir haben bei uns so viele Wechselwirkungen, dass man die Zusammenhänge unmöglich vorab erkennen konnte. Frank hat uns manipuliert, sodass wir keine eindeutigen Wirkungsbezüge mehr hatten. Er konnte unsere Ergebnisse steuern, und es war unmöglich, das zu durchschauen.“ „Wirklich unmöglich? “, fragte Leon. „Es war doch mehr als seltsam, wie er plötzlich Essen gefunden hat und nicht sagen wollte, wie er das Feuer gemacht hat.“ „Warum hast du nichts dazu gesagt? “, fragte Jonas. „Warum ich? Du bist doch der Controller, ist doch normalerweise dein Job, aufzuzeigen, wenn Plan und Ist auseinanderlaufen.“ Jonas zuckte mit den Achseln. „Vermutlich aus demselben Grund wie alle: Es ist aufgefallen, aber die Schmerzgrenze war noch nicht erreicht.“ „Dann haben wir wohl selbst schuld an unserer Misere“, sagte Linda. „Wir hätten mehr miteinander reden müssen.“ „Noch mehr? “, sagte Leon. „Ich habe das Gefühl, dass wir nichts anderes tun, seit wir hier sind. Jedes kleine Detail, jede Kokosnuss und jedes Stück Feuer für das Holz wird hier mit allen durchdiskutiert. Ich dachte, im Büro ist es schon schlimm, mit E-Mails und Chat-Nachrichten und Dailys und Anrufen gleichzeitig. Aber jetzt wünsche ich mir das Homeoffice mehr zurück als je zuvor. Da konnte man wenigstens die Tür zumachen.“ „Wenn ihr mich fragt, dann ist das Problem einfach unser Ressourcen‐ management. Damit meine ich nicht die Sachressourcen, das Material, das Essen, sondern uns selbst, die Personalressourcen. Wir haben nicht die richtige Expertise, die man für die Aufgaben hier braucht. Frank kann man nicht mitzählen, der wusste vermutlich viel, hat aber aus ‚politischen Gründen‘ Informationen zurückgehalten. Es reicht eben nicht, irgendwen als Product Owner einzusetzen und irgendwen zu haben, der sich freiwillig meldet zum Jagen.“ Leon sog bei dieser Spitze hörbar die Luft ein, doch Jonas ließ sich nicht beirren. „Die Mitarbeiter müssen die richtigen Skills mitbringen und absolute Experten auf ihrem Gebiet sein. Nur so hat man Erfolg.“ Uns steht das Wasser bis zum Hals 167 <?page no="168"?> „Was hättest du als Product Owner denn anders machen können? “, fragte Linda. „Gar nichts, das ist es ja. Damit kommen wir wieder zum Ausgangspunkt zurück. Der Projektauftraggeber ist dafür zuständig, im Projekt die notwen‐ digen Ressourcen bereitzustellen. Frank ist schuld“, sagte Jonas. „Der ist tot, die Aussage hilft uns nicht weiter“, sagte Leon. „Was bringt es, eine Ressourcenplanung aufzustellen, wenn ich sowieso weiß, dass ich die Stellen nicht besetzt bekomme? Wir haben nun mal keinen Bear Grylls dabei. So ein Projekt müsste gleich von Anfang an gestoppt werden“, sagte Jonas. „Das passiert aber in der wirklichen Projektwelt auch nicht. Da werden wild Projekte gestartet, obwohl man in der Ressourcenplanung eine massive Unterdeckung hat“, sagte Leon. „Wirklich? Aber warum denn? Das ist doch verrückt“, sagte Linda. „Meistens politische Gründe. Man hat ein Projektportfolio, also eine Liste mit Projekten, die alle darauf warten, umgesetzt zu werden. Da man nicht alle gleichzeitig durchführen kann, muss man priorisieren“, erklärte Jonas. „Du meinst mit einer Eisenhower-Matrix, wie wir es am Strand gemacht haben? “ „Vom Prinzip her schon, aber da haben wir uns nur simple Aufgaben mit Blick auf Dringlichkeit und Wichtigkeit angeschaut. Das war einfach. Bei komplexen Projekten setzt man mehr Kriterien an, zum Beispiel gesetzliche Vorgaben, also Gründe, warum das Projekt unbedingt durchgeführt werden muss, oder die Wirtschaftlichkeit. Dann hat man manchmal politische Gründe, sprich der Chef will es einfach umgesetzt haben. Clever ist es auch, wenn man den Kundennutzen und Strategiebeitrag betrachtet.“ Leon fiel ihm ins Wort: „Und dann hat man eine schlaue Liste erstellt und stellt fest, dass bei den vielen MoSCoW-Projekten verdammt viele ‚Must have‘ und viel weniger ‚Should have‘, ‚Could have‘ und keine ‚Won’t have‘ dabei sind. Dann legt man los, egal ob man alle Rollen besetzt hat oder die Mitarbeiter noch in anderen Projekten gebunden sind. Die werden sich schon irgendwann finden und man rekrutiert ja auch fleißig.“ Linda schaute zu Boden. Wenigstens stritten sich die beiden einmal nicht, sondern waren sich einig. Sie meldete sich freiwillig, um Essen und Wasser zu holen. Jonas hatte ihr erklärt, wo das Blaubeerfeld lag. Nicht ohne ihr nochmal unnötigerweise einzuschärfen immer die Augen offenzuhalten nach einem Versteck, in dem 168 Uns steht das Wasser bis zum Hals <?page no="169"?> Frank ein Handy deponiert haben könnte. Um das Blaubeerfeld zu erreichen, machte sie einen Bogen um die Stelle, an der Frank lag. Allein der Gedanke, welchen Geruch seine Leiche nach ein paar Tagen in der Hitze ausstrahlen musste, bereitete ihr Übelkeit. Als sie das zweite Mal zurückkam, musste sie zu ihrer Überraschung feststellen, dass Victoria ganz alleine da lag. Wimmernd drehte sie ihren Kopf von links nach rechts. Das Handtuch, das unter ihrem Kopf lag, war blutverschmiert von der Platzwunde, die nicht heilte. Als Jonas zurückkam, tat es ihm leid, dass er sie alleine gelassen hatte. Linda ärgerte sich insgeheim über ihn, aber sie sagte nichts. Bei ihr zu sitzen war so bedrückend. Ab und zu öffnete sie die Augen und man konnte ihr etwas Wasser einflößen, aber sie war nicht fähig zu sprechen, und sie waren auch nicht sicher, ob sie verstand, was man zu ihr sagte. Nachdem Jonas nun da war, konnte Linda getrost das Weite suchen und ging nochmal los. Blaubeeren zu pflücken, hatte fast etwas Meditatives an sich. Als sie kurz vor Einbruch der Dunkelheit zurück zum Lager kam, fand sie es komplett leer vor sich. Das Feuer brannte, die Hütte stand unverändert da, doch niemand war in Sichtnähe. „Hallo? “, rief sie. Erst leise, dann immer lauter, bis sie endlich eine Antwort hörte. Wenig später standen Leon und Jonas vor ihr. „Wo wart ihr? “, fragte Linda. Keiner antwortete und sie vermieden den Blickkontakt. „Wo wart ihr? “, rief Linda wieder. „Und wo ist Victoria? “ Ihre Stimme überschlug sich vor Angst. „Wir haben das Problem gelöst und jetzt sei ruhig“, sagte Leon lapidar. „Was? Seid ihr verrückt? Ihr habt sie umgebracht? “ „Jetzt übertreib mal nicht so. Natürlich nicht. Sie liegt nur ein paar Meter weiter da drüben. Dieses Gestöhne ist nicht auszuhalten.“ Linda schlug die Hände vors Gesicht. „Wir können sie doch nicht im Stich lassen. Wir müssen uns um sie kümmern, wir sind doch ein Team! “ „Bist du ein bisschen blöd, Mädchen? Was denn für ein Team? Dass dieses Projekt gescheitert ist, müsste doch inzwischen allen klar sein. Der Projektauftraggeber ist weg, also quasi keine Unterstützung seitens des Managements, ein Teammitglied ist ‚dauerhaft im Krankenstand‘, wenn man das so sagen darf “, mit den Fingern deutete er Gänsefüßchen an, „ein Teammitglied ist weg und wir haben keine Ahnung, was er macht. Wir drei sind die letzten, die noch an Bord sind. Wir sind ‚understaffed‘, unser Projektziel ist unerreichbar geworden, weil es uns an notwendigen Informationen fehlt und unsere Mittel waren schon von Anfang an zu Uns steht das Wasser bis zum Hals 169 <?page no="170"?> begrenzt. Woran hältst du denn noch fest? Man muss auch akzeptieren, wenn es vorbei ist. Wie das Projekt startet, so endet es auch.“ „Aber … das können wir doch nicht machen, wir müssen ihr doch helfen“, sagte Linda. Sie konnte die Tränen nicht zurückhalten. „Jonas, bitte sag was. Du kannst doch da nicht mitmachen.“ Jonas wandte sich von ihr ab. Leon funkelte sie böse an. „Hör auf, uns ein schlechtes Gewissen zu machen. Jetzt muss eben jeder schauen, wie er hier am besten über die Runden kommt. Wenn man in der realen Welt ein Projekt in den Sand setzt, schaut auch jeder, dass er überlebt und das Weite sucht. ‚Wenn du merkst, dass du ein totes Pferd reitest - steige ab.‘ Entweder man bekommt ein neues Projekt oder man wird entlassen.“ Linda schüttelte mit dem Kopf. Sie ging Jonas hinterher, der einige Schritte weggegangen war. Er konnte sich der Diskussion doch nicht einfach so entziehen. „Bitte Jonas, mach das nicht. Wenn sie stirbt, haben wir sie auf dem Gewissen.“ Jonas ließ den Kopf hängen. „Sie tut mir ja auch leid“, flüsterte er. „Aber ich halte es nicht mehr aus ihr zuzuhören, das setzt mir selber zu und wir müssen mit unseren Kräften haushalten, um hier lebend rauszukommen.“ „Wenn wir lebend rauskommen, dann gehen wir dafür ins Gefängnis.“ „Nein, gehen wir nicht.“ Er beugte sich zu Linda. „Wir erzählen einfach, wie es war. Leon hat sie gestoßen und getötet.“ „Das ist aber nicht die Wahrheit. Das kann man bestimmt auch nachwei‐ sen bei einer Obduktion, dass sie noch eine Weile gelebt hat. Und dann weisen sie uns nach, dass sie verdurstet ist.“ Jonas schaute sie nachdenklich an. „Wenn du zu ihr gehen willst, dann halte ich dich nicht auf. Aber ich gehe nicht. Es war nicht meine Schuld, dass sie sich verletzt hat, das war eben ein Fehler, ein Unfall. Ich habe damit nichts zu tun. Wenn es hart auf hart kommt und wir befragt werden, dann werde ich sagen, dass Leon mich gezwungen hat, sie wegzutragen. Wenn du meine Geschichte bestätigst, dann steht es zwei zu eins und sie werden unserer Aussage glauben. Dann geht Leon ins Gefängnis und wir haben unser altes Leben zurück.“ Kraftlos setzte Linda sich ans Feuer auf den Boden. Das konnte doch nicht wahr sein. Ihr Blick fiel auf ihr Armkettchen mit der Gravur „She believed she could, so she did.“ Es lag zerrissen auf dem Boden. 170 Uns steht das Wasser bis zum Hals <?page no="171"?> Wissen | Projektauftrag - Krisenmanagement - DIN 69901 - Lenkungskreis - Task Force - Stacey-Matrix - Plan-Ist-Vergleich - Ressourcenmanagement - Ressourcenplanung - Projektport‐ folio - Priorisierung von Projekten - MoSCoW-Priorisierung - Teamphase Adjourning - Konflikteskalation Stufe 7: Begrenzte Vernichtungsschläge Ein klarer Projektauftrag ist Gold Wert. Das Projektteam kann sich bei Unsicherheiten, z. B. zum Scope (= Projektumfang), wenn also neue Anforderungen gestellt werden, darauf beziehen. Denn ein Grundgerüst nach DIN-Norm genügt nicht aus, um ein spezifisches Projekt zu definieren. Die Herausforderungen finden sich meist im Projektumfeld. Politische Anforderungen von außen oder eine (Um-)priorisierung in‐ nerhalb des Portfolios können schnell Konflikte auslösen, verstärken oder gar eine Krise verursachen. Ressourcenplanung zu Beginn und das Ressourcenmanagement im Projektverlauf statten das Projekt aus und stellen sicher, dass das Projektteam sich auf die Arbeit konzentrieren kann. Ein Ressourcenma‐ nagement-Tool kann dabei für Transparenz sorgen. Im Verlauf eines Projektes ist es jedoch häufig der Fall, dass Mitarbeitende das Projekt oder Unternehmen verlassen, länger erkranken oder für andere Projekte abgezogen werden. Überstunden für die anderen Projektteammitglieder sind dann die Konsequenz, wenn die fehlende Expertise überhaupt aufgefangen werden kann. Aus diesem Grund werden fehlende Perso‐ nalressourcen gerne als Projektrisiko bezeichnet. Doch es liegt nicht in der Macht des Projektteams dieses Risiko zu managen. Deswegen darf das Risiko nicht auf das Projekt abgewälzt werden. Für die Ausstattung mit den notwendigen Ressourcen sind die Auftraggeber verantwortlich. Uns steht das Wasser bis zum Hals 171 <?page no="172"?> Projektauftrag Ein Projektauftrag wird üblicherweise zu Beginn des Projektes schriftlich ausformuliert und vom Projektauftraggeber an die Projektleitung übergeben. In der Praxis arbeitet die Projektleitung an der Ausarbeitung bereits meist mit. Zu Beginn ist der ideale Zeitpunkt, um klar die Ziele festzulegen, um späteren Scope Creep und Konflikte zu vermeiden. Wie ein Projekt beginnt, so endet es auch. Projektmanagement-Weisheit “ “ ““ Krisenmanagement Für Krisen in einem Projekt gibt es viele Indikatoren, wie zum Beispiel Terminüberschreitungen, Budgetüberschreitungen, Fluktuation im Team oder Beschwerden von Kunden oder Userinnen. Um Krisen vorzubeugen, lohnt es sich, die Projektstandards einzuhalten. Doch diese vernachlässigen den „Faktor Mensch“. Menschliche Werte wie Loyalität, Engagement und offene Kommunikation zu leben, kann Krisen aufdecken und sie genauso auch abwenden. Doch es gibt keinen allgemein gültigen Standard, an den man sich nur Schritt-für- Schritt halten muss, um das Problem zu lösen. Ein Projekt ist mehr als nur die Summe von abgearbeiteten Arbeitspaketen, durchgeführten Jour fixen und erstellten Powerpoint-Folien. 172 Uns steht das Wasser bis zum Hals <?page no="173"?> DIN 69901 “ “ Eine DIN-Norm ist ein Dokument, das spezifische Anforderungen an Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren festlegt. Die DIN 69901 beschreibt zum Thema Projektmanagement, aufgeteilt auf fünf Teile, die Grundlagen, Prozesse, Prozessmodell, Methoden, Daten, Datenmodell und Begriffe. Hier kann man alle Vorgaben zur Projektgliederung, dem Projektstrukturplan, Projektorganisation und Rollen nachlesen. www.din.de “ “ Lenkungskreis (oder -ausschuss) Der Lenkungskreis, auf Englisch Steering Commitee, ist ein dem Projekt übergeordnetes Gremium. Die Projektleitung berichtet an den Lenkungskreis. Dieser trifft sich in regelmäßigen Sitzungen, wird über Meilensteine unterrichtet und in kritischen Situationen befragt. Der Lenkungskreis steht beratend zur Seite und kann Entscheidungen treffen, die über die Befugnisse der Projektleitung hinausgehen. Uns steht das Wasser bis zum Hals 173 <?page no="174"?> Task Force Eine Task Force wird immer dann eingerichtet, wenn etwas sehr Wichtiges sehr schnell erledigt werden muss. Um erfolgreich zu sein, muss die Taskforce mit der nötigen Expertise und Handlungsfähigkeit ausgestattet sein. Sie soll schnell und flexibel agieren, um das aufgetretene Problem zu lösen. Eine Task Force unterscheidet sich vom Projekt hauptsächlich dadurch, dass ein Projekt von längerer Dauer angelegt ist und die Task Force ein temporäres Team ist. Stacey-Matrix Projektmanagement-Ansätze: Chaotisch  Design Thinking Komplex  Scrum Kompliziert  Kanban Einfach  Wasserfall Anforderung Vorgehen klar, eindeutig unklar, mehrdeutig klar, bekannt unklar, neu chaotisch komplex kompliziert einfach 174 Uns steht das Wasser bis zum Hals <?page no="175"?> Plan-Ist-Vergleich Der Plan-Ist-Vergleich ist eine Methode des Projektcontrollings. Zu bestimmten Berichtszeitpunkten werden die Planwerte den tatsächlichen Ist-Zahlen gegenübergestellt. Das Ziel ist es, rechtzeitig und transparent Inkonsistenzen aufzuzeigen um steuernd eingreifen zu können. Maßnahmen können eine Plananpassung sein, eine Budgeterhöhung oder auch die Veränderung der Ziele, wenn eine Budgeterhöhung ausgeschlossen ist. Zeit Kosten Ist Plan Ressourcenmanagement Zu den im Projekt benötigten Ressourcen gehören Sach-, Finanz- und Personalressourcen. Das Ziel des Personalressourcenmanagement ist es, die im Unternehmen zur Verfügung stehenden Mitarbeitenden optimal in den Projekten einzusetzen, sodass sie zum richtigen Zeitpunkt für die Aufgaben, für die sie qualifiziert sind, zur Verfügung stehen. In einer Einfluss- oder autonomen Organisation ist dies einfacher möglich als in einer Matrixorganisation, denn bei dieser ist es notwendig, den Ressourcenbedarf zwischen Projekten und Linie abzustimmen. Uns steht das Wasser bis zum Hals 175 <?page no="176"?> Ressourcenplanung Bei der konkreten Ressourcenplanung in einer Matrixorganisation plant die Projektleitung die zu Beginn für das Projekt benötigten Ressourcen. Dazu gehören sie selbst, Teilprojektleiter, Projekteinkäufer, Projektcontrollerinnen, Experten etc. Diese beplanten Ressourcen muss sie bei den jeweiligen Linienführungskräften anfragen. Diese wiederum prüft ihre zur Verfügung stehenden Kapazitäten und weist die Mitarbeitenden aus der eigenen Abteilung den Projekten zu. Um hier eine informierte Entscheidung treffen zu können, ist die Basis jeder Ressourcenplanung eine Priorisierung der Projekte auf Programm- oder Portfolioebene. Nur wenn diese vorliegt, können die Projekte langfristig beplant werden. Projektportfolio Projekt 1 Programm 1 Projektportfolio Programm 2 Projekt 2 Projekt 3 Projekt 4 Projekt 5 Portfoliomanager*in Programmmanager*in Projektmanager*in dauernd begrenzt begrenzt 176 Uns steht das Wasser bis zum Hals <?page no="177"?> Priorisierung von Projekten Um die Ressourcen, also Finanzmittel, Sachmittel und Personalressourcen, in Projekten, richtig planen zu können und auf die einzelnen Projekte zu verteilen, ist es notwendig diese übergeordnet zu priorisieren. Dies ist eine Aufgabe des Portfolio- oder Programmmanagements. Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Priorisierung. Dazu gehören auch die Eisenhower-Matrix und die Moscow-Priorisierung. In agilen Projekten priorisiert man das Backlog und entscheidet damit, welche User Stories in den nächsten Sprint kommen. In der Priorisierung von Projekten werden verschiedene Kriterien angewendet. Dazu gehören u. a. wirtschaftliche, politische und strategische. Man bringt die Projekte in eine Rangfolge und stattet sie dementsprechend mit Ressourcen aus. MoSCoW-Priorisierung Zu erledigen: Dies sind die Aufgaben, die als nächstes zur Bearbeitung bereit sind. In Bearbeitung: Aufgaben die zurzeit bearbeitet werden. 04 Must (Muss) Diese Aufgaben müssen auf jeden Fall erledigt werden, um die Projektziele nicht zu gefährden. Should (Soll) Diese Aufgaben sollten erledigt werden, die Muss- Ziele sind aber wichtiger. Won’t Do (Nicht-Ziele) Diese Aufgaben werden notiert, aber nicht durchgeführt. Could (Könnte) Diese Aufgaben werden nur erledigt, wenn sie die Muss- und Soll- Aufgaben nicht in Gefahr bringen. 03 Uns steht das Wasser bis zum Hals 177 <?page no="178"?> Konflikteskalation nach Friedrich Glasl 6. Drohstrategien Man versucht, sich durch Drohungen zu behaupten und zu zeigen, wer die Macht hat. 7. Begrenzte Vernichtungsschläge Unmoralische Schachzüge werden angewandt, um den anderen zu schaden. 8. Zersplitterung Die Kommunikation wurde eingestellt und die Zerstörung des Kontrahenten ist das Ziel. 9. Gemeinsam in den Abgrund Es herrscht absolute Konfrontation. Schäden an anderen und sich selbst werden in Kauf genommen. 7. Begrenzte Vernichtungsschläge Unmoralische Schachzüge werden angewandt, um den anderen zu schaden. 8. Zersplitterung Die Kommunikation wurde eingestellt und die Zerstörung des Kontrahenten ist das Ziel. 9. Gemeinsam in den Abgrund Es herrscht absolute Konfrontation. Schäden an anderen und sich selbst werden in Kauf genommen. Konflikteskalation nach Friedrich Glasl 6. Drohstrategien Man versucht, sich durch Drohungen zu behaupten und zu zeigen, wer die Macht hat. 7. Begrenzte Vernichtungsschläge Unmoralische Schachzüge werden angewandt, um den anderen zu schaden. 8. Zersplitterung Die Kommunikation wurde eingestellt und die Zerstörung des Kontrahenten ist das Ziel. 9. Gemeinsam in den Abgrund Es herrscht absolute Konfrontation. Schäden an anderen und sich selbst werden in Kauf genommen. 8. Zersplitterung Die Kommunikation wurde eingestellt und die Zerstörung des Kontrahenten ist das Ziel. 9. Gemeinsam in den Abgrund Es herrscht absolute Konfrontation. Schäden an anderen und sich selbst werden in Kauf genommen. 178 Uns steht das Wasser bis zum Hals <?page no="179"?> Die Sanduhr läuft ab Im selben Moment, in dem Linda aufwachte, stand sie auch schon kerzenge‐ rade. Sie konnte ihr schlechtes Gewissen kaum ertragen und eilte zu Victoria. Die schaute ihr mit klarem Blick entgegen. Was für eine Erleichterung! Linda beugte sich zu ihr auf den Boden und umarmte sie vorsichtig. „Wie geht es dir? “ „Wasser“, hauchte Victoria. „Ja sofort! Ich bin gleich wieder da! “ Linda rannte zurück ins Lager und schaute sich um. Jonas saß lethargisch auf dem Boden und starrte in die Überreste des Feuers. Leon war nirgends zu sehen und bis auf einen kleinen Schluck Wasser konnte Linda keine Vorräte entdecken. Wie konnte das sein, sie hatte gestern mehrere Flaschen Wasser abgekocht und es waren mehrere gesammelte Kokosnüsse und Beeren übrig gewesen. „Jonas, wo sind denn die Vorräte hin? “ Jonas reagierte erst beim zweiten Mal und zuckte auch dann nur verwirrt mit den Schultern. Was war los mit ihm? War er dehydriert? Linda ging zurück zu Victoria und hielt ihren Kopf, damit sie das wenige Wasser trinken konnte. Dankbar lächelte Victoria zu ihr hoch, doch Linda versuchte den Blickkontakt zu vermeiden. Hatte sie mitbekommen, was gestern passiert war? Nahm sie es ihr nicht übel, dass sie sie eine ganze Nacht ihrem Schicksal überlassen hatte? Als Erstes holte Linda frisches Wasser vom Fluss, entfachte das verblie‐ bene Feuer neu und kochte das Wasser ab. Dann setzte sie sich mit den Füßen im Wasser ans Ufer und sortierte ihre Gedanken. Die Lage wirkte absolut aussichtslos. Scheinbar war Leon verschwunden und hatte alle ihre Vorräte gestohlen. Jonas war zu nichts zu gebrauchen. Linda schwankte zwischen Ärger über seine Lethargie und Sorge darüber, ob es ihm aus irgendeinem Grund schlecht ging. Solange er aber nicht weiter mit ihr sprach, konnte sie ihm auch nicht helfen. Von Tom war weiterhin keine Spur weit und breit. Gott sei Dank ging es Victoria etwas besser. Nicht, dass sie etwas dazu beigetragen hätte, wie Linda sich eingestehen musste, doch ihre Erleichterung überwiegte. Es hätte leicht passieren können, dass Tiere ihr in der Nacht zusetzten oder sie verdurstete. Es war keine Besserung der Situation in Sicht und Linda wurde immer klarer, dass sich etwas ändern musste. Noch immer lähmte sie der Gedanke hilflos und einsam zu sein, doch <?page no="180"?> die Vorstellung hier zu sterben, machte sich immer mehr in ihrem Kopf breit. Sie war zwar nicht mutterseelenallein, aber sie konnte sich auf niemanden der anderen verlassen. Es war Zeit, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Wenn sie sich jetzt nicht um ihre Rettung kümmerte, dann tat es niemand. Was war das Schlimmste, das passieren konnte? Das Worst-Case-Sze‐ nario? Linda spazierte zum Felsüberhang und nahm die Zettel vom Kan‐ ban-Board ab. Zum jetzigen Zeitpunkt interessierte es niemanden mehr, ob sie Kokosöl herstellten oder nicht. Sie strich das Geschriebene durch und schrieb nacheinander alle Risiken auf, die ihr einfielen. In der Firma hatte sie ein Projekt begleitet, in dem in einer Firma ein Risikomanagement in Projekten etabliert wurde. Sie hatte in den Risikoworkshops Protokoll geschrieben und die Unterlagen im Nachgang aufbereitet. In den Workshops wurden zuerst immer alle Einzelrisiken mit einem Brainstorming erfasst und diese dann in Risikokategorien einsortiert. Jetzt brainstormte Linda alleine. Möglich war vieles. Es konnte passieren, dass sie keine Blaubeeren mehr sammeln konnte, weil alle abgeerntet waren, oder sie konnte sich das Bein brechen, sodass sie sich nicht mehr fortbewegen konnte. Es war wichtig, alles einmal festzuhalten, denn basierend auf ihrer Risikoanalyse würde sie eine Entscheidung treffen müssen, wie weiter vorzugehen war. Aus diesem Grund schrieb sie auch unwahrscheinliche Risiken auf und solche, die keine gravierenden Auswirkungen hatten. Zuerst notierte sie alles, was in die Kategorie „Gesundheit/ körperliches Wohlbefinden“ fiel. Mögliche Krankheiten aufgrund der Nahrung, Unfälle durch das Sammeln und Suchen, Hunger, falls etwas fehlte, Durst, weil das Feuer ausgehen konnte. Dann ging sie über zur Kategorie „Umweltein‐ flüsse“. Das Wetter war hier sehr unterschiedlich. Die ersten Tage hatte es genieselt, sodass sie froren, später schwitzten sie bei hoher Luftfeuchtigkeit. Jetzt bereute Linda, sich nicht weiter auf ihr Reiseziel vorbereitet zu haben. Gab es hier eine Regenzeit? Wie würde sich die Temperatur in der nächsten Zeit entwickeln? Die Änderungen an sich waren nicht das Risiko oder Problem, sondern die Auswirkungen, die sie auf ihren Zustand hatten. Es war schwierig, die Eintrittswahrscheinlichkeiten und die Schadenshöhe zu beziffern. Doch genau das brauchte sie für ihre Risikomatrix. Wenn sie zuhause eine Risikoanalyse durchführten, dann wurden zu den Risiko‐ workshops viele Teilnehmende eingeladen. Angefangen beim Projektteam, aber darüber hinaus auch Experten. Kolleginnen, die zum Beispiel schon in einem ähnlichen Projekt gearbeitet hatten oder spezifische Kenntnisse auf einem Gebiet hatten. Expertenschätzungen halfen, die Risiken einzuordnen. 180 Die Sanduhr läuft ab <?page no="181"?> Wenn diese nicht in ausreichendem Umfang zur Verfügung standen, dann nutzten sie „Planning Poker“, um das Wissen und die Erfahrung aller Projektteammitglieder zu nutzen. Die „Umwelteinflüsse“ führten sie weiter zu ihren Mitstreitern. Linda hoffte, dass niemand diese Zettel je zu Gesicht bekam, aber sie kam nicht um‐ hin, die Namen ihrer Kollegen und der Kollegin als Risiko niederzuschreiben. Bei Victoria zu bleiben bedeutete festzusitzen. Leon traute sie inzwischen alles zu, einschließlich der Gefahr, dass er ihr etwas antun würde, falls er einen Vorteil darin sah, zum Beispiel wenn sie etwas zu essen hatte, was er haben wollte. Dieses Risiko platzierte sie in der Risikomatrix ganz weit rechts. Die Schadenshöhe war beziffert mit ihrem Tod und daher extrem „hoch“. Da sie Leon aber aktuell außer Reichweite wähnte, war die Eintrittswahrscheinlichkeit vermutlich als „gering“ einzustufen. Beinbruch, Durchfall, Blasenentzündung, Moskitostiche etc. tummelten sich in der Mitte der Risikomatrix. Linda atmete tief durch. Sich die Risiken vor Augen zu führen, die hier überall lauerten, war alles andere als erbaulich. Doch als sie die Risiken notiert hatte, fiel ihr auf, dass sie bei vielen intuitiv schon Gegenmaßnah‐ men ergriffen hatten. Das Wasser abzukochen war die Maßnahme gegen das Risiko durch verunreinigtes Wasser krank zu werden. Das hatte Leon freundlicherweise nach seinem Badetag am Wasserfall für sie getestet und sie hatten daraus gelernt. Als Linda jetzt darüber nachdachte, erwischte sie sich dabei, wie sie schadenfreudig lächelte. Die Gegenmaßnahme gegen Hunger - aufgrund sich dem Ende zunei‐ gender Optionen - war es, anderes zu suchen und immer einen gewissen Vorrat bereit zu halten. Linda notierte die Gegenmaßnahmen mit einer anderen Farbe auf den Post-its. Dadurch veränderten sich teilweise die Eintrittswahrscheinlichkeiten und Schadenshöhen. Victoria musste unbedingt in das Lager zurückgebracht werden. Sie schutzlos im Dschungel liegen zu lassen war verrückt. Der Preis, den sie dafür zahlen mussten, war überschaubar. Das unangenehme Gefühl ihrer Präsenz und ihre sichtbaren Schmerzen mussten in Kauf genommen werden, um Schlimmeres zu verhindern. Damit verminderte sie das Risiko. Andere Risiken schienen Linda nicht beeinflussbar. Gegen das Wetter hatten sie als Gegenmaßnahme bereits eine Hütte errichtet und weiter fiel ihr trotz langem Überlegen nichts ein. Das Risiko musste eben akzeptiert werden. Am schwierigsten war die Frage, welche Maßnahme sie ergreifen sollte, um der Gefahr zu begegnen, noch länger auf der Insel zu sein. War es Die Sanduhr läuft ab 181 <?page no="182"?> besser, hier zu bleiben oder zurück zum Strand zu gehen? Es fehlten die notwendigen Informationen und sie hatte keinen Experten zur Hand, der ihr einen Rat geben konnte. Welche Vorkehrungen hatte Frank getroffen? Was würde Tom unternehmen, wenn er Hilfe fand? Wie lange hielt Victoria noch ohne medizinische Versorgung durch? Wie lange hielten sie und Jonas durch, wenn ihnen auch etwas passieren sollte? Als das Team noch intakt und die Gruppe vollständig war, hatten sie sich unter anderem aus Gründen des Komforts dazu entschieden, in den Dschungel zu gehen. Am Strand war es unangenehm windig gewesen und hier war es bequemer, da es näher am Trinkwasser war. Doch sie hatten dies getan, ohne das verheerende Risiko, nicht gefunden zu werden, ausreichend zu beleuchten. Die Steine mit dem Schriftzug am Strand waren eine Gegenmaßnahme gewesen, aber für Lindas Geschmack griff sie unter Betrachtung der aktuellen Informationen zu kurz. Die Gruppe entschied insgesamt risikofreudiger, als sie alleine es bereit war zu tun. Alleine zu entscheiden und verantwortlich zu sein, fühlte sich aufregend und gefährlich an. Niemand konnte ihr dazwischenreden, niemand sie als zu unerfahren oder naiv verurteilen. Ein wenig beneidete Linda Leon, der sich diese Freiheit von Anfang an genommen hatte. Das Leben musste um einiges leichter sein, wenn man sich keine Gedanken machte, was andere von einem hielten. Dieses Selbstbewusstsein war Linda nicht mit in die Wiege gelegt worden. Doch bei einem hohen Selbstbewusstsein lag auch die Hybris nicht fern. Andere Menschen beziehungsweise Experten oder nahestehende Personen als Berater wahrzunehmen und zu respektieren, half dabei, einen umfassenderen Blick zu entwickeln. Die Entscheidungen dauerten länger als bei dem impulsiveren Kollegen, doch sie waren sorgfältig abgewogen. „Jetzt nur nicht verzetteln“, dachte Linda. „Ich bin meine eigene Chefin. Welchen Schritt gehe ich als Nächstes? “ Noch vor kurzer Zeit hatte eine Gruppe von Menschen hier um das Feuer gesessen. Jede und jeder mit einer eigenen Meinung. Die einen die Kritiker, die anderen kreativer und unbedarfter. Wer von ihnen lag richtig? Wessen Lösung war die bessere? Als Linda auf die leeren Plätze schaute, fiel ihr De Bonos Methode der sechs Denkhüte ein, die sie manchmal mit Kunden durchführten. Jetzt war sie zwar alleine, aber das hinderte sie nicht daran, sich in die verschiedenen Perspektiven hineinversetzen zu können. 182 Die Sanduhr läuft ab <?page no="183"?> Zunächst blieb Linda auf ihrem Platz sitzen und setzte sich den imagi‐ nären „blauen Hut“ auf. Damit war sie die Moderatorin. Sie legte die Reihenfolge der Hüte im Uhrzeigersinn fest und formulierte das Thema. Nacheinander würde sie die verschiedenen Aspekte und Möglichkeiten der nächsten Schritte beleuchten. Das Ziel war es zu entscheiden, was sie als Nächstes tun würde, um in Sicherheit zu kommen und die verbliebenen Teammitglieder Victoria und Jonas mit zu retten. Linda nickte, stand auf und setzte sich auf den nächsten Platz, links neben ihr. Nun war der „weiße Hut“ an der Reihe. Welche „Zahlen, Daten und Fakten“ gab es zu beachten? Die Risiken hatte sie beziffert und in ihrer Risikomatrix festgehalten. Im rechten oberen Quadranten war das Risiko nicht gefunden zu werden, beziehungsweise nicht rechtzeitig, um Victoria medizinische Hilfe zukommen zu lassen. Die anderen Risiken hatten entweder ein kleineres Schadensausmaß oder eine niedrigere Ein‐ trittswahrscheinlichkeit. Nüchtern und frei von Emotionen stand es hier schwarz auf weiß. Verstohlen sah Linda sich um, ob sie jemand beobachtete. Sie kam sich etwas lächerlich vor, als sie erneut den Platz wechselte, aber das Gefühl verging schnell. Inzwischen konnte ihr kaum egaler sein, was irgendwer dachte. Sie würde das hier von Anfang bis Ende durchziehen. Mit dem „grünen Hut“ sammelte man Ideen für mögliche Lösungen. Linda legte den Kopf in den Nacken und schaute zum Himmel hinauf. Was fiel ihr sonst noch ein? Als sie in die Palmenblätter schaute, versuchte sie ihre Kletterkünste abzuwägen. Bisher waren die Optionen nur entweder am Strand gesehen zu werden oder im Dschungel geschützter zu sein. Doch konnte man nicht von hier aus auch ein Signal senden? Ein großflächiges Feuer machen, um Aufmerksamkeit zu erregen, wenn jemand über ihnen flog? Alternativ könnte sie versuchen, auf eine der Palmen zu klettern und oben eine Art Flagge zu hissen. Oder zum Strand zurückgehen. Falls überhaupt Hilfe käme - entweder geplant oder durch Toms Zutun - dann käme diese mit einem Boot oder Hubschrauber am Strand an. Wenn sie ihnen entgegen gingen, würde das wertvolle Zeit für den Transport zum Krankenhaus sparen. Es war nur die Frage, wie man Victoria am besten transportierte. Das konnte beschwerlich werden. Mit dem „schwarzen Hut“ durfte man hemmungslos pessimistisch sein. Ein ausladendes Feuer zu machen, traute sie sich nicht. Was, wenn sie einen Brand auslöste und sich selbst dadurch noch mehr in Gefahr brachte? Die Die Sanduhr läuft ab 183 <?page no="184"?> Palmen sahen verdammt hoch aus und die Vorstellung mit gebrochenen Beinen am Boden zu liegen, weil sie abgerutscht war, sah nicht verlockend aus. Linda schüttelte sich bei der Vorstellung. Sie stand auf, setzte sich auf den nächsten Platz und stellte sich den „roten Hut“ vor. Hier durfte man spontan emotional sein und sie musste nicht lange überlegen. Die Bauchentscheidung führte zurück an den Strand. Hier zu bleiben, fühlte sich an, als würde sie wertvolle Zeit vergeuden und sie hatte das Gefühl, dass vom Strand aus der Weg nach Hause winkte. Was waren die Vorteile dieser präferierten Version? Linda überlegte nun mit dem „gelben Hut“. Der ausschlaggebendste Punkt war unkompliziert. Die Chancen gerettet zu werden erschienen ihr am höchsten, wenn sie am Strand wären. Außerdem konnte Victoria hoffentlich schneller geholfen werden und darüber hinaus waren die Risiken zu gehen kleiner als die zu bleiben. Ein letztes Mal setzte sich Linda um, nun wieder auf ihren ursprünglichen Platz mit dem „blauen Hut“. Die Entscheidung war gefallen. Jetzt musste sie sie nur umsetzen und die anderen beiden davon überzeugen. „Victoria, kannst du mich hören? “ Linda beugte sich über sie und strei‐ chelte ihr über die Schulter. „Ich glaube, es ist besser, wenn wir hier weggehen“, sagte Linda. „Wir sollten zum Strand gehen und ich hoffe, dass wir dann abgeholt werden.“ Nach einer langen Pause flüsterte Victoria: „Bist du dir sicher? “ „Sicher? Nein, es tut mir leid, ich weiß nicht, ob das klappt, aber ich fühle mich hier nicht sicher und ich denke, dass unsere Chancen besser stehen, wenn wir direkt am Strand sind. Was meinst du? “ Hatte sie sie gehört? Als Linda schon die Hand gehoben hatte, um sie nochmal anzustupsen, öffnete Victoria die Augen und sagte: „Ich vertraue dir.“ Dankbar lächelte Linda sie an und sagte: „Ich weiß nicht genau, wie wir es schaffen können, aber wir tun jetzt alles, was in unserer Macht steht, in Ordnung? “ Victoria nickte und drückte ihre Hand. Sehr gut, eine von zweien war an Bord. Wo war Jonas? Linda musste nicht lange suchen. Hatte er sich heute eigentlich schon mal bewegt? Er saß immer noch mit hängendem Kopf am Feuer. „Na du, alles ok bei dir? “ „Hmm.“ „Hör mal, ich würde gerne etwas mit dir besprechen. Ich habe unsere Optionen abgewogen und mir überlegt, dass es eine gute Idee wäre, wenn wir zum Strand zurückgehen.“ „Was? Wozu denn? “ 184 Die Sanduhr läuft ab <?page no="185"?> „Victoria geht es nicht gut, und ich glaube, wenn wir hier länger warten, dann kommt die Hilfe nicht mehr rechtzeitig.“ „Ja, kann sein.“ Jonas zuckte mit den Achseln. „Also, kommst du mit? “ „Wohin? “ „Na, zum Strand. Hast du mir nicht zugehört? “ „Ach, was soll das denn bringen? “ „Das soll bringen, dass wir hoffentlich schneller gerettet werden.“ „Das macht doch gar keinen Unterschied. Uns holt eh keiner mehr ab. Wir werden hier verrotten.“ „Doch, komm, jetzt sei nicht so pessimistisch. Ich bin mir sicher, wir sind kurz vor dem Ziel. Jetzt müssen wir noch die letzte Kraftanstrengung schaffen und dann können wir unser ‚Projekt‘ abschließen.“ Jonas schaute sie irritiert an. „Meinst du das ernst? Wie naiv bist du eigentlich? Dieses ‚Projekt‘ ist grandios gescheitert. Das Projektteam ist komplett auseinandergebrochen. Frank ist im wahrsten Sinne des Wortes ‚ausgestiegen‘. Tom widmet sich bestimmt schon dem neuen Projekt ‚Cock‐ tail an der Hotelbar schlürfen‘, der hat uns einfach vergessen. Leon hat sich ‚selbstständig gemacht‘, der lebt jetzt seinen Traum vom ‚einsamen Wolf ‘. Victoria ist ‚langfristig erkrankt‘, keiner weiß, ob sie nochmal zurückkommt und nur wir zwei Idioten sitzen hier noch wie bestellt und nicht abgeholt. Wir haben uns komplett in die Ecke manövriert, da kommt man nicht mehr raus.“ „Das glaube ich nicht. Tom und Leon kommen bestimmt wieder und um Victoria müssen wir uns kümmern, bis sie wieder auf die Beine kommt.“ Jonas schaute sie an und schüttelte nur ungläubig mit dem Kopf. Linda machte noch einen Versuch: „Vielleicht hat Leon schon …“ Jonas unterbrach sie jäh. „Leon? Das ist doch vollkommen irrelevant, wo er ist und was er macht. Wen interessiert das noch? “ „Ok“, Linda hob besänftigend die Hände. „Du hast recht, es ist egal. Er ist jetzt nicht da und wir müssen an uns denken. Also, kommst du mit an den Strand oder nicht? “ „Von mir aus, wenn du unbedingt willst …“ „Super, ich bin so froh! Ich hätte gar nicht gewusst, wie ich das alleine hätte schaffen sollen Victoria zu transportieren.“ „Bist du verrückt? Ich trage sicher nicht Victoria quer durch den Dschun‐ gel. Das bringt doch nichts mehr.“ Die Sanduhr läuft ab 185 <?page no="186"?> Linda stöhnte laut auf. „Du willst sie nochmal im Stich lassen? Nein, Jonas, das ist unmenschlich, das mache ich nicht! “ „Bitte, dann mach es halt nicht. Ich trage sie definitiv nicht. Dann geh halt alleine mit ihr zum Strand. Ich glaube sowieso nicht, dass uns da jemand abholt.“ „Wie soll ich das denn schaffen? Bitte, Jonas, wir brauchen dich.“ „Ich habe das so satt, mich immer rumkommandieren zu lassen. Alle behandeln mich hier wie einen kleinen Jungen, dem man sagen kann, was er zu tun hat. Das lasse ich mir nicht mehr länger bieten. Das ist doch der absolute Gesichtsverlust. Ich bin ein erfahrener Projektcontroller, ich habe ein Standing, eine Reputation. Was ihr euch hier anmaßt, ist das Letzte.“ Damit stand er auf und ließ Linda stehen. Was war hier nur gerade passiert? Linda konnte nur noch mit dem Kopf schütteln. Jonas war ein perfider Manipulator. Er verdrehte die Wahrheit und dabei konnte man noch nicht einmal sagen, dass er dies „zu seinen Gunsten“ tat. Denn anscheinend war er hier das Opfer. Was für eine verschobene Selbst- und Fremdwahrnehmung. Offensichtlich musste sie Jonas jetzt auch abschreiben, stellte Linda mit Erschrecken fest. Dabei hatte sie in ihm immer noch einen letzten Verbündeten gesehen. Als Linda zu Victoria hinüber ging, war sie über sich selbst fast erstaunt. Jonas Ausbruch machte ihr weniger aus, als sie noch vor ein paar Tagen gedacht hätte. Insgeheim hatte sie schon damit gerechnet, auf sich alleine gestellt zu sein. Welche Optionen gab es jetzt? Für Linda stand fest, dass sie nicht ohne Victoria gehen würde. Sie musste einen Weg finden sie zu transportieren, denn alleine zu gehen, stand außer Frage. Auf der Suche nach Inspiration streifte Linda durch die umliegenden Trampelpfade. Sie war ganz in Gedanken, als sie merkte, dass sie genau an dem Abgrund stand, den Frank hinuntergestürzt war. Der Drang hinunterzuschauen war mächtig, doch sie brachte es nicht über sich. Was, wenn die Leiche entstellt war und die Tiere sich schon über ihn hergemacht hatten? Langsam trat sie den Rückweg an. Warum hatte der Ort sie angezogen? War es ein schlechtes Gewissen, weil sie mit Frank so hart ins Gericht gegangen waren? Oder nur Sensationslust? Was auch immer es war, es durfte jetzt nicht an erster Stelle stehen. Sie musste diese schreckliche Episode später verarbeiten und sich jetzt auf die höchste Priorität konzentrieren. „Mind over matter, Linda“, sagte sie halblaut zu sich selbst. 186 Die Sanduhr läuft ab <?page no="187"?> Doch der kleine Ausflug hatte sich gelohnt. Auf dem Weg fand sie zwei dicke Äste, die die richtige Länge hatten. Wenn sie es schaffte, Victoria daran zu fixieren, konnte sie sie hoffentlich wie auf einer Trage ziehen. „Ich glaube, ich kann selbst laufen.“ Linda fielen fast die Augen aus dem Kopf. Victoria stand vor ihr, zwar mit etwas wackligen Beinen, doch sie stand. „Bist du dir sicher? “ Linda kamen vor Erleichterung fast die Tränen. Victoria bewegte sich wie in Zeitlupe und hob ganz langsam ihre Arme und Beine. Sie schien mehr oder weniger in Ordnung zu sein. Nur den Kopf konnte sie nicht drehen und stöhnte beim ersten Versuch vor Schmerzen laut auf. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie froh ich bin, dass es dir besser geht.“ „Wir müssen hier weg, richtig? “ „Ja, ich denke, dass es unsere beste Option ist. Tom ist losgegangen, um Hilfe zu holen. Wenn er irgendjemanden findet und eine Rettung vom Festland organisiert wird, dann denke ich, dass sie uns am Strand abholen kommen.“ Victoria nickte. „Das ist richtig. Lass uns gehen. Ich glaube, ich komme nicht schnell voran, aber ich versuche es.“ „Lass mich noch schnell eine Sache erledigen und dann kann es sofort losgehen.“ Linda drehte sich um und hastete zurück. Sie konnte sich selbst nicht erklären, warum, aber sie konnte nicht losgehen und so tun, als sei nichts passiert. Auf dem Weg entdeckte sie einen Busch mit kleinen weißen Blüten. Sie pflückte zwei Handvoll davon und sammelte sie in ihrem T-Shirt, das sie vor dem Bauch nach oben gezogen hatte, damit sich ein kleiner Beutel bildete. Wann war Franks Geburtstag? Irgendwann im Mai? Linda glaubte sich zu erinnern, dass er achtundvierzig war. Egal, darauf kam es jetzt nicht an. Als sie kurz vor dem Abgrund angekommen war, nahm sie einen kleinen Stein und ging zu dem riesigen Felsbrocken. Dort kratzte sie Franks Namen ein und legte sorgfältig die Blümchen in einem Kreis darum herum. Als sie damit fertig war, blickte sie in Richtung Felswand. Sie konnte es immer noch nicht über sich bringen nochmal hinunterzuschauen. Doch sie nahm sich eine Minute und rief sich die Situation in Erinnerung, als Frank ihr den Job angeboten hatte. Das Gefühl der Erleichterung und Dankbarkeit, das sie damals gespürt hatte, kehrte zurück und sie atmete tief ein und wieder aus. „So werde ich dich in Erinnerung behalten. Mach’s gut, Frank.“ Die Sanduhr läuft ab 187 <?page no="188"?> Gerade als sie die Augen öffnen wollte, hörte sie einen markdurchdrin‐ genden Schrei aus der Ferne. „Victoria? “, rief Linda und riss ihren Kopf herum. Doch nein, der Schrei gehörte zu einer männlichen Stimme. War Jonas etwas passiert? So schnell sie konnte, hastete Linda zurück zum Lager. Doch bevor sie auf die kleine Lichtung treten konnte, stand Victoria vor ihr. Sie konnte kaum aufrecht stehen und als Linda sich hinunterbeugte, sah sie wie schmerzverzerrt ihr Gesicht war. Doch es war mehr als das. In Victorias Gesicht spiegelte sich der blanke Horror. „Schnell“, keuchte sie, „renn weg.“ Linda kannte sie inzwischen gut genug, dass diese Worte genügten, um nicht weiter nachzufragen. Sie legte sich Victorias linken Arm um die Schulter und packte sie mit ihrem rechten Arm um die Taille. Wortlos stolperten sie gemeinsam los. Nach einigen hundert Metern stand Linda der Schweiß auf der Stirn und ihr Shirt klebte ihr am Rücken. Doch Victoria machte keine Anstalten langsamer zu werden. Immer wieder wimmerte sie vor Schmerzen auf und versuchte, sich selbst an Linda festzuhalten. Die Gräser, die den Trampelpfad überwucherten, schnitten ihnen in die Beine und Arme. Als Linda den Wasserfall rauschen hörte, blieb sie abrupt stehen. Victoria ließ sich auf alle Viere fallen. Linda setzte sich neben sie auf den Boden und lies schnaufend den Kopf auf ihre aufgestellten Knie sinken. Linda schaute Victoria fragend an und endlich war sie bereit für eine Erklärung. „Leon ist tot“, schluchzte sie und verbarg ihr Gesicht in den Händen. „Was? Wie meinst du das? Woher willst du das denn wissen, er war doch gar nicht mehr im Lager.“ „Ich weiß nicht, wo er vorher war, aber jetzt ist er dort und ist tot.“ „Hat er sich verletzt? Wie kann das denn sein? “ „Jonas … Jonas hat ihn …“, dann brach ihre Stimme ab. Lindas riss die Augen auf. „Jonas hat was? “ Sie schluckte schwer. „Hat Jonas ihn etwa … umgebracht? “, flüsterte Linda. Nach einer gefühlten Ewigkeit nickte Victoria. Linda spürte das Gefühl einen Schlag in die Magengrube zu bekommen. Nach mehreren Minuten hatte sie sich so weit gefasst, dass sie nachfragen konnte. „Was ist denn genau passiert? Was hast du gesehen? “ „Als du weg warst, bin ich langsam aufgestanden. Ich wollte sehen, ob mein Kreislauf mitmacht und ob ich mich bewegen kann. Ich bin ein paar Minuten gestanden und dann einige Schritte gegangen. Mir ist aber schwindelig geworden, deswegen habe ich mich wieder hingesetzt. Dann 188 Die Sanduhr läuft ab <?page no="189"?> habe ich laute Stimmen gehört und Leon und Jonas zwischen den Palmen entdeckt. Sie waren ein ganzes Stück von mir entfernt und ich konnte nicht richtig verstehen, worum es ging. Aber dass sie gestritten haben, das habe ich gleich gesehen. Jonas hat in der Luft herumgefuchtelt und sich furchtbar aufgeregt und irgendwann hat Leon nicht mehr zurückgeschrien, sondern gelacht. Dann wollte er sich umdrehen und einfach weggehen. In dem Moment hat Jonas sich nach einem Messer gebückt, hat ausgeholt und es Leon von hinten in den Rücken gerammt.“ „Und dann? Was ist dann passiert? “ „Leon hat aufgeschrien und ist in sich zusammengesackt. Jonas stand erst noch einen Moment da, mit dem Messer in der Hand, und dann hat er sich zu Leon auf den Boden gekniet.“ „Und du bist ganz sicher, dass er tot ist? “ „Definitiv. Linda, so etwas überlebt man nicht.“ „Haben sie dich bemerkt? “ „Nein, ich lag ja still am Boden und habe nur den Kopf gehoben. Erst als Jonas sich hingekniet hat, bin ich weggekrabbelt, und als ich zwischen den Palmen war, bin ich gelaufen. Dann standst du auch schon vor mir. Oh Gott, Linda. Leon ist tot und Jonas ist ein Mörder.“ Victoria fing schon wieder an zu zittern, als sie die Worte aussprach. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, antwortete Linda. „Ich habe so eine Angst bekommen. Hatte er das denn geplant? Glaubst du, Jonas will uns auch umbringen? “ „Nein, das denke ich nicht.“ Doch als sie jetzt so darüber nachdachte, war es doch nicht unmöglich. Jonas war zuletzt unerträglich gewesen. Die letzten Tage hatten ihm noch viel mehr zugesetzt als Linda. War er deprimiert? Klar, das waren sie alle und wer wäre es nicht in solch einer Situation. Hatte er eine ernstzunehmende Depression? War er irgendwie durchgedreht? Es war so schwierig, den Finger genau in die Wunde zu legen. Die Lage, in der sie sich befanden war so frustrierend und energiezehrend. Doch der Konflikt mit Leon hatte seinen Ursprung schon viel früher. „Der Streit mit Leon ist komplett eskaliert. Damit haben wir, glaube ich, gar nichts zu tun.“ „Außer, dass wir zugeschaut und nichts getan haben.“ „Waren sie schon immer so? Auch bevor ich in die Firma gekommen bin? “, fragte Linda. „Hm, schwer zu sagen. Sie waren noch nie Freunde, aber dass es solche Ausmaße annimmt, hätte ich nie gedacht. Die Konkurrenz in diesem ‚Pro‐ Die Sanduhr läuft ab 189 <?page no="190"?> jekt‘ hier war wohl zu viel“, antwortete Victoria. Sie hatte aufgehört zu zittern und atmete gleichmäßig, was auch Linda beruhigte. „Das ging schon ganz früh los, mit diesen kleinen Sticheleien. Ich hatte den Eindruck, wenn einer etwas gesagt hat oder einen Vorschlag gemacht, dann war der andere automatisch dagegen.“ „Das stimmt. Ab einem bestimmten Punkt kann man das dann nicht mehr aufhalten. Wie bei der Broken-Windows-Theory. Wird bei einem Auto eine zerbrochene Scheibe nicht schnell repariert und es steht irgendwo auf der Straße, ist das Auto bald komplett ausgeschlachtet. In einer gut situierten Gegend kann man ein Auto mit kaputter Scheibe so stehen lassen. Da kommt bestenfalls noch jemand und ruft die Polizei zu Hilfe. In unserem geordneten Umfeld zu Hause wäre der Konflikt vermutlich nie so eskaliert. Aber wenn das kaputte Auto in einem Elendsviertel steht, wird das als Einladung verstanden mitzumachen. Erst wird gestohlen, was noch zu gebrauchen ist, und später artet es in sinnlosen Vandalismus aus. Dadurch, dass wir hier auf diesem gottlosen Flecken Erde gestrandet sind, gelten die normalen Regeln der Zivilisation nicht mehr.“ Linda nickte. „Es bringt mich nur noch mehr dazu, hier endlich wegzu‐ wollen. Ich hatte mit Jonas gesprochen, er wollte nicht mitkommen. Jetzt können wir ohne ihn gehen. Ich glaube zwar nicht, dass er uns auch etwas antun will, aber vertrauen kann ich ihm jetzt nicht mehr.“ „Das sehe ich auch so. Was ist denn mit den anderen? “ „Hm? “, fragte Linda. Siedend heiß fiel ihr ein, was Victoria verpasst hatte. „Na, Frank ist doch losgegangen, um Hilfe zu holen. Ist er noch nicht zurückgekommen? Und wo ist Tom? Sollen wir noch auf ihn warten? “ „Ähm, nein, wir müssen nicht warten. Sie sind beide nicht zurückgekom‐ men. Wenn wir sie wiedertreffen, dann vermutlich eher am Strand.“ „Ok, wenn du meinst.“ „Wir haben jetzt gar nichts mehr hier. Keine Vorräte und auch keine Flaschen oder etwas, um Wasser zu transportieren. Glaubst du, wir sollten nochmal zurückgehen und etwas holen? “ „Wenn wir zurückgehen, dann müssen wir uns wohl oder übel mit Jonas auseinandersetzen. Es tut mir leid, aber ich traue mich nicht.“ „Das geht mir auch so.“ Hilflos schauten sie einander an. „Dann trinken wir uns jetzt am Fluss hier die Hucke voll mit Wasser, schauen, dass wir schnell zum Strand kommen und hoffen das Beste“, sagte Linda. 190 Die Sanduhr läuft ab <?page no="191"?> Victoria musste grinsen. „Augen zu und durch.“ Je weiter sie sich vom Lager und damit von Jonas und Leon entfernten, desto sicherer wurde Linda. Alle paar hundert Meter tauschten sie die Seiten und Victoria legte den anderen Arm um Linda. So bewegten sie sich vorwärts, langsam, aber stetig. Immer weiter. Es war so anstrengend, Victoria halb zu tragen, halb zu schleifen, dass sie kaum sprachen. Einmal mussten sie eine Pause einlegen, weil Lindas Schulter sich verkrampfte. Doch sie spürte die Schmerzen kaum, es war mehr eine unangenehme Verzögerung. Viel schlimmer war es, danach wieder loszulaufen. Es fühlte sich an, als hätte ihr jemand in die Knie geschossen. Beim Laufen selbst und bei Pausen war es erträglich, nur das Wieder-Loslaufen nach einem Stopp war fast ein Ding der Unmöglichkeit. Sie versuchte, sich auf ihre Atmung zu konzentrieren und immer denselben Rhythmus beizubehalten. Doch sie konnte ihre Gedanken nicht abschalten. Die Risikoanalyse und ihr Bauchgefühl sagten ihr, dass es das Richtige war, zum Strand zu gehen und, dass sie sich mit dieser Entscheidung am wohlsten fühlte. Die Tragödie mit Jonas und Leon hatte den Wunsch, schnell wegzukommen, noch verstärkt. Trotzdem war Linda bewusst, dass sie keine Garantie auf Erfolg hatten. Schlimmer noch, ihre Chancen standen genau 50: 50. Alles baute auf der Annahme auf, dass Tom es geschafft hatte, jemand zu finden und Hilfe zu schicken. Doch wo er diese Hilfe hinschickte, war nicht klar. Er musste sich dafür zwischen Strand und Lager entscheiden und genauso musste Linda diese Entscheidung treffen. Sie hatten keine Möglichkeit sich abzusprechen. Der klassische „Kampf der Geschlechter“ in der Spieltheorie. Beide wollen am selben Ort sein. An welchem ist im Grunde egal, die Hauptsache ist, dass sie zusammen sind, um möglichst schnell gerettet zu werden und keiner mehr den langen Weg durch den Dschungel zurücklegen muss. Da Linda sich nun für den Strand entschieden hatte, wäre es das Beste, wenn auch Tom das tun würde. Hätte er sich dafür entschieden Hilfe zum Lager zu schicken, hätte Linda besser daran getan, dort auszuharren. Das Problem an der Sache war, dass es keine dominante Strategie gab, keine der beiden Varianten war objektiv besser oder schlechter. Es blieb nur zu hoffen, dass sie sich durch Zufall oder eine mentale Verbindung gleich entscheiden würden. Sie hatten keine Ahnung, wie lang die Strecke zum Strand tatsächlich war. Als sie sie zuvor gegangen waren, waren sie trotz allem Schock und Unglück in einer viel besseren körperlichen Verfassung gewesen. Es fühlte sich an wie ein Marathon. Wie ein Marathon ohne Training. Wie ein Marathon Die Sanduhr läuft ab 191 <?page no="192"?> ohne Training, ohne Unterstützung, ohne anfeuernde Rufe, ohne Musik und Beifall, ohne Verpflegung auf der Strecke und ohne Kilometermarkierungen. Doch das Ziel, das ihnen winkte, war besser, als jede Medaille oder Pokal es je sein konnten, und so gingen sie weiter. Linda erinnerte sich, dass sie einmal eine Dokumentation über den Berlin Marathon gesehen hatte. Darin wurde eine Frau gefeatured, die mitgelaufen war. Die Läuferin erzählte, dass sie einmal am Anfang der Strecke den Gedanken „Der Boden ist mein Freund“ gehabt hatte und dieser Satz ließ sie wie ein Ohrwurm nicht mehr los. Sie verbrachte quasi zweiundvierzig Kilometer damit, immer wieder diese Worte im Kopf zu wiederholen und so nervig und idiotisch sich das angefühlt haben musste, es brachte sie ins Ziel. War es einen Versuch wert? Definitiv. Der Boden ist mein Freund. Links - rechts - links - rechts - links - rechts - atmen - atmen. Von vorne. Die - In - sel - ist - mein - Freund - atmen - atmen. Lindas Zunge klebte am Gaumen und sie hatte einen seltsam süßlichen Geschmack im Mund. Es war verrückt gewesen, ohne Wasser und jegliche Ausrüstung loszugehen. Mühsam schleppten sie sich Schritt für Schritt weiter. In den Blättern waren keine Regenwassertropfen wie am Anfang. Ruckartig sackte Victoria in sich zusammen. Linda konnte sie gerade noch mit beiden Händen packen, sodass sie nicht ungebremst auf dem Boden aufschlug. „Hörst du mich? “ Verzweifelt tätschelte Linda Victorias Wange. „Bitte mach‘ jetzt nicht schlapp, wir haben es doch fast geschafft! “ Victoria nickte. Linda stöhnte vor Erleichterung auf. „Kannst du noch ein bisschen durchhalten? Komm, wir schaffen das zusammen! Bitte gib nicht auf.“ Linda lehnte ihre Stirn gegen Victorias. „Geh ohne mich weiter.“ „Nein, auf keinen Fall.“ „Doch, ohne mich bist du schneller.“ „Nein, Victoria, ich lasse dich nicht im Stich. Wir ziehen das zusammen durch. Ich glaube an dich. Du bist stärker, als du denkst. Wenn wir das hier schaffen, dann kann uns nichts mehr aufhalten. Wir ziehen das jetzt bis zum Schluss zusammen durch.“ Schwach nickte Victoria. Linda zog sie wieder auf die Beine und stellte sich umgedreht vor sie. „Los, leg beide Arme um meinen Hals und halt dich fest.“ Linda ging in die Knie und schob sich mit gebücktem Rücken unter Victoria. So schafften sie es einige hundert Meter, dann half Victoria wieder mit und sobald Linda 192 Die Sanduhr läuft ab <?page no="193"?> merkte, dass Victorias Knie nachgaben, nahm sie sie wieder huckepack. Den Blick starr auf den Boden gerichtet, stapfte Linda weiter. Einen Schritt nach dem anderen. Immer weiter. Bis sie auf dem Boden keine Gräser mehr sah. Der Schweiß lief ihr in die Augen und sie konnte ihren Blick nicht fokussieren. Auf dem Boden war nichts als Sand. Sie waren am Strand angekommen. Linda fiel auf die Knie und dann auf alle Viere. Der Wind peitschte vom Meer auf sie zu und innerhalb kurzer Zeit war ihr schweißbedecktes Gesicht vom Sand wie paniert. Die Wellen rauschten mit ohrenbetäubendem Lärm. Victoria lag neben ihr. Sie wagte es nicht, den Blick zu heben. War jemand hier? Wurden sie gerettet? Oder war alles umsonst gewesen? Die ganzen Strapazen und Schmerzen. Langsam schlug Linda ihre Augenlider auf und legte ihren Kopf langsam in den Nacken. Ihr Blick fiel auf den Horizont. Das Meer war aufgepeitscht und die Wellen bildeten weiße Schaumkronen. Sie bauschten sich auf und rollten an den Strand. Linda streckte die Hand aus. War es die Gischt oder leichter Nieselregen, der ihre Haut anfeuchtete? Mit dem Ärmel ihres T-Shirts wischte sie sich über die Augen. Ihr Herz klopfte rasend schnell und obwohl der Weg wahnsinnig anstrengend gewesen war, spürte Linda, dass dieses Signal ihres Körpers kein Anzeichen der Erschöpfung war. Es war die Angst. Die nackte Angst und Panik vor dem, was sie sich nicht einzugestehen bereit war. Wenn man aufwachte und es nur intensiv genug versuchte, dann konnte man sich manchmal an den Traum erinnern, den man noch vor wenigen Momenten im Schlaf erlebt hatte. Dieses seichte, wohlig warme Gefühl der Zufriedenheit. Linda kniff die Augen zusammen und versuchte sich selbst zu überzeugen, nichts zu denken. Doch es half nichts. Sie wusste es. Sie waren allein. Linda warf ihren Kopf von links nach rechts und suchte verzweifelt den Horizont ab. Dann legte sie den Kopf in den Nacken und suchte den Himmel ab. Nichts. Wirklich niemand? Kein Schiff ? Kein Hubschrauber? Niemand der am Strand entlang lief, sie suchte und ihren Namen rief ? Linda sackte in sich zusammen und schrie vor Wut. Victoria neben ihr wimmerte. Langsam stand Linda auf. Ihre Muskeln und Gelenke fühlten sich an, als sei sie hundert Jahre alt. Sie schaute an sich herunter. Das T-Shirt, das sie seit wer weiß wie lange trug, war von der Sonne verblichen und begann sich an einer Naht aufzulösen. Ihre Knie waren aufgeschürft und blutig. Ein getrocknetes Rinnsal lief bis hinunter zu ihrem rechten Stoffschuh. Mit den Händen fuhr sie sich über die Stirn und strich ihre Haare nach hinten. Die Sanduhr läuft ab 193 <?page no="194"?> In fettigen Strähnen fielen ihr die Haare über die Schultern. Ihre Kopfhaut juckte und ihre Zunge klebte am Gaumen. Sie ließ ihre angespannten Schultern fallen. „Das ist das Schlimmste, was mir je passiert ist.“ Victoria schaute zu ihr auf. Sie schüttelte mit dem Kopf. „Hast du es noch nicht verstanden? Wir sind allein, niemand ist hier. Wir haben versagt und werden hier sterben.“ Linda stieß einen gequälten Schrei hervor. „Womit habe ich das verdient? Warum kann ich nicht ein ruhiges, entspanntes Leben haben? Sag mir das! Warum ICH? Ich will meine Ruhe, ich will nur nach Hause. Ich würde alles dafür tun. Warum hilft mir denn niemand? “ Victoria streckte ihren Arm nach ihr aus und zog sie sanft auf den Boden. „Du hast alles richtig gemacht. Niemand hier hat das verdient. Du hast getan, was in deiner Macht stand, und hast mich mitgenommen, als du die Wahl hattest, nur an dich zu denken. Ich weiß nicht, warum wir hier sind und das alles ertragen müssen. Ich weiß nur, dass es nicht darauf ankommt, was einem passiert, sondern wie man damit umgeht. Du bist ein guter Mensch und du hast Stärke und Mut bewiesen.“ Victoria schloss ihre beiden Hände um Lindas geballte Fäuste. „Es bringt nichts, sich das Hirn zu zermartern, um eine Antwort auf die Frage nach dem Warum zu finden. Vielleicht finden wir es irgendwann heraus, vielleicht auch nicht. Ich bin mir nur mit einem sicher: Irgendwann wirst du dafür belohnt werden und es wird sich auszahlen, wie stark du in dieser unerträglich schrecklichen Situation gewesen bist.“ Linda lächelte. „Du bist unglaublich! Ich dachte gerade, du bist der positivste und naivste Mensch auf diesem Planeten. Wie lange hast du den Helikopter denn schon gesehen? “ „Nicht lange, versprochen! “ Victoria hob verteidigend die Arme und lachte. Linda stieß einen Jubelschrei aus. „Na endlich.“ Sie hob die Arme über den Kopf und winkte mit so großen Bewegungen, wie sie nur konnte. Als der Helikopter landete, blies der Wind der Rotorblätter ihr so stark entgegen, dass sie mehrere Schritte nach hinten machen musste, um nicht umzufallen. Ihre Augen wurden so trocken, dass sie tränten, doch Linda schloss sie nicht. Sie wollte sich diesen Anblick nicht für eine Millisekunde entgehen lassen. Endlich war die Rettung da. Aller Aufwand und Schmerz hatten sich gelohnt. Sie hatte richtig gehandelt und sich selbst und Victoria gerettet. Als Tom aus dem Helikopter sprang, entfuhr ihr ein Seufzer der 194 Die Sanduhr läuft ab <?page no="195"?> Erleichterung. Gott sei Dank war er da. Schon als noch mehrere Meter zwischen ihnen lagen, streckte sie die Arme aus und ließ sich dann mit voller Inbrunst in seine Umarmung fallen. Mehrere Sekunden hielten sie sich fest. Langsam beruhigte sich ihr Herzschlag. Linda öffnete leicht die Augen und schaute zu, wie zwei Sanitäter mit einer Trage zu Victoria liefen. Sie schaffte es nicht aufzustehen und wurde jetzt mit Gurten festgeschnallt. Tom löste sich aus der Umarmung und gemeinsam gingen sie zum Helikopter. Die beiden Sanitäter trugen Victoria auf der Trage zum Helikopter und der dritte, der wartete, half, sie nach innen zu ziehen. Linda und Tom warteten draußen, damit Victoria zuerst versorgt werden konnte. Linda schaute Tom an und sagte: „Danke, du hast uns das Leben gerettet.“ Doch bevor Tom antworten konnte, wurde ihm das Wort von einem Schrei abgeschnitten, der Linda das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Hilfe, ich will hier sofort raus.“ Victoria wand sich wie ein gefesseltes Tier und versuchte, die eng geschnallten Gurte zu lösen. Linda sah von außen, wie der blonde Sanitäter, der gerade eine Spritze aufgezogen hatte, ruckartig seine Hand von Victoria zurückzog. Im selben Moment startete der Pilot den Helikopter und die Rotorblätter begannen sich zu drehen. Linda versuchte gegen den Lärm anzuschreien: „Was ist los? “ Tom und die Sanitäter schauten sie fragend an und Linda hob hilflos die Arme. Doch Victoria schrie, als hinge ihr Leben am seidenen Faden. Als die Sanitäter ihre Trage wieder zurück nach draußen schoben, konnte Linda einen Blick ins Innere erhaschen. Reglos und mit leichenblassem Gesicht starrte ihr Jonas entgegen. Endlich hatte der Pilot mitbekommen, was los war, und die Rotorblätter wurden langsamer, bis sie schließlich zu einem kompletten Halt kamen und das Getöse aufhörte. „Ich fliege nicht mit ihm gemeinsam“, schrie Victoria. „Bringt ihn hier weg, er ist eine Gefahr.“ Tom packte Linda an den Schultern und zog sie zu sich, sodass ihre Gesichter nur wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. Er betonte jedes Wort mit Nachdruck: „Was ist hier los? “ Linda öffnete ihren Mund, doch es kam kein Laut heraus. Offensichtlich war Tom mit dem Rettungsteam zuerst in den Dschungel geflogen und sie hatten Jonas abgeholt. Linda hustete und versuchte zu schlucken. Der blonde Die Sanduhr läuft ab 195 <?page no="196"?> Sanitäter reichte ihr eine Flasche Wasser. Sie setzte an und trank sie in einem Zug aus. „Mehr? “, fragte Tom. Sie nickte und streckte ihren Arm aus. In dem Moment erschien wieder Jonas’ Gesicht. Er stützte sich mit der Hand auf Toms Schulter auf und sprang aus dem Helikopter. „Nehmt zuerst die Frauen mit, ich warte hier, bis der Helikopter nochmal kommt.“ Wieder drehte sich Tom zu Linda um, doch sie kletterte wortlos in den Helikopter. Der Pilot reichte ihr Kopfhörer und als Linda sie aufsetzte, umschlossen die Polster ihre Ohren, sodass mit einem Schlag himmlische Ruhe herrschte. Die nächsten Minuten fühlten sich an wie in Watte gehüllt. Wie in einem Film zogen die Bilder an ihr vorbei. Tom stieg nach ihr ein und Victoria wurde wieder ins Innere geschoben. Von den drei Sanitätern waren nur noch zwei da und Jonas erschien nicht mehr auf der Bildfläche. Tom schaute mehrfach fragend in ihre Richtung, doch Linda brachte es nicht über sich, den gedämpften Kokon ihrer Kopfhörer zu verlassen, der sich so beruhigend anfühlte. Ein Sanitäter kniete vor Linda auf dem Boden. Das Desinfektionsmittel brannte, als würde es die Wunden an ihren Beinen verätzen. Sie klammerte sich mit den Händen an ihrem Sitz fest. Tom hatte sich Victoria zugewandt und hielt ihre Hand. Seine Stimme drang kaum hörbar durch Lindas Kopfhörer. „Ich bin so froh, dass es euch gut geht.“ „Naja, gut ist relativ“, sagte Victoria. Tom nickte. „Ich bin, so schnell ich konnte, gelaufen und als ich endlich am Strand angekommen war, hat es nochmal ewig gedauert, bis ich endlich das Boot repariert hatte. Das Baumharz klebt zwar gut, braucht aber lange zum Trocknen.“ „Wo bist du dann hin mit dem Boot? Hattest du keine Angst? “ „Doch“, Tom lachte auf. „Ich hatte eine Heidenangst, aber ich habe keine andere Option gesehen. Ich bin mit dem Boot raus aufs Meer und einfach losgepaddelt. Meine Arme fühlen sich immer noch an, als wären sie aus Gummi. Aber ich wusste, wenn ich aufhöre, dann sterben wir alle. Also habe ich immer weiter gemacht und mich gefragt, ob ich eher verdurste oder eher ohnmächtig werde von der Anstrengung. Als ich irgendwann Land gesehen habe, konnte ich es kaum glauben. Ich war so geschwächt, dass ich mich die letzten paar hundert Meter nur noch zum Strand treiben lassen konnte. Dort 196 Die Sanduhr läuft ab <?page no="197"?> waren dann wenigstens gleich Menschen und sie haben einen ziemlichen Tumult veranstaltet, als sie mich entdeckt haben.“ „Und dann hast du sofort Rettung für uns organisiert.“ „Ja, aber bitte sagt mir endlich, was los ist. Als wir Jonas abgeholt haben, hat er mir von Frank erzählt und er sagte, dass ihr anderen los seid zum Strand. Wo ist denn Leon? “ „Wie meinst du das? Was hat er von Frank erzählt? “ Linda presste die Hände auf die Kopfhörer und kniff die Augen zusam‐ men. Als Linda wieder aufwachte, schmerzten ihre Augenlider beim Öffnen. Vorsichtig bewegte sie ihre Hände und spürte den kühlen Stoff einer Decke. Die Baumwolle lag steif auf ihr und ragte bis über ihr Kinn hinauf. Sanft strich sie mit den Fingern über den rauen Stoff des weißen Spannbettlakens. Genauso kratzig fühlte sich ihr Hals an. Langsam betrachtete sie ihre Umgebung. Sie war in einem Zimmer mit Teppichboden, einem Fernseher an der Wand und Vorhängen die den Raum fast verdunkelten. Ein Wecker neben ihr zeigte 16: 11 Uhr an. Die Minibar summte und Linda spürte den Luftzug der Klimaanlage auf ihrem Gesicht. Die musste sie sofort ausstellen, kein Wunder hatte sie Halsschmerzen. Der Weg durch den Dschungel hatte sich wie ein Marathon angefühlt, und jetzt fühlte sie sich entsprechend wie am Tag nach dem Marathon. Müde und ausgelaugt. Im Bad lagen eine Creme in einer gold-weißen Tube, von einer Marke die Linda nicht kannte, ein Stapel weiße Handtücher in drei verschiedenen Größen und mehr Kosmetika als Linda in ihrem eigenen Badezimmer besaß. Sie drehte die Wasserfalldusche so heiß, wie sie es gerade noch ertragen konnte. Wer war auf die Idee gekommen, ihr diesen Namen zu geben? Dieses warme und wohlige Gefühl hatte rein gar nichts mit der Panik zu tun, die Linda mit einem Wasserfall verband. Auf einem Hocker mit Samtbezug lag ein Stapel mit Kleidung. Linda wählte ein langes weißes Sommerkleid mit Blumenmuster aus. Die Hitze traf sie wie ein Schlag, als sie aus dem Hotelzimmer nach draußen trat. Linda spazierte durch die Anlage und ließ ihren Blick über die Palmen und die Blumenbeete gleiten. In jeder Himmelsrichtung war mindestens ein Gärtner am Werk. Die leise Reggae-Version von Maroon 5s „Sunday Morning“ tönte aus den Lautsprechern, die überall versteckt und sogar an den Palmen angebracht waren. Die Sanduhr läuft ab 197 <?page no="198"?> Die wenigen Menschen, denen sie begegnete, beachteten sie kaum, wahrscheinlich hielten sie sie für eine Urlauberin genau wie sie selbst. In einem der Restaurants war ein gigantisches Kuchenbuffet aufgebaut. Ein Kellner im schwarzen Anzug kam sofort, um sie zu einem Tisch zu geleiten, doch Linda winkte ab. Sie schnappte sich ein Stück Marmorkuchen und ging zur anderen Seite direkt wieder hinaus. Ein Holzschild in Pfeilform zeigte ihr den Weg zum „Beach“. Der Weg ging über in einen Holzsteg der circa zwanzig Zentimeter über dem Sand schwebte, und als Linda aufblicke, stand sie schon mitten in der Strandbar. Dieses Mal konnte sie sich nicht widersetzen. Eine Kellnerin stellte sich ihr in den Weg und ehe sie sich versah, saß sie an der Bar mit Blick auf das Meer und vor ihr stand ein Cosmopolitan. Linda nahm das hohe Glas mit drei Fingern am Stiel und trank einen Schluck. Die Süße des Drinks und der Alkohol brannten in ihrer Kehle. Als Linda das Glas wieder abstellte, ließ sie sich in ihren Stuhl sinken und atmete laut hörbar aus. „Ich bin frei“, flüsterte sie. Vor ihr erstreckte sich der Strand mit einer Sonnenliege neben der anderen und Sonnenschirmen aus Stroh. Auf den Liegen waren überall die gleichen rosafarbenen Strandtücher ausgebreitet. Wenn man die Augen etwas zusammenkniff, dann sah das aus wie eine Herde Flamingos. Linda zog auf eine der Liegen um. Trotz der Hitze nahm sie sich noch ein zweites Flamingo-Handtuch und benutzte es als Kopfkissen. Einen Zipfel zog sie sich über den Kopf und fiel in einen leichten Schlaf. Immer wieder wachte Linda auf, vor allem wenn die Musik zwischenzeitlich lauter gestellt wurde. Ohne, dass sie darum gebeten hatte, brachte ihr der Kellner einen weiteren Cosmopolitan. Sie schwitzte, aber hatte nicht die Kraft aufzustehen und sich im Meer abzukühlen. Als sie um sich herum Stimmen hörte, wachte sie auf. Die Mitarbeiter waren dabei, die Sonnenliegen zusammenzustellen und die Dämmerung hatte bereits eingesetzt. Als Linda sich aufsetzte, spürte sie einen stechenden Kopfschmerz. Vorsichtig rieb sie sich die Schläfen, doch es half nicht. Sie nahm einen letzten Schluck und machte sich auf den Rückweg zum Zimmer. Es war schnell dunkel geworden, doch die kleinen Wege durch die Anlage waren alle gesäumt von Lichtern, die im Boden steckten. In den Bäumen hingen Lichterketten und weiße Lampions. Unerwartet hörte sie hinter sich jemanden. Schnell beschleunigte sie ihre Schritte. „Linda! “ Das war Toms Stimme. Doch Linda wollte nicht stehenbleiben. Bestimmt würde er sich unterhalten wollen. „Linda? “ Noch einmal rief er, dieses Mal lauter, doch endlich war sie an ihrem Zimmer angekommen 198 Die Sanduhr läuft ab <?page no="199"?> und huschte hinein. Als das Türschloss hinter ihr klickte, atmete Linda erleichtert auf. Tom klopfte mehrfach an ihre Tür, doch sie reagierte nicht. Sie wollte nichts anderes als schlafen und schaffte es gerade noch, das Kleid auszuziehen, bevor sie in einen traumlosen Schlaf fiel. Als Linda am nächsten Morgen aufwachte, spürte sie den Schaden, den der Alkohol in ihrem Körper angerichtet hatte. Doch gedanklich war sie auf einmal absolut klar. Zwei Punkte hatten jetzt absolute Priorität. Erstens war das das letzte Mal gewesen, dass sie Alkohol getrunken hatte. Die alte Linda tat so etwas. Die neue Linda hatte etwas geschafft, was sie sich nie zu träumen gewagt hatte. Das passte nicht mit alten schwächlichen Angewohnheiten zusammen. Zweitens, sie musste hier sofort weg. Weg von diesem Ort, weg von Victoria und Tom und von den Erinnerungen. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, vom Tod von Frank und Leon erzäh‐ len zu müssen. Das Durchlebte noch einmal aufzubereiten, aufzuarbeiten, nochmal zu durchleben. Wozu sollte das auch gut sein? Was geschehen war, war geschehen. Niemand konnte das ändern. Es wäre besser gewesen, auf ihr instinktives Gefühl zu hören und diesem Urlaub niemals zuzustimmen. Es hatte ihr nichts als Ärger und Schmerz gebracht. Der „Urlaub“ war ein totaler Reinfall gewesen und auch im „Projekt“ hatte sie kläglich versagt. Die anderen waren so viel erfahrener und wissender als sie. Von Anfang an hatte niemand auf ihre Meinung gehört und es gab auch keinen Grund, das zu tun. Sie hatte schließlich nichts vorzuweisen und nichts erreicht. Keine Ausbildung, keine Expertise, keine Erfahrung und anscheinend auch nicht die beste Menschenkenntnis, sonst hätte sie Frank und auch Jonas nicht vertraut. Der eine hatte ihr Vertrauen missbraucht und sie zu etwas genötigt, dem sie nie zugestimmt hätte und der andere war … ein Mörder. Das hätte man vorhersehen müssen oder können, vermutlich hatte es Anzeichen gegeben. Nachdem Linda im Bad gewesen war, ging sie zur Rezeption. Anscheinend war alles für sie geklärt. Ihr Pass lag bereit, ihr Koffer, den sie vor ihrem unfreiwilligen Landgang auf dem Schiff zurückgelassen hatte, war gepackt, und der Mitarbeiter an der Rezeption gab ihr verschiedene Optionen für Rückflüge nach Deutschland. Linda nahm den ersten der schon in wenigen Stunden startete, obwohl die Reise einen längeren Zwischenstopp hatte. Das war besser, als noch länger hier warten zu müssen. Ehe sie sich versah, saß sie in einem Taxi zum Flughafen. An der Rezeption hatte sie eine kurze Nachricht für Tom und Victoria hinterlegt, dass sie abgereist war. Die Sanduhr läuft ab 199 <?page no="200"?> Am Flughafen in München nahmen Lindas Eltern sie in Empfang. Beide weinten, als sie durch die Glastür kam und sie in den Arm nahmen. Linda wusste kaum, was sie sagen sollte. Doch dankenswerterweise überfielen ihre Eltern sie nicht sofort mit Fragen. Sie konnte im Auto hinten sitzen und in Ruhe fahren. Ihr Zimmer wirkte erstaunlich klein und als hätte hier monatelang niemand gewohnt. Waren es wirklich nur zwei Wochen gewesen? Die Zeit davor fühlte sich an, wie ein anderes Leben. Der Schreibtisch, an dem sie jahrelang ihre Schulaufgaben erledigt hatte, war klein und das Holz der Oberfläche zerkratzt. „Linda? “, ihre Mutter klopfte zaghaft an die Tür. „Was möchtest du gerne essen? Soll ich eine Lasagne machen? “ Linda nickte und lächelte. „Danke, Mama.“ „Überleg dir doch mal, was du in den nächsten Tagen Schönes machen möchtest, ja? Wenn du magst, dann vereinbare ich für dich einen Kosme‐ tiktermin, das hilft bestimmt, um dich zu entspannen nach den ganzen Strapazen.“ Linda nickte wieder. Als sie beim Essen saßen, platzte es aus ihr heraus. „Ich werde umziehen, nach Berlin.“ Ihre Mutter drehte sich so schwungvoll zu ihr um, dass sie ihr Wasserglas umstieß. Hastig ging sie in die Küche, um ein Tuch zu holen. „Aber warum denn so überstürzt? Erhol dich doch erstmal“, sagte ihr Vater. „Bitte hört auf, mich wie ein kleines Kind zu behandeln. Ich habe mir das auf dem Flug alles in Ruhe überlegt. Ich muss endlich hier raus und mein Leben in die Hand nehmen.“ „Und das kann man hier nicht? München ist doch nicht weit weg, da gibt es genug Arbeit“, warf ihre Mutter ein. „Wenn du nicht mehr in die alte Firma zurückwillst, nach allem, was passiert ist, dann findet sich doch etwas anderes.“ „Ich muss mich ganz neu aufstellen und mir Fachwissen aufbauen. Es reicht nicht, als Praktikantin mitzulaufen und zu hoffen, dass ich mit Learning-by-doing etwas erreiche.“ „In Berlin bist du aber ganz alleine, da können wir dir nicht helfen, wenn mal etwas passiert“, gab ihr Vater zu bedenken. „Eben. Genau so soll das sein, ich will endlich auf eigenen Beinen stehen. Ich habe mich vorher online informiert und mir eine Projektma‐ 200 Die Sanduhr läuft ab <?page no="201"?> nagement-Zertifizierung ausgesucht, die nächste Woche beginnt. Ich fahre mit dem Zug hin und ein WG-Zimmer findet sich sicher irgendwie. Bitte versucht nicht, es mir auszureden. Das ist mir wirklich wichtig.“ „Na gut, und wenn du es dir doch anders überlegst, dann kannst du ja wieder nach Hause kommen“, sagte ihre Mutter mit einem aufmunternden Lächeln. Linda seufzte und zog die Augenbrauen hoch. Wissen | Kopfstandmethode - Risikoanalyse - Risikomatrix - Planning Poker - Gegenmaßnahmen - Risk Shifting - Sechs Denkhüte - Konflikteskalation Stufe 8: Zersplitterung und Stufe 9: Gemeinsam in den Abgrund - Broken-Windows-Theory Projekte sind immer mit Risiken verbunden. Risikomanagement bedeu‐ tet, diese Risiken systematisch zu erkennen, zu analysieren, zu bewerten und über den gesamten Projektverlauf zu steuern. Je mehr Erfahrung und Lessons learned man aus anderen vergleichbaren Projekten mit einbeziehen kann, desto umfassender kann das Risikomanagement sein, sodass die Risiken steuerbar sind und keine Blackbox aus „Unvorher‐ sehbarem“. Je frühzeitiger im Projektverlauf man potenzielle Gefahren erkennt, desto eher kann man sich auf deren Eintreten vorbereiten. Manche Risiken können vermieden oder abgemildert werden, andere verlagert, indem man z. B. eine Versicherung abschließt, oder auch bewusst akzep‐ tiert werden, weil eine Gegenmaßnahme z. B. teurer in der Umsetzung wäre als der eintretende Schaden. Transparentes Risikomanagement bietet eine Entscheidungsgrundlage und macht die Komplexität beherrschbar. Die Sanduhr läuft ab 201 <?page no="202"?> Kopfstandmethode Die Kopfstandmethode ist eine Kreativitätsmethode und dient der Lösungsfindung. Schritt 1: Formulierung der Fragestellung Schritt 2: Umkehrung der Fragestellung in ihr Gegenteil Schritt 3: Beschreibung des Worst-Case-Szenarios: „Was ist das Schlimmste, das passieren könnte? Schritt 4: Umkehrung in ihr Gegenteil Risikoanalyse Risiken sind mögliche negative Auswirkungen auf das Projekt. Um eine Risikoanalyse durchzuführen, werden zunächst alle möglichen Risiken gesammelt. Bei der nun folgenden Analyse bewertet man die Einzelrisiken hinsichtlich ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit und ihres Schadensausmaßes. Die Multiplikation dieser Werte ergibt den Risikowert, mit dem das Risikobudget gebildet wird. Nr. Risiko Eintrittswahrscheinlichkeit Schadensausmaß Risikowert 1 Gesetzesänderung 50% 50.000 € 25.000 € 2 Witterung behindert Bau 60% 100.000 € 60.000 € 3 Schnittstellenprojekt zieht Ressourcen ab 30% 30.000 € 9.000 € 4 Insolvenz eines Zulieferers 20% 10.000 € 2.000 202 Die Sanduhr läuft ab <?page no="203"?> Risikomatrix Das Ergebnis der Risikoanalyse wird in einer Risikomatrix dargestellt. Nach der Einordnung in die Quadranten kann man eine Strategie für den Umgang mit dem Risiko ableiten. Eintrittswahrscheinlichkeit Schadensausmaß niedrig niedrig hoch niedrig hoch mittel mittel hoch 1 2 3 4 Planning Poker, agile Schätzmethoden In der Softwareentwicklung werden die Aufgaben in einzelnen User Stories formuliert. Die Entwickler schätzen den Aufwand für die Stories. Um zu einer Einigung bzgl. der Schätzung zu kommen, gibt es verschiedene agile Methoden, eine von ihnen ist das Planning Poker. 1. Jede*r Experte*in schätzt alleine für sich und notiert den Wert. 2. Alle decken gleichzeitig ihre Schätzung auf. 3. Diejenigen mit der höchsten und der niedrigsten Schätzung erklären ihre Herleitung. 4. Danach erfolgt eine erneute Schätzung sowie eine gleichzeitige Offenlegung. Durch die Argumentation hat meist eine Annäherung stattgefunden. Diese Art der Schätzung kann auch in einem Risikoworkshop genutzt werden, um sich auf eine Schätzung für Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß zu einigen. Die Sanduhr läuft ab 203 <?page no="204"?> Gegenmaßnahmen im Risikomanagement Je nachdem, in welchen Quadranten die Risiken in der Risikomatrix eingeordnet wurden, kann man Strategien für den Umgang mit dem Risiko ableiten. Je weiter rechts oben die Risiken liegen, desto wichtiger ist es, eine Gegenmaßnahme parat zu haben. Je weiter links unten das Risiko liegt, desto eher ist es möglich, ein Risiko auch selbst zu tragen. Es gibt zwei verschiedene Arten von Gegenmaßnahmen, präventive und korrektive. Eine präventive Maßnahme beschließt man schon vor dem Risikoeintritt, wenn man das Risiko analysiert hat. Sie soll die Eintrittswahrscheinlichkeit senken. Die Kosten dafür müssen im Projektbudget berücksichtigt werden, denn sie entstehen in jedem Fall, unabhängig davon, ob das Risiko eintritt oder nicht. Korrektive Maßnahmen kann man auch bereits planen, aber sie führt man erst bei Risikoeintritt durch. Sie sollen das Schadensausmaß reduzieren. Da man nicht weiß, ob sie tatsächlich notwendig werden, werden Kosten für die Maßnahme nur im Risikobudget abgebildet. Risk Shifting Es gibt Menschen, die leben das Leben am Limit; sie sind risikofreudig. Sie gehen zum Bungeejumping, überschreiten Geschwindigkeitsbegrenzungen oder spekulieren an der Börse. Andere sind risikoaverser. Ihr Geld liegt auf dem Sparbuch, sie essen aus Angst, an einer Gräte zu ersticken, keinen Fisch und fahren jedes Jahr an denselben Urlaubsort. Wichtig ist im Hinterkopf zu behalten, dass wir unsere persönlichen Präferenzen nie vollständig ablegen und diese auch mit in die Arbeit bringen. Gruppen wiederum entscheiden meist risikofreudiger als Einzelpersonen. Dies ist wichtig zu wissen, bevor man zum Beispiel den Risikoworkshop in einem Projekt durchführt. 204 Die Sanduhr läuft ab <?page no="205"?> Sechs Denkhüte nach Edward de Bono Analytisches Denken Emotionales Denken Kritisches Denken Optimistisches Denken Kreatives Denken Ordnendes Denken Konflikteskalation nach Friedrich Glasl 6. Drohstrategien Man versucht, sich durch Drohungen zu behaupten und zu zeigen, wer die Macht hat. 7. Begrenzte Vernichtungsschläge Unmoralische Schachzüge werden angewandt, um den anderen zu schaden. 8. Zersplitterung Die Kommunikation wurde eingestellt und die Zerstörung des Kontrahenten ist das Ziel. 9. Gemeinsam in den Abgrund Es herrscht absolute Konfrontation. Schäden an anderen und sich selbst werden in Kauf genommen. 9. Gemeinsam in den Abgrund Es herrscht absolute Konfrontation. Schäden an anderen und sich selbst werden in Kauf genommen. Die Sanduhr läuft ab 205 <?page no="206"?> Konflikteskalation nach Friedrich Glasl 6. Drohstrategien Man versucht, sich durch Drohungen zu behaupten und zu zeigen, wer die Macht hat. 7. Begrenzte Vernichtungsschläge Unmoralische Schachzüge werden angewandt, um den anderen zu schaden. 8. Zersplitterung Die Kommunikation wurde eingestellt und die Zerstörung des Kontrahenten ist das Ziel. 9. Gemeinsam in den Abgrund Es herrscht absolute Konfrontation. Schäden an anderen und sich selbst werden in Kauf genommen. Broken-Windows-Theory Die Broken-Windows-Theory lässt sich häufig im Büro beobachten: Kollege 1 geht in die Kaffeeküche. Er will seine benutzte Kaffeetasse in die Spülmaschine stellen, stellt jedoch fest, dass diese gerade gelaufen ist. Er hat keine Lust, sie auszuräumen und stellt die schmutzige Tasse auf den Küchentresen. Kurz darauf kommt Kollegin 2 in die Küche. Auch sie will ihre Tasse in die Spülmaschine stellen. Sie sieht, dass sie ausgeräumt werden müsste. Doch sie ärgert sich, dass da eine schmutzige Tasse steht, denn sie räumt die Maschine häufig aus. Sie stellt ihre Tasse auch auf den Tresen und geht. Kollege 3 macht sich nicht einmal mehr die Mühe, in die Maschine zu schauen. Am Abend stehen 17 schmutzige Tassen in der Küche. Kollege 13 hat jedoch die beiden vor ihm beobachtet und sich über ihr unkollegiales Verhalten geärgert. Im Projekt-Jour-fixe am nächsten Morgen zeigt er ihnen die kalte Schulter. 206 Die Sanduhr läuft ab <?page no="207"?> Stille Wasser sind tief Die Zugtüren zischten beim Öffnen und Linda wuchtete ihren Koffer mit beiden Händen nach draußen auf den Bahnsteig. „Geh weiter, du stehst im Weg“, blaffte sie der Mann hinter ihr an. Schnell ging sie ein paar Schritte in die Mitte des Bahnsteigs und setzte ihren Rucksack ab. Der Wind wehte eine zerdrückte Dose vor ihre Füße. Sie wickelte ihren Schal enger um den Hals und setzte sich in Bewegung. Mit der U-Bahn brauchte sie nur zwanzig Minuten zu ihrer Haltestelle und die letzten paar hundert Meter ging sie zu Fuß weiter. Die Rollen ihres Koffers klackten alle paar Schritte über die Ränder der Betonplatten auf dem Gehweg. Wie vereinbart lag der Schlüssel unter der Fußmatte. Ihre Vermieterin, die gestern in ein Auslandsjahr aufgebrochen war, hatte ihr sogar noch einige Handtücher aufs Bett gelegt und im Kühlschrank eine Packung Scheibenkäse und einen Liter Milch dagelassen. Pflanzen gab es hier nicht. Umso besser, dann musste sie sich auch nicht darum kümmern. Der Kurs begann morgen um neun Uhr und nach Feierabend würde sie als Erstes einkaufen gehen. Die ersten Tage des Zertifizierungskurses waren aufregend. Die anderen Teilnehmenden waren bunt gemischt, teils älter als sie, teils jünger, manche brachten Erfahrung mit, manche kaum. Am meisten graute Linda vor der schriftlichen Aufgabe. In den Tagen, in denen keine Präsenzveranstaltungen stattfanden, arbeitete Linda an ihrem Report, recherchierte in der Bibliothek oder klappte ihren Laptop im Zimmer auf. Sie hatte sogar einen Stehschreib‐ tisch. Der Report war umfangreich, aber machbar. Wann immer Linda am Abend ihre Arbeit speicherte, spürte sie einen kleinen Stich des schlechten Gewissens. Sie beschrieb ein Projekt, an dem sie mitgearbeitet hatte. Was sie schrieb, war keinesfalls eine Lüge, aber sie hätte nichts davon alleine durchführen können. Durfte sie stolz auf etwas sein, was nicht ihr alleiniger Verdienst war? Linda schüttelte leicht den Kopf. Sie musste endlich mit diesen destruk‐ tiven Gedanken aufhören. „Sobald du die Zertifizierung in der Tasche hast, kannst du etwas vorweisen. Das kann dir niemand mehr nehmen und danach nimmt alles seinen Lauf zum Guten.“ Linda nickte sich selbst zu und ging ins Bett. Was hätte sie auch anderes tun sollen? Zu grübeln war, wie in einem <?page no="208"?> Schaukelstuhl zu sitzen. Man bewegte sich, kam aber keinen Millimeter voran. Schweißgebadet wachte Linda am Tag der schriftlichen Prüfung auf. Ihr Müsli schmeckte nach nichts und nachdem sie auch noch hineingenießt hatte, schob sie die Schüssel angewidert zur Seite. Mit dem Handrücken tastete sie ihre Stirn ab. Die fühlte sich eigentlich normal an, aber die Lymphknoten unter ihrem Kinn waren angeschwollen. Ihre Schultern waren verspannt und die Hüftbeuger taten ihr bei jedem Schritt weh. Wie viele Stunden hatte sie in den letzten Wochen gelernt? Sie hatte gänzlich den Überblick verloren. „Mind over matter, Linda.“ Sie kniff die Augen kurz und fest zusammen und stand dann entschlossen auf. „Na, hast du auch bestanden? “, fragte Elena sie, als sie aus dem Prüfungs‐ zimmer kam. „Ja, ich bin so froh! “ Linda warf den Kopf in den Nacken und lachte. „Hast du Lust auf unseren Erfolg anzustoßen? “ „Danke, anstoßen möchte ich nicht, aber wenn du Lust hast, können wir zur Feier des Tages ein Stück Kuchen essen gehen? “ Elena nickte. „Unbedingt. Ich brauche eine Pause von der ganzen Lernerei. Es geht schneller wieder los, als einem lieb ist.“ „Machst du denn gleich weiter mit etwas Neuem? “ „Mit klassischem Projektmanagement kann man ja quasi nichts mehr anfangen. Das läuft jetzt alles agil oder hybrid. Machst du nichts in die Richtung? “ „Hmm, doch doch. Ich habe mich nur noch nicht ganz entschieden.“ „Ja, ich weiß auch noch nicht, was es sein wird. Wahrscheinlich ganz klassisch der ‚Scrum Master‘.“ „Ja, das denke ich auch. Wir können ja mal zusammen lernen, wenn du Lust hast. Mir fällt ein, das Kuchenessen müssten wir leider verschieben. Ich habe noch einen Termin, den ich ganz vergessen hatte.“ „Ok, kein Problem, vielleicht sieht man sich ja bald mal wieder.“ Elena winkte ihr zum Abschied zu. Linda rutschte das Herz in die Hose. Elena hatte vollkommen recht. Natürlich war das nicht genug, eine läppische kleine Zertifizierung zu machen. Das konnte ja jeder. Linda ging auf direktem Weg nach Hause und klappte den Laptop auf. Scrum Master oder Product Owner? 208 Stille Wasser sind tief <?page no="209"?> Linda checkte ihren Kontostand. Konnte sie sich das leisten? Dann legte sie mit angehaltenem Atem beides in den Warenkorb. Sie konnte es sich nicht leisten es nicht zu tun. Das Lernen für die beiden agilen Zertifizierungen fiel Linda leichter. Langsam hatte sie eine Routine entwickelt. Doch die Abende waren weiter‐ hin einsam und irgendwann rauchte ihr Kopf, sodass sie mit ihrem Laptop auf dem Schoß auf der Couch einschlief. Die einzige Abwechslung brachten die Treffen der Anonymen Alkoholiker, an denen sie immer donnerstags teilnahm. Sie halfen dabei, nicht in alte Verhaltensmuster zurückzufallen, wenn ihr alles schwerfiel. Die Prüfungen hätten nicht unspektakulärer sein können. Mit einem Klick auf „Absenden“ war ein weiterer Meilenstein erreicht. Danach kam, wie zu erwarten war, keine Verleihung, keine Party, kein Brimborium. Nur eine E-Mail. Aber eine, die Linda mehr als glücklich machte. Sie war jetzt zertifizierte klassische und agile Projektmanagerin. Ihr Lebenslauf lag seit Wochen vorbereitet auf dem Desktop. Die Daten endlich ergänzen zu können, erfüllte Linda mit mehr Genugtuung, als sie beim Verlassen der Insel empfunden hatte. Sie ballte die Hände zu Fäusten und hüpfte auf und ab. „She believed she could, so she did.“ Jetzt endlich gönnte sich Linda den ersehnten Besuch im Café und schlemmte Torte mit Aussicht über Berlin. Elena war leider schon abgereist, sie hatte einen neuen Job in Frankfurt angefangen. Am Abend fand sich Linda wieder in ihrer bekannten Position mit Laptop auf dem Schoß auf der Couch ein und durchforstete Stellenanzeigen. Die Anzahl der Treffer für „Projektmanager“ war überwältigend. Doch fast überall wurde ein Studium vorausgesetzt. Musste sie das auch erst noch nachholen? Wie viele Jahre sollte sie denn in ihre Ausbildung stecken, bevor sie endlich anfangen durfte zu arbeiten? Frustriert scrollte Linda weiter. War das überhaupt das richtige? Sie wollte ja gar nicht die Chefin werden oder in eine Führungsposition einsteigen. Einfach einen sinnvollen Beitrag leisten und ehrliches Geld verdienen. Sie hatte keinen technischen Hintergrund, war nicht kaufmännisch bewandert und hatte keine erwähnenswerten Sprachkenntnisse, die über das in der Schule Gelernte hinausging. Das einzig Positive war, dass keine der Firmen ein Anschreiben verlangte. So wie sie es beschrieben, gab es nichts Einfacheres als „in ihr Team zu kommen“. Die nächsten Tage verbrachte Linda damit, ihren Lebenslauf auf diversen Firmenseiten hochzuladen. Genervt öffnete sie Maske um Maske. Besonders Stille Wasser sind tief 209 <?page no="210"?> die Bewerbungen bei Konzernen waren aufwändig. Man musste alle Daten, die sowieso schon im Lebenslauf standen, zusätzlich nochmal eintragen. Bei den einen war ein Foto verboten, bei anderen gab es die Option zum Hochladen. Was war jetzt richtig? Linda versuchte die Logik zu durchdrin‐ gen, aber irgendwann stellte sie ihren Kopf auf Durchzug und wandte das inzwischen erfolgreich erprobte Vorgehen an. Augen zu und durch. Just do it. Sonntags ging sie nun immer in das Café am Ende der Straße und aß ein Stück Kuchen. Jedes Mal eine andere Sorte. Danach machte sie einen langen Spaziergang an der Spree entlang und ging so lang, bis ihre Fußsohlen brannten. Das Handy ließ sie zuhause liegen. Sonntags konnte sowieso keine E-Mail kommen, da niemand arbeitete und sie musste ihren Augen ab und zu eine Pause gönnen. Sie brannten abends nach der Arbeit am PC. Gerade als Linda die Rolltreppe zur U-Bahn nehmen wollte, sah sie ihn. Tom stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite und hob einen Arm zum Gruß. Linda zuckte zusammen. Sie stand schon auf der obersten Stufe der Rolltreppe und fuhr nach unten. Zwei Sekunden konnte sie ihm noch in die Augen sehen und dann verschwand sie im Untergrund. Unten angekommen, ging sie ein paar Schritte von der Rolltreppe weg und überlegte. Er hatte sie zweifelsfrei gesehen. Sollte sie zu ihm zurückgehen? Gerade als Linda sich entschieden hatte, noch einmal hochzugehen, trat Tom neben sie. Er war die Rolltreppe bereits hinuntergefahren. „Halt, nicht wieder abhauen! “ rief er und lachte. Linda sah ihn erleichtert an und sie umarmten sich. „Keine Sorge, das hatte ich nicht vor, ich habe nur nicht schnell genug reagiert.“ „Alles gut, kein Problem. Was machst du hier? “ „Ich wohne jetzt hier in Berlin.“ „Tatsächlich? Wow, das ist ja toll, herzlichen Glückwunsch! “ „Oh, da gibt es eigentlich noch nichts, wozu man gratulieren könnte. Ich habe ein paar Fortbildungen gemacht und bin aktuell auf Jobsuche.“ „Das klingt spannend, wollen wir uns da drüben einen Kaffee holen oder hast du es eilig? “ „Gerne, ich habe Zeit. Was führt dich denn her? “ „Ich habe morgen einen Kundentermin, bin auf Akquise.“ „Immer noch für die alte Firma? “ „Ja, es läuft auch gut. Da Frank nicht mehr da ist, hat Victoria übernom‐ men.“ 210 Stille Wasser sind tief <?page no="211"?> „Wie geht es ihr denn? “ „Wieder gut. Sie war eine Weile im Krankenhaus, aber inzwischen ist sie wieder fit und die Schwangerschaft scheint auch nicht weiter beeinträchtigt worden zu sein.“ Linda schloss für einen kurzen Moment die Augen. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr es mich erleichtert, das zu hören.“ „Ich bin auch froh zu sehen, dass es dir gut geht.“ Linda überlegte, was sie darauf antworten sollte. Doch in dem Moment, als sie Luft holte, ergänzte Tom: „Wobei ich mir vorstellen könnte, dass es dir noch besser gehen könnte. Hast du dir denn Hilfe geholt, um alles zu verarbeiten? “ In dem Moment hielt Tom ihr die Tür zum Café auf und sie setzten sich an einen Tisch in der Ecke. Er hatte seine Frage von draußen nicht vergessen und schaute sie mit schief gelegtem Kopf an. „Ich gehe zu Treffen der Anonymen Alkoholiker.“ „Das ist sehr gut, ich bin froh, das zu hören.“ Nach einer kleinen Pause fuhr er fort. „Ich habe einen sehr guten Therapeuten. Warte, ich glaube ich habe seine Karte dabei.“ Er kramte in seiner Tasche. Linda schob ihre Hand auf dem Tisch zu ihm hinüber, so dass er innehielt. „Danke, aber ich denke nicht, dass ich das brauche. Ich komme schon zurecht.“ „Bist du sicher? Ich finde es hilft ungemein sich alles von der Seele zu reden.“ „Ja, das meinen viele. Ich denke anders. Manche Probleme werden nur größer, wenn man sie künstlich aufbauscht.“ Tom lehnte sich zurück. Sofort bereute Linda, dass sie die Worte so harsch ausgesprochen hatte. Doch sie konnte sich schließlich nicht verbiegen und Tom recht geben, wenn es nicht ihre ehrliche Meinung war. Sie fixierte ihn mit den Augen. „Das ist gut möglich. Jeder hat seine eigene Art mit den Dingen umzuge‐ hen und das ist auch gut so“, sagte Tom. „Was suchst du denn für einen Job? “ Linda zuckte mit den Achseln. „Irgendwas mit Projektmanagement. Aber es ist nicht einfach. Ich dachte, wenn ich ein paar Fortbildungen und Zertifizierungen mache, habe ich endlich etwas vorzuweisen. Bisher hatte ich aber noch keinen Erfolg.“ „Komm doch zurück in die Firma.“ „Meinst du? “ „Wir wollen einiges umstellen und da könnten wir dich brauchen.“ Stille Wasser sind tief 211 <?page no="212"?> „Was würde ich denn tun? “ „Du hast alle Möglichkeiten der Welt. Es ist wichtiger mit wem man zusammenarbeitet als das, was man genau tut.“ Tom schaute sie herausfor‐ dernd an. „Ich weiß nicht … Mir fehlt die Berufserfahrung und in meinem einzigen großen Projekt bin ich kläglich gescheitert. Das war das absolute Fiasko.“ „Warum siehst du das so? “ „Wir wurden vor eine Herausforderung gestellt und haben es nicht geschafft, die Dinge in die Hand zu nehmen. Halb verdurstet und mit der halben Mannschaft sind wir nur durch die Hilfe von anderen im letzten Moment gerettet worden.“ „So sehe ich das ganz und gar nicht. Wir haben unter widrigsten Bedin‐ gungen überlebt und alles in unserer Macht Stehende getan. Du hast sogar noch Victoria gerettet und gemeinsam haben wir es geschafft. Wir haben das Ziel erreicht.“ „So habe ich das noch nie betrachtet.“ „Das kann ich mir vorstellen. Warum bist du denn so schnell abgehauen aus dem Hotel? “ „Das tut mir leid, ich wollte mich eigentlich noch von euch verabschieden. Aber dann hättet ihr bestimmt über alles reden wollen.“ „Verstehe.“ Tom nickte und presste seine Lippen zusammen. „Hast du denn gehört, was mit Jonas passiert ist? “ „Nein, ich habe mich irgendwie nicht getraut nachzufragen.“ „Er sitzt im Gefängnis. Aber nicht in Deutschland. Er wurde noch direkt vor Ort verhaftet. Einer der Sanitäter hat es gehört, als Victoria mir erzählt hat, was passiert ist und hat die Polizei gerufen.“ „Oh …“ Linda war sprachlos. „Es ist wirklich krass, Linda. Ich habe mir eine Doku über die Gefängnisse dort angesehen. Er wird dort denke ich nicht gut behandelt.“ Linda spürte wie eine Hitzewelle sie durchfuhr und gleichzeitig waren ihre Hände plötzlich eiskalt. „Das … das kann doch nicht sein. Wir wissen doch gar nicht genau, was passiert ist und warum.“ „Das ist denen scheinbar egal.“ Tom zuckte mit den Achseln. Lindas Stimme zitterte vor Aufregung. „Ist es dir denn auch egal? “ „Natürlich nicht. Aber was kann ich schon dazu beitragen? Ich war ja nicht dabei.“ 212 Stille Wasser sind tief <?page no="213"?> „Ich auch nicht, aber wir müssen doch irgendetwas tun. Es ist doch Jonas. Unser Kollege. Einer von uns. Das ist nicht gerecht.“ Lindas Stimme wurde mit jedem Wort schriller und die anderen Gäste drehten sich zu ihnen um. Tom streichelte ihr über die Schulter. „Beruhige dich“, sagte er mit gepresster Stimme. „Wir überlegen uns gemeinsam etwas.“ „Dafür brauchen wir auch Victoria. Sie ist die Einzige, die es mit eigenen Augen gesehen hat.“ „Ich weiß nicht, ob sie mit an Bord wäre. Sie versucht alles zu verdrängen und stürzt sich mit voller Energie in die Arbeit.“ „Vielleicht ist er schuldig, vielleicht aber auch nicht. Ich denke, wir schulden es ihm, wenigstens die Situation zu analysieren.“ „Du hast recht. Ich spreche mit Victoria“, stimmte Tom zu. Wissen | Zertifizierungen Kontinuierliche Fortbildungen sind für Projektmanagerinnen und Pro‐ jektmanager sinnvoll, denn es ist wichtig, fachlich auf dem aktuellen Stand zu sein und auch Soft Skills wie Kommunikationsstärke und Führungskompetenz zu trainieren. Zertifizierungen Anforderungen an Projektmanagerinnen und Projektmanager können sich im Lauf der Jahre verändern. Um herauszufinden, welche Fortbildungen möglicherweise sinnvoll sind, ist es ein geschicktes Vorgehen, sich aktuelle Stellenanzeigen anzuschauen, um zu erkennen, welche Kompetenzen oder Zertifikate gerade gefragt sind. Die GPM, Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement, bietet Zertifizierungskurse an. Sie entsprechen dem Standard der IPMA, der International Project Management Association. Ebenso gibt es die Möglichkeit sich nach Prince2 oder PMI, Project Management Institute, zu qualifizieren. Im agilen Projektmanagement gibt es Zertifikate nach den Rollen im Projekt wie Product Owner oder Scrum Master. Stille Wasser sind tief 213 <?page no="215"?> Nach der Ebbe kommt die Flut Linda zog ihre weiße Bluse an und drehte sich vor dem Spiegel. Als sie durch den Haupteingang ins Büro ging, begrüßte der Pförtner sie. Sie konnte sich gar nicht erinnern, dass sie sich schon einmal mit ihm unterhalten hatte. Langsam ging sie weiter zum Aufzug. Die Türe hatte sich gerade geschlossen und sie wollte sich schon zur Treppe wenden, um nicht so lange warten zu müssen, da öffnete sie sich wieder. „Guten Morgen, Linda. In den vierten, richtig? “ Eine dunkelhaarige Frau Ende dreißig lächelte sie freundlich an. „Guten Morgen, ja der vierte. Danke.“ Oben begrüßte Victoria sie mit buchstäblich offenen Armen. „Da bist du ja endlich, meine Liebe! “ Noch bevor sie antworten konnte, zog Victoria sie an sich und bugsierte sie dann mit einer Drehung in ihr Büro. „Ich fange gleich mit dem Wichtigsten zuerst an. Linda, ich möchte mich von Herzen bei dir bedanken. Du hast mir das Leben gerettet und dafür werde ich dir auf ewig dankbar sein. Wie du das auf der Insel gemanagt hast - Hut ab! Du hast ein paar gestandene Manager in den Schatten gestellt und ein Durchhaltevermögen bewiesen, das ich nur bewundern kann. Als wir uns kennengelernt haben, warst du so schüchtern und unsicher und jetzt bist du der lebende Beweis dafür, dass man sich ändern kann.“ Linda spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. „Ach, ich sehe schon, das ist dir jetzt unangenehm“, Victoria fing an zu lachen. „Na gut, da habe ich ein bisschen dick aufgetragen.“ Linda fächelte sich mit der Hand scherzhaft Luft zu. „Seit ich dieses Gebäude heute betreten habe, fühle ich mich wie eine Königin. Was habt ihr den Kollegen denn erzählt? “ „Die Wahrheit natürlich. Könnte gut sein, dass du hier jetzt so etwas wie ein Promi bist. Es würde mich nicht wundern, wenn du in der Kantine heute die doppelte Portion bekommst, wenn sie dich erkennen.“ Sie schüttelten sich vor Lachen. Linda hielt einen Moment inne. Ihr fiel erst jetzt auf, dass die Falten um Victorias Augen herum tiefer wirkten. „Wie geht es dir denn nun ohne Frank? “, fragte Linda leise. „Gut und schlecht zugleich. Was er uns und mir angetan hat, ist unver‐ zeihlich und selbst, wenn er noch hier wäre, wären wir sicher kein Paar <?page no="216"?> mehr. Er war kein so guter Mensch wie ich dachte. Aber ich kann nichts dagegen tun, dass ich ihn manchmal sehr vermisse.“ „Ich glaube, es ist in Ordnung, einen Menschen zu vermissen und ihn trotzdem nicht in seinem Leben haben zu wollen“, sagte Linda mit einem Schulterzucken. „Das sind weise Worte. Ich mache eine Therapie und bin auch in einer Gruppe zur Trauerberatung. Das hilft, aber ich bin noch weit davon entfernt, darüber hinweg zu sein.“ „Was geschieht denn nun mit der Firma? “ „Du meinst ohne Frank? Ich habe Prokura und mir gehören 30 % der Geschäftsanteile. Und jetzt, wo Frank tot ist, werden seine 70 % an seine Kinder vererbt.“ Linda nickte. „Was denkst du, was seine Ex-Frau macht? Sie muss das Erbe ja verwalten, bis die Kinder volljährig sind.“ „Das stimmt, ist mir aber herzlich egal.“ Victoria grinste. Sie streichelte über ihren Bauch und Linda musste grinsen. „Stimmt, da war ja was.“ „Es klingt vielleicht hart, wenn ich es so ausspreche, aber ich bekomme ein Kind, für das ich alleine verantwortlich bin. Ich kann es mir nicht erlauben, mich hängen zu lassen. Der oder die Kleine hier erbt ebenfalls und das verwalte ich. Gemeinsam mit meinen eigenen Anteilen kann ich die nächsten achtzehn Jahre alle anderen überstimmen.“ „Endlich mal eine gute Nachricht.“ „Weißt du was, komm erstmal an und trink in Ruhe einen Kaffee. Um zehn treffen wir uns im großen Besprechungsraum. Ich habe einen Workshop organisiert. Wenn du möchtest, kannst du dir bis dahin an diesem PC noch ein paar Dokumente anschauen. Ich denke, dass könnte dich interessieren.“ Linda setzte sich und klickte auf den Ordner, der im SharePoint angezeigt wurde. Er war als „Archiv“ betitelt. In der Struktur darunter befanden sich viele Dokumente. Ein Projektstrukturplan, ein Projektorganigramm, mehrere Powerpoint-Dateien. Als erstes öffnete Linda den „Terminplan“. Nachdem sie einige Zeilen überflogen hatte, ließ sie sich mit offenem Mund in den Bürostuhl zurücksinken. Das war Franks Projekthandbuch. Er hatte alles bis ins kleinste Detail geplant. Die Zeilen waren in Spalte A benannt mit „Tag 1“ bis „Tag 14“. Unter „Aktivitäten“ in Spalte B stand bei Tag 14: „Abholung durch Matthew und John, Festessen auf Boot, Feuerwerk. Trans‐ port zum Festland, Fahrt zum Flughafen, Rückflug Business Class.“ In einer Powerpoint-Datei waren mehrere Karten eingefügt, auf denen mit kleinen 216 Nach der Ebbe kommt die Flut <?page no="217"?> roten Kreuzchen die Standorte seiner Verpflegungspakete eingezeichnet waren. Seine abgehakte To-Do-Liste offenbarte, dass die Bootscrew diese, wie mit ihm vereinbart, am Tag vor ihrer Ankunft dort hinterlegt hatte. Nach den Standorten zu urteilen, mussten sie sie bei ihrer Suche nach Franks Tod mehrfach knapp verpasst haben. Linda sog die Luft scharf ein. Sie hatte die ganze Zeit vor der Reise Zugriff auf diese Dateien gehabt, doch sie waren auf einer Unterebene als Archiv versteckt, damit niemand auf die Idee kam, sie zu öffnen. Als Linda um zehn Uhr in den Besprechungsraum eintrat, streckte ihr sofort eine hagere Frau, die sich als Sandra, Beraterin für Changemanagement, vorstellte die Hand entgegen. Sie war gerade dabei, Stellwände in einen Halbkreis zu stellen und Whiteboard-Stifte auf die vier Stühle zu verteilen. In einer Ecke stand Kaffee und eine Packung Butterkekse. Von Victorias Schreibtisch aus konnte man kaum noch ein Stückchen Holz sehen, er war mit Dokumenten und Schaubildern überhäuft. Als sie sie sah, legte Victoria ein Blatt weg und rieb sich die Stirn. Aus den Augenwinkeln konnte sie die Überschrift „Liquiditätsplanung“ entziffern. Kurz nach Linda kam Tom an und damit waren sie offensichtlich vollständig. Victoria ergriff das Wort. „Guten Morgen zusammen! Tom, wir hatten ja schon gesprochen und Linda, ich kann nur noch einmal wiederholen, wie froh ich bin, dass du da bist. Ich möchte dich kurz abholen, was in den letzten Monaten passiert ist. Nachdem wir gerettet wurden, war ich eine Weile im Krankenhaus und als es mir besser ging und auch Tom sich erholt hatte, haben wir wieder angefangen zu arbeiten. Es ist gar nicht so leicht, alles zu verarbeiten, aber da erzähle ich dir bestimmt nichts Neues. Was wir von Jonas gehört haben, ist niederschmetternd. Hier in der Firma wurde während unserer Abwesenheit weitergearbeitet, aber es läuft nicht gut. Frank hat sich diesen neuen Geschäftszweig nicht ohne Grund ausgedacht. Wir stecken tief in den roten Zahlen. Ich habe den Eindruck, dass viele Projekte in der Luft hängen. Ich möchte das gerne ändern und hoffe, dass ihr mir dabei helft.“ Tom schaute sie auffordernd an und Victoria schob hinterher: „Und wir müssen uns auch überlegen, wie wir die Situation mit Jonas handhaben.“ Nachdem Victoria ihr Statement abgeschlossen hatte, stand Sandra auf. „Unser Meeting heute soll dazu dienen einen Rückblick auf eure erlebte Zeit zu werfen und zu analysieren, warum sich alles so entwickelt hat. Dabei werde ich euch als Moderatorin unterstützen. Je nach Ergebnis können Nach der Ebbe kommt die Flut 217 <?page no="218"?> wir daraus hoffentlich Rückschlüsse auf die Arbeit hier ziehen und auch überlegen, wie es mit Jonas weitergeht.“ Sie drehte eine der Stellwände um. Darauf war ein DIN A0 Plakat mit einer Zeichnung geheftet. Die Überschrift, in Großbuchstaben und mit gemalten Schatten, lautete „Retrospektive“. Das Bild zeigte eine Szene im Meer mit einer kleinen Insel, dem angedeuteten Festland, einem Boot und strahlend blauem Himmel. Neben den einzelnen Elementen standen Begriffe. Über dem Festland stand „Unser Ziel“, über der Sonne „Das raubte uns als Team Energie“, in einer Kokosnuss „Das gab uns Energie“ und in einem Kreis um die Insel stand im Wasser „Das hielt uns zurück“. Als Nächstes verteilte sie Kärtchen, für jeden eine andere Farbe, und sagte: „Bitte nehmt euch jetzt, jeder für sich, eine halbe Stunde Zeit und macht euch Gedanken zu den Überschriften. Schreibt, was euch einfällt, auf die Kärtchen und nachher hängen wir sie gemeinsam auf und besprechen sie.“ Bevor Linda noch darüber nachdenken konnte, was sie von dieser Auf‐ gabe halten sollte, hatten die anderen schon die Stifte gezückt und begannen zu schreiben. Linda notierte „Hunger“ für die Rubrik „Das hielt uns zurück“ und, nachdem sie einen Moment nachgedacht, hatte auch „Angst“, „kein klares Ziel“, „keine Roadmap, wie man zum Ziel kommt“, „unsichere Rahmenbe‐ dingungen“ und „kein Verlass auf die anderen“. Möglichst leise zerknüllte sie die letzte Karte und schrieb auf eine neue „nicht immer Verlass auf die anderen“. Als Sandra sich räusperte, merkte Linda, dass ihre Gedanken abgeschweift waren und sie sich gedanklich wieder auf der Insel befand. Schneller als erwartet war die halbe Stunde um. „Linda, möchtest du anfangen? “, fragte Sandra. Etwas unwillig stand sie auf. Man hätte auch erst nach Freiwilligen fragen können. Linda hing ihre Kärtchen zu den Rubriken und schaute dann erwartungsvoll in die Runde. Die anderen lasen aufmerksam und dann meldete sich Victoria zu Wort. Ich stimme dir in allem zu, aber du lässt uns zu gut wegkommen …“ Sie lachte und stand auf. „Ich bin viel härter mit uns ins Gericht gegangen.“ Neben Lindas Karte „Nicht immer Verlass“ hingen jetzt Victorias mit „Lügen“, „Sabotage“, „Selbstoptimierung“, „Inkompetenz“ und „fehlende Kommunikation“. Linda war sprachlos, das hätte sie sich nicht getraut. „Ich weiß, das klingt hart, aber das ist meine ehrliche Einschätzung“, erklärte Victoria. „Bitte denkt nicht, dass ich nur Vorwürfe machen will. 218 Nach der Ebbe kommt die Flut <?page no="219"?> Ich fasse mir dabei auch an meine eigene Nase. Linda, du hast mich dabei erwischt, wie ich Essen gehortet und der Gruppe vorenthalten habe, dafür schäme ich mich sehr und ich möchte mich entschuldigen.“ „Danke, es ist nett, dass du das sagst. Ich glaube, wir hätten alle davon profitiert, wenn wir mehr miteinander gesprochen hätten. Nicht nur, wer was wann tun soll, um Doppelarbeit zu vermeiden, sondern auch darüber, wie es uns geht“, sagte Linda. Nun stand Tom auf. „Dazu habe ich auch ein paar Punkte.“ Er ergänzte „fehlende Transparenz seitens Frank und innerhalb der Gruppe“. Außerdem hängte er weitere Karten mit den Themen „fehlende Infos“, „fehlende Expertise“, „unklare Aufgabenverteilung“ auf. Er ergänzte aber auch positive Aspekte in der Kategorie „Das gab uns Energie“ wie „über kleine Erfolge freuen“ und „erreichte Meilensteine“. Als alle Kärtchen an der Stellwand hingen, machten sie einen Schritt zurück und betrachteten die Zusammenstellung. „Erkennt ihr ein Muster? “, fragte Sandra. Als niemand antwortete, ergänzte sie: „Wollen wir die Themen neu clustern? “ „Wie meinst du das? “, fragte Victoria. „Wir haben doch schon Cluster, positive und negative Einflussfaktoren.“ „Das stimmt, aber ich glaube, ich erkenne darin zwei Themen, die euch beschäftigen. Lasst mich mal kurz umsortieren und dann sagt ihr mir, was ihr denkt.“ Sie nahm die Begriffe ab und ging damit an eine zweite noch leere Stellwand. In der Mitte zog sie eine vertikale Linie. Einen Großteil der Karten hängte sie auf die rechte Seite und den verbliebenen Rest auf die linke. „Erkennt ihr es jetzt? “ Tom legte den Kopf schräg. „Links stehen organisatorische Dinge und rechts mehr das Emotionale? “ Sandra nickte. „Stimmt, und ich würde es noch etwas griffiger formulieren wollen. Links stehen Fehler im Projektmanagement und rechts stehen verletzte Werte. Im Projektmanagement habt ihr eurer Ansicht nach auf jeden Fall Fehler gemacht, da seid ihr euch einig, aber rein quantitativ betrachtet, waren das wenige ‚Fehler‘. Was das Projekt zum Scheitern gebracht hat, waren wohl eher verletzte oder nicht gelebte Werte.“ Das ließ sie erstmal sacken und fuhr dann fort: „Wenn Victoria gesagt hat, dass es ihr im Nachhinein leidtut, dass sie unehrlich bezüglich des Essens Nach der Ebbe kommt die Flut 219 <?page no="220"?> war, dann heißt das, dass sie selbst ihren Wert ‚Ehrlichkeit‘ nicht gelebt hat. Darf ich das so sagen, Victoria? “ „Es ist nicht angenehm, das so zu hören, aber es stimmt leider“, sagte Victoria leise. „Linda, was genau hat dich daran gestört? “ „Es hat sich nicht gut angefühlt, angelogen zu werden.“ „Das glaube ich dir, aber es ging noch darüber hinaus, nicht wahr? Du hattest nicht nur Schwierigkeiten damit, dass Victoria unehrlich war, sondern du hattest auch Hemmungen, es vor den anderen auf den Tisch zu bringen. Warum? “ „Ich hatte Angst, dass mir keiner glaubt, weil Victoria schon länger dabei ist und ich wollte nicht als Lügnerin hingestellt werden oder als diejenige, die Ärger bringt.“ Sandra nahm neue Post-its in Blau und schrieb darauf „Transparenz“ und „Kommunikationskultur“. „Welche Werte habt ihr während eurer Zeit auf der Insel noch vermisst? “, fragte sie. „Soziale Verantwortung“, platzte es aus Linda heraus. „Es war so schreck‐ lich, als Leon und Jonas Victoria nicht mehr helfen wollten.“ Victoria schaute sie traurig an und nahm sie dann in den Arm. „Danke, dass du es trotzdem gemacht hast.“ Als Antwort schrieb Sandra „Fairness“, „Gerechtigkeit“ und „Vertrauen“ auf die Post-its. „Frank hat euer Vertrauen missbraucht.“ Tom sagte: „Mir hat an vielen Stellen die Kooperation gefehlt. Der Teamgeist war teilweise spürbar, aber anscheinend war unser Team ein brüchiges Konstrukt. Es war oft schwierig und aufwändig einen Konsens zu finden. Unsere Konfliktlösungsfähigkeiten hätten auch besser sein können. Wir hätten im Konflikt zwischen Leon und Jonas viel früher eingreifen müssen, uns dagegenstellen, die zwei trennen oder was auch immer-…“ Sandra notierte alles. „Teamgeist“, „Konsens- und Konfliktfähigkeit“, „Zugehörigkeitsgefühl“. „Ihr habt jetzt viele Werte aufgezählt, die ihr vermisst habt oder wo sogar Anti-Werte gelebt wurden. Welche Werte wurden denn nach eurem Empfinden angewandt? “ „Wir haben ordentliche Leistung erbracht“, antwortete Victoria. „Mit unseren Lösungen waren wir, finde ich, innovativ und kreativ, da war ich teilweise richtig stolz“, sagte Linda. 220 Nach der Ebbe kommt die Flut <?page no="221"?> „Die Qualität hat auch gestimmt. Unsere Hütte hat gut gehalten und genau den Nutzen gebracht, den wir gebraucht haben“, sagte Tom mit einem Lächeln in Richtung Linda. „Wenn ich das jetzt zusammenfasse, dann scheint es, dass ihr eure Leis‐ tungswerte verwirklichen konntet und inhaltlich eure Projektmanagement‐ kenntnisse auch zielgerichtet eingebracht habt. Gehakt hat es mehr an den ethischen Werten und den Bereichen Kommunikation und Kooperation.“ Alle drei nickten zustimmend. „Projekte scheitern nicht an Prozessen, Projekte scheitern an Menschen“, sagte Victoria. „In der Theorie kannte ich diese Aussage, aber in der Praxis ist mir das noch nie so bewusst geworden.“ Es herrschte kurz Stille bis Sandra sie einlud, sich wieder in den Stuhlkreis zu setzen. „Seht ihr denn Parallelen zu eurem Tagesgeschäft hier in den Projekten? “ „Ich denke schon, dass man eine Brücke schlagen kann“, sagte Victoria. „Unsere Projekte laufen bei weitem nicht alle optimal. Den Kunden verkau‐ fen wir das so, aber wir ziehen uns meist auch im rechten Moment zurück, erhalten unser Honorar und überlassen sie ihrem Schicksal. Wenn man ehrlich ist, gäbe es da oft noch viel zu tun. Bei internen Projekten ist es auch so. Formal halten wir uns an unsere Projektmanagement-Richtlinien. Wir schreiben Projektaufträge, benennen die Verantwortlichen und Beteiligten und schreiben eine RACI-Matrix. Wie die Menschen dann aber tatsächlich zusammenarbeiten, steht auf einem anderen Blatt. Wir haben einen über‐ durchschnittlich hohen Krankenstand und eine hohe Fluktuation. Es wird manipuliert, an Stühlen gesägt und Fehler werden verschleiert.“ „Das kann ich nur bestätigen“, sagte Tom. „Wir malen Folien für den Lenkungskreis, aber eigentlich wissen alle Beteiligten, dass die Infos darauf so oberflächlich sind, dass man gar kein wirkliches Gefühl bekommt, wie es um das Projekt steht. Der Ampelstatus ist aber grün und das reicht den meisten. Weiter ins nächste Meeting, alle ‚haben einen harten Anschlag‘. Das Absurdeste, was ich mal gesehen habe, war ein Organisationsprojekt, in dem als Ergebnis ein paar Folien erstellt wurden, auf denen nur festgehalten war, wie viele ‚Experten‘ involviert waren, wie viele Mitarbeiter an einer Schulung teilgenommen haben und welche Anzahl an Dokumenten neu produziert wurden. Dann hat man sich dafür gerühmt, dass man einen Teams-Kanal aufgesetzt hat, in dem alles ordentlich abgelegt wird. Dem Projekt-Kernteam war klar, dass von der breiten Masse der Belegschaft kaum Nach der Ebbe kommt die Flut 221 <?page no="222"?> jemand mal in diese Dokumente geschaut hat, aber als Ergebnis klang das so beeindruckend, dass der Lenkungskreis es abgenickt hat.“ „Das kann ich mir gut vorstellen. Solchen Projekten bin ich schon oft begegnet. Man wundert sich, dass so viele intelligente und gebildete Menschen das mitmachen, obwohl man eigentlich nur laut schreien will und ihnen an den Kopf werfen, was das für ein Schwachsinn und eine Zeitverschwendung ist.“ Sandra machte gedanklich einen Punkt. „Was ihr emotional durchleben musstet, das kann ich nicht beurteilen. Was das angeht, würde ich euch empfehlen, euch Hilfe bei der Verarbeitung zu holen, sei es in Form eines Coaches oder auch einer Therapie. Daran müsst ihr nicht alleine verzweifeln. Mit meiner Analysebrille kann ich Folgendes sagen: Die Maschinerie, die ein Projekt am Laufen hält, nennt sich ‚Bürokratie‘. Man vertieft sich in die Verteilung der Rollen, die Aufstellung von Regeln und die Steuerung des Vorgehens. So seid ihr es als brave Projektmanager - verzeiht mir den Ausdruck - gewöhnt. Das habt ihr auf der Insel so gemacht, wie ihr es auch im ‚realen Leben‘ lebt. Was ihr außer Acht gelassen habt, war die Tatsache, dass dieses Verständ‐ nis nicht einmal im sicheren Hafen eurer kleinen Beraterwelt funktionierte. Nur, weil man Profit macht, heißt das nicht, dass ein Projekt erfolgreich ist. Spätestens kurz nach Abschluss werden die Saboteure ihren Weg finden, die Dinge in andere Bahnen zu lenken. Ein Projekt kann an zu viel oder zu wenig Methodik scheitern. Um Regeln zu befolgen, braucht man keinerlei Mut und keine Kreativität. Für ein Projekt braucht man aber Mut und für ein erfolgreiches Projekt braucht man Mut und Kreativität, Loyalität, Offenheit, Integrität, Aufrichtigkeit und Respekt. Wissen, Kompetenz und Leistungsbereitschaft sind dabei Grundlage und eine Selbstverständlichkeit.“ Victoria schaute lange aus dem Fenster und überlegte. „Frank dachte, dass Menschen reine Arbeitsbienen sind. Wer eine Qualifikation hat, erhält eine Aufgabe und die soll dann gefälligst ohne Nachfragen erledigt werden. Da war kein Platz für Individualität, und er hat auch nie verstanden, dass es nichts bringt, eine kleine Armee von Soldaten zu erziehen, die alle genau wie er ticken. Menschen müssen sich wohlfühlen und in ihren Aufgaben aufgehen. Das funktioniert nur, wenn sie sich mit ihren Fähigkeiten entfal‐ ten können und wenn sich in einem Team verschiedene Charaktere und Hintergründe ergänzen.“ Sandra ergänzte: „Man darf die Menschen mit ihren Gefühlen und Ängs‐ ten nicht alleine lassen.“ 222 Nach der Ebbe kommt die Flut <?page no="223"?> „Wir hatten auf der Insel alle wahnsinnige Angst“, sagte Linda. Tom und Victoria nickten. „Auch Jonas.“ „Ich bin mir nicht sicher, was ich an Jonas’ Stelle getan hätte. Wozu ich fähig gewesen wäre, wenn ich von Leon so provoziert worden wäre.“ „Wir waren in einer Extremsituation“, sagte Victoria. „Da kann man nichts vorhersehen.“ „Wir hätten zum Äußersten greifen müssen - miteinander zu reden“, sagte Tom. „Zuhause wäre so etwas bestimmt nicht passiert“, sagte Linda. Alle nickten zustimmend. „Victoria, wir müssen etwas unternehmen. Ja, Jonas muss der Prozess gemacht werden. Aber hier in Deutschland und er braucht unsere Aussagen. Wir können nicht zulassen, dass er einfach verurteilt wird, ohne dass die Tat in den Kontext eingeordnet wird. Wenn wir ihn jetzt im Stich lassen, dann sind wir nicht besser als Frank, dem die Menschen egal waren.“ Victoria stand auf und griff zum Telefon. „Wen rufst du an? “, fragte Tom. „Die Rechtsabteilung. Wir schicken Jonas einen Anwalt, der ihn da rausholt.“ Fünf Minuten später saß Adrian in ihrem Stuhlkreis. Nachdem Victoria ihm die Situation geschildert hatte, rieb er sich das Kinn und sagte dann: „Ich brauche ausführlich alle Informationen zu eurem sogenannten ‚Projekt‘. Wer hat wann was gemacht? Wie habt ihr die Aufgaben verteilt? Auf welcher Grundlage? Welche Überlegungen habt ihr angestellt? Wie habt ihr die Ent‐ scheidungen getroffen? In welchem Bereich gab es Probleme und warum? Wann sind die ersten Schwierigkeiten aufgetreten? Das Ganze schriftlich und lückenlos. Stellt euch einfach vor, ich führe ein Projekt-Review durch.“ Wissen | Projekthandbuch - Changemanagement - Prozesse - RACI-Matrix - Projekt-Review Im Projekthandbuch werden die zentralen Prozesse beschrieben, die das Projekt strukturieren. Dazu gehört z. B. auch das Changemanagement, das sicherstellt, dass Änderungen kontrolliert ablaufen. Die RACI-Ma‐ trix legt fest, wer in diesen Prozessen welche Verantwortung trägt. Nach Abschluss eines Pojektes erfolgt ein Projekt-Review, um die Wirk‐ samkeit dieser Prozesse zu bewerten und Erkenntnisse für zukünftige Projekte zu gewinnen. Nach der Ebbe kommt die Flut 223 <?page no="224"?> Projekthandbuch Ein Projekthandbuch ist die Zusammenstellung aller Dokumente, die notwendig sind, um zu verstehen, wie im Projekt gearbeitet wird. Wenn ein Projektteammitglied später dazustößt, sollte er oder sie nach der Lektüre Bescheid wissen, wie das Projekt strukturiert und geplant ist. Bestandteile können, je nach Größe des Projektes, sein: Projektauftrag, Liste der Stakeholder, Organigramm, Kommunikationsstruktur, Terminplan, Projektziele, RACI- Matrix, inhaltliche Projekt-Beschreibung, Hinweise auf verwendete Software, Ablagestruktur von Dokumenten etc. Changemanagement Changemanagement geht über Änderungen im Einzelprojekt hinaus. Hier werden neue Strategien, Strukturen, Prozesse und Systeme bewusst gesteuert und in einen neuen Zustand versetzt. Die Veränderung ist tiefgreifend und betrifft die Menschen abteilungsübergreifend. Um die Veränderung nachhaltig zu implementieren, ist es wichtig, eine klare Vision zu formulieren und zu kommunizieren. Menschen tun sich oft schwer mit Veränderungen. Hier kann es helfen in Change Communication zu investieren, ihnen die Dringlichkeit aufzuzeigen, Hindernisse zu beseitigen und Meinungsführer frühzeitig einzubinden. 224 Nach der Ebbe kommt die Flut <?page no="225"?> Prozesse Ein Projekt ist definiert durch seine Einmaligkeit, das konkrete Ziel, die zeitliche, personelle und finanzielle Begrenzung, die interdisziplinäre Bearbeitung und die Neuartigkeit und Komplexität. Prozesse sind wiederholbare Aktivitäten, die sich über die Zeit in ihrer Effizienz optimieren lassen. Prozesse können Teile eines Projektes sein, beispielweise das Ausfüllen eines Projektauftrages, die Durchführung einer Projektänderung oder das Schreiben eines Besprechungsprotokolls. RACI-Matrix Die RACI-Matrix ist ein Tool, um den Projektmitarbeitenden Aufgaben und Verantwortlichkeiten zuzuordnen. Dabei stehen die Buchstaben für Folgendes: Die Darstellung ist einfach, flexibel und schafft Transparenz. Bei großen Projekten kann sie jedoch schnell unübersichtlich werden. Man muss auch beachten, dass hier ausschließlich festgelegt wird, wer welche Informationen hat und benötigt. Wie man zu Abstimmungen und Entscheidungen kommt, wird hier nicht geregelt. Rolle 1 Rolle 2 Rolle 3 Rolle 4 Aufgabe 1 R A C I Aufgabe 2 I R A C Aufgabe 3 C I R A Aufgabe 4 A C I R R = responsible = verantwortlich A = accountable = rechenschaftspflichtig C = consulted = konsultiert I = informed = informiert Nach der Ebbe kommt die Flut 225 <?page no="226"?> Projekt-Review Ein Projekt-Review ist eine Analyse des Projektes, die auf die Vergangenheit zurückblickt. Sie dient der Qualitätssicherung, der Lessons learned oder hat die Optimierung zum Ziel, wenn das Projekt noch weiter läuft. Es werden Stärken und Schwächen in der Planung und Durchführung betrachtet und ein Soll-Ist-Vergleich der Kosten durchgeführt. Es empfiehlt sich, das Projekt-Review durch unbeteiligte Dritte durchführen zu lassen, denen man alle notwendigen Informationen bereitstellt. Nur so ist eine objektive Beurteilung möglich. 226 Nach der Ebbe kommt die Flut <?page no="227"?> Ein Meer von Gesichtern Fünf Monate später. Linda beugte sich über das Waschbecken und trank ein paar Schlucke Wasser aus ihren Händen. Der Geruch der grünen Einweghandtücher stach ihr in die Nase. Dann hastete sie den langen Gang zurück. Ihre Schritte hallten auf dem Linoleum. Noch immer war die Tür des Gerichtssaals verschlossen. Langsam ging sie auf und ab, immer zwanzig Schritte in die eine Richtung und dann zwanzig Schritte zurück. Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Schon drei Stunden waren vergangen. Dann streckte jemand seinen Kopf aus dem Saal. „Sie sind jetzt an der Reihe“. Linda zog ihren Blazer an, den sie auf das Fensterbrett gelegt hatte, schloss den obersten Knopf ihrer weißen Bluse und zupfte den Kragen zurecht. Sie stemmte die Fäuste in die Hüfte - Superwoman-Pose - und hielt kurz den Atem an. Dann trat sie in den Gerichtssaal und schaute in ein Meer von erwartungsvollen Gesichtern. Hinter ihr fiel die Tür mit einem Krachen ins Schloss. Langsam ging sie zu dem Tisch und Stuhl in der Mitte. Das Polster knarzte, als sie sich setzte. Die Richterin fragte ihre Personalien ab und erteilte ihr das Wort. „Na dann, legen Sie mal los.“ Sie atmete tief ein und langsam wieder aus. Mind over matter. Du schaffst das. Du hast bisher alles geschafft. She believed she could, so she did. „Das, was ich heute erzähle, ist das Schlimmste, was mir je passiert ist. Es ist außerdem das, worauf ich am meisten stolz bin und was mich stärker gemacht hat als jemals zuvor. Wenn ich mit meinem Erlebten dazu beitragen kann, die Wahrheit zu finden, dann tue ich das gerne.“ <?page no="229"?> Danksagung Ich danke meinen Eltern, die bedingungslos schon immer alle meine „Pro‐ jekte“ unterstützen und meiner Schwester Sonja für ihr offenes Ohr in allen Projekt- und Lebensphasen. Danke an meine Freundinnen Joanna und Xiomara für ihre Beratung und ihre Begeisterungsfähigkeit für Neues. Mein großer Dank gilt meinem Mann Matthias, der mir während dieses Buchprojektes geholfen hat, das Ziel kontinuierlich im Blick zu halten. Danke für unseren Austausch zu grenzenlosen Ideen und Plänen. <?page no="230"?> Register 360-Grad-Feedback-134f. Advocatus diaboli-156, 160 agiles Manifest-116 Arbeitspaket-69, 73 Bedürfnispyramide nach Maslow-142, 147 Brainstorming-59, 63, 73, 84, 91, 99, 180 Broken-Windows-Theory-190, 201 Business Model Canvas-138, 147 Changemanagement-217, 223 Change Request-78, 85 Daily Stand-up Meeting-77, 85 Deming-Cycle-59 DIN 69901-166, 171 Eisenhower-Matrix-65, 73 Feedback-99, 134f. Feedback-Burger-135 Finanzmittelbedarf-104, 116 Forecast-104, 116 Führungsstil-139, 147 Group Think-116 Harvard-Konzept-85 Johari-Fenster-96, 116 Kanban-98, 116 Kick-off-Meeting-63, 73 Komfortzone-143, 147 Kommunikationstabelle-160 Konflikte-30 Konflikteskalation-32, 73, 85, 116, 160, 171, 201 Kopfstandmethode-201 Kreativitätstechniken-63, 73, 99, 182, 201 Krisenmanagement-166, 171 kritischer Pfad-91, 116 Lenkungskreis-166, 171 Lessons learned-137, 147 magisches Dreieck-103, 116 Matrixorganisation-103 Meilenstein-98, 116 Mittelabflussplanung-104, 116 MoSCoW-Priorisierung-168, 171 Pareto-Prinzip-79, 85 Plan-Ist-Vergleich-167, 171 Planning Poker-181, 201 Product Backlog-85 Product Owner-101, 116 Project Canvas-105, 116 Projektabschluss-160 Projektauftrag-171 Projektauftraggeber-166 Projektcontrolling-103, 116 Projekthandbuch-216, 223 Projektleiter-102, 116 <?page no="231"?> Projektmanagement- agiles-101, 104, 116 klassisches-101, 116 Projektmanagement-Office-58f. Projektorganisation-116 Projektportfolio-168, 171 Projekt-Retrospektive-138 Projekt-Review-223 Projektstrukturplan-69, 73 Projektziele-59 RACI-Matrix-221, 223 Ressourcenmanagement-167, 171 Ressourcenplanung-168, 171 Retrospektive-147 Risikoanalyse-180, 201 Risikomanagement-92, 116, 181, 201 Risk Shifting-182, 201 Scope Creep-85 Scrum-101, 116 Scrum Entwickler-116 Scrum Master-101, 116 Scrum Sprint-85 sechs Denkhüte-201 Social Compensation-116 Social Inhibition-116 Social Loafing-116 Stacey-Matrix-167, 171 Stakeholder-153 Stakeholderanalyse-160 Stakeholderportfolio-153, 160 Stand-up-Meeting-53 Task Force-166, 171 Teambuilding-27, 45, 138, 143, 152 Teamphasen-45, 59, 73, 171 Ursache-Wirkungs-Diagramm-37 Vier-Ohren-Modell-156, 160 Wasserfall-Diagramm-58f. Wissensmatrix-37 Worst-Case-Szenario-180 X-Y-Theorie-160 Zertifizierung-208, 213 Ziele-105 Zielfunktionen-116 Register 231 <?page no="232"?> ISBN 978-3-381-14601-7 Claudia Lampert ist zertifizierte und passionierte Projektmanagerin mit vielen Jahren Berufserfahrung in klassischen und agilen Projekten. Dabei hat sie zahlreiche Projektteams geführt und viele brisante Situationen erlebt. Diese hat sie nun in diesem Roman gebündelt. Gestrandet auf einer einsamen Insel setzt ein Team von Unternehmensberaterinnen und -beratern sein Projektmanagementwissen ein, um sich zu retten. Doch die üblichen Probleme in Projekten gefährden hier das Überleben, und Praktikantin Linda muss für die Rettung die Verantwortung übernehmen. Dieser Business-Roman vermittelt grundlegendes Wissen zu Projektmanagement und Teambuilding und plädiert für Werte wie Leidenschaft, Loyalität und Hilfsbereitschaft - denn Projekte scheitern an Menschen, nicht an Prozessen. Mit 100 Lernfolien und einem eLearning-Kurs zum Überprüfen des Lernfortschritts. Lampert Überleben mit Projektmanagement Claudia Lampert Überleben mit Projektmanagement Ein Roman mit eLearning-Kurs