Philologie und Zeitgeschichte: ‚De bello Smalcaldico‘ von Joachim Camerarius
Einleitung, Edition, Übersetzung und Kommentar
0713
2026
978-3-381-14632-1
978-3-381-14631-4
Gunter Narr Verlag
Moritz Stock
10.24053/9783381146321
Der deutsche Humanist Joachim Camerarius (1500-1574) verfasste über den Schmalkaldischen Krieg, der 1546 zwischen dem katholischen Kaiser Karl V. und dem protestantischen Schmalkaldischen Bund entbrannt war, ein Geschichtswerk auf Altgriechisch. Das Werk zeigt die Haltung eines gebildeten Zeitzeugen, Protestanten und Vertrauten Philipp Melanchthons, der die Propaganda aller Seiten reflektiert, wertet und dabei antike Geschichtsschreiber rezipiert.
Die vorliegende Edition erleichtert durch Einleitung, Übersetzung und Kommentar den Zugang zu diesem bedeutenden historischen Werk, das zugleich einen Meilenstein in der Herausbildung des Neualtgriechischen in der Frühen Neuzeit in Deutschland sowie einen Versuch der philologischen Bewältigung und Bewertung eines einschneidenden zeitgeschichtlichen Ereignisses darstellt. Anhand einer Analyse der zeitgenössischen Grammatiktheorie und Druckpraxis des Griechischen entwickelt der Autor schließlich Editionskriterien für neualtgriechische Texte aus der Zeit des Humanismus.
9783381146321/9783381146321.pdf
<?page no="0"?> Giessener Beiträge ISBN 978-3-381-14631-4 Der deutsche Humanist Joachim Camerarius (1500-1574) verfasste über den Schmalkaldischen Krieg, der 1546 zwischen dem katholischen Kaiser Karl V. und dem protestantischen Schmalkaldischen Bund entbrannt war, ein Geschichtswerk auf Altgriechisch. Das Werk zeigt die Haltung eines gebildeten Zeitzeugen, Protestanten und Vertrauten Philipp Melanchthons, der die Propaganda aller Seiten reflektiert, wertet und dabei antike Geschichtsschreiber rezipiert. Die vorliegende Edition erleichtert durch Einleitung, Übersetzung und Kommentar den Zugang zu diesem bedeutenden historischen Werk, das zugleich einen Meilenstein in der Herausbildung des Neualtgriechischen in der Frühen Neuzeit in Deutschland sowie einen Versuch der philologischen Bewältigung und Bewertung eines einschneidenden zeitgeschichtlichen Ereignisses darstellt. Anhand einer Analyse der zeitgenössischen Grammatiktheorie und Druckpraxis des Griechischen entwickelt der Autor schließlich Editionskriterien für neualtgriechische Texte aus der Zeit des Humanismus. Stock Philologie und Zeitgeschichte Philologie und Zeitgeschichte De Bello Smalcaldico von Joachim Camerarius herausgegeben, übersetzt, kommentiert und mit einer Einleitung versehen von Moritz Stock <?page no="1"?> Philologie und Zeitgeschichte: De bello Smalcaldico von Joachim Camerarius <?page no="2"?> Neo L atina 42 Herausgegeben von Thomas Baier, Wolfgang Kofler, Eckard Lefèvre und Stefan Tilg <?page no="3"?> Moritz Stock (Hrsg.) Philologie und Zeitgeschichte: De bello Smalcaldico von Joachim Camerarius Einleitung, Edition, Übersetzung und Kommentar <?page no="4"?> Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. Würzburg, Univ., Diss., 2024 DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381146321 © 2026 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 1615-7133 ISBN 978-3-381-14631-4 (Print) ISBN 978-3-381-14632-1 (ePDF) <?page no="5"?> parentibus <?page no="7"?> Danksagung Die vorliegende Arbeit ist die aktualisierte Version meiner Dissertation, die im Wesentlichen während der Coronazeit unter den damit einhergehenden Einschränkungen und Belastungen entstanden ist und am 07.11.2024 von der philosophischen Fakultät der Universität Würzburg angenommen wurde. Mein Dank gilt zuvorderst Prof. Dr. Thomas Baier, der die Idee für das Projekt hatte und es durch fachlichen Rat und konstruktive Anregungen unterstützt hat und mich in den richtigen Momenten angetrieben bzw. gebremst hat. Ferner danke ich Prof. Dr. Joachim Hamm für wertvolle Hinweise und weiterführende Perspektiven ebenso wie auch PD Dr. Jochen Schultheiß für hilfreiche Anmerkungen und Ratschläge. Des Weiteren danke ich den Würzburger „ Camerarianern “ für manchen Hinweis, insbesondere Prof. Dr. Marion Gindhart, Dr. Manuel Huth, Alexander Hubert und Vinzenz Gottlieb. In gleicher Weise sei tausendfach einer fachlich aufmerksamen Nachprüfung der Edition und hilfreichen Hinweisen durch den anonymen Peer-Review gedankt. Darüber hinaus danke ich meinem Schulfreund Dr. Philipp Meier, der zur selben Zeit die Höhen und Tiefen des Doktorandendaseins durchlebt hat und mir durch sein offenes Ohr und seinen interessierten aber fachfremden Blick eine große Hilfe war, sowie meinen Studienfreunden Anna Schmitt, Corinna Huf und Mag. theol. Nicolas Kusser für das Korrekturlesen der Arbeit. An dieser Stelle möchte ich auch vier meiner Latein- und Griechischlehrer danken, die nicht unerheblichen Anteil an meinem Lebensweg haben: Dr. Andreas Weileder, Andreas Gruber (beide Jakob-Brucker-Gymnasium Kaufbeuren), Ralf Wünsch und Gerhard Hohenner (beide Uni Würzburg). Alle vier haben mich mit ihrer Fachkompetenz, ihrem Humor und ihrem Unterrichtsstil nachhaltig geprägt und sind mir ein bleibendes Vorbild. Für die finanzielle Förderung meines Promotionsprojekts danke ich der Studienstiftung des deutschen Volkes. Der Hanns-Seidel-Stiftung danke ich, dass ich ihr ideelles Angebot zusätzlich wahrnehmen durfte. <?page no="8"?> Ich widme diese Arbeit meinen Eltern, Astrid und Wolfgang Stock, in großer Dankbarkeit für ihre Unterstützung und insbesondere, dass sie mir das Studium der klassischen Philologie bedingungslos ermöglicht haben. Ich weiß, dass mein Vater, der meine Staatsexamina und die Promotion nicht mehr erleben durfte, ungeheuer stolz auf meine Leistung wäre. Nürnberg, im April 2026 8 Danksagung <?page no="9"?> Inhalt A. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 2 Camerarius als Historiker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 2.1 Forschungsstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 2.2 Das historische Werk des Camerarius . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 2.3 Camerarius und die Historiographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 2.3.1 Viva vox praedicans: Definition und Einteilung . . . . . . . . . 29 2.3.2 Historia virgo: Der Anspruch an Historiographie . . . . . . . 32 2.3.3 Quid ergo mentio harum rerum prodest? - Adressaten und Zweck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 2.4 Das Geschichtsbild des Camerarius . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 3 Camerarius und der Schmalkaldische Krieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 3.1 Kriegsverlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 3.2 Camerarius und der Kaiser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 3.3 Camerarius ’ Odyssee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 3.4 „ De Bello Smalcaldico “ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 3.4.1 Werkgenese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 3.4.2 Ἐδόκει χρηστέον Ἑλληνικῇ γλώττῃ - Griechisch zu schreiben schien nötig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 3.4.3 Überlieferung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 3.4.4 Aufbau und Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 3.4.5 Rezeption . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 4.1 Einführung: Problemfelder der Edition frühneuzeitlicher, neualtgriechischer Texte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 4.2 Griechische Grammatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 4.2.1 Eingrenzung des Quellenkorpus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 4.2.1.1 „ Libellus “ (Melanchthon/ Camerarius) . . . . . . . . . . . . . . 76 4.2.1.2 „ Syntaxis “ (Varennius) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 4.2.1.3 „ Praecepta “ (Dalwitz) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 <?page no="10"?> 4.2.2 Terminologie und Systematik der frühneuzeitlichen, griechischen Grammatiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 4.3 Griechisch Drucken in der Frühen Neuzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 4.3.1 Frühneuzeitliches griechisches Schriftdesign . . . . . . . . . . . 91 4.3.2 Druck von Diakritika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 4.3.2.1 Methoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 4.3.2.2 Stellung der Diakritika auf Diphthongen . . . . . . . . . . 99 4.4 Problemfeld I: Orthographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 4.4.1 Orthographie und Aussprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 4.4.2 Groß-/ Kleinschreibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 4.4.3 End-/ Binnensigma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 4.4.4 Ligaturen und Abbreviaturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 4.5 Problemfeld II: Diakritika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 4.5.1 Systematik der Grammatiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 4.5.1.1 „ Libellus “ (Melanchthon/ Camerarius) . . . . . . . . . . . . . . 114 4.5.1.2 „ De accentibus “ (Varennius) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 4.5.1.3 „ Praecepta “ (Dalwitz) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 4.5.2 Akut und Zirkumflex . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 4.5.3 Gravis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 4.5.4 Spiritus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 4.5.5 Iota Subbzw. Adscriptum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 4.5.6 Enklise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 4.5.6.1 „ Libellus “ (Melanchthon/ Camerarius) . . . . . . . . . . . . . . 124 4.5.6.2 „ Praecepta “ (Dalwitz) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 4.5.6.3 „ De inclinatis “ (Anonymus/ Oecolampadius) . . . . . . . 127 4.5.6.4 „ De accentibus “ (Varennius) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 4.5.6.5 Übersicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 4.6 Problemfeld III: Interpunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139 4.6.1 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139 4.6.2 Camerarius und die Interpunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 4.7 Resümee und Konsequenzen für die Edition . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 5 Editionsbericht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 5.1 Auflagen und Siglen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 5.2 Bestände und Digitalisate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154 5.3 Stemma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 5.4 Editionskriterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 5.4.1 Orthographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 5.4.2 Diakritika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 5.4.3 Interpunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 10 Inhalt <?page no="11"?> 5.4.4 Textgliederung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 5.4.5 Lakunen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 5.4.6 Dubia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 5.4.7 Zitate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 5.5 Nicht im Apparat aufgeführte Lesarten der jüngeren Drucke (R) 165 5.5.1 Druckfehler in h2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 5.5.2 Druckfehler in R . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 5.5.3 Druckfehler in a . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 B. Edition und Übersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 De Bello Smalcaldico . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 Über den Schmalkaldischen Krieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 Supplementum a Simone Stenio additum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236 Ergänzung des Simon Stenius . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 C. Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241 D. Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261 1 Burkard Gotthelf Struve an den Leser (1717) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261 1.1 Text . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261 1.2 Übersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262 2 Simon Stenius an Marquard Freher (18.07.1606) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264 2.1 Text . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264 2.2 Übersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264 3 Übersicht der Akzentregeln im „ Libellus “ (Camerarius 1545, p. 12 - 24) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265 4 Übersicht der Akzentregeln in „ De accentibus “ (Varennius 1550, fol. K1 r - L4 r ) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268 5 Übersicht der Akzentregeln in den „ Praecepta “ (Dalwitz 1569, fol. A8 r - B4 r ) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279 Inhalt 11 <?page no="12"?> E. Abkürzungen, Quellen und Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283 1 Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283 2 Quellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285 2.1 Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285 2.2 Frühneuzeitliche Drucke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285 3 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290 12 Inhalt <?page no="13"?> A. Einleitung 1 Einführung Καὶ ἦν οὐδὲν ὅτι μὴ παντάπασι πέραν μέτρου γενόμενον ἐν ταύτῃ τῇ τοῦ γράφειν τε καὶ ἀντιγράφειν τεχνολογίᾳ , ἀναξίᾳ οὔσῃ τοῖς ὅπλα ἔχουσι μετὰ χερσὶν , ὥστε οὐ παρὰ μέλος ἐπιτιμῴη τις ἂν τούτοις τὸ Ὁμηρικὸν , „οὔδε τε σφᾶς χρή , νηπιάας ὀχέειν , ἐπεὶ οὐκέτι τηλίκοι ἔστε . “ Und bei dieser beredten Art der wechselseitigen Propaganda, die unwürdig für die Soldaten war, geschah alles gänzlich ohne Maß. So tadelt man sie wohl nicht unangebracht mit dem Homervers: „ Für sie gehört es sich nicht, sich wie Kleinkinder zu benehmen! Denn aus diesem Alter seid ihr raus! “ BS 409,7 - 11 1 Einen Spruch, den die Göttin Athene in Homers „ Odyssee “ an den jungen Telemachos richtet, dichtet der deutsche Humanist Joachim Camerarius der Ältere (1500 - 1574) kurzerhand um und weist damit die Kontrahenten zurecht, die sich in der Anfangsphase des Schmalkaldischen Krieges unter großem Aufwand gegenseitig mit Propagandaschriften konfrontierten und einander, so meint er, wie kleine Kinder stritten. In dem Krieg entluden sich 1546/ 47 die Spannungen zwischen den protestantischen Fürsten, die sich 1531 im Schmalkaldischen Bund zusammengeschlossen hatten, und Karl V., dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Der Konflikt dauerte kein ganzes Jahr und der Sieg Karls gilt als der Höhepunkt seiner Macht. 2 Der Protestant Joachim Camerarius lehrte damals als professor utriusque linguae Latein und Griechisch an der Universität Leipzig. 3 Für ihn war der Krieg ein Gräuel. Sein Landesherr, der protestantische Herzog Moritz von Sachsen, hatte sich mit dem katholischen Kaiser verbündet. Immer wieder beklagt Camerarius sich in dieser Zeit über den Verfall der Sitten. Heu mihi virtus Germana forti quonam de gente recessit? schreibt er im Sommer 1546 in einem Briefgedicht. 4 Wohl zur selben Zeit beginnt er die Arbeit an einer 1 Zitation der vorliegenden Edition: BS 409,7 - 11 = Bellum Smalcaldicum Seite 409 im Erstdruck, Zeile 7 - 11 in der vorliegenden Edition (=Freher 1611 (OC 0952), p. 409). 2 Vgl. Kohler 2005, 295. Vgl. Westphal 1999, 230. 3 Als Einführung zu der Person Joachim Camerarius: Vgl. Gindhart/ Hamm 2024, 9 - 44. 4 „ Weh mir, wohin denn nur ist die deutsche Tüchtigkeit aus dem tapferen Volke gewichen? “ Text und Übersetzung: Woitkowitz 2003, 61 f. (ep. 12). <?page no="14"?> geschichtlichen Abhandlung „ De Bello Smalcaldico “ (BS) in griechischer Sprache. Das Werk wurde nicht fertiggestellt und erst postum (1611) veröffentlicht. Der Gräzist Simon Stenius (1540 ‒ 1619) ergänzte den fehlenden Stoff auf zwei Seiten und übersetzte die Schrift ins Lateinische. Sie umfasst auf 35 Seiten circa 10.500 griechische Wörter. Camerarius rekurriert darin deutlich auf Thukydides, wenn er den Krieg im Proöm als sehr große Erschütterung ( κίνησις μεγίστη , BS 389,13) 5 bezeichnet oder eine Seuche in den Heeren mit ihrer Symptomatik schildert (BS 412,6 - 25). 6 Gewissenhaft und durchaus objektiv analysiert er die Vorgeschichte des Krieges. Die außenpolitischen Probleme Karls, insbesondere mit Frankreich und den Osmanen, hätten in Deutschland eine Lösung des Kirchenstreits verhindert, weshalb sich der Protestantismus dort weitgehend ungehindert habe ausbreiten können. Obgleich selbst ein Protestant, kritisiert der Gelehrte auch die Mitglieder des Schmalkaldischen Bundes und wirft ihnen Hochmut vor. Sie hätten Ja-Sager um sich geschart und hochmütig alle, die die Dinge etwas differenzierter sahen, als Feiglinge, Ungläubige oder auch Verräter der Lehren ( ἢ ψοφοδεεῖς ἢ ἄπιστοι ἢ καὶ τῶν δογμάτων προδόται , BS 405,1) verunglimpft. Ehe er den Krieg schildert, versucht Camerarius, dem Leser die Gründe der seiner Meinung nach für den Kaiser völlig untypischen Politik ( Ἦν δὲ τοῦτο … παντάπασιν ἀπᾷδον , BS 398,14 f.) zu verdeutlichen. Denn Karl habe sich eigentlich um eine friedliche Lösung bemüht, ja er habe sich noch 1544 dagegen gewehrt, auf Druck des Papstes zu dessen strafendem Diener zu werden ( παρέχειν … αὑτὸν διάκονον τῆς οὐ πάνυ ὁσίου ἐκδικήσεως , BS 396,3 f.). Schließlich sei er aber doch zum Gehilfen oder eher Vorkämpfer ( συνεργὸν , ἢ μᾶλλον πρόμαχον , BS 398,13) des Papstes geworden. Camerarius beteiligt sich nicht explizit an den zeitgenössischen Polemiken und nimmt den Papst sogar gegen Vorwürfe, er habe Brandstiftungen und Brunnenvergiftungen beauftragt, in Schutz (BS 398,7 - 11). Am Beginn des Krieges lagen sich die Heere in Süddeutschland, an der Donau, gegenüber. Karl habe auf Zeit gespielt, um Moral und Finanzen seiner Gegner zu ruinieren. Er habe sich aber auch einer List bedienen wollen ( τεχνάζεσθαί τι , BS 412,26), indem er den sächsischen Herzog Moritz auf seine Seite zog. Dass der Kaiser dem jungen Herzog die sächsische Kurwürde in Aussicht stellte, lässt Camerarius nur in den erzürnten Reaktionen des Kurfürsten Johann Friedrich, der einer der Anführer des Schmalkaldischen Bundes war, durchscheinen: Schon ewig habe Moritz um die Kurwürde gebuhlt ( ἐκ παλαιοῦ ἐκεῖνος τὸ ἀρχιαιρεσιαστικὸν μνηστεύσας ἀξίωμα , BS 417,17 f.). Karls Plan ging auf: Der Kurfürst kehrte nach Sachsen 5 Vgl. Thuk. 1.2. 6 Vgl. Thuk. 2.47 - 55. 14 1 Einführung <?page no="15"?> zurück und die Heere des Bundes zerstreuten sich aus Uneinigkeit und Geldmangel. Von den Kriegshandlungen räumt Camerarius der (erfolglosen) Belagerung Leipzigs durch den Kurfürsten einigen Raum ein. Mit dem Aufbruch des Kaisers nach Sachsen bricht das Werk ab. Der Heidelberger Gräzist Simon Stenius ergänzte lediglich knapp die Vereinigung der kaiserlichen Truppen, den Rückzug der Gegner nach Mühlberg, die Schlacht ebendort und die Gefangennahme des Kurfürsten (BS 422 - 423). Das Werk ist gelehrt und intelligent, in vielerlei Hinsicht aber auch skurril. Camerarius zieht nicht nur, wie einleitend gezeigt, zur Rüge der Streitparteien frei zitierend antike Gewährsmänner heran, sondern ist bei der Beschreibung von Dingen, die der griechischen Sprache fremd sind, ziemlich kreativ: So beschreibt er Kanonen im Kontext der Belagerung von Leipzig und nennt sie χαλκοὶ αὐλοί , wörtlich etwa: Eiserne Flöten (BS 420,25), oder übersetzt den Ort Schmalkalden unter Verweis auf die nahegelegene Erzproduktion mit Χαλκίς (BS 393,14), 7 dem antiken Namen der Hauptstadt Euböas, einer Insel, die für ihre Erzvorkommen bekannt war. Auch ist auffällig, dass Camerarius Namen verschweigt: Moritz wird beispielsweise meist als ‚ Herzog von Meißen ‘ ( ὁ τῶν Μυσῶν ἡγεμών ) und Kurfürst Johann Friedrich als ‚ der Sachse ‘ ( ὁ Σαξονικός ) bezeichnet. Auch wirft die Schrift Fragen auf, etwa warum Camerarius überhaupt auf Griechisch schreibt und warum er das Werk kurz vor der entscheidenden Schlacht abbricht. Welches Ziel verfolgte Camerarius mit dem Werk? Beabsichtigte er vielleicht, seinem als ‚ Judas von Meißen ‘ diskreditierten Landesherrn Moritz zu helfen? 8 Oder kommt er seinem selbst formulierten Anspruch einer „ reinen und unverfälschten Darstellung “ ( ἀδιάφθορόν τινα λόγον καὶ ἀκραιφνῆ ἱστορίαν , BS 389,18 - 390,1) nach? Die Bedeutung und der Einfluss des Camerarius auf seine Zeit waren immens. Diese einleitenden Worte können nur andeuten, was für ein facettenreiches Arbeitsgebiet die Camerarius-Forschung im Ganzen, aber auch das „ Bellum Smalcaldicum “ im Besonderen bietet. Seine Werke sind nicht nur aus philologischer Sicht - etwa als Rezeptionsdokumente der antiken Vorbilder - interessant, sondern auch von historischer Bedeutung. Insbesondere das „ Bellum Smalcaldicum “ ist dabei einzigartig: Es zeigt die Haltung eines hochgebildeten Zeitzeugen, eines Protestanten und Vertrauten Melanchthons, der die Propaganda aller Seiten reflektiert und wertet. Dabei stellt sich der historischen Erschließung allein schon durch den nicht selten kryptischen Stil des Autors, vor allem aber durch die griechische Sprache eine ziemlich hohe 7 Diese Übersetzung stammt von Martin Luther und Eoban Hesse; vgl. MBW 5817; vgl. Camerarius 1553 (OC 0591), fol. D1 v . 8 So Voigt 1874, 684. 1 Einführung 15 <?page no="16"?> Hürde. Die bisherige (spärliche) Forschung hat das Werk nur oberflächlich und punktuell betrachtet. Dabei stellt der Schmalkaldische Krieg einen Einschnitt im Leben des Humanisten dar, der sich nicht nur darin niederschlägt, dass er unfreiwillig für einige Zeit seine Wirkungsstätte Leipzig verlassen musste. Insbesondere auch seine Meinung vom Kaiser selbst ändert sich durch den Krieg grundlegend. Als Dokument dieses Einschnitts kann daher die Erschließung des „ Bellum Smalcaldicum “ im Spiegel des Gesamtwerkes eine wertvolle Grundlage für weitere Camerarius-Forschungen bilden. In der vorliegenden Arbeit wird das „ Bellum Smalcaldicum “ daher nach modernen Kriterien ediert und ins Deutsche übersetzt (B.). Zuvor wird Camerarius in der Einleitung (A.) als Historiker gewürdigt (Kapitel 2): Dabei wird sein historisches Werk erstmals umfassend definiert, seine Ansichten über Historiographie dargestellt und sein Geschichtsbild herausgearbeitet. Daraufhin wird der Schmalkaldische Krieg und insbesondere Camerarius ’ Schicksal in den Blick genommen und auf die Entstehung, die Überlieferung, den Aufbau und die Rezeption des „ Bellum Smalcaldicum “ eingegangen (Kapitel 3). Kernstück der vorliegenden Arbeit sind die Untersuchungen zur Edition frühneuzeitlicher, neualtgriechischer Texte (Kapitel 4). Dabei werden sowohl die Druckpraxis als auch die zeitgenössichen Griechischkenntnisse hinsichtlich der Problemfelder Orthographie, Diakritika und Interpunktion betrachtet. Die griechischen Grammatiken, die Camerarius aufgrund eigener Mitwirkung mit Sicherheit bekannt waren, dienen als Grundlage der Untersuchung der Griechischkenntnisse. Darauf aufbauend werden im Editionsbericht (Kapitel 5) theoretisch fundierte Kriterien zur Edition frühneuzeitlicher, neualtgriechischer Texte entwickelt, sodass einheitlich entschieden werden kann, ob ein Phänomen als Eigenheit der Zeit gelten kann oder aber schon in der Frühen Neuzeit unüblich war und somit zu normalisieren ist. Da Camerarius einer der bedeutendsten Philologen seiner Zeit war und sein Kenntnisstand für die Zeit repräsentativ ist, hat die Untersuchung Modellcharakter für vergleichbare Projekte. Der Kommentar (C.) stellt schließlich das „ Bellum Smalcaldicum “ in den Kontext des Gesamtwerkes des Humanisten und erläutert textkritische Probleme. 16 1 Einführung <?page no="17"?> 2 Camerarius als Historiker 2.1 Forschungsstand Es gibt bislang nur wenige Forschungsbeiträge, die Camerarius als Historiker behandeln. In einer umfassenden Studie zur Geschichtsschreibung über den Schmalkaldischen Krieg befasste sich 1874 Georg Voigt mit zahlreichen Historikern und kommt dabei auch auf das Geschichtswerk „ De Bello Smalcaldico “ des Camerarius zu sprechen. 9 In der ungestümen Manier des 19. Jahrhunderts misst er der Quelle nicht sonderlich viel Wert bei und attestiert dem „ Thukydides des deutschen Krieges “ nur „ oberflächliche Kenntnis “ , wundert sich über die lange Einleitung mit „ allerlei allgemeinen und überflüssigen Darlegungen “ und vermutet den Grund für das jähe Ende der Schrift, kurz vor der Entscheidungsschlacht, im „ ängstlichen Naturell “ des Autors. 10 Auch Simon Stenius habe sich „ nur des billigsten Quellenmaterials bedient “ 11 . Trotzdem, so meint Voigt, „ gewährt das Buch des Camerarius ein nicht geringes Interesse “ 12 , denn man könne daraus „ das Räsonnement der Mauricianer “ 13 , also der Anhänger des Moritz von Sachsen, ersehen. Voigts Interpretation ist an mancher Stelle recht eigenwillig und - wohl aufgrund der Masse der von ihm bearbeiteten Quellen - nur oberflächlich. Es verwundert gerade im Kontext der thukydideischen Geschichtsschreibung, warum Camerarius ’ Versuch, einleitend die Hintergründe des Krieges zu klären, als ‚ allgemein und überflüssig ‘ abgetan wird. Zudem versteht Voigt Camerarius an einigen Stellen offensichtlich falsch. 14 Eine treffende Charakterisierung von Camerarius als Historiker bietet dieser Beitrag in keinem Fall. Trotzdem hatte Voigts siebenseitige Untersuchung nicht geringen Einfluss: So ist der Altphilologe Friedrich Stählin überzeugt, man finde zum „ Bellum 9 Vgl. Voigt 1874. Über das BS vgl. ebd. 681 - 688. 10 Voigt 1874, 683. 11 Voigt 1874, 684. 12 Voigt 1874, 684. 13 Voigt 1874, 684. 14 Er moniert beispielsweise, der Humanist habe nicht erkannt, dass „ die Schmähschriften den Krieg nicht veranlassten, sondern nur begleiteten, als er bereits im Gange war “ (Voigt 1874, 687). Zwar ist der eigentliche Beginn des Krieges im BS tatsächlich nicht allzu klar gekennzeichnet, doch werden die Pamphlete eindeutig als eine Folge von Karls Verzögerungstaktik, als sich die Heere am Beginn des Krieges an der Donau gegenüberlagen, dargestellt (Vgl. bes. BS 408,21 - 26 mit Kommentar). <?page no="18"?> Smalcaldicum alles Wesentliche bei Voigt “ 15 . Stählin thematisierte Camerarius ’ Wirken als Biograph ausführlich und legte 1936 eine Analyse der Viten des Philipp Melanchthon, Eoban Hesse und Georg von Anhalt sowie der Grabreden auf Eberhard von Württemberg und Moritz von Sachsen vor. 16 Er berücksichtigt dabei nicht nur die Herkunft des Stoffes, den Stil sowie den Aufbau der Schriften, sondern versucht auch, die Werke in den größeren Kontext ihrer antiken Vorbilder zu stellen und Camerarius ’ religiöse und moralische Vorstellungen zu charakterisieren. Zwar erschwere es die Arbeit, dass Camerarius „ kein systematischer Denker “ 17 sei, doch liege der besondere Wert einer Beschäftigung mit dem Humanisten als Historiker darin, dass Camerarius ’ Denken in Abgrenzung zu Melanchthon nicht so sehr theologisch geprägt sei. 18 Für Stählin steht Camerarius ’ Wirken grundsätzlich im Spannungsfeld dreier Kräfte: Humanismus, Reformation und deutscher Bürgerlichkeit. 19 Camerarius als „ protestantischen Humanisten “ zu bezeichnen, ist nach Ansicht Stählins „ lückenhaft und mißverständlich “ 20 . Stählin stößt sich an beiden Begriffen: Zum einen orientiere Camerarius sich nur oberflächlich an der Antike und übernehme deren Vorstellungen nur vereinzelt. 21 Sein Glaube an Verbesserung durch die humanistische Lehre und Ideale sei an der Wirklichkeit zerbrochen. Zum anderen spiegele sich sein Protestantismus eher in einzelnen Glaubenssätzen als der lutherischen Glaubenshaltung wider und Luthers Rechtfertigungslehre stoße bei Camerarius auf kein Verständnis. 22 Camerarius ’ moralische Vorstellungen seien geprägt von den drei (weit verbreiteten) Werten der pietas, doctrina und virtus (oder Ersatzbegriffen wie sapientia und religio), die stellvertretend für das Ideal der Religion, Wissenschaft und Sittlichkeit stünden. 23 Seine „ sittenrichterliche Grundhaltung “ 24 15 Stählin 1936, 9 Anm. 1. Vgl. ebd. 15 Anm. 3, wo er Voigt unkritisch übernimmt. Stählin führt das BS nur selten als Querverweis in Fußnoten an. 16 Vgl. Stählin 1936. „ Oratio funebris de Principe Eberhardo “ (OC 0202), „ Oratio habita ad funus principis Mauricii “ (OC 0587), „ Narratio de Helio Eobano Hesso “ (OC 0591), „ Narratio de Georgio principe Anhaltino “ (OC 0614), „ Vita Philippi Melanchthonis “ (OC 0775). 17 Stählin 1936, 62. 18 Vgl. Stählin 1936, V-VI. 19 „ Der Humanismus wollte an deutscher Wirklichkeit formen und bilden, die Reformation wollte der deutschen Wirklichkeit eine neue Deutung und einen festeren Grund geben; die Bürgerlichkeit aber war vor beiden und blieb nach beiden selbst ein wesentliches Stück deutscher Wirklichkeit. “ Stählin 1936, VI. 20 Stählin 1936, 94. 21 Vgl. Stählin 1936, 95 f. 22 Vgl. Stählin 1936, 95 f. Stählin sieht hier eine Ähnlichkeit zu Hans Sachs. 23 Vgl. Stählin, 1936, 62. 24 Stählin 1936, 68. 18 2 Camerarius als Historiker <?page no="19"?> bestimme so auch den Zweck der Geschichtsschreibung, der einzig in der sittlichen Bildung liege. 25 Aufgrund dieses Zwecks verschweige oder verkläre Camerarius bisweilen auch negative Seiten. Camerarius ’ Geschichtsauffassung sieht Stählin vor allem in einem ausgeprägten Schicksalsglauben, der einher gehe mit dem Glauben an Vorzeichen. Obwohl sich der Humanist eher auf Persönliches statt auf Allgemeines konzentriere, sehe er in der Geschichte doch das Wirken der fata, die er mit Gottes Willen gleichzusetzen suche und die für unausweichliche Veränderungen verantwortlich seien. 26 Über ein bloßes „ Krisenbewusstsein “ 27 , wie es sich auch bei Nikolaus von Kues und Sebastian Franck zeige, gehe Camerarius jedoch hinaus, da er historische Krisen mit seiner Gegenwart vergleiche und so „ Charakter und [ … ] Begleiterscheinungen geschichtlicher Krisen überhaupt “ 28 erfassen könne und bisweilen als Trost für sich heranziehe. Doch habe der Humanist sich zu sehr auf die gegenwärtigen Konflikte konzentriert, um etwas anderes als den Niedergang zu sehen und sei in seinem Urteil nicht nach vorne, in die Zukunft, gerichtet. „ All den Klagen darüber liegt viel weniger ein Geschichtsbild als ein moralisches Urteil zugrunde. “ 29 Für den Rezensenten Hans Preuß bietet Stählin „ eine recht beachtliche Perspektive “ 30 , doch blieb der Beitrag weitgehend unrezipiert. Insgesamt scheint Stählin wesentliche Faktoren vom Wirken des Humanisten zu erfassen. Fraglich bleibt allerdings, inwiefern Camerarius ’ Vorstellungen von Moral und Geschichte allein aus den Biographien seiner Zeitgenossen zu erarbeiten ist, die sich naturgemäß auf die gegenwärtigen Konflikte konzentrieren. Außerdem sind sie in den späteren Lebensjahren des Humanisten (1553 - 1566) geschrieben und daher vielleicht durch eine gewisse altersbedingte Verklärung gezeichnet. 31 Ohne konkret zu werden, erklärt der Theologe Stephan Kunkler bezüglich Stählin, dessen Grundthese von Camerarius ’ bürgerlichem Charakter überzeuge nicht. 32 Im systematischen Teil seiner Dissertation behandelt Kunkler Camerarius nicht nur als Pädagogen und Theologen, sondern auch als Historiker. Kunkler möchte „ in mühevoller Grundlagenarbeit [ … ] eine erste 25 Vgl. Stählin 1936, 73 f. 26 Vgl. Stählin 1936, 88 f. 27 Stählin 1936, 90. 28 Stählin 1936, 90. 29 Stählin 1936, 91. 30 Preuß 1936, 229. 31 Vgl. Stählin 1936, 68 f. 32 Vgl. Kunkler 2000, 186. 2.1 Forschungsstand 19 <?page no="20"?> Ausgangsposition für die Erforschung “ 33 des Camerarius als Wissenschaftler bieten. Dabei könne er kaum auf Vorarbeiten zurückgreifen und beschränke sich daher auf eine Analyse des Geschichtsverständnisses. Er formuliert dafür die etwas unpräzise Frage, „ welchen Stellenwert Camerarius der Geschichte als einer Fakten darstellenden und erläuternden Wissenschaft beimaß. “ 34 Der Autor kommt schließlich zu dem allzu einseitigen Fazit, „ daß in Verbindung mit einem fundierten philologischen Wissen Camerarius die Geschichte zur Aufarbeitung des reichhaltigen theologischen Faktenmaterials diente, das ihm eine [ … ] tiefergehende Erforschung der biblischen Quellen auf humanistischphilologischer Grundlage ermöglichte. “ 35 Kunklers Arbeit hat erhebliche inhaltliche und konzeptionelle Schwächen. Torsten Woitkowitz kritisiert in seiner insgesamt wohlwollenden Rezension 36 die fehlende Verbindung des biographischen ersten und systematischen zweiten Teils, die fast durchgehende Missachtung der Quellenkontexte und bisweilen ungenaue bibliographische Angaben. Auch behandle Kunkler nicht alle Werke des Humanisten, wofür ihn Woitkowitz angesichts der Fülle des Materials und des Rahmens der Dissertation in Schutz nimmt. 37 Am meisten leidet die Arbeit jedoch unter den von Jochen Walter zu Recht diagnostizierten „ Unsicherheiten im Umgang mit der lateinischen Sprache “ 38 . Diese sind nicht nur in den Übersetzungen evident: Man findet in nahezu jeder Paraphrase Missverständnisse des lateinischen Texts, sodass manche Inter- 33 Kunkler 2000, 7. 34 Kunkler 2000, 177. 35 Kunkler 2000, 199. 36 Vgl. Woitkowitz 2003b: Er nennt das Buch abschließend „ überaus informativ “ ; es sei „ mit innerer Anteilnahme verfaßt “ . 37 Tatsächlich scheint Kunkler nur einen Teil von Camerarius ’ historischem Werk zu kennen und behandelt davon wiederum nur einen Teil näher. Vgl. Kunkler 2000, 175 f. Seine Datierungen sind teils falsch. Er nennt (ebd. 175 f.) die Thukydides-Edition (VD16 T 1113), die Herodot-Edition (VD16 H 2507), Xenophons Staatsverfassung der Lakedaimonier (VD16 X 64; vgl. dazu unten Anm. 44), Xenophons „ Hellenika “ (VD16 ZV 2581), die „ Historia Synodi Nicenae “ (VD16 C 436), die „ Chronologia Nikephori “ (VD16 C 367), das „ Bellum Smalcaldicum “ (VD17 547: 647466V), die Türkenkommentare (VD16 C 527), die „ Oratio senatoria “ (VD16 C 496), die Nachrufe auf Moritz (VD16 C 494), die Melanchthon-Vita (VD16 C 502), die Eoban-Vita (VD16 C 480) und die Anhalt-Vita (VD16 G 1320). 38 Walter 2017, 24 Anm. 5. Ebenso kritisiert Walter fehlende Belege: ebd. 42 Anm. 62. Tatsächlich wird in der Publikationsversion von Kunklers Dissertation (Kunkler 2000) durch die Löschung vieler lateinischer Zitate aus den Fußnoten (im Vergleich zur Abgabeversion Kunkler 1998) sein Quellenverständnis zusätzlich verschleiert. 20 2 Camerarius als Historiker <?page no="21"?> pretation kaum mehr nachvollziehbar ist. Die Ergebnisse von Kunklers Arbeit stehen dadurch auf unsicherem Grund. 39 2.2 Das historische Werk des Camerarius Camerarius ’ breites Interesse an Geschichte spiegelt sich in seinem facettenreichen Wirken als Historiker. In der Forschung wurde das historische Werk des Camerarius - wie sich gezeigt hat - bislang nur sehr selektiv behandelt, was vor allem daran liegt, dass es noch nie vollständig definiert wurde. 40 Durch das Vorliegen des digitalen Werkverzeichnisses ‚ Opera Camerarii ‘ 41 kann dieser Mangel nun behoben werden. Sein gedrucktes 42 historisches Werk lässt sich in drei Bereiche einteilen (Tabelle 2.1): Es reicht von Editionen, Kommentaren und Übersetzungen der Werke Dritter (Fremdwerke), über geschichtstheoretische Überlegungen (Theorie), bis hin zu eigenen historiographischen Werken (Praxis). Die Grenze zwischen diesen Kategorien ist teils fließend, da Camerarius auch in seinen historischen Abhandlungen theoretische Überlegungen äußert; sie wird an dieser Stelle daher pragmatisch anhand der Hauptintention des jeweiligen Werkes gezogen. Werknr. Art Titel (abgekürzt) Erstdruck OC 0189 (Fremdwerk) Urbis Romae expugnatio 1536 OC 0194 (Fremdwerk) Ecclesiasticae historiae Theodoriti 1536 OC 0213 (Fremdwerk) Commentariorum Capellae de rebus gestis 1538 OC 0360 (Fremdwerk) Θουκυδίδου συγγραφή 1540 OC 0361 (Fremdwerk) Σχόλια παλαιὰ ἐς ὅλον τὸν Θουκυδίδην 1540 OC 0362 (Fremdwerk) Lectori 1540 OC 0392 (Fremdwerk) Ἡροδότου Ἁλικαρνασσέως Ἱστορία 1541 39 Vgl. auch die vernichtende Rezension von Mundt 2002 (Hinweis von V. Gottlieb). Die vorliegende Arbeit weist nur vereinzelt in Fußnoten auf Kunkler hin und klärt seine Missverständnisse: Vgl. unten Anm. 44, 53, 56, 63, 64, 67, 79. 40 Vgl. den kurzen Überblick bei Hamm 2011, 431 f. 41 Vgl. OC online (URL: http: / / wiki.camerarius.de, seit 20.12.2019). 42 Unveröffentlichte Werke, die im (handschriftlichen) Schriftenkatalog in der Collectio Camerariana (BSB München, Clm 10376) erscheinen und nur dem Titel nach bekannt sind, werden hier nicht berücksichtigt (vgl. Catalogus (Hs.), fol. 127 r - 130 r = S. 267 - 272 im Digitalisat). Dort ist unter anderem ein Werk mit dem Titel „ Historia varii generis “ und eine „ Appendix ad narrationem de vita Ph. Melanthonis “ verzeichnet, die vermutlich zum historischen Werk zu rechnen sind. Vgl. Summer 1646, fol. D4 r - D6 r . Vgl. zum Katalog unten Anm. 166. 2.2 Das historische Werk des Camerarius 21 <?page no="22"?> Werknr. Art Titel (abgekürzt) Erstdruck OC 0482 (Fremdwerk) Aretini commentarium rerum Graecarum 1546 OC 0677 (Fremdwerk) Nicephori Chronologia 1561 OC 0757 (Fremdwerk) Aloysii in patriam coniuratio 1565 OC 0758 (Fremdwerk) Narratio coniurationis in Laurentium Medicen 1565 OC 0759 (Fremdwerk) Conversa ex Thucydidis quaedam 1565 OC 0874 (Fremdwerk) Ad libros Κύρου παιδείας additiones 1572 OC 0884 (Fremdwerk) Xenophontis de Cyri disciplina libri VIII 1572 OC 0494 Abhandlung Brevis narratio 1546 OC 0573 Abhandlung Historia synodi Nicenae 1552 OC 0676 Abhandlung De synodis oecumenicis 1561 OC 0948 Abhandlung De rebus Turcicis narrationes breves 1598 OC 0947 Abhandlung Commentarius alter de Turcicis imperatoribus 1598 OC 0949 Abhandlung De ecclesiis fratrum in Bohemia 1605 OC 0951 Abhandlung Annotatio rerum praecipuarum 1611 OC 0952 Abhandlung Belli Smalcaldici commentarius 1611 OC 0117 Biographie Alberti Dureri De symmetria 1532 OC 0330 Biographie De vita Aesopi 1538 OC 0428 Biographie Prooemium in explicationem libellorum Xenophontis 1543 OC 0591 Biographie Narratio de Helio Eobano Hesso 1553 OC 0614 Biographie Narratio de Georgio principe Anhaltino 1555 OC 0618 Biographie Narratio de autore (sc. Synesio) 1555 OC 0675 Biographie Anzeigung des Fürst Georgen zu Anhalt Laebens 1561 OC 0775 Biographie Vita Philippi Melanchthonis 1566 OC 0761 Biograhpie Expositio de apostolis 1566 OC 0762 Biographie Historiae Iesu Christi expositio (Werk) 1566 OCEp 1519 Biographie Camerarius an Theodoricus, 25.08.1569 1569 OC 0202 Epitaphium Oratio funebris de Principe Eberhardo 1537 OC 0587 Epitaphium Oratio funebris 1553 OC 0628 Epitaphium Danielo Stibaro 1556 OC 0824 Epitaphium Oratio anniversariae memoriae funeris principis Mauricii 1569 OC 0825 Epitaphium Oratio anniversariae memoriae funeris principis Mauricii 1569 22 2 Camerarius als Historiker <?page no="23"?> Werknr. Art Titel (abgekürzt) Erstdruck OC 0827 Epitaphium Oratio die anniversariae memoriae principis Mauricii 1569 OC 0828 Epitaphium Oratio funebris anniversariae memoriae causa de principe Mauricio 1569 OC 0826 Epitaphium Oratio celebrans anniversariam memoriam 1569 OC 0823 Epitaphium Oratio anniversaria VII 1569 OC 0798 Epitaphium Oratio anniversaria VIII 1569 OC 0822 Epitaphium Oratio anniversaria IX 1569 OC 0183 Dichtung Carolus sive Tunete 1536 OC 0184 Dichtung Carolus sive Vienna Austriaca 1536 OC 0195 Dichtung In historiam Theodoriti 1536 OC 0196 Dichtung Εἰς Θεοδωρίτου ἱστορίαν 1536 OC 0421 Dichtung De Xenophonte 1543 OCEp 1516 Widmung Camerarius an Stiebar 1536 OCEp 1468 Widmung Camerarius an Jonas 1536 OCEp 1504 Widmung Camerarius an Scheurl 1538 OCEp 1486 Widmung Camerarius an Moritz von Hutten 1540 OC 0388 Widmung Prooemium in Historias Herodoti 1541 OCEp 1518 Widmung Camerarius an Tarnowski 1546 OC 0678 Widmung Prooemium Chronologiae Nicephori 1561 OCEp 1485 Widmung Camerarius an Mordeisen 1565 OCEp 1461 Widmung Camerarius an Joachim Friedrich 1566 OCEp 1418 Widmung Camerarius an Anton von Ortenburg 1572 OC 0936 Theorie In Pharsaliam προλεγόμενα 1589 OC 0387 Traktat Orationis Latinae exercitium rhetoricum 1541 OCEp 0480 Einzelbrief Camerarius an Neuenahr 1583 OCEp 0768 Einzelbrief Camerarius an Lazius 1583 OCEp 0910 Einzelbrief Camerarius an Karlowitz 1595 Tab. 2.1: Das historische Werk des Camerarius nach Art (Gattung) Bei den Fremdwerken sind zuerst Camerarius ’ Editionen der antiken Historiker Thukydides (OC 0360) und Herodot (OC 0392) zu nennen, die er jeweils mit weiteren thematisch passenden Fremdwerken publizierte (OC 0361, OC 0362). Bedeutende Textstellen aus Thukydides ’ Werk legte er außerdem als Übersetzung vor (OC 0759). Obwohl er bei seinen Zeitgenossen als Experte 2.2 Das historische Werk des Camerarius 23 <?page no="24"?> für Xenophon galt, 43 edierte er kein einziges der historischen Werke Xenophons. 44 Doch gab er eine lateinische Übersetzung der „ Hellenika “ von Leonardo Bruni heraus (OC 0482) und verfasste eine Übersetzung (OC 0884) und einen Kommentar (OC 0874) zur „ Kyrupädie “ . Neben diesen klassisch antiken Historikern gab er aber auch jüngere Autoren heraus und übersetzte die Kirchengeschichte des spätantiken Theologen Theodoret (OC 0194) sowie die „ Chronologia “ des Patriarchen von Konstantinopel Nikephoros (OC 0677). Darüber hinaus setzte sich Camerarius auch mit zeitgenössischer Geschichtsschreibung auseinander und publizierte den „ Commentarius captae urbis “ , eine Darstellung des Sacco di Roma im Jahr 1527 von Andreas Althamer (OC 0189), sowie die „ Narrationes facinorum “ , zwei Werke zu Verschwörungen in Italien in den Jahren 1478 (OC 0758) und 1547 (OC 0757). Darüber hinaus gab er die „ Commentarii “ des italienischen Gelehrten Galeazzo Flavio Capra heraus (OC 0213). Camerarius schrieb mehrere geschichtliche Abhandlungen, in denen er meist andere Historiker kompiliert, teils aber auch aus Primärquellen und eigener Erfahrung berichtet: In erstere Kategorie fällt seine Supplementierung der xenophontischen „ Hellenika “ (OC 0494), bei der er Passagen aus Diodor und Plutarch zusammenstellte. Am Übergang zwischen Kompilation und eigenem Werk stehen jene Abhandlungen, die er bis in seine eigene Zeit fortführt. Dazu zählen die beiden Schriften über den Aufstieg der Osmanen (OC 0948 und OC 0947), die er aus nicht näher definierten, fremdsprachlichen Quellen über die osmanischen Anführer bis zu Süleyman zusammenfasste, sich dabei jedoch auch mit eigenen (meist geschichtstheoretischen) Überlegungen einbringt. 45 Auch die Geschichte des Konzils von Nicäa (OC 0573), die er in der zweiten Auflage um eine Chronologie der ökumenischen Konzilien (OC 0676) bis zum Konzil von Trient (ab 1545) erweiterte, gehört in diesen Übergangsbereich. Hauptsächlich aus Primärquellen und eigener Erfahrung geschöpft sind die „ Geschichte der böhmischen Brüder “ (OC 0949) 46 und das „ Bellum Smalcaldicum “ (OC 0952). Beide Schriften wurden erst nach seinem Tod ver- 43 Vgl. Humble 2017. 44 Kunkler (2000, 175) zählt dagegen die pseudo-xenophontische „ Verfassung der Athener “ (OC 0424) bzw. die „ Verfassung der Spartaner “ (OC 0422) zu den historischen (und nicht philosophischen) Werken. 45 Vgl. Ioachimi Camerarii Commentarius Alter de Turcicis imperatoribus usque ad Solimannum perductus, bearbeitet von Moritz Stock (03.02.2020), in: OC Online, http: / / wiki.camerarius.de/ OC_0947 und De rebus Turcicis narrationes breves et exquisitae, et distinctae autore Ioachimo Camerario Pabepergensi, bearbeitet von Moritz Stock (26.05.2025), in: OC Online, http: / / wiki.camerarius.de/ OC_0948. 46 Vgl. dazu Beyreuther et al. 1980. 24 2 Camerarius als Historiker <?page no="25"?> öffentlicht. Postum wurden auch seine Notizen über die Ereignisse der Zeit von 1550 - 1561 gedruckt (OC 0951). Daneben war Camerarius als Biograph tätig: Am bekanntesten dürften seine Lebensbeschreibungen von Albrecht Dürer (OC 0117), Eoban Hesse (OC 0591), Georg von Anhalt (OC 0614, die er wenige Jahre später auch auf Deutsch publizierte: OC 0675) und Philipp Melanchthon (OC 0775) sein; weniger bekannt die Viten Jesu Christi (OC 0762) und der Apostel (OC 0761) sowie Lebensbeschreibungen zu Xenophon (OC 0428), Aesop (OC 0330), Synesios von Kyrene (OC 0618) und Hieronymus Baumgartner (OCEp 1519). Auch die von Camerarius verfassten Epitaphien sind im Kontext der biograhischen Schriften zu nennen: 47 Zunächst die Leichenreden auf Herzog Eberhard im Bart (OC 0202) und auf Kurfürst Moritz von Sachsen (OC 0587). 48 In den Jahren nach Moritz ’ Tod schrieb der Humanist noch acht weitere Gedenkreden (OC 0824, 0825, 0827, 0828, 0826, 0823, 0798, 0822). Schließlich verfasste er ein kurzes Epicedium auf Daniel Stiebar (OC 0628). Einige seiner Gedichte haben zwar nicht primär historiographischen Charakter, behandeln aber zeitgeschichtliche Ereignisse und sollen daher an dieser Stelle nicht ungenannt bleiben: So behandelt der Humanist den Sieg Karls V. über die Türken vor Wien (OC 0184) bzw. in der Seeschlacht von Tunis (OC 0183) in poetischer Form. Auch verfasst er kurze Gedichte über Xenophon (OC 0421) und Theodoret (OC 0195, OC 0196). Bei den Theoriewerken handelt es sich überwiegend um Widmungsbriefe bzw. Proömien mit geschichtstheoretischen Überlegungen des Humanisten. Den „ Commentarius captae urbis “ widmet Camerarius dem Würzburger Domherren Daniel Stiebar (OCEp 1516) und geht dabei auf seine persönlichen Ansichten zu Karl V. ein. Seine Übersetzung der Kirchengeschichte Theodorets widmet er dem Reformator Justus Jonas (OCEp 1468) und betont im Widmungsbrief den Nutzen einer Beschäftigung mit der Geschichte für Staatsmänner und Theologen und die Übertragbarkeit der Vergangenheit auf die Gegenwart. Die „ Commentarii “ des Galeazzo Flavio Capra schickt Camerarius an Christoph Scheurl (OCEp 1514) mit einer Würdigung des italienischen Historikers. Die Thukydides-Edition widmet der Humanist dem Eichstätter Bischof Moritz von Hutten (OCEp 1486). In dem Widmungsbrief reflektiert er sorgenvoll die Verhältnisse seiner eigenen Zeit und betont die Bedeutung der Geschichtsschreibung für die Bildung. Das Proöm der Herodot-Edition richtet 47 Vgl. Hamm 2011, 432. 48 Vgl. die beiden Epitaphien in elegischen Distichen OC 0586 und OC 0588. 2.2 Das historische Werk des Camerarius 25 <?page no="26"?> sich an den Fürsten Georg von Anhalt-Plötzkau (OC 0388). Nach der Anrede des Widmungsempfängers und einer autobiographischen Passage über Camerarius ’ Beschäftigung mit Herodot möchte der Humanist die Gründe für seine hohe Meinung von Herodot darlegen und auf die verbreitete Kritik an dem antiken Historiker antworten. 49 Die „ Hellenika “ -Übersetzung widmet der Humanist dem polnischen Staatsmann Jan Amor Tarnowski (OCEp 1518). Die Widmung bezeichnet er abschließend selbst als eine ‚ kurze Abhandlung über die Ursachen staatlichen Unglücks ‘ (de caussis calamitatum publicarum disputatiuncula 50 ). Die „ Chronologia “ des Nikephoros versieht der Humanist mit einem Widmungsproöm an den Herzog Wolfgang von Pfalz-Zweibrücken (OC 0678) und legt mit Blick auf seine eigene Zeit seine grundlegenden Ansichten über wiederkehrende historische Prozesse eines Staates sowie Wesen und Zweck von Historiographie dar. Die „ Narrationes facinorum “ werden an den sächsischen Politiker Ulrich von Mordeisen gerichtet (OCEp 1485). Die Widmung behandelt das Wirken der göttlichen Vorsehung, die man in Geschichtswerken erkennen könne. Die Lebensbeschreibung Jesu versieht Camerarius mit einem Widmungsbrief an den Kurfürsten von Brandenburg Joachim Friedrich (OCEp 1461), in dem er über Nutzen und exemplarischen Charakter der Geschichtsschreibung reflektiert. Die „ Kyrupädie “ richtet er schließlich an den jungen Reichshofrat Anton von Ortenburg (OCEp 1418) und hebt die Bedeutung der Schrift für Staatsmänner hervor. Neben diesen Werken kann außerdem noch ein kurzes, erst postum veröffentlichtes Proöm zu Lucans Pharsalia (OC 0936) zu den historischen Werken gerechnet werden. Die Zielsetzung des antiken Werks bezeichnet Camerarius darin als gänzlich historisch. Hinzu kommen die „ Elementa Rhetoricae “ (OC 0387), die er für den Rhetorikunterricht in Tübingen erstellt hatte und die auch ein Kapitel über Geschichtswerke enthalten. 51 Schließlich können noch einzelne, an Freunde gerichtete Briefe, in denen er Geschichte und Geschichtsschreibung thematisiert, zu seinem historischen Werk gezählt werden. • OCEp 0910: Camerarius an Karlowitz, 1563 • OCEp 0768: Camerarius an Lazius, 12.02.1553 • OCEp 0480: Camerarius an Neuenahr, 13.02.1566 49 Vgl. Ellis 2017 und Kliege-Biller 2004. 50 OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A7 v . 51 Vgl. Camerarius 1541b (OC 0387), p. 100 - 117. 26 2 Camerarius als Historiker <?page no="27"?> Neben dieser eher inhaltlichen bzw. gattungsspezifischen Einteilung lohnt es auch, Camerarius ’ historisches Werk in den Kontext der Entstehungszeit bzw. seiner Wirkungsstätten zu stellen 52 (Tabelle 2.2): Um 1536 wechselte Camerarius von Nürnberg nach Tübingen und zum Wintersemester 1541 von dort nach Leipzig. Dabei fällt vor allem auf, dass seine eigene historiographische Textproduktion erst 1546 mit dem Schmalkaldischen Krieg einsetzt. Werknr. Art Titel (abgekürzt) Entstehung Nürnberger Periode OC 0117 Biographie Alberti Dureri De symmetria 1532 OC 0194 (Fremdwerk) Ecclesiasticae historiae Theodoriti 1535 OC 0195 Dichtung In historiam Theodoriti 1535 OC 0196 Dichtung Εἰς Θεοδωρίτου ἱστορίαν 1535 OCEp 1468 Widmung Camerarius an Jonas 1535 OCEp 1516 Widmung Camerarius an Stiebar 1536 OC 0183 Dichtung Carolus sive Tunete 1536 OC 0184 Dichtung Carolus sive Vienna Austriaca 1536 OC 0189 (Fremdwerk) Urbis Romae expugnatio 1536 Tübinger Periode OC 0202 Epitaphium Oratio funebris de Principe Eberhardo 1537 OCEp 1504 Widmung Camerarius an Scheurl 1538 OC 0213 (Fremdwerk) Commentariorum Capellae de rebus gestis 1538 OC 0330 Biographie De vita Aesopi 1538 OCEp 1486 Widmung Camerarius an Moritz von Hutten 1540 OC 0360 (Fremdwerk) Θουκυδίδου συγγραφή 1540 OC 0361 (Fremdwerk) Σχόλια παλαιὰ ἐς ὅλον τὸν Θουκυδίδην 1540 OC 0362 (Fremdwerk) Lectori 1540 OC 0387 Traktat Orationis Latinae exercitium rhetoricum 1541 OC 0388 Widmung Prooemium in Historias Herodoti 1541 OC 0392 (Fremdwerk) Ἡροδότου Ἁλικαρνασσέως Ἱστορία 1541 52 Für die Datierung der Entstehungszeit wurde bei Briefen (OCEp) das Briefdatum und bei Werken (OC) das Datum des Widmungsbriefes (sofern vorhanden) bzw. das Jahr des Erstdruckes als terminus ante quem herangezogen. Für die Datierung der postum publizierten Werke vgl. die jeweiligen Artikel auf OC Online (Stand: 15.11.2025). Zu Camerarius ’ Tübinger Zeit vgl. Schultheiß 2017. 2.2 Das historische Werk des Camerarius 27 <?page no="28"?> Werknr. Art Titel (abgekürzt) Entstehung Leipziter Periode OC 0428 Biographie Prooemium in explicationem libellorum Xenophontis 1543 OCEp 1518 Widmung Camerarius an Tarnowski 1546 OC 0482 (Fremdwerk) Aretini commentarium rerum Graecarum 1546 OC 0494 Abhandlung Brevis narratio 1546 OC 0952 Abhandlung Belli Smalcaldici commentarius 1546/ 47 OC 0951 Abhandlung Annotatio rerum praecipuarum 1550 OC 0573 Abhandlung Historia synodi Nicenae 1551/ 52 OC 0591 Biographie Narratio de Helio Eobano Hesso 1553 OCEp 0768 Einzelbrief Camerarius an Lazius 1553 OC 0587 Epitaphium Oratio funebris 1553 OC 0614 Biographie Narratio de Georgio principe Anhaltino 1555 OC 0618 Biographie Narratio de autore (sc. Synesio) 1555 OC 0824 Epitaphium Oratio anniversariae memoriae funeris principis Mauricii 1555 OC 0628 Epitaphium Danielo Stibaro 1556 OC 0825 Epitaphium Oratio anniversariae memoriae funeris principis Mauricii 1556 OC 0827 Epitaphium Oratio die anniversariae memoriae principis Mauricii 1558 OC 0828 Epitaphium Oratio funebris anniversariae memoriae causa de principe Mauricio 1560 OC 0775 Biographie Vita Philippi Melanchthonis 1560 - 66 OC 0677 (Fremdwerk) Nicephori Chronologia 1561 OC 0678 Widmung Prooemium Chronologiae Nicephori 1561 OC 0675 Biographie Anzeigung des Fürst Georgen zu Anhalt Laebens 1561 OC 0676 Abhandlung De synodis oecumenicis 1561 OCEp 0910 Einzelbrief Camerarius an Karlowitz 1563 OC 0826 Epitaphium Oratio celebrans anniversariam memoriam 1563 OCEp 1485 Widmung Camerarius an Mordeisen 1564 OC 0757 (Fremdwerk) Aloysii in patriam coniuratio 1564 OC 0758 (Fremdwerk) Narratio coniurationis in Laurentium Medicen 1564 28 2 Camerarius als Historiker <?page no="29"?> Werknr. Art Titel (abgekürzt) Entstehung OC 0759 (Fremdwerk) Conversa ex Thucydidis quaedam 1565 OCEp 1461 Widmung Camerarius an Joachim Friedrich 1565 OC 0761 Biograhpie Expositio de apostolis 1565 OC 0762 Biographie Historiae Iesu Christi expositio (Werk) 1565 OC 0823 Epitaphium Oratio anniversaria VII 1565 OC 0798 Epitaphium Oratio anniversaria VIII 1566 OC 0948 Abhandlung De rebus Turcicis narrationes breves 1566 OCEp 0480 Einzelbrief Camerarius an Neuenahr 1566 OC 0884 (Fremdwerk) Xenophontis de Cyri disciplina libri VIII 1567 OC 0874 (Fremdwerk) Ad libros Κύρου παιδείας additiones 1567 OC 0822 Epitaphium Oratio anniversaria IX 1568 OCEp 1519 Biographie Camerarius an Theodoricus, 25.08.1569 1569 OC 0949 Abhandlung De ecclesiis fratrum in Bohemia ca. 1570 OC 0421 Dichtung De Xenophonte 1571 OCEp 1418 Widmung Camerarius an Anton von Ortenburg 1571 OC 0947 Abhandlung Commentarius alter de Turcicis imperatoribus 1574 OC 0936 Theorie In Pharsaliam προλεγόμενα - Tab. 2.2: Das historische Werk des Camerarius nach Entstehungszeit/ Wirkungsstätte 2.3 Camerarius und die Historiographie 2.3.1 Viva vox praedicans: Definition und Einteilung Allgemeine Gedanken über seine Vorstellungen von Geschichtsschreibung äußert Camerarius vor allem in der „ Geschichte der böhmischen Brüder “ (ca. 1570). So gibt er einleitend eine allgemeine Definition von Geschichtsschreibung und vergleicht sie mit einer Stimme bzw. einem Gemälde: 53 Sane est historia tanquam viva vox praedicans, vel ut egregie picta tabula demonstrans, res praeteritas, praesentibus ac posteris; quae, quando, a quibus, ubi, qua ratione, quo eventu susceptae gestaeque fuerint; declarando, et in quas difficultates miseriasque 53 Vgl. die unsinnige Paraphrase bei Kunkler 2000, 178: „… Gemälde, in welchem die vergangenen, gegenwärtigen und auch zukünftigen Ereignisse in besonders anschaulicher Weise eine Einheit bilden würden “ . 2.3 Camerarius und die Historiographie 29 <?page no="30"?> interdum tam singuli privatim, quam communiter aliqui delati, et contra, benignitate Dei aeterni protecti adiutique, insperatam salutem consecuti sint. 54 Die Geschichtsschreibung 55 nun ist wie eine lebendige, predigende Stimme oder ein vorzüglich gemaltes Bild und zeigt der gegenwärtigen und der kommenden Generation die Vergangenheit und was, wann, von wem, wo, auf welche Weise und welchem Ausgang unternommen und getan worden ist. Dabei wird deutlich, in welche Schwierigkeiten und welches Unglück bisweilen private Einzelpersonen und Gesellschaften stürzten, als auch umgekehrt durch die Güte des ewigen Gottes geschützt und unterstützt unverhofft Heil fanden. OC 0949 (Camerarius 1605), p. 1 Weiter schreibt er (p. 1 f.), das Streben nach Frömmigkeit (studia pietatis) diene Gottes Willen - das Gegenteil der Gegenseite (contraria vero potestati contrariae famulentur). 56 Ein ehrenvolles Vergnügen (honesta voluptas) würden die Erkenntnisse, die man aus der Geschichtsschreibung ziehen könne, bereiten und durch sie erhalte man gewissermaßen die Möglichkeit, die Zukunft vorherzusagen (facultas ex praeteritis quasi divinandi de futuris). 57 Geschichtsschreibung soll für Camerarius also in erster Linie nüchterne, d. h. an W-Fragen orientierte Fakten liefern. Diese Vorstellung absoluter Faktenorientierung offenbart sich in seinem historischen Werk noch an zwei weiteren Stellen: In den Proömien der Herodot-Edition (1541) bzw. der „ Chronologia Nicephori “ (1561) (Tab. 2.3): 58 54 Alle lateinischen und griechischen Zitate aus frühneuzeitlichen Drucken folgen in Orthographie und Interpunktion dem Original. Ligaturen und Abkürzungen werden jedoch stets aufgelöst. Im Lateinischen werden darüber hinaus Akzente entfernt und die Unterscheidung zwischen u und v normalisiert. Vgl. Weise 2019, 10. 55 Zum Begriff historia in Mittelalter und früher Neuzeit vgl. Knape 1984 (bes. 389 - 400). 56 Unklar ist, was genau Camerarius mit der potestas contraria meint. Kunkler (2000, 178) sieht darin ohne Erklärung die „ weltliche Macht “ (vgl. dazu das sinnentstellende Zitat ohne Markierung der Auslassungen: Kunkler 1998, 208 Anm. 19). Gemeint ist aber wohl eher Gottes strafende Hand oder der Teufel. Vgl. unten Anm. 79. 57 Vgl. unten Anm. 77. 58 Vgl. Camerarius 1541 (OC 0388), fol. α 4 r : Cuius [sc. historiae] fidem omnem, nonne in temporum indicatione, in nominum commemoratione, in rerum tam bello quam pace a quibusque susceptarum atque gestarum certa enarratione, in occasionum consiliorumque prudenti persecutione omnes positam esse sentiunt (Üs.: Liegt nach Meinung aller ihre ganze Verlässlichkeit etwa nicht in der Angabe von Daten, in der Erwähnung von Namen, in der genauen Erzählung von Dingen, die sowohl im Krieg als auch im Frieden unternommen und ausgeführt worden sind, in der klugen Verfolgung von Anlässen und Plänen? ). Vgl. Camerarius 1561 (OC 0678), p. 16: Est autem historiae opus bipertitum. Nam aut res gestae suscipiuntur ad describendum, quae continuata serie explicentur omnibus iis rationibus, quae in unaquaque re atque negotio considerari solent, et a Graecis περιστάσεις appellantur, caussae, occasiones, personae, tempora, loca, exitus: et hanc vocant ἱστορίαν πραγματικήν . aut de his excerpitur veluti aedificii ingentis pars quaedam elaboranda, et 30 2 Camerarius als Historiker <?page no="31"?> „ Prooemium in Historias Herodoti “ (1541) „ Prooemium Chronologiae Nicephori “ (1561) „ De ecclesiis fratrum in Bohemia “ (ca. 1570) Fakten rerum … susceptarum atque gestarum certa enarratio describere, quae continuata serie explicentur quae Daten temporum indicatio tempora quando Akteure nominum commemoratio personae a quibus Orte loca ubi Hintergründe (Anlässe) occasionum consiliorumque prudens persecutio occasiones qua ratione Ergebnisse exitus quo eventu Ursachen causae Tab. 2.3: Vergleich der Eigenschaften von Geschichtsschreibung In der Ausrichtung auf Einzelne bzw. Gemeinwesen (tam singuli privatim, quam communiter aliqui), wie sie im oben zitierten Passus aus der „ Geschichte der böhmischen Brüder “ anklingt, zeigt sich auch eine Zweiteilung der Gattung, die Camerarius in der „ Chronologia Nicephori “ explizit vornimmt: Est autem historiae opus bipertitum - Geschichtsschreibung ist aber zweigeteilt. 59 Er gliedert die Geschichtsschreibung in die zwei Genres „ Tatenberichte “ (res gestae) und „ Lebensbeschreibungen “ (vitae). Erstere würden in aller Ausführlichkeit Daten und Fakten behandeln, während letztere nur einen kleinen Teilbereich entnehmen (excerpitur) und ausarbeiten. Er stellt die beiden Teilperpolienda separatim: cuius generis eae sunt quae illustrium ac clarorum virorum vitae appellantur (Üs.: Geschichtsschreibung ist aber zweigeteilt: Denn entweder werden Tatenberichte verfasst, um zu beschreiben. Sie werden in fortlaufender Reihenfolge mit all den Überlegungen erklärt, die bei einer jeden Sache oder Tätigkeit für gewöhnlich bedacht werden und von dern Griechen „ Peristaseis “ genannt werden: Ursachen, Anlässe, Personen, Daten, Orte und Ergebnisse. Und das nannte man „ Historia Pragmatike “ . Oder aber es wird etwas herausgenommen, wie bei einem großen Gebäude ein bestimte Bauteile gesondert ausgearbeitet und verfeinert werden müssen. Zu dieser Gattung gehören die Werke, die man Viten herausragender und berühmter Männer nennt.). Vgl. zu den περιστάσεις Camerarius 1541b (OC 0387), p. 103 f. Vgl. Camerarius 1605 (OC 0949), p. 1: … quae, quando, a quibus, ubi, qua ratione, quo eventu susceptae gestaeque fuerint (Üs.: Was, wann, von wem, wo, auf welche Weise und mit welchem Ergebnis unternommen und ausgeführt wurde.). Vgl. unten Anm. 65. 59 Vgl. Camerarius 1561 (OC 0678), p. 16; vgl. das Zitat in Anm. 58. Vgl. Knape 1984, 390. 2.3 Camerarius und die Historiographie 31 <?page no="32"?> bereiche vergleichend nebeneinander und ordnet ihnen verschiedene Adjektive zu (Tab. 2.4). res gestae excerptae / vitae speciosum [sc. opus] hoc [sc. opere] minus magnificum contractius admirabile in sua perfectione exemplorum applicatio arduum saepe melius docet splendidum amplum afficit iucundius contemplantes et attendentes Tab. 2.4: „ Tatenberichte “ und „ Lebensbeschreibungen “ (Camerarius 1561 (OC 0678), p. 16) Beide Bereiche sollen der Bildung dienen, 60 doch gegenüber den Tatenberichten, die Erhabenheit und Glanz ausstrahlen - man könnte auch sagen: eher trocken sind und schwer zugänglich - , hält Camerarius die Lebensbeschreibungen für knapper und aufgrund ihres Unterhaltungswert für pädagogisch wertvoller. So scheint es, dass die vollumfänglichen Tatenberichte vor allem für die Wissenschaft und die beispielhaften Auszüge, d. h. die Lebensbeschreibungen, aufgrund ihres unterhaltsameren und trotzdem lehrreichen Charakters für ein breiteres Publikum bzw. Schüler und Studenten gedacht sind. 2.3.2 Historia virgo: Der Anspruch an Historiographie In den 1541 erschienenen Rhetorik-Lehrwerk „ Elementa Rhetoricae “ wird keine scharfe Unterscheidung zwischen narratio und historia getroffen; die historia erscheint dort als Mischform zwischen narratio vera und narratio ficta, doch scheint die Wahrheit die wichtigste Eigenschaft der historia zu sein. Historiam mediam quandam inter veras et fictas narrationes placuit ponere. Sed huius, qua parte veram videri volumus, non veritatis tantum similitudo, sed plane forma et opinio esse debebit. Es gefiel, die Geschichtsschreibung ungefähr in die Mitte zwischen den wahren und den fiktiven Geschichten anzusiedeln. Doch soweit wir wollen, dass sie als wahrhaft erscheint, wird sie nicht nur eine Ähnlichkeit mit der Wahrheit haben müssen, sondern gänzlich ihre Gestalt und ihren Ruf. Camerarius 1541b (OC 0387), p. 100 60 Vgl. Camerarius 1561 (OC 0678), p. 16. 32 2 Camerarius als Historiker <?page no="33"?> Etwa dreißig Jahre später, in der um 1569 entstandenen und erst postum publizierten „ Geschichte der böhmischen Brüder “ unterscheidet Camerarius Camerarius Geschichtsschreibung (historiae / historicae narrationes) 61 ganz deutlich von Geschichten (narrationes). Die Wahrheit ist dabei das bestimmende Kriterium, womit Camerarius im Einklang mit Melanchthon und der reformatorischen Historiographie steht. 62 Loquor autem de iis, quae explorata veritate nituntur, et huius sunt in omnes partes studiosi praecones; cum quidem expertes veritatis narrationes, nequaquam sint historicae, quamtumvis eleganter copioseque et ornata oratione compositae. Nam quod est in animantum corporibus oculus, id in historia veritas vere perhibetur. Qualis enim coeci ductus, talis doctrina est carens veritate. Ich spreche aber von denen, die sich auf die erforschte Wahrheit stützen und in allen Teilen gelehrte Künder dieser [Wahrheit] sind. Wohingegen freilich Erzählungen ohne Wahrheit keinesfalls historisch sind - wie geistreich, ausführlich, und rhetorisch geschmückt sie auch immer verfasst sind. Denn was im Körper von Lebewesen das Auge ist, ist bei der Geschichtsschreibung - wie man sagt - die Wahrheit. Camerarius 1605 (OC 0949), p. 2 Echte Geschichtsschreibung könne Irrtümer parteiischer Berichterstatter aufheben (errorem tollunt tam bene quam male de aliquibus sentientium) und die Falschheit anderer Meinungen vertreiben (opinionum aliarum falsitatem exterminant), sofern sie sich auf eine erforschte Wahrheit stützten (quae explorata veritate nituntur). Erzählungen ohne Wahrheit dagegen (expertes veritatis narrationes) könnten überhaupt nicht historisch sein (nequaquam sint historicae), selbst wenn sie literarisch schön oder nützlich sind. 63 61 Camerarius scheint keinen Unterschied zwischen historia und historica narratio zu machen - beides versteht er als Geschichtsschreibung. 62 Vgl. Schwarz 1979, vgl. Scheible 1966 (bes. Melanchthons Vorrede zur Hedions-Chronik (ebd. 19 - 26), vgl. Knape 1984, 395. 63 Camerarius bezieht sich mit perhibetur auf Polybius (sein Name fällt ebd. p. 1): Vgl. Plb. 1,14,6 bzw. 12,12,3 (vgl. unten Anm. 75). Vgl. Ellis 2017, 137 - 139. Vgl. die Paraphrase bei Kunkler 2000, 178 f. Vgl. dazu unten Anm. 64, 67, 79. Vgl. Kunkler 2000, 179, dessen These vom Gelehrten als „ Träger der Wahrheit “ (ebd.) und von der Rolle der Sinneswahrnehmung bei der Darstellung von Geschichte jedoch aus einem Missverständnis des lateinischen Textes resultiert (vgl. dazu Kunkler 1998, 209 Anm. 21). Außerdem unterscheidet Camerarius hier nicht historia und narratio als Begriffe voneinander, sondern bleibt bei der Definition des Begriffes historia und seiner unbedingten Verbindung mit der Wahrheit. Die Unterscheidung wird somit eher zwischen expertes veritatis narrationes und historicae narrationes gemacht. Kunkler (2000, 177) versuchte zuvor (ohne konkrete Erläuterung), Camerarius ’ Wahrheitsbegriff anhand eines einzigen Zitats aus der „ Chronologia Nikephori “ als „ eine christliche Wahrheit, wie sie sich in Jesus Christus offenbart hatte “ zu deuten. Doch bezieht sich Camerarius in der Schrift durchgehend auf die Wahrheit, nach der bei den theologischen Diskussionen seiner Zeit gesucht werden 2.3 Camerarius und die Historiographie 33 <?page no="34"?> Die Aufgabe des Historikers ist es folglich, die Wahrheit zu erforschen (explorare), 64 was er in seinen „ De rebus Turcicis narrationes breves “ selbst versuchte. Darin schreibt er, er habe sorgfältig Material aus verschiedenen Quellen, die sich hinsichtlich der Realien (res), der Personen (personae) oder - was am wichtigsten sei - der Daten (tempora) widersprochen hätten, verglichen und zusammengestellt, um so eine Vorstellung der Wahrheit (speciem quandam veri) zu formen. Da er offenbar nicht überzeugt ist, genau genug die Wahrheit erfasst zu haben, betitelt er sein Werk vorsichtig als narrationes breves und eben nicht als historia: 65 Das Werk sei auch gar nicht als ein reines Geschichtswerk geplant gewesen (Non enim historiam integram scribere consilium fuit), sondern solle schlicht über die Türken informieren (notare et indicare ea, quae pertinerent ad certiorem quandam notitiam eius nationis). In der „ Geschichte der böhmischen Brüder “ unterteilt Camerarius drei Arten unwahrer und damit per se unhistorischer Geschichten (p. 2 - 4): 66 Fiktion (quas … de industria aliqui confinxerunt tamquam res gestas), Lügen (ficta atque falsa) und Märchen (fabulae). Keine der drei müsse man aber automatisch müsse. An der von Kunkler angeführten Stelle (vgl. Kunkler 1998, 207 Anm. 14 = Camerarius 1561 (OC 0678), p. 13) ist ausdrücklich von der Wahrheit als Grundlage der gegenwärtigen Untersuchung der Lehre die Rede: fundamentum doctrinae, de quae quaeritur, nullum sane est aliud quam Veritas (Üs.: Grundlage der Lehre, über die Untersuchungen stattfinden, ist freilich nichts anderes als die Wahrheit.). Von Kunkler wird dieser Teil jedoch nicht beachtet). Inwiefern dieses Zitat mit Historiographie zu tun hat, erläutert Kunkler nicht (vgl. unten Anm. 79). Vgl. für Melanchthons Perspektive Scheible 1966, 20 f. 64 Vgl. Camerarius 1541b (OC 0387), p. 103: … in historica narratione exquisitione multo maiore esse opus, quam in aliis [sc. narrationibus] de quibus iam diximus (Üs.: Bei einer historischen Erzählung sind Untersuchungen in weit größerem Umfang vonnöten, als bei den anderen Erzählungen, von denen wir schon sprachen). Zur Aufgabe des Historikers dagegen Kunkler 2000, 178: „ Der von Camerarius gebrauchte Begriff des ‚ declarando ‘ [Camerarius 1605 (OC 0949), p. 1] macht deutlich, daß die Exempel in der Regel auch einer Interpretation bedürfen, um sie verständlich zu machen, eine Aufgabe, die dem Historiker zufällt. “ Seine Gleichsetzung von declarare mit Interpretation ist fraglich. Es geht Camerarius bei der historia eher um das unverfälschte klar-Machen der Fakten (declarare). Die Interpretation, d. h. die Übertragung der Exempla auf die Verhältnisse der eigenen Zeit, ist vielmehr Sache des (gebildeten) Lesers (der von den beschriebenen Ereignissen ja zeitlich weit entfernt sein kann). Der Historiker Friedrich Hortleder formulierte in seinem Werk zum Schmalkaldischen Krieg Merkmale eines historicus (Vgl. Kommentar zu BS 390,13 bzw. zu 409,7 - 9). 65 Vgl. Camerarius 1598 (OC 0948), p. 32. 66 Vgl. Camerarius 1605 (OC 0949), p. 3: … eae historiae non sunt (Üs.: dies ist keine Geschichtsschreibung); ebd. p. 4: nullo tamen modo historiae nomen illis proprie congruit et ad aliud haec genus pertinent (Üs.: In keiner Weise jedoch passt zu jenen (Erzählungen) die Bezeichnung Geschichtsschreibung und sie gehören zu einer anderen Gattung). 34 2 Camerarius als Historiker <?page no="35"?> verwerfen, versichert der Humanist. Sie könnten in einem gewissen Rahmen alle drei Nutzen bringen. Fiktion hätten die alten Griechen 67 häufig verfasst. Er nennt Xenophons „ Kyrupädie “ 68 oder Heliodors „ Aithiopica “ als Beispiele und spielt ferner auf Herodot und Thukydides an, wenn er Aussprüche und Reden (de insertis aliquorum verbis, concionibus), die offensichtlich nie genau so gehalten worden seien, in diese Kategorie einordnet. Trotzdem hätten derartige Schriften einen großen Bildungswert, wenn sie lehrreiche Sätze enthielten. 69 Mit Lügen meint er durch irgendeine Tendenz des Autors (inclinatio) erzeugte Unwahrheiten (tunc commemorantur tam ad decus … quam ad dedecus … incomperta et … conficta): Dabei sei unerheblich, ob der Autor aus Unwissenheit oder Bosheit Erlogenes und Falsches einfüge (ficta atque falsa in narrationes historicas inculcata, sive per ignorantiam verorum sive per malitiae depravationem) oder ob er sich in einer Diskussion auf eine Seite schlage (vel pro aliquo veluti causam dicente scriptore quopiam, vel in alterum criminose invehente). Trotzdem könnten Gebildete Nutzen aus derartigen Schriften ziehen. 70 Ein antikes oder zeitgenössisches Beispiel nennt Camerarius hier nicht. Erzählende Einschübe (emblemata narrationum) bzw. Märchen (fabulae) schließlich stellten kein Problem dar, solange die Vertrauenswürdigkeit des Geschichtswerkes (historiae fides) nicht verletzt würde. Als Negativbeispiele nennt Camerarius mittelalterliche, griechische Historiker, namentlich Nikephoros Kallistu Xanthopoulos (13./ 14. Jh.) und Georgios Kedrenos (11./ 12. Jh.). Bei deren Fabeln beeinträchtige verderbliche Falschheit (falsitas perniciosa) 67 Kunkler (2000, 180) bezieht die Äußerung posteriorum temporum Graeci (Camerarius 1605 (OC 0949), p. 3) unverständlicherweise allein auf Homer. Camerarius unterscheidet hier jedoch allgemeiner die „ alten Griechen “ - er nennt explizit Xenophon und Heliodor - von griechischen Autoren jüngerer Zeit, deren verwerfliche Schriften er wenig später kritisiert (recentium Graecorum mala atque exitiosa plurima scripta, ebd. p. 4 f.). 68 Camerarius schließt sich Ciceros Urteil an: Die Kyrupädie sei nicht als zuverlässiges Geschichtswerk verfasst (Cyrus a Xenophonte non ad historiae fidem scriptus, Camerarius 1605 (OC 0949), p. 3), sondern zeige ein „ Ideal der gerechten Herrschaft “ (effigies iusti imperii; vgl. Cic. ad Q. fr. 1,1,8,23). 69 Vgl. Camerarius 1605 (OC 0949), p. 3: Haud illae quidem aspernandae narrationes, si ad prudentiam ceterasque virtutes, exempla et utiles sententias continent (Üs.: Jene Erzählungen sind gewiss nicht zu verschmähen, wenn sie zur Klugheit und den übrigen Tugenden Beispiele und nützliche Sätze enthalten). 70 Vgl. Camerarius 1605 (OC 0949), p. 4: … non leves neque imperiti utili cognitione instrui possunt et contentiones istae pro veritate propugnantes nequaquam sunt vituperandae (Üs.: Menschen die nicht leichtsinnig und nicht unkundig sind, können mit nützlicher Erkenntnis ausgestattet werden und diese Anstrengungen - wenn sie für die Wahrheit kämpfen - sind keineswegs zu tadeln.). 2.3 Camerarius und die Historiographie 35 <?page no="36"?> nicht nur die Würde des Geschichtswerkes (dignitas historiae contaminatur), sondern schade auch den guten Sitten (nocetur vitae morumque honestati). 71 Diese Ausführungen des Humanisten weisen deutliche Parallelen zum Vorwort seiner Herodot-Edition (OC 0388) auf. 72 Dort führt er aus, die Vertrauenswürdigkeit (fides) der Geschichtsschreibung liege in der richtigen Angabe von Zeiten, der Anführung von Namen, der Schilderung von Ereignissen im Krieg wie im Frieden und der klugen Verfolgung von Zufällen und Absichten. Zudem sei Geschichtsschreibung sowohl zur Bildung (instructio animorum / utilitas), als auch zur Unterhaltung (delectatio cognitionis / voluptas) gedacht. Exkurse seien für die Historiographie wie Schmuck für ein Mädchen: 73 Auferat in his mihi aliquis ista. Incorruptam, sanctam, castam, ut virginem, debere esse historiam: Non corrumpunt enim, non violant haec illam, sed exornant, ut aurum et gemmae, pudicissimarum quoque corpora, purissima illa quidem. Nam ut malae et || profligati pudoris foeminae, insigniorem reddunt comtu turpitudinem suam: Ita quamvis varia copiosaque sit quasi emblematis quibusdam, summa historiae falsa et commentitia, merito in sua haec infamia quasi superba improbetur. Itaque non inornatam, non nudam, non contractam, sed splendidam, vestitam, explicatam, dummodo integram, et, ut ita dicam, probam et incorruptam decet esse historiam. Mag mir das auch jemand streitig machen: Unverdorben, gewissenhaft und rein, wie eine Jungfrau muss die Geschichtsschreibung sein. Denn weder entstellen, noch verletzen die Geschichtsschreibung diese [Exkurse], sondern sie schmücken sie, wie Gold und Edelsteine auch Körper der ehrbarsten Frauen schmücken - jedenfalls die ganz keuschen. Denn wie Dirnen und Huren aufgetakelt ihre Schändlichkeit besonders deutlich zur Schau stellen, so wird in der Summe falsche und verlogene Geschichtsschreibung, selbst wenn sie durch gewisse Einschübe abwechslungsreich und ausführlich sind, zu Recht missbilligt, weil sie sich gewissermaßen durch diese ihre Schande auszeichnen. Daher darf die Geschichtsschreibung nicht ungeschmückt, nicht nackt, nicht knapp sein, sondern muss prächtig, geschmückt und geordnet sein, sofern sie rein und sozusagen rechtschaffen und unverdorben ist. Camerarius 1541 (OC 0388), fol. α 3 v -α 4 r Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass Camerarius eine sehr enge Definition von Geschichtsschreibung hat. Geschichten, die nicht wahr sind und auf die man sich nicht verlassen kann (veritas / fides), können für den Humanisten keine Geschichtswerke sein. Aufgrund dieser Definition ist für Came- 71 Vgl. Camerarius 1605 (OC 0949), p. 4 f. 72 Vgl. Ellis 2017, 131 - 140. Vgl. Camerarius 1541 (OC 0388), fol. α 3 r -α 4 r . Er wiederholt unter anderem, der antike Historiker habe hinsichtlich der Glaubwürdigkeit seiner Quellen seine Bedenken zum Ausdruck gebracht und stets angezeigt, dass er Dritte widergebe. 73 Vgl. Camerarius 1541 (OC 0388), fol. α 3 v -α 4 r . Vgl. Ellis 2017, 136 Anm. 37. 36 2 Camerarius als Historiker <?page no="37"?> rarius auch die Einfügung fiktiver Elemente wie der Reden bei Herodot und Thukydides nicht denkbar. Folgerichtig fehlt dieses typisch antike Element der Historiographie in der „ Geschichte der böhmischen Brüder “ sowie auch im „ Bellum Smalcaldicum “ . 2.3.3 Quid ergo mentio harum rerum prodest? - Adressaten und Zweck Wie sich bei der Betrachtung des Geschichtsbildes zeigen wird (2.4), schwankt Camerarius, wenn er auf den Zweck seiner (historischen) Arbeiten zu sprechen kommt, zwischen Zuversicht und Pessimismus. Wenn es um Sinn und Zweck der Historiographie allgemein geht, treten bei Camerarius vornehmlich zwei Begriffe in Erscheinung: 74 Unterhaltung (meist voluptas oder delectatio) und Nutzen (meist utilitas oder fructus). 75 Das Vergnügen liegt dabei sowohl in der schönen literarischen Ausarbeitung der Texte als auch allgemein im Sammeln neuen Wissens. Der hauptsächliche Nutzen liegt für Camerarius aber - wie für seine Zeitgenossen - im exemplarischen Charakter der historischen Ereignisse (exempla). 76 Die Möglichkeit, aus Geschichte zu lernen und auf die Zukunft zu schließen, ist für den Humanisten dabei zentral und er bezeichnet Geschichtswerke gar als zuverlässigere Quellen als die Weissagung oder die Astrologie. 77 74 Vgl. Melanchthons Vorrede zur Hedions-Chronik, in der er sich zum Nutzen der Historiographie äußert (Scheible 1966, 19 - 26). 75 Vgl. u. a. Camerarius 1541 (OC 0388), fol. a4 r : Cum autem historia non solum delectationem cognitionis, sed instructionem etiam animorum continere debeat, ut et voluptatem et utilitatem afferat legentibus (Üs.: Wobei aber ein Geschichtswerk nicht nur unterhaltsame Erkenntnis, sondern auch geistige Unterweisung beinhalten muss, damit es den Lesern Vergnügen und Nutzen bringt); OCEp 1485 (in: Camerarius 1565), fol. A2 r : Nullum enim … maius adiumentum afferri aliunde potest, neque honestior conciliari voluptas … (Üs.: denn kein größeres Hilfsmittel kann anderswoher beschafft werden und keine ehrenhaftere Freude bereitet werden); Camerarius 1598 (OC 0948), p. 32: narrationes illae … non modo delectare, sed instruere quoque ac docere possunt et solent (Üs.: jene Erzählungen … können für gewöhnlich nicht nur unterhalten, sondern auch unterrichten und lehren.). Mehrfach erwähnt Camerarius im Zusammenhang des Nutzens der Geschichtsschreibung Polybios, übersetzt gar einen längeren Abschnitt: Vgl. OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A6 v - A7 r mit Plb. 5,75,2 - 6; vgl. außerdem OCEp 1485 (in: Camerarius 1565), fol. A2 v und OC 0949 (Camerarius 1605), p. 1. Auch Melanchthon erwähnt Polybios im selben Kontext in der Vorrede zur Hedionschronik (vgl. Scheible 1966, 19 - 20). Vgl. oben Anm. 63. Vgl. Ginhart/ Hamm 2024, 34 f. zu der von Camerarius vertretenen Polyvalenz der Beschäftigung mit den alten Sprachen. 76 Vgl. Mühling 2018, 65 mit Anm. 1. 77 OC 0949 (Camerarius 1605), p. 2: facultas ex praeteritis quasi divinandi de futuris (Üs.: die Möglichkeit aus der Vergangenheit gewissermaßen die Zukunft zu prophezeien). Vgl. OCEp 1486 (in: Camerarius 1540), fol. a4 r : De his [sc. Thucydidis historiis] certiora et minus fallibilia vaticinia promi poterunt, quam de ullis divinorum et ariolorum scriptis (Üs.: Aus diesen konnten genauere und weniger trügende Prophezeiungen entnommen werden, 2.3 Camerarius und die Historiographie 37 <?page no="38"?> Gegen Ende des Vorwortes seiner „ Hellenika “ -Übersetzung, in der er ausführlich über die Ursachen des Niedergangs von Staaten schreibt, äußert er den Wunsch, seine Zeitgenossen mögen den Nutzen der Historiographie erkennen und aus der Geschichte lernen. Doch der Wunsch ist unerfüllbar formuliert 78 und niedergeschlagen stellt er die Frage nach dem Sinn seiner Arbeit, fürchtet er doch, nichts ändern zu können: Atque utinam haec de exemplis vetustatis et ex historiis antiquis cognosceret aetas nostra … . Quid ergo mentio harum rerum prodest? Aut cur frustra nos cogitando, alios compellando affligimus? Wenn das doch meine Zeitgenossen aus den Exempeln des Altertums und den antiken Geschichtswerken erkennen würden … . Was nützt also die Darlegung dieser Dinge? Oder warum plage ich mich umsonst mit meinen Überlegungen und andere mit meinen Anklagen? OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A6 r Der Grund, sich mit derartig schlimmen Dingen (mala … et vitia) zu beschäftigen, liege in der Hoffnung, eine Verbesserung der Verhältnisse zu erreichen (in spe hoc fit, posse levationem emendationemque aliquam illorum reperiri). Und wenn das nicht möglich sei, so bereite es den Gebildeten (prudentibus) doch Vergnügen, wenn sich herausstellt, dass sie den Untergang lange vorhergesehen haben (vel iucunditati erit providisse), oder Trost, wenn sie die Allgemeinheit und Notwendigkeit des Schicksals sehen (vel consolationem aliquam afferet, sive communitatis seu necessitatis sensus). Für die Frommen (pii) sei außerdem die historische Betrachtung des göttlichen Wirkens von größtem Nutzen (magnam pariet utilitatem). 79 Ein Staatsmann (homo politicus) könne als aus irgendwelchen divinatorischen und wahrsagerischen Schriften.). Vgl. OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A7 v : … non minus uera fortasse quam quorundam astrologicae exquisitiones sunt, quas equidem non contemno, sed haec propiora et diligentia maiore scrutanda esse iudico (Üs.: … sie sind vielleicht nicht weniger wahr als astrologische Untersuchungen gewisser Leute, die ich freilich nicht verachte, aber ich meine, dass diese mit besonderer und größerer Sorgfalt untersucht werden müssen.). Vgl. Camerarius 1561 (OC 0678), p. 9: … non tam praeterita atque praesentia commemorasse tanquam historici, quam futura quoque ut vates praecinuisse videantur (Üs.: Sie [Herodot, Thukydides und Xenophon] scheinen nicht so sehr Vergangenes und Gegenwärtiges wie Historiker dargelegt zu haben, als vielmehr auch die Zukunft, wie Seher, vorhergesagt zu haben.). Vgl. BS 410,4 f. und 406,20 - 22 78 Ähnlich in OCEp 1468 (in: Camerarius 1536), fol. α 3 r : Utinam autem haec legerent … qui in rebus publicis possunt plurimum, quique ipsi res divinas versant (Üs.: Würden das doch nur diejenigen lesen, die in den Staaten die meiste Macht haben und die sich mit der Theologie beschäftigen … ). 79 Vgl. die Textstelle unten 2.4 bei Anm. 112. Ebenso Kunkler 2000, 178, wobei der Bezug seiner Aussage zu den von ihm zitierten Texstellen (ersichtlich aus Kunkler 1998, 208 Anm. 18) zumindest fraglich ist. Vgl. oben Anm. 56. Der von ihm identifizierte „ Sinn der 38 2 Camerarius als Historiker <?page no="39"?> Geschichtswerke als Ratgeber zur Hand nehmen und daraus für gegenwärtige Probleme lernen. Schließlich bemerkt Camerarius, dass auch sonst jeder aus der Historiographie Nutzen ziehe (et unicuique et aliis commodi aliquid videntur esse allatura). Camerarius möchte also, dass möglichst viele Menschen sich mit der Geschichte befassen und daraus für die Gegenwart lernen. Blickt man allein darauf, wem Camerarius seine historischen Werke aus welchem Grund widmet, zeigt sich, dass er besonders Staatsleute als wichtige Adressaten sieht, die aus den historischen Berichten Vorbilder (exempla) und Ratschläge (consilia) für ihre eigene Politik ziehen sollen. 80 2.4 Das Geschichtsbild des Camerarius Der Begriff ‚ Geschichtsbild ‘ ist noch relativ jung und wird erst seit etwa 100 Jahren verwendet. 81 Er wurde von dem Geschichtsdidaktiker Gerhard Schneider definiert als die „ subjektive Gesamtvorstellung vom Sinn, Wesen, Verlauf und Ziel der Geschichte sowie der sie bestimmenden Kräfte, Ereignisse und Gestalten. “ 82 Als Einflussfaktoren nennt er die „ Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit [ … ], Alltagserfahrungen, Umwelteinflüsse, politische, religiöse, soziale und wirtschaftliche Momente sowie [ … ] die wissenschaftliche Entwicklung “ 83 . Um das Geschichtsbild des Camerarius aufzuzeigen, müssen die vielen Äußerungen in seinem historischen Werk untersucht und seine Sicht geschichtlicher Abläufe herausgearbeitet werden. Dabei ist problematisch, dass die Äußerungen des Humanisten keine geschichtstheoretische Lehre darstellen, die einer klaren Terminologie folgt, sondern Geschichte “ , der „ einzig in der Religion “ liege (Kunkler 2000, 178 f.), fußt auf der völligen Dekontextualisierung der angeführten „ Historia Synodi Nicenae “ (OC 0573). Dort geht es in keiner Weise um Geschichte, sondern um den status Ecclesiasticus (vgl. oben Anm. 63; vgl. das von Kunkler 1998, 209 Anm. 20 angegebene Zitat = Camerarius 1552 (OC 0573), p. 12). 80 Ulrich von Mordeisen interessiere sich wie alle klugen Männer und Staatsmänner für Geschichte: OCEp 1485 (in: Camerarius 1565), fol. A2 r . Widmung an Tarnowski als weltmännischen Staatsmann: OCEp 1518 (Camerarius 1546), fol. A8 r . Lob der Bildung des Moritz von Hutten, die bei Camerarius Hoffnung für den Staat weckt: OCEp 1486 (in: Camerarius 1541), fol. α 2 r . Vgl. OCEp 0910. 81 Vgl. Demantowsky 2006. 82 Schneider 1997, 290. Marko Demantowsky definiert das Geschichtsbild als „ das stabilisierte Gefüge der reflektierten oder auch unreflektierten historischen Vorstellungen einer Person oder einer Gruppe “ (Demantowsky 2006). 83 Schneider 1997, 290. 2.4 Das Geschichtsbild des Camerarius 39 <?page no="40"?> oftmals eher assoziativ gestaltete Klagen über die eigene Zeit. 84 Camerarius ’ Neigung, in der Lexik zu variieren und Begriffe zu häufen, erschwert eine genaue Erschließung zusätzlich. Am Ende seiner „ De rebus Turcicis narrationes breves “ (1566) scheint der Humanist jedoch eine Art Zusammenfassung seines Geschichtsbildes zu geben: Atque est scilicet primum ac praecipuum: Esse regnorum et imperiorum, et publici status, fatales quasdam conversiones, quae secundum divinam voluntatem ac providentiam in ea tempora deferuntur, quibus hominum pietas impietasque, itemque virtutes ac vitia meliorem deterioremque fortunam merentur. Ut statuendum hoc omnino sit, dissolutam et turpem vitam has quoque poenas dare oppressionum et cladium hostilium, quae sunt ab externis ac barbaris maxime graves atque horribiles. Et est proposita in conversionis studio et correctione peccatorum spes eventuum prosperiorum. Und es gilt freilich zu allererst: Es gibt gewisse schicksalhafte Umwälzungen von Königreichen, Imperien und Staatsverfassungen. Diese fallen gemäß Gottes Willen und Vorsehung in eben die Zeiten, in denen Frömmigkeit und Gottlosigkeit, ebenso Tugenden und Laster der Menschen ein besseres oder schlechteres Schicksal verdienen. Sodass gänzlich Folgendes festzuhalten ist: Ein zügelloses und schändliches Leben büßt auch durch feindliche Gewalttaten und Unglücke, wie sie von ausländischen und barbarischen Mächten am schwerwiegendsten und schrecklichsten sind. Und man macht sich im Streben der Umwälzung auch durch die Berichtigung von Fehlern Hoffnung auf ein besseres Geschick. Camerarius 1598 (OC 0948), p. 32 Hier zeigen sich vier Eckpunkte, die das Geschichtsbild des Camerarius bestimmen und im Gesamtwerk immer wieder auftreten: Grundlegend ist zunächst der Glaube an Umwälzungen bzw. den Umsturz von Staaten (conversiones), der zu bestimmten Zeiten (tempora) auftritt. Zweitens ist die Ursache für Camerarius der Mensch. Denn er sieht in den Umwälzungen die verdiente Strafe (merentur/ poenas dare) für unsittliches Handeln (impietas/ vitia) und zügellose Lebensführung (vita dissoluta et turpis). Trotzdem hat Camerarius drittens noch eine gewisse Hoffnung (spes) durch sittliche Bildung (pietas/ virtus) bzw. Besserung (correctio peccatorum) die Wendung zum Besseren herbeizuführen (eventus prosperiores). Über allem steht viertens der Wille und die Vorsehung Gottes (secundum diuinam voluntatem ac providentiam) als letztlich bestimmende Kraft. Diese Eckpunkte sollen im Folgenden in einer Durchsicht des historischen Gesamtwerkes des Humanisten genauer dargestellt werden. 84 Vgl. Stählin 1936, 62. 40 2 Camerarius als Historiker <?page no="41"?> Zentral in Camerarius ’ Geschichtsbild ist der Glaube an die Endlichkeit großer Staaten. Dieser Gedanke der conversio 85 ist in den historischen Werken des Camerarius stets präsent und wird lexikalisch variiert: … in ea tempora incidit vita mea, quibus Reipublicae aut ruina miserabilis, aut perniciosa mutatio, aut conversio admodum vehemens atque turbulenta impendet. … mein Leben fällt in eben die Zeit, in der der jämmerliche Untergang oder die vernichtende Wende oder die ganz heftige und chaotische Umwälzung des Staates droht. Camerarius 1561 (OC 0678), p. 5 Die scheinbare Unterscheidung zwischen ruina, mutatio und conversio durch das anaphorische Trikolon (aut … aut … aut … ) ist an dieser Stelle rein rhetorisch und dient dazu, die Dramatik seiner eigenen Zeit zu betonen. 86 Daneben verwendet er seltener die Begriffe eversio 87 und concussio 88 (auch mit den jeweiligen Verben). 89 Die conversio ist eine unausweichliche Notwendigkeit 90 und stellt das Ende der Existenz eines Staates dar. Dies gilt universell, denn der Umsturz findet unabhängig von der Staatsform statt und gilt gleichermaßen für Königreiche (regna), Kaiserreiche (imperia) und andere Staaten (res publica). 91 Wie genau sich ein solcher Umsturz vollzieht bzw. was folgt, konkretisiert Camerarius nie. 85 Vgl. OCEp 1485 (in: Camerarius 1565), fol. A2 r und A5 r ; Bersmann 1589 (OC 0936), p. 362; Camerarius 1598 (OC 0948), p. 32. 86 Man beachte auch den Chiasmus der ersten beiden Glieder: ruina miserabilis … perniciosa mutatio. Für den Begriff mutatio vgl. außerdem Camerarius 1541 (OC 0388), fol. α 2 v ; OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A2 r und A3 v (i. D. fälschlich A5 v ); Camerarius 1561 (OC 0678), p. 5 und 9; OCEp 1485 (in: Camerarius 1565), fol. A5 r ; Bersmann 1589 (OC 0936), p. 362 f. 87 Vgl. Camerarius 1541 (OC 0388), fol. α 2 v ; OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A3 r (i. D. fälschlich A5 r ). 88 Vgl. OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A3 v (i. D. fälschlich A5 v ); Bersmann 1589 (OC 0936), p. 362. 89 Vgl. Stählin 1936, 90 Anm. 2. 90 Vgl. OCEp 1485 (in: Camerarius 1565), fol. A5 r (vgl. unten Anm. 104); OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A3 v (i. D. fälschlich A5 v ): non fit absque gravi concussione (Üs.: Das geschieht nicht ohne ein schweres Beben), ebd. fol. A4 r : non vident saepe, homines stultissimi, ita esse natura comparatum, ut omnes res vitiosae atque corruptae … tandem intereant atque subvertantur (Üs.: Oft sehen sie nicht, die strunzdummen Menschen, dass es von Natur aus so gemacht worden ist, dass alle schändlichen und verdorbenen Dinge … endlich untergehen und vernichtet werden.), ebd. fol. A6 v : vel consolationem aliquam afferret, sive communitatis seu necessitatis sensus (Üs.: … oder es bringt einen gewissen Trost [über den Untergang von Staaten Bescheid zu wissen], sei es, weil man sich in guter Gesellschaft fühlt, oder die Notwendigkeit sieht.). Vgl. Camerarius 1561 (OC 0678), p. 5. 91 Vgl. die Textstellen in Anm. 85 - 88. Die „ anderen Staaten “ variiert Camerarius als res publica, status publicus. 2.4 Das Geschichtsbild des Camerarius 41 <?page no="42"?> Ein Umsturz im Sinne einer „ Revolution “ innerhalb eines Staatsgebietes scheint Camerarius fremd zu sein und so scheint er stets durch Krieg bzw. die Eroberung durch eine fremde Macht herbeigeführt zu werden. 92 Camerarius ’ Geschichtsbild darf allerdings nicht teleologisch verstanden werden: Der Umsturz ist zwar das Ende eines Staates, doch sieht Camerarius ihn nicht als das Ende der Welt oder das Ziel von Geschichte an. Er ist vielmehr ein in bestimmten Zeiten (tempora) wiederkehrendes Phänomen. Dies verleiht dem Geschichtsbild des Camerarius zyklische Züge. Besonders deutlich wird dies im Widmungsbrief zu den „ Narrationes facinorum “ , wo Camerarius von der Vollendung eines zeitlichen Kreislaufes (circuitus temporis) spricht, in dem alle Staatsformen schlicht gestürzt werden müssten (quo mutari prorsus imperia atque regna et gubernationum formas oportere). 93 Ferner identifiziert er im Widmungsbrief zur „ Hellenika “ -Übersetzung zwei wiederkehrende, besonders kritische Zeiten für den Umsturz, nämlich wenn ein neuerungssüchtiger Zeitgeist herrscht bzw. wenn Religionsstreitigkeiten entstehen. 94 Zu dieser Überzeugung kommt Camerarius durch die Lektüre von Geschichtswerken. Eindrücklich ist die Aufzählung großer Völker und Reiche im Proöm zur „ Chronologia Nicephori “ : Assyrer, Chaldäer, Meder, Babylonier und Perser, dann Makedonen, schließlich die Römer - all diese Weltreiche hätten zeitlich und räumlich unabhängig voneinander aus ähnlichen Ursachen und denselben Ursprüngen (similes causas et eadem initia habuerunt 95 ) eine Staatsumwälzung erlitten. 96 Immer wieder führt er den Niedergang einzelner Reiche an und spöttelt sogar, dass zu dieser Erkenntnis jeder gelangt sein 92 Er nennt nur die Eroberung durch äußere Mächte: OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A2 r . 93 OCEp 1485 (in: Camerarius 1565), fol. A5 r . Weitere Belege ebd. fol. A6 v - A7 r ; Camerarius 1561 (OC 0678), p. 5; Camerarius 1598 (OC 0948), p. 32 und 35. Auch im Herodot-Proöm spricht er von spatia und urbis omnium … ambitus: Camerarius 1541 (OC 0388), fol. α 3 r . Vgl. außerdem BS 416,6 - 8. 94 OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A3 v (i. D. falsch A5 v ): Erumpunt autem haec mala mutationum, duobus maxime temporibus, uno cum opiniones novae et novi mores exoriuntur … . Alterum autem tempus est profecto ut mirificum ita vehemens et turbulentum, cum non de hominum legibus aut moribus sed de rebus divinis et religione, aetas aliqua quaerere incipit (Üs.: Diese Übel der Umwälzungen brechen aber vor allem zu zwei Zeiten aus: Zum einen, wenn sich neue Ansichten und neue Sitten auftun … . Die zweite Zeit aber ist in der Tat so wunderlich wie stürmisch und bewegt: Wenn irgendein Zeitalter anfängt, nicht zu menschlichen Gesetzen und Bräuchen sondern zu göttlichen Dingen und der Religion Untersuchungen anzustellen.). 95 Camerarius 1561 (OC 0678), p. 9. 96 Vgl. Camerarius 1561 (OC 0678), p. 7 - 9. Vgl. BS 406,20 - 407,9. 42 2 Camerarius als Historiker <?page no="43"?> müsste, der Geschichtswerke nicht nur mit den Fingerspitzen anfasst. 97 Gründungen und Zerstörungen von Großreichen sowie Eroberungen reicher Städte sieht er als ein Hauptthema der Historien Herodots. 98 Er kennt unzählige Beispiele, deren Ähnlichkeit zwar - wie er mit Verweis auf Plautus betont - keine völlige Gleichheit der Abläufe darstellten (non ovum ovo, neque lac lacti simile), 99 doch ist sein Geschichtsbild insofern universell, als dass es nicht von einer bestimmten Verfassung oder Religion abhängt, sondern überall gleichermaßen Geltung hat. Ursächlich für das Schicksal einer Bevölkerung ist für Camerarius ihr Lebenswandel (vita), d. h. die vitia und impietas der Menschen, über die sich Camerarius gerne und häufig beklagt, bzw. umgekehrt ihre virtus und pietas, die er durch Bildung zu fördern sucht. 100 Hoc autem certe perspicuum esse, et planum videtur: Qualis ubique locorum ac gentium, quibusque temporibus vita sit, talem esse fortunam quoque rerum publicarum solere, ut ex privatorum modificatione communem statum concinnari perpetuo appareat. Folgendes scheint sicherlich aber klar und deutlich zu sein: Wie überall auf der Welt in bestimmten Zeiten der Lebenswandel ist, so ist gewöhnlich auch das Schicksal der Staaten, sodass aus der Maßhaltung der Privatleute stets der Zustand der Allgemeinheit bestimmt wird. Camerarius 1598 (OC 0948), p. 35 Je nachdem ob Tugend oder Laster überwiegen, ist ein Volk erfolgreich und glücklich oder steuert auf sein Ende zu. Dabei gibt es nicht „ eine “ Ursache: Aufgrund der Vergleichbarkeit der Vergangenheit und der Gegenwart identifiziert Camerarius einen ganzen Katalog von Vergehen (vitia), die sich immer zeigten und die eigentlich von allen Menschen bekämpft werden müssten. Im Widmungsbrief der Theodoret-Übersetzung heißt es: 97 Vgl. OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A2 v : … nemo fere, qui primoribus tantum, ut dicitur, digitulis attigit historias, ignorat (Üs.: … fast jeder, der Geschichtsschreibung nicht nur - wie man sagt - mit spitzen Fingern anfässt, weiß das.). 98 Camerarius 1541 (OC 0388), fol. α 2 v -α 3 r : Argumentum autem et caput quod? fundationes, eversiones, mutationes regnorum maximorum, opulentissimarum urbium expugnationes, successiones potentissimorum regum, celeberrimarum civitatum fortunae et imperia (Üs.: Was ist aber Stoff und Hauptsache? Gründungen, Vernichtungen und Wechsel sehr großer Königreiche, Eroberungen sehr reicher Städte, die Abfolgen der mächtigsten Könige, Schicksale und Reiche der berühmtesten Staaten.). 99 Vgl. OCEp 1468 (in: Camerarius 1536), fol. α 3 r und OCEp 1486 (in: Camerarius 1540), fol. a4 r . Vgl. Plaut. Amph. 601. 100 Vgl. Camerarius 1598 (OC 0948), p. 32 und 35. Vgl. OCEp 1468 (in: Camerarius 1536), fol. α 3 r . 2.4 Das Geschichtsbild des Camerarius 43 <?page no="44"?> … et contemplanti illa vetera, praesentia haec multo graviora atque peiora, quam pridem visa sunt. Quamvis enim res diversae sint, tamen vitiorum est tanta germanitas, ut uno patre utraque esse creata sit iudicandum. Ambitio, aemulationes, rixae, contentiones, pervicacia, impotentia animi, odium, acerbitas, verborum perniciosae exquisitiones, imposturae, insidiae, circunventi reges, concitatum vulgus, non ovum ovo, neque lac lacti magis, ut Plautus ait, simile. Und dem, der jene alten Dinge betrachtet, erscheint unsere Gegenwart noch viel furchtbarer und schlimmer als vorher. Obwohl die Konstellationen nämlich verschiedenartig sind, haben die Vergehen doch eine so enorme Ähnlichkeit 101 , dass man zu dem Schluss kommen muss, dass beide (sc. Gegenwart und Vergangenheit) von einem einzigen Urheber geschaffen wurden. Geltungsbedürfnis, Eifersucht, Zank, Streit, Starrköpfigkeit, Zügellosigkeit, Hass, Unnachgiebigkeit, Haarspalterei, Betrügerei, Hinterlist, Intrigen am Hof und Aufstachelung des Volkes - da ist nicht ein Ei dem anderen ähnlicher und - nach Plautus - nicht eine Milch der anderen. OCEp 1468 (in: Camerarius 1536), fol. α 3 r Ähnlich skizziert Camerarius den verkommenen Lebenswandel in der Widmung seiner Thukydides-Ausgabe - angeregt durch dessen Pathologie des Krieges: 102 Tugenden seien zu Lastern und Laster zu Tugenden umbenannt worden. Ehrgefühl (pudor) und Zurückhaltung (verecundia) seien gemieden und zu Faulheit (inertia) und Albernheit (stoliditas) erklärt worden. Aus Selbstbeherrschung (modestia) wurde Trägheit (ignavia), aus Mäßigung (temperantia) und Umsicht (diligentia) wurden Plumpheit (rusticitas) und Spießigkeit (illiberalitas). Lohn und Ehre erhielten Unbedachtsamkeit (petulantia) und Hochmut (audacia), die man als Stärke (magnitudo) und Schlauheit (sollertia) bezeichnete und genauso wurde Verwirrung (turbulentia) Freisinnigkeit (libertas), Protz (luxuria) Pracht (magnificentia) und Schamlosigkeit (impudentia) Tapferkeit (fortitudo) genannt. Der letzte Punkt der Liste bei Theodoret, die aufgewiegelten Massen bzw. die Zwietracht in der Bevölkerung, scheint für Camerarius besonders zentral. Im Widmungsbrief zu den „ Hellenika “ hält er fest, kein großer Staat sei je untergegangen, ohne dass zuvor Uneinigkeit in der Bevölkerung aufgekommen sei: … parvulas quidem civitates interdum a potentioribus, hostili vi deletas esse, neque potuisse quamvis consentientes sustinere impetum adversariorum, animadverto atque reperio, magnas vero propemodum nullas, nisi dissensionibus prius ortis, et scissis voluntatibus, ac distractis animis civium. Ita enim paulatim et leges atque iura opprimuntur, cum calliditate interpretationum tum iniuriis manifestis, et studia diversa 101 Im von Camerarius mit Bedacht gewählten, lateinischen Wort germanitas schwingt als Wortspiel sicherlich auch eine Bedeutung wie „ Deutschheit “ mit. 102 OCEp 1486 (in: Camerarius 1540), fol. α 2 v -α 3 r , vgl. Thuk. 3,82 f. 44 2 Camerarius als Historiker <?page no="45"?> excitantur, et incipit taedere homines status praesentis, et mutationis novitas aut quaeritur, aut non refugitur saltem. Itaque aperitur et praeparatur via externae potentiae … . || Hae autem caussae eversionis civitatum habent alias a quibus oriuntur ipsae et incitantur, pravitatem et perversitatem iudiciorum, unde et dissensiones, simultates, inimicitias et varia, dissimilia, abhorrentia studia, ac mores malos enasci, et totam, ut breviter dicam, vitam inconsentaneam reddi, necesse est. Quae cum fiunt primum labefactare bene fundatas civitates, mox crescentia omnia convellere, et tandem pessundare consueverunt. … ich bemerke und entdecke, dass kleinere Staaten zwar von mächtigeren bisweilen mit feindlicher Gewalt vernichtet werden und dem Ansturm der Gegner nicht standhalten konnten, selbst wenn sie einträchtig waren, große Staaten jedoch nahezu nie, außer wenn zuvor Uneinigkeit aufkam und die Absichten sich trennten und das Denken der Bürger auseinander ging. So werden nämlich allmählich durch gerissene Rechtsauslegung und handfeste Straftaten Gesetze und Rechtsnormen unterdrückt und gegensätzliche Bestrebungen geweckt. Die Menschen fangen an, am gegenwärtigen Zustand Anstoß zu nehmen und die Neuheit des Umsturzes wird entweder begehrt oder zumindest nicht mehr gemieden. Daher wird einer äußeren Macht der Weg geebnet und bereitet … . Doch diese Ursachen der Zerrüttung von Staaten haben wieder andere, von denen sie selbst ausgehen und hervorgerufen werden, nämlich die Verkehrtheit und Torheit der Entscheidungen, wodurch notwendig Meinungsverschiedenheiten, Streitigkeiten, Feindseligkeiten und verschiedene, unähnliche, widersprüchliche Bestrebungen, sowie schlechte Sitten hervorgerufen werden und - um es kurz zu machen - das ganze Leben unschicklich gemacht wird. Wenn diese Dinge geschehen, wiegeln sie für gewöhnlich zuerst gut gefestigte Staaten auf, steigern sich bald, reißen alles auseinander und richten sie schließlich zugrunde. OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A2 r und A3 r (i. D. fälschlich A5 r ) Camerarius beschreibt hier sich teilweise gegenseitig bedingende Faktoren, die zu Uneinigkeit und damit zum Verfall des Lebenswandels führen können. 103 Der Verfall vollzieht sich dabei schleichend und Camerarius hebt diese Langsamkeit und Verborgenheit des Verfallsprozesses im Folgenden durch Vergleiche mit der allmählichen Ausbreitung von Falschgeld oder, an anderer Stelle, der langen, stillen Ansammlung von Hitze vor einem heftigen Gewitter hervor. 104 103 Er nennt Rechtsbeugung, Straftaten, Beleidigungen, Wut, Verschrobenheit, Torheit, Leichtsinn und Hochmut; OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A2 r : calliditas interpretationum, iniuria manifesta; A2 v : contumelia, vesania; A3 r : pravitas et perversitas iudiciorum; A3 v : levitas, arrogantia. 104 Vgl. OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A3 v : … opiniones novae et novi mores exoriuntur, qui tanquam nummi ὑποκίβδηλοι , institutis maiorum et priori vitae intermisti paulatim invalescentes vetera opprimunt et abolent, fastidiente saeculo antiquitatem, et huius publica privataque opera tanquam rudia respuente (Üs.: … neue Ansichten und neue Sitten, die so 2.4 Das Geschichtsbild des Camerarius 45 <?page no="46"?> Dabei sind es nicht so sehr einzelne Fehltritte (non unius iam aut alterius vitio 105 ), sondern vor allem eine Haltung, die die Wahrheit verachtet, die zum Untergang führt. Sowohl die einfache Bevölkerung als auch das gehobene Bürgertum bzw. der Adel sind für Camerarius in der Verantwortung, den Untergang abzuwenden: Quod si, ut existimo, nemini est dubium cuius illi partus fuerint, quantopere conveniebat omnes, summos, medios, infimos, quibuscumque valerent rebus, autoritate, studio, morigeratione, anniti, ut hi gemini ac simillimi illis, quasi monstrorum exitialium foetus, statim enecarentur, ne si invaluerint haec mala, miserabile excitent incendium, quo omnis pietas, honestas, denique virtus, disciplina vitae atque ordo, literae, artes conflagrent, neve nostras res posteri tamquam paternas illatas in avitum sepulchrum, hoc est simili defunctas fato deplorent. Utinam autem haec legerent, quadam cogitationis vehementia, qui in rebus publicis possunt plurimum, quique ipsi res divinas versant doctrina ac professione sua, nimirum et illi metu similium eventuum ad praesentium malorum medicinam, summa cura se converterent, et hi de ista via quam alios ad interitum duxisse cernerent, cupide declinarent gressus suos. Wenn also, wie ich glaube, niemand Zweifel hat, woher jene Dinge kamen, wie sehr war es dann angebracht, dass sich alle - die Obersten, Mittleren und Untersten - wodurch auch immer sie etwas ausrichten können - Macht, Wissenschaft, Gehorsam - anstrengen, dass die heutigen, gleichen und dem Vergangenen sehr ähnlichen Erscheinungen - gewissermaßen Auswüchse verderblicher Ungeheuer - sofort getilgt werden, damit sie, wenn diese Übel zu Kräften gekommen sind, nicht einen beklagenswerten Brand entfachen durch den jede Frömmigkeit und Ehre, oder überhaupt die Tugend sowie Disziplin und Ordnung des Lebens, Wissenschaft und Künste verbrennen. Und auch, damit die Nachwelt nicht unsere Verhältnisse beklagt, die gleichsam von den Vätern ererbt im Grab des Großvaters bestattet wurden, d. h. durch ein ähnliches Schicksal untergegangen sind. Würden das doch wie gefälschte Münzen, mit den Bräuchen der Vorfahren und dem früheren Leben vermischt werden, allmählich die Oberhand gewinnen und das Alte unterdrücken und zerstören, da den Zeitgeist das Altertum anwidert und er dessen öffentliche und privaten Leistungen gleichsam als rückständig zurückweist.). Vgl. OCEp 1485 (in: Camerarius 1565), fol. A5 r : Nondum enim confecto circuitu temporis eius, quo mutari prorsus imperia atque regna et gubernationum formas oportere Deus aeternus statuit, patitur ille quidem tumultuari aliquos et statum praesentem labefactare, sed sunt tamen ista adhuc veluti murmura ante tempestatem impendentem conversionis extremae. … mox pervenitur eo, quo evadi iusto Dei aeterni iudicio oportuit (Üs.: Denn wenn der Kreislauf dieser Zeit noch nicht vollendet ist, in der ewige Gott festgesetzt hat, dass Imperien, Königreiche und Regierungsformen sich schlicht ändern müssen, lässt jener freilich zu, dass einige unruhig sind und den gegenwärtigen Zustand erschüttern. Aber das ist dennoch bis jetzt gleichsam nur das Grummeln vor dem drohenden Sturm des letztendlichen Umsturzes. … bald gelangt es dahin, wohin es nach dem Urteil des ewigen Gottes ausgehen muss.). 105 OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A3 r . 46 2 Camerarius als Historiker <?page no="47"?> nur mit einer gewissen Leidenschaft beim Denken diejenigen lesen, die im Staat am meisten zu sagen haben und die sich selbst durch ihre Ausbildung und ihren Beruf im Bereich der Theologie bewegen. Zweifellos würden jene [Staatsmänner] sich aus Angst vor ähnlichen Ereignissen mit größter Aufmerksamkeit den Heilmitteln der gegenwärtigen üblen Lage zuwenden. Und die [Theologen] würden enthusiastisch ihre Schritte von dem Pfad lenken, der andere sichtlich zum Untergang geführt hat. OCEp 1468 (in: Camerarius 1536), fol. α 3 r : Bei allem Pessimismus ist Camerarius bisweilen jedoch auch zuversichtlich, dass vor allem der Niedergang seiner Zeit gestoppt werden kann. Trotz des Unterganges der Bildung in der eigenen Zeit blieben einige übrig, die jetzt Grund zur Hoffnung geben. 106 Diese Hoffnung setzt er - wie sich bereits gezeigt hat (2.3.3) - einerseits in fähige Staatsmänner, denen er seine historischen Werke widmet, 107 besonders aber in die Macht der Bildung: Camerarius nennt in der Widmung seiner Thukydides-Edition drei Mittel, die gefördert werden müssten: Furcht (metus), Ehrgefühl (pudor) und Sehnsucht (desiderium). Furcht werde durch die Unverletzlichkeit und Bewahrung von Bräuchen und Gesetzen bewirkt. Ehrgefühl durch erneuerten Glauben und Sorge um Gott geschaffen, indem Aberglaube und Gottlosigkeit verdrängt würden und Wahrheit und Treue Einzug erhielten. Sehnsucht nach besserer Bildung und Philosophie müsse geweckt werden, damit die Menschen von klein auf mit den besten und vernünftigsten Lehren ausgestattet sind. 108 So sehr Camerarius auch den Lebenswandel als Ursache des Niedergangs sieht, bleibt für den Protestanten doch immer Gott die über allem stehende, letztlich bestimmende Kraft: 109 Nihil omnino fit aut accidit temere in utramque partem, sed regit, gubernat, providet, disponit, ordinat cuncta autor creatorque et conservator generis humani DEUS aeternus. Überhaupt nichts entsteht oder geschieht ohne Grund im Himmel und auf Erden, sondern der ewige Gott, Urheber, Schöpfer und Bewahrer des Menschengeschlechts, lenkt, leitet, sorgt, ordnet und regelt alles. Camerarius 1598 (OC 0948), p. 34 106 Vgl. OCEp 1486 (in: Camerarius 1540), fol. a2 v . Vgl. ebd. fol. a3 r : spem penitus non debemus deponere (Üs.: Die Hoffnung müssen wir nicht ganz und gar aufgeben.). 107 Vgl. OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A7 v - A8 r , wo es heißt, vom Volk werde Hoffnung in Staatsmänner wie den Widmungsempfänger gesetzt. 108 Vgl. OCEp 1486 (in: Camerarius 1540), fol. a3 v . 109 Vgl. Camerarius 1605 (OC 0949), p. 1 (Gott schützt und hilft; Gott sorgt für den richtigen Ausgang menschlicher Pläne und Taten); Camerarius 1598 (OC 0948), p. 34 (Gott als Licht der Ordnung in der Dunkelheit); Camerarius 1555 (OC 0614), fol. BB5 r - v (Gott als Lenker. Gottes Wort spendet Licht der Wahrheit). 2.4 Das Geschichtsbild des Camerarius 47 <?page no="48"?> Für Friedrich Stählin ist besonders im Vergleich zu Melanchthon, der überall in der Geschichte göttliches Wirken erkenne, bei Camerarius „ die reformatorische Theologie ohne tieferen Einfluss auf die praktische Geschichtsauffassung [ … ] geblieben. “ 110 . Tatsächlich geht der Humanist in seinem historischen Werk nie vertieft auf das Wirken Gottes ein und gibt als Entschuldigung an, es sei nicht sein Metier. 111 Doch sieht er in der Geschichtsschreibung sehr wohl eine Möglichkeit, das göttliche Wirken und die göttliche Providenz zu untersuchen: 112 In horum autem tractatione saepe fuit in animo cogitatio quaestionis, quae sapientes veteres valde excercuit: De numinis divini providentia ac respectu ad ea, quae in terris geruntur atque accidunt, cum illa tamen talibus etiam exemplis probari confir-||marique non leviter videretur. Nondum enim confecto circuitu temporis eius, quo mutari prorsus imperia atque regna et gubernationum formas oportere Deus aeternus statuit, patitur ille quidem tumultuari aliquos et statum praesentem labefactare, sed sunt tamen ista adhuc veluti murmura ante tempestatem impendentem conversionis extremae. Häufig kam [mir] bei der Behandlung dieser [Geschichtswerke] die Frage in den Sinn, die die alten Weisen sehr beschäftigte: Über die Vorsehung Gottes und seine Berücksichtigung dessen, was auf Erden vorgeht und passiert, da jene doch selbst durch derartige Beispiele ziemlich deutlich bewiesen und bestätigt zu werden scheint. Denn wenn der Kreislauf der Zeit noch nicht vollendet ist, in der der ewige Gott entschieden hat, dass Reiche, Herrschaften und Führungen schlicht gestürzt werden, duldet jener zwar, dass irgendwer Unruhe macht und den gegenwärtigen Zustand erschüttert, aber das ist doch gleichsam noch das Grummeln vor dem drohenden Sturm der schlimmsten Umwälzung. OCEp 1485 (in: Camerarius 1565), fol. A4 v - A5 r Während die Frage nach der Theodizee für Camerarius keine Rolle zu spielen scheint, ist Gottes Zorn von gewisser Bedeutung: Dieser werde durch gottloses Verhalten gereizt. Gott ertrage den Verfall nur bis zu einem bestimmten Punkt, bis er so provoziert sei, dass er die Menschen bestraft. 113 Den Schmalkaldischen 110 Stählin 1936, 87. 111 Vgl. Camerarius 1561 (OC 0678), p. 14: Neque enim nostra est ista explicatio (Üs.: Denn diese Erklärung ist nicht unsere Sache); ebd. p. 15: … nos disserere non convenit, hoc praesertim loco (Üs.: … es trifft sich nicht, dass wir das erörtern, zumal an dieser Stelle). Zur Theologie des Camerarius vgl. Vinzenz Gottlieb und Alexander Hubert, Art. „ Theologie (CamLex) “ , in: OC Online, http: / / wiki.camerarius.de/ Theologie_(CamLex) (25.11.2025). 112 Vgl. OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A6 v . Vgl. oben Anm. 79. 113 Vgl. OCEp 1485 (in: Camerarius 1565), fol. A4 v - A5 r und OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A3 r - v (i. D. fälschlich A5 r - v ); Bersmann 1589 (OC 0936), p. 362 - 364 (Gottes Eingreifen nicht immer sofort, sondern erst wenn göttlicher Zorn genügend erregt ist). 48 2 Camerarius als Historiker <?page no="49"?> Krieg bezeichnet Camerarius als solch eine Strafe Gottes. 114 Zur Befriedung des göttlichen Zorns sei Gehorsam (officium obedientiae) nötig. 115 Dass Camerarius die Lage seiner eigenen Zeit als dramatisch empfindet, betont er häufig mithilfe von Metaphern. Sie sollen den Verfallsprozess beschreiben und sein Geschichtsbild illustrieren, weshalb sie an dieser Stelle abschließend auch gewürdigt werden sollen. Bevorzugt nutzt der Humanist Metaphern aus den Bereichen der Natur 116 und Medizin 117 . Am eindrücklichsten ist aber der Widmungsbrief der Thukydides-Edition, der von martialischer Metaphorik durchzogen ist. Die Vernachlässigung der Bildung beschreibt Camerarius dort als Burgeroberung: Celeriter haec studia imbecilla et tenera eorum a quibus protegi defendique et foveri debuerant, ope praesidioque destituta et deserta, rursum ab iis vitiis et malis, quae expellere ac profligare conata fuerant, oppressa et capta ipsa occubuere. Invasitque in animos hominum, tanquam arcem, barbaries et cupiditas mala: indeque eiectis non magno cum labore, sententiis, studiisque veritatis atque virtutis (nihil enim auxilii ferebatur his, neque sperari poterat, cum illae cotidie confirmarentur) occupavere vacuas custodia pietatis, religionis, iusticiae, officii, voluntates humanas. Tum portis clausis nihil admittere nisi errores, falsitatem, turpitudinem, quibus quasi decumana quaedam porta pateret semper. Nulla audiri ab his iam virtutis et sapientiae verba, nullae quasi legationes recipi. Rasch wurden diese anfälligen und zarten Studien von Hilfe und Schutz derer, die sie hätten beschützen, verteidigen, hüten müssen, preisgegeben und im Stich gelassen. Sie sanken selbst darnieder, nachdem sie von eben den Lastern und Übeln, die sie versucht hatten, zu vertreiben und niederzuwerfen, umgekehrt überwältigt und gefangengenommen wurden. Die Menschen wurden wie eine Burg von Barbarei und schlimmer Begierde überfallen. Unter großer Anstrengung wurden wahre und 114 Vgl. OCEp 1036 (in: Camerarius 1595), p. 182 f. 115 Vgl. Camerarius 1598 (OC 0948), p. 35. 116 Moralischer Verfall als Brand bzw. Sturm: OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A3 r (i. D. fälschlich A5 r ); Gewittervergleich: ebd. fol. A3 r - v (i. D. fälschlich A5 r - v ); Schleichender Sittenverfall als Grummeln vor einem Unwetter (murmura ante tempestatem): OCEp 1485 (in: Camerarius 1565), fol. A5 r ; Nichteinsehenwollen eigener Fehler wie eine Diskussion bei aufkommendem Seesturm: Camerarius 1598 (OC 0948), p. 36; Schmalkaldischer Krieg als Unwetter: Camerarius 1561 (OC 0678), p. 3 und Camerarius 1566b (OC 0775), p. 254 f. mit Werner 2010, 187. 117 Historiographie als Arznei für Staatslenker: OCEp 1468 (in: Camerarius 1536), fol. α 3 r ; Heilsame Wirkung von Bildung: OCEp 1486 (in: Camerarius 1540), fol. a2 r ; Moralischer Verfall als Seuche: OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A3 r (i. D. fälschlich A5 r ); Wie in der Medizin gibt es Abwehrkräfte gegen den Verfall: Camerarius 1598 (OC 0948), p. 34 f.; Bezeichnung des Schmalkaldischen Krieges als Pest: OC 0614 (Narratio de Georgio, 1555), fol. BB6 v ; Staat ist wie ein Körper. Selbst wenn er krank ist, besteht Hoffnung, solange er noch lebt: Camerarius 1561 (OC 0678), p. 4. 2.4 Das Geschichtsbild des Camerarius 49 <?page no="50"?> tugendhafte Ansichten und Studien ausgestoßen (Unterstützung erhielten sie nämlich nicht und die konnte auch nicht erhofft werden, da jene von Tag zu Tag stärker wurden). Und von da an waren sie Besatzer der Gesinnung der Menschen, die ohne den Schutz der Frömmigkeit, religiösen Scheu, Gerechtigkeit und Pflicht war. Nachdem dann die Tore geschlossen waren, wurde nichts mehr hereingelassen außer Irrungen, Falschheit und Schändlichkeit, für die quasi immer das Haupttor offenstand. Man hörte von ihnen kein Wort von Tugend und Verstand; Gesandtschaften wurden gewissermaßen keine aufgenommen. OCEp 1486 (in: Camerarius 1540), fol. α 2 v Doch, schreibt der Humanist weiter, gebe es auch Partisanen (in spe quasi patriae recuperandae perseverantes), die dem Feind zwar Verlorenes noch nicht abringen könnten, ihn aber doch zu mehr Vorsicht zwängen (minus interdum ut hostiles copiae exultent, et timidius grassentur). Die Gesamtlage sei jedoch so ungewiss wie in einem unsicheren Frieden bzw. einem unentschiedenen Krieg (tanquam et pace incerta et bello dubio omnia sunt confusa). Der Lebenswandel (vita communis) seiner Zeitgenossen habe weder Grundsätze (ratio) noch eine Richtung (via). Diese Beliebigkeit der Lebensführung führt Camerarius anhand einiger Beispiele weiter aus. Doch trotz dieser verheerenden Lage will Camerarius den Kopf nicht hängen lassen: Man müsse die Hoffnung nicht völlig aufgeben - wenn man krank sei, lebe man ja immerhin noch. Die martialische Metaphorik fortführend schreibt er, man müsse der Tugend, Weisheit und Bildung (virtus, sapientia, doctrina) alle Hilfstruppen und Reserven (auxilia et subsidia) zur Verfügung stellen, was insbesondere die Aufgabe der Staatsleute sei. 118 Er nennt - wie bereits erwähnt - Furcht (metus), Ehrgefühl (pudor) und Sehnsucht (desiderium) als drei Streitkräfte dagegen (copiae contrariae). 119 Wenige Tage später kommt Camerarius auf diese Widmung zu sprechen und schreibt - die Metaphorik aufgreifend - am Ende eines Briefes an Daniel Stiebar (OCEp 1017), er befürchte, dass er mit der Widmung nichts ausrichten werde, doch dürfe er deshalb nicht von seiner wissenschaftlichen Betätigung (studia nostra) ablassen. Er wolle sie als gemeiner Soldat (gregarius miles) weiter verteidigen. 120 118 Vgl. OCEp 1486 (in: Camerarius 1540), fol. α 3 r : Haec cura et hoc opus principum regumque praecipuum esse oportere, quis non videt? post hos vero omnium qui opibus et dignitate praestant caeteris (Üs.: Wer sieht nicht, dass das in erster Linie die Verantwortung und Aufgabe der Fürsten und Könige sein muss? Hernach ist es die Aufgabe aller übrigen, die sich durch Macht und Ansehen auszeichnen.). 119 Vgl. oben Anm. 108. 120 Vgl. OCEp 1017 (in: Camerarius 1595), p. 160. 50 2 Camerarius als Historiker <?page no="51"?> 3 Camerarius und der Schmalkaldische Krieg 3.1 Kriegsverlauf Der Wiener Historiker Alfred Kohler bemängelt in seiner Biographie Karls V., es fehle „ eine moderne Monographie, die den [Schmalkaldischen] Krieg in seiner Gesamtheit - militärische Abläufe, Absichten, Erwartungen und Erfahrungen auf beiden Seiten, sowie Propaganda und Kosten analysiert. “ 121 Die historische Forschung jüngerer Zeit über den Schmalkaldischen Krieg beschränkt sich auf kurze Darstellungen des Kriegsverlaufes 122 und Untersuchungen einzelner Aspekte des Krieges, wie beispielsweise seiner mediengeschichtlichen Bedeutung 123 oder dem Schicksal der Leipziger Universität. 124 Auch an dieser Stelle kann daher auf Grundlage dieser Forschung nur ein Überblick über die historischen Ereignisse gegeben werden. Als 1546 auf dem Regensburger Reichstag bekannt wurde, dass Kaiser Karl V. Truppen aushob, wurde das als Mobilmachung gegen den Schmalkaldischen Bund verstanden. Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen und Landgraf Philipp von Hessen, die Hauptleute des Bundes, verließen daraufhin Regensburg und mobilisierten das Bundesheer in der Hoffnung, mit einem Präventivkrieg den überlegenen Kaiser bezwingen zu können. Sie zogen mit ihrem Heer Richtung Süddeutschland. Am 20. Juli verhängte der Kaiser die Reichsacht über die beiden Hauptleute. Diese hätten durch die Gefangennahme des katholischen Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel (im Vorjahr) den Landfrieden gestört. Der Bund vereinigte seine Truppen zunächst bei Donauwörth, was dem Kaiser die Möglichkeit bot, sich mit den vom Papst gesandten Truppen zusammenzuschließen und sich in Ingolstadt zu verschanzen. Dort wartete der Kaiser auf weitere Verstärkung aus den Niederlanden, die ungehindert an 121 Kohler 2005, 399. Umfassendere Studien stammen zumeist aus dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Vgl. Voigt 1874. 122 Vgl. Westphal 1999, Haug-Moritz 2007, 236 und Woitkowitz 2007. 123 Vgl. die Publikationen von Gabriele Haug-Moritz und ihr Projekt „ Religionsdissens, Friedlosigkeit und Medienwandel im Reich und in Frankreich in der Mitte des 16. Jahrhunderts - die Druckmedien “ (URL: https: / / gams.uni-graz.at/ context: kmw, 15.11.2025) mit einer umfassenden Arbeitsbibliographie zum Schmalkaldischen Krieg (ebd. Anhang VI). Vgl. Waldeck 1909. 124 Vgl. Woitkowitz 2007. <?page no="52"?> den Truppen des Bundes vorbei Anfang September zu ihm gelangte. In dieser ersten Phase des Krieges, dem Donaufeldzug oder auch Donaukrieg (Juli bis Oktober), lagen sich die beiden Heere an der Donau gegenüber und leisteten sich nur kleinere Gefechte. Der Plan der Schmalkaldener, dem Kaiser durch schnelles Handeln einen Schlag zu versetzen, ging nicht auf. Die zweite Phase, der sächsische Krieg, begann Ende Oktober mit einer Invasion Kursachsens durch König Ferdinand, den Bruder Karls, und den eigentlich protestantischen Herzog Moritz von Sachsen, der ein Cousin Johann Friedrichs war. Moritz ’ Loyalität hatte sich der Kaiser schon vor Ausbruch des Krieges gesichert, indem er ihm im Falle eines Sieges die Kurwürde versprach. Schnell wurden weite Teile des Kurfürstentums erobert, was dazu führte, dass Johann Friedrich sich Mitte November aus Süddeutschland nach Sachsen zurückzog. Der Kurfürst eroberte Weimar, Jena und Halle zurück und begann Anfang des Jahres 1547 die zu Moritz ’ Herzogtum gehörende Stadt Leipzig zu belagern. Ohne den Kurfürsten und seine Truppen war auch Landgraf Philipp gezwungen sich zurückzuziehen und so löste sich das Bundesheer in Süddeutschland auf, sodass der Kaiser die dortigen, zum Bund gehörenden Reichsstädte ohne größeren Widerstand einnehmen und bestrafen konnte. Ende März 1547 brach Karl selbst nach Sachsen auf. Dort kam es in der Schlacht von Mühlberg zur Entscheidung: Der Kurfürst unterlag dem Kaiser und wurde gefangengenommen. In der Folge wurde Moritz am 4. Juli zum Kurfürsten von Sachsen erhoben. 3.2 Camerarius und der Kaiser Während Melanchthon sich gegenüber Camerarius immer wieder kritisch zum Schmalkaldischen Bund bzw. dessen Hauptleuten äußert, 125 findet man ähnliche Aussagen von Camerarius nur selten. 126 Karl V. dagegen stand bei Camerarius in hohem Ansehen. Seine Bewunderung zeigt sich nicht nur in den beiden Lobgedichten über bedeutende Siege des Kaisers (OC 0183 und OC 0184) und einer Ekloge (OC 0429), sondern wird vor allem auch in Briefen an Freunde immer wieder deutlich. So schreibt er etwa an Daniel Stiebar (18.05.1536): 127 125 Vgl. MBW 1170, 1347, 2184, 4056; Lob: MBW 2394. Zum Verhältnis zwischen Melanchthon und dem Kaiser vgl. Brendle 2015. Vgl. Christmann 1902. 126 Vgl. aber MBW 3007. 127 Vgl. OCEp 1459 (in: Camerarius 1545c), fol. D4 r . 52 3 Camerarius und der Schmalkaldische Krieg <?page no="53"?> Est autem tibi erga Carolum nostrae voluntatis promptitudo nota. Rideant hanc sane qui velint, in hac parvitate nostra et praestantia illius, cum ipsum Numen infimorum adoratione et cultu imprimis delectetur. Doch meine Ergebenheit gegenüber Karl ist dir bekannt. Darüber mag natürlich lachen, wer will, bei meiner Wenigkeit und seiner Vortrefflichkeit, da die Gottheit selbst sich an der Anbetung und Verehrung der Niedersten im besonderen Maße erfreut. OCEp 1516 (in: Camerarius 1536b), p. 3 Insbesondere Bescheidenheit und Frömmigkeit des Kaisers imponieren dem Humanisten: Carolum autem constat nunquam tribuisse suis viribus maximarum rerum ullas actiones suas, sed potius retulisse acceptum totum nomen, decus, famam, fortunam, imperii, virtutis, potentiae, victoriae, Divino numini, cuius ipse quasi administer voluntatis in terris versaretur atque elaboraret. Fest steht aber, dass Karl niemals irgendwelche seiner Handlungen als Zeichen seiner eigenen Macht über die größten Dinge ausgelegt hat, sondern eher Ruhm, Ehre, Ruf und Reichtum, die er hinsichtlich Reich, Tugend, Macht und Erfolg erhalten hat, gänzlich auf das Wirken Gottes zurückgeführt hat. Karl selbst weilt und arbeitet gewissermaßen als Diener von dessen Willen auf Erden. OCEp 1516 (in: Camerarius 1536b), p. 5 Stimmt er einmal nicht mit dem Kaiser überein - wie bei der kaiserlichen Anklageschrift gegen König Franz von Frankreich 128 - hüllt er die Kritik in wohlklingende Worte (21.07.1536): Mihi quaedam maximo a-||matori Caesaris sane displicuere, de quibus parum, ut videtur, bellam mentionem fecit, nisi hoc eorum est vitium, qui parum diligenter excepere. Mir, einem glühenden Verehrer des Kaisers, missfielen in der Tat gewisse Dinge, über die er, wie es scheint, weniger fein gesprochen hat - wenn das nicht der Fehler derer ist, die zu ungewissenhaft zuhörten. OCEp 1007 (in: Camerarius 1595), p. 145 f. Selbst als Ende Juni 1546 die ersten Gerüchte über Rüstungen des Kaisers die Runde machen, schreibt er noch an Stiebar (25.06.1546): Hic rumores sparsi fuerunt sane tristes de Caesaris expeditionibus, sed quicquid dicatur, ego adhuc spero meliora: vel quia, ut nosti, de Carolo singularis est opinio mea, vel quia hoc tempus non videtur esse, quo bellum civile excitari debeat, aut etiam possit. 128 Vgl. die Anmerkung bei Camerarius an Stiebar, 21.07.1536, bearbeitet von Manuel Huth (13.07.2022), in: OC Online, http: / / wiki.camerarius.de/ OCEp_1007. 3.2 Camerarius und der Kaiser 53 <?page no="54"?> Hier wurden recht verdrießliche Gerüchte gestreut über Unternehmungen des Kaisers. Doch was auch gesagt wird - ich bin bislang noch optimistisch. Entweder weil ich - wie du weißt - eine hervorragende Meinung von Karl habe, oder weil jetzt nicht die Zeit zu sein scheint, in der ein Bürgerkrieg entfacht werden müsste oder auch nur könnte. OCEp 1027 (in: Camerarius 1595), p. 173 Doch als sich die Gerüchte bestätigen, schwingt seine positive Haltung in Enttäuschung um. Deutlich wird dies auch im „ Bellum Smalcaldicum “ , wo er das Verhalten des Kaisers als gänzlich abweichend ( παντάπασιν ἀπᾷδον , p. 398,15) bezeichnet und ihm vorwirft, er habe sich zum Gehilfen bzw. Vorkämpfer ( συνεργὸς , ἢ μᾶλλον πρόμαχος , p. 398,13) des Papstes machen lassen. 129 In den Briefen formuliert er nur noch sehr vorsichtig - muss er doch befürchten, dass die Schreiben in die falschen Hände geraten. 130 Ohne einen Namen zu nennen, schreibt er an Hieronymus Baumgartner (27.06.1546): 131 Autorem tamen huius miseriae non potero amare, quo quidem minus ab hoc tantum potui sperare furorem. Den Urheber dieses Elends werde ich nicht lieben können und umso weniger konnte ich einen so heftigen Wutausbruch von ihm erwarten. OCEp 0628 (in: Camerarius 1583), p. 224 Ein Bekenntnis zu seiner hohen Meinung von Kaiser Karl findet sich seit dieser Zeit nicht mehr. 129 Vgl. OCEp 0512 (in: Woitkowitz 2003), 145 Z. 39 - 41: Mihi ex animo dolet N. optimum Principem inductum esse, ut praebeat se administrum eorum cupiditatibus, quorum superbiam et impietatem Deus ipse incipit evertere. (Üs. (ebd., 147): „ Mich schmerzt es aus tiefstem Herzen, daß der beste Herrscher von N. dazu verleitet worden ist, daß er sich als Diener der Bestrebungen jener erweist, deren Hochmut und Gottlosigkeit Gott selbst beginnt auszutilgen. “ ) Woitkowitz vermutet zu Recht hinter „ N. “ den Kaiser Karl V. (vgl. ebd. 150 f. Anm. 12). Alternativ wäre möglich, N. als Akkusativ und optimum Principem als Apposition aufzufassen und den Terminus insgesamt mit Karl zu identifizieren ( „ N., der beste Herrscher, …“ ). Vgl. OCEp 1031 (in: Camerarius 1595), p. 177 (i. D. fälschlich 181): Qui Caesaris animum clementem ad tantam iracundiam commoverunt, ii fecerunt neque prudenter neque pie. Non fuit enim huius ista temporis oportunitas (Üs.: Diejenigen, die die milde Gesinnung des Kaisers zu so großem Zorn brachten, haben weder klug noch fromm gehandelt. Denn dafür war diese Zeit nicht der rechte Augenblick.). 130 Vgl. OCEp 0512 (in: Woitkowitz 2003), 145 Z. 36 - 38: Haec etsi scribo tibi uni, tamen et in aliorum manus incidere pati passim, ut extet testimonium sententiae meae (Üs. (ebd., 147): „ Wenn auch ich Dir allein schreibe, könnte ich es dennoch ertragen, daß das auch in die Hände anderer gelangt, damit es ein Zeugnis meiner Meinung gibt. “ ). 131 Zur Identifikation vgl. die Anmerkungen bei Camerarius an Baumgartner d. Ä., 27.06.1546, bearbeitet von Manuel Huth, Moritz Stock und Vinzenz Gottlieb (23.07.2024), in: OC Online, http: / / wiki.camerarius.de/ OCEp_0628. 54 3 Camerarius und der Schmalkaldische Krieg <?page no="55"?> 3.3 Camerarius ’ Odyssee Als sich der Krieg Anfang des Jahres 1547 nach Sachsen verlagerte und der Kurfürst Johann Friedrich drohte, Leipzig zu belagern, floh Joachim Camerarius aus der Stadt und begab sich auf eine Irrfahrt durch Deutschland - wie er die Episode seines Lebens selbst bezeichnet. 132 Im Jahr 1561, vierzehn Jahre nach Ende des Schmalkaldischen Krieges, erinnert Camerarius im Proöm zu seiner Übersetzung der „ Chronologia Nicephori “ an diese Zeit und rechtfertigt sich. 133 Er sei vor allem wegen seiner Familie geflohen. Dabei lässt er unerwähnt, dass erst am 16. Juli, vier Tage vor der Achtserklärung des Kaisers gegen die Hauptleute des Schmalkaldischen Bundes, sein Sohn Gottfried auf die Welt gekommen war und auch seine anderen acht Kinder im Alter zwischen vier und achtzehn Jahren eine Flucht nicht vereinfachten. Die Fürsorge für die Familie, so schreibt Camerarius weiter, werde einem heutzutage als Vergehen ausgelegt, doch sei es keine richtige Einstellung (virtus), sich, sein Leben, seine Habe und seine Familie zu vernachlässigen, sondern Feigheit (ignavia atque timiditas). Wenn die Heimat oder der Staat einen rufe, sei es großartig und denkwürdig sich von den Seinen zu trennen (discedere), nicht aber, sie im Stich zu lassen (deserere). Seine Aufgabe im Staat sei die Bildung, die er nicht mehr habe ausführen können, da die Musen vor dem Dröhnen des Krieges fliehen würden. Eine politische Karriere habe Camerarius aus Ängstlichkeit immer ausgeschlossen (est ascribendum … inertiae et formidini, p. 4), worüber er nun froh sei (laetor), da er durch seine Beobachtung als ‚ Schriftsteller mit Distanz ‘ ( γραφεὺς ἀποσταθείς ) zu der Überzeugung gekommen sei, dass in seinem Zeitalter der Untergang des Staates drohe. 134 In den Briefen dieser Zeit wird nicht nur seine Fluchtroute, sondern auch die beständige Sorge um seine Familie, von der er sich mehrmals trennte, mehr als deutlich (Tab. 3.1). 135 132 Vgl. OCEp 0633 und 0634 (in: Camerarius 1583), p. 230 f. Vgl. Camerarius 1566b (OC 0775), p. 260, mit Werner 2010, 190. 133 Vgl. Camerarius 1561 (OC 0678), bes. p. 4 f. 134 Zu Camerarius ’ Geschichtsbild vgl. oben 2.4. 135 Überwiegend werden hier die Erkenntnisse von Woitkowitz (2003, 180 Anm. 19 - 23) zusammengetragen und in der Tabelle veranschaulicht. Vgl. auch das Itinerar im Camerarius-Wiki, in dem allerdings der Aufenthalt in Zerbst, der nur über MBW belegt ist, fehlt: https: / / wiki.camerarius.de/ Itinerar [15.11.2025] sowie Woitkowitz 2007, 408 Anm. 97. Vgl. auch Gindhart/ Hamm 2024, 24 f. In einem Brief an Baumgartner vom 09.03.1547 deutet Camerarius an, dass sie in größerer Gruppe, mit Kindern (bzw. Alten? ) und Frauen unterwegs seien, vgl. OCEp 0632 (in: Camerarius 1583), p. 229: Magno numero sumus, et turba est aetatis ac sexus imbecillis (Üs.: Wir sind in großer Zahl und die Gruppe ist hinsichtlich ihres Alters und Geschlechts schwach). Camerarius ’ Sohn, 3.3 Camerarius ’ Odyssee 55 <?page no="56"?> Datum Camerarius Familie Belege 02.01. Merseburg Merseburg MBW 4531; OCEp 1038 17.01. Zerbst unterwegs nach Nürnberg MBW 4557 20.01. Zerbst Erfurt MBW 4561 24.01. Dessau Erfurt OCEp 0631 20.02. Erfurt Erfurt OCEp 1039; OC 0678; MBW 4637, 4650 12.03. Erfurt unterwegs nach Würzburg OCEp 1040; Clemen 1907, 129. Schleusingen Schleusingen OCEp 0632, OCEp 1040 31.03. Würzburg Würzburg OCEp 0633 03.05. Würzburg unterwegs nach Nürnberg OCEp 0634 15.05. Würzburg Nürnberg OCEp 0635 28.05. Nürnberg Nürnberg OCEp 1041 09.09. Nürnberg Nürnberg MBW 4895 Tab. 3.1: Aufenthaltsorte des Camerarius und seiner Familie im Jahr 1547. Noch am 26. Dezember 1546 schreibt Camerarius an Daniel Stiebar, er warte täglich darauf aus der Stadt vertrieben zu werden, da sich der Krieg nach Sachsen verlagere. 136 Am 3. Januar berichtet er ihm dann von der überstürzten Flucht nach Merseburg zu Fürst Georg von Anhalt und bittet den Freund um Rat. 137 Er wolle seine Familie in Sicherheit bringen, halte aber den Weg nach Bamberg nicht für sicher. 138 Er schickt sie schließlich nach Nürnberg, doch gelangt sie nur bis Erfurt und kommt dort - wohl bei Georg Sturtz - unter. 139 Camerarius selbst reist von Merseburg mit dem Fürsten nach Zerbst, wo er auch auf Melanchthon trifft. 140 Am 20. Januar macht sich Camerarius dann selbst auf den Weg über Dessau zu seiner Familie nach Erfurt, wo er am 20. Februar eintrifft und sein weiteres Vorgehen bedenkt. 141 Wenn es in seiner Hand läge, so schreibt er wiederum an Stiebar, wolle er bei seiner Familie Joachim II, notierte auch einige Stationen in der handschriftlich überlieferten Collectio Camerariana (BSB München, clm 10376, fol. 10 v bzw. 18 v = S. 50 im Digitalisat, https: / / www.digitale-sammlungen.de/ view/ bsb00111092? page=50%2C51, 15.11.2025) (Hinweis von J. Hamm). 136 Vgl. OCEp 1037 (in: Camerarius 1595), p. 183 f.: Ego indies exspecto, dum eii-||ciar. 137 Er war bereits am 2. Januar in Merseburg angekommen: vgl. MBW 4531. 138 Vgl. OCEp 1038. Vgl. Woitkowitz 2003, 43. 139 Vgl. MBW 4561. Vgl. Camerarius 1561 (OC 0678), p. 3. 140 Vgl. Woitkowitz 2003, 180 Anm. 21 und 22. MBW 4557, 4561, 4566 und OCEp 0631. 141 Vgl. OCEp 1039. 56 3 Camerarius und der Schmalkaldische Krieg <?page no="57"?> sein. 142 Doch am 12. März schreibt er ihm, er habe Frau und Kinder nach Schleusingen (zu Johann Forster) geschickt, von wo aus sie nach Würzburg (zu Stiebar) weiterreisen sollen, eine Entscheidung, die ihm offenkundig schwer gefallen war und die ihn plagt (plane iners dimisi familiam meam). 143 Der Grund sei, dass er selbst von Fürst Georg zurück nach Merseburg gerufen worden sei und sich ihm aufgrund seiner Hilfsbereitschaft verpflichtet fühle. 144 Letztlich entschließt er sich jedoch dazu, seiner Familie zu folgen, trifft sie vermutlich in Schleusingen und gelangt mit ihr am 31. März nach Würzburg, wo Daniel Stiebar sie überaus herzlich empfängt. 145 Dort bleiben sie den April über, bis Camerarius seine Familie (vielleicht mit dem auf den 03.05. datierten Brief? ) zu Hieronymus Baumgartner nach Nürnberg schickt. 146 Am 15. Mai dankt er Baumgartner im Namen seiner Familie für dessen Freundlichkeit und lässt Frau, Kinder und Schwager grüßen. 147 Er macht sich wenig später selbst auf nach Nürnberg und meldet Stiebar mit einem Brief vom 28.05. seine wohlbehaltene Ankunft. 148 In Nürnberg bleibt Camerarius mit seiner Familie den Sommer über, bis er im September nach Leipzig zurückgerufen wird, 149 wo er spätestens am 21.10. ankam. 150 Seine Familie blieb noch einige Zeit in Nürnberg und Camerarius besuchte sie im Januar 1548 kurz. 151 Erst am 13. Mai 1548 kehrten sie wieder zu ihm nach Leipzig zurück. 152 3.4 „ De Bello Smalcaldico “ 3.4.1 Werkgenese Im Proöm schreibt Camerarius, seine Motivation, den Krieg aufzuschreiben, sei gewesen, dass es vermutlich viele geben werde, die das, was jetzt geschehen ist 142 Vgl. OCEp 1039 (in: Camerarius 1595), p. 186: Ego vero si possem, cum meis esse vellem (Üs.: Ich aber wollte, wenn ich könnte, mit den Meinen sein.). 143 Vgl. OCEp 1040 (in: Camerarius 1595), p. 187. Vgl. Woitkowitz 2003, 180 Anm. 22 mit Verweis auf Clemen 1907, 129. An Georg von Anhalt schreibt Camerarius, seine Familie sei mit Esrom Rüdinger unterwegs. 144 Vgl. OCEp 1040 und OCEp 0244. 145 Vgl. OCEp 0633. Camerarius erinnert in der Melanchthon-Vita in diesem Kontext ausführlich an Stiebar. Vgl. Camerarius 1566b (OC 0775), p. 260 mit Werner 2010, 190 f. Er erwähnt dort auch das Grabepigramm auf den 1555 verstorbenen Stiebar (OC 0628). 146 Vgl. OCEp 0634. 147 Vgl. OCEp 0641. 148 Vgl. OCEp 1041 149 Vgl. MBW 4895. 150 Vgl. MBW 4935 151 Vgl. MBW 5005. 152 Vgl. MBW 5165; vgl. MBW 5086. 3.4 „ De Bello Smalcaldico “ 57 <?page no="58"?> ( τὰ νυνὶ γεγονότα ), nicht objektiv berichten werden. 153 Er kennt offenbar noch keine anderen Historiker und Georg Voigt vermutet daher, dass das Werk „ bald nach dem Abschluss der Kriegsereignisse, nach der Mühlberger Schlacht “ 154 verfasst worden ist, jedoch bevor die Geschichte von Karls General Luis d ’ Ávila in lateinischer Übersetzung vorlag. So ergäbe sich für die Entstehungszeit ein Fenster von 1547 bis 1550. 155 In einem Brief an Christoph von Karlowitz, der auf den 22. Mai 1547 datiert ist, 156 schreibt Camerarius, dass er die Arbeit an einer Abhandlung (commentatio) über Mäßigung (moderatio) und Milde (clementia), die er seinem Freund Karlowitz widmen wollte, wegen dessen Verhalten unterbrochen habe: Pro nostra necessitudine … missurus eram ad te quaedam composita vel potius inchoata in hac peregrinatione mea de moderatione et clementia, quae in potentiae magnitudine pulcherrima virtus semper habita fuit, cum defertur ad me ea te dixisse cum mentione mei, ut dubitarem, quo animo in me esses. Itaque sustuli manum, et calamum repressi, ac supersedendum putavi huic labori absolvendi inceptam commentationem et eam mittendi ad te. „ Gemäß unserer Freundschaft … hatte ich vor, Dir etwas zu schicken, was ich auf dieser meiner Wanderschaft über Mäßigkeit und Milde, die bei Machtfülle immer als die vortrefflichsten Tugenden galten, verfaßt oder besser begonnen hatte, als mir hinterbracht wird, daß Du mit einer derartigen Erwähnung von mir gesprochen hast, daß ich zweifelte, mit welchem Sinn Du zu mir stündest. Und so hob ich die Hand auf, hielt die Feder zurück und glaubte überhaupt, diese Mühewaltung zur Beendigung der begonnenen Abhandlung und ihre Zusendung an Dich unterlassen zu müssen. “ Text und Übersetzung: Woitkowitz 2003 (epist. 15,1) Torsten Woitkowitz sieht in der erwähnten commentatio aus guten Gründen das BS: Erstens sei das Werk während des Krieges angefangen worden. Darauf deute - abgesehen von Camerarius ’ Motivation, τὰ νυνὶ γεγονότα darzulegen - auch der präsentische Aspekt von καθέστηκε im Einleitungssatz des BS hin. Zweitens sei das BS - wie die erwähnte commentatio - unvollendet. Drittens erwähne Camerarius in einem Brief vom 26. Juli 1546 an Stiebar den milden Geist (animus clemens) des Kaisers, der zu einem so großen Zornesausbruch (tanta iracundia) gebracht worden sei, was sowohl zu der Erwähnung von clementia und moderatio im Brief an Karlowitz passe, als auch zum BS, wo Karl als recht maßvoll und die Bündner als hochmütig dargestellt würden. 157 153 Vgl. Freher 1611 (h1), p. 389. 154 Voigt 1874, 682. 155 Vgl. Voigt 1874, 596 - 598; vgl. Woitkowitz 2003, 177. 156 Zur Datierung vgl. Woitkowitz 2003, 174. 157 Vgl. Woitkowitz 2003, 176 f. 58 3 Camerarius und der Schmalkaldische Krieg <?page no="59"?> Die Identifikation der commentatio mit dem BS ist vor allem aufgrund des dritten Arguments überzeugend: Denn tatsächlich versucht Camerarius im BS, dem Leser ausführlich den plötzlichen Meinungsumschwung Karls, der seinen sonstigen Positionen so völlig widersprach, klar zu machen, und philosophiert zudem länger über die unmäßige Selbstüberschätzung des Schmalkaldischen Bundes sowie die Maßlosigkeit der Flugblätter. Außerdem sind - wie oben (2.3.3) gezeigt wurde - Staatsmänner für Camerarius die bevorzugten Widmungsempfänger seiner historischen Werke. Karlowitz hatte er jedoch bis dahin (und auch später) kein historisches Werk zugedacht. Geht man davon aus, dass die im Brief an Karlowitz erwähnte Unterbrechung dieselbe Zäsur ist, mit der unser Text aufhört und das Supplement des Simon Stenius beginnt, kommen bei einem Abgleich mit Camerarius ’ Aufenthaltsorten während des Krieges (s. o. 3.3) vor allem die Zeiträume von Juni/ Juli bis Dezember 1546 (als er in Leipzig war) und April bis Mitte Mai 1547 (als er in Würzburg war) als Abfassungszeiten in Frage. Womöglich fand er auch Ende Februar/ Anfang März in Erfurt Zeit, an dem Werk zu arbeiten. Somit ist es sehr plausibel, dass er tatsächlich bei Ausbruch des Krieges begonnen und den Großteil des Werkes noch 1546, vor der Flucht aus Leipzig verfasst hat. 158 Eine Prolepse des Sieges Karls im Kapitel 7 deutet jedoch darauf hin, dass er auch nach der Schlacht bei Mühlberg noch Passagen überarbeitete. 159 Der Grund, warum er nach der Unterbrechung der Schrift im Mai 1547 nicht wieder anfing zu schreiben, liegt in dem mit der Erinnerung an den Krieg verbundenen Trauma. Dies gesteht der Humanist erstmals 1555 in der Anhalts- Vita: … cum post obitum Martini Lutheri … ea negocia Rempublicam conturbarunt, quorum cum omnibus bonis recordatio acerbissima et tristissima sit, non est quasi agitanda expositione nostra communium calamitatum moesticia. Quas quoties reminiscor, et cohorresco tota mente, et deploro fortunam patriae. … || … Sed cum pudore tum dolore prohibeor, quo minus urgeam mentionem turpitudinis et detrimentorum gentis nostrae, et patriae clades atque ignominiam quoniam averti non potuerunt, oblivione obrui posse optarim, ut nostra propria ista mala et dedecora sint, neque quicquam de his ad posteritatem derivetur. Quapropter hactenus attigisse illa incurrentem narrationem nostram satis sit. … als nach dem Tod Martin Luthers … diejenigen Verhältnisse den Staat verwirrten, an die sich alle Guten nur mit größter Bitterkeit und Traurigkeit erinnern, weshalb die Wehmut über das allgemeine Unglück durch meine Darlegung nicht aufgewühlt werden muss. Jedes Mal, wenn ich mich daran erinnere, schrecke ich im Innern ganz 158 Vgl. dazu unten 3.4.4 bei Anm. 186. 159 Vgl. BS 397,12 f. mit Kommentar. Vgl. BS 411,20 f. 3.4 „ De Bello Smalcaldico “ 59 <?page no="60"?> zusammen und beklage das Schicksal des Vaterlandes. … Doch sowohl Scham als auch Schmerz halten mich ab, die Erinnerung an Schande und Schaden unseres Volkes eifrig zu verfolgen. Und da man die Beschädigung und Schande des Vaterlands nicht abwenden konnte, wünschte ich, es könnte in Vergessenheit verhüllt werden, sodass diese Geschehnisse unsere ganz eigenen Übel und Schandflecke blieben und sie nicht an die Nachwelt weitergeleitet würden. Daher soll es reichen, dass unsere Erzählung jene Geschehnisse, da sie auf sie gestoßen ist, nur soweit berührt hat. Camerarius 1555 (OC 0614), fol. BB6 r - v In seiner sechs Jahre später erschienenen, gekürzten, deutschen Fassung streicht Camerarius den hier zitierten Passus mit Ausnahme des ersten Satzes. 160 Der Wunsch, historische Ereignisse aus persönlicher Emotion heraus dem Vergessen preiszugeben widerspricht Camerarius ’ Vorstellungen eines guten Historikers. 161 So entschuldigt er sich auch im oben bereits erwähnten Proöm zur Chronik des Nikephoros (1561), das inhaltlich klar im Kontext des Schmalkaldischen Krieges steht, dass er aufgrund dieser Tatsache nicht als Historiker tätig werden kann und zieht dabei antike Gewährsmänner als Unterstützer heran: Nostra autem non ita diu ante virtutis nomine celeberrima Germania, quae tot et tam praestantibus rectoribus auxit Imperium Romanum, in qua nuper omne robur huius dignitasque et salus reposita esse, et verti cardines Reipublicae credebantur (heu mihi, cum quanto dolore hoc ab amatore patriae suae dici necesse est) de quo fastigio, quam subito cecidit? Ἡγεμόνων κακότητι , μεθημοσύνῃσί τε λαῶν . Dicendum enim est verum. Neque ego possum, prae tristicia, et quia invideo hanc inimicis laeticiam, mandare literis horum tam atrocium malorum et tantarum calamitatum caussas: neque volo me dupliciter affligere, ὁρῶν τὰ δεινὰ , καὶ λέγων , secundum Tragoediam: et cum ferendo communes miserias, tum indignando atque irascendo in commemoratione caussarum, quae, ut ait Cicero, plus movent quam ipsa eventa. Doch unser Deutschland, das nicht lang zuvor noch sehr reich an rühmlicher Tüchtigkeit war, das das Römische Reich durch so viele und so herausragende Herrscher mehrte, in dem neulich noch die ganze Kraft, Würde und das Wohl des Reiches ruhten, und wo, wie man glaubte, die Türen des Staates geöffnet werden - weh mir, mit welchem Schmerz muss das von einem Verehrer seines Vaterlands gesagt werden: Wie plötzlich fiel es von diesem Höhepunkt herab? Durch die 160 Vgl. Melanchthon 1561 (OC 0675), fol. *ii r : … da der gestalt hendel und sachen fürgefallen/ dadurch solcher jammer erregt/ das hiervon zu schreiben kleglich und bekümmerlich. Dazumal war Doctor Martinus Luther in Gott verschieden. 161 Einen ähnlichen Wunsch äußert er in seiner Quellenkritik im Kontext der Vita Jesu Christi: OCEp 1461 (in: Camerarius 1566), fol. Aa1 r : Atque utinam ista omnia possent perpetuo silentio penitus obrui (Üs.: Und könnte doch all dies in dauerhafter Stille gänzlich begraben werden.). 60 3 Camerarius und der Schmalkaldische Krieg <?page no="61"?> Schlechtigkeit der Anführer und die Nachlässigkeit des Volkes. 162 Gesagt werden muss nämlich, was wahr ist. Und ich kann aus Traurigkeit und weil ich den Feinden diese Freude missgönne, die Ursachen dieser so fürchterlichen Übel und so großen Unglücke nicht in Worte fassen. Ich will mich nämlich nicht doppelt demütigen: Als Augenzeuge und Berichterstatter der Schrecken, wie es in der Tragödie heißt, 163 und dabei sowohl das Elend des Gemeinwesens ertragen und mich ärgern und zürnen, wenn ich über die Ursachen nachdenke, was, wie Cicero sagt, 164 einen mehr erschüttert als die Ereignisse selbst. Camerarius 1561 (OC 0678), p. 10 Und schließlich begegnen uns dieselben Gedanken auch bei der Behandlung des Schmalkaldischen Krieges in der Melanchthon-Vita von 1565. Als sich der Schmalkaldische Krieg inhaltlich anbahnt, hält der Humanist kurz inne und schildert seine Zweifel an der Abfassung der Schrift, fährt jedoch fort, in der Meinung, dass er damit „ eine allen anständigen Menschen sehr willkommene Arbeit machen würde. “ 165 Verum de his et aliis, quae tunc bello confecto consulta factaque fuerunt, ne vel indicii caussa, sicut de aliis, verba faciendo essem longior, per mihi multa obstiterunt, sed omnium maxime dolor et moesticia animi in recordatione eorum, quae cum non possem in veritatis commemoratione, ordine et recte esse facta perhibere, ne criminando tamen exagitarem, aut quamvis leniter repraehenderem, pudoris mei esse censui, et, quid adeo vel iucundi vel fructuosi habiturae essent narrationes istae || non sane videbam. „ Aber dass ich - und sei es, um, wie über andere Ereignisse Angaben zu machen - bei meinen Ausführungen über dieses und anderes, was damals nach Beendigung des Krieges erwogen und getan worden ist, ausführlicher würde, dagegen sprachen bei mir viele Umstände. Der gewichtigste von allen war der Schmerz und die Wehmut bei der Erinnerung an Vorfälle, von denen ich zwar wahrheitsgemäß nicht sagen konnte, dass ordnungsgemäß und richtig verfahren sei, in Bezug auf die ich jedoch meinte, dass es ein Gebot der Gewissenhaftigkeit sei, nicht durch Schuldzuweisungen zu hetzen, noch - und sei es auch nur sanft - zu tadeln. Und ich sah in der Tat nicht ein, was diese Berichte so sehr Angenehmes und Nützliches haben würden. “ Text: Camerarius 1566b (OC 0775), p. 262 f., Übersetzung: Werner 2010, 192 Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass Camerarius sicherlich in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu den Kriegsereignissen das BS verfasste. Die Zuordnung zum Jahr 1546, die sich in Georg Summers Katalog der Schriften 162 Vgl. Hom. Il. 13,108. 163 Vgl. Aischyl. Eum. 33. 164 Vgl. Cic. Att. 9,5,2. 165 Werner 2010, 185. Vgl. Camerarius 1566b (OC 0775), p. 246 - 251 mit Werner 2010, 183 - 185 (§ 69). 3.4 „ De Bello Smalcaldico “ 61 <?page no="62"?> des Camerarius findet, 166 mag nicht für die ganze Schrift stimmen, da Camerarius mit der Belagerung von Leipzig auch von Kriegsereignissen des Jahres 1547 berichtet und eine Veröffentlichung erst nach Camerarius ’ Tod belegt ist, doch dürfte er den Großteil des Werkes in diesem Jahr verfasst haben. 3.4.2 Ἐδόκει χρηστέον Ἑλληνικῇ γλώττῃ - Griechisch zu schreiben schien nötig Zweifellos hatte die Kenntnis griechischen Sprache besondere Bedeutung für protestantischen Humanisten, 167 doch warum schreibt Camerarius das BS auf Griechisch? Er selbst beantwortet die Frage im Proöm mit der etwas unklaren Aussage, ihr Gebrauch schien notwendig zu sein ( ἐδόκει … χρηστέον ), damit auch irgendwie den Griechen darüber die Wahrheit beigebracht wird ( ἵνα καί πως οἱ Ἕλληνες διδαχθεῖεν περὶ τούτων τὴν ἀλήθειαν , BS 390,20 f.). Es ist nicht unplausibel, dass Camerarius hier an den von Korfu nach Venedig migrierten Gelehrten Antonios Eparchos denkt: Dieser hatte 1543 an Melanchthon geschrieben (MBW 3179) und den Humanisten aufgefordert, im Angesicht der Türkengefahr für eine Einigung im Kirchenstreit in Deutschland zu sorgen. Obwohl Melanchthon eine Antwort plante, 168 reagierte er nie auf den Brief und so war es Camerarius, der eine Antwort verfasste: 169 Darin schildert er dem Griechen ausführlich den Kirchenstreit, stellt die lutherische Lehre derjenigen der Papisten polemisch gegenüber und betont die Bemühungen Melanchthons um eine friedliche Lösung. Auch Karl V. erscheint als positive 166 Vgl. Summer 1646, fol. B2 r . Summers Katalog basiert auf dem handschriftlichen Katalog, der von Joachim Camerarius oder seinen Söhnen geschrieben wurde und in der „ Collectio Camerariana “ überliefert ist; Summer selbst verweist im Vorwort darauf (vgl. Summer 1646, fol.)(3 r ; vgl. Catalogus (Hs.); zu Ludwig Camerarius vgl. Schubert 2013; zur „ Collectio Camerariana “ ebd. 442 - 456). Darin wird das BS unter dem Titel Commentarius de bello (quod vocant) Smalcaldico nicht wie bei Summer unter 1546, sondern unter der Überschrift Imperfecta tam Graeca quam Latina varii generis aufgeführt (vgl. fol. 127 r - 128 r , im Digitalisat S. 266 - 268) und ist mit der handschriftlichen Sigle LC versehen. Sie steht für Ludwig Camerarius, der dieses und andere Manuskripte später publizierte und dies im Katalog mit der Sigle (teils auch mit dem Vermerk editum) kennzeichnete. Die Datierung auf 1546 ist also nicht von Camerarius selbst verbürgt, sondern geht auf Summer zurück, der den Eintrag des (inzwischen edierten) BS umgestellt hat. Da hierfür keinerlei Gründe genannt werden, ist Summers Zuordnung für die Datierung des Werks ohne Beweiskraft (Hinweis von J. Hamm). 167 Vgl. Lamers/ Constantinidou 2020 (bes. 12 - 15 mit Anm. 51 für weitere Literatur). 168 Vgl. MBW 3849,9. 169 Vgl. OCEp 1459 (in: Camerarius 1545c), fol. C2 r - D6 v . 62 3 Camerarius und der Schmalkaldische Krieg <?page no="63"?> Figur zwischen verkommenen Fürsten und Bischöfen. 170 Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht der zeitlichen Nähe zur Abfassung des BS könnte Camerarius das BS also auf Griechisch konzipiert haben, um für Eparchos die Eskalation der Lage in Deutschland weiter zu erklären. Darüber hinaus ist es nicht unwahrscheinlich, dass Camerarius 1546 noch unter dem Einfluss seiner wenige Jahre zuvor erschienenen Thukydides- und Herodot-Editionen (1540/ 41) stand und deshalb selbst - die antiken Vorbilder imitierend - tätig werden und seine Fähigkeiten unter Beweis stellen wollte. 171 So freut sich Melanchthon 1547 etwa auch darüber, dass Camerarius die Confessio Augustana für studiosi ins Griechische übersetzt. 172 Für eine didaktische Intention - d. h. dass er mit dem BS ein Medium für den Unterricht schaffen wollte, wie ein Geschichtswerk idealerweise auszusehen hat - finden sich keine Hinweise. 173 Möglicherweise wollte Camerarius dem BS durch die Wahl der Sprache und des Vorbilds Thukydides, eine weltgeschichtliche Dimension verleihen. Nicht auszuschließen ist auch ein eher praktischer Grund für die Verwendung der griechischen Sprache: Wenn man davon ausgeht, dass Camerarius in den Kriegswirren mit dem Manuskript auf der Flucht war, konnte die griechische Sprache für ihn als eine Art ‚ Geheimcode ‘ fungieren, der ihm einen gewissen Schutz vor Schwierigkeiten bot, wenn er mit dem Manuskript aufgegriffen wird: 174 Die lateinische Sprache dagegen dürfte zumindest einem Offizier sicherlich bekannt gewesen sein. Zusammenfassend kann keine abschließende Antwort auf die Frage nach der Sprachwahl gegeben werden und ein Zusammenspiel der hier genannten Erklärungsmöglichkeiten scheint durchaus denkbar. 3.4.3 Überlieferung Die Überlieferungsgeschichte des BS lässt sich in drei Abschnitte gliedern: Am Anfang steht ein unveröffentlichtes Manuskript, auf dem die lateinische Übersetzung des Simon Stenius beruht. Darauf folgt die Erstveröffentlichung in Band drei der Reihe „ Germanicarum Rerum Scriptores Varii “ von Marquard 170 Vgl. Camerarius an Irenäus, 02.06.1544, bearbeitet von Jochen Schultheiß (19.07.2024), in: OC Online (URL: http: / / wiki.camerarius.de/ OCEp_1459). Vgl. oben 3.2 bei Anm. 127. 171 Vgl. Voigt 1874, 683. Vgl. Schultheiß 2020, 150. 172 Vgl. MBW 4870 (Hinweis von J. Hamm). 173 Vgl. Schultheiß 2020, 161 mit Anm. 41. Martin Crusius, dessen Bericht im Druck direkt auf das BS folgt, bekennt dagegen eindeutig, aus Gründen der Stilübung beide Sprachen zu verwenden (vgl. unten Anm. 183). 174 Vgl. oben Anm. 130. 3.4 „ De Bello Smalcaldico “ 63 <?page no="64"?> Freher aus dem Jahr 1611. Die Neuauflage des Bandes durch Burcard Gotthelf Struve im Jahre 1717 bildet schließlich den letzten Abschnitt. In der Neuauflage schreibt der Herausgeber Struve in einem Brief an den Leser: 175 Reperitur haec Historia in Catalogo Scriptorum eiusdem, quam breviter quidem, ast accurate descripsit Camerarius. Dieses Geschichtswerk wurde in einem Katalog von Schriften des Camerarius gefunden, das derselbe zwar in knapper Form, doch sorgfältig niederschrieb. Struve 1717 (a), p. 458 Der Historiker Georg Voigt missversteht den Text und sucht nach einem „ Katalog, welchen Camerarius geschrieben “ 176 hat bzw. nach einem Originaldruck der Schrift, findet in Leipzig jedoch nichts dergleichen. Offenbar verweist Struve damit auf das handschriftliche Verzeichnis der Schriften des Camerarius, das heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München liegt. Dort erscheint das BS in einer Reihe unvollendeter Werke (Imperfecta tam Graeca quam Latina varii Generis) unter dem Titel Commentarius de bello (quod vocant) Smalcaldico. Daneben findet sich ein Monogramm des Ludwig Camerarius, mit dem angedeutet wird, dass das Werk publiziert wurde. 177 Voigt betont, dass eine Veröffentlichung vor derjenigen in Frehers Reihe nicht belegt sei. Über die Abläufe der Überlieferung schreibt er: „ Simon Stenius aus Lommatzsch, Professor der griechischen Literatur zu Heidelberg, übersetzte die Schrift ins Lateinische, setzte sie fort und schickte sie in beiden Sprachen an Freher mit einem Briefe vom 18. Juli 1606. So kam das Buch in die Freher ’ sche Sammlung “ . 178 Diese Annahme ist unvollständig, denn Voigt übersieht, dass Stenius das Werk mit dem erwähnten Brief an Freher zurück-sendet: 179 Remitto ad te, Vir nobilissime, Camerarii ξυγγραφὴν Latine a me redditam. Ich sende dir, edelster Herr, Camerarius ’ Abhandlung mit meiner lateinischen Übersetzung zurück. Freher 1611 (h1), p. 388 Bevor die Schrift von Stenius bearbeitet wurde, war sie folglich schon einmal bei Freher. Dass das BS überhaupt in den Druck gegangen ist, ist nämlich dem 175 Text und Übersetzung des Briefes befindet sich im Anhang (D) 1. 176 Vgl. Voigt 1874, 681 mit Anm. 106. Das Relativpronomen quam ist auf historia und keinesfalls auf catalogus zu beziehen. 177 Vgl. Catalogus (Hs.), fol. 127 r - 128 r = S. 266 - 268 im Digitalisat. Der Katalog wurde später gedruckt: Vgl. Summer 1646, vgl. oben Anm. 166. 178 Voigt 1874, 681 f. 179 Text und Übersetzung des Briefes befindet sich im Anhang (D) 1. 64 3 Camerarius und der Schmalkaldische Krieg <?page no="65"?> Enkel des älteren Camerarius, Ludwig, zu verdanken. Eine entsprechende Anmerkung findet sich im Inhaltsverzeichnis der Drucke: 180 Insigni humanitate C. V. Ludovici Camerarii auctoris Nepotis Consiliarii Palatini ad exornationem singularem huiusce Tomi peramice nobis suppeditata. Durch die außerordentliche Freundlichkeit des hochberühmten Herrn Ludwig Camerarius, dem Enkel des Autors und kaiserlichen Rat, uns zur besonderen Zier dieses Bandes freundlichst zur Verfügung gestellt. Freher 1611 (h1), p. 3 Das BS lag also offenbar eine Zeit lang im Familienarchiv der Camerarii. Ludwig schickte es Marquard Freher, zusammen mit handschriftlichen Notizen seines Großvaters, die die historischen Ereignisse zwischen den Jahren 1550 und 1561 behandelten. Freher formulierte letztere Aufzeichnungen selbst aus und veröffentlichte sie im dritten Band. 181 Das BS aber leitete er zur Bearbeitung an Stenius weiter, der es ihm dann im Juli 1606 mit der lateinischen Übersetzung zurückschickte. Dies ist nicht unbedeutend für die Edition: Simon Stenius lag offenbar das Manuskript aus dem Familienarchiv der Camerarii vor und seine lateinische Übersetzung fußt darauf. Folglich kann sie wichtige Hinweise liefern, da sie Fehler im griechischen Text, die erst beim Druck entstanden sind, noch nicht enthält. Als Beispiel mag die folgende Stelle dienen, an der offensichtlich ein Wort ausgefallen ist: Camerarius erwähnt in einer Art Exkurs zur Stadt Halle die Roland-Statuen, die Karl der Große in Sachsen habe aufstellen lassen. … καὶ ἐκέλευσε τῆς ὑπηκοῆς σημεῖον τὸν τοῦ Ῥουλανδοῦ ἀνδριάντα ἀναστῆσαι ἐνδεικνύμενος ἅμα ὅτι ἐλευθερίας τῆς προτέρας διὰ τὴν < ἀρετὴν > τῶν ἀμφὶ αὐτὸν ὧν πρῶτος ἦν ὁ ἀδελφιδοῦς ἐστερήθησαν … … und [Karl der Große] befahl, die Statue von Roland als Zeichen des Gehorsams aufzustellen. Damit zeigte er zugleich, dass sie wegen der <Tapferkeit> der Krieger um ihn, deren bester sein Neffe gewesen war, ihrer früheren Freiheit beraubt worden sind … 180 Ludwig Camerarius kennzeichnete das Werk, das im handschriftlichen Schriftenkatalog unter den unveröffentlichten Werken stand, mit seinem Signum LC als veröffentlicht: Vgl. Catalogus (Hs.), fol. 128 r = S. 268 im Digitalisat (vgl. oben. Anm. 166). Vgl. Hortleder 1645, fol. aii v Anm. 12. 181 Im Inhaltsverzeichnis (Freher 1611 (h1), fol.)()(2 r ), das nicht in allen Drucken enthalten ist, bzw. vor der Schrift selbst (Freher 1611 (h1), p. 460 = fol. Qq2 v ) findet sich folgende Anmerkung: Ex adversariis eius [sc. Camerarii] manu exaratis, apud praedictum D. Ludovicum eius nepotem asservatis, summa fide et diligentia descripta per M. F. (Üs.: Aus den handschriftlichen Notizen des Camerarius gewonnen, die bei seinem zuvor genannten Enkel Ludwig aufbewahrt wurden. Mit größter Zuverlässigkeit und Sorgfalt niedergeschrieben von M[arquard] F[reher]). 3.4 „ De Bello Smalcaldico “ 65 <?page no="66"?> … praecepitque erigi obedientiae signum Rulandi statuam, simul ostendens, eos libertate pristina, virtute suorum ex quibus primus erat sororis filius, privatos esse … Freher 1611 (h1), p. 418 Im griechischen Text fehlt offenkundig ein feminines Substantiv zu διὰ τὴν . Diese Lücke kann mithilfe von Stenius geschlossen werden, denn dieser übersetzt virtus. Im griechischen Text ist folglich ἀρετὴν , Tapferkeit, zu ergänzen. Der lateinische Text wird in der vorliegenden Edition jedoch nur vorsichtig für Eingriffe herangezogen und darf keinesfalls höher bewertet werden als der griechische Ausgangstext. Die Übersetzung richtet sich im Satzbau zwar meist nach dem Originaltext, doch teilweise muss Stenius aufgrund mangelnder sprachlicher Äquivalente auch umformulieren und ist zudem sicherlich auch selbst nicht vor Fehlern gefeit. Phänomene, die in der Übersetzung öfter auftreten, aber bei der Edition ignoriert wurden, sind vor allem Hinzufügungen von Pronomina, Änderungen von Pronomina (z. B. ille für ὅδε ), Einfügung kleinerer Wörter und Partikel (z. B. omnis, ceterum), Tausch der Wortreihenfolge (z. B. bei zwei Attributen). Dem BS kommt in Frehers „ Germanicarum rerum scriptores “ eine prominente Stelle zu. Denn es leitet den Themenkomplex um den Schmalkaldischen Krieg ein, der interessanteweise auch in zwei darauffolgenden Werken auf Latein und Griechisch behandelt wird: Auf das BS folgen nämlich ein Bericht des Martin Crusius über das Schicksal seiner Eltern während des Krieges (der 1584 erstveröffentlicht worden war) 182 und eine Vita des Moritz von Sachsen von Simon Stenius. Crusius bekennt im Widmungsbrief ausdrücklich, aus Gründen der Stilübung beide Sprachen zu verwenden. 183 Stenius äußert sich dagegen im Widmungsbrief zur Moritz-Vita nicht zur Sprachwahl, doch ließ er sich vielleicht vom BS inspirieren, denn im oben erwähnten Brief an Freher schreibt er, dass die Vita die Ereignisse des BS fortführten. 184 182 Vgl. VD16 H 1676. 183 Vgl. Freher 1611 (h1), p. 425: Quas res ego aliquot annis post, utriusque linguae in re vera et chara exercendae causa, in libellum conieceram (Üs.: Dies hatte ich einige Jahre später in einem Büchlein vorgebracht, um beide Sprachen bei einem wahren und geschätzten Thema zu üben.). 184 Vgl. Freher 1611 (h1), p. 388: Nam quae secuta, ex vita Mauritii peti poterunt, vel multo magis ex aliis luculentis historicis (Üs.: Denn die Folgeereignisse konnten freilich aus der Biographie des Moritz [von Sachsen] entnommen werden oder vielmehr von anderen bedeutenden Historikern.) (Hinweis von J. Hamm). 66 3 Camerarius und der Schmalkaldische Krieg <?page no="67"?> 3.4.4 Aufbau und Inhalt Das Werk ist in den Drucken nicht gegliedert. In der lateinischen Übersetzung des Stenius werden wenige Abschnitte - so vor allem die drei großen Teile „ Proöm “ , „ Ursachenforschung “ und „ Krieg “ - durch Absätze gekennzeichnet. Randglossen haben teils den Charakter einer Überschrift, kommentieren jedoch auch häufig nur den Inhalt und steuern zu den teils kryptischen Formulierungen Namen bei. Für die Edition wurden Sinnabschnitte mit Kapitelnummern versehen und in der Übersetzung mit Überschriften präzisiert. Übersicht über den Aufbau des BS 1. Proöm 2. Die Protestation zu Speyer [1529] 3. Der Reichstag zu Augsburg [1530] 4. Folgezeit und Gründung des Schmalkaldischen Bundes [1531 - 1539] 5. Karls Einigungsbemühungen [1540 - 1544] 6. Krise des Schmalkaldischen Bundes 7. Karls Sinneswandel [1544 - 1546] 8. Irritation bei den Bündnern 9. Gründe für Karls Sinneswandel 10. Kritik am Klerus: Ablasshandel 11. Kritik am Klerus: Lebenswandel 12. Kritik am Klerus: Epilog 13. Das versprochene General-Konzil 14. Der Beginn des Schmalkaldischen Krieges 15. Sittenverfall in Deutschland 16. Donaufeldzug und Flugschriftkrieg 17. Kritik der Maßlosigkeit ( „ Philologenschelte “ ) 18. Wendung bei Ingolstadt 19. Verstärkung aus den Niederlanden 20. Seuche in den Heeren 21. Karls List: Der Herzog von Meißen 22. Reaktion des sächsischen Kurfürsten 23. Der Schmalkaldische Bund löst sich auf 24. Offensive des Herzogs von Meißen 25. Karl entsendet den Markgrafen [Albrecht Alcibiades] 26. Halle (Roland-Exkurs) 27. Die Belagerung von Leipzig 28. Aufbruch des Kaisers nach Sachsen 29. [Ergänzung des Simon Stenius: ] Das Ende des Krieges 3.4 „ De Bello Smalcaldico “ 67 <?page no="68"?> Nach dem einleitenden Proöm (1.), in dem der Autor die Gründe für die Abfassung der Schrift nennt sowie die eigene Eignung und Identität, folgt ein ereignisgeschichtlicher Abriss beginnend bei der Protestation von Speyer 1529 bis zum Reichstag von Regensburg 1546 (2. - 8.), wobei Camerarius ’ Blick vor allem auf die Handlungen des Kaisers und der Protestanten bzw. ab 1531 des Schmalkaldischen Bundes gerichtet ist. Der Humanist schließt daran jedoch nicht die Kriegsereignisse an, sondern wendet sich dem Religionsstreit und der Rolle des Klerus zu (9. - 13.). Dazu springt er zeitlich zurück zum Reichstag von Speyer 1526, als den protestantischen Ständen ein Konzil zur Klärung der Religionsstreitigkeiten versprochen wurde, und zeichnet die Versuche, das Konzil einzuberufen nach. Breiten Raum nimmt dabei seine Kritik am Klerus ein (10. - 12.). Daraufhin berichtet Camerarius von den eigentlichen Kriegsereignissen (14. - 28.) und unterbricht die Darstellung zu Beginn durch zwei exkursartige Kapitel zum Sittenverfall (15.) und der Maßlosigkeit der Flugblätter (17.). Die Darstellung bricht mit dem Aufbruch des Kaisers nach Sachsen ab. Simon Stenius setzte die Geschichte fort und berichtet vom Eintreffen des Kaisers, der Schlacht bei Mühlberg und der Gefangennahme des Kurfürsten Johann Friedrich (29.). Inhaltlich besonders auffällig ist, dass Camerarius keinen der protestantischen Kriegsbeteiligten mit Namen nennt. 185 So werden die Anführer der Schmalkaldener, Landgraf Philipp von Hessen und Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, stets mit Wendungen wie „ der Herrscher von Hessen “ ( ὁ τῆς Ἡσσίας ἄρχων ) und „ der Sachse “ ( ὁ Σαξονικός ) umschrieben und auch der Name des auf Seiten des Kaisers kämpfenden, jedoch protestantischen Herzogs Moritz fällt nicht: Stets ist die Rede vom Herzog von Meißen bzw. Herzog der Meißener ( ὁ τῆς Μυσίας / τῶν Μυσῶν ἡγεμών ). Stenius bricht mit dieser Regel im Supplement ( Μαυρίκιος ). Kaiser Karl und auch sein Bruder Ferdinand werden dagegen namentlich oder mit ihrem Titel ( Καῖσαρ , αὐτοκράτωρ bzw. βασιλεύς ) genannt. Bemerkenswert ist hier, dass Camerarius den Kaiser auf den ersten 22 Seiten des Werkes nahezu ausschließlich Κάρολος nennt - teilweise mit dem Titel αὐτοκράτωρ - und mit Seite 412, nahezu ausschließlich den Titel Καῖσαρ benutzt. 186 Inhaltlich beginnen sich die Kriegshandlungen an der Stelle nach Sachsen zu verlagern. Vielleicht lässt sich daran eine zuneh- 185 Camerarius versucht die Akteure dadurch wohl in Schutz vor Verleumdung zu nehmen. Vgl. Kunkler 1998, 226 Anm. 91 mit derselben Beobachtung für die Melanchthonbriefe. Er sieht darin eine „ überbetonte Vorsicht “ des Camerarius. 186 Bei der ersten Nennung des Kaisers (BS 391,21) führt Camerarius den Kaiser mit allen Bezeichnungen ein ( Κάρολος Αὐτοκράτωρ Καῖσαρ Σεβαστὸς ). Bis p. 412 fällt nur auf den Seiten 391, 392, 394, 396 - 398, und 409 jeweils einmal das Wort αὐτοκράτωρ - sonst ist von Κάρολος die Rede. Ab p. 412 nutzt Camerarius diesen Namen jedoch nur noch 68 3 Camerarius und der Schmalkaldische Krieg <?page no="69"?> mende Distanzierung des Autors vom Kaiser ablesen. Auch eher negativ bewertete Charaktere auf der katholischen Seite werden namentlich genannt. So beispielsweise die Kardinäle Lorenzo Campeggi ( Καμπήγιος , BS 392,6) und Alessandro Farnese ( Φαρνήσιος , BS 395,26). Camerarius ist in dem Werk um einen neutralen Standpunkt bemüht, kritisiert beide Seiten und stellt bei der Schuldfrage die Fehler Karls denen der Schmalkaldener gegenüber (BS 403,14 - 25). Um möglichst objektiv zu wirken, wendet Camerarius außerdem eine Technik Herodots an: In seinem Herodot-Proöm (OC 0388) verteidigt der Humanist den antiken Historiker gegen die seit der Antike bestehenden Vorwürfe der Lüge. Herodot berichte, was er in Erfahrung gebracht habe und mache durch gewisse Wendungen deutlich, dass er das Berichtete nicht zwingend für die Wahrheit halte: 187 Quid quod fidem suam in his fere liberat, cavetque ne quis simplicior decipiatur, cum addit semper huiusmodi quiddam. ut ferunt. ut ego audivi. quod veri mihi quidem simile non sit. In Euterpa vero plane refutat illam fabulam de praecisis ancillarum manibus. Haec garrientes ita narrare mihi quidem videntur. Item Melpom. fabulam de Psyllis praemunit, ea enim, quae Afri perhibeant, se memorare ait. Quid autem dicit in Polymnia? quod meminisse in tota historia vult lectorem. Ego, inquit, quae fando cognovi exponere narratione mea debeo omnia, credere autem esse vera omnia, non debeo. Ferner, weil er seinen eigenen Glauben in diesen (Geschichten) offenlässt und sich vorsieht, damit ein einfacherer Mensch nicht getäuscht wird, indem er derartige Floskeln einfügt: „ Wie sie sagen “ ; „ wie ich gehört habe “ ; „ was für mich zumindest nicht wahrscheinlich ist “ . Im Buch Euterpe weist er jene Mär über die abgeschlagenen Hände der Mägde ganz zurück (Hdt. 2,131): „ Das scheinen mir freilich Plaudertaschen so zu erzählen. “ Genauso schickt er im Buch Melpomene bei dem Märchen über die Psyller voraus (Hdt. 4,173), er berichte nämlich das, „ was die Bewohner von Afrika erzählen “ . Was aber sagt er im Buch Polyhymnia (Hdt. 7,135)? Etwas, was der Leser für das gesamte Geschichtswerk im Kopf behalten soll: „ Ich “ , schreibt er, „ muss alles, was ich im Gespräch in Erfahrung gebracht habe, in meiner Erzählung darlegen. Doch ich muss nicht glauben, dass das alles wahr ist. “ Camerarius 1541 (OC 0388), fol. α 3 v . Im BS schränkt der Humanist seine Äußerungen häufig mit denselben Einschüben (z. B. ὡς ἔφασκον , BS 391,8; ὡς ἔλεγον , BS 392,13) ein oder überlässt das Urteil über die Informationen auch ausdrücklich dem Leser. 188 An einer Stelle berichtet er zwar pflichtschuldig von Flugschriften des Schmalkaldischen viermal (p. 412, 415 und zweimal auf p. 417; dazu zweimal im Supplement) und der Titel Καῖσαρ wird stattdessen verwendet (zweimal (p. 413 und 415) auch αὐτοκράτωρ ). 187 Vgl. Ellis 2017, 135. 188 Vgl. BS 411,10 f. 3.4 „ De Bello Smalcaldico “ 69 <?page no="70"?> Bundes, in denen behauptet wird, der Papst habe Brunnenvergiftungen und Brandstiftungen angeordnet, distanziert sich von diesen aber energisch und betont, dass er sie für unglaubwürdig hält. 189 3.4.5 Rezeption Das „ Bellum Smalcaldicum “ fand durch die Publikation in Frehers „ Rerum Germanicarum Scriptores “ , die 1717 neu aufgelegt wurde (vgl. unten 5.1) weite Verbreitung und so sicher einige Aufmerksamkeit. Direkte Rezeptionsdokumente gibt es allerdings nur wenige. Ein unbekannter Franzose beschäftigte sich mit Camerarius ’ Werk, indem er es ins Französische übersetzte. Die Handschrift befindet sich in der Bibliothèque Nationale de France und wird ins 17. Jahrhundert datiert. 190 Das Werk ist vermutlich dem Interesse hugenottischer Geschichtsschreiber am Schmalkaldischen Krieg geschuldet. Diese verwendeten „ bei der historischen Betrachtung des Religionskrieges vor allem Exempla, die nicht in der eigenen französischen Nationalgeschichte verankert waren. Ein besonders beliebtes Exemplum war dabei der Schmalkaldische Krieg. “ 191 Der Autor schreibt schnell und nicht sehr leserlich, er streicht und verbessert seine Übersetzung an einzelnen Stellen. Eine Untersuchung des Proöms hat ergeben, dass er das BS eher frei wiedergibt, teilweise stark kürzt, paraphrasiert oder frei hinzudichtet. 192 Bemerkenswert ist noch, dass der Autor den Text durch Absätze gliedert und eine Stelle über die Ausschweifung des Klerus unterstreicht. 193 Ob er vom lateinischen oder griechischen Text ausgeht, lässt sich aufgrund des freien Umgangs mit der Vorlage nicht feststellen. Ebenfalls im 17. Jahrhundert behandelt der Historiker Friedrich Hortleder (1579 - 1640) im Rahmen seiner Quellensammlung der „ Römischen Keyser- und Königlichen Maiesteten, auch deß Heiligen Römischen Reichs Geistlicher und Weltlicher Stände, Churfürsten, Fürsten, Graven, Reichs- und anderer Städte “ im zweiten Band auch das BS. 194 Da für ihn jedoch Johannes Sleidan der 189 Vgl. BS 398,7 - 11 mit Kommentar. 190 Vgl. Histoire (Hs.). Vgl. Woitkowitz 2003, 176 Anm. 2. 191 Mühling 2018, 168. 192 Camerarius ’ recht prägnante Formulierung im Proöm, er habe die Abfassung der Schrift „ vor allem aus zwei Gründen “ auf sich genommen ( δυοῖν μάλιστα ἕνεκα , BS 389,3; Stenius: duas potissimum ob causas), schmückt der Übersetzer beispielsweise mit einem langen Relativsatz aus (Histoire (Hs.), p. 151; Orthographie normalisiert): Il y a eu principalement deux | raisons qui ont contribué à former cette | résolution dans mon esprit. 193 Vgl. Histoire (Hs.), p. 167; vgl. BS 401,18 - 20 mit Kommentar. 194 Vgl. Hortleder 1645, Erstdruck 1617 in Frankfurt: VD17 1: 018837M. 70 3 Camerarius und der Schmalkaldische Krieg <?page no="71"?> maßgebliche Geschichtsschreiber des Schmalkaldischen Krieges ist, misst er allen anderen Historikern nicht viel Wert bei und erwähnt Camerarius nur selten. 195 195 Vgl. die Anmerkungen im Kommentar zu BS 408,24 - 26 und 409,7 - 9. Für die Rezeption in der Forschung vgl. oben 2.1 bzw. 3.4.3. 3.4 „ De Bello Smalcaldico “ 71 <?page no="72"?> 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition 4.1 Einführung: Problemfelder der Edition frühneuzeitlicher, neualtgriechischer Texte Die neualtgriechische Literatur ist noch ein recht neuer Forschungsbereich, der aber vor allem in den letzten Jahren einige Aufmerksamkeit erfuhr. Der Begriff ‚ neualtgriechisch ‘ wurde von Dieter Harlfinger begründet und von Stefan Weise wiederaufgenommen 196 - daneben existiert vor allem die spezifischere Bezeichnung ‚ Humanistengriechisch ‘ . 197 Die Entwicklung dieser neualtgriechischen Literatur in Deutschland skizzierte Stefan Weise in drei Phasen bzw. Blütezeiten: 198 • Renaissance-Humanismus (16./ 17. Jahrhundert) • Neuhumanismus / Philhellenismus (18./ 19. Jahrhundert: ) • Wilamowitz und Nachkriegszeit (20. Jahrhundert) Weise bemerkt in seinem Überblick über die ,Neualtgriechische Literatur in Deutschland ‘ , man müsse sich „ für das Edieren älterer neualtgriechischer Texte sicherlich noch auf eine sinnvolle Norm einigen, die auch für einen modernen Leser eine gute Lesbarkeit sicherstellt, ohne dass man Eigenheiten der Zeit gänzlich nivelliert oder beseitigt “ 199 . Ferner sollten „ orthographische und grammatikalische Abweichungen [ … ] im Hinblick auf den Stand der zeitgenössischen Kenntnisse geprüft werden “ 200 . Da Camerarius freilich der ersten der drei Phasen zuzuordnen ist und für die Texte der späteren Phasen eine zunehmende Kenntnis bzw. Annäherung an die heutigen Gepflogenheiten zu erwarten ist, wird in diesem Kapitel die Edition 196 Vgl. Harlfinger 1989 und Weise 2011, 401 mit Anm. 8. Vgl. Päll 2010, 115. 197 Vgl. Weise 2016 (bes. 114 Anm. 2 und 3) und Päll 2018 (bes. Editor ’ s preface) und Weise 2019, 7 Anm. 5. 198 Vgl. Weise 2016, 118 - 124. Zur neualtgriechischen Literatur im baltischen Raum des 17. Jahrhunderts, v. a. an der Academia Gustaviana, vgl. die Beiträge von Janika Päll (Päll 2005, Päll 2010 und Päll 2017). 199 Weise 2016, 125. 200 Weise 2016, 124 f. <?page no="73"?> neualtgriechischer Texte ausschließlich mit Blick auf die Frühe Neuzeit und insbesondere das 16. Jahrhundert behandelt. Mittlerweile liegen mehrere Editionen zu frühneuzeitlichen neualtgriechischen Texten vor - erst jüngst erschienen einige in den Sammelbänden , Camerarius Polyhistor ‘ 201 , ,Hellenisti! ‘ 202 und ,Hellenostephanos ‘ 203 sowie in der Monographie zum „ Arion “ des Lorenz Rhodoman. 204 Frühere Editionen sind die Arbeiten von Stefan Rhein 205 und Lothar Mundt 206 sowie die Editionen der Epigramme Polizianos. 207 Bislang wurden fast ausschließlich poetische Texte ediert, was nicht zuletzt an der Überzahl dieses Genres in der frühneuzeitlichen griechischen Literatur liegen dürfte. 208 Da der Umfang der Editionen von kurzen Aufsätzen bis zu Monographien reicht, fallen auch die Herangehensweisen sehr verschieden aus, obwohl sich alle Editoren mit ähnlichen Problemfeldern auseinanderzusetzen haben. Alle Autoren entscheiden sich für eine Normalisierung der Texte gemäß den heutigen Konventionen. Manche Edition beschränkt sich auf die Nennung einiger Eigenheiten des jeweils behandelten Textes und nach einem pauschalen Hinweis auf editorische Eingriffe wird teils auf einen kritischen Apparat ganz verzichtet. 209 Eine Untersuchung „ frühneuzeitlicher Phänomene “ wird durch diese allzu pragmatische Herangehensweise erschwert. 210 Resümiert man eine von Stefan Weise 211 erstellte Auflistung häufig wiederkehrender Beobachtungen zu frühneuzeitlichen Drucken, so ergeben sich bei den Editionen in der Regel die folgenden drei Problemfelder: • Verwendung des Alphabets: Rechtschreibung, Großbuchstaben (häufig Kleinschreibung bei Eigennamen; Großbuchstaben oft ohne Diakritika), Binnensigma am Wortende 201 Vgl. die Beiträge von Berrens und Walter in Baier 2017. 202 Vgl. die Beiträge von Holzberg und Neuendorf in Weise 2017. 203 Vgl. die Beiträge von Haaker, Rezar und Vorobyev in Päll/ Volt 2018. 204 Vgl. Weise 2019. S. auch Weise 2016 und Weise 2018. 205 Vgl. Rhein 1987. 206 Vgl. Mundt et al. 2004. 207 Vgl. Pontani 2001 und Lanni/ Funari 1994. 208 Vgl. Weise 2016, 120 und 125: „ Da das Griechische anders als das Lateinische nicht oder nicht vordergründig als Verkehrssprache diente, liegt der Schwerpunkt der Textproduktion eher in der Dichtung. “ Eine Ausnahme bildet Holzberg 2017. 209 Vgl. Walter 2017, 24 f. Anm. 7 und 40 f. mit Anm. 57 und 58. Vgl. Berrens 2017, 221. 210 Vgl. Päll 2005, 98. 211 Weise 2016, 124. 4.1 Einführung: Problemfelder der Edition frühneuzeitlicher, neualtgriechischer Texte 73 <?page no="74"?> • Diakritika: fehlerhafte Akzentsetzung, falsche Positionierung von Akzenten und Spiritus (bes. bei Diphthongen 212 ), fehlendes bzw. hinzugefügtes Iota subscriptum (Krasis), Gravis vor Komma 213 , Enklise (Regeln 214 , Worttrennung) • Gebrauch der Satzzeichen Als Urheber kommen grundsätzlich drei Personen(gruppen) in Frage: Autoren, Drucker/ Setzer und Lektoren/ Korrektoren. 215 Nicht nur das Sprachverständnis von Autor und Lektor ist also relevant, sondern auch die technischen Möglichkeiten des Druckers. Um für die vorliegende Edition Kriterien zu entwerfen, die zeitgenössischen Konventionen gerecht werden, sollen die Problemfelder in den Kontext der zeitgenössischen griechischen Grammatiktheorie und der Druckpraxis, d. h. der für einen griechischen Druck notwendigen Techniken, gestellt werden. 4.2 Griechische Grammatik Methodisch ließe sich der zeitgenössische Kenntnisstand der griechischen Sprache auf zwei Arten untersuchen: 216 Man kann einerseits die Phänomene anhand einer bestimmten Auswahl an Drucken analysieren und aus dem jeweiligen Umgang Regeln ableiten. So hat Filippomaria Pontani beispielsweise für die Enklise Regeln aus den Epigrammen Polizianos abgeleitet. 217 Problematisch dabei ist, dass man hier gegebenenfalls der Unkenntnis oder den Marotten eines Autors oder eines Druckers aufsitzt. Daher soll hier die zweite Methode angewendet werden und aus zeitgenössischen theoretischen Traktaten Regularien herausgearbeitet werden. Eine solche Untersuchung wird durch Zahl und Umfang der Grammatiken, die sich voneinander und bisweilen selbst von Auflage zu Auflage unterscheiden, erschwert und darüber hinaus ist auch hier die Aussagekraft begrenzt, wenn der Einflussbereich der einzelnen Traktate nicht festgestellt werden kann. Daher ist eine sinnvolle Eingrenzung des Korpus notwendig. 212 Vgl. Neuendorf 2017. Vgl. Walter 2017, 40 Anm. 57. Vgl. Päll 2005 213 Vgl. Pontani 2001, CV. 214 Vgl. Pontani 2001. Editionskriterien vgl. Lanni/ Funari 1994, 31 - 33 bzw. Pontani 2001, CXXXIXf. 215 Vgl. Päll 2005, 98. Teils dürften die Autoren selbst das Lektorat übernommen haben, vgl. ebd. 104. 216 Vgl. die methodischen Überlegungen einer vergleichbaren Untersuchung bei Burkard 2003, 6. 217 Vgl. Pontani 2001, CXXXIXf. 74 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="75"?> 4.2.1 Eingrenzung des Quellenkorpus Da sich die vorliegende Arbeit mit Joachim Camerarius befasst, wird sie sich auf dessen Wirkungsbereich beschränken, d. h. auf die in der Online-Datenbank ‚ Opera Camerarii ‘ 218 gelisteten Werke. In dieses Raster fallen fünf griechische Grammatiken, die Camerarius herausgab oder zu denen er in sonstiger Weise beitrug (in Klammern jeweils der Zeitraum von Camerarius ’ Mitwirkung): • „ Primae grammatices Graecae partis rudimenta “ von Johannes Metzler (1529 - 1570) 219 • „ Libellus Graecae Grammaticae “ von Philipp Melanchthon, ab 1545 herausgegeben von Joachim Camerarius (1545 - 1571) 220 • „ Syntaxis Linguae Graecae “ des Johannes Varennius (1536 - 1566) 221 • „ De syntaxi Graeca “ von Abdias Praetorius (1554) 222 • „ Graecae grammaticae praecepta “ von Paul Dalwitz (1569) 223 Eine weitere Eingrenzung liefert die in der frühen Neuzeit verbreitete Definition von „ Grammatik “ . Sie wird in vier, aufeinander aufbauende Bereiche eingeteilt, die zugleich die Gliederung der meisten Traktate vorgeben: 224 218 Vgl. OC online (URL: http: / / wiki.camerarius.de, seit 20.12.2019). 219 Vgl. Metzler 1532. 220 Im Folgenden zitiert wird Camerarius 1545 (zu den Auflagen vgl. unten Anm. 231). Das Exemplar der Österreichischen Nationalbibliothek (Signatur: 73.W.116 ALT PRUNK; vgl. Camerarius 1544) ist auf dem Titelblatt auf das Jahr 1544 datiert und scheint ein Prüfexemplar der Offizin gewesen zu sein: Es unterscheidet sich im Satz vereinzelt und nur geringfügig von Camerarius 1545. Vgl. die Kustoden der ersten 9 Blätter, vgl. quae in Zeile 4 auf p. 20, vgl. σῆϊ im letzten Vers auf p. 270). 221 Vgl. Varennius 1539. 222 Vgl. Prätorius 1554. 223 Vgl. Dalwitz 1569. 224 Vgl. Dalwitz 1569, fol. A1 v . Im „ Libellus “ findet sich dieselbe Einteilung, allerdings nicht systematisch erklärt. Vgl. Rhein 1987, 24. Vgl. OCEp 1416 (in: Camerarius 1545b), fol. Aa5 v : … tractationem eorum quae grammaticae ars profitetur, litterarum, syllabarum, verborum, structurae orationis … (Üs.: … die Behandlung der Dinge, die die Grammatik veheißt: Buchstaben, Silben, Wörter, Redeordnung); vgl. für Inhalt und Systematik einer Vielzahl frühneuzeitlicher, lateinischer Grammatiken HfG online (URL: http: / / diglib.hab. de/ ebooks/ ed000171/ start.htm, 15.11.2025) und bes. Melanchthons „ Grammatica Latina “ in: HfG online (URL: https: / / diglib.hab.de/ ebooks/ ed000171/ id/ melanchthon/ start.htm, 15.11.2025): „ Diese Einteilung - obgleich in unterschiedlicher Reihenfolge - ist bereits aus mittelalterlichen Texten, u. a. aus dem Catholicon bekannt, und wir treffen sie in vielen Grammatiken des 15. Jahrhunderts, u. a. bei Zenders de Wert, an. “ Vermutlich geht die Einteilung auf Apollonios Dyskolos zurück: Vgl. Rinas 2017, 59. Vgl. Oecolampadius 1518. Dionysios Thrax teilt die Grammatik dagegen in sechs Teile: Vgl. Bekker, II, 629. 4.2 Griechische Grammatik 75 <?page no="76"?> • Orthographie (Buchstaben) • Prosodie (Silben) • Etymologie (Wörter/ Redeteile/ Wortarten) • Syntax (Sätze) Die Struktur ist logisch: Buchstaben ergeben Silben, Silben Wörter und Wörter Sätze. 225 Da sich die Problemfelder bisheriger Editionen offenbar vornehmlich im Bereich der Orthographie und der Prosodie befinden, können die Bereiche „ Etymologie “ und „ Syntax “ , und damit die Werke von Varennius und Praetorius vernachlässigt werden. 226 Allerdings werden zwei Paratexte der „ Syntaxis “ des Varennius berücksichtigt, die sich mit der Akzentlehre bzw. Enklise befassen. Da Metzlers „ Rudimenta “ die Akzentsetzung vollkommen auslassen, bleibt auch dieses Werk unbeachtet. Ehe die Terminologie und Systematik der Grammatiken näher erläutert wird, werden der „ Libellus “ , die „ Syntaxis “ und die „ Praecepta “ nachfolgend kurz hinsichtlich Überlieferung und Aufbau vorgestellt. Es wurden jeweils jene Auflagen genutzt, die in zeitlicher Nähe zum Schmalkaldischen Krieg, also zur Abfassungszeit des BS, stehen. Auf inhaltliche Unterschiede zu anderen Auflagen wird im Folgenden nur vereinzelt hingewiesen. Da der Wortlaut der Grammatiken bei der folgenden Untersuchung von besonderer Bedeutung ist, folgen alle Zitate, die den Grammatiken entnommen sind, möglichst exakt dem Original. Das gilt insbesondere hinsichtlich Orthographie, Interpunktion und diakritischer Zeichen. Die jeweils beigefügten Übersetzungen korrigieren die Fehler. 227 4.2.1.1 „ Libellus “ (Melanchthon/ Camerarius) Der „ Libellus Graecae Grammaticae “ beruht auf den „ Institutiones Graecae Grammaticae “ Philipp Melanchthons, die erstmals im Jahre 1518 publiziert wurden. 228 Die „ Institutiones “ wurden elf weitere Male aufgelegt, 229 bis Came- 225 Vgl. Dalwitz 1569, fol. A1 r : Initium Grammaticae tractationis est a literis, ex quibus syllabae fiunt, ex syllabis dictiones, ex dictionum recta constructione oratio: oratione autem absolvitur Grammatica (Üs.: Der Ausgangspunkt für die Behandlung der Grammatik sind die Buchstaben. Aus ihnen entstehen die Silben, aus den Silben die Wörter und aus der richtigen Konstruktion der Wörter die Rede.). Zum Begriff oratio/ λόγος , der in Rhetorik und Grammatik gebraucht wird, vgl. Rinas 2017, 58 - 60. 226 Die Interpunktion wird zur Orthographie gerechnet. Vgl. Melanchthon 1555 (OC 0557), p. 485 - 501; vgl. unten 4.5.6.5; vgl. Manutius 1566, p. 793. 227 Vgl. Weise 2019, 10. Vgl. oben Anm. 54. 228 Vgl. Melanchthon 1518. 229 Hagenau, 1520 (VD16 M 3492); Hagenau, 1521 (VD16 M 3493); Hagenau, 1522 (VD16 M 3494); Köln, 1522 (VD16 M 3495); Hagenau, 1525 (VD16 M 3496); Köln, 1529 (VD16 M 3497); Nürnberg, 1533 (VD16 M 3498); Basel, 1538 (VD16 M 3499); Frankfurt/ Main, 1541 76 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="77"?> rarius die Herausgeberschaft übernahm und ab 1545 230 in einer neuerlichen Überarbeitung, die allein zu seinen Lebzeiten neun weitere Auflagen erfuhr, 231 publizierte. Camerarius richtet das Werk im Widmungsproöm ausdrücklich an Schüler (ut … in manus veniret puerorum 232 ) und betont, dass man beide alten Sprachen lernen müsse: Die lateinische Grammatik ohne die griechische zu meistern, sei überhaupt nicht möglich, und die griechische ohne die lateinische heutzutage nur schwer vermittel- und erfassbar. 233 Der „ Libellus “ ist in vier Bereiche gegliedert, die sich klar an der oben erwähnten Einteilung von „ Grammatik “ orientieren. Allerdings wird die Syntax im „ Libellus “ überhaupt nicht behandelt, obwohl Melanchthon wiederholt auf sein (nicht näher definiertes) Werk „ De constructionibus “ verweist. 234 p. 1 - 4 De litteris: Vokale (1), Diphthonge (propriae/ impropriae, 1 - 2), Konsonanten (cognatae, liquidae, mutae, 2 - 4) p. 4 - 27 Prosodia: Quantitäten (tempora, 4 - 6), Akzente (toni, 6 - 24), Aspiration (spiritus, 24 - 25), Lesezeichen (passiones, 25 - 27) (VD16 M 3500); Frankfurt/ Main, 1542 (VD16 M 3501); Frankfurt/ Main, 1544 (VD16 M 3502). 230 Vgl. oben Anm. 220. 231 Leipzig 1545 (VD16 M 3503); Leipzig 1548 (VD16 M 3504); Leipzig 1549 (VD16 M 3505); Frankfurt 1550 (VD16 M 3506); Leipzig 1554 (VD16 M 3507); Leipzig 1555 (VD16 M 3508); Leipzig 1557 (VD16 M 3509); Leipzig 1560 (VD16 M 3510); Leipzig 1563 (VD16 M 3511); Leipzig 1571 (VD16 ZV 3450). 232 Camerarius 1545 (OC 0477), fol. A7 v . 233 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0477), fol. A7 r : Etsi quemadmodum ad absolvendam doctrinam liberalem utraque lingua coniuncta opus, ita sine Graeca Grammatica, Latinam nullo modo, sine Latina Graecam nunc quidem difficulter tradi percipique posse existimo (Üs.: Doch wie zur Vollendung der freien Lehre beide Sprachen gemeinsam von Nöten sind, so kann, wie ich glaube, Latein ohne Griechisch in keiner Weise, Griechisch ohne Latein heutzutage nurmehr schwierig vermittelt und erfasst werden.). 234 Die Futurformen deuten darauf hin, dass dieses Werk in Arbeit bzw. geplant war. Die Passagen wurden mit Ausnahme der ersten Stelle seit der Erstausgabe nicht verändert: Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 28: De qua re plura disseremus in constructionibus (Üs.: Worüber wir ausführlicher bei den Konstruktionen sprechen werden); Melanchthon 1518, fol. c i v : pluribus agenda in libris constructionum (Üs.: ausführlicher ist das in den Syntax-Büchern zu behandeln); p. 231 (=Melanchthon 1518, fol. m iiii r ): ego in libro constructionum aliquid eius attingam (Üs.: Ich werde im Buch über die Syntax etwas davon berühren); p. 236 (=Melanchthon 1518, fol. n i r ): libro constructionum adiiciam (Üs.: … werde ich dem Syntax-Buch hinzufügen); p. 240 (=Melanchthon 1518, fol. n ii r ): ego in constructionibus ne quid desit φιλέλληνι , conabor (Üs.: Ich werde versuchen, das bei der Syntax zu erwähnen, damit dem Griechenfreund nichts fehlt); p. 267 (=Melanchthon 1518, fol. o iii v ): a me in constructionum volumine conscribentur (Üs.: … wird von mir im Band über die Syntax aufgeschrieben werden). 4.2 Griechische Grammatik 77 <?page no="78"?> p. 27 - 287 Etymologia: Artikel (articulus, 27 - 32), Nomen (de nomine, 32 - 114), Übung (Examen, 115 - 139), Verb (de verbo, 140 - 236), Verbalsubstantiv (de nomine verbali, 236 - 240), Pronomen (de pronomine, 240 - 245), Adverb (de adverbio, 245 - 247, Präpositionen (de praepositione, 248 - 267), Konjunktionen (de coniunctione, 267 - 269), Übung (Scholion/ Examen, 270 - 279) p. 280 - 284 Chelys Mercurii ex Homericis Hymnis p. 285 - 286 Luciani Cupido p. 287 Epigramma Platonis p. 289 - 349 Tabulae coniugationum. Die Frage nach der Originalität von Melanchthons Grammatik ist schwer zu beantworten. Anhand einzelner Äußerungen darf man als Quellen bzw. Referenzen Priscian (6. Jh.), 235 Georgios Choiroboskos (9. Jh.) 236 und Theodorus Gaza (15. Jh.) 237 annehmen. Sicher stammt die Auswahl der antiken Übungstexte samt Erklärungen von Melanchthon. 238 Daneben ist vor allem die allgemeine Aufmachung des „ Libellus “ sein eigenes Verdienst: Aus moderner Sicht wundert man sich zunächst, dass der „ Libellus “ sich an Schüler richten soll. Das Werk wirkt an vielen Stellen eher wie ein ‚ Lehrerheft ‘ , das eine grobe Struktur für die Unterrichtsvorbereitung vorgibt, ohne allzu sehr ins Detail zu gehen. Die selbstständige Arbeit eines Schülers mit dem Buch ohne die tatkräftige Unterstützung eines Lehrers ist kaum vorstellbar. Doch muss der „ Libellus “ im 16. Jahrhundert mit seinen Tabellen, kleinschrittigen Überschriften und dem oft väterlich direkten Ton (te inhortor, ne frigide … tractes - ich rate dir, das nicht als Trivialität anzusehen 239 ) pädagogisch weitaus frischer gewirkt haben als die schroffe Fließtext-Grammatik eines Theodorus Gaza. Hinzu kommt, dass Melanchthon die ausführlichen Traktate deutlich komprimierte, sodass die Handhabung der Erstausgabe der „ Institutiones “ buchstäblich leichter war: Sie hatte nicht einmal ein Drittel des Umfangs der von 235 Camerarius 1545 (OC 0478), p. 144: Prisciani verba adiiciam (Üs.: Ich werde die Worte Priscians anfügen); ebd. p. 178: Audi Priscianum in octavo libro sic scribentem … (Üs.: Vernimm Priscian, der im achten Buch fogendes schreibt … ); und ebd. p. 240: ut Priscianus Latinus autor commeminit (Üs.: … wie der lateinische Autor Priscian erwähnt). 236 Camerarius 1545 (OC 0478), p. 25 (vgl. unten Anm. 417). 237 Camerarius 1545 (OC 0478), p. 100: facit alios tres ordines Theodorus (Üs.: Theodorus macht drei andere Ordnungen). 238 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 115 - 139 (Hesiod), 270 - 279 (Homer), 280 - 284 (Hom. Hymnen), 285 - 286 (Lukian), 287 (Platon). 239 Camerarius 1545 (OC 0478), p. 12. 78 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="79"?> Manutius gedruckten Grammatik Gazas mit ihren zahlreichen Paratexten. 240 Doch die Kürze des „ Libellus “ hat auch ihren Preis: So bemerkt Stefan Rhein, dass Melanchthons Ausführungen zur Prosodie „ nur oberflächliche Hinweise “ bieten, „ ohne die zugrundeliegenden Prinzipien [ … ] zu explizieren “ 241 und spricht von einer „ Autoritätenprosodie “ 242 , einer Lehre also, die mehr auf Nachahmung als Verständnis beruht. Die von Melanchthon ausgewählten Übungstexte antiker Autoren unterstreichen diesen Aspekt der Abhängigkeit von Autoritäten und hinsichtlich der Morphologie wird dies auch von Camerarius bestätigt, der in einem Brief auf eine Frage zur griechischen Formenbildung abschließend schreibt: In his autem et aliis formationibus canonicis videndum est, non modo quid docendi caussa fieri debeat, sed quid usus autoritatis veterum concedat. Bei diesen und anderen Fragen der Formenbildungsregeln muss man nicht nur erwägen, was aufgrund der Regeltheorie geschehen muss, sondern auch, was die Praxis der alten Meister erlaubt. OCEp 0437 (in: Camerarius 1568), fol. R5 v Die Systematik der Akzentregeln im „ Libellus “ dürfte daher auch Melanchthons eigener Versuch sein, die in den antiken Texten vorgefundenen Phänomene in Regeln zu fassen. Ob aus Überforderung oder didaktischer Reduktion bleibt vieles jedoch ungenau und mehrfach wird ausweichend auf andere Schriften verwiesen. 243 240 Verglichen wurden die Drucke Manutius 1495 (ca. 200 Blatt; vgl. die zweisprachigen Ausgaben von Bryling 1545 oder Curio 1529) und Melanchthon 1518 (ca. 63 Blatt). Der Handlichkeitsfaktor der Grammatik Melanchthons ging mit der Zeit verloren: Die Überarbeitung des Camerarius ist deutlich platzraubender gedruckt und der Humanist fügte zudem 60 Seiten mit Konjugationstabellen hinzu. Vgl. mit derselben Beobachtung bezogen auf Melanchthons lateinische Grammatik „ Grammatica Latina “ in: HfG online (URL: https: / / diglib.hab.de/ ebooks/ ed000171/ id/ melanchthon/ start.htm, 15.11.2025). 241 Rhein 1987, 40, mit Bezug auf die ursprüngliche Version der Grammatik (CR 20, 16 - 28, = Institutiones 1518). 242 Rhein 1987, 41. 243 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 3f: Reliqua quae ad co-||gnoscendas literas pertinent, require ex elementalibus libellis (Üs.: Was sonst noch zum Erkennen der Buchstaben gehört, erforsche aus den Alphabets(? )-Büchlein); vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 5: Interim puer generales prosodiae regulas ediscat … . Quibus … refertae sunt Grammaticorum omnium chartae … (Üs.: Vorerst soll der Schüler die allgemeinen Prosodieregeln lernen. Mit ihnen sind die Schriften aller Grammatiker gefüllt.); vgl. ebd. p. 19: Plerique Grammaticorum longo examine isthaec per spondaicas, trochaicas, iambicas, dactylicas dictiones vestigant, nos ea aliis locis agemus (Üs.: Die meisten Grammatiker verfolgen dies mit einer langen Untersuchung durch spondeische, trochäische, jambische und daktylische Ausdrücke. Wir werden das an anderen Stellen behandeln.). 4.2 Griechische Grammatik 79 <?page no="80"?> Von Joachim Camerarius wurden keine tiefgreifenden, inhaltlichen Veränderungen an der Grammatik vorgenommen: Er brachte sich hauptsächlich mit der Korrektur von Fehlern und einigen Anpassungen im Aufbau ein. 244 Von ihm stammt außerdem der sechzigseitige Anhang mit Konjugationstabellen, der den „ Libellus “ ab 1545 deutlich anschwellen ließ. 4.2.1.2 „ Syntaxis “ (Varennius) Die „ Syntaxis “ des belgischen Altphilologen Joannes Varennius (1462 - 1536) wurde 1532 in Löwen erstveröffentlicht und danach fünfmal mit kleinen Anmerkungen ( ‚ Annotatiunculae ‘ , OC 0191) des Camerarius herausgegeben. 245 Der Begleitbrief des Camerarius (OC 0192) ist in der Anrede den Studenten (bonarum literarum studiosis) und im Text allgemeiner den Liebhabern der griechischen Sprache (amatoribus sermonis Graeci) gewidmet. 246 Der Humanist verteidigt auch an dieser Stelle die Beschäftigung mit den alten Sprachen und spricht sich dezidiert für das Erlernen beider Sprachen aus. 247 Paratexte und Anhänge wurden in den Auflagen stark variiert, sodass nur die eigentliche „ Syntaxis “ und Camerarius ’ „ Annotatiunculae “ in allen Auflagen erscheinen. Beide Werke sind für die vorliegende Untersuchung kaum relevant, da sie keine der zu untersuchenden Problemfelder behandeln. 248 Daher werden in der vorliegenden Arbeit nur zwei Beiwerke aus dem Bereich der Prosodie berücksichtigt: „ De accentibus “ und „ De inclinatis et encliticis et synencliticis “ . 249 244 Vgl. unten 4.5.6 bei Anm. 435 und 4.5.6.5 bei Anm. 504. 245 Löwen 1532 (OCLC 243052148); Basel 1536 (VD16 V 385); Basel 1539 (VD16 ZV 22417); Basel 1546 (VD16 V 387); Köln 1550 (VD16 V 389); Basel 1551 (VD16 V 390); Köln 1566 (VD16 V 392). Daneben gibt es noch weitere Auflagen - allerdings ohne Paratexte von Camerarius. 246 Vgl. Varennius 1539 (OC 0192), p. 184. 247 Vgl. Varennius 1539 (OC 0192), p. 185 f.: … longe ab eo absumus, ut linguae Latinae ignaris Graecam recte tradere … possimus … . Omnino ita est harum linguarum studium inter se iungendum, ut unum alteri quasi manum porrigat, et ut mox aequali gradu ad eruditionem tendant (Üs.: Wir sind weit davon weg, denen, die die lateinsiche Sprache nicht kennen, Griechisch richtig lehren zu können. Das Studium dieser Sprachen ist gänzlich so mit einander zu verbinden, dass das eine nach dem anderen gewissermaßen die Hand ausstreckt und sie bald im Gleichschritt zur Bildung streben). 248 Aufbau der „ Syntaxis “ (Varennius 1550): „ Syntaxis “ nominum (7 - 28), „ Syntaxis “ verborum (28 - 68), „ Syntaxis “ Participiorum (69 - 74), „ Syntaxis “ Pronominum (74 - 81), „ Syntaxis “ Articulorum Praepositivorum (81 - 104), „ Syntaxis “ Praepositionum (104 - 134), „ Syntaxis “ Adverbiorum (134 - 160), „ Syntaxis “ coniunctionum (160 - 183). Camerarius geht in den „ Annotatiunculae “ mit Seitenverweis auf einzelne Aspekte ein. 249 Zur Bedeutung der Termini vgl. unten Anm. 452. 80 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="81"?> Varennius ’ Abhandlung „ De accentibus “ erschien nur in den beiden Kölner Drucken (1550 und 1566). 250 In einem Widmungsbrief des Schweden Caspar Holste wird die Akzentsetzung als das große Problem bezeichnet, durch das viele sonst sehr gebildete Menschen vom Griechisch Schreiben abgehalten würden. 251 „ De inclinatis “ 252 ist ein recht kurzes Werk und erschien als Paratext ohne Angabe eines Autors nur in der „ Syntaxis “ von 1539 ganz am Ende. Die zuvor abgedruckten Paratexte stehen in keinem erkennbaren Kontext zu „ De inclinatis “ . 253 Allerdings steht fest, dass der unbekannte Autor weitgehend den Humanisten Johannes Oecolampadius, auf den Paul Dalwitz in seinem Enklise- Kapitel verweist, plagiierte: 254 Das Kapitel „ De encliticis “ in dessen 1518 in Basel erstveröffentlichten „ Dragmata Graecae literaturae “ ist bis auf einige Ergänzungen, Änderungen und Auslassungen identisch. 4.2.1.3 „ Praecepta “ (Dalwitz) Über den Autor der „ Praecepta “ , Paul Dalwitz den Älteren, ist nicht viel mehr bekannt, als dass er Lehrer in Zwickau war und dort 1571 starb. 255 In seinem Widmungsbrief an die Ratsherren der Stadt Zwickau betont er die Bedeutung der Bildung für das Staatswohl. Er schwärmt von seiner eigenen Schulzeit und berichtet voll Respekt vom Unterricht bei seinem Griechischlehrer Petrus Plateanus: Grundlage sei die Grammatik von Theodoros Gaza gewesen, die der Lehrer an der Tafel expliziert und mündlich ergänzt habe. 256 Von den 250 Vgl. Varennius 1550, fol. I7 v - I8 v (Widmungsbrief) und fol. K1 r - L4 r ( „ De accentibus “ ) bzw. Varennius 1566, fol. K4 r - K5 r (Widmungsbrief) und fol. K5 v - M1 r ( „ De accentibus “ ). 251 Vgl. Varennius 1550, fol. I8 v : Atque plerique alioqui recte in litteris versati, hoc uno incommodo a Graece scribendo deterrentur, quod accentuum regulas nulla certa facilique methodo perdiscere contigerit (Üs.: Und die meisten Menschen, die sonst ordentlich literarisch tätig sind, werden durch diese eine einzige Beschwerlichkeit vom Griechisch- Schreiben abgeschreckt, dass es wohl nicht gelingt, die Akzentregeln mit einer genauen und einfachen Methode umfänglich zu lernen.). 252 Vgl. Varennius 1539, p. 362 - 367. 253 Hierzu zählen das griechische Werk „ De passionibus dictionum “ des Grammatikers Tryphon und Auszüge über die griechische Verb-Syntax aus einem auf griechisch verfassten Regentenbüchlein (p. 219 - 361). Auch ein dem Regentenbüchlein vorangestellter, undatierter Widmungsbrief des Franzosen Georges Prunet an seinen ehemaligen Mitschüler Georges d ’ Armagnac (p. 219 - 221) gibt keinen Aufschluss über die Hintergründe oder die Autorschaft von „ De inclinatis “ . 254 Vgl. Dalwitz 1569, fol. B4 v ; vgl. Oecolampadius 1518, p. 21 - 24 und unten 4.5.6. 255 Da er ein Schüler des Petrus Plateanus war, der von 1535 - 1546 in Zwickau tätig war, dürfte er nicht allzu weit vor dieser Zeit geboren worden sein. 256 Vgl. Dalwitz 1569, fol. a8 v : Ipse quidem suo iudicio nobis Theodori Gazae libros discendos proponebat, ut eadem opera et praecepta et sermonem graecum exerceremus: Verum quo expeditiora essent omnia, ipse asscriptis ad tabulam exemplis omnia dilucide monstrare, et 4.2 Griechische Grammatik 81 <?page no="82"?> Methoden und Unterlagen habe Dalwitz noch gezehrt, als er selbst Lehrer wurde. Aus ihnen entstanden die „ Praecepta “ , die sich an die Schüler richten. 257 Das Werk erschien zu seinen Lebzeiten nur einmal (1569) zusammen mit einem Brief des Camerarius an Dalwitz (OCEp 1436), in dem er die Grammatik und den enormen Arbeitsaufwand des Autors nach einer eiligen Lektüre würdigt. 258 Einmal mehr betont er, dass beide alten Sprachen zur vollen sittlich-moralischen Entwicklung eines Menschen unabdingbar seien. 259 Das Werk beginnt mit der Definition von „ Grammatik “ bzw. der Einteilung in die vier Teilbereiche Orthographie, Prosodie, Etymologie und Syntax bzw. ihre Gegenstände (Buchstaben, Silben, Wortarten/ Redeteile, Sätze). 260 Diese werden nacheinander in aller Ausführlichkeit behandelt. fol. A2 r - A5 v De litteris fol. A5 v - B8 r De syllabis: Akzentregeln (de usu tonorum, fol. A7 r - B4 r ), Enklise (de encliticis, fol. B4 r - B5 v ), Aspiration (de spiritibus, fol. B5 v - B6 r ), Lesezeichen (de passionibus, fol. B6 r - B8 r ) fol. B8 v - P7 r De orationis partibus: Artikel (de articulo, fol. B8 v - C2 r ), Nomen (de nomine, fol. C2 r - G4 r ), Pronomen (de pronomine, fol. G4 r - G8 r ), Verb ( περὶ ῥήματος , fol. G8 r - O5 r ), Partizip (de participio, fol. O5 r ), Adverb (de adverbio, fol. O5 v - P5 r ), Präposition (de praepositione, fol. P5 r - P6 r ), Konjunktion (de coniunctione, fol. P6 v - P7 r ) fol. P7 v - Ff7 v De syntaxi: Prolegomena (fol. P7 v - Q3 r ), Artikel (de usu et constructione articulorum, fol. Q3 r - R1 v ), Nomen (de nominum syntaxi, fol. R2 r - S8 r ), Pronomen (de pronominum constructione, fol. S8 v - T2 r ), Verb (de syntaxi verborum, fol. T2 v - Aa5 v ), Partizip quae a Theodoro omissa essent, narrando explere solebat. (Üs.: Er selbst legte uns nach seinem Ermessen die Bücher von Theodorus Gaza zum Lernen vor, auf dass wir eben diese Werke und Lehren und die griechische Sprache üben. Doch damit alles weniger erschwert würde, zeigte er für gewöhnlich durch Tafelanschriften mit Beispielen alles ganz deutlich auf und ergänzte im Vortrag, was von Theodorus ausgelassen worden war.). 257 Vgl. das kurze Nachwort: Dalwitz 1569, fol. Ii7 v - Ii8 r . 258 Vgl. OCEp 1436 (in: Dalwitz 1569), fol. a2 r - a3 v . Zwei weitere Auflagen erfolgten nach Dalwitzs und Camerarius ’ Tod im 16. Jahrhundert in Leipzig 1592 (VD16 ZV 21353) und Tübingen 1597 (VD16 G 2779). 259 Vgl. OCEp 1436 (in: Dalwitz 1569), fol. a3 r : Cum quidem hoc certissimum sit, … ad virtutis et sapientiae facultatem atque copiam Graeci Latinique sermonis cognitionem ac scientiam coniunctim esse inprimis necessariam (Üs.: Da nun Folgendes völlig unbestritten ist: Für eine reiche Fülle an Tugend und Weisheit ist die umfassende Kenntnis der griechischen und der lateinischen Sprache zusammen in besonderem Maße vonnöten.). 260 Vgl. Dalwitz 1569, fol. A1 r - A2 r . 82 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="83"?> (de participiorum constructione, fol. Aa5 v - Aa7 v ), Adverb (de adverbiis, fol. Aa7 v - Bb5 v ), Präposition (de praepositionum constructione, fol. Bb5 v - Ff5 v ), Konjunktion (de coniunctionibus, fol. Ff5 v - Ff7 v ) fol. Ff8 r - Ii1 r De dialectis fol. Ii1 r - Ii3 v De poeticis variationibus pauca quaedam fol. Ii3 v - Ii8 r De prosodia Der auffälligste Unterschied zu den eben vorgestellten Grammatiken ist, dass einige Teile, vor allem Definitionen und Fachbegriffe, zweisprachig (lateinisch/ griechisch) präsentiert werden. 4.2.2 Terminologie und Systematik der frühneuzeitlichen, griechischen Grammatiken Zur besseren Orientierung soll zunächst noch ein Überblick über die in der frühen Neuzeit verwendete grammatikalische Systematik und Terminologie gegeben werden. Dazu werden der „ Libellus “ und die „ Praecepta “ exemplarisch herangezogen. Auch die Etymologie wird berücksichtigt, da die dort verwendeten morphologischen Kriterien für die Bereiche der Orthographie bzw. vielmehr der Prosodie große Relevanz haben. Zur Einordnung der frühneuzeitlichen Werke werden die Standard-Grammatiken von Kühner/ Blass (KB) bzw. Kühner/ Gerth (KG) herangezogen. „ Grammatik “ gliedert sich, wie bereits erwähnt, in die vier aufeinander aufbauenden Teilbereiche Orthographie (Buchstaben), Prosodie (Silben), Etymologie (Redeteile/ Wortarten) und Syntax (Sätze/ Texte). Diesen Teilbereichen werden jeweils Akzidenzien (accidentia/ παρεπόμενα ), d. h. veränderliche Eigenschaften, zugeordnet (Abb. 4.1). In der Orthographie haben die Buchstaben fünf Akzidenzien: 261 • Bezeichnung (nomen, ὄνομα , z. B. „ Alpha “ ) • Gestalt (figura, σχῆμα , z. B. „ A “ ) • Bedeutung (valor, δύναμις ; d. h. die Aussprache) 261 Vgl. Dalwitz 1569, fol. A2 r - v . Dalwitz erklärt valor als pronunciandi vis. Bei der Akzidenz des ordo beruft sich Dalwitz auf die Grammatik von Theodorus Gaza (Vgl. Manutius 1495, fol. h θ IIII v - h θ V r ; vgl. Bryling 1545, p. 480 - 485). Im „ Libellus “ werden den Buchstaben nicht explizit Akzidenzien zugeordnet. Zur cognatio vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 2 f. 4.2 Griechische Grammatik 83 <?page no="84"?> Abb. 4.1: Übersicht über den Aufbau frühneuzeitlicher griechischer Grammatiken anhand von Camerarius 1545 und Dalwitz 1569 84 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="85"?> • Ordnung (ordo, τάξις ; d. h. Rechtschreibung) • Verwandtschaft (cognatio, συγγένεια ; d. h. die dialektale Verwandtschaft 262 ). In der Prosodie werden der Silbe vier Akzidenzien zugeordnet, wobei hier terminologisch die Unterscheidung zwischen den deutschen und den lateinischen Begriffen besonders wichtig ist: Das deutsche/ griechische Wort „ Prosodie “ entspricht lat. accentus (teils auch prosodia), das deutsche Wort „ Akzent “ entspricht lat. tonus (bzw. gr. τόνος ). Die Akzidenzien der Silbe sind: • Quantität (tempus, χρόνος : lang/ kurz) • Akzent (tonus, τόνος ) • Spiritus (spiritus, πνεῦμα ) • Lesezeichen (passi ο nes, πάθη : Apostroph, Hyphen und Diastole). 263 Die Etymologie wird als Wortbildungslehre verstanden und behandelt acht Redeteile (Wortarten) und ihre Morphologie. Die Unterteilung der dictiones ( λέξεις ) erfolgt in die fünf deklinablen Wortarten Artikel 264 , Nomen 265 , Pronomen, Verben und Partizipien und die drei indeklinablen Wortarten Adverbien, Präpositionen und Konjunktionen. 266 Diese Wortarten haben relativ ähnliche Akzidenzien. Selbsterklärend sind die Akzidenzien Kasus, Komparation, Konjugation, Modus, Numerus, Person und Tempus. Das genus (gr. γένος ) umfasst außer der heute verwendeten drei Genera Maskulinum, Femininum und Neutrum noch das Genus Commune (z. B. ὁ / ἡ ἄνθρωπος bzw. dt. z. B. der/ die Beauftragte) und das Genus Promiscuum (z. B. ὁ ἀετός (der Adler) für das männliche und weibliche Tier), deren Nennung auf den Grammatiker Dionysios Thrax zurückgeht. 267 Beim Verb wird das griechische Wort γένος außer- 262 Vgl. KB I, 115 - 160 (§ 24 - 34). 263 Vgl. Dalwitz 1569, fol. A6 v - A7 r und Camerarius 1545 (OC 0478), p. 4 und p. 25; Zu den Lesezeichen vgl. unten 4.6. Vgl. Thompson 1893, 72 f. 264 „ Articulus “ wird als Überbegriff für die Artikel ὁ , ἡ , τό und Relativpronomen ὅς , ἥ , ὅ verwendet. Vgl. Anm. 265. 265 „ Nomen “ wird als Überbegriff verwendet und bei Dalwitz (1569, fol. C2 v - C3 v ) in drei Gruppen unterteilt: erstens Substantive und Adjektive bzw. substantivierte Adjektive (substantivum, adiectivum, utroque modo se habens), dann Eigennamen und Gattungsbezeichnungen (proprium, appellativum; vgl. KB I,358 (§ 95,2)) und schließlich in eine größere Gruppe, die sowohl Pronomen umfasst (Interrogativpronomen, Relativpronomen ( οἷος , ὅσος… ; vgl. Anm. 264), Indefinitpronomen ( τις , τοῖος… ), Distributivpronomen ( ἕτερος… )), als auch Zahlwörter (Kardinalzahlen, Ordinalzahlen) und weitere Substantivkategorien (z. B. Gentilnomen). 266 Vgl. Dalwitz 1569, fol. B8 v . 267 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 40 und Dalwitz 1569, fol. C4 v - C5 r . Vgl. Bekker, ΙΙ ,634: γένη μὲν οὖν εἰσὶ τρία , ἀρσενικόν , θηλυκὸν καὶ οὐδέτερον . ἔνιοι δὲ προστιθέασι τούτοις καὶ ἕτερα δύο , κοινόν τε καὶ ἐπίκοινον , κοινὸν μὲν οἷον ἄνθρωπος , ἵππος , ἐπίκοινον δὲ οἷον χελιδών , ἀετός (Üs.: Genera gibt es also drei, männlich, weiblich und keins von 4.2 Griechische Grammatik 85 <?page no="86"?> dem (neben διάθεσις ) verwendet, um Aktiv, Medium und Passiv zu bezeichnen. 268 Die figura (gr. σχῆμα ) meint die Unterscheidung zwischen Simplex und Compositum. Die significatio (gr. σημασία ) die Sinnrichtung (z. B. eines Partizips). Die species (gr. εἶδος ) schließlich die Unterscheidung in Primitiva und Derivata, worunter beim Nomen beispielsweise Patronyme oder Diminutive gezählt werden. Das Nomen hat (je nach Grammatik) fünf Akzidenzien: 269 • Geschlecht (genus, γένος ) • Zahl (numerus, ἀριθμός ) • Fall (casus, πτῶσις ) • Erscheinungsform (species, εἶδος ) 270 • Gestalt (figura, σχῆμα ). Aus Fall und Zahl ergibt sich die Deklination. Die Systematik der Deklinationen basiert auf der Grammatik des Theodorus Gaza 271 und weicht deutlich von der heutigen ab: Es wird zwischen fünf einfachen (simplices) und fünf kontrahierten (contractae) Deklinationen unterschieden, wobei die fünf kontrahierten Deklinationen zur fünften Deklination der Einfachen gehören. 272 Die ersten vier Deklinationen sind die gleichsilbigen Deklinationen und dabei beiden. Manche fügen dem noch zwei andere hinzu: Das gemeinsame und das teilhabende: Gemeinsam wie z. B. Mensch, Pferd; teilhabend, wie Schwalbe, Adler.). Vgl. Kürschner 1996; Matthaios et al. 2011, 3: „ This τέχνη [i. e. the Grammar of Dionysios Thrax] was considered to be the earliest manual of a systematic description of the Greek language and its constituents derived from the Alexandrian grammatical tradition. “ Vgl. Linke 1977, 8 - 13. 268 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 140 und Dalwitz 1569, fol. H1 r . 269 Vgl. Dalwitz 1569, fol. C4 r - v und Camerarius 1545 (OC 0478), p. 34. Der „ Libellus “ führt fünf Akzidenzien des Nomens auf (species, genus, casus, declinatio, figura) und die „ Praecepta “ sechs: species, figura, genus, numerus, casus, persona; „ Person “ meint den Unterschied zwischen Nominativ (~3. Person) und Vokativ (~2. Person). 270 Die Derivata des Nomens sind Patronyme (z. B. Ἀτρεΐδης von Ἀτρεύς ), Diminutive (z. B. μωρίων von μωρός ), Possessiva (z. B. τὰ πυθαγορικά statt τὰ τοῦ πειθαγόρου ), Denominativa (z. B. ἱππότης von ἵππος ), Verbalia (z. B. λογισμός von λογίζομαι ). Vgl. Dalwitz 1569, fol. F4 r - G4 r . Beim Pronomen gelten ἐγώ , σύ , οὗ als Primitiva, ἐμός , σός , ὅς und ἕος als Derivata. Daneben stehen die Demonstrativa οὗτος und ἑκεῖνος , das Relativum αὐτός (dagegen gilt ὅς / ἥ / ὅ als Artikel) und die Komposita ἐμαυτοῦ , σαυτοῦ , ἑαυτοῦ . Vgl. Dalwitz 1569, fol. G4 v ; Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 240 - 245. 271 Vgl. Dalwitz 1569, fol. D6 r - v . 272 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 44 - 98 (simplices) und p. 98 - 111 (contractae) sowie Dalwitz 1569, fol. C5 v - D6 r (simplices) und fol. D6 r - E7 r (contractae). Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 42: Quinque sunt ordines Graecae declinationis, quos simplices vocamus: et ex quinta nascuntur quidam ordines flectendi nomina, quae Contracta vocant (Üs.: Es gibt im Griechischen fünf Deklinationsordnungen, die man die „ einfachen “ nennt und aus der fünften (einfachen) Deklination ergeben sich gewisse Deklinationen, die man die „ kontrahierten “ nennt.). Und ebd. p. 99: … omnia contracta secundum naturam suam 86 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="87"?> entsprechen die erste und zweite Deklination heute der ersten (a-Deklination 273 ), die dritte und vierte der heutigen zweiten (o-Deklination 274 ). Die fünfte Deklination ist ungleichsilbig und entspricht (mitsamt den fünf kontrahierten Deklinationen) heute der dritten Deklination. 275 Die Akzidenzien des Nomens gelten genauso für das Pronomen. 276 Beim Artikel beschränken sie sich auf Kasus, Numerus und Genus. 277 Dem Verb werden acht 278 Akzidenzien zugeschrieben, wobei die ersten drei identisch mit denen des Nomens/ Pronomens sind: • Erscheinungsform (species, εἶδος ) • Gestalt (figura, σχῆμα ) • Zahl (numerus, ἀριθμός ) • Diathese (genus, γένος ) • Modus (modus, ἔγκλισις ) • Zeit (tempus, χρόνος ) • Person (persona, πρόσωπον ) • Konjugation (coniugatio, κλίσις / συζυγία ). In der frühneuzeitlichen Systematik werden drei Gruppen von Konjugationen unterschieden: sechs auf ω , drei auf ῶ und vier auf μι . 279 Dabei entsprechen die ersten vier Konjugationen auf ω den Verba muta, 280 die fünfte den Verba liquida 281 und die sechste den Verba pura, 282 wobei hier auch die ionischen (unkontrahierten) Formen der Verba contracta eingeschlossen sind. 283 Die ad quintam declinationem pertinere simplicium … (Üs.: Alle „ kontrahierten “ (Deklinationen) gehören gemäß ihres Wesens zur fünften Deklination der „ Einfachen “… ). 273 Vgl. KB I, 370 f. (§ 101). 274 Vgl. KB I, 393 (§ 108). 275 Vgl. KB I, 409 - 411 (§ 117). 276 Vgl. Dalwitz 1569, fol. G4 v . Der „ Libellus “ ordnet den Pronomen keine Akzidenzien zu (vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 240 - 245), fordert jedoch, einzelne Pronomen wie Adjketive (adiectiva nominum) zu behandeln (vgl. ebd. p. 243 f.). 277 Vgl. Dalwitz 1569, fol. C1 r ; vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 28. 278 Der „ Libellus “ zählt sieben Akzidenzen und lässt die species weg: Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 140 und Dalwitz 1569, fol. G8 v . 279 Vgl. Dalwitz 1569, fol. H3 r . Regeln zu Konjugationen auf ω vgl. ebd. fol. H3 r - L5 v , aufῶ vgl. ebd. fol. L6 r - v ; zu μι vgl. ebd. fol. L7 r - M8 v . 280 Vgl. KB II, 152 - 165 (§ 252 - 263). 281 Vgl. KB II, 165 - 181 (§ 264 - 275). 282 Vgl. KB II, 119 - 139 (§ 235 - 245). 283 Vgl. Dalwitz 1569, fol. H3 v - H4 r und Camerarius 1545 (OC 0478), p. 147 - 149. Die erste Konjugation umfasst die labialen Stämme (auf β , π , φ , πτ ), die zweite die gutturalen (auf γ , κ , χ , κτ ), die dritte die dentalen (auf δ , θ , τ ), die vierte die Stämme auf Konsonantenverbindungen bzw. Doppelkonsonanten ( ζ , σσ , ττ ), die fünfte die Stämme auf Liquida ( λ , 4.2 Griechische Grammatik 87 <?page no="88"?> kontrahierten Verba contracta bilden die drei Konjugationen auf ῶ (a-, e-, o- Kontrakta). 284 Die vier Konjugationen auf μι umfassen die Stämme auf ε , α , ο und υ . 285 Daran schließt sich in den „ Praecepta “ ein Kapitel mit Konjugationen irregulärer und defektiver Wörter an: εἶμι , ἵημι , ἴημι (vado, wohl zu εἶμι ), ἴσημι (zu οἶδα ), κεῖμαι , ἧμαι , χρῆ , δεῖ . Bemerkenswert ist außerdem, dass Melanchthon - wohl in Abhängigkeit von Theodorus Gaza 286 - für die Verba auf ω ausdrücklich alle Konjugationsformen von einem einzigen Wort bilden möchte: 287 Mihi satius visum est assuefacere in omni coniugatione puerum ad unum παράδειγμα τοῦ τύπτω . Mir schien es besser, den Schüler bei jeder Konjugation einzig an das Paradeigma „τύπτω“ zu gewöhnen. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 214 Dies führt zu aus heutiger Sicht relativ skurrilen Konjugationstabellen, 288 bei denen der Eindruck entsteht, jedes Wort bilde sowohl einen schwachen Aorist ( ἔτυψα ), als auch einen starken ( ἔτυπον ) und ein s-Futur ( τύψω ) wie auch ein attisches Futur ( τυπῶ ). Die (klassisch attische) Futurform τυπτήσω wird dagegen überhaupt nicht genannt. 289 Das Partizip teilt sich Akzidenzien mit Nomen bzw. Verb (hinzu kommt noch die Sinnrichtung, significatio/ σημασία ) und wird in den Grammatiken daher nicht separat, sondern zusammen mit den Verbformen behandelt. 290 μ , ν , ρ ) und die sechste die vokalischen Stämme (auf α , ε , ι , ο , υ , ω , αι , αυ , ει , ευ , οι , ου , υι ). Vgl. Dalwitz 1569, fol. L6 r . 284 Vgl. KB II, 130 f. (§ 240 f.); vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 213 - 215 und Dalwitz 1569, fol. L6 r - v . 285 Vgl. KB II, 209 - 216 und 220 (§ 288 - 291 und § 295f); vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 215 - 236; Dalwitz 1569, fol. L7 r - N5 v . 286 Auch Theodorus Gaza verwendet das Paradigma τύπτω : Vgl. Manutius 1495, ab fol. aIIII v . 287 Vgl. Camerarius 1545. p. 150: Sex ordines coniugationum unico hoc utuntur paradeigmate (Üs.: Die sechs Konjugationen verwenden dieses eine Paradeigma.). 288 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 151 - 155 und p. 181 - 185. 289 Belege lt. LSJ: ἔτυψα (Homer, Empedokles und Herodot u. a.); ἔτυπον (Euripides); τύψω (Nonnus, Philogelos; vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 168 f.); τυπῶ (keine Belege lt. LSJ; im TLG fast ausschließlich in grammatikalischem Kontext: Anonymi Grammatici, Herodian, Theodosius u. a.; vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 169 f.); τυπτήσω (Aristophanes, Platon, Demosthenes; vgl. BR § 127,12). 290 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 180, 200, 221, 226, 229, 335 f. Die „ Praecepta “ widmen dem Partizip zwar ein eigenes Kapitel (Vgl. Dalwitz 1569, fol. O5 r ) allerdings stellt der Autor darin lediglich fest: De declinatione participiorum in nomine, de formatione vero eorundem in verbo satis est dictum (Üs.: Über die Deklination der Partizipien ist im Kapitel „ De Nomine “ , über die Formenbildung derselben im Kapitel „ De Verbo “ hinreichend gesprochen worden.). 88 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="89"?> Von den indeklinablen Wortarten wird zunächst das Adverb behandelt, dem vier Akzidenzien zugeordnet werden: 291 • Sinnrichtung (significatio, σημασία ; z. B. temporal, lokal … ) • Erscheinungsform (species, εἶδος ; Primitiva/ Derivata) 292 • Gestalt (figura, σχῆμα ; Simplex/ Kompositum) 293 • Steigerung (comparatio, σύγκρισις ). Bei der Zuweisung der Akzidenz(ien) der Präpositionen sind sich die Grammatiken nicht einig: • Fall (casus, πτῶσις ) • Akzent (tonus, τόνος ). In beiden Grammatiken findet sich die Zuweisung des Kasus; 294 als zweite Akzidenz findet sich jedoch nur im „ Libellus “ der Akzent als veränderliche Eigenschaft der Präposition - gemeint ist damit die Anastrophe. 295 Bei der Anzahl der Präpositionen sind sich die Grammatiken wiederum einig und nennen achtzehn; 296 dabei fehlt im Vergleich zu modernen Grammatiken nur ὡς als Präposition mit Akkusativ, die sich nach Kühner/ Gerth allerdings auch von den übrigen Präpositionen unterscheidet. 297 Der Konjunktion - zu denen auch einige Partikeln gezählt werden - werden zwei Akzidenzien zugewiesen. 298 • Sinnrichtung (significatio/ potestas, σημασία ) • Gestalt (figura, σχῆμα ): Simplex und Kompositum (z. B. ἐπεί / ἐπειδή ) 291 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 246 f. und Dalwitz 1569, fol. O5 v . 292 Vgl. Dalwitz 1569, fol. P1 r ( - P4 v ). 293 Vgl. Dalwitz 1569, fol. P4 v . 294 Dalwitz nennt die Akzidenz „ Konstruktion “ (constructio), vgl. Dalwitz 1569, fol. P6 r ; vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 249: Accidunt praepositioni, Tonus et Casus. 295 Vgl. KB I, 333 - 336 (§ 86). 296 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 248: Graeci vero definitas numero praepositiones habent, omnes decem et octo sunt (Üs.: Die Griechen haben aber zahlenmäßig bregrenzte Präpositionen: Insgesamt achtzehn.). Vgl. Dalwitz 1569, fol. P5 v : Praepositiones numerantur octodecim (Üs.: Präpositionen zählt man achtzehn). 297 Zu den Unterschieden von ὡς im Vergleich zu den anderen Präpositionen vgl. KG I, 451 (§ 428,7 Anm. 2). Zu den Präpositionen allgemein vgl. KG I, 448 - 453 (§ 428), bes. 450 (§ 428,6). 298 Vgl. Dalwitz 1569, fol. P6 v ( - P7 r ). Der „ Libellus “ nennt nur die figura explizit als Akzidenz und zählt die Sinnrichtungen auf: Camerarius 1545 (OC 0478), p. 268 (bzw. ebd. p. 267 - 269). 4.2 Griechische Grammatik 89 <?page no="90"?> Bei der Zuweisung der Sinnrichtungen hat jede Grammatik eine etwas andere Systematik, was zu einiger Verwirrung führen kann, wie sich noch zeigen wird. 299 Damit ist der dritte Teilbereich der Grammatik abgeschlossen und der vierte und letzte, die Syntax, behandelt schließlich das Zusammenspiel aller Bereiche in Sätzen bzw. Texten, was an dieser Stelle jedoch nicht umfassend dargelegt werden kann. Editoren können jedoch mit der eben dargelegten Teminologie einzelne Phänomene leichter in den frühneuzeitlichen Grammatiken nachschlagen, da die in der Etymologie behandelten acht Redeteile (Wortarten) die Gliederung der „ Syntax “ vorgeben. 4.3 Griechisch Drucken in der Frühen Neuzeit Bevor die einzelnen Problemfelder nun anhand der Grammatiken untersucht werden, muss ein Blick auf die zeitgenössische Druckpraxis geworfen werden, um ein Verständnis der technischen Seite zu erhalten. Frühneuzeitliche Bücher sind das Produkt eines handwerklichen Prozesses, in dem es zu allerlei Fehlern kommen kann, auf die der Autor eines Textes keinen Einfluss hat. 300 Probleme können bei der Herstellung eines Schriftsatzes - d. h. Entwurf einer Schrift, Erstellung von Matrizen und Guss von Drucktypen - bis hin zum Setzen der Lettern entstehen. Der Aufwand ist im Griechischen im Vergleich zum Lateinischen besonders groß, wenn man die Vielzahl der Kombinationen von Vokalen und diakritischen Zeichen bedenkt. Bevor Editionskriterien formuliert werden, soll daher als Hintergrund nicht nur der zeitgenössische Kenntnisstand der griechischen Sprache betrachtet werden, sondern auch die Druckpraxis. Unter welchen Bedingungen und mit welchen technisch bedingten Auswirkungen wurde in der frühen Neuzeit Griechisch gedruckt? 299 Vgl. unten Anm. 458. Bei Dalwitz: Verbindend (copulativae/ συμπλεκτικοί ): καί , τε ; disjunktiv (disiunctivae/ διαζευκτικοί ): ἀλλά , ἀτάρ , αὐτάρ , ἤ , ἤτοι , ἠέ , δέ , ἀλλάμην ; konzessiv (adversativae/ ἐναντιωματικοί ): καίτοι , καίπερ , εἰκαί , ὅμως , ἔμπης ; konditional (continuatiae/ συναπτικοί ): εἰ , εἴπερ , εἰδή , εἰδήπερ , ἐπεί , ἐπείπερ , εἰπειδή , ἐπειδήπερ ; final (causales/ αἰτιολογικοί ): ἵνα , ὅπως , ὄφρα , γάρ , διό , ὅτι , διότι , καθότι , ἕνεκα , οὕνεκα ; schlussfolgernd (rationales/ συλλογιστικοί ): ἄρα , οὖν , τοιγαροῦν , τοίνυν , τοιγάρτοι ; interrogativ (dubitativae/ ἀπορηματικοί ): ἆρα , μῶν , μή ; füllend (expletivae/ παραπλη ρωματικοί ): ῥά , θύν , νή , που , τοι , οὖν , πέρ , πῶ , δῆτα , μήν , μέν , γέ , γε , γουν ; Moduspartikel (potentiales/ δυνητικοί ): ἄν , κέ , κέν . Vgl. dagegen Camerarius 1545 (OC 0478), p. 268 f., Varennius 1550, fol. L2 r - v , Oecolampadius 1518, p. 248 f. 300 Vgl. Päll 2005, 98 Anm. 54. 90 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="91"?> Eine detaillierte Untersuchung der griechischen Druckpraxis in den Offizinen des deutschsprachigen Raumes gibt es nicht. An dieser Stelle kann daher nur überblicksartig die Entwicklung griechischen Druckens im Europa der frühen Neuzeit skizziert und ein Eindruck der Vielfalt der Techniken vermittelt werden. 301 Freilich lassen sich keine starren Zeiträume ermitteln, in denen diese oder jene Techniken oder Druck-Typen benutzt wurden und neben den hier vorgestellten Techniken und Schriftdesigns mag es weitere Varianten gegeben haben. 4.3.1 Frühneuzeitliches griechisches Schriftdesign Die Schriftdesigns griechischer Drucke entwickelten sich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts aus Handschriften und sollten den handschriftlichen Stil möglichst originalgetreu wiedergeben. Zwei Designs waren besonders einflussreich: Zunächst vom Ende des 15. bis Mitte des 16. Jahrhunderts die von Aldus Manutius entwickelten Typen und ab Mitte des 16. Jahrhunderts die von Claude Garamond entworfenen „ Grecs du Roi “ . Die von Manutius auf Grundlage der Handschrift des Immanuel Rhusotas erstellte Schrift kam 1495 erstmals im Druck der griechischen Grammatik des Theodorus Gaza zum Einsatz. Die Schrift traf den Geschmack der Zeit, war kommerziell sehr erfolgreich und regte so auch andere Drucker dazu an, Griechisch zu drucken. 302 Aus typographischer Sicht jedoch war die Vielzahl an Ligaturen und Kontraktionen problematisch und so wurde der Erfolg von Manutius ’ Schrift gar als „ disaster from which Greek printing did not recover for generations “ 303 bezeichnet. Und obwohl Manutius seinen Schriftsatz fortlaufend weiterentwickelte, um die Anzahl der einzelnen Typen zu verringern und die Arbeit damit zu vereinfachen, behielt auch die nächste erfolgreiche 301 Victor Scholderer zeichnet in einem Ausstellungskatalog aus dem Jahre 1927 die Entwicklung griechischen Druckens in Europa bis in das 20. Jahrhundert nach. Leider behandelt er für das 16. Jahrhundert kaum Beispiele deutscher Offizinen (vgl. Scholderer 1927). Zur Entwicklung des griechischen Schriftdesigns bis in die Neuzeit vgl. Leonidas 2002. Für eine dezidierte Studie zu den Schriften des 15. Jahrhunderts vgl. Proctor 1900. Einen kurzen druckhistorischen Abriss und einen sehr hilfreichen Überblick über die griechischen Ligaturen bietet Ingram 1966. Für eine ausführliche Darstellung der Typographie des 16. Jahrhunderts in Frankreich vgl. Vervliet 2008 (bes. 366 - 425). Für weitere Literatur vgl. ebd. 384 Anm. 1. 302 Vgl. Proctor 1900, 93 (und passim); vgl. Ingram 1966, 375; vgl. Leonidas 2002, 4. 303 Scholderer 1927, 7. Leonidas (2002, 5 Anm. 3) kritisiert Scholderers Vehemenz unter Verweis auf die zeitlichen Umstände. 4.3 Griechisch Drucken in der Frühen Neuzeit 91 <?page no="92"?> Schriftart die Komplexität bei. 304 Mitte des 16. Jahrhunderts gab der französische König eine griechische Schrift in Auftrag, die den griechischen Druck in Europa für die nächsten 200 Jahre bestimmen sollte: Claude Garamond entwarf anhand der Handschrift des griechischen Schreibers Angelos Vergikios Anfang der 1540er Jahre den Schriftsatz, der als „ Les Grecs du Roi “ bekannt geworden ist. 305 Der Typographie-Experte Gerry Leonidas charakterisiert die Schrift wie folgt: „ The types are more open and upright, and strokes flow easily into one another. [ … ] To the compositors ’ continuing despair, the founts were equipped with hundreds of ligatures and contractions. “ 306 In einem erstmals 1548 gedruckten „ Alphabetum Graecum “ präsentiert der französische Hofdrucker Robert Estienne drei unterschiedlich große Versionen des Schriftsatzes, wobei die kleine 412, die mittlere 471 und die große 400 einzelne Typen zählt. 307 Allerdings zeigt ein Vergleich mit den erhaltenen Druckstempeln der „ Grecs du Roi “ , die vom Atelier du Livre d ’ art et de l ’ Estampe der französischen Nationaldruckerei aufbewahrt und online ausgestellt werden, dass nicht alle Typen in dem Alphabetsbüchlein abgedruckt wurden und noch mehr zur Verfügung standen. Die dort aufbewahrten Kästen beinhalten in der kleinen Ausführung 471, 308 in der mittleren 559 309 und in der großen 499 310 einzelne Typen. Schon vor Estienne gaben Drucker solche Alphabetsbüchlein heraus - sicherlich auch, um die Fähigkeiten der eigenen Offizin zu bewerben - vor allem aber, um die mitunter komplizierten Abbreviaturen zu erklären und jungen Schülern einen Einstieg in die griechische Sprache zu ermöglichen: 311 Der Basler Drucker Johannes Froben schreibt im Vorwort seines „ Alphabetum 304 Vgl. Leonidas 2002, 4. 305 Vgl. Wechel 1591, p. 4. Vgl. Scholderer 1927, 10 f. 306 Leonidas 2002, 5. 307 Vgl. Bèze 1554. Das 1548 veröffentlichte Alphabetsbuch ist nicht online verfügbar. Daher wird hier eine spätere Auflage verwendet. Vgl. Ingram 1966, 371 f. 308 Vgl. Poinçons typographiques: Grecs du Roi corps 9 (Sammlung des Atelier du Livre d ’ art & de l ’ Estampe, Inventarnr. PO.IN.46.2; URL: https: / / www.imprimerienationale-patrimoine.fr/ ark: / 55748/ 002596, 15.11.2025). 309 Vgl. Poinçons typographiques: Grecs du Roi corps 16 (Sammlung des Atelier du Livre d ’ art & de l ’ Estampe, Inventarnr. PO.IN.47; URL: https: / / www.imprimerienationalepatrimoine.fr/ ark: / 55748/ 002597, 15.11.2025). 310 Vgl. Poinçons typographiques: Grecs du Roi corps 20 (Sammlung des Atelier du Livre d ’ art & de l ’ Estampe, Inventarnr. PO.IN.48 bzw. PO.IN.49; URL: https: / / www.imprimerienationale-patrimoine.fr/ ark: / 55748/ 002598, bzw. https: / / www.imprimerienationalepatrimoine.fr/ ark: / 55748/ 002599, 15.11.2025). 311 Vgl. Ingram 1966, 378. 92 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="93"?> Graecum “ , er wünsche, dass sein kleiner Sohn dreisprachig aufwachse und mit dem Alphabetsbüchlein noch im Windelalter die griechischen Buchstaben samt ihre Aussprache lerne und so spielerisch die griechische Sprache einsauge. 312 Im Widmungsbrief eines 1591 gedruckten „ Alphabetum Graecum “ schreibt der Philologe Friedrich Sylburg (1536 - 1596), die gedruckten Ligaturen sollten als Furchen dienen, die der Schüler mit seinem Stift nachfahren solle, um sie zu lernen. 313 Die Entwicklung griechischen Druckens und der Einfluss der Schriftsätze von Aldus Manutius und Claude Garamond, d. h. die „ Verkomplizierung “ der griechischen Schrift lässt sich gut anhand der Alphabetsbüchlein im deutschsprachigen Raum veranschaulichen (Abb. 4.2 - 4.4). Die Abbildungen zeigen jeweils das Vaterunser, das (neben anderen Standardtexten) meist als Leseübung in den Alphabetsbüchlein abgedruckt wurde. Während der früheste der drei Schriftsätze von Johannes Groneberg aus Wittenberg (1511) nicht mehr als 24 Typen für 24 Minuskeln umfasst 314 und offenbar keine Möglichkeit bestand, Akzente oder Spiritus zu drucken, finden sich im nächsten Büchlein von Johann Froben aus Basel (1520) allein 63 unterschiedliche Typen für die Einzelbuchstaben (24 Majuskeln, 39 Minuskeln) sowie eine nicht genau bestimmbare Zahl von Ligaturen (wohl in Anlehnung an Aldus Manutius erstellt). 315 Das jüngste der drei Beispiele von den Erben des Andreas Wechel aus Frankfurt (1591) - jene Offizin, die auch das BS druckte und die ihre Wurzeln in Paris hatte - verwendet die „ Grecs du Roi “ . 316 312 Vgl. Froben 1520, fol. a1 v . 313 Vgl. Wechel 1591, p. 3. 314 Der Drucker führt zwar auch 27 abbreviationes auf (vgl. Groneberg 1511, fol. a ii v ), doch sind diese wesentlich größer und deutlich unsauberer geschnitten als die Einzellettern. Sie werden in den Beispieltexten nicht verwendet, sodass man davon ausgehen kann, dass sie nur als beispielhafte Veranschaulichung angefertigt wurden. Ein insgesamt sehr ähnliches Bild zeigt sich in einem zehn Jahre zuvor gedruckten Alphabets-Büchlein aus Erfurt (Schenck 1501): Nur Einzellettern, keine Akzente, unförmige Abbreviaturen, die in den Texten nicht verwendet werden. 315 Die Ligaturen werden nicht einzeln aufgeführt und erscheinen nur in den Lesetexten. 316 Vgl. Wechel 1591, p. 4 f. und Steiff 1896. 4.3 Griechisch Drucken in der Frühen Neuzeit 93 <?page no="94"?> Abb. 4.2: Das Vaterunser im „ Alphabetum Graecum “ von Groneberg 1511 (VD16 I 342), fol. a iii r , BSB München, URN: urn: nbn: de: bvb: 12-bsb00014149-9 94 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="95"?> Abb. 4.3: Das Vaterunser im „ Alphabetum Graecum “ von Froben 1520 (VD16 a 1946), fol. a2 v , BSB München, URN: urn: nbn: de: bvb: 12-bsb00028105-6 4.3 Griechisch Drucken in der Frühen Neuzeit 95 <?page no="96"?> Abb. 4.4: Das Vaterunser im „ Alphabetum Graecum “ von Wechel 1591 (VD16 S 10345), p. 63, BSB München, URN: urn: nbn: de: bvb: 12-bsb00039178-7 96 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="97"?> 4.3.2 Druck von Diakritika 4.3.2.1 Methoden Diakritika stellten nicht nur beim Druck selbst, sondern auch in den vorangehenden Prozessen der Typenherstellung eine gewisse Herausforderung dar. 317 Dies führte vor allem in den Anfangszeiten dazu, dass beim Druck auf Diakritika ganz verzichtet wurde. In einer Studie über den griechischen Buchdruck im 15. Jahrhundert nennt der britische Bibliothekar Robert Proctor (1868 - 1903) neben dem Weglassen der diakritischen Zeichen drei weitere Praktiken der frühneuzeitlichen Drucker im Umgang mit Diakritika. 318 Die wahrscheinlich naheliegendste Herangehensweise ist, die einzelnen Vokale mit den diakritischen Zeichen zu einer Type zu gießen. Problematisch dabei sind die zahlreichen Kombinationsmöglichkeiten von Vokal und diakritischem (bzw. diakritischen) Zeichen ( ἀ , ἄ , ἂ , ἆ , ᾀ , … ). Die Drucker gingen damit unterschiedlich um: Entweder wurden weniger häufige Vokal-Akzent/ Spiritus-Kombinationen gar nicht hergestellt und durch andere (notdürftig) ersetzt 319 oder es wurden vornehmlich Typen mit der maximalen Anzahl an Diakritika (z. B. ᾄ und ᾦ , nicht aber ἀ oder ῶ ) gegossen und nicht benötigte Zeichen vom Setzer entfernt. Die von Proctor genannte Form ἤνἴὄχὄς belegt, dass dieser zusätzliche Arbeitsaufwand mitunter ignoriert wurde. 320 Auch ist bei dieser Methode zu bedenken, dass eine einmal beschnittene Type nur noch in der hergestellten Funktion wiederverwendbar ist. Eine weitere Methode ist lediglich durch ein Gedicht, das diese Druckpraxis beschreibt, bekannt und kann im Druckbild nicht erkannt werden: 321 Der Grieche Zacharias Kallierges, der in Italien als Drucker tätig war, entwickelte getrennte Matrizen für Vokale und Diakritika. Diese konnten mit Klammern verbunden und zu einer Type gegossen werden. 322 So konnte man also bedarfsgemäß Typen herstellen. Die letzte Methode ist die Verwendung separater Typen für Diakritika und Vokale. In der Praxis gab es hier wiederum mehrere Ausformungen: Teils wurde nur für Diakritika eine separate Zeile angelegt - was freilich einigen Raum auf dem Blatt einnimmt, um nicht zu sagen: vergeudet. 323 Die elaboriertere Methode, die sowohl bei Aldus Manutius als auch den „ Grecs du Roi “ 317 Vgl. Leonidas 2002, 3 Anm. 2. 318 Vgl. Proctor 1900, 18 - 21. Die Techniken kann man auch im 16. Jahrhundert noch beobachten. 319 Vgl. Proctor 1900, 56 f. mit Plate I (S. 156 f.) 320 Vgl. Proctor 1900, 19. 321 Vgl. Proctor 1900, 21. 322 Vgl. Proctor 1900, 117. 323 Vgl. Proctor 1900, 172 f. 4.3 Griechisch Drucken in der Frühen Neuzeit 97 <?page no="98"?> Anwendung fand, 324 war, die beiden einzelnen Typen (Diakritika-Type und Buchstaben-Type) beim Setzen mittels Kerning (dt.: Unterschneiden 325 ) wie Puzzleteile aneinander zu setzen und sie so im Druckbild wie eine Type erscheinen zu lassen. Ein Blick auf erhaltene Druckstempel und Matrizen griechischer Schriftsätze lässt vermuten, dass die zuvorgenannten Methoden durchaus auch miteinander kombiniert wurden. So umfassen die bei der französischen Nationaldruckerei online ausgestellten Stempel der „ Grecs du Roi “ in allen drei Größen sowohl kombinierbare Einzeltypen für Diakritika, als auch fest verbundene Vokal-Diakritika-Typen. 326 Ein ähnliches Bild zeigt sich in der online präsentierten Sammlung des Museum Platin-Moretus Antwerpen bei griechischen Matrizen, die von den Schriftschneidern Pierre Haultin 327 und Robert Granjon 328 stammen. Dagegen umfassen die ebenfalls dort aufbewahrten, nach Angaben des Museums weltweit ältesten erhaltenen griechischen Druckmatrizen, die von Peter Schoeffer dem Jüngeren gefertigt und erstmals 1530 von dem Basler Drucker Johann Bebel verwendet wurden, 329 unter ihren 341 Matrizen keine separaten Matrizen für Diakritika, 330 jedoch jede denkbare Kombination von Vokalen und diakritischen Zeichen (z. B. auch Omikron mit Zirkumflex 331 ). Auffällig sind dabei einige Matrizen von Ligaturen, die sowohl Gravis, als auch Akut tragen und offenbar vom Setzer in die gewünsche Form gebracht werden 324 Vgl. Proctor 1900, 20: „ there is no doubt that the Aldine method was to fit both accents and abbreviations over the letters to which they belongded by means of kerning “ . Vgl. Päll 2005, 104. 325 Zur Erläuterung dieser Praxis vgl. „ Unterschneiden “ in: Typolexikon Online (URL: https: / / www.typolexikon.de/ unterschneiden/ , 15.11.2025). 326 Vgl. oben Anm. 309 - 311. 327 Vgl. in der Sammlung des Museum Platin-Moretus (URL: https: / / search.museumplantinmoretus.be, 15.11.2025) die Matrizen mit den Inventarnummern MPM.MA.032 / MPM. MA.033, MPM.MA.060, MPM.MA.104.a, MPM.MA.140, MPM.MA.141, MPM.MA.142 / MPM.MA.143. Möglicherweise auch von Haultin: MPM.MA.103. 328 Vgl. in der Sammlung des Museum Platin-Moretus (URL: https: / / search.museumplantinmoretus.be, 15.11.2025) die Matrizen mit den Inventarnummern MPM.MA.016, MPM. MA.017, MPM.MA.051, MPM.MA.052, MPM.MA.094, MPM.MA.095 und die Stempel mit der Inventarnummer MPM.ST.049. 329 Vgl. Budé 1530. Vgl. in der Sammlung des Museum Platin-Moretus (URL: https: / / search. museumplantinmoretus.be, 15.11.2025) die Matrizen ‚ Augustine Grecque ‘ mit den Inventarnummern MPM.MA.123 sowie MPM.MA.124. Vgl. Vervliet 2008, 378 figure 8a. 330 Allerdings scheint der Satz nicht vollständig erhalten zu sein, da Epsilon-Diakritika- Kombinationen komplett fehlen. 331 Epsilon und Omikron mit Zirkumflex/ Spiritus Kombinationen finden sich auch unter den Matrizen von Pierre Haultin (vgl. oben Anm. 328). Vgl. zum grammatikalischen Hintergrund unten Anm. 353. 98 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="99"?> mussten (Abb. 4.5). Das funktionierte in der Offizin Bebel überwiegend - aber nicht immer - gut, wie ein Vergleich mit einem griechischen Druck zeigt. 332 Abb. 4.5: Matrizen des Schriftsatzes von Peter Schoeffer d. J., bei dem die Ligaturen für τα , ται , τε , τι und το mit zwei Akzenten ausgestattet sind (Collectie Stad Antwerpen, Museum Plantin-Moretus, Inventarnr.: MPM.MA.124, URL: https: / / dams.antwerpen.be/ asset/ T2XZnniuNJpcpTqTdXE3Z0Gi#id, 15.11.2025). 4.3.2.2 Stellung der Diakritika auf Diphthongen Um die Komplexität des Drucks der Diakritika zu illustrieren und die Ergebnisse einzelner Techniken zu betrachten, soll exkursartig die Stellung der Diakritika im Schriftbild untersucht werden, die in der Forschung wiederholt problematisiert wurde. 333 So fehlen bei Majuskeln oft Diakritika oder stehen hinter dem Buchstaben, bei Diphthongen trägt bisweilen der erste anstelle des zweiten Vokals die diakritischen Zeichen. Bei Ligaturen stehen Diakritika bisweilen auch auf einem Konsonanten. 334 Majuskeln wurden, wie sich noch zeigen wird (4.4.2), in der frühen Neuzeit in ihrer Verwendung in keiner Weise theoretisch reglementiert und auch zur Stellung von Diakritika finden sich keine Vorschriften. Bei den Diphthongen ist es komplizierter: Wie sehr die Diakritika den Druckprozess verkomplizierten, wurde soeben bereits gezeigt - doch rein drucktechnische Gründe können hier nicht als Erklärung dienen, da das Phänomen auch in Handschriften auftritt. 335 Im Falle eines Diphthongs mit 332 Vgl. Bebel 1528, p. 26 mittig: Πᾶν τὸ κατά ; ebd. p. 28 mittig: Λόγον ἔχειν πρὸς ἄλληλα τὰ τάχη λέγεται , ὃν τὰ . Hier wurden jeweils die mit den τα -Matrizen gefertigten Typen angepasst. Teils sind noch beide Akzente erkennbar. 333 Vgl. oben Anm. 212. 334 Für Fälle, in denen die Diakritika auf Konsonanten stehen vgl. exemplarisch die im „ Libellus “ kompilierten Hesiodverse (Camerarius 1545 (OC 0478), p. 115 f. = Hes. Theog. 36 - 44, 52 - 55, 60 f., 64 - 67, 76 - 79): 37 τέρπουσι , ἐντὸς ; 41 θεᾶν ; 53 ἑν ; 54 Μνημοσύνη ; 55 Λησμοσύνην ; 61 ἐν ; 65 ἐρατὴν ; 76 θυγατέρες , ἐκγεγαῦιαι ; 77 Εὐτέρπη , Μελπομένη . 335 Obwohl eine Wechselwirkung zwischen Drucken und Handschriften denkbar ist, da Griechisch mithilfe von Drucken erlernt wurde (und Drucke auf Grundlage von Manuskripten erstellt wurden). Ein Zusammenhang mit der Aussprache liegt nahe und würde zusätzlich die Mehrzahl der Fälle unter anlautenden Diphthongen erklären ( „ h “ wird vor dem Diphthong gesprochen). Zur paläographischen Praxis ab dem Mittelalter vgl. Thompson 1893, 159 - 182, ab 178 Handschriften des 16. Jh. 4.3 Griechisch Drucken in der Frühen Neuzeit 99 <?page no="100"?> Zirkumflex wäre eine Platzierung des Akzents auf dem ersten Vokal nicht unlogisch, denn der Zirkumflex zeigt eine Tonhöhe auf dem ersten Vokal an. 336 Auch ist bei ᾳ , ῃ , ῳ bzw. αι , ηι , ωι - den uneigentlichen Diphthongen 337 - eine Schreibung über dem ersten Vokal üblich. 338 Der Zusammenhang mit der Aussprache des Griechischen (z. B. εὔ als [eu ̯ ] bzw. ἔυ als [ef]) scheint eine plausible Erklärung des Problems, 339 zumal Camerarius einen zwingenden Zusammenhang zwischen orthographisch korrekter Schreibung (inkl. Akzentzeichen) und der Aussprache sieht 340 und das Phänomen überwiegend bei anlautenden Diphthongen auftritt. 341 Außerdem geht die Konvention, Spiritus 336 Vgl. KB I,317 (§ 77): Ein Vokal oder Diphthong mit Zirkumflex „ muss als eine Länge betrachtet werden, welche aus zwei in einander geschleiften kurzen Vokalen zusammengesetzt ist, von denen der erstere den Hochton, der letztere den Tiefton hat. “ 337 So die frühneuzeitliche Bezeichnung; vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 1; Dalwitz 1569, fol. A3 v . 338 Vgl. BR § 4,4 mit § 3,2b. 339 Vgl. Päll 2005, bes. 113 bzw. 104. 340 Vgl. OCEp 0461 (in: Camerarius 1568), fol. v6 r und Melanchthon 1555 (OC 0557), p. 485 - 501. Diese Aussagen Camerarius ’ stehen jedoch eher im Kontext der lateinischen Sprache: „ De Orthographia “ wurde in Melanchthons „ Grammatica Latina “ gedruckt, doch beschränkt Camerarius seine allgemeinen Aussagen darin nicht immer ausdrücklich auf die lateinische Sprache und führt immer wieder auch griechische Beispiele an. Im Brief an Scheurl wird Griechisch und Latein wiederholt verglichen. Die Akzentsetzung zählt Camerarius ausdrücklich zur Orthographie. Vgl. Burkard 2003. Vgl. unten 4.5.6.5. 341 Vgl. Päll 2005 zu Typenmangel und dem Verhältnis zwischen anlautenden und Binnendiphthongen (bes. ebd. 110); sie vermutet eine Beeinflussung der Binnendiphthonge durch die anlautenden Diphthonge (vgl. ebd. 112). Bei der Untersuchung sollte aber auch berücksichtigt werden, ob Ligaturen oder Einzelbuchstaben verwendet wurden (sofern das Druckbild eine Entscheidung zulässt). In der Edition der Versepisteln des Johannes Clajus (Neuendorf 2017) heißt es, bei Diphthongen stünden „ Akzente und/ oder Spiritus häufiger auf dem ersten anstelle des zweiten Vokals “ (Neuendorf 2017, 75). Diese Aussage ist zu pauschal: Das Phänomen tritt in dem verwendeten Druck zwar durchaus gehäuft auf, ist bezogen auf „ Akzente und/ oder Spiritus “ im Verhältnis zu der konventionellen Schreibweise jedoch wesentlich seltener. Betrachtet man „ Akzente und/ oder Spiritus “ auf Diphthongen, so ist das Verhältnis zwischen „ Diakrit. Zeichen auf erstem Vokal “ zu „ Diakrit. Zeichen auf zweitem Vokal “ in dem von Neuendorf verwendeten Druck etwa 70: 125 (Ligatur-Diphthonge wurden bei der Zählung ausgelassen). Außerdem gilt die Aussage (nahezu) ausschließlich für anlautende Diphthonge: Nur in zwei Fällen (Epist. 3, V. 10 und Epist. 12 V. 4) steht ein Akzent ohne einen Spiritus auf dem ersten Vokal eines Diphthongs. Das Verhältnis „ Spiritus auf erstem Vokal “ zu „ Spiritus auf zweitem Vokal “ ist etwa 66: 46 (Ligatur-Diphthonge wurden bei der Zählung ausgelassen). Dabei enthalten 40 der 46 Fälle mit Spiritus auf zweitem Vokal einen Zirkumflex. Dieser kann regulär nicht auf den Vokalen ε und ο stehen und muss, bei einem Diphthong, daher auf dem zweiten Vokal des Diphthongs ( ι oder υ von ευ , ει , ου , οι ) rücken. Kurz: In den von Neuendorf bearbeiteten Passagen steht bloßer Spiritus immer auf dem ersten Vokal eines Diphthongs ( ἐυ , ἑυ , ὀι , ὁι , ἀι , ἁυ ), Spiritus mit Akut überwiegend auf dem ersten Vokal eines Diphthongs (21: 6), Spiritus mit Zirkumflex immer auf dem zweiten Vokal eines 100 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="101"?> auf dem zweiten Vokal eines Diphthongs zu schreiben, lt. Kühner/ Blass auf keinen Grammatiker zurück, vielmehr habe es „ sich als praktisch herausgebildet, damit man nicht ἀίξ a-ix, Αἴσσω aisso spreche. “ 342 Die Alphabet- Bücher behandeln zwar Akzent- und Spiritusregeln, lassen dabei die Stellung aber außen vor. Varennius lässt mit der Aussage, der Akut stünde „ auf “ dem Vokal bzw. Diphthong Interpretationsraum übrig: Acutus, est nota super vocalem aut diphthongum. 343 Im „ Libellus “ wie auch in den „ Praecepta “ werden Akzent und Spiritus als Akzidenzien der Silbe behandelt. 344 Sind die Diakritika demnach also richtig gesetzt, wenn sie (irgendwo) auf der richtigen Silbe stehen? 345 Zu den Akzenten heißt es: Quaesitus, qui dictionis tenor? aut acuto responde, aut circunflexo esse efferendam. Sunt enim hi principales duo toni, et qui syllabis inscribuntur. Auf die Frage „ Wie ist das Wort betont? “ antworte: „ Es ist entweder mit Akut oder Zirkumflex auszusprechen. “ Das sind nämlich die beiden hauptsächlichen Akzentzeichen, die auch auf die Silben geschrieben werden. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 10 Sedes acuti toni sunt ultima, penultima, et antepenultima syllaba dictionis. … Sedes circumflexi toni est vel ultima vel penultima syllaba … . Der Akut kann auf der letzten, vorletzten und vorvorletzten Silbe eines Wortes stehen; … der Zirkumflex entweder auf der letzten oder der vorletzten Silbe … . Dalwitz 1569, fol. A7 r und A8 r Und zu den Spiritus vermerken die Grammatiken: Spiritibus utimur in solis earum dictionum initiis quae vocalia sunt … . Die Spiritus werden auf dem Anlaut derjenigen Wörter verwendet, die vokalisch sind … . Camerarius 1545 (OC 0478), p. 25 Est autem signum huius [sc. densi spiritus] curva virgula, ad laevam tendens, ut ‘ et ponitur in vocalibus initialibus, quae cum aspiratione efferendae sunt … . Est autem Diphthongs und Binnendiphthonge tragen mit Ausnahme von nur zwei Fällen den Akzent auf dem zweiten Vokal. 342 KB I, 67 (§ 8,1). Vgl. KB I, 317 f. (§ 77 Anm. 3). 343 Varennius 1550, fol. K1 r . 344 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 4 und p. 6. 345 Wenn man die Fälle der betonten Konsonanten betrachtet, wäre dies zwar überwiegend aber eben nicht konsequent eingehalten, denn im obigen Beispiel (vgl. Anm. 335) steht der Akzent bei den Eigennamen Μνημοσύνη , Λησμοσύνην und Μελπομένη jeweils auf dem ν der υν -Ligatur und stünde somit auf der letzten Silbe. Zum frühneuzeitlichen Verständnis der Silbentrennung vgl. Dalwitz 1569, fol. A5 v - A6 r bzw. KB I, 349 - 351 (§ 91). Vgl. die τόποι der Akzente bei Manutius 1495, fol. e ε II v (=34 v ; Anfang 3. Buch). 4.3 Griechisch Drucken in der Frühen Neuzeit 101 <?page no="102"?> nota sive signum ipsius [sc. tenuis spiritus] cur-||va virgula dextram versus tendens, ut ’ . Et ponitur in omnibus vocalibus initialibus non aspirandis. Das Zeichen des [Spiritus asper] ist ein nach links gebogenes Stäbchen, etwa ҅ . Es wird auf anlautende Vokale gesetzt, die mit Aspiration auszusprechen sind … . Das Kennzeichen oder Zeichen für [den Spiritus lenis] ist ein nach rechts gebogenes Stäbchen, etwa ҆ . Und es wird auf allen anlautenden Vokalen geschrieben, die nicht zu aspirieren sind. Dalwitz 1569, fol. B5 v - B6 r In beiden Werken werden anlautende Diphthonge nicht explizit erwähnt, sondern offenbar unter „ Silbe “ bzw. „ vokalischer Anfang/ Anfangsvokal “ (vocalis initialis) subsumiert, was Interpretationsspielräume offenließe: So könnte beim Wort οἶνος das Omikron als Anfangsvokal verstanden werden. Oder aber man versteht den Diphthong οι als vokalischen Anfang, 346 der gleichzeitig eine Silbe bildet - können die Diakritika also irgendwo darauf stehen? Die Beispielwörter beider Grammatiken umfassen keine mit Diphthong anlautenden Wörter; die jeweilige Praxis in den Drucken deutet auf eine überwiegende Stellung der Diakritika auf dem zweiten Vokal des Diphthongs hin. Insgesamt scheint in den frühneuzeitlichen Theorietraktaten keine klar erkennbare Konvention gelehrt worden zu sein. Es bleibt übrig, eine Konvention aus den Drucken abzuleiten. Als Korpus einer Untersuchung eignen sich zeitgenössische griechische Wörterbücher am besten: Einerseits aus Gründen der Effizienz: Dank der lemmatischen Ordnung muss nicht ein Text mühsam nach Wörtern abgesucht werden, die mit Diphthong anlauten. Andererseits, weil der Autor/ Drucker/ Lektor hier dutzendfach hintereinander mit demselben „ Problem “ der Diakritika auf Diphthongen konfrontiert war. Wenn es eine zeitgenössische Konvention gab, müsste sie hier am ehesten sichtbar sein. Im Rahmen dieser Dissertation wurde eine Überprüfung anhand dreier im deutschen Sprachraum gedruckten Wörterbücher vorgenommen: Das von Valentin Curio gedruckte „ Lexicon Graecum “ (Basel 1522), das von Andreas Cratander gedruckte „ Lexicon Graeco-Latinum “ (Köln 1532) und schließlich das von Johannes Prael gedruckte „ Lexicon Graecolatinum “ (Basel 1533). 347 346 Beide Grammatiken nennen den Diphthong vokalisch. Vgl. Dalwitz 1569, fol. A3 v : Vocales inter se connexae diphthongos constituunt (Üs.: Miteinander verbundene Vokale formen Diphthonge) bzw. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 1: vocales septem … . Ex quibus diphthongi connectuntur (Üs.: Es gibt sieben Vokale. Aus ihrer Verknüpfung entstehen Diphthonge). 347 Die Auswahl erfolgte zum einen aufgrund der Listung in der VD16 und zum anderen, da die Lemmata in diesen Wörterbüchern mit Minuskeln beginnen. Die Stellung von Diakritika bei Majuskeln/ Majuskeldiphthongen wird nicht betrachtet. Zu frühneuzeitlichen griechisch-lateinischen Wörterbüchern vgl. Rollo 2017. 102 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="103"?> Diphthong Lemmata 1. Vokal 2. Vokal Ligatur Trema unklar αι 263 59 48 136 20 αυ 127 2 121 - 3 1 ει 186 149 34 - - 3 ευ 436 143 292 - - 1 οι 162 26 130 - 6 ου 109 1 108 - - υι 9 - - 9 - - Tab. 4.1: Diakritika auf anlautenden Diphthongen bei Curio 1522 Diphthong Lemmata 1. Vokal 2. Vokal Ligatur Trema unklar αι 365 50 170 104 30 11 αυ 211 127 27 51 5 1 ει 361 18 184 155 3 1 ευ 720 657 30 30 1 2 οι 245 - 234 - 10 1 ου 237 21 138 78 - υι 12 - - 10 - 2 Tab. 4.2: Diakritika auf anlautenden Diphthongen bei Cratander 1532 Diphthong Lemmata 1. Vokal 2. Vokal Ligatur Trema unklar αι 409 28 345 - 26 10 αυ 233 2 226 - 3 2 ει 397 138 253 - 3 3 ευ 922 740 176 - 1 5 οι 292 40 241 - 7 4 ου 242 38 202 - - 2 υι 12 11 1 - - - Tab. 4.3: Diakritika auf anlautenden Diphthongen bei Prael 1533 Die Zahlen (Tab. 4.1 - Tab. 4.3) erwecken zunächst den Anschein der Regellosigkeit - allenfalls vage Tendenzen sind sichtbar: Während sich Prael und Cratander relativ einig zu sein scheinen, „ευ“ auf dem ersten Vokal mit Diakritika zu versehen, dreht Curio die Tendenz um. Die Verhältnisse zu interpretieren ist nicht zielführend, vielmehr lohnt sich ein genauerer Blick darauf, wo die Ausnahmen der jeweils häufigsten Setzweise in den entspre- 4.3 Griechisch Drucken in der Frühen Neuzeit 103 <?page no="104"?> chenden Drucken zu finden sind. Denn die Ausnahmen treten zwar selten auch willkürlich 348 auf - Druckfehler sind wohl unvermeidbar - in den meisten Fällen lassen sich die Ausnahmen jedoch relativ eindeutig auf das Schaffen zweier verschiedener Setzer zurückführen: Es sind nämlich v. a. an Seiten- oder Spaltenübergängen klare Brüche erkennbar, bei denen von einer Setzweise (Diakritika auf erstem Vokal) auf die andere (Diakritika auf zweitem Vokal, oder umgekehrt) gewechselt wird, was wohl nur damit zu erklären ist, dass zwei (oder mehr) Setzer am Werk waren, die ein unterschiedliches Regelverständnis hatten (oder einen unterschiedlich ausgestatteten Setzkasten? ). Während sich die Ausnahmen bei Curio noch etwas willkürlicher verteilen, 349 treten sie im Wörterbuch von Cratander deutlich regelhafter, d. h. abschnittsweise, auf. 350 Bei Prael schließlich zeigt sich sehr deutlich, dass (mindestens) zwei Setzer am Werk waren, die offenkundig eine unterschiedliche Auffassung zu Diakritika auf Diphthongen vertraten (4.4). 351 Bei Setzer 1, der die Diakritika auf den ersten Vokal stellt, finden sich unter 951 Lemmata nur 20 Ausnahmen 348 Viele der scheinbar willkürlich versprengten Ausnahmen treten oftmals dann auf, wenn nach einer Reihe exakt gleich beginnender Lemmata (z. B. εἰ -) „ plötzlich “ andere Diakritika benötigt werden (z. B. εἴ ), d. h. an einem Punkt, an dem der Setzer in ein anderes Fach greifen musste und deshalb - unabhängig von Regeln - gegebenenfalls das Fach wählte, in dem er noch viele Typen übrig hatte. 349 Vgl. Curio 1520; vgl. oben Anm. 349. Generell haben viele der zu den „ 2. Vokal “ gerechneten Diphthongen die Diakritika sehr weit links bzw. mittig über dem Diphthong. αι (4 Blätter): Die meisten Lemmata sind mit Ligatur geschrieben. Die Stellen, an denen der erste oder zweite Vokal Diakritika trägt, treten allerdings vor allem gehäuft auf fol. bii r - v (1. Vokal) bzw. fol. bii r linke Spalte und obere Hälfte der rechten Spalte (2. Vokal). αυ (3 Blätter): Versprengte Ausnahmen. ει (4 Blätter): Diakritika auf erstem Vokal am häufigsten, die Ausnahmen sind versprengt und betreffen stets eine Kombination aus Akzent und Spiritus. ευ (7 Blätter): Diakritika auf zweiten Vokal am häufigsten. Versprengte Ausnahmen bzw. gehäuft am Übergang fol. mv r - v , mvi r (zweite Hälfte linke Spalte und rechte Spalte), ni v (linke Spalte). οι (3 Blätter): Versprengte Ausnahmen. ου (3 Blätter): Nur eine Ausnahme. υι (1 Blatt): Nur Ligaturen. 350 Vgl. Cratander 1532; Vgl. oben Anm. 349. αι (9 Blätter): Die Ausnahmen beschränken sich fast ausschließlich auf fol. c4 r und den Übergang von fol. c1 v - c2 r . αυ (5 Blätter): Die Ausnahmen beschränken sich auf die linke Spalte von fol. m3 v . ει (8 Blätter): Die Ausnahmen beschränken sich auf fol. u5 v und u6 v (auf denen auch wesentlich mehr Ligaturen benutzt werden; das auf u6 v folgende Blatt x1 r hat ausschließlich Ligaturen). ευ (16 Blätter): Elf Ausnahmen beschränken sich auf Diphthonge mit Zirkumflex auf den ersten neun Blättern (fol. D4 v - E2 v ). Weitere 19 sind versprengte Ausnahmen auf fol. E3 r - v allerdings stets Kombination aus Akzent und Spiritus. οι (6 Blätter): Keine Ausnahmen. ου (4 Blätter): Alle Ausnahmen auf fol. x3 v . υι (1 Blatt): Nur Ligaturen. 351 Dass exakt zwei Setzer am Werk waren, ist freilich nicht sicher feststellbar. Die Unterscheidung zwischen Setzer 1 und Setzer 2 ist also nicht so sehr als Unterscheidung zwischen zwei natürlichen Personen zu sehen, als als Unterscheidung zwischen zwei Setzweisen. Lemmata mit Trema oder offensichtlichen Druckfehlern ( „ unklar “ ) wurden bei der Auswertung nicht berücksichtigt. 104 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="105"?> (Fehlerquote 2,1 %). Diese lassen sich allesamt recht eindeutig mit Typenmangel erklären: So standen dem Setzer beispielsweise die Typen ε oder ο mit Spiritus und Zirkumflex zwar zur Verfügung (! ), 352 aber wohl in nur geringer Menge, da diese Vokale eigentlich keinen Zirkumflex tragen: Daher wich Setzer 1 in 14 Fällen aus, indem er die Diakritika auf den zweiten Vokal ( υ bzw. ι ) setzte. 353 Die 49 Ausnahmen in 1407 Lemmata von Setzer 2 (Fehlerquote 3,5 %), der die Diakritika auf den zweiten Vokal stellt, sind weniger eindeutig auf Typenmangel und wohl mehrheitlich auf Versehen zurückzuführen. 354 Ligaturen werden für die anlautenden Diphthonge augenscheinlich nur in den Wörterbüchern von Curio (für αι und υι ) und Cratander (für alle außer οι ) benutzt. Anhand des Druckbildes ist nicht immer zweifelsfrei feststellbar, ob eine Ligatur verwendet wurde. Beinahe alle 355 als Ligatur gewerteten Lemmata tragen die Diakritika am rechten Rand, d. h. tendenziell auf dem zweiten Vokal des Diphthongs. Auffällig ist, dass die Ligaturen gehäuft oder gar nicht 352 Dass die entsprechenden Typen in allen drei Druckhäusern existierten, belegen vereinzelt Lemmata, bei denen die Diakritika jeweils auf dem ersten Vokal stehen; inwiefern die Diakritika in den drei Offizinen beweglich einsetzbar waren ist unklar (Vgl. aber den nächsten Absatz): Vgl. Prael 1533: οἷ , οἷατε , οἷα , οἷανπερ (sic! ), εὖνιν , εὖνις , εὖχυς , εἶτα und εἶρος . Vgl. Curio 1520: εἶα , εἷμα , εὖγε , εὖγμα , εὖρος , εὖσπλανγχνος (sic! ), οἶδμα . Vgl. Cratander 1532: εὖχος . Der „ Libellus “ verbietet nicht, Zirkumflex auf Kurz-Vokale zu stellen, sondern auf kurze oder positionslange Silben (vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 19), wobei Diphthonge grundsätzlich als lange Silben gelten (vgl. ebd. p. 5). Die „ Praecepta “ dagegen verbieten Zirkumflex auf Kurzvokal, außer der Kurzvokal nimmt sich einen zweiten Vokal, um einen Diphthong zu bilden (Dalwitz 1569, fol. B2 r ). Vgl. die im Museum Platin-Moretus befindlichen, vor 1549 entstandenen, griechischen Matrizen von Pierre Haultin (Inventarnr. MPM.MA.143; URL: https: / / dams.antwerpen.be/ asset/ XqYkCb9KEo9dQFYmkNvHWNcv, 15.11.2025): Die Matrizen verfügen über alle denkbaren Kombinationen von Spiritus und Zirkumflex auf Epsilon und Omikron. 353 Vgl. die Ausnahmen der Lemmata mit ευ und ου . Fünf weitere Fälle betreffen alle Lemmata mit εἴ in der rechten Spalte von fol. rviii v (Es stand offenbar keine ἔ -Type zur Verfügung; alle anderen Lemmata der Spalte beginnen mit εἰ oder εἱ und tragen die Diakritika auf dem ersten Vokal). Der letzte Fall betrifft das erste Lemma unter οι , das mit Majuskel geschrieben ist (hier bestand offenbar keine Möglichkeit die Diakritika auf/ an der Majuskel zu positionieren). 354 Der Wechsel der Setzweise (1. Vokal/ 2. Vokal) geht oft mit einem Wechsel der nötigen Typen einher (z. B. αἴ statt αἰ ); vgl. oben Anm. 349. Der Drucker Johannes Prael verweist auf dem Titelblatt darauf, dass er einige Ergänzungen gemacht hat und diese mit einem Kleeblatt-Symbol versehen sind (Vgl. Prael 1533, Titelblatt). Dreizehn Ausnahme- Lemmata von Setzer 2 betreffen solche Ergänzungen. 355 Bei Curio gibt es keine Ausnahmen; bei Cratander drei: εὐπρόσιτος , εὐθὺ τῆς πόλεως , εὐωχία . Außerdem tragen die εἷ - und εἶ -Ligaturen die Diakritika links oder mittig (nicht aber εἰ , εἱ , εἴ , εἵ ). Für die (übereinandergeschriebene) ου -Ligatur ist eine Entscheidung nicht möglich (vgl. Päll 2005, 105 Anm. 84). 4.3 Griechisch Drucken in der Frühen Neuzeit 105 <?page no="106"?> auftreten. 356 Die bei Curio verwendeten Ligatur-Typen scheinen fest mit den Diakritika verbunden gewesen zu sein und bei vielen der verwendeten Typen wurden die Diakritika scheinbar für einen früheren Druck beschnitten: Dies resultiert darin, dass die αι -Ligaturen weit überwiegend dann benutzt werden, wenn der Diphthong bloßen Spiritus trägt. 357 Dieser Spiritus steht auffällig weit links über dem Iota und bei manchen Lemmata ist der unsauber weggeschnittene Ansatz eines Akuts sichtbar. 358 Bei den υι -Ligaturen wurde mit Ausnahme eines Lemmas „υἱ“ benötigt und gesetzt. Für das Lemma „υἷες“ fehlte dem Diphthong (Korpus) Setzer 1 (setzt Diakritika auf den ersten Vokal) Setzer 2 (setzt Diakritika auf den zweiten Vokal) αι (375) - 375 Lemmata mit 28 Ausnahmen (fol. bvii r - ciii v ) αυ (228) - 228 Lemmata mit 2 Ausnahmen (fol. kviii v - liii r ) ει (391) 136 Lemmata mit 5 Ausnahmen (fol. rviii v und si v - sii r ) 255 Lemmata mit 7 Ausnahmen* (fol. rvi v - rviii r und si r ) ευ (916) 750 Lemmata mit 10 Ausnahmen (fol. zvii v , zviii r - Aiiii r und Avi r - Aviii r ) 166 Lemmata ohne Ausnahmen (fol. Aiiii v - Av v ) οι (281) 28 Lemmata ohne Ausnahmen (fol. Ov r linke Spalte) 253 Lemmata mit 12 Ausnahmen (fol. Ov r rechte Spalte und Ov v - Ovii v ) ου (223) 37 Lemmata mit 4 Ausnahmen (fol. Qiii r ) 164 Lemmata ohne Ausnahmen (fol. Qiii v - Qiiii v ) fol. Qv r ist ein Sonderfall: Die letzten zum vorhergehenden Paragraphen gehörenden Wörter (5 Lemmata mit ουτ -) tragen Diakritika auf erstem Vokal, der folgende (letzte) Paragraph (17 Lemmata mit ουφ -/ ουχ -) dagegen auf dem zweiten (jeweils ohne Ausnahmen). υι (12) 12 Lemmata mit einer Ausnahme** - * Alle Ausnahmen befinden sich auf fol. rvi v und rvii r und betreffen nur Lemmata mit Spiritus lenis und Akut. ** Ausnahme betrifft das erste Lemma, das mit Majuskel beginnt. Tab. 4.4: Verteilung der Setzweisen bei Prael 1533 356 Vgl. für Ligatur-Häufungen v. a. Cratander 1532, fol. c3 v (linke Spalte), c5 r (linke Spalte), m2 v (rechte Spalte), m3 r (linke Spalte), u6 v , x1 r , x2 r . Vgl. oben Anm. 351. 357 Unter den 146 Lemmata gibt es 16 Ausnahmen: αἴαγμα , αἴγρος , αἴγων , αἴνιγμα , αἴνικτα , αἴνυμαι , αἴξ , αἴολος , αἴσιμος , αἴσυλος , αἴτημα , αἴτησις , αἴτητος , αἴτης , αἴφνης , αἴωρος . 358 Bei den Lemmata αἰγάριος , αἰσχύνη , αἰτηταί , αἰφνίδιος ist ein Punkt neben dem Spiritus sichtbar; wahrscheinlich das untere Ende eines weggeschnittenen Akuts. 106 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="107"?> Setzer aber offenbar die benötigte Ligatur-Type. Anstatt Einzelbuchstaben zu benutzen, setzte er eine „ nackte “ υι -Type wohl vor eine ἷ -Type 359 , bei der er das Iota weggeschnitten hat (das obere Ende des Iota ist noch zu sehen). Somit erscheinen die Diakritika im Druck reichlich deplatziert neben dem Diphthong. Offenbar bereitete dasselbe Lemma auch in Cratanders Offizin Probleme: Hier entschied man sich, das Iota ganz wegzulassen: ὗες . 360 Ob die Diakritika bei Cratander fest mit den Typen verbunden waren, ist anhand des Druckbildes nicht zu entscheiden: Verdächtig erscheinen nur die ει -Ligaturen, bei denen bloßer Spiritus - wie bei Curio - auffällig weit links steht. 361 Allerdings zeigt ein Vergleich mit den im Museum Platin-Moretus aufbewahrten Matrizen, die den Typen der hier betrachteten drei Offizinen durchaus ähnlich sind, dass bei fest verbundenen Vokal-Diakritika-Kombinationen die Stellung der Diakritika auf Diphthongen variiert, meist jedoch mittig über der Ligatur oder auf dem zweiten Buchstaben steht. 362 Darüber hinaus sind nicht alle Diphthong-Diakritika-Kombinationen vorhanden: Es fehlt z. B. eine Matrize für αἰ , sie musste im Zweifelsfalle vom Setzer aus einer αἶ -, αἲ - oder αἴ -Type hergestellt werden. Weder Setzer noch Lektor noch Autor konnten die Stellung der Diakritika bei einer solchen Type noch beeinflussen. Zusammenfassend kann man also festhalten, dass die Stellung der Diakritika in der frühen Neuzeit in den theoretischen Traktaten nicht problematisiert wurde. Die Ursachen für die unterschiedlichen Auffassungen bleiben somit unklar: Am plausibelsten ist die Aussprache ( εὔ als [eu ̯ ] bzw. ἔυ als [ef]) oder das Verständnis der Diakritika als Akzidenz der Silbe, das eine Positionierung der Diakritika ‚ irgendwo ‘ auf der Silbe zu erlauben scheint. Es lassen sich drei Faktoren festhalten, die die Stellung der Diakritika auf Diphthongen in frühneuzeitlichen Drucken beeinflussen: An erster Stelle das individuelle Regelverständnis des Setzers. Die untersuchten Wörterbücher belegen, dass es in keiner der drei Offizinen eine einheitliche Richtlinie zur Stellung der Diakritika gab und das Personal in der Offizin Prael nachweislich unterschiedliche Regeln befolgte. 363 Es ist unwahrscheinlich, dass es in anderen Offizinen zu dieser Zeit geregelter zuging, zumal Diphthonge in einem normalen Text zufälliger auftreten. Zweitens zeigt sich anhand der Wörterbücher, wie sehr der Setzer der Ausstattung seines Setzkastens unterworfen ist: 359 Dass ein Iota verwendet wurde, wäre naheliegend, da es der schmalste Vokal ist, der Zirkumflex tragen kann. 360 Beim vorhergehenden Lemma ὑϊδεύς fehlt ebenfalls das Iota. 361 Dafür, dass die Diakritika bei Cratander beweglich einsetzbar waren, spricht, dass sie im Druck nie an exakt derselben Stelle über den Vokalen stehen. 362 Für die anderen Schriftsätze des Museums vgl. oben Anm. 328 und 329. 363 Eine weitere Möglichkeit wäre, dass das Manuskript nicht einheitlich war. 4.3 Griechisch Drucken in der Frühen Neuzeit 107 <?page no="108"?> Selbst wenn er eine bestimmte Regel einhalten will, ist er manchmal gezwungen, Typenmangel mit mehr oder weniger raffinierten Tricks zu umschiffen. 364 Wohl deshalb muss der Setzer auch häufiger bei den ‚ komplizierteren ‘ (und damit selteneren), anlautenden Diphthongen (mit Akzent und Spiritus) von seiner Regel abweichen und weniger bei den Binnendiphthongen (die nur Akzent tragen). Drittens hängt die Stellung davon ab, welche Drucktechnik, d. h. welche Type bzw. Typen (Ligatur oder Einzelvokale mit festen oder beweglichen Diakritika) verwendet bzw. wiederverwendet wurden. 365 Sind die Diakritika fest mit den Buchstaben verbunden, kann die Stellung nicht mehr beeinflusst werden. Nach diesem Exkurs in die Druckkunst sollen nun die drei Problemfelder der Edition frühneuzeitlicher neualtgriechischer Texte (Orthographie, Prosodie und Interpunktion) nacheinander anhand der zeitgenössischen Grammatiken untersucht werden. 4.4 Problemfeld I: Orthographie 4.4.1 Orthographie und Aussprache Während Camerarius für die Orthographie des Lateinischen explizit ein Werk zu Melanchthons „ Grammatica Latina “ beisteuerte ( „ De orthographia “ , OC 0557 366 ), liegt für die griechische Sprache kein solches Werk vor. Das ist umso bedauernswerter, wenn man sieht, dass der Humanist in „ De orthographia “ die Problemfelder neualtgriechischer Editionen behandelt, darunter die Akzentsetzung, Diphthonge, Aspiration und Interpunktion. Abgesehen von diesem Werk liegt ein Brief (OCEp 0461) vor, in dem Camerarius Fragen zur Orthographie - wiederum vornehmlich mit Bezug auf die lateinische Sprache - beantwortet. 367 In beiden Werken konstatiert Camerarius den zwingenden 364 Vgl. Päll 2005, 112. 365 Man kann beim Schriftsatz „ Grecs du Roi “ , bei dem Diakritika mit jedem Vokal verbunden werden konnten, wohl schwerlich argumentieren, es sei ἐυ anstelle von εὐ gedruckt worden, weil nicht genug ὐ -Typen vorhanden waren. So Päll 2005, 104: „ The printers of Tartu used le Grec du Roi [ … ]. in these printings it was possible to regulate the positions of diacritics, spiritus and stresses “ und ebd. 110: „ The reason for preferring to print the diacritics on the first letter of the word rather than on the second may be typographical (lack of ypsilons with diacritical marks). “ Allenfalls wäre denkbar, dass mehr (unterschnittene) ε als υ vorhanden waren. 366 Es liegt eine kritische Edition vor bei Burkard 2003, 35 - 37 (Editionsbericht) und 42 - 52 (Edition). 367 Datierung und Adressat sind nicht zweifelsfrei geklärt. Einiges spricht für die Abfassung Ende der 1560er an Christoph Scheurl III (1535 - 1610). Vgl. Camerarius an Scheurl, 15XX, 108 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="109"?> Zusammenhang von Aussprache und orthographisch korrekter Schreibung: 368 Est igitur Orthographia in scribendo earum literarum exaratio, quarum potestatem sinceritas pronunciationis secundum uniuscunque linguae naturam, requirit. Die Orthographie ist also die Verschriftlichung der Buchstaben, deren Laute die Aussprache gemäß der Natur einer jeden Sprache erfordert. Melanchthon 1555 (OC 0557), p. 485 Primum igitur scies, veritatem scribendi pertinere ad pronunciationis veritatem. Nun wirst du zunächst wissen, dass die Wahrheit der Schrift zu der der Aussprache gehört. OCEp 0461 (in: Camerarius 1568), fol. v6 r Inwiefern sind nun diese allgemeinen Aussagen zur Orthographie auf das Griechische übertragbar? Die Indizien sprechen für ein analoges Verständnis: Camerarius betont in den Paratexten der Grammatiken, man könne die eine nicht ohne die andere Sprache beherrschen. 369 Und er nimmt sowohl in „ De Orthographia “ als auch im Brief an Scheurl immer wieder Bezug auf die Griechen (Graeci), sei es als Quelle oder als Vergleich bzw. Abgrenzung zur lateinischen Orthographie. 370 Man kann folglich erwarten, dass er explizite Unterschiede zur griechischen Sprache im allgemeinen Verständnis der Orthographie erwähnen würde. Zweitens spricht das Fehlen eines explizit griechischen Orthographietraktates dafür, dass es nicht für nötig gehalten wurde, ein solches zusätzlich zu den lateinischen Werken zu veröffentlichen. 371 Eine Äußerung, die in diese Richtung deutet, macht Melanchthon in der Erstbearbeitet von Manuel Huth, Ulrich Schlegelmilch und Vinzenz Gottlieb (09.03.2023), in: OC Online, http: / / wiki.camerarius.de/ OCEp_0461. 368 Vgl. Melanchthon 1555 (OC 0557), p. 499: Distingui autem solent ea quae scribuntur secundum pronunciationis veritatem (Üs.: Was man schreibt wird aber gewöhnlich anhand der Wahrheit der Aussprache bestimmt). Vgl. Burkard 2003, 16. 369 Vgl. oben Anm. 233, Anm. 247 und Anm. 259. 370 Vgl. Melanchthon 1555 (OC 0557), p. 490 (vgl. Burkard 2003, 45 mit Anm. 164); p. 492; p. 493; p. 498; p. 501. 371 Im Widmungsbrief an den Leser betont Camerarius die Allgemeingültigkeit des Werkes (Melanchthon 1555, fol. A3 v ): Deesse adhuc videbatur doctrina Orthographiae. Hanc igitur et ipsam adiungendam duximus, breviter re indicata potius quam explicata. Ita tamen, ut quod ad rationem emendate et recte scribendi pertineat, id a me ὡς ἐν τύπῳ , et generaliter demonstratum universum esse confidam (Üs.: Zu fehlen schien noch die Lehre der Orthographie. Genau die also meinte ich noch anfügen zu müssen, wobei die Sache eher kurz vorgebracht wird, als breit erklärt - dennoch in der Weise, dass ich sicher bin, dass das, was zum fehlerfreien und richtigen Schreiben gehört, von mir insgesamt skizzenhaft und allgemein gezeigt worden ist). Bei Theodorus Gaza gibt es ein recht kurzes Kapitel mit der Überschrift „Περὶ ὀρθογραφίας“ : Vgl. Manutius 1495, fol. f ζ VI r - v . 4.4 Problemfeld I: Orthographie 109 <?page no="110"?> ausgabe seiner griechischen Grammatik. Nachdem kurz auf dialektale Verwandtschaften 372 verwiesen wird, heißt es: Similia his praetereo, nam ideo indico ista, ut diligens iuventus horum in legendis bonis autoribus rationem habeat. Pleraque graecorum et in latina ὀρθογραφία Prisciani exemplo tractavimus. Dergleichen übergehe ich, denn ich weise darauf nur deshalb hin, dass die gewissenhafte Jugend beim Lesen der bedeutenden Autoren einen Zugang dazu hat. Den Großteil dessen, was die griechische Sprache angeht, haben wir auch in der lateinischen Orthographie nach Vorbild Priscians behandelt. Melanchthon 1518, fol. aiii r In der folgenden Auflage (VD16 M 3492) ist diese Stelle komplett überarbeitet und der zitierte Passus fehlt seitdem ganz. 373 Für eine Edition scheint es folglich nicht uninteressant zu sein, zu wissen, wie der Autor griechisch ausgesprochen hat. Allerdings darf der Einfluss des Setzers nicht vergessen werden, der genauso leicht für einen itazistischen Fehler verantwortlich sein kann, selbst wenn der Autor der etazitischen Aussprache anhängt. 374 Aussagen zu Camerarius ’ Aussprache des Griechischen sind jedoch schwierig, da er sich nicht systematisch über die Aussprache des Griechischen äußert. In Melanchthons „ Institutio puerilis “ heißt es, der Lehrer habe die Aufgabe, die korrekte Aussprache zu lehren; er solle es einfach halten und müsse zwischen übermäßig spekulativer Rekonstruktion (superstitio) und vulgärem Sprachgebrauch (barbaries) den rechten Weg aufzeigen. 375 Von Melanchthon ist ferner bekannt, dass er die itazistische (bzw. iotazistische) Aussprache gegen Erasmus ’ etazistische verteidigte 376 und wären er und 372 Zur cognatio vgl. oben 4.2.2. Vgl. Melanchthon 1518, fol. aiii r . Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 2 f. 373 Worauf mit dem Perfekt tractavimus verwiesen wird, bleibt unklar. Nimmt man bei tractavimus einen betazistischen Druckfehler an, dass also tractabimus zu lesen ist, könnte es ein Verweis auf seine „ Grammatica Latina “ sein, die 1525 erstveröffentlicht wurde. 374 Diese Fehlerquelle zieht Weise (2019, 126 Anm. 510) nicht in Betracht. 375 Vgl. Melanchthon 1525, fol. aa ii v : Harum omnium quoad fieri potest exactam pronunciationem docebit pueros praeceptor, non superstitiosam tamen, sed quam maxime simplicem. Ita fiet, ut quod de veneranda antiquitate est reliquum, nova barbarie non contaminetur, et hoc studio nostro aliquo certe usque a sordibus linguae expurgentur (Üs.: Die Aussprache all dieser Dinge wird - soweit möglich - der Lehrer den Schülern beibringen, nicht spekulativ, sondern möglichst einfach. Auf diese Weise wird das, was von der ehrwürdigen Antike noch übrig ist, nicht durch die heutige Bildungsferne verhunzt werden und durch dieses unser Bestreben irgendwie doch vom vulgären Sprachgebrauch gereinigt.). 376 Vgl. Vogt 1997, 120. 110 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="111"?> Camerarius in dieser Sache uneins gewesen, hätte sich das sicherlich in ihrem Briefwechsel niedergeschlagen. Camerarius reagiert zwar mit seinem 1538 publizierten Tuskulanen-Kommentar ausführlich auf Erasmus ’ „ Ciceronianus “ ( „ De optimo genere dicendi “ , VD16 E 3607) von 1528, geht jedoch nicht auf den im selben Druck publizierten Dialog über die Aussprache des Griechischen ( „ De recta Latini Graecique sermonis pronuntiatione “ ) ein. 377 Was die Aussprache der Diphthonge angeht, lässt sich anhand des „ Libellus “ nicht wirklich darauf schließen, wie Melanchthon bzw. Camerarius die Diphthonge ausgesprochen hat: Propriae [sc. diphthongi], αι αυ ει ευ οι ου , quas proprias vocamus, quod postulet eas naturalis pronunciatio. Neque enim αι pronunciarunt veteres Graeci e, ut solemus hodie, sed αι confuso sono α et ι . Perinde atque Germanica lingua diphthongos adhuc integre efferimus. Sic et de ει et οι iudicabis, nam αυ et ευ et ου discriminatim efferuntur, nec cum aliis literis, aut diphthongis confunduntur. Die eigentlichen Diphthonge αι , αυ , ει , ευ , οι , ου , nennen wir „ eigentliche “ , weil die natürliche Aussprache sie erfordert. Denn αι haben die alten Griechen nicht e ausgesprochen, wie wir das heute gewöhnlich tun, sondern mit einem vermischten Laut a-i. Ganz so wie wir im Deutschen die Diphthonge noch unversehrt aussprechen. Das gilt auch für ει und οι . Denn αυ , ευ und ου werden getrennt ausgesprochen und nicht mit anderen Buchstaben oder Diphthongen vermischt. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 1 Zum einen werden nicht alle Diphthonge ausführlich behandelt und zum anderen wird nicht apodiktisch eine Art der Aussprache zur einzig richtigen erklärt, sondern eine moderne Gewohnheit (ut solemus hodie) der historischen Korrektheit (veteres Graeci) gegenübergestellt. Das Urteil scheint dem Leser überlassen (iudicabis), obwohl man wohl eher in Richtung der vetustas als der natürlichen Aussprache (naturalis pronunciatio) tendieren soll. 378 Das ist verwunderlich, da das bedeuten würde, dass ει und οι als ei und oi, und eben nicht iotazistisch als i gesprochen werden sollen. 377 Vgl. Commentariorum Ioachimi Camerarii, in Tusculanam primam, libri duo, bearbeitet von Marion Gindhart (29.06.2023), in: OC Online, http: / / wiki.camerarius.de/ OC_0212 mit den dort vermerkten Erwähnungen der Schrift in Camerarius ’ Briefwechsel. 378 Vgl. Anm. 376. Eine nach Camerarius ’ Tod veröffentlichte Kurzfassung des „ Libellus “ von Matthäus Dresser fasst den ganzen Passus wie folgt zusammen: naturalis pronunciatio, id est, eodem modo pronuncientur [sc. vocales], quo scribuntur (Üs.: Natürliche Aussprache, das heißt, die Vokale werden auf dieselbe Weise ausgesprochen, wie sie geschrieben werden.). Dresser 1575, p. 1. 4.4 Problemfeld I: Orthographie 111 <?page no="112"?> Die „ Praecepta “ nennen sechs Ausspracheregeln, geben über die Aussprache der Vokale und Diphthonge jedoch keinen Aufschluss. 379 4.4.2 Groß-/ Kleinschreibung Kühner/ Blass skizzieren in ihrer ‚ Kurzen Geschichte des griechischen Alphabets ‘ , dass die Minuskelschrift etwa im 9. Jahrhundert die Unzial/ Majuskel- Schrift ablöste, die Großbuchstaben aber in Überschriften und Initialen erhalten blieb und sich daraus die heute übliche Groß- und Kleinschreibung entwickelt habe. 380 In der frühen Neuzeit gab es offenbar noch keine Konvention, denn Regeln oder überhaupt eine Auseinandersetzung mit der Groß- und Kleinschreibung sucht man in den Grammatiken vergebens. Bei der Einführung des Alphabets werden in Melanchthons Erstausgabe der „ Institutiones “ von 1518 zunächst ausschließlich Majuskeln präsentiert, bei der Einteilung in Vokale, Konsonanten und Diphthonge dann nur Minuskeln. In den folgenden Auflagen und im „ Libellus “ wird das Alphabet - mit Ausnahme des initialen Alpha - ausschließlich in Minuskeln angeboten, 381 ganz genauso in den „ Praecepta “ . 382 Die Alphabetsbüchlein sind in der Behandlung des Alphabets freilich wesentlich genauer - schließlich sollen sämtliche Typen zur Schau gestellt werden. Allerdings geben auch sie keine Verwendungsregeln vor. Es konnten keine Anwendungsregeln zur Groß- und Kleinschreibung griechischer Texte in der frühen Neuzeit nachgewiesen werden. Folglich lässt sich über die Gründe für willkürliche Groß- und Kleinschreibung in griechischen Drucken keine genaue Aussage treffen. Manche Setzer mögen aus ästhetischen Gründen auf Majuskeln verzichtet haben, da sie den handschriftlich geschwungenen Stil der Minuskeln unterbrechen - andere nicht. 4.4.3 End-/ Binnensigma Das Endsigma wird weder von Melanchthon noch von Camerarius in irgendeiner Weise thematisiert. 383 Die „ Institutiones “ von 1518 verwenden am Wort- 379 Vgl. Dalwitz 1569, fol. A3 r - v und fol. A4 v - A5 v : γ vor γ , κ , χ , ξ werde zu ν ; ν vor μ , β , π werde zu μ ; ν vor ι , η , υ oder Diphthongen mit ι spreche man als ob ein γ voranginge ( φωγνήεντα ); τ nach ν sowie κ nach γ sowie π nach μ spreche man jeweils weich aus wie δ bzw. γ bzw. β . 380 Vgl. KB I, 45 f. (§ 2,8). Vgl. Thompson 1893, 159 - 182. 381 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 1; Vgl. Melanchthon 1518, fol. a iii r . 382 Vgl. Dalwitz 1569, fol. A2 r . 383 Vgl. Melanchthon 1518, fol. a iii r ; vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 1 - 4. 112 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="113"?> ende sowohl Endals auch Binnensigma ohne erkennbares System. 384 In den folgenden Auflagen und in Camerarius ’ Bearbeitung wird am Wortende immer häufiger das Endsigma oder eine Ligatur (z. B. ος ) gebraucht. Eine Erklärung, wann welche Letter zu benutzen ist, gibt es auch in den Alphabetsbüchlein nicht. Sie zeigen allerdings, dass die ganz frühen Schriftsätze nicht mehr als eine Type pro Buchstaben im Repertoire hatten - und daher auch kein Endsigma. 385 In den späteren Alphabetsbüchern dagegen stehen für die meisten Minuskeln mehrere verschiedene Einzellettern (im Fall von Sigma meist vier) zur Verfügung. Denkbar wäre daher auch hier, dass die Setzer die Sigma- Minuskeln nach dem Vorbild der anderen Minuskeln durcheinander bzw. nach persönlichem ästhetischen Empfinden verwendeten. 4.4.4 Ligaturen und Abbreviaturen In seiner Schrift „ De Orthographia “ (OC 0557), die in Melanchthons „ Grammatica Latina “ abgedruckt wurde, schwärmt Camerarius regelrecht vom Abkürzungseifer der Griechen und führt begeistert ein paar Beispiele an. 386 Im „ Libellus “ dagegen werden wie auch in den „ Praecepta “ Ligaturen - obwohl häufig genutzt - in keiner Weise thematisiert oder erklärt. Hier scheinen die Griechischlehrer bzw. wiederum die Alphabetsbücher die Lücke zu füllen. Wie oben beschrieben, will Friedrich Sylburg die im „ Alphabetum Graecum “ von 1591 abgedruckten Ligaturen als Schreibvorlage zum „ nachmalen “ verstanden wissen. 387 4.5 Problemfeld II: Diakritika Die Druckmethoden für Diakritika waren, wie bereits gezeigt wurde, vielfältig und komplex und erforderten bisweilen kreative Maßnahmen des Setzers. Doch scheinen nicht alle Probleme, die bei den diakritischen Zeichen auftreten, auf die Drucktechnik zurückführbar. Daher soll nun ein Blick auf die frühneuzeitlichen Regeln für Akzentsetzung geworfen werden, wobei die Systematik 384 Vgl. Melanchthons Handschrift bei Scheible 2016, 174: …δέδοται δὲ τοῖσ καλουμένοις . 385 Vgl. Groneberg 1511, fol. a iii r und oben 4.3.1. 386 Vgl. OC 0557 in: Melanchthon 1555, p. 498: In qua parte mirifica est gnavitas Graecorum, agili manu et idoneis ductibus ad implicandum. Ut … (Üs.: Die Emsigkeit der Griechein ist in diesem Bereich wunderbar, um mit schneller Hand und passenden Zügen (Buchstaben) zu verbinden. Z. B. … ). 387 Vgl. oben 4.3.1 bes. Anm. 314. 4.5 Problemfeld II: Diakritika 113 <?page no="114"?> der Grammatiken dargestellt wird, ehe nacheinander die diakritischen Zeichen behandelt werden und abschließend ein Blick auf die Enklise geworfen wird. 4.5.1 Systematik der Grammatiken Während moderne Grammatiken in der Regel zunächst die allgemeine Stellung der Akzente im Wort beschreiben und dann Besonderheiten in der Betonung einzelner Wortarten oder Deklinationen anmerken bzw. in Deklinations-/ Konjugationstabellen darstellen, versuchen die hier untersuchten frühneuzeitlichen Grammatiken ausschließlich allgemeine Akzentregeln zu formulieren und sie in einem einzigen, zusammenhängenden Kapitel abzuarbeiten. 388 Dabei gehen Melanchthon, Dalwitz und Varennius in ihrer Systematik sehr unterschiedlich vor. 4.5.1.1 „ Libellus “ (Melanchthon/ Camerarius) Der „ Libellus “ thematisiert nach einer kurzen geschichtlichen Einführung mit Vergleichen zur lateinischen Sprache und allgemeineren Hinweisen zum Zusammenhang von Quantitäten und Akzenten ihre Verwendung (Usus tonorum). 389 Dass es Melanchthon offenkundig nicht leichtfiel, Akzentregeln zu formulieren, beweist schon der (aus heutiger Sicht pädagogisch fragwürdige) Satz, mit dem die Ausführungen in allen Auflagen beginnen: Difficile autem iudicium tonorum est: partim quod res non perinde Latinis veteribus frequens, hodie fere negligatur: partim quod et apud Graecos videatur usu quam regulis magis probari. Schwierig ist die Akzentsetzung einerseits, weil sie bei den alten Römern schon nicht im gleichen Maße verbreitet war und heute oft ignoriert wird und andererseits, weil sie scheinbar schon bei den Griechen mehr durch die Praxis als durch Regeln bestimmt war. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 6 (vgl. Melanchthon 1518, fol. a iv r ) Im selben Sinne schreibt Camerarius in einem Brief, die Frage nach Akzenten und Quantitäten sei schwierig, weil man die korrekte Aussprache der lateinischen und griechischen Sprache nicht mehr kenne: barbaries nostra rem confundit. 390 Melanchthon drückt die Erwartungen daher im Vorhinein: 388 In den „ Rudimenta “ von Johannes Metzler (Metzler 1532), die mit einem Begleitepigramm von Joachim Camerarius versehen sind (OC 0015), kommt die Akzentsetzung überhaupt nicht vor (nicht einmal die drei Akzente werden genannt), wohl in der Annahme, dass diese mit anderen, dezidiert diesem Thema gewidmeten Werken gelernt/ gelehrt werden. 389 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 7 - 24, ab p. 10 „ Usus tonorum “ . 390 OCEp 0461 (in: Camerarius 1568), fol. v8 v , dieses Zitat steht jedoch tendenziell im Kontext der lateinischen Sprache; dezidiert bezogen auf beide Sprachen ebd. fol. v8 r - v : Ad 114 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="115"?> … ut poterit simplicissime, κἄν ἀμαθέστερον , fieri, de tonis Graecorum || regulas praescribam, quatenus res patitur, profuturas etiam Latinis. … ich werde möglichst einfach - wenn auch recht grob - Vorschriften über die Akzentregeln der Griechen machen, die, soweit es geht, auch den Lateinern etwas nützen sollten. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 6 f. (vgl. Melanchthon 1518, fol. a iv r ) Ausgehend davon, dass der Akzent (tonus) eine Akzidenz der Silbe ist, ist für die Humanisten Silbenzahl und Quantität maßgebend für die Akzentsetzung. Sie beginnen daher mit einsilbigen Wörtern (De monosyllabis, p. 12 - 13), fahren fort zu gemeinsamen Regeln zwei- und vielsilbiger Wörter (De disyllabis ac polysyllabis coniunctim, p. 13 - 15) und dann zu gesonderten Regeln der viel- (De polysyllabis seorsim, p. 15 - 16) bzw. zweisilbigen Wörtern (De disyllabis seorsim, p. 16 - 17). Es folgen Anmerkungen zum Gravis (De gravi seu syllabico tono, p. 17 - 19), in die ein paar Oberflächlichkeiten zur Enklise eingeflochten werden, und zum Zirkumflex (De circumflexo, p. 19 - 20). Den Abschluss bildet ein Kapitel mit fünf Ausnahmefällen (Quae communes hasce regulas προσωδιῶν turbent, p. 20 - 24), die Melanchthon schlagwortartig anführt. 391 Alle diese Kapitel werden anhand morphologischer Kriterien gegliedert, wobei die Beispiele sich fast ausschließlich auf nomina (Substantive und Adjektive) beziehen und die übrigen Wortarten kaum oder gar nicht vorkommen. Die Akzentregeln im „ Libellus “ bleiben recht vage, eben ἀμαθέστερον - wie von Melanchthon angekündigt. Mehrfach wird gestanden, dass manches gar nicht in Regeln gefasst werden könne - der Schüler solle aufpassen und aus der praktischen Anwendung lernen. 392 Auch wird für „ generelle Akzentregeln “ quaestionem || de accentu … et tempore … syllabarum quod attinet: Id ideo explicatu difficile est, quod corrupta vel potius penitus amissa pronuntiandi Graeci Latinique sermonis sincera integritate, demonstrari, re ipsa, nihil certi possit (Üs.: Zur Frage nach der Prosodie und den Quantitäten der Silbe: Dies ist deshalb schwer zu erklären, weil man wirklich nichts genaues darlegen kann, nachdem die unverfälschte Reinheit der Aussprache der griechischen und lateinischen Sprache verdorben oder eher gänzlich verloren gegangen ist.). Vgl. mit demselben Wortlaut der barbaries Melanchthon 1525, fol. aa ii v und Camerarius 1545 (OC 0478), p. 6 f.; vgl. oben Anm. 251. 391 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 20 f. bzw. p. 24. In den nachfolgenden Kapiteln ergänzen die Humanisten nur vereinzelt Akzentregeln: Vgl. ebd. p. 30 f. zu τίς und τις und ebd. p. 48 zum zirkumflektierten Genitiv Plural (vgl. Z § 36,3). 392 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 14: haec usu deprehendes, regulis complecti nemo sane poterit (Üs.: Das wirst du durch die Anwendung erfassen; niemand konnte das bislang überhaupt in Regeln fassen); Vgl. ebd. p. 12: te inhortor, ne frigide … tractes … (Üs.: Ich rate dir, das nicht als Trivialität anzusehen); ebd. p. 15: Aliarum terminationum obliquos declinando disces (Üs.: Die Ausnahmen anderer Endungen wirst du durch das Deklinieren lernen). ebd. p. 20: … certiore regula … describi non potest (Üs.: … kann mit einer genaueren Regel nicht beschrieben werden). Vgl. Rhein 1987, 41. 4.5 Problemfeld II: Diakritika 115 <?page no="116"?> unspezifisch auf Schriften anderer Grammatiker verwiesen. 393 Dass der „ Libellus “ häufig auf Anwendung und Nachahmung verweist und in der Tat „ weniger eine ‚ Regelprosodie ‘ als vielmehr eine ‚ Autoritätenprosodie ‘“ darstellt, ist scheinbar nicht nur „ das offenkundige Charakteristikum damaliger prosodischer Theorie “ 394 , sondern vielmehr eine Notlösung im Angesicht der eigenen Unwissenheit oder Überforderung. Gleichzeitig kann man bei diesem Faustregelprinzip aber auch im Sinne der didaktischen Reduktion eine pädagogische Absicht vermuten. 395 4.5.1.2 „ De accentibus “ (Varennius) In Johannes Varennius ’ Abhandlung „ De accentibus “ zeigt sich auf den ersten Blick ein systematischerer Ansatz, der näher an heutigen Grammatiken zu sein scheint. Zwar wird auch hier die gesamte Akzentsetzung in einem einzigen Kapitel abgehandelt, doch werden zehn allgemeine Akzentregeln (canones generales) formuliert 396 und dann der Reihe nach die acht Wortarten behandelt: Am ausführlichsten werden die Nomen besprochen, zunächst geordnet nach den fünf Deklinationen und dann zu den einzelnen Kasus/ Numeri; darauf folgen - ebenfalls recht ausführlich - die Verben und schließlich jeweils nur recht kurz die verbleibenden Redeteile: Partizipien, Artikel, Pronomen, Präpositionen, Adverbien und Konjunktionen. Abschließend geht Varennius dann auf die Enklise ein. 397 Die Absicht, jedes Wort irgendwie einer Kategorie und damit einer allgemeinen Akzentregel unterzuordnen, führt zu schwammigen Formulierungen, eine Regel gelte „ meist “ (plerumque) und der Aufführung unzähliger Ausnahmen. 398 Die zahlreichen, teilweise absurd verkomplizierten 393 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 5: Interim puer generales prosodiae regulas ediscat, de vocali ante vocalem, de derivatis et similes. Quibus … refertae sunt Grammaticorum omnium chartae (Üs.: Einstweilen soll der Schüler die allgemeinen Regeln der Prosodie lernen (über Vokale vor Vokalen, über abgeleitete Wörter) und Ähnliches. Damit sind die Schriften aller Grammatiker gefüllt.). 394 Beide Zitate Rhein 1987, 41. Vgl. Neuendorf 2017, 73. Rhein zieht für seine Untersuchung folgende Werke heran: „ De re metrica libri tres “ des Jacob Micyllus (VD16 M 6123); „ De poesi Graecorum libri quatuor “ des Abdias Praetorius (GG 57); Sowie Melachthons „ Grammatica Graeca “ (CR 20 = VD16 M 3501) und die „ Grammatica Latina “ (wohl VD16 M 3388). Vgl. Rhein 1987, 39 f. Vgl. oben Anm. 393. 395 Hinweis eines Peer-Reviewers. 396 Vgl. Varennius 1550, fol. K2 r - K3 r . Die ersten fünf davon entsprechen in etwa dem Kapitel „ Die Akzentregeln “ bei Bornemann/ Risch (BR § 9), die nächsten drei behandeln den Akzent bei Kontraktionen (~BR § 15,2 bzw. § 9), die vorletzte die Elision (~BR § 25,3) und die letzte auf υ -Diphthong auslautende Wörter, die stets Zirkumflex trügen ( εὖ , φεῦ , οὐδαμοῦ , σοῦ , καλοῦ , αἰσχροῦ , ὁμοῦ . Ausnahme: ἰδού , ἰού ). 397 Vgl. Varennius 1550, fol. K3 r - L4 r . 398 Nach Rhein (1987, 41) konstatiere auch Melanchthon eine „ fast regellose Ausnahmefülle “ . 116 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="117"?> Kriterien, 399 nach denen Akzentregeln unterschieden werden, erschweren zudem das Verständnis und einen Vergleich mit heutigen Grammatiken. Erst nach der Behandlung der Wortarten gesteht Varennius (wie schon Melanchthon), dass der Versuch allgemeine Akzentregeln aufzustellen in gewisser Weise müßig ist: Non possunt certae regulae tonorum tradi, quae omneis voces Graecas in universum complectantur: qua re si quae his praeceptiunculis cognosci nequeant, eae ex usu scribendi et exemplis percipientur. Genaue Akzentregeln, die allgemeingültig alle griechischen Wörter umfassen, kann man nicht vermitteln. Wenn anhand dieser bescheidenen Regeln daher etwas nicht verständlich sein sollte, wird man es aus der Schreibpraxis und von Vorbildern lernen. Varennius 1550, fol. L2 v Auch Varennius muss also in letzter Instanz auf die Praxis verweisen und auf das Vorbild von (antiken) Schriftstellern. 4.5.1.3 „ Praecepta “ (Dalwitz) Die Systematik der „ Praecepta “ ist kompakt und orientiert sich eher an der Darstellungsweise des „ Libellus “ : Dalwitz nennt nach einleitenden Bemerkungen zu den drei Akzenten insgesamt einundzwanzig „ Regulae generales “ , wobei er zunächst nur Silbenzahl bzw. Quantität (Regel 1 - 12) und dann vermehrt die Morphologie (Regel 13 - 21) als Kriterien heranzieht. Er pocht im Gegensatz zu Melanchthon und Varennius weder auf die Praxis zum Erlernen der Akzentsetzung, noch verweist er auf die Nachahmung antiker Autoritäten. Die einundzwanzig Regeln scheinen ihm die Akzentsetzung hinreichend abzudecken. 400 4.5.2 Akut und Zirkumflex Aufgrund ihrer Systematik sind die Akzentregeln der Grammatiken nur schwer mit heutigen Grammatiken vergleichbar und daher kaum überprüf- 399 Vgl. bspw. Varennius 1550, fol. L1 v : Nominativi et accusativi praepositivorum [sc. articulorum] non aspiratorum gravantur (Üs.: Nominative und Akkusative der nicht aspirierten Artikel tragen Gravis.). Gemeint sind also schlicht die Neutrum-Artikel τό und τά . Vgl. Varennius 1550, fol. K3 v : Nominativus in η purum in penultima o praecedente aspirata, penacuitur, χνόη , φθόη , χλόη (Üs.: Ein Wort im Nominativ auf η -purum, dessen vorletzte Silbe ein Omikron mit einem Hauchlaut davor enthält, trägt Akut auf der vorletzten Silbe: χνόη , φθόη , χλόη .). 400 Metrische Aspekte bespricht Dalwitz zudem in den zwei Paratexten „ De poeticis variationes “ (Dalwitz 1569, fol. Ii1 r - Ii3 v ) bzw. „ De prosodia “ (ebd. fol. Ii3 v - Ii8 r ). 4.5 Problemfeld II: Diakritika 117 <?page no="118"?> bar. 401 Bemerkenswert ist nur, dass trotz des Drangs nach Allgemeingültigkeit eine Regel in allen Werken ungenannt (oder unerkannt? ) bleibt: Finite Verben tragen den Akzent möglichst weit entfernt vom Wortende. 402 Auch dass deklinierbare Wörter den Akzent auf der Silbe behalten, auf der er im Nominativ Singular steht, sofern die Quantität der letzten Silbe dies zulässt, wird nur in den „ Praecepta “ deutlich gemacht. 403 Da die bevorzugte Lernmethode bei der Akzentsetzung offenbar im „ learning by doing “ lag, scheint eine nähere Überprüfung der Regeln auf ihre Richtigkeit überdies nicht sinnvoll. 404 4.5.3 Gravis Häufig wird in frühneuzeitlichen Drucken auch vor Satzzeichen Gravis gesetzt. Kühner/ Blass bemerken, der Gravis werde anstelle „ eines im Zusammenhange der Rede geschwächten oder gedämpften Akuts “ 405 verwendet und um das indefinite τις vom interrogativen τίς zu unterscheiden, „ vor jeder Interpunktion aber, durch welche eine wirkliche Trennung des Gedankens bewirkt wird, muss der Akut wieder eintreten “ 406 . Sie verweisen dabei auf ein Scholion zur Grammatik des Dionysios Thrax (Zur Verwendung des Gravis äußert sich 401 Vgl. Rhein 1987, 41: „ Die Ausnahme wird zur Regel - was heute eine systematische Darstellung der vergangenen Theoreme fast unmöglich macht. “ 402 Vgl. KB I, 328 (§ 82,3). In „ De accentibus “ klingt diese Regel allenfalls an: Vgl. Varennius 1550, fol. K8 r - v bes. K8 v : In personis omnibus servant tonum in eadem syllaba, quae habet tonum in prima persona singulari, nisi prohibeat syllaba quarta accidens, aut ultima longa (Üs.: In allen Personen behalten [die Verben] den Akzent auf derselben Silbe, die sie in der ersten Person Singular haben, es sei denn, eine vierte Silbe kommt hinzu und verhindert dies oder die letzte Silbe ist lang.). 403 Vgl. Z § 30,d1. Vgl. Dalwitz 1569, fol. B2 v (Regel 14). Teilweise angedeutet findet sich diese Regel im „ Libellus “ : Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 13: Ab ultimae syllabae tempore Graeci toni iudicium est, sicut a penultimae tempore Latinus vestigat tonum (Üs.: Von der Quantität der letzten Silbe ausgehend entscheidet sich die Betonung im Griechischen, so wie der Lateiner von der Quantität der vorletzten Silbe ausgehend betont.). Vgl. ebd., p. 24: … qui in fine tonus est, declinando in eadem syllaba manet … . Quod idem fit et in diminutivis quibusdam, videlicet ab iis derivatis, quorum ultimae acuuntur (Üs.: Eine Endbetonung bleibt in der Deklination auf derselben Silbe erhalten. Dasselbe geschieht bei gewissen Diminutiven, freilich bei denjenigen, die von Wörtern mit Akut auf der letzten Silbe abgeleitet sind.). 404 Zusätzlich erschwert wird die Überprüfung durch Druckfehler. Um trotzdem einen Eindruck der zum Erlernen der Akzentsetzung denkbar komplexen Regelgeflechte zu vermitteln, wurde versucht, die Regularien der Grammatiken in (sinngemäßer) deutscher Übersetzung und tabellarisch systematisiert darzustellen. Vgl. Anhang (D) 3 - 5. 405 KB I, 317 (§ 77,1). 406 KB I, 331 (§ 85,1). 118 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="119"?> Dionysios selbst nämlich nicht) 407 und die Grammatik des Georgios Choiroboskos. Während unsicher ist, ob das Scholion den Autoren der frühneuzeitlichen griechischen Grammatiken bekannt gewesen ist, war die Grammatik von Choiroboskos zumindest Melanchthon mit Sicherheit bekannt. 408 Bei Choiroboskos heißt es übereinstimmend mit der heutigen Konvention: Ἰστέον δὲ ὅτι πᾶσα λέξις ὀξύτονος ἐν τῇ συνεπείᾳ , ἤγουν ἐν τῇ φράσει , κοιμίζει τὴν ὀξεῖαν εἰς βαρεῖαν , χωρὶς τοῦ τίς , οἷον … . πρόσκειται χωρὶς τοῦ τίς , ἐπειδὴ τοῦτο φυλάττει τὴν ὀξεῖαν τάσιν , οἷον || … . Δεῖ δὲ ἐν τῷ κανόνι προσθεῖναι χωρὶς εἰ μὴ ἐπιφέροιτο στιγμὴ ἢ ἐγκλιτικόν . ἐὰν γὰρ ἐπιφέρηται στιγμὴ ἢ ἐγκλιτικόν , οὐ κοιμίζεται ἡ ὀξεῖα εἰς βαρεῖαν , οἷον τὸν δ’ ἀπαμειβόμενος προσέφη πόδας ὠκὺς Ἀχιλλεύς . Τὸ γὰρ Ἀχιλλεύς οὐ κοιμίζει τὴν ὀξεῖαν εἰς βαρεῖαν , ἐπειδὴ ἔχει ἐπι φερομένην τὴν στιγμὴν . Man muss aber wissen, dass jedes Oxytonon in einer Abfolge von Wörtern oder eher im Satz den Akut zum Gravis abschwächt, außer τίς , z. B. … . Die Ausnahme τίς wird hinzugefügt, da dieses Wort seinen Akut bewahrt, z. B. … . Man muss bei der Regel die Ausnahme hinzufügen, wenn ein Satzzeichen folgt oder ein Enklitikon. Wenn nämlich ein Satzzeichen oder ein Enklitikon folgt, wird der Akut nicht zu Gravis gedämpft z. B. „ tòn d ’ apameibómenos proséf ē pódas ō k ỳ s Achilleús. “ Denn bei „ Achilleús “ wird der Akut nicht zu Gravis gedämpft, weil ja ein Satzzeichen folgt. Bekker, II,707 f. Im „ Libellus “ nun hält Melanchthon die Anmerkungen zum Gravis knapp und behandelt den Akzent als eine rein die harmonische Aussprache betreffende Erscheinung, der aus ästhetischen Gründen nur in seltenen Fällen geschrieben wird: 409 Gravis tonus, est communis pronunciationis tenor, his syllabis quae nec sunt acutae, nec inflexae. quinque syllabas habet hoc nomen, φιλοσοφία , ex his penultima, φί , acuta est, ultima α , gravis, sed et prima, secunda, tertia, graves sunt ὁμότονοι . Deforme fuerit fortasse tot apices singulis syllabis inscribere, praesertim nihil praeter communem pronunciandi modum designantes. Ideo suam fungens vicem, nunquam scribitur. || Aliquando vero in solis ultimis pro acuto scribitur consequentiae caussa in legendo, et 407 Vgl. Bekker, II,629 f.; vgl. KB I, 331 (§ 85,1). In dem Scholion heißt es (Zitiert nach Bekker, II,690): Ζητήσειε δ’ ἄν τις , διὰ τί μὴ ἐπὶ τέλους τῆς ὀξυτόνου λέξεως εὑρισκομένης τίθεται ἡ βαρεῖα . Ἔστιν οὖν εἰπεῖν , ὅτι ἡ στιγμὴ καὶ ἡ ἀνάπαυσις τῆς φωνῆς οὐκ ἐᾷ βαρεῖαν τεθῆναι , ἀλλὰ κρουστικωτέραν , ἵν’ οὕτως εἴπω , τὴν λέξιν ἀπεργαζομένη ὀξύνεσθαι ταύτην βιάζεται (Üs.: Jemand könnte fragen, warum denn auf der letzten Silbe eines gefundenen oxytonischen Wortes nicht der Gravis gesetzt wurde. Die Antwort lautet: Weil die Interpunktion und die Sprechpause nicht zulassen, dass Gravis gesetzt wird, sondern das Wort sozusagen betonter machen und es zwingen, Akut zu tragen.). 408 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 25 (vgl. unten Anm. 417). 409 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 10. 4.5 Problemfeld II: Diakritika 119 <?page no="120"?> quasi cohaerentiae. Quis enim non audiat lubentius, πατὴρ ἡμῶν , quam πατήρ ἡμῶν , asperitate acuti, quasi segregatam vim sententiae ac mutilam. Der Gravis ist die gewöhnliche Tonlage der Aussprache und steht auf den Silben, die weder Akut noch Zirkumflex tragen. Das Wort ‚ philosophía ‘ hat fünf Silben; die vorletzte - phí - trägt Akut, die letzte - a - Gravis; Doch auch die erste, zweite und dritte Silbe sind gleich betont und tragen Gravis. Vielleicht war es hässlich so viele Akzentzeichen auf den einzelnen Silben zu schreiben, zumal sie nichts weiter als die gewöhnliche Art der Aussprache anzeigen. Daher wird der Gravis niemals um seiner selbst willen geschrieben. Manchmal aber wird er nur auf den letzten Silben aus Gründen des Leseflusses und gewissermaßen des Zusammenhangs gesetzt. Denn wer hört nicht lieber pat ḕ r h ē m ṓ n anstelle von pat ḗ r h ē m ṓ n, wo durch die Härte des Akuts der Ausdruck geteilt und abgehackt ist. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 17 f. (vgl. Melanchthon 1518, fol. b iii r ) Daran schließt sich eine oberflächliche Behandlung der Enklise und der Pronomen τις / τίς an (vgl. unten 4.5.6); auf den Einfluss von Satzzeichen wird jedoch überhaupt nicht hingewiesen. Auch in Varennius ’ „ De accentibus “ werden nur Enklitika und das interrogative τίς als Ausnahme genannt. 410 Bei Dalwitz dagegen wird ein Zusammenhang mit der Interpunktion immerhin indirekt erwähnt: Sedes gravis toni est quaevis syllaba non acuta nec circumflexa. Non tamen ubique signatur, sed tantum loco acuti toni in ultima syllaba vocabuli ὀξυτόνου , Idque in contextu orationis extra interrogationem. Nam vox interrogativa aut vocabulum ὀξύτονον in fine versus sive orationis positum, sui acuti toni signum retinet. Idem fit, cum vox enclitica sequitur. Der Gravis steht auf jedweder Silbe, die keinen Akut oder Zirkumflex trägt. Das Zeichen wird jedoch nicht überall gemacht, sondern nur anstelle eines Akuts auf der letzten Silbe eines Oxytonons und zwar im Kontext des Satzes mit Ausnahme des Fragesatzes. Denn ein Fragewort oder ein Oxytonon, das am Ende eines Verses oder eines Satzes steht, erhält es seinen Akut zurück. Dasselbe gilt, wenn ein Enklitikon folgt. Dalwitz 1569, fol. A7 v Dass Wörter am Versbzw. Satzende ihren Akut zurückerhalten, impliziert, dass Gravis vor einem Punkt zu Akut wird. Vor anderen Satzzeichen jedoch, insbesondere dem Komma, bliebe demnach Gravis stehen. Die Druckpraxis in 410 Vgl. Syntaxis 1550, fol. K1 r - v : Verum numquam pingitur [sc. gravis], nisi acutus vertatur in gravem: quod fit quoties post acutum finalem in eodem contextu orationis, sequitur alia, non enclytica dictio … . Excipe τίς interrogativum, quod semper acuitur … . (Üs.: Doch wird [der Gravis] nur hingeschrieben, wenn ein Akut zu Gravis wird: Das geschieht immer dann, wenn nach auf ein Wort mit Akut auf der letzten Silbe gleich darauf ein anderes - nicht enklitisches - Wort folgt. Ausnahme: Das Interrogativpronomen τίς trägt immer Akut.). 120 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="121"?> den „ Praecepta “ bestätigt genau das und auch der „ Libellus “ , obwohl er keine derartige Regel nennt, setzt vor Komma Gravis und vor Punkt Akut. 411 Möglicherweise liegt (bei Dalwitz) ein Missverständnis des griechischen Wortes στιγμή zugrunde: Während Choiroboskos und Dionysios Thrax damit durchaus allgemein die Interpunktion bezeichnen, 412 verstanden die Humanisten darunter offenbar nur „ Punkt “ . Allerdings ist es widersprüchlich, Gravis vor Komma zu setzen, wenn in „ Libellus “ und „ Praecepta “ einerseits behauptet wird, der Gravis werde aus Gründen des Sprachflusses gesetzt (consequentiae causa bzw. in contextu orationis) 413 und es andererseits verbreitete Ansicht war, dass Kommata den Lesefluss (kurz) unterbrechen. 414 Zusammenfassend lässt sich über die Vorschriften der Verwendung des Gravis in der frühen Neuzeit also nur festhalten, dass ein Oxytonon, das kein Fragepronomen ist und nicht am Ende des Satzes steht, Gravis trägt, außer es folgt ein Enklitikon. 415 4.5.4 Spiritus Hinsichtlich der Stellung auf Diphthongen wurden die Spiritus oben (4.3.2) bereits behandelt und auf die Abhängigkeit vom Setzer bzw. vom Verständnis des Spiritus als Akzidenz der Silbe wurde hingewiesen. Was die Verwendungsregeln der Spiritus angeht, hält sich der „ Libellus “ erwartungsgemäß kurz und verweist einleitend auf Choiroboskos, der die Spiritus ausführlich behandelt habe. 416 Es werden nur zwei knappe Regeln formuliert: Erstens stünden Spiritus auf vokalischen Wortanfängen, wobei Ypsilon immer aspiriert werde und zweitens trage Rho als einziger Konsonant einen Spiritus, wobei Doppel-Rho im Wortinneren einen lenis und einen asper erhalte. 417 411 Als (zufällig ausgewählte) Beispiele mögen dienen Camerarius 1545 (OC 0478), p. 270: … μὰψ , ἀτὰρ… ; 280: …λαβὼν , ὄφελος… ; und Dalwitz 1569, fol. A4 v : …προτακτικὰ , ὡς … ὑποτακτικὰ , ὡς… ; fol. A5 r : ἀναγκὴ , ἔγχος , σφύγξ . fol. A8 v : ἡ χεὶρ , τῆς χειρὸς , τῇ χειρὶ , τὴν χεῖρα… ἡ κὴρ , τῆς κηρὸς . 412 Vgl. Bekker, II, 630. Vgl. KB I, 330 f. (§ 85,1): στιγμαί εἰσι τρεῖς , τελεία , μέση , ὑποστιγμή . 413 Vgl. die Formulierung oben bei Choiroboskos: ἐν τῇ συνεπείᾳ . 414 Zur Interpunktion und der Bedeutung der Satzzeichen vgl. unten 4.6. 415 Zur Enklise vgl. unten 4.5.6. 416 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 25: Multo negotio Choeroboscus tractavit spiritus. Tu paucis accipe quae ad rem commodumve attinent (Üs.: Mit großer Mühe hat Choiroboskos die Spiritus behandelt. Vernimm du kurzgefasst, was sachdienlich und nützlich ist.). 417 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 24 - 26 (und p. 158). 4.5 Problemfeld II: Diakritika 121 <?page no="122"?> Die „ Praecepta “ nennen diese beiden Regeln ebenfalls und erweitern sie um eine dritte: Im äolischen Dialekt vernachlässige man die Aspiration. 418 Für weiteres verweist Dalwitz auf die „ Institutiones Graecae Grammaticae “ von Urbano Bolzanio (Erstdruck: Venedig 1497), genauer gesagt wohl auf den Basler Druck von 1530 mit dem Paratext „ De spiritibus ex Theodorito et aliis “ : Dort wird nach einigen allgemeinen Bemerkungen zum Spiritus in lemmatischer Ordnung bzw. anhand der Buchstabenfolge des Anlauts eines Wortes in Regeln gefasst, wann lenis oder asper zu stehen hat ( α vor β trägt lenis: ἄβαξ … ; außer auf αβ folgt ρ : ἁβρός … ). 419 Abgesehen davon, dass es ungebräuchlich geworden ist Doppel-Rho im Wortinnern mit Spiritus zu versehen, ergibt sich bei der Verwendung der Hauchlaute kein Unterschied zur heutigen Konvention. 420 4.5.5 Iota Subbzw. Adscriptum Da Editoren von Kraseis mit καί , bei denen das Iota in frühneuzeitlichen Drucken entgegen der heutigen Regel subskribiert wird berichten, 421 müssen die Grammatiken auch hinsichtlich Iota adbzw. subscriptum untersucht werden. Der „ Libellus “ thematisiert das Iota adbzw. subscriptum nicht als diakritisches Zeichen als solches. Es tritt ausschließlich bei der Einführung der uneigentlichen Diphthonge ( ᾳ , ῃ , ῳ , υι ) in Erscheinung und wird als eine für die Aussprache bedeutungslose, rein grammatikalische Erscheinung beschrieben: Impropriae diphthongi ᾳ ῃ ῳ υι , quas vocamus improprias, quod pronunciatio naturalis ipsas non requirat. Neque enim aliter ᾳ atque α simplex vocalis effertur. Nam Gramma-||tici significaturi alicubi diphthongorum mutationes, aut in diphthongis alterius literae elisionem, has diphthongos commenti sunt, ut sicubi ex αι fit α aut η , ut crebro solet, iota elisa, solent eam Graeci subscribere, ne pueri ignorent diphthongum in ea syllaba desiderari. Planeque grammaticum inventum est improprie dicta diph- 418 Vgl. Dalwitz 1569, fol. B6 r . Vgl. KB I, 107 f. (§ 22,2 - 3). 419 Vgl. Bolzanio 1530, fol. 207 v - 213 v ; hier: 208 r . Sehr ähnlich gestaltet ist Giovanni Pontanos „ De aspiratione “ (Vgl. Pontano 1538, p. 1 - 88), das Camerarius in „ De Orthographia “ zu lesen empfiehlt; Melanchthon 1555 (OC 0557), p. 492 f.: … de Graecis verbis detractae fuerunt aspirationes, ut docuit Iovianus Pontanus. Cuius extat libellus eruditissimus,|| de aspiratione, legendus ab omnibus bonarum artium et literarum studiosis (Üs.: … Aspirationen wurden von den griechischen Wörtern abgeleitet, wie Giovanni Pontano lehrte. Die Lektüre seines außerordentlich gescheiten Büchleins ‚ Über die Aspiration ‘ ist ein Muss für alle Studenten der schönen Künste und Literatur.). 420 Vgl. KB I, 67 (§ 8,1). 421 Vgl. Weise 2019, 130; vgl. Mundt 2004, 212. 122 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="123"?> thongus, et ad pronunciationem nihil pertinens. Ideo nec in veterum libris invenias scribi diphthongos improprias. Die uneigentlichen Diphthonge ᾳ ῃ ῳ υι nennt man uneigentliche, weil die natürliche Aussprache sie nicht erfordert. Man spricht ᾳ nämlich nicht anders aus als den einfachen Vokal α . Denn die Grammatiker haben sich diese Diphthonge nur ausgedacht, um irgendwo Veränderungen der Diphthonge oder die Elision eines anderen Buchstabens vor einem Diphthong zum Ausdruck zu bringen. Wenn beispielsweise irgendwo αι zu α oder η wird, wie es häufig so ist, wobei das Iota elidiert wird, dann subskribieren die Griechen es für gewöhnlich, damit die Schüler genau wissen, dass in dieser Silbe ein Diphthong verloren gegangen ist. Der ‚ uneigentlich ‘ genannte Diphthong ist somit gänzlich eine Erfindung der Grammatik und für die Aussprache irrelevant. Deshalb wirst du auch in Büchern von früher keine uneigentlichen Diphthonge geschrieben finden. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 1 f. Eine Einschränkung, wann das Iota zu subskribieren ist bzw. wann nicht, findet man im „ Libellus “ nicht. Es scheint primär der Leserfreundlichkeit zu dienen. Die „ Praecepta “ gehen zunächst auch nicht auf das Iota Subscriptum ein und beschränken sich auf die bloße Nennung der uneigentlichen Diphthonge. 422 Doch im Kontext der Behandlung des Apostrophs kommt Dalwitz auch auf die Synaloephe zu sprechen, zu deren Erscheinungsformen (species subiecta) er die Krasis zählt. Er formuliert eine Regel, wann Iota Subscriptum zu stehen hat und wann nicht: 423 Quando diphthongus finalis praecedentis dictionis habet ι sive subscriptum sive adscriptum, tum facta synaloephe prorsus abiicitur. Si vero initialis diphthongus sequentis vocis habuerit Iota, tum facta synaloephe non abiicitur, sed subscribitur, ut κἀγώ pro καὶ ἐγὼ . ᾠπόλος pro ὁ αἰπόλος . Wenn ein Diphtong am Wortende des vorhergehenden Wortes ein Iota subskribiert oder adskribiert hat, dann wird es in der Synaloephe ganz verworfen. Wenn aber der Diphthong am Wortanfang des folgenden Wortes ein Iota hat, dann wird es in der Synaloephe nicht verworfen, sondern subskribiert, beispielsweise κἀγώ anstelle von καὶ ἐγὼ und ᾠπόλος anstelle von ὁ αἰπόλος . Dalwitz 1569, fol. B7 v Diese Krasis-Regel entspricht der Konvention wie sie bei Kühner/ Blass zu finden ist, 424 widerspricht jedoch der in den frühneuzeitlichen Drucken oft vorgefundenen Praxis. 425 Scheinbar war für manchen Autor oder Drucker die 422 Vgl. Dalwitz 1569, fol. A3 v . 423 Vgl. unten Anm. 505. Vgl. Dalwitz 1569, fol. B6 v - B8 r , bes. B7 v . 424 Vgl. KB I, 220 (§ 51,4). 425 Vgl. oben Anm. 422. 4.5 Problemfeld II: Diakritika 123 <?page no="124"?> Leserfreudlichkeit, wie sie im „ Libellus “ angedeutet wird (ne pueri ignorent diphthongum), wichtiger (sodass man auch mal ein Iota zu viel druckte), als eine tradierte Regel einzuhalten, wie sie in den „ Praecepta “ zu finden ist. Umgekehrt dürfte das Auslassen dieses als bedeutungslos verstandenen Zeichens nicht als Fehler wahrgenommen worden sein. 4.5.6 Enklise Auch bei der Enklise gibt es in frühneuzeitlichen Drucken einige Auffälligkeiten. So stellten Editoren fest, dass „ Personalpronomina nach Präpositionen entgegen heutiger Konvention als enklitisch “ 426 gelten und Enklitika mit Präpositionen des Öfteren zusammengeschrieben werden. 427 Filippomaria Pontani formuliert in seiner Poliziano-Edition gar einige Regeln, denen die Enklise in den Epigrammen des Humanisten zu folgen scheint. 428 4.5.6.1 „ Libellus “ (Melanchthon/ Camerarius) Im „ Libellus “ wird die Enklise zunächst nur beiläufig als Ausnahme von der Regel, ein Wort könne nur einen Akzent tragen, erwähnt. 429 Wenige Seiten später (p. 18 f.), am Ende der Ausführungen über den Gravis, soll dann doch nebenbei (obiter) auf die Enklise eingegangen werden. Gemäß der oben genannten Vorstellung, dass der Gravis auf jeder Silbe steht, auf der nicht Akut steht, jedoch nur am Wortende tatsächlich geschrieben wird, versteht Melanchthon Enklitika als Partikeln, die den Gravis der Unterscheidung wegen nicht mit Akut vertauschen (particulae quaedam differentiae causa gravem acuto non mutantes 430 ). Das trifft wohl vor allem auf die Unterscheidung zwischen τίς und τις zu. Die folgenden enklitischen Wortarten bzw. Wörter, werden im „ Libellus “ aufgeführt: • das Nomen 431 τις • der Artikel, wenn er statt des Indefinitpronomens τις gebraucht wird • die Verba φημί und εἰμί (scheinbar in allen Formen 432 ) • die einsilbigen Pronomen wie μοί , σοί und σφίσι (sic! ) 426 Neuendorf 2017, 75. Vgl. Z § 91,4 und BR § 64,2. 427 Vgl. Holzberg 2017, 49 Anm. 9. 428 Vgl. Pontani 2001, CVIII. 429 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 11; als Beispiele dienen: Τηλέμαχόςτε bzw. σῶμάτε (jeweils zusammengeschrieben). 430 Camerarius 1545 (OC 0478), p. 18. 431 Zur Terminologie vgl. oben 4.2.2. 432 Auch im Kapitel über die Verben wird für εἰμί (Camerarius 1545 (OC 0478), p. 233 - 235) und φήμι (ebd. p. 235 - 236) die enklitische Natur nicht thematisiert. 124 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="125"?> • die Adverbien πώς , ποτέ • die Konjunktionen κε , γε , τε und περ Einige Enklitika fehlen offenkundig in der Liste. Bemerkenswert ist an dieser Stelle auch, dass in der ersten Auflage von Melanchthons „ Institutiones “ zusätzlich zur obigen Liste noch die Konnektoren μέν und γάρ als Enklitika aufgeführt waren. 433 Während μέν bereits in der zweiten Auflage von 1520 (VD16 M 3492) getilgt war, blieb γάρ bis zur Überarbeitung durch Camerarius 1545 als Enklitikon stehen. 434 Genauer formulierte Enkliseregeln sucht man im „ Libellus “ vergebens. Einzig, dass Paroxytona keinen zweiten Akzent aufnehmen können, wird ausdrücklich klar gemacht. 435 So bleibt nur übrig, aus den wenigen Beispielen, die im „ Libellus “ gegeben werden, Schlüsse zu ziehen. 436 Demnach gilt: • Oxytona nehmen den Akzent von (zweisilbigen) Enklitika auf ( ἐγώ φημι , καί σφισι ) • Paroxytona nehmen keinen Akzent eines (einsilbigen) Enklitikons auf ( τηλεμάχου τε ) • Proparoxytona nehmen den Akzent von (ein- und zweisilbigen) Enklitika auf ( ἤκουσά τινων , δέδωκά τῳ , δέδωκά τινι , φιλόσοφός εἰμι , δέδωκάς μοι , δίδωμί σοι , τηλέμαχός τε ). • Properispomena nehmen den Akzent eines (einsilbigen) Enklitikons auf ( σῶμά τε ) Die Beispiele decken, wie man sieht, fast ausschließlich Proparoxytona ab; ein Perispomenon kommt nicht vor und auch eine Unterscheidung zwischen ein- und zweisilbigen Enklitika wird nicht erwähnt. Die Philologen lassen es damit auf sich beruhen und erklären nur lapidar, die meisten Grammatiker würden diesem Phänomen longo examine nachspüren - sie jedoch würden das an anderer Stelle thematisieren - wo das sein soll, bleibt im Dunkeln. 437 433 Vgl. Melanchthon 1518, fol. b iii v . 434 Die letzte Ausgabe vor Camerarius ’ Überarbeitung (VD16 M 3499) enthält γάρ . Möglicherweise spielen hier zusammengesetzte Formen wie τοίγαρ eine Rolle (Hinweis eines Peer-Reviewers). 435 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 19: Neque enim mos est, acuta penultima in ultimam alium acutum constituere (Üs.: Denn trägt die vorletzte Silbe Akut, so ist es nicht Brauch, auf der letzten Silbe einen zweiten Akut zu setzen.). 436 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 18 f. 437 Vgl. Melanchthon 1518, fol. b iii v bzw. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 19: Plerique Grammaticorum longo examine isthaec per spondaicas, trochaicas, iambicas, dactylicas dictiones vestigant, nos ea aliis locis agemus (Üs.: Die meisten Grammatiker spüren diesem Phänomen in langer Untersuchung anhand spondeeischer, trochäischer, jambischer oder daktylischer Wörter nach; wir wollen das an anderer Stelle behandeln.). 4.5 Problemfeld II: Diakritika 125 <?page no="126"?> 4.5.6.2 „ Praecepta “ (Dalwitz) Systematischer geht Dalwitz an die Sache heran: Er stellt zunächst fest, Nomen, Pronomen, Verben, Adverbien und Konjunktionen könnten enklitisch sein, um sie dann der Reihe nach zu erläutern. 438 • Nomen: das Indefinitum τις in allen Kasus; sowie der Artikel, wenn er statt τις steht • Verben: φημί und εἰμί . Es werden einige Formen aufgeführt ( φημὶ , φησὶ , 439 εἰμὶ , εἶς 440 , ἐστὶ , ἐστὸν , ἑσμὲν [sic! ], ἐστὲ , εἰσὶ ); Was mit dem Zusatz cum aliis quibusdam condeclineis 441 gemeint ist, ist unerklärlich. • Pronomen: μοῦ , μοί , μέ , σοῦ , σοί , σέ , οἱ , μίν , σφίν , σφωέ , σφέ , σφισί , σφέας und einige andere (et nonnulla alia); sie seien nicht immer enklitisch. 442 • Adverbien: ποῦ , ποτέ , ποθέν , πῶ • Konjunktionen: τε , κεν , κε . Auch diese Liste ist nicht vollständig. Dalwitz scheint aber durch das Wörtchen ut, das stets vor den Aufzählungen der Wörter steht, zu implizieren, dass hier nur beispielhaft ein paar Wörter genannt werden und der Schüler im Zweifelsfalle Ergänzungen vornehmen soll. Darauf wird eine Regula Generalis formuliert. Demnach kann entgegen der heutigen Konvention (und der einzigen Enkliseregel des „ Libellus “ ) in einem bestimmtem Fall auch ein Paroxytonon den Akzent eines Enklitikons aufnehmen: Enclitica vox suum tonum reiicit in ultimam syllabam praecedentis dictionis, si ea sit vel προπαροξύτονος vel προπερισπωμένη , aut etiam παροξύτονος , si pe-||nultima sit longa ante ultimam brevem, ut ἄνθρωπόστε , σῶμάτε , φύλλάτε . In reliquis omnibus, nempe περισπωμένοις , ὀξυτόνοις et παροξυτόνοις vox enclitica suum tonum amittit, ut ὁρῶντε , καλόστε , ἀτρείδηστε , ἄναξτε ὅτι οἱ . Ein Enklitikon wirft seinen Akzent auf die letzte Silbe des vorausgehenden Wortes, wenn es ein Proparoxytonon oder ein Properispomenon ist oder auch ein Paroxytonon, wenn dessen vorletzte Silbe lang und dessen letzte Silbe kurz ist. Z. B. ἄνθρωπός τε , σῶμά τε , φύλλά τε . In allen übrigen Fällen, sprich: bei Perispomena, Oxytona und Paroxytona, verliert das Enklitikon seinen Akzent. Z. B. ὁρῶν τε , καλός τε , Ἀτρείδης τε , ἄναξ τε , ὅτι οἱ . Dalwitz 1569, fol. B4 v -B5 r 438 Vgl. Dalwitz 1569, fol. B4 r - v . 439 Die Pluralformen von φάναι sind „ nur zuweilen inkliniert “ : KB I, 337 (§ 88a). 440 Die epische Form der zweiten Singular von εἶναι ist enklitisch: Vgl. KB I, 337 (§ 88a). 441 Dalwitz 1569, fol. B4 v . 442 Dalwitz 1569, fol. B4 v ; Dalwitz verweist auf Oecolampadius 1518 (vgl. unten 4.5.6.3). 126 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="127"?> Die heute ungebräuchliche Regel des trochäischen Paroxytonons geht offenbar auf die Grammatiker Aristarch und Herodian zurück. 443 Sie fand jedoch augenscheinlich schon in der frühen Neuzeit nicht wirklich Anwendung. 444 Die übrige Regel stimmt mit der heutigen Konvention überein, allerdings wird - wie schon im „ Libellus “ - nicht zwischen ein- und zweisilbigen Enklitika unterschieden. Dalwitz beschäftigt sich nun mit dem Wort ἐστί unter der Überschrift „ Über das Verb ἐστί und gewisse Konjugationsformen wird allgemein das Folgende bemerkt “ (De verbo ἐστὶ et condeclineis quibusdam suis vulgo haec notantur): 445 • Am Satzanfang und nach οὐκ , ὡς , τοῦτο , εἰ , ἀλλά und καί trägt ἐστί den Akzent auf der ersten Silbe ( ἔστιν ) • Nach Oxytona und Perispomena verliert ἐστί seinen Akzent • Nach Paroxytona und nach Properispomena mit positionslanger Endsilbe, behält ἐστί seinen Akzent • Auf alle anderen Properispomena und Proparoxytona wirft ἐστί seinen Akzent ab Diese Regeln beschließen das Thema Enklise in den „ Praecepta “ und stimmen weitgehend mit der heutigen Konvention überein. 446 Sie beschreiben im Grunde die in der Regula generalis unterschlagenen Enkliseregeln der zweisilbigen Enklitika, doch durch die Überschrift entsteht der Eindruck, die Regeln bezögen sich nur auf (nicht näher eingegrenzte) Formen von εἶναι . Die Regel für Properispomena mit positionslanger Endsilbe (d. h. jene, die auf ξ oder ψ enden) findet sich bei Kühner/ Blass bezogen auf alle zweisilbigen Enklitika. 447 Das Korpus der relevanten antiken Textstellen ist sehr klein und selbst moderne Ausgaben halten die Regel meist nicht ein. 448 4.5.6.3 „ De inclinatis “ (Anonymus/ Oecolampadius) Dalwitz hatte zu den Pronomen nur recht nebulös angedeutet, dass sie nur manchmal enklitisch seien, und auf Johannes Oecolampadius verwiesen, 443 Vgl. KB I, 341 Anm. 3 (§ 89). 444 Keine der vorliegenden Editionen erwähnt ein derartiges Phänomen. Vgl. Weise 2019, 114 m. Anm. 446 - 448. 445 Vgl. Dalwitz 1569, fol. B5 r - v . 446 Vgl. bes. KB I, 341 Anm. 1 und 3 (§ 89), 342 Anm. 4 (§ 89) und 344 (§ 90,2). 447 Vgl. KB I, 342 Anm. 4 (§ 89,IV a. E.). 448 Es konnten unter den klassischen Autoren nur drei relevante Textstellen ermittelt werden: Aristoph. Vesp. 752 (meist κῆρύξ φησι ; dagegen κῆρυξ φησί bei Starkie 1968 und Sommerstein 1983); Theophr. Hist. Plant. 3,18,11 (meist σμῖλάξ ἐστι ; dagegen σμῖλαξ ἐστὶ bei Link/ Schneider 1818); Theophr. Hist. Plant. 4,6,10 (meist φοῖνίξ ἐστι ; dagegen φοῖνιξ ἐστὶ bei Link/ Schneider 1818). 4.5 Problemfeld II: Diakritika 127 <?page no="128"?> genauer gesagt auf dessen „ Dragmata Graecae Literaturae “ , die erstmals 1518 in Basel erschienen waren. 449 Es trifft sich daher gut, dass Oecolampadius ‘ Enklisekapitel in dem autorlosen und als Paratext zu Varennius ’ „ Syntaxis “ publizierten Werk „ De inclinatis “ verarbeitet oder eher in weiten Teilen plagiiert wurde. 450 Einige Ergänzungen lassen vermuten, dass der unbekannte Autor noch ein weiteres Werk heranzog. Das Kapitel beginnt mit der Klärung einiger Begrifflichkeiten 451 woraufhin drei Enkliseregeln formuliert werden: Erstens werfen Enklitika ihren Akut auf Proparoxytona und Properispomena und zweitens verlieren sie ihren Akut nach Perispomena und Oxytona. Die dritte Regel ist etwas komplizierter: 452 Tertia in penacutis si fuerit trocheus, reiicit tonum in proximam gravem, ut φύλλά τε . Si autem fuerit spondeus, vel iambus, vel pyrrichius, sicut in oxytonis et circumflexis, signum toni sui non retinet, sed omnino amittit, nisi sequatur pronomen, quod incipiat a σφ , tunc enim in pedibus illis tribus habet, sicut in trocheo, ut ἀτρείδης τε , ἄναξ τε . ὅτι οἱ , ἀτρείδής σφισι , πολλάκίς σφεας . Dritte [Regel]: Wenn Paroxytona trochäisch enden, wirft [das Enklitikon] seinen Akzent auf den nächsten Gravis, z. B. φύλλά τε . Wenn [ein Paroxytonon] aber mit Spondeus, Jambus oder Pyrrhichius endet, bewahrt es sein Akzentzeichen nicht, sondern verliert es ganz, wie das bei Oxytona und Perispomena der Fall ist. Ausnahme: Wenn ein Pronomen, welches mit σφ beginnt, folgt. Dann nämlich verhält es sich bei den drei Versfüßen, wie beim Trochäus; z. B. Ἀτρείδης τε , ἄναξ τε . ὅτι οἱ , Ἀτρείδής σφισι , πολλάκίς σφεας . Varennius 1539, p. 363 Wiederum wird das trochäische Paroxytonon genannt, nun kommt allerdings hinzu, dass mit σφ beginnende Enklitika (d. h. Pronomen), auf jedes Paroxytonon den Akzent abwerfen. Auch diese Regel findet sich im Kleingedruckten bei Kühner/ Blass und geht auf dieselben antiken Grammatiker zurück, wie die Trochäus-Regel. 453 449 Vgl. Oecolampadius 1518. 450 Vgl. Varennius 1539, p. 362 - 367 und Oecolampadius 1518, p. 21 - 24. 451 Unterschieden werden die enclitica (verwandelt den Gravis des vorhergehenden Wortes in Akut, indem es seinen eigenen Akzent abwirft), die inclinata (verwandelt den eigenen Akut auf der Endsilbe in Gravis) und die synenclitica (Verbindung mehrerer encliticae). Die Unterscheidung ist jedoch nicht von Bedeutung, da im Folgenden ausschließlich von enclitica die Rede ist. 452 Vgl. Varennius 1539, p. 362 f. bzw. Oecolampadius 1518, p. 21 f. 453 Vgl. KB I, 341 Anm. 3 (§ 89). 128 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="129"?> Der Autor fährt fort, Enklitika geordnet nach Wortarten zu benennen. Unter Artikeln, Partizipien und Präpositionen finde man keine Enklitika. 454 Bei den nomina (gemeint ist das Indefinitpronomen τις 455 ) findet man in der Sache keine Unterschiede zur heutigen Konvention. Anders bei den Pronomen: Semper enclitica sunt haec: μευ , μου , μοι , τοι , με , μιν , σφιν , σφε , σφωε , nisi cum ponuntur cum ἕνεκα , aut praepositione, aut coniunctione disiunctiva, tunc servant tonum. ut, ἕνεκα σοῦ , ἕνεκα ἐμοῦ , διά σὲ , περὶ σοῦ , κατά μὲ , ἢ μὲ , et ἢ ἐμέ . Stets enklitisch sind die folgenden [Pronomen]: μευ , μου , μοι , τοι , με , μιν , σφιν , σφε , σφωε , außer sie sind verbunden mit ἕνεκα , einer Präposition oder einer disjunktiven Konjunktion. In diesen Fällen behalten sie ihren Akzent. Beispiele: ἕνεκα σοῦ , ἕνεκα ἐμοῦ , διά σὲ , περὶ σοῦ , κατά μὲ , ἢ μὲ , ἢ ἐμέ . Varennius 1539, p. 364 Im Original des Oecolampadius fehlen die Ausnahmen ab nisi. Die vom anonymen Autor hinzugefügten Beispiele sind irreführend, da die Präpositionen bzw. Konjunktionen teils Akut, teils Gravis tragen. Außerdem suggeriert die obige Darstellung, dass all diese Ausnahmen nur für die Pronomen μευ , μου , μοι , τοι , με , μιν , σφιν , σφε und σφωε und nicht etwa für alle Personalpronomen gelten. Nach heutiger Konvention werden die Personalpronomen betont verwendet in Gegensätzen, nach Präpositionen und nach Satzzeichen - allerdings führen Kühner/ Blass auch unzählige Ausnahmen ( „ bei den Tragikern … “ , „ bei Homer … “ ) auf. 456 In „ De inclinatis “ ist von Satzzeichen keine Rede, dafür werden die anderen beiden Ausnahmen genannt: Nur erscheint anstelle der ‚ Gegensätze ‘ der Begriff der ‚ disjunktiven Konjunktionen ‘ , der in der frühen Neuzeit je nach Grammatik die adversativen Konjunktionen (z. B. ἀλλά ) umfassen kann. 457 454 Vgl. Varennius 1539, p. 363: In omnibus partibus orationis inveniuntur encliticae dictiones, exceptis articulis, et participiis, et praepositionibus (Üs.: In allen Bereichen der Rede finden sich enklitische Ausdrücke, außer bei Artikeln, Partizipien und Präpositionen.). 455 Vgl. Varennius 1539, p. 364. 456 Vgl. KB I, 346 - 349 (§ 90,6). 457 Zur Terminologie vgl. oben Anm. 299. Disjunktive Konjunktionen sind nach Dalwitz 1569, fol. P6 v - P7 r : ἀλλά , ἀτάρ , αὐτάρ , ἤ , ἤτοι , ἠέ , δέ , ἀλλάμην . Bei Varennius, Camerarius und Oecolampadius ist die Liste deutlich kürzer und beschränkt sich auf ἤ , ἤτοι und ἠέ . Die Wörter ἀλλά etc. werden bei Varennius zu den adversativen und bei Camerarius und Oecolampadius zu den schlussfolgernden Konjunktionen gezählt; vgl. Varennius 1550, fol. L2 r , Camerarius 1545 (OC 0478), p. 268 f. und Oecolampadius 1518, p. 248. Da der nisi-Satz im Original bei Oecolampadius fehlt, ist sein Verständnis des Begriffs ‚ disjunktive Konjunktion ‘ hier jedoch nicht von Belang (Vgl. Oecolampadius 1518, p. 23). 4.5 Problemfeld II: Diakritika 129 <?page no="130"?> Im Anschluss heißt es: Alia quae nunc enclitica, nunc ve-||ro minime, sunt haec: σευ , σεο , σε , σου , σοι , σε , εὑ , οἱ , ἕθεν , σφι , σφω , σφισι , σφεας . Enclitica sunt cum absolute dicuntur, et non ad aliam personam referuntur. Enclitica autem non sunt, cum per appositionem ad aliam personam enunciantur. σφω cum tertiae est personae, enclitica est, cum secundae, non est enclitica. Pronomina quae sunt tertiae personae singularis vel pluralis numeri, quando solum vim suam dicunt, sunt enclitica: si autem dicant et locum, non sunt enclitica. Item, si ex superfluo adiiciantur, sunt enclitica. Andere [Pronomen], die manchmal enklitisch sind, manchmal nicht, sind folgende: σευ , σεο , σε , σου , σοι , σε , εὑ , οἱ , ἕθεν , σφι , σφω , σφισι , σφεας . Sie sind enklitisch, wenn sie absolut gebraucht sind und sich nicht auf eine andere Person beziehen. Nicht enklitisch sind sie aber, wenn sie als Apposition auf eine andere Person verweisen. In der dritten Person ist σφω enklitisch, in der zweiten nicht. Die Pronomen der dritten Person Singular und Plural sind enklitisch, wenn sie in ihrer Bedeutung stehen. Wenn sie aber einen Ort angeben, sind sie nicht enklitisch. Ebenso sind sie enklitisch, wenn sie ohne Nachdruck hinzugefügt werden. Varennius 1539, p. 364 f. Bis auf kleinere Umformulierungen ist die Passage identisch mit Oecolampadius. Der Sinn ist nicht ganz klar. Mit ex superfluo dürfte die unbetonte Verwendung der Pronomen gemeint sein. Die Angaben zum Wort σφω stimmen mit den Angaben bei LSJ überein. 458 Mit den nicht-enklitischen Pronomen der dritten Person, die einen Ort angeben, dürften wohl Pronominaladverbien wie αὐτοῦ gemeint sein 459 - allerdings ist αὐτοῦ , wenn es keinen Ort angibt, ebenfalls nicht enklitisch. LSJ bemerken, Herodian habe αὐτός in Hom. Il. 12,204 als Enklitikon behandelt. 460 Die Unterscheidung zwischen absoluter und appositiver Benutzung dürfte die Unterscheidung von enklitischen Personal- und nicht-enklitischen Possessivpronomen zugrunde liegen. Die dritte behandelte Wortart sind die Verben. Die Ausführungen in „ De inclinatis “ unterscheiden sich hier am stärksten von Oecolampadius ’ „ Dragmata “ . Dieser hatte zunächst nur ganz knapp εἰμί und φημί erwähnt und dann der dritten Person Singular von εἶναι ein eigenes kleines Kapitel gewidmet: De 458 Lt. LSJ ist σφω entweder eine Kontraktion aus σφωέ (Nom./ Akk. Dual Mask./ Fem. des Personalpronomens der 3. Person: „ die beiden “ ) und immer enklitisch oder eine Kontraktion aus σφῶϊ (Nom./ Akk. Dual Mask./ Fem. des Personalpronomens der 2. Person: „ ihr beide “ ) und nie enklitisch. Vgl. LSJ Lemma „σύ“ bzw. „σφω“ , „σφωέ“ und „σφῶϊ“ . 459 Vgl. Z § 89. 460 Vgl. LSJ Lemma „αὐτός“ , Nr. II; Vgl. KB I, 339 Anm. 1 (§ 88): „ Auch das dem Verb nachgesetzte Pronomen αὐτόν , eum, wurde von einigen alten Grammatikern [ … ] in diesem Kasus als Enklitika betrachtet “ . 130 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="131"?> verbo ἐστι . 461 Für Oecolampadius sind demnach die Präsensformen von εἶναι und die Singularformen (Präsens) von φάναι - jeweils ohne die zweite Singular - enklitisch. 462 Die dritte Singular von εἶναι werde am Satzanfang und nach καί , εἰ , ἀλλά , ὡς , οὐκ , τοῦτο auf dem Epsilon betont. 463 Es folgen Ausführungen zur Enklise zweisilbiger Enklitika, die insgesamt ähnlich gestaltet sind, wie in den „ Praecepta “ , und sich bei Oecolampadius ausdrücklich nur auf die zweisilbigen Formen von εἶναι beziehen. 464 Der Autor von „ De inclinatis “ kompiliert die beiden Passagen von Oecolampadius und zieht vermutlich eine weitere Quelle heran. Bei ihm entsteht der Eindruck, dass - mit Ausnahme der zweiten Person von φημί - alle Formen (aller Tempora? ) von εἶναι und φάναι enklitisch sind. 465 Die Anmerkungen zu ἔστι sind inhaltlich nahezu identisch mit den „ Dragmata “ ; die Enklise der zweisilbigen Enklitika wird allerdings nur noch auf ἐστί , εἰσί und ἐστέ bezogen. 466 Als vierte Wortart werden Adverbien behandelt und als fünfte und letzte Konjunktionen. Die Zuordnung der einzelnen Wörter entspricht überwiegend 461 Vgl. Oecolampadius 1518, p. 23 und 24 f. 462 Als 2. Sg. von εἶναι wird die epische Form εἶς genannt, welche enklitisch ist: Vgl. KB I, 337 (§ 88a). Die Pluralformen von φάναι „ wurden nur zuweilen inkliniert “ KB I, 337 (§ 88a). Vgl. Oecolampadius 1518, p. 23: Die Stelle ist durch zahlreiche Druckfehler korrupiert: Ex verbis habemus φημι φησι εἰμὶ , et eius condeclinea, εἰς , ἐστι , ἐσθον , ἐσθὶ , ἐσμεν , εἰσιν . Wenigstens die Diakritika sind in der Auflage von 1539 (VD16 O 315) überwiegend korrigiert. 463 Vgl. KB I, 344 f. (§ 90,2 und 3). 464 Vgl. Oecolampadius 1518, p. 25: Si vero subiungitur dictioni oxytonae vel perispomenae, amittit tonum suum omnino … . Quod si dictioni paroxytonae subiungatur, illa sive trocheus sit, sive iambus, sive pyrrhichius, sive spondeus, cadet tonus ἐστιν super posteriorem syllabam ἐστὶν . … Si autem succedat dictioni proparoxytonae vel properispomenae, tonus in praecedentem gravem reiicitur. Si autem accidit properispomenon in positione longam desinere, ut φοῖνιξ ἐστὶ , tonus cadet super ultimam in ἐστι . … Eadem ratio est in condeclineius suis εἰμι , εἰσι , ἐστε et ἐσμεν (Üs.: Wenn [ ἐστὶν ] aber einem Oxytonon oder Perispomenon folgt, verliert es seinen Akzent ganz … . Wenn es einem Paroxytonon folgt, egal ob es trochäisch, iambisch, pyrrhichisch oder spondeeisch ist, steht der Akzent auf die letzte Silbe: ἐστίν . … Wenn es aber einem Proparoxytonon oder einem Properispomenon folgt, wird der Akzent auf den Gravis des vorangehenden Wortes geworfen. Wenn das Properispomenon aber mit einer Positionslänge endet (z. B. φοῖνιξ ἐστὶ ), steht der Akzent auf der letzten Silbe von ἐστίν . … Selbiges gilt bei den Formen εἰμί , εἰσί , ἐστέ und ἐσμέν .). 465 Vgl. Varennius 1539, p. 365: Ex verbis εἰμί et φημί inclinantur. ut, καλός εἰμι . τόσσον ἐγώ φημι πλέας ἔμμεναι . huius secunda persona φῆς non inclinatur (Üs.: Von den Verben sind εἰμί und φημί enklitisch. Z. B.: καλός εἰμι . τόσσον ἐγώ φημι πλέας ἔμμεναι . Dessen zweite Person φῆς ist nicht enklitisch.). 466 Vgl. Varennius 1539, p. 366: eadem ratio est in condeclineis eius εἰσι , ἐστε (Üs.: Selbiges gilt für Konjugationsformen εἰσι und ἐστε .). 4.5 Problemfeld II: Diakritika 131 <?page no="132"?> heutigen Grammatiken: Als Adverbien werden πῆ , πῶς , πῶ , ποῦ , ποθέν , ποθί , ποτέ genannt und bei den Konjunktionen wird zwischen den Kopulativa κέ , κέν , τέ und den Impletiva γέ , γάρ , νύ , πέρ , θήν , νύν , ποῦ , ῥά (von ἄρα , das selbst nicht enklitisch sei) unterschieden. Für Oecolampadius sind sie enklitisch, wenn sie indefinit (indefinite 467 ) verwendet werden; der anonyme Autor stellt klar: quod si quaesitive proferantur, tum gravantur - wenn sie als Fragewörter benutzt werden, tragen sie Gravis. 468 Verglichen mit der heutigen Konvention fehlen in der Liste allerdings das Adverb ποῖ und die Partikel τοί ; dafür erscheint ποῦ zweimal: Sowohl als Adverb, als auch als Konjunktion. Wie schon in Melanchthons „ Institutiones “ erscheint auch hier γάρ als Enklitikon. 4.5.6.4 „ De accentibus “ (Varennius) In „ De accentibus “ widmet Varennius auch der Enklise ein Kapitel: „ De inclinativis “ . 469 Herangehensweise und Inhalt ähneln dem eben beschriebenen Werk „ De inclinatis “ . Um Doppelungen zu vermeiden, wird an dieser Stelle daher nur auf die Unterschiede näher eingegangen. So ist Varennius der einzige, der bei den Enkliseregeln ausdrücklich zwischen ein- und zweisilbigen Enklitika unterscheidet: Dictiones encliticae proprium tonum quandoque transferunt, quandoque amittunt, quandoque servant suo loco. Transferunt in dictionis praecedentis ultimam syllabam, eam videlicet acuendo, dum dictio praecedens est προπαροξύτονον , aut παροξύτονον Trochaicum, aut προπερισπώμενον … . In omnibus aliis inclinativa si sit monosyllaba, amittit suum tonum … . Si vero disyllaba sit praecedente ὀξυτόνῳ , vel περισπωμένῳ , amittit tonum suum … || … , alias servat … . Enklitika übertragen ihren eigenen Akzent manchmal, manchmal verlieren sie ihn, manchmal behalten sie ihn an Ort und Stelle. Sie übertragen ihn auf die letzte Silbe des vorhergehenden Wortes (natürlich als Akut), wenn das vorhergehende Wort ein Proparoxytonon, ein trochäisches Paroxytonon oder ein Properispomenon ist … . In allen anderen Fällen verlieren einsilbige Enklitika ihren Akzent … . Wenn das Enklitikon aber zweisilbig ist und ein Oxytonon oder ein Perispomenon voransteht, verliert es seinen Akzent … , sonst behält es ihn … . Varennius 1550, fol. L2 v - L3 r Von der Darstellung in „ De inclinatis “ weicht des Weiteren ab, dass alle Präsens-Formen von εἰμί und φημί als enklitisch gelten, ausdrücklich auch die jeweilige zweite Person Singular: 467 Oecolampadius 1518, p. 24. 468 Varennius 1539, p. 366. Vgl. KB I, 338 (§ 88,c bzw. d). 469 Vgl. Varennius 1550, fol. L2 v - L4 r . 132 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="133"?> Ex verbis εἰμί , φημί , cum reliquis personis praesentibus, φέρτερός εἰμι , ἅιματός εἰ ἀγαθοῖο , μακάριόν φημι φης φισι φασι . Von den Verben [sind enklitisch] εἰμί und φημί in allen Personen des Präsens: φέρτερός εἰμι , ἅιματός εἰ ἀγαθοῖο , μακάριόν φημι / φης / φ [ η ] σι / φασι . Varennius 1550, fol. L3 r Bei den Pronomen unterscheidet auch Varennius zwischen stets und manchmal enklitischen Wörtern, im Unterschied zu „ De inclinatis “ wird jedoch nicht nur eine appositive bzw. nicht appositive Verwendung erwähnt. Die Erklärung der appositiven Verwendung soll anhand eines Beispiels erläutert werden, das irreführend ist, da im Druck ἤκουσα keinen Akzent vom enklitischen σου aufnimmt: 470 Pronomina haec semper inclinant: μου , μευ , μοι , με , τοι , σφιν , σφωε … . Verum ἐμοῦ , ἐμεῦ , ἐμέ non inclinant. Haec vero modo inclinant, modo non inclinant: σου , σευ , σεο , σοι , σε , ἑο , εὑ , οἱ , ἑ , ἑθεν , σφι , σφων , σφισι , σφεας . Sunt autem enclitica, quando absolute dicuntur, et non referuntur appositione ad aliam personam, aut cum ex superfluo adiiciuntur: si vero dicantur emphatice aut discretive, aut si per appositionem referantur ad aliam personam, non sunt enclitica: ἤκουσα σου , audivi te, et non alium: ἤκουσα σοῦ , τοῦ Πέτρου , audivi te Petrum. Folgende Pronomen sind immer enklitisch: μου , μευ , μοι , με , τοι , σφιν , σφωε … . Dagegen werden ἐμοῦ , ἐμεῦ , ἐμέ nicht enklitisch verwendet. Folgende Pronomen sind manchmal enklitisch, manchmal nicht: σου , σευ , σεο , σοι , σε , ἑο , εὑ , οἱ , ἑ , ἑθεν , σφι , σφων , σφισι , σφεας . Enklitisch sind sie, wenn sie absolut verwendet werden, und nicht durch eine Apposition auf eine andere Person verweisen, oder wenn sie als ohne Nachdruck auftreten. Wenn sie jedoch betont oder abgrenzend verwendet werden, oder über eine Apposition auf eine andere Person verweisen, sind sie nicht enklitisch: ἤκουσα σου - Ich habe dich gehört (und keinen anderen). ἤκουσα σοῦ , τοῦ Πέτρου - ich habe dich, den Peter, gehört. Varennius 1550, fol. L3 v Wiederum erscheint die Verwendung der Pronomen ex superfluo, die hier jedoch der betonten Verwendung (emphatice) entgegengestellt wird. Dagegen fehlt die nicht-enklitische Verwendung nach Präpositionen. Dass die Pronomen in Gegensätzen nicht enklitisch sind, klingt nur in dem Adverb discretive an. Neben diesen Unterschieden zu „ De Inclinatis “ sind noch zwei Druckfehler bemerkenswert: μέν erscheint in der Ausgabe von 1566 als Enklitikon: aus dem 470 Auch in der Auflage von 1566 (vgl. oben Anm. 250) erscheint dieser Fehler: Vgl. Varennius 1566, fol. L8 v . 4.5 Problemfeld II: Diakritika 133 <?page no="134"?> Pronomen μευ (1550) wird μεν (1566). 471 Und die Partikel θην wird in beiden Auflagen fälschlich mit Tau geschrieben und erscheint so wie ein Artikel. 4.5.6.5 Übersicht Es kann festgehalten werden, dass die Enklise in den untersuchten Traktaten alles andere als einheitlich geregelt war, durch Druckfehler bisweilen korrumpiert wurde und so jede Grammatik unterschiedliche Enklitika und Enkliseregeln nennt. Es wäre nicht verwunderlich, wenn das Verständnis der an einem griechischen Druck beteiligten Personen entsprechend unterschiedlich war. Um einen besseren Überblick über die behandelten Werke und ihre Unterschiede zueinander sowie zur heutigen Konvention zu erlangen, werden die Inhalte nachfolgend in der Reihenfolge, wie sie bei Kühner/ Blass erscheinen (§ 88 - 90), vergleichend dargestellt. Beim Korpus der enklitischen Wörter (Tabelle 4.5) besteht in den untersuchten Traktaten - den unergiebigen „ Libellus “ außen vor lassend - offenbar nur ein Konsens hinsichtlich des Indefinitpronomens τις , der Personalpronomen μεῦ , μοῦ , μοί , μέ , σφίν , σφωέ , σέ , σοῦ , σοί , οἷ , σφίσι und σφέας , der meisten Adverbien und vor allem der Partikel τέ , κέ und κέν . Verglichen mit der heutigen Konvention (KB § 88), fehlen in den Werken die Personalpronomen μεθέν , τέος , τό , νίν , σφωίν , σφέων , φίν , ψίν und σφάς , sowie das Adverb ποῖ . 472 Anders als in „ De inclinatis “ und „ De accentibus “ (und im „ Libellus “ vor der Überarbeitung durch Camerarius) angegeben, gilt γάρ überdies nicht als Enklitikon. 473 Wann ein Enklitikon seinen Akzent auf das vorhergehende Wort abwirft (reicit/ transfert/ remittit) oder beim vorhergehenden Wort Gravis in Akut umwandelt und seinen eigenen Akzent verliert (amittit) oder seinen Akzent behält (servat/ retinet), ist in den frühneuzeitlichen Werken relativ identisch zur heutigen Konvention (KB § 89,I-IV) geregelt. Bei Oxytona, Perispomena und Proparoxytona stimmen die Enkliseregeln der untersuchten Werke völlig überein. Bei Paroxytona und Properispomena werden dagegen Regelungen genannt, die heute nur mehr im Kleingedruckten stehen und ungebräuchlich 471 Vgl. Varennius 1550, fol. L3 v und Varennius 1566, fol. L8 v . 472 Bei KB erscheint τοί als Personalpronomen und als Partikel, während es in „ De inclinatis “ und „ De accentibus “ nur als Personalpronomen aufgeführt ist; τοί fehlt im „ Libellus “ und in den „ Praecepta “ . 473 Bei der Partikel την in „ De accentibus “ handelt es sich offenbar um einen Druckfehler (statt θην ). 134 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="135"?> geworden sind (Tabelle 4.6). 474 Probleme entstehen zudem dadurch, dass die Werke, mit Ausnahme von Varennius ’ „ De accentibus “ , nicht oder nicht konsequent zwischen ein- und zweisilbigen Enklitika unterscheiden. Der einzigen Enkliseregel des „ Libellus “ , Paroxytona trügen nie einen zweiten Akzent, widersprechen alle anderen drei Werke. Durch die allzu strenge Einschränkung auf Formen von εἶναι in den meisten Werken, wäre es aus frühneuzeitlicher Sicht offenbar gerechtfertigt, dass bspw. zweisilbige Formen Werk / enklit. Wort „ Libellus “ 1545 „ De inclinatis “ 1539 „ De accentibus “ 1550 „ Praecepta “ 1569 εἶναι unklar, offb. alle Formen alle Formen alle Präsensformen; ausdrücklich auch εἶ alle Präsensformen außer εἶ , cum aliis quibusdam condeclineis φάναι unklar, offb. alle Formen alle Formen außer φῇς alle Präsensformen; ausdrücklich auch φῇς Indikativ Präsens Singular außer φῇς Personalpronomen „ alle einsilbigen Personalpronomen “ ; genannt werden μοί , σοί , σφίσι μευ , μου , μοι , τοι , με , μιν , σφιν , σφε , σφωε ; σευ , σεο , σε , σου , σοι , σε , εὑ , οἱ , ἕθεν , σφι , σφω , σφισι , σφεας μου , μευ , μοι , με , τοι , σφιν , σφωε ; σου , σευ , σεο , σοι , σε , ἑο , εὑ , οἱ , ἑ , ἑθεν , σφι , σφῶν , σφισι , σφεας μοῦ , μοὶ , μὲ , σοῦ , σοὶ , σὲ , οἱ , μὶν , σφὶν , σφωὲ , σφὲ , σφισὶ , σφέας et nonnulla alia τις / τι alle Kasus und Numeri samt Kurzformen, wenn indefinit alle Kasus und Numeri samt Kurzformen, wenn indefinit alle Kasus und Numeri samt Kurzformen, wenn indefinit alle Kasus und Numeri samt Kurzformen, wenn indefinit Adverbien πώς , ποτέ πη , πως , πω , που , ποθεν , ποθι , ποτε ποθεν , ποτε , πως , πη , που , πω ποῦ , ποτὲ , ποθὲν , πῶ et alia quaedam Partikel κε , γε , τε , περ κε , κεν , τε γε , γαρ , νυ , περ , θην νυν , που , ρα τε , τοι , κε , κεν , γε , γαρ , νη , περ , την [sic! ], που , νυν , ῥα τ ὲ , κὲν , κὲ Tab. 4.5: Korpus der Enklitika in den untersuchten Grammatiken 474 Vgl. KB I, 341 (§ 89,III Anm. 3) bzw. KB I, 342 (§ 89,IV Anm. 4). 4.5 Problemfeld II: Diakritika 135 <?page no="136"?> von τις nach einem Paroxytonon ihren Akzent nicht behalten, sondern ihn wie ein einsilbiges Enklitikon verlieren. „ Libellus “ 1545 „ De inclinatis “ 1539 „ De accentibus “ 1550 „ Praecepta “ 1569 Trochäische Paroxytona nehmen einen zweiten Akzent auf (vgl. KB I, 341 Anm. 3) k. A. gilt allgemein gilt allgemein gilt allgemein Folgt ein Enklitikon mit σφ -, nehmen alle Paroxytona einen zweiten Akzent auf (vgl. KB I, 341 Anm. 3) k. A. gilt allgemein k. A. k. A. Kann ein Paroxytonon keinen zweiten Akzent aufnehmen, behalten zweisilbige Enklitika ihren Akzent. (vgl. KB I, 341) k. A. gilt für ἐστίν , εἰσίν , ἐστέ gilt für alle zweisilbigen Enklitika gilt für ἐστί et condeclineis quibusdam Properispomena mit positionslanger Endsilbe nehmen keinen zweiten Akzent auf (vgl. KB I, 342 Anm. 4) k. A. gilt für ἐστίν , εἰσίν , ἐστέ k. A. gilt für ἐστί et condeclineis quibusdam Tab. 4.6: Abweichende Enkliseregeln in den untersuchten Werken Das Lokalsuffix δε (KB § 89,V) wird in keinem der untersuchten Werke im Kontext der Enklise erwähnt. Möglicherweise wurde es gar nicht als eigenes Wort erkannt. 475 Der Fall, dass mehrere Enklitika aufeinanderfolgen (KB § 89,VI), wird nur in den beiden Paratexten der „ Syntaxis “ erwähnt. Die Handhabung unterscheidet sich nicht von der heutigen: semper una post aliam acuitur - stets wird ein Wort nach dem anderen mit Akut versehen. 476 475 Für Kühner/ Blass verschmilzt δε jedoch „ mit Substantiven nicht zu einer Worteinheit “ ; KB I, 342 (§ 89,V). 476 Varennius 1539, p. 362. Varennius formuliert es in „ De accentibus “ etwas ausführlicher, vgl. Varennius 1550, fol. L3 r : … non reiiciunt tonum in eandem syllabam: sed quae prior est, in ultimam syllabam dictionis praecedentis, si capax sit: et quae est posterior, reiicit in priorem encliticam (Üs.: [ … aufeinanderfolgende Enklitika] werfen den Akzent nicht auf dieselbe Silbe, sondern das vordere [Enklitikon] wirft seinen Akzent auf das vorher- 136 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="137"?> Kühner/ Blass gehen nun auf die Orthotonierung der Enklitika ein (§ 90,1), also jene Fälle, in denen die Enklitika besonders nachdrücklich verwendet werden und deshalb ihren Akzent nicht abwerfen. Das betrifft vornehmlich die Verwendung in Gegensätzen und an Satzanfängen bzw. allgemein nach Interpunktionen. Wie schon beim Gravis gezeigt wurde (4.5.3), beeinflusst in den frühneuzeitlichen Werken offenbar nur der Punkt die Akzentsetzung. Die Besonderheiten der Formen von εἶναι (KB § 90,2) werden in den frühneuzeitlichen Werken nur zum Teil behandelt: Zwar besteht darüber, wann das vorne betonte ἔστιν anstelle von ἐστίν zu stehen hat, in den untersuchten Werken Einigkeit (am Satzanfang und nach den Wörtern ὡς , οὐκ , εἰ , καὶ , τοῦτο , ἀλλά ), allerdings werden die Verwendung von ἔστιν in der Bedeutung ἔξεστιν oder Verbindungen wie ἕστιν οἵ , die Kühner/ Blass noch anführen, nicht erwähnt. Ferner wirken sich andere Satzzeichen und Elisionen ( καλὸς δ’ ἐστί ) offenbar nicht auf die Enklise der Formen von εἶναι aus. 477 Auch der Geltungsbereich dieser Regeln ist aufgrund schwammiger Formulierungen wie „ condeclinei quidam “ ( „ Praecepta “ ) oder allzu starker Einschränkungen auf bestimmte Formen ( „ De inclinatis “ ) nicht sonderlich klar (Tabelle 4.6). Orthotonierungsregeln zu den Formen von φημί (KB § 90,3), die ausschließlich im Zusammenhang mit der Interpunktion stehen, sowie von ποτέ (KB § 90,4) und τὶς (KB § 90,5), die nur am Satzanfang, nach Interpunktion und in Verbindungen wie ποτὲ μὲν … ποτὲ δὲ bzw. τινὲς μὲν … τινὲς δὲ … gelten würden, werden in keiner der untersuchten Grammatiken genannt. Zu guter Letzt merken Kühner/ Blass Orthotonierungsregeln der Personalpronomen an. Sie nennen im Wesentlichen drei Regeln, die bei einzelnen Autoren (Homer, Tragiker) allerdings auch abweichen können. Inklinationsfähige Personalpronomen tragen demnach Akut, wenn sie • besonders betont verwendet werden z. B. in Gegensätzen oder nach καί in der Bedeutung ‚ auch ‘ (§ 90,6a), • nach Präpositionen stehen (§ 90,6b), • am Satz- und Versanfang bzw. nach Interpunktion stehen (§ 90,6c). In den frühneuzeitlichen Grammatiken stellt sich das ganze etwas komplizierter dar: Zwar unterscheidet „ De inclinatis “ zwischen ὀρθοτονούμενα und ἐγκλιματικά , doch unterscheiden sich die Korpora der Wörter, für die eine Regel gilt, von Werk zu Werk - ganz zu schweigen von den Regeln selbst: gehende Wort (sofern dieses einen Akzent aufnehmen kann) und das hintere [Enklitikon] wirft seinen Akzent auf das vordere [Enklitikon].). 477 Elisionen bzw. vielmehr der Apostroph wird in den Grammatiken unter der Silben- Akzidenz der passiones/ πάθη behandelt. Vgl. unten 4.6.2. 4.5 Problemfeld II: Diakritika 137 <?page no="138"?> „ Libellus “ 1545 „ De inclinatis “ 1539 „ De accentibus “ 1550 „ Praecepta “ 1569 immer enklitisch sind einsilbige Pronomen μευ , μου , μοι , τοι , με , μιν , σφιν , σφε , σφωε ; μου , μευ , μοι , με , τοι , σφιν , σφωε k. A. Ausnahmefälle k. A. nach Präpositionen (inkl. ἕνεκα ) nach Disjunktiv-Konjunktion (~bei Gegensatz) ἐμοῦ , ἐμεῦ , ἐμέ k. A. manchmal enklitisch sind k. A. σευ , σεο , σε , σου , σοι , σε , εὑ , οἱ , ἕθεν , σφι , σφω , σφισι , σφεας σου , σευ , σεο , σοι , σε , ἑο , εὑ , οἱ , ἑ , ἑθεν , σφι , σφῶν , σφισι , σφεας μοῦ , μοὶ , μὲ , σοῦ , σοὶ , σὲ , οἱ , μὶν , σφὶν , σφωὲ , σφὲ , σφισὶ , σφέας et nonnulla alia enklitisch, wenn k. A. absolut gebraucht σφω (3. Person) unbetont (ex superfluo) absolut gebraucht unbetont (ex superfluo) k. A. Tab. 4.7: Orthotonierungsregeln der Personalpronomen in den untersuchten Grammatiken Es zeigt sich, dass die beiden Paratexte der „ Syntaxis “ wiederum weitaus ergiebiger sind. Zwar beeinflussen Satzzeichen die Enklise demnach nicht und auch ein Zusammenhang mit Präpositionen wird nur in „ De inclinatis “ genannt (durch die Formulierung entsteht der Eindruck, die Regel bezöge sich nur auf die Pronomen der ersten Person und wenige der dritten), doch klar ersichtlich ist dagegen die Unterscheidung zwischen betonter und unbetonter Verwendung der Pronomen. Abschließend sei noch bemerkt, dass in keinem der Werke die Zusammen- oder Getrenntschreibung des Enklitikons mit seinem vorhergehenden Wort 138 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="139"?> gefordert oder verboten wird, Enklitika jedoch in allen vier Werken sporadisch mit dem vorhergehenden Wort zusammengeschrieben werden. 478 4.6 Problemfeld III: Interpunktion Die von der heutigen Verwendung abweichende Interpunktion in frühneuzeitlichen Drucken - sowohl in den lateinischen als auch den griechischen - sorgt für Irritationen. Editoren entscheiden sich in der Regel dafür, die Zeichensetzung (stillschweigend) zu modernisieren. 479 In diesem Kapitel soll daher für die griechische Sprache untersucht werden, an welchen Stellen mit welchen Zeichen nach frühneuzeitlicher Vorstellung zu interpungieren war. 4.6.1 Grundlagen Für Kühner/ Blass gleicht die antike Interpunktion griechischer Texte der Deutschen in vielen Punkten. 480 Sie verweisen generell auf eine Studie zur Geschichte der griechischen und lateinischen Grammatik von Karl Ernst August Schmidt, der die Aussagen zur Interpunktion bei den verschiedenen griechischen Grammatikern und Scholiasten nachzeichnete. 481 Schmidt resümiert drei Hauptzwecke der Interpunktion: Anzeigen von Satzenden, Anzeigen von Satzfugen und Verhinderung unrichtiger Verbindungen von Satzgliedern. 482 Im Wesentlichen habe man drei bei Dionysius Thrax genannte Satzzeichen ( στιγμαί ) verwendet; 483 der schrieb in seiner Grammatik: 478 Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 11: τηλέμαχόστε , σῶμάτε aber p. 18: ἤκουσά τινων … δέδωκάς μοι… ; vgl. Dalwitz 1569, fol. B5 r : ἄνθρωπόστε , σῶμάτε , φύλλάτε aber fol. Β 5 v : φαῦλός ἐστι , ἄκακός ἐστι ; vgl. Varennius 1539, p. 363: ἀρκεσίλαός τε , σκῶλόν τε , δοῦλόν τε aber p. 367: καίκε , καίκεν , καίτε ; Varennius 1550, fol. L3 r : ἅνθρωπός τίς ποτε , σοφός τίς εἰ , aber ebd: ἦλθέτις , καίτινα . 479 Vgl. Burkard 2003, 5. Stillschweigende Verbesserung bei Pontani 2001; Mundt 2004 (vgl. ebd. 212 Nr. 5); Rezar 2018, Haaker 2018 (vgl. ebd. 439), Weise 2019 (vgl. ebd. 132). Übernahme des Doppelstatt des Hochpunktes bei Neuendorf 2017 (vgl. ebd. 76). Mit Vermerk der Interpunktion im Apparat: Vorobyev 2018. Weise 2016 und Weise 2018. 480 Vgl. KB I, 353 Anm. a. E. (§ 92). 481 Vgl. KB I, 351 Anm. 2 (§ 92). Vgl Schmidt 1859, 506 - 570; zu Dionysios Thrax vgl. ebd. 513 - 517; zu Theodorus Gaza vgl. ebd. 535 f. 482 Vgl. Schmidt 1859, 539. 483 Das System der στιγμαί geht auf den alexandrinischen Philologen Aristophanes von Byzanz (ca. 257 - 180 v. Chr.) zurück. Vgl. Thompson 1893, 66 - 70, hier bes. 70. 4.6 Problemfeld III: Interpunktion 139 <?page no="140"?> Στιγμαί εἰσι τρεῖς· τελεία , μέση , ὑποστιγμή . καὶ ἡ μὲν τελεία στιγμή ἐστι διανοίας ἀπηρτισμένης σημεῖον , μέση δὲ σημεῖον πνεύματος ἕνεκεν παραλαμβανόμενον , ὑποστιγμὴ δὲ διανοίας μηδέπω ἀπηρτισμένης ἀλλ᾽ ἔτι ἐνδεούσης σημεῖον . Satzzeichen gibt es drei: das vollendete (den Punkt), das mittlere (den Hochpunkt) und das niedere (das Komma). Der Punkt zeigt an, dass ein Gedanke abgeschlossen ist; der Mittelpunkt wird gebraucht, um eine Atempause anzuzeigen; das Komma zeigt, dass ein Gedanke noch nicht abgeschlossen ist, sondern noch etwas fehlt. Bekker, II, 630 Dionysius fügt hinzu, dass sich στιγμή und ὑποστιγμή anhand der zeitlichen Dauer der Sprechpause ( διάστημα ) voneinander unterscheiden würden 484 und hatte zuvor darauf hingewiesen, dass man beim Vorlesen nicht nur auf den Ausdruck und die Betonung, sondern auch die Pausierung ( διαστολή ) achten müsse, damit der Sinn einer Rede verstanden würde. 485 Ob Punkt ( τελεία στιγμή ), Mittelpunkt (bzw. Hochpunkt) ( μέση στιγμή ) und Komma ( ὑποστιγ μή ) gesetzt wird, hängt demnach also von der Abgeschlossenheit des Sinnes oder der Notwendigkeit einer (Atem-)Pause ab. 486 Neuere Beiträge zur frühneuzeitlichen Interpunktion sind der Aufsatz des Altphilologen Torsten Burkard 487 (für die neulateinische Interpunktion) und eine umfassende Studie des Germanisten Karsten Rinas (mit Hauptaugenmerkt auf der Geschichte der deutschen Interpunktion). 488 Beide halten fest, dass die frühneuzeitliche Zeichensetzung eng mit der antiken Einteilung des Satzes in die drei Teile Periode ( περίοδος / periodus), Kolon ( κῶλον / membrum) und Komma ( κόμμα / caesum) zusammenhängt. Dabei ist das Kolon Teil der Periode und das Komma Teil eines Kolons. Sie weisen auf die Problematik hin, die Begriffe Periode und Kolon intuitiv mit den modernen Termini Satz und Nebensatz gleichzusetzen, denn man versteht unter den drei Begriffen eher 484 Vgl. Bekker II,630: τίνι διαφέρει στιγμὴ ὑποστιγμῆς ; Χρόνῳ· ἐν μὲν γὰρ τῇ στιγμῇ πολὺ τὸ διάστημα , ἐν δὲ τῇ ὑποστιγμῇ παντελῶς ὀλίγον (Üs.: Wie unterscheiden sich Punkt und Komma? Zeitlich. Bei einem Punkt nämlich ist der Zeitintervall lang, bei einem Komma nur ganz kurz.). Vgl. Schmidt 1859, 515. 485 Vgl. Bekker, II, 629: ἀναγνωστέον δ καθ᾽ ὑπόκρισιν , κατὰ προσωιδίαν , κατὰ διαστολήν . ἐκ μὲν γὰρ τῆς ὑποκρίσεως τὴν ἀρετήν , ἐκ δὲ τῆς προσωιδίας τὴν τέχνην , ἐκ δὲ τῆς διαστολῆς τὸν περιεχόμενον νοῦν ὁρῶμεν (Üs.: Vorlesen muss man aber hinsichtlich des Ausdrucks, der Betonung und der Pausen. Aus dem Ausdruck nämlich ersehen wir die Trefflichkeit, aus der Betonung die Kunstfertigkeit und aus den Pausen den generellen Sinn.). 486 Vgl. Schmidt 1859, 513 - 520. Der Vollständigkeit halber sei hier auch auf das Acht- Satzzeichen-System bei Nikanor hingewiesen (Vgl. KB I, 352 (§ 92); Schmidt 1859, 521 - 534). Es stellt eine Besonderheit dar und hat sich offenbar nicht durchgesetzt; vgl. Schmidt 1859, 527 und 540. 487 Vgl. Burkard 2003. 488 Vgl. Rinas 2017. 140 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="141"?> Wortgruppen, die sich hinsichtlich der Selbstständigkeit und Abgeschlossenheit des Inhalts und des Rhythmus voneinander unterscheiden. 489 Am anschaulichsten wird dies in der folgenden Darstellung bei Rinas: 490 rhythmisch vollständig semantisch vollständig PERIODE + + COLON + - KOMMA - - Schon im Mittelalter wurde laut Rinas durch die Vorstellung von einer gemeinsamen Grammatik aller Sprachen „ der Übernahme von Kategorien und Beschreibungsansätzen der altgriechischen und lateinischen Grammatik in die Volkssprachen theoretisch der Weg geebnet. “ 491 Ebenso resümiert Burkard, dass man in der frühen Neuzeit bemüht war, „ den vorgefundenen Status quo anhand des aus der Antike übernommenen theoretischen Rüstzeugs zu beschreiben und zu systematisieren “ 492 und daher die Dreiteilung des Satzes mit der der drei Satzzeichen kombiniert wurde. 493 Doch waren die Theorien alles andere als einheitlich. Karsten Rinas nennt das Nebeneinander der vielen (lateinischen) Interpunktionslehren am Beginn der frühen Neuzeit zusammenfassend „ eine verwirrende Vielfalt “ 494 , die sich erst durch den Buchdruck allmählich vereinheitlichte. In diesem Sinne bemerkt Camerarius in seinem 1552 verfassten Werk „ De orthographia “ (OC 0557), das in Melanchthons „ Grammatica Latina “ 495 abgedruckt wurde, zu den lateinischen Satzzeichen: 496 489 Vgl. Rinas 2017, 49 - 52 (bes. 51) und Burkard 2003, 8 - 12 (bes. 10). 490 Tabelle nach Rinas 2017, 81. Vgl. zusammenfassend Rinas 2017, 385: „ die Periode = rhythmisch und inhaltlich vollständige Wortgruppe; das Kolon = eine Wortgruppe, mit eigenem rhythmischen Spannungsbogen, die jedoch inhaltlich ergänzungsbedürftig ist; das Komma = eine rhythmisch und semantisch unvollständige, aber dennoch lautlich herausgehobene und abgrenzbare Wortgruppe. “ 491 Rinas 2017, 74. 492 Burkard 2003, 22. 493 Vgl. Burkard 2003, 8 - 12. 494 Rinas 2017, 387. Vgl. Rinas 2017, bes. 81 - 86. Auch typographische Aspekte können zu dieser Verwirrung beitragen: Vgl. Rinas 2017, 83 f. 495 Vgl. Melanchthon 1555 (OC 0557), p. 485 - 501. Vgl. die Edition bei Burkard 2003, 35 - 37 (Editionsbericht) und 42 - 52 (Edition). 496 Die Stelle ist textkritisch nicht unproblematisch: Statt alii aliis, wie es in den Auflagen von 1553 und 1555 steht, ist 1552 und 1563 alia aliis überliefert (vgl. Burkard 2003, 51 Anm. 197). Doch ist unklar, wie alia (für das Burkard sich in seiner Edition entscheidet) zu verstehen wäre: „ Man drückt jedes Satzzeichen mit anderen Figuren aus. “ ? Diese Aussage wäre ziemlich trivial. Es ergäbe zudem keinen Sinn, nachfolgend „ die einfachste “ Methode anzuführen und zu erwähnen, dass andere die virgula (=Komma) als Satz- 4.6 Problemfeld III: Interpunktion 141 <?page no="142"?> Notas et ut vocarunt puncta distinctionis alii aliis figuris exprimunt. Simplicissimum esse videtur. Ad periodum, seu perfectam et plenam sententiam in medio apponi unam notam. Ad membra duas: ad caesa inflexam virgulam, qua quidem tam ad membra quam caesa quidam uti reperiuntur. (Satz-)zeichen und - wie sie genannt wurden - Interpunktionen drückt jeder mit anderen Formen aus. Am einfachsten erscheint es, für eine Periode oder den vollendeten und vollständigen Satz einen Punkt in der Mitte zu machen [.]; für Kola zwei [: ]; für Kommata ein gebogenes Stäbchen [,]. Letzteres findet man von manchen sowohl für Kola als auch für Kommata gebraucht. Melanchthon 1555 (OC 0557), p. 500 Camerarius übernimmt in diesem Werk offensichtlich die antiken Vorschriften. Für ihn muss sich die Orthographie ganz am gesprochenen Wort orientieren. Wenn beim Sprechen (enunciatio/ ἀπαγγελία ) beispielsweise durch Anheben oder Absenken der Stimme signalisiert wird, ob ein Gedanke abgeschlossen ist oder nicht, übernehmen beim Schreiben die Satzzeichen diese Funktion. Dabei entsprechen die Satzzeichen der antiken Dreiteilung des Satzes. 497 Was die praktische Anwendung der Interpunktion angeht, so schließt Burkard aus, dass in der frühen Neuzeit tatsächlich rhetorisch interpungiert wurde. Die Vorschrift antiker Grammatiker, Satzzeichen zu setzen, wenn beim Sprechen eine Pause zu machen ist, sei lediglich in die frühneuzeitlichen Regelwerke übernommen worden. Stattdessen sieht er den Beginn einer syntaktischen Interpunktion anhand der Satzglieder Komma, Kolon und Periode. Die Interpunktion diene vornehmlich dazu, Missverständnisse zu vermeiden. In der Frage, wo Zeichen zu setzen sind, habe meist Einigkeit geherrscht, wobei die letztendliche Wahl des Satzzeichens bei den einzelnen Autoren gelegen habe. 498 zeichen zur Abgrenzung der Periodenteile membra (=Kola) und caesa (=Kommata) benutzen. Daher wird hier alii gelesen und als Hinweis verstanden, dass schon für Camerarius die figurae der Satzzeichen alles andere als kanonisch waren. 497 Vgl. Melanchthon 1555 (OC 0557), p. 499 f. Vgl. ebd. p. 485: Est igitur Orthographia in scribendo earum literarum exaratio, quarum potestatem sinceritas pronunciationis secundum uniuscunque linguae naturam, requirit (Üs.: Orthographie ist also beim Schreiben das Schreiben derjenigen Buchstaben, deren Bedeutung die Reinheit der Aussprache gemäß der Natur einer jeden Sprache verlangt.). Vgl. ebd. p. 499: Distingui autem solent ea quae scribuntur secundum pronunciationis veritatem (Üs. oben Anm. 369). Vgl. Burkard 2003, 16. Vgl. OCEp 0461 (in: Camerarius 1568), fol. v6 r : Primum igitur scies, veritatem scribendi pertinere ad pronunciationis veritatem (Üs. oben 4.4.1). Außerdem nennt Camerarius Ausrufezeichen ( ἀποσιώπησις ), Fragezeichen und Klammern ( παρενθέσεων notae). Das Ausrufezeichen ( „ ! “ ) wird nur in der Erstausgabe gedruckt; in den anderen Drucken steht das Fragezeichen bzw. der Doppelpunkt: Vgl. Burkard 2003, 51 Anm. 198. 498 Vgl. Burkard 2003, 23 f. Vgl. Rinas 2017, 54 f. mit Verweis auf das dritte Buch der aristotelischen Rhetorik: Aristot. Rhet. 3,5 (1407b 11 ff.) bzw. 3,9 (1409b 13 ff.). 142 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="143"?> 4.6.2 Camerarius und die Interpunktion Bezeichnenderweise behandeln weder der „ Libellus “ noch die „ Praecepta “ die Interpunktion. Am nächsten kommt dem Thema der Zeichensetzung noch eine Akzidenz der Silbe: Die passiones bzw. πάθη , worunter man drei Lesehilfen (lectionis adminicula) versteht, nämlich • den Apostroph [ ʼ ], ein dem Spiritus lenis gleiches Zeichen, das Elisionen anzeigt, 499 • das Hyphen [ ‿ ], ein Zeichen, das Kontraktionen anzeigt, 500 • und die Hypodiastole [,], ein dem Komma gleiches Zeichen, das der Sichtbarmachung getrennt geschriebener Wörter dient und häufig bei gleichaussehenden Wörtern genutzt wird, z. B. zur Unterscheidung von ὅ , τι (Nt. Sg. von ὅστις ) und ὅτι (weil). 501 Hyphen und Hypodiastole sind nur für die scriptio continua wirklich relevant und daher ungebräuchlich geworden. 502 Daher schienen diese Anmerkungen wohl auch den Autoren der frühneuzeitlichen Grammatiken nicht allzu wichtig: Melanchthon kommt überhaupt nur auf die passiones zu sprechen, weil andere das auch tun und Camerarius verschob die Anmerkungen vom Anfang des Kapitels „ Prosodia “ ganz ans Ende. 503 Auch Dalwitz geht nur auf den Apostroph detaillierter ein. 504 499 Vgl. KB I, 230 (§ 53,1); Camerarius 1545 (OC 0478), p. 25 f.; Dalwitz 1569, fol. B6 v . 500 Vgl. KB I, 354 (§ 93,2); Camerarius 1545 (OC 0478), p. 26; Dalwitz 1569, fol. B8 r . Das Zeichen wird offenbar nur in seltensten Fällen verwendet und der Drucker der „ Praecepta “ hatte es nicht im Repertoire; er behalf sich mit einem von zwei Strichen umgebenen Ypsilon (υ -; vgl. dazu das Zeichen bei Kühner/ Blass). Der mittlere Schriftsatz der „ Grecs du Roi “ (vgl. oben Anm. 310; unterste Reihe im Kasten, ganz links) umfasst das Hyphen. 501 Vgl. KB I, 353(f.) (§ 93,1): „ z. B. dass er ἔστιν ἄξιος nicht wie ἔστι Νάξιος lese “ . Vgl. Camerarius 1545 (OC 0478), p. 25 f.; Dalwitz 1569, fol. B8 r . Vgl. BR § 70,3 Anm. 502 Vgl. KB I, 353 f. (§ 93). 503 Für Melanchthon gehört das Thema zur Interpunktion: Vgl. Melanchthon 1518, fol. aiii v bzw. Camerarius 1545. p. 25: Alii syllabae accidentibus τὰ πάθη quoque annumerant lectionis adminicula, quae ad puncta proprie pertinent (Üs.: Andere zählen zu den Akzidenzien der Silbe auch noch die „ Passionen “ , Lesezeichen, die eigentlich zur Interpunktion gehören.).Vgl. alle weiteren Ausgaben vor 1545 (vgl. dazu oben Anm. 229). 504 Vgl. Dalwitz 1569, fol. B7 r - v : Wenn der Apostroph stehe, liege eine Synaloephe vor; diese könne man in Ekthlipsis (elisio), Synhärese (contractio) und Krasis (collisio) unterteilen, die entweder für sich oder als Mischformen auftreten würden. Ob ein Iota bei einer Krasis subskribiert wird oder nicht, hänge davon ab, ob es zum ersten oder zum zweiten Wort der verschmolzenen Wörter gehört habe (vgl. oben 4.5.5.). Bemerkenswert im Anbetracht der Untersuchungen über die Stellung der Diakritika im Schriftbild (vgl. oben 4.3.2) ist noch, dass die Positionierung dieser ‚ Lesezeichen ‘ in beiden Grammatiken sehr präzise beschrieben wird. 4.6 Problemfeld III: Interpunktion 143 <?page no="144"?> Im Gegensatz zu den lateinischen Lehrwerken erscheint in den griechischen Pendants weder die antike Einteilung des Satzes in Perioden, Kola und Kommata noch eine entsprechende Zuweisung von Satzzeichen. Dabei müsste die antike (griechische) Interpunktionslehre den Humanisten auf direktem oder indirektem Wege bekannt gewesen sein. Inwiefern Dionysius Thrax und die anderen von Schmidt behandelten griechischen Grammatiker (und Scholiasten) Camerarius im Original bekannt waren, ist fraglich. Doch Theodorus Gaza war ihm mit völliger Sicherheit bekannt. 505 Dieser behandelt neben den eben erwähnten passiones ganz am Ende seiner Grammatik auch (kurz) die Zeichensetzung. 506 Die Überschrift weist schon darauf hin, dass auch Gaza von der antiken Tradition abhängt: ‚ Über das Aussprechen der Pausierung ‘ ( περὶ τοῦ ἀπαγγέλλειν διαστολῆς ). Dort heißt es: 507 Ἀπαγγέλλειν δὲ τὰ συντεταγμένα μὴ μόνον καθ᾿ ὑπόκρισίν τε καὶ προσῳδίαν , ἀλλὰ καὶ κατὰ διαστολὴν . οὕτω γὰρ ἂν ἡ τοῦ λόγου διάνοια εἴη συμφανεστέρα . καὶ γράφοντας οὖν τι στικτέον εἰς διαστολὴν , καὶ φθεγγομένους διακριτέον τριχῶς . ἢ γὰρ τελείως , ἢ ἀτελῶς , ἢ μέσως . Ἔνθα μὲν γὰρ τὰ περὶ τὴν ἔννοιαν συναποτελού μενα λήγει τοῖς κώλοις , διασταλτέον ἐπὶ τέλει ἐννοίας τὸν λόγον καὶ πλέον τι χρόνον ἀποστηματιστέον εἰς ἀπόδοσιν τοῦ τελείου . Ἔνθα δὲ ἀτελῶς πάμπαν ἔχει , ὑπανιέντας τι τῆς φωνῆς καὶ ἐπ᾿ ἐλάχιστον διαστηματίζοντάς γε ἀπαγγελτέον . Μέσως δέ τοι , τὰ κώλων τε καὶ τοῦ ἐντελοῦς ἀπαρτιστικὰ κόμματα ἀποδοτέον . οἷον ἐγὼ μὲν διδάσκω , σὺ δὲ μανθάνεις . Καὶ στίζειν δὲ γράφοντας κατὰ τὰς εἰρημένας διαφοράς , τὸ μὲν τέλειον ἐφεξῆς ἐν τῷ μέσῳ , τὸ δ’ ἀτελὲς παρεκκλίνοντας πρὸς τὸ κάτω . τὸ δὲ μέσον παρεκκλίνοντας πρὸς τὸ ἄνω . Aussprechen soll man das syntaktische Gefüge nicht nur hinsichtlich des Ausdrucks und der Betonung, sondern auch hinsichtlich der Pausierung. So nämlich ist wohl der Gedanke der Rede klarer. Auch die, die also etwas schreiben, müssen in der Pausierung interpungieren und die, die sprechen, müssen dreierlei unterscheiden: Nämlich vollendet, unvollendet oder etwas dazwischen. Wo nämlich der Gedanke endet und die Satzglieder mit beendet, muss die Rede am Ende des Gedankens pausiert werden und zum Ausdruck der Vollendung einige Zeit innegehalten werden. Wo die Rede aber ganz und gar unvollendet ist, muss man sprechen, indem man die Stimme etwas absenkt und nur ganz kurz unterbricht. Irgendwie dazwi- 505 Vgl. Camerarius ’ unveröffentlichtes Werk „ Annotationes in Grammaticam Graecam Theodori Gazae “ (OC 0955) und OCEp 2669. Auf eine direkte Kenntnis des Dionysius Thrax gibt es im Werk des Camerarius und im Briefwechsel Melanchthons keine Hinweise. Georgios Choiroboskos (der im „ Libellus “ erwähnt wird) scheint die στιγμή bzw. διαστολή nicht systematisch behandelt zu haben (vgl. Gainsford). 506 Vgl. den Anfang des 3. Buches bei Gaza: Manutius 1495, fol. e ε II r bzw. Curio 1529, fol. 64 v - 65 r . 507 Vgl. die lat. Übersetzung bei Bryling 1545, p. 698 - 703 bzw. Curio 1529, fol. 162 v - 163 v . 144 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="145"?> schen aber muss man die vollendeten Kommata der Satzglieder und des Ganzen wiedergeben. Bspw. ich lehre, du hingegen lernst. Und wenn man schreibt, interpungiert man entsprechend der besprochenen Unterschiede das Vollendete gleich darauf in der Mitte, das Unvollendete, indem man nach dem Folgenden neigt, das Dazwischenliegende, indem man es nach Vorhergehenden neigt. Manutius 1495, fol. l Λ vii v Die Dreiteilung des Satzes/ der Satzzeichen ist eine klare Parallele zur antiken Tradition. Doch vor allem dadurch, dass keine Beispielzeichen angeführt werden, ist mehr als unklar, wie die Satzzeichen auszusehen haben und was etwa mit dem Neigen ( παρεκκλίνειν ) der Satzzeichen gemeint ist. 508 Zum Abschluss eines Satzes fordert er (wie Camerarius im Lateinischen 509 ), einen Punkt in der Mitte (also „ . “ ). Zur Unterbrechung eines Satzes, d. h. anstelle unseres Hochpunktes (? ), scheint er einen zum Folgenden geneigten Strich ( „ / “ ? ) und als Zwischenzeichen, d. h. anstelle unseres Kommas (? ), einen zum Vorhergehenden geneigten Strich ( „ \ “ ? ) zu fordern. Eine solche Interpunktion mit Schrägstrichen (Virgeln) ist vor allem in deutschsprachigen Drucken durchaus üblich 510 - allerdings nicht in griechischen Drucken. So interpungiert Manutius die Grammatik denn auch mit den heute üblichen drei Satzzeichen, wobei Punkt und Hochpunkt nicht klar auseinanderzuhalten sind und an Satzenden (die oft zusätzlich durch Spatien gekennzeichnet werden) häufig eher Hochpunkt zu stehen scheint. 511 In jedem Fall propagiert auch Gaza den Zusammenhang dreier verschiedener Satzzeichen (er benutzt allerdings das zu στιγμή gehörige Verbum στίζειν ) und ihren Zusammenhang mit der Aussprache ( διαστολή ). Im deutschsprachigen Raum konnte kein Druck gefunden werden, der die Interpunktion explizit für die griechische Sprache behandelt. Nur in einem Alphabets-Büchlein des französischen Hofdruckers Robert Estienne wurden Anmerkungen des Reformators Théodore de Bèze abgedruckt, der sich unter anderem auch mit Satzzeichen beschäftigt. 512 508 Auch Schmidt geht nicht genauer und nicht sonderlich klar auf die Passage ein und hält lediglich für bemerkenswert, „ dass die Oerter für die besondern στιγμαί andre sind als in den älteren Vorschriften. “ Schmidt 1859, 536. Vgl. die lateinische Übersetzung der Grammatik Gazas bei Bryling 1545, p. 700: Collocandum itaque punctum scribentibus secundum dictas differentias, ut perfectum quidem in medio ponamus. imperfectum vero deflectamus ad partem imam. Caeterum medium deflectamus ad supremam. 509 Vgl. Melanchthon 1555 (OC 0557), p. 500. 510 Vgl. v. a. Rinas 2017, 88 und Müller 1964, 46 - 54. 511 Vgl. Burkard 2003, 13 Anm. 34, der auf Unterschiede der lateinischen Interpunktionslehre bei Manutius hinweist. 512 Vgl. Bèze 1554, fol. Bii r - Biii v . 4.6 Problemfeld III: Interpunktion 145 <?page no="146"?> Στιγμὴ τελεία , id est Punctum perfectum, quo ad imum ultimae literae apposito terminantur a Graecis et Latinis periodi, ut significetur, perfecta iam sententia, quiescendum. Στιγμὴ μέση , id est Punctum medium, quo terminantur orationis membra quae Graeci κῶλα vocant. Medium autem vocatur, tum quia in media periodo et mediae literae praecedenti adscribitur, tum etiam quod mediocriter quiescendum esse admoneat, nondum scilicet perfecto orationis ambitu. … Ὑποστιγμὴ , sive ὑποδιαστο λή , id est Subdistinctio, qua distinguuntur orationis Commata, quae a Latinis Incisa nominantur. Adscribitur autem eadem nota qua Diastole, sed diverso situ, ultimae scilicet Commatis literae, declaratque non tam quiescendum quam respirandum. Sed a plerisque Typographis hodie haec nota etiam Colis distinguendis adhibetur. Der Punkt (Stigmé teleía/ punctum perfectum), der am äußersten Rand des letzten Buchstabens gesetzt wird und durch den die Griechen wie die Römer Perioden beenden, sodass angezeigt wird, dass der Satz zu Ende ist und eine Pause gemacht werden muss. Der Mittelpunkt (Stigmé mése/ punctum medium), durch den die Glieder (griech. Kóla) beendet werden. „ Mittel “ -Punkt heißt er deshalb, weil er in der Mitte der Periode steht und auf mittlerer Höhe des vorhergehenden Buchstabens geschrieben wird. Außerdem, weil er anzeigt, dass eine mittellange Pause zu machen ist, wobei freilich die Periode noch nicht zu Ende ist. … Das Komma (Hypostigmé bzw. Hypodiastolé/ subdistinctio), durch welches die Kommata (lat. incisa) unterschieden werden. Es wird dasselbe Zeichen verwendet wie für die Diastole, aber an anderer Stelle, nämlich hinter dem letzten Buchstaben des „ Kommas “ . Es zeigt nicht so sehr an, dass eine Pause gemacht werden muss, als dass Luft geholt werden muss. Doch von den meisten Druckern wird es heutzutage zur Unterscheidung der Kola verwendet. Bèze 1554, fol. Bii v - Biii r Er erwähnt neben Punkt, Hochpunkt, Komma und den oben genannten ‚ Lesehilfen ‘ noch das Trema (dissolutio, duabus vocalibus distincte pronuntiandis imponitur) und das Fragezeichen (interrogationis signum … hoc modo ; ). Darüber hinaus merkt Bèze an, dass es im Griechischen keine Klammern (parenthesis signum) gebe; stattdessen würden Kommata verwendet. Die Terminologie für Punkt/ Hochpunkt/ Komma ist identisch mit der von Dionysios Thrax ( τελεία στιγμή / μέση στιγμή / ὑποστιγμή ) und die Zuordnung dreier Satzzeichen (Punkt, Mittelpunkt, Komma) zu drei Redeteilen (Periode, Kolon, Komma) und die Vorstellung einer rhetorischen Interpunktion mit (Atem-) Pausen gründet auf den antiken Vorlagen. Zusammenfassend lässt sich daraus und aus der Tatsache, dass Humanisten wie Camerarius es offenbar nicht für nötig hielten, eine Interpunktionslehre mit explizitem Bezug zur griechischen Sprache zu verfassen, folgern, dass die griechische Zeichensetzung, d. h. die Frage, wann Satzzeichen zu setzen sind, nicht von der lateinischen bzw. der zeitgenössischen deutschen 513 unterschie- 513 Vgl. Rinas 2017, 75 - 124. 146 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="147"?> den wurde. So sind denn auch die von Burkard formulierten Interpunktionsregeln in den griechischen Drucken nachweisbar. 514 Wie das griechische Satzzeicheninventar aussieht, das sich Camerarius wünscht, ist dadurch aber unklar. Für die lateinische Zeichensetzung nennt er Punkt, Doppelpunkt, Komma, Ausrufezeichen, Fragezeichen und Klammern. 515 Punkt und Komma können in beiden Sprachen identisch verwendet werden. Klammern werden zumindest in einer seiner griechischen Eklogen verwendet. 516 Zu den anderen Zeichen vermisst man in „ De orthographia “ jedoch einen seiner sonst so häufigen, abgrenzenden Hinweise darauf, dass sich einzelne Zeichen bei den Griechen unterscheiden. So ist es vielleicht auch nicht verwunderlich, dass es in der frühen Neuzeit griechische Drucke gibt, in denen schlichtweg der lateinische Doppelpunkt benutzt wird. 517 4.7 Resümee und Konsequenzen für die Edition Eine Edition soll den von einem Autor intendierten Text wiederherstellen und der wissenschaftlichen Beschäftigung zur Verfügung stellen. Dabei muss sie abwägen zwischen Lesekomfort und Originalität. Doch wieviel Lesekomfort braucht man und was ist das „ frühneuzeitliche Original “ ? Da die neualtgriechischen Editionen in aller Regel mit einer Übersetzung publiziert werden, überzeugt es nicht, die Texte vor allem als Erleichterung für ein nicht mit den frühneuzeitlichen Texten vertrautes Publikum zu normalisieren. 518 Auf der anderen Seite könnte die Nachahmung der im Druck vorgefundenen Phänomene oder gar die vereinheitlichende Verbesserung hin zu einer solchen, vermeintlich frühneuzeitlichen Konvention, in Willkür enden, da nicht sicher zwischen Autor und Drucker unterschieden werden kann. Die vorliegende Untersuchung hat die in den frühneuzeitlichen neualtgriechischen Drucken vorgefundenen Phänomene in den Kontext von Druckkunst und Grammatiktheorie gestellt und den zeitgenössischen Kenntnisstand aufgezeigt. Nun sollen die Ergebnisse zusammengefasst und Konsequenzen für die Edition gezogen werden. Im Bereich der Orthographie bleiben die bei Editionen problematisierten Themen in den Grammatiken unerwähnt: Es findet sich keine Konvention zur Groß- und Kleinschreibung und auch die Verwendung von Binnen- und 514 Vgl. Weise 2019, 128 f. mit Anm. 516 - 518. 515 Vgl. Melanchthon 1555 (OC 0557), p. 500 f. 516 Vgl. Mundt 2004, 212 Nr. 5. 517 Vgl. Neuendorf 2017, 76. 518 So Weise 2019, 130 f. 4.7 Resümee und Konsequenzen für die Edition 147 <?page no="148"?> Endsigma hat kein theoretisches Fundament. Bei Druckfehlern, insbesondere jenen, die höchstwahrscheinlich aussprachebedingt sind, darf nicht nur der Autor als Ursache angenommen werden, sondern stets müssen auch Setzer und Lektor in Betracht gezogen werden. Eine sichere orthographische Wiederherstellung des vom Autor intendierten Textes wird dadurch unmöglich. Eine Normalisierung der Orthographie ist daher angebracht. Probleme bei den Diakritika sind unbedingt vor dem Hintergrund der Drucktechnik zu sehen, da die Setzer hier - den verfügbaren Typen unterworfen - im Zweifel kreative Lösungen finden mussten. Im Einzelnen festzustellen, welche Methode(n) in einem Druck angewendet wurde(n), ist allerdings nur schwer möglich, zumal eine Kombination der Methoden sicherlich anzunehmen ist. 519 Die Techniken sollten jedoch als Erklärungsmöglichkeiten in Betracht gezogen werden, um einzelne Phänomene, wie deplatzierte Diakritika, darauf zurückführen und mit guten Gründen unberücksichtigt lassen zu können. Die Grammatiker hatten große Probleme bei der Formulierung von Akzentregeln und verweisen daher auf Nachahmung und „ learning by doing “ , was Fehler vorprogrammiert. Beim Gravis scheinen Grammatiktheorie und Druckpraxis übereinzustimmen: Denn grundsätzlich dürfen alle Oxytona mit Gravis betont werden, die kein Fragepronomen sind und nicht vor Punkt oder Enklitikon stehen. Die Spiritus werden identisch zur heutigen Konvention gebraucht und lediglich die Aspiration von Doppel-Rho ist heute ungebräuchlich. Das Iota-Subscriptum scheint in der Frühen Neuzeit als reine Lesehilfe (für Schüler) verstanden worden zu sein, dessen Vorhandensein oder Fehlen als unbedeutend wahrgenommen wurde. Bei den frühneuzeitlichen Enklise-Regeln zeigt sich - mit Ausnahme des Indefinitpronomens τις - kein einheitliches Bild, das sich bei einer Edition nachahmen ließe. Es werden heute ungebräuchliche und nurmehr im Kleingedruckten moderner Grammatiken zu findende Regeln genannt, die jedoch offenbar schon in der frühen Neuzeit keine Anwendung fanden. Zusammenfassend erschiene es daher im Bereich der Diakritika in einer Edition allenfalls als „ spezifisch frühneuzeitlich “ nachahmbar, • ein Oxytonon mit Gravis zu betonen, sofern es kein Fragepronomen ist und kein Enklitikon oder Punkt folgt, • Spiritus lenis und asper auf Doppel-Rho zu setzen • und einige Sonderregeln der Enklise (KB I, 341 (§ 89,III Anm. 3) 342 (§ 89,IV Anm. 4)) zu befolgen. 519 Vgl. Ingram 1966, 375. 148 4 Neualtgriechisch: Grammatiktheorie, Druckpraxis und Konsequenzen für die Edition <?page no="149"?> Im Bereich der Interpunktion hat sich gezeigt, dass keine separaten Interpunktionsregeln für die griechische Sprache formuliert werden, man jedoch die lateinische Interpunktionslehre adaptieren kann. Satzzeichen hatten stets den Zweck, den Sinn eines Satzes für den Leser zu verdeutlichen. 520 Für eine moderne Edition ist es vor diesem Hintergrund durchaus vertretbar, dem modernen Leser die Zeichensetzung nach modernen Maßstäben als Hilfe zu bieten. Diese Untersuchung hat die (mindestens) für die vorliegende Edition einschlägigen Werke der frühneuzeitlichen griechischen Grammatiktheorie betrachtet und anhand dessen gezeigt, dass im 16. Jahrhundert ein „ zeitgenössischer Kenntnisstand “ , der die in den Drucken vorgefundene Praxis umfassend erhellt und allgemeingültige Editionskriterien frühneuzeitlicher, neualtgriechischer Drucke rechtfertigen würde, nicht existiert. Die untersuchten Grammatiken übernehmen überwiegend antike Grammatiktheorien, die in der Praxis jedoch nicht konsequent eingehalten werden. Die Grammatiken weisen ferner sowohl untereinander als auch im Hinblick auf heutige Grammatiken Unterschiede auf und wurden mit Sicherheit durch individuelle, heute nicht mehr überprüfbare, mündliche Anmerkungen der einzelnen Griechischlehrer ergänzt. Somit erscheint es in gewisser Weise willkürlich, die oben genannten Erscheinungen als „ spezifisch frühneuzeitlich “ zu klassifizieren und in einer modernen Edition nachzuahmen oder gar nach einer scheinbar frühneuzeitlichen Konvention zu vereinheitlichen. Somit ist aufgrund der diffusen zeitgenössischen Lehren, die sich in der Praxis nicht zwingend widerspiegeln, bei einer Edition frühneuzeitlicher, neualtgriechischer Texte allgemein kein anderer als der Weg der Normalisierung empfehlenswert. 520 Vgl. Rinas 2017, 397. 4.7 Resümee und Konsequenzen für die Edition 149 <?page no="150"?> 5 Editionsbericht 5.1 Auflagen und Siglen Nachdem die Überlieferung des Manuskripts des „ Bellum Smalcaldicum “ oben (3.4.3) bereits dargelegt wurde, sollen nun auch die Hintergründe der gedruckten Überlieferung ausgeführt werden. Die in drei Bänden erschienene Reihe „ Germanicarum rerum scriptores “ legte der Herausgeber Marquard Freher zur Veröffentlichung unbekannter historischer Werke an, die er nach eigener Aussage eher zufällig gefunden und gesammelt hatte. 521 Den ersten Band publizierte er im Jahr 1600 und widmete ihn seiner Geburtsstadt Augsburg; 522 der zweite Band folgte 1602 und ist der Stadt Nürnberg, die Freher als seine zweite Heimat bezeichnet, gewidmet. 523 Diese beiden Bände decken den Zeitraum von Karl dem Großen bis zu Maximilian I. ab. Der dritte Band schließlich folgte mit einigem zeitlichen Abstand im Jahre 1611 und behandelt die Regierungszeit Karls V. Im Widmungsbrief an die Stadt Straßburg schreibt Freher, er habe die Reihe eigentlich auf sich beruhen lassen und nicht bis in seine eigene Zeit fortsetzen wollen, allerdings habe ihn der Gedanke, die Schriften könnten verloren gehen, sowie der Einfluss von Freunden und die Beharrlichkeit der Drucker dazu gebracht, seine Meinung zu ändern. 524 Im dritten Band sind drei Werke des Camerarius enthalten. Neben dem „ Bellum Smalcaldicum “ (OC 0952, p. 387 - 423) nahm Freher auch die bislang unveröffentlichte „ Annotatio rerum praecipuarum “ (OC 0951, p. 460 - 506) auf, Notizen des Camerarius, die die historischen Ereignisse zwischen 1550 und 1561 zum Thema haben. Weiterhin wird ein schon mehrfach zuvor gedrucktes, griechisches Widmungsepigramm (OC 0121) des Camerarius, das als Paratext zu einem Gedicht des Georg Sabinus über die Kaiser von Karl dem Großen bis Karl V. dient, aufgenommen. Camerarius ’ Gedicht wird bei Freher erstmals um 521 Vgl. Freher 1600, fol.)(2 v und Freher 1611 (h1), fol.)(2 r . 522 Vgl. Freher 1600, fol.)(2 r - )(3 r . Übertragen, kommentiert und mit Regest versehen bei Kühlmann 2005, 221 - 226. 523 Vgl. Freher 1602, fol.)(2 r - )(4 r , hier: fol.)(3 r . Übertragen, kommentiert und mit Regest versehen bei Kühlmann 2005, 229 - 235. 524 Vgl. Freher 1611, fol.)(2 r - v . Übertragen, kommentiert und mit Regest versehen bei Kühlmann 2005, 238 - 241. <?page no="151"?> eine lateinische Übersetzung von Simon Stenius erweitert. 525 Zu editorischen oder sonstigen Eingriffen in den Text durch den Herausgeber Marquard Freher lässt sich keine Aussage treffen. Im Widmungsbrief schreibt er lediglich, er habe die Werke geordnet und zum Druck hergerichtet seinen Nachkommen zur Edition überlassen wollen (digesta tantum et ad praelum adornata posteris meis edenda relinquere, fol.)(2 r ). Der dritte Band wurde 1611 zweimal gesetzt: Die erste Auflage findet sich mit dem Ort Frankfurt und dem Ort Hanau im Impressum, die zweite Auflage mit dem Ort Hanau. 526 Vermutlich führten die ungeklärten Verhältnisse der Druckerei, die sowohl in Frankfurt als auch in Hanau ansässig war, nach dem Tod des langjährigen Inhabers Claude de Marne im Jahr 1610 zu Chaos und sind Grund für die verschiedenen Impressa. 527 Im Folgenden sollen die verschiedenen Drucke des „ Bellum Smalcaldicum “ hinsichtlich ihrer Eigenheiten vorgestellt werden. Die Siglen werden den Drucken dabei entsprechend ihrem Druckort (lateinischer Ortsname) zugeordnet. h1 (VD17 39: 135258V) GERMANICA- | RUM RERUM SCRIPTO- | RES VARII, FERE HACTENUS | INCO- GNITI | Qui praemissis quibusdam superioris saeculi, | sub KAROLO V.Imp.memorabiliter | acta potissimum comple- | ctuntur | TOMUS TERTIUS | Nunc primùm editus | Ex Bibliotheca & recensione MARQUARDI FREHERI | Consiliarii Archi- Palatini. | Authorum Catalogus, qui hoc volumine continentur, post Nuncu- | patoriam apparebit. | [Druckerzeichen] | HANOVIAE, | Impensis Claudii Marnii haeredum, Ioannis | & Andreae Marnii, & Consort. | M. DC. XI. Der griechische Text ist mit der mittleren Größe der „ Grecs du Roi “ gesetzt. Die Seiten sind in eine griechische und eine lateinische Spalte geteilt, wobei die griechische Spalte häufig länger ist. Einige Randglossen, die wohl von Stenius oder Freher eingefügt worden sind, markieren inhaltliche Abschnitte. Der Text des BS hängt vermutlich direkt vom Manuskript ab. Freher stellte den Brief von Simon Stenius voran und wählte wohl auch den Titel commentarius. 528 525 Vgl. Ioachimi Camerarii. Οὐ μόνον ἆρα θεοῖς ὕμνησεν πρόσθεν ὁμοίους (Inc.), bearbeitet von Jochen Schultheiß (04.02.2020), in: OC Online, http: / / wiki.camerarius.de/ OC_0121. 526 Etwas missverständlich schreibt Kühlmann 2005, 267: „ Band 3 der Germanicarum rerum scriptores erschien 1611 zweimal mit verschiedenen Impressa (Francoforti bzw. Hanoviae) “ . 527 Vgl. Steiff 1896. 528 Vgl. Freher 1611 (h1), p. 387. 5.1 Auflagen und Siglen 151 <?page no="152"?> h2 (VD17 3: 313113Q) GERMANICA | RVM RERVM SCRIPTO- | RES VARII, FERE HACTENVS | INCO- GNITI. | Qui praemissis quibusdam superioris saeculi, | sub Karolo V. Imp.memorabiliter | acta potissimum comple- | ctuntur. | TOMVS TERTIVS | Nunc primùm editus | Ex Bibliotheca & recensione MARQUARDI FREHERI | Consiliarii Archi- Palatini. | Authorum Catalogus, qui hoc volumine continentur, post Nuncupato- | riam apparebit, | [Druckerzeichen] | HANOVIAE, | Impensis Claudii Marnii haeredum, Ioannis | & Andreae Marnii, & Consort. | M. DC. XI. Noch im selben Jahr wurde der gesamte Druck ein zweites Mal, diesmal wohl in der kleinen Ausführung der „ Grecs du Roi “ , gesetzt. Die vielen Fehler in den Texten von h2 deuten darauf hin, dass unter Zeitdruck gearbeitet und keine (genaue) Endkorrektur vorgenommen wurde. 529 Der Satz ist wesentlich geordneter als in h1 und die griechische und die lateinische Textspalte sind häufiger gleich lang. Die Randglossen stimmen vollständig mit denen in h1 überein. Die seltenen Verbesserungen von Formen, Diakritika, Dittographie usw. werden von zahlreichen Veränderungen überschattet, denen man keine editorische Absicht unterstellen kann, sondern die eher aus Versehen oder Unwissenheit entstanden sind: Zu einigen Auslassungen einzelner Wörter und neuen Fehlern bei den Diakritika kommen - etwa durch die falsche Auflösung von Ligaturen des Druckes h1 - auch Formenfehler, die den Sinn nicht selten völlig entstellen: So war dem Setzer bspw. die Bedeutung einer σαν -Ligatur offenbar nicht bekannt und er erfand völlig neue Auflösungen. 530 Die zahlreichen Verlesungen und Fehlinterpretationen der in h1 gesetzten Ligaturen beweisen, dass der Text eindeutig vom Druck h1 abhängt. Darüber hinaus sind keine sinntragenden Änderungen vorhanden, sodass ein Rückgriff auf das Manuskript auszuschließen ist. f (VD17 547: 647466V) GERMANICA- | RVM RERVM SCRIPTO- | RES VARII, FERE HACTENVS | INCOG- NITI. | Qui praemissis quibusdam superioris saeculi, | sub Karolo V. Imp.memorabiliter acta | potissimum complectuntur. | TOMVS TERTIVS | Nunc primùm editus. | Ex Bibliotheca & recensione MARQUARDI FREHERI | Consiliarii Archi-Palatini. | Authorum Catalogus, qui hoc volumine continentur, post Nuncu- | patoriam apparebit. | [Druckerzeichen] | FRANCOFVRTI, | Impensis Claudii Marnii haeredum, Ioannis | & Andreae Marnii, & Consort. | M. DC. XI. 529 Vgl. Freher 1611 (h2), fol.)(2 r : In der ersten Zeile fehlt et. 530 Vgl. Freher 1611 (h2), p. 392: ἐποίησαν > ἐπόιησαι ; p. 393: ἐποίησαν > ἐποίηρει ; p. 394: ἡσύχσαν > ἡσύχαρει ; p. 419: ἦσαν > ἦρει . 152 5 Editionsbericht <?page no="153"?> Der Druck weist mit Ausnahme des Titelblattes ein völlig identisches Druckbild auf wie h1. In dem unten (5.2) genannten, einzigen bekannten Exemplar fehlen die ersten neun (nicht paginierten) Blätter komplett, darunter der Widmungsbrief von Freher, das Inhaltsverzeichnis und das Gedicht „ De Caesaribus Germanicis “ von Georg Sabinus mitsamt des Begleitgedichts von Camerarius. a (VD18 80376541-001) RERVM | GERMANICARVM | SCRIPTORES | varii, | Qui, praemissis quibusdam superioris saeculi, sub | CAROLO V. Imp. memorabiliter acta potissimum | complectuntur | TOMVS TERTIVS. | Ex Bibliotheca & recensione | MARQUARDI FREHERI, | Consiliarii Palatini, | Primum Editus, | NVNC DENVO RECOGNITVS. | Curante | BURCARDO GOTTHELFFIO STRUVIO, | CONSILIARIO ET HISTORICO SAXONI- CO. | [Druckerzeichen] | ARGENTORATI, | Sumptibus JOHANNIS REINHOLDI DULSSECKERI, | ANNO MDCCXVII. Während der erste 531 und der zweite 532 Band der Reihe noch im 17. Jahrhundert jeweils einen Neudruck erfuhren, wurde der dritte Band erst wieder im Jahre 1717 im Rahmen der Neuauflage der gesamten Reihe durch Burcard Gotthelf Struve neu gedruckt. Der Titel der Reihe änderte sich leicht - sie hieß jetzt „ Rerum Germanicarum scriptores “ . Struve versah jedes einzelne Werk mit einem Vorwort und fügte teils auch Anmerkungen in Randglossen ein, die auf andere Historiker verweisen. Der Band hat eine eigene Paginierung, allerdings wird auch die Paginierung des 1611er Druckes klein am Rand angebeben. Im Vorwort zum „ Bellum Smalcaldicum “ zitiert Struve einen Ausschnitt aus der Camerarius-Vita von Jaques- Auguste de Thou und lobt den neutralen Standpunkt des Camerarius. 533 Randglossen verweisen zumeist auf den Straßburger Historiker Johannes Sleidan, den auch schon Freher in seinem Widmungsbrief lobend erwähnte. 534 Zur „ Annotatio rerum praecipuarum “ (OC 0951), bemerkt Struve nur kurz, dass der Inhalt bunt gemischt, aber allgemein und von anderen vollständiger dargelegt worden sei. 535 Der Text des BS in a hängt eindeutig von h2 ab. Dass ein Exemplar von h1 von Struve (zusätzlich) herangezogen wurde, kann ausgeschlossen werden, da alle Auslassungen in h2 auch in a auftreten. Einige Fehler (besonders bei den 531 Vgl. Freher 1624. 532 Vgl. Freher 1637. 533 Vgl. Thou 1614, p. 87. Vgl. Anhang (D) 1. 534 Vgl. Freher 1611 (h1), fol. ()(3 r . 535 Vgl. Struve 1717, p. 458 bzw. Anhang (D) 1. 5.1 Auflagen und Siglen 153 <?page no="154"?> Diakritika) wurden verbessert bzw. rückgängig gemacht. Völlig willkürlich werden manche Eigennamen großgeschrieben. Die Randglossen aus h1/ h2 wurden teils übernommen, teils weggelassen, teils wurden neue hinzugefügt. Weitere Drucke Eine dritte Auflage des dritten Bandes durch Struve, die Friedrich Stählin nennt (Straßburg 1727), ist nicht zu finden und vermutlich auf eine Verwechslung Stählins mit der zweiten Auflage zurückzuführen. 536 Eine Besonderheit bildet das unter der VD17-Nummer von h1 geführte Exemplar der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: 537 GERMANICA- | RVM RERVM SCRIPTO- | RES VARII, FERE HACTENVS | INCOG- NITI. | Qui praemissis quibusdam superioris saeculi, | sub Karolo V. Imp.memorabiliter acta | potissimum complectuntur. | TOMVS TERTIVS | Nunc primùm editus. | Ex Bibliotheca & recensione MARQUARDI FREHERI | Consiliarii Archi-Palatini. | Authorum Catalogus, qui hoc volumine continentur, post Nuncu- | patoriam apparebit. | [Druckerzeichen] | HANOVIAE, | Impensis Claudii Marnii haeredum, Ioannis | & Andreae Marnii, & Consort. | M. DC. XI. Hier entspricht der Satz der Titelseite dem des Druckes f (vgl. insb. das Druckerzeichen sowie Zeile 6), mit dem einzigen Unterschied, dass statt Frankfurt der Ort Hanau angegeben ist. In dem Exemplar fehlt das Blatt)(4 mit zwei an Marquard Freher gerichteten Gedichten. Im Übrigen ist der Druck völlig identisch mit h1. Der Druck hat keine eigene VD17-Nummer und es ist kein weiterer solcher Druck bekannt. Zusammenfassende Siglen Da die älteren Drucke (h1/ f) völlig identisch sind und die jüngeren Drucke (h2/ a) durch ihre Abhängigkeit voneinander häufig übereinstimmen, werden sie im Apparat zusammenfassend mit der Sigle V für die Editiones vetustiores (h1/ f) und der Sigle R für die Editiones recentiores (h2/ a) versehen. 5.2 Bestände und Digitalisate Die vorliegende Edition wurde ausschließlich mit digital verfügbaren Texten erstellt. Da einzelne Wörter oder Buchstaben auch in den Drucken derselben 536 Vgl. Stählin 1936, 106. Vermutlich gibt Stählin schlicht die Jahreszahl der zweiten Auflage (1717) falsch wieder und bezieht die Angabe ‚ Tomus Tertius ‘ auf die Auflage. Vgl. ebd. seine irrtümliche Auflösung von ‚ Hanoviae ‘ (Hanau) mit Hannover. 537 Vgl. Freher 1611 (h3); URN: urn: nbn: de: bvb: 12 - bsb11196832 - 0; Signatur: 037/ 2 Gs 291. 154 5 Editionsbericht <?page no="155"?> Auflage oft unterschiedlich gut zu lesen sind, wurden für die Edition mehrere der in der VD17 gelisteten Digitalisate herangezogen. Die Drucke h1 und a sind im Besitz zahlreicher Bibliotheken und liegen sehr häufig auch digital vor. Der Druck h2 befindet sich laut VD17 im Besitz mehrerer deutscher Bibliotheken; digitalisiert wurde (bislang) jedoch nur ein Exemplar der Österreichischen Nationalbibliothek (Signatur: 256129-D.3). Das einzige bekannte (und digitalisierte) Exemplar von f befindet sich in der Forschungsbibliothek Gotha (Signatur: Hist 4° 00880/ 02 (03)). 5.3 Stemma Den obigen Ausführungen gemäß ergibt sich für die Überlieferung des BS das folgende Stemma: ω (Manuskript) / \ h1/ f Stenii versio Latina | h2 | Struvius ― a 5.4 Editionskriterien Aufgrund der Untersuchung des zeitgenössischen Kenntnisstandes (Kapitel 4) tendiert die vorliegende Edition zur Normalisierung des Textes. Um den Apparat schlank zu halten und dem (wissenschaftlichen) Rezipienten trotzdem maximale Transparenz zu bieten, werden bei der nachfolgenden Besprechung der Editionskriterien alle Verbesserungen, die nicht im Apparat erscheinen, angeführt. Die vorliegende Edition folgt im Wesentlichen dem Hanauer Erstdruck (h1). Wie oben erwähnt, wurde die zweite Drucklegung (h2) 1611 nicht besonders sorgfältig durchgeführt. Die entstandenen Fehler finden sich hauptsächlich bei den Diakritika aber auch in der Orthographie. Diese Fehler haben keinen Wert für die Edition. Auch in V gibt es einige Fehler im Bereich der Diakritika, die nicht bedeutungstragend sind, und darüber hinaus zum Teil in h2 bzw. a korrigiert werden. All diese bedeutungslosen Lesarten werden in diesem Kapitel dokumentiert und nicht im Apparat aufgeführt. 5.4 Editionskriterien 155 <?page no="156"?> Alle textkritischen Anmerkungen präsentieren grundsätzlich alle vorhandenen Lesarten inklusive der in den Text übernommenen Lesart. 5.4.1 Orthographie Groß-/ Kleinschreibung Der Erstdruck h1 verwendet nur am Beginn eines neuen Absatzes (insgesamt dreimal) Majuskeln 538 und schreibt alle Eigennamen etc. konsequent klein. In h2 und a werden Eigennamen dagegen willkürlich großbzw. kleingeschrieben. Die Edition normalisiert die Groß- und Kleinschreibung insofern, als dass Satzanfänge und Eigennamen einschließlich der zugehörigen Adjektive großgeschrieben werden. End-/ Binnensigma Alle Drucke des BS verwenden am Wortende konsequent Endsigma. Eine Normalisierung ist daher nicht nötig. Ligaturen und Abbreviaturen Ligaturen und Abbreviaturen können nicht nachgeahmt werden und werden in der Edition daher aufgelöst. Sie werden im Apparat durch geschweifte Klammern { … } erwähnt, sofern sie für die Textkritik relevant sind. Worttrennung Änderungen der Worttrennung werden grundsätzlich im Apparat vermerkt. Orthographie/ Morphologie Änderungen der Orthographie werden grundsätzlich im Apparat vermerkt. Eine Ausnahme bilden die überlieferungsbedingten Druckfehler in h2 und a, die unten (5.5) gesammelt aufgeführt werden. Änderungen in den Drucken h2 und a, denen eine editorische Absicht zugrunde liegen dürfte, werden dagegen im Apparat vermerkt und auch in den Text übernommen. Von Camerarius nicht regelhaft gebildete und unbelegte Formen werden im Text belassen und im Apparat bzw. den Anmerkungen (C.) erklärt. 538 Vgl. Freher 1611 (h1), p. 389, 390, 422. 156 5 Editionsbericht <?page no="157"?> 5.4.2 Diakritika Akzentsetzung Der Versuch der frühneuzeitlichen Grammatiken, die Akzentsetzung in allgemeinen Regeln zu fassen, war für die Autoren - wie sie selber mehrmals anmerken - schwierig bis unmöglich und führte zu unübersichtlichen Regel- Ausnahme-Kompendien. Für eine Edition jeden einzelnen Akzentfehler anhand dieser Regelgeflechte zu überprüfen, um ihn als spezifisch frühneuzeitlich zu rechtfertigen, erscheint nicht sinnvoll. Außerdem weichen die Regeln nicht erkennbar von der heute üblichen Akzentsetzung ab. Die verwirrende Darstellung dürfte Schülern allerdings das Erlernen der Akzentsetzung erschwert haben. Mangelnde Kenntnisse oder Unachtsamkeit der am Druck Beteiligten - und nicht etwa abweichende Regeln - dürften somit der Hauptgrund für die Akzentfehler sein, die wir in den frühneuzeitlichen griechischen Drucken finden. In der Edition wird die Akzentsetzung daher der heutigen Konvention angepasst. Im Apparat erscheinen die Änderungen nur, wenn der Akzent relevant für die Wortbedeutung ist (etwa bei τίς und τις , οἱ und οἵ … ). Die weit überwiegende Zahl der nicht im Apparat angeführten Akzentfehler entstand durch den Druck h2 bzw. durch a. Diese Drucke verbessern allerdings teilweise auch die Akzentsetzung ihrer jeweiligen Vorlage. In allen Drucken des BS finden sich die folgenden unbedeutenden Akzentfehler: p. 389,2 το VR : τὸ | 3 ἐγνωρίσμενα VR : ἐγνωρισμένα | 16 μνῆμῃ Vh2 : μνήμῇ a : μνήμῃ | 18 ὠόμην VR : ᾠόμην || p. 390,10 οἷα εἰσιν VR : οἷά εἰσιν | 17 οὗτινοσοῦν VR : οὑτινοσοῦν || p. 391,1 σφαλματῶν VR : σφαλμάτων | 30 ἄλπεων Vh2 : ἄλπέων a : Ἀλπέων || p. 392,10 σπορά τοτε VR : σπορὰ τότε | 15 προενεγκάντες VR : προενέγκαντες || p. 393,11 δεκαετοὺς VR : δεκαετοῦς | 17 λεγέσθαι VR : λέγεσθαι | 20 συγγενοὺς VR : συγγενοῦς | 22 δοκούντας VR : δοκοῦντας || p. 395,8 προ σαγάγεσθαι VR : προσαγαγέσθαι | 10 οὕτοι VR : οὗτοι | 13 f. ὡς φασιν VR : ὥς φασιν | 26 παῦλου VR : Παύλου | 27 ῥωμαῖου VR : Ῥωμαίου || p. 396,19 κεφαλαῖων VR : κεφαλαίων | 26 f. ἀκελευστόν VR : ἀκέλευστόν || p. 397,18 πολεμαρχῶν VR : πολεμάρχων | 19 οὐτ’ VR : οὔτ’ | ἔπει φασιν VR : ἔπει φασὶν | 24 θορυβοῦ VR : θορύβου || p. 398,9 κατάληπτον VR : καταληπτὸν || p. 399,1 τοτε VR : τότε | 24 θεὰς VR : θεᾶς || p. 400,4 στάτος VR : στατὸς | 5 δή τοτε VR : δὴ τότε | 9 ἐπί VR : ἐπὶ | 20 ὅποτε VR : ὁπότε || p. 401,7 ὅτι ἐστι VR : ὅτι ἐστὶ | 8 πάροντι VR : παρόντι | 21 ὡντινῶν VR : ὧντινων || p. 403,12 ἐνταυθὰ VR : ἐνταῦθα | 15 ποίαν VR : ποῖαν || p. 404,21 ὠκ VR : ὦκ’ (Stenius: paulo post) || p. 405,1 ἀπίστοι VR : ἄπιστοι || p. 406,4 f. προὐτιμάτο VR : προὐτιμᾶτο || p. 409,11 ἐπεῖ VR : ἐπεὶ | 13 ἐστάοτες VR : ἐσταότες | 20 θήσεα VR : Θησέα || p. 410,4 προμηθείαν VR : προμήθειαν | 16 ἐχρὴν VR : ἐχρῆν | 23 οἷαπερ VR : οἷάπερ | 24 ἅλωτ’ VR : ἁλώτ’ | 29 καρόλον VR : Κάρολον || p. 412,20 φλόξ VR : φλὸξ | 24 ῥαίσαι VR : ῥαῖσαι || 5.4 Editionskriterien 157 <?page no="158"?> p. 413,1 ἀμβλυνεῖ VR : ἀμβλύνει | 10 ἡγε { μῶν } Vh2 : ἡγεμὠν a : ἡγεμὼν || p. 415,12 δεκαετοὺς VR : δεκαετοῦς | 21 τολμωμένα VR : τολμώμενα || p. 416,18 κρατύναι VR : κρατῦναι || p. 417,2 ἐπιτήδειοι εἰσι VR : ἐπιτήδειοί εἰσι | 6 ἐσθ’ VR : ἔσθ’ | 18 συνθηκας V : συνθηκὰς R : συνθήκας | 29 μαρχιῶνα VR : Μαρχίωνα || p. 418,19 ἄν VR : ἂν | εἰσι VR : εἰσὶ || p. 419,16 ἀσφαλείαν VR : ἀσφάλειαν | 18 ἀδρίαντα VR : ἀδριάντα | 22 κηλίδα VR : κηλῖδα | 26 προαστεῖα VR : προάστεια || p. 420,4 πείρα VR : πεῖρα | 13 κώμων VR : κωμῶν | ἐσθ’ VR : ἔσθ’ | 25 αὔλων VR : αὐλῶν || p. 421,1 τείχος VR : τεῖχος | 25 καίσαρ VR : Καῖσαρ | 26 πυργὸν VR : πύργον | ἐκεὶ VR : ἐκεῖ || p. 422,2 φερδινάνδος VR : Φερδίνανδος | 4 σπεῖρας VR : σπείρας | 8 καταγελᾶσαι VR : καταγελάσαι | 13 πιστεύσαι VR : πιστεῦσαι | 14 γεφύραν VR : γέφυραν | 29 σφὰς VR : σφᾶς Beim Erstellen des Druckes h2 kamen die folgenden Akzentfehler neu dazu und wurden im Druck a übernommen: 539 p. 390,20 καί πως V : καὶ πως h2 : καὶ πῶς a || p. 391,29 διαθεὶς V : διαθείς R || p. 392,6 ὑπὸ V : υπὸ h2 : ὐπό R || p. 393,8 ἐκεῖνοι V : ἐκεινοι R | 21 ἐκεῖ V : ἐκει R | 22 πρὸς V : πρός R || p. 394,4 ἐκεῖ V : ἐκεὶ R | 24 συγγενεῖς V : συγγενεις R | 27 ἐδόκουν V : ἐδοκοῦν R || p. 395,17 τούτου V : τοῦτου R || p. 397,11 πεζοὺς V : πέζους R | 15 ἐπεξιέναι V : ἐπεξίεναι R || p. 398,19 ἢ V : ἤ R || p. 399,15 αὐτὴ V : αὐτῆ R || p. 400,27 ἂν V : ἄν R (p. 472) || p. 401,23 ἁμάρτοι V : ἁμαρτοι h2 : ἁμαρτοῖ a || p. 402,7 οὐκ εἰσὶν V : οὐκ εἰσιν R || 13 τοὺς V : τούς R || p. 408,7 δὲ V : δέ R || p. 410,28 ξυναγαγὼν V : ξυναγαγών R || p. 411,11 γνωστὴ V : γνώστη R || p. 412,18 ἐπεκαλεῖτό V : ἐπικαλεῖτό R || p. 414,23 κόσμῳ V : κόσμῷ R || p. 415,20 τὴν V : τῆν R || p. 416,20 τἆλλα V : τἄλλα R || p. 417,8 τὴν V : τῆν R || p. 419,13 τὰ V : τά R | 13 ἁλουργῶν Va? : ἀλουργῶν h2 (Stenius: colluvies operarum (quos ad sal coquendum adhibent)) | 28 πεζὸν V : πεζόν R || p. 421,16 ἡμερῶν V : ἡμέρων R | 17 πρὶν V : πρίν R | 21 πρεσβεῖαι V : πρεσβείαι R || p. 422,28 στόμασι V : στομασι R | 29 τὸν V : τόν R Allerdings finden sich im Druck h2 auch möglicherweise absichtsvolle Verbesserungen der Akzentsetzung im Vergleich zu V. Auch sie werden von a übernommen: p. 390,22 σχεδον V : σχεδὸν em. R || p. 391,5 ἐσπουδακοτων V : ἐσπουδακότων em. R | 24 ἐπι V : ἐπὶ em. R || p. 395,9 αὐτους V : αὐτοὺς em. R | 21 τους V : τοὺς em. R | 27 { τω } V : τῷ em. R || p. 396,22 δοξαν V : δόξαν em. R || p. 397,8 αἰτιας V : αἰτίας em. R || p. 401,6 εὐκτηριων V : εὐκτηρίων em. R | 9 και V : καὶ em. R | 19 δοξαν V : δόξαν em. R || p. 402,9 διδαγματα V : διδάγματα em. R || p. 403,7 προηγορευθη V : προηγορεύθη em. R || p. 404,2 λογοις V : λόγοις em. R | 17 μεγεθος V : μέγεθος em. R | 19 δυναμιν V : δύναμιν em. R || p. 411,1 περι V : περὶ em. R | 12 μη V : μὴ em. R | 16 παρα V : παρὰ em. R | 26 του V : τοῦ em. R || p. 415,11 και V : καὶ em. R | 539 Alle Fehler, die nur in h2 erscheinen (und von Struve (a) folglich verbessert worden sind), erscheinen gesammelt unten 5.5.1. 158 5 Editionsbericht <?page no="159"?> 13 συνεκυρησε V : συνεκύρησε em. R || p. 417,6 μεταλλαξας V : μεταλλάξας em. R || p. 423,23 γεγυμνάσμένων V : γεγυμνασμένων em. R | 26 f. ἐπεθηκεν V : ἐπέθηκεν em. R In der Neuauflage von 1717 kamen folgende Akzentfehler neu hinzu: p. 390,11 τὰ Vh2 : τά a | 13 περιόψεσθαι Vh2 : περίοψεσθαι a | 16 μὲν Vh2 : μέν a | 22 ῥήγνησσος Vh2 : Ρήγνησσος a | 23 τῷ Vh2 : τῳ a | 26 ταύτῃ Vh2 : ταύτῇ a || p. 391,13 ἀντιλαβέσθαι Vh2 : ἀντιλάβεσθαι a || p. 392,15 f. ἐξομολογηταὶ Vh2 : ἐξομολογήται a || p. 393,10 μὲν Vh2 : μεν a | 14 σκολιὸν Vh2 : σκολιόν a || p. 394,12 ἀδιαλείπτως Vh2 : ἀδιαλειπτως a || p. 395,2 ἢ Vh2 : ἤ a | 8 ἢ Vh2 : ἤ a | 17 ἐπὶ Vh2 : ἐπι a | 21 θεὸν Vh2 : θεόν a | ἀνθρώπους Vh2 : ἄνθρώπους a | 22 παριέναι Vh2 : παρίεναι a || p. 396,2 ἢ Vh2 : ἤ a | 8 f. ἀρχόμενον τότε Vh2 : ἀρχόμενόν τοτε a | 23 ἂν Vh2 : ἄν a || p. 397,4 τὰς Vh2 : τάς a | 5 ἔπραττε Vh2 : ἔπράττε a | 16 οὐδὲν Vh2 : οὐδέν a || p. 398,6 εἴη Vh2 : εἲη a | 9 ἂν Vh2 : ἄν a || p. 400,9 f. καλούμενον Vh2 : καλοῦμενον a || p. 403,10 πάντα Vh2 : παντα a | 16 ἂν Vh2 : ἄν a || p. 404,18 στρατεύσοιντο Vh2 : στρατευσοίντο a | 22 πάνθ’ Vh2 : πανθ’ a || p. 405,8 τὸ Vh2 : το a | 19 σχεδὸν Vh2 : σχεδόν a | ἐγένοντο Vh2 : ἔγένοντο a || p. 406,14 ἂν Vh2 : ἄν a | 27 ἑστηῶτας Vh2 : ἑστηώτας a || p. 407,5 χρεὼν Vh2 : χρέων a || p. 408,11 f. μεταστρατοπεδεύειν Vh2 : μεταστρατοπεδευείν a || p. 409,10 ὁμηρικὸν Vh2 : Ὁμή ρικὸν a || p. 411,5 ῥείνου Vh2 : ρεἴνου a || p. 414,20 μεστά Vh2 : μεστὰ a || p. 416,18 γὰρ Vh2 : γάρ a || p. 417,23 ἤθελε Vh2 : ἦθελε a || p. 418,15 ἁλῶν Vh2 : ἀλῶν a || p. 419,17 αὐτόν Vh2 : αὐτὸν a || p. 420,6 ἐδύναντο Vh2 : ἐδυναντο a | 29 τῶν Vh2 : τῷν a || p. 421,8 σαξονικοὶ Vh2 : σαξονικοί a | 28 ἔσπευδεν Vh2 : ἐσπευδεν a Fünfzehn Akzentfehler werden in a korrigiert: p. 389,4 ἑῶρων Vh2 : ἑώρων a || p. 391,19 χρηματίσαντων Vh2 : χρηματισάντων a || p. 399,7 πράγμα Vh2 : πρᾶγμα a || p. 403,26 ἔλεγχων Vh2 : ἐλέγχων a || p. 406,13 λογους V : λὸγους h2 : λόγους a || p. 411,6 διόδον Vh2 : δίοδον a | 12 βελγὼν V : βελγων h2 : βέλγων a || p. 413,18 συγγενοὺς Vh2 : συγγενοῦς a | 26 οἰκτρως Vh2 : οἰκτρῶς a || p. 414,2 παντοίοι Vh2 : παντοῖοι a || p. 416,17 ηὐξηθη Vh2 : ηὐξήθη a || p. 419,2 περῖ Vh2 : περὶ a | 23 ἡγε { μῶν } Vh2 : ἡγεμὼν a | 24 γνοῦς Vh2 : γνο ὺς a || p. 422,22 γεφύραν Vh2 : γέφυραν a Spiritus Auch Fehler im Bereich der Spiritus werden nur dann im Apparat aufgeführt, wenn sie bedeutungstragend sind. Nicht aufgeführt werden die folgenden Fehler: p. 400,25 οὑδ’ VR : οὐδ’ || p. 401,4 οἵονται VR : οἴονται || p. 405,3 ταναντία VR : τἀναντία | 7 οὕπω VR : οὔπω | p. 406,11 ἥσκουν VR : ἤσκουν | p. 409,25 εἴμαρτο VR : εἵμαρτο | p. 418,23 αῥμοστὰς VR : ἁρμοστὰς 5.4 Editionskriterien 159 <?page no="160"?> In h2 kommen die folgenden Fehler hinzu und werden von a übernommen: p. 390,13 ἄμοιρος V : ἅμοιρος R || p. 395,26 υἱωνὸς V : υἰωνὸς R || p. 396,19 ἁπαξαπάντων V : ἀπαξαπάντων R | 30 ὅτι V : ὄτι R || p. 397,28 ὡς V : ὠς R || p. 399,21 ἐργατῶν V : ἑργατῶν R || p. 417,25 ὁ V : ὀ R || p. 418,30 ἠσχολοῦντο V : ἡσχολοῦντο R || p. 420,26 αἱ V : αἰ R Fünf Stellen werden von h2 verbessert und in a übernommen: p. 396,6 ἓπαινον VR : ἔπαινον || p. 402,18 ἄς V : ἃς em. R || p. 406,2 ὤσπερ V : ὥσπερ em. R || p. 411,25 ὄμως V : ὅμως em. R || p. 413,13 οὐσσάρους V : οὑσσάρους em. R Fünfzehn neue Fehler kommen im Druck a hinzu: p. 389,8 ὅτι Vh2 : ὄτι a | 14 ἡγησάμην Vh2 : ἠγησάμην a || p. 391,13 ἑκάστοις Vh2 : ἐκάστοις a | 17 οἳ Vh2 : οἲ a | 25 ῥώμῃ Vh2 : Ρώμῇ a || p. 392,31 οὐχ Vh2 : οὑχ a || p. 397,13 ἒθνους Vh2? : ἕθνους a || p. 401,18 ἡ Vh2? : ἠ a || p. 405,16 εἰ Vh2? : εἱ a | 26 οὐτιδανὸς Vh2 : οὑτιδανὸς a || p. 407,22 οἱ Vh2 : οἰ a || p. 415,29 ἐποιοῦντο Vh2 : ἑποιοῦντο a || p. 416,12 ὑπηκόους Vh2 : ὐπηκόους a || p. 422,15 ὁ Vh2 : ὀ a | 16 ὁ Vh2 : ὀ a Fünf Stellen werden in a korrigiert: p. 400,27 ὂ Vh2 : ὅ a (p. 472) || p. 402,26 ἀγίας Vh2 : ἁγίας a || p. 413,2 ὃντι Vh2 : ὄντι a || p. 414,5 ἕφασάν Vh2 : ἔφασάν a | 19 εὗ Vh2? : εὖ a Iota Subscriptum Wie oben (4.5.5) dargelegt, wurde das Iota Subscriptum sehr wahrscheinlich als reine Lesehilfe verstanden, dessen Fehlen im Zweifel nicht problematisiert wurde. In der vorliegenden Edition wird das Iota Subscriptum entsprechend der heutigen Konvention gesetzt und nur im Apparat vermerkt, wenn ein relevanter Bedeutungsunterschied besteht. In allen Drucken fehlt eine Reihe von Iota Subscripta. Auffällig ist hier vor allem die konsequente Subskribierung des Infinitivs der a-Contracta entgegen der heutigen Konvention. p. 389,2 πρόσῳ VR : πρόσω || p. 390,12 προηρημένον VR : προῃρημένον || p. 394,4 συνέβῃ VR : συνέβη || p. 397,11 δέη VR : δέῃ | 18 παρήνει VR : παρῄνει || p. 398,15 ἀπάδον VR : ἀπᾷδον | 27 τῆ VR : τῇ || p. 399,4 πανταχῆ VR : πανταχῇ | 14 ὅσω VR : ὅσῳ | 22 ῥαθυμίᾳ VR : ῥᾳθυμίᾳ || p. 404,6 δρᾷν VR : δρᾶν | 7 προσδοκᾷν VR : προσδοκᾶν | 11 ὧ VR : ᾧ || p. 407,17 ὁρᾷν VR : ὁρᾶν | 20 ἤδεσαν VR : ᾔδεσαν || p. 411,14 προχωρήση VR : προχωρήσῃ || p. 413,4 ὀκνήση VR : ὀκνήσῃ || p. 415,21 διετραγώδουν VR : διετραγῴδουν | 27 ὅσωπερ V : ὁσώπερ R : ὅσῳπερ || p. 416,21 πλείῳ VR : πλείω || p. 419,29 ἀπήεσαν VR : ἀπῄεσαν || p. 420,10 προήει VR : προῄει || p. 422,7 ῥαθυμίᾳ VR : ῥᾳθυμίᾳ || p. 423,25 ἔφθῃ VR : ἔφθη 160 5 Editionsbericht <?page no="161"?> In h2 kommen einige Fehler hinzu, die von a übernommen werden: p. 392,7 τῷ V : τῶ R || p. 394,11 αὐτῷ V : αὐτῶ R || p. 409,19 ἄλλο V : ᾄλλο R || p. 416,3 ἐᾶσαι V : ἐᾷσαι R || p. 419,13 ἀπαντᾶν V : ἀπαντᾷν R | 19 ἡ V : ᾑ R || p. 421,5 σωρηδὸν V : σωρῃδὸν R Zwei Stellen korrigiert h2. p. 394,24 αῥχή V : ἀρχῇ em. R | 23 ἁγηνορίησι V : ἀγηνορίῃσι em. R (cf. Hom. Il. 9,700) In a kommen neue Fehler hinzu: p. 390,11 ἠσκηκότες Vh2 : ᾐσκηκότες a || p. 391,25 τῇ Vh2 : τῆ a || p. 393,7 συμμαχίαν Vh2 : συμμαχίᾳν a || p. 397,6 τῷ Vh2 : τῶ a || p. 401,14 τῆς Vh2 : τῇς a || p. 405,15 σφῶν Vh2 : σφῷν a || p. 407,2 θεῷ Vh2 : θεῶ a || p. 409,4 τῇ Vh2 : τῆ a | 5 τῶν Vh2 : τῷν a || p. 411,21 ξυμμαχικῷ Vh2 : ξυμμαχικῶ a || p. 415,8 ἔχων Vh2 : ἔχῳν a || p. 420,24 τῶν Vh2 : τῷν a || p. 422,18 εἰκάδι Vh2 : εἰκᾴδι a Nur zwei Stellen werden in a verbessert: p. 392,31 αὐτεξουσία V h2 : αὐτεξουσίᾳ a || p. 408,12 τελευτώση V h2 : τελευτώσῃ a Enklise Die Enklise folgt in den Drucken des BS keinem erkennbaren System. Struve verbessert sehr viele Stellen entsprechend der heutigen Konvention. Bei den einsilbigen Enklitika werden in V die heute gängigen Enklise-Regeln etwa in der Hälfte der Fälle eingehalten: Bei Perispomena und Paroxytona wird die Enklise ausnahmslos richtig 540 umgesetzt. Von den 21 Properispomena sind in V sechs richtig und 15 falsch, wobei in R zehn der 15 Stellen korrigiert werden. Richtig sind dabei ausschließlich Formen von οἷός τε (eine Ausnahme ( ἐπεκαλεῖτό τε , BS 412,18) ließe sich als Haplographie erklären: ἐπεκαλεῖτο τότε ); in zwei Fällen liegt jedoch auch bei οἷος falsche Enklise vor (BS 410,3 und 415,15). Von den 92 Oxytona sind 65 richtig (drei werden in R falsch geändert) und 27 falsch (19 werden in R korrigiert). Von 34 Proparoxytona sind zwei richtig, 32 falsch, wovon 19 in R korrigiert werden. Von 17 Atona erhalten 11 korrekterweise einen Akzent (eine Änderung in R) und sechs nicht. In vier Fällen liegen hier Worttrennungsfehler vor ( ἔντε und εἴτι ). In einem Fall folgt ein Enklitikon auf ein Enklitikon und wird nicht mit Akzent versehen; allerdings liegt gleichzeitig ein Worttrennungsfehler vor: εἴτι που . 540 „ Richtig “ ist freilich im Sinne von „ gemäß der heutigen Konvention “ zu verstehen; „ falsch “ entsprechend umgekehrt. 5.4 Editionskriterien 161 <?page no="162"?> Bei den mehrsilbigen Enklitika ist der Befund (noch) diffuser. Auch hier ist etwa die Hälfte der Fälle richtig, wobei R deutlich weniger Korrekturen vornimmt. • Perispomena: 8 Fälle: 4 richtig, davon 1 in R geändert; 4 falsch. • Properispomena: 2 Fälle: 1 richtig, 1 falsch. • Oxytona: 25 Fälle: 13 richtig, 12 falsch, davon 4 in R korrigiert. • Paroxytona: 32 Fälle: 18 richtig, davon 4 in R geändert; 14 falsch • Proparoxytona: 13 Fälle: 5 richtig, 8 falsch, davon 3 in R korrigiert • Atona: 6 Fälle: 2 richtig, 4 falsch. • Enklitika: 2 Fälle: 2 falsch, davon 1 in R korrigiert • Vor Satzzeichen: 4 Fälle, 3 richtig, 1 falsch Die Enklise wird daher in der Edition verbessert und nicht im Apparat vermerkt. Die folgenden Enklisefehler erscheinen in allen Drucken: p. 389,5 ἐκ τε τινῶν VR : ἔκ τέ τινων | 7 ἀδόμενα τε VR : ᾀδόμενά τε | 10 ἀεὶ τὶ VR : ἀεί τι || p. 390,14 ἐκ τε VR : ἔκ τε || p. 391,1 ὑπὸ τινῶν VR : ὑπό τινων | 4 κατηγορούμενοι τε Vh2 : κατηγορουμενοί τε a : κατηγορούμενοί τε | ὑπὸ τινῶν VR : ὑπό τινων | 6 σύμπνοια τις VR : σύμπνοιά τις | ὑπὸ τινῶν V : ὑπό τινῶν h2 : ὑπὸ τινων a : ὑπό τινων | 10 τηρίσαι τε VR : τηρῆσαί τε (Stenius: servanda) | 11 τε τις VR : τέ τις | 24 κατὰ τινὰ VR : κατά τινα || p. 392,8 ἀγαθῆς τινὸς VR : ἀγαθῆς τινος || p. 393,13 f. χαριεντισάμενοι τινες Vh2 : χαριεντισαμενοί τινες a : χαριεντι σάμενοί τινες || p. 394,1 f. ὥσπερ τινα VR : ὥσπερ τινὰ | 14 νομοφύλακα τινὰ VR : νομοφύλακά τινα | 21 παροξ { υν } θεὶς τε V : παραξωθείς τε R : παροξυνθείς τε | ὑπὸ τινῶν VR : ὑπό τινων || p. 396,4 ἐκ τε VR : ἔκ τε | 5 ἐκ τε VR : ἔκ τε | 30 καταιτιώ μενος τε VR : καταιτιώμενός τε || p. 397,1 καταφρονηθῆναι τε VR : καταφρονηθῆναί τε | 9 ἐκ τε VR : ἔκ τ ε | 10 ᾠκειοῦτο τε Vh2 : ᾠκειοῦντό τε a : ᾠκειοῦτό τε || p. 398,16 διαλέγεσθαι τι VR : διαλέγεσθαί τι | 24 χρόνῳ ποτε VR : χρόνῳ ποτὲ || p. 399,20 τακτὸν τὶς VR : τακτόν τις | 24 ἴσιδος ποτε V : ἴσιδος πότε R : Ἴσιδός ποτε || p. 400,13 ῥητῶν τινῶν VR : ῥητῶν τινων | 19 f. κατὰ τινὰς VR : κατά τινας | 22 τρόποις τισι VR : τρόποις τισὶ || p. 401,25 βαπτιζόμενον τε VR : βαπτιζόμενόν τε || p. 403,6 χρόνον τινα VR : χρόνον τινὰ | 18 διπλώμασι τισι Vh2 : διπλωμασί τισι a : διπλώμασί τισι || p. 404,19 βέλτι o ν τ ε VR : βέλτιόν τε | 28 λεγόμενα τε VR : λεγόμενά τε || p. 405,9 πολυτελὲς τε VR : πολυτελές τε | 11 παρὰ τὲ Vh2 : παρά τέ a : παρά τε | 23 ἐπι τὲ V : ἐπὶ τὲ R : ἐπί τε || p. 407,8 μᾶλλον τι VR : μᾶλλόν τι || p. 408,2 πολλαὶ εἰσὶν VR : πολλαί εἰσιν | 16 ἔροιτο τινα VR : ἔροιτό τινα || p. 409,3 δύναμιν τε VR : δύναμίν τε | 11 ἄλλοθι που φησὶν VR : ἄλλοθί πού φησιν | 25 χρεὼν τ’ VR : χρεών τ’ || p. 410,3 οἷα τε VR : οἷά τ ε | 11 ἔσχον τινα VR : ἔσχον τινὰ | 21 καταπροίζεσθαι τι τῆς VR : καταπροίξεσθαί τι , τῆς | 26 ἀπομαραίνεσθαι τὲ V : ἀπομαραίνεσθαι τέ h2 : ἀπομαραίνεσθαι τε a : ἀπομαραίνεσθαί τε || p. 411,5 ὅτι τινες VR : ὅτι τινὲς | 12 ὑπὸ τε VR : ὑπό τε | 13 ἄλλων τινων VR : ἄλλων τινῶν || p. 412,20 δεινὴ τις VR : δεινή τις | 26 τεχνάζεσθαι τι VR : τεχνάζεσθαί τι || 162 5 Editionsbericht <?page no="163"?> p. 414,17 ἀντειληχθῆναι τε Vh2 : ἀντειληχθῆναί τε a : ἀντιληχθῆναί τε | 20 ὤοντό τινες VR : ᾤοντό τινες || p. 415,15 οἷαι τ’ VR : οἷαί τ’ | 21 εἰς τε VR : εἴς τε || p. 416,7 λαβεῖν τινὰ VR : λαβεῖν τινα | 11 προσῆγε τε VR : προσῆγέ τε | 26 ὀλίγοι τινες VR : ὀλίγοι τινὲς || p. 417,24 ἄλλους τε τινας V : ἄλλοῦς τε τινας h2 : ἄλλούς τέ τινας a : ἄλλους τέ τινας || p. 418,4 ἄλλων τινων VR : ἄλλων τινῶν | 8 αἵρουσι τε VR : αἱροῦσί τε | 16 ἀνδριάντα τινα VR : ἀνδριάντα τινὰ || p. 419,19 ἠσέλγυνε τε Vh2 : ἠσέλγυνέ τε a : ἠσέλγηνέ τε | 21 μοναστηριά τινα Vh2 : μοναστηρία τινα a : μοναστήριά τινα | 29 αὐτὸς τε VR : αὐτός τε || p. 420,7 βαλβίκιος τις VR : Βαλβίκιός τις | 12 ἐπερχόμενος τε VR : ἐπερχόμενός τε | στρατὸς τινὰς VR : στρατός τινας || p. 421,9 σειθὲν τε Vh2 : σειθέν τε a : σεισθέν τε || p. 422,21 εἴ τινὰ Vh2 : εἴ τινά a : εἴ τινα | 28 Ἰβήρων τινες V : Ἰβήρων τινές R : Ἰβήρων τινὲς In h2 kommen zwei Enklisefehler neu dazu, von denen der erste in a noch einmal verändert wird: 541 p. 390,20 καί πως V : καὶ πως h2 : καὶ πῶς a || p. 396,25 τινὰς V : τινας R Vier Stellen werden in h2 verbessert: p. 402,6 αὐτοὶ τε V : αὐτοί τε em. R || p. 410,5 f. μετὰ τινὰς V : μετά τινας em. R || p. 414,10 περὶ τε V : περί τε em. R || p. 417,29 ἀπέστειλε τε V : ἀπέστειλέ τε em. R In a kommen nur wenige Fehler dazu: p. 399,9 τινῶν Vh2 : τινων a || p. 403,19 τινὰ Vh2 : τινα a || p. 404,22 εἴ τις Vh2 : εἲ τις a || p. 421,19 δέ τις Vh2 : δὲ τις a || p. 423,16 ἱππεῖ τινι Vh2: ἱππει τινὶ a Weitaus mehr Fehler aus V bzw. h2 werden von Struve verbessert. p. 390,1 τινὰ Vh2 : τινα a | 8 σαφέστερον τε Vh2 : σαφέστερόν τε a || p. 392,5 ὑπὸ τε Vh2 : ὑπό τε a || p. 393,1 πάθοιεν τι Vh2 : πάθοιέν τι a | 24 ἐπὶ τε Vh2 : ἐπί τε a || p. 394,15 ἀκατάσχετος τις Vh2 : ἀκατάσχετός τις a | 17 ἀφαιρεθῆναι τι Vh2 : ἀφαιρεθῆναί τι a | 26 ἐγκαλοῦντας τι Vh2 : ἐγκαλοῦντάς τι a || p. 395,3 εἲ τι Vh2 : εἴ τι a | 19 σπουδὰς τε Vh2 : σπουδάς τε a | 20 κατηγοροῦντες τε Vh2 : κατηγοροῦντές τε a || p. 396,5 { εἶναι } τε Vh2 : εἶναί τε a | 6 παιδεύσεως τε Vh2 : παιδεύσεώς τε a || p. 397,16 ὑπεροπτικὸν τινῶν Vh2 : ὑπεροπτικόν τινων a || p. 398,4 τινὰς Vh2 : τινας a | πρὸς τε Vh2 : πρός τε a | 21 ἢ τινα Vh2 : ἤ τινα a || p. 399,12 ἐπίφθονον τε Vh2 : ἐπίφθονόν τε a || p. 400,2 άσχετος τις Vh2 : ἄσχετός τις a | 9 βέλτιον τε Vh2 : βέλτιόν τε a | 25 ἐξετάζοντες τι Vh2 : ἐξετάζοντές τι a || p. 401,26 πρὸς τε Vh2 : πρός τε a || p. 402,13 θεὸν τε Vh2 : θεόν τε a | 20 δικάστάς τε Vh2 : δικαστάς τε a || p. 403,3 λέγοντες τινῶν Vh2 : λέγοντές τινων a || p. 405,16 μικρὸν τι Vh2 : μικρόν τι a | 25 ἄχρηστος τε Vh2 : ἄχρηστός τε a | 27 ἀλλόφυλον τι Vh2 : ἀλλόφυλόν τι a || p. 406,2 ἐπὶ τε Vh2 : ἐπί τε a | 12 καλὸν τε Vh2 : καλόν τε a || p. 407,19 ξυνῆλθε τε Vh2 : ξυνῆλθέ τε a || p. 408,15 τοιοῦτο τι Vh2 : τοιοῦτό τι a || p. 409,6 δοῦναι τε Vh2 : δοῦναί τε a || p. 411,4 f. διεφημίζετο τε Vh2 : διεφημίζετό τε a | 6 την τε Vh2 : 541 Voigt (1874, 683 Anm. 107), der sagt, er richte sich nach a (ebd., 682), verbessert stillschweigend zu V. 5.4 Editionskriterien 163 <?page no="164"?> τήν τε a | 8 ἀποφῆναι τι Vh2 : ἀποφῆναί τι a || p. 413,7 καίσαρι τε Vh2 : καίσαρί τε a || p. 414,8 εἶναι τε Vh2 : εἶναί τε a | 22 νοῆσαι τε Vh2 : νοῆσαί τε a | 23 ἐλέγοντο τε Vh2 : ἐλέγοντό τε a | 26 πρὸς τε Vh2 : πρός τε a || p. 416,17 κοσμῆσαι τε Vh2 : κοσμῆσαί τε a || p. 418,11 φυγαὶ τε Vh2 : φυγαί τε a | 20 πολλάκις Vh2 : πολλακις a || p. 419,6 τοὺς τε Vh2 : τούς τε a | 7 χρήματα τε Vh2 : χρήματά τε a | 8 ὀχυρώματα τινα Vh2 : ὀχυρώματά τινα a | 9 ἀεὶ τε Vh2 : ἀεί τε a | 12 φοβούμενοι τε Vh2 : φοβούμενοί τε a | 17 αὐτὸν τε Vh2 : αὐτόν τε a || p. 421,4 χρήματα τε Vh2 : χρήματά τε a || p. 422,8 ἢν τις Vh2 : ἤν τις a || p. 423,4 τὸ τε Vh2 : τό τε a 5.4.3 Interpunktion In der Zeichensetzung folgt die Edition weitgehend dem Druck h1. Kommata wurden nach heutiger Konvention stillschweigend ergänzt. Lediglich, wenn Punkt statt Komma oder Komma statt Punkt gesetzt wurde - sei es vom Editor, sei es von einem der Drucke - wird dies im Apparat vermekt. 5.4.4 Textgliederung Die Edition gibt den Text entsprechend der Seitenzählung in V wieder. In den Drucken werden nur drei Sinnabschnitte durch Absätze gekennzeichnet: Proöm, Haupttext, Supplement. Zur besseren Gliederung werden daher weitere Sinnabschnitte eingeführt und durch Absätze sowie Kapitelzählung gekennzeichnet (vgl. oben 3.4.4). 5.4.5 Lakunen Durch einen systematischen Vergleich des griechischen Textes mit der lateinischen Übersetzung des Stenius konnten zwölf Stellen identifiziert werden, an denen einzelne Wörter zu fehlen scheinen. 542 Diese Lakunen werden im griechischen Text mit spitzen Klammern (< … >) kenntlich gemacht. Im Apparat wird die Stenius-Übersetzung zitiert, wobei der scheinbar fehlende Passus durch umgedrehte spitze Klammern (> … <) hervorgehoben wird. Sofern nötig wird auf eine ausführliche Erläuterung verwiesen. Auslassungen von Wörtern in den Drucken h2 und a werden im Apparat vermerkt (om.). 542 Vgl. BS 390,3; 395,10 und 14; 396,3; 400,19 und 21; 404,2 und 4 und 26; 405,26; 407,18; 418,25. 164 5 Editionsbericht <?page no="165"?> 5.4.6 Dubia Grundsätzlich wird bei zweifelhaften Stellen im Apparat auf die Anmerkungen im Kommentar (C.) verwiesen, wo das textkritische Problem ausführlich erläutert wird. 5.4.7 Zitate Die von Camerarius überwiegend nicht gekennzeichneten Zitate antiker Autoren werden im Text durch Kursivdruck markiert. Die jeweilige Originalstelle wird im Apparat angegeben. 5.5 Nicht im Apparat aufgeführte Lesarten der jüngeren Drucke (R) 5.5.1 Druckfehler in h2 Eine Reihe recht offensichtlicher Druckfehler (überwiegend im Bereich der Diakritika) erscheint nur im Druck h2 und belegt, dass Struve bei der Neuauflage Texteingriffe vornahm und zu V rückverbessern konnte. p. 389,8 f. ἱστορησομένους Va : ἱστορησομενους h2 | 10 πεπραγμένα Va : πεπρα γμενα h2 | 14 εἰπεῖν Va : εἰπειν h2 || p. 390,9 ἡμεῖς Va : ἡμεις h2 | 27 ἐπιτηδευ { μάτων } Va : ἐπιτηδευματῶν h2 || p. 391,5 προσεχόντων Va : προσεχοντων h2 | 7 μὴ Va : μη h2 | 10 δογ { μάτων } Va : δογματῶν h2 | 12 ἀληθείας Va : αληθείας h2 || p. 392,31 διαφορὰν Va : διαφορορὰν h2 | ἧττον Va : ᾗττον h2 | ἐπιτείνεσθαι Va : ἐπι τείνεσθαι h2 || p. 394,11 ἠρεμεῖν Va : ἠρεμειν h2 || p. 395,19 τοῦ Va : του h2 | 22 παντὶ Va : παντι h2 || p. 397,27 πόλεμον Va : π o λεμον h2 || p. 400,8 παλαιοῦ Va : παλαιῶ h2 || p. 401,12 ἐπιχθόνιον Va : ἐπιχθ o νιον h2 | 13 διαφθοραν V : διαφθηραν h2 : διάφθοραν a : διαφθορὰν | 15 ἐκτὸς Va : ἐκ τὸς h2 || p. 404,4 εἰσάπαξ Va : εἰ { στ } άπαξ h2 || p. 408,6 ἀντιπαράγοντος Va : ἀντιπαράγοντ o ος h2 | 9 ἐμπειρίᾳ Va : ἐμειπειρίᾳ h2 || p. 415,6 πρακτικωτέρως Va : πρατικωτέρως h2 || p. 417,12 ἡγησά μενος Va : ἡγησάμενο h2 || p. 419,13 ἀντιβολοῦντες Va : ἀντβολοῦντες h2 5.5.2 Druckfehler in R Daneben gibt es weniger offensichtliche Druckfehler in h2, die von Struve nicht korrigiert wurden (oder nicht korrigiert werden konnten) und somit in a erscheinen. Bei diesen Fehlern handelt es sich vor allem um Flüchtigkeitsfehler wie Auslassungen von Buchstaben, Buchstabendreher und -verwechslungen, Itazismus sowie falsche Zusammen- oder Getrenntschreibung aber auch teils mehr teils weniger sinnentstellende Fehlinterpretationen von Ligaturen. Wur- 5.5 Nicht im Apparat aufgeführte Lesarten der jüngeren Drucke (R) 165 <?page no="166"?> de in h1 eine Ligatur gesetzt und in h2 fehlerhaft wiedergegeben, wird die Verwendung der Ligatur in der folgenden Auflistung durch geschweifte Klammern angezeigt (z. B. { μαν } = h1 verwendet eine Ligatur für die Buchstaben μαν ). p. 389,7 { μαν } τεύματα V : μανυτεύματα R | 13 ἐπί { τα } σις V : ἐπίσις R || p. 390,4 σύνεδρον V : σνύεδρον R | 15 τοῦ τε V : τοῦτε R | 24 f. μεθερμηνεύεται V : μεθερμυνεύεται R | 26 f. ἐμπεριεχομένων V : ἐμπεριοχομένων R | 28 ὡς V : ὡ R || p. 391,10 τότε V : τὸ τε R (Stenius: tum) | 18 f. διαμαρτυρήσαντες V : διαμαρτο ρήσαντες R | 21 αὐξανομένης V : ἀυξαινομένης R || p. 392,11 ἁπ { αν } ταχοῦ V : ἁπολυταχοῦ R | 12 f. { ἐξ } ομολόγησίν V : ὀξομολόγησίν R | 20 τότε V : τό τε R | 21 προστιθεμένων V : προσγιθεμένων R | 22 ῥηγινοπυργίῳ V : ῥηγι ? οπυργίῳ h2 : ῥηγνοπυργίῳ a | 23 f. ἐποίη { σαν } V : ἐποίησαι R || p. 393,2 μηχ { αν } ῶν V : μηχαλῶν R | 24 ἐποίη { σαν } V : ἐποίηρει R | 18 στασιάζειν V : στασιάξειν R || p. 394,9 διαπο λεμήσας V : δια πολεμήσας h2 : διὰ πολεμήσας a | { γερ } μανίᾳ V : γαρμανίᾳ R | 15 ἐφόρμησις V : ἐφόρμη { σο } ς R | 21 παροξ { υν } θεὶς τε V : παραξωθείς τε R : παροξυνθείς τε | 22 ἡσύχα { σαν } V : ἡσυχαρει h2 : ἡσύχαρον a | 23 σαξονικοὶ V : σαξονηκοὶ R | 24 γερμ { αν } ῶν V : γερμαλυῶν R || p. 395,3 προσγιγνόμενον V : πρὸς γιγνόμενον R | 27 ἀργυρίου V : ἀρχγυρίου h2 : ἀρχυρίου a || p. 396,9 τετταρα { κο } στὸν V : τετταρακαστὸν R | χιλιοστόν V : χιλιαστὸν R | 15 εὐπροσώπους V : εὐ προσώπους R || p. 397,6 μετὰ V : κατὰ R || p. 398,4 ἄλλο { υς } V : ἄλλοις R | 25 ἑκάστο { υς } V : ἑκάστοις R || p. 401,2 κρατ { υν } όμενοι V : κρατηνόμενοι R | 19 ἄν V : ἄυ R || p. 402,20 αὐτ { οὺς } V : αὐτοῖς R | 22 διδασκομένων V : δασκομένων R || p. 403,13 οὐδαμῶς V : αὐδαμῶς R | 15 ποιῆσαι V : πονῆσαι R | 16 διατάξῃ V : διὰ τάξῃ R | 17 καταδικάζουσαν V : καταδικάζυσαν R || p. 404,11 ὑστερήσωσιν V : ὑστερούσωσιν R | 13 ἐπορίσθη V : ἐπορέσθη R | 26 ἀναρρίπτεσθαι V : ἀναρρίσθαι R | 27 κατε { γέλ } ων V : κατεγγέλων R || p. 405,16 ἐξαπίνης V : ἐξα πίνης R || p. 406,1 αὐτεξούσιον V : ἀντεξούσιον R | 26 f. ἐκπολεμοῦται V : ἐκ πολεμοῦται R || p. 407,24 ἐσπούδαζον V : ἐσπούδαξον R || p. 408,20 ἁπανταχῆ V : ἅπαν ταχῆ R | 21 { χα } λεπῶς V : γαλεπῶς R | 23 f. ξυνεγράφοντο V : ζυνεγράφοντο R || p. 409,18 ἀνοήτως V : ἀοήτως R || p. 410,7 ἐμπεριληφθέντι V : ἐμπεριφθέντι R | 16 ἐπεξιέναι V : ἐπεζιέναι R | 16 f. ξυμμάχους V : ζυμμάχους R || p. 411,6 τότε V : τό τε R | 11 ἐγένετο V : ἐγενήτο R | ἔφοδος V : ἔφυδος R | 21 ἅτε δὴ V : ἅ τε δὴ R || p. 412,16 ξυνδιαιτῶν V : ξὺν διαιτῶν R : ξυνδιαίτων || p. 416,7 παρῆν V : πανῆν R || p. 417,16 ξυνέφερεν V : ζυνέφερεν R | 23 προσίεσθαι V : προνίεσθαι R || p. 418,23 { οἷον } V : οἱτε h2 : οἵτε a || p. 419,7 φρ { ου } ρὰς V : φρυρὰς R | 12 ἦ { σαν } V : ἦρει R | 22 προσετρίψατο V : προσετρίφατο R | 24 προέλευσιν V : προέλεευσιν R || p. 420,3 ὥστε V : ὥς τε R || p. 421,22 παύειν V : πάνειν R | 24 ῥωχελικίῳ V : ῥωχελκίῳ R || p. 422,25 μεγάλῃ V : μεγάλη R | εἰσβάντας V : εἰς βάντας R || p. 423,9 ὁπλιτῶν V : ὁ πλιτῶν R | 24 τοιγάρτοι V : τοι γὰρ τοι R 166 5 Editionsbericht <?page no="167"?> 5.5.3 Druckfehler in a In a kommen die folgenden 39 Setzbzw. Lesefehler von derselben Qualität wie im vorhergehenden Kapitel hinzu: p. 390,11 { τὸν } V h2: { τὴν } a | 20 χρηστέον V h2 : γρηστέον a || p. 391,26 ἐναντιου μένων V h2 : ἐναντουμένων a || p. 393,22 οὕτω δὴ V h2 : οὕτωδὴ a | 23 διαφερο μένων V h2 : διαφιρομένων a || p. 394,5 { τὸν } V h2 : { τὴν } a | 7 { τὸν } V h2 : { τὴν } a | 7 { τὸν } V h2 : { τὴν } a || p. 397,10 δυνάσταις V h2 : δυνάςαις a | 13 f. διαχωρισθέντος V h2 : διαχωροσθέντος a | 20 ἔργῳ V h2 : ἔρνῳ a | 27 ὑφορωμένους V h2 : ὑφορω { μέν } νους a || p. 399,8 { πρὸ } ς V h2 : πρὼς a || p. 401,8 εἰπεῖν V h2 : ἐπεῖν a | 26 μόλις V h2 : μόλης a || p. 402,19 σαφῆ V h2 : σαφὺ a | 22 εὐθ { ύν } ας V h2 : εὐθήνας a || p. 403,13 τρίδεντον V h2 : τρίδεντος a | 26 f. χρωμένη V h2 : χρω { γέν } η a || p. 404,7 τὴν τῶν V h2 : πην την a | 20 οἶδ’ V h2 : υἶδ’ a || p. 405,14 ἀμύνεσθαι V h2 : ἀμ { ήν } εσθαι a || p. 406,24 ἔθεσι V h2 : ἔθεσε a || p. 407,19 χρε ῖᾳ V h2 : χρεῖα a || p. 409,10 σφ { ᾶς } V h2 : σφῶς a || p. 410,1 πάσχειν V h2 : { τά } σχειν a | 5 ἰγγελοσταδίῳ V h2 : ἐγγελοσταδίῳ a || p. 411,11 ἕκαστος V h2 : ἕκαςος a | 16 δυνάμεις V h2 : δ { ην } άμεις a || p. 412,8 ἐπέσκηψε V h2? : ἐπίσκηψε a | 10 σωμάτων V h2 : σομάτων a || p. 413,17 ἐγχειρήματι V h2 : ἐγ { σχ } ειρήματι a || p. 415,17 ὑποχώρησιν V h2 : ἱποχώρησιν a | 24 θρηνοῦντες V h2 : δρηνοῦντες a || p. 417,9 ἐχυροῦ V h2 : ἰχυροῦ a | 19 ἐποιεῖτο V h2 : ἐποεῖτο a | 20 χειμῶνος V h2 : { γει } μῶνος a || p. 421,24 πολιχνίῳ V h2 : πολχνίῳ a 5.5 Nicht im Apparat aufgeführte Lesarten der jüngeren Drucke (R) 167 <?page no="169"?> B. Edition und Übersetzung Sigla h1 = Freher 1611 (Hanoviae) (VD17 39: 135258V) f = Freher 1611 (Francofurti) (VD17 547: 647466V) h2 = Freher 1611 (Hanoviae) (VD17 3: 313113Q) a = Struve 1717 (Argentorati) V = consensus h1 f (editiones vetustiores) R = consensus h2 a (editiones recentiores) Stenius = versio Latina Simonis Stenii (h1) Signa < … > = supplevi / lacunam suspicor > … < = quae verba versionis Stenii deesse videntur { … } = typographus abbreviatione usus est Abbreviationes ann. = annotationes (vide caput C. ad locum) cf. = confer del. = delevit ed. = editor (= scripsi) em. = emendavit lac. = lacuna (lacunam suspicor) leg. = legit om. = omisit p. = pagina sc. = scilicet <?page no="170"?> De Bello Smalcaldico [Freher 1611, p. 389] 1 1. Ἐπειδὴ καθέστηκε τηλικοῦτος τὸ μέγεθος πόλεμος , αἰφνιδίως μὲν ἐξα φθεὶς , σφοδρότατα δὲ τῇ ὁρμῇ ἀεὶ τὰ ἐχόμενα εἰς τὸ πρόσω νειμάμενος , ἔδοξέ μοι ξυγγράφειν τὰ ἐγνωρισμένα ἡμῖν , δυοῖν μάλιστα ἕνεκα , τοῦ μὲν , ὅτι ἑώρων ἄρχεσθαι ἤδη ἐκβαίνειν πρὸς τὸ τέλος τὰ πολλὰ , ὑπὸ τῶν πάλαι 5 προειρημένα ἔκ τέ τινων ἀστρολογικῶν ἐπινοιῶν καὶ ἀδήλων χρησμῶν τε καὶ ἐνθουσιασμῶν , καὶ δὴ κατὰ τὰ παρὰ τοῖς πρεσβυτέροις ὥσπερ πατροπαρά δοτα μαντεύματα ᾀδόμενά τε καὶ φατιζόμενα . Ἕτερον δ’ ᾧ προετράπην ἐπὶ τὴν ξυγγραφὴν τόδ’ ἦν , ὅτι ἐτεκμηράμην πάνυ πολλοὺς ἔσεσθαι τοὺς ἱστο ρησομένους τὰ νυνὶ γεγονότα , καὶ ὡς τὸ εἰκὸς , ἕκαστον ἐκθήσεσθαι τὰ 10 πεπραγμένα κατὰ τὸ αὐτῷ δοκοῦν τε καὶ ἀρέσκον , ἐπιπροσθοῦντος ἀεί τι τῇ ἀληθείᾳ τοῦ πάθους , καθάπερ τις ἤτοι φιλίας ἢ μίσους ἔχοι πρὸς ἑκατέ ρους τοὺς διεστηκότας . Οὐ γὰρ χειρῶν μόνον καὶ παρασκευῆς καὶ ἔργων κίνησις μεγίστη ἥδε , ἀλλὰ καὶ φρενῶν καὶ γνώμης καὶ σπουδῆς ἐπίτασις δεινή τις ἐγένετο παρὰ πᾶσιν , ὡς εἰπεῖν , ἀνθρώποις . Ἡγησάμην δὲ πρὸς τοὺς μεθ’ 15 ἡμᾶς ποτε γενησομένους , εἴ τισιν εἴη ἐπιμελὲς ἴσως ἐπιγνῶναι τὰ συμβεβη κότα ἀδεκάστως τῇ μνήμῃ παραδοθέντα , καὶ οὐ διαστραφέντα τῇ τοῦ διηγησαμένου οἷον προσνεύσει τινὶ ἐπὶ θάτερον τῶν συῤῥαγέντων μέρος , διὰ ταῦτα οὖν ᾠόμην δεῖν ἀδιάφθορόν app. crit.: 389,10 αυτῷ V : αὐτῷ em. R | ἀρέσκον , ἐπιπροσθοῦντος Vh2 : ἀρέσκον . ἐπιπροσθοῦντος a | 12 οὐγὰρ V : οὐ γὰρ R | 15 ὑμᾶς VR : ἡμᾶς ed. (om. Stenius: posterorum etiam respectu; cf. infra p. 390,6) | εἴτισιν VR : εἴ τισιν ed. | 17 προσυεύσει VR : προσνεύσει ed. (Stenius: narrantis inclinatione quadam) <?page no="171"?> Über den Schmalkaldischen Krieg 1. Proöm [389,1] Nachdem ein so großer Krieg ausgebrochen ist, der plötzlich entbrannte und sich sehr heftig und ohne Halt immer weiter und weiter ausbreitete, beschloss ich das aufzuschreiben, was mir bekannt ist. Dafür hatte ich vor allem zwei Gründe: Einerseits habe ich gesehen, wie sich in den meisten Fällen bereits anfing zu erfüllen, was von den Alten [5] vorhergesagt wurde aus gewissen astronomischen Überlegungen, unklaren Prophezeiungen und Eingebungen sowie gemäß der gesungenen und erzählten Weissagungen der Älteren, die gewissermaßen von Vorvätern überliefert sind. Andererseits war auch das Folgende ein Grund, durch den ich zum Schreiben gebracht wurde: Ich folgerte, dass es recht viele geben würde, die das, was jetzt geschehen ist, berichten und, dass ein jeder, wie es natürlich ist, [10] die Geschehnisse nach seinem Dafürhalten und nach seiner Auffassung herausstellen wird. Denn die Empfindung steht der Wahrheit stets irgendwie im Weg, je nachdem ob jemand einer der beiden Parteien freundschaftlich oder feindlich gesinnt ist. Es ereignete sich hier nämlich nicht nur eine sehr große Bewegung von Truppen, Ausrüstung und Kämpfen, sondern sozusagen bei allen Menschen auch eine schlimme Anspannung im Denken, Meinen und Streben. Ich glaubte aber mit Hinblick auf die, die nach [15] uns einmal geboren werden, wenn es denn irgendwem vielleicht ein Anliegen ist, die Ereignisse objektiv überliefert zu betrachten und nicht verdreht durch irgendeine Neigung des Erzählers auf die eine Seite der beiden Gegner - deshalb also glaubte ich, es sei nötig eine unverdorbene <?page no="172"?> [Freher 1611, p. 390] 1 τινα λόγον καὶ ἀκραιφνῆ ἱστορίαν τῶν φανερῶν γοῦν καὶ ἅπασι πρὸ ὀμμά των γεγενημένων πραγμάτων ἀποδείξασθαι . Καὶ βουλοίμην ἂν ἐξεργάσα σθαι ταύτην τινὰ < τῶν > οὐ μόνον εὖ εἰδότων ἅπαντα καὶ παρηκολουθηκό των ταῖς ἄνωθεν αἰτίαις , ὡς σύμβουλον ἀπ’ ἀρχῆς τυγχάνοντα , καὶ σύνεδρον 5 τῶν προεστηκότων τοῖς ὅλοις , καὶ ἀκριβῶς τὰ ἑκάστοτε ἀποτελεσθέντα , ὡς αὐτόπτην γενόμενον διελθεῖν δυνάμενον , ἀλλὰ καὶ φύσει μᾶλλον ἡμῶν πολιτικὸν νοῦν ἔχοντα , καὶ ἐμπειρίας ἐπὶ πλεῖον ἥκοντα , καὶ ἐκφράζειν ἐπὶ τὸ σαφέστερόν τε καὶ λογιώτερον ἐπιστάμενον . Ἀδήλου δὲ ὄντος εἴ τις τοιοῦτος ξυγγραφεὺς εὑρεθείη που , ἡμεῖς δὲ τὸ λοιπὸν ἐπεβαλόμεθα τῷ 10 ἐγχειρήματι , τῶν τε πλείστων καὶ μεγίστων , οἷά εἰσιν , πάντως τὰ αἰτιώδη καὶ ἀρχικὰ ἀγνῶντες , καὶ τὰ περὶ τὴν λέξιν ἧττον ἠσκηκότες ἢ ἐχρῆν τὸν ξυγγράψαι ταῦτα προῃρημένον , τῆς δὲ τοῦ λόγου δυνάμεως παντάπασιν ἄμοιρος ὤν . Ἀλλ’ οὐ γὰρ οἷοί τε ἐγενόμεθα περιόψεσθαι τῆς ἀληθείας προ φανῶς ἤδη κινδυνευούσης ἔκ τε τῶν ἀγοραίων τούτων καὶ συμποσιακῶν καὶ 15 τῆς διὰ γραμμάτων ἐνδείξεως διαθρυλλουμένων . Τὸ λεγόμενον , τοῦ τε στόματος ἀνοίγωμεν πύλας , καὶ ἐνδεῆ μὲν ἴσως πάνυ δὲ ἀκαλλώπιστον ἐκτιθῶμεν τὴν διήγησιν , οὐδαμῶς δὲ ψευδῆ ἢ κατακεχαρισμένην οὑτινοσοῦν οὔτ’ ἀκοῇ , οὔτε βουλήσει , καὶ μηδὲν ὑποστειλάμενοι δηλῶσαι πειρώμεθα , ἅτινα καὶ ἐπὶ τῶν καταληφθέντων ἐνθυμηθῆναι ἡμᾶς ξυμβῇ . Ἐδόκει δὲ 20 χρηστέον Ἑλληνικῇ γλώττῃ , ἵνα καί πως οἱ Ἕλληνες διδαχθεῖεν περὶ τούτων τὴν ἀλήθειαν . Ἔστι δ’ ἐμοὶ πατρὶς μὲν ἡ καλουμένη T αῶνος Ὄρος πόλις μεθορία τοῖς Φραγκοῖς ἔνθα σχεδὸν , ὅθι Μογάνος καὶ Ῥήγνησσος συῤῥέον τες μίσγονται ἀλλήλοις , οὕτω γὰρ ἔν τισιν ἐπὶ Καρόλῳ τῷ μεγάλῳ ὑπομνή μασι ποιηθεῖσιν ἀναγέγραπται . Ὄνομα δὲ εἰς τὴν Ἑλλήνων γλῶσσαν μεθερ - 25 μηνεύεται Ἀναστάσιος . 2. Πολλῶν τοίνυν συζητήσεων ἐν τῇ Γερμανίᾳ γεγενημένων περί τε τῆς ἐκκλησιαστικῆς διδαχῆς καὶ τῶν ταύτῃ ἐμπεριεχο μένων ἐπιτηδευμάτων τε καὶ θεσμῶν , ἀναμφισβητήτως ἤδη χειροδεικτῶν τινων , ὡς ἐν πολλοῖς κατεφο- app. crit.: 390,2 ἀποδείξασθαι , καὶ VR : ἀποδείξασθαι . καὶ ed. | 3 τινὰ οὐ VR : τῶν supplevi (cf. ann.) | 5 ἑκάστο τε VR : ἑκάστοτε ed. | 6 ὑμῶν VR : ἡμῶν em. Woitkowitz (2003, 175; cf. supra p. 389,15, cf. Stenius: quam nos) | 8 ἀδήλον VR : ἀδήλου em. Woitkowitz (2003, 175) | εἴτις VR : εἴ τις ed. | 11 καὶ ἀρχικὰ V : καὶ om. R | 12 - 13 cf. Stenius: non potuimus non rationem habere veritatis | 15 ἐνδείξεως , διαθρυλλουμένων , τὸ V : ἐκδείξεως , διαθρυλλουμένων , τὸ R : ἐνδείξεως διαθρυλλουμένων . Τὸ ed. | 21 ὅρος VR : Ὄρος ed. | 22 ὅτε VR : ὅθι ed. | 23 μίσγοντη VR : μίσγονται ed. | ἕν VR : ἔν ed. (Stenius: in quibusdam) | 24 ἀναγέγραπται , ὄνομα VR : ἀναγέγραπται . Ὄνομα ed. | 28 τινῶν Vh2 : om. a : τινων ed. 172 De Bello Smalcaldico <?page no="173"?> [390,1] Geschichte und unverfälschte Darstellung der offensichtlichen und allen vor Augen geschehenen Ereignisse aufzuzeigen. Und ich wünschte, dass diese Darstellung jemand ausarbeitet, der nicht nur alles genau weiß und die tieferen Ursachen begreift wie einer, der von Anfang an Berater und Beisitzer derer war, [5] die bei dem Ganzen die Anführer waren - einer, der das, was jeweils vollbracht wurde, genau - als Augenzeuge - durchgehen kann: Sondern auch jemand, der von Natur aus einen größeren politischen Verstand hat als ich, jemand, der mehr Erfahrung gewonnen hat und sich sicherer und beredter auszudrücken versteht. Da unklar war, ob irgendein solcher Schriftsteller irgendwo gefunden werden würde, habe ich mich daraufhin in das Vorhaben gestürzt, [10] ohne sehr viel sehr Wichtiges von der genauen Beschaffenheit der Ursachen und Anfänge zu wissen. Stilistisch bin ich weniger geübt, als es nötig wäre für jemanden, der, das aufzuschreiben beschließt, und der Macht des Wortes bin ich gänzlich unteilhaftig. Doch konnten wir die Wahrheit, die offensichtlich in Gefahr ist, nicht anhand von diesen Gerüchten von Marktplätzen und aus den Kneipen und aus [15] Hinweisen in Schriften überblicken. So lasst uns - wie man sagt - die Tore des Mundes öffnen, und vielleicht dürftig und schmucklos die Geschichte erzählen, keineswegs aber gelogen oder dem Ohr oder Willen irgendjemandes schmeichelnd und lasst uns versuchen, ohne etwas vorzuenthalten aufzuzeigen, was immer uns auch zu den Ereignissen gerade in den Sinn kommt. Es schien aber nötig, [20] die griechische Sprache zu benutzen, damit auch irgendwie den Griechen darüber die Wahrheit beigebracht wird. Meine Heimat ist die Stadt, die Pfauenberg [Bamberg] genannt wird. Sie liegt innerhalb Frankens, nahe dem Ort, wo Main und Regnitz zusammenfließen und sich miteinander mischen. Denn so steht es geschrieben in gewissen auf Karl den Großen verfassten Aufzeichnungen. [Mein] Name in die griechische Sprache [25] übersetzt lautet Anastasios. 2. Die Protestation [zu Speyer 1529] Es gab viele Diskussionen in Deutschland über die kirchliche Lehre und die darin enthaltenen Sitten und Gesetze. Gewisse unbestritten schon offenkundige Fehler und Frevel - wie bei vielen vorgebracht Über den Schmalkaldischen Krieg 173 <?page no="174"?> [Freher 1611, p. 391] 1 ρήθη , καὶ ὑπό τινων τρανῶς κατεδείχθη , σφαλμάτων καὶ ἀσεβημάτων ὑπερ ασπιζομένων , καὶ τῶν τὸ ἐκκλησιαστικὸν κράτος κατειληφότων τά τε κέρδη καρπουμένων καὶ τῷ ἀξιώματι ἐπαρθέντων οὐδ’ ἀκαριαῖον ἀποστῆναι ἐθε λόντων , οἷς κατηγορούμενοί τε καὶ ἐλεγχόμενοι ὑπό τινων τῷ τε ἀληθεῖ 5 προσεχόντων καὶ τὴν εὐσέβειαν κατορθοῦν ἐσπουδακότων κακῶς ἤκουον . Τότε δὴ σύμπνοιά τις καὶ κοινωνία ἐποιήθη ὑπό τινων ἐν τῇ Γερμανίᾳ δυναστῶν τε καὶ πόλεων ἀντιλεγόντων καὶ μὴ προσδεχομένων τὴν περὶ τῆς πρὸ τοῦ ἀνεξετάστου καὶ πολλαχῇ διεφθορυίας , ὡς ἔφασκον , διδαχῆς ἐντο λήν τε καὶ παραγγελίαν , ὥστε μηδὲν νεωτερίσαντας ἄνευ προκρίματος 10 τηρῆσαί τε καὶ προσίεσθαι πάντα τὰ τότε ἐπιπολάζοντα τῶν τε δογμάτων καὶ ἐθῶν ἐν ταῖς ἐκκλησιαστικαῖς οἰκονομίαις . Διαμαρτυρία τέ τις νομίμως παρενετέθη , ἦ μὴν τῆς ὀρθοδόξου καὶ καθολικῆς πίστεως καὶ ἀληθείας ἀντιλαβέσθαι , καὶ ἐθέλειν ποιεῖν ἅπαντα , ἅπερ ἑκάστοις προσήκει , ὑπακούειν τε , οἷς χρὴ καθ’ αὑτοὺς ἅπαντας , ἐκτὸς τοῦ κατὰ τῆς ἀτρεκοῦς τε καὶ 15 εὐαγγελικῆς διδασκαλίας κυρωθέντος ἐντάλματος . Ἐξ οὗ δὴ τοῦτο τὸ ξυν εστηκὸς ἐκλήθη τὸ τῶν διαμαρτυρησάντων μέρος . Καὶ ἐν τοῖς συλλόγοις τῶν ἐκκλήτων , οἳ συγκροτοῦνται ὑπὸ τοῦ αὐτοκράτορος πρὸς τὰ παραπίπτοντα περὶ τῶν κοινῶν ὁμήγυρις καλεῖται τῆς ἀρχῆς . Ἐνταῦθα ἄρα οἱ διαμαρτυ ρήσαντες ἀπὸ τῶν λοιπῶν ἀπεσχίσθησαν χρηματισάντων δῆτα ὑπηκόοι , 20 ὥσπερ ποιοῦντες τὰ δέοντα ἡσυχῇ καὶ οὐδεμιᾶς ταραχῆς αἴτιοι ὄντες . 3. Τῆς δὲ διαφορᾶς αὐξανομένης Κάρολος Αὐτοκράτωρ Καῖσαρ Σεβαστὸς τότε ἐν Ἰταλίᾳ παρεπιδήμησεν ἄλλων τε ἕνεκα , καὶ δὴ πολέμου τοῦ πρὸς τῶν Γαλατῶν βασιλέα ἀεί πως ἀναβλαστάνοντος καὶ ὑποθορυβοῦντος καὶ , ὡς οἶμαι , τὴν στεφάνωσιν κατά τινα ἀρχιερατικὸν νόμον ὑπὸ Κλήμεντος τότε ἐπὶ 25 τῇ Ῥώμῃ προεδρεύοντος , ὁδοῦ παρέργως κομισόμενος , καὶ παραστησόμενος τὴν τῶν Φλωρεντίνων πόλιν ἐναντιουμένων τῷ Κλήμεντι , ἀξιόλογα χρήματα , ὡς ἐφάσκετο , παρ’ αὐτοῦ λαβὼν , τὴν τῶν Φλωρεντίνων δουλείαν ὥσπερ ὠνησαμένου . Τότε γοῦν προαγορευθέντος συλλόγου ἀρχικοῦ ἐπὶ τὴν Οὐιν δελικῶν καλουμένην Σεβαστὴν , διαθεὶς κατὰ νοῦν ὁ αὐτοκράτωρ Κάρολος 30 τὰ ἐν Ἰταλίᾳ παρεγένετο καὶ αὐτὸς δι’ Ἀλπέων προ- app. crit.: 391,1 κατεφοράθη VR : κατεφορήθη ed. (Stenius (p. 390): ut constabat omnibus, atque in multis deprehensum) | ράθη , καὶ Vh2 : ράθη καὶ a : ρήθη , καὶ ed. | 2 τάτε Vh2 : τά τε a | 3 καρπομένων VR : καρπουμένων ed. (Stenius: qui … reditibus fruebantur) | 5 - 6 ἤκουον , τότε VR : ἤκουον . Τότε ed. | 8 προ τοῦ VR : πρὸ τοῦ ed. | 10 τηρίσαι τε VR : τηρῆσαί τε ed. (Stenius: servanda) | 11 νομίμως VR : οὐ νομίμως leg. Stenius: Protestabantur autem illegitime (cf. ann.) | 12 ἢ μὴν VR : ἦ μὴν ed. | 13 ἅπερ Vh2 : ὥπερ a (Stenius: et velle unumquemque praestare quod deceat) | 14 αὑτοὺς V : αὐτοὺς R | ἀτρεκοῖς V : ατρεκοστς h2? : ἀτρεκοῦ ; a : ἀτρεκοῦς ed. | 16 διαμαρτυρισάντων VR : διαμαρτυρησάντων ed. | 18 ἀρχῆς , ἐνταῦτα VR : ἀρχῆς . Ἐνταῦθα ed. | 20 αἴτιοι Vh2 : αἴτιος a | 21 δὲ V : καὶ R | 23 ὑποθορυβοῦντος , καὶ V : om. R | 25 παρέργως Vh2 : παρέργων a | 30 τὰ Vh2 : om. a 174 De Bello Smalcaldico <?page no="175"?> [391,1] und von gewissen Leuten deutlich aufgezeigt wurde - wurden wie mit einem Schild gedeckt. Diejenigen, die die kirchliche Macht inne hatten, Nutznießer der Vorteile waren und übermütig durch ihre Machtstellung, wollten nicht einmal ein bisschen von dem Abstand nehmen, weswegen sie einen schlechten Ruf hatten und angeklagt und widerlegt wurden von gewissen Personen, die sich nach der Wahrheit [5] richteten und sich bemühten, die Frömmigkeit aufzurichten. Damals wurde von gewissen Herrschern und Städten in Deutschland eine Übereinkunft und Gemeinschaft geschlossen. Sie erhoben Einwände und duldeten den Befehl und die Weisung der vorherigen, ungeprüften und, wie sie sagten, vielfach verdorbenen Lehre nicht, dass sie alles ohne Neuerungen vorurteilslos [10] zu bewahren und erlauben hätten, was damals im Kirchenwesen an Dogmen und Bräuchen vorherrschte. Damals wurde eine Protestation rechtmäßig eingebracht: Sie würden ganz gewiss den orthodoxen katholischen Glauben und die Wahrheit unterstützen und all das machen wollen, was einem jeden ziemt. Sie würden gehorchen, wem um ihrer aller selbst willen zu gehorchen ist. Ausgenommen sei das verabschiedete Edikt gegen die wahre, [15] evangelische Lehre. Seitdem wurde diese Organisation auch Partei der Protestanten genannt. Und bei den Versammlungen werden die, die vom Kaiser zu Beratungen staatlicher Angelegenheiten gerufen werden, Reichsstände genannt. Damals also spalteten sich die Protestanten von den übrigen Unterhändlern ab, blieben allerdings gehorsam, [20] als täten sie ganz ruhig, was notwendig ist, und wären an keiner Unruhe schuld. 3. Der Reichstag zu Augsburg [1530] Und damals, als der Streit größer wurde, war Karl, Imperator Caesar Augustus, in Italien. Hauptgrund dafür war der Krieg mit dem französischen König, der immer wieder aufkeimte und zu toben anfing. Zudem wollte Karl, wie ich glaube, gemäß eines gewissen päpstlichen Gesetzes von Clemens, der damals der Bischof [25] von Rom war, nebenbei gekrönt werden und die Stadt Florenz unterwerfen. Deren Einwohner waren Clemens damals feindlich gesinnt und Karl bekam von ihm, wie man sagt, eine beträchtliche Geldsumme, so als kaufte Clemens die Knechtschaft der Florentiner. Damals also wurde ein Reichstag nach Augsburg einberufen. Kaiser Karl ordnete [30] die Angelegenheiten in Italien nach seinen Vorstellungen und reiste dann selbst über die Alpen Über den Schmalkaldischen Krieg 175 <?page no="176"?> [Freher 1611, p. 392] 1 πορευόμενος εἰς Σεβαστὴν προσδοκώντων μῆνας οὐκ οἶδ’ ὅσους ἐκεῖ τὴν παρουσίαν αὐτοῦ πάντων τῶν προσκεκλημένων , τῶν μὲν ἐκ τῶν ἑπτὰ τοῦ ἀρχιαιρεσιαστικοῦ ἀξιώματος πλείστων , τῶν ἄλλων δὲ ἀρχόντων τε καὶ δυναστῶν καὶ ἐκ τῶν πόλεων πεμφθέντων ἁπάντων . Παρῆσαν δὲ καὶ τῶν 5 ἐκτὸς οἵ τε παρὰ τοῦ τῶν Γαλατῶν βασιλέως , καὶ τοῦ τῶν Βρετανῶν , ὑπό τε Δαλματῶν καὶ Παννονίων ἀπεσταλμένοι . Ὁ δὲ Καμπήγιος ὑπὸ τοῦ Κλήμεν τος κατειλεγμένος εἵπετο τῷ Καρόλῳ , καὶ ἅμ’ αὐτῷ εἰσέλασεν ἵππῳ εἰς τὴν πόλιν τῇ τοῦ Ἰουνίου ιε’ῃ . Ἦν δὲ ἅπαντα μεστὰ ἀγαθῆς τινος ἐλπίδος περὶ τῶν ὅλων , καὶ προθυμία εἰς τὸν Κάρολον ἀμύθητος , οὐ δὲν δὲ ἐπράχθη τῶν 10 χρησίμων , ἀλλὰ καὶ πολλῶν τε καὶ μεγάλων κακῶν οἱονεὶ σπορὰ τότε κατεβλήθη , καὶ ἀκρισία τε καὶ ταραχὴ μείζων ἢ πρὸ τοῦ ἁπανταχοῦ σχεδὸν ἐγένετο . Περὶ δὲ τῶν ἐκκλησιαστικῶν διαφορῶν οἱ διαμαρτυρήσαντες ἐξο μολόγησίν τινα τῆς αὑτῶν ἀληθοῦς , ὡς ἔλεγον , πίστεως καὶ συμφώνου ταῖς τε ἁγίαις γραφαῖς τῶν τε προφητῶν καὶ ἀποστόλων διδαχῆς , καὶ τῶν ἐν ὁσίοις 15 πατέρων μετ’ ἐκείνους προενέγκαντες ἐξέθηκαν , ἀφ’ οὗ χρόνου καὶ ἐξομο λογηταὶ οἱ ταύτῃ ἐμμείναντες ἐπεκαλοῦντο . Ἔστι δὲ ἐκείνη διά τε τὸ ἀκριβὲς καὶ ἁπλοῦν καὶ ἀκέραιον καὶ εὐσεβὲς , οἷα καὶ ἀξιωθῆναι ἐν τοῖς ὅτι μάλιστα τοῦ ἀναγινώσκεσθαι ὑπὸ πάντων , οἷς φίλη ἡ ἀλήθεια καὶ ἐχθρὸν τὸ ψεῦδος . Δειξάτω δὲ τοῦτο αὐτὴ , κατὰ τὸ λεγόμενον . 4. Ἀλλ’ οὐδενὸς περαινομένου 20 τότε , καὶ τοῦ τῶν διαμαρτυρησάντων στίφους ἰσχυροτέρου καθ’ ἡμέραν γενομένου , προστιθεμένων ἀεί τινων ἐκείνοις , μετὰ δύο ἔτη ὕστερον συλλό γου αὖθις ἐν τῷ Ῥηγινοπυργίῳ γενομένου , τῶν Τουρκῶν ἤδη διὰ Παννονίας παρελθόντων καὶ σπευδόντων τὸ δεύτερον ἐπὶ τὴν Βίενναν , σύμφασιν ἐποίη σαν τὰ διεστηκότα μέρη σὺν τῷ αὐτοκράτορι περὶ ἐκεχειρίας καὶ εἰρήνης 25 ἀχθησομένης μεταξὺ αὐτῶν ἄχρις συνόδου ἢ συλλόγου ἑτέρου , ἐν ᾧ τὰ ἀμφίλογα διαγνωσθῇ . Καὶ οὕτω συμμαχίας γενομένης καὶ κοινοβουλίας καὶ παρασκευῆς ὁμοθύμου τῶν Τουρκῶν προσβολὴ ἀπεκρούσθη . Μετὰ ταῦτα ἐστάλη ὁ ἐπὶ τὸν Τύνητα στόλος , καὶ ἔτει ὕστερον πόλεμος ἐξηνέχθη λαμπρῶς ἤδη ὑπὸ τοῦ τῶν Γαλατῶν βασιλέως . Καὶ ἐπὶ τὴν Μασσυλίαν στρατευσάμενος 30 ὁ Κάρολος ἄπρακτος ἀπῆλθεν , ὥστε ἐνιαυτοῖς μέν τισιν ἐν Γερμανίᾳ ἀδεῶς ἐν αὐτεξουσίᾳ διάγειν ἅπαντας , τὴν δὲ διαφορὰν οὐχ ἧττον ἐπιτείνεσθαι . Καὶ οἱ app. crit.: 392,1 προσδοκούντων VR : προσδοκώντων ed. (cf. ann., cf. Stenius: exspectaverant) | 5 οἵτε VR : οἵ τε | 7 δὲ V : καὶ R | ἀμ’ VR: ἅμ’ ed. | 8 ῑέῃ . V : τ . ε . ῃ . h2 : τ . ε . η . a : ιε’ῃ . ed. (cf. ann.; cf. Stenius: xv die Iunii) | 9 προτυμία VR : προθυμία ed. | 27 προσβαλὴ VR : προσβολὴ ed. (Stenius: Turcorum impressionem avertit) | 29 ὑπὸ V : om. R | βασιλέως . καὶ Vh2 : βασιλέως καὶ a | 30 ἀπῆλθεν . ὥστε VR : ἀπῆλθεν , ὥστε ed. | 31 ἅπαντας . τὴν V : ἅπαντας , τὴν R | ἐπιτείνεσθαι , καὶ Va : ἐπι τείνεσθαι , καὶ h2 : ἐπιτείνεσθαι . K αὶ ed. 176 De Bello Smalcaldico <?page no="177"?> [392,1] nach Augsburg und kam dazu. Dort wurde seine Ankunft seit ich-weißnicht-wie-vielen Monaten von den geladenen Teilnehmern erwartet. Darunter waren die meisten der sieben Kurfürsten sowie andere Herrscher und Machthaber und alle Gesandten aus den Städten. Anwesend waren aber auch Gesandte aus dem [5] Ausland, nämlich vom französischen und englischen König und aus Dalmatien und Ungarn. Und [Lorenzo] Campeggi wurde von Clemens ausgewählt und folgte Karl. Er zog mit ihm am 15. Juni zu Pferd in die Stadt ein. Alles war von einer gewissen Hoffnung über das Ganze erfüllt und es gab eine unsagbar große Zuneigung zu Karl. Es wurde jedoch nichts [10] Nützliches bewerkstelligt. Vielmehr wurde damals gleichsam der Samen vieler großer Übel gestreut. Beinahe überall entstand eine größere Unordnung und Verwirrung als vorher. Bezüglich des Kirchenstreits brachten die Protestanten ein gewisses Bekenntnis ihres - wie sie sagen - wahren Glaubens vor und veröffentlichten ihre Lehre, die mit den heiligen Schriften der Propheten, Apostel und [15] folgenden Kirchenvätern übereinstimme. Seitdem wurden die, die dort blieben, auch Konfessionisten genannt. Das Bekenntnis ist wegen der Genauigkeit und Einfachheit, der Kürze und Frömmigkeit so, dass es ganz besonders von all denen für lesenswert gehalten wird, denen die Wahrheit lieb und die Lüge verhasst ist. Doch das soll es selbst unter Beweis stellen, wie man sagt. 4. Folgezeit und Bildung des Schmalkaldischen Bundes [1531 - 1539] Doch damals wurde nichts vollendet [20] und die Reihen der Protestanten wurden täglich stärker, immer schlossen sich jenen welche an. Später, nach zwei Jahren, gab es wieder eine Versammlung in Regensburg: Als die Türken schon durch Ungarn zogen und ein zweites Mal nach Wien wollten, beriefen die Streitparteien eine Versammlung mit dem Kaiser ein. Thema war ein Waffenstillstand und Frieden zwischen [25] ihnen bis zu einem anderen Zusammenkunft oder einer Versammlung, in der die Kontroversen diskutiert werden. Und nachdem auf diese Weise eine Allianz, ein gemeinsamer Ratschluss und eine einmütige Streitmacht entstanden, wurde der Angriff der Türken zurückgestoßen. Danach wurde die Flotte gegen Tunis geschickt und ein Jahr später vom französischen König schon offen ein Krieg begonnen. [30] Karl zog unverrichteter Dinge mit einem Heer nach Marseille ab, sodass in Deutschland alle einige Jahre furchtlos in Freiheit leben konnten, der Streit sich aber nicht minder verschärfte. Und die Über den Schmalkaldischen Krieg 177 <?page no="178"?> [Freher 1611, p. 393] 1 διαμαρτυρήσαντες φοβούμενοι , μὴ παρὰ γνώμην βιασθέντες πάθοιέν τι ἀεικέστερον , οὐκ ἀδήλων οὐσῶν τῶν καθ’ αὑτῶν μηχανῶν , συνελθόντες ἐποίησαν ἐπιμαχίαν τε καὶ συμμαχίαν , προστατούντων τοῦ τε Σαξονικοῦ ἑνὸς ἐκ τῶν ἑπτὰ ἀρχιαιρεσιαστῶν καὶ τοῦ τῆς Ἡσσίας ἄρχοντος , οἳ καὶ 5 ἡγεμόνες καὶ πολέμαρχοι ἀπεδείχθησαν . Ἐγένετο δὲ ἡ ξύστασις κατὰ πάντων ὁμοίως τῶν αὐτοῖς ἐπιβουλευσόντων ἀορίστως . Ὃ καὶ μάλιστα δοκεῖ δῆξαι τὴν τοῦ Καρόλου φρένα ὑπονοήσαντα καθ’ αὑτοῦ μάλιστα τὴν συμμαχίαν γεγενῆσθαι . Ἐκεῖνοι δ’ ὅμως τοῦ τῶν Γαλατῶν βασιλέως ἐχθρωδῶς τότε διακειμένου πρὸς τὸν Καρόλον καὶ σύμμαχος ἐκείνοις γενέσθαι καὶ αὐτὸς 10 ἐθέλων , τοῦτο μὲν παντάπασιν ἀνῄσαντο , κατὰ σφᾶς αὐτοὺς δὲ ταῖς συνθή καις ἐμμένοντες διετέλουν . Ἐπράχθη δὲ τὰ περὶ τῆς συμμαχίας δεκαετοῦς ἐν πολίχνῃ πρότερον ἀδόξῳ κειμένῃ ἐπὶ τοῖς μεθορίοις τῶν Φραγκῶν τε καὶ Δυριγγῶν , ἥνπερ διὰ τὰ συχνὰ τοῦ σιδήρου ἐργαστήρια χαριεντισάμενοί τινες Χαλκίδα ὠνόμασαν , ἄλλως δὲ ὄνομα ἔχουσαν σκολιὸν καὶ ἀνεκφώνη - 15 τον τῇ τῶν Ἑλλήνων γλώσσῃ . Οὐχ ἁπάντων δὲ ταύταις ἐμπεριληφθέντων , οὔτε γὰρ ὁ Μαρχίων , οὔτε ἡ Νωρικὴ καλουμένη πόλις ἐκείνων ἦν , ἐξενίκη σεν , ὡς τήνδε μερίδα Χαλκιδικὴν λέγεσθαι ξυμμαχίαν . Μετὰ ταῦτα καὶ τὸ Βελγικὸν στασιάζειν ἦρξε καὶ διὰ τὴν Ἀκιτανίαν τε καὶ Κελτικὴν σπονδῶν οὐσῶν ὁ Κάρολος ὅτι τάχιστα διερχόμενος καὶ εἰς ὑπερβολὴν ὑπὸ τοῦ 20 συγγενοῦς βασιλέως τῶν Γαλατῶν , εἶχε γὰρ οὗτος τὴν τοῦ Καρόλου ἀδελ φὴν , φιλοφρονούμενος , τὰ ἐκεῖ παραλαβὼν ἐξ ἐνδόσεως καὶ ζημιώσας βαρέως τοὺς δοκοῦντας αἰτίους τῆς ἐπισυστάσεως γεγενῆσθαι οὕτω δὴ πρὸς τὰς καταλλαγὰς τῶν περὶ τὰ ἐκκλησιαστικὰ διαφερομένων αὖθις ἀπέκλινε . 5. Ἐγένοντο δὲ ἐκκλήσεις τῶν ἐλλογιμωτέρων εἶναι δοκούντων ἐπί τε τὸ 25 Ἁγενώιον καὶ τοὺς Βαγγιόνας , καὶ τὸ Ῥηγινοπύργιον , καὶ πολλῶν μὲν λεχθέντων τε καὶ ἐπισημανθέντων , ὀλίγων δὲ πάνυ ἀξιολόγων μέντοι καὶ περισπουδάστων ὁμολογηθέντων τε καὶ ἐπὶ τὸ σαφέστερον ἐκτεθειμένων καὶ ὑπ’ ἀμφοτέρων δοκιμασθέντων , ἐν οἷς ἦν τὸ , ὅτι μόνῃ τῇ πίστει δικαιοῦνται οἱ μετανοοῦντες τῶν ἀνθρώπων , ὅπερ κεφάλαιον ὂν τῆς εὐαγγελικῆς διδασκα - 30 λίας , παραδοξότερον ἐξερμηνεύεσθαι ἐ- app. crit.: 393,3 ἐπιμαχίαν τε V : ἐπιμαχίαντε h2 : ἐπιμαχίαντες a | συμμάχ { ει } αν VR : συμμαχίαν ed. (cf. LSJ) | 4 οἱ VR : οἳ ed. (Stenius: qui etiam belli duces declarati) | 9 - 10 καὶ σύμμαχος ἐκείνοις γενέσθαι καὶ αὐτὸς ἐθέλων V R (cf. ann.; cf. Stenius: cum hanc ipsam [sc. societatem] ambiisset) | 10 τοῦτο V : τοὖτο R | ἀνῄσαντο VR (melius esset ἀνεῖντο . Stenius: recusarunt) | 17 χαλκιδοκὴν VR : Χαλκιδικὴν ed. | 17 Β { ελλ } γικὸν V : Βελγικὸν em. R | ἀκιτανίαν V : ἀκ ? τανίαν h2 : ἀκοτανίαν a (Stenius: Aquitanicum) | 25 ἀγενώιον VR : Ἁγενώιον ed. (Stenius: Hagenoam) | Βαγγίνας VR : Βαγγιόνας ed. (cf. lat. moenia Vagionum; cf. infra p. 395,25) | 30 ἐξερμηνεῦσθαι VR : ἐξερμηνεύεσθαι ed. (Stenius: videbatur absurdiore interpretatione de-||pravatum) 178 De Bello Smalcaldico <?page no="179"?> [393,1] Protestanten fürchteten, dass ihnen entgegen der Einwilligung recht schimpfliche Gewalt angetan werden könnte, da die Intrigen gegen sie offensichtlich waren. Daher kamen sie zusammen und schlossen ein Schutzbündnis und eine Allianz. Der Vorsitz lag beim sächsischen Kurfürsten und dem hessischen Landgrafen, die auch [5] zu Anführern und Oberfeldherrn ernannt wurden. Das Bündnis richtete sich aber ohne genaue Eingrenzung in gleicher Weise gegen alle, die gegen sie Pläne schmiedeten. Das scheint auch am meisten Karl gekränkt zu haben, der glaubte, dass das Bündnis in erster Linie gegen ihn gerichtet sei. Doch als der französische König, der damals mit Karl verfeindet war, auch selbst Bündnispartner werden [10] wollte, lehnten jene das dennoch entschieden ab und blieben im Bündnis fortwährend unter sich. Geschlossen wurde das zehnjährige Bündnis aber in einem zuvor unbekannten Städtchen, das an der Grenze von Franken und Thüringen liegt und das wegen der nahen Eisenwerke einige im Scherz Chalkis nannten. Sonst hat es aber einen Namen, der für [15] die griechische Sprache schief und nicht ausdrückbar ist. Obwohl aber nicht alle dadurch umfasst wurden - weder nämlich gehörte der Markgraf, noch die Stadt, die man die Norische nennt, zu jenen setzte sich durch, dass diese Partei ‚ Schmalkaldischer Bund ‘ genannt wurde. Danach fingen auch die Niederländer an, sich aufzulehnen. Da es Verträge gab, zog Karl möglichst schnell durch Aquitanien und Celtica und wurde über die Maßen freundlich vom [20] verwandten französischen König behandelt, denn der hatte Karls Schwester geheiratet. Nachdem er der Lage dort selbst Herr geworden war und diejenigen, die Schuld am Entstehen des Aufstands zu haben schienen, hart bestraft hatte, wandte er sich wieder der Versöhnung der kirchlichen Streitereien zu. 5. Karls Einigungsbemühungen [1540 - 1544] Und es wurde [zu Religionsgesprächen] geladen, von denen die nach [25] Hagenau, Worms und Regensburg eher der Rede wert scheinen. Es wurde zwar viel geredet und dargelegt, doch nur wenig Erwähnenswertes und Begehrtes einträchtig vereinbart, zur größeren Sicherheit veröffentlicht und von beiden Seiten gebilligt. Darunter war, dass ‚ allein durch den Glauben die Menschen, die umkehren, gerechtfertigt werden. ‘ Obwohl das ein Hauptpunkt der evangelischen Lehre [30] war, wurde er scheinbar sehr widersinnig gedeutet Über den Schmalkaldischen Krieg 179 <?page no="180"?> [Freher 1611, p. 394] 1 δόκει καὶ παρὰ τοῖς πολλοῖς οὐχ ὑγιῶς καταλαμβάνεσθαι καὶ γίνεσθαι ὥσπερ τινὰ λόγον ἀργόν . Τότε δ’ οὖν τοῦτο τὸ κεφάλαιον ῥήμασί τε καὶ νοήμασι διακριβωθὲν καὶ γραφῇ περιληφθὲν οὕτως ἐξεπονήθη . Μετὰ ταῦτα καὶ ὁ ἐπὶ τὴν Λιβύην στόλος καὶ ἡ ἐκεῖ ἀτυχία συνέβη , καὶ ὁ ἐν τοῖς Μεσσαπίοις 5 πόλεμος τῶν Γαλατῶν ἐποτρυνόντων καὶ συμπραττόντων τὸν Κάρολον κατέλαβε τὴν καλουμένην Γελδρίας χώραν αὑτῷ τε προσήκειν φάσκοντα καὶ οὐκ ἐθέλοντα ἐᾶσαι κατέχειν αὐτὴν τὸν Ιοὐλιακέα . Ἐκ τούτου καὶ παραδόντα αὐτὸν ἑαυτὸν λαβὼν τὸν Ἰουλιακέα καὶ συῤῥαγέντα πρὸς τοὺς Γαλάτας διαπολεμήσας πόλεμον , οὕτω δὴ πρὸς τὰ ἐν τῇ Γερμανίᾳ κάμνοντα 10 καὶ διὰ τὴν ἑτερογνωμοσύνην τῶν παρ’ ἀμφοτέροις προστατούντων νοσοῦν τα ἀπένευσε πάλιν . Οὐκ ἦν δὲ αὐτῷ μὴ προσποιουμένῳ ἠρεμεῖν , ἐπικειμένων ἀδιαλείπτως τῶν περὶ βίας ἀδίκου καὶ ἐξελάσεως καὶ ὕβρεως ἐπικαλουμένων , καὶ ἀξιούντων βοηθῆσαι αὐτοῖς παρὰ τοὺς νόμους προπηλακιζομένοις τὸν αὐτοκράτορα , ὥσπερ κοινὸν νομοφύλακά τινα καὶ πατέρα τῆς πατρίδος . Ἡ 15 δὲ τῶν ἐκκλησιαστικῶν λεγομένων ἐφόρμησις ἀκατάσχετός τις ἐγίγνετο . Καὶ ἐπεκόπτετο ὁ Κάρολος ταῖς κατηγορίαις τε καὶ κραυγαῖς τῶν ἐκβεβλῆσθαι τῶν ἰδίων ἢ ἀφαιρεθῆναί τι βιαίως διατειναμένων , ἐν οἷς πρωτεῖα ἔφερον ὅ τε τοῦ κατὰ τὸ ἐν τοῖς Δυριγγοῖς Νεοπύργεον ἐπισκοπείου ἀντιποιούμενος , καὶ τὸ τῶν Σεβαστηνῶν ἱερατικὸν τέλος ὑφ’ οὗ , ἐπειδ’ ἂν ἀπέθανεν ὁ πρότερος 20 ἐπίσκοπος ὁ Σταδιανὸς , γενόμενος εἷς τῶν πάνυ ἐπιεικῶν , ὁ δὲ νυνὶ ἐκεχει ροτόνητο παροξυνθείς τε πρότερον ὑπό τινων καὶ καρδίναλις ἀνηγορευθεὶς , σφοδρότατα ὑπολαμβάνεται ὁ Κάρολος ἐκπικρωθῆναι . Οὐχ ἡσύχασαν δὲ καὶ οἱ φυγάδες Σαξονικοὶ , καὶ οἱ τοῦ πρὸ ὀλίγου αἰχμαλωτισθέντος Βρουνοσβι γέως συγγενεῖς τε καὶ φίλοι· ἀλλὰ ἤθελον ἐν τῇ τῶν Γερμανῶν ἀρχῇ κατὰ 25 τοὺς νόμους τά τε βίᾳ παραληφθέντα ἀποδοθῆναι καὶ διαφθαρέντα ἀποκα τασταθῆναι καὶ οὕτως καταδικάζεσθαι τοὺς ἀλλήλους ἐγκαλοῦντάς τι . 6. Ἐδόκουν δὲ οἱ Χαλκιδικοὶ σύμμαχοι μάλιστα ἐσφάλθαι ἐν τούτῳ , ὅτι ἄγαν προπετῶς καὶ καταφρονητικῶς οἷον ἀγηνορίῃσι κατὰ τὸν ποιητὴν πεποιθό τες , ἅπαντα διαχειρίσαντες διετέλουν , ἀμελοῦντες παντάπασι τῆς τῶν ἄλλων 30 εὐνοίας , καὶ μήτε ἔργοις μήτε λόγοις ἀγαθοῖς τὴν προ- app. crit.: 394,2 τότεδ’ VR : Τότε δ’ | 14 ὥπερ Vh2 : ὧπερ a : ὥσπερ ed. (Stenius: auxilium implorabant imperatoris, quem scirent communem esse legum custodem) | πατρίδος . ἡ V : πατρίδος ἡ R | 16 ἐπεσκόπτετο VR : ἐπεκόπτετο (Stenius: obtundebatur) | 17 ὅτε VR : ὅ τε ed. | 19 ἱεαρατικὸν VR : ἱερατικὸν ed. | 20 Σταδιανὸς , γενόμενος Vh2 : Σταδιανὸς . γενόμενος a | 21 πρότερον V : πρώτερον R | 22 ἐκπικραυθῆναι VR : ἐκπικρωθῆναι ed. (Stenius: a quo Carolus … putatur vehementissime esse exasperatus) | 23 οἱ φυγάδες Va : οἱφυγάδες h2 | ὀλίγον VR : ὀλίγου ed. | 24 φίλοι· ἀλλ ὰ V : φίλοι ἀλλὰ R | 28 { οἷον } V : οιτα h2 : ἰδίαις a | { τὴν } V : τ [? ] ν h2 : τὸν em. a | 29 διαχειρίσαντες V : δια χειρίσαντες R 180 De Bello Smalcaldico <?page no="181"?> [394,1] und von der breiten Masse nicht mit Vernunft erfasst. Er wurde so wirkungslos wie irgendein nutzloser Spruch. Damals also wurde dieser Hauptpunkt, der mit Worten und Gedanken sorgfältig und im Rahmen der Schrift ausgearbeitet worden war, auf diese Weise abgenutzt. Danach geschah auch das Unglück mit der nach Nordafrika gesandten Flotte, und der Krieg bei den Messapiern [5] - von den Franzosen angetrieben und unterstützt - hielt Karl beschäftigt. Er sagte, das sogenannte Herzogtum Geldern stehe ihm zu, und wollte nicht zulassen, dass der Jülicher es besetzt hält. Daher unterwarf er den Jülicher, der sich ihm selbst auslieferte und einknickte, und führte den Krieg gegen die Franzosen zu Ende. Danach wandte er sich wieder der in Deutschland krankenden Lage zu, [10] die wegen der Meinungsverschiedenheiten der Anführer beider Seiten dahinsiechte. Es gab für ihn keine Ruhe, obwohl er das vorgab. Denn unaufhörlich lagen ihm Leute in den Ohren, die wegen ungerechter Gewalt, Vertreibung und Misshandlung um Hilfe riefen und forderten, dass der Kaiser ihnen gleichsam als allgemeiner Gesetzeshüter und Vater des Vaterlandes helfe, wenn sie gegen die Gesetze beleidigend behandelt werden. [15] Der Angriff auf designierte Kirchenmänner geschah ohne Maß. Und Karl war in Ungewissheit durch die Anklagen und Wehrufe derer, die beteuerten von ihrem Eigentum verjagt oder einer Sache gewaltsam beraubt worden zu sein. Unter ihnen hatten den höchsten Rang der, der auf den Bischofsstuhl von Naumburg in Thüringen Anspruch erhob, und der Domherr von Augsburg. Durch letzteren soll Karl sehr stark verbittert gewesen sein, nachdem der frühere [20] Bischof Stadion, der recht vernünftig gewesen war, starb und der jetzige ernannt wurde, dessen Bewerbung vorher von gewissen Personen unterstützt wurde und der zum Kardinal ernannt wurde. Auch gaben die Flüchtlinge aus Sachsen und die Verwandten und Freunde des kurz vorher gefangen genommenen Braunschweigers keine Ruhe. Sie wollten hingegen, dass im Reich der Deutschen gemäß [25] den Gesetzen zurückgegeben wird, was mit Gewalt genommen wurde, wiederaufgerichtet wird, was zerstört wurde, und auf diese Weise diejenigen verurteilt werden, die einander anklagen. 6. Krise des Schmalkaldischen Bundes Die Schmalkaldischen Bündner schienen aber darin den größten Fehler gemacht zu haben, dass sie fortwährend alles zu unbesonnen und sorglos verwalteten, gleichsam im Vertrauen - gemäß dem Dichter - auf ihre Tapferkeit. Sie kümmerten sich überhaupt nicht um das [30] Wohlwollen der anderen und glaubten weder mit guten Taten noch mit guten Worten Über den Schmalkaldischen Krieg 181 <?page no="182"?> [Freher 1611, p. 395] 1 θυμίαν θηρατέον ἡγούμενοι , μήτε συνέργους τινὰς πρὸς τὰ πράγματα ποιη τέον εἶναι , ἤτοι τιμὴν ἢ χάριν ἀναλοῦντας , πλὴν τῶν συμμετόχων , καὶ πρὸς αὑτοὺς ἀεί τι ἑλκόντων , εἴ τι τυγχάνοι που προσγιγνόμενον , τούτοις γὰρ καὶ πλεῖστα ἐχαρίζοντο καὶ οὗτοι τιμῆς ἔλαχον μεγάλης , ἀνθ’ ὧν πρὸς χάριν 5 ὑπουργεῖν τε καὶ συνεῖναι τοῖς ἄρχουσιν εἰώθησαν . Ἦσαν δὲ πολλοὶ μὲν παρὰ κύλιξί φασι φίλοι , παῦροι δ’ ὠφελήσιμοι . Τῶν δ’ ἄλλων καὶ αὐτῶν ἤδη που συμμάχων οὐδεὶς λόγος , λυπεῖν τε μᾶλλον καὶ ἀναγκάζειν ἅπαντα τὸν ὑπηρετήσοντα , ἢ προσαγαγέσθαι εὖ τε δράσαντας καὶ εἰπόντας ἴδιον ἦν αὐτοῖς . Συνέβη γοῦν καὶ ἀλλοτρίως ἔχειν πρὸς αὐτοὺς πολλοὺς καὶ οὐκ 10 ὀλίγους ὑποδεδιέναι τὴν ἐκείνων δύναμιν . Καὶ ταύτῃ μὲν οὗτοι < … > ἁμαρ τεῖν τοῦ χρησίμου , καὶ προσπταῖσαι τῇ τύχῃ ἐδόκουν . Ἤσκουν δέ τινες εἰς ὑπερβολὴν τὸ δικανικὸν καὶ νομικῶς ἀπελογοῦντο περὶ τῶν ἐγκλημάτων καὶ ἐγράφοντο βιβλία καὶ λόγοι καὶ ἀντιλοιδορίαι ὥσπερ παρ’ ἀρτοπώλισιν , ὥς φασιν , ἐγίγνοντο < … >. Τέλος δὲ καὶ ἐν αὐτῷ τῷ συμμαχικῷ ὑπονοιῶν 15 παραφυεισῶν καὶ γιγνομένων τῶν ἐν τοῖς μετ’ ὀλίγον ῤηθησομένων , διελύθη ταχέως τὸ συστὰν ἤδη καὶ τοῦ τῶν δέκα ἐτῶν χρόνου ἐξελθόντος . Ἀλλὰ περὶ τούτου ὕστερον λεχθήσεται . 7. Ἄνειμι δὲ ἐπὶ τὴν τοῦ Καρόλου περὶ τὰ διάφορα τῶν Γερμανῶν διάνοιαν , καὶ τὰς τῶν φιλοτίμων τε καὶ φιλοκτεάνων σπουδάς τε καὶ τέχνας τοῦ ἐπισπέρχειν αὐτὸν , ὥστε ἐν ἐχθρῶν ἀριθμῷ 20 θέμενος τιμωρεῖτο τοὺς παραβάντας , ὡς ἔλεγον κατηγοροῦντές τε καὶ σχε τλιάζοντες , πάντα νόμιμα πρός τε θεὸν καὶ τοὺς ἀνθρώπους . Ἠξίουν τε γενέσθαι τοῦτο ἐν τάχει καὶ παντὶ σθένει καὶ μὴ παριέναι τὸν καιρὸν ἐγκαλινδοῦντα δίκαις καὶ λόγοις διακρίνοντα τοὺς ἔργῳ βλάπτοντας . Ἦλθε δὲ Κάρολος μετὰ τὸν Γαλατικὸν πόλεμον τῆς εἰρήνης κατὰ τὴν αὑτοῦ γνώμην 25 πεποιημένης εἰς τοὺς Βαγγιόνας , καὶ παρεγένοντο οἵ τε ἄλλοι τοῦ ἱερατικοῦ τάγματος πρῶτοι , καὶ καρδίναλις Φαρνήσιος υἱωνὸς ὢν Παύλου τοῦ παπᾶ Ῥωμαίου , καὶ ἐφάσκετο ἀργυρίου μέγα χρῆμα ἐπαγγείλασθαι τῷ Καρόλῳ δοθήσεσθαι ὑπ’ αὐτῶν , εἰ τοὺς αὐθάδεις ἐκείνους καὶ ἀνόμους ἐπιτρίψειεν ὅπλοις καὶ δυνάμει πολεμικῇ . Κάρολος δὲ , ὡς οἶμαι , ἐννοῶν , app. crit.: 395,1 θηρατέον Vh2 : θηρατέων a | 3 ἀεί τι ἑλκόντων V : ἀεί ἐτι λκόντων h2 : ἀεὶ ἐτι ἀκόντων a | 8 εὖτε VR : εὖ τε ed. | 10 ταύτῃ Vh2 : ταὔτη a | οὕτοι < … > ἁμαρτεῖν lac. suspicor, cf. Stenius: In hoc >igitur non parum< illi videbantur aberrasse ab utili, et offendisse ad fortunam. | 13 ἀρτοπ o λίσιν Vh2 : ἀρτοπώλισιν em. a | 14 ἐγίγνοντο < … >. τέλος lac. suspicor, cf. Stenius: ad quas regerebantur maledicta, ut fit (quemadmodum dici solet) inter ancillulas panem vendere solidos, multaque huiusmodi et deformia admitti. | 20 - 21 σχετλιάζοντες πάντα VR : σχε τλιάζοντες , πάντα ed. ( ὡς … σχετλιάζοντες om. Stenius: Redeo nunc ad Caroli cogitationes de Germanorum dissensionibus, et ad hominum ambitiosorum et avarorum studia et artes, quibus incitarunt Imperatorem, ut in hostium numero haberet, et poena afficeret violatores legum et divinarum et humanarum.) | 22 { τὸν } Vh2 : τ ὴν a | 23 ἐγκαλινδοῦντα V : ἔγκαλιν δοῦντα R | δίκαις V : δίκαιοις h2 : δικαίοις a | βλάττοντας VR : βλάπτοντας ed. (Stenius: qui facto laedant) | 24 αὑτοῦ V : αὐτοῦ R | 25 οἵτε VR : οἵ τε 182 De Bello Smalcaldico <?page no="183"?> [395,1] Zuneigung erstreben zu müssen. Noch meinten sie, irgendwelche Leute, die Ehre oder Gunst aufwenden, zu Gehilfen für die Sache machen zu müssen, außer den [bestehenden] Mitgliedern und denen, die immer an sich ziehen, wenn irgendetwas gerade irgendwo angeboten wird. Denn diesen erwiesen sie am meisten Gefallen und die erhielten große Wertschätzung. Im Gegenzug waren sie gewöhnlich so behilflich, wie es gern gesehen war, und [5] standen den Anführern beratend zur Seite. Viele aber waren - wie man sagt - Saufkumpanen und nur wenige nützliche Freunde. Von den anderen und denen, die schon selbst Verbündete waren, gibt es keine Nachricht; es war ihnen lieber, jeden, der helfen wollte, zu belästigen und zu bedrängen, als die, die mit Worten und Taten gut handelten, hinzuzuholen. So kam es, dass sich ihnen gegenüber viele abgeneigt verhielten und nicht [10] wenige die Macht von jenen fürchteten. Und dadurch verfehlten diese das Nützliche und schienen mit dem Schicksal aneinanderzugeraten. Einige übten im Übermaß die Rechtskunde und verteidigten sich gesetzesgemäß bei den Streitigkeiten. Und sie schrieben Bücher, Reden und Gegenschmähungen wie von Brotverkäuferinnen, wie man sagt. Aber schließlich, als auch im Bündnis selbst die Verdächtigungen [15] wuchsen und Dinge geschahen, über die in Kürze geredet werden wird, wurde das Bündnis schnell aufgelöst, als die Zehn- Jahres Frist schon auslief. Doch davon wird später die Rede sein. 7. Karls Sinneswandel [1544 - 1546] Ich kehre aber zurück zu Karls Gesinnung über den Streit der Deutschen sowie zu den Bestrebungen der Ruhmsüchtigen und Besitzliebenden und ihren Ränken, die ihn dazu bringen sollten, diejenigen, die jedes göttliche und weltliche Gesetz überschritten haben, wie die Ankläger [20] und Jammerer behaupteten, zu Feinden zu erklären und zu bestrafen. Sie forderten, dass das in Kürze und mit aller Kraft geschehe und dass man die richtige Gelegenheit nicht verstreichen lasse, indem man sich in Gerichtsprozessen herumwälzt und diejenigen, die mit Taten schaden, mit Worten verurteilt. Karl kam nach dem französischen Krieg, als ein Frieden nach seinen Vorstellungen [25] geschlossen war, nach Worms. Anwesend war - neben anderen führenden Klerikern - auch Kardinal Farnese, der Enkel des Papstes Paul in Rom. Man sagt, Karl sei versprochen worden, ihm werde eine große Geldmenge von ihnen gegeben, wenn er jene hartnäckigen Gesetzeslosen mit Waffen und Kriegsmacht zerreibe. Karl - so glaube ich - verstand, Über den Schmalkaldischen Krieg 183 <?page no="184"?> [Freher 1611, p. 396] 1 ὅτι μᾶλλον τὴν αὑτῶν δυναστείαν καὶ τὸν πλοῦτον καὶ τὸ ἀξίωμα καταστῆ σαι ζητοῖεν , ἢ τὴν ἀλήθειαν καὶ κατόρθωσιν τῆς ἐκκλησιαστικῆς οίκονομίας , οὐκ ἐδικαίου < παρέχειν > αὐτοῖς αὑτὸν διάκονον τῆς οὐ πάνυ ὁσίου ἐκδική σεως . Οὕτω γοῦν αὖθις αὖ πρὸς συζήτησιν ἐξεκλήθησαν ἑκατέρωθεν ἔκ τε 5 τῶν ὑπηκόων εἶναί τε καὶ προσαγορεύεσθαι βουλομένων , ἔκ τε τῶν διαμαρ τυρησάντων εἰς τὸ Ῥηγινοπύργιον ἄνδρες παιδεύσεώς τε καὶ ἀρετῆς ἔπαινον κτησάμενοι παρὰ πᾶσιν· ὁ δὲ Μελάγχθων πάσαις προτέραις συζητήσεσι παραγενόμενος τότε οἴκοι κατελείφθη . Ἔτος ἦν ὅτε συνῆλθον ἀρχόμενον τότε ἑκτὸν καὶ τετταρακοστὸν μετὰ τὸ πεντακοσιοστὸν καὶ χιλιοστόν τῆς 10 ἐνσάρκου καὶ σωτηρίου ἐκ παρθένου γενέσεως Ἰησοῦ Χριστοῦ , ἀπὸ δὲ Σεβαστηνοῦ ξυλλόγου ἑκκαιδέκατον . Οἱ δὲ τῶν διαμαρτυρησάντων φάσκον τες οὐδ’ ἐξ ἴσου γίνεσθαι τὴν συζήτησιν οὔτε ἀκίνδυνον εἶναι τὴν αὐτῶν ἐκεῖ ἀναστροφήν . Οὕτω δὴ ἀνακληθέντες χωρὶς τῆς τοῦ Καρόλου συγχωρήσεως ἀπῆλθον ἐπ’ οἴκου , ἀτελῆ καὶ ἀνήνυτα καταλιπόντες ἅπαντα . Αὐτοὶ δὲ 15 ἀπολογίαν ξυγγράψαντες εὐπροσώπους αἰτίας τῆς ἀποχωρήσεως κατέλεγον . Καὶ ἦν ἀληθὲς , ὅτι οἱ τῶν ἐναντίων συζητηταὶ τὰ πρότερόν που καὶ συμφω νηθέντα καὶ διασαφηνισθέντα καὶ γραφῇ δηλωθέντα , πάντα ἀνατρέπειν καὶ ἀνασκευάζειν ἐτόλμησαν , καὶ ἄνωθεν ἀρχόμενοι ἠθέλησαν διαπορεῖν περὶ τῆς Σεβαστηνῆς ἐξομολογήσεως κεφαλαίων ἐξ ἀρχῆς ἁπαξαπάντων . Τοῦτο 20 δὲ εὐθὺς ὕποπτον τοῖς τῶν διαμαρτυρησάντων ἦν , καὶ ἀφόρητον ὑπελαμβά νετο , εἰ ἐξουσίαν ἔχοιεν οἱ ἐναντίοι καὶ τὰ ὁμολογηθέντα καὶ διακριβωθέντα πρότερον , δόξαν που αὐτοῖς , παρῶσαι καὶ μεταβαλεῖν . Οὐ γὰρ διοικουμένου τοῦτον τὸν τρόπον τοῦ πράγματος ἐλπίδα τις ἂν ἔχοι , ἤτοι τελευτήν ποτε τῶν ἀμφισβητήσεων ἢ διαλλαγὰς ῥᾳδίως περὶ τῶν ἄλλων , εὑρίσκεσθαι , ὅπου καὶ 25 ἀπαιτεῖν ἐξαῦθις δευτέρας τινὰς ψήφους καὶ εὐθύνας καὶ τὰ μηκέτι ἀμφί βολα ὑπὸ δίκην ἀγαγεῖν οὐκ αἰσχύνοιντο . Ὁ δὲ Κάρολος ὅμως τὴν ἀκέλευ στόν τε καὶ ἀσυγχώρητον ὑποστροφὴν ἐκείνων χαλεπῶς τε καὶ ὀργῇ φέρων , ἔγραψε πρὸς τοὺς ἐν τέλει τῆς αὐτοκρατορικῆς ἀρχῆς , ἐντειλάμενος παρεῖναι αὐτοπροσώπους ἅπαντας , καὶ τοὺς διαμαρτυρήσαντας διαβαλλόμενος καὶ , 30 ὅτι ἀπίεσαν ἐκεῖνοι ἀποῤῥήξαντες τὴν συζήτησιν καταιτιώμενός τε αὐθά δειαν καὶ δῆλος ὢν τῷ app. crit.: 396,3 ἐδικαίου αὐτοῖς VR : παρέχειν supplevi (cf. Stenius: non aequum tum iudicabat, praebere se ipsis ministrum non admodum sanctae ultionis). | ὁσίου Vh2 : ὁσίας a | 7 πᾶσιν· ὁ V : πᾶσιν . ὁ R | 10 ἐν σαρκου V : ἐν σάρκου R : ἐνσάρκου ed. | 14 οἴκου V : οἴκον R | 17 διασαφισθέντα VR : διασαφηνισθέντα (cf. ann., cf. Stenius: communi consensu explanata) | 19 ἐξαρχῆς VR : ἐξ ἀρχῆς | 21 διηκριβωθέντα VR : διακριβωθέντα ed. | 25 ψήφους V : ψήφου R (Stenius: novas requirere sententias, nova iudicia) | εὐθήνας VR : εὐθύνας ed. | 27 ἀσυγχώρητον V : ἀσυγχώρη τ o ν h2 : ἀσυγχώρη τὴν a 184 De Bello Smalcaldico <?page no="185"?> [396,1] dass es ihnen eher um den Erhalt ihrer Macht, ihres Reichtums und ihrer Stellung ging als um die Wahrheit und eine Aufrichtung der kirchlichen Ordnung. Daher hielt er es nicht für richtig, sich zum Diener einer recht unfrommen Bestrafung <zu machen>. So wurden wieder einmal Vertreter von beiden Seiten zur Disputation nach Regensburg geladen. Darunter waren sowohl diejenigen, [5] die untertänig sein und untertänig genannt werden wollten, als auch Vertreter der Protestanten, die bei allen Ruhm in Bildung und Tugend erworben haben. Melanchthon, der an allen vorherigen Diskussionen teilgenommen hatte, blieb damals zu Hause. Das Jahr, in dem sie zusammenkamen, begann damals und war 1546 Jahre nach der Fleischwerdung [10] und heilbringenden Jungfrauengeburt Jesu Christi. Seit dem Reichstag zu Augsburg waren 16 Jahre vergangen. Die Protestanten sagten, die Diskussion würde weder auf Augenhöhe stattfinden noch sei ihr Aufenthalt dort ohne Gefahr. So wurden sie damals zurückgerufen, gingen ohne Karls Zustimmung nach Hause und ließen alle Dinge unausgeführt und unvollendet zurück. Und sie selbst verfassten eine Verteidigungsschrift [15] und zählten schön klingende Gründe für ihre Abreise auf. Und es entsprach der Wahrheit, dass die Diskussionsteilnehmer der Gegenseite es wagten, all das umzuwerfen und niederzureißen, worüber vorher irgendwo übereingestimmt wurde und was deutlich erklärt sowie anhand der Schrift aufgezeigt worden war. Sie wollten ganz von vorne anfangen und Untersuchungen über alle Hauptpunkte des Augsburger Bekenntnisses zugleich anstellen. Das war für die Vertreter der [20] Protestanten sofort bedenklich. Man hielt es für unerträglich, wenn die Gegner die Erlaubnis hätten, auch das, worüber man Übereinstimmung erlangt hatte und was vorher genau ausdiskutiert worden war, nach ihrer Vorstellung beiseite zu stoßen und zu ändern. Denn wenn sich die Dinge auf diese Weise darstellen, dürfte wohl niemand noch Hoffnung haben, dass irgendwann noch problemlos ein Ende der Diskussionen gefunden wird oder es noch zu Versöhnungen bezüglich der anderen Dinge kommt. [25] Sie schämten sich auch nicht, gewisse Beschlüsse und Untersuchungen wieder in Frage zu stellen und die nicht mehr zweifelhaften Dinge vor Gericht zu bringen. Dennoch war Karl über den unaufgeforderten und unerlaubten Rückzug von jenen verärgert und zornig. Er schrieb den Fürsten des kaiserlichen Reiches und befahl, dass sie [ihm] alle ohne Maskerade zur Seite stehen, und verleumdete die Protestanten, [30] weil jene weggingen und die Diskussion abbrachen. Er beschuldigte sie auch der Trotzigkeit und Über den Schmalkaldischen Krieg 185 <?page no="186"?> [Freher 1611, p. 397] 1 γεγονότι μεγάλως ἀγανακτήσας καταφρονηθῆναί τε δόξας , καὶ ἡγησάμενος τοὺς ἀεί τι ἐναντιουμένους καὶ βραδύτερον ὑπακούοντας κολάσαι δεῖν . Τά τε γοῦν ἐπαγγελθέντα παρὰ τοῦ ἱερατικοῦ τάγματος χρήματα λαβὼν , καὶ ἐν τῇ Ἰταλίᾳ διὰ τοῦ Ῥωμαίου ἀρχιερέως μισθωσάμενος ἐπικουρικὸν , καὶ τὰς 5 Ἰβηρικὰς δυνάμεις πάντοθε συλλέξας , τὰ μὲν ἔπραττε συμβουλευόμενος μετὰ τῶν παρόντων τελῶν ἐν τῷ Ῥηγινοπυργίῳ , καὶ τὰ κεφάλαια προτείνας , ὡς εἴωθεν ἀεί που γενέσθαι , στρατείαν δὲ ξυνήγειρεν ἅμα καὶ δυνάστας τινὰς ἀλλοτριώτερον ἔχοντας πρός τε τὸν Σαξονικὸν καὶ Ἡσσιακὸν , δι’ αἰτίας ἰδίας καὶ πλησιοχώρους διαφορὰς , οἷαι πολλάκις ἔκ τε πλεονεξιῶν καὶ φρονήματος 10 τοῖς γειτνιῶσι δυνάσταις τε καὶ πόλεσιν ἐμφύονται , ᾠκειοῦτό τε αὐτῷ καὶ ἔπειθε ἱππεῖς τε καὶ πεζοὺς παρασκευάζειν , ὥστε ἔχειν ἑτοίμους , ἢν δέῃ χρῆσθαι , δι’ οὕς ξὺν τῷ πεζῷ παμπληθεῖ ὄντι καὶ αὐτῷ Γερμανικῷ μάλιστα τῆς νίκης ἐπήβολος ἐγένετο , τοῦ ἒθνους βουλήσει τε καὶ δυνάμει διαχωρισ θέντος . Καὶ τοῦθ’ ἅμα ἐποίησε τοὺς δυνάστας δελεασθέντας ἐπισπασάμενος , 15 ἅμα τε ταῖς πόλεσιν ἐπιστείλας , ὅτι ἐν νῷ ἔχῃ ἐπεξιέναι τὸ θράσος τε καὶ αὔθαδες καὶ ὑπεροπτικόν τινων οὐδὲν ποιεῖν τῶν νομίμων ἐθελόντων , ὀνο μάτων μὲν ἀπεχόμενος , ἐμφανίζων δὲ οὐχ ἧττον , ὅτι ἡ παρασκευὴ γένοιτο κατὰ τοῦ Χαλκιδικοῦ συστήματος , καὶ ἐν πρώτοις τῶν πολεμάρχων . Παρῄνει τε αὐτοὺς τῆς πρὸς ἐκείνους κοινωνίας ἀποστάντας οὔτ’ ἔπει φασὶν , οὔτ’ 20 ἔργῳ αὐτοὺς ὠφελεῖν . Ἐπεὶ δὲ ᾔδη τῆς διαμαρτυρησάντων εἶναι τούς τε δυνάστας ἐκείνους καὶ τούτους τοὺς ἐν πόλεσιν , πίστεις τε ἔδωκεν καὶ βεβαιότατα ἐποιήσατο αὐτοῖς , ὅτι κατὰ τῆς διδαχῆς καὶ τῶν ὑπ’ αὐτῶν νεωτερισθέντων ἐν τῇ τῶν ἐκκλησιῶν διοικήσει τοῖς ὅπλοις οὐκ ἂν χρῆσθαι βούλοιτο . 8. Τούτων ἐκπύστων γενομένων , πάντα ἦν θορύβου μεστὰ , καὶ οἱ 25 πολέμαρχοι πειθόμενοι εὔνουν ἔχειν τὸν αὐτοκράτορα αὑτοῖς καὶ , εἴ τί που γένοιτο πρότερον διαλυθῆναι ἅπαν , δεινὸν ἐποίουν , ὅτι ἀπροόπτως καὶ αἰφνιδίως πόλεμον ἐκεῖνος ἐποίσειν αὐτοῖς ἔμελλε . Ὑφορωμένους δὲ ὅλην τὴν πρᾶξιν , ἐφόβει μάλιστα αὐτοὺς ἡ τοῦ Καρόλου , ὡς ἐλέγετο , τοῖς τοῦ ἱερατικοῦ τέλους γενομένη ὑπόσχεσις , τοῦ μη- app. crit.: 397,2 τάτε VR : τά τε ed. | 5 πάντοθε Vh2 : πάντοθεν a | 8 ἰδίας V : om. R | 10 ᾠκειοῦτο τε Vh2 : ᾠκειοῦντό τε a : ᾠκειοῦτό τε ed. | 12 ζ { ὴν } VR : ξὺν ed. (cf. Stenius: atque harum copiarum opera inprimis, quod magnus numerus peditum esset, eorundemque Germanorum, victoria potitus est) | 16 αὐτάδες VR : αὔθαδες ed. | 17 ἐμφανίζειν VR : ἐμφανίζων ed. (cf. ann.) | 20 ἤδῃ VR : ᾔδη ed. (Stenius: Quia autem noverat) | 24 δὲ VR : καὶ ed. (cf. ann. cf. Stenius: omnia tumultus plena erant, et belli duces … ) | 25 αὑτοῖς Vh2 : αὐτοῖς a | εἴτι που VR : εἴ τί που ed. 186 De Bello Smalcaldico <?page no="187"?> [397,1] ärgerte sich offensichtlich sehr wegen des Geschehens. Er glaubte seine Beschlüsse würden missachtet und er müsse die bestrafen, die sich immer widersetzen und nur recht langsam gehorchen. Er nahm also die vom Klerus versprochenen Gelder an, holte sich in Italien über den Papst Hilfstruppen in Sold und versammelte die [5] spanischen Truppen von überall her. Das tat er einerseits, während er sich mit den anwesenden Ständen in Regensburg beriet und die Hauptpunkte vorbrachte, wie es gewöhnlich immer geschah. Andererseits versammelte er ein Heer und zugleich gewisse Herrscher, die sich aus persönlichen Gründen sowie wegen Grenzstreitigkeiten, wie sie oft aus Habsucht und Übermut bei [10] benachbarten Herrschern und Städten entstehen, dem Sachsen [Kurfürst Johann Friedrich] und dem Hessen [Landgraf Philipp] recht feindlich gesinnt waren, und machte sie sich zu Freunden. Er überzeugte sie, Reiter und Fußsoldaten zur Verfügung zu stellen, sodass sie einsatzbereit sind, wenn es nötig ist. Insbesondere durch diese, in Verbindung mit seinen sehr zahlreichen Fußsoldaten, die auch deutsch waren, erlangte er den Sieg, als sich das Volk in Streben und Kraft entzweite. Und das machte er, indem er die angelockten Herrscher zu sich heran zog [15] und zugleich nach den Städten sandte, dass er im Sinn habe, gegen Frechheit, Trotz und Herablassung gewisser Leute, die nicht gesetzesgemäß handeln wollten, vorzugehen. Er hielt sich zwar mit Namen zurück, machte aber nicht weniger deutlich, dass die Aufrüstung gegen den Schmalkaldischen Bund und vor allem gegen dessen Führung gerichtet war. Er mahnte aber sich von der Gemeinschaft zu jenen fernzuhalten und sie weder mit Worten, so sagt man, noch mit Taten [20] zu unterstützen. Weil Karl wusste, dass jene Herrscher und diese Leute in den Städten zu den Protestanten gehören, gab er sein Wort und machte ihnen sehr deutlich, dass er nicht gegen die Lehre und gegen ihre Neuerungen in der kirchlichen Organisation die Waffen gebrauchen wolle. 8. Irritation bei den Bündnern Als das bekannt wurde, war alles voller Tumult und die [25] Hauptleute [des Schmalkaldischen Bundes], die der Überzeugung waren, dass der Kaiser ihnen wohlgesonnen sei und dass all das vernichtet würde, was auch immer zuvor zu Stande gebracht worden ist, waren aufgebracht, weil jener unvorhergesehen und plötzlich einen Krieg mit ihnen anfangen wollte. Sie beobachteten die Sache mit Argwohn und am meisten jagte ihnen, wie man sagt, das Versprechen Karls an den Klerus Angst ein, dass er nicht mehr Über den Schmalkaldischen Krieg 187 <?page no="188"?> [Freher 1611, p. 398] 1 κέτι περιιδεῖν μετατιθέμενα τὰ τῆς νενομισμένης θρησκείας ἔθη , καὶ ὅτι πρόθυμος ᾖ τοῖς πιεζομένοις αὐτὸν ἐπιβοηθεῖν , καὶ ἀμύνειν τοῖς κακῶς πράττουσι . Καὶ ἦν ἀληθὲς , ὅτι γράμματα ἐπεπόμφει ὁ τῆς Ῥώμης ἀρχιερεὺς πρός τε ἄλλους τινὰς καὶ δὴ πρός τε Σαρμάτας καὶ τὸ τῶν Ἑλβετίων κοινὸν , 5 ἐν οἷς διαῤῥήδην ἰσχυρίζετο , ὅτι ὁ Κάρολος πόλεμον ἤδη πρὸς τοὺς ἀπο στάτας ἐξενεγκάμενος εἴη , καὶ προηγορεύετο δεήσεις τε καὶ εὐχὰς ποιεῖσθαι ὑπὲρ νίκης . Τὸ γὰρ θρυλλούμενον , ὅτι καὶ ἀπεστάλκει τινὰς φάρμακα ἐμβαλοῦντας τοῖς φρέασι καὶ πυρπολήσοντας τὰς κώμας καὶ πόλεις τῶν διαμαρτυρησάντων καίπερ παραδοθὲν ὡς καταληπτὸν , οὐκ ἂν πιστεύσαιμι 10 ἔγωγε , οὔτε πιστεύσας ἐπιχειρήσαιμι ἂν διισχυρίζεσθαι , ὅτι ἔχει οὕτως , διά τε τὸ ἀπίθανον καὶ σκαιόν . Τοῦτο οὖν παραλείφθω ἡμῖν . 9. Ἡ δὲ κατάγνωσις τῆς τῶν διαμαρτυρησάντων διδαχῆς καὶ < τὸ > ἔχθος τοῦ παπᾶ ἐδόκει τότε παρειληφέναι συνεργὸν , ἢ μᾶλλον πρόμαχον τὸν Κάρολον ἐκ τοιούτων τεκμηρίων . Ἦν δὲ τοῦτο τοῖς τε ὁμολογηθεῖσιν καὶ ὑπὸ τοῦ Καρόλου 15 ἐνδειχθεῖσιν παντάπασιν ἀπᾷδον , περὶ ὧν ἀναγκαῖον μικρὸν παρεκβάντα διαλέγεσθαί τι , ἵνα οἱ ἐντυχόντες καὶ περὶ τούτου τὴν ἀλήθειαν καταμανθά νωσι . Τῶν διαμαρτυρησάντων διὰ τὴν ἐναντιουμένην συνείδησιν , οὐ φασ κόντων οἷοί τε εἶναι μὴ οὐχὶ πρεσβυτέραν ἄγοντες τήν τε τιμὴν τοῦ θεοῦ , καὶ τῇ ἁγίᾳ γραφῇ ὡς θεοπνεύστῳ οὔσῃ ὑπακούοντες μᾶλλον ἢ ταῖς τῶν 20 ἀνθρώπων παραδόσεσι , τὰ φανερωθέντα ψεύδη καὶ προδήλους ἀπάτας ἀποδοκιμάζειν , καὶ μὴ δύνασθαι προσίεσθαι ἤ τινα παρὰ ταύτην διδαχὴν ἢ τῶν ἐθῶν χρῆσιν , ἔδοξε δὴ ξυνελθοῦσι τοῖς τέλεσιν εἰς τὴν τῶν Νεμετῶν πόλιν καλουμένην Σπεῖραν προεδρεύοντος τότε Φερδινανδοῦ βασιλέως περὶ τούτων δεῖν σύνοδον οἰκουμενικὴν χρόνῳ ποτὲ γενέσθαι , μεταξὺ δὲ τούτου 25 ἑκάστους , ὅπως αὐτοὶ ἐλπίσαιεν τῷ τε θεῷ καὶ τῷ αὐτοκράτορι λόγον ἀπαιτήσαντι ποιῆσαι τὸ ἱκανὸν , οὕτως ἐν εὐσεβίᾳ τε καὶ ὑποταγῇ διαβιῶναι καὶ προσδοκᾶν γενέσθαι τὴν σύνοδον ἔν τε τῇ Γερμανίᾳ καὶ ἄδολον καὶ ἀκολάκευτον καὶ , οἵαν ἂν κατὰ τὴν τῶν Χριστιανῶν ἐλευθερίαν εἰκὸς , οὐ καταδεσποζούσης ἰσχύος τι ἢ δυνάμεως ἀμέτρου τῶν ἀσθενεστέρων . Ἤρεσε 30 δὴ ταῦτα οὕτως καὶ συγκατεψη- app. crit.: 398,2 ᾗ VR : ᾖ ed. | 3 πράττουσι καὶ VR : πράττουσι . Καὶ ed. | 11 παραλείφθω VR : παραλειφθήτω ed. (Stenius: Hoc igitur a nobis omittatur.) | 11 - 12 τὸ δὲ κατάγνωσις … καὶ ἔχθος VR : Ἡ δὲ κατάγνωσις … καὶ < τὸ > ἔχθος ed. | 13 συνεργὸν V : συνεργὼν R | 16 ἐν τυχόντες Vh2 : ἐντυχόντες a | 17 - 21 οὐ φασκόντων οἷοί τε εἶναι μὴ οὐχὶ … ἄγοντες … καὶ … ὑπακούοντες … ἀποδοκιμάζειν VR (cf. ann.) | 20 πρὸς δήλους VR : προδήλους ed. | 25 ὅπος VR : ὅπως ed. (Stenius: quo pacto quisque speret) | 27 προσδόξαν VR : προσδοκᾶν ed. Stenius: expectandum fore) | 27 ἐντε VR : ἔν τε ed. | 29 - 30 ἠρέσε τη Vh2 : ἤρεσε τῇ a : ἤρεσε δὴ ed. 188 De Bello Smalcaldico <?page no="189"?> [398,1] darüber hinwegsehe, dass die Riten des traditionellen Gottesdienstes abgeschafft werden und dass er entschlossen sei, denen selbst zu helfen, die bedrängt werden und denen es schlecht geht. Und es entsprach der Wahrheit, dass der Papst in Rom einen Brief geschickt hatte, sowohl an andere als auch an die Sarmaten und den Bund der Schweizer. Darin bestärkte er ausdrücklich, dass Karl bereits einen Krieg gegen die Rebellen angefangen habe und befahl, für den Sieg Fürbitten zu halten und zu beten. [5] Der immer wiederholten Behauptung, er habe auch Leute entsandt, um Brunnen zu vergiften und in den Dörfern und Städten der Protestanten zu brandstiften, würde ich keinen Glauben schenken, obwohl es überliefert wurde, als wäre es gesichert, noch würde [10] ich - wenn ich es glaubte - versuchen zu bekräftigen, dass es so ist, weil es nicht überzeugend ist und töricht. Das soll von uns also ausgelassen werden. 9. Gründe für Karls Sinneswandel Die Verachtung der protestantischen Lehre und der Hass des Papstes schien Karl damals als Helfer oder eher Vorkämpfer gewonnen zu haben, wie aus derartigen Belegen ersichtlich ist. Und dies war von dem, dem Karl zustimmte, [15] und das er kundtat, gänzlich abweichend. Es ist nötig darüber ein kleines Stück auszuschweifen und etwas zu sagen, damit die Leser auch darüber die Wahrheit erfahren. Wegen ihres widerstrebenden Bekenntnisses sagten die Protestanten, sie seien außer Stande, die offenbarten Lügen und eindeutigen Täuschungen [20] nicht zu verwerfen. Sie hielten die Ehre Gottes für wichtiger und gehorchten eher der von Gott eingegebenen Heiligen Schrift als den Traditionen der Menschen. Sie könnten nichts, was dieser Lehre oder Anwendung der Riten entgegen läuft, zulassen. Daher beschlossen die Stände, die in die Stadt der Nemeter mit Namen Speyer kamen, damals unter Vorsitz König Ferdinands, dass darüber endlich einmal eine ökumenisches Konzil gehalten werden muss. In der Zwischenzeit hätten aber [25] alle so, wie ein jeder selbst hofft, Gott und Kaiser, die Rechenschaft fordern, zu genügen, in Frömmigkeit und Unterwerfung zu leben und zu warten, dass das ehrliche, nicht durch Kriecherei verdorbene und der Freiheit eines Christen angemessene Konzil in Deutschland stattfindet, ohne dass irgendeine Kraft oder maßlose Macht die Schwächeren unterdrückt. [30] Das fand Gefallen, wurde unter Über den Schmalkaldischen Krieg 189 <?page no="190"?> [Freher 1611, p. 399] 1 φίσθη τοῖς ἄλλοις , περὶ ὧν τότε ἡ σκέψις καὶ ἐκυρώθη , ὡς ἔθος . Οὐ γὰρ ἧττον ἤλπιζον οἱ διαμαρτυρήσαντες πολὺ μᾶλλον δὲ διδάσκειν τε ἐκ τῶν ἁγίων γραφῶν καὶ πᾶσι καταστήσειν φανερὸν , ὅτι τὸ κατὰ τὴν Ῥώμην καὶ τούτῳ ἐνώμοτον πανταχῇ ἱερατικὸν ἀποστατικόν τε εἴη τῆς τοῦ Χριστοῦ ἐκκλησίας , 5 καὶ παραβατικὸν τῶν τῆς εὐσεβείας κανόνων . Αὐτοί τε ἀπὸ τῶν ὀνόματι μὲν ἐκκλησιαστικῶν , ἔργῳ δ’ οὐδαμῶς , ἀναχωρῆσαι ἔφασκον , καὶ προὐκαλοῦν το ἀεὶ περὶ τῆς ἀληθείας τοὺς βουλομένους συζητῆσαι . 10. Παρεκινήθη δὲ ἀρχῆθεν τὸ πρᾶγμα ἐκ πάνυ φαύλων καὶ ἐσχεδιασμένων τινῶν πρὸς χρημα τισμὸν ἐργασιῶν , καταχρώντων τολμηρῶν ἢ μᾶλλον ἀναισχύντων τινῶν τῷ 10 τοῦ λεγομένου παπᾶ ὀνόματι πρὸς τὸ ἁπλοῦν καὶ εὐλαβὲς τῶν Γερμανῶν καὶ τῆς δεισιδαιμονίας αὐτῶν μισθὸν τῶν ἑκουσιῶν εἰσφορῶν ἐκκαρπούντων . Ἦν δὲ τὸ γενόμενον παρὰ τοῖς μὲν σεμνοτέροις ἐπίφθονόν τε καὶ ἀπρεπὲς , παρὰ δὲ χαριέσσι παγγέλοιον , οἳ καὶ ἔσκωπτον εἰς τοῦτο καθημέραν παῤῥη σιαστικώτερον , ὅσῳ τὰ ἐν παραβύστῳ τεχνασθέντα ἀεὶ μᾶλλον ἐπὶ τὸ φῶς 15 προσήγοντο . Καὶ ἦν ἐτεὸν τόλμη δεινὴ μὲν αὐτὴ , τοῦ δὲ προσχήματος κατὰ μικρὸν ἀποῤῥέοντος τῆς ἔν τε οὐρανῷ καὶ παρὰ τοῖς κάτω τοῦ παπᾶ αὐτεξουσιότητος , γυμνὴ τὸ λοιπὸν τὸ μὲν παρώφθη , τὸ δὲ καὶ σὺν χλευασμῷ ἐξουθενώθη . Ἀγορὰ γὰρ προὐτίθετο ἀπῳχημένων ψυχῶν , ἃς ἐξῆν νόμισμα ῥητὸν δόντα λυτρῶσαι . Καὶ παραπτώματα ἴδια ὁποιαοῦν συγγνώμης ἐτύγ - 20 χανον , εἰ τακτόν τις ἀργύριον καταβάλοι . Τὰ δὲ γενόμενα χρήματα ἀνη λοῦντο ὑπὸ τῶν ἐργατῶν εἰς παντοίας ἡδονὰς , οἳ τὰ τῶν ἀνοήτων Γερμανῶν ἐν πολλῇ ῥᾳθυμίᾳ κατευωχοῦντο . Συγγνώμην δὲ ἁμαρτημάτων τοῦτο ἐκα λεῖτο . Καὶ εἰ ἀληθὲς εἰπεῖν ἔξεστιν , οὐκ ἀνόμοιον ἦν τὸ γιγνόμενον τοῖς ὑπὸ τῆς Ἴσιδός ποτε ἢ Συρίας θεᾶς θεραπόντων τῶν παρὰ ταύτης τοῖς ἄφροσι 25 τῶν ἀνθρώπων τὰς θείας πωλούντων εὐεργεσίας . Ἔμελλε δ’ ἄρα τοῦτο τοὔνειδος ἀνακαλυπτόμενον καὶ ἄλλ’ ἅμα ὥσπερ ἕλκη τοῦ ἱερατικοῦ σώμα τος συνεμφαίνειν . 11. Οὐ μὴν ἀλλὰ μεταξὺ τούτων δεινή τις ἐν τῷ βίῳ ἀταξία καὶ app. crit.: 399,1 συγκατεψηφάσθη Vh2 a (p. 469) : συγκατεψηφήσθη a (p. 470) : συγκατε ψηφίσθη ed. | 7 συζητῆσαι· παρεκινήθη V : συζητῆσαι . παρεκινήθη R | 8 πράγμα· ἐκ V: πράγμα . ἐκ h2 : πρᾶγμα ἐκ a | 9 τῇ VR : τῷ ed. | 11 δυσιδαιμονίας VR : δεισιδαιμονίας ed. (Stenius: ex quorum superstitione) | εἰς φορῶν VR : εἰσφορῶν ed. | ἐκκαρπούντων . ἦν V : ἐκκαρπούντων ἦν R | 12 τὸ Vh2 : om. a | 13 οἱ VR : οἳ ed. (Stenius: qui etiam quotidie) | 16 μηκρὸν Vh2 : μικρὸν em. a | 18 ἀποχημένων VR : ἀπῳχημένων ed. (Stenius: defunctorum animae) | 19 ὁποιαοῦν Vh2 : ὁποῖα οὖν a | 22 συγγνώμην VR (cf. KG II, 326 Anm. 7 (§ 411), melius esset συγγνώμη ) | 26 ἀλλ’ VR : ἄλλ’ ed. (Stenius: etiam alia simul) 190 De Bello Smalcaldico <?page no="191"?> [399,1] die anderen Dinge aufgenommen, über die es damals Überlegungen gab, und beschlossen, wie es der Brauch ist. Denn die Protestanten hofften nicht weniger, sondern noch viel mehr aus den heiligen Schriften zu lehren und allen zu offenbaren, dass der Klerus in Rom und überall, wo er ihm durch Eid gebunden ist, von der Kirche Christi entfernt ist [5] und die Grenzen der Frömmigkeit überschritten hat. Und selbst sagten sie, sie würden von denen, die dem Namen nach, nicht aber in der Tat Kleriker sind, Abstand nehmen und riefen immer die Willigen zu sich, um über die Wahrheit zu diskutieren. 10. Kritik am Klerus: Ablasshandel Und von Anfang an wurde die Sache gestört durch irgendwelche recht schlechten und ausgedachten Geschäfte zum Gelderwerb. Gewisse dreiste oder eher schamlose Leute missbrauchten den Namen des [10] sogenannten Papstes gegen die einfältigen und frommen Deutschen und ernteten aus deren Gottesfurcht einen Sold freiwilliger Abgaben. Und das Geschehen war den Vornehmeren verhasst und unanständig und für die Gebildeten völlig lächerlich. Sie spotteten darüber auch täglich recht unverblümt, je weiter ans Licht kam, was in einer Ecke ausgeheckt worden war. [15] Es war zwar tatsächlich eine schlimme Frechheit an und für sich, als sich aber die Vortäuschung, der Papst besäße im Himmel und auf Erden unabhängige Macht, allmählich auflöste, war sie entblößt und wurde fortan einerseits außer Acht gelassen, andererseits mit Spott beiseite gestoßen. Denn es wurde ein Markt eröffnet für verstorbene Seelen, die man durch die Gabe eines bestimmten Lösegeldes freikaufen konnte. Und sie erhielten also für ihre eigenen Fehltritte, von welcher Art auch immer, Ablass, [20] wenn jemand ein bestimmtes Geld bezahlte. Die gewonnenen Gelder wurden aber von den Krämern für jedweden Spaß ausgegeben. Sie verprassten das Vermögen der unverständigen Deutschen in großer Ausgelassenheit. Ablass der Sünden wurde das genannt. Und das Geschehen, wenn es möglich ist die Wahrheit zu sagen, war nicht dem unähnlich, was einmal von den Dienern der Isis und der syrischen Göttin gemacht wurde. [25] Sie verkauften göttliche Wohltaten dieser Göttinnen an die unverständigen Menschen. Und es sollte sich, nachdem diese Schande sich enthüllt hatte, auch noch anderes wie ein Geschwür am Körper des Klerus zeigen. 11. Kritik am Klerus: Ausschweifender Lebenswandel Doch währenddessen kam eine schlimme Verkommenheit und Über den Schmalkaldischen Krieg 191 <?page no="192"?> [Freher 1611, p. 400] 1 σύγχυσις ἐπεπόλασε . Τῆς γὰρ ψευδοῦς καὶ ἀπατηλῆς διδασκαλίας καὶ δοξῶν ματαίων ἐλεγχομένης καὶ καταδήλου γενομένης τοῖς πολλοῖς , ἄσχετός τις ὁρμὴ κατέλαβε τοὺς πλείστους , ὥστε λέγειν τι καὶ πράττειν κατὰ τῶν πρό τερον ἁμαρτηθῆναι δοκούντων , καὶ ὥσπερ ὁ παρ’ Ὁμήρῳ στατὸς ἵππος 5 ἀκοστήσας παρὰ φάτνῃ δεσμὸν ἀποῤῥήξας θείει πεδίοιο κροαίνων , οὕτω δὴ τότε ἅπαντες σχεδὸν ἀγαλλόμενοι καὶ χαίροντες ἐξεφέροντο ἀποῤῥίψαντες , οἱον εὶ ἄχθος τι τῆς ἱεροδουλείας , καὶ τοὺς χαλινοὺς τῆς ἐν τῷ ἅπασιν ἀδιακρίτως πιστεύειν εὐηθείας , οἷς ἐκ παλαιοῦ συνείχοντο διαῤῥήξαντες . Τὸ δὲ καλού μενον ἱερατικὸν οὐχ ὅτι μᾶλλον τότε αὑτὸ ἐπὶ τὸ βέλτιόν τε καὶ σωφρονέσ - 10 τερον ἐσχημάτιζεν , ἀλλὰ καὶ αὐτὸ ὥσπερ ἀδείας τυχὸν ἐξώκειλεν εἰς παν τοίας ἀμορφίας τοῦ βίου , ὥστε ἀτιμάζεσθαι σφόδρα καὶ διαβόλως ἔχειν παρὰ πᾶσι σχεδὸν , παρέσχον δὲ καὶ αὑτοὺς πάνυ εὐχερεῖς πρὸς κατάλυσιν τῆς σκληροτέρας καὶ ἐπιπόνου μᾶλλον ἀγωγῆς , καὶ τὸ ἀμελεῖν ῥητῶν τινων ταλαιπωριῶν , καὶ τῆς τροφῆς ἡδυπαθείᾳ καὶ τῶν ἐσθήτων ποικιλίᾳ ἐνδια - 15 θρύπτεσθαι . Ὅσοι δὲ τηρεῖν τὰ παραδοθέντα ἐβουλήθησαν , ἐκεῖνοι ὥσπερ εἰς οὐρανὸν διὰ ταύτην ἐπιμονὴν ἁλλόμενοι τοὺς ἄλλους ἀνθρώπους ὑπερεώ ρων . Τὸν δὲ νοῦν ἀληθείας ἐπιγνώσει κοσμεῖν , καὶ τὰς πράξεις πρὸς τὸν ὀρθὸν λόγον ἐφαρμόζειν , οὐδεὶς ἂν τῶν προὔργου τι εἶναι ὑπελάμβανεν . Μόνον δὲ ἔν τε τοῖς ἱεροῖς < καὶ > τῷ θρησκεύειν καθυποκρινόμενοι κατά 20 τινας θεσμοὺς οὐ παλαιοὺς , ἀλλὰ χθὲς καὶ πρῴην , εἴποι τις ἂν , τεθέντας ὁπότε τὸ τῆς Ῥώμης ἐπισκοπεῖον ἐξεκεκορύφωτο ἤδη , καὶ ὑπέρτατον < … > κράτος κατειλήφει , καὶ ἐπηκολουθηκότες τρόποις τισὶ καὶ σχήμασιν , οὓς παρά τε τῶν πρότερον μαθεῖν , καὶ νυνὶ σεμνύνονται , καὶ ὧν ἔχουσιν ἀναγραφὰς πρὸ χρόνου βραχέως κατασκευασθείσας , οἷς ἕπονται μὲν , ἀλλ’ εἰρήσεται γὰρ 25 τὸ γιγνόμενον , ὥσπερ τυφλὸς τυφλῷ ὁδηγῷ· οὐδ’ ἐξετάζοντές τι εἰς τὸ ἀκριβέστερον , οὔτ’ ἐνθυμούμενοι , εἴ τι κάλλιον ἂν καὶ ὠφελιμωτέρως γένοι το , ἢ ὃ καὶ τηρούμενον ἂν βλαβὴν φέροι app. crit.: 400,4 ἁμαρθῆναι VR : ἁμαρτηθῆναι ed. | 4 - 5 cf. Hom. Il. 6,506 f. bzw. 15,263 f. | 5 κροαίνων , οὕτω Vh2 : κροαίνων· οὕτω a | 6 ἀπορρήψαντες VR : ἀπορρίψαντες ed. (Stenius: abiecto quasi onere) | οἷονεὶ VR : οἱονεὶ ed. (Stenius: quasi) | 7 ἱεροδολείας VR : ἱεροδουλείας ed. | 10 τυχὼν VR : τυχὸν ed. | 11 αἰτιματίζεσθαι VR : ἀτιμάζεσθαι ed. (cf. ann.; Stenius: ut praeter infamiam qua flagrabat, omnium etiam criminationibus esset expositus) | 12 αὐτοὺς VR : αὑτοὺς ed. (Stenius: praeberetque se) | 14 ποικιλίᾳ V : ποικιλία R | 19 ἔντε VR : ἔν τ ε ed. | ἱεροῖς τῷ VR : καί supplevi (cf. ann.; cf. Stenius: Tantum erant occupati in sacris tractandis, et cultu peragendo … | 20 πρώνῃ VR : πρῴην ed. (cf. Thuk. 3,113,4; Stenius: ceremonias … recentes et tum introductas) | 21 ὑπέρτατον < … > κράτος lac. suspicor ( πάντων ? ) (cf. Stenius: et summum >in omnes alios< dominatum occupavit) | 22 ἐπικολουθηκότες VR : ἐπηκολουθηκότες ed. | 25 ὁδηγῷ· οὑδ’ V : ὁδηγῷ οὑδ’ R : ὁδηγῷ· οὐδ ' ed. | 26 εἴτι VR : εἴ τι ed. 192 De Bello Smalcaldico <?page no="193"?> [400,1] Unordnung im Lebenswandel auf. Denn als die lügnerische und betrügerische Lehre und die frevelhaften Ansichten überführt und für die Masse deutlich wurden, ergriff ein unaufhaltsamer Sturm die meisten, sodass sie gegen das, was vorher falsch zu sein schien, redeten und handelten. Wie bei Homer ‚ das Pferd im Stall ‚ [5] wenn es sich an der Krippe satt gefressen hat, die Kette zerreißt und stampfend über das Feld läuft ‘ , so wurden damals fast alle vor Jubel und Vergnügen fortgerissen. Sie warfen die heilige Knechtschaft wie irgendeine Last ab und zerbrachen die Fesseln ihrer Einfalt (durch die sie von alters her gebunden waren) in ihrem undifferenzierten Glauben an alles. Der sogenannte Klerus nahm damals eher keine bessere und [10] vernünftigere Gestalt an, sondern geriet sogar selbst in allerlei ungehörigen Lebenswandel, als genösse er Straflosigkeit, sodass er verachtet wurde und bei fast allen für heuchlerisch gehalten wurde. Sie zeigten sich aber auch geschickt darin, eine schwierigere und eher lästige Lebensführung zu beenden, bestimmte Mühen zu vernachlässigen und in luxuriösem Essen und künstlerischer Mode [15] zu schwelgen. Jene, die das Überlieferte bewahren wollten, blickten auf die anderen Menschen herab, als wären sie durch dieses Beharren in den Himmel gesprungen. Den Geist mit Erkenntnis der Wahrheit zu schmücken und die Taten dem rechten Wort anzupassen, das hielt wohl keiner für etwas Nützliches. Und nur in den Gotteshäusern <und> beim Gottesdienstfeiern verstellten sie sich wie Schauspieler gemäß [20] irgendwelcher Riten, die nicht alt waren, sondern gestern und vorgestern - könnte man wohl sagen - aufgestellt wurden, als der Bischof in Rom bereits an der Spitze war und die größte Macht < … > inne hatte. Und sie folgten irgendwelchen Riten und Phrasen, von denen sie auch jetzt noch rühmend behaupten, sie von alters her gelernt zu haben und von denen sie Aufzeichnungen haben, die vor kurzer Zeit erst erarbeitet worden sind. Denen folgen sie zwar, aber - denn es soll gesagt werden, [25] was Sache ist - wie ein Blinder einem blinden Führer folgt: Sie untersuchen nichts genau und überlegen nicht, ob irgendetwas wohl schöner oder nützlicher werden könnte, oder was, wenn es beibehalten wird, vielleicht Schaden bringen könnte Über den Schmalkaldischen Krieg 193 <?page no="194"?> [Freher 1611, p. 401] 1 καὶ τῷ θεῷ ἅμα ἐχθρὸν εὐρεθείη ἂν , τοῖς τε νουνεχέσι τῶν ἀνθρώπων ἄνοια , τοῖς δὲ χαριεστέροις παιδία δοκείη . Κρατυνόμενοι δὲ καὶ βεβαιούμενοι τῇ τε τοῦ πλούτου δυνάμει καὶ τῶν ἐνόρκων πλήθει καὶ χωρῶν τε καὶ γῆς πολλῆς κτήσει ἐν ἀσφαλεῖ διάγουσιν , ὡς οἴονται , οὐδενὸς φροντίζοντες . Εἴποι δ’ ἄν 5 τις τῶν Γερμανῶν μεγαλοπρέπειαν κατιδὼν , καὶ τὰ παρ’ ἐκείνοις τῷ ἱερατικῷ τέλει δεδωρημένα , καὶ τὰς τῶν κοινοβίων κτήσεις , καὶ τῶν εὐκτηρίων οἰκοδομήσεις , ὅτι ἐστὶ μὲν ἐκεῖνα ἅπαντα μνημεῖα τῆς εὐσεβείας τῆς πάλαι , τῆς δ’ ἐν τῷ παρόντι , εἰ καὶ ἐπαχθέστερον ἴσως εἰπεῖν , ἀσεβείας ἐργαστήρια . Ηὔξησαν δὲ πάνυ σπουδαίως αὐτὰ καὶ λαβόντες ὥσπερ ἓν τάλαντον οὐ κ ἐν 10 μακρῷ τοσοῦτον ἐκέρδησαν , ὥστε τὸ ἓν ἐκεῖνο , ἄλλα δέκα προσεργάσασθαι . Ἀμέλει καὶ ὑποχειρίους εἶχον ἤδη κατεξουσιασθέντας καὶ βασιλέας καὶ ἄρχοντας , καὶ πᾶν τὸ ἐπιχθόνιον κράτος . Οἱ γὰρ μεμφόμενοι τῷ ἱερατικῷ καὶ ἐλεγχόμενοι τὴν τῆς διδαχῆς διαφθορὰν , οὐδὲν ἡγοῦντο ἔργον εἶναι τὸ δεῖξαι , ὅτι αὐτοὶ μὲν κομποῦνται τῷ τῆς τοῦ Χριστοῦ ἐκκλησίας ἐνδόξῳ 15 ὀνόματι , εἰσὶν δὲ τῶν ὡς ποῤῥωτάτω ἐκτὸς , εἴ τις ἤτοι τοὺς τῶν ἁγίων γραφῶν ἢ ἰδίων παραδόσεων καὶ διατάξεων αὐτοῖς προσάγοι κανόνας , καὶ πρὸς τούτους διασκέψαιτο πρῶτον μὲν τὰ δόγματα καὶ τὰς πράξεις , ἔπειτα καὶ τὰ ἐπιτηδεύματα καὶ ὅλον τὸν βίον . Ἔστι δ’ οὖν ἡ σύγχυσις δεινὴ , καὶ οὐκ ἄν τις ἐλπίζοι τὴν τοῦ θεοῦ δόξαν ἐκλάμψεσθαι παρὰ τῶν ἐν τοῖς 20 πρώτιστα τήν τε δόξαν καὶ ἐξοχὴν ἰδίαν ζητοῦσιν . 12. Ὃν δὲ τρόπον οἱ πάλαι σοφοὶ ἐπ’ ὀλέθρῳ τῆς καλῆς ἀγωγῆς ὑπ’ οὐκ οἶδ’ ὧντινων τὸ δίκαιον καὶ τὸ συμφέρον ἀπ’ ἀλλήλων διακεχωρίσθαι ἔλεγον , οὕτω εἰπών τις , ὡς οἶμαι , οὐκ ἂν ἁμάρτοι , ὅτι πλοῦτος καὶ περιουσία τῆς ἀρχῆς τε καὶ δυνάμεως περιποιη θεῖσα τῷ ἱερατικῷ τὴν ἐκκλησιαστικὴν διοίκησιν ἀνέτρεψεν , ὥστε τὴν τοῦ 25 Χριστοῦ ἐκκλησίαν , ὥσπερ πλοῖον κατὰ τὸ θρυλλούμενον , βαπτιζόμενόν τε καὶ κλυδωνιζόμενον μόλις ἔτι ἀντέχειν πρός τε τῶν κυμάτων ἐπίκλυσιν , καὶ τῶν ἀνέμων πνοάς . Ἀνθέξον δ’ ὅμως ἐπιφανέντος ὅτε δή ποτε αὐτοῦ app. crit.: 401,7 οἰκοδομέσεις VR : οἰκοδομήσεις ed. | 8 εἴκαι VR : εἰ καὶ ed. | 9 ἔν Vh2 : ἓν em. a (Stenius: unum illud) | 10 προσειργάσασθαι VR : προσεργάσασθαι ed. | 12 κράτος . o ἱ V : κράτος o ἱ R | 14 ἐν δόξῳ VR : ἐνδόξῳ ed. | 15 ποῤῥοτάτω VR : ποῤῥωτάτω ed. | εἴτις VR : εἴ τις | 21 ἀγωγῆς ἀγωγῆς Vh2 : ἀγωγῆς em. a | 22 διακεχωρίσθαι Vh2 : διακεχορίσθαι a | 23 καὶ V : om. R | 26 κλυδονιζόμενον VR : κλυδωνιζόμενον ed. | 27 ἀνθέξου VR : Ἀνθέξον ed. (an ἀνθέξει ? Stenius: Sustinebit tamen) 194 De Bello Smalcaldico <?page no="195"?> [401,1] und Gott zugleich verhasst finden könnte und für die Menschen mit Verstand dumm, für die Gebildeten als Scherz erscheinen könnte. Bestärkt und bekräftigt durch die Macht des Reichtums, die Masse von Leuten, die durch Eid gebunden waren, und den Besitz von Gebieten und viel Land lebten sie in Sicherheit, so glaubten sie, und kümmerten sich um nichts. Und [5] ein Deutscher könnte wohl sagen, als er die Pracht sah und das, was bei jenen dem Klerus gespendet worden war - sowohl Besitztümer der Klöster als auch Gebetshäuser - dass all jenes Denkmäler der früheren Frömmigkeit seien, in der Gegenwart jedoch - mag es vielleicht auch recht beschwerlich zu sagen sein - Werkstätten der Gottlosigkeit. Und sie vergrößerten das recht eifrig und wenn sie ein Talent nahmen, machten sie in [10] kurzer Zeit so viel Gewinn, dass sie zu jenem einen Talent weitere zehn hinzugewannen. Gewiss hatten sie sich die Könige und Herrscher und alle weltliche Macht Untertan gemacht und beherrschten sie. Denn die, die dem Klerus Vorwürfe machten und die Verdorbenheit der Lehre tadelten, glaubten, es wäre keine Mühe aufzuzeigen, dass sie sich zwar selbst mit dem ruhmvollen Namen der Kirche Jesu Christi brüsten, [15] aber zu denen gehören, die möglichst weit weg sind, wenn irgendjemand ihnen den Kanon der heiligen Schriften oder der eigenen Überlieferung oder Anordnungen herbeibringt und bei diesen zuerst die Lehrsätze, die Taten und ferner auch die Bestrebungen und das ganze Leben überprüft. Die Verwirrung also ist schlimm und keiner dürfte wohl erwarten, dass der Ruhm Gottes bei denen hervorleuchtet, [20] die in erster Linie eigenen Ruhm und eigene Auszeichnung suchen. 12. Kritik am Klerus: Epilog Wenn jemand so spräche, wie die alten Weisen bezüglich des Verderbens der guten Lebensweise sagten, dass von irgendwelchen das Gerechte und das Nützliche voneinander unterschieden worden sei, würde er wohl keinen Fehler machen, wie ich glaube, dass Reichtum und Überfluss an Herrschaft und Macht, der dem Klerus verschafft wurde, die kirchliche Organisation umstürzte, sodass die Kirche [25] Christi wie ein Schiff - nach dem Sprichwort - untergetaucht und von den Wellen umhergeworfen kaum noch standhalten konnte gegen die Überschwemmungen der Wellen und die Böen der Winde. Dennoch hält es stand und man wird, nachdem irgendwann Über den Schmalkaldischen Krieg 195 <?page no="196"?> [Freher 1611, p. 402] 1 τοῦ σωτῆρος καὶ ἐπιτιμῶντος τῷ χειμῶνι , καὶ ὀφθήσεται αὖθις αὖ γαλήνη ἀνίσχοντος ἡλίου , καὶ διασκεδάζοντος τὴν τοῦ τύφου τε καὶ τοῦ ἀεί που προτεινομένου ἀξιώματος νεφελώδη φαντασίαν . Οἱ μὲν οὖν νῦν ἔχοντες προφάσει τῶν ἱερῶν διοικήσεων πολλὰ καὶ ἀγλαὰ κτήματα , ἐστὶ δ’ ἐν αὐτοῖς 5 οὐδὲν , κατὰ τὴν παροιμίαν , ἱερὸν , ὤφειλον μὲν βουλευσάμενοι ὁδόν τινα ἐξιχνεύειν , ᾗπερ αὐτοί τε οὐκ ἀφαιρεθήσοιντο τῶν ὑπαρχόντων , καὶ τῆς ὑποκρίσεως ἀπελασθείσης οὐκ ἂν ὅπερ οὐκ εἰσὶν ἔτι οὐδὲ προσαγορεύοιντο , τὴν δὲ τοῦ θεοῦ τιμὴν , καὶ τὸ τοῦ εὐαγγελίου κήρυγμα καὶ τῆς ἀληθείας διδάγματα περί τε πλείστου αὐτοὺς ποιεῖσθαι δέον , καὶ τὸ πᾶν κράτος 10 ἐπιθεῖναι τούτῳ . Οἱ δὲ περιμαχοῦντες τοῖσδε χάριν ἂν εἶχον , ὡς ἐγὼ πείθομαι , θεῷ , εἰ φυλάξαντες ἐκεῖνοι , ἅπερ καὶ ἔχουσιν , οὐκ ἐκφέρειν μόνον πόλεμον πρὸς τὴν ἀλήθειαν βούλοιντο . Καὶ δοίη θεὸς καρδίαν θεοφιλῆ πᾶσιν , ὥστε καθ’ αὑτὸν ἕκαστον εὖ θεῖναι σπουδάζειν τὰ πρὸς τὸν θεόν τε καὶ τοὺς πέλας . 13. Καὶ ὁ μὲν Κάρολος , ὡς τὸ πρῶτον ὑπέστη , τὴν σύνοδον συναχ - 15 θῆναι ἐσπούδαζεν . Ἐμπόδιον δὲ ἀεί τι ἐνέπιπτεν ἤτοι παρὰ τῷ τῆς Ῥώμης ἀρχιερεῖ , ἢ παρὰ τῶν διαμαρτυρησάντων . Ἠρίζετο δὲ καὶ περὶ προεδρείας τε καὶ ἐπιψηφίσεως , ὑφ’ ὧν γενέσθαι χρεὼν , καὶ πρότερον ἔτι περὶ τῆς περιαγ γελίας , ἃς διὰ τὰ πρωτεῖα τῆς ἐπισκοπῆς αὐτοῦ ἅπαντα ἴδια εἶναι ὁ τῆς Ῥώμης ἀρχιερεὺς ἔλεγεν . Οἱ δὲ τῶν διαμαρτυρησάντων ταύτην ἤδη σαφῆ 20 εἶναι πρόκρισιν ἔφασκον καὶ , ὅτι ἀφόρητον τοὺς αὐτοὺς δικαστάς τε καὶ ἀμφισβητήτους γενέσθαι . Δεῖν γὰρ οὐχ ἧττον τὸ ἱερατικὸν σύστημα ὑπόδικον παρασταθῆναι καὶ εὐθύνας δοῦναι τῶν διδασκομένων τε καὶ ἐπιτηδευομέ νων ὑπ’ αὐτῶν , ἢ σφᾶς αὐτούς . Δίκας τε γίγνεσθαι ἴσας τε καὶ ὁμοίας ἀμφοτέρων , δικαζόντων μὲν τῶν οὐδετέρῳ τῶν μερῶν καὶ μόνῃ τῇ ἀληθείᾳ 25 πιστῶν τε καὶ φίλων , ἐξεταζομένων δὲ τῶν δογμάτων ἄνευ ἐριθείας τε καὶ ζήλου κακόφρονος· τούτοιν δὲ ἀμφοῖν γιγνομένοιν κατὰ τῶν τῆς ἁγίας γραφῆς καὶ ταύτῃ κατηκολουθηκότων ἐν τῇ τῆς καθολίκης ἐκκλησίας ὁμο νοίᾳ ὀρθοδόξων ἐπισκόπων τε καὶ διδασκάλων . Οὐκ ἠρνοῦντο δὲ οἱ ἄλλοι , ὡς ἦεν μὲν app. crit.: 402,1 τῶν Vh2 : om. a (an del.? ) : τῷ ed. | 2 ἀείπου VR : ἀεί που ed. | 7 προσαγορεύοιντο , τὴν Vh2 : προσαγορεύοιντο . τὴν a | 10 περιμαχοῦντες VR : (melius esset περιμαχόμενοι ) | τοῖς δὲ VR : τοῖσδε ed. | 11 οὐκ ἐκφέρειν V : οὐκφέρειν h2 : οὐκ φέρειν a | 12 δώη VR : δοίη ed. | θεοφιλῆ Vh2 : θεοφιλῇ a | πᾶσιν ὥστε V : πᾶσιν , ὥστε R | 14 πέλας , καὶ VR : πέλας . Καὶ ed. | σύνοδον V : om. R | 16 ἀρχιερεῖ , ἢ V : ἀρχιερεῖ . ἢ R | 21 ἀμφισβητητὰς VR : ἀμφισβητήτους ed. | γένσθαι Vh2 : γένεσθαι a : γενέσθαι ed. | 23 ὁμοίως VR : ὁμοίας ed. (cf. Thuc. 5,27,2; 5,59,5; 5,79,2) | 24 οὐδε τέρω V : οὐδὲ τέρω R : οὐδετέρῳ ed. | 25 ἐξεταξομένων VR : ἐξεταζομένων ed. | 26 κακόφρονος· τούτοι V : κακόφρονος . τούτοι R | 27 καθοληκῆς VR : καθολίκης ed. | 28 οὐκ V : ἐκ R 196 De Bello Smalcaldico <?page no="197"?> [402,1] der Heiland selbst erschienen ist und den Sturm bedroht, wieder die Ruhe der See sehen, wenn die Sonne aufgeht und die neblige Erscheinung von Einbildung und vorgespiegelter Würde zersprengt. Die also haben zwar jetzt angeblich viele herrliche Besitztümer der heiligen Diozösen, doch ist ihnen [5] - gemäß dem Sprichwort - nichts heilig. Sie musste einerseits überlegen und irgendeinen Weg aufspüren, auf dem sie selbst der Dinge, die sie haben, nicht beraubt werden dürften und, nachdem ihre Heuchelei vertrieben ist, nicht einmal darauf angesprochen werden dürften, was sie nicht mehr sind. Sie müssen aber die Ehre Gottes, die Botschaft des Evangeliums und die Lehren der Wahrheit am höchsten schätzen und ihre ganze Macht [10] darauf legen. Diejenigen aber, die mit denen rumstreiten, würden, wie ich glaube, Gott danken, wenn jene auf das, was sie haben, aufpassten und nur keinen Krieg gegen die Wahrheit anfangen wollten. Und Gott möge allen ein gottliebendes Herz geben, sodass ein jeder sich, wie er kann, bemüht gut zu stellen, was bei Gott und den Nächsten liegt. 13. Das versprochene General-Konzil Und Karl bemühte sich zwar, wie er es anfangs versprochen hatte, ein Konzil zusammenzubringen. [15] Aber immer geriet irgendetwas dazwischen, entweder beim Bischof von Rom oder den Protestanten. Es wurde sowohl über den Vorsitz und die Abstimmung gestritten, von wem diese ausgeführt werden müssten, als auch vorher noch über die Einberufung. Diese Dinge legte der Bischof von Rom wegen der vorrangigen Stellung seines Bischofstuhls ganz als seine eigene Aufgabe aus. Die Vertreter der Protestanten aber sagten, dass das schon ein deutliches [20] Vorurteil sei und dass es unerträglich sei, dass dieselben Leute Richter und Gegenstand des Disputs werden. Denn das klerikale System müsse nicht weniger angeklagt werden und Rechenschaft ablegen über die von ihnen gelehrten und betriebenen Dinge, als sie selbst. Und es müsste für beide in gleicher Weise einheitliche Prozesse geben. Dabei müssten diejenigen richten, die keiner der beiden Parteien und allein der Wahrheit [25] treu ergebene Freunde sind. Dogmen müssten ohne Intrige und bösartigen Ehrgeiz geprüft werden. Diese beiden Dinge müssten in Hinblick auf die Heilige Schrift und die rechtgläubigen Bischöfe und Lehrer, die dieser in Einklang mit der katholischen Kirche folgen, geschehen. Und die anderen leugneten nicht, dass zwar bei Über den Schmalkaldischen Krieg 197 <?page no="198"?> [Freher 1611, p. 403] 1 παρὰ σφῶν οὐκ ὀλίγα κατορθώσεως δεόμενα , οὐ χρῆναι δὲ κατ’ αὐτῶν τοὺς ἤτοι φθόνῳ ἢ ἔχθρᾳ προσενεχθησομένους τῇ διαγνώσει παρίζεσθαι , καὶ ὀνόματα λέγοντές τινων τῶν ἐναντίων λοιμούς τε καὶ οὐτιδανοὺς καὶ πλά νους ἀποκαλοῦντες , οὐ τούτων , ἀλλὰ τῶν ἐν τῇ ἐκκλησίᾳ κορυφαίων , τὴν 5 διάκρισιν τελείαν τε καὶ τὴν δίκην παρ’ αὐτῶν οὐκ ἐφέσιμον εἶναι ἠξίουν . Τούτων οὖν ἀμφιδηρίτων ἐπὶ χρόνον τινὰ ὄντων τέλος δὴ σύνοδος ὑπὸ Παύλου τοῦ τρίτου προηγορεύθη ἐπὶ τὸ Τρίδεντον , καὶ ἔλεγον τοῦτο σὺν τῇ τοῦ Καρόλου γνώμῃ πραχθῆναι , καὶ ὅτι ὁ Κάρολος βούλοιτο ταύτην εἶναι τὴν ὑπεσχημένην σύνοδον , τοῦ τε γὰρ Τριδέντου πόλεως τόν τε Φερδίνανδον 10 βασιλέα κύριον εἶναι , καὶ αὐτοῦ ἐφορωμένου πάντα γενήσεσθαι τὰ δέοντα . Οἱ δὲ διαμαρτυρήσαντες οὔτε ἀσφαλῆ τὴν ἐκεῖσε πάροδον , οὔτε ἀκίνδυνον ἐνταῦθα διατριβὴν ἔσεσθαι ἀντέλεγον , καὶ ἐκτὸς τῶν τῆς Γερμανίας ὅρων ἀνενδοιάστως εἶναι τὸ Τρίδεντον , καὶ οὐδαμῶς ἤθελον συγκαταθεῖναι τοῖς φάσκουσιν εἶναι τὴν ψηφισθεῖσαν ἐλευθέραν τε καὶ ἀνύποπτον σύνοδον . Καὶ 15 ἐδόκουν οὐκ ὀρθῶς ποιῆσαι ἀμφότεροι , ὅτε Κάρολος τὸ μὲν ποῖαν γνώμην ἔχοι περὶ τῶν , ἃ ἂν ἡ ξύνοδος διατάξῃ μὴ διασαφῶν , ἀλλὰ κρύπτων ἅπαντα καὶ ἐάσας ἐν τῷ δογματίζειν τὴν ξύνοδον προιέναι καταδικάζουσαν ὥσπερ ἐρήμην τῶν διαμαρτυρησάντων , τὸ δὲ διπλώμασί τισι τὰ ἀμφιβαλλόμενα δόγματα διακρίνας καὶ κελεύσας τινὰ τῶν ἐλεγχομένων , ὡς πάνυ ἄτοπα , 20 πιστεύεσθαι ὅμως καὶ τηρεῖσθαι . Οἱ δὲ διαμαρτυρήσαντες ἀποστρεφόμενοι παντάπασι τὰ τῆς ξυνόδου καὶ φιλονεικοῦντες πρὸς τὴν κλῆσιν , οὐδ’ ὅλως γενησομένην ἴσως , καὶ ἂν γένοιτο , δέον αὐτοὺς λόγον παρέχειν τῆς διδαχῆς , καὶ μὴ φεύγειν τὸ φῶς , καὶ ὅσα τοιουτότροπα εἰρῆσθαι φιλεῖ . Ἐχρῆν δ’ ἄρα ἀρχήν ποτε ἀνατεῖλαι τῶν ὁπωσοῦν καὶ πώποτε δὴ τελευτησομένων . Μόνος 25 γὰρ τοῦτο οἶδεν ὁ θεός . 14. Ἡ γὰρ ξύνοδος συγκροτηθεῖσα ἅπαξ οὐκ ἀνῄει ἐπερχομένη τὰ τῶν ἐναντίων , ἀντὶ ἐλέγχων τοῖς εἰωθόσιν ἀξιώμασιν χρωμέ νη , καὶ ὁ Κάρολος app. crit.: 403,1 κατορθόσεως VR : κατορθώσεως ed. | 2 προσενεχθησομένους Vh2 : προ σενεχθησαμένους a | 4 ἀπεκαλοῦντες VR : ἀποκαλοῦντες ed. | 6 ἀμφιδηρήτων VR : ἀμφιδηρίτων ed. | ὄντων . τέλος VR : ὄντων τέλος ed. | 9 τοῦ τε V : τοῦτε R | 10 ἐφωρωμένου VR : ἐφορωμένου ed. | 17 ὥσπερ Vh2 : ὅσπερ a | 18 διαμαρτυρησάντων . Τὸ VR : διαμαρτυ ρησάντων , τὸ ed. | 20 πιστεεύεσθαι VR : πιστεύεσθαι ed. | ὅμως Vh2 : ὅμος a | 23 τοιούτροπα VR : τοιουτότροπα ed. | 24 ποίποτε VR : πώποτε ed. (Stenius: quo sane modo et tempore) | τελευθησομένων VR : τελευτησομένων ed. | 25 συγκροτεῖ σα VR : συγκροτήθεισα ed. (Stenius: Synodus igitur semel convocata) | ἀνήει VR : ἀνῄει ed. | 26 εἰωθάσιν Vh2 : εἰωθόσιν em. a | ἀξιώμασιν Vh2 : ἀξιώμασι a 198 De Bello Smalcaldico <?page no="199"?> [403,1] ihnen nicht weniges war, was der Korrektur bedurfte, doch sei es nicht nötig, dass der Prüfung gegen sie auf gleicher Ebene diejenigen beisitzen, die entweder aus Hass oder aus Feindseligkeit kommen. Und sie nannten Namen gewisser Gegner und bezeichneten sie als Pest, Taugenichtse und Plagen. Sie verlangten, dass die [5] endgültige Entscheidung und der Prozess, bei dem es kein Recht auf Berufung gibt, nicht deren Aufgabe ist, sondern die der Kirchenhäupter. Das war also eine gewisse Zeit lang strittig. Schließlich wurde ein Konzil von Paul III. nach Trient einberufen. Man sagt, das sei mit Karls Zustimmung gemacht worden; er habe gewollt, dass das das versprochene Konzil sei. Denn König Ferdinand [10] sei Herr über die Stadt Trient und unter seiner Aufsicht werde alles Nötige geschehen. Die Protestanten aber entgegneten, weder ihre Anreise dorthin werde sicher sein noch ihr Aufenthalt dort gefahrlos. Trient liege zweifelsfrei außerhalb der Grenzen Deutschlands und sie wollten keineswegs denen zustimmen, die behaupten, dass dies das beschlossene, freie und unverdächtige Konzil sei. Und [15] beide scheinen nicht richtig gehandelt zu haben: Karl, weil er einerseits nicht klar machte, welche Meinung er von dem hatte, was das Konzil festsetzt, sondern alles verbarg und das Konzil im Fassen von Beschlüssen fortfahren ließ, während es, gewissermaßen in Abwesenheit der Protestanten, Urteile fällte. Andererseits weil er durch gewisse Schreiben umstrittene Lehren verwarf und befahl, gewisse bereits als töricht widerlegte Lehren trotzdem [20] zu glauben und beizubehalten. Die Protestanten, weil sie sich gänzlich von den Angelegenheiten des Konzils abwandten und gegen die Einladung kämpften, die es vielleicht überhaupt nie geben werde und wenn doch, sei es nötig, dass sie selbst Rechenschaft ablegen über ihre Lehre und das Licht nicht meiden und was immer derart gesagt zu werden pflegt. Es wäre nötig gewesen, dass irgendeinmal ein Anfang für diejenigen Dinge gemacht wird, die irgendwie und irgendwann einmal beendet werden sollen. [25] Denn das weiß Gott allein. 14. Der Beginn des Schmalkaldischen Krieges Denn nachdem das Konzil einmal zusammengebracht worden war, ließ es nicht ab, die Sache der Gegner anzugreifen und statt argumentativen Widerlegungen die gewohnten Ansichten zu verwenden. Und von Karl Über den Schmalkaldischen Krieg 199 <?page no="200"?> [Freher 1611, p. 404] 1 ὑπελαμβάνετο τὰ δεδογμένα βούλεσθαι κυρῶσαι καὶ ὅπλοις , ἂν δέῃ . Τινῶν ἀμφ’ αὑτοὺς λόγοις ἐκπληττόμενοί τε καὶ < … > παροξυνόμενοι , καὶ πρόθυμοι δὴ καὶ αὐτοὶ ὄντες μετεώρῳ τε τῇ δυνάμει κινδυνεύειν , καὶ διακρίνειν τὰ πράγματα εἰσάπαξ < … >, καὶ μὴ ἀεὶ ταῖς τε δαπάναις κατατρύχεσθαι , καὶ 5 φόβῳ τῆς ἁλώσεως συνέχεσθαι οὕτω δὴ καὶ αὐτοὶ οἱ ξύμμαχοι στράτευμα ὅτι τάχιστα συνάγειν , καὶ ἅπαντα δρᾶν ἤρξαντο , ὥστε ἀμύνεσθαι , εἴ τις βιάζοιτο , καὶ μὴ προσδοκᾶν αὐτοῦ καθεζομένους τὴν τῶν πολεμίων ἔφοδον , ἀλλὰ προαπαντῆσαι αὐτοῖς καὶ φθᾶσαι τοὺς μέλλοντας κακὸν ἐργάζεσθαι ἔσπευ δον . Ὃ καὶ ἐποίησαν , καὶ παρ’ ἐλπίδα στρατὸν ξυναγείραντες πολὺν , διὰ τῆς 10 Φραγκίας ἐπὶ τὸν Λύκον καὶ Δανύβιον ὅτι τάχιστα ἐπορεύθησαν . Ἐν ᾧ μὲν ὑστερήσωσιν ἐν τούτῳ ἡττᾶσθαι ἡγησάμενοι , ᾧ δὲ ταχύνειν δυνηθῶσι κρείτ τους ῥᾳδίως ἔσεσθαι ἐλπίσαντες . Τὸ δὲ τῶν πόλεων ὑπηρέτημα προθυμότα τον ἦν , καὶ χρήματα παραδόξως πλεῖστα ἐπορίσθη , καὶ πάντα ὡς ἐπ’ ἔσχατον κίνδυνον παρασκευόντων αὑτοὺς τῶν ξυμμάχων οὕτω διεπράχθη . Ἀλλὰ καὶ 15 πάνυ ἀφροντίστως τε καὶ ἀπρονοήτως μεταχειρίζεσθαι πάντα εὐθὺς ἐδόκουν τοῖς τε τὰ γενόμενα καταμανθάνουσι , καὶ ἀδεκάστως κρίνουσιν αὐτά . Οὔτε γὰρ ἐνθυμηθέντες ἡλίκον μέγεθος πολέμου ἄραιντο , οὔτε ἐφ’ οἵους ἀνθρώ πους στρατεύσοιντο , ὡς δεινοὺς μὲν νοεῖν , ὀξεῖς δὲ πράττειν , οὔτε τὴν ὑπερμεγέθη τοῦ Καρόλου δύναμιν λογιζόμενοι . Οὔκουν βέλτιόν τε καὶ προ - 20 μηθέστερον παρεσκευάζοντο , ἀλλ’ οὐκ οἶδ’ αἷς τισιν ἐλπίσι βοσκόμενοι , ἢ ποίαις ἐπαγγελίαις μετέωροι , ἢ ποίοις ἐπτερωμένοι λογισμοῖς , ὡς ὦκ’ ἤδη πάνθ’ ὑφ’ αὑτῶν ποιήσειν πεπεισμένοις ἐῴκεσαν . Καὶ εἴ τις ἄρα ἀποτρέπειν βούλοιτο καὶ οἴοιτο ἄμεινον εἶναι ὑφειμένους καὶ ταπεινώσαντας αὑτοὺς τῆς εἰρήνης στοχάζεσθαι μᾶλλον , ἢ μάχης ἐπιθυμεῖν , καὶ μὴ πειστέον τῇ τῆς 25 προφάσεως εὐπρεπείᾳ οὔσης βραχείας , καὶ ὅτι τὸ ἔσχατον ἐκβὰν ἄδηλον , καὶ ὅτι οὐ χρὴ ἕνα < κύβον > ἀναῤῥίπτεσθαι περὶ τῶν ὅλων , οὐδὲν ἐκεῖνοι προσ ίεσαν τούτων , καὶ ἤτοι κατεγέλων ἢ καὶ πικρότερον διέκρουον . Καὶ εὐθὺς ἦσαν οἱ μὴ πάντα ἐπαινοῦντες τὰ λεγόμενά τε καὶ πραττόμενα , app. crit.: 404,1 δέῃ τινῶν VR : δέῃ . Τινῶν ed. (Stenius: … velle etiam armis rata facere. Unde factum est, ut Protestantes consiliariorum suorum sermones territi … ) | 2 ἐκπλητόμενοι τε VR : ἐκπληττόμενοί τε ed. | καὶ < … > παροξυνόμενοι lac. suspicor (cf. ann.; cf. Stenius: Unde factum est, ut Protestantes consiliariorum suorum sermonibus territi, >ad bellum< incitarentur.) | 4 εἰσάπαξ < … >, καὶ lac. suspicor (cf. ann.; cf. Stenius: et ad negotium illud semel >armis et copiis< transigendeum.) | 10 ἐπορεύθησαν . ἐν V : ἐπορεύθησαν . ἐκ h2 : ἐπορεύθησαν· ἐκ a | ἐν V : ἐκ R | 11 ἡγησάμενοι . ᾧ VR : ἡγησάμενοι , ᾧ ed. | 12 ἐλπίσαντες τὸ VR : ἐλπίσαντες . τὸ ed. | 13 ἕσχατον Vh2 : ἔχατον a : ἔσχατον ed. | 22 αὑτ ῶν V : αὐτῶν R | 23 ταπεινόσαντας V : ταπεινόσειτας R : ταπεινώσαντας ed. | αὐτοὺς VR : αὑτοὺς ed. | 26 ἕνα ἀναῤῥίπτεσθαι V : ἕνα ἀναῤῥίσθαι R : κύβον supplevi (cf. ann., cf. Stenius: nec uno momento >aleam< de summa reipublicae iaciendam esse) | 27 διέκρουον , καὶ VR : διέκρουον . Καὶ ed. 200 De Bello Smalcaldico <?page no="201"?> [404,1] glaubte man, er wolle die Beschlüsse bestätigen - wenn nötig mit Waffen. Die Bündner wurden aufgeschreckt und < … > angestachelt von den Reden gewisser Leute um sie herum und waren auch selbst dazu bereit, mit einer ungewissen Macht ein Risiko einzugehen, die Sache ein für alle Mal < … > zu entscheiden und nicht ewig von den Kosten zerrieben und [5] durch die Furcht vor Gefangennahme zusammengehalten zu werden. So fingen sie auch selbst an, möglichst schnell ein Heer zu sammeln und alles so zu tun, dass sie sich verteidigen können, wenn irgendwer bedrängt wird. Und sie bemühten sich, nicht an Ort und Stelle sitzen zu bleiben und auf den Angriff der Feinde zu warten, sondern ihnen zu begegnen und denen, die Schlechtes tun wollen, zuvorkommen. Das taten sie auch: Sie stellten wider Erwarten ein großes Heer auf und zogen sehr schnell durch [10] Franken zu Lech und Donau. Dadurch, dass sie zurücklagen, glaubten sie, unterlegen zu sein. Dadurch, dass sie sich aber beeilen konnten, hofften sie, leicht zur Überlegenheit gelangen zu können. Die Unterstützung von Seiten der Städte war höchst bereitwillig und es wurden wider Erwarten sehr viele Gelder verschafft. Alles wurde vollbracht, als wenn sich die Bündner auf die größte Gefahr vorbereiteten. Doch schienen [15] sie denen, die über die Geschehnisse unterrichtet waren und das unvoreingenommen beurteilen konnten, alles sofort recht achtlos und nicht vorausdenkend zu handhaben: Denn weder überlegten sie, einen wie großen Krieg sie auf sich nehmen noch gegen was für Menschen - wie listig und wie energisch - sie Krieg führen würden. Auch rechneten sie Karls riesengroße Streitmacht nicht mit ein. Sie bereiteten sich also nicht besser und [20] vorausschauender vor, sondern sie glichen Leuten, die davon überzeugt sind, dass sie sich in Kürze bereits alles untertan machen werden. Sie waren entweder genährt durch gewisse Hoffnungen oder übermütig durch irgendwie beschaffene Versprechen oder beflügelt durch Überlegungen irgendwelcher Art. Und immer wenn sie jemand abhalten wollte und glaubte, es sei besser nachzugeben, sich selbst zu erniedrigen und eher nach Frieden zu streben als eine Schlacht zu wünschen, und dass man nicht auf die [25] Schönheit des Anscheins vertrauen dürfe, weil er kurz sei, und dass der letztendliche Ausgang unklar sei und nicht ein einziger <Würfel> über das Ganze geworfen werden dürfe, dann schenkten jene ihnen kein Gehör und lachten sie entweder aus oder entledigten sich ihrer auf herbere Weise. Und sofort waren die, die nicht allem Beifall spendeten, was gesagt und getan wurde, Über den Schmalkaldischen Krieg 201 <?page no="202"?> [Freher 1611, p. 405] 1 ἢ ψοφοδεεῖς ἢ ἄπιστοι ἢ καὶ τῶν δογμάτων προδόται . Ἀμέλει ὁ μὴ παρά τε τούτοις , ἅ αὐτοῖς ἤρεσκεν , κάλλιστα ἔχειν διισχυριζόμενος ἅπαντα , παρά τε τοῖς τἀναντία φρονοῦσι , μὴ ὅσα οὗτοι ἐβούλοντο εὐλογῶν , εὐθέως καὶ ἤκουε κακῶς καὶ ἐμισεῖτο , ὥστε παῤῥησίᾳ καὶ ἐλευθεριότητι χώραν ούδαμῶς 5 ἀπολείπεσθαι . 15. Ἦν δὲ ἐν πολλῷ χρόνῳ εὖ φρονουμένης τῆς Γερμανίας τῶν παρὰ τοῖς ἄρχουσι πρώτων δεινή τις ὑπερηφάνεια καὶ τοῦ πλούτου ἐπιθυμία τε καὶ ἐπίδειξις , τό τε τοῦ νομίσματος πλῆθος , ὡς οὔπω πρότερον προσεγένετο , καὶ ἀργύρου τε καὶ χρυσοῦ πολλὴ χρῆσις . Τὸ δὲ τῶν ἐσθημάτων πολυτελές τε ἅμα καὶ ἀλλόκοτον οὐ ῥᾷον ἄν τις ἐξηγήσαιτο . Τούτων δ΄ αἴτιον 10 ἁπάντων αἱ συνεχέστεραι ἀποδημίαι καὶ μίξεις πρὸς τοὺς ἔξω , κατά τε ἐμπορίαν καὶ ἐκστρατείαν , μάλιστα παρά τε Γαλάταις τε καὶ Ἰταλιώταις καὶ Ἴβηρσι , τό τε κοῦφον καὶ ἐν βαθείᾳ ἡσυχίᾳ ἄφροντις τῆς γνώμης . Ἀήθεις τε γὰρ πολέμων καὶ μᾶλλον εἰωθότες μέχρι τοῦδε οἱ Γερμανοὶ ἐπιέναι μεθ’ ὅπλων τοῖς ἄλλοις ἢ ἀμύνεσθαι τοὺς ἐφορμῶντας , καὶ ἐν τοῖς ἐμπορεύμασιν 15 οὐχ ἥκιστα εὐτυχοῦντες , καὶ πλείστοις ὅσοις ἔτεσιν ἄμαχοι μεταξὺ σφῶν αὐτῶν διατελέσαντες , εἰ μὴ ὅτι μικρόν τι ἐνίοτε ἐξαπίνης προσπεσόντες , καὶ εὐθὺς αὖ διακριθέντες ξυνεπλάκησαν αὑτοῖς , καὶ ἐπὶ τῇ τῶν ἀγροίκων συνωμοσία ὀλίγον ζημιωθέντες ταχέως ἀνεκτήσαντο αὑτοὺς καὶ εὐπορώτε ροι καὶ ἰταμώτεροι σχεδὸν ἅπαντες ἢ πρὸ τῆς συμφορᾶς ἐγένοντο . Ἔβλαψε 20 δ’ αὐτοὺς ἐν τοῖς πρώτοις ἡ φιλοδοξία τε καὶ φιλοκτημοσύνη , ὑφ’ ἧς οἷον οἰστρούμενοι ἀποστρεφόμενοι τὴν πατρίδα , καὶ ταύτης ὡς μικρᾶς καὶ ταπει νῆς καταφρονήσαντες καὶ τὴν εἰθισμένην ἀγωγὴν ὡς ἀνελεύθερον περιο ρῶντες , δρόμῳ ἐφέροντο ἐπί τε τὰς ξενιτείας καὶ μισθοφορὰς , καὶ εἰς τὰς τῶν βασιλέων αὐλὰς καὶ τὰ ἐγκύκλια αὐτόθι ὑπηρετήματα ἔσπευδον , καὶ ὁ μὴ 25 Γαλατίζων ἢ Ἰταλιανίζων τῷ τε σχήματι καὶ τῇ φωνῇ , ἄχρηστός τε καὶ οὐτιδανὸς ἐνομίζετο . Τότε τῇ τῶν πατριῶν ἐθῶν ἀφελείᾳ ἐμμένειν < μωρίας >, καὶ τὸ μάλιστα εἰς ἀλλόφυλόν τι παραβαίνειν ἐλευθεριότητος καὶ σοφίας ἔργον ὑπείληπτο . Καὶ ἦν τῆς τε γνώ- app. crit.: 405,2 ἤρεσκον VR : ἤρεσκεν | 6 ὑπερφάνεια Vh2 : ὑπερηφάνεια em. a | 9 αἴτιον VR (cf. ann.; Stenius: causam praebuere) | 12 ἴβηρσι . τό VR : Ἴβηρσι , τό ed. | ἄφρον τι Vh2 : ἄφρον τε a : ἄφροντις ed. | 14 ἀμύνεσθαι τοὺς V : ἀμύνεσθαι . τοὺς h2 : ἀμ { ήν } εσθαι . τοὺς a | 18 συνομοσίᾳ VR : συνωμοσίᾳ ed. | 19 ἅμαντες VR : ἅπαντες ed. (Stenius: ferme omnes redditi) | 22 εἰθυσμένην VR : εἰθισμένην ed. | ἀνελεύτερον VR : ἀνελεύθερον ed. | 24 τῶτε VR : τ ῷ τε ed. | 26 ἐθῶν V : om. R | 26 - 27 ἐμμένειν , καὶ Vh2 : ἐμμένειν καὶ a : ἐμμένειν < μωρίας >, καὶ suppl. (cf. ann.; cf. Stenius: et stolidus, qui simplicitatem patrii moris constanter retineret) 202 De Bello Smalcaldico <?page no="203"?> [405,1] Feiglinge, Ungläubige oder auch Verräter der Lehren. Freilich war jemand, der bei den Bündnern nicht all das als sehr gut bestätigte, was ihnen gefiel, und bei denen, die die gegenteilige Meinung hatten, nicht alles, was diese wollten, lobte, sofort in schlechtem Ruf und wurde gehasst. In der Folge blieb der Redefreiheit und der Freiheit an sich kein Raum mehr. 15. Sittenverfall in Deutschland [5] Es gab aber in der langen Zeit, als Deutschland bei Verstand war, unter der höfischen Gesellschaft eine schlimme Arroganz, Gier nach Reichtum und Zurschaustellung desselben. Es gab eine Menge an Geld, wie noch nie zuvor. Gold und Silber waren viel in Gebrauch. Die Kostbarkeit und Ungewöhnlichkeit der Mode aber könnte man wohl nicht so leicht erklären. Ursächlich für das alles [10] waren die anhaltenden Auslandsaufenthalte und der Umgang mit den Ausländern sowohl im Handel als auch bei militärischen Auszügen, am meisten bei den Franzosen, Italienern und Spaniern, sowie Leichtsinn und Vernachlässigung des Verstandes in tiefem Gleichmut. Denn die Deutschen waren mit Kriegen nicht vertraut und bis zu der Zeit eher gewohnt, andere mit Waffen anzugreifen als die Angreifer abzuwehren. Und im Handel waren sie [15] überaus erfolgreich und verbrachten die meisten Jahre ohne Kämpfe unter sich - wenn sie nicht für kurze Zeit manchmal plötzlich angriffen und sich sofort wieder nach der Trennung einigten. Gleich nach der Bauernverschwörung, nachdem sie ein wenig Schaden erlitten, kamen sie schnell wieder zu sich und wurden alle reicher und fast ausgelassener als vor dem Ereignis. Insbesondere schadete [20] ihnen die Ruhmsucht und Besitzgier. Durch die wandten sie sich - als ob sie gestochen wurden - von der Heimat ab und missachteten sie, als wäre sie unwichtig und lästig. Die gewohnte Lebensweise betrachteten sie, als wäre sie unfrei. Schnell wurden sie dazu gebracht, im Ausland zu leben und als Söldner zu dienen. Sie eiferten an den Höfen der Könige um die dort reihum gehenden Dienstposten, und wer sich nicht [25] französisch oder italienisch kleidete und ausdrücken konnte, den hielt man für unbrauchbar und nichtsnutzig. Damals die Einfachheit der väterlichen Sitten einzuhalten, hielt man für eine Sache von <Torheit> und ins Ausland zu gehen am allermeisten für Freiheit und Weisheit. Sowohl Meinung Über den Schmalkaldischen Krieg 203 <?page no="204"?> [Freher 1611, p. 406] 1 μης καὶ τοῦ βίου αὐτεξούσιον καὶ καταλελειμμένον ταῖς βουλήσεσι τῶν λέγειν τε καὶ ποιεῖν ἐθελόντων , ὥσπερ ἂν ἐπί τε τὸ στόμα καὶ τὸν νοῦν ἔλθοι . Ἐκ τούτου καὶ φιλοχρηματία δεινὴ τὴν Γερμανίαν κατέκλυσεν , καὶ οὔτε γένος , οὔτε εὐφυΐα , οὔτε τὸ λόγιον τῇ ἀφθόνῳ τῶν χρημάτων κτήσει προὐ - 5 τιμᾶτο . Ἐπεὶ δὲ πάντες σχεδὸν ἐκρατοῦντο ὑπὸ τῶν τοῦ σώματος ἡδονῶν , ἐπράττετο οὐκέτι πολλὰ τῶν καλῶν ἔργων σπουδαίως . Κατίδοι δέ τις καὶ ἐν τούτοις , ὅτι ὄφελος οὐδὲν τῶν ἀγαθῶν μὴ παρασχόντος τοῦ θεοῦ εὖ χρῆσθαι αὐτοῖς , ὅπου οἱ Γερμανοὶ οὕτως ἐτρυχώθησαν οὐ μόνον μηδένων ὕστεροι ὄντες τῇ τε ὀρθῇ παιδείᾳ , καὶ τοῖς ἀρίστοις ἐπιτηδεύμασι καὶ τῷ τῆς εὐσεβείας 10 καὶ πάσης ἀληθείας ζήλῳ , ἀλλὰ οἱ μόνοι ἐξ ἁπάντων ὡς ἔπος εἰπεῖν θνητῶν ἀνθρώπων δικαιοσύνην τε ἤσκουν , καὶ ἀρετῆς ἀντελαμβάνοντο καὶ φιλαν θρωπίαν ἐπετήδευον , καὶ τὸ καλόν τε καὶ αἰσχρὸν τὸ μὲν ἔτι ἐπαινετὸν τὸ δὲ ψεκτὸν εἶναι πεπεισμένοι ἦσαν . Εἰ δέ τις καὶ τὴν περὶ τοὺς λόγους καὶ τὴν φιλοσοφίαν σπουδὴν οἴοιτο θαύματος εἶναι ἀξίαν , οὗτος οὐκ ἂν εὗροι τοὺς 15 Γερμανοὺς ἤτοι ἀμελήσαντας ταύτης , ἢ ὑστερήσαντας κατὰ ταύτην καὶ τῶν πάνυ ὀνομαστῶν τε καὶ περιφανῶν εἶναι φασκόντων . Τὰ δὲ πάντα τὸ ῥᾴθυμον τῆς γνώμης καὶ μαλακὸν τῆς διαίτης καὶ ἀνειμένον τοῦ βίου διέφθαρε καὶ εἰς τοῦτο κατέστησε τὸ ἔθνος ἄτης τε καὶ ὀνείδους , ὥστε οὐθ’ ἡ θάλασσα καθαίρειν ἂν ἱκανὴ εἴη , καίπερ οἷά τε ἐκείνη κλύζειν , κατὰ 20 τὸν Εὐριπίδην , πάντα τἀνθρώπων κακά . Ἐκπεπτώκασι δὲ ἐπὶ τὸ αὐτὸ , ὅπερ καὶ πρότερον μάλιστα ὀλέθρου αἴτιον τοῖς δυνατοῖς καὶ πολυανθρώποις τῶν ἐθνῶν ἐγένετο , καὶ μετέπειτα γενήσεται , τὸ τὴν ἐναντίαν σφισὶν αὐτοῖς δόξαν ἔχειν περί τε τῶν θείων κᾀνθρωπίνων . Ὥσπερ γὰρ , ὡς ἔφη τις τῶν παλαιο τέρων , τὸ μίαν μὲν ἔχειν καὶ τὴν αὐτὴν δόξαν περὶ θεοῦ τῷ βίῳ δὲ καὶ τοῖς ἔθεσι μηδὲν 25 ἀλλήλων διαφέρειν καλλίστην ἐν ἤθεσιν ἀνθρώπων συμφωνίαν ἐπιτελεῖ , οὕτως τὸ ἀλλόγνωμον τότε ὁμόφυλον διίστησι , καὶ τὸ διάφορον ἐν τάχει ἐκπολεμοῦ ται , ἡ δὲ διχοστασίη τρώγει γένος , ἥτε καὶ εὖπερ οἴκους ἑστηῶτας ἐσίνατο , κατὰ τὸν Κυρηναῖον ποιη- app. crit.: 406,1 καταλελεμμένον VR : καταλελειμμένον ed. | 6 κατί δοιδέ τις VR : κατίδοι δέ τις ed. | 16 ὀνομαστῶν τε V : ὀνομαστῶντε R | 20 cf. Eur. Iph. T. 1193. | 21 δυνατοῖς V : om. R | 22 σφισιναυτοῖς VR : σφισὶν αὐτοῖς ed. | 24 αὐτὴν V : om. R | 24 - 25 cf. Ios. c. Ap. 2.19.1 (179) | 26 διχυστασίη VR : διχοστασίη ed. | cf. Kall. Hymn. 3,133f. 204 De Bello Smalcaldico <?page no="205"?> [406,1] als auch Leben waren frei und dem Willen derer überlassen, die reden und handeln wollten, wie auch immer es in den Mund und den Sinn kam. Daher überflutete auch eine schlimme Geldgier Deutschland, und weder die Herkunft noch gutes Aussehen oder der Verstand wurden dem reichlichen Besitz von Geld vorgezogen. [5] Nachdem fast alle von den körperlichen Lüsten beherrscht waren, wurden viele gute Taten nicht mehr ernsthaft getan. Man dürfte auch hierin bemerken, dass Güter keinen Nutzen haben, wenn Gott nicht gewährt, dass man sie gut nutzt, was die Deutschen auf diese Weise zu Grunde richtete. Dabei standen sie nicht nur niemandem in der richtigen Erziehung, den besten Beschäftigungen und der Bewunderung von Frömmigkeit [10] und aller Wahrheit nach, sondern übten sozusagen als einzige von allen Sterblichen die Gerechtigkeit aus, nahmen sich der Tugend an, praktizierten Menschenliebe und waren überzeugt, dass das Schöne noch lobenswert und das Schändliche tadelnswert war. Wenn aber jemand glaubte, die Bemühung um Worte und die Philosophie sei bewundernswert, dürfte der wohl nicht finden, dass die [15] Deutschen sich entweder darum nicht sorgten oder schlechter darin waren als die, die sagen, namhaft und berühmt zu sein. Doch das alles - die leichtsinnige Einstellung, das weichliche Benehmen und die schlaffe Lebensweise - richtete Zerstörung an und brachte das Volk zu diesem Zustand von Verblendung und Tadel, dass nicht einmal das Meer zu Reinigung reichen dürfte, obwohl jenes ja nach [20] Euripides fähig ist, ‚ alle Übel der Menschen wegzuwaschen ‘ . Sie verfielen aber in dasselbe, was auch vorher Hauptursache des Untergangs für mächtige Völker mit großer Menschenzahl wurde und in Zukunft noch werden wird: Sie hatten unter sich selbst eine entgegengesetzte Meinung über Göttliches und Menschliches. Denn, so sagte irgendeiner der Älteren, wie es ‚ die schönste Eintracht menschlicher Sitten schafft, [25] wenn man ein und dieselbe Meinung über Gott hat und im Leben wie in den Bräuchen sich in nichts unterscheidet ‘ , so geriet damals ein zusammengehöriges Volk mit verschiedener Meinung in Streit und trug den Zwist in Kürze kriegerisch aus. Doch die ‚ Zwietracht nagt am Volk und hat gut stehenden Häusern geschadet ‘ gemäß dem Dichter von Kyrene. Über den Schmalkaldischen Krieg 205 <?page no="206"?> [Freher 1611, p. 407] 1 τήν . Ἀλλὰ περὶ μὲν τοῦ εὖ ἢ ἑτέρως ξυνενεγκεῖν τι ἐσύστερον τῷ ἔθνει τούτῳ γένοιτο ἂν , ὅπερ θεῷ φίλον . Ὁρῶ γὰρ τῶν μεγάλων μεταβολῶν αἰτίας πάντως ἐκ τούτου ἀνηρτῆσθαι , οὔτε τῆς ἐπιθυμίας ἀνθρώπων πρὶν ἢ καιρὸν ἥκειν καίπερ ἐπιβλαβοῦς μάλιστα οὔσης προὐξεργαζομένης , οὔτε τῆς προνοίας ᾗ 5 τὰ πλεῖστα κατορθοῦται , ἀπερύκειν τὸ χρεὼν δυναμένης . Τὰ δὲ περὶ Γερμα νῶν ξυμβήσεσθαι μέλλοντα , ἐμοὶ μὲν σκοποῦντι ξυλλήψεσθαι δοκοῦσι καθ όλου τι τῆς τύχης ἐφ’ ἅπασαν τὴν καθ’ ἡμᾶς οἰκουμένην . Ὧιτινι δὲ δοξάσαι ἑτέρως μᾶλλόν τι ὕπεστιν , ἐκεῖνος ἀνέγκλητον ὑφ’ ἡμῶν καὶ τὴν αὑτοῦ γνώμην ἐχέτω . 16. Οἱ μὲν οὖν ξύμμαχοι προίεσαν , ὡς ἐνενοήκεσαν κατὰ 10 τάχος καὶ οὐδενὸς ἐμποδὼν ἱσταμένου , καὶ αὐτοὶ μελλήσει τε καὶ διατριβῇ μηδεμιᾷ χρώμενοι ἐπὶ τὸν Κάρολον παρὰ Δανυβίῳ τότε τὴν δύναμιν ἀθροί σαντα κατήπειγον τὴν πορείαν . Ὁ δὲ Κάρολος καίπερ ἀπαρασκευότερος ὢν τυγχάνων , ὅμως συνῆγεν , ὅνπερ οἷός τε ἦν τῶν μάλιστα ἐπικαίρων καὶ ὁμόσε χωρεῖν τοῖς ἐπερχομένοις διενοεῖτο . Ἐφάσκετο δὲ παρὰ τῶν ἰδόντων , ὅτι 15 ξυνελέγη πρὸς τῶν ξυμμάχων στράτευμα τῇ τε ῥώμῃ καὶ τῷ πλήθει τῶν ἱππικῶν καὶ πεζῶν δυνάμεων καὶ ταῖς μηχαναῖς καὶ πάσῃ παρασκευῇ , οἷον καὶ ὁρᾶν κάλλιστον καὶ θαυμασιώτατον , καὶ παρὰ δόξαν ἁπάντων συνα θροισθῆναι < ἂν >, κἀν μήκει ὁσῳδήποτε τοῦ χρόνου μὴ ὅτι γε ἐν ὀλίγαις ἡμέραις , αἷς ξυνῆλθέ τε καὶ προῆλθεν ἀπηρτισμένον τῇ πάσῃ χρεῖᾳ τοῦ 20 πολέμου . Ὥστε εἰ καὶ ᾔδεσαν ἅπαντες , ὅτι ἐν τοῖς μάλιστα δυνατόν τε καὶ δεινὸν πολέμιον ἔχοιεν τὸν Κάρολον , ὅμως ἐπιέναι πολλοῖς μᾶλλον πεφοβῆ σθαι τὰς οἰκείας αὐτῶν ἁμαρτίας ἤπερ τῶν ἐναντίων τὴν στρατηγίαν . Οἱ δὲ Σεβαστηνοὶ καὶ Οὐλμαεῖς πεζοὺς ἔχοντες τὸ μὲν σκεδάσαι τὰς τῶν Καρο λείων ξυνόδους ἐσπούδαζον , τὸ δὲ καὶ ἐπὶ τῶν Ἄλπεων καλουμένων στενὰ , ἃ 25 Κλεῖθρα ὀνομάζονται , παρωσάμενοι τοὺς ἀντιπάλους κατέλαβον . Καὶ ἐντεῦ θεν μετ’ οὐ πολὺ ἐξεβλήθησαν αὖθις . Ἤλπισαν δὲ τὴν εἴσοδον ταύτῃ κατέχοντες ἐμποδὼν στήσεσθαι τῇ τῶν Ἰτα- app. crit.: 407,2 ἂν ὅπερ V : ἄν ἅπερ R | ὁρῷ VR : ὁρῶ ed. (Stenius: video) | 4 ἐπιβλαβοῖς V : ἐπιβλαβοῖ R : ἐπιβλαβοῦς ed. (Stenius: cupiditas hominum etiam maxime detrimentosa) | ᾖ VR : ᾗ ed. (Stenius: neque providentia, qua plurima recte expediuntur, fatum avertere.) | 8 ἡτέρως VR : ἡτερως h2 : ἑτέρως ed. | ὕπεισιν VR : ὕπεστιν | ἀνανέγκλητον VR : ἀνέγκλητον ed. (Stenius: bona nostra cum venia) | 9 ἐνενοήκεσαν Vh2 : ἐνενοήκεισας a | 10 ἱαςμένου VR (sic! ) : ἱσταμένου ed. (Stenius: nullo impedimento) | 13 οὕπερ VR : ὅνπερ ed. | 17 - 18 συνθροισθῆναι , VR : ἂν supplevi (cf. ann.) | 18 κἀν Vh2 : κᾀν a ( καὶ ἐν neque καὶ ἄν legend.) | ὁσωδήποτε VR : ὁσῳδήποτε ed. | 19 ἀπηρτισμένου Vh2 : ἀπηριτσμένου a : ἀπηρτισμένον ed. | 24 σθενὰ VR : στενὰ ed. 206 De Bello Smalcaldico <?page no="207"?> [407,1] Aber bezüglich dessen, was diesem Volk später gut oder schlecht zustößt, dürfte wohl geschehen, was Gott lieb ist. Denn ich sehe, dass die Ursachen der großen Umstürze bei den Menschen gänzlich davon abhängen. Weder richtet die Begierde der Menschen - mag sie auch in höchstem Maße schädlich sein - eher etwas aus, als der rechte Zeitpunkt da ist, noch ist die Voraussicht, die das [5] meiste glücklich beendet, im Stande, das Schicksal aufzuhalten. Was aber in Deutschland geschehen sollte, schien mir als Beobachter etwas Allgemeines vom Schicksal auf unserer ganzen Welt zusammenzufassen. Wem immer aber mehr danach ist, etwas anderes zu denken, der soll ohne einen Vorwurf unsererseits auch seine eigene Meinung haben. 16. Donaufeldzug und Flugschriftkrieg Die Bündner rückten also, wie sie es erwogen hatten, [10] eiligst vor, ohne dass sich jemand in den Weg stellte. Sie eilten ohne Zögern oder Aufenthalt zu Karl, der seine Truppen damals an der Donau versammelte. Und Karl rekrutierte, obwohl er weniger vorbereitet war, von denen die am geeignetsten waren jeden, den er konnte, und hatte vor, den Angreifern an ein und demselben Orte entgegenzutreten. Von Augenzeugen wird gesagt, dass von Seiten der Bündner ein solches [15] Heer gesammelt wurde, wie es an Stärke und Zahl von Reiter- und Fußtruppen, Maschinerie und aller Ausrüstung sehr schön und überaus beeindruckend anzusehen war und wie es auch in einer noch so großen Zeitspanne gegen die Erwartung aller ausgehoben worden wäre - geschweige denn in den wenigen Tagen, in denen es zusammenkam und ausgestattet mit allem, was man im Krieg braucht, vorrückte. [20] Daher, wenn auch alle wussten, dass sie ganz besonders in Karl einen mächtigen und fähigen Feind hatten, kam es vielen dennoch eher in den Sinn, ihre eigenen Fehler zu fürchten als die Strategie der Feinde. Die Einwohner von Augsburg und Ulm waren einerseits bemüht, mit Fußsoldaten die Zusammenkünfte der Anhänger Karls zu zerstreuen, und stießen andererseits an eine Engstelle der Alpen vor, die [25] [Ehrenberger] Klause genannt wird, und überfielen die Gegner. Von dort wurden sie nach kurzer Zeit wieder vertrieben: Sie hofften, dass sie, wenn sie den Zugang dort halten, dem Heer aus Italien, Über den Schmalkaldischen Krieg 207 <?page no="208"?> [Freher 1611, p. 408] 1 λιωτῶν ἐπιστρατείᾳ ἐπιδόξῳ οὔσῃ . Ἀλλ’ οὐδὲν ἤνυον ἂν κατεζόμενοι ἐπὶ μιᾶς τῶν Κλείθρων πύλης , ἐπεὶ πολλαί εἰσιν ἄλλοθι ὁδοὶ καὶ μία πολυτριβὴς ἡ διὰ Βενετῶν , ᾗ καὶ τὸ ἐξ Ἰταλίας στρατιωτικὸν παρεγένετο μάλιστα . Προάγειν ἤδη ἐκ τοῦ Ῥηγινοπυργίου ἤρχετο τὸν στρατὸν ὁ Κάρολος , καὶ τὸν ποταμὸν 5 ἐν δεξιᾷ ἔχων , ἐπὶ τὸ τῆς Βαιοαρίας Ἰγγελοστάδιον ἀνῄει , τοῦ ξυμμαχικοῦ ἐπὶ τῇ ἑτέρᾳ ὄχθῃ ἀντιπαράγοντος . Ἦν δὲ τοῦ ξυμμαχικοῦ πᾶσα προθυμία ὥστε ἐν χειρῶν νόμῳ διακινδυνεύειν . Ὁ δὲ Κάρολος οἷα δὴ πλείστοις πολέμοις ἐγγεγυμνασμένος , τοὐναντίον ἔγνωκεν οὐδαμῶς συμβαλεῖν ἄλλως τε καὶ σοβαροῖς ἔτι καὶ εὐθυμοῦσι καὶ φρονηματιζομένοις , ἀλλὰ τῇ ἐμπειρίᾳ χρη - 10 σάμενος τοὺς πολεμίους καταθραύειν τῷ τε τοῦ χρόνου μήκει ἐπιτριβομέ νους , καὶ τῆς δαπάνης πλήθει βαρυνομένους , καὶ δὴ καὶ τῇ ἐν τῷ μεταστρα τοπεδεύειν δυσχερείᾳ τε καὶ τελευτώσῃ ἀπαγορεύσει ἀδημονοῦντας ὄντας Γερμανοὺς ἀνικήτους μὲν τέως ἐν ταῖς συστάδην μάχαις καὶ προσβολαῖς , ἀήθεις δὲ τοῦ διακαρτερεῖν ἐν τοῖς πόνοις , καὶ τὴν φρόνησιν τοῖς ἔργοις 15 προστῆσαι . Ἀμέλει καὶ λέγεται τοιοῦτό τι , ὡς θεασάμενος ἐκ περιωπῆς τὰς ἀκεραίους καὶ ἅμα πάσας τοῦ ξυμμαχικοῦ δυνάμεις , ἔροιτό τινα τῶν περὶ αὑτὸν , εἰ ἅπαντες Γερμανοὶ οὗτοι ; Φάντος δ’ ἐκείνου , ἆρ’ οὖν , εἴποι , ὅτι τάχιστα καὶ χρημάτων καὶ φρονήσεως σπάνει συσχεθήσονται . Καὶ τοῦτο μὲν οὕτω ἀποφθέγξασθαι αὐτὸν ἐλέγετο· καταστρατηγήσας δ’ οὖν αὐτοὺς ποι - 20 κίλως , καὶ τὰ καθ’ αὑτὸν ἁπανταχῆ ἀσφαλισάμενος οὕτω ἐκαραδόκει τὸν τοῦ πολέμου καιρόν . Τὸ δὲ ξυμμαχικὸν ἐπὶ τούτῳ τε ἐλυπεῖτο καὶ χαλεπῶς φέρον τὰς περιολκάς τε καὶ ἀνοχὰς καὶ στροφὰς τοῦ Καρόλου ἐπὶ λοιδορίας καὶ βωμολοχίας καὶ χλευασμοὺς τὸ λοιπὸν ἐτρέποντο , καὶ προκλήσεις ξυνε γράφοντο ἀλαζονικαί τε καὶ θυμῷ ἄφρονι κεχαρισμέναι . Προὐτεθήκει δὲ 25 Κάρολος κατὰ τοῦ ξυμμαχικοῦ αὐτοκρατορικῆς καταδίκης βιβλίον δεινόν τε καὶ βλάσφημον , προδότας καὶ στασιαστὰς καὶ ἐπιόρκους ἀποκαλῶν αὐτούς . Ἐκεῖνοι app. crit.: 408,2 ὁδὶ VR : ὁδοὶ ed. (Stenius: cum multae sint aliis in locis viae) | 4 ῥηγινοπυργίω Vh2 : ῥηγινοπυργίου em. a | 5 Ἰγγολοστάδιον VR : Ἰγγελοστάδιον ed. (cf. infra p. 410,5) | ἀνήει VR : ἀνῄει ed. | 6 ὄχθη Vh2 : ὄχθῃ em. a | 10 καταθράνειν VR : καταθραύειν ed. (Stenius: frangere) | 14 διακαρθερεῖν VR : διακαρτερεῖν ed. | 15 ὡς θεασάμενος VR (Caroli nomen fortasse supplendum; cf. Stenius: Conspicatus Carolus ex specula … ) | περιοπῆς VR : περιωπῆς ed. | 17 αὐτὸν VR : αὑτὸν ed. | ἄρουν VR : ἆρ’ οὖν ed. | 19 ἐλέγετο· καταστραταγήσας V : ἐλέγετο . καταστραταγήσας R : ἐλέγετο· καταστρατηγήσας ed. | καταστραταγήσας VR : καταστρατηγήσας ed. | 22 καιὶ V : καὶ em. R | 26 βλάσφυμον Vh2 : βλάσφημον em. a 208 De Bello Smalcaldico <?page no="209"?> [p.408,1] das erwartet wurde, im Weg stehen. Doch sie erreichten nichts, dadurch dass sie an einem einzigen Klausen-Pass lagerten. Denn anderswo sind viele andere Pfade und einer davon, durch Venetien führend, wird sehr viel benutzt. Auf ihm fand sich zum größten Teil auch das Heer aus Italien ein. Karl begann schon sein Heer aus Regensburg vorrücken zu lassen und zog, mit dem Fluss [5] zu seiner Rechten, zum bayerischen Ingolstadt hinauf. Das Heer der Bündner zog auf der anderen Seite des Ufers entlang. Und bei den Bündnern gab es jede Bereitschaft, im Handgemenge einen Kampf zu wagen. Karl dagegen - gewissermaßen geübt durch sehr viele Kriege - beschloss, keinesfalls diejenigen zum Kampf zu reizen, die überaus stürmisch und guter Dinge waren und überheblich wurden, sondern die Feinde [10] mit seiner Erfahrung zu brechen: Sie sollten vom Verlauf der Zeit zermürbt und durch die hohen Kosten belastet werden und insbesondere durch die Schwierigkeit, die Stellung zu wechseln, und die erreichte körperliche Erschöpfung in Angst geraten. Zwar waren die Deutschen bislang unbesiegt in den Kämpfen und Angriffen Mann gegen Mann, doch waren sie es nicht gewohnt, Strapazen standhaft auszuhalten und den Verstand den Taten [15] voranzustellen. Freilich sagt man auch derartiges, dass [Karl], als er von einem Aussichtspunkt aus die unversehrten, gesamten Truppen der Bündner zugleich sah, einen, der bei ihm stand, gefragt haben soll, ob das alles Deutsche seien. Nachdem jener das bejahte, soll er gesagt haben: ‚ Also werden sie in Kürze durch Mangel an Geld und Verstand zusammenbrechen. ‘ Angeblich habe er das so gesagt. Indem er ihnen also durch eine Kriegslist [20] raffiniert entgegenwirkte und seine Angelegenheiten schnell ganz sicherte, wartete er auf die richtige Gelegenheit für den Krieg. Die Bündner aber waren darüber betrübt und sie ärgerten sich über Karls Rückzüge, Stopps und Wendungen. Sie wandten sich fortan Schmähungen, Derbheiten und Spott zu. Und es wurden prahlerische Provokationen verfasst, die einem einfältigen Geist gefielen. [25] Karl aber gab gegen die Bündner eine furchtbare und blasphemische Schrift kaiserlicher Verurteilungen heraus und bezeichnete sie als Verräter, Rebellen und Eidbrecher. Jene Über den Schmalkaldischen Krieg 209 <?page no="210"?> [Freher 1611, p. 409] 1 δὲ αὐτῷ τῷ μέτρῳ καὶ λώιον ἀπεδίδοσαν ἐπιβοῶντες τὴν ἐπιορκίαν τοῦ Καρόλου , καὶ δύο κεφάλαια ἐκ τῆς ὁρκωμοσίας ἀρχιαιρεσιαστικῆς αὐτοῖς ῥήμασιν ἀπεμνημόνευον , οἷς ὁρκωθεὶς ἀπώμοσε , μή ποτε τὴν ἔξω δύναμίν τε καὶ στρατείαν τῇ Γερμανίᾳ ἐφ’ οἵᾳ οὖν προφάσει ἐπάξειν , μήτε βίαν ἐποίσειν 5 τῶν ἐν τῇ Γερμανίᾳ δυναστῶν οὐδενὶ δι’ ἡστινοσοῦν αἰτίας , ἀλλ’ εἴ τι αἰτιῷτο , καὶ μέμφοιτο δίκας δοῦναί τε καὶ λαβεῖν ἐπὶ τῷ ἐννόμῳ τῆς ἀρχῆς συλλόγῳ , ὧνπερ ἀμφότερον προφανῶς παραβεβηκέναι αὐτὸν ἐπεδείκνυον . 17. Καὶ ἦν οὐδὲν , ὅτι μὴ παντάπασι πέραν μέτρου γενόμενον ἐν ταύτῃ τῇ τοῦ γράφειν τε καὶ ἀντιγράφειν τεχνολογίᾳ , ἀναξίᾳ οὔσῃ τοῖς ὅπλα ἔχουσι μετὰ χερσὶν , ὥστε 10 οὐ παρὰ μέλος ἐπιτιμῴη τις ἂν τούτοις τὸ Ὁμηρικὸν , οὐδέ τε σφᾶς χρή , νηπιάας ὀχέειν , ἐπεὶ οὐκέτι τηλίκοι ἔστε . Τῷ ὄντι γὰρ , ὡς ἄλλοθί πού φησιν Ὅμηρος , ὁ μὲν Κάρολος ἧττον , τὸ δὲ ξυμμαχικὸν ἀνέδην τε καὶ κατακόρως , νηπύτιοι ὡς ἐσταότες ἐν μέσῃ ὑσμίνῃ δηιοτῆτος , ὀνείδη ἐμυθοῦντο , καὶ αὐτοὶ αὑτοὺς ἐρύ παινον ἐς τὰ μάλιστα . Τοῦ μὲν πολέμου ὄντος τέλους ἐν χερσί· ἐπέων δ’ ἐνὶ 15 βουλῇ . Οἱ δὲ ἀργοὺς μὲν χεῖρας γλῶτταν δ’ εἶχον ἐργάτιν , τοιγάρτοι καὶ δυσε πράγησαν , καὶ διὰ τὴν ὑπερηφανείαν ἧττον ἠλεήθησαν ζημιωθέντες . Μὴ οὐ γὰρ ἢν καὶ ἀληθῆ ἦσαν τὰ ὀνειδιζόμενα , μὴ βέλτιον ἄρα ἦν οὕτως ἀσκέπτως τε καὶ ἀνοήτως καὶ μεγαλοῤῥημόνως ὥσπερ ἐξ ἁμάξης ἐπιφέρειν , τῷ , εἰ μήτι ἄλλο , αὐτοκράτορι γοῦν ὑπὸ σφῶν αὐτῶν αἱρεθέντι· ὃς ἐπειδὴ οὐ τυραννίδ’ 20 ὥσπερ βαρβάρων ἔχει κατὰ τὸν τοῦ Εὐριπίδου Θησέα , ἀλλ’ ἢν δίκαια δρῷ δίκαια πείσεσθ’ ἂν εἰκὸς αὐτὸν , ἕξει πάντως καὶ τέλος ταῖς πράξεσι προσῆκον , οὐδεὶς γὰρ , ὡς ἀποφαίνει ὁ παλαιὸς χρησμὸς , ἀνθρώπων ἀδίκων τίσιν οὐκ ἀποτίσει . Ἡμῖν δ’ ἄρα ἐκ θεοῦ ἥδε ἡ δικαίωσις ἐπίπεμπτος ἐγένετο τοσαῦτα ἠσεβη κόσιν εἰς αὐτὸν καὶ οὕτως ἀχαριστήσασι τοσούτοις καὶ τηλικούτοις ἀγαθοῖς 25 αὐξηθέντες . Οὐκ ἔστι δὲ μοίρας τοῦ χρεών τ’ ἀπαλλαγή καὶ οὐχ εἵμαρτο μόνον κακῶν βουλευμάτων κακὰς ἀμοιβὰς γίγνεσθαι app. crit.: 409,1 λώιον V : λώον h2 : λῴον a | 2 ὁρκομοσίας VR : ὁρκωμοσίας ed. | 5 ἧςτινοςοῦν V : ἧς τινος οὖν R : ἡστινοσοῦν ed. | εἴτι VR : εἴ τι ed. | αἰτιῶτο VR : αἰτιῷτο ed. | 6 μέμφοιτοδίκας V : μέμφοι τοδίκας R : μέμφοιτο δίκας ed. | 8 ὅ , τι VR : ὅτι ed. (Stenius: et nihil erat, quod non) | 10 παραμέλος VR : παρὰ μέλος ed. | ἐπιτιμώη VR : ἐπιτιμῴη ed. | 10 - 11 cf. Hom. Od. 1,296 f. | 12 - 13 cf. Hom. Il. 20,244 f. | 14 χερσί· ἐπέων V : χερσί . ἐπέων R | 14 - 15 cf. Hom. Il. 16,630 | 15 cf. Soph. Phil. 97 | 16 ὑπεριφανείαν VR : ὑπερηφάνειαν ed. | 17 ἦν VR : ἢν ed. | ἦν Vh2 : ἧν a | 19 αἱρεθέντι· ὃς V : αἱρεθέντι . ὃς R | 19 - 20 cf. Eur. Herakl. 423 f. | 20 ἦν VR : ἢν ed. | 22 ἀπέτισσε VR : ἀποτίσει ed. (Stenius: poenam non persolvit) | cf. Hdt. 5,56. | 23 ἡ δὲ ἡ Vh2 : ἡ δὲ a : ἥδε ἡ ed. | 25 cf. Eur. Hipp. 1256 210 De Bello Smalcaldico <?page no="211"?> [409,1] aber zahlten es mit demselben Maße und reichlicher heim: Sie zogen den Eidbruch Karls heran und riefen zwei Hauptgesichtspunkte der kurfürstlichen Eidformel mit den genauen Formulierungen ins Gedächtnis, durch die er gebunden war und eidlich versichert hatte, niemals die Truppe und das Heer aus dem Ausland unter welchem Vorwand auch immer gegen Deutschland zu führen und keinem [5] der Herrscher in Deutschland aus irgendeinem Grund Gewalt anzutun, sondern wenn er eine Klage oder einen Vorwurf hätte, bei der rechtmäßigen Zusammenkunft des Reiches zu strafen und zu züchtigen. Dass er gegen beides klar verstoßen hatte, wiesen sie nach. 17. Kritik der Maßlosigkeit ( „ Philologenschelte “ ) Und es gab nichts, das nicht ganz über das Maß hinaus geschah bei dieser Methode der schriftlichen Behauptungen und Erwiderungen, die denen, die die Waffen in Händen hielten, unwürdig war, [10] sodass jemand diese wohl nicht gegen den Sinn des Gedichts mit dem folgenden Homervers schimpfte: ‚ Für euch ist kindisches Verhalten unnötig, da ihr nicht mehr in dem Alter seid. ‘ Denn wahrhaft, wie Homer an anderer Stelle sagt, schmähten sich Karl und die Bündner, der eine weniger, die anderen zügellos und ohne Maß, ‚ wie kleine Kinder, die inmitten der Schlacht und des Kriegsgetümmels stehen. ‘ Sie entehrten sich selbst aufs Heftigste. Denn das Ziel des Krieges liegt in den Händen, ‚ das Ziel der Worte aber [15] im Rat ‘ . Und die Bündner ‚ hatten zwar träge Hände, doch eine tätige Zunge ‘ , und hatten eben deshalb Pech und wurden wegen ihrer Arroganz nicht so sehr bemitleidet, als sie bestraft wurden. Denn gesetzt den Fall, dass die Schmähungen wahr waren, so war es doch nicht besser, so unbedacht, ohne Verstand und prahlerisch Vorwürfe wie vom Festwagen zu machen gegen den, der, wenn nicht irgendetwas anderes, so doch der von ihnen selbst gewählte Kaiser war. Denn der ‚ hat keine Alleinherrschaft [20] wie bei Barbaren ‘ - gemäß Euripides ‘ Theseus - ‚ sondern, wenn er gerecht handelt ‘ , wäre es wohl angemessen, ‚ dass er auch gerecht behandelt wird. τῆ Es wird sich alles auch am Ende den Taten angemessen verhalten. Denn - wie der alte Orakelspruch klarmacht - ‚ kein ungerechter Mensch wird seine Strafe nicht bezahlen. ‘ Doch uns war diese Bestrafung von Gott geschickt, wenn wir gegen ihn derartig im Frevel und so undankbar waren, die wir durch so große und viele Güter [25] vermehrt wurden. ‚ Und es gibt kein Loskommen vom Schicksal und Verhängnis ‘ , und es ist für die Sterblichen nicht nur durch Schicksal festgelegt, dass eine schlimme Erwiderung auf schlimme Pläne entsteht, Über den Schmalkaldischen Krieg 211 <?page no="212"?> [Freher 1611, p. 410] 1 βροτοῖς , ἀλλὰ καὶ δεινὰ πάσχειν δεινὰ τοὺς ἐργασμένους . Καὶ ταύτῃ οὖν ταῦτα πεφιλοσοφήσθω ἡμῖν , ὡς ἐν ξυγγραφῆς λόγῳ ἴσως ἀπειροκαλώτερον , ὡς δ’ ἐν τοιαύτῃ τῶν πραγμάτων περιστάσει , ὡς οἶμαι , οἷά τε τοῖς εὐτυχοῦσι περὶ τῶν παρόντων λογισμὸν καὶ τῶν μελλόντων προμήθειαν ἐμποιῆσαι . 18. Ἐπει - 5 δὴ δὲ παρὰ τῷ Ἰγγελοσταδίῳ παρενέβαλον ἀμφοτέρωθεν αἱ δυνάμεις μετά τινας προγεγενημένας ἐκδρομὰς , τῶν πλείστων γνῶμαι συνέτρεχον , τῷ Κα ρόλῳ ἐμπεριληφθέντι πάντοθεν ἀνάζευξιν οὐδεμίαν ἔσεσθαι . Καὶ οἱ τῇδὲ τὴν ἐλπίδα τῆς τε παραυτίκα κατορθώσεως καὶ τῶν μετέπειτα εὖ τε καὶ χρησίμως γενησομένων οὐκ ἂν πλείστου ἠλλάξαντο . Καὶ ἐγράφοντο γράμματα καὶ 10 ἐλέγοντο πολλὰ μωρὰ καὶ κομπώδη . Ἦν δὲ ἀληθὲς , ὅτι προτερήματα τότε ἔσχον τινὰ οἱ ξυμμαχικοὶ καὶ φοβηθέντων τῶν Καρολείων καὶ τοῦ στρατο πέδου ἅπαντος κεκινημένου , καὶ ἐρήμων τῶν σκηνῶν λειφθέντων , καὶ αὐτοῦ τοῦ Καρόλου χαζομένου εἰς τοὔπισθεν βάδην , τῶν ἄλλων σχεδὸν δρόμῳ ἀναχωρούντων , εἰ τῇ τύχῃ κατὰ πόδας ἠθέλησαν ἕπεσθαι . Εἰσὶν , οἳ ἡγοῦνται , 15 ὅτι ἐν ἐκείνῃ τῇ ἡμέρᾳ τέλος ἐπιθεῖναι τῷ πολέμῳ ἐδυνήθησαν , ἀλλ’ , οὐ γὰρ τῇδε ῥέπειν ἔμελλε τὸ μόρσιμον , ἐπειδὰν ἐν τῷ ἐπεξιέναι ἐχρῆν τοὺς ξυμμά χους καὶ πεζομαχεῖν καὶ τειχομαχεῖν , ὄντος ἀντιπροσώπου τοῦ Ἰγγελοστα δίου , ὀχυρώματος ἰσχυροτάτου , ὄκνος τις ἔλαβε καὶ δεῖμα τὸ ξυμμαχικὸν ἐπακολουθεῖν τῇ τῆς νίκης ἐπιθυμίᾳ , ἄλλως τε καὶ πεποιθότας τῇ αὑτῶν 20 πολλαπλασίᾳ δυνάμει πολὺ ῥᾷον περιγενήσεσθαι τοῦ Καρόλου , ἢ ἐκεῖνον καταπροίξεσθαί τι , τῆς τε παρὰ λόγον εὐπραγίας ἐν τῷ παραχρῆμα ἀθροισ θῆναι τοσοῦτο στράτευμα ὑποτιθείσης ἰσχὺν τῆς καὶ εἰς τὰ ἔπειτα ἐλπίδος . Ὤφθησαν μέντοι μετὰ ταῦτα βόθροι καὶ χώματα τὸ βάθος καὶ ὕψος , οἷάπερ οὐ ῥᾳδίως ἁλώτ’ ἂν γενέσθαι . Οὕτω γοῦν παρείθη τότε ὁ καιρὸς καὶ ἐκ 25 τούτου , τὰ μὲν τοῦ Καρόλου ἐπὶ τὸ μεῖζον αὔξεσθαι , τὰ δὲ τοῦ ξυμμαχικοῦ ἠρέμα ἀπομαραίνεσθαί τε καὶ ἀναποδίζεσθαι ἤρξαντο . 19. Τότε γοῦν τῶν Βελγικῶν τοῦ Καρόλου στρατηγῶν τις Πευρήνιος τοὔνομα ἑπτακισχιλίαν ἵππον καὶ πεζῶν τρεῖς μυριάδας ξυναγαγὼν , διαμειψάμενος τὸν Ῥεῖνον εὐθὺ πρὸς τὸν Κάρολον app. crit.: 410,1 cf. Eur. Or. 413 | 2 ἐνξυγγραφῆς VR : ἐν ξυγγραφῆς ed. | ἀπειροκαλώτερον . ὡς VR : ἀπειροκαλώτερον , ὡς ed. | 7 τῇ δὲ VR : τῇδε ed. (cf. ann.) | 9 ἠλλάξαντο . καὶ Vh2 : ἠλλάξαντο · καὶ a | 10 προτηρήατα Vh2 : προτηρήματα a : προτερήματα ed. | 12 ληφθέντων VR : λειφθέντων ed. (Stenius: tentoria deserta relinquerentur) | 14 ἕπεσθαι εἰσιν οἱ V : ἕπεσθαι εἰ R : ἕπεσθαι . E ἰσὶν οἳ ed. | 15 ἐδύνησαν VR : ἐδυνήθησαν ed. | 16 τῇ δὲ VR : τῇδε ed. | 18 ὀχυρόματος VR : ὀχυρώματος ed. | 20 πολλὰ πλασίᾳ VR : πολλαπλασίᾳ ed. | 21 κατα προίζεσθαι τι τῆς VR : καταπροίξεσθαί τι , τῆς ed. (cf. ann.) | παραλόγον Vh2 : παράλογον a : παρὰ λόγον ed. | 24 γενσθαι V : γένεσθαι R : γενέσθαι ed. | 28 ῥεῖνον V : ῥῆνον R (cf. p. 411,5) 212 De Bello Smalcaldico <?page no="213"?> [410,1] sondern auch, dass ‚ Schlimmes erleidet, wer Schlimmes tut. ‘ Und damit soll also von uns genug philosophiert worden sein, wie es in dieser Art von Abhandlung vielleicht unpassend ist, doch in einer solch gefährlichen Gemengelage, wie ich glaube, im Stande ist, denen, die in glücklichen Zeiten leben, Gedanken über das Gegenwärtige und eine Vorahnung der Zukunft beizubringen. 18. Wendung bei Ingolstadt Als sich die Streitmächte beider Seiten [5] bei Ingolstadt aufstellten, nachdem es vorher irgendwelche Scharmützel gab, trafen sich die Meinungen der meisten darin, dass es für Karl, der von allen Seiten umzingelt ist, kein Entkommen geben werde. Und die Leute dort hätten die Hoffnung auf eine sofortige Verbesserung und eine künftig gute und brauchbare Situation für sehr viel nicht hergegeben. Und sie schrieben Schriften und [10] sagten viel Dummes und Prahlerisches. Und es entsprach der Wahrheit, dass die Bündner damals einen gewissen Vorteil hatten, als die Anhänger Karls eingeschüchtert waren, das ganze Lager abbrachen und die Zelte einsam zurückließen und als Karl selbst sich allmählich zur Nachhut zurückzog und die anderen im Laufschritt wichen, wenn sie dem Schicksal auf Schritt und Tritt hätten folgen wollen. Es gibt welche, die glauben, [15] dass sie an jenem Tag dem Krieg ein Ende hätten setzen können. Doch - das Schicksal sollte sich nämlich nicht dort neigen - da es bei der Verfolgung nötig gewesen wäre, dass die Bündner zu Fuß kämpfen und einen Mauerkampf führen, packte sie beim Anblick von Ingolstadt, einer sehr starken Festung, ein gewisses Zögern und eine Furcht davor, dem Verlangen nach einem Sieg hinterherzulaufen, zumal sie überzeugt waren, dass sie Karl mit ihrer [20] vielmal größeren Streitmacht viel leichter überlegen sein werden, als dass jener etwas ungestraft macht. Und das unerwartete Glück, ein so großes Heer ohne lange Vorbereitung versammelt zu haben, gab die Kraft, für später zu hoffen. Jedoch kamen danach Gräben und Erdhügel in ihren Blick, die in Breite und Höhe so waren, dass man sie wohl nicht leicht einnehmen könnte. So verstrich damals die günstige Gelegenheit. [25] Seitdem begann die Sache Karls zu erstarken, die Sache der Bündner aber allmählich zu welken und zurückzugehen. 19. Verstärkung aus den Niederlanden Damals sammelte einer von Karls niederländischen Generälen, sein Name war Büren, 7.000 Reiter und 30.000 Fußsoldaten, überschritt den Rhein und bemühte sich, geradewegs zu Karl Über den Schmalkaldischen Krieg 213 <?page no="214"?> [Freher 1611, p. 411] 1 ἔσπευδε πορευόμενος . Ἐνήδρευον δὲ καὶ περὶ τὸ Φραγκόπορον δυνάμεις τοῦ ξυμμαχικοῦ , τῆς τε πόλεως συμπραττούσης , καὶ τοῦ Ὀλδεπυργίου ξυναγει ράσαντος . Ἀλλ’ οὐ γὰρ ἀντίπαλοι τοῖς πολεμίοις ἦσαν , παρῆλθον ἐκεῖ οἱ Βέλγαι , καὶ τότε οἱ τοῦ ξυμμαχικοῦ ἐνταῦθα ἐπὶ πόδα ἠκολούθουν . Διεφη - 5 μίζετό τε , ὅτι τινὲς ὑποστάντες τὴν τοῦ Ῥείνου φυλακὴν καὶ πιστὰ παρα σχόμενοι τῷ Ἡσσιακῷ πᾶν τοὐναντίον τότε τήν τε δίοδον καὶ τὸν διάπλουν τοῖς πολεμίοις παρασκευάσειαν . Ἀλλὰ περὶ τούτων οὐκ ἔστι πρόχειρον οὐδὲ ἀσφαλὲς ἀποφῆναί τι , τῶν τε ὑποσχέσεων πάνυ εὐλαβῶς γιγνομένων , καὶ τῶν σφαλέντων πρὸς τὸ μὴ δοκεῖν ταῖς εἰς ἄλλους ἀεὶ τῶν αἰτιῶν ἐπιφοραῖς 10 καλλωπιζομένων . Τοῦτο οὖν ἐν μέσῳ κείσθω , καὶ εἰκαζέτω περὶ αὐτῶν ἕκαστος , ὡς βούλεται . Ἐπειδὴ δὲ γνωστὴ ἐγένετο τοῖς ξυμμάχοις ἡ τῶν Βέλγων ἔφοδος , πάνυ γὰρ προθύμως ἐσημαίνετο ὑπό τε τῶν ξυμφρονούντων καὶ ἄλλων τινῶν , οἷς ἡ τοῦ Καρόλου εὐτυχία ποῖ σχήσοιεν ἂν ἄδηλον ἐδόκει καὶ φοβερὸν ἦν τὸ ἀναντίῤῥητον τότε κράτος , ἢν μὴ προχωρήσῃ τι τοῖς 15 ξυμμάχοις , σκεψάμενοι ἐκεῖνοι μετὰ σφῶν αὐτῶν καὶ οὐκ οἶδ’ ὅπως βου λευσάμενοι , παρῆκαν τὰς δυνάμεις , ὥστε ξυναλισθῆναι μετὰ ταῖς παρὰ τῷ Καρόλῳ πάσας ἀπερισκέπτους . Καὶ πῶς μὲν παρῆκαν , οὐκ ἂν ἔχοιμι εἰπεῖν . Παρῆλθον δ’ οὖν ἀπὸ τῆς Ἐρυθρᾶς καλουμένης πόλεως εὐθὺ τὸ Νωρικὸν ὄρος , καὶ αὐλισάμενοι παρ ’ αὐτὸ ἐβάδισαν ἀκωλύτως τὸ λοιπὸν ἕως τοῦ 20 Καρόλου . Τότε οὖν οἱ συνετώτεροι εὐθὺς ξυνελογίζοντο τὸ ἔσχατον ἐκβὰν , καὶ τὴν τῷ ξυμμαχικῷ ἀντιπνέουσαν τύχην καθεώρων . Οἱ δὲ ἄλλοι ἅτε δὴ ὄχλος ἀγνώμων , κατάραις τε καὶ ματαιολογίαις ἐπειρᾶτο ἐπανορθώσασθαι δῆθα τὸ γεγονὸς , καὶ καταβαλέσθαι τοὺς κρείττους ἤδη ὄντας . Οἱ δὲ ξύμμα χοι προσγενομένων ἤδη καὶ τῶν τοῖς Βέλγαις ἐπακολουθησάντων καίπερ τῇ 25 ἵππῳ οὐκ ἐξισούμενοι τοῖς ἐναντίοις , ὅμως ἐπεθύμουν τῆς ἐκ παρατάξεως μάχης . Καὶ ἐκκαλοῦντος πρὸς ταύτην τοῦ καιροῦ καὶ ἐποτρυνόντων τῶν στρατηγῶν οὐδ’ οὕτως ἐλέγετο ὁ Κάρολος συμβαλεῖν παντὶ τῷ στρατῷ ἐθελῆσαι , ἤτοι φειδοῖ τῶν app. crit.: 411,1 φρανκόπορον VR : Φραγκόπορον ed. (cf. p. 390,22; 393,12; 404,10; 417,27; 418,4) | 2 - 3 ξυναγειράσαντος . ἀλλ’ V : ξυναγειράσαντος ἀλλ’ R (melius esset ξυναγείραντος ) | 4 καὶ V : om. R | 8 ὑποσχήσεων VR : ὑποσχέσεων ed. | τάνυ VR : πάνυ ed. (Stenius: valde cauti) | 10 κάλλω πιζομένων VR : καλλωπιζομένων ed. | 14 τό τε Va : το τε h2 : τότε ed. | 16 ξυναλι { σθ } ῆναι V : ξυναλιθῆναι R | 17 ἀπερισκόπτους VR : ἀπερισκέπτους ed. | 18 Νορικὸν VR : Νωρικὸν ed. (cf. p. 393,16; 421,26) |19 ἀκολύτως VR : ἀκωλύτως ed. | 22 καταίραις VR : κατάραις ed. | 24 προσγενόμενον V : προσγενόμενοο h2 : προσγενόμενοι a : προσγενομένων ed. (cf. ann.) 214 De Bello Smalcaldico <?page no="215"?> [411,1] zu marschieren. Und es lauerten auch Truppen der Bündner um Frankfurt, die von der Stadt unterstützt wurden. Auch Oldenburg hob Soldaten aus. Doch waren sie den Feinden nicht gewachsen. So gingen die Niederländer dort vorbei und die Truppen der Bündner folgten ihnen auf Schritt und Tritt. [5] Es wurde auch verbreitet, dass sich irgendwelche Leute heimlich an dem Wachtposten am Rhein positionierten und, obwohl sie dem Hessen die Treue geschworen hatten, ganz im Gegenteil den Feinden Übergang und Überfahrt ermöglichten. Aber es ist nicht leicht und zuverlässig, darüber etwas zu berichten, weil Zusicherungen recht vorsichtig gemacht wurden und Fehler, damit es nicht wie ein Fehler aussieht, [10] geschönt wurden mit dem, was für die jeweiligen Urheber günstig war. Das soll also in die Mitte gelegt sein und ein jeder soll darüber denken, wie er will. Den Bündnern wurde der Anmarsch der Niederländer bekannt. Denn er wurde recht eifrig von Gleichgesinnten und irgendwelchen anderen aufgezeigt, denen nicht klar war, wohin Karls Schicksal führte, und denen seine damalige Macht, die unbestreitbar wäre, falls [15] den Bündnern nicht etwas gelingt, Angst einjagte. Weil sie es nur untereinander betrachteten und irgendwie planten, ließen jene die Truppen durch, sodass sie alle unentdeckt mit den Truppen bei Karl zusammenkamen. Und wie sie sie durchließen, könnte ich nicht sagen. Sie gelangten aber direkt von der Stadt, die man Roth nennt, nach Nürnberg, und nachdem sie sich dort gelagert hatten, gingen sie fortan unbehindert bis zu [20] Karl. Damals also schlossen die verständigeren Leute sofort auf den letztendlichen Ausgang und sahen, dass das Glück gegen die Bündner war. Die anderen aber, da die Masse ja einfältig ist, versuchten, mit Verwünschungen und leerem Geschwätz die Ereignisse richtig zu stellen und die, die bereits überlegen waren, herabzusetzen. Und als auch die schon da waren, die den Niederländern gefolgt waren, wollten die Bündner, obwohl sie den Feinden [25] an Reitern nicht gleich kamen, dennoch eine offene Feldschlacht. Und als die Gelegenheit günstig war und zum Kampf rief und die Generäle anspornten, sagt man, habe Karl nicht auf diese Weise mit dem ganzen Heer aufeinandertreffen wollen, entweder um Über den Schmalkaldischen Krieg 215 <?page no="216"?> [Freher 1611, p. 412] 1 παρ’ ἀμφοτέροις στρατιωτῶν πολλῶν τε καὶ ἀγαθῶν , ἢ συνέσει τῆς τε αὑτοῦ δυνάμεως , καὶ τῆς τῶν ἐναντίων χρόνου ἐγγενομένου ἀδυναμίας . Ἀμέλει καὶ εἰπεῖν λέγεται , ὅτι αὐτὸς μὲν εἴη πολεμιστὴς ἐπὶ ὅλον ἐνιαυτὸν , ἐκεῖνοι δὲ ἐφ’ ἡμέραν μίαν . Οὕτω γοῦν ἐμάχοντο ἐπὶ πολλοὺς μῆνας , ὥστε ἀδιαλείπτως 5 γίγνεσθαι ἀκροβολισμοὺς διώξεις τε καὶ ὑπαγωγὰς καὶ καταδρομὰς , ἐν αἷς οὐ πολύ τι ἥσσους ἦσαν οἱ ξυμμαχικοὶ , ἀλλὰ καὶ ὑπέρτεροι μᾶλλον . 20. Τῶν γοῦν Ἰταλιωτῶν οὐ πάνυ πολλοὶ ἀπὸ πλείστων ὅσων ἀφίκοντο ἀνακομισθέν τες ζωοὶ ἐς τὴν πατρίδα . Ἐπέσκηψε γὰρ καὶ νόσημα δεινὸν πρῶτον εἰς τὸ τοῦ Καίσαρος στρατόπεδον , μετέπειτα καὶ ἐφοίτησε καὶ εἰς τὸ τῶν ξυμμαχικῶν . 10 Καὶ τὸ τῆς ὥρας ἤδη ἦν ἐπὶ φθινοπώρου φθοροποιὸν τῶν σωμάτων . Καὶ οἱ τοῦ ξυμμαχικοῦ ἀθρόως μᾶλλον ὥσπερ τῆς τοῦ κακοῦ ὕλης ἔντοθι συλληφ θείσης ἐν τῷ παρεπομένῳ χειμῶνι ἀπέθνησκον πάνυ τε χαλεπῶς καὶ ἐλεει νῶς , ἄνδρες ῥώμῃ τε σώματος καὶ παραστάσει ψυχῆς ἄριστοι . Ἀλλὰ τότε , ἐν τῷ Καίσαρος στρατοπέδῳ λοιμὸς ἐγένετο μέγας καὶ ὀξὺς , ὥστε καὶ τῶν 15 δημοσιευόντων ἰατρῶν τινας προσιόντας τοῖς ἀσθενοῦσιν ὡς θεραπεύσοντας φθαρῆναι . Τῶν δὲ ὁμοσκήνων κοινὸν τὸ κακὸν , ξυνδιαίτων δὲ πολὺ μᾶλλον . Μόνον γὰρ ἐκ τοῦ αὐτοῦ ποτηρίου πίνειν τινὰ ἐχρῆν τῷ νοσοῦντι , καὶ εὐθὺς συνέβη ἐπίληπτον ὑπὸ τῆς νόσου γενέσθαι καὶ αὐτόν . Ἐπεκαλεῖτό τε ἐκείνη Ἰβηρικὴ , ἐπειδὴ τὸ τοῦ Καίσαρος στρατιωτικὸν τὸ πρῶτον κατειλήφει . Καὶ ἦν 20 φλὸξ δεινή τις ἔνδον σὺν κεφαλαλγίαις τε καὶ τῆς φάρυγγος ἔκκαυσις δίψα τε ἄπαυστος καὶ βὴξ τὸ στῆθος διέσειε , καὶ πνεῦμα ὄζον τι ὑπόγλυκυ φθοῶδες . Καὶ ἐπεγένοντο τοῖς μὴ σπουδῇ θεραπευομένοις φρενίτιδες , οἳ καὶ ἀπέθνη σκον σχεδὸν ἅπαντες· τοῖς δ’ ἄλλοις καὶ εἰς δυσεντερίας καὶ παρέσεις τῶν κώλων ἐτελεύτα , ὧν καὶ ῥαῖσαι τινὰς ξυνέβη . Πάντως δὲ οἱ φθειρόμενοι 25 πολλοὶ τὸν ἀριθμὸν πλείους ἦσαν . 21. Ὁ δὲ Κάρολος οὐ μόνον ὅπλοις νικῆσαι τοὺς ἐναντίους , ἀλλὰ καὶ τεχνάζεσθαί τι πρὸς τὴν ἐκείνων καταστροφὴν ἐσπούδαζεν . Ἐνθυμούμενος δ’ εἰ πόλεμον ἐπὶ τὰς χώρας αὐτῶν ἐφήσει , ὅτι διελκύσει τάς τε γνώμας app. crit.: 412,9 εἰς V : om. R | 10 ὅρας VR : ὥρας ed. | σωμάτων . καὶ Vh2 : σομάτων· καὶ a | 14 στρατοπέδου Vh2 : στρατοπέδῳ em. a | 15 θεραπεύσαντας VR : θεραπεύσοντας ed. (Stenius: curationis causa) | 16 τὸ κακὸν V : om. R | 17 ἐσχῆν VR : ἐχρῆν ed. (Stenius: bibendum erat) | 21 ὄζοντι VR : ὄζον τι ed. (cum Stenio fortasse ὑπόγλυκυ < καὶ > φθοῶδες supplendum est: halitus redolens sub dulce aliquid et tabificum) | 22 οἱ VR : οἳ ed. | 23 ἅπαντες· τοῖς V : ἅπαντες . τοῖς R | παρήσεις VR : παρέσεις ed. | 24 ξυνέβη . πάντως Vh2 : ξυνέβη· πάντως a | 25 τῶν Vh2 : τὸν em. a | 28 δι { ελ } κύσει V : διαναγκύσει R 216 De Bello Smalcaldico <?page no="217"?> [412,1] die vielen guten Soldaten beider Seiten zu schonen oder, weil er seine eigene Macht erkannte und die Schwäche der Feinde bei verstreichender Zeit. Und übrigens soll er gesagt haben, ‚ er selbst sei zwar das ganze Jahr lang Kriegsherr, jene aber nur für einen einzigen Tag. ‘ So kämpften sie viele Monate lang, sodass ununterbrochen [5] Ferngeplänkel, Verfolgungen, Rückzüge und Angriffe stattfanden, worin die Bündner nicht viel schwächer waren, sondern eher sogar überlegen. 20. Seuche in den Heeren Von den Italienern jedenfalls kehrten nicht sehr viele von der großen Zahl, die gekommen war, lebend in die Heimat zurück. Es traf nämlich auch eine schlimme Krankheit zuerst das Heerlager Karls und verbreitete sich später auch im Lager der Bündner. [10] Und die Jahreszeit ging schon gegen Herbst, der den Körpern Verderben bringt. Und die Männer der Bündner starben im folgenden Winter qualvoll und kläglich eher alle auf einmal, als hätten sie den Stoff des Übels im Inneren gesammelt. Es waren sehr gute Männer in Hinblick auf körperliche Kraft und seelische Verfassung. Doch damals ereignete sich im Heer des Kaisers eine große und heftige Seuche, sodass auch einige der [15] öffentlichen Ärzte, die zur Behandlung der Kranken hinzukamen, starben. Für die Zeltgenossen war es aber ein gemeinsames Übel und noch viel mehr für die Tischgenossen. Man hätte nur aus demselben Becher trinken müssen wie der Kranke und sofort geschah es, dass man auch von der Krankheit selbst befallen wurde. Sie hieß die ‚ Spanische ‘ , da sie das Heer des Kaisers zuerst ergriff. Es war [20] ein schlimmer Brand im Inneren, verbunden mit Kopfschmerzen, Halsentzündungen und unstillbarem Durst. Auch Husten erschütterte die Brust und der Atem roch etwas süßlich verdorben. Und diejenigen, die nicht schnell behandelt wurden, bekamen noch Phrenitis und starben fast alle. Für die anderen endete es mit der Ruhr und Gliederlähmungen. Es kam vor, dass sich welche davon erholten. Doch insgesamt waren [25] die vielen Toten mehr an der Zahl. 21. Karls List: Der Herzog von Meißen Doch Karl bemühte sich, die Feinde nicht nur mit Waffen zu besiegen, sondern auch eine List zu ihrer Unterwerfung zu ersinnen. In der Überlegung, dass er, wenn er den Krieg in ihre Länder bringe, die Meinungen spalten und Über den Schmalkaldischen Krieg 217 <?page no="218"?> [Freher 1611, p. 413] 1 καὶ ἀμβλύνει τὰς παρούσας πράξεις , οὕτω δὴ ἐπέστειλε τῷ τῆς Μυσίας ἡγεμόνι ὄντι υἱῷ Ὁνορίχου ἀνεψιοῦ γεγονότος τοῦ Ἰωάννου τοῦ Σαξονικοῦ ἀρχαιρεσιαστοῦ τῶν ἑπτὰ πατέρος , καὶ παρήγγειλεν ἐντολὴν δοὺς ὡς ἀυτο κράτωρ καταλαβεῖν τὰ τοῦ Σαξονικοῦ . Καὶ παραφήνας , ἢν αὐτὸς ὀκνήσῃ , 5 ἄλλους ἐκεῖνα ποιήσειν ὑφ’ ἑαυτοὺς καὶ στερήσεσθαι αὐτὸν ἁπάντων . Ἐπεὶ γὰρ οὐκ οἶδα διὰ τί , πολεμεῖν ἀρξάμενοι οἱ ξύμμαχοι , καὶ φάσκοντες ἀμύνεσθαι ἐπιφερομένην βίαν , ὅμως τούς τε ὅρκους τῷ Καίσαρί τε καὶ βασιλεῖ ἀπεκήρυξαν , οἷς ἐπώμοτοι γίγνονται οἱ ἐν τέλει τῷ ἀρχὴν αὐτοκρα τορικὴν ἄρχοντι , οὐδὲν δέον , ὡς ἔοικεν , εἴπερ ἀμύνεσθαι τὴν βίαν καὶ οὐκ 10 ἐπιφέρειν αὐτοὺς ἀληθὲς ἦν . Ὁ γοῦν τῶν Μυσῶν ἡγεμὼν ἅμα τε δεδοικώς μὴ ζημιωθῇ ἀνηκουστήσας ἅμα τε τῇ Καίσαρος ἀξιώσει ἀπειθῆσαι δεινὸν ἡγησάμενος καὶ εἰδὼς τὸν βασιλέα ἔχειν ἄλλην τε δύναμιν ἡτοιμασμένην , καὶ δὴ καὶ ἱππέας Παννονικοὺς τοὺς ὀνομαζομένους Οὑσσάρους , οὓς καὶ ἤδη εἰς τοὺς ἄνω τῆς χώρας τόπους ἐσβεβληκέναι ἐγνώκει , καὶ ὅτι τὸ τῶν 15 ξυμμάχων στράτευμα διαλύεσθαι καὶ πάντοθε κυκλοῦσθαι τὸν συγγενῆ καὶ ἀμήχανον εἶναι αὐτῷ τὴν μετὰ δυνάμεως ἀναστροφὴν πυθόμενος ἐπέπειστο , τότε δὴ ἐπέβαλε τῷ ἐγχειρήματι , γράψας δ’ ὅμως πρότερον πρὸς τὸ συμμα χικὸν καὶ ἐνδείξας , ὅτι καταληπτέον εἴη τὰ τοῦ συγγενοῦς , ἢν μὴ βούλοιτο παντάπασι στερίσκεσθαι . Καὶ ὑπισχνεῖτο ἄν τι ξυμβῇ μεταξὺ τοῦ τε Καίσαρος 20 καὶ τοῦ συγγενοῦς , τῆς περὶ τῶν καταληφθέντων τοῖς ἐν τῇ χώρᾳ πρώτοις διαδικασίας παραχωρῆσαι . T αῦτα δὲ τοῖς ἀμφὶ τὸν Σάξονα ἀπάτη καὶ δόλος ἐφάνη , καὶ δεινὰ ἐποίουν , εἰ τολμήσειεν ἐκεῖνος οὕτως περὶ τὸν συγγενῆ ἄπιστον αὑτὸν παρασχεῖν καὶ ἀπειλῶν δέ τι παρέσπειραν , καὶ τὸ ξυμμαχικὸν ἔπειθον ἀποκρίνεσθαι αὐτῷ , εἴ τι κατὰ τοῦ συγγενοῦς νεωτερίσειε ὡς αὐ τῶν 25 οὐ πεισομένων . Οὕτω δὴ καὶ γενομένου εἰσέτι τοῦ τραύματος περὶ τοὺς ἄνω τόπους , ὅπου οὐ πολὺ μείους τῶν δισχιλίων ὑπὸ τῶν Οὑσσάρων οἰκτρῶς τε καὶ αἰσχρῶς κατεκόπησαν , ὁ τῶν Μυσῶν ἡγεμὼν μεταχειρισάμενος τὸ πρᾶγμα ἐπέθετο τοῖς πέλας καὶ ἤρξατο προαγορεύειν τοῖς ὑπηκόοις τοῦ συγγε- app. crit.: 413,1 ἐπέστειλε Vh2 : ἀπέστειλε a (Stenius: Missis igitur literis) | 3 ἀρχαιρεσιαστοῦ VR (cf. p. 417,10 et LSJ; cf. autem p. 392,3; 393,4; 409,2; 416,16; 417,18; 418,4: ἀρχιαιρεσιαστής ) | 4 καταλαβεῖν V : καταλαβεῖ R | σαξονικοῦ . καὶ V : σαξονικοῦ καὶ R | ἦν VR : ἢν ed. | 5 ποιήσειν V : ποιήσει R | 6 διά τι VR : διὰ τί | 8 οἱ VR : οἷς ed. (Stenius: nihilominus tamen iuriiurando, quo … . obstricti sunt, … renunciarant, cf. Soph. Ai. 1113) | τῷ τέλει VR : τέλει τῷ ed. (cf. Stenius: iuriiurando, quo omnes Principes ei qui Imperatoriam dignitatem obtinet obstricti sunt) | 10 δεδοιὼς VR : δεδοικώς ed. | 15 πάντοτε VR : πάντοθε ed. | 17 τό τε VR : τότε ed. (Stenius: rem tunc aggressus est) | 19 ἄντι VR : ἄν τ ι ed. (sc. ut ἐάν τι legendum; Stenius: promittebatque si quae inter Carolum et cognatum compositio fiat … ) | 24 εἴτι VR : εἴ τι ed. 218 De Bello Smalcaldico <?page no="219"?> [413,1] die gegenwärtigen Unternehmungen zum Erliegen bringen werde, sandte er also [Moritz], dem Herzog von Meißen, dem Sohn Heinrichs, der wiederum ein Cousin Johanns, des Vaters des sächsischen Kurfürsten, war, Boten, forderte ihn auf und gab ihm den Befehl, im kaiserlichen Auftrag das Land des Sachsen zu unterwerfen. Daneben machte er deutlich, dass, wenn [Moritz] zögere, [5] andere sich jenes Land Untertan machen würden und er allem beraubt würde. Denn als die Bündner aus irgendeinem Grund anfingen Krieg zu führen und behaupteten, sich gegen ihnen entgegengebrachte Gewalt zur Wehr zu setzen, kündigten sie dennoch Kaiser und König die Eide auf, durch die alle Amtsträger dem gebunden sind, der das Kaiserreich beherrscht, obwohl das, wie es scheint, nicht nötig gewesen wäre, wenn es denn der [10] Wahrheit entsprach, dass sie sich gegen Gewalt wehren und sie nicht selbst antun. Der Herzog von Meißen fürchtete, dass er bestraft würde, wenn er nicht gehorcht, und hielt es zugleich für schlimm, der kaiserlichen Bitte nicht zu gehorchen. Er wusste ferner, dass der König [Ferdinand] andere Truppen bereithielt, unter denen insbesondere auch ungarische Reiter, sogenannte Husaren, waren. Ihm war bekannt, dass die schon in die höher gelegenen Regionen des Landes eingefallen waren. Aus diesen Gründen und weil er überredet wurde, nachdem er erfahren hatte, dass [15] das Heer der Bündner sich auflöse, sein Cousin von überall umkreist sei und eine Rückkehr mit seinen Truppen für ihn unmöglich sei, nahm er das Unterfangen damals auf sich. Er schrieb aber dennoch vorher an die Bündner und zeigte auf, dass das Land seines Cousins eingenommen werden müsse, wenn er nicht ganz und gar beraubt werden wolle. Und er versprach, wenn es einen Vertrag zwischen dem Kaiser [20] und seinem Cousin gebe, werde er der Entscheidung über das, was durch die Fürsten des Landes erobert wurde, weichen. Das erschien den Leuten um den Sachsen aber als Täuschung und Betrug und sie waren empört, dass jener es wagte, sich so treulos gegenüber seinem Verwandten zu verhalten. Und sie verbreiteten Drohungen und überzeugten die Bündner, ihm zu antworten, dass sie es nicht dulden werden, wenn er einen Umsturz gegen seinen Verwandten plane. [25] So, nachdem noch die Niederlage in den höher gelegenen Gebieten eingetreten war, wo nicht viel weniger als 2.000 Menschen von den Husaren elendig und schändlich abgeschlachtet wurden, ging der Herzog von Meißen die Sache an, griff die nächst Gelegenen an und begann den Untertanen seines Verwandten zu verkünden, Über den Schmalkaldischen Krieg 219 <?page no="220"?> [Freher 1611, p. 414] 1 νοῦς , ὅτι μετὰ τοῦτο ὑπ’ αὐτῷ ἔσονται . Τόδε δ’ ἀπεδέχετο ἄλλῃ ἄλλος . 22. Καὶ ἦσαν λόγοι παντοῖοι μάλιστα τῶν μὲν εἰδότων οὐδέν τι ἀκριβὲς , ὑπονοεῖν δὲ καὶ δοξάζειν περὶ ἁπάντων εἰωθότων καὶ δύσφημα πολλὰ καὶ ὑβρικὰ , καὶ συκοφαντικὰ διεδίδοντο , διαβαλλομένων ὡς ἔτυχε παρ’ ἀμφοῖν 5 ἀεί τινων τοὺς ἑτέρους· τῷ δὲ Σαξονικῷ καὶ ξυμβουλεῦσαι ἔφασάν τινας , μὴ παντελῶς ἀπαλλοτριοῦν τὸν ξυγγενῆ μηδὲ τοῦτο τὸ ἔμφυλον κακὸν παρὰ τὰ πρότερα ἐγεῖραι , ἀλλὰ δουλεύσαντα τῷ καιρῷ φιλοφρονέστερον ἀποκρίνα σθαι αὐτῷ , εἶναί τε νεανίαν ἐκεῖνον , καὶ ἐλπίζεσθαι ἴσως ὑπό τινων , ὥστε καὶ μειζόνων ἐπιθυμῆσαι , καὶ προφάσεως μόνον δεῖσθαι διὰ τὰς ἐχθρὰς διαμε - 10 νούσας ἔτι περί τε τῶν γειτνιακῶν ἐγκλημάτων καὶ ἄλλων ἕνεκα , ὧν εἰδείη αὐτός . Εἰκάσαι δὲ , ὅτι ἀκίνδυνος εἰς ἅπαν ἡ καθύφεσις , τὴν γὰρ νίκην ἔσεσθαι ἢ αὐτῶν , καὶ τότε ῥᾳδίως ἀπολήψεσθαι τὰ παραχωρηθέντα , ἢ τοῦ Καίσαρος , εἶναι ἄρα βέλτιον ἔχειν καὶ τἀκείνου τὸν συγγενῆ ἢ ἕνα τινὰ τῶν ἔξω , ἢ συνθεμένους εἰρήνην ποιήσεσθαι , καὶ οὕτως δὴ πρόχειρον γενήσεσθαι 15 τὴν ἀνάκτησιν . Ἀλλὰ τούτοις ὑπ’ ἄλλων τινῶν τῶν μηδὲν ἐνδοῦναι τῷ ψευδοξυγγενεῖ καὶ ἀμνήμονι τῶν τε εὐεργεσιῶν , ὧν αὐτός τε καὶ ὁ πατὴρ πρότερον ἐκ τοῦ ξυμμαχικοῦ ἀπέλαυον νομιζόντων χρῆναι , ἀντιληχθῆναί τε πολλὰ ἐφάσκετο , καὶ οὐδεὶς προσεχώρει τῇ γνώμῃ . Καὶ ἐγράφοντο γράμματα ἀπειλῶν τε καὶ τῶν πρὶν εὖ πεποιημένων ὑπομνήσεως καὶ σχεδὸν ὀνειδίσεως 20 μεστά . Καὶ ᾤοντό τινες τότε τὸν Σαξονικὸν ἄρχοντα οὔτε ἔχοντα τοὺς χρηστὰ λέγοντας , καὶ κακῶν ἀνθρώπων ὁμιλίαις μᾶλλον ἐπιδιδόντα ἑαυτὸν , οὔθ’ ὑπ’ ὀργῆς οἷόν τε νοῆσαί τε καὶ φρονῆσαι εὖ , τότε παρ’ ἀμφότερα ἐσφάλθαι . 23. Ἐκ δὴ τούτου ἐλέγοντό τε καὶ ἐπράττοντο κόσμῳ παρὰ τῷ ξυμμαχικῷ οὐ πάνυ πολλά . Οὐ γὰρ ἔτι πάνυ ὁμοθυμαδὸν ἐστρατεύοντο , καὶ 25 ὑπόπτως εἶχον πρὸς ἀλλήλους , καὶ βαρυνόμεναι ταῖς δαπάναις αἱ πόλεις γλισχρότερον ἐπήρκουν ταῖς εἰσφοραῖς καὶ ἐν αὐταῖς τι ἐκακίζετο πρός τε τὸ τοῦ πολέμου μῆκος , καὶ τῶν στρατηγούντων πολυτέλειαν . Εἰς γὰρ τοὺς πο- app. crit.: 414,2 ἦσαν V : ᾖσαν R | οὐδέντι Vh2 : οὐδέτι a : οὐδέν τι ed. | 3 ὑπὸ νοεῖν VR : ὑπονοεῖν ed. | 5 ἑτέρους· τῷ V : ἑτέρους . τῷ R | 10 γειτονικῶν VR : γειτνιακῶν ed. | εἰ δείη VR : εἰδείη ed. (Stenius: … quae ipsi nota essent) | 11 καθύφησις VR : καθύφεσις ed. (Stenius: periculo carere illam submissionem) | 12 ἢ Vh2 : ἡ a | 13 τινα V : om. R : τινὰ ed. | 17 ἀντειληχθῆναι τε Vh2 : ἀντειληχθῆναί τε a : ἀντιληχθῆναί τε ed. | 19 ὀνειδήσεως VR : ὀνειδίσεως ed. | 20 τότε V : om. R | 21 ὁμιλίας VR : ὁμιλίαις ed. | ἐπιδιδόντα . ἑαυτὸν VR : ἐπιδιδόντα ἑαυτὸν ed. | 22 ὑποργῆς VR : ὑπ’ ὀργῆς ed. | 24 τάνυ V : πάνυ em. R | 25 βαρυνόμενοι VR : βαρυνόμεναι ed. (Stenius: Civitates gravatae sumtibus) | 26 γλυσχιρότερον VR : γλισχρότερον ed. 220 De Bello Smalcaldico <?page no="221"?> [414,1] dass sie hiernach ihm unterstehen werden. Das nahm jeder anders auf. 22. Reaktion des sächsischen Kurfürsten Und es gab verschiedene Nachrichten, am meisten von denen, die nichts Genaues wussten und es gewohnt waren, über alles Vermutungen und Spekulationen anzustellen. Sie brachten viel übel Klingendes, Hochmütiges und Verleumderisches in Umlauf, wobei von beiden Seiten beliebig durch gewisse Leute [5] immer die anderen diffamiert wurden. Man behauptete, dem Sachsen hätten auch irgendwelche Leute den Ratschlag erteilt, sich nicht ganz von seinem Verwandten zu entfremden und nicht noch dieses innerfamiliäres Übel neben den früheren zu erregen, sondern sich den Umständen anzupassen und ihm recht freundlich zu erwidern. [Moritz] sei auch noch ein junger Mann und vielleicht hoffen gewisse Leute, dass er Verlangen nach Größerem hat und nur eines Vorwandes bedarf, [10] weil die Rivalitäten über die nachbarschaftlichen Vorwürfe und wegen anderer Dinge, von denen er selbst wüsste, noch andauerten. Sie glaubten, dass in jedem Fall die Unterordnung gefahrlos sei: Denn siegen würden entweder sie selbst, und dann werde das, was zugestanden wurde, wieder weggenommen. Oder der Kaiser siegt, dann wäre es also besser, dass sein Cousin [Moritz] seine Länder hätte als irgendein einziger von außerhalb. Oder aber sie machen einen Vertrag und schließen Frieden, und so würde leicht [15] eine Rückgewinnung zustande kommen. Doch gegen diese [Ratgeber] wurde von irgendwelchen anderen viel gesagt, die glaubten, es sei nötig, dem Pseudocousin, der sich nicht an Wohltaten, aus denen er selbst und sein Vater früher von den Bündnern Nutzen gezogen hätten, erinnerte, nichts zu gestatten. Und niemand schloss sich der Meinung [Ersterer] an. Und es wurden Briefe geschrieben, die voll waren von Drohungen, Erinnerungen an frühere Wohltaten und beinahe Schmähungen. [20] Und manche glaubten, dass der sächsische Herzog [ Johann Friedrich], weil er weder Leute hatte, die Nützliches sagten, und sich mehr in die Gesellschaft schlechter Menschen begab noch vor Zorn fähig war, richtig zu denken und zu überlegen, damals in beiden Fällen einen Fehler machte. 23. Der Schmalkaldische Bund löst sich auf Seitdem wurde von den Bündnern nicht mehr sehr viel ordnungsgemäß gesagt und getan. Sie führten den Feldzug nicht mehr sehr geschlossen aus und [25] waren einander gegenüber argwöhnisch. Die Städte waren wegen der Kosten belastet und halfen sparsamer mit Beiträgen. In den Städten wurde die Länge des Krieges und die Verschwendung der Kommandeure in ein schlechtes Licht gestellt. Denn für die Haupt- Über den Schmalkaldischen Krieg 221 <?page no="222"?> [Freher 1611, p. 415] 1 λυμοιρίτας , ὧν ἀριθμὸς μέγας , πλεῖστον ὅσον τοῦ μισθοῦ διεδίδοτο , καὶ τὰ ξυνεισφερόμενα οὕτω τάχιστα ὑπανηλώθη , καὶ ὄκνος τὸ ἔπειτα τῶν τοῦ πολέμου τέλος οὔτε τῆς αὐτῶν ἀποπτιλώσεως καθορώντων . Πολλῶν δὲ ὄντων τῶν ἡγεμονευόντων καὶ ἀκαταστασία ἦν ἐν τῷ βουλέυεσθαι , καὶ 5 τῶν δοξάντων ἐξαγγελίαι . Κάρολος δὲ ἦν γὰρ αὐτοκράτωρ τε καὶ ταμίας αὐτὸς μόνος ἅπαντα καὶ χρηστοτέρως καὶ πρακτικωτέρως καὶ συντονωτέρως μετεχειρίζετο καὶ ἐκαιροφυλάκει ἐπιτηρῶν τὰ τῶν πολεμίων σφάλματα . Τῶν δὲ χρημάτων τὰ μὲν αὐτὸς ἔχων ἦλθε , τὰ δὲ ἐφοίτα παρὰ τοῦ ἱερατικοῦ , ὅθεν καὶ τοιοῦτο < τι > λέγεται ἀποφθέγξεσθαι προτειναμένης συμβάσεώς ποτε , ὅτι 10 αὐτὴ οὐκ ἂν γένοιτο τοῦ ἱερατικοῦ καὶ τῶν πόλεων εὐπορούντων χρήμασι . Καὶ παρήκμαζεν ἤδη τὸ φρόνημα καὶ τῆς εἰρήνης ἱμείροντο πάντα τε ὡς πρὸς διάλυσιν τῆς δεκαετοῦς ξυμμαχίας ἤδη καὶ τοῦ χρόνου σχεδὸν ἥκοντος ἐς τέλος οὕτως συνεκύρησε . Οἱ δὲ πολέμαρχοι ὅμως ἤθελον φανῆναι ἐλπίδα ἔτι ἔχειν ὡς περιγενησομένων αὐτοῖς τῶν πραγμάτων , ἢν ἀντιλάβωνται , καὶ ἐξ 15 ἀμφοῖν τοῖν στρατοπέδοιν περιεπέμποντο ἐπιστολαὶ τὰ πταίσματα ἴδια οἷαί τ’ ἐπικρύψαι , τὰ δ’ ἄλλα ἐπὶ τὸ μεῖζον ἆραι , καὶ τὰ πρὸς αὐτὸν λογοποιῆσαι . Αἱ μὲν ἐκ τοῦ Καίσαρος στρατεύματος περιέχουσαι ὑποχώρησιν καὶ φυγὴν καὶ ἀχρηματίαν καὶ πρὸς ἀλλήλους δυσκολίαν τοῦ ξυμμαχικοῦ . Αἱ δὲ ἀπὸ τοῦ ξυμμαχικοῦ καὶ τὰ παρ’ αὐτοῖς εὖ ἔτι καὶ ῥωμαλέως ἔχοντα ἀπήγγελλον , καὶ 20 ἐναντίων μάλιστα δὴ τῶν Ἰταλιωτῶν τε καὶ Ἰβήρων τὴν ὠμότητα καὶ μιαρίαν διετραγῴδουν , τά τε τολμώμενα ἀνοίκτως τε καὶ θηριωδῶς εἴς τε τοὺς τῶν ἐκκλησιῶν ποιμένας , καὶ παρανομούμενα εἰς τὸ γυναικεῖον φῦλον . Σφαγάς τε καὶ ἁρπαγὰς καὶ μίξεις ἀνοσίους καὶ αἰσχρουργίας ἀφορήτους καὶ δια κορεύσεις τῶν παρθένων καὶ ἀπαγωγὰς τῶν τέκνων θρηνοῦντες καὶ ἐπὶ τὸ 25 μεῖζον δεινοῦντες ἅπαντα ἐσήμαινον τοῖς γνωρίμοις . Καί τὰ μὲν πλείω τούτων ἐπέπλαστο μὲν οὐδαμῶς , ἐνομίζοντο δὲ τόσῳ βαρύτερα καὶ χαλε πώτερα , ὅσῳπερ ἀπείρως μᾶλλον εἶχον οἱ τῇδε ἄνθρωποι αὐτῶν , καὶ ἀκοῇ μᾶλλον παρ’ ἑτέροις ἀνομηθέντα ἢ παρὰ σφῶν αὐτῶν ὄψει ἐπέγνωσαν . Ἐποιοῦντο οὖν app. crit.: 415,1 πολυμοιρίτας VR (cf. ann.) | 2 ὑπηναλώθη VR : ὑπανηλώθη ed. (cf. Thuc. 3,17) | 3 καθορώτων VR : καθορώντων ed. (Stenius: … cum neque belli finem, neque suae denudationis viderent) | 4 ἡγομενόντων VR : ἡγεμονευόντων ed. (Stenius: In copia autem Ducum) | 6 μόνος V : μόνον R | συντονοτέρως VR : συντονωτέρως ed. | 8 ἱερατικοῦ . ὅθε VR : ἱερατικοῦ , ὅθεν ed. | 9 τοιοῦτοι Vh2 : τοιοῦτο a : τοιοῦτό < τι > ed. (Stenius: tale aliquid dixisse fertur) | 10 εὐπωρούντω VR : εὐπορούντων ed. | 11 πρὸ VR : πρὸς ed. | 12 ἵκοντας VR : ἥκοντος ed. | 14 αὐτιλάβωνται VR : ἀντιλάβωνται ed. | 21 τάτε VR : τά τε ed. | ἀνοίκτως V : ἀνοίτως R | 26 ἐπέπλαστω Vh2 : ἐπέπλαστα a : ἐπέπλαστο ed. | 27 ἡ τῇ δε VR : οἱ τῇδε ed. (Stenius: quanto minus horum locorum homines ea experti fuerant) 222 De Bello Smalcaldico <?page no="223"?> [415,1] beteiligten, deren Zahl groß war, wurde beinahe das meiste Beitragsgeld aufgewendet, und die gesammelten Gelder wurden auf diese Weise sehr schnell ausgegeben. Und es herrschte in der darauffolgenden Zeit ein Zögern derer, die weder das Ende des Krieges noch das Ende ihrer Schröpfung erkennen konnten. Da es mehrere Anführer gab, war die Beschlussfassung unbeständig und [5] Beschlüsse wurden ausgeplaudert. Doch Karl, denn er war Kaiser und nur er selbst hatte die Kontrolle, betrieb alles zweckmäßiger, effektiver und energischer und wartete auf eine günstige Gelegenheit, indem er auf die Fehler der Bündner achtete. Das Geld brachte er zum Teil selbst mit und zum Teil kam es vom Klerus. In dem Zusammenhang soll er auch Folgendes gesagt haben, als einmal eine Einigung gefordert wurde: [10] ‚ Es wird sie wohl nicht geben, solange der Klerus und die Städte Geld im Überfluss haben. ‘ Der Geist [des Bundes] hatte schon an Kraft verloren, sie sehnten sich nach Frieden und alles lief so schließlich auf die Auflösung des zehnjährigen Bündnisses heraus, als die Zeit dafür auch schon fast gekommen war. Die Anführer wollten aber dennoch den Anschein erwecken, noch Hoffnung zu haben, dass die Sache für sie vorteilhaft ausgeht, wenn sie eifrig bei der Sache bleiben. Und aus beiden [15] Lagern wurden Briefe geschickt, die die eigenen Fehler nach Möglichkeit verhüllen sollten, die der anderen aber aufbauschten und dazu dichteten, was einem selbst nützte. Die Briefe aus dem kaiserlichen Heer beinhalteten Rückzug und Flucht der Bündner sowie ihre Geldnot und die Unzufriedenheit untereinander. Die von den Bündnern ließen verkünden, dass es ihnen noch gut gehe und sie stark seien, und proklamierten die Rohheit und Brutalität [20] der Feinde, insbesondere der Italiener und Spanier, sowie die erbarmungslosen und tierischen Dreistigkeiten gegen Kirchenhirten. Und sie beklagten laut die Missbräuche von Frauen. Blutbäder, Räubereien, gottlose Hurereien, unerträgliche Schandtaten, Vergewaltigungen junger Frauen und Kindesentführungen, [25] bauschten sie negativ auf und zeigten das alles ihren Anhängern. Und der Großteil davon war zwar keineswegs ausgedacht, wurde aber für umso schwerwiegender und schlimmer gehalten, je weniger Ahnung die dortigen Menschen davon hatten und das Unrecht eher durch Hörensagen von anderen als durch eigene Anschauung zur Kenntnis nahmen. Sie sprachen also Über den Schmalkaldischen Krieg 223 <?page no="224"?> [Freher 1611, p. 416] 1 εὐχαὶ καὶ δεήσεις πρὸς τὸν θεὸν τοῦ φυλάσσειν τὴν Γερμανίαν καὶ ἀπείργειν οὕτω βάρβαρον καὶ ἐπιμανῆ ἐμπαροίνησιν τῶν οὔτε θεὸν φοβουμένων , οὔτ’ ἀνθρώπους αἰδουμένων ἐχθρῶν , μήτε ἐᾶσαι ἐπί τε κεφαλὰς καὶ οἴκους αὐτῶν ἐμβάλλειν τε καὶ ἐπιδραμεῖν τοὺς οὐδὲν ἠπιώτερον ἤπερ Τούρκας ἢ Σαῤῥα - 5 κηνοὺς προσοίσειν αὐτοῖς μέλλοντας . Καὶ ταῦτα μὲν οὖν πρὸς ἀποστροφὴν τῶν κακῶν ἐν δέει ὄντες ᾔτουν παρὰ τοῦ θεοῦ . Ὁ δὲ οὐκ ἄρα εἰσήκουεν , ὅτι χρόνου δῆτα περίοδος παρῆν , ὥστε τῆς ἁμαρτίας ἡμῶν μισθὸν λαβεῖν τινα τῆς ἄγαν , ἀλλ’ ἐπάνειμι γὰρ πρὸς τὰ προκείμενα . 24. Ὁ μὲν τῆς Μυσίας ἡγεμὼν οὐδενὸς παρὰ τοῦ ξυγγενοῦς περὶ τῆς χώρας καταλήψεως προσ - 10 χωροῦντος , ἔχων τε τοὺς Οὑσσάρους καὶ πεζὸν εἰς τετρακισχιλίους καὶ ἵππον ἀριθμῷ τε οὐ μεμπτὴν καὶ κάλλη ὑπερέχουσαν , προσῆγέ τε αὑτῷ τοὺς τοῦ ξυγγενοῦς ὑπηκόους , καὶ τὰς πόλεις ἐπερχόμενος καθίστατο τὰ ἐν αὐτοῖς καὶ ὁρκωμοτεῖν τοὺς ἀεὶ προσγενομένους , ὡς νῦν ἔθος ἐπικρατεῖ , οὐκ ἀγαθὸν ὂν δίδαγμα τῆς τῶν ὅρκων εὐμαροῦς μεταθέσεως . Ἀπήντει δ’ αὐτῷ οὐδα - 15 μόθεν οὐδὲν ἀποκωλυτικὸν τῆς διαπείρας , πλὴν τῆς παρ’ Ἄλβιδι ἐχυρᾷ πάνυ πόλει ἔνθα καὶ μνημεῖα τῶν Σαξονικῶν ἀρχιαιρεσιαστῶν καὶ σχολαστήριον ἔκτιστο , ὅπερ ἐν οὐ μακρῷ χρόνῳ μεγάλως ηὐξήθη , καὶ ἣν αὐτοὶ κοσμῆσαί τε καὶ χώμασι καὶ προμαχεῶσι κρατῦναι ἐφιλοτιμήθησαν . Ἐνταῦθα γὰρ καὶ στρατιωτικὸν πολὺ ἐνῆν καὶ μηχαναὶ πλήθει πλεῖσται καὶ μεγέθει μέγισται , 20 καὶ τἆλλα ἀναγκαῖα εἰς πολιορκίαν , προπαρασκευασθέντα μέν τινα τότε δὲ παρακομισθέντα τὰ πλείω ἐξαπίνης ἀπὸ τῶν περιοικίδων πόλεων καὶ ἐκ τῶν ἀγρῶν . Ἐκεῖνοι γοῦν καὶ τά τε προάστεια κατέκαυσαν καὶ οὐδὲν εἰρηνικὸν ἀπεκρίναντο τοῖς κελεύσασι παραδοῦναι τὴν πόλιν , καὶ διενενόηντο ἀπαμύ νειν τοὺς προσβαλοῦντας . Ἐσέπραξαν δ’ ὅμως δεχήμερον γενέσθαι ἐκεχει - 25 ρίαν , ἐν ᾗ περὶ τοῦ ὅτι καὶ χρὴ δρᾶσαι διαβουλεύσαιντο . Ἐν ταύτῃ προσ πεσόντες ὀλίγοι τινὲς οὐδὲν διὰ τὰ ξυμβάντα φυλαττομένους τέσσαρας τῶν Μυσιακῶν ἐν πολιχνίῳ γείτονι διανυκτερεύοντας συνέλαβον καὶ ἀπήγαγον . Τοῦτο ἀκούσας ὁ τῆς Μυσίας ἡγεμὼν καὶ σφόδρα ὀργισθεὶς ἐ- app. crit.: 416,1 ἀπείργειν V : ἀπείργει R | 5 οὔτε VR : οὖν ed. (Stenius: Atque haec pro avertendis malis a Deo petebant timore perculsi.) | 7 τὰς VR : τῆς ed. (Stenius: merces … nimiae impietatis) | 9 - 10 προσχωροῦντος V : προσχωροῦντο R | 11 κάλλῃ V : καλλῇ R : κάλλη ed. | αὐτῷ VR : αὑτῷ ed. (Stenius: eos qui cognato parebant, sibi dicto audientes esse voluit.) | 13 ὀρκομώτει VR : ὁρκωμοτεῖν ed. (Stenius: iureiurando sibi cives obligavit) | 15 - 16 ἐχυρᾷ πάνυ πόλει VR (melius esset ἐχυρᾶς πάνυ πόλεως ; Stenius: praeter urbem ad Albin admodum munitam) | 16 σκο o λαστηριον V : σκολαστήριον R : σχολαστήριον ed. (cf. LSJ) | 21 τ ῷ VR : τῶν ed. | 24 ἔσπραξαν Vh2 : εἴσπραξαν a : ἐσέπραξαν ed. | 27 διανυκτερεύοντες VR : διανυκτερεύοντας ed. (Stenius ambigue: … pauci quidam eruptione facta quatuor Misneses nihil … metuentes, et in oppidulo vicino pernoctantes comprehensos abduxerunt) | 27 - 28 ἀπήγαγον τοῦτο VR : ἀπήγαγον . Τοῦτο ed. 224 De Bello Smalcaldico <?page no="225"?> [416,1] Gebete und Bitten an Gott, dass er Deutschland beschütze und so den Barbaren und die verrückte Ausgelassenheit der Feinde, die weder Gott fürchten noch die Menschen respektieren, abhält. Er solle nicht zulassen, dass über ihr Leben und ihre Familie Leute hereinbrechen und herfallen, die sich ihnen gegenüber kein Stück besser als die Türken und die [5] Sarazenen verhalten werden. Das erbaten sie also in Angst von Gott zur Abwendung der Übel. Doch der hörte sie nicht, weil der Zeitpunkt gekommen war, den Lohn für unsere übermäßigen Sünden zu nehmen. Doch ich werde zum Thema zurückkehren. 24. Offensive des Herzogs von Meißen Da von seinem Verwandten bezüglich der Besetzung des Gebiets niemand [10] kam, übernahm der Herzog von Meißen die Untertanen seines Verwandten mithilfe der Husaren, etwa 40.000 Fußsoldaten und einer Reiterei, die von beachtlicher Zahl und überragender Verfassung war. Und er griff Städte an und ordnete die Angelegenheiten vor Ort. Er befahl, dass die, die jeweils dazukamen, einen Eid ablegen, wie es nun die Sitte ist (wobei es eine schlechte Lehre war, dass Eide leicht geändert werden können). Von nirgendwoher begegnete ihm aber [15] irgendetwas, das das Unternehmen behinderte, mit Ausnahme der gut befestigten Stadt [Wittenberg] an der Elbe, in welcher Denkmäler der sächsischen Kurfürsten stehen und eine Universität gegründet worden war, die in kurzer Zeit sehr groß wurde. [Die sächsischen Kurfürsten? ] selbst strengten sich ehrgeizig an, die Stadt auszustatten und mit Erdwällen und Verteidigungsanlagen zu befestigen. Denn in der Stadt war viel Militär, sehr viel sehr schweres Gerät [20] und alles, was man sonst noch für eine Belagerung braucht. Ein Teil davon war zwar vorher schon einsatzbereit, doch ein recht großer Teil wurde damals recht plötzlich aus den umgrenzenden Städten und Ländereien hinzugefügt. Vorstädte brannten jene [Wittenberger] ab. Auf Kapitulationsaufforderungen reagierten sie nicht friedlich und beabsichtigten, die Angreifer abzuwehren. Trotzdem forderten sie eine zehntägige [25] Waffenruhe, in der sie darüber berieten, was zu tun ist. Während der Waffenruhe überfiel eine kleine Gruppe vier Meißner, die sich wegen der Waffenruhe nicht in Acht nahmen und in einem kleinen benachbarten Städtchen übernachteten, nahm sie fest und entführte sie. Als der Herzog von Meißen das hörte, wurde er sehr zornig Über den Schmalkaldischen Krieg 225 <?page no="226"?> [Freher 1611, p. 417] 1 πέπεμψε τοὺς Οὑσσάρους ταῖς ἀμφὶ τὴν πόλιν κώμαις ἐπιτρέψας ληίζεσθαι αὐτοῖς . Πρὸς τοῦτο δὲ μάλα τ’ ἐπιτήδειοί εἰσι καὶ πρόθυμοι ἐκεῖνοι , ἱππεῖς τε ὄντες καὶ ὅπλοις ἀμυντικοῖς οὐ βεβαρυμμένοι πλὴν ἀσπίδων , ἃς προβάλλον ται . Αὐτοὶ γοῦν περὶ τὸν Ἄλβιν ἅπαντα κατατρέχοντες καὶ λαφυραγωγοῦντες 5 ἐνήδρευον τοὺς φρουροῦντας ἐν τῷ ὀχυρώματι . Ὁ δὲ τῆς Μυσίας ἡγεμὼν καὶ τὴν τῶν Ἁλῶν πόλιν μεταλλάξας ἔσθ’ ἃ τῆς πρότερον πολιτείας καταστησά μενος , τὴν ἄλλην τῆς γῆς διοίκησιν διὰ χειρὸς εἶχε , καὶ ἤδη διερχομένῳ ἀδεῶς τὴν χώραν καὶ παραλαβόντι τάς τε πόλεις καὶ φρούρια ἅπαντα ἐκτὸς τοῦ Γοτθιέως πάνυ ἐχυροῦ ὄντος , ἀγγέλλεται ἡ τοῦ ξυγγενοῦς ἀνάζευξις καὶ τοῦ 10 ξυμμαχικοῦ στρατεύματος διάλυσις . Ὁ γὰρ Σαξονικὸς ἀρχαιρεσιαστὴς πρὸς ἐκείνην τὴν τοῦ συγγενοῦς ἐπανάστασιν καὶ , ὡς ὠνόμαζον αὐτοὶ , ὕβριν καὶ προδοσίαν δεινοπαθῶν καὶ ἀβίωτον ἡγησάμενος , εἰ μὴ ἀμύνοιτο αὐτὸν , ὅσον δὴ μέρος οἰκειῶσαι αὐτῷ τοῦ στρατιωτικοῦ ἐδύνατο , καὶ ἀποστροφῆς ἤδη καὶ ἀπαγωγῆς γεγενημένης στρατείας ἁπάσης ἀκινδύνου μὲν οὐκ , ἀζημίου 15 δὲ , σὺν τοῖς ἰδίοις ἀπῄει τὴν εὐθὺ ἐπ’ οἴκου , ὡσαύτως δὲ καὶ οἱ ἄλλοι ὅποι ἑκάστῳ ξυνέφερεν . Προσεῖχε δὲ τὸν νοῦν τοῖς ἀεὶ διαβαλλομένοις ἐχθίστῳ λόγῳ τὸν ξυγγενῆ , καὶ ἐπίστευε τοῖς φάσκουσιν , ὅτι ἐκ παλαιοῦ ἐκεῖνος τὸ ἀρχιαιρεσιαστικὸν μνηστεύσας ἀξίωμα συνθήκας πεποιημένος εἴη πρὸς τὸν Κάρολον , παροξυνθεὶς γοῦν ἐκεῖνος ταχεῖαν τὴν ἀναχώρησιν ἐποιεῖτο , τοῦ 20 χειμῶνος μεσοῦντος καὶ ψύχους ὄντος μεγάλου . Ὅπερ καὶ τοὺς στρατιώτας γυμνοὺς ὄντας τοὺς πλείστους μάλιστα ἔβλαψεν . Ὁ δὲ τῆς Μυσίας ἡγεμὼν προκαλοῦντος τοῦ τῆς Ἡσσίας ἄρχοντος πενθεροῦ ὄντος περὶ διαλλαγῶν προσίεσθαι λόγους ἤθελε . Τῆς δ’ ἐφόδου τοῦ ξυγγενοῦς ἄφροντις ἦν , ἐλπίζων τόν τε Καίσαρα κατὰ νῶτον , ἄλλους τέ τινας ἐναντίους γενομένους συνέξειν 25 αὐτὸν , καὶ μὴ ἐπιτρέψειν τὸν κάθοδον . 25. Ὁ δὲ Κάρολος ἀποχωρήσαντος τοῦ ξυμμαχικοῦ πρός τε διάλυσιν αὐτοῦ παντελῆ ἐτέτραπτο , καὶ ἀργυρολο γεῖν διενοεῖτο , τοῖς δὲ Φραγκοῖς γράμματα ἔπεμπε κελεύσας πάσῃ δυνάμει ἐμποδὸν ἵστασθαι τῇ διόδῳ τῶν Σαξονικῶν , ὀνειδίσας τε τὴν φυγὴν καὶ λοιδορίας πολλὰς καταχέας αὐτῶν . Ἀπέστειλέ τε καὶ τὸν Μαρχίωνα app. crit.: 417,7 εἶχε . καὶ V : εἶχε , καὶ R | 8 χεύραν Vh2 : γεύραν a : χώραν ed. (Stenius: per ditionem) | 10 ἀρχαιρεσιαστὴς VR (cf. p. 413,3 et LSJ; cf. autem p. 392,3; 393,4; 409,2; 416,16; 417,18; 418,4: ἀρχιαιρεσιαστής ) | 14 στρατειᾶς V : στρατειῶς R : στρατείας ed. | 15 ἀπήει Vh2 : ἀπήοι a : ἀπῄει ed. | ὁσαύτως VR : ὡσαύτως ed. | 18 ἀρχιαιρεσιαστηκὸν VR : ἀρχιαιρεσιαστικὸν ed. | 21 μυσίας ἡγεμὼν R : μυσίας . ἡγεμὼν V | 23 ἄφροντες VR : ἄφροντις ed. | 24 συνέξει Vh2 : συέξει a : συνέξειν ed. (Stenius: … speraret illum retentum iri a tergo opera Caesaris … ) 226 De Bello Smalcaldico <?page no="227"?> [417,1] und schickte die Husaren los mit dem Auftrag, die umliegenden Dörfer zu plündern. Dafür sind jene besonders geeignet und bereit, da es sich um Reiter handelt, die außer mit Schilden, die sie vorhalten, nicht mit defensiver Ausrüstung beschwert sind. Sie verwüsteten und plünderten also alles um Wittenberg herum und [5] belauerten die Wachen in der Festung. Der Herzog von Meißen hatte, nachdem er Halle verlassen hatte und einiges von der früheren Staatsordnung einführte, die Verwaltung des einen Teils des Landes in seiner Hand. Und als er furchtlos durch das Land marschierte und alle Städte und Stützpunkte außerhalb von Gotha, das recht stark war, einnahm, wurde ihm die Rückkehr seines Cousins und [10] die Auflösung des Heeres der Bündner gemeldet. Denn der sächsische Kurfürst beklagte sich heftig bezüglich jenes Umsturzes vonseiten seines Verwandten - [die Bündner] nannten es Hochmut und Verrat - und hielt es für unerträglich, wenn er ihn nicht abwehren könnte. Als das ganze Heer schon zurückgedrängt und weggeführt wurde - was zwar nicht gefahrlos war, [15] aber verlustlos geschah - gewann er so viele, wie er konnte, für seine Seite und brach zusammen mit seinen eigenen Soldaten auf direktem Wege nach Hause auf. Genauso brachen auch die anderen dahin auf, wo es einem jeden nützlich war. Er richtete seine Aufmerksamkeit aber auf die, die seinen Verwandten immer mit feindseligen Reden verleumdeten, und vertraute denen, die sagten, dass [Moritz] schon immer um die Kurwürde buhlte und mit Karl eine Abmachung getroffen habe. So angestachelt zog jener sich [20] mitten im Winter bei Eiseskälte schnell zurück. Das schadete besonders den Soldaten, da die meist nur leichte Kleidung trugen. Der Herzog von Meißen aber wollte nach Aufforderung des hessischen Landgrafen, der mit ihm verschwägert war, über eine Versöhnung verhandeln. Über das Anrücken seines Verwandten machte er sich keine Sorgen und hoffte, dass sowohl der Kaiser im Rücken als auch gewisse andere, die zu seinen Feinden geworden sind, [25] den [Kurfürsten] ergreifen und seine Rückkehr nicht gestatten. 25. Karl entsendet den Markgrafen [Albrecht Alcibiades] Und nach dem Abzug des Bundes wandte sich Karl dessen vollständiger Auflösung zu und überlegte Geld einzutreiben. Er sandte den Franken Briefe und befahl, sich mit aller Macht dem Durchmarsch der Sachsen entgegenzustellen, deren Flucht er schmähte und mit vielen Beleidigungen überschüttete. Er entsandte auch den Markgrafen Über den Schmalkaldischen Krieg 227 <?page no="228"?> [Freher 1611, p. 418] 1 ἄγοντα ἱππεῖς πρὸς βοήθειαν· καὶ τῶν περὶ αὐτόν τινας ἐντειλάμενος ἀπέχε σθαι μὲν μάχης , μόνον δὲ φυλάξαι τὰς τῶν πολεμίων ἐφόδους ἕως οὗ παραγένηται αὐτὸς , παρέσεσθαι δὲ ἐν καιρῷ . Καὶ ὁ Μαρχίων εὐθὺς ἔν τε τῇ Φραγκίᾳ τοῦ τε ἀρχιαιρεσιαστοῦ ἀδελφοῦ καὶ ἄλλων τινῶν συστρατευ - 5 σαμένων χώρας ὑφ’ αὑτοῦ ἐποιήσατο καὶ τὰ αὐτοῦ καταληφθέντα ἐν τῇ ὀρεινῇ ἀνεκτήσατο , καὶ οὕτως ἧκε πρὸς τοὺς Μυσοὺς ἤδη τῶν Σαξονικῶν σχεδὸν κατεχόντων ἅπαντα τὰ τῶν Μυσῶν . Ἀμεληθείσης γὰρ τῆς ἐκείνων ἐφόδου ἐπιπεσόντες αὐτοὶ αἰφνιδίως αἱροῦσί τε πόλεις τε καὶ κώμας καὶ ἱππεῖς ἅμα καὶ πεζοὺς τῶν ἐναντίων ἁλίσκουσι φθάσαντες τὰς ἐκ τῶν 10 φρουρίων ἐξόδους αὐτῶν . Θόρυβος δὲ ἦν πανταχοῦ καὶ ἀναζεύξεις ὀξεῖαι καὶ ξυνδρομαὶ φυγαί τε καὶ ἀπελάσεις καὶ τῶν ὑπαρχόντων ἀνακομιδαὶ ἐκ τῶν ἀγρῶν εἰς τετειχισμένους τόπους . Καὶ οὐ πάνυ ἦσαν οἱ Σαξονικοὶ στρατιῶται ἀνεκτοὶ , μᾶλλον δὲ οὐδενὸς ἀπελείποντο τῶν ὠμοτάτων ἐν τῷ ἄγειν τε καὶ φέρειν ὁμοίως τὰ τῶν προσκεχωρηκότων καὶ τῶν ἄλλων . 26. Καὶ 15 ὁ μὲν στρατὸς ἀθρόος ἤγετο ἐπὶ τὴν τῶν Ἁλῶν πόλιν , ἐν ᾗ καὶ ἱερεὺς τότε ἦν , ὅν τῆς καὶ ἀρχῆς ἔπαυσε , καὶ ἀνδριάντα τινὰ ὕπαιθρον ἔν τῇ ἀγορᾷ πρόσθεν ὑπωρόφιον ὄντα καθίδρυσεν ἐπώνυμον Ῥουλάνδου συγγενοῦς Καρόλου τοῦ Μεγάλου , ἀδελφῆς γὰρ αὐτοῦ ἦν υἱὸς ὁ Ῥούλανδος· τὸ δ’ ὄνομα μεταφρασ θὲν εἴη ἂν Ἠρεμιόγεως . Εἰσὶ δὲ καὶ ἄλλοθι ὅμοιοι ἐν πόλεσι τῆς Σαξονίας 20 ἱδρυθεῖσαι ἐξ αἰτίας ταύτης . Ὁ Κάρολος πολλάκις καταστρεψάμενος τοὺς Σάξονας οὐδὲν ἤνυε , ἀποστάντων αὖθις ἀεὶ ἐκείνων . Τέλος ἔτει σχεδὸν τριακοστῷ ἐκπολεμώσας οὕτω κατέσχεν · εἰς τὰς δουλωθείσας τῶν πόλεων ἄρχοντας καὶ οἷον ἁρμοστὰς καλουμένους πυργοφύλακας ἔστειλε καὶ ἐκέ λευσε τῆς ὑπακοῆς σημεῖον τὸν τοῦ Ῥουλανδοῦ ἀνδριάντα ἀναστῆσαι 25 ἐνδεικνύμενος ἅμα , ὅτι ἐλευθερίας τῆς προτέρας διὰ τὴν < ἀρετὴν > τῶν ἀμφὶ αὐτὸν ὧν πρῶτος ἦν ὁ ἀδελφιδοῦς ἐστερήθησαν , καὶ ὅτι ὑπακούσαντες τὸ λοιπὸν ἡ γῆ ἠρεμήσει . Ἀλλὰ τούτων χρόνῳ ὑστέρῳ μετεβλήθη τε καὶ ἐκαι νοποιήθη πλεῖστα , περὶ ὧν καὶ τοῖς τῶν τόπων ἄρχουσι διαφοραὶ πολλαὶ ἐγενήθησαν . Τότε δ’ οὖν οἱ Σαξονικοὶ περὶ ταῦτα ἐν τῇ τῶν Ἁλῶν πόλει 30 διέτριβον καὶ ἠσχολοῦντο . Οὐκ ἐβού- app. crit.: 418,1 βοήθειαν· καὶ V : βοήθειαν . καὶ R | 2 φυλάξας VR : φυλάξαι ed. (Stenius: cum his mandatis, ut a praelio [sic! ] abstinerent, et tantisper hostium impetum caverent, dum ipse accederet.) | 5 ὑφ’ αὐτοῦ VR : ὑφ’ αὑτοῦ ed. | 10 ἀναζεύξις ὀξείαι VR : ἀναζεύξεις ὀξεῖαι ed. | 11 ἀνακωμιδαὶ VR : ἀνακομιδαὶ ed. | 18 ῥούλανδος· τὸ V : ῥούλανδος . τὸ R | 20 ἱδρυθεῖσαι V : ἰδρυθεῖσαι h2 : ἱδρυθεῖται a | 22 κατέσχεν εἰς VR : κατέσχεν · εἰς ed. | 24 ὑπηκοῆς VR : ὑπακοῆ ς ed. | 25 διὰ τὴν τῶν VR : ἀρετὴν supplevi (Stenius: ostendens, eos libertate pristina, virtute suorum … , privatos esse) 228 De Bello Smalcaldico <?page no="229"?> [418,1] mit Reitern zur Unterstützung und trug dessen Leuten auf, sich von Kämpfen fernzuhalten und nur das Anrücken der Feinde zu bewachen, bis er selbst da sei - was zur rechten Zeit sein werde. Und der Markgraf unterwarf in Franken sofort Orte des Bruders des Kurfürsten und gewisser anderer Verbündeter und [5] gewann das, was dort im Gebirgsland besetzt worden war zurück. Und so kam er zu den Meißnern, als die Sachsen schon fast alles von ihnen in ihrer Gewalt hatten. Denn da man die Ankunft jener außer Acht gelassen hatte, fielen sie unvorhergesehen ein, eroberten Städte und Dörfer und nahmen Reiter und Fußsoldaten der Feinde gefangen, bevor Verstärkung aus deren Stützpunkten kam. [10] Es gab aber überall Lärm, schnelle Aufbrüche, Aufläufe, Flucht und Vertreibung. Besitztümer wurden erneut vom Land in befestigte Gebiete gebracht. Und die Sachsen waren unerträglich und standen mit den Plünderungen ihrer Unterstützer und anderer den Grausamsten in nichts nach. 26. Halle (Roland-Exkurs) Und [15] das gesamte Heer wurde zur Stadt Halle geführt. Dort gab es damals einen Geistlichen, den [Johann Friedrich] des Amtes enthob. Er ließ auch eine Statue unter freiem Himmel auf dem Marktplatz bringen, die vorher unter einem Dach war. Die Statue trägt den Namen Roland, der ein Cousin Karls des Großen war - denn Roland war der Sohn von Karls Schwester. Ins Griechische übersetzt hieße der Name Eremiogeos - Ruhland. Es gibt aber auch in anderen Städten Sachsens gleiche Statuen, [20] die dort aus dem folgendem Grunde aufgestellt worden sind: Karl [der Große] unterwarf die Sachsen mehrere Male und erreichte damit nichts, da jene immer wieder von ihm abfielen. Schließlich, nachdem er fast dreißig Jahre Krieg geführt hatte, unterwarf er sie folgendermaßen: Er sandte in die unterworfenen Städte hohe Beamte und wie Harmosten genannte Burggrafen. Er befahl, die Statue von Roland als Zeichen des Gehorsams aufzustellen. [25] Damit zeigte er zugleich, dass sie wegen der <Tapferkeit> der Krieger um Roland, deren bester sein Neffe gewesen war, ihrer früheren Freiheit beraubt worden sind und dass das Land ruhig sein wird, wenn sie in Zukunft hörig sind. Aber das meiste davon wurde in späterer Zeit verändert und neu gestaltet, worüber den Herrschern der Gebiete auch große Streitigkeiten entstanden. Damals also beschäftigten sich die Sachsen in Halle damit [30] und waren dadurch behindert. Sie wollten nicht, Über den Schmalkaldischen Krieg 229 <?page no="230"?> [Freher 1611, p. 419] 1 λοντο δὲ δῆλον εἶναι , ὅτι διελύθη τὸ ξυμμαχικὸν , ἀλλὰ λόγους τε διεδίδουν διαμένειν ἔτι τοὺς ὅρκους καὶ ὅσον ὦκ’ ἤδη περὶ τῆς ξυμμαχίας ἀνανεώσεως διαβουλίας ἔσεσθαι . Τοῦτο δ’ ἦν λόγος ἄλλος . Ἅπαξ γὰρ διαχωρήσαντος τοῦ ξυμμαχικοῦ περιεσκόπουν τὸ λοιπὸν ἕκαστοι τὴν ἰδίαν σωτηρίαν τῶν ἄλλων 5 πέρι λογισάμενοι οὐδέν . Καὶ ὁ Καῖσαρ εὐθὺς ἀπὸ Δανυβίου καὶ τοῦ Νεο πυργίου τῇ Σουεβίᾳ ἐπέκειτο , καὶ γενομένων ἱκετειῶν τούς τε δυνάστας , καὶ τὰς πόλεις χρήματά τε εἰσέπραττε καὶ φρουρὰς ἔφαινε ἐπὶ τὰς ἀφεστηκυίας , οὕτω γὰρ ἐκάλουν , τῶν πόλεων , καὶ ὀχυρώματά τινα φυλακαῖς ἐβεβαίου , καὶ τὰς δυνάμεις ἀναλαμβάνων ἀεί τε ἀκεσάμενος τὸ πονοῦν , καὶ τὸ λειπόμενον 10 ἀναπληρώσας καὶ τῶν Ἰβήρων πλείους προσκαλεσάμενος . Καὶ ὁ μὲν Καῖσαρ ἐν τούτοις ἦν πάνυ χαλεπῶς τε καὶ λυπηρῶς προσφερόμενος τοῖς ἰκέταις , οὕσπερ καὶ προσίετο . Οἱ δὲ ἄλλοι ἐν παντοίῳ ἦσαν φοβούμενοί τε καὶ ἀντιβολοῦντες καὶ ἐντεύξεις ζητοῦντες πρὸς τὸ μαλακώτερον ἀπαντᾶν τὰ παρὰ τοῦ Καίσαρος . Καὶ τοῦτο ἐπικερδὲς ἐγένετο τοῖς πολλοῖς , οὐδὲν γὰρ 15 ἄνευ χρημάτων ἐποιεῖτο . Ἀλλὰ τοῖς δοῦναι ἔχουσι μόνοις εὐμαρὴς ἦν ἡ πρὸς ἀσφάλειαν ὁδὸς , προῖκα δὲ θαρσῆσαι ἢ εὐπαθεῖν οὐκ ἦν . Καὶ ταῦτα μὲν οὕτω ξυνέβαινε τότε ἐργάζεσθαι αὐτόν τε τὸν Καίσαρα , καὶ τοὺς ἀμφ’ αὐτόν . Οἱ δὲ Σαξονικοὶ ἐν τῇ τῶν Ἁλῶν πόλει περὶ τὸν ἀνδριάντα καὶ ἄλλας τινὰς φλυαρίας διέτριβον . Πολλὰ δὲ ἠσέλγηνέ τε καὶ ἀπανθρωπεύσατο ἡ πληθὺς 20 τῶν ἁλουργῶν τὸ τοῦ στρατιωτικοῦ μάλιστα καχεκτικὸν προσεταιρισαμένη , περὶ τά τε ἱερὰ καὶ μοναστήριά τινα καὶ τοὺς οὐ τὰ αὑτῶν φρονοῦντας . Ὃ καὶ τοῖς Σαξονικοῖς παρὰ πᾶσιν κηλῖδα προσετρίψατο μεγάλην . 27. Ἀλλ’ ὁ τῶν Μυσῶν ἡγεμὼν ἀδεῶς τε καὶ ἄφροντις , ὡς ἔφην , τῆς τοῦ ξυγγενοῦς ἐφόδου ὢν , ἐτύγχανε τότε τῇ Λιψίᾳ παρεπιδημῶν , καὶ γνοὺς τὴν ἐκείνου προέλευσιν , 25 καὶ ὅτι οὐχ ἑκὰς εἴη ἤδη , εὖ εἰδὼς , ὅτι περὶ Λιψίας ὁ πρῶτος ἀγὼν ἔσοιτο , τὸ στρατιωτικὸν ἅπαν ἐπὶ τήνδε τὴν πόλιν ξυνέγειρε . Καὶ τότε τὰ προάστεια ξὺν πολλοῖς καὶ καλοῖς οἰκοδομήμασιν , ἐν οἷς καὶ ἀξιάγαστον ἔργον ἦν ξενοδο χείου καὶ μύλαι καὶ ἐνηβητήρια , ἐμπρήσας , καὶ καταλιπὼν αὐτοῦ τὸ πεζὸν ἅπαν ξὺ ν τῇ ἵππῳ αὐτός τε καὶ ὁ ἀδελφὸς αὐτοῦ ἐς τὰ ἄνω ἀπῄεσαν εἰς τὰς 30 γειτνιώ- app. crit.: 419,2 οὐκ ἤδη VR : ὦκ’ ἤδη ed. (Stenius: propediem) | 3 ἄλλως VR : ἄλλος ed. (Stenius: Sed haec erant fabulae. Cf. LSJ: „λόγος“ V,3; cf. Plat. Apol. 34e) | 5 δανυβίῳ VR : Δανυβίου ed. | 8 ἐβεβαίουν VR : ἐβεβαίου ed. (Stenius: praesidiisque firmavit) | 12 ἅλλοι V : ἄλλοι em. R (Stenius: Reliqui) | 15 ἀνευ V : ἄνευ em. R | ἔχοουσι Vh2 : ἔχουσι em. a | ᾗ VR : ἡ ed. | 19 ἠσέλγυνε τε Vh2 : ἠσέλγυνέ τε a : ἠσέλγηνέ τε ed. | ἁπανθρωπεύσατο Vh2 : ἁπαν δρωπεύσατο a | 20 προσεταιρησαμένη VR : προσεταιρισαμένη ed. | 22 μεγάλην . ἀλλ’ R : μεγάλην· ἀλλ’ V | 24 - 25 προέλευσιν , καὶ V : προέλεευσιν , καὶ h2 : προέλεευσιν . καὶ a | 26 τήν δε VR : τήνδε ed. | 28 καὶ V : om. R 230 De Bello Smalcaldico <?page no="231"?> [419,1] dass offensichtlich ist, dass der Bund aufgelöst worden ist, sondern verbreiteten Nachrichten, dass die Schwüre immer noch Geltung hätten und dass es schon bald Beratungen über eine Erneuerung des Bündnisses geben werde. Aber das waren Märchen. Denn nachdem das Bündnis einmal aufgelöst war, sah sich fortan jeder nur noch nach der eigenen Rettung um und [5] erwog die Belange der anderen nicht. Und der Kaiser bedrängte von der Donau und Neuburg aus sofort Schwaben. Und nachdem es zu Bittgesandschaften gekommen war, trieb er von den Herrschern und Städten Geld ein und erhob von den abgefallenen Städten - so nannten sie sie nämlich - Abgaben. Er stärkte gewisse Festungen mit Wachtruppen und richtete seine Truppen wieder auf, heilte immer die Leiden, füllte das, was fehlte, [10] auf und rief mehr Spanier zu Hilfe. Und der Kaiser war bei diesen Dingen recht bedrückt und betrübt gegenüber den Bittflehenden, selbst wenn er sie vorließ. Die anderen versuchten alles, fürchteten sich, sprachen Bitten aus und suchten Unterredungen, damit ihnen der Kaiser milder begegnet. Und das war für sehr viele günstig. Denn nichts wurde [15] ohne Geld gemacht, sondern nur denen, die etwas geben konnten, stand der Weg zur Sicherheit offen. Zuversichtlich zu sein und es sich gut gehen zu lassen, war ohne Kosten nicht möglich. Und das wurde damals vom Kaiser selbst und seinem Gefolge so betrieben. Die Sachsen in der Stadt Halle aber beschäftigten sich mit der Statue und irgendwelchem anderen Geplauder. Die breite Masse [20] der Halloren nahm sich den übelsten Teil des Heeres zu Gefährten und war gegenüber Heiligtümern, Klöstern und Andersdenkenden frech und unmenschlich, was den Sachsen bei allen einen großen Makel zufügte. 27. Die Belagerung von Leipzig Doch der Herzog der Meißner hatte, wie ich sagte, weder Angst noch Sorgen bezüglich seines anrückenden Verwandten. Er war damals gerade in Leipzig, als er erfuhr, dass jener vorrückte [25] und schon nicht mehr fern sei. Da [Moritz] genau wusste, dass der erste Kampf um Leipzig stattfinden würde, zog er sein ganzes Heer zu eben dieser Stadt zusammen. Und er ließ damals die Vorstädte mitsamt vieler schöner Gebäude, unter denen auch ein bewundernswertes Herbergsgebäude, Mühlen und Vergnügungsorte waren, niederbrennen und ließ dort all seine Fußsoldaten zurück. Mit der Reiterei zogen er selbst und sein Bruder in die höher gelegenen Gebiete und äscherten die [30] benachbarten Über den Schmalkaldischen Krieg 231 <?page no="232"?> [Freher 1611, p. 420] 1 σας κώμας πῦρ ἐνιέντες , καὶ τὸν ποταμὸν Μύλδαν περαιωθεὶς τάς τε ἐπ’ αὐτῷ καὶ τὰς ἐπὶ τοῦ Ἅλεως γεφύρας πέμψας ἐκέλευσε καθελεῖν . Οὐ γὰρ ἀξιόμα χον εἶχε πλῆθος , ὥστε ξυμβαλεῖν ἐκ χειρὸς , καὶ ἀπηγόρευτο αὐτὸ ἐκ τοῦ Καίσαρος ἡ πεῖρα . Οἱ δὲ φρουρήσοντες ἐν τῇ Λιψίᾳ κατὰ τάχος παρεσκευά - 5 ζοντο ὡς πρὸς πολιορκίαν καὶ τειχομαχίας ὡς οὐδέπω ἐσομένας . Τήν τε πόλιν ἔνδοθι διετάφρευον καὶ πάντα πρὸς ἄμυναν , ὡς ἐδύναντο , ἄριστα διετίθεντο . Φρούραρχος δὲ ἦν Βαλβίκιός τις τὸ γένος , οὐδὲ τῶν πάνυ στρατηγῶν τότε ἥττων γενόμενος , ἀρετῇ τε καὶ καρτερίᾳ καὶ γνώμῃ . Ἤδη τὸ πρότερον ἔτος ἐτελεύτα , καὶ ἤρχετο νέον , τῇ μετὰ τὰς χειμερινὰς τροπὰς ιη’ῃ μάλιστα 10 ἡμέρᾳ , καὶ ἐκ τῆς τῶν Ἁλῶν πόλεως τὸ Σαξονικὸν στράτευμα προῄει . Καὶ ἐκ τοῦ παρ’ Ἄλβιδι ὀχυρώματος προσεκομίζοντο μηχαναὶ καὶ τἆλλα πρὸς πολιορκίαν ἀναγκαῖα . Ἐπερχόμενός τε ὁ στρατός τινας ἡμικαύστους τῶν κωμῶν εὗρε , καὶ τὸ πῦρ ἔσθ’ ὅθι αὐτοὶ ἔσβεσαν . Οὕτω γοῦν ἡ Λιψία ἐπολιορκήθη ἀπὸ μερῶν τεσσάρων . Ἤλπισε δὲ ὁ Σαξονικὸς ἀπαρασκευάσ - 15 τους , ὡς ἐλέχθη , φανείσης τῆς αὐτοῦ δυνάμεως καὶ δέει τῆς κατὰ κράτος ἁλώσεως , ἐνδώσειν τι αὐτοὺς , καὶ μὴ πρὸς τὴν δύναμιν αὐτοῦ ἀντοίσεσθαι , ἐπεὶ δὲ λόγους ποιησάμενοι περὶ τούτων μηδὲν ἤνυον , ἐκ τούτου δὴ πάσῃ βίᾳ καὶ μηχανῇ ἐπέθηκαν τῇ πόλει . Σφάλμα δ’ ἐδόκει γενέσθαι καὶ τοῦτο οὐ τῶν μικροτάτων , ὅτι ὁ Σαξονικὸς οὐ τὴν εὐθεῖαν κατὰ τάχος ἐπὶ Λιψίαν ἦγε τὴν 20 στρατιὰν , οὗ γενομένου πολλοὶ οἴονται , ὅτι ἀκέραιον ἂν τὴν Λιψίαν οὐδέπω τοῦ μισθοφορικοῦ παρόντος καταλαβεῖν ἂν ἐδύνατο . Ἀλλὰ τότε οὐδενὸς ἀπαντῶντος παρὰ τῶν ἐν τῇ πόλει ἐνδοσίμου ταῖς μηχαναῖς ἀφθόνως οὕτω ἐχρήσατο , ὥστε ἐν ταῖς τέσσαρσι καὶ δέκα ἡμέραις , αἷς ἐπολιόρκησεν , ἐμβαλεῖν τοῖς τειχίσμασιν ὑπὲρ μυρίας τῶν σιδηρῶν σφαιρῶν , οἷαι ἐκ τῶν 25 χαλκῶν αὐλῶν τούτων βίᾳ πυρὸς ἐξωθούμεναι καὶ πᾶν τούναντίον ξὺν σμαραγῷ δεινῷ στορνύντες τε καὶ ῥήξαντες ῥύμῃ φέρονται . Αἱ δὲ πλεῖσται τῶν σφαιρῶν ταλαντιαῖαι , τινὲς δὲ καὶ διτάλαντοι . Εἰσεβλήθησαν καὶ σφαῖραι εἰς τὴν πόλιν θείῳ καὶ πίσσῃ συμπαγεῖσαι καὶ ἐμπυρωθεῖσαι ἐν τῷ ἀέρι . Μηχάνημα δέ ἐστι τοῦτο τῶν θαυμασίων τε καὶ δεινῶν μάλιστα . Κατεφλέχθη 30 δὲ ὑ- app. crit.: 420,5 πόλην VR : πόλιν ed. | 8 ἧττον VR : ἥττων ed. | γνώμῃ . ἤδη R : γνώμῃ· ἤδη V | 9 ῑήῃ V : ι ή ῃ h2 : ηι a : ιη’ῃ ed. (cf. ann.; Stenius: die post brumam 18.) | 11 ἐχυρώματος VR : ὀχυρώματος ed. | 13 ἔσβησαν VR : ἔσβεσαν ed. (Stenius: Milites ubi advenere, pagos quosdam semiustos invenere, et alicubi ignem ipsi vel incendium restinxere.) | λιψίᾳ Vh2 : λιψία em. a | 17 ποιησάμενοι Vh2 : ποιησάμενος a | 18 τοῦτο V : τοῦ R | 20 ἀκεραίαν VR : ἀκέραιον | 21 ἐδύνατο . ἀλλὰ R : ἐδύνατο· ἀλλὰ V | 24 ὑπέμυριας V : ὑπεμυρίας R : ὑπὲρ μυρίας ed. (Stenius: decem millibus) | 27 διτάλαντοι . εἰσεβλήθησαν V : διτάλαντοι εἰσεβλήθησαν R | 28 συμπαγέντες VR : συμπαγεῖσαι ed. | 29 δὲ ἔστι VR : δέ ἐστι ed. 232 De Bello Smalcaldico <?page no="233"?> [420,1] Dörfer ein. Und nachdem er die Mulde überquert hatte, befahl er über Gesandte, die Brücken, die in seiner Reichweite sind und nach Halle führen, abzureißen. Denn er hatte weder eine Truppenzahl, die im Kampf gewachsen wäre, sodass er sich einen Nahkampf liefern könnte, noch war der Versuch vom Kaiser erlaubt worden. Die Wachen in Leipzig bereiteten sich in aller Eile auf [5] Belagerung und Mauerkämpfe vor, wie es sie auch nicht irgendwann einmal geben wird. Im Inneren der Stadt aber zogen sie Gräben und richteten alles nach Möglichkeit bestens auf eine Verteidigung aus. Der Hauptmann war aus der Familie Beulwitz und stand den Generälen damals, was Tapferkeit, Kraft und Einsicht angeht, in nichts nach. Schon endete das vorherige Jahr und ein neues begann. Etwa am 18. Tag [10] nach der Wintersonnenwende rückte das sächsische Heer aus der Stadt Halle vor. Und aus der Festung Wittenberg wurden die Geschütze und andere Gerätschaften, die man für eine Belagerung braucht, herbeigeschafft. Als die Soldaten sich näherten, fanden sie halbverbrannte Dörfer vor und löschten das Feuer mancherorts selbst. So wurde Leipzig also von vier Seiten belagert. Der Sachse erhoffte sich, [15] wie gesagt wurde, dass sie unvorbereitet seien, bei Erscheinen seiner Truppe aus Furcht vor einer gewaltsamen Eroberung nachgeben und sich seinem Heer nicht entgegenstellen würden. Weil sie aber in Verhandlungen darüber nichts erreichten, griffen sie darauf mit aller Gewalt und allen Mitteln die Stadt an. Es schien aber ein Fehler - und zwar kein ganz kleiner - gewesen zu sein, dass der Sachse das Heer nicht auf direktem Weg im Eilmarsch nach Leipzig geführt hatte. [20] Wäre das geschehen, so glauben viele, hätte er Leipzig unvorbereitet und ohne, dass das Söldnerheer schon da gewesen wäre, einnehmen können. Doch da damals keiner der Leute in der Stadt nachgab und erschien, nutzte er die Geschütze so übermäßig, dass er in den 14 Tagen, in denen er [Leipzig] belagerte, die Mauern mit einer Unzahl an Eisenkugeln beschoss, die aus [25] ehernen Rohren mit Feuergewalt gestoßen werden und auf diese Weise fliegend alles, was im Weg steht, mit einem schlimmen Krachen dem Boden gleichmachen und mit Gewalt durchbrechen. Die meisten Kugeln wogen ein Talent, manche auch zwei. Es wurden auch Kugeln verschossen, die mit Schwefel und Pech versehen waren und sich in der Luft entzündeten. Diese Maschine ruft im größten Maße Staunen und Schrecken hervor. Es ging [30] aber von Über den Schmalkaldischen Krieg 233 <?page no="234"?> [Freher 1611, p. 421] 1 πὸ τούτων πλείστων ὅσον μία μόνον τις παρὰ τὸ τεῖχος οἰκία . Ἦχος γοῦν καὶ τῷ ὄντι δοῦπος τῶν μηχανῶν εἰσηκούσθη ἀπωτέρω τῶν τριακοσίων σταδίων , οὕτω τρανῶς , ὥστε καὶ ἀριθμεῖσθαι τὰς καθ’ ἕκαστον βολάς . Κατηναλώθη δὲ ἐν τῇ πολιορκίᾳ μάτην χρήματά τε πλεῖστα καὶ τὰ μηχανικὰ , καὶ τὸ δὲ 5 στρατιωτικὸν οὐχ ἥκιστα τὸ πεζὸν , σωρηδὸν γὰρ ἐφ’ ἁμαξῶν ἐκ τοῦ στρα τοπέδου ἐκομίζοντο οἱ ἀσθενήσαντες , θνήσκοντες ἤδη οὐκ ὀλίγοι . Τῶν δὲ τεθνεώτων οὔτε λόγος οὔτε ἀριθμὸς ἐγένετο . Οὐδὲν δ’ οὖν ταῖς τῶν μηχανῶν ἐπιβολαῖς περαινομένου , φήμην διεδίδουν οἱ Σαξονικοὶ καὶ δόξαν ἐνεποίουν τοῖς ἐν τῇ πόλει ὡς αὐτίκα μάλα μαχούμενοι πρὸς τὸ τεῖχος , ὃ σεισθέν τε καὶ 10 διατρυπηθὲν ὑπὸ τῶν σιδηρῶν σφαιρῶν κατεπεπτώκει ἐπὶ πήχεις πλείους ἢ τριάκοντα , καὶ τοὺς τάφρους ὡς πληρώσοντες ὕλης φακέλλους συνεφόρουν . Τοῦτο δὲ δράσαντες εὐθὺς τῆς νυκτὸς ἀναζεύξαντες ἀπῆρον , γενομένης τινὸς βραχείας ἐκδρομῆς οἰχομένων αὐτῶν ἐκ τῆς πόλεως καὶ διαρπαγῆς , εἴ τί τις εὕροι . Παρετηρήθησαν δὲ καὶ σημεῖά τινα τῆς ἐπιστρατείας ταύτης· τὸ μὲν 15 ὅτι ἐξαπίνης φλὸξ πρὸ τῆς πόλεως ἐν τῷ προηγουμένῳ θέρει ἐξήφθη καὶ θόρυβον ἐποίησε , τὸ δὲ ὅτι οὐδενὸς ὁπλίτου παρόντος πρὸ ἡμερῶν ὀλίγων πρὶν πολιορκηθῆναι τὴν πόλιν ἔκτοσθε πρὸς τοῖς τείχεσι ἦχος ἠκούσθη , ὡς εἰ παραπορευομένων πλείστων , ὅσων καὶ ψόφος τῶν δοράτων ὥσπερ συνα ρασσομένων . Πρόῤῥησις δέ τις ὡς παλαιὰ τότε ἔλλεσχος ἦν ἐν τῇ πόλει , ὡς 20 χρεὼν κατασκαφῆναι τὴν Λιψίαν ἐντὸς ἐτοῖν δυοῖν . Ἀλλὰ ταῦτα προβαίῃ , ᾗπερ φίλον τῷ θεῷ . 28. Μετὰ δὲ ταῦτα πρεσβεῖαι ἐπέμποντο ὑπὸ τῶν πλησίον δυναστῶν καὶ παύειν τὸν πόλεμον πολλοὶ ἐπειρῶντο . Ἐπέτυχε δὲ οὐδεὶς οὐδενός . Καὶ οἱ Σαξονικοὶ ἤδη σχεδὸν πάντα τὰ τῶν Μυσῶν κατεῖχον , καὶ ὁ Μαρχίων ἐν τῷ καλουμένῳ Ῥωχελικίῳ πολιχνίῳ κειμένῳ παρὰ τῷ Μύλδᾳ 25 ἡλώκει ἀμεληθεισῶν τῶν προφυλακῶν , τότε ἄρα Καῖσαρ στρατὸν ἄγων ἰσχυρὸν παρεγένετο εἰς τὸν Νωρικὸν πύργον , καὶ οὐ πολλαῖς ἡμέραις ἐκεῖ καταμείνας ἀσθενής τε τὸ σῶμα καὶ νοσερὸς ὅμως πρὸς τοὺς Σαξονικοὺς ἔσπευδεν , ὀχούμενος ἐπὶ φορείῳ . app. crit.: 421,1 ἦγος VR : ἦχος ed. (Stenius: sonus) | 2 δοῦ πος VR : δοῦπος ed. | εἰς ἠκούσθη VR : εἰσηκούσθη ed. | 3 ἑκάστου VR : ἕκαστον ed. | καθηναλώθη VR : Κατηναλώθη ed. | 4 μάθην VR : μάτην ed. (Stenius: Absumpta autem frustra in obsidione) | 8 παραινομένου VR : περαινομένου ed. | 9 σειθὲν τε Vh2 : σειθέν τε a : σεισθέν τε ed. | 10 διατρηθὲν VR : διατρυπηθὲν ed. (an διατρωθέν ( τιτρώσκω )? Stenius: perforatus) | 11 φακελλως V : φακέλλως R : φακέλλους ed. (Stenius: comportarunt manipulos) | 12 ἀπῆρον VR (cf. ann.) | 13 - 14 εἴτι τις VR : εἴ τί τις ed. | 14 ταύτης· τ ὸ V : ταύτης . τὸ R | 16 ὁπλήτου VR : ὁπλίτου ed. | 17 ἔκτο { σθαι } VR : ἔκτοσθε ed. (Stenius: extra urbem) | τείχεση ? V : τείχεσι em. R | ὡσεὶ VR : ὡς εἰ | 19 πόλει , ὡς V : πόλει . ὡς R | 20 κατασκαφῆναι V : κατασκαφῆν R | τὴν V : om. R | 21 ἦπερ V : ᾖπερ R : ᾗπερ ed. | 22 δυνάσταις VR : δυναστῶν ed. (Stenius: a vicinis Principibus) | 24 κειμένῳ V : om. R | 25 ἆρα VR : ἄρα ed. | 26 παρεγγένετο Vh2 : παρεγένετο em. a | τὴν VR : τὸν ed. 234 De Bello Smalcaldico <?page no="235"?> [421,1] dieser sehr großen Zahl an Kugeln nur ein Haus in der Nähe der Mauer in Flammen auf. Das Geräusch der Geschütze und der Aufprall waren tatsächlich noch in mehr als 30 Stadien Entfernung so deutlich zu hören, dass man die einzelnen Schüsse zählen konnte. Das meiste Geld und die meisten Mittel und auch das [5] Heer - insbesondere die Fußsoldaten - wurden bei der Belagerung vergeudet. Denn die Kranken - nicht wenige lagen schon im Sterben - wurden haufenweise auf Wagen aus dem Lager transportiert. Zu den Toten gab es keine Angabe und keine Zahl. Da also die Angriffe der Geschütze nichts erreichten, streuten die Sachsen ein Gerücht und erzeugten bei denen in der Stadt den Eindruck, dass sie ab sofort bei der Mauer kämpfen wollten, die, [10] von den ehernen Kugeln erschüttert und durchbohrt, auf einer Länge von mehr als dreißig Ellen eingestürzt war. Und sie trugen Reisig zusammen, um die Gräben zu füllen. Nachdem sie das getan hatten, bauten sie gleich in der Nacht ihr Lager ab und brachen auf. Nach ihrem Abzug fand ein kurzer Ausfall aus der Stadt und eine Plünderung statt, wenn denn irgendwer irgendwas findet. Es wurden aber auch Vorzeichen für diesen Angriff beobachtet: Zum einen brach im vorausgehenden Sommer [15] plötzlich ein Feuer in der Vorstadt aus und löste ein Durcheinander aus. Zum anderen wurde, obwohl noch kein Soldat da war, wenige Tage vor der Belagerung außerhalb der Stadt bei den Mauern ein Geräusch gehört, als ob sehr viele schon vorbeimarschierten und Klingen von Spießen aneinander schlügen. Und eine alte Weissagung war damals in der Stadt in aller Munde: [20] Es sei Schicksal, dass Leipzig innerhalb von zwei Jahren zerstört werde. Doch das möge fortgehen, ganz wie es Gott beliebt. 28. Aufbruch des Kaisers nach Sachsen Danach wurden Gesandtschaften von den benachbarten Herrschern geschickt und viele bemühten sich darum, den Krieg zu beenden. Doch niemandem gelang etwas. Die Sachsen hielten schon fast das gesamte Herzogtum Meißen und in dem Städtchen Rochlitz, das an der Mulde liegt, wurde der Markgraf [Albrecht Alcibiades] [25] gefangen genommen, weil seine Wachen unachtsam waren. Der Kaiser zog damals also mit seinem starken Heer nach Nürnberg und eilte, nachdem er dort wenige Tage verweilt hatte, obwohl er körperlich schwach und krank war, trotzdem auf einer Sänfte getragen zu den Sachsen. Über den Schmalkaldischen Krieg 235 <?page no="236"?> [Freher 1611, p. 422] Supplementum a Simone Stenio additum 1 29. Ἀφίκετο δὲ πρῶτον εἰς τὴν Ἔγραν πόλιν τῆς βασιλείας Βοημικῆς ἐσχάτην οὖσαν , ὅπου αὐτὸν Φερδίνανδος ἀδελφὸς καὶ Μαυρίκιος τῆς Μυσίας ἡγεμὼν καὶ Αὔγουστος τούτου ἀδελφὸς ἀνέμενον ἱππεῖς ἔχοντες καταφράκτους καὶ κούφους ἐς τρισχιλίους καὶ πεζῶν σπείρας εἴκοσι . Ἐκεῖθεν οὖν μετὰ πάσης 5 δυνάμεως ἤλασαν ἐπὶ τὴν Μυσίαν , εἰδότες ἐν τῇδε τῇ χώρᾳ διατρίβοντας τοὺς ἀμφὶ τὸν Σαξονικὸν , οἳ θεοῦ ἤδη βλάπτοντος ἐν τοσαύτῃ ἀδείᾳ καὶ ῥᾳθυμίᾳ διῆγον , ὥστε οὐδενὶ πιστεῦσαι ἀπαγγέλλοντι τὴν τοῦ αὐτοκράτορος ἐπέλασιν , μᾶλλον δὲ καταγελάσαι , ἤν τις διισχυρίζοιτο καὶ αὐτόπτης γεγονὼς τοῦ πλήθους τῶν πολεμίων . Μέμνημαι ἐγὼ κομιδῇ παῖς ὢν τότε τὸν στρατὸν 10 ἅπαντα τοῦ Σαξονικοῦ αὐλισάμενον μὲν καὶ νυκτερεύσαντα ἐν τῇ πατρίδι μου τῇ πρώτῃ ἡμέρᾳ τῆς μάχης , τὸν δὲ αὐτοκράτορα στρατοπεδεύσαντα οὐ ποῤῥωτέρω τριάκοντα σταδίων . Τηνικαῦτα μέντοι μόγις πεπεισμένους οἶδα τοὺς Σαξονικοὺς , ὥστε τοῦτο πιστεῦσαι , καὶ ἀποχωρῆσαι εἰς τὴν Μυσῶν πόλιν , ἣν μετ’ ὀλίγον καταλιπόντες καὶ τὴν γέφυραν ἐμπρήσαντες παρὰ τῷ 15 πολιχνίῳ Μυλορίῳ ὀνομαζομένῳ ἐστρατοπέδευσαν . Ὁ δὲ Κάρολος φοβηθεὶς , μήπως ὁ Σαξονικὸς εἰς τὸ Λευκόριον ἀπελαύνῃ τόπον ὀχυρώτατον καὶ φρουρὰν ἰσχυροτάτην ἔχοντα , μίαν μόνον ἡμέραν ἀναπαύων τὴν στρατιὰν τῇ τετάρτῃ ἐπὶ εἰκάδι τοῦ Ἀπριλλίου ὑπὸ τὴν ἕω πρὸς ποταμὸν Ἄλβιν μετ’ ἐπείξεως ὥδευε . Ἐπὶ δὲ ταῖς πέραν ὄχθαις κατὰ πολλοὺς τόπους παρατεταγ - 20 μένοι ἦσαν ὑπὸ τοῦ Σαξονικοῦ σὺν ταῖς μηχαναῖς τῇ τε γεφυρώσει τοῦ ποταμοῦ ἐμποδιοῦντες καὶ τοῦ πόρου τοὺς πολεμίους ἀπείρξαντες , εἴ τινα εὕροιεν , καὶ δὴ καὶ φυλάξοντες τὴν γέφυραν , ἣν αὐτοὶ ἐκ σκαφιδίων καὶ μονοξύλων πεποιηκότες ἔτυχον . Οὐ μὴν ἀλλ’ οὗτοι ἰδόντες τὸν αὐτοκράτορα μεθ’ ὅλης δυνάμεως παρόντα , καὶ Ἴβηρας ὡσεὶ χιλίους ἢ πλείους εἰς τὸν 25 ποταμὸν μεγάλῃ ὁρμῇ ἄχρι βραχιόνων εἰσβάντας σιδηρᾶς σφαίρας εἰς αὐτοὺς ἐξ αὐλῶν μικροτέρων συχνάκις ἐφιέναι εἰς τὰ σκαφίδια πῦρ ἐμβα λόντες , ὥστε κατακαυθῆναι βάδην ἀπὸ τῶν ὀχθῶν ἀπεχώρησαν . Καὶ ἐνταῦ θα δὴ τῶν Ἰβήρων τινὲς γυμνοὶ τὰ ξίφη ἐνδακόντες καὶ πλάγια ἐν στόμασι φέροντες εἰς τὸν ποταμὸν σφᾶς αὐτοὺς ἀπέῤῥιψαν , καὶ εἰς τὴν πέραν ὄχθην 30 ἐκνηξάμενοι τὰ app. crit.: 422,4 εἴ κοσι V : εἴκοσι R | 6 οἱ VR : οἳ ed. (Stenius: quod scirent … Saxonicos commorari, qui … adeo securi erant … ) | 9 μέμνημη Vh2 : μέμνημαι em. a | 10 νυκτερεάσαντα VR : νυκτερεύσαντα ed. | 12 μέν τοι VR : μέντοι | 17 ἰχυροτάτην Vh2 : ἰσχυροτάτην em. a | 18 ἀπριλ . V : ἀπρὶλ . h2 : ἀπρίλ . a : Ἀπριλλίου ed. | ἕως VR : ἕω ed. | 19 καταπολλοὺς V : κατὰ πολλοὺς em. R | 21 ἀπείρξαντες VR : ἀπείρξοντες ed. | φυλάξαντες VR : φυλάξ o ντες ed. | 24 μετ’ VR : μεθ’ ed. | 25 ἀχριβλαχιόνων VR : ἄχρι βραχιόνων ed. (om. Stenius) | 29 ὄθην VR : ὄχθην ed. <?page no="237"?> Ergänzung des Simon Stenius 29. Das Ende des Krieges [422,1] [Karl] kam zuerst in der Stadt Eger an, das an der Grenze des böhmischen Königreiches lag, wo ihn sein Bruder Ferdinand, Moritz, der Herzog von Meißen, und dessen Bruder August mit etwa 3.000 gepanzerten und leichten Reitern und zwanzig Einheiten Fußsoldaten erwarteten. Von dort aus zogen sie mit der ganzen [5] Streitmacht nach Meißen, im Wissen, dass sich die Anhänger des Sachsen in diesem Gebiet aufhielten. Diese lebten, als Gott ihnen schon Schaden zufügte, in solcher Furchtlosigkeit und Leichtsinnigkeit, dass sie niemandem Glauben schenkten, der die Ankunft des Kaisers meldete, sondern eher noch lachten, wenn jemand das bestätigte, selbst wenn er die Masse an Feinden mit eigenen Augen gesehen hatte. Ich kann mich noch genau erinnern, dass, als ich ein Kind war, [10] das ganze Heer des Sachsen in meiner Heimat kampierte und am ersten Tag des Kampfes übernachtete. Der Kaiser lagerte aber nicht weiter als 30 Stadien entfernt. Damals, so weiß ich, wurden die Sachsen mit Mühe überzeugt, dass sie darauf vertrauen und sich nach Meißen zurückziehen. Die Stadt verließen sie nach kurzer Zeit und lagerten bei dem [15] Städtchen mit Namen Mühlberg, nachdem sie die Brücke [nach Meißen] in Brand gesteckt hatten. Da Karl aber fürchtete, dass der Sachse nach Wittenberg zieht, das sehr gut befestigt und sehr stark bewacht war, gab er seinem Heer nur einen Tag Pause und marschierte eilends bei Tagesanbruch bis zum 24. April zur Elbe. Auf dem jenseitigen Ufer [20] waren vom Sachsen vielerorts Leute aufgestellt worden. Sie sollten mit Geschützen die Überbrückung des Flusses verhindern, Feinde, wenn sie einen finden, vom Weitermarsch abhalten und besonders die Überbrückung, die sie selbst gerade aus kleinen Ruderbooten und Einbäumen gemacht hatten, bewachen. Doch als diese sahen, dass der Kaiser mit seiner ganzen Streitmacht da war, und etwa eintausend oder mehr Spanier mit großem Eifer bis zu den Armen in den [25] Fluss stiegen, schossen sie zahlreich Eisenkugeln aus kleineren Kanonen auf sie, steckten die Boote in Brand, sodass sie niederbrennen, und wichen schrittweise vom Ufer zurück. Und ein paar leicht bewaffnete Spanier bissen in ihre Schwerter und trugen sie seitwärts im Mund, stürzten sich selbst in den Fluss und [30] schwammen an das andere Ufer. <?page no="238"?> [Freher 1611, p. 423] 1 πλοῖα ὑπὸ τῶν Σαξονικῶν τοῦ λοιποῦ τῆς γεφύρας μέρους ἀποῤῥαγέντα , καὶ κατὰ ῥοῦν ἀπενεχθέντα κατεῖχον , καὶ παραβόλως πάντοθεν βαλλόμενοι ἀπήγαγον . Ἐκ τούτων οὖν πλοίων καὶ ἄλλων ἐφ’ ἁμαξῶν προσαχθέντων τὸν ποταμὸν γεφυρώσαντες διαβιβάζειν ἔμελλον τό τε πεζὸν καὶ τὰ σκευο - 5 φόρα . Ἐν τοσούτῳ δὲ ὁ Σαξονικὸς ἀκούων ἐτύγχανε τῆς τοῦ εὐαγγελίου ἐξηγήσεως , καὶ προπέμψας τὰ σκευοφόρα ἐπὶ Λευκορίου , ἵναπερ τὸ πρῶτον ὡρμήθη , ἐστέλλετο . Ἀλλ’ αὐτοκράτωρ ταχυεργίας ἐχόμενος πόρον εὑρὼν , πρῶτον μὲν διαβαίνειν τὸν ποταμὸν τοὺς Οὑσσάρους καὶ τῶν ἱππέων τοὺς κούφους ἐκέλευε , μετέπειτα δὲ καὶ αὐτὸς μετὰ τῶν ὁπλιτῶν διέβη . Νομίσας 10 δὲ , ὅτι οὐ προὔργου ἔσται ἀναμένειν τοῦ πεζοῦ διάβασιν καὶ τῆς ἀποσκευῆς , μετὰ τῆς ἵππου ἐπὶ τὸν Σαξονικὸν σπουδῇ ἤλαυνε , καὶ ἐπιτυχὼν αὐτοῦ εὐθὺς τῆς μάχης ἤρξατο , ἧς καρτερᾶς γενομένης μέχρι τῆς ἑσπέρας τέλος < ὑπὸ > πλειόνων ἡττήθησαν οἱ Σαξονικοὶ καὶ αὐτὸς ἡγεμὼν εὐρώστως τοὺς ἀντι πάλους ἀμυνόμενος κατὰ πρόσωπον τρωθεὶς ἐν παρειᾷ ἀριστερᾷ ζῶν ἑάλω 15 ξὺν Ἐρνέστῳ τῷ Βρουνονισφικαίῳ παραδοὺς τὸ δακτύλιον καὶ στρεπτὸν περιτραχήλιον , < ὡς > ὁ λόγος ἐστὶν , ἱππεῖ τινι εὐγενεῖ ἐκ τῆς Μυσίας . Ἀνδρείῳ δὲ καὶ ἀγαθῷ ἀνδρὶ ἐν τῇ παρατάξει γενομένῳ τῷ Σαξονικῷ καὶ Φερδίναν δος αὐτὸς ἐπεμαρτύρησεν εἰπὼν , ὅτι , εἰ πάντες ἠγωνισμένοι ἦσαν ὁμοίως τῷ ἡγεμῶνι , οὐκ ἂν αὐτὸς ἐνικήθη ἐν ἐκείνῃ γε τῇ ἡμέρᾳ . Καὶ πολλοὶ ὐπέλαβον 20 τότε , εἰ πᾶσαν στρατιὰν συναθροισθεῖσαν εἶχεν ὁ Σαξονικὸς , ἀγχώμαλον ἴσως μάχην ἂν γενέσθαι . Ἤδη δὲ ἔν τε πολλαῖς ἄλλαις πόλεσι φρούρια καταλέλειπτο , καὶ δὴ καὶ ἐν τῷ Λευκορίῳ τὰ πλεῖστα καὶ κράτιστα ἐκ τῶν γεγυμνασμένων . Καὶ ὁ χιλίαρχος Τομίσερνος οὐκ εὐκαταφρόνητον τῆς στρατιᾶς μέρος ἄγων ἀπῆν . Τοιγάρτοι ὁ Κάρολος τῇ ὀξύτητι δεξιῶς χρησά - 25 μενος ἔφθη ἑνὶ τῷδε τῷ ἔργῳ τὸν πόλεμον κατωρθωκὼς , πρὶν στρατιὰν πᾶσαν τοῦ Σαξονικοῦ συνελθεῖν . Ὥσπερ δὲ τῇ Ὁμήρου Ἰλιάδι τέλος ἐπέθη κεν ὁ τοῦ Ἕκτορος θάνατος , οὕτω καὶ τήνδε ἡμῶν ξυγγραφὴν εἰς πέρας ἄξει ἡ τοῦ Σαξονικοῦ αἰχμαλωσία . app. crit.: 423,2 καταροῦν VR : κατὰ ῥοῦν (Stenius: et secundo flumine delata attinuerunt) | 4 - 5 σκευοφόρα ἐν VR : σκευοφόρα . Ἐν ed. | 6 ἵνα περ Vh2 : ἵνα ὑπερ a : ἵναπερ ed. | 10 προὔργον VR : προὔργου ed. | 11 ἐπὶ τυχὼν VR : ἐπιτυχὼν ed. | 12 - 13 τέλος πλειόνων VR : τέλος < ὑπὸ > πλειόνων supplevi | 16 περιτραχήλιον , ὁ VR : περιτραχήλιον , < ὡς > ὁ supplevi (Stenius: ut perhibent) | 24 ἄγων V : ἅγων R | 25 στρατὰν V : στρατίαν R : στρατιὰν ed. 238 Supplementum a Simone Stenio additum <?page no="239"?> [423,1] Sie hielten die restlichen Schiffe der Brücke, die von den Sachsen zerstört wurden und den Fluss hinab davongetragen wurden, auf und trugen sie unter Beschuss von allen Seiten tollkühn davon. Aus diesen Schiffen also und anderem Material, das auf Wagen hinzu gebracht wurde, bauten sie eine Brücke über den Fluss, damit die Fußsoldaten und der Tross ihn überqueren. [5] Währenddessen hörte der Sachse gerade die Auslegung des Evangeliums. Er schickte Boten und sandte den Tross nach Wittenberg, wohin er zuerst eilte. Doch der Kaiser war auf Schnelligkeit bedacht und befahl, als er eine Furt fand, den Husaren und den leichten Reitern, den Fluss zu durchqueren. Danach ging er auch selbst mit den Schwerbewaffneten hindurch. Da er zur Meinung gelangt war, [10] dass es nicht förderlich sein würde, auf die Durchquerung der Fußsoldaten und des Trosses zu warten, begab er sich mit der Reiterei eilig zum Sachsen und begann sofort den Kampf, als er auf ihn traf. Der Kampf war bis zum Abend recht heftig und schließlich wurden die Sachsen von einer Überzahl besiegt. Der Herzog [ Johann Friedrich] selbst wurde, nachdem er sich den Gegnern stark widersetzt hatte und eine Wunde im Gesicht, an der linken Wange, davongetragen hatte, lebend gefangen zusammen [15] mit Ernst von Braunschweig. Er übergab Ring und Halskette, wie man sagt, irgendeinem vornehmen Ritter aus Meißen. Dass der Sachse sich in der Schlacht tapfer und tüchtig gezeigt hatte, bezeugte Ferdinand selbst, indem er sagte: ‚ Wenn alle gleich ihrem Anführer gekämpft hätten, wäre er selbst nicht an jenem Tag besiegt worden. ‘ Und viele glaubten damals, [20] dass, wenn der Sachse sein ganzes Heer versammelt gehabt hätte, der Kampf wohl ungefähr gleich gewesen wäre. Doch in vielen anderen Städten waren bereits Wachen zurückgelassen - die allermeisten und stärksten der Geübten in Wittenberg. Und der Oberst Thumbshirn war mit einem nicht unbeachtlichen Teil des Heeres abwesend. Karl jedenfalls kam durch die richtige Geschwindigkeit [25] mit diesem einen Kampf zuvor und beendete den Krieg, ehe das ganze Heer des Sachsen zusammenkam. Wie aber der Tod Hektors der Ilias ein Ende setzte, so wird auch die Gefangennahme des Sachsen diese unsere Abhandlung beenden. Supplementum a Simone Stenio additum 239 <?page no="241"?> C. Kommentar ad 389,4 - 7: Im Vorwort zur „ Chronologia Nicephori “ schildert Camerarius einige Vorzeichen, die den Krieg ankündigten, vgl. Camerarius 1561 (OC 0678), p. 5 - 7). ad 389,12 - 14: Die Anlehnung an das thukydideische Proöm (vgl. bes. die Lexik; vgl. Woitkowitz 2003, 176 Anm. 2) wird hier besonders deutlich: Thukydides beschreibt den Peloponnesischen Krieg als die „ größte Bewegung bei den Griechen …“ ( κίνησις γὰρ αὕτη μεγίστη δὴ τοῖς Ἕλλησιν ἐγένετο… ; Thuk. 1,1). Camerarius steigert das, indem er den Bewegungen des Militärs die Aufregung auf mentaler Ebene (durch die den Krieg begleitenden Schmähschriften) hinzufügt. Ähnlich stellt Kohler fest (2005, 301), der Krieg sei „ nicht nur mit beträchtlichem propagandistischen Aufwand, sondern auch mit entsprechenden militärischen Mitteln geführt worden “ . Zur Publizistik während des Schmalkaldischen Krieges vgl. Hortleder 1645, Waldeck 1909 und Haug-Moritz 2002 sowie das Projekt „ Religionsdissens, Friedlosigkeit und Medienwandel im Reich und in Frankreich in der Mitte des 16. Jahrhunderts - die Druckmedien “ (URL: https: / / gams.uni-graz.at/ context: kmw, 15.11.2025). Vgl. unten Anm. ad 398,3 - 11 und 409,7 - 9. Stenius: Non enim tantum manuum et apparatus, et facinorum motus hic extitit maximus, sed animorum etiam, sententiarumque et studiorum apud omnes (ut ita loquar) mortales vehementia. ad 390,3: Üblicherweise stellt Camerarius beim Genitivus Partitivus den Artikel dazu, daher wurde dieser hier ergänzt. Stenius: ab uno aliquo ex iis … ad 390,13: Camerarius fällt mit ἄμοιρος ὤν aus dem Bescheidenheitsplural heraus. Stenius: … et in elocutione minus fortasse exercitati, quam debebat esse is, qui ad huiusmodi conscribenda accedat, facultate orationis prorsus destitutus. Wenige Jahre zuvor hatte Camerarius die „ Commentarii de rebus gestis pro restitutione Francisci Sfortiae “ herausgegeben und im Widmungsbrief die Qualitäten des Autors Galeazzo Flavio Capra als Historiograph besonders aufgrund der Tatsache gewürdigt, dass dieser an den beschriebenen Ereignissen persönlich beteiligt gewesen sei und daher Zusammenhänge und Ursachen besonders gut darlegen könne. Ferner lobt er Capras stilistische Fähigkeiten, vgl. OCEp 1504 (in: Camerarius 1538), fol. 3 r : Nam et is fuit Capella, qui non solum omnia quae fieri cerneret, annotare bono et illustri ordine, sed qui etiam in consiliis et deliberationibus praecipuis versatus, caussas et origines rerum persequi posset. … Genus autem orationis omnino tale est, ut neque elegantia neque <?page no="242"?> splendore careat (Üs.: Denn Capra war auch nicht nur in der Lage, alles, was er geschehen sah, gut und deutlich geordnet aufzuzeichnen, sondern auch - weil er in Beratungen und besondere Überlegungen eingebunden war die Ursachen und Ursprünge der Angelegenheiten zu verfolgen. Die Art des Textes ist aber ganz und gar so, dass weder Feinheit noch Glanz fehlt.). Der Historiker Friedrich Hortleder (1579 - 1640) formuliert in seinem Werk zum Schmalkaldischen Krieg Merkmale eines rechtschaffenen und nützlichen historicus (Hortleder 1645, fol. a iiii r - v ). Ein historicus müsse demnach (im Gegensatz zu Mönchen früherer Zeit) mit Verstand an die Sache herangehen, nicht nur die Tat selbst berichten, sondern auch Ursachen erforschen und die Rechtmäßigkeit beurteilen. Er müsse unparteiisch sein, sich an den Tatsachen orientieren und vollständig berichten, was sich auf beiden Seiten ereignete. Für Hortleder ist Johannes Sleidan der beste Geschichtsschreiber, der über den Schmalkaldischen Krieg geschrieben hat. Zwar hätten andere Historiker als Augen- und Ohrenzeugen erstklassige Informationen und seien durch eine frühe Publikation auch unabhängig von anderen Historikern, doch zeichne sich Sleidan insbesondere durch seinen (juristischen) Sachverstand aus, sodass er im Gegensatz zu anderen die Reichsacht und die Antwort der Schmalkaldener als Rechtsgrundlage des Krieges sieht und nicht übergeht. (vgl. Hortleder 1645, fol. a iii r - a iiii r ). Zu Hortleders Urteil über Camerarius vgl. unten ad 409,7 - 9. Zu Melanchthons Auffassung vgl. Schwarz 1979 (bes. 163 Anm. 16: „ Freiheit von subjektiven Affekten, zutreffende Chronologie, sachlicher Geschichtsbericht “ ). ad 390,13 - 15: Voigt sieht hier die Flugschriften erwähnt: Vgl. Voigt 1874, 686; vgl. oben ad 389,12 - 14. Stenius mit doppelter Verneinung: Verum enimvero non potuimus non rationem habere veritatis manifesto in periculo versantis, propter sermones tum in circulis et conviviis usurpari solitos, tum multorum literis disseminatos. ad 390,20 f.: Vgl. Einleitung (A.) 3.4.2. ad 390,21: Camerarius übersetzt hier eine lateinische Bezeichnung der Stadt Bamberg ins Griechische: mons pavonis - Berg des Pfaus. Ursprünglich bezeichnete der Name eines Fürsten den Ort ( ‚ Berg des Babo ‘ o. ä.), der sich unter Einfluss des fränkischen Dialekts (vgl. Voigt 1874, 682) wandelte und so lateinisch mit pavo wiedergegeben wurde (vgl. Reitzenstein 2009, 33 f.). In einem Brief an Daniel Stiebar vom 10.04.1526 (OCEp 0975) und einem Brief an Wolfgang Lazius vom 12.02.1553 (OCEp 0768) thematisiert Camerarius jeweils die Geschichte der Stadt Bamberg. Den Namen der Stadt Bamberg leitet er in letzterem Brief ‚ von einer gewissen Baba ‘ ab (Babepergam a quadam Baba appelatum). Die Latinisierung mit pavo erwähnt er in keinem der beiden Briefe. 242 C. Kommentar <?page no="243"?> ad 391,11: Camerarius war 1529 selbst kurz in Speyer (vgl. Gindhart/ Hamm 2024, 18 f.); Melanchthon berichtet Camerarius von der Protestation (vgl. MBW Nr. 772 und 782). Er bezeichnet die gedruckte Version der Protestation als „ überaus gemäßigt “ , vgl. MBW 787: Protestatio hic edita est verbis modestissimis (Üs.: Die Protestation ist hier mit überaus gemäßigten Worten herausgegeben worden). Stenius übersetzt „ Protestabantur autem illegitime “ und wirft damit die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Protestation im juristischen Sinne auf. Das griechische Wort νομίμως könnte auch im Sinne von „ Brauch “ ( νόμος ) verstanden werden und meinen, dass Protestationen bei Reichstagen üblich waren. In der Melanchthon-Vita betont Camerarius allerdings explizit die Rechtmäßigkeit der Protestation; vgl. Camerarius 1966b (OC 0775), p. 117: Solemni autem iuris publici observatione res illa acta et scripto exposita … (Werner 2010, 107: „ Der Zusammenschluss wurde unter feierlicher Beachtung des öffentlichen Rechts getan und durch eine Schrift erklärt …“ ). Stenius ‘ Übersetzung ist hier folglich fehlerhaft. Eine mögliche Erklärung ist, dass Stenius in seiner lateinischen Übersetzung bisweilen Pronomina hinzufügt und hier ein Druckfehler vorliegt. Demnach müsste man hier „ Protestabantur autem illi legitime “ lesen. Unterstützt wird diese These dadurch, dass im Druck h1 die Zeile nach der Silbe „ il “ endet, was Haplographie an dieser Stelle plausibel erscheinen lässt. ad 391,16 f.: Vgl. Camerarius 1566b (OC 0775), p. 117 f. mit Werner 2010, 107. ad 391,16 - 18: Stenius: Atque in comitiis ii qui evocantur ab Imperatore ad publicas deliberationes, Ordines vocantur Imperii. Im nächsten Satz scheinen mit χρηματίσαντων ( ‚ verhandeln, beratschlagen ‘ ) auch die Reichsstände gemeint zu sein. Eigentlich bedeutet ὁμήγυρις ‚ Versammlung ‘ (bes. von Göttern). Das Wort für ‚ Reichstag ‘ ist im Folgenden schlicht σύλλογος (bzw. σύλλογος τῆς ἄρχης / ἀρχικός : BS 391,28; 392,21 f.; 409,6). Das Wort ὁμήγυρις fällt im ganzen BS kein zweites Mal. ad 391,21: Vgl. Einleitung (A.) 3.4.4 Anm. 186. ad 391,28 f.: Zu Camerarius ‘ Teilnahme beim Augsburger Reichstag vgl. Gindhart/ Hamm 2024, 19 - 21. Vgl. auch die ausführliche Darstellung des Augsburger Reichstags in der Melanchthon-Vita: Camerarius 1566b (OC 0775), p. 122 - 136 mit Werner 2010, 110 - 119. ad 392,1: Die Form προσδοκούντων käme von προσδοκέω ( „ noch dazu scheinen “ ); hier wurde daher mit Stenius ( „ exspectaverant “ ) verbessert zu προσδοκώντων von προσδοκάω ( „ erwarten “ ). ad 392,6 - 8: Werden Buchstaben als Zahlzeichen verwendet, erscheint in den Drucken ein waagrechter Strich über den jeweiligen Zahlbuchstaben. Das C. Kommentar 243 <?page no="244"?> Druckbild in V ist somit nur schwer wiederzugeben (etwa ῑέῃ ). Der Setzer von h2 hat die Stelle offensichtlich nicht verstanden und setzt τ . ε . η ., was a übernimmt. Es wurde zu ιε ' ῃ . geändert, wobei ιε ' für die Zahl 15 steht und ῃ für das Ordinalzahlsuffix (fünfzehnter). Stenius: XV. die Iuni. Vgl. unten ad 420,9. Eine zeitgenössische bildliche Darstellung des Einzugs Karls V. mit Lorenzo Campeggi befindet sich im Herzog Anton Ulrich Museum Braunschweig (Museumsnr. / Signatur: JBreu d. Ä. WB 3.57) und ist abrufbar im virtuellen Kupferstichkabinett (URL: http: / / kk.haum-bs.de/ ? id=j-breu-d-ae-wb3-0057, 15.11.2025). ad 392,17: Der Ausdruck ἐν τοῖς ὅτι μάλιστα scheint eine Mischung der folgenden beiden Wendungen zu sein: ἐν τοῖς μάλιστα (= ins besondere; Thuk. 8,90; Plat. Smp. 173b) und ὅτι μάλιστα (=Verstärkung von μάλιστα , Plat. Sph. 239b). Sie findet sich nur spät, allerdings stets mit Bezugswort zu τοῖς . ad 392,23 - 25: Der Nürnberger Religionsfrieden wurde am 23.07.1532 während des Reichstags zu Regensburg geschlossen. Camerarius, der zu dieser Zeit in Nürnberg wirkt, unterrichtet Melanchthon laufend von den Verhandlungen (vgl. Melanchthons Briefe an Camerarius ab MBW 1240 bis MBW 1272). ad 392,27 f.: Gemeint ist der Tunisfeldzug Karls V. von 1535 (vgl. Gebhardt 9, 311; vgl. Kohler 2005, 240 ff.). Camerarius dichtet ein 201 Verse umfassendes Loblied auf den Sieg Karls (OC 0183). ad 392,29 - 31: Bereits beim Ausbruch des dritten italienischen Krieges (1536 - 1538) zwischen Franz I. und Karl V. (vgl. Gebhardt 9, 312; Kohler 2005, 250 ff.) erkennt Camerarius das entstandene Machtvakuum in Deutschland und fürchtet einen Aufstand: Vgl. OCEp 1007 (in: Camerarius 1595), p. 145 f.: De bello Gallico, ut sum solicitus, ita nihil possum resciscere. … || … Nihil metuo magis quam tumultuationem in Germania excitatum iri (Üs.: Über den gallischen (italienischen) Krieg kann ich, so bekümmert ich zwar bin, nichts in Erfahrung bringen. Nichts fürchte ich mehr, als dass in Deutschland laute Unruhe ausbrechen wird.). ad 393,2 f.: Der Schmalkaldische Bund wurde am 27.02.1531 geschlossen. ad 393,8 - 10: Camerarius fällt hier aus der Genitivus Absolutus Konstruktion. Logisches Subjekt ist der französische König. Textkritisch wäre der kleinstmögliche Eingriff, das Partizip ἐθέλων in den Genitiv Singular zu setzen ( ἐ θέλοντος ). Vgl. KG II, 30 (§ 476,6) mit Anm. 4 und unten Anm. ad 398,17 f. Melanchthon formulierte die Schreiben des Bundes bzw. des sächsischen Kurfürsten an den französischen König (vgl. MBW 1127 bzw. 1128 u. a. und MBW 1129) und übersetzte dessen Antwortschreiben (vgl. MBW 1153). Seinem Freund Camerarius berichtete er davon unmittelbar (vgl. MBW 1157). ad 393,11: Tatsächlich wurde das Bündnis 1531 für sechs Jahre gegründet und 1536/ 37 um zehn Jahre verlängert (vgl. Haug-Moritz 2001, 151). 244 C. Kommentar <?page no="245"?> ad 393,11 - 15: Die Bezeichnung ‚ Chalkis ‘ für die Stadt Schmalkalden stammt von Martin Luther und Eobanus Hessus: Vgl. MBW 5817, vgl. Camerarius 1553 (OC 0591), fol. D1 v ; auch Melanchthon benutzte diese Bezeichnung: Vgl. Camerarius 1566b (OC 0775), p. 167 f. mit Werner 2010, 138). ad 393,15 - 17: Gemeint sind Markgraf Georg von Brandenburg-Ansbach- Kulmbach und die Stadt Nürnberg, die beide die Confessio Augustana unterzeichneten, jedoch nicht dem Schmalkaldischen Bund beitraten. ad 393,17 f.: Aufstand in Gent (vgl. Kohler 2005, 272 ff.; vgl. Gebhardt 9, 334). ad 393,21: Als Wendung ist ἐξ ἐνδόσεως nicht belegt. Es ist scheinbar angelehnt an τὸ ἐνδόσιμον und so übersetzt Stenius: sponte. ad 393,24 - 30: Eine ausführliche historische und theologische Verarbeitung der Rechtfertigungslehre während der drei genannten Religionsgespräche findet sich bei Lexutt 1996. Vgl. Camerarius ‘ ausführlichen Bericht über die Religionsgespräche in Worms und Regensburg in der Melanchthon-Vita: Camerarius 1966b (OC 0775), p. 187 - 196 (Worms) und 196 - 200 (Regensburg) mit Werner 2010, 149 - 154 und 155 - 157. Vgl. Gindhart/ Ham 2024, 22. ad 394,3: Stenius lässt οὕτως weg und übersetzt ἐξεπονήθη nicht explizit. Er nimmt wohl die Grundbedeutung ( ‚ mühevoll ausarbeiten ‘ ) bezogen auf den Lehrsatz sola fide an: Hoc igitur caput tum et verbis et sensu accurate elaboratum, et scripto comprehensum est. LSJ bieten jedoch auch „ to be worn out, brought low “ als Übersetzung des Passivs an (Strabo, Plutarch), was hier wesentlich besser zu passen scheint: So sieht auch Lexutt den Grund des Scheiterns der Gespräche insbesondere in der unterschiedlichen inhaltlichen aber auch begrifflichen Auffassung des sola fide Grundsatzes (vgl. Lexutt 1996, 271 ff., bes. 273) und endet mit der Feststellung: „ Deshalb bewahrheitete sich auf den Gesprächstagen, was das Wittenberger Gutachten prophezeite: An dem sola fide werde die Diskussion entbrennen, und man werde solange daran herumflicken, bis es kein sola mehr sei “ (ebd. 274). ad 394,4: Λιβύη steht metonymisch für Nordafrika. Gemeint ist die gescheiterte Flottenexpedition nach Algier im Jahr 1541. Messapien (Südostitalien) steht wohl auch als Metonymie für Italien und meint den vierten italienischen Krieg zwischen Karl und Franz I. (1542 - 1544) (vgl. Kohler 2005, 258 ff. und 277 ff.; vgl. Gebhardt 9, 334 f.). ad 394,7: Gemeint ist Herzog Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg. Vgl. Gebhardt 9, 334 ff. ad 394,14 f.: Stenius: Inprimis autem intolerabilis propemodum erat Ecclesiasticorum importuna compellatio. C. Kommentar 245 <?page no="246"?> ad 394,17 f.: Randglosse: Julius Pflug Episc. Naumburg.; Julius von Pflug wurde 1541 zum Bischof von Naumburg gewählt. Der sächsische Kurfürst Johann Friedrich opponierte und setzte einen evangelischen Bischof ein (vgl. Brecher 1887, vgl. Camerarius 1566b (OC 0775), p. 200 - 203 und 242 mit Werner 2010, 157 - 159 und 180). Camerarius widmete Pflug 1538 seinen Tuskulanen-Kommentar, der eine Antwortschrift auf Erasmus ‘ „ Ciceronianus “ darstellt, den Pflug und Camerarius ablehnten (vgl. OC 0212). Melanchthon bezeichnet die Vertreibung Pflugs aus Naumburg gegenüber Camerarius als eine der Ursachen des Schmalkaldischen Krieges (vgl. MBW 4458). ad 394,19 - 21: Randglosse: Ottho Truchsis Cardin.; Stenius: Canonicorum collegium Augustanum. Otto Truchseß von Waldburg, ab 1525 Domherr von Augsburg, 1543 ebenda zum Bischof geweiht und 1544 zum Kardinal erhoben (vgl. Wüst 1999). ad 394,20: Der Augsburger Bischof Christoph von Stadion starb 1543; auf ihn folgte Otto Truchseß von Waldburg. ad 394,23 f.: Gemeint ist Herzog Heinrich II. von Braunschweig-Wolfenbüttel. Vgl. Camerarius 1566b (OC 0775), p. 242 mit Werner 2010, 180); vgl. Gebhardt 9, 335. ad 394,28: Vgl. bes. Hom. Il. 9,700. Ferner 12,46 sowie 22,457. ad 394,30 - 395,3: Die Passage ist nicht ganz klar. Ist ggf. ἀναλοῦντες zu lesen und/ oder πρὸς τὰ πράγματα darauf zu beziehen (Dem. or. 3,19)? Stenius: … cum putarent neque factis neque verbis bonis alio-||rum voluntates alliciendas esse, aut opem adiungendam, neque quicquam vel honoris vel beneficii conferendum, praeterquam in eos, qui una socii essent, et quicquid forte offeretur ad ipsos traherent. ad 395,13 f.: Vermutlich spielt Camerarius hier auf Aristophanes ‘ Wespen (bes. 1388 ff.) an. ad 395,17 - 23: Auch in der Melanchthon-Vita weigert sich Camerarius diejenigen zu benennen, die den Kaiser unterstützen. Vgl. Camerarius 1566b (OC 0775), p. 243 mit Werner 2010, 180) ad 395,24 f.: Frieden von Crépy 1544 (vgl. Gebhardt 9, 337). ad 395 21,26: Kardinal Alessandro Farnese d. J. (1520 - 1589) war der Enkel des älteren Alessandro Farnese (1468 - 1549), dem späteren Papst Paul III (ab 1534). Vgl. Camerarius 1566b (OC 0775), p. 216 mit Werner 2010, 167. ad 396,3: Inhaltlich scheint hier ein Infinitiv ( „ machen zu “ ) zu δικαιόω zu fehlen. Ein Vergleich mit der Übersetzung des Stenius, deutet auf eine Lücke hin: „ non aequum tum iudicabat, >praebere< se ipsis ministrum non admodum sanctae ultionis “ . Daher wurde im griechischen Text παρέχειν ergänzt. 246 C. Kommentar <?page no="247"?> Vgl. Gebhardt 9, 336 f. Aus dem Widmungsbrief zum „ Commentarius captae urbis “ von 1536 spricht dieselbe Überzeugung von der Unabhängigkeit von Karls Politik. Dort bezeichnet Camerarius den Kaiser ganz ähnlich als Diener (administer) des göttlichen Willens. Vgl. OCEp 1516 (in: Camerarius 1536b), fol. a3 r : Carolum autem constat nunquam tribuisse suis viribus maximarum rerum ullas actiones suas, sed potius retulisse acceptum totum nomen, decus, famam, fortunam, imperii, virtutis, potentiae, victoriae, divino numini, cuius ipse quasi administer voluntatis in terris versaretur atque elaboraret (Üs.: Fest steht aber, dass Karl niemals irgendwelche seiner Handlungen als Zeichen seiner eigenen Macht über die größten Dinge ausgelegt hat, sondern eher Ruhm, Ehre, Ruf und Gut, die er hinsichtlich Reich, Tugend, Macht und Erfolg erhalten hat, gänzlich auf das Wirken Gottes zurückgeführt hat. Karl selbst weilt und arbeitet gewissermaßen als Diener von dessen Willen auf Erden.). ad 396,4 - 8: In der Melanchthon-Vita verzichtet Camerarius auf Details zum Regensburger Reichstag von 1546, insbesondere auf die Nennung der Namen von Karls Parteigängern, „ weil all dies recht geheim getan worden ist und es sich nicht schickt, dies zu verbreiten, oder weil die Nichtverbreitung sogar aus verschiedenen Gründen nötig ist - , da mein Bericht die Personen der Menschen schonen und auch die unschöne und unwürdige Erwähnung jener Beschlüsse und Handlungen meiden soll. “ (Werner 2010, 180; vgl. Camerarius 1566b (OC 0775), p. 243). ad 396,8 - 11: In Anlehnung an Thukydides, der das Jahr des Ausbruchs des peloponnesischen Krieges mit mehreren damals gängigen Zeitrechnungen (Herapriesterin von Argos, Ephoros von Sparta, Archonten von Athen; vgl. Thuk. 2,2,1.) so genau wie möglich zu beschreiben und so zu sichern versucht, datiert auch Camerarius das Jahr des Kriegsausbruchs auffällig ausführlich und nennt als zeitliche Referenz nicht nur Christi Geburt, sondern auch die Confessio Augustana. ad 396,17: διασαφισθέντα VR : διασαφηνισθέντα : Vermutlich ist die ην - Ligatur beim Druck ausgefallen. ad 397,12 f.: Diese Prolepse deutet darauf hin, dass Camerarius nach der Schlacht bei Mühlberg noch an diesem Teil des Werks arbeitete. Stenius: Atque harum copiarum opera inprimis, quod magnus numerus peditum esset, eorundemque Germanorum, victoria potitus est. ad 397,17: Der Infinitiv ἐμφανίζειν könnte von ἐν νῷ ἔχῃ abhängig sein. Die μὲν…δὲ Struktur scheint aber mit dem Partizip ἐμφανίζων sinnvoller; Stenius: satis tamen ostendebat. ad 397,22 - 24: Anders offenbar Stenius: monebatque ut desertis illis nec verbo nec facto quemquam ex iis iuvarent. C. Kommentar 247 <?page no="248"?> ad 397,24: δὲ VR : καὶ : Die Stellung von δέ an dieser Stelle wäre unüblich. Vermutlich wurden die Abkürzungen bzw. Ligaturen für { δὲ } und { καὶ } beim Druck vertauscht. ad 398,3 - 7: Zum Begriff „ Sarmater “ für „ Polen “ vgl. MBW 3605 und OCEp 1194. Stenius: Polonos. Camerarius erwähnt hier eine päpstliche Breve, die Paul III. an die dreizehen Ort der löblichen Eydgenoschafft richtet (VD16 K 437). ad 398,7 - 11: Die Hauptleute des Schmalkaldischen Bundes gaben Flugschriften heraus, mit denen sie Warnungen die protestantischen Stände vor Brunnenvergiftungen und Brandstiftungen warnten: Vgl. VD16 S 1029, VD16 S 1030 und VD16 S 1031. Die Nennung dieser Anschuldigung gegen den Papst bei gleichzeitiger, vehementer Zurückweisung ist eine Objektivierungsstrategie, die Camerarius von Herodot übernimmt (vgl. Einleitung (A.) 3.4.4). ad 398,17 f.: Das Aufgreifen des im Genitivus Absolutus stehenden Subjekts ( τῶν διαμαρτυρησάντων ) als Prädikatsnomen des Infinitivs im Nominativ ( οἷοί ) ist nicht die Regel: Nach KG II, 30 (§ 476,6) steht die Prädikatsbeziehung des Infinitivs im selben Kasus, wie das regierende Partizip (hier etwa: οἷὼν ). Doch führen Kühner/ Gerth auch mehrere Stellen bei den Historikern auf, bei denen Nominativ folgt (vgl. ebd. Anm. 4). Bei Isokrates 10,1 und Xen. Hell. 2,3,35 finden sich ähnliche Vokabelkonstellationen: Beide konstruieren οἷόν τ’ εἶναι nach dem Verb des Sagens unpersönlich. Vgl. oben ad 393,8 - 10. ad 398,23 - 26: Im ersten Paragraphen des Reichsabschieds von Speyer (1526) heißt es: „… ein frey General-Concilium, oder auffs wenigst National- Versammlung “ (zitiert nach NSRA 2, 273). Camerarius ‘ Verwendung des Wortes „ Protestanten “ ist an dieser Stelle anachronistisch. Camerarius gibt hier einen Teil des vierten Paragraphen des Reichsabschieds wieder (vgl. die Unterstreichungen): „ Demnach haben Wir, auch Churfürsten, Fürsten und Stände des Reichs, und derselben Bottschafften, Uns jetzo allhie auf diesem Reichs-Tag einmüthiglich verglichen und vereiniget, mitler Zeit deß Concilii, oder aber National-Versammlung nichts desto minder mit Unsern Unterthanen, ein jeglicher in Sachen, so das Edikt, durch käyserl. Majestät auf dem Reichs-Tag zu Wormbs gehalten, ausgangen, belangen möchten, für sich also zu leben, zu regieren und zu halten, wie ein jeder solches gegen Gott und käyserl. Majestät hoffet und vertraut zu verantworten “ (zitiert nach NSRA 2, 274). ad 399,11: Stenius: ex quorum superstitione mercedem sponte oblatam illi tamquam fructum aliquem colligerent. Möglicherweise ist vor τῆς δεισιδαιμο νίας die Präposition ἐκ zu ergänzen. Randglosse: Tezelius indulgentiarum propola. ad 399,16 f.: Wörtlich: „ als der Vorwand der unabhängigen Macht des Papstes im Himmel und bei den Unteren allmählich zerfloss “ . 248 C. Kommentar <?page no="249"?> ad 399,23 - 25: Camerarius bezieht sich hier auf eine Stelle bei Apuleius (met. 8,24 ff.), in der von Bettelpriestern der Dea Syria berichtet wird, die mit einem Bild der Göttin umherziehen und Geld für ihren ekstatischen Auftritt fordern. Apuleius beschreibt zudem die kostspielige Einweihung in die Isis- Mysterien (Hinweis von M. Gindhart). ad 400,3 f.: Stenius übersetzt „ fälschlich zugelassen “ : … quae antea perperam admissa videbantur. ad 400,8 - 12: Möglicherweise ist diese Stelle korrupt. Stenius übersetzt an dieser Stelle sehr frei: Bei ihm scheint ein Hauptsatzprädikat zu fehlen (die unterstrichenen Begriffe fehlen im griechischen Text): At sacerdotalis ordo non modo non ad meliorem et modestiorem vitam maiori studio se conformare, sed etiam ipse impunitatem nactus, in varia vitae probra se coniicere, ut praeter infamiam qua flagrabat, omnium etiam criminationibus esset expositus. Zu der Formulierung οὐχ ὅτι … ἀλλὰ καὶ… vgl. LSJ „ὅτι“ (Belege: Xen. Mem. 2.9.8; Plat. Symp. 179b). Das Wort αἰτιματίζεσθαι könnte als Mischung aus ἀτιμάζω (kränken, beleidigen) und αἰτίζω (bitten, betteln) entstanden sein. Inhaltlich scheint nur ἀτιμάζεσθαι Sinn zu ergeben und wurde daher verbessert. ad 400,14 f.: Stenius: iucunde luxuriari possent. Das Wort ἐνδιαθρύπτεσθαι ist ein Hapaxlegomenon aus Theokrit (Eid. 3,36). Camerarius kannte es zweifellos aus seiner Theokrit-Edition (OC 0018), die 1545 ein zweites Mal aufgelegt worden war. Moderne Wörterbücher übersetzen es mit „ sich spröde benehmen, sich zieren “ . Diese Bedeutung passt hier, wo Schwelgerei und Ausschweifungen des Klerus kritisiert werden, jedoch überhaupt nicht. Welche Bedeutung nimmt Camerarius also an? Ein Blick in die lateinische Theokritübersetzung von Eobanus Hessus (vgl. Hessus 1545), an der Camerarius mitwirkte (vgl. Hamm 2011, 430), erweist sich als wenig hilfreich, da er das Versende ἐπεὶ τύ μοι ἐνδιαθρύπτῃ mit zwei ganzen Hexametern wiedergibt: Quandoquidem tu me multum spe fallis inani, / et tibi delitiae sunt haec ludibria nostri (Hessus 1545, fol. b4 r (Text) und ebd. fol. C1 r (Übersetzung)). Der Schlüssel zu Camerarius ‘ Verständnis von ἐνδιαθρύπτεσθαι liegt vielmehr in den Scholia des Zacharias Kallerges, die in derselben Übersetzung abgedruckt wurden. Denn der merkt vier Synonyma an (Vgl. Hessus 1545, p. 118 r = fol. P6 r ): ἀπονοέομαι ( ‚ von Sinnen kommen ‘ ), ἐμβλακεύομαι (sonst nicht belegt), σπαταλάω ( ‚ schwelgen ‘ ), τρυφάω ( ‚ luxuriös leben ‘ ). Zweifellos hatte Camerarius diese Bedeutungen im Sinn und wollte die Ausgefallenheit des Klerus mit ebenso ausgefallenem Vokabular beschreiben. C. Kommentar 249 <?page no="250"?> Der Bezug von ὅσοι ist nicht ganz klar (wohl ἐκεῖνοι und nicht ἀνθρώπους ). Stenius: Quicumque autem traditionum observantes esse volebant, illi tamquam in coelum ex hac tolerantia evolaturi, reliquos homines prae se contemnebant. ad 400,19: ἔν τε τοῖς ἱεροῖς < καὶ > τῷ θρησκεύειν : Hier fehlt ein mit dem vorhergehenden τε korrespondierendes καί . Stenius: Tantum erant occupati in sacris tractandis, et cultu peragendo. ad 400,21: ἐξεκεκορύφωτο : korrekt gebildete, unbelegte 3. Pers. Sg. Plqupf. Pass. von ἐκκορυφόω : die Hauptpunkte vortragen (Pape), tell a tale summarily, state the main points (LSJ). Hier wohl eher in der Bedeutung des Simplex κορυφόω : sich gipfeln, emporsteigen. ad 400,21: ὑπέρτατον < … > κράτος : Ein Vergleich mit der Übersetzung des Stenius deutet auf eine Lücke ( „ von allen “ ): „ et summum >in omnes alios< dominatum occupavit “ . Möglicherweise ist hier πάντων zu ergänzen. ad 400,24 - 27: Ähnliche Kritik äußert Camerarius in der „ Geschichte der böhmischen Brüder “ . Vgl. Camerarius 1605 (OC 0949), p. 18 - 20, bes. ebd. p. 19: Ipsi Papae libros componi iubebant de sua in Ecclesia, immo in toto orbe terrarum, primaria ac plane imperatoria potestate, et de gubernatione arbitrii ipsorum; quos Papae aliqui libros, aliis a se confectis, vel nominibus saltem suis inscriptis auxere, Decretorum et Decretalium titulis, quibus omnia in caelo terra et apud inferos obnoxia eis subiicerentur (Üs.: Päpste selbst haben Bücher verfassen lassen über ihre erstrangige und gebieterische Macht in der Kirche, ja sogar in der ganzen Welt, sowie über die Lenkungswirkung ihres eigenen Urteils. Diese Bücher haben irgendwelche Päpste - nachdem andere als sie sie vollendet haben - wenigstens noch verlängert, indem sie ihren Namen darauf schrieben mit den Titeln der Dekrete und Verordnungen, mit denen sie alles, was in Himmel, Erde und Unterwelt ihnen gehorsam ist, unterwerfen.). Für die Junktur „τυφλὸς τυφλῷ ὁδηγῷ“ vgl. Eur. Hec. 1050. ad 401,5: Stenius bezieht den Genitiv τῶν Γερμανῶν nicht auf τις sondern auf μεγαλοπρέπεια : Conspicatus vero aliquis magnificentiam Germanorum. Doch scheint es hier eher um die Pracht des Klerus zu gehen und eben nicht allgemein um die der Deutschen. ad 401,9 f.: Vgl. Mt. 25,14 - 30; Lc 19,12 - 27. ad 401,18 - 20: Dieser Satz scheint für den französischen Übersetzer besonders zentral, denn er hebt ihn durch Unterstreichung hervor. Vgl. Histoire, p. 167. ad 401,24 - 402,3: Vgl. bes. Lc. 8,24 ( ἐπετίμησεν τῷ ἀνέμῳ … καὶ ἐγένετο γαλήνη ) bzw. die folgenden Passagen des NT (Inhalt und Lexik): Lc. 8,22 - 25, Mt. 8.23 - 27; Mc. 4.35 - 41. Auch Epheser 4,14? Vgl. zur Unauslöschbarkeit der Wahrheit Camerarius 1605 (OC 0949), p. 135: … consistet tamen neque destruetur religionis sanctae et sincerae aedificium supra firmissimum fundamentum 250 C. Kommentar <?page no="251"?> extructum (Üs.: Das Gebäude des heiligen und wirklichen Glaubens, das auf festester Grundlage errichtet worden ist, wird dennoch stehenbleiben und nicht zerstört werden.). Stenius: … exoriente sole, et dissipante speciosas nubeculas superbiae et insolentiae, et quae ad omnia ferme praetenditur, dignitatis. ad 402,4 f.: Wörtlich: „ doch ist in ihnen nichts Heiliges “ . ad 402,26 - 28: Stenius: secundum doctrinam sacrarum litterarum. ad 403,1: Stenius sieht οὐκ ὀλίγα als Wortverneinung: multa. Klassisch müsste man nach οὐκ ἀρνέομαι ein pleonastisches οὐ erwarten ( οὐκ ἀρνέομαι ὡς οὐ (oder μὴ οὐ ) „ ich leugne nicht, dass …“ ). Ebenso müsste beim folgenden Infinitiv χρῆναι die Negation μή οὐ stehen (oder seltener μή ; vgl. Menge § 192). ad 403,4 f.: Stenius: … volebantque non ab his, sed ab iis, qui capita essent Ecclesiae, perfectam controversiarum diiudicationem petendam. ad 403,9 f.: Das Hochstift Trient gehörte zum Erzherzogtum Österreich (österreichischer Reichskreis) und damit zum Herrschaftsgebiet Ferdinands. Oder ist mit Stenius ἀναγιγνώσκοντος nach πόλεως zu ergänzen? Stenius: … ac dicebatur hoc ipsum factum fuisse Carolo assentiente, qui vellet hanc esse Synodum promissam, quod Tridentum urbs Ferdinandum Regem dominum agnosceret, quodque Imperatore quasi inspectore omnia futura essent, quae fieri debeant. ad 403,17 f.: Stenius: … cum interim inauditos condemnaret illa [sc. Synodus] Protestantes. ad 403,26 - 27: Camerarius selbst hatte 1543 die Συνοδικά (OC 0431) publiziert, in denen aus protestantische Perspektive biblische und katholische Positionen gegenübergestellt werden, explizit vor dem Horizont des angekündigten Konzils (Hinweis von J. Hamm.). ad 404,2: καὶ < … > παροξυνόμενοι : Ein Vergleich mit der Übersetzung des Stenius, deutet auf eine Lücke ( „ zum Krieg angestachelt “ ) hin: Stenius: Unde factum est, ut Protestantes consiliariorum suorum sermonibus territi, ad bellum incitarentur. Vielleicht ist daher πολεμεῖν zu ergänzen (Vgl. Isokrates 5,101 und 6,110). Möglicherweise verdeutlicht Stenius den Sinn hier aber auch von sich aus: Vgl. Anm. ad 404,4. ad 404,4: εἰσάπαξ < … >, καὶ : Ein Vergleich mit der Übersetzung des Stenius, deutet auf eine Lücke ( „ mit Waffen und Truppen zu entscheiden “ ) hin: „ et ad negotium illud semel >armis et copiis< transigendum. “ Folglich ist hier vielleicht ὅπλοις τε καὶ στρατιώταις zu ergänzen, was allerdings eine ungewöhnlich große Lücke darstellen würde. Womöglich verdeutlicht Stenius den Satz von sich aus: Vgl. Anm. ad 404,2. ad 404,10 - 12: Stenius: … ad Lycum et Danubium celerrime profecti sunt, quod putabant in eo se inferiores futuros, quod tarditatis culpa omissum esset: ut contra sperabant superiores fore, quo quidque velocius expeditum esset. C. Kommentar 251 <?page no="252"?> ad 404,26: ἕνα < κύβον > ἀναῤῥίπτεσθαι : Ein Bezugswort zu ἕνα scheint ausgefallen zu sein. Der Vergleich mit der Übersetzung des Stenius deutet darauf hin, dass „ Würfel “ zu ergänzen ist: „… nec uno momento >aleam< de summa reipublicae iaciendam esse. “ Eine andere Möglichkeit wäre, κίνδυνον zu ergänzen. Vgl. LSJ „ἀναρρίπτω“ IIa; Vgl. Plut. Arat. 5,4: καὶ πρὸς ἕνα κίνδυνον ὀξέως τὸ πᾶν ἀναρρῖψαι . ad 405,5: Stenius: Quia autem per multos annos satis felix Germaniae status fuerat … ad 405,6: Wörtlich: „ Arroganz der Ersten bei den Herrschenden “ ; Stenius: inter proceres superbia. ad 405,8 f.: Stenius: et sumptus in illis [sc. vestibus] conficiendis. ad 405,9 - 12: Das Prädikat des Satzes fehlt. Entweder ist es als Ellipse zu verstehen (etwa: αἴτον ἦν ) oder mit Stenius ein Prädikat zu ergänzen ( παρέ χει ? ): „ His omnibus causam praebuere …“ ad 405,17 f.: Randglosse: Rusticana seditio. ad 405,23 - 26: Denselben Vorwurf äußert Camerarius in der Melanchthon- Vita im Kontext des Schmalkaldischen Krieges: Vgl. Camerarius 1566b (OC 0775), p. 255f … . cum hac in parte tum aliis plurimis, externi mores invecti constantiam et gravitatem veterem gentis dissoluta vita et corruptis moribus, || quasi enervarint (Üs.: „ Es haben - wie in vielen anderen Bereichen - vielleicht auch hier aus der Fremde eingeführte Sitten die alte Beständigkeit und Würde des Volkes durch Auflösung der althergebrachten Lebensweise und schlechte Gewohnheiten sehr geschwächt. “ , Werner 2010, 188). Vgl. auch Stählin 1936, 71 m. Anm. 3 (er zitiert nach Struve 1717). ad 405,26 f.: ἐμμένειν < … >, καὶ : Inhaltlich scheint hier zu fehlen, dass die Einhaltung der traditionellen Sitten als etwas Schlechtes angesehen wurde. Ein Vergleich mit der Übersetzung des Stenius, deutet auf eine Lücke ( „ Torheit “ ) hin: Unde qui non Gallissaret, vel Italianissaret tum habitu tum sermone, ille inutilis et nihili haberi, et >stolidus, qui< simplicitatem patrii moris constanter retineret: immo eo quisque liberior et sapientior videri quo magis peregrinos imitando exprimeret. Stenius übersetzt an dieser Stelle allerdings insgesamt sehr frei. Er schließt den fehlenden Teil syntaktisch an den vorhergehenden Satz an (et) und bildet einen Relativsatz. Die Konstruktion im Griechischen deutet eher auf ein fehlendes Genitivobjekt hin, das parallel zu ἐλευθεριότητος καὶ σοφίας konstruiert ist und von ἔργον ὑπείληπτο abhängt. Daher wurde μωρίας ergänzt und übersetzt (alternativ εὐηθείας ? φαυλότητος ? ). ad 406,1 f.: Stenius: Accedebat summa licentia in sentiendo || et vivendo, et relictus quivis suae voluntati, poterat et dicere et facere quaecumque in buccam et mentem venissent. 252 C. Kommentar <?page no="253"?> ad 406,20 - 22: Vgl. oben die Ausführungen zum Geschichtsbild in der Einleitung (A.) 2.4, besonders die zwei tempora, in denen für Camerarius der Umsturz droht (OCEp 1518 (in: Camerarius 1546), fol. A3 r (i. D. fälschlich A5 r )). ad 406,24 f.: Vgl. den Apparat ad loc. bei Müller 1969: „ἀποτελεῖ so Euseb., Haverc. etc. Dagegen Froben ἐπιτελεῖ : ἀποτελεῖν , bewirken, vollenden [ … ]. Dagegen bezeichnet ἐπιτελεῖν mehr ein Entrichten, abthun, defungi. “ ad 406,27: Vgl. die Edition von Asper 2004, der τρώει (verwunden, beschädigen) statt τρώγει liest. ad 407,18: Die Krasis κἀν wurde hier als καὶ ἐν gelesen, da ἐν μήκει parallel zu ἐν ὀλίγαις ἡμέραις steht. Es könnte auch als καὶ ἄν bzw. καὶ ἐάν gelesen werden und einen Konditionalsatz einleiten für den dann allerdings ein Prädikat im Konjuktiv notwendig wäre. Überlieferungsbedingt (Haplographie) ist vermutlich nach δόξαν oder vor κἀν die Partikel ἄν ausgefallen, die daher für die irreale Sinnrichtung zum Infinitiv zu ergänzen ist. Vgl. KG I, 240 f. (§ 398,1). Stenius: qualis vix longissimo temporis spatio cogi potuisset, nedum intra paucos, praeter omnium opinionem dies, quibus convenit et instructus processit omnibus iis, quae ad bellum requiruntur. ad 407,24: Konkret geht es um den Pass zwischen Füssen und Ehrenberg ( ‚ Ehrenberger Klause ‘ , vgl. Kohler 2005, 302; vgl. Gebhardt 9, 339 f.). Stenius: quae claustra vocant. Randglosse: Clusa. ad 408,2: Das Adjektiv πολυτριβής ist nicht belegt und wurde von Camerarius offenbar als Neologismus aus πολύ und τρίβω zusammengesetzt. Stenius: maxime trita. ad 408,24 - 26: Die Reichsacht (VD16 D 914), die rechtliche Grundlage des Krieges, erwähnt Camerarius nur an dieser Stelle und stellt sie im Kontext der Schmähschriften als Propaganda dar, wofür Hortleder (1645, fol. a iii v ) ihn kritisiert. Vgl. unten ad 409,7 - 9. Anders als Voigt behauptet ( „ Dass die Schmähschriften den Krieg nicht veranlassten, sondern nur begleiteten, als er bereits im Gange war, scheint Camerarius nicht zu bemerken “ , Voigt 1874, 687) stellt der Humanist die Schmähschriften hier jedoch durchaus als eine Folge von Karls Verzögerungstaktik während des Krieges dar. ad 409,7 - 410,4: In diesem Kapitel tritt Camerarius ganz als Philologe auf und kritisiert die Streitparteien mithilfe der ihm zur Verfügung stehenden Macht der antiken Literatur. Die Zitate sind im Druck (mit Ausnahme des ersten Homerzitats) nicht gekennzeichnet (für die genauen Textstellen vgl. den kritischen Apparat). C. Kommentar 253 <?page no="254"?> ad 409,7 - 9: Auch in der Melanchthon-Vita kritisiert Camerarius die Flugschriften umfassend und zitiert antike Autoren: Vgl. Camerarius 1566b (OC 0775), p. 254 - 258 mit Werner 2010, 187 - 189). Hortleder (1645, fol. a iii v ) kritisiert Camerarius mit Bezug auf diese Stelle: Er und andere Historiker würden „ die Keyserliche Acht kaum mit dem kleinesten Finger berühren/ Ihre Ursachen ubergehen/ zerstümmeln/ unordentlich fürbringen/ Gemeldter Antwort [sc. die Verwahrungsschrift des Schmalkaldischen Bundes] aber [ … ] auß schlechten Bewegnussen / unnd mancherley Affecten uberhüpffen. “ Die „ schlechten Bewegnisse “ erklärt er in der Fußnote (vgl. ebd. Anm. 33): ut Camerarius, qui putat talia Scripta fuisse indigna ferrum in manu tenentibus (Üs.: … wie zum Beispiel Camerarius, der glaubt, dass derartige Schriften der Männer mit Waffen in der Hand unwürdig waren.). Tatsächlich übergeht der Humanist die Reichsacht mit der bloßen Nennung als „ schreckliche und blasphemische “ Sache (vgl. oben Anm. ad 408,24 - 26) und blendet die juristische Dimension des Krieges somit aus (den juristischen Sachverstand hatte Hortleder an Sleidan hervorgehoben, vgl. oben Anm. ad 390,13), doch die von Hortleder angeführte Passage bezieht sich nicht auf die der kaiserliche Reichsacht (VD16 D 914) oder die Verwahrungsschrift der Schmalkaldener (VD16 E 4626), als vielmehr auf die Flugschriften beider Parteien (vgl. Haug-Moritz 2006, 96 f.). ad 409,14 f.: D. h. mit Worten führt man Beratungen, nicht aber einen Krieg. Schadewaldt übersetzt τέλος mit ‚ Entscheidung ‘ . Der Basler Ilias-Kommentar schlägt „ Resultat/ Ziel/ Ende “ vor (Bierl/ Latacz 2016, 271). ad 409,18: Während der Dionysien in Athen wurden von Festwagen Beleidigungen gerufen; vgl. Dem. or. 18,122. ad 409,20: Camerarius verwechselt hier scheinbar zwei Euripidestragödien, die sich thematisch ähneln (vgl. HGL 1, 593): Die Herakliden, woher das Zitat stammt, und die Hiketiden, in denen Theseus eine Hauptrolle spielt. ad 409,23 - 25: Die Konstruktion im Griechischen ist fehlerhaft. Mit Bezug auf ἡμῖν müsste αὐξηθέντες im Dativ stehen. Dann hinge τοσούτοις καὶ τηλικούτοις ἀγαθοῖς von einem anderen Dativ Plural ab und das ganze wäre kaum mehr zu verstehen. Daher wurde nicht in den griechischen Text eingegriffen. ad 410,4 - 7: Die Bündner reagierten auf einen Angriff der Reiterei Karls am 31. August mit Kanonaden (vgl. Kohler 2005, 304). ad 410,7 - 9: Laut LSJ sind τῇ und τ ῇδε gleichbedeutend. Bei Beibehaltung der Worttrennung ( τῇ δὲ ) würden zwei gleichbedeutende Konnektoren stehen ( καί und δέ ). Stenius: hi. Die Wendung οἱ τῇδε ist einmal belegt: Plat. Tim. 20a6. Gemeint ist wohl, dass οἱ τῇδὲ (die Bündner? ) sich der Sache so sicher waren, dass sie ihre Erwartung unter keinen Umständen ( ‚ nicht (einmal) für 254 C. Kommentar <?page no="255"?> sehr viel ‘ ) geändert hätten. Stenius: Atque hi spem conceptam de rebus et in praesentia statim, et paulo post praeclare et utiliter gerendis magno non permutassent. ad 410,10 - 14: Die Stellung des εἰ -Satzes ganz am Ende des Satzes irritiert, scheint aber die Protasis zu ‚προτερήματα τότε ἔσχον τινὰ οἱ ξυμμαχικοί‘ zu sein. Stenius: Sane verum erat, potuisse tum confoederatorum res esse superiores, Carolinis metu perculsis, adeo ut castris motis tentoria deserta relinquerentur, et ipse Carolus pedetentim retrocederet, reliqui curriculo: si saltem e vestigio fortunam voluissent sequi. ad 410,18 f.: Die Konstruktion ist unsauber: Inhaltlich ist πεποιθότας auf die Bündner zu beziehen. Syntaktisch steht aber nach τοὺς ξυμμάχους noch τὸ συμμαχικόν . ad 410,21: Die Form καταπροίξεσθαι hat zahlreiche Belege bei Herodot. Ein Kompositum mit κατά von προίζεσθαι ( „ den Vorsitz haben “ ) ist nicht belegt. Die Vertauschung der Buchstaben ζ und ξ ist häufig (vgl. auch Prael 1533, fol. Fv r mit demselben Druckfehler). ad 410,27: Maximilian von Egmont, Graf von Büren, vgl. Kohler 2005, 302; Melanchthon war über von Büren gut unterrichtet: Vgl. MBW 4377, 4555a, 4577, 4585; Randglosse: Comes Burensis. ad 411,4 - 7: Vgl. MBW 4385: Dort beklagt Melanchthon, dass Landgraf Philipp auf den Mainzer Erzbischof vertraut hatte und verraten wurde (vgl. auch MBW 4378 und 4386). ad 411,7 - 11: Stenius: … cum homines in promittendo valde cauti esse soleant, et si quid peccatum est, ne videatur, speciose ad alias causas referant. Für die Übersetzung ad alias causas müsste im Griechischen εἰς ἄλλας (fem.) als Bezug auf αἰτία stehen. ad 411,13 - 15: Stenius: … quonam Caroli felicitas evasura esset, cuius potentia tum quam nemo negare poterat, terribilis videbatur, nisi confoederatis prospere aliquid cederet. ad 411,18: Randglosse: Roth oppidum, Noriberga. Stenius: Transierunt tamen e civitate Rubra appellata, recta ad montem Noricum, ibidemque commorati, nullo deinceps impediente ad Carolum accesserunt. Die Route ist etwas verwunderlich: Nürnberg liegt nördlich von Roth; die Truppen marschierten jedoch von Aachen kommend zu Karl nach Ingolstadt, d. h. nach Süden (vgl. Kohler 2005, 302). ad 411,21 f.: Stenius: alii ex rudi et imperito vulgo. ad 411,24: προσγενόμενον aus h1 wurde in den Genitiv Plural geändert und bildet mit οἱ ἐπακολουθήσαντες als nominalem Teil einen Genitivus Absolutus. Gegen diese Konjektur, d. h. die Vertauschung von ο und ω beim Druck, C. Kommentar 255 <?page no="256"?> spricht der Akzent: Dieser steht in den Drucken auf der drittletzten Silbe, wo er nicht stehen könnte, wenn die letzte Silbe durch ω lang ist. Struve dagegen verbessert zu προσγενόμενοι (Eine Vertrauschung von ι und ν wäre durchaus plausibel). Er folgt damit Stenius, der die Bündner mit den Verfolgern der Belger zudem auf eine syntaktische Ebene stellt und den Nominativ direkt auf die σύμμαχοι bezieht: Confoederati autem, cum iam advenissent, et ii, qui Belgas secuti fuerant, etsi equitatu adverariis pares non erant, praelio tamen decertare statuerunt. Doch wenn man προσγενόμενοι liest, passt der Genitiv τῶν τοῖς Βέλγαις ἐπακολουθησάντων nicht, da das Wort mit Dativ konstruiert wird. Warum sollte es darüber hinaus inhaltlich von Interesse sein mitzuteilen, dass die Bündner angekommen sind? Vielmehr scheint es sinnvoll, mitzuteilen, dass die Verfolger der Belger auch ( καί ) angekommen sind, und die Bündner, obwohl sie (immer noch) unterlegen sind, trotzdem eine Schlacht wollen. ad 412,6 - 25: Nach dem Vorbild des Thukydides (Thuk. 2,48 - 53) beschreibt Camerarius hier eine Seuche in den Heeren und geht dabei auch auf die medizinische Symptomatik ein. Camerarius veröffentlichte 1565 einen Kommentar zu ausgewählten Stellen bei Thukydides, darunter auch zur Pestbeschreibung: Vgl. Camerarius 1565b (OC 0759), fol. I7 r -K3 r . Hieronymus Baumgartner berichtete Melanchthon Ende September vom Stand des Krieges und erwähnt eine Seuche in Karls Heer, die den Kaiser dazu gezwungen habe, sich von Ingolstadt nach Neuburg/ Donau zurückzuziehen, vgl. MBW 4399 (zitiert nach CR 6, 247): Magna lues vexat Caesarem, atque adeo, ut castra ab Ingolstadio ad Neoburgam transferre coactus sit, intervallo trium miliarium a nostris (Üs.: Eine große Seuche quält den Kaiser und zwar so sehr, dass er gezwungen war, das Lager von Ingolstadt nach Neuburg zu verlegen, im Abstand von drei Meilen zu den Unseren.). ad 412,14 - 16: Camerarius denkt hier wohl an den Arzt Johannes Magenbuch, den er seit seiner Wittenberger Zeit kannte und dem er 1533 die medizinische Schrift „ De Theriacis antidotis “ (OC 0126) gewidmet hatte. Dieser wurde in Karls Heerlager gerufen (vgl. MBW 4399), steckte sich bei der Behandlung der Kranken selbst an und verstarb am 12. Oktober 1546 (vgl. MBW 4408a). ad 412,15 f.: Stenius ahmt den elliptischen Satzbau nach, lässt aber κοινὸν τὸ κακὸν aus: … etiam ex medicis nonnulli … extinguerentur. Ex contubernalibus vero et convictoribus multo plures. ad 412,23 f.: Wörtl.: „ Paresen der Glieder “ . Stenius: colicos dolores. ad 413,4 f.: Wörtlich: wie ein Kaiser / als wäre er der Kaiser. ad 413,4 f.: Vgl. Woitkowitz 2007, 397 f. und 403. 256 C. Kommentar <?page no="257"?> ad 413,5 - 10: Über diese „ sonderbarste Vorstellung “ wundert sich Voigt (1874, 687): „ Nach seinem [sc. Camerarius ‘ ] Geschmack also hätten sie sich dem Kaiser durch Eid verpflichtet bekennen sollen, während sie doch die Waffen gegen ihn erhoben! “ Camerarius scheint jedoch weniger aussagen zu wollen, dass die Bündner die Eide um jeden Preis hätten halten müssen, als vielmehr dass die Abwehr von Gewalt im Rahmen der Eide gewesen wäre und eine Kündigung nicht notwendigerweise nach sich gezogen hätte. Camerarius bezieht sich hier wohl auf die Rechtfertigungsschrift (VD16 S 1078) des Schmalkaldischen Bundes von Anfang Juli 1546 bzw. ihre Verwahrungsschrift nach der Achtserklärung durch Karl von Anfang August (VD16 E 4626). Stenius: Cum enim nescio qua de causa sub initium belli Confoederati dicerent se vim illatam repellere, nihilominus tamen iuriiurando, quo omnes Principes ei qui Imperatoriam dignitatem obtinet obstricti sunt, Caesari et Regi renunciarant, quod fieri necesse non erat (ut videtur) si verum erat ipsos defendere vim non inferre. ad 413,10 - 12: Vgl. Woitkowitz 2007, 399 mit Anm. 35. ad 413,19 - 21: Stenius: … promittebatque si quae inter Carolum et cognatum compositio fiat, se iudicio de occupatis concessurum esse ditionis proceribus. ad 413,26 f.: Melanchthon berichtet Michael Meienburg in einem Brief vom 20. Dezember 1546 von den Taten der Husaren: Vgl. MBW 4505,5. ad 414,9 - 11: Stenius: propter simultates adhuc residentes, tum de controversiis in vicinia exortis, tum de aliis, quae ipsi nota essent. ad 414,27 - 415,1: πολυμοιρίτας : Camerarius bildet hier wohl einen Neologismus aus πολύ und μοῖρα oder μερίτης ; Stenius: qui pluribus stipendiis alerentur. ad 415,3: Das Wort ἀποπτίλωσις ist nicht belegt. Offenbar von πτιλόω ( ‚ mit Federn versehen ‘ ) abgeleitet, bedeutet es in Verbindung mit ἀπό gewissermaßen das „ Gerupftwerden “ (Stenius: cum neque belli finem, neque suae denudationis viderent). ad 415,11 - 13: Stenius: Ac omnia ad dissolutionem societatis illius decennalis spectare, cum casu quodam illud ipsum tempus elapsum esset. ad 415,20: Melanchthon berichtet Michael Meienburg in einem Brief vom 18. Oktober 1546 von Schandtaten der italienischen Soldaten des Kaisers: Vgl. MBW 4412,1. ad 416,6 - 8: Vgl. oben die Ausführungen zum Geschichtsbild in der Einleitung (A.) 2.4. Stenius: Is autem non exaudiebat, quod adesset iam tempus illud, quo merces accipienda erat nimiae impietatis. ad 416,13: Stenius: iureiurando sibi cives obligavit. ad 416,15 f.: Randglosse: Vvittenberg. C. Kommentar 257 <?page no="258"?> ad 417,5 - 7: Wie Moritz von Wittenberg nach Halle kam, bleibt offenbar unerwähnt. Nach Kohler (2005, 305) hat Moritz „ Halle die ihm vom Kaiser zugesicherte Schutzherrschaft “ aufgezwungen. Stenius: Caeterum Misnensium dux Salinis Saxonicis relictis, et nonnullis in veteri Republica constitutis. ad 417,13 - 15: Stenius: … cum iam universae copiae abducerentur, non quidem sine periculo, sine iactura tamen, cum suis, quotquot ex exercitu ad se allicere potuit, recta domum contendit. ad 417,29: Albrecht Alcibiades. Randglosse im Druck: Marchio Anspacensis. ad 418,15: Stenius: Episcopus. ad 418,16 - 19: Stenius: terrae quies. Roland (urspr. ‚ Hruodland ‘ , ‚ Rotlan ‘ ) leitet sich vmtl. vom germanischen Wort ‚ Hrothi ‘ bzw. ,Hrod ‘ (=Ruhm) und ‚ Land ‘ ab und bedeutet folglich „ Ruhm des Landes “ (vgl. Munzel 2005, 11). Dagegen leitet Camerarius das Wort von ‚ Ruhe ‘ ab, was er anschließend auch erklärt. Vgl. Einhardi Vita Caroli Magni 9. Zum Karlsbild der Protestanten vgl. Prietz 2014, 374 - 383. Melanchthon äußere sich „ gegenüber Camerarius lobend, ja fast enthusiastisch über Karl den Großen “ (vgl. ebd. 202). ad 418,23: Burggrafen, wörtlich: Turmwächter. Stenius: … inque urbes servitute oppressas misit magistratus et Harmostas, arcium custodes, praecepitque erigi obedientiae signum Rulandi statuam. ad 419,12 f.: Stenius: Reliqui in varias partes animum distrahebant. ad 419,20: Die Salinenarbeiter. Randglosse: Salinarii. Stenius: Multa autem impure, flagitiose et inhumane admisit colluvies operarum (quos ad sal coquendum adhibent). ad 419,20 f.: Stenius: adiuncta sibi deterrima exercitus parte, tum in templis et monasteriis quibusdam, tum adversus eos, qui non idem sentirent. ad 419,22 - 421,21: Vgl. zur Belagerung Leipzigs allgemein Voigt 1873, zu Camerarius ‘ Bericht ebd. 253 - 255. ad 419,26 - 28: Camerarius berichtet Hieronymus Baumgartner in einem Brief vom 26.01.1547 von den Verheerungen um die Stadt Leipzig, vgl. OCEp 0631 (in: Camerarius 1583), p. 228: … ruinae iam enim sunt καὶ σκιὰ τῆς ποτε πόλεως οὔσης , non urbs: et quicquid sub urbe fuit ad aliquot milia passuum aedificiorum, igne absumtum est a nostris, ne adversariis prodesset (Üs.: … denn schon liegt sie [sc. die Stadt Leipzig] in Ruinen und ist ein Schatten der einstigen Stadt, keine Stadt: und was immer in einiger Entfernung um die Stadt herum an Gebäuden stand, wurde von den Unsrigen [sc. Moritz ‘ Soldaten] verbrannt, damit es nicht den Feinden nützt.). Im Rektoratsbericht der Universität Leipzig findet sich überdies eine Beschreibung der Verwüstungen: Vgl. Woitkowitz 2007, 410 mit Anm. 110. ad 420,4 f.: Sinngemäße Übersetzung - die Konstruktion ist unklar. Wörtlich: „… bereiteten sich so auf Belagerung und Mauerkämpfe vor, wie sie noch 258 C. Kommentar <?page no="259"?> nicht sein werden “ . Evtl. Konjektur von οὐδέπω zu οὐδέποτε ( … wie es sie nie geben wird)? Stenius scheint auch nur sinngemäß zu übersetzen: Praesidiarii autem in oppido Lipsia ita se praepararunt, ut quasi propediem et obsidio et oppugnatio futura esset. Laut LSJ wird οὐδεπώποτε spät auch von der Zukunft benutzt: „ and not yet ever, never yet at any time, usu. of the past, as S.Ph.250, And.1.22, Pl.Prt.313c: later of the fut., οὐδεπώποτε ἀπολαύσομεν Them.Or.26.330a “ . ad 420,7: Randglosse: Beulvvitz. ad 420,9: Wiederum wird die in V gesetzte Ordinalzahl 18 ( ιη ' ῃ ) von R nicht korrekt erfasst. Vgl. oben ad 392,6 - 8. ad 420,25: Wörtl.: „ eisernen Flöten “ . Vgl. Huth 2015 zu einer lateinischen Beschreibung von Kanonen bei Konrad Celtis. ad 420,21 - 26: Auf einem zeitgenössischen Kupferstich sind einige der von Camerarius beschriebenen Details zu sehen. Anstatt von einer Belagerungsdauer von zwei Wochen, wie es bei Camerarius steht, ist in der Überschrift jedoch von drei Wochen die Rede. Vgl. Deutsche Fotothek, „ Ansicht von Leipzig, Kupferstich, 1547 “ , Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Signatur/ Inventar-Nr.: SLUB/ KS B6831 (URL: http: / / www.deutschefotothek.de/ documents/ obj/ 70302267, 15.11.2025). Vgl. auch einen Nachdruck aus dem 19. Jahrhundert: „ Warhafftige abconterfeyung der Stadt Leipzig “ , Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Signatur/ Inventar-Nr.: Hist.Sax. H.53.f, S. 8 f. (URL: http: / / www.deutschefotothek.de/ documents/ obj/ 87506264, 15.11.2025). Camerarius schickte eine solche Darstellung am 31.10.1547 an Daniel Stiebar, vgl. OCEp 1045 (in: Camerarius 1595), p. 191: … tabellam dedi, in qua depicta est vastitas cladis Lipsicae (Üs.: Ich habe eine Darstellung mitgegeben, auf der die Verwüstung des Leipziger Unglücks abgebildet ist.). Vgl. Woitkowitz 2007, 413 mit Anm. 128. ad 421,1 - 3: Dasselbe berichtet Camerarius Hieronymus Baumgartner im oben (Anm. ad 419,26 - 28) erwähnten Brief. Als er sich von Zerbst zu seiner Familie nach Erfurt begab, erzählte man in Dessau, von wo aus er den Brief schreibt, man habe am vorherigen Tage den Beschuss gehört, vgl. OCEp 0631 (in: Camerarius 1583), p. 227: Lipsia dicitur acerrime oppugnari, ac fuerunt qui affirmarent hesterno die hic exauditos sonitus tormentorum intervallo passuum XXX. milia (Üs.: Man sagt, Leipzig werde sehr hart belagert. Und es gab Leute, die bestätigen, dass man hier am gestrigen Tag die Geräusche der Geschosse auf die Distanz von 30 Meilen hörte). ad 421,7: Vgl. Kall. ep. 25,6 (Anth. Pal. 5,6,6). ad 421,12: ἀπῆρον als Imperfektform ist für das Kompositum nicht belegt; für das Simplex stets mit Iota Subscriptum: Eur. El. 800; Eur. Hel. 1612. Die Aoristform ἀπῆραν findet sich bei den einschlägigen Historikern: Thuk. C. Kommentar 259 <?page no="260"?> (4,46,1; 7,19,5), Hdt. (6,99) und Xen. (Hell. 1,6,24). Da Camerarius hier jedoch durchgehend im Imperfekt schreibt, ist ein Druckfehler ( ο statt α ) wohl auszuschließen. ad 421,12 - 14: Stenius: Atque hoc facto, statim noctu motis castris discesserunt, brevi quadam ex oppido excursiuncula facta, illis abeuntibus, et direptione si quid inventum fuisset. ad 421,23 - 25: Vgl. Camerarius 1566b (OC 0775), p. 257 f. mit Werner 2010, 190. ad 421,25 - 28: Am 28. März brach Karl nach Sachsen auf (vgl. Kohler 2005, 307 bzw. 306 f.). ad 422,1: Randglosse: Egra. ad 422,6: Stenius: Deo iam illis sanam mentem eripiente. ad 422,9 - 2: Simon Stenius wurde 1540 in Lommatzsch geboren. Die Stadt liegt zwischen Leipzig und Dresden, nahe Meißen. Randglosse: Lomaci. Stenius übersetzt „… am ersten Tag des Kampfes “ nicht ins Lateinische. Stenius: Memini ego admodum puer tum temporis universas Saxonici copias pernoctare in patria mea. ad 422,26: Stenius lässt in seiner lateinischen Übersetzung ἐξ αὐλῶν μικροτέρων (aus kleineren Kanonen) aus. ad 423,18 f.: Eine Randglosse (nur in a) verweist auf die Beschreibung des Kriegsendes in der Melanchthon-Vita, in der Ferdinand mit demselben Zitat erwähnt wird: Vgl. Camerarius 1566b (OC 0775), p. 259 mit Werner 2010, 190). ad 423,23: [Wilhelm von] Thumbshirn. Randglosse: Thumshirn. Vgl. Distel 1894. 260 C. Kommentar <?page no="261"?> D. Anhang 1 Burkard Gotthelf Struve an den Leser (1717) 1.1 Text 1 LECTORI BENEVOLO S. D. BURCARD GOTTHELF STRUVE Insignis vir erat Ioachimus Camerarius, cuius vitam et elogia praeter Melchiorem Adami, plures alii scripserunt. Sufficit nobis elogium Thuani hic adduxisse, dum ait: 5 „ Camerarius loco nobili, sed in modicis opibus natus, ad haec specie ingenua praeditus nobilitatem generis, quantum per conditionem et aetatem licuit, nobilibus exercitiis retinuit, equitandi peritia insignis, de qua ad Xenophontis librum, quem de re equestri scripsit, a se Latine versum ac notationibus explicatum, peculiarem commentarium subiecit. De cetero cum vitam otio 10 litterario consecrasset, post perceptam utriusque linguae exactam notitiam, quam et variis scriptis illustravit, non solum ad bonos auctores in utraque lingua interpretandos tam poetas quam oratores et historicos, sed etiam in solidioribus philosophiae mathematicarum artium, et postremo thelogiae studiis multa commentatus est, ad quae omnia, quod pauci ante illum fecerunt, politioris litter- 15 aturae ornamenta semper attulit, variis in omni doctrinae genere lucubrationibus aut dum vixit editis aut post mortem a tanto patre dignis filiis publicatis, quae sparsim et diversis temporibus ac locis per particulas edita, cum eiusmodi sint, ut iis ad rem litterariam plurimum emolumenti sit redundaturum, simul omnia aliquando edi reipublicae maxime interest. Constans ac perpetuus Philippi 20 Melanchthonis amicus fuit, eius studiorum, voluntatum, ac consiliorum particeps, et cum ipse Lipsiae larem fixisset, et ille Vitembergae profiteretur, per literas amicitiam eam toto XXX annorum tempore coluerunt, et Melanchthonis quidem literas ipse Camerarius post mortem eius studiose collectas ac digestas publicavit, suis non insertis, quarum partem filii post patris obitum, tum alias ad diversos 25 duobus voluminibus distinctas ad utilitatem publicam ediderunt. Tandem vir optimus et de re puplica tot exantlatis laboribus bene meritus ex hac vita migravit XV Kal. Maias. “ 543 543 Thou 1614, p. 87. Auf welchen Druck sich Struves Seitenangabe ( „ lib. LIX. p. 66 “ ) bezieht, konnte nicht nachvollzogen werden. Es gibt geringfügige Abweichungen zwischen dem <?page no="262"?> Reperitur haec Historia in Catalogo Scriptorum eiusdem, quam breviter quidem, ast accurate descripsit Camerarius, ita, ut Protestantium errores minime reticeat. 30 Graeco sermone eandem scripsit, ut, prout ipse testatur, Graecorum etiam gens de gestis istis edoceatur. Simon Stenius vero, Lomacensis, qui Heidelbergae Graecas litteras docuit, et sub initium seculi superioris vixit, hanc historiam in Latinum transtulit sermonem, atque supplementum adiecit, in quo proelium ad Mühlbergam, una cum Io. Friderici Electoris captivitate describit. Hanc ipse Stenius 35 Frehero transmisit, prout ex ea, quae statim subsequitur epistola patet. 1.2 Übersetzung Den geneigten Leser grüßt Burcard Gotthelf Struve! Joachim Camerarius war ein außerordentlicher Mann. Sein Leben und seine Äußerungen haben neben Melchior Adam noch viele andere niedergeschrieben. Mir reicht es, hier die Äußerung von [ JacquesAuguste de] Thou angeführt zu haben, bei dem es heißt: „ Camerarius wurde in vornehmem Stand, doch in bescheidenen Verhältnissen geboren. Er war zudem von edler Statur und erhielt sich die vornehme Herkunft, soweit es ihm sein Zustand und sein Alter erlaubten, durch vornehme Beschäftigungen. Seine Kenntnisse im Reiten stachen hervor: Zu diesem Thema legte er einen außerordentlichen Kommentar zu Xenophons Schrift „ Über die Reitkunst “ vor. Er übersetzte sie ins Lateinische [OC 0347] und erläuterte sie mit Anmerkungen [OC 0348]. Im Übrigen widmete er sein Leben dem Studium der Literatur. Nachdem er genaue Kenntnisse beider Sprachen erworben hatte, die er auch in verschiedensten Schriften offenbarte, verfasste er nicht nur zur Übersetzung der vortrefflichen Autoren in Dichtung, Rhetorik und Geschichte Kommentare, sondern schrieb auch vieles in umfassenderen Studien zu Philosophie, Mathematik und zuletzt auch Theologie. All diese Studien versah er stets mit dem Schmuck der feinen Literatur, wie nur wenige vor ihm es taten. Die verschiedenen, über jedwedes Wissenschaftsgebiet, lange ausgearbeiteten Werke wurden entweder zu Lebzeiten veröffentlicht oder nach seinem Tod von den Söhnen, die eines so bedeutenden Vaters würdig waren, publiziert. Da die Werke zeitlich und örtlich verstreut in verschiedenen Einzeldrucken veröffentlicht wurden, obwohl sie derart sind, dass ein reichlicher Bestand den größten Nutzen für die Literaten hat, so liegt Original und Struves Zitation. Im Original heißt es: … explicatum et peculiarem … (Z. 9); … notitiam, quas et … (Z. 10); … illum fecerant, politioris … (Z. 14); … aut post eius mortem … (Z. 16). 262 1 Burkard Gotthelf Struve an den Leser (1717) <?page no="263"?> es im besonderen Interesse der Öffentlichkeit, dass sie irgendwann alle zugleich veröffentlicht werden. Er war ein fester und dauerhafter Freund von Philipp Melanchthon und teilte dessen Studien, Neigungen und Pläne. Als Camerarius nach Leipzig zog und Melanchthon in Wittenberg Professor war, pflegten sie die ganzen 30 Jahre diese Freundschaft in Briefen. Und Camerarius selbst veröffentlichte die sorgfältig gesammelten und geordneten Briefe Melanchthons nach dessen Tod. Seine eigenen Antwortbriefe fügte er nicht ein, sondern ein Teil von ihnen wurde nach dem Tode des Vaters von den Söhnen, der andere Teil ferner bei anderen in zwei Bände aufgeteilt der Öffentlichkeit nutzbar gemacht. Schließlich starb der sehr tüchtige Mann, nachdem er sich um den Staat hochverdient gemacht hatte und so viele Mühen erduldet hatte, am 17. April [1574]. “ In einem Katalog von Schriften des Camerarius findet man das vorliegende Geschichtswerk, das derselbe zwar kurz, doch sorgfältig niederschrieb und zwar in der Weise, dass er die Verfehlungen der Protestanten durchaus nicht verschwieg. Er schrieb auf Griechisch, damit - wie er selbst bekundet - auch das Volk der Griechen über diese Ereignisse unterrichtet würde. Simon Stenius aus Lommatzsch, der in Heidelberg die griechische Literatur lehrte und am Anfang des letzten Jahrhunderts lebte, übersetzte dieses Geschichtswerk ins Lateinische und fügte eine Ergänzung an. Darin beschreibt er die Schlacht von Mühlberg sowie die Gefangennahme des Kurfürsten Johann Friedrich. Die Schrift sandte Stenius selbst an Freher, wie aus dem Brief, der sich sogleich anschließt, hervorgeht. 1.2 Übersetzung 263 <?page no="264"?> 2 Simon Stenius an Marquard Freher (18.07.1606) 2.1 Text 1 V. N. MARQUARDO FREHERO CONSILIARIO PALATINO SIMON STENIUS S. D. Remitto ad te, Vir nobilissime, Camerarii ξυγγραφὴν Latine a me redditam. Quia autem nonnulla deesse videbantur, visum est et illa supplere, et quidem breviter, 5 usque ad captivitatem Saxonis: quae recte (ut puto) hanc conscriptionem finit, ut Iliada mors Hectoris. Nam quae secuta, ex vita Mauritii peti poterunt, vel multo magis ex aliis luculentis historicis. Vale et me ama. Sign. XVIII Iulii. 10 M. DC. VI. 2.2 Übersetzung Den hochberühmten Herrn Kaiserlichen Rat Marquard Freher grüßt Simon Stenius! Ich sende dir, hochberühmter Herr, Camerarius ‘ griechische Abhandlung mit meiner lateinischen Übersetzung zurück. Da scheinbar aber einiges fehlte, schien es richtig, eben jenes zu ergänzen, und freilich nur kurz, bis zur Gefangennahme des Sachsen, mit der diese Schrift meiner Ansicht nach eigentlich enden muss, wie die Ilias mit dem Tode Hektors. Denn die Folgeereignisse konnten freilich aus der Biographie des Moritz [von Sachsen] entnommen werden oder vielmehr von anderen bedeutenden Historikern. Lebe wohl und sei mir verbunden! 18. Juli 1606 <?page no="265"?> 3 Übersicht der Akzentregeln im „ Libellus “ (Camerarius 1545, p. 12 - 24) Seite Regel Nr. sinngemäße Übersetzung Paradeigma(ta) I. Einsilbige Wörter (De monosyllabis, p. 12 - 13) 12 1 (a) Kurze Monosyllaba tragen Akut σός , μέν 12 1 (b) Positionslange Monosyllaba tragen Akut ἅλς , φρύξ 12 1 (c) Lange, unkontrahierte Monosyllaba tragen Akut χθών , φρήν , χείρ 12 1 (d) Lange, kontrahierte Monosyllaba tragen Zirkumflex νοῦς , φώς 13 2 In obliquen Kasus zweisilbige Monosyllaba, sind endbetont II. Gemeinsame Regeln zwei- und vielsilbiger Wörter (De disyllabis ac polysyllabis coniunctim, p. 13 - 15) 13 1 (a) Stets endbetont sind Nomen auf εύς und ώ βασιλεύς , Σαπφώ , 13 1 (b) Stets endbetont sind Patronymika auf ίς und άς νεστορίς , ἰλιάς , 13 1 (c) Stets endbetont sind Adjektive auf κός κακός 13 1 (d) Stets endbetont sind Verbaladjektive auf τός χριστός 13 f. 1 (e) Stets endbetont sind Verbalsubstantive auf μός , τής , ή , τήρ λογισμός , ποιητής , σωτήρ , γραφή , 14 1 (f ) Stets endbetont sind die meisten Wörter der 5. Deklination auf ις ἀκρίς 14 1 (g) Stets endbetont sind Adjektive der 1. kontrahierten Deklination auf ρος , λος , ης ähnlich: Derivata der Nomen θεός (von θεάω oder θέω ) 14 2 Wörter auf ος behalten den Akzent des Nom. im Akk. und Vok.; ebenso Feminina (auf η ) und Neutra (auf ον ) λευκός , λευκόν ; λευκή , λευκήν <?page no="266"?> Seite Regel Nr. sinngemäße Übersetzung Paradeigma(ta) 14 f. 3 Mit Akut betonte Nominativendungen tragen im Gen. und Dat. Sg. und Pl. Zirkumflex auf der letzten Silbe λευκός , λευκοῦ ; θεός , θεοῦ III. Vielsilbige Wörter (De polysyllabis seorsim, p. 15 - 16) 15 1 Ultima lang: Paroxytonon ausgenommen sind alle Wörter, die unter die vorgenannte Regel (II,1 - 3) fallen sowie einzelne Wörter: ταχυτής , βραδυτής , ἁδροτής , δηιοτής , ἀληθής ὠριγένης , ἀριστο τέλης , φιλοσοφία , θεολογία , ἑλένη , φιλότης , ποιότης , ἰδιότης , παχύτης , γλυκύτης 15 2 Ultima kurz, Penultima lang: Proparoxytonon ausgenommen sind Kontraktionen: ποιοῦμεν ἄνθρωπος , παρά κλητος , διῴκησις , ἐλέησον 16 3 Alle Silben kurz: Proparoxytonon IV. Zweisilbige Wörter (De disyllabis seorsim, (p. 16 - 17) 16 1 kurz kurz: Paroxytonon Ausnahme: Deriavta λόγος , τύπος , ὄνος θεός , σοφός 16 2 lang lang: Paroxytonon Ausnahme: Wörter die unter Regel II,3 fallen. ἄρτου , τύπτω , ὄκνου 16 f. 3 positionslang kurz: Paroxytonon Ausnahme: Derivata ἄρτος , ὄκνος , μάν τις , μάρτυς , χριστός 17 4 kurz lang: Paroxytonon Ausnahme: differentia, derivata, Erinnerung an II,3 λέγω , τύπου , ἄβαξ θέα , θεά ; χιτών V. Gravis (De gravi seu syllabico tono, (p. 17 - 19) 17 f. (1) Der Gravis steht auf jeder Silbe, die nicht mit Akut oder Zirkumflex betont ist, wird jedoch nur statt eines Akuts auf der letzten Silbe geschrieben πατὴρ ἡμῶν 18 f. (2) Enklitika verlieren ihren Akzent, wenn das vorherige Wort kein Paroxytonon ist 266 3 Übersicht der Akzentregeln im „ Libellus “ (Camerarius 1545, p. 12 - 24) <?page no="267"?> Seite Regel Nr. sinngemäße Übersetzung Paradeigma(ta) VI. Zirkumflex (De circumflexo, p. 19 - 20) 19 1 Zirkumflex steht nie auf kurzer Silbe 19 f. 2 Zirkumflex steht nie auf nur positionslanger Silbe; Außer bei Liquida: γρᾶμμα (sic! ), μᾶλ λον 20 3 Veränderung der Ultima beim Flektieren ist nicht mit genauerer Regel als bei Deklination und Konjugation beschreibbar. 544 20 4 Bei zweisilbigen Wörtern steht Zirkumflex auf vorletzter Silbe, wenn diese lang und die letzte kurz ist. χρῆμα , χρῆσις VII. Allgemeine Ausnahmen (Quae communes hasce regulas προσωδιῶν turbent, p. 20 - 24) 21 f. 1 Dialektale Unterschiede 22 f. 2 Akzentverschiebung bei Komposita 23 3 Akzent bleibt bei Apokopen unverändert ἀκουέμεναι , ἀκουέ μεν 23 4 Anastrophe 23 f. 5 Unterschiede (differentia) 5 (a) Bedeutungsunterschiede durch Akzent 5 (b) οι und αι als Nom. Pl. Endungen bzw. als Passivendung gelten als kurz ἄνθρωποι , μοῦσαι , τύπτομαι 5 (c) Akzent endbetonter Wörter bleibt beim Deklinieren auf derselben Silbe; auch bei abgeleiteten Diminutiven. παλλάς , παλλάδος ; εὐσεβής , εὐσεβέος ; ἱδρῶς , ἱδρώτος ; θήρ , θηρί , θηρίον 5 (d) Unterschiede zwischen den Deklinationen ( θαλῆς = 1. Dekl.; θάλης = 5. Dekl.) 5 (e) Veränderung durch Modus: Imperativ. εἶπε , εἰπέ 544 Ultima si qua (? ) inflectitur, certiore regula quam sit quae declinando coniugandoque sese offeret, describi non potest, OC 0478 (in: Camerarius 1545), p. 20. 3 Übersicht der Akzentregeln im „ Libellus “ (Camerarius 1545, p. 12 - 24) 267 <?page no="268"?> 4 Übersicht der Akzentregeln in „ De accentibus “ (Varennius 1550, fol. K1 r - L4 r ) Blatt Regel Nr. sinngemäße Übersetzung Paradeigmata I. Canones generales K2 r 1 lange Endsilbe: Betonung auf Antepenultima nicht möglich (Ausnahme: attischer Dialekt: μενέλεως , πώλεων ) und Properispomenon nicht möglich (wird zu Akut) ἄνθρωπος , ἀνθρώ που δῆμος , δήμου , ἐστῶτες , ἐστώτων K2 r 2 Auf kurzer oder positionslanger Silbe steht nie Zirkumflex; nur über naturlangen ἡρακλῆς , ἡρα κλέους σῶμα , βοᾶτε , βοᾷ K2 v 3 Betonte kurze Silben vor kurzer Endsilbe oder betonte lange Silben vor langer Endsilbe tragen immer Akut. λόγος , ἥρως K2 v 4 Kurze Silbe vor langer Endsilbe trägt Akut ἕρως K2 v 5 Betonte naturlange Silben vor naturkurzer oder positionslanger Endsilbe trägt Zirkumflex. Am Wortende sind αι und οι ohne folgenden Konsonant in derselben Silbe kurz (Ausnahme: Adverbien wie οἴκοι und Optative wie ποιήσαι ) δῆμος , αὖλαξ ; μοῦσαι , ἄνθρωποι K2 v 6 Kontraktionen aus Akut und Gravis werden zu Zirkumflex (Ausnahme: Duale auf ω tragen immer Akut: τὼ νόω , νώ , νώϊ , νῴ ; Kontrahierte Kasus, zur Unterscheidung von nicht kontrahierten: τὴν λητόα , λητώ , τὴν σαπφόα , σαπφώ ) Kontraktionen aus Gravis und Akut werden nie zu Zirkumflex Ebenso Kontraktionen zweier Gravis βοάετε , βοᾶτε ἑρμέας , ἑρμῆς σιμόεις , σιμοῦς ἑσταώς , ἑστώς δημοστένεϊ , δημο στένει <?page no="269"?> Blatt Regel Nr. sinngemäße Übersetzung Paradeigmata K2 v 7 Aus Kontraktion entstandene Monosyllaba tragen Zirkumflex παῖς , ῥοῦς , φῶς , φθοῖς , βῶξ , κρῆς , κῆρ K3 r 8 Silben behalten ihren Akzent nach einer Kontraktion, wenn sie selbst nicht kontrahiert wurde (Ausnahmen: χρυσοῦς , ἀργυροῦς , χαλκοῦς ) δημοσθένεος , ένους , ποίεε , ποίει K3 r 9 Wenn ein Endvokal mit Akut durch Apostroph wegfällt, wird der bei nomina Akzent auf die vorhergehende Silbe übertragen, bei den anderen Wortarten entfallen Akzent und Silbe δεινά , δείν’ ἔπη πέ λει ; κατά , κατ’ ἐμοῦ K3 r 10 Jeder betonte, auslautende Diphthong auf υ , auf den kein Konsonant folgt, trägt Zirkumflex (Ausnahmen: ἰδού , ἰού ) εὖ , φεῦ , οὐδαμοῦ , ἐμοῦ , σοῦ , καλοῦ , αἰσχροῦ , ὁμοῦ II. de nomine K3 r 1 Neutra sind meist auf der ersten Silbe betont. νόμισμα , σύνηπι (sic! σίναπι ), ἔλεος , πῶϋ , γῆρας , στόμα , δῶμα K3 r 2 Alle einsilbigen Neutra werden zirkumflektiert. πᾶν , πῦρ K3 r 3 Endbetonte, nicht-kontrahierte Nominative tragen Akut 545 K3 r - v (4) 1. Dekl.: Alle Nominative: Paroxytonon (Ausnahme: Verbalia der Verba Contracta auf της haben Oxytonon; auch einige Verbalia der Veba non contracta; Wörter auf ᾶς sind dorisch) χρύσης , αἰνείας ; ποιητής , μιμητής ; κριτής , δικαστής ; κοσμᾶς K3 v (5) 2. Dekl. (5 a) Nominative auf α , betonen die Penultima, wenn sie lang ist μοῦσα , χώρα 545 Hier ist wohl das Komma nach habeat zu tilgen und hinter ultima zu setzen: omnis nominativus, qui non est contractus, si tonum habeat, in ultima acuitur (Varennius 1550, fol. K3 r ). 4 Übersicht der Akzentregeln in „ De accentibus “ (Varennius 1550, fol. K1 r - L4 r ) 269 <?page no="270"?> Blatt Regel Nr. sinngemäße Übersetzung Paradeigmata (5 b) Substanative auf εια , die von den Adjektiven auf ης gebildetet wurden: Proparoxytonon ἀσθένεια (5 c) Feminina der Adjektive haben denselben Akzent wie ihr Maskulinum, sofern keine generelle Regel widerspricht ἀγαθός , ἀγαθή , θεῖος , θεία , σοφώ τερος , σοφωτέρα (5 d) Ν ominative auf η , deren Penultima ein ο und davor einen Hauchlaut hat, trägt Akut auf der Penultima χνόη , φθόη , χλόη K3 v - K4 v (6) 3. Dekl. (6 a) Substantive auf ειον : Properispomenon ἰχθυοτροφεῖον , μνη μεῖον , βαλανεῖον (6 b) Adjektive auf ειον : Proparoxytonon κουρεῖον ; αἰάντειον (6 c) Subst. neutr. auf ιον : Proparoxytonon μυστήριον , ἐπιστό λιον , ἐπινίκιον (6 d) örtl. Adjektive: Proparoxytonon οὐράνιον (6 e) possessive Nomina auf κον : Akut (auf Antepenultima? ) ἀττικόν (6 f ) Verbalia auf μος : Akut auf Ultima συλλογισμός (6 g) nomina transsubstantiva auf νον : Proparoxytonon λίθινον (6 h) Komparative auf ρος und ρον : Proparoxytonon δικαιότερος (6 i) Verbalia auf τος : meist Oxytonon; wenn sie mit einem Wort verbunden werden, mit dem das Ursprungsverb nicht verbunden werden kann, übertragen sie den Akzent darauf πληκτός , σπαρτός ; σεληνόπληκτος , ἄσπαρτος , ἄψαλ τος (6 j) mit ἐν zusammengesetzte Nomen: Proparoxytonon ἔμμουσον , ἔνθυμον (6 k) Trochäische Nomen übertragen den Akzent als Kompositum auf die Antepenultima δοῦλος , εὔδουλος , ὥρα , πρόωρος 270 4 Übersicht der Akzentregeln in „ De accentibus “ (Varennius 1550, fol. K1 r - L4 r ) <?page no="271"?> Blatt Regel Nr. sinngemäße Übersetzung Paradeigmata (6 l) von κτείνω und τρέφω gebildete Nomen sind aktivisch, wenn der Akut auf der Penultima steht und passivisch, wenn er auf der Antepenultima steht. λυκτόνος , τυραννο κτόνος , λαοτρόφος , λυκόκτονος , τυ ραννόκτονος , λαό τροφος (6 m) Komposita von παλῶ (sic! πέλω / πέλομαι ) mit einer Präposition tragen Akut auf der Antepenultima; ist παλῶ aber mit einer anderen Wortart verbunden: Paroxytonon πρόπολος , ἀμφίπο λος , ὀνειροπόλος , θυηπόλος (6 n) Zweisilbige Substantive sind meist auf der Penultima betont; Adjektive meist auf der Ultima λόγος ; λεινός K4 v (7) 4. Dekl. (7 a) vielsilbige Wörter: Akut immer auf Antepenultim ὔγεως , μενέλεως , νικόλαως (7 b) Dorisch deklinierte Nomen (ablatione ς ) sind Paroxytona oder Perispomena ein einziges ist Properispomenon διώνδας , ποδῇς , λᾶας K4 v - K6 r (8) 5. Dekl. (8 a) Feminina auf ω : Oxytonon λητώ (8 b) Simplicia auf αν : Oxytonon (Ausnahme: πᾶν ); Komposita auf αν : Paroxytonon πάν , τιτάν , ἑρμόπαν (8 c) Simplicia auf ην und ιν ohne Neutrum: Oxytonon; Komposita auf ην und ιν mit Neutrum: Paroxytonon αὐχήν ; ἐριαύχην , εὔριν , (8 d) Simplicia auf ιν : Oxytonon ῥίν (8 e) Komprehensiva auf ων : Oxytonon ἀγών , περιστορεών ; (8 f ) Adjektive von Eigennamen und Gentilia auf ων : Paroxytonon (Ausnahme Kontrakta: ποσειδῶν , ξενοφῶν ) πλάτων , εὐδαίμων , τεύτων ; (8 g) Monosyllaba auf αιξ : Oxytonon αἴξ ; (8 h) Mehrsilbige Simplicia auf ξ : Paroxytonon ἅρπαξ , πέρδιξ ; (8 i) Nomen auf ηρ : Oxytonon (Ausnahme: μήτηρ , δημήτηρ , θηγάτηρ (sic! )) πατήρ , σωτήρ ; 4 Übersicht der Akzentregeln in „ De accentibus “ (Varennius 1550, fol. K1 r - L4 r ) 271 <?page no="272"?> Blatt Regel Nr. sinngemäße Übersetzung Paradeigmata (8 j) Monosyllaba auf ας : Perispomenon; auf δ gebeugte Nomen auf ας : Oxytonon; Im Übrigen: Maskulina und Neutra auf ας : Paroxytonon (sofern keine generelle Regel dagegen spricht, z. B. γῆρας , Canon 5) πᾶς ; ἀρκάς , λαμ πάς , φυγάς , μονάς ; τάλας , κρέας ; (8 k) Unkontrahierte Monosyllaba auf αις : Oxytonon δαίς , σταίς (8 l) Nomen auf ευς : Oxytonon (im dorischen aber auf der Penultima: ἀχίλλευς , πή λευς ) ἀχιλλεύς , πηλεύς (8 m) Adjektive auf εις : Paroxytonon χαρίεις (8 n) Auf εος gebeugte Adjektive auf ης : Oxytonon; (Ausnahme: Wörter, die eine Fülle (plenitudo) angeben: πηλώδης ; einige Komposita: εὐμήκης , παμμεγέθης ) εὐγενής , ἀληθής ; (8 o) Zusammengesetzte Eigennamen auf ης : Paroxytonon δημοσθένης , ἀρι στοτέλης , σωκρά της (8 p) Feminine Abstrakta auf της : Paroxytonon (Ausnahme: βραδυτής , ἀδροτής , ταχυ τής , δηϊοτής ) φιλότης (8 q) Patronyme auf ις : Oxytonon πριαμίς (8 r) Nomen auf ις , die von Nomen der dritten Deklination auf ος gebildet wurden: Oxytonon δμωίς , αἰχμαλωτίς (8 s) Zweisilbige Simplicia auf ις : Paroxytonon ὄφις , πάρις (8 t) Mehrsilbige Nomen auf ις , die mit δ oder τ gebeugt werden: Proparoxytonon ἄδωνις , εὔπολις , εὔχαρις (8 u) Feminina auf ις , die von Maskulina gebildet werden und mit δ gebeugt werden, behalten den Akzent des Maskulinums στρατιῶτις , δεσπό τις (8 v) Komposita auf ις von zweisilbigen Paroxytona übertragen den Akzent auf die Antepenultima μήτις : πολύμητις , ἀλκή : ἄναλκις , κνήμη , εὔκνημις (8 w) Simplicia auf ους : Zirkumflex (Ausnahme: πούς , ὀδούς ) βοῦς 272 4 Übersicht der Akzentregeln in „ De accentibus “ (Varennius 1550, fol. K1 r - L4 r ) <?page no="273"?> Blatt Regel Nr. sinngemäße Übersetzung Paradeigmata (8 x) Substantive auf υς , die mit δ gebeugt werden oder deren Penultima lang ist: Oxytonon; ebenso Adjektive auf δυς ; Die übrigen haben Paroxytonon. (Ausnahmen: ἰχθῦς , ὀπφῦς , διονῦς , ὀρφῦς und alle Monosyllaba tragen Zirkumflex: μῦς , σῦς ) χλαμύς , πληθύς , ἡδύς , βότρυς (8 y) Feminina auf ω und ως : Oxytonon λητώ , αἰδώς K6 r (9) Bedeutungsunterschiede durch Akzent; Verweis auf ein Werk Kyrills 546 βίος , βιός ; πόνηρος , πονηρός K6 r (10a) Gen. Sg.: Akzent auf derselben Silbe wie Nominativ, außer Ultima ist lang (Ausnahmen: Kontraktionen: λᾶος (aus λάαος ), κῆρος (aus κέαρος ), ἦρος (aus ἔαρος ). λόγος , λόγου , ἀγα θός (10b) Zweisilbige Wörter auf ος als Nomen: Oxytonon ( βοός , ῥαός ), bzw. als Partizipien: Paroxytonon ( βάντος , στάντος ); Außerdem: μητέρος , θυγατέρος , γυναι κὸς , μιᾶς (ionisch)) . Jeder Genitiv mit langer Endsilbe, trägt, wenn sie betont ist, Zirkumflex. (Ausnahmen: attische Formen: λεώ , νεώ ) ἀγαθοῦ , δίκαιος , δικαίου K6 r - v (11) Dat. Sg.: Akzent immer auf derselben Silbe, wie im Genitiv; Derivata werden aber immer auf der Antepenultima betont αἰνείου , αἰνείᾳ ; πο λυπάταγι , μελίκρα τι , διχόμηνι Κ 6 v - K7 r (12) Akk. Sg.: Akzent auf derselben Silbe, wie im Genitiv (Ausnahmen: θύγατρα , ἄν δρα , γυναῖκα ; Einsilbige Akkusative auf ν tragen Zirkumflex: κλεῖν , λῖν , μῦν , σῦν ; Ebenso zweisilbige Genitive der 5. Deklination: Paroxytonon: δία , βόα ). K7 r (13) (13a) Vok. Sg.: Akzent auf derselben Silbe wie der Nominativ Ausnahmen: δέσποτα , μητίετα , ἀνάκητα , εὐρύοπα 546 Offenbar „ Cyrilli opusculum de dictionibus “ in Crastonus 1497, fol. L1 v -M1 r (Vgl. ebd. fol. a i r ). 4 Übersicht der Akzentregeln in „ De accentibus “ (Varennius 1550, fol. K1 r - L4 r ) 273 <?page no="274"?> Blatt Regel Nr. sinngemäße Übersetzung Paradeigmata (13b) Eigennamen auf ης , Komposita mit Akut auf der vorletzten Silbe, kontrahierte Wörter mit Zirkumflex: Proparoxytonon ὦ Δημόσθενες , ὦ Ηράκλεες / ὦ ἡρά κλεις , ὦ Σοφόκλεες , Περίκλεες ; (13c) Komposita auf ων mit Vokativ auf ον : Proparoxytonon ὦ ἀγάμενον , ὦ κα κόαιμον (13d) Komposita mit φρήν : Paroxytonon (Ausnahme: ὦ λακαιδαῖμον (sic! ), ὦ πα λαῖμον ) ὦ δαΐφρον , ὦ περί φρον ; (13e) Ebenso übertragen Nomen auf ηρ deren Vokativ ερ lautet, den Akzent ὦ θύγατερ , ὦ εἴνα τερ , ὦ δήμητερ , ὦ ἄνερ , ὦ σῶτερ (13f ) Vokative auf ευ der Wörter auf ευς tragen Zirkumflex (I,10) ὦ βασιλεῦ K7 r (14) Nom./ Akk./ Vok. Dual: Akzent auf selber Silbe wie Nom. Sg. αἶαρ , αἴαντε ; πέρ σις , πέρσα ; ἵππος , ἵππω K7 r (15) Gen., Dat. Dual: Akzent auf derselben Silbe, wie Nom. Dual Ausnahme: χοροῖν , παιδοῖν , μηκεοῖν αἰνεία , αἰνείαιν ; τι μά , τιμαῖν ; λόγω , λόγοιν ; Μενέλεω , Μενέλεῳν . K7 r - v (16) Nom. Pl.: Ähnlich dem Nom. Sg. (Ausnahme: von Maskulina gebildete Formen) λίθος , λίθοι ; χρυ σός , χρυσοί K7 v (17) Gen. Pl.: (17a) 1./ 2. Dekl.: Zirkumflex (Ausnahme: χλούνων , χρήστων , ἀφύα , ἀφύων ; Adjektive, deren Maskulina zur 3. Deklination gehören, haben den Akzent wie im Gen. Sg.: ῥόδια , τῶν , ῥωδίων (sic! ), da ῥόδιος , ῥοδίου : σχετλιαστική , τῶν σχε τλιαστικῶν , da σχετλιαστικός , σχε τλιαστικοῦ ) ὀρεστῶν , τιμῶν (17b) 3./ 4. Dekl.: ähnlich wie Gen. Sg., Zirkumflex, wenn auf letzter Silbe μῆνες , μηνῶν . 274 4 Übersicht der Akzentregeln in „ De accentibus “ (Varennius 1550, fol. K1 r - L4 r ) <?page no="275"?> Blatt Regel Nr. sinngemäße Übersetzung Paradeigmata (17c) 5. Dekl.: wenn Nom. Pl. zweisilbig: Zirkumflex (10 Ausnahmen: πάντων , τρώων , δμώων , παίδων , φώτων , θώων , λάων , κράτων , δάων , φώδων ); wenn Nom. Pl. mehrsilbig: Paroxytonon (Ausnahme ist attischer Dialekt: λέξεων ) αἴαντες , τῶν , αἰάν των K8 r (18) Dat. Pl.: Ähnlich wie Dat. Sg. (Ausnahme: παντί , πᾶσιν ; μητράσιν , θυγατράσιν ; πρόβασιν , ἄστρασιν , ἔγκασιν ) K8 r (19) Akk. Pl.: Wie im Nom. Pl. (sofern Ultima nicht lang) K8 r (20) Vok. Pl.: Wie im Nom. Pl. III. de verbis K8 r - L1 r (a) Verba contracta werden zirkumflektiert, non contracta sind Paroxytona (b) Verba auf μι : Proparoxytonon: (Ausnahme: εἰμί , φημί ) ἵστημι , τίθημι (c) Imperfekt: Proparoxytonon (nisi quid prohibeat) ἔτυπτον (d) Futur I Aktiv: Paroxytonon (Ausnahme: 5. Konjugation wird immer zirkumflektiert: τεμῶ ) τύψ (e) Futur I Medium: Proparoxytonon (Ausnahme: 5. Κ onjugation wird zirkumflektiert auf Penultima: ψαλοῦμαι ) τύψομαι (f ) Aorist I Aktiv: Proparoxytonon (wenn möglich) sonst: Paroxytonon ἔτυψα , ἔθην (g) Imperative: Proparoxytonon (wenn möglich) sonst: Paroxytonon (Ausnahme: Imperativ Aor. Med.: Perispomenon ( τυ ποῦ ) sowie εἰπέ , λαβέ , ἐλθέ , εὑρέ , ἰδέ ). In den übrigen Tempora und Modi stehen die Akzente so, wie in der Konjugation der Verben τύπτω , ποιέω , τίθημι παράμενε , μένε (h) Der Akzent bleibt in allen Personen auf derselben Silbe wie in der 1. Ps. Sg.; außer es kommt eine vierte Silbe hinzu oder die Ultima ist lang τύπτομαι , τυπτόμε θα , ἐτύπτεσθον , ἐτυπτέσθην 4 Übersicht der Akzentregeln in „ De accentibus “ (Varennius 1550, fol. K1 r - L4 r ) 275 <?page no="276"?> Blatt Regel Nr. sinngemäße Übersetzung Paradeigmata (i) betonte, lange Endsilbe hat immer Zirkumflex (Ausnahme: χρή ) ποιῶ , τυφθῶ , βῇ (j) Trochäische Simplicia ändern ihren Akzent als Kompositum nicht (Ausnahme: οἶδα , σύνοισθα ; κεῖμαι , πρόκειμαι , nicht aber κεῖσθαι , da προκεῖσθαι ) εἶπε , κετεῖπε , εἶχε , κατεῖχε IV. de participiis L1 r (a) Die Aktiv-Partizipien Präs. (maskulinum), Futur I und Aorist I haben den Akzent auf derselben Silbe, wie das Verb (Drei Ausnahmen: ἰών , κιών , ἐών von ἴω , κἴω , ἔω ) ὁ τύπτων , ὁ τύπψας , ὁ τύψων (b) Der Nominativ auf ως / ος / ων des Aorist II und auf εις / εν des Aorist Passiv haben Akut auf der Ultima; Ähnlich die Partizipien der μι -Verben τετυπώς , τετυφώς , τυπτών , τυφθέν , τυπέν ; τιθείς , ἱστάς (c) Alle Partizipien auf μενος sind auf der Antepenultima betont (Ausnahme: Part. Perfekt ist auf der Penultima betont: τετυμμένος ; die auf εις haben Akut auf der Ultima) (d) Partizipien auf ων , ουσα , ον behalten ihren Akzent in allen Genera; bei den Übrigen ändert sich der Akzent in der Deklination, wie bei den Nomen λέγων , λέγουσα . λέγον V. de articulis L1 r - v Artikel (articuli praepositivi) haben immer Spiritus oder Akzent, aber niemals beide; Relativpronomen (articuli subiunctivi) haben beide. Nominative und Akkusative der nicht aspirierten Artikel tragen Gravis 547 VI. de pronominibus L1 v (a) ἐγώ und σύ : Singular und Dual: Oxytonon außer Gen./ Akk. Dual: Perispomenon; Plural: Perispomenon 547 Gemeint sind die Neutrum-Artikel τό und τά . 276 4 Übersicht der Akzentregeln in „ De accentibus “ (Varennius 1550, fol. K1 r - L4 r ) <?page no="277"?> Blatt Regel Nr. sinngemäße Übersetzung Paradeigmata (b) ὅς : Singular und Dual: Oxytonon außer Gen./ Dat. Singular: Perispomenon; Plural: Perispomenon (c) ἐμος , σός , αὐτός : Oxytonon; τέος , ἔος : Paroxytonon (d) auf ρος : Proparoxytonon (e) οὗτος , ἐκῖνος : Properispomenon; Veränderung in Deklination, wie bei Nomen VII. de praepositionibus L1 v - L2 r (a) Alle Präpositionen werden auf der Ultima betont; Ausnahme: ἐν , εἰς , ἐς sind tonlos (b) In der Dichtung schieben nachgestellte Präpositionen den Akzent auf die erste Silbe; in der Prosa (in oratione soluta) wird nur περί nachgestellt ἑμῶν μέτα (c) Der Akzent steht auch auf der Antepenultima Zusammensetzung mit Verben τούτων πέρι (d) vokalisch anlautende Präpositionen tragen Spiritus lenis; Ausnahme: ὑπό , ὑπέρ πάρεστι , περίεστι VIII. de adverbiis L2 r (a) Adverbien, die sich vom Genitiv Plural ableiten mit ν statt σ , haben denselben Akzent, wie der Genitiv. αἰσχρῶς , μόνως (b) Zweisilbige Interrogativadverbien haben Akut auf der Penultima; einsilbige tragen Zirkumflex. Zu den Indefinitpronomen vgl. unten de encliticis πότε , πόθεν , πόσον , ποῦ , πῶς (c) auf υ : Zirkumflex γρῦ (d) ὄφελον , ἐπέκεινα : Proparoxytonon (e) ναί und εἰ ändern ihren Akzent bei Zusammensetzung mit θε und χι nicht; Erweiterungen mit indeklinablen Wörtern wirken sich nicht auf den Akut aus εἴθε , ναίχι 4 Übersicht der Akzentregeln in „ De accentibus “ (Varennius 1550, fol. K1 r - L4 r ) 277 <?page no="278"?> Blatt Regel Nr. sinngemäße Übersetzung Paradeigmata IX. de coniunctionibus L2 r - v (a) Kopulativa: Oxytonon (Ausnahme: ἤτοι ) (b) Kausal: Proparoxytonon (wenn möglich); sonst: Penultima; Aber: δἰὅ und καθ’ὅ enthalten zwei Wörter ὄφρα , ἕνεκα , οὕνεκα (c) Disjunktiv: Oxytonon (Ausnahme: ἤτοι , ᾗ ) ἤ , ἠέ (d) Kontinuativ: Oxytonon; auch bei Zusammensetzung mit περ ἐπεί , ἐπειδή ; ἐπεί περ , ἐπειδήπερ (e) Adversativ: Paroxytonon (Ausnahme: ἀλλά , ἀλλαμήν ; außer ἀλλά ist adjektivisch) ὁμοίως , ἔμπης , (f ) ἆρα illativa: Properispomenon (g) ἄρα particula expletiva: Paroxytonon X. de inclinativis L2 v s. o. Einleitung (A.) 4.5.6.4 278 4 Übersicht der Akzentregeln in „ De accentibus “ (Varennius 1550, fol. K1 r - L4 r ) <?page no="279"?> 5 Übersicht der Akzentregeln in den „ Praecepta “ (Dalwitz 1569, fol. A8 r - B4 r ) Blatt Regel Nr. sinngemäße Übersetzung Paradeigma A8 r - v (1) Einsilbige Wörter: nicht kontrahierte tragen meist Akut, Kontrahierte Zirkumflex ebenso Zirkumflex: Gen. und Dat. der Artikel und Pronomen, Verben (bes. im Konjunktiv), nonnullae voces, adverbium vocandi σός , μέν , ἅλς , φρύξ , χθών , φρήν ; νοῦς , φῶς , μῦς , ὗς ; τοῦ , τῷ , οὗ , ᾧ ; ὦ , ᾖς , ᾖ , θῶ , θῇς , θῇ ; ὦ A8 v - B1 r 2 Einsilbige Nomen, die in den obliquen Kasus mehrsilbig werden: Bei Oxytona rückt im Gen. und Dat. Sg. und Pl. der Akut auf die zweite Silbe; in den anderen Kasus bleibt der Akzent auf der ersten Silbe. χειρός , χειρί , χεῖρα Bei Perispomena bleibt der Akzent auf der ersten Silbe κῆρ , κῆρος , κῆρι τίς immer auf der ersten Silbe betont τις immer auf der zweiten Silbe betont τίς ; τις B1 r 3 Zweisilbige Wörter: Akzent meist auf erster Silbe. Ausnahme: Derivata (v. a. Verbalia) λόγος , τύπος , ἄρ τος , ὄκνος , ἄβαξ ; θεός B1 r 4 Vielsilbige Wörter: Akzent abhängig von Quantität der letzten Silbe B1 r 5 Vielsilbige Wörter: Ultima kurz, Akzent meist auf Antepenultima Ausnahme: Derivata ἄνθρωπος , παρά κλητος , ἔλεγχος , λογισμός , ποιοῦμεν B1 v 6 Vielsilbige Wörter: Ultima lang, Akzent auf Penultima ἀνθρώπου B1 v 7 Im Attischen Dialekt entfällt Regel 6. νικόλεως , πόλεως , πόλεων <?page no="280"?> Blatt Regel Nr. sinngemäße Übersetzung Paradeigma B1 v 8 Die Diphthonge αι und οι am Wortende (diphthongi finales purae) gelten hinsichtlich der Betonung als kurz, wenn ihnen kein Konsonant folgt (Ausnahme: Infinitive) τύπτομαι , κύριοι ; τιθέναι , τελέσαι B1 v 9 Akut steht auf kurzen Silben oder positionslangen (quae positione tantum producuntur) B2 r 10 Zirkumflex steht auf naturlangen Silben und kontrahierten ποιοῦμεν , ποιοῖμι B2 r 11 Kurze und positionslange Vokale tragen keinen Zirkumflex, außer sie bilden einen Diphthong. μᾶλλον B2 r 12 Naturlange Penultima trägt Zirkumflex, wenn Ultima kurz μοῦσα , σῶμα , ποιῆ σαι B2 r 13 Länge vor naturlanger Ultima trägt nicht Zirkumflex, sondern Akut; wenn die Ultima durch Konjugation oder Deklination kurz wird, trägt sie wieder Zirkumflex μοῦσα , μούσης , μούσῃ , μοῦσαν B2 v 14 Der Akzent bleibt in den obliquen Kasus auf derselben Silbe, wie im Nominativ, wenn nicht eine Veränderung der Quantität der Ultima eine Änderung nötig macht ἄνθρωπος , ἀνθρώ που , ἀνθρώπῳ , ἄν θρωπον B2 v 15 Die endbetonten Nomen der ersten drei einfachen Deklinationen, sowie die Artikel und Pronomen dieser Art tragen im Genitiv und Dativ Singular und Plural auf der Ultima Zirkumflex. In den übrigen Kasus steht Akut. τιμή , τιμῆς , τιμῇ , τιμήν . 280 5 Übersicht der Akzentregeln in den „ Praecepta “ (Dalwitz 1569, fol. A8 r - B4 r ) <?page no="281"?> Blatt Regel Nr. sinngemäße Übersetzung Paradeigma B2 v 16 Genitiv Plural der ersten und zweiten einfachen Deklinationen haben Zirkumflex auf der Ultima, unabhängig davon, wo ihr Akzent in den anderen Kasus steht Ausnahmen: 1. Dekl: χλοῦνων , χρή στων , ἐτησίων ; 2. Dekl: ἀφυίων ; Feminina der Adjektive, die sich mit keinem Buchstaben von den Maskulin unterscheiden: τῶν δικαίων , φρονίμων ; dagegen: πάντων , πασῶν , χαριέντων , χα ριεσσῶν , ἡδέων , ἡδειῶν . αἰνειῶν , μουσῶν ; χλούνων , χρήστων , ἐτησίων , B3 r 17 Endbetonte Nomina der 5. Deklination auf ηρ , ώς , ώ schieben im Vokativ den Akzent weitmöglichst nach vorne. ὦ πάτερ , ὦ θύγα τηρ , ὦ αἶδοι , ὦ λῆ τοι B3 r 18 Oxytona sind 18 (a) Nomen auf εύς βασιλεύς , κεραμεύς 18 (b) Feminina der 3. kontr. Dekl. auf ώς , ώ αἰδώς , λητώ 18 (c) Patronyme auf άς , ίς ἰλιάς , νεστορίς 18 (d) Adjektive auf κός κακός 18 (e) Simplex-Verbaladjektive auf τός χρηστός , κτιστός 18 (f ) Simplex-Verbalia auf μός λογισμός 18 (g) Verbalia auf τής und τήρ , und andere auf ήρ ποιητής , σωτήρ , πατήρ , μητήρ ; 18 (h) Verbalsubstantive auf ή γραφή , νομή 18 (i) Adjektive auf ρός und Adjektive der 1. kontr. Dekl. auf ής . καθαρός 18 (j) Fast alle Derivata ἀληθής , θεός B3 v 19 Die Komposita von oxytonischen Simplicia ziehen den Akzent meist auf die vorderen Silben σοφός > φιλόσο φος ; λογισμός > συλλόγισμος (sic! ) B3 v 20 Bei Adjektiv-Komposita auf ος , deren zweiter Teil verbalen Ursprungs ist, zeigt der Akzent die Diathese an: Penultima = Aktiv, Antepenultima = Passiv θεοτόκος , θεότοκος δωροφάγος , δωρο δόκος δωρόδοκος 5 Übersicht der Akzentregeln in den „ Praecepta “ (Dalwitz 1569, fol. A8 r - B4 r ) 281 <?page no="282"?> Blatt Regel Nr. sinngemäße Übersetzung Paradeigma B4 r 21 Zirkumflex steht bei Formen des Futur II (=) Aktiv und Medium in allen Modi, Futur I der 5. Konjugation und Konjunktiv Aorist I und II Passiv τυπῶ , τυποῖμι , τυπεῖν , τυποῦμαι , τυιποίμην , τυποῖο , τυποῖτο , τυπεῖσθαι σπερῶ , σπεροῖμι , σπερεῖν , σπεροῦμαι , σπεροίμην , σπε ροῖο , σπεροῖτο , σπερεῖσθαι , τυφθῶ , τυφθῇς , τυφθῇ … 282 5 Übersicht der Akzentregeln in den „ Praecepta “ (Dalwitz 1569, fol. A8 r - B4 r ) <?page no="283"?> E. Abkürzungen, Quellen und Literatur 1 Abkürzungsverzeichnis BR Bornemann, Eduard, Risch, Ernst: Griechische Grammatik. Braunschweig 2014. CR Bretschneider, Carolus Gottlieb (Hrsg.): Corpus Reformatorum. Philippi Melanthonis Opera qui supersunt omnia, 28 Bde., 1834 - 1860. GG Griechischer Geist aus Basler Pressen. Katalog der frühen griechischen Drucke aus Basel in Text und Bild von Frank Hieronymus, herausgegeben und für das Internet aufbereitet von Christoph Schneider und Benedikt Vögeli unter Mitarbeit von Andres von Arx, Andreas Bigger, Martin Cassani, Marie-Claire Crelier, Martin Leuenberger und Thierry Spampinato. Universitätsbibliothek Basel 2003 - 2011. URL: https: / / ub. unibas.ch/ cmsdata/ spezialkataloge/ gg/ [15.11.2025]. HfG online Handbuch frühneuzeitlicher Grammatiken. Hrsg. von Aino Kärnä und Anneli Luhtala. Wolfenbüttel 2013. URL: http: / / diglib.hab.de/ ebooks/ ed000171/ start.htm [15.11.2025]. HGL Zimmermann, Bernhard (Hrsg.): Handbuch der griechischen Literatur der Antike. 2 Bde., München 2011 - 2014. KB Kühner; Raphael/ Blass, Friedrich: Ausführliche Grammatik der Griechischen Sprache, Erster Teil: Elementar- und Formenlehre, 2 Bde., Hannover 1890 - 1892. KG Kühner; Raphael/ Gerth; Bernhard: Ausführliche Grammatik der Griechischen Sprache, Zweiter Teil: Satzlehre, 2 Bde., Hannover 1898 - 1904. LSJ Liddell, Henry George/ Scott, Robert/ Jones, Henry Stuart: A Greek- English Lexicon. 2 vol., Oxford 1940 via The Online Liddell-Scott- Jones Greek-English Lexicon, ed. Maria Pantelia. URL: http: / / stephanus.tlg.uci.edu/ lsj [15.11.2025]. MBW Melanchthons Briefwechsel - Regesten online. Hrsg. von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. URL: www.hadw-bw.de/ mbw. html [15.11.2025]. NSRA Schmauß, Johann Jakob/ von Senckenberg, Heinrich Christian (Hrsg.): Neue und vollständigere Sammlung der Reichs-Abschiede, In Vier Theilen, Frankfurt 1747. <?page no="284"?> OC online Opera Camerarii. Eine semantische Datenbank zu den gedruckten Werken von Joachim Camerarius d. Ä. (1500 - 1574). Hrsg. von Thomas Baier, Joachim Hamm und Ulrich Schlegelmilch. Bearbeitet von Marion Gindhart, Manuel Huth und Jochen Schultheiß. URL: http: / / wiki.camerarius.de [15.11.2025]. TLG Thesaurus Linguae Graecae Digital Library. Ed. Maria C. Pantelia. University of California, Irvine. URL: http: / / stephanus.tlg.uci.edu [15.11.2025]. Typolexikon online Das Lexikon der Typographie. Hrsg. von Wolfgang Beinert. URL: www.typolexikon.de [15.11.2025]. Z Zinsmeister, Hans: Griechische Grammatik. Teil 1, Griechische Laut- und Formenlehre, Heidelberg 2006. 284 1 Abkürzungsverzeichnis <?page no="285"?> 2 Quellenverzeichnis 2.1 Handschriften Catalogus continens enumerationem secundum Chronologiam annorum omnium librorum et scriptorum tam editorum quam edendorum Joachimi Camerarii Pabenpergensis. In: 147 Briefe, davon Nr. 1: Moritz Herzog zu Sachsen Churfürst an den Kaiser, Augsburg XVIII. Nov. 1557 (Copie) - BSB Clm 10376, fol. 59 - 130 und 218 - 231 (im Digitalisat S. 130 - 272 und 414 - 428), URN: urn: nbn: de: bvb: 12-bsb00111092-3. [15.11.2025]. Histoire de la guerre de Smalcade. Ecrit par Joachim Camerarius, in: Recueil de chroniques et de relations traduites en français sur l'histoire d'Allemagne (IXe -XVIIIe siècle). Histoire des troubles et séditions en Haute-Allemagne par un témoin oculaire (1525 - 1560), p. 151 - 200. Bibliothèque nationale de France. Département des manuscrits. Français 25257. URL: https: / / gallica.bnf.fr/ ark: / 12148/ btv1b9007369h/ f282.item. zoom [15.11.2025]. 2.2 Frühneuzeitliche Drucke Bebel, Johannes (1528): Procli insignis philosophi Compendiaria de motu disputatio, Basel. VD16 P 4949 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb00035017-7). Bersmann, Gregor (1589): Lucani De bello civili vel Pharsaliae libri decem. Leipzig. VD16 L 2908 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10995263-9). Bèze, Théodore (1554): Alphabetum Graecum. Oliva. OCLC 165615435 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10179566-1). Bolzanio, Urbano (1530): Institutiones Graecae grammatices. Basel. VD16 B 6529 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb00021984-6). Bryling, Nicolaus (1545): Gazae introductionis grammaticae libri quattuor. Basel. VD16 T 812 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb00015515-2). Budé, Guillaume (1530): Commentarii Lingvae Graecae. Basel. VD16 B 9086 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10147449-3). Cratander, Andreas: Lexicon Graeco-Latinum. Basel 1532. VD16 L 1399 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10147481-6). Camerarius, Joachim (1536): Thedoriti episcopi Cyrensis rerum ecclesiasticarum libri quinque conversi in Latinum. Basel. VD16 ZV 14912 (http: / / data.onb.ac.at/ rep/ 102804CE, [15.11.2025]). Camerarius, Joachim (1536b): Commentarius captae urbis ductore Carolo Borbonio. Basel. VD16 C 4650 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb00027418-8). <?page no="286"?> Camerarius, Joachim (1538): Commentarii Galeacii Capellae. Straßburg. VD16 C 794 (http: / / data.onb.ac.at/ rep/ 1060266D, [15.11.2025]). Camerarius, Joachim (1540): Θουκυδίδης μετὰ σχολίων παλαιῶν καὶ πάνυ ὠφελίμων . Basel 1540. VD16 T 1113 (http: / / data.onb.ac.at/ rep/ 1080985B, [15.11.2025]). Camerarius, Joachim (1541): Ἡροδότου λόγοι ἐννέα . Herodoti libri novem. Basel. VD16 H 2507 (http: / / data.onb.ac.at/ rep/ 107B46CF, [15.11.2025]). Camerarius, Joachim (1541b): Elementa rhetoricae, sive Capita excercitiorum studii puerilis et stili. Basel. VD16 C 394 (http: / / data.onb.ac.at/ rep/ 10918FF1, [15.11.2025]). Camerarius, Joachim (1544): Libellus Graecae Grammaticae Philippi Melanchthonis. Leipzig. VD16 M 3503 (https: / / onb.digital/ result/ 10425A7E, [15.11.2025]). Camerarius, Joachim (1545): Libellus Graecae Grammaticae Philippi Melanchthonis. Leipzig. VD16 M 3503 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb11104668-4). Camerarius, Joachim (1545b): Thomae Linacri Britanni De emendata structura Latini sermonis libri VI. Leipzig. VD16 ZV 9723 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10185715-6). Camerarius, Joachim (1545c): De invocatione sanctorum, qui ex hac vita excesserunt. Leipzig. VD16 C 446 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb00027622-1). Camerarius, Joachim (1546): Historia rerum gestarum in Graecia, succincta interpretatione librorum Xenophontis a Leonhardo Aretino exposita. Leipzig. VD16 ZV 2581 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10994615-9). Camerarius, Joachim (1552): Historia synodi Nicenae. Leipzig. VD16 C 436 (http: / / data. onb.ac.at/ rep/ 102933E7, [15.11.2025]). Camerarius, Joachim (1553): Narratio de H. Eobano Hesso. Nürnberg. VD16 C 480 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb00028250-1). Camerarius, Joachim (1555): Conciones synodicae habitae a Georgio Principe Anhaltino et Ascaniae. Leipzig. VD16 G 1320 (http: / / data.onb.ac.at/ rep/ 108A15E1, [15.11.2025]). Camerarius, Joachim (1561): Chronologia secundum Graecorum rationem temporibus expositis, autore Nicephoro archiepiscopo Constantinopolis. Basel. VD16 C 367 (http: / / data.onb.ac.at/ rep/ 106D9EDB, [15.11.2025]). Camerarius, Joachim (1565): Narrationes duae facinorum atrocium atque saevorum. Leipzig. VD16 C 482 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb00033780-2). Camerarius, Joachim (1565b): Conversa ex Thucydidis historia quaedam in Latinum sermonem. Wittenberg. VD16 T 1132 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10994606-9). Camerarius, Joachim (1566): Historiae Iesu Christi expositio. Leipzig. VD16 C 439 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10997626-5). Camerarius, Joachim (1566b): De Philippi Melanchthonis ortu. Leipzig. VD16 C 502 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10205909-9). Camerarius, Joachim (1568): Libellus novus epistolas doctorum complectens. Leipzig. VD16 C 411 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10175786-3). Camerarius, Joachim II/ Camerarius Philipp (1583): Ioachimi Camerarii Bapenbergensis Epistolarum familiarium libri VI. Frankfurt. VD16 C 413 (urn: nbn: de: bvb: 12bsb10799924-3). 286 2 Quellenverzeichnis <?page no="287"?> Camerarius, Joachim II/ Camerarius Philipp (1595): Ioachimi Camerarii Pabepergensis epistolarum libri quinque posteriores. Frankfurt. VD16 C 412 (urn: nbn: de: bvb: 12bsb10799927-0). Camerarius, Joachim II (1598): De rebus Turcicis. Frankfurt. 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Hessus, Eobanus (1528): De tumultibus horum temporum querela, Nürnberg. VD16 E 1556 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb00027791-3). Freher, Marquard (1600): Germanicarum rerum scriptores varii ( … ) Tomus Unus. Frankfurt. VD16 F 2527 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10143274-7). Freher, Marquard (1602): Germanicarum rerum scriptores varii ( … ) Tomus Secundus. Frankfurt. VD17 39: 122443V (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10143275-2) Freher, Marquard (1611): Germanicarum rerum scriptores varii ( … ) Tomus Tertius. Hanau 1611. VD17 39: 135258V (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10143276-8, urn: nbn: de: bvb: 12bsb11348223-5, urn: nbn: de: bvb: 12-bsb11196832-0, urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10937976-5, urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10937972-3. Freher, Marquard (1611): Germanicarum rerum scriptores varii ( … ) Tomus Tertius. Hanau. VD17 3: 313113Q (http: / / data.onb.ac.at/ rep/ 10492EBB, [15.11.2025]). Freher, Marquard (1611): Germanicarum rerum scriptores varii ( … ) Tomus Tertius. Hanau. (ohne VD-Nr. (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb11196832-0). Freher, Marquard (1611): Germanicarum rerum scriptores varii ( … ) Tomus Tertius. Frankfurt. VD17 547: 647466V (urn: nbn: de: urmel-f2e51379-c6b4-4367-ba3c-04c1b3c0 21404). Freher, Marquard (1624): Germanicarum rerum scriptores ( … ) Tomus Unus. Frankfurt. VD17 14: 019252H (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10937971-8). Freher, Marquard (1637): Germanicarum rerum scriptores ( … ) Tomus Secundus. Frankfurt. VD17 23: 300343D (nicht digitalisiert). Froben, Johannes (1520): Alphabetum Graecum. Basel. VD16 A 1946 (urn: nbn: de: bvb: 12bsb00028105-6). 2.2 Frühneuzeitliche Drucke 287 <?page no="288"?> Johannes Groneberg (1511): Εισαγογη προς των γραμματων ἑλληνων . Wittenberg. VD16 I 342 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb00014149-9). Hessus, Eobanus (1545): Theokritu Eidyllia. Frankfurt 1545. VD16 T 719 (urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10993773-0). Hortleder, Friedrich (1645): Der Römischen Keyser- Vnd Königlichen Maiestet ẽ Handlungen vnd Außschreiben. Gotha. 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Die Reihe ist für Klassische Philologen, Neuphilologen, Historiker sowie alle auf dem Gebiet der Frühen Neuzeit Forschenden von Bedeutung. Seit 2017 werden alle Bände einem Single Blind Peer-Review-Verfahren mit zwei Gutachtern unterzogen. Bereits erschienen: Frühere Bände finden Sie unter: https: / / www.narr.de/ literaturwissenschaft/ reihen/ neolatina/ 19 Marie-France Guipponi-Gineste / Wolfgang Kofler / Anna Novokhatko / Gilles Polizzi (Hrsg.) Die neulateinische Dichtung in Frankreich zur Zeit der Pléiade / La Poésie néo-latine en France au temps de la Pléiade 2015, 340 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-6702-4 20 Wolfgang Kofler / Anna Novokhatko (Hrsg.) Cristoforo Landinos Xandra und die Transformationen römischer Liebesdichtung im Florenz des Quattrocento 2016, 297 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-6785-7 21 Stefan Tilg / Isabella Walser (Hrsg.) Der neulateinische Roman als Medium seiner Zeit/ The Neo-Latin Novel in its Time 2013, 270 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-6792-5 22 Iris Heckel (Hrsg.) Floris van Schoonhoven Lalage sive Amores Pastorales - Lalage oder Bukolische Liebesgedichte (1613) 2014, 468 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-6897-7 23 Thomas Baier / Jochen Schultheiß (Hrsg.) Würzburger Humanismus 2015, 305 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-6898-4 <?page no="297"?> 24 T. Baier / T. Dänzer / F. Stürner (Hrsg.) Angelo Poliziano Dichter und Gelehrter 2015, 288 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-6977-6 25 Patrick Lucky Hadley Athens in Rome, Rome in Germany Nicodemus Frischlin and the Rehabilitation of Aristophanes in the 16th Century 2015, 185 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-6923-3 26 Philipp Weiß (Hrsg.) Jacob Balde Epithalamion 2015, 195 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-6993-6 27 Thomas Baier (Hrsg.) Camerarius Polyhistor Wissensvermittlung im deutschen Humanismus 2017, 364 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-8109-9 28 Tobias Dänzer Poetik und Polemik Angelo Polizianos Dichtung im Kontext der Gelehrtenkultur der Renaissance 2018, 295 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-8163-1 29 Werner Suerbaum Vergils Epos als Drama Die Gattungstransformation der Inclyta Aeneis in der Tragicocomoedia des Johannes Lucienberger, Frankfurt 1576 2018, 514 Seiten €[D] 118,- ISBN 978-3-8233-8225-6 30 Francesco Furlan / Gabriel Siemoneit / Hartmut Wulfram (Hrsg.) Exil und Heimatferne in der Literatur des Humanismus von Petrarca bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts L’esilio e la lontananza dalla patria nella letteratura umanistica dal Petrarca all’inizio del Cinquecento 2019, 592 Seiten €[D] 118,- ISBN 978-3-8233-8199-0 31 Wolfgang Kofler / Simon Wirthensohn / Stefan Zathammer (Hrsg.) Joseph Resch als Bühnenautor Die Brixner Schuldramen und ihr Kontext 2024, 246 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8230-0 32 Carla Chiummo / Wolfgang Kofler / Valerio Sanzotta (Hrsg.) Pascoli Latinus Neue Beiträge zur Edition und Interpretation der neulateinischen Dichtung von Giovanni Pascoli / Nuovi contributi all’edizione e all’interpretazione della poesia latina di Giovanni Pascoli 2022, 332 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-8237-9 33 Stefan Tilg / Benjamin Harter (Hrsg.) Neulateinische Metrik Formen und Kontexte zwischen Rezeption und Innovation 2019, 350 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-8266-9 34 Thomas Baier / Tobias Dänzer (Hrsg.) Plautus in der Frühen Neuzeit 2020, 372 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-8323-9 <?page no="298"?> 35 Caroline Dänzer Der Schlüssel zur Tragödie 2020, 252 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-8383-3 36 Jennifer K. Nelson (ed.) Gian Vittorio Rossi’s Eudemiae libri decem Translated with an Introduction and Notes 2021, 621 Seiten €[D] 108,- ISBN 978-3-8233-8430-4 37 Marc Laureys, Virginie Leroux, Stefan Tilg, Florian Schaffenrath (Hrsg.) Carolus Quintus Kaiser Karl V. in der neulateinischen Literatur / L’empereur Charles Quint dans la littérature néo-latine 2022, 318 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-8481-6 38 Manuel Huth Humanismus und Philosophie Die medizinischen Schriften des Humanisten Joachim Camerarius (1500-1574) 2024, 332 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-8597-4 39 Katharina-Maria Schön Eutopia nusquama Polyphonie, Paradoxie und philosophische Staatskonstruktion in der Utopia des Thomas Morus 2025, 441 Seiten €[D] 118,- ISBN 978-3-8233-8625-4 40 Hartmut Wulfram, Matthias Adrian Baltas (Hrsg.) Von Paolo Giovio bis Johannes Latomus Intermedialität und Intertextualität in den Elogia virorum litteris illustrium 2025, 559 Seiten €[D] 118,- ISBN 978-3-381-11511-2 41 Thomas Baier, Tobias Dänzer (Hrsg.) Die Vermessung der Rede Rhetorik(en) in der Frühen Neuzeit 2025, 235 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-381-12461-9 42 Moritz Stock Philologie und Zeitgeschichte: ‚De bello Smalcaldico‘ von Joachim Camerarius Einleitung, Edition, Übersetzung und Kommentar 2026, 295 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-381-14631-4 43 Stefan Tilg, Stefano Poletti (Hrsg.) Das Nachleben der neulateinischen Literatur 2026, 328 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-381-16241-3 <?page no="299"?> Giessener Beiträge ISBN 978-3-381-14631-4 Der deutsche Humanist Joachim Camerarius (1500-1574) verfasste über den Schmalkaldischen Krieg, der 1546 zwischen dem katholischen Kaiser Karl V. und dem protestantischen Schmalkaldischen Bund entbrannt war, ein Geschichtswerk auf Altgriechisch. Das Werk zeigt die Haltung eines gebildeten Zeitzeugen, Protestanten und Vertrauten Philipp Melanchthons, der die Propaganda aller Seiten reflektiert, wertet und dabei antike Geschichtsschreiber rezipiert. Die vorliegende Edition erleichtert durch Einleitung, Übersetzung und Kommentar den Zugang zu diesem bedeutenden historischen Werk, das zugleich einen Meilenstein in der Herausbildung des Neualtgriechischen in der Frühen Neuzeit in Deutschland sowie einen Versuch der philologischen Bewältigung und Bewertung eines einschneidenden zeitgeschichtlichen Ereignisses darstellt. Anhand einer Analyse der zeitgenössischen Grammatiktheorie und Druckpraxis des Griechischen entwickelt der Autor schließlich Editionskriterien für neualtgriechische Texte aus der Zeit des Humanismus. Stock Philologie und Zeitgeschichte Philologie und Zeitgeschichte De Bello Smalcaldico von Joachim Camerarius herausgegeben, übersetzt, kommentiert und mit einer Einleitung versehen von Moritz Stock
