In urbe Sancti Jacobi
Wahrnehmung und Darstellung der Stadt Santiago de Compostela in der romanischen Reiseliteratur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit
0615
2026
978-3-381-16132-4
978-3-381-16131-7
Gunter Narr Verlag
Florian Weber
10.24053/9783381161324
Die Studie untersucht, wie die Stadt Santiago de Compostela von romanischen Reisenden der Vormoderne wahrgenommen und beschrieben wurde. Neuartig vor dem Hintergrund bisheriger Jakobsweg-Forschung ist ihr philologischer Ansatz, der sowohl das subjektive Stadterlebnis als auch literarische Verfahren und Techniken zu dessen Vermittlung beleuchtet. Die Quellengrundlage bilden gut zwanzig größtenteils handschriftlich überlieferte, lateinische wie volkssprachliche Reisedarstellungen - vom hochmittelalterlichen Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi bis zu den intimen Reisetagebüchern der Aufklärung.
9783381161324/9783381161324.pdf
<?page no="0"?> - IN URBE SANCTI JACOBI Wahrnehmung und Darstellung der Stadt Santiago de Compostela in der romanischen Reiseliteratur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit Florian Weber <?page no="1"?> In urbe Sancti Jacobi <?page no="2"?> Jakobus-Studien 22 im Auftrag der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft herausgegeben von Klaus Herbers und Robert Plötz im Auftrag der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft herausgegeben von Klaus Herbers und Peter Rückert 29 <?page no="3"?> Florian Weber In urbe Sancti Jacobi Wahrnehmung und Darstellung der Stadt Santiago de Compostela in der romanischen Reiseliteratur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381161324 © 2026 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 0934-8611 ISBN 978-3-381-16131-7 (Print) ISBN 978-3-381-16132-4 (ePDF) ISBN 978-3-381-16133-1 (ePub) Umschlagabbildung: Santiago de Compostela aus südöstlicher Richtung (Santa Susana). Zeichnung von Pier Maria Baldi, enthalten in Lorenzo Magalottis Relazione Ufficiale del Viaggio di Cosimo III dei Medici (1668/ 1669), Biblioteca Medicea Laurenziana, Florenz, Med. Pal. 123,1. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> Meinen Eltern Elke und Robert sowie meinem Bruder Tommy <?page no="6"?> Erstarrt in einem Traum aus Granit, unveränderlich und ewig, so erscheint Santiago de Compostela. Die Stadt der Muscheln verströmt ihren frommen Duft wie Rosen, die in geschlossenen Räumen beim Welken erst ihre zarteste Essenz aushauchen. Mystische Rose aus Stein, schlichte, romanische Blume, bewahrt sie wie zu Zeiten der Pilgerfahrten eine unschuldige Anmut wie altes gereimtes Latein. Tag für Tag wieder ersteht das tausendjährige Gebet im Läuten ihrer hundert Glocken, im Schatten ihrer Portale voll Heiligen und Bettlern, in der tönenden Stille ihrer Vorhöfe, wo zwischen den Fugen der Steinplatten franziskanische Blumen wachsen, im kristallinen Grün ihrer Wallfahrtswiesen, wo jene ausgehöhlten Eichenstämme an die Behausungen der Eremiten gemahnen. In dieser versteinerten Stadt flieht die Idee der Zeit. Sie wirkt nicht alt, sondern ewig. […] In der Verzückung ihrer Pilger verharrend, fügt sie alle ihre Steine zu einer einzigen Erinnerung zusammen, und jedes Jahrhundert fand in ihr den immer gleichen Widerhall. Alle Stunden sind dort ein und dieselbe, in endloser Wiederholung unter regnerischem Himmel. Ramón del Valle-Inclán: Die Wunderlampe (1916) <?page no="7"?> Compostela gleicht in seinem Werden dem Baum. Sein Keim war die apostolische Grabstätte; genährt wurde es durch das Blut der Bischöfe, Könige und Pilger, die Jahrhundert um Jahrhundert jene Steine aufeinanderschichteten, deren Bestimmung allein Gott kannte, so wie allein Gott die Zukunft des Baumes kennt. Eines Tages meinte man, es sei fertig. Da kam der staatliche Eifer mit seinen Verordnungen und Regelungen, und hinter Gittern wollte man es verschließen - als ob fertig zugleich tot hieße. Aber das war ein Irrtum. Compostela ist nicht fertig, es lebt. Und selbst wenn man es einbalsamierte wie einen Leichnam, mit Gittern und Beamten, die Eintritt für seine Straßen verlangten, würden Wind, Wildwuchs und Regen es doch unentwegt verändern. Niemand vermag vorauszusehen, wie seine Farbe sich in dreißig Jahren gewandelt haben wird, welche seiner Mauern verfallen und welche aufrecht und siegreich bestehen werden. Architektur im Widerstreit mit der Zeit. Und wiewohl die Zeit, die alles verschlingende, am Ende obsiegen wird: Wer weiß schon, wie lange das noch dauert? Jahre? Jahrhunderte? Und muss es zum Schlechteren sein? Als Alfons II., der Keusche, seine kleine asturische Kirche erbaute, die er dem abschüssigen Gelände anpasste und mit dem vorhandenen alten Mauerwerk vereinte, da wähnte er, das Bestmögliche sei vollbracht. Compostela sei fertig. Und als dann Alfons III. […] seine Basilika errichtete, da dachte sicher auch er, nun sei alles fertig. Doch schon wenige Jahre später hielt man ihre Maße für allzu bescheiden. Die eine wie die andere Kirche war ein architektonischer Keim. Und als solcher trugen sie in sich bereits ihre Zerstörung - fruchtbare Fäulnis, auf dass ein Baum aus ihnen erwüchse. Gonzalo Torrente Ballester: Compostela und sein Engel (1948) <?page no="9"?> 13 1 15 1.1 15 1.2 32 1.3 60 1.4 76 2 101 2.1 101 2.2 116 2.2.1 118 2.2.2 130 2.3 136 2.4 144 2.5 152 2.6 161 3 173 3.1 173 3.2 179 3.3 191 3.4 202 3.5 216 3.6 221 Inhalt Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Compostela, Stadt des Apostels Jakobus . . . . . . . . . . . . . . . . . . Textkorpus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Forschungsgeschichtliche Rückschau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorgehen und methodisch-konzeptuelle Überlegungen . . . . . Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) . . . . . . . . . Inhalt, Genese und Bedeutung des Liber Sancti Jacobi . . . . . . . Ad Sanctum Jacobum - zum Verhältnis von Weg und Ziel . . . Konstruierte Nähe und symbolische Zentralität: Santiago de Compostela in der westeuropäischen Sakraltopographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Moralische Semantisierung des Raumes . . . . . . . . . . . . Sukzession nach innen, ‚Orient-ierung‘ und Ausblendung von Profanem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ekphrasis, persönliche Perspektive und Rundgang-Illusion . . Ästhetische Perfektion und Heiligkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anklänge an das Himmlische Jerusalem . . . . . . . . . . . . . . . . . . Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters . Venezianischer Anonymus / Itinerario Marciano (frühes 14. Jahrhundert) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nompar II. de Caumont (1417) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lorenzo (Mitte des 15. Jahrhunderts) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Florentinischer Anonymus (1477) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Florentinischer Anonymus / Itinerario Riccardiano (spätes 15. Jahrhundert) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jean de Tournai (1489) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="10"?> 4 245 4.1 245 4.2 267 4.3 292 4.4 312 4.5 320 4.6 327 5 361 6 391 6.1 391 6.2 398 6.3 402 6.4 415 6.5 427 6.6 431 7 441 8 481 8.1 481 8.2 508 8.3 556 9 609 10 633 10.1 633 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts . . . Antoine de Lalaing (1502) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jan Taccoen van Zillebeke (1512) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bartolomeo Fontana (1539) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Cristofaro Monte Maggio da Pesaro (1583) . . . . . . . . . . . . . . . . Fabrizio Ballarini und Silverio Rettabeni (1588) . . . . . . . . . . . . Giovanni Battista Confalonieri (1594) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669). Santiago de Compostela bei Lorenzo Magalotti, Filippo Corsini, Giovan Battista Gornia und Jacopo Ciuti . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Stadt als Erlebnisraum. Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Autor, seine Reise(n) und sein Werk . . . . . . . . . . . . . . . . . Il tanto sospirato e bramato San Giacomo: der Moment der Ankunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt und Aufbau der Stadtbeschreibung . . . . . . . . . . . . . . . . . Una città bellissima? Tendenziöse Selektion, sprachliche Aufwertung und Romvergleiche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Menschen und menschliches Handeln: die Kathedrale als ‚belebter‘ Raum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Prunk, Musik und Wohlgeruch: die Kathedrale als sinnlicher Raum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auf Laffis Spuren. Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zwischen peregrinatio und picaresca. Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18.-Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Giacomo Antonio Naia (1718) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Guillaume Manier (1726) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nicola Albani (1743/ 1745) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vergleichende Zusammenschau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Primärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Inhalt <?page no="11"?> 10.2 642 10.3 679 10.4 680 11 683 Sekundärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nachschlagewerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Internetseiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsnachweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 11 <?page no="13"?> Danksagung Die vorliegende Dissertation entstand zwischen 2019 und 2025 am Romanischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Sie war zugleich ein assoziiertes Projekt im interdisziplinären Exzellenzcluster ROOTS; begleitet und gefördert wurde sie insbesondere durch das Subcluster Urban ROOTS um Annette Haug, das ein produktives Forum zur Diskussion von Zwischenergeb‐ nissen bot und Archivreisen nach Santiago de Compostela (2020) und Perugia (2023) ermöglichte. Im April 2026 wurde sie mit dem Promotionspreis der Schleswig-Holsteinischen Universitäts-Gesellschaft ausgezeichnet. Der erste Dank gilt meinem Doktorvater, Javier Gómez-Montero: für seine engagierte, wohlwollende Betreuung und Förderung über viele Jahre, für sein unerschütterliches Vertrauen in mich, für seine Geduld und humanitas. Vielen anderen habe ich für Gespräche und manch kluge Hinweise zu danken: Domingo Luis González Lopo, Miguel Taín Guzmán, Santiago López Martí‐ nez-Moras, Marta Cendón Fernández, Rubén Camilo Lois González, Adeline Rucquoi u. a. Besonders hervorheben möchte ich Paolo Caucci von Saucken, dem ich für seine reichlichen Büchergaben dankbar bin, sowie für seine Offenheit und Gastfreundschaft während meines Rechercheaufenthalts am Perugianer Centro Italiano di Studi Compostellani im März 2023. Frank Nagel und Folke Gernert danke ich herzlich für die Bereitschaft zur Mitberichterstattung, meiner Kollegin Julia-Elisabeth Reichwein für die emotionale Unterstützung in der Prüfungsphase. Der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft, insbesondere dem Präsidium um Klaus Herbers sowie den Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirats, sei auf‐ richtig gedankt für die wohltuende Wertschätzung meiner Arbeit und den großzügigen Zuschuss zu den Publikationskosten des vorliegenden Buches. Ganz besonderer Dank gebührt nicht zuletzt - eigentlich zuallererst - meinen Eltern und meinem Bruder, die mich in meinen Vorhaben immer unterstützten, mir Zuversicht und Sicherheit gaben und auf je verschiedene Weise ihren Anteil an der Entstehung dieser Dissertation haben. <?page no="15"?> 1 Vgl. Fernando L Ó P E Z A L S I N A , El nacimiento de la población de Santiago en el siglo IX, in: Il Pellegrinaggio a Santiago de Compostela e la Letteratura Jacopea. Atti del Convegno Internazionale di Studi. Perugia, 23-24-25 Settembre 1983, hg. von Giovanna S C A L I A , Perugia 1985, S. 23-35, insb. S. 26-28; Fernando L Ó P E Z A L S I N A , La ciudad de Santiago de Compostela en la Alta Edad Media, Santiago de Compostela 2 2013, S. 105f., 114-116. - Zu den frühmittelalterlichen Ursprüngen von Santiago de Compostela aus archäologischer und geschichtswissenschaftlicher Perspektive vgl. auch Ermelindo P O R T E L A S I L V A (Hg.), Historia de la ciudad de Santiago de Compostela, Santiago de Compostela 2003, darin insb.: José S U Á R E Z O T E R O / Manuel C A A M AÑ O G E S T O , Santiago antes de Santiago, S. 23-48; José S U Á R E Z O T E R O , Del Locus Sancti Iacobi al burgo de Compostela, S.-49-77. 2 Eindrücklich veranschaulichen dies mittelalterliche mappae mundi (z. B. die Bea‐ tus-Weltkarte aus Osma von 1203), auf denen Compostela gewöhnlich am untersten, d. h. am äußersten westlichen Rand verzeichnet ist. Vgl. Friederike H A S S A U E R , Santiago. Schrift, Körper, Raum, Reise. Eine medienhistorische Rekonstruktion, München 1993, S. 117-122; Jörg D Ü N N E , Pilgerkörper - Pilgertexte. Zur Medialität der Raumkonstitution in Mittelalter und früher Neuzeit, in: Von Pilgerwegen, Schriftspuren und Blickpunkten. Raumpraktiken in medienhistorischer Perspektive, hg. von D E M S ./ Hermann D O E T S C H / Roger L Ü D E K E , Würzburg 2004, S.-79-97, hier S.-82-84. 3 In der Literatur wird traditionell das Jahr 813 angegeben. L Ó P E Z A L S I N A , La ciudad de Santiago (wie Anm. 1), S. 117, hält jedoch mit guten Argumenten dafür, dass der Zeitpunkt der inventio wahrscheinlich zwischen 820 und 830 lag. 1 Einleitung 1.1 Compostela, Stadt des Apostels Jakobus Bei Anbruch des 9. Jahrhunderts ließ nichts auch nur ahnen, dass Compostela einst zu größerer Bedeutung gelangen sollte: Der kleine Ort, der, wie archäolo‐ gische Funde belegen, auf ein römisches castrum zurückgeht, hatte damals noch keinerlei urkundliche Erwähnung gefunden und wies - wenn überhaupt - kaum eine nennenswerte Besiedlung auf, geschweige denn städtische Strukturen 1 . Im Weltbild des Mittelalters war er denkbar ungünstig gelegen, an der äußersten Peripherie des Erdkreises, nur wenige Meilen entfernt vom westlichen finis terrae 2 . Wie konnte dieser völlig unbedeutende locus desertus am ‚Ende der Welt‘ binnen kurzer Zeit zur Hauptstadt des Königreiches Galicien und zum Sitz eines Erzbistums aufsteigen, zu einem der prominentesten Kultorte der okzidentalen Christenheit und zum Sehnsuchtsziel unzähliger Pilger aus aller Herren Länder? Den Anfang dieser unwahrscheinlichen Entwicklung markiert ein Wunder: die inventio der Apostelgebeine. Nach mittelalterlichen Überlieferungen soll in den ersten Dekaden des 9. Jahrhunderts 3 genau an dem Ort, wo heute die Kathedrale von Compostela steht, unter Engels- und Lichterscheinungen das Grab eines Heiligen entdeckt worden sein, den man alsbald für Jakobus den <?page no="16"?> 4 Allgemein zu diesem Ereignis vgl. z. B. Jan van H E R W A A R D E N , The Origins of the Cult of St. James of Compostela, in: Journal of Medieval History 6 (1980), S. 1-35. - In den Evangelien gehört Jakobus, Sohn des Zebedäus und der Salome, zusammen mit seinem Bruder Johannes und Petrus zu den in besonderer Weise herausgehobenen Aposteln: Diese drei sind bei der Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor zugegen, ebenso wie bei seinem Gebet im Garten Gethsemane und vor seiner Kreuzigung. Vgl. Mt 4,21-22; 10,1-4; 17,1; 26,36-37; Mk 5,35-42; Lk 8,51. Mit seiner Enthauptung im Jahr 44 (durch Herodes Agrippa I.) erlitt Jakobus als erster der zwölf Apostel nach Jesu Tod und Auferstehung das Blutsmartyrium. Vgl. Mt 20,23; Mk 10,39; Apg 12,1-2. 5 Vgl. Robert P L Ö T Z , Der Apostel Jacobus in Spanien bis zum 9. Jahrhundert, in: Gesam‐ melte Aufsätze zur Kulturgeschichte Spaniens 30, hg. von Odilo E N G E L S , Münster 1982, S. 19-145, hier S. 62f.; Manuel C. D Í A Z Y D Í A Z , Literatura Jacobea hasta el siglo XII, in: Il Pellegrinaggio a Santiago de Compostela e la Letteratura Jacopea. Atti del Convegno Internazionale di Studi. Perugia, 23-24-25 Settembre 1983, hg. von Giovanna S C A L I A , Perugia 1985, S. 225-250, hier S. 226. - So heißt es etwa in Hieronymus, Commentarii in Isaiam 10, hg. von Marc A D R I A E N , Turnhout 1963, S. 423: spiritus ille congregauerit eos dederitque eis sortes atque diuiserit ut alius ad Indos, alius ad Hispanias, alius ad Illyricum, alius ad Graeciam pergeret, et unusquisque in euangelii sui atque doctrinae prouincia requiesceret. - Alle Bibelzitate in dieser Arbeit sind folgender Vulgata-Ausgabe entnommen: Biblia Sacra iuxta Vulgatam versionem, hg. von Robert W E B E R / Roger G R Y S O N , Stuttgart 5 2007. 6 Vgl. D Í A Z Y D Í A Z , Literatura Jacobea (wie Anm. 5), S. 226f., 231f.; Robert P L ÖT Z , O desenvolvimento histórico do culto de Santiago, in: I Congresso Internacional dos Caminhos Portugueses de Santiago de Compostela, hg. vom Núcleo de Estudos e Revitalizaç-o dos Caminhos Portugueses de Santiago do Círculo Almeida Garret, Lissabon 1992, S. 53-66, hier S. 54f.; Klaus H E R B E R S / Robert P L ÖT Z , Nach Santiago zogen sie. Berichte von Pilgerfahrten ans »Ende der Welt«, München 1996, S. 15f.; Francisco S I N G U L , Historia cultural do Camiño de Santiago, Vigo 1999, S. 15-17. - Ausführlich überliefert sind im Neuen Testament nur die Missionsreisen des Paulus, deren historische Faktizität jedoch in Teilen fragwürdig bleibt. Vgl. Apg 13-21; 28,17-31. Älteren erkannt habe 4 . Diese Identifikation ergab sich keineswegs zufällig: Im Frühen Mittelalter hatte sich die Vorstellung durchgesetzt, nicht nur Petrus und Paulus, auch die anderen Apostel hätten ihre letzte Ruhe jeweils in demjenigen Weltteil gefunden, den sie, von Christus in alle Welt ausgesandt (Mk 16,15: Euntes in mundum universum prædicate Evangelium omni creaturæ.), zum neuen Glauben bekehrt hatten 5 . Ihre Missionsgebiete, die durch Belegstellen des Neuen Testaments nur lückenhaft verbürgt sind, waren in apokryphen Schriften frühchristlicher Autoren nach und nach erweitert worden, bis sich schließlich - in den sogenannten sortes apostilicae - eine nahezu gleichmäßige Verteilung auf alle wichtigen Regionen der antiken Ökumene herauskristallisiert hatte 6 . Traditionell war Jakobus Maior dabei der Judäa zugeordnet worden; erst im Breviarium Apostolorum, einer zu Beginn des 7. Jahrhunderts ins Lateinische übersetzten byzantinischen Sammlung von Kurzbiographien der Christusjün‐ ger, war auf einmal, abweichend vom griechischen Originaltext, von einer 16 1 Einleitung <?page no="17"?> 7 Zitiert nach: Baudouin de G A I F F I E R , Le Breviarium Apostolorum (BHL 652). Tradition manuscrite et œuvres apparentées, in: Analecta Bollandiana 81 (1963), S. 89-117. Vgl. José C A R R A C E D O F R A G A , El Breviarium Apostolorum y la historia de Santiago el Mayor en Hispania, in: Compostellanum 43 (1998), S. 569-587. Vgl. auch P L Ö T Z , Der Apostel Jacobus (wie Anm. 5), S. 63-66; D Í A Z Y D Í A Z , Literatura Jacobea (wie Anm. 5), S. 227-233; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 16. - Gegen eine Predigttätigkeit Jakobus’ des Älteren in Spanien spricht u. a. die Bibelstelle Röm 15,24, die, wenn überhaupt, eher Paulus als Missionar Spaniens annehmen lässt. Vgl. Klaus H E R B E R S , Nachwort, in: Der Jakobsweg. Ein Pilgerführer aus dem 12. Jahrhundert, hg. von D E M S ., Stuttgart 2008, S.-150-204, hier S.-152. 8 Isidor von Sevilla, Opera Omnia 5 (Patrologiae Cursus Completus. Series Latina 83), hg. von Jacques Paul M I G N E , Paris 1862, Sp. 151. Vgl. P L Ö T Z , Der Apostel Jacobus (wie Anm. 5), S. 64, 88; D Í A Z Y D Í A Z , Literatura Jacobea (wie Anm. 5), S. 232-235; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 16; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 24-26. - Teile der Forschung vermuten in dieser Textstelle allerdings eine nachträgliche Erweiterung von anderer Hand, so schon Justo P É R E Z D E U R B E L , Santiago y Compostela en la historia, Madrid 1977, S. 103, 105: Ihm zufolge sei das Werk von einem „plagiario ignorante“ mit Interpolationen versehen worden, Isidor sei „víctima de un chantaje“ geworden. Ähnlich auch L Ó P E Z A L S I N A , La ciudad de Santiago (wie Anm. 1), S. 107. - Das erste literarische Echo fand das Novum einer Evangelisierung Spaniens durch den Apostel Jakobus kurioserweise in England, nämlich in den Carmina ecclesiastica des Aldhelm von Malmesbury († um 709): Primitus Hispanas convertit dogmate gentes / Barbara divinis convertens agmina dictis, / Quae priscos dudum ritus et lurida fana / Daemones horrendi decepta fraude colebant. Zitiert nach: Eleuterio E L O R D U Y , De re Iacobea, in: Boletín de la Real Academia de la Historia 135 (1954), S. 327-360, hier S. 330. Vgl. Casimiro T O R R E S R O D R Í G U E Z , Aldhelmo, Adhelmo o Adelmo, abad de Malmesbury y obispo de Sherborn. Su relación con la tradición jacobea (650-709), in: Compostellanum 28 (1983), S.-417-427; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm.-6), S.-26f. 9 Vgl. H E R W A A R D E N , The Origins (wie Anm. 4), S. 30-32; P L Ö T Z , Apostel Jacobus (wie Anm. 5), S. 88-94; D Í A Z Y D Í A Z , Literatura Jacobea (wie Anm. 5), S. 235-240; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 16; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 28-32; Francisco M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago: trayectoria de un mito, Barcelona 2004, S. 52-58. - Im Prolog zum zweiten Buch des Apokalypsenkommentars heißt es beispielsweise: Hi duodecim sunt Christi discipuli, praedicatores fidei et doctores gentium, qui cum omnes unum sint, singuli tamen eorum ad praedicandum in mundo sortes proprias Predigttätigkeit im Okzident und namentlich in der Hispania die Rede: hic Spaniae et occidentalia loca predicat 7 . Dieser Text wurde im damaligen Westgo‐ tenreich rezipiert, und die zweifelhafte Angabe ging bald, obgleich zunächst nur vereinzelt, auch ins spanisch-lateinische Schrifttum ein, so schon in Isidors von Sevilla De ortu et obitu Patrum: Hispaniæ, et occidentalium locorum gentibus Evangelium praedicavit, et in occasu mundi lucem praedicationis infudit 8 . Dies waren die Anfänge einer neuen Jakobustradition, die, wie sich etwa aus dem Apokalypsenkommentar und dem Hymnus O dei verbum des Beatus von Liébana († nach 798) ersehen lässt, spätestens im Laufe des 8. Jahrhunderts von der spanischen Kirche offiziell adoptiert wurde 9 . Seither glaubte man, 1.1 Compostela, Stadt des Apostels Jakobus 17 <?page no="18"?> acceperunt, Petrus Roma, Andreas Acaia, Thomas India, Iacobus Spania, Iohannes Asia, Mattheus Macedonia, Filippus Gallias, Bartolomeus Licaonia, Simon Zelotes Aegyptum, Iacobus frater Domini Ierusalem. Beatus von Liébana, Commentarius in Apocalypsin 1, hg. von Eugenio R O M E R O P O S E , Rom 1985, S. 191f., H. d. V. - Beatus’ Autorschaft des Hymnus O dei verbum ist von der Forschung immer wieder angezweifelt worden. Die Zuschreibung geht ursprünglich zurück auf Justo P É R E Z D E U R B E L , Orígenes de los himnos mozárabes, in: Bulletin Hispanique 28 (1926), S. 113-139, insb. S. 125-127. Ablehnend äußerten sich dazu u. a. Ildefonso M. G Ó M E Z , Nota en torno a los orígenes del culto a Santiago en España, in: Hispania Sacra 7 (1954), S. 487-490; Manuel C. D Í A Z Y D Í A Z , Estudios sobre la antigua literatura relacionada con Santiago el Mayor. Los himnos en honor de Santiago de la liturgia hispánica, in: Compostellanum 11 (1966), S. 457-502; D E R S ., Literatura jacobea (wie Anm. 5), S. 239. - Zur (politisch-intellektuellen) Biographie des Beatus von Liébana vgl. Claudio S Á N C H E Z A L B O R N O Z , El Asturorum regnum en los días de Beato de Liébana, in: Actas del Simposio para el Estudio de los Códices del “Comentario al Apocalipsis” de Beato de Liébana 1, Madrid 1978, S.-21-32. 10 Parallel dazu lebten aber dies- und jenseits der Pyrenäen auch andere Vorstellungen fort: Selbst im Hohen Mittelalter sollte der Glaube an eine Evangelisierung Spaniens durch den Apostel Jakobus noch nicht allseits akzeptiert sein. Eine andere Tradition, an der vor allem die Römische Kurie lange Zeit festhielt, besagt, dass sieben Jünger der Apostel Petrus und Paulus den europäischen Westen zum Christentum bekehrt hätten. Dies sollte insbesondere im Laufe des 11. Jahrhunderts wiederholt zu Konflikten zwischen Compostela und Rom führen. Vgl. Klaus H E R B E R S , Jakobsweg. Geschichte und Kultur einer Pilgerfahrt, München 2 2007, S.-15. 11 Die historischen Umstände der inventio hat L Ó P E Z A L S I N A , El nacimiento (wie Anm. 1), S. 25-28; D E R S ., La ciudad de Santiago (wie Anm. 1), S. 113-126, mit reichlichen Quellenbelegen zu rekonstruieren versucht. 12 Vgl. Odilo E N G E L S , Die Anfänge des spanischen Jakobusgrabes in kirchenpolitischer Sicht, in: Römische Quartalsschrift 75 (1980), S. 146-170, erneut abgedruckt in: D E R S ., Reconquista und Landesherrschaft. Studien zur Rechts- und Verfassungsgeschichte Spaniens im Mittelalter, Paderborn u. a. 1989, S. 301-325; Klaus H E R B E R S , Politik und Heiligenverehrung auf der Iberischen Halbinsel. Die Entwicklung des ‚politischen Jako‐ bus‘, in: Politik und Heiligenverehrung im Hochmittelalter, hg. von Jürgen P E T E R S O H N , Sigmaringen 1994, S.-177-275, insb. S.-196f. der Apostel Jakobus der Ältere persönlich habe auf der Iberischen Halbinsel das Evangelium verkündet - und müsse daher, analog zum petrinischen und paulinischen Vorbild, auch dort begraben sein 10 . Wie es dann zur ‚Entdeckung‘ seiner Grabstätte am Ort der heutigen Kathedrale von Compostela kam, ist unklar 11 ; wahrscheinlich jedoch spielten (kirchen-)politische und ideologische Motive dabei eine nicht unbedeutende Rolle. Denn der im Gefolge der arabischen Conquista (711-722) neu konstituierten asturisch-galicischen Kirche lieferte die eigene apostolische Herkunft (die durch Besitz der entsprechenden Reliquien noch besonders untermauert und legitimiert würde) das schlagende Argument, um die rechtmäßige Nachfolge der untergegangenen westgotischen Kirchen‐ ordnung zu beanspruchen 12 . Innerspanisch konnte sie damit die überkommenen Vorrangansprüche der unter islamische Herrschaft gefallenen Primatialstadt 18 1 Einleitung <?page no="19"?> 13 Der Metropolit von Toledo war bestrebt, den ihm 681 zugesprochenen Primat über die Iberische Halbinsel auch über den Zusammenbruch des Westgotenreiches 711 hinaus zu erhalten, indem er die Lehrautorität des Toledaner Erzbischofsstuhles besonders hervorhob. Namentlich Elipandus von Toledo († nach 800), Zeitgenosse und Kontrahent des Beatus von Liébana, war der Hauptverfechter des Adoptianismus, jener Lehre, die nicht von einer eigentlichen Gottessohnschaft Jesu ausgeht, sondern von einer Annahme Jesu durch Gott an Sohnes statt, d. h. durch Adoption. Vgl. L Ó P E Z A L S I N A , El nacimiento (wie Anm. 1), S. 25; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 16-18 - Allgemein zum Adoptianismus-Streit vgl. Juan Francisco R I V E R A R E C I O , El adopcionismo en España. Siglo VIII. Historia y doctrina, Toledo 1980; Míkel de E P A L Z A , Influences islamiques dans la théologie chrétienne médiévale : l’adoptianisme espagnol, in: Islamocristiana 18 (1992), S. 55-72; M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm. 9), S.-63-70. 14 Vgl. H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 17f.; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm.-10), S.-19. 15 Vgl. Luis V Á Z Q U E Z D E P A R G A / José María L A C A R R A / Juan U R Í A R Í U S , Las peregrinaciones a Santiago de Compostela 1, Madrid 1948, S. 33f.; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 32-35; Adeline R U C Q U O I , Mille fois à Compostelle. Pèlerins du Moyen Âge, Paris 2014, S. 9, 15. - Allgemein zu mittelalterlichen Martyrologien vgl. Jacques D U B O I S , Les martyrologes du Moyen Âge latin, Turnhout 1978. - Zu den frühesten spanischen Schriftbelegen für die inventio vgl. L Ó P E Z A L S I N A , La ciudad de Santiago (wie Anm. 1), S.-112f. 16 Usuard von Saint-Germain-des-Prés, Le martyrologe d’Usuard. Texte et commentaire, hg. von Jacques D U B O I S , Brüssel 1965, S. 272. Vgl. auch Baudouin de G A I F F I E R , Les notices hispaniques dans le martyrologe d’Usuard, in: Analecta Bollandiana 55 (1937), S.-268-283. Toledo (nebst der von dort aus propagierten ‚Irrlehre‘ des Adoptianismus) abwehren 13 , außerspanisch die vom karolingischen Frankenreich vorangetrie‐ benen Bestrebungen, das einstige Westgotenreich in die römisch-fränkische Kirchenordnung einzugliedern, die ihren ‚katholischen‘, d. h. universellen Primat durch die (doppelte) Apostolizität Roms begründete 14 . Wie dem auch gewesen sein mag, die frohe Kunde vom entdeckten Jakobs‐ grab im äußersten Nordwesten Spaniens breitete sich rasch über ganz Europa aus; schon um die Mitte des 9. Jahrhunderts fand sie das eine oder andere schriftliche Echo jenseits der Pyrenäen, so etwa in den kalendarisch geordneten Heiligenverzeichnissen (Martyrologien) des Florus von Lyon, des Ado von Vienne, des Usuard von Saint-Germain-des-Prés und des Notker Balbulus 15 . Bei Usuard etwa heißt es über Jakobus: Huius sacratissima ossa ab Ierosolimis ad His‐ panias translata et in ultimis earum finibus condita, celeberrima illarum gentium veneratione excoluntur 16 . Diese frühen Zeugnisse geben allerdings keine genaue‐ ren Auskünfte, weder über die Umstände der inventio noch über diejenigen einer notwendigerweise vorausgegangenen (bei Usuard zumindest schon erwähnten) translatio, einer Überbringung des Apostelleichnams aus dem Heiligen Land 1.1 Compostela, Stadt des Apostels Jakobus 19 <?page no="20"?> 17 Zur Übersicht über die spanischen Jakobustraditionen vgl. Ofelia R E Y C A S T E L A O , Los mitos del apóstol Santiago, Vigo 2006. Vgl. auch z. B. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 179-200; Robert P L Ö T Z , Traditiones Hispanicae Beati Jacobi. Les origines du culte de Saint-Jacques à Compostelle, in: Santiago de Compostela. 1000 ans de Pèlerinage Européen, Gent 1985, S. 27-39; H E R B E R S / P L ÖT Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-15-22; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm.-10), S.-10-15. 18 Vgl. die Transkription in Antonio L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia de la Santa A. M. Iglesia de Santiago de Compostela 3, Santiago de Compostela 1900, Anhang 1, S. 3-7. - Zur Interpretation vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 31f.; L Ó P E Z A L S I N A , La ciudad de Santiago (wie Anm. 1), S. 113-116, 121; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 23; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 39f.; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10), S. 10-12. - Auch erst um diese Zeit fanden ausführliche Darstellungen der inventio Eingang in die lokale Chronistik. Als ältestes Beispiel gilt das Chronicon Iriense; darin heißt es: Sed cum Deus uoluit reuelari et notificari sepulchrum beatissimi Iacobi apostoli Theodomiro, nobili uiro et sanctissimo, notum fuit regi Adefonso, clarissimo uiro et sanctissimo, et tota sponte, cum summa reuerentia, uenit causa orationis ad beatum Iacobum apostolum, et ibi, cum lacrimis et assiduis orationibus, multa obtulit dona et tamen cautum ei fecit per Siaoniam et per Lestetum et per uillam Astructi, secus ecclesia Sancti Michaelis, et inde in Tamare; et honorem et dignitatem Hilliensis Ecclesie beato Iacobo et Theodomiro et successoribus suis perpetualiter contulit. Et postea conuenerunt sapientes uiri, et dixerunt ad inuicem quo nomine uocaretur locus iste. Quidam compositum tellus, a quo dicitur Compostella. Et qui uduerit dicere Hyriam, dicat propter Hyrim; et qui uduerit dicere Hylliam. Dicat propter filiam Troiani principis; et qui uoluerit dicere Bisriam, dicat propter duo flumina Sare et Uliam. Et Theodemirus, quindecimus, factus est primus pontifex in sede beati Iacobi apostoli. Manuel-Rubén G A R C Í A Á L V A R E Z , El Cronicón Iriense. Estudio preliminar, edición crítica y notas históricas, in: Memorial Histórico Español. Colección de documentos, opúsculos y antigüedades que publica la Real Academia de la Historia 50, Madrid 1963, S. 2-240, Edition: S.-105-121, hier S.-110f. 19 Vgl. L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 3 (wie Anm. 18), Anhang 1, S. 3f. - Die heute im Ostteil von Compostela (beim Mercado de Abastos) gelegene Kirche San Fiz de Lovio existierte schon zur Zeit der inventio. Das Gebäude aus dieser frühen Zeit ist allerdings nicht nach Galicien; sie setzen die Existenz des Grabes schlicht voraus. Soweit aus dem erhaltenen Schrifttum zu ersehen ist, scheint eine weitergehende Ausgestaltung der sogenannten traditiones hispanicae, der spezifisch spanischen Legenden rund um den Landespatron Sant’Iago, erst im 11. Jahrhundert erfolgt zu sein; ihre endgültige literarische Ausformung erfuhren sie im 12.-Jahrhundert 17 . Der älteste detaillierte Bericht über die inventio findet sich einer lateinischen Urkunde vom 17. August 1077 vorangestellt, einer Concordia, die Bischof Diego Peláez (1075-1088) mit dem Abt des Klosters San Paio de Antealtares aushandelte, um den romanischen Neubau der Kathedrale zu regeln 18 . Darin heißt es, dass zu Zeiten König Alfons’ II. von Asturien (791-842) ein Anachoret namens Pelagius von Engeln auf eine alte Grabstätte unweit der Igrexa de San Fiz de Lovio gewiesen worden sei 19 . Über diese wundersame Begebenheit habe 20 1 Einleitung <?page no="21"?> mehr erhalten, wurde es doch - wie die Kathedrale - 997 bei einem arabischen Überfall auf die Stadt zerstört und anschließend neu aufgebaut. 20 Vgl. L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 3 (wie Anm.-18), Anhang 1, S.-4. 21 Vgl. L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 3 (wie Anm.-18), Anhang 1, S.-4. 22 Vgl. Historia Compostellana, hg. von Emma F A L Q U E R E Y , Madrid 1994, S. 69-77. - Die Historia Compostellana ist ein Geschichtswerk über die Bischofszeit des legendä‐ ren Diego Gelmírez (1101-1140). - Die ausführlichste mittelalterliche Fassung des Berichts über die inventio ist im Libro dos cambeadores, einem um 1400 entstandenen volkssprachlichen Bruderschaftsbuch, überliefert; abgedruckt findet sie sich u. a. in José María Z E P E D A N O Y C A R N E R O , Historia y descripción arqueológica de la basílica compostelana, Lugo 1870, S.-9-12. 23 Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 187-200; P L Ö T Z , Apostel Jacobus (wie Anm. 5), S. 124-139; D Í A Z Y D Í A Z , Literatura Jacobea (wie Anm. 5), S. 243-247; L Ó P E Z A L S I N A , La ciudad de Santiago (wie Anm. 1), S. 128-132; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 20f.; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10), S. 15. - Auf diesen Papstbrief spielt auch der Eingang der zitierten Concordia an: Dubium quidem non est set multis manet notum, sicut testimonium beati Leonis didicimus Papae, quod beatissimus apostolus Iacobus Hierosolimis decollatus a discipulis Joppem asportatus, ibi non parvo tempore a Domino custodire ad ultimum Hispaniam navigio, man Theodemir († 847), den damaligen Bischof der benachbarten Stadt Iria Flavia (Padrón), unterrichtet; der habe sich durch dreitägiges Fasten vorbereitet und sich dann, begleitet von vielen Gläubigen, zum locus miraculi begeben, wo er in einem mit Marmor ausgekleideten Grab den Leichnam des hl. Jakobus des Älteren gefunden habe 20 . Dies sei unversäumt dem König gemeldet worden, der daraufhin die Errichtung einer Kirche über dem Grab veranlasst habe 21 . Mit mancherlei Abwandlungen und motivischen Ergänzungen fand dieser hier in aller Kürze wiedergegebene Bericht über die inventio (und die Gründung der Compostellaner Kirche) später Eingang in andere Schriften, so etwa in die Historia Compostellana (Mitte des 12.-Jahrhunderts) 22 . Um die inventio mit den biblischen Texten zu verbinden und zu versöhnen, war außerdem ein Bericht über eine vorangegangene translatio vonnöten. Denn aus der lukanischen Apostelgeschichte (12,1-2) ist über das Schicksal Jakobus’ des Älteren nach Himmelfahrt Christi und Ausgießung des Heiligen Geistes nichts weiter zu erfahren, als dass er sich zusammen mit den anderen zehn Aposteln ( Judas nicht mehr mitgezählt) in Jerusalem aufhielt, bevor er schließ‐ lich um das Jahr 44 auf Befehl des Königs Herodes Agrippa I. festgenommen und durch Enthauptung hingerichtet wurde: Eodem autem tempore misit Herodes rex manus ut adfligeret quosdam de ecclesia / occidit autem Iacobum fratrem Iohannis gladio. Wie er post mortem aus dem Heiligen Land nach Galicien gelangte, vom umbilicus mundi Jerusalem ans westliche finis terrae, schildert erstmals eine zu Beginn des 11. Jahrhunderts gefertigte, vermutlich aber aus noch früheren Vorlagen schöpfende Epistola Leonis 23 . Dieses angeblich von 1.1 Compostela, Stadt des Apostels Jakobus 21 <?page no="22"?> manu Domini gubernante, sit translatum, et in finibus Galleciae sepultum per longa tempora mansit occultum. L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 3 (wie Anm. 18), Anhang 1, S. 3, H. d. V. 24 In Zacarías G A R C Í A V I L L A D A , Historia eclesiástica de España 1/ 1, Madrid 1929, S. 369-371, sind die Leobriefe aus den folgenden drei Handschriften abgedruckt: Paris Bibl. Nat. lat. 2036 - erneute Edition: Anscari Manuel M U N D Ó , El Cod. Parisinus lat. 2036 y sus añadiduras hispánicas, in: Hispania Sacra 5 (1952), S. 67-78 -, Escorial L.III.9 und dem im Archiv der Kathedrale von Compostela verwahrten Codex Calixtinus. Hinzu kommen Roma B Casanatense ms. 1104 - Edition: José G U E R R A C A M P O S , La carta del papa León sobre la traslación de Santiago en el manuscrito 1104 de la Biblioteca Casanatense, in: Compostellanum 1 (1956), S. 481-492 - und Madrid Arch. Hist. Nac. Clero 511-16 - Edition: Manuel-Rubén G A R C Í A Á L V A R E Z , El monasterio de San Sebastián del Picosagro, in: Compostellanum 6 (1961), S. 181-224, hier S. 217-219. Vgl. Baudouin de G A I F F I E R , Notes sur quelques documents relatifs à la translation de Saint Jacques en Espagne, in: Analecta Bollandiana 89 (1971), S. 47-55. - Die erhaltenen Fassungen der Epistola Leonis beziehen sich vermutlich auf Papst Leo III. (795-816). Vgl. H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10), S. 13. L Ó P E Z A L S I N A , La ciudad de Santiago (wie Anm. 1), S. 195, glaubt jedoch rekonstruieren zu können, dass verschiedene (nicht erhaltene) frühere Fassungen des Briefs mit der Zeit jeweils verschiedenen Autoritäten zugeordnet wurden: „Los estratos sucesivos de esta transformación podrían ser reconstruidos así: epístola de un Patriarca de Jerusalén, epístola de arzobispos, epístola del Romano Pontífice León I, epístola del Romano Pontífice León III.“ 25 Vgl. Liber Sancti Jacobi. Codex Calixtinus, hg. von Klaus H E R B E R S / Manuel S A N T O S N O I A , Santiago de Compostela 1998, S. 188f. - Die Translatio Magna (ohne Autornennung) schmückt die Ankunft der Jünger in Galicien und die Ereignisse danach reichlicher aus und lässt dabei durch Bezugnahmen auf die galicische Topographie und die Schilderung von Konflikten mit der einheimischen Bevölkerung auch Lokalkolorit einfließen. Eine zentrale Rolle spielt dabei eine heidnische Herrscherin mit dem programmatischen Namen Lupa, die zunächst versucht, den Jüngern zu schaden, sich dann aber, da sie Zeugin verschiedener Wunder wird, zum rechten Glauben bekehren lässt und einwilligt, dass man ihren Götzentempel abreißt und stattdessen ein Grabmal für den Apostel und darüber eine Kirche erbaut. Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 186-188. Deutsche Fassungen: Libellus Sancti Jacobi. Auszüge aus dem Jakobsbuch des 12. Jahrhunderts, hg. von Klaus H E R B E R S , Tübingen 2 2018, S.-117-125. 26 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-188. einem Papst Leo verfasste Zirkular - durch den klingenden Papstnamen sollte ihm sicher der Anschein besonderer Autorität verliehen werden - ist in vier Fassungen tradiert 24 ; eine von ihnen hat neben einer jüngeren und längeren Translatio Magna Aufnahme in den Liber Sancti Jacobi (Mitte des 12. Jahrhun‐ derts) gefunden, jene für die compostelanische Jakobusverehrung grundlegende Textsammlung, der in der vorliegenden Arbeit das gesamte Kapitel 2 gewidmet ist 25 . Dieser gewissermaßen kanonisierten Fassung zufolge hätten Jakobsjünger den entseelten Leib ihres Meisters aus Angst vor Schändung durch die Juden des Nachts entführt und, von einem Engel geleitet, an den Strand von Joppe ( Jaffa) gebracht 26 . Dort sei ihnen von Gott ein abfahrbereites Schiff gesandt worden, mit 22 1 Einleitung <?page no="23"?> 27 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-188. 28 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-188. 29 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-188f. 30 Vgl. H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm.-10), S.-15. 31 Nach den karolingischen Sagen der Historia Turpini, des vierten Teiles des Liber Sancti Jacobi, seien die Bewohner Nordspaniens nach ihrer ersten Evangelisierung bald wieder ins Heidentum zurückgefallen und somit auch das Grab des hl. Jakobus in Vergessenheit geraten. Zu Beginn des 9. Jahrhunderts soll der Apostel dann Karl dem Großen (768-814) im Traum erschienen sein und ihm den Auftrag erteilt haben, sein Grab wiederzufinden und den Weg dorthin von den Sarazenen zu befreien. Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 201. Vgl. auch V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 499-509; André B U R G E R , Sur les relations de la Chanson de Roland avec le récit du faux Turpin et celui du Guide du Pèlerin, in: Romania 83 (1952), S. 242-247; M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm. 9), S. 173-179; R U C Q U O I , Mille fois (wie Anm. 15), S. 240-248. - Gegen eine Beteiligung Karls des Großen an der ‚Entdeckung‘ des Apostelgrabs spricht allein schon die Sedenzzeit Bischof Theodemirs (nach Karls Tod 814); dennoch waren gerade die karolingischen Sagen für die Verbreitung des Kultes in Mitteleuropa maßgeblich. Vgl. Klaus H E R B E R S , Expansión del culto jacobeo por Centroeuropa, in: El Camino de Santiago, Camino de Europa. Curso de conferencias. El Escorial, 22-26.VII.1991, Pontevedra 1993, S. 19-43; Nachdruck in: Papado, peregrinos y culto jacobeo en España y Europa durante la Edad Media, hg. von D E M S ., Granada 2017, S.-83-114. 32 Als gesichert gilt, dass es zu Zeiten König Alfons’ II. und Bischof Theodemirs zur inventio kam. Wie archäologische Funde nachgewiesen haben, ließ sich Theodemir im Jahr 847 auch in direkter Nähe des Jakobsgrabes beisetzen. Vgl. jüngst Patxi dem sie bei günstigen Winden und ruhigem Seegang nach Westen gesegelt seien, bis zum Hafen von Iria Flavia (Padrón) am äußersten Ende Galiciens 27 . Acht Meilen von dieser Stadt entfernt seien sie bei einem Landgut mit Namen Liberum Donum (vielleicht Libredón) auf einen riesigen Heidentempel gestoßen, den sie abgerissen und durch eine kunstvoll gestaltete Grabstätte für die Apostelgebeine nebst einer darüber erbauten kleinen Kirche ersetzt hätten 28 . Zwei auserkorene Jünger, Theodorus und Athanasius, hätten dieses Heiligtum bis an ihr Lebens‐ ende gehütet und seien schließlich zu beiden Seiten ihres Meisters beigesetzt worden 29 . Neben den hier angerissenen Fassungen der Jakobustraditionen sind andere erhalten, und sicher kursierten noch viele mehr, die jedoch verlorengegangen oder allenfalls indirekt durch ablehnende Äußerungen in sekundären Quellen noch fassbar sind 30 . Teils ergänzen, öfter aber widersprechen sie einander, und dies zuweilen sogar in einer und derselben Textsammlung, so im Liber Sancti Jacobi, wo die Überlieferung von der inventio durch Bischof Theodemir mit karolingischen Sagen konkurriert, die Karl den Großen als Entdecker des Jakobsgrabes und Begründer der Compostellaner Kirche darstellen 31 . Unnötig zu betonen, dass die Faktizität dieser variierenden Gründungserzählungen - bis auf manch wahren Kern 32 - minimal ist; schon ihre materielle Basis, die 1.1 Compostela, Stadt des Apostels Jakobus 23 <?page no="24"?> P É R E Z -R A M A L L O / Ricardo R O D R Í G U E Z -V A R E L A / Alexandra S T A N I E W S K A / Jana I L G N E R / Maja K R Z E W IŃ S K A / David C H I V A L L / Tom H I G H A M / Anders G Ö T H E R S T R Ö M / Patrick R O B E R T S , Un‐ veiling Bishop Teodomiro of Iria Flavia? An attempt to identify the discoverer of St James’s tomb through osteological and biomolecular analyses (Santiago de Compostela, Galicia, Spain), in: Antiquity. A Review of World Archaeology 98/ 400 (2024), S. 973-990, https: / / doi.org/ 10.15184/ aqy.2024.91 (Zugriff am 12.12.2024). 33 Martin Luther, Kritische Gesamtausgabe 10.3, hg. von Paul P I E T S C H , Weimar 1905, S. 235. 34 Vgl. L Ó P E Z -A L S I N A , La ciudad de Santiago (wie Anm. 1), S. 113-134; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-23. 35 Vgl. L Ó P E Z A L S I N A , La ciudad de Santiago (wie Anm. 1), S. 153-160, mit reichlichen Quellenbelegen in Anm.-127-146. 36 Vgl. L Ó P E Z A L S I N A , La ciudad de Santiago (wie Anm. 1), S. 181f., 199; H E R B E R S / P L ÖT Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-23f.; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm.-6), S.-62. 37 Speziell bei Bretenaldus ist allerdings nicht klar, ob er orationis causa oder aus einem anderen Grund nach Compostela kam, ob er also - nach der üblichen Unterscheidung in zeitgenössischen Urkunden - peregrinus oder lediglich hospes war. Vgl. L Ó P E Z A L S I N A , La ciudad de Santiago (wie Anm.-1), S.-100, 201f., 214, 275. Apostelgebeine in der Kathedrale von Compostela, bleibt mit gravierenden Zweifeln behaftet, um nicht zu sagen: eine Fiktion; wie Martin Luther mit kritischem Blick auf den populären Pilgerort in einem Sermon zum Jakobstag vermerkt: man waißt nit ob sant Jacob oder ain todter hund oder ein todts roß da ligt 33 . Doch Fiktion oder nicht: Der feste Glaube, dass man die Gebeine des Apostels Jakobus des Älteren gefunden habe, zeitigte rasch unvorhergesehene Folgen. Am Ort der inventio entstand ein Heiligenkult, der, zunächst noch regional beschränkt, schon gegen Mitte des 9. Jahrhunderts in weiten Teilen der okzi‐ dentalen Christenheit bekannt wurde, vor allem durch die oben erwähnten Martyrologien, die jeweils im Eintrag zum 25. Juli, dem traditionellen Festtag des hl. Jakobus, auf die in Galicien gelegene Grabstätte hinweisen 34 . Die ersten Pilger kamen aus der Umgebung; unter ihnen befanden sich auch die asturisch-leonesi‐ schen Könige, für die Sanctus Jacobus, wie durch an ihn gerichtete invocationes in zahlreichen Urkunden belegt ist, bald zum wichtigsten Patron und Fürsprecher wurde 35 : Neben Alfons II., dem Kirchengründer gemäß der zitierten Concordia, sollen Alfons III. (866-910) und Ramiro II. (931-951) dem Apostel ihre Reverenz erwiesen haben. 36 Für das frühe 10. Jahrhundert sind schließlich erste Fremde von jenseits der Pyrenäen in Compostela bezeugt: Eine kopierte Urkunde im Kartular des Klosters Sobrado erwähnt einen Franken namens Bretenaldus, der 922 in der villa Beati Jacobi geweilt habe 37 ; eine im Kloster Reichenau am Bodensee abgefasste hagiographische Schrift berichtet um 930 vom Besuch eines verkrüppelten Geistlichen, dem am Grab des hl. Jakobus das Augenlicht zurückgegeben worden sei 38 ; 951 zog, den Aufzeichnungen des riojanischen 24 1 Einleitung <?page no="25"?> 38 Vgl. Klaus H E R B E R S , Frühe Spuren des Jakobuskultes im alemannischen Raum (9.-11. Jahrhundert) - Von Nordspanien zum Bodensee, in: Der Jakobuskult in Süd‐ deutschland. Kultgeschichte in regionaler und europäischer Perspektive, hg. von D E M S ./ Dieter R. B A U E R , Tübingen 1995, S.-3-27, hier S.-20, insb. Anm.-78. 39 Der Beleg findet sich auf Blatt 69 v einer Handschrift, die als Ms. lat. 2855 in der Bibliothèque nationale de France (Paris) verwahrt wird. Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et-al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 41f.; Manuel C. D Í A Z Y D Í A Z , Libros y librerías en la Rioja altomedieval, Logroño 1979, S. 55-62; Denise P É R I C A R D -M É A , Compostelle et cultes de saint Jacques au Moyen Âge, Paris 2000, S.-241. 40 Eine detaillierte, wenn auch sicher nicht vollständige, Übersicht über die durch Schrift‐ quellen belegten früh- und hochmittelalterlichen Jakobspilger geben H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-23-31. 41 Vgl. L Ó P E Z A L S I N A , El nacimiento (wie Anm. 1), S. 29-35; D E R S ., La ciudad de Santiago (wie Anm.-1), S.-134-151; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm.-6), S.-42-56. 42 Vgl. L Ó P E Z A L S I N A , El nacimiento (wie Anm. 1), S. 29f., 34; D E R S ., La ciudad de Santiago (wie Anm.-1), S.-136f. 43 Zitiert nach: L Ó P E Z A L S I N A , La ciudad de Santiago (wie Anm. 1), S. 199f., mit diversen weiteren Quellenbelegen in Anm. 265 und 266. - Schon Alfons II. ließ der von ihm gegründeten Kirche bzw. der Mönchsgemeinschaft von San Paio de Antealtares durch den sog. dote del rey Casto rund drei Hektar Land angedeihen. Weitere Schenkungen folgten. Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 33; L Ó P E Z A L S I N A , El nacimiento (wie Anm.-1), S.-29f.; D E R S ., La ciudad de Santiago (wie Anm.-1), S.-106, 135-140; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm.-6), S.-52. 44 Vgl. H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm.-10), S.-22f. 45 Vgl. L Ó P E Z A L S I N A , El nacimiento (wie Anm. 1), S. 34f.; D E R S ., La ciudad de Santiago (wie Anm. 1), S. 204-214; Klaus H E R B E R S , Stadt und Pilger, in: D E R S ., Pilger, Päpste, Heilige. Ausgewählte Aufsätze zur europäischen Geschichte des Mittelalters, hg. von Gordon B L E N N E M A N N / Wiebke D E I M A N N / Matthias M A S E R / Christofer Z W A N Z I G , Tübingen 2011, S.-17-52, hier S.-31. Mönches Gómez zufolge, Bischof Godeschalk von Le Puy orationis causa in den fernen Westen 39 - die Liste ließe sich für die Folgejahrhunderte schier endlos fortsetzen 40 . Einhergehend mit dem Aufblühen eines lokalen Pilgerverkehrs kam es zur allmählichen Besiedlung und Ausbildung wichtiger Infrastrukturen, ein Prozess, der binnen kurzer Zeit zur Stadtwerdung führte 41 . Um 830 ließen sich im neu gegründeten Kloster San Paio de Antealtares, östlich des locus sanctus, Benediktiner nieder, die die Pflege des Grabes und den liturgischen Dienst übernahmen 42 . Königliche Urkunden versahen die Compostellaner Kirche mit reichlichem Grundbesitz, der ausdrücklich auch für die Armen- und Pilgerfür‐ sorge nutzbar gemacht werden sollte: pro victu aut substancia monachorum, pauperum vel etiam peregrinorum, wie es etwa in einer Urkunde Alfons’ III. aus dem Jahr 886 heißt 43 . Erste Hospize wurden durch Stiftungen ins Leben gerufen 44 . Bald sicherte eine villa die Produktion der Subsistenzmittel, und eine Ummauerung schied den bewohnten Bereich von der Wildnis 45 . Wege entstan‐ 1.1 Compostela, Stadt des Apostels Jakobus 25 <?page no="26"?> 46 Vgl. L Ó P E Z A L S I N A , La ciudad de Santiago (wie Anm.-1), S.-141-143. 47 Diese Beschreibung lässt sich der Acta de Consagración der vorromanischen Basilika aus dem Jahr 899 entnehmen. Zitiert nach: Antonio L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia de la Santa A. M. Iglesia de Santiago de Compostela 2, Santiago de Compostela 1899, Anhang 25, S.-51. 48 Vgl. L Ó P E Z A L S I N A , El nacimiento (wie Anm. 1), S. 35; D E R S ., La ciudad de Santiago (wie Anm. 1), S. 145f., 160f., 175f.; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 46-51. - De jure blieb allerdings die Kirche Santa Eulalia (heute Santa María) im wenige Meilen entfernten Iria Flavia (heute Padrón) noch bis 1095 der offizielle Bischofssitz. Dass wohl schon Theodemir seinen Sitz nach Compostela verlegte, lässt nicht nur der Umstand vermuten, dass er im Jahr 847 dort, in nächster Nähe des Apostelleichnams, beigesetzt wurde, sondern auch eine Urkunde Diego Gelmírez’ aus dem Jahr 1115, in der es wie folgt heißt: Communi consensu utile visum fuit, ut iriense episcopium ad hunc apostolicum transferretur locum, ubi antistites post Teodomirum, Ataulfus et item Ataulfus sanctam duxere vitam. Zitiert nach: L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 3 (wie Anm. 18), Anhang 33, S. 97f. - Endgültig sollte sich die Bezeichnung urbs im 11. Jahrhundert durchsetzen; so ist etwa in einer Urkunde Ferdinands I. vom 10. März 1063 ganz selbstverständlich davon die Rede, dass der Leib des hl. Jakobus in gallecia in urbe conpostella ruhe. Zitiert nach: L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 2 (wie Anm. 47), Anhang 96, S. 243. Vgl. L Ó P E Z A L S I N A , La ciudad de Santiago (wie Anm. 1), S. 119f., 150. - Zur möglichen Herkunft des Toponyms ‚Compostela‘ vgl. Joseph M. P I E L , Compostela, in: Romanische Forschungen 77 (1965), S.-121-125. 49 Vgl. L Ó P E Z A L S I N A , La ciudad de Santiago (wie Anm. 1), S. 181-203; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 13, 22, 26, 30. - Dabei haben sich zweifellos auch die gestiegene Reisemobilität und die allgemeinen, zuweilen als ‚Strukturwandel‘ charakterisierten Veränderungen des Pilgerwesens im 11. und 12. Jahrhundert förderlich ausgewirkt. Vgl. Robert P L Ö T Z , Strukturwandel der peregrinatio im Hochmittelalter. Begriff und Komponenten, in: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde 26-27 (1981/ 1982), S.-129-151, insb. S.-130f. den, die von wichtigen Orten der Umgebung, Iria Flavia, Ourense, Lugo, Sigüeiro und Fisterra, ausgingen und am Grabesort des Apostels zusammenliefen 46 . Die nach der inventio wohl von Alfons II. errichtete kleine Kirche ex petra et luto opere paruo ließ Alfons III. schließlich durch eine stattlichere Basilika ersetzen 47 ; ihre Weihe erfolgte anno 899 wohl durch Bischof Sisnandus I. (879-919), der wie alle seine Vorgänger im Amte seit Theodemir nicht mehr in Iria Flavia residierte, sondern in der villa - inzwischen vereinzelt auch schon urbs - Sancti Jacobi 48 . Gleichsam ex nihilo war bis zum Ende des 9. Jahrhunderts um die apostolische Grabstätte herum eine Stadt herangewachsen. Im Hohen Mittelalter gewann das Jakobsgrab zu Compostela weiter an Strahlkraft. Immer mehr Gläubige strömten herbei aus immer entfernteren Gebieten; von einem primär regionalen bzw. spanischen Phänomen entwickelte sich die peregrinatio ad limina Sancti Jacobi vollends zu einem europäischen, mit einem Einzugsbereich bis nach Skandinavien und ins östliche Mitteleuropa hinein 49 . Damit einhergehend wuchsen Ansehen, Bedeutung und Wohlstand 26 1 Einleitung <?page no="27"?> 50 Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 51-54; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 13f., 19, 21; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 112-114; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10), S. 23f. - Papst Urban II. (1088-1099) ernannte Erzbischof Bernhard von Toledo (1086-1125) schon kurze Zeit nach der erfolgreichen ‚Rückeroberung‘, 1088, zum spanischen Primas und päpstlichen Legaten. Vgl. Juan Francisco R I V E R A R E C I O , La primacía eclesiástica de Toledo en el siglo XII, in: Anthologica Annua 10 (1962), S.-11-87. 51 Solches schrieb Papst Gregor VII. (1073-1083) 1074 in einem Brief an König Alfons VI., ohne den Apostel Jakobus auch nur zu erwähnen: Cum beatus apostolus Paulus Hyspa‐ niam se adiise significet ac postea septem episcopos ab urbe Roma ad instruendos Hyspanię populos a PETRO et PAULO apostolis directos fuisse, qui destructa idolatria christianitatem fundaverunt religionem plantaverunt ordinem et officium in divinis cultibus agendis ostenderunt et sanguine suo ecclesias dedicaverunt, vestra diligentia non ignoret; quantam concordiam cum Romana urbe Hyspania in religione et ordine divini officii habuisse(t), satis patet. Gregor VII., Epistolae selectae in usum scholarum ex Monumentis Germaniae historicis separatim editae 2.1, hg. von Erich C A S P A R , Berlin 1920, S. 93. Vgl. Robert P L Ö T Z , Jacobus Maior. Geistige Grundlagen und materielle Zeugnisse eines Kultes, in: Der Jakobuskult in Süddeutschland. Kultgeschichte in regionaler und europäischer Perspektive, hg. von Klaus H E R B E R S / Dieter R. B A U E R , Tübingen 1995, S. 171-232, hier S. 193-196; H E R B E R S / P L ÖT Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 19; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10), S. 24. - Einen absoluten Tiefpunkt erreichte das Verhältnis zwischen Compostela und Rom im Jahr 1049, als Bischof Cresconius, nachdem er sich den Titel Episcopus sedis apostolice zugelegt hatte, von Papst Leo IX. auf dem Konzil von Reims exkommuniziert wurde. Dies zeigt deutlich, dass die apostolische Herkunft eines Bischofssitzes Compostela um die Mitte des 11. Jahrhunderts von Rom noch keineswegs akzeptiert war. Vgl. L Ó P E Z A L S I N A , La ciudad de Santiago (wie Anm. 1), S. 181; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 14; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm.-6), S.-112. der Apostelstadt. Andererseits waren das 11. und frühe 12. Jahrhundert auch eine besonders kritische Phase der stadtgeschichtlichen Entwicklung: Der Status als Bischofssitz war von der Römischen Kurie rechtlich-offiziell noch nicht anerkannt und stand zudem in unversöhnbarem Widerspruch zur Forderung des Reformpapsttumes, bei fortschreitender Reconquista die kirchliche Ordnung vor dem Jahr 711 auf der Iberischen Halbinsel wiederherzustellen; virulent wurde dies spätestens nach der Eroberung der alten Primatialstadt Toledo durch Alfons VI. (1065-1109) im Jahr 1085 50 . Auch die spanischen Jakobustraditionen (missio, translatio, inventio), auf denen Compostela seine Apostolizität gründete, ignorierte man in Rom geflissentlich und hielt stattdessen an der Vorstellung fest, dass Paulusjünger den europäischen Westen bekehrt hätten 51 . Vor diesem Hintergrund wurden im ganzen Königreich verstärkt teils kirchenjuristische, teils artistisch-architektonische Maßnahmen zur Aufwertung des Jakobuskults unternommen; allem voran wurde im Jahr 1077 der romanische Neubau der Kathedrale begonnen 52 . Ob es nun diesem gesteigerten Eifer zu verdanken war oder schlicht der normativen Kraft des Faktischen (denn unter den Gläubi‐ 1.1 Compostela, Stadt des Apostels Jakobus 27 <?page no="28"?> 52 Vgl. H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 19. - Zur romanischen Kathedrale nach wie vor maßgeblich: Kenneth J. C O N A N T , The Early Architectural History of the Cathedral of Santiago de Compostela, Cambridge (Massachusetts) 1926; Übersetzung: Arquitectura románica da catedral de Santiago de Compostela, Santiago de Compostela 1983. - Vielleicht nicht zufällig wird auch erst ab dieser Zeit, wie erwähnt, die Ausformung der traditiones hispanicae schriftlich greifbar. 53 Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 52; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 14, 19; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 113f.; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm.-10), S.-24f. 54 Und anschließend wohl der Primat Spaniens, den er jedoch nicht erlangen sollte: „Grave es decirlo; pero las aspiraciones de Gelmírez no se limitaban sólo a la dignidad metropolitana; a más alto tendían, al honor de Primado o de Patriarca.“ Antonio L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia de la Santa A. M. Iglesia de Santiago de Compostela 4, Santiago de Compostela 1901, S. 107. Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 53f.; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 114-117; M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm. 9), S. 240-253; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10), S. 24-29. - Zu Diego Gelmírez vgl. Anselm G. B I G G S , Diego Gelmírez. First Archbishop of Compostela, Washington 1949; Richard A. F L E T C H E R , St. James’s Catapult. The Life and Times of Diego Gelmírez of Santiago de Compostela, Oxford 1984. 55 Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 52f.; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm.-10), S.-26f. 56 Bereits 1104 oder 1105 wurde Diego Gelmírez das Pallium verliehen, eine liturgische Insigne, die sonst dem Papst und den Erzbischöfen vorbehalten war; 1109 erhielt er die Erlaubnis, nach römischem Vorbild sieben Kanoniker zu Kardinälen zu ernennen, gen im europäischen Westen genoss das compostelanische Jakobsgrab längst allgemeine Akzeptanz), sei dahingestellt: Jedenfalls konnte erreicht werden, dass wahrscheinlich Papst Urban II. (1088-1099) im Jahr 1095 die apostolische Herkunft des Bischofssitzes doch anerkannte, seine Verlegung von Iria Flavia nach Compostela auch de jure bestätigte und ihn zudem aus der Kirchenprovinz Braga herausnahm, d. h. keinem Metropoliten mehr, sondern einzig und allein dem Papst unterstellte 53 . Am Anfang des 12. Jahrhunderts bestieg Diego Gelmírez (1101-1140) in noch jungen Jahren die Kathedra zu Compostela und trieb wirksame Bemühungen voran, seinem Bistum innerhalb der mit Fortschritt der Reconquista neu entste‐ henden Kirchenordnung die ihm als sedes apostolica gebührende Stellung zu sichern und sich gegen innerspanische Kontrahenten durchzusetzen; oberstes Ziel war der Aufstieg zum Erzbistum 54 . Dazu suchte der ehrgeizige Bischof bewusst die Annäherung an die römische Kirche, übernahm im Juristischen wie im Liturgischen bereitwillig ihre Normen und Formen 55 . Der Verweis auf den - von Rom bald nicht mehr angezweifelten - Besitz der Apostelreliquien wurde zur zentralen argumentativen Waffe, um mehr und mehr Privilegien zu erringen, die Compostela aus der Menge der anderen spanischen Bistümer heraushoben 56 . Den wiederholten Bitten um Rangerhöhung wurde Nachdruck 28 1 Einleitung <?page no="29"?> die als Einzige (neben ihm) berechtigt waren, am Hauptaltar der Kathedrale die Messe zu lesen und an hohen Festtagen die Mitra zu tragen. Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 53; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 115; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10), S. 25f. - Nachdem die Römische Kurie zeitweise, vor allem im 16. Jahrhundert, wieder an den Jakobusreliquien zu Compostela gezweifelt hatte, erkannte Papst Leo XIII. (1878-1903) sie in der Bulle Deus Omnipotens vom 1. November 1884 offiziell als echt an. Dies wurde von der Forschung bald in Frage gestellt, so schon von Louis D U C H E S N E , Saint-Jacques en Galice, in: Annales du Midi 12 (1900), S.-145-179. 57 Vgl. F L E T C H E R , St. James’s Catapult (wie Anm. 54), S. 205; M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm.-9), S.-249f.; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm.-10), S.-27-29. 58 Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 53f.; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 115f.; M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm. 9), S. 249f.; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10), S. 28f. - Guido von Burgund, später Papst Calixt II., war Bruder jenes Raimund von Burgund, den König Alfons VI. 1087 zum Grafen von Galicien erhob und kurz darauf mit seiner Tochter Urraca verheiratete. Für den Sohn Raimunds und somit Neffen Guidos, den späteren Alfons VII., wurde Diego Gelmírez Taufpate, und er sorgte nach dem Tod Raimunds 1107 besonders für dessen Erziehung. - Zum Erzbistum Santiago de Compostela gehörten zunächst die Bistümer Zamora, Lissabon, Évora, Lamego und Idaña; später, im 13. Jahrhundert, kamen Salamanca, Ciudad Rodrigo, Ávila, Coria, Plasencia und Badajoz hinzu. Damit stand Compostela zumindest de facto auf einer Stufe mit seinem kastilischen Konkurrenten Toledo. Vgl. M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm. 9), S. 51-53; José C A M P E L O , Origen del arzobispado de Santiago y evolución histórica de sus sufragáneas, in: Compostellanum 10 (1965), S. 841-861; Demetrio M A N S I L L A R E O Y O , Formación de la metrópoli eclesiástica de Compostela, in: Compostellanum 16 (1971), S.-73-100. 59 Das Ergebnis des Urbanisierungsprozesses im Übergang vom Frühen zum Hohen Mit‐ telalter (nämlich „1. La configuración de un marco físico plenamente urbanizado“ und „2. La constitución de la primera comunidad local gallega socialmente diversificada“) beschreibt ausführlich L Ó P E Z A L S I N A , La ciudad de Santiago (wie Anm. 1), S. 253-283. - Für diese Zeit ist auch der heute offizielle Name, Santiago ergänzt um das Lokalattribut de Compostela, erstmals belegt, nämlich im Testament des Bischofs Enico von Ávila, der 1146 dem Compostellaner Kapitel die Kirche San Lázaro übertrug. Vgl. Marta G O N ZÁ L E Z V Á Z Q U E Z , Capítulo V. Lugar de culto y centro de cultura, in: Historia de la ciudad de verliehen durch beträchtliche Geldzahlungen (viele Hunderte Unzen Goldes) an die Kurie, die allein deshalb möglich waren, weil das Compostellaner Kapitel durch die Weihegaben der in immer größerer Zahl herbeiströmenden Pilger inzwischen zu den reichsten der Iberischen Halbinsel avanciert war 57 . Endlich übertrug Papst Calixt II. (1119-1124), der, was dabei sicher nicht unwesentlich war, in enger verwandtschaftlicher Bindung zu höchsten Kreisen in Galicien stand, Compostela die Metropolitanrechte des noch muslimisch beherrschten Mérida, zunächst, 1120, nur auf Zeit (bis Mérida wieder unter christlicher Herrschaft wäre), dann, 1124, auf ewig 58 . Um die Mitte des 12. Jahrhunderts war das einst bedeutungslose Compostela längst zu einer Stadt von europäischem Rang und Namen aufgestiegen 59 : Es 1.1 Compostela, Stadt des Apostels Jakobus 29 <?page no="30"?> Santiago de Compostela, hg. von Ermelindo P O R T E L A S I L V A , Santiago de Compostela 2003, S.-173-221, hier S.-174, Anm.-1. 60 Allerdings war der Reino de Galicia in seiner Geschichte nur selten eigenständig. Zu Be‐ ginn des 9. Jahrhunderts zerfiel das asturische Königreich unter den Söhnen Alfons’ III. in drei: Der Älteste, García I., erhielt León; der Zweitälteste, Ordoño II., Galicien; der Jüngste, Fruela II., Asturien. Damit wurde Galicien erstmals ein eigenständiges Königreich (mit der Hauptstadt Braga). Doch schon Ordoño II. vereinte es wieder mit León, als García I. 914 starb und ihm dessen Reich zufiel. Unter García II. wurde Galicien zwischen 1065 und 1073 noch einmal eigenständig (mit der Hauptstadt Ribadavia), dann aber wieder dem Königreich León einverleibt und unter die Verwaltung eines vom König eingesetzten Grafen gestellt. Offizielle Hauptstadt wurde jetzt Compostela. Ab 1230 wurde das leonesisch-galicische Reich in Personalunion mit dem kastilischen regiert und ging zu Beginn des 16. Jahrhunderts schließlich im geeinten Spanien auf. Als Verwaltungseinheit bestand der Reino de Galicia jedoch noch bis ins 19. Jahrhundert fort und wurde erst im Zuge der von Javier de Burgos durchgeführten territorialen Neuordnung Spaniens 1833 durch die Provinzen A Coruña, Lugo, Ourense und Ponte‐ vedra ersetzt. Vgl. Ramón V I L L A R E S , Historia de Galicia, Vigo 2 2004. 61 Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 541-547, 554-558. - Zum Typus der Pilgerbasilika vgl. Émile M Â L E , L’art religieux du XIII e siècle en France, Paris 9 1958; C O N A N T , The Early Architectural History (wie Anm. 52); Arthur Kingsley P O R T E R , Romanesque Sculpture of the Pilgrimage Roads, Boston 1923; zusam‐ menfassend V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 546-558; eine forschungsgeschichtliche Übersicht bietet Marcel D U R L I A T , Pèlerinages et architecture romane, in: Les dossiers de l’archéologie 20 (1977), S.-22-35. 62 Vgl. Historia Compostellana (wie Anm. 22), S. 47; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10), S.-26. 63 Vgl. Rosa V ÁZ Q U E Z (Hg.), Peregrino, ruta y meta en las peregrinationes maiores. VIII Congreso Internacional de Estudios Jacobeos (Santiago de Compostela, 13-15 Octubre 2010), Santiago de Compostela 2012; darin zur Konzeption der drei peregrinationes maiores insb.: Klaus H E R B E R S , Las tres peregrinationes maiores en el Códice Calixtino, S.-29-40. war die Hauptstadt des Königreiches Galicien 60 , der Sitz eines mächtigen Erzbistums und einer der florierendsten Pilgerorte, die die Christenheit bis dahin gesehen hatte; es rühmte sich des Besitzes eines corpus apostolicum integrum, des einzigen in der gesamten westeuropäischen Sakrallandschaft, einer prächtigen, gezielt auf die Bedürfnisse der stetig ankommenden Pilgermassen ausgerichteten Kathedrale, deren Bau schon weit vorangeschritten war 61 , und eines Kapitels, das mit 72 Kanonikern (gemäß der unter Gelmírez entstandenen Historia Compostellana) das größte und vielleicht auch das reichste Spaniens war 62 . Bald sollte die Konzeption der drei peregrinationes maiores europaweit populär werden, die Compostela auf eine Rangstufe mit Rom und Jerusalem stellt 63 . Wie von Mittelalterhistorikern vielfach betont wurde, ist Compostela in seiner stadtgeschichtlichen Genese nachgerade exzeptionell: Es ließe sich kaum 30 1 Einleitung <?page no="31"?> 64 Vgl. z. B. L Ó P E Z A L S I N A , La ciudad de Santiago (wie Anm. 1), S. 152: „En la raíz misma de esta transformación [d. h. der Stadtwerdung von Compostela] actúa un factor religioso de primera magnitud: la aceptación general del significado de la revelatio [= inventio]. La presencia sepulcral en Compostela del Apóstol Santiago es, en última instancia, el hecho desencadenante, que atribuirá al locus la realización de dos funciones específicas [als Kirchen- und Herrschaftszentrum], que acarrearán la mutación final del status del núcleo de habitación hasta la adquisición del rango urbano“; D E R S ., Compostelle, ville de Saint Jacques, in: Santiago de Compostela. 1000 ans de Pèlerinage Européen, Gent 1985, S. 53-60, hier S. 53: „Peu de villes européennes eurent un destin aussi particulier que Compostelle. En effet, il nous semble difficile de trouver un exemple plus significatif d’une évolution historique clairement fondée sur l’action quasi exclusive d’un tel facteur. A douze siècles de sa naissance, Compostelle reste avant tout la ville d’un apôtre enterré en ce ‘Finisterre’, ville qui guida le pèlerinage spirituel de toute la chrétienté occidentale. Cette vocation particulière fut plus ressentie encore au Moyen Age par une Europe occidentale dont les yeux étaient tournés sans trêve vers l’au-delà. Le pèlerinage à Saint-Jacques transforma Compostelle en un point de rencontre spirituelle pour tous les peuples d’Europe, car avant tout, elle était la ville de l’apôtre saint Jacques. […] Le processus d’urbanisation, long de plus de trois cents ans et qui, dès le début du IX e siècle, transforme le lieu saint en une ville au plein sens du terme, se base sur la croyance ferme et irréductible de la présence du corps de l’apôtre dans le sépulcre.“ Vgl. auch G O N ZÁ L E Z V Á Z Q U E Z , Lugar de culto (wie Anm.-59), S.-173f. 65 Vgl. Mircea E L I A D E , Le sacré et le profane, Paris 1965, S.-17f. 66 Ramón del Valle-Inclán, La lámpara maravillosa. Ejercicios espirituales, Madrid 1922, S.-160. eine andere namhafte Stadt anführen, die sich derart konsequent aus einem locus sanctus entwickelt hat 64 . Letztlich verdankt Compostela seine Identität und Bedeutung, seine Stadtwerdung, ja seine ganze Existenz einem Wunder oder - nach Mircea Eliade (auf den noch zurückzukommen sein wird) - einer Hierophanie: der Entdeckung jener marmornen Grabstätte mit den angeblichen Reliquien eines Apostels 65 . Und auch heute noch, zwölf Jahrhunderte später, bleibt es - inmutable y eterno, wie es bei Ramón del Valle-Inclán heißt - vor allem die Stadt des hl. Jakobus, Zielort eines Pilgerweges, der alljährlich von Hunderttausenden beschritten wird 66 . In der vorliegenden Arbeit gilt das Hauptinteresse nicht der realen Stadt Compostela, sondern den Beschreibungen, die sie im romanisch-volkssprach‐ lichen (spanischen, französischen, italienischen) Schrifttum der Vormoderne erfahren hat. Nur gelegentlich werden in anderer Sprache geschriebene Quellen herangezogen, so vor allem der lateinische Liber Sancti Jacobi aus der Mitte des 12. Jahrhunderts; mit ihm setzt die Analyse in der Zeit ein, in der der vorangehende stadthistorische Abriss endete. Wesentliches Anliegen ist es, jeweils - daher der Wortlaut des Titels dieser Arbeit - Wahrnehmung und Darstellung der Jakobsstadt, d. h. sowohl das sinnlich-unmittelbare Erlebnis in situ (soweit möglich) als auch dessen schriftliche Verarbeitung, zu untersuchen. 1.1 Compostela, Stadt des Apostels Jakobus 31 <?page no="32"?> 67 Zur Übersicht vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 515-539; P É R I C A R D -M É A , Compostelle (wie Anm. 39), S. 307-322; Ignacio I ÑA R R E A L A S H E R A S , La peregrinación a Compostela en la literatura francesa, in: Fayuela. Revista de Estudios Calceatenses 1 (2005), S.-67-100. 68 Vgl. H A S S A U E R , Santiago (wie Anm. 2), S. 167f.: „Quellentexte, die das Phänomen Santiago de Compostela bislang als akribisch erforschten Gegenstand von Geschichte und Volkskunde konstituierten. Dieser geschichtswissenschaftlich so deutlich konfigurierte Gegenstand hat anscheinend wenig mehr als verstreute Spuren in der Literatur hinter‐ Näher bestimmt werden die hier verfolgten Erkenntnisinteressen in Kapitel 1.4, das außerdem Raum für eine genauere Darlegung des Vorgehens und einige methodisch-konzeptuelle Überlegungen bietet. Zuvor gilt es in Kapitel 1.2 das gewählte Textkorpus umfassend zu begründen und in Kapitel 1.3 eine - freilich selektive - Rückschau auf die Jakobsweg-Forschung von ihren Anfängen bis in die vergangenen Jahrzehnte zu unternehmen. 1.2 Textkorpus Um die Untersuchung auf eine hinreichend breite Quellengrundlage zu stel‐ len, erscheint es angezeigt, eine möglichst große Anzahl von Texten aus unterschiedlichen Zeiten, Provenienzen und Gattungen einzubeziehen. Daher umgreift das hier nun vorzustellende Korpus zeitlich eine Spanne von rund sechshundert Jahren, von der Mitte des 12. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, und deckt geographisch-sprachlich verschiedene Teile der Romania ab, von Spanien über Frankreich und Flandern bis Italien. Indessen kann der Anspruch der Gattungsvielfalt aus Ursachen, die im erhaltenen Schrifttum selbst liegen, nicht bzw. nur in sehr beschränktem Maße erfüllt werden. Zwar haben der Kult um den Apostel Jakobus und die populäre, in alle Teile der christlichen Abendlande ausstrahlende Pilgerfahrt zu seinem vermuteten Grabesort Com‐ postela sehr wohl Spuren in der Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit hinterlassen: Jakobsweg-Motive und namentlich Pilger - teils als Protagonisten, öfter aber als Staffagepersonal - finden sich in Romanen und Novellen, in Komödien und geistlichen Dramen, in Mirakeln, Exempeln und Legenden, in Volksliedern und chansons de geste, in historiographischen Kom‐ pendien und liturgischen Gebrauchsschriften 67 . Darüber hinaus könnte man hier auf zahlreiche nicht-literarische, vor allem juristisch-juridische Quellenty‐ pen verweisen, auf kanonische und weltliche Rechtsbücher, Pilgertestamente, königliche Erlässe, Hospitalregularien, Stiftungsdokumente etc., die von der dominant geschichtswissenschaftlich geprägten Jakobsweg-Forschung schon vielfach zur Auswertung beigezogen worden sind 68 . Allein umfassende (auch to‐ 32 1 Einleitung <?page no="33"?> lassen. Sie erlauben, im Unterschied zu den als für die geschichtswissenschaftliche Analyse relevant erachteten Texten, aus dieser Perspektive keinen Durchstich auf die als typisch für literarische Texte erwartete Erlebniswirklichkeit des Phänomens, die ihnen stets aufs Neue abgefordert wird.“ 69 V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 517. Ebenda, S. 525, resümierend: „La peregrinación a Santiago no ha suministrado muchos temas a la literatura española medieval y clásica.“ 70 H A S S A U E R , Santiago (wie Anm.-2), S.-167. 71 Drei dieser Druckfassungen sind in einem 1718 in Troyes (ohne Herausgeber- oder Verlagsnamen) erschienenen Büchlein mit dem Titel Les Chansons des Pèlerins de S. Jacques enthalten. Vgl. Jochen R Ö S S L E R , Notes sur le ›Chant du grand voyage des pèlerins de Saint-Jacques‹, in: Les traces du pèlerinage à Saint-Jacques-de-Compostelle dans la culture européenne. Colloque organizé par le Centre italien d’études compostellanes et par l’université de la Tuscia, Viterbe, en collaboration avec le Conseil de l’Europe. Viterbe (Italie), 28 septembre-1 er octobre 1989, Straßburg 1992, S. 89-95. - Die Forschung datiert die Entstehung dieser chanson auf das 14. Jahrhundert. Vgl. Félix de L A S A L L E D E R O C H E M A U R E / René L A V A N D , Les Troubadours Cantaliens 2, Aurillac 1910, S. 524-533; René N E L L I , Trois poèmes autour d’un pèlerinage, in: Cahiers de Fanjeaux 15 (1980), S.-79-92. pographische) Beschreibungen von Compostela, derer es für die hier anvisierte Untersuchung von Aspekten der Wahrnehmung und Darstellung unerlässlich bedarf, sucht man im erhaltenen Schrifttum vergeblich. Die Stadt des Apostels kommt vor - „incidentalmente“, wie schon Luis Vázquez de Parga et al. in ihrem nach wie vor maßgeblichen Übersichtswerk zur Jakobuspilgerfahrt bemerken 69 . Oder, wie Friederike Hassauer schreibt: „Kathedralen des Texts, literarische Monumentalarchitektur hat das Phänomen Santiago de Compostela nicht her‐ vorgebracht“ 70 . In der Tat erwähnen die Texte selten mehr als den mit religiöser Symbolkraft aufgeladenen Namen der Stadt. Zur Illustration seien im Folgenden einige Beispiele aus verschiedenen Gattungen nur angerissen: Die im Späten Mittelalter entstandene anonyme Grande Chanson des Pèlerins de Saint Jacques etwa, das wohl populärste französische Pilgerlied, erhalten in fünf gedruckten Fassungen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts 71 , besingt eindrücklich die Mühsalen und Entbehrungen der weiten Reise ebenso wie die damit verbundenen Hoffnungen für das eigene Seelenheil: Quand nous partîmes de France En grand désir, Nous avons quitté Pere & Mere, Tristes & marris; Au cœur avions si grand désir, D’aller à Saint Jacques, Avons quitté tous nos plaisirs, 1.2 Textkorpus 33 <?page no="34"?> 72 La Grande Chanson des Pèlerins de Saint Jacques, in: Les Chansons des Pèlerins de S. Jacques, Troyes 1718, S.-2-8, hier S.-2f. 73 Ignacio Iñarrea Las Heras, der sich in mehreren Arbeiten mit französischen Pilgerlie‐ dern des Mittelalters und der Frühen Neuzeit befasst hat, spricht daher von einer canción de itinerario. Vgl. z. B. Ignacio I ÑA R R E A L A S H E R A S , El Liber Sancti Jacobi y las canciones francesas de peregrinación a Compostela, in: La Philologie Française à la croisée de l’an 2000. Panorama linguistique et littéraire 1, hg. von Montserrat S E R R A N O M AÑ E S / Lina A V E N D AÑ O A N G U I T A / María del Carmen M O L I N A R O M E R O , Granada 2000, S. 119-128, passim. - Die fiktiven Pilger der Grande chanson des pèlerins de Saint-Jacques halten sich zunächst weitgehend an die bereits im Jakobsbuch beschriebene Via Turonensis - vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 235 -, betreten Spanien entlang der Atlantikküste (bei Irún), durchqueren in südlicher Richtung das Baskenland und die Rioja und folgen schließlich ab Santo Domingo de la Calzada dem traditionellen Camino Francés nach Santiago de Compostela. Es handelt sich um die Route, die wohl die meisten nordfranzösischen oder über Nordfrankreich reisenden Jakobspilger seit dem Späten Mittelalter nahmen. Vgl. Ignacio I ÑA R R E A L A S H E R A S , Étude des itinéraires français du pèlerinage de Compostelle des XVI e , XVII e et XVIII e siècle, in: Studi Francesi. Rivista quadrimestrale fondata da Franco Simone 172 (2014), S. 22-36, hier S. 23f. Im hier zu untersuchenden Korpus ist diese Route etwa bei Antoine de Lalaing (Kapitel 4.1) und Guillaume Manier (Kapitel 8.2) belegt. Es ist im Wesentlichen dieselbe Route, die sich auch im berühmten deutschen Pilgerführer des Hermann Künig von Vach - als ‚Niederstraße‘ - dokumentiert findet, ebenso wie in verschiedenen (französischen) Itineraren des 16. Jahrhunderts. Vgl. Hermann Künig von Vach, Die Straß zu Sankt Jakob. Der älteste deutsche Pilgerführer nach Santiago de Compostela, hg. von Klaus H E R B E R S / Robert P L Ö T Z , Ostfildern 2004, S.-95-103, 108f. Vgl. auch H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm.-10), S.-65-67. Pour faire ce saint voyage: Nous prions la Vierge Marie, Son Fils JESUS, Qu’il lui plaise de nous donner Sa sainte grace, Qu’en Paradis nous puissions voir Dieu & Monsieur Saint Jacques 72 . Im Fortgang erinnert die chanson unverkennbar an ein Itinerar, ist sie doch, wenn auch nicht sehr genau, nach den Stationen der damals (vom nördlichen Frankreich aus) wohl meistfrequentierten Pilgerrouten strukturiert 73 . Auf das ersehnte Ziel Compostela aber geht sie kaum näher ein; in den schließenden Versen ist nur knapp vom obligaten Dankgebet in der Kirche des Apostels die Rede und dann sogleich von der Heimreise: Quand nous fûmes à S. Jacques, Graces à Dieu, Nous entrâmes dedans l’Eglise Pour prier Dieu, 34 1 Einleitung <?page no="35"?> 74 La Grande Chanson (wie Anm. 72), S. 8. - Man könnte noch zahlreiche andere mittelalterliche Pilgerlieder anführen, in denen sich - wie hier - wieder und wieder beobachten lässt, dass Compostela zwar als Ziel der Reise genannt, doch nie eingehender beschrieben wird. Meist liegt der Fokus - wie hier - auf dem mühevollen Weg und dem Heilsversprechen, das sich mit dem Pilgerort verbindet, oder aber es werden wundersame Ereignisse berichtet, die sich auf dem Weg dorthin zugetragen haben sollen und die ihre Wurzeln oftmals in den Mirakelerzählungen haben, die im zweiten Teil des Jakobsbuches - vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 159-177 - versammelt sind. Weiterführend und mit zahlreichen französischen, okzitanischen und spanischen Primärtextauszügen vgl. auch Ignacio I ÑA R R E A L A S H E R A S , Temática, realidad histórica y tradición literaria medieval en las canciones narrativas de peregrinos franceses del Camino de Santiago, in: Thélème. Revista Complutense de Estudios Franceses 20 (2005), S. 71-87; D E R S ., Signification de la nature dans les chansons de pèlerins de Saint-Jacques : réalité, fiction et moralité, in: Cédille. Revista de Estudios Franceses 16 (2019), S. 257-293. 75 Ein Motiv, das vor allem in Galicien verbreitet ist, wie auch sein Vorkommen in den Werken Emilia Pardo Bazáns und Ramón del Valle-Incláns belegt. Vgl. z. B. Marisa S O T E L O V Á Z Q U E Z , Emilia Pardo Bazán y el folklore gallego, in: Garoza. Revista de la Sociedad Española de Estudios Literarios de Cultura Popular 7 (2007), S. 293-314, hier S. 301: Die alma en pena sei „una de las leyendas más arraigadas en el imaginario popular de Galicia“. Maßgeblich zum Purgatorium: Jacques L E G O F F , La naissance du Purgatoire, Paris 1981. 76 Zum Motiv der Pilgerfahrt post mortem vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 530-532; R U C Q U O I , Mille fois (wie Anm. 15), S. 213-217; Paula C A D A V E I R A L Ó P E Z , Las peregrinaciones post mortem a lo largo del Camino de Santiago, in: Las tres religiones en la Baja Edad Media peninsular. Espacios, percepciones y manifestaciones, hg. von Juan Antonio P R I E T O S A Y A G U É S / Luis A R A U S B A L L E S T E R O S , Madrid 2018, S. 33-44. Aussi ce glorieux Martyr, Monsieur Saint Jacques, Qu’au pays puissions retourner, Et faire un bon Voyage 74 . Auch die spanische Volksdichtung kennt einige Lieder mit Jakobsweg-Thematik, darunter einen mündlich tradierten, erstmals 1906 von María Goyri mit dem Titel „El alma romera de Santiago“ publizierten kurzen romance, der auf dem in volksfrommen Erzählungen rekurrenten Motiv der alma en pena beruht: eine sündige Seele, die nach dem Tod, gefangen in einer Art Purgatorium, ruhelos auf der Erde wandelt 75 . In diesem Fall macht sich die Seele schließlich auf, ihr Heil in Santiago zu suchen, das, obzwar eindeutig mit einer besonderen religiö‐ sen (soteriologischen) Konnotation versehen, doch wiederum nur namentlich erwähnt wird 76 : Cuando yo me moría mis padres se me dormían; Ni ellos me encendían luz ni yo pedirla podía. El alma va un río abajo por donde pasar no había. 1.2 Textkorpus 35 <?page no="36"?> 77 María G O Y R I , Romances que deben buscarse en la tradición oral, in: Revista de archivos, bibliotecas y museos 10/ 15 (1906), S. 374-386, hier S. 378. Ein ganz ähnlicher romance - man könnte sagen: eine ausführlichere Fassung des hier aufgeführten - wurde mit dem Titel „El alma en pena“ schon in folgender Anthologie spanischer Volksdichtung abgedruckt: Juan M E N É N D E Z P I D A L (Hg.), Poesía popular. Colección de los viejos romances que se cantan por los asturianos en danza prima, esfoyazas y filandones, Madrid 1885, S.-223f. 78 Zu Jakobsweg-Motiven in galego-portugiesischen cancioneiros des Hohen und Späten Mittelalters vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 525-527. - Zu den Cantigas de Santa Maria vgl. Albert G I E R , 12.-14. Jahrhundert: Lyrik, Epik, Roman und Drama, in: Geschichte der spanischen Literatur, hg. von Christoph S T R O S E T Z K I , Tübingen 2 1996, S. 1-26, hier S. 17-20; Joseph F. O ’ C A L L A G H A N , Alfonso X and the Cantigas de Santa Maria. A Poetic Biography, Leiden/ Boston/ Köln 1998; jüngst: Henry T. D R U M M O N D , The Cantigas de Santa Maria. Power and Persuasion at the Alfonsine Court, New York 2024. 79 Vgl. Alfons X., Cantiga 26, in: Cantigas de Santa Maria 1, hg. von Walter M E T T M A N N , Madrid 1986, S.-123-126, hier V. 1-54. 80 Vgl. Alfons X., Cantiga 26 (wie Anm.-79), V. 55-61. Gritos que daba aquel alma en el cielo los ponía. Un caballero la oyó, que él á acostarse diría: —«Si eres alma pecadora. Dios venga en tu compañía.» —«Alma pecadora soy desta noche fenecida.» —«Toma esa vela en la mano ve á Santiago de Galicia.» ¡Qué contenta que iba el alma, cómo brincaba y corría 77 ! Ein Beispiel noch früheren Datums findet sich in der berühmten, wohl von Alfons X. dem Weisen (1252-1284) in Auftrag gegebenen galego-portugiesischen Liedsammlung Cantigas de Santa Maria 78 : Die „Cantiga 26“ erzählt davon, wie ein Pilger auf dem Weg nach Compostela sich auf außerehelichen Beischlaf mit einer Frau von zweifelhaftem Ruf einlässt und anschließend vom Teufel in Gestalt des hl. Jakobus dazu verleitet wird, sich erst die Genitalien zu verstümmeln und dann die Kehle aufzuschlitzen 79 . Kaum ist er tot, bemächtigt sich eine Schar von Dämonen seiner Seele, fliegt mit ihr nach Compostela und foltert sie auf dem Dach der Capela de San Pedro 80 - da eilt der Apostel selbst zur Rettung seines bedrängten Pilgers herbei: E u passavan ant’ hũa capela de San Pedro, muit’ aposta e bela, San James de Conpostela dela foi travar, dizend’: “Ai, falss’ alcavela, non podedes levar Non é gran cousa se sabe | bon joizo dar… [Refrain] 36 1 Einleitung <?page no="37"?> 81 Alfons X., Cantiga 26 (wie Anm.-79), V. 62-75. 82 Vgl. Alfons X., Cantiga 26 (wie Anm. 79), V. 76-103. - Die Mirakelerzählung vom Pilger, der sich vom Teufel in Gestalt des hl. Jakobus zum Selbstmord verleiten lässt und dann aber durch Eingreifen des echten Apostels und der hl. Jungfrau auf wunderbare Weise wieder ins Leben zurückgeholt wird, findet sich bereits im zweiten Teil, dem liber miraculorum, des Jakobsbuches. Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-172-174. 83 Vgl. Miguel de Cervantes, Las dos doncellas, in: ders., Novelas ejemplares, hg. von Jorge G A R C Í A L Ó P E Z , Barcelona 2001, S.-441-480, hier S.-458-470. 84 Vgl. Cervantes, Las dos doncellas (wie Anm.-83), S.-471-477. A alma do meu romeu que fillastes, ca por razon de mi o enganastes; gran traiçon y penssastes, e, se Deus m’ anpar, pois falssament’ a g-astes, non vos pode durar.” Non é gran cousa se sabe | bon joizo dar… [Refrain] 81 Die Stadt wird hier somit zum Schauplatz der Handlung und bleibt letztlich doch, sieht man von der zumindest erwähnten Kapelle ab, völlig im Vagen. Am Ende kommt es zwischen Dämonen und Apostel zu einem heftigen (verbalen) Streit, der nur von der Jungfrau Maria - ihrem Lobpreis dient schließlich die Sammlung - entschieden werden kann: Sie holt den toten Pilger auf wunderbare Weise ins Leben zurück, zur Strafe für seine luxuria jedoch, ohne seine Genitalien wiederherzustellen 82 . In Miguel de Cervantes’ Novelle „Las dos doncellas“, der neunten seiner zwölf Novelas ejemplares (gedruckt 1613), buhlen zwei junge Andalusierinnen, Leocadia und Teodosia, leidenschaftlich um denselben Mann, Marco Antonio, der beiden kurz nacheinander die Ehe versprochen hat 83 . Die glückliche Lösung dieses triangle amoureux - Leocadia hat letztlich das Nachsehen, dafür wird ihr aber die Heirat mit Teodosias Bruder Rafael in Aussicht gestellt - wird durch eine gemeinsame Pilgerfahrt nach Compostela gleichsam symbolisch besiegelt, zu der sich Marco Antonio auf dem Höhepunkt einer lebensbedrohlichen Krank‐ heit durch ein Gelübde an den hl. Jakobus verpflichtet 84 ; der Aufenthalt dort wird vom Erzähler jedoch weitgehend ausgespart bzw. nur höchst summarisch vermittelt: Es de saber que en el tiempo que Marco Antonio estuvo en el lecho hizo voto, si Dios le sanase, de ir en romería, a pie, a Santiago de Galicia, en cuya promesa le acompañaron don Rafael, Leocadia y Teodosia, y aun Calvete, el mozo de mulas. […] con alegría mezclada con algún sentimiento triste se despidieron, y caminando con la comodidad que permitía la delicadeza de las dos nuevas peregrinas, en tres días llegaron a Montserrat, 1.2 Textkorpus 37 <?page no="38"?> 85 Cervantes, Las dos doncellas (wie Anm. 83), S. 476f. Vgl. William H. C L A M U R R O , Las dos doncellas de Cervantes: identidad, honor y anacronismo, in: Cervantes en Italia. Actas del X Coloquio Internacional de la Asociación de Cervantistas. Academia de España, Roma 27-29 septiembre 2001, hg. von Alicia V I L L A R L E C U M B E R R I , Palma de Mallorca 2001, S. 65-72, zur Funktion der Pilgerfahrt nach Compostela insb. S. 68f.: „El peregrinaje religioso y tradicional a Santiago de Compostela al final, en el que las dos parejas de prometidos dan gracias y solemnizan su reciente compromiso, establece una curiosa yuxtaposición con el peregrinar del comienzo: las búsquedas de Teodosia y Leocadia, la huida o viaje de Marco Antonio, el perseguir de don Rafael son todas menos peregrinaciones que una serie de divagaciones febriles, una suerte de delirio.“ 86 Die Milchstraße ist symbolisch eng mit dem Jakobsweg verbunden, einerseits, weil die mittelalterliche Volksfrömmigkeit in ihr den Weg der Seelen ins Paradies erkennen wollte, das traditionell am Ende der Welt - also praktisch bei Compostela - vermutet wurde, andererseits, weil der Historia Turpini, dem vierten Teil des Liber Sancti Jacobi, zufolge der Apostel Jakobus Karl den Großen durch einen ‚Sternenweg‘ (caminus stellarum) am Himmel auf sein (damals noch unentdecktes) Grab bzw. den Weg dorthin gewiesen und ihm anschließend im Traum prophezeit haben soll, dass er einen Feldzug nach Galicien unternehmen werde: Statimque intuitus est in celo quendam caminum stellarum incipientem a mari Frisie et tendentem inter Theutonicam et Ytaliam, inter Galliam et Aquitaniam, rectissime transeuntem per Gasconiam, Basclamque, Navarram et Yspaniam usque ad Galleciam, qua beati Iacobi corpus tunc temporis latebat incognitum. Quem cum Karolus per singulas noctes sepe perspiceret, cepit sepissime premeditari quid significaret. Cui hec summo studio cogitanti heros quidam obtimam ac pulcherrimam ultra quam dici fas est habens speciem nocte in extasi apparuit dicens: Quid agis, fili mi? At ille inquit: Quis es, domine? Ego sum, inquit, Iacobus apostolus […]. Caminus stellarum quem in celo vidisti, hoc significat, quod tu cum magno exercitu ad expugnandam gentem paganorum perfidam, et liberandum iter meum et tellurem, et ad visitandam basilicam et sarcofagum meum, ab his horis usque ad Galleciam iturus es, et post te omnes populi a mari usque ad mare peregrinantes, veniam delictorum suorum a Domino impetrantes, illuc ituri sunt, narrantes laudes Domini et virtutes eius, et mirabilia eius que fecit. Liber (wie Anm.-25), S.-201. y estando allí otros tantos, haciendo lo que a buenos y católicos cristianos debían, con el mismo espacio volvieron a su camino, y sin sucederles revés ni desmán alguno llegaron a Santiago. Y, después de cumplir su voto, con la mayor devoción que pudieron, no quisieron dejar el hábito de peregrinos hasta entrar en sus casas, a las cuales llegaron poco a poco, descansados y contentos 85 . Der vom Unglück verfolgte junge Protagonist in Tristan L’Hermites burleskem Memoirenroman Le Page disgracié (1643) fasst, als er eines Nachts auf dem Weg nach Orléans die Milchstraße - den ‚Sternenweg‘ 86 - am Himmel erblickt, übereilt den Entschluss, nach Compostela zu ziehen. Jedoch bricht er seine Pilgerschaft vorzeitig ab, weil ihm bereits nach wenigen Meilen das Geld ausgeht (woraufhin er eine Anstellung als Sekretär in Poitiers annimmt): 38 1 Einleitung <?page no="39"?> 87 Tristan L’Hermite, Le Page disgracié, hg. von Jacques P R É V O T , Paris 1994, S.-187f. 88 Vgl. Ann N I C K E R S O N H U G H E S , Religious Imagery in the Theater of Tirso de Molina, Macon 1984, S. 120-124. - Zur Autorschaft vgl. Maria Francesca P A T A N O , La romera de Santiago: una comedia en busca de autor, in: Aun a pesar de las tinieblas bella / aun a pesar de las estrellas clara. Pur nelle tenebre, bella / chiara, pur tra le stelle. Scritti in ricordo di Ines Ravasini, hg. von Davide C A N F O R A / Nancy D E B E N E D E T T O / Paola L A S K A R I S , Bari 2023, S. 461-476. - Im Europa des 15. und 16. Jahrhunderts wurden die Legenden und Wunder des hl. Jakobus in vielen Städten auch in Theaterstücken behandelt, die von den lokalen Jakobsbruderschaften organisiert wurden. In Gemeindearchiven vor allem in Frankreich sind solche Aufführungen zahlreich belegt. Allerdings sind nur zwei handschriftliche Textzeugnisse des 15. Jahrhunderts fragmentarisch erhalten, die Par hasard, ce fut sur le chemin d’Orléans que me fit aller ce transport ; et comme je tournais les yeux vers le Ciel lorsque la nuit fut venue, pour lui demander raison de tant de disgrâces ou pour le supplier de les adoucir, j’y vis paraître cette vaste blancheur qui procède d’une nombreuse confusion de petites étoiles, et qu’on nomme la voie de lait. Je pris cet objet à bon augure ; je me ressouvins qu’on appelait aussi cela le chemin d’un saint, et je me proposai de me conduire jusqu’en ce petit royaume où son corps glorieux est honoré. Je fis ainsi deux ou trois journées, sans parler à personnes qu’aux hôtes chez qui je logeais. Tandis que j’eus un peu d’argent, j’allai toujours en relai, mais quand je m’aperçus que j’étais fort près de ce qui me restait, je me mis à pied, et ce ne fut qu’à cinq ou six lieues de cette célèbre ville qui fut autrefois fondée par ces Danois qu’on surnomma Pictes à cause de la couleur dont ils se peignaient le corps. Quelque temps après que je fus réduit en cet état, je fus atteint par un messager qui prit compassion de ma misère, me voyant fait de sorte que je méritais bien d’aller plus commodément ; il me fit monter sur un de ses chevaux qui allait en main, et, m’ayant demandé quel était mon dessein, me promit de m’assister de sa faveur pour me faire entrer en quelque honnête condition dans cette grande cité que nous voyions déjà d’assez près. Je le remerciai de cette courtoisie et trouvai depuis que les plus petits amis sont parfois beaucoup utiles. Il me donna la connaissance d’une fille qui gouvernait tout dans une grande maison, et cette personne-là, qui avait des amourettes et qui ne savait pas écrire, fut ravie d’avoir un secrétaire fait comme moi, qui ne connaissais personne du pays et qui n’aurais aucune raison d’éventer ce secret mystère 87 . Zuletzt sei noch ein Beispiel aus der Gattung Drama herangezogen: In der wechselnd Tirso de Molina oder Luis Vélez de Guevara zugeschriebenen Komö‐ die La romera de Santiago (erstmals gedruckt 1751 mit Zuschreibung an Luis Vélez de Guevara) fungiert die Pilgerfahrt letztlich nur als Prätext, um das - unerhörterweise von keinem männlichen Vormund begleitete - Unterwegssein der Protagonistin Doña Sol, einer jungen, sehr ehrbewussten Adelstochter, zu plausibilisieren 88 . Compostela wird auch in diesem Werk, nach Vázquez de 1.2 Textkorpus 39 <?page no="40"?> jeweils vom berühmten Galgen- und Hühnerwunder handeln: Le Miracle des trois pèlerins de Saint Jacques und Ludus Sancti Jacobi (dieses auf Provenzalisch). Editionen: Le Miracle des trois pèlerins de Saint Jacques: Une pièce de théâtre médiévale sauvée de la destruction, hg. von Gilbert O U Y , in: Pluteus 2 (1984), S. 93-139; Ludus Sancti Jacobi. Fragment de mystère provençal, hg. von Camille A R N A U D , Marseille 1858. Vgl. Nadine H E N R A R D , Le théâtre religieux médiéval en langue d’oc, Genf 1998, S. 328-341; Ignacio I ÑA R R E A L A S H E R A S , El Milagro del gallo y la gallina en las literaturas francesa y francófona de inspiración jacobea, Logroño 2004, S. 23-85; D E R S ., Temática (wie Anm.-74), S.-80. 89 V Á Z Q U E Z D E P A R G A et-al., Peregrinaciones 1 (wie Anm.-15), S.-532. 90 Vgl. Tirso de Molina, La romera de Santiago, in: ders., Obras dramáticas completas 2, hg. von Blanca de los R Í O S , Madrid 1952, S.-1237-1279, hier jornada I, V. 909-1075. 91 Vgl. Molina, La romera (wie Anm.-90), jornada I, V. 909-1075; jornada II, V. 92-266. Parga et al. „la única obra dramática de nuestro Siglo de Oro directamente relacionada con la peregrinación compostelana“ 89 , gar nicht erst zum Schauplatz der Handlung, weil sich die schöne Pilgerin bei ihrem ersten Auftritt bereits auf dem Heimweg nach Burgos befindet 90 . Irgendwo zwischen den Flüssen Miño und Sil begegnet sie dem in diplomatischer Mission nach England reisenden Grafen Lisuardo, der augenblicklich in rasender Liebe zu ihr entflammt und nach ersten, erfolglosen Avancen schließlich gewaltsam über sie herfällt, woraufhin sie sich als entehrt, deshonrada, ansieht 91 . In der Folge begibt sie sich nach León, um von König Ordoño II. (die Handlung spielt mithin zwischen den Jahren 914 und 924) die Restitution ihrer honra zu erflehen: Escúchame atentamente, Rey Ordoño de León, a quien llama el Justiciero el hemisferio español. […] Yo soy, aunque no quisiera después que sin honra estoy, de Don Manrique de Lara, su heredera Doña Sol. […] Daba la vuelta a Castilla dando al Cielo que me dió lugar para visitar del Apóstol español el sepulcro, inmensas gracias, con la autoridad y honor de criados, que importaba 40 1 Einleitung <?page no="41"?> 92 Molina, La romera (wie Anm.-90), jornada II, V. 567-671. a mi persona, aunque voy a pie, y limosna pidiendo, con esclavina y bordón, cuando, entre el Miño y el Sil, encontré al ponerse el sol del Conde Don Lisuardo un cortesano escuadrón, que para tratar tus bodas iba por Embajador a Inglaterra. Llegamos otra compañera y yo, doncella mía, a pedille limosna, que ambas a dos íbamos del mismo modo vestidas, con el valor, devoción y honestidad que pedía el ser quien soy, mi estado, mi pensamiento y la peregrinación. […] Al fin, el Conde, resuelto con las alas del furor, libre como el apetito y ciegos ambos a dos, si mudos para el agravio, sordos para la razón, sin discursos, sin memoria de que hay justicia, trazó la más fiera alevosía que usó humano corazón; que gustos desordenados de poderoso ofensor, atropellando a su dueño, corren a la posesión. Al fin, el Conde, aquí tiemblo, aquí me falta la voz, aquí el aliento me falta… 92 1.2 Textkorpus 41 <?page no="42"?> 93 Zur Übersicht über das Korpus der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Spa‐ nien-Reiseberichte vgl. Raymond F O U L C H É -D E L B O S C , Bibliographie des voyages en Espagne et en Portugal, Paris 1896; José G A R C Í A M E R C A D A L (Hg.), España vista por los extranjeros, 3 Bde., Madrid 1920; D E R S . (Hg.), Viajes de extranjeros por España y Portugal. Desde los tiempos más remotos hasta fines del siglo XVI, 3 Bde., Madrid 1952; Arturo F A R I N E L L I (Hg.), Viajes por España y Portugal. Desde la Edad Media hasta el siglo XX. Nuevas y antiguas divagaciones bibliográficas, 4 Bde., Rom 1942 (Bd. 1 und 2)/ Florenz 1944 (Bd. 3)/ Rom 1979 (Bd. 4); Gustavo A. G A R R I D O (Hg.), Aventureiros e curiosos. Relatos de viaxeiros estranxeiros por Galicia. Séculos XV-XX, Vigo 1994. - Speziell zum Korpus der Santiago-Pilgerberichte vgl. Ilja M I E C K , Les témoignages oculaires du pèlerinage à Saint-Jacques de Compostelle. Étude bibliographique (du XII e au XVIII e siècle), in: Compostellanum 22 (1977), S. 201-232; Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N (Hg.), I testi italiani del viaggio e pellegrinaggio a Santiago de Compostela e Diorama sulla Galizia, Perugia 1983; D E R S ., La littérature de voyage et de pèlerinage à Compostelle, in: Santiago de Compostela, 1000 ans de pèlerinage européen, Gent 1985, S. 173-181; Ursula G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer. Berichte europäischer Jerusalem- und Santiago-Pilger (1320-1520), Tübingen 1990, insb. S.-415-420. Die ausgewählten Beispiele aus den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen romanischen Literaturen, die sich noch unschwer mehren ließen, führen vor Augen, dass die Apostelstadt selbst in Werken, die ausdrücklich auf sie referie‐ ren, ja teils ihren Namen sogar im Titel tragen, nur selten als Schauplatz der jeweiligen Handlung fungiert, geschweige denn zu eingehender Darstellung gelangt. Eine einzige Gattung nur nimmt sich von dieser Regel aus und vermag im Rahmen der vorliegenden Arbeit die konstatierte Quellenlücke zu füllen: Reiseberichte. Unter den Hunderttausenden Gläubigen aus ganz Europa, die in Mittelalter und Früher Neuzeit zum Grabesort des Apostels Jakobus pilgerten, befanden sich einige Schreibkundige, die ihre Reiseerfahrungen anschließend oder bereits in itinere zu Papier brachten. In alten Handschriften, seltener in Druckausgaben hat sich eine kleine Anzahl so entstandener Berichte bis heute erhalten 93 . Und obwohl sie das quantitative Hauptgewicht - wie sich im Fortgang wieder und wieder zeigen wird - stets auf die Monate, mitunter sogar Jahre dauernde Reise legen, widmen sie dem zumeist nur kurzen Aufenthalt in Compostela gewöhnlich doch mindestens einige Zeilen, in späterer Zeit vielfach auch detaillierte Ausführungen. Es sind dies - neben wenigen anderen - die einzigen aus Mittelalter und Früher Neuzeit überkommenen Beschreibungen der Stadt; sie gilt es in dieser Arbeit zu untersuchen. Soweit ihre Berichte ersehen lassen, verfolgten die schreibenden Jakobspilger typischerweise eine doppelte Absicht: einerseits ihre fromme Reise für sich und andere - oft nur für Familie und Freunde - festzuhalten und nachlesbar zu machen (Berichtsfunktion), wobei teils sicher auch Selbstdarstellungsmotive eine Rolle spielten, andererseits zugleich eine praktisch brauchbare Anleitung 42 1 Einleitung <?page no="43"?> 94 Vgl. H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 41f.; Robert P L Ö T Z , Santiago de Compostela en la literatura odepórica, in: Santiago de Compostela: Ciudad y Peregrino. Actas del V Congreso Internacional de Estudios Xacobeos, Santiago de Compostela 2000, S.-33-99, hier S.-40. 95 Vgl. Jean R I C H A R D , Les récits de voyages et de pèlerinages, Turnhout 1981, S. 19. - Richard unternimmt den Versuch, eine umfassende Reiseberichttypologie aufzustellen; dabei arbeitet er insbesondere die funktionalen Unterscheidungskriterien zwischen Reisebericht und -führer heraus, weist zugleich jedoch darauf hin, dass eine letztgültige Unterscheidung gerade in der Vormoderne vielfach kaum möglich ist. 96 Vgl. R I C H A R D , Les récits (wie Anm. 95), S. 23: „Ce qui distingue désormais le récit de pèlerinage du guide, même si leur but est analogue, c’est que le narrateur entend faire connaître sa propre peregrinatio.“ Vgl. auch G A N Z -B L Ä T T E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm.-93), S.-41. 97 R I C H A R D , Les récits (wie Anm.-95), S.-19. 98 Siehe Anm.-344. 99 So etwa in Kapitel 6 über die guten und todbringenden Gewässer Spaniens, wo der anonyme Verfasser davon berichtet, wie ihm in der Nähe der Ortschaft Lorca zwei Navarresen übel mitspielten. Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-237. für zukünftige Jakobspilger zu hinterlassen (Führerfunktion) 94 . Unterscheiden sich Berichte und Führer/ Guiden auch grundsätzlich in Zweck und Rezeptions‐ weise, so lassen sie sich gerade in der mittelalterlichen bis frühneuzeitlichen Literatur doch vielfach nicht säuberlich auseinanderhalten; die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen sind oftmals nur gradueller Natur. 95 Auch das stilistische Kriterium der Autorpräsenz - idealtypisch tritt der Autor in einem Reiseführer hinter den von ihm verfassten Text zurück, wogegen er sich in einem Reisebericht als erlebendes und handelndes Individuum geriert - hilft nicht immer weiter 96 . Dieses grundlegende Abgrenzungsproblem ist hinlänglich bekannt: „Les deux genres restent très voisins. […] Il est évidemment difficile de dire si un tel texte est, dans l’intention de son auteur, un guide à l’usage des pèlerins ou un récit de pèlerinage“, schreibt bereits Jean Richard in seinem vielzitierten Standardwerk zur Reiseliteratur 97 . In der großen Mehrzahl der hier zu untersuchenden Texte ist tatsächlich beides, sowohl eine Berichtsals auch eine Führerfunktion, in jeweils un‐ terschiedlich starker Ausprägung präsent: Das Spektrum reicht von einem Pilgerführer des Hohen Mittelalters, der zwar wahrscheinlich auf einer Reise seines anonymen, wohl poitevinischen 98 Autors beruht, der auch punktuelle Elemente eines persönlichen Berichts aufweist 99 , der im Wesentlichen aber eine praktische Reiseanleitung bieten will, über einen Bartolomeo Fontana und einen Domenico Laffi etwa, die jeweils von eigenen Reiseerlebnissen handeln, dies aber gleichfalls in der expliziten Absicht, andere, ihnen nachfolgende Jakobspilger bestmöglich zu instruieren, bis hin zu einem Antoine de Lalaing, einem Lorenzo Magalotti oder einem Filippo Corsini, deren Aufzeichnungen 1.2 Textkorpus 43 <?page no="44"?> 100 Vgl. Peter J. B R E N N E R (Hg.), Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur, Frankfurt a. M. 1989; Xenja von E R T Z D O R F F / Dieter N E U K I R C H (Hg.), Reisen und Reiseliteratur im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, Amsterdam/ Atlanta 1992, darin insb.: Ernst B R E M E R , Spätmittelalterliche Reiseliteratur - ein Genre? Über‐ lieferungssymbiosen und Gattungstypologie, S.-329-355. 101 Vgl. Jörg S C H U S T E R , Reisebericht, in: Metzler Lexikon Literatur ( 3 2007), S. 640f., hier S.-640. 102 Zu diesem teils lustvoll-spielerischen, teils traditionsbzw. autoritätsbedingten Ver‐ fließen von Fakt und Fiktion speziell in rinascimentalen Texten, literarischen wie nicht-literarischen, vgl. Ulrike S C H N E I D E R / Anita T R A N I N G E R (Hg.), Fiktionen des Fakti‐ schen in der Renaissance, Stuttgart 2010, darin insb.: D I E S ., Fiktionen des Faktischen: Zur Einführung, S.-7-21. 103 Vgl. G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm. 93), S. 27; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-43-45; S C H U S T E R , Reisebericht (wie Anm.-101), S.-640. jede Führerfunktion vermissen lassen, weil sie sie entweder - dies gilt für die ersteren beiden - zur historiographischen Dokumentierung und Glorifizierung einer Herrscherreise oder aber - so der letztere - vor allem zum privaten Eigengebrauch erstellten. Ob und inwiefern Reiseberichte überhaupt als eigene Gattung mit festen Merkmalen erfasst werden können, ist von der Forschung wiederholt diskutiert worden; endgültige, erschöpfende Definitionen sind daraus nicht resultiert, vielmehr Annäherungen an das Typische und Herkömmliche dieser Texte. 100 Ein zentraler Streitpunkt dabei war immer wieder der ontologische Status des Berichteten: In Abgrenzung zu Reiseromanen und Reiseerzählungen sind Reiseberichte gemeinhin nicht-fiktional oder, präziser, durch einen impliziten Faktualitätsanspruch gekennzeichnet 101 . Insofern sie oft Anteil an herrschenden Wissensdiskursen haben, ist ihre Einordnung in die Fach- und Sachliteratur nicht unüblich. Zugleich jedoch zählen sie gerade in der Frühen Neuzeit zu jenen epochentypisch hybriden, fluktuierenden Genres, in denen Wirkung und persuasiver Kraft der Aussage oftmals Vorrang vor faktischer Zuverlässigkeit eingeräumt ist - Ulrike Schneider und Anita Traninger sprechen treffend von ‚Fiktionen des Faktischen‘ - und die Grenze zwischen ficta und facta, zwischen Dichtung und Wahrheit mithin fließend bleibt 102 . Von der geschichts‐ wissenschaftlichen Forschung wurde ihre seriöse Auswertbarkeit als ‚Quelle‘ daher lange Zeit in Frage gestellt, wenn nicht sogar negiert 103 . Auch unter den hier zu analysierenden Schriften finden sich manche, die es mit der Wahrheit nicht allzu genau nehmen, so beispielsweise der Itinerario des erwähnten Bartolomeo Fontana, der, wie man erst in den 1990er Jahren erkannte, drei verschiedene, zwischen 1539 und 1544 nacheinander unternommene Reisen zu einer einzigen zu amalgamieren scheint 104 . In vielen anderen Fällen kommt der (allerdings schwer zu beweisende) Verdacht auf, dass der Autor seine Reise wohl 44 1 Einleitung <?page no="45"?> 104 Vgl. Robert C. M E L Z I , Due viaggiatori veneziani attraverso l’Europa del Cinquecento, in: Bartolomeo Fontana, Itinerari (ms. ital. 226 Univ. of Pennsylvania), hg. von Robert C. M E L Z I , Genf 1995, S. XV-XCIV, hier S. XLIII-XLIX. 105 Vgl. S C H U S T E R , Reisebericht (wie Anm.-101), S.-640. 106 „Vom prominenten (und demzufolge oft zitierten) Meisterwerk der frühen Reiseliteratur bis hin zur beiläufigen Reisenotiz in einem Geschäfts- oder Haushaltsbuch kann in dieser Auswahl theoretisch alles vertreten sein“, so G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm.-93), S.-41f., über ihre Quellengrundlage. 107 Zu der Einsicht, dass sich zwischen Historiographie, Stadtlob, Reisebericht, Reiseführer und Reisepoesie keine scharfen Grenzen ziehen lassen, kommt für die (deutsche) Lite‐ ratur der Frühen Neuzeit auch Alfred N O E , Der Einfluss des italienischen Humanismus auf die deutsche Literatur um 1600. Ergebnisse jüngerer Forschung und ihre Perspek‐ tiven, Tübingen 1993, S. 277. Ähnlich: Carla M E Y E R , Die Stadt als Thema. Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500, Ostfildern 2009, S. 34f.; Marina S T A L L J O H A N N -S C H E M M E , Stadt und Stadtbild in der Frühen Neuzeit. Frankfurt am Main als kulturelles Zentrum im publizistischen Diskurs, Berlin/ Boston 2017, S.-21, 55. aufregender zu machen sucht, als sie tatsächlich war; exemplarisch sei hier das umfangreiche Pilgertagebuch des Nicola Albani (Kapitel 8.3) herausgehoben, das, versehen ironischerweise mit dem Titel Veridica Historia, den spannendsten Schelmen- und Abenteuerromanen in nichts nachsteht. Reiseberichte sind primär durch ihren Inhalt bestimmt: Sie referieren stets auf das vorgängige, extratextuelle Erlebnis einer Reise - oder geben dies wenigstens vor - und besitzen demgemäß eine starke Verankerung in der realen Geogra‐ phie. Momente wie Aufbruch und Heimkehr, die einzelnen Stationen des Weges und die Ankunft am Zielort verleihen ihnen eine feste, erwartbare Struktur. For‐ mal dagegen ist die Gattung nicht festgelegt: Reiseberichte können - wie man gängigen Fachlexika entnimmt - etwa als Itinerar, Tagebuch, Chronik, Gedicht, Brief bzw. Briefsammlung oder Teil einer Autobiographie verfasst sein 105 ; in der Tat lassen sich, wie ich unten zeigen werde, für alle diese Erscheinungsformen jeweils entsprechende Belege aus dem hier zu untersuchenden Korpus anführen. Eine weiter gefasste Gattungsdefinition, von der manche Historiker ausgehen, könnte überdies völlig ‚unliterarische‘ Schriftquellen wie Ausgabenregister oder beiläufige Reisenotizen in Kaufmannsbüchern einschließen 106 . Solche trockenen Gebrauchstexte erscheinen für die hier anvisierte Untersuchung jedoch kaum geeignet, da sie gewöhnlich keine näheren Ortsbeschreibungen enthalten; eine Ausnahme bilden allenfalls die Aufzeichnungen des Jacopo Ciuti, des spenditore, also Einkäufers und Schatzmeisters von Cosimo III. de’ Medici, die wenigstens am Rande beigezogen werden sollen. Charakteristisch für Reiseberichte sind außerdem punktuelle Anleihen bei anderen Gattungen, bei der Apodemik, der Chronistik, der Landes- und Stadtbeschreibung, dem Herrscherlob etc., Gattun‐ gen, die zum Teil ihrerseits wiederum ineinander verfließen 107 . Im Ganzen lässt 1.2 Textkorpus 45 <?page no="46"?> 108 Enrico M E N E S T Ò , Relazioni di viaggi e di ambasciatori, in: Lo spazio letterario del Me‐ dioevo 1/ 2, hg. von D E M S ./ Guglielmo C A V A L L O / Claudio L E O N A R D I , Rom 1998, S. 535-600, hier S.-536f. 109 Vgl. z. B. Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Relazioni italiane di pellegrinaggio a Compostella del Quattrocento, in: Actas del I Congreso Internacional de la Asociación Hispánica de Literatura Medieval. Santiago de Compostela, 2 al 6 de diciembre de 1985, hg. von Vicente B E L T R Á N P E P IÓ , Santiago de Compostela 1988, S. 235-246, hier S. 235f.; Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago e i Cammini della Memoria, Perugia 2006, S.-15f. 110 Vgl. H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 24; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 25f.; Adeline R U C Q U O I , Préface, in: Le voyage à Compostelle du X e au XX e siècle, hg. von D E R S ./ Françoise M I C H A U D -F R É J A V I L L E / Philippe P I C O N E , Paris 2018, S.-7-23, hier S.-11. 111 Vgl. Da Veniexia per andar a meser San Zacomo de Galizia per la via da Chioza, hg. von Angela M A R I U T T I D E S Á N C H E Z R I V E R O , in: Príncipe de Viana 28 (1967), S. 441-514, hier S. 477-480. - Für die Galloromania kann ab dem Ende des 14. Jahrhunderts auf einige recht spärliche Santiago-Itinerare in Bruderschaftsbüchern verwiesen werden. Vgl. z. B. I ÑA R R E A L A S H E R A S , Étude des itinéraires (wie Anm. 73), S. 29-31. Davon abgesehen scheint das älteste französische Zeugnis aber der Voiatge à St Jaques en Compostelle et sich mit Enrico Menestò festhalten, dass es sich beim Reisebericht um „un genere multiforme“ handelt, „in cui confluiranno via via una serie di testi diversi tra loro, ma tutti legati all’esperienza del viaggiare“ 108 . Eine (letztlich willkürliche) Festlegung auf spezifische Erscheinungsformen ist im Rahmen der vorliegenden Studie weder notwendig noch hilfreich. Zuweilen ist versucht worden, das Korpus der Santiago-Berichte als eigene Gattung bzw. Untergattung der Reiseliteratur zu etablieren, so insbesondere von Paolo Caucci von Saucken, der in verschiedenen Publikationen immer wieder fünf konstitutive Merkmale dieser letteratura odeporica compostellana identifi‐ ziert: (1.) die Beschreibung einer oder mehrerer Routen nach Compostela; (2.) die Aufzeichnung der Tagesetappen und Unterkünfte (unter besonderer Berück‐ sichtigung des Hospizwesens); (3.) die Angabe der loca sancta, die es unterwegs zu besuchen gilt; (4.) die Beschreibung von Compostela und seiner Kathedrale; (5.) ggf. persönliche Eindrücke und Erlebnisse 109 . In der Tat finden sich diese fünf Merkmale in sämtlichen hier zu untersuchenden Zeugnissen wieder, wobei ihnen im Einzelfall je nach Epoche und je nach Bildung und Idiosynkrasien des Autors freilich ein höheres oder geringeres Gewicht zukommt. Die ältesten Berichte über Pilgerreisen zum Grab des Apostels Jakobus werden auf das 14. Jahrhundert datiert 110 . Speziell für die Romania kann aller‐ dings nur auf ein einziges Zeugnis dieser Frühzeit, nämlich auf den anonymen Itinerario Marciano oder auch - nach dem Incipit - Da Veniexia per andar a meser San Zacomo de Galizia per la via da Chioza aus dem venetischen Raum hingewiesen werden, der, obgleich nur in einer um 1400 verfertigten Kopie erhalten, wahrscheinlich bereits zu Anfang des Trecento abgefasst wurde 111 . 46 1 Einleitung <?page no="47"?> à Nostre Dame de Finibus Terre des Nompar II. de Caumont (Kapitel 3.2) zu sein, der im Heiligen Jahr 1417 nach Compostela pilgerte. 112 Vgl. Verena T Ü R C K , Christliche Pilgerfahrten nach Jerusalem im früheren Mittelalter im Spiegel der Pilgerberichte, Wiesbaden 2011. - Einfache Streckenaufzeichnungen von Jerusalempilgern sind sogar noch aus der Spätantike erhalten, so beispielsweise diejenigen der wahrscheinlich aus Südgallien stammenden Nonne Egeria, die in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts zu den loca sancta des Heiligen Landes pilgerte. Text: Itinerarium seu Peregrinatio ad loca sancta, in: Corpus Christianorum. Series Latina 175, Turnhout 1965, S. 37-90. Vgl. Franco C A R D I N I , La Gerusalemme di Egeria e il pellegrinaggio dei cristiani d’occidente in Terra Santa fra IV e V secolo, in: Atti del Convegno Internazionale sulla «Peregrinatio Egeriae» (Arezzo, 23-25 ottobre 1987), Arezzo 1990, S. 333-341; Hagith S I V A N , Who was Egeria? Piety and Pilgrimage in the Age of Gratian, in: Harvard Theological Review 81/ 1 (1988), S.-59-72. 113 G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm.-93), S.-40f. 114 Eben darin liegen aber wohl auch die Gründe für die ungleichen Überlieferungszahlen: Die Heiliglandfahrt war wegen der Schiffspassage (typischerweise von Venedig aus) mit hohen Kosten verbunden und genoss ein höheres Ansehen als die ‚Massenwallfahrt‘ nach Compostela, insbesondere in Adelskreisen (im Späten Mittelalter ließen sich viele Adlige in der Grabeskirche zum Ritter schlagen). Mithin wurde sie allen voran von betuchten, höhergestellten Personen absolviert, die gewöhnlich des Schreibens kundig und daran interessiert waren, ihre als besonders prestigiös angesehene Reise durch schriftliche Aufzeichnungen festzuhalten. - Zum Korpus der Jerusalem-Pilgerberichte vgl. Christiane H I P P L E R , Die Reise nach Jerusalem. Untersuchungen zu den Quellen, zum Inhalt und zur literarischen Struktur der Pilgerberichte des Spätmittelalters, Frankfurt a.-M. 1987; G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm.-93). Verglichen mit den überlieferten Rom- und Jerusalempilgerberichten, von denen nicht wenige sogar auf das Frühe Mittelalter zurückgehen 112 , scheint es sich bei den Compostelapilgerberichten demnach um ein erst relativ spät auftretendes Phänomen zu handeln. Im Laufe des 15. Jahrhunderts nimmt ihre Überliefe‐ rungsdichte in der Romania ebenso wie in anderen europäischen Kulturräumen zwar deutlich zu, bleibt jedoch stets hinter der der beiden Parallelkorpora weit zurück. So kommt Ursula Ganz-Blättler, die in ihrer Dissertation die deutsche, englische, französische und italienische Pilgerberichtliteratur zwischen 1320 und 1520 nicht nur inhaltlich, sondern auch quantitativ ausgewertet hat, zu dem Befund, „daß einer verhältnismässig überschaubaren Anzahl von 38 Santiagotexten im selben Zeitraum die siebenfache Menge von Jerusalemtexten [um genau zu sein: 262] gegenübersteht“ 113 . Dies mag verwundern angesichts der nachweislichen Popularität der Santiago-Pilgerfahrt, die im Späten Mittelalter und in der beginnenden Frühneuzeit, nicht zuletzt weil sie mit geringeren Kosten verbunden war, deutlich mehr Pilger mobilisieren konnte als die wohl‐ habenden Gesellschaftsschichten vorbehaltene Jerusalem-Pilgerfahrt 114 . Bei den frühesten romanischen Berichten über Pilgerreisen nach Santiago de Compostela handelt es sich im Wesentlichen noch um wortkarge Itinerare, 1.2 Textkorpus 47 <?page no="48"?> 115 Zur Terminologie und zu wichtigen Itineraren des Frühen und Hohen Mittelalters vgl. Alfred H E I T , Itinerar, in: Lexikon des Mittelalters 5 (1991), Sp. 772-775. 116 Die Jahreszahlen, die ich hier und auch im Fortgang der Arbeit zu den verschiedenen Autoren angebe, beziehen sich in aller Regel auf den Zeitpunkt ihres Aufenthalts in Compostela und nicht etwa auf ihre Lebensdaten oder auf den Entstehungszeitpunkt des entsprechenden Textes, der sich in vielen Fällen nicht exakt bestimmen lässt. 117 Vgl. Nompar II. de Caumont, Voyaige d’Oultremer en Jhérusalem par le Seigneur de Caumont l’an M CCCC XVIII, publié pour la première fois d’après le manuscrit du Musée britannique, hg. von Édouard L E L I È V R E D E L A G R A N G E , Paris 1858, Heiliglandreise: S.-1-139, Compostelareise: S.-141-150. 118 Vgl. P É R I C A R D -M É A , Compostelle (wie Anm.-39), S.-354-356. zweckmäßige Wegstreckenschilderungen, die nahezu tabellarisch kaum mehr als die bereisten Stationen nebst den dazwischenliegenden Distanzen - also Ortsnamen und Meilenangaben - verzeichnen und nur sporadisch praktische Hinweise einstreuen, etwa zur Beherbergungsinfrastruktur (kirchliche Hospi‐ täler, aber auch kommerzielle Herbergen, Wirtshäuser etc.), zu unbedenkli‐ chen Trinkwasserstellen, zu Brücken und Fährübergängen, zu Münzsorten und Geldwechselverhältnissen, zu besonders riskanten oder beschwerlichen Wegstücken 115 . Auch darin, in ihrer sonderbaren Kürze und lakonischen Sprö‐ digkeit, unterscheiden sie sich von zeitgleichen Rom- und Jerusalem-Berichten, die im Gegenteil vielfach überraschend eloquent, ausführlich und detailreich gestaltet sind; in der vorliegenden Arbeit wird dieser Kontrast mit besonderer Deutlichkeit bei denjenigen Pilger-Autoren hervortreten, die Berichte über zwei oder drei verschiedene von ihnen unternommene peregrinationes maiores verfasst und in ein und demselben Dokument zusammengefügt haben, so wie etwa der gascognische Landedelmann Nompar II. de Caumont (1417) 116 : Im von ihm überkommenen Sammelkodex steht einem lebendigen, mehr als hundert Blätter füllenden Voyaige d’Oultremer en Jhérusalem, obendrein platziert an herausgehobener erster Stelle, ein äußerst knapper, itinerarartiger, nur stellen‐ weise ausformulierter Voiatge à St Jaques en Compostelle et à Nostre Dame de Finibus Terre im angehängten Schlussteil gegenüber 117 . Im 16. Jahrhundert schlagen sich die Reformationsbewegung und die zuneh‐ mende Verbreitung der innerlichkeitsbetonten devotio moderna in Nordeuropa, inspiriert durch die vielgelesene Erbauungsschrift De imitatione Christi (1418) des Thomas a Kempis, in einem massiven Rückgang der überlieferten deutschen, flämischen und englischen Pilgerberichte nieder 118 . Dagegen lässt sich für die hier interessierenden französischen und vor allem italienischen Zeugnisse eher die entgegengesetzte Tendenz beobachten: Ihre Überlieferungsdichte erreicht in dieser Epoche einen Höhepunkt; vielleicht ist darin gar eine indirekte Reaktion auf die laufende religiöse Umwälzung zu erkennen, ein gesteigerter 48 1 Einleitung <?page no="49"?> 119 Vgl. Dianella G A M B I N I , Viaggio di San Iacopo di Galitia por Fray Christofaro Monte Maggio da Pesaro, in: Peregrino, ruta y meta en las peregrinationes maiores. VIII Congreso Internacional de Estudios Jacobeos, hg. von Rosa V Á Z Q U E Z , Santiago de Compostela 2012, S.-157-178, hier S.-165. 120 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 13-15. - Der erste romanische Santiago-Reisebericht in Tagebuchform stammt von Jean de Tournai (Kapitel 3.6), der 1488/ 89 nach Compostela pilgerte. - Die bewährten Itinerare sind vermutlich nicht zuletzt durch das Aufkommen kartographischer Reisehilfsmittel allmählich obsolet geworden. Vgl. P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm.-94), S.-36. 121 C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-9. Glaubenseifer angesichts der reformatorischen Bedrohung, zumal auffällt, dass Pilger-Autoren wie Bartolomeo Fontana (1539), Cristofaro Monte Maggio da Pesaro (1583) und Fabrizio Ballarini/ Silverio Rettabeni (1588) gerade diejenigen Elemente ihres Glaubens in besonderer Weise hervorheben und affirmieren, die von den Erneuerern in Frage gestellt wurden: etwa den Reliquienglauben, die Eucharistiefeier und die Anbetung der Jungfrau Maria 119 . Formal dominieren nunmehr elaboriertere und umfänglichere, mitunter fast geschwätzige Tagebü‐ cher, die im Unterschied zu den frühen Itineraren nicht nur den räumlichen, sondern auch den zeitlichen Ablauf der Reise (nach Tagesdaten gegliedert) erfassen, dem persönlichen Erleben und Handeln des Autors ein höheres Gewicht beimessen und weitaus detailliertere geographisch-topographische Be‐ schreibungen bieten 120 . Indes bleibt unter der ‚Textoberfläche‘ eine strukturelle Nähe zum altbewährten Itinerarmuster doch insofern bestehen, als auch die Tagebücher streng linear entlang der bereisten Stationen verfahren; diese bilden - mit den Worten Caucci von Sauckens - „il filo rosso intorno al quale si articola e svolge tutto il racconto“ 121 . Neben Itineraren und persönlichen Reisetagebüchern finden sich im hier zu untersuchenden Korpus noch andere Texttypen: zwei adlige Reisechroniken, die eine verfasst von Antoine de Lalaing (1502) für Philipp den Schönen, die andere von Lorenzo Magalotti (1669) für Cosimo III. de’ Medici, ferner das Itinerar-Ge‐ dicht eines gewissen Pfarrers Lorenzo (Mitte des 15. Jahrhunderts) und eine kleine Sammlung privater Briefe aus der Feder des Franziskanermönchs Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717), die, von verschiedenen Stationen in Italien, Spanien und Frankreich abgesendet, einen nahestehenden Freund in seiner Bologneser Heimat über den Reisehergang informierten. Eher am Rande soll schließlich der knappe Reisebericht beigezogen werden, der in den Memoiren des Jean Bonnecaze (1748) enthalten, also Teil einer großangelegten Autobio‐ graphie ist (s. u.). Diese Diversität textueller Erscheinungsformen, in denen sich Pilgerreisen nach Compostela dokumentiert finden, belegt und veranschaulicht, was ich oben ausgeführt habe: dass sich die Gattung Reisebericht eben nicht 1.2 Textkorpus 49 <?page no="50"?> 122 Vgl. Javier G Ó M E Z -M O N T E R O (Hg.), Der Jakobsweg und Santiago de Compostela in den Hansestädten und im Ostseeraum. Akten des Symposiums an der Universität Kiel (23.-25.4.2007), Kiel 2011, darin insb.: D E R S ., Zur Projektion der Stadt Santiago de Compostela und des Jakobsweges in den Hansestädten und im Ostseeraum, S. 9-17; Thomas R I I S , Skandinavische Wallfahrten nach Santiago de Compostela, S.-53-60. 123 Berühmt ist das Beispiel des armenischen Bischofs Martiros von Arzendjan, der von 1489 bis 1491 auf Pilgerschaft war. Vgl. H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S.-129-134. 124 Allgemein zur europaweiten Bedeutung und Projektion der Jakobuspilgerfahrt sei auf die folgenden drei Sammelbände verwiesen: Serafín M O R A L E J O Á L V A R E Z / Fernando L Ó P E Z A L S I N A (Hg.), Santiago, Camino de Europa. Culto y cultura en la peregrinación a Compostela, Santiago de Compostela 1993; Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N (Hg.), Santiago. L’Europa del pellegrinaggio, Mailand 1993; Giuseppe Arlotta (Hg.), De peregrinatione. Studi in onore di Paolo Caucci von Saucken, Perugia 2016. 125 Vgl. P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm.-94), insb. S.-41-43. 126 Vgl. R U C Q U O I , Préface (wie Anm. 110), S. 22. - Einige dürre portugiesische Santiago-Iti‐ nerare haben zusammengetragen: Carlos G I L / Jo-o R O D R I G U E S , Pelos Caminhos de Santiago. Itinerários portugueses para Compostela, Lissabon 1990. über feststehende Formmerkmale konstituiert, sondern vor allem über den inhaltlichen Bezug auf eine real unternommene Reise. Es sei betont, dass die vorliegende Arbeit (ihrem Titel gemäß) prinzipiell gesamtromanistisch ausgerichtet ist und ihr Korpus daher keine romanische Varietät ex ante ausschließt. Allerdings bringt es die Spezifik des Gegenstandes Compostela als weit ausstrahlenden Fernpilgerzieles, das einst wie heute in besonderem Maße auch Gläubige von jenseits der Pyrenäen - sogar aus dem Ostseeraum 122 und dem Vorderen Orient 123 - anzog, mit sich, dass die überwiegende Mehrzahl der hier zu untersuchenden Texte nicht etwa, wie man erwarten könnte, in spanischer oder portugiesischer, sondern in französischer und vor allem italienischer Sprache vorliegt 124 . Dies bestätigen auch andere Forschungsarbeiten, die eine ähnliche Richtung eingeschlagen haben, so etwa der umfangreiche und hier sehr einschlägige Aufsatz „Santiago de Compostela en la literatura odepórica“ von Robert Plötz, der neununddreißig Reiseberichte verschiedener Epoche und Provenienz untersucht, darunter deutsche, franzö‐ sische, englische, italienische, lateinische und polnische - aber nicht einen spanischen oder portugiesischen 125 . Freilich bedeutet dies nicht, dass ausgerech‐ net die Christen der Iberischen Halbinsel ‚ihren‘ Apostel nicht besucht hätten; sie scheinen ihre vergleichsweise kurzen und kalkulierbaren Pilgerreisen nur kaum durch schriftliche Aufzeichnungen dokumentiert zu haben 126 . Abseits der Berichtliteratur finden sich in der Frühen Neuzeit immerhin einige geogra‐ phisch-historische Galicien-Beschreibungen in spanischer Sprache, die auch Compostela - noch bis 1563 Hauptstadt des Landes - gebührend behandeln, so 50 1 Einleitung <?page no="51"?> 127 Vgl. Juan de Molina, Descripción del Reyno de Galicia, y de las cosas notables del, Mondoñedo 1551, insb. fol. III-XII. - Ein weiteres Werk dieser Art, das eine ausführliche Compostela-Beschreibung enthält, ist die handschriftlich überlieferte Historia General y Descripción del Reino de Galicia der Brüder Juan und Pedro Fernández de Boán aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, teilediert in: Miguel T A Í N G U Z M Á N , La ciudad de Santiago de Compostela según los hermanos Juan y Pedro Fernández de Boán (ca. 1633-1646), Santiago de Compostela 2019, S. 78-134. - Diese fast enzyklopädischen Texte bieten üblicherweise detailliertere Angaben als die hier zu untersuchenden Reiseberichte und lassen möglicherweise Rückschlüsse auf eine spezifisch spanische Sichtweise der Apostelstadt zu. Gleichzeitig aber sind sie sehr um Objektivität und Sachlichkeit in der Darstellung bemüht - ein erlebendes und handelndes Ich tritt in aller Regel nicht hervor (selbst wenn der Autor persönlich in Compostela gewesen sein sollte) -, was sie für eine Auswertung unter dem Aspekt der subjektiven Wahrnehmung eher unbrauchbar erscheinen lässt. 128 Siehe die umfangreiche Sammlung in H E R B E R S / P L ÖT Z , Nach Santiago (wie Anm. 6). Vgl. auch Volker H O N E M A N N , Santiago de Compostela in deutschen Pilgerberichten des 15. Jahrhunderts, in: Der Jakobuskult in »Kunst« und »Literatur«. Zeugnisse in Bild, Monument, Schrift und Ton, hg. von Klaus H E R B E R S / Robert P L Ö T Z , Tübingen 1998, S. 129-139, insb. S. 129: „Das 15. Jahrhundert war für die Wallfahrt nach Santiago de Compostela eine Blütezeit. Besonders groß scheint dabei die Zahl der Pilger und Reisenden gewesen zu sein, die aus den Ländern des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation ins ferne Nordwestspanien zogen - hin zum Grabe des Apostels, aber auch zum finis terre, dem Ende der Welt, zu der Region, wo Jakobus einst zuerst iberischen Boden betreten hatte.“ 129 Vgl. Le Guide du Pèlerin de Saint-Jacques de Compostelle. Texte latin du XII e siècle, hg. von Jeanne V I E L L I A R D , Paris 5 2004. Dies ist der mir vorliegende fünfte Nachdruck. Die Erstausgabe erschien 1938 bei Protat (Macon). etwa die Descripcion del Reyno de Galizia des Juan de Molina, das wohl früheste Beispiel dieser Art, gedruckt 1551 127 . Quellen aus anderen Sprach- und Kulturräumen - auch im deutschen Raum bzw. in den Grenzen des ehemaligen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ist bekanntlich eine signifikante Anzahl von Santiago-Reiseberichten überliefert 128 - sollen hier nicht systematisch ausgewertet, zuweilen aber, wo sinnvoll, zu punktuellen Vergleichen herangezogen werden. Einen Sonderfall in vielfacher Hinsicht stellt der berühmte Liber Sancti Jacobi dar, jene bereits erwähnte lateinische Textsammlung aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, die hier gleichwohl berücksichtigt werden soll, weil sie im fünften und letzten Teil - spätestens seit der Ausgabe Jeanne Vielliards 129 bekannt als ‚Pilgerführer‘ - die weitaus älteste und zugleich eine ungemein ausführliche descriptio urbis Sancti Jacobi enthält, weil es sich überhaupt um ein Schlüsselwerk von unschätzba‐ rer Bedeutung für die compostelanische Jakobusverehrung handelt und aus derselben Epoche kein vergleichbares Zeugnis, geschweige denn in romanischer Volkssprache, überliefert ist. Hingegen soll beispielsweise die ebenfalls auf 1.2 Textkorpus 51 <?page no="52"?> 130 Vgl. Claude de Bronseval, Viaje por España: 1532-1533 (Peregrinatio Hispanica), hg. von Francisco C A L E R O , Madrid 1991. 131 Pandolfo Nassino, Relazione di un pellegrinaggio bresciano verso S. Giacomo di Compostella nel 1523, hg. von Paolo G U E R R I N I , in: Miscellanea di studi storici in onore di Giovanni Sforza, Turin 1923, S. 601-617, hier S. 15. Vgl. Giuseppe M A N Z O N I D I C H I O S C A , La relazione di pellegrinaggio di Pandolfo Nassino (1523), in: Lungo le strade della fede. Pellegrini e pellegrinaggi nel Bresciano. Atti della giornata di studio (Brescia, 16 dicembre 2000), hg. von Gabriele A R C H E T T I , Brescia 2001, S. 259-264; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-47-51. 132 Vgl. Nassino, Relazione (wie Anm.-131), S.-604. Latein abgefasste Peregrinatio Hispanica des Zisterziensers Claude de Bronseval (1532) 130 zumindest nicht eingehender untersucht werden, zumal gerade in der Zeit des 16. Jahrhunderts die Anzahl der auf Französisch oder Italienisch vor‐ liegenden Berichte von Compostela-Reisenden mehr als hinreichend erscheint. Für die vorangehend umschriebene Gruppe der romanischen Berichte über Pilgerreisen zum Grabesort des hl. Jakobus - bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts - kann das Korpus der vorliegenden Arbeit als weitgehend exhaustiv betrachtet werden. Nur diejenigen unter ihnen, die keine näheren Angaben zu Compostela enthalten oder deren Autoren nicht selbst vor Ort waren und somit nicht aus ei‐ genem Erleben berichten (sondern allenfalls Beschreibungen aus anderer Feder wiedergeben), finden in aller Regel keine Berücksichtigung. Dies gilt bewusst nicht für die erwähnten frühesten Zeugnisse, den Itinerario Marciano (frühes 14. Jh.) und den Voiatge à S t Jaques en Compostelle et à Nostre Dame de Finibus Terre des Nompar II. de Caumont (1417), die zwar nichts weiter als den Namen der Stadt bzw. des Apostels Jakobus notieren, hier aber gleichwohl näher in den Blick genommen werden sollen, um den Anfängen des Genres gebührende Rechnung zu tragen. Ausgeschlossen bleibt hingegen das Tagebuch des Pandolfo Nassino (1523), das ein kurioses Beispiel für eine auf halbem Wege abgebrochene Pilgerfahrt nach Compostela bietet: Da man ihn in Toulouse davon überzeugen konnte, dass sich die Jakobusreliquien gar nicht in Compostela, sondern dort, in der Kathedrale St-Sernin, befänden: qui videssimo la Gesia de sancto Iacobo magiore et anchor la testa del preditto apostolo, secundo che loro dicono, und er zudem darüber in Kenntnis gesetzt wurde, dass auf den Pyrenäenpässen raubende und mordende Banditen ihr Unwesen trieben, verzichtete Nassino auf die Weiterreise und kehrte stattdessen vorzeitig in seine lombardische Heimat zurück 131 . Der Titel seines Berichts lautet entsprechend Viagio da Bressa a Sancto Iacobo in Tolosa per mi Pandolfo Nassino 132 . Getrost unberücksichtigt bleiben kann auch der poetisch elaborierte, durch‐ gehend in Terzinen abgefasste Reisebericht des Gaugello Gaugelli (1464), der eine authentische Flandern- und Frankreichreise mit einer höchst wahrschein‐ 52 1 Einleitung <?page no="53"?> 133 Es wird vermutet, dass Gaugelli seinen Compostela-Reisebericht entweder frei erfunden oder aber aus den Erzählungen eines echten Jakobspilgers, den er unterwegs kennen‐ gelernt hatte, übernommen, sich also ‚angeeignet‘ haben könnte. Vgl. Anna S U L A I C A P P O N I , Introduzione, in: Gaugello Gaugelli, Viagio de Sam Iacomo de Gallicia, hg. von Anna S U L A I C A P P O N I , Perugia/ Neapel 1991, S. 7-21, hier S. 14f.; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 42-46, insb. S. 45. - Allgemein zum Text vgl. auch Anna S U L A I C A P P O N I , Gaugello Gaugelli: l’insolito diario di un pellegrino del Quattrocento, in: Compostella. Rivista del Centro Italiano di Studi Compostellani 43 (2022), S.-32-39. 134 Vgl. Gaugello Gaugelli, Viagio de Sam Iacomo de Gallicia, hg. von Anna S U L A I C A P O N I , Perugia/ Neapel 1991, insb. S.-55-58. 135 Vgl. Gaugelli, Viagio de Sam Iacomo (wie Anm.-134), S.-52-55. 136 C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-25. 137 Marie-Catherine d’Aulnoy, Mémoires de la cour d’Espagne, 2 Bde., Paris 1690; dies., Relation du voyage d’Espagne, 3 Bde., Paris 1691. - Eine grundlegende Biographie der Marie-Catherine d’Aulnoy einschließlich einer Gesamtschau ihrer Werke legte vor: Raymond F O U L C H É -D E L B O S C , Madame d’Aulnoy et l’Espagne, in: Revue Hispanique 67 (1926), S.-1-152. 138 Vgl. F O U L C H É -D E L B O S C , Madame d’Aulnoy (wie Anm. 137), S. 48f., 56; Ignacio I ÑA R R E A L A S H E R A S , Le discrédit du pèlerin de Compostelle dans les récits français de voyages en Espagne des XVII e et XVIII e siècles, in: Cédille. Revista de Estudios Franceses 3 (2013), S.-127-142, hier S.-134-136. lich - darüber besteht in der Forschung weitgehender Konsens - fiktiven Com‐ postelareise verbindet 133 . Sind nämlich der Schiffspassage durch das Mittelmeer und entlang der europäischen Atlantikküste sowie insbesondere den Städten Brügge, Gent, Brüssel und Paris noch zahlreiche Verse gewidmet, so fällt der darauffolgende Viagio de Sam Iacomo de Gallicia äußerst knapp und ungenau aus und lässt vor allem Compostela vollkommen im Vagen 134 . Statt reisepraktischer und landeskundlicher Hinweise dominieren hier philosophische und theologi‐ sche ragionamenti, reich gespickt mit Referenzen auf die antike Wissensliteratur (von der Humorallehre des Corpus Hippocraticum über Titus Livius’ Ab urbe condita bis hin zu Plinius’ des Älteren Naturalis Historia) 135 . Immerhin ist dieser literarische Reisebericht „indice di un immaginario in cui Santiago e la Galizia costituivano un elemento evocatore e suggestivo che permetteva e giustificava l’unione di elementi diversi tenuti insieme dalla trama del pellegrinaggio“ 136 . Weniger von Erfindungsreichtum als von epochentypisch fehlendem Plagi‐ atsbewusstsein zeugen schließlich die Mémoires de la cour d’Espagne (1690) und die Relation du voyage d’Espagne (1691) der Marie-Catherine d’Aulnoy, die heute vor allem noch für ihre zahlreichen Feenmärchen bekannt ist 137 . Lange wurden diese beiden Reiseberichte als zuverlässige und authentische Quellen rezipiert, bis Raymond Foulché-Delbosc 1926 nachwies, dass ihr Inhalt in weiten Teilen aus diversen früheren Werken und der Gazette de France übernommen ist 138 . In der Relation, die in Form einer Briefsammlung eine von 1679 bis 1681 (wohl 1.2 Textkorpus 53 <?page no="54"?> 139 Vgl. Aulnoy, Relation 1 (wie Anm.-137), S.-228-232. 140 Aulnoy, Relation 1 (wie Anm. 137), S. 228. Vgl. Albert Jouvin de Rochefort, Le voyageur d’Europe, où sont les voyages de France, d’Italie et de Malthe, d’Espagne et de Portugal, des Pays Bas, d’Allemagne et de Pologne, d’Angleterre, de Danemark et de Suède 2, Paris 1672, S.-165-171. 141 Aulnoy, Relation 1 (wie Anm.-137), S.-230f. tatsächlich) unternommene Spanienreise beschreibt, findet sich - nämlich in der „Quatrième Lettre“, datiert auf den 5. März 1679 - auch ein Passus über Santiago de Compostela, das Madame d’Aulnoy zwar nicht selbst besucht haben will, von dem ihr aber ein gewisser, aus Galicien gebürtiger Edelmann namens Don Sancho Sarmiento erzählt haben soll 139 . In Wahrheit hat sie diesen Mitreisenden wohl frei erfunden und seine angebliche Antwort auf ihre Bitte, veuillez […] m’apprendre quelque chose de ce qu’on trouve de plus remarquable dans votre pays, mit einigen Abwandlungen aus Le voyageur d’Europe (1672) ihres Zeitgenossen Albert Jouvin de Rochefort kopiert 140 . Die Ausführungen konzentrieren sich vornehmlich auf die in der Kathedrale typischerweise vollzogenen Bräuche und Rituale, auf die im Fortgang dieser Arbeit noch einzugehen sein wird: Sa figure [d. h. die Gestalt des hl. Jakobus] est representée sur l’Autel, & les Pelerins la baisent trois fois, & luy mettent leur Chapeau sur la tête ; car cela est de la Ceremonie. Ils en font encore une autre assez singuliere ; ils montent au dessus de l’Eglise, qui est couverte de grandes Pierres plattes. En ce lieu est une Croix de Fer, où les Pelerins attachent toûjours quelques lambeaux de leurs Habits. Ils passent sous cette Croix, par un endroit si petit, qu’il faut qu’ils se glissent sur l’estomach contre le Pavé ; & ceux qui ne sont pas menus, sont prêts à crever. Mais il y en a eu de si simples, ou de si superstitieux, qu’ayant obmis de le faire, ils sont revenus exprès de quatre & cinq cens lieuës ; car on voit là des Pelerins de toutes les contrées du Monde 141 . Manche Autoren waren im Unterschied zu den vorherigen dreien zwar tat‐ sächlich in der Jakobsstadt, gehen aber dennoch kaum näher auf sie ein. Ihre Berichte seien hier zur Kenntnis genommen, doch lohnt es nicht, ihnen jeweils eigene Analysekapitel zu widmen. Der bereits erwähnte Pfarrherr Jean Bonnecaze beispielsweise, der 1748, noch als armer Theologiestudent in spe, unter elendsten materiellen Bedingungen und ohne den Segen seiner Eltern nach Compostela pilgerte, hält in seinen Jahrzehnte später verfassten Memoiren mit dem Titel Testament politique (1777) wenig mehr fest als die üblichen Frömmigkeitshandlungen in der Kathedrale und die wohl tief empfundene Genugtuung angesichts seiner erst nach ihm angekommenen und schwer an Fieber erkrankten Reisegefährten, die ihn, entkräftet und ohne Schuhwerk, in der navarresischen Stadt Viana zurückgelassen hatten: 54 1 Einleitung <?page no="55"?> 142 Jean Bonnecaze, Testament politique du sieur Jean Bonnecaze, de Pardies, prêtre cha‐ pelain aux forges d’Asson, appartenant à M. d’Angosse, marquis de Louvie, en 1777, in: Études historiques et religieuses du Diocèse de Bayonne 5 (1896), S. 184-195, insb. S. 186f. - Sicher nur zufällig erinnert dieser Bericht entfernt an die vierte Mirakelerzählung im zweiten Teil des Liber Sancti Jacobi, in der es einem Pilger (durch die wundermächtige Intervention des hl. Jakobus) ebenfalls gelingt, vor seinen Reisegefährten, die ihn unterwegs zum Sterben zurückließen, nach Compostela zu gelangen. Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-163f. 143 Balthasar de Monconys, Journal des Voyages 1, Lyon 1665, S.-16. 144 Vgl. Jean Pierre Racq, Route pour aller a St. Jacques, in: Luis V Á Z Q U E Z D E P A R G A / José María L A C A R R A / Juan U R Í A R Í U S , Las peregrinaciones a Santiago de Compostela 3, Madrid 1948, S. 141-144. - Die Berichte von Jean Bonnecaze und Jean Pierre Racq sind neu ediert worden in: Voyage de deux pèlerins à Compostelle au XVIII e siècle, hg. von Christian D E S P L A T S / Adrián B L Á Z Q U E Z , Pau 1998. je marchai sans m’arrêter beaucoup, et arrivai à Compostelle un jour avant eux, de sorte que j’étais confessé et communié, lorsqu’ils arrivèrent. Ils étaient tous malades, et alors j’étais assez bien. Gomer et Laplace se mirent à l’hôpital ; j’attendis Pétrique qui se retira deux jours après avec moi, parce qu’on ne laissait les pèlerins que trois jours pour coucher à l’hôpital 142 . Auch der Lyoner Magistrat Balthasar de Monconys, der auf einer diplomatischen Reise nach Portugal im Jahr 1645 curiositatis causa einen Umweg durch Galicien nahm, bietet in seinem Journal des Voyages eine Beschreibung der Apostelstadt, die - gerade im Vergleich mit anderen Zeugnissen des Barock - recht knapp ausfällt und allenfalls aufgrund der darin spürbaren Zweifel an der Echtheit der Jakobusreliquien von einigem Interesse erscheint: Le 21. [d. h. am 21. Juni 1645] ayant vn peu reposé, nous allasmes voir la ville de S. Iacques, où il n’y a rien de remarquable que le nom de ce Saint qu’on dit y estre enterré ; mais iamais personne n’y a rien veu autre qu’vn petit Bust de bois fort malfait de ce S. qui est sur le grand Autel, tousiours esclairé de quarante ou cinquante cierges blancs 143 . Der junge Arzt Jean-Pierre Racq aus Béarne schließlich knüpft anachronistisch an das Muster der frühesten Zeugnisse an: Seine Route pour aller à St. Jacques, ein schlichtes Itinerar, das er im März 1790 für einen gewissen Jeanpierre Lurdos de Bruges Bon chretien abfasste, führt listenartig die Stationen und Distanzen seiner im Jahr zuvor unternommenen Pilgerfahrt nach Compostela auf, angerei‐ chert nur um wenige praktische Hinweise, insbesondere zu empfehlenswerten Hospizen und Klöstern, die Pilger barmherzig aufnahmen 144 . Compostela sind einige Zeilen gewidmet, in denen sich jedoch wiederum nur die vor Ort zu absolvierenden Frömmigkeitshandlungen thematisiert finden: 1.2 Textkorpus 55 <?page no="56"?> 145 Racq, Route (wie Anm.-144), S.-143. 146 Vgl. G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm. 93), S. 415-420; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-21, Anm.-29. 147 Dieses Itinerar scheint bislang noch nicht ediert worden zu sein. Der in der Biblioteca Colombina verwahrte Druck mit der Signatur 15-2-17(1) enthält keine editorischen Hinweise, nur eine handschriftliche Notiz auf dem Verso des letzten Foliums, die Aufschluss über die Umstände des Erwerbes gibt: „Este libro costo 1 dinero en León por setiembre de 1535 y el ducado vale 570 dineros.“ Vgl. I ÑA R R E A L A S H E R A S , Étude des itinéraires (wie Anm.-73), S.-23f. 148 Vgl. Charles Estienne, Les Voyages de plvsieurs endroits de France: & encores de la terre Saincte, d’Espaigne, d’Italie, & autres pays. Les Fleuues du royaume de France, Paris 1552, insb. S. 63-67; Théodore Turquet de Mayerne, Sommaire description de la France, Allemagne, Italie & Espagne. Avec la Guide des chemins pour aller & venir par les prouinces & aux villes plus renommees de ces quatre regions. A quoy est adiousté vn recueil des Foires plus celebres presque de toute l’Europe. Et vn Traité des Monnoyes & leur valeur esdits pays, prouinces et uilles, Rouen 1675, insb. S. 243f. Vgl. auch I ÑA R R E A L A S H E R A S , Étude des itinéraires (wie Anm.-73), S.-24-27, 31f. Étant arrivés à l’église de Saint-Jacques, il faut se confesser aux prêtres français, à l’un ou à l’autre des deux qu’il y en a ; le prêtre vous donnera un billet à chacun, et avec ce billet on vous donnera la sainte communion à la chapelle du Roy de France qui est à main gauche de l’église, et après avoir reçu la sainte communion on vous donnera le mémoire des saintes reliques à huit heures du matin, tout sans payer 145 . Die Liste der Berichtautoren, die hier, weil sie zwar in Compostela waren, aber kaum darauf eingehen, nicht bzw. nur peripher berücksichtigt werden sollen, ließe sich noch unschwer fortsetzen: Ghillebert de Lannoy (1407, 1436), Eustache Delafosse (1481), Segismondo Cavalli (1568), Bartolomeo Bourdelot (1581), Ascanio Conti (1615), Orazio Busini (1621), Ercole Zani (1671), Dionigi de Carli (1674), Giovan Battista Pachinelli (1685) und andere mehr 146 . Hier gleichfalls eher unbrauchbar erscheinen schließlich die gedruckten Reiseinstruktionen für Jakobspilger, die ab dem 16. Jahrhundert insbesondere in Frankreich aufkamen: Hierzu zählen einerseits übersichtliche Itinerare wie Le chemin de Paris a Sainct Jaques en Galice dit Compostelle et combien il y a de lieues de ville en ville, das wohl älteste französische Zeugnis dieser Art, anonym und sine dato, von dem nur ein einziges, 1535 erworbenes Exemplar in der Sevillaner Biblioteca Colombina konserviert ist 147 , andererseits aber auch umfangreiche Reisehandbücher wie Les Voyages de plusieurs endroits de France & encores de la terre Saincte, d’Espaigne, d’Italie, & autres pays (1552) des Charles Estienne und Sommaire description de la France, Allemagne, Italie & Espagne (1591) des Théodore Turquet de Mayerne, die jeweils ein eigenes Kapitel dem Jakobsweg widmen 148 . Ihrer Funktion gemäß, nach Compostela hin- und wieder zurückzuführen, konzentrieren sich diese Werke, ähnlich wie das berühmteste 56 1 Einleitung <?page no="57"?> 149 Vgl. Künig von Vach, Die Straß (wie Anm.-73), insb. S.-91, 95. 150 In der Forschung eingebürgert haben sich die Bezeichnungen Liber Sancti Jacobi (für das Werk) und Codex Calixtinus (für die Compostellaner Handschrift). Tatsächlich ist im Eingangskolophon aber Iacobus als Titel angegeben. Siehe Anm. 304 und 305. - Die Jahresangaben beziehen sich nicht auf den Entstehungszeitpunkt des jeweiligen Textes, der sich in vielen Fällen nicht genau bestimmen lässt, sondern auf den Zeitpunkt des Compostela-Aufenthaltes des jeweiligen Autors. 151 Bei Zeugnissen ohne Titel gebe ich hier sowohl die Bezeichnung, die sich in der Forschung behelfsweise etabliert hat, als auch das Incipit an. deutsche Pendant, Die Straß zu Sankt Jakob (1495) des Hermann Künig von Vach 149 , typischerweise ganz auf die Beschreibung des Weges und sparen den hier interessierenden Zielort dagegen aus. Auf der Grundlage der vorangehend erläuterten Kriterien und Überlegungen setzt sich das Korpus dieser Arbeit aus den folgenden 21 näher auszuwertenden Texten zusammen: 1. Anon.: Liber Sancti Jacobi / Codex Calixtinus / Iacobus (Mitte des 12. Jahr‐ hunderts) 150 2. Anon.: Itinerario Marciano / Incipit: Qui diremo al nome di dio amen parte‐ dosse da ueniexia per andar a messer sam Zacomo de galizia per la uia da chioza… (frühes 14. Jahrhundert) 151 3. Nompar II. de Caumont: Voiatge à S t Jaques en Compostelle et à Nostre Dame de Finibus Terre (1417) 4. Lorenzo: Viaggio d’andare a Santo Jacopo di Galizia / Incipit: Al nome di colui che tutto reggie / e lla mattina inferior governa… (Mitte des 15. Jahrhunderts) 5. Anon.: Viaggio fatto l’anno 1477 partendosi da Firenze / Incipit: Al nome di Dio e della gloriosa Vergine Maria colla qual gratia daremo lume, a chi volesse andare al beato messere sancto Antonio e al glorioso apostolo messer sancto Iachopo… (1477) 6. Anon.: Itinerario Riccardiano / Incipit: Da Firenze a Pistoia si fa la prima giornata e a chi vuole bene allogiare vadia al hosteria della Spada… (spätes 15. Jahrhundert) 7. Jean de Tournai: Trés ample e habondante description du voyage de la Terre saincte… (1489) 8. Antoine de Lalaing: Voyage de Philippe le Beau en Espagne (1502) 9. Jan Taccoen van Zillebeke: Livre de Voeiages (1512) 10. Bartolomeo Fontana: Itinerario o vero viaggio da Venetia a Roma… Seguendo poi per ordine di Roma fino a Santo Jacobo in Galitia, Finibus terrae, la Barca, il Padrone et santo Salvatore… (1538) 1.2 Textkorpus 57 <?page no="58"?> 152 Dieselbe Überlieferungslücke ist auch in Pilgerberichtanthologien zu erkennen, z. B. in Adeline R U C Q U O I / Françoise M I C H A U D -F R É J A V I L L E / Philippe P I C O N E (Hg.), Le voyage à Compostelle du X e au XX e siècle, Paris 2018. - Es läge nahe zu vermuten, dass im gesamten 17. Jahrhundert, auch nach Kriegsende noch, speziell auf französisch schreibende Jakobspilger wohl deshalb kaum verwiesen werden kann, weil durch die andauernde Hostilität zwischen Frankreich und Spanien generell weniger Franzosen eine Pilgerfahrt nach Compostela unternahmen. Andererseits jedoch bezeugt beispiels‐ 11. Cristofaro Monte Maggio da Pesaro: Viaggi di Gierusalemme, e di San Iacopo di Galitia… (1583) 12. Fabrizio Ballarini und Silverio Rettabeni: Viaggio de S. Iacomo de Galitia in Compostella (1588) 13. Giovanni Battista Confalonieri: Memoria di alcune cose notabili occorse nel viaggio fatto da me Gio. Battista Confalonieri Sacerdote Romano da Roma in Portogallo (1592-1597) (1594) 14. Lorenzo Magalotti: Relazione Ufficiale del Viaggio di Cosimo III dei Medici (1669) 15. Filippo Corsini: Viaggi di Alemagna, Paesi Bassi del 1667 e di Spagna, Francia, Inghilterra e Olanda del 1668 e 1669 (1669) 16. Giovan Battista Gornia: Viaggio fatto dal Serenissimo Principe Cosimo Terzo di Toscana per la Spagna, Inghilterra, Francia et altri luoghi negli anni 1668 e 1669… (1669) 17. Domenico Laffi: Viaggio in Ponente a S. Giacomo di Galitia, e Finis Terrae… (1666/ 1670/ 1673) 18. Gian Lorenzo Buonafede Vanti: Viaggio Occidentale a S. Giacomo di Galizia, Nostra Signora della Barca e Finis Terrae… (1717) 19. Giacomo Antonio Naia: Viaggio in Ponente a San Giacomo di Galitia, e Finisterre… (1718) 20. Guillaume Manier: Voyage d’Espangne (1726) 21. Nicola Albani: Veridica Historia ó sia Viaggio da Napoli à S. Giacomo di Galizia… (1743/ 1745) Den Sonderfall des Liber Sancti Jacobi eingeschlossen, deckt dieses Korpus eine Spanne von etwa sechshundert Jahren ab: vom Hohen Mittelalter bis zur Aufklärung. Für die augenfällige Überlieferungslücke in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in der weder französische noch italienische und übrigens auch kaum deutsche, englische oder sonstige Zeugnisse schreibender Jakobspilger vorliegen, sind zweifelsohne die verheerenden Kriegsereignisse dieser Zeit - der Dreißigjährige (1618-1648) und der Französisch-Spanische Krieg (1635-1659) - ursächlich, die internationale Fernreisen zu einem gefährlichen und unberechenbaren Unterfangen werden ließen 152 . Entsprechend sind dann 58 1 Einleitung <?page no="59"?> weise der Adlige Antoine de Brunel aus der Dauphiné für das Jahr 1655 - als die beiden Länder noch im Krieg waren -, dass nach wie vor zahlreiche französische Jakobspilger nach Compostela unterwegs waren: Je ne vous sçaurois dire la quantité de pelerins françois qui alloient, ou qui venoient de Sainct Jacques en Galice. Ce sont eux qui font que les Espagnols nous nomment gavachos, et c’est une marque qu’en France nous avons bien des feneants, d’aller ainsi border les chemins d’Espagne. La superstition, l’ignorance, la gueuserie et la piperie en fait de devotion sont cause de ce desordre, et qu’il meurt en Espagne, toutes les années, je ne sçay combien de pauvres pelerins qui n’y sont pas receus comme en Italie, car icy, ils n’ont, dans les hopitaux, que le couvert. Antoine de Brunel, Voyage d’Antoine de Brunel (1655), hg. von Charles C L A V E R I E , in: Revue Hispanique 30 (1914, Nachdruck 1963), S.-119-375, hier S.-138. 153 Der etwa fünfzigjährige Franziskaner Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) zum anderen berichtet, dass er gern schon früher, in noch jungen Jahren, nach Compostela aufgebrochen wäre, dass ihm aber die Oberen seines Ordens immer wieder die Erlaubnis dazu verweigert hätten. Offenbar ließen sie ihn - auch wenn er dies nicht explizit als Grund nennt - erst aufbrechen, als der Spanische Erbfolgekrieg zu Ende war. Vgl. Gian Lorenzo Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale a S. Giacomo di Galizia, Nostra Signora della Barca e Finis Terræ (1717-18), hg. von Guido T A M B U R L I N I , Triest 2004, S.-10, 81. 154 Vgl. Jan Taccoen van Zillebeke, Le voyage de Jean de Zillebeke à Compostelle, hg. Marie-Josèphe A N T O I N E , in: Compostelle 15 (2012), S.-43-54 (Text: S.-48-54). 155 Vgl. Filippo Corsini, La Galizia nella relazione inedita di Filippo Corsini relativa al viaggio di Cosimo III dei Medici, hg. von Otello T A V O N I , in: I testi italiani del viaggio e pellegrinaggio a Santiago de Compostela e diorama sulla Galizia, hg. von Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Perugia 1983, S.-58-78; Ana María D O M Í N G U E Z F E R R O , Analisi del viaggio di Cosimo III de’ Medici attraverso la Spagna di Giovan Battista Gornia, in: Il viaggio a Compostella di Cosimo III de’ Medici, hg. von Xosé Antonio N E I R A C R U Z , Santiago de Compostela 2004, S.-251-267 (Text: S.-263-266). auch keine Zeugnisse aus der Zeit des Spanischen Erbfolgekriegs (1701-1714) erhalten, der insbesondere im spanischen Nordosten, kaum zu umgehendes Durchgangsgebiet für viele Jakobspilger, zu großen Verwüstungen führte (die beispielsweise im Bericht des 1717/ 1718 reisenden Giacomo Antonio Naia eindrücklich dokumentiert sind) 153 . Mit Ausnahme von Bartolomeo Fontanas Itinerario, Domenico Laffis Viaggio in Ponente und Gian Lorenzo Buonafede Vantis Viaggio Occidentale sind uns alle aufgeführten Texte durch handschriftliche (oft autographe) Aufzeichnungen überkommen, sei es als selbständige Kodizes oder als Teil umfangreicher Sammelkodizes. Gewöhnlich haben sie die Jahrhunderte in altehrwürdigen Bibliotheken überdauert, seltener in privaten Familienarchiven. Die meisten blieben von der Forschung lange Zeit weitgehend unbeachtet; manche wurden in den vergangenen Jahrzehnten gar erst entdeckt (dazu in Kapitel 1.3 mehr). Inzwischen aber sind alle hier zu untersuchenden Texte ediert oder - wie etwa der Livre de Voeiages des Jan Taccoen van Zillebeke 154 und die privaten Reisetagebücher, die aus der Grand Tour Cosimos III. de’ Medici hervorgingen 155 1.2 Textkorpus 59 <?page no="60"?> 156 Dies bedeutet allerdings nicht immer, dass sie leicht erhältlich bzw. zugänglich sind: Der 1987 von Antonietta Fucelli in kleiner Auflage herausgegebene Itinerario des Bartolo‐ meo Fontana etwa ist - auch antiquarisch - überall vergriffen und hierzulande in keiner öffentlichen Bibliothek katalogisiert. Die Forschungsbibliothek Gotha hat lediglich ein Exemplar der historischen Originalausgabe von 1550 im Bestand. Das mir vorliegende Exemplar der Neuausgabe ist ein Geschenk von Paolo Caucci von Saucken, dem an dieser Stelle herzlich gedankt sei - nicht nur für seine reichlichen Büchergaben, sondern auch für seine große Gastfreundschaft während meines Forschungsaufenthaltes am Perugianer Centro Italiano di Studi Compostellani im März 2023. 157 Vgl. Domenico Laffi, Viaggio in Ponente a S. Giacomo di Galitia, e Finis Terrae, per Francia, e Spagna di D. Domenico Laffi Bolognese, principiando da Bologna mia Patria fin’al ritorno in essa, Bologna 1673. 158 Vgl. Domenico Laffi, Viaggio in Ponente à San Giacomo di Galitia, e Finisterrae, di D. Domenico Laffi Bolognese. Aggiuntovi molte curiosità, doppo il suo terzo viaggio à quelle parti. Con Tavola de’ Capitoli, e cose più notabili, Bologna 1681. - Vor allem hat Laffi in diese Ausgabe auch wesentliche Erfahrungen seiner 1673 unternommenen dritten Pilgerfahrt nach Compostela einfließen lassen, während die Erstausgabe aus‐ schließlich auf seinen beiden ersten Reisen 1666 und 1670 basiert. 159 Vgl. Domenico Laffi, Viaggio in Ponente a San Giacomo di Galitia e Finisterrae, hg. von Anna S U L A I C A P P O N I , Neapel 1989. - wenigstens teilediert worden 156 . Auch diese partiellen Transkriptionen, die gewöhnlich in Sammelbänden oder wissenschaftlichen Periodika erschienen sind, geben stets die hier vor allem interessierenden Abschnitte über den jeweiligen Compostela-Aufenthalt wieder. Dessen ungeachtet lohnt mitunter trotzdem ein vergleichender Blick in die originalen Handschriftendokumente, um auch Bildliches und Paratextuelles zu erfassen, das von den Transkriptio‐ nen zum Teil nicht entsprechend reproduziert wird, und um gerade bei aus Sammlungen entnommenen Zeugnissen näheren Aufschluss über den gesamten Überlieferungszusammenhang zu erhalten. Ebenso kann es sich bei gedruckten Werken als nützlich erweisen, zusätzlich die jeweiligen historischen Ausgaben zu konsultieren, so etwa bei Domenico Laffis Viaggio in Ponente, dessen erste (1673) 157 und zweite Ausgabe (1681) 158 nämlich signifikante Unterschiede auch speziell in der Beschreibung von Compostela aufweisen, welche die - konse‐ quent nach der zweiten Ausgabe redigierte - moderne Neuausgabe von Anna Sulai Capponi 159 nicht transparent wiedergeben kann. 1.3 Forschungsgeschichtliche Rückschau Die Geschichte der Pilgerberichtforschung reicht bis in die Frühzeit des 19. Jahr‐ hunderts zurück, als man unter dem Eindruck romantischer Begeisterung für das christliche Mittelalter, für Heimat und Volkskultur, aber auch für das 60 1 Einleitung <?page no="61"?> 160 Vgl. die Reiseberichtkataloge in: G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm. 93), S. 355-420; Werner P A R A V I C I N I (Hg.), Europäische Reiseberichte des späten Mittelalters. Eine analytische Bibliographie, 3 Bde., Frankfurt a. M. 1994/ 1999/ 2000; Giuseppe A R L O T T A , Attraverso l’Italia. Dall’Europa a Roma, Gerusalemme e a Santiago de Compostella nel Quattrocento, Perugia 2011, S.-63-105. 161 Vgl. Martir von Arzendjan, Relation d’un voyage fait en Europe et dans l’Océan Atlantique à la fin du XV e siècle sous le règne de Charles VIII, par Martyr, évêque d’Arzendjan, hg. von Antoine-Jean S A I N T -M A R T I N , Paris 1827. - Die Qualität dieser frühen Editionen lässt mitunter sehr zu wünschen übrig: Viele von ihnen kommen, was heute undenkbar wäre, ohne eine ausführliche philologische und historische Einleitung und einen umfassenden quellenkritischen Apparat aus, und die Herausgeber schreckten zum Teil auch vor ihnen billig erscheinenden Eingriffen in den Originaltext (Auslassungen, orthographische Korrekturen, Modernisierungen etc.) nicht zurück. 162 Vgl. Nompar, Voyaige (wie Anm.-117). 163 Vgl. Guillaume Manier, Pèlerinage d’un paysan picard à S t Jacques de Compostelle, au commencement du XVIII e siècle, hg. von Xavier de B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Montdidier 1890. 164 Vgl. Bonnecaze, Testament politique (wie Anm.-142). 165 Vgl. Antoine de Lalaing, Voyage de Philippe le Beau en Espagne, en 1501, in: Collection des voyages des souverains des Pays-Bas 1, hg. von Louis-Prosper G A C H A R D , Brüssel 1876, S.-123-340. 166 Vgl. Lucas Rem, Tagebuch des Lucas Rem aus den Jahren 1494-1541. Ein Beitrag zur Handelsgeschichte der Stadt Augsburg, hg. von Benedict G R E I F F , Augsburg 1861. 167 Vgl. Erich Lassota von Steblau, Tagebuch des Erich Lassota von Steblau, hg. von Reinhold S C H O T T I N , Halle 1866. 168 Vgl. Peter Rieter/ Sebald Rieter d. Ä./ Sebald Rieter d. J., Das Reisebuch der Familie Rieter, hg. von Reinhold R Ö H R I C H T / Heinrich M E I S N E R , Tübingen 1884. Fremde und Exotische damit begann, diese alten, in Vergessenheit geratenen Schriften aufzustöbern, durch Transkription und Kommentierung zu erschlie‐ ßen und (neu) herauszugeben. Wie aus den einschlägigen Bibliographien zu ersehen ist, lag das Hauptaugenmerk der damaligen Editionsbemühungen auf den zahlreicheren Jerusalem-Berichten 160 ; hingegen lassen sich die vor 1900 abgedruckten Santiago-Berichte an zwei Händen abzählen: In Frankreich wurde schon 1827 der Bericht des armenischen Bischofs Martir von Arzendjan ediert 161 ; 1858 folgte das Itinerar des Nompar II. de Caumont 162 , 1890 das Tagebuch des Guillaume Manier 163 , 1896 die Autobiographie des Jean Bonnecaze 164 . Die für Philipp den Schönen abgefasste Reisechronik des Antoine de Lalaing fand 1876 Eingang in eine von der belgischen Akademie der Wissenschaften und Schönen Künste herausgegebene Collection des voyages des souverains des Pays-Bas 165 . In Deutschland erschienen 1861 bzw. 1866 die Tagebücher des Lucas Rem 166 und des Erich Lassota von Steblau 167 , 1884 das Reisebuch der Familie Rieter 168 , 1896 das Ausgabenbuch des Sebald Örtel 169 und 1899 der berühmte Pilgerführer des Hermann Künig von Vach 170 . In Italien befand sich die Pilgerberichtforschung 1.3 Forschungsgeschichtliche Rückschau 61 <?page no="62"?> 169 Vgl. Theodor H A M P E , Deutsche Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela und das Reisetagebuch des Sebald Örtel (1521-22), in: Mitteilungen aus dem Germanischen Nationalmuseum (1896), S.-61-82. 170 Vgl. Hermann Künig von Vach, Die Walfart und Straß zu Sant Jacob, in: Konrad H A E B L E R , Das Wallfahrtsbuch des Hermannus Künig von Vach und die Pilgerreisen der Deutschen nach Santiago de Compostela, Straßburg 1899, S.-89-119. 171 Vgl. G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm.-93), S.-34. 172 Vgl. Lorenzo Magalotti, Viaje de Cosme de Médicis por España y Portugal (1668-1669), hg. von Ángel S Á N C H E Z R I V E R O / Angela M A R I U T T I D E S Á N C H E Z R I V E R O , Madrid 1933. 173 Vgl. Da Veniexia (wie Anm.-111). 174 Vgl. Javier L I S K E (Hg.), Viajes de extranjeros por España y Portugal en los siglos XV, XVI y XVII, Madrid 1878. - Gleich am Anfang steht etwa der Bericht von Nicolaus von Popplau, der auf seiner Reise durch Westeuropa zwischen 1483 und 1486 auch Compostela besuchte. - In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts folgten mit García Mercadals España vista por los extranjeros und Farinellis Viajes por España y Portugal weitere, noch heute gern konsultierte Reiseberichtsammlungen. Vgl. Anm.-93. 175 Vgl. Antonio L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia de la Santa A. M. Iglesia de Santiago de Compostela, 11 Bde., Santiago de Compostela 1898-1911. - Die elf Bände dieses mo‐ numentalen Geschichtswerkes enthalten jeweils umfangreiche Appendices, in denen verschiedentlich auch Pilgerberichte abgedruckt sind. anfangs in der Hand franziskanischer Geistlicher, die sich vornehmlich um eine Aufarbeitung der Geschichte ihrer Kongregation im Heiligen Land bemühten - für sie waren Berichte über Compostelareisen ohne Belang 171 . Die frühesten Editionen erfuhr der italienische Teil des hier interessierenden Korpus daher erst gegen Mitte des 20. Jahrhunderts: Sie sind der Bibliothekarin Angela Mariutti de Sánchez Rivero zu verdanken, die, an die Forschung ihres frühverstorbenen Mannes Ángel anknüpfend, 1933 die Relazione Ufficiale des Lorenzo Magalotti über die 1668/ 1669 unternommene Europareise des jungen Cosimo III. de’ Medici herausgab 172 , sowie Jahrzehnte später, 1967, den Itinerario Marciano, den sie in ihrer langjährigen Wirkungsstätte, der venezianischen Biblioteca Marciana, entdeckt hatte 173 . Für die Iberische Halbinsel kann, da aus Mittelalter und Früher Neuzeit, wie bereits erwähnt, kaum spanische noch portugiesische Santiago-Berichte erhalten sind, allenfalls auf manch frühe Textsammlung wie Javier Liskes Viajes de extranjeros por España y Portugal en los siglos XV, XVI y XVII (1878) 174 und auf Antonio López Ferreiros in wesentlichen Teilen nach wie vor einschlägige Historia de la Santa A. M. Iglesia de Santiago de Compostela (1898-1909) 175 verwiesen werden, die jeweils einige der deutschen, englischen, französischen und italienischen Texte (auszugsweise) in spanischer Übersetzung wiedergeben. Ein einzelner deutscher Bericht, angeblich anonym, in Wahrheit jedoch von Sebastian Ilsung stammend, wurde 1883 in Madrid auch eigenständig ediert 176 ; 1898 folgte derjenige des Martir von Arzendjan, wobei die erwähnte französische Ausgabe als Intermediärübersetzung diente 177 . 62 1 Einleitung <?page no="63"?> 176 Vgl. Sebastian Ilsung, Viaje de España por un anónimo 1446-1448, hg. von Emilia G A Y A N G O S D E R I AÑ O , Madrid 1883; deutsche Edition in: Volker H O N E M A N N , Sebastian Ilsung als Spanienreisender und Santiagopilger, in: Deutsche Jakobspilger und ihre Berichte, hg. von Klaus H E R B E R S , Tübingen 1988, S.-61-95. 177 Vgl. Martir von Arzendjan, Relación de un viaje por Europa con la peregrinación a Santiago de Galicia verificado a fines del siglo XV por Mártir, obispo de Arzendjan, hg. von Emilia G A Y A N G O S D E R I AÑ O , Madrid 1898. 178 Mit vollem Namen jeweils: Cuadernos de Estudios Gallegos. Revista del Instituto de Estudios Gallegos Padre Sarmiento; Compostela. Boletín de la Archicofradía del Glorioso Apóstol Santiago; Compostellanum. Revista Trimestral de la Archidiócesis de Santiago de Compostela. - Einen bibliographischen Überblick über die Jakobsweg-For‐ schung der Zeit bieten José G U E R R A C A M P O S , Bibliografía (1950-1969). Veinte años de estudios jacobeos, in: Compostellanum 16 (1971), S. 575-736; Paloma A C U ÑA F E R N Á N D E Z , Bibliografía jacobea, in: Compostellanum 28 (1983), S. 433-437. - Ein umfassender Aufsatzband: Santiago en la historia, la literatura y el arte, Madrid 1954. 179 Vgl. Giovanni Battista Confalonieri, Viaje de Lisboa a Santiago en 1594 por Juan Bautista Confalonieri, hg. von José G U E R R A C A M P O S , in: Cuadernos de Estudios Gallegos 19/ 58 (1964), S. 185-250. - Außerdem könnte man verweisen auf: Constance S T O R R S / Felipe R. C O R D E R O C A R R E T E , Peregrinos ingleses a Santiago en el siglo XIV, in: Cuadernos de Estudios Gallegos 20 (1965), S. 193-224; José Ignacio T E L L E C H E A I D Í G O R A S , Un peregrino veneciano en Compostela en 1581: del diario inédito de B. Bourdelot, in: Compostellanum 10/ 2 (1965), S.-331-343. Ungeachtet dieser vereinzelt unternommenen Editionsprojekte muss man allerdings konstatieren, dass die Forschungsbemühungen zum hier interessier‐ enden Korpus der Pilgerberichtliteratur zunächst sehr begrenzt waren. In Compostela selbst etablierte sich eine lokale Jakobsweg-Forschung, die ihre Ergebnisse seit der Mitte des vorherigen Jahrhunderts namentlich in drei thematischen Zeitschriften publiziert: Cuadernos de Estudios Gallegos (seit 1944), Compostela (seit 1948) und Compostellanum (seit 1956) 178 . Eine Durchsicht ihrer Inhaltsverzeichnisse seit Gründung lässt zwar recht weitgefächerte Interessen erkennen, die von Archäologie und Kunstgeschichte über Philologie und Bibelexegese bis hin zu Theologie und Moralphilosophie reichen. Doch lange Zeit geraten in den Beiträgen dieser Periodika nur in seltensten Fällen auch einmal die erhaltenen Berichte mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Jakobspilger in den Blick. So wurde etwa - um die vielleicht wichtigste Ausnahme zu erwähnen - das Reisetagebuch des Giovanni Battista Confalonieri (das, wie zu zeigen sein wird, in der diachronen Entwicklung der Santiago-Berichtliteratur einen besonderen Platz einnimmt) 1964 von José Guerra Campos mit Kommentar und spanischer Übersetzung in den Cuadernos de Estudios Gallegos publiziert; es handelt sich um die erste und bislang einzige Transkription dieses hand‐ schriftlich überlieferten Textes, die deshalb auch in der vorliegenden Arbeit als Analysegrundlage herangezogen wird 179 . 1.3 Forschungsgeschichtliche Rückschau 63 <?page no="64"?> 180 Vgl. G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm. 93), S. 36f. (mit Verweis auf einschlägige Studien); H E R B E R S / P L ÖT Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 42f. - Auch der ganze zweite Band von Vázquez de Parga et al. ist im Wesentlichen der Rekonstruktion der Pilgerrouten gewidmet. Gleiches gilt für zwei andere spanische Übersichtswerke: Luciano H U I D O B R O Y S E R N A , Las peregrinaciones jacobeas, 3 Bde., Madrid 1949/ 1950; Arsenio F E R N Á N D E Z A R E N A S / Pablo H U A R T E A R A N A , Los caminos de Santiago, Barcelona 1965. 181 Vgl. z. B. Élie L A M B E R T , Le pèlerinage de Compostelle, Paris 1959; Yves B O T T I N E A U , Les chemins de Saint-Jacques, Paris 1964; René de L A C O S T E -M E S S E L I È R E , Pèlerins et chemins de Saint-Jacques, in: Pèlerins et chemins de Saint-Jacques en France et en Europe du X e siècle à nos jours, hg. von D E M S ., Paris 1965, S. 1-8; D E R S ., Le grand chemin de St-Jacques en Poitou, in: Compostellanum 10 (1965), S. 407-419; D E R S ., L’Europe et le pèlerinage de St-Jacques de Compostelle, in: Santiago en España, Europa y América, Madrid 1971, S.-147-322; D E R S ., Des chemins de Saint-Jacques et de quelques itinéraires jacobites, in: Santiago de Compostela. 1000 ans de Pèlerinage Européen, Gent 1985, S. 103-121; D E R S ., Voies compostellanes, in: La quête du sacré. Saint-Jacques de Compostelle, hg. von Alphonse D U P R O N T , Turnhout 1985, S. 37-62; René de L A C O S T E -M E S S E L I È R E , Frankreich und die Jakobswege, in: Santiago de Compsotela. Pilgerwege, hg. von Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Augsburg 1996, S. 233-274; Pierre B A R R E T / Jean-Noël G U R G A N D , Priez pour nous à Compostelle. La vie des pèlerins sur les chemins de Saint-Jacques, Paris 1978. - Eine genauere Übersicht über die französische Jakobsweg-Forschung seit der Mitte des 20. Jahrhunderts bieten: P É R I C A R D -M É A , Compostelle (wie Anm. 39), S. 38-42; R U C Q U O I , Préface (wie Anm.-110), S.-13f. 182 Compostelle. Cahiers [ursprünglich Bulletin, zeitweise auch Revue] du Centre d’Études Compostellanes. Weitet man den Blick auf die internationale Forschung, so stößt man noch bis in die 1970er Jahre hinein zur Hauptsache auf Studien, die die schreibenden Jakobspilger nach den von ihnen jeweils genommenen Land- und Seewegen befragen. Das Ziel bestand darin, die alten europäischen Pilgerrouten bis Compostela bzw. bis zur Einmündung in den Camino Francés, der Hauptstrecke durch den Norden Spaniens, lückenlos zu rekonstruieren; dazu bildeten die hier interessierenden Itinerare, Wegführer und Berichte mit ihrer charakteristischen Strukturierung nach Reisestationen die zentrale Quelle 180 . Eine Vorreiterrolle in diesem Zusammenhang nahm die französische Jakobsweg-Forschung ein, die sich vornehmlich im Umfeld der 1950 gegründeten Société Française des Amis de Saint-Jacques de Compostelle konzentrierte 181 . Als maßgebliches Publikations‐ organ dient ihr seit 1960 das jährlich erscheinende Periodikum der Gesellschaft, Compostelle 182 . Neben der topographischen Spurensuche lag der Fokus hier auf Geschichte und Kunst des Jakobsweges, wovon nicht zuletzt die 1961 von René de La Coste-Messelière organisierte Pariser Ausstellung „Pèlerins et chemins de Saint-Jacques en France et en Europe du X e siècle à nos jours“ und der daraus entstandene Aufsatzband gleichen Titels zeugen 183 . Besonders hingewiesen sei auf Jeanne Vielliard, die nicht nur verschiedene Studien zum Thema publizierte, 64 1 Einleitung <?page no="65"?> 183 Vgl. René de L A C O S T E -M E S S E L I È R E (Hg.), Pèlerins et chemins de Saint-Jacques en France et en Europe du X e siècle à nos jours, Paris 1965. 184 Vgl. Le Guide (wie Anm. 129). Vgl. auch Jeanne V I E L L I A R D , Pèlerins d’Espagne à la fin du Moyen Âge entre 1379 et 1422, in: Analecta Sacra Tarraconensia 12 (1936), S. 265-300; D I E S ., Le Livre de Saint Jacques et le Guide du pèlerin, in: Pèlerins et chemins de Saint-Jacques en France et en Europe du X e siècle à nos jours, hg. von René de L A C O S T E -M E S S E L I È R E , Paris 1965, S.-35-40. 185 Vgl. M I E C K , Les témoignages oculaires (wie Anm. 93). - Darüber hinaus hat Mieck vor allem sozialgeschichtliche Aspekte des Jakobsweges in den Blick genommen. Vgl. D E R S ., Kontinuität im Wandel. Politische und soziale Aspekte der Santiago-Wallfahrt vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, in: Geschichte und Gesellschaft 3/ 3 (1977), S. 299-328; D E R S ., Zur Wallfahrt nach Santiago de Compostela zwischen 1400 und 1650. Resonanz, Strukturwandel und Krise, in: Spanische Forschungen der Görres-Ge‐ sellschaft 1/ 29 (1978), S. 483-534; D E R S ., Osteuropäer in Santiago de Compostela, in: Forschungen zur Osteuropäischen Geschichte 25 (1978), S.-239-252. 186 Der Europarat hat damals eine Kampagne zur Förderung des Jakobsweges ins Leben gerufen und ihn zur ersten Europäischen Kulturstraße erklärt. Siehe den Communiqué vom 22. Juni 1987. 187 In Spanien verbanden sich diese Bemühungen besonders mit dem Pfarrer von O Cebreiro Elías Valiña Sampedro (1929-1989), der sich nicht nur wissenschaftlich mit dem Jakobsweg befasste (z. B. El Camino de Santiago. Estudio histórico-jurídico, Madrid 1971), sondern auch die aktive Pilgerpraxis wieder aufzuwerten versuchte - dies u. a. mit den berühmten gelben Pfeilen (flechas amarillas), die auf dem gesamten Camino Francés den Weg nach Compostela weisen. 188 Vgl. Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago e l’Italia: status quaestionis e presentazione del Convegno, in: Santiago e l’Italia. Atti del Convegno Internazionale di Studi. Perugia, 23-26 maggio 2002, hg. von D E M S ., Perugia 2005, S. 7-24, insb. S. 8 (in Bezug auf die Jakobsweg-Forschung der frühen 1980er Jahre): „Si presentava di fronte a noi un campo straordinario e praticamente inesplorato. Le biblioteche e gli archivi presto ci sondern bereits 1938 auch die erste französische Edition des Guide du pèlerin de Saint-Jacques de Compostelle besorgte, d. h. des hier in höchstem Maße interessierenden fünften und letzten Buches des Liber Sancti Jacobi, das einen wichtigen Ausgangspunkt für die Rekonstruktion der Pilgerwege in Frankreich bot 184 . Um den ersten Versuch einer systematischen Sichtung der erhaltenen San‐ tiago-Berichte, die aus heutiger Warte freilich lückenhaft erscheinen muss, hat sich Ilja Mieck 1977 verdient gemacht 185 . Einen regelrechten Schub erfuhr die Erschließung des Korpus nun in den vergangenen Jahrzehnten, etwa seit den 1970er, spätestens seit den 1980er Jahren, als vermehrt - bald auch poli‐ tischerseits geförderte 186 - Bemühungen um eine revitalización, eine aktive Neubelebung der europäischen Pilgerrouten, angestellt wurden 187 . In Italien, wo Berichte mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Jakobspilger besonders zahlreich erhalten sind, verband sich diese erfreuliche Entwicklung mit dem Aufbau des Perugianer Centro Italiano di Studi Compostellani 188 . Unter der 1.3 Forschungsgeschichtliche Rückschau 65 <?page no="66"?> avrebbero dischiuso documenti e materiali in gran parte appena sfiorati dalla ricerca e noi ci addentrammo, con entusiasmo giovanile, alla scoperta di quella che appariva una tradizione sommersa ai margini, non solo geografici, della cultura e civiltà medioevali. Eravamo tra i primi. In Italia il cammino era stato appena socchiuso da alcuni studiosi solitari che oggi voglio ricordare e che costituivano per noi gli unici punti di riferimento.“ Caucci von Saucken gibt in diesem Beitrag auch einen umfassenden Überblick über die Jakobsweg-Forschung vor den 1980er Jahren sowohl in Italien als auch in Frankreich und Deutschland und geht dann auf die reichliche Forschungs- und Editionsarbeit ein, die in Italien, insbesondere im Umfeld des von ihm gegründeten Centro Italiano di Studi Compostellani, geleistet wurde. 189 Vgl. z. B. Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Il cammino italiano a Compostella, Perugia 1984; D E R S ., Le chemin italien de Saint-Jacques, in: La quête du sacré. Saint-Jacques de Compostelle, hg. von Alphonse D U P R O N T , Turnhout 1985, S. 63-75; Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , La Via Francigena e gli itinerari italiani a Compostella, in: Europäische Wege der Santiago-Pilgerfahrt, hg. von Robert P L Ö T Z , Tübingen 1990, S. 119-129; Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Itinerarios y peregrinos italianos a Santiago y Finisterre, in: El Camino de Santiago. Camino de Europa. Curso de conferencias. El Escorial, 22-26.VII.1991, Pontevedra 1993, S. 205-213; D E R S ., Die Toskana als ‚Jakobsregion‘ und ihre Pilgerwege nach Santiago, in: Der Jakobuskult in Süddeutschland. Kultgeschichte in regionaler und europäischer Perspektive, hg. von Klaus H E R B E R S / Dieter R. B A U E R , Tübingen 1995, S. 353-365; Lucia G A I , Der italienische Jakobsweg, in: Santiago de Compsotela. Pilgerwege, hg. von Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Augsburg 1996, S. 275-296; Giuseppe M A N Z O N I D I C H I O S C A (Hg.), Le vie del cielo. Atti del Convegno Internazionale “Le vie del cielo: itinerari di Pellegrini attraverso la Lombardia”, Milano, 22-23 novembre 1996, Mailand 1998; Renato S T O P A N I , Le vie di pellegrinaggio del Medioevo. Gli itinerari per Roma, Gerusalemme, Compostella. Con una antologia di Fonti, Florenz 1991; D E R S ., Il “camino” italiano per Santiago de Compostela. Le fonti itinerarie di età medievale, Florenz 2001. 190 Unverzichtbar deshalb, weil zwei bedeutende Texte des Korpus bisher nur in dieser Anthologie teilediert sind, nämlich das bereits zitierte Tagebuch des Filippo Corsini und die Reisenotizen des Paolo Bacci. Vgl. Corsini, Relazione (wie Anm. 155); Paolo Bacci, La Galizia nella relazione inedita di Paolo Bacci, hg. von Giovanna S C A L I A R Ö S S L E R , in: I testi italiani del viaggio e pellegrinaggio a Santiago de Compostela e diorama sulla Galizia, hg. von Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Perugia 1983, S.-111-160. 191 Vgl. Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N (Hg.), I testi italiani del viaggio e pellegrinaggio a Santiago de Compostela e diorama sulla Galizia, Perugia 1983. 192 C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-18 Ägide Paolo Caucci von Sauckens wurde die italienische Berichtliteratur hier Gegenstand einer intensiven Auseinandersetzung, die anfänglich - wie zuvor in Frankreich - im Wesentlichen von dem Anliegen getragen war, die traditio‐ nellen Pilgerrouten nachzuzeichnen und wissenschaftlich zu belegen 189 . Einge‐ läutet wurde dies 1983 durch die noch immer unverzichtbare 190 Anthologie I testi italiani del viaggio e pellegrinaggio a Santiago de Compostela e Diorama sulla Galizia 191 - ihrem Herausgeber zufolge „il primo serio tentativo di sistemare metodologicamente e organicamente la materia“ 192 - und den hochrangig 66 1 Einleitung <?page no="67"?> 193 Die Kongressakten wurden zwei Jahre später veröffentlicht: Giovanna S C A L I A (Hg.), Il Pellegrinaggio a Santiago de Compostela e la Letteratura Jacopea, Perugia 1985. 194 Aktenbände: Lucia G A I (Hg.), Pistoia e il Cammino di Santiago. Una dimensione europea nella Toscana medievale. Atti del Convegno Internazionale di Studi (Pistoia, 28-29-30 settembre 1984), Neapel 1987; Les traces du pèlerinage à Saint-Jacques-de-Compostelle dans la culture européenne. Colloque organizé par le Centre italien d’études compos‐ tellanes et par l’université de la Tuscia, Viterbe, en collaboration avec le Conseil de l’Europe. Viterbe (Italie), 28 septembre-1 er octobre 1989, Straßburg 1992; D I E S . (Hg.), La ‚peregrinatio studiorum‘ iacopea in Europa nell’ultimo decennio. Per una mappa della cultura jacopea: un bilancio sui principali contributi di studio e sulle attività collaterali. Atti del Convegno Internazionale di Studi (Pistoia-Altopascio, 23-25 settembre 1994), Pistoia 1997; Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N (Hg.), Santiago e l’Italia. Atti del Convegno Internazionale di Studi (Perugia, 23-26 maggio 2002), Perugia 2005; Giuseppe A R L O T T A (Hg.), Santiago e la Sicilia. Atti del Convegno Internazionale di Studi (Messina, 2-4 Maggio 2003), Perugia 2008; D E R S . (Hg.), De peregrinatione. Studi in onore di Paolo Caucci von Saucken, Perugia 2016. 195 Compostella. Rivista di approfondimento e ricerca sui pellegrinaggi e la letteratura di viaggio. 196 Vgl. Da Firenze a Santiago di Compostella: itinerario di un anonimo pellegrino nell’anno 1477, hg. von Mario D A M O N T E , in: Studi Medievali 13 (1972), S.-1043-1071. 197 Vgl. Un altro «itinerario» tardo-quattrocentesco da Firenze a Santiago di Compostella, hg. von Renato D E L F I O L , in: Archivio Storico Italiano 137 (1979), S.-599-613. 198 Vgl. Bartolomeo Fontana, L’itinerario di Bartolomeo Fontana, hg. von Antonietta F U C E L L I , Neapel 1987; Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159); Guida del pellegrino di Santiago. Libro quinto del Codex Calixtinus. Secolo XII, hg. von Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Mailand 1989; Gaugelli, Viagio de Sam Iacomo (wie Anm. 134); Giacomo Antonio Naia, Viaggio in Ponente a San Giacomo di Galitia, e Finisterre, hg. von Renato S T O P A N I , in: D E R S ., Il pellegrinaggio a Santiago de Compostela di fra Giacomo Antonio Naia (1717-1718), Florenz 1997, S. 69-175; Fabrizio Ballarini, Viaggio de S. Iacomo de Galitia in Compostella, hg. von Barbara G I A P P I C H E L L I , Perugia 1999; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153). - Eine Übersicht über die weitere Editionsarbeit in Italien bietet C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-19-23. besetzten Perugianer Kongress „Il Pellegrinaggio a Santiago de Compostela e la Letteratura Jacopea“ 193 . Weitere Kongresse folgten 194 , und nach französischem Vorbild wurde die jährlich erscheinende Zeitschrift Compostella ins Leben gerufen 195 . Nach den nur vereinzelten Bemühungen einer Angela Mariutti de Sánchez Rivero (s. o.), eines Mario Damonte 196 und eines Renato Delfiol 197 entstanden im Umfeld des Centro nun kommentierte Editionen aller (bisher bekannten) italienischen Santiago-Berichte, die auch in dieser Arbeit vielfach als maßgebliche Textbasis für die Analysen genutzt werden 198 . Die Berichte von Cristofaro Monte Maggio da Pesaro, Fabrizio Ballarini/ Silverio Rettabeni, Gian Lorenzo Buonafede Vanti, Giacomo Antonio Naia und Nicola Albani sind dem Fachpublikum durch entsprechende Kongressbeiträge und nachfolgende Editionen überhaupt erst bekannt gemacht worden 199 . Parallel dazu sind auch in 1.3 Forschungsgeschichtliche Rückschau 67 <?page no="68"?> 199 Vgl. Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Una nuova acquisizione per la letteratura di pellegri‐ naggio italiana: il Viaggio da Napoli à San Giacomo di Galizia di Nicola Albani, in: Il Pellegrinaggio a Santiago de Compostela e la Letteratura Jacopea, hg. von Giovanna S C A L I A , Perugia 1985, S. 377-427; Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Una nuova acquisizione per la letteratura odeporica compostellana: il ‘Viaggio de San Iacomo de Galitia’ di Fabricio Ballerini, in: Actas del Congreso de Estudios Jacobeos (Santiago de Compostela, 4-6 noviembre 1993), hg. von José Ignacio C A R R O O T E R O , Santiago de Compostela 1995, S. 135-153; Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Una nuova acquisizione alla letteratura odeporica compostellana: la relazione di pellegrinaggio del carmelitano Giacomo Antonio Naia, in: Patrimonio artístico de Galicia y otros estudios. Homenaje al Prof. Dr. Serafín Moralejo Álvarez, hg. von Ángela F R A N C O M A T A , Santiago de Compostela 2004, S.-57-66; G A M B I N I , Monte Maggio (wie Anm. 119). - Die Briefe des Gian Lorenzo Buonafede Vanti rückten erstmals durch ihre in Anm. 198 zitierte Edition in den Blick der Forschung. 200 Frankreich: Unter den jüngsten Publikationen, die für die vorliegende Arbeit herange‐ zogen werden, ist insbesondere das Reisetagebuch des Jean de Tournai hervorzuheben, das 2017 erstmals ungekürzt und im mittelfranzösischen Original ediert worden ist: Le récit des voyages et pèlerinages de Jean de Tournai 1488-1489, hg. von Béatrice D A N S E T T E / Marie-Adélaïde N I E L E N , Paris 2017; fünf Jahre zuvor war schon eine leicht gekürzte neufranzösische Ausgabe erschienen: Le voyage de Jean de Tournai. De Valen‐ ciennes à Rome, Jérusalem et Compostelle (1488-1489), hg. von Denise P É R I C A R D -M É A , Cahors 2012. Vgl. ferner Margery Kempe, Le Livre de Margery Kempe, une aventurière de la foi au Moyen Âge, hg. von Louise M A G D I N I E R , Paris 1987; Hermann Künig von Vach, Un guide du pèlerin vers Saint-Jacques de Compostelle. Le Wallfahrtsbuch d’Hermann Künig (1495), hg. von Léon M A R Q U E T , Verviers 1989; Eustache Delafosse, Voyage d’Eustache Delafosse sur la côte de Guinée au Portugal et en Espagne (1479-1481), hg. von Denis E S C U D I E R , Paris 1992; Guillaume Manier, Un paysan picard à Saint-Jacques-de-Compostelle (1726-1727), hg. von Jean-Claude B O U R L È S , Paris 2002; Hieronymus Münzer, Voyage en Espagne et au Portugal (1494-1495), hg. von Michel T A R A Y R E , Paris 2006; Hieronymus Münzer, De Nuremberg à Grenade et Compostelle. Itinéraire d’un médecin allemand. Août 1494 - avril 1495, hg. von Anne B E R T H E L O T / Denise P É R I C A R D -M É A , Biarritz 2009. - Spanien: Giovanni Battista Confalonieri/ Juan Manuel L Ó P E Z -C H A V E S M E L É N D E Z , El Camino Portugués, Vigo 1988; Claude, Viaje (wie Anm. 130); Nicola Albani, Viaje de Nápoles a Santiago de Galicia. Manuscrito italiano de mediados del siglo XVIII depositado en el archivo del Centro Italiano di Studi Compostellani de Perugia (Fondo Caucci ms. 1S), hg. von Isabel G O N ZÁ L E Z F E R N Á N D E Z , Madrid 1993; Liber Sancti Jacobi. Codex Calixtinus, hg. von Klaus H E R B E R S / Manuel S A N T O S N O I A , Santiago de Compostela 1998; Lorenzo Magalotti, El viaje del Príncipe Cosimo dei Medici por España y Portugal, hg. von Jacopo C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago de Compostela 2004; Hieronymus Münzer, De Alicante a Granada, pasando por Almería. El viaje de Jerónimo Münzer, año 1494, hg. von Pedro P. M O L I N A , Almería 2006; Nicola Albani, Viaxe de Nápoles a Santiago de Galicia, hg. von Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago de Compostela 2007; Martir von Arzendjan, Relato del viaje por Europa del obispo armenio Martir (1489-1496), hg. von Ignacio I ÑA R R E A L A S H E R A S / Denise P É R I C A R D -M É A , Logroño 2009; Lorenzo Magalotti, Viaje de Cosme III de Médici por Frankreich, Spanien, Deutschland, England und anderen europäischen Ländern zahlreiche Textausgaben 200 und -sammlungen 201 erschienen. 68 1 Einleitung <?page no="69"?> España y Portugal (1668-1669), hg. von David F E R M O S E L J I M É N E Z / José María S Á N C H E Z M O L L E D O , Madrid 2018; Cristofaro Monte Maggio da Pesaro, Un fraile de misa y olla por el Camino de Santiago: el relato de la peregrinación a Santiago del padre agustino fray Cristóbal Monte Maggio de Pésaro en 1583, hg. von Dianella G A M B I N I , Valladolid 2021. - Deutschland: Der Jakobsweg. Mit einem mittelalterlichen Pilgerführer unterwegs nach Santiago de Compostela [deutsche Ausgabe des als Pilgerführer bekannten fünften Teiles des Liber Sancti Jacobi], hg. von Klaus H E R B E R S , Tübingen 1986; Neuausgabe: Der Jakobsweg. Ein Pilgerführer aus dem 12. Jahrhundert, hg. von Klaus H E R B E R S , Stuttgart 2008; Libellus Sancti Jacobi. Auszüge aus dem Jakobsbuch des 12. Jahrhunderts, hg. von Klaus H E R B E R S , Tübingen 1997; Künig von Vach, Die Straß (wie Anm. 73); Arnold von Harff, Rom - Jerusalem - Santiago. Das Pilgerbuch des Ritters Arnold von Harrf (1496-1498), hg. von Helmut B R A L L -T U C H E L / Folker R E I C H E R T , Köln 2007; Hieronymus Münzer, Itinerarium, hg. von Klaus H E R B E R S , Wiesbaden 2020; Hieronymus Münzer, Der Reisebericht des Hieronymus Münzer. Ein Nürnberger Arzt auf der „Suche nach der Wahrheit“ in Westeuropa (1494/ 95), hg. von Klaus H E R B E R S , Tübingen 2020; Erich Lassota von Steblau, Kreuz und quer durch Europa. Von Krieg, Politik, Kultur und Religion. Das Tagebuch des habsburgischen Diplomaten und Landsknechtführers Erich Lassota von Steblau (1573-1594), hg. von Thomas R I I S , Kiel 2021. - England: The Pilgrim’s Guide. A 12 th Century Guide for the Pilgrim to St. James of Compostela, hg. von James H O G A R T H , London 1992; Hermann Künig von Vach, The Pilgrimage and Path to Saint James, hg. von John D U R A N T , London 1993; Margery Kempe, The Book of Margery Kempe, hg. von Anthony B A L E , Oxford 2015; Domenico Laffi, A Journey to the West. The Diary of a Seventeenth-Century Pilgrim from Bologna to Santiago de Compostela, hg. von James H A L L , Leiden 1997; William Wey, An English Pilgrim to Compostella in 1456, hg. von Francis D A V E Y , London 2000. 201 Jüngst und besonders umfassend: R U C Q U O I et al. (Hg.), Le voyage (wie Anm. 152). In deutscher Sprache ist weiterhin die Sammlung vorwiegend deutscher, aber auch englischer, französischer, italienischer und polnischer Pilgerberichte in H E R B E R S / P L ÖT Z , Nach Santiago (wie Anm.-6) grundlegend. 202 Der erste Congreso Internacional de Estudios Jacobeos (damals noch del Camino de Santiago) fand im September 1987 in Jaca statt. Nachdruck der Akten: Elías V A L IÑA S A M P E D R O (Hg.), Actas del I Congreso Internacional del Camino de Santiago. Jaca (23, 24, 25 y 26 de septiembre de 1987), Jaca 2017. Zuletzt ist der dreizehnte Aktenband erschienen: Klaus H E R B E R S (Hg.), Metrópolis: Santiago y Roma, 900 años de historia. XIII Congreso Internacional de Estudios Jacobeos, Santiago de Compostela 2025. Seit dieser - wie man heute oft liest - ‚Renaissance‘ des Jakobsweges wuchs die einschlägige Forschung zu einer kaum noch überblickbaren Fülle an und er‐ weiterte wesentlich ihre Ansätze und Erkenntnisinteressen. Dokumentiert fin‐ det sie sich vor allem in den erwähnten Periodika ebenso wie in den Sammelbän‐ den, die aus inzwischen unzählbaren Kongressen zum Thema hervorgegangen sind, nicht nur aus denen des Centro Italiano di Studi Compostellani, sondern auch etwa aus den seit 1987 (als der Jakobsweg vom Europarat gerade zur ers‐ ten Europäischen Kulturstraße erklärt worden war) stattfindenden Congresos Internacionales de Estudios Jacobeos der Federación Española de Asociaciones de Amigos del Camino de Santiago 202 und - hierzulande - aus den ebenfalls 1.3 Forschungsgeschichtliche Rückschau 69 <?page no="70"?> 203 Inzwischen sind 29 Bände in dieser Reihe erschienen, einschließlich der vorliegenden Dissertation. 204 Es fällt zudem auf, dass sich die Forschung in sehr ungleichem Maße der erhaltenen Berichte angenommen hat: Wer etwa zum Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi oder auch zur Relazione Ufficiale des Lorenzo Magalotti über die 1668/ 1669 von Cosimo III. de’ Medici unternommene Grand Tour recherchiert, sieht sich mit einer riesigen Fülle einschlägiger Publikationen konfrontiert. Bezeichnend: Anlässlich des Heiligen Com‐ postelanischen Jahres 2004 ist ein großformatiger und mit reichlichen Illustrationen ausgestatteter ‚Prachtband‘ erschienen, der neunzehn Aufsätze allein zu verschiedenen Aspekten des Spanienaufenthalts des toskanischen Prinzen versammelt. Vgl. Xosé Antonio N E I R A C R U Z (Hg.), Il viaggio a Compostella di Cosimo III de’ Medici, Santiago de Compostela 2004. Für andere, namentlich für die erst in den vergangenen Jahrzehnten neu ‚entdeckten‘ Berichte kann indes oftmals auf wenig mehr denn auf das Vor- oder Nachwort der jeweiligen Edition verwiesen werden. Der von Kapitel zu Kapitel mitunter deutlich variierende Umfang der Fußnotenapparate in der vorliegenden Arbeit spiegelt diese Situation entsprechend wider. 205 Vgl. H E R B E R S / P L ÖT Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 43f.; H A S S A U E R , Santiago (wie Anm.-2), S.-53. 206 Vgl. z. B. Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Le vie di pellegrinaggio, articolazione dell’Europa cristiana, in: Viaggio nell’antica cartografia d’Europa: dalle radici cristiane all’Europa unita, hg. von Gianni B R A N D O Z Z I / Maria B R A N D O Z Z I , Rom 2009, S. 27-36; Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Las rutas jacobeas mediterráneas a lo largo de la Historia, in: El Medi‐ terráneo en el origen: IX Congreso Internacional de Asociaciones Jacobeas, Valencia, 20-23 octobre 2011, hg. von Amparo S Á N C H E Z R I B E S , Valencia 2012, S. 359-370; A R L O T T A , Attraverso l’Italia (wie Anm.-160); D E R S ., Le Peregrinationes maiores nell’Itinerarium de Brugis (sec. XIV): un contributo toponomástico e cartografico, in: De peregrinatione. Studi in onore di Paolo Caucci von Saucken, hg. von D E M S ., Perugia 2016, S. 507-544; I ÑA R R E A L A S H E R A S , Étude des itinéraires (wie Anm. 73). - Wie in Anm. 189 mit Verweis auf verschiedene einschlägige Publikationen für die italienische Jakobsweg-Forschung seit 1987 stattfindenden Jahrestagungen der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft, die sich mit der renommierten Buchreihe der Jakobus-Studien ein eigenes Publikationsorgan geschaffen hat 203 . Allerdings stellt die Erschließung und Untersuchung der historischen Guiden- und Berichtliteratur dabei auch weiter‐ hin eher ein Nebengeschäft dar: Schon ein Blick in die jüngsten Akten- und Zeitschriftenbände zeigt, dass sich nur ein geringer Teil der dort publizierten Beiträge mit diesem hier interessierenden Korpus befasst 204 . Und obwohl die Pilgerberichtforschung inzwischen auch andere Disziplinen integriert, bleibt sie doch maßgeblich von Fragestellungen der Geschichtswissenschaft beherrscht. Traditionell wurden Santiago-Berichte - als reine Informationsträger - in den Dienst ereignishistorischer Recherchen gestellt, insbesondere aber, wie bereits erwähnt, für die Rekonstruktion der ehemaligen Pilgerwege ausgewertet 205 . Seit das Feld hier als weitgehend ‚abgeerntet‘ gilt, wurden solche Bemühungen nur mehr vereinzelt unternommen, zuletzt etwa noch von Paolo Caucci von Saucken, Giuseppe Arlotta und Ignacio Iñarrea Las Heras 206 . Indes haben in den 70 1 Einleitung <?page no="71"?> belegt, erschienen solche Untersuchungen in den 1980er und 1990er Jahren noch deutlich zahlreicher. 207 Zur Mentalitätengeschichte vgl. Georges D U B Y , L’histoire des mentalités, in: L’histoire et ses méthodes, hg. von Charles S A M A R A N , Paris 1961, S. 937-966; Jacques L E G O F F , Les mentalités. Une histoire ambiguë, in: Faire de l’histoire 3, hg. von D E M S ./ Pierre N O R A , Paris 1974, S.-76-94; Philippe A R I È S , L’histoire des mentalités, in: La Nouvelle Histoire, hg. von Jacques L E G O F F , Paris 1978, S. 402-423; Roger C H A R T I E R , Histoire intellectuelle et histoire des mentalités. Trajectoires et questions, in: Revue de Synthèse 104/ 111-112 (1983), S.-277-308. 208 Vgl. z. B. Jeffrey R I C H A R D , Les relations de pèlerinage au Moyen Âge et les motivations de leurs auteurs, in: Wallfahrt kennt keine Grenzen, hg. von Lenz K R I S S -R E T T E N B E C K / Gerda M Ö H L E R , München/ Zürich 1984, S. 143-154; Ursula G A N Z -B L Ä T T L E R , Wege zum Heil, Wege der Selbsterfahrung. Pilger und Pilgerfahrten gestern und heute, in: IVS-Bulletin 92/ 1 (1992), S. 6-12; D I E S ., Zur Spiritualität in Santiago-Berichten des 15. und 16. Jahr‐ hunderts, in: Spiritualität des Pilgerns, hg. von Klaus H E R B E R S / Robert P L Ö T Z , Tübingen 1993, S. 59-82; Klaus H E R B E R S , Spanienreisen im Mittelalter - unbekannte und neue Welten, in: Fernreisen im Mittelalter, hg. von Folker R E I C H E R T , Berlin 1998, S. 81-106; Volker H O N E M A N N , Motives for pilgrimages to Rome, Santiago and Jerusalem in the later Middle Ages, in: Santiago, Roma, Jerusalén. Actas del III Congreso Internacional de Estudios Jacobeos (Santiago de Compostela, 14-16 settembre 1997), hg. von Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago de Compostela 1999, S. 175-186; Philippe B O U T R Y / Pierre-Antoine F A B R E / Dominique J U L I A (Hg.), Rendre ses vœux. Les identités pèlerines dans l’Europe moderne (XVI e -XVIII e siècle), Paris 2000; Ignacio I ÑA R R E A L A S H E R A S , El Voyage d’Espangne de Guillaume Manier (1736) o la peregrinación jacobea como excusa, in: Revista de Filología 24 (2006), S. 153-165; D E R S ., Guillaume Manier et l’Espagne de son temps (1726) : Religiosité et patriotisme, in: STVDIVM. Revista de Humanidades 19 (2013), S. 97-112; Dominique J U L I A , Le Voyage aux saints. Les pèlerinages dans l’Occident moderne (XV e -XVIII e siècle), Paris 2016; R U C Q U O I , Mille fois (wie Anm. 15), insb. S.-15-72. 209 Vgl. z. B. Noel C O U L E T , Les jardins de France et d’Espagne vus par Jérôme Münzer. Regard d’un voyageur de la fin du XV e siècle, in: Flore et jardins. Usages, savoirs et vergangenen Jahrzehnten vermehrt Fragen einer - allen voran von Georges Duby und Jacques Le Goff propagierten - histoire des mentalités, einer Menta‐ litäten- oder Vorstellungsgeschichte, Einzug gehalten 207 , Fragen etwa nach den Reise- und Schreibmotiven der Pilger, nach ihren Denkweisen und Anschauun‐ gen, nach ihren Hoffnungen, Sorgen und Interessen, denen die schon mehrfach zitierte Ursula Ganz-Blättler, denen aber auch Volker Honemann, Klaus Herbers, Dominique Julia, Adeline Rucquoi und viele andere nachgegangen sind 208 . Damit verwandt und nicht immer trennscharf davon zu scheiden sind Fragen nach der Perzeption der Pilger (auf denen ja auch hier ein zentrales Augenmerk liegen soll); zum Korpus der Santiago-Berichte sind beispielsweise zahlreiche Arbeiten erschienen, die sich mit dem jeweiligen Spanien-, Galicien- oder Portugalbild, mit nationalen oder ethnischen Stereotypen und mit dem Verhältnis von Eigenem und Fremdem beschäftigen 209 . Ethnographische Ansätze unter dem 1.3 Forschungsgeschichtliche Rückschau 71 <?page no="72"?> représentations du monde végétal au Moyen Âge, hg. von Pierre-Gilles G I R A U L T , Paris 1997, S. 199-212; H O N E M A N N , Santiago (wie Anm. 128); Klaus H E R B E R S , ‚Murcia ist so groß wie Nürnberg‘. Nürnberg und Nürnberger auf der Iberischen Halbinsel. Eindrücke und Wechselbeziehungen, in: Nürnberg. Eine europäische Stadt in Mittelalter und Neuzeit, hg. von Helmut N E U H A U S , Nürnberg 2000, S. 151-183; Klaus H E R B E R S / Nikolas J A S P E R T (Hg.), „Das kommt mir spanisch vor“. Eigenes und Fremdes in den deutsch-spanischen Beziehungen des späten Mittelalters, Münster 2004, darin insb.: Klaus H E R B E R S , ‚Das kommt mir spanisch vor‘. Zum Spanienbild von Reisenden aus Nürnberg und dem Reich an der Schwelle zur Neuzeit, S. 1-30; D E R S ., Die ‚ganze‘ Hispania. Der Nürnberger Hiero‐ nymus Münzer unterwegs, seine Ziele und Wahrnehmung auf der Iberischen Halbinsel (1494-1495), in: Grand Tour. Adeliges Reisen und europäische Kultur vom 14. bis zum 18. Jahrhundert. Akten der internationalen Kolloquien in der Villa Vigoni 1999 und im Deutschen Historischen Institut Paris 2000, hg. von Rainer B A B E L / Werner P A R A V I C I N I , Ostfildern 2005, S. 293-308; Albrecht C L A S S E N , Die Iberische Halbinsel aus der Sicht eines humanistischen Nürnberger Gelehrten. Hieronymus Münzer: Itinerarium Hispanicum (1494-1495), in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 111 (2003), S. 317-340; Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , La memoria della Spagna nella letteratura odeporica italiana di tematica compostellana, in: Letteratura della memoria. Atti del XXI Convegno [dell’Associazione Ispanisti Italiani]. Salamanca, 12-14 settembre 2002, hg. von Domenico Antonio C U S A T O / Loretta F R A T T A L E / Gabriele M O R E L L I / Pietro T A R A V A C C I / Belén T E J E R I N A , Messina 2004, S. 53-70; Ignacio I ÑA R R E A L A S H E R A S , L’Espagne du XVIII e siècle sous le regard d’un pèlerin français, in: Carnets. Revue électronique d’études françaises de l’APEF 1/ 4 (2012), https: / / journals.openedition.org/ carnets/ 7574 (Zugriff am 22.04.2024), S. 155-172. Der Lissabon-Beschreibung im Livre de Voeiages des Jan Taccoen van Zillebeke ist sogar ein ganzer Sammelband gewidmet: Jorge F O N S E C A (Hg.), Lisboa em 1514. O relato de Jan Taccoen van Zillebeke, Ribeir-o 2014. 210 Vgl. Michel V U S T , Ultreia ! Une ethnographie des cheminements vers Saint- Jacques-de-Compostelle [unv. Typoskript], Neuenburg 2010; Elena Z A P P O N I , Marcher vers Compostelle. Ethnographie d’une pratique pèlerine, Paris 2011. 211 Vgl. z. B. Ignacio I ÑA R R E A L A S H E R A S , Le Voyage d’Espagne (1736) de Gauillaume Manier : un carrefour intertextuel, in: EPOS. Revista de Filología 28 (2012), S. 231-246; D E R S ., Texte, paratexte et lexique espagnol dans le Voyage d’Espagne (1736) de Guillaume Manier, in: Revista de Filología Románica 30/ 2 (2013), S. 353-368. - Hierzulande hat insbesondere das Reisetagebuch des Arnold von Harff einige rezeptions- und überliefe‐ rungsgeschichtliche Arbeiten angeregt. Vgl. z. B. Volker H O N E M A N N , Zur Überlieferung der Reisebeschreibung Arnolds von Harff, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und Schlagwort Agency, die die Frömmigkeitspraxis des Pilgerns, auch mithilfe der Berichtliteratur, aus der Innenperspektive der Handelnden, also der Pilgern‐ den, beleuchten, sind von Michel Vust und Elena Zapponi erprobt worden 210 . Literaturwissenschaftliche Fragen etwa der Überlieferungs- und Rezeptionsge‐ schichte, der Genrezugehörigkeit und der sprachlichen Struktur haben in der Pilgerberichtforschung bisher eher selten Berücksichtigung gefunden; zuletzt hat beispielsweise Ignacio Iñarrea Las Heras intertextuelle Referenzen sowie den Umgang mit Paratext und spanischer Lexik im Voyage d’Espangne des Guillaume Manier untersucht 211 . Auch sind Santiago-Berichte herangezogen 72 1 Einleitung <?page no="73"?> deutsche Literatur 107 (1978), S. 165-178; Hartmut B E C K E R S , Zur Reisebeschreibung Arnolds von Harff. Bericht über zwei bisher unbekannte Handschriften und Hinweise zur Geschichte dreier verschollener Codices, in: Annalen des historischen Vereins für den Niederrhein, insbesondere das alte Erzbistum Köln 182 (1979), S. 89-98; D E R S ., Neues zur Reisebeschreibung Arnolds von Harff. Die Handschrift Dietrichs V. von Millendonk-Drachenfels vom Jahre 1554 und ihre Bedeutung für die Rezeptions- und Überlieferungsgeschichte, in: Rheinische Vierteljahrsblätter 48 (1984), S. 102-111; D E R S ./ Volker H O N E M A N N , Zur Neuausgabe der Reisebeschreibung des Arnold von Harff, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 111/ 3 (1992), S.-392-396. 212 Vgl. Luis M. C A L V O S A L G A D O , Die Wunder der Bettlerinnen. Krankheits- und Hei‐ lungsgeschichten in Burgos und Santo Domingo de la Calzada (1554-1559), Tübingen 2000; Robert P L Ö T Z , Res est nova et adhuc inaudita. Índice de motivos y evolución literario-oral del relato del milagro del peregrino que fue rescatado de la horca, in: Il pellegrinaggio a Santiago de Compostela e la letteratura jacopea. Atti del Convegno Internazionale di Studi. Perugia, 23-24-25 Settembre 1983, hg. von Giovanna S C A L I A , Perugia 1985, S. 531-573; deutsch: Res est nova et adhuc inaudita. Motivindex und literarisch-orale Evolution der Mirakelerzählung vom Pilger, der vom Galgen gerettet wurde, in: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde 44 (1999), S. 9-39. Vgl. auch Marco P I C C A T , Il miracolo jacopeo del pellegrino impiccato, riscontri tra narrazione e figurazione, in: Il pellegrinaggio a Santiago de Compostela e la letteratura jacopea. Atti del Convegno Internazionale di Studi. Perugia, 23-24-25 Settembre 1983, hg. von Giovanna S C A L I A , Perugia 1985, S. 287-310; Jacomet H U M B E R T , Un miracle de Saint Jacques. Le pendu dépendu, in: Archéologia 278 (1992), S. 26-47; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-55-67. 213 Vgl. z. B. Miguel T A Í N G U Z M Á N , The Views of the Cities of Spain Drawn by the Florentine Artist Pier Maria Baldi. The Codex of the Journey of the Prince Cosimo III of Medici in the Laurenziana Library, in: Mitteilungen der Carl Justi-Vereinigung 27/ 28 (2015/ 2016), S. 4-9; Jo-o C A B E L E I R A , Vis-o da paisagem seiscentista portuguesa através das vedute de Pier Maria Baldi e da Relazione ufficiale de Lorenzo Magalotti, in: RiMe. Rivista dell’Istituto di Storia dell’Europa Mediterranea 8/ 3 (2021), Sonderdruck: Portugal na escrita dos Italianos (sécs. XVI-XVIII), S. 113-144. Vgl. auch H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 46. - Für die einundzwanzig Aquarelle, Zeichnungen und Kupferstiche in der Veridica Historia des Nicola Albani fehlen solche Arbeiten noch. - Für das Korpus der Jerusalem-Berichte kann insbesondere verwiesen werden auf: Anworden, um die (motivgeschichtliche) Entwicklung volkstümlicher Erzählstoffe wie des berühmten Galgen- und Hühnermirakels von Santo Domingo de la Calzada nachzuvollziehen, die vorwiegend mündlich tradiert wurden, aber unter der Feder manches Pilgers glücklicherweise auch schriftliche Spuren hinterließen; einschlägige Studien haben unter anderen Robert Plötz und Luis Manuel Calvo Salgado vorgelegt 212 . Die seltenen Dokumente, die mit einem reichen ikonographischen Apparat versehen sind (im hier zu untersuchenden Korpus die Relazione Ufficiale des Lorenzo Magalotti und die Veridica Historia des Nicola Albani), wurden von der kunsthistorischen Forschung teilweise nach dem Verhältnis von Bild und Text befragt 213 . Eine ganz eigene Richtung hat Friederike Hassauer eingeschlagen: In ihrer Habilitationsschrift untersucht 1.3 Forschungsgeschichtliche Rückschau 73 <?page no="74"?> dres B E T S C H A R T , Zwischen zwei Welten. Illustrationen in Berichten westeuropäischer Jerusalemreisender des 15. und 16.-Jahrhunderts, Würzburg 1996. 214 Vgl. H A S S A U E R , Santiago (wie Anm.-2). 215 Vgl. Yves B O T T I N E A U , Les Chemins de Saint-Jacques, Paris 1983; deutsche Ausgabe: Der Weg der Jakobspilger. Geschichte, Kunst und Kultur der Wallfahrt nach Santiago de Compostela. Mit einer Einleitung und einem Kapitel zur Jakobsverehrung in Deutschland von Klaus H E R B E R S , Bergisch Gladbach 1987. 216 Vgl. Jan van H E R W A A R D E N , Op weg naar Jacobus. Het boek, de legend en de gids voor de pelgrim naar Santiago de Compostela, Hilversum 1992. 217 Vgl. P É R I C A R D -M É A , Compostelle (wie Anm. 39); D I E S ., Les Routes de Compostelle, Paris 2002; D I E S ., Brève histoire du pèlerinage de Saint-Jacques de Compostelle, Gavaudun 2003; D I E S ., Chemins de Compostelle et Patrimoine Mondial, Cahors 2010. - Außerdem hat Péricard-Méa ein thematisches Wörterbuch erarbeitet: D I E S ./ Louis M O L L A R E T , Dic‐ tionnaire de saint Jacques et Compostelle, Paris 2006. 218 Vgl. H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10). - Von Herbers liegen zahlreiche (hier zum Teil schon zitierte) Arbeiten zum Jakobsweg vor, insbesondere zum Liber Sancti Jacobi, der auch im Mittelpunkt seiner Dissertation steht: D E R S ., Der Jakobuskult des 12. Jahrhunderts und der „Liber Sancti Jacobi“. Studien über das Verhältnis zwischen Religion und Gesellschaft im Hohen Mittelalter, Wiesbaden 1984. 219 Vgl. R E Y C A S T E L A O , Los mitos (wie Anm. 17). - Zudem hat sich Rey Castelao insbeson‐ dere mit dem voto de Santiago befasst, so schon in ihrer Dissertation: D I E S ., El voto de Santiago en la España moderna [unv. Typoskript], Santiago de Compostela 1984. 220 Vgl. S I N G U L , Historia cultural (wie Anm.-6). 221 Vgl. R U C Q U O I , Mille fois (wie Anm. 15). - Rucquoi hat eine Vielzahl von Aufsätzen und Lexikoneinträgen zu Themen rund um den Jakobsweg verfasst, von denen hier nur eine kleine Auswahl aufgeführt sei: D I E S ., Compostela, in: Encyclopedia of the Middle Ages 1 (2000), S. 345f.; D I E S ., O caminho de Santiago: a criaç-o de um itinerário, in: Signum. Revista da ABREM 9 (2007), S. 95-120; D I E S ., Cluny, el Camino Francés y la Reforma Gregoriana, in: Medievalismo 20 (2010), S. 97-122; D I E S ., Diego Gelmírez: un archevêque de Compostelle ‘pro-français’ ? , in: Ad limina 2 (2011), S. 161-181; D I E S ., Hospites seu Peregrini: itinerarios de peregrinación en la alta Edad Media (850-1150), in: Iacobus 29/ 30 (2011), S. 15-48; D I E S ., El siglo XV, nuevo apogeo de las peregrinaciones a Santiago, in: El Mediterráneo en el origen: IX Congreso Internacional de Asociaciones Jacobeas, Valencia, 20-23 octobre 2011, hg. von Amparo S Á N C H E Z R I B E S , Valencia 2012, S. 379-398; Adeline R U C Q U O I , Littérature compostellane IX e -XII e siècles. Textes et contextes, in: Unterwegs im Namen der Religion II. Wege und Ziele in vergleichender Perspektive - das mittelalterliche Europa und Asien, hg. von Klaus H E R B E R S / Hans-Christian L E H N E R , Stuttgart 2016, S. 119-140; Adeline R U C Q U O I , Santiago auch sie zwar bewährtermaßen mentalitätengeschichtliche und literaturwis‐ senschaftliche Aspekte, stellt diese jedoch unter den vorrangigen Erkenntnis‐ zweck einer medienhistorischen Rekonstruktion der Jakobuspilgerfahrt nach Compostela 214 . Verschiedene der genannten Ansätze und Aspekte laufen in den monographischen Übersichtswerken zur Geschichte bzw. Kulturgeschichte des Jakobsweges zusammen, die Yves Bottineau 215 , Jan van Herwaarden 216 , Denise Péricard-Méa 217 , Klaus Herbers 218 , Ofelia Rey Castelao 219 , Francisco Singul 220 und Adeline Rucquoi 221 in den vergangenen Jahrzehnten verfasst haben; die erhal‐ 74 1 Einleitung <?page no="75"?> y la monarquía francesa, in: Jacobus patronus. X Congreso Internacional de Estudios Jacobeos (Santiago de Compostela, 9-11 de noviembre de 2017), hg. von Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago de Compostela 2020, S.-49-68. 222 G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm.-93), S.-145-151. 223 Vgl. R U C Q U O I , Mille Fois (wie Anm.-15), S.-319-363; G O N Z Á L E Z V ÁZ Q U E Z , Lugar de culto (wie Anm.-59), insb. S.-173-198. 224 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109). 225 Vgl. P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm.-94). tenen Pilger- und Reiseberichte bilden hier gewöhnlich nicht die Hauptquelle, werden jedoch fallweise herangezogen. Speziell Fragen der Wahrnehmung und Darstellung von Santiago de Com‐ postela (in der Berichtliteratur) sind zwar schon vielfach angerissen, doch nur selten fokussiert, geschweige denn monographisch bearbeitet worden. Ursula Ganz-Blättler etwa konzentriert sich in ihrer vergleichenden Dissertation auf das umfangreichere Korpus der Jerusalem-Berichte und widmet dem - wie sie es nennt - „Erlebnis Santiago de Compostela“ nur ein kurzes Unterkapitel (sieben Seiten), in dem sie für den frühen Zeitraum von 1320 bis 1520 zum ernüchternden Ergebnis kommt, dass der Großteil der Santiago-Berichte ein „auffallende[s] Desinteresse“ am Pilgerziel bezeuge, ihm nämlich jeweils „nicht mehr als einen dürren Satz“ einräume 222 . Während die Frage, wie mittelalterliche und frühneuzeitliche Pilger die Jakobsstadt erlebten, etwa bei Luis Vázquez de Parga et al. noch gänzlich unberücksichtigt bleibt, sind ihr nun in manch jüngeren Übersichtswerken unter Heranziehung der Berichtliteratur immerhin einige Seiten gewidmet: so etwa in Mille fois à Compostelle von Adeline Rucquoi und in der von Ermelindo Portela Silva herausgegebenen Historia de la ciudad de Santiago de Compostela 223 . Paolo Caucci von Saucken nimmt in Santiago e i Cammini della Memoria eine chronologische Durchsicht der einschlägigen italienischen Texte vom Itinerario Marciano bis zum Tagebuch des Paolo Bacci vor: Kapitel für Kapitel geht er jeweils auf die Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte ein, auf den Autor, seine Reisemotive und besonderen Interessen, rekonstruiert die Umstände der Pilgerfahrt und die eingeschlagenen Routen und wirft schließlich immer auch einen - allerdings eher flüchtigen - Blick auf die Passagen über Compostela 224 . Am ehesten ist, was in dieser Arbeit intendiert wird, von Robert Plötz mit seinem bereits zitierten Aufsatz „Santiago de Compostela en la literatura odepórica“ vorweggenommen worden: Von tiefergehenden Detailanalysen sieht auch er zwar ab; jedoch arbeitet er sys‐ tematisch und mit reichlichen Primärtextauszügen typische, wiederkehrende Elemente mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Compostela-Beschreibungen heraus und bietet damit eine ausgezeichnete Grundlage für weiterführende Untersuchungen in diese Richtung 225 . Geringeren Umfangs und vor allem 1.3 Forschungsgeschichtliche Rückschau 75 <?page no="76"?> 226 Vgl. H O N E M A N N , Santiago (wie Anm. 128); Klaus H E R B E R S , La imagen de Galicia y de Compostela en los relatos de peregrinos del siglo XV, in: Actas del V Congreso Internacional de Estudios Galegos 1, hg. von Dieter K R E M E R , Trier 1999, S.-205-213. 227 Vgl. Lucrezia L O P E Z , La imagen de Santiago de Compostela y del Camino en Italia. Una aproximación desde la geografía cultural [unv. Typoskript], Santiago de Compostela 2012, insb. S.-333-412. auf deutsche Santiago-Berichte bezogen liegen ähnliche Beiträge auch etwa von Volker Honemann und Klaus Herbers vor 226 . Schließlich sei noch auf die Dissertation von Lucrezia Lopez hingewiesen, die aus kulturgeographischer Perspektive und mit besonderem Augenmerk auf die touristische Vermarktung das image von Compostela untersucht. Obgleich primär am heutigen Stadtbild interessiert, wertet sie in einem historischen Rückblick auch einige (italienische) Pilgerberichte aus, fokussiert dabei allerdings - nach meinem Empfinden relativ wahllos - nur auf einzelne Aspekte der jeweiligen Compostela-Beschreibung und geht selten über eine rein inhaltliche Wiedergabe hinaus 227 . 1.4 Vorgehen und methodisch-konzeptuelle Überlegungen Am Anfang dieser Arbeit, in Kapitel 1.1 und 1.2, standen ein knapper histori‐ scher Abriss über die bis heute identitätsstiftenden mythisch-legendarischen Ursprünge und die frühe Entwicklung der Stadt Santiago de Compostela sowie ein exemplarischer Überblick über die spärlichen Spuren, die sie in den mittel‐ alterlichen und frühneuzeitlichen romanischen Literaturen hinterlassen hat. Davon ausgehend ist die Quellenbasis für die hier anvisierte Untersuchung umrissen und begründet worden, die sich vornehmlich aus in Pilger- und (an‐ deren) Reiseberichten enthaltenen Compostela-Beschreibungen speist. Dabei sind reichliche Beispiele auch für solche Texte angebracht worden, die zwar potenziell in dieses Korpus gehören, die aber aus dem einen oder anderen Grund - etwa, weil ihr Autor nicht aus eigenem Erleben berichtet oder weil ihre Com‐ postela-Beschreibung sehr kurz ausfällt - nicht bzw. nur vereinzelt beigezogen werden sollen. In Kapitel 1.3 erfolgte zuletzt eine forschungsgeschichtliche Rückschau von den ersten Pilgerberichteditionen im 19. Jahrhundert bis zur jüngeren, seit den 1980er Jahren florierenden Jakobsweg-Forschung, die sich der Pilgerberichtliteratur mit verschiedenen Ansätzen und Erkenntnisinteressen schon vielfach bediente. In Kapitel 1.4 gilt es nun die hier interessierenden Forschungsfragen näherhin zu profilieren und einige methodisch-konzeptuelle Überlegungen voranzustellen. 76 1 Einleitung <?page no="77"?> 228 Da sich diese Struktur in allen Textanalysen ungefähr gleichbleibt, erschien es - übersichtlichkeitshalber und um wörtliche Wiederholung zu vermeiden - nicht sinn‐ voll, sie jeweils durch Zwischentitel noch weiter zu untergliedern. Ihrerseits sind sie zu übergeordneten, zeitlich, aber zum Teil auch inhaltlich bestimmten Kapiteln zusammengefasst. 229 Vor allem über die Gründe, die sie zum Schreiben bewogen, kann oftmals nur spekuliert werden, und auch die Wege und Irrwege, die einzelne Quellen im Laufe der Jahrhun‐ derte nahmen, bis sie in die Hände ihrer Transkribenten fielen, liegen größtenteils im Dunkeln. Viele der Pilger-Autoren haben aus Anlass ihrer Reise sicher zum ersten und einzigen Mal in ihrem Leben überhaupt einen längeren Text verfasst (was ihre unbedarfte Ausdrucksweise gegebenenfalls deutlich zu erkennen gibt). In Kapitel 2 bis 8, dem analytischen Hauptteil der vorliegenden Arbeit, sollen die ausgewählten 21 Texte anschließend in der Reihenfolge ihrer Entste‐ hung untersucht werden. Intendiert sind detaillierte Analysen der einzelnen Compostela-Beschreibungen (was indes vergleichende Seitenblicke in andere, frühere oder spätere Texte nicht ausschließt). Das chronologische Nacheinander ermöglicht es nicht nur, im Zeitverlauf auftretende Veränderungen deutlich zu erfassen, sondern - anders als eine von Vornherein auf Kontrastierung zielende Gliederung etwa nach Themen oder Motiven - auch, den Quellen als solchen und ihren Autoren jeweils gerecht zu werden. So ist der Analyse ei‐ ner jeden Compostela-Beschreibung eine gründliche philologisch-kontextuelle Einordnung vorgeschaltet, die inhaltliche und sprachliche Gestaltung, Genese und Überlieferungszusammenhang, Rezeptionsgeschichte und historische Aus‐ gaben des jeweiligen Textes ebenso beleuchtet wie Biographie, Reiseumstände und eingeschlagene Routen, Motivation, Interessen und geistige Dispositionen des jeweiligen Autors 228 . Nicht immer aber lassen sich zu allen diesen Aspekten gesicherte Aussagen machen, denn über viele Pilger-Autoren ist nichts weiter bekannt als das Wenige, das sie selbst in ihren Aufzeichnungen preisgeben; nur in den seltensten Fällen handelt es sich um berühmte Persönlichkeiten wie Cosimo III. de’ Medici und seine Kammerherren Lorenzo Magalotti und Filippo Corsini, deren Leben und Werk gut dokumentiert sind 229 . Kapitel 9 führt die Ergebnisse der Textanalysen abschließend in eine verglei‐ chende Zusammenschau über, mit dem Ziel, grundlegende Konstanten und Veränderungen in Wahrnehmung und Darstellung von Santiago de Compostela in ihrer longue durée noch einmal konzentriert herauszustellen. Wie bereits erwähnt, ist der Betrachtungszeitraum daher bewusst breit angelegt; er reicht von der Blütezeit der Santiago-Pilgerfahrt im Hohen und Späten Mittelalter über die von wechselnden Konjunkturen geprägte Frühe Neuzeit bis kurz vor ihrem vorläufigen Niedergang an der Schwelle zur Moderne, als die Pilgerzahlen vor 1.4 Vorgehen und methodisch-konzeptuelle Überlegungen 77 <?page no="78"?> 230 Vgl. P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm. 94), S. 63; G O N ZÁ L E Z V Á Z Q U E Z , Lugar de culto (wie Anm.-59), S.-181. dem Hintergrund einer bald alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringenden Säkularisierung deutlich abnahmen. Das Hauptinteresse dieser Studie gilt Aspekten der subjektiven Wahrneh‐ mung, des praktischen Handelns und der textuellen Darstellung: Wie erlebten vormoderne Reisende die Stadt Santiago de Compostela? Wie verhielten sie sich dort? Und wie schrieben sie hernach darüber? Von diesen allgemeinen Grundfragen lassen sich zahlreiche andere, spezifischere ableiten: Welche Stellung räumen die schreibenden Pilger der Stadt im Reiseverlauf ein? Welches (quantitative) Gewicht teilen sie ihr im Text zu? Welche Bereiche, welche Elemente der Stadt haben in besonderer Weise ihre Aufmerksamkeit erregt und finden sich entsprechend in ihren Aufzeichnungen erwähnt oder sogar eingehender beschrieben? Welche anderen Bereiche und Elemente ließen sie dagegen außer Acht? Lassen sich gar fixe, gewissermaßen überzeitliche Konstanten benennen, Elemente, die in sämtlichen Zeugnissen vom Hohen Mittelalter bis zur ausgehenden Frühneuzeit auftreten? Dazu gehört sicher die angebliche Präsenz des Apostels Jakobus des Älteren - jener zentrale mythische Faktor, der Compostela, wie in Kapitel 1.1 skizziert, überhaupt erst zur Stadtwerdung und zum Aufstieg unter die bedeutendsten Devotionsorte der Christenheit verhalf. Auf der Kathedrale, die seine verehrungswürdigen Gebeine birgt, liegt, wie sich zeigen wird, stets das Hauptgewicht der Beschrei‐ bung - mit nur einer Ausnahme: im Livre de Voeiages des Jan Taccoen van Zillebeke (Kapitel 4.2). Worauf achteten die Pilger-Autoren hier, in diesen heiligen Mauern? Kurioserweise nicht, wie man erwarten würde, auf die Krypta mit dem Apostelschrein, die nämlich seit der Bischofszeit des legendären Diego Gelmírez (1100-1140) streng verschlossen gehalten wurde 230 . Welche Praktiken vollzogen sie hier? Gab es vielleicht ein kanonisches ‚Pilgerprogramm‘ - so wie in Jerusalem -, ein fixes Set von Bräuchen und Ritualen, an dem sich alle Jakobspilger orientierten? Soweit aus heutiger Warte möglich, ist immer auch eine gründliche Prüfung auf Realitätstreue geboten: Entspricht die Beschreibung den tatsächlich vorge‐ fundenen Gegebenheiten? Liegen versehentliche Fehler vor, lapsus memoriae, vielleicht bedingt durch einen großen zeitlichen Abstand zwischen Erlebnis und Berichtabfassung? Oder aber bewusste Phantasieangaben? Vor allem bei Guillaume Manier (Kapitel 8.2) und Nicola Albani (Kapitel 8.3) entsteht der Eindruck, dass sie mangelndes Wissen zuweilen durch kreative Erdichtungen kompensieren. Kann in bestimmten Fällen eine gezielte Manipulation der 78 1 Einleitung <?page no="79"?> 231 Vgl. G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm.-93), S.-145-151; D I E S ., Spiritu‐ alität (wie Anm.-208), S.-68; H O N E M A N N , Santiago (wie Anm.-128), S.-136f. 232 Vgl. Carl Joachim C L A S S E N , Antike Rhetorik im Zeitalter des Humanismus, Mün‐ chen/ Leipzig 2003, S.-332-355. Stadtdarstellung nachgewiesen werden? In Domenico Laffis Viaggio in Ponente (Kapitel 6), dem explizit die Absicht zugrunde liegt, Gläubige zu einer Pilgerfahrt nach Compostela zu motivieren, ist tatsächlich der Versuch zu erkennen, das Erscheinungsbild der Stadt durch ein reiches Arsenal von Strategien - insbesondere durch fortwährende Betonung guter und Cachierung schlechter Eigenschaften - tendenziös ins Positive zu lenken. Gar zum Gegenstand unver‐ hohlener Idealisierung wird namentlich die Kathedrale im propagandistisch ausgerichteten Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi (Kapitel 2.5). Verglichen mit Jerusalem-Beschreibungen desselben Zeitraumes ist den hier interessierenden Compostela-Beschreibungen wiederholt eine eigenartige ‚Sprödigkeit‘ vorgeworfen worden, so etwa von Ganz-Blättler und Honemann, die sich damit allerdings nur auf das ausgehende Mittelalter beziehen 231 . Ab wann also werden sie lebendiger, eloquenter, redseliger? Ab wann geben sie auch subjektive Eindrücke, Werturteile und Emotionen wieder? Wie schildern die Pilger-Autoren beispielsweise ihre Ankunft am lang ersehnten Ziel, einen Moment, der, wie man annehmen darf, von äußerster Freude und Ergriffenheit begleitet war? Ab wann treten komplexere Darstellungen auf, die über fest erwartbare Elemente wie die Kathedrale, dort verwahrte prominente Reliquien und dort zum Ablasserwerb vollzogene Frömmigkeitshandlungen hinaus ver‐ stärkt auch (andere) Menschen, Handlungsdynamiken und sinnlich-atmosphä‐ rische Qualitäten registrieren und somit den Eindruck eines ‚belebten‘ Raumes entstehen lassen? Weiter können die Berichte im Hinblick auf wiederkehrende, vielleicht durch literarische Konventionen vorgeprägte Wahrnehmungs- und Darstel‐ lungsschemata, auf Stereotype und Topoi untersucht werden. Für antike Stadt‐ beschreibungen - so auch etwa für die berühmte Gottesstadtvorstellung in der Apokalypse des Johannes (Off 21 und 22), die in Kapitel 2.6 vergleichend herangezogen werden soll - ist bekanntlich eine tendenzielle Progression von außen nach innen charakteristisch: von der Lage und natürlichen Umgebung über die Mauern und Tore bis ins Stadtinnere mit seinen Straßen, Plätzen und hervorragenden Bauten und schließlich zum oft bedeutungsträchtigen Zentrum 232 . Liegen den Beschreibungen von Compostela ähnliche Ordnungsmuster zugrunde? Oder folgen sie vielmehr (zumindest teilweise) den Logiken und Idiosynkrasien persönlichen Gehens und Sehens? Welche Bedeutung kommt 1.4 Vorgehen und methodisch-konzeptuelle Überlegungen 79 <?page no="80"?> 233 Siehe weiter unten. 234 Vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 70-81; P L Ö T Z , Jacobus Maior (wie Anm. 51), S.-186-190. spatialen Oppositionen zu, wie Innen und Außen, intra und extra muros, Zentrum und Peripherie? Gerade bei einer dermaßen religiös geprägten Stadt wie Compostela, Erzbis‐ tumssitz und Fernpilgerziel ersten Ranges, muss ein besonderer Fokus zudem auf die ontologische Dichotomie von Sakral und Profan gelegt werden: Unter Rückgriff auf Mircea Eliade hat Richard Sennett die Spaltung in ein sakrales ‚Innen‘ und ein profanes ‚Außen‘ als zentrales Signum der europäischen Stadt (des Mittelalters) postuliert 233 . Findet sich Entsprechendes auch in den Beschrei‐ bungen von Compostela wieder? Welche strukturellen Unterschiede lassen sich in der Perzeption religiöser und weltlicher Orte erkennen? Interessierten sich Adlige und Bürgerliche eher als Geistliche für die profanen Seiten der Stadt, für Wirtschaft und politische Aktualität, für Kunst und materielle Prachtentfaltung - und dies mitunter vielleicht gar ‚deplatzierterweise‘ im Inneren von Kirchen und Heiligtümern? Für solche Kontaminierungen zwischen Sakralem und Profanem finden sich aufschlussreiche Beispiele namentlich bei Antoine de Lalaing (Kapitel 4.1) und Guillaume Manier (Kapitel 8.2). Auch lohnt es, nach dem Einfluss vorgängiger Erfahrungen, von Vor- und Weltwissen zu fragen. Welche Rolle spielten weit verbreitete theoretische/ ide‐ ologische Konzeptionen, in die Compostela eingebunden war, wie etwa die Trias der peregrinationes maiores oder die nach Herbers sogenannte ‚Lehre von den drei sedes (apostolicae)‘ 234 , die im Liber Sancti Jacobi mehr als einmal anklingt? Ausdrücklich thematisiert werden sie in der Berichtliteratur nur selten. Doch insbesondere im ausgehenden Mittelalter scheinen einige Autoren wie Nompar II. de Caumont, Jean de Tournai und Jan Taccoen van Zillebeke doch entschiedenen Wert darauf gelegt zu haben, nicht einen oder zwei, sondern alle drei großen christlichen Pilgerorte - Jerusalem, Rom und Compostela - zu besuchen. Und mancher, der zuvor in Rom gewesen war, fühlte sich dann in Compostela zu Vergleichen angeregt und interpretierte erkennbare Parallelen im Sinne einer Ebenbürtigkeit und ideellen Zusammengehörigkeit beider Städte. Wie ist zum anderen die Wirkung vorhergehender, begleitender oder an‐ schließender Reiselektüren auf Wahrnehmung und Darstellung von Compostela zu beurteilen? Viele italienische Jakobspilger des späten 17. und 18. Jahrhunderts trugen wohl den kleinformatig gedruckten Viaggio in Ponente des Domenico Laffi bei sich, so auch Gian Lorenzo Buonafede Vanti (Kapitel 7) und Giacomo Antonio Naia (Kapitel 8.1), die im Heiligen Jahr 1717 auf Pilgerschaft gingen. Wie zu zeigen sein wird, ließen sich beide nicht erst im Nachhinein, beim 80 1 Einleitung <?page no="81"?> 235 Vgl. Maurice H A L B W A C H S , La topographie légendaire des évangiles en Terre Sainte. Étude de mémoire collective, Paris 1941. Schreiben, sondern bereits in ihrem situativen Erleben und Handeln unterwegs wesentlich durch die beliebte Reisebeschreibung ihres Vorgängers beeinflussen, die sie an diversen Orten auch in Compostela immer wieder zum Nachschlagen aus der Pilgertasche hervorholten. Was aber, wenn Buchwissen und empirische Realität in situ sich einmal widersprachen? Schließlich lassen sich die Compostela-Beschreibungen auch im Hinblick auf fiktionale Anteile befragen, etwa auf Elemente volkstümlicher Legenden und Mirakelerzählungen, aus denen sich das städtische imaginaire konstituiert. Zuweilen wurden einzelne (mirakulöse) Motive mit real existierenden loca oder Gegenständen identifiziert und waren somit im Sinne einer Halbwachsschen topographie légendaire im Stadtraum referentiell verankert 235 . In diesen Fällen wirkt das Kollektiv-Imaginäre gleichsam in die empirische Stadtwahrnehmung der einzelnen Reisenden hinein. Ein eindrückliches, durch zahlreiche Texte be‐ legtes Beispiel für solchermaßen fiktionalisierte Gegenstände (das in diachroner Blickrichtung zudem eine höchst interessante Entwicklung nimmt) bieten hier die beiden sagenumwobenen Mirakelglocken, die sich vom Ende des 15. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts auf einem der Kathedraltürme, dem Vorgängerbau der heutigen Torre do Relox, befanden. Etwas aus dem Rahmen fällt bei alldem das relativ ausführliche Kapitel 2 - das erste Analysekapitel -, das ganz dem Liber Sancti Jacobi gewidmet ist, insbesondere dem Pilgerführer (Liber V) und der darin enthaltenen descriptio urbis, aber fallweise auch anderen aufschlussgebenden Texten wie etwa dem berühmten Sermon „Veneranda dies“ aus dem liturgischen Liber I und einzelnen Mirakeln aus dem Liber II. Nach Vorbemerkungen zu Inhalt, Genese und Bedeutung der Textsammlung (Kapitel 2.1) wird zunächst das Verhältnis von Weg und Ziel beleuchtet (Kapitel 2.2). Dabei wird unter anderem gezeigt, wie die Apostelstadt durch verschiedene Darstellungsverfahren mit dem positiv konnotierten Frankreich - der Heimat des anonymen Autors - symbolisch in Verbindung gesetzt wird, wie sogar versucht wird, sie räumlich näher heran‐ zuholen, d. h. die tatsächliche Distanz zu diesem denkbar entlegenen Ort am ‚Ende der Welt‘ zu relativieren, und wie zugleich ihre absolute Primatstellung in der westeuropäischen Sakrallandschaft wirkungsvoll untermauert wird, vor allem indem ihr sämtliche unterwegs aufzusuchenden loca sancta als (bloße) Stationen der Jakobuspilgerfahrt hierarchisch subsumiert werden (Kapitel 2.2.1). Ebenso werden die Wertungen und semantischen Zuschreibungen des Raumes in den Blick genommen und gezeigt, dass die ohnehin hochgerühmte Stadt noch 1.4 Vorgehen und methodisch-konzeptuelle Überlegungen 81 <?page no="82"?> 236 Übersichtsweise zu kulturwissenschaftlichen Annäherungen an die Stadt, die sich - oftmals ausgehend von Studien Georg Simmels, Walter Benjamins und Michel de Certeaus - in erster Linie auf die moderne Großstadt beziehen, vgl. Jens W I E T S C H O R K E , Anthropologie der Stadt: Konzepte und Perspektiven, in: Stadt. Ein interdisziplinäres Handbuch, hg. von Harald A. M I E G / Christoph H E Y L , Stuttgart 2013, S. 202-221, insb. S. 202-206. - Auch die ‚klassische‘ Definition des Stadtbegriffs nach Louis Wirth, die sich im Wesentlichen auf die Trias von ‚Größe‘, ‚Dichte‘ und ‚Heterogenität‘ reduzieren lässt, kann für die vormoderne Stadt keine bzw. nur bedingte Gültigkeit beanspruchen. Vgl. Louis W I R T H , Urbanism as a Way of Life, in: AJS Review 44 (1938), S. 1-24; deutsch: umso heller leuchtet vor der bewusst düster gezeichneten Kontrastfolie der von Betrug, Sünde und Gefahr beherrschten Pilgerwege, die zu ihr hinführen (Kapitel 2.2.2). Anschließend folgt die detaillierte Untersuchung der descriptio urbis; hier wird das Bild einer geometrisch stilisierten Idealstadt und einer urbs sacra entstehen, die ganz um die angeblich mittig gelegene Kathedrale und letztlich um das Jakobsgrab kreist und aus der (fast) alles Profane entschwunden scheint (Kapitel 2.3). Näherhin gilt es einerseits die ekphrastischen Verfahren der Visualisierung und Verlebendigung herauszuarbeiten, derer sich der anonyme Autor bedient, um einen lebensnahen, persönlichen Rundgang rings um und durch die Kathedrale zu simulieren (Kapitel 2.4), und andererseits zu illustrieren, wie er das sakrale Bauwerk dabei gezielt zu ästhetischer Vollkommenheit hochstilisiert, was, wie argumentiert werden soll, nicht als Selbstzweck dient, sondern vielmehr zum Ausdruck und zur sinnlichen Erfahrbarmachung von Heiligkeit und Gottesnähe funktionalisiert wird (Kapitel 2.5). Zuletzt werden Be‐ züge zur Apokalypse des Johannes nachgewiesen, im Pilgerführer, insbesondere aber im Sermon „Veneranda dies“, der in der Jakobskirche eine Präfiguration, sozusagen ein Abbild en miniature des Himmlischen Jerusalem erkennen lässt (Kapitel 2.6). Der vorangehende Thesen- und Fragenkatalog hat exemplarisch aufgezeigt, welche vielfältigen Wege in dieser Arbeit denk- und gangbar erscheinen. Wie dabei deutlich geworden sein dürfte, reicht das Erkenntnisinteresse weit über den genuinen Bereich der Literaturwissenschaft hinaus und in denjenigen der Geschichts- und Kulturwissenschaft hinein. Im Fortgang sei bewusst darauf verzichtet, den Stadtbegriff genauer zu definieren, einerseits, weil dies dem hier verfolgten induktiven, d. h. von den einzelnen Texten ausgehenden Ansatz wenig beitrüge; andererseits, weil die Komplexität und historisch-typologische Vielfalt der zugrunde liegenden Phänomene ohnehin jeden Versuch in diese Richtung rasch an seine Grenzen stoßen lassen. Hinzu kommt, dass sich die gängigen Ansätze, die man hier diskutieren könnte, zumeist auf die moderne Großstadt beziehen und sich mithin kaum produktiv auf das vormoderne San‐ tiago de Compostela anwenden lassen 236 . Trotz aller Definitionsschwierigkeiten 82 1 Einleitung <?page no="83"?> Urbanität als Lebensform, in: Stadt und Sozialstruktur, hg. von Ulfert H E R L Y N , München 1974, S.-42-66. 237 Vgl. Andreas M A H L E R (Hg.), Stadt-Bilder. Allegorie - Mimesis - Imagination, Heidelberg 1999; Jürgen L E H M A N N / Eckart L I E B A U (Hg.), Stadt-Ansichten, Würzburg 2000; Hanno B R A N D / Pierre M O N N E T / Martial S T A U B (Hg.), Memoria, Communitas, Civitas. Mémoire et conscience urbaines en occident à la fin du Moyen Âge, Ostfildern 2003; Jörg O B E R S T E (Hg.), Repräsentationen der mittelalterlichen Stadt, Regensburg 2008; Sabine H E I N E M A N N / Rembert E U F E (Hg.), Romania Urbana. Die Stadt des Mittelalters und der Renaissance und ihre Bedeutung für die romanischen Sprachen und Literaturen, München 2010; Eugenia P O P E A N G A (Hg.), Ciudades mito. Modelos urbanos culturales en la literatura de viajes y en la ficción, Bern 2011; José Manuel P R I E T O G O N ZÁ L E Z (Hg.), Poéticas urbanas. Representaciones de la ciudad en la literatura, León 2012; Harald A. M I E G / Christoph H E Y L (Hg.), Stadt. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart 2013; Ute S C H N E I D E R / Martina S T E R C K E N (Hg.), Urbanität. Formen der Inszenierung in Texten, Karten, Bildern, Köln 2016. 238 Vgl. Dirk O S C H M A N N , Darstellung, in: Metzler Lexikon Literatur ( 3 2007), S.-140. - Siehe auch Christiaan L. H A R T N I B B R I G (Hg.), Was heißt »Darstellen«? , Frankfurt a.-M. 1994. - oder vielleicht eben deswegen - wurde die Stadt in jüngerer Zeit vielfach zum Gegenstand kultur- und sozialwissenschaftlicher Forschung, wie zahlreiche einschlägige Sammelbände belegen 237 . Zentraler Ausgangspunkt war dabei die Raumtheorie im Gefolge des Spatial Turns ab den späten 1980er Jahren. So rückten Aspekte in den Blick wie die Genese und Funktion von Stadtbildern und städtischen Stereotypen, die kulturelle Codierung des Stadtraums, seine Wechselwirkung mit medialen Repräsentationen, seine symbolische Spiegelung gesellschaftlicher Ordnungen und Machtverhältnisse (Sozialtopographien) oder auch - unter dem Schlagwort ‚Atmosphäre‘ - seine sinnliche Dimension. Weiterhin erscheint es geboten, die beiden schon prominent im Titel dieser Arbeit stehenden Begriffe ‚Darstellung‘ und ‚Wahrnehmung‘ zu problemati‐ sieren. Das deutsche Wort ‚Darstellung‘ ist in seiner heutigen Verwendung noch jung. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann es sich von benach‐ barten Lexemen wie ‚Vorstellung‘ und ‚Nachahmung‘ semantisch abzusetzen und sich verstärkt auch im geistigen Diskurs zu etablieren, wobei Friedrich Gottlieb Klopstock mit seiner poetologischen Schrift Von der Darstellung (1779) gemeinhin als wichtiger Impulsgeber gilt; im Kontext des deutschen Idealismus erhielt es anschließend eine starke philosophische Prägung, die ihm bis heute anhaftet 238 . Geht man indes nicht vom Wort, sondern vom Begriff aus, fragt man auch in onomasiostatt nur in semasiologischer Richtung, so findet man sich auf das platonisch-aristotelische Mimesis-Prinzip zurückverwiesen. Freilich kann in dieser Arbeit nicht der Ort sein, eine komplexe, über zwei Jahrtausende umfassende Wort- und Begriffsgeschichte zu rekonstruieren. Für die hier beabsichtigten Zwecke genügt es, eine grundlegende, einigermaßen 1.4 Vorgehen und methodisch-konzeptuelle Überlegungen 83 <?page no="84"?> 239 Vgl. O S C H M A N N , Darstellung (wie Anm. 238); Jörg H A R D Y , Darstellung, Darstellungssys‐ tem, in: Metzler Lexikon Philosophie ( 3 2008), S. 96. - Zum Begriff der Referenz vgl. den Eintrag in Hadumod B U ẞ M A N N (Hg.), Lexikon der Sprachwissenschaft ( 3 2002). - Zum icon-Begriff vgl. Charles S. P E I R C E , Collected Papers 2, hg. von Charles H A R T S H O R N E / Paul W E I S S , Cambridge (Massachusetts) 1932, S.-228. 240 Unnötig zu erwähnen, dass diese Begriffe nicht immer und in allen Kontexten synonym verwendet werden können und dass in der Literatur- und Sprachwissenschaft wie auch in anderen Disziplinen verschiedenste Versuche unternommen worden sind, sie schärfer zu differenzieren. Insbesondere ‚Beschreibung‘ (mit den lateinischen und griechischen Entsprechungen descriptio und ekphrasis) reicht literaturgeschichtlich weit zurück und wurde zuweilen auch als eigenständiger Gattungsbegriff verwendet. Vgl. Monika S C H M I T Z -E M A N S , Beschreibung, in: Metzler Lexikon Literatur ( 3 2007), S. 78; Ulrich P O R T , Ekphrasis, in: Metzler Lexikon Literatur ( 3 2007), S.-182. 241 Vgl. Fritz-Peter H A G E R , Aisthesis (Wahrnehmung), in: Historisches Wörterbuch der Philosophie 1 (1971), S. 119-121; Martin S U H R , Aisthesis, in: Metzler Lexikon Philosophie ( 3 2008), S.-11-13. offene Definition aufzurufen, wie sie sich gängigen Fachlexika entnehmen lässt: ‚Darstellung‘ bezeichnet die Wiedergabe eines bestimmten - konkreten oder abstrakten, realen oder irrealen bzw. fiktiven - Gegenstandes mittels Zeichen, und zwar potenziell sowohl den Vorgang selbst als auch das Ergebnis; wesentliches Definitionsmerkmal ist somit ein semiotisches Referenzverhältnis, das auf Ähnlichkeit (Ikonizität) und gar Abbildlichkeit basieren kann, aber nicht muss 239 . Da Darstellung im Korpus dieser Arbeit ausschließlich sprachlich, durch (geschriebene) Worte, erfolgt (nicht etwa bildlich wie in der Malerei oder durch performatives Handeln wie im Schauspiel), können Begriffe wie ‚Schilderung‘ oder ‚Beschreibung‘ hier weitgehend synonym und austauschbar verwendet werden: Bezogen auf Reiseliteratur bringen die Fragen ‚Wie wird Compostela dargestellt? ‘ und ‚Wie wird Compostela beschrieben? ‘ ungefähr dasselbe Interesse zum Ausdruck, und die ‚Darstellung einer Stadt‘ ist nichts wesentlich anderes als die ‚Schilderung einer Stadt‘ 240 . Auch ‚Wahrnehmung‘ - beheimatet in mehreren wissenschaftlichen Disziplinen zugleich: in der Philosophie ebenso wie in der Biologie/ Physiologie und Psychologie - besitzt eine äußerst komplexe, bis ins klassische und gar vorsokratische Griechenland zurückweisende Begriffshistorie, die hier nicht im Detail nachvollzogen werden soll 241 . Grundlegend bezeichnet ‚Wahrnehmung‘ die sinnliche Erfahrung außerpsychischer Wirklichkeit. In Abgrenzung zu ‚Empfindung‘ etwa umfasst der Begriff aber nicht nur die Summe unmittelba‐ rer optischer, akustischer, olfaktorischer, gustatorischer und haptisch-taktiler Eindrücke, die entstehen, wenn äußere Reize auf die Sinnesorgane wirken, sondern auch ihre (mehr oder minder) bewusste Verarbeitung, ihre Organisa‐ tion, synthetische Verknüpfung und Interpretation. Diese Zweiseitigkeit des 84 1 Einleitung <?page no="85"?> 242 Vgl. z. B. Robert L. S O L S O , Kognitive Psychologie, Heidelberg 2005, S. 95: Der Wahrneh‐ mungsprozess sei „durch den wahrgenommenen Reiz, die Struktur des sensorischen Systems und des Gehirns sowie durch Vorwissen bestimmt“; dabei seien „Kognitionen höherer Ordnungen während der Interpretation sensorischer Signale beteiligt“. 243 Nach Aristoteles finde - vereinfacht dargestellt - vom realen Gegenstand über den sinnlichen Eindruck bis zur geistigen Einsicht ein Abstraktionsprozess statt: Zunächst werde Außerpsychisches durch die Sinne (aisthesis) als empirisch vorhanden erfasst, dann durch die Vorstellung (phantasia) in seiner eigentlichen qualitativen Natur, unabhängig von seiner stofflichen Existenz, aufgenommen und dem Denken (noesis) präsentiert. Vgl. Aristoteles, Über die Seele, übers. von Willy Theiler, Darmstadt 1959, S. 33-36 (= S. 416-418 nach Bekker). Vgl. auch H A G E R , Aisthesis (wie Anm. 241). - Grundlegend: Wolfang W E L S C H , Aisthesis. Grundzüge und Perspektiven der Aristote‐ lischen Sinneslehre, Stuttgart 1987. 244 Der Gedanke der epistemischen Unzuverlässigkeit menschlicher Wahrnehmungen ist bereits in der platonischen Philosophie fest verankert; deutlich wird er im Theaitetos formuliert. Vgl. Platons Werke 2.1, übers. von Friedrich S C H L E I E R M A C H E R , Berlin 3 1856, S.-148-154 (= S.-156-160 nach Bekker). Wahrnehmungsbegriffs, diese Verortung an der ‚Nahtstelle‘ zwischen Außen und Innen, Körper und Geist, Sensation und Kognition, die sich in heute üblichen, auch naturwissenschaftlichen Definitionen wiederfindet 242 , wurde im Wesentlichen schon von Aristoteles vorgedacht, der sich damit von früheren Philosophen (Parmenides, Empedokles u. a.), die Aisthesis noch rein körperlich erklärt hatten, und insbesondere von der strikten platonischen Trennung zwischen Körperdingen und reinem Denken distanzierte 243 . Das komplexe Bild, das als Wahrnehmungsergebnis im Bewusstsein entsteht, stellt freilich kein getreues Abbild der präsenten Außenwelt dar, denn wie empfundene Reize geordnet, verknüpft und gedeutet werden, hängt maßgeblich vom jeweiligen Subjekt ab, von seinen vorgängigen Prägungen, seinen Gedächtnisinhalten, seiner Stimmung, seinen Interessen, seinen vorgefassten Meinungen und Er‐ wartungen 244 . Auch Fehler und Verzerrungen bis hin zur Halluzination, d. h. eingebildetem Sinneserleben ohne äußere Reizgrundlage, sind möglich - nur ein naiver Wahrnehmungsbegriff würde einen Gegenstand, so wie er sich den Sinnen darbietet, als objektiv existent voraussetzen. Die Subjektivität der Wahrnehmung geriet insbesondere in der hier schwer‐ punktmäßig betrachteten Frühen Neuzeit zu einem zentralen epistemologischen Problem. Ging das Mittelalter und teilweise die Renaissance noch von einer substanziellen Kontinuität zwischen Objekt und Wahrnehmungsinhalt aus, so rückte im Gefolge der epochalen technischen Neuerungen (Buchdruck, optische Instrumente etc.) die Medialität - und mithin Kontingenz und Relativität - einer zunehmend exteriorisierten und vom konkreten Vollzugsraum abgelösten Wahrnehmung ins Bewusstsein 245 . Pionierstudien im Bereich der Optik und 1.4 Vorgehen und methodisch-konzeptuelle Überlegungen 85 <?page no="86"?> 245 Vgl. Hermann D O E T S C H , Einleitung. (II) Räumlichkeit und Schriftkultur, in: Von Pil‐ gerwegen, Schriftspuren und Blickpunkten. Raumpraktiken in medienhistorischer Perspektive, hg. von D E M S ./ Jörg D Ü N N E / Roger L Ü D E K E , Würzburg 2004, S. 73-77, hier S. 73-75; Kirsten K R A M E R , Frühneuzeitliche Räume des Visuellen: Zur Medialität des Spiegels in Garcilaso de la Vegas Égloga II, in: Von Pilgerwegen, Schriftspuren und Blickpunkten. Raumpraktiken in medienhistorischer Perspektive, hg. von Jörg D Ü N N E / Hermann D O E T S C H / Roger L Ü D E K E , Würzburg 2004, S.-99-121, hier S.-99-101. 246 Vgl. D O E T S C H , Räumlichkeit und Schriftkultur (wie Anm.-245), S.-74-76. 247 Vgl. Monika B O S S E / André S T O L L , Das Fernrohr, die Begierde und die Figuren Amerikas. Irritierende Perspektiven auf die Inszenierungsstrategien barocker Poiesis, in: Theatrum mundi. Figuren der Barockästhetik in Spanien und Hispano-Amerika. Literatur - Kunst - Bildmedien, hg. von D E N S ., Bielefeld 1997, S.-7-30, hier S.-15-18. 248 Vgl. D O E T S C H , Räumlichkeit und Schriftkultur (wie Anm.-245), S.-75. Astronomie (Leonardo da Vinci, Galileo Galilei, Johannes Kepler etc.) leisteten der Einsicht Vorschub, dass der Wahrnehmungsinhalt nicht mit dem Objekt selbst identisch ist, sondern als Bild oder Konfiguration auf der Netzhaut des Auges erfasst werden muss, das einer Camera obscura ähnelt 246 . So etablierte sich eine unauflösbare Grenze zwischen äußerer, objektiver Welt und innerer, subjektiver Wahrnehmung. Lustvolles, ingeniöses Spiel mit Wahrnehmungs‐ phänomenen (z. B. optische Illusionen) einerseits, Wahrnehmungskritik und gesteigertes Misstrauen gegen die Sinne andererseits waren die Folgen, auch und insbesondere in Kunst und Literatur - man denke nur an trompe-l’œil-Ef‐ fekte und Anamorphosen in der Malerei oder an den desengaño-Topos in der spanischen Barockdichtung 247 . Diese neue, mediale Distanz bedingte zugleich eine ‚dynamische‘ Räumlichkeit: Raum - eine Stadt etwa - wurde nicht mehr als statische, klar umrissene, vorgegebene Sinneinheit erfahren, sondern als hybrides und sich potentiell ins Unendliche erweiterndes Geflecht aus unmit‐ telbarem Erleben und vorgeprägten medialen Mustern 248 - ein Wandel, der sich auch in den Stadtbeschreibungen der hier zu untersuchenden Reiseliteratur widerspiegelt. Speziell der Begriff der Stadtwahrnehmung erscheint insofern brauchbar und notwendig, als, wie der vorangehende Thesen- und Fragenkatalog verdeutlicht haben dürfte, nicht nur die Gestaltung der ex post entstandenen textuellen Darstellung oder Vermittlung interessiert, sondern auch und insbesondere das ihr zugrunde liegende unmittelbare Erlebnis in situ. Selbstverständlich können und sollen beide Ebenen - Erlebnis und Bericht, Wahrnehmung und Darstellung - nicht isoliert voneinander betrachtet werden; vielmehr erweist sich oftmals gerade ihre bewusste Relationierung als aufschlussreich, wie sie etwa in der oben formulierten Frage nach der Realitätstreue der Compostela-Beschreibun‐ gen oder nach dem Eingang von Sinneseindrücken zum Tragen kommt. Zudem lassen sich gute Gründe dafür anführen, den Begriff der Stadtwahrnehmung 86 1 Einleitung <?page no="87"?> 249 Vgl. L O P E Z , La imagen (wie Anm.-227). 250 Vgl. Kevin L Y N C H , The Image of the City, Cambridge (Massachusetts) 1960. 251 Zum Stadtbildbegriff vgl. Peter J O H A N E K , Bild und Wahrnehmung der Stadt. Annähe‐ rung an ein Forschungsproblem, in: Bild und Wahrnehmung der Stadt, hg. von D E M S ., Wien/ Köln/ Weimar 2012, S. 1-23, insb. S. 7; S T A L L J O H A N N -S C H E M M E , Stadt und Stadtbild (wie Anm.-107), S.-5. 252 Das - wie sich zeigen wird - äußerst negative Bild etwa, das Cristofaro Monte Maggio da Pesaro von Compostela zeichnet, ist sicher nicht zuletzt dadurch zu erklären, dass seine Erwartungen, nämlich am Hauptaltar der Kathedrale einmal die Messe zu lesen und in einem der Klöster der Stadt gastliche Aufnahme zu finden, unerfüllt blieben; hier dem in der Forschung ansonsten gebräuchlicheren des Stadtbildes, den beispielsweise Lopez ihrer Dissertation zu Santiago de Compostela zugrunde legt, vorzuziehen 249 : Nicht nur hat dieser seit Kevin Lynch’ The Image of the City eine starke Vereinnahmung durch die Stadtplanung erfahren 250 ; auch suggeriert er eine Beschränkung auf das Optische bzw. das Erscheinungsbild einer Stadt (während hier das ganzheitliche Stadtphänomen interessiert) und bezieht sich gewöhnlich auf kollektivierte Wahrnehmungen und Vorstellungen (während es hier gilt, zunächst jeweils das individuelle Stadterlebnis nachzuvollziehen und daraus erst in der vergleichenden Zusammenschau möglicherweise auch kollektivierte, stadtbildkonstituierende Elemente abzuleiten) 251 . Andererseits jedoch bringt der Begriff der Stadtwahrnehmung, zumal heran‐ getragen an ein Korpus Jahrhunderte alter Reiseberichte, auch ein methodisches Problem mit sich. Es ist letztlich das Grundproblem, mit dem sich jeder historisch arbeitende Forscher konfrontiert sieht: Bestrebt, längst vergangene Realitäten zu rekonstruieren, kann er sich nur damit begnügen, konservierte Spuren und Medien - alte Schriftquellen etwa - auszuwerten, die sich oft genug als lückenhaft oder unzuverlässig erweisen; ein direkter Zugang zum genui‐ nen Gegenstand seines Interesses bleibt ihm (ohne Zeitmaschine) verwehrt. Genauso verhält es sich auch hier im Hinblick auf die Stadtwahrnehmung: Allein aus den erhaltenen Reiseberichten - aus der textuellen Stadtdarstellung - können mittelbare Rückschlüsse auf das jeweils zugrunde liegende Erlebnis - auf die sinnlich-empirische Stadtwahrnehmung - gezogen werden. Was Reisende jedoch erlebten und was sie anschließend zu Papier brachten, muss nicht zwangsläufig dasselbe sein. Schon die überreiche Fülle von Eindrücken, die sich ihnen gerade in einer Stadt darbot, machte in der nachherigen textuellen Verarbeitung eine starke Reduktion und Selektion unausbleiblich: Manches wurde notiert, vieles andere dagegen ausgespart. Was und was nicht Eingang in den Bericht fand, hing von verschiedenen Faktoren ab, die sich im Einzelnen zumeist nicht mit letzter Gewissheit rekonstruieren lassen: persönliche Interes‐ sen, Prioritäten und Erwartungen 252 des Autors, sein Vor- und Weltwissen 253 , 1.4 Vorgehen und methodisch-konzeptuelle Überlegungen 87 <?page no="88"?> stattdessen musste er mit einem portablen Voraltar und einer schäbigen Herberge vorliebnehmen, in der Schweine unter den Esstischen herumliefen. Vgl. Monte Maggio, Relato (wie Anm.-200), S.-184f. 253 So ist die Wahrnehmung einer Stadt nicht zuletzt beeinflusst durch das persönliche Repertoire von ‚Vergleichsfolien‘. Beispielsweise verwundert es nicht, dass Compostela auf die mondänen Höflinge im Reisegefolge des jungen Cosimo III. de’ Medici, denen vor allem Florenz als Vergleichsfolie vor Augen gestanden haben dürfte, keinen allzu großen Eindruck machte. 254 Emotionale spirituelle Erfahrungen finden sich in den Berichten wohl auch deshalb zumeist nie beschrieben, weil die zwar schreibfähigen, aber meist wenig schreiberfah‐ renen Pilger dazu schlicht keine Worte hatten, d. h. ihnen fehlten die entsprechende Lexik und die entsprechenden Beschreibungsmuster. Vgl. H O N E M A N N , Santiago (wie Anm.-128), S.-137. 255 Wer der Nachwelt als frommer Christ gelten wollte, überbetonte im Bericht vielleicht seine absolvierten Gebete, Beichten und Messen, seine erworbenen Ablässe und verteilten Almosen, sparte dann aber ein nächtliches Trinkgelage oder einen Besuch im lokalen Bordell lieber aus. Der reiche Kaufmann Jean de Tournai etwa stellt immer wieder Momente heraus, in denen er sich besonders freigebig verhielt. In Hospizen, barmherzigen Einrichtungen der Kirche, bestand er darauf, für eigentlich kostenlose Leistungen zu bezahlen, mit der Begründung: nous ne sommes point povres gens. Jean, Récit (wie Anm. 200), z. B. S. 323. So konnte er einerseits seinen Wohlstand herausstreichen, andererseits aber auch deutlich machen, wie tugendhaft er war bzw. wie wenig er der Todsünde avaritia zuneigte. 256 Beispielsweise die Heiligjahrfeierlichkeiten, die in Compostela immer dann begangen wurden und werden, wenn der Festtag des hl. Jakobus, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt, und die stets einen deutlichen Anstieg der Pilgerzahlen verursachten, was, wie sich den Aufzeichnungen des Jan Taccoen van Zillebeke (Heiliges Jahr 1512) und des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (Heiliges Jahr 1717) entnehmen lässt, für den einzelnen Pilger im Gedränge der Kathedrale, bei der Suche nach einer Unterkunft oder einem Beichtvater mit erheblichen Unannehmlichkeiten verbunden sein konnte. 257 Sowohl Fontana als auch Laffi richten sich ständig an einen expliziten lettore: Für ihn schrieben sie; an seinen potenziellen Interessen orientierten sie sich. Beide widmeten ihre Werke einem adligen Mäzen. Fontana integriert, wie bereits erwähnt, tatsachen‐ widrig seine erst Jahre später erfolgte Romreise in seine Compostelareise, weil sein Itinerario im Heiligen Römischen Jahr 1550 erschien und damit zweifellos auf eine höhere Nachfrage gerechnet werden konnte. Es fällt zudem auf, dass Fontana und Laffi weniger über sich selbst preisgeben als manch andere Autoren und insbesondere Emotionen, Intimes und moralisch Fragwürdiges aussparen: Während Giacomo Anto‐ seine Lektüren (jener Reisehilfsmittel etwa, von denen zuvor schon die Rede war), seine Bildung und sprachliche Ausdrucksfähigkeit 254 , vielleicht sein Hang zur Selbstdarstellung bzw. das Bild, das er von sich vermittelt wissen wollte 255 , aktuelle Ereignisse 256 etc. Gerade bei gedruckten Werken wie Bartolomeo Fontanas Itinerario und Domenico Laffis Viaggio in Ponente ist zweifellos auch der Einfluss äußerer Faktoren des Rezeptionskontextes einzuberechnen: Lesererwartungen, allgemeine Vorstellungen von Anstand und guter Sitte, Mäzene, Zensur, Konjunkturen des Buchmarkts etc. 257 Zugleich darf man auch 88 1 Einleitung <?page no="89"?> nio Naia, der seine Aufzeichnungen nur für sich selbst und vielleicht für seine Brüder im Karmeliterkonvent von Iesi anfertigte, ungehemmt etwa von seinem exzessiven Weingenuss (nebst Folgen) berichtet - vgl. z. B. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S.-117f. -, haben sich Fontana und Laffi solche Details wohl anstandshalber verbeten. 258 Entsprechende Beispiele wie Nicola Albani und Guillaume Manier, die, um Spannung zu erzeugen oder um Unwissen zu verschleiern, gelegentlich etwas erfunden zu haben scheinen, sind ebenda schon angerissen worden. 259 Vgl. P L Ö T Z , Santiago (wie Anm. 94), S. 41. - Guillaume Manier etwa scheint die Ausarbeitung seines Berichts erst 1736, also neun Jahre nach seiner Spanienreise 1726/ 1727, begonnen zu haben. Die bei ihm zahlreich auftretenden Fehler könnten zumindest teilweise auf diesen großen zeitlichen Abstand zurückzuführen sein. 260 Vgl. H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-43f.; S T A L L J O H A N N -S C H E M M E , Stadt und Stadtbild (wie Anm.-107), S.-57. 261 Vgl. H A S S A U E R , Santiago (wie Anm.-2), S.-117, 123. - Zum finis terrae bzw. Kap Fisterra vgl. Jacopo C A U C C I V O N S A U C K E N , Finisterrae tra mito e letteratura nell’odeporica compostellana, in: De peregrinatione. Studi in onore di Paolo Caucci von Saucken, hg. von Giuseppe A R L O T T A , Perugia 2016, S.-631-650. 262 Zur Vorstellung von der ‚schönen‘ Stadt vgl. Gerhard F O U Q U E T , Urbanität. Stadtbilder vom Spätmittelalter bis in die Frühe Neuzeit, in: Urbanität. Formen der Inszenierung in nicht voraussetzen, dass alles, was sich durch schriftliche Aufzeichnungen dokumentiert findet, genau so realiter stattgefunden hatte. Manches wurde ein‐ fach hinzugedichtet, anderes aus fremden Quellen übernommen und vielleicht gar unmarkiert als eigene Erlebnisse ausgegeben; wie in Kapitel 1.2 bereits erläutert, sah die Geschichtswissenschaft vormoderne Reiseberichte lange Zeit als eher problematische Quelle an, eben weil sie dazu neigen, (mehr oder minder) zuverlässige Wirklichkeitsschilderung mit fiktionalen Versatzstücken zu verflechten 258 . Hinzu kommen mitunter lapsus memoriae, verursacht durch den - in Einzelfällen überraschend großen - zeitlichen Abstand zwischen Erlebnis und Berichtabfassung 259 . Allen voran Autoren von einiger Bildung gaben ihr persönliches Stadterlebnis gewöhnlich nicht spontan und völlig unbefangen wieder, sondern griffen auf hergebrachte Konventionen, auf feststehende Darstellungsmuster, auf Topoi und Stereotype zurück, die ihnen aus der Literatur bekannt waren 260 . Die Behauptung etwa, dass Compostela am ‚Ende der Welt‘ liege, taucht kurioser‐ weise noch Jahrhunderte nach den Amerikafahrten des Christoph Kolumbus in manchem Bericht auf - damit ist der frühneuzeitliche Konflikt zwischen Topos- und Beobachtungswissen angedeutet 261 . Zudem ist nicht nur, wie oben suggeriert, denkbar, dass sich die Autoren an altbewährten Ordnungsschemata der descriptio urbis orientierten; auch allgemeine Vorstellungen davon, welche Elemente einer Stadt sehens- und beschreibenswert seien bzw. was prototypisch eine ‚gute‘ oder ‚schöne‘ Stadt ausmache, dürften ihre Wahrnehmung und Darstellung von Compostela geprägt haben 262 . Zeugnis davon, dass solche festen 1.4 Vorgehen und methodisch-konzeptuelle Überlegungen 89 <?page no="90"?> Texten, Karten, Bildern, hg. von Martina S T E R C K E N / Ute S C H N E I D E R , Köln/ Weimar/ Wien 2016, S.-21-42. 263 Vgl. Hieronymus Turler, De Peregrinatione et Agro Neapolitano, Straßburg 1574. 264 Vgl. Justin S T A G L , Die Apodemik oder ‚Reisekunst‘ als Methodik der Sozialforschung vom Humanismus bis zur Aufklärung, in: Statistik und Staatsbeschreibung in der Neu‐ zeit, vornehmlich im 16.-18. Jahrhundert. Bericht über ein interdisziplinäres Symposion in Wolfenbüttel, 25.-27. September 1978, hg. von D E M S ./ Mohammed R A S S E M , Paderborn 1980, S. 131-204, hier S. 131f.; Justin S T A G L , Die Methodisierung des Reisens im 16. Jahrhundert, in: Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur, hg. von Peter J. B R E N N E R , Frankfurt a.-M. 1989, S.-140-177, hier S.-144. 265 Vgl. Turler, De Peregrinatione (wie Anm. 263), S. 29-35; S T A G L , Die Apodemik (wie Anm.-264), S.-131f. 266 Vgl. Bettina D I E T Z , Der Reisebericht als Redeform. Zur Rekonstruktion der historischen Kommunikationssituation in Frankreich, 1650-1720, in: Francia. Forschungen zur west‐ europäischen Geschichte 27/ 2 (2000), S.-59-81, hier S.-62. Muster und Vorstellungen in der Tat verbreitet waren, geben u.-a. frühneuzeit‐ liche Apodemiken, so schon jenes berühmte Werk, das wohl am Anfang dieser Genretradition steht: die vom deutschen Juristen Hieronymus Turler verfasste Abhandlung mit dem Titel De Peregrinatione, erschienen 1574 263 . Zwar ist nicht von einem direkten Einfluss dieser ersten Apodemik auf französische und itali‐ enische Pilger auszugehen, aber Turler gibt mit seinen systematischen praecepta peregrinandi - Reiseratschlägen oder -anweisungen - doch Aufschluss über gewissermaßen vorbildliches Reisen und idealtypische Formen des Schreibens darüber in der Frühen Neuzeit 264 . Wie selbstverständlich setzt er dabei voraus, dass sich Reisende primär für urbane Siedlungen interessierten; die natürliche Landschaft ordnet er der Betrachtungskategorie situs zu und somit der Stadt als deren bloße Umgebung gedanklich unter. Daneben sei beim Besuch einer Stadt zu achten auf: nomen (alte und neue Namen), figura (bauliche Gestalt), capacitas (Fläche, Umfang, Mauern) und iurisdictio (Herrschaftsordnung) 265 . Dass sich wohl auch die hier interessierenden Berichtautoren zum Teil an solchen vorgefertigten Schemata orientierten, lässt sich aus der Stereotypie ihrer Beschreibungen zumindest erahnen: Wie insbesondere an den beiden Flo‐ rentiner Itineraren und der Reisechronik des Antoine de Lalaing zu illustrieren sein wird, erscheinen die Einträge zu verschiedenen Städten innerhalb desselben Berichts oftmals auffällig parallel gestaltet - eben als würde der Autor jeweils eine feststehende Liste näher zu bestimmender Aspekte abgearbeitet haben 266 . Einige zusätzliche Bemerkungen seien nun zum Gegensatz Sakral/ Profan angefügt, den ich oben nicht ohne Grund besonders herausgehoben habe: weil, wie sich zeigen wird, Wahrnehmungs- und Darstellungsunterschiede in den hier interessierenden Stadtbeschreibungen in der Tat vielfach mit dem Status - sakral oder profan - eines jeweiligen Ortes oder Gegenstandes in Zusammenhang 90 1 Einleitung <?page no="91"?> 267 Die Disziplin wurde begründet durch Friedrich Max M Ü L L E R , Introduction to the Science of Religion. Four Lectures Delivered at the Royal Institution, with Two Essays on False Analogies, and the Philosophy of Mythology, London 1873; deutsche Ausgabe: Einleitung in die vergleichende Religionswissenschaft. Vier Vorlesungen im Jahre MDCCCLXX an der Royal Institution in London gehalten, nebst zwei Essays „Über fal‐ sche Analogien“ und „Über Philosophie der Mythologie“, Straßburg 1874. Später sollte sie sich von der Theologie emanzipieren und sich den Kultur- und Sozialwissenschaften annähern. 268 E L I A D E , Le sacré (wie Anm.-65), S.-20. 269 Eliade verwendet durchgehend den Begriff sacré, der mit heilig übersetzt werden kann - wie in der Suhrkamp-Ausgabe von 1990: Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen -, aber auch mit sakral. Nicht nur die Alltagssprache, auch die religionswissenschaftliche Forschung differenziert nicht systematisch zwischen Heilig und Sakral. In jüngerer Zeit sind zwar Versuche unternommen worden, die Terminologie zu schärfen - zur Übersicht vgl. Michael S T A U S B E R G , The sacred, the holy, the numinous - and religion: on the emergence and early history of a terminological constellation, in: Religion 47/ 4 (2017), S. 557-590 -, doch eine klare Abgrenzung hat sich bisher nicht verbindlich durchgesetzt. Sieht man einmal von konnotativen und pragmatischen Unterschieden ab, so können Sakral und Heilig daher auch hier weitgehend synonym verwendet werden. Vgl. bestätigend Josef P I E P E R , Was heißt »sakral«? Klärungsversuche, Ostfildern 1988. 270 E L I A D E , Le sacré (wie Anm.-65), S.-16f. 271 Auch im französischen Original seiner Studie verwendet Eliade den deutschen Begriff des ‚ganz Anderen‘, mit dem er sich zurückbezieht auf Rudolf O T T O , Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen, Breslau 1917. zu stehen scheinen. In den wissenschaftlichen Diskurs eingeführt wurde dieses Begriffspaar schon durch die frühe vergleichende Religionsforschung, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts, zunächst noch als ‚exotisches‘ Randgebiet der Theologie, zu etablieren begann 267 . Doch eine fundierte definitorische Schärfung erfuhr es erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts, namentlich durch Mircea Eliade. In seiner 1956 erschienenen Studie Le sacré et le profane, bis heute ein wichtiger Ausgangspunkt für weiterführende Forschung zum Thema, bestimmt er Sakral und Profan als fundamentale ontologische Dichotomie menschlicher Selbst- und Welterfahrung, als „deux modalités d’être dans le monde“ 268 . Dem Profanen ge‐ genüber definiere sich das Sakrale oder Heilige 269 ex negativo als „quelque chose de « tout autre »“, „quelque chose de radicalement et totalement différent“, „une réalité qui n’appartient pas à notre monde“ 270 . Der Mensch erlange Kenntnis von diesem ganz Anderen, diesem Außerweltlichen, weil es sich manifestiere 271 . Obgleich von der (profanen) Realität grundlegend verschieden, offenbare es sich paradoxerweise doch in eben dieser Realität, d. h. als deren integranter Bestandteil: in einem Stein, einem Baum, einem Berg, einem Menschen oder auch im Weltganzen 272 . Das Heilige wird also manifest im Profanen; es ist ein 1.4 Vorgehen und methodisch-konzeptuelle Überlegungen 91 <?page no="92"?> 272 Vgl. E L I A D E , Le sacré (wie Anm.-65), S.-17f. 273 E L I A D E , Le sacré (wie Anm.-65), S.-18. 274 Vgl. E L I A D E , Le sacré (wie Anm. 65), S. 26: „Par contre, pour l’expérience profane, l’espace est homogène et neutre : aucune rupture ne différencie qualitativement les diverses parties de sa masse. L’espace géométrique peut être débité et délimité en quelque direction que ce soit, mais aucune différenciation qualitative, aucune orientation ne sont données de par sa propre structure.“ Vgl. auch Joel P. B R E R E T O N , Sacred Space, in: The Encyclopedia of Religion 12 (1987), S.-526-535. 275 E L I A D E , Le sacré (wie Anm.-65), S.-25. 276 Vgl. E L I A D E , Le sacré (wie Anm. 65), S. 25f.: Seine Perzeption sei geprägt „par l’expérience d’une opposition entre l’espace sacré […] et tout le reste, l’étendue informe qui l’entoure“. 277 Vgl. E L I A D E , Le sacré (wie Anm. 65), S. 26: „Dans l’étendue homogène et infinie, où aucun point de repère n’est possible, dans laquelle aucune orientation ne peut s’effectuer, la hiérophanie révèle un « point fixe » absolu, un « Centre ».“ Vorschein des Transzendenten in der Immanenz dieser Welt - Eliade prägte für dieses Phänomen den Begriff ‚Hierophanie‘: On n’insistera jamais assez sur le paradoxe que constitue toute hiérophanie, même la plus élémentaire. En manifestant le sacré, un objet quelconque devient autre chose, sans cesser d’être lui-même, car il continue de participer à son milieu cosmique environnant. Une pierre sacrée reste une pierre ; apparemment (plus exactement : d’un point de vue profane) rien ne la distingue de toutes les autres pierres. Pour ceux auxquels une pierre se révèle sacrée, sa réalité immédiate se transmue au contraire en réalité surnaturelle 273 . Wie Eliade weiter erklärt, folge aus dieser allumfassenden Dichotomie von Sakral und Profan eine besondere Weltsicht des homo religiosus: Während der areligiöse Mensch moderner Gesellschaften den ihn umgebenden Raum als homogenes Kontinuum wahrnehme 274 , weise derselbe für den religiösen Men‐ schen (vormoderner Gesellschaften etwa) allenthalben Diskontinuitäten auf, sei inhomogen: „l’expérience religieuse de la non-homogénéité de l’espace“ 275 . Seine Umwelt zerfalle in zwei qualitativ verschiedene Arten von Raum: einer‐ seits die vage, differenzlose Masse des profanen Raumes, ohne feste Struktur, ohne Bedeutung, bestehend aus unendlich vielen mehr oder minder neutralen Orten, von denen sich andererseits aber einzelne ‚starke‘, bedeutungsvolle Orte abhöben, heilige Zentren, die sich als solche durch das eben beschriebene Phä‐ nomen der Hierophanie konstituiert hätten 276 . Als absolute Fixpunkte in einem ansonsten relativen Raum stifteten sie Ordnung und Orientierung 277 . Bildhaft gesprochen: die Welt - ein uferloses, amorphes Meer des Profanen, aus dem einzelne feste Inseln des Sakralen emporragen. Diese für den homo religiosus spezifische Wahrnehmung spiegelt sich auch in vielen hier zu analysierenden 92 1 Einleitung <?page no="93"?> 278 Oder, wie H A S S A U E R , Santiago (wie Anm. 2), S. 148, mit Luhmannscher Terminolo‐ gie formuliert: „Pilgerfahrt transponiert das funktionsbestimmende Dual Transzen‐ denz / Immanenz, den das Religionssystem für den Heilsweg des irdischen Menschen konfiguriert, in eine Topographie von Sakral / Profan mit reservierten Wegen zum Heil an bestimmten reservierten Orten in einer nach Sakral-Zentren und Profan-Peripherien gestuften Geo-Kosmologie.“ 279 Vgl. Richard S E N N E T T , The Conscience of the Eye. The Design and Social Life of Cities, New York 1990; deutsche Ausgabe: Civitas. Die Großstadt und die Kultur des Unterschieds, Frankfurt a.-M. 1991. 280 S E N N E T T , The Conscience (wie Anm.-279), S.-12. 281 S E N N E T T , The Conscience (wie Anm.-279), S.-20-24. 282 S E N N E T T , The Conscience (wie Anm.-279), S.-13. 283 Vgl. S E N N E T T , The Conscience (wie Anm.-279), S.-27-32. Zeugnissen deutlich wider; gerade dem heilssuchenden Pilger des Mittelalters erschien die Topographie seiner frommen Wanderschaft wesentlich gegliedert in bedeutungsvolle loca sancta einerseits, Orte der Gnade, die es vor allem wert waren, besucht und vielleicht sogar näher dokumentiert zu werden, und dem belanglosen übrigen Raum andererseits, nichts als terrain de passage 278 . Wie bereits erwähnt, hat Sennett die von Eliade profilierte Dichotomie Sakral/ Profan in The Conscience of the Eye. The Design and Social Life of Cities, dem letzten Band seiner vielbeachteten Trilogie zur Kulturgeschichte der Stadt, auf den urbanen Raum übertragen 279 . Er geht dabei zunächst von der These aus, dass die abendländische Kultur seit der Spätantike durch einen „divide between inner, subjective experience and outer, physical life“ bestimmt sei, dessen Ursprung im Christentum liege 280 . Die frühen Traumata der Entwurze‐ lung, der Heimat- und Ortlosigkeit hätten dem kollektiven Bewusstsein der jüdisch-christlichen Glaubensgemeinschaft eine bis heute fortwirkende Angst vor dem ‚Preisgegebensein‘ („exposure“) eingeschrieben, die sich in einer Sehnsucht nach Rückzug ins Innere und Abkehr von dem als trügerisch und gefährlich wahrgenommenen Äußeren kundtue 281 . Die so errichtete psychische „wall between inner and outer“ spiegele sich als wesentliches Strukturmoment in sämtlichen Bereichen der Kultur wider, nicht zuletzt in der Architektur und im Städtebau 282 . In der europäischen Stadt des Mittelalters - dem ersten historischen Stadtmodell, das Sennett analysiert - manifestiere sie sich ästhe‐ tisch in der baulichen Diskontinuität zwischen einem gegliederten sakralen Innen und einem ungegliederten profanen Außen: Die zentral platzierte Kirche als planvoll und mit mathematischer Genauigkeit konzipierter heiliger Raum, in dessen Ordnung, Klarheit und harmonischen Proportionen der Wille des Höchsten offenbar werde, stehe in scharfem Kontrast zum regellos wuchernden Chaos des Irdisch-Diesseitigen 283 . Das Haus Gottes stellt in dieser binären Konzeption eine Zuflucht vor der Welt dar, eine geschützte Sphäre, die sich 1.4 Vorgehen und methodisch-konzeptuelle Überlegungen 93 <?page no="94"?> 284 Vgl. S E N N E T T , The Conscience (wie Anm.-279), S.-33. Vgl. auch Manfred R U S S O , Projekt Stadt. Eine Geschichte der Urbanität, Basel 2016, S.-29. 285 Nur scheinbar redundant beziehe ich mich zuweilen auf ‚Pilger und Reisende‘, einer‐ seits, weil freilich nicht jeder, der nach Compostela reiste, ein Pilger war, andererseits, weil sich in vielen Fällen die trennscharfe Unterscheidung, wer Pilger war und wer nicht, auch äußerst schwierig gestaltet. Manch einer lässt sich eindeutig der Kategorie der peregrinos falsos zuordnen: der reisende Kaufmann im Pilgergewand etwa, der nur Zölle und Wegegelder zu umgehen suchte, oder auch der Vagabund, dem seine angebliche Pilgerschaft nur als Vorwand für seine unstete Lebensweise diente und der sich dadurch ein höheres Almosen erhoffte. Wie aber ist ein Pilger zu beurteilen, der seine fromme Reise zwar hauptsächlich zu Gebet und Buße nutzte, sich aber auch an Weib und Wein erfreute oder nebenher sich ihm bietende Geschäfte betrieb? Ist ein Edelmann, der, auf diplomatischer Mission in Spanien, durchaus frömmigkeitshalber einen kurzen Abstecher nach Compostela unternahm, ebenfalls als Pilger zu klassifi‐ zieren? Vgl. José Miguel A N D R A D E C E R N A D A S , ¿Viajeros o peregrinos? Algunas notas críticas sobre la peregrinación a Santiago en la Edad Media, in: Minius 22 (2004), S. 11-31; Roser S A L I C R Ú I L L U C H , ¿Viajeros peregrinos y peregrinos viajeros? Santiago y Tierra Santa en las guías y relatos de viajes bajomedievales, in: El culto jacobeo y la peregrinación a Santiago a finales de la Edad Media. Crisis y renovación, hg. von Santiago G U T I É R R E Z G A R C Í A / Santiago L Ó P E Z M A R T Í N E Z -M O R Á S , Santiago de Compostela 2018, S. 185-207. - Zum historischen Begriff des peregrino im romanischen Sprachraum vgl. Robert P L Ö T Z , Peregrini-Palmieri-Romei. Untersuchungen zum Pilgerbegriff der Zeit Dantes, in: Jahrbuch für Volkskunde NF 2 (1979), S.-103-134. 286 Und dies allen Einschränkungen und Mobilitätshindernissen zum Trotz, denn nicht alle waren in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaft gleichermaßen frei und abkömmlich: Unfreie etwa waren auf das Wohlwollen ihres Herrn angewiesen, Mönche und Nonnen auf die Billigung ihrer Klosteroberen. Vgl. Ludwig S C H M U G G E , Zu den Anfängen des organisierten Pilgerverkehrs und zur Unterbringung und Ver‐ pflegung von Pilgern im Mittelalter, in: Gastfreundschaft, Taverne und Gasthaus im vom verworrenen und gefährlichen Außenraum absetzt 284 . Was Sennett für real existierende Stadtkörper beschreibt, findet sich entsprechend auch in textuellen Stadtdarstellungen wieder; schon die im ersten Kapitel dieser Arbeit behandelte descriptio urbis im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi bietet ein hervorragendes Beispiel dafür. Schließlich seien noch einige Überlegungen und einschränkende Bemerkun‐ gen zum Textkorpus nachgetragen: Es versteht sich von selbst, dass den 21 Berichtautoren, die hier zu Wort kommen sollen, keine repräsentative Aussagekraft zukommen kann für die Hunderttausenden Pilger und (anderen) Reisenden 285 - all die Männer, Frauen und Kinder, Kleriker und Laien, hohen und niederen Stände, Reichen und Bettler, Stadtbürger und Landvolk -, die im Laufe der Jahrhunderte zum Grabesort des Apostels Jakobus drängten. Im Namen des Glaubens unternommene Fernreisen zu bedeutenden Kultzentren wie Rom und Santiago de Compostela - in bedingtem Maße auch Jerusalem - entwickelten sich im Hohen Mittelalter zu einem regelrechten Massenphänomen 286 . Dennoch 94 1 Einleitung <?page no="95"?> Mittelalter, hg. von Hans Conrad P E Y E R , München/ Wien 1983, S. 37: „Man kann heute ohne Übertreibung feststellen, dass das Pilgerwesen zu den bedeutendsten Phänomenen der mittelalterlichen Religiosität wie Mobilität gehört. Ohne Unterschied von Stand, Herkunft und Bildung ergriffen alle den Pilgerstab: Arme und Reiche, Kleriker wie Bauern, Könige ebenso wie Gelehrte, Männer, Frauen und Kinder. Wir können davon ausgehen, dass fast jedermann im Hoch- und Spätmittelalter, je nach Stand und Vermögen, Abkömmlichkeit und Devotion, mindestens einmal in seinem Leben eine Pilgerfahrt zu einem ferneren oder nahegelegenen Heiligtum unternommen hat.“ 287 Von den erhaltenen Berichten können daher keine Rückschlüsse auf die effektiven Pilgerzahlen gezogen werden. Vgl. M I E C K , Les témoignages oculaires (wie Anm. 93), S.-205: „Vu le nombre des pèlerins qui sont allés à Compostelle pendant ces six siècles (sc. XII-XVIIIe siècle) la totalité de 74 témoignages oculaires ‘autographes’ est assez modeste. En considérant les textes perdus ou peut-être omis et ceux qui restent encore à découvrir dans les archives, on pourrait doubler, même tripler ce chiffre - cela ne changerait pas grand’ chose à la disproportionnalité frappante. Elle s’explique pourtant par le caractère propre au pèlerinage. Comme la plupart des hommes aux époques préindustrielles, la plupart des pèlerins étaient des analphabètes. Parmi les quelques individus qui savaient lire et écrire le besoin de mettre sur papier leur mémoires ou la relation d’un voyage était fort peu développé… On peut donc dire […] que les auteurs des 74 témoignages oculaires sont presque tous des gens d’une éducation un peu exceptionnelle et d’un certain niveau intellectuel ; ils appartiennent à l’aristocratie, au clergé et aux différentes couches de la bourgeoisie.“ 288 Ein Beispiel für eine Pilgerberichtautorin, allerdings aus dem nicht-romanischen, nämlich englischen Raum, verkörpert Margery Kempe, eine wohlhabende Bürgerin der Stadt King’s Lynn in der Grafschaft Norfolk, die 1417, im selben (Heiligen) Jahr wie Nompar II. de Caumont, nach Compostela pilgerte. Einschlägige mittelenglische Ausgabe: The Book of Margery Kempe, hg. von Lynn S T A L E Y , Kalamazoo 1996. - Anders, als man vermuten mag, waren pilgernde Frauen in Mittelalter und Früher Neuzeit keine Seltenheit, zumal es wohl auch nicht unüblich war, eine Pilgerfahrt en famille zu unternehmen. Pilgerberichtautorinnen wie Margery Kempe sind dennoch eine absolute Ausnahme, „weil“, wie G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm. 93), S. 332f., am Schluss ihrer Dissertation noch einmal auf den Punkt bringt, „verschiedene - von Männern bestimmte - Umstände entweder die pilgernden Frauen am Schreiben oder aber die schreibenden Frauen am Pilgern hinderten.“ hat nur eine verschwindend kleine Gruppe, Teil jener privilegierten Minderheit, die über - wenigstens elementare - Lese- und Schreibfähigkeiten verfügte, ihre Reiseerfahrungen schriftlich fixiert, während das Gros der Pilger zu den illiterati zählte und sicher ohnedies von anderen Interessen und Sorgen als derartiger ‚Selbstdokumentierung‘ geleitet war 287 . Das Korpus dieser Arbeit trägt daher letztlich nur einem recht distinguierten Kreis Rechnung: Wie aus der Übersicht am Schluss von Kapitel 1.2 hervorgeht, sind hier ausschließlich Männer 288 vertre‐ ten und größtenteils Angehörige der drei führenden Gesellschaftsschichten im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa: des Klerus, des Adels und des stadtbürgerlichen Patriziats. Es handelt sich etwa um Mönche und Amtsträger der Kirche wie Cristofaro Monte Maggio da Pesaro, Giovanni Battista Confalo‐ 1.4 Vorgehen und methodisch-konzeptuelle Überlegungen 95 <?page no="96"?> 289 Vgl. Giovanna S C A L I A , Le pèlerinage de Saint-Jacques à l’aube des lumières entre sarcasme et dévotion, in: Les traces du pèlerinage à Saint-Jacques-de-Compostelle dans la culture européenne. Colloque organizé par le Centre italien d’études compostellanes et par l’université de la Tuscia, Viterbe, en collaboration avec le Conseil de l’Europe. Viterbe (Italie), 28 septembre-1 er octobre 1989, Straßburg 1992, S. 42-45. - Mit dem Phänomen der pikaresken Pilger bzw. schwindender Grenzen zwischen Pilgern und Pícaros gerade in der ausgehenden Frühneuzeit haben sich insbesondere Pablo Arribas Briones und - speziell in der spanischen Narrativik - Hanno Ehrlicher befasst. Vgl. Pablo A R R I B A S B R I O N E S , Pícaros y picaresca en el Camino de Santiago, Burgos 1993; Hanno E H R L I C H E R , Zwischen Karneval und Konversion. Pilger und Pícaros in der spanischen Literatur der Frühen Neuzeit, Paderborn 2010. 290 Vgl. Pablo Mendoza de los Ríos, Theatro moral y político de la Noble Academia Compos‐ tela, con la adición curiosa de diversos assumptos conforme a lo que en ella se practica, Santiago de Compostela 1731. - Das zweite Kapitel dieser Gründungsschrift handelt von der Ankunft eines Pilgers in Compostela. Hauptanliegen ist die Beschreibung der Stadt, aber nebenbei wird mit mokanter Ironie auch der Pilger selbst näher charakterisiert: Entró en nuestra Jerusalem compostelana un noble peregrino de tan estravagante contestura que apenas su desaliño y denegrida facie daba indicios de racionalidad si su honestada, discreta conversacion no le acreditara la mas bizarra naturaleza, so beginnt das Kapitel auf Seite 63. Im Ganzen wird deutlich, dass die Akademiemitglieder in dem Pilger wohl nichts als einen ungebildeten, dem Aberglauben anhängenden, verlumpten Bettler erblickten. nieri und Giacomo Antonio Naia, um Adlige auf Grand Tour oder diplomatischer Mission wie Antoine de Lalaing, Lorenzo Magalotti und Filippo Corsini, um humanistisch gelehrte uomini di lettere wie Bartolomeo Fontana und Domenico Laffi, um gutbürgerliche Notare wie Fabrizio Ballarini und Silverio Rettabeni, um betuchte Kaufleute wie Jean de Tournai, um neugierige Ärzte wie Giovan Battista Gornia … Erst im 18. Jahrhundert finden sich schließlich auch Beispiele für mittellose Studenten ( Jean Bonnecaze), Handwerker (Guillaume Manier) und einfache Bedienstete (Nicola Albani), die schriftliche Aufzeichnungen über ihre Pilgerreisen nach Compostela hinterlassen haben, während zugleich die Zahl der Quellen aus adliger und stadtpatrizischer Feder deutlich abnimmt. An dieser veränderten sozialen Zusammensetzung der Autoren lässt sich ablesen, was auch durch andere Quellen hinreichend bezeugt ist, nämlich, dass die einst alle Stände vereinende Frömmigkeitspraxis des Pilgerns allmählich zu einem Randphänomen der Armen und Ungebildeten sowie allenfalls des (niederen) Klerus herabsank; äußerlich von profaner vagabondage kaum unterscheidbar, galt sie in den ‚aufgeklärten‘ Kreisen der Gesellschaft mehr und mehr als verpönt 289 , und dies ironischerweise selbst in Compostela, wie etwa die Grün‐ dungsschrift der Noble Academia Compostelana aus dem Jahr 1731 eindrücklich belegt 290 . 96 1 Einleitung <?page no="97"?> 291 Vgl. Alfons X., Las Siete Partidas del Sabio Rey don Alonso el nono, nueuamente Glosadas por el Licenciado Gregorio López del Consejo Real de Indias de su Magestad (Faksimile der Ausgabe von 1555), Madrid 1974, fol. 151 v : E las maneras de los Romeros, e los Pelegrinos, son tres. La primera es, quando de su propia voluntad, e sin premia ninguna, van en pelegrinaje a alguno destos santos logares. La segunda, quando le faze por voto por promissiõ que fizo a Dios. La tercera es, quando alguno es tenudo delo fazer por penitẽcia que le dieron que ha de cumplir. 292 Frömmigkeitswallfahrt - Strafwallfahrt - Auftragswallfahrt. Vgl. V ÁZ Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 155-167; Pierre André S I G A L , Les différents types de pèlerinage au Moyen Âge, in: Wallfahrt kennt keine Grenzen, hg. von Lenz K R I S S -R E T T E N B E C K / Gerda M ÖH L E R , München/ Zürich 1984, S. 76-86; Pierre André S I G A L , Les différents types de pèlerinages, in: Santiago de Compostela. 1000 ans de Pèlerinage Européen, Gent 1985, S. 97-101; Jan van H E R W A A R D E N , Auferlegte Pilgerfahrten und die mittelalterliche Verehrung von Santiago in den Niederlanden, in: Der Jakobuskult in Süddeutschland. Kultgeschichte in regionaler und europäischer Perspektive, hg. von Klaus H E R B E R S / Dieter R. B A U E R , Tübingen 1995, S. 311-343; Lorenza V A N T A G G I A T O , Pellegrinaggi giudiziari. Dalla Fiandra a San Nicola di Bari, a Santiago di Compostella e ad altri santuari (secc. XIV-XV), Perugia 2010. 293 Vgl. M I E C K , Les témoignages oculaires (wie Anm. 93), S. 205: „De la masse des pèlerins forcés aucune relation ne nous est parvenue ; il est douteux qu’on en trouve jamais une.“ 294 Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 120f.; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 42; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 74-77; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm.-10), S.-76f.; R U C Q U O I , Mille fois (wie Anm.-15), S.-16-73. Wie die sozialen Merkmale der Autoren, so variieren ebenfalls die Motive, aus denen sie nach Compostela aufbrachen. Eigentlich waren nach mittelalterlicher Rechtsvorstellung - dies lässt sich exemplarisch den Siete Partidas Alfons’ X. des Weisen entnehmen 291 - nur drei Beweggründe für eine Pilgerfahrt zulässig: devotio (aus Frömmigkeit), punitio (zur Strafe) und delegatio (an eines Anderen statt, meist gegen Geld) 292 . Schriftliche Aufzeichnungen hinterließen verständ‐ licherweise nur diejenigen Pilger, die devotionis causa aufgebrochen waren 293 . In der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Reisepraxis aber vermischten sich devotionale Beweggründe regelmäßig mit anderen, konkurrierenden Motiven (Reiselust und weltliche Neugierde, ritterlicher Ruhmesdrang, ökonomische Profitsuche, Justizflucht, politisch-diplomatische Missionen etc.), und zwar derart, dass sich mitunter gar nicht recht beurteilen lässt, ob eine Pilgerfahrt mit einem profanen Reiseunternehmen verknüpft wurde oder nicht vielmehr ein profanes Reiseunternehmen mit einer Pilgerfahrt 294 . Dies wird sich auch in den hier zu untersuchenden Zeugnissen wiederholt bestätigen: Die Bandbreite reicht etwa von Pfarrherrn Lorenzo um die Mitte des Quattrocento, der einzig und allein den christlichen Gnadenaspekt (il perdono) betont, über eine große Vielzahl von Autoren wie beispielsweise Bartolomeo Fontana und Domenico Laffi, die zu Buche geben, dass devotio und curiositas sie gleichermaßen zum 1.4 Vorgehen und methodisch-konzeptuelle Überlegungen 97 <?page no="98"?> 295 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 2: Dans ce temps, de fréquentes demandes que mon capitaine me faisait pour aller payer des billets qu’il m’avait fait faire, ne me voyant pas en état d’y pouvoir satisfaire si tôt, me firent prendre la résolution de sortir du pays. 296 Vgl. Bonnecaze, Testament politique (wie Anm.-142), S.-184: Je pris la résolution d’aller étudier en Espagne ; et, pour réussir à mon projet, je pris le prétexte d’aller à St-Jacques. 297 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-100, 105. 298 Insbesondere Giacomo Antonio Naia beschreibt bei fast jedem Klosteraufenthalt, was man ihm zu essen servierte: An den zum Teil geradezu pantagruelischen Mahlzeiten in den verschiedenen Refektorien lässt sich erkennen, dass die Mönche jener Tage nicht eben asketisch lebten. Eine ausführliche Übersicht über die Gerichte, die Naia Aufbruch bewogen hätten - ein Topos der Pilgerberichtliteratur in der Frühen Neuzeit (der aber oftmals nichtsdestoweniger wahr gewesen sein dürfte) -, bis hin zu den peregrinos picarescos des 18. Jahrhunderts, Guillaume Manier und Jean Bonnecaze etwa, denen, obwohl sie zweifelsohne fromme Christen waren, ihre Compostelareise nach eigener Aussage nur als Vorwand für andere, profane Zwecke diente; der eine, hoch verschuldet, wollte sich des Zugriffs eines erbosten Gläubigers entziehen 295 , der andere in Spanien studieren 296 . Ein siche‐ res Indiz für Nebenmotive einer Pilgerfahrt bilden vielfach die genommenen Umwege: Bartolomeo Fontana etwa beschreibt für nachfolgende Jakobspilger stets den camino dritto, weist zugleich jedoch in vielen Fällen darauf hin, dass er selbst davon abwich, um noch andere Devotionsstätten einzubinden, um die Hafenstadt Aigues-Mortes zu besuchen, in der sein Vater als Kaufmann tätig war, oder um in den Thermalquellen von Plombières-les-Bains ein Bad zu nehmen 297 . Es liegt nahe anzunehmen - und in dieser Arbeit wird es sich mehr als einmal bestätigen -, dass die Unterschiede der Herkunft, des Standes und Berufes, des Vermögens, der Bildung und Sozialisierung, des Alters, der Gesundheit und körperlichen Konstitution, der Motivation und Glaubensfestigkeit, die trotz des eingeschränkten Kreises von Autoren doch vorhanden sind, nicht nur verschie‐ dene Umstände bedingen, unter denen eine Pilgerfahrt unternommen wurde, sondern auch je spezifische Interessen und Sensibilitäten, die sich nicht zuletzt in der Wahrnehmung der passierten Städte und Ortschaften manifestierten, sowie unterschiedlich ausgeprägte sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten bei der anschließenden Berichtabfassung. Ein junger, kränklicher Bauernsohn aus der südfranzösischen Provinz wie Jean Bonnecaze, der ohne Geld, ohne Schuhe, ohne Reisedokumente, allein im unerschütterlichen Vertrauen auf die göttliche Vorsehung ins Ungewisse aufbrach und zum bloßen Überleben auf Almosen und karitative Einrichtungen angewiesen war, nahm auf seiner Pilgerfahrt vieles sicher ganz anders wahr (und fasste es dann auch in ganz andere Worte) als beispielsweise wohlgenährte 298 italienische Mönche im vorgeschrittenen 98 1 Einleitung <?page no="99"?> vermerkt, bietet Renato S T O P A N I , Il pellegrinaggio a Santiago de Compostela di fra Giacomo Antonio Naia (1717-1718), Florenz 1997, S.-53-63. 299 Vgl. z.-B. Corsini, Relazione (wie Anm.-155), S.-67f. 300 Vgl. G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm. 93), S. 334. Vgl. auch H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-47. 301 Vgl. Claudia Z R E N N E R , Die Berichte der europäischen Jerusalempilger (1475-1500). Ein literarischer Vergleich mit historischem Kontext, Frankfurt a. M./ Bern 1981, S. 145f.: „Bei genauerer Gegenüberstellung der einzelnen Berichte zeigt sich, dass diese, un‐ abhängig von den individuellen Zügen des jeweiligen Verfassers, in drei deutlich erkennbare Gruppen zusammengefasst werden können, die gemeinsame Merkmale von übernationalem Charakter aufweisen. Diese gemeinsamen Züge, die sowohl im Inhalt als auch in der Form der drei Gruppen zum Ausdruck kommen, sind eindeutig vom Stand und der Bildung des Verfassers geprägt, so dass man unschwer Texte mit typisch ‚bürgerlichen‘, ‚adligen‘ oder ‚geistlichen‘ Interessen und Ausdrucksweisen unterscheiden kann.“ Mannesalter wie Gian Lorenzo Buonafede Vanti und Giacomo Antonio Naia, die alle erdenklichen Geleitbriefe und Gesundheitsatteste bei sich trugen, in jedem Konvent, gleich ob ihres eigenen Ordens oder eines anderen, gastfreundlich empfangen wurden und schließlich ohne jeden Zeitdruck ganze Wochen in Compostela verbrachten. Und zweifellos sahen diese wiederum manches mit anderen Augen als ein am toskanischen Hof in Florenz aufgewachsener Prinz wie Cosimo III. de’ Medici, der sich in einer komfortablen Prunkkarosse durch die Lande chauffieren ließ, umgeben von einem ausgesuchten Gefolge und mit übervoller Reisekasse, und dessen größte Sorge wohl der allzeit drohenden noia galt - gerade in Compostela, wo der galicische Dauerregen ihn tagelang daran hinderte, seine Unterkunft zu verlassen 299 . Schon Ganz-Blättler legt in ihrer mentalitätsgeschichtlich orientierten Un‐ tersuchung der europäischen Pilgerberichte zwischen 1320 und 1520 einen besonderen Fokus auf gruppenspezifische Wahrnehmungsweisen und kommt dabei zur Erkenntnis, dass, während Unterschiede bedingt etwa durch Nationa‐ lität und geographische Herkunft wider Erwarten kaum nachzuweisen seien, vorrangig die jeweilige Standeszugehörigkeit (Klerus - weltliche Stände) und der mit ihr verbundene Moralkodex wesentlich bestimmt hätten, wie Pilger die Dinge wahrnahmen und bewerteten 300 . Zum gleichen Ergebnis kommt beispielsweise auch Claudia Zrenner, die jedoch eine deutlich engere Zeitspanne (1475-1500) und ausschließlich Heiliglandpilger betrachtet 301 . Arnold Esch führt in einem 1991 erschienenen Aufsatz vor, wie spätmittelalterliche Reisende, um sich (und ihrem Leser) eine fremde, nie gesehene Realität begreifbar zu machen, je nach Bildungsgrad verschiedene Strategien anwendeten, die er unter die Konzepte ‚Begriff ‘ und ‚Anschauung‘ subsumiert: Wo der gelehrte Humanist einen treffenden Begriff kennt, muss der Unkundige umständlich beschreiben 1.4 Vorgehen und methodisch-konzeptuelle Überlegungen 99 <?page no="100"?> 302 Vgl. Arnold E S C H , Anschauung und Begriff. Die Bewältigung fremder Wirklichkeit durch den Vergleich in Reiseberichten des späten Mittelalters, in: Historische Zeitschrift 253 (1991), S.-281-312. Vgl. auch H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-46f. 303 Die Unterscheidung von Außen- und Innenperspektive ist bei Untersuchungen zur Wahrnehmung und Darstellung einer Stadt nicht unwesentlich. Meist wird nur eine Perspektive eingenommen, entweder von innen oder von außen. Vgl. S T A L L J O ‐ H A N N -S C H E M M E , Stadt und Stadtbild (wie Anm.-107), S.-9f. und greift dabei nicht selten auf anschauliche Vergleiche (mit Dingen aus der eigenen heimischen Lebenswelt) zurück 302 . Damit ist noch ein weiterer, ebenso evidenter wie implikationsreicher Aspekt angerissen, den es zu bedenken gilt: dass es sich bei sämtlichen Autoren einer Compostela-Beschreibung um Ortsfremde handelt, um weitgereiste Pilger aus anderen Teilen Europas, deren Blick auf die für sie neue, unbekannte Stadt immer auch - die Analysen werden einige interessante Beispiele dafür zutage führen - wesentlich durch ihren eigenkulturellen Horizont bestimmt war. Insofern vermag diese Arbeit streng genommen nur die ‚Außen- oder Fremdwahrnehmung‘ der Stadt zu rekonstruieren; wie dagegen die santiagueses selbst ihre altvertraute Stadt ‚von innen‘ erlebten, wie ihr ‚Selbstbild‘ beschaffen war, wie sie gar auf die Pilger blickten, die aus aller Welt so zahlreich in ihre Stadt strömten, wird sich dem Korpus kaum entnehmen lassen 303 . Trotz aller genannten Bedingtheiten bilden die hier ausgewählten Schriften ein ungemein fruchtbares Korpus für die nun folgenden Analysen. In ihrer bunten Polyphonie werden sie auf die vorangehend formulierten Fragen zu Wahrnehmung und Darstellung der Stadt Santiago de Compostela oftmals nicht eine Antwort geben, sondern viele. Zumindest für den diachronen Vergleich gilt daher, dass eher Vielals Eindeutiges, eher Variationsspektren, Tendenzen und grobe Entwicklungslinien als klare, verallgemeinerbare Aussagen herauszuar‐ beiten sind. Dies stellt entschiedenermaßen keinen Mangel der vorliegenden Arbeit dar, es ist Ausdruck der Komplexität ihres Gegenstandes: Santiago de Compostela, vervielfältigt in mannigfache Bilder und Abbilder unter dem Blick und der Feder seiner Pilger; diese textuellen Darstellungen einer Stadt können systematisch untersucht und verglichen werden, ihre Verschiedenheit aber bis hin zum Disparaten und Kontradiktorischen bleibt letztlich bestehen und muss als solche erfasst werden. 100 1 Einleitung <?page no="101"?> 304 Vgl. Joseph B É D I E R , Les légendes épiques. Recherches sur la formation des chansons de geste 3, Paris 3 1966, S. 75f., Anm. 1. - Im Eingangskolophon der Compostellaner Handschrift steht allerdings Iacobus als Titel. Nur selten ist diese im Grunde quellen‐ gerechtere, aber auch ungenau-ambigue Bezeichnung in der Forschung verwendet worden, so etwa von Christopher H O H L E R , A Note on Jacobus, in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 35 (1972), S. 31-80. Bédier entscheidet sich bewusst gegen den Titel Iacobus, weil dieser sich seiner Ansicht nach auch auf das erste Buch beziehen könnte, statt auf den gesamten Liber Sancti Jacobi. Auch Herbers hält es für sinnvoller, an der etablierten Bezeichnung festzuhalten, da Iacobus allein, ohne weitere Zusätze, in die Irre führen könnte und sich alternative Vorschläge in der Forschung nicht durchgesetzt haben. Vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 16, Anm. 19; S. 45, Anm.-196. 305 Ein Faksimile dieser Handschrift erschien zum Heiligen Jahr 1993 unter dem Titel Códice Calixtino im Verlag Kaydeda (Madrid). Zum Heiligen Jahr 1999 folgte die vollständige Transkription, mit der ich im Folgenden arbeiten werde: Liber Sancti Jacobi. Codex Calixtinus, hg. von Klaus H E R B E R S / Manuel S A N T O S N O I A , Santiago de Compostela 1998. Brauchbare Teilausgaben sind bereits vorher erschienen, so etwa ein Faksimile des Liber V: Libro de la Peregrinación del Códice Calixtino, hg. von Carlos R O M E R O D E L E C E A / José G U E R R A C A M P O S / José F. F I L G U E I R A V A L V E R D E , Madrid 1971. Eine erste Transkription der gesamten Kompilation wurde in den 1930er Jahren von Walter M. W H I T E H I L L verfertigt: Liber Sancti Jacobi. Codex Calixtinus 1, Santiago de Compostela 1944. Diese Ausgabe ist allerdings derart unzulänglich, dass sie kurz nach Erscheinen wieder gesperrt wurde und außerhalb Spaniens in kaum einer Bibliothek zu finden ist. Vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 28f.; Manuel C. D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino de la Catedral de Santiago. Estudio codicológico y de contenido, Santiago de Compostela 1988, S. 126-128. Eine vollständige deutsche Übersetzung fehlt bislang. Auszüge sind 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) 2.1 Inhalt, Genese und Bedeutung des Liber Sancti Jacobi Als Quelle ersten Ranges für die hochmittelalterliche Jakobusverehrung und die kanonischen Traditionen rund um die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela gilt eine fünfteilige lateinische Textsammlung aus der Mitte des 12. Jahrhun‐ derts, die seit den Studien Joseph Bédiers unter dem Titel Liber Sancti Jacobi bekannt geworden ist 304 . Die 225 Folia umfassende, älteste und wichtigste Hand‐ schrift dieser summa jacobaea, die heute im Archiv der Kathedrale von Santiago de Compostela aufbewahrt wird und deren von Herbers und Santos Noia angefertigte Transkription aus dem Heiligen Compostelanischen Jahr 1999 die Grundlage für die folgende Untersuchung bildet, wird traditionell auch als Codex Calixtinus bezeichnet 305 . Sie dürfte dem Archetypus, der ursprünglichen Fassung <?page no="102"?> aber von Hans-Wilhelm K L E I N und Klaus H E R B E R S übertragen worden und als Libellus Sancti Jacobi, Tübingen 1997, erschienen. Seit 1986 lag eine leicht gekürzte Fassung von Liber V zusammen mit Auszügen aus der Predigt „Veneranda dies“ - von Herbers übersetzt und ausführlich kommentiert - in mehreren Auflagen vor: Der Jakobsweg. Mit einem mittelalterlichen Pilgerführer unterwegs nach Santiago de Compostela, hg. von Klaus H E R B E R S , Tübingen 1986. Eine Neuausgabe dieser Übersetzung erschien 2008: Pilgerführer (wie Anm. 200). Zu weiteren Übersetzungen des hier in besonderem Maße interessierenden Liber V vgl. H E R B E R S , Nachwort (wie Anm. 7), S. 202f. - Die differenzierende Verwendung der beiden Titel - Liber Sancti Jacobi für das Werk, Codex Calixtinus für die Compostellaner Handschrift - geht ebenfalls zurück auf B É D I E R , Les légendes épiques 3 (wie Anm. 304), S. 75f., Anm. 1. Soweit ich die Forschung überblicke, werden diese Titel aber nicht immer säuberlich voneinander geschieden. Häufig werden sie verwechselt bzw. mit gleicher Referenz verwendet. Diesen Eindruck stützt D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm.-305), S.-38. 306 Nachträglich sind im Codex Calixtinus jedoch noch Folia ergänzt oder ersetzt und verschiedene Änderungen vorgenommen worden, so dass er, dergestalt, wie er heute vorliegt, nicht mit dem Archetypus gleichzusetzen ist. Vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm.-218), S.-23. 307 Mit der Genealogie der verschiedenen Handschriften des Liber Sancti Jacobi hat sich insbesondere Adalbert H Ä M E L befasst: Überlieferung und Bedeutung des Liber Sancti Jacobi und des Pseudo-Turpin, München 1950, S. 21-44, 65-73. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 22f., Anm. 67, fasst Hämels wichtigste Ergebnisse zusammen. Wie Hämel kommt H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm.-218), S.-21-32, zu dem Schluss, dass der Codex Calixtinus die älteste Handschrift des Liber Sancti Jacobi sein muss. Vgl. auch Walter M. W H I T E H I L L , Liber Sancti Jacobi. Codex Calixtinus 3 (Estudios e índices), Santiago de Compostela 1944, S. XXIV; Pierre D A V I D , Études sur le livre de St. Jacques attribué au Pape Calixte II (3: Le Pseudo-Turpin et le Guide des Pèlerins), in: Bulletin des études portugaises 12 (1948), S. 70-223, hier S. 82; André M O I S A N , Aimeri Picaud de Parthenay et le Liber Sancti Jacobi, in: Bibliothèque de l’École des chartes 143/ 1 (1985), S. 5-52, hier S. 7, 11; D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm. 305), S. 34, 95. Zu Gegenpositionen, die inzwischen größtenteils widerlegt worden sind, siehe überblicksweise D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm.-305), S.-78, Anm.-172. 308 Die Kompilator- und Autorschaft Calixts II. wird ja nicht ausschließlich für die Compos‐ tellaner Handschrift, das einzelne Exemplar, behauptet, sondern für das Werk. Genauere Bezeichnungen sind längst vorgeschlagen worden, haben sich in der Forschung aber nicht durchsetzen können. Vgl. z. B. Pierre D A V I D , Études sur le livre de St. Jacques attribué au Pape Calixte II (1), in: Bulletin des études portugaises 10 (1945), S. 1-41, hier S. 1. Vgl. auch H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 16, Anm. 19; D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm.-305), S.-43, Anm.-42. des Sammelwerkes, nach bisheriger Erkenntnislage am nächsten kommen 306 ; sämtliche anderen erhaltenen Kopien stammen mit großer Wahrscheinlichkeit von ihr ab oder teilen mit ihr eine gemeinsame Vorlage, wenngleich gerade über Fragen der Textgenese und -genealogie einiger Dissens in der Forschung bestand und zum Teil noch immer besteht 307 . Zu ihrem ebenso klangvollen wie irreführenden 308 Titel gelangte die Com‐ postellaner Handschrift, weil darin die Zusammenstellung des Werkganzen 102 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="103"?> 309 Ausdrücklich mit dem Papstnamen versehen sind die einleitende Epistola im Vorspann der Textsammlung, 21 der 31 Kapitel (2-7, 9, 12, 17, 19-30) in Liber I, die Calixt II. zumindest teilweise verfasst haben soll - darunter die Langpredigt zur Translation der Apostelgebeine „Veneranda dies“ -, das einleitende argumentum und 18 der 22 Mirakel (1, 3, 5-15, 18-22) in Liber II, der prologus und ein Kapitel (3) in Liber III, die drei Schlusskapitel bzw. appendices in Liber IV (24-26) sowie das einleitende argumentum und drei Kapitel (2, 6, 9) in Liber V, von denen Calixt II. eines (9) - das zweitlängste dieses Teils (nach Kapitel 8), das auch die hier besonders interessierenden Passagen mit der Beschreibung der Stadt und der Jakobsbasilika enthält - wiederum nur teilweise bzw. in Ko-Autorschaft mit seinem Kanzler Aimericus verfasst haben soll. Insgesamt zeichnet Pseudo-Calixt ungefähr für die Hälfte der Texte als Autor. Vgl. D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm.-305), S.-37f. 310 Vgl. B É D I E R , Les légendes épiques 3 (wie Anm. 304), S. 82; M O I S A N , Aimeri Picaud (wie Anm.-307), S.-25, 45. - Zum Aufstieg der Stadt zum Erzbischofssitz siehe Kapitel 1.1. 311 Vgl. B É D I E R , Les légendes épiques 3 (wie Anm. 304), S. 82-88; M O I S A N , Aimeri Picaud (wie Anm. 307), S. 21, 25f.; H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 44, insb. Anm. 192. - Schon der Humanist Ambrosio de Morales zweifelte bei seinem Besuch der Kathedrale von Santiago de Compostela im Jahr 1572 an der angeblichen Autorschaft Calixts II. Dies geht aus seinem fast hundert Jahre später abgedruckten Reisebericht hervor: Viage de Ambrosio de Morales por orden del rey D. Phelipe II a los reynos de León, y Galicia, y Principado de Asturias, hg. von Enrique F L Ó R E Z , Madrid 1765, S. 130f. Im Jahr 2005 erschien eine Faksimile-Edition dieses Textes im Verlag Órbigo (A Coruña). - Die These, dass Papst Calixt II. tatsächlich die Autorschaft (zumindest bestimmter Teile) des Kodex zuzuweisen sei, vertreten die wenigsten Forscher, so etwa noch André de M A N D A C H , Naissance et développement de la chanson de geste en Europe 1 (La geste de Charlemagne et de Roland), Genf 1961, S.-77-83. 312 Aus Liebe zum Apostel Jakobus habe er von Studientagen an alles zusammengetragen, was er über diesen geschrieben fand, und es zu einem Buch gebunden. Dazu sei er vierzehn Jahre lang umhergereist. Immer wieder sei er in große Gefahr geraten, immer wieder habe er sein Hab und Gut verloren, doch auf wundersame Weise sei ihm dabei nie der Kodex abhanden oder zu Schaden gekommen. Einmal sei ihm Christus allein, ein andermal zusammen mit Jakobus im Traum erschienen und habe sich ihm als wahrer Auftraggeber des Werkes offenbart. Christus habe ihm bedeutet, dass ihm das wie auch die (Teil-)Autorschaft zahlreicher Texte ausdrücklich Papst Calixt II. (1119-1124) zugeschrieben werden (Abb. 1) 309 , dem Compostela zahlreiche Privilegien und insbesondere die im Jahr 1120/ 1124 erfolgte Erhebung zum Metropolitansitz verdankt 310 . Freilich handelt es sich bei dieser Zuschreibung - darüber besteht in der Forschung kein Zweifel (mehr) - um eine kluge Fälschung, eine Erfindung, derer sich der Anonymus wohl vor allem zur Legitimierung und zum Nachweis der Authentizität seines Werkes bediente 311 . Sowohl interne als auch externe Textmerkmale lassen schließen, dass Calixt II. gar nicht als Autor bzw. Kompilator der Sammlung fungiert haben kann. So wird - um nur ein Beispiel von vielen zu nennen - bereits in den ersten Zeilen der angeblich von ihm verfassten Eingangsepistola (fol. 1 r bis 2 v ), die die von allerlei wundersamen Ereignissen begleitete Entstehung des Buches dokumentiert 312 , 2.1 Inhalt, Genese und Bedeutung des Liber Sancti Jacobi 103 <?page no="104"?> Buch über den Apostel wohlgefällig sei und er, Calixt, es zu dessen Glorie vollenden solle, insbesondere die umfangreiche Predigt „Veneranda dies“: Hec nobis precepta grata omnibus observanda scribere non differas. Scribe que cepisti, corripiens scelera pravorum hospitum manentium in itinere apostoli mei, habe der Menschensohn zu ihm gesprochen. Liber (wie Anm. 25), S. 7. Letztlich sei das Werk mithin auf göttliches Geheiß entstanden. - Darüber hinaus nennt Pseudo-Calixt die Grundlagen und verwandten Quellen, betont, nichts Erfundenes (ex proprio sensu) habe Eingang in seinen Kodex gefunden, alles stamme aus den Büchern des Alten und Neuen Testaments sowie von anerkannten Kirchenlehrern (Hieronymus, Ambrosius, Augustinus, Gregorius, Beda, Maximus und Leo) - mithin ex libris autenticis - oder er habe es (wenigstens) schriftlich vorgefunden (scripta), mit eigenen Augen (propriis oculis) erlebt oder von anderen gehört und für wahr befunden (verissima relacione); hinzu kämen selbst verfasste Predigten (nostros sermones) wie „Veneranda dies“. Liber (wie Anm. 25), S. 7. Vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 59; H A S S A U E R , Santiago (wie Anm. 2), S. 218f. Ziel des Verfassers ist es, Altes mit Neuem, ausgewählte mündliche und schriftliche Traditionen mit eigenen Gedanken und Erfahrungen zu verbinden und den Kodexinhalt durch den Nachweis von dessen geistiger Herkunft als ‚historisches‘ Wissen auszuweisen und durch päpstliche Autorität zu legitimieren. Vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 59-61. Die wundersame Entstehungsgeschichte des Kodex, dessen scheinbare Unzer‐ störbarkeit, dessen Legitimation von höchster religiöser Instanz als Auftragsgegenstand Christi und Jakobi und die erbrachten Authentizitäts- und Autoritätsnachweise für das herangezogene Material begründen den Geltungsanspruch der Textsammlung, deren Missachtung oder Geringschätzung am Ende des Briefs mit drohenden Worten unter die Ritualstrafe des Kirchenbanns gestellt wird. Liber (wie Anm. 25), S. 8. Vgl. H A S S A U E R , Santiago (wie Anm.-2), S.-220. 313 Vgl. René L O U I S , Aimeri Picaud, compilateur du Liber Sancti Jacobi, in: Bulletin de la Société nationale des Antiquaires de France 1948-1949 (1952), S. 80-97, hier S. 81, Anm. 2; S. 90. - Darauf, dass Calixt II. zur Abfassungszeit des Jakobsbuches bereits tot war, deutet vermutlich auch das immer wieder auf ihn angewandte Epitheton beatus („selig“) hin. Vgl. M O I S A N , Aimeri Picaud (wie Anm. 307), S. 33. - Dem Patriarchen Wilhelm wird darüber hinaus in Liber I die Autorschaft zweier Hymnen und einer Sequenz zugeschrieben. Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-118-120, 123. 314 Liber (wie Anm. 25), S. 7f., 268. - H E R B E R S weist durch den Vergleich mit echten Urkunden Calixts II. nach, dass die angeblich päpstlichen Episteln aus dem Liber Sancti Jacobi zwar in ihrer Grundstruktur authentische Züge aufweisen - insofern muss der Verfasser wohl über eine gewisse, wenn auch rudimentär zu nennende Kenntnis zeitgenössischer päpstlicher Urkunden verfügt haben -, doch in Formular und Inhalt keineswegs als ‚kanzleigemäß‘ gelten können und mithin als recht ungeschickte neben dem Konvent von Cluny und dem bereits zum Erzbischof aufgestiegenen Diego Gelmírez auch Wilhelm von Mesen adressiert, und zwar als Patriarch von Jerusalem, obwohl ihm dieses Amt erst 1130 übertragen wurde - als Calixt II. schon sechs Jahre tot war 313 ! Zudem weist der Brief auch in Form und Inhalt nicht die für Schriftstücke aus der Apostolischen Kanzlei übliche Gestaltung auf, noch scheint er stilistisch von päpstlicher Hand verfasst zu sein (auch wenn einzelne Elemente wie die Selbstbetitelung des Autors als servus servorum Dei dies augenscheinlich vermuten lassen) 314 . Gleiches gilt für die ebenso gefälschte 104 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="105"?> Nachahmungen eingeordnet werden müssen. Vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 63-68. - M O I S A N konstatiert: „Il faut rappeler le style très particulier de ces pages, reconnaissables à travers les différents livres, où la virulence le dispute à l’autoritarisme, où le ton fulminant et trop souvent vengeur tranche avec celui des documents pontificaux habituels, empreints de charité pastorale et fort éloignés de ces excès. […] Outre que les œuvres du pape Calixte II ne signalent ni sa rédaction d’un Liber, ni le patronage qu’il aurait accordé à un ouvrage collectif, on remarque la volonté persistante (et abusive) du rédacteur de couvrir l’œuvre du nom prestigieux de ce pape français dévoué à Compostelle, sans d’ailleurs la moindre indication sur le lieu et le temps où ledit pontife aurait écrit.“ M O I S A N , Aimeri Picaud (wie Anm.-307), S.-25. 315 Vgl. B É D I E R , Les légendes épiques 3 (wie Anm. 304), S. 86f.; L O U I S , Aimeri Picaud (wie Anm. 313), S. 81f., 85; M O I S A N , Aimeri Picaud (wie Anm. 307), S. 25. - Gemeint ist Innozenz II. (1130-1143). Innozenzbulle im angehängten Schlussteil der Handschrift (fol. 221 r ), die die päpstliche Legitimation des Werkes wohl erneuern sollte 315 . Abb. 1: Papst Calixt II. beim Schreiben. Initiale auf fol. 1 r des Codex Calixtinus (um 1140), Archivo Catedralicio, Santiago de Compostela. Die Frage nach den tatsächlichen Entstehungsumständen des Liber Sancti Jacobi wurde in der Forschung vielfach diskutiert, konnte bisher jedoch nicht abschließend geklärt werden. Während sich der Zeitpunkt der Fertigstellung bzw. der Überbringung des Kodex nach Compostela anhand in den Texten selbst enthaltener Hinweise mit präzisen termini post und ante quem immerhin eingrenzen lässt, nämlich auf die Jahre zwischen 1139 und 1173 (wahrscheinlich sei René Louis zufolge - und Klaus Herbers bestätigt dies - ein eher frühes Datum zwischen 1139 und 1143, weil sich in dieser Phase die Amtszeiten aller in 2.1 Inhalt, Genese und Bedeutung des Liber Sancti Jacobi 105 <?page no="106"?> 316 Zu den Kardinälen in der Innozenzbulle vgl. L O U I S , Aimeri Picaud (wie Anm. 313), S. 85; H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 38. - Schon B É D I E R , Les légendes épiques 3 (wie Anm.-304), S.-76, nimmt einen Entstehungszeitpunkt zwischen 1139 und 1173 an. 317 Genannt werden neben den beiden besagten Päpsten etwa Aimericus, der von 1123 bis 1141 unter Calixt II., Honorius II. und Innozenz II. päpstlicher Kanzler war, Erzbischof Turpin von Reims († 794), Patriarch Wilhelm von Mesen († 1145), Erzbischof Anselm von Canterbury († 1109), ein Papst Leo (wohl IX., † 1054), Beda Venerabilis († 735), Papst Gregor I. († 604), Augustinus († 430), Hieronymus († 420), Ambrosius († 397) und andere mehr. 318 Vgl. M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm.-9), S.-166. - Dass mehr als ein Skriptor am Werk war, zeigen auch paläographische Untersuchungen; vgl. z. B. H Ä M E L , Überlie‐ ferung (wie Anm. 307), darin insb: 1. Die verschiedenen Schreiber des 2. und 3. Buches, S.-12-14; 4. Die verschiedenen Schreiber des Pseudo-Turpin, S.-19-21. 319 Vgl. D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm. 305), S. 60f. - So stellt Pseudo-Calixt in seiner Eingangsepistola - Liber (wie Anm. 25), S. 7f. - fest, dass die passio maior des heiligen Jakobus von manchen für apokryph erachtet werde, und zeigt sich geneigt, diese Ansicht zu teilen. In Kapitel 9 des ersten Teiles - Liber (wie Anm. 25), S. 59-64 - findet sich dann jedoch eben diese passio maior, versehen mit einem kurzen prologus, in dem derselbe angebliche Papst die Echtheit dieses Textes vehement verteidigt und alle diejenigen tadelt, die ihn fälschlich zu den Apokrypha zählen. Vgl. H O H L E R , A Note on Jacobus (wie Anm. 304), S. 46; D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm. 305), S. 61, Anm.-107. der genannten Innozenzbulle angeblich unterzeichnenden Kardinäle decken) 316 , geben die Identität der Redaktoren bzw. Kompilatoren, der Entstehungsort, mögliche Quellen und Vorlagen sowie der Auftragszusammenhang noch immer Rätsel auf. Angesichts der immensen enzyklopädischen Breite und Vielfalt der Texte und ihrer expliziten (wenngleich zum Teil erfundenen) Zuschreibung an verschiedenste Autoren 317 erscheint es jedenfalls wenig plausibel, das Jakobs‐ buch für das Werk einer einzigen Person zu erachten 318 . Auch stellenweise erkennbare inhaltliche Widersprüche zwischen verschiedenen Werkteilen deu‐ ten in eine andere Richtung 319 . Vielmehr ist von mehreren Quellen und Vorlagen bzw. zuvor existierenden Texten auszugehen, die sodann im Liber Sancti Ja‐ cobi zusammengefügt worden sind, und mithin von mehreren Autoren und mehreren Entstehungsorten, was denn auch die Einflüsse unterschiedlicher Skriptorien wie Cluny, Saint-Denis, Lyon, Vienne und Compostela erklären 106 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="107"?> 320 Vgl. D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm. 305), S. 45. - Einen Hinweis auf die unterschiedlichen Entstehungsorte (und vielleicht auf die Reiseerfahrungen des Zusammenstellers) geben die letzten Zeilen von Liber V. Dort ist zu lesen, dass besagter Teil in compluribus locis, in Roma scilicet, in Hierosolimitanis horis, in Gallia, in Ytalia, in Theutonica et in Frisia et precipue apud Cluniacum (ab-)geschrieben (scribitur) worden sei. Liber (wie Anm.-25), S.-258. 321 Vgl. M O I S A N , Aimeri Picaud (wie Anm. 307), S. 24. - David meint sogar: „Le Liber Calixtinus est d’origine française en tous ses éléments“, was jedoch angesichts erwiese‐ ner compostelanischer Einflüsse unzutreffend bzw. überzogen erscheint. Pierre D A V I D , Études sur le livre de St. Jacques attribué au Pape Calixte II (2), in: Bulletin des études portugaises 11 (1947), S. 113-185, hier S. 113. - Einige bedeutende Teile des Liber Sancti Jacobi weisen sandionysische Einflüsse auf, insbesondere Liber IV und Liber V, in denen sich zahlreiche Bezüge zu Privilegien der Abtei von Saint-Denis und zur Passion des hl. Dionysius erkennen lassen. Vgl. D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm. 305), S. 83, insb. Anm. 192; H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 40-43, mit einem Überblick über einschlägige Forschungsergebnisse. Für eine Fertigung des Compostellaner Kodex im burgundischen Reformkloster Cluny sprach sich Bédier aus, wobei er sich insbesondere auf die prominente Erwähnung Clunys in der Eingangsepistola und im Schlusskolo‐ phon der Sammlung stützte sowie auf die zentrale Rolle, die die Cluniazenser seit dem 11.-Jahrhundert bei der Organisation der Jakobuspilgerfahrt nach Compostela gespielt haben sollen. Vgl. B É D I E R , Les légendes épiques 3 (wie Anm. 304), S. 88-91. Seine These ist lange Zeit kritiklos rezipiert worden. Bestritten hat sie dann u. a. Élie Lambert, der mit guten Argumenten von einem Autor aus dem Umfeld der Regularkanoniker ausging, wobei er sich in seiner Analyse allerdings nur auf den vierten und fünften Teil des Liber Sancti Jacobi bezog. Vgl. Élie L A M B E R T , Ordres et confréries dans l’histoire du pèlerinage de Compostelle, in: Annales du Midi 55 (1943), S. 369-403, hier S. 386-389. Keine dieser Zuordnungen ist indes zwingend erwiesen, und sie können allenfalls für Teile des Jakobsbuches jeweils eine gewisse Wahrscheinlichkeit beanspruchen. Vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 34f., 47. Inhaltliche Merkmale, die auf eine französische Herkunft hindeuten, sind u. a. die Glorifizierung Karls des Großen im vierten Teil der Sammlung als Befreier des Apostelgrabs und des Weges dorthin von den Sarazenen, womit einseitig eine französische, nicht aber die innerspanische Sicht der Geschichte wiedergegeben wird; diese speist sich vielmehr aus der Jahrhun‐ derte währenden, zur nationalen Einigung führenden Reconquista, zu deren Erfolg der Ritterpatron Jakobus nach den spanischen Traditionen wesentlich beigetragen haben soll; vgl. M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm. 9), S. 173-179; ferner die intentionsreiche Parallelisierung von Santiago de Compostela und Saint-Denis am Schluss von selbigem Teil: An beiden auserwählten Orten beruft Karl der Große zur Feier seines Sieges über die Sarazenen ein Konzil ein; vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 223; die Tatsache, dass insgesamt zwölf der im zweiten Teil enthaltenen Mirakelerzählungen in Frankreich lokalisiert sind, von denen manche - ebenso wie verschiedene Passagen des Pilgerführers - eine sehr genaue Ortskenntnis ihres Autors bezeugen; vgl. M O I S A N , Aimeri Picaud (wie Anm. 307), S. 22f.; die im fünften Teil verzeichneten vier Wege nach Santiago de Compostela, deren Ausgangspunkte allesamt in Frankreich liegen, sowie die ebenda vielfach erkennbare Hostilität gegenüber allem Spanischen bis hin könnte, die Analysen wiederholt nachgewiesen haben 320 ; unübersehbar ist in jedem Falle eine starke französische Prägung 321 . 2.1 Inhalt, Genese und Bedeutung des Liber Sancti Jacobi 107 <?page no="108"?> zur weitgehenden Aussparung des entsprechenden Toponyms Yspania/ yspanicus; vgl. M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm.-9), S.-177. 322 Lange dachte man, der Codex Calixtinus stamme aus der Feder eines einzigen Schrei‐ bers. Vermutlich folgte man in dieser Ansicht Vicor-Henri Friedel, der 1899 eine erste Beschreibung der Handschrift lieferte und erkannt haben wollte, dass alle fünf Bücher „écrits par une belle main du XII e siècle“ seien. Victor-Henri F R I E D E L , Études compostellanes, in: Otia Merseiana. The Publication of the Arts Faculty of University College Liverpool 1 (1899), S.-75-112, hier S.-77. H Ä M E L , Überlieferung (wie Anm.-307), S. 12-21, bezog als Erster Stellung gegen diese weit verbreitete Irrmeinung, indem er unterschiedliche Schreiber nachwies. Vgl. auch H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 25-32; D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm. 305), S. 70f., 272-274. Es handelt sich bei den von anderen Händen geschriebenen Teilen allerdings um nachträgliche Zufügungen. Man kann somit davon ausgehen, dass der Codex Calixtinus in seinem ursprünglichen Zustand durchaus einheitlich von einer Hand gefertigt war. Vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 26; D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm.-305), S.-71. 323 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 268: Hunc codicem a domno papa Calixto primitus editum, quem Pictavensis Aymericus Picaudus de Partiniaco veteri, qui etiam Oliverus de Iscani, villa sancte Marie Magdalene de Viziliaco dicitur, et Girberga Flandrensis sotia eius, pro animarum suarum redemptione sancto Iacobo Gallecianensi dederunt. - Darüber, dass Aimeri Picaud als Überbringer des Kodex nach Compostela fungierte, besteht in der Dessen ungeachtet deuten die nachträglich hergestellte Einheit und Ordnung des Liber Sancti Jacobi ebenso wie durchgehend erkennbare stilistisch-sprach‐ liche Eigenheiten und paläographische Befunde in der Compostellaner Hand‐ schrift (eine Hand, die sich nicht auf allen, aber auf der weitaus überwiegenden Mehrzahl der erhaltenen Folia nachweisen lässt) doch auf einen Kompilator und Endbearbeiter hin, der die disparaten Teile zu einem kohärenten Ganzen zusam‐ menführte, sie in eine sinnhafte Ordnung brachte, adaptierte, vereinheitlichte und mit einleitenden, explikativen und legitimierenden Beitexten versah, wobei er seine Identität gezielt hinter so prestigiösen Namen wie insbesondere dem‐ jenigen beati Calixti pape verbarg. In diesem Fall muss man ferner annehmen, dass noch im 12. und 13. Jahrhundert weitere Skriptoren bzw. Korrektoren in die Handschrift eingriffen und zahlreiche Änderungen und Zufügungen daran vornahmen; dies erklärt die anderen Hände, die Randvermerke und die ersetzten bzw. ergänzten Folia, die im Codex Calixtinus verschiedentlich vorzufinden sind 322 . Die Forschung hat in diesem Zusammenhang immer wieder auf Aymericus Picaudus (frz. Aimeri Picaud) verwiesen, gebürtig aus dem poitevinischen Par‐ thenay-le-Vieux (Deux-Sèvres) und Kaplan in Vézelay bzw. dem zur Gemeinde Vézelay gehörenden kleinen Nachbarort Asquins (gut 150 km nordwestlich von Cluny), wo er höchst wahrscheinlich unter dem Mönchsnamen Oliverus de Iscani (frz. Olivier d’Asquins) lebte 323 . Einer weit verbreiteten und auch 108 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="109"?> Forschung weitgehender Konsens: „denn warum sollte - selbst in einer gefälschten Urkunde - für einen sonst unbekannten Kleriker ein falscher Name gesucht werden? “ H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 36. Vgl. schon Gaston P A R I S , De Pseudo-Tur‐ pino, Paris 1865, S. 41; Luis V Á Z Q U E Z D E P A R G A , El Liber Sancti Jacobi y el Códice Calixtino, in: Revista de archivos, bibliotecas y museos 53 (1947), S. 35-45, hier S. 41. Dennoch hat diese Textstelle der Forschung nicht wenig Kopfzerbrechen bereitet. Insbesondere wurde diskutiert, ob es sich tatsächlich um zwei oder vielmehr um drei Kodexüberbringer handele, ob Oliverus de Iscani der Mönchsname des davor erwähnten Aimericus Picaudus sei oder aber auf eine dritte Person hinweise. Auch die Rolle der Flämin Gerberga, die als sotia eius bezeichnet wird, ist nicht abschließend geklärt. Die unterschiedlichen Positionen sollen hier nicht weiter besprochen werden; stattdessen sei verwiesen auf die ausführliche Anmerkung 985 in Liber Sancti Jacobi. Codex Calixtinus, hg. von Abelardo M O R A L E J O , Santiago de Compostela 2004, S. 625-627. Plausibel und gut begründet erscheint jedenfalls - wie H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 36, bestätigt - die hier wiedergegebene Erklärung, Aimeri Picaud sei Kaplan einer Jakobskirche bei Vézelay gewesen und habe dort unter dem Mönchsnamen Olivier d’Asquins gelebt. Vgl. L O U I S , Aimeri Picaud (wie Anm. 313), S. 86. - M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm. 9), S. 166, bringt in seiner Studie etwas durcheinander: Ihm zufolge sei Aimeri Picaud „canciller de varios papas y autor casi indudable del libro quinto o Guía del peregrino, así como de algunos himnos latinos“. Der poitevinische Priester ist jedoch nicht mit dem Papstkanzler Aimericus (Amtszeit: 1123-1141) zu verwechseln und außerdem nur als Autor eines einzigen, nämlich des im Appendix der Sammlung enthaltenen Hymnus „Ad honorem Regis summi“ bekannt. Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-267. 324 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 268. - D A V I D z. B. will in Aimeri Picaud eine Art Herausgeber erkennen, der die letzten Bearbeitungsschritte vornahm und vielleicht auch einzelne Texte - die Passion des hl. Eutropius im fünften Teil etwa, die Pseudo-Calixt in Konstantinopel gefunden haben will - nachträglich ergänzte. Vgl. D A V I D , Études 1 (wie Anm. 308), S. 25f. Weitere Autoren, die Aimeri Picaud die Kompilation des Liber Sancti Jacobi zuweisen, sind u. a. V Á Z Q U E Z D E P A R G A , El Liber Sancti Jacobi (wie Anm. 323), S. 41; V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 175f.; Jan van H E R W A A R D E N , L’integrità di testo del Codex Calixtinus, in: Il Pellegrinaggio a Santiago de Compostela e la Letteratura Jacopea. Atti del Convegno Internazionale di Studi. Perugia, 23-24-25 Settembre 1983, hg. von Giovanna S C A L I A , Perugia 1985, S. 251-270, insb. S. 252-255. Zu weiterführenden Literaturhinweisen, auch deutlich früheren Datums, vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 36f., Anm. 144. Eine zusammenfassende Übersicht über verschiedene Positionen bietet D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm.-305), S.-62-70. nicht ganz unwahrscheinlichen Annahme folgend soll dieser ansonsten völlig unbekannte Geistliche nicht nur - wie aus der abschließenden Innozenzbulle hervorgeht - zusammen mit einer Flämin namens Gerberga den Kodex nach Compostela überbracht haben, sondern darüber hinaus auch für dessen Zusam‐ menstellung und Schlussredaktion verantwortlich sein 324 . Manch einer wollte in ihm zudem den Autor einzelner Texte des Sammelwerkes erkennen - insbesondere des fünften Teiles, weil darin dem Poitou, seiner Heimat, eine auffallend positive Beschreibung gewidmet ist - oder meinte gar ihn eins zu 2.1 Inhalt, Genese und Bedeutung des Liber Sancti Jacobi 109 <?page no="110"?> 325 „Ainsi le pseudo-Calixte, c’est Aimeri Picaud“ - zu diesem Schluss kommt L O U I S , Aimeri Picaud (wie Anm. 313), S. 90. Ihm zufolge sei der clerc vagant Aimeri Picaud, alias Olivier d’Asquins, der Kompilator des Liber Sancti Jacobi und habe den Calixtusbrief, den Innozenzbrief, die Prologe der einzelnen libri und verschiedene Predigten, vor allem „Veneranda dies“, verfasst. Die Autorenvermerke und Echtheitsnachweise - insbesondere die Zuschreibung an Calixt II. - sowie die Hinweise auf Orte, wo die Texte (ab-)geschrieben worden seien, habe Aimeri Picaud allesamt frei erfunden - sie seien „mensonge et vanterie“ (S. 94) -, mit dem Ziel, den Klerus von Santiago de Compostela zu täuschen und auf diesem Wege die Verbreitung seines Kodex sicher‐ zustellen. Insofern lasse sich aus ihnen auch nichts über dessen Entstehungsprozess ableiten. Das als Pilgerführer bekannte fünfte Buch habe Aimeri ebenso verfasst. Dazu müsse er schon vorher einmal in der Jakobsstadt gewesen sein. L O U I S identifiziert den poitevinischen Kaplan daher - Lambert folgend, der als Erster diese Verbindung herstellte; vgl. Élie L A M B E R T , Aymeric, in: Dictionnaire d’histoire et de géographie ecclésiastiques 5 (1931), S. 1297 - mit einem Kanoniker desselben Namens (Aimericus) aus Jerusalem, der - wie durch die Historia Compostellana (wie Anm. 22), S. 537, bezeugt ist - 1131 im Auftrag des Lateinischen Patriarchen Stephan von La Ferté (Amtszeit: 1128-1130) nach Santiago de Compostela reiste. Auf diesem ersten Aufenthalt beruhe die Beschreibung der Stadt und der Jakobusbasilika, die anschließend ihren Weg in den Pilgerführer fand. Louis will im Text sogar Hinweise auf einen persönlichen Bezug des Verfassers zu Jerusalem erkennen. Für die Annahme, dass Aimeri Picaud ein Wandermönch gewesen sei, spreche einerseits die umfassende Kenntnis des Autors von Land und Leuten entlang der Pilgerwege in Frankreich, Spanien und sogar im Heiligen Land, andererseits das Metrum des von Aimeri verfassten Hymnus „Ad honorem Regis summi“, das charakteristisch für die Dichtungen von Wandermönchen sei. Eine in Teilen ähnliche Rekonstruktion findet sich bei M O I S A N , Aimeri Picaud (wie Anm. 307), S. 26-34, der auf die Vorarbeit Lamberts und Louis’ zurückgreift. Vor ihnen hatte auch W H I T E H I L L , Liber Sancti Jacobi 3 (wie Anm. 307), S. XLII, schon vermutet, dass Aimeri Picaud mit Pseudo-Calixt identisch und somit der hauptsächliche Kompilator und Autor zahlreicher Texte der Sammlung sein könnte. So plausibel vieles davon auch erscheinen mag, es bleibt doch Spekulation und wird von anderen Autoren zu Recht bestritten. Kritik findet sich beispielsweise in D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm. 305), S. 84-86. Insbesondere ist die Identifikation Aimeri Picauds mit dem 1131 in Santiago de Compostela weilenden Mönch Aimericus aus Jerusalem leicht anfechtbar, schon weil Lambert diese These nur durch zwei wenig aussagekräftige innere Textmerkmale stützen kann: die Adressierung des Patriarchen von Jerusalem im Calixtusbrief und die Hervorhebung Jerusalems im Innozenzbrief als einer derjenigen Orte, wo der Kodex (ab-)geschrieben worden sei, aber auch weil - wie Mandach anmerkt - der Name Aimer/ Aimeri damals weit verbreitet war, was die durch die Historia Compostellana bezeugte Anwesenheit eines Klerikers dieses Namens in Santiago de Compostela fast bedeutungslos erscheinen lässt und eine eindeutige Zuordnung unmöglich macht. Vgl. André de M A N D A C H , Neues zum ‚Pilgerführer der Jakobswege‘, in: Europäische Wege der Santiago-Pilgerfahrt, hg. von Robert P L ÖT Z , Tübingen 1990, S. 41-58, hier S. 47. - Auf die im fünften Teil des Liber Sancti Jacobi enthaltene Beschreibung der Landschaften am Jakobsweg, unter denen das Poitou geradezu als Hort alles Guten und Schönen eins mit Pseudo-Calixt identifizieren zu können 325 . Die Forschungsdiskussion über seine Person, die hier nicht in extenso wiedergegeben werden kann, ist 110 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="111"?> erscheint, wird in Kapitel 2.2.2 noch einmal zurückzukommen sein. Die belehrende Anekdote am Ende des fünften Teiles belegt darüber hinaus, dass sich der Verfasser in der Stadt Poitiers auskannte. Liber (wie Anm. 25), S. 257. Vgl. M O I S A N , Aimeri Picaud (wie Anm. 307), S. 29. Ferner tritt er in Kapitel 8 des fünften Teiles sehr engagiert für das burgundische Vézelay ein, verteidigt in einer langen Schmährede gegen die kleine, nahe gelegene Abtei von Corbigny (Nièvre) den Anspruch Vézelays, die wundertätigen Gebeine des hl. Leonhard zu besitzen, und beschließt selbiges Kapitel mit einer passio sancti Eutropii, der Leidensgeschichte des hl. Eutropius, der im poitevinischen Saintes begraben liegen soll. Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 246-250. Ein besonderer Bezug des Verfassers zum Poitou und zum Burgund (Cluny, Vézelay) - Geburtsort das eine, das andere die Mönchsgemeinde Aimeri Picauds, jedenfalls den Angaben aus der Innozenzbulle zufolge - ist insofern unübersehbar. 326 Auch D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm. 305), S. 70, kritisiert die diesbezügli‐ chen Ergebnisse älterer Studien, „que algunas veces en crítica interna apenas rebasan posiciones subjetivas.“ 327 Vgl. D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm. 305), S. 86f.; H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm.-218), S.-37f. 328 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 267f. - Im Hymnus „Ad honorem Regis summi“ werden Martyrium und Translation Jakobi sowie die 22 durch ihn gewirkten Wunder aus dem zweiten Teil der Textsammlung in gleicher Reihenfolge summarisch noch einmal wiederholt. Vgl. L O U I S , Aimeri Picaud (wie Anm.-313), S.-97. 329 Von liturgischen Texten wie Predigten, Homilien und Offizien über hagiographische wie Wunderberichte, Heiligenpassionen und die Translationslegende bis hin zu Karlsepik und Geschichtsschreibung, Itineraren, Guidenliteratur und einer descriptio urbis. Aber „the work as a whole is far more coherent than the table of contents suggests“, und „[r]eading the Codex Calixtinus […] is an intensely exciting adventure in which one’s admiration for the compiler increases the more one realizes the homogeneity of his work“. Jan van H E R W A A R D E N , Between Saint James and Erasmus. Studies in Late-Medieval Religious Life - Devotion and Pilgrimage in the Netherlands, Leiden 2003, S.-361f. äußerst kontrovers und bewegt sich für meine Begriffe oftmals im Bereich spekulativer Behauptungen 326 . Streng genommen ist die Frage, inwiefern - und ob überhaupt - der poitevinische Kleriker an der Erstellung des Jakobsbuches beteiligt war, völlig ungeklärt 327 . Der Text selbst weist ihn lediglich als lator des Compostellaner Kodex aus sowie als Verfasser eines kurzen Hymnus („Ad hono‐ rem Regis summi“, fol. 219 v ), der unmittelbar vor der Innozenzbulle ebenfalls im angehängten Schlussteil der Sammlung enthalten ist 328 . Umso verwunderlicher daher, dass die These seiner Kompilator- und (partiellen) Autorschaft dennoch in zahllosen Sekundärtexten kritiklos übernommen wird. Inhaltlich handelt es sich beim Liber Sancti Jacobi um eine ausgesprochen komplexe, heterogene und doch keineswegs wahllose oder unzusammenhän‐ gende Textsammlung, die ganz verschiedene Traditionslinien aufgreift und fortführt 329 . Zusammengehalten und mit einer gewissen Kohärenz versehen wird das umfangreiche Werk einerseits durch den durchgängig vorhandenen 2.1 Inhalt, Genese und Bedeutung des Liber Sancti Jacobi 111 <?page no="112"?> 330 Insbesondere dort, wo kultische Inhalte wohl nicht ganz unumstritten waren - etwa im dritten Teil über die wundersame translatio der Apostelgebeine - und daher eine zusätzliche päpstliche Legitimation besonders dringlich erschien. Vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm.-218), S.-55 und 58-62. 331 Diverse Autoren geben einen Überblick über den Inhalt des Liber Sancti Jacobi, u. a. B É D I E R , Les légendes épiques 3 (wie Anm. 304), S. 77-79; V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 172-175; H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 16-21; D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm. 305), S. 34-37; M Á R Q U E Z V I L L A - N U E V A , Santiago (wie Anm.-9), S.-166-172. 332 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-185-191. 333 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 186-189. - Im dritten Kapitel enthält Liber III zudem eine Calixt II. zugeschriebene theoretische Rechtfertigung der verschiedenen Festtage des hl. Jakobus und im vierten und letzten Kapitel schließlich einen sehr kurzen, nur wenige Zeilen einnehmenden Abriss über die Jakobsmuscheln als Emblem der Jakobspilger. thematischen Bezug zum hl. Jakobus und zu dessen Kult, andererseits - wie erwähnt - durch die Teilautorschaft und die Kommentierungen Pseudo-Calixts, der durch zahlreiche eigene Kapitel sowie durch über den gesamten Kodex verstreute prologi, argumenta, epistolae und appendices immer wieder auf sich verweist 330 . Die Auswahl der Texte entspricht teilweise dem üblichen Inventar eines Heiligendossiers (passio, translatio, miracula etc.), geht im Ganzen aber weit darüber hinaus. Fünf konzeptionell eigenständige Teile bzw. Bücher (Li‐ ber I-V) von unterschiedlicher Länge, Thematik und Funktion gliedern den Liber Sancti Jacobi; umrahmt werden sie von einem kurzen Vorspann mit der Calixtischen Eingangsepistola und einem Appendix mit zum Teil erst später zugefügten Mirakelberichten, notierten Musikstücken, Gedichten, Hymnen, Lesungen und der Innozenzepistola 331 . Den Mittelpunkt der Kompilation bildet das mit knapp sieben von insgesamt 225 Blättern kürzeste der fünf Bücher, Liber III 332 . Wie in Kapitel 1.1 bereits erläutert, enthält es die zentrale Legitimationsgrundlage für die compostelani‐ sche Jakobusverehrung: die Legende von der translatio des Apostelleichnams aus dem Heiligen Land ans äußerste Westende Spaniens (in zwei Versionen: der seit Anfang des 11. Jahrhunderts belegten Epistola Leonis und einer späteren, längeren Fassung, der Passio Magna, die auch andere Überlieferungen über das wundersame Geschehnis einbezieht) 333 . Um diesen mythischen Kerntext herum, der gewissermaßen die physische Gegenwart des Heiligen in Compostela ‚beweist‘, verteilen sich die anderen vier Bücher. Mit Liber I steht am Anfang eine 138 Folia umfassende Sammlung von Predigten, Homilien, Offizien, Res‐ ponsorien, Antiphonen, Messformularen und anderen liturgischen Texten zur Verehrung des Apostels, größtenteils konzipiert für die beiden bedeutendsten Festtage des Heiligenkults: den 25. Juli als Gedenktag des hl. Jakobus in der römischen Liturgie und den 30. Dezember als Translationsfest und Gedenktag 112 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="113"?> 334 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 7-154. Vgl. auch V ÁZ Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 173; H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 17f.; D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm. 305), S. 34f. - Die Mehrzahl dieser Texte ist mit dem prestigiösen Namen Calixts II. überschrieben; daneben treten in erster Linie die vier großen Kirchenväter Ambrosius († 397), Hieronymus († 420), Augustinus († 430) und Papst Gregor I. († 604) als angebliche Autoren auf, aber auch Papst Leo I. († 461), Beda Venerabilis († 735), Patriarch Wilhelm von Mesen († 1145) und andere mehr. 335 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 159-177. - Die meisten der 22 Wunderberichte sollen von Papst Calixt II. aufgezeichnet worden sein; nur vier sind anderen Autoren - Beda Venerabilis (2), einem Magister Hubert von Besançon (4) und Erzbischof Anselm von Canterbury (16 und 17) - zugeordnet. 13 weisen eine genaue Datierung auf: 1080 ist die früheste Jahreszahl, 1035 die späteste; außer dem zweiten Mirakel (das sich Anfang des 9. Jahrhunderts zu Lebzeiten Bischof Theodemirs zugetragen haben soll) sind wohl auch die anderen neun ungefähr in diesen Zeitraum einzuordnen. Vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 18f. Für eine inhaltliche Gesamtschau der 22 Mirakel (Art, Zeitpunkt und Schauplatz des wundersamen Ereignisses sowie Herkunft und sozialer Stand der Geholfenen) vgl. D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm. 305), S. 54, Anm. 81; H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm.-218), S.-114-124. 336 Lediglich fünf Wunderhandlungen des hl. Jakobus (2, 16, 18, 19, 21) sind in Compostela lokalisiert. Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-161f., 174-176. 337 Vgl. Anm.-393. 338 Vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm.-218), S.-116f. des hl. Jakobus in der traditionellen spanischen Liturgie (jeweils mit Vigil und Oktav) 334 . Die Intention dieses Buches besteht offenkundig darin, Geistlichen ein thematisches Textkorpus für den praktischen Gebrauch im Gottesdienst zu bieten. Es folgt Liber II (15 Folia), der liber miraculorum, mit 22 ausgewählten Berichten über Wunder, die Jakobus in der jüngeren Vergangenheit (mit nur einer Ausnahme wohl allesamt zwischen 1080 und 1135) zur Wohltat der ihn um Hilfe Anrufenden gewirkt haben soll 335 . Interessanterweise hat die überwie‐ gende Mehrzahl der darin bezeugten Mirakel nicht Compostela, sondern die verschiedensten Orte in ganz Europa einschließlich des orientalisch-byzantini‐ schen Raumes zum Schauplatz 336 . Sie zeigen eindrücklich, dass Jakobus nicht bloß im Umkreis seiner Gebeine tätig ist, sondern überall dort, wo in Not geratene Christen seines mächtigen Beistandes bedürfen 337 . Zudem erscheint die Universalität der apostolischen Wundertätigkeit durch die breite Vielfalt der Nationalitäten und gesellschaftlichen Stände der Geholfenen bestätigt 338 . Insgesamt zielen die ersten drei libri auf Lob und Verherrlichung des Heiligen: Vor allem seine herausgehobene Stellung unter den zwölf Aposteln - sein besonderes Verhältnis zum Herrn - und seine außergewöhnliche Wunderkraft werden mannigfach betont, ebenso wie seine gottgewiesene Verbindung zur 2.1 Inhalt, Genese und Bedeutung des Liber Sancti Jacobi 113 <?page no="114"?> 339 Liber (wie Anm. 25), S. 90. - In den liturgischen Texten des ersten Buches werden zahlreiche Bibelstellen zitiert, die als Beleg für den hohen Rang des hl. Jakobus gedeutet werden können. Vor allem wird immer wieder betont, dass er zusammen mit Petrus und Johannes zum engsten Apostelkreis gehört. Vgl. Anm.-4. 340 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 199-229. - Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde dieser vierte Teil von dem Archivkanoniker Alonso Rodríguez León herausgetrennt. Dadurch reduzierte sich die Gesamtzahl der libri auf vier, und Liber Quintus wurde mit Liber IIII us überschrieben, während der separierte vierte Teil den auch heute noch gebräuchlichen Titel Historia Turpini (statt Incipit Liber Quartus) erhielt. Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts ist das Geschichtswerk zwar wieder an seinem alten Platz und der ursprüngliche Zustand der Sammelhandschrift so gut als möglich wiederhergestellt, doch in den Überschriften und im Schlusskolophon finden sich noch immer die geänderten Namen. Vgl. M O I S A N , Aimeri Picaud (wie Anm. 307), S. 8, Anm. 4; H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 23f.; Pilgerführer (wie Anm. 200), S. 49, Anm. zu Z. 2; S.-147, Anm.-zu Z. 10. 341 Siehe Kapitel 1.1. 342 Vgl. André M O I S A N , L’exploitation de la Chronique de Turpin, in: Marche romane. Revue de l’Association des Romanistes de l’Université de Liège 31 (1981), S. 11-41, hier S. 11; H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 33; D E R S ., Nachwort (wie Anm. 7), S. 193f.; D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm. 305), S. 36. - Die (romanistische) Forschung war zunächst fast ausschließlich am Pseudo-Turpin interessiert, der für ein zentrales Dokument erachtet wurde, um die Entstehung der chansons de geste zu erklären. Vgl. hierzu Schriften wie P A R I S , De Pseudo-Turpino (wie Anm. 323); B É D I E R , Les légendes Stadt Compostela, die durch die Anwesenheit seines Leibes zu einer heiligen Stätte geworden - sacra facta - sei 339 . Das vierte Buch (29 Folia), ein dem Karlszyklus (Matière de France) zuorden‐ bares Geschichtswerk, bekannt als Historia Turpini oder auch Pseudo-Turpin (wegen der angeblichen Autorschaft des legendären Erzbischofs Turpin von Reims, † 794), bietet eine alternative Darstellung der mythischen Ursprünge der compostelanischen Jakobusverehrung 340 . Die inventio des Apostelgrabes nach der Vision des Eremiten Pelagius wird hier mit keinem Wort erwähnt 341 ; stattdessen wird umfassend berichtet, wie Karl der Große, nachdem ihm der hl. Jakobus im Traum erschienen war, einen Feldzug nach Spanien unternahm, den durch den Norden des Landes führenden Pilgerweg nach Santiago de Compostela von den Sarazenen befreite, dort Bischof und Kapitel einsetzte und durch ein von ihm einberufenes Konzil den kirchlichen Vorrang der Stadt in Spanien bestätigen ließ. Der Stoff entspricht in weiten Teilen demjenigen altfranzösischer chansons de geste wie des Rolandslieds (im letzten Drittel des Buches wird auch vom Tod Rolands in Roncesvalles erzählt), mit dem wesentlichen Unterschied, dass die Kriegsereignisse hier gezielt mit Compostela und dem Grab des Apostels in Zusammenhang gebracht werden; zweifellos suchte der Verfasser die compostelanische Jakobusverehrung an die franzö‐ sisch-karolingischen Traditionen anzubinden 342 . Bei der Historia Turpini handelt 114 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="115"?> épiques 3 (wie Anm. 304). Einen kritischen Überblick über die ältere Forschung gibt Adalbert H Ä M E L , Aus der Geschichte der Pseudo-Turpin-Forschung, in: Romanische Forschungen 57 (1943), S.-229-245. 343 Vgl. H A S S A U E R , Santiago (wie Anm. 2), S. 181; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10), S. 56. 344 Er bezeichnet sich selbst als gallicus; z. B. Liber (wie Anm. 25), S. 252. Auf seine mögliche poitevinische Herkunft deutet, wie erwähnt, die Tatsache hin, dass das Poitou und die Poiteviner im Pilgerführer äußerst positiv dargestellt werden. Zudem wird der genannte Überbringer der Handschrift, Aimeri Picaud, in der abschließenden Innozenzbulle ausdrücklich als Poiteviner (Pictavensis) aus Parthenay-le-Vieux (de Partiniaco veteri) ausgewiesen. Liber (wie Anm. 25), S. 268. Er könnte der Verfasser des Textes sein - sicher ist dies aber keineswegs. 345 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 235-258. - Die meisten Kapitel (1, 2, 3, 4, 7, 8, 10, 11) sind anonym, eines (5) ist Aimericus, dem päpstlichen Kanzler (Amtszeit: 1123-1141), und eines (6) wiederum Calixt II. zugeschrieben. Für Kapitel 9 zeichnen Papst und Kanzler beide als angebliche Autoren. - Die Datierung auf das Jahr 1130 scheint in der Forschung allgemein akzeptiert zu sein. Vgl. z. B. Manuel C. D Í A Z Y D Í A Z , Literatura jacobea medieval, in: El Camino de Santiago, Camino de Europa. Curso de conferencias. El Escorial, 22-26.VII.1991, Pontevedra 1993, S. 107-118, hier S. 117f.; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm.-6), S.-199. es sich um den wohl bekanntesten, meistkopierten und meistübersetzten Text des Liber Sancti Jacobi, nicht zuletzt deshalb, weil er nach der Kanonisierung Karls des Großen im Jahr 1165 für den entstehenden Heiligenkult um seine Person herangezogen wurde 343 . Der 22 Folia umfassende fünfte und letzte Teil des Liber Sancti Jacobi stellt den ältesten und wohl auch faszinierendsten Text seiner Art dar: eine praktische Anleitung für die Wallfahrt nach Compostela, basierend auf den persönlichen Reiseerfahrungen seines - wahrscheinlich poitevinischen 344 - Verfassers um das Jahr 1130 345 . Dieses für die Zeit einzigartige Dokument bietet eine ungemein reiche Quelle an landeskundlichem Wissen: Genauestens finden sich darin die Routen verzeichnet, die nach Compostela ziehende (französische) Jakobspilger im Hohen Mittelalter einzuschlagen pflegten; in oft moralisch-wertendem Ton werden nützliche Hinweise zu verschiedensten Facetten der Reise - besonders umfassend etwa zu den am Pilgerweg gelegenen Reliquienstätten, aber auch zu Völkern und Landschaften, Flüssen und Trinkwasserstellen, Hospizen, Gefah‐ ren und Widrigkeiten usw. - erteilt, und am Schluss - gleichsam als Höhepunkt des Buches - steht ein Kapitel „De qualitate urbis et basilice Sancti Iacobi apostoli Gallecie“, eine ausführliche Schilderung der Stadt Santiago de Compostela, ihrer Kirchen und vor allem ihrer dem Apostel Jakobus geweihten Basilika, ein Text, der an die Genretradition der laudes und descriptiones urbium anknüpft und namentlich an die ungefähr zeitgleich auftretenden Mirabilia Urbis Romae 2.1 Inhalt, Genese und Bedeutung des Liber Sancti Jacobi 115 <?page no="116"?> 346 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 235-258. Vgl. zudem D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm. 305), S. 36f.; H E R B E R S / P L ÖT Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 34f.; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10), S. 45; D E R S ., Nachwort (wie Anm. 7), S. 191-193. - „[R]ecuerda bastante otras Descriptiones de ciudades“, beobachtet etwa D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm. 305), S. 37, zu Kapitel 9 des Pilgerführers, und Herbers weist immer wieder - so auch in allen in dieser Anmerkung zitierten Passagen - auf das mögliche Vorbild der Mirabilia Urbis Romae hin. 347 Zur Bedeutung des Weges im Jakobskult vgl. Klaus H E R B E R S , Via peregrinalis, in: Europäische Wege der Santiago-Pilgerfahrt, hg. von Robert P L ÖT Z , Tübingen 1990, S. 1-25, insb. S. 22-24: Herbers glaubt, dass zur Erhöhung des Weges „vielleicht auch die epische Dichtung bzw. der Pseudo-Turpin und die Kunst beigetragen haben: Karl der Große sah den Sternenweg nach Santiago im Traum ebenso wie die Könige aus dem Morgenland den Stern von Bethlehem als Zeichen für den Weg zu Jesus. Sollte es Zufall sein, dass auf dem Weg nach Santiago und in Compostela auch das Motiv der Heiligen Drei Könige so häufig anzutreffen ist? “ 348 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Relazioni italiane (wie Anm.-109), S.-240f. 349 Vgl. G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm. 93), S. 103-106. - Die stärkere Fokussierung auf den Zielort der Reise ist freilich auch damit zu erklären, dass es in Rom und im Heiligen Land eine Vielzahl herausragender loca sancta zu beschreiben galt, während in Santiago de Compostela nur die Kathedrale mit dem Jakobsgrab von vergleichbarem Interesse war. Vgl. P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm.-94), S.-37. erinnert 346 . Dieser frühesten überlieferten Darstellung der Jakobsstadt soll in der folgenden Untersuchung des Liber Sancti Jacobi das Hauptinteresse gelten. 2.2 Ad Sanctum Jacobum - zum Verhältnis von Weg und Ziel Die mittelalterliche bis frühneuzeitliche Pilger- und Reiseliteratur über Santiago de Compostela unterscheidet sich maßgeblich von derjenigen über Rom und Jerusalem - die anderen beiden großen Fernpilgerziele der westeuropäischen Christenheit - in der besonderen Stellung, die sie der Beschreibung des Pil‐ gerweges zuweist 347 . Populäre Guiden wie die Mirabilia Urbis Romae und die Descriptiones (Locorum Sanctorum, der heiligen Stätten in und um Jerusalem), die Pilger gewöhnlich erst unterwegs oder vor Ort erwarben, legen den Fokus stets auf das Ziel der Reise, während Angaben zum Weg zumeist fehlen 348 . Auch die persönlichen Berichte von Rom- und Jerusalempilgern, die - wie die Forschung vielfach nachgewiesen hat - maßgeblich, bis hin zu wörtlichen Übernahmen, durch diese seinerzeit weit verbreiteten Ortsführer beeinflusst sind, räumen dem Ziel einen eindeutigen Vorrang vor dem Weg ein 349 . Bei der peregrinatio ad limina Sancti Jacobi dagegen verhält es sich genau andersherum, und in den Aufzeichnungen der Jakobspilger wird es sich immer wieder bestätigen: Ihre 116 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="117"?> 350 Vgl. G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm. 93), S. 145-147. - In manchen frühen Zeugnissen wird an der entscheidenden Stelle nicht einmal namentlich Bezug auf die Stadt genommen, so etwa im Itinerar-Gedicht des toskanischen Pfarrherrn Lorenzo. Siehe Kapitel 3.3. 351 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Relazioni italiane (wie Anm. 109), S. 240f.: „Nella letteratura di pellegrinaggio a Compostella prevale […] nettamente -e, a nostro avviso, è questo l’elemento che maggiomente [sic! ] la qualifica- la descrizione dell’itinerario e di quello che si incontra o capita durante il viaggio.“ 352 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-235-250. 353 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-251-256. 354 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-257. 355 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-235. lange Reise nach Compostela dokumentierten sie lückenlos und mit eingehen‐ der Genauigkeit; der Stadt selbst indes - so eigenartig dies aus heutiger Warte erscheinen mag - widmeten sie oftmals nur eine sehr dürftige Beschreibung, die kaum mehr als ein winziges Bruchstück des Gesamttextes ausmacht, oder vermerkten gar nur ihren Namen 350 . Paolo Caucci von Saucken sieht in dieser besonderen Gewichtung des Weges das bezeichnendste Merkmal der letteratura odeporica compostellana schlechthin 351 . Der Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi bietet - wie erwähnt - eine überra‐ schend ausführliche Beschreibung der Stadt Compostela, die bis ins kleinste De‐ tail der baulichen und ikonographischen Gestaltung der Kathedrale vordringt. Und doch lässt sich schon in diesem ‚Urtext‘ der Jakobspilgerliteratur eine starke Privilegierung des Weges erkennen: Kapitel 1 bis 8 (fol. 192 r bis 207 r ) sind den Pilgerrouten nach Compostela und deren Einteilung in Tagesetappen sowie den Landschaften, Völkern, Flüssen, Hospizen, Klöstern und Heiligtü‐ mern gewidmet, an denen (französische) Jakobspilger auf dem Weg in den äußersten Nordwesten Spaniens vorbeikamen 352 ; Kapitel 9 (fol. 207 r bis 212 v ) enthält die Compostela-Beschreibung 353 ; den Abschluss bilden zwei knappe Kapitel 10 und 11 (fol. 212 v bis 213 v ), das eine zur Verteilung der Oblationen unter den Kanonikern der Kathedrale, das andere zum Recht der Pilger auf Beherbergung und gütige Behandlung 354 . Voran stehen dem Pilgerführer eine Calixt II. zugeschriebene Einleitung von zwei Sätzen, ein „Argumentum Beati Calixti Pape“, das durch den Papstnamen sicher die Echtheit und Dignität des Dokumentes verbürgen sollte, sowie ein Kapitelverzeichnis (beides fol. 192 r ) 355 . Der größte Teil des Textes bezieht sich somit auf den Weg nach Compostela; nur ein einziges, obschon ein relativ umfängliches Kapitel - mit sechs Folia 2.2 Ad Sanctum Jacobum - zum Verhältnis von Weg und Ziel 117 <?page no="118"?> 356 Übrigens bestätigen indirekt auch andere Teile des Liber Sancti Jacobi die zentrale Stellung des Weges im Kontext der Santiago-Pilgerfahrt: Kann es etwa Zufall sein, dass sich die 22 Wunder, die im zweiten Teil überliefert sind, größtenteils nicht in Compostela, sondern auf dem Weg dorthin zugetragen haben sollen? Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-159-177. 357 Liber (wie Anm. 25), S. 235. - Via Tolosana: St-Gilles, Montpellier, Toulouse, der Som‐ portpass; Via Podensis: Le Puy, Conques, Moissac; Via Limovicensis: Vézelay, St-Léonard, Périgueux; Via Turonensis: Tours, Poitiers, Angély, Saintes, Bordeaux. 358 Vom Somportpass aus: Borce - Jaca, Jaca - Monreal, Monreal - Puente la Reina; vom Cisapass aus: St-Michel - Viscarret, Viscarret - Pamplona, Pamplona - Estella (auf immerhin das zweitlängste nach Kapitel 8 (fol. 197 v bis 207 r ) -, hat die Stadt selbst zum Gegenstand 356 . Für die Frage nach der Stadtdarstellung bildet die im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi enthaltene descriptio urbis selbstverständlich eine Schlüsselpas‐ sage, und in den folgenden Arbeitskapiteln (2.3 bis 2.6) gilt es, sie genauestens auszuwerten. Manche Darstellungsmerkmale (wie z. B. Bezüge zu anderen Städten oder wiederkehrende Muster in der topographischen Beschreibung) lassen sich jedoch erst dann erfassen, wenn man die Stadt(beschreibung) in den übergeordneten Gesamtzusammenhang der Reise(beschreibung) stellt. Daher lohnt es sich, nicht ausschließlich die descriptio urbis, Kapitel 9, in den Blick zu nehmen, sondern vorab einige Seiten den Routenbeschreibungen und den landeskundlichen Hinweisen in den vorhergehenden acht Kapiteln des Pilgerführers zu widmen, wobei auch aufschlussreiche Passagen aus anderen Teilen der mittelalterlichen Sammelhandschrift nicht unbeachtet bleiben sollen. 2.2.1 Konstruierte Nähe und symbolische Zentralität: Santiago de Compostela in der westeuropäischen Sakraltopographie Kapitel 1 des Pilgerführers beschreibt vier alternativ zu wählende Pilgerrouten, vier vie Sancti Jacobi, die von verschiedenen Orten in Frankreich ausgehen - nämlich von Tours, Vézelay, Le Puy und St-Gilles - und sich bei Puente la Reina auf der spanischen Seite der Pyrenäen zu einer einzigen Hauptroute verbinden: Quatuor vie sunt que ad Sanctum Iacobum tendentes, in unum ad Pontem Regine, in horis Yspanie, coadunantur, lautet der vielzitierte Kapiteleingang 357 . Der allen vier Routen gemeinsame letzte Abschnitt, der ohne nennenswerte Umwege von den Pyrenäen - vom Somport- (Borce) oder vom Cisapass (St-Michel) - nach Compostela führt und im Wesentlichen dem entspricht, was man auf Spanisch bezeichnenderweise Camino Francés nennt, wird in Kapitel 2 in dreizehn Tages‐ etappen (diete) 358 unterteilt und in Kapitel 3 schließlich genauestens beschrieben, 118 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="119"?> dieser Tagesetappe kommt man auch durch Puente la Reina); von dort aus sind es noch zehn Tagesetappen: Estella - Nájera, Nájera - Burgos, Burgos - Frómista, Frómista - Sahagún, Sahagún - León, León - Rabanal, Rabanal - Villafranca, Villafranca - Triacastela, Triacastela - Palas del Rey, Palas del Rey - Santiago de Compostela. Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-236. 359 Vom Somportpass aus: Borce, Hospital Santa Cristina, Canfranc, Jaca, Osturit, Tiermas, Monreal, Puente la Reina; vom Cisapass aus: St-Michel, Rolandshospiz, Roncesvalles, Viscarret, Larrasoana, Pamplona, Puente la Reina; ab Puente la Reina nehmen beide Wege den gleichen Verlauf: Estella, Los Arcos, Logroño, Villarroya, Nájera, Santo Do‐ mingo, Redecilla, Belorado, Villafranca, der Wald von Oca, Atapuerca, Burgos, Tardajos, Hornillos, Castrojeriz, die Brücke von Itero, Frómista, Carrión de los Condes, Sahagún, Mansilla, León, Orbigo, Astorga, Rabanal, der Irago-Pass, Molinaseca, Ponferrada, Cacabelos, Villafranca, Sarracín, Villa Us, der Cebreropass, das Hospiz auf dessen Gipfel, Linares de Rey, Triacastela, San Miguel, Barbadelo, die Miñobrücke, Sala Regina, Palas del Rey, Libureiro, Santiago de Boente, Castañeda, Vilanova, Ferreiros, Santiago de Compostela. Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-236. 360 Vgl. M A N D A C H , Neues (wie Anm.-325), S.-46f. 361 Liber (wie Anm. 25), S. 236. Vgl. H E R B E R S , Nachwort (wie Anm. 7), S. 201. - Auch wenn dem Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi heute zu Recht eine hohe Bedeutung für die Jakobsweg-Forschung zugemessen wird, darf man den Einfluss, den dieses Dokument effektiv auf mittelalterliche Pilger übte, doch nicht überschätzen. Der Text wurde - im Gegensatz etwa zur Historia Turpini - nur relativ selten kopiert, fand mithin wohl eher eingeschränkte Verbreitung, und nach eigener Angabe besteht sein Zweck auch ohnehin nicht darin, eine Führer-Funktion während der Reise zu erfüllen, sondern Pilger in die Lage zu versetzen, die Reisekosten vorab möglichst genau zu kalkulieren. Der meist illiterate mittelalterliche Pilger dürfte sich, worauf schon Mieck in seiner vielzitierten Durchsicht der Santiago-Berichtliteratur hinweist, unterwegs hauptsächlich mit spontan eingeholten mündlichen Auskünften beholfen haben. Selbst als im späten 15. und 16. Jahrhundert erste gedruckte Itinerare speziell für Jakobspilger verfügbar waren, dürfte sich an dieser Situation zunächst wenig geändert haben: „Parmi les témoignages oculaires et itinéraires se trouvent certains textes que l’on considère comme guides de pèlerins. En étudiant les nombreux livres et articles sur le pèlerinage à Saint-Jacques de Compostelle on a l’impression que ces guides connaissent une grande indem alle auf dem Weg liegenden größeren Orte aufgezählt werden, vornehm‐ lich Städte, zum Teil aber auch Klöster, Hospize, Brücken, Wälder, Berge und Bergpässe - insgesamt 60 unterschiedliche Ortsnamen finden sich hier verzeichnet, einschließlich Compostela 359 . Kapitel 1 bis 3 als (vermutlich auch was die Textgenese 360 anbetrifft) zusammenhängender erster Textteil bieten ein präzises Stationenverzeichnis, das vorrangig eine praktische Funktion für die Reise erfüllen sollte. Anders jedoch, als man anachronistischerweise vermuten mag, sollte der Pilgerführer nicht als ‚Vademecum‘ oder ‚Pilger-Baedeker‘ für unterwegs dienen; die Kenntnis des Weges (nebst möglicher Tagesetappen) sollte dem Gläubigen vielmehr erlauben, die Kosten der Reise im Voraus besser abschätzen zu können: ut peregrini ad Sanctum Jacobum proficiscentes expensas itineri suo necessarias sibi […] premeditari studeant 361 . Die vier historischen 2.2 Ad Sanctum Jacobum - zum Verhältnis von Weg und Ziel 119 <?page no="120"?> diffusion et que presque chaque pèlerin avait son exemplaire en main. Mais c’est sans doute une légende : du guide du XII e siècle ne sont connus que deux exemplaires manuscrits […]. Ensuite, jusqu’à la fin du XV e siècle, il n’y a que des récits isolés publiés beaucoup plus tard ou qui restent encore inédits. Le premier guide imprimé [der Pilgerführer des Hermann Künig von Vach] date de 1495 ; écrit en langue allemande il ne pouvait guère servir comme guide pour les pèlerins très nombreux de l’ouest de l’Europe. On en connait cinq ou six éditions. […] Le premier guide imprimé en langue française [das bereits in Kapitel 1.2 erwähnte Itinerar Le chemin de Paris a Sainct Jaques en Galice dit Compostelle : et combien il y a de lieues de ville en ville] apparut seulement peu avant 1535. Suivirent en 1547 un récit en anglais [Andrew Boordes The Fyrst Boke of the Introduction of Knowledge] et en 1550 une relation italienne [Bartolomeo Fontanas Itinerario, der in dieser Arbeit auch in einem eigenen Kapitel untersucht werden soll]. Ils ne furent pas réédités comme le guide allemand. Vue la diffusion restreinte de l’ensemble de ces textes, l’image générale de pèlerins munis d’un guide est à corriger : elle est fausse pour le temps avant 1495, puis, pendant la première moitié du XVIe siècle, elle est certainement une exception. […] Pour les pèlerins les informations directes, les communications orales sur les chemins et dans les hôpitaux et auberges jouaient un rôle beaucoup plus grand que ces rares publications.“ M I E C K , Les témoignages oculaires (wie Anm.-93), S.-207f. Vgl. auch H A S S A U E R , Santiago (wie Anm.-2), S.-179f. 362 Vgl. H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-41. 363 Vgl. D Í A Z Y D Í A Z , El Códice Calixtino (wie Anm. 305), S. 30; H E R B E R S , Via peregrinalis (wie Anm.-347), S.-11; D E R S ., Nachwort (wie Anm.-7), S.-173. 364 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 241-250. - Zu den in diesem Kapitel genannten Heiligen vgl. die Beiträge in Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N (Hg.), Visitandum est. Santos y cultos en el Pilgerrouten, die sich mithilfe dieser Angaben zuverlässig rekonstruieren lassen, wurden und werden vielfach auch heute noch als die Jakobswege schlechthin angesehen; dabei waren Streckenverläufe in der mittelalterlichen Pilgerpraxis sicherlich nicht derart kanonisch festgelegt, wie es der Pilgerführer suggeriert und wie es auch die Forschung lange Zeit für ausgemacht halten wollte 362 . Der Pilgerführer lässt die vie Sancti Jacobi nicht ohne Grund von den besagten vier Orten in Frankreich ausgehen, sind mit ihnen doch einige der wichtigsten Kultstätten des Landes - insbesondere St-Gilles, St-Léonard und St-Martin - gleich an den Anfang der frommen Reise gestellt 363 . Sie befinden sich in dieser Konzeption auf der einen Seite, im Osten, mitten in Europa; die galicische Apostelstadt auf der anderen Seite, im äußersten Westen, an der Grenze des Erdkreises, beim mythischen Kap Fisterra. Kapitel 8 gibt dem Jakobspilger ein weiteres Stationenverzeichnis für die Reise von Frankreich nach Compostela an die Hand, welches auf dem ersteren aufbaut und es ergänzt: Entlang der in Kapitel 1 bis 3 vorgezeichneten Pilgerrouten werden 29 Orte herausgehoben, an denen - neben einigen anderen Reliquien (ein Stück Holz vom Wahren Kreuz, Blut aus dem Leib Christi, der Kelch des hl. Evurtius etc.) - 31 Heiligenleiber, insbesondere solche lokal verehrter Märtyrer, aufbewahrt werden 364 . Man könnte mit Manuel C. Díaz y Díaz von einem „doble itinerario, 120 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="121"?> Codex Calixtinus. Actas del VII Congreso Internacional de Estudios Jacobeos (Santiago de Compostela, 16-19 septiembre de 2004), Santiago de Compostela 2005. 365 D Í A Z Y D Í A Z , Literatura jacobea medieval (wie Anm.-345), S.-117. 366 Liber (wie Anm.-25), S.-241-250. 367 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 241-250. Vgl. auch M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm. 9), S. 172. - Auch innerhalb Frankreichs treten interessante Mengenunterschiede zutage: Die Heiligtümer auf der Via Tolosana (fol. 197 v bis 200 v ) und der Via Turonensis (fol. 202 r bis 207 r ) nehmen in Kapitel 8 einen deutlich größeren Raum ein als diejenigen auf der Via Podiensis (fol. 200 v ) und der Via Limovicensis (fol. 200 v bis 202 r ). Der Autor scheint die Straßen von Tours und St-Gilles besser gekannt zu haben als die anderen beiden Pilgerrouten. Vgl. H E R B E R S , Nachwort (wie Anm.-7), S.-174. 368 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-241-250. real y espiritual“ sprechen 365 : Legt der Pilgerführer in Kapitel 1 bis 3 zunächst ein ‚weltliches‘, rein funktionales Itinerar zur Berechnung der voraussichtlich anfallenden Reisekosten dar, entfaltet er in Kapitel 8 sodann eine religiöse Landkarte und skizziert gleichsam ein zweites, ein hagiographisches Itinerar ausschließlich mit loca sancta, die Jakobspilger - in dieser Hinsicht ist der Text recht normativ - unterwegs tunlichst besuchen sollen; die allein in Kapitel 8 dreiundzwanzigfach wiederkehrende und schon in dessen Titel („De corporibus sanctorum que in ytinere sancti Jacobi requiescunt, que peregrinis ejus sunt visitanda“) stehende adhortative Formel visitandum esse gibt dies deutlich zu verstehen 366 . Die am Anfang des Führers skizzierten Streckenverläufe sind insofern we‐ der zufällig gewählt, noch folgen sie vornehmlich praktischen Erwägungen; vielmehr scheinen sie gezielt so konzipiert zu sein, dass sie alle größeren Devotionsstätten explizit oder implizit einschließen, die dann in Kapitel 8 mit Verweis auf die dort jeweils verwahrten Reliquien noch einmal gesondert herausgestellt werden. Dies gilt jedenfalls für den französischen Teil des Weges. Tatsächlich lässt sich an dem hagiographischen Itinerar in Kapitel 8 ein deutli‐ cher Mengenunterschied zwischen den Heiligtümern auf den vier französischen Pilgerrouten (Kapitel 1) und denjenigen auf dem Camino Francés (Kapitel 2 und 3) erkennen: 21 loca sancta mit 26 Heiligenleichnamen in Frankreich stehen gerade einmal vier loca sancta mit fünf Heiligenleichnamen in Spanien (einschließlich der Jakobusreliquien in Compostela) gegenüber; ersteren sind fast zehn volle Folia (197 v bis 206 v ) gewidmet, letzteren nur ein einziges Recto (207 r ) 367 . Jenseits der Pyrenäen sind verschiedene Umwege vorgesehen, um mög‐ lichst alle wichtigen Kultorte abzudecken; auf spanischer Seite wird indes ein eher direkter, zielgerichteter Streckenverlauf präferiert, kaum beeinflusst durch die wenigen zu besuchenden Heiligtümer, die ohnehin beinahe auf dem Weg liegen 368 . So werden denn auch, wie bereits erwähnt, nur für diesen Teil der Reise 2.2 Ad Sanctum Jacobum - zum Verhältnis von Weg und Ziel 121 <?page no="122"?> 369 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 236. Vgl. auch Klaus H E R B E R S , Il Cammino di Santiago come spazio sacro, in: Pellegrino e nuovo apostolo. San Francesco nel Cammino di Santiago, hg. von Francisco S I N G U L , Santiago de Compostela 2013, S.-30-46, hier S.-45. 370 Vgl. H E R B E R S , Nachwort (wie Anm.-7), S.-174. 371 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 242f., 246. - Über den hl. Aegidius und den hl. Martin heißt es zudem, dass ihre Schreine mit Silber, Gold und Edelsteinen reich verziert seien. Auch dies sind Elemente, die sich in der Beschreibung des Jakobsschreins zu Compostela wiederfinden lassen. 372 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-254-256. genaue Tagesetappen angegeben, wohingegen unbestimmt bleibt, wie lange man für die vier Wegstrecken in Frankreich jeweils braucht - hier darf man sich wohl ruhig Zeit lassen 369 . Unverkennbar kommt es dem Verfasser insbesondere auf die französische Sakraltopographie an, deren ausführliche Beschreibung in Kapitel 8 deshalb auch fast die Hälfte (knapp zehn Folia) des gesamten Textes (22 Folia: 192 r bis 213 v ) ausmacht. Sie soll mit Compostela symbolisch in Verbindung gesetzt und in die Jakobuspilgerfahrt eingebunden werden. Der dazwischenliegende Norden Spaniens bildet in dieser ideologisch-normativen Perspektive nichts als Durchgangsgebiet, das man nur rasch, innerhalb von 13 diete, hinter sich lassen soll; die Angaben hierzu sind entsprechend kurz und praktisch gehalten 370 . Der Eindruck, dass der Pilgerführer gezielt einen Bezug, eine Korrespon‐ denzbeziehung zwischen den loca sancta der vor allem südwestfranzösischen Sakrallandschaft und Santiago de Compostela herzustellen sucht, wird noch forciert durch verschiedene Parallelen in der Beschreibung der jeweiligen Hei‐ ligen und ihrer Grabesorte. Drei Heilige werden besonders wortreich behandelt: der hl. Aegidius (St-Gilles), der hl. Leonhard (St-Léonard-de-Noblat) und der hl. Martin (Tours); ihnen wird jeweils eine außergewöhnliche Wunderkraft und ‚Wirksamkeit‘ bei Hilferufen zugesprochen, im Umkreis ihrer Gebeine sollen sich unzählbare Wunder zugetragen haben, und alle drei werden, zum Teil metaphorisch, mit Licht assoziiert 371 . Auf diese Weise werden sie aus der großen Zahl der Heiligen herausgehoben und rücken implizit in die Nähe des Apostels Jakobus, dem nämlich genau die gleichen Merkmale zugeordnet werden 372 . Überdies bringt der Verfasser die vier Heiligen auch ganz ausdrücklich in einen engen Zusammenhang, wenn er schreibt, man erzähle sich über sie - und offenbar nur über sie -, dass es unmöglich sei, ihre Gebeine vom Ort ihrer letzten Ruhe zu entfernen; der französische König habe es versucht, doch es sei ihm nicht gelungen: Quatuor sunt sanctorum corpora, que ab aliquo propriis sarcofagis nullo modo moveri posse referuntur, ut a multis probatur: beati scilicet Jacobi Zebedei et beati Martini 122 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="123"?> 373 Liber (wie Anm.-25), S.-243 374 Liber (wie Anm. 25), S. 246. - Zu der im Pilgerführer vertretenen These, die archi‐ tektonische Gestaltung von St-Martin sei bewusst an derjenigen der Kathedrale von Compostela orientiert, vgl. H E R B E R S , Nachwort (wie Anm. 7), S. 176f. Diese Textstelle trug maßgeblich dazu bei, dass die kunsthistorische Forschung verschiedene einander ähnelnde Sakralbauten, die im 11. Jahrhundert entlang der Pilgerwege entstanden waren, namentlich Ste-Foy de Conques, St-Martial de Limoges, St-Sernin de Toulouse, St-Martin de Tours und die Kathedrale von Santiago de Compostela, als sogenannte Pil‐ gerbasiliken klassifizierte und von einer gegenseitigen Beeinflussung ausging. Siehe die in Anm. 61 zitierten Arbeiten. Die neuere Forschung hat diese lange Zeit wirkmächtige These inzwischen jedoch in Frage gestellt und nimmt an, die baulichen Ähnlichkeiten hätten sich eher aus einer ähnlichen Funktion ergeben: Alle diese Kirchen sollten große Massen von Pilgern aufnehmen und ihnen unbehinderten Zugang zu den jeweiligen Heiligtümern gewähren. Hierzu wurden u. a. zusätzliche Seitenschiffe, ein Ambulato‐ rium und eine zweite Etage geschaffen. Vgl. D U R L I A T , Pèlerinage et architecture (wie Anm.-61), S.-30; H E R B E R S , Nachwort (wie Anm.-7), S.-177. 375 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-242f., 255. Turonensis et sancti Leonardi Lemovicensis, et beati Egidii, Xpisti confessoris. Traditur quod Philippus, rex Galliorum, eadem corpora ad Galliam deferre olim temptavit, sed nullo modo de propriis sarcofagis suis ea movero potuit 373 . Über die Basilika des hl. Martin heißt es zudem, dass sie ad similitudinem scilicet ecclesie beati Jacobi erbaut worden sei 374 . Und der goldene Schrein des hl. Aegidius wird nicht nur Gegenstand einer eindrücklichen Beschreibung, die in Länge und Detailtreue der Ekphrasis des schmuckreichen Compostellaner Hochaltars in Kapitel 9 durchaus gleichkommt, sondern weist auch eine ganz ähnliche Symbolik auf wie dieser - nämlich mit auffallend vielen Referenzen auf die Apokalypse des Johannes (Darstellungen der 24 Ältesten, der zwölf Apostel, der vier Evangelisten als Mensch, Ochse, Adler und Löwe, jeweils mit Flügeln, sowie des Herrn mit dem Buch des Lebens in der Hand, die Inschrift A Ω etc.) -, die vielleicht gerade deshalb so eingehend behandelt wird 375 . Die Festlegung der großen Devotionszentren Frankreichs als Ausgangs‐ punkte der Pilgerwege nach Compostela, ihre auf Parallelisierung mit Compos‐ tela bzw. mit dem hl. Jakobus und dessen Basilika zielende Darstellung und überhaupt die sehr umfassende Behandlung insbesondere der südwestfranzösi‐ schen Sakraltopographie bei weitgehender Aussparung der spanischen legen die These nahe, dass der Pilgerführer eine symbolische ‚Fernverbindung‘ zu konstruieren sucht. Dabei geht es ihm jedoch nicht darum, wie es zunächst den Anschein haben mag, eine Ebenbürtigkeit mit der Apostelstadt nachzuweisen; vielmehr scheint er die zahlreichen am Weg gelegenen Heiligtümer zwar zu würdigen, sie zugleich aber durch ihre Einbindung in das Itinerar als (bloße) Reisestationen (und nicht als eigenständige Wallfahrtsziele), an denen man 2.2 Ad Sanctum Jacobum - zum Verhältnis von Weg und Ziel 123 <?page no="124"?> 376 Vgl. D Í A Z Y D Í A Z , Códice Calixtino (wie Anm. 305), S. 30: „En lugar de discutir los derechos de otros santos a competir con Santiago, se incardinan todos ellos como templos dignos de visita en las diversas rutas a Compostela, algunas de las cuales fueron establecidas en relación a tales santuarios, reconociendo sus excelencias y virtudes, pero situándolas en función, y por ende subordinadas, a la peregrinación al sepulcro del Apóstol.“ Vgl. ebenfalls H E R B E R S , Il Cammino (wie Anm. 369), S. 41-43; D E R S ., Via peregrinalis (wie Anm.-347), S.-11. 377 Vgl. H E R B E R S , Il Cammino (wie Anm.-369), S.-41. 378 Dabei ist es fast gleichgültig, ob nun der Vorrang des Apostels vor anderen Heiligen oder der seiner Stadt vor anderen Städten behauptet wird, denn - wie im Fortgang zu zeigen sein wird - werden Heilige und die Orte, an denen sie begraben liegen, im Pilgerführer als gleichsam identisch wahrgenommen: Toponyme werden oftmals durch Heiligennamen ersetzt (bzw. diese fungieren als Toponyme), und an kaum einer Stadt interessiert etwas anderes als der dort jeweils ruhende Heilige. 379 Liber (wie Anm.-25), S.-236. ohnehin vorbeikommt und die man nur deshalb besucht - weil sich eben die Gelegenheit bietet -, dem eigentlichen Ziel der Reise, Compostela, hierarchisch unterzuordnen und so dessen Primatstellung auf der kirchlichen Landkarte Westeuropas zu untermauern 376 . Auf die müßige Diskussion, welcher Heilige Vorrang habe, welcher der stärkere, wundermächtigere sei - wie sie beispiels‐ weise zwischen Compostela und Tours durchaus geführt wurde -, lässt sich der Text gar nicht erst ein; stattdessen erkennt er die Kultorte jenseits der Pyrenäen in ihrer Würde und Bedeutung an und fordert mit Nachdruck zu ihrem Besuch auf, dies jedoch - der Kontext ist entscheidend - im übergeordneten Rahmen einer Pilgerfahrt nach Compostela 377 . So wird ein ‚Konkurrent‘ wie der hl. Martin von Tours implizit zu einer Station unter anderen auf dem Weg zum hl. Jakobus degradiert. Doch auch sonst lässt der Pilgerführer nicht den geringsten Zweifel am Vorrang des Apostels und seiner Stadt aufkommen 378 . So wird Compostela von allen in Kapitel 3 aufgezählten Städten am überschwänglichsten und als einzige mit gehäuft auftretenden Superlativen gelobt als urbs excellentissima, cunctis deliciis plenissima, corporale talentum beati Jacobi habens in custodia, unde felicior et excelsior cunctis Yspanie urbibus est approbata 379 . Die descriptio urbis in Kapitel 9 zeichnet - wie zu zeigen sein wird - ein nicht minder positives Bild von der Stadt. Was die scheinbare Gleichrangigkeit zwischen dem hl. Aegidius, dem hl. Leonhard, dem hl. Martin und dem hl. Jakobus betrifft, so ist es bei allen gezielt hervorgehobenen Ähnlichkeiten zwischen ihnen doch völlig unzweifelhaft, dass sich die französischen Lokalheiligen nicht mit einem Apostel Christi messen können. Über den hl. Aegidius etwa, der als Erster von ihnen und insgesamt am ausführlichsten behandelt wird, der in seiner Darstellung unverkennbar auch dem hl. Jakobus am nächsten kommt, heißt es gleich zu Beginn mit der 124 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="125"?> 380 Liber (wie Anm.-25), S.-242, H. d. V. 381 Liber (wie Anm. 25), S. 163. - Zur Konkurrenz zwischen Jakobus und Martin vgl. Klaus H E R B E R S , The Miracles of St. James, in: The Codex Calixtinus and the Shrine of St. James, hg. von John W. W I L L I A M S / Alison S T O N E S , Tübingen 1992, S. 11-35, hier S. 18f.; Klaus H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm.-10), S.-44. 382 Eines von insgesamt vier Hospizen am Jakobsweg, die im Pilgerführer erwähnt werden. Zwei weitere befinden sich ebenfalls an Bergübergängen auf dem Camino Francés, nämlich auf dem Cisa- und dem Cebreropass, und das letzte, das Hospital der armen Pilger des hl. Jakobus, in Compostela vor dem Nordportal der Kathedrale. Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-236f., 252. 383 Der Mons Jocci, wie der Berg im lateinischen Text heißt, ist trotz lautlicher Nähe sicher nicht mit dem Monte do Gozo zu identifizieren, der an späterer Stelle als Mons Gaudii bezeichnet wird, sondern mit dem Großen St. Bernhard (frz. Mont-Joux). Liber (wie Anm.-25), S.-237, 251. Vgl. Le Guide (wie Anm.-129), S.-10, Anm.-1. 384 Liber (wie Anm.-25), S.-237. entscheidenden Einschränkung: Post prophetas et apostolos nemo illo inter ceteros sanctos dignior, nemo sanctior, nemo gloriosior, nemo auxilio velocior 380 . Ferner unterstreicht auch manche Wundergeschichte des zweiten Buches den Vorrang des Apostels vor anderen Heiligen, indem sie ihn im Vergleich mit ‚Konkurrenten‘ als den Wundermächtigeren darstellt. Dies ist beispielsweise im dritten Mirakel der Fall, in dem Jakobus im Oca-Gebirge einen auf Pilgerfahrt verstorbenen Knaben ins Leben zurückruft. Am Ende betont der Text, wie neu und unerhört es sei, dass ein Toter einen Toten erwecke; der hl. Martin habe solches nämlich nur als Lebender vermocht: Res est nova et adhuc inaudita, quod mortuus mortuum suscitaret. Beatus Martinus adhuc vivens et Dominus noster Ihesus Christus tres mortuos suscitavit, beatus vero Iacobus mortuus mortuum ad vitam reduxit 381 . Welchen Rang die Autoren des Liber Sancti Jacobi Compostela zuweisen, zeigen ihre wiederholt erkennbaren Bemühungen, die Stadt auf eine Ebene mit den wichtigsten Kultzentren der Christenheit zu heben. Im Pilgerführer tritt dies etwa in Kapitel 4 sehr deutlich zutage, wenn das Hospital von Santa Cristina 382 auf dem Somportpass - dem Pyrenäenübergang vor Puente la Reina am Anfang des Camino Francés - in einen engen Zusammenhang gebracht wird mit dem Hospiz zu Jerusalem und demjenigen auf dem Großen St. Bernhard 383 in den Walliser Alpen als zentralem Anlaufpunkt für Rompilger. Gleich einer zusammengehörenden Einheit werden sie zu den tribus hospitalibus cosmi, zu loca sancta, ja loca sacrosancta und metaphorisch zu von Gott selbst erschaffenen [t]res columnas valde necessarias ad sustinendos pauperes suos maxime überhöht und so aus der Menge anderer Hospize herausgehoben 384 . Sie seien kurzum die drei bedeutendsten Pilgerhospize der Welt. Eine metonymische Übertragung auf die entsprechenden Pilgerziele und Heiligenkulte drängt sich geradezu auf. 2.2 Ad Sanctum Jacobum - zum Verhältnis von Weg und Ziel 125 <?page no="126"?> 385 Auch auf einigen mappae mundi des Hohen Mittelalters erscheint Santiago de Com‐ postela gleichsam auf eine Stufe mit Rom und Jerusalem gestellt. Ein eindrückliches Beispiel bietet die T-Karte, die im Polychronicon des englischen Benediktinermönchs Ranulf Higden (1299-1360) enthalten ist, verwahrt gegenwärtig in der British Library: Die Jakobsstadt wird dort in ungefähr gleicher Größe dargestellt wie Rom und Jerusalem und größer als alle anderen Städte des orbis terrarum (auch als z. B. Paris). Vgl. John T A Y L O R , The Universal Chronicle of Ranulph Higden, Oxford 1966, S. 63-68; P L ÖT Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm.-94), S.-34f. 386 Vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 70-81; P L Ö T Z , Jacobus Maior (wie Anm. 51), S.-186-190. 387 Speziell für Jakobus ist Mt 20,20-28 bzw. Mk 10,35-45 relevant, d. h. die Szene, in der die beiden Zebedäussöhne Jesus darum bitten, in seinem Reich rechts und links neben ihm sitzen zu dürfen: Da nobis ut unus ad dexteram tuam, et alius ad sinistram tuam sedeamus in gloria tua (Mk 10,37). 388 Vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm.-218), S.-73-76. 389 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 26, 81, 214f. - Zur Möglichkeit einer nachträglichen Hinzufügung dieser drei Passagen vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm.-218), S.-77-79. Parallelisiert der Text die drei Beherbergungseinrichtungen in genannter Weise, so postuliert er indirekt eine Gleichrangigkeit zwischen den drei peregrinationes maiores sowie zwischen deren Zielorten Compostela, Rom und Jerusalem 385 . Dass sie jedenfalls nicht primär um ihrer selbst willen bzw. aus reisepraktischen Erwägungen thematisiert werden, sondern Verweisfunktion besitzen, liegt auf der Hand - denn was kümmert den (von Frankreich nach Compostela reisenden) Jakobspilger ein Hospiz, das auf dem Weg nach Rom oder in Jerusalem liegt? An anderen Stellen des Liber Sancti Jacobi wird Compostela im Sinne der von Herbers so bezeichneten ‚Theorie der drei sedes (apostolicae)‘ gleichberechtigt neben Rom und Ephesos (wo der Apostel Johannes begraben liegen soll) gestellt 386 . Diese Theorie basiert auf der Idee einer (vor allem durch Mt 16,13-20 und 20,20-28 sowie Mk 10,35-45 zu begründenden) Vorrangstellung der drei Apostel Petrus, Jakobus und Johannes 387 . Namentlich im liturgischen ersten Teil und im vierten, der Historia Turpini, werden sie immer wieder in besonderer Weise aus der Schar der übrigen Jünger Christi herausgehoben; an (weiteren) entsprechend deutbaren Belegstellen aus dem Neuen Testament fehlt es den Verfassern nicht 388 . In drei - vermutlich erst nachträglich zugefügten - Passagen wird der Primat des Aposteltrios schließlich auch geographisch interpretiert und auf ihre sedes übertragen, d. h. auf ihre Missions- und Grabesorte Rom, Com‐ postela und Ephesos 389 . In der einschlägigsten und ausführlichsten Textstelle - Kapitel 19 des vierten Teiles - werden diese drei Städte sogar ausdrücklich zu den apostolischen Hauptsitzen im irdischen Reich Christi erhoben: He sunt procul dubio sedes: Ephesus scilicet, quae est ad dexteram in regno terreno Christi, et Compostella quae est ad sinistram, quae videlicet sedes his duobus fratribus 126 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="127"?> 390 Liber (wie Anm.-25), S.-214f. 391 Vgl. H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10), S. 44. - Durch diese kosmologische End- und Randstellung, die im Liber Sancti Jacobi an anderen Stellen vielfach betont wird - z. B. Liber (wie Anm. 25), S. 20, wo Gallecia mit dem ultimum terre limitem gleichgesetzt wird -, unterscheidet sich Santiago de Compostela maßgeblich von Rom (caput mundi) und Jerusalem (umbilicus mundi), die traditionell mit Zentralität assoziiert werden. 392 Vgl. H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm.-10), S.-44. filiis Zebedaei in divisione provinciarum contigerunt. Quia ipsi petierant a Domino ut unus ad dexteram in regno eius sederet et alius ad laevam. Tres apostolicas sedes principales prae omnibus sedibus in orbe merito religio christiana venerari praecipue consuevit, Romanam scilicet, Gallecianam et Ephesianam. Sicut enim tres apostolos, Petrum videlicet et Iacobum et Iohannem, prae omnibus apostolis Dominus instituit, quibus sua secreta ceteris plenius, ut in evangeliis patet, revelavit, sic per eos tres has sedes prae omnibus cosmi sedibus reverenda constituit 390 . Auch hier wird Compostela mithin zu den wichtigsten Kultzentren der Chris‐ tenheit gezählt, was in diesem Falle durch die herausgehobene Stellung gerecht‐ fertigt wird, die die beiden Zebedäussöhne gemäß den biblischen Texten unter den zwölf Aposteln einnehmen. Doch zurück zum Pilgerführer: Wie erläutert, werden in Kapitel 8 - aus der Sichtweise eines französischen Jakobspilgers - die heimischen loca sancta als Wegstationen in die fromme Reise eingegliedert und so dem Zielort Compostela untergeordnet. Dadurch erscheint die geographisch denkbar peripher (beim Kap Fisterra, am ‚Weltende‘) gelegene Apostelstadt symbolisch ins Zentrum der westeuropäischen Sakrallandschaft gerückt 391 . Und in gewisser Weise re‐ sultiert daraus auch - ob dieser Effekt intendiert ist, sei dahingestellt - eine Relativierung der weiten Entfernung, die (französische) Jakobspilger dorthin zurücklegen müssen: So wie nämlich die Heiligtümer Frankreichs in die com‐ postelanische Jakobusverehrung integriert werden, so wird umgekehrt auch Compostela an Frankreich und Mitteleuropa angebunden. Der Kult wird also weit über den eigentlichen Kultort hinaus ausgedehnt bis in die französische Heimat, bis in die vertraute Nähe der potenziellen Pilger. Wer dem seligen Apostel seine Verehrung bezeigen will, beginnt damit - so könnte man zuge‐ spitzt sagen - nicht erst an dessen Grab, sondern vor der eigenen Haustür 392 . In eine ähnliche Richtung zielen zahlreiche Mirakelerzählungen des zweiten Buches, die ‚beweisen‘, dass Jakobus nicht bloß in Compostela, im Umkreis seiner Gebeine, Wunder vollbringt, sondern überall dort, wo ein frommer Christ ihn um Hilfe anruft, auch und insbesondere in Frankreich, Italien und anderen fernen Ländern, in den Tiefen des Meeres ebenso wie in den Höhen der Berge 393 . Im berühmten Sermon „Veneranda dies“, Kapitel 17 des liturgischen ersten 2.2 Ad Sanctum Jacobum - zum Verhältnis von Weg und Ziel 127 <?page no="128"?> 393 In Frankreich - in Toulouse - soll sich z. B. das fünfte Wunder zugetragen haben, das von einem zu Unrecht verurteilten Pilger handelt, den Jakobus nach 36 Tagen am Galgen ins Leben zurückgerufen habe. Darüber hinaus sind das dreizehnte und das zwanzigste Mirakel in Frankreich lokalisiert. Das elfte, das zwölfte und das fünfzehnte Mirakel haben verschiedene italienische Orte zum Schauplatz. Auf offener See soll sich beispielsweise das siebte Wunder ereignet haben, das von dem Seemann Frisonus, der auf dem Weg nach Jerusalem bei einem Kampf mit Sarazenen ins Meer stürzte und von Jakobus auf sein Schiff zurückgebracht wurde. Ebenso ließen sich das achte, das neunte oder das zehnte Wunder als Belege anführen. Zwei Wunderberichte verlegen die Handlung ins Gebirge: der dritte, dem zufolge Jakobus im Oca-Gebirge einen auf Pilgerfahrt verstorbenen Knaben wiedererweckte, ebenso wie der vierte, der davon handelt, wie Jakobus einen toten Pilger binnen einer Nacht vom Cisapass bis nach Compostela brachte, wo er würdig beigesetzt wurde. Nur fünf der 22 Wunder - das zweite, das sechszehnte, das achtzehnte, das neunzehnte und das einundzwanzigste - sollen sich in Compostela selbst zugetragen haben. Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 161-177. 394 Liber (wie Anm.-25), S.-90. 395 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-236; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm.-10), S.-44. Teiles, heißt es denn auch ausdrücklich, dass die wundermächtige Präsenz des Apostels keineswegs auf den Ort beschränkt sei, wo seine leiblichen Überreste aufbewahrt würden, ja dass er, allgegenwärtig, in der Ferne sogar umso größere Wunder wirken müsse, weil Gläubige gerade dort am meisten geneigt seien, an seinem Beistand zu zweifeln: Iure ergo iste Iacobus nuncupatur magnus, qui magna premia dare consuevit ubique omnibus. Unde oritur questio, cur in locis quibus non iacet, miracula facit, sicuti in Gallecia qua corporaliter iacet? Sed si discrecionis sensus inspicitur, cicius videtur. Quia semper ubique presto est sine mora ad adiuvandum periclitantes ac tribulantes sibi clamantes, tam in mari quam in terra. Sic enim de presencia sanctorum martirum legitur: Ubi in suis corporibus sancti martires iacent, dubium non est quod multa valent signa monstrare sicut et faciunt, et pura mente querentibus vera ostendunt miracula. Sed quia ab infirmis mentibus potest dubitari, utrum ne ad exaudiendum ibi presentes sint, ubi constat, quia in suis corporibus non sunt, ibi eos necesse esse maiora signa ostendere, ubi de eorum presencia potest mens infirma dubitare. Quorum vero mens in Deo fixa est, tanto magis habet fidei meritum, quanto eos illic novit et non iacere corpore et tamen non deesse ab exaudicione 394 . Um das ferne Apostelgrab näher, den Weg dorthin kürzer erscheinen zu lassen, geht der Pilgerführer zudem bei der zeitlichen Planung der Reise in Kapitel 2 recht ambitiös vor, denn 13 diete für die knapp 800 Kilometer lange Wegstrecke von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela entsprechen durchschnittlichen Tagesleistungen von etwa 60 Kilometern 395 . Auf der fünften Etappe, von Nájera nach Burgos, von der es allerdings auch heißt, dass sie mit 128 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="129"?> 396 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 236; M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm. 9), S. 170. - Die Entfernung (92 Kilometer von Nájera nach Burgos) habe ich von M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A übernommen; die Berechnung mit einem Online-Routenplaner ergibt hingegen nur 86,6 Kilometer - immer noch recht viel für einen einzigen Reisetag. 397 Die Erklärung, die S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 199, anbietet: „quizais se trata de erros de cálculo de tempo“, erscheint nicht plausibel, bedenkt man, dass der Verfasser, so gut, wie er mit den Landschaften, Völkern und Heiligtümern sowie mit den Gebräuchen der Jakobspilger vertraut ist, und zumal er auch von eigenen Erlebnissen auf dem Weg berichtet, den Camino Francés zweifellos auch selbst zurückgelegt hat. Schon eher hilft A N D R A D E C E R N A D A , ¿Viajeros o peregrinos? (wie Anm. 285), S. 20, weiter: „la Guía del Peregrino […] está concebida por y para gentes que se trasladan hasta Compostela a lomos de un caballo.“ Doch auch mit dem Pferd ist eine Tagesstrecke von 92 Kilometern zumindest ehrgeizig. 398 Vgl. M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm.-9), S.-170. dem Pferd zurückgelegt werden soll, mutet der Text dem armen Pilger sogar 92 Kilometer zu 396 . Bedenkt man, dass ein heutiger Pilger bei realistischeren Tagesleistungen von etwa 30 Kilometern für den Camino Francés durchaus vier Wochen einplanen muss, dass ferner sein mittelalterlicher Vorgänger mit sicherlich schlechterer Ausrüstung vielleicht noch etwas länger brauchte und obendrein die Rückreise ebenfalls zu Fuß bewältigen musste, so besteht kein Zweifel daran, wie sehr sich der Autor hier - wohl nicht ohne Absicht - verrechnet hat 397 . Es ist denn auch von keinem historischen Pilger bekannt, dass er den weiten Weg von Frankreich nach Compostela tatsächlich entsprechend den Vorgaben des Liber Sancti Jacobi in 13 Tagesetappen gelaufen oder geritten wäre 398 . Im Ganzen dürfte deutlich geworden sein, dass der Liber Sancti Jacobi die Entfernung des Kultortes Compostela zu relativieren und den Kult selbst in die nahe Umgebung der potenziellen Pilger jenseits der Pyrenäen auszuweiten versucht, (1.) indem er die loca sancta vornehmlich im Südwesten Frankreichs nicht als eigenständige Wallfahrtsziele begreift, sondern als obligatorische Stationen auf dem Weg nach Compostela in die Jakobuswallfahrt eingliedert, (2.) indem er die Wirkungssphäre des wundertätigen Apostels über den Ort seiner leiblichen Präsenz hinaus maximal ausdehnt - ihm eine quasi-göttliche Allgegenwart zuspricht - und schließlich (3.) indem er die Hauptroute durch den Norden Spaniens mit nur 13 Tagesetappen deutlich kürzer erscheinen lässt, als sie in Wahrheit ist. So rücken Jakobus, sein Kult und seine Stadt gedanklich näher an Frankreich heran und erscheinen symbolisch in den Mittelpunkt der westeuropäischen Sakraltopographie gestellt. 2.2 Ad Sanctum Jacobum - zum Verhältnis von Weg und Ziel 129 <?page no="130"?> 399 Liber (wie Anm. 25), S. 238. - Wie erläutert, ist es nicht unwahrscheinlich, dass es sich beim Poitou um die Heimat des Autors handelt. Vgl. Anm.-323 und 344. 400 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 238-241; M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm. 9), S. 170f.; Rosanna B I A N C O , Il paesaggio del Codice Callistino. Note preliminari, in: De peregrinatione. Studi in onore di Paolo Caucci von Saucken, hg. von Giuseppe A R L O T T A , Perugia 2016, S.-325-346, hier S.-344f. 401 Liber (wie Anm.-25), S.-236. 402 Liber (wie Anm.-25), S.-241. 403 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-238. 2.2.2 Moralische Semantisierung des Raumes Des Weiteren erweist es sich im Pilgerführer als aufschlussreich, die Wertungen und semantischen Zuschreibungen des Raumes in den Blick zu nehmen. In Kapitel 7 des fünften Buches, einer umfassenden Darstellung der Völker und Landschaften entlang der in Kapitel 1 bis 3 skizzierten vie Sancti Jacobi, scheint es, dass sich die Qualität der natürlichen Umgebung und die Sittlichkeit der Menschen vom Poitou aus - der ersten Gegend, die ausführlich beschrieben und in jeder Hinsicht idealisiert wird, ja abilis et obtima et omni felicitate plena sei 399 - nach Südwesten über die Saintonge, Bordeaux, die Landes und die Gascogne mehr und mehr verschlechtern, im Baskenland und in Navarra einen ‚absoluten Tiefpunkt‘ erreichen und sich erst in Kastilien und Galicien wieder etwas verbessern 400 . Den Abschluss bildet mit dem hochgelobten Compostela, excellentissima, cunctis deliciis plenissima, […] felicior et excelsior cunctis Yspanie urbibus, ein wiederum vollends positiv besetzter Ort 401 . So wird auch hier eine Parallelität zwischen Anfang und Ende des Weges, zwischen dem Südwesten Frankreichs und der Jakobsstadt konstruiert, die überdies durch die explizite Behauptung einer Sittenähnlichkeit zwischen Galiciern und Franzosen noch forciert wird: Galleciani vero genti nostre gallice magis, pre ceteris gentibus yspanicis incultis, moribus congrue concordantur 402 . An der pauschalen Bestimmung der Völker Spaniens als inculti lässt sich bereits ablesen, dass der Pilgerführer - trotz gradueller Unterschiede - den ‚Eingeborenen‘ insgesamt nicht allzu gewogen ist, und tatsächlich richtet sich sein Tadel in Kapitel 7 und zum Teil auch schon in Kapitel 6 vor allem gegen sie. Mit besonderer Feindseligkeit schimpft er auf die Navarresen: Gleichsam als Antithese zu den Poitevinern, die - ganz im Einklang mit der herrlichen Landschaft, die sie bewohnen - reich seien an allen erdenklichen Tugenden (Stärke, Geschicklichkeit im Kampf, Mut, Behändigkeit, Anmut, Schönheit, Eloquenz, Freigebigkeit, Gastfreundschaft) 403 , werden sie in einer scharfen und von persönlicher Abneigung des Verfassers zeugenden Schmährede als durch und durch lasterhaft charakterisiert, als 130 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="131"?> 404 Liber (wie Anm.-25), S.-240. 405 Nicht nur in Kapitel 7 des Führers, sondern auch in der Predigt „Veneranda dies“, Kapitel 17 des ersten Teiles; vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 89 - ein Indiz dafür, dass beide Texte aus derselben Feder stammen. 406 Vgl. M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm. 9), S. 170f.; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10), S. 46. - Die sehr einseitige Stilisierung der Poiteviner und der Navarresen zu Tugend bzw. Sünde wirft die Frage auf, wie zuverlässig die Völkerbeschreibungen im Pilgerführer überhaupt sind. 407 Liber (wie Anm.-25), S.-241. 408 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-240. 409 Liber (wie Anm.-25), S.-241. Vgl. M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm.-9), S.-170f. gens barbara, omnibus gentibus dissimilis ritibus et essentia, omni malicia plena, colore atra, visu iniqua, prava, perversa, perfida, fide vacua et corrupta, libidinosa, ebriosa, omni violentia docta, ferox et silvestris, improba et reproba, impia et austera, dira et contentiosa, ullis bonis inculta, cunctis viciis et iniquitatibus edocta, Getis et Sarracenis consimilis malicia, nostre genti gallice in omnibus inimica. Pro uno nummo tantum perimit Navarrus aut Basclus, si potest, Gallicum. In quibusdam horis eorundem, in Biscagia scilicet et Alava, dum Navarri se calefaciunt, vir mulieri et mulier viro verenda sua ostendunt. Navarri etiam utuntur fornicatione incesta pecundibus: seram enim Navarrus ad mule sue et eque posteriora suspendere dicitur, ne alius accedat sed ipse. Vulve etiam mulieris et mule basia prebet libidinosa. Quapropter ab omnibus peritis sunt corripiendi Navarri 404 . Die Navarri impii, wie sie im Liber Sancti Jacobi auch andernorts mit festem Epi‐ theton bezeichnet werden 405 , erscheinen in diesem Passus als summa vitiorum, als Verkörperung aller schlechten menschlichen Eigenschaften und schweren Sünden (Mord, Wollust, Unzucht mit Frau und Maultier etc.) - ein Eindruck, der insbesondere durch reduzierende Vergleiche mit ‚unreinen‘ Tieren wie Hunden und Schweinen oder ‚ungläubigen‘ Völkern wie den Geten und Sarazenen sowie durch die unverblümt-bildhafte Beschreibung der obszönen Handlungen, an denen sie sich angeblich ergötzen, noch gesteigert wird 406 . Selbst ihren Namen legt der Pilgerführer den Navarresen durch eine volksetymologische (nur auf klanglicher Ähnlichkeit basierende) Herleitung zum Nachteil aus: Navarrus in‐ terpretatur ‚non verus‘, id est non vera progenie aut legitima prosapia generatus 407 . Die Basken unterschieden sich nicht wesentlich von den Navarresen, sie hätten lediglich eine hellere Haut 408 . Kastilien, hier gleichgesetzt mit tellus Yspanorum, sei ebenfalls hominibus malis et viciosis plena, und auch die Galicier, obgleich sie sich durch ihre Ähnlichkeit mit den Franzosen von den anderen, ‚unkultivierten‘ Völkern der Halbinsel positiv abhöben, seien keineswegs frei von Laster, werden sie doch als iracundi et litigiosi getadelt 409 . 2.2 Ad Sanctum Jacobum - zum Verhältnis von Weg und Ziel 131 <?page no="132"?> 410 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 237. - Dieses Erlebnis mag die vehemente Abneigung des Autors gegen Navarra und die Navarresen erklären. Bei dem Gewässer könnte es sich um den heute Río Salado genannten Nebenfluss des Arga handeln. 411 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 239. - Von diesen Zöllnern ist auch im Sermon „Veneranda dies“ die Rede, ein weiteres Indiz dafür, dass beide Texte wohl auf denselben Autor zurückgehen. Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 101. - Allgemein zur Befreiung der Pilger von Zöllen und Wegegeldern vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 259-262. - Ein drittes Beispiel für Betrug und Verbrechen auf dem Jakobsweg bieten, ebenfalls in Kapitel 7 des Pilgerführers, die gierigen Fährleute bei dem Ort St-Jean de Sorde: Sie verlangten zu viel Geld für die Überfahrt über die dortigen Flüsse, und zuweilen belüden sie ihr Boot so schwer, dass es kentere und die Pilger jämmerlich im Wasser ertränken; mit hämischer Freude bemächtigten sie sich dann der Habe der Toten. Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-239. 412 Darauf lassen, wie in Anm. 405 und 411 erläutert, zumindest einige sprachliche und inhaltliche Parallelen schließen. 413 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 95-99. - Zur Kriminalität auf dem Jakobsweg im Mittelalter vgl. Agustín F E R N Á N D E Z A L B O R , La delincuencia en el Camino de Santiago en la Edad Media, in: Il Pellegrinaggio a Santiago de Compostela e la Letteratura Jacopea. Atti del Convegno Internazionale di Studi. Perugia, 23-24-25 Settembre 1983, hg. von Giovanna S C A L I A , Perugia 1985, S.-127-134. Die Schlechtigkeit der Menschen in diesen Gegenden wird im Pilgerführer durch warnende Berichte über Betrug und Frevel noch verdeutlicht: Bei dem kleinen Ort Lorca, an einem Rivus Salatus, „Salzbach“, genannten Gewässer, sei der Autor mit seinen Begleitern - so erzählt er in Kapitel 6 - zwei messerschleifenden Navarresen (! ) begegnet, die ihnen das todbringende Wasser in böser Absicht zum Trinken empfohlen hätten; als dann zwei ihrer damit getränkten Pferde verendet seien, hätten die beiden Gauner sie auf der Stelle gehäutet 410 . In Kapitel 7 warnt der Autor - um noch ein weiteres Beispiel zu nennen -, dass in mehreren baskischen Orten nahe des Cisapasses habgierige Zöllner das Doppelte dessen an Tribut erhöben, was ihnen zustehe, und es Reisenden nötigenfalls auch gewaltsam entrissen. Dabei missachteten sie das Gebot, Pilger frei passieren zu lassen und nur von Handeltreibenden Wegegeld zu nehmen 411 . Zieht man andere Teile des Liber Sancti Jacobi hinzu, so erweitert sich das Spektrum der Gauner und Betrüger, die auf den Wegen nach Compostela ihr Unwesen treiben, noch beträchtlich. In Kapitel 17 des ersten Teiles etwa, der bereits erwähnten Predigt „Veneranda dies“, die höchst wahrscheinlich aus derselben Feder stammt wie der Pilgerführer 412 , entfaltet der Verfasser eine regelrechte Typologie der auf Pilger spezialisierten Missetäter und geht ausführlich auf ihre üblichen Tricks und Schliche ein: Räuber und Mörder, simonische Kleriker, Heuchler, böse Wirte und Herbergsvermittler, lüsterne Dirnen, betrügerische Kaufleute und Gewürzhändler, unredliche Geldwechsler, diebische Küster - und dergleichen noch viele mehr 413 : Omnis iniquitas et omnis 132 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="133"?> 414 Liber (wie Anm. 25), S. 98. - Ebenso bezeichnend erscheint der folgende (rhetorisch an die Brüder in fide gerichtete) Ausruf: Quot modis, fratres, retia sua prava antrumque perdicionis peregrinis sancti Iacobi demon aperit, scribere nequeo, so bekundet der Autor sein Unvermögen, erschöpfend alle Übel und Gefahren aufzuzählen, welche der Teufel auf den Wegen nach Compostela für Pilger bereithält. Liber (wie Anm.-25), S.-96. 415 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 159-177. - In zwei Mirakelerzählungen kommt beispiels‐ weise der im Sermon „Veneranda dies“ besonders scharf und eingehend getadelte Typus des malus hospes vor: Das fünfte Wunder handelt von einem habgierigen Gastwirt in der Stadt Toulouse, der zwei nach Compostela ziehenden deutschen Pilgern - Vater und Sohn - einen silbernen Becher ins Gepäck steckt und sie dann zu Unrecht des Diebstahls bezichtigt, um ihr mitgeführtes Vermögen an sich zu bringen. Daraufhin wird der Sohn zum Tode durch Erhängen verurteilt. Jakobus aber ruft ihn durch seine Wunderkraft nach 36 Tagen, bei der Rückkehr des Vaters aus Compostela, ins Leben zurück, und statt seiner wird gerechterweise der Wirt an den Galgen gehängt. Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 164f. Die sechste Wundergeschichte berichtet von einem nicht minder hinterhältigen Wirt in der Stadt Pamplona, der einen Ritter aus Poitiers seines gesamten Besitzes beraubt, sodass dieser mittellos und ohne Reittier nach Compostela weiterziehen muss, wobei er mit seinen beiden kleinen Knaben nur mühsam vorankommt. Wiederum greift der wundermächtige Apostel ein, er sendet seinem Pilger einen Engel in Gestalt eines Esels zu Hilfe und bestraft den Missetäter mit Tod und ewiger Verdammnis. Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 165f. - Überhaupt wird das Thema der falschen oder verweigerten Gastfreundschaft im Liber Sancti Jacobi verschiedentlich behandelt, nicht zuletzt im elften Kapitel des Pilgerführers „Quod peregrini S. Iacobi sint recipiendi“. Liber (wie Anm. 25), S. 257. Vgl. Florian W E B E R , Von heiligen Orten und bösen Wirten. Städte und Gastlichkeit im Liber Sancti Jacobi, in: Gastfreundschaft - Pilgerherbergen - Hospitalwesen, hg. von D E M S ./ Javier G Ó M E Z -M O N T E R O , Tübingen 2024, S.-107-124, hier S.-120f. fraus habundat in sanctorum itineribus 414 . Movens ihres frevelhaften Tuns ist stets avaritia, die Gier nach der Habe der Pilger. Die Jakobswege erscheinen beherrscht von Betrug und Sünde, von Gefahren für Leib und Seelenheil. Exemplarisch finden sich einige der hier umrissenen Typen anschließend in den 22 Mirakelerzählungen des zweiten Buches wieder 415 . Mit den Eigenschaften und der sittlichen Qualität der Menschen korrespon‐ diert vielfach die natürliche Qualität der Landschaften, die sie bewohnen. Insbesondere bei den beiden Extremen - dem Poitou als Hort alles Guten, dem Baskenland und Navarra als Sammelplatz der Sünde - erscheint dies unübersehbar. So ist es wohl kaum Zufall, dass in Kapitel 6 die schlechten, todbringenden Gewässer ohne Ausnahme im Land der lasterhaften Navarresen verortet werden und es ausdrücklich heißt, man solle auf den Verzehr von Fischen aus den Flüssen zwischen Estella und Logroño (was einem Großteil des Weges auf navarresischem Boden und den ersten Meilen im damals zu Kastilien gehörenden Gebiet der Rioja entspricht) tunlichst verzichten 416 . In Kapitel 7 beschränkt sich die Beschreibung Navarras auf den zwar positiven, 2.2 Ad Sanctum Jacobum - zum Verhältnis von Weg und Ziel 133 <?page no="134"?> 416 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 237f.; M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm. 9), S. 170f.; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10), S. 45f.; H E R B E R S , Nachwort (wie Anm. 7), S. 198; B I A N C O , Il paesaggio (wie Anm.-400), S.-343f. 417 Liber (wie Anm. 25), S. 240. - Auch ist auffällig, dass sich die wenigen in Kapitel 8 genannten loca sancta (Domingo de la Calzada, Nájera und León) und die in Kapitel 3 positiv hervorgehobenen wohlhabenden Städte (Estella, Carrión de los Condes, Saha‐ gún und León) entlang der Wegstrecke durch den Norden Spaniens mit nur einer Ausnahme auf kastilischem Gebiet befinden; sieht man von Estella ab, so scheint es in Navarra keine erwähnungswürdigen Orte zu geben. An der Auswahl der gelobten Städte wird wiederum die Sichtweise des Franzosen erkennbar: Allen voran solche Städte mit französischem Einfluss nämlich werden positiv hervorgehoben. Sahagún, wo sich französische Mönche des Reformklosters Cluny niedergelassen hatten, wird beispielsweise als fruchtbare Oase beschrieben, und es sei sogar ein Ort, wo sich Wunder zutragen. Vgl. M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm.-9), S.-172. 418 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-239. 419 Liber (wie Anm.-25), S.-239. 420 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-241; M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm.-9), S.-170f. 421 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-241. 422 Liber (wie Anm.-25), S.-241. Vgl. B I A N C O , Il paesaggio (wie Anm.-400), S.-345. doch äußerst spärlichen Vermerk, dass es als felix pane et vino, lacte et peccoribus gelte, woran sogleich die demgegenüber auffallend wortreiche vituperatio der einheimischen Bevölkerung anschließt 417 . Das Land der Basken (der Teil jenseits der Pyrenäen), die wiederholt im selben Atemzug mit den Navarresen genannt werden und ihnen ähnlich seien, stellt sich bezeichnenderweise als rau und unwirtlich dar, reich an Bergen, Wäldern und Wildnis, arm an Brot, Wein und jeglicher Nahrung 418 . Es sei ferox et silvestris et barbara und wird insofern mit den gleichen Worten charakterisiert wie die Basken selbst, an denen der Pilgerführer ebenfalls ihre ferocitas und ihre lingua barbara hervorhebt 419 . Le‐ diglich in Kastilien nimmt der Pilgerführer einen deutlichen Kontrast zwischen Mensch und Landschaft wahr: Nur reines und mildes Wasser fließe hier, und alles sei im Überfluss vorhanden: Gold, Silber, wertvolle Tuche, Pferde, Brot, Wein, Fleisch, Fisch, Milch und Honig, doch die Menschen seien, wie erwähnt, schlecht und lasterhaft 420 . In Galicien schließlich greift wieder eine gewisse Entsprechungsbeziehung: So wie das Urteil über die Galicier - den Franzosen nicht unähnlich, aber jähzornig und streitlustig -, so fällt auch das über ihr Land mit Einschränkungen positiv aus: An landwirtschaftlichen Erzeugnissen (Roggenbrot, Apfelwein, Milch, Honig, Fisch) und Reichtümern (Gold, Silber, Tuche, Felle) fehle es nicht, doch an manchem (Weizenbrot und Wein) herrsche eine gewisse Knappheit 421 . Die Beschreibung der herrlichen Naturlandschaft - nemorosa fluminibusque pratis et malariis obtimis, fructibusque bonis et fontibus clarissimis apta, urbibus et villi et segetibus rara - erscheint fast am alten Topos des locus amoenus orientiert 422 . 134 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="135"?> 423 Vgl. M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm.-9), S.-177. 424 Allein das Urteil über die viel gescholtenen Wirte und Herbergsleute fällt auch in Compostela kaum günstiger aus als in den Städten und Ortschaften entlang des Weges. So geht Pseudo-Calixt in dem berühmten Sermon gesondert auf die hospites in urbe Sancti Jacobi ein, die arglosen Pilgern, haben diese erst Unterkunft bei ihnen genommen, beispielsweise Kerzen zum Wucherpreis verkaufen. Andere strecken deren Wachs mit Hammel- oder Ziegenfett oder geschälten Bohnen, und wieder andere erzählen Lügengeschichten über den hl. Jakobus. Allgemein behandeln sie Pilger schlecht und betrügen sie auf vielerlei Weise, um sich an ihnen zu bereichern. Liber (wie Anm. 25), S.-96f. Insgesamt lässt der Pilgerführer in Kapitel 6 und 7 mit seinem Fokus auf die Gefahren und Mühsalen der Reise ein eher negatives Spanienbild entstehen, das sich nach Westen hin - in Richtung Compostela - mit sich bessernder Wasserqualität und zunehmendem Reichtum an Naturschönheit, Nahrung und wertvollen Gütern aufhellt. Zentrales Negativum sind die Bewohner der Ibe‐ rischen Halbinsel, die allesamt schlecht und lasterhaft seien, mit gewissen Konzessionen nur an die gesitteteren Galicier. Sprachlich scheinen die Gering‐ schätzung Spaniens und die relative Privilegierung Galiciens nicht zuletzt darin Ausdruck zu finden, dass das Toponym Yspania im gesamten Liber Sancti Jacobi weitgehend vermieden und der Apostel Jakobus konsequent als patronus Gallecie - nie Yspanie - apostrophiert wird 423 . Die Apostelstadt nimmt in diesem Zusammenhang eine Sonderstellung ein; sie rückt durch die oben analysierten Verfahren ideell in die Nähe des positiv gezeichneten Südwestfrankreichs und erscheint - an keiner Stelle getadelt, im‐ merzu nur gelobt - wie ein vollkommener Gegen-Ort, der vor der verworfenen Kontrastfolie der zu ihr führenden Wege umso heller und herrlicher erstrahlt. Diesen Eindruck bestätigt schließlich auch die in Kapitel 9 enthaltene descriptio urbis, die Compostela - wie nun zu zeigen sein wird - durch verschiedene Darstellungsmittel gezielt zu Heiligkeit und ästhetischer Perfektion stilisiert, während sie Betrug und Frevel, lasterhafte Gestalten und überhaupt Profanes weitgehend ausspart 424 . Im Gegenteil, ist die Stadt doch - wie im Liber Sancti Jacobi mehr als einmal betont wird - ein Ort, wo durch die Wunderkraft des Apostels nicht nur Notleidenden geholfen, sondern auch Sünder und Verbrecher zu Tugend und Rechtschaffenheit bekehrt werden: Multi enim ierunt illuc [d.-h. nach Compostela] pauperes, qui postea efficiuntur felices, multi debiles postea sani, multi dissidentes postea concordes, multi iniqui postea pii, multi libidinosi postea casti, multi seculares postea monachi, multi avari postea largi, multi feneratores postea sua largientes, multi superbi postea mites, multi mendaces postea veraces, multi aliena spolia rapientes postea vestes suas pauperibus tribuentes, multi 2.2 Ad Sanctum Jacobum - zum Verhältnis von Weg und Ziel 135 <?page no="136"?> 425 Liber (wie Anm.-25), S.-90. 426 Wie die Mirabilia Urbis Romae legt auch der Pilgerführer einen besonderen Fokus auf Stadttore und Kirchen. Zudem mögen die Verwendung des Wortes urbs und die Anzahl der Stadttore - sieben! - gezielt einen Bezug zu Rom und den Mirabilia Urbis Romae herstellen. Vgl. H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10), S. 45; D E R S ., Stadt und Pilger (wie Anm.-45), S.-33. 427 Liber (wie Anm. 25), S. 251. - Möglicherweise greift der Pilgerführer hier auf antike Gattungskonventionen zurück. Vgl. z. B. Carl Joachim C L A S S E N , Die Stadt im Spiegel der Descriptiones und Laudes urbium in der antiken und mittelalterlichen Literatur bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts, Hildesheim 2 1986, S. 1-37. Classen bietet in diesem ersten Teil seiner kurzen Monographie einen Überblick über verschiedene descriptiones und laudes urbium aus der griechischen und lateinischen Literatur. Dabei bestätigt sich immer wieder das Muster, dass am Anfang die Bestimmung der (günstigen, klug gewählten) Lage der jeweiligen Stadt und die Hervorhebung geographischer Besonderheiten (wie etwa der Nähe zum Meer, zu fruchtbarkeitbringenden Flüssen oder zu schützenden Bergen) stehen. 428 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 251: Porta Francigena (Porta do Camiño), Porta Penne (Porta da Pena), Porta de Subfratribus (Porta de San Francisco), Porta de Sancto Peregrino (Porta da Trinidade), Porta de Falgueriis (Porta Faxeira), Porta de Susannis (Porta da Mámoa), Porta de Macerellis (Porta de Mazarelos). Vgl. den Stadtplan in Luis V Á Z Q U E Z D E P A R G A / José María L A C A R R A / Juan U R Í A R Í U S , Las peregrinaciones a Santiago de Compostela 2, Madrid 1948, S.-407. periuri postea legales, multi falsitatem iudicantes postea veritatem asserentes, multe steriles postea parturientes, multi perversi postea iusti, Deo donante, efficiuntur. Ecce illa urbs Compostelle sacra facta est per beati Iacobi suffragia, salus fidelium, presidium veniencium in eam 425 . 2.3 Sukzession nach innen, ‚Orient-ierung‘ und Ausblendung von Profanem Erst in Kapitel 9 lässt der Pilgerführer dem Zielort Compostela eine - auch im diachronen Vergleich mit späteren Texten - überraschend eingehende Be‐ handlung zuteilwerden, die verschiedene Parallelen zu den ungefähr zeitgleich auftretenden Mirabilia Urbis Romae aufweist, ja vielleicht sogar - wie Klaus Herbers annimmt - bewusst an ihnen orientiert ist 426 . In den ersten Zeilen der descriptio urbis werden mit Verweis auf topographische Besonderheiten - den mythischen Monte do Gozo und die Flüsse Sar und Sarela - zunächst die Lage und die natürliche Umgebung der Stadt bestimmt: Inter duos fluios quorum unus vocatur Sar et alter Sarela, urbs Compostella sita est. Sar est ad orientem inter montem Gaudii et urbem, Sarela ad ocasum 427 . Durch die Aufzählung der sieben Stadteingänge werden anschließend ihre äußeren Grenzen abge‐ steckt 428 , bemerkenswerterweise jedoch, ohne dabei die knapp hundert Jahre 136 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="137"?> 429 Vgl. Fernando L Ó P E Z A L S I N A , Santiago de Compostela, in: Pilgerziele der Christenheit. Jerusalem, Rom, Santiago de Compostela, hg. von Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Stuttgart 2010, S. 293-320, hier S. 317; B I A N C O , Il paesaggio (wie Anm. 400), S. 346. - Zur Geschichte der Stadtmauer von Santiago de Compostela vgl. Leopoldo F E R N Á N D E Z G A S A L L A , Las murallas de Santiago de Compostela (968-1875). De coraza protectora a monumento evocado, in: Actas del Congreso Internacional “Ciudades Amuralladas”. Pamplona, 24-26 de noviembre de 2005, Pamplona 2007, S.-1-11, hier S.-1. 430 Liber (wie Anm. 25), S. 251. - Den Sakralbauten der Stadt ist an dieser Stelle ein eigenes Unterkapitel gewidmet, in dem auch die kleineren Nebenkirchen sämtlich mit Namen aufgezählt werden: die Kirche des hl. Apostels Petrus, die Kirche des hl. Michael, die Kirche des hl. Martin, die Kirche der hl. Dreifaltigkeit, die Kirche der hl. Jungfrau Susanna, die Kirche des hl. Märtyrers Felix, die Kirche des hl. Benedikt, die Kirche des hl. Märtyrers Pelagius, die Kirche der hl. Jungfrau Maria. 431 Der kreuzförmige Kirchengrundriss wird traditionell als menschlicher Körper alle‐ gorisiert. Dabei stellt das Langhaus den Körper, das Querhaus die Arme und der Hauptaltarraum den Kopf dar. 432 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-254f. 433 Als Höhepunkt und Mittelzäsur der Pilgerfahrt ad limina Sancti Jacobi ist Compostela ohnehin eine gewisse Konnotation von Zentralität eingeschrieben. In den ersten acht Kapiteln des Guides wird es zudem, wie gezeigt, durch verschiedene Darstellungsstrategien an Mitteleuropa (Frankreich) angebunden und symbolisch ins Zentrum der westeuropäischen Sakraltopographie gerückt. vor Abfassungszeit des Textes unter Bischof Cresconius (1036-1066) errichtete Verteidigungsmauer explizit zu erwähnen - Fernando López Alsina zufolge eine gezielte Aussparung, um die Stadt offen und zugänglich erscheinen zu lassen, gleichsam als Einladung an Pilger, sie zu betreten 429 . Ungeachtet dieser bloß vage umrissenen Elemente - ein Berg, zwei Flüsse, sieben Tore - tritt Compostela als eine Ansammlung von zehn Sakralbauten hervor. Neun von ihnen, die Nebenkirchen, bilden - so suggeriert es die Beschreibung jedenfalls - einen Kranz rings um die Basilika des hl. Jakobus, die erste und wichtigste Kirche der Stadt: Hac in urbe decem ecclesie solent esse, quarum prima gloriosissimi apostoli Jacobi Zebedei in medio sita refulget gloriosa 430 . In deren symbolischer Mitte wiederum, am ‚Kopf ‘ des Kirchenkreuzes 431 , umgeben von einem Halbkreis aus fünf Nebenaltären im Ambulatorium und flankiert von vier weiteren im Querhaus, zweien zu beiden Seiten, befindet sich der Hauptaltar und darunter schließlich, in der Krypta, der marmorne, rubinbesetzte Schrein des Heiligen 432 . Die descriptio urbis operiert unverkennbar mit mehrfacher Zentralsetzung 433 ; immer wieder wird ein Äußeres markiert, das konzentrisch nach innen, zur Mitte hin und somit letztlich auf die heilige Präsenz des Apostels weist: zu beiden Seiten ein Fluss - einer im Osten, der andere im Westen -, dazwischen ein ‚Kreis‘ aus sieben Toren, darin ein ‚Kreis‘ aus neun Nebenkirchen, in dessen Mitte die Kathedrale und darin schließlich der Hauptaltar mit den 2.3 Sukzession nach innen, ‚Orient-ierung‘ und Ausblendung von Profanem 137 <?page no="138"?> 434 Vgl. Pilgerführer (wie Anm.-200), S.-113, Anm.-zu Z. 4-6. 435 L Ó P E Z A L S I N A , Compostelle (wie Anm.-64), S.-53. 436 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 251. L Ó P E Z A L S I N A , Santiago (wie Anm. 429), S. 316, zufolge sei der Monte do Gozo wegen seiner zentralen Bedeutung für (von Osten kommende) Pilger, die Compostela von dort aus zum ersten Mal erblickten, „obligatorischer Aus‐ gangspunkt für die richtige Wahrnehmung der Stadt“. - Auch im Kontext der anderen beiden peregrinationes maiores - nach Rom und Jerusalem - ist jeweils ein Mons Gaudii belegt, von dem aus Pilger die jeweilige Stadt zum ersten Mal erblickten. Vgl. Benjamin Zeev K E D A R , Alcune dimensioni comparative del pellegrinaggio medievale, in: Tra Roma e Gerusalemme nel Medio Evo. Paesaggi umani ed ambientali del pellegrinaggio meridionale. Atti del Congresso Internazionale di Studi (26-29 ottobre 2000), hg. von Massimo O L D O N I , Salerno 2005, S.-255-277, hier S.-259. 437 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-251. Jakobusreliquien. Diesem Darstellungsmuster entgegenstehende Merkmale der realen Stadttopographie lässt der Verfasser unerwähnt: etwa, dass sich eine der neun Nebenkirchen - nämlich die Kirche des hl. Apostels Petrus bzw. Igrexa de San Pedro de Fóra (1839 abgerissen) - außerhalb des Mauerrings befand oder auch dass die Kathedrale eher am Westende der Kernstadt und insofern mitnichten so zentral gelegen ist, wie die lokale Bestimmung in medio sita suggeriert 434 . Bei der Lektüre entsteht so ein Bild vollkommener Ordnung und Regelmäßigkeit, das allenfalls noch als Stilisierung oder idealisierte Abstraktion des realen Stadtkörpers gelten kann. Der Blick folgt dabei konsequent von außen nach innen der ‚verschachtelten‘ Struktur dieses - so López Alsina - „lieu géométrisé“, er nimmt also jenseits der Mauern seinen Ausgang und dringt sukzessive bis ins Innerste der Stadt vor 435 . Insofern werden die Elemente des Stadtraumes durch ihre Selektion und Anordnung im Text gezielt so funktionalisiert, dass die Basilika und darin Altar und Krypta des hl. Jakobus in absolute Mittelstellung geraten und die gesamte descriptio urbis zentripetal auf diesen heiligen nucleus der Stadt zuläuft. Mit der fortschreitenden Bewegung nach innen verbindet sich anfänglich ein zweites Darstellungsmuster: Der Blick geht immerzu von Osten aus und fokussiert die Elemente des Stadtraumes eines nach dem anderen in linker Drehrichtung (d. h. Osten - Norden - Westen - Süden - Osten). Schon die Beschreibung der natürlichen Topographie setzt mit dem Sar und dem Monte do Gozo östlich von Compostela ein 436 . Die darauffolgende Aufzählung der sieben Stadttore nennt als Erstes die Porta Francigena, den (nördlichen) Osteingang, und zieht sodann linksdrehend - über die Porta Penne, die Porta de Subfratribus, die Porta de Sancto Peregrino, die Porta de Falgueriis, die Porta de Susannis und, wiederum im Osten, die Porta de Macerellis - einen Grenzkreis um die Stadt 437 . Ebenso beginnt schließlich die Aufzählung der neun Nebenkirchen mit der erwähnten, extra muros nahe der Porta Francigena gelegenen Kirche des hl. 138 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="139"?> 438 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 251. - Zu den in Kapitel 9 genannten Kirchen der Stadt vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et-al., Peregrinaciones 2 (wie Anm.-428), S.-377f. 439 Liber (wie Anm.-25), S.-251. 440 Grundlegend für die symbolische Assoziation mit Anfang und Neuanfang ist die im Osten aufgehende Sonne (lat. oriens < oriri, „sich erheben, aufgehen“). Im christlichen Kontext verbindet sich mit dem Osten die Vorstellung vom Garten Eden und somit vom Weltanfang (Gen 2,8); außerdem ist es die Richtung, aus der die frühchristliche Theologie die Rückkehr Christi, des ‚Lichtes der Welt‘ ( Jes 41,2; Joh 8,12), erwartet. Vgl. Franz F R O M H O L Z E R , Orient, in: Metzler Lexikon literarischer Symbole ( 2 2012), S. 306-309; Alexander W Ö L L , Osten, in: Metzler Lexikon literarischer Symbole ( 2 2012), S.-309f. 441 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 251-253. Vgl. auch Pilgerführer (200), S. 112, Anm. zu Z. 1; Laffi, A Journey (wie Anm.-200), S.-146, 147, Anm.-1. Apostels Petrus im Osten und bildet nach dem gleichen Muster - über die Kirchen des hl. Michael, des hl. Martin, der hl. Dreifaltigkeit, der hl. Jungfrau Susanna, des hl. Märtyrers Felix, des hl. Benedikt, des hl. Märtyrers Pelagius und der hl. Jungfrau Maria, die letzteren drei wiederum im östlichen Teil der Stadt - linksdrehend ein Nonagon um die Basilika des hl. Jakobus 438 . Genau genommen steht diese - entgegen dem sonst geltenden Muster - sogar an erster Stelle im Text, bevor sodann die übrigen Kirchen in erwähnter Anordnung folgen. Auf diese Weise wird ihr Vorrang nicht nur explizit-semantisch (prima), sondern auch implizit-syntaktisch zum Ausdruck gebracht 439 . Zwei Ordnungs‐ prinzipien sind hier mithin wirksam: (1.) die Sukzession von außen nach innen als durchgehende Grundtendenz der gesamten descriptio urbis und (2.) Kreisbewegungen in linker Drehrichtung mit festem Ausgangspunkt im Osten, die im Eingangspassus zur globalen Beschreibung des Stadtkörpers eingesetzt und nur an einer Stelle gezielt durchbrochen werden, um die herausgehobene Stellung der Kathedrale zu markieren. Diese ständige ‚Orient-ierung‘ (von lat. oriens, „Osten, Tagesanbruch“) mag mit der besonderen symbolischen Bedeutung des Ostens im christlichen Kon‐ text, wesentlich assoziiert mit Anfang und Wiederkehr, zusammenhängen, derentwegen mittelalterliche Landkarten auch in aller Regel geostet waren - im Osten anfangen hieße insofern nichts anderes als oben anfangen 440 . Speziell bei einer Compostela-Beschreibung ist der Grund aber vielleicht eher in der persönlichen Perspektive des (französischen) Jakobspilgers zu suchen, der sich der im äußersten Westen gelegenen Stadt unweigerlich von Osten her näherte, sie durch die (nord-)östliche Porta Francigena betrat - die deshalb nach den Franci benannt war - und auch auf die Basilika von Nordosten zukam, bevor er schließlich durch das Nordportal - im Pilgerführer aus diesem Grunde ebenfalls als Porta Francigena bezeichnet - hineinging 441 . 2.3 Sukzession nach innen, ‚Orient-ierung‘ und Ausblendung von Profanem 139 <?page no="140"?> 442 Vgl. L Ó P E Z A L S I N A , Compostelle (wie Anm. 64), S. 53; M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm.-9), S.-171. 443 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 252: Cum nos, gens gallica, apostilicam basilicam ingredi volumus, per partem septemtrionalem intramus; ante cuius introitum est, iuxta viam, hospitale pauperum peregrinorum sancti Iacobi. - Über dieses Hospiz ist nur wenig bekannt: Erzbischof Diego Gelmírez ließ es 1105 und 1138 restaurieren und dotieren. Vgl. Historia Compostellana (wie Anm. 22), S. 45, 417f. In seinem Vorhof waren wohl die Läden der azabacheros, die Devotionalien aus Gagat verkauften. Im 17. Jahrhundert wurde es an das Kloster San Martiño Pinario verkauft. Vgl. Pilgerführer (wie Anm. 200), S.-121, Anm.-zu Z. 8f. 444 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 252: Cambiatores vero et hospitales, ceterique mercatores in Via Francigena habentur. 445 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 251: [Ecclesia] Sancte Susanne virginis […] est iuxta Viam Petroni. 446 Knappe praktische Hinweise dieser Art werden auch zu den Stadttoren, den Neben‐ kirchen und der Kathedrale gegeben: Die Kirche des hl. Petrus liege (extra muros) iuxta viam Francigenam, die Kirche der hl. Dreifaltigkeit est peregrinorum sepultura, die Kathedrale beträten Pilger per partem septemtrionalem, dort, vor dem Nordportal, befinde sich das Paradies, in quo crusille piscium id est intersigna beati Iacobi venduntur peregrinis, et butti vinarii, sotulares, pere cervine, marsupia, corrigie, cingule et omne genus erbarum medicinalium, et cetera pigmenta, et alia multa ibi ab vendendum habentur, und dahinter ein Brunnen mit vier Löwenfiguren, aus deren Mäulern Wasser ad reficiendum beati Iacobi peregrinos et cives entspringe, am Altar der hl. Maria Magdalena decantantur Werden zunächst die natürliche Umgebung und die städtische Sakraltopo‐ graphie rasch umrissen und als Trennlinie zwischen beiden Bereichen implizit, durch die enumeratio der Tore, die Wehrmauern eingezeichnet, so liegt der Fokus anschließend ganz auf der herrlichen Kathedrale im Herzen der Stadt. Welchen Vorrang der geistliche Autor ihr einräumt oder, anders gesagt, wie sehr er Compostela auf sie reduziert, lassen schon die Mengenverhältnisse im Text deutlich erkennen: Nur ein äußerst geringer Teil der descriptio urbis ist dem Berg, den Flüssen, den Toren und den anderen Kirchen gewidmet, der Rest - etwa 95 % - allein der Kathedrale und mit ihr in Verbindung stehenden Orten wie dem Vorhof auf der Nordseite und dem dortigen Brunnen des hl. Jakobus 442 . Auf andere Elemente der Stadt wird dabei allenfalls mit einem flüchtigen Fingerzeig gewiesen. Das Hospital der armen Pilger des hl. Jakobus, die Via Francigena und die Via Petroni, die einzigen namentlich erwähnten Orte innerhalb des Mauerrings, die keine Kirchen oder Klöster sind, werden jeweils nur en passant mit kaum mehr als einem knappen Halbsatz bedacht: Das Hospital befinde sich vor dem Nordportal der Kathedrale 443 ; in der Via Francigena seien allerlei Gewerbetreibende wie Wechsler, Wirte und Krämer zu finden 444 , und an der Via Petroni, der Straße nach Padrón, liege die Kirche der hl. Jungfrau Susanna 445 . Es handelt sich um wenige praktische Hinweise, die entweder der Orientierung in der Stadt dienen oder die Relevanz eines Ortes speziell für Pilger aufzeigen 446 . 140 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="141"?> misse matutinales peregrinis etc. Liber (wie Anm. 25), S. 251f., 254. Vgl. L Ó P E Z A L S I N A , Santiago (wie Anm.-429), S.-317f. 447 Vgl. Javier G Ó M E Z -M O N T E R O , Le chemin de Saint-Jacques, territoire métropolitain, in: Urbes Europaeae II. Ciudades europeas: Imaginarios culturales ante la globalización. Europäische Städte im Zeichen der Globalisierung, hg. von D E M S ./ Christina J. B I S C H O F F / Anxo A B U I N , Kiel 2012, S.-149-172, hier S.-138. 448 Vgl. Le Guide (wie Anm. 129), S. 3, Anm. 4; Pilgerführer (wie Anm. 200), S. 51, Anm. zu Z. 6. 449 Liber (wie Anm.-25), S.-235, H. d. V. Im Ganzen lässt sich daher festhalten, dass der städtische Raum intra muros weitgehend unbestimmt bleibt. Er tritt, wie gezeigt, vor allem stilisiert als vage geometrische Anordnung von Toren und Kirchen hervor, die konzentrisch nach innen auf die Basilika des hl. Jakobus weisen, die ihrerseits - in scharfem Kontrast dazu - mit akribischer Genauigkeit beschrieben wird. Die maßgebende Grenze verläuft dabei zwischen Sakral und Profan: Unverkennbar privilegiert oder überfokussiert der Verfasser in seiner religiösen Sichtweise die sakralen Bauten, insbesondere die Kathedrale, während er die übrige Stadt - die profanen Orte - fast gänzlich ausblendet 447 . Im Grunde bestätigt sich darin, was insbesondere in Kapitel 1 bis 3 und 8 wiederholt auch an anderen Stellen erkennbar wird, nämlich dass Städte im Pilgerführer ausschließlich in religiöser Funktion von Belang sind, als Orte der Reliquienverehrung. Im Fokus stehen die Heiligenleiber, die sie bergen - alles andere bleibt weitgehend unbeachtet. Die Verengung des Blicks auf den sakralen Kern geht so weit, dass Stadt und Heiliger vielfach sogar als gleichsam identisch wahrgenommen zu werden scheinen 448 . Sprachlich findet dies Ausdruck durch metonymische Substitution, wie sich musterhaft bereits in Kapitel 1 an der Beschreibung der vier vie Sancti Jacobi beobachten lässt: Quatuor vie sunt que ad Sanctum Jacobum tendentes, in unum ad Pontem Regine, in horis Yspanie, coadunantur; alia per Sanctum Egidium et Montem Pessulanum et Thosolam et Portus Asperi tendit; alia per Sanctam Mariam Podii et Sanctam Fidem de Conquis et Sanctum Petrum de Moyssaco incedit; alia per Sanctam Mariam Magdalenam Viziliaci et Sanctum Leonardum Lemovicensem et urbem Petragoricensem pergit; alia per Sanctum Martinum Turonensem et Sanctum Ylarium Pictavensem et Sanctum Johannem Angeliacensem et Sanctum Eutro‐ pium Sanctonensem et urbem Burdegalensem vadit 449 . Die Stadt verschwindet hinter dem Heiligen, das Toponym wird ersetzt durch das Anthroponym, der Heiligenname umfunktioniert zur Ortsbestimmung - so, wie bei Santiago de Compostela bezeichnenderweise bis heute gebräuchlich 450 . Während es in Kapitel 1 bis 3 zunächst bei solch einem Itinerar, einer bloßen 2.3 Sukzession nach innen, ‚Orient-ierung‘ und Ausblendung von Profanem 141 <?page no="142"?> 450 Vgl. Gérard G R O S , Les instructions d’Aymeri pour viatique. Étude sur le Liber V (et dernier) du Codex Calixtinus. Par voies et chemins : géographie hagiographique, in: Le Livre de saint Jacques et la tradition du Pseudo-Turpin. Sacralité et littérature, hg. von Jean-Claude V A L L E C A L L E , Lyon 2011, https: / / books.openedition.org/ pul/ 5507 (Zugriff am 15.08.2021), Abs. 12, 26. Auch H E R B E R S betont „die Bedeutung der Heiligennamen; erst durch den Besitz eines heiligen Leichnams erhielten die Städte ihren Namen und ihr eigentliches Gewicht.“ Pilgerführer (wie Anm.-200), S.-51, Anm.-zu Z. 6. 451 Lediglich in Kapitel 3 erfährt man über vier so hervorgehobene Städte (Estella, Carrión de los Condes, Sahagún und León) etwas mehr als bloß ihre Namen, doch handelt es sich auch dabei eher um flüchtig eingestreute Topoi und praktische Hinweise. Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-236. 452 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 241-250. - Jedoch werden nicht alle Heiligen so eingehend behandelt. Die Basisstruktur bilden der Name des Heiligen, sein Grabesort, sein Festtag und die Aufforderung, ihn zu besuchen; flexibel treten weitere Elemente hinzu. 453 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-242f., 245-247. 454 Le Guide (wie Anm. 129), S. 3, Anm. 4. - Obwohl die meisten Städte bis auf ihren sakralen Kern weitgehend ausgeblendet werden, treten im Liber Sancti Jacobi doch immerhin einzelne Elemente auf, die als urban bzw. stadttypisch gelten können, wenngleich ihre räumliche Verortung zumeist unbestimmt bleibt. Insbesondere gehören einige der im ersten Teil getadelten Betrüger zu sozialen Gruppen, die sich unschwer dem Stadtraum zuordnen lassen und die symptomatisch auf kennzeichnende Merkmale urbanen Lebens hindeuten: spezialisierte Händler und Kaufleute als Indiz für eine zu‐ nehmende soziofunktionale Differenzierung (‚Arbeitsteilung‘), Geldwechsler als Indiz für eine sich vornehmlich in der Stadt durchsetzende Geldwirtschaft und Gastwirte als Indiz für die Gegenwart von Fremden; mit ihnen verbinden sich städtische Orte wie Märkte und Herbergen. Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 95-101. Ausgerechnet gegen diese drei Betrügertypen, an denen sich so hervorragend die genannten historischen Urbanisierungstendenzen ablesen lassen, richtet sich der Zorn des Autors mit beson‐ derer Vehemenz; ihnen gilt in der Predigt „Veneranda dies“ der größte Teil seiner Ausführungen über Frevel und Betrug auf dem Jakobsweg, auf ihre Tricks und Schliche Aufzählung von Namen bleibt 451 , wird in Kapitel 8 einzelnen Städten zwar eine genauere Behandlung zuteil, doch auch dies wiederum völlig reduziert auf die Person des dort jeweils ruhenden Heiligen: Seine Vita, die Wunder, die er vollbracht hat, sein Martyrium, seine Translation, seine ‚Wirksamkeit‘ bei Hilferufen, sein Festtag oder auch tadelnswerte konkurrierende Kultorte, die seine Gebeine in betrügerischer Absicht zu besitzen vorgeben, sind die hier thematisierten Elemente 452 . Bei manchen Heiligen werden auch der Reliquien‐ schrein (hl. Aegidius, hl. Fronto, hl. Martin) und das Kirchengebäude (hl. Martin, hl. Hilarius, hl. Eutropius) gewürdigt, doch zumeist geht die räumlich-bauliche Beschreibung der loca sancta kaum über ein spärliches Lob von Schönheit, Größe und handwerklicher Leistung hinaus 453 . Was die Städte sonst noch ausmacht, abseits ihrer heiligen Mitte, wird vollends ausgeblendet: „pour le pèlerin, la ville ne vaut que par le saint“, merkt Jeanne Vielliard in ihrer Ausgabe des Pilgerführers treffend an 454 . 142 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="143"?> geht er am genauesten ein, und an sie adressiert er ausdrücklich auch seine finale Ver‐ wünschung: O vos falsi hospites et subdoli nummularii et negociatores iniqui, convertimini ad Dominum Deum nostrum, postponite nequicias vestras! Liber (wie Anm. 25), S. 99. Auch die lügnerischen Herbergsvermittler, die habgierigen Küster, die diebischen oder sich wollüstig prostituierenden Wirtsmägde oder die unredlichen Ärzte, die mit den Gewürzhändlern vergleichbar seien, können zweifellos als urbane Typen gerechnet werden. Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 96-99. Positive Gegenfiguren treten im profanen Stadtkontext nicht auf - die Stadt scheint bevölkert von Gaunern und Betrügern, und es verwundert daher auch nicht, dass verschiedene Städte - Pilgerstädte - im selben Abschnitt als Ausbildungsstätten für Betrüger aufgezählt werden, wobei Compostela bezeichnenderweise nicht erwähnt wird: Qui ex pueris suis fraudis didascolos efficere curant, aut Podium aut villam sancti Egidii aut Turoni aut Placentiam aut Lucam aut Romam aut Barium aut Barletum illos mittunt. His enim villis scola maxime solet esse tocius fraudis. Liber (wie Anm. 25), S. 99 (bei dieser Textstelle handelt es sich allerdings um eine nachträglich ergänzte Randnotiz). Von Stadtbewohnern zeichnet der Autor der Predigt „Veneranda dies“ mithin ein eher negatives Bild, assoziiert sie mit Sünde und Betrug. Urbane Erscheinungen wie Handel, Geld und Fremdenverkehr sowie damit verbundene soziale Gruppen wie Kaufleute, Geldwechsler und Gastwirte betrachtet er mit Misstrauen und erkennt in ihnen eine zentrale Quelle von Gefahren für den Pilger. 455 Ähnlich beschreibt L Ó P E Z A L S I N A , Compostelle (wie Anm. 64), S. 53, diesen Effekt; ihm zufolge beabsichtige der Verfasser, durch das „déséquilibre volontaire“ zwischen Stadt und heiliger Stätte just deren gedankliche Gleichsetzung hervorzuheben, er wolle „mettre en évidence une notion qu’il tient pour fondamentale : Compostelle est la demeure de l’apôtre Jacques.“ In ähnlicher Weise verfährt der Pilgerführer in Kapitel 9 mit Compostela: Der weltliche Stadtraum wird so knapp und detailarm behandelt, dass er hinter der minutiösen Beschreibung des Sakralbaus fast gänzlich verschwindet. Die descriptio urbis entpuppt sich vor allem als descriptio ecclesiae. Auf diese Weise entsteht auch hier der Eindruck, die Kirche trete gleichsam pars pro toto an die Stelle der gesamten Stadt, Compostela sei im Wesentlichen sein locus sanctus. Die Überbelichtung des sakralen Zentrums bei weitgehender Ausblendung der übrigen (profanen) Stadt bildet mithin ein weiteres wirkungsvolles Darstel‐ lungsmittel - wie schon die wiederholte Herstellung von Zentralität und die sukzessive Bewegung nach innen -, um alle Aufmerksamkeit auf den hl. Jakobus und dessen Kirche zu lenken 455 . Allerdings liegt, näher betrachtet, nicht bloß ein dichotomer Mengenkontrast zwischen weltlicher Stadt und heiliger Stätte vor - jene nur vage umrissen, diese bis ins letzte Detail beschrieben -, vielmehr scheint ein Verfahren gradueller Intensivierung wirksam zu sein: Mit der Sukzession nach innen geht auch eine stetig zunehmende Detaildichte einher. Je weiter der Blick sich der heiligen Präsenz im Zentrum nähert, desto schärfer, so scheint es, nimmt er alles wahr. Die natürliche Umgebung und die Stadteingänge werden in gerade einmal drei Sätzen nur rasch überflogen; die Nebenkirchen werden kaum genauer erfasst, 2.3 Sukzession nach innen, ‚Orient-ierung‘ und Ausblendung von Profanem 143 <?page no="144"?> 456 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-251-256. 457 Vgl. L Ó P E Z A L S I N A , Compostelle (wie Anm.-64), S.-53. jedoch in einem eigenen Kapitel, und ihnen sind einige praktische Hinweise beigegeben; die Basilika des hl. Jakobus wird demgegenüber, wie erwähnt, sehr ausführlich beschrieben, und doch lässt sich auch hier noch eine Steigerung zur Mitte hin erkennen; denn schließlich, beim Hauptaltar, in der innersten symbolischen Mitte, treten noch kleinste bauliche und gestalterische Einzelhei‐ ten in den Blick und werden mit eingehender Genauigkeit wiedergegeben: etwa die Figurendarstellungen auf der silbernen Vorsatztafel und dem Ziborium, ja selbst die davorhängenden drei Lampen und deren Gefäße 456 . Auch dies - die zentripetale Intensivierung der Beschreibung - trägt wiederum zu einer Verengung oder Fokussierung auf den Heiligen bei. 2.4 Ekphrasis, persönliche Perspektive und Rundgang-Illusion Wie im vorigen Kapitel gezeigt, ist die im Pilgerführer enthaltene descriptio urbis gezielt so konzipiert, dass sie in der Kathedrale (und dort im Hauptaltar, unter dem sich der Leichnam des Apostels befindet) kulminiert: Der Blick bewegt sich fortschreitend von außen nach innen auf sie zu, immer wieder wird sie durch die Aufzählung umgebender Elemente in Mittelstellung gebracht, und in der gesamten Stadt wird nur ihr - nur diesem sakralen nucleus - eine genaue und zur Mitte hin immer genauere Behandlung zuteil. In der Tat kommt die Beschreibung der Jakobsbasilika in ihrer Detailtreue und Plastizität, aber auch - wie nun zu zeigen sein wird - in ihrer Wirkabsicht, dem Leser bzw. Hörer eine Illusion von eigenem Erleben zu vermitteln, durchaus einer Ekphrasis im Quin‐ tilianschen Sinne gleich. Während der Verfasser sich bei der Darstellung des übrigen Stadtraumes noch auf das Nötigste beschränkt, ihn allenfalls mit einer spärlichen Toponymie und einigen knappen praktischen Hinweisen versieht und dabei insbesondere die profanen Orte weitgehend ausblendet, ist er hier nun bemüht, das wunderschöne Bauwerk so genau und so bildlich wie möglich vor Augen zu führen 457 . Nach einer präzisen Beschreibung von Grundriss und Aufbau der Kirche aus eher unpersönlicher, alles überblickender Warte nimmt er dabei immer wieder auch eine erkennbar persönliche Perspektive ein und orientiert sich, abweichend von den oben aufgezeigten Ordnungsprinzipien, an vor Ort praktisch gebotenen Bewegungen (wenngleich übergeordnet die zentripetale Grundtendenz hin zum Hauptaltar des hl. Jakobus erhalten bleibt). 144 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="145"?> 458 Liber (wie Anm. 25), S. 251. - Eine Mannslänge entspreche acht Handbreiten (palmae), wie der Verfasser ebenda erläutert. 459 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-251. 460 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 251. - Die Kirche umfasst drei große Schiffe, eines im Langhaus und zwei in den Querhausarmen; sie sind elfeinhalb Mannslängen breit und reichen bis zur Gewölbedecke der Kirche; rechts und links werden sie jeweils von zwei kleinen Seitenschiffen flankiert, die nur bis zu den medie cindrie - d. h. wohl bis zu den ‚Halbtonnen‘; vgl. Pilgerführer (wie Anm. 200), S. 117, Anm. zu Z. 16 - aufsteigen. Im oberen Geschoss befinden sich sechs weitere kleine Schiffe, die in Länge und Breite denjenigen im unteren Geschoss entsprechen. 461 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 251-254. - Er nennt folgende Elemente der Basilika: vier Pfeiler rings um die Vierung, 29 im Langhaus, 26 in den beiden Querhausarmen, acht einzelne Säulen im Chorumgang und jeweils zwei Doppelsäulen zwischen den Pfeilern im oberen Geschoss, die in Anzahl und Verteilung mit denjenigen im unteren Geschoss übereinstimmen, jeweils drei Fenster über den Nebenaltären im Chorumgang, fünf über dem Hauptaltar sowie 43 weitere oben, drei Hauptportale mit jeweils zwei Eingängen, ihrerseits mit jeweils zwei Türen, und sieben Nebenportale, über jedem der Hauptportale zwei Türme, zwei weitere über den beiden Wendeltreppen und ein großer über der Vierung, schließlich zehn Nebenaltäre im unteren Bereich, davon neun in eigenen Kapellen, welche den Hauptaltar teils im Halbkreis der Chorapsis umgeben, teils im Querhaus zu beiden Seiten flankieren, sowie drei weitere oben auf den Emporen. 462 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-253f. Zunächst gibt der Autor die Gesamtgröße der Basilika in ‚Mannslängen‘ (hominis status) - 53 in der Länge, 39 in der Breite, 14 in der Höhe - an, wobei er sich konsequent auf die Innenmaße beschränkt, denn [q]uanta sit extra eius longitudo et altitudo, a nullo valet comprehendi 458 . Sodann nennt er die wesent‐ lichen Bestandteile des Kirchengrundrisses: das Langhaus (corpus), die beiden Querhausarme (membra), die Vierung (crucis), den Altarumgang (laurea) und die Stirnkapelle (caput), lässt dabei jedoch - sollte dies Zufall sein? - ausgerechnet die Capela Maior mit dem Altar des hl. Jakobus vorerst aus 459 . Er zählt und vermisst die Kirchenschiffe (naves), unterteilt sie in drei große (magne), die bis an die Gewölbedecke reichen, und zwölf kleine (modice, navicule), davon sechs im unteren Bereich und sechs auf den Emporen (palacium), und führt ihre gleichmäßige Verteilung vor Augen 460 . Im Fortgang der Beschreibung bestimmt er, in jeweils eigenen Unterkapiteln, Anzahl und Position der Pfeiler (pilares) und Säulen (columpne), der Fenster (fenestre), der Portale (porte, portales), der Türme (turres) sowie der Altäre (altaria) 461 . Dabei stechen vor allem die Portale heraus: die drei Hauptportale (portales principales), weil die detaillierte Wiedergabe ihrer Ikonographie knapp ein Fünftel der gesamten descriptio urbis ausmacht 462 ; die sieben Nebenportale (portalluli), weil der Autor, obschon er sie jeweils mit Namen aufführt und ihnen gar ein eigenes Unterkapitel widmet, ‚versäumt‘, sie im Kirchengrundriss zu lokalisieren - eine interessante 2.4 Ekphrasis, persönliche Perspektive und Rundgang-Illusion 145 <?page no="146"?> 463 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-252. 464 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 252. - Zum Paradies der Kathedrale vgl. S I N G U L , Historia cultural (wie Anm.-6), S.-121-124. 465 Vgl. Henrik K A R G E , De la portada románica de la Transfiguración al Pórtico de la Gloria. Nuevas investigaciones sobre la fachada occidental de la catedral de Santiago de Compostela, in: BSAA arte 75 (2009), S.-17-30, hier S.-21f. 466 Liber (wie Anm.-25), S.-255. 467 Vgl. Serafín M O R A L E J O Á L V A R E Z , Saint-Jacques de Compostelle. Les portails retrouvés de la cathédrale romane, in: Les dossiers de l’archéologie 20 (1977), S. 87-103, hier S.-100-103; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 199; Pilgerführer (wie Anm. 200), S. 129, Anm. zu Z. 1. - Für die Errichtung des auch heute noch erhaltenen Pórtico da Gloria erhielt Baumeister Mateo von 1168 bis 1188 jährlich 100 Maravedí von König Ferdinand II. von León (1154/ 1157-1188). Das Einweihungsjahr 1188 ist in den Stein des Türsturzes unterhalb des reich verzierten Tympanons eingeritzt. Auslassung, auf die noch einzugehen sein wird 463 . Exkursorisch beschreibt er zudem das Paradies (paradisus), den Vorhof auf der Nordseite der Basilika, und den dortigen Brunnen des hl. Jakobus (fons Sancti Iacobi) 464 . Bei alledem verfährt er mit akribischer Genauigkeit und hält sich treulich an die reale Beschaffenheit des Gebäudes - keine Spur von hyperbolischen Phantasiemaßen oder rein symbolischen Zahlenwerten biblischer Provenienz. Er bedient sich nicht der Fiktion, behilft sich nicht damit, Zahlen einfach zu erfinden, sondern gibt nur zuverlässig Messbares und tatsächlich Gemessenes wieder 465 . Und beim Altar des hl. Jakobus, der erst ganz am Ende in den Fokus rückt, gleichsam als Höhepunkt, verleiht er seinen Ausführungen noch zusätzliches Gewicht, indem er zum Authentizitätsnachweis betont, eigene Messungen in situ vorgenommen zu haben: Sic propriis manibus ego mensuravi 466 . Bei aller Wirklichkeitstreue beschreibt der Autor die seinerzeit noch im Bau befindliche Basilika allerdings doch nicht so, wie sie sich ihm wirklich darbot; vielmehr nimmt er ihren (geplanten) künftigen Zustand, nach Vollendung der Bauarbeiten, vorweg. Das alte Westportal etwa, das er wie das Süd- und das Nordportal mit einem eigenen Unterkapitel bedenkt, war - wie Serafín Moralejo Álvarez anhand archäologischer Funde nachgewiesen hat - zur Abfassungszeit der Compostellaner Handschrift noch gar nicht fertiggestellt (und wurde wohl auch nicht mehr fertiggestellt, bevor es in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts unter Baumeister Mateo durch den noch heute erhaltenen Pórtico da Gloria ersetzt wurde) 467 . Die augenfällige Tatsache, dass seine Ikonographie, eine - nach Meinung des Autors - wunderbare Darstellung der Verklärung Christi, verglichen mit der der anderen beiden Hauptportale auch eher kurz und vage sowie in weiten Teilen nur durch Zitat und Paraphrase der einschlägigen Bibelverse (Lk 9,28-36; Mk 9,2-9; Mt 17,1-8) beschrieben wird, scheint den - im Text ansonsten verschleierten - unfertigen Zustand des Portals 146 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="147"?> 468 Vgl. Pilgerführer (wie Anm. 200), S. 129, Anm. zu Z. 1. - Am Bibeltext ist vor allem die zweite Hälfte des Unterkapitels „De porta occidentalis“ orientiert: Sursum tamen Dominica transfiguracio qualiter in monte Thabor fuit facta, mirabiliter sculpitur. Est enim Dominus ibi in nube candida, facie splendens ut sol, veste refulgens ut nix et Pater desuper loquens ad ipsum; et Moyses et Elias qui cum illo apparuerunt, loquentes ei excessum quem completurus erat in Iherusalem […]. Ibi vero beatus Iacobus est et Petrus et Iohannes quibus transfiguracionem suam pre omnibus Dominus revelavit. Liber (wie Anm.-25), S.-254. 469 Liber (wie Anm. 25), S. 254, H. d. V. - Die coniugatio periphrastica besitzt in dieser Verwendung keine rein suppletive Funktion (als Ersatz für die synthetische Futurform habitabunt), sondern eine modale, die ins Deutsche beispielsweise zu übersetzen wäre mit sollen: Neun Türme soll diese Basilika (einst) haben erschiene demnach angemessener als Neun Türme wird diese Basilika haben, wie der Satz in der deutschen Ausgabe übersetzt ist: Pilgerführer (wie Anm.-200), S.-130. 470 Liber (wie Anm. 25), S. 254. - Viele der noch vorgesehenen Bauarbeiten sind schließlich nicht realisiert worden. So wie der Pilgerführer die Kathedrale beschreibt, hat sie also tatsächlich nie ausgesehen. Vgl. G O N ZÁ L E Z V Á Z Q U E Z , Lugar de culto (wie Anm. 59), S.-179. 471 Vgl. S I N G U L , Historia cultural (wie Anm.-6), S.-199. zu bestätigen 468 . Gleiches gilt, wie der Gebrauch der coniugatio periphrastica mit Partizip Futur Aktiv in folgendem Satz deutlich markiert, für die neun Türme der Basilika: Novem vero turres in eadem ecclesia habiture sunt 469 . Erstmals an dieser Verbkonstruktion, die sonst an keiner Stelle in der descriptio urbis vorkommt, wird offenbar, dass der Autor eine zukünftige Endgestalt der Kathedrale vor Augen stellt. Dabei hat er zuvor schon ihren gesamten Aufbau und ihr äußeres Erscheinungsbild genauestens beschrieben. Ehe er anschließend in den Kircheninnenraum zur Aufzählung der dreizehn Nebenaltäre übergeht, stellt er daher rückblickend noch einmal klar: Sed ex his que diximus alia sunt iam omnino adimpleta, aliaque adimplenda 470 . Aufgrund seines spezifischen ‚Insiderwissens‘ vermutet man, dass er Zugang zu den Bauplänen der Basilika hatte und sich insofern wohl - zumindest zeitweise - im Umkreis von Erzbischof Diego Gelmírez aufhielt 471 . Das beschriebene Muster linker Kreisbewegungen mit festem Ausgangs- und zum Teil auch Endpunkt im Osten, welches, wie gezeigt, die nach innen zulau‐ fende Stadtdarstellung - von jenseits der Mauern bis zur Basilika - maßgeblich strukturiert, ist hier nicht mehr wirksam; an dessen Stelle treten andere unaus‐ gesprochene Ordnungsregeln. Insbesondere in der einleitenden Gesamtschau der Jakobskirche handelt der Verfasser die genannten Elementgruppen sehr systematisch eine nach der anderen ab - vielfach in jeweils eigenen Unterkapi‐ teln („De fenestris“, „De portallulis“, „De turribus basilice“, „De altaribus basilice“ etc.) - und richtet den Blick dabei mit strenger Regelmäßigkeit (1.) immer erst auf den unteren Bereich der Basilika, dann auf die Emporen, (2.) immer erst 2.4 Ekphrasis, persönliche Perspektive und Rundgang-Illusion 147 <?page no="148"?> 472 Liber (wie Anm.-25), S.-251-254. 473 Liber (wie Anm. 25), S. 252. - Mit dem Übergang von Unpersönlich zu Persönlich, der als rein perspektivischer Effekt verstanden sei, geht nicht zugleich ein Wechsel von Objektiv zu Subjektiv einher. Der Autor verfährt auch weiterhin mit nüchterner Sachlichkeit und streut keine subjektiven Werturteile ein, jedenfalls keine, die über ein topisches Lob von Schönheit und künstlerischer Gestaltung des Bauwerks hinausgin‐ gen. 474 Liber (wie Anm.-25), S.-252-255. 475 Liber (wie Anm. 25), S. 252. - Streng genommen lässt sich allein aus dieser Textstelle nicht zwingend schließen, dass der Verfasser tatsächlich aus Frankreich stammt. Die Herkunftsbezeichnung Gallicus könnte auch der ‚Autorfiktion‘ geschuldet sein: Papst Calixt II., der angebliche Ko-Autor des Kapitels über Compostela und die Basilika des hl. Jakobus, hatte französische Wurzeln; vor seinem Pontifikat hieß er Guido von Burgund und war Erzbischof von Vienne in der Dauphiné. Vgl. L O U I S , Aimeri Picaud (wie Anm.-313), S.-81, Anm.-1. 476 Liber (wie Anm.-25), S.-252f. auf das Langhaus, dann auf das Querhaus und schließlich (3.) immer erst auf die rechte Seite, dann auf die linke 472 . Sodann, erstmals im Unterkapitel über den Brunnen des hl. Jakobus, wird auch eine persönliche Perspektive manifest, die ihre eigene Ordnungslogik mit sich bringt 473 . Bezeichnenderweise streut der Autor auch erst von hier an immer wieder Ich-Verweise ein - teils ganz explizit (ego mensuravi), öfter aber rhetorisch verkleidet als pluralis modestiae (narrare non possumus, tractavimus, diximus etc.) - und tendiert zum Gebrauch eines inklusiven Wir, das sich auf ihn selbst und seine Landsleute, französische Jakobspilger, bezieht 474 . So wendet er sich gleich im ersten Satz des besagten Unterkapitels ausdrücklich an nos, gens gallica 475 . Zuvor, und zwar nicht bloß in der descriptio urbis, sondern im gesamten Pilgerführer, spricht er von gens gallica oder peregrini ausschließlich in der dritten Person oder rekurriert auf Mittel des unpersönlichen Ausdrucks wie Indefinitpronomina und passivische Verbkonstruktionen. Hier aber scheint er sich mit ihnen zu identifizieren, als einer von ihnen, und nimmt sie gleichsam mit auf einen Rundgang um und durch die Basilika des hl. Jakobus. Forciert wird dieser Eindruck - diese Rundgang-Illusion - durch Verben der Bewegung, teils in der inklusiven ersten Person Plural (intramus, ingredi volumus), teils in unpersönlichen Formen, mehr noch aber durch zahlreiche, meist dicht aufeinanderfolgende Präpositionalphrasen, die eine Fortbewegung im Raum anzeigen: ultra viam, in fine […] graduum eiusdem paradisi, post fontem, post paradisum etc. 476 Doch auch das gehäuft (achtmal) verwendete inde etwa in der parallelistisch strukturierten Aufzählung der zehn Nebenaltäre im Altarumgang und in den beiden Querhausarmen erreicht eine ähnliche Wirkung; es suggeriert ebenfalls eine Sukzession von Station zu Station und 148 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="149"?> 477 Liber (wie Anm.-25), S.-254, H. d. V. 478 Nicht zu verwechseln mit dem oben genannten gleichnamigen Stadttor. Das Nordportal der Basilika wurde im 18. Jahrhundert abgerissen und durch ein anderes ersetzt. Wie das Nordportal ursprünglich aussah, lässt das Südportal - die Porta das Praterías - erahnen, zu dem es analog gestaltet war. 479 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 252 - Die Aufzählung der portalluli beginnt mit dem Portal der hl. Maria (de Sancta Maria), zwischen der Nikolaus- und der Heiligkreuzkapelle, wiederum nahe bei der Porta Francigena. Vgl. Pilgerführer (wie Anm. 200), S. 120f., Anm.-zu Z. 10f. 480 Novem vero turres in eadem ecclesia habiture sunt, due scilicet super portalem fontis [„das Portal mit dem Brunnen“ = das Nordportal] et due super portalem meridianum, et due super portalem occidentalem, et due super singulas vites, et alia maior super crucem in medio basilice. Liber (wie Anm. 25), S. 254. Der nach innen strebenden Klimax-Bewegung entsprechend steht der große Mittelturm über der Vierung am Schluss der Aufzählung. lässt das räumliche Nebeneinander der Altäre hervortreten, das hier neben der fortgesetzten zentripetalen Grundbewegung - die weiter innen liegenden Altäre der hl. Maria Magdalena (in der Apsis der Capela Maior) und des hl. Jakobus (in der Capela Maior) werden als letzte genannt! - strukturgebend wirkt: in primis iuxta Portam Francigenam que est in sinistrali parte, est altare sancti Nicholai, inde est altare sancte Crucis, inde est, in corona scilicet, altare sancte Fidis virginis, inde altare sancti Iohannis apostoli et evangeliste, fratris sancti Iacobi, inde est altare sancti Salvatoris in maiori scilicet capite, inde est altare sancti Petri apostoli, inde est altare sancti Andree, inde est altare sancti Martini episcopi, inde est altare sancti Iohannis Baptiste. Inter altare sancti Iacobi et altare sancti Salvatoris est altare sancte Marie Magdalene, ubi decantantur misse matutinales peregrinis 477 . Immer wieder ist die Reihenfolge der Elemente im Text - wie hier - an Bewegungen orientiert, die vor Ort, im realen Raum, auch in sinnvoller Weise nachvollzogen werden können; maßgeblich ist ihre relative Lage zueinander. Den Ausgangspunkt dabei bildet stets - wie hier (mit dem Altar des hl. Nikolaus iuxta Portam Francigenam que est in sinistrali parte) - die Porta Francigena, das Nordportal, durch das, wie der Name verrät, Franci, d. h. Fremde von jenseits der Pyrenäen, die Basilika gewöhnlich betraten 478 . Erstmals lässt sich dieses Muster bei den sieben Nebenportalen beobachten 479 , es wiederholt sich beim Paradies, bei den drei Hauptportalen und den neun Türmen 480 sowie bei den zehn Nebenaltären. In den Passagen über das Paradies und den Brunnen des hl. Jakobus kommen alle genannten Elemente zusammen, die zur Illusion einer persönlichen Bege‐ hung beitragen (Ich-/ Wir-Verweise, Fortbewegung indizierende Verben und 2.4 Ekphrasis, persönliche Perspektive und Rundgang-Illusion 149 <?page no="150"?> 481 Liber (wie Anm.-25), S.-252. 482 Liber (wie Anm. 25), S. 253. - Das im Pilgerführer so genannte Hospital der armen Pilger des hl. Jakobus ist in der Literatur besser bekannt als Hospital de Santiago Alfeo oder auch da Acibechería. 483 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-253f. 484 Liber (wie Anm. 25), S. 253, H. d. V. - Das Südportal, die Porta das Praterías, ist als einziges Hauptportal der Kathedrale noch heute im ursprünglichen romanischen Zustand konserviert. Präpositionalphrasen, Orientierung an praktisch gebotenen Bewegungen etc.); zur Illustration seien nur die ersten Zeilen wiedergegeben: Cum nos, gens gallica, apostolicam basilicam ingredi volumus, per partem septemtrio‐ nalem intramus; ante cuius introitum est, iuxta viam, hospitale pauperum peregrinorum sancti Iacobi et inde habetur, ultra viam scilicet, quidam paradisus, ubi sunt gradus descensionis novem. In fine vero graduum eiusdem paradisi, fons mirabilis habetur cui similis in toto mundo non invenitur 481 . Der Blick nimmt seinen Ausgang - auch hier - vor dem Nordportal, kreuzt die Via Francigena, vorbei am Hospital der armen Pilger des hl. Jakobus, und erreicht das Paradies, konzentriert sich hier, am Fuße einer neunstufigen Treppe, zunächst auf den herrlichen Brunnen des hl. Jakobus, weitet sich dann - im nächsten Unterkapitel - auf das Paradies als Ganzes und kehrt am Ende wieder zum Nordportal zurück: Post paradisum namque illum, septemtrionalis Porta Francigena eiusdem basilice Sancti Iacobi invenitur 482 . Mit diesem Satz - rein inhaltlich eine redundante Wiederholung, der insofern allein die rhetorische Funktion zukommen kann, die Rückkehr zum Ausgangspunkt explizit zu ma‐ chen und somit die Rundgang-Illusion fortzusetzen - leitet der Verfasser zur Beschreibung der Hauptportale über, bei der abermals die Porta Francigena an erster Stelle steht; es folgen das Südportal und, als Klimax, das (in Wahrheit noch unvollendete) Westportal, das, wie es ausdrücklich heißt, die anderen beiden an Schönheit, Größe und künstlerischer Gestaltung noch übertreffe 483 . Mehrfach fällt dabei der anaphorische Gebrauch des Deiktikums ibi auf, so etwa beim Südportal (Abb. 2): In dextrali vero introitu eius, deforis scilicet, in primo ordine super portas, dominica tradicio miro modo sculpitur; ibi Dominus ligatur manibus Iudeorum ad pilarem; ibi verberatur corrigiis; ibi sedet Pilatus in cathedra, quasi iudicans eum 484 . Ohne situativen Kontext - ohne das Portal vor Augen zu haben und ohne die Hand eines Ortskundigen - laufen die so insinuierten Zeigegesten für den Leser bzw. Hörer semantisch zwar eigentlich ‚ins Leere‘, doch als gezielt eingesetztes rhetorisches Mittel unterstützen sie wiederum die Illusion einer persönlichen Besichtigung. Es scheint, als ob der 150 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="151"?> Sprecher um die Basilika führen und mit Fingerzeigen die Ikonographie der drei Hauptportale kommentieren würde. Abb. 2: Porta das Praterías. Das romanische Südportal der Kathedrale von Santiago de Compostela. Im Ganzen lässt sich festhalten, dass im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi eine sehr genaue und anschauliche Beschreibung - oder Ekphrasis - der Jakobsbasilika vorliegt, in der sich ein impliziter Übergang vollzieht von einer globalen, unpersönlichen Blickführung, orientiert an abstrakten Ordnungsre‐ geln, hin zu einer eher persönlichen, die in situ praktisch gebotene Bewegungen nachzeichnet und so eine Rundgang-Illusion erzeugt, die noch verstärkt wird durch Progression anzeigende Verben und Präpositionalphrasen. Wo diese persönliche Perspektive wirksam ist, werden Raumelemente konsequent in der Reihenfolge behandelt, wie sie im realen Raum auch (ohne unnötige Umwege) ‚abgelaufen‘ werden können - ihre relative Nähe zueinander gibt folglich die Ordnung vor -, wobei das Nordportal als traditioneller Sammelplatz für neu ankommende Pilger stets den festen Ausgangspunkt bildet. 2.4 Ekphrasis, persönliche Perspektive und Rundgang-Illusion 151 <?page no="152"?> 485 Das Aufkeimen ‚wissenschaftlicher‘ curiositas - d. h. einer autonomen Neugierde für die Dinge als solche - sei nach Blumenberg ein wesentliches Merkmal der Frühen Neuzeit. Für die mittelalterliche Geisteshaltung wäre sie ungewöhnlich. Vgl. Hans B L U M E N B E R G , Der Prozeß der theoretischen Neugierde, in: D E R S ., Die Legitimität der Neuzeit, Frankfurt a.-M. 2 1996, S.-263-528. 486 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-251-254; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm.-10), S.-45. 487 Liber (wie Anm.-25), S.-252. 2.5 Ästhetische Perfektion und Heiligkeit Selbstverständlich genügt die Kirchenekphrasis im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi keinem rein ästhetischen Selbstzweck. Dies anzunehmen, wäre nicht bloß geistesgeschichtlich anachronistisch 485 , auch finden sich im Text selbst Indizien, die in eine andere Richtung weisen. Ziel ist zweifellos die Glorifizierung des locus sanctus. Wird dieser zunächst, durch verschiedene Darstellungsmittel (vor allem durch seine mehrfache Zentralsetzung, die klimaktische Sukzession nach innen, seine quantitative Übergewichtung und die zur Mitte hin zunehmende Detaildichte) zum absoluten Kulminationspunkt der Stadt gestaltet, so veran‐ schaulichen die eher nüchternen, zahlenlastigen Ausführungen zu Aufbau und Beschaffenheit des Gebäudes implizit, aber doch wirkungsvoll seine ungetrübte Schönheit: Die Maßangaben etwa offenbaren seine harmonischen Proportionen und seine unfassbare Größe; die genaue Verortung der Schiffe, Pfeiler, Säulen, Fenster, Türme und Altäre im Kreuzgrundriss belegt seine gleichmäßige, streng symmetrische Gestaltung; die eingehende Beschreibung der drei aufwendig gearbeiteten Hauptportale lässt seine handwerklich-künstlerische Vollendung und seinen Reichtum an Ornamenten hervortreten etc. 486 So lautet denn auch das Gesamturteil des Verfassers am Ende des Unterkapitels über die Maße der Kirche durchweg lobend: In eadem vero ecclesia nulla scissura, vel corrupcio invenitur: mirabiliter operatur, magna, spaciosa, clara, magnitudine condecenti, latitudine, longitudine et altitudine congruenti, miro et ineffabili opere habetur, que etiam dupliciter velut regale palacium operatur. Qui enim sursum per naves palacii vadit, si tristis ascendit, visa obtima pulcritudine eiusdem templi, letus et gavisus efecitur 487 . Makellos, groß und geräumig, hell, von stimmigen Maßen, herrlich wie ein Königspalast - gesteigert wird der Eindruck dieser obtima pulcritudo noch rhetorisch durch den wiederholten Gebrauch topischer Unbeschreiblichkeits- und Unvergleichlichkeitsbehauptungen: Die christlichen Figurendarstellungen auf dem Westportal beispielsweise seien so reich und mannigfaltig, dass die Sprache an ihrer Beschreibung versage; mit Worten lasse sich dieses Wunder‐ werk nicht fassen: Cuius opera tanta sunt, quia a nobis narracionibus comprehendi 152 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="153"?> 488 Liber (wie Anm. 25), S. 254. Vgl. M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm. 9), S. 171 (obwohl an dieser Stelle ein Fehler vorliegt: Márquez Villanueva nimmt an, bei dem prachtvollen Westportal handele es sich um den noch heute erhaltenen Pórtico da Gloria, der tatsächlich jedoch erst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts erbaut wurde und das alte, im Pilgerführer beschriebene Westportal, das wohl nie fertiggestellt worden war, ersetzte; vgl. Anm.-467). 489 Liber (wie Anm.-25), S.-253. 490 Liber (wie Anm.-25), S.-252. 491 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 251. - „Sakralraum ist meßbar nach Humanmaßen und gleichzeitig unermeßlich“, schließt H A S S A U E R , Santiago, S.-110f., aus dieser Textstelle. 492 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 251f.: In maiori navi, triginta unus minus pilares habentur, quatuordecim ad dexteram, totidemque ad levam, et unus est inter duos portallos deintus, adversus aquilonem, qui ciborios separat. In navibus vero crucis eiusdem ecclesie, a Porta videlicet Francigena usque ad meridianam, viginti et sex habentur pilares, duodecim ad dexteram, totidemque ad levam, quorum duo ante valvas intus positi, ciborios separant et portallos. […] Quot sunt pilares inferius in ecclesia, tot sunt superius in navibus; et quot cingula inferius, tot sunt in palacio superius; sed in navibus palacii inter pilares singulos, due simul columpne semper sunt, que vocantur columpne cindrie a lapicidibus. nequeunt 488 . Analog dazu seien auch auf dem Nordportal - rings um die darauf abgebildeten Szenen aus der Genesis - zahlreiche imagines von Menschen, Engeln, Tieren und Blumen zu bewundern, quarum essenciam et qualitatem pre magnitudine sua narrare non possumus 489 . Und der wunderschöne, dem Apostel geweihte Brunnen unten an der Treppe zum Paradies, jenseits der Via Franci‐ gena, sei eine Sehenswürdigkeit, cui similis in toto mundo non invenitur 490 . Auch der oben zitierte Hinweis, niemand könne ermessen, wie viel die Außenmaße der Basilika betrügen, zielt gewiss in dieselbe Richtung, bringt er doch ihre - im Wortsinn - unfassbare Größe zum Ausdruck 491 . Darüber hinaus wird die Absicht der Stilisierung zu ästhetischer Perfektion, zu obtima pulcritudo, auch an der Auswahl und Deutung des Dargestellten - an der Hervorhebung oder gar Konstruktion von Analogien und Regelmäßigkeiten wie an der Aussparung von Unregelmäßigkeiten - manifest. Mit Blick auf den Kirchengrundriss versucht der Autor sehr systematisch, den im vorigen Kapitel erwiesenen impliziten Ordnungsregeln folgend, die streng gleichmäßige Verteilung sämtlicher Raumelemente nachzuweisen. So zeigt er beispielsweise auf, dass sich von den 29 Pfeilern im Langhaus 14 rechts, 14 links und einer mittig beim Westportal befinden, von den 26 im Querhaus in korrespondierender Weise zwölf rechts, zwölf links und jeweils einer bei den beiden Portalen und dass die Pfeiler im unteren Bereich in Gesamtzahl und Verteilung mit denen auf den Emporen übereinstimmen 492 . Ähnlich verfährt er - um nur ein weiteres Beispiel zu nennen - bei den Portalen: Das Nordportal etwa besitze zwei Eingänge, beide jeweils mit sechs Säulen, dreien rechts und dreien links; davor befänden sich zwei Löwenstatuen, eine rechts, die andere links; ferner seien dort vier 2.5 Ästhetische Perfektion und Heiligkeit 153 <?page no="154"?> 493 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 253: In unoquoque introitu exterius sex habentur columpne, alie marmoree, alie lapidee; ad dexteram tres et ad levam tres, sex scilicet in uno introitu, et sex in alio. Itaque duodecim habentur columpne. Super vero columpnam que est inter duos portales deforis in pariete, residet Dominus in sede maiestatis et manu dextera benedictionem inuit et in sinistra librum tenet. Et in circuito troni eius sunt quatuor evangeliste quasi tronum sustinentes, et ad dexteram eius, paradisus est insculptus in quo ipse Dominus est in alia effigie, Adam et Evam corripiens de peccato; et ad levam est similiter in alia persona, eiciens eos a Paradiso. […] Duo vero leones magni et feroces forinsecus in parietibus habentur, qui valvas quasi observantes semper respiciunt, unus ad dexteram et alius ad levam. In liminaribus vero sursum quatuor apostoli habentur, manibus sinistris libros singuli singulos tenentes, et dextris manibus elevatis introeuntibus basilicam innuunt benedictionem. Petrus est in introitu sinistrali ad dexteram, Paulus ad levam, et in dextrali introitu Iohannes apostolus ad dexteram, et beatus Iacobus ad levam. 494 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-253. 495 Liber (wie Anm.-25), S.-253. Apostel - nämlich Petrus, Paulus, Johannes und Jakobus - abgebildet, jeweils zwei über den innersten Gewändepfeilern an beiden Eingängen, einer rechts, der andere links, jeder von ihnen - in analoger Gestaltung - mit einem Buch in der Linken und die Rechte zur Segensgeste erhoben; über der Mittelsäule seien der Herr (gleichfalls mit Buch und Segensgeste) und die vier Evangelisten dargestellt sowie zu beiden Seiten jeweils eine Bibelszene 493 . Symmetrie und Ausgewogenheit sind die Prinzipien, nach denen die herrliche Basilika errichtet wurde, und dem Verfasser des Pilgerführers ist sichtlich daran gelegen, dies zu betonen, nicht nur durch explizites Lob, sondern auch durch eine sehr anschauliche, auf geistige Visualisierung zielende Beschreibung. Ein Vergleich der Ikonographie des (1757/ 1758 abgerissenen) Nordportales mit derjenigen des im Querhaus gegenüberliegenden (noch heute erhaltenen) Südportales lässt zudem verschiedene gestalterische Parallelen zutage treten: so etwa die in beiden Fällen erwähnten Löwenstatuen oder die vollkommen übereinstimmende symmetrische Verteilung der Stein- und Marmorsäulen 494 . Größtenteils dürfte es sich dabei um eine zuverlässige Beschreibung der realen Gestaltungsweise handeln, denn Nord- und Südportal waren nach allem, was man weiß, in der Tat analog zueinander konzipiert; doch zumindest die Deutung bestimmter Figurendarstellungen als Apostel stellt wohl eine - bewusste oder irrtümlich-unbewusste - Analogisierung, eine konstruierte Entsprechung dar. Wie beim Nordportal, so seien dem Verfasser zufolge auch beim Südportal über den innersten Gewändepfeilern (in liminaribus) beider Eingänge die vier Apostel Petrus, Paulus, Johannes und Jakobus abgebildet 495 . Hierzu wendet Herbers jedoch Folgendes ein: „Es ist fraglich, ob alle vier Personen mit Apostelgestalten identifiziert werden können, nur der hl. Andreas ist sicher zu erkennen, daneben wohl Moses, ein Bischof und eine Frau“ 496 . Hat sich der Autor an dieser Stelle 154 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="155"?> 496 Pilgerführer (wie Anm.-200), S.-126f., Anm.-zu Z. 15f. 497 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 252. - Nur über das Portal der Grammatikschule heißt es, dass es zum Palast des Erzbischofs Zutritt gewähre, was implizit einen Hinweis auf seine Lage gibt. 498 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-254. 499 Vgl. S I N G U L , Historia cultural (wie Anm.-6), S.-199. 500 Liber (wie Anm.-25), S.-252. vertan oder wollte er mit Vorsatz und wider besseres Wissen eine Analogie zum Nordportal herstellen? Eine gezielte Aussparung von Gestaltungsmerkmalen, die unregelmäßig oder unvollkommen erscheinen, könnte bei den sieben Nebenportalen vorliegen: Sie werden in einem eigenen Unterkapitel sämtlich mit Namen aufgezählt, doch im Unterschied zu allen anderen Elementgruppen - den Schiffen, den Pfeilern und Säulen, den Fenstern, den Hauptportalen, den Türmen und den Nebenaltären - werden sie innerhalb des Gebäudes nicht lokalisiert 497 . Ein Blick auf den Kirchengrundriss lässt vermuten, dass der Autor auf genauere Angaben hierzu bewusst verzichtet, weil sie der stilisierten Vorstellung abträglich wären, die er von der Jakobsbasilika zu vermitteln sucht: Die eher ungleichmäßige, fast zufällig wirkende Verteilung der Nebenportale verträgt sich wohl nicht mit dem Idealbild eines vollkommenen Bauwerks, in dem alles symmetrisch austariert und harmonisch aufeinander abgestimmt ist. Das ästhetisch Imperfekte wird folglich, so scheint es hier jedenfalls, selektiv ausgeblendet; nur das, was die vollendete Schönheit, die regelhafte Gestaltung, die Ausgewogenheit der Basi‐ lika zu veranschaulichen hilft, wird genauestens beschrieben. Dem entspricht im Grunde auch schon die im vorigen Kapitel erwähnte Tatsache, dass der Pilgerführer nicht ihren faktischen Bauzustand zum Zeitpunkt der Textgenese wiedergibt, sondern die - wiewohl explizit offengelegte - Illusion erzeugt, die Kirche, ihre neun Türme, ihr herrliches Westportal seien bereits fertiggestellt 498 . Eine wirklichkeitsgetreue Beschreibung müsste sie als ein noch unfertiges, im Bau befindliches Gebäude darstellen, würde mithin ein unvollkommenes Bild von ihr vermitteln und ist deshalb, vermutlich unter Zuhilfenahme der Baupläne, bewusst umgangen worden 499 . Aus der gleichen Erwägung wird vielleicht auch das Paradies nur so spärlich umrissen als Ort, in quo crusille piscium id est intersigna beati Iacobi venduntur peregrinis, et butti vinarii, sotulares, pere cervine, marsupia, corrigie, cingule et omne genus erbarum medicinalium, et cetera pigmenta, et alia multa ibi ab vendendum habentur. Paradisus vero ille tantus est, quantum iactus est lapidis in utraque parte 500 . 2.5 Ästhetische Perfektion und Heiligkeit 155 <?page no="156"?> 501 Dies ist in der gesamten descriptio urbis auch der erste und einzige Hinweis auf menschliches Leben; davon abgesehen erscheint der Stadtraum unbelebt und statisch. 502 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-252. 503 Vgl. W E B E R , Städte und Gastlichkeit (wie Anm.-415), S.-115f. 504 Liber (wie Anm.-25), S.-252. 505 Vgl. S E N N E T T , The Conscience (wie Anm. 279), insb. S. 20-33. Vgl. auch R U S S O , Projekt Stadt (wie Anm.-284), S.-29. Einem Markt nicht unähnlich, auf dem ein reges, ungeordnetes Treiben von Händlern und Pilgern herrschte 501 , steht der Vorhof nicht bloß der auf Ordnung und Vollkommenheit zielenden Darstellungsrichtung entgegen, sondern bringt obendrein ein profanes Element in die Beschreibung der sakralen Stätte ein, und so belässt es der Autor bei dem knappen praktischen Hinweis auf die hier zu erwerbenden Waren - allein dem Brunnen des hl. Jakobus widmet er eingehendere Worte 502 . Diese Aussparung verwundert auch deshalb kaum, weil der geistliche Autor - wie in Kapitel 2.2.2 und 2.3 (Anm. 454) erläutert - gegen mercatores und überhaupt gegen verschiedene stadttypische Gruppen (Wirte, Geldwechsler, Ärzte etc.) eine tiefe Abneigung zu hegen scheint und sie durchweg mit Betrug und Frevel assoziiert 503 - nur verständlich daher, dass er ihnen nicht ein Wort mehr einräumt als praktisch unbedingt geboten. In der Kirchenekphrasis sind - so viel lässt sich an dieser Stelle schon festhalten - verschiedene Darstellungsmittel wirksam, die offenbaren, dass es dem Verfasser bei aller Wirklichkeitstreue doch nicht zuerst um Wirklichkeits‐ treue, sondern um den Nachweis ästhetischer Perfektion geht. Dazu zählen die ständigen Bemühungen, die gleichmäßige Verteilung der Raumelemente und Entsprechungen in der baulichen und künstlerischen Gestaltung des Gebäudes hervorzuheben, außerdem die vereinzelt auftretenden Ineffabilitätstopoi sowie leichtere ‚Retuschen‘ insbesondere durch Aussparung von Unregelmäßigkeiten. Diese Ästhetik der Vollkommenheit und Regelmäßigkeit, die durchaus der realen Beschaffenheit des Bauwerks entspricht, hier aber durch die genannten Verfahren noch forciert, ja verabsolutiert wird (nichts Unvollkommenes oder Unregelmäßiges kommt zur Darstellung: nulla scissura, vel corrupcio, nur obtima pulcritudo! ), ist ihrerseits wiederum funktional 504 . Denn die Bauherren des Mit‐ telalters haben die Kirche einer Stadt - so beschreibt es Richard Sennett (siehe Kapitel 1.4) - bewusst als einen Raum regelhafter Ordnung und kunstvoller Gestaltung konzipiert, um sie von der planlos wuchernden Wirrnis des profanen ‚Außen‘ zu scheiden und so, durch diese strukturelle Diskontinuität, ihre Heilig‐ keit sichtbar zu machen 505 . Sakralität und Ordnung/ Vollkommenheit, Profanität und Chaos/ Unvollkommenheit waren demnach im zeitgenössischen Denken eng miteinander assoziiert. Dies lässt die Annahme plausibel erscheinen, dass 156 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="157"?> 506 Liber (wie Anm.-25), S.-254f. 507 Liber (wie Anm.-25), S.-255. 508 Liber (wie Anm. 25), S. 255. - Die übrige Beschreibung der silbernen Vorsatztafel und des Ziboriums, die ich an dieser Stelle nicht wiedergebe, beschränkt sich auf ihre Ikonographie und Inschriften. 509 Liber (wie Anm.-25), S.-254f. die Gestaltung der Basilika im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi auch und insbesondere deshalb so emphatisch vor Augen gestellt und zusätzlich unter Rekurs auf verschiedene Darstellungsmittel zu Perfektion stilisiert wird, weil eben darin ihre Heiligkeit zu sinnlicher Anschauung gelangt. Am Hochaltar - der innersten Mitte der Stadt, in der der Text mit seiner zentripetalen Grundbewegung und seiner kontinuierlich zunehmenden Detail‐ dichte schließlich seinen End- und Höhepunkt erreicht - ist diese auf Vollkom‐ menheit und Regelmäßigkeit zielende Darstellungsrichtung weiterhin und noch verstärkt erkennbar: In prefata siquidem venerabili basilica, beati Iacobi corpus venerandum sub altari maiori quod sub eius honore fabricatur honorifice, ut fertur, iacet, arca marmorea reconditum, in obtimo arcuato sepulcro, quod miro opere ac magnitudine condecenti operatur. […] Apostolicum […] corpus totum ibi habetur, carbunculis paradisiacis divinitus illustratur, odoribus divinis indeficientibus fraglantibus honestatur, cereisque celestibus fulgentibus decoratur, angelicisque obsequiis sedule honoratur 506 . Über die Vorsatztafel des Altars, operibus decens et obtima, heißt es zudem: honorifice auro et argento operatur 507 , und über das Ziborium (Abb. 3): Cimborius vero qui hoc altare venerandum cooperit, mirabiliter picturis et debuxaturis spe‐ ciebusque diversis deintus et deforis operatur. Est enim quadratus, super quattuor columpnas positus, altitudine et amplitudine congruenti factus 508 . Alles erscheint stimmig (decens, condecens, congruens) und wunderbar gearbeitet (miro opere), nur wertvolles Material (Marmor, Edelsteine, Gold, Silber) bietet sich dem Auge dar, kein Makel trübt den erhabenen Anblick - und potenziert wird der so auch hier wiederum erzeugte Eindruck ästhetischer Perfektion noch durch die auffallend gehäufte Verwendung von Adjektiven, die sich einer semantischen Isotopie der Herrlichkeit zuordnen lassen: venerabilis, honorificus, obtimus, mirus, paradisiacus, divinus, celestis, angelicus, mirabilis etc. 509 2.5 Ästhetische Perfektion und Heiligkeit 157 <?page no="158"?> 510 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 254f. - Die Heiligkeit des Ortes, eine transzendent-im‐ materielle Qualität, wird paradoxerweise gerade durch dessen sinnlich-materielle Beschaffenheit erfahrbar, durch Gegenstände der profanen Welt, durch als wertvoll Abb. 3: Romanisches Ziborium der Kathedrale von Santiago de Compostela. Rekonstruk‐ tion nach der Beschreibung im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi. Der Pilgerführer schreibt dem Inneren der Apostelkrypta überdies eine beson‐ dere sinnliche Qualität zu. Ergibt sich die vollendete Schönheit der Basilika zunächst aus dem harmonischen Zusammenspiel und der planvollen Gliederung ihrer baulichen Bestandteile, so konzentrieren sich hier - zusätzlich, als Steige‐ rung - verschiedene Sinnesreize, die aus sich selbst heraus schön und angenehm wirken und eine erhabene Stimmung erzeugen: das Lichtspiel von Rubinsteinen, heller Kerzenschein, göttlicher Wohlgeruch, Gold und Silber an der Vorsatztafel des Altars und dem Ziborium 510 . Bezeichnenderweise wird hier mit den odores 158 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="159"?> geltende Stoffe und deren Hervorbringungen: Gold und Silber, Marmor, das Lichtspiel der Edelsteine, Wohlgeruch, Kerzenschein. Schon E L I A D E , Le sacré (wie Anm. 65), S. 17f., weist auf den widersprüchlichen Charakter einer jeden Hierophanie hin: Sakrales offenbart sich im Profanen. Siehe Kapitel 1.4. 511 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-254. 512 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-255f. 513 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-242f., 246. 514 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-250. 515 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-244-247. 516 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-241f., 244-246, 249f. divini zum ersten und einzigen Mal in der gesamten descriptio urbis auch ein Element genannt, das einen anderen Sinneskanal adressiert als das Auge 511 . Dies entspricht ganz der übergeordneten und hier kulminierenden Tendenz einer Intensivierung der Beschreibung nach innen: Die Sinne scheinen sich in dieser heiligsten Mitte maximal zu öffnen und alles genau wahrzunehmen. Noch verstärkt zeigt sich dies anschließend auch an der sehr präzisen Beschrei‐ bung der silbernen Vorsatztafel und des Ziboriums, insbesondere der darauf abgebildeten biblischen Figurendarstellungen, sowie der drei Altarlampen 512 . Die Nähe der Apostelreliquien manifestiert sich mithin - so jedenfalls der durch die erhöhte Detaildichte und die Ausdehnung auf den olfaktorischen Bereich erzeugte Eindruck - in gesteigerter Sinneswahrnehmung. Ein Blick zurück in Kapitel 8 des Führers lässt erkennen, dass sich die hier auftretenden Raummerkmale auch an den Grabesorten anderer Heiliger wieder‐ finden. Gold, Silber und Edelsteine zieren nicht nur die Krypta des hl. Jakobus, sondern auch jene des hl. Aegidius (St-Gilles), des hl. Martin (Tours) oder des hl. Hilarius (Poitiers) 513 . Wohlgeruch steigt auch aus dem Grab der Karlskrieger Oliver, Gondebold, Ogier, Arastagnus und Garinus (Belin) empor 514 . Und ein topisches Lob der handwerklichen Schönheit der Kirche oder des Grabes findet sich auch bei den Heiligen Tiberius, Modestus, Florentia (alle drei St-Thibéry), Fides (Conques), Maria Magdalena (Vézelay), Fronto (Périgueux) und Eutropius (Saintes) 515 . Hinzu kommt - um noch eine häufig wiederkehrende Zuschreibung zu nennen -, dass sich bei den Gebeinen der Heiligen Genesius (Arles), Aegidius (St-Gilles), Fides (Conques), Maria Magdalena (Vézelay), Fronto (Périgueux), Martin (Tours), Hilarius (Poitiers), Johannes des Täufers (Angély), Eutropius (Saintes), Facundus und Primitivus (beide Sahagún) unzählbare Wunder zur Wohltat der Gläubigen zugetragen haben sollen 516 - so wie es anschließend an die descriptio urbis, in den letzten Zeilen von Kapitel 9, und an vielen 2.5 Ästhetische Perfektion und Heiligkeit 159 <?page no="160"?> 517 Verschiedene Passagen aus dem ersten und dem fünften Teil wie auch einige Mirakelerzählungen aus dem zweiten berichten von unzähligen Zeichen und Wundern, die sich in Compostela zur Wohltat der Gläubigen zugetragen haben sollen; hier werde Kranken und Notleidenden geholfen, und Sünder würden zu Tugend und Rechtschaffenheit bekehrt. Vgl. z. B. Liber (wie Anm. 25), S. 89, 256. Die meisten der im zweiten Teil versammelten 22 Wunder haben, wie erwähnt, nicht Compostela zum Schauplatz. Sie zeigen vielmehr, dass Jakobus nicht nur im Umkreis seiner Gebeine tätig ist, sondern überall dort, wo ihn ein frommer Christ um Hilfe anruft. Vgl. Anm.-393. 518 Liber (wie Anm.-25), S.-256. anderen Stellen des Liber Sancti Jacobi auch für die Jakobskirche in Compostela behauptet wird 517 : Que etiam ecclesia a tempore quo fuit incepta usque in hodiernum diem, fulgore miraculorum beati Iacobi vernatur, egris enim in ea salus prestatur, cecis visus refunditur, mutorum lingua solvitur, surdis auditus panditur, claudis sana ambulacio datur, demo‐ niacis liberacio conceditur, et quod maius est populorum fidelium preces exaudiuntur, vota suscipiuntur, delictorum vincula resolvuntur, pulsantibus celum aperitur, mestis consolacio datur, omnesque barbare gentes omnium mundi climatum catervatim ibi occurrunt, munera laudis Domino deferentes 518 . Aus dem Vergleich lässt sich schließen, dass wertvolle Stoffe (Gold, Silber, Edelsteine), Wohlgeruch, Schönheit und Wunderereignisse im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi keine distinktiven Besonderheiten des Jakobsgrabes zu Compostela, sondern typische Merkmale eines locus sanctus schlechthin darstellen. Im Umkehrschluss fungieren sie gleichsam als Indizien für den sakralen Status eines Ortes. Die finale Darstellung des Hauptaltars und der Krypta - in der innersten symbolischen Mitte der Stadt, auf die alles zuläuft - bildet die Klimax der descriptio urbis. Nicht nur gewinnt die Beschreibung hier an zusätzlicher Intensität - kein anderer Ort der Stadt wird so eingehend behandelt -, auch der fortwir‐ kende Eindruck vollkommener Schönheit wird hier noch einmal gesteigert, sprachlich durch eine dichte Isotopie der Herrlichkeit, in der Raumgestaltung durch neu hinzutretende Elemente wie Gold und Silber, Edelsteine, Kerzen‐ schein und Wohlgeruch, mit denen sich eine besondere Sinnlichkeit verbindet. Diese Gestaltungsweise wiederum, die an andere im Pilgerführer beschriebene Heiligengräber zurückdenken lässt, und überhaupt die hier ausgiebig entfaltete Ästhetik der Perfektion, die im mittelalterlichen Städtebau den Unterschied zum profanen Außenraum markiert, machen die Heiligkeit des Ortes sinnlich erfahrbar. 160 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="161"?> 519 Grundlegend zur Vorstellung vom Himmlischen Jerusalem vgl. Robert K O N R A D , Das himmlische und das irdische Jerusalem im christlichen Denken. Mystische Darstellung und geschichtliche Wirkung, in: Speculum Historiale. Geschichte im Spiegel von Geschichtsschreibung und Geschichtsdeutung. Festschrift für Johannes Spörl, hg. von Clemens B A U E R , Freiburg/ München 1965, S. 523-540; William R E A D E R , Die Stadt Gottes in der Johannesapokalypse [unv. Typoskript], Göttingen 1971; Christoph A U F F A R T H , Himmlisches und irdisches Jerusalem. Ein religionswissenschaftlicher Versuch zur ‚Kreuzzugseschatologie‘, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 1 (1993), S. 25-49; 2 (1993), S. 91-118; Peter K U R M A N N , Zur Vorstellung des Himmlischen Jerusalem und zu den eschatologischen Perspektiven in der Kunst des Mittelalters, in: Ende und Vollendung. Eschatologische Perspektiven im Mittelalter, hg. von Jan A. A E R T S E N / Martin P I C K A V É , Berlin 2002, S. 293-300; Claus B E R N E T , „Gebaute Apokalypse“. Die Utopie des Himmlischen Jerusalem in der Frühen Neuzeit, Mainz 2007; D E R S ., Das Himmlische Jerusalem im Mittelalter. Mikrohistorische Idealvorstellung und utopischer Umsetzungsversuch, in: Mediaevistik 20 (2007), S.-9-35. 520 Vgl. Manuel C. D Í A Z Y D Í A Z , Der Pilger im Mittelalter, in: Pilgerziele der Christenheit. Jerusalem - Rom - Santiago de Compostela, hg. von Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Stuttgart 2010, S. 39-56, hier S. 50f.; Julien R I E S , Pilgerreisen und ihre Symbolik, in: Pilgerziele der Christenheit. Jerusalem - Rom - Santiago de Compostela, hg. von Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Stuttgart 2010, S.-19-38, hier S.-36. 2.6 Anklänge an das Himmlische Jerusalem Der Verfasser der descriptio urbis im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi schrieb nicht voraussetzungslos; gebildet, wie er seinem geistlichen Stande gemäß war, werden ihm vielmehr - bewusst oder unbewusst - andere bekannte Stadtdarstellungen zum Vorbild gedient haben, so insbesondere die im christ‐ lichen Mittelalter äußerst wirkmächtige Vision des Himmlischen Jerusalem aus der Offenbarung des Johannes (Offb 21 und 22) 519 . Tatsächlich weisen seine Beschreibungen der Jakobsstadt und vor allem der Basilika einige bemer‐ kenswerte - teils deutliche, teils subtilere - Ähnlichkeiten und intertextuelle Bezüge zu diesem biblischen Prototyp einer urbs sacra auf. Dies entspricht ganz der bereits im vorigen Kapitel erwiesenen Darstellungsabsicht, Compostela einen Anschein vollkommener Heiligkeit zu verleihen. Vor allem kommt darin jedoch die allegorische Vorstellung zum Ausdruck, dass jede Pilgerfahrt zu einem Heiligtum gleichsam ein Abbild der menschlichen peregrinatio vitae darstellt, der großen Pilgerfahrt des Christen durch Fremde und Trostlosigkeit des Erdenlebens hin zu Erlösung und ewiger Glückseligkeit im Himmel, in der ersehnten Wohnstatt Gottes, die sich ikonographisch traditionell mit der Vorstellung der Gottesstadt aus der Johannesapokalypse verbindet 520 . In einer heilsgeschichtlich-zeitlichen Ausdeutung der irdischen Geographie lässt zudem die Randlage der Jakobsstadt im äußersten Westen der damals bekannten Welt die Verbindung zur Endzeitvision des Johannes sinnfällig erscheinen: Begreift 2.6 Anklänge an das Himmlische Jerusalem 161 <?page no="162"?> 521 Vgl. H A S S A U E R , Santiago (wie Anm. 2), S. 125f. - Zu den Parallelen zwischen dem Garten Eden und dem Inneren des Himmlischen Jerusalem vgl. Gen 2,8-14 und Offb 22,1-2: In beiden Fällen treten die Motive des Lebensbaums (im Zentrum) und eines den Garten bzw. die Stadt bewässernden großen Stroms auf. (In der Genesis ist jedoch - singularisch - nur von einem Lebensbaum die Rede, in der Apokalypse des Johannes - pluralisch - von mehreren.) Darüber hinaus verbindet beide Orte das Merkmal der unmittelbaren Gottespräsenz. Diese Paradiesmotivik findet sich auch in der Beschreibung der Heiligen Stadt im Buch Ezechiel (Ez 47,1-12), die Johannes zweifellos als wichtige Vorlage diente. Vgl. Jan A. du R A N D , The imagery of the heavenly Jerusalem (Revelation 21: 9-22: 5), in: Neotestamentica 22 (1988), S.-65-86, hier S.-78. 522 Liber (wie Anm.-25), S.-255. Vgl. Offb 4,2-7. 523 Liber (wie Anm.-25), S.-253. 524 Liber (wie Anm.-25), S.-255. das Christentum den Osten symbolisch als Anfang der Welt, als heilsgeschicht‐ liche Vergangenheit - dort befindet sich das Paradies, der Garten Eden -, so assoziiert es den Westen - Compostela - mit dem Ende der Welt, der Zukunft, letztlich mit dem kommenden Jerusalem, das - in deutlichem Rückgriff auf zentrale Motive der Genesis (2,8-14) - wiederum als Paradies konzipiert ist 521 . Unübersehbar verweisen in der Beschreibung der Jakobsbasilika die Figuren‐ darstellungen auf der genannten silbernen Vorsatztafel des Hochaltars - in Zahl und Anordnung völlig bibelgetreu - auf zentrale Akteure der Johannesof‐ fenbarung: der Herr in der Mitte auf einem majestätischen Thron und mit dem Buch des Lebens in seiner Linken, während er seine Rechte zur Segensgeste erhebt, um ihn herum die vierundzwanzig Ältesten, eo ordine quo beatus Iohannes, frater Sancti Iacobi, in Apocalipsi sua eos vidit, die vier Evangelisten in symbolischer Darstellung als Löwe, Stier, Mensch und Adler, einer in jeder Ecke, und die zwölf Apostel, zu beiden Seiten jeweils in Dreierreihen übereinander angeordnet, ein jeder von ihnen stehend unter einem Säulenbogen 522 . Einige dieser Figurendarstellungen finden sich schon in der Beschreibung des Nord‐ portales, in der gleichen Anordnung und teils sogar mit dem gleichen Wortlaut (was abermals die Neigung des Verfassers belegt, analogische Elemente in der künstlerisch-baulichen Gestaltung der Basilika durch Mittel der sprachlichen Darstellung - hier durch wörtliche Wiederholung - besonders hervorzuheben): Super vero columpnam que est inter duos portales deforis in pariete, residet Dominus in sede maiestatis et manu dextera benedictionem innuit et in sinistra librum tenet. Et in circuitu troni eius sunt quatuor evangeliste quasi tronum sustinentes 523 . Zum Vergleich die entsprechende Stelle aus dem Unterkapitel über die Silbertafel: In medio cuius residet Dominus, quasi in sede maiestatis, manu sinistra librum vite tenens et dextera benedictionem innuens. In circuitu vero troni eius, quattuor evangeliste habentur quasi tronum sustinentes 524 . 162 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="163"?> 525 Liber (wie Anm.-25), S.-255f. 526 Zur Autorschaft der Predigt „Veneranda dies“ vgl. Anm.-405 und 411. In korrespondierender Weise ist auch das Altardach gestaltet, auf dem mittig das Lamm Gottes thront und wiederum die vier Evangelisten und die zwölf Apostel sowie posaunenblasende Engel, Propheten und gynäkomorphe Tugend‐ allegorien abgebildet sind, wobei der hl. Jakobus hier, [i]n prima facie, besonders exponiert und in seiner Gestaltung interessanterweise mit den vorhergehenden Jesusdarstellungen parallelisiert ist: residet in medio, manu sinistra librum tenens et dextera benedictionem innuens 525 . Die Ikonographie des Hochaltars zeigt deutlich, welch zentrale Bedeutung der Apokalypse des Johannes damals im imaginaire des compostelanischen Jakobuskults zukam. Und ihre äußerst detailgenaue Wiedergabe im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi, zumal im Vergleich zur spärlichen Beschreibung des übrigen Stadtraums, bezeugt, wie sehr dem Verfasser daran gelegen sein musste, dem Rechnung zu tragen. Die Referenz auf die Gottesstadt bleibt in diesen Ekphraseis freilich vage, ja allenfalls implizit. Sieht man von der ikonographischen Detailgestaltung der Basilika ab und weitet den Blick auf die Stadt(darstellung) als Ganzes, so lassen sich einige interessante Parallelen zur Vision des Himmlischen Jerusalem in Offenbarungskapitel 21 und 22 erkennen, die vielleicht aber - diese Konzession sei hier schon vorweggenommen - nicht als intentionale Anspielung auf den biblischen Vorläufer überinterpretiert werden dürfen, sondern zum Teil eher durch gemeinsame Gattungskonventionen (der descriptio urbis) und allgemeine christliche Vorstellungen räumlicher Heiligkeitsmanifestation zu erklären sind. Eine völlig eindeutige Bezugnahme auf die Gottesstadtschau des Johannes kann im Pilgerführer nicht nachgewiesen werden, wohl aber - dies wird anschließend zu zeigen sein - im liturgischen ersten Teil des Liber Sancti Jacobi, nämlich in der bereits erwähnten Predigt „Veneranda dies“ (Kapitel 17), die höchst wahrscheinlich vom selben Verfasser stammt 526 . Deutlich lassen sich in der Darstellung der beiden Städte strukturelle Ähn‐ lichkeiten erkennen: Auch in der Endzeitvision des Johannes nimmt der Blick nach dem beschriebenen Muster zentripetaler Sukzession seinen Ausgang extra muros, erfasst zunächst die nahe Umgebung (montem magnum et altum) und die Grenzen bzw. die Mauern, Tore und Grundsteine (murum magnum et altum, portas duodecim, fundamenta duodecim) der vom Himmel herniedergefahrenen Stadt und dringt sodann immer weiter nach innen vor, über ihre Gassen, die ganz aus durchscheinendem Gold beschaffen seien (platea civitatis aurum mundum, tamquam vitrum perlucidum), bis zur heiligen Gegenwart Gottes und seines Lammes, die hier ausdrücklich als Tempel fungierten (Deus omnipotens templum 2.6 Anklänge an das Himmlische Jerusalem 163 <?page no="164"?> 527 Offb 21,10-22. - Weder in der Johannesoffenbarung noch im Liber Sancti Jacobi besteht ein Zweifel daran, wovon die Heiligkeit der Stadt jeweils ausgeht. In Offb 21,22 heißt es: Et templum non vidi in ea: Dominus enim Deus omnipotens templum illius est, et Agnus. Und im liturgischen ersten Teil des Liber Sancti Jacobi ist beispielsweise von der sacra […] virtus apostoli translata a partibus Hierosolimitanis in Gallecie patria die Rede; an anderer Stelle heißt es, dass illa urbs Compostella sacra facta est per beati Iacobi suffragia. Liber (wie Anm.-25), S.-89f. 528 Vgl. Offb 21,10. - Zum hohen Berg, ein Motiv, das wohl auf jüdische Traditionen (Ez 17,22; Is 2,2) zurückgeht, vgl. R A N D , The imagery (wie Anm. 521), S. 66. - Einer der sieben Engel, die vor dem Untergang Babylons abermals sieben Plagen über die Erde bringen, führt den Propheten auf diesen Berg; von dort aus bietet sich ihm das herniedergefah‐ rene Jerusalem in seiner ganzen Herrlichkeit dar. In ähnlicher Weise erscheint es bei der Compostela-Beschreibung im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi naheliegend, eine Herabschau von der Höhe des östlich der Stadt gelegenen Monte do Gozo anzunehmen, wie etwa L Ó P E Z A L S I N A , Santiago (wie Anm. 429), S. 316, dies vorschlägt. Ihm zufolge sei der Berg „obligatorischer Ausgangspunkt für die richtige Wahrnehmung der Stadt“, und auch der Pilgerführer „betrachtet die Stadt vom Monte del Gozo […] aus, demjenigen milladoiro der levitischen Stadt, an dem alle großen Pilgerfahrten aus dem Osten bei ihrer Ankunft in Santiago de Compostela vorbeikamen“ - allein, streng genommen lässt sich diese These am Text nicht verifizieren; eine derart genaue örtliche Festlegung gibt der Kapiteleingang nicht her; bloß weil die Elemente der Stadt stets von Osten her genannt werden, muss der implizite Betrachter nicht notwendig auf dem östlich gelegenen Monte do Gozo lokalisiert sein. 529 Vgl. Offb 21,10-22. - In beiden Fällen liegt der Beschreibungsschwerpunkt auf den Grenzen und dem Zentrum des Stadtkörpers. Vgl. R A N D , The imagery (wie Anm.-521), S.-81. 530 Vgl. Offb 21,13; 21,19-20. - An der einzigen Stelle in Offb 21 und 22, wo Himmelsrich‐ tungen erwähnt werden, nämlich bei der Aufzählung der Stadttore (Offb 21,13), fungiert - genau wie im Pilgerführer - der Osten als Ausgangspunkt. Naheliegende Gründe für diese ‚Orient-ierung‘ sind in Kapitel 2.3 angesprochen worden. 531 Siehe Kapitel 2.3. illius est et agnus) 527 . Auf eine panoramatische Außenansicht aus privilegierter Distanz, die sich sinnfällig aus der Position des Sehenden auf einem hohen Berg außerhalb der Mauern ergibt 528 , folgt somit wie im Pilgerführer eine rasche Verengung auf den zentralen Zielpunkt im Stadtinneren, von dem alle Heiligkeit ausgeht 529 . Dabei verläuft die Bewegung des Blicks auch hier zuerst nicht geradlinig, sondern zirkuliert - dies jedenfalls suggeriert die Aufzählung der Tore und Grundsteine -, und der geographische Ausgangspunkt scheint gleichermaßen im Osten zu liegen 530 . Zudem werden beide Städte zu Orten vollkommener Heiligkeit stilisiert. Wird dies im Pilgerführer, wie gezeigt, durch eine Überbelichtung von Sakralem, vornehmlich der Basilika, bei gleichzeitig weitgehender Ausblendung von Profanem erreicht - sodass metonymisch der Eindruck einer Quasi-Identität von Stadt und heiliger Stätte entsteht 531 -, sind dergleichen Darstellungsmittel 164 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="165"?> 532 Vgl. Offb 21,22. Vgl. auch Beate K O W A L S K I , Endgericht und himmlisches Jerusalem. Eschatologie und Ekklesiologie in der Offenbarung des Johannes (Offb 20-21), in: Die Offenbarung des Johannes. Kommunikation im Konflikt, hg. von Thomas S C H M E L L E R / Martin E B N E R / Rudolf H O P P E , Freiburg i. Br. 2013, S.-231-258, hier S.-257. 533 Offb 21,16. - Der Würfel ist „die ideale Form nach Maßgabe der Antike“, was wohl insbesondere durch Vorstellungen der damaligen Himmelskunde zu erklären ist, nach denen das Himmelsgewölbe auf vier Ecken ruht. Ulrich B. M Ü L L E R , Die Offenbarung des Johannes, Gütersloh 2 1995, S. 358. - Ezechiel (Ez 40-48) im Unterschied zu Johannes schreibt der Stadt nur eine quadratische Grundfläche zu. Vorbild für beide Stadtdarstel‐ lungen könnte die Beschreibung des Allerheiligsten im zweiten Buch der Chronik (2 Chr 3,8-14) sein. 534 Offb 21,13. - Hier die entsprechende, ebenso auf Gleichmaß bedachte Beschreibung der Tore der heiligen Stadt im Buch Ezechiel (Ez 48,31-34), durch die die Johannesapo‐ kalypse beeinflusst ist: et portae civitatis in nominibus tribuum Israhel portae tres a septentrione porta Ruben una porta Iudae una porta Levi una / et ad plagam orientalem quingentos et quattuor milia et portae tres porta Ioseph una porta Beniamin una porta Dan una / et ad plagam meridianam quingentos et quattuor milia metieris portam Symeonis unam portam Issachar unam portam Zabulon unam / et ad plagam occidentalem quingenti et quattuor milia portae eorum tres porta Gad una porta Aser una porta Nepthalim una. 535 Offb 21,15 zufolge vermisst ein Engel die Stadt mit einem goldenen Messstab - möglicherweise ein Echo der Vermessung der Gottesstadt im Buch Ezechiel (Ez 40,3-4). Vgl. R A N D , The imagery (wie Anm.-521), S.-67. 536 Vgl. Offb 21,12-21. - Auch das Motiv der zwölf nach den Stämmen Israels benannten Tore findet sich bereits im Buch Ezechiel (Ez 48,30-35). in der Beschreibung des Neuen Jerusalem nicht erforderlich, weil hier ohnehin alles von der Heiligkeit Gottes und seines Lammes durchdrungen ist. Deshalb gewahrt Johannes - wie aus Offb 21,22 hervorgeht - auch keine Tempelbauten in der Gottesstadt: Wo alles heilig ist, wo die Opposition von Sakral und Profan aufgehoben ist, da bedarf es keiner Tempel mehr, die gewöhnlich die Funktion sakraler Zufluchten in einem ansonsten profanen Raum erfüllen 532 . Und Heiligkeit korrespondiert auch hier mit ästhetischer Perfektion: Die geometrische Konzeption der Gottesstadt als vollkommen regelmäßiger Kubus - longitudo et latitudo et altitudo eius aequalia sunt 533 - geht einher mit absoluter Symmetrie und strenger Gleichverteilung sämtlicher Elemente, so wie etwa der Tore: ab oriente portae tres et ab aquilone portae tres et ab austro portae tres et ab occasu portae tres 534 . Wie im Pilgerführer, so häufen sich auch hier die Mengen- und Maßangaben, wenngleich nicht Wahrscheinlichkeit bzw. simulierte Wirklichkeitstreue, sondern Symbolik und Hyperbolik (Steigerung ins Wunderbare) als Prinzipien der stadträumlichen Gestaltung wirksam sind 535 : 12.000 Stadien umfasse die Stadt, 144 Ellen messe ihre Mauer, sie reiche bis an den Himmel heran, und Elemente wie Tore, Grundsteine und Wache stehende Engel seien jeweils zwölffach vorhanden 536 ; alle diese Zahlenwerte lassen sich auf die (in den biblischen Texten mannigfach auftretende und symbolisch mit 2.6 Anklänge an das Himmlische Jerusalem 165 <?page no="166"?> 537 Vgl. Ulrich E R N S T , Zwölf, in: Metzler Lexikon literarischer Symbole ( 2 2012), S. 504. - Zwölf Tore aus zwölf Perlen, darauf zwölf Engel und die Namen der zwölf Stämme der Israeliten, zwölf Mauergrundsteine aus zwölf verschiedenen Edelsteinen, darauf die Namen der zwölf Apostel Christi; die Stadt umfasst zwölftausend Stadien, ihre Mauer misst hundertvierundvierzig (zwölf mal zwölf) Ellen. Die Aufzählung all dieser Elemente setzt bezeichnenderweise zudem in Vers 12 ein. Die Verbindung der Zahl Zwölf zu den Stämmen Israels und den Jüngern Christi wird hier durch die Aufschrift von deren Namen auf die Tore und Grundsteine der Stadt herausgestellt. Vgl. Offb 21,12-21. 538 Vgl. Offb 21,18-21. - Die Edelsteine werden in Offb 21,19-20 näher bestimmt: Jaspis, Saphir, Chalzedon, Smaragd, Sardonyx, Sarder, Chrysolith, Beryll, Topas, Chrysopras, Hyazinth, Amethyst. - Die Beschreibung des Neuen Jerusalem ist im Kontrast mit der der Hure Babylon zu lesen: Größe und Baumaterialien der Gottesstadt müssen selbstverständlich den eitlen Schmuck der zum Untergang verdammten Sündenstadt Babylon (Offb 17,4) um Längen überbieten. Vgl. K O W A L S K I , Endgericht (wie Anm. 532), S. 254f. Möglicherweise hat sich Johannes dabei an der Beschreibung des Allerheiligsten im zweiten Buch der Chronik (2 Chr 3,8-14) orientiert, dessen materielle Gestaltung ebenfalls durch große Mengen an Gold gekennzeichnet ist. 539 Vgl. H A S S A U E R , Santiago (wie Anm. 2), S. 106, 121f., 125; Christiane D E L U Z , Les pèlerins français dans les peregrinationes maiores, in: Peregrino, ruta y meta en las peregrinatio‐ nes maiores. VIII Congreso Internacional de Estudios Jacobeos (Santiago de Compostela, 13-15 Octubre 2010), hg. von Rosa V Á Z Q U E Z , Santiago de Compostela 2012, S. 103-114, hier S. 114. - Die Weltrandlage der Jakobsstadt wird auch im Liber Sancti Jacobi mehrfach betont, hier z. B. in einem Sermon in Kapitel 7 des ersten Teiles: Usque ad ultimum terre testis verus Christi approbatur, quia in Gallecia, ubi finis terre et maris est, ingenti honore sepeliri et eiusdem basilica fabricari dicitur, ac crebris miraculis divinis et patrociniis non solum in partes Gallecie et Yspanie verum etiam in fines tocius orbis terre decorari testatur. Liber (wie Anm. 25), S. 54. Zweifellos gewinnt die Pilgerfahrt Fülle und Vollkommenheit assoziierte) Gotteszahl Zwölf reduzieren (12.000 = 1.000 x 12 und 144 = 12 x 12) 537 . Hinzu kommt schließlich die materielle Opulenz: Das Neue Jerusalem sei aus lauterem Gold beschaffen, seine Mauer aus Jaspis; Edelsteine bildeten seine Fundamente, Perlen seine Tore - nur Reines und Wertvolles, nur Vollkommenes bietet sich den Augen des Propheten dar 538 . Wie die Beschreibung der Jakobsbasilika im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi, so kann auch die Gottesstadtschau des Johannes als Ekphrasis im Quintilianschen Sinne betrachtet werden. Die Notwendigkeit einer bildlichen, auf konkrete Visualisierung im Geiste zielenden Darstellungsform ergibt sich jeweils - auch darin lässt sich eine gewisse Parallelität erkennen - aus der Absenz bzw. der räumlichen oder zeitlichen Ferne des Gegenstandes. In beiden Fällen wird dem Leser bzw. Hörer ein religiöser Sehnsuchtsort vor Augen gestellt, der, wenn auch auf unterschiedliche Weise, mit kosmologischer End‐ lichkeit assoziiert ist: Santiago de Compostela nahe dem Kap Fisterra markiert im Weltbild des mittelalterlichen Menschen das Ende des irdischen Raumes, die äußerste Peripherie der bewohnten Welt 539 . Das Himmlische Jerusalem 166 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="167"?> nach Compostela aus dieser besonderen geographischen Lage auch eine spezifische Symbolik. Durch sie wird die devotio des Pilgers geradezu ins Superlativische gesteigert, denn wer das Grab des Apostels aufsucht, um ihm seine Verehrung zu bezeigen, der nimmt einen weitest denkbaren Weg auf sich, der läuft im Wortsinn bis ans Ende der Welt - eine unüberbietbare Opferleistung, der ultimative Glaubensbeweis, non plus ultra. Vgl. D Í A Z Y D Í A Z , Der Pilger im Mittelalter (wie Anm. 520), S. 55. Andererseits sind damit auch Konnotationen von Jenseitsnähe assoziiert: Man berührt dort die Grenzen des Irdischen, nähert sich so weit als möglich der anderen Welt, dem Transzendenten, Gott. Und nicht zuletzt lässt sich das räumliche Weltende auch sinnfällig mit dem zeitlichen - der apokalyptischen Endzeit - in Relation setzen; dies ist sicher ein Grund, weshalb im Liber Sancti Jacobi zahlreiche Referenzen auf die Offenbarung des Johannes belegt sind. 540 Vgl. Offb 20,11-15; 21,1-2. 541 In den ersten und noch einmal in den letzten Versen der Apokalypse (Offb 1,1; 22,10) wird zwar angedeutet, dass die in diesem Text geoffenbarten Ereignisse bald eintreten würden: oportet […] cito, tempus […] prope est, doch dürfte sich dies auf den Anbruch der Endzeit beziehen, die ihrerseits einen beträchtlichen Zeitraum einnimmt, die u. a. das Tausendjährige Friedensreich Christi einschließt. Die Stadt Gottes wird indes erst am Ende aller Zeit, nach der Schlacht von Harmagedon und dem Endgericht, auf die Erde herabkommen. andererseits, das erst nach dem endgültigen Sieg über den Satan und dem Letzten Gericht Gottes über alle Lebenden und Toten auf eine neue Erde herniederfahren wird, steht gleichsam für das Ende der irdischen Zeit, die Nacht ohne Morgen 540 . Die eine Stadt ist ihrer geographischen Lage wegen schwer er‐ reichbar; die andere ist pure Verheißung, sie materialisiert sich erst in fernster 541 Zukunft und ist menschlichem Zugriff mithin gänzlich entzogen. Eben um diese mythologisch signifikante räumliche bzw. zeitliche Entfernung zu überwinden und die Stadt schon im Hier und Jetzt ästhetisch erfahrbar zu machen, um dem Leser bzw. Hörer kompensatorisch ein möglichst konkretes, dem eigenen Erleben nahekommendes Bild von ihr zu vermitteln, greift der Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi wie die Johannesoffenbarung auf die klassische Ekphrasis zurück. Denn mit einer herrlichen Stadt als Zielort vor dem ‚inneren Auge‘ geht sich der Weg leichter, sei es nun die Pilgerstraße nach Compostela oder der allegorische Pfad der Tugend, der ins Himmlische Jerusalem und letztlich zu Gott führt. Wie durch den Vergleich deutlich geworden sein dürfte, weist die im Pilger‐ führer enthaltene descriptio urbis verschiedene Parallelen zur Gottesstadtschau des Johannes auf, die eine gewisse Orientierung an diesem Prototyp und Inbild einer heiligen Stadt zumindest nahelegen. Von eindeutigen Bezugnahmen, von Zitaten gar kann indes nicht die Rede sein. Ganz anders im liturgischen ersten Teil des Liber Sancti Jacobi: Die Predigt „Veneranda dies“ (Kapitel 17) beschreibt in epideiktischer Rede die feierliche Vigil der neu angekommenen Jakobspilger 2.6 Anklänge an das Himmlische Jerusalem 167 <?page no="168"?> 542 Zur Pilgervigil in der Kathedrale von Compostela vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 146f.; H A S S A U E R , Santiago (wie Anm. 2), S. 213. - Traditionell verbrachten die neu angekommenen Jakobspilger die erste Nacht in der Kathedrale, in unmittelbarer leiblicher Gegenwart des Heiligen. Neben „Veneranda dies“ behandelt noch ein weiterer Sermon (Kapitel 2 des ersten Teiles) diesen Brauch: „Vigilia Sancti Iacobi Zebedei Apostoli Gallecie, que studio ieiunii propriique divini officii digne celebretur“. Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 14-18. Er enthält Vorschriften für den Ablauf der großen Nachtwache vor dem Festtag des Apostels und unterscheidet dabei kritisch zwischen tugendhaftem und sündigem Kultverhalten der Jakobspilger. 543 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-89. 544 Liber (wie Anm.-25), S.-89. und greift dabei unübersehbar auf Motive des Himmlischen Jerusalem zurück 542 . Scharenweise, so stellt es der Text dar, kommen Gläubige aus aller Herren Länder am Hauptaltar der Kathedrale von Compostela zusammen, um dem Apostel Jakobus Lob und Dank darzubringen 543 . Mit brennenden Wachskerzen in den Händen, welche den Kircheninnenraum in Tageshelle erstrahlen lassen, halten sie, ein jeder bei seinen Landsleuten, ununterbrochen Nachtwache; manche singen oder musizieren, andere tun Buße und beweinen ihre Sünden, wieder andere lesen in der Bibel, und auch an milden Gaben fehlt es nicht: Nimio gaudio miratur, qui peregrinantum choros circa beati Iacobi altare venerandum vigilantes videt. Theutonici enim in alia parte, Franci in alia, Itali in alia, catervatim commorantur, cereos ardentes manibus tenentes, unde tota ecclesia ut sol vel dies clarissima illuminatur. Unusquisque cum patriotis suis per se vigilias sapienter agit. Alii citharis psallant, alii liris, alii timphanis, alii tibiis, alii fistulis, alii tubis, alii sambucis, alii violis, alii rotis brittannicis vel gallicis, alii psalteriis, alii diversis generibus musico‐ rum cantando vigilant, alii peccata plorant, alii psalmos legunt, alii elemosinas cecis tribuunt. Ibi audiuntur diversa genera linguarum, diversi clamores barbarorum: Loquele et cantilene Theutonicorum, Anglorum, Grecorum, ceterarumque tribuum et gentium diversarum omnium mundi climatum. Non sunt loquele neque sermones, quorum non resonent voces illorum. Huiusmodi vigilie ibi sedule habentur. Alii enim vadunt, aliique recedunt et diversi diversa munera sacrificant. Si tristis accedit quis, letus recedit. Ibi semper sollempnitas assidua celebratur, festivitas sedule agitur, preclara celebritas die noctuque excolitur, laus et iubilacio, gaudium et exultacio iugiter decantatur. Omnes dies et noctes quasi sub una sollempnitate continuato gaudio ad Domini et apostoli decus ibi excoluntur. Valve eiusdem basilice minime clauduntur die noctuque, et nullatenus nox in ea fas est haberi atra, quia candelarum et cereorum splendida luce ut meridies fulget 544 . Ewiges Licht wie bei hellem Tage (ohne dass die Sonne oder der Mond dazu nötig wären), nie verschlossene Tore, immerwährende Freude und Feststimmung, Absenz von Trauer, von Nacht und Dunkelheit - dies alles zusammengenommen 168 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="169"?> 545 Offb 21,3-4. 546 Offb 21,23; 21,25. 547 Offb 22,5. 548 Liber (wie Anm. 25), S. 89. Vgl. Robert P L Ö T Z , La proyección del culto jacobeo en Europa, in: Las peregrinaciones a Santiago de Compostela y San Salvador de Oviedo en la Edad Media, hg. von Juan Ignacio R U I Z D E L A P E ÑA S O L A R , Oviedo 1993, S.-57-71, hier S.-57f. 549 Liber (wie Anm. 25), S. 88. - Schon Cassian führt bekanntlich zur Veranschaulichung der Lehre vom vierfachen Schriftsinn (sensus litteralis/ historicus, sensus allegoricus/ typologicus, sensus moralis/ tropologicus, sensus anagogicus) vier mögliche Bedeutungen der Stadt Jerusalem auf, wobei er sie im anagogischen Sinne, im Hinblick auf die Endzeit, als Zeichen für die Gottesstadt interpretiert. Vgl. Aaron J. G U R J E W I T S C H , Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen, München 2 1982, S.-83. bildet eine geradezu überdeutliche Anspielung auf das Neue Jerusalem, das in der Vision des Johannes durch genau dieselben Motive gekennzeichnet ist: ecce tabernaculum Dei cum hominibus et habitabit cum eis et ipsi populus eius erunt et ipse Deus cum eis erit eorum Deus et absterget Deus omnem lacrimam ab oculis eorum et mors ultra non erit neque luctus neque clamor neque dolor erit 545 . Ferner: et civitas non eget sole neque luna ut luceant in ea nam claritas Dei inluminavit eam et lucerna eius est agnus […] et portae eius non cludentur per diem nox enim non erit illic 546 . Und noch einmal in variierter Form: et nox ultra non erit et non egebunt lumine lucernae neque lumine solis quoniam Dominus Deus inluminat illos et regnabunt in saecula saeculorum 547 . Die klar erkennbare Verwendung der Gottesstadtmotivik in der zitierten Predigtpassage, die in Teilen einer Paraphrase des Offenbarungstextes gleich‐ kommt, und insbesondere die fast wörtliche Übernahme von Vers 21,25 über die stets offenstehenden Tore und die ständige Abwesenheit der Nacht (Valve eiusdem basilice minime clauduntur die noctuque, et nullatenus nox in ea fas est haberi atra) lassen keinen Zweifel daran, dass hier tatsächlich eine Paralle‐ lisierung der Jakobsbasilika mit dem Himmlischen Jerusalem intendiert ist 548 . Sicher ist es daher auch kein Zufall, dass im selben Text, und zwar just vor der Beschreibung der feierlichen Pilgervigil, der Einzug des Herrn in Jerusalem (Mt 21,1-11; Mk 11,1-11; Lk 19,28-40; Joh 12,12-19) in Erinnerung gebracht und eine anagogisch-eschatologische Deutung dieser Bibelszene angeboten wird, nach der - völlig herkömmlich - die irdische Stadt die himmlische präfiguriert: Pueri Hebrei in Iherusalem cum palmis obviam Domino venerunt, quia sancti de viciis ad virtutes celestes bene vivendo transierunt, et post presentem vitam in celesti Hierusalem Domino obviaverunt 549 . Auch die Jakobspilger selbst weisen hier einige Parallelen zu jenen Glückse‐ ligen auf, die nach den prophetischen Worten des Johannes dereinst in die Gottesstadt eingehen werden. Sie werden als unzählbare Schar wahrgenommen, 2.6 Anklänge an das Himmlische Jerusalem 169 <?page no="170"?> 550 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-89f. 551 Liber (wie Anm. 25), S. 89f. - Non sunt loquele neque sermones, quorum non resonent voces illorum, zitiert der Verfasser in diesem Zusammenhang einen passenden Bibelvers (Ps 19,4). 552 Franci, Normanni, Scoti, Hiri, Galli, Theutonici, Yberi, Wasconi, Baioari, Navarri impii, Bascli, Gotti, Provinciales, Garasqui, Lotharingi, Gauti, Angli, Britones, Cornubienses, Flandri, Frisi, Allobroges, Itali, Apuli, Pictavi, Aquitani, Greci, Armeni, Daci, Noroequi, Russi, Iorianti, Nubiani, Parthi, Romani, Galate, Ephesi, Medi, Tuscani, Kalabriani, Saxo‐ nes, Siciliani, Asiani, Ponti, Bitiniani, Indiani, Creti, Hierosolimitani, Antiocheni, Galilei, Sardani, Cipriani, Ungari, Bulgari, Ysclavoni, Africani, Perse, Alexandrini, Egiptii, Suriani, Arabes, Colosenses, Mauri, Ethiopes, Philipenses, Capadoci, Corinti, Elamite, Mesopotami‐ ani, Libiani, Cirenenses, Pamphiliani, Ciliciani, Iudei et cetere gentes innumerabiles. Liber (wie Anm.-25), S.-89. 553 Liber (wie Anm.-25), S.-89. 554 Offb 21,3. - Zum Lebensbuch des Lammes vgl. Offb 20,12; 20,15; 21,27. die von überall herbeiströme 550 . Völker aus allen Weltgegenden (populi barbari et domestici cunctorum cosmi climatum) und sogar die Engelschöre (non solum cuncte tribus et lingue, verum etiam angelica agmina, angelorum chori) kämen in der Kathedrale von Compostela zusammen, und die verschiedensten Sprachen und fremdartigen Laute (diversa genera linguarum, diversi clamores barbarorum) seien zu vernehmen 551 . Die ausufernde enumeratio der Ethnonyme an dieser Stelle - insgesamt 74, und diese Liste scheint, wie ihr offener Schluss (et cetere gentes innumerabiles) anzeigt, keineswegs exhaustiv zu sein - stellt in aller Deutlichkeit die große Zahl, die Vielfalt und den ‚internationalen‘ Charakter der Pilger heraus 552 . Zugleich aber wird diese heterogene Menge (paradoxerweise) als geschlossene Einheit betrachtet, als heiliger Stamm, als Volk Gottes, auserwählt unter allen Stämmen und Völkern der Erde und hier nun vereint am Grabe des seligen Jakobus: Hoc est genus electum, gens sancta, populus Dei, electio gentium, fructus apostolice adquisicionis, fructus nove gratie, fructus alme penitentum ecclesie, fructus per apostolum Deo oblatus in celesti sede 553 . Auf die Bewohner des Neuen Jerusalem, deren Namen schon seit Anbeginn der Welt im Lebensbuch des Lammes stehen, wird in Offb 21,3 ebenfalls das Motiv des Gottesvolkes angewendet: Ecce tabernaculum Dei cum hominibus, et habitabit cum eis. Et ipsi populus eius erunt, et ipse Deus cum eis erit eorum Deus 554 . Und im selben Kapitel ist wiederholt von anwesenden Engeln die Rede, denen die Auferstandenen gleichgestellt sein werden, wie im übertragenen Sinne aus Offb 21,17 (mensura hominis […] est angeli), wie ganz unmissverständlich aber beispielsweise auch aus den Worten Jesu in Lk 20,36 (neque enim ultra mori poterunt, aequales enim angelis sunt, et filii sunt Dei, cum sint filii resurrectio‐ nis) hervorgeht. Merkmale wie ihre unfassbare Zahl, ihre Herkunft aus allen Stämmen und Völkern der Erde und ihre Vielsprachigkeit werden an der Gottes‐ 170 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="171"?> 555 Offb, 7,9. 556 Vgl. Offb, 7,13-15. - Sein Gewand im Blut des Lammes reinzuwaschen, bedeutet, durch Jesu Sühnetod von seinen Sünden geläutert zu werden bzw. „gerecht(fertigt) [zu] werden, zu den Gerechten [zu] gehören“. Klaus B E R G E R , Die Apokalypse des Johannes. Kommentar, Freiburg i. Br. 2020, S. 625. - Kapitel 6 und 7 der Johannesoffenbarung sind in engem Zusammenhang zu sehen: Kapitel 6 stellt die Not der Menschen in der sog. Großen Trübsal dar, während Kapitel 7 - vor allem die paraphrasierte Stelle - zeigt, wie es nach dieser Zeit, wenn sie bei Gott im Himmel sind, denjenigen, den ‚Versiegelten‘, ergeht, die sich von diesen Ereignissen nicht verunsichern lassen, die gegen das Abfallen von Gott gefeit sind. 557 Entsprechend wechselt der Sprecher in Offb 7,15-17 auch unvermittelt ins Futur: Ideo sunt [die Rede ist von der großen Schar] ante thronum Dei, et serviunt ei die ac nocte in templo ejus: et qui sedet in throno, habitabit super illos: / non esurient, neque sitient amplius, nec cadet super illos sol, neque ullus aestus: / quoniam Agnus, qui in medio throni est, reget illos et deducet eos ad vitae fontes aquarum, et absterget Deus omnem lacrimam ab oculis eorum. Zur Interpretation dieser Verse vgl. B E R G E R , Die Apokalypse (wie Anm. 556), S. 624f. Es ist im Übrigen nicht das erste Mal, dass der Text Motive des Himmlischen Jerusalem vorwegnimmt; auch in der Thronsaalvision (Offb, 4-5) etwa ist dies unübersehbar der Fall. stadtbevölkerung in Kapitel 21 und 22 zwar nicht ausdrücklich hervorgehoben, wohl aber an den Gläubigenscharen, die Johannes in seiner Vision wiederholt erblickt und die vermutlich Teil dieser Gottesstadtbevölkerung sein werden. So beschreibt er in Apokalypsekapitel 7 etwa eine turbam magnam quam dinumerare nemo poterat ex omnibus gentibus et tribubus et populis et linguis 555 . Diese unzähligen Menschen haben, wie einer der vierundzwanzig Ältesten in seiner Funktion als angelus interpres kommentiert, ihre - ethische Reinheit symbolisierenden - weißen Gewänder im Blut des Lammes gewaschen und dienen nun, in der Gegenwartszeit zwischen Jesu Auferstehung und Weltende, Gott in seinem himmlischen Tempel 556 . Die Antizipation entsprechender Motive in den Versen 7,15-17 - Gott, der alle Tränen abwischt; das Wasser des Lebens; der Thron des Lammes; die Absenz der Sonne; das Ende von Hunger und Durst, von Leid und Trauer - deutet an, dass ihnen die Ewigkeit im kommenden Jerusalem vorherbestimmt ist 557 . Die vorigen Ausführungen haben gezeigt, dass die Johannesoffenbarung einen zentralen Referenztext für den Liber Sancti Jacobi und überhaupt für die compostelanische Jakobusverehrung des Hochmittelalters darstellt. Die im Pilgerführer enthaltene descriptio urbis gibt mit eingehender Detailtreue die Ikonographie der drei Hauptportale und des Hochaltars der Kathedrale von Compostela wieder, die sich größtenteils aus dem reichhaltigen Motivinven‐ tar der biblischen Endzeitvision speist. Zudem könnte sie - wie auffällige Parallelen in der Darstellung vermuten lassen - in bestimmten Zügen an der wirkmächtigen Gottesstadtschau des Johannes in Apokalypsekapitel 21 und 2.6 Anklänge an das Himmlische Jerusalem 171 <?page no="172"?> 22 orientiert sein. Eine klare Bezugnahme auf diesen Prototyp einer heiligen Stadt lässt sich indes nur im Sermon „Veneranda dies“ aus dem ersten Teil der Textsammlung nachweisen: Die darin gebotene Beschreibung der feierlichen Pilgervigil versieht die Basilika mit unverkennbaren Gestaltungselementen des Himmlischen Jerusalem und stilisiert die am Apostelaltar versammelten Jakobspilger zum auserwählten Volk Gottes, wobei einzelne Verse des Bibeltextes in Paraphrase, an einer Stelle sogar fast wörtlich übernommen werden. So wird die Jakobsbasilika, auf die Compostela im Liber Sancti Jacobi weitgehend reduziert erscheint, hier zu einem Abbild des heiligst denkbaren Ortes - der Stadt Gottes - gestaltet. 172 2 Santiago de Compostela im Liber Sancti Jacobi (um 1140) <?page no="173"?> 558 Signatur: Ms. It. XI. 32 (= 6672). Vgl. Da Veniexia (wie Anm. 111), S. 476; C A U C C I V O N S A U C K E N , Relazioni italiane (wie Anm. 109), S. 236. - Mariutti de Sánchez Rivero und Caucci von Saucken geben beide an, dass der Kodex im Jahr 1749 von der Biblioteca Marciana erworben wurde. Richtig ist aber das Jahr 1794; der Erwerb erfolgte erst nach dem Tod Amadeus Svajers. Es handelt sich offensichtlich um einen ‚Zahlendreher‘ bei Mariutti de Sánchez Rivero, der von Caucci von Saucken unbesehen übernommen wurde. 559 Vgl. Da Veniexia (wie Anm.-111), S.-476. 560 Vgl. Da Veniexia (wie Anm. 111), S. 476f., dort zum sechsarmigen Stern: „motivo muy corriente en el s. XIV, que se diferencia por unas características que nos consienten identificarla con una filigrana usada en Bergamo (Italia) entre 1337 y 1347“. Vgl. außerdem C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-26. 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters 3.1 Venezianischer Anonymus / Itinerario Marciano (frühes 14. Jahrhundert) Als ältestes erhaltenes Zeugnis eines italienischen Jakobspilgers gilt gemeinhin der anonyme Itinerario Marciano oder auch - nach dem Incipit - Da Veniexia per andar a meser San Zacomo de Galizia per la via da Chioza, enthalten in einer als Ganzes noch unedierten, 466 Papierfolia umfassenden Sammelhandschrift, die die altehrwürdige Biblioteca Marciana im Jahr 1794 aus dem Nachlass des in Venedig ansässigen deutschen Kaufmanns und Bibliophilen Amadeus Svajer (1727-1791) erwarb und noch heute zu ihrem Bestand zählt 558 . Die darin zusammengestellten Schriften sind unterschiedlichster Herkunft und Thematik; die ältesten lassen sich auf das späte 14. oder frühe 15., die jüngsten auf das 17. Jahrhundert datieren 559 . Besonders hervor stechen die Blätter 170 r bis 209 v , vor allem in paläographisch-kodikologischer Hinsicht: Auf allen ist dieselbe Hand zu erkennen, alle sind aus dem gleichen Papier verfertigt und alle mit dem gleichen Wasserzeichen - einem sechsarmigen Stern - versehen; angesichts zugleich der großen inhaltlichen Vielfalt der auf ihnen überlieferten Texte handelt es sich höchst wahrscheinlich um die in einem Zuge entstandene Abschrift älterer Quellen 560 . Auf fol. 208 r bis 209 r befinden sich die hier interes‐ sierenden Aufzeichnungen über eine Pilgerfahrt zum Grab des Apostels Jakobus. Entdeckt, untersucht und erstmals ediert wurden sie - wie in der Einleitung bereits erwähnt - in den 1960er Jahren von Mariutti de Sánchez Rivero, die damals als Bibliothekarin an der Marciana tätig war 561 . Sie konnte anhand sowohl sprachlicher (orthographischer) wie auch inhaltlicher (historischer, <?page no="174"?> 561 Der bereits zitierte Zeitschriftenbeitrag: Da Veniexia per andar a meser San Zacomo de Galizia per la via da Chioza, hg. von Angela M A R I U T T I D E S Á N C H E Z R I V E R O , in: Príncipe de Viana 28 (1967), S. 441-514 (Studie: S. 441-483, Text: S. 484-511). - Die dem Itinerar vorangestellte Studie geht zunächst auf die Verbreitung des Jakobuskults in Venedig und der Region Venetien ein, bevor sie auch den Itinerario Marciano auswertet. - Dieselbe Transkription findet sich mit einer kurzen Einleitung in S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm.-189), S.-43-50. 562 Vgl. Da Veniexia (wie Anm. 111), S. 477-480: Relevant für die Datierung der Kopie seien vor allem „las características de la escritura, que pertenecen a finales del XIV o a los primeros años del XV“, aber auch inhaltliche Merkmale: Die auf den Folia 170 r bis 209 v enthaltenen Texte „están precedidos por un calendario perpetuo sobre la base del número áureo y una Tábula Salomonis. El primero empieza (f. 171, col. 1, renglón 12) et sapi che di l’ano 1392 que comenzamiento la dita mano…; en el renglón 26, llega al año 1407: la pasqua dei judei che sono 25 de marzo. La Tábula Salomonis empieza con la fecha: 1406 (f. 172, col. 1, renglón 2), pero en el f. 173 aparece un diagrama con el año 1425, y: sic illo pascha fuit die otauo aprilis.“ Für die Datierung des nicht erhaltenen Originaldokumentes verweist Mariutti de Sánchez Rivero auf „particularidades lingüísticas que nos convencen que el autor fue un veneciano o cuando menos un véneto del siglo XIV“, aber wiederum auch auf inhaltliche; vor allem zieht sie die Numismatik als Hilfswissenschaft heran und weist darauf hin, dass die Verwendung des Florentiners (und eben noch nicht des venezianischen Dukaten) als internationaler Tauschwährung ein deutliches Indiz für eine Abfassung im (frühen) 14. Jahrhundert ist: „este uso del florín como moneda internacional es una prueba que el itinerario pertenece al siglo XIV“. Vgl. auch C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 26. 563 Da Veniexia (wie Anm. 111), S. 495. - Dass es sich bei diesen Orten um alte Beherbergungseinrichtungen handelt, weiß man aus anderen Textzeugnissen: la campana ist in einem Itinerar aus dem Jahr 1333 dokumentiert. Vgl. Itinerario de Pamplona a París (seguido por los emisarios enviados por el Gobernador de Navarra D. Enrique, señor de Sully, al Rey Don Felipe, y que eran portadores de los contratos estipulados con el rey de Aragón), in: Luis V Á Z Q U E Z D E P A R G A / José María L A C A R R A / Juan U R Í A R Í U S , Las peregrinaciones a Santiago de Compostela 3, Madrid 1948, S. 116-122, hier S. 122. Für [el] geographischer und vor allem numismatischer) Indizien plausibel nachweisen, dass die im besagten Sammelkodex enthaltene Kopie etwa um 1400 erstellt wurde (1392 kann als terminus ante, 1425 als terminus post quem angesetzt werden), dass das ihr zugrundeliegende, nicht konservierte Original jedoch schon deutlich früher verfasst worden war: Der Autor dürfte ein Venezianer oder Veneter aus der ersten Hälfte des Trecento gewesen sein 562 . Es handelt sich weniger um einen persönlichen Bericht als vielmehr um ein nüchtern-funktionales Itinerar, eine genaue Auflistung von Orten und Dis‐ tanzen, angereichert um wenige, sporadisch eingestreute praktische Hinweise. Subjektivität, Gefühle, individuelle Erlebnisse oder auch Sinneseindrücke haben keinen Eingang gefunden. Nur zwei Beherbergungseinrichtungen werden er‐ wähnt (la campana und [el] caualo bianco auf dem Pyrenäenübergang zwischen Saint-Jean-Pied-de-Port und Roncesvalles) 563 , nur eine Kultstätte mit Reliquien 174 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="175"?> caualo bianco findet sich ein Beleg in einem Itinerar aus dem Jahr 1451. Vgl. Itinéraire de Bruges (XV e siècle), in: Gilles le Bouvier, Le livre de la description des pays, hg. von Ernest T. H A M Y , Paris 1908, Anhang 4, S.-157-216, hier S.-206. 564 Da Veniexia (wie Anm. 111), S. 486. - Mit santa lena ist die hl. Maria Magdalena gemeint, deren Kult in Südfrankreich weit verbreitet war, und mit den pueri die von Herodes in Bethlehem ermordeten unschuldigen Kinder (Mt 2,16-18). 565 Da Veniexia (wie Anm.-111), S.-485. 566 Da Veniexia (wie Anm. 111), S. 500. Vgl. auch C A U C C I V O N S A U C K E N , Toskana (wie Anm. 189), S. 359; D E R S ., Santiago (wie Anm. 109), S. 27f. - Zur ‚Urform‘ des Mirakels (mit Zuschreibung an Papst Calixt II., noch mit Verortung der Handlung in Toulouse und ohne das Motiv der beiden weißen Hühner) vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 162f. Die Verlegung der Handlung nach Santo Domingo de la Calzada erfolgte wohl gegen Mitte des 13. Jahrhunderts. Spätestens im 14. Jahrhundert war das Mirakel europaweit bekannt; 1350 erließ Papst Clemens VI. sogar eine Bulle, in der niedergelegt ist, dass jedem reichliche Ablässe gewährt würden, der in frommer Absicht die Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada besuche, zu ihrem Erhalt beitrage und die dortigen Hühner und anderen Heiltümer verehre. Vgl. I ÑA R R E A L A S H E R A S , Temática (wie Anm. 74), S. 70. In seiner endgültigen ‚Vollform‘ findet sich das Mirakel erstmals im Bericht des Nompar II. de Caumont, der im nächsten Kapitel untersucht wird. Allgemein zur Stoff- und Motivgeschichte des Galgen- und Hühnermirakels vgl. P I C C A T , Il miracolo (wie Anm. 212); H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 55-61; P L ÖT Z , Motivindex (wie Anm.-212). 567 Vgl. Da Veniexia (wie Anm. 111), S. 484-511: Beim Eintritt in die Provence erklärt er: Et entri in prouenza e spendesse parisi che ual pizoli VIII luno e trouasse bon chambio da XVIII a fiorin (S. 484), und beim Eintritt in Avignon: E qua tu essi de prouenza et entri in la spagnia e no portar alguna de quelle monede perche le non se spende oltra el ponte del reno altro che parpaiole e questa si e la mior moneda che se spende per tuto el camino (S. 487), beim Eintritt in Navarra: E a questa tera se da sachramento quante monede doro tu porti per cammin. e per chadauna moneda doro tu pagi denari II de quella moneda (S. 494); ähnlich heißt es kurz darauf in Ostabat: E qua tu pagi da ducati 5 in su denari II de quella moneda per chadauno ducato (S. 494); beim Eintritt in Kastilien: E qua tu essi hervorgehoben (Saint-Maximin: E qua si e lo brazo et la testa de madona santa lena et lo corpo de san masimin e vintiquatro de i pueri.) 564 , nur ein landschaftliches Element genauer charakterisiert (der im Loup-Tal gelegene Wald von Grasse sei mal seguro e dura) 565 und nur ein durch den Apostel Jakobus gewirktes Wunder in Erinnerung gebracht (das berühmte Galgen- und Hühnerwunder von Santo Domingo de la Calzada: Ella si e el gallo ella gallina - der wohl früheste Beleg für dieses in seiner ‚Urform‘ bereits im zweiten Teil des Liber Sancti Jacobi enthaltene miraculum mit der Motivzufügung der beiden weißen Hühner und der Festlegung des Schauplatzes auf Santo Domingo de la Calzada) 566 . Indes gibt der Autor auffallend häufig - sechsmal - in seiner ansonsten trockenen, weitgehend kommentarlosen Stationenliste sehr genaue Hinweise zu gängigen Münzen, Geldwechselverhältnissen und an Grenzübergängen zu zahlenden Zöllen 567 , was vermuten lässt, dass er ein Kaufmann oder Handwerker gewesen 3.1 Venezianischer Anonymus / Itinerario Marciano (frühes 14. Jahrhundert) 175 <?page no="176"?> ne nauara et entri in la spagnia e non spende alcuna de quele monede altro che preti o parpaiole (S. 498), und schließlich, ganz am Ende des Textes: E sapi che parpaiole si e la mior moneda che se spenda per tuto el chamin E trouasse da XVIII infin XVIIII a fiorin E si e bon chambio laudato miser yhesu Christo amen (S.-511). 568 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Toskana (wie Anm. 189), S. 359; D E R S ., Santiago (wie Anm. 109), S. 28. - Auch dass an keiner Stelle von Geleitbriefen o. ä. die Rede ist, deutet eher auf einen bürgerlichen bzw. gesellschaftlich nicht hochstehenden Autor hin, und dass sich kaum Devotionsstätten und Reliquien vermerkt finden, macht einen geistlichen Autor zumindest unwahrscheinlich. 569 Da Veniexia (wie Anm.-111), passim. 570 Vgl. Da Veniexia (wie Anm. 111), S. 484. - C A U C C I V O N S A U C K E N , Toskana (wie Anm. 189), S. 357, zufolge ist dies der historisch erste Beleg für eine teilweise auf dem Seeweg durchgeführte Santiago-Pilgerfahrt. 571 Vgl. Da Veniexia (wie Anm. 111), S. 484f. - Porto Venere ist die äußerste Spitze der Halbinsel von Pisa; diese schließt den Golf von La Spezia ab. Wäre der Pilger zu Lande gereist, so hätte er einen beträchtlichen und schwer zu erklärenden Umweg nehmen müssen, um dorthin zu gelangen. Auch dies spricht dafür, dass er sich wohl eingeschifft hatte. sein könnte 568 . Dabei spricht er interessanterweise nie von sich selbst, nie in der ersten Person Singular, obwohl sein Itinerar zweifellos auf eigener Reiseerfahrung basiert, sondern wendet sich explizit an ein Du (tu essi, tu porti, tu pagi etc.), den pilgerwilligen Leser seines Textes 569 . Offenkundig besteht seine Absicht vor allem darin, anderen ein Hilfsmittel für deren eigene Reise an die Hand zu geben. Dies erklärt wohl auch das Fehlen einer genaueren Datierung. Überhaupt entbehrt der Itinerario Marciano jedweder zeitlichen Spezifizie‐ rung: Er gibt nicht die mindeste Auskunft über die Dauer seiner Reise, ge‐ schweige denn über deren Gliederung in Tagesetappen, sondern listet schlicht alle auf dem Weg liegenden größeren Orte - in summa 127 - mit den jeweils dazwischenliegenden Distanzen (von Venedig bis Villeneuve-Loubet in mia, anschließend in lige) auf. Folgendes lässt sich daraus rekonstruieren: Der anonyme Pilger brach von Venedig, wahrscheinlich seiner Heimatstadt, auf und gelangte über Chioggia, Ferrara, Bologna und Florenz nach Pisa, von wo aus er seine Reise allem Anschein nach auf dem Seeweg fortsetzte 570 . Einen expliziten Hinweis auf die erfolgte Einschiffung gibt er zwar nicht, doch handelt es sich bei sämtlichen anschließend vermerkten Orten ohne Ausnahme um Seehäfen, die nicht zu den üblichen Landrouten gehörten: Porto Venere, Genua, Savona, Albenga, Porto Maurizio (heute Teil der Stadt Imperia), Monaco, Nizza und Villeneuve-Loubet 571 . Er folgte mithin der alten Römerstraße Via Aurelia entlang der ligurischen Riviera und der Côte d’Azur. Vermutlich in Villeneuve-Loubet, an der Mündung des Flusses Loup, ging er von Bord und reiste, nun wieder zu Fuß, über Grasse, Brignoles, Saint-Maximin und Aix-en-Provence bis Avignon 572 . Von dort aus schlug er die schon im 176 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="177"?> 572 Vgl. Da Veniexia (wie Anm.-111), S.-485f. 573 Vgl. Da Veniexia (wie Anm. 111), S. 486-494. - Zur Via Tolosana, die traditionell nicht von Avignon, sondern von Arles ausgeht, vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-235. 574 Wie die meisten Pilger-Autoren. Inzwischen hatte der Pass von Ibañeta oder auch von Roncesvalles den im Liber Sancti Jacobi angegebenen Somportpass, den man von der Via Tolosana aus nehmen solle, als Eingangstor nach Spanien weitgehend ersetzt. C A U C C I V O N S A U C K E N , Toskana (wie Anm. 189), S. 364, glaubt, „dass dieser Wechsel nur zum Teil von den besseren Pilgereinrichtungen auf dem neuen Weg abhing, sondern vor allem dem Reiz der karolingischen Traditionen zu verdanken ist, die eng mit der Pilgerkultur verbunden sind.“ 575 Vgl. Da Veniexia (wie Anm.-111), S.-495-511. 576 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Toskana (wie Anm. 189), S. 356-364. - Im Wesentlichen dieselbe Route findet sich schon im Itinerar des isländischen Abtes Nikulás von Munkathvera († 1159) dokumentiert. Vgl. Dominik W Aẞ E N H O V E N , ‚Dort ist die Mitte der Welt‘. Ein isländischer Pilgerführer des 12.-Jahrhunderts, in: Gestiftete Zukunft im mittelalterlichen Europa. Festschrift für Michael Borgolte zum 60. Geburtstag, hg. von Wolfgang H U S C H N E R / Frank R E X R O T H , Berlin 2008, S.-29-62. Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi beschriebene Via Tolosana ein; so gelangte er über Nîmes, Montpellier, Béziers, Carcassonne, Toulouse, Auch und Orthez bis an den Fuß der Pyrenäen 573 ; von Saint-Jean-Pied-de-Port aus überquerte er den Ibañeta-Pass 574 und nahm ab Roncesvalles den traditionellen Camino Francés bis Santiago de Compostela 575 . Im Ganzen betrachtet hielt sich der Anonymus an eine der beiden Hauptstrecken, die auch andere italienische Jakobspilger des Mittelalters und der Frühen Neuzeit in ihren Reisetagebüchern dokumentierten, nämlich die - von Caucci von Saucken so genannte - via della costa (in Opposition zur via delle Alpi, die von Piacenza dem Po entlang ins Susa-Tal und von dort über den Mont-Cenis-Pass nach Südfrankreich führt, wo sie ab Avignon ebenfalls der Via Tolosana folgt) 576 . Vollkommen ‚genretypisch‘ ist das Hauptinteresse des Itinerario Marciano nicht dem Zielort Compostela gewidmet, sondern dem weiten Weg dorthin. Eine detaillierte räumlich-topographische Behandlung im Sinne einer descriptio urbis, wie im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi, erfährt die Apostelstadt nicht. Implizit ist sie durch ihre Endstellung im Itinerar als Ziel der Pilgerfahrt markiert und erscheint dadurch wie auch durch die ausdrücklich erwähnte Gegenwart des Heiligen gewissermaßen herausgehoben; dessen ungeachtet jedoch wird sie nicht anders, nicht eingehender oder umfassender behandelt als andere besuchte Orte. An der betreffenden Stelle findet sich nichts weiter als ein knapper Vermerk, der konsequent das immergleiche syntaktische Muster vorheriger Streckenabschnitte (da … a … lige …) fortsetzt: da san lionero a uila nuoua lige III da uila nuoua alla 3.1 Venezianischer Anonymus / Itinerario Marciano (frühes 14. Jahrhundert) 177 <?page no="178"?> 577 Da Veniexia (wie Anm. 111), S. 511. - Der Adelstitel baron, mit dem Jakobus hier bedacht wird, könnte Danteschem Einfluss geschuldet sein. Vgl. L O P E Z , La imagen (wie Anm. 227), S. 354. In seiner Commedia, in Canto XXV des Paradiso, trifft Dante in Begleitung von Beatrice auf den hl. Jakobus: Mira, mira: ecco il barone / per cui là giù si vicita Galizia, ruft seine Dame, piena di letizia, bei dessen Anblick. Dante Alighieri, Commedia 3 (Paradiso), hg. von Giorgio I N G L E S E , Florenz 2021, S. 206, H. d. V. Der Apostel stellt Dante anschließend auf die Probe; er fragt ihn, worin die Tugend der Hoffnung bestehe. 578 So schon in den ersten Zeilen: Qui diremo al nome de dio ameni partedosse da ueniexia per andar a messer sam Zacomo de galizia par la uia da chioza. Da Veniexia (wie Anm. 111), S.-484. 579 Liber (wie Anm.-25), S.-251. santa monzoia lige III dala Santa monzoia al baron misser Sam Jacomo in Chonpostella lige I 577 Für das letzte Wegstück vom Monte do Gozo nach Compostela müsse man demnach eine liga einplanen. Interessanterweise wird auf das Pilgerziel stets mit dem Namen des Apostels (in den beiden graphischen Varianten sam Zacomo und Sam Jacomo) Bezug genommen, und nur hier, ganz am Ende, wird derselbe ein einziges Mal durch das Toponym Chonpostella nicht etwa ersetzt, sondern (attributivisch) ergänzt 578 . Ähnlich wie bereits in den an wichtigen loca sancta orientierten Routenbeschreibungen im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi, so lässt sich auch hier - allerdings nur bei Compostela - eine vollständige Identifi‐ kation der Stadt mit dem dort ruhenden Heiligen erkennen, die sprachlich durch metonymische Substitution ihren Ausdruck findet: Werden sonst Toponyme gelistet, so tritt im besonderen Falle von Compostela der Heiligenname an die Stelle des Stadtnamen. Es ist ein feiner, doch wesentlicher Unterschied: Der Pilger besuchte einen Heiligen, keine Stadt. Compostela erscheint somit gänzlich reduziert auf die angebliche Gegenwart des Apostels. Allenfalls lässt sich der zitierten Stelle noch ein Hinweis auf die natürliche Umgebung der Stadt entnehmen, nämlich, dass sich (eine liga) östlich der Stadtmauer ein Berg mit Namen Santa monzoia erhebe. Hinter diesem Toponym - einem Kompositum aus mon(te) und zoia, „Berg“ und „Freude“ - verbirgt sich der in Pilger- und Reiseberichten vielfach erwähnte und schon im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi (montem Gaudii) bezeugte Monte do Gozo (San Marcos), von dem aus Camino-Francés-Pilger zum ersten Mal die Glockentürme der Kathedrale von Compostela erblickten 579 . Der Vermerk des ‚Freudenbergs‘ als letzter Station vor Compostela legt nahe, dass der venezianische Anonymus die Stadt wohl auf dem gleichen Wege betrat wie 178 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="179"?> 580 Ältester Sohn von Guilhem-Raimond II. de Caumont und Jeanne de Cardaillac, Enkel von Nompar I. de Caumont. Er wurde am Hof seines Cousins Jean de Grailly, des mächtigen Grafen von Foix-Béarn, erzogen. Während des gesamten 14. und der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts waren die Herren von Caumont durch konfligierende Lehnsverhältnisse sowohl an England wie an Frankreich gebunden: Durch ihre Be‐ sitzungen in Castelnau, Berbiguières und einigen angrenzenden Gemeinden waren sie Vasallen des Herzogs von Guyenne, der seinerseits dem König von Frankreich unterstand; durch ihre Besitzungen in der Gascogne indes schuldeten sie dem König von England die Lehnstreue. Im Hundertjährigen Krieg wechselten sie je nach Oppor‐ tunität mehrfach die Seite. Nompar II. de Caumont war bereits zur Zeit seiner beiden Pilgerreisen pro-englisch gesinnt; dies jedenfalls legt der kurze Eintrag zur Schlacht von Nájera in seinem Voiatge à S t Jaques en Compostelle et à Nostre Dame de Finibus Terre nahe, ebenso wie die Tatsache, dass er 1418 in der Grabeskirche von Jerusalem - wie er in seinem Voyaige d’Oultremer en Jhérusalem explizit vermerkt - das Banner mit seinem Hauswappen au costé dez armes du roy d’Angleterre aufhängen ließ. Nompar, Voyaige (wie Anm. 117), S. 52, 143. 1427 unterzeichnete er in Nérac mit Charles II. d’Albret, dem Grafen von Dreux, einem Unterstützer Karls VII. (König von Frankreich 1422-1461), einen Vertrag, in dem sie sich gegenseitig zusicherten, ihre jeweiligen Verbündeten (für Nompar die Engländer, wie daraus hervorgeht) daran zu hindern, in die Gebiete des jeweils anderen einzudringen. Aus demselben Jahr ist ein weiteres Dokument überliefert, ein Schreiben des Grafen von Foix-Béarn, durch welches dieser als Stellvertreter Karls VII. in der Guyenne und der Languedoc seinem Cousin eine 18 die meisten anderen Pilger vor und nach ihm: Er dürfte von dort aus zum (nördlichen) Osttor, der Porta do Camiño (Porta Francigena), hinuntergelaufen sein und anschließend, intra muros, die Rúa das Casas Reais und weiter die Rúa da Acibechería (Via Francigena) genommen haben, hin zum Nordportal der Kathedrale. Letzte Gewissheit gibt der Text darüber aber nicht. Wie das folgende Kapitel zu den Aufzeichnungen des Nompar II. de Caumont (1417) zeigen wird, stellt der Itinerario Marciano mit seiner spärlichen Behand‐ lung oder vielmehr Nicht-Behandlung von Compostela und der weitgehenden Identifikation von Stadt und Heiligem keinen Einzelfall im Korpus der frühen Jakobspilgerliteratur dar. Sogar noch zum Ende des 15. Jahrhunderts lässt - wie in der Einleitung bereits erwähnt - manche Quelle (z. B. der berühmte deutsche Pilgerführer des Hermann Künig von Vach aus dem Jahr 1495) zwischen der detaillierten Beschreibung von Hin- und Rückweg ausgerechnet den Zielort aus. 3.2 Nompar II. de Caumont (1417) Der gascognische Landedelmann Nompar II. (1391-1446), Seigneur von Cau‐ mont, Castelnau, Castelculier und Berbiguières, brach am 8. Juli 1417 von seinem Schloss in Caumont zu einer Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela auf; am 3. September desselben Jahres sollte er zurückkehren 580 . Dauer und Verlauf seiner 3.2 Nompar II. de Caumont (1417) 179 <?page no="180"?> Monate währende Waffenruhe gewährte. 1443 schließlich wurde Nompar - wie ein drittes Dokument bezeugt - von Karl VII. zugunsten seines jüngeren Bruders Brandelis, der 1442 durch ein Bündnis mit Jean de Blois-Bretagne, dem Grafen von Penthièvre, zu den Franzosen übergelaufen war, mit folgenden Worten enteignet: Attendu que Nompar, seigneur de Caumont, qui sert les Anglais à Bordeaux, a confisqué envers nous son corps et tous ses biens ; considérant les services bons et agréables de Brandelis, qui a remis ses places entre nos mains et qui fait la guerre avec le comte de Penthièvre ; et que si Nompar mourait, Brandelis lui succéderait, donnons Caumont et autres places, châteaux et seigneuries de Nompar, à Brandelis. Zitiert nach: Édouard L E L I È V R E D E L A G R A N G E , Introduction, in: Nompar II. de Caumont, Voyaige d’Oultremer en Jhérusalem par le Seigneur de Caumont l’an M CCCC XVIII, publié pour la première fois d’après le manuscrit du Musée britannique, hg. von Édouard L E L I È V R E D E L A G R A N G E , Paris 1858, S. V-XIX, hier S. XVIIIf. Im nämlichen Jahr nahm Brandelis auch die Nichte des Grafen von Penthièvre, Marguerite de Blois-Bretagne, zur Frau; der aus dieser Ehe entsprungene Zweig des Hauses Caumont ist der einzige, dessen Nachkommenschaft bis in die Gegenwart reicht. Nompar ging 1444 zusammen mit seiner zweiten Ehefrau ( Jeanne de Durfort, die er 1434 geheiratet hatte) und seinem Schwiegervater ( Jean de Durfort) ins Exil nach England, wo er möglicherweise bei entfernten Verwandten unterkam und 1446 starb. Zu Nompars Leben vgl. L E L I È V R E D E L A G R A N G E , Introduction (wie Anm. 580), S. VIII-X, XVII-XIX; P É R I C A R D -M É A / M O L L A R E T , Dictionnaire (wie Anm. 217), s. v. Nompar de Caumont; Jaroslav S V Á T E K , Prier, combattre et voir le monde. Discours et récits de nobles voyageurs à la fin du Moyen Âge, Rennes 2021, S. 28-31. - Eine andere Rekonstruktion der Ereignisse vertritt Peter S. N O B L E : Ihm zufolge sei Nompar schon 1428, fünfunddreißigjährig, bei einem französischen Überfall von einem gewissen Nandonnet de Lustrac getötet worden. Sein ältester Sohn Nompar, der Dritte dieses Namens, habe sein Erbe angetreten, auch er habe im Krieg der englischen Seite die Treue gehalten, und er sei es denn auch gewesen, der 1434 Jeanne de Durfort zur Frau nahm und 1443 von Karl VII. zugunsten Brandelis’ enteignet wurde, der demnach nicht sein Bruder, sondern sein Onkel gewesen sei. Vgl. Nompar II. de Caumont, Le Voyatge d’Oultremer en Jherusalem de Nompar, Seigneur de Caumont, hg. von Peter S. N O B L E , Oxford 1975, S. 134. - H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 55, übernehmen Nobles Hypothese teilweise: Obwohl Nompar in der Tat bei besagtem Überfall einen frühen Tod gefunden habe, sei Brandelis dennoch sein Bruder gewesen und die Enteignung demnach schon vor 1428 erfolgt. Dieser Darstellung lässt sich allerdings die oben zitierte Quelle aus dem Jahr 1443 entgegenhalten. 581 Vgl. Nompar, Voyaige (wie Anm. 117), S. 141-150; L E L I È V R E D E L A G R A N G E , Introduction (wie Anm. 580), S. VIII; C A U C C I V O N S A U C K E N , La littérature (wie Anm. 93), S. 176; Denise P É R I C A R D -M É A (Hg.), Récits de pèlerins de Compostelle. Neuf pèlerins racontent leur voyage à Compostelle (1414-1531), Cahors 2011, S.-24. frommen Reise sind genau dokumentiert in den von ihm verfassten Aufzeich‐ nungen Voiatge à S t Jaques en Compostelle et à Nostre Dame de Finibus Terre, dem wohl ältesten erhaltenen Zeugnis eines französischen Jakobspilgers, überliefert auf den Folia 104 v bis 112 v eines Livre Caumont betitelten Sammelkodex 581 . Voran geht ihnen auf den Folia 1 r bis 104 r der weitaus detailliertere Bericht über seine in den Jahren 1418/ 1419 - zur Einlösung eines Gelübdes, das er seinem kurz zuvor verstorbenen Vater Guilhem-Raimond II. de Caumont gegeben hatte 582 - 180 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="181"?> 582 Vgl. Nompar, Voyaige (wie Anm. 117), S. 3f.; L E L I È V R E D E L A G R A N G E , Introduction (wie Anm. 580), S. VII. - Der Wunsch des Vaters war es, dass der erstgeborene Sohn als sein rechtmäßiger Nachfolger, comme son vray filz et universal héretier, die Reise zum Heiligen Grab antrete, die er selbst aufgrund seines unerwarteten Todes nicht mehr antreten könne. Nompar, Voyaige (wie Anm. 117), S. 3. Im Hintergrund stand vermutlich auch die durch zeitgenössische chansons de geste verklärte Erinnerung an den inzwischen über dreihundert Jahre zurückliegenden ersten Kreuzzug, an dem Vorfahren der Familie Caumont unter Gottfried von Bouillon teilgenommen hatten. Vgl. L E L I È V R E D E L A G R A N G E , Introduction (wie Anm.-580), S. X. 583 Vgl. Nompar, Voyaige (wie Anm.-117), S.-1-139. 584 Nompar II. de Caumont, Le Livre Caumont, où sont contenus les dits et enseignemens du Seigneur de Caumont composés pour ses enfans l’an mil quatre cent XVI, hg. von Jean-Baptiste Édouard G A L Y , Paris 1845, S. 3-6. - Der didaktisch-moralische Teil ist auch in einer anderen, 28 Folia umfassenden Bergeracer Handschrift aus dem 15. Jahrhundert enthalten, die in der Bibliothèque de Périgueux verwahrt wird. Auf ihr beruht die gerade zitierte Ausgabe von G A L Y , der allerdings die Autorschaft des Textes irrtümlich Nompars Vater Guilhem-Raimond II. de Caumont zuschreibt. Vgl. Jean-Baptiste Édouard G A L Y , [Einleitung], in: Nompar II. de Caumont: Le Livre Caumont, où sont contenus les dits et enseignemens du Seigneur de Caumont composés pour ses enfans l’an mil quatre cent XVI, hg. von Jean-Baptiste Édouard G A L Y , Paris 1845, S. V-XXXI, hier S. XV; L E L I È V R E D E L A G R A N G E , Introduction (wie Anm. 580), S. VII. Dieser Fehler geht zurück auf Père Anselme de Sainte-Marie (Pierre de Guibours), der G A L Y , dem die vollständige Londoner Handschrift unbekannt war, den einzigen Hinweis für die Zuschreibung lieferte: Histoire généalogique et chronologique de la Maison royale de France, des Pairs, grands Officiers de la Couronne & de la Maison du Roy & des anciens Barons du Royaume: avec les Qualitez, l’Origine, le Progrès & les Armes de leurs Familles; Ensemble les Statuts & le Catalogue des Chevaliers, Commandeurs, & Officiers de l’Ordre du S. Esprit 4, Paris 3 1728, S. 470. Guilhem-Raimond II du nom, so heißt es da, composa vers l’an 1415 une instruction pour ses enfans en vers françois, während Nompar II du nom, nommé aussi François, […] avoit fait le voyage de la Terre-Sainte, qu’il écrivit en quadrains moraux. Édouard L E L I È V R E D E L A G R A N G E weist in der Einleitung zu seiner Edition schließlich nach, dass beide Texte von ein und demselben Autor stammen, dass also der von G A L Y herausgegebene Text nur einen Teil des Livre Caumont darstellt. Vgl. L E L I È V R E D E L A G R A N G E , Introduction (wie Anm. 580), S. VIII. Vgl. auch Peter S. N O B L E , L’identité de l’auteur du Voyaige d’Outremer en Jherusalem, in: Romania 90 (1969), S.-390-395. unternommene Jerusalemreise (Voyaige d’Oultremer en Jhérusalem) 583 , und ih‐ nen folgen auf den Folia 113 r bis 132 v Dits et Enseignemens, didaktisch-moralische Verstexte (in reimenden quatrains), die Nompar im Jahr 1416, wie seiner Vorrede zu entnehmen ist, als fünfundzwanzigjähriger Familienvater für die sittliche Erziehung seiner Kinder, qui sont jeunes et ignocens, dichtete 584 . Wahrscheinlich ist Nompar zwar der Autor dieser Texte, nicht aber der ausführende Skriptor, dessen Hand auf den Blättern des einzigen erhaltenen Handschriftenexemplars zu erkennen ist; wie damals unter Adligen üblich, dürfte er die Endbearbeitung und Zusammenstellung der dreiteiligen Sammlung einem gebildeten Kleriker 3.2 Nompar II. de Caumont (1417) 181 <?page no="182"?> 585 Vgl. S V Á T E K , Prier, combattre et voir (wie Anm.-580), S.-35. 586 Nompar, Voyaige (wie Anm.-117), S.-136 587 Vgl. Nompar, Voyaige (wie Anm. 117), S. 155: FERRIOL ( Jean), scribe qui copia le voyage du seigneur de Caumont, 136, so lautet der entsprechende Eintrag im Index der „Noms d’hommes et de peuples“. 588 Vgl. L E L I È V R E D E L A G R A N G E , Introduction (wie Anm.-580), S. VII. 589 Vgl. L E L I È V R E D E L A G R A N G E , Introduction (wie Anm.-580), S. VII. 590 Wie die meisten Buchbestände des British Museums heute in der British Library untergebracht. 591 Vgl. L E L I È V R E D E L A G R A N G E , Introduction (wie Anm. 580), S. VII. - Lelièvres Interesse an diesem Dokument war vermutlich nicht rein fachlicher, sondern auch persönlicher Natur, hatte er doch 1827 Constance Magdeleine Louise Nompar de Caumont geheiratet, deren Stammbaum zwar nicht auf Nompar II. de Caumont, aber auf einen Bruder von ihm - den in Anm.-580 erwähnten Brandelis - zurückreicht. 592 Die bereits mehrfach zitierte Ausgabe: Nompar II. de Caumont, Voyaige d’Oultremer en Jhérusalem par le Seigneur de Caumont l’an M CCCC XVIII, publié pour la première fois d’après le manuscrit du Musée britannique, hg. von Édouard L E L I È V R E D E L A G R A N G E , Paris 1858. - Ein Nachdruck dieser Ausgabe ist 1975 im Genfer Verlag Slatkine erschienen. anvertraut haben 585 . Einen Hinweis auf dessen Identität geben zwei lateinische Verse im Schlussteil des Voyaige d’Oultremer en Jhérusalem: Johannes vocatur qui escripsit, benedicatur / Et ejus cognomen Ferriol esse dicatur 586 . Demnach hätte ein gewisser Jean Ferriol die Handschrift angefertigt 587 . Lange Zeit wurde der Kodex in den Archiven des Schlosses von La Force - der späteren Residenz der Herren von Caumont, erbaut zwischen 1604 und 1614 - aufbewahrt, bevor er durch eine eheliche Verbindung zwischen den Caumonts und den Lamoignons in die damals außergewöhnliche Büchersammlung der letzteren überging (wie noch der Exlibris-Vermerk Bibliotheca Lamoniana auf einem der Schutzblätter bezeugt) 588 . In den Wirren der Revolution von 1789 gelangte das Buch zum Verkauf und über einige Umwege schließlich in den Besitz des Londoner Buchhändlers Thomas Rodd, von dem es um 1840 das British Museum mit Mitteln aus dem Egerton Fund erwarb 589 . Zu Anfang der 1850er Jahre stieß der Historiker Martial Delpit in der British Museum Library auf den nun als Manuscript 890 der Egerton Collection 590 katalogisierten Livre Caumont und setzte über dessen Existenz den Marquis Édouard Lelièvre de la Grange in Kenntnis, der ihn untersuchen und erstedieren sollte 591 . Bis heute ist die im Jahr 1858 vom Marquis de la Grange besorgte erste Ausgabe der Handschrift die einzige, die beide Pilgerberichte des Seigneur de Caumont enthält: den Voyaige d’Oultremer en Jhérusalem und den Voiatge à S t Jaques en Compostelle et à Nostre Dame de Finibus Terre (nicht aber seine Dits et Enseignemens) 592 . Ersterer wurde 1975 von Peter S. Noble neu herausgegeben und 1997 von Béatrice Dansette als Teil eines Anthologieprojekts zu Heiligland‐ 182 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="183"?> 593 Vgl. Nompar II. de Caumont, Le Voyatge d’Oultremer en Jherusalem de Nompar, Seigneur de Caumont, hg. von Peter S. N O B L E , Oxford 1975; Nompar II. de Caumont, Le Voyage d’outremer à Jérusalem, hg. von Béatrice D A N S E T T E , in: Croisades et pèlerinages. Récits, chroniques et voyages en Terre Sainte XII e -XVI e siècle, hg. von Danielle R É G N I E R -B O H L E R , Paris 1997, S.-1057-1123. 594 Vgl. Le Guide (wie Anm. 129), S. 132-140; Jacques M A S S I E , Voyage de Nompar de Caumont, in: Le Bourdon. Bulletin périodique de liaison des Associations Régionales et Départementales des Amis de Saint-Jacques en Aquitaine 3 (1992), S. 18-28 (Text: S.-23f.); 4 (1993), S.-16-25 (Text: S.-18f.). 595 H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 55-67 (Einleitung: S. 55-61, Text: S. 61-67). Vgl. außerdem z. B. Nompar II. de Caumont/ Guillaume Manier/ Jean Bon‐ necaze, Chemins de Compostelle. Trois récits de pèlerins partis vers Saint-Jacques (1417 - 1726 - 1748), hg. von Christine H E N R Y / Jean-Pierre V I A L L E , Paris 2009, S. 9-17; P É R I C A R D -M É A (Hg.), Récits (wie Anm. 581), S. 23-42 (Einleitung: S. 23-25, Text: S. 25-42). 596 Vgl. z. B. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 90, 218-221, 577-579; M I E C K , Les témoignages oculaires (wie Anm. 93), S. 11f.; Margaret Wade L A B A R G E , Medieval Travellers. The Rich and Restless, Toronto 1982, S. 78-80; C A U C C I V O N S A U C K E N , La littérature (wie Anm. 93), S. 176; G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm. 93), S. 58f., 371f.; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 55-67. - Eine Übersicht über einschlägige Forschung bietet P A R A V I C I N I (Hg.), Europäische Reiseberichte 2 (wie Anm.-160), S.-65-70. 597 Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 218: „jornadas“; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-61: „Tagesstrecken“. reisen auszugsweise in modernes Französisch übertragen 593 . Letzterer wurde 1938 von Vielliard im Anhang ihrer bereits zitierten zweisprachigen Ausgabe des Guide du Pèlerin und 1992/ 1993 von Jacques Massie, mit umfassenden Anmerkungen versehen, im thematischen Halbjahresperiodikum Le Bourdon veröffentlicht 594 . In jüngerer Zeit ist dieser hier besonders interessierende Abschnitt des Livre Caumont zudem in verschiedene Pilgerberichtanthologien aufgenommen worden; in derjenigen von Herbers/ Plötz aus dem Jahr 1996, Nach Santiago zogen sie, liegt er auch in deutscher Übersetzung vor 595 . Der Forschung diente er vielfach als erster Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit dem Phänomen des schreibenden Jakobspilgers 596 . Wie der anonyme Itinerario Marciano, so sind auch die Aufzeichnungen des Seigneur de Caumont über seine Pilgerfahrt nach Compostela von lakonischer Kürze und nicht eigentlich ein Bericht als vielmehr ein Itinerar, mit dem Unterschied aber, dass sie auch den Rückweg beschreiben - und möglicherweise eine zeitliche Dimension aufweisen; zumindest liest man in der Forschung (etwa bei Vázquez de Parga et al. und Herbers/ Plötz) immer wieder, mit den Orts- und Distanzangaben liste Nompar seine zurückgelegten Tagesetappen auf, insgesamt 86 597 . Bedenkt man jedoch, dass er seine Reise ausdrücklich auf den Zeitraum vom 8. Juli bis zum 3. September 1417 datiert, mithin gerade einmal 58 Tage unterwegs gewesen sein will, so können die tatsächlichen Tagesleistungen 3.2 Nompar II. de Caumont (1417) 183 <?page no="184"?> 598 Vgl. Nompar, Voyaige (wie Anm. 117), S. 140: Et fu le .viije. jour du mois de juillet que je parti de mon chasteau de Caumont, l’an mil .cccc.xvij. Et fuy de retour à Caumont le tiers jour de setembre après venent, l’an susdit. - Bei A N D R A D E C E R N A D A S , ¿Viajeros o peregrinos? (wie Anm. 285), S. 22, ist mit Verweis auf P É R I C A R D -M É A , Récits (wie Anm. 581), S. 25, von 67 Reisetagen die Rede; wie er darauf kommt, erschließt sich mir nicht, und bei P É R I C A R D -M É A findet sich diese Angabe auch nicht an der von ihm zitierten Stelle. 599 Eine detaillierte Übersicht über den gesamten Streckenverlauf mit Umrechnung der einzelnen Distanzen in Kilometer geben V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 218-221. - P É R I C A R D -M É A , Récits (wie Anm. 581), S. 27, Anm. 5, weist darauf hin, dass die Meilenangaben bei Nompar nicht immer zutreffend sind. Entweder, so vermutet sie, habe er sich mit den römischen Zahlen vertan oder aber er habe die Entfernungen zum Teil eher nach Gefühl bzw. Erschöpfungsgrad angegeben. 600 Vgl. Nompar, Voyaige (wie Anm. 117), S. 141-147. Vgl. auch V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 218; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 61. - Zu Capeyron roge vgl. M A S S I E , Voyage 1 (wie Anm. 594), S. 26, Anm. 31; H E R B E R S / P L ÖT Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-62, Anm.-20. nicht eins zu eins mit den vermerkten Teilstrecken übereinstimmen 598 . Plausibler erscheint es deshalb anzunehmen, dass auch Nompar - wie der Autor des Itinerario Marciano - lediglich die von ihm passierten größeren Stationen mit den jeweils dazwischenliegenden Distanzen aufführt, ohne dabei explizit oder implizit Aufschluss über die zeitliche Gliederung seiner Reise zu geben. Für jede Etappe kalkuliert er zwischen zwei und neun lieues; summa summarum will er 408 lieues (sicherlich zu Pferd) zurückgelegt haben, wobei eine lieue im Durch‐ schnitt - Nompar ‚misst‘ nämlich ungenau, wohl nach Gefühl; jedenfalls variiert die Meilenlänge bei ihm ziemlich stark - etwas mehr als fünf Kilometern ent‐ spricht 599 . Von seinem Schloss in Caumont (heute Caumont-sur-Garonne) reiste der Ritter über Roquefort, Mont-de-Marsan, Saint-Sever, Hagetmau, Orthez, Sauveterre-de-Béarn, Saint-Palais und Ostabat nach Saint-Jean-Pied-de-Port, gelangte über den Ibañeta-Pass nach Roncesvalles (wobei der davor notierte Pyrenäenort Capeyron roge bisher nicht identifiziert werden konnte und daher unklar ist, ob er den Weg über Arnéguy, Valcarlos und Gainekoleta entlang der heutigen Straßenverbindung D933-N135 oder aber denjenigen über Huntto, Château-Pignon, das Thibault-Kreuz, den Bentarte- und den Lepoeder-Pass entlang der heutigen Route Napoléon nahm) und folgte von dort aus dem Camino Francés; zweifellos hielt er sich dabei nicht an die im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi vorgeschlagenen unrealistischen 13 Tagesetappen, sondern brauchte wohl etwa eine Woche länger für diesen Wegabschnitt und besuchte anschließend - wie viele Jakobspilger des 15. Jahrhunderts - auch noch Fisterra und Padrón 600 . Für den Rückweg gibt er zwar zum Teil andere Stationen an, 184 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="185"?> 601 Vgl. Nompar, Voyaige (wie Anm.-117), S.-148-150. 602 Vgl. Nompar, Voyaige (wie Anm. 117), S. 143: Et davant ceste place, ha un grant champ moult lonc et ample où le Prince de Gales, duc de Guienne, fils du bon roy Edoart, qui avoit en sa compaignie de moult belle chevallerie et escuierie de Guascons, et d’autres d’Angleterre, gueagne le bataille et esconffit le roy Enric ; et mist en possession le roy Pedro de tout le royaume d’Espaigne, comme roy droyturier. - Vgl. H E R B E R S / P L ÖT Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 63, Anm. 32; M A S S I E , Voyage 1 (wie Anm. 594), S. 27, Anm. 51. 603 Vgl. P É R I C A R D -M É A (Hg.), Récits (wie Anm. 581), S. 30, 33, Anm. 22; M A S S I E , Voyage 1 (wie Anm. 594), S. 27, Anm. 51. - Wenn es zutreffend ist, dass Guilhem-Raymond I., der Urgroßvater des hier interessierenden Pilger-Autors, im Jahr 1365 starb, so müsste sein ältester Sohn und rechtmäßiger Erbe Nompar I. derjenige Seigneur de Caumont gewesen sein, der im Jahr 1367 als junger Mann auf der Seite Peters I. von Kastilien an der Schlacht bei Nájera teilnahm. 604 Vgl. Nompar, Voyaige (wie Anm. 117), S. 143-145. - Andere Motiveinfügungen und Änderungen wie die Ansiedlung in Santo Domingo de la Calzada oder das Motiv der beiden weißen Brathühner sind schon aus früheren Quellen bekannt, so etwa aus dem Itinerario Marciano (Kapitel 3.1). 605 Nompar, Voyaige (wie Anm.-117), S.-145. im Wesentlichen stimmt der Verlauf jedoch mit demjenigen des Hinweges überein 601 . Nur an wenigen Stellen wird das stichpunktartige Itinerar durch Beschrei‐ bungen oder narrative Einschübe unterbrochen: So ruft Nompar im Zusammen‐ hang mit der entsprechenden Etappe die am 3. April 1367 unweit der Ortschaft Nájera (Rioja) ausgetragene Schlacht in Erinnerung, in der Peter I. von Kastilien (1334-1369), genannt der Grausame, mit der Unterstützung des Schwarzen Prinzen Eduard von Woodstock (1330-1376) seinen Stiefbruder Heinrich II. von Trastámara (1334-1379) besiegte und von ihm den kastilischen Thron wiedererrang 602 . Für den Ritter handelte es sich um ein Ereignis der jüngeren Geschichte, in das wohl auch einer seiner Ahnen - sein Großvater Nompar I. de Caumont († um 1400) - involviert gewesen war 603 . Am detailliertesten geht er aber auf das auch von späteren Pilger-Autoren immer wieder erwähnte Galgen- und Hühnerwunder von Santo Domingo de la Calzada ein. Bei ihm findet sich der früheste Beleg für die endgültige und ausführlichste literarische Form, sozusagen die stoffgeschichtliche Vollstufe dieses Mirakels - mit der Motivein‐ fügung des aus verschmähter Liebe unterschobenen silbernen Trinkgefäßes und einem Ehepaar mit Sohn (statt nur einem Vater mit Sohn) in der Rolle der durch das wundersame Eingreifen des Apostels beglückten Pilger 604 . Zum Authentizitätsnachweis betont er, in der Kirche des Ortes mit eigenen Augen die beiden weißen Hühner gesehen zu haben, die man dort zum Andenken an dieses berühmte Jakobswunder in einem Käfig hinter dem Altar hielt: un cok et une jeline de la nature de ceulx qui chanterent en l’aste davant le jutge et je les ay veuz et sont toux blancs 605 . 3.2 Nompar II. de Caumont (1417) 185 <?page no="186"?> 606 Nompar, Voyaige (wie Anm.-117), S.-147. 607 Nompar, Voyaige (wie Anm.-117), S.-147. 608 Nompar, Voyaige (wie Anm.-117), S.-148. 609 Nompar, Voyaige (wie Anm.-117), S.-148. Ausgerechnet bei Compostela fehlt ein solcher Einschub, ganz ähnlich wie im Itinerario Marciano. Eine genaue räumlich-topographische Beschreibung widmet Nompar der Stadt nicht; über persönliches Erleben und Handeln vor Ort schweigt er. Und in seiner eintönigen Auflistung der passierten Orte ist Compostela nicht einmal in besonderer Weise als Ziel der frommen Reise oder wenigstens als bedeutende Station markiert, sondern erscheint, auf dem Hinwie auf dem Rückweg, gleichsam als ein lieu de passage unter vielen anderen. Die entsprechenden Einträge folgen - auch hier - dem immergleichen syntaktischen Schema: De Palays de Roy a Melid III lieues De Malid a Doas casas VI lieues De Duas cazas a Saint Jaques III lieues 606 Weiter ging es - ohne Kommentar - nach Fisterra: De Saint Jaques a Salhemane, pour aler a Notre Dame de Finibus terre IIII lieues De Salhemana a Maronhas III lieues De Maronhas a Notre Dame de Finibus terre VIII lieues lequell est au port de le mer, et de la en avant l’en ne trouve plus terre; auquel lieu fait de beaux miracles et y a une grant montaigne ou est ung hermitatge de Saint Guilhames du desert 607 . Es folgte ein Besuch in Padrón: De Finibus terre a Noye IX lieues De Noye al Patron IIII lieues C’est ung lieu auquel Monseigneur saint Jaques arriba d’outre mer ou lez Sarrazins l’avoient couppé le teste et vint en une nef de pierre le chief et le corps separés l’un de l’autre, tout seul sans autre chouse et j’ay veu le nef a le rive de le mer 608 . Auf dem Rückweg kam der Pilger noch einmal durch Compostela: Du Patron a Saint Jaques IIII lieues De Saint Jaques a Ferreyres V lieues De Ferreyras a Melid IIII lieues 609 186 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="187"?> 610 Nompar, Voyaige (wie Anm.-117), S.-147f. - Zur Translationslegende siehe Kapitel 1.1. 611 Nompar, Voyaige (wie Anm. 117), S. 141. - Allgemein zu Fisterra in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Pilgerberichtliteratur vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Finisterrae (wie Anm. 261). - Für Fisterra als Ort der Marienverehrung (Notre Dame de Finibus terre) bietet Nompar den historisch ersten Beleg überhaupt. Vgl. Adeline R U C Q U O I , Los Años Santos, in: Sal de tu tierra, el Apóstol te espera. Actas del VIII Congreso de Acogida Cristiana en los Caminos de Santiago. 15, 16 y 17 de octubre de 2020, Santiago de Compostela 2021, S.-35-59, hier S.-44. 612 Vgl. P É R I C A R D -M É A (Hg.), Récits (wie Anm.-581), S.-25. 613 Nompar, Voyaige (wie Anm.-117), S.-141. In Galicien bedenkt Nompar nur zwei Orte mit zusätzlichen Kommentaren, denen sich sogar jeweils eine - wiewohl recht dürre - topographische Charak‐ terisierung entnehmen lässt: In Fisterra, dem ‚Ende der Welt‘, jenseits dessen nichts sei als das offene Meer, gebe es auf einem hohen Berg eine dem hl. Wilhelm von Aquitanien (frz. Saint-Guilhem-le-Désert) geweihte Einsiedelei, und am Strand von Padrón liege noch immer das von Gott gesandte Felsenboot, mit dem - der Translationslegende zufolge - der Leichnam des hl. Jakobus aus dem Heiligen Land an die Nordwestküste Spaniens gebracht worden sein soll 610 . Beide Orte erscheinen durch die Präsenz von Heiligem und Wunderbarem religiös aufgeladen, wenngleich aus der deutlich spürbaren Faszination für Fisterra - ou est l’un chief du monde qui est sur rive de mer en une haulte roche de montaigne, wie der Ritter schon in der Einleitung nicht umhinkann zu betonen - eher weltliche curiositas als christliche devotio spricht 611 . Sonderbar und wohl kaum schlüssig zu erklären ist jedenfalls der Kontrast zu Compostela: Kleinere Ortschaften wie Fisterra und Padrón sowie zuvor Nájera und Santo Domingo de la Calzada würdigt der Pilger-Autor durch kommentierende Einschübe; über sein Ziel hingegen, den berühmten Grabesort eines Apostels Christi, ist von ihm nichts zu erfahren 612 . Wenigstens im Titel (Voiatge a S t Jaques en Compostelle et a Nostre Dame de Finibus terre) und in der Einleitung (der Text beschreibe ung autre voiatge que je Nopar […] ay fait pour aler à monseigneur saint Jacques en Compostelle, et à Nostre Dame de Finibus terre) weist er Compostela ausdrücklich als Zielort seiner frommen Reise aus 613 . Und ähnlich wie im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi und im Itinerario Marciano ist die Stadt hier von anderen Orten dadurch unterschieden, dass sie konsequent nicht mit dem Toponym (Compostelle), son‐ dern mit dem Heiligennamen (S t Jaques, Saint Jaques, monseigneur saint Jacques) bezeichnet wird, dem ersteres allenfalls in der Funktion eines Lokalattributs (en Compostelle) angefügt wird. Beides trifft jedoch in gleicher Weise auf Nostre Dame de Finibus terre zu: Unsere Liebe Frau von Fisterra tritt hier differenzlos, offenbar gleichberechtigt, neben den Herrn Sankt Jakob in Compostela 614 . Die 3.2 Nompar II. de Caumont (1417) 187 <?page no="188"?> 614 Nompar, Voyaige (wie Anm. 117), S. 141. Vgl. P É R I C A R D -M É A (Hg.), Récits (wie Anm.-581), S.-25. 615 V Á Z Q U E Z D E P A R G A et-al., Peregrinaciones 1 (wie Anm.-15), S.-218. 616 Nompar, Voyaige (wie Anm.-117), S.-147f. 617 Vgl. Kapitel 4.3 und 6.1. 618 Nompar, Voyaige (wie Anm.-117), S.-141. 619 Gemäß der antichronologischen Struktur des Livre Caumont steht der früheste Text, die Dits et Enseignemens, auch ganz am Ende: „Or la chronologie des événements ne s’accorde pas du tout avec la composition des textes dans le recueil. D’après ce qu’affirme leur auteur, les Dits et Enseignemens seraient composés le 1 er mai 1416, mais l’ouvrage moraliste n’est classé qu’à la fin du livre entier.“ S V Á T E K , Prier, combattre et voir (wie Anm.-580), S.-34. Weiterreise nach Fisterra (und Padrón) - in dieser Zeit „casi obligada“ (Belege finden sich u. a. auch bei Peter und Sebald Rieter, Sebastian Ilsung, Gabriel Tetzel oder Leo von Rožmital bzw. seinem Chronisten Wenzeslaus Schaschek von Birkov) 615 - stellt überdies die prominente Position, die die Apostelstadt als (letzter, eigentlicher) Zielort im Reiseverlauf einzunehmen pflegt, in Frage: Die Endstation, den westlichsten Punkt, den Übergang vom Hinzum Rückweg markiert im Itinerar des Seigneur de Caumont Nostre Dame de Finibus terre - von dort aus lässt er explizit LE RETOUR beginnen, während er Saint Jaques aus seiner Stationenliste in keiner Weise heraushebt 616 . Wie sich zeigen wird, versuchten manche der späteren Berichtautoren (z. B. Bartolomeo Fontana und Domenico Laffi), die sich ebenfalls ans ‚Ende der Welt‘ wagten, die symbolisch signifikante End- und Wendepunktstellung der Apostelstadt - bewusst oder unbewusst - etwa durch die Wahl eines anderen Streckenverlaufs oder durch geschickte Strategien der textuellen Darstellung zu bewahren 617 . Zuletzt ist es aufschlussreich, sich noch einmal den Überlieferungszusam‐ menhang vor Augen zu halten: In der dreiteiligen Sammlung des Livre Caumont ist das Itinerar nach Compostela, wie erläutert, (nur) als ung autre voiatge dem - mit gut 103 Folia - deutlich längeren und detaillierteren Bericht über eine Heiliglandfahrt hintangefügt, und das, obwohl Nompar diese letztere Reise ein Jahr später (1418/ 1419) unternahm als jene erstere (1417) 618 . Er invertiert also, sicherlich nicht ohne Überlegung, die chronologische Reihenfolge seiner Reisen, sodass der Voyaige d’Oultremer en Jhérusalem an herausgehobener erster Stelle steht, der Voiatge à S t Jaques en Compostelle et à Nostre Dame de Finibus Terre hingegen, zusammen mit den Dits et Enseignemens, gleichsam in den Appendix verbannt erscheint 619 . Und während er die heiligen Stätten in und um Jerusalem mit eingehender Genauigkeit beschreibt, lässt sich seinem knappen Eintrag zu Compostela, wie gezeigt, nichts weiter entnehmen als die Tatsache seines Dagewesenseins 620 . Offenkundig war ihm die Pilgerfahrt ins Heilige 188 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="189"?> 620 Vgl. Nompar, Voyaige (wie Anm. 117), S. 147f. - Vgl. zudem H A S S A U E R , Santiago (wie Anm.-2), S.-181f.; D E L U Z , Les pèlerins français (wie Anm.-539), S.-113; S A L I C R Ú I L L U C H , Santiago y Tierra Santa (wie Anm. 285), S. 201. - Letztere rechnet den Seigneur de Caumont zu den „autores de relatos subjetivísimos y personalísimos de viaje a Tierra Santa, que se desviven en explicaciones de anécdotas, detalles y consejos experimentales de sus periplos“, er sei - schreibt sie weiter mit Blick auf seinen Jerusalemreisebericht - ein „viajero admirado, curioso y espontáneo, tan fascinado ante la diferencia como asustado ante los peligros del viaje, tan detallista y cuidadoso como, a su vez, custodio y precavido tutor de los posibles y futuros seguidores de sus pasos“ - nichts von alledem ist in seinem Itinerar nach Compostela zu spüren. 621 Dass Jerusalem in der Hierarchie der christlichen Devotionszentren über Compostela steht, ließ sich in gewisser Weise auch schon dem Liber Sancti Jacobi entnehmen: Gerade das darin immer wieder erkennbare Bemühen, eine Gleichrangigkeit zwischen den drei großen christlichen Pilgerzielen zu konstruieren, deutet darauf hin, dass Compostela (noch) nicht als gleichrangig angesehen wurde. 622 Vgl. G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm.-93), S.-145-147. 623 Ghillebert de Lannoy, Voyages et ambassades, in: ders., Œuvres de Ghillebert de Lannoy, voyageur, diplomate et moraliste, hg. von Charles P O T V I N , Löwen 1878, S. 9-178, hier S.-14. 624 Ghillebert, Voyages et ambassades (wie Anm.-623), S.-173f. Land wichtiger als diejenige zum Grab des hl. Jakobus, Jerusalem wichtiger als Compostela 621 . Damit war Nompar kein Einzelfall in seiner Zeit: Wie er, so nahmen auch manch andere überlieferte Pilger- und Reiseberichtautoren des 15. Jahrhunderts (die in dieser Arbeit nicht weiter berücksichtigt werden sollen) - nämlich die Adligen Ghillebert de Lannoy (1386-1462), Georg von Ehingen (1428-1508) und Arnold von Harff (1471-1505), die Mystikerin Margery Kempe (um 1373-1438) und der Geistliche William Wey (um 1407-1476) - beide Fernreisen auf sich; und wie er, so räumen drei von ihnen - nämlich Ghillebert de Lannoy, Georg von Ehingen und Margery Kempe - der Jakobsstadt kaum mehr als einen dürftigen Satz ein, während sie dem höher geachteten Jerusalem eine detailrei‐ che Beschreibung widmen 622 . In seinen Voyages et ambassades vermerkt der flämische Ritter Ghillebert de Lannoy über seinen Compostela-Aufenthalt im Jahr 1407 lediglich: Item, de là [d. h. von Lissabon, wo ihn der König von Portugal empfangen hatte] m’en alay à Saint-Jacques et revins par Navarre, où je trouvai le roy mallade au lit 623 . Der Eintrag zu seiner zweiten Reise, fast drei Jahrzehnte später, ist kaum ausführlicher, gibt aber immerhin Auskunft über Umstände und Beweggründe: L’an trente et cincq, le vingtieme jour de febvrier, […] m’en alay à Saint-Jacques en Galice, par terre, pour acomplir le veu que j’avoye fais au trespas de ma femme 624 . Ähnlich lakonisch notiert der schwäbische Ritter Georg von Ehingen in seinen (postum so betitelten) Raysen nach der Ritterschaft nichts 3.2 Nompar II. de Caumont (1417) 189 <?page no="190"?> 625 Georg von Ehingen, Reisen nach der Ritterschaft, hg. von Gabriele E H R M A N N , Göppingen 1979, S. 45f. - Auch andere Pilgerberichtautoren belassen es bei einer bloßen Notiz des Stadtnamens: G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm. 93), S. 146, verweist noch auf die Kaufleute Hinrich Dunkelgud, Eustache de la Fosse und Lucas Rem sowie auf den Servitenmönch Hermann Künig von Vach, dessen berühmter Wegführer, wie bereits erwähnt, zwischen den Beschreibungen von Hin- und Rückweg ausgerechnet das Ziel auslässt. 626 Vgl. William Wey, The Itineraries of William Wey, Fellow of Eton College, to Jerusalem, A.D. 1458 and A.D. 1462; and to Saint James of Compostella, A.D. 1456. From the Original Manuscript in the Bodleian Library printed for the Roxburghe Club, hg. von Bulkeley B A N D I N E L , London 1857, S. 153-161. - Der Bericht über die beiden späteren Jerusalemfahrten nimmt indes die ersten 152 Seiten ein. 627 Vgl. Arnold von Harff, Die Pilgerfahrt des Ritters Arnold von Harff von Cöln durch Ita‐ lien, Syrien, Aegypten, Arabien, Aethiopien, Nubien, Palästina, die Türkei, Frankreich und Spanien, wie er sie in den Jahren 1496 bis 1499 vollendet, beschrieben und durch Zeichnungen erläutert hat, hg. von Everhard von G R O O T E , Köln 1860. weiter, als dass er auf seiner Spanienfahrt im Jahr 1457 durch ettlich gross stett, Burschess [Burgos] und ander biss zuo sant Jacoben kam 625 . Und selbst William Wey und Arnold von Harff, die beiden einzigen Pilgerbe‐ richtautoren des 15. Jahrhunderts (neben dem in Kapitel 3.6 zu behandelnden Jean de Tournai), die sowohl Jerusalem als auch Compostela eingehender beschreiben, lassen doch einen deutlichen Unterschied zwischen den beiden Wallfahrtszielen erkennen. Der in Eton ausgebildete Bruder William Wey, der sich im Jahr 1456 auf Pilgerfahrt nach Compostela begab, geht zwar in seinem Itinerarium peregrinacionis magistri Willelmi Wey, sacre theologie baccularii, quondam socii Collegii Regalis beatissime Marie Etone ad sanctum Jacobum in Ispannya ausführlich und durchweg mit lobenden Worten auf die Apostelstadt ein (eine Beschreibung der Vesper am Vorabend des Festes der hl. Dreifaltigkeit in der Kathedrale, eine Übersicht über die Hierarchie der dortigen Würdenträger und die ihnen jeweils zustehenden Anteile an den Weihegaben des Jakobsaltars sowie eine Liste der dort aufbewahrten Heiltümer und zu erwerbenden Ablässe), insgesamt aber fällt dieser Bericht deutlich kürzer aus als derjenige über seine 1458 und 1462 unternommenen Heiliglandreisen, und wie Nompar invertiert er ihre chronologische Reihenfolge, damit der letztere, auch für ihn zweifellos der wichtigere, an der Spitze steht, während der erstere wiederum nur als eine Art zusätzlich angefügter Appendix erscheint 626 . Der niederrheinische Ritter Arnold von Harff, der zwischen 1496 und 1499 alle drei christlichen peregrinationes maiores ‚am Stück‘ absolvierte, war tatsächlich zuerst in Jeru‐ salem gewesen; dass er den Berichtteil über seine Compostela-Fahrt im Jahr 1498 nachstellt, ergibt sich aus der streng chronologischen Organisation seines Reisetagebuchs 627 . Indes kommt auch bei ihm der quantitative Unterschied zum 190 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="191"?> 628 Lässt man die Compostelareise mit der Rückkunft des Pilgers aus Jerusalem im Hafen von Venedig beginnen und mit seiner Heimkehr nach Köln enden, so nimmt sie in der zitierten Ausgabe die Seiten 213 bis 251 ein. Die Heiliglandfahrt dagegen, setzt man die Abreise aus Rom als ihren Anfangspunkt an, erstreckt sich über die Seiten 37 bis 213. Jerusalem und seine nähere Umgebung werden auf den Seiten 163 bis 189 beschrieben, Compostela nur auf den Seiten 233 und 234 oben. 629 Arnold, Pilgerfahrt (wie Anm. 627), S. 233. - Ebenda: Item man wilt sagen dat der lijchanam sent Jacobs des meirrer apostel sulde sijn ader lijgen in deme hoigen altaer. etzliche sagen waerafftich neyn, as er lijcht zo Tolosa in Langedock, dae van ich vur geschreuen hane. doch ich begeert mit groisser schenckonge dat man mir dat heylige corper tzoenen weulde. mir waert geantwort, soe wer nyet gentzlich geleufft, dat der heylige corper sent Jacobs des meirre apostel in deme hoigen altaer leege ind dae an tzwyuelt ind dat corper dan sien wurde, van stunt an moiste er unsynnich werden wie eyn raesen hunt. dae mit hat ich der meynonghe genoich ind vir gyngen voert vff die sacrastie. - Zu den Toulouser Apostelreliquien vgl. Andreas M E Y E R , Städtische Identität und Konkurrenz. Die spätmittelalterlichen Apostelgräber in Toulouse, in: Stadt und Pilger. Soziale Gemeinschaften und Heiligenkult, hg. von Klaus H E R B E R S , Tübingen 1999, S. 125-140; Andreas M E Y E R , Von Santiago de Compostela nach Toulouse. Ein Apostel verlegt sein Grab, in: Francia. Forschungen zur westeuropäischen Geschichte 26/ 1 (1999), S.-209-238; P É R I C A R D -M É A , Compostelle (wie Anm.-39), S.-107-109. Tragen: Von allen drei Fernpilgerreisen nimmt diejenige zum Grab des Apostels Jakobus den geringsten Raum ein, und speziell seine Compostela-Beschreibung füllt kaum mehr als eine Seite, während den loca sancta im Heiligen Land ungefähr ein Achtel des gesamten Textes (knapp 30 Seiten in der noch heute maßgeblichen Ausgabe von Groote) gewidmet ist 628 . Darüber hinaus maß der Ritter der Apostelstadt, obschon er sie als eyn kleyn schoyne lustich steetgen durchaus positiv beurteilt, wohl auch deshalb eine geringere Bedeutung bei, weil er - wie der in Kapitel 1.2 erwähnte Pandolfo Nassino - davon überzeugt war, die Jakobusreliquien bereits im ‚konkurrierenden‘ Toulouse gesehen zu haben 629 . Zweifel und Skepsis über die körperliche Anwesenheit des Apostels in Compostela treten in vielen Pilgerberichten des ausgehenden Mittelalters bzw. der beginnenden Frühneuzeit teils deutlicher, teils subtiler zutage, wie im Folgenden die Kapitel über zwei Florentiner Anonymi (spätes 15. Jh.), den Kaufmann Jean de Tournai (1489) aus Valenciennes sowie die flämischen Adligen Antoine de Lalaing (1502) und Jan Taccoen van Zillebeke (1512) zeigen werden. 3.3 Lorenzo (Mitte des 15. Jahrhunderts) Auch den folgenden Pilger, einen Florentiner Geistlichen namens Lorenzo, zog es sowohl zum Ort der Auferstehung Christi als auch zum Grab des hl. Jakobus. 3.3 Lorenzo (Mitte des 15. Jahrhunderts) 191 <?page no="192"?> 630 Vgl. Lorenzo, Il viaggio al santo sepolcro ed a S. Jacopo di Galizia, Bibliothèque nationale de France, Ms. it. 900, online einsehbar unter https: / / gallica.bnf.fr/ ark: / 12148/ btv1b 100323080/ f3.item.r=francesco%20piccardi (Zugriff am 31.08.2022). - Transkription: Lorenzo, Il Viaggio d’andare a Santo Jacopo di Galizia (ms. N. 900-8773 della Bibliothèque Nationale di Parigi), hg. von Giovanna S C A L I A , in: Il Pellegrinaggio a Santiago de Compostela e la Letteratura Jacopea. Atti del Convegno Internazionale di Studi. Perugia, 23-24-25 Settembre 1983, hg. von D E R S ., Perugia 1985, S. 311-343 (Kommentar: S. 311-325, Text: S. 326-343). Dieselbe Transkription findet sich auch in S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm. 189), S. 51-72. - Der Bericht über die Heiliglandreise ist bislang nicht ediert worden. 631 Vgl. Paolo P I C C A R D I , Un illustre amanuense originario di Piandiscò. Francesco di Paolo Piccardi copista, in: Corrispondenza. Periodico semestrale 55 (2009), S. 23-25, hier S. 24. - Allgemein zu Jules Mazarin vgl. zuletzt Uwe S C H U L T Z , Jongleur der Macht. Kardinal Mazarin, der Lehrmeister des Sonnenkönigs, Darmstadt 2018. 632 Vgl. P I C C A R D I , Un illustre amanuense (wie Anm.-631), S.-24; Teresa L O D I , Il «Catalogus Scriptorum Florentinorum» di Giambattista Doni, in: La Bibliofilía. Rivista di Storia del Libro e di Bibliografia 63/ 2 (1961), S. 125-156, hier S. 150. - Der volle Eintrag zur hier interessierenden Handschrift lautet: Franc.o Piccardi il viaggio del Santo Sepolcro, e di S. Jacomo di Galizia in ottava rima MS. nella lib. a Mazzarina (c. 18 b ). Insgesamt führt der Katalog etwa 200 Namen florentinischer Autoren auf. - Das Ms. it. 1671 Seine zusammen überlieferten Berichte, der Viaggio d’andare al Sepolcro und der Viaggio d’andare a Santo Jacopo di Galizia, bestätigen eindrücklich, was sich im vorigen Kapitel bereits an den Aufzeichnungen des Seigneur de Caumont und anderer Pilger-Autoren des 15. Jahrhunderts beobachten ließ: Auch bei ihm steht die Jerusalemfahrt bezeichnenderweise an erster Stelle und nimmt mit vollen 99 Folia (1 r bis 99 v ) einen deutlich größeren Raum ein als die Compostelafahrt, die, an den Schluss gestellt und kaum ein Neuntel so lang (fol. 100 r bis 112 r ), wiederum nur wie ein nachträgliches Anhängsel erscheint. Und während im einen Falle das orientalische Pilgerziel detailreich geschildert wird, endet im anderen - wie zu zeigen sein wird - jede topographische Beschreibung mit dem ersten Anblick der Kathedrale. Die 112 Papierfolia umfassende Handschrift von 1472, in der beide Texte enthalten sind, wird als Ms. it. 900 in der Bibliothèque nationale de France (Site Richelieu) aufbewahrt 630 . Einst befand sie sich im Privatbesitz Kardinal Jules Mazarins (1602-1661), der ab 1642 - erst unter Ludwig XIII., dann unter Ludwig XIV. - als Nachfolger Richelieus im Amt des leitenden Ministers maßgeblich die Geschicke Frankreichs bestimmte 631 . Sein Bibliothekar, Gabriel Naudé (1600-1653), hatte sie - wie Paolo Piccardi annimmt - auf Empfehlung eines Freundes, des Florentiner Musiktheoretikers und Bibliophilen Giovanni Battista Doni (1595-1647), erworben, der es mit dem Standorthinweis nella lib. a Mazzarina (c. 18 b ) auch in seinem (unveröffentlichten) Catalogus Scriptorum Florentinorum verzeichnet 632 . Nach dem Tod Mazarins sollte der Großteil seiner 192 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="193"?> der Bibliothèque nationale de France enthält den Briefwechsel zwischen Naudé und Doni aus den Jahren 1641 bis 1645. Da Mazarin erst 1643 zusammen mit Naudé den Aufbau seiner Privatbibliothek begann und Doni schon 1647 starb, dürfte der Erwerb der Handschrift zwischen diesen beiden termini erfolgt sein. Die Fronde des Princes (1650-1652) hat sie im Unterschied zu vielen anderen Büchern des Kardinals unbeschadet überstanden. 633 So hatte es Mazarin 1661 in seinem Testament festgelegt: Nach seinem Tod sollte eine Schule für junge Männer aus denjenigen vier Provinzen errichtet werden, die unter seiner Amtszeit mit Frankreich vereinigt worden waren: dem Elsass, Flandern, Rous‐ sillon und Pinerolo. In diesem Collège des Quatre-Nations sollte seine Büchersammlung als Kerninventar einer stetig zu erweiternden öffentlichen Bibliothek untergebracht werden. Vgl. Jules Mazarin, Testament du cardinal Mazarin, Bibliothèque nationale de France, Dupuy 858, online einsehbar unter https: / / gallica.bnf.fr/ ark: / 12148/ btv1b10308 896p/ f1.item (Zugriff am 31.08.2022). 634 Vgl. Yann S O R D E T , D’un palais (1643) l’autre (1668) : les bibliothèques Mazarine(s) et leur décor, in: Journal des Savants 1 (2015), S.-79-138. 635 Auf dem ersten Recto ist noch immer das alte Bibliothekssiegel mit dem Schriftzug BIBLIOTHECA REGIA zu erkennen. 636 In den wenigen historischen Belegen zu seiner Person wird Lorenzo zumeist mit dem Ehrentitel ser(e) (von lat. senior) bedacht, der im Toskanischen der Epoche für Respektspersonen, namentlich für Geistliche und Rechtsgelehrte, gebräuchlich war. Vgl. Enciclopedia Treccani, Sère (Eintrag im Online-Wörterbuch), https: / / www.trecca ni.it/ vocabolario/ sere1/ (Zugriff am 18.09.2022). 637 Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm. 630), S. 343. - Die folgenden Übersichtswerke u. a. schreiben die Autorschaft der Handschrift noch Piccardi zu: Antonio L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia de la Santa A. M. Iglesia de Santiago de Compostela 7, Santiago de Compostela 1904, S. 427; F A R I N E L L I (Hg.), Viajes 1 (wie Anm. 93), S. 146; V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 237; M I E C K , Les témoignages oculaires (wie Anm.-93), S.-215. Zehntausende Bücher zählenden Sammlung den Grundbestand der seit 1689 im Collège des Quatre-Nations untergebrachten öffentlichen Bibliothèque Ma‐ zarine bilden 633 . Ein kleinerer Teil aber, etwa 2000 Handschriften, wurde schon 1668 der Bibliothèque du Roi, der Vorgängereinrichtung der heutigen Bibliothè‐ que nationale de France, zugeführt 634 ; darunter befand sich auch das fromme Büchlein mit Lorenzos Viaggio d’andare al Sepolcro und Viaggio d’andare a Santo Jacopo di Galizia 635 . Lange Zeit - schon in Donis Autorenkatalog und noch in allen einschlägigen Publikationen bis in die 1980er Jahre hinein - wurden die beiden Pilgerberichte nicht ser 636 Lorenzo, sondern Francesco di Paolo Piccardi (1405-1477) zuge‐ schrieben, der auf dem letzten Blatt (112 r ) für das Manuskript verantwortlich zeichnet: Finito per me Franciescho Picchardi el viaggio del Sipolchro e di Santo Jacopo di Galizia. Scritto questo di 20 di settenbre 1472 637 . Scalia, der eine erste Transkription und eine eingehende Untersuchung des Viaggio d’andare a Santo Jacopo di Galizia zu verdanken sind, konnte jedoch nachweisen, dass Piccardi 3.3 Lorenzo (Mitte des 15. Jahrhunderts) 193 <?page no="194"?> 638 Vgl. Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm. 630), S. 312f. Vgl. auch C A U C C I V O N S A U C K E N , La littérature (wie Anm. 93), S. 176; D E R S ., Toskana (wie Anm. 189), S. 359; D E R S ., Santiago (wie Anm. 109), S. 29. - Der Eintrag zu Piccardi im bereits zitierten Catalogus Scriptorum Florentinorum lautet: Francesco di Paolo Piccardi, da Castelfranco di sopra, cittadino fiorentino, copista di professione, svolse la sua attività essenzialmente fra il 1444 e il 1475, anno in cui si registra per l’ultima volta la sua firma di scriptor. Zitiert nach: L O D I , Catalogus (wie Anm. 632), S. 151f. - Dennoch wird Piccardi zuweilen auch in jüngeren Publikationen noch als Autor des Textes genannt, so etwa in L O P E Z , La imagen (wie Anm. 227), S. 352f.: „el 10 de septiembre de 1472 Franciescho Picchardi compone el poema devocional Il Viaggio d’andare a Santo Jacopo di Galizia“, „Picchardi nos indica la distancia en leguas“, „Picchardi aconseja de no viajar con más de dos personas“ etc. 639 Vgl. Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm. 630), S. 312f. - Vgl. auch C A U C C I V O N S A U C K E N , La littérature (wie Anm. 93), S. 176; D E R S ., Toskana (wie Anm. 189), S. 359; D E R S ., La memoria (wie Anm. 209), S. 58; D E R S ., Santiago (wie Anm. 109), S. 29; S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm.-189), S.-51. 640 Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 237: „relata un viaje hecho en 1472“; R U C Q U O I , Mille fois (wie Anm. 15), S. 327: „Le prêtre Lorenzo de Florence en 1472, et l’anonyme pèlerin florentin de 1477 y passèrent“, sie seien beide auf dem Monte do Gozo gewesen. Dabei bezieht sich die im Schlusskolophon enthaltene Datumsangabe ganz offenkundig nicht auf das Ende der Reise, sondern auf den Fertigstellungszeitpunkt der Handschrift. nur ein Kopist war; tatsächlich sind von ihm zahlreiche Abschriften (vor allem von Klassikern wie Ovid, Titus Livius und Boccaccio) aus den Jahren 1444 bis 1475 erhalten, indes keine eigenen Werke 638 . Der wahre Autor nennt sich im Viaggio d’andare al Sepolcro auf dem vierten Recto: Lorenzo vostro guidore, und weist sich ebenda als rettore di San Michele a Castello aus, d. h. als Leiter der Pfarrei San Michele a Castello in der Diözese Fiesole (nördlich von Florenz) 639 . Sicherlich reiste er nicht erst 1472 nach Compostela, wie es die Forschung aufgrund des zitierten Schlusskolophons zuweilen - auch jüngst noch (z. B. Rucquoi) - behauptete 640 . Handelt es sich nämlich um denselben Pfarrer von San Michele a Castello mit Namen Lorenzo, dessen Lebens- und Werkdaten Giuliano Tanturli in einem 2006 erschienenen Aufsatz minutiös zusammengetragen hat (offenbar aber, ohne Kenntnis von dem hier interessierenden Dokument zu 194 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="195"?> 641 Vgl. Giuliano T A N T U R L I , Ser Lorenzo prete di San Michele a Castello, canonico lauren‐ ziano «suprannumerario»? , in: Il Capitolo di San Lorenzo nel Quattrocento. Convegno di studi, Firenze, 28-29 marzo 2003, hg. von Paolo V I T I , Florenz 2006, S. 81-93, insb. S. 81f.: „È certo che nella prima metà del Quattrocento un Lorenzo prete di San Michele a Castello scrivesse e raccogliesse nel codice ora Laurenziano XL I 21 un bel numero di sermoni in terza rima, dedicati a personaggi fiorentini, ecclesiastici e laici, donne e uomini; […]. I personaggi a cui sono indirizzati i capitoli portano verso i decenni centrali del Quattrocento, pendendo piuttosto verso la prima metà: quarto, quinto, sesto decennio del secolo. Per fare qualche esempio, uno è dedicato a Giannozzo Manetti, morto, com’è noto, nel 1459; un altro a ser Tommaso Schiattesi, morto fra il 1435 e il 1442; un altro ancora a Antonio degli Agli designato come priore dei Santi Apostoli, cioè dopo il 1436 e prima del 1438, quando gli fu conferito un canonicato della metropolitana fiorentina o almeno del 1439, quando divenne pievano dell’Impruneta.“ Auch interessant für die Datierung ist ebenda, S. 84: „in una filza di documenti e contratti dell’Archivio capitolare di San Lorenzo (2866), usato dal Moreni, si ricorda (c. 25v, 12 della numerazione originaria) «come a di 12 dí maggio [1459] ser Lorenzo rettore di San Michele a Castello donò alla nostra chiesa f. 50, come appare in questo a [sic, con spazio lasciato bianco], e di più volumi di libri e di più denari, spesi in una libraria per detti libri. Rogò ser Lotto a libro del distributore segnato .A., a 77», e di nuovo (c. 27v, 13 della numerazione originaria) «come a dí 14 di maggio [1460] donò al capitolo nostro ser Lorenzo rectore della chiesa di San Michele a Castello f. 50 et 30 volumi di diversi libri, le quali cose più tempo è condusse qui alla chiesa nostra, come appare in questo a 1… [la seconda cifra è illeggibile per una macchia d’inchiostro]».“ 642 Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-326. 643 C A U C C I V O N S A U C K E N , Relazioni italiane (wie Anm. 109), S. 244, ordnet den Text daher auch eher der Guidenliteratur zu; es handele sich um eine „guida spirituale al pellegrinaggio“. Vgl. auch D E R S ., Santiago (wie Anm.-109), S.-41. 644 Vgl. Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-331-337. haben), so sind Reise und Textgenese früher zu datieren, wohl eher auf die erste als auf die zweite Hälfte des Quattrocento 641 . Der Viaggio d’andare a Santo Jacopo di Galizia ist ganz von christlicher Frömmigkeit durchdrungen. Aus den 73 Stanzen (ottave rime, d. h. Achtzeiler mit Reimschema abababcc und endekasyllabischem Metrum) des Langgedichts spricht keine andere Motivation, als dem baron Santo Jacopo aufrichtige Ver‐ ehrung zu bezeigen, in der Hoffnung, dessen mächtige Fürsprache bei Gott zu erlangen 642 . Die weite Reise nach Compostela scheint Lorenzo demnach allein devotionis causa unternommen zu haben. Obwohl der Text zweifellos auf eigener Reiseerfahrung basiert, ist er nicht in der Ich-, sondern in der Du-Form und nicht im Präteritum, sondern teils im Präsens und teils im Futur verfasst. Statt (nur) seine individuelle Pilgerfahrt zu dokumentieren, konzipierte Lorenzo seinen Viaggio vielmehr als eine allgemeingültige Reiseanleitung für nachfolgende Jakobspilger 643 . Die Beschreibung des Weges füllt nur den Mittel‐ teil des Textes (Strophen 20 bis 50) 644 ; voran- und nachgestellt sind umfassende Abschnitte religiöser Thematik, zuweilen in moralisch-exhortativem, häufiger 3.3 Lorenzo (Mitte des 15. Jahrhunderts) 195 <?page no="196"?> 645 Vgl. Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-326-330, 337-342. 646 Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm. 630), S. 326. Vgl. S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm. 189), S. 51. Vgl. ebenso C A U C C I V O N S A U C K E N , Relazioni italiane (wie Anm. 109), S.-236; D E R S ., Santiago (wie Anm.-109), S.-29. 647 Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm. 630), S. 326f. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Relazioni italiane (wie Anm. 109), S. 236; D E R S ., Santiago (wie Anm. 109), S. 29f.; S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm.-189), S.-51f.; L O P E Z , La imagen (wie Anm.-227), S.-352. 648 Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm. 630), S. 327. - Allgemein zur benedictio perarum et bacu‐ lorum vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 137-143; Robert P L Ö T Z , ‚Benedictio perarum et baculorum‘ und ‚coronatio peregrinorum‘. Beiträge zur Ikonographie des hl. Jacobus im deutschsprachigen Raum, in: Volkskultur und Heimat. Festschrift für Josef Dünninger zum 80. Geburtstag, hg. von Dieter H A R M E N I N G / Erich W I M M E R , Würzburg 1986, S.-339-376; R U C Q U O I , Mille fois (wie Anm.-15), S.-94-105. 649 In der Predigt „Veneranda dies“ erläutert Pseudo-Calixt: Non absque re ad sanctorum limina tendentes baculum et peram benedictam in ecclesia accipiunt. Cum enim penitencie causa illos ad sanctorum presidia mitimus, peram benedictam illis more ecclesiastico damus, dicentes: ‚In nomine Domini nostri Ihesu Christi accipe hanc peram, habitum peregrinacionis tue, ut bene castigatus et emendatus pervenire merearis ad limina sancti Iacobi, quo pergere cupis, et peracto itinere tuo ad nos incolumis cum gaudio revertaris, ipso prestante qui vivit et regnat Deus in secula seculorum. Amen.‘ Liber (wie Anm. 25), S.-91. 650 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 31. - Er spricht in diesem Zusammenhang ausdrücklich von einer funzione che far si deve quando un Peregrino deve andare à S. Giacomo di Galizia. 651 Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-327. in hymnisch-preisendem Ton, die mit insgesamt 42 Strophen (1 bis 19 und 51 bis 73) den weitaus größeren Teil ausmachen 645 . Die ersten beiden Strophen setzen mit einer Anrufung Gottes (Al nome di colui che tutto reggie usw.) und der Jungfrau Maria (Richiamando chiamo ancor la sua madre usw.) ein, in der Renato Stopani zufolge Anklänge an Dantes Commedia zu vernehmen seien 646 . In den Strophen 3 bis 12 folgen allerlei Ratschläge an den Pilger in spe (O pellegrin che sse’ sì ben disposto / tal viaggio prendere sì tedioso usw.) 647 : So solle er am Tag des Aufbruchs seinen Stab und seine Tasche in der Kirche weihen lassen (Quel dì che vuoi pigliare il chamino / alla Chiesa bordone e tasccha porta) 648 , ein religiöses Ritual, das schon für die Mitte des 12. Jahrhunderts - im Liber Sancti Jacobi 649 - und noch für die Mitte des 18. Jahrhunderts - etwa in der Veridica Historia des Nicola Albani 650 - bezeugt ist. Ferner solle er dem Gottesdienst beiwohnen (quivi udirai l’uficio divino), die Eucharistie empfangen (i sachramenti pigliare), die Beichte ablegen (ivi chonfessa co’ mente achortta), sich mit Feinden versöhnen (nimicizia non portare techo), begangenes Unrecht wiedergutmachen (de’ mali tuo’ fatti restituzione farai. / Di rea fama data rendila buona) und erlittenes Unrecht vergeben (ogni ingiuria a tte fatta perdona) 651 . 196 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="197"?> 652 Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-327f. 653 Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm. 630), S. 328. - Wie der Autor des Itinerario Marciano tituliert Lorenzo den Apostel Jakobus als baron(e), worin Dantescher Einfluss zu erkennen sein könnte. Vgl. Anm.-577. 654 Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-329f. 655 Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm. 630), S. 330f. - C A U C C I V O N S A U C K E N schreibt in seinen einschlägigen Publikationen immer wieder, das Itinerar beginne auf Blatt 104 v - ein Fehler, wie ein Blick in die Handschrift zeigt: da firenze a prato son .x. miglia ist der erste Vers auf Blatt 103 v . 656 Gegenüber nur 127 im Itinerario Marciano und 86 im Voyaige des Nompar II. de Caumont. - C A U C C I V O N S A U C K E N , Toskana (wie Anm. 189), S. 359, gibt fälschlich an, der Text verzeichne „gut 250 Örtlichkeiten“. Richtig ist 218. Um auf diese Zahl zu kommen, muss man allerdings neben Städten und Ortschaften auch Brücken, Hospitäler und Berge mitzählen. Unterwegs solle er sich dem Schutz des Apostels anvertrauen (nel baron Santo Jacopo ti rimetti), mit nicht mehr als zwei Begleitern reisen (più di due compangni a bordon non piglare), sich nicht an unflätigen Reden ergötzen (disonesto parlare non fare per i spassi), mäßig und bescheiden sein (lla sobrietà fa che non chassi / e l’umile atto in te abbi a manchare), Almosen an Bedürftige verteilen (con limosine el povero rilieva) und überhaupt sich christlich-tugendhaft verhalten (porta d’indugienzia la corona, ritrati da mondale effetto ciecho, ferma pazienzia tieni, non bramare ogni cosa che ’tti piaccia, [r]iverenza a tuoi conpangni portta / infatti né in parlare ira non dare / per amore di Ddio tutto sopportta usw.) 652 . Zudem ermahnt Lorenzo eindringlich zum Gebet, remedium in allen Notlagen, insbesondere, wenn es sich an den hl. Jakobus richtet, denn tal baron farà tuo’ membri possenti und [d]a tal barone niuno fu ’mmai disolato 653 . In der elften Stanze geht die moralische exhortatio an den Pilgerwilligen in ein überschwängliches Enkomion an den mächtigen Apostel (O barone Santo Jacopo maggiore / noi conosciamo te essere più potente usw.) über, welches sich reichlich aus dessen hagiographischem Dossier bedient (Herkunft, Jüngerschaft Jesu, Predigttätigkeit in Judäa, Samaria und Spanien, Martyrium, Translation) 654 . Schließlich, in den letzten beiden Versen der neunzehnten Stanze (fol. 103 r ), adressiert Lorenzo mit einem inklusiven Plural wiederum den Leser, gleichsam, als wollte er ihn auf eine geistige Reise mitnehmen (e nnoi andare a tal chiesa [d. h. zur Kirche des hl. Jakobus] vogliamo / el primo passo da Firenze partiamo), bevor er ab der zwanzigsten Stanze (fol. 103 v ) in die Du-Form wechselt und den Reiseverlauf von Florenz bis Compostela wiedergibt 655 . Obwohl Lorenzos Wegbeschreibung deutlich elaborierter, ja ‚literarischer‘ und mit insgesamt 218 verzeichneten Orten 656 auch weitaus genauer als die beiden zuvor analysierten Texte ist, weist im Grunde auch sie noch die herkömmliche Itinerarstruktur auf. Denn auch Lorenzo zählt, obgleich in 3.3 Lorenzo (Mitte des 15. Jahrhunderts) 197 <?page no="198"?> 657 Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm. 630), S. 331. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Relazioni italiane (wie Anm. 109), S. 239; D E R S ., Santiago (wie Anm. 109), S. 30; L O P E Z , La imagen (wie Anm.-227), S.-353. 658 Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-331-337. 659 Vgl. Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm. 630), S. 333: Alla chiesa maggiore presto andrai / 5 corpi d’appostoli ài trovato / Santo Saturnino ancor ci vedrai / de ’72 qui t’è mostrato / 6 corpi quasi interi gli vedrai / il chorno d’Orlando qui è urnato / i’ linteo ch’envolse il corpo di Giesù / qui il vedrai che mostra sua virtù. - Das imperativische Futur erinnert an das im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi so häufig gebrauchte visitandum esse. - In den Pilger- und Reiseberichten der Frühen Neuzeit wird Toulouse häufig seines reichen Heiltumsschatzes wegen genannt. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Relazioni italiane (wie Anm. 109), S. 240f.; D E R S ., Toskana (wie Anm. 189), S. 360, 364; D E R S ., Santiago (wie Anm.-109), S.-31; S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm.-189), S.-53. wohlklingenden Versen und erkennbar bemüht um syntaktische Variation, in der Hauptsache nur die von ihm passierten größeren Orte und die dazwischen‐ liegenden Entfernungen auf: Da Firenze a Prato son 10 miglia / medesimo numero fino a Pistoia / due meza poi a Bugiano ne piglia / 12 a Lluccha ne vai con gran boia usw. 657 Die Etappenlänge schwankt jeweils zwischen zwei und 30 miglia (von Florenz bis Draguignan) bzw. einer halben und zehn leghe (von Draguignan bis Compostela), wobei ein miglio im Durchschnitt etwa zwei Kilometern und eine lega - wie bei Nompar II. de Caumont - ungefähr fünf Kilometern entspricht; in Summe will er 276 miglia und 296 leghe (d. h. über 2000 Kilometer) zurückgelegt haben. Die zeitliche Dimension seiner Pilgerfahrt lässt er - wie der Autor des Itinerario Marciano - völlig unbestimmt: Er nennt weder Reisedauer noch Kalenderdaten, und die vermerkten - teils recht kurzen - Etappen stimmen zweifellos nicht mit seinen Tagesleistungen überein. Nur sporadisch streut er zusätzliche Angaben ein, verweist etwa auf wichtige Brücken (Ponte Artese, Ponte di Paradiso, Ponte alle Ruote, Ponte a Milaqua, Ponte all’aqua usw.), Berge (una montangnia, Monte Rame, Mongioia usw.) und Hospitäler (uno spedale bello, uno spedale, di San Antonio lo spedale, San Giovanni usw.), betont gelegentlich, wie beschwerlich ein Wegstück sei (una spiacievole lega, tue virtù qui stancha, qui per disagio e stracchezza piangnio usw.) und rät zum Besuch einiger Devotionsstätten mit Reliquienbesitz (Los Arcos: il capo di San Cristofano, Castrojeriz: il braccio di San Antonio usw.) 658 . Umfassender, mit einer vollen Stanze, kommentiert er nur den zahlreichen Heiltumsschatz der Stadt Toulouse, die er auf diese Weise deutlich aus dem Itinerar heraushebt; dort angekommen, solle der Pilger unversäumt die Kathedrale aufsuchen, in der nicht nur die Gebeine des hl. Stadtpatrons Saturninus verehrt würden, sondern auch diejenigen von fünf Aposteln und sechs der im Lukasevangelium erwähnten 72 frühen Jünger sowie das Leichentuch Christi und der Olifant, das Horn Rolands 659 . Im Ganzen beschränkt sich Lorenzo auf grundlegende praktische 198 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="199"?> 660 Besonders im Vergleich mit dem wohl von einem weltlichen Autor verfassten Itinerario Marciano ist auffällig, dass der Geistliche Lorenzo dabei nicht ein Wort über Währun‐ gen, Geldwechselverhältnisse oder Wegzölle verliert. 661 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Relazioni italiane (wie Anm. 109), S. 237; D E R S ., Toskana (wie Anm.-189), S.-359-361, 364; D E R S ., Santiago (wie Anm.-109), S.-30. 662 Vgl. Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-331. 663 Vgl. Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm. 630), S. 331-334. - Dass die meisten Pilger-Autoren der Frühen Neuzeit die Via Tolosana nicht - wie im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi vorgesehen - von St-Gilles, sondern von Avignon aus betraten, könnte mit dessen Bedeutung als ehemaligem Papstsitz zusammenhängen. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Relazioni italiane (wie Anm. 109), S. 237; D E R S ., Toskana (wie Anm. 189), S. 364; D E R S ., Santiago (wie Anm.-109), S.-30. 664 Vgl. Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-334-337. 665 Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-337. Hinweise für die fromme Reise (Etappen, Brücken, Berge, Unterkünfte, Be‐ schwerlichkeit des Weges, bedeutende Reliquien) 660 . Persönliches Handeln und Erleben, subjektive Wertungen (außer ganz rudimentär über manche Hospitäler und Streckenabschnitte), eingehendere Bemerkungen zu Land und Leuten oder auch topographische Beschreibungen haben keinen Eingang in seinen Viaggio gefunden. Lorenzo folgte - wie der Autor des Itinerario Marciano - der via della costa, einer der beiden Hauptstrecken italienischer Jakobspilger 661 . Von seiner Heimatstadt Florenz aus reiste er über Prato, Pistoia und Lucca an die ligurische Riviera und schlug sodann die Via Aurelia ein, die ihn über Prietasanta, La Spezia, Chiavari, Portofino, Genua, Savona, Albenga, Porto Maurizio und Monaco führte 662 . Bei Nizza bog er ins Landesinnere ein und gelangte - weiterhin wie der Autor des Itinerario Marciano - über Grasse, Draguignan, Brignoles, Saint-Maxi‐ min, Aix-en-Provence und Saint-Cannat nach Avignon, um von dort aus die Via Tolosana über Nîmes, Montpellier, Béziers, Carcassonne, Toulouse und Auch bis zu den Pyrenäen zu nehmen 663 . Auf dem Ibañeta-Pass überschritt er die Grenze nach Spanien und hielt sich anschließend, ab Roncesvalles, an den traditionellen Camino Francés 664 . Am Ende seiner versifizierten Reisebeschreibung steht die Chiesa del Baron, die Kirche des hl. Jakobus in Compostela; einen Ausflug zum mythischen Fisterra oder zum wundersamen Felsenboot von Padrón scheint er nicht unternommen zu haben 665 . Entsprechend der Konzeption seines Viaggio d’andare a Santo Jacopo di Galizia als Reiseinstruktion für nachfolgende Jakobspilger konzentriert sich auch Lorenzo ganz auf den Weg; dem Zielort Compostela widmet er keine nähere Beschreibung. Wie am Kapiteleingang schon vorweggenommen, gerät die Apostelstadt so auch bei ihm - ähnlich wie in den Zeugnissen der im vorigen Kapitel vorgestellten Autoren - in einen deutlichen Kontrast zu Jerusalem, das 3.3 Lorenzo (Mitte des 15. Jahrhunderts) 199 <?page no="200"?> 666 Vgl. Bibliothèque nationale de France, Ms. it. 900, fol. 1 r -99 v . 667 Vgl. z.-B. Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-326, 337, 343. 668 Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-337. 669 Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-337. er in seinem an die Spitze der Handschrift gestellten und um ein Vielfaches län‐ geren Viaggio d’andare al Sepolcro detailreich beschreibt 666 . Erstaunlicherweise nennt er Compostela nicht einmal mit Namen: Weder im Titel noch im Kolophon am Schluss der Handschrift noch an der entscheidenden Stelle im Itinerar - bei der Ankunft des Pilger-Du - noch überhaupt einmal in den 73 Strophen des Langgedichts findet sich eine explizite Erwähnung des Toponyms. Stattdessen ist meistens nur von Santo Jacopo die Rede; mithin fungiert auch hier durch metonymische Identifikation der Heiligenname gewissermaßen als Ortsangabe, zum Teil mit lokalattributivischer Anfügung des Landesnamens (Santo Jacopo di Galizia) 667 . Wie Pseudo-Calixt im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi und der anonyme Autor des Itinerario Marciano, so verzeichnet auch Lorenzo den östlich von Compostela (in der Ortschaft San Marcos) gelegenen Monte do Gozo (Mongioia), was vermuten lässt, dass auch er - wie die meisten auf dem Camino Francés reisenden Jakobspilger - die Stadt durch die Porta do Camiño (Porta Francigena) betrat, um sodann die Rúa das Casas Reais und die Rúa da Acibechería (Via Francigena) bis zum Nordportal der Kathedrale zu nehmen 668 . Ganz ihrem Namen gemäß schildert er die Ankunft auf dieser Anhöhe, von der sich ein erster Blick auf die Kathedraltürme von Compostela darbietet, als einen Moment äußerster Freude: A una legha Vacchetta schorgi una lega con gloria chantando benedetto Iddio che gli aiuti porgi alla Mongioia giungni lagrimando alla Chiesa del Baron ti volgi te Ddeo lauldamus va’ chantando questa e altre orazioni dirai contenplando Iddio il perdono arai 669 . Mit Tränen in den Augen erreicht das Pilger-Du die Höhe des Berges und läuft von dort aus unter Gebeten und Lobgesang auf Gott (der ambrosianische Hymnus Te Deum) zur Kirche des Apostels hinunter, beseelt vom lebhaften Vorgefühl der ihm zuteilwerdenden Gnade. Das sich darbietende Panorama beschreibt der florentinische Geistliche mit keinem Wort; vielmehr wendet er alle Aufmerksamkeit auf den Ankommenden selbst und dessen emotionale 200 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="201"?> 670 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Relazioni italiane (wie Anm. 109), S. 242; D E R S ., Toskana (wie Anm. 189), S. 360; D E R S ., Santiago (wie Anm. 109), S. 31; P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm.-94), S.-46. 671 Dies wird in Kapitel 6.2 zu zeigen sein. 672 Vgl. Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-337. 673 C A U C C I V O N S A U C K E N , Relazioni italiane (wie Anm.-109), S.-242. 674 Vgl. Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-337-342. 675 Vgl. Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-333, 337. Reaktion 670 . Eine solche Darstellung überströmender religiöser Empfindungen beim ersten Anblick der Kathedrale ist in den - gewöhnlich eher sachlich-nüch‐ tern gehaltenen - Pilger- und Reiseberichten des 15. und 16. Jahrhunderts singulär; erst in Domenico Laffis Viaggio in Ponente aus dem Jahr 1673 wird sie eine Entsprechung finden, die einige interessante Parallelen aufweist 671 . Auch im weiteren Textverlauf blendet Lorenzo die Jakobsstadt aus; wüsste man es nicht besser, so bliebe im Grunde sogar unklar, ob der locus sanctus überhaupt von einer (urbanen) Siedlung umgeben ist. In Stanze 50 endet das Itinerar just vor dem Betreten der Stadt mit dem positiven Ausblick auf die Kathedrale und die göttliche Vergebung, die dort zu erlangen sei 672 . Gleichsam zur Feier der Ankunft schließt sich in den Stanzen 51 bis 73 (fol. 108 v bis 112 r ) ein Hymnus auf den seligen Apostel mit dem Incipit Jacopo cittadino dell’alta patria an, der nach der Meinung Caucci von Sauckens „uno degli inni più belli dedicati all’apostolo“ sei 673 . Statt auch nur ein Wort auf Compostela zu verwenden, ist das letzte Drittel des Textes mithin ganz der Glorifizierung des Heiligen gewidmet, der sich, so Lorenzos Fürbitte, bei Gott für das Seelenheil seines frommen Pilgers einsetzen möge 674 . Auffällig ist ferner, dass Lorenzo im Unterschied zu vielen anderen Autoren der Epoche an keiner Stelle explizit auf die leibliche Gegenwart des hl. Jakobus in Compostela hinweist: Die Kirche sei ihm geweiht, und man erlange dort Vergebung, wie aus den zitierten Versen hervorgeht; aber dass auch seine ver‐ ehrungswürdigen Gebeine (und andere bedeutende Reliquien) dort aufbewahrt werden, darüber schweigt der florentinische Geistliche seltsamerweise - wo‐ hingegen er, wie erwähnt, dem Heiltumsschatz von St-Sernin de Toulouse eine volle Stanze widmet 675 ! Man könnte daher vermuten, dass auch er sich - wie so viele Zeitgenossen - davon hatte überzeugen lassen, dass die Jakobusreliquien gar nicht in Compostela, sondern in Toulouse ruhten. Da er jedoch in seiner Aufzählung der Toulouser Reliquien nur fünf Apostelleichname vermerkt, obwohl die okzitanische Kapitale sechs zu besitzen beanspruchte (neben Jakobus dem Älteren auch Jakobus den Jüngeren, Simon, Judas Thaddäus, Philippus und Barnabas), und denjenigen Jakobus’ des Älteren in diesem Zusammenhang nicht ausdrücklich hervorhebt, ist doch eher davon auszugehen, dass er trotz 3.3 Lorenzo (Mitte des 15. Jahrhunderts) 201 <?page no="202"?> 676 Vgl. Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm. 630), S. 333; M E Y E R , Städtische Identität (wie Anm.-629), S.-129; P É R I C A R D -M É A , Compostelle (wie Anm.-39), S.-107-109. 677 Signatur: 4600 Bd. Ms. 355+. - Die alte Signatur Mss. D6003+, die in allen einschlägigen Publikationen angegeben wird, ist schon lange nicht mehr in Verwendung, wie mir Laura Linke von der Cornell University Library dankenswerterweise bestätigte. Vgl. Cornell University Library: Compendium of Italian manuscripts (Eintrag im Online-Ka‐ talog), https: / / catalog.library.cornell.edu/ catalog/ 5748311 (Zugriff am 22.11.2022). - Über Herkunft und Geschichte dieser Handschrift lässt sich kaum etwas herausfinden. - Die erste kodikologische Beschreibung bietet Domenico D E R O B E R T I S , Censimento dei manoscritti di rime di Dante, in: Studi danteschi 45 (1968), S.-183-200, hier S.-192f. 678 Der bereits in der Einleitung zitierte Zeitschriftenbeitrag: Da Firenze a Santiago di Com‐ postella: itinerario di un anonimo pellegrino nell’anno 1477, hg. von Mario D A M O N T E , in: Studi Medievali 13 (1972), S. 1043-1071 (Text: S. 1050-1067). - Damontes Transkription findet sich, mit einer Einleitung versehen, ebenfalls abgedruckt in S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm.-189), S.-73-86. fehlenden Hinweises Compostela für dessen wahren Grabesort hielt 676 . Anders unterrichtet war, wie das folgende Kapitel zeigen wird, ein anonymer Floren‐ tiner im Jahr 1477, der wohl kompromisshalber eine sonderbare Aufteilung zwischen der physischen und der spirituellen Präsenz des hl. Jakobus vornimmt, zwischen seinen Gebeinen, die in Toulouse verehrt würden, und seiner Gnade, die hingegen nur in Compostela zu erlangen sei. 3.4 Florentinischer Anonymus (1477) Auch bei dem nur wenig später von anonymer Hand verfassten, titellosen Pilgerbericht, enthalten als sechstes von sieben Dokumenten in einer Sammel‐ handschrift, die heute in der Cornell University Library in Ithaca (New York) aufbewahrt wird, handelt es sich um ein Itinerar, eine Stationen- und Distanzenliste, die jedoch schon deutlich mehr (vor allem topographische) Einzelheiten verzeichnet als die vorhergehenden Texte und reichlich von persönlichen Werturteilen des Autors durchsetzt ist 677 . Entdeckt, transkribiert, untersucht und erstediert wurde der auf Handschriftblatt 61 r bis 66 v (von 68) geschriebene Viaggio fatto l’anno 1477 partendosi da Firenze, wie der Bericht nach der Selbstbeschreibung in der Einleitung gewöhnlich betitelt wird, im Jahr 1972 von Mario Damonte 678 . Er gehört zu den von der Forschung wenig beachteten Texten im Korpus der mittelalterlichen bis frühneuzeitlichen Pilgerberichtliteratur; nach Damonte hat ihn namentlich Caucci von Saucken wiederholt für histo‐ risch-kontrastive Studien herangezogen, die ihn neben andere frühe italienische 202 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="203"?> 679 Vgl. z. B. C A U C C I V O N S A U C K E N , La littérature (wie Anm. 93), insb. S. 176; D E R S ., Relazioni italiane (wie Anm.-109), passim; D E R S ., Toskana (wie Anm.-189), insb. S.-361-363; D E R S ., Santiago (wie Anm. 109), insb. S. 34-37. Auch L O P E Z , La imagen (wie Anm. 227), S.-356-359, widmet dem Itinerar ein kurzes Kapitel. 680 Vgl. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1050. 681 Die Forschung schließt - hier wie auch in manch anderen Fällen - zum Teil unreflektiert vom Zeitpunkt der Reise auf den Zeitpunkt der Textgenese oder unterscheidet beides jedenfalls nicht säuberlich. Vgl. z. B. S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm. 189), S. 34. Dass das Itinerar während der Reise oder kurz danach entstand, ist wahrscheinlich, jedoch keineswegs gewiss. 682 Vgl. Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1046: „Il testo sembra scritto di getto, come se si trattasse di annotazioni segnate giorno per giorno; ma, data l’accuratezza della grafia, è probabile che si tratti della bella copia di un brogliaccio di viaggio.“ 683 Vgl. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1046f. 684 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-34. 685 Die Belege sind exemplarisch nur dem Textanfang entnommen: Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1051-1053; der ganze Text ist aber von derartigen Hinweisen durchsetzt. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 35f. - Für den Hinweg bis einschließlich Fisterra vermerkt der Anonymus 177 Orte. Zeugnisse wie den Itinerario Marciano und den versifizierten Pilgerführer des zuletzt behandelten Lorenzo stellen 679 . Wie aus dem Incipit hervorgeht, brach der Anonymus im Jahr 1477 von (seiner vermutlichen Heimatstadt) Florenz nach Santiago de Compostela auf 680 . Seinen Bericht dürfte er nicht wesentlich später verfasst haben 681 . Plausibel erscheint, dass es sich bei dem erhaltenen Originaldokument - wie bereits Damonte annimmt - um die nachträglich angefertigte ‚schöne‘ Abschrift unterwegs gemachter Aufzeichnungen handelt; dafür sprechen das Fehlen er‐ kennbarer Korrekturen und die saubere Schrift 682 . Die florentinische Provenienz und die Datierung des Textes auf die zweite Hälfte des Quattrocento konnte Damonte insbesondere anhand sprachlicher (orthographischer) Merkmale be‐ stätigen 683 ; Caucci von Saucken sieht beides auch durch inhaltliche (historische und numismatische) Indizien gestützt 684 . Formal unterscheidet sich der anonyme Viaggio kaum von früheren Zeugnis‐ sen: In einer rigiden Liste, nach dem immergleichen Muster, nennt der Autor sämtliche Orte, die er auf seiner Reise besuchte oder an denen er zumindest vorbeikam (ein Unterschied, den er vielfach explizit markiert: entweder passasi drento, passasi per drento, passasi per mezzo etc. oder non si passa drento, passasi presso alle mura, passasi rasente le mura etc.) 685 , und gibt jeweils die dazwischen‐ liegenden Distanzen an, bis La-Motte-Saint-Didier in miglia, anschließend in leghe; in einem eingeschobenen Absatz weist er ausdrücklich auf den Wechsel der Maßeinheit hin und erläutert, eine lega entspreche vier miglia (was allenfalls näherungsweise zutreffend ist) 686 . Die Etappenlänge schwankt zwischen einem 3.4 Florentinischer Anonymus (1477) 203 <?page no="204"?> 686 Vgl. Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1055: E il detto viaggio di Sancto Iacopo partendosi dalla Motta, cioè da Sancto Antonio, pure seghuita il terreno del Dalfinato; e chomincieremo a porre di fuori, per fighura per abacho, le leghe che sono da uno luogho a un altro, e sono dette leghe di miglia 4 l’una. 687 Auf die erste Zahl weist der Anonymus selbst hin: E da Firenze al detto chastello della Motta sono miglia 416 di Firenze. Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1055. Für die zweite Zahl habe ich selbst nachgezählt. 688 Da der Anonymus den etwa 2200 Kilometer langen Hinweg von Florenz bis Fisterra in 176 Abschnitte einteilt, beträgt deren durchschnittliche Länge 12,5 Kilometer. 689 Vgl. Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1045f.; S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm. 189), S.-87; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-34. 690 Mit einer Ausnahme: In der lobenden Beschreibung der Kathedrale von León - la più bella chiesa che noi abiamo trovata per di qui a Firenze - fällt er kurz in die grammatische Vergangenheit zurück. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1062, H. d. V. 691 Die Belege sind exemplarisch dem Textanfang entnommen: Da Firenze (wie Anm. 196), S.-1051f. 692 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1050, 1055, 1062. und zwölf miglia bzw. einer halben und acht leghe, wobei ein miglio im Durchschnitt nicht ganz zwei Kilometern und eine lega - wie bei Nompar II. de Caumont und Lorenzo - gut fünf Kilometern entspricht. Für den gesamten Hinweg von Florenz bis Fisterra (rund 2200 Kilometer) notiert er 416 miglia und 287 ¼ leghe 687 . Eine genauere Datierung - bis auf die Jahreszahl im Incipit - enthält der Bericht nicht, und wie dem Itinerario Marciano oder Lorenzos Viaggio d’andare a Sancto Jacopo di Galizia ist auch ihm nichts über Dauer und Gliederung der Reise zu entnehmen. Zweifelsfrei ausschließen lässt sich jedenfalls, dass die vermerk‐ ten Streckenabschnitte Tagesetappen darstellen - dafür sind es schlechterdings zu viele; der Pilger hätte dann durchschnittlich nur gut zwölf Kilometer pro Tag zurückgelegt und sich allein für den Hinweg fast ein halbes Jahr Zeit gelassen 688 . Das Fehlen präziser Tagesdaten ist auch in diesem Fall ein Indiz dafür, dass die Schreibintention des Autors nicht in erster Linie darauf gerichtet war, seine individuelle Reise festzuhalten, sondern eine allgemeine Reiseanleitung für zukünftige italienische Jakobspilger zu hinterlassen; der praktische Nutzen für Andere steht im Vordergrund 689 . Dem entspricht wiederum auch, dass er nicht im Präteritum, sondern im Präsens, zum Teil auch im Futur spricht und außerdem an keiner Stelle explizit auf sich selbst verweist 690 , den Gebrauch der ersten Person Singular bei Verben und Pronomina konsequent vermeidet und sich stattdessen vornehmlich unpersönlicher Formen (qui si pagha il passo, non si passa drento, qui si va alle bullette, paghasi a piè denari 4 e a chavallo denari 8 etc.) 691 , seltener auch eines den Leser rhetorisch inkludierenden Wir (ci partimo di Firenze, seghuiremo il viaggio, piglieremo la via ritta a Sancto Iacopo etc.) 692 204 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="205"?> 693 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1062, 1067. 694 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Toskana (wie Anm. 189), S. 356; D E R S ., Itinerarios y peregrinos (wie Anm.-189), S.-206f. 695 Nikulás von Munkathvera fasste sein Itinerar zwischen 1151 und 1154 auf Altnorwe‐ gisch ab. Vgl. W Aẞ E N H O V E N , Ein isländischer Pilgerführer (wie Anm.-576). 696 Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-96, 103. 697 Vgl. Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1050f. - Den Reiseverlauf fassen ebenfalls zusammen: C A U C C I V O N S A U C K E N , Relazioni italiane (wie Anm. 109), S. 237f.; D E R S ., Toskana (wie Anm.-189), S.-361; D E R S ., Santiago (wie Anm. 109), S. 34f.; S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm.-189), S.-35, 88f.; L O P E Z , La imagen (wie Anm.-227), S.-56. 698 Vgl. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1051f. 699 Vgl. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1052-1054. 700 Vgl. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1054f. 701 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1050. und - zum Ende hin - eines ihn direkt adressierenden Du (esci della ciptà, entri in sul chamino diritto, a questo abbi buona avertenza, ttogli più quarti reali che ttu puoi etc.) 693 bedient. Der Anonymus bietet ein erstes Beispiel für einen Pilger von der Apenninen‐ halbinsel, der - im Unterschied zum Autor des Itinerario Marciano oder auch zu Lorenzo - nicht den Weg entlang der ligurischen Riviera und der Côte d’Azur einschlug, sondern den ungleich beschwerlicheren durch die Alpen, die (von Caucci von Saucken so genannte) via delle Alpi 694 , die schon für das Hohe Mittelalter (beispielsweise im Itinerar des isländischen Abtes Nikulás von Munkathvera) als Pilgerweg belegt ist 695 und die Bartolomeo Fontana in der Mitte des 16. Jahrhunderts als la vera strada anticamente usitata da peregrini und il vero camino dritto di S. Giacopo bezeichnen sollte 696 . Von Florenz zog er nach Scarperia, von dort über den Giogo-Pass nach Firenzuola und weiter über Loiano und Pianoro nach Bologna 697 . Entlang der Via Aemilia gelangte er über Anzola dell’Emilia, Castelfranco, Modena, Rubiera, Reggio, Parma, Fidenza und Fioren‐ zuola d’Arda nach Piacenza 698 . Den Po zu seiner Rechten, reiste er weiter über Castel San Giovanni, Voghera, Tortona, Alessandria, Asti und Moncalieri bis ins Susa-Tal, um von dort über den Mont-Cenis-Pass nach Südfrankreich zu gelan‐ gen 699 . In den Alpen nahm er über Aussois, Orelle, Saint-Jean-de-Maurienne, La Chambre, Aiguebelle, La Rochette, Goncelin und Grenoble einen großen Umweg nach La-Motte-Saint-Didier (heute Saint-Antoine-l’Abbaye) auf dem Gebiet der Dauphiné, um dort das berühmte Antoniusheiligtum zu besuchen 700 . Schon in der Einleitung heißt es, der Text wolle nicht nur den Weg zum hl. Jakobus weisen, sondern außerdem dar[] lume a chi volesse andare al beato messere Sancto Antonio 701 . Wie Caucci von Saucken annimmt, führte diese auch bei anderen Pilger-Autoren nachweisbare Einbindung von Saint-Antoine in die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela zu einer - durch die Ikonographie 3.4 Florentinischer Anonymus (1477) 205 <?page no="206"?> 702 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Relazioni italiane (wie Anm. 109), S. 238; D E R S ., Toskana (wie Anm.-189), S.-364. 703 Vgl. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1055-1059. 704 Vgl. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1059-1063. 705 Vgl. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1064. 706 Vgl. Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1064f. - In der Forschung wird die nachträglich er‐ gänzte Route nach Oviedo zuweilen dem Rückweg zugeordnet. Da aber der Reiseverlauf von León nach Oviedo und anschließend von Oviedo nach Santiago de Compostela beschrieben wird, muss es sich offensichtlich um eine alternativ zu wählende Route für die Hinreise handeln; anderenfalls würde der Pilger sinnloserweise im Kreis gelaufen sein. 707 Vgl. Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1065. - Er stellt, wie gesagt, beide Routen - einerseits von León auf dem Camino Francés nach Compostela, andererseits von León nach Oviedo und weiter auf dem Camino Primitivo nach Compostela - als mögliche Alternativen für den Hinweg dar. 708 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 317-321; Künig von Vach, Die Straß (wie Anm. 73), S. 86f. - In französischen Pilgerführern des 16. Jahrhunderts finden sich häufig die fol‐ genden Verse wiedergegeben, die zum Besuch von San Salvador de Oviedo ermahnen: Qui a esté a Saint Jacques / Et n’a esté a Sainct Salvateur / A visité le serviteur / Et a délaissé le Seigneur. Zitiert nach: Gillette L A B O R Y , Jean de Tournai, pèlerin à Saint-Jacques vielfach belegten - parallelen Verehrung der Heiligen Jakobus und Antonius in Teilen Italiens 702 . Von La-Motte-Saint-Didier setzte der florentinische Pilger seine Reise fort durch das Rhônetal über Roman-sur-Isère und Valence bis nach Pont-Saint-Esprit, um anschließend bei Montpellier - wie der Autor des Itinerario Marciano und Lorenzo - die Via Tolosana einzuschlagen, die ihn über Béziers, Carcassonne, Toulouse, Auch und Orthez bis zu den Pyrenäen führte 703 . Auch er gelangte von Saint-Jean-Pied-de-Port über den Ibañeta-Pass nach Roncesvalles und folgte von dort - so jedenfalls stellt er es zunächst dar - ohne Umwege dem Camino Francés bis Compostela 704 . Wie so viele andere Pilger der Frühen Neuzeit unternahm auch er einen Ausflug zum Marienheiligtum von Fisterra 705 . Anschließend findet sich im Text noch eine alternative Pilgerroute für diejenigen verzeichnet, die von León einen Umweg über Oviedo nehmen wollen, um den reichlichen Heiltumsschatz der dortigen Kathedrale zu bewundern und dann auf dem Camino Primitivo weiter nach Compostela zu ziehen 706 . Da er sich, wie insbesondere seine detailreiche Beschreibung der Hauptkapelle bezeugt, in San Salvador de Oviedo gut auskannte, dürfte auch er selbst diese Alternativroute eingeschlagen haben; ob auf dem Hinweg oder - in entgegengesetzte Richtung - auf dem Rückweg, bleibt dabei allerdings unklar 707 . Jedenfalls ist dieser Umweg auch bei anderen Pilgerberichtautoren vielfach belegt, so etwa beim hennegauischen Kaufmann Jean de Tournai, dessen Tagebuch in Kapitel 3.6 untersucht wird, und im Pil‐ gerführer des Hermann Künig von Vach 708 . Die sodann folgende Beschreibung 206 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="207"?> de Compostelle, in: Pèlerinages et croisades, hg. von Léon P R E S S O U Y R E , Paris 1995, S.-263-267, hier S.-265. 709 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1066f. 710 Vgl. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1045f.; C A U C C I V O N S A U C K E N , Relazioni italiane (wie Anm. 109), S. 239, 241, 243; D E R S ., Toskana (wie Anm. 189), S. 361; D E R S ., La memoria (wie Anm.-209), S.-57; D E R S ., Santiago (wie Anm.-109), S.-34-36. 711 Interessante Ausnahme: Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1059. Dort heißt es, die Navar‐ resen (in Los Arcos) seien mala giente. - Knapp 350 Jahre zuvor tadelt schon - wie in Kapitel 2.2.2 gezeigt - der Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi die Navarri impii (wie sie in der gesamten Textsammlung mit festem Epitheton genannt werden) und richtet heftige Invektiven gegen sie. Vgl. insb. Liber (wie Anm.-25), S.-240. 712 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , La littérature (wie Anm.-93), S.-176; D E R S ., Relazioni italiane (wie Anm. 109), S. 244; D E R S ., Toskana (wie Anm. 189), S. 361; D E R S ., La memoria (wie Anm.-209), S.-57; D E R S ., Santiago (wie Anm.-109), S.-35, 40f. des Rückwegs lässt der Anonymus bei Montpellier beginnen und mit dem Eintritt ins Susa-Tal enden, wohl deshalb, weil nur auf diesem Reiseabschnitt signifikante Abweichungen vom Hinweg zu verzeichnen waren: Statt erneut den weiten Umweg über La-Motte-Saint-Didier zu nehmen, schlug er nun die via diritta et più pressa ein, die ihn über Nîmes, Avignon, Charpentras, Tallard, Briançon und den Pass von Montgenèvre zurück ins Susa-Tal führte - e qui entri in sul chamino diritto che ài fatto all’andare in là, e sse’ nella via 709 . Obgleich es sich auch bei diesem Text noch um nicht viel mehr als eine Liste von Stationen und Distanzen, ein knappes Itinerar, handelt, lassen sich inzwischen doch gewisse Entwicklungstendenzen hin zu einem persönlichen Bericht erkennen. So werden nicht bloß genretypisch Toponyme aufgezählt, sondern auch jeweils praktische Hinweise sowie kurze Charakterogramme und topographische Beschreibungen beigegeben, die schon deutlich genauere Einzelheiten verzeichnen: Kirchen, Klöster und Festungen, Berge, Flüsse, Brü‐ cken, Fähren, lokales Gewerbe, Hospize, Wirtshäuser, Währungen, Zölle uvm. 710 Intime Gedanken und Empfindungen, eigene Erlebnisse und Handlungen, In‐ teraktionen mit anderen Menschen oder auch ethnologische Beobachtungen 711 - Elemente, denen in der Pilgerberichtliteratur mit der Zeit immer größerer Raum zukommen sollte - haben zwar auch in diesen Text kaum Eingang gefunden; wohl aber enthält er durchgehend persönliche Eindrücke und ästhe‐ tische, seltener auch moralische Werturteile des Autors und entfernt sich damit merklich von der nüchternen Sachlichkeit früherer Zeugnisse. Caucci von Saucken, der sich in diversen Arbeiten mit der diachronen Entwicklung des Genres auseinandersetzt, betrachtet ihn daher als eine Art Zwischenstufe auf dem Weg von den frühen Itineraren und Guiden des 14. und 15. Jahrhunderts hin zu den umfassenden autobiographischen Reisebeschreibungen des 16., 17. und 18.-Jahrhunderts 712 . 3.4 Florentinischer Anonymus (1477) 207 <?page no="208"?> 713 Exemplarisch nur einige Belege vom Textanfang: Florenz etwa sei eine bella e nobilis‐ sima ciptà, bene popolata e piena d’artefici, Bologna una grande città e doviziosa, Parma eine bella ciptà e grande, Pontenure ein chastelluccio brutto, Novalesa eine bella villa a piè del monte, Saint-Jean-de-Maurienne eine grande e bella villa, piena di artefici e molte hosterie buone, e doviziosa di pane e di vino, Argentine eine villuzza picchola, Grenoble ein bello chastello grande e pieno di molti artefici d’ongni arte, e tutto lastrichato etc. Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1050-1054. Vgl. S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm. 189), S.-87f.; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-35. 714 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Relazioni italiane (wie Anm. 109), S. 243: „Questo suo particolare interesse, unito all’attenzione per i pedaggi e per i cambi ci può far azzardare l’ipotesi che l’ignoto pellegrino fiorentino possa essere stato egli stesso un mercante o un artigiano e che la sua relazione possa essere stata redatta anche in previsione di contatti e di rapporti di questo genere.“ 715 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1053, 1055. Vergleicht man einmal die kurzen Charakterogramme der 177 im Itinerar verzeichneten Wegstationen, namentlich diejenigen der Städte, so zeigt sich, dass sie häufig nach demselben sich wiederholenden Muster strukturiert sind. Unter Rekurs auf ein - vor allem durch Diminutivbildungen - ausdifferenziertes substantivisches Wortfeld bestimmt der Anonymus die Orte jeweils im Hinblick auf ihren Siedlungstyp - ob es sich etwa um eine città bzw. ciptà, eine villa, eine villuzza, eine villetta, ein chastello, ein chastelletto oder ein chastelluccio handelt - und bewertet sie entlang der stets gleichen Adjektivoppositionen im Hinblick auf grundlegende Merkmale wie Größe, Schönheit, Reichtum und Sauberkeit: grande-piccholo, bello-brutto, dovizioso-povero, pulito-porcinoso etc. 713 Auffallend häufig - bei nahezu jeder Stadt - kommentiert er auch die Anwesenheit von Handwerksbetrieben (molti-pochi), ein jedenfalls in dieser Ausprägung eher ungewöhnliches Interesse, das vielleicht einen Hinweis auf seinen Beruf und gesellschaftlichen Stand gibt 714 . Bei Städten verengt sich der Blick nach diesem eher unspezifischen Gesamteindruck oftmals auf architektonische Elemente, auf prominente Bauten wie Burgen und Festungen, häufiger aber auf Kirchen, Klöster und Heiligtümer, die für den frommen Anonymus zum einen wegen ihrer wundermächtigen Reliquien von Interesse sind, die er zum anderen aber - im Unterschied zu seinen Vorgängern - vielfach auch unter ästhetischen Aspekten bewertet. In Moncalieri etwa hebt er den dortigen duomo hervor, Grabesort des hl. Bernhard, in Asti die bella chiesa mit der Kopfreliquie der hl. Felicitas und in La-Motte-Saint-Didier die ebenfalls bella chiesa, in der neben vielen anderen Heiltümern vor allem der Arm des hl. Antonius verehrt wird 715 . In der Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada verweist er nicht bloß auf das hinter dem Hauptaltar befindliche Grab des Kirchenpatrons Dominikus, sondern auch - wie die zuvor betrachteten Pilger-Autoren - auf den Käfig mit dem Hahn und der Henne, der dort zum Gedenken an das berühmte 208 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="209"?> 716 Vgl. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1060. 717 Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1057, 1061f. - Wie die vorigen Kapitel gezeigt ha‐ ben, räumen viele schreibende Jakobspilger des 15. Jahrhunderts Toulouse wegen seines reichlichen Heiltumsschatzes eine zentrale Stellung in ihren Itineraren und Aufzeichnungen ein. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Toskana (wie Anm. 189), S. 364. - Zu den Apostelgräbern in Toulouse vgl. M E Y E R , Städtische Identität (wie Anm. 629); P É R I C A R D -M É A , Compostelle (wie Anm.-39), S.-107-109. 718 Vgl. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1046. 719 Die Belege sind exemplarisch dem südfranzösischen Abschnitt des Weges entnommen: Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1056-1059. Vgl. S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm.-189), S.-89. 720 Vgl. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1053, 1059, 1061. Galgen- und Hühnerwunder ebenfalls hinter dem Hauptaltar platziert war 716 . In besonderem Maße lobt er die Kathedrale Saint-Sernin in Toulouse (wegen ihres Reliquienreichtums und namentlich wegen der dort verwahrten sechs Apostelleichname, zu denen er auch denjenigen des hl. Jakobus des Älteren zählt; dazu unten mehr), die Kathedrale Santa María in Burgos (wegen ihres prachtvollen Altars und ihrer Glockentürme) und endlich - la più bella chiesa che noi abiamo trovata per di qui a Firenze - die Kathedrale Santa María de Regla in León (ebenfalls wegen ihres Altars und ihres Altarbildes, einer Darstellung von Mariä Himmelfahrt - una mirabile chosa -, sowie ihres reich geschmückten Chors, ihrer schönen Glockentürme und der drei Ellen hohen, marmornen Marienskulptur, die dort bereits zahlreiche Wunder gewirkt haben soll) 717 . Bei aller deutlich erkennbaren Frömmigkeit nennt der Anonymus doch längst nicht alle loca sancta, die auf seinem Weg lagen. Ziemlich lückenlos hingegen dürfte er - wie schon Damonte in seiner Untersuchung des Textes bemerkt - die Herbergen und Wirtshäuser zwischen Florenz und Fisterra notiert haben, wenn auch zumeist nicht mit Namen 718 . Gerade im Vergleich mit den Texten früherer Pilger-Autoren, die allenfalls vereinzelt auf gastronomische Betriebe hinweisen, fallen die große Zahl und die typologische Vielfalt der von ihm verzeichneten posate, tavernuzze, alberghi, beute, chase da posare, osterie/ hosterie/ hesterie, ospe‐ dali/ spedali und spedaluzzi auf, die er teilweise auch mit einer kurzen positiven oder negativen Bewertung versieht: buone posate, due hosterie belle e buone, molte buone hesterie, molte chattive hosterie, una tavernuzza, trista chosa, tre beute assai triste etc. 719 Mit besonderem Nachdruck empfiehlt er die Hospitäler in Santo Antonio di Ranverso (bei Turin), Roncesvalles und Burgos, kirchliche Einrichtungen im Dienst der Armen- und Pilgerfürsorge, in denen Jakobspilger - wie der Autor jeweils betont - mit einer kostenlosen Mahlzeit gespeist wurden 720 ; am besten dürfte ihm das Hospital del Rey in Burgos zugesagt haben: 3.4 Florentinischer Anonymus (1477) 209 <?page no="210"?> 721 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1061. 722 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1057. 723 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1057. 724 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1054. 725 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1050, 1052. 726 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1053. 727 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1062. 728 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1053. 729 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1053. 730 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1051, 1053. 731 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1052-1054. 732 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1063f. un bellissimo spedale; chiama lo spedale del re ed è molto riccho spedale e dànno mangiare bene a chi ne vuole e bere essendo pellegrino. E sse nessuno fusse malato anche lo ritenghono e ghovernollo molto bene; ed in detto spedale molte letta da sani et da malati e buone letta 721 . Neben herausragenden Gebäuden, vornehmlich Kirchbauten samt den dort verwahrten Heiltümern, und Orten der Gastlichkeit hebt er - allerdings unsys‐ tematisch und nur vereinzelt - auch noch andere Merkmale der unterwegs besuchten Städte heraus: ob sie etwa ummauert (murata intorno, cholle mura di terra) waren 722 , ob sich extra muros Vorstadtsiedlungen (borghi) befanden 723 , ob ihre Straßen steingepflastert (tutto lastrichato) waren 724 , ob sie bevölkerungs‐ reich (bene popolata) oder bevölkerungsarm (male popolata) waren 725 , welchem adligen Herrn sie unterstanden (detta ciptà è del ducha d’Orliensi) 726 , ob sie im Gebirge (per la montagnia) 727 , auf einer Ebene (in piano) 728 , auf einer Anhöhe (in poggio) 729 oder an einem Fluss (appresso è un fiume, passa un fiume per mezzo, allato passa el Po) 730 gelegen sind, wie dieser Fluss am besten zu überqueren ist, ob mit einer Fähre (cholla nave, con la nave) oder über eine Brücke (pel ponte, per un ponte), ob diese Brücke aus Stein (in prieta) oder aus Holz (di legniame) gebaut ist 731 uvm. Auch Compostela widmet der florentinische Anonymus nach denselben gerade herausgearbeiteten Beschreibungsmustern einen knappen Eintrag: Champo stella, una ciptà picchola et dentro porcinosa; è pochi artigiani; e qui è il perdono a chi va a Sancto Iacopo. E nella Chiesa di Sancto Jacopo, bella Chiesa sechondo la ciptà, e in deta chiesa è la testa di Sancto Iacopo Minore, ed è in una sacrestia che sale con due schale di prieta; e in detta sagrestia ène molte belle reliquie; e lla chiesa è uficiata da preti; bella chericheria, molti chalonachi 732 . Im diachronen Vergleich mit früheren Zeugnissen, die, wie gezeigt, allenfalls den Namen der Stadt - oft auch nur denjenigen des Apostels - notieren, ist 210 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="211"?> 733 Etwas älter könnte allenfalls die im Folgekapitel zu untersuchende Compostela-Be‐ schreibung im Itinerario Riccardiano sein, von dem man nicht genau weiß, wann er verfasst wurde - seinem Ersteditor Delfiol zufolge irgendwann zwischen 1450 und 1484. Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-599f. 734 Zum Vergleich sei hier exemplarisch der Eintrag zu León wiedergegeben: Lione di Spagna, una ciptà non troppo bella. E qui è una bella chiesa di Sancta Maria Maggiore, che è il duomo, ed è la più bella Chiesa che noi abiamo trovata per di qui a fFirenze; e all’altare maggiore è una bella tavola alta braccia 20 et larga braccia 40 e molto bene lavorata di pennello e molte figure; en el mezzo è l’Assumsione di Nostra Donna, quando ella n’andò in cielo, di rilievo chon molti angioli che è una mirabile cosa. Ècci el choro lavorato d’intaglio che sale tre gradi tutto a ffighure di rilievo, che mai vidi la più bella cosa né più maravigliosa. El chorpo della Chiesa è molto bello e grande e sale molti schaglioni. E in detta chiesa è una chappella che v’è una Vergine Maria di marmo di rilievo, alta più di tre braccia, che ffa molti miracholi. E ffu uno giuchatore che avea perduto e chosì, irato, andò a questa Vergine Maria e dielle d’uno dado nella tempia; e d’esso fatto vi diventò livido che ogniuno lo può vedere ed è una bella divozione. E detta chiesa à due belli champanili che mettono in mezzo la chiesa; e ’n sulla piaza di detta chiesa è una bella fonte d’acqua viva chon una bella cholonna di marmo susovi di sopra un lione dorato. E quando esci della ciptà, ver llato alla porta, sono due vie: l’una va a mano ritta a Sancto Salvadore, e a mano mancha va la via diritta a Sancto Iacopo; sicché piglieremo la via ritta a Sancto Iacopo e chi volesse andare a Sancto Salvadore vada a questa 12 e troverrà il chammino apunto. Seghuiremo la via ritta a Sancto Iacopo. Lione di Spagna bella ciptà. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1062. dies ein Novum: Es handelt sich bei dieser Notiz demnach um die erste überlie‐ ferte Compostela-Beschreibung eines italienischen Jakobspilgers überhaupt 733 . Gleichwohl erscheint die Jakobsstadt auch hier nicht in besonderer Weise aus dem Itinerar, aus der großen Zahl der anderen Orte herausgehoben: Weder steht sie, da anschließend noch die Weiterreise nach Fisterra, die Alternativroute über Oviedo und der Rückweg nach Italien geschildert werden, in Endstellung, noch unterscheidet sich ihre Behandlung in Länge und Aufbau erkennbar von derjenigen anderer Orte; Städte wie Avignon, Toulouse, Burgos, León und Oviedo werden sogar deutlich ausführlicher (und wohlwollender) beschrieben als sie 734 . Nur die Einleitung (daremo lume a chi volesse andare […] al glorioso apostolo messere sancto Iachopo) und zwischendrin der eine oder andere gliedernde Einschub (Ora seghuiremo il viaggio a cchi volesse andare a Sancto Iacopo in Ghalizia, piglieremo la via ritta a Sancto Iacopo etc.) weisen sie deutlich als Ziel der frommen Reise aus, wobei in diesen Fällen auch hier wiederum durch metonymische Substitution zumeist nicht das Toponym (Champo stella), sondern der Name des Heiligen bzw. Heiligtums (mit den Schreibvarianten 3.4 Florentinischer Anonymus (1477) 211 <?page no="212"?> 735 Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1050, 1055, 1062-1066. - Am Übergang zur Beschreibung des Rückwegs ist die quasi-synonyme Gleichsetzung von Orts- und Heiligennamen durch das Wörtchen cioè sogar eindeutig markiert: E qui, a piè, faremo menzione di tutti e paesi, ciptà, chastella a partirsi da Sancto Iachopo, cioè di Champo stella, per tornare a fFirenze per la via diritta et più pressa. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1065f., H. d. V. 736 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1050. 737 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1051. 738 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1066. 739 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1056. 740 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1061. 741 Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1062. - Der Eintrag zu León ist allerdings seltsam widersprüchlich: Zunächst wird es als ciptà non troppo bella bezeichnet, dann als bella ciptà. Siehe Anm.-734. 742 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1063. 743 Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1063f. - Das Adjektiv porcinoso (wörtlich: „schweinisch“) ist heute völlig ungebräuchlich, und auch in historischen Texten finden sich kaum Belege. Die einzig naheliegende Bedeutung ist aber „dreckig“. Vgl. Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1045, insb. Anm. 12. - Der florentinische Anonymus ist damit auch der erste romanische Pilgerberichtautor, der Compostela tadelt. Vgl. S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm. 189), S. 89; L O P E Z , La imagen (wie Anm. 227), S. 358. Vielleicht hat Compostela bei seinen Vorgängern einen ganz ähnlichen Eindruck hinterlassen, doch zogen sie es vor, darüber zu schweigen. Auch der Nürnberger Humanist Hiero‐ nymus Münzer etwa, der nur wenig später, 1494, am Grab des Apostels war, gibt ein eher negatives Urteil über die Stadt ab, wobei er sich kurioserweise ebenfalls eines Schweinevergleichs bedient, allerdings in Bezug auf die Stadtbewohner: Compostela non est magna, sed vetus et antiquissimo muro cum multis et fortimissimis turribus munita. Ager autem eius bonus est, et civitatis ortuli pleni sunt aranciis et limonibus, pomis persicis, prunis et aliis fructibus. Sed populus adeo porcinus (et habet plures porcos, Sancto Iachopo, sancto Iachopo, Sancto Iacopo, Sancto Jacopo und San Iachopo) verwendet wird, zum Teil mit angefügtem Lokalattribut (in Ghalizia) 735 . Der florentinische Anonymus ist, wie erläutert, auch der erste Jakobspilger aus der Romania, der in seinen Bericht persönliche Werturteile einfließen lässt, positive wie negative. Dabei setzt er für die unterwegs besuchten Städte stets dieselben Kriterien an: Größe, Schönheit, Reichtum, Sauberkeit und ansässiges Gewerbe, vor allem Handwerk. Dies gilt letztlich auch für die Apostelstadt. Doch während er die meisten anderen Städte mit Lob geradezu überhäuft - Florenz sei eine bella e nobilissima ciptà, bene popolata e piena d’artefici 736 , Bologna eine grande città e doviziosa 737 , Avignon eine città grande e bella, di molti artigiani, e molto merchantile 738 , Carcassonne eine bella e pulita città, e piena molto d’artefici d’ongni arte 739 , Burgos eine bella e grande ciptà, bene popolata 740 , León eine bella ciptà 741 , Villafranca del Bierzo una bella e grande villa piena d’artigiani e doviziosa d’ogni bene 742 etc. -, erweist sich ausgerechnet Santiago de Compostela als Enttäuschung und gibt Anlass zu Tadel: Es sei klein (picchola), dreckig (porcinosa) und arm an Handwerkern (pochi artigiani) 743 ! Nach diesem 212 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="213"?> qui sunt in bono mercatu) et piger est, quod culture terre minus intendit, ut plurimum ex questu peregrinorum vivunt. Hieronymus Münzer, Itinerarium Hispanicum Hieronymi Monetarii, hg. von Ludwig P F A N D L , in: Revue Hispanique 48 (1920), S. 1-179, hier S. 94, H. d. V. - In Kapitel 3.6 wird auch Jean de Tournai den negativen Eindruck des 1477 reisenden Florentiners und insbesondere den Aspekt der mangelnden Hygiene bestätigen: Ihm zufolge sei Compostela une bien povre ville, et fort orde. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-322. Der zweite florentinische Anonymus aus dem späten Quattrocento, dessen Itinerar im Folgekapitel analysiert wird, hielt Compostela dagegen für eine bella città. Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-612. 744 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1063f. Vgl. L O P E Z , La imagen (wie Anm.-227), S.-358. 745 Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1063. - An dieser Stelle wird der Monte do Gozo erstmals mit einer knappen topographischen Beschreibung bedacht: La Sancta Mongioia; sono quattro cholonne di prieta. - Im Übrigen deuten auch hier die Wahl des Camino Francés als Pilgerroute und der Vermerk des ‚Freudenbergs‘ als letzter Station vor Compostela darauf hin, dass der Anonymus die Stadt auf dem gleichen Weg betrat wie die meisten anderen Jakobspilger vor und nach ihm: Monte do Gozo - Porta do Camiño - Rúa das Casas Reais - Rúa da Acibechería - Paradies/ Nordportal der Kathedrale. dezidiert negativen Urteil über die Stadt in toto wendet der Florentiner sein Augenmerk ausschließlich auf die Kathedrale. Ähnlich wie schon im Pilgerfüh‐ rer des Liber Sancti Jacobi wird Compostela auch hier gezielt auf seinen locus sanctus reduziert; während aber im Pilgerführer die übrige Stadt, vor allem die profanen Orte (denn die anderen Kirchen werden immerhin erwähnt), nur ausgeblendet wird, erscheint sie hier durch die zitierten Zuschreibungen auch qualitativ abgewertet. Daraus ergibt sich nicht bloß wie im Pilgerführer ein Mengenkontrast, sondern auch ein Bewertungskontrast zu der positiv, nämlich als bella Chiesa, bestimmten Kathedrale, welchen der Anonymus im Bericht auch deutlich markiert, indem er sein Lob mit dem Zusatz sechondo la ciptà in Relation zur Stadt setzt: Für eine so kleine, dreckige Stadt wie Compostela sei die Kathedrale ungemein schön 744 . Auch in der Blickführung weist der Viaggio einige Parallelen zum Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi auf. Hier wie dort scheint der Blick seinen Ausgang im Osten zu nehmen, findet sich doch als letzte Station vor Compostela der bereits im Pilgerführer, aber auch im Itinerario Marciano und bei Lorenzo erwähnte Monte do Gozo (Sancta Mongioia) vermerkt, von dem aus der Pilger die Stadt zum ersten Mal erblickt: E qui si vede la ciptà di Champo stella dov’è il perdono di sancto Iacopo 745 . Die Stadtdarstellung beginnt - filmisch gesprochen - in der Totalen, es folgt das lakonische Gesamturteil über Compostela als kleine, dreckige Stadt mit wenig Handwerk, dann verengt sich der Blick, ohne den umgebenden Stadtraum weiter zu beachten, rasch nach innen auf die Kathedrale (Chiesa di Sancto Iacopo), wo - wie der Anonymus wohl zur Emphatisierung gleich zweimal notiert - Vergebung zu erlangen sei (dov’è il perdono di sancto 3.4 Florentinischer Anonymus (1477) 213 <?page no="214"?> 746 Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1063f. - Mit dem Sündenerlass durch die Gnade des hl. Jakobus erreicht der Pilger das Ziel seiner frommen Reise. Nur verständlich daher, dass der Anonymus diesen Akt der Läuterung oder Reinigung durch wortähnliche Wiederholung besonders hervorhebt. Vgl. L O P E Z , La imagen (wie Anm.-227), S.-358. Iacopo, qui è il perdono a chi va a Sancto Jacopo); in der Kathedrale wiederum liegt der Fokus auf einer Sakristei (una sacrestia che sale con due schale di prieta) und in dieser Sakristei schließlich auf den Reliquien (la testa di Sancto Iacopo Minore, molte belle reliquie) 746 . Der Blick bewegt sich somit konsequent vom Ganzen zum Detail, von außen nach innen, hin zur heiligen Mitte der Stadt. Dieses Muster einer nach innen zulaufenden Blickführung bzw. eines sich sukzessive verengenden Wahrnehmungsradius findet sich ähnlich auch in vielen anderen Zeugnissen der Frühen Neuzeit, insbesondere aber - wie in Kapitel 2.3 gezeigt - im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi. Abb. 4: Reliquiar mit dem Haupt des hl. Jakobus des Jüngeren in der Reliquienkapelle der Kathedrale von Santiago de Compostela. Bemerkenswerterweise strebt der Blick hier allerdings nicht - wie im Pilger‐ führer - auf den Hauptaltar bzw. die darunterliegende Krypta mit dem Schrein des hl. Jakobus zu, sondern auf die Heiltumskammer, d. h. auf den Ort der 214 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="215"?> 747 Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1064. - Zur Geschichte der Kopfreliquie des hl. Jakobus des Jüngeren vgl. Historia Compostellana (wie Anm. 22), S. 265-269; M Á R Q U E Z V I L L A N U E V A , Santiago (wie Anm. 9), S. 245f.; José Manuel G A R C Í A I G L E S I A S , Santiago de Compostela y la devoción al apóstol Santiago Alfeo: la otra faz del culto jacobeo, in: Actas del I Congreso Ibero-Asiático de Hispanistas Siglo de Oro e Hispanismo general (Delhi, 9-12 de noviembre de 2010), hg. von Vibha M A U R Y A / Mariela I N S Ú A , Pamplona 2011, S.-207-236, insb. S.-208. 748 Siehe das Zitat in Anm.-629. 749 Siehe Kapitel 1.2. 750 Vgl. Andrew Boorde, The Fyrst Boke of the Introduction of Knowledge, hg. von Frederick J. F U R N I V A L L , London 1870, S. 204f.: I dyd dwel in Compostell, as I did dwell in many partes of the world, to se & to know the trewth of many thynges, & I assure you that there is not one heare nor one bone of saint Iames in Spayne in Compostell, but only, as they say, his stafe, and the chayne the whyche he was bounde with all in prison, and the syckel or hooke, the whyche doth lye vpon the myddell of the hyghe aulter, the whych (they sayd) dyd saw and cutte of the head of saint Iames the more, for whome the confluence of pylgrims resorteth to the said place. I, beynge longe there, and illudyd, was shreuen of an auncient doctor of dyuynite, the which was blear yed, […] and after my absolucion he sayd to me, ‘I do maruaile greatly that our nation, specially our clergy and they, and the cardynalles of Compostell […] doth illude, mocke, and skorne, the people, to do Idolatry, making ygnorant people to worship the thyng that is not here. we have not one heare nor bone of saynct Iames; for saynct Iames the more, and saynct Iames the lesse, sainct Bartilmew, & sainct Philyp, saynt Symond and Iude, saynt Barnarde & sanct George, with dyverse other saynctes, Carolus magnus brought them to Tolose, pretending to have had al the appostels bodies or bones to be congregated & brought together into one place in saynt Seuerins church in Tolose, a citie in Langawdocke.’ - Deutsche Übersetzung in H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-257f. anderen Reliquien - die wichtigste: la testa di Sancto Iacopo Minore, die im Jahr 1116 zunächst als Haupt des hl. Jakobus des Älteren in den Besitz der Kathedrale von Compostela gelangte, dann aber - vermutlich, weil anders nicht mit der legendarischen Tradition vereinbar, nach der der Leichnam des Apostels vollständig in die Hispania gebracht worden sein soll - qua Namensgleichheit zum Haupt des hl. Jakobus des Jüngeren umgedeutet wurde (Abb. 4) 747 . Weder der im Pilgerführer so detailreich beschriebene Hauptaltar noch die Apostelreliquien werden auch nur mit einem Wort erwähnt. Dies hängt zweifellos damit zusammen, dass der florentinische Anonymus - wie manch andere Pilgerberichtautoren des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts, etwa Arnold von Harff (1498) 748 , Pandolfo Nassino (1523) 749 und Andrew Boorde (1532) 750 - davon überzeugt war, die Gebeine des hl. Jakobus samt Kopf (v’è il corpo di sancto Iacopo maggiore e lla testa) bereits in Toulouse gesehen zu haben, neben denen der fünf anderen Apostel ( Jakobus der Jüngere, Simon, Judas Thaddäus, Philippus und Barnabas), die von Karl dem Großen dorthin gebracht worden sein sollen 751 . Dies wiederum erklärt auch, weshalb er die Gnade des 3.4 Florentinischer Anonymus (1477) 215 <?page no="216"?> 751 Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1057. Vgl. P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm. 94), S. 62-66. - L O P E Z , La imagen (wie Anm. 227), S. 357, missversteht diese Textstelle offensichtlich: „cuando llega a la ciudad de Tolosa informa que aquí se encuentran las reliquias de San Jacobo el Mayor, mientras que la cabeza se guarda en el santuario de Galicia: e la testa è in Ghalizia (Damonte, 1972: 1057); que no menciona cuando llega a la ciudad de Santiago.“ Die Zufügung, das Haupt befinde sich in Galicien, bezieht sich eindeutig auf den hl. Jakobus den Jüngeren: ed èvvi sei chorpi d’apostoli fra’ quali v’è il corpo di sancto Iacopo maggiore e lla testa e ’l chorpo di sancto Iacopo minore, e lla testa è in Ghalizia. Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1057. Der Leichnam des hl. Jakobus des Älteren ruhe demnach vollständig in Toulouse, derjenige des hl. Jakobus des Jüngeren hingegen sei aufgeteilt: Der Leib werde in Toulouse verwahrt, das Haupt in Compostela. In seinem Eintrag zu Compostela erwähnt der Anonymus daher ausdrücklich la testa di Sancto Iacopo Minore, nicht aber den Leichnam des hl. Jakobus des Älteren. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1063f. 752 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1063. 753 Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-116. 754 Vgl. P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm.-94), S.-65f. 755 Der bereits zitierte Zeitschriftenbeitrag: Un altro «itinerario» tardo-quattrocentesco da Firenze a Santiago di Compostella, hg. von Renato D E L F I O L , in: Archivio Storico Italiano 137 (1979), S. 599-613 (Text: S. 603-613). - Delfiols Transkription wurde neu abgedruckt in S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm.-189), S.-73-86. hl. Jakobus statt wie üblich dessen Leichnam in Compostela lokalisiert: [qui] è il perdono di Sancto Jacopo 752 , während etwa Bartolomeo Fontana einige Jahrzehnte später in paralleler Formulierung notieren sollte: qui è il corpo di Santo Iacobo 753 . Hier lässt Jakobus dem Pilger seine Gnade zuteilwerden, doch leiblich anwesend ist er woanders. Der Anonymus unterscheidet somit zwischen der physischen Präsenz des Apostels (in Toulouse) und seinem spirituellen Wirken (in Compostela); darin mag eine Art Kompromiss zwischen den beiden konkurrierenden Devotionszentren zu erkennen sein, um Toulouse zwar den Besitz der Apostelreliquien zusprechen zu können, zugleich aber die Pilgerfahrt nach Compostela nicht obsolet werden zu lassen 754 . 3.5 Florentinischer Anonymus / Itinerario Riccardiano (spätes 15. Jahrhundert) Eine ganz ähnliche, wenn auch knappere, Compostela-Beschreibung findet sich im 1979 von Renato Delfiol transkribierten und kommentierten Itinerar eines anderen anonymen Florentiners des späten Quattrocento 755 . Es lohnt sich kaum, ihm ein eigenes Kapitel zu widmen; im Wesentlichen bestätigt er manches, was sich bereits am Anonymus von 1477 zeigen ließ. Enthalten ist der Text im Schlussteil - fol. 128 r bis 131 v - eines insgesamt 136 Papierfolia umfassenden Sammelkodex, der sich mit der Signatur 1258 im Bestand der 216 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="217"?> 756 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-599. 757 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm. 197), S. 599f.; S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm. 189), S. 73; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 32. - In einem Aufsatz über die historische Entwicklung der Via Francigena datiert C A U C C I V O N S A U C K E N das anonyme Itinerar auf das Jahr 1475, gibt dafür aber keinerlei Erklärung. Vgl. Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , La vía Francígena: Camino a Roma, Santiago y Jerusalén, in: Peregrino, ruta y meta en las peregrinationes maiores. VIII Congreso Internacional de Estudios Jacobeos (Santiago de Compostela, 13-15 Octubre 2010), hg. von Rosa V Á Z Q U E Z , Santiago de Compostela 2012, S.-139-156, hier S.-150. 758 Vgl. die detaillierte Aufschlüsselung der Inhalte und Textsorten in Salomone M O R P U R G O , I manoscritti della R. Biblioteca Riccardiana di Firenze 1 (Manoscritti italiani), Rom 1893, S.-320-324. 759 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-603. 760 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-604. 761 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-606-608. 762 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-608-610. 763 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-612. 764 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-600, 602. Florentiner Biblioteca Riccardiana befindet 756 . Der Itinerario Riccardiano, wie er wegen seines Verwahrortes meist genannt wird, entbehrt jeglicher Datierung; zumindest lässt sich Delfiol zufolge der Entstehungszeitpunkt des Kodex anhand inhaltlicher Indizien auf die Jahre zwischen 1450 und 1484 eingrenzen 757 . Da Inhalte und Textsorten äußerst disparat sind, auf sämtlichen Blättern aber dieselbe Hand zu erkennen ist, handelt es sich wohl auch in diesem Fall um eine auf diversen Vorlagen basierende Abschrift 758 . Der Reiseverlauf stimmt weitgehend mit demjenigen des Anonymus von 1477 überein: Auch dieser zweite Pilger schlug die via delle Alpi ein, überquerte den Mont-Cenis-Pass 759 , nahm einen Umweg zum Antoniusheiligtum in La-Motte-Saint-Didier 760 , wandte sich von dort nach Südwesten, durchstreifte die Maurienne und das Rhônetal bis Avignon und gelangte über die Via Tolosana bis zu den Pyrenäen, die er bei Saint-Jean-Pied-de-Port überquerte 761 , um schließlich dem Camino Francés zu folgen 762 ; nach Compostela besuchte auch er Fisterra 763 . Nur auf den ersten Meilen verläuft seine Reise etwas anders, nicht über Bologna und von dort weiter über die Via Aemilia, sondern ab Lucca zunächst über die Via Francigena und den Cisa-Pass (in den Apenninen an der Grenze zwischen der Toskana und der Emilia-Romagna), um erst ab Fiorenzuola d’Arda ebenfalls der Via Aemilia zu folgen 764 . In Spanien nahm er auf dem Hinweg die bereits im Viaggio von 1477 beschriebene Alternativroute über 3.5 Florentinischer Anonymus / Itinerario Riccardiano (spätes 15. Jahrhundert) 217 <?page no="218"?> 765 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm. 197), S. 600, 608-613. - Den Rückweg beschreibt der Anonymus nur bis León, denn al Lione di Spagnia si entra in sul camino diritto e tornasi per la medesima via che si va innanzi, cioè decta di sopra. Un altro «itinerario» (wie Anm. 197), S. 613. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Toskana (wie Anm. 189), S. 363; S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm.-189), S.-75. 766 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-603-611. 767 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm. 197), S. 602, 604, 606, 610, 612. Vgl. auch C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-33. 768 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-602, 608f. 769 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-611f. 770 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-606. 771 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-609. 772 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-609. 773 Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-603. 774 Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-603. 775 Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-606. 776 Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-608. 777 Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-610. 778 Un altro «itinerario» (wie Anm. 197), S. 610. - Ebenda findet sich ein Beispiel für die eher spärlich auftretenden negativen Wertungen: Irgendwo zwischen Belorado und Burgos will der Pilger durch eine villaccia cattiva gekommen sein. Oviedo und den Camino Primitivo, hielt sich dann aber auf dem Rückweg ganz an den Camino Francés 765 . Auch bei der Darstellung seiner Reise geht er im Grunde nicht anders vor als sein Zeit- und Stadtgenosse: Er vermerkt die auf dem Weg liegenden Orte nach der typischen Itinerar-Struktur - da … a … (sono) miglia … - jeweils mit Namen und versieht manche von ihnen mit nützlichen Kommentaren, die vielfach persönliche Werturteile enthalten, meistens positive, seltener negative. Er nennt vornehmlich Kirchen und deren Reliquien (Asti, Rivoli, La-Motte-Saint-Didier, Toulouse, Roncesvalles, Pamplona, Burgos, Castrojeriz, León, Oviedo) 766 , aber auch Herbergen und Schenken (Pistoia, La-Motte-Saint-Didier, Carcassonne, Burgos, Villanueva) 767 , Orte, an denen Wegegelder zu zahlen waren (Aulla, Berceto, Sauveterre, Ostabat, Saint-Jean-Pied-de-Port, Logroño) 768 , drei Berge (Monte de San Andrés, Monte do Gozo und der nicht zu identifizierende „Timone“, allesamt in Galicien) 769 , einen Fluss (die Rhône bei Avignon) 770 , drei Festungen (alle in Estella) 771 , das Jakobswunder von Santo Domingo de la Calzada 772 und anderes mehr. Die meisten der 133 verzeichneten Städte und Ortschaften versieht er nicht mit genaueren Ausführungen; manche klassifiziert und bewertet er jedoch in einer ähnlichen Weise wie der Anonymus von 1477: Santo Antonio etwa sei eine bella villa 773 , Susa eine buona villa 774 , Toulouse eine bella et rica città magnia e copiosa e piena di artigiani 775 , Pamplona eine bella città 776 , Burgos eine bella città 777 und auch León eine bella città 778 . Und 218 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="219"?> 779 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm. 197), S. 604-611; S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm.-189), S.-75f.; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-33. 780 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm. 197), S. 604f.; S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm.-189), S.-75. 781 Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-612. 782 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm. 197), S. 600; S T O P A N I , Il “camino” italiano (wie Anm. 189), S. 73. - Delfiol vermutet, dass die ersten Zeilen bereits in der Vorlage fehlten und der Skriptor diese Auslassung einfach übernahm. 783 Un altro «itinerario» (wie Anm. 197), S. 612. - Durch die Weiterreise nach Fisterra stellt Santiago de Compostela eigentlich nicht mehr die letzte Station, den Ort der Umkehr, den Wendepunkt von West nach Ost dar; dennoch werden - wohl, um die signifikante Endbzw. Zielstellung der Stadt im Wegverlauf zu bewahren - sowohl die Ankunft als auch der Aufbruch zurück in die Heimat jeweils nicht in Fisterra, sondern in Santiago de Compostela verortet. Darauf wird an späterer Stelle zurückzukommen sein. 784 Vgl. Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-612. wie dieser hebt er einige Städte - und zwar interessanterweise genau diesel‐ ben: La-Motte-Saint-Didier, Toulouse, Burgos, León und Oviedo, außerdem Pamplona - durch umfangreichere Beschreibungen besonders heraus, in denen er sich fast ausschließlich auf die jeweiligen Kirchen und die dort verwahrten Heiltümer konzentriert 779 . Am detailliertesten, mit einem folienlangen Reliquienkatalog, beschreibt er La-Motte-Saint-Didier 780 . Deutlich kürzer äußert sich der florentinische Anonymus zu Santiago de Compostela: Da San Giorgio d’Aqua sancta per insino a San Iacopo sono in tutto L. XII. Col nome di Dio si giugne a santo Iacopo; et bella città chiamata Campostella e nella chiesa et avi la testa di santo Iacopo; così dicono havervi el corpo 781 . Auch hier erscheint die Stadt weder durch die Länge des ihr gewidmeten Ein‐ trags noch durch sonstige Formen der Hervorhebung in besonderer Weise von den anderen Stationen des Weges unterschieden. Da Titel und Einleitung fehlen - am Anfang der Handschrift (fol. 128 r oben) sind sieben Zeilen freigelassen, die wohl nachträglich noch hätten ausgefüllt werden sollen -, ist auf den ersten Blick nicht einmal offenkundig, dass die beschriebene Reise die Stadt des Apostels zum Ziel hatte 782 . Im Grunde lässt sich dies zweifelsfrei erst daran erkennen, dass der Anonymus in der zitierten Stelle den Moment der Ankunft so deutlich betont (Col nome di Dio si giugne a santo Iacopo) und dass er schließlich - nach dem Besuch in Fisterra - die Beschreibung des Rückwegs ausdrücklich von dort beginnen lässt (Partesi poi da San Iacopo) 783 . Dabei wird auch hier - wie in allen bisher betrachteten Texten - das Toponym (Campostella) weitgehend (mit nur einer Ausnahme in der zitierten Stelle) vermieden und stattdessen der Name des Heiligen (San Iacopo oder santo Iacopo oder Sancto Iacopo) verwendet 784 . 3.5 Florentinischer Anonymus / Itinerario Riccardiano (spätes 15. Jahrhundert) 219 <?page no="220"?> 785 Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-612. 786 Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-612. 787 Vgl. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1063; Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-612. 788 Vgl. Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1057, 1064; Un altro «itinerario» (wie Anm. 197), S.-612. 789 Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-606, 612. 790 Un altro «itinerario» (wie Anm.-197), S.-606. Der florentinische Anonymus bestimmt Santiago de Compostela zunächst pauschal als bella città und stellt es damit differenzlos in eine Reihe mit anderen spanischen Städten wie Pamplona, Burgos oder León, die er, wie gezeigt, allesamt mit demselben lobenden Prädikat bedenkt 785 . Sodann konzentriert er sich, ohne die übrige Stadt nur eines Wortes zu würdigen, ganz auf den locus sanctus und dort wiederum auf die berühmte Kopfreliquie 786 . Die Parallelen zur Stadtdarstellung im Viaggio von 1477 sind unübersehbar: Auf ein stark verkürztes Gesamturteil folgt auch hier eine rasche Fokussierung auf das sakrale Zentrum und die dort verehrten Heiltümer - der Blick bewegt sich von außen nach innen, von der Stadt in toto hin zu den Apostelreliquien. Inhaltlich sind indes zwei signifikante Unterschiede zu konstatieren: Zum einen steht dem harschen Tadel des Anonymus von 1477 (Compostela sei eine kleine, dreckige Stadt mit wenig Handwerk) im Itinerario Riccardiano ein lobendes Urteil (Compostela sei eine schöne Stadt) entgegen, was verdeutlicht, wie sehr Stadtwahrnehmung subjektiv variieren kann - selbst bei Pilger-Au‐ toren, die sich, was Lebenszeit, Herkunft und Wahl der Pilgerrouten betrifft, derart ähneln 787 . Zum anderen vertreten die beiden Autoren unterschiedliche Positionen in der Frage, welche Jakobusreliquien in Compostela und welche in Toulouse verwahrt werden: Während der Anonymus von 1477 den ganzen Leichnam des hl. Jakobus des Älteren in Toulouse gesehen haben will und in Compostela nur das Haupt des hl. Jakobus des Jüngeren, ordnet sein Zeit- und Stadtgenosse diese letztere Reliquie interessanterweise dem hl. Jakobus dem Älteren zu 788 ; dessen Leib hingegen verortet auch er, obgleich man ihn in Compostela offenbar eines Besseren belehren wollte (dicono havervi el corpo), in Toulouse 789 ; zum Heiltumsschatz der dortigen Kathedrale Saint-Sernin vermerkt er nämlich: vi è questi corpi sancti scripti qui di sotto, cioè: el corpo di santo Iacopo Maggiore, el corpo di san Iacopo Minore e di santo Filippo e di san Simone e di santo Thaddeo e di san Bernaba e di san Saturnino Superio, Salvi, Paulo, Ilario, Honorato vescovi di Tolosa, sono stati tutti sancti huomini 790 . 220 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="221"?> 791 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-322. 792 In seinem Bericht gibt sich Jean de Tournai zwar wiederholt als quinqualleur, „Eisen‐ warenhändler“, aus, dies wohl aber nur, um seine wahre Identität und seinen Reichtum zu verbergen. Vgl. Eugène D É P R E Z , Un voyage à Toulouse en 1488, in: Annales du Midi 50/ 199 (1938), S. 312-315, hier S. 312. - In Valenciennes lebte Jean umgeben von seiner Frau, seiner Mutter und seinem Bruder Jean Lelièvre, dem Abt der dortigen Stiftskirche Saint-Jean-Baptiste, sowie von vielen Freunden und Kollegen. Kinder hatte er nicht. Er dürfte einer der reichsten Kaufleute seiner Stadt gewesen sein, mit einem weiten Beziehungsnetz, das, wie insbesondere der Anfang seines Reisetagebuchs bezeugt, bis in die Niederlande, nach Deutschland und nach Norditalien (Venedig) reichte. Er nahm am religiösen Leben seiner Stadt teil, war Mitglied der Confrérie des Royés in der Kirche Notre-Dame-la-Grande und spendete an seine Pfarrgemeinde Saint-Géry, an die Kirche Saint-Jean sowie an verschiedene Klöster, Abteien und Hospize. Beigesetzt wurde er 1499 in der Stiftskirche Saint-Jean-Baptiste. Sein Geburtsjahr zum anderen ist nicht bekannt; seine Editorin P É R I C A R D -M É A vermutet jedoch, dass er zum Reisezeitpunkt 1488/ 1489 in seinen Fünfzigern gewesen sein dürfte. Vgl. Béatrice D A N S E T T E , Jean de Tournai, pèlerin hiérosolomytain, in: Pèlerinages et croisades, hg. von Léon P R E S S O U Y R E , Paris 1995, S. 268-276, hier S. 270f.; Denise P É R I C A R D -M É A , Introduction. Mon ami Jean de Tournai, in: Jean de Tournai, Le voyage de Jean de Tournai. De Valenciennes à Rome, Jérusalem et Compostelle (1488-1489), hg. von Denise P É R I C A R D -M É A , Cahors 2012, S.-11-30, hier S.-12f. 793 Zum Reiseverlauf vgl. A R L O T T A , Attraverso l’Italia (wie Anm. 160), S. 31-52. Vgl. auch L A B O R Y , Jean de Tournai (wie Anm. 708), S. 263; P É R I C A R D -M É A / M O L L A R E T , Dictionnaire (wie Anm.-217), s. v. Tournai ( Jean de). Eine solche Aufteilung des Apostelleichnams erscheint auch dem folgenden Pil‐ gerberichtautor, dem Kaufmann Jean de Tournai aus Valenciennes, eine gerechte Kompromisslösung im Reliquienstreit zwischen Compostela und Toulouse, die, wie er meint, alle Welt zufriedenstellen müsste 791 . 3.6 Jean de Tournai (1489) Zu den wenigen Pilgern, die alle drei christlichen peregrinationes maiores in einer absolvierten, gehört neben dem erwähnten niederrheinischen Ritter Arnold von Harff auch der wohlhabende Tuchhändler aus Valenciennes (in der Grafschaft Hennegau) Jean de Tournai 792 . Innerhalb eines Jahres nur, vom 25. Februar 1488 bis zum 7. März 1489, deutlich schneller als sein adliger Nachfolger, der sich für seine loeblich pylgrymmacie fast drei Jahre (1496-1499) Zeit lassen sollte, reiste er nach Jerusalem, zweimal nach Rom und zuletzt nach Santiago de Compostela, wobei er zwischendurch auch andere bedeutende Kultorte wie Loreto, Bari oder La-Motte-Saint-Didier besuchte 793 . Damit erfüllte er sich, so schreibt er, einen langgehegten Jugendwunsch: des ma josnesse, de le aige de 16 ans, j’avois proposé, non point voué, que sy jamais je povois parvenir a aulcunes 3.6 Jean de Tournai (1489) 221 <?page no="222"?> 794 Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 146. Vgl. P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm. 792), S. 12. - Man darf annehmen, dass noch andere Gründe den wohlhabenden Kaufmann zu seinem ehrgeizigen Reiseunternehmen bewogen: Neugierde und Reiselust (wie weiter unten deutlich werden dürfte), das hohe Prestige, das insbesondere mit der äußerst kostspieligen Wallfahrt ins Heilige Land verbunden war - allein die Überfahrt von Venedig nach Jaffa kostete damals um die 40 Dukaten, was ungefähr dem Jahresein‐ kommen eines gutverdienenden Handwerksmeisters entsprach; vgl. D A N S E T T E , Jean de Tournai (wie Anm. 792), S. 272; Franco C A R D I N I , In Terrasanta. Pellegrini italiani tra Medioevo e prima età moderna, Bologna 2002, S. 360-367; A R L O T T A , Attraverso l’Italia (wie Anm. 160), S. 47f., insb. Anm. 124 - und vielleicht auch, wie P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm. 792), S. 13, glaubt, die damaligen Kriegsereignisse an der Grenze zwischen Frankreich und Flandern, über die sich Jean mehr als einmal beklagt und die, wie seine ersten Tagebucheinträge bezeugen, wohl auch für ihn persönlich eine Gefahr darstellten: So nahm er, um nach Köln zu gelangen, nicht den direkten Weg durch die flämische Provinz Lüttich, die er für nicht sicher hielt, sondern einen längeren Umweg über Brüssel, Antwerpen und Kleve. Und dennoch: nous costioient tousjours plus de deuz lieues de loing environ de X a XII chevaulceurs et ne scaviemes quelz compaignons c’estoient, mais lesdictz de Couloigne avoient fort grand paour pour l’amour de moy que ce ne fuissent serviteurs de la Barbe [Beiname Wilhelms I. von der Mark] du pays de Liege. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-21. 795 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-117. 796 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 333; P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm. 792), S. 29. - Freilich könnte es sich auch um Zufügungen des Kopisten handeln; dagegen spricht aber, dass nur solche Persönlichkeiten genannt werden, die noch zu Jeans Lebzeiten, d.-h. vor dem Jahr 1499, in Amt und Würden waren. 797 Vgl. L A B O R Y , Jean de Tournai (wie Anm. 708), S. 263f.; P É R I C A R D -M É A , Compostelle (wie Anm.-39), S.-299. 798 Vgl. L A B O R Y , Jean de Tournai (wie Anm.-708), S.-266. richesses, c’estoit que je ferois ledict sainct voiaige de Hierusalem 794 . Seine fromme Reise lässt sich noch heute bis in kleinste Einzelheiten rekonstruieren, weil er unterwegs sehr gewissenhaft Tagebuch führte: je passoys le tampz a escripre au mieulx que je pooys, tout che que je veois 795 . Die uns überlieferte gründliche Ausarbeitung seines Berichts fertigte Jean sicher erst nach seiner Heimkehr an, und er dürfte, da er beispielsweise an einer Stelle vom jungverstorbenen König Karl VIII. (1483-1498) und vom neugekrönten König Ludwig XII. (1498-1515) spricht, noch bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1499 daran gearbeitet bzw. nachträgliche Änderungen oder Zufügungen vorgenommen haben 796 . Das Ergebnis ist der wohl umfassendste französische Pilgerbericht der Frühen Neuzeit 797 . Erzählerisch ausgestaltet und mit einer dominant zeitlichen Gliederung - nach Kalenderdaten -, steht er den schlichten Itineraren früherer Jahrzehnte indes darin nach, dass Entfernungsangaben nur vereinzelt enthalten und die Ortsvermerke stellenweise nicht so genau sind 798 . Was ihn zum Schreiben bewog und was für ein Adressat ihm dabei vor Augen stand, teilt der Kaufmann nicht mit; sicher aber wollte auch er - wie die Berichtautoren vor ihm - 222 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="223"?> 799 Vgl. z. B. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 309: vous partés, vous dirés, vous venés, vous demanderés, vous viendrés etc. Vgl. ebenso P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm. 792), S.-29; A R L O T T A , Attraverso l’Italia (wie Anm.-160), S.-45, auch Anm.-112. 800 Vgl. L A B O R Y , Jean de Tournai (wie Anm. 708), S. 263; A R L O T T A , Attraverso l’Italia (wie Anm. 160), S. 31f., Anm. 69; P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm. 792), S. 29f.; Béatrice D A N S E T T E / Marie-Adélaïde N I E L E N , Introduction, in: Jean de Tournai, Le récit des voyages et pèlerinages de Jean de Tournai (1488-1489), hg. von Béatrice D A N S E T T E / Marie-Adélaïde N I E L E N , Paris 2017, S.-11-18, hier S.-11f. 801 Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 19. - Der in geprägtes Kalbsleder eingebundene Papier‐ kodex trägt außerdem sein Wappen, und in einer anderen von ihm stammenden, als Ms. 489 in der Bibliothèque municipale de Valenciennes verwahrten Handschrift, die nur den Bericht des Eustache Delafosse enthält, schreibt er auf Blatt 42 v : Amy lecteur, tu lyras le voiage Jehan de Tournay ou George Lengrehant lesquelz sont aussy escript de ma main. Zitiert nach: P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm. 792), S. 30. - Der Kopist hat auch leicht in den Text eingegriffen: Gliedernde und inhaltserschließende Elemente des Paratextes wie die Zwischentitel, die Einleitung und das Kolophon stammen zweifellos von ihm, was bereits am Gebrauch der dritten Person Singular in diesen Textteilen erkennbar ist. Vgl. P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm.-792), S.-30. 802 Vgl. L A B O R Y , Jean de Tournai (wie Anm. 708), S. 263; A R L O T T A , Attraverso l’Italia (wie Anm. 160), S. 31f., Anm. 69; P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm. 792), S. 29; D A N S E T T E / N I E L E N , Introduction (wie Anm. 800), S. 11f. - Der Bericht des Georges Lengherand wurde bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts ediert: Voyage de Georges Lengherand, Mayeur de Mons en Haynaut, à Venise, Rome, Jérusalem, Mont Sinaï & Le Kayre, 1485-1486, hg. von Denis-Charles G O D E F R O Y D E M É N I L G L A I S E , Mons 1861; der Bericht des Eustache Delafosse hingegen erst zum Ende des 20. Jahrhunderts: Voyage Rat und Hilfestellung für andere Pilger geben, erkennbar etwa daran, dass er zahlreiche praktische Hinweise einflicht und gelegentlich aus der ansonsten vorherrschenden Ichbzw. Wir-Form in die Ihr-Form und aus dem Präteritum ins Futur wechselt 799 . Nach Jeans Tod nahm wohl dessen Freund Louis de La Fontaine, der als Tes‐ tamentsvollstrecker eingesetzt war, das Reisetagebuch in seine Privatbibliothek. Dort fand es fünf Jahrzehnte später ein anderer Louis de La Fontaine (1522-1587), höchst wahrscheinlich der Sohn des ersteren, ein reicher Kaufmann und Inha‐ ber der Seigneurie de Salmonsart 800 . Er schrieb Jeans Bericht eigenhändig ab und band dieses zweite Manuskript mit den ebenfalls von ihm verfertigten Kopien zweier weiterer hennegauischer Pilgerbzw. Reiseberichte des späten 15. Jahrhunderts zu einem Kodex zusammen, den er auf dem ersten Folium mit einem Eigentumshinweis und einer präzisen Jahresangabe versah: Appartient ce libvre a Louys de La Fontaine dit Wicart, filz de Louys, bourgois de la ville de Valenchennes. Anno 1549 801 . Darin nimmt Jeans dreifache peregrinatio maior die ersten 316 Folia ein; ihr folgen auf fol. 317 bis 445 die Jerusalemfahrt des Georges Lengherand (1486/ 1487) und auf fol. 446 bis 466 die Afrika- und Spanienreise des Eustache Delafosse (1479-1481) 802 . Jeans Originalmanuskript aus den letzten 3.6 Jean de Tournai (1489) 223 <?page no="224"?> d’Eustache Delafosse sur la côte de Guinée, au Portugal et en Espagne (1479-1481), hg. von Denis E S C U D I E R , Paris 1992. 803 Vgl. den umfassenden Eintrag zu dieser Handschrift im Internetportal des Projekts „Bib‐ lissima“: Valenciennes. Bibliothèque municipale, Ms. 493, https: / / portail.biblissima.fr/ ark: / 43093/ mdata44d0ee2f4e378f98ecc7a9da9473f5060e3da3ea (Zugriff am 21.12.2022). - Wie die Handschrift aus dem Privatbesitz der Familie La Fontaine in den Bestand der Bibliothèque municipale de Valenciennes gelangte, scheint nicht bekannt zu sein. 804 Die Arbeit legte P O L A K im Jahr 1958 zur Erlangung der Doktorwürde am Birkbeck College der University of London vor. - Einzelne Auszüge aus dem Bericht waren schon vorher transkribiert und veröffentlicht worden. Vgl. z. B. D É P R E Z , Un voyage (wie Anm.-792), S.-313-315. 805 Vgl. Lucie P O L A K , Un récit de pèlerinage de 1488-1489, in: Le Moyen Âge 87 (1981), S.-71-88, hier S.-72. 806 Vgl. L A B O R Y , Jean de Tournai (wie Anm.-708), S.-263. 807 Wie in Kapitel 1.3 bereits zitiert: Jean de Tournai, Le voyage de Jean de Tournai. De Valenciennes à Rome, Jérusalem et Compostelle (1488-1489), hg. von Denise P É R I ‐ C A R D -M É A , Cahors 2012. - Die Übersetzung basiert auf einer Transkription, die Fanny B L A N C H E T -B R O E K A E R T in den Jahren 2006 und 2007 für ihre Masterthesis anfertigte. Jahren des 15.-Jahrhunderts ist nicht erhalten, wohl aber diese von Louis de La Fontaine angefertigte Sammelhandschrift von 1549, die sich heute als Ms. 493 im Bestand der Bibliothèque municipale de Valenciennes befindet 803 . Der Versuch einer ersten kritischen Edition des Gesamttextes ist in Lucie Po‐ laks - allerdings unveröffentlichter - Dissertation The Pilgrim Book of Jehan de Tournay (1488-1489). Being a Critical Edition of the Valenciennes MS 493 von 1958 enthalten 804 . Zu einer 1981 von Polak in Aussicht gestellten Veröffentlichung kam es nicht 805 , und auch die Ausgabe, die Gillette Labory, wie sie in einem Aufsatz von 1993 schreibt, zusammen mit Béatrice Dansette besorgen wollte, vermisst man 806 . Eine erste nur unwesentlich gekürzte Ausgabe in neufranzösi‐ scher Übersetzung ist 2012 von Péricard-Méa herausgebracht worden 807 . Erst seit 2017 aber ist nun in der verdienstvollen Ausgabe von Béatrice Dansette und 224 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="225"?> 808 Wie in Kapitel 1.3 bereits zitiert: Jean de Tournai, Le récit des voyages et pèlerinages de Jean de Tournai 1488-1489, hg. von Béatrice D A N S E T T E / Marie-Adélaïde N I E L E N , Paris 2017. - Das Reisetagebuch hat einige Forschungsarbeiten angeregt: Alexandre de L A F O N S D E M E L I C O C Q , Voyage archéologique au XV e siècle, in: Annales Archéologiques 21 (1861), S. 110-112, 364f.; 22 (1862), S. 86-96, 133-141, 245-250; Charles-Joseph V O I S I N , Principaux passages de la relation d’un voyage en Terre Sainte, fait par Jehan de Tournay en 1487, laquelle se trouve dans un manuscrit de la bibliothèque de Valenciennes côté 453, in: Bulletin de la Société historique et littéraire de Tounai 9 (1863), S. 138-147; D É P R E Z , Un voyage (wie Anm. 792); Lucie P O L A K , French pilgrims to Jerusalem in the 15 th century [unv. Typoskript], London 1954; D I E S ., The Pilgrim Book [unv. Typoskript], London 1958; D I E S ., Un récit de pèlerinage (wie Anm. 805); L A B O R Y , Jean de Tournai (wie Anm. 708); D A N S E T T E , Jean de Tournai (wie Anm. 792); P É R I C A R D -M É A , Compostelle (wie Anm. 39), passim; Fanny B L A N C H E T -B R O E K A E R T , Autoportrait de Jean de Tournai, pèlerin au XV e siècle, in: Histoire Antique & Médiévale 22 (2010), S. 44-47; A R L O T T A , Attraverso l’Italia (wie Anm.-160), S.-31-52. 809 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 19f. - Jean pilgerte in wechselnder Begleitung, zunächst mit seinem Bruder Jean Lelièvre, Abt der Stiftskirche Saint-Jean-Baptiste in Valenciennes, und einigen Kaufleuten aus der Gegend, später etwa mit einer Gruppe Adeliger oder - auf dem Weg nach Compostela - mit einem armen Kleriker aus Gaudiempré. Man weiß nicht immer genau, mit wem er reiste, aber der Vermerk m’en allay tout seul findet sich nur ein einziges Mal, nämlich in Bezug auf den Reiseabschnitt von Verona bis Siena. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 36. Vgl. P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm. 792), S. 15; D I E S ./ M O L L A R E T , Dictionnaire (wie Anm. 217), s. v. Tournai ( Jean de). 810 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-20-33. 811 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-33-42. 812 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 43-45; D A N S E T T E , Jean de Tournai (wie Anm. 792), S. 270; P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm. 792), S. 12. - Innozenz VIII. gewährte ihm Audienz und versah ihn mit der erbetenen Reiseerlaubnis (deren lateinischen Wortlaut er auf fol. 28 v und 29 r wiedergibt), unter der Bedingung, dass er vor der Weiterreise die Marie-Adélaïde Nielen auch der vollständige mittelfranzösische Originaltext veröffentlicht 808 . Von seiner Heimatstadt Valenciennes brach Jean de Tournai zusammen mit mehreren Begleitern am 25. Februar 1488 zu einer Jerusalemfahrt auf; dass er anschließend nach Santiago de Compostela weiterziehen würde, wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht 809 . Er reiste über Brüssel, Antwerpen, Kleve, Xanten und Neuss nach Köln, wo er Bekannte hatte, dann weiter in südlicher Richtung über Mainz, Speyer, Ulm, den Fernpass und Landeck nach Italien 810 . Über den Reschenpass, Meran, Trient, Rovereto und Verona gelangte er nach Bologna und entlang der Via Cassia über Florenz, Siena und Viterbo nach Rom 811 . Sein (erster) Aufenthalt in der Ewigen Stadt vom 10. bis zum 22. April 1488 diente dazu, die licentia eundi ad Terram Sanctam zu erlangen, die nur vom Papst persönlich (damals Innozenz VIII.) oder von der Apostolischen Pönitentiarie ausgestellt werden durfte 812 . Anschließend folgte er der Via Flaminia bis Spoleto 3.6 Jean de Tournai (1489) 225 <?page no="226"?> sieben Hauptkirchen Roms besuchte und im Petersdom die Beichte ablegte. Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 44f. Die sieben Hauptkirchen beschreibt er sehr detailreich und notiert anschließend eine Liste 82 weiterer römischer Kirchen, die er innerhalb seines zwölftägigen Aufenthalts in Rom wohl allesamt besuchte. Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 46-71, auch Anm. 90; A R L O T T A , Attraverso l’Italia (wie Anm. 160), S. 35. - Wer ohne die licentia eundi ad Terram Sanctam nach Jerusalem fuhr, lief Gefahr, exkommuniziert zu werden; tatsächlich aber war der Kustos des Heiligen Landes, d. h. der Ordensobere der dortigen Franziskaner, vom Papst ermächtigt, Pilgern, die ohne offizielle Reiseerlaubnis ankamen, die Absolution zu erteilen, sodass sie doch die ersehnten Ablässe erwerben konnten und ihre Pilgerfahrt nicht umsonst gewesen war. Vgl. A R L O T T A , Attraverso l’Italia (wie Anm.-160), S.-26f. 813 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-79-81. 814 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 81-86; A R L O T T A , Attraverso l’Italia (wie Anm. 160), S. 35-48. - Lange Zeit waren Heiliglandfahrer darauf angewiesen, auf Handelsschiffen mitzureisen, was mit erheblichen Gefahren und Unwägbarkeiten verbunden war. Erst ab dem Ende des 14. Jahrhunderts etablierte sich in Venedig ein direkter Personenver‐ kehr ins Heilige Land, der an den Bedürfnissen der Pilger ausgerichtet und terminlich ungefähr kalkulierbar war. Venedig erlangte dadurch gewissermaßen ein Monopol im europäischen Pilgerverkehr. Durch die Ausdehnung ihres Seereiches bis weit ins östliche Mittelmeer - schließlich sogar bis nach Zypern (1489) - konnte die Stadt Pilgern einen guten Schutz und zuverlässige Versorgungsmöglichkeiten während der Überfahrt bieten. Vgl. Markus S T I C H , Stürme - Enge - Langeweile. Bemerkungen zum Alltag auf venezianischen Pilger-Galeeren im 15. Jahrhundert, in: Bulletin der Polnischen Historischen Mission 10 (2015), S.-369-396, hier S.-370f. 815 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 114-147; A R L O T T A , Attraverso l’Italia (wie Anm. 160), S.-47f. 816 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 152-260; D A N S E T T E , Jean de Tournai (wie Anm. 792), S.-269. 817 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-272-283. und weiter der Via della Spina bis an die Adria 813 . Nach seinem Besuch in der Basilika vom Heiligen Haus in Loreto reiste er nach Ancona, mit dem Schiff nach Cervia, wieder zu Fuß nach Ravenna und schließlich nach Venedig, von wo aus seit dem Ende des 14. Jahrhunderts die Überfahrten ins Heilige Land organisiert wurden 814 . Sechs Wochen musste er hier warten (denn eine venezianische Pilgergaleere brach erst auf, sobald sich genügend Passagiere gefunden hatten), bis er am 18. Juni 1488 endlich das Schiff des Patriziers Agostino Contarini betrat, und nach fünfwöchiger Seereise - mit Zwischenhalten u. a. auf Kreta, Rhodos und Zypern - ging er am 22. Juli 1488 im Hafen von Jaffa an Land 815 . Zwischen dem 28. Juli und dem 16. August 1488 besuchte er die Grabeskirche (in der er vier Nächte verbrachte) und all die anderen durch Christi Anwesenheit geheiligten Orte, auch Bethlehem und die Ufer des Jordan, wovon er in aller Ausführlichkeit berichtet 816 . Auf dem Rückweg verließ er Contarinis Schiff bereits auf Korfu und setzte mit einem anderen Schiff nach Apulien über, um in Bari am Grab des hl. Nikolaus zu beten 817 . Danach folgte er der apulischen Küste nach Norden, drang 226 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="227"?> 818 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-284-292. 819 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-292-298. 820 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 299: Je […] vins a sire Willeme Blondrie, prebstre et curet de Ghedienpret, auquel je prommis tous ses despens s’il vouloit venir avec moy audict voyage de Sainct Jacques, lequel aprés plusieurs devises me prommit de s’en venir avec moy. Vgl. auch L A B O R Y , Jean de Tournai (wie Anm.-708), S.-264. 821 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-299f. 822 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-300-302. 823 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-302. 824 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-302-305. 825 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-305-307. 826 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-307f. 827 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-309-313. 828 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-313-317. bei Barletta ins Landesinnere ein und durchquerte die Apenninenhalbinsel bis Neapel 818 . Entlang der Via Appia über Aversa, Capua und Fondi bis Terracina und weiter über Sermoneta, Velletri und Marino kehrte er zurück nach Rom, wo er sich vom 9. bis zum 15. November 1488 aufhielt 819 . Jetzt erst fasste er den Entschluss, nach Santiago de Compostela zu gehen. Für diesen letzten Reiseabschnitt fand er einen treuen Begleiter in Guillaume Blondrie, einem armen Priester aus Gaudiempré, dem er die Reisekosten voll‐ ständig bezahlte 820 . Rom hinter sich lassend, schlug er abermals - nun in entgegengesetzte Richtung - die Via Cassia ein, die ihn nach Bologna zurück‐ führte 821 . Von dort aus folgte er, wie der im Jahr 1477 reisende florentinische Anonymus, der Via Aemilia bis Piacenza und weiter dem Verlauf des Po bis ins Susa-Tal 822 . Frankreich betrat er in den ersten Dezembertagen über den Alpenpass von Montgenèvre 823 . Über Briançon, Embrun, Tallard, Sisteron und Aix-en-Provence kam er in die Gegend um Marseille, wo er die Magdalenenhei‐ ligtümer in Saint-Maximin und Sainte-Baume besuchte 824 . Vorbei an Arles und Saint-Rémy zog er weiter nach Tarascon, um am dortigen Grab der hl. Martha zu beten 825 . Von Montélimar aus nahm er, das Rhônetal hinauf, einen Umweg über Valence und Romans-sur-Isère zum Antoniussanktuar in La-Motte-Saint-Didier (Saint-Antoine-l’Abbaye), kehrte dann auf demselben Weg nach Montélimar zurück und begab sich über Pont-Saint-Esprit nach Nîmes 826 . Von dort aus folgte er, wie alle bisherigen Autoren, der Via Tolosana. Zu Weihnachten war er in Béziers, zu Silvester in Auch und dazwischen in Toulouse, wo auch ihm in der Kathedrale Saint-Sernin der Leib des hl. Jakobus des Älteren gezeigt wurde 827 . Die Pyrenäen überquerte er bei Saint-Jean-Pied-de-Port über den Ibañeta-Pass und hielt sich ab Roncesvalles an den Camino Francés 828 . Von León aus schlug er den Umweg über Oviedo ein, der sich bereits bei seinen beiden anonymen Zeitgenossen aus Florenz beschrieben findet 829 . Vom 25. bis zum 27. Januar 1489 3.6 Jean de Tournai (1489) 227 <?page no="228"?> 829 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-317-321. 830 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-321f. 831 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-323-330. 832 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 330-340. - Zur Via Turonensis vgl. Liber (wie Anm. 25), S.-235. 833 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-341-345. 834 D A N S E T T E , Jean de Tournai (wie Anm. 792), S. 273, charakterisiert Jean treffend als „un de ces hommes d’affaires de la fin du Moyen Âge qu’une piété sincère a conduit à Jérusalem pour obtenir son salut, mais qui sait aussi porter un regard attentif et curieux sur ce qu’il découvre, et en particulier sur les communautés étrangères qu’il côtoie.“ 835 Am besten dürfte ihm das Hospital Santa Maria della Scala in Siena gefallen haben: le plusbel hospital et le plus riche que je vidz oncques, et y a de nombre bien prés de V C lictz et s’y a tous les jours trois messes fondees, ung cyrurgien, medecyn, et les lictz fort bien aornés. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 39f. Vgl. A R L O T T A , Attraverso l’Italia (wie Anm. 160), S. 34. Über die Unterkünfte in Spanien war er hingegen empört: Depuis Sainct Jehan Pied de Porc jusques a Sainct Jacques, et depuis ledict Sainct Jacques jusques a Bayonne, il n’y a paine nulles hostelleries, ne aussy nulles retraictes, car en cedict païs il font leur necessité partout, cela est fort infame. Et mesmes es hostelleries, on y est logé comme par deça es bourdeaux. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-315. 836 Bei der Ankunft in Compostela etwa beklagt er sich über das ungemütliche Wetter: Nous nous partismes le dimence XXV e dudict mois [ Januar 1489], qu’il estoit le jour de la conversion sainct Pol, et se pleut et venta et tonna, et fuz tout mouillet, et par toutte la journee je ne faisoie que pescher en eaue jusques a my gambe. Et vins coucher en la ville et archevesché de Compostelle, que on dict la ville de Sainct Jacques le Grand, filz de Zebedee. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 321. Insofern ist der erste Jakobspilger, der auf hielt sich Jean in Santiago de Compostela auf - nur kurz also, verglichen mit seinen Aufenthalten in Städten wie Rom, Jerusalem oder Venedig 830 . Dann trat er, ohne Fisterra besucht zu haben, den Heimweg an: Er folgte zunächst dem Camino Francés, wandte sich bei Burgos aber nach Nordwesten, durchquerte das Baskenland, kam durch Vitoria und Tolosa und überschritt die Grenze nach Frankreich bei Bayonne 831 . Über Bordeaux, Blaye, Saintes, Tours, Orléans und Paris - über die schon im Liber Sancti Jacobi beschriebene Via Turonensis - kehrte er schließlich am 7. März 1489 nach Valenciennes zurück 832 . Tags darauf richtete sein Schwager Jean Godin ein großes Festmahl für ihn aus, bei dem Jean Molinet, der grand rhétoriqueur aus Valenciennes, ein für diesen Anlass verfasstes Gedicht vortrug; in voller Länge (96 Oktosyllaben) wiedergegeben, bildet es den Schluss seines Reisetagebuchs 833 . Jean verkörpert den frühmodernen Typus des neugierigen und vielseitig interessierten Reisenden 834 : Er vermerkt nicht nur - wie die Autoren vor ihm - auf dem Weg liegende Städte und Ortschaften, Bauwerke, loca sancta und Reliquien, Hospize und Wirtshäuser 835 , Flüsse und Berge, Brücken und Fähren sowie Wegegelder, Münzen und Wechselkurse. Er spricht auch über das Wetter 836 und die Qualität der Betten in den verschiedenen Unterkünften, 228 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="229"?> den häufigen Regen in der Jakobsstadt hinweist, nicht, wie man bei V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 244, und H E R B E R S / P L ÖT Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 287, liest, Cosimo III. de’ Medici bzw. sein Berichtschreiber Filippo Corsini, sondern Jean de Tournai. 837 Jean scheint ein Weinliebhaber gewesen zu sein: Auffallend häufig vermerkt er Art und Qualität der Weine, die er an den verschiedenen Orten trank. D A N S E T T E , Jean de Tournai (wie Anm.-792), S.-271, nimmt daher an, dass er mit Weinen handelte. 838 Allgemein zum inhaltlichen Spektrum von Jeans Reisetagebuch vgl. D A N S E T T E , Jean de Tournai (wie Anm.-792), S.-272. 839 Vgl. P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm.-792), S.-11f., 15-18, 23f. 840 Vgl. D A N S E T T E , Jean de Tournai (wie Anm. 792), S. 274; P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm.-792), S.-16. 841 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-92f. 842 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-93f. beschreibt Landschaften und Örtlichkeiten, geht auf Flora und Fauna ein, auf Ackerbau und Beschaffenheit der Böden, auf eingenommene Mahlzeiten und kulinarische Besonderheiten 837 . Er stellt Zeremonien und liturgische Handlun‐ gen dar, beschreibt Innenräume namentlich von Kirchen und Heiligtümern und dort jeweils den Hauptaltar, die Reliquien und Reliquiare, gibt hagiogra‐ phisches Erzählgut, Wunderberichte und populäre Sagen wieder und notiert Frömmigkeitshandlungen wie Gebete, Messen und Beichten 838 . Besonders aber galt seine Aufmerksamkeit anderen Menschen, ihrer Kultur, ihren Sitten und Gebräuchen, ihrer Arbeit, ihren Essgewohnheiten und - von Berufs wegen - ihrer Kleidung 839 . Nicht feindselig und vorurteilsbeladen, vielmehr mit offener Neugierde und staunendem Interesse suchte er immer wieder die Interaktion und den Dialog mit ihnen, auch mit Andersgläubigen, die er nicht einseitig tadelt oder beschimpft, sondern durchaus nuanciert darstellt 840 . Detailgetreu und völlig wertfrei beschreibt er etwa die liturgischen Handlungen und die Bekleidung der Juden beim Gottesdienst in der Synagoge von Padua, dem er und seine Begleiter nicht aus Frömmigkeit, sondern aus rein ‚ethnologischem‘ Interesse beiwohnten 841 . Im Anschluss entspann sich dort jedoch ein heftiger Streit zwischen Christen und Juden, der bald in gegenseitige Schmähungen und Verwünschungen eskalierte: il me sambloit que je revenois d’enfer, schrieb Jean nach diesem Zwischenfall in sein Reisetagebuch 842 . Die früheren Zeugnisse, die noch der einfachen Itinerarstruktur verhaftet sind - wenn auch mit gewissen inhaltlichen Anreicherungen insbesondere in den drei florentinischen Textbeispielen (Lorenzo und die beiden Anonymi) - und keine Erlebnisberichte, sondern praktische Reiseanleitungen sein wollen, geben wenig Auskunft über die Persönlichkeit des jeweiligen Autors und seine individuelle Reiseerfahrung. In diesem Text hingegen, dem ersten aus dem hier analysierten Korpus, den man als ‚persönlich‘ oder ‚autobiographisch‘ 3.6 Jean de Tournai (1489) 229 <?page no="230"?> 843 Vgl. P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm. 792), S. 19. - Hierzu ließen sich zahlreiche Beispiele anführen, die von abenteuerlichen Episoden wie dem Überfall durch Araber auf dem Rückweg von Jerusalem bis hin zu anekdotischen oder derb-lustigen Erlebnis‐ sen reichen, etwa, wie sich Jean und sein Begleiter Guillaume an einem betrügerischen Wirt rächten, indem sie in ihre Betten urinierten. Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S.-248-255, 319f. 844 Auch in Compostela. Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-322. 845 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-324f. 846 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-309f. 847 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-320f. 848 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-319. 849 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-328f. 850 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 37. - Dabei war Jean jedoch keineswegs geizig. Wenn es darauf ankam, konnte er durchaus Geld ausgeben oder bestand anstandshalber sogar darauf, etwas zu bezahlen, obwohl es gar nicht nötig gewesen wäre, so etwa im Pilgerhospiz von Saint-Maximin: Et quand nous eusmes souppé je demanday quelle choze nous debvions, et on me dict que nul ne paioit riens et que la fondation estoit telle. Et je respondis que nous n’estions pas povres gens et que l’aumosne estoit ordonnee pour les povres. Et on me respondit puisque je n’estois point pobre, c’estoit puis que je voulois donner quelque choze a celluy lequel m’avoit servy, c’estoit la coustume et point aultrement. Adonc bezeichnen kann, liegt der Fokus stets auf dem Pilger-Autor selbst, auf seinem Erleben und Handeln. Jean de Tournai erzählt s e i n e Reise, weshalb er auch vornehmlich in der Ichbzw. Wir-Form und im Präteritum spricht, während die Autoren vor ihm sich meist unpersönlich ausdrücken oder sich an ein Du wenden, präsentische oder futurische Verbformen gebrauchen und ihren Texten so den bewussten Anleitungscharakter verleihen. Sachliche Ausführungen, in denen Jean eher zurücktritt, wechseln sich ab und vermischen sich mit persön‐ lichen, oft lustigen, kuriosen oder spannenden Erlebnissen, die er sehr lebendig, vielfach mit dramatischen Mitteln wie direkter Redewiedergabe und mit einer Prise Humor zu vermitteln weiß 843 . Auch Banales und Alltägliches notiert er: ein flüchtiges Gespräch, eine ausgiebige Mahlzeit in geselliger Runde 844 , ein harmloser Streit mit seinem Begleiter Guillaume 845 , die nicht immer einfache Suche nach einer Herberge 846 , ein unbequemes Bett 847 , die schmerzenden Blasen an seinen Füßen 848 , die schlimme Erkältung, die er in einem Gasthaus in Burgos kurierte 849 , und vieles mehr. Kaum ein schreibender Jakobspilger an der Schwelle zur Neuzeit gibt so viel und so Intimes über sich preis wie Jean de Tournai. Freilich ist dem Text anzumerken, dass sein Autor ein Kaufmann war: Geldsorgen plagten ihn nicht, und doch achtete Jean minutiös auf seine Ausga‐ ben, notierte Wegegelder und die Preise von Geleitschreiben, von Mahlzeiten und Unterkünften sowie die Kosten für die Versorgung seines Pferdes, das er alsbald (beim ersten Aufenthalt in Florenz) verkaufte, weil es ihm zu teuer war 850 . Immer wieder thematisiert er fremde Währungen, Wechselkurse und die 230 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="231"?> j’allay a ma bourse et luy donnay une paire de pieces d’argent. Jean, Récit (wie Anm. 200), S.-305. 851 Vgl. Jacques L A B R O T , Monnaies utilisées, in: Jean de Tournai, Le voyage de Jean de Tournai. De Valenciennes à Rome, Jérusalem et Compostelle (1488-1489), hg. von Denise P É R I C A R D -M É A , Cahors 2012, S.-385-389. 852 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-93. 853 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 104f.; D A N S E T T E , Jean de Tournai (wie Anm. 792), S. 270; A R L O T T A , Attraverso l’Italia (wie Anm. 160), S. 47f. - Von den 33 ½ Dukaten waren 25 ½ bei Vertragsunterschrift und acht zu Beginn der Rückfahrt zu zahlen. 854 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 20-25, 295; D A N S E T T E , Jean de Tournai (wie Anm. 792), S.-268; P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm.-792), S.-13. 855 Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 255; D A N S E T T E , Jean de Tournai (wie Anm. 792), S. 271; P É R I C A R D -M É A , Compostelle (wie Anm.-39), S.-287-290. 856 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-272-283, 307f., 317-321. Preise bestimmter Waren; wie Jacques Labrot nachgewiesen hat, erwähnt er insgesamt 19 verschiedene Münzsorten, von denen er mindestens sieben auch selbst benutzte 851 . Er warnt - wie Pseudo-Calixt im Liber Sancti Jacobi - vor den Tricks und Schlichen der Geldwechsler, die sich an unkundigen Fremden zu bereichern suchten 852 . Selbst war er jedoch - so stellt er sich jedenfalls dar - gegen Betrug und Wucher gefeit und wusste im Unterschied zu seinen adligen Begleitern (während der Jerusalemfahrt), die ihn für diese Fähigkeiten bewunderten, souverän zu verhandeln, beispielsweise über den Preis für die Überfahrt von Venedig ins Heilige Land: Statt 40 Dukaten, wie damals üblich, zahlte er nur 33 ½ Dukaten; den lateinischen Wortlaut des am 3. Juni 1488 unterschriebenen Vertrages mit dem Galeereneigner Agostino Contarini gibt er treulich wieder 853 . Im Übrigen verband er seinen sainct voiaige wohl bis zu einem gewissen Grade auch mit profanem Geschäft, kehrte er doch besonders im Herzogtum Brabant und im deutschen Raum wiederholt bei anderen Kaufleuten ein und dinierte beispielsweise in Rom mit einem reichen Bankier 854 . Dennoch wäre es verfehlt, in Jean de Tournai nur einen als Pilger verkapp‐ ten Händler zu vermuten. Bei aller Geschäftstüchtigkeit und kaufmännischen Berechnung, bei aller weltlichen Neugierde und Lebensfreude galt Jeans Haupt‐ sorge doch seinem Seelenheil, und er war sich bewusst, dass Pilgerschaft und Handelsreise, Frömmigkeit und Profitstreben nicht miteinander zu vereinbaren sind: on ne peult estre marchant et pelerin tout enssamble 855 ! Auch lassen seine zahllosen Besuche in Kirchen und Heiligtümern, denen er vielfach ausführliche Beschreibungen widmet, die weiten Umwege, die er beispielsweise in Kauf nahm, um nach Bari, La-Motte-Saint-Didier oder Oviedo zu gelangen 856 , sein frommes Interesse an Reliquien, an Mirakeln und Legenden aus den diversen Heiligendossiers, an Gebetstexten (er gibt den Wortlaut sämtlicher Gebete wie‐ der, die er an den loca sancta im Heiligen Land sprach) 857 sowie an Zeremonien, 3.6 Jean de Tournai (1489) 231 <?page no="232"?> 857 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-152-237. 858 Beispiele: P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm. 792), S. 24f.; A R L O T T A , Attraverso l’Italia (wie Anm.-160), S.-34. 859 Dennoch war Jean die meiste Zeit über nicht mit dem traditionellen Pilgergewand angetan; erst auf dem Weg nach Compostela, vielleicht weil er nicht mehr in einer gut identifizierbaren Gruppe reiste, war es ihm plötzlich wichtig, als Pilger erkennbar zu sein. So kaufte er bei Villefranche-de-Lauragais einem Bettler seinen Pilgerstab ab, car il est tampz que je monstre que je suis pelerin, in Toulouse ließ er seine Kleidung von einem Schneider mit Pilgerinsignien (une coquille) versehen, pour monstrer de ce jour en avant que nous estions pelerins, und in Compostela hängte er sich kleine Jakobsmuscheln an seinen Hut. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 310-312, 322. Zudem hatte er sich aus Jerusalem ein Palmenblatt mitgenommen, das er noch auf dem Weg nach Compostela und bis zurück nach Valenciennes stets sichtbar bei sich trug. Eines Tages vergaß er es in einer Herberge und lief - trotz schlechten Wetters und tiefschwarzer Nacht - meilenweit zurück, um es zu suchen. Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-309. 860 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 299; L A B O R Y , Jean de Tournai (wie Anm. 708), S. 264. 861 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 42-79, 147-260, 294-299, 321-323; D A N S E T T E , Jean de Tournai (wie Anm. 792), S. 268. - Die Stadt, in der er sich am längsten aufhielt, ist Venedig (fol. 73 r -101 v ), dies aber nicht der Stadt selbst wegen, sondern weil er so lange auf die Abreise ins Heilige Land warten musste. Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-86-114; P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm.-792), S.-25. Festivitäten und lokalen Riten 858 nicht den geringsten Zweifel an der primär religiösen Motivation seiner Reise 859 . Für die Analyse von Wahrnehmung und Darstellung der Jakobsstadt er‐ scheint es zunächst angezeigt zu fragen, welchen Platz sie im Gesamtzusam‐ menhang von Jeans umfangreichem Reisetagebuch einnimmt, namentlich im Verhältnis zu den anderen beiden Zielen seiner dreifachen peregrinatio maior. Wie erwähnt, besuchte er Compostela als Letztes, und die Weiterreise dorthin war ursprünglich gar nicht vorgesehen: Erst nachdem er in Jerusalem, dem expliziten Ziel seiner frommen Reise, gewesen und bereits zum zweiten Mal nach Rom gekommen war, entschloss er sich, statt den Heimweg anzutreten, weiter zum Grab des hl. Jakobus zu ziehen, was für ihn insofern eher Kür als Pflicht gewesen zu sein scheint 860 . Bezeichnenderweise willigte auch keiner seiner vorherigen Reisegefährten ein, ihn dorthin begleiten, weshalb er den besagten Priester Guillaume Blondrie gegen Übernahme sämtlicher Reisekosten in den Dienst nehmen musste. Auch der quantitative Vergleich der Folia und vor Ort verbrachten Tage macht deutlich, dass Jerusalem für Jean das wichtigste Pilgerziel war, Compostela hingegen eher nachrangig: Von den 315 Folia seines Berichts sind allein 97 (134 v -231 v ) den 25 Tagen im Heiligen Land gewidmet, 45 (25 v -65 v und 265 r -269 r ) den beiden Aufenthalten in Rom, wo er einmal zwölf, das andere Mal sechs Tage verbrachte, und nur zwei (290 v -292 r ) Compostela, das er schon nach zwei Tagen wieder verließ 861 . Überhaupt bilden die letzten 232 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="233"?> 862 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 299-345; A R L O T T A , Attraverso l’Italia (wie Anm. 160), S.-33, Anm.-78. 863 Vgl. Kapitel 3.2. 864 Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 321. - Die späteren Autoren (so schon Antoine de Lalaing im nächsten Kapitel) bezeugen, dass die Abnahme der Beichte und der Empfang der Eucharistie gewöhnlich in der großen Stirnkapelle erfolgten. - Allgemein zu den üblichen Frömmigkeitshandlungen der Pilger in der Kathedrale von Compostela vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 152f. - Jean bezeichnet Compostela hier einmal als la ville de Sainct Jacques, das andere Mal nur als Sainct Jacques; auch er benutzt also den Heiligennamen zur Ortsangabe. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 317, 321. An anderer Stelle verwendet er aber ebenso das Toponym, und die Stadtbezeichnungen variieren bei ihm stärker: Compostelle, la ville de saint Jacques, la ville et archevêché de Compostelle que l’on dit la ville de saint Jacques le Grand, fils de Zébédée, saint Jacques le Grand en Compostelle, Saint-Jacques au pays de Galice etc. Jedenfalls kommt auch bei ihm in den Bezeichnungsweisen die unauflösbare gedankliche Verbindung zwischen dem Ort und dem Heiligen zum Ausdruck. Vgl. P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm.-792), S.-27. drei Monate in Frankreich und Spanien einschließlich des Heimwegs nach Valenciennes mit kaum 45 Blättern (269 v -315 r ) den am spärlichsten dokumen‐ tierten Reiseabschnitt 862 . Insofern setzt sich hier dasselbe Muster fort, das bereits in den Aufzeichnungen einiger anderer Pilger-Autoren (z. B. Nompar II. de Caumont, William Wey, Lorenzo und Arnold von Harff) zu erkennen war 863 : Während die Heiliglandreise, insbesondere die loca sancta in und um Jerusalem, detailreich beschrieben wird, nimmt die Jakobuspilgerfahrt nach Compostela, insbesondere die Stadt selbst, im Verhältnis einen deutlich geringeren Raum ein; sie ist (bei Jean entsprechend der Chronologie) ans Ende des Berichts gestellt und erscheint (bei Jean nicht zuletzt wegen seiner so späten Entschlussfassung) nur als nachträgliche Ergänzung oder Anhängsel der offenkundig wichtigeren Heiliglandfahrt. Jeans Beschreibung seines zweitägigen Aufenthaltes in der Jakobsstadt setzt, nach Vermerk der Ankunft am Sonntag, dem 25. Januar 1489, mit dem Besuch der Kathedrale am Folgetag und den üblichen Frömmigkeitshandlungen (Beichte, Messe mit Eucharistie, Dankgebet) ein, die er in einer der Kapellen hinter dem Hauptaltar (vermutlich in der großen Stirnkapelle) verrichtete: Le lundy XXVI e dudict mois, par tout le jour, nous fumes en ladicte ville de Sainct Jacques, et me confessay derriere le grand autel de ladicte eglise au plus prez d’ung petit autel sur lequel je fis dire messe, et la endroict je reçupz le corpz de Nostre Seigneur Jesu Crist, en le loant et regratiant des benefices et graces qu’Il m’avoit faict d’avoir accomply les trois sainctz voiaiges comme dict est, c’est assavoir Romme, Sainct Jacques et Hierusalem 864 . 3.6 Jean de Tournai (1489) 233 <?page no="234"?> 865 Vgl. P L Ö T Z , Benedictio (wie Anm. 648), insb. S. 367-369. - Schon in den Constituciones de la iglesia de Santiago, einem lateinischen Regelwerk aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, das das Verhältnis zwischen den custodes altaris beati Jacobi und den custodes arche operis beati Jacobi regelt, werden die deutschen Pilger, die Tetonici, ausdrücklich mit der corona beati Jacobi in Zusammenhang gebracht. Daraus geht auch hervor, dass sich die Krone nicht immer an derselben Stelle befand: Et si corona beati Jacobi ducta fuerit ad altare sancti Jacobi, Tetonici dedent primo ibi offerre predicte corone, et inde cruci que ducitur ante ipsam coronam, et exinde cathene, et exinde arche operis. Si uero Tetonici ducti fuerint ad coronam ad thesaurum, cum refecti fuerint de thesauro, debent primo arche operis offerre antequam altari. Zitiert nach: Luis V Á Z Q U E Z D E P A R G A / José María L A C A R R A / Juan U R Í A R Í U S , Las peregrinaciones a Santiago de Compostela 3, Madrid 1948, S.-113f. 866 Vgl. Arnold, Pilgerfahrt (wie Anm. 627), S. 233, H. d. V.: vff deme hoigen altaer steyt eyn groiss hultzer heylich, in ere sent Jacobs gemaicht, vff hauende eyn syluer kroyn, dae die pylgrym hinden deme altaer vff stijgen ind settzen die kroin vff yere heuffter, dae mit die inwoner vns duytscher spotten. - Die Kammerherren des jungen Cosimo III. de’ Medici mokieren sich über die populäre aperta. Siehe Kapitel 5. 867 Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 321. - Auch bei der aperta handelt es sich um einen Erstbeleg, wie R U C Q U O I , Mille fois (wie Anm.-15), S.-338, bestätigt. Jean ist der erste romanische Jakobspilger, der persönliches Erleben und Han‐ deln vor Ort zum Gegenstand seines Berichts macht und auf gestalterische Einzelheiten des Kircheninneren eingeht. Zugleich ist ihm wohl auch der (in der Berichtliteratur) früheste Beleg für ein inzwischen außer Gebrauch gekommenes Pilgerritual zu verdanken, das besonders bei Deutschen populär war 865 , bei Einheimischen und Pilgern anderer Nationalität indes eher Spott hervorrief, wie man nur wenige Jahre später bei Arnold von Harff liest 866 . Die Rede ist von der Pilgerkrönung, der coronatio peregrinorum, die hier mit dem noch heute üblichen Ritual der aperta, der Umarmung des Apostels, einhergeht: Après ce, je montay a une eschelle de bois deriere le grand autel, et la endroit j’accollay une ymaige qui est taillié en bois quy est faicte a l’honneur de sainct Jacques. Et a ladicte ymaige, sur son chief, une coronne laquelle je prins en mes mains, et le mis sur mon chief. En après je descendis embas et vins devant le grant autel, et regarday ladicte ymaige tenant en ses mains ung rollet auquel y a escript en lettres rommaines, et avec ce il ensaigne de son doigt et dict : « Hic jacet corpus sancti Jacobi filii Zebedei », c’est-à-dire translaté de latyn en franchoys : « Cy repose le corpz de sainct Jacques, filz de Zebedee. » 867 234 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="235"?> Abb. 5: Romanische Statue des hl. Jakobus des Älteren (mit barocker Verkleidung) am Hauptaltar der Kathedrale von Santiago de Compostela. 3.6 Jean de Tournai (1489) 235 <?page no="236"?> Abb. 6: Umarmung des Apostels (aperta) am Hauptaltar der Kathedrale von Santiago de Compostela. Miniatur auf fol. 4 r des Cartulaire de l’hôpital Saint-Jacques de Tournai (um 1490), Bibliothèque de la Ville de Tournai, Ms. 4a, cons. 27. 236 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="237"?> 868 Dass die Krone aus Silber verfertigt war, ist nicht durch Jean, aber z. B. durch Arnold, Pilgerfahrt (wie Anm. 627), S. 233, und Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 218, bezeugt. - Die Angaben zu diesem Ritual in der Pilgerberichtliteratur sind widersprüchlich: Lassota von Steblau, Tagebuch (wie Anm. 167), S. 55, etwa vermerkt, es handele sich um eine große vergoldete Krone: Auf dem Altar stehet Sanct Jacobs Bildnuß, daruber hengt eine grose ubergulte Crohnen, welche die Pilgram aufzusezen pflegen. - Dass hier, wie man bei V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 153, und noch bei P L ÖT Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm. 94), S. 71, liest, der Eindruck entstehe, die Pilger setzten nicht sich selbst die Krone auf, sondern der Statue, kann ich nicht bestätigen. Dieser Eindruck entsteht einzig und allein in der fehlerhaften spanischen Übersetzung in G A R C Í A M E R C A D A L (Hg.), Viajes 1 (wie Anm. 93), S.-1267, H. d. V.: Sobre el altar está colocada una estatua de Santiago; encima cuelga una grande y dorada corona que le acostumbraban poner los peregrinos, nicht aber im zitierten deutschen Original, in dem es für das indirekte Objektpronomen le keine Entsprechung gibt. - Was die Statue betrifft, so verwundert es, dass man sowohl bei Jean als auch bei Arnold von Harff liest, sie sei aus Holz beschaffen; in Wahrheit handelt es sich, wie andere Autoren, der zitierte Giovanni Battista Confalonieri etwa, richtig angeben, um polychromierten Stein. - Das Krönungsritual dürfte im Laufe des 17. Jahrhunderts verschwunden und endgültig durch die von Jean noch parallel vollzogene, bis heute übliche aperta ersetzt worden sein. Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 153f.; H E R B E R S / P L ÖT Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 288; P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm.-94), S.-71. 869 Vgl. José V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción histórico-artístico-arqueológica de la Catedral de Santiago, Lugo 1866, S.-21. 870 Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 321. - Es handelt sich um den ältesten Beleg für den Pilgerstab des hl. Jakobus in der romanischen Pilgerberichtliteratur. Diese und andere Sekundärbzw. Kontaktreliquien wurden den Pilgern gezeigt und waren für sie von zentraler Bedeutung, weil die Primärreliquie, der Leichnam des Apostels, schon seit den Zeiten Erzbischof Diego Gelmírez’ unzugänglich war. Vgl. Robert P L Ö T Z , Sanctus et peregrinus - peregrinus et sanctus. Peregrinatio ad Sanctum Jacobum usque ad annum Hinter dem Hauptaltar führte eine Leiter zu einer lebensgroßen Jakobsstatue, die mit einer silbernen Krone geschmückt war 868 . Verfertigt gegen Ende des 12. Jahrhunderts unter Baumeister Mateo, handelte es sich um dasselbe roma‐ nische Heiligenbild, das noch heute von der Höhe des Altars ins Langhaus hinabschaut (Abb. 5) 869 . Dort stieg der Pilger hinauf, umarmte die Statue und setzte sich zum symbolischen Lohn seiner vollendeten Pilgerfahrt die Krone auf den Kopf (Abb. 6); dann stieg er wieder hinunter und sah sich die Statue von unten an, wobei ihm insbesondere die Schriftrolle mit dem (im lateinischen Wortlaut treulich wiedergegebenen) Epitaph auffiel, die sie in ihren Händen hielt. Anschließend wurde ihm der Pilgerstab des Heiligen gezeigt, lequel est en la moienne de ladicte eglise sur la bonne main [d. h. rechts] - er war damals und noch bis 2015 in einem floral verzierten Bronzerohr an der südwestlichen Säule der Vierung angebracht 870 . Endlich vernahm Jean eine Glocke, die zur Reliquienschau in einer der Kapellen rief: 3.6 Jean de Tournai (1489) 237 <?page no="238"?> 1140, in: El Papado, la Iglesia Leonesa y la Basílica de Santiago a finales del siglo XI. El traslado de la Sede Episcopal de Iria a Compostela en 1095, hg. von Fernando L Ó P E Z A L S I N A , Santiago de Compostela 1999, S. 89-105, insb. S. 105; Robert P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm. 94), S. 66. - 2015 wurde der Stab nebst dem wohl auf das 11. Jahrhundert zurückgehenden Bronzerohr im Rahmen der Ausstellung „Camiño. A Orixe“ im Museo Centro Gaiás (Santiago de Compostela) gezeigt. Anschließend kehrte er nicht an seinen ursprünglichen Ort zurück, sondern wurde in die Reliquien‐ kapelle gebracht, wo er sich auch heute noch befindet. Ausstellungskatalog: Camiño. A Orixe/ Camino. El Origen. Santiago de Compostela: Cidade da Cultura de Galicia, Museo Centro Gaiás, 13 de marzo a 13 de septiembre de 2015, Santiago de Compostela 2015. 871 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-321f. 872 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1064. 873 Vgl. auch V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 551. - Die Capela de San Pedro behielt ihren schon im Liber Sancti Jacobi dokumentierten Namen bis ins 16. Jahrhundert, wurde dann lange Zeit nach Doña Mencía de Andrade benannt, die sie prächtig hatte ausstatten lassen, und ist heute wegen des dort befindlichen Jungfrauenbildes gemeinhin als Capela da Nosa Señora da Azucena bekannt. Vgl. Pilgerführer (wie Anm. 200), S. 131, Anm. zu Z. 5. - Die Capela de San Andrés, deren Name ebenfalls schon im Liber Sancti Jacobi bezeugt ist, wurde im späten 17. Jahrhundert mit der benachbarten Capela de San Martiño zusammengelegt und zur Capela da Virxe do Pilar umgetauft. Vgl. Pilgerführer (wie Anm. 200), S. 131, Anm. zu Z. 5f. nous allasmes au fond de ladicte eglise au costé sur la bonne main [d.-h. rechts], auquel lieu est la saincte cappelle, et monstasmes a mont, et la nous fut montré le chief de sainct Jacques le Grand, apostle et cousin de Jesu Crist, et avec plusieurs aultres nobles reliquiaires, dont en la cappelle, y avoit deux torsses et plusieurs cyrons allumés, c’est ung fort noble et devot joyau a regarder 871 . Bei dieser Kapelle, die Jean nach einer ansonsten völlig wertungsfreien Dar‐ stellung des Kircheninneren mit einem dezidiert positiven ästhetischen Urteil bedenkt (c’est ung fort noble et devot joyau a regarder), handelt es sich höchst wahrscheinlich um denselben Raum, den bereits der florentinische Anonymus von 1477 - als sacrestia - erwähnt 872 . Ihrer Verortung im Kirchengrundriss nach - wohl im Ambulatorium rechts - ist sie entweder mit der Capela de San Pedro (heute Capela da Nosa Señora da Azucena) oder aber mit der Capela de San Andrés (abgerissen für die Capela da Virxe do Pilar) zu identifizieren 873 . Unter den dort verwahrten Heiltümern hebt Jean - wie der Verfasser des Itinerario Riccardiano - ausdrücklich das Haupt des hl. Jakobus des Älteren, le chief de sainct Jacques le Grand, hervor. Das Nebeneinander widersprüchlicher Zuschrei‐ bungen lässt vermuten, dass sich die Umdeutung dieser Reliquie zum Haupt des hl. Jakobus des Jüngeren - wie sie schon etwa beim Anonymus von 1477 und bei Arnold von Harff (1498) belegt ist - gegen Ende des 15. Jahrhunderts noch nicht vollends durchgesetzt hatte 874 . Im hier betrachteten Textkorpus wird sie 238 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="239"?> 874 Vgl. Kapitel 3.4, insb. die Verweise in Anm. 747. - Arnold, Pilgerfahrt (wie Anm. 627), S. 233, ordnet die Kopfreliquie dem hl. Jakobus dem Jüngeren zu: vir gyngen voert vff die sacrastie. dae tzoent man vns dat heufft des kleynen sijnt Jacobs apostel ind vil anderen heyltums. 875 Vgl. Arnold, Pilgerfahrt (wie Anm. 627), S. 233; Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 159. 876 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-322. 877 Vgl. P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm. 94), S. 63; G O N ZÁ L E Z V Á Z Q U E Z , Lugar de culto (wie Anm. 59), S. 181. - Münzer, Itinerarium (wie Anm. 743), S. 98, kommentiert diesen Umstand 1494 wie folgt: Corpus autem a nullo visum est. Etiam anno Domini 1487 dum Rex Castelle ibi esset, non vidit. Sola fide credimus, que salvat nos homines. Und noch Bacci, Relazione (wie Anm. 190), S. 147, vermerkt 1764: Sotto all’Altare del Santo evvi la Tomba, dove riposa la Cassa di Marmo, ò sia urna con dentro il Corpo del Santo Apostolo, ma dentro non ci si può entrare; poiché è tutta Murata, e vigliano che si entrasse nella medesmisma dalla parte di dietro, dove è La Capella del Santissimo, che è del Re di Francia. erst ab Antoine de Lalaing (1502), dessen (für Philipp den Schönen abgefasste) Reisechronik es im nächsten Kapitel zu untersuchen gilt, durchgehend dem Jüngeren zugeordnet. Mit der Reliquienschau lässt Jean seine Beschreibung der Jakobskirche enden. Über die Krypta mit dem prachtvollen Apostelschrein, die im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi noch zum Höhepunkt der gesamten descriptio urbis gestaltet wird, schweigt er - weil sie ihm zu seiner Enttäuschung nicht gezeigt wurde. Wie seine hierüber nicht minder enttäuschten Zeitgenossen Arnold von Harff (der sich durch eine großzügige Geldspende, um nicht zu sagen Bestechung, vergeblich Zugang zur Krypta verschaffen wollte) und Antoine de Lalaing vermerkt er nichts als die ermahnenden Worte des diensthabenden Geistlichen 875 , lequel dict en trois langaiges, c’est assavoir en latyn, en allemant et en franchois, et le dict tout hault : c’estoit que quiconques ne croioit fermement que le corpz de sainct Jacques ne soit encassé ou machonné dedens le grand autel de ladicte eglise, et aussy comme il appert par ladicte lettre au rollet, laquelle ensaigne l’ymaige quy est deseure le grant autel auquel comme dict est, est escript en lettre rommaine : Hic jacet, etc, il dict qu’il faict son pelerinaige en vain 876 . In der Tat war es bereits seit den Zeiten Erzbischof Diego Gelmírez’ nicht mehr erlaubt, die Krypta des hl. Jakobus zu betreten, geschweige denn, sich dessen Leichnam anzusehen 877 , was sich in der Berichtliteratur auf zweierlei Weise auswirkte: Einerseits verlagerte sich dadurch die Aufmerksamkeit auf die Heiltumskammer, d. h. auf die anderen Reliquien, die für Besucher zugänglich waren, und dabei vor allem auf die in fast allen Zeugnissen erwähnte Kopfreli‐ quie. Dies ließ sich schon bei den beiden Florentiner Anonymi beobachten, es 3.6 Jean de Tournai (1489) 239 <?page no="240"?> 878 Vgl. P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm. 94), S. 62-66; P É R I ‐ C A R D -M É A , Compostelle (wie Anm.-39), S.-345-348. 879 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-322. 880 Zu Andrew Boorde vgl. Anm. 750. Vgl. auch G O N ZÁ L E Z V Á Z Q U E Z , Lugar de culto (wie Anm.-59), S.-182f. 881 Vgl. P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm.-792), S.-26. 882 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 58, 63, 111; P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm. 792), S. 26. - Allgemein zu den verschiedenen Leibern, Köpfen und anderen Reliquien des hl. Jakobus in Europa vgl. P É R I C A R D -M É A , Compostelle (wie Anm. 39), S.-106-119. zeigt sich hier in Jeans Reisetagebuch, und es wird sich im Fortgang der Arbeit auch etwa bei Antoine de Lalaing, Jan Taccoen van Zillebeke und Bartolomeo Fontana bestätigen. Andererseits nährte und verstärkte die Nicht-Sichtbarkeit des Apostelleichnams - auch dies wurde schon bei den beiden Florentiner Anonymi deutlich - Zweifel und Skepsis darüber, ob sich dieser überhaupt in Compostela befinde oder nicht vielmehr in Toulouse, wo man ihn ebenfalls zu besitzen behauptete und nicht vor den Augen der Pilger versteckte 878 . So zog auch Jean, unbeeindruckt von der Drohung, die Pilgerfahrt umsonst unternommen zu haben, seine ganz eigenen Schlüsse: Pour moy je l’ay veu a Thoulouze, et se maintiennent qu’ilz l’ont aussy, et mesmes le corpz des II sainct Jacques. J’ay veu les deux lieux, mais pour moy je croidz que le corpz est audict Thoulouze, et le chief est audict Sainct Jacques. Pour conclusion, je n’en veulx point faire debat-: il est en Paradis, et a ce je me conclud et accorde 879 . Dabei verkörpert Jean mitnichten den Typus des frühmodernen Skeptikers (wie exemplarisch der 1532 reisende Engländer Andrew Boorde) 880 : Die für das Späte Mittelalter kennzeichnende ‚materialistische‘ Religiosität oder ‚Schaufrömmig‐ keit‘, die sich in der Verehrung von Reliquien, der physischen Hinterlassenschaf‐ ten von Heiligen, kundtut, hatte er noch voll und ganz verinnerlicht. Allerorts besuchte er die jeweiligen loca sancta, und weder in Rom noch in Jerusalem noch sonst irgendwo auf seiner langen Reise äußert er Zweifel über die Echtheit eines heiligen Gegenstandes 881 ; nur in Santiago de Compostela weigerte er sich an die Präsenz der Apostelreliquien zu glauben. Sicher hängt dies auch mit seinen bisherigen Reiseerfahrungen zusammen, waren ihm doch unterwegs bereits diverse andere angeblich vom hl. Jakobus stammende Reliquien gezeigt worden, nicht nur der im Zitat erwähnte Leichnam in Toulouse, sondern noch ein weiterer Leichnam sowie zwei einzelne Arme allein in Rom (Santi Apostoli und San Crisogono in Trastevere), ein Kopf in Venedig (San Giorgio) etc. 882 Mit derart eklatanten Widersprüchen konfrontiert, erschien wohl auch Jean - ähnlich wie den beiden Anonymi aus Florenz - eine salomonisch-kompromiss‐ 240 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="241"?> 883 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-322. 884 Zum Gagatschnitzergewerbe in Compostela vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinacio‐ nes 1 (wie Anm. 15), S. 136f.; Ángela F R A N C O M A T A , Iconografía jacobea en azabache, in: Los caminos de Santiago. Arte, historia y literatura, hg. von María del Carmen L A C A R R A D U C A Y , Zaragoza 2005, S. 169-212; Elisa V A C A L E B R I , Tradizione, simbolo e religiosità dell’azabache compostellano e testimonianze di devozione jacopea in Italia: il San Giacomo di Perugia, in: Compostella. Rivista del Centro Italiano di Studi Compostellani 30 (2009), S.-47-57. 885 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-322. 886 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-252. hafte Aufteilung der Apostelreliquien zwischen Toulouse und Compostela am wahrscheinlichsten (oder vielmehr am gerechtesten); der einen Stadt spricht er den Leib, der anderen das Haupt zu, nimmt der Streitfrage zugleich aber ihre Wichtigkeit mit der ebenso weisen wie humorvollen Hinzufügung: Pour conclusion, je n’en veulx point faire debat : il est en Paradis 883 . Im letzten Drittel seines Compostela-Eintrags geht Jean auch auf andere Orte sowie auf die Stadt als Ganzes ein. Die Kathedrale verließ er höchst wahrscheinlich durch das Nordportal, denn nach der Sakristei mit den Reliquien beschreibt er das Paradies, das damals wie heute wegen der dort in großer Zahl ansässigen Gagatschnitzer als Praza da Acibechería bekannt war 884 : D’emmy les rues pour venir a ladicte eglise, on y descend a II ou III appas, et emmy ladicte place, il y a comme ung fons a baptiser enffans, et droict devant ladicte eglise est l’hospital de Sainct Jacques, mais je n’y entray point 885 . Wie schon Pseudo-Calixt im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi, so widmet auch Jean dem Paradies eine knappe Beschreibung, in der er bemerkenswerterweise genau dieselben Elemente nennt wie jener, und zwar ebenfalls ausgehend von der Kathedrale: die am Nordportal vorbeiführende Straße (die Rúa da Acibechería), die Treppe, den Platz selbst, den (gegenwärtig im Innenhof der Kathedrale befindlichen) Brunnen des hl. Jakobus, den er mit einem Taufbecken vergleicht, und das alte Hospital des hl. Jakobus (das Hospital de Santiago Alfeo oder auch da Acibechería) 886 . Die Kathedrale und ihr nördlicher Vorplatz samt den dortigen Bauwerken sind in beiden Fällen - bei Jean wie im Jakobsbuch - die einzigen in wesentlichen Gestaltungszügen umrissenen Orte der Stadt. In den Pilger- und Reiseberichten späterer Jahrhunderte wird sich dieser enge Wahrnehmungsfokus zunehmend erweitern, nicht zuletzt infolge grundlegen‐ der Veränderungen in der Stadttopographie, u. a. der Errichtung neuer Gebäude wie des Hospital Real (1511) und des Colexio de San Xerome (1556), die verstärkt den westlichen Vorplatz der Kathedrale in den Blick treten lassen - so erstmals 3.6 Jean de Tournai (1489) 241 <?page no="242"?> 887 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-322. 888 Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 323. - Diese und ähnliche Formulierungen sind den gesamten Text hindurch zu finden. Vgl. L A B O R Y , Jean de Tournai (wie Anm. 708), S. 266. Auch in Jerusalem etwa bat er nicht um ein Bett im alten Johanniterhospital, wie es die meisten Pilger damals taten, sondern fand - zusammen mit der Gruppe Adliger, in deren Begleitung er reiste - eine komfortablere Unterkunft im Privathaus eines crestien de la Chainture nommé Abrahin. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 165. - Bestätigend vgl. G O N ZÁ L E Z V Á Z Q U E Z , Lugar de culto (wie Anm. 59), S. 185: „Aquellos que no tenían problemas económicos preferían para su alojamiento la contratación en una posada o casa particular, llamadas preferentemente por la documentación compostelana alberguerías, y sus propietarios albergueros.“ 889 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-322. 890 Jedenfalls habe ich in anderen Pilger- und Reiseberichten und auch darüber hinaus keine weiteren Belege ausfindig machen können. und besonders deutlich im Bericht des flämischen Adligen Jan Taccoen van Zillebeke, der in Kapitel 4.2 behandelt wird. Dass Jean nicht im alten Hospital de Santiago Alfeo um Unterkunft bat, es, wie er schreibt, nicht einmal betrat (je n’y entray point), entspricht seinem sozialen Selbstverständnis 887 : Solche kirchlichen Einrichtungen der Armenfürsorge mied er nach Möglichkeit; er zog es gewöhnlich vor, sich ein Zimmer in einer privaten Herberge zu nehmen, denn, wie er oft betont, nous ne sommes point povres gens 888 . In Compostela logierte er im Gasthaus A l’Escu de France, zu dem er nach seinem ersten Besuch in der Kathedrale auch zurückkehrte, um mit zwei anderen Pilgern, einem Händler und einem Bettler aus der Picardie, die er vor Ort kennengelernt hatte, zu Mittag zu essen: Après avoit touché touttes mes baguettes, je m’en retournay a mon hostel, A l’Escu de France, et se m’en vins disner. Et la j’avois trouvé deux compaignons, lesquelz estoient du pays de Picardye, dont l’ung estoit ung belittre, l’aultre estoit ung marchant quy demoroit au roiaulme de Portugal, lequel marchant en tampz que j’estoies en ladicte eglise m’appointa pour l’amour du pays une poulle a l’eaue et le chauldeau aux espices et aux œufz tant glouttement, et bumes des sy trés fort vins que ce fut merveilles. Neantmoins on boutta bien dedens le pot la tierce partie de trés bonne eaue, et ainssy nous fimes fort bonne chiere 889 . Erstmals im Bericht eines romanischen Pilger-Autors findet sich somit ein Gasthaus in Compostela namentlich vermerkt, das jedoch weder beschrieben noch innerhalb des Stadtraumes genau lokalisiert wird. Durch andere Quellen ist dieser Ort nicht belegt 890 . Davon abgesehen lässt sich der zitierten Textstelle we‐ nig über die Stadt entnehmen; sie bietet gleichwohl ein eindrückliches Beispiel für die zunehmende Individualisierung und ‚Verweltlichung‘ der Pilgerberichtli‐ teratur in der Frühen Neuzeit, die bei Jean schon ungewöhnlich stark ausgeprägt 242 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="243"?> 891 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-322f. 892 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-322. 893 Vgl. P É R I C A R D -M É A , Introduction (wie Anm. 792), S. 19. - Während der florentinische Anonymus von 1477 unter allen von ihm besuchten Städten einzig und allein Compos‐ tela als drento porcinosa tadelt - Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1063 - und ansonsten nur positive Beispiele hervorhebt, teilt Jean auch andernorts seine Empörung über die hygienischen Verhältnisse mit: Bruchsal etwa beschreibt er als très orde, Trient ebenfalls als très orde, Methoni als fort orde, den dortigen Marktplatz als merveilleusement une orde place, Korfu als trés orde und Bayonne als une povre ville, fort vielle, trés orde. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-31, 34, 124, 273, 330. 894 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-322. erscheint, berichtet er hier doch von so trivialen persönlichen Erlebnissen wie einer zufälligen Reisebekanntschaft und einer Mahlzeit (gekochtes Huhn, Brühe mit Gewürzen und Eiern, dazu Wein und Wasser), die ihn wohl sehr zufriedenstellte. Erst am Vormittag des 27. Januar 1489 machte sich Jean daran, die Stadt zu erkunden, bevor er noch am selben Tag, nach dem Mittagessen, den Heimweg antrat 891 . Das Gesamturteil, mit dem er seinen Eintrag beendet, fällt äußerst negativ aus: Compostela me samble une bien povre ville, et fort orde, et aussy est tout le pays 892 . Arm und dreckig - Jean bestätigt folglich den Eindruck des 1477 reisenden Florentiners. Beide achteten in den verschiedenen Städten, die sie unterwegs besuchten, sehr auf Sauberkeit, und beide stellen Compostela unter diesem Aspekt ein besonders schlechtes Zeugnis aus 893 . Ob es wohl Zufall ist, dass Jean just nach dem Tadel der mangelnden Stadthygiene übergangslos auf die spanischen Schweine zu sprechen kommt: En tout ledict pays de Gallice et aussy d’Espaigne, les pourceaux ne sont toutz non plus grandz que ne sont les pourceaux de par decha a l’eaige de VI sepmaines 894 ? Abschließend sei noch einmal der Gesamtaufbau der Stadtdarstellung in den Blick genommen: Am Anfang stehen, wie gezeigt, die Frömmigkeits- und Ritualhandlungen am Hauptaltar und in einer der dahinterliegenden Kapellen; daran schließt sich die Besichtigung der Reliquien in der Sakristei an; sodann treten - vor der Kathedrale - das Paradies und das Hospital des hl. Jakobus in den Fokus, und erst zum Schluss wird ein knapper Eindruck von der übrigen Stadt vermittelt. Statt von außen nach innen, vom Ganzen zum Detail, wie es sich in den früheren Zeugnissen beobachten ließ, verläuft die Beschreibung der Stadt hier genau in entgegengesetzte Richtung. Im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi sind der Hauptaltar und die darunterliegende Krypta ans Ende gestellt, um den Effekt einer Klimax, einer Steigerung zur heiligen Mitte hin, zu erzeugen und die Apostelgebeine gleichsam zum Kulminationspunkt der gesamten descriptio urbis werden zu lassen 895 . Das bei Jean erkennbare, von innen nach außen 3.6 Jean de Tournai (1489) 243 <?page no="244"?> 895 Vgl. Kapitel 2.3. verfahrende Ordnungsmuster mit der Platzierung der Kathedrale bzw. ihres Hochaltars an der Spitze der Beschreibung hängt zweifelsohne mit der sich in frühneuzeitlichen Pilger- und Reiseberichten mehr und mehr durchsetzenden Orientierung am persönlichen Erleben und Handeln vor Ort zusammen; denn gewöhnlich - dies wird sich in späteren Berichten vielfach bestätigen - eilte der neu ankommende Pilger tatsächlich zuallererst in die Kathedrale, um seine Devotionen zu verrichten, und fand erst danach, mitunter auch erst nach einem zweiten oder dritten Besuch der Kathedrale, Zeit und Ruhe für eine Besichtigung der Stadt. Schon dem im nächsten Kapitel zu untersuchenden Bericht des Antoine de Lalaing aus dem Jahr 1502 liegt dasselbe Muster zugrunde, und auch Domenico Laffi im 17. Jahrhundert etwa oder Giacomo Antonio Naia im 18.-Jahrhundert bieten ausgezeichnete Belege. 244 3 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des Späten Mittelalters <?page no="245"?> 896 Vgl. Jean-Marie C A U C H I E S , Philippe le Beau. Le dernier duc de Bourgogne, Turnhout 2003, S.-135f. 897 Vgl. C A U C H I E S , Philippe le Beau (wie Anm. 896), S. 48-54. - Die Frage, ob Johanna wirklich an einer psychischen Erkrankung litt oder ihr Vater und später ihr Sohn diese aus machtpolitischem Kalkül nur vorschützten, um an ihrer statt regieren zu können, gab schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts Anlass zu einer kontroversen Forschungs‐ diskussion, an deren Anfang die Arbeiten der Historiker Gustav Adolf Bergenroth und Wilhelm Maurenbrecher stehen. Vgl. Gustav Adolf B E R G E N R O T H , Kaiser Karl V. und seine Mutter Johanna, in: Historische Zeitschrift 20 (1868), S. 231-270; Wilhelm M A U R E N B R E C H E R , Bergenroths Johanna von Kastilien, in: Preußische Jahrbücher 25 (1869), S.-260-282. 898 Dass Johanna, die Drittgeborene, Königin von Kastilien und Aragonien werden und damit die beiden von ihren Eltern in Personalunion regierten Reiche endgültig unter einem Zepter vereinen sollte, war lange Zeit nicht abzusehen. 1497 aber starb ihr älterer Bruder Johann, 1498 folgte die Totgeburt von dessen Sohn, noch im selben Jahr starb ihre ältere Schwester Isabella und 1500 schließlich auch deren Sohn Miguel. Damit rückte Johanna in der Thronfolge unverhofft auf den ersten Platz vor. Vgl. C A U C H I E S , Philippe le Beau (wie Anm.-896), S.-54. 899 Philipps zweite Spanienreise 1506 hatte zum Zweck, mit seinem Schwiegervater, Ferdinand II. von Aragonien (1452-1516), zu verhandeln, der nach dem Tod seiner Gemahlin 1504 ebenfalls Ansprüche auf die Regentschaft in Kastilien geltend machte. Zwar waren die Verhandlungen von Erfolg gekrönt: Ferdinand verzichtete, und Philipp wurde im Juni 1506 offiziell König von Kastilien iure uxoris. Vgl. C A U C H I E S , Philippe le Beau (wie Anm. 896), S. 189-203. Aber noch im selben Jahr, am 25. September 1506, starb der Neugekrönte an einem heftigen Fieber in der Casa del Cordón in Burgos, woraufhin doch Ferdinand die Regentschaft an sich riss. Vgl. C A U C H I E S , Philippe le Beau 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts 4.1 Antoine de Lalaing (1502) Am 31. Oktober 1501 brach der habsburgische Herzog Philipp von Burgund (1482-1506), genannt der Schöne, Sohn des späteren römisch-deutschen Kaisers Maximilian I. (1486-1519), mit großem Gefolge von seinem Schloss in Mechelen in der Provinz Antwerpen nach Spanien auf 896 . 1496 hatte er Johanna von Kastilien (1479-1555) geheiratet, die mit dem wenig schmeichelhaften Beinamen la Loca, „die Wahnsinnige“, in die Geschichte eingehen sollte 897 . Da ihr als Tochter und Thronerbin der Katholischen Könige die Reiche Kastilien und Aragonien zufallen würden, durfte ihr Gemahl darauf rechnen, dereinst als König iure uxoris über ein geeintes Spanien zu herrschen 898 . Auf seiner groß angelegten ersten Spanienreise 1501 bis 1503 - eine zweite sollte 1506 folgen - wollte er sein zukünftiges Königreich schon einmal in Augenschein nehmen 899 . <?page no="246"?> (wie Anm. 896), S. 203-217. Johanna indes blieb zeit ihres langen Lebens (sie wurde 75 Jahre alt! ) von den Regierungsgeschäften ausgeschlossen: Von 1504 bis 1506 regierte ihr Gemahl, von 1506 bis 1516 ihr Vater und ab 1516 ihr Sohn, Karl I., der spätere römisch-deutsche Kaiser Karl V. (1520-1555). 900 Vgl. Louis-Prosper G A C H A R D , Introduction, in: Collection des voyages des souverains des Pays-Bas 1, hg. von D E M S ., Brüssel 1876, S. I-XXVIII, hier S. VI; V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 242; P É R I C A R D -M É A / M O L L A R E T , Dictionnaire (wie Anm. 217), s. v. Lalaing (Antoine de); P É R I C A R D -M É A (Hg.), Récits (wie Anm.-581), S.-161. 901 Vgl. G A C H A R D , Introduction (wie Anm. 900), S. VI. - Nach dem Tod Philipps I. von Kas‐ tilien 1506 wurde Antoine de Lalaing Kammerherr von dessen Sohn Karl (1500-1558), der 1516 als Karl I. zum König von Spanien und 1519 als Karl V. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs aufsteigen sollte, und bekleidete in Diensten des Hauses Habsburg verschiedene hohe Ämter; u. a. wurde ihm die Oberaufsicht über die Finanzen Herzogin Margaretes von Österreich (1480-1530) übertragen, der jüngeren Schwester Philipps des Schönen, die damals als Statthalterin über die habsburgischen Niederlande herrschte. 1510 gewährte ihm Kaiser Maximilian zum Dank für die treuen Dienste, die er sowohl seinem jungverstorbenen Sohn und seinem Enkel als auch ihm selbst erwiesen hatte, eine jährliche Pension von 400 Livres. Herzogin Margarete, deren engster Vertrauter er wurde, sollte ihn 1517 mit einer jährlichen Pension von 1000 Livres bedenken. 1516 wurde er in den Orden vom Goldenen Vlies aufgenommen. 1518 erhob Karl die Baronie von Hooghstraeten, die durch die 1506 geschlossene Ehe mit Elisabeth von Cuylenburg, einer Kusine Karls, in Antoines Besitz übergegangen war, zu einer Grafschaft. Damit wurde Antoine zum ersten Grafen von Hooghstraeten. 1530 sollte er von Karl, der inzwischen zum Kaiser gewählt worden war, die Seigneurie von Leuze dazukaufen. 1522 wurde er zum Gouverneur und Generalleutnant von Holland, Seeland und Friesland ernannt. 1534 wurde zudem die Provinz Utrecht unter sein Gouvernement gestellt. 1540 begleitete er den Kaiser nach Gent, wo dieser die Urheber eines gegen ihn ausgebrochenen Aufstandes zur Rechenschaft ziehen wollte. Dort starb Antoine am 2. April 1540 infolge einer schweren Erkrankung. Er wurde im Chor der Schlosskirche von La Motte-aux-Bois beigesetzt, die er selbst hatte errichten lassen. Seine Gemahlin Elisabeth, die ihn um gut 15 Jahre (bis zum Dezember 1555) überleben sollte, hatte ihm keine rechtmäßigen Erben geboren, doch hinterließ er zwei außereheliche, mit Isabeau de Haubourdin gezeugte Kinder, die er 1523 bzw. 1534 von Karl hatte legitimieren lassen. Nur der auf Philippe de Lalaing (1503-1550), Seigneur de La Mouillerie et de Maffle, zurückgehende Familienzweig besteht bis heute. Vgl. G A C H A R D , Introduction (wie Anm.-900), S. VI-XV; C A U C H I E S , Philippe le Beau (wie Anm.-896), S.-136. Unter den zahlreichen Höflingen und Bediensteten, die ihn begleiteten, befand sich ein flämischer Adliger, nur wenig jünger als er, mit Namen Antoine de Lalaing (1480-1540), Seigneur de Montigny, Zweitgeborener von Josse de Lalaing (1442-1483) und Bonne de la Viesville (1430-1503) 900 . 1496 war er als Offizier an den Hof Philipps des Schönen gekommen; 1501 diente er bereits als dessen Kammerherr, und während der beiden Reisen war er jeweils mit der Aufgabe des Chronisten betraut, wie er selbst in der Einleitung seines ausführlichen Reiseberichts festhält 901 : 246 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="247"?> 902 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-123. 903 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 124; G A C H A R D , Introduction (wie Anm. 900), S. XVIII. 904 Vgl. G A C H A R D , Introduction (wie Anm.-900), S. XVIIIf. 905 Vgl. G A C H A R D , Introduction (wie Anm.-900), S. XIVf. 906 Vgl. G A C H A R D , Introduction (wie Anm. 900), S. XIV-XVI. - Den jeweiligen Ex-Libris-Vermerken zufolge stammen die Handschriften aus dem Privatbesitz verschiedener adliger und geistlicher Bibliophiler, darunter Charles van Hulthem (1764-1832), dessen umfassende Büchersammlung den Grundstock der Königlichen Bibliothek Belgiens bildet. Moy, Anthoine de Lalaing, signeur de Montigny, filz de sire Josse de Lalaing […], ay, pour l’amour de mon naturel signeur Philippe d’Austrice […], mémoryez par escript, à mon possible, ce qui advint ès deux voyages qu’il fist, l’ung par terre, et l’aultre par mer, pour aller en Espaigne relever les terres, royames et possessions qui lui succédoient par la mort du frère [gemeint ist der 1497 angeblich aus Liebe gestorbene Infant Johann] et mère de sa femme et espeuse, Jehanne, fille du très-noble et vertueux roy Ferrandt d’Espaigne et de Élizabeth, sa très-prudente et corageuse compaigne et espeuse 902 . Wie er weiter mitteilt, umfasse sein Bericht vier Bücher: Zwei handelten von Philipps erster Spanienreise, eines von der zweiten und ein viertes schließlich von den letzten Lebenstagen und dem Tod des jungen Königs, der bereits 1506, kurz nach seiner Krönung, in der Casa del Cordón in Burgos an einem Fieberinfekt starb 903 . Nur der Inhalt der ersteren beiden jedoch ist in verschie‐ denen Handschriften überliefert. Die meisten von ihnen (sechs) befinden sich im Bestand der Königlichen Bibliothek Belgiens in Brüssel, darunter auch die wohl älteste von allen mit der Signatur 7382: ein in geprägtes braunes Kalbsleder gebundener kleiner Foliant mit 96 Papierblättern, der, der Schrift nach zu urteilen, im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts, noch zu Antoines Lebzeiten, verfertigt worden sein dürfte 904 . Höchst wahrscheinlich handelt es sich aber nicht um seine Originalaufzeichnungen, sondern um eine Kopie, erstellt für einen gewissen Charles Le Clercq, einen Kriegsschatzmeister, mit dem Antoine zwischen 1506 und 1511 verkehrt haben könnte und dessen Name auf dem Schutzblatt der Handschrift neben einem lateinischen rondelet über das Sprichwort Sperans timeo vermerkt ist 905 . Die anderen in Brüssel verwahrten Handschriften mit den Signaturen 15856, 15857, 15858, 15859 und 21042 sind allesamt später zu datieren, ebenso wie diejenige, die die Königliche Bibliothek Den Haag mit der Signatur 131B9 listet und bei der es sich wohl um die zweit‐ älteste erhaltene Kopie handelt, entstanden laut Katalogangaben noch in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts 906 . Erstmals in gedruckter Form veröffentlicht wurde der Reisebericht des Antoine de Lalaing 1876 im ersten Band der von 4.1 Antoine de Lalaing (1502) 247 <?page no="248"?> 907 Hier noch einmal die bereits zitierte Ausgabe: Antoine de Lalaing, Voyage de Philippe le Beau en Espagne, en 1501, in: Collection des voyages des souverains des Pays-Bas 1, hg. von Louis-Prosper G A C H A R D , Brüssel 1876, S. 123-340. - Die Compostelareise nimmt darin die Seiten 155 bis 164 ein. 908 Vgl. G A C H A R D , Introduction (wie Anm.-900), S. XIV-XVI. 909 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-155-164. 910 Vgl. P É R I C A R D -M É A (Hg.), Récits (wie Anm.-581), S.-163. 911 Selbst im Reisetagebuch des Jean de Tournai tritt diese praktische Führer-Funktion, wie im vorigen Kapitel gezeigt, vielfach deutlich zutage. Louis-Prosper Gachard herausgegebenen vierbändigen Collection des voyages des souverains des Pays-Bas, zusammen mit kürzeren Itineraren diverser Könige (Philipp der Kühne, Johann Ohnefurcht, Philipp der Gute, Maximilian) sowie einem anonymen Bericht über die 1506 unternommene zweite Spanienreise Philipps des Schönen 907 . Dieser noch heute maßgeblichen Ausgabe, die auch die Textbasis für die folgende Analyse bildet, liegt die genannte älteste und - Gachard zufolge - originalgetreueste Handschrift aus den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts zugrunde; nur, wo der Editor Auslassungen oder Kopierfehler erkannte, zog er zur Rekonstruktion des ursprünglichen Textes auch andere und vor allem die Den Haager Handschrift heran 908 . Im Zusammenhang der vorliegenden Arbeit interessiert ausschließlich das erste Buch der Reisechronik und darin insbesondere Kapitel 9 bis 11. In diesen drei Kapiteln nämlich unterbricht Antoine de Lalaing seinen Bericht über die herzogliche Spanienreise, um seine eigene, etwa einmonatige Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela zu Anfang des Jahres 1502 zu beschreiben: Kapitel 9 ist dem Hinweg gewidmet, Kapitel 10 vollständig dem Aufenthalt in der Jakobsstadt, dem Antoine insofern, schon durch die relative Ausführlichkeit der Beschreibung, einen besonderen Platz in seinem Text einräumt, und Kapitel 11 schließlich dem Rückweg 909 . Die Einteilung in Kapitel erscheint, eingedenk der bisher untersuchten Zeugnisse, ungewöhnlich; auch gliedert Antoine seinen Bericht nicht - wie die Itinerar-Autoren des Späten Mittelalters - nach Durch‐ gangs- oder Aufenthaltsorten, sondern - wie bisher nur Jean de Tournai - nach Tagesdaten. Allerdings vermerkt er - anders als Jean de Tournai - innerhalb der einzelnen Tageseinträge wiederum sehr genaue Orts- und Entfernungsangaben (letztere in lieues), so dass seine Aufzeichnungen zwar primär einer temporalen Ordnung folgen, die konventionelle Itinerar-Struktur unter der ‚Textoberfläche‘ aber doch erhalten bleibt bzw. sich unschwer rekonstruieren ließe 910 . Eingescho‐ ben in eine für Philipp den Schönen geschriebene Reisechronik, ist Antoines Bericht über seine Pilgerfahrt nach Compostela zudem die erste hier untersuchte Quelle, die zweifelsfrei nicht mit dem Anspruch entstand, für nachfolgende Ja‐ kobspilger eine praktische Funktion als Reiseführer oder Ratgeber zu erfüllen 911 . 248 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="249"?> 912 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-123. 913 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-155. 914 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-164. 915 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 155. - Inspiriert zu dieser Reise hatte sie in der Kathedrale von Burgos möglicherweise das in Kapitel 8 wiedergegebene Epitaph auf dem Grabstein des Bischofs Alfonso de Cartagena (1435-1456), der auf dem Rückweg von Compostela zu Tode kam. Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 154. - Charles de Lannoy war der jüngste Sohn von Jean de Lannoy, Seigneur de Mingoval, und dessen zweiter Frau Jeanne de Ligne. Unter Karl V. stand ihm eine exzellente Karriere bevor: Deshalb enthält er auch kaum Hinweise zu guten oder schlechten Hospizen und Herbergen, zu Flüssen, Fähren und Brücken, zu Gefahren und Widrigkeiten des Weges etc., und der Leser wird an keiner Stelle direkt adressiert. Überhaupt wahrt Antoine stets den distanziert-objektiven Ton des Chronisten. Von sich selbst und seinen Begleitern spricht er durchgängig in der dritten Person, so jedenfalls in den hier interessierenden Kapiteln 9 bis 11; denn tatsächlich ist der Beginn der Pilgerfahrt auf Berichtebene durch einen augenfälligen Wechsel in der Selbstbezugnahme markiert. Spricht Antoine zunächst, wie etwa im oben zitierten Auszug aus seinem prologue, von sich selbst in der ersten Person (moy, je) und behält die dritte Person (luy, il) insbesondere Philipp dem Schönen, monsigneur l’Archiduc, vor, auf dessen Handlungen der Fokus des Berichts liegt 912 , so heißt es zu Beginn von Kapitel 9 auf einmal: Le samedi, XIX e [19. Februar 1502], […] Anthoine de Lalaing, signeur de Montegny, recoeilleur de ces choses, et Charles Lausnoy, signeur de Sainctzelles, et Antoine de Quiévrains, signeur de Monceaux, partirent de Bourghes, pour aller à Sainct-Jacques 913 . Obwohl sich Antoine ausdrücklich als Berichtschreiber bzw. ‚Tatsachensamm‐ ler‘ (recoeilleur de ces choses) ausweist, meidet er nun die erste Person und bezieht sich auf seine Reisegruppe konsequent in der dritten Person Plural (eux, ils). Erst ab Kapitel 12, nach der Rückkehr zum Tross des Erzherzogs, wechselt er wieder in die Ich-Form 914 . Durch die veränderte Selbstbezugnahme in Kapitel 9 bis 11 scheint Antoine seinen vorübergehenden Rollenwechsel vom herzoglichen Chronisten, der nur Zeuge und Berichterstatter der Handlungen und Erlebnisse eines Anderen ist, zum selbst handelnden und selbst erlebenden Jakobspilger zu kennzeichnen. Er ist hier nicht nur Subjekt, sondern zugleich auch Objekt seines Berichts. Am 19. Februar 1502 verließ Antoine de Lalaing, wie er in den gerade zitierten ersten Zeilen von Kapitel 9 seines Berichts schreibt, mit zwei Begleitern, Charles de Lannoy (1487-1527), Seigneur de Sainctzelles, und Antoine de Quiévrain († 1526), Seigneur de Monceaux, das in Burgos weilende herzogliche Gefolge, um zum Grab des hl. Jakobus zu reiten 915 . Sie erreichten ihr Ziel am Abend des 4.1 Antoine de Lalaing (1502) 249 <?page no="250"?> Ab 1515 war er Mitglied des Königlichen Staatsrats im Rang eines Großmeisters. 1516 wurde er in den Orden vom Goldenen Vlies aufgenommen, 1521 zum Gouverneur von Tournai ernannt, 1522 zum Vizekönig von Neapel und 1523 zum Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee in Oberitalien. 1527, kurz vor seinem Tod, wurde er zum Grafen erhoben. Vgl. P É R I C A R D -M É A (Hg.), Récits (wie Anm. 581), S. 167, Anm. 5. - Über Antoine de Quiévrain ist bis auf seinen Dienst als herzoglicher Kammerherr und seinen Tod 1526 in Mons nur wenig bekannt. 916 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-158-160, 163. 917 Spanien war für die flämische Hofgesellschaft um Philipp den Schönen ein gleichsam unbekanntes Land, das es noch zu ‚entdecken‘ galt. Vgl. Raymond F A G E L , El descubri‐ miento de España a través de los relatos de viaje de Antoine de Lalaing y Laurent Vital, in: Diplomates, voyageurs, artistes, pèlerins, marchands entre pays bourguignons et Espagne aux XV e et XVI e siècles, hg. von Jean-Marie C A U C H I E S , Neuenburg 2011, S.-147-162. 918 Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 155f. Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm.-15), S.-243. 919 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-157. 5. März, verbrachten dort die beiden folgenden Tage und traten am Morgen des 8. März den Rückweg an; am 24. März holten sie das herzogliche Gefolge wieder ein, das inzwischen nach Madrid weitergezogen war 916 . Für gut einen Monat verwandelten sich die drei reisenden Höflinge in Jakobspilger; sie verknüpften die offizielle, politische Reise ihres Herrn mit einer ‚privaten‘ Wallfahrt, die, wie weiter unten deutlich werden dürfte, keineswegs nur von religiöser Motivation, von Frömmigkeit getragen war, sondern vor allem von Reiselust und Neugierde auf das für sie fremde und oft befremdliche Land 917 . Hier in aller Kürze der Reisehergang: Von Burgos ritten die Pilger binnen drei Tagen, mit Übernachtungen in Castrojeriz und Calzadilla de la Cueza sowie Besuch im Benediktinerkloster von Sahagún, nach León, wo sich der Weg, wie Antoine erklärt, in zwei teile: in denjenigen nach Compostela (Camino Francés) in westlicher Richtung und denjenigen nach Oviedo in nördlicher Richtung, und wiewohl mal habité et stérile, et beaucop plus montueux que l’aultre, schlugen sie den letzteren ein 918 . Auch sie also verbanden ihre fromme Reise mit einem Umweg nach Oviedo, so wie schon die beiden Florentiner Anonymi und Jean de Tournai. Dann nahmen sie allerdings nicht, wie üblich, den Camino Primitivo, sondern reisten nach Norden weiter bis Avilés, ung port de mer ung peu hors du chemin de Sainct-Jacques, um von dort aus, da der Seigneur de Monceaux erkrankt war und ihm das Reiten schwerfiel, mit dem Schiff bis A Coruña zu fahren, doch die Windflaute vereitelte diesen Plan 919 . Deshalb folgten sie, weiterhin zu Pferde, dem Landweg entlang der asturischen Küste, dem Camino de la Costa, bis Ribadeo, bogen dort ins galicische Landesinnere ein, kamen durch Mondoñedo, Villalba und Betanzos und erreichten - wie gesagt: am 5. 250 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="251"?> 920 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-157f. 921 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 160-163. - G A C H A R D zufolge handele es sich bei dem hier genannten Grafen von Benavente um Rodrigo Alonso Pimentel. Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 161, Anm. 13. Dieser war jedoch 1499 gestorben. Demnach muss es sein Sohn Alonso Pimentel y Pacheco gewesen sein, der Antoine und seine Gefährten auf dem gräflichen Schloss empfing. - Münzer, Itinerarium (wie Anm. 743), S. 100, über den gräflichen Stammsitz in Benavente: Castrum eius est de nobilioribus et pulcrioribus tocius Castilie, nec post Granate et Sibilie castra sibi in Hispania est simile. Situs eius est extra urbem supra monte parvo, et est quadrum, et in unoquoque 4 angulorum fortissima turris, et fossata et ante muralia munitissima. Ab intra quadratum atrium capellis, pallaciis, aulis, ex vario genero figulino decoratum. Coopertoria omnia in aulis et pallaciis auro maxime decorata, columpne marmoree. - Allgemein zum Grafenhaus von Benavente vgl. Manuel F E R N Á N D E Z D E L H O Y O , De Portugal a Castilla. Creación y recreación de la memoria linajística en la casa condal de Benavente [unv. Typoskript], Madrid 2013. 922 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 163; V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm.-15), S.-243. 923 Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 164. - An Antoines Bericht lässt sich ein gewisser Zeitdruck ablesen: Die zurückgelegten Tagesetappen sind länger als auf dem vorherigen Reiseabschnitt mit dem herzoglichen Tross von Mechelen bis Burgos. Zeit zu längerem Verweilen nahmen sich die drei Höflinge nirgends; selbst in Compostela verbrachten sie keine drei Tage. Auf die Weiterreise nach Fisterra verzichteten sie, und der Onkel des Grafen von Benavente suchte vergeblich, sie zu bewegen, noch einen Tag länger dazubleiben, de quoy ilz le remerchièrent, car il leur estoit nécessité retourner vers Monsigneur. Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 163. Vermutlich waren sie von Philipp dem Schönen mit einer strengen Zeitvorgabe versehen worden. Vgl. P É R I C A R D -M É A (Hg.), Récits (wie Anm.-581), S.-164. März - Compostela 920 . Auf dem Rückweg nahmen sie zunächst den Camino Francés, wandten sich bei Astorga aber in Richtung Südosten und trafen am 16. März in Benavente ein, wo sie zwei Tage auf dem (wenige Jahre zuvor auch von Hieronymus Münzer besichtigten und hochgelobten) Schloss des Grafen (damals Alonso Pimentel y Pacheco, † 1530) verbrachten, der ihnen alle erdenklichen Annehmlichkeiten angedeihen ließ 921 . Das letzte Wegstück legten sie mit Stationen u. a. in Valladolid, Medina del Campo und Guadarrama binnen sechs Tagen zurück; am 24. März erreichten sie Madrid und meldeten ihre Rückkehr bei Philipp dem Schönen 922 . Or, retournons à parler de Monsigneur, lässt Antoine den Bericht über seine Pilgerfahrt enden und wechselt wieder in die Rolle des herzoglichen Chronisten 923 . Zu den meisten Städten und Dörfern, die er in seinem Bericht verzeichnet, notiert Antoine nur jeweils, ob die vornehme Pilgergruppe dort die Nacht verbrachte, zu Mittag (dîner), zu Nachmittag (après-dîner) oder zu Abend (souper) aß und wie viele lieues sie von der vorigen Station aus dorthin zurückgelegt hatte. Einige Orte bestimmt er mit wenig Worten näher, wobei ein Vergleich 4.1 Antoine de Lalaing (1502) 251 <?page no="252"?> 924 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-155, 158, 163. 925 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-155, 160, 163. 926 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-155, 161, 163. 927 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-155, 161, 163. 928 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-157f., 161, 163. 929 Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 155f. Vgl. P É R I C A R D -M É A (Hg.), Récits (wie Anm. 581), S. 163. - Überhaupt spricht wiederholt ein Interesse für wirtschaftliche Zusammenhänge aus seinem Bericht. So geht Antoine bei Eintritt nach Asturien auf die natürliche Beschaffenheit und agrarische Nutzbarkeit der Landschaft ein: Es sei derart unwirtlich, dass die meisten Viktualien aus anderen Ländern herbeigebracht werden müssten, und dies sei wegen der vielen Berge nur auf Eseln und Maultieren möglich, weshalb die Lebenshaltungskosten dort wie auch in Biskaya ungemein hoch der kurzen Charakterogramme erkennen lässt, dass er - ähnlich wie der florentinische Anonymus von 1477 - immer wieder die gleichen Eigenschaften spezifiziert: (1.) Größe (Sahagún: petite, León: assés grande, Betanzos: du gran‐ deur de Haulx, Benavente: du grandeur de Courtrait usw.) 924 , (2.) Schönheit (León: très-belle, Mellid: belle, Benavente: assés belle, Villalpando: belle usw.) 925 , (3.) politische Stellung und territoriale Zugehörigkeit (Castrojeriz: comté apertenant au comte de Castre, León: cief du royame de León, Villafranca del Bierzo: marquisade, Ponferrada: fin du royame de Galice, Astorga: éveschié et marquisade, Villalpando: apertenante au connestable d’Espaigne usw.) 926 und (4.) Existenz herausragender Bauten wie Burgen und Konvente (Castrojeriz: ung chasteau moult anchyen, Sahagún: ung cloistre de Sainct-Benoict, Ponferrada: ung très-beau chasteau, Benavente: ung très-beau cloistre de Sainct-Franchois usw.) 927 , seltener auch (5.) Lage und Beschaffenheit des Geländes (Avilés: ung port de mer, Betanzos: assise au pendant d’une montaigne, O Cebreiro: assis sur la grande montaigne de la Malfaire, Benavente: assise sur une montaigne, en ung des beaus quartiers d’Espaigne usw.) 928 . Ausführliche Kommentare zu historischen, wirtschaftlichen, landes- und völkerkundlichen oder künstlerisch-baulichen Besonderheiten fügt Antoine nur bei wenigen größeren Städten hinzu, auf dem Hinweg bei León, Oviedo und Betanzos, auf dem Rückweg bei Astorga und Benavente; Compostela widmet er, wie bereits erwähnt, ein eigenes Kapitel. Im Passus über León etwa geht er auf einen bedeutenden Zweig der städtischen Wirtschaft ein, nämlich auf die Herstellung von Rosenkränzen und kleinen Jakobusfiguren aus Gagat, das in nahegelegenen Minen abgebaut wurde: C’est le cief du royame de Léon. La ville est très-belle et assés grande et assés marchande. La mine de gayet est assés près : par quoy ils font grandt argent des patrenostres et sainct Jacques que on y faict, dont la pluspart que les pèlerins achattent à Sainct-Jacques se font à León, VIII lieues de Bourghet [El Burgo Ranero] 929 . 252 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="253"?> seien: Ce sont les deux pays d’Espaigne où on vit le plus chièrement. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-156. 930 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-157. 931 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-162. 932 Vgl. F A G E L , El descubrimiento de España (wie Anm.-917), S.-161f. 933 Lediglich Jean de Tournai kann neben dem religiösen Motiv noch teilweise ein ästhe‐ tisches Interesse an Kirchen und Heiligtümern attestiert werden, das auch bei ihm durch detailreiche Beschreibungen der künstlerisch-handwerklichen Gestaltung der jeweiligen Innenräume Ausdruck findet. Im Zusammenhang mit Ville-Magor (vielleicht Mondoñedo) charakterisiert er, um ein weiteres, in diesem Fall völkerkundliches Beispiel zu nennen, die Asturier wie folgt: Lendemain, après cheminer chincq lieues, herbegèrent à Ville-Magor, qui est évesquié en la fin d’Esturge [Asturien]. Les homes et femmes d’Esturge sont à comparer as Égiptyens, mengeans les pays. Les femmes portent petites anses de potz et petites verges persées pendants à leurs oreilles, et grandz aneaus en fachon d’estriers 930 . Wenig verwunderlich im Bericht eines jungen Seigneur, gilt ein besonderes Augenmerk jeweils den lokalen Adligen und ihren Residenzen. Im Abschnitt über Benavente etwa bedenkt Antoine nicht nur den Grafen, der ihn standes‐ gemäß empfing, mit reichlichem Lob, sondern beschreibt sehr detailliert auch die kunstvolle Innenarchitektur des gräflichen Stammhauses: Là sont deux galleries bien entretailliées et dorrées par-dessus ; les pilliers sont les aulcuns d’albastre, aultres de marbres, aultres de jaspres, aultres de pierre de touce. Auprès d’icelles galleries y a une salle large de XV à XVI piedz, longue de IIII XX , ouverte d’ung costé sur la rivière, vers le chemin de Gallice, la plus sumptueuse que l’on puet veoir ; à l’huys de laquèle deux dens de éléphant soustiènent l’arche. Là veirent VIII ou X chambres dedens bien acoustrées, desquelles les planchiers sont par-dessus très-bien entretailliés et tous dorés. […] En bas sont léons et lupars, et aultres bestes estranges. Some, c’est ung des plus exquis chasteaux d’Espaigne 931 . Die exemplarisch zitierten Passagen zeugen deutlich von den breitgefächerten, doch vornehmlich weltlichen Interessen ihres Autors 932 . Orte des Glaubens, Kirchen und Klöster, erwähnt und beschreibt Antoine auffallend selten, deutlich seltener etwa als Burgen und Residenzen von Adligen, und wenn doch, so meist nicht aus primär religiöser Motivation, nicht, weil dort die Reliquien eines Heiligen anzubeten wären oder weil sich dort ein Wunder zugetragen hätte - wie es in den bisher analysierten Zeugnissen gewöhnlich der Grund für den Besuch heiliger Orte war 933 -, sondern wegen ihrer künstlerisch-handwerklichen Schönheit (z. B. in Benavente, wo er die 4.1 Antoine de Lalaing (1502) 253 <?page no="254"?> 934 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-162f. 935 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-155. 936 Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 156. - Ähnliches lässt sich in der Beschreibung des Franziskanerklosters von Benavente beobachten. Dort liegen zwar keine Könige begraben, aber das Kloster interessiert ebenfalls nur als Grabstätte des örtlichen Grafengeschlechts: Au bas de la ville, y a ung très-beau cloistre de Sainct-Franchois, fondé par sainct León […]. Illec aussi gisent les prédécesseurs du présent comte. Son père gist au coer ; sa tombe, environ de trois pieds de hault, est platte et couverte d’ung rice drap de velour cramoisy. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-163. Kirche als très-bien aornée et décorée lobt und die gräfliche Schlosskapelle als bien acoustrée : sa volsure est, mieulx que l’on ne sçaroit dire, entretailliée et très-ricement dorée, et sy bien paincte que rien plus) 934 oder aber, weil kastilische und leonesische Könige sich und ihre Verwandten dort beisetzen ließen. Dies ist einerseits in Sahagún der Fall, ville petite, anoblie d’ung cloistre de Sainct-Benoict, où dom Allons, roy de Castille, et sa feme, d’ung costé, et ung de ses enfans, de l’aultre, sont sépulturés en simple tombeau de pière 935 , und andererseits in der ehemaligen urbs regia León, wo die drei pilgernden Höflinge das Grab Ordoños II. in der Kathedrale Santa María de Regla sowie zahlreiche andere Königsgräber in der Stiftskirche San Isidoro aufsuchten: En l’église cathédrale de Nostre-Dame de Léon est sépulturé richement Ordonius, roy de Castille et de León, eslevé et tenu pour sainct. Auprès de ceste église est l’église canoniale de Sainct-Ysidoire, où reposent de XL à L rois, tant de Castille que de León, et de leurs femmes et enfans, en une chapelle, en tumbeaus de pière, sans aultres ricesses. L’ung d’iceuls, appellé Alphons, estant roy de Castille et de León, fu empereur d’Allemaigne 936 . Dass neben den vielen weltlichen Herrschern auch der hl. Isidor von Sevilla höchstselbst in der ihm geweihten Kirche die letzte Ruhe fand, erscheint unwichtig. Zugespitzt könnte man sagen: Königsgräber, nicht Heiligengräber, zogen die jungen Adligen an! Obwohl man dem Seigneur de Montigny und sei‐ nen Begleitern sicher keinen Glaubensabfall unterstellen kann, aus dem Bericht über ihre Reise nach Compostela sprechen doch vornehmlich säkulare Inte‐ ressen (Völker und Landschaften, Geschichte, Adelsgeschlechter, Wirtschaft, Kunst und Architektur), die ihre Wahrnehmung sogar an religiösen Orten kontaminiert und überlagert zu haben scheinen. So wirken die drei Höflinge in Kirchen und Klöstern eher wie Touristen avant la lettre denn wie Pilger. An zwei Orten jedoch verschiebt sich das Augenmerk des Berichts deutlich auf das Religiöse, nämlich in Oviedo und Compostela. Bereits in der sprachlichen Bezugnahme ist jeweils ein Unterschied zu anderen Städten markiert, denn wie die Autoren vor ihm verwendet auch Antoine in beiden Fällen statt des Toponyms metonymisch den Namen der Hauptkirche bzw. des Heiligen, dessen 254 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="255"?> 937 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 155-158, 160. - Auffällig ist im Textzusammen‐ hang immer wieder der Kontrast zu anderen Städten. So heißt es etwa, die drei jungen Höflinge partirent de Bourghes, pour aller à Sainct-Jacques, oder [e]ntre Léon et La Polle, se départ le grandt chemin de Sainct-Jacques et de Sainct-Salvator, qui est en la principaulté d’Esturge. Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 155f. Burgos, León und La Pola de Gordón werden mit den jeweiligen Toponymen bezeichnet, Compostela und Oviedo hingegen mit den Namen der jeweiligen Heiligen bzw. der nach diesen benannten Hauptkirchen. 938 Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1065; Un altro «itinerario» (wie Anm. 197), S. 611. - Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 318f., dagegen nennt Oviedo wiederum Sainct Salvatour und Künig von Vach, Die Straß (wie Anm. 73), S. 86f., Sant Salvator. Andere Pilger der Zeit, z. B. Hieronymus Münzer und Arnold von Harff, waren nicht in Oviedo und erwähnen es entsprechend auch nicht in ihren Aufzeichnungen. 939 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-156f. 940 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 157: une croix d’or garnie de rices pierries, faicte, come on dit, des angels, et y a de la vraye croix, qui est le principal reliquiaire du lieu; ung des sollers de sainct Pierre, et aultres pluseurs relicques encassées en or et en argent, et une des six ydrées, bien grande, de noepces où Nostre-Signeur mua eaue en vin, à l’hostel Architriclin, avoec ung crucefix que fist Nycodème, qui, comme on famme, faict miracles. Reliquie dort verwahrt wird. So bezeichnet er Compostela durchgängig als Sainct-Jacques (mit nur einer Ausnahme in den letzten Zeilen von Kapitel 9, wo er den Lokalanschluss en Compostelle hinzusetzt) und Oviedo wegen der Kathedrale San Salvador bzw. der dort verwahrten Christusreliquie (einem Stück vom Heiligen Kreuz) als Sainct-Salvator 937 ; ein entsprechendes Toponym, Oviède o. ä., kommt indes kein einziges Mal vor, anders als in den Itineraren der beiden Anonymi aus Florenz, die jeweils einen Aufenthalt in Vieda notieren (was belegt, dass der Name durchaus in Gebrauch war) 938 . Beide Städte sind hier also mit einer religiösen Konnotation versehen. Überdies konzentriert sich Antoine in seiner Beschreibung - auch darin tut er es den früheren Autoren gleich - jeweils ganz auf die Kathedrale, während er den übrigen Stadtraum, namentlich die profanen Orte (denn in Compostela weist er immerhin flüchtig auf die anderen Kirchen und Klöster hin), weitgehend ausspart. Zu Oviedo vermerkt er nur, dass die Pilgergruppe in der dortigen Kathedrale die üblichen Frömmigkeitshandlungen verrichtete, an der Heiligen Messe teilnahm und sich den Heiltumsschatz zeigen ließ 939 . Aus der Vielzahl der dort verehrten Reliquien hebt er heraus: ein von Engeln verfertigtes, edelsteinbesetztes Kreuz, die berühmte Hauptreliquie des Lignum Crucis, einen Schuh des Apostels Petrus, einen der sechs Krüge, in denen Jesus aus Wasser Wein machte, und ein von Nicomedes von Rom geschnitztes Kruzifix, das wundertätige Kräfte besitzen soll 940 . Die Raumkonstitution erfolgt ausschließlich durch die Nennung der Kathedrale (laquèle on renouvèle moult ricement unter der Leitung des Architekten Juan de Badajoz des Älteren, † 1522) und eine inventarlistenartige Aufzählung ihrer hervorragendsten Reliquien; die 4.1 Antoine de Lalaing (1502) 255 <?page no="256"?> 941 Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 156f. - Zu Juan de Badajoz dem Älteren vgl. María Pilar G A R C Í A C U E T O S , Juan de Badajoz, el Viejo, entre Oviedo y León. Nuevas hipótesis sobre maestros y torres en el tardogótico hispano, in: Congreso Internacional “La Catedral de León en la Edad Media”. León, 7-11 de abril de 2003, hg. von Joaquín Y A R Z A L U A C E S / María Victoria H E R R Á E Z O R T E G A / Gerardo V O T O V A R E L A , León 2004, S. 565-574. 942 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-158. 943 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-158. 944 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 158-160. - In der Ausgabe von G A C H A R D sind 47 Zeilen der Kathedrale und nur fünf Zeilen der restlichen Stadt gewidmet. 945 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-158. 946 Vielleicht hörten die drei Höflinge auch andernorts Messen, sprachen Gebete oder legten Beichten ab; in dem Fall aber schienen sie Antoine - im Unterschied zu den Messbesuchen in Oviedo und Compostela - nicht erwähnungswürdig. 947 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-158. Stadt ist somit gänzlich auf ihr sakrales Zentrum reduziert und alles Erleben und Handeln vor Ort religiöser Art 941 . Compostela bestimmt Antoine am Schluss von Kapitel 9 nach demselben Muster wie andere Städte auch zunächst im Hinblick auf seine herrschaft‐ lich-politische Stellung (maistresse ville du royame de Galice), seine Größe (petite) und seine Schönheit (assés belle) 942 . Doch bereits die Kapitel 10 vorangestellte kurze Inhaltszusammenfassung lässt für die weitere Beschreibung ebenfalls eine Verengung auf den locus sanctus erahnen: Ce dixiesme chapitre parle de l’église de Sainct-Jacques, de la ville, des églises et des reliquiairs, et d’ung miracle faict soubz la volsure de l’église de Sainct-Jacques 943 . An erster Stelle nennt Antoine die Jakobskirche, dann die Stadt und die anderen Kirchen nebst Heiltümern - dieselbe Struktur wiederholt sich im Kapitel selbst: Die ersten gut neunzig Prozent der Beschreibung widmet er der Kathedrale, nur die letzten drei Sätze dem übrigen Stadtraum, insbesondere den Kirchen 944 . Am Kapiteleingang vermerkt er den Besuch der Heiligen Messe am Morgen des 6. März 1502, bei der, wie er ausdrücklich hervorhebt, auch Erzbischof Alonso II. de Fonseca (1460-1465 und 1469-1507) zugegen war 945 . Bezeichnenderweise ist dies erst die zweite und zugleich schon die letzte Messe, die Antoine in seinem Bericht festhält, nach derjenigen in Oviedo. Nirgends sonst auf ihrer einmonatigen Pilgerreise scheinen die drei Höflinge Frömmigkeitshandlungen verrichtet zu haben, nur in Oviedo und Compostela, was ebenfalls auf die religiös aufgeladene Wahrnehmung dieser beiden Städte hindeutet 946 . Anschließend gibt Antoine eine nähere Beschreibung der Kathedrale, die zunächst noch an die persönliche Perspektive der drei Pilger gebunden bleibt (visitèrent usw.) und daher, recht unsystematisch, einfach mit den ersten Orten beginnt, die sie nach der Messe auf ihrem Rundgang durch das Gebäude besichtigten, nämlich mit den Emporen und einem der Glockentürme 947 . Da 256 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="257"?> 948 Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 158. - Zur Torre das Campás vgl. Manuel C H A M O S O L A M A S , La fachada del Obradoiro de la Catedral de Santiago de Compostela, in: Archivo Español de Arte 12/ 36 (1936), S. 209-223; Antonio B O N E T C O R R E A , La arquitectura en Galicia durante el siglo XVII, Madrid 1984, S. 121f., 381-383; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 267f. - Zu den nicht erhaltenen Türmen der Kathedrale, der Torre do Anxo und der Torre do Galo, vgl. Julio V Á Z Q U E Z C A S T R O , Las desaparecidas Torres del Ángel y del Gallo en la catedral de Santiago de Compostela, in: Quintana. Revista de Estudos do Departamento de Historia da Arte 6 (2007), S. 245-266, insb. S. 256-261. - Auf die Torre do Relox wird an späterer Stelle noch ausführlich einzugehen sein. 949 Speziell die Emporen aber erwähnt sonst nur Lassota von Steblau, Tagebuch (wie Anm. 167), S. 55: seind zwey Gewelb oder Kirchen uber einander, und oben in der Kirchen ein Gang, darauff kan man zurunds herumb in der Kirchen gehenn. diese Orte weder wertvolle Reliquien bargen (wie die Krypta und die Heil‐ tumskammer) noch Gelegenheit zu Frömmigkeitshandlungen boten (wie der Hauptaltar und die Kapellen), sondern eher praktische Funktionen besaßen, scheint ihre Besichtigung wiederum weniger von religiöser Gesinnung als von weltlicher, gleichsam touristischer Neugierde zu zeugen. Bei dem Turm, der trois ou quatre bones cloches donées du roy de France Loys XI e et une du roy son filz, Charles VIII e beherberge, dürfte es sich, obwohl Antoine dies nicht spezifiziert, um den Vorgängerbau der heutigen Torre do Relox, damals bekannt als Torre do Rei de Francia, im Südostwinkel der Kathedrale handeln (Abb. 7). Glocken befanden sich - nach allem, was man weiß - zwar auch in der Torre das Campás an der südlichen Westfront und in der Torre do Galo (abgerissen 1759) an der Nordfront, doch der Hinweis auf die königlichen Donatoren lässt eindeutig auf die Torre do Relox schließen, die Ludwig XI. von Frankreich (1461-1483), ein großer Verehrer des Apostels Jakobus, in der Tat mit zwei riesigen Glocken bedacht hatte; auf sie wird im Fortgang dieser Arbeit noch vielfach einzugehen sein 948 . Während der obere Bereich der Kathedrale in den bisher analysierten Zeugnissen (mit Ausnahme des Liber Sancti Jacobi) noch völlig unbeachtet bleibt, rücken im Laufe des 16. Jahrhunderts nun insbesondere die Türme, aber auch das Dach und andere eher nebensächliche Orte des Gebäudes immer häufiger in den Fokus 949 . Dies entspricht ganz der übergeordneten diachronen Tendenz räumlicher Ausdifferenzierung, die sich in den Stadtdarstellungen mehr und mehr abzeichnet. 4.1 Antoine de Lalaing (1502) 257 <?page no="258"?> 950 Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 158f. Vgl. R U C Q U O I , Mille fois (wie Anm. 15), S. 343. - Bezeugt sind die Kardinalpriester des Compostellaner Kapitels und ihr besonderes Privileg, als Einzige neben Erzbischof am Hauptaltar die Messe lesen zu dürfen, bereits im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi. Dort ist noch von sieben Kanonikern mit Kardinalswürde die Rede, genauso wie beim 1494 reisenden Hieronymus Münzer, der diese Angabe jedoch aus dem Pilgerführer übernommen haben könnte, mit dem er aus eigener Lektüre vertraut war. Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 256f.; Münzer, Itinerarium (wie Anm. 743), S. 94-96. Auch in späteren Texten - bis Domenico Laffis Viaggio in Abb. 7: Ostfassade der Kathedrale von Santiago de Compostela vor ihrem barocken Umbau, mit der Torre do Rei de Francia (links). Zeichnung aus José Vega y Verdugos Informe o Memoria sobre las obras en la Catedral de Santiago (1657), Archivo Catedralicio, Santiago de Compostela. Nach der Besichtigung des oberen Stocks und des Glockenturms löst sich der Fokus der Beschreibung unvermittelt vom Rundgang der drei jungen Höflinge und weitet sich auf die Kathedrale als Ganzes. Antoine geht ein auf ihre architektonische Beschaffenheit (typisch für den Baustil der Romanik erschien sie ihm très-forte et matérièle, en forme d’un gros dongon ou chasteau, auf ihren kirchenpolitischen Status (métropolitaine, c’est archiépiscopale) sowie auf die Zusammensetzung und die Privilegien ihres Kapitels (Huyt prebstres, appellés cardinauls de Sainct-Jacques, ministrent à cette église, car nul ne puelt célébrer sur le grandt autel, s’il n’est cardinal, archevesque ou évesque.) 950 . Zuletzt fügt er 258 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="259"?> Ponente (1673) - ist stets von sieben Kardinälen die Rede. Ob Antoine, der hier von [h]uyt prebstres, appellés cardinauls spricht, ein Fehler unterlaufen ist oder ob es um 1502 tatsächlich zeitweise acht Kardinäle in Compostela gab, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. 951 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-158. 952 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-158f. 953 Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 159. Vgl. P É R I C A R D -M É A , Compostelle (wie Anm. 39), S. 346f. - Fraglich ist, ob man hier eine gewisse Skepsis herauslesen kann. Empörung oder Enttäuschung über die verschlossene Krypta bekundet Antoine nicht. Sowohl das Jakobswunder als auch die ermahnenden Worte des Geistlichen gibt er völlig kommentarlos und wertungsfrei wieder; er überlässt es seinem Leser, darüber zu urteilen. Dass er sich nicht so offen skeptisch äußert wie etwa Jean de Tournai oder Arnold von Harff, könnte (auch) damit zu erklären sein, dass er, anders als diese, zuvor nicht in Toulouse gewesen war, wo man ihm die angeblichen wahren Jakobusreliquien anstandslos gezeigt hätte. den unausbleiblichen Hinweis auf die Präsenz der Apostelreliquien an: Au creux d’elle [d.-h. der Kathedrale], soubz le grandt autel, gist le corpz de sainct Jacques le Grandt, avoecq deux de ses disciples, martirs 951 . An dieser Stelle unterbricht er die Beschreibung der Kathedrale und schiebt einen kurzen Bericht über ein Strafwunder ein, das Jakobus in seiner Krypta gewirkt haben soll: Home n’y entra depuis que ung sainct évesque, journèlement célébrant, seul, au creux et volsure, estoit administré des angels. […] Cil mort, son successeur, voellant faire le pareil, ung jour descendu au creux pour dire la messe, trouva sur l’autel six cherges ardans sans se amenrir; en mémoire desquels, six cherges ardent assiduèlement sur le grandt autel de sainct Jacques. Cest évesque, se préparant à la messe, cuidant chaindre son aube, coppa son corpz du chaint en deux, et morut misérablement. Pour quoy, pour lequel miracle et vengeance divine prinse sur cil qui présumoit faire ainsi que le prédict sainct, nul, tant soit hardy, n’y ose entrer 952 . Demnach hielt dort einst ein frommer Bischof, assistiert von Engeln, täglich die Messe. Nach seinem Tod wollte sein Amtsnachfolger es ihm gleichtun, doch als er die Grabstätte des Apostels betrat und sich für die Messe kleidete, schnitt sein eigenes Zingulum ihm auf wundersame Weise den Körper entzwei, sodass er jämmerlich starb. Vermutlich wurde solches den Pilgern vor Ort als Erklärung dafür erzählt, weshalb es niemandem mehr gestattet war, die Krypta zu betreten: fault croire le corpz de sainct Jacques le Grandt estre soubz le grandt autel, ou encourrir excommunication papale, lässt Antoine - wie vor ihm schon seine Zeitgenossen Jean de Tournai und Arnold von Harff - einen Priester der Kathedrale zu Wort kommen, der ihn, vielleicht gar auf seine neugierige Nachfrage hin, mit dieser Äußerung streng ermahnte 953 . Dass er über das Innere der Krypta nichts zu berichten weiß, versteht sich mithin von selbst. 4.1 Antoine de Lalaing (1502) 259 <?page no="260"?> 954 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-159. 955 Siehe Kapitel 7 und 8.2. 956 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-159f. Stattdessen wendet er den Blick auf die Heiltumskammer und den Hauptal‐ tar. In beiden Fällen erfolgt die Raumkonstitution nicht synthetisch über die Vermittlung eines Gesamteindruckes, sondern analytisch über die Aufzählung der dort befindlichen Gegenstände, d. h. über Inventarlisten (so wie in Oviedo). In der Heiltumskammer, der Trésorerie, deren Position im Kirchengrundriss unbestimmt bleibt, bei der es sich aber zweifellos um dieselbe Kapelle rechts hinter dem Hauptaltar handelt, die bereits Jean de Tournai und die beiden anonymen Florentiner bezeugen, hebt Antoine drei Reliquien besonders heraus: das Haupt des hl. Jakobus des Jüngeren (le cief de sainct Jacques Mineur), das auch in anderen Quellen der Epoche stets erwähnt wird, einen Dorn von Christi Dornenkrone (une espine de la corone) und ein Lignum Crucis (une pièce de la croix de nostre Saulveur) 954 . Heiltumslisten wie diese, die freilich noch ziemlich rudimentär erscheint, finden sich häufig in den Aufzeichnungen vormoderner Jakobspilger; im diachronen Vergleich lässt sich erkennen, wie sie mit der Zeit immer umfangreicher und detaillierter werden, ja mitunter gar das Ausmaß seitenlanger Kataloge annehmen, so etwa bei Gian Lorenzo Buonafede Vanti und Guillaume Manier 955 . Während Antoine der Reliquienschau, wie auch zuvor der Besichtigung der Emporen und des Glockenturms, nur wenige Zeilen widmet, bedenkt er den Hauptaltar(raum) mit einer im Vergleich äußerst genauen Beschreibung: Der Altar sei tout couvert de plattes d’argent. Le tabernacle de dessus a, de hault, de XII à XIII pieds, et de large de X à XI, où sont aulcuns ymages d’argent. Dessus l’autel y a XIIII ymages d’argent dorés, donés par don Alware de Lune, jadis conestable de Castille, et une très-rice crois d’or ornée de pluseurs perles et pierres précieuses, contenant en elle une pièce de la croix de nostre Saulveur, donée par ung roy d’Escoche, et deux tours au chasteau que dona ung roy de Portingal, et une grande lampe d’argent pendante devant le corpz sainct, donée par ledit roy. Encoire en y pendent XII aultres lampes, de don du roy de France Loys XI e , et X aultres donées par divers signeurs. […] A l’entrée du grandt autel, y a ung sainct Jacques d’argent, hault de quatre à chincq pieds; sur la porte du coer, ung crucefix et Nostre-Dame et sainct Jehan Evangéliste, doubles à deux costés, et d’argent 956 . Vermittels einer langen Aufzählung von Objekten - liturgischem Gerät und Devotionalien, aber auch besonderen Heiltümern wie einem perlen- und edel‐ steinbesetzten goldenen Kreuz, das ein Lignum Crucis enthält - schildert Antoine den Altarraum bis in kleinste Einzelheiten, vermerkt dabei sogar 260 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="261"?> 957 Vgl. R U C Q U O I , Mille fois (wie Anm.-15), S.-343f. 958 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-254-256. 959 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-162. 960 Das auf das 12. Jahrhundert zurückgehende Messingkreuz ist auch als Cruz dos Farrapos, „Lumpenkreuz“, bekannt, weil es das Becken bekrönte, in dem neuangekommene Pilger im Mittelalter ihre alte Kleidung verbrannten, bevor sie die Kathedrale betraten. Vgl. P É R I C A R D -M É A (Hg.), Récits (wie Anm.-581), S.-180, Anm.-45. - Vor Antoine de Lalaing wird es bereits von einigen nicht-romanischen Pilger-Autoren erwähnt, erstmals wohl von dem Augsburger Patrizier Sebastian Ilsung, der 1446 in Compostela war: Und mag eider man gan uf der kirchen zuo abergost, da stat ain kricz, ist von himell her ab komenn. Zitiert nach der Edition in H O N E M A N N , Sebastian Ilsung (wie Anm.-176), S.-90. genaue Mengen- und Maßangaben und bestimmt zum Teil auch die verarbei‐ teten kostbaren Stoffe: Gold, Silber, Perlen und Edelsteine 957 . Antoine ist der erste romanische Berichtautor, der (so detailreich) die ästhetisch-materielle Opulenz des Altarraumes herausstellt. Im Gegensatz zu seinen wohl frommer gesinnten Vorgängern scheint er dieses symbolische Zentrum des locus sanctus vornehmlich als einen Ort der ostentatio, der Prachtentfaltung wahrgenommen zu haben. Parallelen ließen sich allenfalls zum Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi ziehen: Hier wie dort wird der Bereich um das corpus apostolicum durch eine äußerst genaue Beschreibung, die selbst einzelne Elemente der artistischen Gestaltung und scheinbar unbedeutende Altargegenstände (wie in beiden Fällen die Altarlampen) berücksichtigt, besonders gewürdigt und durch die Hervorhe‐ bung der dort zahlreich verarbeiteten kostbaren Stoffe mit einer besonderen Sinnlichkeit versehen; hier wie dort also lässt sich in der eingehenden Darstel‐ lung der Kathedrale eine zusätzliche Verdichtung oder Intensivierung zum Hauptaltar hin beobachten, der zudem in beiden Fällen klimaktisch in Endstel‐ lung gebracht ist 958 . Ein Unterschied liegt aber zweifelsohne in der Funktion der Beschreibung: Während die genau wiedergegebene ästhetisch-materielle Schönheit im Liber Sancti Jacobi - wie in Kapitel 2.5 argumentiert wurde - einem bestimmten darstellerischen Zweck dient, nämlich die Heiligkeit des Ortes kenntlich bzw. gleichsam sinnlich erfahrbar zu machen, scheint sie bei Antoine ihren Zweck vielmehr in sich selbst zu haben. Die Prachtfülle als solche erschien ihm offenbar beschreibenswert. Mit gleichem Detailreichtum stellt er daher beispielsweise auch das opulente Innere des gräflichen Stammhauses in Benavente dar, obwohl es sich nicht um ein sakrales Gebäude handelt 959 . In diesem Zusammenhang bezeugt Antoine auch als erster romanischer Berichtautor das noch heute existierende Messingkreuz (Cruz dos Farrapos) auf dem Dach der Kathedrale direkt über dem Hauptaltar (Abb. 8), das er für das einstige Predigtkreuz des Apostels - d. h. für eine Sekundärreliquie - hält 960 , 4.1 Antoine de Lalaing (1502) 261 <?page no="262"?> 961 Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 159. - Von der aperta und der coronatio peregrino‐ rum, wie im vorigen Kapitel bei Jean de Tournai, ist bei ihm indes nicht die Rede. 962 Lassota von Steblau, Tagebuch (wie Anm. 167), S. 57f., vermerkt: Unter dem Creuz ist ein Loch in einen Quadratstain gehauen, dardurch pflegen die Pilgram zu schliefen [d.-h. schlüpfen]; Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 204: Sopra alla cupola dell’altar maggiore, sopra il medesimo tetto, vi è una croce di marmo fatta in forma di giglio, tutta traforata, in mezo della quale vi è un gran buco per il quale passano li pellegrini, dicendo il volgo che quelli che sono in peccato mortale non vi possono passare; Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 91: E da quì sopra medemo mi portai à vedere un’altra meraviglia assai miracolosa, che vien ad’esser giusto sopra della Cupola della Cappella maggiore, doue giace il Corpo di S. Giacomo, in doue v’è un gran pezzo di marmo con’un buco in mezzo di grandezza quanto ci puol passare un’Vomo, e deuono passare quasi tutti i Peregrini, perche li Confessori ve lo danno per penitenza di passar, e ripassar per detto marmo forato che dicono che si guadagnano moltissime Indulgenze, e dicono ancora, che quando uno non è ben Confessato di non esser stato degno di guadagnare il merito del Santo Viaggio di questo Santissmo: Santuario non ci puole passare à causa che siccome il buco è grande, si fà molto picciolo, però non vi è persona che si ricordasse di esser successo tal caso à perosna veruna; bensì che lo dicano li proprij Confessori. Schließlich findet sich auch ein Beleg in Bacci, Relazione (wie Anm. 190), S. 146: passassimo di sopra ai tetti nel Campanile, dove passassimo sotto la Croce di S. Iago. Questa sarà da due braccia, e mezzo, ed è di metallo della grossezza di un dito: questa è situata sopra una pietra, dove vi è una buca dalla quale si passa tre volte per devozione. wie auch das dort praktizierte volksfromme Pilgerritual: La croix de laiton que sainct Jacques, prenchant, tenoit, est au hault de l’église. Desoubz y a ung pertrus concave, où passent pluseurs pellerins, et disent (ne sçay qu’il en est) que ung home en peccié mortel n’y puet passer hault 961 . Dieses Ritual blieb wohl noch bis weit ins 18. Jahrhundert hinein durchgehend lebendig. So schildern auch beispielsweise Erich Lassota von Steblau (1581), Domenico Laffi (1673) und noch Nicola Albani (1743/ 1745), obgleich mit gewissen Ergänzungen und Variationen, wie die Pilger einer nach dem anderen durch die mirakulöse Öffnung im Sockelstein des Kreuzes hindurchschlüpften, um ihre Tugend zu beweisen oder - wie man dann bei den Autoren des 18.-Jahrhunderts liest - um Ablässe zu erwerben 962 . 262 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="263"?> 963 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-158-160. Abb. 8: ‚Lumpenkreuz‘ (Cruz dos Farrapos) auf dem Dach der Kathedrale von Santiago de Compostela. Im Ganzen wird Compostela wiederum auf den religiösen Aspekt verkürzt, namentlich auf Beschaffenheit und Heiltumsbesitz der Kathedrale, und aus der eingehenden Darstellung spricht durchaus christliche Frömmigkeit: Antoine notiert die Teilnahme an der Heiligen Messe, bietet eine kurze Reliquienliste, beschreibt die Pracht des Hochaltars, gibt einen Mirakelbericht wieder, nennt zudem Einzelheiten über das Leben des hl. Jakobus und verweist am Kapitel‐ ausgang sogar auf die Bibel (auf Kapitel 13 des Buches Daniel, das von der Rettung der Susanna durch den Propheten Daniel erzählt) 963 . Sieht man einmal von Oviedo ab, das, wie gezeigt, ebenfalls eindimensional religiös semantisiert ist, unterscheidet sich Compostela dadurch von sämtlichen anderen verzeich‐ neten Orten. Gleichwohl wirken auch hier säkulare Interessen deutlich in die Raumperzeption hinein; so hebt Antoine etwa in seiner Aufzählung der Altargegenstände jeweils deren illustre Stifter hervor: 4.1 Antoine de Lalaing (1502) 263 <?page no="264"?> 964 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-159. 965 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-158. 966 Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 158. - Arthur Tudor starb kurz nach der Eheschlie‐ ßung noch im selben Jahr 1502, woraufhin Katharina mit seinem Bruder, dem späteren König Heinrich VIII. von England, vermählt wurde. 967 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-158. Dessus l’autel y a XIIII ymages d’argent dorés, donés par don Alware de Lune [um 1390-1453], jadis conestable de Castille [und Großmeister des Santiagoordens], et une très-rice croix d’or ornée de pluseurs perles et pierres précieuses, contenant en elle une pièce de la croix de nostre Saulveur, donée par ung roy d’Escoche, et deux tours au chasteau que dona ung roy de Portingal, et une grande lampe d’argent pendante devant le corpz sainct, donée par ledit roy. Encoire en y pendent XII aultres lampes, de don du roy de France Loys XI e [1461-1483], et X aultres donées par divers signeurs 964 . Gleiches ließ sich bereits bei den Glocken der Torre do Rei de Francia beobach‐ ten 965 . So wie der Höfling in der Kirche des hl. Isidor in León nicht etwa den Reliquienschrein des kanonisierten Kirchenlehrers, sondern die Königsgräber in den Fokus stellt, so geht er in der Kathedrale von Compostela zwar - kurz - auf die Apostelgebeine und das Inventar der Heiltumskammer ein, zählt weit ausführlicher und detaillierter aber adlige Donationen auf, kostbare Altargegenstände, durch die sich Könige und andere hohe Herren an diesem heiligen Ort verewigten. Unverkennbar wird die Jakobskirche hier mit den Augen eines jungen ‚Weltmannes‘ wahrgenommen. Bezeichnend dafür ist auch etwa, dass er das sakrale Gebäude mit profanen Befestigungsbauten wie einem Donjon oder einer Burg vergleicht (es sei en forme d’un gros dongon ou chasteau gebaut) und dass er den am Kapiteleingang erwähnten Erzbischof Alonso II. de Fonseca zuallererst mit seinem politisch-weltlichen Handeln assoziiert: Er sei nouvellement retourné d’Engleterre, où il avoit menet la fille du roy d’Espaigne [Katharina von Aragonien] au prince de Galle [Arthur Tudor] 966 . Getrübt oder kontaminiert wird die Wahrnehmung des locus sanctus zudem, wie schon in manch früherem Bericht, durch Zweifel und Skepsis indizierende Elemente. Zwar zweifelt Antoine nicht explizit an der Gegenwart des Apostel‐ leichnams; auch das Strafwunder, das sich in der Krypta zugetragen haben soll, gibt er kommentarlos - wie einen Tatsachenbericht - wieder, und, so unwahrscheinlich ihm dies hätte vorkommen müssen, schreibt er, er habe im oberen Stock der Kirche le logis besichtigt, où sainct Jacques habitoit 967 . Anderes stellt er jedoch subtil in Frage: Die wundersame Öffnung unterhalb des Messingkreuzes auf dem Dach der Kathedrale kommentiert er in Parenthese mit den zweifelnden Worten ne sçay qu’il en est 968 . Ebenso macht er, namentlich 264 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="265"?> 968 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-159. 969 Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 159. - In Oviedo hebt Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 157, H. d. V., beispielsweise une croix d’or garnie de rices pierries, faicte, come on dit, des angels heraus sowie ung crucefix que fist Nycodème, qui, comme on famme, faict miracles. 970 Bekanntlich standen die Reformatoren der Reliquienverehrung und dem volksfrommen Wunderglauben äußerst skeptisch gegenüber. Vgl. z. B. Vicente A L M A ZÁ N , Lutero y Santiago de Compostela, in: Compostellanum 32/ 3-4 (1987), S.-533-559. 971 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-160. 972 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-160. 973 P É R I C A R D -M É A (Hg.), Récits (wie Anm. 581), S. 183, Anm. 49, bestätigt: „C’est la seul [sic! ] fois où un auteur mentionne les cérémonies spéciales aux années jubilaires.“ Dies bezieht sich freilich nur auf die Praxis der alle wichtigen Kirchen und Klöster einbeziehenden Stadtprozession, denn die Heiligjahrfeierlichkeiten im Allgemeinen werden auch von anderen Autoren erwähnt, so bereits im nächsten Kapitel von Jan Taccoen van Zillebeke oder dann von Gian Lorenzo Buonafede Vanti und Nicola Albani. - Der Festtag des hl. Jakobus fällt in einem Rhythmus von wechselnd sechs, fünf, sechs und elf Jahren auf einen Sonntag, sodass in jedem Jahrhundert insgesamt vierzehn Jubeljahre gefeiert werden. Eine Ausnahme von dieser Regel ergibt sich jeweils nur an einer Jahrhundertwende, wenn das letzte Jahr eines Jahrhunderts kein Schaltjahr ist; dann dauert es einmal sieben oder zwölf Jahre bis zum nächsten Heiligen Jahr. - Urkundlich legitimiert ist die Begehung der Heiligen Jahre in Compostela durch die Bulle Regis aeterni, die angeblich am 25. Juni 1179 von Papst Alexander III. (1159-1181) wenn er sich auf solche Elemente des Wunderbaren bezieht, seine Unsicherheit durch Markierungen der indirekten Rede wie disent que, come on dit, comme on famme etc. kenntlich (so auch in der Beschreibung von San Salvador de Oviedo) 969 . Das in all diesen vorsichtigen Distanzierungen zum Ausdruck kommende Unbehagen richtet sich nicht auf den Glauben an sich, sondern auf eine naiv-materialistische, mittelalterliche Glaubenspraxis: ein angeblich von Engeln geschnitztes Kruzifix in Oviedo, eine Öffnung, die Sündern den Durchgang verweigere, in Compostela … Sie sind nicht als Symptome des Glaubensverlusts zu interpretieren, sondern eher als Indizien sich wandelnder Glaubensvorstellungen im Vorfelde der Reformationsbewegung 970 . Nachdem der Fokus der Beschreibung zunächst ganz auf dem locus sanctus liegt, tritt in den letzten Zeilen des Kapitels eine Weitung auf die übrige Stadt ein, wobei jedoch wie in allen bisherigen Zeugnissen ausschließlich die sakralen Orte beleuchtet werden 971 : A l’entour de celle cité sont situés XII, que monastères que églises, là où les pellerins, à la jubilée, font leurs stations. En l’une d’elles gist le corpz saincte Susanne, gardée de mort par le prophète Daniel, come on list au XIII e de Daniel 972 . Liturgiehistorisch interessant ist der Hinweis auf die Heiligjahrzeremonien, deren Ursprünge in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts oder vielleicht - wie Adeline Rucquoi mit guten Argumenten annimmt - bereits in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts liegen 973 . Antoine 4.1 Antoine de Lalaing (1502) 265 <?page no="266"?> ausgestellt wurde. Der Text ist in zwei wohl um das Heilige Jahr 1557 entstandenen Exemplaren erhalten, die gegenwärtig beide im Archiv der Kathedrale von Compostela verwahrt werden. Darin wird das im Ursprung angeblich von Calixt II. (1119-1124) 1120 durch die Bulle Omnipotentis dispositione verliehene Privileg bestätigt, nach dem jedem Pilger, der in einem Heiligen Jahr das Grab des Apostels Jakobus aufsuche, eine indulgentia plenaria, ein vollkommener Erlass aller zeitlichen Bußstrafen gewährt werden solle - wenn diese Angabe richtig wäre, müsste ein Heiliges Jahr in Compostela erstmals 1126 begangen worden sein. Ohne Zweifel aber handelt es sich bei der Alexan‐ derbulle um eine Fälschung, erkennbar nicht zuletzt daran, dass sich Pseudo-Alexander kurioserweise auf das Vorbild des römischen Heiligjahrablasses bezieht, der erst 1300 von Bonifatius VIII. (1294-1303) eingeführt wurde - Alexander III. hatte 1179 davon noch nichts wissen können. Sicher nachweisbar ist die Heiligjahrpraxis in Compostela tatsächlich erst ab dem 15. Jahrhundert. Vgl. L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 4 (wie Anm. 54), S. 328-330; V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 151f.; Juan P É R E Z M I L L Á N , Cronología del Año Santo Compostelano, in: Compostela 12 (1948), S.-17-19; Bernhard S C H I M M E L P F E N N I G , Die Anfänge des Heiligen Jahres von Santiago de Compostela im Mittelalter, in: Journal of Medieval History 4 (1978), S. 285-303; José I. C A R R O O T E R O , El Año Santo. Su significado religioso-eclesial, in: El Apóstol Santiago y su proyección en la Historia. 10 temas didácticos, Santiago de Compostela 1993, S. 59-66; R U C Q U O I , Los Años Santos (wie Anm. 611), insb. S. 49f. - R U C Q U O I , Los Años Santos (wie Anm. 611), S. 42-44, hält es allerdings für wahrscheinlich, dass erstmals 1372 ein Heiliges Jahr in Compostela begangen wurde; von da an lasse sich nämlich für alle Jahre, in denen der Jakobustag auf einen Sonntag fällt, ein deutlicher Anstieg an ausgestellten Geleitbriefen für die Pilgerfahrt nach Compostela und Lizenzen der englischen Krone für Schiffsüberfahrten nach Galicien konstatieren. - In der mittelalterlichen bis frühneuzeitlichen Berichtliteratur findet sich der wohl früheste Beleg für die Institution des Heiligen Compostelanischen Jahres in den Aufzeichnungen des 1456 nach Compostela pilgernden englischen Geistlichen William Wey, der in seinen Itineraries (wie Anm. 626), S. 160, Calixt II., den angeblichen Kompilator des Liber Sancti Jacobi, als Urheber angibt: Item Calixtus papa concessit quod quando acciditur festum sancti Jacobi die Dominica, quod in toto illo anno ibi concurrentes in peregrinacione vere penitentes et confessi sunt absoluti a pena et a culpa. 974 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-251. bezeugt nämlich, und zwar als einziger Berichtautor überhaupt, dass die Pilger in Heiligen Jahren (die in Compostela immer dann begangen werden, wenn der 25. Juli, der Festtag des hl. Jakobus, auf einen Sonntag fällt) die zwölf Klöster und Kirchen der Stadt in Prozession abliefen, die er nicht mit Namen nennt, von denen eine aber, wie er hervorhebt, die Gebeine der hl. Susanna besitze: die Igrexa de Santa Susana, südwestlich extra muros gelegen, im heutigen Parque da Alameda. In wesentlichen Grundzügen erinnert die Stadtdarstellung bei Antoine an die in Kapitel 2.3 bis 2.6 untersuchte descriptio urbis im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi, die Compostela in ähnlicher Weise als kreisförmige Anordnung von - allerdings zehn - Kirchen beschreibt, in deren Mitte sich als erste und wichtigste von allen die Kathedrale erhebt 974 . Auf die (ihrer biblischen 266 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="267"?> 975 Dies scheint mir jedenfalls die plausibelste Erklärung zu sein. - P É R I C A R D -M É A (Hg.), Récits (wie Anm. 581), S. 183, Anm. 49, hingegen glaubt, Antoine habe die Benedikti‐ nerklöster San Paio de Antealtares (östlich der Kathedrale) und San Martiño Pinario (nördlich der Kathedrale) hinzugezählt. Doch beide werden auch schon im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi genannt: [ecclesia] Sancti Martini episcopi que dicitur de Piniario, que etiam monachorum est abbacia und [ecclesia] Sancti Pelagii martiris, que est retro Beati Iacobi basilicam. Liber (wie Anm.-25), S.-251. 976 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-158-160. 977 Auf fol. 71 r und 72 r seiner Reisenotizen gibt Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 43, für den 23. September 1514 an, sechzig Jahre alt zu sein: estoye viez de LX ans, und: avoye LX ans. Sofern es sich hier nicht um ungefähre Angaben handelt, müsste er demzufolge im Jahr seiner Compostela-Reise 1512 bereits achtundfünfzigjährig gewesen sein. Vgl. auch Stijn M A N H A E G H E , Jan Taccoen van Zillebeke ( Jehan de Zeilbeke) and his Livre de Voeiages: A Survey, in: Lisboa em 1514. O relato de Jan Taccoen van Zillebeke, hg. von Jorge F O N S E C A , Ribeir-o 2014, S. 77-90, hier S. 77, 79; Jorge F O N S E C A , Os Portugueses de Quinhentos vistos pelo Flamengo Jan Taccoen de Zillebeke, in: Portugal e a Europa nos séculos XV e XVI. Olhares, relações, identidade(s), hg. von Paulo C A T A R I N O L O P E S , Symbolik wegen möglicherweise auch nicht ganz willkürliche) Zahl Zwölf kommt Antoine wahrscheinlich, indem er die Klöster San Francisco do Val de Deus (nördlich der Stadt vor der Porta de San Martiño) und San Domingos de Bonaval (nordöstlich der Stadt vor der Porta do Camiño) hinzurechnet, deren Gründung erst zu Beginn des 13. Jahrhunderts erfolgte, nach der Abfassungszeit des Liber Sancti Jacobi 975 . Auch bei ihm lässt sich jedoch, wie bei Jean de Tournai, eine Invertierung der Darstellungsrichtung erkennen: Während die descriptio urbis im Pilgerführer von außen nach innen verläuft, zunächst die natürliche Umgebung, die Mauern und die Sakralbauten der Stadt vage umreißt und dann, immer weiter zur Mitte strebend, die Gestaltung der Kathedrale genauestens wiedergibt, steht bei Antoine, entsprechend seinem persönlichen Erleben und Handeln vor Ort, andersherum die detailreich geschilderte Jakobskirche am Anfang und der nur schematisch beschriebene übrige Stadtraum am Schluss. Innerhalb der Kathedrale verfährt er hingegen eher parallel zum Liber Sancti Jacobi, lässt er die Darstellung doch von vergleichsweise peripheren Orten wie den Räumlichkeiten im oberen Stock und einem der Glockentürme über die Heiltumskammer schließlich auf den Hauptaltar als bewusst inszenierten Höhepunkt im symbolischen Zentrum des Gebäudes zulaufen, den er, wie gezeigt, gleichfalls mit merklich gesteigerter Detaildichte beschreibt 976 . 4.2 Jan Taccoen van Zillebeke (1512) Nach Jean de Tournai und Antoine de Lalaing soll noch ein weiterer Pilger aus dem flämischen Raum zu Wort kommen: Der wohl um 1454 977 geborene 4.2 Jan Taccoen van Zillebeke (1512) 267 <?page no="268"?> Lissabon 2019, S.-175-191, hier S.-177. 978 Als Wohnsitz diente Jan wohl sein Stadtpalais in Comines. Dies lässt sich einerseits dem zweisprachigen Zusatz auf dem Titelblatt seines Reisebuches entnehmen: demorant à Comines, wonende te Comine. Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 45. Andererseits legt dies auch die Tatsache nahe, dass er dort ab 1511 das Amt des grand bailli bekleidete und dass drei seiner vier Reisen dort begannen; nur die erste hatte Zillebeke zum Ausgangs- und Endpunkt. Vgl. P A R A V I C I N I (Hg.), Europäische Reiseberichte 3 (wie Anm. 160), S. 155; Jean-Sébastien D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (1511), in: Récits de pèlerins de Compostelle. Neuf pèlerins racontent leur voyage à Compostelle (1414-1531), hg. von Denise P É R I C A R D -M É A , Cahors 2011, S.-193-197, hier S.-194f.; M A N H A E G H E , Jan Taccoen van Zillebeke (wie Anm. 977), S. 80; R U C Q U O I et al. (Hg.), Le voyage (wie Anm. 152), S. 355. - Ferner ist über Jans Leben Folgendes bekannt: Er war zweimal verheiratet; nachdem seine erste Frau, Marie de Beaufremez, 1492 verstorben war, ging er 1493 eine zweite Ehe mit der ebenfalls verwitweten Catharina Liebaert ein. Vgl. M A N H A E G H E , Jan Taccoen van Zillebeke (wie Anm. 977), S. 79; F O N S E C A , Os Portugueses (wie Anm. 977), S. 177. Er hatte Kinder aus beiden Ehen, die zuweilen auch in seinen Reiseberichten auftauchen: Einer seiner Söhne, Pieter, war um 1510 wohl geschäftlich in Rom tätig und begleitete seinen Vater nach erneut fehlgeschlagener Jerusalemreise zurück nach Comines; ein anderer, Wulfaerd, war interessanterweise, wie Jan nur beiläufig erwähnt, in Compostela ansässig geworden: Et trois jours apriès nous partimez pour aller par mer a Vlesynghe pour aller envers Luchebone - cent lieuez de la Saint-Jaquez en Galisse, la ou je avoye demorant ung filz nommé Wulfaerd. Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 53. Was ihn dazu bewogen hatte und ob sein Vater ihn 1512 vielleicht sogar besuchte, bleibt fraglich; in jedem Falle aber trafen sie sich 1514 in Lissabon, wo der Pilger auf dem Weg ins Heilige Land einen längeren Halt einlegte. Vgl. Antoon V I A E N E , Vlaamse Jeruzalemvaarders in de bourgondische eeuw, in: Biekorf 65 (1964), S. 5-16, hier S. 14f.; D E R S ., Pelgrimshaven Nieuwpoort, in: Biekorf 73 (1972), S. 129-134, hier S. 130f., auch Anm. 5; D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (wie Anm. 978), S. 194f.; Margriet H O O G V L I E T , The Spiritual Road. European Networks and Pilgrim Travels from Northern France and the Low Countries to Rome, Venice, and Santiago (Late Fifteenth-Early Sixteenth Century), in: Networking Europe and New Communities of Interpretation (1400-1600), hg. von D E R S ./ Manuel Francisco F E R N Á N D E Z C H A V E S / Rafael Mauricio P É R E Z G A R C Í A , Turnhout 2023, S. 215-247, hier S. 230f. Jan starb hochbetagt am 22. Februar 1532 und wurde im Chor der Kollegiatskirche von Comines beigesetzt. Vgl. M A N H A E G H E , Jan Taccoen van Zillebeke (wie Anm. 977), S. 79; F O N S E C A , Os Portugueses (wie Anm. 977), S. 177. Sein Epitaph wird gegenwärtig in der Bibliothèque royale de Bruxelles verwahrt. Daraus geht nicht nur sein Todesdatum hervor, sondern auch diejenigen seiner beiden Frauen Marie de Beaufremez und Catharina Liebaert: Cy gist Jean de Zelebeke, escuyer, seigneur dudit lieu, de Baenlaghe et Langerbant et de Cessoye, en son temps gran bailly de Commines, qui trespassa le 22 février 1531 et mademoiselle Marie de Beaufremez, femme et espouse dudit Jean, qui fina le 4 e jour de mars 1511. / Cy gist madamoiselle Catharine Jan Taccoen, Herr von Zillebeke (bei Ypern), Fresnoy (wohl Fresnoy-en-Gohelle zwischen Douai und Arras), Cessoye (bei Attiches), Singelbaenst (bestehend aus den heutigen französischen Gemeinden Comines, Deûlémont und Warneton) sowie Herentaghe (bei Menen), unternahm zwischen 1500 und 1515 vier Pilger‐ reisen 978 . Nur die dritte, 1512, hatte das Grab des hl. Jakobus zum Ziel 979 ; die 268 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="269"?> Liebaert femme dudit Jean, qui fina … [unleserliche Stelle]. Priez pour leurs Ames. Zitiert nach: D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (wie Anm. 978), S. 195. Zu bedenken ist hier, dass das Jahr damals in Frankreich und den Niederlanden nach dem stilus Gallicus erst zu Ostern begann, dass nach heutiger Zählung also jeweils ein Jahr hinzuzurechnen ist. Somit war Jan, als er am 18. März 1512 nach Compostela aufbrach, gerade in Trauer um seine Frau Marie, die nur zwei Wochen zuvor, am 4. März 1512, verstorben war. In seinem Bericht ist davon seltsamerweise an keiner Stelle die Rede. Allerdings nimmt das Thema Ehe(bruch), wie Desmaret aufzeigt, einen besonderen Platz bei Jan ein, und oft geht er auch auf die einheimischen Frauen, ihr Aussehen, ihre Kleidung etc. ein. Vgl. D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (wie Anm.-978), S.-195f. 979 Vgl. Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 48-52. - Jan gibt in seinen Aufzeichnungen 1511 als Jahr der Reise an, was aber, wie in Anm. 978 bereits erklärt, nur daran liegt, dass das Jahr damals in Frankreich und den Niederlanden nach dem stilus Gallicus erst zu Ostern begann. In der Forschung führte dies bisweilen zu Verwirrung bei der Datierung, so z.-B. in P A R A V I C I N I (Hg.), Europäische Reiseberichte 3 (wie Anm.-160), S.-157. 980 Vgl. V I A E N E , Vlaamse Jeruzalemvaarders (wie Anm. 978), S. 15; M A N H A E G H E , Jan Taccoen van Zillebeke (wie Anm.-977), S.-80-82. ersten beiden, 1500 und 1509/ 1510, waren gescheiterte Heiliglandreisen, die jeweils in Italien ein vorzeitiges Ende nahmen, weil der damals von Venedig quasi-monopolistisch organisierte Reiseverkehr nach Palästina durch militärische Konflikte beeinträchtigt war 980 ; erst auf der vierten und letzten Reise, 4.2 Jan Taccoen van Zillebeke (1512) 269 <?page no="270"?> 981 Vgl. P A R A V I C I N I (Hg.), Europäische Reiseberichte 3 (wie Anm. 160), S. 158f.; D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (wie Anm.-978), S.-194; M A N H A E G H E , Jan Taccoen van Zillebeke (wie Anm. 977), S. 80, 82-84. - Statt erneut auf dem Landweg nach Venedig zu reisen, um von dort per Schiff nach Palästina zu gelangen, suchte der Flame, diese herkömmliche Route diesmal zu meiden: Stattdessen schiffte er sich bereits in Flandern, im Hafen von Vlissingen, ein und fuhr südwärts entlang der französischen und iberischen Westküste, sodann ostwärts durch die Straße von Gibraltar und weiter durch das Mittelmeer bis Jaffa. Diese Atlantikroute nach Jerusalem galt der Forschung lange Zeit als „ganz und gar untypisch“, so Falk E I S E R M A N N / Folker R E I C H E R T , Der wiederentdeckte Reisebericht des Hans von Sternberg, in: Der Jakobuskult in Sachsen, hg. von Klaus H E R B E R S / Enno B Ü N Z . Tübingen 2007, S. 219-248, hier S. 232. Hartmut Kühne weist indes nach, dass es sich durchaus um eine damals genutzte Route ins Heilige Land handelt bzw. dass es jedenfalls zu Jans Zeiten in den Niederlanden ernstzunehmende Bemühungen gab, diese Atlantikroute touristisch-kommerziell zu erschließen, um das damalige De-facto-Monopol Venedigs auf Heiliglandreisen zu durchbrechen. Vgl. Hartmut K Ü H N E , Zwischen Totschlag und Tourismus. Spuren von Wallfahrt und Pilgerschaft im mitteldeutschen Umfeld Luthers, in: Luthers Lebenswelten, hg. von Harald M E L L E R / Stefan R H E I N / Hans-Georg S T E P H A N , Halle (Saale) 2008, S. 377-387, hier S. 385. So bewirbt auf einem wohl 1513 erstellten Einblattdruck, der in der Bibliothek des Wittenberger Predigerseminars verwahrt wird, der Schiffseigner Dieterich Paeschen - der als Dierick Passin auch von Jan an einer Stelle seines Berichts erwähnt wird - die von ihm organisierte Schiffspilgerfahrt, die von Antwerpen über A Coruña ins Heilige Land und anschließend nach Rom und optional nach Südfrankreich führte. Vgl. auch Roger D E G R Y S E , De Palestinaschepen van Dierick van Paesschen (1511-1521) (met een bijvoegsel over: de buiskonvooiering in 1521), in: Mededelingen van de Marine Academie van België 23 (1975), S. 15-45; Jyri H A S E C K E R , Die Johanniter und die Wallfahrt nach Jerusalem (1480-1522), Göttingen 2008, S.-84f., 88. 982 Vgl. Chrétien D E H A I S N E S (Hg.), Catalogue général des manuscrits des bibliothèques publiques des départements 6, Paris 1878, S. 480-483. Vgl. ebenfalls G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm. 93), S. 399; P A R A V I C I N I (Hg.), Europäische Reisebe‐ richte 3 (wie Anm. 160), S. 155; D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (wie Anm. 978), S. 194; H O O G V L I E T , The Spiritual Road (wie Anm.-978), S.-218f. 983 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-45. 1514/ 1515, sollte er das langersehnte Jerusalem endlich erreichen und sich in der Grabeskirche zum Ritter schlagen lassen 981 . Alle vier Reisen finden sich umfänglich dokumentiert in einer wohl autogra‐ phen Handschrift, die in der Bibliothèque municipale de Douai (Signatur: ms 793) verwahrt wird 982 . Es handelt sich um einen 96 Papierfolia umfassenden Quartanten (23 x 15 cm) mit Pergamenteinband, auf dessen Titelblatt der folgende Eigentumshinweis vermerkt ist: Che livre de voeiages aperteint a messire Jehan de Zeilbeke, chevalier de Jhérusalem demeurant à Comines wonende te Comine 983 . Das Buch ist in sieben Abschnitte gegliedert: Den vier Reiseberichten ist ein Itinerar für eine Romfahrt vorangestellt; im Schlussteil finden sich ein Itinerar für eine Jerusalemfahrt (auf dem Landweg) sowie zahlreiche praktische und moralische Ratschläge an zukünftige Pilger 984 . Dabei nimmt der Bericht über 270 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="271"?> 984 Vgl. D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (wie Anm. 978), S. 194; M A N H A E G H E , Jan Taccoen van Zillebeke (wie Anm.-977), S.-84; R U C Q U O I et-al. (Hg.), Le voyage (wie Anm.-152), S.-355. 985 Auf fol. 35, am Anfang des Berichts über seine dritte Jerusalemreise 1514/ 1515, schildert Jan anschließend die Seefahrt entlang der iberischen Westküste und geht dabei auch auf die Kultorte in Muxía und Finisterre ein, die im Bericht über seine Compostelareise 1512 unerwähnt bleiben. Vgl. R U C Q U O I et-al. (Hg.), Le voyage (wie Anm.-152), S.-355. 986 Vgl. M A N H A E G H E , Jan Taccoen van Zillebeke (wie Anm. 977), S. 85; H O O G V L I E T , The Spiritual Road (wie Anm. 978), S. 219; R U C Q U O I et al. (Hg.), Le voyage (wie Anm. 152), S.-355. 987 Vgl. z. B. P A R A V I C I N I (Hg.), Europäische Reiseberichte 3 (wie Anm. 160), S. 155: „frz. Übers. der im Original nld. Hs. des verlorenen Reisetagebuches des Jan Taccoen, die dieser wahrscheinl. selbst veranlaßte (vg. Viaene, Antoon: „Vlaamse Jeruzalemvaarders in de bourgondische eeuw“, in: Biekorf 65, 1964, S. 5-16, hier S. 16 […])“; R U C Q U O I et-al. (Hg.), Le voyage (wie Anm. 152), S. 355: „Écrit par un clerc sous la dictée de Jehan de Zeilbeke“. 988 Das vollständige Kolophon lautet: Touz ceulx qui mon livre liront, et me simplesse atendront, il covient qu’il me pardonent pour cause que ne suy point clerc, ne endotryné pour faire livrez, ne mettre en ordre comme il apartient. Et moy qui suy flamen, et en faisant mon voyage le mis tout en flaman en franchoys, qui m’estoit paine et rompement de teste. Il est mal espelys et ale foys faly, mez puy que je le enten, je suy conten. Amen. Zitiert nach: D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (wie Anm.-978), S.-194. die 1512 unternommene Reise nach Compostela mit den Folia 31 v bis 34 v nur ei‐ nen relativ kleinen Raum ein 985 . Im Unterschied zu manch früheren Zeugnissen, die die höher geschätzte Jerusalemfahrt, obschon erst später absolviert, bewusst an der Textspitze platzieren (siehe Kapitel 3.2), weisen hier sowohl das Buch als Ganzes wie auch die einzelnen Berichte eine streng chronologische Struktur auf. Wie aus dem Kolophon hervorgeht, basiert das uns überlieferte Manuskript auf Notizen, die Jan während seiner vier Reisen jeweils erstellt hatte, und zwar zunächst auf Flämisch bzw. Mittelniederländisch; erst nach seiner vierten und letzten Reise 1514/ 1515 - nachdem er das Heilige Land endlich erreicht hatte - entschloss er sich, alles ins prestigereichere Französische zu übertragen; die Texte liegen somit auf Mittelfranzösisch vor, wenn auch mit deutlichen picardischen und flämischen Interferenzen 986 . In der Forschung (z. B. bei Viaene, Paravicini und Rucquoi) liest man bisweilen, dass Jan die Übersetzung nicht selbst anfertigte, sondern nur in Auftrag gab, naheliegenderweise bei einem gebildeten Kleriker 987 - von einem solchen ließen sich schließlich auch andere Pilger von Stand wie etwa der in Kapitel 3.2 behandelte Nompar II. de Caumont bei der Schlussbearbeitung ihrer Berichte behilflich sein. Eindeutig gegen diese Annahme spricht jedoch, dass Jan im Kolophon seines Buches offen zugibt, wie ihm das Übersetzen ins Französische große Mühe, paine et rompement de teste, bereitet habe und dass sein Text, pour cause que ne suy point clerc, ne endotryné pour faire livrez, sicher voller Fehler, mal espelys et ale foys faly, sei 988 . 4.2 Jan Taccoen van Zillebeke (1512) 271 <?page no="272"?> 989 Zitiert nach: D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (wie Anm.-978), S.-194. 990 Zitiert nach: H O O G V L I E T , The Spiritual Road (wie Anm.-978), S.-237. 991 Vgl. D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (wie Anm. 978), S. 194; M A N H A E G H E , Jan Taccoen van Zillebeke (wie Anm.-977), S.-84; R U C Q U O I et-al. (Hg.), Le voyage (wie Anm.-152), S.-355. 992 Vgl. F O N S E C A , Os Portugueses (wie Anm. 977), S. 176: „O objetivo desse relato de viagem era, como sempre acontecia em casos semelhantes, o de deixar à posteridade o testemunho da sua trabalhosa, arriscada e certamente dispendiosa peregrinaç-o aos Santos Lugares do Cristianismo.“ Vgl. auch H O O G V L I E T , The Spiritual Road (wie Anm.-978), S.-240. Er reklamiert folglich nicht nur die Autorschaft, sondern auch die Übersetzung und eigenhändige Niederschrift des Textes für sich. Wie so oft in den bisherigen Zeugnissen findet sich auch hier das zugrunde‐ liegende Schreibmotiv des Autors nirgends explizit thematisiert. Aus diversen Hinweisen lässt sich gleichwohl schließen, dass auch Jan zweifellos daran gelegen war, eine Reisehilfe für zukünftige Pilger zu bieten. Im gerade ange‐ sprochenen Kolophon bekundet er zwar angesichts der Fehlerhaftigkeit seines ins Französische übertragenen Textes, es komme ihm nur darauf an, dass er selbst sie bei einer späteren Lektüre noch verstehen könne: puy que je le enten, je suy content, allerdings ist darin vermutlich eher ein rhetorischer Griff, eine humorvolle Bescheidenheitsgeste zu erkennen 989 . Denn andererseits vermerkt er gleich auf dem ersten Folium, neben dem zitierten Eigentumshin‐ weis, dass das folgende Romitinerar andere Pilger über den von ihm (auf seiner ersten Reise) genommenen Weg unterrichten solle: Es handele sich demnach um einen Memoire pour auertir touz pelerinz qui veullent aller a Rome pour prendre leur chemin comme nous lauez 990 . Ferner sind im Schlussteil der Handschrift, wie bereits erwähnt, zahlreiche Ratschläge versammelt, die ebenfalls zukünftige Pilger zu Adressaten haben 991 . Und auch der Umstand, dass Jan seine Aufzeichnungen mühevoll aus seinem muttersprachlichen Flämisch in eine Fremd- oder Zweitsprache übertrug, deutet offenkundig darauf hin, dass sie nicht ausschließlich für den Eigengebrauch bestimmt waren. Neben der Instruktion zukünftiger Pilger dürfte zudem, wie Jorge Fonseca annimmt, auch Selbstdarstellung ein zentrales Motiv gewesen sein: Sicher wollte Jan seine vier Pilgerreisen, die mit nicht geringen Mühen, Wagnissen und Kosten verbunden waren und besondere persönliche Verdienste darstellen, durch seinen Livre de Voeiages für die Nachwelt dokumentiert wissen und dabei ein möglichst günstiges Bild seiner Person hinterlassen; ob im Gebet, beim Besuch der loca sancta, bei der Teilnahme an religiösen Zeremonien oder beim Ritterschlag in der Grabeskirche, immer wieder setzt er sich selbst als Beispiel an christlicher Tugend und als nachahmenswertes Vorbild positiv in Szene 992 . 272 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="273"?> 993 Vgl. Franz Joseph M O N E , Reisen einiger Niederländer durch Teutschland im 15ten Jahrhundert, in: Anzeiger für Kunde der teutschen Vorzeit 4 (1835), Sp. 273-282, hier Sp. 275f.; Jules de S A I N T -G E N O I S , Les voyageurs belges du XIII e au XVII e siècle 1, Brüssel 1846, S. 39f.; Martin D A V I D , Jean de Zillebeke, grand bailli de Comines, pèlerin de Compostelle, in: Bulletin des Facultés catholiques de Lille NF (1945), S. 26-36; Jan Taccoen van Zillebeke, Livre de voeiages de Jan Taccoen van Zillebeke, hg. von Stijn M A N H A E G H E , in: Lisboa em 1514. O relato de Jan Taccoen van Zillebeke, hg. von Jorge F O N S E C A , Ribeir-o 2014, S.-115-122. 994 Marie-Josèphe A N T O I N E , Les quatre voyages de Jean de Zillebeke 1500-1515 (B.M. Douai 793). Texte et commentaire [unv. Typoskript], 3 Bde., Tours 1984; Stijn M A N H A E G H E , De Jeruzalemreis (1514-1515) en de Raadgevingen uit het „Livre de Voeiages“ van Jan Taccoen van Zillebeke. Uitgave, vertaling en becommentariering [unv. Typoskript], 3-Bde., Leuven 1994; Jean-Sébastien D E S M A R E T , Voyage de messire Jehan de Zeilbeke à Jérusalem (1513-1514) [unv. Typoskript], Villeneuve d’Ascq (Lille) 2002. - M A N H A E G H E bezieht sich in seiner Thesis nur auf Jans vierte und letzte Reise, will aber 1992 bereits eine vollständige Transkription der Handschrift erstellt haben; vgl. dazu seine Erläuterungen in M A N H A E G H E , Jan Taccoen van Zillebeke (wie Anm. 977), S. 89, Anm. 29. - Desmaret bezieht sich ebenfalls auf Jans vierte und letzte Reise, die er mit 1513/ 1514 übrigens nicht korrekt datiert; er hat in diesem Rahmen aber wohl auch eine vollständige Transkription der Handschrift erstellt; vgl. D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (wie Anm. 978), S. 193: „Cette introduction est rédigée par Jean-Sébastien Desmaret qui, en 2002, a effectué pour la première fois [sic! ] la transcription intégrale des voyages à Jérusalem et à Compostelle de Jean de Zeilbeke dans un mémoire de maîtrise, sous la direction de Bernard Delmaire, professeur d’histoire médiévale à l’université de Lille III.“ Dass es sich dabei um die erste vollständige Transkription der Handschrift handele, ist angesichts der vorstehenden Angaben wohl unzutreffend. 995 Vgl. Jan Taccoen van Zillebeke, 3 e voyage. Le voyage à Compostelle, in: Récits de pè‐ lerins de Compostelle. Neuf pèlerins racontent leur voyage à Compostelle (1414-1531), hg. von Denise P É R I C A R D -M É A , Cahors 2011, S.-197-230. 996 Die hier verwendete Textbasis: Jan Taccoen van Zillebeke, Le voyage de Jean de Zillebeke à Compostelle, hg. Marie-Josèphe A N T O I N E , in: Compostelle 15 (2012), S. 43-54 (Text: S.-48-54). Publiziert wurde Jans Livre de Voeiages bisher nur auszugsweise, meist in Zeitschriftenbeiträgen: so etwa 1835 von Franz Joseph Mone, 1846 von Jules de Saint-Genois, 1945 von Martin David, 2012 von Marie-Josèphe Antoine und 2014 von Stijn Manhaeghe 993 . Vollständige Transkriptionen der Handschrift wurden wiederholt im Rahmen von Studienabschlussarbeiten erstellt, die je‐ doch unveröffentlicht blieben: erstmals 1984 von Antoine, dann 1992/ 1994 von Manhaeghe und zuletzt 2002 von Jean-Sébastien Desmaret 994 . Letzterer übersetzte Auszüge aus seiner Transkription, namentlich diejenigen über die Compostelareise, für die 2011 von Péricard-Méa herausgegebene Anthologie Récits de pèlerins de Compostelle ins moderne Französische 995 . Im Original erschienen Auszüge aus der Transkription von Antoine 2012 in der Zeitschrift Compostelle, zur Hauptsache ebenfalls diejenigen über die Compostelareise 996 . 4.2 Jan Taccoen van Zillebeke (1512) 273 <?page no="274"?> 997 Vgl. Jan Taccoen van Zillebeke, Troisième voyage, in: Le voyage à Compostelle du X e au XX e siècle, hg. von Adeline R U C Q U O I / Françoise M I C H A U D -F R É J A V I L L E / Philippe P I C O N E , Paris 2018, S.-356-363. 998 Wie in Anm. 993 bereits zitiert: Jan Taccoen van Zillebeke, Livre de voeiages de Jan Taccoen van Zillebeke, hg. von Stijn M A N H A E G H E , in: Lisboa em 1514. O relato de Jan Taccoen van Zillebeke, hg. von Jorge F O N S E C A , Ribeir-o 2014, S.-115-122. 999 Vgl. Jan Taccoen van Zillebeke, Livro de viagens de Jan Taccoen de Zillebeke, hg. von Jorge F O N S E C A , in: Lisboa em 1514. O relato de Jan Taccoen van Zillebeke, hg. von Jorge F O N S E C A , Ribeir-o 2014, S.-123-130. 1000 Vgl. die Auflistung der Reisestationen in P A R A V I C I N I (Hg.), Europäische Reiseberichte 3 (wie Anm.-160), S.-156-159. 1001 Vgl. F O N S E C A , Os Portugueses (wie Anm.-977), S.-176. 1002 Vgl. D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (wie Anm. 978), S. 195f. - Über die Frauen von A Coruña etwa schreibt Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 52: Les femmes ont la dez verges d’or (f o 34 v o ) a troiz costés pendant a leurs oreillez atout des pater nostres parmy ou des pierrez, ellez ont sur leur testez en fachon d’unne selle d’un cheval saincte tout de fin linge. Mais on n’y triomphe point comme a Rome ou a Venise. Auf dieser Publikation wiederum beruht die neufranzösische Übersetzung, die in der 2018 von Rucquoi et al. herausgegebenen Anthologie Le Voyage à Compostelle du X e au XX e siècle enthalten ist 997 . Manhaeghe schließlich gibt nach seiner Transkription Jans Lissabon-Beschreibung aus dem Bericht über seine vierte Reise im von Jorge Fonseca herausgegebenen Sammelband Lisboa em 1514 originalsprachlich wieder 998 ; daran schließt eine von Fonseca angefertigte portugiesische Übersetzung desselben Abschnitts an 999 . Als Ganzes ist der mittelfranzösische Originaltext noch unediert. Für die Zwecke der vorliegenden Arbeit, die sich ausschließlich für die Aufzeichnungen über die Compostelareise interessiert, bietet es sich an, nach der besagten, 2012 auszugsweise publizierten Transkription von Antoine zu zitieren. Was Jan immer wieder in die Ferne zog, welche Motive seinem Aufbruch jeweils zugrunde lagen, lässt sich aus seinem Livre de Voeiages allenfalls in‐ direkt schließen. Außer Zweifel steht der religiöse Charakter seiner Reisen, auf denen er neben den Zielen der drei peregrinationes maiores auch manch andere Devotionszentren wie Köln, Bari und Loreto besuchte 1000 . Zugleich aber deuten allenthalben durchscheinende andere, weltliche Interessen und die eindrucksvolle Beschreibung erlittener Unbillen und Gefahren darauf hin, dass wohl auch curiositas und Abenteuerlust wesentliche Beweggründe waren 1001 . So thematisiert Jan vielfach die Eigenheiten der einheimischen Bevölkerungen und dabei - wie Desmaret beobachtet - insbesondere Aussehen und Kleidung der Frauen 1002 ; in Portsmouth, wo sein Schiff 1512 auf dem Weg nach Galicien einen Zwischenhalt einlegte, interessiert er sich für die beiden Prunkschiffe Regent und Souverain der im dortigen Hafen liegenden Flotte König Hein‐ 274 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="275"?> 1003 Vgl. Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 48f.; P A R A V I C I N I (Hg.), Europäische Reisebe‐ richte 3 (wie Anm.-160), S.-158. 1004 Vgl. Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-54. 1005 Vgl. Taccoen, Livre de voeiages (wie Anm.-993), S.-116-122. 1006 Vgl. D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (wie Anm. 978), S. 193; M A N H A E G H E , Jan Taccoen van Zillebeke (wie Anm.-977), S.-77, 83. 1007 Vgl. Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-48. 1008 Die Transkribenten haben den Namen uneinheitlich entziffert: So liest man in der hier zugrunde gelegten Fassung von A N T O I N E - Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 48 - Simon Inghebranc, bei M A N H A E G H E , Jan Taccoen van Zillebeke (wie Anm. 977), S.-82, Simon Inghelranc, bei D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (wie Anm. 978), S. 199, Simon Inghebrauc und bei H O O G V L I E T , The Spiritual Road (wie Anm. 978), S. 224, die in ihrer Studie wohl ebenfalls mit einer eigenen Transkription arbeitet, Simon Jughebrant. 1009 Vgl. Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 48. - Jan gibt an dieser Stelle auch einige interessante Ratschläge für zukünftige Pilger, die auf dem Seeweg nach Galicien gelangen wollen: Je fis mon conpaecht avec le patron nommé Simon Inghebranc et ye avoie une cambrette a part, car je ne consilleroye persone en ung petit batieau sans avoir une chambrette a deulx et avoir provanche de pain, de bure ung pot et fromage, et prendre a boire sur une taeille au patron; prenez qu’il vous promet de donner les despens car souvent on est mal traitiet. / Ainsy ausy les aucuns ne peullent le mer et sont maladez et ne pevent boire ne mengier parquoy se seroit argent perdu. Et puis quant on ne peult aller avant et richs VIII. (1509-1547), die sich gerade zu einer Expedition gegen Frankreich bereit machte 1003 ; er schildert eingehend, wie eines der drei reichlich mit Waren beladenen Handelsschiffe, mit denen er 1514 nach Jerusalem aufbrach, vor der spanischen Atlantikküste kenterte und versank 1004 , und von Lissabon, wo er anschließend einen ganzen Monat verbrachte, bietet er eine höchst detailreiche Beschreibung, in der neben christlicher Religiosität (Messen, Prozessionen, Bestattungen etc.) auch der gerade erblühende Handel mit schwarzen und indianischen Sklaven und exotischen Tieren, lokale Sitten und Gebräuche, Besonderheiten der portugiesischen Rechtsprechung (in puncto Ehebruch) und die mangelhaften hygienischen Verhältnisse ihren Platz haben 1005 . Bei den Jeru‐ salemfahrten dürfte zudem - ähnlich wie etwa bei dem an anderer Stelle bereits erwähnten Arnold von Harff - der Prestigegewinn eine Rolle gespielt haben, den adlige Pilger dadurch zu erlangen vermochten, dass sie sich in der Grabeskirche vom Guardian des lokalen Franziskanerklosters zum Ritter schlagen ließen: Jan wurde diese Ehre in der Nacht vom 22. auf den 23. September 1514 zuteil; das feierliche Ritual, an dem er zusammen mit acht weiteren flämischen und deutschen Adligen teilnahm, gibt er auf fol. 70 und 71 minutiös wieder 1006 . Seine Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela trat Jan am 18. März 1512 an 1007 . Von seinem Stadtpalais in Comines reiste er nach Nieuwpoort an der Nordsee, wo er mit Kapitän Simon Inghebranc 1008 einen Vertrag für die Überfahrt nach Galicien schloss 1009 . Am Morgen des 23. März stach man in See - allerdings 4.2 Jan Taccoen van Zillebeke (1512) 275 <?page no="276"?> fault prendre havene, le patron fet mettre les gens a terre, et dez quelz qui sont sur terre, c’est san les despens du patron et ne doroint nulluy a borre pour argent, il fault faire ses despens sur le havene et ses povreanches. 1010 Vgl. Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-48. 1011 Vgl. D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (wie Anm.-978), S.-197. 1012 Vgl. H O O G V L I E T , The Spiritual Road (wie Anm. 978), S. 236. - Es scheint damals einen lebendigen Pilgerverkehr zwischen den Niederlanden und der Iberischen Halbinsel gegeben zu haben, denn auch auf seiner vierten und letzten Reise, auf dem Weg von Vlissingen nach Lissabon, reiste Jan selbst zwar auf einem Kaufmannsschiff, doch sah er ein Schiffswrack, das er ausdrücklich als Pilgerschiff identifiziert: En la mer d’Engleterre nous veymez ung de bout d’un mast droit amont atout le naviere, et les navieurs nous dirent que c’estoit une naviere de peilgrins qui cuidoint aller a Saint-Jaquez et tout estoit noyet. Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-53. 1013 Zitiert nach: H O O G V L I E T , The Spiritual Road (wie Anm.-978), S.-236. 1014 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-49-52. 1015 Zur gewöhnlich nur kurzen Aufenthaltsdauer der Pilger in Compostela vgl. G O N Z Á L E Z V Á Z Q U E Z , Lugar de culto (wie Anm.-59), S.-183. 1016 Vgl. Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 52: Il y a de Saint-Jaques à la Coulongne une journée de cheval. - H O O G V L I E T , The Spiritual Road (wie Anm. 978), S. 226f., nimmt daher an, dass Pilger in Compostela ein Pferd anmieten und es dann in A Coruña wieder abgeben konnten. fuhr das Schiff interessanterweise nicht auf direktem Wege nach Galicien, son‐ dern steuerte zunächst einige Städte der englischen Südwestküste (Portsmouth, Dartmouth u. a.) an 1010 . Desmaret vermutet daher, dass es sich wohl um ein Kaufmannsschiff handelte, das Waren zwischen den Häfen Flanderns, Englands und Spaniens transportierte und nur nebenbei auch Pilger mitfahren ließ 1011 . Denkbar wäre ebenso aber, wie Hoogvliet argumentiert, dass es sich um ein spezialisiertes Pilgerschiff handelte und dass der Kapitän dennoch, vielleicht sogar wider Vereinbarung bzw. Willen der Pilger, nach England fuhr, um dort eigenen Geschäften nachzugehen 1012 . Dies jedenfalls legt die folgende Warnung nahe, die Jan am Schluss seines Livre de Voeiages erteilt: Et le patron [d. h. der Schiffseigner] trompe les pelerins il lez mainent la ou il veulent pour lez marchans faire leur marchandise on dist que cest le naue dez pelerins mes che est mieulx le nauire des marchans dieu doint que vous peult bien aller 1013 . Am 2. April ging der Pilger im Hafen von Rivierres (wohl Ribadeo) an Land und zog von dort, nach fünf Tagen Aufenthalt, in einer kleinen Gruppe von Männern binnen zwei Tagesreisen zu Fuß nach Compostela, wo er das Osterwochenende vom 9. bis zum 11. April verbrachte 1014 . Wie die meisten Pilger blieb er nicht länger als nötig in der Stadt 1015 : Bereits am 12. April brach er wieder auf und begab sich - jetzt offenbar zu Pferd - nach A Coruña, wo das Schiff von Simon Inghebranc im Hafen lag 1016 . Nach acht Tagen des Wartens, bis der Wind für die Heimreise nach Flandern endlich günstig stand, und weiteren zehn auf See war Jan vermutlich 276 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="277"?> 1017 Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 52. - Bei M A N H A E G H E , Jan Taccoen van Zillebeke (wie Anm. 977), S. 82, liest man kurioserweise: „After the Easter celebrations, Taccoen returns home from La Coruña and arrives in Nieuwpoort on the 15 th of may (estimation).“ Wie Manhaeghe auf diese Schätzung kommt, kann ich nicht plausibel nachvollziehen: Wenn Jan am 12. April aus Compostela abreiste, sich noch acht Tage in A Coruña aufhielt und dann zehn Tage auf See war, müsste er um den 30. April im Hafen von Nieuwpoort an Land gegangen sein. 1018 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-49. 1019 Vgl. Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-49. 1020 Siehe Kapitel 8.1 und 8.2. 1021 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-48-52. um den 30. April zurück in Nieuwpoort und gleich tags darauf auf seinem Wohnsitz in Comines, sain et saulf et dehet dont Dieu en soit loé. Amen 1017 . Im Gegensatz zu Lorenzo und vielen späteren Pilger-Autoren, die sehr eindrücklich und emotionsreich auf den Moment der Ankunft in Compostela eingehen, schreibt Jan mit lakonischer Nüchternheit nur: et fumez la […] le bon venredy du matin a VII heurez 1018 . Ob auch er vom Monte do Gozo auf die Stadt hinabschaute und sie dann durch das Nordosttor, die Porta do Camiño, betrat, lässt sich anhand dieser dürren Notiz nicht mit Gewissheit sagen; es erscheint jedoch zumindest insofern plausibel, als er, von Ribadeo kommend, den Camino del Norte genommen haben dürfte, der bei Arzúa (etwa 30 km vor dem Monte do Gozo) in den Camino Francés mündet. Zudem fällt auf, dass Jan hier zum ersten und einzigen Mal in seinem gesamten Reisebericht nicht nur das Datum, sondern auch die genaue Uhrzeit angibt: Um sieben Uhr früh will er die Stadt erreicht haben 1019 . Dies lässt schließen, dass er diesen Moment wohl für besonders dokumentationswürdig hielt. Ähnliches wird sich auch bei manch späteren Autoren beobachten lassen, etwa bei Giacomo Antonio Naia und Guillaume Manier, die in ihrer jeweiligen Compostela-Beschreibung ebenfalls dazu übergehen, Uhrzeiten zu vermerken 1020 . Das Toponym Compostelle kommt bei Jan nicht ein einziges Mal vor: Ziel seiner 1512 unternommenen Reise war gemäß den ersten Zeilen seines Berichts Monseigneur Saint-Jaquez en Galisse, und auch danach ist durchgängig nur von Saint-Jaquez (mit mehreren graphischen Varianten: Saint-Jaques, Saint-Jacque, Saint-Jaque etc.) die Rede 1021 . Wiederum lässt sich demnach schon am Namen bzw. an der metonymischen Verwendung des Heiligennamens als Ortsangabe erkennen, wie sehr die allgemeine Vorstellung von Compostela durch die Anwesenheit des Apostelleichnams bestimmt war. Als Jan sich in Compostela aufhielt, wurden nicht nur gerade die Osterfeier‐ lichkeiten begangen, es war außerdem ein Heiliges Jahr: Der Festtag des hl. Jakobus, der 25. Juli, fiel 1512 auf einen Sonntag 1022 . Wie Jan bezeugt, war 4.2 Jan Taccoen van Zillebeke (1512) 277 <?page no="278"?> 1022 Zur Heiligjahrpraxis vgl. Anm.-973. 1023 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-49. 1024 Zum Hospitalwesen in Mittelalter und Früher Neuzeit siehe Javier G Ó M E Z -M O N T E R O / Florian W E B E R (Hg.), Gastfreundschaft - Pilgerherbergen - Hospitalwesen, Tübingen 2024, darin insb.: Klaus H E R B E R S , Gastfreundschaft und Pilgerfürsorge im Liber Sancti Jacobi, S. 17-30; Catherine G E L E Y N , Die christliche Prägung mittelalterlicher Städte durch Hospitäler und Hôtels-Dieu, S. 79-106; Florian W E B E R , Von heiligen Orten und bösen Wirten. Städte und Gastlichkeit im Liber Sancti Jacobi, S.-107-124. 1025 Siehe Kapitel 8.2. 1026 Zuweilen wurden sogar Gesetze erlassen, die es reichen Pilgern untersagten, in Einrich‐ tungen der Barmherzigkeit, wie es kirchliche, gewöhnlich einem Bischof oder Erzbi‐ schof unterstellte Hospitäler waren, Unterkunft zu nehmen. Auf Bitten der Geistlichkeit entschieden beispielsweise die kastilischen Regenten während der Minderjährigkeit König Alfons’ XI. (1312-1350), dass Hospitäler keine Ritter mehr aufnehmen sollten, da sie ausschließlich für Arme und Kranke bestimmt seien, die sonst auf der Straße bettelten. Vgl. R U C Q U O I , Mille fois (wie Anm.-15), S.-138f. die Stadt von den herbeiströmenden Gläubigenscharen dermaßen überlaufen, dass man kaum mehr eine Unterkunft in einer Herberge finden konnte und stattdessen notgedrungen auf die privaten Häuser der Stadtbürger ausweichen musste: Mais pour ce qu’il estoit la l’an de grace, il y avoit tant de pellerins qu’on ne povoit avoir logiz, il faloit logier sur les borgois et gens de mestier, et povrez gens alloynt logier a l’ospitael 1023 . Hier wird ein sozialer Unterschied bei der Quartiersuche manifest: So sehr Jan das neu errichtete Hospital Real im Fortgang seines Berichts für seine Größe und kunstvolle Bauweise lobt, es wäre ihm doch keineswegs in den Sinn gekommen, dort um ein Lager zu bitten. Wie er selbst mit dem Hinweis auf die Armen andeutet, waren Hospitäler vor allem Orte der caritas, kirchliche Einrichtungen, die im Dienst der von der Bibel vorgeschriebenen Armenfürsorge standen 1024 . Dies erklärt auch, weshalb kein einziger (! ) der in dieser Arbeit betrachteten Pilger-Autoren bis zur ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bzw. bis Guillaume Manier (1726) angibt, im Hospital Real oder in einer anderen karitativen Beherbergungseinrichtung der Stadt geschlafen zu haben 1025 : Die schreibenden Pilger des Mittelalters und der Frühen Neuzeit gehörten zumeist privilegierten Gesellschaftsgruppen an, die entsprechend andere Unterkünfte bevorzugten. Adlige und Stadtpatrizier nahmen gewöhnlich kommerzielle Gastlichkeit in Anspruch, Geistliche fanden typischerweise Aufnahme in Klöstern 1026 . Deutlicher noch als bei Jan lässt sich dies bei Jean de Tournai beobachten, der, wenn er sich auf seiner Reise in den Jahren 1488/ 89 ausnahmsweise doch einmal in ein Hospital einquartierte, stets darauf bestand, für die erhaltenen, eigentlich kostenlosen Leistungen etwas zu bezahlen - so etwa im Hospital von Sainte-Baume in der Provence: Auf die Erklärung hin, dass er hier nichts bezahlen müsse, je respondis que nous n’estions 278 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="279"?> 1027 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-305. 1028 Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 49. - In der Tat scheinen viele Pilger nach Möglichkeit bei ihren Landsleuten eingekehrt zu sein. Vgl. R U C Q U O I , Mille fois (wie Anm. 15), S. 138. So ist auch bei Jans Zeitgenossen Hieronymus Münzer aus Nürn‐ berg etwa zu beobachten, dass er sich auf seiner Spanienreise 1494 vorzugsweise von (ausgewanderten) Deutschen bewirten ließ. Vgl. z. B. Münzer, Itinerarium (wie Anm. 743), S. 85: Descendentes autem ex castello mare ingressi sumus ad navem magnam et preclaram cuiusdam Almani nobilis ex Tantzig, cui nomen Bernardus Fechter, qui maximum honorem nobis fecit. Fecit preparari unam pernam, quas westfelisch hamen vocant. Similiter spatulas mutonum assas. Et optimam cerevisiam ex Anglia et Dantzig, quam ad sacietatem bibi. Et bene contulit. 1029 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-49. 1030 G O N Z Á L E Z V Á Z Q U E Z , Lugar de culto (wie Anm.-59), S.-183. 1031 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-322. 1032 Im Auftrag von Ferdinand I. von Aragonien und Isabella II. von Kastilien wurde das Hospital Real zwischen 1501 und 1511 unter den Erzbischöfen Alonso II. de Fonseca (1460-1465, 1469-1507) und Alonso III. de Fonseca (1507-1523) errichtet. Leitender Architekt war Enrique Egas († 1534). Wegen Konstruktionsfehlern - man hatte Stein aus Coimbra verwendet, der zwar sehr weich war und sich daher leicht verarbeiten ließ, der aber dem ständigen Regen in Compostela nicht standhielt - musste das Gebäude, pas povres gens et que l’aumosne estoit ordonnee pour les povres. Et on me respondit puisque je n’estois point povre, c’estoit puisque je voulois donner quelque choze a celluy lequel m’avoit servy, c’estoit la coustume et point aultrement 1027 . Trotz des großen Pilgerzustroms kam Jan glücklicherweise in einer Herberge namens As Trois Coulons unter, wo er ausgezeichnete Behandlung erfuhr: Die Wirtin und alle Bediensteten waren Flamen wie er und servierten ihm Mahlzeiten a notre mode 1028 . Über die Lage dieser Herberge teilt er nichts weiter mit, als dass sie sich gegenüber einer anderen Herberge befand, die sich L’Homme Savage nannte 1029 . Doch weder die eine noch die andere lässt sich näher identifizieren bzw. in der Stadt lokalisieren; anderweitige historische Belege für damals unter diesen (oder ähnlichen) Namen firmierende Herber‐ gen scheinen nicht vorzuliegen. Die meisten anderen Pilger-Autoren des 15. und 16. Jahrhunderts machen gar keine Angaben über ihre Unterkunft in Compostela; dennoch handelt es sich hier keineswegs - wie Marta González Vázquez fälschlich annimmt - um „la primera mención conocida de nombres de establecimientos hoteleros compostelanos“ 1030 , notiert doch bereits Jean de Tournai über zwanzig Jahre zuvor ein Gasthaus A l’Escu de France 1031 . Sieht man von den beiden Beherbergungsbetrieben ab, so konzentriert sich Jans Compostela-Beschreibung - darin ähnelt sie anderen Zeugnissen der Epoche - nur auf einen relativ kleinen Ausschnitt des Stadtraums. Während das Hauptgewicht bei seinen Vorgängern aber ganz auf der Jakobskirche liegt, tritt bei ihm erstmals das neu errichtete Hospital Real (Abb. 9) hinzu 1032 . Antoine de 4.2 Jan Taccoen van Zillebeke (1512) 279 <?page no="280"?> insbesondere die beiden südlichen Innenhöfe, bereits zwischen 1557 und 1563 grund‐ legend restauriert werden. Die Pläne dazu wurden vom berühmten salmantinischen Architekten Rodrigo Gil de Hontañón († 1577) entworfen. Im Sinne seiner königlichen Stifter sollte das Hospital allen Pilgern, die zur Verehrung des Apostels Jakobus nach Compostela kamen, drei Tage lang kostenlose Unterkunft und Speisung gewähren. Seit 1954 wird es als Parador Nacional genutzt. Vgl. Ana Eulalia G O Y D I Z , Del Hospital Real de Santiago al Parador de los Reyes Católicos. Un edificio emblemático del arte gallego, in: Estudios Turísticos 217-218 (2019), S. 67-77, hier S. 68f., 73-76. - Weiterführend zur Geschichte des Hospital Real siehe auch Delfín G A R C Í A G U E R R A , El Hospital Real de Santiago de Compostela (1499-1804), A Coruña 1983; Andrés Antonio R O S E N D E V A L D É S , El Grande y Real Hospital de Santiago de Compostela, Madrid 1999; José Manuel G A R C Í A I G L E S I A S (Hg.), El Hospital Real de Santiago de Compostela y la hospitalidad en el Camino de peregrinación, Santiago de Compostela 2004. 1033 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-160. 1034 Vgl. Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 50: De la je fuz hault […]. La faisoit on aussi plusieurs belles chambrez pour logier le roy quand il y vient ou la royne toute de bize pierre, et y ouvroit on fort. / Il y avoit une aultre place ou avoit ausy une aultre fonteine qui n’étoit point encore parfaite. 1035 Der Colexio de San Xerome diente lange als colegio menor, d. h. als universitätsvorberei‐ tende Schule. Seit den 1980er Jahren ist dort das Rektorat der Universität untergebracht. - Zum Jakobusbrunnen und zu dessen Verlegung auf den südlichen Vorplatz der Kathedrale vgl. L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 4 (wie Anm. 54), S. 65-67; F L E T C H E R , St. James’s Catapult (wie Anm. 54), S. 177. - Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 52, beschließt seine Beschreibung mit einem kurzen Nachtrag über den Jakobusbrunnen, aus dem jedoch nicht eindeutig hervorgeht, ob derselbe bereits auf den Südplatz verlegt worden war: Et il y a devant l’église de Saint-Jacque - que je ay oblyet a mettre - comme on Lalaing konnte zehn Jahre zuvor von diesem auf eine umfangreiche Stiftung der Katholischen Könige zurückgehenden Prachtbau noch lediglich im Futur berichten (y n’y avera son pareil sur la terre) 1033 . Bei Jans Besuch 1512 stand derselbe gerade vor seiner Fertigstellung: Wie er bezeugt, waren damals nur einer der drei großen Patios sowie einige Gemächer im oberen Stockwerk noch nicht ganz vollendet 1034 . Durch diese und nachfolgende Baumaßnahmen des 16. Jahrhunderts sollte sich der Fokus der Stadtwahrnehmung - wie in Kapitel 3.6 bereits angedeutet - entsprechend von der Nordauf die Westseite der Kathedrale verlagern: Die Praza do Hospital, die um die Jahrhundertmitte im Süden noch durch einen weiteren Prachtbau, den (1556 fertiggestellten) Colexio de San Xerome, begrenzt werden sollte, avancierte zum repräsentativen Haupt‐ platz der Stadt, während das mittelalterliche Paradies funktional zunehmend an Bedeutung verlor, nicht zuletzt, weil der im Liber Sancti Jacobi so gerühmte Jakobusbrunnen bald auf den Südplatz - vermutlich an die Stelle der heutigen Fonte dos Cabalos - verlegt werden und das Hospital de Santiago Alfeo wenige Jahre später, 1522, auf Anordnung Erzbischof Alonsos III. de Fonseca schließen und zum Priesterkolleg umfunktioniert werden sollte 1035 . 280 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="281"?> entre une fonteye qui sert d’eauve en plusieurs lieux. Ein Vierteljahrhundert zuvor, als Jean de Tournai in Compostela war, befand sich der Brunnen zweifelsfrei noch an seiner ursprünglichen Stelle auf dem Paradies nördlich der Kathedrale. Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 322. Heute erhebt sich auf dem südlichen Vorplatz die Fonte dos Cabalos, die 1825 von dem Bildhauer Juan Pernas (1774-1846) errichtet wurde, und vom einst vielbestaunten Jakobusbrunnen ist nur mehr sein steinernes Becken erhalten, das gegenwärtig im Kreuzgang der Kathedrale besichtigt werden kann. - Zum Hospital de Santiago Alfeo (oder auch da Acibechería), das in Liber (wie Anm. 25), S. 252, noch als hospitale pauperum peregrinorum sancti Iacobi bezeichnet wird, vgl. Ana Eulalia G O Y D I Z , Colegios de la Universidad, in: El Patrimonio Histórico de la Universidad de Santiago de Compostela, hg. von María Dolores V I L A J A T O , Santiago de Compostela 1996, S.-30-43, hier S.-36. Abb. 9: Hospital Real an der Praza do Obradoiro in Santiago de Compostela. In der diachronen Gesamtschau markiert Jans Beschreibung den Anfangspunkt dieser Entwicklung und nimmt doch zugleich eine Sonderstellung ein, insofern er dem neuen Hospital einen deutlich größeren Raum zumisst als alle ande‐ ren hier betrachteten Autoren, und zwar sowohl relativ (zum eher geringen Berichtsumfang) wie auch absolut 1036 - selbst die schreibenden Pilger des 17. und 18. Jahrhunderts, so eloquente Vertreter wie Domenico Laffi oder Nicola Albani 4.2 Jan Taccoen van Zillebeke (1512) 281 <?page no="282"?> 1036 Vgl. Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 49-51. Vgl. auch D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (wie Anm. 978), S. 197: „Sa description de l’édifice est d’ailleurs d’une rare précision et constitue le principal intérêt de sa relation.“ 1037 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 203; Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 82, 87. 1038 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-50f. etwa, fassen sich kürzer als Jan 1037 . Die entsprechende Stelle sei hier größtenteils wiedergegeben: Ledit ospitael est fait tout neuf dehors et dedens tout de grise pierre deulx estage de hault, couvert de tieulles et tous lez degréz large de grize pierre. Et comme je entray y avoit une belle grant capelle tendue de tapisserye, sur l’autel biaucop de belles relicquez et richez. Aprèz y avoit une place ou estoit une belle fonteyne jettant eauwe en VIII ou X lieux. De la je fuz en une belle grande chambre ou bouticle plaine de potz, botez, erbez et aultres médechinez pour les maladez, et la ont les médecins seurgiens et leur (fº 33rº) confesseurs, et alentour bellez chambrez et biaulx liz rissement estoffet. De la je fuz hault, et viz une grande challe comme une trésorye pointe deseurre bien richement ; la estoint plusieurs orlemens et habillemens et armoires plusieurs plainez de ce que maladez peuvent avoir afé pour abillier. On nouz monstra sur le galerye pluseurs belles chambrez ou on loge gens de bien, et a l’autre lez avoit aussy une galerye en la carure de la place ou estoit ladite fonteine. La faisoit on aussi plusieurs belles chambrez pour logier le roy quand il y vient ou la royne toute de bize pierre, et y ouvroit on fort. Il y avoit une aultre place ou avoit ausy une aultre fonteine qui n’étoit point encore parfaite. Je passay parmy une chambre ou y n’y couchoit que femmez, il y faisoit bien net, et bellez femmez qui servoint les maladez atout bellez vasellez. Je fus en bas en ung aultre quartier : yl y avoit une petite capelle o église richement acoustré de saints et par dessus a le vausure toute dorée, et a milieu y a ung bel autel ou on dit chacun jour messe dont les maladez et povres - pevent oir messe - qui couchent la autour en carure en belles chambrez. Et dessus ledit autel de tous pillers y a ung riche tabanacle tout taeillié de saints, et la dessus est ung bel autel ou on dit ausy messe chacun jour pour les femmez maladez oyr et veoier de hault la messe. Je fuz ausy oultre en ung aultre place ou estoit au milieu une belle fonteine comme la première ; la sont les cuysines et pluseurs estables, et tout est sy coustable et onneste comme bellez chambrez. Et de la je retornay comme je estoye (fº 33vº) entré parmy la premierre chapelle ou chacun oyt messe qui veult et de la alay en le église de Saint-Jaque qui est la prèz 1038 . Jan geht nacheinander auf die einzelnen Räume des Gebäudes ein, und zwar in der Reihenfolge, in der er selbst sie besuchte. Sein Rundgang lässt sich - unter Hinzuziehung einer Rekonstruktion der historischen Grundrisse 1039 - 282 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="283"?> 1039 Die Gebäudepläne in R O S E N D E V A L D É S , El Grande y Real Hospital (wie Anm. 1032), S. 18, vermitteln einen guten Eindruck von der funktionalen Aufteilung der Räumlichkeiten im Hospital Real. 1040 Zur Geschichte der hospitaleigenen Apotheke vgl. José Santiago S A N M A R T Í N M Í G U E Z , La Botica del Hospital Real de Santiago de Compostela (1499-1880), A Coruña 2002. 1041 Traditionell sind die Innenhöfe nach den vier Evangelisten benannt: der südwestliche als Patio de San Marcos (auch de la Botica), der südöstliche als Patio de San Juan (auch de la Cocina), der nordwestliche als Patio de San Lucas und der nordöstliche als Patio de San Mateo. 1042 Hervorzuheben ist insbesondere das schöne Eckzimmer, das Ausblick sowohl nach Süden auf die Praza do Hospital als auch nach Westen auf die umliegende Landschaft bietet. 1043 Da auch die Frauen, wie Jan anschließend erklärt, von ihren Betten die Messe hören konnten, müsste sich der Frauensaal - wie die Infirmaria im Erdgeschoss - in einem auf der nördlichen Seite des Hospitalviertels von der zentral gelegenen Kapelle abgehenden Korridor befunden haben. Sofern sich Jan weiterhin auf das Südwestviertel des Gebäudes bezieht, handelt es sich nach dem mir vorliegenden Plan um die Enfermería de San Sebastián. Ferner gab es im Obergeschoss aber auch Infirmaria, die nach Süden, d. h. zur Praza do Hospital hin, lagen: die Enfermería de San Cosme und die Enfermería de Santa Ana. Vgl. R O S E N D E V A L D É S , El Grande y Real Hospital (wie Anm.-1032), S.-18. folgendermaßen nachvollziehen: Er betrat das Hospital durch die Hauptpforte auf der Südseite, kam an einem großen, reich geschmückten Altar (wohl in der Vorhalle) vorbei und trat in einen der (damals noch) drei Patios hinaus. Da er anschließend - übrigens als einziger Autor im hier analysierten Korpus - die hospitaleigene Apotheke, die nahebei befindlichen Infirmaria und die dort tätigen Ärzte und Beichtväter erwähnt, dürfte er sich auf das Südwestviertel des Gebäudes beziehen 1040 . Noch heute wird der dort gelegene Innenhof zuweilen als Patio de la Botica bezeichnet 1041 . Anschließend kam Jan durch einen großen Raum mit reich bemalten Wänden und Schränken voller Kleider für die Kran‐ ken - es handelt sich demnach wohl um das Vestiarium des Hospitals. Jans Beschreibung suggeriert, dass es sich im Obergeschoss des Gebäudes befunden habe, doch der mir vorliegende Plan lokalisiert es im Erdgeschoss, direkt bei der zuvor besichtigten Apotheke; vielleicht ist ihm hier ein lapsus memoriae unterlaufen. Im Obergeschoss bewunderte Jan die königlichen Gemächer 1042 und andere, vornehmen Gästen vorbehaltene Räumlichkeiten, die zum Teil noch nicht fertiggestellt waren. Außerdem befanden sich dort ringsumher weitere Infirma‐ ria, insbesondere - wohl nach Norden hin 1043 - ein Frauensaal, ebenso wie - nach Westen hin - die (von Jan nicht vermerkten) privaten Bereiche der Hospitalgemeinschaft. Beim zweiten, noch im Bau befindlichen Innenhof mit Brunnen dürfte es sich um den großen nördlichen handeln, der sich damals über die volle Gebäudelänge erstreckte und erst später, um die Mitte des 18. Jahrhun‐ 4.2 Jan Taccoen van Zillebeke (1512) 283 <?page no="284"?> 1044 Dies geschah im Rahmen von Wiederaufbauarbeiten, die notwendig wurden, als es dort bei einer Prozession zu schweren Einstürzen gekommen war. Vgl. G O Y D I Z , Hospital Real (wie Anm.-1032), S.-68f., 74f. 1045 Zudem waren hier, was Jan nicht erwähnt, der Kerker und das Findelhaus sowie weitere Bettensäle für Pilger und Kranke untergebracht. Der Plan von R O S E N D E V A L D É S , mit dem ich Jans Beschreibung vergleiche, gibt allerdings - während er die Cocina Mayor in der Tat auf der Ostseite des südöstlichen Innenhofes lokalisiert - keine Auskunft über die Position der von Jan bezeugten Stallanlagen. - Zum Findelhaus, das von Anfang an zum Hospital Real gehörte und bis zu 300 Kinder aufnehmen konnte, vgl. Antonio E I R A S R O E L , La Casa de Expósitos del Real Hospital de Santiago en el siglo XVIII, in: Boletín de la Universidad Compostelana 75-76 (1967-1968), S. 295-355; D E R S ., La Casa de Expósitos, in: El Hospital Real de Santiago de Compostela y la hospitalidad en el Camino de peregrinación, hg. von José Manuel G A R C Í A I G L E S I A S , Santiago de Compostela 2004, S. 397-411; P É R I C A R D -M É A / M O L L A R E T , Dictionnaire (wie Anm. 217), s. v. Hôpital des Rois Catholiques à Compostelle. 1046 Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 50. Vgl. H O O G V L I E T , The Spiritual Road (wie Anm.-978), S.-232f. derts, analog zu den beiden südlichen in zwei aufgeteilt werden sollte 1044 . Da er sich weiterhin auf das Obergeschoss bezieht, schaute Jan vermutlich aus dem besagten Frauensaal - den er (wohl deshalb) beinahe im selben Atemzug erwähnt - dort hinunter. Wieder im Erdgeschoss, besah er sich ausgiebig die zentral errichtete schöne Kapelle, das ‚Herzstück‘ des Gebäudes, wo täglich für die rings in ihren Betten liegenden Insassen die Messe gelesen wurde, und trat dann in den dritten Innenhof mit Brunnen hinaus, den südöstlichen, an den, wie er beobachtet, Küchen und Ställe angrenzten - weshalb dieser noch heute als Patio de la Cocina bekannt ist 1045 . Schließlich verließ er das Hospital wieder durch die Hauptpforte im Süden. Interessant - gerade im Vergleich mit späteren Zeugnissen, die gewöhnlich nur die besonders hervorstechenden baulichen Merkmale des Hospital Real (vor allem die drei Patios und die zentrale Kapelle) umreißen - erscheint, dass Jan überdies einige detaillierte Angaben sowohl zur räumlich-funktionalen Gliederung dieser neuen karitativen Einrichtung wie auch zur sozialen Separa‐ tion der dort beherbergten Menschen macht: Wie gezeigt, bestimmt er jeweils den Nutzungszweck der einzelnen Räume (Apotheke, Vestiarium, Kapelle, Schlafsäle, Sala Real, Küche, Ställe etc.) und bezeugt die herkömmliche Praxis, die unterschiedlichen Gästegruppen bei der Lagerzuweisung nach Geschlecht (Frauensäle), Stand (separate Gemächer à l’étage für König und vornehme Gäste) und Volkszugehörigkeit zu sortieren - wie er noch einmal auf den Punkt bringt: Chacun qui veult la logier est logié selon son estaet, et chacun nachion en son quartier, hommes et femmez chacun par luy 1046 . 284 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="285"?> 1047 Vgl. Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 49-52; R U C Q U O I , Mille fois (wie Anm. 15), S.-351f. 1048 Vgl. D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (wie Anm. 978), S. 197: „Jehan s’attarde ensuite à décrire la cathédrale à laquelle il ne trouve que peu d’intérêt.“ 1049 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-50f. 1050 Manche Pilger erreichten die Apostelstadt erst am späten Abend: Sie begaben sich zunächst zum Schlafen in eine Unterkunft, dann aber, am nächsten Morgen, sofort in die Kathedrale, um dem Apostel Jakobus Lob und Dank darzubringen und die üblichen Devotionen zu verrichten. Zu nennen wären hier beispielsweise Jean de Tournai (Kapitel 3.6), Fabrizio Ballarini/ Silverio Rettabeni (Kapitel 4.5) und Cosimo III. de’ Medici (Kapitel 5). 1051 Vgl. Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-49-52. Jans Compostela-Beschreibung ist die einzige im Korpus der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Berichtliteratur, in der sogar die zentrale Stellung der Kathedrale gleichsam in Frage gestellt erscheint - zugunsten des Hospital Real: Diesem sind 548 Wörter gewidmet, jener nur 488 1047 . In der Abfolge des Textes ist die Kathedrale zudem bezeichnenderweise an die zweite Stelle verwiesen: Erst beschreibt Jan das Hospital, dann die Kathedrale 1048 . Dies korrespondiert mit seinem Erleben und Handeln vor Ort, denn, wie er unmissverständlich mitteilt, begab er sich tatsächlich zunächst ins Hospital und von dort aus in die Kathedrale: dudit ospitael alay en le église de Saint-Jaque qui est la prèz 1049 . Damit gerät er in einen auffallenden Gegensatz zu ausnahmslos allen anderen hier betrachteten Pilger-Autoren, die - sofern sie nichts daran hinderte 1050 - immer als Erstes zum locus sanctus eilten. Stilistisch fällt noch ein weiterer Unterschied auf: Während Jan im Passus über das Hospital Real, wie gezeigt, seine eigene Begehung dokumentiert und entsprechend häufig auf sich selbst bzw. seine Bewegung von Raum zu Raum Bezug nimmt, handelt er von der Kathedrale eher unpersönlich. Der Übergang lässt sich am abrupten Wechsel der Subjektpronomina deutlich ablesen: Im Passus über das Hospital Real spricht er durchgehend in der ersten Person (je), in demjenigen über die Kathedrale sodann vorwiegend in der dritten (on, les pellerins) 1051 . Bereits die wortreichere und stärker am persönlichen Erleben orientierte Beschreibung sowie deren prominente Stellung im Textzusammenhang lassen demnach vermuten, dass das Hospital Real auf den flämischen Adligen wohl größeren Eindruck machte als die Kathedrale. Semantisch setzt er die beiden Bauwerke sogar in ein nachgerade antithetisches Verhältnis zueinander: positiv - negativ, neu - alt, schön - hässlich etc. Das Hospital Real bedenkt er nur mit höchstem Lob: Es sei tout neuf und une merveilleuse chose a escripre car je croy qu’il n’i a point de pareil de biaulté, de grandeur et de ricesse; es beherberge pluseurs bellez chambrez et biaulx liz rissement estoffet ebenso wie une belle 4.2 Jan Taccoen van Zillebeke (1512) 285 <?page no="286"?> 1052 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-49f. 1053 Vgl. Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-49f. 1054 „Habitué à l’art gothique, il semble mépriser l’art roman, la viese mode, mais admire les églises et les palais des villes italiennes et est très impressionné par la peinture en trompe-l’œil du palais du Vatican“, kommentiert A N T O I N E . Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 47f. - Bezeichnenderweise vergleicht mehr als ein schreibender Pilger der Epoche, sowohl Sebastian Ilsung (1446) etwa als auch Antoine de Lalaing (1502), die Kathedrale von Compostela wegen ihrer - für die Romanik charakteristischen - schwe‐ ren, massigen Baugestalt mit einer Festung: Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 158, empfand sie als fort materièle und einem gros dongon ou chasteau ähnlich. Sebastian Ilsung seinerseits betont, dass es noch niemandem gelungen sei, sie einzunehmen, denn alz fest ist sant Jacobs kirch. Zitiert nach: H O N E M A N N , Sebastian Ilsung (wie Anm.-176), S. 90. Vgl. auch R U C Q U O I , Mille fois (wie Anm. 15), S. 341f. Gegenüber den leicht anmu‐ tenden, hochstrebenden Kirchbauten der Gotik und den harmonisch-ausgewogenen der Renaissance dürfte die romanische Basilika von Compostela damals - lange vor ihrem barocken Umbau im 17. und 18. Jahrhundert - in der Tat einen festungsartigen Anblick geboten haben. 1055 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-51. 1056 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-52. 1057 Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 51. - Ein solches (weltliches) Interesse für die Silber- und Goldarbeiten am Hauptaltar, insbesondere auch für die zahlreichen Altarlampen, ließ sich bereits bei Antoine de Lalaing beobachten, und es wird sich auch bei manch späteren (eher weltlich orientierten) Autoren wiederfinden, wie etwa bei Guillaume Manier und Nicola Albani. Siehe Kapitel 4.1, 8.2 und 8.3. grant capelle versehen mit biaucoup de belles reliquez et richez; in seinen drei Innenhöfen erfreue den Besucher jeweils une belle fonteyne etc. - alles an diesem Hospital sei schön, groß und prächtig 1052 . Positive Wertungsadjektive wie biau, riche, merveilleux, onneste, grant, coustable etc. häufen sich hier: Allein biau, einschließlich entsprechender Derivationen und deklinierter Formen, kommt fünfzehnmal vor 1053 ! Von der alten Kathedrale, die damals in ihrer romanischen, noch nicht baro‐ ckisierten Gestalt einen zweifelsohne merkwürdigen Kontrast zum neuen, im plateresken Stil der spanischen Renaissance errichteten Hospital geboten haben muss, zeigt er sich indes eher enttäuscht 1054 . Sie sei de bise pierre beschaffen, sombre und de la viese mode - ein düsteres, altmodisches Gebäude also, nicht besonders einladend 1055 . Jan gibt sogar offen zu, dass er und seine Reisegefährten es schließlich leid waren, sich dort aufzuhalten: Ma compagnie et moy estoit lassé de la estre 1056 . Zwar stellt er eindrücklich den Reichtum der Kathedrale heraus, indem er ihre verschiedenen Kostbarkeiten, insbesondere die Silber- und Goldarbeiten am Hauptaltar, aufzählt: ung biau tabernacle tout d’argent, XI sains tous d’argent, une riche croix et aultres joyaulx, XI lampes d’argent, une aultre riche lampe d’argent doré, ung grant saint Jaque tout d’argent etc. 1057 Dessen ungeachtet äußert er sich jedoch, anders als über das Hospital, kaum einmal 286 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="287"?> 1058 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-51. 1059 Vgl. R U C Q U O I , Mille fois (wie Anm.-15), S.-341f. 1060 Václav Šašek/ Gabriel Tetzel, Des böhmischen Herrn Leo’s von Rožmital Ritter-, Hof- und Pilger-Reise durch die Abendlande 1465-1467. Beschrieben von zweien seiner Begleiter, hg. von Johann Andreas S C H M E L L E R , Stuttgart 1844, S. 87. - Dagegen lobt der andere Chronist dieser Adelsreise, der auf Deutsch schreibende Gabriel Tetzel, ebenda, S. 176f., die Kathedrale interessanterweise als ein schone weite grosse kirchen mit kostlichen steinen säulen von steinwerk erbaut. 1061 Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 52. - Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, ging der compostelanische Klerus wohl in Reaktion auf diese ständige Kritik und Enttäuschung der Pilger dazu über, verstärkt - sozusagen ersatzweise - auf die Kontaktreliquien des Heiligen hinzuweisen, von denen in vielen Reiseberichten zum Teil des 15., insbesondere aber des 16. Jahrhunderts die Rede ist: die Klinge, mit dezidiert lobend über die Kathedrale. Auf das zuvor so frequent gebrauchte Adjektiv biau verzichtet er nun weitgehend; er benutzt es nur mehr zweimal, und dies ausschließlich in Bezug auf den prachtvoll ausgestatteten Hauptaltar, der, wie er denn auch explizit vermerkt, überhaupt das einzig Schöne an der gesamten Kathedrale sei: Il n’y a riens de biaeu a parler que le grant autel Saint-Jaquez qui est d’argent 1058 . Das übrige Kirchengebäude spart er daher in seiner Beschreibung größtenteils aus - es war in seinen Augen der Rede nicht wert. Schaut man noch einmal vergleichend in die bisher analysierten Berichte des 15. und frühen 16. Jahrhunderts zurück, so erscheint Jans negatives Urteil über die Kathedrale eher als Ausnahme. Denn gewöhnlich - bei den Florentiner Anonymi wie bei Jean de Tournai und Antoine de Lalaing - ließ sich vielmehr beobachten, dass zwar die Stadt als Ganzes manchen Tadel auf sich zieht, dass aber ihre Kathedrale durchweg positiv bewertet wird 1059 . Selbst wenn man den Blick über das hier untersuchte romanische Textkorpus hinaus öffnet, lassen sich nur wenige andere Pilger der Epoche anführen, denen sie (ausdrücklich) missfiel: Man könnte hier allenfalls den böhmischen Edelmann Leo von Rožmital nennen, der 1466 während eines Bürgeraufstandes gegen Erzbischof Alonso I. de Fonseca (1465-1469) in die Apostelstadt kam und das mittelalterliche templum sancti Jacobi, den Aufzeichnungen seines Chronisten Václav Šašek zufolge, als obscurum et tenebrosum empfand 1060 . Vermutlich trug zu Jans negativem Urteil auch der notorische Umstand bei, dass es Pilgern damals nicht mehr erlaubt war, sich von der Anwesenheit der Apostelreliquien de visu zu überzeugen - nicht einmal zu einem besonderen Hochfest wie Ostern: Et on donne a entendre que le corps de saint Jaques est soubs le grant autel, mes je n’y vis nulle aparenche et on n’en monstre riens as pellerins, il me samble au jour de Pasques qu’on devroit monstrer ou ouvrir quelque chose comme on fait aeilleurs 1061 . Er formuliert es nicht so explizit wie manche 4.2 Jan Taccoen van Zillebeke (1512) 287 <?page no="288"?> der Jakobus in Palästina enthauptet wurde, sein Pilgerstab, das Kruzifix, das er beim Predigen bei sich trug etc. Vgl. G O N ZÁ L E Z V Á Z Q U E Z , Lugar de culto (wie Anm. 59), S. 183. 1062 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 322; Arnold, Pilgerfahrt (wie Anm. 627), S. 233; Boorde, The Fyrst Boke (wie Anm. 750), S. 204f. Vgl. auch P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm.-94), S.-62-66. 1063 Vgl. D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (wie Anm.-978), S.-197. 1064 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-51f. 1065 Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 51. Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 321; Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 159. - Zu aperta und coronatio peregrinorum siehe die Erläuterungen und weiterführenden bibliographischen Hinweise in Anm. 865 und 868. 1066 Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 51. Vgl. G O N ZÁ L E Z V Á Z Q U E Z , Lugar de culto (wie Anm.-59), S.-182. Zeitgenossen ( Jean de Tournai, Arnold von Harff, Andrew Boorde etc.) 1062 , aber der kritische, distanzierte Ton und die Markierung der indirekten Rede (on donne a entendre que) lassen doch vermuten, dass die deutlich spürbare Enttäuschung, ja Empörung angesichts der verschlossenen Grabespforte und der Absenz jeglichen ‚Beweises‘ für die Gegenwart des Apostels (nulle aparenche) auch bei ihm in eine gewisse Skepsis umgeschlagen ist, dass auch er Zweifel darüber hegte, ob sich die Gebeine des hl. Jakobus wirklich in Compostela befinden 1063 . Bei näherer Analyse zeigt sich, dass Jans Beschreibung der Kathedrale in Aufbau und Inhalt einige Parallelen zu den bereits untersuchten seiner beiden Landsleute und Zeitgenossen Jean de Tournai und Antoine de Lalaing aufweist. Auch bei ihm lässt sich grosso modo eine sukzessive Bewegung von innen nach außen erkennen: vom zentralen Hauptaltar über Chor und Vierung hin zur Reliquienkapelle [a]u bout de l’église 1064 . Auch er - wie Antoine de Lalaing - dokumentiert ungewöhnlich detailreich die Silber- und Goldarbeiten am Hauptaltar; auch bei ihm scheint die Perzeption des sakralen Gebäudes demnach von profanen Interessen kontaminiert. Zum anderen hebt auch er - wie Jean de Tournai - die große Jakobsstatue heraus: ung grant saint Jaquez hault, assiz en une chayerre deseurre l’autel atout ung habillement d’argent paint et une grande couronne d’argent doré sur son chief, und schildert - wie dieser - die beiden populären Rituale, die aperta und die coronatio peregrinorum, die Pilger damals parallel bzw. kurz nacheinander an ihr vollzogen: Les pellerins montent atout des eschellez et le vont baisier en la joe et prendent ladite couronne - et le mettent sur leur teste - laquelle est plus large que nullez testez d’homme 1065 . Und in der Vierung anschließend bezeugt auch er - wie fast alle Pilger-Autoren - den in Bronze eingefassten Stab des hl. Jakobus: il y a devant ledit coeur ou les prestrez cantent, une colomne qui est creuse. On boute sa main par dessoubs et on taste comme ung feer agu et ung baston : on dit que c’est le bourdon de saint Jaquez le grant 1066 . 288 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="289"?> 1067 Jan sah damals noch den gegen Ende des 12. Jahrhunderts unter Baumeister Mateo verfertigten steinernen Chor, dessen treuliche Rekonstruktion heute im Museum der Kathedrale besichtigt werden kann. Dieser wurde um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert zerstört, manche seiner Einzelteile jedoch an anderen Stellen in und an der Kathedrale wiederverwendet; beispielsweise sollen die 24 Figuren an der Ostfassade, rings um die Porta Santa herum, von diesem alten Chor herstammen. An dessen Stelle wurde von Juan Dávila (1550-1611) und Gregorio Español (1560-1630) ein hölzerner Chor errichtet, derselbe, den z. B. Guillaume Manier im Jahr 1726 detailliert beschreibt (Kapitel 8.2). Dieser wiederum wurde in der Mitte des 20. Jahrhunderts zunächst in die Kirche des Benediktinerklosters San Martiño Pinario verlegt, dann in diejenige des Zisterzienserklosters Sobrado dos Monxes bei Ourense. Zum Heiligen Jahr 2004 wurde er grundlegend restauriert und in die Kirche des Klosters San Martiño Pinario zurückgebracht, wo er auch gegenwärtig noch besichtigt werden kann. Vgl. Z E P E D A N O Y C A R N E R O , Historia y descripción (wie Anm. 22), S. 102-105; Manuel C H A M O S O L A M A S , El coro de la Catedral de Santiago, in: Cuadernos de Estudios Gallegos 5 (1950), S. 189-215; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 262f.; Xosé H E R M I D A , Restaurado el coro renacentista de la catedral de Santiago, in: El País, 21.11.2004, https: / / elpais.com/ diari o/ 2004/ 11/ 21/ cultura/ 1100991610_850215.html# (Zugriff am 14.04.2024); Concha P I N O , Santiago recupera el coro de madera del siglo XVII, in: La Voz de Galicia, 09.06.2024, htt ps: / / www.lavozdegalicia.es/ noticia/ television/ 2004/ 06/ 09/ santiago-recupera-coro-mad era-siglo-xvii-retirado-catedral/ 0003_2755997.htm (Zugriff am 29.03.2024). 1068 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-51. 1069 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-78. 1070 Vgl. H E R B E R S / P L ÖT Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-47. In diesem Zusammenhang weist er zudem auf ein typisches Merkmal der Kathedrale und überhaupt der spanischen Kirchenarchitektur hin, das erst von späteren Autoren - ab Giovanni Battista Confalonieri (1594) - deutlicher in den Blick genommen wird: Die Rede ist von dem ins Langhaus (d. h. westlich der Vierung) vorgezogenen Chor 1067 . Da Jan es aus seiner flämischen Heimat gewohnt war, dass der Chorraum den Bereich um den Hauptaltar herum (d. h. östlich der Vierung) einnimmt, spricht er angesichts der ihm unvertrauten spanischen Aufteilung zwischen Capilla Mayor und Coro irrigerweise von zwei getrennten ‚Chören‘, die er notdürftig mit den explikativen Zusätzen de Saint-Jaquez und ou les prestres chantent differenziert: Le coeur ou les prestres chantent est loings dudit grant autel et coeur de Saint-Jaquez, on va et petie entre deulx 1068 . Ganz ähnlich wird auch Guillaume Manier bei seiner Besichtigung der Jakobskirche im Jahr 1726 neben dem chœur einen chœur où est l’autel oder auch maître-chœur ausmachen 1069 . Diese unscheinbaren Beispiele zeigen, dass die Pilger dazu tendierten, ‚Fremdes‘ gewissermaßen durch die Brille des ‚Eigenen‘ wahrzunehmen, dass sie zur Erschließung der ihnen unvertrauten Umgebung auf ihr eigenkulturelles Vorwissen, ihre heimischen Gewohnheiten und Verhältnisse rekurrierten 1070 . 4.2 Jan Taccoen van Zillebeke (1512) 289 <?page no="290"?> 1071 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-52. 1072 Siehe Kapitel 3.6. - Die Formulierung ist bei den beiden Autoren ganz ähnlich: Nach Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-321, befinde sich die Heiltumskammer au fond de ladicte eglise au costé sur la bonne main, nach Jan [a]u bout de l’église, a la main droite. Jan bezeichnet sie als trésorye, ähnlich wie Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 159: trésorerie, wohingegen Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 321, von einer saincte cappelle spricht. 1073 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-321: j’ois sonner une clocette. 1074 Das von Erzbischof Berengar de Landoria (1317-1330) gestiftete Reliquiar mit dem Ja‐ kobushaupt wird im Zusammenhang mit einer feierlichen Prozession, der Jan und seine Reisegefährten am Ostersonntag beiwohnten, zudem erstmals in seiner Materialität näher bestimmt, nämlich als casse en argent doré et de pierres. Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 51. Diese vage Beschreibung trifft in der Tat auf das noch heute erhaltene Reliquiar zu, wie ein Blick zurück auf Abb. 4 zeigt. Vgl. R U C Q U O I , Mille fois (wie Anm. 15), S.-344. 1075 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-52. Wie seine beiden Vorgänger lässt Jan die Beschreibung der Jakobskirche mit der Heiltumskammer enden: Au bout de l’église, a la main droite, il y a une montée. Quant on oit la sonner une closette III foiz, lez pèlerins montent amont et on oeuvre la trésorye, et la on monstre biaucop de richez joyaulx. Et la est le bailly de l’église qui monstre a tout sa verge chacun et dit en Franchois et Allemans que c’est. Mais la chief de saint Jaque minor est le plus riche, la ou les prebtres touchent les paternostrez et joyaulx 1071 . Die Parallelen insbesondere zu Jean de Tournai sind unübersehbar: Wie dieser lokalisiert auch Jan die Heiltumskammer, die trésorye, hinten rechts in der Ka‐ thedrale, d. h. wohl in einer der Kapellen auf der Südseite des Altarumgangs 1072 ; auch er vermerkt die kleine Glocke, die die Pilger zur Reliquienschau rief 1073 , und auch er hebt aus der großen Vielzahl der dort verwahrten Heiltümer nur das bedeutendste heraus: das Jakobushaupt, das er - wie alle Autoren ab Antoine de Lalaing - dem Apostel Jakobus dem Jüngeren zuordnet 1074 . Neu ist, dass auch der Ablauf der Reliquienschau näher bestimmt wird: Jan bezeichnet den diensthabenden Kleriker als bailly de l’église - demnach scheint ein bestimmter Amtsträger der Kathedrale mit dieser Aufgabe betraut gewesen zu sein - und schildert, wie dieser mit seinem Stab auf die einzelnen Reliquien zeigte und dazu Erläuterungen in mehreren Sprachen abgab 1075 . Dasselbe Prozedere findet sich auch in späteren Zeugnissen vielfach dokumentiert; bereits der im nächsten Kapitel zu untersuchende Itinerario des Bartolomeo Fontana bietet einen weiteren Beleg. Wie gewöhnlich bleibt der übrige Stadtraum abseits des sakralen Zentrums weitgehend unbeachtet; nur beiläufig im Abschnitt über das Hospital Real, ja 290 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="291"?> 1076 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 322; Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1063. Vgl. auch R U C Q U O I , Mille fois (wie Anm.-15), S.-348. 1077 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-51. 1078 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-51. 1079 Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 51. Vgl. D E S M A R E T , Jehan de Zeilbeke (wie Anm.-978), S.-197. 1080 Erst seit 2002 heißt die galicische Hauptstadt wieder Santiago de Compostela. Zur Hauptstadtfrage in Galicien siehe jüngst Manuel María de A R T A Z A , Galicia en la edad moderna, un reino sin cabeza, in: Estudis. Revista de Historia Moderna 46 (2020), S. 119-144. - Auf den Besuch der Marienkultorte an der Costa da Morte, Fisterra und Muxía, verzichtete Jan im Unterschied zu vielen Zeitgenossen, wahrscheinlich deshalb, weil ihm von Schiffskapitän Simon Inghebranc ein enger zeitlicher Rahmen gesetzt war. Allerdings erwähnt er sie und die mit ihnen verbundenen Traditionen dann am Anfang des Berichts über seine vierte und letzte Reise 1514/ 1515, die ihn südwärts entlang der iberischen Westküste führte. In Fisterra gebe es une églesette, und on voit la une nef de pierre et le mast de pierre II braces de largeur, sur laquelle naviere vient Notre-Seigneur et Notre-Dame outre la mer par miracle. Et il y a ung autel la ou Dieu fit sacrefice, comme on dit, et se y voit on plusieurs pas de Notre-Dame deden pièrez et elle avoit sorles a polenne. Et le mast de pierre couche plat sur terre, et on dit que tous créstienz soiant en estat de Grace y fait remuer ledit mas atout ung doit. Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-54. 1081 Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-47. buchstäblich in einem Nebensatz, vermittelt Jan einen globalen Eindruck von Compostela, der - auch darin stimmt er mit anderen Pilger-Autoren der Epoche überein - negativ ausfällt 1076 : Et ladite ospitael est au bout de la ville qui est asséz sobre ville - se n’estoit les pèlerins - et est petite, et encore laissent tomber biaucop de maisons 1077 . In Jans Augen handelt es sich demnach um eine kleine, verfallene Stadt, ohne jeden Reiz, wenn sie nicht, dem Apostel Jakobus sei Dank, ein hochrangiges Pilgerziel wäre. Damit fügt sich Compostela ganz in seine umliegende Landschaft ein, die ebenso reizlos und ärmlich anmute: ung sobre et povre pays 1078 ; einzig A Coruña, wo sich der aus Compostela zurückkehrende Pilger für die Heimreise einschiffte, sticht positiv heraus als une villette atout ung grant biau havene ou arivent tous basteaulx de toutes nachions et pays 1079 . Dem trostlosen galicischen Binnenland erscheint hier die schöne, weltoffene Hafenstadt A Coruña entgegengestellt, an die Compostela nur wenige Dekaden später, im Jahr 1563, seinen Status als Hauptstadt des Landes verlieren sollte 1080 . Blickt man vergleichend in andere Stadtbeschreibungen in Jans Livre de Voeiages, so erscheint sein negatives Urteil über Compostela als sonderbare Ausnahme. Fast alle Städte, in denen er sich auf seinen Reisen zwischen 1500 und 1515 aufhielt, beschreibt er mit großem Wohlwollen; neben Compostela scheinen ihm nur vier andere Städte missfallen zu haben: Navarre (rien belle, guère forte), Ribadeo (assez passable), Dole (assez détruite à cause des guerres) und Paphos (détruite, ni porte ni mur) 1081 . Vor dieser Kontrastfolie besteht 4.2 Jan Taccoen van Zillebeke (1512) 291 <?page no="292"?> 1082 Sein Vater Aloigio ist mit Namen und Beruf bekannt, weil Fontana ihn im Zusammen‐ hang mit Aigues-Mortes erwähnt: Acqua morta è porto di mare e piccol terra, è mercantile e fu maggiormente per lo passato, di modo che vi andavano galeazze grosse de Venetiani e altri legni de diverse parti a mercantare; io poteva restar di andarvi, ma mi sovvenne che Aloigio Fontana che fu mio padre, mi disse esservi stato già molti anni con galeazze di mercantia, onde per zelo paterno andai in quella. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S.-105. 1083 Giacomo Alberici, Catalogo breue de gl’illustri et famosi scrittori venetiani, quali tutti hanno dato in luce qualche opera, conforme allá loro professione particolare, Bologna 1605, S.-14. kein Zweifel daran, dass Jan von Galicien und namentlich von Compostela in besonderem Maße enttäuscht war. Nicht zufällig ist der Bericht über diese seine dritte Reise auch der kürzeste von allen und beschränkt sich, wie gezeigt, unter weitgehender Aussparung des restlichen Stadtraums, der umgebenden Landschaft und der auf dem Weg liegenden Stationen im Wesentlichen auf zwei zentrale Elemente: die ‚obligate‘ Kathedrale, die Jan - im Unterschied zu seinen Vorgängern - wenig imponierte, und das neu errichtete Hospital Real, das er im Gegenteil als einen herrlichen Prachtbau ohnegleichen beschreibt und das von nun an, sozusagen als zweite ‚Attraktion‘ nach der Kathedrale, einen festen Platz in nahezu allen Reiseberichten einnehmen wird. 4.3 Bartolomeo Fontana (1539) Über den nächsten Pilger, den Venezianer Bartolomeo Fontana, ist kaum mehr bekannt als das Wenige, das aus seinen eigenen Aufzeichnungen hervorgeht: Der Sohn eines im südfranzösischen Aigues-Mortes tätigen Kaufmanns un‐ ternahm zwischen 1539 und 1544 drei Reisen, zwei in andere italienische Städte, nach Mailand (1542) und Rom (1544), eine, die erste, nach Santiago de Compostela (1539) 1082 . Sein eleganter Stil, sein Kenntnisreichtum und seine unzweifelhafte Belesenheit lassen erkennen, dass es sich bei Fontana um einen gelehrten Schreiber handelt, einen humanistisch gebildeten und vielseitig interessierten uomo rinascimentale. Dies bestätigt auch der knappe, aber lobende Eintrag, den ihm Giacomo Alberici in seinem Catalogo breue de gl’illustri et famosi scrittori venetiani von 1605 widmet: BARTOLOMEO Fontana, huomo di buone lettere, e Cosmografo intelligentiss[imo]. Scrisse, e mandò in luce frà le altre cose di certo, un’Itinerario da Venetia à Roma, e da Roma à S. Giacomo di Galitia 1083 . Wenig rühmlich indes ist die dritte und letzte Quelle, die einigen Aufschluss über seine Person gibt: Prozessakten des Sanctum Officium, denen zufolge der von seiner eigenen Familie der Ketzerei und Erasmophilie angeklagte Fontana 292 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="293"?> 1084 Contra Bartholomeum Fontana, Aloysyem quondam Petri et Franciscum quondam Antonii miniatorem, Archivio Apostolico Vaticano, Fasz. 23. - Die Ankläger kamen aus dem engsten Familienkreis; sie behaupteten, dass Fontana seiner Frau und seiner Tochter nicht erlaube, zur Beichte zu gehen und an der Kommunion teilzunehmen, dass er nicht an die Existenz des Fegefeuers glaube, dass er die Irrmeinung verbreite, Moses sei ein Zauberer gewesen, und dass er Schriften von Luther besitze. Fontana bestritt dies alles, beschuldigte seine Familie der Lüge und der Böswilligkeit und ließ verschiedene Zeugen zu seiner Verteidigung aufrufen. Interessanterweise erkundigte sich der Inquisitor im Verhör wiederholt nach Fontanas Compostelareise, wohl deshalb, weil er annahm, Fontana hätte unterwegs mit erasmischem oder lutheranischem Gedankengut in Berührung kommen können. Aus seinem Bericht geht dies aber in keiner Weise hervor. Schließlich wurde der Angeklagte freigesprochen, und auch das Berufsverbot, das über ihn verhängt worden war, wurde nach einem Jahr wieder auf‐ gehoben. Vgl. Antonietta F U C E L L I , L’ombre d’Érasme sur Bartolomeo Fontana, pèlerin de la Renaissance, in: Les traces du pèlerinage à Saint-Jacques-de-Compostelle dans la culture européenne. Colloque organizé par le Centre italien d’études compostellanes et par l’université de la Tuscia, Viterbe, en collaboration avec le Conseil de l’Europe. Viterbe (Italie), 28 septembre-1 er octobre 1989, Straßburg 1992, S. 25-29, hier S. 26-28. - Zur frühen Erasmus-Rezeption in Italien vgl. Silvana S E I D E L M E N C H I , Erasmo in Italia, 1520-1580, Turin 1987. 1085 Contra Bartholomeum Fontana. Vgl. auch F U C E L L I , L’ombre d’Érasme (wie Anm. 1084), S.-26f.; D I E S ., L’itinerario di Bartolomeo Fontana, in: Santiago. Foglio di informazione e di notizie sul pellegrinaggio della Confraternita di San Jacopo di Compostella 12 (2006), S.-4f., hier S.-4; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-54f. 1086 Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 88. Vgl. Antonietta F U C E L L I , Bartolomeo Fon‐ tana: homo viator rinascimentale, in: Bartolomeo Fontana, L’itinerario di Bartolomeo 1568 mehrere Verhöre über sich ergehen lassen musste, schließlich jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde 1084 . Dieses Dokument belegt, dass er damals als maestro di scrivere e di abaco tätig war und dass er wohl um 1518 geboren worden sein muss, denn im ersten Verhör am 28. Mai 1568 bezifferte er sein Alter auf anni cinquanta in circa 1085 . Im Jahr 1550 gab Fontana beim venezianischen Verleger Agostino Bindoni unter dem weitschweifigen Titel Itinerario o vero viaggio da Venetia a Roma con tutte le Città, Terre et Castella per strade più habitate, con breve dittione delle sette chiese principali di Roma et altre divotioni notabili; Seguendo poi per ordine di Roma fino a Santo Jacobo in Galitia, Finibus terrae, la Barca, il Padrone et santo Salvatore, per più d’una via che far si può; con il nome pure delli paesi, delle cittati et terre così maritime come fra terra, Reliquie et chiese principali che per camino si trovano, montagne, heremi, fiumi et Mari famosi che veder conviensi, Fedelmente descritto, si come dall’Auttore è stato cercato et veduto einen Reisebericht in den Druck, der augenscheinlich auf seiner Pilgerfahrt nach Compostela beruht 1086 . Im Korpus der mittelalterlichen bis frühneuzeitlichen 4.3 Bartolomeo Fontana (1539) 293 <?page no="294"?> Fontana, hg. von Antonietta F U C E L L I , Neapel 1987, S. 11-49, hier S. 19. Vgl. auch V Á Z Q U E Z D E P A R G A et-al., Peregrinaciones 1 (wie Anm.-15), S.-237. 1087 Denn die bislang umfassendsten Berichte stammen aus dem hennegauischen Raum und sind in mittelfranzösischer Sprache verfasst; italienische Jakobspilger vor Fontana haben allesamt nur knappe Stationenverzeichnisse hinterlassen. Vgl. Francesco Maria T A L I A N I D E M A R C H I O , Peregrinos de Italia a Santiago, in: Santiago en la historia, la literatura y el arte, Madrid 1954, S. 129-143, hier S. 137; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-65. 1088 Vgl. F U C E L L I , L’itinerario (wie Anm. 1085), S. 4: „un’opera dalle innegabili finalità letterarie“; C A U C C I V O N S A U C K E N , La littérature (wie Anm. 93), S. 177: „un bon style et une certaine valeur littéraire“. 1089 Vgl. F U C E L L I , L’itinerario (wie Anm. 1085), S. 4; C A U C C I V O N S A U C K E N , La memoria (wie Anm. 209), S. 58f.; D E R S ., Santiago (wie Anm. 109), S. 56f. - Zur verlegerischen Konjunktur von Romguiden um 1550 vgl. Lisa Marie R O E M E R , Camminando vedrete. Wege durch das antike Rom in der Reiseliteratur des 7. bis 16. Jahrhunderts, Berlin 2019, S.-18. 1090 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 83-88; F U C E L L I , L’itinerario (wie Anm. 1085), S.-4. 1091 Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et-al., Peregrinaciones 1 (wie Anm.-15), S.-237. 1092 Vgl. Bartolomeo Fontana, La Galizia nell’Itinerario di Bartolomeo Fontana, hg. von Massimo P R I O R E L L I , in: I testi italiani del viaggio e pellegrinaggio a Santiago de Compostela e diorama sulla Galizia, hg. von Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Perugia 1983, S.-50-56. Jakobspilgerliteratur handelt es sich um den ersten umfassenderen Text italie‐ nischer Provenienz 1087 und um den ersten auch (abgesehen nur vielleicht von Lorenzos Itinerar-Gedicht), dem von der Forschung eine gewisse literarische Qualität attestiert wird 1088 . Das Erscheinungsjahr 1550 - über eine Dekade nach Fontanas Reise - war zweifellos mit verlegerischem Kalkül gewählt, ließen doch die laufenden Jubeljahrfeierlichkeiten, die in Rom damals wie heute im Vierteljahrhundertturnus begangen wurden, eine erhöhte Nachfrage nach religiöser Guiden- und Berichtliteratur erwarten 1089 . Dies ist vermutlich auch ein Grund dafür, dass die Rombeschreibung in Fontanas Itinerario einen so großen Raum einnimmt und sich nach dem Vorbild der Mirabilia Urbis Romae insbesondere auf die loca sancta konzentriert 1090 . Der kommerzielle Erfolg der Ausgabe dürfte gleichwohl mäßig gewesen sein - nachgedruckt wurde sie jedenfalls nicht. Sieht man von vereinzelten Erwähnungen (z. B. bei Vázquez de Parga et al.) ab 1091 , wurde der Text erst in den 1980er Jahren von der Perugianer Forschungsgruppe um Caucci von Saucken (Centro Italiano di Studi Compostellani) ‚wiederentdeckt‘: 1982 erschienen Auszüge - transkribiert und mit Vorbemerkungen versehen von Massimo Priorelli - in der von Caucci von Saucken herausgegebenen Anthologie I testi italiani del viaggio e pellegrinaggio a Santiago de Compostela e diorama sulla Galizia 1092 , und 1987 besorgte Antonietta Fucelli eine vollständige Neuausgabe 1093 . 294 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="295"?> 1093 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198). - Caucci von Saucken und Fucelli haben die bislang einschlägigste Forschung zu Fontana publiziert: F U C E L L I , Bartolomeo Fon‐ tana (wie Anm. 1086); D I E S ., L’ombre d’Érasme (wie Anm. 1084); D I E S ., L’itinerario (wie Anm. 1085); C A U C C I V O N S A U C K E N zieht Fontanas Bericht in diversen diachron ausgerichteten Studien heran; ein ganzes Kapitel widmet er ihm in Santiago (wie Anm. 109), S. 53-68. Darüber hinaus sind folgende Arbeiten zu nennen: M E L Z I , Due viaggiatori veneziani (wie Anm. 104); C A L V O S A L G A D O , Die Wunder der Bettlerinnen (wie Anm.-212), S.-164-171. 1094 Vgl. University of Pennsylvania Library, Three itineraries (Eintrag im Online-Katalog zu Ms. Codex 451), https: / / franklin.library.upenn.edu/ catalog/ FRANKLIN_9924866223 503681 (Zugriff am 24.01.2023). Ebenda ist ein Digitalisat der Handschrift einsehbar. - Zur Datierung vgl. M E L Z I , Due viaggiatori veneziani (wie Anm.-104), S. XXI. 1095 Vgl. M E L Z I , Due viaggiatori veneziani (wie Anm. 104), S. XV-XXIX. Vgl. auch die Rezension von Carmine D I M I C H E L E , Bartolomeo Fontana. Itinerari (ms. ital. 226 Univ. of Pennsylvania). Edizione critica di Robert C. Melzi, con uno studio su Due viaggiatori veneziani attraverso l’Europa del Cinquecento, in: Rivista di Studi Italiani 14/ 2 (1996), S.-277-279, hier S.-278. 1096 Vgl. M E L Z I , Due viaggiatori veneziani (wie Anm. 104), S. XLIII-XLIX. Vgl. auch D I M I C H E L E , Bartolomeo Fontana (wie Anm. 1095), S. 279; Philippe M A R T I N , Les secrets de Saint-Jacques-de-Compostelle, Paris 2018, S.-123: „Mais, en fait, cet itinéraire est en grande partie une fiction puisque l’auteur fusionne trois voyages effectués à des dates différentes.“ 1097 Überhaupt scheint Fontana es mit der Wahrheit nicht allzu genau zu nehmen. Bei manchen Reiseerlebnissen stellt sich die Frage, ob sie sich wirklich zugetragen haben oder nicht vielmehr durch die Literatur inspiriert sind. So weist S E I D E L M E N C H I darauf Neben der Ausgabe von 1550 ist auch eine handschriftliche Quelle über‐ liefert: eine gegenwärtig in der University of Pennsylvania Library als Ms. Codex 451 (ehem. ms. ital. 226) katalogisierte, 69 Folia umfassende Sammel‐ handschrift, die ungefähr auf das Jahr 1570 zu datieren ist 1094 . Darin sind drei kurze Berichte Fontanas über eingangs genannte Reisen (Compostela 1539: fol. 2 r -27 v , Mailand 1542: fol. 28 r -30 r , und Rom 1544: fol. 32 r -46 v ) enthalten sowie ein vierter, von anderer Hand verfasster Bericht über eine Reise durch Deutschland, Frankreich und die Niederlande (fol. 49 r -69 r ), der von Costantino Garzoni stammen könnte 1095 . Diese Handschrift wurde 1995 von Robert C. Melzi untersucht und mit der historischen Ausgabe von 1550 verglichen. Er gelangte dabei zu dem Schluss, dass letztere in Wahrheit auf allen drei Reisen basiere, auf der nach Compostela, der nach Mailand und der nach Rom, die Fontana - wie die Handschrift bezeuge - nacheinander unternommen und zunächst getrennt beschrieben habe; erst später, für die Veröffentlichung zum Heiligen Jahr 1550, habe er die Einzelberichte als Vorlagen zur Verfertigung einer kontinuierlichen Reisedarstellung genutzt 1096 . Die Pilgerfahrt, so wie von ihm angeblich fedelmente descritto (laut Titel), scheint demnach nie stattgefunden zu haben 1097 . Trotzdem wird der Text selbst in jüngeren Forschungsarbeiten - 4.3 Bartolomeo Fontana (1539) 295 <?page no="296"?> hin, dass etwa folgende Szene den Colloquia des Erasmus entnommen sein könnte: Auf dem Weg nach Compostela lernte Fontana einen Deutschen namens Konrad kennen, der ihm eine Lektion in erasmischer Religiosität erteilte. Als der Deutsche erfuhr, das Fontana nach Compostela reiste, obwohl seine in Venedig zurückgelassenen Eltern und Kinder seiner dringend bedurft hätten, erklärte er ihm, dass seine Pilgerfahrt Sünde sei. Dies machte großen Eindruck auf den jungen Pilger, umso mehr, als ihm Konrad zum Zeichen tätiger Barmherzigkeit obendrein ein großzügiges Almosen gab. Da dieses angebliche Reiseerlebnis Fontanas inhaltlich mit zwei Colloquia des Erasmus (De votis temere susceptis und Peregrinatio religionis ergo) weitgehend übereinstimmt, hält S E I D E L M E N C H I die These für berechtigt, dass das Gespräch mit dem deutschen Erasmisten eher auf Fontanas Leseals auf seinen Reiseerfahrungen beruhe. Vgl. Silvana S E I D E L M E N C H I , Erasmus als Ketzer. Reformation und Inquisition im Italien des 16. Jahrhunderts, Leiden 1993, S.-162, insb. Anm.-77. 1098 Vgl. z. B. C A L V O S A L G A D O , Die Wunder der Bettlerinnen (wie Anm. 212), S. 164f.; F U C E L L I , L’itinerario (wie Anm. 1085), S. 4; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S.-53-64; L O P E Z , La imagen (wie Anm.-227), S.-360-365. 1099 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 99f.: Da santa Maria a Romer monte [Remiremont] è tutta strada habitata de terre e ville e quivi si entra sul Ducato del Rheno e parlasi in lingua francese e de qui avanti io contarò il camino a leghe francesche, che una lega sono miglia tre italiani, 128: A Novalesa comincia il Piamonte e non si conta più il camino a leghe, ma a miglia italiani. 1100 Da er nur den Tag seines Aufbruchs, nicht aber denjenigen seiner Heimkehr angibt, bleibt zudem unklar, wie lange er insgesamt unterwegs war. Sollte er jedoch, wie er explizit festhält, vom 18. bis zum 21. September 1539 in Compostela, am 29. Oktober in Roncesvalles und am 25. November im Aubrac gewesen sein, so wäre er vermutlich um den Jahreswechsel nach Venedig zurückgekehrt. Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-117, 123, 126. wahrscheinlich durch Unkenntnis von Melzis Studie - zuweilen noch immer so gelesen, als würde er die Reiseerlebnisse seines Autors im Jahr 1539 zuverlässig wiedergeben 1098 . Obgleich weitgehend zu einem fließenden Text ausgearbeitet, weist auch Fontanas Itinerario die - schon im Titel angezeigte - herkömmliche Itine‐ rar-Struktur auf, wie sie bisher in allen Zeugnissen deutlich zu erkennen war (mit gewissen Abstrichen bei Jean de Tournai, Antoine de Lalaing und Jan Taccoen van Zillebeke, die sich primär an eine Tagebuch-Struktur halten): Lückenlos notiert Fontana die Stationen seiner Reise(n) - in summa 387 - sowie die dazwischenliegenden Distanzen, die er auf dem Hinweg bis Remiremont (Lothringen) in miglia, anschließend in leghe und auf dem Rückweg ab Susa (Piemont) wieder in miglia bemisst 1099 . Für den Hinweg verzeichnet er 828 miglia und 425 leghe (über 4000 km), für den Rückweg 314 ½ leghe und 270 miglia (über 2300 km). Eine zeitliche Gliederung der Reise, etwa in Tagesetappen, geht aus seinem Bericht nicht hervor; Kalenderdaten vermerkt er nur sporadisch 1100 . 296 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="297"?> 1101 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 73-81. - Eigentlich gibt Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 72, H. d. V., den 19. Februar nell’anno dell’Incarnazione del nostro Signore 1538 als Tag seines Aufbruchs an. Dies führte in der Forschung bisweilen zu der irrigen Annahme, dass Fontana über anderthalb Jahre allein für die Hinreise gebraucht hätte. Vgl. z. B. C A L V O S A L G A D O , Die Wunder der Bettlerinnen (wie Anm. 212), S. 165; L O P E Z , La imagen (wie Anm. 227), S. 360. Dabei richtete er sich schlicht nach dem venezianischen Kalender, der Neujahr auf den 25. März festlegt - den Tag der Verkündigung Mariä und der Sage nach auch der Gründung Venedigs (25. März 421). Nach heute üblicher Rechnung trat Fontana seine Pilgerfahrt am 19. Februar 1539 an und brauchte sieben Monate, um zum Grab des hl. Jakobus zu gelangen. Vgl. F U C E L L I , L’itinerario (wie Anm. 1085), S. 4; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 62, Anm.-152. 1102 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-81f. 1103 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-83. 1104 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 83-88. - Ein seltenes Zeugnis, denn nur wenige Pilgerberichte gehen auf die Katakomben ein: è una grotta detta Catacumbe, onde è la istessa indulgentia, che è in san Pietro: quivi entrassimo noi con lumi accesi e vedessimo un loco pieno di divotione e di molte sepolture per gli fianchi di detta tomba, che sono concave con molte ossa de martyri dentro, trovassimo molte stantiole, dove si entra di una in un’altra procedendo avanti con gran oscurità per esser loco sotterraneo, per il che impauriti noi de ismarirsi, come ad altri (per quanto a noi fu detto) è occorso, tornassimo in dietro per alcune mete che havevamo noi con pietre assignato e con li bordoni. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 85. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-58f. Im Folgenden gebe ich den Reiseverlauf nach Fontanas Itinerario wieder, der - wie nochmals betont sei - drei verschiedene Reisen zu amalgamieren scheint: Am 19. Februar 1539 brach der etwa zwanzigjährige Pilger von Venedig auf, reiste über Padua, Ferrara, Forlì und Cesena nach Rimini, folgte von dort aus der märkischen Küste in südöstlicher Richtung und gelangte über Pesaro und Ancona zum ersten Ziel seiner Pilgerfahrt: Loreto, wo er in der Basilika vom Heiligen Haus betete 1101 . Anschließend ins Landesinnere vordringend, begab er sich nach Assisi, um die Orte des hl. Franziskus und die Basilika Santa Maria degli Angeli zu besuchen 1102 ; dann wandte er sich nach Süden und zog über Foligno und Trevi nach Spoleto, wo er die Via Flaminia einschlug, die ihn über Terni, Narni und Civita Castellana nach Rom führte 1103 . Detailreich geht er auf die von ihm abgelaufenen sieben Hauptkirchen ein, interessiert sich gleichermaßen aber für die Überreste der römischen Antike und gibt sogar eine kurze Beschreibung der Katakomben (unter der Kirche San Sebastiano fuori le mura), in die er selbst hinabstieg 1104 . Von Rom aus folgte er der Via Cassia über Viterbo und Bolsena nach Siena, nahm einen Umweg zu den Franziskusheiligtümern von La Verna und zog weiter nach Florenz und Bologna. Die Via Aemilia führte ihn über Modena, Reggio, Parma und Piacenza nach Mailand 1105 . Da die grassierende Pest und 4.3 Bartolomeo Fontana (1539) 297 <?page no="298"?> 1105 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-88-95. 1106 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-96-99. 1107 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-99-101. 1108 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-102f. 1109 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-103-108. 1110 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-107f. 1111 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-109-113. 1112 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-113. 1113 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-114f. 1114 Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-115. 1115 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-116. Gerüchte über marodierende Soldatenbanden die westlichen Alpen nicht sicher erscheinen ließen, wählte Fontana statt der traditionellen Route über den Mont-Cenis-Pass einen längeren Weg durch die italienische und deutsche Schweiz, der ihn nach Lugano, Luzern und Basel führte 1106 . Er reiste weiter durch das Elsass und das Burgund, wandte sich bei Dijon nach Süden und gelangte über Beaune, Chalon-sur-Saône und Mâcon nach Lyon 1107 . Im unweit gelegenen Vienne besuchte er das berühmte Antoniussanktuar; sodann folgte er, vorbei an Valence und Montélimar, dem Verlauf der Rhône bis Avignon 1108 . Dort schlug er die Via Tolosana ein, zog es bei Montpellier jedoch vor, statt der historischen Pilgerroute ins Landesinnere nach Toulouse zu folgen, seinen Weg entlang der Côte d’Améthyste und der Costa Brava fortzusetzen 1109 . Katalonien betrat er bei La Jonquera. Er erreichte Barcelona und begab sich zum Gebet in das nur wenige Meilen entfernte Marienheiligtum der Bene‐ diktinerabtei von Montserrat 1110 . Über Igualada, Lleida, Saragossa, Calatayud und Aranda de Duero reiste er nach Valladolid und weiter über Benavente und León - den Camino Francés kreuzend - nach Oviedo, wo er sich die berühmte Christusreliquie zeigen ließ 1111 . Anschließend nahm er wie Antoine de Lalaing nicht den direkten Camino Primitivo, sondern zog weiter gen Norden in die Hafenstadt Avilés und folgte der asturischen Küstenlinie (Camino de la Costa) bis Ribadeo 1112 . Statt dort aber ins Landesinnere einzubiegen wie der flämische Adlige, hielt er sich auch in Galicien weiterhin an den Küstenweg, der ihn nach Viveiro, Pontedeume, A Coruña, Malpica de Bergantiños, Muxía und Fisterra führte; an den beiden letzteren Orten besuchte er die jeweiligen Marienheiligtümer (Santa María da Barca und Santa María de Fisterra) 1113 . Vom sagenumwobenen ‚Ende der Welt‘, welches der Kosmograph Fontana nur mehr nüchtern als termine, e fine della terra in quella parte detta Europa beschreibt 1114 , begab er sich auf dem mehr oder minder direkten Weg - über Corcubión, Cee und Olveira - nach Compostela, dem er sich somit als erster Autor im hier analysierten Korpus nicht von Osten, sondern von Westen näherte 1115 . 298 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="299"?> 1116 Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 117. - Gerade in der Beschreibung des Rückwegs ist die alte Itinerar-Struktur noch deutlich zu erkennen: Zum größten Teil sind die Städte hier nur jeweils als Etappenstationen notiert, ohne nähere Ausführungen. In Burgos weist er knapp auf die Kathedrale und ein Kloster hin, León belässt er völlig unkommentiert. Auf dem Camino Francés geht er ausführlicher nur auf Santo Domingo de la Calzada ein, insbesondere auf das dort vom hl. Jakobus gewirkte Galgen- und Hühnerwunder, das schon in den frühesten romanischen Itineraren - im Itinerario Marciano und bei Nompar II. de Caumont - bezeugt ist. Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-119-122. 1117 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 117-119. - Wie üblich informiert er seinen Leser zuvor aber über den camino dritto. 1118 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 119-124. - Von Compostela brach er am 21. September 1539 auf; in Roncesvalles traf er am 29. Oktober 1539 ein. Auch er brauchte folglich für den Camino Francés deutlich länger als die im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi vorgesehenen 13 Tagesetappen. Allerdings war er nur zu Fuß - nicht zu Pferd - unterwegs und nahm außerdem einen Umweg über den Camino Portugués. 1119 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-125f.; Liber (wie Anm.-25), S.-235. Compostela ist bei Fontana deutlich als finaler Zielort seiner frommen Reise markiert, denn er lässt dort explizit den Rückweg in die Heimat beginnen (De Compostella mi parti […] voltando verso Italia, me ne andai verso la patria), den er deutlich detailärmer und mit größeren Entfernungen zwischen den einzelnen Stationen beschreibt als den Hinweg 1116 . Da er den Besuch in Fisterra vorzog, entsteht bei ihm auch nicht der Eindruck (wie bei manch früherem Pilger-Autor, insbesondere bei Nompar II. de Caumont), dass Compostela nur ein Zwischen‐ ziel auf einer noch weiter führenden Reise wäre; vielmehr erscheint Fisterra bei ihm gleichsam in den Pilgerweg nach Compostela integriert. Andererseits machte er sich jedoch - entgegen dem, was er an zitierter Stelle suggeriert - von der Apostelstadt nicht direkt auf den Heimweg, sondern wanderte zunächst süd‐ wärts - über Padrón, Caldas de Reis und Pontevedra - ein Stück auf dem Camino Portugués 1117 . Erst kurz vor der Grenze zu Portugal wandte er sich schließlich nach Osten, in Richtung seiner Heimat, und begab sich über Ribadavia und Ourense nach Triacastela, von wo aus er mit nur geringen Abweichungen dem Camino Francés bis Roncesvalles und anschließend - nach der Querung der Pyrenäen über den Ibañeta-Pass - der Via Tolosana bis Toulouse folgte 1118 . Dann schlug er wiederum einen eher unüblichen Weg ein: Über Montauban und Rodez reiste er nach Nordosten, bis er die Via Podiensis erreichte, die ihn durch das Aubrac bis Le-Puy-en-Velay führte, dem Ausgangsort dieser schon im Liber Sancti Jacobi bezeugten Pilgerroute 1119 . Über Saint-Étienne und Lyon gelangte er in die Alpenstadt Chambéry, überquerte den Mont-Cenis-Pass und kehrte über Turin, Mailand, Bergamo, Brescia, Vicenza, Verona und Padua nach Venedig zurück 1120 . Der Freude über seine Heimkehr verleiht er Ausdruck mit einem 4.3 Bartolomeo Fontana (1539) 299 <?page no="300"?> 1120 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 126-129. - Die letzten fünf Meilen bis Venedig legte er mit dem Schiff zurück. 1121 Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-129. 1122 Vgl. L O P E Z , La imagen (wie Anm.-227), S.-361. 1123 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 96: dovea pigliar la strada verso Piedemonti, ma restai per due cagioni: l’una perché di poco erano cessate le guerre in quel paese, dove io passando portava pericolo di essere ispogliato da qualche soldato vagabondo; l’altra era que in alcuni luochi oltra la gran penuria, non scio che di mortalissima peste si sentiva di essere, per il che pigliai la volta per la terra todesca e andai a rifferire in Avignone in su la bona strada. 1124 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-100. 1125 Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 105. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , La littérature (wie Anm. 93), S. 177. - Der Eintrag zu Aigues Mortes ist auch die einzige Stelle in Fontanas Itinerario, aus der sich Genaueres über seine Person ableiten lässt. Vgl. P É R I C A R D -M É A / M O L L A R E T , Dictionnaire (wie Anm. 217), s. v. Fontana (Bartolomeo). - Zu Fontanas Zeiten befand sich Aigues-Mortes noch an einer großen Lagune; heute liegt es durch die Verlandung der Flachwasserzone etwa sechs Kilometer vom Meer entfernt, kann über einen Kanal aber noch immer mit dem Schiff erreicht werden. Enkomion auf die Serenissima, la qual, si come di bellezza tutte l’altre città da me vedute eccede, così di templi notabili è copiosa 1121 . Häufiger als alle bisherigen Pilger-Autoren vermerkt Fontana Umwege ab‐ seits der traditionellen Routen 1122 . Dies gilt jedenfalls für den Hinweg; der Rückweg dagegen - sieht man einmal von den beiden Abstechern auf den Camino Portugués und die Via Podiensis ab - entspricht weitgehend dem direkten, kürzestmöglichen Verlauf. Manche Umwege nahm der junge Gelehrte gezwungenermaßen, so etwa als er, um die westlichen Alpen zu meiden, wo gerade die Pest wütete und Soldatenbanden (vermutlich Söldnertruppen, die seit dem 1538 erreichten Waffenstillstand zwischen Franz I. und Karl V. sich selbst überlassen waren) ihr Unwesen trieben, durch Schweiz, Elsass und Burgund reiste 1123 ; viele andere indes, um loca sancta (wie Assisi, Perugia, La Verna, Vienne, Montserrat, Oviedo und Fisterra) zu besuchen und Ablässe zu erwerben; wieder andere zweifelsohne aus Neugierde und Reiselust oder aus anderen profanen Gründen: Auf der Strecke zwischen Basel und Dijon etwa schlug er einen längeren Umweg ein, um in den Thermalquellen von Plombières-les-Bains in den Vogesen zu baden 1124 , und in die französische Hafenstadt Aigues-Mortes trieb ihn zelo paterno, die Erinnerung an seinen Vater Aloigio, der dort - wie eingangs erwähnt - als Kaufmann tätig gewesen war 1125 . Welches Gewicht den Umwegen bei Fontana zukommt, wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, dass er allein auf dem Hinweg von Venedig bis Compostela über 4000 Kilometer zurückgelegt haben will, während der direkte Weg, so wie ihn beispielsweise der anonyme Itinerario Marciano verzeichnet, nur rund 2300 Kilometer beträgt 1126 . 300 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="301"?> 1126 M A R T I N , Les secrets (wie Anm. 1096), S. 122, kalkuliert für den Hinweg sogar etwa 4500 Kilometer. 1127 Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 96. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , La littérature (wie Anm.-93), S.-177; L O P E Z , La imagen (wie Anm.-227), S.-361. 1128 Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-96. 1129 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 96. - Dieser ‚wahre‘ Jakobsweg entspricht weitgehend der via delle Alpi, derjenigen Route, die sich bereits im Itinerario Marciano, bei den beiden anonymen Florentinern und bei Jean de Tournai nachvollziehen ließ. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-64. 1130 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-103-108. 1131 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-117. 1132 Vgl. C A L V O S A L G A D O , Die Wunder der Bettlerinnen (wie Anm.-212), S.-165. Zugleich aber bezeugt er, dass in der Mitte des 16. Jahrhunderts nach wie vor ein Bewusstsein für einen vero camino dritto di san Giacopo usitato anticamente bestand, d. h. für eine genau definierte ‚wahre‘ Jakobswegroute; mit ihr nämlich kontrastiert er wiederholt seinen eigenen umwegreichen Reiseverlauf 1127 . So konzediert er beispielsweise im Hinblick auf seine Umgehung der westlichen Alpen durch Schweiz, Elsass und Burgund: Ma il vero camino dritto di san Giacopo usitato anticamente era di andare in Avignone, per la via che qui sotto descrivo a intelligenza di quelli che vi volessero andare, acciò che lasciando la longa, sapino quale sia la più ispedita e corta 1128 . Dieser von ihm nicht eingeschlagene camino dritto führe von Mailand über Novara und Chivasso nach Turin und weiter über Susa, Oulx, den Mont-Genèvre-Pass, Briançon, Embrun, Tallard, Séderon und Carpentras nach Avignon 1129 . Von dort aus verlaufe die vera strada, die strada grande battuta da romieri, wie er später im Eintrag zur ehemaligen Papststadt erklärt, über Montpellier, Béziers, Carcassonne, Toulouse, Auch und Orthez bis zu den Pyrenäen, womit er die Via Tolosana beschreibt; selbst folgte er jedoch, wie gezeigt, der französischen und katalanischen Mittelmeerküste bis Barcelona 1130 . In Spanien endlich betrachtet er den Camino Francés als ‚wahren‘ Jakobsweg 1131 . Dass er seine Umwege immer wieder deutlich als solche markiert und sie mit den traditionellen (direkten) Pilgerwegen konfrontiert, ergibt sich aus der grundsätzlichen Konzeption seines Itinerario, der - wie so viele Texte im hier analysierten Korpus - die Doppelfunktion eines Berichts und zugleich eines Führers erfüllen sollte: Einerseits beschreibt der Text die individuelle Pilgerfahrt seines Autors; andererseits sollte er jedoch auch - was sich nicht zuletzt an den häufigen (zumeist unpersönlich formulierten) Hinweisen, Ratschlägen und Warnungen zeigt - als praktische Reiseanleitung für zukünftige Jakobspilger von Nutzen sein, für die es im Zweifel wichtiger war, den bewährten camino dritto zu kennen, als Fontanas Umwege 1132 . Nicht umsonst streicht der gelehrte 4.3 Bartolomeo Fontana (1539) 301 <?page no="302"?> 1133 Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 71. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-57. 1134 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 57; L O P E Z , La imagen (wie Anm.-227), S.-361. 1135 Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-72. - Zur Jahreszahl 1538 vgl. Anm.-1101. 1136 Massimo P E T R O C C H I , Sulla peregrinatio religiosa nel Cinquecento: Bartolomeo Fontana a Santiago de Compostela (1539), in: D E R S ., Una «devotio moderna» nel Quattrocentro italiano? ed altri studi, Florenz 1961, S. 83-100, hier S. 97, attestiert Fontana eine devotio moderna, mehr auf die Innerlichkeit bezogen, aber noch ganz im Einklang mit der katholischen Orthodoxie: „Quello che domina nel racconto è la psicologia di un pellegrino cinquecentesco, attento e acuto alle cose che vede, ricco di fede e di pathos; una psicologia religiosa che è l’ultima eco di una tradizione medievale e al tempo stesso il risultato delle esigenze devozionali della Riforma cattolica.“ 1137 Genau wie Jean de Tournai (Kapitel 3.6). Und wie dieser besuchte er vorzugsweise Marienheiligtümer. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 57, spricht von „una nuova stagione devozionale in cui appare manifesta la tendenza a riunire più culti possibili, dando a quelli mariani un ruolo sempre maggiore.“ Insbesondere im Kontext der Gegenreformation ab 1545 gewann der Marienkult immens an Bedeutung. 1138 Hier ließen sich zahllose Belege anführen. Im Eintrag zu Muxía etwa beschreibt Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 115, zunächst das berühmte Marienbild: In der dortigen Kirche befinde sich de nostra Signora una imagine de intaglio longa circa un brazzo, e sta in piedi, chiamata s. Maria dalla Barca, perchè venne lì (per quanto dice gli habitanti) in una barca di pietra viva; anschließend erklärt er, welche Rituale man dort verrichten Pilger den Aspekt der (didaktischen) Nützlichkeit in seinem „Prefacio“ so deutlich heraus: a universale utilità de peregrini und per il giovare altrui habe er seinen Itinerario verfasst 1133 . Ebenda gibt er auch Aufschluss über die Motivation seiner Reise, an der - charakteristisch für frühneuzeitliche Jakobspilger - Religiöses und Weltliches gleichermaßen Anteil hatten 1134 : Desideroso io sì de visitar molte divotioni e infinite reliquie de Dormienti in Cristo Iesù, sì anchora di vedere varie e istraniere parti e diverse terre dell’universo, deliberai nell’anno dell’Incarnazione del nostro Signore 1538 di andare in Galicia famosa: onde postomi lo mantello intorno e ’l capello in testa e preso un mano il bordone, peregrino divenni e alli 19 de Febraro, correndo il detto millesimo, il primo giorno della quadragesima nella lunga strada del beato apostolo santo Iacobo entrai 1135 . Der religiöse Charakter seiner Reise steht außer Frage 1136 : Er besuchte zahlrei‐ che berühmte Kultstätten - darunter die damals bedeutendsten Pilgerzentren Europas: Loreto, Rom und Compostela 1137 - und allerorts galt sein höchstes Interesse den Reliquien, den Heiligenbildnissen und anderen devotionalen Gegenständen sowie dem Erwerb von Ablässen und dazu dienenden Ritualen und Zeremonien 1138 . Er bezeichnet seine Reise - obgleich nicht im Werktitel - ausdrücklich als Pilgerfahrt (peregrinaggio) 1139 , sich selbst als Pilger (pere‐ 302 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="303"?> müsse, um Ablässe zu erlangen: Qui si piglia il perdono, circondando tre volte la chiesiola de fora via, e cadauna volta dir alla porta (prostrato) uno pater noster, e ave maria. 1139 Z. B. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-73. 1140 Z. B. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-72. 1141 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-72. 1142 Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 104, 115, 118. Vgl. C A L V O S A L G A D O , Die Wunder der Bettlerinnen (wie Anm.-212), S.-169. 1143 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-121f. 1144 Nur vereinzelt nennt Fontana die jeweils verwendete Quelle, so etwa im Eintrag zu Roncesvalles: Quivi venne Carlo tirrato dal suono e da un montio (per quanto si legge nel Catalogo de Santi nel lib. V al cap. 121) e trovò Orlando ch’era morto nelle brazze di un suo amico, Tiberio detto. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 122. Häufiger greift er jedoch auf Wendungen wie Dissero gli antici Greci zurück oder nennt gar keine Quelle. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 75. Dies betrifft beispielsweise die Länder- und Völkerbeschreibungen zu Italien, Deutschland (die Durchreise durch die Schweiz dient als Anlass zu dieser Beschreibung) und Spanien. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 78f., 97f., 105f. Bei Frankreich verweist er hingegen auf Battista Mantuano nel suo Dionysio. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 100f. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-67f. 1145 Finisterre, o vero finibus terre […] è termine, e fine della terra in quella parte detta Europa, grino) 1140 , und er reiste im traditionellen Pilgergewand (Pelerine, Hut und Stab), mit dem nach Compostela aufbrechende Gläubige üblicherweise im Rahmen eines besonderen Weihe- und Segensritus eingekleidet wurden 1141 . Außerdem gibt er vielfach Wunderberichte und Heiligenlegenden wieder, die ihm - wie zahlreiche Markierungen der indirekten Rede indizieren: per quanto ivi si dice, per quanto se ne intende, per quanto dice gli habitanti etc. - wohl auf dem Pilgerweg oder auch an den entsprechenden Schauplätzen mündlich zugetragen wurden 1142 . Dabei sticht - genau wie bei Nompar II. de Caumont - der Passus über das Galgen- und Hühnerwunder von Santo Domingo de la Calzada wegen seiner Länge und der ihm beigegebenen Erläuterungen heraus 1143 . Die devotio des gläubigen Christen verbindet Fontana mit der ‚wissenschaft‐ lichen‘ curiositas und der voluptas itineris des jungen Humanisten. Sein Itinerario bietet eine reiche Quelle an Kenntnissen nicht nur über Sakraltopographie, Frömmigkeitspraxis und verbreitete legendarische Traditionen der Zeit, son‐ dern auch über Völker und Landschaften, Sitten und Brauchtum, Beherbergungsinfrastruktur, Kunst und Architektur, Historisches und Mythisches. Seine humanistische Gelehrsamkeit bekundet sich eindrücklich in den (nicht immer als solche markierten) Zitaten und Buchverweisen, mit denen sein Text durch‐ setzt ist 1144 . Neben biblischen Motiven und Figuren evoziert er gelegentlich auch solche der griechisch-römischen Mythologie (im Eintrag zu Fisterra z. B. verweist er auf die Sage vom Raub der Europa und auf den weltumfließen‐ den Okeanos, Vater aller Meere) 1145 ; zugleich lässt er ein lebhaftes Interesse 4.3 Bartolomeo Fontana (1539) 303 <?page no="304"?> che prese ’l nome da Europa, figlia di Cadmo Re de Phenici, la qual per la sua troppa belezza fu da Giove amata, e fatta pregnante, partorì Minos Rhadamanto, e Sarpedone. Giove all’hora in perpetoa memoria di lei, chiamoe Europa la terza parte de ’l Mondo. Batte nel Lito, over Spiaggia della soprascritta Terrizola, il Mare Occeano, delli Mari padre, e dell’acque perpetuo allogiatore, grande a tanto, che da ’l solo Iddio suo creatore è comprensibile. Quello tutta la terra circonda, e sono in esso Isole infinite. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 115. Vgl. G A N Z -B L Ä T T L E R , Spiritualität (wie Anm. 208), S.-68f.; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-65f. 1146 Hier sei nur ein Auszug wiedergegeben: Vedute le devotioni, alcune anticaglie cercassimo, come sono gli archi, gli acquedotti, le terme, il tempio della Pace, che rovinò al nascimento de Christo, sì come predisse lo idolo di Apollo, il palazzo che era di Ottaviano, ove lui vide nel Sole la Vergine Maria Araceli; il tempio di Minerva, detto hora Santa Maria della Minerva, il Panteon sacrato a tutti gli idoli, detto hora Santa Maria Rotonda, il superbo e laborioso cerchio, hoggi detto Coliseo, opera meravigliosa, che dirle si potea, dove vi sedeano 20000 persone riguardanti le battaglie navali e altri superbi spettacoli esercitati dalla gioventù romana; la statoa di bronzo del Villano in Campidoglio, che già era a San Giovanni in Laterano, la boca della verità nel monte Aventino, la qual reteneva la mano a chiunque sopra le giurava falso e perse la virtù per fraude d’una femina; una piramide appresso Portacaprena, che si dice esser sepoltura de Romulo e Remo, e tamen è di Caio Cestio: il palazzo di Pilato Pontio, il loco dove Giovanni d’Anglia Papa e femina parturì, e subito morite, andando da san Pietro a san Ioanni Laterano, fra il Coliseo e san Clemente, una spelonca dove san Silvestro legò uno dragone, che tutta Roma d’incurabil peste contaminava, l’erario di Saturno, il tempio de Diana, sopra l’Aventino, quel di Cerere, quel di Hercole, quel della Pudicitia, quel della Dea Veste, l’ara di Proserpina, il teatro di Pompeo, il sepolcro d’Adriano, dove hoggi è Castel Santo Angelo, il ponte trionfale, dove niun rustico passar potea, la statoa di Marsorio e quella di Pasquino homini di pietra, alli quali si appiccano sovente versi e cantilene in dishonor d’altrui, e altre cose assai, della maggior parte delle quali se ne vede a pena vestigio o reliquia e di alcune il nome. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 87. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-58-60. 1147 Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 46-71, beispielsweise interessiert sich in Rom ausschließ‐ lich für die zahllosen Kirchen, die er erschöpfend aufzulisten versucht. 1148 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-116f. für das materielle Erbe der Antike durchscheinen (im Eintrag zu Rom z. B. widmet er ganze Seiten den Ruinen der Tempel, Paläste, Arenen, Thermen und Aquädukte) 1146 . Darin unterscheidet er sich wesentlich von den bisherigen Pilger-Autoren 1147 . Indiz für weltliche Neugierde und Reiselust sind nicht zuletzt die erwähnten Umwege, die nur teilweise dem Besuch von Kirchen und Heilig‐ tümern dienten. Das Pilgerziel Compostela nimmt auch bei Fontana eine eher untergeordnete Stellung ein: Der quantitative Anteil der Stadtbeschreibung am Gesamttext ist mit nur 28 Zeilen, kaum einer Seite, genretypisch gering und die Aufenthalts‐ dauer vor Ort mit nur drei Tagen (vom 18. bis zum 21. September 1539) wie gewöhnlich auf das Nötigste beschränkt 1148 . Das Hauptgewicht liegt somit - wie in sämtlichen bisher analysierten Zeugnissen - auf der Beschreibung des 304 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="305"?> 1149 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-83-88. 1150 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 113, 115-119. - Auch P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm. 94), S. 53, wundert sich über die relative Kürze der Compostela-Beschreibung bei Fontana: „Sorprende un poco que dedica tanto espacio en su relato a Oviedo como a Santiago.“ 1151 Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-119. Weges, der zudem nicht direkt nach Compostela führt, sondern, wie gezeigt, über zum Teil konsiderable Umwege verläuft und zahlreiche andere bedeutende Devotionszentren integriert. Rom kommt dabei ein besonderer Status zu: Wie schon aus dem zweiteiligen Titel Itinerario o vero viaggio da Venetia a Roma […]; Seguendo poi per ordine di Roma fino a Santo Jacobo in Galitia […] hervorgeht, ist die italienische Papststadt hier als eigenständiges Pilgerziel neben Compostela gestellt, und im gesamten Bericht wird keine Stadt so ausführlich beschrieben wie sie 1149 . Im Grunde verbindet Fontanas Itinerario also zwei verschiedene Pilgerreisen (die, wie der von Melzi untersuchte Sammelkodex bezeugt, ja tatsächlich unabhängig voneinander stattfanden): eine erste über Loreto und Assisi nach Rom, bei der - charakteristisch für die mittelalterliche und früh‐ neuzeitliche Berichtliteratur - der Fokus auf dem Ziel liegt, und eine zweite über diverse weitere loca sancta wie La Verna, Vienne, Montserrat, Oviedo und Fisterra nach Compostela, bei der - ebenso charakteristisch - der Fokus auf dem langen Weg liegt, während das Ziel nicht in besonderer Weise aus dem Bericht herausgehoben ist, jedenfalls nicht durch die Länge des ihm gewidmeten Eintrages. So wird Compostela kaum wortreicher beschrieben als Oviedo oder Fisterra und sogar etwas kürzer als Padrón 1150 , wo der Pilger einer religiösen Zeremonie teilhaftig wurde, die ihn wohl sehr beeindruckte, mehr als alles, was er sonst in Galicien sah: Li peregrini che vanno in Galicia, non vedendo questa devotione hanno poco veduto 1151 . Fontana beginnt die Beschreibung eines Ortes zumeist, indem er einen ungefähren Eindruck von dessen Materialität (Größe, Lage, natürliche Um‐ gebung, Sauberkeit, Zustand und Baumaterial der Häuser usw.) vermittelt. Anschließend geht er auf einzelne ‚Sehenswürdigkeiten‘ ein, vorzugsweise auf die Sakralbauten. Reliquien und anderen frommen Gegenständen, Möglichkei‐ ten des Ablasserwerbs und legendarischen Elementen aus Heiligenviten und Mirakelerzählungen misst er dabei ein besonderes Gewicht bei. Wie Jean de Tournai und Antoine de Lalaing notiert er gelegentlich eigenes Erleben und Handeln, vorwiegend aber bemüht er sich um einen sachlichen Ton: Unpersön‐ liche Formen dominieren, explizite Wertungen sind selten. In Galicien hebt er vier Stationen durch vergleichsweise ausführliche Einträge heraus: Muxía und Fisterra (Orte mit Marienheiligtümern), Compostela und Padrón (Orte, die mit 4.3 Bartolomeo Fontana (1539) 305 <?page no="306"?> 1152 Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-115-119. 1153 Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 115f. - Hier ein Auszug aus dem Eintrag zu Padrón, das als Schauplatz mehrerer Jakobswunder hagiographisch stark aufgeladen ist: Il padrone leg. 4. lontano da S. Iacobo. Piccolo loco è il padrone, fu edificato gran tempo avanti Compostella, tutte le soe mura sonno di Hedera coperte, le soe case sonno basse, piccole, e la maggior parte de legname. quivi capitó S. Iacobo, e fece alguni miracoli, quando ando in Ispagna à predicare. Una balestrata fora della Terrizzola o poco piu, sopra un monte, si trova una chiesiola, e in quella l’imagine de santo Iacobo, di marmo intagliata, e a dritta, e a sinistra dell’altare, e historiato, in pittura, dal tempo quasi spinta, il miracolo dell’impicato in Castiglia e poi suscitato: Dietro quella chiesiola poi, da un sasso herboso, sopra el quale è posta, cade con debol vena una acqua, et per il monte discorre. Questa fece santo Iacobo a compiacenza d’una vecchiarella, percotendo quel sasso con il ferro de’l suo bordone, la qual Vecchia cio vedendo, fu la prima in quella parte, che in Christo credesse, e questo miracolo si vede dipinto in figure, quasi casse dal tempo, che historiate sono in un volto di pietre cotte, acconcio per ornamento della detta fonte: poco discosto della detta chiesiola, sopra l’istesso monte, e il loco, dove il beato Apostolo predicava, il qual loco è in guisa di un pergamo, cò alcuni gradi, che si ascendono, de sassi grandissimi composto: qui si vede l’imagine de S. Iacobo de marmo intagliata, e accolorata, e dietro le sue spalle, una gran croce di marmo, erta tanto, che da longi si vede: questa è firmata sopra un grandissimo sasso, che fa cuba al pergamo, il qual sasso poi è riposato sopra duoi altri gran sassi, l’uno à dritta, e l’altro a sinistra, di modo, che fra tutti tre formano il pulpito, ben che de assai altre pietre vive sia acconzo. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-118. 1154 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 116f.; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 62. - Den Berichten des Jean de Tournai, des Antoine de Lalaing und des Jan Taccoen van Zillebeke könnte man diejenigen von Zeitgenossen aus dem deutschen Raum wie Hieronymus Münzer, Arnold von Harff und Sebald Örtel hinzufügen, die dem hl. Jakobus assoziiert sind) 1152 . Die Kommentare zu Muxía, Fisterra und Padrón entsprechen weitgehend dem gerade umrissenen Muster; exemplarisch sei hier ein Auszug aus denjenigen zu Fisterra wiedergegeben: Finis terre, o vero finibus terre leg. 4. su l’oceano. Finibus terre è picciol loco sopra un grebano, nel Mare entrante: e è termine, e fine della terra in quella parte detta Europa […]. In finis terre sonno piccole casuzze, e di fuori per poco spatio tirrando ad erta, in una chiesiola de marmo, vi è de nostra S. una imagine d’intaglio, accolorata, e sta in piede, coronata sopra li longhi capilli d’Oro, per le spalle pendenti, e tiene il figliolino, sedente sopra il sinistro brazo, porgendoli con la dritta mano un Pome aurato. All’incontro della chiesa è uno Hospitale, giovevole a Peregrini, e sopra il Monte vi è una chiesa, dove S. Guielmo faceva penitenza 1153 . Bei Compostela dagegen weicht Fontana von diesem Muster ab: Er setzt die Stadt völlig mit ihrem locus sanctus gleich und knüpft damit im Grunde an alte Darstellungskonventionen an, die nach den Berichten des Jean de Tournai, des Antoine de Lalaing und des Jan Taccoen van Zillebeke bereits aufgebrochen schienen 1154 . Zwar benutzt er gewöhnlich das Toponym Compostella sowie die 306 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="307"?> ebenfalls allesamt eine differenziertere, nicht gänzlich auf den locus sanctus reduzierte Darstellung von Compostela bieten. 1155 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-116f. 1156 Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-116. 1157 Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-114. 1158 Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 124, vermerkt nur drei Apostelleiber in Toulouse: In una Chiesa dedicata a S. Sernino, riposano li corpi di S. Iacobo minore, di S. Matheo e di S. Thadeo, ciascuno in una casa d’argento. 1159 Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 116. - Nur einzelne Teile der Kathedrale bestehen aus Marmor, z. B. die Pfeiler am Südportal. - Domenico Laffi unterläuft in seinem Viaggio in Ponente über 130 Jahre später derselbe Fehler, wie Hall in seiner englischen Ausgabe des Berichts anmerkt. Vgl. Laffi, A Journey (wie Anm. 200), S. 148f., Anm.-8. 1160 Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-116. Siedlungsbezeichnung città - anders als in vielen früheren Texten kommt die reduzierende, einseitig religiöse Sicht auf die Stadt hier somit nicht durch die metonymische Verwendung des Heiligennamens zum Ausdruck -, doch in seiner Beschreibung konzentriert er sich ausschließlich auf die Kathedrale; über andere Orte der Stadt oder über das Stadtganze ist seinem Text nichts zu entnehmen 1155 . Qui è il corpo di Santo Iacobo - gleich im ersten Satz hebt Fontana dasjenige Element heraus, dem Compostela seine Stellung als internationales Pilgerziel und wichtigstes geistliches Zentrum Spaniens verdankt: den Leichnam des Apostels Jakobus 1156 . Auch in anderen Zusammenhängen, in denen er die Stadt erwähnt, setzt er nicht selten - gleichsam als Epitheton - den Hinweis dove è s. Giacobo hinzu, so etwa in der Stationenliste, die er zu Beginn des Abschnitts über Galicien als camino dritto (d. h. als direkten Weg von Ribadeo bis Compostela) darbietet 1157 . Die Echtheit der heiligen Apostelgebeine stellt er dabei an keiner Stelle in Frage. Über jene anderen im konkurrierenden Toulouse - das er allerdings auch erst auf dem Rückweg besuchte - schweigt er; sollten sie ihm dort gezeigt worden sein, so ließen sie ihn jedenfalls nicht an Compostela als wahrem Grabesort des Apostels zweifeln 1158 . Von Anfang an richtet sich alle Aufmerksamkeit auf das sakrale Zentrum der Stadt: die schöne, dem hl. Jakobus geweihte Kirche (una bella chiesa dedicata à S. Iacobo), die ganz aus Marmor (de marmo) erbaut sei - was sachlich nicht zutreffend ist, denn größtenteils besteht das Gebäude aus heimischem Granit 1159 . Dort würden den Gläubigen überaus großzügige Ablässe (grandissime indulgen‐ tie) gewährt, schreibt er weiter und nennt damit den zentralen Beweggrund für seinen Compostela-Besuch 1160 . Nach diesem flüchtigen Gesamteindruck von der Kathedrale verengt sich der Fokus - ähnlich wie bei Jean de Tournai und den beiden Anonymi aus Florenz - auf die Heiltumskammer (un loco, che si 4.3 Bartolomeo Fontana (1539) 307 <?page no="308"?> 1161 Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 116f. Vgl. G O N ZÁ L E Z V Á Z Q U E Z , Lugar de culto (wie Anm.-59), S.-181. 1162 Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 116. - Marienmilch wird hier zum ersten Mal in der Compostela-Beschreibung eines romanischen Pilgers erwähnt. Vielleicht ist darin ein Symptom für den zu dieser Zeit an Popularität gewinnenden Marienkult zu sehen. Vgl. Antón P O M B O R O D R Í G U E Z , Ritos de los peregrinos en la Catedral de Santiago a través de los tiempos: del contacto con lo sagrado a la atracción por lo curioso, in: Ceremonial, fiesta y liturgia en la Catedral de Santiago/ Cerimonial, festa e liturxia na Catedral de Santiago, hg. von José María D Í A Z F E R N Á N D E Z / Ramón Y Z Q U I E R D O P E I R Ó , Santiago de Compostela 2011, S.-82-109, hier S.-98. 1163 Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-116f. 1164 Siehe Kapitel 4.2. 1165 Als Primärreliquien gelten nur die leiblichen Überreste eines Heiligen. Sekundärreli‐ quien sind alle anderen Gegenstände, denen eine mittelbare Heiligkeit zugesprochen wird, etwa, weil sie vom Körper eines Heiligen stammen (Haare, Blut, Nabelschnur, Milch usw.), weil sie von einem Heiligen berührt wurden oder weil sie in eine Wunder‐ dice camera santa) und dort auf die einzelnen Reliquien. Auch hier verläuft die Darstellungsrichtung somit von außen nach innen, vom Ganzen zum Detail, und die nicht betretbare Krypta mit dem Apostelschrein bleibt zwangsläufig ausgespart 1161 . Fontana notiert eine knappe Reliquienliste und nennt darin - genau wie Antoine de Lalaing - das Haupt des hl. Jakobus des Jüngeren (la testa de S. Iacobo minore), einen Dorn von Jesu Dornenkrone (una delle spine della Corona, con che lui [ Jesus] fu coronato) und Holz vom Heiligen Kreuz (del legno della santa Croce del N.S.); hinzu kommt bei ihm Marienmilch (del latte della Vergine nostra S.) 1162 . Ebenso beschreibt er den Ablauf der Reliquienschau, an der schon so viele seiner Vorgänger teilnahmen: Le [reliquie] ogni mattina, alla elevatione del corpo de Christo, alla messa grande, si mostrano à peregrini, e quando le voleno mostrare, dáno segno sonando un campanello nella chiesa, e redutti li Peregrini in camera santa, uno Prete li fa cauti de ciò, che li mostra, toccando le reliquie à una per una, con una verzella, parlando in lingua Hispana, Francesca, Allemana, e Italiana: accio li circonstanti intendano ciò, che sia quello, che vedeno 1163 . Allmorgendlich rief demnach eine kleine Glocke die Pilger in die Sakristei, wo ihnen ein Priester die einzelnen Reliquien zeigte, indem er sie jeweils mit einem Stab berührte und dazu Erläuterungen in mehreren Sprachen abgab. Dies entspricht im Wesentlichen dem, was bereits Jan Taccoen van Zillebeke berichtet 1164 . Anschließend zählt Fontana die an verschiedenen anderen - von ihm nicht spezifizierten - Orten der Kathedrale befindlichen Sekundär- oder Kontaktre‐ liquien 1165 des Apostels Jakobus auf: seinen bereits von Jean de Tournai und 308 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="309"?> handlung eingebunden waren. Vgl. Klaus S C H R E I N E R , Reliquienkult, in: Enzyklopädie des Mittelalters ( 3 2017), S.-343f. 1166 Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 117. Vgl. Anm. 870. - Wie Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 160, weist er an dieser Stelle auch darauf hin, dass Pilger die Spitze bzw. das untere Ende des Stabes frömmigkeitshalber zu berühren pflegten: per un bucco, che è nella base della collonna, si tocca [il bordone] con mano. Jean, Récit (wie Anm. 200), S.-321, dagegen erwähnt nichts davon, nur, dass ihm der Stab gezeigt wurde. 1167 Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 117. - Fontana gibt auch hier nicht den genauen Ort an; er vermerkt lediglich, dass man su per certa scala dorthin gelange. 1168 Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 117. - In der Kirche von Padrón bewunderte Fontana eine ikonographische Darstellung des Galgen- und Hühnermirakels. Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 118. - Im Eintrag zu Santo Domingo de la Calzada, das er erst auf dem Rückweg besuchte, gibt er die Wundergeschichte ausführlich wieder. Erst hier tritt auch das Hühnermotiv hinzu; davor ist stets nur vom miracolo dell’impiccato die Rede. Gegenüber der Fassung von Nompar II. de Caumont ließen sich - neben der Wunderglocke - noch andere (kleinere) Änderungen bzw. zusätzliche Hinweise herausarbeiten. So habe nicht die Magd, sondern die Tochter des Wirtes dem sie verschmähenden jungen Pilger den Silberbecher unterschoben, der Galgenort sei durch ein schönes Kapitell markiert gewesen, und Fontana wirft die Frage auf, ob es sich bei den beiden weißen Hühnern in der Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada wirklich noch um diejenigen handele, die in der Pfanne des Richters wieder zu leben anfingen, oder nicht vielmehr um deren Nachfahren. Zudem weist er darauf hin, dass die dortigen Kleriker Federn der Wunderhühner verschenkten, die sich die Pilger an den Hut steckten. Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 121f. Diese Elemente sind schon aus manch früheren Quellen bekannt, z. B. aus De rebus Hispaniae memorabilibus (1530), dem Geschichtswerk des Lucius Marineus. Vgl. C A L V O S A L G A D O , Die Wunder der Bettlerinnen (wie Anm. 212), S. 166f. - Allgemein zur Stoff- und Motivgeschichte des Galgen- und Hühnermirakels vgl. P I C C A T , Il miracolo (wie Anm. 212); H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 55-61; P L ÖT Z , Motivindex (wie Anm.-212). Antoine de Lalaing erwähnten Pilgerstab in einem (floral verzierten) Bronzerohr am südwestlichen Pfeiler der Vierung (in una collona concava de bronzo, sta nascosto il bordone, che portava Santo Iacobo) 1166 ; das bereits von Antoine de Lalaing bezeugte Messingkreuz (Cruz dos Farrapos) auf dem Dach der Kathedrale über dem Hauptaltar, das Jakobus beim Predigen getragen haben soll (una Croce, la qual portava S. Iacobo, quando ello predicava) 1167 ; und schließlich ein noch in keiner anderen Quelle erwähntes Objekt, nämlich die mirakulöse Glocke, die ohne menschliches Zutun geläutet haben soll, als Jakobus in Santo Domingo de la Calzada das Galgen- und Hühnerwunder wirkte, und die daraufhin nach Compostela gebracht wurde (una campana che sonò da se sola, al miracolo che fece S. Iacobo, quando suscitò lo impiccato a torto in San Dominico della Calzada, città della Vecchia Castiglia, la qual campana fu poi trasferita in Compostella) 1168 . Dies ist der früheste Beleg sowohl für die motivische Hinzufügung der von selbst läu‐ tenden Glocke zu jener altbeliebten Mirakelerzählung wie auch für die Existenz 4.3 Bartolomeo Fontana (1539) 309 <?page no="310"?> 1169 Wie sich bei späteren Berichtautoren bestätigen wird, handelt es sich um eine jener trois ou quatre bones cloches donées du roy de France Loys XI e , die sich Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 158, im März 1501 auf der Torre do Rei de Francia zeigen ließ, von denen er aber noch keine mit dem Galgen- und Hühnerwunder von Santo Domingo de la Calzada in Verbindung bringt. Wahrscheinlich ist dieses neue Motiv der Wunderglocke daher erst in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstanden. - Zur Rezeption des Galgen- und Hühnermirakels in den europäischen Volksliteraturen des 16. Jahrhunderts vgl. Luis M. C A L V O S A L G A D O , El milagro del gallo y la gallina en la literatura popular europea del siglo XVI, in: Literatura y Milagro en Santo Domingo. Jornadas “El milagro del gallo y la gallina, patrimonio cultural”, Santo Domingo de la Calzada, 3 y 4 de Diciembre de 2002, hg. von Javier P É R E Z E S C O H O T A D O , Logroño 2002, S.-13-28. 1170 Vgl. Ballarini, Viaggio (wie Anm. 198), S. 39: doi grosse e grande campane, magior di quelle del Palazzo di Perugia, quale sonno rotte et la magior dicano che sonò da sé quan San Iacomo fece il miracolo del gallo e la galina in San Domingo; Christoph Gunzinger, zitiert nach: H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 273: die Glogg/ welche als ein Wallfahrter Jüngling zu S. Domingo de la calçada vnschuldig gehenckt ward/ von sich selbsten solle geleutet haben; Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 204: Vedemmo nel campanile più antico, qual è posto a levante, la campana che suonò quando successe il miracolo del pellegrino impiccato a torto a San Domingo della Calzada. 1171 Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-117. einer damit identifizierten realen Glocke in der Kathedrale von Compostela 1169 . Der Ursprung dieses neuen Elements ist unklar; nicht abwegig erscheint aber die Vermutung, dass es sich um eine kluge Erfindung des compostelanischen Klerus handelt, um die Verbindung des in Santo Domingo de la Calzada lokalisierten und in alternativen Fassungen auch dem Ortspatron Dominikus zugeordneten Wunderereignisses zu Compostela und zum Apostel Jakobus zu festigen. Die Berichte späterer Autoren wie Fabrizio Ballarini/ Silverio Rettabeni, Christoph Gunzinger und Domenico Laffi belegen jedenfalls, dass sich das neue Motiv erfolgreich durchsetzte und die Glocke, die sich - wie aus späteren Zeugnissen hervorgeht - zusammen mit einem baugleichen ‚Zwilling‘ in der Torre do Rei de Francia befand, noch lange die Aufmerksamkeit der Pilger auf sich ziehen sollte 1170 . Fontana beschließt seinen Eintrag zu Compostela, indem er - jeweils mit genauer Datumsangabe - die von ihm verrichteten üblichen Frömmigkeitshand‐ lungen dokumentiert: Fui qui in giovedì a 18 de Settembre 1539 e a dì 19 me confessai da un prete, che era gentilhuomo venetiano della casa memo, il qual mi fece gran carezze e honore, e a dì 20 recevei il salutare corpo di Christo con gran devotione e tutto quell giorno spesi in veder molte cose belle, che ve sonno, poi l’altro seguente giorno me ne andai verso la patria 1171 . Im Ganzen lässt sich festhalten, dass Compostela hier in eindimensional religiö‐ ser Sichtweise auf die Kathedrale verkürzt ist, die wiederum sich ausschließlich 310 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="311"?> 1172 Vgl. P O M B O R O D R Í G U E Z , Ritos de los peregrinos (wie Anm.-1162), S.-98. 1173 Allgemein zu Compostela in Zeiten der Gegenreformation vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 111-117; P É R I C A R D -M É A , Compostelle (wie Anm. 39), S.-354-357. 1174 Wie bereits erwähnt, lässt sich in Fontanas Itinerario deutlich erkennen, dass der Marienkult im Kontext der katholischen Gegenreformation wesentlich an Bedeutung gewann: Nicht nur besuchte Fontana unterwegs zahlreiche Marienheiligtümer, auch erwähnt er als erster Berichtautor im hier analysierten Korpus eine Marienreliquie in der Kathedrale von Santiago de Compostela. 1175 G A M B I N I , Viaggio (wie Anm.-119), S.-165. als Ort der Verehrung von Reliquien und der Erlangung von Ablässen durch Frömmigkeitshandlungen darstellt. Im Grunde ist ihre Beschreibung eine aus‐ formulierte Reliquienliste, ergänzt nur um praktische Hinweise zur geführten Besichtigung der Heiltumskammer sowie um den Vermerk der abgelegten Beichte und der vollzogenen Eucharistie 1172 . Interessen weltlicher (z. B. künst‐ lerischer, architektonischer, politischer oder historischer) Natur sind hier nicht herauszulesen. Verglichen etwa mit den Berichten des Jean de Tournai und des Antoine de Lalaing, die zwar ebenfalls den Fokus eng auf die Kathedrale legen, aber eine weitaus differenziertere Beschreibung derselben bieten und zudem andere Orte und Facetten der Stadt zur Kenntnis nehmen, muss Fontanas Eintrag zu Compostela gleichsam wie ein ‚Rückfall‘ in alte Muster erscheinen. Dies verwundert umso mehr, als der venezianische Gelehrte in seinem Itinerario doch sonst eher als typischer Renaissancereisender mit vielseitigen, auch und vor allem weltlichen Interessen hervortritt - ein Kontrast, der noch verdeutlicht, wie sehr das Religiöse seine Perzeption von Compostela bestimmt. Erklären lässt es sich möglicherweise aus der reaktionären Mentalität der in der Mitte des 16. Jahrhunderts aufkommenden katholischen Gegenreformation 1173 . In der Tat fällt auf, dass Fontana in seiner Compostela-Beschreibung und überhaupt in seinem Itinerario gerade das betont und bejaht, was von der lutherischen Reformationsbewegung in Frage gestellt wurde: die Reliquienverehrung, die Eucharistiefeier, die Anbetung der Heiligen und insbesondere der Jungfrau Maria 1174 . Zweifel (am Vorhandensein des Apostelleichnams), wie sie für die Pilger des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts charakteristisch sind, scheint Fontana nicht gekannt zu haben. Ähnliches lässt sich auch in den folgenden bei‐ den Texten beobachten: Fabrizio Ballarini (Kapitel 4.5) hebt interessanterweise genau dieselben Elemente der Stadt bzw. der Kathedrale heraus wie Fontana, und auch Cristofaro Monte Maggio da Pesaro (Kapitel 4.4) schildert - wie seine Editorin bestätigt - vornehmlich „experiencias […] que, por su asunto, están relacionadas con los temas doctrinales puestos en tela de juicio por la Reforma protestante“ 1175 . 4.3 Bartolomeo Fontana (1539) 311 <?page no="312"?> 1176 Vgl. G A M B I N I , Viaggio (wie Anm. 119), S. 157; D I E S ., Introducción, in: Cristofaro Monte Maggio da Pesaro, Un fraile de misa y olla por el Camino de Santiago: el relato de la peregrinación a Santiago del padre agustino fray Cristóbal Monte Maggio de Pésaro en 1583, hg. von Dianella G A M B I N I , Valladolid 2021, S. 25-62, hier S. 30, insb. Anm. 11. - Fernando Sulpizi brachte 2005 im Verlag Hyperprism (San Venanzo) eine kommentierte Edition der handschriftlich überlieferten Autobiographie Ludovico Zacconis heraus, die sich mit der Signatur 563 im Bestand der Biblioteca Oliveriana de Pesaro befindet: Vita con le cose avvenute al P. Bacc[ellie]re Fra Lodovico Zacconi da Pesaro dell’Ord[ine] Erem[itani] di S. Agostino. Fatta così da lui come si vede e scritta di proprio pugno, non per pavoneggiamento mondano o gloria temporale, ma solo per descrivere e lasciare memoria de i grandi favori ricevuti da Dio senza alcun merito in haverlo protetto sempre e favorito in cose che in niun modo si possan negarsi che non vi sia stata la sua particolar cura e protezione. 1625. Im Schlussteil der Handschrift (S. 195) gibt Zacconi eine Übersicht der von ihm verfassten Werke. Die Texte, die er aus dem Reisetagebuch seines Ordensbruders Cristofaro Monte Maggio da Pesaro kopierte, vermerkt er unter der Nummer 46 mit folgendem Titel und Kommentar: VIAGGI DI GIERUSALEMME E DI S. JACOPO DI GALITIA Fatti dal Molto R.do Padre Fra Cristofaro Monte Maggio da Pesaro, dell’Ord[ine] Erem[itani] di Sant’Agostino. Raccolti così come si vede e posti insieme dal Padre Bacc.re LODOVICO ZACCONI da Pesaro dell’istesso e medesimo Ordine. Per indrizzamento e commodo di coloro ch’inspirati da Dio sentiranno d’andarvi. 1625. / Dopo la morte del sudetto Padre Fra Cristofaro nostro, capitandomi alle mani il suo Diario ch’egli fece nel viaggio di S. Jacopo di Galizia, con alcuni fragmenti d’un altro ch’egli fece in Gierusalemme per la sereniss[im]a Duchessa Vittoria Farnese, moglie del sereniss[im]o Guidobaldo nostro sereniss[im]o Duca d’Urbino, giudicai esser bene di porli sotto buona lettura e ridurli insieme acciò che non solo di lui ne restassero le sudette degne memorie ma anco perché, più volte avendole io sentita a raccontar più cose, quelle ancora in perpetuo restassero in memoria delle persone. E perché in Candia io m’abbattei in un Padre zoccolante chiamato il Padre fra Gio. Zaga da Monte l’Abbate, ch’ancor lui dall’istessa sereniss[im]a Duchessa v’era stato mandato un altra volta et un altra volta egli vi andò di sua mera e spontanea voglia, per questo tanto più volentieri pigliai fatica di farla e scriverla in breve come si vede acciò che, per quello ciascuno pigli indirizzo, quando che per qualche particolar divina ispirazione sentisse d’andarvi. Sì per provedersi del danaro che vi bisogna come anco per saper governar nel resto dovendo caminar fra Turchi, Arabi, Barbari e Saraceni. 4.4 Cristofaro Monte Maggio da Pesaro (1583) Ein eindrückliches Beispiel für Stadttadel, das in vielfacher Hinsicht vom Muster der bisherigen Compostela-Beschreibungen abweicht, findet sich im Viaggio di San Iacopo di Galitia des Augustinermönchs Cristofaro Monte Maggio da Pesaro (1530-1614) aus dem Jahr 1583. Dem Fachpublikum ist der Bericht erst 2010 auf dem „VIII Congreso Internacional de Estudios Jacobeos“ in Santiago de Compostela durch einen Vortrag Dianella Gambinis bekannt geworden, die ihn dank eines Hinweises des Komponisten und Musikologen Fernando Sulpizi hatte lokalisieren können 1176 . Das 64 Folia umfassende Manuskript, das mit der 312 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="313"?> 1177 Vgl. G A M B I N I , Viaggio (wie Anm. 119), S. 157f.; D I E S ., Introducción (wie Anm. 1176), S. 25, 30. 1178 Vgl. G A M B I N I , Viaggio (wie Anm. 119), S. 157f.; D I E S ., Introducción (wie Anm. 1176), S. 25, 30. - Hier die nach wie vor aktuellste Edition beider Bände: Ludovico Zacconi, Prattica di Musica utile et necessaria si al compopsitore, si anco al cantore (1596). Prattica di Musica. Seconda parte (1622), Hildesheim/ New York 1982. 1179 Vgl. G A M B I N I , Introducción (wie Anm.-1176), S.-30f., 33. 1180 Vgl. G A M B I N I , Introducción (wie Anm. 1176), S. 31, Anm. 14; D I E S ., Viaggio (wie Anm.-119), S.-159, Anm.-3. 1181 Vgl. Monte Maggio, Relato (wie Anm.-200), S.-155: e questo a fine che; non solo si vegga appartatamente di luogo in luogo il longo camino ch’egli fece; ma anco perché havendo pensiero o voglia alcuno d’andarvi, habbia lume e cognitione del viaggio che si de’ fare. Signatur 526 in der Biblioteca Oliveriana de Pesaro verwahrt wird, ist auf dem Titelblatt bezeichnet als Viaggi di Gierusalemme, e di San Iacopo di Galitia, fatti dal Molto Reverendo Padre Fra Christofaro Monte Maggio da Pesaro, dell’ordine eremitano di Sant’Agostino. Raccolti così, e posti insieme dal Molto Reverendo Padre Baccelliere Lodovico Zacconi da Pesaro del medesim’ordine. Per indirizzamento e commodo di coloro, ch’inspirati da Dio, sentiranno d’andarvi. 1625 1177 Wie schon aus diesem Titel hervorgeht, handelt es sich nicht um das autographe Original der Aufzeichnungen, sondern um eine Abschrift derselben verfertigt 1625 von Ludovico Zacconi (1555-1627), einem Ordensbruder des Autors, der bis heute für seine musiktheoretischen Arbeiten berühmt ist (namentlich für sein großangelegtes Opus Prattica di musica, erschienen in zwei Bänden 1592 und 1619) 1178 . Der Bericht über die fromme Reise zum Grab des Apostels Jakobus - ein typisches Pilgertagebuch: nach Kalenderdaten gegliedert, mit präzisen Orts- und Distanzangaben, reich an Hinweisen zu Unterkünften und loca sancta sowie an persönlichen Eindrücken von Land und Leuten - nimmt darin die Folia 11 r bis 57 v ein 1179 . Betitelt ist dieser Abschnitt mit Viaggio di San Iacopo di Galitia, fatto dal padre fra Christofaro da Pesaro dell’ordine Eremitano di Sant’Agostino. Con frat’Antonio da Macerata, fatto l’anno 1583. Cavato dal proprio originale dal padre fra Lodovico Zacconi da Pesaro del medesim’ordine e Religione 1180 Voran gehen ihm eine an den Leser gerichtete Präambel, in der Zacconi erklärt, warum ihm die Reisememoiren des 1614 verstorbenen Monte Maggio würdig erschienen, bewahrt zu werden (fol. 1 r ), wobei (auch) er insbesondere ihre prak‐ tische Funktion für zukünftige Jakobspilger betont 1181 , außerdem eine knappe Biographie desselben (fol. 1 r -2 r ) und ein Bericht über dessen 1557 unternommene 4.4 Cristofaro Monte Maggio da Pesaro (1583) 313 <?page no="314"?> 1182 Eine detaillierte Inhaltsübersicht bieten G A M B I N I , Viaggio (wie Anm. 119), S. 158f.; D I E S ., Introducción (wie Anm. 1176), S. 30f. - Aus der kurzen Biographie des Autors geht Folgendes hervor: Cristofaro Monte Maggio da Pesaro wurde 1530 geboren. Im Alter von neun Jahren legte er das Gelübde des Augustinerordens ab, 1545 las er seine erste Messe. 1557 pilgerte er nach Jerusalem, 1583 nach Santiago de Compostela. 1614 starb er im hohen Alter von 84 Jahren. Eingehend behandelt werden seine Aufnahme in den Augustinerorden und die Ämter, die er im Laufe seines Lebens bekleidete. Vgl. Monte Maggio, Relato (wie Anm. 200), S. 157f. - Der vollständige Titel von Mantegazzas Reisebeschreibung lautet Relatione tripartita del viaggio di Gierusalemme, nella quale si racontano gli auuenimenti dell’autore, l’origini, & cose insigni de’ luoghi di passaggio visitati, con vna sommaria raccolta delle indulgenze, e preci solite acquistarsi, et farsi nella visita di ciascun loco. Descritta da Fra Steffano Mantegazza sacerdote milanese dell’ordine de predicatori; erschienen ist sie in der Mailänder Druckerei von Pacifico Pontio und Giovanni Battista Piccaglia. 1183 Die bereits zitierte Ausgabe: Cristofaro Monte Maggio da Pesaro, Un fraile de misa y olla por el Camino de Santiago: el relato de la peregrinación a Santiago del padre agustino fray Cristóbal Monte Maggio de Pésaro en 1583, hg. von Dianella G A M B I N I , Valladolid 2021. 1184 Vgl. Monte Maggio, Relato (wie Anm.-200), S.-159. Heiliglandfahrt (fol. 2 v -10 v ); im Schlussteil der Handschrift sind die Kosten dieser ersten Reise aufgeführt (fol. 58 r -61 v ) und dann verschiedene Auszüge aus der 1616 in Mailand gedruckten Relatione tripartita del viaggio di Gierusalemme des Stefano Mantegazza wiedergegeben (fol. 62 r -64 r ) 1182 . Dass Monte Maggio der Pilgerfahrt nach Compostela einen größeren Raum zugesteht als derjenigen nach Jerusalem, ist vor dem Hintergrund der in Kapitel 3.2 betrachteten Zeug‐ nisse anderer Pilger-Autoren, die beide peregrinationes maiores auf sich nahmen, höchst ungewöhnlich. Denn typischerweise fällt - wie sich vielfach gezeigt hat - der Bericht über die Compostelafahrt deutlich kürzer aus und erscheint, zumal meist ans Ende gestellt, dem für wichtiger erachteten über die Heiliglandfahrt gleichsam (nur) als Appendix beigegeben. Monte Maggio stellt mithin die regelbestätigende Ausnahme dar. Eine erste vollständige Ausgabe seines Viaggio di San Iacopo di Galitia (mit Einleitung, spanischer Übersetzung und kritischen Annotationen) besorgte Gambini 2021 für die Monographiereihe „Vertere“ der an der Universität Valladolid angesiedelten Zeitschrift Hermēneus 1183 . Darüber hinaus ist der Bericht von der Forschung bisher weitgehend unbeachtet geblie‐ ben. Seine Pilgerfahrt nach Compostela trat Monte Maggio am 8. April 1583 an 1184 . Von seinem Heimatkloster in Pesaro ging er zunächst nach Bologna, wo er sich am 15. April mit einem seiner Ordensbrüder aus Padua traf, einem gewissen Antonio de Macerata, der ihn auf seiner knapp halbjährigen Reise begleitete 1185 . Die Apostelstadt erreichten die beiden Augustinermönche am 1. Juli und verbrachten dort sechs Tage 1186 . Das Bild, das Monte Maggio in seinem 314 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="315"?> 1185 Vgl. Monte Maggio, Relato (wie Anm. 200), S. 159. - Der Reiseverlauf: Von Bologna aus folgten die beiden Pilger zunächst der Via Aemilia, dann ab Fidenza der Via Francigena bis Pavia, wo sie das Grab des hl. Augustinus, ihres Ordensgründers, aufsuchten. Anschließend gingen sie in Richtung Süden nach Genua. Dort schifften sie sich für die Überfahrt nach Spanien ein, fuhren entlang der ligurischen Küste und der Côte d’Azur, durchquerten den Golf von Lyon, landeten wohlbehalten in Barcelona an und setzten ihre Reise in nordwestlicher Richtung auf dem Landweg fort. Ab Logroño wanderten sie auf dem Camino Francés, entschlossen sich in León aber, den auch bei anderen Pilgern vielfach belegten Umweg nach Oviedo zu nehmen, um den dortigen Heiltümern zu huldigen. Von dort aus schlugen sie den Camino del Norte ein, verließen denselben jedoch bei Villalba, um Pontedeume zu besuchen. Auf dem Camino Inglés erreichten sie schließlich das ersehnte Santiago de Compostela. Nach einem Besuch in Padrón hielten sie sich bis Astorga zunächst wiederum an den Camino Francés, begaben sich dann aber über Medina de Rioseco, Valladolid, Segovia, Guadarrama und El Escorial nach Madrid und über Guadalajara, Sigüenza, Huerta, Saragossa, Tárrega, Cervera und Igualada nach Barcelona, von wo sie mit dem Schiff zurück nach Genua fuhren. Der weitere Rückweg stimmt im Wesentlichen mit dem Hinweg überein, einschließlich des Umwegs zum Grab des hl. Augustinus in Pavia. In Bologna trennten sich die Wege der beiden Mönche: Sein Ordensbruder kehrte in nördlicher Richtung nach Padua zurück, Monte Maggio selbst in südöstlicher Richtung nach Pesaro, wo er am 2. Oktober 1583 eintraf. Zum Dank für die wohl überstandene Reise unternahm er nach kaum drei Tagen des Verweilens eine Wallfahrt zur Basilika vom Heiligen Haus in Loreto. - Eine detailliertere Übersicht über den Reiseverlauf bietet G A M B I N I , Introducción (wie Anm.-1176), S.-41-51. 1186 Vgl. Monte Maggio, Relato (wie Anm. 200), S. 184-186; G A M B I N I , Introducción (wie Anm. 1176), S. 49. - In der von Ludovico Zacconi erstellten Abschrift nimmt die Compostela-Beschreibung die Blätter 41 v bis 42 r ein. 1187 Vgl. Monte Maggio, Relato (wie Anm.-200), S.-166f., 173f., 177-180, 188f. 1188 Monte Maggio, Relato (wie Anm.-200), S.-185. 1189 Monte Maggio, Relato (wie Anm.-200), S.-184. 1190 Monte Maggio, Relato (wie Anm.-200), S.-184. Tagebuch von ihr zeichnet, ist zutiefst negativ - zumal im Vergleich mit anderen spanischen Städten wie Barcelona, Saragossa, Burgos und El Escorial, die er allesamt mit Lob bedenkt 1187 . Die unerfreulichen Umstände seines Aufenthaltes, insbesondere die vielen disgusti am Tag seiner Ankunft, die, wie er schreibt, rabbia e melanconia in ihm erregten, hatten darauf zweifelsohne wesentlichen Einfluss 1188 : Die Straße, über die er die Stadt betrat, war voll von Mist (ogni cosa et ogni passo è pien di sterco) 1189 ; ein Quartier fand er erst nach langem Suchen und nicht, wie er als Geistlicher hoffte, (kostenlos) in einem der Klöster der Stadt, sondern in einer privaten Herberge (benché vi siano tre conventi […], e fuori un Hospitale fatto da’ Re per gl’infermi, con anco uno de’ padri scalzi Capucini, andassimo la prima cosa all’hosteria, perché già ne fu detto che non alloggiano niuno) 1190 ; seine erste Mahlzeit nahm er in einem schäbigen Wirtshaus ein, wo Schweine unter den Tischen herumliefen (mangiassimo con poco gusto, perché, 4.4 Cristofaro Monte Maggio da Pesaro (1583) 315 <?page no="316"?> 1191 Monte Maggio, Relato (wie Anm.-200), S.-184. 1192 Monte Maggio, Relato (wie Anm. 200), S. 185. - Die Enttäuschung darüber, dass er nicht selbst die Messe am Hauptaltar halten durfte, wog besonders schwer. Wenn er dies vorher gewusst hätte, so schreibt er ebenda, dann hätte er die weite Reise wohl gar nicht erst angetreten: quand’io havessi saputo, o m’havessi creduto di non potervela dire [d. h. die Messe], forsi che vi sarei andato. Vgl. auch G A M B I N I , Viaggio (wie Anm. 119), S. 162f.; D I E S ., Introducción (wie Anm. 1176), S. 49f. - Zu jener noch auf die Zeit (Erz-)Bischof Diego Gelmírez’ zurückgehenden Regelung, nach der nur Bischöfe, die sieben Kardinalpriester und auswärtige Geistliche gleichen oder höheren Ranges dazu berechtigt waren, die Messe am Hauptaltar der Kathedrale abzuhalten, vgl. Anm. 56 und 950, außerdem Z E P E D A N O Y C A R N E R O , Historia y descripción (wie Anm. 22), S. 93-95; Paulino P E D R E T C A S A D O , Los Canónigos Cardenales de Santiago, in: Anuario de historia del derecho español 19 (1948/ 1949), S. 590-592; P L ÖT Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm.-94), S.-67-69. 1193 Monte Maggio, Relato (wie Anm.-200), S.-185. 1194 Monte Maggio, Relato (wie Anm.-200), S.-185. l’hosterie sono tutte piene di porci: dove che, non potete mangiar un boccone che non n’urtino di qua, e di là sotto la tavola e per tutto dove voi andate) 1191 ; sein Wunsch, am Hauptaltar der Kathedrale einmal selbst die Messe zu lesen, blieb unerfüllt, denn dieses Privileg war - wie bereits der Reisechronik des Antoine de Lalaing zu entnehmen war - dem Erzbischof, den Kardinälen und anderen hohen Geistlichen vorbehalten (quello che ne fu di sommo disgusto, e cordoglio fu, che non vi potessimo mai dir Messa: non potendovela dir altri, che li loro Canonici, che vestano di rosso come i Cardinali) 1192 , und zu seiner Empörung musste er für die offizielle Pilgerurkunde, die sich Pilger in der großen Stirnkapelle ausstellen ließen, auch noch bezahlen (sopra gl’altri disgusti havessimo anco questo; che per haver la fede di esservi stato, bisogna pagar doi reali per persona, e non ci accade baie, né far canzone; bisogna pagarli) 1193 . Ferner störte auch ihn - wie so viele Pilger der Epoche -, dass er vom Apostel Jakobus nichts weiter zu sehen bekam als eine läppische Sekundärreliquie, seinen angeblichen Pilgerstab, und selbst diesen nicht eigentlich zu sehen, vielmehr nur zu befühlen: finalmente poi, dopo tant’incommodi di camino, e faticosissimo viaggio, arrivati che voi sete, non havete altro di buono, se non che da una banda del Choro vi è una colonna di bronzo, dentro la quale dicano che vi sia il proprio bordone di San Iacomo: quale non vedendosi né anco, con la mano vi fanno sentir il ferro 1194 . Andere Pilger-Autoren äußern sich ebenfalls abschätzig oder enttäuscht über Compostela, so etwa, wie gezeigt, der florentinische Anonymus von 1477 (Kapitel 3.4), Jean de Tournai (Kapitel 3.6) und Jan Taccoen van Zillebeke (Kapitel 4.2); auch Hieronymus Münzer, Andrew Boorde und der im nächsten Kapitel behandelte Fabrizio Ballarini üben vereinzelt Kritik 1195 . Monte Maggio aber 316 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="317"?> 1195 Vgl. Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1063f.; Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 51; Münzer, Itinerarium (wie Anm. 743), S. 98; Boorde, The Fyrst Boke (wie Anm. 750), S.-204f.; Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-37. 1196 Monte Maggio, Relato (wie Anm.-200), S.-186. 1197 Vgl. G A M B I N I , Viaggio (wie Anm. 119), S. 162f.; D I E S ., Introducción (wie Anm. 1176), S. 60. - Die fünf Sätze folgen dem Schema Prädikativum + Kopulaverb + Subjekt. Die Normalform hingegen wäre Subjekt + Kopulaverb + Prädikativum. - Andere Adjektive wie sporca und cattiva, aber auch Partizipialausdrücke wie mal fatte und mal composti lassen sich derselben semantischen Isotopie der Hässlichkeit und Minderwertigkeit zuordnen. Monte Maggio, Relato (wie Anm.-200), S.-186. bietet eine regelrechte vituperatio urbis, die sich zum Ende hin inhaltlich und rhetorisch noch merklich intensiviert: Brutta e sporca è la città; brutte e mal fatte sono le case, (che non vi è una casa c’habbi garbo): brutte sono le donne, e gl’huomini, brutti e mal composti sono gl’habbiti, perché li vorebbono portar bene, e non ci hanno garbo, e non li sanno portare: brutto è il pane, e v’è penuria d’ogni cosa da mangiare. Io per me non ci vorrei esser dipinto: e credo anco che vi sia poco buen aere; perché lasciamo andare, che quasi tutti per ordinario hanno brutta, e cattiva ciera: quel star fra porci, habitar fra porci, e mangiar fra porci, credo che le dia il suo resto, e li confetti 1196 . Alles an Compostela missfiel ihm: die Menschen, deren Benehmen und Klei‐ dung, das Essen, die Häuser und selbst die Luft - kein anderer Pilger der Frühen Neuzeit beschreibt die Stadt so negativ wie Monte Maggio da Pesaro. Dabei urteilt er, wie in der zitierten Stelle deutlich erkennbar ist, bewusst ungerecht und sucht durch sarkastische Übertreibung den schlechten Eindruck, den Compostela auf ihn machte, in seiner Darstellung noch zu steigern. Immer wieder greift er dazu auch auf Mittel der rhetorisch-formalen Gestaltung zurück, vor allem auf verstärkende Wiederholungsfiguren, die seinem Tadel besonderen Nachdruck verleihen. Auffällig ist das sechsfache Polyptoton mit dem Adjektiv‐ stamm brutt-, das sich fast durch den gesamten Passus zieht: In den ersten fünf - weitgehend parallel strukturierten - Sätzen treten die deklinierten Adjektiv‐ formen jeweils in prädikativer Funktion als Teil einer Kopula-Konstruktion auf und sind, abweichend von der sprachlichen Normalform, anaphorisch an die Spitze gesetzt; auf diese Weise, durch Wiederholung und Erststellung von bruttin jedem dieser Sätze, streicht Monte Maggio wirkungsvoll die (von ihm so empfundene) Hässlichkeit der Apostelstadt heraus 1197 . Den bebauten Raum und das Aussehen der ihn bevölkernden Menschen bringt er unter dem Aspekt der Hässlichkeit in eine Entsprechungsbeziehung, die er durch augenfällige lexikalische und syntaktische Parallelen in der Beschreibung auch formal kenn‐ zeichnet: So wie die Häuser allesamt brutte e mal fatte und nicht eines von ihnen 4.4 Cristofaro Monte Maggio da Pesaro (1583) 317 <?page no="318"?> 1198 Monte Maggio, Relato (wie Anm.-200), S.-186. 1199 3. Mose 11,4-8, H. d. V.: quicquid autem ruminat quidem et habet ungulam sed non dividit eam sicut camelus et cetera non comedetis illud et inter inmunda reputabitis / chyrogryllius qui ruminat ungulamque non dividit inmundus est / lepus quoque nam et ipse ruminat sed ungulam non dividit / et sus qui cum ungulam dividat non ruminat / horum carnibus non vescemini nec cadavera contingetis quia inmunda sunt vobis. 1200 Monte Maggio, Relato (wie Anm.-200), S.-186, H. d. V. mit garbo gebaut sei, so seien auch die lokalen Kleider brutti e mal composti, und die plumpen Einheimischen wüssten sie nicht mit garbo zu tragen 1198 . Monte Maggio bietet damit, nebenbei gesagt, die wohl früheste Charakterisierung der Einwohner von Compostela im hier analysierten Korpus: Die vorangehend behandelten romanischen Pilger-Autoren, selbst so ausführlich berichtende wie Antoine de Lalaing, Jan Taccoen van Zillebeke und Bartolomeo Fontana, sehen in ihren Compostela-Beschreibungen von ethnologischen Hinweisen ab; in der deutschen Pilgerberichtliteratur kann hingegen auf ältere Belege verwiesen werden, etwa bei Hieronymus Münzer (s.-u.). Wie Monte Maggio weiterhin schildert, litten die Einheimischen unter Nah‐ rungsmangel, die Luftqualität in der Stadt sei schlecht von dem minderwertigen Wachs, das sie verbrennten, und ständig seien sie von ihren Schweinen umge‐ ben, wohnten und äßen gar zusammen mit diesen nach jüdisch-christlicher Lehre (3. Mose 11,7) unreinen Tieren 1199 . Dieses letztere Negativum hebt er durch eine dreifache Epipher - wiederum also durch eine Wiederholungsfigur - besonders heraus: quel star fra porci, habitar fra porci, e mangiar fra porci, credo che li dia il suo resto, e li confetti 1200 . Zusätzlich intensivierend wirkt, dass die Infinitive star, habitar und mangiar klimaktisch nach Nähebzw. Intimitätsgrad angeordnet zu sein scheinen: Das Essen unter Schweinen stellt eine unerhörte Steigerung gegenüber dem bloßen Zusammenleben mit ihnen dar. Bei der Verwendung des Verbums confettare schließlich handelt es sich in diesem Zusammenhang, wie Gambini erklärt, um ein ingeniöses Wortspiel, basierend auf der inhärenten Polysemie des Wortes: El verbo confettare consigue suscitar la ironía al poner en juego la posibilidad de una doble lectura. Por un lado, tiene una connotación positiva ya que equivale a “rematar”, “perfeccionar”, “confitar frutas revistiéndolas de azúcar”; por otra parte, comunica la 318 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="319"?> 1201 G A M B I N I , Introducción (wie Anm.-1176), S.-60. - Auf dem „VIII Congreso Internacional de Estudios Jacobeos“ im Jahr 2010 gab G A M B I N I , Viaggio (wie Anm. 119), S. 163, noch eine andere Erklärung, die insofern unzutreffend ist, als es sich bei confetti nicht, wie man auf den ersten Blick denken mag, um ein pluralisches Substantiv, sondern um eine konjunktivische Verbform handelt: „Por un lado, la palabra tiene una connotación positiva, ya que indica las peladillas dulces con las que en Italia se obsequia a los invitados en las bodas. Por otro, transmite una intención polémica, debido a su significado antifrástico de ‘comida envenenada’, y también alusivo-metafórico de ‘estiércol de cabra’, por su forma.“ 1202 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-322. 1203 Münzer, Itinerarium (wie Anm.-743), S.-94. 1204 Bacci, Relazione (wie Anm.-190), S.-152. 1205 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-322; Bacci, Relazione (wie Anm.-190), S.-152. 1206 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1063. 1207 Münzer, Itinerarium (wie Anm.-743), S.-94. intención polémica del autor pues encierra el sentido antifrástico de “hacer caer en desgracia” 1201 . Auch anderen Pilgerberichtautoren der Frühen Neuzeit fielen die Schweine in der Jakobsstadt (negativ) auf: Bereits Jean de Tournai geht 1489 am Schluss seiner Compostela-Beschreibung auf die heimischen pourceaux ein 1202 , Hiero‐ nymus Münzer berichtet kurz nach ihm von plures porcos, qui sunt in bono mercatu 1203 , und noch Paolo Bacci notiert 1764, secondo il solito se vedano per La Città spasseggiare molti Porci 1204 . Zuweilen werden die Schweine, wie bei Monte Maggio, (implizit) mit der mangelhaften Stadthygiene in Verbindung gebracht: Jean de Tournai tadelt die Apostelstadt als fort orde, Paolo Bacci ihre Straßen als cattive [e] sporche - anschließend kommen sie jeweils übergangslos auf die Schweine zu sprechen 1205 . Der florentinische Anonymus von 1477 bezeichnet Compostela als porcinosa, ein heute ungebräuchliches, von porco abgeleitetes Adjektiv, mit dem er sich zweifelsohne ebenfalls auf die schlechten hygienischen Verhältnisse in der Stadt bezieht 1206 . Eine solche Adjektivderivation findet sich auch bei dem lateinisch schreibenden Hieronymus Münzer, der damit jedoch nicht den Stadtraum, sondern die Stadtbewohner charakterisiert, die, wie er unter Verwendung eines Wortspiels (mit der Figura Etymologica aus porcinus und porcos) insinuiert, den Schweinen glichen, die sie hielten: Sed populus adeo porcinus (et habet plures porcos, qui sunt in bono mercatu) et piger est, quod culture terre minus intendit, ut plurimum ex questu peregrinorum vivunt 1207 . Es handelt sich bei den Schweinen demnach um ein wiederkehrendes Element in den Compostela-Beschreibungen der Frühen Neuzeit, das im Übrigen auch durch andere Quellen gesichert ist, beispielsweise durch Rechtstexte wie die vom Stadtrat verabschiedeten Ordenanzas Municipales, in denen zahlreiche - 4.4 Cristofaro Monte Maggio da Pesaro (1583) 319 <?page no="320"?> 1208 Vgl. Juan Eloy G E L A B E R T G O N Z Á L E Z , Santiago y la Tierra de Santiago de 1500 a 1640. Contribución a la historia social y económica de los territorios de la Corona de Castilla en los siglos XVI-XVII, A Coruña 1982, S. 91, Anm. 324: „La represión de los cerdos que vagan por las calles es algo que se repite en todas las ediciones de las Ordenanzas Municipales. La ciudad disponía de su ‘pastor de cerdos’ que pagaban los vecinos propietarios de animales, a razón de 1 cuartillo por cabeza, que los sacaba a los pastos del común.“ 1209 Ballarinis Familie wohnte im Perugianer Stadtviertel Porta Eburnea, dessen Kirche dem hl. Jakobus geweiht ist. Sein Vater Bernardino, ebenfalls Notar, besaß ein Haus im unweit gelegenen Corciano, in dem sich die beiden Pilger am 14. Mai 1588 trafen und die Nacht verbrachten, um am nächsten Morgen ihre Reise nach Santiago de Compostela anzutreten. - Rettabenis Vater Giulio war ein im Stadtviertel Porta Santa Susanna ansässiger Handwerker. Obwohl er weniger begütert war als sein Freund, hatte auch er Jurisprudenz studiert und war zeitgleich mit ihm, im Jahr 1584, in Perugia zum Notar ernannt worden. In der städtischen Notarkammer sollte er wichtige Ämter bekleiden. Vgl. Barbara G I A P P I C H E L L I , Introduzione, in: Fabrizio Ballarini, Viaggio de S. Iacomo de Galitia in Compostella, hg. von Barbara G I A P P I C H E L L I , Perugia 1999, S. XII-XXVIII, hier S. XII; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-69f. 1210 Vgl. Barbara G I A P P I C H E L L I , Descrizione del manoscritto, in: Fabrizio Ballarini, Viaggio de S. Iacomo de Galitia in Compostella, hg. von Barbara G I A P P I C H E L L I , Perugia 1999, S. XXIX-XXXII; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 69-71. - C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 71, beschreibt das Dokument als „un manoscritto delle dimensioni di 136 x 100 millimetri, racchiuso in una copertina pergamenacea su cui appare la scritta coeva ‘itinerario’ e, poi da altra mano, ‘ms’ e ‘sec. XVI’. Lo stesso formato del manoscritto del tipo bastardello indica la professione dei proprietari, trattandosi di un piccolo registro, usato in genere per le ‘imbriviature’, per appunti di atti da trasferire poi nel protocollo ufficiale con tutti i crismi formali.“ 1211 Vgl. Ballarini, Viaggio (wie Anm. 198), S. 21, 59; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-71. offensichtlich erfolglose - Versuche dokumentiert sind, zu unterbinden, dass die Tiere auf den Straßen und Plätzen der Stadt frei herumliefen 1208 . 4.5 Fabrizio Ballarini und Silverio Rettabeni (1588) Eine Compostela-Beschreibung mit augenfälligen Parallelen zum Itinerario des Bartolomeo Fontana findet sich im Viaggio de S. Iacomo de Galitia in Compostella der beiden Perugianer Notare Fabrizio Ballarini (1561-1609) und Silverio Retta‐ beni († 1623) 1209 . Der ausführliche Bericht über ihre gemeinsame Pilgerfahrt zum Grab des Apostels Jakobus im Jahr 1588 ist in einer 240 Papierfolia umfassenden kleinformatigen Handschrift überliefert, die zum Bestand des Archivio Storico del Comune di Perugia gehört 1210 . Auf fol. 1 r ist der Titel vermerkt; der Bericht setzt auf fol. 2 r mit einer Heiligenanrufung und einer kurzen Inhaltsdarstellung ein und schließt auf fol. 113 r bis 114 v mit der freudvollen Szene der Heimkehr 1211 . 320 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="321"?> 1212 Vgl. Ballarini, Viaggio (wie Anm. 198), S. 60-64; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-71-73. 1213 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-73. 1214 Ballarini, Viaggio (wie Anm. 198), S. 25. - Deutlich erkennbar ist der Bruch nicht zuletzt an der Schrift, am Stil, an der Präsenz dialektaler Einflüsse (bei Rettabeni mehr als bei Ballarini) und an der grammatischen Person (3. Person Plural bei Rettabeni, 1. Person Plural bei Ballarini). Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-73. 1215 Vgl. Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-37f. 1216 Letztere sind jeweils am Schluss der Tageseinträge teils in miglia (Italien), teils in leghe (Spanien) und teils in Seemeilen angegeben. Eine lega seien, wie Rettabeni vermerkt, ungefähr drei miglia. Dabei bezieht er sich auf den perugianischen miglio, der etwa 1500 Metern entspricht. Insgesamt legten die Pilger 4500 Kilometer zurück. Die durchschnittliche Tagesleistung betrug auf dem Hinweg 8 bis 9 leghe, etwa 40 Kilometer, und auf dem Rückweg 5 bis 6 leghe, etwa 24 Kilometer. Vgl. G I A P P I C H E L L I , Introduzione (wie Anm.-1209), S. XXV. 1217 Vgl. G I A P P I C H E L L I , Introduzione (wie Anm.-1209), S. XI, XXI, XXVII. Es folgen zahlreiche unbeschriebene Blätter und schließlich itinerarartige (nicht bzw. nur spärlich ausgearbeitete) Aufzeichnungen über andere Reisen, eine knappe spanisch-italienische Vokabelliste, einige Stichpunkte zur Königsresi‐ denz von El Escorial und ein Ausgabenregister 1212 . Die Handschrift ist zweifels‐ frei mit dem größtenteils in itinere entstandenen Autograph zu identifizieren; Kopien von anderer Hand liegen nicht vor 1213 . Rettabeni zeichnet nur für die ersten zehn Folia verantwortlich, weil er kurz nach dem Beginn der Reise, auf der Überfahrt nach Barcelona, schwer krank wurde; ab fol. 11 r setzte Ballarini die Niederschrift fort: Nota che ser Silverio lasciò il scrivere e fu seguitato de me Fabritio per il male che sopraggiunse 1214 . Aus dessen Feder stammen demnach auch die hier interessierenden Ausführungen auf fol. 44 r bis 46 r über Santiago de Compostela 1215 . Es handelt sich bei Rettabenis und Ballarinis Viaggio de S. Iacomo de Galitia in Compostella um einen primär zeitlich - nach Tagesdaten - gegliederten persönlichen Bericht, ein privates Tagebuch, das gleichwohl auch genaue Orts- und Distanzangaben 1216 bietet sowie die üblichen Hinweise zu Land und Leuten, Unterkünften und loca sancta, Flüssen und Brücken, Gebräuchen und religiösen Ritualen, Kosten, Wegzöllen und Währungen, Fährnissen und Widrigkeiten der Reise 1217 . Der Fokus liegt auf dem durchreisten Raum und den darin realisierten konkreten Handlungen; über sich selbst hingegen, über ihr Denken und Fühlen, teilen die beiden Pilger fast nichts mit. Der Text gehört zu den spät entdeckten und von der Forschung bisher kaum beachteten Zeugnissen im Korpus der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Pilgerberichtliteratur. Caucci von Saucken präsentierte ihn 1993 auf dem „I Congreso de Estudios Jacobeos“ in Santiago de Compostela als nuova acquisizione per la letteratura 4.5 Fabrizio Ballarini und Silverio Rettabeni (1588) 321 <?page no="322"?> 1218 Vgl. Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Una nuova acquisizione per la letteratura odeporica compostellana: il ‘Viaggio de San Iacomo de Galitia’ di Fabricio Ballerini, in: Actas del Congreso de Estudios Jacobeos (Santiago de Compostela, 4-6 noviembre 1993), hg. von José Ignacio C A R R O O T E R O , Santiago de Compostela 1995, S.-135-153. 1219 Die bereits zitierte Ausgabe: Fabrizio Ballarini, Viaggio de S. Iacomo de Galitia in Compostella, hg. von Barbara G I A P P I C H E L L I , Perugia 1999. 1220 Vgl. Barbara G I A P P I C H E L L I , Vita e viaggi di Fabrizio Ballarini (notaio corcianese-perugino del secolo XVI), Corciano 2007. 1221 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-69-92. 1222 Vgl. Ballarini, Viaggio (wie Anm. 198), S. 21. - Sie begleitete ein gewisser Simone di Biagio, über den fast nichts bekannt ist; vermutlich stand er in Ballarinis Diensten. Darauf deuten jedenfalls die Aufgaben hin, mit denen er unterwegs betraut wurde, sowie die Geschenke, die er, zurück in Corciano, von Ballarini erhielt: Fece fare a Simone una camiscia, doi fazzoletti; li comprai un paro di stivaletti, un paro di scarpe, et altre cosette datoli, lo licentiai ringratiandolo della sua compagnia. Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-59. 1223 Vgl. Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-21-23. 1224 Vgl. Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-26-37. 1225 Vgl. Ballarini, Viaggio (wie Anm. 198), S. 39-59; G I A P P I C H E L L I , Introduzione (wie Anm. 1209), S. XVf. - Die Motive für die Reise werden im Bericht nicht explizit zur Sprache gebracht; Rettabeni gibt aber in Protokollen der Perugianer Notarkammer, die im Archivio Storico del Comune di Perugia (Notarile, protocollo 2448, fol. 55 r ) verwahrt werden, an, dass er die Pilgerfahrt devotione motus absolviert habe. Zitiert nach: C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-70. odeporica compostellana 1218 . Eine Ausgabe wurde 1999 von Barbara Giappichelli besorgt 1219 , die 2007 zudem eine Biographie mit dem Titel Vita e viaggi di Fabrizio Ballarini vorlegte 1220 . Caucci von Saucken widmet dem Bericht ein volles Kapitel in seiner 2006 erschienenen Studie Santiago e i Cammini della Memoria 1221 ; davon abgesehen liegen kaum einschlägige Arbeiten vor. Ballarinis und Rettabenis Reise begann am 15. Mai 1588 in der westlich von Perugia gelegenen Ortschaft Corciano 1222 . Über Florenz begaben sie sich nach Livorno, dem Haupthafen des Großherzogtums Toskana, und traten von dort die Passage nach Spanien an 1223 . Nach längerem Aufenthalt in Barcelona (wegen Rettabenis Krankheit) durchquerten sie das Ebro-Tal bis Logroño und folgten anschließend dem Camino Francés bis Santiago de Compostela 1224 . Während sie auf der Hinreise demnach einen direkten, kürzestmöglichen Weg - ganz auf das fromme Ziel hin orientiert - wählten, schlugen sie auf der Rückreise einen beträchtlichen, eher von touristischer curiositas denn von pilgergemäßer devotio zeugenden Umweg ein, der sie u. a. nach Valladolid, El Escorial, Madrid und Valencia führte 1225 . Am 28. Oktober - nach 166 Tagen der Pilgerschaft - kehrten sie schließlich nach Corciano zurück, e, sparsa la voce, in un tratto concorse 322 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="323"?> 1226 Ballarini, Viaggio (wie Anm. 198), S. 59. - Der Reiseverlauf sei hier noch einmal etwas detaillierter wiedergegeben: Von Corciano aus zogen die beiden Pilger über Passignano, Terontola und Castel Fiorentino nach Florenz und weiter über Empoli und Pisa zum Hafen von Livorno, wo sie sich am 23. Mai auf der großherzoglichen Galeere San Giovanni einschifften. Nach Stationen auf Korsika und Sardinien gingen sie am 15. Juni in Barcelona von Bord. Da Rettabeni während der Überfahrt schwer erkrankt war und ärztlicher Behandlung bedurfte, quartierten sie sich für 24 Tage in der Hosteria del Pozzo ein. Erst am 9. Juli setzten sie ihre Reise auf dem Landweg fort, besuchten Montserrat, Lleida, Fraga, Saragossa, Tudela und Calahorra und trafen am 25. Juli in Logroño ein: ivi udimmo messa per esser la festa del benedetto San Iacomo. Ballarini, Viaggio (wie Anm. 198), S. 31. Von dort aus folgten die beiden Pilger dem Camino Francés und erreichten Santiago de Compostela in der Nacht des 9. August. Am 11. August unternahmen sie einen Ausflug nach Padrón. Die Heimreise, die sie am 12. August antraten, führte sie zunächst wieder auf den Camino Francés; bei Astorga wandten sie sich dann jedoch nach Süden und begaben sich über Valladolid und El Escorial nach Madrid, weiter über Tarancón, Uclés und Requena nach Valencia und entlang der Mittelmeerküste nach Barcelona, wo sie am 17. September eintrafen. Eine französische Tartane brachte sie von dort binnen knapp eines Monats nach Genua, und über Massa, Lucca und Florenz kehrten sie am 28. Oktober schließlich nach Corciano zurück. - Eine Übersicht über den Reiseverlauf bietet auch C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-74-81. 1227 Ballarini, Viaggio (wie Anm. 198), S. 37. - Da sie auf dem Camino Francés gereist waren, betraten sie Compostela vermutlich durch die Porta do Camiño und waren zuvor auf dem Monte do Gozo gewesen; bestätigt erscheint dies dadurch, dass Ballarini den Moment des ersten Anblicks der Stadt, der seit jeher eng mit diesem Berg assoziiert ist, ebenda explizit vermerkt: un miglio lontano in circa, scoprimmo detta città. 1228 D. h. in der Capela do Salvador oder auch do Rei de Francia, die als altare sancti Salvatoris bereits in Liber (wie Anm.-25), S.-254, erwähnt wird. 1229 Ballarini, Viaggio (wie Anm. 198), S. 37f. - Einzelne Pilgerurkunden aus dieser Zeit sind auch heute noch im Original erhalten, so etwa diejenige des Schweizers Melchior Lussi (1529-1606), datiert auf das Jahr 1590 und unterzeichnet vom Cardinalis Maior Antonius Rodericus. Ihr lassen sich auch die drei zentralen Voraussetzungen entnehmen, die Pilger zu erfüllen hatten, bevor ihnen dieses Dokument ausgestellt wurde: 1. Besuch der Kathedrale (Ecclesiam Beati Jacobi personaliter visitaverit), 2. Ablegen der Beichte und Erhalt der Absolution (confessusque et absolutus fuerit), 3. Empfang der heiligen Kommunion (Dominicumque corpus acciperit). Zitiert nach: Fritz H E R M A N N , Note sulla tutto il castello a visitarci et ogniuno si meravigliava di tanta prestezza quanto al ritorno 1226 . Compostela erreichten Ballarini und Rettabeni con grande allegrezza e festa am 9. August 1588 kurz nach Einbruch der Nacht 1227 . Am nächsten Morgen begaben sie sich in die Kathedrale, wo sie die üblichen Frömmigkeitshandlungen verrichteten (ci confessammo e comunicammo) und sich anschließend - wie schon Cristofaro Monte Maggio da Pesaro fünf Jahre vor ihnen - vom Cardi‐ nalis Maior in der Stirnkapelle 1228 die offizielle Pilgerurkunde ausstellen ließen (pigliammo di ciò la patente), einen Vorläufer der heutigen sog. Compostela 1229 . 4.5 Fabrizio Ballarini und Silverio Rettabeni (1588) 323 <?page no="324"?> Peregrinatio Jacobea in Svizzera, in: Il Pellegrinaggio a Santiago de Compostela e la Letteratura Jacopea. Atti del Convegno Internazionale di Studi. Perugia, 23-24-25 Settembre 1983, hg. von Giovanna S C A L I A , Perugia 1985, S.-151-164, hier S.-153f. 1230 Ballarini, Viaggio (wie Anm. 198), S. 38. Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 155f. - Wie schon der Name der Straße verrät, waren Gagatschnitzer, die acibecheiros, dort in großer Zahl ansässig. Zum Gagatschnitzergewerbe in Compostela vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 136f.; F R A N C O M A T A , Iconografía jacobea (wie Anm.-884); V A C A L E B R I , Tradizione (wie Anm.-884). 1231 Vgl. Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-38f. 1232 Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-39. 1233 Vgl. Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-37f. 1234 Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-37. 1235 Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-34. 1236 Ballarini, Viaggio (wie Anm. 198), S. 43. - Freilich findet sich auch die eine oder andere Ausnahme: Barcelona etwa lobt er als città bella e molto devota. Ballarini, Viaggio (wie Anm. 198), S. 26. - Besonders eingehend behandelt er in Spanien solche Städte, in denen sich hochrangige Heiligtümer befinden: Montserrat, Saragossa, Burgos, León und Santiago de Compostela. Vgl. G I A P P I C H E L L I , Introduzione (wie Anm. 1209), S. XX. - Madrid war in bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts hinein in der Tat noch eher eine villa denn eine città und stand im Schatten so erlauchter Nachbarn wie Toledo und Valladolid; erst die folgenreiche Entscheidung Philipps II. im Frühjahr 1561, die Stadt am Manzanares zum festen Regierungssitz des spanischen Königreiches zu erheben - was sie ungeachtet einer zeitweiligen Unterbrechung in den Jahren 1601 bis 1606, in Später, nach der Vesper, erwarben sie kleine Jakobusfiguren (comprammo li San Iacomi), bei denen es sich zweifellos um jene bereits von Antoine de Lalaing erwähnten beliebten Pilger-Souvenirs aus Gagat handelte, die im alten Paradies der Kathedrale und in der davon abgehenden Rúa da Acibechería feilgeboten wurden 1230 . Tags darauf unternahmen sie einen Ausflug nach Padrón, um die dortigen Orte der Wunder- und Predigttätigkeit des hl. Jakobus und die ihm geweihte Kirche der Stadt zu besuchen 1231 . Am 12. August schließlich traten sie nach einem Dankgebet in der Kathedrale (rese le debite gratie a Nostro Signore, alla sua Santissima Madre et al glorioso San Iacomo nella santissima ecclesia) die Heimreise an 1232 . Mit wenig mehr als zwei Folia (44 r bis 46 r ) macht die Beschreibung der Stadt genretypisch einen relativ kleinen Anteil am Gesamttext aus, dessen Hauptge‐ wicht wie gewöhnlich auf der Darstellung des Pilgerweges liegt 1233 . Über die Stadt als Ganzes bzw. abseits ihres locus sanctus teilt Ballarini nichts weiter mit, als dass sie piccola e brutta sei 1234 - ein negatives, aber im Vergleich kein ungewöhnlich hartes Urteil, tadelt er doch andere spanische Städte zumeist in ähnlicher Weise: Auch León etwa sei non molto bella 1235 , und Madrid bezeichnet er nicht einmal als città, sondern herabwürdigend nur als villa, als villa brutta ma grande 1236 , wohingegen er für italienische Städte wie Florenz, Pisa und Livorno deutlich wohlwollendere Worte findet; Pisa beispielsweise sei eine città assai 324 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="325"?> denen Valladolid diese Funktion zukam, bis in die Gegenwart blieb - ließ sie binnen weniger Dekaden zu einer bevölkerungsreichen Großstadt heranwachsen. 1237 Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-22f. 1238 Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-37. Vgl. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1063f. 1239 Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-37. 1240 Ballarini, Viaggio (wie Anm. 198), S. 37. - Zur aperta siehe die Erläuterungen und weiterführenden bibliographischen Hinweise in Anm.-865 und 868. nobile et antiquissima 1237 . Klein und hässlich, gerät die Apostelstadt bei ihm - ähnlich wie im anonymen florentinischen Itinerar von 1477 - in einen scharfen Kontrast zu ihrer Kathedrale, die er unter Verwendung just der entsprechenden Antonyme als grande e bella lobt 1238 . Ihr gilt denn auch all seine Aufmerksamkeit; den übrigen Stadtraum blendet er weitgehend aus. Wie schon die descriptio urbis im Liber Sancti Jacobi, so läuft auch Ballari‐ nis knappe Compostela-Beschreibung zentripetal auf den symbolischen Mittel‐ punkt des corpus apostolicum zu. Diese charakteristische Sukzession nach innen - dieses ‚Hineinzoomen‘ in die Stadt - konzentriert sich bei ihm in einem einzigen Satzgefüge und findet durch die zunehmende Subordinationstiefe der Relativsätze auch formalen Ausdruck: Compostella è città picola e brutta nella quale è l’ecclesia del gloriosissimo San Iacomo et è ecclesia grande e bella a capo la quale sta l’altare grande nel quale è il santissimo corpo di San Iacomo 1239 . Semantisch wie syntaktisch erscheint der Altar(raum) mit den Apostelreliquien ins innerste Zentrum der Stadt gerückt. Diesem heiligsten Ort der Kathedrale widmet Ballarini anschließend auch als einzigem eine etwas genauere Beschrei‐ bung, wobei er nicht versäumt, die lebensgroße Steinstatue des hl. Jakobus und das Pilgerritual der aperta zu erwähnen: passando presso detto altare, salendo una scala, si abraccia e bacia un San Iacomo de rilievo grande quale sta eminente sopra detto altar magiore. Avanti detto altare ardano 20 lampade di plata cioè di argento tra le quale ve ne è una molto grande e bella 1240 . Wie im Itinerario des Bartolomeo Fontana konzentriert sich die übrige Com‐ postela-Beschreibung vorwiegend auf die zu besichtigenden Heiltümer der Kathedrale. Hier wie dort liegt somit in weiten Teilen nichts anderes als eine aus‐ formulierte Reliquienliste vor; das Kirchengebäude selbst bleibt dabei in seiner Materialität und kunstreichen Ästhetik vollkommen unbestimmt und erscheint nur als unspezifischer container, als Behältnis voller heiliger Gegenstände. Auch im Einzelnen nennt Ballarini genau dieselben Elemente wie Fontana. So geht er auf das Inventar der bisher in sämtlichen Zeugnissen seit dem florentinischen Anonymus von 1477 erwähnten Heiltumskammer ein (beschreibt allerdings nicht den Ablauf der Reliquienschau): 4.5 Fabrizio Ballarini und Silverio Rettabeni (1588) 325 <?page no="326"?> 1241 Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-37. 1242 Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-37, 39. 1243 Ballarini, Viaggio (wie Anm. 198), S. 39. Vgl. G I A P P I C H E L L I , Introduzione (wie Anm. 1209), S. XXI. 1244 Vgl. E S C H , Anschauung und Begriff (wie Anm. 302), S. 281-312; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-47. Nella sacrestia poi, in una capella apartata, sopra un’altare ivi sonno 14 quadri nelli quali sonno molte reliquie e tra li altri vi è la testa di San Iacomo minore, il corpo del quale dicano essere in Tolosa, vi è della Croce di Nostro Signore e moltissime altre reliquie 1241 . Ebenso vermerkt er - weiterhin wie Fontana - die drei Sekundärbzw. Kon‐ taktreliquien des hl. Jakobus: seinen in eine Bronzesäule eingefassten Pilgerstab am Choreingang (Nel’entrar del coro vi è una colonnetta di bronzo nel quale è il bordone che portava San Iacomo.), sein Predigtkreuz auf dem Dach der Kathedrale (Vi è ancho la croce che portava San Iacomo quan predicava, quale sta sopra il tetto di detta ecclesia et è grande et è di bronzo.) und schließlich die Wunderglocke aus Santo Domingo de la Calzada nebst ihrem ‚Zwilling‘ auf der Torre do Relox bzw. do Rei de Francia (vi sonno doi grosse e grande campane, magior di quelle del Palazzo di Perugia, quale sonno rotte et la magior dicano che sonò da sé quan San Iacomo fece il miracolo del gallo e la galina in San Domingo) 1242 . Davon, dass die Glocken beide zerbrochen waren, ist bei Fontana noch nichts zu lesen. Die späteren Autoren geben für diesen kuriosen Umstand die verschiedensten, zumeist wundersamen Erklärungen; auf sie wird in Kapitel 4.6 genauer einzugehen sein. Mit dem vergleichshalber herangezogenen Palazzo di Perugia dürfte sich Ballarini auf den Palazzo dei Priori beziehen, der an der Piazza IV Novembre, dem historischen Hauptplatz der umbrischen Kapitale, gelegen ist 1243 . Der Vergleich mit bekannten Dingen aus der eigenen heimischen Lebenswelt ist - wie in Kapitel 1.4 bereits angedeutet - ein von schreibenden Reisenden oft eingesetztes Mittel, um eine fremde, zuvor nie gesehene Realität - in diesem Fall die erstaunliche Größe der beiden Compostellaner Kirchenglo‐ cken - begreifbar zu machen 1244 . Im Ganzen stellt sich Compostela in Ballarinis und Rettabenis Reisetagebuch als ein ausschließlich in seiner religiösen Bedeutung wahrgenommener Ort dar, verkürzt gänzlich auf seine Kathedrale, die wiederum nicht als künstlerisch-bau‐ liches Monument von Interesse ist, sondern als Kultstätte, d. h. wegen ihrer Reliquien und wegen der Frömmigkeitshandlungen, die man dort (zwecks Ab‐ lasserwerb) zu verrichten pflegt. Wie im Itinerario des Bartolomeo Fontana lässt sich hier demnach ein ‚Rückfall‘ in alte Darstellungskonventionen konstatieren, der sich möglicherweise mit der reaktionären Mentalität der herrschenden Gegenreformation erklären lässt. 326 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="327"?> 1245 Vgl. José G U E R R A C A M P O S , Introducción, in: Giovanni Battista Confalonieri/ Juan Manuel L Ó P E Z -C H A V E S M E L É N D E Z , El Camino Portugués, Vigo 1988, S. 11-15, hier S. 11. Vgl. auch C A U C C I V O N S A U C K E N , Il Cammino italiano (wie Anm. 189), S. 134; L O P E Z , La imagen (wie Anm.-227), S.-367. 1246 Vgl. G U E R R A C A M P O S , Introducción (wie Anm.-1245), S.-11f. 1247 Bis 2019 noch Vatikanisches Geheimarchiv (Archivium Secretum). - Die Archivbestände der Engelsburg, unter denen sich die von Confalonieri hinterlassenen Schriften ur‐ sprünglich befanden, wurden im Jahr 1798 unter der Ägide Gaetano Marinis mit dem Geheimarchiv vereinigt. Vgl. Marco M A I O R I N O , L’unione dei due Archivi segreti: Gaetano Marini e il trasferimento dell’Archivio di Castel Sant’Angelo nel Vaticano, in: Gaetano Marini (1742-1815) protagonista della cultura europea. Scritti per il bicen‐ tenario della morte, hg. von Marco B U O N O C O R E , Vatikan 2015, S.-327-355. 1248 Vgl. G U E R R A C A M P O S , Introducción (wie Anm. 1245), S. 13; L O P E Z , La imagen (wie Anm.-227), S.-367. 1249 Wie bereits zitiert: Giovanni Battista Confalonieri, Viaje de Lisboa a Santiago en 1594 por Juan Bautista Confalonieri, hg. von José G U E R R A C A M P O S , in: Cuadernos de Estudios Gallegos 19/ 58 (1964), S. 185-250. - Der erste Teil der Handschrift, der Bericht über die Reise von Rom nach Lissabon im Jahr 1592, war bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts 4.6 Giovanni Battista Confalonieri (1594) Als letztes Beispiel für die Zeit des späten 16. Jahrhunderts sei das Pilgertage‐ buch des römischen Klerikers Giovanni Battista Confalonieri (1561-1648) herangezogen. Confalonieri war ein junger Priester in der Kathedrale von Velletri (etwa 40 km südöstlich von Rom), als er 1592 von Fabio Biondi (1533-1618, lateinischer Patriarch von Jerusalem 1588-1618), den Papst Clemens VIII. (1592-1605) gerade zu seinem Steuereintreiber in Portugal ernannt hatte, als Sekretär angestellt wurde und mit ihm nach Lissabon ging 1245 . Für Confalonieri war es das erste in einer Reihe wichtiger Ämter, die er im Laufe seines Lebens bekleiden sollte; zuletzt, 1626, sollte ihm von Papst Urban VIII. (1623-1644) sogar die Präfektur des Geheimen Archivs der Engelsburg übertragen werden 1246 . Aus seiner Amtszeit im Westen der Iberischen Halbinsel ist eine autographe Handschrift mit dem Titel Memoria di alcune cose notabili occorse nel viaggio fatto da me Gio. Battista Confalonieri Sacerdote Romano da Roma in Portogallo (1592-1597) überliefert, die zusammen mit 88 weiteren Bänden aus seiner Feder im Vatikanischen Apostolischen Archiv (Fondo Confalonieri 1051) verwahrt wird 1247 . Neben Aufzeichnungen über verschiedene andere zwischen 1592 und 1597 unternommene Reisen enthält sie auf fol. 86 bis 115 (von insgesamt 188) auch das genannte Tagebuch über eine einmonatige Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela, auf die Confalonieri seinen Herrn im Frühjahr 1594 begleitete 1248 . Die erste und bislang einzige vollständige Transkription des Textes wurde 1964 von José Guerra Campos in den Cuadernos de Estudios Gallegos veröffent‐ licht 1249 . Die ihr beigegebene spanische Übersetzung wurde 1988 von Juan 4.6 Giovanni Battista Confalonieri (1594) 327 <?page no="328"?> publiziert worden: Gregorio P A L M I E R I (Hg.), Spicilegio vaticano di documenti inediti e rari estratti dagli archivi e dalle biblioteche della Sede Apostolica per cura degli addetti medesimi 1, Rom 1890, S.-173-239, 441-490. 1250 Allerdings in wesentlich gekürzter Fassung. Vgl. Giovanni Battista Confalonieri, Viaje de Lisboa a Santiago de Galicia, in: ders./ Juan Manuel L Ó P E Z -C H A V E S M E L É N D E Z , El Camino Portugués, Vigo 1988, S.-17-37. 1251 Vgl. Jeffery B A R R E R A (Hg.), Three Journeys to Santiago de Compostela. Pilgrim Chronicles from the 15 th , 16 th and 17 th Centuries. Hieronymus Münzer, Giovanni Battista Confalonieri, Domenico Laffi, Madrid 2017. Es scheint sich hier jedoch um eine eher amateurhafte Übersetzung zu handeln, die im Selbstverlag erschienen ist. 1252 Vgl. F A R I N E L L I (Hg.), Viajes 1 (wie Anm. 93), S. 328-330; G A R C Í A M E R C A D A L (Hg.), Viajes 1 (wie Anm. 93), S. 42f.; Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Las peregrinaciones italianas a Santiago, Santiago de Compostela 1971, S. 47-49; D E R S ., Il Cammino italiano (wie Anm.-189), S.-134f.; M I E C K , Les témoignages oculaires (wie Anm.-93), S.-223. 1253 Vgl. G U E R R A C A M P O S , Introducción (wie Anm. 1245), S. 14; L O P E Z , La imagen (wie Anm.-227), S.-367. 1254 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-202. Manuel López-Chaves Meléndez neu abgedruckt, im Verbund mit dessen eigener essayistischer Beschreibung des Camino Portugués 1250 . Um eine erste englische Übersetzung hat sich Jeffery Barrera 2017 verdient gemacht 1251 . Der Bericht wird in den meisten bekannten Übersichtswerken (Farinelli, García Mercadal, Mieck, Caucci von Saucken usw.) gewürdigt, insbesondere hinsichtlich seiner Bedeutung für die historisch-literarische Fundierung des Camino Portugués; indes liegen kaum Arbeiten vor, die sich tiefergehend - über eine allgemeine Darstellung oder sporadische Erwähnungen hinaus - mit ihm beschäftigen 1252 . Wahrscheinlich schrieb Confalonieri allein zu privaten Zwecken, ohne Veröffentlichungsabsicht 1253 . Entsprechend adressiert er an keiner Stelle eine Leserinstanz; sein Bericht scheint in einer sprachlich wenig elaborierten Roh‐ fassung verblieben zu sein, und während er einzelne Städte mit minutiösen Ausführungen bedenkt, flicht er dazwischen immer wieder auch höchst lapidare Passagen ein, die, teils sogar nur in elliptischen Stichpunkten verfasst, kaum mehr als Tagesdaten, Ortsnamen und vereinzelt Distanzangaben enthalten; hier z.-B. der Eintrag zum 26. April 1594: Martedi 26 Aprile, da Albergaria nova a Albergaria vecchia, di 4 cascine ; poi à Pignero, similiter ; Bemposta, villa ; Olivera de Semeis, lugar dove havessimo tanto fumo, e Monsr. mangiò in casa del cura. Post prandium alla Venta della Picca ; Arifana, villa ; Sottorodondo, lugarcitto ; Venta de Carvaglio ; la sera nel monastero di Grisciò, de frati di S. Croce di Coimbra, ut d(icitur) in regressu. Hoggi leghe sei 1254 . Eingehender behandelt Confalonieri nur die Städte Santarém, Tomar, Coimbra, Porto, Vila do Conde, Pontevedra und Compostela. Wenig überraschend in‐ 328 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="329"?> 1255 Er erzählt z. B. von Wundern, die sich in Santarém und Moreira zugetragen haben sollen. Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 194-196, 202-204. Vgl. auch G U E R R A C A M P O S , Introducción (wie Anm. 1245), S. 14; L O P E Z , La imagen (wie Anm. 227), S. 367. 1256 Vgl. G U E R R A C A M P O S , Introducción (wie Anm. 1245), S. 14f.; C A U C C I V O N S A U C K E N , Il Cammino italiano (wie Anm.-189), S.-134. 1257 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-194. 1258 Vgl. Münzer, Itinerarium (wie Anm. 743), S. 82-94; Lassota von Steblau, Tagebuch (wie Anm.-167), S.-51-54; Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-287-310. 1259 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 194-210; G U E R R A C A M P O S , Introducción (wie Anm.-1245), S.-13f. 1260 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-210. 1261 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 226-240. - Von Valença aus unternahmen sie auf dem Rückweg einen Abstecher zum Kloster Sanfins, und nachdem sie abermals in Coimbra gewesen waren, reisten sie nicht über Tomar und Santarém, sondern über Pombal, Leiria, Batalha und Alcobaça; erst ab Castanheira do Ribatejo nahmen sie wieder denselben Weg wie auf der Hinreise. 1262 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-246. 1263 Vgl. G U E R R A C A M P O S , Introducción (wie Anm. 1245), S. 13; C A U C C I V O N S A U C K E N , Il Cammino italiano (wie Anm.-189), S.-134. teressiert sich der ausgebildete Priester an den verschiedenen Orten seiner Reise insbesondere für die jeweiligen Kirchen und Klöster, deren ökonomische Ausstattung, deren Heiltumsschatz und die Wunder, die sich in deren Umkreis zugetragen haben sollen 1255 . Doch auch die Landschaft, das Wetter, Aussehen und Eigenart der Menschen, traditionelles Brauchtum, historisch bedeutsame Ereignisse, die Bauweise der Häuser uvm. haben Eingang in seinen reichen Bericht gefunden 1256 . Ihre Pilgerfahrt zum Grab des Apostels Jakobus traten Biondi und Confalo‐ nieri am 20. April 1594 zu Pferde an 1257 . Von Lissabon aus schlugen sie den direkten Weg ein, die Jakobswegroute, für die sich auch beispielsweise bei Hieronymus Münzer, Erich Lassota von Steblau und Cosimo III. de’ Medici Belege finden und die heute gemeinhin als Camino Portugués bekannt ist 1258 : Alverca do Ribatejo, Santarém, Tomar, Coimbra, Mealhada, Albergaria, Grijó, Porto, Vila do Conde, Rates, Barcelos, Ponte de Lima, Valença, Tui, O Porriño, Redondela, Pontevedra, Caldas de Reis, Padrón - und schließlich Santiago de Compostela 1259 . Am 3. Mai trafen sie dort ein 1260 ; schon am 5. Mai traten sie den Rückweg an, der nur wenige, unbedeutende Abweichungen vom Hinweg aufweist 1261 , und am 20. Mai - nach genau einem Monat - waren sie zurück in Lissabon 1262 . Es handelt sich zweifellos um eine Pilgerfahrt devotionis causa, denn einziges Ziel war die Jakobsstadt, bedeutende Umwege nahmen die beiden Kleriker keine, und ihre Motivation scheint rein religiöser Natur gewesen zu sein 1263 . Denkbar wäre allenfalls, dass (auch) diplomatisch-politische Gründe die Reise veranlassten - schließlich war Biondi ein hoher Kirchenfürst -, doch 4.6 Giovanni Battista Confalonieri (1594) 329 <?page no="330"?> 1264 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 226, H. d. V.: L’Arcivescovo ha il luogo nel coro, che lo diedero a Monsr. ntro. Patriarca, con broccati non vi essendo l’Arcivescovo la cui entrata è di 50-m. scudi. 1265 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 194 (S. Giacomo di Galitia), 210 (Compostella, san Giacomo di Galitia, San Giacomo), 214 (la città di San Giacomo), 222 (S. Giacomo). 1266 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-210. 1267 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-210-226. dem Text lassen sich keinerlei Hinweise darauf entnehmen. Dagegen spricht außerdem, dass der damalige Erzbischof von Compostela, Juan de Sanclemente Torquemada (1587-1602), während ihres Aufenthalts in der Stadt abwesend war, wie Confalonieri explizit vermerkt 1264 . Genretypisch überwiegt bei Confalonieri die Beschreibung der Wegstationen; allerdings widmet er dem Ziel Compostela einen wesentlich größeren Teil seines Berichts als alle schreibenden Pilger vor ihm - nämlich gut ein Drittel -, und auch absolut betrachtet handelt es sich um die bisher umfangreichste Darstel‐ lung der Jakobsstadt, sofern man einmal vom Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi absieht. Das Toponym Compostella benutzt Confalonieri nur einmal, sonst spricht er immer von San Giacomo, zum Teil mit der Genitivergänzung di Galitia 1265 , und er weist sogar ausdrücklich auf die herkömmliche metonymische Verwendung des Heiligennamens hin, die sich schon in früheren Zeugnissen vielfach beobachten ließ: San Giacomo si chiama tutta la Città 1266 . Übergeordnet folgt Confalonieri demselben Muster, dessen sich auch viele andere Pilger-Au‐ toren und schon Pseudo-Calixt im Liber Sancti Jacobi bedienen: Er lässt seine Compostela-Beschreibung sukzessive von außen nach innen verlaufen, hin zur Kathedrale, auf der, wie gewöhnlich, das quantitative Hauptgewicht liegt 1267 . Zunächst bestimmt er Größe, Lage, natürliche Umgebung und klimatische Bedingungen der Stadt; dabei bezeugt er auch die für Galicien, vor allem für Compostela so typischen häufigen Regenfälle (über die sich ein Dreivierteljahr‐ hundert später Filippo Corsini, Kammerherr des jungen Cosimo III. de’ Medici, in seinem Tagebuch mehr als einmal beklagen sollte): Questa città è picciola e situata in colle molto sterile, e tutta la Galitia principalmente questa parte è tutta colline, che paiono tante onde di mare, et sono tutte spennate senz ’un ’albero, o molto pochi ; è però paese abondante di acque, fresco, et in questa 330 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="331"?> 1268 Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 212. - Canfalonieri vermerkt an dieser Stelle zudem, dass Compostela etwa 1500 Häuser zähle und ungefähr 40000 Menschen unter der Rechtsprechung des Erzbischofs stünden. - Jean de Tournai, Giovanni Battista Confalonieri und die Kammerherren des jungen Cosimo III. de’ Medici sind die einzigen Autoren im hier analysierten Korpus, die sich zum Wetter in Compostela äußern. Belege im außerromanischen Raum sind mir nicht bekannt. Vgl. P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm. 94), S. 46. - Zu den vielfachen Klagen über den galicischen Dauerregen bei Filippo Corsini siehe Kapitel 5, insb. Anm.-1460. 1269 Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 212-214. Vgl. G U E R R A C A M P O S , Introducción (wie Anm.-1245), S.-14; P L ÖT Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm.-94), S.-53f. Città non vi fa mai molto caldo, che più tosto è fredda, ò temperata che calda. Spesso vi piove 1268 . Bevor er den Blick auf das Stadtinnere wendet, schaltet Confalonieri einige ethnologische Beobachtungen zwischen, die ein höchst negatives Bild von der galicischen Bevölkerung vermitteln; insbesondere tadelt er das hässliche Aus‐ sehen der einheimischen Frauen, ihre extravaganten Kleider, ihren übergroßen Schmuck und ihre mangelnde Hygiene: ma le Donne di Galicia hanno habito stravagante, et sono brutte di sua naturaleza. Usano di portar in capo certe tovaglie rivolte come turbanti, et chi li usa alti chi bassi, et chi tanto in fuora che pare che habbino una diadema in capo. All’orechie poi usano di portar certi pendenti di argento indorati tanto grandi che pare che tirariano giù l’orecchia. Li pongono attaccati a capelli, et sono in questa figura con copia campanelli o bottoncetti attaccati. Altre poi le usano certi triangoli di argento molto grandi, et altre finalmente portano pendenti grossi nell’orecchio furate, et è cosa notabile, che le vecchie decrepite e monstruose portano queste bagattelle, et quanto sono maggiori, tanto più si pavoneggiano, e trovarassi mendiche che vanno chiedendo limosina che le portano, et quel ch’è peggio trovarassi alcune che con un paio di pendenti di 15 scudi, che tanto costano quei della prima sorte belli, et con una collana di 12, o 13 altri, vanno ped le campagne scalze ; et usano con poca vergogna di andar non solo scalze, ma anco con i panni alzati ; sono sporche e sucide, in casa e in se medesime ; hanno le vesti con le maniche larghissime. Et in alcuni luoghi di Galitia come in Ponte Vedra et altri, portano certi ferraioli con i bavari di velluto negro, larghi un palmo: che con quei turbanti, pendenti e vesti, fa un brutto vedere. In somma sono genti che hanno del zingano, del moresco, del barbaro, e del tedesco, massime nelle borse, e mazzi di chiavi, eche portano pendolini. È in universale la gente galiega molto povera, et pochi luoghi vi si trovano commodi, et le case a tetto che si possano contar le stelle stando in letto. È gente poco industriosa, et per la commodità dell’acque non si movono a procurarsi alcune frutta, orti, et cose tali. Hanno poco grano ; segala et miglio à bastanza, et di questa ne fanno più profissione che di grano, et fanno mesturanza di formento e segala 1269 . 4.6 Giovanni Battista Confalonieri (1594) 331 <?page no="332"?> 1270 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-214. 1271 Vgl. Monte Maggio, Relato (wie Anm.-200), S.-186. 1272 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-322. 1273 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-160. 1274 Zum Kloster der Padri benedittini, o monaci negri fügt Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 214, an: hanno un commodissimo e bello monasterio con molti claustri, 14 o 15 m. scudi di entrata. Vi stanno 40 monaci ; et hora fabbricano una chiesa dove spenderanno dugento mila scudi. 1275 Zur Spanischen Inquisition vgl. Paula P I T A G A L Á N , Las nuevas casas de la Inquisición en Santiago de Compostela: del Palacio de Monterrey a la sede de Porta da Mámoa, in: Cuadernos de Estudios Gallegos 59/ 125 (2012), S.-157-191. 1276 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 214: Vi è anco un Collegio de Gesuiti di pochi Padri, et in un monasterio molto vecchio, e disfatto ; hanno due mila scudi di entrata. Leggono casi de conscienza per tutti, et Theologia Scolastica per i Padri soli. Hanno molte reliquie, ma in particolare una croce d’argento grande dove vi è un pezzo della Sma. Croce, et una spina picciola, che tiene una verga di sangue d’alto à basso molto chiaro, vermeglio. Positives weiß er über die Galicier nichts zu sagen, als dass sie stets höflich grüßten: Cosa notabile è de galieghi che sono ben creati nel salutar ognuno, et salutano con queste parole: laudato sia Gesù Christo 1270 . Vor Confalonieri bietet im hier analysierten Korpus nur der gerade behandelte Cristofaro Monte Maggio da Pesaro eine Charakterisierung der Stadtbewohner, und interessanterweise stimmen beide in wesentlichen Aspekten überein: Beide empfanden die Men‐ schen, die sie in Compostela sahen, als hässlich, ungepflegt und geschmacklos gekleidet 1271 . Confalonieri hebt in seiner Beschreibung zahlreiche wichtige Bauwerke heraus, die durch keinen Pilger vor ihm bezeugt sind, und gibt insofern den bisher differenziertesten Eindruck von der Stadttopographie. Wie in den entsprechenden Kapiteln gezeigt, sparen selbst so ausführlich berichtende Vorgänger wie etwa Jean de Tournai und Antoine de Lalaing den Stadtraum außerhalb der Kathedrale weitgehend aus; jener beschreibt nur das Paradies nebst Jakobusbrunnen und altem Pilgerhospiz 1272 , dieser vermerkt nichts als den gerade begonnenen Bau des Hospital Real sowie zwölf Kirchen und Klöster, die rings um die Kathedrale herum angeordnet seien, zu denen er aber keine näheren Angaben macht 1273 . Confalonieri hingegen hebt drei Klöster heraus: ein Dominikanerkloster (San Domingos de Bonaval), ein Franziskanerkloster (San Francisco do Val de Deus) und ein Benediktinerkloster (San Martiño Pinario) 1274 ; ferner erwähnt er die Inquisition (damals mit Sitz an der Praza de San Miguel dos Agros östlich von San Martiño Pinario) 1275 und ein Jesuitenkolleg mit reichem Heiltumsbesitz (bis zur Verbannung der Jesuiten 1767 in einem alten Klostergebäude auf dem Grundstück der heutigen Fakultät für Geographie und Geschichte) 1276 ; auch gibt er die im hier betrachteten Korpus erste (und 332 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="333"?> - Zum alten Jesuitenkolleg von Santiago de Compostela vgl. María del Carmen F O L G A R D E L A C A L L E , Xesuítas, in: Santiago de Compostela, hg. von José Raúl S E O A N E P R I E T O , A Coruña 1993, S. 398-403. - Ausführlich zur Vertreibung der Jesuiten unter Karl III. im Jahr 1767 vgl. Rafael O L A E C H E A A L B I S T U R , El anticolegialismo del gobierno de Carlos III, in: Cuadernos de Investigación. Geografía e Historia 2 (1976), S.-53-90. 1277 Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 214-216. - Der Festtag des hl. Lukas ist der 18. Oktober. - Der Colexio de Fonseca gehört auch heute noch zur Universität und beherbergt die Biblioteca Xeral. - Außer Confalonieri erwähnen im hier analysierten Korpus nur Filippo Corsini, Giovan Battista Gornia und Nicola Albani die Universität. Vgl. Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 70: Nella Città vi è uno studio, dove leggono 12 Dottori, non vi è però molti scolari; D O M Í N G U E Z F E R R O , Giovan Battista Gornia (wie Anm. 155), S. 264: Vi è lo Studio con dodici lettori, e un medico solo al presente solendo esserne due; Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 92: Vi sono Sei Collegj col Studio dell’Università. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 235, erwähnt die Universität nicht ausdrücklich, will aber in Compostela eine Prozession anlässlich der Verleihung einer Doktorwürde beobachtet haben. 1278 Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, wurde es vom Katholischen Königspaar Ferdi‐ nand II. von Aragonien und Isabella I. von Kastilien in Auftrag gegeben und finanziert. 1279 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-216. umfassendste) Beschreibung der städtischen Universität (damals im 1544 fertig‐ gestellten Colexio de Fonseca): Vi è anco l’università con molti collegiali, vestiti di leonato, et vi si legge grammatica, rethorica, filosofia, Theologia scolastica, Canoni, et legge civile ; non si legge medicina, et cirugia. I scolari, per San Luca quando si cominciano li studi dopo le vacanze di Agosto et Settenbre, potranno arrivare à mille e dugento, o trecento, o al più quattrocento 1277 . Besonders detailreich schildert er schließlich das Hospital Real, dessen Er‐ richtung er allerdings irrtümlich Ferdinand III. von Kastilien (1217-1252) zu‐ schreibt 1278 : Notabile è l’hospital reale fabricato da Fernando il 3.° [sic! ] con bellissima fabrica, dotato di molta entrata ; la porta lavorata, con li 12 apostoli ; avanti un ordine di colonne con le catene. Dentro quattro cortili, due con li chiostri ben lavorati, et due senza. Ivi si ricevono li bastardi buttatti. Vi sono 4 hospitali: uno per li religiosi, cioè preti et frati, et questo ha il suo altare et cappella appartato ; l’altro è del commune ; il 3.° per li feriti, et mali incurabili ; il 4.° per le donne. Questi tre ultimi stanno in forma di un T, cio e tutti tre mirano un altare, et ciascun infermo ha volta la testa verso l’altare ; et la cappella resta serrata quando vogliono, et questo ingegno è bellissimo. Ha buona spetiaria. Si governa con carita, et a tutti li pellegrini se li da per tre giorni letto, camera, e lume et non altro. Li letti degli infermi stanno come in tante bussole, politi, et buoni materazzi ; et dove in Italia pongono li letti per Traverso dell’hospitale, questi li pongono per il lungo 1279 . 4.6 Giovanni Battista Confalonieri (1594) 333 <?page no="334"?> 1280 Vgl. Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 49f.; Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 203. - Es verwundert, dass Confalonieri von vier Innenhöfen spricht, denn für die Zeit des 16. und 17. Jahrhunderts sind nur drei belegt, nämlich zwei südliche und ein nördlicher, der sich über die volle Breite des Gebäudes erstreckte. Dieser sollte - wie in Kapitel 4.2 bereits erwähnt - erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts, analog zu den beiden südlichen, in zwei aufgeteilt werden. Vgl. Laffi, A Journey (wie Anm. 200), S. 150f., Anm. 13; G O Y D I Z , Hospital Real (wie Anm. 1032), S. 68f., 74f. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 203, etwa vermerkt 1670/ 1673 entsprechend noch tre claustri superbi […] con un cortile nel mezo. 1281 Einen guten Überblick über Räume und Ämter im Hospital Real während des 16. Jahr‐ hunderts bieten José G A R C Í A O R O / María José P O R T E L A S I L V A , Los hospitales de Galicia durante el Renacimiento. Contexto histórico y perfil institucional, in: Sémata. Ciencias Sociais e Humanidades 15 (2003), S.-237-254, hier S.-251-254. 1282 Vgl. Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-50: Chacun qui veult la logier est logié selon son estaet, et chacun nachion en son quartier, hommes et femmez chacun par luy. 1283 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-216. 1284 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-216-226. Confalonieri geht auf die Renaissancefassade und den inneren Aufbau des Hospital Real ein, wobei er weitgehend dieselben charakteristischen Elemente heraushebt wie Jan Taccoen van Zillebeke und Domenico Laffi, die es ebenfalls jeweils mit einer sehr genauen Beschreibung bedenken: die Innenhöfe, die T-förmigen Schlafsäle, die zentral platzierte Kapelle etc. 1280 Einige Zeilen widmet er darüber hinaus der funktionalen Gliederung des Gebäudeinneren: Mit eigener Kapelle ausgestattet, war der private Bereich der geistlichen Hospitalgemein‐ schaft von den anderen, öffentlichen Sälen deutlich getrennt, die ihrerseits auf die besagte Kapelle in der Gebäudemitte ausgerichtet und nach Gästekategorien unterteilt waren; einer stand demnach allen offen, die um Barmherzigkeit baten, einer war für Verwundete und unheilbare Kranke bestimmt und einer für Frauen 1281 . Taccoen van Zillebeke bezeugt für das Jahr 1512 bereits eine ähnliche Gliederung, fügt aber noch hinzu, dass die Gäste auch nach gesellschaftlichem Stand und Nationalität getrennt waren 1282 . Im Ganzen betrachtet, scheinen die Orte des Stadtinneren in eine klimaktische Ordnung gebracht zu sein, die sich sowohl in der Länge der ihnen gewidmeten Abschnitte widerspiegelt wie auch in der Intensität, mit der sie gelobt werden: Während Confalonieri zu den Klöstern, der Jesuitenschule und der Universität jeweils nur wenige, sachliche Angaben macht, geht er auf das Hospital Real schon deutlich wortreicher ein und hebt es gegenüber den anderen Gebäuden als [n]otabile und bel‐ lissimo hervor 1283 ; den allergrößten Teil seiner Beschreibung aber, ungefähr die letzten zwei Drittel, widmet er der herrlichen Kathedrale, die er unter erneuter Verwendung des Wortes notabile über das Hospital Real und superlativisch über alles stellt: Sopra tutto poi è notabile la chiesa del glorioso Sto. Giacomo 1284 . Die Darstellung des sakralen 334 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="335"?> 1285 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-216. 1286 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-255f. - Zur Gestaltung des Altarbaldachins vgl. Andrés Antonio R O S E N D E V A L D É S , A mayor gloria del Señor Santiago: el baldaquino de la catedral composte‐ lana, in: Sémata. Ciencias Sociais e Humanidades 7 (1996), S. 485-534, insb. S. 487-497 (zum mittelalterlichen Baldachin), 510-534 (zum heutigen barocken Baldachin). 1287 Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 218. - Ebenda ein paar Zeilen weiter beschreibt Confalonieri zudem die Altarlampen, denen schon Pseudo-Calixt in Liber (wie Anm. 25), S. 256, einen eigenen Abschnitt widmet: Avanti l’altar maggiore vi è un lampadario di platta alto come son io, con colonnati grossi, torri, et cinque lampadi dentro, che continuamente ardono, ma l’architettura non è bellissima. Oltra di questa vi ardono quindeci altre lampadi d’argento, chi più, et chi meno grandi ma quasi tutte con quel piatto di platta di sotto come si costuma. 1288 Siehe Kapitel 3.6. Gebäudes verläuft nicht von außen nach innen, vielmehr geht Confalonieri nunmehr andersherum vom symbolischen Mittelpunkt des Hauptaltars aus und arbeitet sich sukzessive nach außen vor. Voran stellt er dem nur eine knappe Übersicht über den Aufbau der Kirche: Sie sei in croce gebaut, und [l]a parte di mezzo overo il lungo ha tre navi, con dodici archi. Le parti della croce hanno medesimamente tre navi, con sei archi per banda. Il giro o mezza luna dell’altar grande ha tre archi grandi per banda con le ferrate, et sette piccioli di dietro. Tutta la chiesa è in volta 1285 . Am Altar beschreibt er den marmornen Baldachin, bei dem es sich noch nicht um die heutige barocke Konstruktion handelte, sondern nach wie vor um das im Liber Sancti Jacobi detailreich beschriebene romanische ciborium 1286 ; dann geht er auf den silbernen Tabernakel mit dem Allerheiligsten ein und auf die bereits aus anderen Zeugnissen bekannte polychrome Steinstatue des hl. Jakobus: L’altar maggiore ha una tribuna di marmo, quadrata, lavorata et indorata, che termina in forma di piramide, et ha nelli canti alcune torrette ; della banda di dietro è sostentata da due colonne, mal i mancano quelle d’avanti, per non impedir il servitio dell’altare maggiore quando si celebra pontificalmente, et è sostentata la tribuna da due pilastri in traverso di marmo indorato. Il tabernacolo del Smo. Sacramento è tutto d’argento, et indorato in alcuni luoghi, ma è picciolo ; et di sopra vi è una statua di San Giacomo di marmo pintata, con la croce dell’habito di San Giacomo nel petto et un bordone nella mano, una collana d’argento al collo et di sopra una corona d’argento che pende ; e tutti li pellegrini che vengono vanno per certe scalette dietro l’altare, ad abbraciare e baciare quella statua, et a ponersi sopra la testa quella corona 1287 . Wie Jean de Tournai gut hundert Jahre vor ihm, so schildert er die coronatio peregrinorum und die aperta noch als parallel bzw. kurz nacheinander vollzogene rituelle Handlungen 1288 . Für den ersteren Brauch ist dies im hier betrachteten Korpus der späteste Beleg; im Laufe des 17. Jahrhunderts sollte er endgültig verschwinden und seitdem nur mehr die aperta, die Umarmung des Apostels, 4.6 Giovanni Battista Confalonieri (1594) 335 <?page no="336"?> 1289 Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 153f.; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-288; P L ÖT Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm.-94), S.-71. - Zu aperta und coronatio peregrinorum siehe Anm.-865 und 868. 1290 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-216-218. 1291 Vgl. Wey, Itineraries (wie Anm. 626), S. 160; Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 160; Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 49. - Allgemein zu den Ursprüngen des Heiligen Compostelanischen Jahres siehe Anm.-973. 1292 Liber (wie Anm.-25), S.-252. 1293 Die erste Porta Santa wurde zum Heiligen Jahr 1423 von Papst Martin V. (1417-1431) in der Lateranbasilika eingerichtet. Unter Papst Alexander VI. (1492-1503) kamen Porte Sante in den anderen drei Papstbasiliken (Petersdom, Santa Maria Maggiore und San Paolo fuori le mura) hinzu. Im Petersdom ist die Öffnung der Porta Santa erstmals für das Weihnachtsfest 1499 bezeugt. Vgl. Maria Immacolata M A C I O T T I , Pellegrinaggi e giubilei. I luoghi di culto, Rom/ Bari 2000, S. 146; Luigi R U S S O , Il Giubileo in età medievale: ‘invenzione’, sviluppo e affermazione (1300-1500), in: Giubilei. Spiritualità, storia, cultura, hg. von Alberto A B R U Z Z E S E / Andrea P O L L A R I N I . Turin 2016, S.-73-87. 1294 Vgl. José I. C A R R O O T E R O , En rectificación de un error común: la Puerta Santa no es una de las románicas (siglos XI-XII), in: Cuadernos de estudios gallegos 20/ 61 (1965), S. 357-360; Antonio F R A G U A S F R A G U A S , La puerta santa de la catedral de Santiago, in: Revista de Etnografía 15/ 1 (1970), S. 123-163, insb. S. 124; R U C Q U O I , Los Años Santos an der mannsgroßen Altarstatue praktiziert werden, die sich bis heute großer Popularität erfreut 1289 . Anschließend wendet Confalonieri den Blick auf den Altarumgang mit seinen sieben Kapellen und der Porta Santa: Dietro l’altar grande vi sono sette cappelle, et anco la porta santa che si apre ogni volta che la festa di S. Jacomo viene in domenica, et dura il giubileo come in Roma da detta festa fino al Natale. In sette cappelle con l’altar maggiore si conserva il Smo. Sacramento, che serve per sette parocchie della Città, et quella di mezzo dietro l’altare è per li pellegrini, dove resiede il Cardinal Penitentiero. Non vi sono li penitentieri come in Loreto, et altri luoghi, mal i pellegrini si buscano li confessori per li monasterii 1290 . Von Feierlichkeiten anlässlich des Heiligen oder Jubeljahres (giubileo) ist schon bei William Wey (1456), Antoine de Lalaing (1502) und Jan Taccoen van Zillebeke (1512) die Rede 1291 . Als erster romanischer Pilger-Autor jedoch bietet Confalonieri auch einen Beleg für den Brauch der Porta Santa (Abb. 10 und 11), die, wie er richtig erklärt, ausschließlich in diesen besonderen Jahren geöffnet wird, in denen der Festtag des hl. Jakobus, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt. Pseudo-Calixt klassifiziert sie im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi noch als Nebenportal, als [portalulla] de Sancto Pelagio 1292 ; ihre Umdeutung zur Heiligen Pforte nach römischem Vorbild 1293 erfolgte wahrscheinlich in den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts unter Erzbischof Alonso III. de Fonseca (1507-1523) 1294 . Unter den sieben Kapellen - nicht mehr fünf wie im Liber Sancti Jacobi 1295 - hebt 336 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="337"?> (wie Anm. 611), S. 42. Vgl. auch die Erläuterungen und bibliographischen Hinweise in Anm.-2479-2485. 1295 Die Capela de Santa Fe, altare sancte Fidis virginis, war in Capela de San Bartolomé umbenannt worden; die Capela de San Pedro, altare sancti Petri apostoli, trug damals den Namen von Doña Mencía de Andrade, die sie prächtig hatte ausstatten lassen; heute wird sie gewöhnlich als Capela da Nosa Señora da Azucena bezeichnet. Liber (wie Anm. 25), S. 254. Vgl. Pilgerführer (wie Anm. 200), S. 131, Anm. zu Z. 2 und 5. Die anderen drei aus dem Liber Sancti Jacobi bekannten Kapellen waren noch immer denselben Patronen geweiht: dem hl. Apostel Johannes, dem hl. Erlöser und dem hl. Andreas. Neu hinzugekommen waren im 14. Jahrhundert die Capela da Nosa Señora a Branca (zwischen der Capela de San Xoán und der Capela do Salvador) und im 16. Jahrhundert die Capela da Piedade oder auch de Mondragón, nach ihrem Stifter, dem Kanoniker Juan de Mondragón. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 124f., 130. 1296 Siehe Kapitel 4.5. 1297 D O M Í N G U E Z F E R R O , Giovan Battista Gornia (wie Anm. 155), S. 264. Vgl. Confalonieri, Viaje de Lisboa a Santiago de Galicia (wie Anm. 1250), S. 36, Anm. 58. - Vermutlich bezieht sich Confalonieri hier auf Beichtväter mit Fremdsprachenkenntnissen, soge‐ nannte linguaxeiros, die für die Kathedrale von Santiago de Compostela vor dem 17. Jahrhundert nur vereinzelt bezeugt sind. Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinacio‐ nes 1 (wie Anm. 15), S. 152f.; Claudio G O N ZÁ L E Z P É R E Z , El idioma vasco en Compostela, in: Fontes Linguae Vasconum 29 (1978), S. 361-365, hier S. 362. Ein eindrücklicher Beleg dafür, dass es der Kathedrale seinerzeit an sprachkundigen Beichtvätern mangelte, stammt aus dem Testament des Dekans Rodrigo de Moscoso y Sandoval aus dem Jahr 1619: Ytten digo que por hauer tocado y esperimentado vna grande falta de confesores de peregrinos estranxeros en este santuario del señor Santiago a muchos dias que andaua con deseo de acudir a esta necesidad con mi hazienda, poniendo vna penetenziaria de quatro sacerdotes confesores lenguajeros, italiana, flamenca y alemana, cosa con que se serviría a nuestro señor e su Santo Apostol; y la zelebridad de este santuario crezería, allando los que del vienen remedio para sus almas; daher solle man mit den Mitteln aus seinem Nachlass otros dos Padres de la Compañía [d. h. Jesuiten] lenguaxeros en las dhas. lenguas einstellen. Zitiert nach: G O N Z Á L E Z P É R E Z , El idioma vasco (wie Anm. 1297), S. 362. Allerdings scheint der letzte Wille des Dekans nicht lange befolgt worden zu sein, denn in einem Schreiben vom 16. Juli 1664 weist Chorherr Juan Astorga de Confalonieri die nördlich neben der Porta Santa gelegene große Stirnkapelle heraus, wo einer der sieben Kardinäle der Kathedrale - der Cardinalis Maior oder Cardinalis Poenitentiarius - die Pilgerurkunden ausstellte, von denen wenige Jahre zuvor schon Fabrizio Ballarini und Cristofaro Monte Maggio da Pesaro berichten 1296 . Interessant ist in der zitierten Stelle nicht zuletzt der Hinweis zur Beichtpraxis: Confalonieri zufolge baten die Pilger damals Geistliche der lokalen Klöster, ihnen die Beichte abzunehmen, weil es in der Kathedrale selbst noch keine dazu eingesetzten Beichtväter gab. Die etwa von Giovan Battista Gornia, Leibarzt des jungen Cosimo III. de’ Medici, für das Jahr 1669 bezeugten numerosi confessori, die sich der Pilger in der Kathedrale annahmen, sind tatsächlich erst ein Phänomen des 17.-Jahrhunderts 1297 . 4.6 Giovanni Battista Confalonieri (1594) 337 <?page no="338"?> Castillo das Kathedralkapitel darauf hin, de quanta importancia y servicio de nuestro señor es el que aya oy estos lenguajeros para escusar el desconsuelo que yo he visto de algunos pelengrinos por no allar después de tan larga peregrinación quien les confesase, y me veré con el Procurador General de la Compañía, para que me diga todas las demás dilengencias. Zitiert nach: G O N ZÁ L E Z P É R E Z , El idioma vasco (wie Anm. 1297), S. 362f. Die Jesuiten, die damals die linguaxeiros der Kathedrale stellten, zogen sich jedoch bald aus dieser Tätigkeit zurück, und so war die Beichtabnahme auf Deutsch, Französisch oder Italienisch wiederum nicht durchgehend sichergestellt. Daher erließ König Karl II. (1665-1700) am 25. April 1691, dass das Kathedralkapitel speziell zu diesem Zweck zwei zusätzliche Kaplanstellen einrichten solle: Venerable Deán y Cauildo de la Sta. Iglesia de Santiago. Por el gran número de peregrinos estrangeros que concurren á uisitar el cuerpo del Sto. Apóstol Santiago, Patrono destos Reinos y nezesitarse en essa ciudad de Penitenziarios de todas lenguas además de los capellanes que para este ministerio hai destinados en mi gran y Real Hospital de esa Ciudad para que no falte este consuelo á los fieles, He resuelto encargaros Probeais essa Sta. Iglesia de personas ynteligentes en las lenguas estrangeras de suerte que se puedan mantener dos Plazas de á quatro cientos ducados de renta cada vna, con los quales y el estipendio que les tengo señalados en dicho mi Real Hospital, no es dudable uendrán sazerdotes de buenas prendas de las partes más remotas á la residenzia de Penitenziarios, que en ello me daré de Vos por seruido y que me auiséis de su execución á manos del Marqués de Mejorada y de la Breña de mi Consejo y Contaduría mayor de Hacienda y secretario de la Cámara y Real Patronazgo. Zitiert nach: Antonio L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia de la Santa A. M. Iglesia de Santiago de Compostela 9, Santiago de Compostela 1907, Anhang, S.-152f. In einem am 2. August 1691 verfassten Antwortschreiben des Kathedralkapitels an den Marqués de Mejorada y de la Breña sind schließlich erstmals Beichtstühle eigens für fremdsprachliche Beichten belegt, die durch entsprechende Schilder ausgewiesen waren: Por carta de el Marqués de Mejorada de 18 de Julio nos allamos noticiosos de que V. M. a acordado, informemos el motibo de haber en cada vno de los Arcos, sobre que se fundan las Paredes de los costados de el Choro de esta Santa Iglesia, vn confesonario con rótulos, que el vno dize: pro lingua Ispanica, otro pro lingua Germanica, otro por lingua Italica, y otro pro lingua Galica; Y el vnico que podemos informar a V. M. es, el que allándose fabriquero de esta Santa Iglesia (abrá 26 años) Don Joseph de Vega Verdugo conde de Alba Real del Tajo (quien se alla en esa Corte) considerando el que los quatro confesores que auía en el Ospital Real de esta ciudad, según la constitucion de los Señores Reyes Catholicos, sus fundadores, que instituyeron entre otras, quatro Capellanías con congrua suficiente, para quatro confesores de dichas lenguas, que por entonces todas, ó las más, estaban ocupadas, conforme á su instituto, uenían y asistían á confesar á esta Santa Iglesia, y que no auía confesionarios diputados, por seruir como sirben á los confesores que concurren en los poyos y asientos que ay pegados á las Paredes, en el contorno de toda la Iglesia, y que los Peregrinos estrangeros no podían con facilidad, conocer quales eran sus confesores, por la concurrencia de los demás. Motu proprio, hiço fabricar dichos quatro confesionarios y ponerlos con los rótulos referidos, en donde oy se allan, para que dichos confesores de lenguas estrangeras los ocupasen, y los Peregrinos, sin dificultad, supiesen donde asistía el confessor de su lengua. Zitiert nach: L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 9 (wie Anm.-1297), Anhang, S.-154f. 338 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="339"?> Abb. 10: Porta Santa der Kathedrale von Santiago de Compostela, innen. Abb. 11: Porta Santa der Kathedrale von Santiago de Compostela, außen. 4.6 Giovanni Battista Confalonieri (1594) 339 <?page no="340"?> 1298 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-218. 1299 Vgl. Anm. 56 und 950, außerdem Z E P E D A N O Y C A R N E R O , Historia y descripción (wie Anm. 22), S. 93-95; P E D R E T C A S A D O , Los Canónigos Cardenales (wie Anm. 1192); P L ÖT Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm.-94), S.-67-69. 1300 Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 218. - Im Jahr 1641 sollte sie in die Capela de San Fernando verlegt werden, die bis dahin als Reliquienkapelle genutzt worden war. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm.-869), S.-148f. 1301 Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-159. 1302 Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 224. - Heute dient die Capela de San Fernando als Schatzkammer. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 148f.; Confalonieri, Viaje de Lisboa a Santiago de Galicia (wie Anm.-1250), S.-36, Anm.-80. Ferner weist Confalonieri auf zwei Sakristeien hin, die ebenfalls noch durch keinen der bisherigen Pilger-Autoren bezeugt sind: einerseits eine picciola sacristia sechreta, wohl im Ambulatorium (doppo l’altar maggiore) befindlich und reich ausgestattet mit Paramenten und Silbergegenständen, die nur für diejenigen Würdenträger zugänglich sei, die berechtigt waren, am Hauptaltar der Kathedrale die Messe zu lesen 1298 - wie schon bei Antoine de Lalaing und Cristofaro Monte Maggio da Pesaro bezeugt, war dieses Privileg dem Erzbischof, den sieben Kardinälen und auswärtigen Geistlichen gleichen Ran‐ ges vorbehalten 1299 ; andererseits un’altra sacristia che chiamano la Tesorería, vermutlich die Schatzkammer der Kathedrale, zu der Confalonieri keine näheren Angaben macht, außer dass sie im Langhaus (in una banda del corpo della chiesa) gelegen sei - wohl in der heutigen Sacristía Grande 1300 . Um den Verwahrort des Heiltumsschatzes, der etwa von Antoine de Lalaing ebenfalls als Trésorerie bezeichnet wird 1301 , kann es sich jedenfalls nicht handeln, denn Reliquien wie das Haupt des hl. Jakobus des Jüngeren oder der Holzsplitter vom Heiligen Kreuz befänden sich, wie Confalonieri an späterer Stelle vermerkt, in einem dritten Raum, un’altra stanza, nämlich in der heutigen Capela de San Fernando, von der man durch schriftliche Belege sicher weiß, dass sie zwischen 1544 und 1641 als Reliquienkapelle diente 1302 . Eingehend behandelt Confalonieri die Gestaltung von Chor und Vierung: Come si entra nella cappella grande di S. Jacomo, con le ferrate alte d’ogni intorno, si sale prima un scalino, et poi doppo alcuni passi quattro altri, et all’altare due altri. Dalle bande della cappella, sotto la cupola verso il coro, vi sono due pulpiti tutti di ottone, con li balaustri, il piede, e tutto. Avanti la cappella maggiore vi è il coro nel mezzo della chiesa et lascia la traversa della croce libera ; è rinchiuso da ogni parte : et da un lato vi è il bordone di S. Jacomo dentro ad un bronzo lavorato, et mostra di esser grande, che non si tocca se non il ferro, ch’è lungo mezzo palmo. Li sedili sono di noce, et la prima sedia è dell’Arcivescovo. Vi sono 2 altari nel coro per cantar le messe quotidiane quando non si dicono da Cardinali, che allora si celebra all’altar maggiore. Vi sono due organi 340 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="341"?> 1303 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-218-220. grandi nel coro, et altri cori per i tromboni, e ceramelle. La musica è buonissima et si canta nel mezzo di detto coro. Sopra il coro verso la porta grande della nave di mezzo vi è un Crosifisso che si ha per traditione che apparisse in quell luogo il giorno di carnevale, et ha le braccia molto striate. Da un’altro canto in un pilastro li vicino vi è una imagine di Ntra. Sra., di marmo, indorata, che chiamano Ntra. Sgra. la Pregnada, et è di molta devotione, con quattro lampade, et altare 1303 . 4.6 Giovanni Battista Confalonieri (1594) 341 <?page no="342"?> Abb. 12: Capela do Espíritu Santo in der Kathedrale von Santiago de Compostela, mit der Virxe da Soidade (unten) und einem großen Kruzifix (oben). 342 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="343"?> 1304 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-218. 1305 Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 220. Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 321; Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 160; Taccoen, Le voyage (wie Anm. 154), S. 51; Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 117; Monte Maggio, Relato (wie Anm. 200), S.-185. - Zum Stab des hl. Jakobus siehe Anm.-870. Abb. 13: Virxe da O, Bildnis der schwangeren Jungfrau, im Museum der Kathedrale von Santiago de Compostela. Zwei zum Langhaus gerichtete messingene Kanzeln flankierten den Altarraum an den östlichen Vierungspfeilern 1304 . Am südwestlichen Pfeiler der Vierung war, was fast alle Pilger-Autoren der Epoche erwähnen, der Pilgerstab des hl. Jakobus in einem reich verzierten Bronzerohr angebracht, dessen untere Spitze - lungo mezzo palmo - sichtbar war und von den Pilgern frömmigkeits‐ halber berührt wurde 1305 . Der ins Langhaus vorgezogene Chor war mit Gestühl aus Nussbaumholz ausgestattet und durch ein hohes Gitter abgegrenzt. Dort standen zwei kleinere Altäre für die Mehrzahl derjenigen Priester bereit, die nicht zur Messlesung am Hauptaltar berechtigt waren (s.-o.); zugleich war dies der Ort der Kirchenmusiker: Neben zwei großen Orgeln wurden hier auch 4.6 Giovanni Battista Confalonieri (1594) 343 <?page no="344"?> 1306 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-220. 1307 Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 220, auch Anm. 52. - Das Altarbild der Virxe da O (auch Nosa Señora a Preñada, Virxe do Parto, Virxe grávida etc.) zeigt die schwangere Jungfrau Maria. 1849 wurde der Altar in die östlich des Nordarmes der Kathedrale gelegene Capela do Espíritu Santo verlegt. In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde er dort durch den Altar der Virxe da Soidade ersetzt, der sich zuvor an der Chorrückwand (trascoro) befunden hatte. Heute wird er im Museum der Kathedrale verwahrt. Vgl. Manuel N ÚÑ E Z R O D R Í G U E Z , La Virgen de la O del antiguo trascoro de la catedral compostelana y su filiación conimbricense, in: Boletín del Seminario de Estudios de Arte y Arqueología 47 (1981), S.-409-415, hier S.-409. 1308 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-83f. 1309 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-206f. 1310 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-220. 1311 Über Pedro Muñiz kursierten in der Frühen Neuzeit zahlreiche Sagen, die ihn mit schwarzer Magie in Verbindung brachten. So erzählte man sich, dass er sein Leben lang Posaunen und Schalmeien (tromboni, e ceramelle) gespielt, und die Musik sei, wie Confalonieri findet, buonissima gewesen 1306 . Zudem weist er auf das mannsgroße Kruzifix oberhalb des Chors hin, das heute in der Capela do Espíritu Santo untergebracht ist (Abb. 12), sowie auf den Altar der Virxe da O (Ntra. Sgra. la Pregnada), der noch bis 1849 an einer Säule rechts neben dem Chor platziert war und heute im Museum der Kathedrale besichtigt werden kann (Abb. 13) 1307 . Noch genauer geht auf Chor und Vierung, wie zu zeigen sein wird, erst Gian Lorenzo Buonafede Vanti ein 1308 ; nähere Hinweise zu den damals in der Liturgie üblichen Musikinstrumenten gibt Domenico Laffi 1309 . Bevor sich Confalonieri in seiner Beschreibung von diesem zentralen Raum der Kathedrale entfernt und sich eher peripheren Bereichen wie den Kapellen des Lang- und Querhauses, den Glockentürmen und den Hauptportalen zuwendet, schaltet er einen Absatz zu einer alten Frömmigkeitspraxis zwischen, die erst wenige Jahre zuvor von Erzbischof Francisco Blanco de Salcedo (1574-1581) erneuert worden war: Attorno la chiesa vi sono dodici croci in honore delli 12 apostoli, et sono fatte di marmo in un tondo, a modo di quelle che si fanno per la consecratione delle chiese, et credo che fossero fatte per questo efetto ; et qui li pellegrini recitano un Pr. Nr., un Ave M. a et il Credo, et hanno per tradizione che vi sono molte indulgenze et l’arcivescovo vi ha posto 40 giorni, et vi sono le tavolette 1310 . Demnach waren rings in der Kathedrale zwölf Kreuze angebracht, vor denen die Pilger zu beten pflegten. Wie Confalonieri richtig vermutet, handelt es sich um alte Weihekreuze, Markierungen an den Innenwänden, die jene denkwürdigen Punkte kennzeichnen, an denen die Kathedrale bei ihrer Konsekration durch den berüchtigten 1311 Erzbischof Pedro Muñiz (1207-1224) am 21. April 1211 mit 344 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="345"?> nach dem Stein der Weisen gesucht habe oder dass er des Fliegens fähig gewesen sei; eines Weihnachtsabends etwa soll er, von Heimweh ergriffen, binnen weniger Stunden von Rom nach Compostela geflogen sein. Vgl. Antonio L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia de la Santa A. M. Iglesia de Santiago de Compostela 5, Santiago de Compostela 1902, S. 46, 73. 1312 Zu den zwölf Weihekreuzen der Kathedrale von Santiago de Compostela vgl. Ana S U Á R E Z G O N ZÁ L E Z , Invocar, validar, perpetuar. Un círculo de círculos, in: Revista de poética medieval 27 (2013), S. 61-99. - Der Akt der Konsekration (oder auch Kirchweihe) durch Erzbischof Pedro Muñiz am 21. April 1211 ist zum einen durch die Inschriften der Weihekreuze bezeugt, zum anderen aber auch durch die Kopie einer Urkunde König Alfons’ IX. von León (1188-1230), die auf fol. 207 einer im Archiv der Kathedrale von Santiago de Compostela verwahrten Handschrift (CF 33) enthalten ist. - Allgemein zur Kirchweiche vgl. Adolf A D A M / Winfried H A U N E R L A N D , Grundriss Liturgie, Freiburg i. Br. 2018, S.-491f. 1313 Es handelt sich um gleicharmige Kreuze aus Granit, die jeweils von einem Ring und floralen Ornamenten umgeben sind. In den beiden oberen Feldern der Kreuz-Ring-Kom‐ position sind bei allen zwölf Weihekreuzen die Sonne und der Mond abgebildet, in den beiden unteren Feldern die aus der Johannesapokalypse bekannten Symbole Alpha und Omega. Vgl. S U Á R E Z G O N Z Á L E Z , Invocar (wie Anm. 1312), S. 66f. Die Ringe sind mit wechselnden lateinischen Inschriften versehen. Bei einem Rundgang durch die Kathedrale, beginnend im Südwesten und endend im Nordwesten, liest man: [1] † ERA MILLENA NONA VICIES DVODENA SVMMO TEMPLA DAVID QUARTVS PETRVS ISTA DICAVIT; [2] † CVM CRVCE TEMPLA VIDE FIERI IACOBO ZEBEDEI NAM CRVCIS ABSQVE FIDE NEMO FIT AVLA DEI; [3] † IN CRVCIS HOC SIGNO TEMPLVM CVM DEDICO SIGNO QVOD VIA SIT LVCIS CRVXQVE FIDESQVE CRVCIS; [4] † ERA MILLENA NONA VICIES DVODENA SVMMO TEMPLA DAVID QVARTVS PETRVS ISTA DICAVIT; [5] † HOC IN HONORE DEI TEMPLVM IACOBI ZEBEDEI QVARTVS PETRVS EI QVINTE DICO LVCE DIEI; [6] † VNDIQVE SIGNATVR TEMPLVM CRVCE QVANDO DICATVR VNDIQVE NOS MVNIT CRVCIFIXVS ADUNAT ET UNIT; [7] † CVM NONVS DECIMVS POST PASCHA DIES NUMERATVR OFFICIO PETRI QVARTI DOMVS ISTA DICA‐ TUR; [8] † ERA MILLENA NONA VICIES DVODENA SVMMO TEMPLA DAVID QVARTVS PETRVS ISTA DICAVIT; [9] † HOC IN HONORE DEI TEMPLVM IACOBI ZEBEDEI QVARTVS PE-TRVS EI QVINTE DICO LVCE DIEI; [10] † TOT CRVCIBVS TOTIDEM NVMERVM NOTO DISCIPVLORVM ECCLESIEQVE FIDEM DOCVMENTA SEQVENTIS EORVM; [11] † VT CRVCE SIGNANTVR DOMINO CVM TEMPLA DICANTVR SIC CRVCE SIGNERIS ET DOMVS EIVS ERIS; [12] † HOC IN HONORE DEI TEMPLVM IACOBI ZEBEDEI QVARTVS PETRVS EI QVINTE DICO LVCE DIEI. S U Á R E Z G O N ZÁ L E Z , Invocar (wie Anm. 1312), S. 69f. - Weihekreuze im Allgemeinen werden traditionell mit den zwölf Aposteln assoziiert und deshalb auch Apostelkreuze genannt. Sie waren zumeist mit sog. Apostelleuchtern versehen, wohl in Anspielung auf Mt 5,16: Sic luceat lux vestra coram hominibus ut videant vestra bona opera et glorificent Patrem vestrum qui in caelis est. Vgl. A D A M / H A U N E R L A N D , Grundriss Liturgie (wie Anm.-1312), S.-492. Chrisam gesalbt wurde 1312 . Diese zwölf in paralleler Gestaltung 1313 verfertigten Granitkreuze sind auch heute noch erhalten: Sechs befinden sich im Langhaus, zwei jeweils in den Querhausarmen und zwei im Chorumgang zu beiden 4.6 Giovanni Battista Confalonieri (1594) 345 <?page no="346"?> 1314 Vgl. S U Á R E Z G O N Z Á L E Z , Invocar (wie Anm.-1312), S.-66. 1315 Francisco B L A N C O D E S A L C E D O , Constituciones Establecidas, por el Illustrissimo, y Reuerendissimo Señor don Francisco Blanco, Arçobispo de Santiago. Juntamente con los Illustres Señores Dean y Cabildo de la dicha sancta Iglesia, y con su consentimiento, para el buen gobierno de ella, ansi en lo que toca al seruicio del Altar y Coro, y oficios de los Prebendados, y otros ministros, como el Cabildo, y conseruacion de la hazienda de la Mesa Capitular, Santiago de Compostela 1578, S. 22f. Vgl. auch Confalonieri, Viaje de Lisboa a Santiago de Galicia (wie Anm.-1250), S.-36, Anm.-64. 1316 Außerdem gab es auf der Südseite der Kathedrale, im Kreuzgang, einige Kapellen, die hier aber wohl nicht mitgezählt werden. 1317 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-220. Seiten der Stirnkapelle, davon eines just über der Porta Santa (Abb. 10) 1314 . Wie durch Confalonieri, aber auch durch ihn selbst bezeugt ist, stattete Erzbischof Francisco Blanco de Salcedo die zwölf Weihekreuze zusätzlich mit kleinen Tafeln (tavolette) aus und gewährte denen Ablässe (40 Tage laut Confalonieri), die sie - vermutlich nach Art eines Kreuzweges - abliefen und vor jedem von ihnen beteten; in den 1578 von ihm erlassenen Constituciones handelt er von den Kreuzen ausdrücklich als estaciones: En esta santa Iglysia de tiempo antiguo ay ciertas estaciones. Y aunque el pueblo ignorante las ha atribuydo â passos, y mysterios apocriphos y falsos, por quitar esta ignorancia, hemos mandado poner ciertas tablillas en cada estacion que sea señal de ella, otorgando ciertos perdones, para que dexando la ignorancia que hasta aqui avia, entiendan que aquella estacion no tiene otro mysterio, sino el aver de rezar alli, y con ello ganar los perdones que en cada estacion se conceden 1315 . In späteren Pilgerzeugnissen ist von dieser Praxis allerdings nie wieder die Rede. Auch in der weiteren Beschreibung finden sich zahlreiche Erstbelege, die ein immer ausdifferenzierteres Bild von der räumlichen Gestaltung der Kathedrale entstehen lassen. So geht Confalonieri als erster Pilgerberichtautor auf die zehn Kapellen ein, die sich damals außerhalb des Altarumgangs - im Langhaus und in den Querhausarmen 1316 - befanden; zu dreien von ihnen macht er nähere Angaben, ohne jedoch ihre Namen zu nennen: Una di notabile vi è un poco appartata che è confraria de tutti li pellegrini, et pare una chiesiola da se. Un’altra grande che pur si entra per la chiesa molto alta fu fondata da un arcivescovo che la dotò con 4 cappellani con obligo di una messa per lui ogni settimana et egli sta sepelito nel mezzo in una sepoltura di marmo. Nel fine della nave lunga vi è la cappella o stanza dove si fa capitolo, molto nobile 1317 . Bei der Ersten dürfte es sich um die östlich oberhalb des Nordarmes der Kathedrale gelegene Capela de Santa María da Corticela handeln, die ursprünglich 346 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="347"?> 1318 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm.-869), S.-136-144. 1319 Erstmals belegt ist die Benediktinerkirche Santa María da Corticela in Schenkungsur‐ kunden des frühen 10. Jahrhunderts. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 136. Im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi wird sie weiterhin als eigenständige Kirche behandelt: als [ecclesia] Sancte Marie virginis que est retro eccle‐ siam Sancti Iacobi, habens introitum in eandem basilicam inter altare Sancti Nicholai et Sancte Crucis. Liber (wie Anm. 25), S. 251. Zu Anfang des 13. Jahrhunderts wurde sie grundlegend umgebaut und vor allem das noch heute erhaltene Portal mit einem beeindruckenden Tympanon errichtet, welches die Anbetung des Jesuskindes durch die Heiligen Drei Könige darstellt. Eine detaillierte Beschreibung gibt V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 138f. Zum Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Kapelle mit dem Inneren der Kathedrale über einen Korridor verbunden, der die alte (bereits im Liber Sancti Jacobi erwähnte) Capela de San Nicolás ersetzte. Vgl. Pilgerführer (wie Anm. 200), S. 130f., Anm. zu Z. 17. Und seit der barocken Umgestaltung der Fassade im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts ist von außen auch nicht mehr erkennbar, dass es sich bei ihr einst um ein eigenes, von der Kathedrale unabhängig entstandenes Gebäude handelte. Noch heute steht sie, mit einer eigenen Pfarrstelle versehen, im Dienst der Pilger und Ausländer. Beliebt ist sie - insbesondere in Prüfungszeiten - auch bei Studierenden, die, einer alten Tradition folgend, vor der dort unter einem Wandbogen platzierten (liegenden) Jesusstatue Zettel mit ihren Wünschen und Gebeten hinterlassen. Vgl. Santa María la Antigua de la Corticela, Historia, https: / / lacorticela.es/ historia (Zugriff am 07.07.2023). 1320 Fertiggestellt wurde die Capela de Don Lope (de Mendoza) im Jahr 1451. Die Abrissar‐ beiten an derselben und die erste Phase der Neuerrichtung der Capela da Comunión begannen im April 1768. Vgl. Alberto F E R N Á N D E Z G O N Z Á L E Z , La desaparecida capilla de don Lope de Mendoza: nuevos datos sobre sus retablos, los sepulcros, su coro alto y la sacristía, in: Cuadernos de Estudios Gallegos 52/ 118 (2005), S. 347-385, insb. S. 348-350, 355f., auch Anm.-25; Jesús María C A A M AÑ O M A R T Í N E Z , El arzobispo compostelano Don Lope de Mendoza († 1445) y sus empresas artísticas, in: Boletín del Seminario de Estu‐ dios de Arte y Arqueología 26 (1960), S. 17-68, hier S. 33-43. Noch heute ist eine Inschrift erhalten, die an den Bau der Capilla de Don Lope de Mendoza erinnert: CAPELLAM DOMINUS LUPUS DE MENDOZA, ARCHIEP. ISTIUS SANCTA ECCLESIAE EDI‐ FICARI PRECEPIT QUAM MARTINUS LUPI CARDINALIS EJUSDEM ALUMNUS CONSTRUI FECIT EX EJUSDEM CAPELLAE FRUCTIBUS QUOS IPSA HABET auf eine eigenständige Benediktinergründung des späten 9. Jahrhunderts - die älteste der Stadt - zurückgeht 1318 . Lange Zeit unterstand sie dem Kloster San Martiño Pinario, auch dann noch, als sie durch die umfassenden Bauarbeiten des 11. und 12. Jahrhunderts bereits der Kathedrale einverleibt worden war; erst 1527 ging sie in den Besitz des Kathedralkapitels über und wurde zu einer eigenen Pfarrkirche für Pilger und Ausländer (Parroquia de Peregrinos y Extranjeros) umgewidmet - in dieser Funktion wird sie bis heute genutzt 1319 . Die zweite von Confalonieri genannte Kapelle lässt sich unschwer mit der gotischen Capela de Don Lope identifizieren, die, einst westlich unterhalb des Nordarmes der Kathedrale gelegen, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts abgerissen und durch die gegenwärtige Capela da Comunión ersetzt wurde 1320 . Bei der dritten 4.6 Giovanni Battista Confalonieri (1594) 347 <?page no="348"?> PER REGIS PRIVILEGIUM EX PREDICTO DOMINO OBTENTUM QUAE FUIT EXPLETA ANNO DOMINI MILLESIMO QUATERCENTESIMO QUINGUAGESIMO PRIMO. Zitiert nach: V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm.-869), S.-147. 1321 In den Arkosolien zu beiden Seiten der Kapelle ruhen Raimund von Burgund (1190-1107), Ferdinand II. von León (1157-1188), dessen Sohn Alfons IX. von León (1188-1230), Berengaria von León (Kaiserin des lateinischen Reichs von Konstantinopel 1231-1237) und Juana de Castro († 1374, Gemahlin von Peter I. von Kastilien, 1350-1369). Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 164-167; L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 5 (wie Anm.-1311), S.-148. 1322 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 150-167. - Die Verlegung der Reliquien in die damals so genannte Capela dos Reis ist vor allem durch folgendes Dokument bezeugt: Antonio Rodríguez de Puga y Castro, Relación de lo que se hizo en la colocación de las Santas Reliquias desta Sta. Iglesia del Sr. Santiago del relicario viejo al nuevo de la Capilla de los Reyes, día de Sta. Susana, 11 de agosto de 1641, in: Antonio L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia de la Santa A. M. Iglesia de Santiago de Compostela 11, Santiago de Compostela 1909, S.-243-264. 1323 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-220. 1324 Liber (wie Anm.-25), S.-254. Vgl. Pilgerführer (wie Anm.-200), S.-130f., Anm.-zu Z. 17. 1325 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 135f.; B O N E T C O R R E A , Arquitectura (wie Anm.-948), S.-390. 1326 Liber (wie Anm. 25), S. 254. Vgl. Pilgerführer (wie Anm. 200), S. 131, Anm. zu Z. 1; V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm.-869), S.-133f. 1327 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 145; L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 3 (wie Anm. 18), S. 297f.; Manuel C H A M O S O L A M A S , La Catedral de Santiago de Compostela, Madrid 1976, S.-55. Kapelle schließlich, am (südwestlichen) Ende des Langhauses, handelt es sich um die heutige Capela das Reliquias. Sie war damals wegen der darin zu beiden Seiten befindlichen Königsgräber 1321 als Capela dos Reis bekannt und wurde anfangs, wie Confalonieri bezeugt, als Kapitelsaal genutzt; 1641 aber wurde der Heiltumsschatz der Kathedrale dorthin verlegt, der zuvor, wie bereits erwähnt, in der danebenliegenden heutigen Capela de San Fernando verwahrt worden war 1322 . Darüber hinaus gebe es Confalonieri zufolge sieben altre cappelle tra grandi e picciole, auf die er nicht genauer eingeht 1323 , mit denen er jedoch folgende meinen dürfte: im Nordarm des Querhauses: die bereits im Liber Sancti Jacobi erwähnte Capela de San Nicolás (altare sancti Nicholai), die zum Ende des 17. Jahrhunderts für den Bau des Verbindungskorridors zur Capela de Santa María da Corticela abgerissen wurde 1324 ; die vermutlich im Laufe des 13. Jahrhunderts neu hinzu‐ gekommene Capela do Espíritu Santo 1325 ; die Capela da Concepción oder auch da Prima, die im Liber Sancti Jacobi noch de Sancta Cruce heißt 1326 ; die im Liber Sancti Jacobi nicht erwähnte Capela de Santa Catalina, die vom Anfang des 12. bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts die corpora regia der Kathedrale barg, bevor diese an ihren heutigen Ort verlegt wurden 1327 ; im Südarm des Querhauses: die 348 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="349"?> 1328 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 79, 122f.; B O N E T C O R R E A , Arquitectura (wie Anm. 948), S. 297f., 396-398; María Teresa R Í O S M I R A M O N T E S , Estudio arquitectónico de la capilla del Pilar en la catedral de Santiago de Compostela, in: Archivo Español de Arte 61/ 244 (1988), S.-337-354, hier S.-337. 1329 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 79; B O N E T C O R R E A , Arqui‐ tectura (wie Anm.-948), S.-298, (zur Porta Real) 384-387. 1330 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-224. 1331 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 158; Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 117. Vgl. zudem C A L V O S A L G A D O , Die Wunder der Bettlerinnen (wie Anm.-212), S.-166. 1332 Vgl. Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-39. 1333 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-220-222. im Liber Sancti Jacobi noch dem hl. Martin geweihte Capela de San Frutuoso, die zusammen mit der im Ambulatorium befindlichen Capela de San Andrés in der zwischen 1696 und 1723 erbauten Capela do Pilar aufging 1328 ; die im Liber Sancti Jacobi bereits nach demselben Patron benannte Capela de San Xoán Bautista, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts für den Bau des Pórtico Real weichen musste 1329 ; bei der siebten Kapelle schließlich dürfte es sich um die erwähnte Heiltumskammer handeln, die Confalonieri an späterer Stelle ebenfalls ausdrücklich als cappella bezeichnet 1330 . Des Weiteren geht der römische Priester auf die beiden Glockentürme der Kathedrale ein, die in früheren Texten kaum zur Darstellung gelangen - in denen vor 1500 gar nicht und in denen des 16.-Jahrhunderts meistens nur vage oder implizit (über den Vermerk der Glocken). Während Antoine de Lalaing recht unspezifisch einen Turm erwähnt, der drei oder vier Glocken beherberge, hebt Bartolomeo Fontana nur die große Wunderglocke aus Santo Domingo de la Calzada heraus 1331 . Dieselbe findet sich auch bei Fabrizio Ballarini wieder, der noch hinzufügt, dass sie einen baugleichen ‚Zwilling‘ besitze und dass beide funktionsuntüchtig, weil zerbrochen seien 1332 . Bei Antoine lässt allenfalls die Zuschreibung der Glocken an Ludwig XI. von Frankreich schließen, dass er sich auf die Torre do Relox bzw. do Rei de Francia bezieht. Confalonieri bietet auch hier eine differenziertere Darstellung: Er unterscheidet ausdrücklich zwischen zwei Kirchtürmen, un campanile und un’altra torrazza, und gibt jeweils die genaue Anzahl der Glocken an, mit denen sie ausgestattet waren: Vi sono in un campanile cinque campane grandi, et due picciole, et in un’altra torrazza due campane fuor di misura grosse, et per la loro grossezza facevano sconciare le donne gravide et per questo l’hanno segate da una banda ; furono donate da un re di Francia ; furono rubbate da mori, ed il re Don Fernando il 3.° quando li suggiogò li comandò che loro medesimi le dovessero riportare senza niun’aiuto di animali, et cosi sta dipinto atorno l’altar maggiore dalla banda di dietro, dove sta pintata tutta l’historia di S. Giacomo 1333 . 4.6 Giovanni Battista Confalonieri (1594) 349 <?page no="350"?> 1334 Zur Torre das Campás vgl. C H A M O S O L A M A S , La fachada del Obradoiro (wie Anm. 948), S. 209-223; B O N E T C O R R E A , Arquitectura (wie Anm. 948), S. 121f., 381-383; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm.-6), S.-267f. 1335 Heute auch Torre da Berenguela, nach der 1729 gegossenen Glocke, der Berenguela, die sich bis 1990 dort befand und die ihren Namen wiederum dem einstigen Erzbischof von Compostela Berenguel de Landoria (1317-1330) verdankt, den man im 19. und 20. Jahrhundert lange Zeit fälschlich für den Erbauer des Turms hielt. Vgl. Julio V Á Z Q U E Z C A S T R O , La Berenguela y la Torre del Reloj de la Catedral de Santiago, in: Sémata. Ciencias Sociais e Humanidades 10 (1998), S. 111-148, hier S. 144f. Dieser Irrtum geht zurück auf Pascual M A D O Z ; in dem von ihm zwischen 1845 und 1850 herausgegebenen sechzehnbändigen Wörterbuch liest man von „la inmensa torre del Reloj monstruo, cuya voz se oye a 2 leg. de distancia: la edificó D. Rodrigo de Padrón, llamándola de la Trinidad, y concluyó Berenguer, quien también construyó la piramidal de adorno que se eleva sobre el Tesoro, y que por ello es conocida con el nombre de Berenguela.“ Zitiert nach der Faksimile-Ausgabe: Pascual M A D O Z , Diccionario geográfico-estadístico-histó‐ rico de Galicia 6, Madrid 1986, S.-1190. - Für die Installation der beiden Riesenglocken musste der vormals Fincapé dos Ourives genannte Stützturm grundlegend umgebaut werden, was die französische Krone zusätzlich mit einer beträchtlichen Menge Gold unterstützte. Als die Katholischen Könige 1486 nach Compostela kamen, dürften die Bauarbeiten noch in vollem Gange gewesen sein. Vgl. V Á Z Q U E Z C A S T R O , La Berenguela y la Torre del Reloj (wie Anm. 1335), S. 122-125. In der von Hernando del Pulgar verfassten königlichen Reisechronik findet sich zu Ludwig XI. und seinen jüngsten Donationen folgender Vermerk: En este año [1483] murió el Rey Luis de Francia […]. Este Rey […], estando enfermo de la enfermedad que falleció, mandó facer dos campanas en la Iglesia de Santiago de Galicia: y embió maestros é metal é todas las cosas necesarias, para que se ficiesen mayores que las mayores que oviese en toda la cristiandad. Para lo qual embió diez mil coronas de oro, é mandó que ficiesen en la Iglesia de Santiago una gran torre muy fuerte á sus expensas, que las pudiese sostener. Hernando del Pulgar, Crónica de los Señores Reyes Católicos Don Fernando e Doña Isabel de Castilla y de Aragon, escrita por su cronista Hernando del Pulgar, cotexada con antiguos manuscritos y aumentada de varias ilustraciones y enmiendas, Valencia 1780, S. 221. - Auch Münzer, Itinerarium (wie Anm. 743), S. 95f., weist auf die Bedeutung Ludwigs XI. als Stifter hin: Rex item Ludovicus Francie, pater illius Karoli, multa eis obtulit; inter cetera in fine dedit ecclesie tres maximas campanas et decem milia scuta, quorum medietatem diviserunt canonici inter se, et pro alia medietate pulcerrima compararunt ornamenta. Et ubique insigne Regis cum liliis insertum est, und er bezeugt, dass sich, als er die Stadt im Dezember 1494 besuchte, einer der vier Kirchtürme gerade im Bau befand: Et habet in 4 angulis 4 turres fortissimas, et hodie fortissima turris edificatur; zweifellos handelt es sich hier Beim ersteren Turm mit seinen fünf großen und zwei kleinen Glocken kann es sich nur um den Vorgängerbau der heutigen (barocken) Torre das Campás an der südlichen Westfront der Kathedrale handeln 1334 . Der andere ist zweifelsfrei mit der (damals ebenfalls noch nicht barockisierten) Torre do Relox zu identifizieren, die - wie in Kapitel 4.1 bereits erwähnt - bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhun‐ derts noch eher als Torre do Rei de Francia bekannt war, weil sich dort die beiden riesigen Glocken befanden, mit denen Ludwig XI. von Frankreich die Kathedrale kurz vor seinem Tod 1483 bedacht hatte 1335 . Im Wesentlichen deckt sich die 350 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="351"?> um die Torre do Rei de Francia. Vgl. V Á Z Q U E Z C A S T R O , Las desaparecidas torres (wie Anm. 948), S. 258. - Die beiden übergroßen Glocken wurden im obersten Turmgeschoss untergebracht. Hernando Oxea schreibt 1615, die Kathedrale [t]iene quatro torres con muchas, y muy buenas campanas, y particularmente, dos de estraña grandeza, que ofrecio al glorioso Apostol vno de los antiguos Reyes de Francia que siempre le fueron muy deuotos: las quales ocupan el hueco de vna grande y ancha torre que para esto hizo. Hernando Oxea, Historia del glorioso Apostol Santiago Patron de España: de su venida a ella, y de las grandezas de su Yglesia, y Orden military, Madrid 1615, S. 121. - Auf dem Dach des Turms wurde, wie aus zeitgenössischen Quellen hervorgeht, 1527 von Baumeister Guillén de Blas eine campana del reloj […] en tres o quatro pilares angebracht, die 1533 von demselben mit einem chapitel überbaut wurde. Zitiert nach: V Á Z Q U E Z C A S T R O , La Berenguela y la Torre del Reloj (wie Anm. 1335), S. 127. Trotz dieser neuen Uhrenglocke wurde der Turm weiterhin Torre do Rei de Francia genannt, und erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts etablierte sich allmählich der Name Torre do Relox. Vgl. V Á Z Q U E Z C A S T R O , La Berenguela y la Torre del Reloj (wie Anm. 1335), S. 144. Die Konstruktion des Glockengiebels, die noch auf einer Skizze (Abb. 7) aus dem von Chorherr José Vega y Verdugo (1623-1696, Kanonikat 1649-1672) erstellten Informe o Memoria sobre las obras en la Catedral de Santiago (1657) zu erkennen ist, hat den barocken Umbau des Turms 1676/ 1677 nicht überstanden; erhalten ist aber sein ‚Zwilling‘, der 1529 von demselben Guillén de Blas auf dem Vierungsturm der Kapelle des Hospital Real errichtet worden war. Vgl. V Á Z Q U E Z C A S T R O , La Berenguela y la Torre del Reloj (wie Anm. 1335), S. 127. - Die beiden von Ludwig XI. gestifteten Glocken, die lange schon nicht mehr funktionstüchtig waren, wurden in diesem Zusammenhang durch eine neue ersetzt, was nicht zuletzt durch die Briefe des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (Kapitel 7) bezeugt ist. Vgl. V Á Z Q U E Z C A S T R O , La Berenguela y la Torre del Reloj (wie Anm. 1335), S. 131. - Zur barocken Umgestaltung des Uhrenturms vgl. auch Miguel T A Í N G U Z M Á N , Domingo de Andrade, maestro de obras de la catedral de Santiago (1639-1712) 1, A Coruña 1998, S.-112-128. 1336 Vgl. Monte Maggio, Relato (wie Anm. 200), S. 185: e da una banda vi sono doi Campanili, in uno de’ quali sono due campane grosse, ma rotte, fatte da un Re di Francia. […] Nell’altra torre vi sono sette campane: una larga otto palmi, et un’altra sei e mezzo. Beschreibung der Glockentürme bei Confalonieri mit derjenigen, die Cristofaro Monte Maggio da Pesaro wenige Jahre zuvor in seinem Pilgertagebuch gibt: Auch er bezeugt einen Turm mit sieben (im Gebrauch befindlichen) Glocken und einen mit zwei ungewöhnlich großen (zerbrochenen) Glocken 1336 . Im Gegensatz zu Fontana und Ballarini stellt interessanterweise keiner von beiden, weder Confalonieri noch Monte Maggio, eine Verbindung zur Wunderglocke aus Santo Domingo de la Calzada her. Bei Confalonieri könnte dies damit zu erklären sein, dass er auf dem Camino Portugués gekommen war: Anders als die große Mehrzahl der Pilger war er selbst nicht am Schauplatz des Galgen- und Hüh‐ nermirakels gewesen, und so war ihm der populäre Erzählstoff - einschließlich des erst spät zugefügten Motivs der von selbst läutenden Glocke, die hernach in die Kathedrale von Compostela gebracht worden sein soll - möglicherweise gar nicht bekannt geworden 1337 . Für den sonderbaren Umstand, dass die beiden 4.6 Giovanni Battista Confalonieri (1594) 351 <?page no="352"?> 1337 Bei Cristofaro Monte Maggio da Pesaro hingegen greift diese Erklärung nicht: Im Gegensatz zu Confalonieri war er auf dem Hinweg in Santo Domingo de la Calzada gewesen und gibt das Galgen- und Hühnermirakel vergleichsweise ausführlich wieder - das wohl in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts hinzugekommene Motiv der von selbst läutenden Wunderglocke fehlt hier jedoch. Vgl. Monte Maggio, Relato (wie Anm.-200), S.-175-177. 1338 Vgl. V Á Z Q U E Z C A S T R O , La Berenguela y la Torre del Reloj (wie Anm.-1335), S.-131. 1339 Wörtlich heißt es bei Lassota von Steblau, Tagebuch (wie Anm. 167), S. 58, man habe sie deshalb zerstört, weil, wen man sie geleutet, viel schwangere Weiber des ungeheuren Resonanz halben erschrocken, und Mißgeburth, oder tode Kinder auf die Weldt gebracht. 1340 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-204f. 1341 Monte Maggio, Relato (wie Anm. 200), S. 185. Vgl. G A M B I N I , Introducción (wie Anm.-1176), S.-50. Glocken der Torre do Relox defekt waren - man vermutet, dass schon beim Guss Fehler unterlaufen waren, die später ihr Zerspringen verursacht hatten 1338 -, gibt Confalonieri dieselbe unglaubliche Erklärung wie der schlesische Adlige Erich Lassota von Steblau etwa dreizehn Jahre vor ihm: Man habe sie bewusst zerstört, weil sie durch ihre Größe derart laut gewesen seien, dass schwangere Frauen ihretwegen Fehlgeburten erlitten hätten 1339 . Durch Domenico Laffi ist eine andere, nicht weniger kuriose Erklärung überliefert, nach der der König von Spanien im Zorn eine der beiden Glocken zerstören ließ, weil sie ihm die gebührende Reverenz versagte: Di questa campana molti ancora ignoranti dicono spropositi e, in particolare, che il Re di Spagna, sapendo che il Re di Francia era andato a San Giacomo e che, arrivando in chiesa la campana maggiore haveva sonato da sua posta, fra sé disse: ‚Se ha sonato da sé questa campana per il Re di Francia, che è forastiero, se ci anderò io, che sono il patrone, non solo sonarà questa, ma tutte quelle del Regno di Galitia.‘ E, dicono, che vi andò e che non solo le campane di Galitia non sonorono, ma né anco quella che haveva sonato per il Re di Francia e che li Spagnoli, vedendo questo, e il medesimo Re, l’hebbero per affronto e fecero segare la campana, rompendola acciò più non sonasse per alcuno, dicendo che haveva sonato per gli altri forastieri e che non haveva voluto sonare per il suo padrone e così la ruppero 1340 . Monte Maggio zufolge dagegen furono rotte da un Re Moro, che volendole far levare, e portar via, vedendo ch’ogni opera era vana, le fece rompere e spezzare da soverchia collera e rabia 1341 . Interessanterweise berichtet Confalonieri ebenfalls von einem Glockenraub durch die maurischen Okkupatoren. Nach seiner Ver‐ sion gelang es ihnen tatsächlich, die beiden Riesenglocken aus der Kathedrale zu entwenden; doch als Ferdinand III. von Kastilien (1230-1252), unter dessen Herrschaft sich das kastilische Territorium im Zuge der Reconquista bis an die andalusische Mittelmeerküste ausdehnte, sie endlich besiegt hatte, zwang er 352 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="353"?> 1342 Vgl. Confalonieri, Viaje de Lisboa a Santiago de Galicia (wie Anm. 1250), S. 36, Anm. 70. - Diese Tafeln wurden im Zuge der barocken Umbauarbeiten des 17. Jahrhunderts entfernt. 1343 Vgl. Gonzalo M A R T Í N E Z D Í E Z , Fernando III (1217-1252), Palencia 1993, S. 150; Francisco A N S Ó N , Fernando III. Rey de Castilla y León, Madrid 1998, S. 151f. - Die Verwechslung mit den von Almansor geraubten Glocken scheint in der Frühen Neuzeit weit verbreitet gewesen zu sein; so liest man in einem Geschichtswerk aus dem Jahr 1677: Las campanas del Rey de Francia […] ya estavan en esta Santa Iglesia en el año 997, cuando el Capitan Almançor las hizo llevar à Cordova. Felipe de la Gándara, El Cisne Occidental canta las Palmas, y Triunfos Eclesiasticos del Reino de Galicia ganados por sus Hijos Insignes, Santos y Varones Ilustres, y Ilustrissimos Martires, Pontifices, Virgenes, Confessores, Doctores y Escritores, que los han merecido en la Iglesia Militante, para Reinar con Dios en la Triunfante 2, Madrid 1677, S.-419. 1344 Vgl. T A Í N G U Z M Á N , Domingo de Andrade 1 (wie Anm.-1335), S.-112-128. sie zur Strafe, das schwere Raubgut auf mühselige Weise, ohne die Hilfe von Zugtieren, nach Compostela zurückzubringen. So sei es laut Confalonieri in einer gemalten Stadtgeschichte bezeugt, die in mehreren Tafeln hinter dem Hauptaltar (nämlich in den Interkolumnien des Altarumgangs) angebracht war 1342 . Hier liegt zweifelsohne eine Verwechslung mit jenen Glocken vor, die Almansor (Abu Amir Muhammad ibn Abdallah ibn Abi Amir, † 1002), oberster Heerführer der maurischen Truppen auf der Iberischen Halbinsel, bei seinem Überfall auf Compostela am 10. August 997 raubte und von christlichen Sklaven nach Córdoba schleppen ließ 1343 . Die riesigen Glocken, die Ludwig XI. stiftete, können es jedenfalls nicht gewesen sein, die Ferdinand III. der Kathedrale zurückgab: Sie waren erst 1483 gegossen worden; zudem waren sie im Inneren der Torre do Relox eingemauert, sodass es völlig unmöglich war, sie von dort fortzuschaffen, ohne das Mauerwerk des Turmes aufzubrechen, wie es erst während der barocken Umbauarbeiten des 17.-Jahrhunderts geschah 1344 . Die zitierten Beispiele illustrieren, dass die Glocken der Torre do Relox in der Berichtliteratur - seit Bartolomeo Fontana - immer wieder mit mirakulösen und besonderen (pseudo-)historischen Ereignissen in Zusammenhang gebracht werden, wobei vor allem ihr beschädigter Zustand die abwegigsten Erklärungen anregte. Es handelt sich - wie Hinweise bei Domenico Laffi und Nicola Albani bestätigen werden - um populäre Sagen und Gerüchte, die mündlich unter den Pilgern kursierten (was ihre erstaunliche Vielfalt erklärt). Welche Folgen es zeitigte, als die beiden fest zum imaginaire der Stadt gehörenden Mirakelglocken gegen Ende des 17. Jahrhunderts auf einmal verschwanden, wird in Kapitel 7 und 8.3 zu zeigen sein. 4.6 Giovanni Battista Confalonieri (1594) 353 <?page no="354"?> 1345 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 253f. - Wie in Kapitel 2.5 erläutert, ist die Beschreibung der Kathedrale im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi zum Teil unzutreffend, vor allem hinsichtlich der Hauptfassade, da diese zum Zeitpunkt der Textgenese noch nicht fertiggestellt war und Pseudo-Calixt sich somit nur auf Baupläne beziehen konnte, die sich mit der Zeit aber wieder änderten, jedenfalls nicht eins zu eins umgesetzt wurden. Vgl. M O R A L E J O Á L V A R E Z , Saint-Jacques (wie Anm. 467), S. 100-103; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm.-6), S.-199. 1346 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-222. Confalonieri lenkt den Blick schließlich auf das Äußere der Kathedrale, insbesondere auf die drei Hauptportale, die bereits im Liber Sancti Jacobi detailreich geschildert werden 1345 : La facciata di fuora della porta grande incontro l’altar maggiore è di pietra, fatta di lavor antico. Ha tre porte corrispondenti alle tre navi, et quella di mezzo è molto larga, et ha una colonna in mezzo che fa due porte, et anco l’architettura cosi lo mostra, essendo cosi. Di sopra vi sono due fenestrini, et più sopra un’occhio grande col’invitriate, et due piccioli similmente. Sopra le porte delle navi vi sono li fenestrini et occhi, ma non se ne servono. Dalle bande vi sono due grandissime et larghissime torri, una più alta dell’altra, et terminano in quadro con li merli ; et nella maggiore vi sono le due campane grandi [sic! ] 1346 . Abb. 14: Hauptfassade der Kathedrale von Santiago de Compostela vor ihrem barocken Umbau, mit der Torre das Campás (rechts) und der (späteren) Torre da Carraca (links). Zeichnung aus José Vega y Verdugos Informe o Memoria sobre las obras en la Catedral de Santiago (1657), Archivo Catedralicio, Santiago de Compostela. 354 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="355"?> 1347 Vgl. B O N E T C O R R E A , Arquitectura (wie Anm. 948), S. 121-124, 269-275. - Allgemein zur Hauptfassade vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 91-115; C H A M O S O L A M A S , La fachada del Obradoiro (wie Anm. 948). - Zur hochmittelalterlichen Gestalt der Hauptfassade (im Abgleich mit der Beschreibung aus dem Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi) vgl. K A R G E , Fachada occidental (wie Anm.-465). 1348 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-222-224. 1349 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-155f.; Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-38. 1350 Zum lokalen Gagatschnitzergewerbe vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm.-15), S.-136f.; F R A N C O M A T A , Iconografía jacobea (wie Anm.-884); V A C A L E B R I , Tradizione (wie Anm.-884). Es handelt sich hier noch nicht um die heutige barocke, sondern nach wie vor um die alte romanische Hauptfassade, so wie sie eindrücklich etwa auf einer Skizze aus dem berühmten Informe o Memoria sobre las obras en la Catedral de Santiago festgehalten ist, den Chorherr und Baumeister José Vega y Verdugo (1623-1696, Kanonikat 1649-1672) dem Kathedralkapitel im Jahr 1657 vorlegte (Abb. 14) 1347 . Kennzeichnende architektonische Elemente, die sich in der zitierten Stelle wiederfinden, sind der dreigliedrige Pórtico da Gloria und die beiden unterschiedlich hohen Seitentürme. Dass der höhere von ihnen, derjenige auf der Südseite, die beiden übergroßen Glocken des Königs von Frankreich enthalte, wie Confalonieri vermerkt, ist freilich unzutreffend; wie sich anschließend in der Beschreibung der anderen beiden Portale bestätigt, verwechselt er die Torre das Campás mit der Torre do Relox und vice versa - vielleicht ein Indiz dafür, dass einige Zeit zwischen Erlebnis und Niederschrift lag: Le facciate delle porte della travera della croce sono nel medesimo modello, ma più picciole ; sono due porte per banda giunte l’una con l’altra, con il suo occhio et fenestrini delle bande ; et da una parte si sale sei o otto scalini, et dall’altra verso li paternostrari, o quelli che vendono bachavaccias [hier sind in der Handschrift zwei Wörter nicht lesbar] di pietra negra, si descende. Dalla parte dove si entra ordinariamente, vi è l’altro campanile grande di quelle sette campane [sic! ]. Et giunto à quella parte si vede una bella facciata della Canonica, et ancor non è finita da una banda ; et hanno un chiostro bellissimo, quadrato, di cinque archi per banda, per uso de Canonici ; et si entra nella chiesa, et di sopra il chiostro vi sono alcuni merli, et niente altro 1348 . Schon Autoren wie Antoine de Lalaing und Fabrizio Ballarini bezeugen aus Gagat geschnitzte Devotionalien (Rosenkränze, kleine Jakobusfiguren usw.), die Pilger in Compostela von spezialisierten Händlern erwarben 1349 ; Confalonieri bringt sie hier erstmals ausdrücklich mit dem nördlichen Vorplatz der Kathedrale in Verbindung, der damals als Praza da Acibechería auch nach diesen Erzeugnissen benannt war 1350 . Eine genauere Darstellung des alten Paradieses 4.6 Giovanni Battista Confalonieri (1594) 355 <?page no="356"?> 1351 D. h. durch die Porta das Praterías, die im Gegensatz zu ihrem 1757/ 1758 abgerissenen nördlichen ‚Zwilling‘ noch heute im romanischen Original erhalten ist. - Allgemein zu den Eingängen der Kathedrale vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 57f. - Zum Umbau der Porta da Acibechería zwischen 1757 und 1769 vgl. Antonio L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia de la Santa A. M. Iglesia de Santiago de Compostela 10, Santiago de Compostela 1908, S. 114f., 236-243; Serafín M O R A L E J O Á L V A R E Z , La primitiva fachada norte de la Catedral de Santiago, in: Patrimonio artístico de Galicia y otros estudios, hg. von Ángela F R A N C O M A T A , Santiago de Compostela 2004, S.-21-46. 1352 Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 252: Cum nos, gens gallica, apostolicam basilicam ingredi volumus, per partem septemtrionalem intramus. 1353 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 201; Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S.-80. 1354 Die Frage, durch welchen Eingang frühneuzeitliche Pilger die Kathedrale betraten und ob sie möglicherweise unterschiedliche Eingänge benutzten, je nachdem etwa, welche Pilgerroute sie genommen hatten bzw. aus welcher Richtung sie in Compostela angekommen waren, scheint in der Forschung noch kaum behandelt worden zu sein. 1355 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 310. - Außerdem suchte Cosimo bei seiner Ankunft in Compostela nicht zuerst die Kathedrale auf, sondern sein Quartier im gibt er allerdings nicht: In Reiseberichten aus der Zeit vor den Bautätigkeiten rund um die Praza do Hospital noch detailreich beschrieben, und zwar meist als einziger Ort neben der Jakobskirche, scheint es seine zentrale Stellung in der Stadtwahrnehmung der Pilger - wie sich schon bei Jan Taccoen van Zillebeke (Kapitel 4.2) abzuzeichnen begann - inzwischen verloren zu haben. Im zitierten Passus hebt Confalonieri vor allem Einzelheiten der südlichen Gebäudeseite (Treppe, Torre do Relox, Kreuzgangfassade) heraus, und ihm zufolge betrete man die Kathedrale auch gewöhnlich durch das Südportal 1351 . Dabei wird in früheren Zeugnissen stets das Nordportal als Eingang genannt, so bereits im Liber Sancti Jacobi 1352 . Als Hinweis auf eine grundlegend veränderte Lenkung der Pilgermassen durch die Kathedrale darf man dies jedoch nicht überinterpretieren, denn spätere Autoren wie Domenico Laffi und Guillaume Manier betraten sie wiederum von Norden 1353 . Dass der römische Geistliche den Südeingang nahm, hängt vermutlich eher mit seiner Ankunftsrichtung zusammen: Es erscheint plausibel anzunehmen, dass Jakobspilger, die sich Compostela auf dem Camino Portugués oder dem Camino Mozárabe näherten, mithin von Süden auf die Stadt und die Kathedrale zukamen, wohl meist auch durch das Südportal eintraten (statt unnötigerweise zum Nordportal einmal um den halben Kirchenkomplex herumzugehen) 1354 . Confalonieri bietet dafür den ersten und einzigen Beleg im hier analysierten Korpus. Zwar begab sich auch beispielsweise Cosimo III. de’ Medici zu Anfang des Jahres 1669 auf dem Camino Portugués nach Compostela, doch aus den Berichten über seine Reise geht nicht hervor, welchen Eingang der Kathedrale er benutzte 1355 . 356 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="357"?> Augustinerkloster der Stadt. Die Ankunftsrichtung dürfte in seinem Fall somit keinen Einfluss auf die Wahl des Eingangs gehabt haben. 1356 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-222-224. 1357 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-226. 1358 Bis um 1780 wurde der tiefer gelegene Teil der heutigen Praza da Quintana, des östlichen Vorplatzes der Kathedrale, als Friedhof genutzt. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 35; Francisco S I N G U L , La ciudad de las luces. Arquitectura y urbanismo en Santiago de Compostela durante la Ilustración, Santiago de Compostela 2001, S. 100; Miriam Elena C O R T É S L Ó P E Z , Ante las puertas del apóstol. Las escalinatas de las plazas de A Quintana y As Praterías, en Santiago de Compostela, in: Ad Limina 7 (2016), S.-167-187, hier S.-173, auch Anm.-19. 1359 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 224: Acanto la sacristia vi è un’altra stanza dove stanno molte reliquie, et in particolare la testa di S. Giacomo il minore, in platta, con altri ossi di detto apostolo, il cui giorno fanno molta solennità ; una croce grande di argento, antica con un crocifisso che di dentro è pieno del legno della Sma. Croce più di un gran deto ; et un’altra con altra croce molto vera ; e di più uno spino della corona di Christo, il maggiore che mai habbia visto, molto grosso e lungo, et si vede nella punta il sangue. Stan in cristallo, argento et oro. Oltre di queste vi sono reliquie delle undeci mila vergini, et altri sine nomine. Ma la facciata dell’altare dove si mostrano hanno molte imagini di santi e sante, benornate. Oltre di questo hanno nella chiesa corpi santi: cioè p.° il corpo del benaventurato San Giacomo il maggiore sotto l’altar grande, in un’urna separata, et dalle bande in due altre urne distinte li corpi di S. Atanasio, et S. Teodoro suoi discepoli ; nella cappella delle reliquie il corpo di S. Silvestro ; in altre cappelle il corpo di S. Cucufato, et di S. Fruttuoso arciv.° di Braga. Mit den Portalen, dem Kanonikerkreuzgang (un chiostro bellissimo, quadrato, di cinque archi per banda, per uso de Canonici) 1356 und schließlich einem angrenzenden Friedhof (un gran campo santo con infinite sepolture di pietra) 1357 - wiederum ein Erstbeleg: wohl der Friedhof, der sich noch bis 1780 auf einem Teil‐ stück der heutigen Praza da Quintana befand (Quintana dos Mortos) 1358 - endet die von innen nach außen verlaufende Darstellung der Kathedrale, und es folgen nur mehr zwei Absätze zu den Heiltümern und zum lokalen Klerus. Confalonieri listet zunächst die (zum größten Teil bereits aus anderen Zeugnissen bekannten) heiligen Gegenstände und Körperteile der Reliquienkapelle auf: das Haupt des hl. Jakobus des Jüngeren, ein silbernes Kruzifix mit einem Holzsplitter vom Heiligen Kreuz, ein großer Dorn von Jesu Dornenkrone, an dem noch Blut hafte, Überreste der 11.000 Jungfrauen der hl. Ursula von Köln etc., dann die in toto erhaltenen Heiligenleiber, die an verschiedenen Orten der Kathedrale verwahrt werden: der hl. Jakobus, der hl. Athanasius, der hl. Theodorus, der hl. Silvester, der hl. Cucuphas und der hl. Fructuosus von Braga 1359 . Auch hier macht er differenziertere Angaben als seine Vorgänger. Ergänzend weist er zudem auf den (bereits im Liber Sancti Jacobi und bei Antoine de Lalaing belegten) Leichnam der hl. Susanna hin, der in einer eigenen, ihr geweihten Kirche südöstlich vor den Mauern der Stadt (heute mitten im Parque da Alameda) ruht: Et fuori della chiesa 4.6 Giovanni Battista Confalonieri (1594) 357 <?page no="358"?> 1360 Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 224. Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 251; Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-160. 1361 Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 224. Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 321f.; Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-159; Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-116f. 1362 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 224-226: Vi sono 58 prebende, tra quali vi sono sette Arcidiani, cioè di Nendos, di Trestamara, Cornado, Salnés, de Luouo, de Reina et di Sar ; e più il Deán, il Ciantre, Mestrescola, Prior di Santiago, Prior di Compostella et il Tesorero. Et oltre di queste dignità sono sette cardinali, che non hanno altro privilegio che il titolo ò nome di Cardinale, portano mitra et piuvale in pontificale, et possono celebrar nell’altar di S. Giacomo ; del resto in Coro stanno di sotto al Deán et Arcidiano maggior et altri ; et mi disse il Cardinal maggiore che non hanno privilegio di portar cappa, veste o beretta rossa, ma che ben è vero che anticamente potevano portar paonazzo, et hora vanno come gli altri canonici con le cotte alla spagnuola, et non altro. In tutto sono venti mitre, cioè venti dignità che portano mitra, che in una procissione fa bel vedere. Oltre di il restante sono canonici, et vinti cappellani, et 12 rationeri di 300 scudi l’uno. Li canonici di mille, et mille et dugento scudi ; le dignità molto più, chi la metà et chi meno et chi più. Li canonici novitii per 4 mesi devono star nell’ordine basso de cappellani. L’Arcivescovo ha il luogo nel coro, che lo diedero a Monsr. ntro. Patriarca, con broccati non vi essendo l’Arcivescovo la cui entrata è di 50-m. scudi. La chiesa è molto ben officiata. 1363 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-226. in un’altra vicina [vi è] il corpo di S. Susanna, portughesa, lapidata. La chiesa sta in volta, et ha cuppola picciola con quatro finestroni lunghi 1360 . Für die von früheren Autoren wie Jean de Tournai, Antoine de Lalaing und Bartolomeo Fontana bezeugte Praxis der Reliquienschau bietet Confalonieri keinen expliziten Beleg; jedoch nennt er einen Altar, dove si mostrano 1361 . Was die Organisation des Klerus betrifft, so geht Confalonieri detailliert auf Stellung, Einkommen und Privilegien der verschiedenen Amtsträger ein 1362 . Auch er hebt dabei die außergewöhnliche Gruppe der sieben Kardinalpriester - ein in Berichten viel erwähntes Element der Romimitation - besonders heraus und erzählt eine legendenhafte Geschichte, die die Einrichtung des Kardinalsstandes in Compostela auf keinen Geringeren als Papst Calixt II., den angeblichen Kompilator des Liber Sancti Jacobi, zurückführt: Venendo Calisto 2 Papa sconosciuto in S. Giacomo, entró in un giorno che si faceva l’officio di un martire, et stava il libro aperto nel coro et si dovea intonare quell’antifona Qui me confessus fuerit ; et loro intonavano Ecce sacerdos magnus, et quanto più erano emendati del Coro gli antifonarii, tanto piu gridavano Ecce sacerdos magnus. Questo intendendo il Papa, si risolse di scoprirsi, et fu ricevuto come Papa, ed allora instituì quelli Cardinali 1363 . Schon der Liber Sancti Jacobi selbst weist Calixt II. als Urheber dieser Beson‐ derheit des compostelanischen Klerus aus 1364 , und Hieronymus Münzer, der während seines Compostela-Besuchs im Dezember 1494 die Gelegenheit nutzte, 358 4 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 16.-Jahrhunderts <?page no="359"?> 1364 In Kapitel 9 des Pilgerführers. Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 256: Solent etenim in eadem basilica septem cardinales ex more, qui officium divinum celebrant super altare; constitute atque concessi a multis apostolicis, insuper et confirmati a domino papa Calixto. Hanc vero dignitatem quam beati Iacobi basilica ex more bono habet, amore apostoli nullus ab ea auferre debet. 1365 Vgl. Münzer, Itinerarium (wie Anm. 743), S. 96: Habet autem canonicos 45. Inter quos sunt septem ex institucione Calixti ordinati, quibus solis licet celebrare missam in altari maiori Sancti Jacobi, et vocantur cardinales Sancti Jacobi. 1366 Am 30. Oktober 1108, um genau zu sein. Vgl. Historia Compostellana (wie Anm. 22), S. 151f.; F L E T C H E R , St. James’s Catapult (wie Anm. 54), S. 170; H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 93-95. - Erst 1851 wurde dieses Privileg von Papst Pius IX. (1846-1878) auf alle Kanoniker des Kathedralkapitels ausgedehnt. Vgl. Münzer, Reisebericht (wie Anm.-200), S.-135, Anm.-60. 1367 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-205. 1368 Zitiert nach: L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 9 (wie Anm. 1297), Anhang, S. 41. - Nach L Ó ‐ P E Z -C H A V E S M E L É N D E Z gäben auch andere Pilger des 16. Jahrhunderts diese Geschichte in ihren Aufzeichnungen wieder. Vgl. Confalonieri, Viaje de Lisboa a Santiago de Galicia (wie Anm. 1250), S. 37, Anm. 84. Allerdings nennt er keine Namen, und zumindest im Korpus der romanischen Pilgerberichte habe ich keine weiteren Belege finden können. in der Compostellaner Handschrift zu lesen und Teile davon zu kopieren, übernahm dies unbesehen in seinen Reisebericht 1365 ; in Wahrheit jedoch handelt es sich um ein 1108 von Paschalis II. (1099-1118) verliehenes Privileg 1366 , una dignità concessagli da Pasquale secondo, wie Domenico Laffi als einziger der hier berücksichtigten Pilger-Autoren korrekt vermerkt 1367 . Die von Confalonieri berichtete Geschichte ist also frei erfunden; gleichwohl dürfte sie in der Frühen Neuzeit weithin bekannt und akzeptiert gewesen sein, denn im Jahr 1615 schrieb - um nur einen Beleg anzuführen - der gerade in Madrid weilende Erzbischof Juan Beltrán Guevara y Figueroa (1615-1622) einen Brief an sein Kapitel, mit der Bitte, ihm vna relación de lo que pasó quando uino á ese sanctuario [d. h. in die Kathedrale von Compostela] aquel Papa encubierto, que creó los cardenales zu schicken 1368 . 4.6 Giovanni Battista Confalonieri (1594) 359 <?page no="361"?> 1369 Nach wie vor einschlägig: Harold A C T O N , The Last Medici, London 1932, insb. S. 87-109. Vgl. auch Marcello V A N N U C C I , I Medici. Una familia al potere, Rom 1987, S. 392-395; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 284; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 102-106. - Mit Gian Gastone starb, um genau zu sein, der Mannesstamm der Medici aus. Das Großherzogtum Toskana fiel daraufhin an den Habsburger Franz I. Stephan von Lothringen (1708-1765), der 1745 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gewählt werden sollte. 1370 Vgl. José María S Á N C H E Z M O L L E D O , Introducción, in: Lorenzo Magalotti, Viaje de Cosme III de Médici por España y Portugal (1668-1669), hg. von David F E R M O S E L J I M É N E Z / José María S Á N C H E Z M O L L E D O , Madrid 2018, S. 9-47, hier S. 11. Vgl. auch H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 284f.; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S.-102f. 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669). Santiago de Compostela bei Lorenzo Magalotti, Filippo Corsini, Giovan Battista Gornia und Jacopo Ciuti Cosimo III. de’ Medici (1642-1723) unternahm zwischen 1661 und 1669 verschie‐ dene ausgedehnte Reisen durch Mittel- und Westeuropa, von denen ihn eine, die letzte, auch nach Santiago de Compostela führte. Als sein Vater Ferdinando II. (1610-1670) wenige Monate nach seiner Rückkehr starb, wurde Cosimo, gerade achtundzwanzigjährig, zum sechsten Großherzog der Toskana gekrönt. Seine 53 Jahre währende Herrschaft gilt gemeinhin als eine Zeit des Verfalls: Der Glanz vergangener Tage - als die Medici noch Päpste und Königinnen stellten - war verblasst, das einst mächtige Großherzogtum verlor im von Nationalstaaten beherrschten Europa zusehends an Bedeutung, und die Familie starb langsam aus. Auf Cosimo folgte als siebter - und letzter - Großherzog der Toskana sein zweitgeborener Sohn Gian Gastone (1671-1737), mit dessen Tod die Dynastie der Medici schließlich erlosch 1369 . Von seiner Mutter Vittoria della Rovere (1622-1694) streng religiös erzogen, soll Cosimo bigott, ernst, introvertiert und melancholisch gewesen sein; höfi‐ schen Lustbarkeiten konnte er wenig abgewinnen, lieber wandte er sich dem Gebet und geistlichem Gesang zu 1370 . Auch der Wissenschaft und den schönen Künsten war er nicht in gleichem Maße zugetan wie seine ruhmreichen Ahnen; indes wird ihm von seinen Biographen (so schon von Domenico Maria Sandrini in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts) ein lebhaftes Interesse für Geschichte, Kartographie, Botanik und Zoologie attestiert, das zweifellos ein Grund für seine vielen Reisen war 1371 . Bei seiner einjährigen Europareise 1668/ 1669 handelt es <?page no="362"?> 1371 Vgl. Domenico Maria Sandrini, Della vita di Cosimo 3º Gran Duca di Toscana, Floren‐ tiner Staatsarchiv, MM, 458, ins. 11, fol. 2 r -13 r . Vgl. auch Miguel T A Í N G U Z M Á N , De España a Florencia. Obras de arte y artículos de lujo adquiridos por Cosimo III de’ Medici durante su viaje hispánico, in: Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz 2 (2014), S. 193-213, hier S. 198; Xosé Antonio N E I R A C R U Z , Identidades en contacto en el siglo XVII: la mirada de los italianos sobre la realidad ibérica en las crónicas del viaje de Cosimo III de Medici (1668-1669), in: Cuadernos de Filología Italiana 27 (2020), S. 183-198, hier S. 184. - In einem Brief vom 10. Mai 1667 an Pieter Blaeu, der ihn von Amsterdam aus mit Büchern versorgte, bittet Cosimo III., dass er ihn über Neuerscheinungen in den Bereichen Nautik, Reisen, Indien und ferner Osten auf dem Laufenden halten und ihm die Abhandlung China Monumentis (1667) von Athanasius Kircher sowie einen nicht näher bestimmten Atlante Nautico zukommen lassen möge. Vgl. T A Í N G U Z M Á N , Obras de arte (wie Anm.-1371), S.-199. 1372 Zur Grand Tour oder Kavaliersreise vgl. z. B. Hilde de R I D D E R -S Y M O E N S , Die Kavaliers‐ tour im 16. und 17. Jahrhundert, in: Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur, hg. von Peter J. B R E N N E R , Frankfurt a. M. 1989, S. 197-223; Michael G. B R E N N A N (Hg.), The Origins of the Grand Tour. The Travels of Robert Montagu, Lord Mandeville (1649-1654), William Hammond (1655-1658), Banaster May‐ nard (1660-1663), London 2004; Rainer B A B E L / Werner P A R A V I C I N I (Hg.), Grand Tour. Adeliges Reisen und europäische Kultur vom 14. bis zum 18. Jahrhundert. Akten der internationalen Kolloquien in der Villa Vigoni 1999 und im Deutschen Historischen Institut Paris 2000, Ostfildern 2005; Eva B E N D E R , Die Prinzenreise. Bildungsaufenthalt und Kavalierstour im höfischen Kontext gegen Ende des 17. Jahrhunderts, Berlin 2011. 1373 Dies formuliert Filippo Corsini in seinem Viaggio di Alemagna, Paesi Bassi del 1667 e di Spagna, Francia, Inghilterra ed Olanda del 1668-1669, Archivio di Stato di Firenze, Mediceo del Principato, 6387, fol. 137 v . Vgl. Jacopo C A U C C I V O N S A U C K E N , Il viaggio a Santiago de Compostela di Cosimo dei Medici nella Spagna de los Austrias, in: Compostella. Rivista del Centro Italiano di Studi Compostellani 33 (2012), S. 47-56, hier S.-48, sich im Unterschied zu den bisherigen Beispielen nicht um eine Pilgerfahrt, sondern eher um eine adlige Bildungsreise, eine Grand Tour, auf der der zukünftige Großherzog sich mit Kultur und Sitten fremder Länder vertraut machen und Verbindungen zu anderen Fürstenhöfen knüpfen sollte 1372 . Diese Motivation lässt sich den ersten Zeilen eines der hier interessierenden Berichte entnehmen: Considerando il Serenissimo Principe Cosimo di Toscana esser di non ordinario giova‐ mento a chi tocca in sorte di dover reggere il peso di governar popoli a se soggetti apprendere i riti di varie nazioni, conoscere le qualità di paesi diversi, et osservare la politica dei maggiori regnanti […] risolvette sul finire del 1668 d’intraprendere un viaggio maggiore per abboccarsi con i maggiori potentati d’Europa 1373 . Zudem vermutet man, dass Cosimo durch seine langen Absenzen vom heimischen Hof wohl auch der unglücklichen, von ständigen Streitigkeiten ge‐ prägten Ehe mit der schillernden Marguerite Louise d’Orléans (1645-1721), 362 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) <?page no="363"?> 1374 Extrovertiert, launenhaft und weltlichen Freuden zugetan, bildete Marguerite Louise d’Orleáns einen scharfen Gegensatz zu Cosimo III. de’ Medici. Bei der Vermählung am 18. April 1661 in Paris, die gegen ihren Willen erfolgte, war sie sechzehn Jahre alt. Die Streitigkeiten, die ihre Ehe von Anfang an bestimmten, wuchsen sich bald zu einer schwerwiegenden diplomatischen Krise aus, in die sogar Ludwig XIV. und der Papst wiederholt einschreiten mussten - doch erfolglos: 1672 forderte Marguerite die Scheidung, 1675 verließ sie endgültig den toskanischen Hof und siedelte in das Kloster Montmartre über. Trotz allem hatte sie ihrem Gatten drei Kinder geboren: Ferdinando (1663-1713), Anna Maria Luisa (1667-1743) und Gian Gastone (1671-1737). Vgl. Sergio C A M E R A N I , La moglie di Cosimo III, Margherita Luisa d’Orléans, in: Le donne di Casa Medici. Da Contessina de’ Bardi ad Anna Maria Luisa, Elettrice Palatina, tutte le protagoniste della storia della grande famiglia italiana, hg. von Marcello V A N N U C C I , Florenz 1993, S.-83-92. 1375 Zuweilen verbrachte er ganze Tage damit, so z. B. den 29. Oktober 1668 in Madrid: S.A. […] in su le 13 e mezzo si portò a udir la messa al Carmine. Questa Chiesa è moderna con una sola nave e due ale di cappelle. […] Dal Carmine fu S. A. a Nuestra Sennora de la Soledad, Immagine avuta in grandissima venerazione, all’Ospedale degl’Italiani, e a gli Agostini Scalzi detti Agostinos Recoletos tutte piccole Chiesette. In quest’ultima s’entra dalla Chiesa in una Cappella molto abbellita di dorature, dov’è un’Immagine di Nostra Signora, di grande devozione in Madrid. […] Dopo desinare S. A. andò a visitar la Chiesa de Gesuiti […]. La chiesa è una croce assai grande co’ pilastri di nuovo ordine per l’impropria mescolanza del dorico e del corintio. La volta è ornata di scorniciamenti di stucchi dipinti a fresco […]. La cupola non è a catino, ma ha il suo tamburo illuminato con spesse finestre: la centinatura però della volta cova infelicemente. Della Chiesa salì S. A. nella libreria […]. Da i Gesuiti andò a veder la nuova cappella di Sant’Isidoro, congiunta alla parrocchia di Sant’Andrea […]. La Chiesa è rifatta quasi tutta di muro, ma con tutto ciò rimane assai piccola e senza ornamenti. […] Da Sant’Isidoro si portò a San Francesco chiesa ordinaria assai con due altre chiesette o più tosto cappelle annesse una detta de Nuestra Senora de l’Aurora, Immagine di rilievo tenuta con gran venerazione fra lampade di argento, e abbigliamenti sacri ricchi d’oro e di gioie, e l’altra del Santo Cristo, per conservarvisi un Crocifisso di somma devozione. Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-120-122. 1376 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Il Cammino italiano (wie Anm. 189), S. 139: „affidato il compito dei rapporti politici e diplomatici al suo seguito, si preoccupa soprattutto della sua messa quotidiana e delle devozioni che può compiere nei conventi dove, preferibilmente, alloggia.“ Vgl. auch H E R B E R S / P L ÖT Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 285; einer Cousine Ludwigs XIV. (1643-1715), zu entfliehen suchte, die er 1661 aus Staatsräson eingegangen war 1374 . Wenn die genuinen Beweggründe demnach auch weltlicher Natur waren, die Reise war doch maßgeblich vom übersteigerten religiösen Eifer des jungen Medici bestimmt, so dass gewisse Parallelen zu einer Pilgerfahrt gleichwohl erkennbar sind: Sein Hauptinteresse bestand darin, möglichst viele Kirchen und Klöster zu besuchen 1375 , er hörte täglich die Messe, betete Reliquien und Heiligenbilder an, suchte regelmäßig einen Beichtvater auf, wohnte religiösen Zeremonien bei und genoss es, theologische Diskussionen mit gelehrten Klerikern zu führen 1376 . Und der Grabesort des Apostels Jakobus 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) 363 <?page no="364"?> S Á N C H E Z M O L L E D O , Introducción (wie Anm. 1370), S. 26-28; N E I R A C R U Z , Identidades (wie Anm.-1371), S.-188. 1377 Die personelle Zusammensetzung des großherzoglichen Gefolges findet sich in den Rei‐ setagebüchern von Giovan Battista Gornia und Filippo Corsini detailliert beschrieben. Die Liste, die Gornia unter Ruolo di chi servì S. A. nel viaggio notiert, ist abgedruckt in C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 119. Die von Corsini niedergeschrie‐ bene Liste ist weitgehend deckungsgleich, nur die Funktionsbezeichnungen sind zum Teil verschieden. Der Bericht von Reiseschatzmeister Jacopo Ciuti gibt zudem Auskunft über die Identität der Bediensteten, die Gornia nur namenlos als [s]ette servitori della famiglia aufführt. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-118f. 1378 Lorenzo Magalotti genoss eine vorzügliche Ausbildung am Collegio Romano und an der Universität Pisa, die sein Onkel Filippo Magalotti zwischen 1655 und 1657 als provvedi‐ tore leitete. Er studierte Medizin bei Malpighi, Philosophie bei Rinaldini, Mathematik bei Borelli und Physik bei Viviani. Bereits in jungen Jahren galt sein besonderes Interesse - vor allem durch den Einfluss des Galilei-Schülers Viviani - den Naturwissenschaften. 1660 wurde er Sekretär der berühmten Accademia del Cimento, der drei Jahre zuvor von den Medici eingerichteten wissenschaftlichen Gesellschaft für experimentelle Physik, deren Mitglieder sich regelmäßig in den privaten Räumlichkeiten von Kardinal Leopoldo de’ Medici im Palazzo Pitti trafen. Derselbe Kardinal ernannte Magalotti kurz darauf zu seinem Kammerherrn. Später trat er in den Dienst von dessen Bruder, Groß‐ herzog Ferdinando II. de’ Medici - dem Vater des hier interessierenden Cosimo III. -, der ihn mit wichtigen diplomatischen Missionen betraute. Seine Reisen nach Österreich, Deutschland, Holland, Belgien, England, Dänemark und Frankreich sind in Berichten, Tagebüchern, Briefen und anderen Niederschriften reichlich dokumentiert. In diesem Rahmen auch begleitete er 1668/ 1669 Cosimo III. auf dessen Europareise. 1675 wurde er für seine Verdienste in den Grafenstand erhoben. Im selben Jahr wurde er als Botschafter der Toskana an den Wiener Kaiserhof gesandt. 1678 kehrte er nach Florenz zurück, um sich auf seine Güter in Bagno a Ripoli zurückzuziehen und sich nur mehr seinem wissenschaftlichen und schriftstellerischen Schaffen zu widmen. 1689 aber rief ihn Cosimo III. als Terzo Consigliere di Stato an seinen Hof zurück, und 1693 stieg er zum Primo Consigliere di Stato auf. Die Amtspflichten hinderten ihn jedoch nicht daran, zahlreiche Schriften wie die Lettere sopra le terre odorose (1695) und die Lettere scientifiche ed erudite (1695-1698) zu veröffentlichen, die europaweite Anerkennung fanden. So stand er in regem Austausch mit Leibniz, den er 1689 auch in Florenz empfing, 1692 wurde er in die Arcadia (Rom) und 1709 in die Royal Society (London) aufgenommen. Vgl. Xosé Antonio N E I R A C R U Z , Las crónicas del viaje por la Península Ibérica de Cosimo III de’ Medici: clasificación de fuentes y autores, in: Cuadernos de Filología Italiana 25 (2018), S. 147-171, hier S. 155-159. Nach wie vor einschlägig zu Leben markiert im Reiseverlauf ein bedeutendes Etappenziel, das er vor allem orationis causa erreichen wollte. Cosimo reiste mit einem kleinen Gefolge aus Kammerherren, einem Kaplan, einem Maler, einem Schatzmeister, Reitknechten, Sekretären, Dolmetschern, Köchen und anderen Bediensteten 1377 . Zur erlesenen Gruppe der gentiluomini di camera gehörte Lorenzo Magalotti (1637-1712), ein hochgebildeter junger Mann von florentinischem Adel, dem unter Cosimo III. eine exzellente Karriere am toskanischen Hof bevorstand 1378 . Er war mit der Aufgabe betraut, die offizielle 364 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) <?page no="365"?> und Werk Lorenzo Magalottis: Georges G Ü N T E R T , Un poeta scienziato del Seicento: Lorenzo Magalotti, Florenz 1966. 1379 Pier Maria Baldi hatte sich in Florenz bereits einen Namen gemacht, als Ferdinando II. ihn 1667 dem berühmten Gian Lorenzo Bernini (1598-1680) zur Ausbildung empfahl. Der Großherzog hielt Baldi für einen höchst begabten Maler und Zeichner. Deshalb auch betraute er ihn mit der Aufgabe, die Städte und Landschaften, die Cosimo auf seiner Grand Tour 1668/ 1669 bereiste, in Aquarellen festzuhalten. Nach C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-113, ist das Ergebnis „una delle rappresentazioni della Spagna e del Portogallo del Seicento tra le migliori che conosciamo e l’apparato iconografico più importante e completo della letteratura odeporica italiana di tematica ispanica“. In den Folgejahren wurde Baldi, der auch Architekt war, von Cosimo III. maßgeblich protegiert. Er erhielt von ihm bedeutende Aufträge wie etwa die Errichtung der Festung San Pietro in Livorno und die Instandsetzung der erzherzoglichen Gebäude in Pisa, zu deren Oberaufseher (sovrastante) er 1680 ernannt wurde, ferner die Vergrö‐ ßerung des Fassade des Palazzo Medici-Riccardi und den Bau des Brunnens auf der Piazza Santa Croce in Florenz. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 22, 109, 112; S Á N C H E Z M O L L E D O , Introducción (wie Anm.-1370), S.-40f. 1380 Vgl. Anna Maria C R I N Ò , Introduzione, in: Lorenzo Magalotti, Un principe di Toscana in Inghilterra e in Irlanda nel 1669. Relazione ufficiale del viaggio di Cosimo de’ Medici tratta dal “Giornale” di L. Magalotti, con gli acquerelli palatini, hg. von Anna Maria C R I N Ò , Rom 1968, S. IX-XXXIX, hier S. X. Vgl. auch C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-22, Anm.-40. Reisechronik zu verfassen, welche der Maler, Pier Maria Baldi (1630-1686), mit einem ikonographischen Apparat aus 121 jeweils in situ verfertigten Aquarell‐ zeichnungen - darunter auch eine Vedute von Santiago de Compostela, aus südöstlicher Richtung (Santa Susana) gesehen (Abb. 15) - illustrieren sollte 1379 . Der als Relazione Ufficiale del Viaggio di Cosimo III dei Medici überschriebene Bericht Magalottis nebst den Zeichnungen Baldis ist in einer reich verzierten, in rotes Saffianleder gebundenen und mit dem goldenen Wappen der Medici versehenen zweibändigen Handschrift überliefert, die mit den Signaturen Med. Pal. 123,1 und Med. Pal. 123,2 in der Biblioteca Medicea Laurenziana in Florenz verwahrt wird 1380 . Der erste Band beschreibt den Reiseabschnitt vom Aufbruch aus Florenz bis A Coruña, der zweite die Weiterreise nach Irland, England, Holland, Belgien und Frankreich sowie die Rückkehr nach Florenz. 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) 365 <?page no="366"?> 1381 Die illustrierte und reich verzierte Handschrift in der Biblioteca Medicea Laurenziana ist im Unterschied zu derjenigen schlichteren in der Biblioteca Nazionale di Firenze - wohl aus ästhetischen Gründen - nicht überarbeitet worden: „Invero, il laurenziano, non avendo ammesso correzioni e cancellature, che avrebbero nuociuto all’effetto estetico, e contenendo numerosi errori e ripetizioni di parole o di frasi, offre un testo che si palesa presto all’attento lettore opera più da essere guardata come si guarda un quadro, che letta.“ C R I N Ò , Introduzione (wie Anm.-1380), S. X. 1382 Bei dieser zweiten Handschrift handele es sich wohl um eine „copia fatta per servire di guida agli ambasciatori fiorentini nei vari stati“. C R I N Ò , Introduzione (wie Anm.-1380), S. X, Anm. 3. - Weitere Handschriften, meistenteils Kopien der Relazione Ufficiale, finden sich aufgelistet in Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , I testi italiani di viaggio e pellegrinaggio a Santiago de Compostela, in: I testi italiani del viaggio e pellegrinaggio a Santiago de Compostela e diorama sulla Galizia, hg. von D E M S ., Perugia 1983, S.-9-29, hier S.-20-22. 1383 Vgl. N E I R A C R U Z , Clasificación (wie Anm.-1378), S.-148. Abb. 15: Santiago de Compostela aus südöstlicher Richtung (Santa Susana). Zeichnung von Pier Maria Baldi, enthalten in Lorenzo Magalottis Relazione Ufficiale del Viaggio di Cosimo III dei Medici (1668/ 1669), Biblioteca Medicea Laurenziana, Florenz, Med. Pal. 123,1. Eine weitgehend identische 1381 Kopie - freilich ohne die Aquarelle und weniger opulent gestaltet, zudem in drei, nicht in zwei Bände gegliedert - befindet sich unter Ms. II-III-429, Ms. II-III-430 und Ms. II-III-431 in der Biblioteca Nazionale Centrale di Firenze 1382 . Sie stammt, wie noch am Exlibris zu erkennen ist, aus der alten Biblioteca Medicea Palatina, der großherzoglichen Bibliothek des Palazzo Pitti, deren Bestände in die Biblioteca Magliabechiana überführt wurden, aus der 1865 wiederum die erste Nationalbibliothek Italiens hervorging 1383 . Der Band über die Spanienreise (Ms. II-III-431) trägt den schlichten Titel Relazione del viaggio di Spagna. Schließlich stammt wohl noch eine dritte, ebenfalls in der 366 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) <?page no="367"?> 1384 Vgl. N E I R A C R U Z , Clasificación (wie Anm. 1378), S. 152-155. - Die Zuschreibung dieser Handschrift ist umstritten. Der Bibliothekar Barone Podestà notierte auf dem Titelblatt: Confrontata con gli autografi di Lorenzo Magalotti si può andar sicuri che non è di sua mano. Zitiert nach: Ángel S Á N C H E Z R I V E R O / Angela M A R I U T T I D E S Á N C H E Z R I V E R O , Introducción, in: Lorenzo Magalotti, Viaje de Cosme de Médicis por España y Portugal (1668-1669), hg. von Ángel S Á N C H E Z R I V E R O / Angela M A R I U T T I D E S Á N C H E Z R I V E R O , Madrid 1933, S. III-XXVI, hier S. X. Ein Vergleich mit Briefen Magalottis ließ S Á N C H E Z R I V E R O und M A R I U T T I D E S Á N C H E Z R I V E R O ebenda jedoch zu dem Ergebnis gelangen, dass es sich sehr wohl um einen Text aus seiner Feder handelt. - Magalottis Briefwechsel aus den Jahren 1668 und 1669 ist in zwei Textsammlungen überliefert: Ein Teil befindet sich in der Biblioteca Nazionale Centrale di Firenze (Autografi Gonnelli, 24, Nr. 45 und 46), der andere im Florentiner Staatsarchiv (Miscellanea medicea, 577). Vgl. N E I R A C R U Z , Clasificación (wie Anm. 1378), S. 150. - Für die Redaktion der Relazione Ufficiale bediente sich Magalotti nicht nur seiner eigenen Aufzeichnungen, sondern auch der Tagebücher seiner Mitreisenden, insbesondere Corsinis. Vgl. C R I N Ò , Introduzione (wie Anm.-1380), S. XIV-XXV; N E I R A C R U Z , Clasificación (wie Anm.-1378), S.-153f., 160. 1385 Die beste und aktuellste Übersicht der Quellen über die Spanien- und Portugalreise Cosimos III. de’ Medici bietet N E I R A C R U Z , Clasificación (wie Anm. 1378). Vgl. auch C A U C C I V O N S A U C K E N , I testi italiani (wie Anm.-1382), S.-20-22. 1386 Filippo Corsini war der Spross zweier einflussreicher Florentiner Adelsfamilien: der Corsini väterlicherseits und der Strozzi mütterlicherseits. Er wuchs am toskanischen Hof auf, wurde früh ein Freund und enger Vertrauter des wenig älteren Cosimo III. und begleitete ihn auf seinen Reisen durch Europa. Später bekleidete er wichtige Hofämter und wurde sogar mit der Aufgabe betraut, für Cosimos erstgeborenen Sohn Ferdinando (1663-1713) am bayrischen Hof um die Hand von Prinzessin Violante Beatrix zu werben. Er hatte eine exzellente Ausbildung genossen und entfaltete eine bedeutende Biblioteca Nazionale Centrale di Firenze verwahrte Quelle (Conv. Soppr. G. IX 1863) aus Magalottis Feder: Die Handschrift mit dem Titel Viaggio dell’A.R. del Ser.mo Cosimo IIIo Gran Duca di Toscana, fatto in tempo ch’era G. Principe enthält wahrscheinlich seine unterwegs gemachten Aufzeichnungen, die er anschließend für die Redaktion der Relazione Ufficiale heranzog 1384 . Neben dem Kammerherrn und offiziellen Chronisten Magalotti haben noch weitere Personen aus dem Reisetross aufschlussreiche Zeugnisse hin‐ terlassen: Marquis Filippo Corsini (1647-1706), Leibarzt Giovan Battista Gor‐ nia (1633-1684), Haushofmeister Filippo Marchetti (Lebensdaten unbekannt), Schatzmeister (spenditore) Jacopo Ciuti (Lebensdaten unbekannt) und Kaplan Felice Monsacchi (Lebensdaten unbekannt) 1385 . Ihre Aufzeichnungen bilden eine wertvolle Ergänzung zu Magalottis Relazione Ufficiale, weil sie persönlicher, spontaner und lebendiger sind, als diese es naturgemäß sein konnte. Dabei nimmt das Tagebuch des Filippo Corsini eine Sonderstellung ein: Nicht nur ist es länger und elaborierter als die anderen Texte, auch stand der Autor in einem besonderen Vertrauensverhältnis zu Cosimo III., mit dem er von Kindheit an befreundet war 1386 . Sein Originalmanuskript, das neben dem Bericht 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) 367 <?page no="368"?> intellektuelle Tätigkeit, für die er mit Akademiemitgliedschaften geehrt wurde. So wurde er unter dem Pseudonym Euristo Pelasgo in die Arcadia (Rom) aufgenommen und unter dem Pseudonym Chiaro in die Accademia della Crusca (Florenz), für die er auf eigene Kosten die vierte Ausgabe des berühmten Vocabolario verfertigte. 1699 veröffentlichte er seine italienische Übersetzung von Antonio Solís’ Historia de la Conquista de México (1684): Istoria della conquista del Messico della popolazione, e de’ progressi nell’America Settentrionale conosciuta sotto nome di Nuova Spagna scritta in castigliano da don Antonio De Solis, e tradotta in toscano da un’accademico della crusca. Aus seiner Ehe mit Lucrezia Rinuccini gingen Bartolomeo Corsini (1683-1752) und Nero Maria Corsini (1685-1770) hervor. Ihre Glanzzeit erlebte die Familie Corsini kurz nach Filippos Tod: 1730 nämlich stieg dessen jüngerer Bruder Lorenzo unter dem Namen Clemens XII. zum Papst auf. Vgl. N E I R A C R U Z , Clasificación (wie Anm. 1378), S. 161-163. 1387 Viaggi di Alemagna, Paesi Bassi del 1667 e di Spagna, Francia, Inghilterra e Olanda del 1668 e 1669, fatti dal Ser.mo Principe Cosimo di Toscana e di poi Gran Duca Terzo di quel nome, scritti dal Marchese Filippo Corsini coppiere di S.A.R. e figliuolo del Marchese Bartolomeo Corsini. Vgl. N E I R A C R U Z , Clasificación (wie Anm.-1378), S.-149. 1388 Mit demselben Titel wie das Originalmanuskript im Florentiner Staatsarchiv. Vgl. N E I R A C R U Z , Clasificación (wie Anm.-1378), S.-149. 1389 Wie schon aus dem Titel hervorgeht, enthält diese zweite Kopie nur die Beschreibung der Spanienreise: Memorie del Viaggio fatto in Ispagna dal Serenissimo Principe Cosimo di Toscana raccolte dal Marchese Filippo Corsini. Vgl. N E I R A C R U Z , Clasificación (wie Anm.-1378), S.-149. 1390 Viaggio fatto dal Serenissimo Principe Cosimo Terzo di Toscana per la Spagna, Inghilterra, Francia et altri luoghi negli anni 1668 e 1669, scritto dal Dottor Giov. Batt. a Gornia Bolognese, quale in qualità di Medico viaggiò con S.A.R. - Vier weitgehend übereinstim‐ mende Abschriften sind in der Biblioteca Marucelliana in Florenz (Mss. C. XLIX), in der Biblioteca Estense in Modena (Cart. Sec. XVII, cc. III -148- VII, a. X, 10, 19; Cod. Cart. in fol., di carte 127, Sec. XVII, Ms. Y.S.4.II) und in der British Library in London (Western Manuscripts Add MS 16504) lokalisiert worden. - Einige biographische Daten zu Giovan Battista Gornia bietet N E I R A C R U Z , Clasificación (wie Anm.-1378), S.-164f. 1391 Die erste Handschrift trägt den Titel Viaggio del Magalotti col Principe di Toscana Cosimo in Spagna, Olanda e Francia negli anni 1668-1669. Trotz der expliziten Autor‐ schaftszuschreibung del Magalotti wird der Bericht, da er kaum Übereinstimmungen mit Magalottis Relazione Ufficiale aufweist und schwerpunktmäßig die Reiseausgaben über die einjährige Europareise des zukünftigen Großherzogs 1668 und 1669 auch denjenigen über dessen vorangehende Reise nach Deutschland und in die Niederlande 1667 enthält, wird im Florentiner Staatsarchiv (Mediceo del Principato, 6387) verwahrt 1387 . Von diesem Text sind außerdem zwei Kopien erhalten: eine, verfertigt 1677 von Pater Luigi Strozzi (1632-1700), gleichfalls im Florentiner Staatsarchiv (Carte Strozziane, I serie, LVII) 1388 , die andere, aus der Feder des Autors selbst, in der Privatbibliothek der Familie Corsini 1389 . Im Florentiner Staatsarchiv befinden sich auch die meisten anderen Autographe: die Tagebücher Giovan Battista Gornias (Mediceo del Principato, 6389) 1390 und Jacopo Ciutis (Miscellanea Medicea Filza 588, Viaggi; Mediceo del Principato, 6388) 1391 ebenso wie der - unvollständige - Bericht Filippo Marchettis (Mediceo 368 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) <?page no="369"?> dokumentiert, traditionell dem Schatzmeister Jacopo Ciuti zugeordnet. Vgl. S Á N C H E Z R I V E R O / M A R I U T T I D E S Á N C H E Z R I V E R O , Introducción (wie Anm. 1384), S. XI; N E I R A C R U Z , Clasificación (wie Anm. 1378), S. 165f. - Die zweite Quelle mit dem Titel Viaggio del Ser.mo Principe Cosimo di Toscana l’anno 1667 ist auf fol. 33 r bis 73 r eines Sammelkodex enthalten. Sie stimmt nicht nur inhaltlich, sondern auch paläographisch mit der ersteren überein: „Probablemente los dos proceden de una sola redacción autógrafa, indudablemente de Ciuti“, meinen S Á N C H E Z R I V E R O / M A R I U T T I D E S Á N C H E Z R I V E R O , Introducción (wie Anm. 1384), S. XIIf. - Tatsächlich aber ist die Autorschaft des Textes nach wie vor umstritten, denn Jacopo Ciuti steht an keiner Stelle explizit als Autor vermerkt; stattdessen findet sich auf dem Titelblatt, mit Bleistift ergänzt, der Hinweis È di Filippo Marchetti. Möglich wäre es zwar, dass die Texte von Cosimos Haushofmeister stammen. Ebenso könnte es sich jedoch um eine fehlerhafte Zufügung von jemandem handeln, der die Handschrift katalogisierte. Und letztlich bleibt auch unklar, ob sich der Autorvermerk auf alle vier Texte oder nur auf einen von ihnen bezieht. Caucci von Saucken, der sich in älteren Publikationen für Marchetti als Verfasser des Textes aussprach, revidierte dies zuletzt und hält stattdessen - anknüpfend an Sánchez Rivero und Mariutti de Sánchez Rivero - die Autorschaft Ciutis für plausibler. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 112. Ich möchte diese Frage hier nicht weiter diskutieren und halte mich daher an die vorherrschende Forschungsmeinung. - Eine Kopie des Textes mit dem Titel Relazione del secondo viaggio del Serenissimo Principe Cosimo di Toscana per le Spagne, Inghilterra, Irlanda, suo ritorno in Olanda, e passaggio in Francia befindet sich außerdem auf fol. 40 r bis 85 v einer Sammelhandschrift, die mit der Katalognummer Rari, K 975 r am Kunsthistorischen Institut in Florenz verwahrt wird. 1392 Bei dem Reisebericht mit dem Titel Diario di viaggio di Filippo Marchetti, maestro di casa di Cosimo de’ Medici handelt es sich um „una transcripción, presumiblemente del siglo XVII, de todos los viajes emprendidos por Cosme desde el año 1667“, doch „la descripción termina poco después del inicio del viaje a España“. Anna B E L L I N A Z Z I , Diarios de viaje, in: Lorenzo Magalotti, El viaje a Compostela de Cosme III de Médicis, hg. von Xosé Antonio N E I R A C R U Z , Santiago de Compostela 2004, S. 319-322, hier S. 322. - Zur Zuschreibung an Filippo Marchetti vgl. N E I R A C R U Z , Clasificación (wie Anm. 1378), S. 166f. - Das Ausgabenregister trägt den Titel Libro dell’entrata e uscita del viaggio di Spagna et altre corone che è per fare il Serenissimo Principe Padrone questo presente anno 1668, tenuto da me Filippo Marchetti, suo Maestro di Casa in detto viaggio. 1393 Viaggio di Spagna, d’Inghilterra e di Francia fatto dal Serenissimo Signore Principe Cosimo di Toscana. Mit nur 19 Folia handelt es sich um das kürzeste Zeugnis über die Europareise Cosimos III. 1668/ 1669. Vgl. N E I R A C R U Z , Clasificación (wie Anm. 1378), S. 169. - Auf dem letzten Blatt finden sich Verfasser und Adressat der Briefe explizit vermerkt: Descritto in lettere al Signore Francesco Rucellai, dal Signore D. Felice Monsacchi. del Principato, 6381) und dessen Ausgabenregister (Acquisti e doni, 82, 2) 1392 . Die Briefe schließlich, die Felice Monsacchi während der Reise an seinen Amtskol‐ legen Francesco Rucellai - Kaplan von Valdarno und Vertrauter von Großherzog Ferdinando II. - schrieb, sind auf fol. 97 r bis 115 r einer Sammelhandschrift überliefert, die zum Bestand des Harry Ransom Humanities Research Centers (Ranuzzi Family Manuscripts, vol. Ph 12742, folder 6) an der University of Texas gehört 1393 . 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) 369 <?page no="370"?> Zitiert nach: Miguel T A Í N G U Z M Á N , La ciudad de Santiago de Compostela en 1669. La “peregrinación” del Gran Príncipe de la Toscana Cosimo III de Medici, Santiago de Compostela 2012, S. 23. - Im Übrigen ist auch der Briefwechsel des toskanischen Botschafters am spanischen Königshof Vieri di Castiglione mit seinem Bruder Dante di Castiglione, der zum großherzoglichen Reisegefolge gehörte, in einer im Florentiner Staatsarchiv verwahrten Textsammlung (Miscellanea medicea, viaggi, 489) überliefert. Vgl. N E I R A C R U Z , Clasificación (wie Anm.-1378), S.-167-169. 1394 Vgl. F A R I N E L L I (Hg.), Viajes 2 (wie Anm. 93), S. 154-156; V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), passim; C A U C C I V O N S A U C K E N , Las peregrinaciones italianas (wie Anm. 1252), S. 81-92; D E R S ., Il Cammino italiano (wie Anm. 189), S. 135-141; M I E C K , Les témoignages oculaires (wie Anm.-93), S.-227. 1395 Wie in Kapitel 1.3 bereits zitiert: Lorenzo Magalotti, Viaje de Cosme de Médicis por España y Portugal (1668-1669), hg. von Ángel S Á N C H E Z R I V E R O / Angela M A R I U T T I D E S Á N C H E Z R I V E R O , Madrid 1933. 1396 Magalotti, El viaje (wie Anm.-200). 1397 Lorenzo Magalotti, De twee Reizen van Cosimo de’ Medici Prins van Toscane door de Nederlanden (1667-1669), hg. von Godefridus Johannes H O O G E W E R F F , Amsterdam 1919. 1398 Lorenzo Magalotti, Un principe di Toscana in Inghilterra e in Irlanda nel 1669. Relazione ufficiale del viaggio di Cosimo de’ Medici tratta dal “Giornale” di L. Magalotti, con gli acquerelli palatini, hg. von Anna Maria C R I N Ò , Rom 1968. - Dieselben Abschnitte waren knapp anderthalb Jahrhunderte zuvor bereits in englischer Übersetzung erschienen: Lorenzo Magalotti, Travels of Cosmo the Third, Grand Duke of Tuscany, through England during the Reign of King Charles the Second (1669). Translated from the Italian Manuscript in the Laurentian Library at Florence. To which is prefixed a Memoir of his Life. Illustrated with a Portrait of His Highness and Thirtynine Views of the Metropolis, Cities, Towns and Noblemen’s and Gentlemen’s Seats as Delineated at that Period by Artists in the Suite of Cosmo, London 1821. 1399 Corsini, Relazione (wie Anm.-155). Der Reiseliteratur-Forschung gelten die Aufzeichnungen über die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici schon lange als ein zentraler Referenzpunkt 1394 . Vollständig ediert ist bisher allerdings nur der erste Band der von Magalotti verfassten Relazione Ufficiale. Er erschien 1933 in der Ausgabe von Ángel Sánchez Rivero und Angela Mariutti de Sánchez Rivero, der im Anhang auch Drucke der entsprechenden Aquarellzeichnungen Baldis beigegeben sind 1395 . Eine aufwendig gestaltete Neuausgabe mit separatem Bildband wurde zum Heiligen Compostelanischen Jahr 2004 von Paolo und Jacopo Caucci von Saucken besorgt 1396 . Die Abschnitte über die Niederlande aus dem zweiten Band der Relazione Ufficiale wurden 1919 von Godefridus Johannes Hoogewerff ediert 1397 , diejenigen über Irland und England 1968 von Anna Maria Crinò 1398 . Aus Corsinis Tagebuch sind bisher nur die spärlichen Passagen über Galicien - transkribiert und mit Vorbemerkungen versehen von Otello Tavoni - in der von Caucci von Saucken 1983 herausgegebenen Anthologie I testi italiani del viaggio e pellegrinaggio a Santiago de Compostela e diorama sulla Galizia veröffentlicht worden 1399 . Eine Transkription der Galicienbeschreibung aus Gornias Tagebuch 370 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) <?page no="371"?> 1400 D O M Í N G U E Z F E R R O , Giovan Battista Gornia (wie Anm.-155). 1401 Dies gilt in besonderem Maße für das Tagebuch des Filippo Corsini, nach Magalottis Relazione Ufficiale „el más completo de los documentos nacidos a partir del viaje de Cosimo de’ Medici por España y Portugal, hasta el punto de superar a la primera en la presentación de contenidos que el documento oficial obvia u ofrece de forma más sucinta“, und „una de las aportaciones más interesantes para conocer no solo el viaje de Cosimo de’ Medici sino la situación de España y Portugal durante ese año de periplo. Desde el punto de vista histórico, político y artístico, pues, reivindicamos el valor de la crónica de Corsini y la situamos, por esos motivos, cuando menos a la altura de la de Magalotti, si no superándola en determinadas aportaciones.“ N E I R A C R U Z , Clasificación (wie Anm.-1378), S.-160. 1402 Vgl. S Á N C H E Z M O L L E D O , Introducción (wie Anm.-1370), S.-24. 1403 Vgl. S Á N C H E Z M O L L E D O , Introducción (wie Anm. 1370), S. 23, 28-30, 32. - In Barcelona etwa wurde Cosimo von der gesamten Garnison nach königlichem (! ) Zeremoniell empfangen, und auf dem Weg nach Madrid, bei Guadalajara, kam ihm der toskanische Botschafter Vieri Castiglione in einer sechsspännigen Prachtkarosse entgegen. In Montserrat, Saragossa, Toledo, Estremoz und Tui holte ihn jeweils das geistliche Kapitel am Stadteingang ab und begleitete ihn zur Kathedrale. Vielerorts wurde er reichlich beschenkt, verteilte aber auch selbst großzügige Gaben. Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 64-68, 77, 89, 107, 160f., 240, 306f. Vgl. auch C A U C C I V O N S A U C K E N , Il zum anderen ist in einem 2004 erschienenen Aufsatz von Ana María Domínguez Ferro abgedruckt 1400 . Davon abgesehen harrt das Schrifttum über die außerge‐ wöhnliche Reise des jungen Medici noch immer seiner Veröffentlichung, und es stellt zweifellos ein Desiderat der Forschung dar, vollständige Editionen gerade der beiden erst teilveröffentlichten Tagebücher zu erarbeiten 1401 . Handelt es sich bei den bisher analysierten Texten mehrheitlich um persön‐ liche Berichte, in denen Pilger ihre Reiseeindrücke festhalten, so ist der offizielle Bericht über die Europareise des jungen Cosimo III. de’ Medici 1668/ 1669 vielmehr als adlige Reisechronik zu klassifizieren. Als Redaktor zeichnet - wie bei diesem Genre üblich - nicht der Reisende selbst verantwortlich, sondern ein ihn begleitender Kammerherr, der genannte Magalotti. Seiner Rolle als Chronist gemäß wahrt er durchgehend einen reserviert-sachlichen, oft auch kritischen Ton und wendet alle Aufmerksamkeit auf die Handlungen des von ihm stets ehrerbietig als S.A. (Sua Altezza) titulierten Cosimo, während er über sich selbst weitgehend schweigt 1402 . Wie die frühen Texte des 14. und 15. Jahrhunderts ist seine Relazione Ufficiale nach den Durchgangs- und Auf‐ enthaltsorten der Reise gegliedert, die darin genauer verzeichnet sind als in den anderen, parallel entstandenen Berichten; innerhalb der einzelnen Ortseinträge wiederum dienen Tagesdaten der Strukturierung. Das Hauptaugenmerk liegt auf den Interaktionen des jungen Medici mit lokalen Herrschern, Diplomaten und hohen Kirchenmännern sowie auf den ihm entgegengebrachten Achtungs- und Ehrenbezeigungen 1403 . Doch auch für seine übertriebene Religiosität finden 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) 371 <?page no="372"?> Cammino italiano (wie Anm.-189), S.-137. 1404 Vgl. S Á N C H E Z M O L L E D O , Introducción (wie Anm. 1370), S. 26-28; N E I R A C R U Z , Identidades (wie Anm.-1371), S.-188-190. 1405 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 114; N E I R A C R U Z , Clasificación (wie Anm.-1378), S.-153; S Á N C H E Z M O L L E D O , Introducción (wie Anm.-1370), S.-24. 1406 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Il Cammino italiano (wie Anm. 189), S. 136; N E I R A C R U Z , Clasificación (wie Anm.-1378), S.-153. 1407 So seien etwa die Retabel in spanischen Kirchen ornat[i] puerilmente di statuette di legno. Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-122. sich reichliche Indizien: Dokumentiert sind die Messen, die er hörte, die Kirchen und Klöster, die er aufsuchte, die liturgischen Zeremonien und Prozessionen, denen er beiwohnte, die Höhe der Almosen, die er auf Heiligenaltären hinterließ, die Unterhaltungen, die er mit Geistlichen führte, uvm. 1404 Magalottis Relazione Ufficiale steht unverkennbar im Dienst der Verherrlichung des zukünftigen Großherzogs, zugleich aber ist sie auch im Hinblick auf eine mögliche diplomatisch-politische Auswertung durch die toskanische Hofkanzlei verfasst: So geht der gelehrte Adlige, wenn er die Städte und Ortschaften beschreibt, in denen sich Cosimo aufhielt, insbesondere jeweils auf die weltlichen und religiösen Herrscher ein, auf die Beschaffenheit der fortifikatorischen Anlagen, die Mannesstärke der Streitkräfte und anderes mehr, das zur Kenntnis des jeweiligen Territoriums dienlich sein konnte 1405 . Mit persönlichen Wertungen hält sich Magalotti zurück, doch ist seinem Text immer wieder anzumerken, dass er - ein Vertreter der frühen Aufklärung und ein Frankophiler, der sich eine größere politische Nähe des toskanischen Hofes zum aufstrebenden Frankreich Ludwigs XIV. wünschte - dem ‚dekaden‐ ten‘, rückwärtsgewandten Spanien außerordentlich kritisch gegenüberstand 1406 . Deutlich spiegelt sich dies in seinen Urteilen über Kunst und Kultur wider: Abschätzig äußert er sich wiederholt über die spanische Kirchenkunst, die in seinen Augen kindisch anmute 1407 ; bei adligen Kunstsammlungen wie derjeni‐ gen des Real Alcázar in Madrid, die ihn durchaus beeindruckte, spart er gezielt 372 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) <?page no="373"?> 1408 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 144: I quadri più illustri sono un Adamo e un Eva in piedi di Alberto Duro, in due quadri distinta. Gl’undici Cesari di Tiziano in tela d’Imperatore, due Veneri e un ritratto d’un Ambasciator Turco del medesimo, un Cristo nell’orto e una Vergine col Bambino in braccio l’un e l’altro in piccolo dicono del Coreggio e son veramente belli in particolare la Vergine: una disputa di Cristo fra i Dottori figure al naturale di Paolo Veronese. Una caccia in grande del Tintoretto con altri pezzi del medesimo, vari ritratti insigni delle migliori maniere lombarde. Una Venere de’ Caracci figura al naturale. Parecchi pezzi grandi e piccoli dei Bassani, dei quali vi è particularmente a terreno una stanza piena. L’Atlanta e l’Ippomene di Guido che non merita un pezzo la fama che ha ottenuta. Quattro pezzi assai belli di Paolo ed altri del Tintoretto. E finalmente una quantità incredibile di pezzi del Rubens. 1409 Dies schreibt Magalotti über die blühende Literatur des Siglo de Oro nicht in seiner Relazione Ufficiale, aber ebenfalls im Kontext von Cosimos Europareise 1668/ 1669, nämlich in einem Brief vom 16. November 1668 an Cosimos Onkel, den Kardinal Leopoldo de’ Medici. Zitiert nach: Lorenzo Magalotti, Al principe Leopoldo, in: Hand‐ buch der Italiänischen Sprache und Litteratur, oder Auswahl gehaltvoller Stücke aus den klassischen Italiänischen Prosaisten und Dichtern, nebst Nachrichten von den Verfassern und ihren Werken, hg. von Ludwig I D E L E R , Berlin 1820, S. 315-319, hier S. 317. 1410 Vgl. C R I N Ò , Introduzione (wie Anm. 1380), S. XIV-XXV. - „La Crinò ha messo a confronto il testo della relazione con i rispettivi diari del Corsini e del Magalotti, che in diversi punti coincidono, ed è arrivata alla duplice conclusione che il Magalotti ha incorporato nel suo diario dei periodi interi del Corsini, e che il compilatore o i compilatori della relazione ufficiale si sono serviti certamente del diario del Corsini, ma ‘la spina dorsale’ resta il diario del Magalotti.“ Roberto W I S , Lorenzo Magalotti e la relazione del grande viaggio di Cosimo de’ Medici, in: Neuphilologische Mitteilungen 71/ 3 (1970), S. 451-454, hier S.-452f. 1411 In der von Fermosel Jiménez und Sánchez Molledo herausgegebenen spanischen Übersetzung der Relazione Ufficiale lässt sich der quantitative Unterschied deutlich die spanischen Maler aus 1408 ; und [t]utta la presente letteratura di Spagna si riduce […] a teologia scolastica, a paragrafi, e a medicina vieta e rancida 1409 ! Corsinis Tagebuch war nicht ursprünglich für eine offizielle Verwendung konzipiert, dennoch aber wurde es wohl - wie bereits Crinò durch synoptische Vergleiche gezeigt hat - zumindest stellenweise von Magalotti für die Redaktion der Relazione Ufficiale herangezogen 1410 . Was die Angabe der Reiseetappen betrifft sowie die Beschreibung der diplomatischen Empfänge und Ehrerbie‐ tungen, die Cosimo erwiesen wurden, so ist der Bericht des Marquis zwar lückenhafter, dafür beleuchtet er vielfach andere Aspekte, geht auf manches genauer ein und bezeugt mitunter auch solches, was Magalottis Fassung ihres offiziellen Charakters wegen unterschlägt; insofern empfiehlt es sich, beide Texte komplementär zu lesen. Besonders auffällig ist das große Interesse für Kunst, das sich in Corsinis Tagebuch verschiedentlich erkennen lässt; von San Lorenzo del Escorial etwa und seinen zahlreichen Kunstwerken gibt er eine sehr detailreiche, sieben Seiten lange Beschreibung, während Magalotti demselben Ort nur wenige Zeilen widmet 1411 . Da Corsini - im Gegensatz zu 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) 373 <?page no="374"?> erkennen: Magalottis Beschreibung von San Lorenzo del Escorial im Fließtext wird hier in Fußnote 214 mit dem entsprechenden Passus aus Corsinis (noch unediertem) Tagebuch konfrontiert. Vgl. Magalotti, Viaje de Cosme III de Médici (wie Anm. 200), S.-173-177. 1412 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 110f.; S Á N C H E Z M O L L E D O , Introducción (wie Anm.-1370), S.-36. 1413 Zahlreiche Beispiele bietet S Á N C H E Z M O L L E D O , Introducción (wie Anm.-1370), S.-41-46. 1414 Zitiert nach: N E I R A C R U Z , Identidades (wie Anm.-1371), S.-187. 1415 Vgl. C R I N Ò , Introduzione (wie Anm. 1380), S. XXXIII; S Á N C H E Z M O L L E D O , Introducción (wie Anm.-1370), S.-39. 1416 Vgl. S Á N C H E Z M O L L E D O , Introducción (wie Anm.-1370), S.-40. 1417 Vgl. C R I N Ò , Introduzione (wie Anm. 1380), S. XXXV; S Á N C H E Z M O L L E D O , Introducción (wie Anm.-1370), S.-40; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-111. Magalotti - derjenigen politischen Strömung angehörte, die eine Erneuerung der alten Verbindungen des toskanischen Hofes zu Spanien befürwortete, nimmt er zwar eine wohlwollendere Haltung gegenüber Land und Leuten ein, doch ein dezidiert positives Spanienbild vermittelt auch er nicht 1412 . Das rückständige kulturelle Niveau des Landes beklagt er ebenso wie Magalotti, und über den ruinösen baulichen Zustand und die erbärmlichen hygienischen Verhältnisse vieler Städte und Dörfer - Compostela bildet hier keine Ausnahme - zeigen sich beide mehr als einmal empört 1413 . Sicher waren die Toskaner nicht zuletzt deshalb so kritisch gesinnt, weil ihnen als Vergleichsfolie unweigerlich ihre schöne Heimat vor Augen stand: So konnte etwa die von Philipp II. errichtete königliche Jagdresidenz in den Wäldern westlich von Madrid (heute Casa de Campo) sie nur enttäuschen, denn, wie Corsini bemerkt, in Toscana non sarebbe punto impropria alla condizione d’un commodo cittadino, und auch die Giralda in Sevilla benchè sia bella non parrebbe tanto in Italia 1414 . Gornias Bericht ist wesentlich von den Interessen seines Berufs bestimmt: Der großherzogliche Leibarzt notiert beispielsweise Treffen mit Kollegen, Hospitä‐ ler und Universitäten, die er besuchte, Bücher, die er in Bibliotheken konsultierte oder die man ihm schenkte, und Therapieergebnisse 1415 . Zudem flicht er immer wieder Erklärungen zu Pflanzen und Tieren ein, zum Teil mit entsprechenden Zeichnungen 1416 . Dessen ungeachtet gibt auch er die Handlungen seines Herrn wieder, beschreibt Städte und Ortschaften, interessiert sich für Kunst und Architektur, Sitten und Gebräuche der einheimischen Bevölkerungen usw., doch fasst er sich gewöhnlich kürzer und drückt sich freier und spontaner, zum Teil auch derber aus als die beiden Kammerherren 1417 . Der knappe Text von spenditore Ciuti schließlich gibt insbesondere Aufschluss über die finanzielle Organisation der Reise, über Preise und Qualität von Waren sowie über Münzen und Wechselkurse 1418 . In der Analyse der Compostela-Beschreibung werde ich mich vorrangig auf die Berichte Magalottis und Corsinis beziehen, die am 374 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) <?page no="375"?> 1418 Vgl. S Á N C H E Z M O L L E D O , Introducción (wie Anm. 1370), S. 40; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 111. - Die Gesamtkosten der Reise beliefen sich seinem Bericht zufolge auf 52.392 Scudi. 1419 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 51f. - Zum Reiseverlauf vgl. die Stationen‐ übersichten in C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-116-118. 1420 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-52. 1421 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-52-58. 1422 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-58-64. 1423 So z.-B. in Barcelona. Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-64. 1424 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-65-75. 1425 Bis zu dieser Stelle stimmt der Reiseverlauf des jungen Fürsten - freilich durch Zufall - mit demjenigen Fabrizio Ballarinis und Silverio Rettabenis sogar im Detail nahezu völlig überein. 1426 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 75-115. - Das Spanien, das Cosimo III. 1668/ 1669 bereiste, war in einer Phase des politischen und wirtschaftlichen Niedergangs begriffen. Es war von den verlorenen Kriegen mit Frankreich und Portugal, aber auch von innenpolitischen Konflikten wie der Guerra dels Segadors (1640-1659) geschwächt. Mit dem Vertrag von Lissabon 1668 hatte die spanische Krone endgültig die Unabhän‐ gigkeit Portugals anerkennen, mit dem Pyrenäenfrieden 1659 auf die katalanischen Gebiete im Roussillon und mit dem Frieden von Aachen 1668 auf die Niederlande verzichten müssen. In Übersee wuchs der Einfluss der Franzosen und Engländer, zum Nachteil des spanischen Kolonialreichs. Große Teile der Bevölkerung fielen in dieser Zeit der Pauperisierung anheim. detailliertesten auf die Stadt eingehen, und die anderen beiden nur fallweise hinzuziehen. Cosimo und seine Gefolgsleute brachen am 18. September 1668 von Florenz auf 1419 . Binnen eines Tages erreichten sie die Hafenstadt Livorno, wo sie sich auf zwei großherzoglichen Galeeren einschifften 1420 . Mit Stationen in Portofino, Vado Ligure und Monaco sowie auf der Île de Porquerolles bei Hyères fuhren sie die ligurische Küste und die Côte d’Azur entlang 1421 . Von Marseille aus durchquerten sie den Golf von Lyon bis an die katalanische Küste, die Costa Brava, wo sie - wie auch Baldis Zeichnungen bezeugen - in den Häfen von Cadaqués, Roses und Palamós hielten 1422 . Wo immer sie Anker warfen, wurde der zukünftige Großherzog mit Salutschüssen empfangen, deren genaue Anzahl - als Indikator für das Ausmaß der ihm erwiesenen Ehre - in Magalottis Relazione Ufficiale jeweils säuberlich notiert ist 1423 . Am 29. September 1668 gingen sie in Barcelona von Bord und setzten ihre Reise nach einwöchigem Verweilen auf dem Landweg fort 1424 . Wie schon Bartolomeo Fontana, Fabrizio Ballarini/ Silverio Rettabeni und andere fromme Reisende vor ihnen zogen die Toskaner zunächst durch das Ebro-Tal zu den berühmten Marienheiligtümern von Montserrat und Saragossa 1425 , sodann über Cariñena, Daroca, Guadalajara und Alcalá de Henares nach Madrid 1426 . Während ihres vergleichsweise langen Aufenthalts in der Königsstadt vom 24. Oktober bis zum 13. November 1668 besichtigten 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) 375 <?page no="376"?> 1427 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-138f. 1428 Vgl. hierzu das ausführliche Zitat in Anm.-1375. 1429 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-146-159. 1430 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-159-220. 1431 Nicht Talavera de la Reina, wie man bei H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S.-285, liest. 1432 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-227-287. 1433 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-287-307. 1434 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-308-310. 1435 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-310-315. 1436 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-315-324. sie die reiche Kunstsammlung des Real Alcázar, und Cosimo wurde von der Regentin Maria Anna (1634-1696, zweite Frau und Witwe Philipps IV.) und dem erst siebenjährigen Karl II. (mit dessen Tod 1700 die spanische Linie des Hauses Habsburg aussterben sollte) sogar persönlich empfangen 1427 ; vor allem war er jedoch - auch hier - darauf bedacht, die lokalen Kirchen und Klöster zu besuchen 1428 . San Lorenzo del Escorial, die Grablege der spanischen Habsburger, und die königliche Sommerresidenz in Aranjuez waren die nächsten Stationen 1429 . Danach schlugen die vornehmen Reisenden den Weg nach Andalusien ein; über Toledo, Manzanares, Linares und Andújar zogen sie nach Córdoba, weiter über Castro del Río und Alcalá la Real nach Granada und über Montilla, Écija und Carmona nach Sevilla 1430 . Es folgte ein Wegstück in nördlicher Richtung, dann bogen sie bei Talavera la Real 1431 nach Westen ab, überschritten zwischen Badajoz und Elvas die Grenze nach Portugal, kamen durch Estremoz, Évora und Setúbal und erreichten am 20. Januar 1669 die Hauptstadt Lissabon, wo sie fast einen Monat verweilten 1432 . Der weitere Reiseverlauf stimmt im Wesentlichen mit dem - bereits aus dem Tagebuch des Giovanni Battista Confalonieri bekann‐ ten - Camino Portugués überein: Über Santarém, Tomar, Coimbra, Mealhada, Porto, Moreira und Viano do Castelo gelangte die Gruppe am 1. März 1669 an die Grenze nach Galicien, markiert durch den Miño, den es zwischen Valença und Tui mit zwei Booten zu überqueren galt 1433 , und nach kurzen Stationen in Redondela, Pontevedra und Padrón traf man am Abend des 3. März 1669 in Compostela ein 1434 . Drei Tage verbrachten die Reisenden in der Jakobsstadt, bis zum Morgen des 6. März 1669 1435 , dann zogen sie nach A Coruña weiter, wo sie zwölf Tage auf die Schiffe warteten, die ihnen die englische Admiralität für die Überfahrt schickte; am 19. März 1669 endlich verließen sie Spanien auf dem Seeweg in Richtung England 1436 . Compostela war nicht das Endziel der Reise, aber zweifellos eine wichtige Station, der Cosimo mit freudiger Ungeduld entgegenharrte; jedenfalls ließ er 376 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) <?page no="377"?> 1437 Vgl. Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 67: Si tirò avanti lasciando in dietro il bagaglio, e parte della gente che detto luogo non potette passare per quella sera. 1438 Vgl. Corsini, Relazione (wie Anm.-155), S.-67. 1439 Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-310. 1440 Liber (wie Anm.-25), S.-251. 1441 Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 310. Vgl. Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 67. 1442 Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 67f. Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 310. auf den letzten Meilen, wie (nur) Corsinis Tagebuch bezeugt, sein Gepäck und einen Teil seines Gefolges in Padrón zurück und eilte mit dem anderen Teil voraus, um die Stadt nur schneller zu erreichen 1437 . Da er gleichwohl erst nach Einbruch der Dunkelheit eintraf, begab er sich - im Unterschied zu den meisten bisherigen Autoren - nicht zuerst in die Kathedrale, sondern ins Kloster Santo Agostiño am östlichen Stadtrand, wo ein Quartier für ihn bereitet war 1438 . Die Relazione Ufficiale dagegen schweigt über die plötzliche Eile des jungen Fürsten; sie beschreibt die Ankunft genregemäß nüchtern, ohne jede emotionale Regung, und gibt dabei einen vagen Eindruck von der natürlichen Umgebung der Stadt: In distanza di più di mezza lega si scoprí la città di Compostela; e passato un piccol rio, che scorre nella valle si salí il monte e si provò disagevole la strada fino alla porta della Città di dove si andò a dirittura al Convento di S. Agostino dove era preparato il quarto 1439 . Da sich die Reisenden auf dem Camino Portugués, mithin aus südlicher Richtung näherten, dürfte es sich bei dem kleinen Fluss, den sie vor Compostela passierten, um den Sar handeln und bei der Pforte, durch die sie die Stadt betraten, entweder um die Porta Faxeira oder um die Porta da Mámoa, eher aber um die Porta Faxeira, von der nämlich, wie es schon im Liber Sancti Jacobi heißt, die Straße nach Padrón führt: Porta de Falgueriis, que ducit ad Petronum 1440 . Nach einem kurzen Gespräch mit dem Prior des Augustinerklosters ging Cosimo zeitig zu Bett; tags darauf suchte er in aller Frühe die Kathedrale auf, und zwar incognito (senza darsi a conoscere) und ohne Entourage (senza alcun seguito) 1441 . Er hörte die Messe in einer der Kapellen, betete vor dem Hauptaltar, sah sich noch eine Weile im Gebäude um und kehrte schließlich ins Kloster zurück, wo er wegen des unaufhörlichen Regens den übrigen Tag - una giornata assai noiosa - verbrachte; ein wenig Unterhaltung verschafften ihm lediglich zwei italienischkundige Kanoniker der Kathedrale, die herbeigeeilt waren, um ihm zu huldigen 1442 . Da sich das Wetter nicht besserte, blieb Cosimo auch am nächsten Morgen in seinem Quartier; am Nachmittag dann begab er sich - trotz des weiter anhaltenden Regens - in die Kirche des östlich von Compostela (vor der Porta do Camiño) gelegenen Klosters San Domingos de Bonaval, um sich dort mit dem Erzbischof Ambrosio Ignacio Spínola y Guzmán 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) 377 <?page no="378"?> 1443 Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 310f. Vgl. Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 68. 1444 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 311; Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 68. 1445 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 315; Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 70. 1446 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 310-315; Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S.-67-70. (1668-1669) zu treffen, den Magalotti als Prelato di bontà et integrità singolare lobt 1443 . Anschließend empfing er noch einmal die beiden Kanoniker vom Vortag sowie den erzbischöflichen Oberstallmeister (Cavallerizzo Maggiore) - so zumindest Magalotti; Corsini hingegen spricht parallel vom erzbischöflichen Kammerdiener (Ministro di Camera) -, der sich im Namen seines Herrn höflichst nach dem Befinden des jungen Fürsten erkundigte und ihm eine gute Weiter‐ reise wünschte 1444 . Am nächsten Tag verließ Cosimo, nach gehörter Messe in der Kirche des Augustinerklosters und erneutem Gebet in der Kathedrale, Compostela in Richtung A Coruña 1445 . Die beiden Kammerherren widmen der Apostelstadt jeweils einen Eintrag von mehreren Seiten 1446 . Schon dadurch erscheint sie als eine der wichtigen Stationen im Reiseverlauf, obgleich andere Städte der Iberischen Halbinsel wie Barcelona, Saragossa, Madrid, Córdoba, Granada, Sevilla, Lissabon und selbst A Coruña umfassender beschrieben werden. Magalottis Eintrag ist länger als Corsinis; dies liegt im Wesentlichen daran, dass er - da die Relazione Ufficiale, wie erwähnt, auch für eine Auswertung durch die toskanische Hofkanzlei potenziell nützlich sein sollte - äußerst detailliert über die politische Stellung und Organisation des Erzbistums handelt: Er zählt die hohen und niederen Kirchenämter auf, nennt im Einzelnen die Namen der Kardinäle, des Dekans, des Kantors, des Schatzmeisters, des Scholasters, der Archidiakone und der Prioren, nebst jeweils den ihnen zustehenden Einkünften, geht auf ihre Privilegien ein, auf ihre Kleidung, auf Regularien zur Aufnahme neuer Kanoniker und auf die Einnahmen des Kapitels, insgesamt etwa 100.000 Scudi jährlich, die sich vornehmlich aus dem Voto de Santiago speisten, das erst 1643 von Philipp IV. 378 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) <?page no="379"?> 1447 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 312-314. - Das Jakobusgelübde (Voto de Santiago) soll der asturische König Ramiro I. vor der berühmten Schlacht von Clavijo (844) abgelegt haben. Es zwang alle christlichen Untertanen in Asturien, León und Kastilien, später auch in anderen Teilen des Landes, Abgaben an das Kathedralkapitel von Santiago de Compostela zu leisten. Erst durch die Verfassung von 1812, erarbeitet von den Cortes de Cádiz vor dem Hintergrund des Spanischen Unabhängigkeitskrieges (1808-1814), wurde der Voto de Santiago schließlich abgeschafft. Einschlägig zum Voto de Santiago sind die Arbeiten von R E Y C A S T E L A O , El voto (wie Anm. 219); D I E S ., La renta del Voto de Santiago y las instituciones jacobeas, in: Compostellanum 30/ 3-4 (1985), S. 323-368; D I E S ., La crisis de las rentas eclesiásticas en España: el ejemplo del Voto de Santiago, in: Compostellanum 31/ 3-4 (1986), S. 365-409; D I E S ., La Monarquía y la Iglesia de Santiago en los siglos XVI y XVII, Santiago de Compostela 1988; D I E S ., El Voto de Santiago: claves de un conflicto, in: Compostellanum 38 (1993), S.-545-573. 1448 Vgl. Corsini, Relazione (wie Anm.-155), S.-69. 1449 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-120. 1450 Corsini, Relazione (wie Anm.-155), S.-68. 1451 Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 311. Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 244; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 120. - Zur Stadtmauer vgl. F E R N Á N D E Z G A S A L L A , Las murallas (wie Anm.-429), insb. S.-8. 1452 D O M Í N G U E Z F E R R O , Giovan Battista Gornia (wie Anm.-155), S.-263. 1453 Der hier zitierten Ausgabe von Magalottis Relazione Ufficiale sind alle Veduten, die Baldi während der Reise anfertigte, in einem separaten Bildband (Tabulae Baldi) beigegeben. - Die Originalvedute ist, wie bereits erwähnt, Teil der zweibändigen Handschrift, die mit den Signaturen Med. Pal. 123,1 und Med. Pal. 123,2 in der Biblioteca Medicea Lau‐ erneuert und zu einer - zusätzlich zum Kirchenzehnt zu entrichtenden - nationalen Abgabe erklärt worden war 1447 . Auch Corsini geht auf die kirchliche Ämterhierarchie und besonders auf Einkünfte, Privilegien und Kleidung der höheren Kleriker ein, fasst sich dabei jedoch deutlich kürzer 1448 . Dessen ungeachtet beschreibt er Compostela ähnlich umfassend wie Magalotti; die Elemente, die ihm erwähnungswürdig erscheinen, sind im Wesentlichen dieselben, und sein Urteil ebenso negativ 1449 . Die Kam‐ merherren zeichnen ein Bild des Verfalls: Corsini zufolge sei die Stadt assai piccola e rovinata con molte case di legno, ihre Straßen strette e disuguali und ihre Mauern di pietra ma basse, et in molti luoghi o’ rovinate, o’ minaccianti rovina 1450 . Parallel dazu tadelt Magalotti sie als [p]iccola, brutta e per lo più fabricata di legna, ihre Mauern seien di pietra tramezzate da torri, ma tutte ricoperte d’ellera e gran parte di esse in stato di rovinare 1451 . Und auch aus Gornias Tagebuch spricht Enttäuschung: Compostela sei cinta di mura antiche con torrioni quadri und bestehe aus due mila case di fabriche miserabilissime 1452 . Der ruinöse Zustand insbesondere der schon 600 Jahre alten Stadtmauer, einst errichtet unter Kriegerbischof Cresconius (1037-1066), ist zudem durch Baldis berühmte Vedute (Abb. 15) bezeugt, auf der deutliche Schäden an den westlichen Mauerabschnitten zu erkennen sind 1453 . Negativurteile über Compostela sind 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) 379 <?page no="380"?> renziana in Florenz verwahrt wird. - Ende des 15. Jahrhunderts scheint die Stadtmauer noch in besserem Zustand gewesen zu sein; jedenfalls vermerkt Hieronymus Münzer etwa, der sich durchaus nicht scheut, auch tadelnswerte Aspekte zu benennen, 1494 noch neutral bis positiv, die Stadt sei antiquissimo muro cum multis et fortissimis turribus munita. Münzer, Itinerarium (wie Anm.-743), S.-94. 1454 Vgl. Kapitel 3.4, 3.6, 4.2 und 4.4. 1455 Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-314. 1456 Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 244: „en el relato […] encontramos por primera vez la mención de la lluvia de Compostela, que no había suscitado comentario por parte de los anteriores viajeros ni peregrinos“; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 287: „Der Berichterstatter Corsini erwähnt, und das zum ersten Mal, denn in den anderen Pilgerberichten vor ihm ist nie die Rede davon, den immerwährenden Regen.“ 1457 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-321. bereits in früheren Zeugnissen vielfach dokumentiert - erinnert sei beispiels‐ weise an den anonymen Florentiner von 1477, Jean de Tournai, Jan Taccoen van Zillebeke und Cristofaro Monte Maggio da Pesaro 1454 ; neu ist allerdings die Betonung des baulichen Verfalls und der minderen Qualität der Häuser, die, wie beide Kammerherren notieren, größtenteils aus Holz gebaut waren. Aufschlussreich erscheint in diesem Zusammenhang - wie im nächsten Kapitel zu zeigen sein wird - der Vergleich mit dem Bericht des etwa zeitgleich (1666/ 1670/ 1673) reisenden Domenico Laffi: In der unverkennbaren Absicht, ein besonders positives, ja ‚geschöntes‘ Bild von Compostela zu vermitteln, spart er die efeuüberwucherte, verfallene Stadtmauer in seiner Beschreibung aus, und auch von Holzbauten und engen Gassen ist bei ihm nicht die Rede. Im Ganzen bot Compostela einen tristen Anblick; dazu trug zweifellos auch der immerwährende Regen bei, den beide Kammerherren vielfach notieren. Magalotti schließt seine Stadtbeschreibung gar mit dem folgenden ironischen Kommentar: Queste sono le cose più riguardevoli di Sant’Jago alle quali se n’aggiunge una conside‐ rabilissima, che è la continua, e incessante pioggia, che per sei mesi d’Inverno quasi senz’alcuna intermissione vi discende dal cielo, e in ogn’altra stagione se umido vi è per l’aria in tutta Galizia è forza che in S. Jago si rammassi in acqua, e discenda piovendo 1455 . In der Forschung (z. B. bei Vázquez de Parga et al. und Herbers/ Plötz) liest man zuweilen, dass es sich hier um die allererste Erwähnung des für die Jakobsstadt so typischen Dauerregens im Korpus der mittelalterlichen und frühneuzeitli‐ chen Berichtliteratur handele 1456 . Dem ist jedoch entgegenzuhalten, dass bereits Jean de Tournai bei seiner Ankunft in Compostela am 25. Januar 1489 über heftigen Regen und Sturm klagt: et se pleut et venta et tonna, et fuz tout mouillet, et par toutte la journee je ne faisoie que pescher en eaue jusques a my gambe 1457 . Auch 380 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) <?page no="381"?> 1458 Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-38. 1459 Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 212. - Jean de Tournai, Fabrizio Ballarini, Giovanni Battista Confalonieri und die Kammerherren des jungen Cosimo III. de’ Medici sind die einzigen Autoren im hier analysierten Korpus, die sich zum Wetter in Compostela äußern. Belege im außerromanischen Raum sind mir nicht bekannt. Vgl. P L ÖT Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm.-94), S.-46. 1460 Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 314, außerdem S. 310 (la pioggia, il tempo piovoso), 316 (un tempo il più perverso del mondo), 317 (il tempo, che di momento in momento si faceva più burrascoso). Öfter noch weist Corsini auf den Dauerregen hin: Relazione (wie Anm.-155), S.-67 (la pioggia che cominciata sull’ora del desinare, andò per tutto il giorno continuando), 68 (l’istessa pioggia, che quasi tutta la notte era continuata, piovesse), 70 (piovve quasi tutta la notte, con vento furiosissimo, e così andò continuando buona parte della mattina, il temporale stranissimo con acqua e vento), 71 (l’istesso vento con pioggia, la tempesta), 72 (incessantemente tirò il vento la notte, e per tutto il giorno seguitò con qualche interrotta scossa d’acqua, continuò […] l’istesso tempo). 1461 Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-311. 1462 Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 68. - Unter den bisher analysierten romanischen Autoren hebt nur Giovanni Battista Confalonieri (Kapitel 4.6) einige Klöster und andere Orte der Stadt mit Namen heraus. Schon Antoine de Lalaing (Kapitel 4.1) gibt zwar an, dass es dort zwölf Klöster und Kirchen gebe, er geht aber im Einzelnen nicht näher auf sie ein. Bei nicht-romanischen Autoren finden sich ältere Belege; zur Übersicht vgl. P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm.-94), S.-88-90. Fabrizio Ballarini bezeugt zumindest für seinen dritten Aufenthaltstag, den 11. August 1588, heftigen Regen: Giovedì li 11 del detto […] piove una gran burlata 1458 , und Giovanni Battista Confalonieri vermerkt lakonisch: Spesso vi piove 1459 . Anders jedoch als bei diesen früheren Autoren fungiert der Regen hier geradezu als Leitmotiv der gesamten Galicienbeschreibung, so beharrlich erinnern die Kammerherren, insbesondere Corsini, immer wieder an sein Fortdauern, und wie die zitierte Stelle aus der Relazione Ufficiale belegt, wird er gleichsam als festes Charakteristikum der Stadt - als eine der cose più riguardevoli di Sant’Jago - angesehen 1460 . Bei allem Tadel gebe es doch, wie der Chronist einräumt, tre o quattro fabriche assai buone in Compostela, nämlich die Kathedrale und die beiden Klöster Santo Agostiño und San Domingos de Bonaval; ebenso seien der Erzbischofspalast, das Hospital Real und der Colexio de San Xerome fabriche magnifiche 1461 . Corsini hebt genau dieselben sechs Orte hervor, fügt ihnen aber noch das Kar‐ meliterkloster hinzu 1462 . Damit geben die Kammerherren eine differenziertere Darstellung der Stadttopographie als die meisten früheren Autoren, die, wie vielfach erwiesen, fast ausschließlich auf die Kathedrale eingehen. Allerdings handelt es sich auch bei den von ihnen fokussierten Gebäuden wiederum ohne Ausnahme um kirchliche Orte. Erst am Schluss seines Compostela-Eintrags weist Corsini zudem - als einer der wenigen Autoren im hier betrachteten 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) 381 <?page no="382"?> 1463 Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 70. - Gornia vermerkt parallel dazu: Vi è lo Studio con dodici lettori, e un medico solo al presente solendo esserne due. D O M Í N G U E Z F E R R O , Giovan Battista Gornia (wie Anm.-155), S.-264. - Vgl. Anm.-1277. 1464 Im 18. Jahrhundert wurde er zur Plaza Mayor erhoben. Heute ist er als Praza do Obradoiro nach den Werkstätten (obradoiros) der Steinmetze benannt, die dort einst ansässig waren. 1465 Lediglich noch zum Dominikanerkloster San Domingos de Bonaval gibt Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 311, eine knappe Charakterisierung: Fuori della Città in piccola distanza è situato il detto Convento dei Domenicani, fabrica antica sebbene ha una porta assai magnifica, alla quale non corrisponde la Chiesa colla sua antichità e coi monumenti per terra all’usanza di Spagna. 1466 Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-311. 1467 Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-311. Korpus - auf die städtische Universität hin, die jedoch wenig Eindruck auf ihn machte: Nella Città vi è uno studio, dove leggono 12 Dottori, non vi è però molti scolari 1463 . Darüber hinaus verzeichnen die Berichte keine weiteren Orte der Stadt, wohl aber lässt sich noch manches hoch aufragende Gebäude (z. B. die Klöster San Martiño Pinario und San Paio de Antealtares oder auch die Igrexa das Orfas) auf Baldis Vedute (Abb. 15) identifizieren. Sieht man einmal von den drei Klöstern ab, so konzentrieren sich die erwähn‐ ten Gebäude allesamt um den westlich der Kathedrale gelegenen Hauptplatz von Compostela, die Praza do Hospital 1464 . Und auch nur diesem engen Ausschnitt des Stadtraums ist jeweils eine genauere Beschreibung gewidmet 1465 ; so berichtet Magalotti von una piazza che termina colle mura ed ha sue tre facce occupate una dalla Chiesa che resta in mezzo alla Canonica e al Palazzo Archiepiscopale, l’altra dallo Spedale dei Pellegrini e l’altra da un Collegio; che tutte son fabriche antiche e magnifiche 1466 . Auf den Colexio de San Xerome und das Hospital Real geht er noch genauer ein, er benennt Stifter und Zweck beider Einrichtungen und kritisiert, dass das prächtige Pilgerhospiz damals nur Kranke aufnahm und die ihm ursprünglich vom Katholischen Königspaar zugedachte Funktion - nämlich, Pilgern drei Tage Unterkunft zu gewähren - nicht erfüllte: Quest’ultimo [der Colexio de San Xerome] è fondazione d’un Arcivescovo Fonseca, dal quale fu anco assai convenientemente dotato per sostentamento dei lettori e dei suggetti che in esso vivono. Lo Spedale, che è fabrica grandissima fu fondato dai Re Cattolici Ferdinando e Isabella. Dovrebbe secondo l’intenzione de’ suoi Reali fondatori essere Ospizio per tre giorni a tutti i pellegrini, ma presentemente è ridotto a ricevergli semplicemente come Spedale, cioè quando vi giungono infermi 1467 . 382 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) <?page no="383"?> 1468 Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-311. 1469 Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 311. - Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 68, dagegen fasst sich kürzer: La Cattedrale è di architettura Gottica con tre navate assai grandi. - Ursprünglich war die Kathedrale im romanischen Stil erbaut worden; durch zahlreiche Umbau- und Erweiterungsarbeiten kamen im Laufe der Jahrhunderte gotische, rinascimentale, barocke und klassizistische Elemente hinzu. Eine von Erzbi‐ schof Juan Arias (1238-1266) geplante grundlegende Umgestaltung der Kathedrale im gotischen Stil scheiterte an der Finanzierung. Vgl. José Antonio P U E N T E M Í G U E Z , La catedral gótica de Santiago de Compostela. Un proyecto frustrado de D. Juan Arias (1238-1266), in: Compostellanum 30 (1985), S.-245-275. 1470 Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 68. - Parallel dazu vermerkt Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 311f.: Quivi dicono conservarsi il corpo dell’Apostolo in una cassa d’Argento che posa sopra all’altar grande, benchè mezza coperta dagli ornamenti di legno dorato. Im Ganzen bestätigt sich hier erneut, was bereits bei Jan Taccoen van Zillebeke und Giovanni Battista Confalonieri zu erkennen war: Abseits der Kathedrale liegt der Fokus der Stadtperzeption nicht mehr wie etwa im Liber Sancti Jacobi und bei Jean de Tournai auf dem nördlichen Vorplatz, dem alten Paradies, das von den toskanischen Kammerherren nicht einmal erwähnt wird, sondern auf dem westlichen Vorplatz, der Praza do Hospital mit den dort im Laufe des 16.-Jahrhunderts neu entstandenen Prachtbauten. Wie üblich ist der Großteil der Beschreibung aber jeweils der Jakobskirche gewidmet, la più riguardevole unter den fabriche migliori der Stadt 1468 . Beide Autoren bestimmen ihren Baustil (angeblich gotisch) und ihren Grundriss (ein Kreuz mit drei Schiffen); Magalotti nennt ferner ihren adligen Gründer, den bereits in Kapitel 1.1 erwähnten Alfons II. den Keuschen von Asturien, der nach der Überlieferung über dem neu entdeckten Jakobsgrab - an der Stelle der heutigen Kathedrale - die erste Kirche von Compostela erbauen ließ: La facciata della Chiesa è d’ordine gotico con una porta moderna di pietra fatta dal detto Arcivescovo Fonseca. La Chiesa fu fondata dal Re Alfonso il Casto; ella è in forma di croce grande a tre navi, la di mezzo maggiore delle due laterali, le quali ricorrono intorno alla croce 1469 . Anschließend widmen beide dem Hauptaltarraum eine knappe Beschreibung: nella Cappella maggiore della [Cattedrale] è l’Altar con la Cassa, dove dicono essere il Corpo di S. Jago. Questa è tutta d’Argento come buona parte dell’Altare con una pergamena alta assai all’antica di legno dorato 1470 . An späterer Stelle weist Magalotti zudem auf die seit dem Ende des 15. Jahrhunderts dem König von Frankreich geweihte Stirnkapelle hin, una Cappella detta del Re di Francia, in der die Pilger ihre Devotionen zu verrichten pflegten und ihnen fedi, d. h. Beglaubigungsschreiben über die vollendete Pilgerfahrt - jene Vorläufer der 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) 383 <?page no="384"?> 1471 Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 314. - Auch Gornia notiert, die Pilger bekämen in der Kathedrale la fede stampata e sigillata col pregare ogni fedele a fargli la carità in viaggio così lungo. D O M Í N G U E Z F E R R O , Giovan Battista Gornia (wie Anm. 155), S. 265. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 122. - Die alte Capela do Salvador, die als altare sancti Salvatoris schon in Liber (wie Anm. 25), S. 254, erwähnt wird, war damals unter Pilgern besser bekannt als Capela do Rei de Francia. Die Verbindung der französischen Könige zu Santiago de Compostela reicht weit ins hohe Mittelalter zurück: Schon Ludwig VII. pilgerte 1154/ 1155 zum Grab des Apostels. Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 64. Ludwig IX. soll es ihm - wofür es jedoch keine sicheren Belege gibt - um 1250 gleichgetan haben, ebenso Philipp der Kühne 1377. Vgl. Antonio L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia de la Santa A. M. Iglesia de Santiago de Compostela 6, Santiago de Compostela 1903, S. 300. Dessen Bruder, Karl V., schickte der Kathedrale von Compostela 3.000 Florentiner Gulden für die Einrichtung dreier Kaplanstellen in der Capela do Salvador, die seitdem als Capela do Rei de Francia bekannt war. Vgl. L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 6 (wie Anm. 1471), S. 210f. An diese jahrhundertalte Tradition anknüpfend, ließ Ludwig XI. der Kathedrale zeit seines Lebens zahlreiche Donationen zukommen, kurz vor seinem Tod 1483 noch die bereits erwähnten Glocken der Torre do Relox (bzw. do Rei de Francia), die wohl auch als Kompensation für die Nichterfüllung seines 1482 abgelegten Gelübdes, selbst nach Compostela zu ziehen, fungierten. Vgl. V Á Z Q U E Z C A S T R O , La Berenguela y la Torre del Reloj (wie Anm.-1335), S.-122f. 1472 D O M Í N G U E Z F E R R O , Giovan Battista Gornia (wie Anm.-155), S.-264. 1473 Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 69. - Ein anderer Adliger des 17. Jahrhunderts, der in Kapitel 1.2 erwähnte Lyoner Magistrat Balthasar de Monconys, zeigt sich gleichfalls enttäuscht von Compostela und seiner Kathedrale: Le 21. [d. h. am 21. Juni 1645] ayant vn peu reposé, nous allasmes voir la ville de S. Iacques, où il n’y a rien de remarquable que le nom de ce Saint qu’on dit y estre enterré ; mais iamais personne n’y a rien veu autre qu’vn petit Bust de bois fort malfait de ce S. qui est sur le grand Autel […]. L’Eglise n’a rien de remarquable que les belles Plateformes qui sont autour & dessus : car on y marche tout autour sur de grands degrez de pierre de taille. Monconys, Journal (wie Anm. 143), S.-16. heutigen sog. Compostela, die schon Cristofaro Monte Maggio da Pesaro und Fabrizio Ballarini/ Silverio Rettabeni bezeugen -, ausgestellt wurden 1471 . Andere Orte der Kathedrale erwähnen die vornehmen Reisenden nicht, und im Ganzen scheint ihr Inneres sie eher enttäuscht zu haben; so vermerkt Gornia, das Gebäude sei buia assai, e più vistosa fuori, che dentro 1472 , und Corsini moniert: Non tengono questo Santuario con molto decoro, non mantenendovi accese altro che quattro candele assai sottili et alcune poche lampade 1473 . Besonders auffällig im Vergleich mit früheren Berichtautoren erscheint, dass sie, sieht man einmal vom corpus apostolicum ab, keinerlei Interesse für die dort verwahrten Reliquien bekunden. Weder ist von einer Besichtigung der Heiltumskammer die Rede, noch von den Sekundärbzw. Kontaktreliquien des hl. Jakobus: seinem Pilgerstab, seinem Predigtkreuz und der Wunderglocke aus Santo Domingo de la Calzada. Man ist versucht, dies mentalitätsgeschichtlich als Indiz für 384 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) <?page no="385"?> 1474 D O M Í N G U E Z F E R R O , Giovan Battista Gornia (wie Anm.-155), S.-264. 1475 Zur aperta vgl. Anm.-865 und 868. schwindendes Interesse an der Reliquienverehrung und überhaupt für zuneh‐ mende ‚Verweltlichung‘ zu deuten. Andererseits würdigen die meisten späteren Pilger-Autoren den Heiltumsschatz der Kathedrale durchaus; Guillaume Manier etwa, der Compostela im Jahr 1726 besuchte, ist sogar die wohl umfangreichste Reliquienliste im gesamten hier analysierten Korpus zu verdanken. In jedem Falle aber ließ sich für die früheren Berichte, für diejenigen des 15. und 16. Jahr‐ hunderts, noch eine gewisse Regelmäßigkeit konstatieren: Sofern sie überhaupt eine Beschreibung der Stadt enthalten und nicht nur Itinerar (Nompar II. de Caumont) oder reiner Wegführer (Hermann Künig von Vach) sind, weisen sie fast alle auf die Heiltumskammer hin und heben dabei typischerweise das berühmte Jakobushaupt, das Lignum Crucis und den Dorn von der Corona Spinarum heraus. In denjenigen des 17. und 18. Jahrhunderts ist nun - wie sich in den nächsten Kapiteln bestätigen wird - die Bandbreite größer: Manche, wie Magalotti und Corsini, ignorieren die Reliquien weitgehend; andere, wie Guillaume Manier, aber auch Gian Lorenzo Buonafede Vanti, erfassen sie in seitenlangen Katalogen. Spielt der Faktor Stand dabei eine Rolle? Waren unter dem gebildeten Adel vielleicht im Vorfelde der Aufklärung bereits andere Devotionspraktiken verbreitet, während das einfache Volk und Teile des Klerus weiterhin einer ‚naiven‘ Schaufrömmigkeit anhingen? Um hierüber valide Aussagen machen zu können, fehlt es an vergleichend heranziehbaren Quellen, denn die Kammerherren des jungen Medici sind die letzten adligen Autoren im hier betrachteten Korpus. Erstaunt notieren die toskanischen Reisenden den großen Zustrom an Gläu‐ bigen, der, wie Gornia meint, in seltsamem Kontrast zum eher ärmlichen Schatz der Kathedrale stehe: Il tesoro della chiesa è poverissimo a paragone del concorso 1474 , und schildern eingehend ihr frommes Handeln, namentlich die aperta 1475 . In der rituellen Umarmung der über dem Hauptaltar sitzenden Jakobsstatue sahen die gebildeten Edelmänner einen Ausdruck übertriebener Frömmigkeit, eine abergläubige und unanständige Geste, die umso lächerlicher wirke, als die Pilger, um die Hände frei zu haben, ihre Hüte von hinten auf den Kopf des Apostels ablegten, sodass dieser von unten betrachtet immerzu seine Gestalt zu verändern schien. Vor allem aus Magalottis Relazione Ufficiale lassen sich unüberhörbar Spott und Empörung vernehmen: Sopra di essa [d. h. über dem Schrein des hl. Jakobus] è la statua del Santo a sedere con un ornamento di gioie intorno al collo e per di dietro sono le scalette per le quali salgono i pellegrini e chiunque vuole ad abracciarla con ridicola e supertiziosa pietà e la folla vi 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) 385 <?page no="386"?> 1476 Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-312. 1477 Corsini, Relazione (wie Anm.-155), S.-68f. 1478 Jacopo Ciuti, Viaggio del Ser.mo Principe Cosimo di Toscana l’anno 1667, Florentiner Staatsarchiv, Mediceo del Principato, 6388, fol. 33 r -73 r , hier fol. 53 r . - Gornia schreibt, sull’alto dell’altare […] è una statua dell’Apostolo di pietra rossa antica, quale da pellegrini è abbracciata, baciata e messovi il cappello in testa, che è nuda, per devozione. D O M Í N G U E Z F E R R O , Giovan Battista Gornia (wie Anm. 155), S. 264. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-121f. è così grande e continua, che ad ogn’ora del giorno vi è gente, che si esercita con simil funzione essendovi di quegli che non contenti nè di uno, nè di due, nè di tre repetono dieci e quindici abbracciamenti in diverse parti della persona ora stringendogli il collo or le spalle or la cintura, secondo che l’impeto o piuttosto la frenesia di lor tenera devozione li consiglia; ed è cosa indecente e ridicola, il vedere, che gli uomini per non saper che farsi del cappello per levarsi quell’impaccio di mano lo posano per di dietro sulla testa del santo, il quale veduto di Chiesa, muta ogni momento foggia di cappello 1476 . Auch Corsini übt harsche Kritik; zudem weist er auf den verbalen Teil des Rituals - die dreifach ausgesprochene Bitte um Fürsprache bei Gott - hin: Sopra la detta cassa vi è la statua del Santo, la quale non sò se dica mosse da devozione, o’ si vero da superstizione vanno le donne ad abbracciare per di dietro tre volte dicendo: Amigo encomienda me a Dio. Gl’uomini ciò fanno ancor loro ponendo di più in detto tempo il lor Cappello sopra la testa del Santo, che con la diversità di essi cangiando bene spesso figura apparisce cosa (Stimai lecito il dir così) ridicolosa 1477 . Knapper und ohne Wertung gehen Gornia und Ciuti auf die aperta ein; bei letzterem findet sich ergänzend der interessante Hinweis, dass die Pilger an‐ schließend corone, medaglie e crocette an der Statue rieben, wohl in der Hoffnung, dass sich etwas von deren Heiligkeit auf sie übertragen möge 1478 . Im Jahr 1669 stand der Umbau des Altarraums unter Chorherrn und Baumeis‐ ter José Vega y Verdugo (1623-1696, Kanonikat 1649-1672), der in Compostela den barocken Stil eingeführt hatte, unmittelbar bevor. Wie sich den Berichten der beiden Kammerherren entnehmen lässt, waren die Vorbereitungen für die Errichtung des heutigen schmuckreichen Altarbaldachins mit seinen 36 Säulen aus vergoldetem Holz und seinem Marmorsockel bereits in vollem Gange: Die mittelalterliche Überbauung, die im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi detailliert beschrieben wird, in breve sarà messa in terra e in [suo] scambio si stà facendo un’ornamento ricchissimo con 36 colonne grosse di legno dorato, le quali hanno a posare sopra un piede stallo andante di marmi di diversi colori, che rigira secondo la pianta della tribuna 1479 . Die polychrome Steinstatue des hl. Jakobus, die noch auf die Zeit von Baumeister Mateo zurückgeht, sollte den Umbau zum 386 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) <?page no="387"?> 1479 Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 312. - Vgl. Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S.-69: Al presente gli vanno fabbricando una Cappella di marmi un poco più onorevole, la quale sarà retta sopra 36 colonne di legno dorato, che rigirano in figura di mezzo cerchio sopra alcuni piedistalli andanti di marmi di varj colori; D O M Í N G U E Z F E R R O , Giovan Battista Gornia (wie Anm. 155), S. 264: ora si fabbrica una crona nuova con una statua di bronzo per levare la vecchia, che è di legno antica, ed in fronte coperta di plata. La forma sua è piramidale sopra due colonne dalla parte di dietro e due meze pendenti co’ capitelli avanti, quali p[er]ò sono fortificate con un arco che abbraccia e si fonda nel muro di quà e di là dall’altare all’ingresso del quale vi è una ferraiata grande. - Zum alten Ziborium vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-255f. 1480 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-84. 1481 Magalotti, El viaje (wie Anm.-200), S.-314. Glück überstehen - sie empfängt auch heute noch die Umarmungen der Pilger. Wie etwa die Briefe des Gian Lorenzo Buonafede Vanti bezeugen, sollte sie in spätbarocker Zeit lediglich mit solch charakteristischen Attributen wie einem silbernen Pilgerstab und einer edelsteinbesetzten silbernen Pelerine aufgewertet werden 1480 . Neben dem Hauptaltar mit dem Reliquienschrein und der Jakobsstatue erregt noch ein anderes typisches Element der Kathedrale die Aufmerksamkeit der vornehmen Reisenden, nämlich der botafumeiro (Abb. 16), das übergroße silberne Weihrauchfass, das auch heute noch an hohen Festen - in Heiligen Jahren sogar täglich - im Querhaus geschwungen wird: Vi è un rito antichissimo, vermerkt Magalotti in seiner Relazione Ufficiale, d’incensare nelle funzioni e processioni solenni; ciò si fa con un incensiere di figura sferica dove la padelletta del fuoco sta messa in bilico. Tutto questo è appeso ad un’ordigno di ferro, che sta dentro alla cupola e volendosi incensare se gli da il moto per via d’una fune, che si ravvolge a un rocchetto, alla quale essendo diversi capi s’attaccano più persone come al martino, con cui si ficcano i pali in terra. Ora cominciando in tal modo l’incensiere a muoversi a guisa di pendolo a poco a poco, se gli va crescendo talmente il moto, che arriva nei bracci della croce poco meno che a toccar la volta onde per la furia del moto il fuoco si leva in fiamma e sfavilla in grandissima copia fuori dell’incensiere 1481 . 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) 387 <?page no="388"?> 1482 Vgl. Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 69f.: Nella Cupola che è nel mezzo dove si dividono i due bracci della Croce è attaccata alla volta di essa una fune, dove in occasione di precessioni o’ feste solenni Riservano un antico costume di attaccare un incensiere d’argento rotondo, la padelletta del quale stà in plico e la detta fune è Raccomandata dall’altra parte ad un fuso, come argano al quale danno il moto quattro persone che cominciando a poco a poco giugne a tanta altezza, che quasi tocca la volta, et arriva quasi alla muraglia, che termina i bracci della Croce, e ciò è con tanta vehemenza che il Carbone si Riduce in fiamma. 1483 Vgl. D O M Í N G U E Z F E R R O , Giovan Battista Gornia (wie Anm. 155), S. 264: Vi è il Coro in mezzo e avanti il Coro la Cupola alta odorata con un profumiere appeso in mezzo. Abb. 16: Großes Weihrauchfass, bekannt als botafumeiro, in der Vierung der Kathedrale von Santiago de Compostela; im Hintergrund der barocke Baldachin des Hauptaltars. Ähnlich detailreich fällt Corsinis Beschreibung des riesigen Turibulums aus 1482 . Gornia dagegen fasst sich wiederum kürzer, er spricht von einem profumiere, der an der Vierungskuppel angebracht sei, erläutert jedoch nicht dessen Funk‐ tionsweise 1483 . Im dritten Teil des Liber Sancti Jacobi - auf fol. 162 - erwähnt bereits eine aus dem 14., möglicherweise aber auch erst aus dem 15. Jahrhundert stammende Randnotiz das große Weihrauchfass; daher vermutet man, dass die 388 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) <?page no="389"?> 1484 Vgl. Xesús C A R R O G A R C Í A , O botafumeiro da Catedral compostelán, in: Nos 109 (1933), S. 6-10; V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 2 (wie Anm. 428), S. 401; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm.-6), S.-227. 1485 Münzer, Itinerarium (wie Anm.-743), S.-95. 1486 Vgl. Narciso C A S A S C A L L A D O , Historia y Artes en las Catedrales de España, Madrid 2013, S. 401. - Während des Spanischen Unabhängigkeitskrieges (1808-1814), im April 1809, wurde es von den Napoleonischen Truppen geraubt. Ein neuer botafumeiro, derselbe, der auch heute noch im Gebrauch ist, wurde 1851 vom Goldschmied José Losada hergestellt. Vgl. Ana P É R E Z V A R E L A , Las obras de platería de la catedral de Santiago en el siglo XIX a través de la documentación de su Archivo, in: Annuarium Sancti Jacobi 8 (2019), S.-253-291, hier S.-259; 272f. 1487 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 206; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 82. - Nach Buonafede Vanti findet sich bei den in dieser Arbeit berücksichtigten Pilger-Autoren des 18.-Jahrhunderts (Giacomo Antonio Naia, Guillaume Manier, Nicola Albani) kein weiterer (eindeutiger) Beleg für das große Weihrauchfass mehr. 1488 Christoph Gunzinger beschreibt das große Weihrauchfass im Kontext einer feierlichen Prozession, die am 27. Juli 1654 zur Verehrung des hl. Christophorus in der Kathedrale stattfand: Vnderwehrender Procession […] wird ein schwäres/ weit vnd grosses Rauch=Vaß von Aertz/ mit Gluth angefast/ an einem newen dicken/ vnd über ein zu höchst in mitten der grossen Kupel/ starck verfastes Drähwerck oder Waltzen lauffendem Sail hangend/ von vier Männern dermassen angezogen in Schwung getriben/ daß es von dem hochen Gewölb deß einen Seitenthor der weiten Kirchen biß zu dem anderen/ an selbigem Sail/ bogenfligend nur gleich nit anschlaget: Welches in Warheit entsetzlich anzusehen/ einem gleichsamb das Gesicht vergehen macht. Zitiert nach: H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-272. eigentümliche Konstruktion wohl auf diese Zeit zurückgeht 1484 . Auch Hierony‐ mus Münzer, der im Advent 1494 nach Compostela kam, spricht in seinen Aufzeichnungen von einem solchen Gerät, einem maximum incensum […] cum aromatico fumo 1485 . Dasjenige Exemplar aber, das Cosimo und seine illustren Begleiter 1669 zu sehen bekamen, war erst zum Heiligen Jahr 1554 eingeweiht worden (obwohl es noch auf eine Donation des von 1461 bis 1483 herrschenden Königs Ludwig XI. von Frankreich zurückging) 1486 . Interessanterweise sind die Belege für das heute so populäre Weihrauchfass, das nicht nur eine rituelle, sondern vornehmlich eine praktische Funktion besaß - nämlich, die unange‐ nehmen Gerüche in der Kirche zu überdecken -, in der frühneuzeitlichen Berichtliteratur recht spärlich gesät, und fast alle treten sie dicht nacheinander in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf. Im hier untersuchten Korpus wird es außer von den Autoren aus dem Gefolge des jungen Medici nur von Domenico Laffi (1673) und Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) erwähnt 1487 . Im Korpus der deutschen Pilgerberichte kann zudem auf den österreichischen Prälaten Christoph Gunzinger verwiesen werden, der Compostela im Juli 1654, rechtzeitig zum Fest des Apostels, besuchte 1488 . 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) 389 <?page no="390"?> 1489 Ausnahme: das Kloster San Domingos de Bonaval, das von Magalotti (nicht aber von Corsini) kurz beschrieben wird. Vgl. Anm.-1465. 1490 Anschließend gehen sie, wie gezeigt, auf die barocken Umbaupläne, die Frömmig‐ keitshandlungen der Pilger und die politische Organisation des Erzbistums ein und tragen zuletzt noch einige Bemerkungen zum botafumeiro, zur Stirnkapelle und zum galicischen Dauerregen nach. Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 312-314; Corsini, Relazione (wie Anm.-155), S.-69f. 1491 Siehe insbesondere die Kapitel 2.3, 3.4, 3.5, 4.5 und 4.6. Betrachtet man abschließend nochmals den Gesamtaufbau der Stadtdarstel‐ lung, so zeigt sich, dass auch hier - in Magalottis Relazione Ufficiale wie in Corsinis privatem Tagebuch - eines der beiden Ordnungsmuster zugrunde liegt, die sich bisher in fast allen Compostela-Beschreibungen nachweisen ließen. Nach knappen Angaben zu Lage und natürlicher Umgebung tadeln die beiden Adligen die verfallenen Mauern und überhaupt den schlechten baulichen Zustand der Stadt. Sodann zählen sie die wenigen ‚guten‘ Gebäude auf, widmen jedoch nur denjenigen eine nähere Beschreibung, die sich um die Praza do Hospital gliedern: dem Colexio de San Xerome, dem Hospital Real und der Kathedrale 1489 . Besonders eingehend behandeln sie letztere, wobei sie den Blick rasch auf die Elemente der Capela Maior verengen: Altar, Schrein und Statue des hl. Jakobus 1490 . Sie folgen mithin dem traditionellen Muster einer von außen nach innen verlaufenden Stadtdarstellung, wie es sich bereits im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi, aber auch in anderen früheren Quellen beobachten ließ, die zumeist durch einen sachlich-unpersönlichen Duktus gekennzeichnet sind 1491 . Wiederum gerät der Apostelaltar, der allerheiligste nucleus der Stadt, zum Kulminationspunkt der gesamten Beschreibung. 390 5 Die Grand Tour des jungen Cosimo III. de’ Medici (1669) <?page no="391"?> 1492 L O P E Z , La imagen (wie Anm. 227), S. 380. Vgl. auch James H A L L , About the author, in: Domenico Laffi, A Journey to the West. The Diary of a Seventeenth-Century Pilgrim from Bologna to Santiago de Compostela, hg. von James H A L L , Leiden 1997, S. 9-14, hier S.-9. 1493 Das meiste, was man über sein Leben weiß, ist durch ihn selbst bzw. seine Texte bezeugt. Giovanni Fantuzzi widmet ihm einen Eintrag in seinen Notizie degli Scrittori Bolognesi 5, Bologna 1786, S. 3: Sacerdote, figlio d’Antonio, nato a Vedegheto Montagna del Bolognese li 3 Agosto 1636. Portatesi a Bologna a far i suoi studi, si dilettò di comporre Cose Teatrali. Indi gli venne talento di viaggiare, e in questo impiegò la maggior parte della sua vita, portandosi più volte a S. Giacopo di Galizia, ed a visitare i luoghi Santi di Gerusalemme, ed in Lisbona, quali viaggi poi descrisse e pubblicò. - Ferner ist im Archiv der Kirche San Cristoforo in Vedegheto eine Taufurkunde erhalten, datiert auf den 3. August 1636, aus der Eltern und Taufzeugen hervorgehen (Baptizatorum Liber Primis, 1566-1816, Bd. 1, S. 13). Vgl. Anna S U L A I C A P P O N I , Vita e opere di Domenico Laffi, in: Domenico Laffi, Viaggio in Ponente a San Giacomo di Galitia e Finisterrae, hg. von Anna S U L A I C A P P O N I , Neapel 1989, S.-13-22, hier S.-15f.: „come noi stessi abbiamo verificato in loco, nel Baptizatorum Liber Primis della Chiesa di San Cristoforo di Vedegheto è registrato l’atto di battesimo in data, appunto, 3 agosto 1636. È figlio di Antonio Laffi e di Stasia, viene battezzato dal curato Alessandro Savini alla presenza di Antonio di Magarole e di Maria Laffi.“ - In den Cancellerie vecchie (1690, Bd. 508, fol. 23 v ), verwahrt im Bologneser Archivio Generale Arcivescovile, ist zudem bezeugt, dass Laffi gegen Ende des 17. Jahrhunderts im Haus der Familie Dolfi in der bolognesischen Pfarrgemeinde San Giacomo dei Carbonesi lebte Vgl. H A L L , About the author (wie Anm.-1492), S.-10. 1494 Überlieferte Dramen aus Laffis Feder: Le fortunate disavventure del Principe Aldimiro (1670), La Forza della fedeltà. Tragedia cavata dallo Spagnolo (1673), Il paggio fortunato (1680), L’Ebreo convertito, ovvero le fortune d’Emanuelle (1682), La fedeltà anche dopo la morte, ovvero regnare dopo la morte. Tragedia cavata dal portoghese (1689). Vgl. S U L A I C A P P O N I , Vita e opere (wie Anm.-1493), S.-16, 19, 21. 6 Die Stadt als Erlebnisraum. Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) 6.1 Der Autor, seine Reise(n) und sein Werk Mit Domenico Laffi, geboren 1636 in Vedegheto Montagna, einem kleinen Dorf im Umkreis von Bologna, kommt ein gelehrter Schreiber, ein wahrer homme de lettres zu Wort und vielleicht „el peregrino italiano más conocido“ 1492 . Nach seiner geistlichen Ausbildung im Priesterseminar von Bologna wandte er sich der Literatur zu, insbesondere dem Drama 1493 . Aus seiner Feder stammen Stücke mit solch epochentypischen Titeln wie Le Fortunate disavventure del Principe Aldimiro (1670) oder La Fedeltà anche dopo morte, ovvero il regnar dopo morte (1689) 1494 . Wiederentdeckt wurde Laffi allerdings nicht wegen seines <?page no="392"?> 1495 Vgl. S U L A I C A P P O N I , Vita e opere (wie Anm. 1493), S. 16-21; H A L L , About the author (wie Anm. 1492), S. 11; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 126; L O P E Z , La imagen (wie Anm. 227), S. 380. - Laffi unternahm 1680 wohl eine vierte Compos‐ tela-Reise, denn in der Neuausgabe von 1681 liest man: „io son stato in questi paesi quattro volte e l’ultima fu dell’anno 1680“, und im Anschluss an seine Lissabon-Reise 1687 begab er sich auch noch einmal nach Compostela. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-350. 1496 Domenico Laffi, Viaggio in Ponente a S. Giacomo di Galitia, e Finis Terrae, per Francia, e Spagna di D. Domenico Laffi Bolognese, principiando da Bologna mia Patria fin’al ritorno in essa, Bologna 1673. Vgl. H A L L , About the author (wie Anm. 1492), S. 12; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 130; L O P E Z , La imagen (wie Anm. 227), S. 380. - Als Aufbruchsdatum ist li 16 aprile 1670 vermerkt; schon dies lässt vermuten, dass Laffi seinem Text vor allem seine zweite Reise zugrunde legte. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-70. 1497 Dianella G A M B I N I , La Galizia nel Viaggio in Ponente di Domenico Laffi, in: I testi italiani del viaggio e pellegrinaggio a Santiago de Compostela e Diorama sulla Galizia, hg. von Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Perugia 1983, S. 79-109, hier S. 82. - Die Ausgabe von 1681, erschienen bei Pisarri in Bologna, trägt den veränderten Titel Viaggio in Ponente à San Giacomo di Galitia, e Finisterrae, di D. Domenico Laffi Bolognese. Aggiuntovi molte curiosità, doppo il suo terzo viaggio à quelle parti. Con Tavola de’ Capitoli, e cose più notabili. - Ein Exemplar dieser Ausgabe ist in der Biblioteca Dixital de Galicia online einsehbar unter http: / / biblioteca.galiciana.gal/ en/ consulta/ registro.cmd? id=622 9 (Zugriff am 10.12.2021). dramatischen Œuvres, das heute kaum mehr bekannt sein dürfte (Neuausgaben seiner Stücke fehlen jedenfalls völlig), sondern wegen seiner monumentalen Reisebeschreibungen. Mindestens dreimal (1666, 1670, 1673) begab er sich auf Pilgerschaft nach Compostela, einmal (1678/ 79) zu den loca sancta in und um Jerusalem, und schließlich (1687) bereiste er, auf den Spuren des hl. Antonius von Padua (1195-1231) wandelnd, erneut die Iberische Halbinsel, diesmal abseits des Jakobsweges, mit Stationen u. a. in Madrid, Córdoba und Granada und mit Ziel in Lissabon, der Geburtsstadt des Heiligen 1495 . 1673, noch vor seinem drittmaligen Aufbruch nach Compostela im September desselben Jahres, gab er ein 470 Seiten umfassendes Opus mit dem Titel Viaggio in Ponente a S. Giacomo di Galitia, e Finis Terrae, per Francia, e Spagna di D. Domenico Laffi Bolognese, principiando da Bologna mia Patria fin’al ritorno in essa in den Druck, das auf seiner ersten, insbesondere aber auf seiner zweiten Reise basiert 1496 . In die wesentlich erweiterte Ausgabe von 1681, „la più completa e definitiva“, ließ er dann auch einzelne Erlebnisse seiner dritten Reise einfließen 1497 . Nach der Meinung seiner 392 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="393"?> 1498 G A M B I N I , La Galizia (wie Anm. 1497), S. 82. - C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 125, zufolge sei Laffis Viaggio in Ponente „il punto centrale e di maggior spicco dell’intera letteratura italiana di tematica jacopea“. 1499 Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 237: Laffis Viaggio in Ponente sei „probablemente el [texto] más extenso de todos los dedicados a la peregrinación compostelana“. Konkurrenz macht ihm nur die gleichfalls sehr umfang‐ reiche Veridica Historia des Nicola Albani (Kapitel 8.3), die Vázquez de Parga et al. noch nicht bekannt sein konnte, da sie erst in den 1980er Jahren entdeckt wurde. - Ebenso weisen beispielsweise die Aufzeichnungen des Jean de Tournai einen beachtlichen Umfang auf; allerdings pilgerte er im Unterschied zu Laffi nicht nur nach Santiago de Compostela, sondern auch nach Rom und Jerusalem. 1500 Vgl. S U L A I C A P P O N I , Vita e opere (wie Anm.-1493), S.-17-21. 1501 Eine Übersicht sämtlicher Ausgaben und Auflagen bietet C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 128f. - Zur Neuausgabe von 1681 vgl. S U L A I C A P P O N I , Vita e opere (wie Anm. 1493), S. 20, Anm. 25: „Nel 1681 compaiono due edizioni della stessa opera, la prima, che è in seconda impressione, concorda con l’edizione del 1676, la seconda, che è in terza impressione, presenta notevoli differenze che, prese in esame, ci consentono di considerarla, non una ristampa, bensì una nuova edizione. Ad una prima disamina le due edizioni sembrano concordare, anche perché coincide il numero delle pagine, ma ad un’analisi più attenta si nota che nella prima [nämlich in Kapitel 18] viene riportato un miracolo che non compare nella seconda.“ 1502 Vgl. Kapitel 7 und 8.1. 1503 Vgl. Viaggi per varie parti del mondo con il viaggio di San Giacomo di Galizia e di Gerusalemme che serve per li pedoni. Con nuova giunta, Bologna 1785. Editorin handelt es sich um „forse il testo più importante della letteratura jacopea“ 1498 ; in jedem Falle ist es wohl der bis dahin umfangreichste 1499 . Auch seine Jerusalem- und seine Lissabon-Reise gaben dem bolognesischen Pilger Anlass zu großangelegten Beschreibungen: Il Viaggio in Levante al Santo Sepolcro di N.S. G. Christo et altri luoghi di Terra Santa (Bologna 1683) und Dalla tomba alla culla è un lungo passo. Viaggio da Padova ove morse il glorioso S. Antonio a Lisbona ove nacque (Bologna 1691) 1500 , doch von verlegerischem Erfolg gekrönt war vor allem der Bericht über die Pilgerfahrt zum Grab des Apostels Jakobus. So mussten nach dem 1673 erschienenen Erstdruck alsbald - nach für damalige Verhältnisse sehr kurzer Zeit - weitere Auflagen (1676, 1681, 1683, 1691, 1726, 1738) und eine Neuausgabe (ebenfalls 1681) folgen, bevor der Text gegen Ende des 18. Jahrhunderts allmählich in Vergessenheit geriet 1501 . Gian Lorenzo Buonafede Vanti und Giacomo Antonio Naia nehmen in ihren Reisenotizen aus dem Heiligen Jahr 1717 vielfach Bezug auf Laffis Viaggio in Ponente 1502 , und noch der anonyme Reiseführer Viaggi per varie parti del mondo con il viaggio di San Giacomo di Galizia e di Gerusalemme che serve per li pedoni aus dem Jahr 1785 bezeugt seine Verwendung 1503 . Verstärkt ab den 1980er Jahren, mit der sogenannten Jakobsweg-Renaissance (siehe Kapitel 1.3), rückte er in den Fokus der Forschung, und es erschienen erste Neueditionen 1504 . Dianella 6.1 Der Autor, seine Reise(n) und sein Werk 393 <?page no="394"?> 1504 Einzelne Referenzen auf Laffis Viaggio in Ponente finden sich aber schon in der früheren Forschung, z. B. in F O U L C H É -D E L B O S C , Bibliographie (wie Anm. 93), S. 81; F A R I N E L L I (Hg.), Viajes 2 (wie Anm. 93), S. 149; V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 234-237; M I E C K , Les témoignages oculaires (wie Anm. 93), S. 227, Anm. 57. 1505 Vgl. G A M B I N I , La Galizia (wie Anm. 1497). - G A M B I N I hat zudem die literarischen Quellen untersucht, auf die Laffi in seiner Reisebeschreibung zurückgreift: La leggenda di Rodrigo ultimo re dei Goti nel resoconto di Domenico Laffi, in: Il Pellegrinaggio a Santiago de Compostela e la Letteratura Jacopea. Atti del Convegno Internazionale di Studi. Perugia, 23-24-25 Settembre 1983, hg. von Giovanna S C A L I A , Perugia 1985, S.-359-376. 1506 Wie bereits zitiert: Domenico Laffi, Viaggio in Ponente a San Giacomo di Galitia e Finisterrae, hg. von Anna S U L A I C A P P O N I , Neapel 1989. 1507 Domenico Laffi, Viaje a Poniente, hg. von Clemente C R E S P O C A A M AÑ O , Santiago de Compostela 1991. 1508 G A R R I D O (Hg.), Aventureiros e curiosos (wie Anm.-93), S.-115-160. 1509 Domenico Laffi, A Journey to the West. The Diary of a Seventeenth-Century Pilgrim from Bologna to Santiago de Compostela, hg. von James H A L L , Leiden 1997. 1510 R U C Q U O I et-al. (Hg.), Le voyage (wie Anm.-152), S.-611-732. 1511 Vgl. S U L A I C A P P O N I , Vita e opere (wie Anm. 1493), S. 16f. - 1666 reiste Laffi mit Morando Conti, Nicolò Mantuani und Francesco Magnani, 1673 mit Giuseppe Liparini. 1512 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-70: io Don Domenico Laffi e Domenico Codici, pittore, ambi bolognesi, […] partessimo da […] Bologna li 16 aprile 1670. In Parenthese fügt er hinzu: ma l’anno 1673 la terza volta che ritornai in Galitia in compagnia di Fra Gioseppe Liparini Minore Conventuale e partessimo li 8 settembre, gibt damit Auskunft über die Umstände seiner dritten Reise nach Compostela im Jahr 1673 und erwähnt erstmals seinen damaligen Begleiter, den Franziskanermönch Gioseppe Liparini, der im Fortgang des Berichts noch einige Male vorkommt. 1513 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 70-85. - Eine ausführliche Liste der Stationen und Distanzen findet sich in: Anna S U L A I C A P P O N I , Gli itinerari di Laffi, in: Domenico Laffi, Viaggio in Ponente a San Giacomo di Galitia e Finisterrae, hg. Gambini veröffentlichte 1983 eine Transkription der Kapitel 12 bis 16 aus der überarbeiteten Fassung von 1681 - d. h. die Abschnitte über Galicien - in dem von Paolo Caucci von Saucken herausgegebenen Sammelband I testi italiani del viaggio e pellegrinaggio a Santiago de Compostela e Diorama sulla Galizia 1505 . Die erste vollständige Neuausgabe, ebenfalls auf Grundlage der Fassung von 1681, besorgte sechs Jahre später Anna Sulai Capponi 1506 . 1991 wurde der Text erstmals ins Spanische übersetzt 1507 , 1994 ins Galicische 1508 , 1997 ins Englische 1509 ; 2018 erschien eine gekürzte Fassung auf Französisch 1510 . Laffi reiste auf seinen drei Jakobuswallfahrten stets in Begleitung 1511 . Im Jahr 1670 war sein Weggefährte der Maler Domenico Codici 1512 ; die gemeinsame Reise, zu der sie am 16. April von Bologna aufbrachen, führte sie - wie viele italienische Jakobspilger vor ihnen - entlang der alten Römerstraße Via Aemilia über Modena und Parma bis Piacenza und weiter über Mailand und Turin bis in die Alpen 1513 . Dem Verlauf der Dora Riparia (eines Nebenflusses des Po) folgend, 394 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="395"?> von Anna S U L A I C A P P O N I , Neapel 1989, S. 23-42. Vgl. auch V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm.-15), S.-234-237. 1514 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-87-91. 1515 Auf französischsprachigem Gebiet, aber heute zu Italien gehörig. 1516 Statt über Aigues-Mortes reisten Laffi und Codici über Uchaud und Lunel und wählten somit einen direkteren Weg. Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-112. 1517 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 93-149. - Zur Oberstraße vgl. Künig von Vach, Die Straß (wie Anm. 73), S. 36f., 108f.; H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10), S.-65-67. 1518 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-151-199. 1519 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 201-239. - Jedenfalls gibt Laffi den 3. Juli explizit als Aufbruchsdatum an. Dies lässt sich jedoch nur schwerlich mit der Beschreibung seines Aufenthaltes in Santiago de Compostela in Einklang bringen, denn an seinem zweiten Aufenthaltstag will er dort einer Prozession anlässlich Mariä Heimsuchung (2. Juli) beigewohnt haben. Denkbar wäre, dass sie bereits am Vorabend des Festtages stattfand, also noch am 1. Juli. In diesem Fall wäre er am 30. Juni angekommen. Da er vier Nächte in Compostela verbracht haben will, wäre er dann erst am 4. Juli nach Fisterra weitergereist und könnte plausiblerweise frühestens am 5., eher aber am 6. Juli von Compostela den Heimweg angetreten haben. Vgl. James H O G A R T H , Laffi’s timetable, in: Domenico Laffi, A Journey to the West. The Diary of a Seventeenth-Century Pilgrim from Bologna to Santiago de Compostela, hg. von James H A L L , Leiden 1997, S.-167-169. 1520 Vgl. z.-B. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-50, 70. 1521 Vgl. z.-B. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-50, 93. erreichten sie Susa und überquerten von dort aus den Mont-Cenis-Pass 1514 . Auf französischer Seite kamen sie durch Oulx 1515 und Briançon, wanderten entlang der Durance flussabwärts bis nach Tallard, zogen weiter bis Carpentras und Avignon und nahmen schließlich ab Nîmes - mit nur leichten Abweichungen 1516 - die sogenannte Oberstraße, die Hermann Künig von Vach in seinem berühm‐ ten Wegführer von 1495 beschreibt; so gelangten sie über Montpellier, Béziers, Narbonne, Carcassonne, Castelnaudary, Toulouse, Gimont, Auch, Maubourguet, Orthez, Sauveterre-de-Béarn, Saint-Palais und Saint-Jean-Pied-de-Port an den nördlichen Fuß der Pyrenäen 1517 . Auf dem Ibañeta-Pass erreichten sie Ronces‐ valles und damit den Camino Francés 1518 . In den letzten Junitagen 1670 trafen sie im ersehnten Compostela ein, unternahmen nach viertägigem Aufenthalt einen Ausflug nach Fisterra und traten am 3. Juli schließlich den Heimweg an 1519 . Zweifellos war die Reise der beiden Bologneser von religiöser Motivation getragen: Laffi bezeichnet sie - wenn auch nicht im Werktitel - ausdrücklich als Pilgerfahrt (pellegrinaggio) und gibt als ihren wesentlichen Zweck den Besuch des Apostelgrabes in Galicien (andare al glorioso apostolo San Giacomo di Galitia) an 1520 . Zum Ausweis ihres Standes trugen sie Pilgerbriefe (passaporti) bei sich und waren mit dem traditionellen Pilgergewand angetan (vestiti in habito di pellegrini) 1521 . Unterwegs besuchten sie zahlreiche loca sancta, Kirchen 6.1 Der Autor, seine Reise(n) und sein Werk 395 <?page no="396"?> 1522 Vgl. H A L L , About the author (wie Anm. 1492), S. 10f.; L O P E Z , La imagen (wie Anm. 227), S.-381f. 1523 Vgl. z.-B. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-173-176. 1524 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 240-245. - Zu weiteren Wunderhei‐ lungen, die Jakobus volkstümlichen Überlieferungen zufolge gewirkt haben soll, vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et-al., Peregrinaciones 1 (wie Anm.-15), S.-425-430. 1525 G A M B I N I , La Galizia (wie Anm.-1497), S.-81. 1526 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-49. 1527 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-129-151. und Klöster, Altäre und Krypten, denen Laffi oft detailreiche Beschreibungen widmet; dabei gilt sein besonderes Interesse stets den jeweiligen Reliquien. Der Besuch dieser Orte war mit Frömmigkeitshandlungen wie Messen und Beichten verbunden, und nicht selten - namentlich an hohen Festtagen - legte der ausgebildete Priester Laffi Wert darauf, selbst den Gottesdienst abzuhalten 1522 . Immer wieder erzählt er zudem von wundersamen Ereignissen wie demjenigen, das sich in Santo Domingo de la Calzada zugetragen haben soll: dem von fast allen Berichtautoren erwähnten Galgen- und Hühnermirakel, das fest zum volkstümlichen imaginaire des Jakobuskults gehört 1523 . Und einmal, im Pilgerhospiz von Astorga, will er sogar persönlich einer Wunderhandlung des hl. Jakobus beigewohnt haben: Sein Freund Codici sei schwer an Fieber erkrankt und habe schon mit dem Tode gerungen, doch der wundermächtige Apostel habe ihn am Leben erhalten und genesen lassen 1524 . Bei aller pilgergemäßen devotio, die unüberhörbar aus seiner Reisebeschrei‐ bung spricht, gehört Laffi jedoch auch zum frühneuzeitlichen Typus des curioso viaggiatore 1525 . Ähnlich wie Jean de Tournai etwa oder Bartolomeo Fontana verband er christliche Frömmigkeit mit Reiselust und (weltlicher) Neugierde. Er selbst nennt in der seinem Bericht voranstehenden Widmung „Al cortese Lettore“ als zentrale Beweggründe für seine Compostela-Fahrt sowohl einen spirito di pietà verso il glorioso apostolo San Giacomo als auch eine naturale incli‐ natione di genio, piegantemi alla curiosità di veder cose nuove und gesteht, er wisse nicht recht, was von beidem letztlich überwogen habe 1526 . Dementsprechend gibt er nicht nur Auskunft über Sakraltopographie und Frömmigkeitspraxis der Zeit, sondern bietet darüber hinaus einen äußerst reichen Fundus an Wissen über Völker und Landschaften, Brauchtum und Traditionen, Herbergen und Essgewohnheiten, Kunst und Architektur, Historischem, Sagen und Legenden (vor allem aus dem hagiographischen Dossier des hl. Jakobus, aber auch aus dem Stoffkreis um Karl den Großen und seine Paladine) 1527 . Dabei greift er vielfach auf gelehrte Kenntnisse zurück und reichert seinen Text mit allerlei Buchverweisen an, etwa auf so berühmte Geschichtswerke wie die Estoria de España Alfons’ des Weisen, die Historia General de España Juan de Marianas 396 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="397"?> 1528 Auf die Historia Compostellana beruft sich Laffi beispielsweise in seiner Darstellung der inventio, der wundersamen ‚Entdeckung‘ des Apostelgrabes. Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 217f. Vgl. auch Carmen M E J Í A R U I Z , Viajar a la ciudad del Milagro, in: Ciudades mito. Modelos urbanos culturales en la literatura de viajes y en la ficción, hg. von Eugenia P O P E A N G A , Bern 2011, S. 193-206, hier S. 202. - G A M B I N I , La leggenda (wie Anm. 1505), identifiziert insgesamt über 20 Quellen, derer sich Laffi bediente. - Überhaupt ist vielfach erkennbar, dass Laffi in der italienischen und spanischen Literatur und Historiographie seiner Zeit überaus belesen war. Nicht ohne Stolz auf das literarische Vermächtnis seiner Heimat geht er in seinen Ausführungen über Avignon auch etwa auf Francesco Petrarca und den Tod von dessen Laura ein. Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-107-109. 1529 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 245. - Für die späteren Autoren ist es durchaus typisch, dass Hin- und Rückweg nicht übereinstimmen. Während sie sich auf dem Hinweg gewöhnlich an die direkten historischen Routen hielten, wichen sie auf dem Rückweg häufig davon ab und schlugen Umwege ein, um noch andere Orte zu sehen. Die früheren Autoren hingegen liefen eher die traditionellen, (etwa im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi) vorgeprägten Routen nach; Hin- und Rückweg sind bei ihnen zumeist weitgehend identisch, wie auch die in dieser Arbeit analysierten Beispiele gezeigt haben. 1530 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 215. - In der Ausgabe von 1681 schreibt Laffi eigentlich Terra, mit Majuskel; er meint das Ende der Welt. G A R R I D O (Hg.), Aventureiros e curiosos (wie Anm. 93), S. 139, übersetzt deshalb auch treffend ins Galicische: xusto na fin do mundo. oder die von Erzbischof Diego Gelmírez in Auftrag gegebene Historia Compos‐ tellana 1528 . Nicht zuletzt wird seine curiositas - wie z. B. bei Bartolomeo Fontana und Fabrizio Ballarini/ Silverio Rettabeni - auch am Streckenverlauf manifest, nämlich an den Umwegen, die er bisweilen einschlug, um noch mehr von Land und Leuten zu sehen, die ihn auf seiner Heimreise gar bis in den Süden Spaniens, nach Córdoba und Granada, führten und die er - ebenfalls wie Fontana und Ballarini/ Rettabeni - in seiner Beschreibung als Abweichungen vom dritto camino jeweils deutlich markiert: ho voluto uscire dal dritto camino per vedere altri paesi e, per questo, descriverò solo certe cose più particolari, c’ho vedute, avanti ch’io torni sul dritto camino, merkt Laffi etwa zum Reiseabschnitt von Astorga nach Valladolid an 1529 . Auch Fisterra besuchten die beiden Pilger vermutlich nicht zuerst oratio‐ nis causa (wenngleich es auch dort, in der Kirche Santa María de Fisterra, durchaus Gelegenheit zu Frömmigkeitshandlungen gab). Laffi lokalisiert den Küstenort giusto nell’estremità della terra, am äußersten Rand des Erdkreises, obwohl dies um 1670 schon lange nicht mehr dem Weltbild der Zeitgenossen entsprach 1530 ; offenkundig war die mythologische Konnotation des Ortes noch immer wirkmächtig, die alte Vorstellung vom ‚Ende der Welt‘ nach wie vor ein Faszinosum für den (auch an weltlichen Dingen interessierten) Reisenden 1531 . Der Titel Viaggio in Ponente à San Giacomo di Galitia, e Finisterrae… zeigt 6.1 Der Autor, seine Reise(n) und sein Werk 397 <?page no="398"?> 1531 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 139. - Zur mythischen Bedeutung von Fisterra in der Pilgerberichtliteratur vgl. Jacopo C A U C C I V O N S A U C K E N , Il mito di Finisterre nella letteratura odeporica, in: Compostella. Rivista del Centro Italiano di Studi Compostellani 28 (2001-2002), S. 3-13; D E R S ., Finisterrae tra mito e letteratura (wie Anm.-261). 1532 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 237. Vgl. M E J Í A R U I Z , Viajar a la ciudad del Milagro (wie Anm.-1528), S.-202. 1533 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-235, 237. 1534 Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-117. an, dass Fisterra hier - wie schon in anderen Textzeugnissen, erstmals, wie erwähnt, wohl im Itinerar des Nompar II. de Caumont: Voiatge a Saint Jacques en Compostelle et a Notre Dame de Finibus Terre - gleichsam als zweiter Zielort neben Compostela fungiert. Im Streckenverlauf nimmt es eine zentrale Stellung ein: Es bildet den geographischen End- und Wendepunkt, das letzte Ziel, den am weitesten westlich gelegenen Ort, den Laffi auf seiner ‚Reise in den Westen‘ besuchte. Gleichwohl ist bezeichnenderweise erst beim erneuten Aufenthalt in der Jakobsstadt, wieder zurück aus Fisterra, expressis verbis von Heimkehr die Rede: uscimmo di Compostella col nome di Dio e di San Giacomo l’anno 1670, li 3 di luglio, per ritornare in patria 1532 . Erst hier und nicht schon in Fisterra scheint sich für Laffi der Übergang zwischen Hin- und Rückweg zu vollziehen. Entsprechend bilden der zweite Aufenthalt in Compostela - am Ende von Kapitel 15 - und der Aufbruch von dort zurück in die Heimat - die gerade zitierte Stelle am Anfang von Kapitel 16 - auch genau den Mittelpunkt des insgesamt 30 Kapitel umfassenden Berichts 1533 . Ähnliches war bereits bei Fontana zu beobachten, der allerdings die herkömmliche Struktur invertiert: Er besuchte zunächst Fisterra, das für ihn insofern noch zum Hinweg gehört, um dann über Corcubión und Cee nach Compostela weiterzureisen; wieder ist erst hier von patria und volta[re] verso l’Italia die Rede 1534 . Für beide Berichtautoren scheint die symbolisch bedeutsame Endstellung der Apostelstadt, die durch das Hinzukommen von Fisterra implizit in Frage gestellt ist, zumindest gedanklich erhalten zu bleiben. 6.2 Il tanto sospirato e bramato San Giacomo: der Moment der Ankunft Wie in fast allen hier betrachteten Zeugnissen nimmt die Compostela-Beschrei‐ bung auch in Laffis Viaggio in Ponente einen relativ kleinen Teil (rund fünf Prozent) des Gesamttextes ein: im Wesentlichen das knapp 13 Seiten umfassende Kapitel 13 1535 . Zuvor, in den letzten Zeilen von Kapitel 12, schildert Laffi den 398 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="399"?> 1535 In der Ausgabe von S U L A I C A P P O N I : Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 201-213. Hinzu kommen zwei Seiten in Kapitel 16: Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S.-237f. 1536 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 198f. - Im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi wird die Quelle als Lavamentula bezeichnet. Vgl. Liber (wie Anm. 25), S. 238. - Es handelt sich um ein symbolisches Reinigungsritual, bei dem man sich am ganzen Körper wusch und neue Kleidung anlegte, bevor man die Stadt und den locus sanctus betrat. Vgl. Laffi, A Journey (wie Anm.-200), S.-145, Anm.-18. 1537 Im deutschen Sprachraum bekannt als „Großer Gott, wir loben dich“. 1538 Da Veniexia (wie Anm.-111), S.-511. 1539 Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-337. Moment der Ankunft auf der Kuppe des mythischen Monte do Gozo. Von dieser in der Ortschaft San Marcos gelegenen Erhebung bot sich den Ankommenden ein erster privilegierter Blick auf die Stadt dar. Doch statt - wie zu erwarten wäre - einen Eindruck von diesem Panorama zu vermitteln oder wenigstens pars pro toto die Kathedrale bzw. ihre in den Himmel ragenden Türme herauszuheben, wendet Laffi hier alle Aufmerksamkeit auf sich und seinen Reisegefährten und beschreibt ihre emotionale Reaktion: Partiti da questa fonte [Lavacolla, an der sich die beiden Pilger aus Achtung vor dem Apostel wuschen und ihre Kleidung wechselten], salimmo per spatio di meza lega, giungendo in cima d’una montagnola che si chiama il Monte del Gaudio, ove scoprimmo il tanto sospirato e bramato San Giacomo, distante meza lega in circa. Subito scopertolo, mettendoci in ginocchio e per grande allegrezza, ci cadero da gli occhi le lagrime e cominciammo a cantare il Te Deum, ma detto due o tre versetti e non più, che non potevamo pronunciar parole per la copia delle lagrime che abbondanti scaturivanci da gli occhi, con una tal compassione che il cuore legavaci e li continui singhiozzi ci fecero trattenere dal canto, fin tanto che sfogati dal pianto che poscia cessato, ritornassimo alla pronuncia del cominciato Te Deum e così cantando, continuammo a discendere fin che arrivammo nel borgo, qual è bello e grande e si fabrica di continuo. Finito detto borgo, arrivassimo alla porta 1536 . Laffi und Codici fielen auf die Knie, Tränen der Freude liefen ihnen über die Wangen, und sie stimmten die ambrosianische Hymne Te Deum 1537 an, doch nach zwei, drei Versen brachen sie in Weinen und Schluchzen aus. Endlich gewannen sie die Fassung zurück, nahmen den Gesang wieder auf und eilten zum Stadttor hinunter. Dass der ‚Berg der Freude‘ den ersten Ansatzpunkt für die Stadtwahrneh‐ mung bildet, darf inzwischen als genretypisches Merkmal gelten: Erwähnt wird er auch im Itinerario Marciano (Santa monzoia 1538 ), bei Lorenzo (Mongioia 1539 ), beim Florentiner Anonymus von 1477 (Sancta Mongioia 1540 ) und bei Claude de 6.2 Il tanto sospirato e bramato San Giacomo: der Moment der Ankunft 399 <?page no="400"?> 1540 Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1063. 1541 Claude, Viaje (wie Anm. 130), S. 186. - Claude de Bronseval gibt ebenda auch eine nähere Beschreibung der Bergkuppe: Et prope est maximus acervus lapillorum vocatus La Sancta Montjoye, in quo peregrini omnes advenientes lapidem projiciunt quod nos omnes etiam fecimus. Inde modice paret urbs Compostellana inferius in valle sita inter montes directe super et versus clima quartae horae post meridiem. 1542 Künig von Vach, Die Straß (wie Anm.-73), S.-94. 1543 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-72. 1544 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-251; L Ó P E Z A L S I N A , Santiago (wie Anm.-429), S.-316. 1545 Guillaume Manier z. B. notiert zwar, dass er vor Freude seinen Hut in die Luft warf; mehr ist ihm jedoch daran gelegen, den Blick auf die Glockentürme der Kathedrale und der Jesuitenkirche von Compostela festzuhalten. Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S.-72. 1546 Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm. 630), S. 337. - Wie zu zeigen sein wird, sind diese charakteristischen Dankes- und Demutsgesten auch bei einigen späteren Autoren wie Giacomo Antonio Naia, Guillaume Manier und Nicola Albani belegt. Bronseval (La Sancta Montjoye 1541 ). Ebenso finden sich in manch anderen, hier (noch) nicht analysierten Zeugnissen einige Belege, etwa im Pilgerführer des Hermann Künig von Vach (unbestimmt eym berge 1542 ) oder im Bericht Guillaume Maniers (Saint-Marc 1543 ), und implizit könnte es - López Alsina zufolge - auch schon im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi angelegt sein, der, wie in Kapitel 2.3 gezeigt, den Mons Gaudii zu Beginn der descriptio urbis nicht nur erwähnt, sondern die beiden die Stadt umgebenden Flüsse Sar und Sarela, ihre sieben Tore und ihre neun Nebenkirchen auch konsequent von Osten her - aus Richtung des Berges - jeweils aufzählt 1544 . Im Unterschied zu Laffi gehen die meisten der zitierten Autoren aber kaum näher auf diesen besonderen Ort ein; tun sie es doch einmal wie Claude de Bronseval und Guillaume Manier, so legen sie den Fokus eher auf die Stadt und die natürliche Umgebung, nicht auf sich selbst bzw. ihr Gefühlsempfinden und die mitunter heftigen körperlichen Reaktionen, in denen es sich manifestiert 1545 . Von den bisher analysierten Autoren beschreibt nur Lorenzo die Ankunft ganz ähnlich wie Laffi: Auch er sucht an der entsprechenden Stelle die überschwäng‐ liche Freude beim ersten Anblick der Kathedrale zum Ausdruck zu bringen, auch bei ihm steht nicht die Stadt, sondern der ankommende Pilger, dessen Gefühle und Handeln im Blickpunkt, und auch bei ihm ist von Tränen und Lobgesang auf Gott - interessanterweise ebenfalls vom Te Deum (te ddeo lauldamus va’ chantando) - die Rede 1546 . Die Parallelen im Verhalten der beiden Pilger-Autoren sind unübersehbar. Doch während der fromme Pfarrer des Quattrocento, ganz auf den religiös-spirituellen Aspekt der Pilgerschaft bedacht, die Stadt bis auf die Jakobskirche vollends ausblendet, ja sogar ihren Namen unerwähnt lässt und die Ankunft stattdessen mit einem 23 Strophen umfassenden Hymnus 400 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="401"?> 1547 Vgl. Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-337-342. 1548 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-199. 1549 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-201f. zur Verherrlichung des Apostels Jakobus feiert 1547 , schließt sein Standesgenosse über zwei Jahrhunderte später an die freudvolle Ankunftsszene, wie nun zu zeigen sein wird, eine höchst detailreiche Beschreibung seines Aufenthaltes in Compostela an. Entgegen dem typischen, aus anderen Stadtbeschreibungen bekannten Mus‐ ter steht am Anfang des hier interessierenden Kapitels 13 kein einleitender Teil, der allgemeine Angaben etwa zu Größe, Lage, natürlicher Umgebung, Alter oder baulichem Zustand der Jakobsstadt enthielte; stattdessen wird - übergangslos an das Vorkapitel anschließend - ein erster, partieller Eindruck von der urbanen Topographie geboten, der eng an die persönliche Perspektive der beiden Pilger gebunden ist. Nachdem Kapitel 12 nämlich just mit dem Erreichen eines der Tore von Compostela endet (arrivassimo alla Porta) 1548 , zeichnen die ersten Zeilen von Kapitel 13 den Weg nach, den Laffi und sein Gefährte von dort - der äußersten Schwelle der Stadt - bis zum Apostelaltar - ihrer heiligen Mitte - zurücklegten: Entrassimo per una porta tutta fatta di macigni, con un bel ponte davanti, parimente di macigni, passando sotto di questo un picciolo ruscello che scorre dietro alla mura della città dalla parte d’oriente, tenendo il suo corso verso mezo dì. Fuori di questa porta vi è un bel convento di San Domenico e molti belli casamenti. Entrati che fummo dentro, seguitassimo per una strada dritta fin nella piazza, quale non è molto grande e è di forma triangolare. Qui è abbondanza d’ogni sorte di frutti e altre cose spettanti al vitto humano e sono a buon mercato, ma in particolare il pane e il vino, che sono esquisiti. Usciti da detta piazza dall’angolo verso ponente e giungemmo alla porta laterale della chiesa di San Giacomo, avanti la quale è una bella piazza dove si entra per una bella scalinata, tutta di macigno, di che tutta è lastricata la detta piazza. Entrati dentro alla porta della chiesa, quale è bella, tutta fatta di marmo e bronzo, andammo avanti l’altar maggiore di San Giacomo e qui prostrati inginocchioni con tant’allegrezza e compuntione di core, che mai al mondo ne provassimo una tale, ringratiando Dio e il Santo per haverci condotti sani e salvi al fin bramato, doppo tanto e sì longo viaggio e doppo tante fatiche e travagli. Poi andammo doppo l’altare di detto Santo, salendo alcuni scalini per abbracciare la di lui imagine 1549 . Obwohl Laffi in seiner gesamten Compostela-Beschreibung darauf verzichtet, Orts- und Straßennamen anzugeben, kann der hier skizzierte Wegverlauf mit großer Sicherheit rekonstruiert werden: Die beiden Pilger betraten die Kernstadt durch ein Osttor, das sich insbesondere dank des Hinweises auf das davorgelegene Dominikanerkloster (San Domingos de Bonaval) mit der Porta 6.2 Il tanto sospirato e bramato San Giacomo: der Moment der Ankunft 401 <?page no="402"?> 1550 Und im Mittelalter Praza do Campo. Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 2 (wie Anm.-428), S.-407f. 1551 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 201. - Offenbar war die Praza do Pan damals ein geschäftiger Markt. Vgl. Laffi, A Journey (wie Anm.-200), S.-147, Anm.-1. 1552 Ich habe schon mehrfach die Dissertation von Lopez zitiert. Im Kapitel zu Laffis Viaggio in Ponente sind ihr allerdings einige anachronistische Verwechslungen unterlaufen: Die in den ersten Zeilen von Berichtkapitel 13 erwähnte bella piazza identifiziert sie - ohne einen Beleg anzuführen - mit der Praza do Hospital bzw. do Obradoiro: „Llegan a la Plaza del Obradoiro“, und nimmt ferner an, die Porta laterale, durch die Laffi und sein Gefährte die Kathedrale betraten, sei das repräsentative Westportal: „llegan a la puerta occidental de la catedral“. L O P E Z , La imagen (wie Anm. 227), S. 385. Zu dieser fehlerhaften Identifikation hat sicher die Tatsache geführt, dass heutzutage die Praza do Obradoiro - und nicht die Praza da Acibechería - typischerweise den Sammelplatz für neu ankommende Pilger bildet. Die vorangehenden Erläuterungen haben jedenfalls gezeigt, dass es sich um das schon im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi beschriebene alte Paradies handeln muss und dass die beiden bolognesischen Pilger - wie so viele vor ihnen - die Kathedrale durch das Nordportal betraten. 1553 Vgl. Laffi, A Journey (wie Anm.-200), S.-147, Anm.-1. 1554 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-252. do Camiño identifizieren lässt. Über eine Straße, wahrscheinlich die Rúa das Casas Reais, erreichten sie geradewegs einen kleinen Platz, bei dem es sich schon wegen seiner ausdrücklich vermerkten Dreiecksform um die Praza de Cervantes handeln muss, die damals noch Praza do Pan 1550 hieß - wohl nicht ganz zufällig: Laffi schreibt, es gebe hier in particolare il pane e il vino zu kaufen 1551 . Von dort aus gingen sie weiter, wohl über die Rúa da Acibechería, bis zum nördlichen Vorplatz der Kathedrale, dem alten Paradies (Praza da Acibechería oder auch da Inmaculada), und betraten das Gebäude schließlich durch das Nordportal, auf das sich die porta laterale della chiesa di San Giacomo beziehen dürfte 1552 . Wenig überraschend nahmen sie somit genau den gleichen Weg durch die Stadt - den direkten, schnellstmöglichen - wie die meisten anderen Pilger, die sich ihr auf dem Camino Francés von Osten her näherten 1553 . Dieser Weg wird bereits im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi zwar nicht im Detail ausgeführt, aber mit dem Hinweis, dass (französische) Pilger die Kernstadt gewöhnlich durch das Porta Francigena genannte Osttor und die Jakobskirche durch die gleichnamige Nordpforte beträten, doch zumindest angedeutet 1554 . 6.3 Inhalt und Aufbau der Stadtbeschreibung Die Kürze und Gedrängtheit des zitierten Eingangspassus (zumal im Verhältnis zur beachtlichen Länge und Detailtreue der weiteren Stadtbeschreibung), das rasche Aufeinanderfolgen der Ortsbezüge und die Direktheit des Weges indizie‐ 402 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="403"?> 1555 Siehe Kapitel 2.6. 1556 Der vorangehenden Ankunftsszene hingegen ist eine nach innen gerichtete Bewegung inhärent. 1557 Siehe Kapitel 8.1. 1558 Vgl. L O P E Z , La imagen (wie Anm. 227), S. 386. - Die Kathedrale wird von allen Orten der Stadt als erster (nach der kurzen Wiedergabe des eilig zurückgelegten Weges von der Porta do Camiño bis zum Hauptaltar), am häufigsten und am genauesten behandelt. Mindestens einmal täglich begaben sich die beiden Pilger dorthin, am zweiten und dritten Tag sogar jeweils zweimal, und alle wichtigen Handlungen und Ereignisse, die Laffi beschreibt, außer dem Abendessen mit dem bolognesischen Grafen Ercole Zani in dessen Herberge und der beiden Spaziergänge dies- und jenseits der Stadtmauern, sind dort lokalisiert. Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-201-213. 1559 Zu S E N N E T T siehe Kapitel 1.4. ren große Eile und machen deutlich, dass für die beiden Pilger im Moment der Ankunft nur eines zählte, nämlich, so schnell wie möglich in die lang ersehnte Kathedrale zu gelangen, um dort, am Hauptaltar, dem Apostel Jakobus Lob und Dank darzubringen. Erst danach, so scheint es, wurden Geist und Blick frei für andere Dinge. Und so setzt auch erst danach eine ausführlichere und systematischer verfahrende Beschreibung des Raumes ein. Wie bei Jean de Tournai und Antoine de Lalaing, in Ansätzen auch bei Jan Taccoen van Zillebeke, lässt sich dabei eine zentrifugale Darstellungsrichtung (von innen nach außen, vom Zentrum zur Peripherie bzw. Vorstadt) erkennen. Das aus dem Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi - wie auch etwa aus der in Kapitel 2.6 hinzugezogenen Apokalypse des Johannes (die finale Gottesstadt‐ schau) 1555 - bekannte Muster einer Steigerung zur Mitte hin, einer Verengung des Blicks auf den (heiligen) nucleus der Stadt erscheint wiederum gleichsam invertiert 1556 . Der Hauptaltar der Kathedrale bildet nicht die finale Klimax, sondern steht gleich am Anfang der Stadtbeschreibung, so wie es zweifellos dem persönlichen Erleben der meisten mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Pilger und, wie gerade deutlich geworden, auch Laffis selbst entsprach. Von dort strebt der Blick immer weiter nach außen; der Wahrnehmungsradius wird immer größer. Im Unterschied zu anderen Beispielen für dieses Muster - ein nachgerade idealtypisches wird sich noch bei dem ravennischen Karmeliter‐ mönch Giacomo Antonio Naia (Kapitel 8.1) finden 1557 - wird die grundsätzlich zentrifugale Darstellungsrichtung bei Laffi allerdings durch eine mehrmalige Rückkehr zum locus sanctus durchbrochen, dessen dominierende Stellung in der Stadtwahrnehmung auch bei ihm als unbestritten gelten darf 1558 . Die Struktur der Beschreibung lässt sich daher folgendermaßen als ein Alternieren zwischen der Kathedrale und der übrigen Stadt oder - mit Sennett - zwischen dem sakralen Innen und dem profanen Außen darstellen 1559 : 6.3 Inhalt und Aufbau der Stadtbeschreibung 403 <?page no="404"?> 1560 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-202-207. 1561 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-207f. 1562 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-212. Tag 1 (Ankunft) Kathedrale Aufbau des Gebäudes: Hauptaltar, Mar‐ morsäulen, Kapellen, Hauptportale, Glocken‐ türme, Südfassade, Treppe zur Praza do Hos‐ pital Stadt Praza do Hospital, Hospital Real Tag 2 Kathedrale Dach und Glockentürme, Messe mit botafu‐ meiro, Heiligenprozession Tag 3 Stadt Lage, Aufbau, Größe, Mauern und Tore, Be‐ schaffenheit der Häuser und Plätze, Namens‐ herkunft und Wappen Kathedrale Schatzkammer Tag 4 Reliquienkapelle Stadt Mauern, Vorstadt Tag 5 (Weiterreise nach Fisterra) - - Die Progression nach außen ist deutlich zu erkennen: An den ersten beiden Tagen widmet sich die Beschreibung ausschließlich der Kathedrale sowie - zwi‐ schendurch - deren nächster Umgebung (insbesondere dem Hospital Real) 1560 ; am dritten Tag öffnet sich der Wahrnehmungsradius auf andere Bereiche von Compostela, dann erst nahmen sich die beiden Pilger die Zeit für einen Stadt‐ spaziergang (bei dem sie jedoch, wie die weitere Analyse zeigen wird, wohl auch nur einen sehr begrenzten Ausschnitt der Stadt erkundeten) 1561 , und am vierten und letzten Tag endlich bewegten sie sich auch extra muros. Dieser Ausflug in die Vorstadt ist hier freilich nur mit Einschränkung zu notieren, denn genauere Ausführungen gibt Laffi dazu nicht; er belässt es bei dem knappen Vermerk: andammo un poco a spasso dietro le mura della città 1562 . Dennoch erscheint es bezeichnend, dass sich die zentrifugale Tendenz der Stadtwahrnehmung sogar über die Mauern hinaus fortsetzt. Nach den üblichen Ankunftsritualen - Gebet und Danksagung vor dem Hauptaltar sowie Umarmung der oberhalb desselben befindlichen mannsgroßen Jakobsstatue - unternahmen die beiden Pilger einen ersten Rundgang durch die Kathedrale (andassimo per Chiesa mirando ben bene ogni cosa), der jedoch auf Berichtebene nicht ausgeführt wird; stattdessen löst sich der Text vom persön‐ 404 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="405"?> 1563 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-201-203. 1564 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-202. 1565 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-202. 1566 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-202f. 1567 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-202. 1568 Lorenzo Magalotti und Filippo Corsini weisen 1669 zumindest schon auf die Pläne zum Umbau des Altarraums hin. Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 312; Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 69. Vgl. zudem V Á Z Q U E Z D E P A R G A et-al., Peregrinaciones 1 (wie Anm.-15), S.-244; H E R B E R S / P L ÖT Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-287f. 1569 Wie Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 202, selbst vermerkt: Die tribuna sei principiata l’anno 1666 e finita l’anno 1673. Diese Textstelle ist zudem ein eindrücklicher Beleg dafür, dass Laffi, obschon er seinen Bericht auf das Jahr seiner zweiten Reise, 1670, datiert, in der Ausgabe von 1681 immer wieder auch Kenntnisse und Erlebnisse seiner 1673 unternommenen dritten Reise einfließen lässt. - Das Lexem tribuna ist hier zweifelsfrei mit „Altarbaldachin“ zu übersetzen. Auch H A L L übersetzt ins Englische mit baldachin. Laffi, A Journey (wie Anm.-200), S.-147. 1570 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 202. - Jedenfalls fünf der Kapellen sind im Halbkreis um den Hauptaltar angeordnet. Jeweils zwei hingegen befinden sich in den beiden Seitenarmen des Kirchenkreuzes links und rechts desselben. lichen Blickwinkel der beiden Pilger und geht zu einer streng systematischen Beschreibung des gesamten Bauwerks über 1563 . Zunächst verweist Laffi auf den charakteristischen Kreuzgrundriss (Questa chiesa è in forma di croce.), den er völlig herkömmlich mit dem Heiligen Kreuz assoziiert, an dem Jesus Christus den Sühnetod starb 1564 . So betont er, dass sich der Hauptaltar und unter diesem, in der Krypta, der Leichnam des Apostels Jakobus just an der bedeutungsträch‐ tigen Stelle der Kreuzesinschrift I.N.R.I. (nella parte superiore della croce, cioè nel luogo del cartello I.N.R.I.) befinden 1565 . Damit ist gewissermaßen der symbolische Mittelpunkt des Gebäudes bestimmt. Von dort arbeitet sich der Pilger-Autor sukzessive nach außen vor, vom Inneren zum Äußeren der Kirche und weiter zum westlichen Vorplatz und zu den daran angrenzenden Gebäuden 1566 . Die zentrifugale Tendenz, die seine Stadtdarstellung übergeordnet kennzeichnet, kommt somit auch hier - auf der Detailebene der ästhetisch-baulichen Gestal‐ tung der Kathedrale - geradezu musterhaft zum Tragen. Vom Hochaltar ausgehend, würdigt Laffi zunächst den prächtigen Baldachin (una bellissima tribuna tutta dorata, fatta di rilievo) 1567 , der bei früheren Be‐ richtautoren 1568 noch keinerlei Erwähnung finden konnte, weil er erst 1673 fertiggestellt wurde 1569 . Anschließend nennt er die schwarzen Marmorsäulen (un ordine di belle colonne di marmo nero) und die Kapellen (un altro ordine di capelle), die jeweils im Halbkreis um den Altar herum angeordnet sind (girano attorno a detto altare), erstere noch im Altarraum, letztere im Ambulatorium 1570 . Anzahl und Patronate der Kapellen lässt er unbestimmt; nur diejenige des Königs von Frankreich hebt er hervor (ve n’è una del Re di Francia, bellissima), 6.3 Inhalt und Aufbau der Stadtbeschreibung 405 <?page no="406"?> 1571 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 202. - Zur Verbindung der französischen Könige zu Santiago de Compostela vgl. Anm.-1471. 1572 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 202. - Zur Porta Santa vgl. Anm. 1293 und 2479-2485. 1573 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-202. 1574 Dies ist die erste und bis ins 18. Jahrhundert einzige Beschreibung des berühmten Pórtico da Gloria in der Berichtliteratur. Ein zweiter Beleg findet sich erst in Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 149: nell’entrare in Chiesa per questa porta maggiore vi stà in faccia il Giudicio universale di bellissime figure di rilievo, cosa mirabile da vedere. Vgl. Xosé F I L G U E I R A V A L V E R D E , El Pórtico de la Gloria en sus evocaciones literarias, in: Actas del Simposio Internacional sobre “O Pórtico da Gloria e a arte do seu die große Stirnkapelle, wo die Pilger ihre Devotionen verrichteten und ihnen Beglaubigungsschreiben über ihre vollendete Pilgerfahrt ausgestellt wurden 1571 . Rechts derselben befindet sich die Porta Santa, die, wie Laffi richtig erklärt, nur in Heiligen Jahren geöffnet wird: ogni volta che San Giacomo viene in domenica 1572 . Daran schließt sich der Hinweis auf die anderen drei Tore an: die beiden porte laterali im Querhaus und die Porta Maggiore am Westende des Langhauses, bellissime, tutte finite di lavori di bronzo e marmi finissimi, come anche tutta la chiesa 1573 . Abb. 17: Ausschnitt des Pórtico da Gloria am Westportal der Kathedrale von Santiago de Compostela: Endgericht mit Christus und Erzengel Michael. Dann wendet Laffi den Blick auf das Äußere der Kathedrale: die vier Glocken‐ türme (quattro campanili), die Hauptfassade (la facciata maggiore) und dort insbesondere die Ikonographie des berühmten Pórtico da Gloria, der über dem Rundbogen des rechten Portals mit einer Darstellung des Jüngsten Gerichts (Abb. 17) versehen ist (il Giudicio Finale, tutto in figure di mezo rilievo, cosa bellissima da vedere) 1574 , und schließlich die erst zu Anfang des 17. Jahrhunderts 406 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="407"?> tempo”, 3-8 Octubre 1988, Santiago de Compostela 1991, S.-501-517, hier S.-503f. - Der Pórtico da Gloria geht auf eine Donation Ferdinands II. von León zurück. Erbaut wurde er zwischen 1168 und 1188 unter Baumeister Mateo. Dessen Name sowie das Datum der Fertigstellung sind auf dem Sturz des Portikus eingeritzt. Hinter dem Mittelpfeiler ist eine kleine kniende Figur - der sog. Santo dos Croques - angebracht, die traditionell mit Baumeister Mateo identifiziert wird. Die gegenwärtige Barockfassade gab es zu Laffis Zeiten noch nicht. Sie wurde erst zwischen 1738 und 1750 errichtet und verdeckt nun die ältere romanische Fassade, die Laffi so bewunderte. Vgl. Laffi, A Journey (wie Anm.-200), S.-149f., Anm.-9. 1575 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-203. 1576 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-203. 1577 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 203. - Zum Hospital Real und seinen drei, später vier Innenhöfen vgl. Anm. 1032 und 1280. - Laffi nennt im Wesentlichen diesel‐ ben besonders hervorstechenden baulichen Elemente wie Jan Taccoen van Zillebeke und Giovanni Battista Confalonieri. Siehe Kapitel 4.2 und 4.6. 1578 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-203. neu errichtete Doppeltreppe (una scala bellissima, ma bizarra, […] duplicata da due bande), die von einem herrlichen Balkon (un superbo poggiolo) auf einen schönen Platz (una bella piazza) hinabführt, die Praza do Hospital, an der sich neben anderen vorzüglichen Bauwerken (belli, e superbi edificii) das namengebende Hospital Real (un bello e superbo ospitale) befindet, das auf Laffi wohl großen Eindruck machte: Questo ospitale tanto al di fuori, come di dentro, pare un palazzo reale 1575 ! Es biete, wie er bewundernd vermerkt, Platz für tausend Kranke, und die Kapelle in der Gebäudemitte (una capella sola, posta nel mezo in isola) erlaube, dass alle gleichzeitig die Messe hörten 1576 . Ringsherum sind drei Kreuzgänge (tre claustri superbi, tutti di marmo) angeordnet, jeweils mit großem Innenhof (un cortile […] molto ampio) und reich verziertem Brunnen in der Mitte (una fonte […] con varii disegni degni d’essere veduti) und jeweils in einem anderen Baustil gehalten, perché uno è di ordine corintho, l’altro dorico e il terzo toscano 1577 . Während der Berichtabschnitt über den ersten Aufenthaltstag in Compostela einen eher globalen Eindruck von der Beschaffenheit der Jakobskirche (und des Hospital Real) vermittelt, treten anschließend stetig neue, spezifischere Elemente hinzu: einzelne Räume, die sich die beiden Pilger hier zeigen ließen; Menschen, denen sie hier begegneten; rituelle Handlungen, denen sie hier beiwohnten. Am zweiten Aufenthaltstag folgte auf die Morgenmesse ein erneu‐ ter Rundgang durch das Kirchengebäude, diesmal jedoch in Begleitung eines ortskundigen Cicerone, nämlich des fabriciere maggiore di San Giacomo, des obersten Baumeisters der Kathedrale, den Laffi schon von seiner vier Jahre zuvor unternommenen ersten Reise nach Compostela kannte 1578 . Es müsste sich um den berühmten Chorherrn José Vega y Verdugo (1623-1696) handeln, der 6.3 Inhalt und Aufbau der Stadtbeschreibung 407 <?page no="408"?> 1579 Vgl. Laffi, A Journey (wie Anm.-200), S.-152, Anm.-14. 1580 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-204f. 1581 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 204. - H A L L merkt in seiner englischen Ausgabe des Berichts an: „Laffi distinguishes between two bell towers. This is hard to follow for there was, and is, only one [er meint wohl die Torre das Campás]. The first cannot refer to the clock tower [die Torre do Relox] because it was not built until after his last visit to Compostela.“ Laffi, A Journey (wie Anm. 200), S. 153, Anm. 16. Es ist richtig, dass 1670 erst einer der beiden von H A L L erwähnten Türme in seiner heutigen Gestalt bestand, nämlich die Torre das Campás. Die Torre do Relox mit ihrer schmuckreichen Barockfassade wurde erst 1680 unter der Leitung von Domingo de Andrade (1639-1712) fertiggestellt. An deren Stelle befand sich jedoch, wie in Kapitel 4.3 und 4.6 bereits erläutert, ein auf das Ende des 15. Jahrhunderts zurückgehender Vorgängerbau, bekannt als Torre do Rei de Francia, weil er von Ludwig XI. von Frankreich (1461-1483) mit zwei überaus großen Glocken ausgestattet worden war. Vgl. die Erläuterungen und bibliographischen Hinweise in Anm. 1335. Tiefergehend zur barocken Umgestaltung des Turmes vgl. V Á Z Q U E Z C A S T R O , La Berenguela y la Torre del Reloj (wie Anm.-1335), S.-131-141; T A Í N G U Z M Á N , Domingo de Andrade 1 (wie Anm.-1335), S.-112-128. 1582 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 205. - Die Umbauarbeiten an diesem Turm wurden 1670 unter der Leitung von Domingo de Andrade zum Abschluss geführt. Vgl. Laffi, A Journey (wie Anm. 200), S. 149f., Anm. 9; T A Í N G U Z M Á N , Domingo de Andrade 1 (wie Anm. 1335), S. 108. - Der niedrigere Seitenturm an der nördlichen Westfront der Kathedrale, die Torre da Carraca, sollte erst zwischen 1720 und 1732 unter der Leitung von Fernando de Casas Novoa (1670-1749) nach dem Vorbild der Torre das Campás fertiggestellt werden. Statt mit Glocken ist er mit einer Klapper (carraca) ausgestattet, die traditionell in der Semana Santa, am Karfreitag und am Karsamstag, ertönt. Die ursprüngliche Klapper ist defekt und seit den 1970er Jahren nicht mehr in Gebrauch, kann bei der Besteigung des Turmes aber noch immer besichtigt werden. 2010 ist eine Nachbildung der alten carraca installiert worden. Seitdem ist das charakteristische Geräusch in der Karwoche wieder zu vernehmen. Vgl. Estefanía S A N T A M A R I N A V Á Z Q U E Z , La torre de la Carraca, un nuevo motivo para volver a Santiago y visitar la Catedral, in: La voz de Galicia, 02.08.2020, https: / / www.lavozdegalicia.es/ noticia/ santiago/ 2020/ 07/ 31/ torre-carraca-nuevo-motivo-volver-santiago-visitar-catedral/ 0003159621461068692 2954.htm (Zugriff am 14.04.2023). Vgl. S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 267f. - Der vierte Turm, von dem Laffi berichtet, die Torre do Galo, ist nicht erhalten. Vgl. während seiner Amtszeit (1649-1672) die barocke Umgestaltung der Kathedrale einleitete und maßgeblich vorantrieb 1579 . Obwohl sie sich von ihm per tutta la Chiesa führen ließen, rücken auf Berichtebene nun ausschließlich die Türme und das Dach in den Fokus 1580 . Von den vier Türmen, molto forti, havendo un gran maschio di muraglia per di dentro, besichtigten sie dieselben beiden Glockentürme wie Giovanni Battista Confalonieri: den Campanile più antico, der sich unschwer mit der auf der Südseite der Kathedrale gelegenen Torre do Relox bzw. do Rei de Francia identifizieren lässt 1581 , und den Campanile maggiore, die Torre das Campás an der südlichen Westfront, deren barocker Umbau bei Laffis zweitem Besuch in Compostela gerade fertiggestellt worden war 1582 . Ersterer barg, wie sich dem 408 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="409"?> Laffi, A Journey (wie Anm. 200), S. 149f., Anm. 9; V Á Z Q U E Z C A S T R O , Las desaparecidas torres (wie Anm.-948), insb. S.-256-261. 1583 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 204; Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 117; Ballarini, Viaggio (wie Anm. 198), S. 39; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-273, auch Anm.-18. 1584 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 204f. - Den betreffenden Passus habe ich bereits in Kapitel 4.6 zitiert. - Gemeint ist hier wohl Ludwig IX. von Frankreich (1226-1270), der der Sage nach um 1250 nach Compostela gezogen sein soll und dem zum Dank für seine großzügigen Donationen die Stirnkapelle der Kathedrale, die Capela do Rei de Francia, geweiht war. Vgl. L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 6 (wie Anm. 1471), S. 300; Laffi, A Journey (wie Anm. 200), S. 148, Anm. 5. Allerdings waren die beiden Glocken der Torre do Rei de Francia erst 1483 gegossen worden. Für den zwei Jahrhunderte früher lebenden Ludwig IX. können sie folglich nicht geläutet haben. Vgl. V Á Z Q U E Z C A S T R O , La Berenguela y la Torre del Reloj (wie Anm.-1335), S.-122. 1585 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 205. - Laffi war zwar wundergläubig, hielt aber keineswegs alles für wahr, was ihm erzählt wurde. In Compostela scheint der kritisch urteilende fabriciere maggiore Einfluss auf seine Einschätzung gehabt zu haben. 1586 Siehe die Kapitel 4.3 und 4.6, insb. die Erläuterungen und bibliographischen Hinweise in Anm. 1335. - Da das obere Turmgeschoss gleichsam um die beiden riesigen Glocken herum gebaut worden war, diese sozusagen eingemauert waren und somit nicht ohne Weiteres ausgetauscht werden konnten, darf es als sicher gelten, dass es sich nach wie vor um dieselben handelte, deren Guss Ludwig XI. 1483 in Auftrag gegeben hatte. Vgl. V Á Z Q U E Z C A S T R O , La Berenguela y la Torre del Reloj (wie Anm.-1335), S.-131. 1587 Siehe Kapitel 4.6, in dem ich einige dieser Sagen und Gerüchte rund um die beiden riesigen Glocken der Torre do Rei de Francia zusammengetragen habe. Text weiter entnehmen lässt, die berühmte Wunderglocke aus Santo Domingo de la Calzada, von der bereits Bartolomeo Fontana, Fabrizio Ballarini und Chris‐ toph Gunzinger berichten 1583 , und die alte Campana maggiore der Kathedrale, die einst - so wurde es Laffi vor Ort erzählt - für den König von Frankreich bei dessen Besuch in Compostela auf wundersame Weise von selbst erschollen war, sich dann aber unverschämterweise weigerte, dasselbe auch für den König von Spanien, ihren eigenen Herrn, zu tun, und daher, zur Strafe für diese Verfehlung, entzweigebrochen worden war, acciò più non sonasse per alcuno 1584 . Laffi zufolge sei dies jedoch nichts als chiacchiare 1585 . Wie an anderer Stelle bereits erläutert, handelt es sich hier in Wahrheit um die beiden Glocken, die Ludwig XI. von Frankreich der Kathedrale kurz vor seinem Tod 1483 als Dona‐ tion hatte zukommen lassen 1586 . Dass sie in den volkstümlichen Überlieferungen der Frühen Neuzeit mit mirakulösen oder besonderen (pseudo-)historischen Ereignissen in Zusammenhang gebracht werden und dass dabei vor allem ihr beschädigter Zustand allerlei unglaubliche Erklärungen inspirierte, ließ sich bereits in diversen früheren Zeugnissen nachweisen, erstmals im Itinerario des Bartolomeo Fontana 1587 . Keine Erwähnung indes findet bei Laffi wie bei anderen Pilger-Autoren die Uhrenglocke, die, wie noch auf jener Skizze José Vega y 6.3 Inhalt und Aufbau der Stadtbeschreibung 409 <?page no="410"?> 1588 Wie aus Dokumenten des Kathedralkapitels von Compostela hervorgeht, wurde 1527 von Guillén de Blas eine campana del reloj […] en tres o quatro pilares auf dem Dach der Torre do Rei de Francia angebracht. Sechs Jahre später wurde sie vom selben Baumeister zudem mit einem chapitel überbaut. Zitiert nach: Antonio L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia de la Santa A. M. Iglesia de Santiago de Compostela 8, Santiago de Compostela 1905, S. 64, 203. Vgl. V Á Z Q U E Z C A S T R O , La Berenguela y la Torre del Reloj (wie Anm. 1335), S. 127. Dieser Glockengiebel hat den barocken Umbau des Turms unter der Leitung von Domingo de Andrade nicht überstanden. 1589 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-205. 1590 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-205. 1591 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 159f.; Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S.-117. 1592 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-159f. 1593 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-204. Verdugos (Abb. 7) aus dem von ihm erstellten Informe o Memoria sobre las obras en la Catedral de Santiago (1657) zu erkennen ist, in einer Giebelkonstruktion auf dem Dach des Turmes - also im Freien - angebracht war 1588 . Die Torre das Campás zum anderen muss großen Eindruck auf Laffi gemacht haben. Mit ihren festen Mauern und ihren ringsumher an den Fenstern angeordneten zwölf Glocken (nicht mehr sieben, wie noch in früheren Zeugnissen) sei dieser gerade im Barockstil umgestaltete Turm veramente […] degno d’esser veduto: pare proprio un Palazzo 1589 ! Dort begegneten die beiden Pilger dem Glöckner der Kathedrale, der ihnen freundlicherweise zu trinken anbot 1590 . Eine Begehung des Kirchendachs findet sich in den romanischen Berichten vor dem 17. Jahrhundert nie explizit vermerkt; jedoch erscheint es plausibel anzunehmen, dass Pilger wie etwa Antoine de Lalaing und Bartolomeo Fontana sehr wohl dort hinaufstiegen, erwähnen sie doch das ‚Lumpenkreuz‘ (Cruz dos Farrapos), das dort just an der Stelle über dem Hauptaltar aufgerichtet steht 1591 . Von Antoine de Lalaing stammt zudem der früheste Beleg für das in dessen Sockelstein befindliche wundersame Loch, das von in Todsünde gefallenen Menschen angeblich nicht passiert werden könne 1592 . Laffi hebt eben dieselben beiden Elemente hervor, bietet aber als erster Autor im hier analysierten Korpus auch eine genauere Beschreibung des übrigen Dachs, che è tutto coperto di marmo bianco a modo di scalinata, onde si sale per tutto il coperto di detta chiesa e attorno al medesimo tetto, dalla parte di fuori, v’è una bellissima balaustrata con varie statue e figure, di modo che, stando di sopra al tetto di detta chiesa, vi pare d’essere in un vago Giardino. Sopra alla cupola dell’altar maggiore, sopra il medesimo tetto, vi è una croce di marmo fatta in forma di giglio, tutta traforata, in mezo della quale vi è un gran buco per il quale passano li pellegrini, dicendo il volgo che quelli che sono in peccato mortale non vi possono passare 1593 . 410 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="411"?> 1594 Vgl. Laffi, A Journey (wie Anm.-200), S.-153, Anm.-16. 1595 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-210-212. 1596 Vgl. Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1064 (sacrestia); Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 321 (saincte cappelle); Münzer, Itinerarium (wie Anm. 743), S. 97 (sacrari[um]); Arnold, Pilgerfahrt (wie Anm. 627), S. 233 (sacrastie); Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 159 (Trésorerie); Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 116 (camera santa); Lassota von Steblau, Tagebuch (wie Anm. 167), S. 55 (Sachristej) etc. - Trotz der verschiedenen Bezeichnungen meinen sie - wie Parallelen in den jeweiligen Inventarlisten offenbaren, so etwa der übereinstimmende Hinweis auf die Kopfreliquie des hl. Jakobus des Jüngeren - allesamt ein und denselben Ort, nämlich die Sakristei mit den Reliquien, die ihnen von einem in mehreren Sprachen parlierenden Priester gezeigt wurde. 1597 Ein weiterer Beleg für diesen Ort findet sich bei Giovan Battista Gornia, der - wie Confalonieri - auf die dort verwahrten Kostbarkeiten und Devotionalien ebenfalls nicht genauer eingeht und nur lakonisch vermerkt, dass der Schatz poverissimo sei. D O M Í N G U E Z F E R R O , Giovan Battista Gornia (wie Anm.-155), S.-264. 1598 Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-218. 1599 Die Kapellen südlich des Langhauses der Kathedrale, darunter die Capela de San Fernando und die Capela dos Reis, wurden erst 1544 fertiggestellt, zur gleichen Zeit wie der daneben liegende Kanonikerkreuzgang. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm.-869), S.-148-151; B O N E T C O R R E A , Arquitectura (wie Anm.-948), S.-263. Allerdings irrt Laffi hier, was die verarbeiteten Stoffe betrifft: Nicht weißer Marmor bedeckt das Dach, sondern Granit, und das angeblich marmorne Kreuz besteht in Wahrheit aus Messing 1594 . Mit der Besichtigung des tesoro am dritten Aufenthaltstag und des reliquiario maggiore am vierten differenziert sich die Darstellung des Kircheninneren weiter aus; ersterer barg besonders kostbare oder historisch bedeutsame welt‐ liche Gegenstände sowie Altarschmuck und liturgische Geräte, letzterer aus‐ schließlich Reliquien 1595 . Die meisten früheren Pilger-Autoren erwähnen nur die Heiltumskammer 1596 . Der erste Beleg für die Schatzkammer findet sich bei Giovanni Battista Confalonieri (un’altra sacristia che chiamano la Tesorería) 1597 , der jedoch versäumt, ihren Inhalt näher aufzuführen, und stattdessen, völlig herkömmlich, alle Aufmerksamkeit den Heiltümern widmet 1598 . Bei Laffi stellt es sich interessanterweise genau andersherum dar: Zum tesoro, der sich seit 1641 in der Capela de San Fernando befindet, bietet er (erstmals) eine lange Inventarliste 1599 ; es gebe dort molti apparati ricchissimi, calici d’oro fino e gran quantità d’argenterie e di pietre pretiose e gemme per l’altare e, particolarmente, una mitra da vescovo tutta tempestata pretiosamente di perle e pietre di gran valore, con quantità di gioie. Fra l’altre ricchezze, v’è un doblone, o vogliam dire medaglione, che fu il primo battuto nel Perù quando fu ritrovato e preso dai Spagnoli con l’arma del Re di Spagna da una parte e quella del Perù dall’altra; questo pesa 27 libre di peso d’oro e ogni libra di Spagna sono 16 onze. 6.3 Inhalt und Aufbau der Stadtbeschreibung 411 <?page no="412"?> 1600 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-210f. 1601 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 212. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm.-869), S.-148-151; B O N E T C O R R E A , Arquitectura (wie Anm.-948), S.-263. 1602 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-212. 1603 Von seiner zweiten Reise 1670 brachte Laffi das Trinkgefäß (tazzetta) mit, welches der Apostel Jakobus persönlich im Pilgerhospiz von Astorga dem von heftigem Fieber befallenen Domenico Codici gereicht haben soll. Kaum hatte der Todkranke daraus getrunken, soll er auf wundersame Weise genesen sein. Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 240-245. Auf seiner dritten Reise 1673 schenkte ihm der oberste Qui vedessimo molte insegne, stendardi militari e padiglioni e molte altre cose da guerra, come armi diverse e armature e molti bagagli di gran valore e di molta riputatione, tutte robbe acquistate da Don Giovanni d’Austria, Generale nella gran guerra navale fatta contro del Turco l’anno 1571, li 7 ottobre, sotto il pontificato di Pio V, hora beatificato. Oltre il suo stendardo proprio da Generale, datogli da questo Beato Pontefice, il quale, doppo la detta guerra lo donò a San Giacomo, come patrone e protettore di tutta la Spagna, gli donò ancora molte cose di gran stima tolte alli Turchi nel gran conflitto. Fra molti stendardi di quelli Bassà e di quelli gran signori, vi è quello del Gran Turco, tolto al suo Generale e molti tapeti e padiglioni e vi è il fanale della medesima galera reale del Gran Turco, cosa veramente di gran prezzo e molto bella e riguardevole. […] Vi è, in questo errario, ancora un corno molto longo e grosso e è di quelli tori selvatici che condussero il corpo di San Giacomo da Iraflavia fino in Compostella, come più avanti intenderete 1600 . Zum reliquiario maggiore hingegen, der sich bis 1641 in der Capela de San Fernando befunden hatte und dann in die einstige Capela dos Reis - bis dahin als Kapitelsaal genutzt - verlegt worden war, schreibt er nichts weiter, als dass er molti corpi santi e molte insigni reliquie beherberge 1601 . Überhaupt sind die einzigen von ihm näher bestimmten Reliquien in Compostela diejenigen des hl. Jakobus: seine leiblichen Überreste, aber auch die beiden Kontaktreliquien, das Messingkreuz und der in eine Bronzesäule eingefasste Pilgerstab, die er zu Lebzeiten bei sich getragen haben soll 1602 . Ein ähnliches Desinteresse für die anderen Heiltümer der Kathedrale konnte im vorigen Kapitel bereits den Adligen aus dem Gefolge des jungen Cosimo III. de’ Medici attestiert werden, bei denen es jedoch eingedenk ihres weltlichen Standes und der primär weltlichen Motivation ihrer Grand Tour nicht in gleichem Maße verwundert wie bei dem ausgebildeten Priester und mindestens dreifachen Jakobspilger Laffi, zumal er andernorts durchaus an den jeweiligen Reliquien interessiert war und sowohl auf seiner zweiten als auch auf seiner dritten Reise zu seinem großen Glück sogar jeweils selbst in den Besitz einer kostbaren Reliquie gelangte, die er nach Bologna mitnahm 1603 . Wie im vorigen Kapitel bereits erläutert, kann der 412 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="413"?> Baumeister der Kathedrale einige Mosaiksteine aus der Krypta des Apostels, die er, eingefasst in ein silbernes Kreuz, der Bologneser Jakobusbruderschaft stiftete. Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-237-239. 1604 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-207. 1605 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-207f. 1606 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-208. - Zuletzt werden Name und Wappen der Stadt thematisiert: Compostela soll einstmals Flauto Brigantio geheißen haben - was unzutreffend ist: Brigantium ist der alte Name von A Coruña. Vgl. Laffi, A Journey (wie Anm. 200), S. 158, Anm. 29. Für das neue Toponym ‚Compostela‘ führt Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 208, eine bereits aus anderen Quellen - z. B. aus dem Bericht des Christoph Gunzinger; vgl. H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 274 - bekannte volksetymologische (d. h. sprachhistorisch nicht haltbare, nur auf Klangähnlichkeit basierende) Erklärung an: hora si chiama Compostella, perché quando fu qui trasportato il corpo di San Giacomo, fu accompagnato e condotto da una stella Heiltumsschatz in der Berichtliteratur des 17. und 18.-Jahrhunderts nicht mehr als festes, erwartbares Merkmal einer Compostela-Beschreibung gelten: Manche Autoren gehen gar nicht darauf ein oder bescheiden sich wie Laffi mit einem kurzen Hinweis, andere notieren umfangreiche Kataloge. Die übrige Stadt - abseits des engen Kernbereichs aus Kathedrale und Hospital Real - erkundeten die beiden Pilger, wie bereits erwähnt, erst am Morgen des dritten Aufenthaltstages. Auf Berichtebene trägt Laffi daher auch erst hier solch grundlegende Angaben zu Compostela nach, wie sie in anderen Reiseberichten oftmals am Anfang der Stadtbeschreibung stehen: Er bestimmt die Größe der Stadt (non è molto grande) ebenso wie ihre Lage (è posta in un colle, che pende tutto a mezo giorno), evoziert kurz ihre Mauern (è circondata di muraglie di pietra viva) und orientiert sich sodann an ihren (angeblich) vier Eingängen (ha quattro porte) 1604 . Vor dem Ost- und dem Nordtor befindet sich jeweils eine Vorstadtsiedlung (due borghi, uno fuori della porta a levante […], e l’altro è fuori della porta a settentrione), vor dem Westtor ein Franziskanerkloster (fuori della porta, a ponente, vi è un bello e antico convento di San Francesco), nämlich San Francisco do Val de Deus, und vor dem Südtor (la porta […] posta a mezo giorno) bewässerte Obst- und Gemüsegärten (fuori di questa porta sono molti giardini e horti, con fontane, onde sono molti copiosi di frutti) 1605 . Bei diesem letztgenannten Tor schließlich - und damit bezeichnenderweise wiederum im nächsten Umkreis der Kathedrale - verharrt Laffi am längsten: Es soll sich hinter der Praza do Hospital befinden (avanti di questa [porta] vi è una gran piazza tutta lastricata di macigno, dov’è la facciata maggiore della chiesa di San Giacomo dirimpetto), die er in diesem Zusammenhang erneut mit allen ringsherum befindlichen Gebäuden beschreibt, wobei er nun auch den gegenüber dem Hospital Real gelegenen Prachtbau (un palazzo parimente molto bello), den Colexio de San Xerome, hervorhebt 1606 . Anzahl und Lage der Stadttore 6.3 Inhalt und Aufbau der Stadtbeschreibung 413 <?page no="414"?> e per questo la chiamano Compostella, che è composto da « compos » e « stella ». Über das Sternmotiv stellt Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 208, sinnfällig die Verbindung zum Stadtwappen her: Compostela fa la medesima stella per arma, con una cappa e due bordoni sotto incrociati. - Weitere Inhalte aus dem hagiographischen Dossier des hl. Jakobus entfaltet er gebündelt über gut zehn Seiten hinweg in Berichtkapitel 14 und 15 nach der Beschreibung seines Aufenthaltes in Fisterra. Kapitel 15 trägt den Titel VITA DI SAN GIACOMO MAGGIORE APOSTOLO E PADRONE DI SPAGNA. RACCOLTA DA QUELLO CHE DI LUI È SCRITTO NELLA SACRA SCRITTURA E DA GRAVI AUTORI. Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-219-241. 1607 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-203. 1608 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 160; Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 311; Corsini, Relazione (wie Anm.-155), S.-68. 1609 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-202. 1610 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-203. 1611 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-203. werden im Fortgang noch einmal näher zu betrachten und vor allem mit der topographischen Realität abzugleichen sein. Bevor einzelne Abschnitte der Beschreibung nun Gegenstand einer tiefer‐ gehenden Untersuchung werden sollen, seien vorab noch einige - wie ich meine - erstaunliche Fehler aufgezeigt, die Laffi in seiner Beschreibung der Apostelstadt unterlaufen. Besonders kurios erscheint, dass er als Auftraggeber des Hospital Real fälschlich einen re Don Alonso nennt, dessen Person sich nicht zweifelsfrei identifizieren lässt 1607 . Liegt hier - dies ist wohl die plausibelste Erklärung - eine Verwechslung mit dem Erzbischof von Compostela Alonso II. de Fonseca (1460-1465, 1469-1507) bzw. mit dessen Sohn und Amtsnachfolger Alonso III. de Fonseca (1507-1523) vor, unter deren Ägide das große Pilgerhospiz zwischen 1501 und 1511 erbaut wurde? Den Auftrag dazu gaben jedenfalls die Katholischen Könige Ferdinand II. von Aragonien und Isabella I. von Kastilien, was andere Berichtautoren - z. B. Antoine de Lalaing, Lorenzo Magalotti und Filippo Corsini - auch richtig notieren 1608 . Ferner mag - u. a. an der Verortung der Stadttore - schon aufgefallen sein, dass Laffi die Himmelsrichtungen unzutreffend angibt, und dies nicht nur in Einzelfällen, sondern mit systematischer Konsequenz. Erstmals lässt sich dies in der Beschreibung der Hauptfassade (eigentlich auf der Westseite der Kathedrale) beobachten, qual è, so Laffi, posta a mezo giorno 1609 . Da er diese offenkundig fehlerhafte Angabe wenige Zeilen darauf nochmals bekräftigt, kann Flüchtigkeit als Erklärung wohl ausgeschlossen werden: La facciata [maggiore] è […] volta, come dissi, a mezo giorno 1610 . Es ist nur folgerichtig, aber ebenso falsch, dass er anschließend das große Pilgerhospiz dalla parte di ponente, westlich des nach ihm benannten Platzes lokalisiert; tatsächlich grenzt es an dessen Nordende 1611 . Außerdem ist richtigzustellen, dass der Hang, an dem Compostela liegt, nicht 414 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="415"?> 1612 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 207. - Die Lage von Compostela ist „caracterizado por la acusada pendiente del terreno en dirección Este-Oeste“, wie L Ó P E Z A L S I N A , El nacimiento (wie Anm.-1), S.-33, bestätigt. 1613 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-202, 206. 1614 Zum botafumeiro vgl. Kapitel 5. 1615 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-49f. - wie Laffi meint - nach Süden, sondern nach Westen abfällt und dass sich das Kloster San Francisco do Val de Deus eher nördlich, nicht westlich der Stadt befindet 1612 . Einen hervorragenden Beleg für diese Art Fehler bietet schließlich auch die Darstellung der Heiligen Messe im Eintrag zum zweiten Aufenthalts‐ tag: Der botafumeiro, das große Weihrauchfass, dessen Funktionsweise Laffi an dieser Stelle genauestens beschreibt (s. u.), werde da una porta all’altra, cioè dalla porta d’oriente a quella d’occidente geschwungen; er bezieht sich damit aber, wie er präzisierend anfügt, auf le sopradette porte delli due bracci della croce zurück, die zuvor so bezeichneten porte laterali, die jedoch eindeutig mit dem Nord- und dem Südportal zu identifizieren sind 1613 . In der Tat wird das Weihrauchfass traditionell im Querhaus, d. h. über der Nord-Süd-Achse des Gebäudes, in Bewegung versetzt 1614 . Alle diese sonderbaren Belege lassen sich auf eine allgemeine Formel bringen: Die Himmelsrichtungen scheinen sich für Laffi jeweils um eine Vierteldrehung nach rechts verschoben zu haben; Süden ist für ihn da, wo Westen ist, Westen da, wo Norden ist, usw. 6.4 Una città bellissima? Tendenziöse Selektion, sprachliche Aufwertung und Romvergleiche Ungeachtet der vielen irrigen Angaben bietet Laffi doch eine genaue, auf Wirklichkeitstreue bedachte Beschreibung der Apostelstadt, namentlich der Kathedrale und des Hospital Real. Indem er jeweils den Grundriss und dessen Gliederung skizziert, die (relative) Position der Gebäude und Gebäudeelemente (zueinander) und die verarbeiteten Baumaterialien angibt, ermöglicht er dem Leser, die materielle Beschaffenheit dieser beiden Orte im Geiste zu rekonstru‐ ieren, sich ein ‚Bild‘ zu machen. Die Imaginierbarkeit seiner Reisedarstellung setzt sich Laffi in der vorgeschalteten Widmung „Al cortese lettore“ auch explizit zum Ziel: Die Pilgerfahrt, die er selbst unter großen Mühsalen und steter Gefährdung seines Lebens unternommen habe, so heißt es da sinngemäß, würde der geneigte Leser, der nicht selbst nach Compostela ziehen wolle oder könne, durch die Lektüre seines Buches - sicher und bequem aus der Heimat - in spiritu nachvollziehen können 1615 . Mit diesem Gedanken knüpft Laffi an die spätmittelalterliche Frömmigkeitspraxis der geistigen Pilgerreisen an, wie 6.4 Una città bellissima? Tendenziöse Selektion, sprachliche Aufwertung und Romvergleiche 415 <?page no="416"?> 1616 Vgl. Guillaume de Digulleville, Le pèlerinage de la vie humaine, hg. von Jakob S T Ü R Z I N ‐ G E R , London 1893. - Jüngere Editionen des altfranzösischen Originaltextes liegen nicht vor. 1617 Vgl. Felix Fabri, Die Sionpilger, hg. von Wieland C A R L S , Berlin 1999. 1618 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-50. 1619 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 201. Vgl. L O P E Z , La imagen (wie Anm. 227), S.-381, 385f. 1620 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-201-203. 1621 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-207f. 1622 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-201-203, 207f. sie etwa durch Guillaume de Digulleville (Le pèlerinage de la vie humaine, um 1330) 1616 oder Felix Fabri (Die Sionpilger, 1492) 1617 in literarische Formen gegossen wurde. Auf diese Weise versucht er ganz im Einklang mit dem alten Horazischen Topos des prodesse et delectare, neben dem Unterhaltungswert (piacere) auch die Nützlichkeit (giovamento) seines Berichts nachzuweisen: Diesen habe er verfasst, per piacere a chi gode di simil lettura, come per giovare a chi mai si sentisse mosso ad intraprendere simile pellegrinaggio 1618 . Vielleicht um doch den einen oder anderen seiner Leser zu bewegen, die Pilgerfahrt auch in corpore anzutreten, ist er gleichwohl, bei aller Genauig‐ keit und Detailtreue, bemüht, ein möglichst positives Bild vom Jakobsweg insgesamt und namentlich vom fin bramato Compostela zu erzeugen 1619 . Dazu wendet er - wie ich nun zeigen möchte - verschiedene Darstellungsmittel an, die zum Teil bereits aus anderen Pilger- und Reiseberichten oder aus dem Liber Sancti Jacobi bekannt sind. Schon ein eher oberflächlicher Blick auf die Textgestaltung zeigt etwa, dass der Pilger-Autor seiner Begeisterung über die Apostelstadt immer wieder durch explizites Lob und vor allem durch gehäufte Schönheitsbehauptungen Ausdruck verleiht. Eine lexikalische Analyse würde zweifellos bemerkenswerte Ergebnisse zutage führen: Allein in dem - in der hier zugrunde gelegten Ausgabe von Sulai Capponi - ungefähr drei Seiten, 26 Sätze, umfassenden Kapitelabschnitt über den ersten Aufenthaltstag (Ankunft, Besichtigung der Kathedrale und des Hospital Real) tritt das Lexem bel(l)in verschiedenen Deklinationen (bello, bel, bella, belli, belle) und Derivationen (Substantiv: bellezza, Elativ: bellissimo) siebzehnmal auf 1620 . Acht weitere Belege lassen sich in den zwölf Sätzen nachweisen, die er dem Stadtspaziergang am dritten Aufenthaltstag widmet 1621 . Kein anderes Lexem benutzt Laffi in seiner Compostela-Beschreibung so häufig. Hinzu kommen zahlreiche synonyme oder teilsynonyme Adjektive und Adjektivphrasen wie esquisito, finissimo, maraviglioso da vedere, superbo oder degno d’esser veduto 1622 . Durch diese - ganz im Dienst barocker admiratio-Ästhetik stehende - ‚Werbesprache‘ mit ihren positiven Wertungsadjektiven, ihren Superlativ- und Elativformen lässt 416 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="417"?> 1623 Ein ähnliches Verfahren ließ sich in Kapitel 4.2 bei Jan Taccoen van Zillebeke beobach‐ ten, namentlich in seiner Beschreibung des gerade fertiggestellten Hospital Real, das ihm im Gegensatz zur Kathedrale sehr imponierte. 1624 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 311; Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 68f.; D O M Í N G U E Z F E R R O , Giovan Battista Gornia (wie Anm.-155), S.-263. 1625 L O P E Z , La imagen (wie Anm.-227), S.-386. 1626 Vgl. F E R N Á N D E Z G A S A L L A , Las murallas (wie Anm.-429), S.-7f. 1627 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 311; Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 68. - Offenbar befanden sich die Mauern auch schon, als Claude de Bronseval 1532 in die Stadt kam, in einem schlechten Zustand. Denn seinem Bericht zufolge sei Compostela cincta muris vetustis, hederosis et confractis debilibusque, cuius pars in pendulo montis est. Claude, Viaje (wie Anm.-130), S.-186. 1628 Vgl. F E R N Á N D E Z G A S A L L A , Las murallas (wie Anm.-429), S.-8f. der rhetorisch gelehrte Geistliche das Bild einer durch und durch schönen Stadt entstehen 1623 . Ihre augenfällige Konzentration in der Beschreibung der Kathedrale vermittelt den Eindruck einer potenzierten Erfahrung des Sakralen. Kritik und Tadel sucht man indes vergeblich - ganz anders als bei manchem Zeitgenossen: Wie Kapitel 5 gezeigt hat, erschien den Berichtautoren aus dem Reisegefolge des jungen Cosimo III. de’ Medici die Apostelstadt klein, ärmlich und verfallen, das Innere der Kathedrale kärglich ausgestattet, düster und nicht besonders würdevoll 1624 . Der frappierende Kontrast mit den enttäuschten Adli‐ gen lässt erahnen, wie sehr Laffi seine Stadtbeschreibung ins Positive gelenkt haben muss. Lucrezia Lopez zieht sie daher in ihrer kulturgeographischen Studie über das ‚Bild‘ von Compostela plausibel als frühes Beispiel für (touristische) „promoción de la ciudad“ heran; Laffi erzeuge, so schlussfolgert auch sie, gezielt „una imagen evidentemente positiva“ der Stadt 1625 . Dies erreicht er nicht zuletzt, indem er solche Elemente des Stadtkörpers, die seinem Darstellungsziel wohl zuwiderliefen, konsequent ausblendet: Es ist gut dokumentiert, dass sich die alten Mauern von Compostela zu Laffis Zeiten in einem äußerst lamentablen Zustand befanden, trotz aller vorange‐ gangen Bemühungen, sie wieder instand zu setzen 1626 . Erinnert sei nochmals an die Berichte der vornehmen Reisenden um Cosimo III. de’ Medici, aus denen einhellig hervorgeht, dass sie damals ruinös, von Efeu überwuchert und stellenweise sogar eingestürzt waren 1627 . Gestützt werden ihre Negativurteile durch malerische Darstellungen der Epoche, nicht nur durch das berühmte Panorama Pier Maria Baldis (Abb. 15) 1628 , sondern auch etwa durch dasjenige eines anonymen englischen Malers, der 1666 mit der Gesandtschaft Edward Montagus (1625-1672), des ersten Grafen von Sandwich, in die Jakobsstadt kam (Abb. 18) 1629 . Einem amtlichen Schreiben aus dem Jahr 1668 lässt sich zudem entnehmen, die Mauern estan caidas y arruinadas, de tal manera que suben por ellas los olores con la tierra y revo que se arrimo a ellas […] y otros 6.4 Una città bellissima? Tendenziöse Selektion, sprachliche Aufwertung und Romvergleiche 417 <?page no="418"?> 1629 Vgl. Alfredo V I G O T R A S A N C O S , La embajada a España del primer Conde de Sandwich y una vista panorámica de la ciudad de Santiago de 1666, in: Obradoiro de Historia Moderna 14 (2005), S.-271-293. 1630 Zitiert nach: F E R N Á N D E Z G A S A L L A , Las murallas (wie Anm.-429), S.-8. 1631 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-207. 1632 Fünfmal allein im kurzen Passus über den Stadtspaziergang am dritten Aufenthaltstag; zudem kommt macigno, das bedeutungsgleich verwendet wird - an einer Stelle sei die Praza do Hospital mit pietra viva gepflastert, an einer anderen mit macigno -, hier einmal vor. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-207f. pedazos que estan caidos hasta el suelo 1630 . Doch solch verfallene, von der Natur allmählich zurückeroberte Mauern passen wohl nicht in das Gesamtbild einer schönen, sehenswerten Stadt, das Laffi von Compostela zu vermitteln sucht. Jedenfalls spart der sich sonst so wortreich äußernde Pilger-Autor sie in seiner Beschreibung weitgehend aus; er notiert nur lakonisch und ohne Wertung, die Stadt è circondata di muraglie di pietra viva 1631 . Abb. 18: Santiago de Compostela aus nordöstlicher Richtung (Monte da Almáciga). Zeichnung eines anonymen Engländers aus dem Gefolge Edward Montagus (1666), Familienarchiv der Grafen von Sandwich, Mapperton (Dorset). Das Baumaterial pietra viva, das Laffi als Einziges an den alten Mauern her‐ vorhebt und auf dessen Verwendung in der Stadtarchitektur er auch sonst mit auffallender Häufigkeit 1632 hinweist, kann zum anderen als Beispiel für die gezielte Hervorhebung positiver Elemente herangezogen werden. Aus dem 418 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="419"?> 1633 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-208. 1634 Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 311; Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 68. - Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 214, bezeugt, die Stadt ha commodità di buona pietra per fabbricare ancorche se ne usino poco. 1635 Beispielhaft hier nochmals die entsprechende Stelle in Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 68: Compostella […] è assai piccola e Rovinata con molte case di legno, le strade strette e disuguali le mura che la cirdondano sono di pietra ma basse, et in molti luoghi o’ Rovinate, o’ minaccianti Rovina. 1636 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-201, 208. 1637 Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 68; Bacci, Relazione (wie Anm. 190), S. 152. - Allerdings darf es auch als fraglich gelten, ob die Plätze der Stadt wirklich so schön waren, wie Laffi suggeriert, liest man doch ebenda bei Paolo Bacci, es gebe delle piazze, ma non molto belle. explizit als bello gelobten hellen Stein seien neben den Mauern auch zahlreiche schöne Bauten und das Pflaster sämtlicher Plätze der Stadt beschaffen: vi sono belli palazzi, tutti fatti di pietra viva e tutte le piazze lastricate della medesima pietra, cosa bella da vedere; insbesondere an der Praza do Hospital sei ogni cosa di pietra viva 1633 . So erscheint Compostela in Laffis Beschreibung als eine herrliche Stadt erbaut ganz aus leuchtend hellem Stein. Andere Stoffe hingegen, ein so wesentlicher und weit verbreiteter wie Holz etwa, werden an keiner Stelle erwähnt. Ein erneuter Blick in die Berichte über die Europareise des jungen Cosimo III. de’ Medici lässt vermuten, dass auch hier eine (bewusste) deskriptive Aussparung vorliegt; denn in scharfem Widerspruch zu Laffi nahmen die tos‐ kanischen Adligen in Compostela größtenteils Holzhäuser wahr: Die Stadt sei per lo più fabricata di legno, notiert Lorenzo Magalotti; parallel berichtet Filippo Corsini von molte case di legno 1634 . Der Kontext in beiden Berichten lässt keinen Zweifel daran, dass sie dies mitnichten als Positivum verbuchen: In dem Bild des Verfalls, das sie von Compostela zeichnen, erscheint die Holzbauweise als ein Mangel unter vielen anderen 1635 . Wiederum - dies legt der Vergleich jedenfalls nahe - versucht Laffi, die Jakobsstadt in seiner Darstellung aufzuwerten, indem er Negatives unerwähnt lässt, während er zugleich gute Eigenschaften - in diesem Fall die weitflächige Verwendung des hellen Steins - umso deutlicher hervorhebt. Ein weiteres Beispiel dieser Art bietet die Beschaffenheit des Bodens in Compostela: Mehr als einmal weist Laffi auf die schöne Steinpflasterung der Plätze hin 1636 , geht bezeichnenderweise aber mit keinem Wort auf den Zustand der Straßen ein, die Corsini als strette e disuguali tadelt und über die noch Paolo Bacci im Jahr 1764 klagen sollte, sie seien molto cattive, sporche, e mal lastricate, e non molto larghe 1637 . Neben ausdrücklichem Lob unter häufigem Gebrauch von Wertungsadjekti‐ ven (bello und Synonyme) - d. h. einem Verfahren expliziter Semantisierung des Raumes - sowie der weitgehenden Cachierung negativer und der Hervorhebung 6.4 Una città bellissima? Tendenziöse Selektion, sprachliche Aufwertung und Romvergleiche 419 <?page no="420"?> 1638 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-201. 1639 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-205. 1640 Vom 23. Dezember 1669 bis zu seinem Tod am 7. September 1680 bekleidete Andrés Girón das Amt des Erzbischofs von Santiago de Compostela. Auf ihn dürfte sich Laffi hier beziehen. 1641 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-205. 1642 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-205. - Zum Kardinalsstand in Santiago de Compostela siehe Kapitel 4.6 sowie die Erläuterungen und bibliographischen Hinweise in Anm.-56, 950 und 1364-1366. 1643 Als Zielorte der drei peregrinationes maiores. So etwa in Kapitel 4 des Pilgerführers, worin das Hospiz von Santa Cristina auf dem Somportpass - dem Pyrenäenübergang vor Puente la Reina am Anfang des Camino Francés - in einem Atemzug mit dem Hospiz zu Jerusalem und demjenigen auf dem Großen St. Bernhard in den Walliser Alpen als zentralem Anlaufpunkt für Rompilger genannt wird. Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-237. 1644 Zur Theorie der drei sedes apostolicae vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 70-81; P L Ö T Z , Jacobus Maior (wie Anm. 51), S. 186-190. - Wie in Kapitel 2.2.1 erläutert, handelt positiver Elemente tragen zur Aufwertung von Compostela zweifellos auch die Romvergleiche bei, auf die Laffi mehrfach zurückgreift: Durch das Aufzeigen von Parallelen zwischen der Kirche des hl. Jakobus und dem Petersdom oder auch zwischen dem Erzbischof und dem Papst hebt er Compostela in der Hierarchie der christlichen loca sancta gleichsam auf eine Stufe mit Rom - oder wenig darunter, denn den Primat des Petrussitzes zweifelt er nicht an. Den Brauch der Heiligen Pforte beispielsweise, den Compostela mutatis mutandis von Rom übernommen hatte, kommentiert er mit den Worten: Questo non si fa in alcun luogo del mondo, se non in Roma e qui 1638 . Begeistert von der Würde und Feierlichkeit, mit der am Morgen des zweiten Aufenthaltstages die Liturgie gehalten wurde, beteuert er: Veramente non credo che doppo San Pietro di Roma, si trovi chiesa così bene officiata come questa 1639 . Den Erzbischof 1640 bringt er über dessen Kleidung und besondere Vorrechte mit dem Papst in Verbindung: Er war beim Lesen der Messe alla ponteficale gekleidet, col palio medesimo che porta il Pontefice, und [q]uesto palio, eccetto il Pontefice, non lo puol portar alcuno, fuori che l’Arcivescovo di Compostella, dignità concessagli da Pasquale secondo, l’anno 1114 1641 . Bestimmte Kanoniker waren zudem berechtigt, sich Cardinali zu nennen, dignità concessali parimente dal Pontefice, und tutti vestiti ancor essi in habito ponteficale, con mitre in testa da Vescovi 1642 . Versuche, eine Ebenbürtigkeit zwischen Compostela und Rom zu konstru‐ ieren, sind in der literatura jacobea vielfach belegt. So ließ sich in Kapitel 2.2.1 nachweisen, dass Compostela schon im Liber Sancti Jacobi immer wieder gleichberechtigt neben Rom und Jerusalem 1643 oder auch - gemäß der von Klaus Herbers so bezeichneten Theorie der drei sedes (apostolicae) - neben Rom und Ephesos (wo der hl. Johannes begraben liegen soll) gestellt wird 1644 . Zentrale 420 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="421"?> es sich um die vor allem durch Mt 20,20-28 und Mk 10,35-45 begründete Idee des Vorrangs der drei Apostel Petrus, Jakobus und Johannes sowie entsprechend ihrer ‚Sitze‘ Rom, Compostela und Ephesos, die auf Predigt und Bestattung derselben am jeweiligen Ort beruhen. 1645 Münzer, Itinerarium (wie Anm.-743), S.-94. 1646 Wie in Kapitel 1.1 erläutert, wurde die Annäherung an römische Normen und Formen schon im Hohen Mittelalter vor allem von Erzbischof Diego Gelmírez vorangetrie‐ ben. Vgl. H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10), S. 26f.: „Den besonderen Rang der Apostelkirche unterstrichen […] päpstliche Privilegien. So soll Papst Paschalis II. die Erhebung von sieben Kardinälen erlaubt haben, denen das Vorrecht gewährt wurde, die Messe am Jakobusaltar zu zelebrieren; weiterhin gestattete er den Kanonikern, an Festtagen die Mitra zu tragen. Bei den verschiedenen Maßnahmen und Privilegierungen sind zwei Tendenzen bedeutend: der zunehmende Vorrang Compostelas vor anderen spanischen Kirchen sowie die Annäherung an römische Gebräuche oder sogar deren Imitation, weil man Compostela wie Rom als einen Apostelsitz ansah. Die Übernahme römischer Traditionen betraf auch die für Spanien neue römische Liturgie und das kanonische Recht in Compostela. Liturgische und rechtliche Bücher werden in den Quellen der Zeit mehrfach genannt. So widmete Gregor von San Crisogono in Rom eine Rechtssammlung dem Bischof von Santiago de Compostela. Das römisch geprägte kanonische Recht unterstützte Diego Gelmírez besser als das westgotische bei seinem Bestreben um Erhöhung seines Sitzes. Es legte viele Entscheidungen in die Hände des Papstes und entzog sie so Auseinandersetzungen mit spanischen Konkurrenten. In Compostela machte man also zu Beginn des 12. Jahrhunderts verstärkt den Besitz der Apostelreliquien geltend und benutzte außerdem die neuen römischen Formen und Gebräuche, um sich an der Seite des Papsttums gegen spanische Konkurrenten durchzusetzen. Die Kombination beider Verhaltensweisen führte dazu, dass viele Vorrechte dem römischen Vorbild angeglichen erschienen und damit der Apostelsitz - ob gewollt oder ungewollt - in eine Parallele zum römischen Sitz geriet.“ Legitimationsgrundlage ist dabei stets der Besitz des Apostelleichnams. Speziell in die hier interessierenden Pilgerberichte des Späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit jedoch scheinen solche eher abstrakten, kirchenideologischen Vorstellungen, wie sie im Liber Sancti Jacobi dokumentiert sind, nur selten Eingang gefunden zu haben. Allenfalls bei sehr gebildeten Autoren finden sich vereinzelt Belege: Hieronymus Münzer beispielsweise greift in seinen Aufzeichnungen auf die Theorie der drei sedes zurück, die ihm vermutlich aus seiner eigenen Lektüre der mittelalterlichen Sammelhandschrift vertraut war: Ecclesia Sancti Jacobi una de tribus principalibus ecclesiis est ut post Romanam et Ephesinam in Asia, que nunc periit 1645 . Bei Laffi - ähnlich wie später bei Nicola Albani (Kapitel 8.3) - sind es vielmehr einzelne Parallelen zwischen Compostela und Rom etwa in den Bräuchen und Formen der Liturgie, Elemente der Romimi‐ tation, die er - ohne dies ganz explizit auszusprechen - positiv deutet als Indizien für eine (annähernde) Gleichrangigkeit der beiden Devotionszentren 1646 . Schließlich mag ein eher subtiles Darstellungsmittel zur Aufwertung von Compostela darin bestehen, dass Laffi die ästhetisch-materielle Vollkommenheit 6.4 Una città bellissima? Tendenziöse Selektion, sprachliche Aufwertung und Romvergleiche 421 <?page no="422"?> 1647 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-202. 1648 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-202. 1649 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-203. 1650 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-202; Liber (wie Anm.-25), S.-252. 1651 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-203. der Kathedrale nicht nur explizit durch Lob hervorhebt, sondern auch implizit dadurch, dass er - wiederum auf ähnliche Weise wie der Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi - ihre stimmige Gestaltung, vor allem die symmetrische Gliede‐ rung ihres Kreuzgrundrisses zur Anschauung bringt. So macht er die symboli‐ sche Zentralität des Hochaltars, wie bereits erwähnt, durch die Parallelisierung mit der Kreuzesinschrift I.N.R.I. deutlich, forciert diese Mittelpunktsetzung aber noch, indem er aufzeigt, wie andere Bestandteile des Raumes jeweils rings um ihn herum angeordnet sind, z. B. die schwarzen Marmorsäulen und die Kapellen: Attorno a detto altare seguita un ordine di belle colonne di marmo nero, poi un altro ordine di capelle che girano attorno a detto altare 1647 . Bei den weiter außen liegenden Elementen, etwa bei den Portalen, ist er offenkundig darauf bedacht, ihre gleichmäßige Verteilung hervorzuheben: in ogni capo di croce vi è una porta, […] alla sommità della croce […] è la Porta Santa, nelli due bracci sono le porte laterali e nel piede la Porta Maggiore 1648 . Nicht anders verfährt er bei den Türmen der Kathedrale: due […] sono uno di qua e l’altro di là dalla facciata maggiore della chiesa e gli altri due sono posti di qua e di là dalla sommità della croce 1649 . Somit findet die perfekte Ausgewogenheit und Regelmäßigkeit des sakralen Bauwerks hier, wie im Jakobsbuch, einen deutlichen Niederschlag. Weitet man den Blick auf den gesamten Stadtkörper, so lässt sich zudem eine interessante Analogie zwischen den Hauptportalen der Kathedrale und den Stadttoren erkennen. Während im Liber Sancti Jacobi noch von [t]res portales principales die Rede ist, notiert Laffi quattro porte, weil er die einst als Nebenportal ([portalulla] de Sancto Pelagio) klassifizierte Porta Santa auf der Ostseite des Gebäudes hinzurechnet, sodass völlig regelmäßig ein Portal in jeder Himmelsrichtung liegt 1650 . Die Zahl Vier findet sich anschließend sowohl bei den Kirchtürmen (quattro Campanili) als auch bei den Stadttoren (quattro Porte) wieder 1651 . Lässt sich die Anzahl der Portale noch unschwer mit der Einführung der Heiligen Pforte (vermutlich zu Beginn des 16. Jahrhunderts) erklären, so gibt die Anzahl (und Lage) der Stadteingänge Rätsel auf. Nach Laffis Darstellung scheinen von den sieben im Liber Sancti Jacobi bezeugten Toren (Urbis vero introitus et porte sunt septem! ) in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nur vier übriggeblieben zu sein, und zwar zufällig - wie die Kirchenportale - genau eines in jeder Himmelsrichtung: ein Nordtor, ein Osttor, ein Südtor und ein Westtor 1652 . Dies entspricht jedoch nicht der topographischen Realität: Zwar 422 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="423"?> 1652 Liber (wie Anm.-25), S.-251. 1653 Vgl. F E R N Á N D E Z G A S A L L A , Las murallas (wie Anm.-429), S.-1. 1654 Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 2 (wie Anm. 428), S. 407. - Dies belegt auch der älteste erhaltene Stadtplan von Compostela aus dem Jahr 1595 (Abb. 20), der heute im Archivo General de Simancas aufbewahrt wird. - In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die nördlich gelegene Porta de San Francisco abgerissen, sodass es anschließend wieder sieben Tore waren. Vgl. F E R N Á N D E Z G A S A L L A , Las murallas (wie Anm. 429), S. 10; Pablo P É R E Z C O S T A N T I , La ciudad de Santiago en 1753, in: D E R S ., Notas viejas galicianas, Santiago de Compostela 1993, S.-37-39. 1655 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-208. waren die Tore seit der Abfassung des berühmten Sammelkodex in der Mitte des 12. Jahrhunderts teilweise umbenannt worden, die am Südende der Stadt gelegene Porta de Mazarelos (als einziges Stadttor noch heute erhalten) war im 13. Jahrhundert weiter nach außen verlegt worden, und es waren kleinere Durchgänge für den Fußgängerverkehr hinzugekommen wie die Porta das Algalias, die Porta de San Fiz oder die Porta do Souto, doch ungeachtet all dessen war es bis in die Frühe Neuzeit stets bei sieben Haupttoren geblieben 1653 . Im 16. Jahrhundert wurde am Nordende der Stadt, nahe der Porta da Pena, noch ein weiterer Zugang geschaffen: die Porta de San Roque 1654 . Demnach hätte Laffi im 17. Jahrhundert sogar acht Tore zählen müssen. Wie konnte er vier von ihnen übersehen? Ist die Analogie zur Kathedrale vielleicht gar intendiert? Lässt er die Tore der Stadt in Anzahl und räumlicher Ausrichtung gezielt mit denen der Kathedrale zusammenfallen, um wiederum einen Anschein von Gleichmaß und Harmonie, von ästhetischer Perfektion zu erzeugen? Dies entspräche jedenfalls seiner erwiesenen Intention, ein möglichst positives Bild von Compostela zu vermitteln. Eine andere Erklärung könnte darin liegen, dass Laffi den Orten nach zu urteilen, die er explizit oder implizit vermerkt, wohl nur einen sehr begrenzten Ausschnitt von Compostela zur Kenntnis nahm. Die in der Südhälfte der Stadt gelegenen Kirchen, Klöster und Hospitäler oder auch das große Jesuitenkolleg (auf dem Grundstück der heutigen Fakultät für Geschichte und Geographie) erwähnt er mit keinem Wort. Der südlichste Ort, der, wenn auch nicht mit Namen, Eingang in seine Beschreibung gefunden hat, ist der palazzo an der Praza do Hospital, der Colexio de San Xerome 1655 . Angesichts dieser weitläufigen Aussparung in seiner Beschreibung erscheint die Vermutung nicht abwegig, dass Laffi diesen Teil der Stadt gar nicht oder jedenfalls nicht so genau in Augenschein nahm und ihre Südtore - die Porta Faxeira, die Porta de Mazarelos und die Porta da Mámoa - einfach übersah. Doch selbst wenn die beiden Pilger tatsächlich nur den nördlichen, insbeson‐ dere nordwestlichen Teil der Stadt erkundet hätten, so müsste ihnen auch hier 6.4 Una città bellissima? Tendenziöse Selektion, sprachliche Aufwertung und Romvergleiche 423 <?page no="424"?> 1656 Wohl eher die Porta de San Roque, da sie sich weiter von den anderen von Laffi besichtigten Orten entfernt befindet als die Porta da Pena. 1657 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-201. 1658 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 207f.: Es handele sich beim Franziska‐ nerkloster um eine fabrica veramente degna d’esser veduta, prima per esser antica, l’altra per esser stata fatta dal medesimo San Francesco, come ci fu detto e hanno di gran ricchezze per la chiesa. - Vom ursprünglichen gotischen Klosterbau sind nur mehr die fünf Bogen auf der Nordseite des im späten 17. Jahrhundert errichteten heutigen Gebäudes erhalten. Vgl. Laffi, A Journey (wie Anm. 200), S. 157, Anm. 25. - Zur Bedeutung dieses Klosters und des hl. Franz von Assisi in Compostela und für den Jakobsweg vgl. die beiden von Francisco S I N G U L herausgegebenen Sammelbände: Pellegrino e nuovo apostolo. San Francesco nel Cammino di Santiago, Santiago de Compostela 2013; San Francisco e o seu tempo. Pazo de Xelmírez, marzo-xuño de 2015, Santiago de Compostela 2015. 1659 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-208. ein Stadttor entgangen sein: entweder die Porta da Pena oder die Porta de San Roque 1656 . Eine von beiden verbirgt sich hinter dem nicht näher bestimmten Nordtor. Die Porta do Camiño, die Porta de San Francisco und die Porta da Trinidade werden zwar auch nicht namentlich erwähnt, doch lassen sie sich über ihre explizit notierte Nähe zu anderen Stadtelementen sicher identifizieren. Die Kernstadt betraten die beiden Pilger durch die Porta do Camiño, von Laffi ausnahmsweise richtig als Osttor bestimmt; der Hinweis auf das davor errich‐ tete Dominikanerkloster (San Domingos de Bonaval) lässt hieran, wie bereits erwähnt, keinen Zweifel 1657 . Die anderen beiden Tore besichtigten sie während ihres Stadtrundgangs am dritten Aufenthaltstag: Das angebliche ‚Westtor‘ ist in Wahrheit ein Nord-, allenfalls ein Nordwesttor, nämlich die Porta de San Francisco, unschwer zu erkennen an dem namengebenden Franziskanerklos‐ ter extra muros (San Francisco do Val de Deus), welches der Überlieferung zufolge von niemand Geringerem als dem heiligen Ordensvater Franz von Assisi (1181/ 82-1226) selbst während seines Compostela-Besuchs im Jahr 1214 gegründet worden sein soll 1658 . Bei dem ‚Südtor‘ zum anderen muss es sich aufgrund seiner Verortung hinter der Praza do Hospital um die am Westende der Stadt gelegene Porta da Trinidade handeln 1659 . Die Abbildungen 19 und 20 mögen die herausgearbeiteten Abweichungen zwischen Laffis Text-Compostela und dem realen Compostela noch einmal veranschaulichen: Abbildung 19 zeigt auf schematische Weise, welches Bild der Pilger-Autor in Kapitel 13 seiner Reisebeschreibung von der Topographie der Apostelstadt zeichnet. Im Vergleich mit Abbildung 20, dem ältesten erhaltenen Stadtplan von Compostela aus dem Jahr 1595, wird erkennbar, wie sehr es sich von den tatsächlichen Gegebenheiten unterscheidet 1660 . 424 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="425"?> 1660 Vgl. Celestino G A R C Í A B R AÑA , El primer plano conocido de Santiago: un nuevo docu‐ mento clave para el urbanismo gallego, in: Boletín Académico. Escola Técnica Superior de Arquitectura da Coruña 5 (1986), S.-31-35. Abb. 19: Schematische Darstellung von Santiago de Compostela nach der (fehlerhaften) Beschreibung in Domenico Laffis Viaggio in Ponente (1673). 6.4 Una città bellissima? Tendenziöse Selektion, sprachliche Aufwertung und Romvergleiche 425 <?page no="426"?> Abb. 20: Ältester erhaltener Stadtplan von Santiago de Compostela (1595), Archivo General de Simancas, MPD, XXXIV, 21. Im Original geostet, hier zum besseren Vergleich mit Abb. 19 genordet. A: Porta do Camiño (Porta Francigena) - B: Porta de San Roque (erbaut im 16. Jh.) - C: Porta da Pena (Porta Penne) - D: Porta de San Francisco (Porta de Subfratribus) - E: Porta da Trinidade (Porta de Sancto Peregrino) - F: Porta Faxeira (Porta de Falgueriis) - G: Porta da Mámoa (Porta de Susannis) - H: Porta de Mazarelos (Porta de Macerellis) - I: Rúa das Casas Reais - J: Praza do Campo/ do Pan (heute de Cervantes) - K: Rúa da Acibechería - L: Paradies/ Praza da Acibechería - M: Kathedrale - N: Palast des Erzbischofs - O: Praza do Hospital (heute do Obradoiro) - P: Hospital Real - Q: Colexio de San Xerome - R: San Domingos de Bonaval - S: San Francisco do Val de Deus 426 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="427"?> 1661 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-251-256. 1662 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-321. 1663 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-321. 6.5 Menschen und menschliches Handeln: die Kathedrale als ‚belebter‘ Raum Laffis Beschreibung der Apostelstadt ist nicht nur die bisher umfang- und detailreichste im hier analysierten Korpus, sie bringt - wie nun zu zeigen sein wird - auch eine qualitative Neuerung mit sich: Compostela stellt sich hier in weiten Teilen als ‚belebter‘, wesentlich von Menschen und menschlichem Handeln bestimmter Raum dar. Dies steht in scharfem Kontrast zu fast allen früheren Zeugnissen, in denen dieser Teil der erlebten Realität entweder gänz‐ lich ausgespart wird oder nur der Pilger-Autor selbst egozentrisch im Fokus seiner Beschreibung steht, während die Anderen allenfalls spärlich, oft gar nicht zur Kenntnis genommen werden. Im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi erscheint der Stadtraum völlig menschenleer, bis auf die Gewerbetreibenden im Paradies und in der dort entlangführenden Straße, die beiläufig in einem knappen Halbsatz erwähnt werden 1661 . Anders und doch ähnlich liegt der Fall bei Jean de Tournai: Der fromme Kaufmann notiert sorgfältig die Handlungen, die er am locus sanctus verrichtete und die allesamt notwendigerweise die Interaktion mit Anderen voraussetzen - umso erstaunlicher (und bezeichnender), dass er eben diese Anderen an keiner Stelle näher bestimmt, sie vielmehr hinter unspezifischen bzw. unpersönlichen Pronomina und Passivkonstruktionen ver‐ schwinden lässt: me confessay derriere le grand autel de ladicte eglise au plus prez d’ung petit autel sur lequel je fis dire messe, et la endroict je reçupz le corpz de Nostre Seigneur Jesu Crist, en le loant et regratiant des benefices et graces qu’Il m’avoit faict d’avoir accomply les trois sainctz voiaiges comme dict est, c’est assavoir Romme, Sainct Jacques et Hierusalem 1662 . Und weiter: Aprés on me monstra le bourdon dudict sainct, lequel est en la moienne de ladicte eglise sur la bonne main. En aprés, j’ois sonner une clocette, et puis nous allasmes au fond de ladicte eglise au costé sur la bonne main, auquel lieu est la saincte cappelle, et monstasmes a mont, et la nous fut montré le chief de sainct Jacques le Grand, apostle et cousin de Jesu Crist, et avec plusieurs aultres nobles reliquiaires 1663 . Wer ihm die Beichte abnahm, wer für ihn die Messe las, wer ihm den Stab des Heiligen und die Reliquienkapelle zeigte - on? - oder auch auf wen sich das nous bezieht, das hier unvermittelt an die Stelle des je tritt, bleibt unklar. 6.5 Menschen und menschliches Handeln: die Kathedrale als ‚belebter‘ Raum 427 <?page no="428"?> 1664 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-116f. 1665 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-158. 1666 Vgl. Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1063f. 1667 Vgl. Monte Maggio, Relato (wie Anm. 200), S. 186; Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S.-212-214. 1668 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-205-207. 1669 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-203-205. 1670 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 209-213. - Ercole Zani hat selbst auch eine umfangreiche Reisebeschreibung hinterlassen: Viaggio di Ercole Zani in Inghilterra, Spagna, Portogallo, Paesi Bassi e Germania (1669-1670), die mit der Signatur Ms. 3830 in der Biblioteca Universitaria di Bologna verwahrt wird. - Allgemein zu Zanis Reisen vgl. Lodovico F R A T I , I viaggi del conte Ercole Zani, in: L’Archiginnasio. Bullettino della Biblioteca Comunale di Bologna 6 (1911), S. 91-99; F A R I N E L L I (Hg.), Viajes 2 (wie Anm.-93), S.-158. 1671 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-212. Im Zentrum allen Handelns steht der Autor selbst, während die Anderen in den Raum des Impliziten verbannt sind. Ähnliches lässt sich auch bei Bartolo‐ meo Fontana beobachten 1664 . Manche Pilger-Autoren dagegen weisen zwar auf andere Menschen in der Stadt hin, dies aber meist knapp und nur statisch; von ihren Handlungen, gar von Interaktion mit ihnen ist nie die Rede, weshalb sie eher wie zum Inventar der Stadt gehörig denn wie autonome Akteure erscheinen. Man denke beispielsweise an Antoine de Lalaing, der Erzbischof Alonso II. de Fonseca beiläufig erwähnt 1665 , an den Florentiner Anonymus von 1477, der vagen Aufschluss über die Sozialstruktur der Stadt (viele Geistliche - wenige Handwerker) gibt 1666 , oder auch an Cristofaro Monte Maggio da Pesaro und Giovanni Battista Confalonieri, die die Stadtbevölkerung jeweils (negativ) charakterisieren 1667 . Verglichen mit diesen und anderen Vorgängern tritt in Laffis Stadtbeschrei‐ bung eine geradezu überbordende Vielzahl von Menschen entgegen. Teils werden sie als Kollektive wahrgenommen: die Pilger und die Chorherren während der Messe oder auch die bunte Schar, die am Nachmittag des zweiten Aufenthaltstages an einer feierlichen Prozession zur Verehrung der hl. Elisabeth teilnahm 1668 , und teils als Individuen: der Baumeister, der Glöckner und der Erzbischof 1669 , ferner ein bolognesischer Graf namens Ercole Zani, dem Laffi und Codici am dritten Aufenthaltstag während der Messe begegneten 1670 , und zuletzt ein Musikus aus Rom, mit dem sie am vierten Aufenthaltstag die nähere Umgebung der Stadt erkundeten 1671 . Ergänzen ließen sich noch Giovanni del Rio, der Abt des Klosters San Francisco do Val de Deus, der Laffi 1673 während seines - erst in Berichtkapitel 16 kurz angerissenen - dritten Besuchs in der Stadt Quartier und Speisung gewährte, und der galicische Vizekönig, der sich zur glei‐ chen Zeit dort aufhielt 1672 . Laffi behandelt die genannten Personen mitunter sehr 428 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="429"?> 1672 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 237-239. - Laffi nennt den Grafen von Fonsaldaña nicht beim Namen; es dürfte sich jedoch um Alonso Manrique de Solís y Vivero handeln, der von 1664 bis 1683 Träger dieses Titels war. 1673 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-209f. 1674 Vgl. Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1063f.: bella chericheria, molti chalonachi, pochi artigiani. 1675 Zitiert nach: H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-270. ausführlich, beschreibt zum Teil ihr Äußeres - eindrücklich etwa die prachtvolle Kleidung des Erzbischofs, der Chorherren und der Prozessionsteilnehmenden am zweiten Aufenthaltstag - und zeigt sie immer dynamisch in konkreten situativen Handlungen begriffen, häufig auch in Interaktion mit ihm selbst. Dabei ist für ihn fraglos die Person des Ercole Zani zentral. Die Begegnung mit dem bolognesischen Edelmann gestaltet er gleichsam zum narrativen Hö‐ hepunkt des Kapitels aus: Er schildert sie mit genüsslicher Ausführlichkeit, das Erzähltempo verlangsamt sich an dieser Stelle merklich und wird stellenweise szenisch (mit Anteilen direkter Rede); zudem bedient er sich spannungsstei‐ gernder Mittel, unterschlägt bewusst etwa den Wissensvorsprung, den er als autobiographischer Erzähler vor seinem erlebenden Ich besitzt, lässt den Leser zunächst im Unklaren über die Identität Zanis und deutet an, es könnte sich um einen Betrüger handeln 1673 . Für die Analyse der Stadtwahrnehmung aber erscheinen andere Personen re‐ levanter. Denn der Baumeister, zugleich Mitglied des Kapitels von Compostela, der Erzbischof, der Glöckner oder auch Giovanni del Rio gehören qua Funktion, die ersteren drei als Amtsträger der Kathedrale, der letztere als Vorsteher des Franziskanerklosters, gewissermaßen zum festen ‚Stadtinventar‘. Da sie die einzigen Ortsansässigen sind, die als Individuen herausgehoben werden, drängt es sich geradezu auf, von ihnen pars pro toto auf die Stadtbevölkerung zu schließen. Zum einen bestätigt sich an ihnen, was schon der Anonymus von 1477 bemerkte 1674 und noch wenige Jahre vor Laffi auch etwa Christoph Gunzinger, wenn er schreibt, Compostela sei merers ein Priesterals Layenstatt 1675 , nämlich die massive Überrepräsentation des geistlichen Standes in der Jakobsstadt. Zum anderen gewinnt man über ihr Verhalten auch einen Eindruck von dem Charakter der Stadtbewohner. Dem Baumeister lässt sich ein ganzes Bündel positiver Eigenschaften zuordnen; man könnte an ihm eine Art urbanitas festmachen, ein stadtbezogenes Verhaltensideal, das wesentlich bestimmt wäre durch Höflichkeit und Gastfreundschaft (volse che stessimo a pranso con lui facendoci un banchetto sontuoso, ci condusse per la fabrica e per tutta la chiesa), durch Freigiebigkeit (ci regalò di molte cose), aber auch durch eine gewisse Bildung in den schönen Künsten (Laffi brachte ihm als Geschenk alcuni buoni 6.5 Menschen und menschliches Handeln: die Kathedrale als ‚belebter‘ Raum 429 <?page no="430"?> 1676 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 203-205. - José Vega y Verdugo hatte sich vor seiner Tätigkeit in Compostela einige Zeit in Rom aufgehalten, wo er Gelegenheit hatte, die barocke Architektur des Petersdoms zu studieren. Daher rührt wahrscheinlich auch sein Interesse für italienische Malerei, das Laffi hier bezeugt. Vgl. Laffi, A Journey (wie Anm.-200), S.-152, Anm.-14. 1677 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-203. 1678 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-205. 1679 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-209. 1680 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-237. 1681 Damit steht Laffi in deutlichem Gegensatz zu den vielen Autoren, die ein eher nega‐ tives Bild von den Einheimischen zeichnen. Man denke etwa an die Beschreibung Hieronymus Münzers, der das Stadtvolk als porcinus […] et piger tadelt: culture terre minus intendit, ut plurimum ex questu peregrinorum vivunt. Münzer, Itinerarium (wie Anm. 9743), S. 94. Aber auch an den ersten Teil des Liber Sancti Jacobi, in dem Pseudo-Calixt eine ganze Typologie von Unholden und Verbrechern auf dem Jakobsweg und zum Teil (der böse Wirt, der betrügerische Herbergsvermittler und der diebische Kaplan) auch explizit in Compostela lokalisiert (Kapitel 2.2.2), sowie an die heftigen vituperationes in den Berichten des Cristofaro Monte Maggio da Pesaro (Kapitel 4.4) und des Giovanni Battista Confalonieri (Kapitel 4.6), die die Einwohner als hässlich, ungepflegt und geschmacklos gekleidet empfanden. dissegni d’eccellenti pittori aus Italien mit, quali hebbe molto cari) und eine kritische Urteilskraft (Elemente volkstümlichen Wunderglaubens wies er im Gespräch mit Laffi wiederholt als chiacchiere, spropositi und superstitione ab), die ihn mehr als einmal in diametrale Gegenstellung zum ungebildeten Volk (il volgo, gente idiota, ignorante plebe) rücken lässt 1676 . Mit diesen vorzüglichen Eigenschaften ausgestattet und zudem von edler Herkunft (ein cavaliere princi‐ pale della città) 1677 , erinnert der Baumeister an das durch Baldassare Castigliones Libro del Cortegiano (1528) geprägte, auch zu Laffis Zeiten noch immer wirk‐ mächtige Renaissanceideal des Hofmannes, in dem sich ritterliche Tugenden mit humanistischer Bildung verbinden. Der Glöckner, dem nur ein kurzer ‚Auftritt‘ bei der Besichtigung der Torre das Campás zukommt, wird durch sein Verhalten (volse dare da bevere non solo a noi, ma anco alli servitori di quel signor canonico) ganz auf Höflichkeit und Gastfreundschaft verkürzt 1678 , Tugenden, die er mit dem Baumeister wie auch mit Ercole Zani (nobil trattare, voleva […] che andassimo con lui a pranso) 1679 und dem Abt des Franziskanerklosters (fossimo trattati bene e con gran cortesia da quel padre guardiano) 1680 teilt. Ausnahmslos alle Personen, denen die beiden Pilger in Compostela begegneten, erscheinen überaus positiv gezeichnet und fügen sich insofern hervorragend in die übrige - ebenso durchweg positive - Stadtdarstellung ein 1681 . 430 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="431"?> 1682 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-205f. 1683 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-205f. 1684 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-206f. 1685 Nompar II. de Caumont etwa und andere eher wortkarge Itinerar-Autoren erwähnen gar keine Handlungen in der Kathedrale, ebenso wenig wie die Florentiner Anonymi. Die überwiegende Mehrheit der Berichtautoren aber hält wenigstens den Messbesuch mit einem kurzen Satz fest; so notiert Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 117: A di. 20. [d.-h. am 20. September 1539] recevei il salutare corpo di Christo con gran devotione. Nicht weniger lakonisch heißt es - um nur ein weiteres Beispiel zu nennen - in Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 158: Le dimanche 6 mars [1502], […] ils entendirent la messe à la cathédrale de Saint-Jacques, où était l’archevêque, nouvellement rentré d’Angleterre, où il avait mené la fille du roi d’Espagne au prince de Galles. Wie so oft scheint die Aufmerksamkeit des jungen Adligen eher weltlichen als religiösen Dingen zu gelten, in diesem Fall eher den politischen Geschäften des Erzbischofs als der Liturgie. 6.6 Prunk, Musik und Wohlgeruch: die Kathedrale als sinnlicher Raum Ein dezidiert günstiges Urteil fällt Laffi auch über die vom Erzbischof persönlich gelesene Messe und die Heiligenprozession, denen er und Codici am zweiten Aufenthaltstag in Compostela, nach dem Rundgang durch die Kathedrale mit dem Baumeister, beiwohnten. Der bereits in anderem Zusammenhang zitierte Romvergleich lässt keinen Zweifel an seiner großen Begeisterung: Veramente non credo che doppo San Pietro di Roma, si trovi chiesa così bene officiata come questa 1682 . Sein Hauptaugenmerk gilt drei Aspekten: dem Ablauf der Liturgie, dem Mechanismus des botafumeiro sowie dem Äußeren des Erzbischofs und der Kanoniker, die er, wie bereits erwähnt, über Parallelen in der Bekleidung mit dem Papst und den Kurienkardinälen in Verbindung bringt 1683 . Den Prozes‐ sionszug zum anderen beschreibt er systematisch Gruppe für Gruppe, Element für Element, von den vordersten bis zu den hintersten, wobei ein besonderer Fokus auf den Musikinstrumenten und überhaupt auf der Klangkulisse liegt 1684 . Bemerkenswert dabei ist wiederum die Genauigkeit und Detailtreue, mit der er dies alles wiedergibt, zumal die Messe in den bisher analysierten Zeugnissen nie ausführlich zur Darstellung kommt, sondern allenfalls kurz vermerkt wird, von einer Prozession durch die Kathedrale gar nicht zu reden 1685 . Doch mehr als der zuvor kaum gekannte Detailreichtum und die Vielzahl neuer Elemente interessiert die veränderte Raumperzeption. Bisher herrschten - so kann man es grosso modo einteilen - zweierlei vor: zum einen Beschrei‐ bungen, die auf die bloße Materialität eines statischen, ‚unbelebten‘, scheinbar menschenleeren Raumes beschränkt sind, zum anderen ‚Inventarlisten‘. Zuwei‐ len vermitteln die Texte einen mehr oder minder präzisen Eindruck von der sakralen Baukunst (so insbesondere der Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi, aber 6.6 Prunk, Musik und Wohlgeruch: die Kathedrale als sinnlicher Raum 431 <?page no="432"?> 1686 Vgl. Münzer, Itinerarium (wie Anm.-743), S.-94-97; Liber (wie Anm.-25), S.-251-256. 1687 Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-116f. 1688 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-201-203. 1689 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-210f. 1690 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 205-207. - Laffi verwendet hier Prä‐ sens, wohl um das Allgemeine, Regelhafte, Wiederkehrende dieser Handlungen zum Ausdruck zu bringen; es handelt sich aber zweifellos um das, was er am zweiten Aufenthaltstag vor Ort erlebte. auch z. B. der Bericht des Hieronymus Münzer, der sogar eine selbst angefertigte Grundrisszeichnung bietet) 1686 ; in vielen anderen Fällen jedoch erscheint die Kirche nur als unbestimmter container, als Behältnis voller Reliquien und Devotionalien (so musterhaft etwa bei Bartolomeo Fontana) 1687 . Im Grunde ist dies bei Laffi in weiten Teilen auch noch der Fall: Die Darstellung der Kathedrale und des Hospital Real im Eintrag über den ersten Aufenthaltstag konzentriert sich ganz auf deren ästhetisch-materielle Gestaltung 1688 . Würde Berichtkapitel 13 damit enden (und gleich darauf die Weiterreise nach Fisterra folgen), so läge eine völlig herkömmliche Compostela-Beschreibung vor, die nicht wenige der bisher herausgearbeiteten typischen Merkmale in sich vereinte: starke Fokus‐ sierung auf das sakrale Zentrum bei weitgehender Ausblendung des profanen Stadtraumes, eingehende Behandlung der ästhetisch-baulichen Gestaltung der Kathedrale bei relativem Desinteresse für andere Menschen und deren Handeln, Darstellungsrichtung von innen nach außen etc. Die umfassende Aufzählung der in der Schatzkammer verwahrten Objekte andererseits, die sich die beiden Pilger am Nachmittag des dritten Aufenthaltstages zeigen ließen (s. o.), fällt unverkennbar in das Muster der ‚Inventarlisten‘, wenngleich Laffi hier teilweise auch historisches Wissen einflicht und erläutert, wie all diese Kostbarkeiten in die liturgische Praxis eingebunden wurden (z. B. erfährt man, dass sie jährlich zur Heiligen Messe am Festtag des Apostels herausgeholt und zur Bewunderung der Gläubigen vor dem Hochaltar ausgestellt wurden) 1689 . In der Beschreibung der Messe und der Heiligenprozession am zweiten Aufenthaltstag hingegen rücken verstärkt die handelnden Anderen in den Fokus, wodurch die Raumperzeption hier eine zeitlich-prozesshafte Dynamik gewinnt 1690 . Da ihre Handlungen zum Teil auf die Hervorbringung von Klängen und Wohlgeruch abzielen, geht dies zugleich mit einer Öffnung auf andere Sinnesbereiche (als den optischen) einher. Der Hauptraum der Kirche und dessen Elemente (der Hochaltar, der Baldachin, das Eisengitter, die Kanzeln, das Weihrauchfass, das Nord- und das Südportal etc.) werden in den besagten Passa‐ gen nicht isoliert, nur um ihrer selbst willen, und somit statisch wahrgenommen, sondern in untrennbarem Zusammenhang mit menschlichen Akteuren (dem Erzbischof, den Chorherren und den Prozessionsteilnehmern), ihren Handlun‐ 432 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="433"?> 1691 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-206f. 1692 Liber (wie Anm.-25), S.-254. 1693 Münzer, Itinerarium (wie Anm.-743), S.-95, 98. 1694 Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-116f. 1695 Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-321f.; Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-52. 1696 Belege, die sich übrigens ausnahmslos auf die Kathedrale, das sakrale Zentrum der Stadt, beziehen. Dieser Zusammenhang zwischen Sakralität und Sinnlichkeit wird sich im Folgenden bei Laffi bestätigen. gen (der Rezitation liturgischer Texte, dem Schwingen des großen Turibulums, Tanzen, Singen, Musikspiel, lautes Beten, Glockenläuten etc.) und der von ihnen bzw. ihren Handlungen ausgehenden sinnlichen Wirkung (Prachtentfaltung, Wohlgeruch, Luftbewegung, Musik und Messgesang, Stimmengewirr etc.). Für Laffi fügt sich dies alles zu einem ganzheitlichen, ‚atmosphärischen‘, auch und insbesondere emotional-sinnlichen Raumerlebnis zusammen, dessen Charakter er wiederholt mit dem Stimmungsbegriff gravità auf ein Wort zu bringen sucht (veramente non si può dire la polizia e gravità che usano in officiare questa chiesa, veramente ciò fanno con gran gravità, sì che rende una gran devotione) 1691 . Auf den Aspekt der Sinnlichkeit ist näher einzugehen. In früheren Compos‐ tela-Beschreibungen werden Elemente, die einen anderen Sinneskanal adres‐ sieren als das Auge, allenfalls sporadisch zur Kenntnis genommen. Die im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi enthaltene descriptio urbis etwa nennt als einzigen nicht-optischen Reiz göttliche Düfte, die von den Gebeinen des Apos‐ tels ausgehen sollen (odoribus divinis indeficientibus fraglantibus honestatur) 1692 . Hieronymus Münzer seinerseits notiert das riesige, Wohlgeruch verströmende Weihrauchfass, den maximum incensum […] cum aromatico fumo, und beklagt den unablässigen Lärm, den clamor […] populi, der im Inneren des Gotteshauses herrsche und nach seinem Empfinden von mangelnder Ehrfurcht vor dem Heiligen künde: Modica ibi devocio est. Dignus esset sanctissimus apostolus, ut maiori reverencia veneraretur 1693 . Bartolomeo Fontana schließlich gibt den praktischen Hinweis, dass man den Beginn der allmorgendlich stattfindenden Reliquienschau durch das Läuten einer kleinen Glocke, sonando un campanello, anzukündigen pflege 1694 . Bereits Jean de Tournai und Jan Taccoen van Zillebeke wollen eine clocette/ closette vernommen haben, bevor sie sich zusammen mit anderen Pilgern in die Heiltumskammer begaben 1695 . Im Ganzen handelt es sich um wenige und eher dürftige Belege 1696 . Vor diesem Hintergrund erscheint eine derartige Fülle sowohl besonderer optischer als auch akustischer, olfaktorischer und anderer Sinnesreize, wie Laffi sie in Teilen seiner Compostela-Beschreibung mit großem Detailreichtum zu vergegenwärtigen sucht, durchaus als Novum. Die im Folgenden betrachteten Passagen mögen dies illustrieren. 6.6 Prunk, Musik und Wohlgeruch: die Kathedrale als sinnlicher Raum 433 <?page no="434"?> 1697 Zum botafumeiro siehe Kapitel 5. 1698 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-206. 1699 Dass der Anblick des rasant schwingenden riesigen Turibulums die Pilger beeindruckte und mitunter auch in Schrecken versetzte, bezeugt Christoph Gunzinger: Es sei entsetzlich anzusehen und mache einem gleichsamb das Gesicht vergehen. Zitiert nach: H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-272. Einen wesentlichen Teil seiner Ausführungen über die Messe am zweiten Aufenthaltstag in der Jakobsstadt widmet Laffi, wie erwähnt, dem botafumeiro, auf den sonst nur wenige frühneuzeitliche Berichtautoren eingehen 1697 , und beschreibt dabei eindrücklich dessen Funktionsweise und Wirkung: Avanti l’altar maggiore vi è un gran turibolo fatto a guisa d’una gran lampada il quale, con una corda, è attaccato al volto della tribuna maggiore e questo calano a basso quando vogliono mettervi dentro il fuoco e l’incenso e poi lo tirano su fino a quell’altezza che alcuno non li possi arrivare e poi gli danno la spinta. Questo, pigliando l’onda, va da una porta all’altra, cioè dalla porta d’oriente a quella d’occidente, che sono le sopradette porte delli due bracci della croce, onde, per la sua grandezza e velocità, fa un gran vento e per il fuoco e l’incenso e altri odori che vi sono dentro, fa un gran fumo odorifero, quale profuma tutta la chiesa 1698 . Mit einem langen Seil festgebunden an einer eisernen Vorrichtung unter der Gewölbedecke der Vierung, wird das Weihrauchfass während der Heiligen Messe von einer Seite des Querhauses zur anderen, d. h. zwischen dem Süd- und dem Nordportal (nach Laffi irrtümlich zwischen dem Ost- und dem Westportal) geschwungen, so dass sich der durch die Verbrennung der aromatischen Harze entstehende Rauch in der ganzen Kirche verbreitet. Dabei geht der eindrucks‐ volle optische Effekt 1699 einher mit einem taktilen und einem olfaktorischen: Wind (un gran vento) und Wohlgeruch (un gran fumo odorifero, quale profuma tutta la chiesa). Stellt man zudem den liturgischen Gesang und die Elemente katholischer Prachtentfaltung wie die Gewänder des Erzbischofs und der Chor‐ herren in Rechnung, so gerät die Teilnahme an der Messe in Laffis Beschreibung durchaus zu einem (mehr-)sinnlichen Erlebnis. Mehr noch gilt dies für die anschließend beschriebene Prozession anlässlich des Festtages der hl. Elisabeth, die durch eine unüberschaubar große Menge von Personen, Gegenständen und Sinnesreizen bestimmt ist: Vanno avanti molti tamburini accompagnati ad uno ad uno, con una zampogna e pive sordine e un altro istromento fatto come un telaro da finestra, impanato da tutte due le bande con carta pecorina e lo sonano come in Italia si fa li cembali, ma fa un gran rumore. Questi, come dissi, vanno a due a due, con un tamburino e a sonare un tamburo sono in tre, due lo portano a barella, attaccato fra due bastoni e vanno del pari, quello che suona 434 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="435"?> 1700 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-206f. 1701 Vgl. M E J Í A R U I Z , Viajar a la ciudad del Milagro (wie Anm.-1528), S.-203. sta di dietro sonando, come si fanno li timpani. Doppo quest’ordine di sonatori, seguita un ordine di giovani o poco o assai, tutti mascherati, quali vanno sempre ballando avanti la processione, dandosi la muta a quattro per volta, sonando le castagnette, doppo questi seguita la statua del Santo o Santa della quale fanno la festa quel giorno e all’hora era la statua della Beata Vergine e di Santa Elisabetta, essendo il giorno della sua visitatione. Questa la portano sotto un gran baldachino con quantità di torze e riccamente adobbata, con quantità di turiboli da incensare e veramente ciò fanno con gran gravità, sì che rende una gran devotione. Dietro poi al baldachino, seguitano gli huomini e poi le donne. Finita la processione, posero la statua della Beata Vergine e di Santa Elisabetta su l’altare e qui, fatto un gran cerchio, doppo molte orationi e incensati, cominciorono a sonare tutti quelli instromenti e quelli giovani tutti insieme, a ballare così mascherati, sonando le gnaccare e le donne giovani, radunate insieme dall’altra parte, sonavano ancor essi di quelli cembali e castagnette e cantavano salmi e orationi ad alta voce che pareva proprio che rovinasse la chiesa per il gran rumore di tanti instromenti e, in particolare, di quelli tamburi e zampogne e poi le campane 1700 . Beeindruckende optische Elemente (vor allem das prachtvolle, reich ge‐ schmückte Heiligenbild und die tanzenden jungen Leute mit ihren Masken und Kastagnetten), akustische (Musik) und olfaktorische (der Wohlgeruch, der aus den Weihrauchfässern strömt) kommen hier zusammen und erzeugen eine überwältigende Sinnlichkeit, die sich zum Ende hin sogar noch intensiviert: Am Hochaltar angelangt, tönten schließlich alle Musikinstrumente gleichzeitig, und ihre Klänge vermischten sich mit Psalmgesang, laut gesprochenen Gebeten und Glockengeläut, so dass es nach Laffis bildhafter Hyperbel geschienen habe, als ob durch den großen Lärm die Kirche einstürzen würde 1701 . Zum Vergleich: Unter den früheren Autoren bietet nur Hieronymus Münzer, der Compostela im Dezember 1494 besuchte, die detaillierte Beschreibung einer Prozession in der Kathedrale. Sie wirkt eher statisch, standbildhaft, und weist weder die prozesshafte Dynamik noch die komplexe Mehrsinnlichkeit auf, die sich bei Laffi beobachten lassen; die anwesenden Menschen, ihre Handlungen und andere sinnliche Eindrücke als optische lässt er nicht einfließen, sondern zählt (inventarlistenartig) nur die in diesem feierlichen Rahmen zur Schau getragenen Devotionalien und Kostbarkeiten auf: Item 18. Decembris, que erat quinta ante festum Thome, celebraverunt festum Beate Virginis, quod apud Hispanos est. Et nomen ei est festum expectacionis incarnacionis domini. Et cum mirabili solemnitate et processione et thuribulo in medio choro et 6.6 Prunk, Musik und Wohlgeruch: die Kathedrale als sinnlicher Raum 435 <?page no="436"?> 1702 Münzer, Itinerarium (wie Anm.-743), S.-96f. 1703 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 237f. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-137f. 1704 Bei dem Baumeister handelt es sich im Jahr 1673 nicht mehr um José Vega y Verdugo, sondern all’hora era il Signor Don Martino Mier, Archidiacono della Regina. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-238. 1705 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-238. cum aureis ornamentis ex purissimo auro, que dedit ei Rex Castelle. Et anteriore parte erat insigne Regum cum missilibus et post tergum insigne regni Castelle et Arrogonie, Omnia ex auro et gemmis. […] Eodem festo Beate Virginis decoratum fuit altare majus cum duabus imaginibus sanctorum que erant de 30 et 25 et 40 marcis alique argentee deaurate. Inter cetera tamen maximum erat Beate Virginis ex purissimo, ut dicebant, auro que in dextra habebat sceptrum preclarum et in sinistra infantem filium suum cum superba corona. Quod in processione Cardinalis gestabat sub velo, inquietem querendo duo presbiteri tenebant. Etiam erat crux maxima gemmis et auro decorata 1702 . Ein drittes und letztes Beispiel bietet die Besichtigung der Jakobskrypta. Wie die anderen Autoren lässt zwar auch Laffi sie in seiner Beschreibung der Kathedrale zunächst notgedrungen aus, doch schaltet er in Berichtkapitel 16, das von seinem erneuten Compostela-Besuch auf dem Rückweg von Fisterra und seiner Weiterreise nach Astorga handelt, ein besonderes Erlebnis seiner dritten Pilgerfahrt zwischen, das überraschenderweise doch einen Einblick gewährt: 1673 hielt sich Laffi in Begleitung eines Mönchs namens Giuseppe Liparini einige Tage länger als vorgesehen in Compostela auf, weil der galicische Vizekönig und Graf von Fonsaldaña (wohl Alonso Manrique de Solís y Vivero, Träger dieses Titels von 1664 bis 1683) in die Stadt gekommen war und zu diesem Anlass ausnahmsweise die Grabstätte des hl. Jakobus geöffnet und mit bellissime lastre d’argento […] tutte diligentemente figurate con figure di basso rilievo e altri superbissimi lavori neu geschmückt wurde 1703 . Vermutlich dank seiner guten Beziehungen zum obersten Baumeister war es Laffi und seinem Begleiter gestattet, diesem feierlichen Akt beizuwohnen 1704 . In Gegenwart des Vizekönigs und des gesamten Klerus von Compostela ließ der Erzbischof zur Anbringung der besagten Ziertafeln Silbernägel in die Wand der Krypta einschlagen, wobei sich Teile des alten Grabschmucks - molte pietroline di finissimi marmi di varii colori, delle quali è adornato per di dentro il sepolcro con varii lavori alla musaica - lösten und auf den Boden fielen, die er, der Erzbischof, eigenhändig aufhob und in ein silbernes Behältnis legte 1705 . Die Hälfte der Mosaiksteine, die durch die fortwährende Nähe zum heiligen und Heiligkeit ausstrahlenden Leichnam (per haver per tanto tempo toccato quel santo corpo) zu wertvollen Kontaktreliquien geworden waren, überließ er anschließend dem obersten 436 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="437"?> 1706 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 238f. - Das von Laffi gestiftete Kreuz wird zum letzten Mal 1735 in den Aufzeichnungen der Bruderschaft erwähnt. Seitdem ist über seinen Verbleib nichts bekannt. Vgl. José G U E R R A C A M P O S , Exploraciones arqueológicas en torno al sepulcro del Apóstol Santiago, Santiago de Compostela 1982, S. 247; Anna S U L A I C A P P O N I , Les croix de Domenico Laffi, in: Les traces du pèlerinage à Saint-Jacques-de-Compostelle dans la culture européenne. Colloque organizé par le Centre italien d’études compostellanes et par l’université de la Tuscia, Viterbe, en collaboration avec le Conseil de l’Europe. Viterbe (Italie), 28 septembre-1 er octobre 1989, Straßburg 1992, S.-96-99; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-137f., insb. Anm.-356. 1707 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-238. 1708 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 206. - Somit ist das Stadterlebnis auch auf klanglicher Ebene maßgeblich durch eine Dominanz der Kathedrale bestimmt, deren Gegenwart durch das überall hörbare Glockengeläut gleichsam in die weltliche Sphäre herüberzudringen scheint. Vgl. L O P E Z , La imagen (wie Anm. 227), S. 387: „El aura de Baumeister, der davon wiederum die Hälfte Laffi schenkte, der sie, eingefasst in ein silbernes Kreuz, nach Bologna mitnahm und der lokalen Jakobsbruderschaft (Veneranda Confraternita e Ospitale di San Giacomo di Bologna) stiftete 1706 . Der Eindruck gesteigerter Sinnlichkeit in der Beschreibung der Jakobskrypta entsteht insbesondere durch die ästhetisch-materielle Exquisität der Raumge‐ staltung, durch die vorzüglichen Stoffe und deren kunstvolle Verarbeitung; allem voran fallen die mit figürlichen Basreliefs versehenen Silbertafeln und die fein gearbeiteten Mosaike aus verschiedenfarbigem Marmor in den Blick. Hinzu kommt ein nicht-optisches Element, nämlich das akustische des abschließenden Hymnen- und Psalmgesangs (si serrò il sepolcro, doppo haverli cantato sopra salmi e hinni), sodass auch hier in Ansätzen von einer mehrsinnlichen Raumperzep‐ tion die Rede sein kann 1707 . Bedeutsam erscheint - wie schon so oft in den bisherigen Analysen - die Differenzierung zwischen der sakralen und der profanen Sphäre der Stadt. Wie die gerade betrachteten Passagen schon vermuten lassen (alle drei sind in der Kathedrale lokalisiert), ist Sinnlichkeit, eine außergewöhnliche Dichte an intensiven Sinnesreizen, in Laffis Compostela-Beschreibung ausschließlich im Kircheninneren auszumachen. Der übrige Stadtraum wird demgegenüber weitgehend ‚unsinnlich‘ oder vielmehr reduziert auf optische Eindrücke, also einsinnlich dargestellt. Was Laffi hier hörte, roch oder fühlte, bleibt unerwähnt. Einzig ließen sich als nicht-optisches Element außerhalb der Kathedrale die Klänge der zur Messe rufenden Glocken anführen - ein Geräusch vernommen zwar im profanen Außen (etwa von der Herberge aus), das wiederum jedoch von der Kirche, dem sakralen Innen, herrührt und auf diese zurückverweist: Subito che sentimmo sonare li Vespri, ritornammo in San Giacomo, heißt es beispielsweise, bevor Laffi zur Beschreibung der Prozession übergeht 1708 . Ange‐ 6.6 Prunk, Musik und Wohlgeruch: die Kathedrale als sinnlicher Raum 437 <?page no="438"?> religiosidad no existe solo en la catedral, sino también fuera de ésta, por ejemplo el sonido de las campanas que anuncian misas y vísperas.“ 1709 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-151. 1710 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-152. 1711 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-152. sichts dieses deutlichen Wahrnehmungsunterschieds zwischen dem Inneren der Kathedrale und dem übrigen Stadtraum drängt sich die These auf, dass ein enger Zusammenhang zwischen Heiligkeit und Sinnlichkeit besteht, dass ein sakraler Ort im Unterschied zu einem profanen durch eine spezifische Ästhetik gekennzeichnet ist, die sich aus einer besonderen Opulenz und Prachtentfaltung sowie aus einer komplexen Mehrsinnlichkeit, d. h. nicht nur aus effektvollen optischen Elementen, sondern auch aus Geräuschen, Wohlgeruch und anderen Sinnesreizen speist. Betrachtet man vergleichend Laffis Beschreibung der anderen sakralen Stät‐ ten, die er auf seiner Reise besuchte, so bestätigt sich dies: In der angeblich von Karl dem Großen erbauten Kirche von Roncesvalles beispielsweise, der ersten Wegstation auf spanischem Boden, geht er - wie in der Kathedrale von Compostela - genau auf die während der Heiligen Messe vorherrschende Akustik - den liturgischen Gesang und die Kirchenmusik - ein, was auf sprachlicher Ebene in einer erhöhten Frequenz von Ausdrücken aus der Isotopie des Hörens und Tönens (sonare, consonare, cantare, Musica, strepito, udire, ascoltare, orecchio, tuono etc.) seinen Niederschlag findet: A mano manca poi è la chiesa maggiore, la quale è antichissima […]. Quando vi giungessimo cantavano la messa solene, con musica alla spagnola, nella quale non vi si sonano altri stromenti che pive di diverse sorti, le quali, sonando, fanno grandissimo strepito, sì che per spatio d’un miglio, puossi ben udire. L’organo pure è fatto di canne di stagno e di legno che, sonando, paiono tante pive sordine e le sonate, per quello che udimmo, poco e quasi nulla, sono l’una dall’altra diverse, consonando all’orecchio di chi l’ascolta quasi sempre il medesimo tuono 1709 . Auch beschreibt er - wie in der Kathedrale von Compostela - die kostbare Chorkleidung der Geistlichen und die ästhetisch-materielle Gestaltung des Altars als Elemente der Prachtentfaltung und charakterisiert die Stimmung ebenfalls mit Begriffen wie gravità oder devotione 1710 . Anschließend rücken die dort verwahrten Rolandsreliquien, u. a. das berühmte Horn Olifant, in den Blick 1711 . Unschwer ließen sich noch weitere Belege dieser Art anführen; so teilt Laffi schon in der nächsten größeren Stadt - Pamplona - nicht minder detailreich mit, welche Klänge, namentlich welche Musikinstrumente während der Heiligen Messe in der dortigen Kathedrale zu vernehmen waren 1712 . Immer 438 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="439"?> 1712 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-163f. 1713 L O P E Z , La imagen (wie Anm.-227), S.-386f. 1714 Liber (wie Anm.-25), S.-250, 254. 1715 Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-242f., 246, 254-256. 1716 Liber (wie Anm.-25), S.-251-256. wieder erscheinen somit die sakralen Orte in deutlichem Kontrast zu den profanen durch eine Öffnung auf verschiedene sensorische Bereiche, durch stoffliche Opulenz und überhaupt durch eine besondere Sinnlichkeit gekenn‐ zeichnet. Treffend stellt daher auch Lopez fest, dass Laffis Beschreibungen „muy sugestivas“ seien, „exigiendo al lector una ‘sensibilidad’ que va más allá de la simple lectura, en cuanto despierta sus sentidos“, was insbesondere - zu diesem Ergebnis kommt auch sie - für „espacios sagrados“, genauer für die Innenräume von Kirchen gelte 1713 . Wie ein Blick zurück in Kapitel 2.5 und 2.6 dieser Arbeit zeigt, ließ sich bereits im Liber Sancti Jacobi ein enger Zusammenhang zwischen Sakralität und Sinnlichkeit beobachten. Auch im Pilgerführer nämlich erscheinen die loca sancta - sowohl die vielen am Jakobsweg gelegenen Heiligengräber in Kapitel 8 als auch die Krypta des hl. Jakobus in Kapitel 9 - in gewisser Weise als Orte gesteigerter Sinnlichkeit. Zwar werden kaum andere als optische Elemente explizit notiert; lediglich in zwei Fällen scheint sich die Heiligkeit eines Ortes auch in wohltuenden Düften zu äußern (die odores divini am Sarg des Apostels und der heilsame Wohlgeruch, der aus den Gräbern Olivers, Gondebolds, Ogiers, Arastagnus’, Garinus’ und anderer Karlskrieger in Belin aufsteige) 1714 . Umso mehr lässt aber die genau beschriebene Opulenz von Kircheninnenräumen mit Elementen wie Marmor, Gold, Silber, funkelnden Edelsteinen und Kerzenschein einen besonderen sinnlichen Eindruck entstehen, so namentlich in den Kirchen des hl. Jakobus, des hl. Aegidius (St-Gilles), des hl. Martin (Tours) und des hl. Hilarius (Poitiers) 1715 . Hinzu kam die Feststellung, dass die Detaildichte der descriptio urbis von außen nach innen, d. h. zu den Apostelreliquien hin, zunimmt, wodurch in dieser heiligen Mitte - nicht zuletzt im Zusammenspiel mit der bald persönliche Züge annehmenden Perspektive - der Effekt einer erhöhten Wahrnehmungsleistung entsteht 1716 . Mehr noch wurde eine besondere sinnliche Qualität des Kircheninneren jedoch in der berühmten Predigt „Veneranda dies“ fassbar, deren ausführliche Beschreibung der feierlichen Pilgervigil (der traditionellen Nachtwache der neu angekommenen Jakobspilger am Hauptaltar der Kathedrale) ein sogar mehrsinnliches Raumerlebnis reproduziert: Optische Elemente (Kerzenschein, weit offenstehende Tore, Gold, Edelsteine, unzählbare Menschenmengen), die zum Teil an die Gottesstadtschau in der Apokalypse des Johannes erinnern, verbinden sich hier mit einer Fülle von akustischen 6.6 Prunk, Musik und Wohlgeruch: die Kathedrale als sinnlicher Raum 439 <?page no="440"?> 1717 Liber (wie Anm.-25), S.-89f. (babylonisches Stimmengewirr, Gesang und Gebete, Musikinstrumente), die zusammengenommen eine komplexe Soundscape erstehen lassen 1717 . Vor die‐ sem Hintergrund lässt sich festhalten, dass Sinnlichkeit nicht erst seit Laffi ein bestimmendes Wahrnehmungsmerkmal sakraler Orte bildet, doch von den frühneuzeitlichen französischen und italienischen Berichtautoren ist er wohl der erste, der sie auf so eindrucksvolle Weise in Schrift überführte. 440 6 Santiago de Compostela im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi (1666/ 1670/ 1673) <?page no="441"?> 1718 Zur Geschichte des Heiligen Compostelanischen Jahres siehe die Erläuterungen und bibliographischen Hinweise in Anm.-973. 1719 Vgl. R U C Q U O I , Los Años Santos (wie Anm.-611), S.-42-44. 7 Auf Laffis Spuren. Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) Als der folgende Pilger, Gian Lorenzo Buonafede Vanti aus dem bolognesischen Castel San Pietro, im Frühling 1717 auf Pilgerschaft ging, wurde in Santiago de Compostela ein Heiliges Jahr gefeiert: Der Jakobstag, der 25. Juli, fiel damals auf einen Sonntag 1718 . Wie sich bereits aus dem Livre de voeiages des Jan Taccoen van Zillebeke (Kapitel 4.2) ersehen ließ, war es nicht ungewöhnlich, dass die Pilgerzahlen in Heiligen Jahren beträchtlich - um ein Vielfaches - zunahmen, was die Unterkunftssuche erschwerte und zu Gedränge in der Kirche führte 1719 . Doch diesmal sah sich das Kathedralkapitel, den eigenen Constituciones zufolge, mit einem nie gekannten Zustrom von Gläubigen konfrontiert, der besondere Maßnahmen notwendig machte: En sacristía de 27 de Diciembre de 1717 el Sr. Dean propuso como al Sto. Jubileo concurría gran concurso de fieles, tal no se auía uisto en otros años, y que se allaban detenidos por falta de confesores, mediante allarse ausente el Illmo. Sr. Arçobispo Nuestro prelado y no auer dejado las prouidencias que los Sres. Arçobispos praticaron en otros años de jubileo, y que aunque el Sr. Prouisor permitió lizencia de confesar á los concursistas de primera y segunda línea, éstos no alcansan al despacho de tanta gente para que el Cauildo thome prouidencia, así en lo referido, como en que se dé la comunión en distintas partes. Oydo por los mas Señores despues de conferido Resoluieron se escriua por posta al Illmo. Señor Arçobispo para que se sirua dar lizencia en general á todos los sacerdotes según lo an echo los señores sus antecesores por los dias que faltan del año santo, y se le suplique se sirua concurrir á cerrar la Puerta santa por el desconsuelo que causa su ausencia en semejante dia; y se encarga al Sr. Maestro de Zeremonias dé prouidencia de que aya capellanes y <?page no="442"?> 1720 Zitiert nach: L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 10 (wie Anm. 1351), S. 9f. - Weiter heißt es ebenda: Pero en los tres meses últimos fué innumerable el gentío de todas naciones que se llegaba á esta fuente de gracia y tanto que no pudiendo la Iglesia en el orden regular dar cumplimiento á los católicos y piadosos deseos de tantas almas, que en alguna falta inexcusable se afligían, y á los estados eclesiástico y secular de Santiago mouían al derrame de muchas lágrimas de gozo y compasión, fué precisso que el Sr. Arzobispo á instancia del Cauildo (porque se hallaba Su Ilma. en Visita) concediese licencia de confesar á qualquier sacerdote, tubiese ó no aprobación del ordinario, y el Cauildo suplicó á los Prelados de todas las Religiones pusiesen todo el esfuerzo de su Religioso zelo en que aun con algún trabajo de sus súbditos no faltase á algún christiano el consuelo de hauer diligenciado el uniuersal perdon de sus culpas y remision de pena. - Grund für diesen außergewöhnlichen Pilgerzustrom könnte eine Art ‚Nachholeffekt‘ als Reaktion auf das Ende des Spanischen Erbfolgekriegs (1701-1714) gewesen sein: Nach vielen Jahren war es endlich wieder möglich, gefahrlos durch den europäischen Westen zu reisen - und obendrein wurde ein Heiliges Jahr gefeiert, in dem Pilger den Nachlass all ihrer Sünden erlangen konnten. Vgl. Guido T A M B U R L I N I , L’uomo, la strada, in: Gian Lorenzo Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale a S. Giacomo di Galizia, Nostra Signora della Barca e Finis Terræ (1717-18), hg. von Guido T A M B U R L I N I , Triest 2004, S.-4-6, hier S.-4. 1721 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-179, Anm.-486. 1722 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-180f. 1723 Vgl. Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Anno Santo 1717, in: Gian Lorenzo Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale a S. Giacomo di Galizia, Nostra Signora della Barca e Finis Terræ (1717-18), hg. von Guido T A M B U R L I N I , Triest 2004, S.-1-3, hier S.-1. 1724 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Anno Santo 1717 (wie Anm. 1723), S. 1; D E R S ., Santiago (wie Anm.-109), S.-181f. 1725 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-127. sacerdotes que den la comunión en todas las partes que le parezca combeniente para el breue despacho y la zera se entregue por los Sres. Relicarios 1720 . Unter der großen Pilgerschar, die zu diesem Anlass nach Compostela zog, befand sich auch der im nächsten Kapitel behandelte Giacomo Antonio Naia aus Ravenna. Buonafede Vanti und Naia traten ihre fromme Reise kurz nacheinander an - der eine Ende März, der andere Anfang Juni -, doch begegnet sind sie sich wahrscheinlich nicht; jedenfalls waren sie gemäß ihren Aufzeichnungen nie gleichzeitig am selben Ort 1721 . Beide waren Mönche - der eine Franziskaner, der andere Karmeliter -, beide etwa im gleichen Alter, nämlich um die Fünfzig 1722 , beide empfanden das Bedürfnis, ihre Pilgerfahrt schriftlich festzuhalten, und legten dabei einen besonderen Fokus auf die mythischen Orte der Atlantikküste (Fisterra, Muxía, Padrón) 1723 , beide hatten unterwegs den gerade analysierten Viaggio in Ponente (1673) des Domenico Laffi bei sich, der inzwischen wohl zum wichtigsten Reiseführer für italienische Jakobspilger geworden war, und nehmen in ihren Aufzeichnungen wiederholt Bezug auf ihn 1724 . El Escorial etwa habe er, so schreibt Buonafede Vanti im entsprechenden Eintrag, col libro in mano di D. Domenico Laffi nostro Bolognese besichtigt 1725 , und seine umfang‐ 442 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="443"?> 1726 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 127-138. Vgl. auch T A M B U R L I N I , L’uomo, la strada (wie Anm. 1720), S. 5; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 182. - Immer wieder weist er jedoch auch auf Fehler seines Vorgängers hin, wie sich insbesondere in der Beschreibung von Santiago de Compostela mehrfach zeigen wird. 1727 Vgl. T A M B U R L I N I , L’uomo, la strada (wie Anm.-1720), S.-5. 1728 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-179. 1729 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-10, 21. 1730 Vgl. T A M B U R L I N I , L’uomo, la strada (wie Anm. 1720), S. 5; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-182f. reiche Beschreibung der Königsresidenz bildet nahezu eine Paraphrase des entsprechenden Abschnitts im Viaggio in Ponente, zum Teil gar mit wörtlichen Übernahmen; der Name Laffi kommt hier insgesamt einunddreißigmal vor 1726 ! Über Buonafede Vanti ist nur wenig bekannt: Zum Zeitpunkt seines Auf‐ bruchs nach Compostela lebte er im Franziskanerkonvent Castel San Pietro, ge‐ legen unweit von Bologna. In Neapel hatte er studiert, in Bologna eine Zeitlang Theologie gelehrt; belegt sind zudem Aufenthalte in Palermo, Cremona, Perugia, Modena, Ferrara, Mailand und Turin 1727 . Sein hier interessierender Reisebericht - das einzige von ihm überlieferte Werk - erschien 1719 beim Bologneser Verleger Costantino Pisarri, dem Sohn von Antonio Pisarri, der Jahrzehnte zuvor die zweite Ausgabe von Laffis Viaggio in Ponente herausgebracht hatte 1728 . Der 738 Seiten umfassende Druck trägt den Titel Viaggio Occidentale a S. Giacomo di Galizia, Nostra Signora della Barca e Finis Terrae per il Mare Mediterraneo, Oceano, Algarve, Portogallo, Spagna, e Francia fatto e descritto dal P. Gian Lorenzo Buonafede Vanti di Castel S. Pietro, Minore Osservante di S. Francesco. Er ist unterteilt in zwölf Briefe, allesamt adressiert an einen Amico, den Buona‐ fede Vanti stets ehrerbietig mit V. S. (Vostra Signoria) anredet: Aderisco a’ comandi fattimi da V. S. quando partii d’Italia verso S. Giacomo di Galizia, cioè, che alle volte le dassi notizia di me, e di qualche rarità de’ Paesi, e Città ov’ero per passare 1729 . Die Identität dieses Freundes bleibt rätselhaft; fast wäre man geneigt, in ihm einen fiktiven Leser zu vermuten, doch wendet sich der Verfasser zu oft und zu eindringlich an ihn, als dass es sich hier nur um einen rhetorischen Kunstgriff handeln könnte 1730 . Dass der Viaggio Occidentale tatsächlich in itinere entstandene authentische Briefe wiedergibt, die ursprünglich nicht für die Veröffentlichung, sondern nur für die Augen des verehrten Freundes bestimmt gewesen waren, lässt sich zudem aus dem Vorwort „A Chi legge“ schließen: Darin bekundet der Verleger nämlich, er habe ogni diligenza possibile unternehmen müssen, per avere le Lettere dal mentovato Padre, dirette a un suo Amico, in numero Dodici 1731 . 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 443 <?page no="444"?> 1731 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-10. 1732 Vgl. T A M B U R L I N I , L’uomo, la strada (wie Anm. 1720), S. 5. - Wie der Verleger von der Existenz dieser Briefe erfahren hatte, geht aus dem Text nicht hervor. 1733 Man vergleiche: Viaggio in Ponente a S. Giacomo di Galitia, e Finis Terræ und Viaggio Occidentale a S. Giacomo di Galizia, Nostra Signora della Barca e Finis Terræ. 1734 Vgl. T A M B U R L I N I , L’uomo, la strada (wie Anm. 1720), S. 4. - Zu den Ausgaben und Auflagen von Laffis Viaggio in Ponente vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-128f. 1735 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Anno Santo 1717 (wie Anm. 1723), S. 1: „Proprio nell’ambito di una ricerca di Jacopo Caucci sul pellegrinaggio a Finisterre si è ritrovata la traccia del libro di Gian Lorenzo Buonafede Vanti, conosciuto in bibliografia, ma stranamente rimasto fino ad ora ai margini degli studi odeporici. Probabilmente il motivo si deve soltanto al fatto che i rari esemplari sopravvissuti non sono presenti nelle biblioteche più frequentate, a partire da quelle bolognesi dove era stato inizialmente cercato e dove si riteneva potesse esserci, dal momento che Buonafede Vanti risiedeva nel convento di Castel San Pietro a pochi chilometri dalla città.“ Vgl. auch T A M B U R L I N I , L’uomo, la strada (wie Anm. 1720), S. 4: „Nonostante le ricerche, risultava estremamente difficoltoso reperirne la locazione, dovute verosimilmente alla mancanza di copie per la citata ‘sfortuna editoriale’, finché fu possibile consultare la copia individuata da Jacopo Caucci presente presso l’Università di Trieste.“ 1736 Vgl. T A M B U R L I N I , L’uomo, la strada (wie Anm.-1720), S.-4. 1737 Vgl. z. B. José G A R C Í A M E R C A D A L (Hg.), Viajes de extranjeros por España y Portugal. Desde los tiempos más remotos hasta comienzos del siglo XX 4, Valladolid 1999, S. 418: „El italiano Juan Lorenzo Bonage de Vanti hizo un viaje a España, que se publicó en Bolonia en 1719, estando en Santiago de Compostela, en Nuestra Señora de la Barca y en Finisterre, navegando por el Mediterráneo y por el Atlántico.“ Dies ist alles, was man dort, in der „Introducción“ zu den Reiseberichten des 18. Jahrhunderts (S. 411-429), über Buonafede Vanti liest; der Text selbst ist in dieser Anthologie nicht abgedruckt. Demnach hatte Buonafede Vanti die Briefe wohl nicht proprio motu in den Druck gegeben, sondern auf Drängen Pisarris, der sich vielleicht erhoffte, damit an den Verkaufserfolg von Laffis Viaggio in Ponente anknüpfen zu können 1732 . Dies würde auch die auffallende Ähnlichkeit der Titel beider Werke erklären 1733 . Doch während Laffis Viaggio in Ponente schon bald - 1726 - in vierter Auflage erschei‐ nen sollte, erwies sich Buonafede Vantis Viaggio Occidentale als verlegerisches Desaster - nachgedruckt wurde der Text jedenfalls nicht 1734 . Wohl deshalb auch blieb er von der Forschung lange Zeit weitgehend unbeachtet: Es sind nur sehr wenige Kopien überhaupt erhalten, die obendrein - wie Caucci von Saucken bemerkt - in kleineren, wenig frequentierten Bibliotheken verwahrt werden 1735 . So basiert die 2004 von Guido Tamburlini besorgte Neuausgabe, aus der ich hier zitiere, auf einem Exemplar, das man in der Biblioteca del Dipartimento di Italianistica, Linguistica, Comunicazione e Spettacolo der Universität Triest (Signatur: 39/ A/ 136) gefunden hat 1736 . In den bekannten Übersichtswerken (Farinelli, Vázquez de Parga et al., García Mercadal, Mieck etc.) wird der Text jeweils nur marginal erwähnt 1737 , und die bislang einzigen Studien, die sich 444 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="445"?> 1738 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 179-195; Jacopo C A U C C I V O N S A U C K E N , Gian Lorenzo Buonafede Vanti. Cartas desde el Fin del Mundo, Santiago de Compostela 2007. 1739 Vgl. T A M B U R L I N I , L’uomo, la strada (wie Anm. 1720), S. 5f.; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-184f. 1740 Vgl. T A M B U R L I N I , L’uomo, la strada (wie Anm.-1720), S.-5. 1741 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-10. 1742 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-184. 1743 Vgl. T A M B U R L I N I , L’uomo, la strada (wie Anm.-1720), S.-5. eingehender mit ihm befassen, sind Paolo Caucci von Sauckens Santiago e i Cammini della Memoria von 2006 und Jacopo Caucci von Sauckens Gian Lorenzo Buonafede Vanti. Cartas desde el Fin del Mundo 1738 . Die zwölf Briefe des Buonafede Vanti zählen, neben Laffis Viaggio in Ponente, zu den umfangreichsten Zeugnissen im hier analysierten Korpus. Sie vermitteln ein überaus lebendiges Bild vom Europa des frühen 18. Jahrhunderts. Den Fokus legt der Autor völlig herkömmlich auf den durchreisten Raum: In großer Fülle gibt er Hinweise zu Land und Leuten, Unterkünften (vor allem Franziskanerklöstern), Sitten und Gebräuchen, religiösen Ritualen, historischen Ereignissen, Kunst und Architektur, Wegzöllen, Währungen und Gewichtein‐ heiten, Gefahren und Widrigkeiten der Reise 1739 . Insbesondere geht er - wenig überraschend bei einem frommen Mönch und Theologen - auf loca sancta nebst Heiltumsbesitz ein und gibt dabei gern populäre Sagen, Wunderberichte und Stoffe aus Heiligenviten wieder 1740 . In seinem Vorwort kündigt der Verleger den Inhalt des Werkes wie folgt an: Distintamente, e con schiettezza naturale tocca i nomi propri più usitati delle Città, e luoghi trascorsi. Leggerai Antichità, Moresche, Arabe, Gotiche, e Romane, con tutti gli Ordini d’Architettura, di fabbriche, e di Chiese, sì anche varie notizie di Reliquie, di Corpi di Santi, e Beati, tanto de’ Secolari, quanto de’ Regolari, principalmente della Religione Serafica, che per essere la più numerosa della Chiesa di Dio, copiosamente ne conta. Quanto a Santuari penso, che avrai soddisfazione particolare, poiché potrai fingerti d’averli, co’ propi occhi osservati, tanta è la chiarezza, colla quale gli esprime 1741 . Zugleich aber dokumentiert Buonafede Vanti - mehr noch als Laffi und die Kammerherren des jungen Cosimo III. de’ Medici - immer auch eigenes Erle‐ ben und Handeln und lässt vielfach Emotionen, Gemütszustände und intime Gedanken durchscheinen 1742 . Nur über die Mühsalen des Weges, über Krankheit und körperliche Erschöpfung schweigt er interessanterweise, wie Tamburlini beobachtet 1743 . Gegliedert sind die zwölf Briefe primär nach Reisestationen (insgesamt 382); jedoch sind (innerhalb der einzelnen Ortseinträge) auch die Tagesdaten weitge‐ 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 445 <?page no="446"?> 1744 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 81. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Anno Santo 1717 (wie Anm.-1723), S.-2. 1745 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 10. - Ganz ähnlich nennt Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 49, in der seinem Bericht voranstehenden Widmung „Al cortese Lettore“ als Beweggründe für seine Pilgerfahrt sowohl einen spirito di pietà verso il glorioso apostolo San Giacomo als auch eine naturale inclinatione di genio, piegantemi alla curiosità di veder cose nuove. 1746 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-21, 251. 1747 Vgl. Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-21, 59. hend lückenlos vermerkt, sodass sich der Reiseverlauf räumlich wie zeitlich bis ins kleinste Detail rekonstruieren lässt. Genaue Distanzangaben hingegen, wie in den frühen Itineraren, sind allenfalls sporadisch eingestreut; schließlich war es nicht die Schreibabsicht des Autors, eine praktische Reiseanleitung für zukünftige Jakobspilger zu verfassen, sondern dem rätselhaften Freund von seinen Erlebnissen auf der Pilgerfahrt zu berichten. Seine Beweggründe zu dieser Reise waren zweifellos religiöser Natur; ihm war es, wie in seinen Aufzeichnungen vielfach deutlich wird, ein besonderes spirituelles Anliegen, il mio Glorioso S. Giacomo zu besuchen 1744 . Auch bei ihm aber ging die devotio einher mit weltlicher curiositas, mit dem Wunsch, fremde Länder zu sehen; wie es der Verleger in seinem Vorwort formuliert: Il genio parte divoto a S. Giacomo Maggiore, parte curioso inserito dalla natura nel Padre Lettore Buonafede Vanti da Castel S. Pietro Minore Osservante di S. Francesco, di vedere nazioni stranieri […] più volte lo stimolò, finita la sua lettura di Teologia, a tribolare i suoi Superiori Generali per la licenza d’andare in Galizia a riverire, e adorare le Sante Ceneri di quel Santo Appostolo 1745 . Klare Indizien dafür, dass ihn in der Tat nicht nur christliche Frömmigkeit, sondern auch Neugierde und Reiselust auf die Straßen nach Compostela trieben, sind wiederum die beträchtlichen Umwege, die er ohne jeden erkennbaren (zweckdienlichen) Grund nahm, sowie die lange Dauer seiner Pilgerschaft: Er brach am 30. März 1717 von seinem Heimatkloster Castel San Pietro auf und kehrte erst am 3. April 1718 - nach einem Jahr und vier Tagen - dorthin zurück 1746 . Zum Vergleich: Die beiden Notare Fabrizio Ballarini und Silverio Rettabeni etwa, die im Mai 1588 nach Compostela aufbrachen (und auf der Rückreise ebenfalls einige Umwege nahmen), waren bereits nach gut fünf Monaten zurück in ihrer Heimatstadt Perugia 1747 . Wie sich sowohl dem Vorwort (der gerade zitierten Stelle) als auch dem Eintrag zu Compostela in der „Lettera III“ entnehmen lässt, hatte der gelehrte Franziskaner die Obersten seines Ordens bereits seit zwanzig Jahren immer 446 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="447"?> 1748 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 81. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-180f. 1749 Vgl. T A M B U R L I N I , L’uomo, la strada (wie Anm.-1720), S.-4. 1750 Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 96. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Itinerarios y peregrinos (wie Anm.-189), S.-206f.; D E R S ., Toskana (wie Anm.-189), S.-356. 1751 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-36. 1752 In der von Fabrizio Ballarini und Silverio Rettabeni überlieferten Handschrift findet sich neben dem Bericht über ihre Compostela-Reise auch ein Viaggio a partirsi de Italia per andare a Barzelona e passare per la Francia mancho periculoso per li Ugonotti, und Domenico Laffi, der mehrmals durch Südfrankreich reiste, berichtet etwa davon, wie ihn in Orthèz einige cani d’eretici verspotteten, weil er an einer Prozession teilnahm: stavan alle finestre ridendo e beffeggiando. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S.-137. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-184, Anm.-502f. 1753 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 36-47. - Von Genua aus schreibt er am 5. Mai seinen ersten Brief. Nachdem er am 8. Juni in Cádiz von Bord wieder vergebens um Erlaubnis gebeten, die weite Reise zum Grab des Apostels Jakobus antreten zu dürfen: Sappia V. S. da che diedi fine di servire la mia Provincia in grado di Lettore Filosofo, e Teologo, che sono già vent’anni, cominciai a tribolare i miei Superiori generali con lettere, per ottenere la licenza di visitare il mio Glorioso S. Giacomo, la quale alla fine ho ricevuta dal presente Reverendissimo Padre Giuseppe Garzia Spagnuolo della Provincia dell’Immacolata Concezione 1748 . Wahrscheinlich war seiner Bitte deshalb so lange nicht stattgegeben worden, weil das Reisen in Westeuropa damals vor dem Hintergrund des erbittert geführten Spanischen Erbfolgekriegs (1701-1714) mit großen Gefahren und Unwägbarkeiten verbunden gewesen war 1749 . Die Route, die er auf dem Hinweg wählte, hat nichts mehr gemein mit dem, was Bartolomeo Fontana für italienische Jakobspilger einst als vero camino dritto di S. Giacopo definierte 1750 . Ursprünglich wollte zwar auch er den vielfach belegten Weg über den Mont-Cenis-Pass und die alte Via Tolosana nehmen, doch bereits in Cremona, nach drei Wochen auf Pilgerschaft, riet ihm ein Mönch des dortigen Klosters San Luca, a non proseguir’ il mio viaggio di Galizia per la Fran‐ cia, massime per la Linguadoca, e Guascogna, acciò non m’esponessi all’insolenze de gli Eretici Ugonotti 1751 . Um also den Feindseligkeiten der südfranzösischen Hugenotten zu entgehen - für die sich schon bei Fabrizio Ballarini/ Silverio Rettabeni und Domenico Laffi einschlägige Belege finden 1752 -, schlug er eine andere Route ein, reiste über Piacenza, Voghera, Broni und Tortona nach Genua und schiffte sich am 15. Mai, nach zweiwöchigem Aufenthalt im dortigen Franziskanerkloster, auf einer Galeere ein, die ihn binnen knapp eines Monats nach Cádiz brachte 1753 . Dort verweilte er vom 8. bis zum 12. Juni, dann begab 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 447 <?page no="448"?> gegangen war, schickte er seinen zweiten Brief ab, datiert auf den 10. Mai - sicher ein Druckfehler: Es wird am 10. Juni gewesen sein. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-185f. 1754 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-47-51. 1755 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-51-56. 1756 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-56-62. 1757 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 62-79: Tomar, Coimbra, Oporto, Caminha, Tuy, Porriño, Redondela, Pontevedra, Padrón, Santiago de Compos‐ tela. 1758 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 79-106. Vgl. auch C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-191-195. 1759 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-106. 1760 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-114. 1761 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-114-118. 1762 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-118-162. 1763 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-127-138. er sich zur nahegelegenen Mündung von Sanlúcar de Barrameda und fuhr mit einem anderen Schiff den Guadalquivir nach Sevilla hinauf, wo er am 16. Juni von Bord ging 1754 . Die Stadt machte wohl großen Eindruck auf ihn, denn mit fast 18 Seiten in der Ausgabe von 1719 fällt ihre Beschreibung recht umfangreich aus 1755 . Am 19. Juni ließ er die andalusische Kapitale hinter sich und ging, nun zu Fuß auf dem Landweg, über Gibraleón, Beja und Setúbal nach Lissabon 1756 . Fünf Tage blieb er dort, bevor er am 13. Juli den Camino Portugués einschlug 1757 . Voller Freude traf er am 1. August in Compostela ein, hielt sich über zwei Wochen dort auf, länger als in jeder anderen Stadt, die er besuchte, und machte sich anschließend - wie so viele Pilger: die beiden florentinischen Anonymi, Bartolomeo Fontana, Domenico Laffi oder auch der im nächsten Kapitel behandelte Giacomo Antonio Naia - auf zu den mythischen Orten der Atlantikküste; besonders eingehend beschreibt er Muxía und Fisterra 1758 . Ende August kehrte er noch einmal nach Compostela zurück 1759 . Bei Anbruch des ersten Septembertages las er dort zum letzten Mal die Messe, empfahl sich dem Apostel Jakobus und trat den Heimweg an 1760 . Über Monforte de Lemos und einige kleinere Orte des Sil-Tals gelangte er bei Villafranca del Bierzo auf den Camino Francés 1761 , doch bereits bei Astorga, am 17. September, wandte er sich - genau wie Fabrizio Ballarini/ Silverio Rettabeni 1588 - nach Süden und nahm einen großen Umweg durch Zentralspanien, um Städte wie Benavente, Valladolid, El Escorial, Madrid, Toledo, Alcalá de Henares, Guadalajara, Sigüenza, Calatayud und Saragossa zu besuchen 1762 . Ungemein ausführlich - über 40 Seiten hinweg in der historischen Ausgabe von 1719 - beschreibt er die Königsresidenz von El Escorial, wobei er, wie bereits erwähnt, im Wesentlichen auf die entsprechenden Passagen aus Laffis Viaggio in Ponente zurückgreift 1763 . 448 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="449"?> 1764 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 162-170. Vgl. auch C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-190. 1765 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-170-172. 1766 Um sich möglichst in den Klöstern seines Ordens einzuquartieren. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm.-109), S.-190. 1767 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-176-192. 1768 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-188, 192. 1769 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-192-214. 1770 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-214-251. 1771 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-79-90, 106-111. Von Saragossa schlug er am 11. November noch einmal die Westrichtung ein und begab sich nach Santo Domingo de la Calzada, dem Schauplatz des Galgen- und Hühnermirakels, von dem er eine sehr detaillierte Fassung wiedergibt 1764 . Dann hielt er sich erneut an den Camino Francés, bis Roncesvalles, wo er am 25. November eintraf 1765 ; die Pyrenäen überquerte er, wie so viele Pilger vor ihm, auf dem Ibañeta-Pass und folgte anschließend mit nur leichten Abweichungen 1766 der Via Tolosana, die er auf der Hinreise wegen der in Südfrankreich siedelnden Hugenotten noch gemieden hatte 1767 . Weihnachten verbrachte er - übrigens genau wie Jean de Tournai 1488 - in Béziers, den Neujahrstag 1718 in Nîmes 1768 . Von dort begab er sich nach Avignon, dann über Aix-en-Provence und Sainte Baume nach Marseille und über Toulon, Fréjus und Antibes nach Nizza 1769 . Am 9. Februar gelangte er über den Tenda-Pass nach Italien, und über Cuneo, Turin, Vercelli, Mailand, Brescia, Verona, Padua, Ferrara und Bologna - wiederum mit einem großen Umweg - kehrte er am 3. April schließlich nach Castel San Pietro zurück 1770 . Mit gut 50 Seiten in der Ausgabe von 1719 - davon 37 in der „Lettera III“ (datiert auf den 16. August 1717) und 13 in der „Lettera IV“ (datiert auf den 31. August 1717) - fällt die Beschreibung der Jakobsstadt im Viaggio Occidentale vergleichsweise umfangreich aus 1771 . Am Gesamttext, 738 Seiten in derselben Ausgabe, macht sie gleichwohl, wie in fast allen hier analysierten Zeugnissen, nur einen geringen Anteil aus; wiederum liegt das quantitative Hauptgewicht auf dem Weg, nicht auf dem Ziel. Vorneweg steht die freudvolle Szene der Ankunft: Am Morgen des 1. August 1717, ottava del mio Glorioso S. Giacomo, gelangte der Pilger auf eine Anhöhe, die ihm einen ersten, ergreifenden Blick auf die nur mehr zwei Meilen entfernt liegende Stadt gewährte: Dopo un miglio giunti in un’alto Colle vedessimo la Città di Compostella; e quì dato in un gran pianto per l’allegrezza d’esser ormai arrivato al mio tanto bramato fine, passato un tempestoso Mare, Monti, e Colli, mi gettai inginocchioni, e diedi principio al “Te Deum Laudamus”, in rendimento di grazie al mio Santo, e Glorioso Appostolo Giacomo, il quale 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 449 <?page no="450"?> 1772 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-79. 1773 Vgl. Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm. 630), S. 337; Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S.-198f. 1774 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-79. 1775 Eine andere Theorie besagt, dass das Toponym mit miradoiro, „Aussichtspunkt“, in Zusammenhang stehen könnte. Vgl. Martín Sarmiento, Onomástico etimológico de la lengua gallega 1, hg. von José Luis P E N S A D O T O M É , A Coruña 1999, S.-329. 1776 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-81. 1777 Liber (wie Anm.-25), S.-251. recitato in quella maniera potei, venni alla Città per due altre miglia, sicchè giunsi alla Porta non indegna d’esser veduta, per esser tutta di macigno ben lavorato, a due ore di Sole 1772 . Motivische Parallelen zu den entsprechenden Passagen bei Lorenzo und Dome‐ nico Laffi sind unübersehbar: die Tränen der Freude, der Fall auf die Knie, der ambrosianische Hymnus Te Deum 1773 . Wie seine beiden Vorgänger, beschreibt Buonafede Vanti nicht das sich darbietende Panorama, sondern seine über‐ schwängliche emotionale Reaktion angesichts der Ankunft am lang ersehnten Grabesort des Apostels Jakobus, al mio tanto bramato fine 1774 . Da er jedoch nicht von Osten (auf dem Camino Francés), sondern von Süden (auf dem Camino Portugués) gekommen war, handelt es sich bei der Anhöhe, von der er auf die Stadt hinabschaute, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht um den Monte do Gozo. Vielmehr dürfte er sich auf eine Stelle im wenige Kilometer südlich von Compostela gelegenen O Milladoiro beziehen, das vermutlich sogar nach dem typischen Kniefall benannt ist, den Camino-Portugués-Pilger dort beim ersten Anblick der Kathedraltürme zu vollziehen pflegten (< gal. humilladoiro, „Ort der Demut, des Niederkniens“) 1775 . Entsprechend handelt es sich bei dem Tor, durch das er die Stadt schließlich betrat, [la] Porta, che guarda la Città di Padron 1776 , auch nicht um die Porta do Camiño, sondern wahrscheinlich um die Porta Faxeira, von der es bereits im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi ausdrücklich heißt, dass sie auf die Straße nach Padrón führt (ducit ad Petronum), von wo Buonafede Vanti gerade herkam 1777 . An den Anfang des Abschnitts zu Compostela ist ein einleitender Passus gestellt, der allgemeine Angaben zu Alter, Lage, herrschaftlicher Stellung, Namen, Wappen, Mauern, Toren und Bebauung der Stadt enthält: Città antichissima del Rè di Spagna, fabbricata avanti la venuta del Messia, prima nominata Floruto Brigantio, principale del Regno di Galizia, che contiene quell’angolo, qual stende la Spagna nell’Oceano verso Occidente, formando due gran Capi, l’uno detto Capo Finisterra, l’altro Capo d’Ortegal, Paese aspro poco fertile di grani, ma copioso d’ottimi Vini, e Cavalli così veloci, che gli Antichi presero occasione di dire, ch’erano 450 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="451"?> 1778 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-79. generati dal Vento, fù poscia nominata Compostella, a causa, che quando il Corpo di S. Giacomo Appostolo fù quì trasportato, venne accompagnato da una Stella, laonde questo nome è composto da Compos, e Stella; e perciò la Città fà per Arme la stessa Stella con una cappa, e sotto due bordoni incrocchiati. È situata in Colle, che pende tutto a mezzo dì, circondata di mura di pietra viva, o macigno mezzo desolate, con Quattro porte ottimamente fatte, e due Borghi, uno fuori della porta a Levante, l’altro fuori della porta a Settentrione. Le contrade non sono troppo belle, alcune co’ portici; i Palagi, e le Case sono tutte fabbricate di macigno, è perchè quì non v’è l’uso de’ mattoni all’Italiana, non possono accomodarsi dentro troppo bene, onde le stanze sono divise ordinariamente con tavolati. Vi è la Piazza non molto grande in forma triangolare, abbondante d’ogni sorta di frutti, pesci, ed altre cose spettanti al vivere umano a buonissimo prezzo, massimamente il pane e, ‘l vino squisitissimi. Varj sono i Monisteri sì de’ Religiosi come di Monache, parte dentro, e parte fuori di Città, de’ quali più a basso con ordine discorrerò. Sin quì in generale, veniamo al particolare 1778 . Betrachtet man einmal nur die Elemente des Raumes, so verläuft die Darstellung hier - nach dem bereits aus dem Liber Sancti Jacobi und anderen Texten bekannten Muster - von außen nach innen, von der natürlichen Umgebung über die Vorstadt und die alten Wehrmauern hinein ins Stadtinnere. Das Pilger-Ich tritt dabei gänzlich zurück; der Ton ist nüchtern und sachlich. Die meisten Angaben sind aus früheren Texten bekannt, insbesondere aus Laffis Viaggio in Ponente, dessen sich Buonafede Vanti, auch wenn er nicht explizit darauf hinweist, zweifellos als Quelle bediente. Denn nicht nur inhaltlich lassen sich zahlreiche Parallelen nachweisen, vieles ist auch fast wörtlich, mit nur geringen Abwandlungen in der Formulierung, von seinem Vorgänger übernommen; man vergleiche z. B.: Laffi Buonafede Vanti fa la medesima stella per arma, con una cappa e due bordoni sotto incrociati fà per Arme la stessa Stella con una cappa, e sotto due bordoni incrocchiati è posta in un colle, che pende tutto a mezo giorno È situata in Colle, che pende tutto a mezzo dì circondata di muraglie di pietra viva circondata di mura di pietra viva 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 451 <?page no="452"?> 1779 Alle Zitate sind entnommen aus: Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-208. 1780 Vgl. Kapitel 6.3. 1781 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-201. due borghi, uno fuori della porta a levante […], e l’altro è fuori della porta a settentri‐ one due Borghi, uno fuori della porta a Levante, l’altro fuori della porta a Settentrione quando fu qui trasportato il corpo di San Gi‐ acomo, fu accompagnato e condotto da una stella e per questo la chiamano Compostella, che è composto da «compos» e «stella» 1779 quando il Corpo di S. Giacomo Appostolo fù quì trasportato, venne accompagnato da una Stella, laonde questo nome è composto da Compos, e Stella Dabei ‚unterlaufen‘ ihm sogar die gleichen Fehler wie Laffi, was etwa den alten Namen der Stadt (angeblich Floruto Brigantio), die Himmelsrichtungen (angeblich falle der Hang, an dem Compostela liegt, nach Süden ab) und die Anzahl der Stadttore (angeblich vier) betrifft 1780 . Auch dass er hier ausgerechnet die Praza do Pan (heute de Cervantes) als einzigen konkreten Ort innerhalb der Stadt heraushebt, ist sicher durch den Einfluss seines Vorgängers zu erklären. Laffi gelangte nämlich bereits auf seinen ersten Schritten in Compostela, als er von der Porta do Camiño geradewegs zur Kathedrale eilte, über diesen Platz mit seiner charakteristischen Dreiecksform; entsprechend geht er gleich am Anfang seiner Beschreibung auf ihn ein. Der von Süden kommende Buonafede Vanti hingegen nahm einen gänzlich anderen Weg durch die Stadt, der ihn höchst wahrscheinlich nicht über diesen Platz führte; dennoch geht auch er gleich am Anfang seiner Beschreibung auf ihn ein, und zwar wiederum mit nahezu den gleichen Worten wie Laffi: Laffi Buonafede Vanti la piazza, quale non è molto grande e è di forma triangolare. Qui è abbondanza d’ogni sorte di frutti e altre cose spettanti al vitto humano e sono a buon mercato, ma in particolare il pane e il vino, che sono esquisiti 1781 la Piazza non molto grande in forma trian‐ golare, abbondante d’ogni sorta di frutti, pesci, ed altre cose spettanti al vivere umano a buonissimo prezzo, massimamente il pane e, ‘l vino squisitissimi Kurzum, Buonafede Vanti gibt im zitierten Eingangspassus vor allem von Laffi übernommenes Buchwissen wieder, das einer empirischen Überprüfung zumindest teilweise nicht standhielte. Nur über die alten Wehrmauern und die Straßen - Elemente, die Laffi, wie in Kapitel 6.4 gezeigt, in der Absicht, ein möglichst positives Bild von Compostela zu vermitteln, gezielt ausblendet bzw. 452 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="453"?> 1782 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-79. 1783 Vgl. Claude, Viaje (wie Anm. 130), S. 186; Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 311; Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 68; D O M Í N G U E Z F E R R O , Giovan Battista Gornia (wie Anm. 155), S. 263; Bacci, Relazione (wie Anm. 190), S. 152. - Zum Zustand der Stadtmauern vgl. F E R N Á N D E Z G A S A L L A , Las murallas (wie Anm.-429), S.-8. 1784 Die Angaben zum Colexio de San Xerome fallen wie üblich knapp aus. Dem Hospital Real ist eine ausführlichere Beschreibung gewidmet, die jedoch im Wesentlichen dem entspricht, was bereits aus anderen Zeugnissen ( Jan Taccoen van Zillebeke, Giovanni Battista Confalonieri, Lorenzo Magalotti, Filippo Corsini, Domenico Laffi etc.) bekannt ist. Allerdings ist Buonafede Vanti der erste Autor, der auf gestalterische Einzelheiten der zentral platzierten Kapelle eingeht: uscii per la Porta maggiore [d. h. durch das Westportal der Kathedrale] auanti la quale è una gran piazza, alla di cui parte destra è un Collegio di buon Chiostro, Sale, Loggie, e abitazioni, fabbrica alla moderna. Alla sinistra lo Spedal Regio, fabbrica al di fuori, e ne’ Chiostri veramente Regia. All’ingresso (per spiegarmi bene) trovasi un Chiostro superbo di marmo Spagnuolo d’ordine Corinto, da questo s’entra in un’altro d’ordine Dorico; doppoi nel terzo d’ordine Toscano, e nel mezzo di tutti una Fontana diferente, ma non sì vaghe, e belle, come parla il Laffi a car 227. Di quà st’ascende nelle Loggie, che sono attorno il primo Chiostro, e s’entra ne’ Dormentorj degli infermi, che son otre in forma di Croce, ove non sono, che 70 letti oscuri molto, e fetenti, escluso un piccolo Dormentorio nella parte inferiore per i poveri Pellegrini. Gl’Infermi odono la Messa da una Cappella posta in isola, che ha il fondamento nella Chiesa inferiore pur’oscura molto. Questa Cappella, che principia, come dissi, nel basso della Chiesa inferiore, è sostenuta da quattro colonne fino alla sommità a modo di Tribune alte, e antichissime in parte dorate, e in parte con varj arabeschi, figurine, e fiorami; la fattura poco si vede per l’oscurità della Chiesa, che ha le finestre piccole, e non ha altro colore, che quello del macigno, il quale non sostiene l’imbianchitura. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-86. im Vagen lässt - ergänzt er einige Angaben, die wohl eigener Anschauung entstammen: Die Mauern seien mezzo desolate und die Straßen non […] troppo belle, alcune co’ portici 1782 , womit er die Negativurteile über sie bestätigt, die sich bei Claude de Bronseval, Lorenzo Magalotti, Filippo Corsini, Giovan Battista Gornia und Paolo Bacci finden 1783 . Sieht man vom Eingangspassus ab, so geht Buonafede Vanti fast ausschließ‐ lich auf die Kirchen und Klöster ein, die er in und um Compostela besuchte. Dabei liegt das quantitative Hauptgewicht wie gewöhnlich auf der Kathedrale und ihrem westlichen Vorplatz nebst den daran angrenzenden Prachtbauten, insbesondere dem Hospital Real 1784 . Der übrige Stadtraum bleibt, wie so oft in den hier analysierten Zeugnissen, weitgehend unbestimmt; auch die Privat‐ häuser und Adelspaläste etwa, in die er, wie aus seinen Aufzeichnungen teils explizit, teils implizit hervorgeht, verschiedentlich eingeladen wurde, lokalisiert er weder im Stadtraum, noch geht er näher auf ihre Gestaltung ein. Im Grunde erscheint Compostela hier, bei aller Ausführlichkeit und Detailliertheit der 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 453 <?page no="454"?> 1785 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-80-90, 106-114. 1786 Wiederholt lobt er die außergewöhnliche Gastfreundschaft, die ihm die Mönche von San Francisco do Val de Deus während seines Aufenthaltes in Compostela erwiesen, z. B. im Eintrag zum 1. August: Per non moltiplicar parole, in una sola dirò a V. S., che in un mese, che quì stetti, ricevei tali favori, come se fossi uno de’ primi Padri del mio Ordine; la Provincia di Galizia in estremo ama i Forestieri, und im Eintrag zum 30. August: Quasi tutto questo giorno consumai col Sig. Sindico Appostolico del mio Ordine, il quale nel tempo, che quì mi sono trattenuto, m’ha usate finezze non ordinarie. Io non voglio narrarle per non rendermi vanaglorioso: diro bene in poche parole, che m’ha confuso in ogni suo atto. I suoi Uomini di Casa conoscendomi vicino alla partenza di quà, non parlano meco senza lagrime; l’espressione di tutta la sua familia mi rendono estatico, e senza loquela. Non ho termini per esprimere gli atti amorevoli provati in questa Città; sicchè non posso se non lodare questi benignissimi Cittadini. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-80, 113. 1787 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-80. 1788 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-81. 1789 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-84. 1790 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-84, 90. 1791 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-84f. Beschreibung, doch wiederum reduziert auf seine Sakraltopographie, ähnlich wie bereits im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi. Welch zentrale Stellung die Kathedrale für den Pilger einnimmt, wird nicht nur an der Länge ihrer Beschreibung deutlich, sondern auch, wenn man sich einmal die minutiös dokumentierten Strecken betrachtet, die er im Stadtinneren und im näheren Umkreis der Stadt zurücklegte. So begab er sich mindestens ein-, oft zweimal täglich - insgesamt vierzigmal - an den locus sanctus, um dem Apostel zu huldigen, um zu beten und Messen zu lesen, aber auch um die künstlerisch-architektonische Gestaltung des sakralen Bauwerks in Augenschein zu nehmen 1785 . Einen weiteren Dreh- und Angelpunkt bildet der nördlich vor den Mauern der Stadt gelegene Franziskanerkonvent San Francisco do Val de Deus, wo er während seines einmonatigen Aufenthaltes die Gastfreundschaft seiner Ordensbrüder genoss 1786 . Alle anderen von ihm verzeichneten Orte - mit Ausnahme der beiden Nonnenklöster - besuchte er nur einmal: das Hospital Real am 1. August 1787 , das (östlich vor der Stadt gelegene) Kloster San Domingos de Bonaval am 4. August (dem Festtag des hl. Dominikus im Erzbistum Bologna) 1788 , das Benediktinerkloster San Martiño Pinario am 7. August 1789 , das Benediktinerinnenkloster San Paio de Antealtares am 8. und 15./ 16. August 1790 , das Augustinerkloster, die Igrexa da Trinidade (1930 abgeris‐ sen), die Jesuitenkirche (die nach der Vertreibung der Jesuiten im Jahr 1769 in den Besitz der Universität übergehen sollte) und das Dominikanerinnenkloster Santa María de Belvís ebenfalls am 8. August 1791 , das (nördlich vor der Stadt gelegene) Klarissenkloster am 9., 11., 12. und 26. August 1792 und das (westlich 454 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="455"?> 1792 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-86f., 89, 107. 1793 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-87. 1794 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-87. 1795 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-86f., 89. 1796 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-107. 1797 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-80. 1798 Deshalb, weil der Apostel, wenn die Pilger jeweils ihren Hut auf seinen Kopf ablegten, von unten betrachtet immerzu seine Gestalt zu verändern schien. Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 312; Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 68f. In Kapitel 5 finden sich die beiden Stellen wörtlich zitiert. - Auch Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-202, vermerkt: A questa statua li pellegrini mettono mantelline al collo e li capelli in testa, abbracciando detta statua, stanno qui fermi per alquanto spatio. 1799 So oft notiert er den Vollzug der aperta ausdrücklich in seinem Bericht. Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 80-90, 106-114. Möglich, dass er die Jakobsstatue noch öfter umarmte, dies aber nicht aufschrieb. 1800 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-111. vor der Stadt gelegene) Observantenkloster San Lorenzo am 10. August 1793 . Zum Klarissenkloster begab sich der Mönch nicht aus eigenem Wunsch so häufig, sondern per comando del P. Guardiano 1794 : Der Abt des Franziskanerklosters (wo er gastliche Aufnahme gefunden hatte) trug ihm auf, dort am 9. August an der Bestattung der verstorbenen Äbtissin teilzunehmen sowie am 11. August an den Zeremonien anlässlich des Festes der hl. Klara von Assisi, der Gründerin und Namengeberin des Ordens 1795 . Und am 26. August schickte er ihn dorthin, damit er an einem der hl. Katharina von Bologna geweihten Altar die Messe las und überprüfte, ob das von den Nonnen angefertigte Altarbild der Heiligen (die erst fünf Jahre zuvor kanonisiert worden war) wirklichkeitsgetreu (verisimile) sei 1796 . Wie die meisten Pilger, so begab sich auch Buonafede Vanti als Erstes in die ersehnte Kathedrale, um dort, am Hauptaltar, die üblichen Frömmigkeits‐ handlungen zu verrichten: Gebet und Danksagung, dann die Umarmung der lebensgroßen Jakobsstatue, die viel beschriebene aperta, wobei ihn abermals - wie schon in der Szene auf dem Hügel vor der Stadt - seine tief empfundene Freude überwältigte: con lagrime, e singulti l’adorai in quel modo, che ogn’uno può giudicare, per il giubilo, che io teneva nel cuore 1797 . Dabei setzte auch er der Statue seinen Hut auf und legte ihr sein Gewand um, so wie es erstmals bei Lorenzo Magalotti und Filippo Corsini bezeugt ist, die die aperta, insbesondere aber das Aufsetzen des Hutes für einen zutiefst lächerlichen Brauch erachteten 1798 . Während seines Aufenthaltes sollte der Mönch die aperta noch (mindestens) vierundzwanzigmal 1799 wiederholen, am letzten Tag vor seiner Abreise wiederum con lagrime, e singulti, attendendo, che mai più sarei andato in quel Santuario, goduto però per grazia di Sua Divina Maestà un mese intiero 1800 . Zudem hielt er insgesamt siebzehn Messen in der Kathedrale 1801 , wenn auch freilich 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 455 <?page no="456"?> 1801 Er selbst spricht von diecisette volte, che ivi celebrai. Buonafede Vanti, Viaggio Occiden‐ tale (wie Anm.-153), S.-81. 1802 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-81. 1803 Vgl. z. B. Wey, Itineraries (wie Anm. 626), S. 153; Münzer, Itinerarium (wie Anm. 743), S. 96; Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 159; Monte Maggio, Relato (wie Anm. 200), S. 185; Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 218; Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 312f.; Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 205. - Zu diesem Privileg, das Papst Paschalis II. (1099-1118) der Kathedrale am 30. Mai 1108 verlieh, vgl. auch Z E P E D A N O Y C A R N E R O , Historia y descripción (wie Anm. 22), S. 93-95; H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 93-95; P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm. 94), S. 67-69. 1804 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 220: Vi sono 2 altari nel coro per cantar le messe quotidiane quando non si dicono da Cardinali, che allora si celebra all’altar maggiore. 1805 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-82, 85. nicht am Hauptaltar, über den Apostelreliquien, sondern, wie er selbst erläutert, an einem portablen Voraltar: Dissi sopra, “nell’Altar posteriore”, poichè nell’anteriore immediato sopra il Corpo di S. Giacomo non vi puol celebrare, che l’Arcivescovo, e i Canonici Cardinali, i quali in numero settenario, a vicenda, settimana per settimana vi cantano la Messa, e in mancanza d’uno di questi, o per infermità, o per altro, si fà un Altare portatile fuori della predella, ove celebra un Canonico semplice 1802 . Wie so viele Autoren bezeugt auch er demnach die inzwischen sechs Jahr‐ hunderte währende Regelung, nach der nur der Erzbischof und die sieben Chorherren mit Kardinalswürde (sowie Geistliche gleichen Ranges) berechtigt waren, am Hauptaltar die Messe zu lesen 1803 . Dass deshalb für alle anderen Priester zusätzlich ein kleinerer Altar vor dem Hauptaltar platziert war, war bereits dem Tagebuch des Giovanni Battista Confalonieri zu entnehmen 1804 . Wie im zitierten Eingangspassus, so greift Buonafede Vanti auch in der Beschreibung der Kathedrale wiederholt auf Laffi zurück. Er begab sich dort an dieselben Orte, hebt im Wesentlichen dieselben Elemente heraus wie er und übernimmt von ihm - allenfalls leicht verändert - vollständige Formulierungen, meist ohne ihre geistige Herkunft transparent zu machen. Liegen Diskrepanzen zwischen Laffis Beschreibung und der von ihm wahrgenommenen Wirklichkeit vor, so versäumt er nie, dies zu problematisieren. In zwei Fällen befragte er dazu Einheimische und las ihnen gar, ad hoc ins Spanische oder Lateinische übersetzend, aus dem Viaggio in Ponente vor 1805 . Dies lässt vermuten, dass er das Buch bei der Besichtigung der Kathedrale stets bei sich trug und immer wieder konsultierte. Sein Erleben vor Ort war folglich keineswegs voraussetzungsfrei, sondern wesentlich bedingt durch seine vorangehende Lektüre: Er versuchte, dort wiederzufinden, wovon er zuvor gelesen hatte. 456 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="457"?> 1806 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-82. 1807 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-202f. 1808 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-85-89, 107-109. 1809 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-82f. Einen ersten Überblick über den Aufbau der Kathedrale vermittelt Buonafede Vanti im Eintrag zum 6. August. Anlass dazu gibt ihm auf Erlebnisebene ein bewusst unternommener Rundgang durch das Gebäude: volli considerare tutto il vaso della Chiesa, e però uscii per la Porta maggiore situata a mezzo giorno 1806 . Ausgangspunkt ist die Hauptfassade an der Praza do Hospital (Abb. 21), die allerdings nach Westen ausgerichtet ist, nicht nach Süden, wie er hier schreibt - eine irrige Angabe übernommen von Laffi (s. u.) 1807 ; von dort arbeitet er sich sukzessive nach Osten vor, bis zur Porta Santa, bevor er abschließend den Grundriss der Kathedrale beschreibt und ihre Innenmaße angibt. Das Dach, das Innere der Torre do Relox, die Heiltums- und die Schatzkammer ließ er sich am 8., 10., 12. und 26. August jeweils von einem Ortskundigen zeigen; entsprechend geht er auf diese Bereiche erst an späterer Stelle ein 1808 . An der barocken Hauptfassade hebt er - genau wie Laffi - die Doppeltreppe, den großen Balkon, die beiden (noch) unterschiedlich hohen Türme, die drei Eingänge und den Pórtico da Gloria heraus: Quì è una scala duplicata da ambe le parti con mirabile arte, fatta tutta di macigno bianchissimo, con i suoi balaustri fatti a colonnate; per questa s’ascende in un bel poggiuolo guardato pure attorno da suoi ballaustri colonnati, assai largo, e lungo quasi quanto la larghezza della facciata della Chiesa; la quale è molto nobile, tutto prospetto d’architettura composta con intrezzi secondo il costume Spagnuolo, e ringhiere sopra cui camminasi. Alla parte destra di questa facciata evvi un Campanile alto da 90 braccia con i suoi risalti in fuori di ringhiere, per dove se li gira attorno. Torre veramente bella, su cui sono dodici Campane, la maggiore delle quali è larga Quattro braccia, e e sopra queste la traccola per la Settimana Santa. Questo Campanile ha il maschio in mezzo, nel quale è l’abitazione comoda del Campanaro […]. Al lato sinistro della facciata stà un’altra Torre o Campanile principiato, che giunge fino a tetti della Chiesa, e in questo anno 1717, come vidi nella piazza avanti spaziosa, si prepara la materia per finirlo a corrispondenza dell’altro. Le Porte dell’ingresso sono tre di legno adornate di bronzo ben lavorato a fiorami; le quali entrate trovasi uno spazio di sette, o otto passi, sopra il quale è il Giudicio finale tutto in figure di mezzo rilievo bello da vedersi 1809 . 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 457 <?page no="458"?> Abb. 21: Barocke Hauptfassade der Kathedrale von Santiago de Compostela, mit der Torre das Campás (rechts) und der Torre da Carraca (links). Inhaltlich stimmt Buonafede Vantis Beschreibung weitgehend mit Laffis überein, und sogar in der konkreten Formulierung sind Parallelen wiederum un‐ übersehbar - sicher hatte der Mönch beim Schreiben den Viaggio in Ponente 458 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="459"?> 1810 Man vergleiche etwa: tutto prospetto di architettura composta. Vi sono poi intrezzi all’usanza di Spagna, con molte ringhiere, sopra cui si camina und tutto prospetto d’architettura composta con intrezzi secondo il costume Spagnuolo, e ringhiere sopra cui camminasi, oder auch: Sopra la medesima porta vi è il Giudicio Finale, tutto in figure di mezo rilievo, cosa bellissima da vedere und sopra il quale è il Giudicio finale tutto in figure di mezzo rilievo bello da vedersi. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 203; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-82f. 1811 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 82f. Vgl. S I N G U L , Historia cultural (wie Anm.-6), S.-267f. 1812 Vgl. Ángel P A N E R O P A R D O / Lourdes P É R E Z C A S T R O / Adrián M A R T Í N P R I E T O , La carraca de la catedral de Santiago, Santiago de Compostela 2011, S.-19. 1813 Die alte Klapper aus der Zeit um 1700 kann heute im Museum der Kathedrale besichtigt werden. Vgl. Catedral de Santiago, La carraca histórica de la Catedral de Santiago sonará los próximos Viernes y Sábado Santos, https: / / catedraldesantiago.es/ la-carraca-histor ica-de-la-catedral-de-santiago-sonara-los-proximos-viernes-y-sabado-santos/ (Zugriff am 13.08.2023). 1814 Vgl. S I N G U L , Historia cultural (wie Anm.-6), S.-267f. 1815 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-82. vorliegen 1810 . Doch trägt er auch manch Neues bei; vor allem bietet er den - im hier analysierten Korpus - ersten Beleg für die Karklapper der Kathedrale, la traccola per la Settimana Santa, die damals noch zusammen mit den Glocken im südlichen Seitenturm untergebracht war, später jedoch in den nördlichen verlegt werden sollte, der als Torre da Carraca bis heute nach ihr benannt ist 1811 . Ihr charakteristisches Klappern oder Ratschen ertönte in Compostela noch bis in die 1960er Jahre an jedem Karfreitag und Karsamstag anstelle des Glockengeläuts, bevor sie, defekt und durch die liturgischen Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) funktionslos geworden, für Jahrzehnte in Vergessenheit geriet 1812 ; erst zum Heiligen Jahr 2010 wurde ein originalgetreues Replikat in Betrieb genommen und die alte Ostertradition neu belebt 1813 . Der barocke Umbau der späteren Torre da Carraca war 1687 noch unter Domingo de Andrade begonnen worden, verzögerte sich jedoch und sollte erst zwischen 1720 und 1732 unter Fernando de Casas Novoa (1670-1749) vollendet werden 1814 . Entsprechend beschreibt Buonafede Vanti für das Jahr 1717 einen unfertigen Bauzustand: Die Höhe seines 1670 eingeweihten südlichen Pendants (90 Ellen, wiederum eine von Laffi kopierte Angabe) hatte der Turm noch nicht erreicht, er überragte weiterhin kaum den Dachfirst der Kathedrale - so wie auf der bereits an anderer Stelle herangezogenen Skizze aus dem Informe o Memoria sobre las obras en la Catedral de Santiago (1657) von José Vega y Verdugo (Abb. 14); auf der Praza do Hospital trug man aber schon - wie Buonafede Vanti beobachtet - das nötige Material zusammen, um die Bauarbeiten fortzusetzen 1815 . 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 459 <?page no="460"?> 1816 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-83. 1817 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 220; Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S.-202. 1818 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 83. - 1849 wurde der Altar der Virxe da O (auch Nosa Señora a Preñada, Virxe do Parto, Virxe grávida etc.) in die Capela do Espíritu Santo verlegt. In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde er dort durch den Altar der Virxe da Soidade ersetzt, der bis dahin zentral an der Chorrückwand Im Inneren der Kathedrale richtet Buonafede Vanti den Blick nacheinander, von Westen nach Osten fortschreitend, auf den (ins Langhaus vorgezogenen) Chor, die Vierung, den Hauptaltar mit seinem prächtigen Baldachin und das Ambulatorium mit seinen sechs Kapellen und der Porta Santa: Passate poi cinque grandi colonne grosse di macigno, che sostentano la Chiesa in volto a tre navi, si giunge al Coro, ch’è in mezzo, nella di cui facciata è l’Altare della B. V. Dolorosa, avanti il quale ardono tre gran lampadi d’argento, e sopra il muro un Crocifisso alla statura d’un Uomo. Al lato destro di questo Altare annesso alla colonna evvi l’Altare di Maria Vergine gravida, tutto posto a oro con sei lampadi d’argento. Passato ‘l Coro, che occupa due archi, cioè tre pilastri sostentanti la Chiesa, evvi una ferriata bassa doppia, la qual chiudesi quando i Canonici sono in Coro, acciocchè niuno passi, e traversa i due bracci, che formano la Chiesa in Croce, e quì sopra è la Cuba. Giungesi poi all’Altar maggiore, avanti il quale è una grossa ferriata assai alta, che chiude il presbiterio. Intorno a questo Altare, o Cappella maggiore, seguita un’ordine di sedici bellissimi piedestalli di marmo rosso, e nero, sù cui sono le colonne, che sostentano la Chiesa, e tengono in mezzo l’Altar del Santo. Queste sedici colonne sono fasciate da intagli nobilissimi indorati in legno, che formano ove due, ove quattro colonne, le quali pare sostentano tutta la Tribuna, che cuopre detto Altare. Attorno a questa Cappella seguita un’ordine di sei Cappelle; tra le quali ve n’è una di San Giovanni, la quale attaccato alla ferriata ha un “Pater Noster” del Rosario, o Corona di S. Giacomo, accomodato in modo che non può essere levata, e distintamente vedesi. Appresso questa v’è quella del Rè di Francia assai ben formata, fabbricata da S. Luigi quando venne in Galizia a visitare il S. Appostolo, e quivi, si fanno le patenti a’ pellegrini. A mano destra di questa è la Porta Santa, la quale apresi solamente l’Anno Santo, cioè quando la festa dell’Appostolo accade in giorno di Domenica 1816 . Er vermerkt hier deutlich mehr Einzelheiten als Laffi und geht auch auf den Chor und die Vierung ein, Bereiche, die im bisher analysierten Korpus nur Giovanni Battista Confalonieri näher beschreibt 1817 . Wie dieser weist er dabei auf das (heute in der Capela do Espíritu Santo untergebrachte) mannsgroße Kruzifix hin sowie auf den (heute im Museum der Kathedrale zu besichtigenden) Altar der Virxe da O (l’Altare di Maria Vergine gravida), der sich noch bis 1849 an einer Säule rechts neben dem Chor befand 1818 . Auch von der Vergitterung des 460 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="461"?> platziert gewesen war. Seitdem wird er im Museum der Kathedrale verwahrt. Vgl. N ÚÑ E Z R O D R Í G U E Z , La Virgen de la O (wie Anm.-1307), S.-409. 1819 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-220. 1820 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 89f. - In der Ikonographie ist die Jungfrau von der Einsamkeit eine Variante der Mater Dolorosa: Die Einsamkeit nach der Grablegung Jesu ( Joh 19,40-42) ist der letzte der sieben Schmerzen der Jungfrau Maria. Wie in Anm. 1818 erläutert, wurde der Altar der Virxe da Soidade um die Mitte des 20. Jahrhunderts in die Capela do Espíritu Santo verlegt, wo er den Altar der Virxe da O ersetzte. Das Marienbild war 1666 von einer Madrider Werkstatt verfertigt worden. Vgl. Enrique F E R N Á N D E Z C A S T IÑ E I R A S , El antiguo retablo de la Capilla de Nuestra Señora de la Soledad en el trascoro de la Catedral de Santiago, in: Estudios sobre patrimonio artístico. Homenaje del Departamento de Historia del Arte y de la Facultad de Geografía e Historia de la Universidad de Santiago de Compostela a la Prof. Dra. M a del Socorro Ortega Romero, hg. von María Dolores B A R R A L R I V A D U L L A / José Manuel B E R N A R D I L Ó P E Z V Á Z Q U E Z , Santiago de Compostela 2002, S.-397-426. 1821 Zum Vergleich die entsprechende Stelle in Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 202: Fra queste capelle ve n’è una del Re di Francia, bellissima, dove fanno le patenti alli pellegrini, le quali si pagano. Questa capella fu fatta quando San Luigi, re di Francia, andò a San Giacomo, è posta di dietro all’altare del Santo. 1822 Vgl. L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 6 (wie Anm. 1471), S. 300. - Zur Verbindung der französischen Könige zu Santiago de Compostela vgl. Anm.-1471. 1823 Vgl. L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 6 (wie Anm.-1471), S.-210f. Chores und des Altarraums liest man bereits bei Confalonieri 1819 . Bisher noch durch keinen anderen Autor bezeugt ist indes der zweite von Buonafede Vanti genannte Marienaltar (l’Altare della B. V. Dolorosa) an der Chorrückwand, der sich zweifelsfrei mit dem (heute in der Capela do Espíritu Santo befindlichen) Altar der Virxe da Soidade identifizieren lässt 1820 . In der Beschreibung von Hauptaltar und Ambulatorium sind, inhaltlich wie auch in der Wortwahl, wiederum einige Parallelen zum Viaggio in Ponente zu erkennen, darunter die - später auch bei Nicola Albani nachweisbare - irrige Angabe, dass die Stirnkapelle erbaut worden sei, als sich der hl. Ludwig (S. Luigi) in Compostela aufhielt 1821 . Gemeint ist wohl der 1297 kanonisierte Ludwig IX. von Frankreich (1226-1270), der um 1250 als Pilger zum Grab des Apostels Jakobus gezogen sein soll, wofür es jedoch keine sicheren Belege gibt 1822 . In Wahrheit geht die Stirnkapelle auf die romanische Bauphase des 11. und 12. Jahrhunderts zurück, und als Capela do Rei de Francia wurde sie erst bekannt, nachdem Karl V. von Frankreich (1364-1380) dem Kathedralkapitel 3000 Florentiner Gulden hatte zukommen lassen, um sie mit drei Kaplaneien auszustatten 1823 . Dem Hauptaltar widmet Buonafede Vanti im Eintrag zum 7. August bezeich‐ nenderweise noch eine separate Beschreibung: Li 7 […] notai distintamente l’Altar maggiore, il quale è formato nella maniera seguente. Primieramente è vacuo sotto con due Porticelle per entrarvi, e quì in terra in una Cassa 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 461 <?page no="462"?> 1824 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-83f. 1825 Auf dem silbernen Pilgergewand der Statue kann man noch heute lesen: El Y.llmo. Sn. Dn. Fray Antonio de Monroy Arzobispo desta Sta. Igla. De Sr. Santiago, dio esta esclavina, bordón y calabaza a sus expensas. Figueroa fecit. Anno 1704. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 84, Anm. 413. Das 1704 von Juan Figueroa y Vega gefertigte Original der Pelerine wurde zum Heiligen Jahr 2004 - nachdem es genau 300 Jahre lang die Umarmungen der Pilger empfangen hatte - durch ein Replikat ersetzt und befindet sich seitdem im Museum der Kathedrale. Vgl. Juan María C A P E Á N S G A R R I D O , La escultura del Apóstol del altar mayor cambia su esclavina después de 300 años, di Marmo, il cui coperchio si vede, riposa il Corpo di S. Giacomo. Tutto è di finissimi Marmi intarsiati, e commessi, con i suoi Candelieri, e Croce d’Argento alti, e bellissimi risaltati di Statuette, fiorami, e altri lavori. Nel mezzo il Tabernacolo d’Argento massiccio fatto a’ Modo di Tribuna sostentato nelli angoli da quattro colonne pure d’Argento, nel mezzo l’Immaculata Concezione, Statua massiccia di tutto rilievo. Sopra un poco addietro stà S. Giacomo, Statua grande di Marmo, a modo di sedere senza Cappello, colla mantellina d’Argento ottimamente lavorata, e in parte dorata, nella mano sinistra il bordone d’Argento, e colla mano destra pendente indica le seguenti parole scolpite in una tavoletta al ginocchio: “Hic requiescit Corpus S. Jacobi Apostoli, Hispaniarum Protectoris”. Al dorso della Statua evvi una Cupola di Marmo, capace di dieci, o dodici persone, ov’è appesa una Lampada d’Argento, sempre accesa, sù cui s’ascende per due Scale di marmo candido chiuse da i lati con due gran ferriate alte, e grosse, le quali parimenti separano il Presbiterio dalla Sagrestia dell’Altar posteriore. Sopra questa Cupola sono collocate trè Statue di tutto rilievo in piedi, nel mezzo di S. Giacomo, indorata, vestito da Pellegrino, alla destra S. Lodovico Rè di Francia, alla sinistra S. Ferdinando Rè di Spagna. Seguita poi tutta la Tribuna tanto grande, che cuopre tutto l’Altare, intagliata posta a oro, la qual pare sostentata da otto Angeli grandi indorati colle spalle, e per finimento la Statua equestre dorata colla Spada alla mano del S. Appostolo, alla di cui destra, e sinistra sono pure due Statue in piedi di tutto rilievo, poste a oro, rappresentanti la Fortezza, e la Vittoria. Avanti, e all’Intorno di questo magnifico, e ricchissimo Altare di continuo ardono trenta lampadi grandi d’Argento fino delle quali una è sì, che due Uomini forsi non l’abbracciarebbero 1824 . Wie so oft in den Beschreibungen der Jakobspilger ist dieser allerheiligste Bereich über den Apostelreliquien auch bei ihm der am genauesten wieder‐ gegebene der ganzen Stadt; hier geht er selbst auf kleinste Einzelheiten der künstlerisch-ästhetischen Gestaltung ein. Manche Elemente des Hauptaltars waren nur wenige Jahre zuvor neu hinzugefügt worden: Erst 1704 etwa war die marmorne Jakobsstatue dank einer Donation Erzbischof Antonio de Monroys (1685-1715) mit der silbernen Pelerine und dem silbernen Pilgerstab versehen worden, von denen Buonafede Vanti berichtet 1825 . Ebenso gehen die silberne 462 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="463"?> in: La Voz de Galicia, 27.10.2003, https: / / www.lavozdegalicia.es/ noticia/ santiago/ 2003/ 10/ 27/ escultura-apostol-altar-mayor-cambia-esclavina-despues-300-anos/ 0003_211092 9.htm (Zugriff am 28.03.2024); Museo Catedral de Santiago, Esclavina do Santo Após‐ tolo, https: / / www.museocatedraldesantiago.gal/ 2020/ 04/ 29/ esclavina-do-santo-apostol o/ (Zugriff am 28.03.2024). - Zu Erzbischof Antonio de Monroy vgl. Adriana Á L V A R E Z S Á N C H E Z , De fraile a arzobispo. El novohispano Antonio de Monroy e Híjar (1634-1715), in: Historia Mexicana 69/ 3 (2020), S. 951-1022. - In der Mitte des 18. Jahrhunderts stiftete auch Erzbischof Bartolomé de Rajoy y Losada (1751-1772) eine prachtvolle Pelerine für die Altarstatue, die mit derjenigen Antonio de Monroys wohl eine Zeitlang konkurrierte. Allerdings kam sie im Zuge des Spanischen Unabhängigkeitskrieges (1808-1814) abhanden; vermutlich wurde sie, wie der alte botafumeiro und viele andere Kostbarkeiten der Kathedrale, im April 1809 von den Napoleonischen Truppen geraubt. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 69f.; P É R E Z V A R E L A , Las obras de platería (wie Anm 1486). 1826 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 68f. - Beim silbernen Taber‐ nakel hingegen dürfte es sich um denselben gehandelt haben, der zwischen 1660 und 1677 unter Baumeister José Vega y Verdugo verfertigt worden war und der auch heute noch auf der Mensa des Hochaltars steht. Vgl. Z E P E D A N O Y C A R N E R O , Historia y descripción (wie Anm.-22), S.-91; B O N E T C O R R E A , Arquitectura (wie Anm.-948), S.-285-291; Jorge G A R C Í A G A R C Í A , A obra do tabernáculo da catedral nas actas capitulares, in: Galicia histórica. Hoja de historia y documentos compostelanos 5/ 46 (2020), http: / / catedraldes antiago.es/ wp-content/ uploads/ 2017/ 05/ 46Junio.pdf (Zugriff am 11.03.2024). Altarlampe und der (hier nicht erwähnte) mit Diamanten, Smaragden und Rubinen besetzte, vergoldete Heiligenschein der Statue auf die ersten Jahre des 18.-Jahrhunderts zurück 1826 . Ein Abschnitt zum Grundriss der Kathedrale, noch im Eintrag zum 6. August, ist nicht nur dem Sinn nach, sondern fast wörtlich von Laffi übernommen, auf den Buonafede Vanti hier auch einmal explizit hinweist; nur die Tore stellt er dabei um und bringt sie in dieselbe von Westen nach Osten verlaufende Reihenfolge, die, wie gezeigt, seiner gesamten Beschreibung des Gebäudes zugrunde liegt: Questo Duomo è fatto in modo di Croce, onde, nel luogo del Cartello J.N.R.J., come ottimamente dice il Laffi, stà l’Altar maggiore, sotto ‘l quale giace il Corpo del Glorioso Appostolo. In ogni capo vi sono le porte, cioè nel piede la porta maggiore triplicata a mezzo giorno, perchè sono tre navi, nelle due braccia sono le porte latterali dupplicate, e 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 463 <?page no="464"?> 1827 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 83. - Zum Vergleich die entsprechende Stelle in Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-202: Questa chiesa è in forma di croce. Nella parte superiore della croce, cioè nel luogo del cartello I.N.R.I. vi è l’altar maggiore, sotto del quale riposa il corpo del glorioso apostolo San Giacomo. […] in ogni capo di croce vi è una porta, sì che vengono ad essere quattro porte, cioè alla sommità della croce, come dissi, è la Porta Santa, nelli due bracci sono le porte laterali e nel piede la Porta Maggiore qual è posta a mezo giorno. Queste porte sono bellissime, tutte finite di lavori di bronzo e marmi finissimi. 1828 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-83. 1829 Im Abschnitt De ecclesiae mensura gibt Pseudo-Calixt, wie in Kapitel 2.4 bereits erwähnt, die Innenmaße der Kathedrale an: Basilica namque Sancti Iacobi habet in longitudine quinquaginta et tres hominis status, videlicet a porta occidentali, usque ad Sancti Salvatoris altare; in latitudine vero habet quadraginta unum minus, a Porta scilicet Francigena, usque ad meridianam portam; altitudo vero eius quatuordecim status habet intus. Quanta sit extra eius longitudo et altitudo, a nullo valet comprehendi. Im Abschnitt De corpore et altare Sancti Jacobi vermerkt er zudem Länge, Breite und Höhe des Hochaltars, den er, wie ihm wichtig scheint zu betonen, eigenhändig vermaß: Et super illud est altare magnum et mirabile quod habet in altitudine V palmos et in longitudine XII et in latitudine VII. Sic propriis manibus ego mensuravi. Liber (wie Anm.-25), S.-251, 255. 1830 Vgl. H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 272; Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 314; Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 69f.; Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-206. alla sommità della Croce la Porta Santa; Porte assai ben fatte, perchè finite di lavori di bronzo, e marmi di Spagna intarsiati, e commessi 1827 . Zuletzt notiert er die Maße der Kathedrale: Non partii da questo Duomo, che non lo misurassi a passi andanti, e trovai essere in lunghezza 160 da una estremità all’altra de’ bracci della Croce 114, e la larghezza precisa 45. Il Coro lungo 30 largo 16 è assai maestoso, sì per le sedie ottimamente intagliate, sì per li due Organi laterali già mentovati 1828 . Dass ein Autor die Kathedrale ablief, um durch die Anzahl der Schritte ihre Größe zu erfassen, oder anderweitig eigene Messungen in situ durchführte, ist im hier analysierten Korpus sonst nur aus dem Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi (Kapitel 9, Abschnitt „De ecclesiae mensura“) bekannt 1829 . Weiterhin im Eintrag zum 6. August beschreibt Buonafede Vanti eine Prozes‐ sion anlässlich der Verklärung Jesu, die an diesem Tag gefeiert wird. Dabei kam das große Weihrauchfass zum Einsatz - dasselbe, das zum Heiligen Jahr 1554 eingeweiht worden war und das bereits Christoph Gunzinger, die Kammerherren des jungen Cosimo III. de’ Medici und Domenico Laffi bestaunt hatten 1830 : 464 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="465"?> 1831 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-82. 1832 Vgl. S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 227; C A S A S C A L L A D O , Historia y Artes (wie Anm.-1486), S.-401. 1833 Zum Vergleich die entsprechende Stelle in Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 206: e poi gli danno la spinta. Questo, pigliando l’onda, va da una porta all’altra, cioè dalla porta d’oriente a quella d’occidente, che sono le sopradette porte delli due bracci della croce, onde, per la sua grandezza e velocità, fa un gran vento e per il fuoco e l’incenso e altri odori che vi sono dentro, fa un gran fumo odorífero, quale profuma tutta la chiesa. Alla Processione, che fecesi avanti la Messa cantata, per essere il giorno della Transfigu‐ razione del Signore, s’odorò tutta la Chiesa col Turibolo espresso dal Laffi a car. 232. Questo è d’Argento puro di cinque pesi, il peso è di 25 libre, e la libra 18 oncie. Appendono questo Turibolo ad una corda attaccata ad una ruota lunga, posta in mezzo della Cupola sostenuta da quattro ferri duplicati commessi ne’ quattro cantoni della stessa Cupola, cinque Uomini poi s’attaccano a cinque corde commesse a un’altra corda pur’attaccata, e rivoltata alla sopradetta ruota, i quali tirando fortemente, danno la spinta al Turibolo, che pigliando l’onda và dalla Porta Orientale all’Occidentale, che sono alli due bracci della Croce, sicchè stante la grandezza, e velocità fà un gran vento, ed essendovi dentro molto fuoco, e incenso con altri odori, fà una gran fiamma, e fumo odorifero, il qual profuma tutta la Chiesa 1831 . Deutlich präziser als Laffi, auf den er jedoch auch hier explizit verweist, schildert Buonafede Vanti, wie das aus über 60 kg Silber gefertigte Gerät während der Prozession in Schwung gesetzt wurde: In der Vierungskuppel war eine Eisenkonstruktion mit einem Rad in der Mitte angebracht. Darum war ein langes Seil gewickelt, das an einem Ende mit dem Turibulum verbunden war und am anderen mit fünf weiteren Seilen, so dass es von fünf Personen, den sog. tiraboleiros, gleichzeitig betätigt werden konnte. Durch abwechselndes Verkürzen und Loslassen des Seiles schwang das Wohlgeruch verströmende Fass bis hoch unter die Decke des Querhauses. Die Funktionsweise hat sich im Laufe der Jahrhunderte nicht wesentlich verändert; nur ziehen heute gewöhnlich nicht fünf, sondern acht tiraboleiros am Seil 1832 . Ungefähr das letzte Drittel der zitierten Stelle ist wiederum mit nur leichten Änderungen im Wortlaut vollständig von Laffi übernommen; selbst die irrige Angabe, dass der botafumeiro zwischen dem Ost- und dem Westportal geschwungen werde, korrigiert Buonafede Vanti nicht 1833 . Überhaupt unterlag er durch die Lektüre des Viaggio in Ponente genau derselben Konfusion der Himmelsrichtungen wie Laffi: Auch für ihn war Norden Westen, Osten Norden, Süden Osten und Westen Süden, und so gibt auch er beispielsweise fälschlich an, dass die Hauptfassade der Kathedrale nicht nach Westen, sondern nach Süden gerichtet (situata a mezzo giorno) und 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 465 <?page no="466"?> 1834 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 80, 82. Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-202f., 207. 1835 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-82. 1836 Im hier analysierten Korpus handelt es sich bei dieser Textstelle um den ersten und einzigen Beleg für die beschriebene Vorstellung einer peregrinatio animarum oder peregrinatio post mortem, die in verschiedenen Formen und Ausprägungen insbesondere in Süditalien weit verbreitet war. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 182, Anm. 495. - Möglicherweise besteht auch eine Verwandtschaft mit dem galici‐ schen Volksmythos der Santa Compaña. Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 82, Anm. 406. Nach wie vor einschlägig zur Santa Compaña und zu verwandten Mythen: Elisardo B E C O ÑA I G L E S I A S , La Santa Compaña, el urco y los muertos, A Coruña 1982. der Franziskanerkonvent nicht nördlich, sondern westlich vor den Stadtmauern gelegen (situato immediatamente fuori di Città a Ponente) sei 1834 . Im Zusammenhang mit dem Weihrauchfass glaubt Buonafede Vanti indes, einen anderen Fehler bei Laffi entdeckt zu haben: Quì D. Domenico Laffi, a car. 233 narra una gran falloppia, cioè, che per il gran vento fatto dal Turibolo andando da una all’altra Porta, s’aprì, e si ferrì con gran impeto un Fenestrino posto sopra la Porta Orientale. Con tutta la mia vista acutissima guardai bene, come pur’ feci altre volte, occorrendo tal incensamento, se vedeva tal fenestrino, e mai lo potei scorgere. Interrogai varj Canonici molto vecchi, e Secolari attempati se ne’ tempi andati vi fosse stato un tal fenestrino, e rispondendomi di nò faceva loro vedere il Libro del Laffi, lo leggeva in Latino, o in Spagnuolo, ed essi a bocca aperta ridevano; dico bene a V. S. esservi sopra le due Porte accennate tre grandissime finestre, in mezzo una ovata, l’altre laterali in quadro, sì commesse, e incastrate nel muro, che qualsivoglia vento impetuoso non le puol muovere. Da questa favola del fenestrino ne seguita un’altra, che si dice comunemente dal vulgo, massimamente dalle Donne Italiane, cioè, che l’anime di quelli, che non furono vivi a S. Giacomo, di Galizia, vi vadano dopo morte, e perciò di quando in quando vedesi il fenestrino ora aprirsi, ora serrarsi 1835 . Demnach las er bei Laffi, dass es über dem Ostportal - d. h. über dem Nordportal - ein kleines Fenster gebe, das sich durch den Wind des schwingenden Turibu‐ lums immerzu öffne und wieder schließe. Dem naiven Volksglauben zufolge gingen dort die Seelen derer ein und aus, die nicht im Leben zum Grab des hl. Jakobus gepilgert waren und dies daher im Tode nachzuholen hätten 1836 . Buo‐ nafede Vanti selbst konnte das kleine Fenster vor Ort jedoch nirgends entdecken, und alle, mit denen er sprach, versicherten ihm, dass es ein solches nie gegeben habe. Aus der zitierten Stelle lässt sich mit völliger Sicherheit ableiten, dass es sich bei seinem Exemplar des Viaggio in Ponente um die Erstausgabe von 1673 handelte, die noch ausschließlich auf Laffis ersten beiden Compostela-Reisen 466 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="467"?> 1837 Domenico Laffi, Viaggio in Ponente a S. Giacomo di Galitia, e Finis Terræ, per Francia, e Spagna di D. Domenico Laffi Bolognese, Principiando da Bologna mia Patria fin’al ritorno in essa, Bologna 1673, S. 233. - Diese erste Ausgabe wurde 1676 einmal nachgedruckt, bevor 1681 dann - nicht mehr bei Ferroni, sondern bei Pisarri - die zweite Ausgabe und alle weiteren Nachdrucke erschienen. 1838 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 206. Vgl. auch die entsprechende Stelle in der historischen Ausgabe: Domenico Laffi, Viaggio in Ponente à San Giacomo di Galitia, e Finisterræ, Di D. Domenico Laffi Bolognese; Aggiuntovi molte curiosità doppo il suo terzo Viaggio à quelle Parti. Con la Tavola de’ Capitoli, e cose più notabili, Bologna 1681, S.-202f. 1839 Dies vermutet auch Tamburlini, der allerdings weder von den Unterschieden zwischen der ersten und der zweiten Ausgabe des Viaggio in Ponente Notiz zu nehmen noch zu wissen scheint, dass Laffi (wahrscheinlich) 1680 noch eine vierte Reise nach Compostela unternahm. Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 82, Anm. 404. 1840 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-85. 1841 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 85. Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 205: Vi sta dentro il campanaro, qual volse dare da bevere non solo a noi, ma anco alli servitori di quel signor canonico. 1666 und 1670 beruht. Nur dort nämlich findet sich auf Seite 233 der wie folgt lautende Hinweis: Sopra la porta posta ad Oriente vi è un finestrino, il quale per il gran vento, come dissi, che fa detto Turibolo andando da questa porta all’altra si serra con grand’impeto, e si apre parimente con grand’impeto al partire del medesimo Turibolo 1837 . In der wesentlich überarbeiteten Neuausgabe von 1681 hingegen, auf der auch alle späteren Nachdrucke (1683, 1691, 1726 und 1738) basieren, ist dieser Satz gestrichen 1838 . Vermutlich war das kleine Fenster im Zuge der barocken Umbauarbeiten zugemauert worden, und so musste Laffi seine Beschreibung nach seinem dritten, spätestens nach seinem vierten Aufenthalt in Compostela 1673 bzw. 1680 entsprechend revidieren 1839 . Dass Buonafede Vanti mehrfach vergebens nach dem in der überholten Erstausgabe erwähnten kleinen Fenster suchte, dass er sogar alte Chorherren und Laien dazu befragte und ihnen spontan aus dem Viaggio in Ponente vorlas, zeigt eindrücklich, dass er das Buch in der Kathedrale stets bei sich trug und das Gesehene immerzu mit dem Gelesenen in Relation setzte. Einen ähnlichen Fall, in dem Laffis Beschreibung nicht (mehr) mit der Wirklichkeit übereinzubringen war, schildert er im Eintrag zum 8. August. An diesem Tag suchte er den alten Glöckner der Kathedrale auf, der seine Wohnung in der Torre das Campás hatte: mi portai sù la Torre delle Campane del Duomo […], e scendendo entrai nella Casa del Campanaro fabbricata dentro il maschio, che stava in letto per la sua decrepità 1840 . Es müsste sich hier noch um denselben freundlichen Mann handeln, dem schon Laffi 1670 flüchtig begegnet war, denn erano più di 50 anni, che stava in quell’ufficio 1841 . Der Pilger erkundigte sich bei ihm, wo er die beiden großen Mirakelglocken sehen könne, von denen er 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 467 <?page no="468"?> 1842 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-204f. 1843 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-85. 1844 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-85. 1845 Vgl. V Á Z Q U E Z C A S T R O , La Berenguela y la Torre del Reloj (wie Anm. 1335), S. 131; T A Í N G U Z M Á N , Domingo de Andrade 1 (wie Anm.-1335), S.-112. 1846 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-85. auf Seite 229 des Viaggio in Ponente gelesen hatte, d. h. die bereits von vielen anderen Autoren - erstmals von Bartolomeo Fontana - bezeugte Glocke aus Santo Domingo de la Calzada, die von selbst erschollen sein soll, als sich dort das berühmte Galgen- und Hühnerwunder zutrug, und die einstige Hauptglocke der Kathedrale, die ebenfalls von selbst erschollen sein soll, als der französische König Ludwig IX. nach Compostela kam 1842 : gli feci varie interrogazioni di quanto scrive D. Domenico Laffi nel suo viaggio a car. 229 cioè, della Campana, che suonò da se quando successe il miracolo del Pellegrino innocentemente impiccato in S. Domenico della Calzada, e di quella, che suonò all’arrivo di S. Luigi Rè di Francia in Compostella, e lo pregai a darmene distinta notizia, e ove erano per poterle vedere 1843 . Doch der bettlägerige Greis wollte noch nie von ihnen gehört haben: mi rispose, che di questo nulla sapeva, e mai aveva sentito a dir cosa veruna di simili Campane, immediatamente gli lessi in Spagnuolo la narrativa del Laffi col libro alla mano, la qual udendola, diede in gran risata, dicendomi esser cose favolose, e ch’erano più di 50 anni, che stava in quell’ufficio, nè mai aveva udite, e vedute tali Campane 1844 . Auch hier war Laffis Beschreibung der Kathedrale längst von den baulichen Entwicklungen der vorherigen Jahrzehnte überholt worden: Die beiden defek‐ ten Glocken der Torre do Relox, um die sich, wie die Pilgerberichte des 16. und 17. Jahrhunderts gezeigt haben, allerlei wunderliche Gerüchte und Erzählungen rankten, waren zwischen 1676 und 1680 im Zuge der barocken Umgestaltung des Turmes unter Domingo de Andrade entfernt und für die Herstellung einer neuen Glocke eingeschmolzen worden 1845 . Es scheint, dass der Glöckner schließlich doch begriff, um welche Glocken es sich handelte, denn aggiunse bensì, che S. Luigi [eigentlich Ludwig XI. kurz vor seinem Tod 1483; er wird hier wohl mit dem 1297 heiliggesprochenen Ludwig IX. verwechselt] per suo testamento ordinò fossero fatte due Campane, come s’eseguì, e che queste col tempo rompendosi fù di quel metallo fabbricata la Campana dell’Orologio, la quale pure da 30 anni passati rottasi, coll’aggiunta d’altro metallo fu costrutta quella, che al presente serve per l’Orologio, di cui più a basso parlerò 1846 . 468 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="469"?> 1847 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-85. 1848 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-85. 1849 Zum Vergleich die entsprechende Stelle in Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 204: attorno al medesimo tetto, dalla parte di fuori, v’è una bellissima balaustrata con varie statue e figure, di modo che, stando di sopra al tetto di detta chiesa, vi pare d’essere in un vago giardino. 1850 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 204; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 85. Vgl. Laffi, A Journey (wie Anm. 200), S. 148f., Anm. 8; S. 153, Anm.-15 und 16. 1851 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 159; Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 117; Lassota von Steblau, Tagebuch (wie Anm. 167), S. 57f.; Ballarini, Viaggio (wie Anm. 198), S.-37. Der Sohn des Glöckners begleitete Buonafede Vanti anschließend auf das Dach der Kathedrale 1847 . In seiner Beschreibung nennt er wiederum genau dieselben Elemente wie Laffi, nämlich die treppenförmige Bauweise des Daches, die Kuppel, das Steinbecken mit der wundersamen Öffnung, durch die die Pilger nach wie vor frömmigkeitshalber hindurchschlüpften, die darüber platzierte messingene Cruz dos Farrapos und die an Schmuck und Statuen reiche Balustrade: Tutto ‘l tetto è coperto di macigno candido, che par marmo, a modo di scalinate; sicchè comodamente si cammina per tutto ‘l medesimo coperto. Sopra la Cuba dell’Altar maggiore evvi una pietra di macigno candido ben lavorata, e al di sotto forata per la quale passano tutti i Pellegrini serve per base questa pietra ha una Croce di metallo a modo di giglio nominata de’ Pellegrini, alla quale i medesimi attaccano stracci, e in fatti ve n’erano molti appesi, ed altri sparsi per terra di varj colori. All’intorno dalla parte di fuori dello stesso tetto è una balustrata molto bella ornata con varie Statue, figure, e lavori, di modo che stando ivi pare appunto d’esser in un Giardino, e in questo il Laffi parla benissimo 1848 . Teile der zitierten Stelle übernimmt er auch hier fast wörtlich von seinem Vor‐ gänger, namentlich den Schluss 1849 . Diesmal korrigiert er jedoch zwei fehlerhafte Angaben: Das Dach ist in der Tat nicht tutto coperto di marmo bianco, wie man bei Laffi liest, sondern di macigno candido, che par marmo, ebenso wie auch das Kreuz nicht di marmo beschaffen ist, sondern di metallo 1850 . Auf die mit diesem besonderen Ort verbundenen Traditionen geht der Mönch nicht ein; er erläutert nicht, weshalb die Pilger durch die Öffnung kriechen, und identifiziert das Kreuz nicht mit dem Predigtkreuz des hl. Jakobus, anders als viele Autoren vor ihm: Antoine de Lalaing, Bartolomeo Fontana, Erich Lassota von Steblau, Fabrizio Ballarini etc. 1851 Dafür schildert er einen anderen Pilgerbrauch, angelehnt vielleicht an das mittelalterliche Reinigungsritual der 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 469 <?page no="470"?> 1852 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 40f.; L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 3 (wie Anm. 18), S. 135-137, auch Anm. 1; H A S S A U E R , Santiago (wie Anm. 2), S. 126; P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm.-94), S.-76-79. 1853 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-86. Kleiderverbrennung, von der der Name Cruz dos Farrapos, „Lumpenkreuz“, wohl herrührt 1852 . Verbrannten die Pilger ihre alte Kleidung dort einst in dem Steinbecken, so banden sie sie nun an das Kreuz - als Buonafede Vanti es sah, machte es seinem Namen alle Ehre. Zwei Tage später, am 10. August, ließ er sich vom Diener des Uhrenmeisters auf die Torre do Relox (Abb. 22) führen: fui condotto dal Servo dell‘Orologiere nella Torre dell’Orologio, la quale è più bella, e più alta di quella delle Campane. Ha tre ordini di ringhiera con i suoi balaustri, uno sopra l’altro, ed ai quattro cantoni della prima quattro cupole, o Torrette al di fuori assai bene formate. Nella sommità evvi una cupola con quattro fenestroni alle quattro parti del Mondo, ove sentii, anzi patii un gran vento. Ha il maschio in mezzo, la Campana è di larghezza quasi sei braccia, e l’Orologio è di lungo cinque; di largo quattro. Ebbi gran piacere sù questa Torre, poichè potendosi girare per le Ringhiere, vedesi tutta la Città, e i Monti, che le sono attorno in molta distanza 1853 . 470 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="471"?> 1854 Zur Torre do Relox vgl. Anm. 1335. Tiefergehend zur barocken Umgestaltung des Turmes vgl. V Á Z Q U E Z C A S T R O , La Berenguela y la Torre del Reloj (wie Anm. 1335), S.-131-141; T A Í N G U Z M Á N , Domingo de Andrade 1 (wie Anm.-1335), S.-112-128. 1855 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 86. Vgl. V Á Z Q U E Z C A S T R O , La Berenguela y la Torre del Reloj (wie Anm.-1335), S.-144. Abb. 22: Torre do Relox der Kathedrale von Santiago de Compostela aus östlicher Richtung (Praza da Quintana); unten rechts der Pórtico Real. Die ästhetische Aufwertung des sich rechts des Südportals erhebenden Turmes durch seine grundlegende barocke Umgestaltung unter Domingo de Andrade spiegelt sich im Bericht deutlich wider: Er übertreffe die Torre das Campás an Schönheit und Höhe, vermerkt Buonafede Vanti lobend, und während die früheren Autoren immer nur auf die beiden (inzwischen eingeschmolzenen) Glocken eingehen, richtet er das Hauptaugenmerk nunmehr auf die Gestaltung der Fassade 1854 . Es ist zudem das erste Mal im hier analysierten Korpus, dass explizit vom ‚Uhrenturm‘ - Torre dell’Orologio - die Rede ist, was bestätigt, dass sich dieser auch heute noch gebräuchliche Name inzwischen durchgesetzt hatte 1855 . Dazu trug sicher der Umstand bei, dass die 1527 von Guillén de Blas auf dem Turmdach installierte Uhrenglocke durch eine mechanische Turmuhr ersetzt worden war 1856 . Wie die Maßangaben in der zitierten Stelle vermuten 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 471 <?page no="472"?> 1856 Vgl. V Á Z Q U E Z C A S T R O , La Berenguela y la Torre del Reloj (wie Anm. 1335), S. 127. - Die heutige Turmuhr, mit je einem marmornen Zifferblatt auf allen vier Seiten des Turmes, wurde 1831 von Andrés Antonio Antelo Lamas (1773-1844) gebaut. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 178. Noch heute muss sie täglich aufgezogen werden, damit sie die Uhrzeit richtig anzeigt. 1857 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-86. 1858 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 85. Vgl. auch V Á Z Q U E Z C A S T R O , La Berenguela y la Torre del Reloj (wie Anm.-1335), S.-131. 1859 Folgende Inschriften sind auf der alten Berenguela zu lesen: DON PEDRO DE CVEMES ME FECIT und SE HICO ESTA OBRA SIENDO ARCOBISPO EL ILUSTRISIMO SENOR DON JOSEPH DEL IERMO ISANTIBANES PRESIDENTE DEL CABILDO EL DOTOR DON ANDRES DE GONDAR CHANTRE I CANONIGO FABRIQVERO DON LVCAS ANTONIO DELATORRE DIA 24 DE JVLIO ANNO 1729. Gegossen wurde die Glocke demnach von dem aus Arnuero stammenden Pedro de Güemes. Vgl. María Rosa F E R N Á N D E Z P E ÑA , Las campanas. Transmisoras de la liturgia y de la fiesta religiosa, in: El Patrimonio Inmaterial de la Cultura Cristiana, hg. von Francisco Javier C A M P O S Y F E R N Á N D E Z D E S E V I L L A , San Lorenzo de El Escorial 2013, S. 159-174, hier S. 166, Anm.-16. lassen, nahm Buonafede Vanti wohl auch hier eigenhändige Messungen vor: Die Glocke habe einen Durchmesser von sechs Ellen; die Uhr sei fünf Ellen lang und vier Ellen breit 1857 . Bei der Glocke handelte es sich schon nicht mehr um diejenige, die, wie erläutert, unter Domingo de Andrade aus dem Metall der beiden defekten Glocken des Königs von Frankreich verfertigt worden war; auch sie nämlich war, wie der greise Glöckner im Gespräch mit Buonafede Vanti bezeugt, wenige Jahrzehnte später zersprungen und wiederum in eine neue Glocke umgegossen worden 1858 . Diese scheint auch nicht lange standgehalten zu haben, denn fest steht, dass sie schon 1729 ersetzt wurde - durch dieselbe Glocke (Abb. 23), bekannt als Berenguela, die bis 1990 in Gebrauch blieb und gegenwärtig im Innenhof des Kreuzgangs der Kathedrale besichtigt werden kann 1859 . 472 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="473"?> 1860 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-88f., 107-109. 1861 Fertiggestellt 1544, wurden in dieser Kapelle - wie an anderer Stelle bereits erläutert - zunächst die Reliquien der Kathedrale verwahrt. 1641 wurde dann der Schatz dorthin verlegt, während die Reliquien in der danebenliegenden Capela dos Reis untergebracht wurden, die seitdem als Capela das Reliquias bekannt ist. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 148-151; B O N E T C O R R E A , Arquitectura (wie Anm. 948), S.-263. Siehe auch Anm.-1322. Abb. 23: Berenguela, Hauptglocke der Torre do Relox von 1729 bis 1990, im Kreuzganghof der Kathedrale von Santiago de Compostela. Zuletzt ließ sich der Pilger den Schatz (Tesoro) und die Reliquienkapelle (Cappella delle Reliquie) zeigen: ersteren am 12. August von einem Priester, letztere am 26. August - nach seiner Rückkehr aus Fisterra und Muxía - vom Dekan 1860 . Im Ganzen betrachtet, suchte er die verschiedenen Orte der Kathedrale somit in genau derselben Reihenfolge auf wie Laffi: zunächst den Hauptraum (mit Hochaltar, Chor, Vierung etc.), dann die Glockentürme und das Dach, dann den Schatz und schließlich die Reliquienkapelle. Die Beschreibung des Schatzes - damals wie heute untergebracht in der Capela de San Fernando südlich des Langhauses 1861 - entspricht, wie bei Laffi, dem herkömmlichen Muster einer Inventarliste, was durch die Nummerierung der einzelnen Gegenstände noch betont wird: fui condotto da un Prete nel Tesoro, ove oltre varj paramenti, e Argentarie, notai queste particolarità. 1) un Doblone primo battuto nel Perù, quando da’ Spagnuoli fù scoperto, coll’arma di Spagna da una parte, dall’altra quella del Perù, pesa 27 libre, e la libra costa 16 oncie, ha un’anello d’oro, col quale difficilmente si puol sostenere. 2) un Giojello da petto donato dall’Arcivescovo Monroii Domenicano di peso libre due, qual ponesi al petto di S. Giacomo nella di lui Festa, e il dì del Corpo di Cristo. 3) una Zucca d’oro massiccio; 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 473 <?page no="474"?> 1862 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 88f. - Buonafede Vanti bezieht sich am Schluss auf die berühmte Schlacht von Lepanto, die allerdings nicht am 10. Oktober 1574, sondern am 7. Oktober 1571 stattfand. Woher dieser Fehler rührt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Von Laffi ist er jedenfalls nicht übernommen: Bei ihm ist im entsprechenden Passus nämlich die Rede von molte […] cose da guerra, come armi diverse e armature e molti bagagli di gran valore e di molta riputatione, tutte robbe acquistate da Don Giovanni d’Austria, Generale nella gran guerra navale fatta contro del Turco l’anno 1571, li 7 ottobre, sotto il pontificato di Pio V, hora beatificato. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-210f., H. d. V. 1863 Die entsprechende Stelle in Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 211: Vi è, in questo errario, ancora un corno molto longo e grosso e è di quelli tori selvatici che condussero il corpo di San Giacomo da Iraflavia fino in Compostella. che pesa una libra, e mezza; appendesi al Bordone del Santo nella sua solennità pur donata dal medesimo Arcivescovo. 4) un bastone Arcivescovile d’argento massiccio dello stesso Prelato, eccellentemente lavorato. 5) un’Ostensorio d’oro smaltato, con perle, rubini, ed altre pietre preziosissime: di peso cinque in sei libre. 6) una Croce lunga tre palmi, due Candellieri lunghi, ed una Pace, il tutto di cristallo di monte legato in purissimo oro, donato dalla Regina Madre di Carlo II. 7) due Calici d’oro, uno d’una in due libre di peso, su ‘l quale è l’Arma di Francia, l’altro di due libre e mezza. 8) una Mitra Vescovile tempestata di perle, ed altre pietre di gran valore. 9) due Ampolle per la Messa, d’oro, che formano due Leoni colla corona in capo, da’ quali per la lingua esce ‘l vino, e l’acqua, pesano due libre. 10) le Colonne d’argento del letto di Carlo II. Quanto al corno molto longo, e grosso di quei Tori, che condussero il Corpo di S. Giacomo in Compostella, veduto dal Laffi, o non v’è, o per mancanza di memoria non mi fù mostrato. Non dirò dell’Insegne, Stendardi militari, Padiglioni, Armi diverse, Armature, e di molt’altre cose acquistate nelle Guerre, massimamente l’anno 1574 li 10 d’Ottobre [sic! ] da D. Gio: d’Austria nella battaglia Navale contro i Turchi, sotto ‘l Pontificato di Pio V perchè sarebbe lungo il discorso. Dirò solamente, che lo Stendardo principale tolto a’ Turchi è attaccato al Coro, tanto lungo, che appeso alla volta giunge pendente fino alla fine di quello sopra la sedia di mezzo 1862 . Buonafede Vanti zählt hier mehr Gegenstände auf und macht genauere Angaben über sie als Laffi; dennoch verglich er auch hier sein persönliches Erlebnis vor Ort mit der entsprechenden Stelle im Viaggio in Ponente und nutzte sie unverkennbar als Vorlage für seinen eigenen Bericht. Zum einen nämlich vermerkt er abermals eine Diskrepanz: Das von Laffi erwähnte Horn eines jener beiden mythischen Stiere, die einst den Leichnam des hl. Jakobus von Iria Flavia (Padrón) nach Compostela gebracht haben sollen, konnte er zu seiner Enttäuschung nirgends finden 1863 . Und zum anderen sind, etwa bei Punkt 1 und 8, wiederum eindeutige Parallelen in Inhalt und Formulierung erkennbar 1864 . Nach der Besichtigung der Schatzkammer ließ sich Buonafede Vanti schließlich 474 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="475"?> 1864 Die entsprechenden Stellen in Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 210: un doblone, o vogliam dire medaglione, che fu il primo battuto nel Perù quando fu ritrovato e preso dai Spagnoli con l’arma del Re di Spagna da una parte e quella del Perù dall’altra; questo pesa 27 libre di peso d’oro e ogni libra di Spagna sono 16 onze und una mitra da vescovo tutta tempestata pretiosamente di perle e pietre di gran valore, con quantità di gioie. 1865 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-89. 1866 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 107: fui condotto dal Sig. Decano nella Cappella delle Reliquie, tutta in volto di marmo, e d’ottima architettura. In faccia evvi l’Altare delle Reliquie molto bene accomodato, e queste sono chiuse in Reliquiari sontuosi di varie forme, tutti d’argento, alcuni attorniati di pietre preziose. Tanto alla destra, quanto alla sinistra sonovi due specchi d’oro circondati da varj fiorami, e molte pietre di gran valore, ove sono scolpite due battaglie, mandati in dono da Leopoldo Imperadore. Avanti questo sontuosissimo Altare evvi il cancello colonnato tutto d’argento finissimo, e attorno questa Cappella sonovi cinque Sepolcri di marmo ove stanno alcuni Corpi di Rè, e Regine di Spagna. Vgl. zudem Anm.-1321 und 1322. noch den Stab des hl. Jakobus zeigen, zu dem er die üblichen Hinweise gibt: Er befinde sich dentro un Cannone di bronzo attaccato alla colonna sinistra laterale del Coro: non si vede, ma solo toccasi il suo spuntone per un buco al di sotto del Cannone 1865 . Zur Reliquienkapelle - der ehemaligen Capela dos Reis westlich neben der Capela de San Fernando - gibt der Mönch zunächst eine kurze Beschreibung, in der er neben einem Altar und zwei edelsteinbesetzten goldenen Spiegeln auch die fünf Königsgräber erwähnt, die sich dort zu beiden Seiten in den Arkosolien befinden 1866 ; dann führt er die dort verwahrten heiligen Gegenstände wiederum in Form einer Liste auf, wobei er jeden neuen Stichpunkt in eine eigene Zeile stellt und durch die Hinzufügung anzeigende Partikel item einleitet. Mit etwa fünf Seiten in der historischen Ausgabe von 1719 handelt es sich - neben derjenigen im Voyage d’Espangne des Guillaume Manier (Kapitel 8.2) - um die bei weitem umfassendste Reliquienliste im hier analysierten Korpus; zitiert sei deshalb nur ihr Anfang: SANCTORUM RELIQUIÆ Quæ in hac Sancta, Apostolica, & Metropolitana Ecclesia, Divo JACOBO ZEBEDÆO dicata recensentur. Sub Altare Majore hujus Sanctæ Ecclesiæ requiescit Corpus integrum Divi Jacobi Zebedæi unici, & singularis Hispaniarum Patroni, & Catholicæ fidei primus in eisdem Hispaniæ Regnis fundatoris. Item Corpora SS. Athanasii, & Theodori. In Capella vulgo, de las Reliquias. 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 475 <?page no="476"?> 1867 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-107. 1868 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-107. 1869 Vgl. Kapitel 5, 6.3 und 8.1. In Vase argenteo, & pretiosis lapidibus munito reperitur Caput Divi Jacobi Alphei, & quamplurimæ eius Reliquiæ, & præcipuè dens, qui olim ablatus, divina permissione in dicta Capella iterum inventus fuit. Item Reliquiæ S. Antonii. Item fragmentum veræ Crucis, in qua Dominus Jesus Christus affixus fuit. Item una ex Spinis Coronæ, qua Dominus Noster Jesus Christus fuit coronatus. Item gutta lactis B. M. Virginis. Item pars vestimentorum Divi Jacobi Zebedei. Item quamplurima ossa S. Januarii, & Sociorum Martyrum. Item Guttura Sanctæ Novellæ, & S. Gaudentii Martyrum. Item Reliquiæ S. Mathiæ Apostoli. Item Reliquiæ S. Britii Archiepiscopi Turonensis. Item quamplurimæ Reliquiæ S. Cecilii, & Sociorum Martyrum, qui in Granatensi Civitate pro Orthodoxa fide combusti fuerunt. Item Caput S. Victoris Martyris. Item Reliquiæ S. Juliani Martyris, Conjugis S. Basilissæ. Item Reliquiæ S. Vincentii Ferrerii 1867 . Die Liste ist in lateinischer Sprache verfasst, weil Buonafede Vanti sie treulich von einem gedruckten Blatt kopierte, das ihm beim Verlassen der Reliquienka‐ pelle ausgehändigt worden war: All’uscir di quà mi fù data dal Custode di detta Cappella una carta stampata, ove sono notate tutte le Reliquie, che vi si trovano 1868 . Das Aufkommen solcher ‚Reliquienblätter‘, die Pilger als Andenken mit nach Hause nahmen, erklärt vermutlich, weshalb sich in manchen Zeugnissen des 18. Jahrhunderts derart exhaustive Kataloge finden, während in denen des 15. und 16. Jahrhunderts, wie vielfach nachgewiesen, gewöhnlich nur die drei, vier wichtigsten Gegenstände aufgeführt sind. Und das, obwohl das allgemeine Interesse der Pilger an den anderen Reliquien der Kathedrale im Laufe der Jahrhunderte wohl eher zurückgegangen war: Autoren wie Lorenzo Magalotti und Filippo Corsini, aber auch Domenico Laffi und der im nächsten Kapitel behandelte Giacomo Antonio Naia gehen (fast) gar nicht mehr auf sie ein 1869 , und bei Buonafede Vanti fällt zudem auf, dass er keine große Eile hatte, die Reliquienkapelle in Augenschein zu nehmen: Er ließ sie sich, wie gesagt, erst am Ende seines Aufenthaltes zeigen - nachdem er bereits fast vier Wochen vor Ort gewesen war! 476 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="477"?> 1870 Vgl. Kapitel 6.5 und 6.6. 1871 Wie bereits erwähnt, will er siebzehn Messen in der Kathedrale gehalten haben sowie eine am Altar der hl. Katharina von Bologna im Klarissenkloster der Stadt, und vierundzwanzigmal vermerkt er, die Umarmung des Apostels vollzogen zu haben. 1872 Die Prozessionen fanden statt: (1.) am 1. August im Hospital Real, (2.) am 4. August in der Kathedrale (im Rahmen einer Zeremonie zur Amtseinführung des neuen Dekans), (3.) am 6. August in der Kathedrale (anlässlich der Verklärung des Herrn), (4.) am 9. August im Klarissenkloster (bei der Bestattung der Äbtissin), (5.) am 12. August im Klarissenkloster (anlässlich des Festtags der hl. Klara von Assisi), (6.) am 15. August in der Kathedrale (anlässlich Mariä Himmelfahrt), (7.) am 29. August im Franziskanerkloster (mit einer Statue des hl. Ludwigs) und (8.) am selben Tag in der Kathedrale (mit einer Statue des hl. Apostels Andreas). Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-80-82, 86, 89f., 110. 1873 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-80. 1874 Am 4. August von Chorherrn Gregorio Parga, am 8. August von einem in Compostela ansässigen römischen Geigenspieler namens Giuseppe, am 10. August vom Abt des Obwohl sein Eintrag zu Compostela äußerst umfangreich ist - wie erwähnt: gut 50 Seiten in der Ausgabe von 1719 -, ist doch nur ein relativ kleiner Teil davon der Beschreibung des Stadtraumes gewidmet. Der Fokus liegt vielmehr auf dem Pilger selbst und den Anderen, die hier in großer Zahl auftreten, teils als Individuen, teils als Kollektive. Ähnlich wie es sich in deutlicher Ausprägung erstmals bei Laffi beobachten ließ, erscheint Compostela auch bei Buonafede Vanti als ein ‚belebter‘ Raum, voller Menschen und reich an Handlung, Bewe‐ gung und sinnlichen Eindrücken 1870 . Er vermerkt jedes Gebet in der Kathedrale, jede Umarmung der Jakobsstatue, jede gelesene Messe und jede Zeremonie, der er beiwohnte 1871 . Acht Prozessionen schildert er, manche sehr detailreich, wobei er - wie Laffi - eher auf Verhalten (Gesang, Musikspiel, Tanz) und Kleidung der Menschen achtet denn auf die prächtigen Prozessionsgegenstände 1872 ; als Beispiel möge hier die folgende Beschreibung einer Prozession dienen, die er gleich am 1. August, gerade in Compostela angekommen, im Hospital Real sah: uscito di Chiesa entrai nello Spedal Regio […] coll’occasione, che facevasi per i Chiostri la Processione del Venerabile nella maniera Seguente. Precedevano alcuni Uomini mascherati, ballando, e cantando Canzoni Spirituali al suono di castagnette, che tenevano in mano, seguivano i Preti vestiti colle cotte; in mezzo di questi era portata la Statua di S. Giacomo d’argento finissimo, indi il Sagramento accompagnato da moltissime Torcie, e varj strumenti, al suono de’ quali ad alcune posate un Musico cantava un versetto del “Pange lingua gloriosi” 1873 . Aber nicht nur Religiöses, auch Profanes hält der Mönch in seinen Aufzeich‐ nungen sorgfältig fest. So notiert er viermal etwa, dass er zum Essen eingela‐ den wurde 1874 , achtmal, dass ihm eine Tasse Schokolade - das ‚Modegetränk‘ 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 477 <?page no="478"?> Observantenklosters San Lorenzo, am 12. August vom Beichtvater des Klarissenklosters und anderen Geistlichen, mit denen er zuvor an einer feierlichen Zeremonie zur Verehrung der hl. Klara von Assisi teilgenommen hatte. Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-81, 85, 87, 89. 1875 Am 9. August beim Beichtvater des Klarissenklosters, am 11. und 14. August beim Verwalter des Franziskanerkonvents, am 15. August bei Chorherrn Gregorio Parga und bei der Äbtissin von San Paio de Antealtares, am 17. August bei einem Kardinal, am 25. August beim Grafen von Maceda und am 1. September beim Dekan der Kathedrale. Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 86f., 89, 91, 106, 114. - Zur Schokolade als ‚Modegetränk‘ des 18. Jahrhunderts vgl. Piero C A M P O R E S I , Il brodo indiano. Edonismo e esotismo nel Settecento, Mailand 1990, S.-109-122. 1876 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-81, 90. 1877 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-80. 1878 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-81. 1879 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-85. 1880 Diese letztere Szene sei hier exemplarisch wiedergegeben: fui condotto da un Signore al Palagio del Conte Maceda divotissimo della B. Vergine della Barca, che mi stava aspettando. Subito mi diede la cioccolata, doppoi m’interrogò di quanto aveva veduto, e notato colà ne’ sassi vicino a quella Nostra Signora, li significai il tutto, e gli ne feci una nota sì in latino, come in spagnuolo col giuramento alla presenza de’ testimonj, per potere aggiungere al libro stampato, o da stamparsi, quanto ivi è accaduto di presente per opera di quella Gloriosissima Vergine Madre Maria, sommamente desideroso questo Eccellentissimo Signore, che la notizia vada, se sarà possibile, in tutto il Mondo. Dimandommi pure a quel termine stia la fabbrica della Chiesa, e del Convento, ed io gli ne diedi piena informazione, con sua gran consolazione. […] ritornato doppoi in Convento, venne un servo dell’Eccellentissimo Maceda, il qual mi diede alcuni libri delle maraviglie, e prodigi, che succedono appresso la Cappella di Nostra Signora della Barca. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-106f. schlechthin im Europa des 18. Jahrhunderts - serviert wurde 1875 . Die Mönche von San Domingos de Bonaval gaben ihm varie cose dolci, die Nonnen von San Paio de Antealtares sogar un gran bacile di dolci, e confetture 1876 . Einzelne Szenen, in denen er mit Einwohnern der Stadt interagierte, führt er näher aus: etwa (um nur einige Beispiele zu nennen), wie er am 1. August vor der Porta Faxeira zufällig den Erzbischof antraf und sich von ihm den Segen geben ließ 1877 ; wie er am 5. August denselben besuchte und ihm eine aus seiner Heimat mitgebrachte Reliquie (ein Stück vom Ordenskleid der hl. Katharina von Bologna) schenkte 1878 ; wie er sich am 8. August mit dem alten Glöckner unterhielt, bevor er mit dessen Sohn auf das Dach der Kathedrale stieg (s. o.) 1879 ; oder auch wie er am 25. August den Grafen von Maceda besuchte, der ihn ausführlich zu seinen Erlebnissen in Muxía befragte und ihm einige Bücher über die Wunder der (in Muxía verehrten) Virxe da Barca schenkte 1880 . Andere Pilger nimmt er ausschließlich als kollektive Größe wahr. So bestätigen seine Aufzeichnungen mehr als einmal, was sich bereits der eingangs zitierten Stelle aus den Constituciones Capitulares entnehmen ließ, nämlich, dass die Stadt im 478 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="479"?> 1881 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-80, 84. 1882 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-110. 1883 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 81, 87. - Ein eindrückliches Beispiel findet sich im Eintrag zum 10. August: sentendo un gran rumore uscii, e vidi intorno a ella [d. h. um die Kathedrale herum] una gran moltitudine di gente, ch’empiva le piazze a Oriente, mezzo giorno, e Settentrione, ov’erano Uomini, e Donne, che cantavano, e ballavano al suono di Cimbaletti, Castagnette, Pive, e zampogne, i quali entrati in Chiesa suonando, e cantando facevano un gran fracasso, massimamente, che nello stesso tempo suonavano quei due gran Organi. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S.-87. 1884 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-80, 86f., 89, 110. 1885 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-82, 86, 89. 1886 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-86. 1887 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-81, 110. 1888 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-87. 1889 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-79. Heiligen Jahr 1717 von Gläubigenscharen geradezu überschwemmt war: Als er die Kathedrale am 1. August zum ersten Mal betrat, war sie piena come vuovo, am nächsten Morgen blieb er angesichts des gran flusso, e riflusso di Popolo lieber im Kloster, und am 8. August war es ihm a ragione del numeroso Popolo, ch’empiva tutta la Chiesa kaum möglich, die aperta zu vollziehen 1881 . Vor allem sonntags war die Kathedrale sempre piena […], e le piazze attorno erano copiosissime di popolo, nelle quali s’udivano Suonatori, al di cui suono Uomini, e Donne ballavano, e v’era gran fracasso 1882 . Dieses letztere Zitat lässt auch schon erkennen, dass Buonafede Vanti - wie Laffi - eine multisensoriale Beschreibung der Apostelstadt gibt: Er notiert den großen Lärm, der von den Pilgermassen ausging 1883 , Musik und Gesang bei Prozessionen und anderen liturgischen Zeremonien 1884 , den Wohlgeruch des Weihrauchs in der Kathedrale und den Luftzug des schwingenden Turibu‐ lums 1885 , den kalten Wind, der ihm auf dem Rückweg vom Kloster Santa María de Belvís und auf der Torre do Relox zu schaffen machte 1886 , das angenehm frische Wasser aus den Brunnen der Stadt 1887 etc. Im Unterschied zu Laffi macht er auch zur gustatorischen Dimension seines Aufenthalts in Compostela einige interessante Angaben: Er erwähnt nicht nur die Schokolade und die Mahlzeiten, zu denen er von Ortsansässigen so oft eingeladen wurde, und die feinen Süßigkeiten der Mönche und Nonnen, sondern auch den sevillanischen Tabak, mit dem ihn der Verwalter des Franziskanerklosters versorgte 1888 , das gute Brot und den köstlichen Wein, die es auf der Praza do Pan zu kaufen gab 1889 , und devo dire, che in questa Città mangiai molto pesce vendendosi a vilissimo prezzo, e di tal bontà, che forsi, al parlar comune, non v’è in tutto il Mare simile, abbondante tutto l’anno 1890 . Mehr noch als bei Laffi entsteht 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) 479 <?page no="480"?> 1890 Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-85. hier ein überaus reiches und lebendiges Bild von Santiago de Compostela, das über die allgemeine materielle Qualität des Raumes hinaus auch die sich darin bewegenden menschlichen Akteure, ihr Äußeres und ihr Handeln sowie punktuelle sinnliche Reize einfängt. 480 7 Santiago de Compostela im Viaggio Occidentale des Gian Lorenzo Buonafede Vanti (1717) <?page no="481"?> 1891 Vgl. M I E C K , Wallfahrt (wie Anm. 185), S. 508-515; H E R B E R S , Nachwort (wie Anm. 7), S.-183-185. 1892 Vgl. Liber (wie Anm.-25), insb. S.-94-101. 1893 Vgl. A R R I B A S B R I O N E S , Pícaros (wie Anm. 289). Vgl. auch D E R S ., La picaresca en el Camino de Santiago, in: El Camino de Santiago, Camino de Europa. Curso de conferencias. El Escorial, 22-26.VII.1991, Santiago de Compostela 1993, S. 533-559; E H R L I C H E R , Zwischen Karneval und Konversion (wie Anm.-289). 1894 Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 122-124; Ludwig S C H M U G G E , Der falsche Pilger, in: Fälschungen im Mittelalter 5 (Fingierte Briefe, Frömmigkeit und Fälschung), Hannover 1988, S.-475-484. 1895 Vgl. S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 298), S. 33; I ÑA R R E A L A S H E R A S , Le discrédit (wie Anm.-138), insb. S.-130. 1896 Vgl. Benedikt von Nursia, Regula Benedicti. Die Benediktusregel, hg. von der Salzburger Äbtekonferenz, Beuron 2 1996, S. 193: Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus; denn er wird sagen: ‚Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.‘ 8 Zwischen peregrinatio und picaresca. Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18.-Jahrhunderts 8.1 Giacomo Antonio Naia (1718) Die Straßen nach Compostela zogen seit jeher nicht nur heilsuchende Pilger an, sondern auch Gauner, Vagabunden, Bettler, Gaukler und andere pikareske Gestalten mit weniger frommen Motiven 1891 . Dies bezeugt schon der liturgische erste Teil des Liber Sancti Jacobi, insbesondere der darin enthaltene Sermon „Veneranda dies“ mit seiner langen Auflistung all der Missetäter, die sich an den Pilgern zu bereichern suchten 1892 . Die ständige Kopräsenz von Pilgern und Pícaros auf dem Jakobsweg führte - wie die einschlägige Studie von Pablo Arribas Briones aufzeigt 1893 - zu Assimilationserscheinungen. Bekannt ist vor allem das Phänomen der ‚falschen Pilger‘, jener Betrüger, die sich im Pilgergewand unter die echten Pilger mischten, um, äußerlich kaum von ihnen unterscheidbar, unbehelligt umherziehen zu können und von Almosen und kirchlicher Armenfürsorge zu profitieren 1894 . Durch sie geriet die Frömmigkeits‐ praxis des Pilgerns in der Frühen Neuzeit allmählich in Verruf 1895 . Anstatt den Pilger - im Sinne der Benediktsregel - wie Christus selbst zu empfangen 1896 , vermutete man in ihm bald einen verkappten Vagabunden, dem seine angebliche Frömmigkeit nur als Vorwand für seine unstete Lebensweise diente. Zeugnis davon geben beispielsweise in Frankreich die verschiedenen von Ludwig XIV. (1643-1715) erlassenen Edikte, die diese abusive Form des Pilgerns - sous un <?page no="482"?> 1897 Die Zitate entstammen einem 1671 in Fontainebleau erlassenen Edikt, aus dem hier exemplarisch noch ein längerer Auszug wiedergegeben sei: Le désir que nous avons de procurer en tout ce qu’il dépend de nos soins, et de notre autorité, la gloire de Dieu, le bien et la conservation de nos sujets, nous a obligé de chercher les remèdes convenables pour corriger les désordres qui se sont introduits dans notre royaume, sous un prétexte spécieux de dévotion et de pèlerinage, dont nous apprenons que l’abus est tel, que plusieurs soi-disant pèlerins quittent leurs parens et leurs familles contre leur gré, laissent leurs femmes et leurs enfans sans aucuns secours, volent leurs maîtres, abandonnent leur apprentissage, et suivent l’esprit du libertinage qui les a inspirés, passent le cours de leur pèlerinage en une débauche continuelle : il arrive même que la plupart des gens vagabonds et sans aveu, prenant la qualité de pèlerins, pour entretenir leur oisiveté, passent en cet équipage de province en province, et font une profession publique de mendicité ; et d’autres encore plus punissables, s’établissent dans des pays étrangers, où ils trompent des femmes, qu’ils épousent au préjudice des femmes légitimes qu’ils ont laissées en France. Nous avons cru qu’il étoit de l’intérêt public et de la police générale de notre royaume de réprimer la corruption d’une chose si sainte, sans néanmoins empêcher les bonnes intentions de ceux qui, par des sentimens sincères de piété et de mortification, voudront entreprendre des pèlerinages dont nous n’approuvons pas moins la pratique légitime, que nous voulons retrancher ce qu’il peut y avoir d’abusif. François-André I S A M B E R T / Nicolas D E C R U S Y / Alphonse Honoré T A I L L A N D I E R (Hg.), Recueil général des anciennes lois françaises, depuis l’an 420 jusqu’à la Révolution de 1789 18, Paris 1829, S. 336f. - Die Gesetze Ludwigs XIV., denen zufolge jeder, der nach Compostela reisen wollte, eine amtliche Erlaubnis und die Billigung des jeweiligen Diözesanbischofs brauchte, wurden zum Heiligen Jahr 1717 von Ludwig XV. (1715-1774) erneuert und sollten alle drei Monate von den Pfarrern auf der Kanzel verlesen werden. Vgl. Xavier de B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction, in: Guillaume Manier, Pèlerinage d’un paysan picard à S t Jacques de Compostelle, au commencement du XVIII e siècle, hg. von Xavier de B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Montdidier 1890, S. V-XXXVIII, hier S. XVIf.; L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 10 (wie Anm. 1351), S. 291; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 180. - In Spanien verbot bereits Philipp II. (1556-1598) im Jahr 1590 das Tragen des Pilgergewandes, was jedoch weidlich missachtet wurde. Vgl. T A M B U R L I N I , L’uomo, la strada (wie Anm.-1720), S.-5. 1898 Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 117. - Ausnahme: der italienische Adlige und Chorherr des Doms von Arezzo Paolo Bacci, der im Jahr 1764 nach Compostela pilgerte. - C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 157, beobachtet für die Aufklärung, deren Beginn in Spanien mit dem Erbfolgekrieg (1701-1714) und der Ablösung der Habsburger durch die Bourbonen zusammenfiel, „[u]na profonda frattura […] tra mondo intellettuale e gli strati di società in cui si prétexte spécieux de dévotion, doch in Wahrheit aus oisiveté und einem esprit de libertinage - unter Strafe stellten 1897 . In den bisherigen Pilger- und Reisebe‐ richten ist, mit einzelnen Ausnahmen, von alledem wenig zu lesen; der Pícaro kommt hier allenfalls als Randfigur vor. Im anbrechenden Aufklärungszeitalter sollte sich dies grundlegend ändern: Die Jakobuspilgerfahrt war inzwischen zu einem Phänomen der niederen Gesellschaftsschichten geworden - jedenfalls sind adlige Pilgerberichte aus dieser Zeit selten; die Autoren waren zumeist einfache Bedienstete, Mönche, Handwerker und Studenten 1898 . Und diese armen 482 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="483"?> svolge il pellegrinaggio, che tende ad allontanarsi sempre di più dal mondo ufficiale della nascente civiltà ilustrada, delle enciclopedie e delle accademie.“ Das Pilgern wurde somit zunehmend zu einem gesellschaftlichen Randphänomen. Selbst die Noble Academia Compostelana, die einzige Akademie, die damals in Compostela gegründet wurde, nämlich 1731 von Pablo Mendoza de los Ríos, distanzierte sich entschieden von dieser ‚naiven‘ Frömmigkeitspraxis und beschreibt sie mit ironischer Geringschätzung in ihrer Gründungsschrift Theatro Moral y Político de la Noble Academia Composte‐ lana. Vgl. Kapitel 1.4, insb. Anm. 290. - Einen eindrücklichen Beleg dafür, dass im Aufklärungszeitalter nur mehr die niederen Gesellschaftsschichten nach Compostela pilgerten, gibt auch Louis de Marcillac (1769-1824), ein hoher Militär, der 1793 aus dem revolutionären Frankreich nach Spanien floh: Je trouvai sur mon chemin nombre de croyans revêtus des marques de l’humilité, même de celles de la pauvreté : ils alloient à pied, le bourdon à la main, et le camail orné de coquilles, sur l’épaule. Mais où sont ces rois d’Arragon, ceux de Navarre, ce Louis-le-Jeune, roi de France, se dépouillant du faste de la souveraineté pour se confondre parmi la foule de chrétiens qui accourent encore de nos jours de toutes les parties du monde à Saint-Jacques de Compostelle, en accomplissement de leur vœu ? Cet acte de foi est exclusif maintenant aux êtres infortunés, depuis que l’incrédulité est arrivée sous les ailes de la philosophie. D’un excès peut-être, dont les résultats tournoient cependant au profit de la société, on est tombé dans un autre, dont les suites ont été funestes non-seulement au bonheur particulier, mais encore au bonheur de l’humanité entière […] Qu’avons-nous gagné à ce changement de mœurs, qu’on appelle civilisation ? Louis de Marcillac, Aperçus sur la Biscaye, les Asturies et la Galice, Paris 1807, S.-133f. 1899 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 199), S. 57; D E R S ., La memoria (wie Anm. 209), S. 62; D E R S ., Santiago (wie Anm. 109), S. 157. Vgl. zudem Carmen J U S U É S I M O N E N A , Nuevos relatos de peregrinos en el siglo XVIII. Entre la sencillez y la picaresca, in: Diario de Navarra, Ausgabe vom 27.11.2021, S.-54f. 1900 Im Gegensatz zu anderen Pilger-Autoren in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wie Guillaume Manier, Nicola Albani oder Jean Bonnecaze klagt Naia nie über Hunger oder Geldprobleme, weil er für seine Messen oftmals mit Almosen - Geld oder Naturalien - belohnt wurde; manchmal gaben ihm Leute auch Geld dafür, dass er für sie betete. Vgl. Carmen P U G L I E S E , Viaje a Santiago de Compostela de Giacomo Antonio Naia Pilger scheinen auf den Wegen nach Compostela nicht nur mit jenen sozialen Außenseitern oder Pícaros in Kontakt gekommen zu sein, sondern vielfach auch ihre Sitten und Verhaltensweisen übernommen zu haben 1899 . Diese Entwicklung lässt sich exemplarisch auch aus den folgenden drei hier zu untersuchenden Berichten ersehen: Insbesondere für den picardischen Schneider Guillaume Manier und den Sekretär Nicola Albani aus Melfi kann der hybride Typus des pikaresken Pilgers postuliert werden, der sich durch Bettelei, betrügerische Schliche und Gelegenheitsdiebstähle bis nach Compostela durch‐ brachte. Doch auch der Karmeliter Giacomo Antonio Naia aus Ravenna, der wie ein Gaukler mit einer Gitarre, einer Marionette und einem Repertoire burlesker Lieder von Kloster zu Kloster zog, von Almosen für gelesene Messen lebte und dem Wein keineswegs abgeneigt war, nähert sich diesem neuen oder jedenfalls in der Berichtliteratur erst jetzt in Erscheinung tretenden Pilgertypus 1900 . Zudem 8.1 Giacomo Antonio Naia (1718) 483 <?page no="484"?> (1717-1719), Perugia 2012, S. 36. Mit seiner Marionette, die wohl eine Äbtissin darstellte, und seiner kleinen Gitarre führte er vielerorts, meistens in Klöstern, derbkomische Stücke auf, insbesondere eines mit dem Titel Canto della Madre Badessa, das ihm zuverlässig den Beifall des jeweiligen Publikums einbrachte. Ein weiteres Stück scheint Prosa de Conversi geheißen zu haben. Die Patres des Franziskanerklosters von Ourense etwa volsero, che io restassi ancora due altri giorni di quaresima per haverli dato assai gusto con la voce della Madre badessa e col burattino accompagnato con un Chitarrino, che ogni sera in Camera del Padre Guardiano morivano dal ridere, e vi fù più d’uno, che si gettava in terra dal gran ridere. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 158. Und im Karmeliterkloster von Oseira stassimo sempre allegramente con suono di buona Chittara alla spagnola col canto della Madre Badessa, e Prosa de Conversi, e canzoni col mio burattino, che quel Padre Priore, et altri Monaci hebbero à crepare dal ridere, e parimente il loro Padre Abbate, per quanto mi fù detto, se bene non si lasciava vedere. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 157. Über den Inhalt seiner beiden Stücke teilt Naia in seinem Bericht wenig mit, er notiert lediglich den folgenden Vierzeiler im Eintrag zu Bassignana: O galant’huomini quanti voi siete, / teni la regola quando bevete, / teni la regola che tiene i svizzeri, / alzare i gomiti, sonare i piferi. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 78. Vgl. S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 298), S. 14; C A U C C I V O N S A U C K E N , La memoria (wie Anm. 209), S. 63; D E R S ., Santiago (wie Anm. 109), S. 173f.; D E R S ., Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 199), S. 64; P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 1900), S. 81. - Zum Weingenuss vgl. z. B. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-117f. 1901 Z. B. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 72, 84, 88, 113. Vgl. S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 298), S. 25; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S.-168; P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-60. 1902 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 170. - Dass sich das Heimatkloster des spanischen Mönchs in Madrid befand, geht aus dem Eintrag zu Barcelona hervor. Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-113. 1903 Vgl. P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 1900), S. 59. - Wäre Naia ihm aber erst unterwegs begegnet, würde er dies wahrscheinlich in seinem Reisebericht dokumentiert haben, so wie in anderen Fällen auch. Vielleicht hielt sich der vielgereiste Mönch, wie Pugliese vermutet, zufällig gerade in Jesi auf und bot sich Naia spontan zur Begleitung an, als er erfuhr, dass dieser sich nach Compostela aufzubrechen anschickte. 1904 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-71f. hatte er während der ersten fünf Monate seiner Reise (bis Barcelona) einen bizarren Weggefährten bei sich, der entschieden mehr Pícaro als Pilger war und den man gar in die beschriebene Kategorie der ‚falschen Pilger‘ einordnen könnte. Seltsamerweise nennt Naia ihn nie mit Namen, sondern stets nur il mio Compagno oder il mio Compagno Spagnolo, seltener auch il Padre Spagnolo oder il Prelato Spagnolo 1901 . Man erfährt über ihn kaum mehr, als dass er ein umherreisender spanischer Mönch aus einem Madrider Kloster war, vermutlich ebenfalls ein Karmeliter 1902 . Warum er Naia begleitete, wie er ihn kennengelernt hatte, ob er mit ihm von Jesi aufgebrochen oder erst später dazugestoßen war, bleibt unklar 1903 . Nachdem es zunächst so scheint, als ob Naia allein reiste - er spricht anfangs auch durchgehend nur in der ersten Person Singular 1904 -, tritt 484 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="485"?> 1905 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 72: fù gran lite tra il mio Compagno et il barcaiuolo, denn qui voglion esser pagati à loro capriccio. Vgl. auch S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 298), S. 25; P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 1900), S.-59. 1906 Vgl. S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 298), S. 14; P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-23-27. 1907 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-73, Anm.-3. 1908 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-74, Anm.-6. 1909 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-84. 1910 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 114. Vgl. P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-61f. 1911 So etwa in Barcelona: In questo giorno pure il P.M. Priore fece una gran gridata al mio Compagno Spagnolo per la troppa libertà che si pigliava di stare fuora di Convento tutto il giorno senza ne meno venire à pranzo, e li disse che per gratia mia lo tolerava in alcune cose, che per altro lo discacciarebbe via, come fece l’altra volta quando passò per andare à Roma. Poi ritrovò lite con un Converso, dicendo, che gl’havesse rubato medaglie, et altre cose dal suo fagotto, e vi mancò poco, che quel Converso non facesse qualche sproposito. Un’altra volta per volersi gloriare in Cucina in presenza di più Conversi di havere fatto stare i nostri Superiori, et altre persone di Roma, e di tutta l’Itaglia, allora fù riferito al Priore, et ad altri Padri, et hebbe un altra gridata, e fù sempre poco stimato. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-113f. 1912 In Narbonne etwa si lasciò rubare il breviario per mangiare l’uva in una vigna, e mi misse à pericolo di farmi rubare l’asino ancora. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 106. Und in Cucuron (bei Marseille) per più volte volse fermarsi a sedere a mangiare l’uva col pane; et io l’andavo pregando ogni volta, che non facesse questo à fermarsi, mà che seguitasse il camino, et io ero alquanto lontano da lui seguitando il camino col mio erstmals im Eintrag zu Rubiera (zwischen Modena und Reggio) unvermittelt und ohne jede Einführung der geheimnisvolle Gefährte auf, der dort einen heftigen Streit mit dem Fährmann anfing, weil dieser angeblich für die Überfahrt über den Secchia zu viel Geld verlangte 1905 . Auch im Fortgang des Berichts fällt der laute und aufsässige Spanier immer wieder durch sein - gerade für einen Mönch - unangebrachtes Verhalten auf, das ihm allerorts Unmut und Ablehnung einbrachte (während der joviale Naia stets mit Sympathie überschüttet wurde) 1906 . In Fidenza etwa fece gran rumore il mio compagno 1907 , in Mailand fù poco ben veduto 1908 , und in Rivoli boten Naias Ordensbrüder an, che io restassi quanto mai volevo, mà non il Prelato Spagnolo 1909 - die Reihe der Negativurteile über ihn ließe sich für den weiteren Reiseverlauf unschwer fortsetzen; noch in Barcelona, wo sich die beiden ungleichen Mönche endlich trennten, war der Spanier sempre poco stimato 1910 . In den Klöstern, in denen sie Unterkunft fanden, ließ er keine Gelegenheit aus, sich mit den Konversen zu streiten, und wurde wiederholt von den Vorstehern zurechtgewiesen, die ihn zum Teil bereits kannten und wenig erfreut waren, ihn wiederzusehen 1911 . Er betrog und stahl 1912 und suchte sich von 8.1 Giacomo Antonio Naia (1718) 485 <?page no="486"?> somarro, et in quel mentre, che l’Amico stava à sedere mangiando l’uva, saltarono fuori due Guardie dalle Vigne, e corsero dietro al mio somarro, e lo pigliarono con le robbe, e tutto per volerlo andare à vendere dentro al Castello. Onde io per quanto potei con parole spirituali, e col Crocifisso, che portavo scoperto sopra il petto, li dissi, che questa non era gran cosa, mentre noi siamo Sacerdoti. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-99. 1913 Kurz vor Toulon etwa empört sich Naia: qui il mio Compagno mi voleva abbandonare, oltre altri servitij, che haveva ricevuto da me di denari, et altre cose. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 98. Und immer wieder vermerkt er, dass er Unterkünfte, Mahlzeiten, Fähren und Wegegelder für den spanischen Mönch bezahlte. Vgl. P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-61f. 1914 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 110. Vgl. P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-63. 1915 Weshalb sie zu Naias Missfallen oftmals in der Nachmittagshitze reisen mussten; im savoyischen Verpillière etwa notiert er: arrivassimo la sera stanchi del camino, e più dal caldo, come fù l’altra giornata à causa del mio compagno Padre spagnolo, che per il più non è comodo à partire, se non à hora di pranzo. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S.-88. 1916 Vgl. P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-61-63. 1917 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-113. 1918 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-120f. 1919 Vgl. S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 298), S. 5, Anm. 3; P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-11. 1920 Die bereits zitierte Ausgabe: Giacomo Antonio Naia, Viaggio in Ponente a San Giacomo di Galitia, e Finisterre, hg. von Renato S T O P A N I , in: D E R S ., Il pellegrinaggio a Santiago de Compostela di fra Giacomo Antonio Naia (1717-1718), Florenz 1997, S.-69-175. dem herzensguten Naia aushalten zu lassen, der ihm bereitwillig Geld gab und für seine Kosten aufkam 1913 . Er betrank sich regelmäßig, in Girona sogar derart, che cascò giù due volte doppo cena, la prima volta da una scala, la seconda da una scarvanna 1914 , und blieb dann gerne bis in den Mittag hinein im Bett 1915 . Auch beklagt Naia seine fehlende Frömmigkeit; er vermeide es, die Messe zu lesen, und interessiere sich nicht hinreichend für Reliquien und heilige Stätten 1916 . In Barcelona brach der Schelm seine zweifelhafte Pilgerschaft kurzerhand ab und verdingte sich als Kaplan auf einem nach Sardinien fahrenden spanischen Kriegsschiff, woraufhin Naia allein weiterzog 1917 . Später traf er noch eine ähnlich pikareske Gestalt: einen Franziskaner, der jahrelang umhergereist war und ihm il modo di far denarj beibringen wollte, sè io fossi andato in Portogallo 1918 . Überliefert ist Naias Reisebericht in einer kleinformatigen Handschrift von 247 Blättern, die sich im Bestand der Biblioteca Classense (Signatur: Ms. Mob. 3.3.N.I.) in Ravenna befindet 1919 . Erstmals transkribiert und herausgegeben wurde er 1997 von Renato Stopani 1920 . Der weitschweifige Titel, der sich über das ganze Recto des ersten Blattes zieht, gibt Auskunft über das Alter des frommen 486 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="487"?> 1921 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 199), S. 58; D E R S ., Santiago (wie Anm.-109), S.-158f. 1922 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-71. 1923 Ein für damalige Verhältnisse respektables Alter, das ihm aber nicht anzumerken ist: Nie klagt er über Gesundheitsprobleme und nur selten über Erschöpfung. Unter den Pilger-Autoren des 18. Jahrhunderts ist er der Älteste. Gian Lorenzo Buonafede Vanti dürfte nur wenige Jahre jünger gewesen sein; Guillaume Manier, Nicola Albani und Jean Bonnecaze hingegen absolvierten die Pilgerfahrt in ihren Zwanzigern. Vgl. P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-72-74. 1924 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 199), S. 58; D E R S ., Santiago (wie Anm.-109), S.-159. 1925 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 199), S. 58; D E R S ., Santiago (wie Anm.-109), S.-159. Autors, seine Herkunft und seine Klosterzugehörigkeit sowie über Dauer und wichtigste Stationen seiner Reise 1921 : Viaggio in Ponente a San Giacomo di Galitia, e Finisterre, caminato da me Fra Giacomo Antonio Naia Carmelitano da Ravenna figlio del medesmo Convento, d’anni 48. Hora di famiglia nel Convento di Santa Maria delle Gratie in Iesi. Principiato l’anno 1717 li 2 Giugno, e terminato l’anno 1719 li 2 Aprile sino à Bologna. Poi seguitai il camino à Loreto, à Tolentino, à Roma, à Napoli, à S. Nicolò di Bari, al Santo monte Gargano e di novo alla Santa Casa di Loreto e di novo al Convento di Iesi di famiglia et il tutto terminato l’istesso anno 1719 li 14 Ottobre 1922 Demnach war der in Ravenna geborene Karmeliter Naia, über den nichts bekannt ist als das, was er selbst in seinen Aufzeichnungen über sich mitteilt, bei seinem Aufbruch nach Compostela achtundvierzigjährig 1923 und lebte in der Klosterniederlassung seines Ordens in Jesi (in der Provinz Ancona). Es handelte sich wohl um ein recht tolerantes Kloster, wenn es ihm, wie man im Titel weiter liest, gestattete, fast zwei Jahre - vom 2. Juni 1717 bis zum 2. April 1719 - auf Pilgerschaft zu verbringen und anschließend gleich wieder aufzubrechen, um ein weiteres halbes Jahr lang - bis zum 14. Oktober 1719 - Rom, Neapel und bedeutende italienische Devotionsstätten wie Loreto, San Nicola di Bari, San Michele sul Monte Gargano und Tolentino zu besuchen 1924 . Nicht zufällig entspricht das Titelincipit (bis Finisterre) im Wortlaut demjeni‐ gen von Domenico Laffis Viaggio in Ponente (1673): Auch Naia - wie der im vorigen Kapitel behandelte Gian Lorenzo Buonafede Vanti - hatte eine Ausgabe dieses noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts mehrfach nachgedruckten Werkes bei sich, die ihm als Reiseführer diente 1925 . Und auch er greift in seinen Aufzeichnungen wiederholt - wenn auch deutlich seltener als Buonafede Vanti - explizit auf Laffi zurück, übernimmt manche Stelle von ihm, rügt und korrigiert ihn aber auch scharf, wenn seine Ausführungen nicht mit der 8.1 Giacomo Antonio Naia (1718) 487 <?page no="488"?> 1926 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-122. Vgl. die entsprechende Stelle in Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-370f. 1927 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 133; P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-124. 1928 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-136. 1929 Vgl. S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 298), S. 6, Anm. 3. - Später klagt Naia auch über Laffis fehlerhafte Angaben zum Wegabschnitt zwischen Astorga und Rabanal del Camino: il Libretto del camino stampato in Bologna [d.-h. Laffis Viaggio in Ponente] mi fece errare, e mi fece gettare i passi indarno per tutta la giornata del Lunedì, che furono d’Astorga Leghe tre sino al Palazios del Duerno, e così ritornai subito indietro le suddette tre leghe, che in tutto persi sei leghe di camino. Così dunque tutto il martedì caminai col vento in faccia, e la sera, che giunsi à Ravanal alloggiai in Casa del Recidore, e quel Signor Curato mi fece la provisione di tutto. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 142. Ein weiteres Beispiel findet sich in seiner Beschreibung der Kirche San Agustín in Barcelona: in questa Chiesa vi è la spada di S. Martino, che mi fece vedere quel Padre Sagrestano, e non altremente la spada, che tagliò il capo à San Pauolo, come scrive Don Domenico Laffi Bolognese nel suo libro del viaggio di Gallizia. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-116. erlebten Realität übereinzubringen waren. Im Eintrag zu Bellpuig etwa gibt er ein Jakobswunder nach Laffis Wortlaut (conforme scrive il Laffi nel suo libro) wieder 1926 , und auch seine Angaben zu Santo Domingo de la Calzada (vor allem zum berühmten Hühnerkäfig in der Kathedrale, dessen Anblick ihm Tränen in die Augen trieb) sind, wie Carmen Pugliese richtig beobachtet, eng an der entsprechenden Stelle bei Laffi orientiert 1927 . Kurz darauf aber, in der kastilischen Provinz Burgos, sieht sich Naia gemüßigt, seinen Vorgänger zu verbessern: Qui devo avertire, che Villanova, Ovinella, e Fornello, questi nomi, che scrive il Laffi non si trovano; ben si li detti loghi sono, come hò caminato, e scrivo io. Qui dunque non si trova casa alcuna 1928 . Allerdings irrt er hier, denn Villanova dürfte mit Villanueva de Argaño und Fornello mit Hornillos zu identifizieren sein. Die seltsame Diskrepanz zwischen Lektüre und Erleben, die ihn zu diesem Hinweis bewog, erklärt sich daraus, dass er wohl aus Versehen eine geringfügig andere Route wählte als Laffi 1929 . In jedem Falle lässt sich bei Naia - wie bei Buonafede Vanti - beobachten, dass er seine Erfahrungswirklichkeit während der Reise kontinuierlich mit Laffis Viaggio in Ponente abglich und ihn auch beim Schreiben vielfach als Quelle heranzog, dass er sich mithin in seinem Erleben ebenso wie in seinem Bericht maßgeblich durch seinen bolognesischen Vorgänger beeinflussen ließ. Wie zu zeigen sein wird, gilt dies zum Teil auch für seine Wahrnehmung bzw. Schilderung von Compostela. Der Bericht enthält keine expliziten Hinweise auf seinen Entstehungsprozess. In Anbetracht seiner großen Detaildichte und zugleich seiner spontanen, wenig elaborierten Ausdrucksweise kann man jedoch annehmen, dass Naia ihn nicht erst nach seiner Rückkehr abfasste, sondern bereits unterwegs - vielleicht auf 488 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="489"?> 1930 Z. B. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 144. Vgl. P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-12, 82. 1931 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-156. 1932 Vgl. P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-13. 1933 Vgl. P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 1900), S. 12. - In der Mehrheit handelt es sich um Hinweise zu von ihm gehaltenen Messen. 1934 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-71, Anm.-1. 1935 Vgl. S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-298), S.-6. dem feinen Papier (carta fina da scrivere), das man ihm in den verschiedenen Klöstern schenkte - umfassende Aufzeichnungen machte, die er anschließend weiter ausarbeitete und in die uns vorliegende Endfassung überführte 1930 . Dass in jedem Falle eine ganzheitliche Schlussbearbeitung erfolgt sein dürfte, lässt sich etwa daran erkennen, dass Naia zuweilen antizipatorische Hinweise ein‐ flicht: Im Eintrag zu Oseira etwa vergleicht er ein großes Kruzifix (un Crocifisso grande miracoloso con Indulgenza) in der Kirche der dortigen Zisterzienserabtei mit einem Pendant, das er in Ourense bewunderte: è simile all’altro Xho, che io vidi nella Città d’Orense 1931 . Da er zum Zeitpunkt seines Oseira-Aufenthaltes aber noch gar nicht in Ourense gewesen war, muss dieser Satz bei einer späteren Bearbeitung hinzugefügt worden sein 1932 . Die finale Reinschrift, die uns von ihm erhalten ist, scheint dann allerdings auch noch vielfach überarbeitet worden zu sein, denn sie weist zahlreiche Streichungen, nachträgliche Ergänzungen an den Seitenrändern und Tintenkleckse auf 1933 . In einer Randnotiz auf dem ersten Blatt findet sich ein nur mehr teilweise lesbarer Eigentumshinweis, der, wie Stopani annimmt, aus dem 19. Jahrhundert stammen könnte und dem zufolge die Handschrift posseduta da Fra Valerio Antonio Tarrabini Veneto Carmelitano gewesen sei 1934 . Wie das Heft in den Besitz von Naias Ordensbruder gelangte und von dort letztlich in den Bestand der Ravennater Biblioteca Classense, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Was ihn zum Schreiben bewog, teilt Naia nicht mit. Sein Bericht enthält wenig Paratext, keine Widmung und kein Vorwort etwa, er spricht an keiner Stelle explizit eine Leserinstanz an und richtet sich unverkennbar nicht an ein breites Publikum, sondern stellenweise nur an den kleinen Kreis der Karmeliter von Jesi. Demnach scheint Naia seine Reiseerinnerungen zu rein privaten Zwecken, ohne Veröffentlichungsabsicht, festgehalten zu haben 1935 . Dies erscheint auch dadurch bestätigt, dass er zuweilen intime, ja unappetitliche Erlebnisse ohne jede Verblümung schildert, die ihm in einem veröffentlichten Druckwerk nicht unbedingt zur Ehre gereichen würden (z. B. wie er sich am Martinstag 1717 in Collbató, einer Ortschaft unweit von Montserrat, heillos betrank und anschließend erbrach) 1936 . Zudem nimmt er wie selbstverständlich immer wieder Bezug auf Personen, die vermutlich kaum jemandem außer ihm 8.1 Giacomo Antonio Naia (1718) 489 <?page no="490"?> 1936 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 117f.: qui il curato mi diede la merenda, e un bonissimo vino rosso, e gagliardo, così l’istesso adietro mi fece il Curato di Sparaghera: onde trà l’uno, e l’altro vino mi s’imbrogliò lo stomacco, et il cervello, che non fù poco, che io solo col sommarro mi riducessi à una Casa sola che serve per hosteria sotto il monte, e via più rapida di Monserato, e questo fù il giorno di San Martino, e à questa Casa dunque alloggiai la notte, e dormendo, e vomitando mandai via la sborgnia, e un porco assai grosso me veniva sempre à visitare, e l’ingrassavo con la robba di tutti i miei canali. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 170; P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-23, 73; J U S U É S I M O N E N A , Nuevos relatos (wie Anm.-1899), S.-55. 1937 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-112. 1938 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-121. 1939 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-161. 1940 Ähnlich bringt er auch Orte und Gebäude mit Entsprechungen aus seiner Heimat in Verbindung. Wie an anderer Stelle bereits erläutert, handelt es sich bei solchen Vergleichen mit dem Bekannten und Vertrauten um ein in der Reiseliteratur vielfach eingesetztes Mittel, um sich selbst und dem heimischen Publikum fremde Realia zu erschließen, sie gewissermaßen ins Eigene zu holen. Vgl. S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-298), S.-15. 1941 Vgl. S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-298), S.-35. 1942 Vgl. S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 298), S. 45-51; P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 1900), S. 119-121. - Um einige Beispiele zu zitieren: Toulon: li nostri Padri Scalzi non si volsero alloggiare, dicendo quel Priore, che teneva quattro infermi, e si diede sette soldi per tutti due, e stassimo quella notte al Ospizio; Mataró: qui sono li nostri Padri Teresiani, quali non si volsero alloggiare, e stassimo all’hosteria; La Bañeza: dormij alla Camera del Ospizio de Sacerdoti con letto polito, e questo fù à causa und seinen Klosterbrüdern bekannt waren: Der Küster des Karmeliterkonvents von Barcelona beispielsweise s’assomiglia tutto al Padre fù Alesio da Iesi, und einer der dortigen Konversen par tutto il nostro fra Giuseppe Guerra da Ravenna 1937 ; in Tàrrega musste er sein Bett mit einem jungen Diözesanpriester teilen, che haveva della similitudine del nostro Peppe Galletti di età d’anni 14 in 15 in circa 1938 , und der Pfarrer von A Cervela s’assomigliava propriamente à Maestro Andrea Maiani da Forlì 1939 - um nur einige Beispiele zu nennen 1940 . Die Städte und größeren Ortschaften, in denen er sich aufhielt, beschreibt Naia detailreich und in diversen Facetten, wenngleich er weiterhin besonderes Gewicht auf die religiösen Elemente legt, auf Kirchen und Klöster, Reliquien und Heiligenbilder, Rituale und liturgische Zeremonien 1941 . Daneben thematisiert er sehr ausführlich auch jeweils seine Unterkünfte und die Mahlzeiten, die ihm serviert wurden. Wie die meisten geistlichen Pilger im Korpus der vorliegenden Arbeit kehrte er vorzugsweise in Klöstern ein, insbesondere in denjenigen seines Ordens, wich aber nötigenfalls - etwa, wenn es kein Kloster in der Nähe gab oder die Mönche sich weigerten, ihn und seinen pikaresken Weggefährten auf‐ zunehmen - auf Hospitäler und Herbergen aus oder nahm die Gastfreundschaft von Ortsansässigen (meist Pfarrern) in Anspruch 1942 . Auf das Thema Essen 490 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="491"?> del Padre Vicario de nostri Padri Teresiani, che non mi volse alloggiare […] non volendo ne men vedere le licenze, che tenevo da miei superiori, questo stava dentro al cancello della porta della Chiesa discorrendo con una Donna à hore 23 in circa, questo cominciò con parole improprie à sgridarmi, et io mi alterai forse più di lui, e li dissi, che lui mentiva di tutto quello, che mi disse, e so, che quella Mugher, cioè quella Donna, che stava li in presenza si arrossì e così io in quella collera li voltai le spalle, e mi partij; Montmaneu (ein kleines Dorf, in dem es kein Kloster gibt): un huomo assai buono, e divoto de Religiosi, e dell’Anime del Purgatorio mi volse alloggiare la notte in Casa sua, e steti bene di tutto; Fraga (wo es ebenfalls kein Kloster gibt): dormij in casa d’un povero huomo miseramente, e la cena non vi fù altro, che herbe cotte, pane molle, e poco buono, e solo vi fù un poco di vino buono. Il letto poi fù un fascio de Canepa sopra un storolo di grosse canne in terra, et un solo lenzolo grosso, ma però bianco, e senza coperta. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-98, 111, 168. 1943 Der Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi gibt im siebten Kapitel zahlreiche Hinweise zu den kulinarischen Spezialitäten der verschiedenen Regionen entlang der Jakobswege. 1944 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 174: Naia biete „un vero e proprio trattatello di gastronomia“, und „[f]ra tutti i racconti odeporici è certamente quello che contiene più notizie sull’alimentazione“; S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 298), S. 53: „Dalle annotazioni gastronomiche contenute nel diario di fra Giacomo si potrebbero trarre spunti per un excursus sulla cucina dell’Italia padana, della Francia meridionale e, sopratutto, della Spagna all’inizio del Settecento.“ - Eine ausführliche Übersicht über die verschiedenen Gerichte, die Naia erwähnt, bietet S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 298), S. 53-63; außerdem C A U C C I V O N S A U C K E N , La memoria (wie Anm. 209), S. 63-65; D E R S ., Santiago (wie Anm. 109), S. 174-177; P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-100-102. ferner, das in nahezu allen hier analysierten Pilger- und Reiseberichten seit dem Liber Sancti Jacobi 1943 in der einen oder anderen Weise präsent ist, geht kein schreibender Jakobspilger der Vormoderne häufiger und mit größerem Detailreichtum ein als Naia 1944 . Für fast jede Reisestation vermerkt er die einge‐ nommenen Mahlzeiten (nebst Weinen), listet jeweils ihre Bestandteile auf und beurteilt kritisch ihre Qualität; manchmal spricht er nach dem üblichen Vermerk der gelaufenen Meilen, des Ortsnamens und der gefundenen Unterkunft gar von nichts anderem als Essen. Exemplarisch sei hier ein Auszug aus dem Eintrag zu Bassignana zitiert, wo Naias Ordensbrüder anlässlich des Gedenktages der hl. Jungfrau vom Berge Karmel, der Schutzpatronin der Karmeliter, ein geradezu pantagruelisches Festmahl veranstalteten: Il giorno poi della Festa del Carmine in Refettorio si fece un solenne pranzo et eravamo in tutti n. 20. Vi furono due antipasti di salamme, e l’altro di frittura. Minestra di trippe. Vitella allesso, e vitella stufata. Insalata con pesce truta, e capiri. Poi un polpettone esquisito per ogni quatro persone; poi un polastro stufato per ogni persona. Poi un grosso pesce arrosto, che pesava più di libre 20, con un buonissimo pieno di dentro. Una lonza di vitella arrosto per ogni quatro persone, et un polastro arrosto per ogni persona. Poi varie 8.1 Giacomo Antonio Naia (1718) 491 <?page no="492"?> 1945 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-78. 1946 Vgl. P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-43. 1947 Gerade in größeren Städten bewunderte er neben Kirchen und Heiligtümern häu‐ fig auch herrschaftliche Prachtbauten (z. B. die barocken Paläste in Turin, damals Hauptstadt des Herzogtums Savoyen) und militärische Verteidigungsanlagen (z. B. die Zitadelle in Barcelona). Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 82, 115. Vgl. auch J U S U É S I M O N E N A , Nuevos relatos (wie Anm. 1899), S. 55. - Szenen wie die folgende im Karmeliterkonvent von Bassignano finden sich bei Naia immer wieder beschrieben: Al fine della tavola, dopo il ringraziamento, stassimo allegramente per qualche hora di tempo con li due violini, et io con un chittarrino, e con il mio burattino sonassimo, cantassimo, et io più di tutti li feci molti ridere con li versi del burattino, e con le tre voci di Monache, e particolarmente con la voce della Madre Badessa, et al fine con un barilotto pieno di vino con un pivello a canelletta dove si bevea, questo andò atorno ad uno per uno cantando questa canzone. O galant’huomini quanti voi siete, teni la regola quando bevete, teni la regola che tiene i svizzeri, alzare i gomiti sonare i piferi. E nel ultimo si ripeteva l’ultime parole, et allora ogni uno alzava il barilotto alla bocca bevendo à quel pivello. La sera poi, e così per alcuni altri giorni, che io restar qui stassimo sempre alegramente, e tutti mi volevano tanto bene, che da dovero mi pregavano arestare lì di stanza; o almeno mi aspettavano al ritorno di Gallizia, mà io non ci ritornai, perche al ritorno feci un altro camino. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-78. 1948 Vgl. S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-298), S.-9. 1949 Vgl. S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-298), S.-10, 65-67. sorti di zuccarini, et varie sorti di fruta, e bon formaggio Parmegiano. Il vino bianco, e rosso in neve l’uno, e l’altro era bonissimo 1945 . Während bei späteren Autoren des 18. Jahrhunderts - insbesondere bei denje‐ nigen, die ihre Pilgerschaft im jungen Mannesalter absolvierten: Guillaume Manier, Nicola Albani und Jean Bonnecaze - zweifellos eher curiositas (nebst anderen profanen Motiven) als devotio die Reise nach Compostela motivierte, erscheint Naia in dieser Hinsicht noch ähnlich ambivalent wie Domenico Laffi und Gian Lorenzo Buonafede Vanti 1946 . Er selbst geht an keiner Stelle ausdrücklich auf seine Beweggründe ein. Für weltliche Neugierde, für Lebens- und Wanderlust sprechen seine vielen und teils sehr weiten Umwege bzw. Abweichungen vom camino dritto, seine vielfältigen Interessen, seine Besichti‐ gungen auch profaner Orte und die oft heiteren Szenen der Geselligkeit während seiner Klosteraufenthalte 1947 . Dass zugleich aber sein tiefer Glaube ihn zur Pilgerschaft bewog, steht außer Zweifel: Er suchte zahlreiche loca sancta auf, die auch manche Umwege erklären; er betete viel und hielt sich weitgehend an kirchliche Fastenzeiten 1948 ; er wohnte religiösen Zeremonien bei, die er zum Teil sehr detailreich wiedergibt (wobei er kleinste Verstöße gegen die geltende tri‐ dentinische Liturgie tadelt) 1949 , und las auch selbst fast jeden Morgen die Messe - teils per mia divotione, teils, wie bereits erwähnt, für Geld oder Naturalien (mi fù pagata la Messa, wobei der seltener vorkommende Vermerk per elemosina oder 492 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="493"?> 1950 Vgl. z. B. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 73, 85-88. - Wie weiter unten erläutert, legte Naia gerade in Compostela großen Wert darauf, alle seine Messen per mia divotione zu lesen. Vgl. S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 298), S. 6, 8f.; P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 1900), S. 36, 52. - Auf das Geld, das ihm für seine Messen gegeben wurde, griff er vor allem dann zurück, wenn er sich in ein privates Gasthaus einquartieren musste, weil es weder ein Kloster noch ein Hospital in der Nähe gab, das ihn aufnehmen konnte oder wollte. 1951 So etwa in Santo Domingo de la Calzada (über das Galgen- und Hühnermirakel): mi vennero le lagrime gll’ochij considerando à quel miracolo; in Burgos (über das Erlöserbildnis in der dortigen Kathedrale, wo er an Heiligabend 1717 an der Messe teilnahm): lo vidi scoperto quale fà venire da piangere, che intenerisse i cuori, e stà in atti di spirare, e pare veramente di carne; und in Valladolid (ebenfalls über das Erlöserbildnis in der dortigen Kathedrale): è cosa veramente miracolosa, e di gran meraviglia da vedere, e da piangere per così gran miracolo. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 133, 135, 172. Vgl. S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 298), S. 10; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 173; P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 1900), S. 123. - Die anderen Pilger-Autoren des 18. Jahrhunderts scheinen sich kaum mehr für Reliquien zu begeistern - mit Ausnahme nur des im vorigen Kapitel behandelten Gian Lorenzo Buonafede Vanti, der ebenfalls sehr detailliert, aber weniger emotional als Naia auf die unterwegs gesehenen heiligen Gegenstände eingeht. 1952 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-119, 148. 1953 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-146. 1954 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 153. - In Padrón, das er in diesem Zusammenhang beschreibt, will er den Steg gesehen haben, an dem die wundersame Barke mit dem Leichnam des Apostels angelegt sein soll. - Zur Epistola Leonis siehe Kapitel 1.1. 1955 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-133. hebbi l’elemosina della Messa zutreffender ist, denn selbstverständlich forderte der Karmeliter für die Ausübung seiner heiligen Pflichten keine Bezahlung von den Gläubigen, freute sich aber über ein freiwilliges Almosen) 1950 . Der Anblick von Reliquien und Heiligenbildnissen rührte ihn zu Tränen 1951 , und er suchte oftmals physischen Kontakt mit ihnen, wollte sie anfassen und gar küssen (nicht nur die Jakobsstatue am Hauptaltar der Kathedrale von Compostela, sondern auch z. B. die schwarze Madonna von Montserrat) 1952 , oder seinen Rosenkranz und sein Kruzifix an ihnen reiben (wie in der Kirche des Benediktinerklosters von O Cebreiro) 1953 . Zudem greift er Stoffe aus diversen Heiligendossiers auf, darunter die translatio des hl. Jakobus (nach der im dritten Teil des Liber Sancti Jacobi enthaltenen Epistola Leonis) 1954 und Berichte über von ihm gewirkte Wunder (besonders eingehend das berühmte Galgen- und Hühnerwunder von Santo Domingo de la Calzada) 1955 . Bruder Giacomo verließ sein Heimatkloster Santa Maria delle Grazie di Jesi am 2. Juni 1717; zurückkehren sollte er, wie bereits erwähnt, erst am 14. Oktober 1719 1956 . In seinem Bericht notiert er lückenlos die passierten Orte nebst den 8.1 Giacomo Antonio Naia (1718) 493 <?page no="494"?> 1956 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 71. - Eine detaillierte Übersicht über Naias Reiseverlauf findet sich in P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 1900), S.-111-118. 1957 In Termignon heißt es: da qui inanzi si comincia parlare à leghe, et ogni lega sono tre miglia italiane, und in La Jonquera: qui cominciano le leghe di Spagna à quattro miglia l’una itagliane. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-85, 109. 1958 Vgl. S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 298), S. 17; C A U C C I V O N S A U C K E N , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-199), S.-62; D E R S ., Santiago (wie Anm.-109), S.-168. - In Rimini etwa, wo er einen Ordensbruder traf, vermerkt er Uhrzeiten und Datum: qui arrivai à hore 17 et à hore 22 arrivò da Roma Fra Nicola Zanzi, per andare al suo convento di Bologna di stanza, e fù li 7 Giugno. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-71. 1959 Ebenso erscheinen, wie bereits erwähnt, acht Monate als eine exzessiv lange Zeit für die Reise nach Compostela; andere italienische Pilger benötigten dafür nur drei oder vier Monate. 1960 Seinen Esel, den er in einem Gasthaus in Samoggia (bei Bologna) einem alten Mann na‐ mens Berzinora abgekauft hatte, überließ er schließlich der Franziskanergemeinschaft von Cervera für nur zwei Silbermünzen. Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S.-72, 121. 1961 Vgl. P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-74f. 1962 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-71-73. dazwischenliegenden Distanzen - in Italien zunächst in miglia, ab Termignon (Savoyen) in leghe und ab La Jonquera (Katalonien) in leghe di Spagna 1957 . Tagesdaten hingegen finden sich nur sporadisch vermerkt, gewöhnlich dann, wenn sie mit einem besonderen Ereignis verbunden sind 1958 . Bei seiner Ankunft in Compostela hatte Naia knapp 3000 Kilometer zurückgelegt - eine vergleichs‐ weise hohe Zahl, die sich durch seine vielen Umwege (s. u.) erklärt 1959 . Seine mittlere Wegleistung von etwa 20 Kilometern pro Reisetag reduzierte sich auch dann nicht, als er seinen Esel in Katalonien verkauft hatte und sein Gepäck selbst tragen musste 1960 . Doch nicht jeder Tag war ein Reisetag: Oft blieb der Karmeliter eine Zeitlang am selben Ort, um neue Kräfte für den weiteren Weg zu schöpfen, um Devotionsübungen zu verrichten und Messen abzuhalten oder auch um Besichtigungen zu unternehmen. Sein gemächliches Tempo, seine vielen Umwege und - daraus resultierend - die exzessiv lange Dauer seiner Pilgerschaft zeigen, dass er völlig frei von Zeitdruck reiste; es scheint, dass seine Ordensoberen ihm keinerlei zeitliche Vorgaben gemacht hatten 1961 . Von Jesi aus wandte Naia sich zunächst nach Norden und gelangte über Seni‐ gallia und Fano auf die Via Flaminia, der er bis nach Rimini folgte; dort schlug er die Via Aemilia ein, die ihn über Forlì, Faenza, Bologna, Modena, Reggio, Parma und Fidenza (damals noch Borgo San Donnino) nach Piacenza führte 1962 . Sein Bericht fällt anfangs recht dürr aus: Weder schildert er seine Reisevorbereitun‐ gen noch seinen Aufbruch aus Jesi, und für die ersten Wegmeilen in den Marken und der Emilia-Romagna listet er nach dem herkömmlichen Itinerar-Muster 494 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="495"?> 1963 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-72. 1964 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 73-75; P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-106. 1965 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-75-84. 1966 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-85. 1967 Vgl. P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-105. 1968 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-85-90. 1969 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-90-95. 1970 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-95-99. wenig mehr als die passierten Orte und die dazwischenliegenden Distanzen auf. Detailliertere Beschreibungen zu den jeweiligen Städten und größeren Ortschaften gibt er erst ab Modena, d. h. nach Verlassen des Kirchenstaates, in dem sein Kloster gelegen war, zweifellos weil er zuvor wenig Neues, Unver‐ trautes vorgefunden hatte, das zu notieren sich lohnte 1963 . Von Piacenza folgte er sodann nicht etwa der Via Francigena in westlicher Richtung, dem vero camino dritto (wie Bartolomeo Fontana sagen würde), sondern nahm einen deutlichen Umweg nach Norden, um die Klosterniederlassung seines Ordens in Mailand zu besuchen - und vielleicht auch, wie Pugliese vermutet, weil er anfänglich den Reiseverlauf von Domenico Laffi nachzuvollziehen suchte, dessen Viaggio in Ponente er, wie erwähnt, unterwegs immer wieder konsultierte 1964 . Doch statt wie dieser anschließend über Novara und Vercelli weiterzureisen, wandte er sich wieder nach Süden und kehrte über Pavia und Bassignana zurück auf die Via Francigena, die ihn über Asti, Chieri und Turin ins Susa-Tal führte 1965 . Mitte August überquerte er auf dem Mont-Cenis-Pass die Alpen nach Frankreich 1966 . Schon die ersten beiden Monate seiner Pilgerschaft zeigen, dass Naia - ganz anders etwa als der im selben Jahr reisende Gian Lorenzo Buonafede Vanti - keine große Eile hatte, nach Compostela zu gelangen, dass er vielmehr bewusst von der direkten Route abwich und allerlei Umwege nahm, um noch andere Städte, Klöster und loca sancta zu besuchen 1967 . Für ihn scheint, mehr als für alle bisherigen Pilger-Autoren, der bekannte Spruch zu gelten: Der Weg ist das Ziel. Auch im Alpengebiet nahm der Karmeliter einen großen Umweg: Statt sich nach dem Mont-Cenis-Pass südlich zu halten, durchreiste er das Herzogtum Savoyen in nordwestlicher Richtung und gelangte schließlich nach Lyon 1968 . Erst dort wandte er sich nach Süden und begab sich, dem Verlauf der Rhône folgend, über Vienne, Valence und Montélimar nach Avignon 1969 . Von der alten Papststadt aus wäre es freilich am naheliegendsten gewesen, nach Arles zu gehen und der dort beginnenden Via Tolosana, der klassischen Südroute des Jakobsweges, zu folgen, doch Naia zog es erneut vor, einen Umweg zu nehmen, diesmal eindeutig religiös motiviert: In südöstlicher Richtung reiste er nach Apt, Aix-en-Provence, Saint-Maximin, Sainte-Baume und Toulon 1970 . In der Basilika 8.1 Giacomo Antonio Naia (1718) 495 <?page no="496"?> 1971 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-96-98. 1972 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-99-102. 1973 Siehe Kapitel 4.3 und 8.3. 1974 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-102-109. 1975 Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 2 (wie Anm. 428), S. 62; C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 167-169; I ÑA R R E A L A S H E R A S , Étude des itinéraires (wie Anm. 73), S. 31-35. - Der alte Somportpass wurde kaum noch genutzt, und das Hospital de Santa Cristina war inzwischen verfallen. Einige Pilger wählten noch den Weg über den Ibañeta-Pass und Roncesvalles, so z. B. Jean Bonnecaze 1748 und Jean-Pierre Racq 1790; Guillaume Manier reiste 1726 entlang der Atlantikküste über das Baskenland, und Gian Lorenzo Buonafede Vanti fuhr 1717 von Italien auf dem Seeweg nach Andalusien. 1976 Siehe Kapitel 4.5 und 5. 1977 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-117-129. 1978 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-129-147. von Saint-Maximin ließ er sich verschiedene Reliquien der hl. Maria Magdalena, u. a. ihr Haupt, und den Leichnam des legendären Bischofs Maximinus von Aix zeigen; in Sainte-Baume hörte er die Messe in der Heiligen Grotte, wo die hl. Maria Magdalena als Einsiedlerin die letzten dreißig Jahre ihres Lebens verbracht haben soll, und besuchte anschließend die ihr geweihte Kapelle auf dem Saint-Pilon 1971 . Bei Toulon wandte er sich wieder nach Westen und begab sich nach Marseille, wo ihm in der Kathedrale die Leiber des hl. Lazarus und der hl. Martha nebst diversen anderen Heiltümern gezeigt wurden 1972 . Anschließend in Arles schlug er wiederum nicht die Via Tolosana ein, sondern hielt sich, nach einem Aufenthalt in Nîmes, an die Mittelmeerküste: So kam er - genau übrigens wie Bartolomeo Fontana 1539 und Nicola Albani 1743 1973 - durch Montpellier, Béziers, Narbonne und Perpignan, bevor er - wie sie - bei La Jonquera endlich spanischen Boden betrat 1974 . Inzwischen wählten die meisten Italiener und Franzosen, statt die Pyrenäen zu überqueren, diverse andere Routen nach Compostela - oftmals über Katalo‐ nien 1975 . Dies erlaubte ihnen nicht zuletzt, zwei bedeutende Orte der Marienver‐ ehrung zu besuchen, die bereits Fabrizio Ballarini und Silverio Rettabeni oder auch Cosimo III. de’ Medici und seine Kammerherren angezogen hatten: die Benediktinerabtei Montserrat mit der Moreneta und - in Aragonien dann - die große Basilika von Saragossa mit der Virgen del Pilar 1976 . Auch Naia wandte sich, nachdem er entlang der Costa Brava zunächst nach Barcelona gereist war, ins Landesinnere und besuchte diese beiden loca sancta 1977 . Bei Logroño betrat er schließlich den Camino Francés, dem er ohne nennenswerte Abweichungen bis Compostela folgte 1978 . Am Nachmittag des 2. Februar 1718 traf er dort ein, und nach sechstägigem Aufenthalt zog er, wie schon so viele Pilger vor ihm, weiter zu den heiligen Orten der Atlantikküste: Muxía (Santa María da Barca), 496 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="497"?> 1979 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-149-153. 1980 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-153-164. 1981 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-164-168. 1982 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-168-173. 1983 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 173-175; S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-298), S.-24; P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-110. 1984 Vgl. P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-12f. 1985 Vgl. R U C Q U O I et-al. (Hg.), Le voyage (wie Anm.-152), S.-856. 1986 Im Eintrag zu Barcelona schreibt er, dass er auf dem Rückweg von Compostela das Heimatkloster seines spanischen Begleiters in Madrid besuchen wolle. Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-113. Fisterra (Santa María de Fisterra) und Padrón (Schauplatz der Wunder- und Predigttätigkeit des hl. Jakobus) 1979 . Zweifellos aus dem (wenngleich an keiner Stelle explizit zum Ausdruck gebrachten) Wunsch, möglichst viele Städte und Ortschaften, Kirchen und Klöster der Iberischen Halbinsel zu besuchen, schlug Naia auf dem Rückweg bewusst eine andere Route ein als auf dem Hinweg, die ihn - wiederum mit zahlreichen erratisch anmutenden Umwegen - durch Zentralspanien führte. Von Padrón reiste er erst ost-, dann südwärts, bis Ourense; dort drehte er nach Norden ein und begab sich über Monforte de Lemos nach Lugo, wo er wiederum die südöstliche Richtung einschlug - er lief sozusagen im Zickzack 1980 . Bei O Cebreiro kam er noch einmal auf den Camino Francés, folgte ihm jedoch nur bis in die Maragatería 1981 . Kurz vor Astorga wandte er sich nach Südosten, ging nach La Bañeza und weiter nach Valladolid 1982 . Vermutlich war Madrid sein nächstes großes Ziel, doch wählte er abermals nicht den direkten Weg (über Segovia), sondern einen weiten Umweg in westlicher Richtung, der ihn im April 1718 nach Medina del Campo und Salamanca führte - dort bricht sein Reisebericht unvermittelt ab 1983 . Was er anschließend tat, bis er ein Jahr später, im April 1719, in seine Heimat zurückkehrte, bleibt offen. Vielleicht hatte Naia, wie Pugliese für wahrscheinlich hält, auch seine übrige Reise dokumentiert, doch aus irgendeinem Grund war es ihm nicht mehr gelungen, seine Aufzeichnungen vollständig in die Reinschrift zu übertragen 1984 . Oder aber die Fortsetzung war, wie Françoise Michaud-Fréjaville mutmaßt, in einem zweiten Band geschrieben, der noch nicht gefunden wurde 1985 . Immerhin enthält der Bericht einige vorausdeutende Hinweise, denen sich etwa entnehmen lässt, dass Naia auf seinem Rückweg das Karmeliterkloster von Madrid besuchen wollte 1986 , dass er wohl noch einmal durch die Gegend um Barcelona kam 8.1 Giacomo Antonio Naia (1718) 497 <?page no="498"?> 1987 Bei seiner Abreise aus Bassignana, wo er die Sympathie der zehn dort lebenden Karmeliter gewonnen hatte, schreibt er: tutti mi volevano tanto bene, che da dovero mi pregavano arestare lì di stanza; o almeno mi aspettavano al ritorno di Gallizia, mà io non ci ritornai, perche al ritorno feci un altro camino. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S.-78. 1988 Vgl. Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm. 630), S. 337; Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S.-198f.; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-79. 1989 Dazu mehr in Kapitel 8.2. und dass er auch in Italien weiterhin einer anderen Route folgte als auf dem Hinweg 1987 . Wie bereits vielfach gezeigt, war die Ankunft in Compostela bzw. der erste Anblick der Stadt vom Monte do Gozo (Camino Francés) oder von O Milladoiro (Camino Portugués) gewöhnlich ein besonderer Augenblick für den Pilger, der mit intensiven Emotionen, mit Freudenbezeigungen und Dankesbzw. Demutsgesten (Tränen, Kniefall, Küssen des Bodens, Lobgesang auf Gott, beschleunigter Schritt etc.) einherging. Im Korpus dieser Arbeit ließ sich dies gerade bei Naias unmittelbaren Vorgängern, Domenico Laffi und Gian Lorenzo Buonafede Vanti, aber auch schon bei Lorenzo in der Mitte des 15. Jahrhunderts hervorragend beobachten 1988 , und noch Guillaume Manier und seine Begleiter sollten ihre Ankunft in Compostela an Allerheiligen 1726 mit Jubelrufen, in die Luft geworfenen Hüten und der traditionellen Ernennung des Pilgerkönigs feiern 1989 . Naia dagegen, obwohl er sich, wie bereits erwähnt, bei religiösen Zeremonien und in der Gegenwart selbst von Reliquien, die von weit geringerer Bedeutung waren als die Jakobusgebeine der Kathedrale von Compostela, vielfach von tiefen Empfindungen bewegt zeigte, vermerkt sowohl den Monte 498 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="499"?> 1990 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 147. Vgl. P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 1900), S. 127. - Überhaupt scheint Naia, bei aller Frömmigkeit, dem Apostel Jakobus nicht derart zugetan gewesen zu sein und seine Ankunft an dessen Grabesort nicht in gleichem Maße herbeigesehnt zu haben wie etwa der um dieselbe Zeit reisende Gian Lorenzo Buonafede Vanti: Anders als dieser bringt er jedenfalls nicht immerzu den Wunsch zum Ausdruck, nur bald anzukommen, und rief den hl. Jakobus unterwegs auch nicht mit derselben Häufigkeit um Hilfe an oder dankte ihm für seinen Beistand. Nur einmal, in den unwirtlichen Bergen von O Cebreiro, meinte er, von dem Heiligen aus einer Gefahr errettet worden zu sein: feci sei leghe in circa di camino il giorno di Montagne, e pianura e sempre la terra coperta di neve, e per più volte in questi due giorni hebbi à perdere la vita per le ripe precipitose, e alle volte per non conoscere il buon camino, e particolarmente una volta per certo non credevo d’arrivare più à Compostella, e mi raccomandavo l’Anima da me stesso, e S. Giacomo glorioso mi fece scoprire un huomo giù dale ripe, e venne sopra in mio aiuto, che al fine mi salvò la vita. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 146. Im Unterschied zu Buonafede Vanti erwähnt er den Umstand, dass er in einem Heiligen Jahr pilgerte, nur en passant und hebt auch nicht den Festtag des hl. Jakobus (25. Juli) in besonderer Weise heraus - an diesem Sonntag las er nur die Messe in einer kleinen Kapelle bei Asti und zog weiter seines Weges. Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 80. In Compostela blieb er sodann auch nicht länger als sechs Tage, während Buonafede Vanti einen ganzen Monat dort verbrachte und auch eine deutlich umfassendere Beschreibung der Stadt hinterließ. Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-79-114. 1991 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-147f. 1992 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148. do Gozo (A San Marco Logaro L. 1) als auch seine Ankunft am locus sanctus überraschend unemotional und distanziert 1990 : A Compostella Città Archiepiscopale L. 1 Nella Chiesa Metropolitana di questa Città riposa il corpo glorioso di S. Giacomo Apostolo maggiore. Qui dunque arrivai nella Chiesa Cattedrale di S. Giacomo il mercordì li 2 Febraro 1718 giorno della Purificatione di Maria Vergine avanti l’hora terza nel principio della processione delle Candele 1991 . Keine Träne floss, kein Jubel brach aus ihm heraus. Dass Compostela für den Karmeliter dennoch von besonderer (religiöser) Bedeutung war, dass er gerade dort an sein Seelenheil dachte, lässt sich zumindest an seinem Verhalten vor Ort erkennen: Mehr als sonst unterzog er sich in der Stadt des Apostels seinen Devotionsübungen und legte großen Wert darauf, jeden Tag seines Aufenthaltes mindestens einmal die Messe zu lesen, wobei er - anders als sonst - es entschieden ablehnte, dafür Geld zu entgegenzunehmen: sarebbe stata pagata la Messa per ogni giorno, mà io non volsi niente da nessuno, e sempre celebrai per mia divotione 1992 . Zudem notiert er seine Ankunft in der Kathedrale mit Datum 8.1 Giacomo Antonio Naia (1718) 499 <?page no="500"?> 1993 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 148. - Ähnliches ließ sich bereits im Livre de voeiages des Jan Taccoen van Zillebeke beobachten. Siehe Kapitel 4.2. 1994 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-147-150. 1995 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 111-117. Vgl. auch P U G L I E S E , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-1900), S.-128. 1996 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 148. Vgl. Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-116. 1997 D. h. seit Bartolomeo Fontana, der seinen Itinerario im Jahr 1550 veröffentlichte. 1998 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-75. und genauer Uhrzeit, was er sonst nur selten, ja nur bei für ihn bedeutsamen Ereignissen tut 1993 . Wie gewöhnlich beschreibt nur ein relativ kleiner Teil des Berichts den Zielort Compostela: Schon nach kaum fünf Folia (196 v bis 200 v ) schließt sich die Weiterreise nach Fisterra an, per vedere l’ultimo della Terra, e per vedere le cose prodigiose, che qui scrivo 1994 . Manch anderen Städten sind indes deutlich umfangreichere Einträge gewidmet, allen voran Barcelona mit 18 Folia 1995 . Naias vergleichsweise kurze Beschreibung von Compostela weist zahlreiche typische Merkmale auf, die sich bereits in früheren Zeugnissen beobachten ließen. So hebt er - wie Bartolomeo Fontana und andere Pilger des 15. und 16. Jahrhunderts - gleich im ersten Satz die Präsenz des Apostelleichnams heraus: Nella Chiesa Metropolitana di questa Città riposa il corpo glorioso di S. Giacomo Apostolo mag‐ giore 1996 . Ob der hl. Jakobus wahrhaftig unter dem Hauptaltar der Kathedrale von Compostela begraben liegt, daran scheint der fromme Karmeliter nicht gezweifelt zu haben, wie auch sonst kaum ein italienischer oder französischer Pilger-Autor seit Beginn der Gegenreformation 1997 . Dabei waren (auch) ihm an anderen Orten verschiedene angebliche Körperteile des hl. Jakobus gezeigt worden, die die Authentizität des Compostellaner Jakobusleichnams in Frage stellten. In der Kirche von Binasco (in der Lombardei) etwa bewunderte er un arca grande di marmo in una capella, e si tiene che in questo vi stia il corpo di S. Giacomo Apostolo, e che in Gallizia nella chiesa Cattedrale di Compostella, alcuni vogliano, che vi sia solo un braccio del detto Santo Apostolo 1998 . Naia kommentiert diese Widersprüche nicht, noch ließ er sich, soweit man dies aus seinen Aufzeichnungen ersehen kann, durch sie verunsichern. Im Fortgang konzentriert er sich - wie üblich - auf die Kathedrale, deren architektonische Gestaltung er äußerst positiv bewertet. Bei aufmerksamer Lektüre seines Berichts fällt auf, dass er an den verschiedenen Orten seiner Reise konsequent diejenigen Bauwerke lobt, welche - in seinen Worten - novi oder fatti alla moderna, d. h. im schmuckreichen Barockstil erbaut oder modernisiert waren, während er Romanik, Gotik und Renaissance oftmals tadelt 1999 : Die romanischen Kirchbauten von Lodi etwa seien allesamt oscure, e nere 2000 , der 500 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="501"?> 1999 Vgl. S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 298), S. 36; C A U C C I V O N S A U C K E N , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-199), S.-61; D E R S ., Santiago (wie Anm.-109), S.-166. 2000 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-74. 2001 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-74. 2002 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-76. 2003 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-123. 2004 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-82. 2005 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-126. 2006 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148. 2007 Vgl. S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm.-298), S.-35f. 2008 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148f. 2009 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148. 2010 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 148. - Zu den linguaxeiros in der Kathedrale von Compostela vgl. G O N ZÁ L E Z P É R E Z , El idioma vasco (wie Anm.-1297), S.-362-365. gotische Dom von Mailand più bello di fuori che di dentro 2001 - außen war er nämlich schon barock erneuert worden -, der rinascimentale Dom von Pavia assai brutto, scuro, et antico 2002 und die teils romanische, teils gotische Kathedrale von Lleida antica, et oscura 2003 , die barocken Prunkbauten von Turin hingegen alti, e belli 2004 , die barocke Basilika von Saragossa bella und gar vergleichbar mit dem Petersdom (pare San Pietro di Roma 2005 ) - und so sei auch die Kathedrale von Compostela, deren barocker Umbau im Jahr 1718 schon weit vorangeschritten war, assai grande, e bellissima 2006 . Ähnlich wie Laffi und Buonafede Vanti bringt Naia seine ästhetischen Urteile vermittels einer recht beschränkten Bandbreite von Wertungsadjektiven zum Ausdruck, die vielfach kaum über die Opposition von bello und brutto hinausgeht 2007 . Und wie bei seinen Vorgängern häufen sich bei ihm die expliziten Schönheitsurteile in der Beschreibung der Kathedrale von Compostela und tragen so zum Eindruck einer potenzierten Erfahrung des Sakralen bei: bellissimi marmi, bellissime facciate, bellissime porte di bronzo, Campanili bellissimi, belle ballaustrate, una bellissima scalinata, bellissime figure di rilievo etc. 2008 Am Anfang seines Eintrags zu Compostela vermerkt Naia die Frömmigkeits‐ handlungen, die er gleich nach seiner Ankunft verrichtete: Als er die Kathedrale betrat, wurde Mariä Lichtmess (giorno della Purificatione di Maria Vergine) gerade mit der traditionellen Prozession der Kerzen begangen 2009 . Er wohnte dem feierlichen Umzug bei und wandte sich anschließend an einen sprachkun‐ digen Beichtvater (linguaxeiro) der Kathedrale, Giuseppe Possi Penitenciero della lingua Italiana, um seine Sünden zu bekennen 2010 . Dieser gestattete ihm, an drei Tagen in Folge die Messe in der Kathedrale zu lesen - jedoch nur an dem portablen Voraltar (secondo Altare della Tribuna, dove giace il Glorioso Corpo di S. Giacomo), den schon Buonafede Vanti wenige Monate zuvor benutzt hatte 2011 ; 8.1 Giacomo Antonio Naia (1718) 501 <?page no="502"?> 2011 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 148. Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-81. 2012 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148. 2013 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148. 2014 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148f. 2015 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 148. - Mit der silbernen Pelerine und dem silbernen Pilgerstab war die Jakobsstatue 1704 dank einer Donation Erzbischof Antonio de Monroys (1685-1715) versehen worden. Vgl. Anm.-1825. denn der dahinterliegende Hauptaltar war bekanntlich dem Erzbischof und den Kardinälen vorbehalten: Al primo Altare in faccia non celebra altro che l’arcivescovo, e li Signori Canonici col titolo di Cardinale quando fanno qualche funtione mitrati, e questi sono numero 12, che hanno questo privileggio. Al 2° Altare vi celebrano tutti gl’Altri Signori Canonici mitrati, e non mitrati, e qualche altro Sacerdote anco forastiero per gratia loro, come feci ancor io 2012 . An den letzten drei Tagen seines Aufenthalts las er die Messe sodann, sempre per mia divotione (d. h. auch weiterhin unbezahlt), an anderen Altären der Kathedrale, die er jedoch nicht näher bestimmt 2013 . Nach Vermerk dieser Devotionsbeweise geht Naia zur Beschreibung der Kathedrale und der Stadt über, die in geradezu exemplarischer Weise dem bereits vielfach beobachteten von innen nach außen verlaufenden Darstellungsmuster entspricht: Von der allerheiligsten Mitte, dem Hauptaltar mit dem Reliquien‐ schrein, bewegt sich auch hier der Blick immer weiter nach außen vor, über die Elemente des Altarraums, die Kapellen, die Fassaden und Hauptportale, die Glockentürme, das Dach, die Vorplätze und daran angrenzenden Bauten bis hin zum Stadtganzen 2014 . Die Detaildichte der Beschreibung nimmt dabei sukzessive ab: Geht Naia zunächst mit reichlichen Einzelheiten auf die Gestaltung des Altarraums ein und streicht dessen materielle Pracht und Erlesenheit heraus, so vermittelt er zum Schluss von der übrigen Stadt abseits des engen Kernbereichs aus Kathedrale und umgebenden Bauten einen nur flüchtigen Eindruck. Der Schrein des hl. Jakobus war tutta coperta d’Argento und tutta intagliata di varie figure und der Altarbaldachin assai grande, e ricca di bellissimi Marmi, di statue, pitture, indorature, et argentaria in gran quantità, e tutte cose di gran valore, die romanische Altarstatue con Capello, Cappe, e bordone […] d’Argento ausgestattet - kostbare Elemente, die, wie im vorigen Kapitel erläutert, erst wenige Jahre zuvor hinzugefügt worden waren - und die dort hinaufführende Treppe da ogni parte di bellissimi marmi verfertigt 2015 . In diesem Zusammenhang bezeugt Naia auch das Ritual der aperta: per queste scale si và à bacciare, e adorare la suddetta statua di S. Giacomo, e lì s’acquistano tutte l’Indulgenze 2016 . 502 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="503"?> 2016 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148. 2017 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148. 2018 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 148: tutte queste [Sante Reliquie] si mostravano ai Pellegrini da un Signore Canonico deputato à questo offitio. 2019 Vgl. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 321f.; Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 159; Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-52; Fontana, L’itinerario (wie Anm.-198), S.-116f. 2020 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 210-212; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-107. 2021 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148. 2022 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148. 2023 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148. In der Vierung bzw. vicino al Choro, nämlich am südlichen Pfeiler zwischen Vierung und Chor, weist er - wie so viele Berichtautoren - auf den in Bronze eingefassten Pilgerstab des hl. Jakobus hin, che portava quando andava per il mondo à predicare, sowie auf die Öffnung, an der man diesen per divotione anzufassen pflege 2017 . Zahlreiche weitere Reliquien würden Pilgern im Rahmen einer Gruppenführung durch die Kathedrale von einem eigens mit dieser Aufgabe betrauten Chorherrn gezeigt 2018 . Während die Berichte des 15. und 16. Jahrhunderts vielfach eine Reliquienschau bezeugen, deren Beginn durch das Läuten einer kleinen Glocke signalisiert und die von einem mehrsprachigen Kleriker mit Zeigestock geleitet wurde 2019 , ist weder bei den Kammerherren des jungen Cosimo III. de’ Medici noch bei Laffi noch bei Buonafede Vanti von einer solchen Praxis die Rede: Die Ersteren ignorieren den Heiltumsschatz der Kathedrale gänzlich, die beiden Letzteren berichten jeweils von spontanen Einzelbesichtigungen 2020 . Naias Hinweis erscheint deshalb von besonderem Interesse, belegt er doch, dass die Kathedrale noch immer organisierte Grup‐ penführungen für Pilger anbot - wenn auch offenbar in veränderter Form: nicht mehr nur in einer, der Reliquienkapelle, sondern ausdrücklich in mehreren Kapellen (in diverse Capelle) 2021 . Wohl im Anschluss daran erwarb auch Naia die offizielle Reliquienliste der Kathedrale (la nota stampata di tutte queste Sante Reliquie), die er im Gegensatz zu Buonafede Vanti jedoch nicht in seinen Bericht kopierte 2022 . Ebenso wenig spezifiziert er die besichtigten Kapellen; wie so viele Autoren nennt er nur die große Stirnkapelle (la Capella, che si chiama del Rè di Francia), wo auch er sich gegen Geld (si paga) die offizielle Pilgerurkunde der Kathedrale (la fede Compostellana stampata) ausstellen ließ 2023 . Bevor Naia auf die äußeren Bereiche der Kathedrale, vor allem auf das Dach, eingeht, vermittelt er einen knappen Eindruck von ihrem Aufbau und ihrer Beschaffenheit: La Chiesa poi è assai grande, e bellissima, et è tutta di marmo di dentro, e di fora, et è tanto di longhezza, quanto di larghezza, siche è fatta in Croce, et hà quattro bellissime 8.1 Giacomo Antonio Naia (1718) 503 <?page no="504"?> 2024 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148. 2025 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 148. Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 202: è in forma di croce; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-83: è fatto in modo di Croce. 2026 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 148f. - Dieser Fehler, den sowohl Naia als auch Buonafede Vanti von Laffi übernehmen, findet sich ebenfalls in Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 116. In Wahrheit besteht die Kathedrale größtenteils aus heimischem Granit und nur einzelne Elemente aus Marmor, z. B. die Pfeiler am Südportal. Vgl. Laffi, A Journey (wie Anm.-200), S.-148f., Anm.-8. 2027 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 148f.; Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-201-203. porte di bronzo, e quattro bellissime facciate, e quattro piazze larghe tutte lastricate di marmi larghi, e vi sono quattro Campanili bellissimi tutti di marmo, e ogn’uno hà 24 Campane 2024 . Insbesondere diese Stelle lässt vermuten, dass auch Naia während seines Compostela-Aufenthaltes bzw. beim Verfassen des entsprechenden Eintrages seine Ausgabe von Laffis Viaggio in Ponente konsultierte - ähnlich wie Buo‐ nafede Vanti wenige Monate zuvor. Anders als dieser übernimmt er zwar keine wörtlichen Formulierungen von Laffi; inhaltlich lassen sich jedoch einige Parallelen erkennen, die kaum dem Zufall geschuldet sein können. Auffällig ist etwa der Hinweis auf die Kreuzform des Kirchengrundrisses (è fatta in Croce), der sich ähnlich auch bei Laffi und - durch dessen Einfluss - bei Buonafede Vanti findet 2025 . Ebenso erinnern die Betonung der Zahl Vier (vier Tore, vier Fassaden, vier Plätze, vier Türme) sowie die gehäufte Verwendung der elativischen Adjektivform bellissimo (nicht nur in der zitierten Stelle, sondern im gesamten Eintrag zu Compostela) deutlich an Laffi, und auch die irrige Behauptung, dass die schöne Kathedrale ganz aus Marmor (tutta di marmo di dentro, e di fora) beschaffen sei, dürfte von ihm übernommen sein 2026 . Ferner könnte man dafürhalten, dass sich Naia auch in der Reihenfolge der erwähnten Elemente zumindest grosso modo an seinem Vorgänger orientiert: Beide beginnen ihre Beschreibung am Hauptaltar der Kathedrale, schildern die Jakobsstatue, den Baldachin und den portablen Voraltar und weisen auf das Ritual der aperta hin; unter den Kapellen heben beide nur die große Stirnkapelle heraus, und beide geben einen globalen Eindruck vom Aufbau der Kathedrale samt Türmen und Portalen, bevor sie den Blick schließlich auf die Hauptfassade im Westen, die davor platzierte Doppeltreppe und das Hospital Real lenken 2027 . Allerdings zieht Naia Hinweise zum Pilgerstab des hl. Jakobus und zu den anderen Reliquien der Kathedrale sowie zum Dach mit der Cruz dos Farrapos vor, die Laffi in seiner deutlich längeren Compostela-Beschreibung erst an späterer Stelle einflicht 2028 . Auf die übrige Stadt gehen beide nur kurz ein, und zwar 504 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="505"?> 2028 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 148f.; Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-204, 212. 2029 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 149; Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-207f. 2030 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-149. 2031 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-204. 2032 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 149. - Der spezifizierende Zusatz ò sia di ferro ist jedoch falsch: Die Cruz dos Farrapos besteht nicht aus Eisen, sondern aus Messing. 2033 So schon in Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 159: La croix de laiton que sainct Jacques, prenchant, tenoit, est au hault de l’église. Desoubz y a ung pertrus concave, où passent pluseurs pellerins, et disent (ne sçay qu’il en est) que ung home en peccié mortel n’y puet passer hault, in Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 204: Sopra alla cupola dell’altar maggiore, sopra il medesimo tetto, vi è una croce di marmo fatta in forma di giglio, tutta traforata, in mezo della quale vi è un gran buco per il quale passano li pellegrini, dicendo il volgo che quelli che sono in peccato mortale non vi possono passare, oder auch bei Johann Limberg, zitiert nach: H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 294: auf dem Dache stehet ein Creutz/ bey welchem 2. Löcher/ sie gaben vor/ wer eine Tod-Sünde auff sich hätte/ könte nicht durch das Loch krichen. erst nach der Kathedrale und deren nächster Umgebung 2029 . Obwohl Naia - im Gegensatz zu Buonafede Vanti - weder explizit auf Laffi verweist noch ihn wörtlich zitiert bzw. kopiert, ließ er sich in seiner Wahrnehmung und Darstellung der Apostelstadt mithin unverkennbar von ihm beeinflussen. Bestätigt erscheint dies insbesondere durch seine Beschreibung des Kirchen‐ dachs, die, wiewohl knapper, wiederum einige Parallelen zur entsprechenden Stelle bei Laffi (und Buonafede Vanti) aufweist: Sopra la Chiesa si và, e si camina liberamente con sue scale di marmo, e di sopra vi sono le sue belle ballaustrate di marmo attorno. In mezo il tetto della Chiesa vi è una gran Croce di Mettallo, ò sia di ferro piantata in un piede stallo di marmo, e questo hà un Fenestrino in mezo per il quale ogn’uno entra, e ritorna quanto vole, e per ogni volta s’acquista Indulgenza e pare, che nell’entrare ogn’uno senta un poco di stretta, ò sia huomo magro, ò sia grasso 2030 . Nicht nur hebt Naia im Wesentlichen dieselben Elemente heraus wie Laffi; auch übernimmt er von ihm (erneut) die irrige Angabe, dass das Dach einschließlich seiner Balustrade und des zentralen Steinbeckens ganz aus Marmor beschaffen sei. Nur in zweierlei weicht er von seinem Vorgänger ab: Einerseits korrigiert er, dass die Cruz dos Farrapos nicht, wie man bei Laffi liest, di marmo 2031 , sondern di Mettallo verfertigt ist 2032 ; andererseits bietet er für den alten Pilgerbrauch, durch das Loch im Sockelstein des Kreuzes zu kriechen, eine andere Begründung als alle bisherigen Autoren: Wird dies sonst als eine Art Tugendprobe beschrieben - nur wer nicht in Todsünde sei, könne passieren 2033 -, erklärt Naia, man erwerbe 8.1 Giacomo Antonio Naia (1718) 505 <?page no="506"?> 2034 Der von Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 85, bezeugte Brauch, dass die Pilger ihre alte Kleidung an das ‚Lumpenkreuz‘ banden, findet bei Naia, der nur wenige Monate später in Compostela weilte, wie auch bei allen anderen Autoren keine Erwähnung. 2035 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-149. 2036 Vgl. S I N G U L , Historia cultural (wie Anm.-6), S.-267f. 2037 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-149. 2038 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 149. - Die Formulierung erinnert hier vage an Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 203: il Giudicio Finale, tutto in figure di mezo rilievo, cosa bellissima da vedere, und Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-83: il Giudicio finale tutto in figure di mezzo rilievo bello da vedersi. 2039 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-149. dadurch (zusätzliche) Ablässe. Wie bei anderen volksfrommen Bräuchen (z. B. die Sagen und paraliturgischen Rituale rund um die beiden Mirakelglocken der Torre do Relox) führte die primär orale Tradierung offenbar zu Variationen; dies wird sich auch bei Nicola Albani (Kapitel 8.3) eindrücklich bestätigen 2034 . Wie bereits erwähnt, bewertet Naia den zeitgenössischen Barockstil äußerst positiv. Es verwundert daher auch nicht, dass er über die Nord- und Südfassade der Kathedrale, beide romanischen Stils, schweigt und einzig ihre nach Westen gerichtete Hauptfassade (la porta maggiore della Chiesa di S. Giacomo) lobt 2035 , deren barocker Umbau zwar erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts unter Fernando de Casas Novoa (1670-1749) vollendet werden sollte 2036 , die damals jedoch bereits verschiedene im Barockstil neu installierte oder umgestaltete Elemente aufwies wie etwa die Torre das Campás und die aufwendige Doppeltreppe, die auf die Praza do Hospital hinabführt. Allem voran diese Letztere scheint großen Eindruck auf Naia gemacht zu haben; er beschreibt sie als una bellissima scalinata nova con bellissime ballaustrate di marmi bianchi, e questa, volta, e poi rivolta, che forma due, ò tre piani 2037 . Andererseits sei aber auch der von den meisten früheren Autoren ignorierte romanische Pórtico da Gloria cosa mirabile da vedere, seine apokalyptische Ikonographie bestehe aus bellissime figure di rilievo 2038 . Anschließend lenkt Naia den Blick auf die unmittelbare Umgebung der Kathedrale, zunächst auf den westlichen Vorplatz mit dem großen Hospital Real - wie in vielen früheren Zeugnissen auch hier das einzige weitere Bauwerk in Compostela, dem eine nähere Beschreibung gewidmet ist: In faccia poi alla Chiesa di S. Giacomo vi è un Ospitale assai grande, e bello di fora con una facciata di marmi assai longa, et hà longhissima piazza e di dentro vi sono due, ò tre Chiostri con sue belle fontane, e questo Ospitale è capace di migliaia d’Infermi 2039 . 506 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="507"?> 2040 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 149. Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm.-15), S.-136f. 2041 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-149. 2042 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-149. 2043 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 149. Vgl. S T O P A N I , Giacomo Antonio Naia (wie Anm. 298), S. 60. - Die Formulierung abbondante di tutte le cose per il vitto humano erinnert wiederum an Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 201: abbondanza d’ogni sorte di frutti e altre cose spettanti al vitto humano; 208: finita d’ogni cosa spettante al vitto humano, sowie an Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 79: abbondante d’ogni sorta di frutti, pesci, ed altre cose spettanti al vivere umano. 2044 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-149. Sodann geht er kurz auf die Nordseite mit dem Kloster San Martiño Pinario, un grande, e bellissimo Convento tutto di marmo de Padri Beneditini, ein, ohne aber die dort ansässigen Gagatschnitzer oder die von ihnen verfertigten Pilgeranden‐ ken zu erwähnen 2040 . Schließlich zählt er auch die übrigen von ihm besuchten Klöster der Stadt auf: di S. Francesco, di S. Domenico, di S. Agostino, et altri 2041 . Über diese vier Ordensniederlassungen teilt er nichts weiter mit, als dass sie tutti richi, e numerosi seien und dass er in jeder von ihnen gastliche Aufnahme fand: Io alloggiai sempre gratis à qual Convento io volevo hora à S. Domenico, hora à S. Francesco, à S. Agostino, et à Padri Beneditini 2042 . Im Ganzen lassen sich somit auch hier eine starke Fokussierung auf die bauliche Präsenz des Apostels und eine nach außen abnehmende Detaildichte beobachten, sowie eine grundsätzliche Privilegierung sakraler Bauten: Nach intensiver Beschreibung der Kathedrale (und dort wie üblich vor allem des Hochaltars) wird ihr nächster Umkreis noch flüchtig umrissen, weiter entfernt liegende Orte der Stadt hinge‐ gen gänzlich ausgespart - mit Ausnahme nur der zumindest erwähnten Klöster. Naias finales Gesamturteil über die Apostelstadt fällt durchweg positiv aus und bezieht sich bezeichnenderweise (auch bei anderen Orten hebt er, wie bereits erwähnt, diesen Aspekt stets heraus) vor allem auf das reiche kulinarische Angebot: Questa Città è grande competentamente, e popolata, et è abbondante di tutte le cose per il vitto humano, e di buon pane, e di buon vino, di buon Carnero, e di pesci grossi di mare assai pretiosi 2043 . Nach seinem sechsten Aufenthaltstag in Compostela verbrachte Naia die Nacht im westlich vor den Stadtmauern gelegenen Observantenkloster San Lorenzo, das schon Buonafede Vanti ein halbes Jahr zuvor besucht hatte. Auch dort wurde er reichlich bewirtet (in Reffettorio hebbi un’abbondante collatione) und mit Proviant versorgt, bevor er schließlich ans ‚Ende der Welt‘ weiterreiste 2044 . 8.1 Giacomo Antonio Naia (1718) 507 <?page no="508"?> 2045 Getauft wurde Guillaume Manier am 19. Juli 1704, wie sich dem Taufregister seiner Gemeinde entnehmen lässt. Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm. 1897), S. XXI; Jean-Claude B O U R L È S , Présentation, in: Guillaume Manier, Un paysan picard à Saint-Jacques-de-Compostelle (1726-1727), hg. von Jean-Claude B O U R L È S , Paris 2002, S. 7-29, hier S. 8; I ÑA R R E A L A S H E R A S , La peregrinación jacobea como excusa (wie Anm.-208), S.-153. 2046 Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm.-1897), S. XXXVI. 2047 Die Mutter starb am 20. Januar 1711, der Vater am 22. März 1715. Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm. 1897), S. XXI; Nathalie F R A S L I N -D O N A T I N , Un tailleur picard sur le chemin de Saint-Jacques en 1726, in: Compostelle 4 (2000-2001), S. 34-56, hier S.-34; B O U R L È S , Présentation (wie Anm.-2045), S.-8. 2048 Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm. 1897), S. XXI; F R A S L I N -D O N A T I N , Un tailleur picard (wie Anm.-2047), S.-34; B O U R L È S , Présentation (wie Anm.-2045), S.-8. 2049 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 2, 5. - Er bezeichnet sich nur als tailleur, „Schneider“, doch in seinem Eintrag zu León erwähnt er beiläufig, dass er keine Damenkleider anzufertigen wisse. Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-116. 2050 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 2. Vgl. auch B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm. 1897), S. XXI, XXIII; F R A S L I N -D O N A T I N , Un tailleur picard (wie Anm. 2047), S.-38; B O U R L È S , Présentation (wie Anm.-2045), S.-8, 11. 8.2 Guillaume Manier (1726) Der junge Schneider Guillaume Manier (* 1704) aus dem picardischen Carlepont (bei Noyon) pilgerte 1726 nach Compostela und 1727 nach Rom 2045 . Erst Jahre später machte er sich daran, seine Reiseerinnerungen in einem kleinen zweibän‐ digen Manuskript festzuhalten, auf dessen erster Seite nachträglich von anderer Hand der Titel Voyage d’Espangne et d’Italie fait en 1726 et en 1727 par Manier de Noyon, écrit de sa main en 1736 ergänzt wurde 2046 . Der erste Band enthält eine ausführliche Compostela-Beschreibung, die es hier näher zu betrachten gilt. Über den Autor ist nur wenig bekannt. Den Archiven der Gemeinde Carlepont lässt sich entnehmen, dass seine Eltern, einfache Bauern, ihn früh als Waise zurückließen: Die Mutter Marguerite Havet starb 1711, gerade zweiundzwan‐ zigjährig, der Vater Louis Manier 1715, noch vor seinem 40. Lebensjahr 2047 . Der kaum elfjährige Guillaume wurde daraufhin von einem Onkel mütterlicherseits, Jean Hermand, Abt von Bailly, aufgezogen, dem er auch seine (für einen Bau‐ ernsohn zu Anfang des 18. Jahrhunderts) außergewöhnliche Bildung verdanken dürfte - immerhin war er des Lesens und Schreibens kundig und verfügte über grundlegende Lateinkenntnisse 2048 . Aus seinem Voyage d’Espangne geht hervor, dass er den Kriegsdienst absolviert und den Beruf des Herrenschneiders erlernt hatte 2049 . Er war mittelmäßig begütert, besaß ein Wohnhaus mit Schnei‐ derwerkstatt sowie einige Felder, die er vor seinem Aufbruch nach Compostela teils verkaufte, teils in Pacht gab, um sich mit einem bescheidenen Reisebudget von 45 Livres zu versehen 2050 . Als niedriggeborener Handwerker aus der picar‐ 508 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="509"?> 2051 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 1f. - Dies zeigt auch, dass die Frömmigkeits‐ praxis des Pilgerns zumindest im einfachen Landvolk noch immer lebendig war und keineswegs so negativ wahrgenommen wurde, wie es der im vorigen Kapitel anzitierte obrigkeitliche Diskurs über die Eindämmung ihrer missbräuchlichen Formen suggeriert. 2052 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 2. Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm. 1897), S. XXIIIf.; F R A S L I N -D O N A T I N , Un tailleur picard (wie Anm. 2047), S. 35f. - Einer der Pilger, die gerade aus Saint-Claude zurückgekehrt waren, hieß ebenfalls Antoine Delorme; gut möglich, dass es sich um denselben handelt, mit dem Manier kurz darauf nach Compostela aufbrach. 2053 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-5. 2054 Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm. 1897), S. XXXI; I ÑA R R E A L A S H E R A S , L’Espagne (wie Anm. 209), S. 165. - Eine der ersten Beobachtungen in Spanien betrifft die Kleidung der Frauen: Nous avons d’abord vu une quantité de filles et de femmes revêtues chacune de si grande beauté, qu’il semblait être dans un lieu de délices, avec leurs cheveux en nattes, des corsets bleus ou rouges, faites au tour, des visages mignons au delà de ce que l’on peut imaginer. C’est pourquoi je peux dire que cette ville est partagée d’un aussi beau sexe, comme il s’en peut voir de toutes les villes de l’Europe et, au contraire, pour la laideur des hommes. Les femmes ont des manches à la marinière comme les hommes. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 47. - Zwischen Carrión de los Condes dischen Provinz sticht Manier unter den hier betrachteten mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Pilgerberichtautoren, die größtenteils dem Adel oder dem Klerus angehörten und urban sozialisiert waren, deutlich heraus. Das einfache Landvolk machte zwar seit jeher das Gros der Jakobspilger aus, hinterließ jedoch aufgrund mangelnder Alphabetisierung kaum relevantes Schrifttum - insofern stellt Maniers Bericht einen seltenen Glücksfall für die Forschung dar. In seinen ersten Zeilen geht Manier auf die Umstände ein, die ihn zu seiner Reise nach Compostela bewogen: Am 28. Juni 1726 seien vier junge Männer von einer knapp einmonatigen Pilgerfahrt nach Saint-Claude, dem Grabesort des hl. Claudius unweit von Genf, nach Carlepont zurückgekehrt und von der Dorfgemeinschaft feierlich - avec tambours et ensegnes - empfangen worden 2051 . Dieses Ereignis habe in Manier und seinen Freunden Jean Hermand, wahrscheinlich ein Verwandter von ihm bzw. seines gleichnamigen Onkels, und Antoine Delaplace, genannt Delorme, den Wunsch geweckt, selbst eine Pilgerfahrt zu unternehmen: comme l’arrivée de ces petits pèlerins de Saint-Claude avait donné envie à quelqu’un d’en faire un plus long voyage, nous nous sommes trouvés à trois du même sentiment pour aller à Saint-Jacques, en Galice 2052 . Just bevor sie aufbrachen, stieß kurzentschlossen noch ein vierter Gefährte zu ihnen, ein gewisser Antoine Vaudry, genannt Lacouture, Halbbruder von Jean Hermand 2053 . Wie sowohl die vielfältigen in Maniers Bericht erkennbaren Interessen bezeugen, die von Sitten, Aussehen und Kleidung der Einheimischen 2054 über 8.2 Guillaume Manier (1726) 509 <?page no="510"?> und Sahagún beobachtet er: Dans ces quartiers est un beau sexe habillé proprement: taille fine, les manches de leurs chemisettes justes comme celles des hommes en France, leurs poignets de chemise garnis de dentelle noire et sur le tour de la gorge et col, ce qui les fait paraître blanches comme albâtre, quoiqu’elles le soient d’elles-mêmes. Les dames ont des chemises fines garnies de haute dentelle par en bas, d’un demi-pied de haut. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-63. 2055 Die Landschaft um Valladolid beispielsweise lobt er sehr: Toutes les campagnes de ces environs sont plates, unies, belles, fructueuses, odoriférantes pour toutes les bonnes herbes qui y viennent. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-118. 2056 Manier thematisiert sowohl sakrale als auch profane Bauwerke und Infrastrukturen der von ihm besuchten Städte. Zum Teil geht er dabei minutiös auch auf eigentlich belanglose Elemente ein, für die er sich aber aus unerfindlichen Gründen sehr interes‐ siert zu haben scheint: So versäumt er etwa in keiner Stadt, auf die lokalen Brunnen einzugehen, und zu jeder Brücke, die er überquerte, gibt er die genaue Anzahl der Bögen an. Vgl. B O U R L È S , Présentation (wie Anm.-2045), S.-17-19. 2057 Im Eintrag zu San Martín del Camino (bei León) weist er darauf hin, dass man in Spanien beim Kochen gewöhnlich Olivenöl verwende; Butter sei hier ein Luxus, den sich nur die Reichen leisten könnten: nous avons eu pour la pasade une livre de pain et un demi-quart de beurre, qui est dans la peau, comme du boudin, de la même grosseur. C’est ce qui est bien rare dans toute l’Espangne, car il n’y a que les riches qui s’en servent, à cause de la cherté. On se sert d’huile d’olive pour faire la soupe et autre chose. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 67. - In Mansilla de las Mulas lernte er Paprika kennen: Ce fut en cette ville, où nous y avons vu pour la première fois des cosses, en façon de ces grosses gohettes rouges ou haricots que nous voyons en France, qui ne se plantent que par curiosité. C’est poivron, que l’on appelle en Espangne. Il y en a de toutes sortes de couleurs, des rouges, jaunes, noirs, ainsi des autres. La propriété que cela a, c’est que l’on met cela dans la soupe. Cela donne un goût charmant, comme du poivre. Voilà d’où qu’ils les appellent poivron, et pour les garder l’hiver, ils les font confire dans le vinaigre ou atchitte en espagnol. Et il mangent cela avec du pain seul aussi. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 63f. Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm. 1897), S. XXXII; I ÑA R R E A L A S H E R A S , L’Espagne (wie Anm.-209), S.-166. 2058 Geld, vor allem der Mangel an Geld spielt bei Manier eine wichtige Rolle - eine deutlich wichtigere etwa als bei seinen geistlichen Vorgängern Gian Lorenzo Buonafede Vanti und Giacomo Antonio Naia. Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm. 1897), S. XXIX; F R A S L I N -D O N A T I N , Un tailleur picard (wie Anm. 2047), S. 45. - Immer wieder geht Manier genau auf Preise, Währungen, Tauschverhältnisse und wirtschaftliche Besonderheiten der verschiedenen Städte und Regionen ein. In einer Gaststätte bei León etwa wundert er sich, wie gut und zugleich günstig der dort ausgeschenkte Wein sei: On se sert de gobelets de bois pour boire. Plein un de ces gobelets de vin vaut deux liards, qui vaudrait bien dix sols en France, pour l’excellence et la qualité de ces vins qui ne sont pas falsifiés. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 67. Im Eintrag zu Irún notiert er den Preis des lokalen Cidres: Il nous a coûté, chacun 8 sols, qui font 4 réal de plate d’Espangne et 40 sols d’argent de France, im Eintrag zu Ribadeo den Preis für die Überfahrt über die Ría de Ribadeo zwischen Galicien und Asturien: Cette ville est sur le bord de la mer, un des endroits les plus périlleux et à craindre de toute l’Espangnes [sic! ]. Il coûte 2 cuartes natürliche 2055 , architektonische 2056 , kulinarische 2057 und ökonomische 2058 Beson‐ derheiten der verschiedenen Orte bis hin zum politischen Zeitgeschehen 2059 510 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="511"?> [cuartos], qui valent un sol, pour le passage. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 48, 99. In Oviedo erwarb der abergläubige Schneider einige wundertätige Steine: nous fûmes coucher à l’hôpital, où j’ai trouvé un pèlerin de la Biscaye, avec qui j’ai troqué un livre espagnol pour un autre, moyennant trois pierres qu’il m’a données de retour, savoir : deux grosses de Croix, une d’agate bonne pour le mal de tête, la mettant dans un linge sur la tête. Plus, j’ai acheté à un autre pèlerin six ou sept douzaines d’autres pierres de Croix pour 5 ou 6 cuartes [cuartos], don’t l’un vaut 2 liards de France. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 110. Vgl. I ÑA R R E A L A S H E R A S , Texte (wie Anm. 211), S. 363-365. - Seine wichtigste Einnahmequelle auf der langen Reise waren Almosen: Im Eintrag zu Oviedo notiert er beispielsweise: L’évêque du lieu donne à chaque pèlerin 2 cuartes, und im Eintrag zu Madrid: Le même jour [d. h. am 5. Dezember 1726], sur les deux ou trois heures après midi, le roi a sorti du château et de la ville pour aller à la chasse. Quelque quart d’heure avant, son aumônier, fait distribuer à chaque Français 4 coartes [cuartos], qui valent 2 sols de France. Ensuite celui du prince des Asturies donne 2 coartes [cuartos], und ferner: nous fûmes chez le vicaire general, qui nous donna […] une permission pour huit jours dans la ville de pedir la limosna, le tout écrit en abrégé, en espagnol. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-112, 123f., 128. 2059 Im Eintrag zu Bayonne beispielsweise weist er darauf hin, dass Maria Anna von der Pfalz (1667-1740), Witwe Karls II., des letzten spanischen Königs aus der Dynastie der Habsburger, dort in einer Burg gefangen gehalten werde: Ayant traversé le pont, tel que je le dirai, nous sommes parvenus dans le faubourg du côté d’Espangne, où était un fort beau château où demeurait la reine douairière d’Espangne, veuve de Charles-7 [sic! ], qui est une femme haute de six pieds, où elle est gardée par des troupes de France de la garnison de cette ville. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 44. Vor dem Hintergrund des Spanischen Erbfolgekriegs (1701-1714) war die Königinwitwe wegen ihrer erklärten Sympathien für den habsburgischen Prätendenten, Erzherzog Karl von Österreich (1685-1740), der nach dem Tod Karls II. ebenfalls den spanischen Thron beanspruchte, vom neuen spanischen König, Philipp V. (1683-1746) aus dem Hause Bourbon, ins Baskenland nach Bayonne exiliert worden. Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm. 1897), S. XXXV; I ÑA R R E A L A S H E R A S , Religiosité et patriotisme (wie Anm. 208), S. 105. - In Madrid, am 5. Dezember 1726, sah Manier sogar den König selbst, wie er gerade den Palast verließ, um auf die Jagd zu gehen: sur les deux ou trois heures après midi, le roi a sorti du château et de la ville pour aller à la chasse. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 123. - Auch bezeugt er die Folgen der 1725 von französischer Seite annullierten Verlobung zwischen König Ludwig XV. (1715-1774), der wegen seiner schlechten Gesundheit zu fürchten begann, dass er ohne Nachkommen sterben könnte, und der noch sehr jungen (erst siebenjährigen und folglich noch nicht gebärfähigen) spanischen Infantin Maria Anna Viktoria von Bourbon (1718-1781) - ein Ereignis, das nicht nur den äußersten Zorn des spanischen Königshauses, insbesondere der Königin Elisabetta Farnese (1692-1766), erregte, sondern auch im spanischen Volk eine allgemeine Feindseligkeit gegen Frankreich und die Franzosen entstehen ließ: Il nous fut raconté dans cette ville, qu’environ quinze jours après le retour de France de l’infante à Madrid, était arrivée l’histoire suivante. Il suffit de dire que l’infante d’Espangne ayant été renvoyée de France en Espangne, comme chacun sait, à cause de sa trop grande jeunesse, intérieurement cela ne fit pas plaisir au roi son père, mais toutefois il est françois. Cela fit un grand déplaisir à la reine et aux grands d’Espangne […]. La rage si grande de la reine contre la France fit que très souvent, la nuit, l’on trouvait des François égorgés dans 8.2 Guillaume Manier (1726) 511 <?page no="512"?> Madrid, en revanche de la prétendue insulte qu’ils [d. h. die Spanier] avaient reçue. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 133f. Vgl. María Ángeles P É R E Z S A M P E R , Isabel de Farnesio, Barcelona 2003, S. 201f.; Henry K A M E N , Felipe V. El rey que reinó dos veces, Madrid 2000, S.-192f. 2060 Vgl. I ÑA R R E A L A S H E R A S , La peregrinación jacobea como excusa (wie Anm. 208), S. 155; D E R S ., L’Espagne (wie Anm.-209), S.-156, 171. 2061 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-2. 2062 Dass es sich um Spielschulden handeln könnte, vermutet jedenfalls B O U R L È S , Présenta‐ tion (wie Anm.-2045), S.-12. 2063 Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm. 1897), S. XXIII; F R A S L I N -D O N A T I N , Un tailleur picard (wie Anm.-2047), S.-35. 2064 Vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 245: „aparec[e] en lo que escribe como creyente no excesivamente devoto y a veces crédulo“; F R A S L I N -D O ‐ N A T I N , Un tailleur picard (wie Anm. 2047), S. 35f.: „Il faut bien admettre qu’à aucun moment, le jeune picard ne met en avant des motivations de nature religieuse pour reichen, als auch etwa der weite und keineswegs religiös motivierte Umweg nach Madrid auf der Heimreise (dazu unten mehr), waren zweifellos Reiselust und weltliche Neugierde zentrale Motive für die Pilgerfahrt der vier jungen Franzosen 2060 . Ausdrücklich gibt Manier allerdings nur einen Beweggrund an: Dans ce temps, de fréquentes demandes que mon capitaine me faisait pour aller payer des billets qu’il m’avait fait faire, ne me voyant pas en état d’y pouvoir satisfaire si tôt, me firent prendre la résolution de sortir du pays 2061 . Während seines Kriegsdienstes hatte er - vielleicht durch Glücksspiel? - Schulden bei einem Hauptmann angehäuft, die er sich nun außer Stande sah zu begleichen 2062 . Die unverhoffte Gelegenheit einer Pilgerfahrt nach Compostela bot ihm daher einen willkommenen Vorwand, das Land zu verlassen und seinem lästigen Kreditor so (wenigstens für einige Zeit) zu entgehen. Zweifellos wusste er, dass ihm der Pilgerstand einen besonderen, auch juristischen Status verlieh, der seine Güter für die Dauer seiner Abwesenheit vor Pfändung schützte 2063 . Es scheint demnach, dass Manier nicht primär aus christlicher Frömmigkeit nach Compostela aufbrach, sondern aus finanzieller Bedrängnis, ja dass ihm die Religion gar nur als Deckmantel diente, um sich seinen unerquicklichen Verpflichtungen in der Heimat zu entziehen. Auch im Fortgang seines Berichts bleibt der Aspekt des Glaubens eher sekundär: An keiner Stelle weist der junge Schneider ausdrücklich auf den religiösen Charakter seiner Compostelareise hin und spricht von ihr - wie schon im Titel - bezeichnenderweise nur als voyage, nicht als pèlerinage. Nie bringt er seine religiösen Empfindungen zum Ausdruck, nie ruft er Gott oder den Apostel Jakobus um Beistand an, nie soll ihn der Anblick einer Reliquie oder Heiligendarstellung zu Tränen gerührt haben 2064 . Andererseits weist seine 512 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="513"?> expliquer son départ“; I ÑA R R E A L A S H E R A S , Texte (wie Anm. 211), S. 366: „Cependant, l’aspect purement religieux n’est pas vraiment présent dans cette œuvre. On n’y parle pas du trajet vers Galice comme une aventure avec un sens spirituel. On n’y fait pas allusion à Dieu ou à saint Jacques comme des entités surnaturelles objet d’une dévotion profonde. Donc, Manier n’y exprime pas vraiment sa foi. Il n’y a pas un seul moment où celui-ci montre son émotion ou son dévouement comme croyant.“ 2065 Seit 1665 waren französische Pilger verpflichtet, Lizenzen bzw. Geleitbriefe der lokalen Autoritäten bei sich zu führen, die ihre gute Moral und die Rechtmäßigkeit und Aufrichtigkeit ihres Unternehmens bestätigten. So ließen sich auch Manier und seine drei Freunde verschiedene derartige Erlaubnisschreiben ausstellen: eines vom Pfarrer von Carlepont, eines vom Bischof von Noyon (zu dessen Diözese Carlepont gehörte), eines vom Bürgermeister von Noyon und eines schließlich vom Gouverneur von Paris, das für die Einreise nach Spanien erforderlich war. Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-3-6, 15; F R A S L I N -D O N A T I N , Un tailleur picard (wie Anm.-2047), S.-38. 2066 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-2, 5. 2067 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-2f. 2068 Im Eintrag zu León etwa spielt er auf die - in Einleitungskapitel 1.2 kurz behandelte - Grande Chanson des Pèlerins de Saint Jacques an: fûmes chercher la pasade à l’hôpital Saint-Marc, où devant est une croix, dont il est parlé dans la Chanson de S. Jacques, où les pèlerins s’avisent pour prendre le chemin à droite ou à gauche, quoique tous les deux vont à Saint-Jacques. Mais l’on va aussi à Saint-Salvateur, qui veut dire Saint-Sauveur, sur la droite. Nous avons pris d’abord à gauche. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 66. Dieses populäre französische Pilgerlied führt die wesentlichen Stationen einer Pilgerfahrt von Paris bis Compostela auf. Die zwölfte Strophe erwähnt die Wegzweigung bei León: Quand nous fûmes hors de la Ville, / Près de Saint Marc, / Nous nous assîmes tous ensemble / Près d’une Croix, / Il y a un chemin à droite / Et l’autre à gauche, / L’un mène à Saint Salvateur / L’autre à Monsieur Saint Jacques. La Grande Chanson (wie Anm. 72), S. 6f. Vgl. I ÑA R R E A L A S H E R A S , Carrefour intertextuel (wie Anm. 211), S. 238; D E R S ., L’Espagne (wie Anm. 209), S. 164. - Allgemein zu dieser bei französischen Jakobspilgern beliebten Textsammlung vgl. Ignacio I ÑA R R E A L A S H E R A S , Lecturas del peregrino jacobeo francés: Les chansons des pèlerins de S. Jacques, in: Cuadernos de Investigación Filológica 27-28 (2001-2002), S.-43-62. 2069 Siehe weiter unten im Text das Beispiel aus dem Eintrag zu Burgos. - Heiltumslisten scheint sich Manier sowohl in Compostela als auch in Oviedo gekauft zu haben. Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 89-94, 102-108. In Compostela ließ er sich die offizielle Pilgerurkunde der Kathedrale ausstellen. Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-75f. Reise doch sämtliche typischen Elemente einer Jakobuspilgerfahrt auf: Er holte alle erforderlichen Lizenzen und Geleitbriefe ein 2065 , suchte vor seiner Abreise aus Carlepont einen Beichtvater auf und wohnte der Messe bei 2066 , ließ sich Reisekleidung und einen Pilgerstab anfertigen 2067 , kannte volkstümliche Pilger‐ lieder 2068 , erwarb Devotionalien, Pilgerurkunden und Heiltumszettel 2069 . Auch legt er ein zentrales Augenmerk seines Berichts auf die von ihm aufgesuchten loca sancta: Ob Poitiers, Saintes oder Bordeaux, Santo Domingo de la Calzada, Burgos oder Oviedo, stets beschreibt Manier mit großem Detailreichtum die 8.2 Guillaume Manier (1726) 513 <?page no="514"?> 2070 Zu den genannten Städten vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 24f., 27-29, 31-38, 53-61, 102-110. Vgl. auch V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 245: „Los edificios que describe son casi siempre iglesias, y en ellas se fija en las imágenes de los altares y en las reliquias“; B O U R L È S , Présentation (wie Anm. 2045), S. 22f.: „l’Espagne dont il nous parle ressemble surtout à une impressionnante compilation de monuments religieux, églises, chapelles, cathédrales, monastères et j’en passe, qui entraînent une surenchère dans l’exaltation des reliques ! […] Faussement intitulé Voyage, ce récit est à mes yeux un authentique pèlerinage dans lequel le patrimoine architectural religieux joue pleinement son rôle de phares et balises sur en chemin parsemé d’embûches. À ce train, les villes espagnoles sont très souvent ignorées, Burgos en est l’exemple type, mais, malgré quinze pages de descriptions - dont cinq de reliques -, Compostelle ne sera guère mieux traitée.“ 2071 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 53-55. - Dabei erzählt er auch, wie der Richter für die ungerechte Verurteilung des Pilgers bestraft wurde, ein Detail, das in anderen Fassungen des Galgen- und Hühnermirakels unerwähnt bleibt: Et pour punition du juge, il y eut un jugement rendu contre lui et ses successeurs, qu’ils porteraient au col une corde pour ressouvenir de ce jugement. Ce qui s’est pratiqué longtemps, et depuis la chose s’est adoucie : ils portent un ruban rouge et donnent à souper tous les jours à un pèlerin, en reconnaissance. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 55. Außerdem bezeugt er, dass man in der Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada jeweils zwei oder drei Federn der angeblichen Nachfahren der beiden Wunderhühner an die Pilger verteilte, die diese sich an den Hut zu stecken pflegten. 2072 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-58. 2073 Vgl. B O U R L È S , Présentation (wie Anm.-2045), S.-8f. 2074 Auch ihm wurde zuweilen an unterschiedlichen Orten jeweils die vermeintlich selbe Reliquie gezeigt. jeweiligen Sakralbauten und dort insbesondere die Altäre und Reliquiare 2070 . Im Eintrag zu Santo Domingo de la Calzada etwa, für dessen Besuch er auf der Hinreise nach Compostela einen erheblichen Umweg in Kauf nahm, gibt er - wie fast alle Berichtautoren - eine Fassung des Galgen- und Hühnermirakels wieder und weist auf den daran erinnernden Hühnerkäfig in der Kathedrale hin 2071 . Im Eintrag zu Burgos geht er sehr ausführlich - über fünf Seiten - auf den Heiltumsschatz und das berühmte Erlöserbildnis der Kathedrale ein; zudem erwarben er und Delorme, alias Antoine Delaplace, vor Ort einige Pilgerandenken: Nous avons acheté des petits christs de papier et trois d’argent : Delorme deux et moi un, le tout 22 sols. Ils ont touché au Saint-Christ 2072 . Skepsis und Zweifel in Glaubensdingen waren dem picardischen Schneider fremd 2073 ; insbesondere die Echtheit von Reliquien stellt er trotz aller eklatanten Widersprüche 2074 an keiner Stelle in Frage, vielmehr scheint er sich ihnen stets, wie Jean-Claude Bourlès bemerkt, mit geradezu kindlicher Naivität genähert zu haben: „Qu’importe […] si ce sont les mêmes - ou peu s’en faut - qui l’attendent plus loin ! Il voit, note, paie son écot et marche vers la vingtième couronne d’épines du Christ, qu’il approchera avec le même regard d’enfant porté sur la 514 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="515"?> 2075 B O U R L È S , Présentation (wie Anm.-2045), S.-16. 2076 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-5f., 15. 2077 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 16. - Zur Via Turonensis vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-235f. 2078 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-16-23. 2079 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 23-38; B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm. 1897), S. XXVI; I ÑA R R E A L A S H E R A S , La peregrinación jacobea como excusa (wie Anm.-208), S.-155f. 2080 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-38-47. première“ 2075 . Obwohl er nicht zuerst des Glaubens - sondern eines Gläubigers - wegen nach Compostela aufbrach und weder seine Religiosität noch den religiösen Charakter seiner Reise jemals ausdrücklich zum Gegenstand seines Berichts macht, lassen die genannten Elemente doch schließen, dass Manier zweifellos ein gläubiger Katholik war und seine Pilgerfahrt zumindest auch devotionis causa unternahm. Manier und seine Gefährten Hermand, Delorme und Lacouture traten ihre Reise am 26. August 1726 an; nach zwei Tagen erreichten sie Paris, wo sie sich vom Gouverneur der Stadt, dem Herzog von Gèvres, den für die Einreise nach Spanien notwendigen Geleitbrief ausstellen ließen, dessen Wortlaut Manier in seinem Bericht sorgfältig wiedergibt 2076 . Am 31. August verließen sie die fran‐ zösische Kapitale in südlicher Richtung und schlugen die bereits im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi beschriebene Via Turonensis ein, den nördlichsten der vier traditionellen von Frankreich ausgehenden Jakobswege 2077 . So kamen sie über Antony und Étampes nach Orléans und folgten von dort dem Verlauf der Loire bis Blois und Amboise 2078 . Ausgerechnet aber das namengebende Tours, die Stadt des hl. Martin, betraten sie nicht, sondern zogen östlich daran vorbei und begaben sich geradewegs nach Châtelerault und Poitiers, weiter nach Saintes und über Pons und Blaye nach Bordeaux, wo sie sich über eine Woche, vom 19. bis zum 27. September, aufhielten, weil einer von ihnen - wer, verrät Manier nicht - schwer erkrankt war und seine Genesung trotz Aderlasses in Blaye auf sich warten ließ 2079 . Südlich von Bordeaux, bei der Ortschaft Lesperon, verließen die vier jungen Pilger die Via Turonensis: Statt - wie im Liber Sancti Jacobi vorgesehen - nach Ostabat, Saint-Jean-Pied-de-Port und über den Cisapass nach Puente la Reina, Anfangspunkt des Camino Francés, reisten sie entlang der baskischen Atlantikküste, kamen nach Bayonne und Saint-Jean-de-Luz und betraten spanischen Boden bei Irún 2080 . Ihr Reiseverlauf diesseits der Pyrenäen - einschließlich der erwähnten Abweichungen von der Via Turonensis - entspricht derjenigen Route, die wohl die meisten nordfranzösischen oder über Nordfrankreich reisenden Jakobspilger seit dem späten Mittelalter nahmen 2081 - so beispielsweise auch Antoine de 8.2 Guillaume Manier (1726) 515 <?page no="516"?> 2081 Vgl. I ÑA R R E A L A S H E R A S , Étude des itinéraires (wie Anm. 73), S. 23f. - Einer der ersten Pilger, die diese neue Route dokumentierten, dürfte der armenische Bischof Martir aus Arzendjan gewesen sein, der in den Jahre 1489 bis 1496 durch Europa reiste und zahlreiche bedeutende Pilger- und Devotionszentren besuchte, darunter auch Compostela. Vgl. H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-129-134. 2082 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-131-148. 2083 Siehe Kapitel 1.2. - Zur ‚Niederstraße‘ vgl. Künig von Vach, Die Straß (wie Anm. 73), S. 95-103, 108f. Vgl. auch H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm. 10), S. 65-67. - Bei Le chemin de Paris a Sainct Jaques en galice dit Compostelle et combien il y a de lieues de ville en ville handelt es sich um einen anonymen Wegführer aus der Sevillaner Bibliothek des Humanisten, Vielreisenden und Bibliographen Fernando Kolumbus (1488-1539), des unehelichen Sohns von Christoph Kolumbus (1451-1506). Die Schrift enthält keine Hinweise auf Ort und Jahr der Veröffentlichung, wohl aber einen Vermerk des Kaufjahres 1535. Verbreiteter dürfte der andere genannte Wegführer gewesen sein: Charles Estienne, Nouvelle guide des chemins pour aller & venir par tous les pays & contrées du Royaume de France. Plus Le chemin de Jerusalem, Romme & autres lieux de la terre saincte, Paris 1583. - Weitere Belege für diese Route bietet I ÑA R R E A L A S H E R A S , Étude des itinéraires (wie Anm. 73), S. 24-29. Vgl. auch V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 233f.; F R A S L I N -D O N A T I N , Un tailleur picard (wie Anm.-2047), S.-38f. 2084 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 47-55. - Zu diesem Reiseabschnitt vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et-al., Peregrinaciones 2 (wie Anm.-428), S.-31-33. 2085 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-56-95. 2086 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-95-101. Lalaing, als er 1501 im Gefolge Philipps des Schönen nach Spanien ritt 2082 . Es ist im Wesentlichen dieselbe Route, die sich sowohl im deutschen Pilgerführer des Hermann Künig von Vach - als ‚Niederstraße‘ - dokumentiert findet als auch in verschiedenen französischen Itineraren des 16. Jahrhunderts wie dem anonymen Le chemin de Paris a Sainct Jaques en galice dit Compostelle et combien il y a de lieues de ville en ville (um 1535) oder der weit verbreiteten Nouvelle Guide des Chemins (1583) von Charles Estienne 2083 . Der Gedanke, dass der lesekundige Manier ein solches Itinerar bei sich hatte, ist sicherlich nicht abwegig. In Spanien schlugen die vier jungen Männer zunächst den direkten Weg nach Burgos ein, kamen durch Hernani, Tolosa, Vitoria und Miranda de Ebro, bogen bei Pancorbo jedoch scharf nach Südosten ab und nahmen einen großen Umweg nach Santo Domingo de la Calzada, angezogen von den Berichten über das Galgen- und Hühnerwunder 2084 . Von dort folgten sie dem traditionellen Camino Francés bis Compostela, das sie an Allerheiligen 1726 erreichten und nach nur vier Übernachtungen schon wieder verließen 2085 . Über den Camino del Norte zogen sie sodann nach Ribadeo und weiter, die Kantabrische Küste zu ihrer Linken, nach Avilés 2086 . Wenige Meilen vor der Stadt bogen sie südwärts ins Landesinnere ein und kamen nach Oviedo, wo der reiche Heiltumsschatz der Kathedrale San Salvador, wie bereits erwähnt, großen Eindruck auf Manier 516 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="517"?> 2087 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-101-112. 2088 León erreichten die jungen Pilger über Mieres, Pola de Lena, Santa María de Arbas, Pola de Gordón und La Robla. Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 113-115. Es handelt sich um dieselbe Route, die diejenigen Pilger gewöhnlich (in entgegengesetzte Richtung) nutzten, die auf dem Camino Francés nach Compostela unterwegs waren, vorher aber einen Abstecher nach Oviedo machen wollten, um den dortigen Erlöserre‐ liquien zu huldigen. Vgl. I ÑA R R E A L A S H E R A S , L’Espagne (wie Anm.-209), S.-158. 2089 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-116-122. 2090 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 138. - Im Laufe der Reise war es schon mehrfach vorgekommen, dass sich die jungen Pilger stritten, mitunter auch trennten und schließlich doch wieder versöhnten. Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 31, 45, 49f., 61, 99f. 2091 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-138-145. 2092 Vgl. F R A S L I N -D O N A T I N , Un tailleur picard (wie Anm. 2047), S. 41: „Son séjour en Espagne dure 83 jours. Il voyage effectivement pendant 73 jours soit seulement 10 jours de repos sur un trajet de presque 3 mois à pied. Pendant ce temps il parcourt environ 2070 km à une Moyenne de 28-km par jour.“ 2093 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-147-149. 2094 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-149-153. machte 2087 . Bei León 2088 betraten sie noch einmal den Camino Francés, ließen ihn jedoch bereits nach wenigen Meilen, bei Mansilla de las Mulas, hinter sich, um nach Valladolid und Madrid weiterzuziehen 2089 . Von dort führte ihre Reise ohne bedeutende Umwege zurück in die Heimat. Als sie in die kleine Stadt Ágreda an der Grenze zu Aragonien kamen, trennte sich Manier unversehens, pour raison connue à moi (er will den Grund offenbar nicht verraten), von seinen Begleitern - zweifellos hatten sich die jungen Männer wieder einmal zerstritten 2090 . So reiste er, ganz auf sich allein gestellt, über Tudela und Pamplona nach Roncesvalles weiter, verbrachte dort den Heiligen Abend und überquerte anschließend auf dem Ibañeta-Pass die Pyrenäen nach Frankreich 2091 . Insgesamt war Manier 83 Tage in Spanien gewesen und hatte 2070 Kilometer dort zu Fuß zurückgelegt 2092 . In Bayonne, am Neujahrstag 1727, fand er durch Zufall seine alten Reisegefährten wieder: Nach anfänglichen Animositäten (me firent froide mine) versöhnten sie sich wieder (sommes mis bons amis) und schlugen zusammen dieselbe Route ein, die sie auf dem Hinweg in entgegenge‐ setzte Richtung genommen hatten 2093 . So kamen sie am 12. Januar abermals nach Bordeaux und am 22. Januar nach Saintes - hier reißt der Bericht ab 2094 . Allerdings besteht kein Zweifel daran, dass die Pilgergruppe wohlbehalten in ihr picardisches Heimatdorf zurückkehrte: Den örtlichen Archiven lässt sich nämlich entnehmen, dass Antoine Delaplace (Delorme) noch 1727 bei der Taufe eines Neffen Pate stand, sich 1731 eine Frau nahm und 1776 in hohem Alter starb; auch Jean Hermand ist für 1727 als Taufpate bezeugt 2095 . Manier dagegen scheint nicht mehr aktenkundig geworden zu sein; jedoch enthalten seine 8.2 Guillaume Manier (1726) 517 <?page no="518"?> 2095 Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm. 1897), S. XXXVI; B O U R L È S , Présenta‐ tion (wie Anm.-2045), S.-26f. 2096 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 112. - Gemäß dem nachträglich von anderer Hand zugefügten Titel seines Reisetagebuchs (Voyage d’Espagne et d’Italie fait en 1726 et en 1727 par Manier de Noyon, écrit de sa main en 1736) ließ er sich später wohl in Noyon nieder. 2097 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-126-128. 2098 Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm.-1897), S. XXXVII. 2099 Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm.-1897), S. XXXVII; B O U R L È S , Présenta‐ tion (wie Anm.-2045), S.-27f. 2100 Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm.-1897), S. XXXVIf. 2101 Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm. 1897), S. XXXVIII. - Zur Sammlung von Victor de Beauvillé vgl. Recueil de documents inédits concernant la Picardie publiés (d’après les titres originaux conservés dans son cabinet) par Victor de Beauvillé de la Société Impériale des Antiquaires de France, 2 Bde., Paris 1860 (Bd. 1)/ 1867 (Bd. 2); Aufzeichnungen einige Vorausdeutungen, die schließen lassen, dass auch er nach Carlepont zurückkehrte: Im Eintrag zu Oviedo beispielsweise erwähnt er einen Rosenkranz de bois rouge, d’une beauté peu commune, que j’ai donné à la femme de Lescuru de Carlepont, à mon retour 2096 . Manier pilgerte noch im selben Jahr nach Rom; eine dafür notwendige Lizenz hatte er sich bereits vom Nuntius des Papstes in Madrid ausstellen lassen 2097 . Wie eingangs erwähnt, machte er sich erst 1736 daran, seine Reisememoiren schriftlich auszuarbeiten. Bei dem überlieferten Dokument handelt es sich um zwei zusammengehörige Bände im Duodez-Format von jeweils 225 Seiten; die ersten 131 Seiten des ersten Bandes enthalten den hier interessierenden Voyage d’Espangne; es folgen einige leere Seiten und schließlich der Voiage d’Italie et de Rome, der sich im zweiten Band fortsetzt 2098 . Dessen Titel Receuille et suitte du voiage de Rome et autre fait par Manier les années 1726, 1727 et 1736 legt die Vermutung nahe, dass Manier 1736 noch eine dritte Reise unternahm, von der er ebenfalls berichten wollte - was ihm jedoch aus heute unerfindlichen Gründen nicht mehr möglich war 2099 . Tatsächlich ist nicht einmal die Italienreise abschließend beschrieben; der Text bricht im Eintrag zu Flavigny (Burgund), wo sich Manier am 13. Juni 1727 aufhielt, mit der Überschrift Mémoire des Reliques unversehens ab - man kann nur mutmaßen, ob Manier auf seiner letzten Reise etwas zustieß, wodurch er sein Buch nicht mehr vollenden konnte, oder ob nicht vielleicht ein verschollener dritter Band noch immer seiner Entdeckung harrt 2100 . Was nach 1736 mit der Handschrift geschah, lässt sich nicht rekonstruieren; sicher ist nur, dass sie über ein Jahrhundert später von Victor de Beauvillé (1817-1885) erworben wurde, einem Staatsanwalt aus Montdidier, der historische Dokumente aus der Picardie sammelte 2101 . Dieser vertraute sie dem Archivar und Paläographen Marie Louis Xavier de Bonnault 518 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="519"?> Louis D O U Ë T D ’A R C Q , Recueil de documents inédits concernant la Picardie, par Victor de Beauvillé, in: Bibliothèque de l’École des chartes 22 (1861), S.-281-293. 2102 Die bereits zitierte Ausgabe: Guillaume Manier, Pèlerinage d’un paysan picard à S t Jacques de Compostelle, au commencement du XVIII e siècle, hg. von Xavier de B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Montdidier 1890. - Der Voiage d’Italie et de Rome ist bis heute unveröffentlicht. Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm. 1897), S. XXXVIII; F R A S L I N -D O N A T I N , Un tailleur picard (wie Anm.-2047), S.-35. 2103 Vgl. I ÑA R R E A L A S H E R A S , La peregrinación jacobea como excusa (wie Anm. 208), S. 155; D E R S ., Carrefour intertextuel (wie Anm.-211), S.-232. 2104 Vgl. B O U R L È S , Présentation (wie Anm. 2045), S. 16: „Est-il utile de répéter que ces souvenirs ont été écrits avec un recul de dix ans, avec un recours certain aux ‘guide touristiques’, et l’apport d’une maturité enrichie par d’autres experiences pèlerines ? “ 2105 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 124; B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm.-1897), S. XXXVf. 2106 I ÑA R R E A L A S H E R A S , Carrefour intertextuel (wie Anm. 211), S. 232, identifiziert ver‐ schiedene literarische Einflüsse, die, wie er glaubt, auf Maniers spätere Lektüren zurückzuführen seien: „on trouve un groupe de textes qui n’ont vraiment rien à voir avec l’aventure réelle d’un pèlerinage. Ils sont la manifestation d’un autre type de voyage, de nature plutôt littéraire. Ils se situent donc dans un domaine constitué seulement par la lecture et l’écriture réalisées par Manier, beaucoup de temps après son aventure espagnole.“ d’Houët (1847-1923) für die Erstellung einer Edition des Voyage d’Espangne an, die 1890 erschien und bis heute als einschlägig gilt 2102 . In Anbetracht der langen Zeit, die bis zur Berichtserstellung vergangen war, dürfte sich Manier dabei nicht allein auf sein Gedächtnis verlassen haben. Obwohl der Text selbst keine expliziten Hinweise darauf gibt, kann man daher mit großer Sicherheit annehmen, dass auch er sich, wie die meisten Berichtautoren, bereits während seiner Reise Notizen machte, die er später für die Ausarbeitung des uns vorliegenden Textes heranzog 2103 . Zugleich bedingt der große zeitliche Abstand eine deutlich erkennbare Diskontinuität zwischen seinem (zweiundzwanzigjährigen) erlebenden Ich und seinem (zweiunddreißig‐ jährigen) berichtenden Ich: Das Letztere tritt im Text immer wieder durch sein Mehrwissen gegenüber dem Ersteren hervor 2104 . So flicht Manier zahlreiche antizipatorische Hinweise in seinen Text ein, auch auf Ereignisse, die sich erst Jahre nach der Reise zutrugen: Er markiert etwa, wenn eine erwähnte Person aus seinem Dorf zwischenzeitlich starb, und im Eintrag zu Madrid schreibt er, dass der spanische Infant Don Carlos, den er in persona gesehen haben will, später Herzog von Parma (1731-1735) und König von Neapel (1735-1759) wurde 2105 . Zudem unterfüttert er seine Reiseerfahrungen durch erst später angelesenes Buchwissen und übernimmt sogar ganze Passagen aus anderen Werken, die er vermutlich nicht schon vor oder während der Reise, sondern erst danach eigens für die Ausarbeitung des Berichts konsultierte 2106 . 8.2 Guillaume Manier (1726) 519 <?page no="520"?> 2107 Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm. 1897), S. XXVIf. - Jedoch identifiziert B O N N A U L T D ’H O U Ë T den Autor des Voyage de France irrtümlich mit Olivier de Varen‐ nes, dem Verleger der 1639 erschienenen Erstausgabe. Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 6f., Anm. 5. Vgl. auch I ÑA R R E A L A S H E R A S , La peregrinación jacobea como excusa (wie Anm.-208), S.-157, Anm.-17. 2108 Claude de Varennes, Le Voyage de France, dressé pour la commodité des François et des Estrangers. Avec une description des chemins pour aller & venir par tout le Monde, trés-necessaire aux Voyageurs. Et un Memoire des Reliques qui sont dans le Tresor de Saint Denys en France, Paris 1687. Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 7, Anm. 1; S.-12, Anm.-2. 2109 Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm. 1897), S. XXVIf.; I ÑA R R E A L A S H E R A S , Carrefour intertextuel (wie Anm.-211), S.-240-243. 2110 Vgl. I ÑA R R E A L A S H E R A S , Carrefour intertextuel (wie Anm. 211), S. 232, 240-243. - Zum Plagiatsbegriff vgl. Gérard G E N E T T E , Palimpsestes. La littérature au second degré, Paris 1982, S.-8. 2111 Man denke hier auch etwa an den in Kapitel 1.2 erwähnten Fall der Marie-Cathe‐ rine d’Aulnoy: Den Inhalt ihrer beiden Reisebeschreibungen Mémoires de la cour d’Espagne (1690) und Relation du voyage d’Espagne (1691) übernahm sie größtenteils aus früheren Werken und der Gazette de France. Vgl. F O U L C H É -D E L B O S C , Madame d’Aulnoy (wie Anm.-137), S.-48f., 56. Vor allem machte Manier - wie schon Bonnault d’Houët aufzeigt - vielfachen Gebrauch von dem damals in Frankreich weit verbreiteten Reiseführer Le Voyage de France, dressé pour la commodité des François et des Estrangers (1639), verfasst von dem Geistlichen Claude de Varennes († 1672) 2107 . Bei der Nieder‐ schrift seines Berichts dürfte ihm die Ausgabe von 1687 vorgelegen haben 2108 . Durch einen aufmerksamen Vergleich der beiden Texte lässt sich zweifelsfrei nachweisen, dass Manier insbesondere in seinen Stadtbeschreibungen (Paris, Orléans, Blois, Poitiers, Bordeaux etc.) zahlreiche Passagen von Claude de Va‐ rennes wörtlich kopierte oder - häufiger - mit leichten Änderungen adaptierte, einschließlich darin enthaltener Fehler und bereits veralteter Angaben 2109 . Ihre geistige Herkunft macht er dabei nicht transparent, er nennt weder Autor noch Titel seiner Quelle und lässt somit alles wie eigene Reiseerfahrung, eigene empirische Kenntnisse und Erlebnisse erscheinen. Was heute für einen schweren Plagiatsfall erachtet würde, war damals herkömmliche Praxis 2110 . Ähnliches ließ sich bereits bei Gian Lorenzo Buonafede Vanti und Giacomo Antonio Naia beobachten, die beide vielfach Domenico Laffis Viaggio in Ponente zitieren, ohne dies immer entsprechend zu kennzeichnen 2111 . Der Voyage de France war Manier freilich nur für die Abschnitte über Frankreich von Nutzen - hier erscheinen die Übernahmen derart weitreichend, dass man fast von einer Verschmelzung oder Amalgamierung zweier verschiedener Reisen bzw. Reiseberichte sprechen könnte 2112 . Für die Untersuchung seiner Compostela-Be‐ 520 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="521"?> 2112 Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm. 1897), S. XXVII; I ÑA R R E A L A S H E R A S , La peregrinación jacobea como excusa (wie Anm.-208), S.-157f. 2113 Ein kurzer Auszug zur Illustration: Le 26 [octobre 1726], à Villefranque [Villafranca del Bierzo], petite ville, où nous avons été fort bien couchés à l’hôpital. Cette ville est environnée de montagnes. Le 27, avant partir, nous ont donné du pain et du calde [caldo] ou du bouillon. Ensuite sommes allés à Perecq [Pereje] ; à Vaccalelle [Valcarce] ; à Portelle [La Portela de Valcarce] ; à Embassmesstre [Ambasmestas] ; à la Besgues [Vega de Valcarce] ; à Roytalant [Ruitelán] ; à la Cararie [Las Herrerías], où nous avons couché. Le 28, à Liamas [Las Lamas] ; à Falnouun [La Faba] ; à la Lagoune [Laguna de Castilla] ; à Sesbraire [O Cebrero] ; à Lignard [Liñares] ; à l’Hôpital de la Comtesse [Hospital da Condesa], où les maisons sont couvertes de chaume relié, de distance à autre, comme des cerceaux sur le toit. De là, sommes allés à la Marciespadormelle [Padornelo] ; à Fomfiet [Fonfría], où nous avons couché. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), 69. Vgl. zudem B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm. 1897), S. XXVI: „au cours d’un voyage de quatre mois, il avait pris soin de noter chaque jour tous les endroits par lesquels il passait : les bourgs, les villages, jusqu’aux moindres hameaux. Il n’aurait pu trouver dans aucun guide un itinéraire aussi détaillé. Il n’en existe pas de pareil, même aujourd’hui [d.-h. 1890]. […] il suffit d’avoir voyagé, même plus confortablement que ce pèlerin, pour savoir qu’a de méritoire un journal aussi fidèlement tenu jour par jour, heure par heure.“ 2114 Vgl. I ÑA R R E A L A S H E R A S , Texte (wie Anm.-211), S.-354. 2115 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-61, 68-70. 2116 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-154-161. 2117 Je vous remercie übersetzt Manier beispielsweise mit Bon provéche, Une belle personne mit On goape ningoune, Jaque mit Tiago, Dominique mit Omigo, Une noix mit Notche und Voleur einmal richtig mit Ladronne, einmal aber auch mit dem faux ami Volador. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-155-160. schreibung ist der behelfsweise herangezogene Reiseführer indes nicht weiter von Belang. Maniers Bericht ist sowohl zeitlich als auch räumlich strukturiert: Er weist eine lückenlose chronologische Gliederung nach Tagesdaten auf und verzeich‐ net zugleich alle passierten Stationen - in Summe 480 -, ohne jedoch die dazwi‐ schenliegenden Distanzen anzugeben 2113 . Zahlreiche Toponyme, insbesondere die spanischen und baskischen, fallen durch ihre abwegige Schreibweise auf: Unvertraut mit Aussprache und Schrift des Spanischen und Baskischen, ver‐ suchte Manier offensichtlich, mündlich vernommene fremdsprachliche Wörter phonetisch ins Französische zu transkribieren - was teils zu recht verwunder‐ lichen Ergebnissen führte 2114 : So gibt er Astorga etwa mit Sturgues, O Cebrero mit Sesbraire und Portomarín mit Pontmarin wieder, und das wohl schwer auszusprechende Castrojeriz deformiert er lustigerweise gar zu 4 Souris 2115 ! Linguistisch interessant erscheint auch ein paratextuelles Element, welches der Handschrift im Schlussteil beigegeben ist: ein zweispaltiges Glossar mit dem Titel Raport d’une partie de la langue espagnolle 2116 . Es umfasst 221 Einträge, viele davon fehlerhaft 2117 ; die rechte Spalte enthält - in französischer Transkription - 8.2 Guillaume Manier (1726) 521 <?page no="522"?> 2118 Allgemein zum Inhalt dieses Glossars bzw. zu den semantischen Bereichen, die es abdeckt, vgl. I ÑA R R E A L A S H E R A S , Texte (wie Anm.-211), S.-358-367. 2119 Man kann in seinem Tagebuch beobachten, wie er allmählich mit dem Spanischen vertraut wurde. Deutlich wird dies, wenn man seine ersten Interaktionen mit der ein‐ heimischen Bevölkerung kurz nach Übertreten der Landesgrenze einmal mit späteren Episoden vergleicht. So wollten sich die vier picardischen Pilger am 6. Oktober 1726 in Irún etwas zu essen kaufen, [m]ais notre plus grand embarras, c’est d’avoir perdu tout à coup l’usage de la langue française et d’entendre pas parler, même espagnol, mais biscayen, langue plus difficile que l’alemant. Nous fûmes obligés de demander notre nécessaire par signes, comme des muets. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 48. Am 19. Dezember 1726 hingegen, als er auf dem Rückweg nach Frankreich ins navarresische Arguedas kam, traf er auf einige Bauern, mit denen er ein kurzes Gespräch auf Spanisch zu führen imstande war, bevor sie ihn schließlich auszurauben versuchten: Lorsqu’ils m’eurent joint, ils m’ont demandé en leur langue : « Seignor pelegrino, eyoste esto francise ? -» / «-Monsieur le pèlerin, êtes-vous François ? » - «-Non, Seignor. » / «-Non, Monsieur. » - « Douquel tiere eyoste? » / « De quel pays êtes-vous ? » - « Seignor, eyo sou savoyart. » / « Monsieur, je suis savoyard. » - « Se sont boyna cristiane. » / « Ce sont de bons chrétiens. » Cependant ils se disaient les uns aux autres, c’est un François. Ils me demandent : « Eyosté tingo el caracq in calsonne ? » / « Avez-vous de quoi en culotte ? » Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 139f. Dies ist der einzige vollständig auf Spanisch wiedergegebene Dialog in Maniers Bericht. 2120 Auch I ÑA R R E A L A S H E R A S , Texte (wie Anm. 211), S. 367, zufolge zeigt gerade das Glossar, dass Manier seinen Bericht schrieb, „pour guider et aider un futur et hypothétique voyageur en Espagne“. jeweils einen spanischen Ausdruck, die linke die französische Entsprechung 2118 . Einige der Vokabeln haben als spontane lexikalische Entlehnungen auch Ein‐ gang in den Bericht gefunden. Beides, das angehängte Glossar und die Präsenz des Spanischen im Bericht selbst, spiegelt die Bemühungen des Autors wider, sich im Laufe der Reise das fremde Idiom anzueignen 2119 . Das Glossar könnte zudem einen Hinweis auf die zugrundeliegende Schreib‐ absicht geben, die Manier an keiner Stelle seines Berichts ausdrücklich thema‐ tisiert: Wozu nämlich hätte er ein solches Vokabelverzeichnis mit immerhin 221 Einträgen anfertigen oder vielleicht auch nur von einer früheren Vorlage kopieren sollen, wenn nicht, damit es anderen Pilgern als Verständigungshilfe diene 2120 ? Man kann weiter fragen: Wozu hätte er auch im Berichttext die meisten spontan entlehnten spanischen Ausdrücke jeweils um ihre französische Entsprechung ergänzen sollen, wenn nicht, um ihn für französische Leser zugänglich zu machen, die mit dem Spanischen nicht vertraut waren? Und wozu hätte er sich die Mühe machen sollen, ganze Passagen aus anderen Reise‐ beschreibungen - wie Claude de Varennes’ Voyage de France - zu übernehmen, wenn sein Bericht ihm nur als private Gedächtnisstütze dienen sollte? Auch wenn der Text keine Publikationsabsicht erkennen lässt und in seinem rohen, wenig elaborierten Zustand, mit seinen vielen fehlerhaften Angaben und ohne 522 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="523"?> 2121 Vgl. F R A S L I N -D O N A T I N , Un tailleur picard (wie Anm. 2047), S. 34f.: „Ce journal […] n’émane pas d’un habitué de l’écriture. C’est ce qui en fait ses qualités et ses défauts. Il est brut. Guillaume Manier raconte ce qu’il a vécu ou vu sans jamais entrer dans les longues narrations. L’intérêt d’une telle relation est qu’elle ne peut guère être soupçonnée d’avoir été enjolivée à des fins littéraires. Par contre on aurait parfois souhaité que l’auteur soit un peu plus précis dans les descriptions des lieux traversés.“ 2122 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 154, Anm. 1. Vgl. zudem I ÑA R R E A L A S H E R A S , Texte (wie Anm.-211), S.-357: Maniers Bericht sei „pas seulement une narration de son aventure personnelle, mais aussi un guide conçu avec un but pratique“; D E R S ., Carrefour intertextuel (wie Anm. 211), S. 244: „Il est surtout, probablement, une sorte de guide adressé par l’auteur aux futurs pèlerins français de Compostelle. Peut-être, il a été conçu pour les autres jeunes de son village, si l’on tient compte qu’il n’a jamais été publié.“ 2123 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-72. jede Adressierung einer Leserinstanz sicherlich auch nicht publizierbar gewesen wäre 2121 , scheint Manier demnach nicht nur für sich selbst geschrieben zu haben. Bonnault d’Houët nimmt an, dass er seinen Bericht „à l’usage des voyageurs de sa condition“ erstellt habe - vielleicht wollte er seine Reiseerfahrungen auf diesem Wege an andere Jakobspilger aus seinem Dorf weitergeben 2122 . Dem hier interessierenden Eintrag zu Compostela stellt Manier eine knappe Schilderung seiner Ankunft auf dem Monte do Gozo voran, von wo aus sich ihm ein erster Blick auf die Türme der Kathedrale darbot: Du premier de ce mois [d. h. am 1. November 1726], sommes allés à Umesnard, qui est dans un fond ; puis on monte une montagne pour aller à Lavacouille [Lavacolla] ; à la Fouguere [Fabnega] ; à Saint-Marc [San Marcos]. J’ai pris l’avance une lieue, seul, pour voir le premier le clocher, ce que j’ai vu. Il y a trois clochers de pierre, savoir : celui des Jésuites, fait par les Anglais, dont l’église n’est pas loin de celle de Saint-Jacques ; cette église est une de celles que l’empereur Charlemagne a fait faire ; celle de Saint-Jacques a deux clochers faits dans le même gout. L’ayant aperçu, j’ai jeté mon chapeau en l’air, faisant connaître à mes camarades, qui étaient derrière, que je voyais le clocher. Tous, en arrivant à moi, ont avoué que j’étais le roi. Nous sommes arrives ensemble à Talatte, qui n’est qu’à un quart de lieue de Compostelle qui est au bas d’une montagne 2123 . Auch er beschreibt seine emotionale Reaktion in diesem besonderen Augenblick, die jedoch nicht dem üblichen Muster entspricht, das sich bei seinen (geistlichen) Vorgängern wiederholt beobachten ließ: Während Lorenzo, Domenico Laffi und Gian Lorenzo Buonafede Vanti ihre überschwängliche Freude durch Tränen, Lobgesang auf Gott und Demutsgesten wie einem Kniefall oder gar dem Küssen des Bodens zum Ausdruck brachten, lief Manier beschleunigten Schrittes eine Meile voraus, um nur als Erster die Türme der Kathedrale zu erspähen. Zum Zeichen jubelnden Triumphes warf er seinen Hut in die Luft und wurde schließlich von seinen Begleitern zum ‚König‘ ernannt 2124 . Damit bezeugt er 8.2 Guillaume Manier (1726) 523 <?page no="524"?> 2124 Vgl. Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm. 630), S. 337; Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S.-198f.; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-79. 2125 Vgl. Jean-Baptiste P A R D I A C , Histoire de S. Jacques le Majeur et du pèlerinage de Compostelle, Bordeaux 1863, S. 150f.: „Les pèlerins, à leur tour, avaient créé une dignité qui ne coûtait ni larmes, ni intrigues, mais dont l’innocent désir devait les stimuler, quand ils touchaient au terme de leur pénibles courses. Ils décernaient le titre de roi des pèlerins à celui d’entre eux qui apercevait le premier les tours de la basilique de Compostelle ; royauté sans royaume et sans couronne, qui pouvait échoir à un roturier comme à un grand seigneur, et que l’on conservait avec un soin si jaloux, que le nom de roi se substituait insensiblement dans les familles au nom patronymique. Telle est une des origines des noms de Rey, Roy, Leroy, que tant de familles en France ont gardés jusqu’à nos jours.“ Vgl. auch Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 72, Anm. 3; P É R I C A R D -M É A / M O L L A R E T , Dictionnaire (wie Anm.-217), s. v. Roi, Roy, Leroy, Rey. 2126 Die Zuschreibung der Jesuitenkirche an die Engländer und der Kathedrale an Karl den Großen beruht freilich auf einem (weit verbreiteten) Irrglauben. Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-72, Anm.-2. 2127 Vgl. V Á Z Q U E Z C A S T R O , Las desaparecidas torres (wie Anm.-948), S.-258-260. 2128 Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm.-159), S.-203. 2129 Vgl. V Á Z Q U E Z C A S T R O , Las desaparecidas torres (wie Anm.-948), S.-259. eine populäre Tradition, nach der sich derjenige Pilger, der als Erster seiner Gruppe die Kuppe des Monte do Gozo erreichte und die Kathedrale erblickte, ehrenhalber ‚König‘ nennen durfte. Französische Familiennamen wie Roi, Roy, Leroy oder Rey, aber auch deutsche wie König, Künig oder Küng könnten darin, wie man vermutet hat, zumindest teilweise ihren Ursprung haben 2125 . Im Gegensatz zu seinen Vorgängern beschreibt Manier zudem nicht nur seine emotionale Reaktion beim Anblick der Stadt, sondern auch den Anblick selbst: Die Silhouette oder Skyline von Compostela scheint für ihn maßgeblich durch drei Türme bestimmt gewesen zu sein, durch den Turm der Jesuitenkirche und zwei Kathedraltürme 2126 . Weshalb er nur zwei Kathedraltürme gesehen haben will, bleibt fraglich. Wer heute vom Monte do Gozo auf die Kathedrale schaut, kann drei Türme deutlich erkennen (von links/ Süden nach rechts/ Norden: Torre do Relox, Torre das Campás, Torre da Carraca). Freilich war die Gestalt der Kathedrale in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch eine andere: Vier Türme erhoben sich damals über dem Gebäude, neben den heutigen auch die Torre do Galo beim Nordportal, die erst 1759 abgerissen werden sollte 2127 . Entsprechend ist beispielsweise im Viaggio in Ponente des Domenico Laffi korrekterweise von quattro campanili die Rede 2128 . Allerdings war die Torre do Galo inzwischen baufällig, weshalb ihre Höhe bereits bei Sanierungsarbeiten um 1696 deutlich verringert worden war 2129 . Zum anderen war der barocke Umbau samt Aufstockung der niedrigen (kaum über den First des Kirchendachs hinausreichenden) Torre da Carraca noch in vollem Gange und sollte erst 1732 vollendet werden 2130 . Daher erscheint es zumindest plausibel, dass Manier 524 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="525"?> 2130 Vgl. S I N G U L , Historia cultural (wie Anm.-6), S.-267f. 2131 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 77. Vgl. V Á Z Q U E Z C A S T R O , Las desaparecidas torres (wie Anm. 948), S. 259: „En [el siglo XVIII], la Torre del Gallo no aparecerá reflejada en los relatos de los peregrinos ya que éstos se fijarán tan sólo en las tres altas torres barrocas que se conservan actualmente.“ - Manier schreibt in diesem Zusammenhang, dass die Türme der Kathedrale und diejenigen der Jesuitenkirche so dicht beieinanderlägen, dass viele Pilger, wenn sie sie von weitem erblickten, fälschlich glaubten, sie gehörten zum selben Gebäude: en étant tout près, […] bien des gens croient que les deux [clochers] des Jésuites et les trois de Saint-Jacques sont à la même église. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 88. Ein Eindruck, der sich nur schwer nachvollziehen lässt, denn die einstige Igrexa da Compañía de Xesús, die seit der landesweiten Vertreibung der Jesuiten 1767 als Universitätskirche fungiert, liegt am Südostende der Stadt, bei der Porta de Mazarelos, die Kathedrale dagegen einige hundert Meter weiter nördlich am Westende, bei der Porta da Trinidade; eine optische Nähe oder Überlagerung der beiden Bauwerke vom Monte do Gozo gesehen ist völlig ausgeschlossen. - Zum alten Jesuitenkonvent von Santiago de Compostela vgl. F O L G A R D E L A C A L L E , Xesuítas (wie Anm. 1276). Ausführlich zur Vertreibung der Jesuiten unter Karl III. im Jahr 1767 vgl. O L A E C H E A A L B I S T U R , El anticolegialismo (wie Anm.-1276). 2132 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-73-94. 2133 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-7-15, 31-38, 56-61, 64-66, 102-112, 122-135. 2134 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 73. - Wenige Zeilen danach vermerkt Manier, dass sie die Stadt beim Dominikanerkloster betraten. Daraus lässt sich schließen, dass sie - wie üblich - die Porta do Camiño nahmen und dann vermutlich über die Rúa damals von weitem wohl nur die beiden höchsten Türme erkennen konnte, die bereits in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts barock umgebaut und dabei erhöht worden waren: die Torre do Relox und die Torre das Campás. An späterer Stelle ist bei ihm sodann von drei Türmen der Kathedrale die Rede, weil er - wie ihre explizite Verortung im Gebäudegrundriss (deux sur le chœur, un sur le bout) offenbart - die im Bau befindliche Torre da Carraca schließlich doch hinzuzählt, während er die gekappte Torre do Galo ausspart 2131 . Der Eintrag zum Compostela-Aufenthalt der vier jungen Pilger macht mit 22 von 153 Seiten in der Ausgabe von Bonnault d’Houët - wie üblich - nur einen geringen Anteil am gesamten Bericht aus, ungefähr ein Siebtel 2132 . Andererseits sticht Compostela doch zumindest im Vergleich mit anderen Städten deutlich heraus: Paris beispielsweise sind nur neun Seiten gewidmet, Bordeaux sieben, Burgos fünf, León zwei, Oviedo elf und Madrid vierzehn 2133 . Und auch innerhalb des hier analysierten Textkorpus gehört die Beschreibung des picardischen Schneiders zu den umfangreichsten Zeugnissen. Wie sich den ersten Zeilen entnehmen lässt, begaben sich die gerade angekommenen Pilger als Erstes in die Kathedrale, um Gott für die überstandene Reise zu danken und die Messe zu hören: Nous y avons entré à 9 heures du matin, où nous fûmes à la cathédrale, qui est Saint-Jacques, pour rendre grâces à Dieu de nous avoir fait la grâce d’avoir fait le voyage en santé. Nous y avons entendu la messe 2134 . Die genaue Angabe der 8.2 Guillaume Manier (1726) 525 <?page no="526"?> das Casas Reais, die Praza do Pan und die Rúa da Acibechería zum Nordportal der Kathedrale eilten. - Vorgeschaltet ist der zitierten Stelle ein globaler Eindruck von der Stadt; Manier bestimmt ihre Größe und natürliche Umgebung und weist auf ihren regen Handel hin: Cette ville est à peu près de la grandeur de la ville de Noyon, située entre des montagnes. En y entrant, étant descendu de la montagne de Talatte, l’on y entre de plain pied et dans le milieu l’on descend. Elle est fort marchande. Le tabac d’Espangne se vend en poudre, étalé sur la place, aussi bien que d’autres marchandises. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 73. Die Behauptung, Compostela sei etwa so groß wie Noyon, belegt abermals das typische Verfahren gerade eher ungebildeter Autoren, eine fremde Umgebung durch Vergleiche mit vertrauten Dingen aus der eigenen Heimat begreifbar zu machen. B O N N A U L T D ’H O U Ë T sieht in diesem Vergleich der beiden Städte allerdings eher eine patriotische Übertreibung, denn tatsächlich war und ist Noyon weitaus kleiner als Compostela, und zwar sowohl der Fläche als auch der Bevölkerungszahl nach. Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 73, Anm. 1. Dass er ausgerechnet die Verfügbarkeit spanischen Tabaks in den ersten Zeilen seines Compostela-Eintrags hervorhebt, dürfte persönlichen Vorlieben geschuldet sein. 2135 Entsprechend der dominanten Tagebuch-Struktur des Voyage d’Espangne ist die Be‐ schreibung des Compostela-Aufenthaltes in fünf Tageseinträge (1. bis 5. November 1726) unterteilt, die wiederum auffallend zahlreiche Uhrzeitangaben enthalten. 2136 Auch Jan Taccoen van Zillebeke und Giacomo Antonio Naia notieren für ihre Ankunft in Compostela jeweils nicht nur das Datum, sondern auch die genaue Uhrzeit: Jan will die Stadt am 9. April 1512 um sieben Uhr früh erreicht haben, Naia am 2. Februar 1718 kurz vor 3 Uhr Nachmittag in der Kathedrale gewesen sein. Vgl. Taccoen, Le voyage (wie Anm.-154), S.-49; Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148. 2137 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-73f. Uhrzeiten sowohl hier als auch im Fortgang der Beschreibung kann zweifellos als Indiz dafür gedeutet werden, dass Manier die Erlebnisse in Compostela für besonders dokumentationswürdig hielt 2135 . Ähnliches ließ sich bereits bei Jan Taccoen van Zillebeke und Giacomo Antonio Naia beobachten 2136 . Nach der Messe verbrachten die vier Pilger den Tag damit, von Kloster zu Kloster zu laufen, um Almosen zu erbitten - damals eine unter Armen sicherlich weit verbreitete Praxis, die sich in keinem der früheren Berichte dokumentiert findet: Ensuite à comaire [comer] ou dîner au couvent de Saint-François de Chocolante, à onze heures précises ; l’on y donne du bon pain, de la soupe et de la viande. A douze heures, avons été manger, en second lieu, la soupe au couvent des bénédictins de Saint-Martin, où l’on y donne de la morue et de la viande et de l’excellent pain, ce qui est rare en cette province. A une heure à Sainte-Thérèse, couvent de religieuses qui donnent du pain et de la viande. A 2 heures aux Jésuites, l’on donne du pain. A 4 heures au couvent de Saint-Dominique, hors de la ville par où nous sommes entrés, l’on y donne la soupe qui sert de souper. Après cela, nous fûmes coucher à l’hôpital, dans de bons lits, dont nous parlerons par la suite aussi bien que de l’hôpital 2137 . 526 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="527"?> 2138 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-87f. 2139 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-74. 2140 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-74-76. Damit sind die größten Ordenseinrichtungen der Stadt genannt: San Francisco de Val de Deus, San Martiño Pinario, der Colexio da Compañía de Xesús und San Domingos de Bonaval - nur ein Nonnenkloster Santa Teresa (Sainte-Thérèse) ist für Compostela nicht belegt. Um das nördlich der Stadt gelegene Kloster der Carmelitas Descalzas - die hl. Teresa von Ávila war Karmelitin - kann es sich nicht handeln, wurde es doch erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts gegründet. Wenn die vier Pilger aber um zwölf Uhr Suppe bei San Martiño Pinario und um zwei Uhr Brot bei den Jesuiten aßen und man davon ausgeht, dass sie keinen größeren Umweg nahmen, so kommt plausiblerweise nur ein Nonnenkloster in Frage, wo sie um ein Uhr an der Speisung teilgenommen haben können, nämlich das Benediktinerinnenkloster San Paio de Antealtares an der Praza da Quintana; andere damals existierende Nonnenklöster der Stadt wie Santa Clara, Santa María de Belvís und Nosa Señora da Mercede lagen allesamt extra muros. Beim Hospital schließlich, in dem ihnen Unterkunft gewährt wurde, handelt es sich, wie erst an späterer Stelle deutlich wird, um das Hospital Real 2138 . Wie die meisten Berichtautoren dokumentiert Manier die von ihm verrich‐ teten Frömmigkeitshandlungen und nimmt sogar den lateinischen Wortlaut der entsprechenden Nachweise in sein Tagebuch auf: Am Morgen des 2. November ließ er sich im Hospital Real von einem französischen Priester die Beichte ab‐ nehmen 2139 . Mit dem dies belegenden Beichtschein (billet) - Audivi confessionem Guillelmi Manier, natione Galli, diocesis noviodunensis. Compostellae, die 2 mensis novembris anno Domini 1726 - begab er sich in die Erlöserkapelle der Kathedrale (la chapelle des Français), empfing dort die heilige Kommunion und ließ sich für zwei Sols seine Pilgerurkunde (mon certificat de voyage) ausstellen 2140 : D. Lucas, Antonus de la Torre, canonicus hujus almae apostolicae ac metropolitanae ecclesiae compostellanae ejusque fabricate administrator et ab illustrissimo. D. decano et capitulo deputatus ad curam capellae christianissimi Francorum regis ibidem sitae, ut omnibus fidelibus et peregrinis ex toto terrarium orbe, devotionis affect vel voti causa, ad limina apostoli nostri ac Hispaniarum unici et singularis patroni ve tutelaris sancti Jacobi convenientibus sacramentaliter ministremur, omnibus et singulis praesentes litteras inspecturis notum facio: Guillelmum Manier, natione Gallum, diocesis noviodunensis, pergentem ad Romam, hoc sacratissimum templum visitasse, confessumque et absolu‐ tum, eucharisticum Domini corpus sumpsisse. In quorum fidem, praesentes nomine meo subscriptas et sigillo ejusdem sanctae ecclesiae munitas ei confero. Datum Compostellae, die secunda mensis novembris anno Domini 1726. Yo canónico Damianus Asenicado 2141 . 8.2 Guillaume Manier (1726) 527 <?page no="528"?> 2141 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-76. 2142 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-76-87. 2143 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-87. 2144 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-73. 2145 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-77f. 2146 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-78-87. Der weitere Tageseintrag besteht aus einer eingehenden Beschreibung der Kathedrale, die durch eine eigene Überschrift (De l’église de Saint-Jacques et de ses particularités) abgetrennt ist und - im Kontrast zum Vorherigen - in einem betont sachlichen Stil, ganz ohne Ichbzw. Wir-Verweise, daherkommt 2142 . Erst der letzte Satz enthält wieder einen Wir-Verweis und stellt klar, dass sämtliche Angaben auf einer ausgiebigen Besichtigung beruhen, die die vier jungen Pilger wohl am (späten) Nachmittag des 2. November unternahmen: Après tout cela examiné, fûmes coucher à l’hôpital 2143 . Weist Maniers Bericht sonst eine streng chronologische Struktur auf, steht hier ausnahmsweise eine Analepse am Anfang, eine Rückschau auf die Allerheiligenmesse, die im vorigen Tageseintrag nur mit einem knappen Satz erwähnt wird: Nous y avons entendu la messe 2144 . Ähnlich wie Laffi und Buonafede Vanti, die ebenfalls Messen in der Kathedrale schildern, geht Manier dabei insbesondere auf die zum Einsatz gekommenen Musikinstrumente sowie auf die anwesenden Chorherren und deren Kleidung ein: Le service, le jour de la Toussaint, s’y est fait en cet ordre : premièrement une musique entière avec deux jeux d’orgues, qui sont dans l’église au-dessus du chœur des chantres, non pas faits de la façon de ceux que nous avons en France, dont les tuyaux sont en longueur ; mais au contraire ces tuyaux ici sont en travers, pour mieux dire de la façon qu’est une trompette, quand elle est sonnée. Il y avait trois violons, une épinette, une trompette, plusieurs basses et autres instruments qui faisaient une mélodie charmante. Il y a dans cette église environ quarante ou cinquante chanoines, avec de bonnes prébendes. Ils sont revêtus de surplis à grandes manches toutes plissées à petits plis. Ils mettent cela comme une chemise de roulier. Les deux jeux d’orgues sont magnifiques et dorés 2145 . Anschließend bewegt sich die Beschreibung auch hier, obschon nicht so kon‐ sequent wie in anderen persönlich perspektivierten Zeugnissen, sukzessive nach außen: vom Hauptaltar über die ringsumher verteilten Kapellen hin zu einem der Glockentürme; erst danach rückt die übrige Stadt in den Blick. Wie gewöhnlich ist der Hauptaltar dabei der am genauesten behandelte Ort; nach außen nimmt die Detaildichte sodann immer weiter ab, und Orte jenseits der Kathedrale und ihrer nächsten Umgebung werden allenfalls noch flüchtig erwähnt 2146 . 528 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="529"?> 2147 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-78. 2148 Vgl. Z E P E D A N O Y C A R N E R O , Historia y descripción (wie Anm. 22), S. 102-105; Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 78, Anm. 1. - Zum damaligen Chor der Kathedrale, verfertigt um 1600 von Juan Dávila (1550-1611) und Gregorio Español (1560-1630), vgl. Anm.-1067. Im Kircheninneren wunderte sich Manier zunächst über die vermeintliche Aufteilung des Chores: Dans cette église sont deux chœurs, savoir : le chœur où est l’autel, le plus grand de l’église [hier vergisst Manier, den zweiten Chor zu erwähnen, den er später als chœur des chanoines oder auch des chantres bezeichnet] ; séparés l’un de l’autre, de dix ou douze empas, par une allée formée de grilles de fer de part et d’autre qui donne communication de l’un à l’autre 2147 . Ähnlich wie Jan Taccoen van Zillebeke rund zwei Jahrhunderte vor ihm bestimmt er demnach neben dem eigentlichen Coro auch die Capela Maior, den Hauptaltarraum, als chœur, an späterer Stelle gar als maître-chœur. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Aus seiner Heimat war Manier gewohnt, dass der Chor stets den Hauptaltar (östlich der Vierung) umgibt, wohingegen er in spanischen Kirchen gewöhnlich - und so war es damals auch in der Kathedrale von Compostela - ins Langhaus (westlich der Vierung) vorgezogen ist 2148 . Einem Franzosen, der mit den Eigenheiten des spanischen Kirchenbaus nicht vertraut war und seine heimischen Verhältnisse auf die fremde Umgebung übertrug, konnte es daher wohl leicht so scheinen, als besitze die Kathedrale zwei verschiedene Chöre: einen Haupt- und einen Nebenchor, die durch die beidseitig mit Eisengittern umgebene Vierung voneinander getrennt waren. Es folgt eine detaillierte Beschreibung des Hauptaltars (Abb. 24), die syste‐ matisch von unten nach oben verläuft und einen besonderen Fokus auf die ikonographischen Elemente legt: Au bas du grand autel étaient huit chandeliers d’argent de la hauteur de cinq à six pieds, gros à proportion. Le devant d’autel est d’or et d’argent massifs. Au-dessus de l’autel est un tabernacle haut de passé trois pieds, soutenu de huit petits piliers d’argent, le tout fait en miniature. Le tabernacle environné de plusieurs autres belles figures, entre autres une petite vierge d’argent, dont la tête et le visage sont tout noirs. Au tabernacle est une sainte vierge, et un saint évêque couronné d’un ange, le tout d’argent. Aux quatre coins du tabernacle sont quatre évêques, couronnés de quatre anges, aussi tout d’argent. Au-dessus du tabernacle, Saint-Jacques à hauteur d’homme, en argent doré, avec une selavine [esclavina] ou collet de même matière sur ses épaules, garni, au lieu de coquillages… ; le tout d’or et d’argent massifs, assis dans un fauteuil, le bourdon à la 8.2 Guillaume Manier (1726) 529 <?page no="530"?> 2149 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-78-80. main, la tête nue. Au collet sont les armes de guerre : canon, fusil, tambour, épée, esporton [espadón] ; frange d’or au bas du collet. Aux deux côtés, derrière le chœur, sont deux escaliers secrets, un de chaque côté, qui ont treize ou quatorze degrés, qui conduisent tous deux à la hauteur de ce Saint-Jacques, où étant parvenus les pèlerins embrassent Saint-Jacques par derrière, mettent leur collet sur ses épaules et leur chapeau sur sa tête. Au-dessus de ce Saint-Jacques en est un autre en pèlerin, en matière de cuivre jaune, le chapeau sur la tête, le bourdon à la main. Sept ou huit pieds plus haut est comme un pupître soutenu par quatre gros anges. Au-dessus et dans le milieu de ce pupître, est représenté à grand personnage Saint-Jacques à cheval, appelé des Espagnols Santiago, la cavale dorée, qui de sa mane stierdes [mano izquierda], sa main gauche, tient un étendard blanc, de la droite l’épée à la main, avec lesquels il chasse deux païens qu’il foule sous les pieds de son cheval. Autour de lui, de part et d’autre, contre le mur, sont cinq étendards rouges soutenus de cinq anges 2149 . Abb. 24: Barocker Hauptaltar der Kathedrale von Santiago de Compostela, unten der silberne Tabernakel, dahinter die romanische Steinstatue des hl. Jakobus (mit barocker Verkleidung). 530 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="531"?> Abb. 25: Santiago peregrino am Hauptaltar der Kathedrale von Santiago de Compostela, umgeben von den spanischen Königen Alfons II., Ramiro II., Ferdinand II. und Philipp IV. Abb. 26: Von Engeln getragener Baldachin über dem Hauptaltar der Kathedrale von Santiago de Compostela. 8.2 Guillaume Manier (1726) 531 <?page no="532"?> 2150 Es dürfte sich um denselben Tabernakel handeln, der zwischen 1660 und 1677 unter Baumeister José Vega y Verdugo verfertigt worden war und auch heute noch auf der Mensa des Hochaltars steht. Vgl. Z E P E D A N O Y C A R N E R O , Historia y descripción (wie Anm. 22), S. 91; B O N E T C O R R E A , Arquitectura (wie Anm. 948), S. 285-291; G A R C Í A G A R C Í A , A obra do tabernáculo (wie Anm.-1826). Abb. 27: Santiago matamoros auf dem Altarbaldachin der Kathedrale von Santiago de Compostela, umgeben von Engeln und Allegorien der vier Kardinaltugenden. Manier erwähnt: acht silberne Altarlampen, das (angeblich) aus massivem Silber und Gold gefertigte Altarantependium, den silbernen Tabernakel auf der Mensa, gestützt von acht silbernen Pfeilern und verziert mit mehreren silbernen Heili‐ gen- und Engelsstatuetten 2150 , darüber die mannsgroße, (angeblich) ebenfalls aus massivem Silber und Gold bestehende Jakobsstatue, ikonographisch ein Santiago apóstol, der aber in spätbarocker Zeit mit Pilgerattributen (Stab und Pelerine) versehen worden war, darüber eine zweite, messingene Jakobsstatue, ikonographisch ein Santiago peregrino (Abb. 25), und darüber schließlich der von vier großen Engeln getragene Baldachin (Abb. 26), auf dem eine dritte Jakobsstatue platziert ist, diese gestaltet nach dem ikonographischen Typus des Santiago matamoros, beritten, das Schwert in der einen Hand, die Standarte in der anderen, unter den erhobenen Hufen seines Pferdes (angeblich) zwei 2151 532 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="533"?> 2151 Eigentlich vier. Manier bezieht sich vermutlich nur auf die zwei, die etwas weiter vorne und am nächsten bei der berittenen Jakobsstatue platziert sind. 2152 Zur ikonographischen Darstellung des hl. Jakobus vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 565-573; speziell zum Santiago matamoros vgl. Francisco P U Y M U Ñ O Z , El simbolismo de Santiago matamoros, in: Atti del Convegno Internazionale di Studi “Santiago e l’Italia”. Perugia, 23-26 Maggio 2002, hg. von Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Perugia 2005, S. 649-686. - Dieses martialische Bild des hl. Jakobus als Maurentöter kam im nationalen spanischen Kontext immer dann zum Einsatz, wenn es galt, kriegerische Handlungen (etwa im Rahmen der Reconquista, später auch der Kolonialisierung Amerikas) zu legitimieren und propagandistisch zu untermauern. Für Gläubige, die von jenseits der Pyrenäen nach Compostela kamen, war zweifellos das friedfertigere Bild des hl. Jakobus als Pilgerpatron attraktiver. 2153 Von den zahlreichen silbernen Altarlampen der Kathedrale sollen nach der Plünderung durch die napoleonischen Besatzer im April 1809 nur drei übriggeblieben sein. Vgl. Z E P E D A N O Y C A R N E R O , Historia y descripción (wie Anm.-22), S.-96f. 2154 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 79. - Es verwundert, dass das Haupt des Heiligen - wie Manier explizit vermerkt - unbedeckt war, denn es handelt sich bei der Aureole um eine Donation Erzbischof Antonio de Monroys aus den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts. Bei Maniers Besuch im Jahr 1726 müsste die Statue sie bereits getragen haben. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 69f.; P É R E Z V A R E L A , Las obras de platería (wie Anm 1486), S.-283. 2155 Zu den Standarten vgl. Z E P E D A N O Y C A R N E R O , Historia y descripción (wie Anm. 22), S. 92; Miguel T A Í N G U Z M Á N , El altar mayor de la catedral de Santiago en tiempos del arzobispo Herrero Esgueva (1723-1727): el grabado del pintor Miguel Varela adquirido por un peregrino, in: Cuadernos de Estudios Gallegos 68/ 134 (2021), S. 267-306, hier S. 300: „Nada se sabe de lo ocurrido con los estandartes […]. En viejas fotografías los ángeles siguen enarbolando sus lanzas y banderas, aprovechándose los ángeles lampadarios sitos sobre la cornisa del revestimiento del presbiterio para la exhibición de nuevos trofeos hoy también desaparecidos […]. Gracias a Zepedano se conoce el origen de al erschrockene Heiden und um ihn herum (angeblich) fünf Engel mit roten Standarten (Abb. 27) 2152 . Was Manier so wortreich schildert, lässt sich auf zeitgenössischen Darstel‐ lungen, etwa auf den Stichen des Hochaltars (Abb. 28 und 29), die Gaspard Duchange 1717 bzw. Miguel Varela zwischen 1723 und 1727 verfertigten, unschwer nachvollziehen, und im Grunde entspricht es bereits weitgehend dem heutigen Zustand - wenn man von Einzelheiten absieht: etwa davon, dass die Altarlampen inzwischen ausgetauscht wurden 2153 , dass der Kopf der lebensgroßen Jakobsstatue nicht mehr unbedeckt (la tête nue), sondern mit einer edelsteinbesetzten Aureole geschmückt ist (die ursprünglich vielleicht nicht bloß eine dekorative Funktion erfüllte, sondern die Pilger auch daran hindern sollte, ihren Hut auf dem Kopf des Heiligen abzusetzen) 2154 oder dass der Santiago matamoros und die anderen Figuren auf dem Altarbaldachin, die noch bis weit in die Franco-Zeit ihre Standarten trugen, heute mit leerer Hand dastehen 2155 . Zudem fällt beim Abgleich mit dem Original eine gewisse Selektivität der Dar‐ 8.2 Guillaume Manier (1726) 533 <?page no="534"?> menos algunos de ellos, victorias militares de las armas de la Corona de los siglos XVIII y XIX enviadas a la catedral en testimonio de gratitud al Santo protector.“ 2156 Allgemein zur Ikonographie des um 1670 barock umgebauten Hochaltars vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 67-70; Z E P E D A N O Y C A R N E R O , Historia y descripción (wie Anm. 22), S. 91-93; José María F E R N Á N D E Z S Á N C H E Z / Francisco F R E I R E B A R R E I R O , Santiago, Jerusalén, Roma. Diario de una peregrinación á estos y otros santos lugares de España, Francia, Egipto, Palestina, Siria é Italia, en el año del Jubileo Universal de 1875 1, Santiago de Compostela 1880, S. 45-48; B O N E T C O R R E A , Arquitectura (wie Anm.-948), S.-285-291; T A Í N G U Z M Á N , El altar mayor (wie Anm.-2155). stellung auf: Unter den ikonographischen Elementen konzentriert sich Manier vorrangig auf die drei übereinander positionierten Jakobusstatuen, während er andere Figuren entweder nur kollektivisch wahrnimmt und im Einzelnen nicht identifiziert (z. B. die Heiligen, Engel und Bischöfe am Tabernakel) oder aber gänzlich ignoriert (z. B. die vier spanischen Könige, die den mittleren Santiago peregrino flankieren, und die weiblichen Allegorien der vier Kardinaltugenden Prudentia, Iustitia, Fortitudo und Temperantia, die an den vier Ecken des Balda‐ chins rings um den Santiago matamoros herum platziert sind) 2156 . 534 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="535"?> Abb. 28: Hauptaltar der Kathedrale von Santiago de Compostela. Kupferstich von Gaspard Duchange (1717), British Library (King George III’s Personal Coloured Views Collection), London, Maps K.Top.73.48.2. 8.2 Guillaume Manier (1726) 535 <?page no="536"?> Abb. 29: Hauptaltar der Kathedrale von Santiago de Compostela. Kupferstich von Miguel Varela (1727), Archives Départementales de la Dordogne, Périgueux, A.D. 24, J 2041-02. Bei näherem Hinsehen müssen noch weitere Angaben, die Manier zum Haupt‐ altar macht, fragwürdig erscheinen: Zählt man vor Ort oder auch auf den 536 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="537"?> 2157 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 78f. Vgl. z. B. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 62f.: „Su revestimiento es de madera dorada de purísimo gusto churrigueresco“, 70: „Corona todo el altar una pesada mole de madera dorada“. 2158 Zitiert nach: Antonio L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia de la Santa A. M. Iglesia de Santiago de Compostela 11, Santiago de Compostela 1909, Anhang 22, S. 53-55; der Text findet sich auch abgedruckt in José C O U S E L O B O U Z A S , Galicia artística en el siglo XVIII y primer tercio del XIX, Santiago de Compostela 1932, S. 688-692. - Am 17. April 1809 forderte der französische General Michel Ney (1769-1815), nachdem er am 8. März desselben Jahres bereits die Zahlung von 100.000 Pesos erzwungen hatte, vom Kapitel zusätzlich die Herausgabe sämtlicher Gold- und Silbergegenstände der Kathedrale, die daraufhin in Karren auf der Praza da Quintana zusammengetragen und schließlich aus der Stadt verbracht wurden. Vgl. auch Z E P E D A N O Y C A R N E R O , Historia y descripción (wie Anm. 22), S.-96f.; P É R E Z V A R E L A , Las obras de platería (wie Anm 1486). 2159 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 79. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 68; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 84, Anm. 413. - Zu Erzbischof Antonio de Monroy und der von ihm gestifteten silbernen Pelerine siehe die Erläuterungen und bibliographischen Hinweise in Anm.-1825. 2160 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 79. Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 312; Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 68f.; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-80. besagten zeitgenössischen Stichen einmal nach, so dürfte Manier auf dem Altarbaldachin nicht fünf, sondern nur vier Engel mit Standarten gesehen haben. Auch übertreibt er, was die Erlesenheit der am Altar verwendeten Stoffe betrifft: Vor allem massives Gold (zweimal ist von or et argent massifs die Rede) findet sich dort kaum; die in der Tat reichlich vorhandenen goldenen Elemente bestehen gewöhnlich aus Silber, Messing oder Holz und sind nur vergoldet 2157 . Einen Eindruck vom Inventar der Kathedrale am Ausgang der Frühen Neuzeit geben die umfassenden Listen, die von Mitgliedern des Kapitels im Zusammen‐ hang mit der Plünderung durch die Napoleonischen Truppen im April 1809 erstellt wurden: Von (massivem) Gold ist darin nicht einmal die Rede, nur von Vergoldung: Una Cruz grande sobredorada, hechura de Cetro, Un Guion dorado, Una Cruz de Plata sobredorada con Crucifijo, Cinco efigies de plata pequeñas doradas, Dos Copones dorados por dentro, Dos Coronas chicas de plata doradas etc. 2158 Die mannsgroße romanische Jakobsstatue indes ist nicht, wie Manier schreibt, aus vergoldetem Silber (argent doré), sondern aus polychrom bemaltem Stein verfertigt; allein ihre 1704 von Erzbischof Antonio de Monroy gestiftete barocke Verkleidung (Stab und Pelerine) besteht aus Silber und ist teilweise mit Gold überzogen 2159 . Die beiden dort hinaufführenden Treppen schließlich waren keineswegs geheim (secrets) - im Gegenteil: Wie sich anderen Zeugnissen (z. B. Lorenzo Magalotti/ Filippo Corsini und Gian Lorenzo Buonafede Vanti) entnehmen lässt, dürften sie zumeist stark frequentiert gewesen sein 2160 . Wollte Manier den Hauptaltar durch die Rede von massivem Gold und Geheimtreppen 8.2 Guillaume Manier (1726) 537 <?page no="538"?> 2161 Vgl. F R A S L I N -D O N A T I N , Un tailleur picard (wie Anm.-2047), S.-53. 2162 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148. 2163 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-81. 2164 Liber (wie Anm. 25), S. 254. - Zeitweise wurde dort auch der hl. Fructuosus von Braga verehrt. Das 1729 von Manuel de Lens gestaltete Altarretabel zeigt alle drei Heiligen, denen die Capela de San Antonio im Laufe der Zeit gewidmet war: den hl. Antonius, den hl. Fructuosus und den hl. Nikolaus. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 144f.; Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 81, Anm. 3; L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 3 (wie Anm.-18), S.-138; D E R S ., Historia 9 (wie Anm.-1297), S.-258; José G U E R R A C A M P O S / Jesús P R E C E D O L A F U E N T E , Guía de la Catedral de Santiago de Compostela, Santiago de Compostela 1981, S.-68. 2165 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 81. - Eine dem hl. Hippolyt geweihte Kapelle in der Kathedrale von Compostela findet sich nirgends belegt. 2166 Liber (wie Anm. 25), S. 254. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 79, 122f., 144; Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 81, Anm. 3; B O N E T C O R R E A , Arquitectura (wie Anm.-948), S.-298; R Í O S M I R A M O N T E S , Capilla del Pilar (wie Anm.-1328), S.-337. etwa interessanter machen, als er tatsächlich war? Oder war er nur schlecht informiert und ließ sich von dem überwältigenden Anblick zu ungesicherten und übertriebenen Mutmaßungen hinreißen? Nathalie Fraslin-Donatin glaubt, dass es sich bei den fragwürdigen Angaben um lapsus memoriae handelt, die schlicht der langen Zeit zwischen Erlebnis und Berichtniederschrift geschuldet seien 2161 . Im Fortgang konzentriert sich die Beschreibung auf die Kapellen der Kathedrale. Manier erklärt nicht, in welchem Rahmen sie ihm gezeigt wurden; es läge aber nahe zu vermuten, dass er - wie Giacomo Antonio Naia wenige Jahre zuvor - an einem der geführten Rundgänge teilnahm, die damals von der Kathedrale wohl angeboten wurden 2162 . Er beschreibt zunächst die Kapellen des Querhauses und des Altarumgangs, wobei er systematisch von Norden nach Süden vorgeht: En entrant par la porte qui est à gauche, sur la gauche est une chapelle, où dedans sont deux lampes d’argent 2163 . Er beginnt demnach mit der heutigen Capela de San Antonio, eingerichtet gegen Ende des 17. Jahrhunderts in einer kleinen Apsis des nördlichen Querhausarms und damals zunächst dem hl. Nikolaus gewidmet - als Ersatz für die mittelalterliche Capela de San Nicolás (im Liber Sancti Jacobi: altare Sancti Nicholai), die parallel dazu in einen bloßen Korridor oder Durchgangsraum zur Capela de Santa María da Corticela umfunktioniert wurde 2164 . Es folgt die Capela de San Andrés, die Manier seltsamerweise dem hl. Hippolyt zuordnet: Ensuite en est une autre de Saint-Hippolyte 2165 . Auch sie war gegen Ende des 17. Jahrhunderts als Ersatz für eine mittelalterliche Vorgängerin (im Liber Sancti Jacobi: altare sancti Andree) entstanden, die um 1700 für die Errichtung der Capela do Pilar weichen musste 2166 . Wieder teilt Manier nichts 538 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="539"?> 2167 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-81. 2168 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-81. 2169 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 136-144; Pilgerführer (wie Anm. 200), S. 130f., Anm. zu Z. 17. - Noch als sie durch die romanischen Bauarbeiten des 11. und 12. Jahrhunderts der Kathedrale bereits einverleibt worden war, blieb Santa María da Corticela lange Zeit als eigenständige Kirche des Benediktinerklosters San Martiño Pinario bestehen. Im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi wird sie entsprechend als [ecclesia] Sancte Marie virginis que est retro ecclesiam Sancti Iacobi, habens introitum in eandem basilicam inter altare Sancti Nicholai et Sancte Crucis beschrieben. Liber (wie Anm. 25), S. 251. Erst 1527 wurde sie an die Kathedrale verkauft und fungiert seitdem als Pfarrkirche für Pilger und Ausländer (Parroquia de Peregrinos y Extranjeros). Vgl. auch Anm.-1319. 2170 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm.-869), S.-138f., 142f. 2171 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-81. weiter mit, als dass sie zwei silberne Lampen enthalte: dedans sont deux lampes d’argent 2167 . Genauer geht er auf die dritte Kapelle ein, die sich auch dank des Hinweises auf die dort hinführenden Stufen (l’on monte quelques degrés) eindeutig mit der Capela de Santa María da Corticela identifizieren lässt - obwohl sie Manier zufolge chapelle du St-Sépulcre genannt werde 2168 . Wie in Kapitel 4.6 erläutert, handelt es sich um eine ursprünglich eigenständige Benediktinergründung, die bereits im Hohen Mittelalter der Kathedrale einverleibt wurde, doch erst 1527 in deren Besitz überging und erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts über den besagten Korridor mit dem Querhaus verbunden wurde; die von Manier erwähnte Treppe wurde schließlich 1711 hinzugefügt 2169 . Aus dem Inventar dieser Kapelle - u. a. enthält sie auch das Bildnis einer Virxe da Consolación, ein altes Taufbecken, eine Darstellung des Jesuskindes und zwei gotische Steingräber - hebt Manier nur ein einziges Objekt heraus, das ihn wohl tief beeindruckte, nämlich die in einem gläsernen Sarg aufgebahrte Jesusstatue, das Werk eines anonymen Bildhauers des 17. Jahrhunderts, platziert unter einem Wandbogen auf der linken Kapellenseite (Abb. 30) 2170 : en entrant à gauche est Notre-Seigneur couché sur une hauteur. Il y est représenté au naturel, en chair, mourant ou mort, les pieds nus, le corps couvert de taffetas, la tête mourante sur un oreiller de toile fine, avec de la dentelle en frisure autour, à différents étages, entrelacée de rubans bleus dans le double de la dentelle. Le tout blanc comme albâtre 2171 . 8.2 Guillaume Manier (1726) 539 <?page no="540"?> 2172 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 81. - Die Pforte der Capela do Espíritu Santo war ursprünglich ein Nebenportal - die in Liber (wie Anm. 25), S. 254, so genannte [portalulla] de Sancta Maria -, das Zugang zur Capela de Santa María da Corticela gewährte. Folglich war der Raum zwischen der alten Capela de San Nicolás und der Capela de Santa Cruz bzw. da Concepción noch unbebaut. Im 13. Jahrhundert nutzte Erzbischof Pedro Vidal diese Lücke, um eine neue Kapelle zu errichten, die ihm als Grabstätte dienen sollte. Seit ihrer Gründung hat sich die Gestalt der Heiliggeistkapelle stark verändert: Sie ist vielfach umgebaut worden, und insbesondere im 16. Jahrhundert wurden dort zahlreiche Gräber untergebracht. Später, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, wurde, wie an anderer Stelle bereits erwähnt, der Altar der Virxe da O dorthin verlegt, der sich zuvor an einer Säule neben der Chorrückwand befunden hatte. In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde dieser schließlich durch den Altar der Virxe da Soidade ersetzt, der zuvor mittig an der Chorrückwand angebracht gewesen war. Vgl. Z E P E D A N O Y C A R N E R O , Historia y descripción (wie Anm. 22), S. 153f.; V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 135f.; B O N E T C O R R E A , Arquitectura (wie Anm. 948), S. 390. 2173 Liber (wie Anm. 25), S. 254. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 133f.; Pilgerführer (wie Anm. 200), S. 131, Anm. zu Z. 1; Marta C E N D Ó N F E R N Á N D E Z / Abb. 30: In einem gläsernen Sarg aufgebahrte Statue des toten Jesus in der Capela de Santa María da Corticela, Kathedrale von Santiago de Compostela. Neben der Capela de Santa María da Corticela befindet sich die vermutlich in der Mitte des 13. Jahrhunderts errichtete Capela do Espíritu Santo, die Manier wiederum nur mit dem Hinweis auf zwei silberne Lampen bedenkt: dedans sont deux lampes d’argent 2172 . Als letzte Kapelle des nördlichen Querhausarms beschreibt er die Capela da Concepción oder auch da Prima, die im Liber Sancti Jacobi noch als altare sancte Crucis verzeichnet ist, 1523 jedoch unter Erzbischof Alonso III. de Fonseca grundlegend umgebaut wurde und ihre heutige Widmung erhielt 2173 . Sie beherberge une belle vierge avec un cercle d’argent sous ses pieds 540 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="541"?> David C H A O C A S T R O , Las catedrales gallegas al final del Medievo, in: Arquitectura tardogótica en la Corona de Castilla. Trayectorias e intercambios, hg. von Begoña A L O N S O R U I Z / Fernando V I L L A S E Ñ O R S E B A S T IÁ N , Santander 2019, S.-55-84, hier S.-61f. 2174 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-82. 2175 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 134; Juan José Z O R R I L L A J U R A D O , Santiago de Compostela, ciudad patrimonio de la humanidad, Madrid 2004, S.-159. 2176 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 134; Z O R R I L L A J U R A D O , Santiago (wie Anm.-2175), S.-159. 2177 Liber (wie Anm. 25), S. 254. - Ihre neue Widmung an den hl. Apostel Bartholomäus erhielt die Kapelle 1515, als Chorherr Rodríguez Sotomayor sie mit fünf Kaplaneien ausstattete. Vgl. José Manuel V Á Z Q U E Z V A R E L A / José Manuel G A R C Í A I G L E S I A S / Andrés Antonio R O S E N D E V A L D É S / María del Socorro O R T E G A R O M E R O / María Luisa S O B R I N O M A N Z A N A R E S , Historia del arte gallego, Madrid 1982, S.-229. 2178 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-82. 2179 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 131f.: „Encierra esta capilla una de las primeras notabilidades artísticas de la catedral, cual es el sepulcro del Maestrescuela Don Diego de Castilla, compuesto de un precioso arco de gusto plateresco (de cuyo estilo es también el altar de esta capilla), y bajo él la estatua yacente mitrada que se considera es fiel retrato del Maestrescuela, todo ello de piedra litográfica, con adornos bellísimos, y trabajo de sin igual delicadeza y finura.“ et comme un croissant qui environne sa tête avec une couronne, le tout d’argent, avec une lampe et deux lustres d’argent qui brûlent devant sowie un second autel où devant sont deux lustres d’argent 2174 . Diese Beschreibung lässt sich im Wesentlichen noch heute vor Ort nachvollziehen: Bei der Jungfrau handelt es sich, mit ihrer Krone und dem silbernen Halbkreis zu ihren Füßen, eindeutig um die 1526 von Cornielles de Holanda (1495-1547) gestaltete Virxe da Prima 2175 . Streng genommen enthält die Kapelle nicht zwei (separate) Altäre, sondern vielmehr eine Art Doppelaltar mit zwei Mensen und einem 1721 von Domingo de Andrade entsprechend zweiteilig konzipierten Retabel; während von der rechten Retabelseite die Virxe da Prima herabschaut, erinnert links ein großes Relief, das Jesu Kreuzabnahme zeigt, an die frühere Widmung der Kapelle 2176 . Im Ambulatorium folgt die Capela de San Bartolomé, die 1515 die alte Capela de Santa Fe (im Liber Sancti Jacobi: altare sancte Fidis virginis) ersetzte 2177 : En retournant autour du chœur à gauche, est dedans un évêque couché 2178 . Tatsächlich liegt in dieser Kapelle kein Bischof begraben, wie Manier glaubt, sondern der 1521 gestorbene Scholaster der Kathedrale Diego de Castilla, Urenkel des kastilischen Königs Peter I. Sein aufwendiges Grabmal, verfertigt von Arnao de Flandes († 1533), ist nicht nur mit einem großen, reich verzierten Überbau geschmückt, der stark an einen Triumphbogen erinnert, sondern auch mit einer realgetreuen liegenden Totenstatue - auf sie dürfte sich der französische Pilger hier beziehen 2179 . In der benachbarten Capela de San Xoán (im Liber Sancti 8.2 Guillaume Manier (1726) 541 <?page no="542"?> 2180 Liber (wie Anm.-25), S.-254. 2181 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 82. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm.-869), S.-130f. 2182 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 82f. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 130. - Die in dieser gotischen Kapelle vorhandenen Epitaphe lassen vermuten, dass sie tatsächlich wohl nicht, wie lange angenommen wurde, von Juan de España in der Mitte des 13. Jahrhunderts, sondern von Juan Miguélez del Camino gegen Ende des 14. Jahrhunderts gegründet wurde. Vgl. C E N D Ó N F E R N Á N D E Z / C H A O C A S T R O , Las catedrales gallegas (wie Anm.-2173), S.-61. 2183 B O N N A U L T D ’H O U Ë T hat (auch bei persönlichen Besuchen vor Ort) nichts über diese Reliquie und die Vorrichtung, in die sie eingefasst war, herausfinden können - ich ebenso wenig. Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 83, Anm. 1. Auch Z E P E D A N O Y C A R N E R O erwähnt nichts dergleichen in seiner relativ frühen - 1870 erschienenen - Historia y descripción arqueológica de la basílica compostelana. 2184 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-75, 83. 2185 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 83. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 126-129; L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 6 (wie Anm. 1471), S. 210f., 300. - Zur Verbindung der französischen Könige zu Santiago de Compostela vgl. Anm.-1471. Jacobi: altare sancti Iohannis apostoli et evangeliste, fratris sancti Iacobi 2180 ), die ihre mittelalterliche Widmung bis heute bewahrt hat, weist Manier wiederum nur auf eine silberne Lampe hin: dedans est une lampe d’argent 2181 . Weiter im Ambulatorium, in der gotischen Capela da Nosa Señora a Branca oder auch dos España (nach dem Familiennamen ihres mutmaßlichen Gründers Juan de España), hebt er neben einer weiteren silbernen Lampe - wieder: dedans est une lampe d’argent - auch eine Sekundärreliquie des hl. Jakobus heraus, die dort am Eingangsgitter, eingeschlossen zwischen zwei Eisenstangen, in einer sonderbaren webstuhlartigen Vorrichtung ausgestellt gewesen sei: une machine de fer, en façon d’ailettes, avec quoi les femmes filent du lin, où dans le milieu, comme dirait une bobine sur un fer entre ces supposées ailettes, est enfilé un grain du chapelet de St-Jacques que les pèlerins vont toucher et faire tourner par dévotion 2182 . Dieses Gerät mit einer Perle oder Kugel vom Rosenkranz des hl. Jakobus scheint weder erhalten noch durch andere Schriftzeugnisse belegt zu sein 2183 . Es folgt die große, halbkreisförmige Stirnkapelle, la chapelle Saint-Louis, appelée la chapelle du roi de France, die Manier an voriger Stelle bereits im Zusammenhang mit der Ausstellung der Pilgerurkunde erwähnt 2184 . Er hebt den noch heute dort befindlichen vergoldeten Altar (un bel autel doré rempli de belles figures) heraus, der 1522 von Erzbischof Alonso III. de Fonseca bei dem Architekten Juan de Álava (1480-1535) in Auftrag gegeben worden war, sowie wiederum zwei silberne Altarlampen (deux belles lampes d’argent) 2185 . Auch in den folgenden drei Kapellen interessiert sich Manier insbesondere für die jeweiligen Silbergegenstände: In der alten Capela de San Pedro bewunderte 542 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="543"?> 2186 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 83. - Die Widmung dieser Kapelle an den hl. Apostel Petrus ist bereits in Liber (wie Anm. 25), S. 254, dokumentiert: altare sancti Petri apostoli. - Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts war sie auch als Capela de Dona Mencía de Andrade bekannt, wegen der großzügigen Donationen, die die Edeldame dieses Namens der Kathedrale 1571 für die Ausstattung der Kapelle hatte zukommen lassen, und weil dieselbe dort, auf der linken Seite, auch begraben liegt. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 125f.; B O N E T C O R R E A , Arquitectura (wie Anm. 948), S. 261; Pilgerführer (wie Anm.-200), S.-131, Anm.-zu Z. 5. 2187 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 83. - 1521 erhielt Juan de Mondragón die Erlaubnis zum Bau dieser Kapelle. Ihr bemerkenswertestes Element ist das von Miguel Perrin (um 1498-1552) gestaltete große Altarbild, das nicht, wie sonst üblich, aus Holz oder Stein, sondern vollständig aus Terrakotta besteht. Es zeigt die Beweinung des gerade vom Kreuz genommenen Christus. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm.-869), S.-124f., 130. 2188 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 83. - An der privilegierten Stelle der mittelalter‐ lichen Andreas- und Fructuosusbzw. Martinskapelle, nahe am Hauptaltar, sollte zu‐ nächst eine neue Sakristei entstehen. Beauftragt wurde mit diesem Vorhaben Domingo de Andrade, ab 1711 übernahm Fernando de Casas Novoa. 1713 konnte Erzbischof Antonio de Monroy jedoch erreichen, dass dort statt der geplanten Sakristei eine neue Kapelle eingerichtet wurde - er selbst trug alle damit verbundenen Kosten. 1715 wurde er schließlich auch in dieser Kapelle, in einem aufwendig gearbeiteten Grabmal, beigesetzt. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 79, 122f.; B O N E T C O R R E A , Arquitectura (wie Anm. 948), S. 297f., 396-398; R Í O S M I R A M O N T E S , Capilla del Pilar (wie Anm.-1328), insb. S.-337. 2189 Vgl. Z E P E D A N O Y C A R N E R O , Historia y descripción (wie Anm. 22), S. 122; V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 126; Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 83, Anm.-3; C H A M O S O L A M A S , La Catedral (wie Anm.-1327), S.-66. er une belle vierge d’argent avec une lampe de même 2186 , in der Capela da Piedade oder auch de Mondragón (nach ihrem Stifter, dem Chorherrn Juan de Mondragón) - erbaut in den 1520er Jahren zwischen der Petrus- und der Andreaskapelle - 3 autres lampes et lustres d’argent 2187 und in der Capela do Pilar oder auch de Monroy (nach ihrem Stifter, dem Erzbischof Antonio de Monroy) - erbaut zwischen 1696 und 1723 an der Stelle der Andreas- und der Fructuosusbzw. Martinskapelle - une belle lampe d’argent, en forme carrée, où à chaque face est une coquille de St-Jacques gravée en argent dessus, de la grandeur, de la forme d’un sombrere [sombrero] ou chapeau 2188 . Bei der silbernen Jungfrau in der Capela de San Pedro handelt es sich zweifellos um eine Virxe da Azucena, wie sie bereits seit dem frühen 17. Jahrhundert vom dortigen Altarretabel herabschaut und derentwegen die Kapelle auch als Capela da Azucena bekannt ist 2189 . Ihr Bildnis ist heute allerdings nicht mehr dasselbe wie 1726: Das heutige dreiteilige Retabel wurde erst 1731 von Fernando de Casas Novoa entworfen; dabei wurden die Heiligenbilder zwar von einem früheren Retabel übernommen, doch speziell die mittig (zwischen dem hl. Joseph und dem hl. Petrus) platzierte 8.2 Guillaume Manier (1726) 543 <?page no="544"?> 2190 Vgl. Carlos G O N Z Á L E Z G U I T IÁ N , Tipología e iconografía de los retablos barrocos de la catedral de Santiago de Compostela [unv. Typoskript], Santiago de Compostela 1979, S. 134: „suponemos que se trata de una imagen del siglo XIX, ya que tanto su rostro como el Niño, nos alejan de una imagen dieciochesca.“ - Das Museum der Kathedrale besitzt eine aus vergoldetem Silber hergestellte Virxe da Azucena, die der italienische Silberschmied Francesco Marino wohl im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts im Auftrag des Kathedralkapitels anfertigte. Vgl. Museo Catedral de Santiago, Virgen de la Azucena, https: / / www.museocatedraldesantiago.gal/ es/ 2020/ 04/ 20/ virgen-de-la-azu cena/ (Zugriff am 15.03.2024). Allerdings habe ich keine Hinweise darauf finden können, dass sich diese Figur jemals am Altar der Capela de San Pedro bzw. da Azucena befand. Vgl. auch V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 125f.; C O U S E L O B O U Z A S , Galicia artística (wie Anm.-2158), S.-457f. 2191 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 79, 122f.; B O N E T C O R R E A , Arquitectura (wie Anm. 948), S. 397: „Su planta es rectangular, casi cuadrada, de 10,50 metros de largo por 8,50 de ancho. […] En el entablamento que corre sobre lo alto de los capiteles, hay un friso de guirnaldas de flores y elementos vegetales, todos ellos dorados sobre fondo blanco. En el centro de cada friso y entre cada dos pilastras hay veneras de peregrino.“ 2192 Vgl. L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 11 (wie Anm.-2158), Anhang, S.-54. 2193 Liber (wie Anm. 25), S. 254. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 79; B O N E T C O R R E A , Arquitectura (wie Anm. 948), S. 298, 384-387; Ramón José Y Z Q U I E R D O P E R R Í N , Santiago de Compostela en la Edad Media, Madrid 2002, S.-43. 2194 Zur Reliquienkapelle, der ehemaligen Capela dos Reis, vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 150-167; L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 5 (wie Anm. 1311), S.-148; D E R S ., Historia 11 (wie Anm.-2158), S.-243-264. Vgl. auch die Erläuterungen und bibliographischen Hinweise in Kapitel 4.6 dieser Arbeit, insb. in Anm.-1321 und 1322. Jungfrau mit der Lilie scheint im Laufe des 19. Jahrhunderts noch einmal ausgetauscht worden zu sein 2190 . Die quadratische Silberlampe vor dem Altar der Capela do Pilar zum anderen, mit ihren hutgroß gravierten Jakobsmuscheln auf allen vier Seiten, sollte vermutlich die Gestaltung der gesamten Kapelle en miniature nachbilden, die nämlich ebenfalls annähernd quadratisch und mit vier großen Jakobsmuscheln in den Ecken unterhalb der Kuppel geschmückt ist 2191 . Sie scheint heute nicht mehr erhalten zu sein - vielleicht befand sie sich unter den cinquenta y siete Lámparas de plata de distintos tamaños, die gemäß den Aufzeichnungen des Kapitels im April 1809 der Napoleonischen Besatzungsregierung übergeben wurden 2192 . Die einst südlichste Kapelle des Querhauses, die romanische Capela de San Xoán Bautista (im Liber Sancti Jacobi: altare sancti Iohannis Baptiste), konnte Manier nicht mehr vorfinden, denn sie war im Zuge der barocken Umbaumaßnahmen des späten 17. Jahrhunderts dem Pórtico Real gewichen 2193 . Stattdessen fährt er auf der Südseite des Langhauses mit der Reliquienkapelle fort 2194 , aus deren umfangreichem Inventar er jedoch nichts als eine (weitere) Darstellung des Santiago matamoros heraushebt: à chaque côté est un grand saint, 544 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="545"?> 2195 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-84. 2196 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 89-94; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-107-109; Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148. 2197 Nachdem sie knapp hundert Jahre als Reliquienkapelle diente, wie noch Giovanni Bat‐ tista Confalonieri 1594 bezeugt. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S.-148f.; Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-224. 2198 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-84. 2199 Vgl. Z E P E D A N O Y C A R N E R O , Historia y descripción (wie Anm. 22), S. 167-169; V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 147; Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 84f., Anm. 3; F E R N Á N D E Z G O N Z Á L E Z , La desaparecida capilla (wie Anm. 1320), insb. S. 348-350, 355f.; C A A M AÑ O M A R T Í N E Z , Don Lope de Mendoza (wie Anm.-1320), S.-33-43. 2200 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 29, 147f.; Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 84f., Anm. 3; B O N E T C O R R E A , Arquitectura (wie Anm. 948), S. 321. - Ebenfalls unerwähnt lässt Manier die im Querhaus westlich neben dem Nordportal gelegene Capela de Santa Catalina, die vom Anfang des 12. bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts - in dieser Zeit noch als Capela dos Reis - die corpora regia der Kathedrale barg, bevor diese in die heutige Capela das Reliquias verlegt wurden. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 145; Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 84f., Anm. 3; L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 3 (wie Anm. 18), S. 297f.; C H A M O S O L A M A S , La Catedral (wie Anm.-1327), S.-55. et St-Jacques à cheval au milieu d’eux qui foule sous les pieds de son cheval 2 païens 2195 . Nähere Angaben zu einzelnen Reliquien macht er hier vermutlich deshalb nicht, weil er diese Kapelle erst am fünften und letzten Tag seines Aufenthaltes eingehender besichtigen sollte und am Schluss seiner Compos‐ tela-Beschreibung ohnehin über fünf Seiten (in der Ausgabe von Bonnault d’Houët) die vollständige Reliquienliste der Kathedrale wiedergibt 2196 . Im Fortgang unterläuft Manier ein merkwürdiger Irrtum: Nicht nur ignoriert er im südlichen Langhaus die Capela de San Fernando, die seit 1641 den Schatz der Kathedrale beherbergt 2197 ; auch vermerkt er, dass es auf der gegenüberlie‐ genden Seite, im Norden, überhaupt keine Kapellen gebe: De l’autre côté de l’entrée de l’église, sur la droite, n’y a pas de chapelles 2198 . Tatsächlich aber befanden sich dort zwei sogar recht große Kapellen: die 1451 vollendete gotische Capela de Don Lope de Mendoza (benannt nach ihrem Stifter, von 1399 bis 1445 Erzbischof von Compostela), die später, in der Mitte des 18.-Jahrhunderts, durch die heutige Capela da Comunión ersetzt werden sollte 2199 , und die um 1664 errichtete Capela do Cristo de Burgos, die zu Maniers Zeit noch als Capela de Carrillo (nach ihrem Stifter Pedro Carrillo y Acuña, von 1655 bis 1667 Erzbischof von Compostela) bekannt war - die heute namengebende Kopie des berühmten Christusbildnisses von Burgos wird dort nämlich erst seit 1754 verehrt 2200 . Maniers Behauptung erscheint umso verwunderlicher, als zumindest die Capela de Carrillo in der von ihm treulich kopierten Reliquienliste explizit aufgeführt ist: Dans la chapelle E. E. M. D. Pedro Carillo, archevêque de cette église 8.2 Guillaume Manier (1726) 545 <?page no="546"?> 2201 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-94. 2202 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-87, auch Anm.-2. sont les reliques suivantes : Le corps de saint Demettre, martyr ; Celui de saint Boniface, martyr 2201 . Doch wie in den vorigen Ausführungen bereits deutlich geworden ist, unterläuft Manier weit mehr als ein grober Fehler. Aus einem Scholaster macht er einen Bischof, aus einer Andreaskapelle eine Hippolytskapelle und aus einer Marienkapelle (Santa María da Corticela) eine Heiliggrabkapelle; am Hauptaltar verzählt er sich mehr als einmal und spricht bei nur vergoldeten Schmuckelementen von massivem Gold. Manches ist durchaus verständlich: Wer nicht weiß, dass es sich um einen Scholaster handelt, mag in dem prächtigen Grab der Capela de San Bartolomé einen einstigen Erzbischof vermuten, und von unten betrachtet ist es in der Tat nicht leicht, die am Hauptaltar verarbeiteten Materialien und die genaue Anzahl der Figuren insbesondere auf dem Baldachin zu bestimmen. Bei den falsch benannten Kapellen dagegen wundert man sich, woher er gerade diese Namen bzw. Widmungen nimmt. Ein ähnlicher Fall liegt auch an späterer Stelle vor, wo er auf einen Platz mit dem für Compostela unbelegten Namen marché aux Herbes Bezug nimmt 2202 . Worauf sind alle diese Fehler zurückzuführen? Trog Manier die Erinnerung an seine immerhin zehn Jahre zurückliegende Reise oder suchte er nicht wohl zum Teil auch, Unwissen durch Fantasie zu kompensieren? Bei der Capela de Santa María da Corticela könnte Letzteres der Fall sein: Die Verbindung zum Heiligen Grab zieht er sicher wegen des aufgebahrten Jesusbildes, das er dort sah; er benennt sie mithin - wohl in Unkenntnis ihres richtigen Namens - einfach nach einer dort verwahrten Devotionalie. Vieles von dem, was er vor Ort wahrnahm, wusste Manier offenkundig nicht (richtig) einzuordnen und zu bezeichnen. Dies wird auch daran deutlich, dass er die Dinge nur selten beim Namen nennt: Immer wieder spricht er von une chapelle, un évêque, un saint, un ange, une vierge etc., gibt gewöhnlich jedoch nicht an, um wen oder was genau es sich handelt. Hinzu kommt, dass er gerade in den Kapellen so zentrale Elemente wie Altäre, Heiligenbilder und aufwendig gestaltete Gräber häufig ausspart - zweifellos eben, weil er nicht in der Lage war, näher auf sie einzugehen -, während er zugleich nicht müde wird, wieder und wieder auf die silbernen Altarlampen hinzuweisen. Die fortwährende Hervorhebung wertvoller Stoffe, die sich schon in der Beschrei‐ bung des Hochaltars beobachten ließ, deutet auf eine naiv-materialistische Zugangsweise zum sakralen Bauwerk hin: Es scheint, dass Manier das dort Gesehene eher nach seinem materiellen als nach seinem ästhetischen oder 546 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="547"?> 2203 Das Jesusbild im gläsernen Sarg, das Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 81, in der Capela de Santa María da Corticela als einzigen Gegenstand besonders heraushebt, verbucht V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 142f., hingegen nur als „otra efigie de Jesucristo en el sepulcro, que carece de importancia“. 2204 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 220; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-83. 2205 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-85. 2206 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 89f.; Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 85, Anm. 3; F E R N Á N D E Z C A S T IÑ E I R A S , Nuestra Señora de la Soledad (wie Anm.-1820). symbolischen bzw. spirituellen Wert bemaß, dass er sich eher von Gold und Silber beeindrucken ließ als von der kunstvollen Darstellung eines Heiligen oder von der Bedeutung und angeblichen Wunderkraft einer Reliquie. Zum anderen erscheint die Auswahl der Elemente in seiner Beschreibung teilweise relativ wahllos; so erwähnt er wiederholt auch solche, die sonst kein anderer Autor im hier analysierten Korpus für erwähnungswürdig hielt: das Jesusbild im gläsernen Sarg, das Grab von Diego de Castilla, die Virxe da Azucena, die webstuhlartige Vorrichtung mit einer Perle vom Rosenkranz des hl. Jakobus etc. 2203 Im Gegensatz zu allen anderen Berichtautoren weist er zudem - zweimal sogar - auf die Präsenz des Santiago matamoros in der Kathedrale hin; gut möglich, dass dem jungen Schneider, der selbst Militärerfahrung hatte, gerade diese kriegerische Darstellung des Apostels besonders gefiel. Die übrige Beschreibung der Kathedrale konzentriert sich weitgehend auf den Chor, präziser den trascoro (die Chorrückwand), und die Vierung - Bereiche, die im hier analysierten Korpus sonst nur von Giovanni Battista Confalonieri und Gian Lorenzo Buonafede Vanti eingehender beschrieben werden 2204 . Genau wie der neun Jahre zuvor reisende Franziskaner vermerkt Manier das über dem Chor hängende große Kruzifix, das heute in der Capela do Espíritu Santo untergebracht ist, sowie zwei Marienaltäre: Au bout de l’église est un christ, où au bas est un autel, où au-dessus de cet autel est une vierge revêtue de noir, en linge blanc, magnifique, en religieuse. Au-dessus de cette vierge sont 3 belles lampes et 2 lustres d’argent. Sur la gauche est un autre autel de la Vierge tout doré, où devant sont 6 autres belles lampes d’argent 2205 . Bei der ersteren Jungfrau handelt es sich um die damals bei Pilgern äußerst beliebte barocke Virxe da Soidade in der Mitte des trascoro, heute ebenfalls in der Capela do Espíritu Santo 2206 . Die Letztere lässt sich aufgrund ihrer detailarmen Beschreibung nicht zweifelsfrei identifizieren. Es läge nahe anzunehmen, dass es sich um die Virxe da O handelt, von der sowohl Confalonieri als auch Buonafede Vanti berichten 2207 . Im Museum der Kathedrale kann man sich noch heute 8.2 Guillaume Manier (1726) 547 <?page no="548"?> 2207 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 220; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 83. - Zur Virxe da O vgl. N ÚÑ E Z R O D R Í G U E Z , La Virgen de la O (wie Anm.-1307), insb. S.-409. 2208 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm.-869), S.-89f. 2209 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-85f. 2210 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 218; Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 206; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 83. - Wie sich den Aufzeichnungen des Kathedralkapitels entnehmen lässt, wurde das Eisengitter vor dem Hauptaltar zwischen 1535 und 1542 von den Schlossermeistern Guillén und Pedro Flamenco verfertigt. Finanziert wurde ihre Arbeit aus dem Erbe des 1534 verstorbenen Erzbischofs Alonso III. de Fonseca (1507-1523). Vgl. L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 8 (wie davon überzeugen, dass dieses spätmittelalterliche Bildnis der schwangeren Jungfrau in der Tat teilweise vergoldet ist - jedoch dürfte dies wohl auf viele Heiligenbilder passen. Hinzu kommt, dass sich ihr Altar, blickt man von Westen in den Kircheninnenraum hinein, nicht, wie Manier schreibt, links neben dem Chor befand, sondern rechts, nämlich an einer Säule zwischen Mittel- und südlichem Seitenschiff; erst 1849 sollte er von dieser Stelle entfernt werden. Die Erklärung, dass Manier hier aus einem anderen Blickwinkel spricht, erscheint wenig plausibel, denn wie der Vergleich mit anderen Passagen zeigt, ist Links in seiner Beschreibung immer mit Norden und Rechts immer mit Süden gleichzusetzen. Entweder ist ihm hier also ein weiterer Fehler unterlaufen oder aber er bezieht sich wohl nicht auf die Virxe da O, sondern auf die von Erzbischof Rodrigo de Moscoso (1367-1382) gestiftete Santa María dos Ferros, die sich in der Tat links des trascoro an der gegenüberliegenden Säule befand 2208 . Vom Kruzifix oberhalb der Chorrückwand leitet Manier zu einem vor dem Hochaltar hängenden Pendant über und beschreibt davon ausgehend die übli‐ chen Elemente der Vierung: Dans l’église sont deux beaux grands christs. Devant celui, qui est devant le grand autel, est une belle grille de fer doré, haute de 50 pieds. Devant est un lustre d’argent, qui est au-dessus de l’allée, qui donne communication du chœur des chanoines à l’autre. […] A côté du chœur [d.-h. des Altarraums], en entrant, sont 2 chaires de verité dont le dessus en est doré. Ces 2 chaires sont de bronze. Devant le chœur des chanoines est un pilier sur la droite [d.-h. auf der Südseite], où tout le long est un tuyau ou fourreau de fer, où dedans est enfermé le veritable bourdon de St-Jacques, dont les pèlerins ont la satisfaction de toucher le fer par en bas 2209 . Vom vergoldeten Eisengitter des Hochaltars, hergestellt zwischen 1535 und 1542, liest man bereits bei Confalonieri, Laffi und Buonafede Vanti, ebenso wie von den Messingkanzeln an den östlichen Vierungspfeilern, gegossen 1563 von Juan Bautista Celma 2210 . Und das am südwestlichen Pfeiler fixierte Bronzerohr 548 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="549"?> Anm. 1588), S. 180. - Zu den Messingkanzeln vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm.-869), S.-72f.; L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 5 (wie Anm.-1311), S.-202. 2211 Vgl. z. B. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 321; Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 160; Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 117; Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 220. - Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, befand sich der Stab noch bis 2015 am südwestlichen Pfeiler der Vierung. Gegenwärtig kann er in der Reliquienkapelle besichtigt werden. Vgl. Anm.-870. 2212 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 85. - Zum 1554 eingeweihten Exemplar des botafumeiro, das Manier damals gesehen haben dürfte, vgl. C A S A S C A L L A D O , Historia y Artes (wie Anm. 1486), S. 401; P É R E Z V A R E L A , Las obras de platería (wie Anm 1486), S.-259, 272f. 2213 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 314; Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 69f.; D O M Í N G U E Z F E R R O , Giovan Battista Gornia (wie Anm. 155), S. 264; Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 206; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S.-82. 2214 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-78, 86. 2215 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-79, 85. 2216 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-86. 2217 Ramiro I., Alfons II., Ferdinand II. und Philipp IV. Vgl. C A S A S C A L L A D O , Historia y Artes (wie Anm.-1486), S.-398. - nach Manier fälschlich ein Eisenrohr - mit dem Pilgerstab des hl. Jakobus, dessen freiliegende untere Spitze die Pilger zu berühren pflegten, wird als be‐ deutende Sekundärreliquie von den meisten früheren Autoren erwähnt 2211 . Bei dem unscheinbaren lustre d’argent über der Vierung könnte es sich schließlich um den botafumeiro handeln 2212 . In diesem Fall aber ließ sich Manier wohl nicht in besonderem Maße von diesem merkwürdigen Gerät beeindrucken: Während seine Vorgänger im 17. und 18. Jahrhundert meist detailreich auf Mechanismus und Wirkung des botafumeiro eingehen 2213 , notiert er nur en passant dessen Vorhandensein. Zum Ende hin wird seine Beschreibung der Kathedrale sonderbar unsyste‐ matisch, repetitiv und teilweise widersprüchlich: Abermals weist er auf die silbernen Altarleuchter hin, doch zählte er noch zuvor huit chandeliers d’argent, seien es jetzt angeblich 10 chandeliers d’argent 2214 . Wieder hebt er am Hauptaltar den mittleren Santiago peregrino (St-Jacques le pèlerin) heraus, der nun jedoch angeblich nicht mehr aus Messing (en cuivre jaune), sondern aus Silber (en argent) verfertigt sei - vielleicht eine Verwechslung mit dem ebenfalls fälsch‐ lich als Silberstatue bestimmten unteren Santiago apóstol 2215 . Zudem sei die Statue, was er zuvor nicht erwähnte, von zwei Kriegern (2 hommes guerriers) flankiert 2216 . Er dürfte sich hier auf die beiden vorderen der vier spanischen Könige beziehen, wobei er die beiden hinteren offenbar übersah (die von unten gesehen in der Tat recht versteckt sind) 2217 . Er geht abermals auf die Virxe da Soidade ein, so, als hätte er sie zuvor noch gar nicht eingeführt: derrière le 8.2 Guillaume Manier (1726) 549 <?page no="550"?> 2218 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-86. 2219 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-80, 86. 2220 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-87. 2221 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-87. 2222 Vgl. B O N N A U L T D ’H O U Ë T , Introduction (wie Anm.-1897), S. XXVII. 2223 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 35f.: Le 26, avons eu fait. Nous sommes retournés à Bordeaux voir le marché, où se vendent toutes sortes de denrées ; où dessus est une fontaine, avec un beau bassin de gré fort grand, où l’on descend dedans par quatre endroits, de quatre à cinq degrés chacun et plus même. Le bassin est rond ; l’eau se perd par des trous souterrains ; les tuyaux, d’où sort l’eau, ne sont qu’à un pied du bassin ; et le bassin est cinq ou six pieds plus bas que le pave. Au-dessus de cette Fontaine est un vieillard peint en blanc, avec des ailes et un bâton à la main. chœur des chanoines est une vierge noire, und ergänzt einige Einzelheiten über die ikonographische Gestaltung ihres Altars: Sie habe un ange, à chacun de ses côtés, tenant à leur main un gros cœur rouge. Au-dessus de ces anges, en sont 2 autres qui tiennent chacun un tableau. Au-dessus des tableaux sont des couronnes d’épines et au-dessus est une figure 2218 . Und schließlich weist er ein weiteres Mal auch auf den Eingang der Kathedrale hin, das Nordportal, zu dem jetzt allerdings nicht mehr trois ou quatre degrés hinführten, sondern 8 ou 10 degrés 2219 . Am 3. November 1726 unternahmen die vier jungen Pilger einen Stadtspa‐ ziergang, doch seltsamerweise vermerkt Manier in diesem Zusammenhang nichts weiter, als dass sie an einigen schönen Brunnen vorbeikamen: Le 3, fûmes promener dans la ville, où nous y avons vu 5 ou 6 fontaines ou foente [fuentes] assez belles 2220 . Auf zwei von ihnen geht er näher ein: L’une est sur le marché aux Herbes, à 4 cahos d’où l’eau sort et tombe dans un bassin, puis dans un second plus grand, à peu près comme celles de Noyon et Viler-Cotret. Il y en a une autre devant le couvent de Saint-Martin, mais elle n’est pas si belle 2221 . Diese sonderbare Schwerpunktsetzung in der Stadtbeschreibung hängt zwei‐ fellos weniger damit zusammen, dass die Brunnen in Compostela ungemein imposant gewesen wären, als vielmehr mit den persönlichen Interessen des Autors. Denn nicht nur dort, auch in vielen anderen Städten dies- und jenseits der Pyrenäen scheint sich Manier besonders für die jeweiligen Brunnen begeis‐ tert zu haben 2222 . Selbst wenn er Passagen aus Claude de Varennes’ Voyage de France übernimmt, ergänzt er teilweise noch eigene Angaben zu den belles fontaines der betreffenden Stadt, so beispielsweise im Eintrag zu Bordeaux 2223 . Ihre mitunter höchst detailreiche Beschreibung lässt vermuten, dass der junge Schneider sie sehr aufmerksam betrachtet und vielleicht sogar ihre wesentlichen Eigenschaften bereits sur place notiert haben dürfte 2224 . 550 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="551"?> 2224 Vgl. Ignacio I ÑA R R E A L A S H E R A S , L’importance de l’élément aquatique pour les pèlerins français de Compostelle. Moyen Âge et époque moderne, in: Anuario de Estudios Filológicos XL (2017), S.-63-80, hier S.-77. 2225 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 87. - Zur Fonte de San Xoán vgl. Andrés Antonio R O S E N D E V A L D É S , Unha historia urbana: Compostela 1595-1780, Santiago de Compostela 2004, S. 319, 337f.; Eduardo B E I R A S G A R C Í A , El arte del agua. Compostela y sus fuentes públicas monumentales de la Edad Media al siglo XX, Santiago de Compostela 2012, S. 69-70; Alfredo V I G O T R A S A N C O S / Julio V Á Z Q U E Z C A S T R O , Santiago de Compostela en 1759. La proclamación de Carlos III en la aguda pluma del cura de Fruíme, Diego Cernadas de Castro, in: Quintana. Revista do Departamento de Historia da Arte 20 (2021), https: / / revistas.usc.gal/ index.php/ quintana/ article/ view/ 8062/ 11362 (Zugriff am 25.03.2024), S.-1-13, hier S.-5. 2226 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-87. 2227 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 87, Anm. 2. Zum Jakobusbrunnen vgl. L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 4 (wie Anm. 54), S. 65-67; F L E T C H E R , St. James’s Catapult (wie Anm. 54), S. 177. - Heute befindet sich auf der Praza das Praterías die Fonte dos Cabalos, die 1825 von dem Bildhauer Juan Pernas (1774-1846) errichtet wurde und wohl den alten Jakobusbrunnen ersetzte. Dessen steinernes Becken kann gegenwärtig im Kreuzgang der Kathedrale besichtigt werden. Wie bereits deutlich geworden ist, spiegelt sich der Umstand, dass der Jakobusbrunnen gegen Ende des 15. Jahrhunderts auf den südlichen Vorplatz verlegt wurde und zugleich seine herausgehobene Rolle als Sammelpunkt für neuangekommene Jakobspilger verlor, implizit auch in den hier analysierten Pilger- und Reiseberichten wider: Nach Jean de Tournai (dessen Beschreibung des Paradieses aus dem Jahr 1489 sich noch weitgehend mit derjenigen des Liber Sancti Jacobi deckt) und Jan van Zillebeke (bei dessen Compostela-Aufenthalt im Jahr 1512 die Verlegung auf die Südseite bereits erfolgt gewesen sein müsste, was aus seinem Bericht jedoch nicht eindeutig hervorgeht) wird der einst so bewunderte Brunnen von keinem Pilgerberichtautor mehr erwähnt. 2228 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-87. Vgl. Liber (wie Anm.-25), S.-252. Der zweischalige Brunnen, den Manier devant le couvent de Saint-Martin verortet, lässt sich unschwer mit der Fonte de San Xoán identifizieren, die sich rechts vor dem Benediktinerkloster San Martiño Pinario, nahe der Rúa da Moeda Vella, befand und derentwegen der zwischen diesem Kloster und dem Nordportal der Kathedrale gelegene Platz, die Praza da Acibechería bzw. da Inmaculada, zeitweise auch als Praza da Fonte de San Xoán bekannt war 2225 . Bei dem anderen Brunnen dagegen ist eine zweifelsfreie Identifikation kaum möglich: Das angegebene Toponym marché aux Herbes hilft nicht weiter - ein Platz dieses oder ähnlichen Namens ist in Compostela nicht belegt 2226 . Wie Bonnault d’Houët glaubt, könnte es sich um den alten Jakobusbrunnen des Paradieses handeln und bei dem Platz entsprechend um die Praza das Praterías, wo derselbe wohl gegen Ende des 15. Jahrhunderts hinverlegt worden war 2227 . Dafür spricht, dass Manier vier Wasserfontänen zählt, 4 cahos d’où sort l’eau, so viele, wie auch die fons mirabilis gemäß ihrer Beschreibung im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi besaß 2228 . Dagegen spricht allerdings das von ihm erwähnte 8.2 Guillaume Manier (1726) 551 <?page no="552"?> 2229 Liber (wie Anm.-25), S.-252. 2230 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-88. 2231 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 87. - Wie bereits deutlich geworden ist, bedenken die meisten Pilger-Autoren das Hospital Real mit höchstem Lob: Jan Taccoen van Zil‐ lebeke, Giovanni Battista Confalonieri, Lorenzo Magalotti, Filippo Corsini, Domenico Laffi, Giacomo Antonio Naia etc. Nur Johann Limberg, der Compostela im Jahr 1690 besuchte, und der im nächsten Kapitel behandelte Nicola Albani monieren die angeblich schlechte Behandlung der Pilger, die dort nicht einmal etwas zu essen bekämen. Zur Übersicht vgl. P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm.-94), S.-91-93. 2232 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 87. - Viele Autoren, insbesondere diejenigen des 15. und 16. Jahrhunderts, machen gar keine Angaben zu ihrer Unterkunft in Compostela. 2233 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 87. - Für 1511, das Jahr der Fertigstellung des Gebäudes, sind nur die beiden südlichen Innenhöfe belegt, die später, zwischen 1557 und 1563, von Rodrigo Gil de Hontañón grundlegend restauriert und mit ihrer heutigen Gestalt versehen wurden. Im 17. Jahrhundert wurde auf der Nordseite ein weiterer Innenhof angefügt, der sich über die volle Breite des Gebäudes erstreckte. Entsprechend vermerkt Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 203, 1670/ 1673 tre claustri superbi […] con un cortile nel mezo, und Gian Lorenzo Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 86, beschreibt den Gebäudegrundriss 1718 wie folgt: All’ingresso (per kleinere zweite Becken, in dem sich das Wasser zunächst sammele, bevor es schließlich in das darunterliegende große Becken falle - man müsste demnach annehmen, dass der ursprünglichen Konstruktion später ein weiteres Becken zugefügt wurde, ist doch im Pilgerführer nur von einem die Rede, von einer pulcherrima conca lapidea, instar parapsidis vel bacinni rotunda et cavata, que etiam tanta habetur, quia largiter possunt in ea balneari ut puto quindecim homines; das Wasser falle sofort - ilico - in dieses Becken und verschwinde dann unter dem Boden: Que etiam flumina postquam egrediuntur ab oribus leonum, ilico labuntur in eadem conca inferius, et ab hinc exeuntes per quoddam eiusdem conque foramen, subtus terram recedunt 2229 . Darüber hinaus geht Manier in seiner Compostela-Beschreibung nur auf zwei Orte abseits der Kathedrale näher ein: die Jesuitenkirche, die ihm wegen ihrer schönen Glockentürme (2 beaux clochers en pierre, faits en flèche, percés à jour, faits par les anglais) auffiel 2230 , und das so viel beschriebene Hospital Real, das auch auf ihn großen Eindruck machte - es sehe comme une maison royale aus, staunt er 2231 . Als erster Autor im hier analysierten Korpus gibt er an, auch selbst dort geschlafen zu haben: Les lits de l’hôpital ne sont pas si mauvais : il y a 3 couvertes, 2 pour en guise de draps et une dessus 2232 . Wie üblich beschreibt er den charakteristischen Grundriss des Gebäudes, erwähnt dabei allerdings weder die T-Form der Schlafsäle noch die zentral gelegene Kapelle, und es verwundert, dass er nur von une grande cour spricht, où sont deux fontaines, obwohl er damals - wie Laffi und Buonafede Vanti bestätigen - eigentlich drei Innenhöfe mit jeweils einem Brunnen hätte zählen müssen 2233 . Im Übrigen verfährt der junge 552 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="553"?> spiegarmi bene) trovasi un Chiostro superbo di marmo Spagnuolo d’ordine Corinto, da questo s’entra in un’altro d’ordine Dorico; doppoi nel terzo d’ordine Toscano, e nel mezzo di tutti una Fontana diferente, ma non sì vaghe, e belle, come parla il Laffi a car 227. Erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der nördliche Innenhof, nachdem es dort bei einer Prozession zu Einstürzen gekommen war, bei den Wiederaufbauarbeiten in zwei aufgeteilt, so dass auf dem Gebäudeplan heute insgesamt vier zu sehen sind. Vgl. Laffi, A Journey (wie Anm. 200), S. 150f., Anm. 13; G O Y D I Z , Hospital Real (wie Anm. 1032), S.-68f., 74f. 2234 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-88. 2235 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 88, Anm. 1; R O S E N D E V A L D É S , El Grande y Real Hospital (wie Anm. 1032), S. 146, 285. - Verfertigt wurde die Schmiedearbeit in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts von Guillén de Colás, der zusammen mit Martín de Blas auch für die Steinschnitzereien der Fassade verantwortlich zeichnet. 2236 Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 88. Vgl. Mónica F E R N Á N D E Z A R M E S T O , Penas corporales en la vía extraordinaria de justicia: la aplicación de sentencias por la jurisdicción del Hospital Real de Santiago (1576-1839), in: Clío & Crímen. Revista del Centro de Historia del Crimen de Durango 15 (2018), S. 117-142; Carlos S A N T O S F E R N Á N D E Z , Tres peregrinos del siglo XVII condenados por hurtos en el Hospital Real de Santiago, in: Compostela. Revista de la Archicofradía Universal del Apóstol Santiago 60 (2018), S.-33-39 (1. Teil); 61 (2019), S.-14-19 (2. Teil). Franzose hier ähnlich unsystematisch wie stellenweise in seiner Beschreibung der Kathedrale. Statt etwa auf die verschiedenen Räumlichkeiten und deren Funktionen oder auch auf die beeindruckende platereske Fassade einzugehen, hebt er - scheinbar wahllos - einzelne Elemente heraus, die ihm wohl besonders auffielen oder merkwürdig erschienen, so etwa die dicke Eisenkette, die, gestützt von 24 steinernen Pfeilern, vor dem Hospital verläuft: Devant la face de l’hôpital sont 24 piliers de pierre, hauts de 2 ou 3 pieds, éloignés du mur de 5 ou 6 pieds, où est dessus chacune d’elles une grosse chaîne de fer plombée dessus, de façon que toute l’approche en est défendue par le moyen de chaînes entrelacées de bondes 2234 . In Wahrheit diente diese noch heute im Original vorhandene 64 Meter lange Kette nicht, wie Manier glaubt, der Verteidigung, sondern markiert den Eigen‐ tumsbereich des Hospital Real 2235 . Innerhalb dieser ehernen Grenzen war dem Hospital sogar eine eigene Gerichtsbarkeit eingeräumt, wie eine andere von Manier gemachte Beobachtung belegt: Dans l’hôpital est une chaîne de fer pour y attacher les malfaisants (ce qui est arrivé à un pendant que nous y étions couchés), avec la lampe allumée pendant la nuit pour lui faire plus de honte. Il avait volé un en dormant [sic! ] 2236 . Wie andere Berichtautoren des 17. und 18. Jahrhunderts beschreibt Manier nicht nur die Stadt, sondern notiert vielfach auch eigene dort vollzogene Handlungen, darunter so Alltägliches wie eingenommene Mahlzeiten, flüchtige 8.2 Guillaume Manier (1726) 553 <?page no="554"?> 2237 Vgl. Kapitel 7 und 8.1. - Was die Frömmigkeitshandlungen betrifft, so ist bei Buonafede Vanti einerseits besonders auffällig, dass er sich fast jeden Tag seines mehrwöchigen Aufenthaltes - insgesamt mindestens vierundzwanzigmal (so oft vermerkt er dies explizit) - zum Hauptaltar begab, um die Jakobsstatue zu umarmen, und bei Naia andererseits, dass er großen Wert darauf legte, jeden Tag mindestens einmal - und zwar unentgeltlich bzw. ohne dafür Almosen zu erhalten - die Messe in der Kathedrale zu lesen. Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 80-90, 106-114; Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148. 2238 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-73f. 2239 Vgl. z. B. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 88: un garçon tourneur, natif de Raims, qui m’a vendu 12 pierres d’aigle et une d’aimant. 2240 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-87f. 2241 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-73, 77, 88. 2242 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-155f.; Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-38. 2243 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-88f. Reisebekanntschaften, Gelegenheitskäufe, Messen und Gebete. Der Vergleich mit seinen Zeitgenossen Buonafede Vanti und Naia - beide Mönche und beide deutlich älter als er - erscheint hier besonders interessant: Während diese sich in Compostela gewöhnlich nur zwischen der Kathedrale und den Klöstern beweg‐ ten, vor allem mit lokalen Geistlichen in Kontakt kamen und großen Wert auf ihre (jeweils sorgfältig notierten) täglichen Frömmigkeitshandlungen legten 2237 , suchten Manier und seine drei Freunde die Klöster allenfalls auf, um Almosen zu erbitten 2238 , lernten keine Einheimischen, sondern nur andere arme französische Pilger wie sie kennen 2239 und nutzten ihren relativ kurzen Aufenthalt nicht primär zu religiösen Zwecken. So scheinen sie ausgerechnet am 3. November 1726 - einem Sonntag! - weder die Kathedrale noch irgendeine andere Kirche besucht zu haben 2240 . Einen Messgang vermerkt Manier nur für den 1. und den 4. November 2241 . Nachdem sie am 2. November die Kathedrale und am 3. November die Stadt besichtigt hatten, verbrachten sie den 4. November, nach der Morgenmesse, mit allerlei weltlichen Vergnügungen: Vermutlich auf der Praza da Acibechería nördlich der Kathedrale erwarben sie kleine Pilgerandenken - chapelets, coquilles et plombs, et autres petites drôleries -, wie sie schon etwa bei Antoine de Lalaing und Fabrizio Ballarini/ Silverio Rettabeni bezeugt sind 2242 ; Manier probierte (wohl zum ersten Mal in seinem Leben) Sardinen, qui sont des demi-harengs, und wurde von seinen Freunden als ‚Pilgerkönig‘ mit einem Blumenstrauß geehrt; um ihnen für diese liebenswürdige Geste zu danken, lud er sie schließlich zu einigen Bechern Wein in einer Schenke ein 2243 . Am fünften und letzten Tag ihres Aufenthaltes begaben sich die vier jungen Franzosen auf die Praza da Quintana östlich der Kathedrale und besichtigten die Heilige Pforte, die Manier kurioserweise mit dem ehemaligen Hauptportal der Kathedrale identifiziert: nous fûmes voir […] la Porte-Sainte, où la porte de 554 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="555"?> 2244 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-89. 2245 Liber (wie Anm.-25), S.-252. 2246 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-89. 2247 Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-89f. 2248 Einer von Maniers drei Freunden, Delorme (Antoine Delaplace), blieb in Compostela zurück, um am Folgetag zusammen mit einem Drechsler aus Reims, den sie vor Ort kennengelernt hatten, den direkten Rückweg in die Heimat anzutreten. Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 88f., 95. - Die zeitlichen Angaben sind an dieser Stelle widersprüchlich: Das letzte Datum, das Manier im Eintrag zu Compostela nennt, ist der 5. November 1726: Le 5, au matin, nous fûmes à Saint-Jacques voir la Porte-Sainte. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 89. Der Aufbruch aus Compostela soll dann aber bereits am 4. November 1726 stattgefunden haben: Le lundi 4 du mois, après avoir rendu grâces à Dieu, sommes partis de cette ville à 2 heures après midi. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-95. l’église avait été anciennement ; mais Notre-Seigneur a permis qu’elle fût changée et remise où elle est à présent. Et en mémoire de ce, elle est appelée Porte-Sainte 2244 . In Wahrheit war sie, wie an anderer Stelle bereits erläutert, einst ein Nebenportal (im Liber Sancti Jacobi: [portalulla] de Sancto Pelagio) gewesen 2245 . Die wahre Bedeutung dieser Pforte im Kontext der Heiligjahrpraxis scheint Manier nicht bekannt gewesen zu sein, ganz anders etwa als seinem im nächsten Kapitel zu behandelnden Zeitgenossen Nicola Albani, der sehr detailreich auf die mit ihr verbundenen Traditionen eingeht. Zum Schluss kehrten die Pilger noch einmal in die Reliquienkapelle zurück, die ihnen auf dem Rundgang am zweiten Tag wohl nur flüchtig gezeigt worden war 2246 . Ähnlich wie bei Buonafede Vanti geht der Bericht an dieser Stelle nahtlos in eine seitenlange Auflistung sämtlicher Reliquien der Kathedrale über; sie beruht zweifellos auf einem Heiltumszettel, den Manier 1726 vor Ort käuflich erworben und 1736 dann in sein Manuskript übertragen haben dürfte: Premièrement, sous le grand autel, est le corps du glorieux apôtre saint Jacques-le-Grand, patron d’Espangne et premier fondateur de la foi catholique en ce royaume, avec deux de ses disciples : saint Athanase et saint Théodore. Dans le trésor de cette église sont les reliques suivantes : Premièrement, la tête de saint Jacques le Mineur, dit le Juste, avec plusieurs de ses reliques qui sont enchâssées en argent doré, orné et garni de pierreries, avec une dent du même apôtre, qui fut dérobée. Et par permission divine il retourna à ce saint reliquaire […] 2247 . Nach einem abschließenden Dankesgebet brachen Manier und seine Freunde noch am selben Tag nach Oviedo auf 2248 . 8.2 Guillaume Manier (1726) 555 <?page no="556"?> 2249 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm. 199), S. 388; D E R S ., Nicola Albani, entre devoción e picaresca, no outono da peregrinación a Compostela, in: Nicola Albani, Viaxe de Nápoles a Santiago de Galicia, hg. von Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago de Compostela 2007, S. 11-23, hier S. 13; A R R I B A S B R I O N E S , Pícaros (wie Anm. 289), S. 53f.; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 297; Guido T A M B U R L I N I , Pellegrini italiani sulle peregrinationes maiores. A Santiago con Nicola Albani. A Gerusalemme con Padre Montemaggio, in: Peregrino, ruta y meta en las peregrinationes maiores. VIII Congreso Internacional de Estudios Jacobeos (Santiago de Compostela, 13-15 Octubre 2010), hg. von Rosa V Á Z Q U E Z , Santiago de Compostela 2012, S.-61-82, hier S.-74. 2250 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm. 199), S. 389, 418; D E R S ., Devoción e picaresca (wie Anm. 2249), S. 13f.; A R R I B A S B R I O N E S , Pícaros (wie Anm. 289), S. 53f.; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 299. - Wie Guillaume Manier ließ sich Albani dazu auch wiederholt Bettellizenzen ausstellen: So erteilte ihm etwa der Bischof von Perpignan eine licenza di far domandar Elemosina, und der Pfarrer von Saint-Hubéry gab ihm eine Carta, come fusse una Fede del Caso accadutomi. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 62, 64. Über die jeweils eingenommenen Almosen führte er sorgfältig Buch. 2251 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-123. 2252 In Montserrat, Lissabon und Pisa. Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 69, 116, 142. Vgl. auch C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm. 199), S. 389, 418f.; D E R S ., La memoria (wie Anm. 209), S. 66f.; A R R I B A S B R I O N E S , Pícaros (wie Anm. 289), S. 53f. - In Pontevedra gab er sich als Geistlicher aus und wurde im lokalen Hospital de los Eclesiásticos entsprechend gut bewirtet: fui ammesso nella Stanza de Sacerdoti con buon Letto, e Cena, secondo passa detto Ospedale, benchè fù mia politica passar per Ecclesiastico qual’Io non ero tale, à sol fine d’esser più ben trattato, qual cosa mi fù insegnata da un’altro Viandante, che già nell’altra volta, che da quì passai, mi toccò dormire sopra d’un Tavolato, senza ne pur Candela. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-126. 2253 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-117. 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) Die späteste Beschreibung von Compostela, die hier näher untersucht werden soll, stammt aus dem Pilgertagebuch des Italieners Nicola Tommaso Albani (* 1714). Aufrichtig fromm einerseits, ein gerissener Schelm und Lebenskünstler andererseits stellt Albani das vielleicht beste Beispiel für den Mischtypus des pikaresken Pilgers dar 2249 : Schamlos nutzte er seinen Status als (scheinbar) armer Pilger aus, um allerorts Geld und Viktualien zu erbetteln - selbst dann, wenn er gar nicht darauf angewiesen war 2250 . In Lissabon ließ er sich von einem vero va‐ gabondo einige Ausweise fälschen, die ihm Almosen und gastliche Aufnahme in allen Dominikaner- und Franziskanerklöstern sicherten 2251 . Und mehr als einmal gab er sich, um einer besseren Behandlung teilhaftig zu werden, als Edelmann aus, was ihm dank seiner guten Manieren, seiner Lese- und Schreibfähigkeiten und seiner weißgepuderten Rundperücke nicht schwerfiel 2252 . [Q]uesta però, rechtfertigt sich Albani, è Politica Peregrinesca, che usar devesi per chi gira il Mondo, mentre ben dice il Proverbio, che chi è sciocco stia à sua Casa 2253 . An anderer 556 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="557"?> 2254 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 94. Vgl. Isabel G O N ZÁ L E Z F E R N Á N D E Z , Peregrinando a Compostela: Cosimo III de’ Medici y N. Albani (distintas sensibilidades), in: Compostela. Revista de la Archicofradía del Apóstol Santiago 60 (2018), S.-40-46, hier S.-46. 2255 Vgl. z. B. C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm. 199), S. 389; D E R S ., Devoción e picaresca (wie Anm. 2249), S. 13f.; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 297. 2256 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-30. 2257 Vgl. Jacopo C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani, un pellegrino curioso ai margini della vita picaresca, in: Compostella. Rivista del Centro Italiano di Studi Compostellani 34 (2013), S. 4-11, hier S. 4. - Auf dem Taufschein von Nicola Albani im Liber Baptizat. Parochiae Cath. Civitatis Malphiae, anno 1714, f.n.n. liest man: Die 23 mensis decembris 1714, Ego non Nicolaus Longo, parochus Cathedralis Melphiae baptizavi infantem natum die 19 eiusdem mensis ex Leonardo Albano et Cecilia Volgaro coniugibus Melphiae. Matrina Joanna Sarno vidua, qui impositum est nomen Nicolaus Thomas. Zitiert nach: C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm.-199), S.-8, Anm.-10. 2258 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-30. 2259 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 166. - Den ersten Teil dieser biographischen Notizen trug Albani wohl ungefähr zur selben Zeit ein, als er die Redaktion des Berichts abschloss. Den zweiten Teil, der sich graphisch vom ersten deutlich abhebt, dürfte er erst einige Jahre später ergänzt haben. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm.-199), S.-387. Stelle erklärt er, dass ein Pilger d’abilità, astuto, malizioso, e fino di cervello sein müsse, acciò non si facci burlare da persona veruna nel suo Viaggio 2254 . Überfälle durch Räuber und desertierte Soldaten, Bedrohung durch algerische Piraten, Gefangennahme durch die englische Kriegsmarine, Erwerb und jäher Verlust eines großen Vermögens - die Forschung hat Albanis Bericht mit Recht immer wieder attestiert, eher einem Schelmen- und Abenteuerroman zu ähneln als einem Pilgertagebuch 2255 . So lebendig und spannend Albani seine ereignisreiche Reise schildert, so spärlich und lückenhaft sind die Angaben, die er über sein Leben davor und danach macht: Den ersten Seiten seines Berichts lässt sich entnehmen, dass er aus der süditalienischen Kleinstadt Melfi (in der Basilikata) gebürtig und bei seinem Aufbruch nach Compostela im Juni 1743 giusto nel Fior della Gioventù d’anni 28 war, außerdem soltiero und senza passione, ne peso veruno 2256 . Sein Taufschein, der im Archiv der Kathedrale von Melfi verwahrt wird, stützt die Altersangabe: Darin ist bezeugt, dass der Sohn von Leonardo Albani und Cecilia Volgaro am 19. Dezember 1714 geboren und vier Tage später getauft worden war 2257 . Wie Albani weiter schreibt, war er vor seiner Reise beim Bischof von Capua, Mondilio Orsini (1724-1743), (wohl als Sekretär) bedienstet gewesen 2258 . Die letzten vier Seiten seines Berichts sind schließlich mit (zum Teil erst Jahre nach der Endredaktion zugefügten) Notizen gefüllt, die einen knappen Überblick über seinen weiteren Berufsweg geben 2259 . Daraus geht hervor, dass er nach seiner Heimkehr im Herbst 1745, statt seinen alten Dienst 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 557 <?page no="558"?> 2260 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-166. 2261 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm. 199), S. 377f.; D E R S ., I testi italiani (wie Anm.-1382), S.-27. 2262 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 29f. - Unten auf der Seite steht zudem: Tomo Primo. Ed in fine v’è la Tavola di tutte le miglia che sono da Napoli à S. Giacomo di Galizia, und darunter: In Napoli MDCCXLIII. Zitiert nach: C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm.-199), S.-377. 2263 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 101f. - Unten auf der Seite steht: Tomo Secondo Ed in fine v’è la Tavola Generale di più Viaggi, und darunter: In Napoli MDCCXLIII. Zitiert nach: C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm.-199), S.-377. wieder aufzunehmen, für verschiedene adlige Herren tätig wurde: knapp zehn Jahre für einen gewissen Don Agnello Avitabile, anschließend jeweils nur wenige Wochen für die Herzöge von Melito, Telese und Ilzi, ein halbes Jahr für den Grafen von Conversano usw. Zuletzt, ab 1764, hielt er sich am Hof des Fürsten von Riccia, Bartolomeo V. di Capua (1716-1792), auf, dem er zunächst als Lettirario Maggiore, dann, ab 1768, als Portiero della Somigliaria Reale a Palazzo und Guardaroba diente 2260 . Überliefert ist Albanis Bericht in einer zweibändigen Handschrift, die ge‐ genwärtig im Archiv des Perugianer Centro Italiano di Studi Compostellani (Signatur: F. C., Ms. 1S) verwahrt wird. Beide Bände sind im selben Format (18 x 25 cm) erstellt, in Halbleder (mit Karton) gebunden und ungefähr gleichen Umfangs (290 und 328 Seiten) 2261 . Ihre jeweils auf der ersten Seite vermerkten Titel lauten wie folgt: Veridica Historia ó sia Viaggio da Napoli à S. Giacomo di Galizia fatto dal Signor Nicola Albani Nativo della Città di Melfi Dove dà Notizia delle Città, Terre, Casali, Castelli, e quanti luoghi che nel detto Viaggio vi sono, com’anche tutte le Meraviglie, e Curiosità che in essi si vedono, con far noto ancora le disgrazie à lui successe nel detto Viaggio, e che miracolosamente sia stato liberato 2262 und Veridica Historia ò sia Viaggio da S. Giacomo di Galizia di ritorno in Napoli fatto dal Signor Nicola Albani Nativo della Città di Melfi dove dà Notizia del rimanente delli disaggi sofferti nel far ritorno per ripatriarsi, com’anche per esser ritornato per altra strada, vi fà consapevoli d’altre curiosità da lui Vedute 2263 Im ersten Band schildert Albani seine Pilgerfahrt von Neapel nach Compos‐ tela, die er zwischen dem 4. Juni und dem 8. Dezember 1743 unternahm, im Fortsetzungsband seine Weiterreise nach Lissabon, seinen über einjährigen Aufenthalt dort, seine zweite Pilgerfahrt nach Compostela zu Beginn des Heili‐ gen Jahres 1745 und schließlich seine abenteuerliche Heimreise nach Neapel. 558 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="559"?> 2264 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-117-124, 135-141. 2265 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 95-99, 159-166. - Am Ende des ersten Bandes fasst er seinen Reiseverlauf noch einmal mit wenig Worten zusammen und gibt dann sechs ermahnende Hinweise für zukünftige Pilger, in denen sich unverkennbar seine persönlichen Lehren aus den unterwegs gemachten, nicht immer positiven Erfahrungen verdichten. Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 93-95. Zuletzt notiert er ein Itinerar, eine Tavola Generale delle miglia, die sämtliche Stationen von Neapel bis Compostela - 241 an der Zahl - nebst den dazwischenliegenden Distanzen auflistet, darunter auch viele, die er zuvor im fließenden Berichtstext nicht erwähnt. Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 95-99. Das identische Itinerar findet sich im Schlussteil des zweiten Bandes wieder, ergänzt allerdings um die Routen von Compostela nach Lissabon und von Livorno, wo er nach fährnisreicher Schiffsreise an Land ging, nach Neapel. Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 159-164. Anschließend ist der vollständige Reiseverlauf nochmals in einer stark verkürzten Übersicht wiedergegeben, die nur (achtzehn) große Städte und bedeutende loca sancta berücksichtigt. Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 165. Es folgen aus einem anderen Werk kopierte Angaben zu den wesentlichen Stationen einer Jerusalemfahrt und schließlich die besagten vier Seiten mit Notizen über Albanis weiteres Leben nach der Reise. Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 165f. Vgl. auch C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm. 199), S. 379f., 383; D E R S ., La littérature (wie Anm. 93), S. 180; D E R S ., La memoria (wie Anm. 209), S. 66f.; D E R S ., Santiago (wie Anm. 109), S. 203f.; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 299, 317-319. Der Text weist eine grundlegend chronologische Struktur auf. Größtenteils dokumentiert Albani seine knapp zweieinhalbjährige Reise in der üblichen Tagebuchform; nur in den Kapiteln zu seinem langen Aufenthalt in Lissabon, seinem erneuten Aufenthalt in Compostela und dem per Schiff zurückgelegten ersten Teil seiner Heimreise (Lissabon-Livorno) verzichtet er auf eine stringente Gliederung nach Tagen und beschränkt sich weitgehend darauf, summarisch nur die wesentlichen Ereignisse festzuhalten 2264 . Da innerhalb der einzelnen Tageseinträge sämtliche Stationen nebst den dazwischen liegenden Distanzen in miglia sorgfältig vermerkt sind und den beiden Bänden zusätzlich jeweils ein sehr präzises Itinerar im Schlussteil beigegeben ist, lassen sich alle fünf von Albani genommenen Landrouten (Neapel-Compostela, Compostela-Lissabon, Lissabon-Compostela, Compostela-Lissabon, Livorno-Neapel) bis ins Kleinste nachvollziehen 2265 . Freilich tritt die bloße Wegdokumentation hinter den Bericht eigener Reiseer‐ lebnisse und die Beschreibung der unterwegs gesehenen Städte und Ortschaften weit zurück. Der neugierige Melfitaner interessiert sich dabei insbesondere für die einheimischen Bevölkerungen, ihre Sitten und Unsitten, ihre Mentalität, ihr Aussehen und ihre Kleidung; er bewertet die Gastfreundschaft und christliche Mildtätigkeit (Almosen), die ihm an den verschiedenen Orten entgegengebracht wurden, wobei er mehr als einmal die mangelhaften hygienischen Verhältnisse 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 559 <?page no="560"?> 2266 Mit besonderer Vehemenz tadelt er das Hospital von Barcelona, in dem er sich vor lauter Ekel nicht einmal in das ihm zugeteilte Bett legte, sondern die ganze Nacht in einer Ecke des Raumes aufrechtstehend verbrachte. Er verließ es schon nach einer Nacht, obwohl ihm der Hospitalvorsteher anbot, noch zwei weitere dortzubleiben. Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 67. Überhaupt scheint der Zustand der Hospitäler vielerorts in Spanien prekär gewesen zu sein: per il più sono per tutta la Spagna Ospedali molto miserabili, basta solo esser coverti da l’aria, e dormir si deve sopra del proprio suolo, ò pur su d’un Tavolato all’uso di soldati, che rarissimi sono quei luoghi, dove si trova qualche pagliacci di Paglia con Lettera, à riserba delle Città grandi, e benche vi sono Ospedali per tutti li Paesi della Spagna, ma sono così miserabili, che alle volte li tengono per recettacoli delli porci, però vi si usa Carità più d’ogni altra parte, che in qualsivoglia Casa, ò Pagliera, che il Passaggiero dimanda paglia, legna, ed’una candela, tosto c’è data, e particolarmente alli Pellegrini, che sono da tutti alloggiati nelle loro proprie case senza difficoltà veruna […] e li trattano anco con Cena la sera secondo quel tanto che essi mangiano, ne fanno porzione al Peregrino che in Casa alloggiano, che non è poco Carità. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 74f. - Einen Überblick über Albanis Unterkünfte auf der Pilgerfahrt bietet C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm.-199), S.-403-405. 2267 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm. 199), S. 406-408; D E R S ., La memoria (wie Anm. 209), S. 66-68; D E R S ., Santiago (wie Anm. 109), S. 222-226; A R R I B A S B R I O N E S , Pícaros (wie Anm.-289), S.-54. 2268 Der hier zitierten Ausgabe von G O N ZÁ L E Z F E R N Á N D E Z sind sämtliche Stiche und Zeichnungen in Farbe beigefügt. - Allgemein zum ikonographischen Apparat der Handschrift vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm. 199), S. 383-386; D E R S ., Santiago (wie Anm.-109), S.-207-210. 2269 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-53, 105-107, 117f. und die dürftige Speisung in den Hospizen vehement kritisiert 2266 ; er schildert Messen und feierliche Prozessionen, abendliche Geselligkeit mit Wein, Tanz und Musik, Volksfeste und Stierkämpfe, grausame Hinrichtungen und Autodafés - und vermittelt auf diese Weise ein überaus vielfältiges tableau de mœurs Südwesteuropas in der Mitte des 18.-Jahrhunderts 2267 . Die Handschrift enthält neben dem reichen Bericht auch einen exzeptionellen ikonographischen Apparat: zehn Aquarelle, sechs größtenteils kolorierte Kup‐ ferstiche und fünf Tuschzeichnungen 2268 . Die Aquarelle zeigen wichtige Szenen der Reise und des Lissabon-Aufenthaltes, etwa, wie Albani in Genua den Fürsten von Melfi, Giovanni Andrea IV. Doria-Landi (1704-1764), um ein Almosen ersuchte und kaltherzig des Palastes verwiesen wurde (Abb. 31), wie er in den Bergen bei Valença einen säbelschwingenden Räuber mit seinem Pilgerstab niederschlug (Abb. 32) oder wie er in Lissabon für einen dort ansässigen neapolitanischen Essig- und Spirituosenhändler schwer arbeiten musste (Abb. 33) 2269 ; bei den Stichen handelt es sich um zu einer Serie gehörige Veduten von Rom, Genua, Madrid und Lissabon sowie um Darstellungen der Moreneta von Montserrat und der Virgen del Pilar von Saragossa, beide französischer Provenienz, und bei den Tuschzeichnungen schließlich um einen Grundriss 560 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="561"?> 2270 Die Aquarelle des ersten Bandes scheinen von einer Hand gemalt worden zu sein, diejenigen des zweiten Bandes, von minderer Qualität, von einer anderen. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm. 199), S. 395f.; D E R S ., Devoción e picaresca (wie Anm.-2249), S.-16. 2271 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-39. 2272 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-71. des Heiligen Hauses von Loreto und Ansichten desselben aus verschiedenen Perspektiven, die jeweils mit Beschriftungen versehen und allesamt eindeutig von derselben Hand verfertigt sind. Während der junge Melfitaner die zehn Aquarelle nach seiner Heimkehr in Auftrag gegeben haben dürfte 2270 , hatte er das übrige Bildmaterial bereits unterwegs gekauft - wie er selbst in seinem Tagebuch verschiedentlich festhält, etwa im Eintrag zu Rom: anche procurai la veduta di detta Città di Roma, acciocchè ogn’uno restasse appagato del compi‐ mento del mio Viaggio, qual’è questa, che qui si vede 2271 , und in demjenigen zu Montserrat: procurai anche la veduta della pianta di detta Vergine, quale è questa che quì appresso si vede, acciò ogn’uno ne resti ammirato 2272 . Abb. 31: Nicola Albani wird in Genua von Giovanni Andrea IV. Doria-Landi des Palastes verwiesen. Aquarellzeichnung, Veridica Historia (um 1745), Centro Italiano di Studi Compostellani, Perugia, F. C., Ms. 1S. 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 561 <?page no="562"?> Abb. 32: Nicola Albani schlägt in den Bergen bei Valença einen säbelschwingenden Räuber mit seinem Pilgerstab nieder. Aquarellzeichnung, Veridica Historia (um 1745), Centro Italiano di Studi Compostellani, Perugia, F. C., Ms. 1S. Abb. 33: Nicola Albani in Diensten eines Essig- und Spirituosenhändlers in Lissabon. Aquarellzeichnung, Veridica Historia (um 1745), Centro Italiano di Studi Compostellani, Perugia, F. C., Ms. 1S. 562 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="563"?> 2273 Vgl. z. B. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 87: e tutte cose poneuo in scritto con distinzione, che appresso poi sentirete il tutto. 2274 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm. 199), S. 380f.; D E R S ., Santiago (wie Anm.-109), S.-205. 2275 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm.-199), S.-381. 2276 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 30. - T A M B U R L I N I , Pellegrini italiani (wie Anm. 2249), S. 66, meint, der Text sei für die Veröffentlichung bestimmt gewesen, begründet diese Behauptung jedoch nicht: „non dobbiamo dimenticare che se a noi il testo è pervenuto manoscritto, comunque era destinato ad esser reso pubblico.“ Im Text selbst finden sich keine expliziten Hinweise auf eine Veröffentlichungsabsicht. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S. 241, dagegen ordnet den Bericht einer in der Zeit des 18. Jahrhunderts weit verbreiteten „letteratura memoralistica familiare non destinata alle stampe“ zu. Wie die meisten hier betrachteten Zeugnisse basiert Albanis Veridica Historia auf bereits in itinere erstellten Aufzeichnungen; dies ist mehr als nur eine - angesichts der sehr präzisen Wegdokumentation - plausible Vermutung, denn auch auf seine Schreibtätigkeit weist er selbst mehrfach ausdrücklich hin, nicht zuletzt in der umfänglichen Beschreibung seines Compostela-Auf‐ enthaltes 2273 . Zur sorgfältigen Ausarbeitung der uns vorliegenden Handschrift dürfte er allerdings erst nach seiner Heimkehr gekommen sein. Dafür spricht nicht nur die relative Elaboriertheit und die saubere, gut lesbare Schrift des Berichtstextes, sondern auch und insbesondere die biographischen Notizen im Appendix des zweiten Bandes: Bis zum Juli 1756 nämlich stimmen sie in we‐ sentlichen paläographischen Eigenschaften mit dem Schluss des Berichtstextes überein, wohingegen diejenigen zu den Jahren 1764 und 1768 dann „con grafia completamente diversa“ geschrieben sind - Caucci von Saucken schließt daraus, dass Albani die Redaktion wohl erst nach 1756, aber vor 1764 abschloss 2274 . Überdies vermutet er, dass der Text in dieser Zeit von einem Geistlichen durchgesehen und endbearbeitet wurde, da er vielfach von einer Vertrautheit mit dem Lateinischen zeugt, wie sie dem Laien Albani wohl kaum zu eigen gewesen sein kann 2275 . Ob der heimgekehrte Pilger eine Druckveröffentlichung seiner Veridica Historia im Sinn hatte, bleibt fraglich; in jedem Falle schrieb er die gut 600 Seiten nicht nur für sich selbst, sondern wollte seine Reiseerfahrungen auf diesem Wege mit Anderen, mindestens mit Menschen aus seinem nahen Umfeld, teilen: In tanto però non voglio tralasciare di far palese la mia Pellegrinazione ad Amici, e conoscenti, bekundet er am Anfang des ersten Bandes 2276 . Daher wohl fügte er der Handschrift die veranschaulichenden Aquarelle bei, die sogar mit explikativen Kommentaren versehen sind, in denen er selbst konsequent in der dritten Person bezeichnet wird. Und daher auch wendet er sich immer wieder direkt an eine Leserinstanz, il cortese Lettore 2277 , bezeichnet sich selbst als il vostro Viandante 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 563 <?page no="564"?> 2277 Vgl. z. B. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 30: se ben però tal Libro sia da me mal Composto, la cagion’ essendo che non sò ben scrivere, ma fò quanto posso, ma il cortese Lettore intendendo il senso andarà à concepire quant’Io voglio raccontare in’ogni trattato, senza però aggiungere cos’alcuna, ò ponerci buggie, dirò la pura verità, che ve ne posso giurar sù la mia Coscienza. 2278 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-94. 2279 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-94f. 2280 Vgl. z. B. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 93f. Vgl. auch H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-298. 2281 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-94. 2282 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Un pellegrino curioso (wie Anm.-2257), S.-4. 2283 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm.-199). 2284 Die bereits zitierte Ausgabe: Nicola Albani, Viaje de Nápoles a Santiago de Galicia. Manuscrito italiano de mediados del siglo XVIII depositado en el archivo del Centro Italiano di Studi Compostellani de Perugia (Fondo Caucci ms. 1S), hg. von Isabel G O N Z Á L E Z F E R N Á N D E Z , Madrid 1993. - Jüngst ist eine Neuausgabe des italienischen Originaltextes erschienen: Nicola Albani, Veridica Historia o’ sia Viaggio da Napoli à S. Giacomo di Galizia fatto dal Sig.r Nicola Albani Nativo della Città di Melfi, hg. von Francesco C O R O N A / Raffaele N I G R O , Melfi 2023. 2285 Vgl. Nicola Albani, Viaxe de Nápoles a Santiago de Galicia, hg. von Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago de Compostela 2007. Nicola 2278 , gibt allerlei praktische Ratschläge für [i]l vostro Viaggio 2279 und verweist zum Teil auch auf andere Pilgerrouten als die von ihm gewählten 2280 . Im Schlussteil des ersten Bandes legt er Pilgerwilligen zudem ausdrücklich nahe, die Reise con la guida di questo mio Libro zu unternehmen, perche ben saper si puole da quello che hà patito, e non da quello che patir deue 2281 . Insofern schwebte ihm durchaus vor, dass seine Veridica Historia anderen Pilgern unterwegs als Reiseführer dienen könnte. Der Forschung war das Reisetagebuch noch bis in die 1980er Jahre vollkom‐ men unbekannt. In den frühen Übersichtswerken zur Jakobuspilgerfahrt bzw. zur Pilger- und Reiseberichtliteratur wird es dementsprechend nicht erwähnt: weder bei Foulché-Delbosc noch bei Farinelli, weder bei Vázquez de Parga et al. noch bei García Mercadal 2282 . Tatsächlich wurde die wohl einzige Handschrift der Veridica Historia erst 1982 von Caucci von Saucken dank eines Hinweises von René de La Coste-Messelière in einem Privatarchiv entdeckt und im Folgejahr auf dem internationalen Kongress „Il Pellegrinaggio a Santiago de Compostela e la Letteratura Jacopea“ in Perugia erstmals dem Fachpublikum präsentiert 2283 . Die erste Ausgabe des vollständigen italienischen Originaltextes, der zudem eine spanische Übersetzung beigegeben ist, wurde 1993 von Isabel González Fernán‐ dez erstellt 2284 . Auf dieser Grundlage erschien 2007 eine galicische Ausgabe 2285 . Einzelne Auszüge wurden 1996 ins Deutsche 2286 und 2018 ins Französische 2287 übertragen. 564 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="565"?> 2286 Vgl. H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-297-322. 2287 Vgl. R U C Q U O I et-al. (Hg.), Le voyage (wie Anm.-152), S.-1003-1028. 2288 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-30. 2289 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 30. - Schon der Titel des Reisetagebuchs deutet eher auf weltliche Interessen hin: Albani handelt darin von den Città, Terre, Casali, Castelli, e quanti luoghi che nel detto Viaggio vi sono, den Meraviglie, e Curiosità che in essi si vedono und den disgrazie à lui successe. 2290 Zum Umweg nach Madrid vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 74-79. - Manche Umwege nahm Albani aber auch, um der Pest auszuweichen, die damals auf der Apenninenhalbinsel wütete oder weil ihm notwendige Reisedokumente fehlten, um ein bestimmtes Gebiet (legal) zu durchqueren. Vgl. z. B. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 56. Vgl. auch H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-299. 2291 Vgl. z.-B. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-102, 127. 2292 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 87f. Vgl. auch Dominique J U L I A , Curiosité, dévotion et politica peregrinesca. Le pèlerinage de Nicola Albani, melfitain, à Saint-Jacques-de-Compostelle (1743-1745), in: Rendre ses vœux. Les identités pèlerines dans l’Europe moderne (XVI e -XVIII e siècle), hg. von D E R S ./ Philippe B O U T R Y / Pierre-An‐ toine F A B R E , Paris 2000, S.-239-314, hier S.-299, 301. 2293 So etwa in La Puebla, wo ihm im lokalen Kapuzinerkloster die Beherbergung versagt wurde und er daher die Nacht bei einem heftig tobenden Sturm im Freien verbringen musste. Dass er dabei glücklicherweise keinen Schaden erlitt, schreibt er der Jungfrau In den ersten Zeilen seiner Veridica Historia schildert Albani die Umstände, die ihn zu seiner Reise veranlassten. Demnach war es bei ihm ähnlich wie bei Guillaume Manier und dessen Begleitern: In die Heimat zurückkehrende Pilger, die ihm von varie belle cose nel lor Viaggio, e tant’altre curiosità del Mondo erzählten, ließen in ihm den Wunsch aufkommen, selbst eine Pilgerfahrt zu unternehmen 2288 . Als maßgebliches Motiv nennt er dabei nicht christliche Frömmigkeit, sondern gran piacere di girare il Mondo 2289 . Wie andere Pilger der Epoche schlug auch er daher allerlei Umwege ein, viele davon - beispielsweise der nach Madrid - eindeutig nicht religiös motiviert 2290 ; in Städten besuchte er nicht nur die Kirchen und Klöster, sondern auch die weltlichen Sehenswürdig‐ keiten, begab sich gern in Gesellschaft, nahm an Volksfesten teil und genoss das Leben in vollen Zügen. Nach vollendeter Pilgerfahrt hielt er sich über ein Jahr in Lissabon auf, wo er ein Vermögen zu machen hoffte, und trug sich zeitweise mit dem Gedanken, nach Paris oder London zu reisen 2291 . Und doch, obwohl Neugierde, Lebenslust und zum Teil auch materialistische Motive bei Albani zweifellos überwogen, war ihm wahres Frömmigkeitsgefühl keineswegs fremd. So vermerkt auch er immer wieder, Messen und religiösen Zeremonien beigewohnt und Beichten abgelegt zu haben, in Compostela sogar eine über vierstündige Generalbeichte 2292 . In Notsituationen rief er den Apostel Jakobus und andere Heilige um Hilfe an und meinte mehr als einmal, gütig erhört worden zu sein 2293 . Für den Besuch von loca sancta, insbesondere von Marienheiligtü‐ 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 565 <?page no="566"?> von Montserrat zu, die seine Gebete erhört und ihn beschützt habe. Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-71f. 2294 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm. 199), S. 399; D E R S ., La littérature (wie Anm. 93), S. 180. - Von Rom aus etwa nahm er nicht den camino dritto über die Via Cassia nach Florenz, sondern einen weiten Umweg nach Loreto zur Basilika vom Heiligen Haus. Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-39-44. 2295 Ein Vorhaben, das er jedoch verwerfen musste, weil er die dazu erforderlichen Reise‐ dokumente nicht erlangt hatte. Vgl. z. B. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 56, 127. - Auch die sehr emotionale Beschreibung seiner Ankunft in Compostela, auf die noch einzugehen sein wird, kann als beredter Beleg für seine tiefe Frömmigkeit gelten. 2296 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-31. 2297 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 31, 49f. - Zu den Dokumenten, die Albani bei sich führte, vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm.-199), S.-393-399. 2298 Vgl. T A M B U R L I N I , Pellegrini italiani (wie Anm.-2249), S.-67. 2299 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-31. 2300 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-31. 2301 Er ließ sich ein langes, gräuliches Pilgergewand, das bis zu seinen Füßen reichte, und eine dunkle Pelerine anlegen. Dazu trug er eine weiße Rundperücke - wohl als soziales Distinktionsmerkmal bzw. um eine höfische Herkunft anzudeuten -, einen Pilgerstab, eine metallene Umhängemappe für seine Reisedokumente, einen Reisebeutel für sperrigeres Gepäck, ein Kruzifix auf seiner Brust und einen Hut - charakteristische mern, nahm er konsiderable Umwege in Kauf 2294 , und lange Zeit plante er sogar, an seine Compostelafahrt noch eine Heiliglandfahrt anzuhängen 2295 . Als einer der wenigen Autoren geht Albani - und auch dies zeigt, dass es ihm mit der Pilgerschaft ernst war - äußerst detailliert auf seine praktischen, vor allem aber auf seine geistlichen Vorbereitungen ein: Noch in Capua bat der junge Sekretär seinen Herrn, ihn für die Zeit seiner Reise aus dem Dienst zu entlassen, was dieser ihm, obzwar widerwillig, gewährte 2296 . In Neapel versah er sich anschließend mit einem Geleitbrief und anderen notwendigen Nachweisen (il Passaporto dalla Secretaria, con tutte l’altre Patenti, che m’eran necessarie) sowie durch den Verkauf seiner persönlichen Habseligkeiten mit einem bescheidenen Reisebudget von 30 Dukaten 2297 - einer Summe, die, wie Tamburlini kalkuliert, allenfalls für den Hinweg gereicht haben könnte (wenn er nicht zuvor beraubt worden wäre) 2298 . Albani betont, wie unerlässlich es für jeden Pilgerwilligen sei, sich den Apostel Jakobus als Schutzpatron für die nicht ungefährliche Reise auszusuchen: è molto necessario eleggersi S. Giacomo per suo Protettore, acciò lo possa accompagnare con la sua Protezzione nel suo SS mo . Santuario di Compostella, dove giace detto suo SS mo . Corpo, sempre a salvamento 2299 . Daher begab er sich am Vortag seiner Abreise in die diesem geweihte Kirche von Neapel, San Giacomo degli Spagnoli, um zu beichten und die Messe zu hören 2300 . Während des Kom‐ munionsritus wurde er - wie es Brauch war und wie es schon im liturgischen ersten Teil des Jakobsbuches verlangt wird - feierlich in sein Pilgergewand 2301 566 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="567"?> Elemente, die ihn für andere deutlich als Pilger auswiesen. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm. 199), S. 392f. Dass er auch einen Hut trug, wird allerdings noch nicht in der Aufbruchsszene deutlich (auch nicht auf dem entsprechenden Aquarell), sondern erst im Eintrag zu Compostela beim Vollzug der aperta: si usa di mettere il nostro Cappello in testa della propria Immagine del Santo; Sicchè auendo Io fatta questa funzione di mettere il mio Cappello in testa, e toccarlo col suo medemo, così feci anche col Bordone, con la mozzetta, e stagnera tutti l’arnesi levandoli da dosso del Peregrino, e mettendoli addosso del Santo Apostolo S. Giacomo. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-89. 2302 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 31. - Albani spricht an dieser Stelle ausdrücklich von einer funzione che far si deve quando un Peregrino deve andare à S. Giacomo di Galizia. - Allgemein zur benedictio perarum et baculorum vgl. V Á Z Q U E Z D E P A R G A et-al., Peregrinaciones 1 (wie Anm.-15), S.-137-143; P L Ö T Z , Benedictio (wie Anm.-648). eingekleidet und erhielt den Pilgersegen, die benedictio perarum et baculorum - eine Szene, die auch auf einem der beigefügten Aquarelle dargestellt ist (Abb. 34) 2302 . Zweiteilig konzipiert, veranschaulicht dieses Bild die äußerliche Veränderung des jungen Mannes mit seinem Eintritt in den Pilgerstand: Die linke Seite zeigt ihn stehend in blauroter Landtracht mit einem Degen an der Hüfte (in Abito di Campagna), die rechte mit frommer Geste kniend in einem gräulichen Pilgergewand mit schwarzer Pelerine, Stab und Tasche (in Abito di Peregrino). Abb. 34: Nicola Albani in abito di campagna (links) und in abito di peregrino (rechts). Aquarellzeichnung, Veridica Historia (um 1745), Centro Italiano di Studi Compostellani, Perugia, F. C., Ms. 1S. 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 567 <?page no="568"?> 2303 Eine detaillierte tabellarische Übersicht über Albanis Reiseverlauf mit allen im Text vermerkten Stationen, dazwischenliegenden Distanzen und Tagesdaten bietet C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm.-199), S.-400-402. 2304 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-33. 2305 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-33-39. 2306 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-32, 39. 2307 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 94. - Im Schlussteil des ersten Bandes gibt er daher auch den eindringlichen Ratschlag, che nessun si debba mettere in Viaggio, così lungo, senza che non sia accompagnato con’un buon Compagno, ma compagno fedele di un’Anima, e d’un Cuore tutti d’una Opinione, und che la guida d’un buon Compagno giova per molti versi, e non trovandolo secondo brama il viandante, meglio sarà à mettersi solo in Viaggio, mentre sapete il Proverbio, che dice meglio solo che mal’accompagnato. - Auf die Gefahren und Schwierigkeiten, die Albani während seiner Reise überwinden musste, sind sicher auch folgende Ratschläge zurückzuführen: Avvertimento sarà che nessuno si debba mettere in Viaggio in Tempo di Peste, e Guerra, mentre vi possono intervenire nel vostro Viaggio molte disgrazie, come intervenuto sono anche à me. […] Avvertimento è, che nessun Viandante non debba caminare di notte, ne partirsi da quel luogo doue si trova prima che faccia giorno la mattina; E trovandosi per camino non si deue mai accompagnare con Persona veruna, se pure non conosce che sia persona, che non possa farli male, ed accompagnandosi per necessità, bisogna andar sempre sù la sua, ed arrivando la sera in qualche Locanda, ò Ospedale, ò altra Casa che sia, non bisogna far lo sbafante ne con ciarle, ne con denari, quanto meno si parla, meglio si fà, e Denari d’Oro, ò d’Argento, non bisogna cavarli in presenza di Gente, ma farli vedere che vi manca sempre un grano per vostro conto, ne dir mai il vostro camino che far douete la mattina, che accader vi possono molte disgrazie, come accadute sono à me. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-94. 2308 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-39. Albani verließ Neapel am 11. Juni 1743 2303 . Nach knapp einer Woche betrat er Rom 2304 . Dort besuchte er die sieben Hauptkirchen und andere geweihte Orte wie die Scala Santa im Lateran und die Kerkerzellen der Apostel Petrus und Paulus, bewunderte jedoch auch die Überreste der Antike, ließ sich von Freunden zu geselligen Mahlzeiten einladen und unternahm Ausflüge ins Umland 2305 . Am 4. Juli reiste er weiter, nicht ohne zuvor eine päpstliche Lizenz für seine Pilgerfahrt nach Compostela einzuholen, ebenso wie ein gesundheitliches Attest, das angesichts der damals insbesondere auf der Apenninenhalbinsel wütenden Pestepidemie (il mal Contagioso, che correva per la Peste di Messina) von besonderer Relevanz war 2306 . Im Gegensatz zu den meisten Pilger-Autoren der Epoche reiste Albani allein - was ihn zu einem leichten Opfer für Räuber machte 2307 . In eine gefährliche Lage geriet er erstmals auf der Via Flaminia zwischen Rom und Civita Castellana, das er, wohl durch Unterschätzung der Entfernung, noch nicht erreicht hatte, als bereits die Nacht hereinbrach 2308 . Daher legte er sich wenige Schritte abseits des Weges zum Schlafen in den angrenzenden Wald, bedeckt nur von einigen Ästen 2309 . Unweit derselben Stelle ließen sich vier Räuber nieder und prahlten 568 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="569"?> 2309 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-39f. 2310 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-40. 2311 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-40. 2312 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-42. 2313 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-43-52. 2314 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-54. 2315 Vgl. T A M B U R L I N I , Pellegrini italiani (wie Anm. 2249), S. 70. - An einer Stelle im Eintrag zu Compostela lässt sich möglicherweise doch ein Einfluss Laffis erkennen; dazu später mehr. die ganze Nacht lang mit ihren Missetaten; einer von ihnen urinierte sogar auf den um sein Leben bangenden Pilger - auch dies eine Szene, die auf einem der beigefügten Aquarelle dargestellt ist (Abb. 35) 2310 . Dass er wundersamerweise nicht entdeckt wurde, meinte Albani dem Wohlwollen der Jungfrau von Loreto zu verdanken 2311 . Ihr berühmtes Heiligtum, die Basilika vom Heiligen Haus, erreichte er am 10. Juli 2312 . Nachdem er seiner Wohltäterin für den erwiesenen Dienst gedankt hatte, zog er in Nordwestrichtung über Ancona, Faenza, Bologna und Piacenza nach Mailand, dann in Südrichtung weiter nach Genua 2313 . Dort wurde ihm vom Pförtner des Karmeliterklosters un mio Libbro Regolamento del Viaggio hinterhältig entwendet, wohl eine Art Reiseführer, den er sich noch in Neapel gekauft hatte - doch mi trovavo un’altro Libretto più picciolo, che parlaua solo del Viaggio di Galizia che tanto mi potea servire 2314 . Guido Tamburlini vermutet, dass sich Albani hier auf Laffis (in der Tat recht kleinformatig gedruckten) Viaggio in Ponente bezieht, den er - wie Buonafede Vanti und Naia ein Vierteljahrhundert zuvor - unterwegs konsultierte, aus dem er jedoch - anders als sie - wohl nicht plagiierte und auf den er auch sonst an keiner Stelle seines Textes explizit hinweist 2315 . 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 569 <?page no="570"?> 2316 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-49f. 2317 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-61f. Abb. 35: Dank des Schutzes der hl. Jungfrau von Loreto wird der im Wald abseits des Weges zwischen Rom und Civita Castellana schlafende Nicola Albani von einer Räuberbande nicht entdeckt. Aquarellzeichnung, Veridica Historia (um 1745), Centro Italiano di Studi Compostellani, Perugia, F. C., Ms. 1S. Lange Zeit war Albani dank seines aus Neapel mitgenommenen Reisebudgets nicht auf Almosen angewiesen. Am 28. Juli jedoch wurde ihm in einem Gasthaus nahe Mailand, wo er mit acht anderen Pilgern im selben Raum schlafen musste, von einem derselben sein gesamtes noch verbleibendes Geld - 19 Dukaten - geraubt 2316 . Nur einen Monat später, am 2. September, ereilte ihn auf der Straße nach Saint-Thibéry bereits ein weiteres Unglück, das wiederum auf einem zweiszenigen Aquarell sehr ausdrucksstark wiedergegeben ist (Abb. 36): Zwei spanische Soldaten, die aus dem Kriegsdienst unter Philipp von Savoyen deser‐ tiert waren, überfielen ihn und nahmen ihm alles Hab und Gut, das er am Leibe trug - außer seinem Hemd, seiner Unterhose, seiner Perücke, seinem Kruzifix und seiner Reisedokumente 2317 . In der Folge begann Albani gezwungenermaßen, sich das ‚Bettelhandwerk‘ anzueignen, das er - wie eingangs angedeutet - bald vielerorts mit nicht geringem Erfolg anwenden und immer weiter verfeinern 570 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="571"?> 2318 Er nennt es far il giro della solita elemosina. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 64. Seine Bettelpraxis verfeinerte er insofern etwa, als er bald alle Kleiderspenden, die er erhielt, von zwei Jungen sofort in seine Unterkunft bringen ließ, um weiterhin bedürftig zu erscheinen, so z. B. in Perpignan: qualunque cosella che Io raccoglievo, tosto la dauo ad’un di quei ragazzi, e fatto che era un buon fagotto, lo mandauo in Casa del mio Gervais [der ihn in Perpignan bei sich aufgenommen hatte], ma non mancaua mai uno appresso di me, ed Io andauo sempre dell’istessa maniera, secondo lasciato m’aveano li Soldati ladroni. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 64. Vgl. H E R B E R S / P L ÖT Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S.-301f.; T A M B U R L I N I , Pellegrini italiani (wie Anm.-2249), S.-71. 2319 Und Paolo Bacci 1764. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm. 199), S. 399f.; D E R S ., Santiago (wie Anm.-109), S.-216, Anm.-31. sollte 2318 . Ein pícaro, ein Schelm und Lebenskünstler, ist er somit durch die widrigen Umstände erst geworden. Abb. 36: Nicola Albani wird auf der Straße nach Saint-Thibéry von zwei desertierten spanischen Soldaten überfallen. Aquarellzeichnung, Veridica Historia (um 1745), Centro Italiano di Studi Compostellani, Perugia, F. C., Ms. 1S. In Frankreich folgte der junge Melfitaner demselben Weg, den wohl die meisten italienischen Jakobspilger des 18. Jahrhunderts nahmen, so auch Naia 1717 2319 : Er reiste entlang der Mittelmeerküste, mit Stationen u. a. in Aix-en-Provence, Nîmes, Montpellier, Béziers, Narbonne und Perpignan, und gelangte so auf kürzestem Wege nach Katalonien, das er bei Figueres betrat 2320 . Dabei hatte 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 571 <?page no="572"?> 2320 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-57-66. 2321 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-102. 2322 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-51: senza la detta Fede entrar non poteuo in nessun Paese, ed’erano anche serrati li passi del Piemonte, delli Svizzeri, e del Genovesato, ne poteuo tornar in dietro, se Io volevo, benche più tosto morire che Io tornar in dietro, O’ per l’una, ò per l’altra maniera à S. Giacomo Io auevo d’andare senza fallo, Sicchè la mattina ben per tempo sortij fuor di Milano, Ma senza saper’il camino, che far douevo, ed’al fine m’incaminai verso la volta di Pavia. Vgl. T A M B U R L I N I , Pellegrini italiani (wie Anm. 2249), S.-67; C A U C C I V O N S A U C K E N , Un pellegrino curioso (wie Anm.-2257), S.-8. 2323 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-93f. 2324 Zur via delle alpi (gegenüber der via della costa), die sich im Itinerario Marciano (Kapitel 3.1), bei den beiden anonymen Florentinern (Kapitel 3.4 und 3.5) und bei Jean de Tournai (Kapitel 3.6) nachvollziehen ließ, vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Toskana (wie Anm. 189), S.-356-364. 2325 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-67. Albani ursprünglich einen gänzlich anderen Reiseverlauf geplant: Er wollte zunächst nach Paris gehen, um sich von Ludwig XV. die Lizenz für eine Jerusalemfahrt ausstellen zu lassen, die es ihm ermöglicht hätte, nicht nur sicurissimamente, sondern auch senza veruna spesa und con tutta commodità an die Orte des Lebens Jesu zu gelangen 2321 ; wegen der Pest waren ihm in Mailand jedoch die notwendigen Gesundheitsnachweise verweigert worden, um das Herzogtum Savoyen zu passieren 2322 . Die Reise über Paris wäre dabei angeblich kein zusätzlicher, nur des besagten Schreibens wegen in Kauf genom‐ mener Umweg gewesen, sondern - und hier benutzt Albani interessanterweise denselben Ausdruck wie Fontana - der vero camino dritto: Ma il vero camino dritto che si deue andare in Galizia, sarebbe da Roma per Fiorenza, Milano, il Piemonte, Lion di Francia, per Pariggi per la via di Borgogna, e S. Giovanni de Luz, e si entra nella Spagna per la Biscaglia confinando con la Galizia, e di questa maniera si seguita il Viaggio sempre dritto, e fanno per questo Viaggio Miglia 1666 che si viene à mancare il camino di miglia 4 Cento, e dodici, ed’è sempre Viaggio che fanno i Peregrini, e Corrieri; Ma vi sono però Montagne disastrose, e dispopolate 2323 . Demnach hielt Albani eine Kombination aus der (nach Caucci von Saucken sogenannten) via delle Alpi und der von Paris ausgehenden Via Turonensis für den ‚wahren‘ Jakobsweg, auf dem italienische Gläubige traditionell nach Compostela pilgerten 2324 . Über Figueres und Girona gelangte Albani am 17. September nach Barce‐ lona 2325 . Nach drei Tagen Aufenthalt, die er einerseits mit der Besichtigung der Stadt verbracht hatte, andererseits mit dem erfolglosen Versuch, sich von den Läusen zu befreien, die er sich im städtischen Hospital geholt hatte - la prima rendita Spagnola, che m’ereditò addosso per molto tempo, vermerkt er ironisch 2326 572 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="573"?> 2326 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 67f. - Erst in Compostela sollte er die lästigen Tiere endlich loswerden, indem er seine Kleidung kochen ließ: ma sempre però mi rimase la semenza addosso, che la ritenni sin tanto che non arrivai à S. Giacomo, che lì poi mi feci bollir tutti li miei panni, che per lo passato non aveo fatta nessuna sporchizia ancora addosso di me. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-67. 2327 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-68-71. 2328 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-73f. 2329 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 74. Vgl. H E R B E R S / P L ÖT Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S.-304f.; L O P E Z , La imagen (wie Anm.-227), S.-397. 2330 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 74-76. - Wie die früheren Berichte gezeigt haben, nahmen viele Jakobspilger der Epoche einen Umweg über die spanische Kapitale, die meisten jedoch - im Gegensatz zu Albani - erst auf der Heimreise. So beispielsweise Antoine de Lalaing (Kapitel 4.1), Cristofaro Monte Maggio da Pesaro (Kapitel 4.4), Fabrizio Ballarini/ Silverio Rettabeni (Kapitel 4.5), Gian Lorenzo Buonafede Vanti (Kapi‐ tel-7) und Guillaume Manier (Kapitel 8.2). 2331 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-76-78. 2332 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-77. 2333 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-78-86. -, reiste er weiter nach Montserrat, wo er die Schwarze Jungfrau bewunderte und an einem zu ihren Ehren veranstalteten großen Fest teilnahm 2327 . Über Lleida und Fraga gelangte er in den ersten Oktobertagen nach Saragossa, dessen Kathedrale mit der wundertätigen und gnadenreichen Virgen del Pilar er über alle Maßen lobt - sie sei bella, grande, e luminosa, che in Roma credo che non vi sia la simile - und das in seiner Beschreibung überhaupt den Anschein einer vollkommenen urbs sacra erhält 2328 : in fine tutta la giornata delli 3 andiedi solo vedendo Chiese, Conventi, e Monasterj, doue si vedono bellissime, e ricchissime Chiese, e da per tutto vi sono gran quantità di Corpi Santi, e Reliquie, che se mai si piglia un pugno di Terra nella Strada pure n’esce sangue per esser stato Corona de Martiri 2329 . Statt anschließend - wie üblich - die Nordwestrichtung einzuschlagen, um bei Logroño auf den Camino Francés zu gelangen, wandte sich Albani nach Südwesten und reiste über Guadalajara und Alcalá de Henares nach Madrid, wo er sich vom 12. bis zum 17. Oktober aufhielt 2330 . Er ließ sich von einem neapolitanischen Priester, der im dortigen Hospital de San Pedro de los Italianos tätig war, den Königspalast und zahlreiche Kirchen und Klöster zeigen, besuchte aber auch beispielsweise einen Stierkampf unweit des Buen Retiro und die beeindruckende Plaza Mayor 2331 . Sein positives Urteil über Madrid unterstreicht er mit dem noch heute üblichen Sprichwort: Da Madrid al Cielo 2332 . Weiter reiste er nach El Escorial, Valladolid und Palencia, bevor er am 5. November bei Sahagún, genauer beim kleinen Dorf San Nicolás del Real Camino, endlich den Camino Francés betrat, dem er ohne Umwege bis Compostela folgte 2333 . Wie er 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 573 <?page no="574"?> 2334 Eine relativ lange Reisedauer, die sich durch seine beträchtlichen Umwege erklären lässt. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm. 199), S. 402; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-310. 2335 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-102. 2336 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-102. 2337 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 103. - Bis Batalha folgte er dem direkten Weg: Pontevedra, Redondela, Tuy, Valença, Ponte de Lima, Viana do Castelo, Porto, Coimbra, Leiria. Von Batalha zog er dann weiter nach Alcobaça, Caldas da Rainha und Sintra und erreichte nach einem Besuch in Cascais und Belém schließlich Lissabon. Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-103-117. 2338 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm. 199), S. 412: „Albani è mosso, ora [d. h. im zweiten Band], soprattutto da curiosità e dalla speranza di far fortuna. Per queste motivazioni, per le avventure che gli capitano, per il genere di vita che svolge a Lisbona, per i piccoli inganni a cui ricorre sempre più frequentemente, per il carattere disinvolto della narrazione, per gli echi impressionistici che raccoglie negli ambienti marginali in cui vive possiamo intravedere taluni aspetti del racconto picaresco“; 427: „È possibile notare nei due tomi un diverso atteggiamento dell’autore. Nel primo senza dubbio il fattore dominante è il pellegrinaggio e tutto quello che accade è in funzione del compimento del viaggio a Santiago. Nel secondo tomo prevale, invece, il racconto autobiografico, la descrizione della vita condotta in Portogallo e del viaggio di ritorno in Italia, configurando, in taluni punti, situazioni ed aspetti del racconto picaresco.“ selbst am Ende des ersten Bandes seiner Veridica Historia kalkuliert, war er bei seiner Ankunft fünf Monate und siebzehn Tage unterwegs gewesen und hatte in dieser Zeit 2078 miglia zurückgelegt 2334 . Nach über zweieinhalbwöchigem Aufenthalt in Compostela wollte Albani zunächst die Heimreise antreten, mit einem Umweg nach Paris - zweifellos über die Via Turonensis bzw. Niederstraße -, um doch noch den besagten königlichen Geleitbrief für eine Jerusalemfahrt zu erlangen 2335 . Verheißungsvolle Berichte über Lissabon bewogen ihn jedoch, seine Reisepläne zu ändern: Ma detto mi fù in S. Giacomo da molti Caminanti di varie Nazioni di vedere anche Lisbona, ch’era degna d’esser veduta, ed’ivi fatta aurei la mia fortuna per esservi molti Mercadanti Napolitani; Ond’Io mosso dalla curiosità, com’anche di vedere i miei Paesani, pensai di far il Viaggio del Portogallo, e tralasciai quello di Pariggi 2336 . So verließ er Compostela in südlicher Richtung und schlug den Camino Portu‐ gués ein 2337 . An dieser Stelle beginnt der zweite Band der Veridica Historia, dem, mehr noch als dem ersten, Parallelen zum pikaresken Roman attestiert worden sind; denn statt des religiösen Motivs der Pilgerschaft, das bislang dominant gewesen war, bestimmten Albanis Handeln nunmehr - dies deutet sich bereits in der gerade zitierten Stelle an - vorwiegend curiositas, Lebenslust, Glücksrittertum und die Hoffnung, im wirtschaftlich florierenden Lissabon ein beträchtliches Vermögen anzuhäufen 2338 . Elf erlebnisreiche und in der Tat 574 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="575"?> 2339 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-117-124. 2340 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-124-127. 2341 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-134-137. 2342 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-137-140. 2343 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-139. 2344 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-141-157. 2345 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-86-93. sehr einträgliche Monate verbrachte er dort, bevor er zum Heiligen Jahr 1745 noch einmal nach Compostela aufbrach 2339 . Er nahm denselben Weg, den er gekommen war, und betrat nach einer stark verregneten Reise am späten Abend des 28. Januar 1745 erneut die Stadt des hl. Jakobus, in der er sich diesmal vierzehn Tage aufhielt 2340 . Zurück in Lissabon brach er am 21. Juni mit einem Schiff nach Genua auf - doch die Überfahrt verlief anders als erhofft: In der Straße von Gibraltar drohte man Schiffbruch zu erleiden, algerische Piraten versuchten, das mit wertvollen Waren beladene Schiff zu überfallen, und schließlich wurde die Schiffsbesatzung - und Albani mit ihr - von der englischen Kriegsmarine in Gefangenschaft gesetzt 2341 . Das Schiff wurde in den Hafen von Livorno eskortiert, wo der arme Pilger am 26. Juli zwar freigelassen, aber all sein in Lissabon mühsam erworbenes Hab und Gut konfisziert wurde 2342 : 39 Zecchini, che erano tutti in moneta di Doppie, […] 11 Libre ½ di Reobarbaro, ed’in quel tempo valea 14 Carlini l’oncia in Napoli, di più 50 Cocchi d’India del Maragnone di gran valuta, un Pappagallo, che certo valeva 100 Zecchini, se non tanto, almeno valeva 100 Docati, con 12 Falsoletti di seta d’Inghilterra, un Cappello nuovo, anche d’Inghilterra, un paro di Scarpe nuove fatte in Lisbona, Due Camiscie nuove di Tela d’Olanda, ben guarnite, un Sacco di Castagne d’India del Maragnone, il più bel Frutto che trovar si possi, ed’altre tante Galanteria minute senza metterle à nota che senza dirvi buggia si presero da me circa quattrocento Ducati, e certo si è che Io venivo con’altr’Idea, cioè di non far più l’Vffizio di Creato; Ma à Dio così piacque, così sia, Fiat voluntas tua 2343 . Von Livorno begab sich der erneut mittellose Albani nach Florenz, unternahm von dort einen Abstecher nach Pisa und Lucca, reiste sodann in südlicher Richtung nach Siena, betrat die Via Cassia und folgte ihr bis Rom, wo er abermals die sieben Hauptkirchen besuchte. Am 3. Oktober 1745 - zwei Jahre und vier Monate nach seinem Aufbruch - kehrte er schließlich nach Neapel zurück 2344 . Albani hielt sich erstmals vom 25. November bis zum 12. Dezember 1743 in Compostela auf. Der Text folgt hier weiterhin der typischen Tagebuch-Struktur, weist jedoch einige Lücken auf: Der erste Band dokumentiert nur die Tage vom 25. bis zum 30. November und vom 6. bis zum 8. Dezember 2345 , der zweite Band beginnt dann übergangslos mit der Abreise aus Compostela am 12. 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 575 <?page no="576"?> 2346 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-102f. 2347 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-126f. 2348 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-86. 2349 Vgl. z. B. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 30, 86, 88, 91-93, 99, 102f., 124, 126-128, 163, 165. - Der Ausdruck Santa Città kommt in Albanis Bericht fünfmal vor: Dreimal bezieht er sich auf Compostela, einmal auf Rom und einmal auf Loreto. Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-33, 42, 86, 91. 2350 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-86. Dezember 2346 . Wie Albani die Zwischenzeit vom 1. bis zum 5. und vom 9. bis zum 11. Dezember verbrachte, bleibt unklar. Mit gut 30 Seiten gehört seine Compos‐ tela-Beschreibung zu den umfänglicheren Textbeispielen im hier analysierten Korpus, vergleichbar etwa mit denen von Laffi, Buonafede Vanti und Manier. Hinzu kommen noch vier Seiten über seinen erneuten Compostela-Aufenthalt zu Beginn des Jahres 1745, die vorwiegend Hinweise zur Heiligjahrpraxis enthalten 2347 . Wie üblich ist damit gleichwohl nur ein überschaubarer Anteil - rund fünf Prozent - des 618 Seiten langen Reisetagebuchs der Apostelstadt gewidmet. Im Eintrag zum 25. November führt Albani die Stadt als la Santa Città di Compostella, dove giace il glorioso corpo dell’apostolo S. Giacomo ein, hebt mithin gleich im ersten Satz ihr zentrales, identitätsstiftendes Element heraus: den Leichnam des Apostels Jakobus 2348 . Allgemein bezeichnet er sie teils als Compostella, öfter aber - und so auch im Titel und in den beigefügten Itineraren im Schlussteil - als S. Giacomo, mit dem Heiligennamen also, und periphrasiert sie zudem mehrfach als Santa Città - ein ‚Ehrentitel‘, mit dem er sonst nur Rom und Loreto bedenkt 2349 . Daran wird bereits deutlich, dass er der Jakobsstadt einen besonderen religiösen Status einräumt, ja dass er sie auf einer Ebene mit den berühmtesten Kultzentren der katholischen Christenheit verortet. Dies bestätigen, wie zu zeigen sein wird, auch eine deutliche Bezugnahme auf die Konzeption der drei peregrinationes maiores sowie die wiederholten Rom- und Jerusalem-Vergleiche, mit denen seine Compostela-Beschreibung durchsetzt ist. Die Ankunft in Compostela entspricht dem schon vielfach beobachteten Muster: Zwei Meilen vor der Stadt, er hatte gerade un Paese chiamato S. Marcos erreicht, cominciai à scoprire i Campanili, subito mi genufflessi in terra, e per mille volte ne baciai la Terra, scalzandomi à piedi nudi, cantando la Santa Litania, frettoloso auanzavo il piede verso la Santa Città, ed arrivato nella Porta, altra cura non ebbi, che di domandare la Chiesa di S. Giacomo 2350 . Wie Laffi und Buonafede Vanti warf sich Albani in seinem Gefühlsüberschwang auf die Knie, küsste ‚tausendmal‘ die Erde und sang ein religiöses Lied, die 576 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="577"?> 2351 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 198f.; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 79. Vgl. auch C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm. 199), S. 408f.; H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 310; L O P E Z , La imagen (wie Anm.-227), S.-399. 2352 Vgl. z. B. Francisco F E R N Á N D E Z D E L R I E G O , As peregrinacións xacobeas, Vigo 1984, S. 58. 2353 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-86f. 2354 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-87. 2355 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-86. Heilige Litanei 2351 . Einem alten Brauch gemäß zog er sich außerdem die Schuhe aus und legte das letzte Wegstück barfuß zurück 2352 . Wie seine Vorgänger eilte er geradewegs zur Kathedrale, warf sich vor dem Hauptaltar abermals auf die Knie und bezeigte dem hl. Jakobus - il mio Glorioso S. Giacomo - seine Verehrung und seinen Dank für all die während der Reise erwiesenen Gnaden 2353 . So verbrachte er mehrere Stunden, bis zum Ave Maria, und wenn es ihm erlaubt gewesen wäre, hätte er gern die ganze Nacht vor dem Altar gewacht - non mi spingeua il cuore d’andarmene 2354 . Albani bietet im hier analysierten Korpus die wohl eindrucksvollste und emotionsreichste Beschreibung einer Ankunftsszene, zumal er im Unterschied zu seinen Vorgängern nicht nur die stereotypen Dankes- und Demutsgesten auf dem ‚Berg der Freude‘ und vor dem Hauptaltar notiert, sondern auch seine innigen Gefühle und körperlichen Reaktionen beim ersten Betreten der Kathedrale in lebhafte Worte zu fassen sucht: subbito mi viddi illuminato il Cuore, ed estratto di mente parendomi esser entrato nel Paradiso, che le gambe, e la persona intiera mi tremava, la Testa mi giraua di quà e di là, l’occhi guardavano di quà e di là per ritrovare la misteriosa Cappella del Glorioso Santo, e ritrovatola giusto la Cappella maggiore, subbito mi genuflessi, e giù col viso sù l’adoratissimo suolo ringraziandolo sommamente secondo era il mio douere di tante grazie particolari, che fatte m’avea nel mio Viaggio 2355 . Hier zeigt sich noch einmal sehr deutlich, dass Albani bei allen weltlichen Reisemotiven und aller pikaresken Gerissenheit doch von tiefer Frömmigkeit beseelt war. Sein Aufenthalt in Compostela gliedert sich grosso modo in zwei Abschnitte: einen religiös-geistlichen bis zum 28. November, der ganz der Verehrung des Heiligen, Bet- und Bußübungen sowie der staunenden Kontemplation des Hoch‐ altars und der verschiedenen Kapellen gewidmet ist, und anschließend einen - man könnte sagen - ‚touristischen‘, in dem zwar weiterhin die Kathedrale im Fokus steht, aber sachliches Interesse und weltliche Lebenslust an die Stelle christlicher Spiritualität treten. Nach der ergreifenden Szene der Ankunft am Abend des 25. November begab sich Albani in aller Frühe des nächsten Tages 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 577 <?page no="578"?> 2356 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-87. 2357 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-87. 2358 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-86f. 2359 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-87f. 2360 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 87. Vgl. H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S.-311f. 2361 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-88: il buon Padre si ci prese tutto l’incommodo, che minuto per minuto mi andaua esaminando, e raccordandomi pelo per pelo, che mi tenne in Confessionario ora 4, ed’un terzo. gleich wieder in die Kathedrale und hielt sich bis in die Nacht dort auf; nur zum Mittag unterbrach er seine Devotionen, um im westlich vor den Mauern der Stadt gelegenen Observantenkloster San Lorenzo (das schon Buonafede Vanti 1717 und Naia 1718 besucht hatten) eine kostenlose Mahlzeit einzunehmen 2356 . Der 27. November verlief ähnlich: Wieder verbrachte Albani den Tag in der Kathedrale, wieder aß er im Observantenkloster zu Mittag 2357 . Indes lässt sich hier bereits eine Öffnung des Wahrnehmungsbereichs über den Hauptaltar hinaus beobachten, entsprechend der üblichen Bewegung von innen nach außen: Galt all seine Aufmerksamkeit zunächst der misteriosa Cappella del Glorioso Santo und insbesondere, wie er für den 26. November vermerkt, quella Santa Immagine del mio Glorioso S. Giacomo […] che non mi vedevo mai sazio, lief er dann, am Vormittag des 27. November, das Innere der Kathedrale Cappella per Cappella, luogo per luogo einmal ab, domandando, ed informandomi del tutto à quei Preti più capaci, e ciascuno mi dicea, chi una cosa, e chi un’altra, e tutte cose poneuo in scritto con distinzione, che appresso poi sentirete il tutto 2358 . An dieser Stelle deutet sich der Übergang von devotio zu curiositas in Albanis Erlebnisweise bereits an, auf Berichtebene aber gibt erst ein erneuter Rundgang am 29. November Anlass zur hier in Aussicht gestellten ausführlichen Beschreibung des Gebäudes 2359 . Den Nachmittag und Abend des 27. November nutzte Albani für die geistige Vorbereitung auf seine am nächsten Morgen bevorstehende Generalbeichte, zu der er sich bei einem neapolitanischen Franziskanerpater angemeldet hatte: mi posi solo in’un Cantone della Cappella di S. Giacomo, e lì mi stiedi sino ad’una mezz’ora di Notte, solo esaminandomi bene bene la mia Coscienza 2360 . Die Absolution, der Freispruch von all seinen Sünden nach vier Stunden und zwan‐ zig Minuten strenger Gewissensprüfung, und die anschließende Kommunion bilden den Höhepunkt seines religiös-geistlichen Programms in Compostela 2361 : Danach war er von einem derartigen spirituellen Hochgefühl erfüllt, dass er die heiligen Mauern der Kathedrale nicht einmal zum Mittagessen bei den Observanten verlassen und überhaupt bis auf qualche picciola cosella quasi per forza e non per volontà keine irdische Nahrung zu sich nehmen wollte, 578 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="579"?> 2362 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-88. 2363 Es verwundert allerdings, dass er weder eine Messe noch den (käuflichen) Erwerb der Pilgerurkunde vermerkt. 2364 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-86-88. 2365 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-88. 2366 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 88-92. - Es scheint demnach, dass sich Albani am 30. November erstmals auch jenseits des engen Kernbereichs von Kathedrale, Hospital Real und Observantenkloster in der Stadt umsah. che saturato già mi sentiuo d’auermi levate tutte le colpe, che teneuo addosso, che mi sentivo così leggiero, come fussi allora nato, che ben parve à me, e mi figurauo di non esservi rimasto addosso di me ne pur un peccato veniale, e come fussi allora nato 2362 . Der Fokus liegt in diesem ersten Teil konsequent auf dem Pilger selbst, auf seinen Handlungen, Gedanken und Gefühlen. Im Wesentlichen dokumentiert Albani die üblichen Frömmigkeitshandlungen (Dankgebet, Beichtgang, Kommunion), er räumt ihnen jedoch einen deutlich größeren Teil seines Berichts ein als alle betrachteten Pilger-Autoren vor ihm und gewährt dabei, anders als sie, tiefe Einsicht in sein subjektives inneres Erleben 2363 . Die Orte, an denen er sich aufhielt, sind entsprechend allesamt der religiösen Sphäre zuzuordnen: die Kathedrale, das Observantenkloster San Lorenzo, wo er zweimal zu Mittag aß, und das Hospital Real, wo ihm ein Lager zugewiesen war; ebenso die Menschen, mit denen er interagierte: Priester, die er über die Sehenswürdigkeiten der Kathedrale befragte, der freundliche Pater Pförtner, der ihm im Refektorium von San Lorenzo das Mittagessen ausgab, und der Beichtvater 2364 . Erst nach seinem religiös-geistlichen Programm - nachdem ihm die so befreiende Absolution erteilt worden war und er sein Lager im Hospital Real gegen ein Zimmer in der privaten Herberge einer gewissen María Crespa, buonissima Donna di gran garbo, e serva di Dio, gewechselt hatte 2365 -, suchte Albani auch andere Orte der Stadt auf, lernte nicht-geistliche Personen (vor allem andere italienische Pilger) kennen und begann, ausführliche ‚touristische‘ Besichtigungen zu unterneh‐ men, die sich auf Berichtebene in entsprechend umfänglichen Beschreibungen niederschlagen: Der viele Seiten lange Eintrag zum 29. November ist, wie bereits erwähnt, dem Inneren der Kathedrale gewidmet, der etwas knappere zum 30. November dem Dach und der Torre das Campás sowie anderen Orten der Stadt abseits ihres sakralen Zentrums 2366 . Im Hospital Real nahm Albani die vollen drei Nächte kostenlose Unterkunft in Anspruch, die jedem neu angekommenen Jakobspilger in dieser karitativen Einrichtung gewährt wurden - und das, obwohl er dank der vielen Almosen, die er durch seine regelmäßigen Bettelzüge eingenommen hatte, keineswegs auf diesen Armendienst angewiesen war; in der privaten Herberge, in der er 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 579 <?page no="580"?> 2367 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-87f. 2368 Dass im hier analysierten Korpus mit Guillaume Manier und Nicola Albani in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erstmals zwei Pilger-Autoren auftreten, die im Hospital Real geschlafen haben, ist kein Indiz dafür, dass diese Einrichtung beliebter wurde, sondern hängt - wie bereits in Kapitel 1.4 und 8.1 erläutert - mit der veränderten sozialen Zusammensetzung der (schreibenden) Jakobspilger in dieser Zeit zusammen: Waren es zuvor vor allem adlige und geistliche Autoren, die in aller Regel andere Unterkünfte bevorzugten, so sind nun ‚arme‘ Autoren des dritten Standes dominant, die die kostenlose Beherbergung im Hospital Real gern in Anspruch nahmen. 2369 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-87. 2370 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-87. 2371 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-82. 2372 Zitiert nach: H E R B E R S / P L ÖT Z , Nach Santiago (wie Anm.-6), S.-295. 2373 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-87. sich danach einquartierte, scheint er sogar der zahlungskräftigste Gast von allen gewesen zu sein 2367 . Neben Albani gibt im hier analysierten Korpus nur Manier explizit an, im Hospital Real geschlafen zu haben 2368 . Während dieser seine Unterbringung dort und insbesondere die Qualität der Betten durchaus positiv bewertet 2369 , vermerkt Albani mit Empörung: mi fù assegnato il mio Letto senza gran pulizia, e senza Cena, che detto Ospedale altro non passa alli poueri Peregrini, che tre Notti d’Alloggio con malissimi Letti 2370 . Was indes die architektonische Gestaltung des Bauwerks betrifft, so verzichtet er zwar auf eine genauere Beschreibung, stimmt aber mit dem Lob der meisten anderen Pilger-Autoren überein: Es handele sich um una Fabrica assai riguardevolissima 2371 . Belege für eine solche differenzierende Beurteilungsweise finden sich, weitet man den Blick über das hier untersuchte Korpus hinaus, auch in manch anderen Zeugnissen, so etwa in der Denckwürdigen Reisebeschreibung des Waldecker Geistlichen Johannes Limberg, der 1690 in Compostela war: Das Hospital ist hier so prächtig gebauet / daß weder Kayser noch König sich schämen dörffte / darinnen zu wohnen. Die arme Pilgramme aber werden gar schlecht darinn accommodirt, dann sie haben nur bloß die Lägerstadt / und die ist noch schlecht genung 2372 . Albani macht ferner eine interessante Angabe zu den Beherbergungskapazi‐ täten: 160 Peregrini di differenti Nazioni seien gewöhnlich im Hospital Real untergebracht, che non vi è giorno, che non sia l’arrivo di 30 ò 40 Peregrini 2373 . Dies entspricht ungefähr dem, was aus anderen zeitgenössischen Quellen - nicht zuletzt aus den eigenen Aufzeichnungen des Hospital Real - hervorgeht, allerdings nur, wenn man alle Hospitalinsassen zählt, d. h. nicht nur die 580 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="581"?> 2374 Vgl. Enrique M A R T Í N E Z R O D R Í G U E Z , Los enfermos del Hospital Real de Santiago: serie completa hasta mediados del siglo XIX (1), in: Obradoiro de Historia Moderna 9 (2000), S.-43-78, insb. S.-48f. 2375 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-88. 2376 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 88: In primo luogo vi fò sapere d’esser questa Chiesa maggiore, Sedia d’Arcivescouo ed’aue una Superba entrata, con’un sontuosissimo, e numerosissimo Capitolo di Seicento, e più Preti, con tre Dignità di Canonici, la prima Dignità sono 14 Canonici, 7 con Titolo di Cardinale dato da Papa Pasquale, e Callisto primo con molti Privileggj, che godono la Cappa magna, come fussero Cardinali, ed andando in Funzione, portano tutto quel Corteggio, che portar possono li primi Cardinali, e l’altri 7 son Canonici di dignità, che godono le prime carriche del Capitolo; Il Secondo grado de Canonici sono 36 tutti Mitrati con Cappe paonazze, come usano li Canonici di Napoli, anche con molti privileggj; Il Terzo Grado de Canonici sono 48 senza Mitra, ma con Cappe lunghe, e con altra distinzione; Il restante sono tutti Preti Sacerdoti Cappellani, e Diaconi, Chierici, ed altri assistenti, che giornalmente si vedono in Chiesa Duecento, e più Preti che son di loro giornata, secondo le loro regole che usano; Ma nelle giornate sollenni di Festività vi deue assistere tutto il Capitolo intiero, che star non vi si puole in Chiesa à sentire tante voci di Preti, che fanno diversi Cori in diuerse Cappelle, che uscendo da detta Chiesa si esce stordito come un Capone. 2377 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 224-226; Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S.-312-314; Corsini, Relazione (wie Anm.-155), S.-69. Pilger, sondern auch die Kranken, die damals entgegen dem ursprünglichen Stiftungszweck die Mehrzahl der Betten belegten 2374 . Am Morgen des 29. November begab sich Albani erneut in die Kathedrale, diesmal jedoch nicht, um Devotionsübungen zu verrichten, sondern - wie er selbst angibt - um eine ausführliche Beschreibung des sakralen Bauwerks anzufertigen: Mi portai in Chiesa per dar principio à farvi sapere cosa per cosa distintamente di tutte le meraviglie, e Curiosità che in detta Chiesa si vedono tutte con distinzione, che Vomo al Mondo che sia venuto, ò venir deue in S. Giacomo di Galizia, e metter volesse in Carta, le meraviglie che quì si vedono, non le potranno mai mettere con quella Reale particolarità che le hò posto Io, Le stimarei certamente cose impossibili se le Leggessi 2375 . Demnach fertigte Albani seine Aufzeichnungen (zumindest teilweise) in situ an. Voran stellt er einen Absatz zur Kapitelzusammensetzung, in dem er ver‐ schiedene Ämter und Ränge nebst ihren jeweiligen Privilegien und Attributen bzw. Kleidungsmerkmalen aufführt 2376 . Inhaltliche Parallelen zu den entsprechenden Passagen etwa bei Giovanni Battista Confalonieri, Lorenzo Magalotti und Filippo Corsini sind unverkennbar, wenn auch kaum in den konkreten Zahlenwerten, die über die Jahrhunderte sicherlich variierten 2377 . Von den über 600 Kapitelmitgliedern geht Albani insbesondere auf die Gruppe der 98 Chorherren ein, die sich - wovon bei früheren Berichtautoren nie die Rede ist 2378 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 581 <?page no="582"?> 2378 Nur in Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 148, scheint diese Hierarchie an folgender Stelle ebenfalls durch: Al primo Altare in faccia non celebra altro che l’arcivescovo, e li Signori Canonici col titolo di Cardinale quando fanno qualche funtione mitrati, e questi sono numero 12, che hanno questo privileggio. Al 2° Altare vi celebrano tutti gl’Altri Signori Canonici mitrati, e non mitrati, e qualche altro Sacerdote anco forastiero per gratia loro, come feci ancor io. 2379 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 88. - Zum Kardinalsstand in Compostela siehe die Erläuterungen und bibliographischen Hinweise in Anm.-56 und 950. 2380 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-88. 2381 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 88. - Auch Albani weist an dieser Stelle auf den Voraltar hin: Andere Kleriker dicono Messa sì nella Cappella di S. Giacomo, ma non in quell’Altare, mentre si forma un altro Altare avanti di quello, e lì si celebra, e poi si leua; E venendo qualche Prete forastiere, ò Vescouo, ò Arcivescouo che sia, che volesse celebrare Messa per divozione nella Cappella di S. Giacomo, anche si forma un altro Altare d’auanti, come s’è detto, e lì vi si celebra, ma altri in quell’Altare come s’è detto non vi posson celebrare, se non che questi 14 Canonici, col solo Arcivescouo di detto Capitolo. 2382 In Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 158f., sind für das Jahr 1502 zwischenzeitlich acht Kardinalpriester belegt: Huyt prebstres, appellés cardinauls de Sainct-Jacques, ministrent à cette église, car nul ne puelt célébrer sur le grandt autel, s’il n’est cardinal, archevesque ou évesque, während es wenige Jahre zuvor in Münzer, Itinerarium (wie Anm. 743), S. 96, heißt: Habet autem canonicos 45. Inter quos sunt septem ex institucione Calixti ordinati, quibus solis licet celebrare missam in altari maiori Sancti Jacobi, et vocantur cardinales Sancti Jacobi. Bei Münzer muss man allerdings bedenken, dass er mit dem Codex Calixtinus vertraut war und die Zahl Sieben daraus unbesehen übernommen haben könnte, ohne das Gelesene zuvor mit der Realität abzugleichen. - hierarchisch auf drei gradi oder Ränge verteilten: Die sieben Kardinalpriester, die sogar die Cappa Magna trugen, und sieben andere hochstehende Würden‐ träger gehörten dem ersten Rang an, 36 Chorherren mit purpurfarbenen Mitren dem zweiten und 48 Chorherren ohne Mitren dem dritten 2379 . Diese Hierarchie der drei Ränge war auch für die liturgische Praxis von Relevanz: si dicono tre Messe Cantate la Mattina dalle 3 Dignità de Canonici di Primo, Secondo, e Terzo grado 2380 . Wie Albani weiter erklärt, stand es dabei nur der ersten Gruppe zu, die Messe am Hauptaltar der Kathedrale zu lesen: Poi nella Cappella maggiore, doue giace il Glorioso Corpo di S. Giacomo non vi si puole celebrare Messa se non che da 14 Canonici, e l’Arcivescouo del detto Capitolo, e sono li Canonici col Titolo di Cardinale, e li sette Canonici di Dignità, anche Priuileggio dato da Callisto Papa, e confirmato da tanti altri Sommi Pontefici 2381 . In früheren Zeiten erstreckte sich dieses auch in anderen Zeugnissen vielfach erwähnte Privileg, dessen Ursprung fast immer - wie von Albani - fälschlich mit dem für Compostela so bedeutsamen Papst Calixt II. in Verbindung ge‐ bracht wird, jedoch nur auf die sieben, zwischenzeitlich wohl auch acht 2382 Kardinalpriester und den Erzbischof 2383 . Albani bezeugt, dass neuerdings auch 582 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="583"?> 2383 Solent etenim in eadem basilica septem cardinales ex more, qui officium divinum celebrant super altare, liest man schon in Liber (wie Anm.-25), S.-256. 2384 Ich habe in der Literatur keine Hinweise zu jenen sieben Kanonikern gefunden, die, obwohl nicht mit der Kardinalswürde ausgestattet, berechtigt waren, die Messe am Hauptaltar der Kathedrale zu lesen. P E D R E T C A S A D O , Los Canónigos Cardenales (wie Anm. 1192), S. 592, erwähnt, dass den sieben Kardinälen ab einem gewissen Zeitpunkt sieben von diesen selbst gewählte sogenannte Rectores zur Seite gestellt waren. Dies war wohl auch in der Mitte des 18. Jahrhunderts noch der Fall. Waren dies möglicherweise die sieben anderen herausgehobenen Kanoniker, denen man zu Albanis Zeit jenes ursprünglich den Kardinälen und dem Erzbischof vorbehaltene Privileg eingeräumt hatte? 2385 Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148. 2386 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-88-91. 2387 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-89. 2388 Vor allem sicher wegen ihrer von Erzbischof Antonio de Monroy in Auftrag gegebenen silbernen Pelerine. Vgl. Anm.-1825. 2389 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-88f. Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-79. die besagten sieben anderen Kanoniker ersten Ranges zur Messlesung am Hauptaltar berechtigt waren 2384 . Es scheint demnach, wohl irgendwann nach Laffi, eine Ausdehnung über den ursprünglich enggefassten Personenkreis hinaus stattgefunden zu haben - zumal schon Naia für das Jahr 1718 nicht mehr von sieben, sondern von zwölf Kanonikern mit dieser besonderen Befugnis spricht: sono numero 12, che hanno questo privileggio 2385 . Wie in allen untersuchten Zeugnissen seit Laffis Viaggio in Ponente setzt die Beschreibung der Kathedrale auch bei Albani am symbolischen Mittelpunkt des Hauptaltars ein und bewegt sich von dort über Chor und Vierung, verschiedene Kapellen, Dach und Glockentürme sukzessive nach außen 2386 . Im Ganzen ist dem sakralen Bauwerk etwas mehr als die Hälfte der Stadtbeschreibung gewidmet, davon knapp ein Drittel allein dem Hauptaltar und der Krypta - wiederum ist die Detaildichte hier somit am höchsten. Wie seine Vorgänger staunt Albani über die materielle Pracht des barock erneuerten Altars: L’Altare è tutto tesorizzato d’Argento, ed Oro 2387 . Unter dessen vielfältigen ikonographischen Elementen hebt er nur eines, nämlich das bedeutendste, heraus, die mannsgroße Jakobs‐ statue, die er - wie Manier siebzehn Jahre zuvor - wegen ihrer prunkvollen barocken Verkleidung 2388 fälschlich für ganz aus massivem Silber verfertigt hielt: la Santa Immagine di S. Giacomo […] stà su l’Altare Maggiore di grandezza quanto un’Vomo alto tutta d’Argento massiccio senza foglia, e stà situato come stesse seduto in’una sedia anche d’Argento, e vestito come fusse Peregrino con tutti l’Arnesi che usano li Peregrini di portar addosso 2389 . 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 583 <?page no="584"?> 2390 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 89. Vgl. H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S.-312, Anm.-30. 2391 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 89. Vgl. Off 21,23-25: et civitas non eget sole neque luna ut luceant in ea nam claritas Dei inluminavit eam et lucerna eius est agnus / et ambulabunt gentes per lumen eius et reges terrae adferent gloriam suam et honorem in illam / et portae eius non cludentur per diem nox enim non erit illic; Off 22,5: et nox ultra non erit et non egebunt lumine lucernae neque lumine solis quoniam Dominus Deus inluminat illos et regnabunt in saecula saeculorum. - Siehe Kapitel 2.6. 2392 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-89. 2393 Vgl. H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 313, Anm. 34. - Allein die Tatsache, dass er sich vor Ort offenbar umfassend erkundigte, warum der Leichnam niemandem mehr gezeigt werde und wie bzw. wann er die Krypta doch noch betreten könne, deutet bereits auf eine gewisse Irritation oder Enttäuschung hin. 2394 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-89. Des Weiteren vermerkt er - auch dies erinnert an Manier - die Silberlampen, Lüster, Wandleuchter und Kandelaber, die sich jeweils in symbolischer Anzahl (48 - 24 - 12 - 6) rings um den Hauptaltar herum befanden: 48 Lampade di gran grossezza d’Argento, 24 Lampieri, e 12 Cornucopj, e 6 Candelieri, 4 di palmi 12, e due di palmi 18 d’altezza, non dico della grossezza del Corpo 2390 . Die Lampen auf der Altarmensa seien di notte, e giorno sempre accese - eingedenk der Apokalypseverse 21,23-25 und 22,5 vielleicht ein Echo jener schon im ersten Teil des Liber Sancti Jacobi belegten Tradition, die in der Jakobskirche ein Abbild oder eine Vorwegnahme des Himmlischen Jerusalem erkannte 2391 . Albani gibt den obligaten Hinweis, che il Glorioso Corpo di S. Giacomo giace sotto dell’Altare maggiore, erklärt zugleich aber, dass es schon lange niemandem mehr erlaubt sei, das Grab zu betreten 2392 . An dieser Stelle ist auch bei ihm eine gewisse Enttäuschung spürbar, obschon nicht so deutlich wie bei manchen Autoren des 15. und 16. Jahrhunderts: Arnold von Harff, Antoine de Lalaing, Jan Taccoen van Zillebeke, Andrew Boorde etc. 2393 Wie ihm vor Ort erzählt wurde, seien die Apostelreliquien rund hundert Jahre zuvor noch jedem Pilger gezeigt worden - was unzutreffend ist -, ma per insolenza grande che ci nascea giornalmente, Il Santo permesse di non farsi più da nessuno vedere, in modoche un tal Marcello Arcivescouo di detta Città leuar si volse la Curiosità di calare nel Sepolcro, e ci perdè la vista, e tremò tutta la Città con fiero Terremoto, e dall’ora in quà si fabricò la Porta del Sepolcro, e solo s’apre ogni 10 Anni una volta venendo l’Anno Santo 2394 . In aller Kürze gibt Albani hier einen Mirakelbericht wieder, der eine ‚plausible‘ Erklärung dafür bietet, warum das Grab des Apostels verschlossen werden musste, und der in seiner drastischen Schilderung wahrscheinlich auch als Ab‐ schreckung (von Versuchen, dort einzudringen) intendiert war. Ein verwandtes 584 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="585"?> 2395 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 158f. - Arnold von Harff dagegen wurde erzählt, dass jeder, der den Leichnam des Apostels sehe, verrückt werde wie ein tollwütiger Hund. Vgl. Arnold, Pilgerfahrt (wie Anm.-627), S.-233. 2396 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-89. 2397 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-89. Beispiel war bereits in der Reisechronik des Antoine de Lalaing zu finden (Kapitel 4.1) 2395 . Tatsächlich ist das Grundmuster der Handlung in beiden Fällen identisch: Der Apostel ist über ein Fehlverhalten in seiner Krypta erzürnt und bringt dies durch ein Strafwunder wirkungsvoll zum Ausdruck. Bestraft wird jeweils ein neugieriger Bischof: Bei Antoine wird ihm durch sein eigenes Zingulum auf wundersame Weise der Körper entzweigeschnitten; bei Albani wird er mit plötzlicher Erblindung gestraft, und ein heftiges Erdbeben bricht über die Stadt herein. Die Konsequenz ist jeweils das bewusste Zutrittsverbot. Nur in Heiligen Jahren (die damals nicht, wie Albani irrigerweise angibt, im Zehnjahresturnus begangen wurden, sondern wie heute immer dann, wenn der Festtag des hl. Jakobus auf einen Sonntag fiel) wurde die Krypta geöffnet, doch wie Albani konstatieren musste, als er sie bei seinem erneuten Compos‐ tela-Aufenthalt - im Heiligen Jahr 1745 - endlich betrat, ne meno si vede il Corpo, che calando solo una grada di Sei gradini, si camina come fusse un Corridore di 8 ò 10 pedate, e poi si ritroua una Cancellata di ferro, e non si và più auanti, e da detta Cancellata si guarda dentro il Santo Sepolcro, senza veder altro che un lumiere che cala da sopra la Chiesa per un buco 2396 . Nach wenigen Schritten versperrte ihm demnach ein Eisengitter den Weg, und dahinter konnte er nichts als einen von oben durch ein Loch herabfallenden Lichtstrahl erkennen. Sicchè voglio dirvi che altro non si vede che l’Immagine d’Argento di S. Giacomo già come di sopra dissi sù dell’Altare maggiore, hält Albani mit Ernüchterung fest 2397 . Er bestätigt damit neuerlich, was schon aus früheren Zeugnissen her‐ vorgeht: Da die Apostelreliquien unzugänglich waren, richteten die Pilger ihre fromme Verehrung ersatzweise auf die reich verzierte Jakobsstatue am Hauptaltar - namentlich in der ritualisierten Form der aperta. Keiner der hier betrachteten Autoren geht so ausführlich und detailreich auf diesen alten Pilgerbrauch ein wie Albani: Poi da dietro di detto Altare Maggiore vi sono due picciole Portelle, cioè una da un lato dritto, e l’altra dal lato sinistro, che si aprono solo due ora la mattina, e due ora il giorno per far salire i Peregrini à baciare, e toccare la Santa Immagine di S. Giacomo, […] e dalla Porta di mano sinistra si sale, e da quella di mano destra si cala, e si montano 12 gradini, 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 585 <?page no="586"?> 2398 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-89. 2399 Vgl. Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 312; Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 68f. 2400 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 89: questa funzione Io l’ho fatta giorno, e mattina per tutto lo spazio, che quì mi trattenni. Albani hielt sich sechzehn volle Tage in Compostela auf. e 12 se ne calano, e non si puol salire, se non che una persona la volta per esser stretta la detta grada, e salita detta grada, si troua un picciol piano, che viene ad’esser giusto da dietro all’Immagine di S. Giacomo, ed in detto luogo vi sono sempre due Chierici, che insegnano, come far deuono i Peregrini; Ma più tosto però ci stanno per guidare il tesoro, e per non far imbrogliare la gente, sicchè essendo Io salito la prima volta feci come faceano gl’altri, mentre si usa di mettere il nostro Cappello in testa della propria Immagine del Santo; Sicchè auendo Io fatta questa funzione di mettere il mio Cappello in testa, e toccarlo col suo medemo, così feci anche col Bordone con la mozzetta, e stagnera tutti l’arnesi levandoli da dosso del Peregrino, e mettendoli addosso del Santo Apostolo S. Giacomo, però solo per un momento, che subbito si leuano, e si mettono di nuouo addosso del Peregrino, e dopoi se li dà un’abbraccio alla Santa Immagine, raccomandandomi al Santo secondo la mia intenzione, ne siete subbito leuato da quei Chierici, che stanno assistenti, e ue ne fanno calare per l’altra grada di mano destra per dar luogo agl’altri Peregrini, che uengono appresso 2398 . Demnach waren den Pilgern jeweils zwei Stunden am Morgen und am Nach‐ mittag für den Vollzug der aperta eingeräumt. Wie auch heute noch stieg man links hinter dem Hauptaltar eine Treppe hinauf und rechts eine andere wieder hinunter. Auf dem Absatz dazwischen blieb man stehen, setzte der Statue seinen Hut auf, legte ihr auch seine übrige Pilgerausrüstung (Gewand, Stab, Tasche) an, umarmte sie und empfahl sich dem Heiligen. Zwei Kleriker assistierten dabei. Schritt für Schritt gibt Albani hier den präzisen Ablauf der aperta aus seiner und mithin aus der persönlichen Sicht des Handelnden wieder. Man kann seine Beschreibung komplementär zur entsprechenden Stelle bei den Kammerherren des jungen Cosimo III. de’ Medici lesen, die dieselbe Handlung aus der Sicht außenstehender Zuschauer schildern 2399 . Anders als sie, die es als zutiefst lächerlich empfanden, dass die Jakobsstatue, aus der Vierung gesehen, immerfort ihre Kopfbedeckung wechselte, beurteilt Albani dieses emotionsreiche Ritual äußerst positiv. Er selbst will es während seines über zweiwöchigen Aufenthaltes in Compostela zweimal täglich und somit insgesamt wohl mindestens zweiunddreißigmal 2400 vollzogen haben und hielt es für eine besondere Ehre, deren er teilhaftig wurde, zumal ausschließlich Pilger dazu berechtigt waren - auch dies angeblich ein Privileg, das, wie sollte es anders sein, auf Papst Calixt II. zurückgehe: 586 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="587"?> 2401 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-89. 2402 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 89. - Zur Gestaltung des Chorgestühls macht Albani im Unterschied zu seinen Vorgängern auch nähere Angaben: Er lobt es als superba spesa und beobachtet, dass es entsprechend den erwähnten drei Rängen der Kanoniker in drei sichtbar verschiedene Bereiche unterteilt und der Stuhl des Erzbischofs durch einen reichlich mit Silber und Gold verzierten Baldachin besonders herausgehoben war. 2403 Immer wieder vermerkt Albani: si guadagnano gran numero d’Indulgenze, vi sono in detta Cappella moltissime Indulgenze etc., und hält auch abschließend noch einmal fest: non vi è Cappella che non vi siano conservate Reliquie, e si guadagnano per tutte Indulgenze, stazioni, e perdono, ed assoluzione di tutti li peccati. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-90. e non essendo Peregrino, non ci puol salire, che qualunque Persona che sia benestante, ò Caualiero, ò Dama, ò Sacerdote, ò Vescouo, ò anche che sia il Rè, non ci puol salire, se prima non si mette addosso qualche insegna da Peregrino, che questo è Privileggio solo per li Peregrini posto da Callisto Papa, e confirmato poi da tanti altri Pontefici […] non è picciolo Privileggio, che godono li Peregrini 2401 . Die positive Bewertung der aperta bei Albani und anderen Berichtautoren der Epoche - vor allem bei Buonafede Vanti, der sie ebenfalls fast täglich vollzog - zeigt, dass der Tadel der Florentiner Kammerherren keineswegs zu generalisieren ist: Das Ritual mag bei solch gebildeten Adligen Anstoß erregt haben, war aber bei der breiten Masse der Pilger weiterhin äußerst populär, für die es angesichts des verschlossenen Grabes die einzige Möglichkeit war, sich dem Apostel nahe zu fühlen. Den vorgezogenen Chor und die Vierung beschreibt Albani nur recht knapp und bezieht sich dabei vorwiegend auf Elemente, die schon aus anderen Zeug‐ nissen bekannt sind, wie das Bronzerohr mit dem Stab des hl. Jakobus, das hölzerne Chorgestühl und die beiden Kruzifixe über dem Altargitter und dem trascoro 2402 . Ausführlicher geht er auf die angeblich 48 Kapellen der Kathedrale ein 2403 . Wie er auf diese hohe Zahl kommt, lässt sich bei einem Blick auf den Gebäudegrundriss nur schwer nachvollziehen: Gegenwärtig beherbergt die Kathedrale 18 Kapellen, einschließlich der Capela Maior und der weitgehend unabhängig verwalteten Capela de Santa María da Corticela. Selbst wenn man konzediert, dass ihre Zahl um die Mitte des 18. Jahrhunderts höher war, schon weil sich damals auch im (südlichen) Kreuzgang noch verschiedene Kapellen 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 587 <?page no="588"?> 2404 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm.-869), S.-170f.: „Por diversas noticias se sabe que habia varias capillas en la Cláustra vieja. Era una de ellas la fundada por el arcediano de Trastamara Miguel Sanchez, frontera á su sepultura, por el testamento que otorgó en 1292, en el que asigna muchas propiedades para sustentacion y congrua del capellan y edificacion de la capilla; otra la de Nuestra Señora la Blanca, fundada por el arzobispo Don Gomez (1351-1362); otra la que fundó el arzobispo Don Alvaro de Isorna (1445-1449), junto á la del arcediano de Nendos, despues capilla de las ánimas, y ademas las de Juan Miguez Gorrion y Juan Elias, que no sabemos si serian edificios independientes ó estarian incluidas en las anteriores, ó en algunas otras que no conocemos.“ 2405 Somit kann der folgenden Aussage von G O N ZÁ L E Z F E R N Á N D E Z , Peregrinando a Compos‐ tela (wie Anm. 2254), S. 44f., nicht zugestimmt werden: „Menciona 48 capillas distintas con una descripción pormenorizada de cada una de ellas y muchas otras cosas que considera importantes. Recorre cada esquina del templo llegando a conocer cualquier rincón.“ 2406 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-90. Vgl. Anm.-1322 und 1861. 2407 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-90. Vgl. Anm.-2187. 2408 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 90. - Zur Capela das Ánimas vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 171; L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 5 (wie Anm. 1311), S. 194, Anm. 2; Anhang XXVI, S. 68. Dass es sich um eine heute nicht mehr existierende Kapelle der Kathedrale handeln muss, erscheint auch insofern plausibel, als sich die relativ präzisen Angaben, die Albani hier macht, mit keiner der heutigen Kapellen identifizieren lassen. So ist das Grab eines gewissen Errico de Tocco Bono in der Kathedrale nirgends mehr zu lokalisieren, und über ein Adelsgeschlecht Tocco Bono habe ich ebenso wenig herausfinden können wie H E R B E R S / P L Ö T Z , Nach Santiago (wie Anm. 6), S. 316, Anm. 42. Auch trifft auf keine der heutigen Kapellen zu, was Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 90, über die malerische Gestaltung der Wände vermerkt: Dort sei dargestellt, wie der ruhmreiche Tocco Bono mit der Unterstützung des hl. Jakobus (in der ikonographischen Variante des Santiago matamoros) die Mauren aus Spanien vertrieb: si vedono intorno alle mura le discrizzioni di tutte le sue conquiste, e soccorso befanden, die heute nicht mehr existieren 2404 , scheint es sich doch um eine Fantasiezahl zu handeln. Im Einzelnen hebt er denn auch nur sechs Kapellen heraus 2405 : (1.) die Cappella del Tesoro, cioè Tesoro di Reliquie, die Reliquienkapelle am Südwestende der Kathedrale 2406 ; (2.) eine Cappella della Vergine addolorata, chiamata in lor lingua nostra Se§or de piedas, wahrscheinlich die Capela da Piedade oder auch de Mondragón im Ambulatorium, deren Altar - wie an anderer Stelle bereits erwähnt - in der Tat mit einer sehr ausdrucksstarken Pietà, d. h. mit einer Darstellung der um ihren gerade vom Kreuz abgenommenen toten Sohn trauernden Maria, ausgestattet ist 2407 ; (3.) die Cappella dell’Anime del Purgatorio mit dem Grabmal ihres Gründers, un tal Errico dell’Antica Famiglia di Casa Tocco Bono, die sich nicht zweifelsfrei identifizieren lässt, ja bei der es sich allenfalls um die alte Capela das Ánimas handeln könnte, die sich noch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts im südlichen Kreuzgang der Kathedrale befand 2408 ; (4.) die 588 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="589"?> auuto da S. Giacomo, und dieser li Comparea con Cauallo bianco, e spada nuda in mano alla Testa della sua Armata ad animare la sua gente. - R U C Q U O I et al. (Hg.), Le voyage (wie Anm. 152), S. 1018, Anm. 1, konnten den Adligen auch nicht identifizieren, glauben jedoch, dass es sich bei der Kapelle um die Capela das Ánimas der Igrexa de San Miguel dos Agros rund hundert Meter von der Kathedrale entfernt handele. Obwohl es dort tatsächlich eine Allerseelenkapelle gibt, erscheint es doch keineswegs plausibel, dass sie hier gemeint ist. Denn im Eintrag zum 29. November beschreibt Albani ausschließlich die Kathedrale; keine der anderen von ihm herausgehobenen Kapellen befindet sich außerhalb derselben bzw. in einer anderen Kirche. Insofern dürfte Albani hier wohl kaum - ohne diese andere Kirche vorher überhaupt einmal zu erwähnen - eine Kapelle von San Miguel dos Agros dazwischensetzen. 2409 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 90. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 134; Z O R R I L L A J U R A D O , Santiago (wie Anm. 2175), S. 159. Vgl. auch die Angaben zu dieser Kapelle im vorigen Kapitel. 2410 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 90. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 126-129; L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 6 (wie Anm. 1471), S. 210f., 300. - Zur Verbindung der französischen Könige zu Santiago de Compostela vgl. Anm.-1471. 2411 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 90. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 136-144. Vgl. auch Anm. 1319. - Die Forschung hat sich nicht die Mühe gemacht, die Kapelle zu identifizieren, sondern gibt stets nur den von Albani verwendeten - sonst aber unbelegten - Namen wieder. 2412 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 90. - Rechts bedeutet in Bezug auf die Kathedrale bei Albani auch an anderen Stellen stets Norden, links entsprechend Süden. 2413 Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 142: „hay en un nicho ú hornacina semicircular, cuya arista está reemplazada por un toro, y tras un balconcillo de hierro, una efigie de Jesucristo, orando en el huerto, de piedra, y tamaño casi natural, la cual, asi como el ángel que tiene enfrente, se hace remontar á gran antigüedad, sin que en nuestro concepto, por las actitudes, dibujo anatómico y plegado de paños, se pueda llevar mas allá del siglo XVI.“ Cappella dell’Immacolata Concezzione […] fondata […] da Alfonzo Porsas primo Arcivescovo di detta Città, die Capela da Concepción oder auch de Prima oberhalb des nördlichen Querhausarms 2409 ; (5.) die Cappella del SS mo . Sacramento fondata da S. Luiggi Rè di Francia, die große Stirnkapelle, in der Pilger traditionell das Sakrament der Kommunion empfingen 2410 ; (6.) die Cappella dell’Angelo Custode fondata da Filippo Secondo Rè di Spagna, bei der es sich - obwohl weder die Widmung noch der Gründer richtig sind - mit großer Sicherheit um die Capela de Santa María da Corticela handelt 2411 : Dafür sprechen sowohl ihre Verortung beim Nordportal der Kathedrale (à mano destra entrando la Chiesa) als auch der Hinweis auf die dorthin führende sechsstufige Treppe (una gradiata di 6 gradini) 2412 . Mit dem vermeintlichen ‚Schutzengel‘, nach dem er die Kapelle benennt, nimmt Albani wahrscheinlich Bezug auf eine Statue, die zu einem dort befindlichen Ensemble des 16. Jahrhunderts gehört (Abb. 37) 2413 . Dieses ist auch heute noch unter einem Wandbogen auf der linken Kapellenseite zu sehen (direkt neben jener Jesusstatue im gläsernen Sarg, die Manier bei seinem 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 589 <?page no="590"?> 2414 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-81. 2415 Luk 22,43: Apparuit autem illi angelus de caelo, confortans eum. Et factus in agonia, prolixius orabat. - Nur das Lukasevangelium erwähnt diesen Engel; in den anderen Evangelien kommt er nicht vor. 2416 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 202; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-83. Besuch siebzehn Jahre zuvor so tief beeindruckte) 2414 . Zweiteilig konzipiert, zeigt es einerseits Jesus betend im Garten Gethsemane und andererseits, ihm auf einer kleinen Wolke entgegenfliegend, einen Engel, der einen goldenen Kelch in seinen Händen trägt; biblischer Bezugspunkt ist dabei vor allem Luk 22,43 2415 . Abb. 37: Jesus beim Gebet im Garten Gethsemane. Figurenensemble in der Capela de Santa María da Corticela, Kathedrale von Santiago de Compostela. Überhaupt fällt auf, dass Albani nie die offiziellen Namen bzw. Widmungen der Kapellen verwendet, sicher weil sie ihm unbekannt waren, und sich stattdessen mit dem Hinweis auf dort vorhandene Gegenstände (Reliquien, Heiligen- und Engelsbilder u. ä.) oder dort vollzogene Handlungen (Kommunion) behilft. Auch die Zuschreibungen der Kapellen an Gründerfiguren, wiewohl sie zum Teil weithin akzeptierten Überlieferungen der Epoche entsprechen, sind historisch allesamt haltlos. Dass die Stirnkapelle auf Ludwig den Heiligen zurückgehen soll, liest man schon bei Laffi und Buonafede Vanti 2416 . Es belegt nochmals das Phänomen, dass wohl viele Pilger (jedenfalls des späten 16. und 17. Jahrhun‐ derts) die reichlichen Donationen, durch die sich französische Könige in der 590 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="591"?> 2417 Vgl. L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 6 (wie Anm.-1471), S.-210f., 300. 2418 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 90. - Die Capela da Concepción wurde im Jahr 1523 nach einem grundlegenden Umbau von Alonso III. de Fonseca, dem 30. Erzbischof von Compostela, eingeweiht und nicht, wie Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 90, angibt, von Alfonzo Porsas primo Arcivescovo di detta Città. Die einstige Heiligkreuzkapelle, in Liber (wie Anm. 25), S. 254: altare Sancte Crucis, die durch sie ersetzt wurde, war im Jahr 1105 tatsächlich vom künftigen ersten Erzbischof von Compostela konsekriert worden, doch dieser hieß nicht Alfonzo Porsas, sondern Diego Gelmírez. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 133f.; Pilgerführer (wie Anm. 200), S. 131, Anm. zu Z. 1; C E N D Ó N F E R N Á N D E Z / C H A O C A S T R O , Las catedrales gallegas (wie Anm.-2173), S.-61f. 2419 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 87: [m’informai] del tutto à quei Preti più capaci, e ciascuno mi dicea, chi una cosa, e chi un’altra. - Dies ist vor allem dann der Fall, wenn er historische Fakten vermittelt, wenn er die Stifter der verschiedenen Kapellen benennt, wenn er auf päpstliche Privilegien und an bestimmten Orten zu erwerbende Ablässe hinweist oder wenn er Wunderberichte und volksfromme bzw. abergläubische Traditionen wiedergibt. Seine Unwissenheit spiegelt sich zum anderen, wie erläutert, darin wider, dass er einzelne Orte oftmals nicht korrekt benennt, sondern schlicht nach dem, was er dort jeweils sah, wie insbesondere in der Beschreibung der Kapellen deutlich wird. Apostelstadt verewigt hatten, differenzlos nur diesem einen zuordneten, der ihnen sicher vor allen anderen bekannt war, weil er legendarischen Überliefe‐ rungen zufolge um 1250 selbst eine Pilgerfahrt dorthin unternommen haben soll und 1297 kanonisiert wurde 2417 . Die beiden anderen von Albani genannten Stifter, Alfonzo Porsas, angeblich der erste Erzbischof von Compostela, und ein Ritter namens Errico aus dem Hause Tocco Bono, der zugleich der erste Erbauer der Kathedrale gewesen sein soll (il primo ad inalzare questo Gran Tempio), sind urkundlich nicht belegt und werden auch in der Berichtliteratur sonst nirgends erwähnt 2418 . Ähnlich wie Manier unterlaufen Albani in seiner Beschreibung der Apos‐ telstadt, insbesondere im Passus über die Kapellen der Kathedrale, mithin zahlreiche Fehler. Zum Teil lassen sie sich leicht erklären: So wie Manier die Capela de Santa María da Corticela wohl aufgrund des liegenden Jesusbildes im gläsernen Sarg als ‚Heiliggrabkapelle‘ bezeichnet, so kapriziert sich Albani auf die bewusste Engelsstatue und spricht kurzerhand von einer ‚Schutzengelska‐ pelle‘; die offizielle Widmung war ihnen jeweils unbekannt. In anderen Fällen dagegen, wie etwa bei den beiden letztgenannten Stifterfiguren, wundert man sich, woher er sein fragwürdiges Wissen bezieht. Manches ist wahrscheinlich auf unzuverlässige Quellen zurückzuführen, darauf also, dass er ungeprüft wiedergibt, was ihm vor Ort erzählt wurde, etwa von den Geistlichen der Kathedrale, die er, wie er selbst angibt, mehrfach befragte 2419 . Unter allen Kapellen geht Albani am genauesten auf die Reliquienkapelle ein; hier staunt er über die unzählbare Menge der Leiber, Köpfe, Gliedmaßen und 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 591 <?page no="592"?> 2420 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-90. 2421 Vgl. Kapitel 4.3. 2422 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 90. - Ähnlich wie zur aperta vermerkt Albani an dieser Stelle zur Reliquienkapelle: quasi tutto il tempo che quì mi trattenni ci entrauo mattina, e giorno. Überhaupt lassen sich hier, worauf Albani selbst an einer Stelle explizit hinweist, verschiedene Parallelen zur Organisation der aperta erkennen: Wie die Jakobsstatue auf dem Hauptaltar, so war auch die Reliquienkapelle nur jeweils für zwei Stunden am Morgen und am Nachmittag zugänglich, und wie die rituelle Umarmung der Jakobsstatue, so waren auch die Teilnahme an der Reliquienschau und - damit verbunden - die Möglichkeit, die heiligen Gegenstände zu berühren und gar zu küssen, ausschließlich denjenigen vorbehalten, die als Pilger nach Compostela gekommen waren; auch dieses Privileg bringt Albani wiederum mit Papst Calixt II. in Verbindung: in detta Cappella non vi si puol entrare, se non che Peregrini, l’istesso Privileggio godono nel salire la grada di dietro l’altare maggiore di S. Giacomo posto da Callisto Papa, e da Pio V. Zugang zur Reliquienkapelle gewährte einer von drei Chorherren, die als Einzige jeweils über einen Schlüssel verfügten. Wie Albani erläutert, durften alle anderen Besucher die Kapelle nur bis zu einem gewissen Gitter betreten und die Reliquien nicht berühren: aprendo la prima Porta vi si trova un Cancello di ferro, che di là non possono passar più avanti i Paesani, cioè quelli che non portano l’insegna di Peregrino; Ma però di fuori di detto cancello si vede il tutto. anderen Überreste, die Compostela in seinen Augen auf eine Stufe mit Rom und sogar mit Jerusalem stellt: detta Cappella si vede tutta piena di moltissimi Corpi di Santi, non dico di tante Teste, gambe, piedi, mani, dita, braccie, bodelle, ampolline di Sangue di Martiri, che in fine vi è una picciola ampollina del Sangue di S. Gennaro di Napoli, ed anche due ampolline, una di Latte delle mammelle piene, e l’altra di Lagrime che scaturivano dagl’occhi della Vergine sù del Monumento nella Morte del suo Santissimo Figlio, ed anche si vedono li Capelli, e Vestimenti di detta Vergine, con tante, e tante altre Reliquie quante ve ne possono essere in Roma, ò pur in Gerusalemme 2420 . Wie andere Pilger-Autoren der Epoche - seit Fontana - scheint sich auch Albani insbesondere für die Überreste der Jungfrau Maria interessiert zu haben, deren Kult vor dem Hintergrund der katholischen Gegenreformation äußerst populär geworden war 2421 . Gezeigt wurde ihm alles dies im Rahmen einer Reliquienschau, an der er während seines Aufenthaltes in Compostela zweimal täglich, jeden Morgen und jeden Nachmittag, teilgenommen haben will - ebenso oft wie an der aperta 2422 . Einer von drei herausgehobenen Geistlichen, die als Einzige jeweils einen Schlüssel zur Kapelle besaßen, gab dabei Erläuterungen zu den verschiedenen Gegenständen und verteilte anschließend die bereits von früheren Autoren erwähnte Reliquienliste an die Pilger: 592 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="593"?> 2423 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-90. - Dass man den Heiltumszettel käuflich erwerben musste, wie man u.-a. bei Manier liest, lässt Albani unerwähnt. 2424 Vgl. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-321f.; Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-159. 2425 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 210-212; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-107. 2426 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm.-198), S.-148. 2427 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-89-94. la Cappella del Tesoro, cioè Tesoro di Reliquie […] si apre ancora due ora la mattina, e due ora il giorno, che vi sono Primo, Secondo, e Terzo Penitenziere, e ciascun di loro tiene le chiaui, ed ogni volta che si apre deue assistere un di quei Penitenzieri […], ed il Penitenziere gli và insegnando, e li fa vedere con distinzione Reliquia per Reliquia, e ce le fa quasi tutte baciare, e toccare anche le Corone [gemeint sind Rosenkränze, nicht Kronen], ò altre Divozioni che gli Peregrini portano, e con gran distinzione se gli dà ad’intendere questo è il tale Santo, e questo è il tale questa è la tal testa, e questa è la tal Reliquia, e di poi li danno una carta stampata di tutte le Reliquie che ivi sono, ed in detta Cappella vi si guadagnano millioni d’Indulgenze poste da tanti Sommi Pontefici, e quasi tutto il tempo che qui mi trattenni ci entrauo mattina, e giorno 2423 . Diese Textstelle ist insofern aufschlussreich, als sie eindrücklich bezeugt, dass die alte Praxis der Reliquienschau, von der bei Pilger-Autoren des 15. und 16. Jahrhunderts wie Jean de Tournai und Antoine de Lalaing zu lesen ist, auch in der Mitte des 18. Jahrhunderts noch lebendig war 2424 . Die untersuchten Berichte des 17. und 18. Jahrhunderts bieten sonst nämlich keine sicheren Belege dafür: Die Adligen aus dem Reisegefolge des jungen Cosimo III. de’ Medici scheinen den Heiltumsschatz der Kathedrale nicht besichtigt zu haben; Laffi und Buona‐ fede Vanti berichten jeweils von spontanen Einzelbesichtigungen 2425 ; Naia will an einer Gruppenführung durch verschiedene Kapellen teilgenommen haben 2426 , und Manier vermerkt zwar eine ausführliche Besichtigung der Reliquienkapelle (deren Inventar er zudem durch die vollständige Wiedergabe seines vor Ort erworbenen Reliquienzettels lückenlos aufführt), doch lässt er offen, von wem und in welchem Rahmen sie ihm gezeigt wurde 2427 . Im Ganzen ergibt sich der Eindruck, dass die Reliquienschau in früheren Zeiten sozusagen zum obligaten Pilgerprogramm gehörte, während sie später zwar weiterhin angeboten, aber nicht mehr von allen Pilgern besucht wurde. Albani greift in seiner Beschreibung der Kathedrale vielfach populäre und ‚abergläubische‘ Überlieferungen auf, die ihm wohl vor Ort erzählt wurden. So erwähnt er beispielsweise zwei wundertätige und reichlich mit Ablässen versehene Kruzifixe, eines über dem Hauptaltargitter, das andere über der Chor‐ rückwand. Über Ersteres, wohl dasselbe, das auch Manier 1726 von der Vierung aus gesehen hatte, erzähle man sich, dass es vom hl. Jakobus in jener Zeit 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 593 <?page no="594"?> 2428 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-89f. 2429 Vgl. Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 218-220; Buonafede Vanti, Viaggio Occiden‐ tale (wie Anm.-153), S.-83; Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-85. 2430 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-90. 2431 In Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 218-220, ist indes über dasselbe Kruzifix zu lesen, che si ha per traditione che apparisse in quell luogo [d. h. über der Chorrückwand] il giorno di carnevale. Es war demnach wohl schon lange Gegenstand volkstümlicher Sagen und Gerüchte gewesen, die, mündlich tradiert, über die Jahrhunderte variierten. 2432 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-90. 2433 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-90. 2434 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-90. getragen wurde, als er die Mauren aus Spanien vertrieb 2428 . Über Letzteres, das sowohl von Manier als auch von Buonafede Vanti und bereits von Confalonieri erwähnt wird 2429 , gehe die Sage, dass es im Jahr 1500 angefangen haben soll zu sprechen, während ein überaus frommer Chorherr es anbetete; mitten im Sprechen, nach unten blickend und mit verzerrtem Mund, soll es dann wieder erstarrt sein und seither zahlreiche Wunder gewirkt haben 2430 . Dieser knappe Mirakelbericht gibt eine Erklärung für die in der Tat auffallend expressive Mimik des Jesusbildes, das heute in der Capela do Espíritu Santo verwahrt wird 2431 . Belege finden sich ferner im Passus über die Kapellen: Auch die Virxe da Piedade soll wundertätig sein, und wer in der (mutmaßlichen) Capela das Ánimas eine Messe lesen lasse, befreie dadurch eine Seele aus dem Fegefeuer 2432 . Zweifel und Skepsis lässt Albani bei all diesen Ausführungen an keiner Stelle durchscheinen, sprachliche Distanzierungsmarker (z. B. indirekte Rede) fehlen weitgehend. Die Kathedrale stellt sich bei ihm als narrativ aufgeladener Raum dar, voller Orte oder Gegenstände, die mit alten Bräuchen, Legenden und Mirakelberichten verknüpft sind und noch in der Gegenwartszeit regelmäßig durch gewirkte Wunder von sich reden machen: Hà fatto moltismi miracoli, e ne fà alla giornata, heißt es wiederholt 2433 . Auf die thaumaturgischen Kräfte, die die Volksfrömmigkeit diesen besonderen loca zusprach, deuten nicht zuletzt die Voti de Miracoli fatti à suoi Divoti hin, die Albani sowohl etwa beim Kruzifix über dem trascoro als auch bei der Virxe da Piedade zahlreich vorfand 2434 . Diese naiv-wundergläubige Sichtweise, diese Begeisterung für die meraviglie der Kathedrale durchzieht auch den Eintrag zum 30. November. Hier schildert Albani, wie die Pilger auf dem Dach des Gebäudes wieder und wieder durch jenes bereits von anderen Pilger-Autoren vielfach erwähnte Loch schlüpften, das - dies sei un’altra meraviglia assai miracolosa - flexibel seine Größe verändere und sich augenblicklich zusammenziehe, quando uno non è ben Confessato di non esser stato degno di guadagnare il merito del Santo Viaggio di questo Santissimo Santuario 2435 . Dabei wunderte er sich, dass selbst beleibtere Pilger imstande 594 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="595"?> 2435 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-91. 2436 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-91. 2437 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 91. - Wie sich bereits aus anderen Zeugnissen des 18. Jahrhunderts schließen ließ, war die noch bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhun‐ derts lebendige Tradition, die in der Cruz dos Farrapos das Predigtkreuz des hl. Jakobus, d. h. eine Sekundärreliquie, erkannte, inzwischen verschwunden. - Zu den Graffiti, durch die sich Pilger auf dem alten Messingkreuz verewigt haben, vgl. Peter L I N G E N S , Medieval and Post-Medieval Graffiti by Pilgrims as Sources in Pilgrimage Research, in: Actas del Congreso de Estudios Jacobeos (Santiago de Compostela, 4-6 noviembre 1993), hg. von José Ignacio C A R R O O T E R O , Santiago de Compostela 1995, S. 489-494, hier S.-492f. 2438 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-91. 2439 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-91. waren, diesen alten Brauch zu vollziehen - was zeige, dass sich das Loch tatsächlich auf ebenso wundersame wie unmerkbare Weise den Körpermaßen des Hindurchschlüpfenden jeweils anpasse 2436 . Ähnlich verhalte sich die darüber platzierte Cruz dos Farrapos, auf der angeblich eine hebräische Inschrift - sicher bezieht er sich auf die (keineswegs hebräischen) Graffiti, mit denen das Kreuz übersät ist - die Pilger dazu auffordere, dessen Sockel zu küssen: chi non arriva à baciare la pedagna di questa Croce, non arriva d’auer il merito d’esser stato à S. Giacomo di Galizia 2437 . Das Kreuz bzw. dessen Sockel soll dabei eigenmächtig seine Höhe verändern: E la cosa è meravigliosa che toccando Io la pedagna di detta Croce che son’Vomo di giusta misura, così la tocca un’Vomo che sia di estravagante Altezza, anche che sia più alto d’un gigante, non passa, ne manca, che arrivarà, doue arrivano tutti gl’altri, e questo dicono tutti gl’Uomini più antichi Ecclesiastici, e Confessori, che sia un Miracolo potentissimo, che l’Apostolo S. Giacomo si degna giornalmente di far in questa Santa Città, ò per dir meglio suo Santuario, per far restar Ammirate tutte le Persone che quì vengono, e veramente è cosa da non credersi, se pur non si vede; però la creda chi vuole, e chi non vuole non la creda 2438 . Es scheint sich hier um einen singulären Beleg zu handeln: In der Berichtliteratur wird dieser sonderbare Brauch sonst nie erwähnt. Anschließend auf der Torre das Campás interessiert sich Albani insbesondere für die große Hauptglocke: una Campana di palmi 33 di circuito fatta da S. Luiggi Rè di Francia 2439 . Die irrige Behauptung, dass ihr Guss auf Ludwig den Heiligen zurückgehe, hat ihren wahren Kern sicher darin, dass die Kathedrale einst tatsächlich Glocken beherbergte, die sich dem Stiftungsakt eines Königs von Frankreich verdankten. Die Rede ist von den beiden riesigen Glocken, mit denen Ludwig XI. gegen Ende des 15. Jahrhunderts die Torre do Relox ausstatten ließ und die nach ihrem baldigen Zerbrechen rund zwei Jahrhunderte lang 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 595 <?page no="596"?> 2440 Zur Torre do Relox und zu ihren beiden übergroßen Glocken siehe die Kapitel 4.3 und 4.6, insb. die Erläuterungen und bibliographischen Hinweise in Anm.-1335. 2441 Vgl. Antoine, Voyage (wie Anm.-165), S.-158. 2442 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 91. - Streng genommen fasst Albani die Handlung hier falsch bzw. in leicht variierter Form zusammen, denn in früheren Versionen kam der hl. Jakobus dem zu Unrecht verurteilten Pilger erst dann zu Hilfe, als man ihn bereits erhängt hatte, und nicht, als man ihn gerade erhängen wollte; man liest gewöhnlich, wie etwa in Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 204, vom pellegrino impiccato und nicht, wie hier, vom Peregrino che impiccar si douea. 2443 Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-85. 2444 Manier erwähnt eine von einem französischen König gestiftete Glocke auf der Torre das Campás, identifiziert sie aber nicht als Wunderglocke. In der kurzen Version des Galgen- und Hühnermirakels, die er in seinem Eintrag zu Santo Domingo de la Calzada wiedergibt, kommt das Motiv der von selbst läutenden Wunderglocke nicht vor. Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-53-55. zahlreiche populäre Sagen und Gerüchte anregten 2440 . Von den hier betrachteten Pilger-Autoren - mit Ausnahme von Antoine de Lalaing 2441 - werden sie nie ihrem historischen Stifter zugeordnet, sondern entweder unspezifisch einem der Könige von Frankreich oder aber dem einzigen Heiligen unter ihnen, Ludwig IX. - insofern lässt sich hier dasselbe Phänomen erkennen wie bei der Stirnkapelle (s.-o.). Eine dieser beiden Glocken identifizieren fast alle Pilger-Autoren von Fon‐ tana bis Laffi mit jener Wunderglocke, die von selbst geläutet haben soll, als der hl. Jakobus in Santo Domingo de la Calzada das berühmte Galgen- und Hühnerwunder wirkte. Auch diese Tradition überträgt Albani nun auf die große Glocke der Torre das Campás: detta Campana sonò da sè, quando S. Giacomo fece il miracolo ad’un Peregrino che impiccar si douea innocentemente à S. Dominico de Calzadas 2442 . Nach den zuletzt analysierten Zeugnissen des 18. Jahrhunderts schien es, als wäre dieses stoffgeschichtlich spät hinzugekom‐ mene Nebenmotiv der Mirakelerzählung wieder verschwunden: Buonafede Vanti erkundigte sich vor Ort noch vergebens nach der alten Wunderglocke, von der er bei Laffi gelesen hatte, und erfuhr im Gespräch mit dem Glöckner der Kathedrale, dass sie (im Zuge der barocken Umgestaltung des Uhrenturms) eingeschmolzen worden war 2443 ; Naia und Manier erwähnen sie gar nicht mehr. Ihr unverhofftes Wiederauftauchen bei Albani deutet darauf hin, dass, auch wenn das ursprüngliche Bezugsobjekt auf der Torre do Relox längst nicht mehr existierte, das Motiv der Wunderglocke im kollektiven Bewusstsein der Pilger doch fortbestand und man vermutlich irgendwann zwischen 1726 (Manier) 2444 und 1743 (Albani) begonnen hatte, ersatzweise eine andere Glocke, nun auf der Torre das Campás, mit den entsprechenden Erzählungen und Traditionen zu identifizieren. So finden sich hier auch einige der volksfrommen, um nicht zu 596 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="597"?> 2445 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 91: qualunque persona che auesse dolor di Testa, basta toccar detta Campana col Fronte, passa subito il dolore. 2446 Vgl. Lassota von Steblau, Tagebuch (wie Anm. 167), S. 58; Confalonieri, Viaje (wie Anm.-179), S.-220-222. 2447 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 91: per le Donne che non possono partorire, basta che si diano tre tocchi di detta Campana, darà subito alla luce. 2448 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 92: Die Kathedrale sei fatta a Sei Navi in Croce, che tre entrano della Porta della Facciata dell’Ospedale con gran Pilastri, e grossissime Colonne con Altare Maggiore, e Coro nel mezzo della Chiesa, ma da dietro di detto Altare Maggiore, e detto Coro, si gira per tutta la Chiesa, la mancanza però vi è d’esser un poco umida, ed oscura per l’occupazione di tante colonne, e pilastri fatti tutti d’antichi marmi […] vi sono poi due bellissime Facciate, una dalla parte dell’Ospedale, e l’altra dalla parte dell’Orefici, e le altre due che legano con alcuni Palazzi sono antichissime. 2449 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-92. 2450 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-92. sagen abergläubischen Überlieferungen wieder, wie sie bereits über die beiden alten Glocken der Torre do Relox im Umlauf gewesen waren: Beispielsweise solle jeder, der unter Kopfweh leide, die Glocke der Torre das Campás mit der Stirn berühren, worauf sich augenblicklich Linderung einstelle 2445 . Eine andere Tradition betrifft - wie bei Giovanni Battista Confalonieri und Erich Lassota von Steblau - die Gebärfähigkeit von Frauen, wobei die angebliche Wirkung der Glocke gleichsam ins Gegenteil verkehrt erscheint: Während die Pilger-Autoren des 16. Jahrhunderts von einer Glocke (der Torre do Relox) berichten, die durch ihre unfassbare Lautstärke plötzliche Fehlgeburten verursacht haben soll 2446 , sei die von Albani beschriebene Glocke nun mit der Wunderkraft ausgestattet, unfruchtbare Frauen gebären zu lassen: Sie sollten die Glocke nur dreimal läuten und würden auf der Stelle (! ) ein Kind zur Welt bringen 2447 . Albani vermittelt noch einen vagen Überblick über den Aufbau der Kathedrale, mit der prächtigen Hauptfassade im Westen, dem dreischiffigen Lang‐ haus und dem von einem Ambulatorium umkränzten Hauptaltar 2448 , und fällt abschließend ein durchweg lobendes Gesamturteil: Poi vi fò sapere, che la Chiesa è magnifica, grande, e bella, quasi più grande della Chiesa del Gesù nuovo di Napoli, però molto più ben fatta 2449 . Nur flüchtig wirft er einen Blick auf das einzige Gebäude, das direkt an die Kathedrale angebaut ist: den Erzbischofspalast, heute bekannt als Pazo de Xelmírez. Die irrige Angabe, dass dieser fatto da Callisto Secondo sei, auch er also auf den sagenumwobenen Papst Calixt II. zurückgehe, che trasportò la Sedia dell’Arcivescovato da Merida à questa Città di Compostella, lässt schließen, dass ihm der stadtgeschichtlich so bedeutsame Diego Gelmírez - erster Erzbischof von Compostela und Erbauer des Erzbischofspalasts - wohl unbekannt war 2450 . Darauf deutet gleichfalls der kurze Passus über die Capela da Concepción hin, in dem er, wie bereits erwähnt, einen historisch völlig 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 597 <?page no="598"?> 2451 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-90. 2452 Vgl. z.-B. Liber (wie Anm.-25), S.-7, 237, 255f. 2453 Vgl. z. B. Da Firenze (wie Anm. 196), S. 1057; Fontana, L’itinerario (wie Anm. 198), S. 122; Confalonieri, Viaje (wie Anm. 179), S. 226; Magalotti, El viaje (wie Anm. 200), S. 311; Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 202f., 205; Manier, Pèlerinage (wie Anm.-163), S.-85. 2454 Zur historischen Demographie der Stadt siehe Enrique M A R T Í N E Z R O D R Í G U E Z , La población de Santiago de Compostela (1630-1860). Estructuras, coyunturas y compor‐ tamientos demográficos, Santiago de Compostela 2014. 2455 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-92. 2456 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 88. - Andere Pilger-Autoren, die auf die demo‐ graphische Struktur der Stadt eingehen, heben gewöhnlich ihren äußerst zahlreichen Klerus heraus, so bereits Da Firenze (wie Anm.-196), S.-1063f. 2457 Durchgeführt unter dem Grafen von Floridablanca, José Moñino y Redondo (1728-1808). Vgl. Censo de Floridablanca 4, hg. vom Instituto Nacional de Estadística, Madrid 1990, S. 3761. - Für nähere Erläuterungen zu dieser Volkszählung vgl. Fausto D O P I C O / Robert R O W L A N D , Demografía del censo de Floridablanca. Una aproximación, in: Revista de Historia Económica VIII/ 3 (1990), S.-591-618. unbelegten Alfonzo Porsas als primo Arcivescovo di detta Città bezeichnet 2451 . Damit ist Albani kein Einzelfall: Tatsächlich kommt der Name Diego Gelmírez in keinem einzigen der hier analysierten Schriftzeugnisse vor, mit Ausnahme des Liber Sancti Jacobi 2452 . Häufig dagegen werden - wie im Laufe dieser Arbeit immer wieder deutlich wurde - populäre und hochgradig mythisierte historische Persönlichkeiten als Gründer-, Stifter- oder Erbauerfiguren bemüht wie Papst Calixt II. (der der Kathedrale nicht nur die Erzbistumswürde, sondern auch alle erdenklichen Privilegien verliehen haben soll), König Ludwig der Heilige (der sie mit unzähligen Donationen bedacht haben soll) und Kaiser Karl der Große (den noch Manier für den Erbauer der Kathedrale hielt) 2453 . Ein vergleichsweise kurzer Passus ist - wie gewöhnlich - den Generalien der Stadt gewidmet; voran stehen Angaben zu Größe und Demographie 2454 : Poi vi fò sapere che la Città è grande che fà circa 50. mila Anime […], e si chiama Compostella, Città ricchissima piena di Mercadanti con gran Popolo, e Nobiltà, e gran concorso di Forastieri, e particolarmente gran numero di Peregrini, che vengono alla giornata in onore del Santo Apostolo Protettore delle Spagne 2455 . Albani nennt verschiedene Gesellschaftsgruppen in Compostela: Adel und Volk, Kaufleute und Fremde, insbesondere Pilger; den zahlreich vertretenen ersten Stand lässt er dabei seltsamerweise unerwähnt, was aber vermutlich nur daher rührt, dass er bereits an voriger Stelle ausführlich auf die Zusammensetzung des Domkapitels eingeht 2456 . Die geschätzte Einwohnerzahl von ungefähr 50.000 erscheint deutlich zu hoch, verzeichnete doch die spanienweite Volkszählung von 1787 nicht mehr als 20.025 ‚Seelen‘ in Compostela 2457 . In seinem positiven 598 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="599"?> 2458 Vgl. Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 149: Questa Città è grande competen‐ tamente, e popolata, et è abbondante di tutte le cose per il vitto humano. 2459 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 73: Elle est fort marchande. - Dies steht in auffallendem Widerspruch zu vielen Zeugnissen früherer Jahrhunderte (Hieronymus Münzer, Cristofaro Monte Maggio da Pesaro etc.), nach denen die Stadt - im Gegenteil - klein, arm und verfallen sei und ihre oft als unansehnlich und arbeitsscheu wahrge‐ nommenen Einwohner vorwiegend vom Pilgerwesen lebten. 2460 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 92. Vgl. Corsini, Relazione (wie Anm. 155), S. 68; Bacci, Relazione (wie Anm.-190), S.-152. 2461 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-92. 2462 Am 9., 11., 12. und 26. August 1717. Vgl. Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm.-153), S.-86f., 89, 107. 2463 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-92. Urteil über die Stadt - groß, überaus reich und voll von Kaufleuten - stimmt Albani mit anderen Pilger-Autoren der Zeit überein: Auch Naia staunt über die Größe der Stadt(bevölkerung) und das reichliche Warenangebot 2458 , und Manier bestätigt die rege Handelstätigkeit 2459 . Negativ vermerkt Albani einzig - wie die Kammerherren des jungen Cosimo III. de’ Medici vor ihm und Paolo Bacci nach ihm - die mangelhafte Beschaffenheit der Straßenböden, die größtenteils untauglich für Fuhrgeräte seien (poco sito v’è carozzabile) 2460 . Vom Stadtraum abseits der Kathedrale und des Hospital Real vermittelt Albani demnach nur recht allgemeine Eindrücke; auf konkrete Orte geht er dabei kaum ein - nur die Universität und drei Konvente hebt er mit wenig Worten heraus: Vi sono moltissimi Conventi, e Monasterij, e fra li quali v’è il Convento di S. Vento, che è Convento Reale, che tiene ricchezze innumerabili, col numero di 300 Frati, vi è il Monastero di S. Chiara, e quello del Gesù, anco Monastero Reale, e tengono grandi entrate, e gran privileggi, e tutti questi tre nominati fanno grandi elemosine; Vi sono Sei Collegj col Studio dell’Università 2461 . Beim ersten Kloster dürfte es sich um San Martiño Pinario, das große Benedik‐ tinerkloster auf der Nordseite der Kathedrale, handeln - denn S. Vento meint hier sicher nicht den ‚heiligen Wind‘, sondern ist der phonetisch ins Italienische umgeschriebene galicische Name des hl. Benedikt (San Bento) -, beim zweiten um das nördlich extra muros gelegene Klarissenkloster, das schon Buonafede Vanti im Jahr 1717 mehrfach besucht hatte 2462 , und beim dritten um das alte Jesuitenkloster im Südosten der Stadt. Anschließend nennt Albani zudem das Franziskaner- und das Dominikanerkloster, ohne aber näher auf sie einzuge‐ hen 2463 . Wie andere (nicht-geistliche) Pilger der Epoche, insbesondere Manier, interessiert sich Albani für diese Einrichtungen nicht primär aus religiösen, sondern aus ökonomischen Gründen. Für ihn wie für seinen picardischen 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 599 <?page no="600"?> 2464 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-92. 2465 Vgl. T A M B U R L I N I , Pellegrini italiani (wie Anm.-2249), S.-73f. 2466 Vgl. Manier, Pèlerinage (wie Anm. 163), S. 73f. - Diese Parallele bestätigt zudem, dass der Convento di S. Vento mit dem Benediktinerkloster San Martiño Pinario zu identifizieren ist. Vorgänger waren sie vor allem Orte der caritas, die kostenlose Mahlzeiten versprachen. Dies geht aus seiner Beschreibung, die stellenweise eher einer Anleitung zum erfolgreichen Almosenerwerb gleichkommt, deutlich hervor: Die Mönche und Nonnen in Compostela seien molto Servi di Dio, ed amanti de Poveri, e particolarmente de Peregrini, che usano di far elemosina tutti li Conventi, Monasterj, ed altre Case de Benestanti, ed il Convento di S. Francesco comincia la mattina un’ora doppo fatto giorno, ed il Convento di S. Domenico finisce la sera fra l’Aue Maria, e tutti danno Robba cucinata; Ma il meglio che più tratta in’abondanza di Minestra, Carne, e Pane, è il Convento di S. Vento, e tutti usano di dare le dette elemosine con più particolarità alli Peregrini, che alli poveri della Nazione, ma poueri ve ne sono innumerabili; Poi tutti li Canonici usano di dare elemosine quasi à tutti li Peregrini; ma non però si domanda à nessuno elemosina in Chiesa, ma tutti fuor di Chiesa; Nel Palazzo dell’Arcivescovo si fà tutte le mattine elemosina generalmente à tutti li poueri, ma tutti quelli che sono Peregrini forastieri, hanno molto più degl’altri di Nazione, che Io n’aueuo ogni mattina 4 quarti, che fanno 3 grana meno due caualli, ed altre elemosine raccoglieuo dalli Signori Canonici 2464 . In Compostela existierte demnach ein ausgeprägtes System religiöser Armen‐ fürsorge, in dem sowohl die lokalen Klöster als auch die höchsten Mitglieder des Kapitels eine wichtige Rolle spielten und in dem Pilger bzw. Fremde vor einheimischen Armen maßgeblich privilegiert wurden 2465 . Während der Erzbi‐ schof und die Chorherren Geld verteilten, führten die Klöster zu festgelegten Uhrzeiten öffentliche Speisungen durch. Zwischen 1726 und 1743 scheint sich die organisierte Almosentätigkeit in der Jakobsstadt kaum verändert zu haben, denn, wie der Vergleich zeigt, stimmt Albani in seinen Angaben weitgehend mit Manier überein: Auch dieser begann seinen Almosen-parcours am Morgen bei San Francisco do Val de Deus und beendete ihn gegen Abend bei San Domingos de Bonaval; dazwischen aß auch er bei San Martiño Pinario zu Mittag, wo ihm gleichfalls Suppe, Fleisch und Brot, außerdem Kabeljau serviert wurden, was verglichen mit den Almosen der anderen Klöster - bei den Jesuiten bekam er nur Brot zu essen, bei den Dominikanern nur Suppe - in der Tat sehr reichlich erscheint 2466 . Per il mangiare si staua molto bene, hält Albani zufrieden fest und lobt überhaupt den Nahrungsreichtum der Stadt: Vi è grande abbondanza d’ogni sorte di Vittuaglia, tutte di basso prezzo con gran copia di pesce 2467 . Dieser Satz 600 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="601"?> 2467 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-92. 2468 Wie in Kapitel 7 und 8.1 gezeigt. Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 201: Qui è abbondanza d’ogni sorte di frutti e altre cose spettanti al vitto humano e sono a buon mercato; Naia, Viaggio in Ponente (wie Anm. 198), S. 149: è abbondante di tutte le cose per il vitto humano, e di buon pane, e di buon vino, di buon Carnero, e di pesci grossi di mare assai pretiosi; Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 79: abbondante d’ogni sorta di frutti, pesci, ed altre cose spettanti al vivere umano. 2469 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-93-99. 2470 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 93. Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago (wie Anm. 109), S.-224f. 2471 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-93. 2472 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-93. 2473 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-93. ähnelt inhaltlich wie im Wortlaut einer entsprechenden Stelle bei Laffi, an der sich schon Buonafede Vanti und Naia in ihren Aufzeichnungen jeweils orientiert zu haben scheinen 2468 , und könnte demnach ein (weiteres) Indiz dafür sein, dass, wie Tamburlini vermutet (s. o.), auch Albani eine Ausgabe des Viaggio in Ponente bei sich hatte (oder nachträglich konsultierte). Seinen Compostela-Aufenthalt nach dem 30. November dokumentiert Albani, wie bereits erwähnt, recht lückenhaft; eigene Einträge widmet er nur mehr den drei Tagen vom 6. bis zum 8. Dezember, woran übergangslos der skizzierte Schlussteil mit einer kurzen Zusammenfassung der gesamten Reise, praktischen Ratschlägen für zukünftige Pilger und einem umfänglichen Stationen- und Dis‐ tanzenverzeichnis anschließt 2469 . Anlässlich seines Namenstags, li 6 di Decembre giorno di S. Nicola mio Nome, organisierte Albani nach Brauch seiner Heimat eine große Feier, zu der er andere italienische Pilger ebenso wie seine Herbergsmutter María Crespa nebst Verwandtschaft einlud 2470 . Er sorgte für ein opulentes Mahl und reichlich Wein, für Musik, Feuerwerk, Fackeln und dreißig Lampions, die die ganze umliegende Straße hell erleuchteten; dafür gab er all sein unterwegs durch Bettelei erworbenes Geld bis auf den letzten Quattrino wieder aus: di 86 Carlini che insemolati auevo, non mi restò un sol quatrino, che tutti volorno in scialata, ed in Vino 2471 . Die sonderbare Veranstaltung weckte die Neugierde der Stadtbewohner, die schaulustig in großer Zahl herbeiströmten, und am nächsten Tag, so scheint es, war der junge Melfitaner stadtbekannt geworden, denn non vi era Persona che non mi dimandassero per Strada, ed in Chiesa, se ero Io il peregrino che fatta auevo quella Funzione l’antecedente Sera, e tutti diceuano Vivas Ustè por mucos agnos, e credo bene che rimasta ci sia la memoria di questa Funzione 2472 . Für den 8. Dezember, Mariä Empfängnis, vermerkt er nur, dass er in der Capela das Ánimas den (angeblichen) Leichnam von Papst Paschalis II. sah, der dort zu diesem besonderen Hochfest in einem durchsichtigen Sarg ausgestellt wurde 2473 . 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 601 <?page no="602"?> 2474 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 127. - Allgemein zum Heiligen Jahr in Compostela siehe Anm. 973. - Traditionell wird die compostelanische Heiligjahrpraxis mit der angeblich am 25. Juni 1179 von Papst Alexander III. erlassenen Bulle Regis aeterni legitimiert, bei der es sich mit größter Sicherheit um eine Fälschung handelt, nicht zuletzt deshalb, weil sich Pseudo-Alexander darin anachronistischerweise auf das Vorbild der römischen Jubiläumsindulgenz bezieht, die jedoch erst über ein Jahrhundert später - 1300 - von Papst Bonifatius VIII. begründet werden sollte. R U C Q U O I kommt durch eine quantitative Auswertung historischer Quellen (Geleitbriefe, Lizenzen der englischen Krone für Schiffsüberfahrten nach Galicien) zu dem Schluss, dass ein Heiliges Jahr in Compostela wahrscheinlich erstmals 1372 begangen wurde, also sieben Jahrzehnte nachdem diese Praxis in Rom eingeführt worden war. Vgl. R U C Q U O I , Los Años Santos (wie Anm.-611), S. 42-44. Der wohl früheste Beleg in einem Reisebericht findet sich bei William Wey (1456), der früheste im hier analysierten romanischen Korpus bei Antoine de Lalaing (1502). Vgl. Wey, Itineraries (wie Anm. 626), S. 160; Antoine, Voyage (wie Anm. 165), S. 160. - Eine gute Übersicht über Pilger-Autoren, die in einem Heiligen Jahr nach Compostela zogen, bietet R U C Q U O I , Los Años Santos (wie Anm.-611), S.-44-52. 2475 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-126f. 2476 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 127. - Buonafede Vanti, Viaggio Occidentale (wie Anm. 153), S. 80, vermerkt bildhaft, die Kathedrale sei bei seinem ersten Besuch piena como uovo gewesen. 2477 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 87f., 127. - In Liber (wie Anm. 25), S. 89, heißt es über die Kathedrale: Ibi semper sollempnitas assidua celebratur, festivitas sedule agitur, preclara celebritas die noctuque excolitur, laus et iubilacio, gaudium et exultacio iugiter Erneut hielt sich Albani vom 28. Januar bis zum 11. Februar 1745 in der Jakobsstadt auf; den entsprechenden Eintrag im zweiten Band seiner Veridica Historia fasst er mit rund vier Seiten deutlich kürzer, unterteilt ihn nicht nach Tagesdaten und spitzt ihn inhaltlich ganz auf die Elemente der Heiligjahrpraxis zu, senza darvi notizia di detta Città, che di già ne parlo nel primo Libro 2474 . Macht er hierzu auch kaum nähere Angaben, so scheint dieser zweite Aufenthalt im Wesentlichen doch ähnlich verlaufen zu sein wie der erste: Wieder gab sich Al‐ bani den üblichen Ritualen und Devotionsübungen hin, wieder unterzog er sich einer vierstündigen Generalbeichte bei jenem neapolitanischen Franziskaner‐ pater und fühlte sich nach erhaltener Absolution erfüllt von una leggierezza di Coscienza, come fusse un Fanciullo allora nato puro nel Mondo, und wieder nahm er auch Unterkunft bei der frommen María Crespo 2475 . Wie Buonafede Vanti, der Compostela im Heiligen Jahr 1717 besuchte, staunt auch Albani über das Gedränge der unzähligen Pilger, die zu diesem Anlass in die Kirche des Apostels strömten: non vi resta nessun vacuo ne meno per così dire à star in piedi per causa del gran concorso di tutta la Spagna, Portogallo, Francia, Germania, e di tante altre Nazioni 2476 . Hatte er die Kathedrale während seines ersten Aufenthaltes im November und Dezember 1743 noch jeden Abend verlassen müssen, war diese nunmehr - wie einst in mittelalterlichen Tagen - ununterbrochen geöffnet, immerfort wurden dort Messen und Zeremonien abgehalten 2477 , es wurden 602 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="603"?> decantatur. Omnes dies et noctes quasi sub una sollempnitate continuato gaudio ad Domini et apostoli decus ibi excoluntur. Valve eiusdem basilice minime clauduntur die noctuque, et nullatenus nox in ea fas est haberi atra, quia candelarum et cereorum splendida luce ut meridies fulget. 2478 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-127. 2479 Liber (wie Anm. 25), S. 252. - Baugeschichtlich entstand die Porta Santa somit aus einem der sieben Nebenportale der Kathedrale, die im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi aufgezählt werden. Zur künstlerisch-baulichen Gestaltung der heutigen Porta Santa vgl. Emilia L A M E L A S / Jesús María C E N D Á N , La nueva Puerta Santa, Catedral de Santiago de Compostela, in: Restauración & rehabilitación 93 (2004), S.-58-63. 2480 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-126f. besondere Reliquien gezeigt, und die Höhe der Ablässe, die man durch den Besuch der verschiedenen Kapellen erlangen konnte, war verdoppelt worden - ne si guadagnano gl’altri Anni tante Indulgenze, ne si vedono tante bellissime cose, come negl’Anni Santi 2478 ! Das Hauptgewicht der Beschreibung liegt allerdings auf der Heiligen Pforte, die sich im Ambulatorium zwischen der Capela do Salvador, der Stirnkapelle, und der Capela de San Pedro an der Stelle der alten Pelagiuspforte (im Liber Sancti Jacobi: [portalulla] de Sancto Pelagio) befindet 2479 . Als einziger Autor im hier analysierten Korpus gibt Albani Auskunft über den genauen Ablauf des entsprechenden Rituals und den Umfang der dadurch zu erwerbenden Gnade; daher sei die Stelle hier in extenso wiedergegeben: Ma essendo questo l’Anno Santo, […] si vede la Porta Santa aperta, come à quella di S. Pietro di Roma, facendosi l’istessa funzione. Sopra di detta Porta Santa, cioè sù d’un marmo nel muro v’è una descrizzione in lingua Ebraica, scritta dal proprio S. Giacomo, la qual descrizzione dice in questa maniera, che chi passa per sei volte per 6 giorni continui di sotto detta Porta Santa, baciando le sante mura da una parte, e dall’altra anche per 6 volte con vera divozione, e viva fede, riceveranno perdono perpetuo di colpa, e pena come tornasse di nuovo à nascere nel Mondo, e liberarà tutto il suo Parentato dalla quarta generazione dalle pene del Purgatorio, se pure però sarà degno il Peregrino di auer acquistato il merito di detto Santuario, e che sia bene confessato, ed assolute tutte le sue colpe, così aurà la grazia di acquistare questo gran merito, sì per se stesso, come per l’anime del Purgatorio, altrimente sarà tutto perduto l’andare in S. Giacomo, oltre poi dell’Infinite, ed’innumerabili Indulgenze, e Stazioni, che in questo Anno Santo si guadagnano, sono innumerabili, e vi è l’Assoluzione di colpa, e pena d’ogni peccato 2480 . An sechs Tagen in Folge solle man die Heilige Pforte jeweils durchschreiten und ihre Mauern dabei sowohl innen wie außen sechsmal küssen. Auf diese Weise erwerbe man nicht nur einen Plenarablass, d. h. einen restlosen Erlass aller zeitlichen Bußstrafen, sondern befreie obendrein alle seine Vorfahren bis zur 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 603 <?page no="604"?> 2481 Vgl. C A U C C I V O N S A U C K E N , Nicola Albani (wie Anm. 199), S. 422f.; D E R S ., Devoción e picaresca (wie Anm. 2249), S. 21. - Zum Vergleich: Der aus Perpignan gebürtige Antoine Rives besuchte die Kathedrale von Compostela im Jahr 1723, car c’était aussi une année sainte, comme on dit de saint Jacques, parce que, lorsque [la fête de] Saint-Jacques tombe un dimanche, on gagne une indulgence plénière en entrant par la porte sainte pour honorer les reliques du grand patron de l’Espagne, une fois confessé et ayant communié, et en visitant la sainte église plusieurs fois, et en récitant la prière du Père Dieu. Zitiert nach: R U C Q U O I et al. (Hg.), Le voyage (wie Anm. 152), S. 928. - In dieser Arbeit wird Antoine Rives nicht weiter berücksichtigt, da er, ähnlich wie Balthasar de Monconys und Jean Bonnecaze (siehe Kapitel 1.2), in seiner vergleichsweise kurzen Compostela-Be‐ schreibung auf wenig mehr eingeht als auf die von ihm verrichteten herkömmlichen Frömmigkeitshandlungen. - Zur symbolischen Bedeutung der Porta-Santa-Praxis vgl. S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 263: „Para gaña-las indulxencias prometidas, os peregrinos pasan baixo este arco de triunfo, entrando no interior da xirola catedralicia, a carón do camarín onde agarda o Apóstolo e moi preto do lugar onde repousan os sagrados restos. Todo este ritual simboliza o paso que leva ó peregrino do pecado ó estado de Gracia. A cultura barroca, ó crear un arco de triunfo na Porta Santa, está a simbolizar, precisamente, o triunfo do peregrino sobre o pecado e a morte.“ - Eine biblische Rückbindung des Türmotivs könnte man etwa in Joh 10,9 (Ego sum ostium. Per me si quis introierit, salvabitur: et ingredietur, et egredietur, et pascua inveniet.) oder auch in Off 3,8 (Ecce dedi coram te ostium apertum quod nemo potest cludere.) sehen. - Das Privileg zur Gewährung eines Plenarablasses in Heiligen Jahren (wie in Rom) ist in der auf 1179 datierten (wohl gefälschten) Alexanderbulle Regis aeterni urkundlich festgelegt und wird darin auf Papst Calixt II. zurückgeführt, der es der Kathedrale von Compostela schon 1122 durch die Bulle Omnipotentis dispositione verliehen haben soll. Vgl. L Ó P E Z F E R R E I R O , Historia 4 (wie Anm. 54), S. 328-330; V Á Z Q U E Z D E P A R G A et al., Peregrinaciones 1 (wie Anm. 15), S. 151f. Die Funktion der gefälschten Urkunde war es zweifellos, der tatsächlich noch jungen Praxis des Heiligjahrablasses unter Berufung auf altehrwürdige Autoritäten wie Calixt II. und Alexander III. die nötige Dignität und Anciennität zu verleihen und sie so zu legitimieren. 2482 Auf der Außenseite dagegen bekrönen drei Statuen den Eingang: der hl. Jakobus und seine Jünger Athanasius und Theodorus, die 1694 von Pedro del Campo verfertigt wurden und mit denen der barocke Umbau der Heiligen Pforte seinen Abschluss fand. Links und rechts sind insgesamt 24 Steinschnitzereien von Aposteln und Propheten angebracht, von denen einige ursprünglich Teil des gegen Ende des 12. Jahrhunderts unter Baumeister Mateo erbauten steinernen Chores der Kathedrale gewesen sein sollen; dieser war in den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts zerstört und durch einen von Juan Dávila (1550-1611) und Gregorio Español (1560-1630) verfertigten hölzernen Chor im manieristischen Stil ersetzt worden. Zwei Figuren des romanischen Steinchores sind vierten Generation aus dem Fegefeuer 2481 . Angeblich sei dies alles in einer vom hl. Jakobus selbst verfertigten hebräischen Inschrift nachzulesen, die sich auf einer Marmorplatte über der Heiligen Pforte befinde. Was auch immer Albani dort gesehen haben mag - gegenwärtig ist die Eingangsinnenseite lediglich mit einem lateinischen Bibelvers überschrieben, der, auf zwei Steinelemente aufge‐ teilt, eines der alten Weihekreuze der Kathedrale flankiert: ECCE DOMUS DEI ET PORTA CELI (Gen 28,17) 2482 . Der Brauch hat jedenfalls seine Lebendigkeit 604 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="605"?> auch zu beiden Seiten auf der Innenseite der Heiligen Pforte platziert, der Prophet Ezechiel und der Apostel Judas Thaddäus. Unterhalb derselben befinden sich zwei Weihwasserbecken, in die die Gläubigen ihre Finger zu tauchen pflegen, nachdem sie die beiden kleinen Kreuze auf den Türpfeilern berührt haben. Vgl. V I L L A -A M I L Y C A S T R O , Descripción (wie Anm. 869), S. 39; S I N G U L , Historia cultural (wie Anm. 6), S. 262-264. Vgl. auch Anm.-1067. 2483 Die Heilige Pforte wird am Silvesterabend vor jedem Heiligen Jahr unter Befolgung eines spezifischen Rituals geöffnet, das in wesentlichen Zügen demjenigen entspricht, welches der Papst seit Weihnachten 1499 in Heiligen Jahren an der Porta Santa des Petersdoms zu vollziehen pflegt. Zu diesem Anlass versammelt sich eine große Schar von Klerikern und Gläubigen in Prozession auf der Praza da Quintana - an der Spitze der Erzbischof, dem es zukommt, die Heilige Pforte als Erster zu durchschreiten. Noch bis zum Heiligen Jahr 2010 schlug er dabei mit einem silbernen Hammer dreimal gegen die Steinwand, mit der die Heilige Pforte auf der Innenseite eigens zu diesem Zweck verschlossen worden war. Die Steine fielen sofort in sich zusammen, Arbeiter schoben sie beiseite, und Priester reinigten den freigelegten Eingang mit Olivenzweigen und Weihwasser, bevor der Erzbischof schließlich hineinging. Seit dem Heiligen Jahr 2021 ist das symbolische Durchbrechen der Steinwand aus der Ritualpraxis verschwunden; man hatte Sorge um mögliche Beschädigungen im Kircheninneren. Vgl. Gabinete de Comunicación del Arzobispado de Santiago de Compostela, Xacobeo 2010: La apertura de la Puerta Santa de la Catedral de Santiago marca el inicio del Año Jubilar, in: Galicia digital, 31.12.2009, https: / / www.galiciadigital.com/ noticia.4834.php (Zugriff am 26.05.2024). 2484 Nach den offiziellen Maßgaben der Kathedrale ist es zum Erwerb des in Heiligen Jahren gewährten Plenarablasses nicht (mehr) zwingend erforderlich, die Porta Santa zu durchschreiten. Auf der Website der (der Kathedrale unterstellten) Oficina de Acogida al Peregrino sind folgende Bedingungen angegeben: „[1.] Visitar la Catedral de Santiago, donde se guardan, custodian y veneran los restos del Apóstol Santiago el Mayor, participando en la Eucaristía o en cualquier otro acto litúrgico, teniendo un momento de oración por las intenciones del Romano Pontífice (Padrenuestro o Credo). [2.] Confesión Sacramental. Una misma confesión sirve para alcanzar varias indulgencias [für den Fall, dass man Ablässe für Verstorbene erwerben will]. Puede hacerse 15 días antes o después de la visita a la Catedral de Santiago. [3.] Comunión Eucarística, para cada una de las indulgencias“. Oficina de Acogida al Peregrino, Indulgencia plenaria, https: / / oficinadel peregrino.com/ peregrinacion/ indulgencia-plenaria/ (Zugriff am 25.05.2024). Die Porta Santa wird hier mit keinem Wort erwähnt. Und doch, obgleich sie für den Ablasserwerb bedeutungslos geworden ist, bleibt sie auch heute noch ein symbolträchtiges Element der compostelanischen Heiligjahrpraxis und ihr Durchschreiten ein höchst populärer Brauch, der zum de facto obligaten Pilgerprogramm in Compostela gehört. bis heute bewahrt: Noch immer wird die Porta Santa, nach ihrer feierlichen Öffnung durch den Erzbischof am vorausgehenden Silvesterabend, während ei‐ nes gesamten Heiligen Jahres von Gläubigen (und Touristen) durchschritten 2483 . Die aufwendige, sich über sechs Tage erstreckende Form, die Albani für das Jahr 1745 bezeugt, ist heute allerdings nicht mehr üblich, und der Plenarablass wird inzwischen unabhängig von solchen Praktiken gewährt, aber nach wie vor auch pro defunctis 2484 . 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 605 <?page no="606"?> 2485 Vgl. C A R R O O T E R O , Puerta Santa (wie Anm. 1294); F R A G U A S F R A G U A S , Puerta santa (wie Anm. 1294), insb. S. 124; R U C Q U O I , Los Años Santos (wie Anm. 611), S. 42. - Für die Existenz der Porta-Santa-Praxis in Compostela vor dem Anfang des 16. Jahrhunderts bzw. vor der Einführung des entsprechenden Brauches im Petersdom durch Papst Alexander VI. (1492-1503) zum Weihnachtsfest 1499 gibt es schlechterdings keine sicheren Belege. Es erscheint daher plausibler anzunehmen, dass Compostela diesen Brauch - wie so vieles andere auch - von Rom übernahm. - Zur Geschichte des Heiligen Jahres in Rom vgl. z. B. Léon H O M O , Historique des Années Saintes, in: Hommes et Mondes 12/ 48 (1950), S. 341-353; Fernando L Ó P E Z A L S I N A , Años santos romanos y años santos compostelanos, in: Santiago, Roma, Jerusalén. Actas del III Congreso Internacional de Estudios Jacobeos, hg. von Paolo C A U C C I V O N S A U C K E N , Santiago de Compostela 1999, S. 213-242; Étienne A N H E I M / Isabelle H E U L L A N T -D O N A T / Emmanuelle L O P E Z / Odile R E D O N , Rome et les jubilés du XIV e siècle : histoires immédiates, in: Médiévales 40 (2001), S.-53-82; R U C Q U O I , Los Años Santos (wie Anm.-611), S.-39-41. 2486 Vgl. Laffi, Viaggio in Ponente (wie Anm. 159), S. 201: Questo non si fa in alcun luogo del mondo, se non in Roma e qui. 2487 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-126. 2488 Vgl. Kapitel 6.4. - Albani lässt immer wieder durchscheinen, dass er (zum Teil) wiedergibt, was ihm vor Ort erzählt wurde, meist nur durch ein unbestimmtes dicono oder mi dicono, einmal aber auch explizit verweisend auf die Beichtväter der Kathedrale: mi dicono li proprij Penitenzieri, che l’istesse Indulgenze, che si guadagnano in Roma, ed in Gerusalemme, si guadagnano anche in S. Giacomo di Galizia, per esser stato il primo Apostolo à morire doppo la morte di Giesù Cristo. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-90. Die historischen Ursprünge der Porta-Santa-Praxis sind nicht endgültig geklärt: Entgegen der zuweilen vertretenen These einer autonomen Genese im Hohen Mittelalter deutet die Belegsituation darauf hin, dass die composte‐ lanische Tradition erst nach Einführung der - und in gezielter Analogie zur - römischen adoptiert wurde, wohl unter Erzbischof Alonso III. de Fonseca in den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts 2485 . Albani jedenfalls lässt, genau wie Laffi rund acht Jahrzehnte vor ihm 2486 , klar erkennen, dass er in der Heiligen Pforte eine augenfällige Parallele zum Petersdom in Rom sah, wenn er auch keine Angaben über ihre Entstehung und einen etwaigen Einfluss durch das römische Pendant macht. Den Vergleich stellt er selbst her, indem er schreibt: si vede la Porta Santa aperta, come à quella di S. Pietro di Roma, facendosi l’istessa funzione 2487 . Wie bei Laffi fügt sich die Heilige Pforte auch bei Albani in eine Vielzahl von Elementen der Kathedrale ein, die er - wohl zum Teil durch Hinweise, die er von lokalen Geistlichen erhielt - mit Rom in Verbindung bringt und als Indizien für die Gleichrangigkeit der beiden Devotionszentren deutet 2488 . Die vom compostelanischen Klerus seit dem Hohen Mittelalter betriebene Annäherung an römische Formen und Gebräuche oder sogar deren unverhoh‐ lene Nachahmung mit dem Ziel, Compostela als ebenbürtigen Apostelsitz neben Rom zu platzieren und innenpolitisch seine Stellung in der spanischen Sakrallandschaft (auf Augenhöhe mit der Primatialstadt Toledo) zu festigen, 606 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="607"?> 2489 Zur Imitation römischer Gebräuche in Compostela vgl. H E R B E R S , Jakobsweg (wie Anm.-10), S.-26f. 2490 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-89. 2491 Vgl. G O N Z Á L E Z F E R N Á N D E Z , Peregrinando a Compostela (wie Anm.-2254), S.-45. 2492 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-90. 2493 Albani, Viaje (wie Anm. 200), S. 88. - Auch dass man die Schlüssel für die Krypta des hl. Jakobus angeblich in Rom verwahre: le chiaui […] stanno depositate in Roma, wie ihm vor Ort erzählt wurde, deutet zumindest eine enge Verbindung zwischen den beiden Devotionszentren an. Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-89. 2494 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-90. zeitigte offensichtlich die gewünschte Wirkung 2489 . Bereits im Eintrag zu seinem ersten Aufenthalt in der Jakobsstadt vermerkt Albani: sappiate che quì vi è l’Anno Santo come quello istesso di Roma, guadagnando l’istesse Indulgenze, e vi è concorso di Popoli come concorrono in Roma, e niente meno, e si vedono Reliquie, e Corpi Santi più di Roma, e si fà l’istessa funzione aprendo la Porta Santa la mezza Notte del primo dell’Anno 2490 . Alles sei demnach genau wie in Rom: die Heiligjahrpraxis samt der Heiligen Pforte und deren feierlicher Öffnung am Silvesterabend, die Höhe der Ablässe, die Vielzahl der herbeiströmenden Menschen, und an Reliquien und heiligen Leibern sei Compostela - hier übertreibt Albani zweifellos - sogar noch reicher als die Papststadt 2491 . An anderer Stelle notiert er abermals, es gebe hier tante, e tante […] Reliquie quante ve ne possono essere in Roma, ò pur in Gerusalemme 2492 . Hinzu kommen die sieben Kardinäle der Kathedrale, in denen er - wie Laffi - ein Analogon zu den römischen Kurienkardinälen erkennt, was er vor allem daran festmacht, che godono la Cappa magna, come fussero Cardinali 2493 . Schließlich greift er auch die Vorstellung von den drei peregrinationes maiores auf, die eine Gleichrangigkeit von Compostela, Rom und Jerusalem postuliert: questo Santuario di Galizia è una delle 3 Basiliche della Cristianità, quali sono Roma, Gerusalemme, e S. Giacomo di Galizia, che mi dicono li proprij Penitenzieri, che l’istesse Indulgenze, che si guadagnano in Roma, ed in Gerusalemme, si guadagnano anche in S. Giacomo di Galizia, per esser stato il primo Apostolo à morire doppo la morte di Giesù Cristo 2494 . Der junge Pilger macht sich hier ein weit verbreitetes theologisches Argument zu eigen, das ihm von lokalen Geistlichen an die Hand gegeben wurde, wonach dem hl. Jakobus - und mithin seinem Grabesort Compostela - deshalb eine so prominente Stellung zukommen müsse, weil er als erster der zwölf Apostel Christi das Martyrium erlitt. Gleiches ist beispielsweise im liturgischen ersten Teil des Liber Sancti Jacobi zu lesen, wo dem Zebedäussohn zum Teil sogar 8.3 Nicola Albani (1743/ 1745) 607 <?page no="608"?> 2495 Liber (wie Anm.-25), S.-29. Vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm.-218), S.-75. 2496 Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, gibt Hieronymus Münzer in seinem Bericht die Theorie der drei sedes wieder, die ihm aus dem Liber Sancti Jacobi bekannt war. Vgl. Münzer, Itinerarium (wie Anm. 743), S. 94. - Zu dieser Theorie vgl. H E R B E R S , Jakobuskult (wie Anm. 218), S. 70-81; P L Ö T Z , Jacobus Maior (wie Anm. 51), S. 186-190. Siehe auch die Erläuterungen in Kapitel 2.2.1. 2497 Jean de Tournai rühmt sich, d’avoir accomply les trois sainctz voiaiges […], c’est assavoir Romme, Sainct Jacques et Hierusalem. Jean, Récit (wie Anm. 200), S. 321. - Wie in Kapitel 2.2.1 gezeigt, finden sich vielfach auch und gerade im Liber Sancti Jacobi schon Bemühungen, Compostela auf einen Rang mit den bedeutendsten Devotionsorten der Christenheit zu setzen, sei es mit Rom und Jerusalem (peregrinationes maiores) oder mit Rom und Ephesos (sedes apostolicae). 2498 Vgl. Albani, Viaje (wie Anm.-200), insb. S.-102. ausdrücklich ein ‚Primat‘ zugesprochen wird: Iacobus valde venerandus est, qui in preclara apostolorum curia primatum tenens, primus eorum martirio coronari meruit 2495 . Solche abstrakten Konzepte werden in den hier analysierten vormo‐ dernen Reiseberichten nur selten so deutlich thematisiert, allenfalls von einem gebildeten Autor wie Hieronymus Münzer 2496 oder von dem unermüdlichen Jean de Tournai, der alle drei peregrinationes maiores ohne Unterbrechung selbst absolvierte und dieses Konzept entsprechend betont 2497 . Auch bei Albani ist dem Städtetrio Compostela, Rom und Jerusalem ab initio implizit ein besonderer Status in der katholischen Sakrallandschaft eingeräumt: Bei seinem Aufbruch aus Neapel nahm er sich vor, alle drei Pilgerziele aufzusuchen, erst Rom, dann Compostela - und zuletzt auch Jerusalem, was jedoch, wie bereits erwähnt, an einem fehlenden Geleitbrief scheiterte 2498 . Durch die zitierte Stelle wie durch seinen ursprünglich intendierten Reiseverlauf belegt Albani eindrücklich, dass die hochmittelalterliche Vorstellung von den drei peregrinationes maiores auch im Zeitalter der Aufklärung noch Gültigkeit besaß, dass Compostela auch damals noch zu den drei bedeutendsten Pilgerzentren der Christenheit gezählt wurde und insbesondere den Vergleich mit Rom anregte, das in vielerlei Hinsicht Vorbild und zugleich Konkurrent war. 608 8 Santiago de Compostela in Pilgerberichten des 18. Jahrhunderts <?page no="609"?> 9 Vergleichende Zusammenschau Der weit gesteckten Frage nach Wahrnehmung und Darstellung der Stadt Santiago de Compostela in den romanischen Literaturen der Vormoderne galt das Hauptinteresse der vorliegenden Studie. Dazu ist eine kleine und doch weitgehend exhaustive Sammlung von 21 lateinischen und vernakularen (fran‐ zösischen und vor allem italienischen) Quellen aus der Gattung der Pilger- und Reiseliteratur näher untersucht worden, die eine Spanne von etwa sechshundert Jahren umfassen: vom Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi (um 1140) bis zur Veridica Historia (1745) des Nicola Albani, vom Hohen Mittelalter bis zur Aufklärung. Verglichen mit Rom und Jerusalem, den anderen beiden großen Pilgerzielen der okzidentalen Christenheit, wurde Compostela im betrachteten Zeitraum nicht nur deutlich seltener, sondern auch erst relativ spät zum Gegenstand topographischer Beschreibungen: Nimmt man den Pilgerführer im Liber Sancti Jacobi als mittellateinisches Zeugnis und faszinierenden Einzelfall ohne unmit‐ telbare Nachfolger einmal aus, so konnte für die Romania auf keine einschlägige Quelle vor der anbrechenden Neuzeit verwiesen werden. Zwar fanden sich erste Aufzeichnungen über Pilgerreisen zum Grab des hl. Jakobus schon in manch früheren, noch dem Späten Mittelalter zuordenbaren Dokumenten - das früheste italienische Beispiel ist wohl der anonyme Itinerario Marciano (14. Jh.) aus Venetien, das früheste französische der Voiatge à S t Jaques en Compostelle et à Nostre Dame de Finibus Terre (1417) des gascognischen Landedlen Nompar-II. de Caumont -, doch handelt es sich dabei um äußerst wortkarge Itinerare, Stationen- und Distanzenverzeichnisse, in denen Compostela kaum in beson‐ derer Weise heraussticht, geschweige denn durch eine nähere Beschreibung. Allenfalls ist es von anderen vermerkten Orten dadurch unterschieden, dass es zumeist nicht mit dem Toponym, sondern metonymisch mit dem Namen des hl. Jakobus bezeichnet wird, worin sich die enge gedankliche Assoziation von Stadt und Heiligem sprachlich widerspiegelt. Wohl gegen Mitte des Quattrocento verlieh ein gewisser Lorenzo aus Fiesole seinem Santiago-Itinerar erstmals eine literarische Form, er kleidete die praktische Reiseanleitung in reimende Verse und umrahmte sie mit religiös-hymnischen und moralisierenden Passagen - doch an der entscheidenden Stelle beschränkt auch er sich auf einen bloßen Namen. Zwei florentinische Anonymi des späten Quattrocento bieten in ihren Itineraren endlich erste, wenngleich noch recht lakonische Charakterogramme der Jakobsstadt. Ab Jean de Tournai (1489) treten an die Stelle dieser zweckmä‐ ßigen Ortslisten allmählich immer umfänglichere und elaboriertere Berichte, oft <?page no="610"?> 2499 Bezogen nicht auf die ganze Reisechronik, sondern nur auf die Kapitel über die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela. persönlich perspektiviert und mit primär temporaler Gliederung (Chroniken, Tagebücher, Briefe), die sich im späten 17. und 18. Jahrhundert schließlich - allen voran sind hier Domenico Laffi, Gian Lorenzo Buonafede Vanti und Nicola Albani hervorzuheben - zu komplexen, Hunderte Seiten füllenden Reisebüchern auswachsen. In gleichem Maße nimmt auch der Umfang der in diesen Zeugnissen enthal‐ tenen Stadtbeschreibungen zu. Das quantitative Hauptgewicht liegt gleichwohl stets - dies erwies sich als diachrone Konstante - auf der Schilderung der (mona‐ telangen) Reise, während dem (kurzen, oft wenige Tage dauernden) Aufenthalt in der Jakobsstadt nur ein geringer Teil des Gesamttextes gewidmet ist: maximal ein Drittel (so etwa bei Antoine de Lalaing 2499 und Giovanni Battista Confalo‐ nieri), zumeist jedoch nur wenige Prozent. Darin ist wiederum ein wesentlicher Unterschied zu entsprechenden Zeugnissen über Rom- und Jerusalemfahrten zu erkennen, die im Gegenteil typischerweise dem Ziel eine vorrangige Stellung einräumen, auf umfassende Angaben zum Weg indes oftmals sogar verzichten. Aufschlussreich war es zu beobachten, wie sich Berichte ein und desselben Autors über verschiedene von ihm unternommene peregrinationes maiores zueinander verhalten, wenn sie, was in der Zeit des 15. und 16. Jahrhunderts einige Male vorkommt, in einem gemeinsamen Dokument überliefert sind: Nicht nur fällt in nahezu allen diesen Fällen (unter den romanischen Autoren: Nompar II. de Caumont, Ghillebert de Lannoy, Lorenzo, Jean de Tournai, Jan Taccoen van Zillebeke, Cristofaro Monte Maggio da Pesaro) insbesondere der Bericht über die Heiliglandreise beträchtlich länger und informativer aus als derjenige über die Compostelareise, auch setzt mehr als ein Autor - teils sogar entgegen der Chronologie seiner Reisen - den ersteren gezielt an den Anfang des Dokuments, den letzteren hingegen gleichsam in den Appendix. Dies spiegelt den hierarchischen Unterschied zwischen den großen christlichen Pilgerreisen und ihren jeweiligen Destinationen wider: Die peregrinatio ad loca sancta wurde offensichtlich als wichtiger und prestigiöser angesehen als die peregrinatio ad limina Sancti Jacobi, Jerusalem höher geschätzt als Compostela. Andererseits jedoch nehmen die schreibenden Jakobspilger in ihren Auf‐ zeichnungen zuweilen auch deutlichen Bezug auf die mittelalterliche Konzep‐ tion der drei peregrinationes maiores bzw. auf ein zusammengehörendes Städte‐ trio Jerusalem-Rom-Compostela in der unverkennbaren Absicht, Compostela gleichberechtigt auf einer Stufe mit seinen beiden Konkurrenten zu platzieren, mithin an der Spitze der christlichen Sakraltopographie. Solches ließ sich bereits 610 9 Vergleichende Zusammenschau <?page no="611"?> bei Pseudo-Calixt im Hohen Mittelalter und noch bei Nicola Albani in der Aufklärung beobachten. Ferner zeigte sich, dass manche Pilger, allen voran Domenico Laffi und Nicola Albani, in Compostela vergleichend auf augenfällige Parallelen insbesondere zu Rom und zur römischen Liturgie hinweisen, die sie wiederum als Indizien für die Ebenbürtigkeit beider Devotionszentren zu interpretieren scheinen. Zu diesen Parallelen zählen neben dem Besitz von Apostelreliquien namentlich die Heiligjahrpraxis einschließlich der Porta Santa und mit ihr verbundener Traditionen, der Kardinalsstand und die prächtigen liturgischen Gewänder der höchsten Würdenträger (man denke z. B. an den Erzbischof mit Papstpallium bei Domenico Laffi und an die Kardinäle mit Mitra und Cappa Magna bei Nicola Albani) - allesamt Elemente, die die compostela‐ nische Geistlichkeit in der Tat mutatis mutandis von Rom übernommen hatte. Als maßgeblich für die Stadtwahrnehmung der Pilger erwies sich immer wieder die Opposition von Sakral und Profan. Gerade die frühen Texte - allen voran die descriptio urbis im Liber Sancti Jacobi - wenden gewöhnlich alle Aufmerksamkeit auf das sakrale Zentrum, die Kathedrale mit den Apostelreli‐ quien; zuweilen erwähnen sie auch noch andere lokale Kirchen und Klöster - die übrige Stadt sparen sie jedoch weitgehend aus. So entsteht ein scharfer Kontrast zwischen der überbeleuchteten Sakrallandschaft und dem allenfalls angedeuteten weltlichen Raum der Stadt. Zuweilen wird der nähere Umkreis der Kathedrale, die angrenzenden Bauten und Plätze, noch erfasst. Dabei ließ sich einhergehend mit den weitreichenden urbanistischen Maßnahmen des 16. Jahrhunderts - insbesondere mit der Errichtung des Hospital Real und dem Funktionsverlust des alten Paradieses infolge der Schließung des Hospital de Santiago Alfeo und der Verlegung des Jakobsbrunnens auf den südlichen Vor‐ platz - eine deutliche Verschiebung des Fokus von der Nordauf die Westseite der Kathedrale beobachten: Während sowohl Pseudo-Calixt im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi als auch Jean de Tournai in seinem Reisetagebuch das (nördliche) Paradies noch jeweils als einzigen Ort außerhalb der Kathedrale de‐ tailreich beschreiben, kommt es in späteren Zeugnissen nur mehr als Marginalie vor. Indessen gerät das (westliche) Hospital Real nach seiner Fertigstellung im Jahr 1512 zu einem zentralen Fixpunkt in der Stadtwahrnehmung. Erstmals ließ sich diese Entwicklung bei Jan Taccoen van Zillebeke nachweisen, der im Korpus zugleich eine besondere Ausnahme darstellt, insofern er als einziger mir bekannt gewordener Pilger-Autor nicht den locus sanctus in den alleinigen Mittelpunkt seiner Beschreibung stellt, sondern auf das Hospital Real - deutlich orientiert an seinem persönlichen Rundgang vor Ort - sogar noch etwas ausführlicher und weitaus wohlwollender eingeht. 9 Vergleichende Zusammenschau 611 <?page no="612"?> 2500 Z. B. Jean, Récit (wie Anm.-200), S.-323. Auch von späteren Berichtautoren wird der rinascimentale Prachtbau immer wieder für seine Größe und kunstvolle Gestaltung gelobt, typischerweise unter Hervorhebung der zentral gelegenen Kapelle, der geräumigen T-förmigen Schlafsäle, der schönen Innenhöfe mit Brunnen sowie der schmuckreichen plateresken Südfassade. Dennoch vermerkt kaum einer von ihnen, dort ge‐ schlafen zu haben. Vorwiegend den gesellschaftlichen Eliten (Adel, Stadtpatriziat, Klerus) angehörend, bevorzugten die schreibenden Pilger der Frühen Neuzeit entsprechend andere Unterkünfte: Adlige und Stadtpatrizier nahmen zumeist kommerzielle Gastlichkeit in Anspruch, Geistliche fanden Aufnahme in Klöstern. Namentlich bei Jean de Tournai (nous ne sommes point povres gens) 2500 und Jan Taccoen van Zillebeke wurde deutlich, dass es mit ihrem sozialen Selbstverständnis schlicht nicht vereinbar gewesen wäre, in einem Hospital, einer kirchlichen Einrichtung der Armenfürsorge, um ein Nachtlager anzufragen. So sind es erst die im 18. Jahrhundert (literarisch) zum Vorschein tretenden peregrinos picarescos wie Guillaume Manier und Nicola Albani, die auch Angaben zur Qualität der Betten im Hospital Real machen. Der Stadtraum abseits von Kathedrale und Hospital Real bleibt in der analy‐ sierten Berichtliteratur noch bis zum Ende des 16. Jahrhunderts weitgehend unbeachtet; erst ab Giovanni Battista Confalonieri (1594) finden sich auch andere Orte dokumentiert wie etwa der Palast des Erzbischofs (nördlich an die Kathedrale angebaut), der Colexio de San Xerome (südlich an die Praza do Hospital angrenzend), der Sitz der Spanischen Inquisition (an der Praza de San Miguel dos Agros) und die Jesuitenschule (bei der Porta de Mazarelos auf dem Grundstück der heutigen Fakultät für Geographie und Geschichte), insbeson‐ dere aber die Klosterniederlassungen der verschiedenen Ordensgemeinschaften sowohl intra als auch extra muros: San Martiño Pinario, San Paio de Antealtares, Santo Agostiño, San Domingos de Bonaval, San Francisco do Val de Deus, Santa María de Belvís, Santa Clara, San Lorenzo etc. Somit ließ sich in der diachronen Entwicklung des Korpus eine zunehmende Ausdifferenzierung des dargestellten Stadtraums beobachten: von den dürren Itineraren des 14. und 15. Jahrhunderts, die Compostela teils nur mit Namen notieren, über die Pilgerberichte des späten 15. und 16. Jahrhunderts, die sich weitgehend auf Kathedrale und Paradies bzw. Hospital Real konzentrieren, bis hin zu den oft großangelegten Reisebüchern des 17. und 18. Jahrhunderts, die schließlich noch zahlreiche andere Orte hinzutreten lassen. Namentlich mit den Klöstern dominieren allerdings auch in den späteren Stadtdarstellungen weiterhin solche Orte, die eindeutig der religiösen Sphäre 612 9 Vergleichende Zusammenschau <?page no="613"?> 2501 Zu den alten casas consistoriales von Santiago de Compostela, die ihre Funktion um die Mitte des 18. Jahrhunderts an den neu erbauten Pazo de Raxoi verloren, vgl. Leopoldo F E R N Á N D E Z G A S A L L A / Ana G O Y D I Z , Las casas consistoriales de Santiago de Compostela en los siglos XVI y XVII, in: Sémata. Ciencias Sociais e Humanidades 15 (2003), S.-545-586. angehören, während beispielsweise die historische Universität nur zweimal (von Giovanni Battista Confalonieri und Filippo Corsini) und weder das alte Rathaus an der Praza da Quintana - Sitz der weltlichen Macht in der Stadt - noch die großen Gefängnisanlagen, die die Praza do Hospital im Westen (an der herausgehobenen Stelle des heutigen Pazo de Raxoi) begrenzten, überhaupt einmal erwähnt werden 2501 . Selbst und gerade in der Aufklärung noch legen alle Autoren einen besonderen Fokus auf die städtische Klostertopographie - wenn dem auch vielfach eher ökonomisch-praktische denn fromme Motive zugrunde liegen: Während Mönche bzw. geistliche Pilger wie Gian Lorenzo Buonafede Vanti und Giacomo Antonio Naia dort um Unterkunft baten, an Messen und religiösen Zeremonien teilnahmen, die Gärten besichtigten oder sich mit ihren Brüdern in Christo bei einer Tasse Schokolade unterhielten, bezeugen arme Laien bzw. nicht-geistliche Pilger wie Guillaume Manier und Nicola Albani die Praxis eines regelrechten Almosen-parcours entlang dieser dem christlichen caritas-Gedanken verpflichteten Einrichtungen, die täglich zu festgelegten Uhrzeiten jeweils Armen- und Pilgerspeisungen durchführten. In der Mehrzahl der untersuchten Zeugnisse folgt die Compostela-Beschrei‐ bung im Aufbau jeweils einem bestimmten räumlichen Muster: Entweder verfährt sie - wie exemplarisch schon im Jakobsbuch - nach alten Konventionen der descriptio urbis in zentripetaler Richtung, von außen nach innen, hin zur hei‐ ligen Mitte, d.-h. zur Kathedrale und dort gewöhnlich zum Hauptaltar bzw. zur darunterliegenden Krypta mit den Apostelreliquien, oder aber - wie erstmals im Reisetagebuch des Jean de Tournai - entgegengesetzt in zentrifugaler Richtung, von der heiligen Mitte nach außen, endigend meist mit einem flüchtigen Blick auf die Stadt als Ganzes und ihre nahe Umgebung. Entweder läuft sie klimaktisch auf den locus sanctus zu oder sie bewegt sich von dort weg. Immer aber, gleich, ob nun das eine oder das andere Muster vorliegt, erscheinen die Kathedrale und letztlich der innerste, heiligste nucleus aus Hauptaltar und Krypta jeweils in den absoluten Mittelpunkt des Stadtraumes gestellt. Forciert wird dieser Eindruck der Zentralsetzung in vielen Fällen noch zusätzlich durch eine von außen nach innen zunehmende bzw. von innen nach außen abnehmende Detaildichte der Beschreibung. Zudem wurde deutlich, dass die beiden gegenläufigen Ordnungsmuster mit bestimmten Berichtsstilen korreliert sind: Das zentripetale Muster scheint 9 Vergleichende Zusammenschau 613 <?page no="614"?> für sachlich-unpersönlich gestaltete Beschreibungen (Liber Sancti Jacobi, die anonymen Florentiner, Bartolomeo Fontana, Giovanni Battista Confalonieri) charakteristisch zu sein, während das zentrifugale Muster eher in solchen vorkommt, die eng am persönlichen Erlebnis des jeweiligen Pilger-Autors orientiert sind ( Jean de Tournai, Domenico Laffi, Gian Lorenzo Buonafede Vanti, Giacomo Antonio Naia, Guillaume Manier, Nicola Albani). Im letzteren Fall dürfte sich die Darstellungsrichtung demnach aus dem oft beobachteten Umstand ergeben, dass neu ankommende Pilger, sofern äußere Umstände sie nicht daran hinderten, tatsächlich immer als Allererstes zum locus sanctus eilten, dort, am Hauptaltar, dem Apostel Jakobus ihre Verehrung bezeigten und erst danach Geist und Blick auch für anderes öffneten; nur Jan Taccoen van Zillebeke - um die einzige Ausnahme zu erwähnen - unternahm bewusst zunächst einen Rundgang durch das (seinerzeit gerade vollendete) Hospital Real, bevor er, offenbar ohne jede Eile, die Kathedrale besuchte. In diachroner Blickrichtung ließ sich dabei wenigstens eine grobe Tendenz erkennen: Die zumeist eher knappen sachlichen Berichte mit dezidiert instruk‐ tiver Funktion, in denen typischerweise ein Du - der Pilger in spe - adressiert wird, präsentische und futurische, zum Teil auch imperativische Verbformen dominieren und praktische Ratschläge für die Reise erteilt werden, sind vor allem ein Phänomen des (ausgehenden) Mittelalters. An ihre Stelle treten in der Frühen Neuzeit allmählich immer ausführlichere subjektiv-persönliche Berichte, in denen das Autor-Ich selbst, dessen Erleben und Handeln im Vor‐ dergrund stehen, der Leser nur selten - allenfalls in rhetorischer Absicht - direkt angesprochen wird und vorwiegend Präteritaltempora zur Verwendung kommen; im 17. und 18. Jahrhundert liegen schließlich nur noch Beispiele dieser letzteren Gruppe vor. Entsprechend ist das zentripetale Ordnungsmuster auch eher in den Compostela-Beschreibungen der früheren Reiseliteratur verbreitet, wohingegen sich in sämtlichen Zeugnissen ab Domenico Laffis Viaggio in Ponente (1673) das zentrifugale Ordnungsmuster nachweisen ließ. Der Moment der Ankunft verbindet sich typischerweise mit dem östlich von Compostela gelegenen Monte do Gozo, einmal - nämlich bei dem Camino-Por‐ tugués-Pilger Gian Lorenzo Buonafede Vanti - auch mit einer entsprechenden Stelle südlich von Compostela, wahrscheinlich in der Kleinstadt O Milladoiro. Noch heute sind beide Orte berühmt dafür, dass Pilger von dort aus erstmals die Kathedraltürme erspähen können. Und doch geht kaum ein Autor auf das verheißungsvolle Panorama ein: Nur Guillaume Manier, der als Erster seiner Gruppe auf die Kuppe des Freudenbergs gelangte und sich daher nach altem Brauch ‚Pilgerkönig‘ nennen durfte, vermerkt, dass drei Türme insbesondere aus der Stadt hervorragten, von denen zwei zur Kathedrale gehörten, der dritte 614 9 Vergleichende Zusammenschau <?page no="615"?> 2502 Was auf den ersten Blick nur schwer nachzuvollziehen war, besaß die Kathedrale damals doch vier Glockentürme. Erklären ließ es sich allenfalls dadurch, dass der Pilger jener Zeit aus der Ferne wohl nur die beiden höchsten (im Zuge ihrer barocken Neugestaltung aufgestockten) Glockentürme der Kathedrale, die Torre do Relox (über dem Südportal) und die Torre das Campás (an der südlichen Westfront), erkennen konnte, während die einstmals ebenfalls hoch aufragende Torre do Galo (über dem Nordportal) gegen Ende des 17. Jahrhunderts wegen Baufälligkeit gekappt worden war und die gerade im Umbau befindliche Torre da Carraca (an der nördlichen Westfront) ihre gegenwärtige Höhe vermutlich noch nicht erreicht hatte. 2503 Albani, Viaje (wie Anm.-200), S.-86. zur Kirche der Jesuiten 2502 . Lorenzo, Domenico Laffi, Gian Lorenzo Buonafede Vanti und Nicola Albani hingegen legen den Fokus an dieser Stelle auf sich selbst, auf ihre emotionale Reaktion. In den Dankes- und Demutsgesten, durch die sie ihre überströmenden Gefühle beim ersten Anblick der Kathedrale jeweils zum Ausdruck brachten, ließen sich zum Teil erstaunliche Parallelen konstatie‐ ren: Bei allen vieren ist von Tränen der Freude die Rede, von Dankgebeten und Lobgesängen auf Gott - drei von ihnen geben explizit den ambrosianischen Hymnus Te Deum an; alle warfen sich auf die Knie, Albani küsste gar den Boden und legte das letzte Wegstück barfuß zurück; bei allen ist plötzliche Eile spürbar, bei Albani ganz deutlich (frettoloso auanzavo) 2503 , bei Laffi indes eher subtil an der Gedrängtheit des betreffenden Passus, der raschen Sequenz der Ortsbezüge und der Direktheit des eingeschlagenen Weges zur Kathedrale. Der junge Cosimo III. de’ Medici seinerseits ließ sogar - wie nur das private Tagebuch des Filippo Corsini verrät, nicht aber die zur Sachlichkeit verpflichtete offizielle Reisechronik des Lorenzo Magalotti - Gepäck und Teile seines Gefolges in Padrón zurück und eilte trotz hereinbrechender Nacht voraus, um Compostela nur schneller zu erreichen. Bei unpersönlich berichtenden Autoren bleibt die Ankunft gewöhnlich aus‐ gespart - so schon bei Pseudo-Calixt im Liber Sancti Jacobi. Es zeigte sich jedoch, dass der unbekannte Autor seine descriptio urbis implizit doch eng an der Wahrnehmung neu ankommender (französischer) Pilger orientiert und wohl daher immer wieder den Osten, ihre Ankunftsrichtung, zum Ausgangspunkt nimmt: So lässt er die Beschreibung der natürlichen Umgebung mit dem Fluss Sar und dem Mons Gaudii beginnen, beide östlich von Compostela gelegen, die Aufzählung der Stadttore mit der Porta Francigena (Porta do Camiño), dem (nördlichen) Osttor, und die Aufzählung der Nebenkirchen schließlich mit der Ecclesia Beati Petri Apostoli (Igrexa de San Pedro de Fóra), die sich extra muros nahe der Porta Francigena befand, mithin wiederum im Osten. Bei der Kathedrale geht er anschließend zum Teil analog vor: Er erzeugt hier gar die Illusion einer persönlichen Begehung, nicht nur indem er rhetorisch zahlreiche Lokaldeiktika 9 Vergleichende Zusammenschau 615 <?page no="616"?> 2504 Liber (wie Anm.-25), S.-236. und Fortbewegung indizierende Verben und Präpositionalphrasen verwendet, sondern vor allem auch indem er die Beschreibung nach vor Ort praktisch gebotenen Bewegungen strukturiert und dabei immer wieder beim Nordportal ansetzt, durch das (französische) Pilger die romanische Basilika damals betraten. Die Urteile über Compostela fallen in der analysierten Berichtliteratur sehr unterschiedlich aus: Auf der einen Seite des Spektrums steht Domenico Laffi, der dort alles lobt und kritiklos als ‚schön‘ beurteilt und sich in seiner Beschreibung einer an positiven Wertungsadjektiven, an Superlativ- und Elativformen reichen ‚Werbesprache‘ bedient - wohl in der frommen Absicht, seinem Leser die Apostelstadt möglichst attraktiv erscheinen zu lassen und ihm ein Vorgefühl der sinnlichen Erfahrung des Sakralen in der Kathedrale zu vermitteln. Auf der anderen Seite steht Cristofaro Monte Maggio da Pesaro, dem dort im Gegenteil alles zuwider war - von den Einwohnern bis zur Luft, die er atmete - und der dieser seiner Aversion mit rhetorischer Emphase durch eine regelrechte Schmährede, eine vituperatio urbis, Ausdruck verleiht. Erwies sich bei Laffi das Allerweltsadjektiv bello als das mit Abstand am häufigsten vorkommende Lexem, so fügen sich bei Monte Maggio die zahlreichen Okkurrenzen des entsprechenden Antonyms brutto an einer Stelle sogar zu einem sechsfachen anaphorischen Polyptoton. Und während Laffi notorische Defizite der Stadt gezielt zu unterschlagen scheint, zeichnen Lorenzo Magalotti und Filippo Corsini nur wenige Jahre zuvor ein Bild trostlosen Verfalls, zu dem die (auch auf zeitgenössischen Veduten erkennbaren) ruinösen, efeuüberwucherten Mauern der Stadt, ihre vorwiegend hölzerne Bebauung und ihre schmalen, unebenen, noch nicht steingepflasterten Gassen ebenso beitragen wie der scheinbar im‐ merwährende Regen, der, so häufig beschweren sie sich über ihn, gleichsam zum Leitmotiv ihrer gesamten Galicien-Beschreibung gerät. In hohem Maße propagandistisch manipuliert und daher als Sonderfall auszunehmen ist die stark idealisierende Stadtdarstellung im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi: Hier wird die urbs excellentissima Compostela nicht nur reichlich gelobt und sogar explizit über alle anderen Städte Spaniens gehoben (sie gelte als felicior et excelsior cunctis Yspanie urbibus) 2504 ; sie stellt sich zudem fast als geometrische Idealstadt dar, scheinbar konzentrisch angelegt und mit angeblich zentraler Kathedrale, und wird trotz oder wohl gerade wegen, d. h. zur Kompensation ihrer denkbar peripheren Lage im äußersten Westen der damals bekannten Welt, wenige Meilen entfernt vom mythischen Kap Fisterra, durch verschiedene Darstellungsstrategien - insbesondere durch die unterordnende Einbindung der loca sancta jenseits der Pyrenäen als obligatorische Stationen 616 9 Vergleichende Zusammenschau <?page no="617"?> 2505 Ballarini, Viaggio (wie Anm.-198), S.-37. (visitanda sunt) in die Jakobuspilgerfahrt - gedanklich an das positiv konnotierte Frankreich herangerückt und symbolisch in den Mittelpunkt der westeuropäi‐ schen Sakraltopographie gestellt, wofür der Primat des hl. Jakobus als Apostel Christi die ultimative Legitimationsgrundlage bildet. Ungeachtet der erheblichen Divergenzen in der Beurteilung der Stadt war wenigstens aber für das 15. und 16. Jahrhundert eine eindeutige Tendenz zu konstatieren: In diesem Zeitraum äußern sich die schreibenden Jakobspilger größtenteils enttäuscht über Compostela, auch und gerade im Vergleich mit anderen von ihnen besuchten Städten, denen sie teils deutlich ausführlichere und wohlwollendere Einträge widmen. Zu erwähnen sind hier insbesondere der Florentiner Anonymus von 1477, Jean de Tournai, Jan Taccoen van Zillebeke, Cristofaro Monte Maggio da Pesaro und Fabrizio Ballarini/ Silverio Rettabeni; positiv urteilen dagegen nur der andere Florentiner Anonymus und Antoine de Lalaing. Es handelt sich noch um relativ undifferenzierte Urteile, die Com‐ postela entlang der stets gleichen Adjektivoppositionen im Hinblick auf grund‐ legende Merkmale wie Größe bzw. Bevölkerungszahl, Schönheit, Reichtum und Sauberkeit charakterisieren. Zumeist getadelt als klein, hässlich, arm und dreckig (Anlass zu Empörung über die Stadthygiene geben wiederholt die frei herumlaufenden Schweine), gerät die Stadt mehr als einmal in einen scharfen Kontrast zu ihrer herrlichen Kathedrale; exemplarisch ließ sich dies etwa bei Fabrizio Ballarini/ Silverio Rettabeni beobachten, die gezielt antithetisch, unter Verwendung der jeweiligen Gegenwörter, der città piccola e brutta die ecclesia grande e bella gegenüberstellen 2505 . In der Tat wird die Jakobskirche in fast allen Zeugnissen nicht nur quantitativ in den Mittelpunkt der Ausführungen gestellt, sondern auch ästhetisch überaus positiv bewertet. Schon Pseudo-Calixt im Liber Sancti Jacobi ist erkennbar darum bemüht, ihre artistisch-materielle Perfektion - in seinen Worten: ihre obtima pulcritudo - eindrücklich zu machen. Dies erreicht er einerseits durch enthusiastisches, mitunter ins Hyperbolisch-Idealisierende gesteigertes Lob, andererseits, indem er durch minutiös genaue (realistische) Maßangaben und überhaupt durch eine sehr detaillierte und veranschaulichende Beschreibung der baulichen Gegebenheiten, bei der man durchaus von einer Ekphrasis im Quintilianschen Sinne sprechen kann, implizit die harmonischen Proportionen des sakralen Gebäudes, seine erstaunliche Größe und seine gleichmäßige, streng symmetrische Gliederung zur Anschauung bringt. Teils ähnlicher Visualisie‐ rungsverfahren bedienen sich auch Domenico Laffi, Giacomo Antonio Naia und Nicola Albani. Dezidiert negativ beurteilt wird das Bauwerk dagegen nur 9 Vergleichende Zusammenschau 617 <?page no="618"?> von einem einzigen Autor, nämlich von Jan Taccoen van Zillebeke, dem es - im Kontrast mit dem neu erbauten Hospital Real - dunkel und altmodisch vorkam. Die Höflinge aus dem Reisetross des jungen Cosimo III. de’ Medici zeigen sich ob der Kathedrale zumindest verhalten, und sowohl Kammerherr Filippo Corsini als auch Leibarzt Giovan Battista Gornia monieren die (in ihren barockgewöhnten Augen) karge Ausstattung des (damals noch nicht barockisierten) Kircheninneren. Ausgerechnet der allerheiligste Ort der Kathedrale, die apostolische Krypta, die im Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi durch ihre detailreiche Beschreibung und ihre klimaktische Endstellung im Textverlauf noch zum Höhepunkt der gesamten descriptio urbis gestaltet erscheint, bleibt in Texten späterer Jahrhun‐ derte gewöhnlich ausgespart. Darin spiegelt sich der Umstand wider, dass die Grabespforte bereits seit dem Episkopat Diego Gelmírez’ in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts streng verschlossen gehalten wurde und sich folglich kein Pilger mehr de visu von der Anwesenheit der Jakobusreliquien überzeugen konnte. Nur eine glückliche Ausnahme fand sich im untersuchten Korpus: Als wohl einziger Berichtautor der Frühen Neuzeit gibt Domenico Laffi in seinem Viaggio in Ponente - noch nicht in der ersten Ausgabe von 1673, aber dann in der wesentlich überarbeiteten zweiten Ausgabe von 1681, die auch Erlebnisse seiner 1673/ 1674 unternommenen dritten Pilgerfahrt nach Compostela berück‐ sichtigt - doch einen näheren Eindruck vom Inneren der Krypta. Dank seiner Verbindungen zum Kathedralkapitel nämlich durfte er zugegen sein, als sie im November 1673 von Erzbischof Andrés Girón persönlich geöffnet wurde, um ihre Innenwände unter allerlei Zeremonien mit kunstreich gearbeiteten Silbertafeln neu zu verkleiden. Dass ihnen der Zugang zur Krypta verwehrt blieb, quittieren viele Berichtau‐ toren nicht nur mit merklicher Enttäuschung; es nährte insbesondere in der Zeit des 15. und frühen 16. Jahrhunderts - in der Vorreformation - auch ihre Zweifel darüber, ob sich die Gebeine des Apostels überhaupt in Compostela befinden. Teils artikulieren sie dies ganz explizit, teils hingegen lassen sie es nur implizit durchscheinen, in subtilen Anspielungen etwa, in der Verwendung sprachlicher Distanzierungsmarker (wie indirekter Rede) oder auch in ihrem konkreten Verhalten vor Ort (z. B. in kritisch-aufdringlichen Nachfragen an die diensthabenden Kleriker). Neben einem sicher nicht erst mit Martin Luther entstehenden Skeptizismus gegen allzu ‚materialistische‘ Devotionspraktiken wie die Reliquienverehrung trug dazu wohl vor allem die Tatsache bei, dass seit dem Ende des 14. Jahrhunderts auch die Kathedrale St-Sernin de Toulouse unter Berufung auf die legendarisch überlieferte translatio durch Karl den Großen die Jakobusgebeine (neben denen fünf anderer Apostel) zu besitzen 618 9 Vergleichende Zusammenschau <?page no="619"?> 2506 Vgl. Monconys, Journal 1 (wie Anm.-143), S.-16. behauptete (und sie zudem nicht vor den Augen der Pilger verbarg). Angesichts dieser eklatanten Widersprüche scheinen nicht wenige Pilger ihre eigenen fragwürdigen Schlüsse über den Verbleib des Heiligen gezogen und dabei vorzugsweise für einen salomonischen Kompromiss optiert zu haben: Jean de Tournai beispielsweise spricht den Leib Toulouse und den Kopf Compostela zu, während der 1477 reisende Florentiner Anonymus eine sonderbare Auftei‐ lung zwischen der physischen Präsenz und dem spirituellen Wirken des hl. Jakobus postuliert, zwischen seinen in Toulouse verehrten Gebeinen und seiner Gnade, die nur in Compostela zu erlangen sei - sodass die Pilgerfahrt dorthin gleichwohl ihren Sinn bewahrt. Die Frage, weshalb Pilger, die glaubten, den Leichnam des hl. Jakobus bereits in Toulouse gesehen zu haben, trotzdem nach Compostela weiterzogen, lässt sich demnach wohl mit den dort zu erwerbenden Ablässen beantworten. Die Kleriker der Kathedrale ihrerseits reagierten auf die Enttäuschung und die neugierigen bis skeptischen Fragen der Pilger, indem sie sie - wie bei Jean de Tournai, Antoine de Lalaing und einigen nicht-romanischen Autoren wortgetreu dokumentiert - unter Androhung negativer Konsequenzen (bis hin zur Exkommunizierung durch den Papst) emphatisch dazu aufforderten, an die Präsenz der Apostelreliquien zu glauben, und ihnen - wie bei Antoine de Lalaing (und noch bei Nicola Albani) bezeugt - zur ‚plausiblen‘ Begründung für das Zutrittsverbot, doch vermutlich auch zur Abschreckung erzählerisch vor Augen stellten, wie sich der hl. Jakobus durch effektvolle Strafwunder an vorwitzigen Eindringlingen in seiner Krypta blutig gerächt haben soll. Im Ganzen betrachtet künden die Berichte von einer Phase der Verunsicherung, die wenigstens in der Romania aber mit der hereinbrechenden Gegenreformation weitgehend überwunden scheint, sich dann jedenfalls nicht mehr im überliefer‐ ten Schrifttum widerspiegelt: Ab Bartolomeo Fontana, dessen Itinerario zum Heiligen Jahr 1550 in gedruckter Form erschien, bekundet, allenfalls mit der späten Ausnahme des Balthasar de Monconys (1645), kein schreibender Pilger mehr ernsthafte Zweifel an den compostelanischen Jakobusreliquien 2506 . Die Unzugänglichkeit der Krypta scheint ferner bewirkt zu haben, dass sich die Aufmerksamkeit der Pilger ersatzweise auf andere, ihnen zugängliche De‐ votionsobjekte der Kathedrale verlagerte: auf das Inventar der Reliquienkapelle (insbesondere auf das prächtige Reliquiar mit dem Jakobushaupt, das, wie die Berichte zeigen, gegen Ende des 15. Jahrhunderts zum Teil noch mit dem hl. Jakobus dem Älteren identifiziert wurde, bevor sich wohl um 1500, ab Antoine de Lalaing, die neue, umdeutende Zuschreibung an den hl. Jakobus den Jüngeren schließlich durchsetzte) sowie auf die mannsgroße polychrome Steinstatue des 9 Vergleichende Zusammenschau 619 <?page no="620"?> 2507 Lorenzo, Il Viaggio (wie Anm.-630), S.-337. Apostels am Hauptaltar und auf manche Sekundärreliquie desselben, auf seinen in Bronze eingefassten Pilgerstab am Südwestpfeiler der Vierung etwa, dessen untere Spitze die Pilger frömmigkeitshalber zu berühren pflegten, oder auch auf die lange Zeit mit seinem Predigtkreuz identifizierte Cruz dos Farrapos, die auf dem Dach der Kathedrale, just an der Stelle über dem Hauptaltar, aufgerichtet steht. Angesichts der verschlossenen Grabespforte huldigte man dem Apostel somit notgedrungen nicht in seinen leiblichen Überresten, sondern (nur) in effigie und in Gegenständen, die angeblich mit ihm in Berührung gekommen waren. Dieses Phänomen bezeugen fast alle Autoren - nur Pseudo-Calixt im Liber Sancti Jacobi konzentriert sich freilich auf die seinerzeit noch zugängliche Krypta mit dem Apostelschrein und lässt andere Reliquien und Bildnisse von Heiligen weitgehend unbeachtet. In den Zeugnissen des späten 15. und 16. Jahrhunderts werden denn typi‐ scherweise auch nur die vorgenannten devotionalen ‚Substitute‘ selektiv aus dem Ganzen der Kathedrale herausgehoben. Entsprechend wirkt ihre Beschrei‐ bung häufig gleichsam wie eine ausformulierte Inventarliste. Das im Liber Sancti Jacobi noch so minutiös geschilderte schöne Bauwerk selbst bleibt dabei - wie sich exemplarisch am Itinerario des Bartolomeo Fontana illustrieren ließ - in seiner Materialität und künstlerisch-ästhetischen Gestaltung weitgehend ausgespart; es erscheint lediglich als unspezifischer container, als Behältnis voller Reliquien und Devotionalien. Auf sie, nicht auf Kunst und Architektur, kam es dem heilsuchenden Pilger der beginnenden Frühneuzeit offenkundig an. Allenfalls tritt noch die große Stirnkapelle, die Capela do Salvador oder auch do Rei de Francia, hinzu (wohl bereits bei Jean de Tournai, sicher dann bei Cristofaro Monte Maggio da Pesaro und Fabrizio Ballarini/ Silverio Rettabeni) ebenso wie - oft jedoch nur implizit durch den Hinweis auf die dort befindlichen Glocken - die festungsartige Torre do Rei de Francia, Vorgängerbau der heutigen Torre do Relox (bei Antoine de Lalaing, Bartolomeo Fontana, Cristofaro Monte Maggio da Pesaro und Fabrizio Ballarini/ Silverio Rettabeni). Wie für das Stadtganze, so ließ sich allerdings auch für die Kathedrale eine kontinuierlich zunehmende Ausdifferenzierung des dargestellten Raumes beobachten: von Lorenzo, der seine in Verse gekleidete Wegschilderung auf dem Monte do Gozo mit einem vagen Ausblick auf die Chiesa del Baron enden lässt 2507 , die Kathedrale also wenigstens schon erwähnt, über die Autoren des späten 15. und 16. Jahrhunderts, die, wie gesagt, meist wenig mehr als den Hauptaltar mit der Jakobsstatue und einige Reliquien sowie teilweise die große Stirnkapelle und die Glocken der Torre do Rei de Francia vermerken, bis hin zu Giovanni 620 9 Vergleichende Zusammenschau <?page no="621"?> Battista Confalonieri, der wiederum eine deutlich eingehendere und umfassen‐ dere Beschreibung bietet, mit zahllosen neu hinzutretenden Elementen wie dem eisenumgitterten Chor, zwei Sakristeien, drei größeren Kapellen (Capela de Santa María da Corticela, Capela de Don Lope de Mendoza und Capela dos Reis), einem Nebenaltar (Altar da Virxe da O), den zwölf Weihekreuzen, den drei Hauptportalen und der Porta Santa, dem Kanonikerkreuzgang und den beiden Seitentürmen der Hauptfassade, insbesondere der höheren Torre das Campás. Bei den Autoren des 17. und 18. Jahrhunderts setzt sich diese Tendenz fort, es treten noch detailliertere Beschreibungen auf, und in den Blick rücken erstmals auch der botafumeiro, die Kleinodien der Schatzkammer, die zahlreichen anderen vom Hauptgebäude aus zugänglichen Kapellen, manch weiterer Nebenaltar (Altar da Virxe da Soidade und Altar de Santa María dos Ferros), die apokalyptische Motivik des (bei Giovanni Battista Confalonieri noch kaum angedeuteten) Pórtico da Gloria und die große Karklapper der nach ihr so benannten Torre da Carraca. Die für sie fremde Umgebung in Compostela und insbesondere in der Kathedrale erschließen und beschreiben die Autoren oftmals durch Vergleiche mit vertrauten Dingen aus ihrer heimischen Lebenswelt. So machen Fabrizio Ballarini und Silverio Rettabeni die außergewöhnliche Größe der beiden Mira‐ kelglocken auf der Torre do Rei de Francia begreifbar, indem sie sie zu denen des Palazzo dei Priori an der Piazza IV Novembre in ihrer umbrischen Heimatstadt Perugia in Relation setzen. Stehen für fremde Realia indes einmal keine Analoga im eigenen Erfahrungsfundus zur Verfügung, so spiegelt sich auch dies zuweilen in der Beschreibung wider, etwa durch eine auffallend ungenaue Ausdrucks‐ weise, umständliche Erklärungen und sachlich unrichtige Angaben. Sowohl Jan Taccoen van Zillebeke als auch Guillaume Manier scheinen beispielsweise mit der für spanische Kirchenarchitektur charakteristischen Aufteilung zwischen der oberhalb der Vierung befindlichen Capilla Mayor und dem ins Langhaus vorgezogenen Coro nicht vertraut gewesen zu sein. In der Kathedrale wundern sie sich deshalb über die Existenz gleich zweier vermeintlicher ‚Chöre‘, die sie offensichtlich nicht anders zu bezeichnen wissen, und sehen sich gemüßigt, die unterschiedlichen Funktionen dieser beiden Orte durch periphrasierende Zusätze zu spezifizieren. Insbesondere die peregrinos picarescos des 18. Jahrhunderts wie Guillaume Manier und Nicola Albani, die vieles, was sie in der Kathedrale sahen, nicht richtig einzuordnen, geschweige denn sprachlich zu fassen vermochten, wei‐ chen auffallend häufig auf generische Wörter aus - nennen die Dinge nur selten beim Namen - und suchen ihr Unwissen wohl zum Teil auch durch Fantasie und Scheinwissen zu kompensieren, weshalb ihre Ausführungen mit 9 Vergleichende Zusammenschau 621 <?page no="622"?> 2508 Zum ‚Pilgerprogramm‘ in Jerusalem vgl. G A N Z -B L Ä T T L E R , Andacht und Abenteuer (wie Anm.-93), S.-96-98, 131-133. allerlei fragwürdigen bis fehlerhaften Details gespickt sind. In beiden Fällen ließ sich dies exemplarisch an der Beschreibung der Capela de Santa María da Corticela beobachten: Albani tauft diese alte Marienkapelle kurzerhand zu einer ‚Schutzengelskapelle‘ (Cappella dell’Angelo Custode) um, wohl bezugnehmend auf eine dort platzierte Engelsstatue aus dem 16. Jahrhundert. Dass diese im Zusammenspiel mit einer korrespondierenden betenden Jesusstatue auf die berühmte Szene im Garten Gethsemane (Luk 22,43) verweist, scheint er nicht erkannt zu haben. Manier indes, vermutlich inspiriert durch eine Statue des toten Jesus aus dem 17. Jahrhundert, die dort in einem gläsernen Sarg aufgebahrt liegt, bezeichnet dieselbe Kapelle als ‚Heiliggrabkapelle‘ (Chapelle du St-Sépulcre). Beide scheinen sich, da ihnen die offizielle Widmung der Kapelle unbekannt war, kreativ mit der Benennung nach dort verwahrten Devotionalien beholfen zu haben. Auch historische Referenzen und namentlich die Zuschreibungen bestimmter klerikaler Privilegien an bedeutende Päpste oder auch bestimmter Kapellen, Jungfrauenbilder, Altargegenstände, Glocken etc. an adlige Stifter erwiesen sich vielfach als haltlos. So wird das von Paschalis II. verliehene Privileg des Kardinalsstandes immer wieder fälschlich mit dem populären Calixt II. in Verbindung gebracht, dem angeblichen Kompilator des Liber Sancti Jacobi. Und die reichlichen Donationen, durch die sich im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche französische Könige in der Kathedrale verewigten, werden von den meisten Pilger-Autoren differenzlos nur einem einzigen zugeordnet, nämlich Ludwig IX. dem Heiligen, der ihnen wohl vor allen anderen bekannt war, weil er Legenden zufolge um 1250 selbst eine Pilgerfahrt nach Compostela unternommen haben soll und 1297 kanonisiert wurde. Wie insbesondere bei Nicola Albani stellenweise durchscheint, gehen diese kuriosen Fehler wohl zum Teil auf unzuverlässige mündliche Auskünfte zurück, darauf, dass die Autoren ungeprüft wiedergeben, was ihnen vor Ort erzählt wurde. Obwohl für Compostela - anders etwa als für Jerusalem bzw. Palästina - kein festes ‚Pilgerprogramm‘ bezeugt ist 2508 , ließ sich aus den untersuchten Texten insbesondere des späten 15. und 16. Jahrhunderts doch ein bestimmtes Set von Praktiken ersehen, die Pilger in der Kathedrale typischerweise vollzogen: (1.) die üblichen Frömmigkeitshandlungen, wie sie bereits von Jean de Tournai an der Schwelle zur Frühen Neuzeit und noch von Nicola Albani in der Aufklärung genau dokumentiert werden: Gebet, Beichte und Messe mit Eucharistiefeier; den Leib Christi empfingen die Pilger gewöhnlich in der deshalb so häufig 622 9 Vergleichende Zusammenschau <?page no="623"?> erwähnten Capela do Salvador, was sie sich ebendort von einem der traditionell sieben Kardinalpriester der Kathedrale, dem Cardinalis Maior oder auch Poeni‐ tentiarius, durch Ausstellung der offiziellen Pilgerurkunde bestätigen ließen; (2.) vom Kathedralkapitel sanktionierte Pilgerbräuche wie die bis heute lebendig gebliebene aperta, die Umarmung der lebensgroßen Jakobsstatue auf dem Hauptaltar, und - seltener - die nur bis in die Zeit des 17. Jahrhunderts und vornehmlich von Deutschen und Flamen praktizierte coronatio peregrinorum - beide erstmals bezeugt bei Jean de Tournai - sowie manch andere wohl eher der Volksfrömmigkeit zuzuordnende Praktiken, z. B. die vielfach beschriebene ‚Sündenprobe‘, die ungeachtet diachroner Variationen darin bestand, auf dem Dach der Kathedrale durch das in den Sockelstein der Cruz dos Farrapos gemeißelte Loch zu kriechen - wozu unbußfertige Sünder wundersamerweise nicht imstande seien; schließlich (3.) die Besichtigung der Heiltumskammer bzw. die Teilnahme an der Reliquienschau, bei der es sich wohl um die einzige offizielle Führung handelt, die von der Kathedrale regelmäßig angeboten wurde: Das Ertönen einer kleinen Glocke rief die Pilger zur Heiltumskammer, wo ein mehrsprachiger Priester, ein sogenannter linguaxeiro, sich ihrer annahm und ihnen die einzelnen Reliquien eine nach der anderen vorführte, indem er jeweils mit einem Zeigestock auf sie deutete und entsprechende Erläuterungen in den gängigsten Sprachen abgab. Diese in stets gleicher Weise ablaufende Szene ist in der Berichtliteratur von Jean de Tournai bis Bartolomeo Fontana durchgehend bezeugt; danach, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, versiegen die Belege plötzlich: Manche Berichtautoren wie Cristofaro Monte Maggio da Pesaro und die Gefolgsleute des jungen Cosimo III. de’ Medici ignorieren den Heiltumsschatz völlig; andere wie Giacomo Antonio Naia und Guillaume Manier notieren zwar, dass er ihnen gezeigt wurde, legen aber nicht offen, von wem und in welchem Kontext; wieder andere wie Domenico Laffi und Gian Lorenzo Buonafede Vanti berichten von privilegierten Einzelbesichtigungen, die ihnen durch ihre guten Kontakte zum Kathedralkapitel ermöglicht wurden. Erst Nicola Albani gibt schließlich einen eindeutigen Beleg dafür, dass die alte Praxis der Reliquienschau - in ihren wesentlichen Zügen unverändert - gegen Mitte des 18. Jahrhunderts noch (oder wieder) lebendig war. Dass sich Besichtigungen der Heiltumskammer bei vielen späteren Autoren nicht mehr explizit vermerkt finden und die überwiegende Mehrzahl von ihnen - sogar Domenico Laffi, dem sie 1670 vermutlich von dem berühmten Baumeister José Vega y Verdugo persönlich gezeigt wurde - auch nicht mehr im Detail auf ihr reiches Inventar eingeht, nicht einmal das früher so geschätzte Jakobushaupt heraushebt, ließ schließen, dass das Interesse an den Reliquien der Kathedrale mit der Zeit wohl eher abnahm. Andererseits 9 Vergleichende Zusammenschau 623 <?page no="624"?> finden sich - nur scheinbar paradoxerweise - gerade bei den weltlich orientierten peregrinos picarescos des 18. Jahrhunderts auch ungewöhnlich lange, ja exhaustive Kataloge all der in der Kathedrale verwahrten heiligen Gegenstände, was jedoch nicht durch einen unverhofft erstarkten Reliquienglauben in dieser Zeit zu erklären ist, sondern durch die Heiltumslisten, die damals nach der Reliquienschau an die Pilger verteilt bzw. verkauft wurden: Autoren wie Gian Lorenzo Buonafede Vanti, Guillaume Manier und Nicola Albani geben in ihren Aufzeichnungen den getreuen Wortlaut dieser gedruckten Handzettel wieder. Die Kathedrale wurde von sämtlichen Berichtautoren primär als religiös-spi‐ ritueller Ort erlebt: Keiner von ihnen war nicht wenigstens auch orationis causa dort (obschon manch einen wohl eher die Reiselust in die Ferne trieb und der verschuldete Guillaume Manier etwa sich vor allem von einem lästigen Kreditor eine Zeitlang befreit wissen wollte), alle verrichteten dort Frömmigkeitshand‐ lungen, viele begeisterten sich für die dortigen Reliquien, Kruzifixe, Altarbilder etc. Es zeigte sich jedoch, dass in Einzelfällen auch andere, säkulare Interessen in die Perzeption der Kathedrale hineinwirken, diese sozusagen kontaminieren können. Wenig überraschend scheinen die weltlichen Stände dafür anfälliger gewesen zu sein als die geistlichen. Der junge Edelmann Antoine de Lalaing beispielsweise sah in der Jakobskirche zweifellos ein hochrangiges Heiligtum - sie scheint neben der Kathedrale von Oviedo der einzige Ort auf seiner Reise gewesen zu sein, wo er eine Messe hörte und sich Frömmigkeitshandlungen hingab -, doch am Hauptaltar zählt er dann, statt auch nur ein Wort etwa auf die mannsgroße Jakobsstatue und die aperta zu verwenden, in extenso die Altargegenstände auf, bestimmt die darin verarbeiteten kostbaren Stoffe und vermerkt insbesondere ihre adligen Stifter jeweils mit Namen und Titel; er stellt mithin die materielle Pracht des Heiligtums heraus und erkennt darin nicht etwa einen Abglanz göttlicher Herrlichkeit, sondern vor allem die freigebige Güte weltlicher Fürsten. In anderen Kirchen (León, Sahagún) fiel analog dazu auf, dass er sich mehr für königliche und gräfliche Grablegen interessiert als für die Gebeine von Heiligen. Ein ähnliches Beispiel bot der gediente Guillaume Manier, der am Hauptaltar wie in den verschiedenen Kapellen ebenfalls ein besonderes Augenmerk auf die Silber- und Goldarbeiten legt und zudem als wohl einziger romanischer Pilgerautor der Frühen Neuzeit auf Darstellungen des wenig christlichen, sicher vornehmlich für Ritter und Soldaten attraktiven Santiago matamoros in der Kathedrale hinweist. Allgemein ließ sich in der Be‐ richtliteratur beobachten, wie mit der Zeit - insbesondere ab Giovanni Battista Confalonieri - nicht mehr nur die Reliquien und Devotionalien herausgehoben werden, sondern auch das Gebäude als solches, dessen ästhetisch-materielle Gestaltung, immer eingehender beschrieben wird - und zwar zum Selbstzweck, 624 9 Vergleichende Zusammenschau <?page no="625"?> ohne jede Funktionalisierung etwa zum Ausdruck bzw. zur sinnlichen Erfahr‐ barmachung von Heiligkeit und Gottesnähe, wie dies bei der Kirchenekphrasis im Liber Sancti Jacobi der Fall zu sein schien. Dem Viaggio in Ponente des Domenico Laffi ist in der vorliegenden Arbeit eine Sonderstellung eingeräumt worden. Geschuldet war dies nicht nur seiner monumentalen Länge und seiner sehr umfänglichen und informativen Compos‐ tela-Beschreibung, sondern auch seiner Rezeptionsgeschichte bzw. zentralen Bedeutung für nachfolgende italienische Pilgerreisen und die daraus wiederum entstandene Berichtliteratur. Als einziges der hier analysierten Druckwerke wurde dem Viaggio in Ponente großer verlegerischer Erfolg zuteil, er erfuhr schon wenige Jahre nach seinem Erscheinen eine Neuausgabe, die ihrerseits noch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts mehrfach nachgedruckt wurde. Zahlreiche italienische Jakobspilger des späten 17. und 18. Jahrhunderts dürften ein Exemplar dieses populären Guiden im Reisegepäck geführt haben, so auch Gian Lorenzo Buonafede Vanti und Giacomo Antonio Naia, die sich - wie nicht zuletzt anhand ihrer jeweiligen Compostela-Beschreibungen nachgewiesen werden konnte - sowohl in situativer Wahrnehmung als auch in textueller Darstellung maßgeblich von ihm beeinflussen ließen. Namentlich bei Gian Lorenzo Buonafede Vanti waren zahlreiche, teils sogar wörtliche Übernahmen auszumachen, die eindeutig belegen, dass er beim Schreiben seiner zwölf Briefe reichlich auf den Viaggio in Ponente zurückgriff. Und nicht selten scheint auch sein konkretes Erleben und Handeln in situ durch die vorangehende Lektüre beinahe prädeterminiert gewesen zu sein: In der Kathedrale von Compostela orientierte er sich durchgehend an den Hinweisen und Erläuterungen seines Vorgängers, begab sich, den Viaggio in Ponente wohl stets in der Hand, gezielt an dieselben Orte wie er (und dies grosso modo sogar in derselben Abfolge) und suchte dort jeweils realiter wiederzufinden, wovon er zuvor bei ihm gelesen hatte. Ausdrücklich thematisiert er dies vor allem dann, wenn Buchwissen und empirische Wirklichkeit nicht übereinzubringen waren, wenn er etwa von Laffi bezeugte Elemente wie die beiden (inzwischen eingeschmolzenen) Mirakelglo‐ cken der Torre do Relox oder auch das kleine Fenster über dem Nordportal (das im Zuge der barocken Umbauarbeiten wohl zugemauert worden sein muss) trotz aller Bemühungen nicht zu lokalisieren vermochte; in diesen Fällen suchte er sich anderweitig Auskunft zu verschaffen, befragte Einheimische und las ihnen gar die entsprechenden Passagen aus dem Viaggio in Ponente vor. Für Guillaume Manier erfüllte Le Voyage de France, dressé pour la commodité des François et des Estrangers (1639) des Claude de Varennes in Teilen eine ähnliche Funktion: Wie seine mediterranen Zeitgenossen aus dem Viaggio in Ponente, so kopierte auch er aus diesem seinerzeit in Frankreich weit 9 Vergleichende Zusammenschau 625 <?page no="626"?> verbreiteten Reiseführer zahlreiche Passagen wörtlich bzw. mit nur leichten Änderungen, ohne ihre geistige Herkunft offenzulegen. Anders als sie jedoch zog er ein Exemplar desselben erst für die nachherige Ausarbeitung seines Voyage d’Espangne heran, führte auf dem Weg nach Compostela aber keines bei sich, dessen Lektüre sein Erleben und Handeln an den verschiedenen Orten hätte beeinflussen können. Laffis Viaggio in Ponente ist zudem aus einem inhärenten Grund tiefergehend untersucht worden: weil darin - im Einklang mit Tendenzen, die sich analog auch in der Erzählliteratur der Frühen Neuzeit beobachten lassen - erstmals eine wesentlich veränderte, komplexere, stark subjektive Raumperzeption erkenn‐ bar wurde, die über bauliche Materialität und Inventar hinaus auch (andere) Menschen, Handlungsdynamiken und sinnlich-atmosphärische Elemente ein‐ fängt. Die descriptio urbis im Liber Sancti Jacobi lässt die Kathedrale und das Stadtganze noch als statischen, ‚unbelebten‘ Raum erscheinen, völlig menschen‐ entleert bis auf die beiläufig erwähnten Kaufleute, Geldwechsler und Gastwirte auf dem Paradies und in der dort entlangführenden Via Francigena (Rúa da Acibechería). Der florentinische Anonymus von 1477 erteilt vage Auskunft über die Sozialstruktur der Stadt: Es gebe dort nur wenige Handwerker, dafür viele Geistliche. Jean de Tournai notiert umfänglich seine eigenen Handlungen in der Kathedrale, interagierte wiederholt auch mit Anderen, spricht zum Teil sogar von einem ‚Wir‘, doch wer genau diese Anderen waren und wen genau dieser Plural (über seine Person hinaus) bezeichnet, bleibt unklar - er fokussiert egozentrisch nur auf sich selbst. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts erwähnen Antoine de Lalaing, Jan Taccoen van Zillebeke und Bartolomeo Fon‐ tana jeweils knapp einzelne Personen, denen sie in der Kathedrale begegneten, wie den Erzbischof etwa oder den linguaxeiro bei der Reliquienschau; in der zweiten Jahrhunderthälfte finden sich bei Cristofaro Monte Maggio da Pesaro und Giovanni Battista Confalonieri erste - durchweg negative - ethnologische Hinweise über Aussehen, Charakter und Gebräuche der santiagueses. Erst Laffi aber lässt in seiner Compostela-Beschreibung schließlich eine regelrechte Schar dynamisch agierender Anderer auftreten: teils als Individuen wie Baumeister José Vega y Verdugo und Graf Ercole Zani, die er jeweils näher charakterisiert und wiederholt in Interaktion mit seinem erlebenden Ich inszeniert; teils als undifferenzierte Kollektive wie etwa die Teilnehmer einer Prozession zur Verehrung der hl. Elisabeth, deren Kleidung, Musikinstrumente und effektvollen Tanzgebärden er detailreich zur Darstellung bringt. Bei Laffi entsteht somit der Eindruck eines ‚belebten‘, wesentlich von Menschen und menschlichen Handlungen bestimmten Raumes. 626 9 Vergleichende Zusammenschau <?page no="627"?> Dies führt unweigerlich auch zu Neuerungen auf narrativer Ebene: Während bei den oft wenig schreibgeübten früheren Autoren - sofern sie nicht nur ein Itinerar hinterlassen haben - eine einfache, monotone Erzählweise vor‐ herrscht, die zwischen summarischer Darstellung des Reisehergangs in streng chronologischer Abfolge und deskriptiven Passagen (vielfach mit aufzählendem Charakter) wechselt, weiß Laffi (wie dann auch seine Nachfolger) seine Rei‐ seerfahrungen lebendiger zu vermitteln: Gerade, wenn er von persönlichen Interaktionen berichtet - etwa von seiner unverhofften Begegnung mit dem bolognesischen Grafen Ercole Zani in der Kathedrale von Compostela -, ver‐ langsamt er das Erzähltempo bewusst ins Szenische, bedient sich dramatischer Mittel wie direkter (dialogischer) Rede und sucht Spannung zu erzeugen, indem er mit dem Wissensvorsprung spielt, der ihn als autobiographischen Erzähler von seinem erlebenden Ich in der diegetischen Vergangenheit trennt. Allgemein nehmen intime Gedanken, subjektive Meinungen und Emotionen (man denke hier z. B. an Gian Lorenzo Buonafede Vanti und Nicola Albani, die mehrfach ihre heftigen Gefühlsausbrüche am Altar des Apostels schildern) in den Zeugnissen des 17. und 18.-Jahrhunderts einen immer größeren Raum ein. Während sich die Stadtdarstellung in früheren Zeugnissen völlig ‚unsinnlich‘ ausnimmt, ja allenfalls sporadisch einzelne Elemente erfasst, die einen anderen Sinneskanal adressieren als das Auge, tritt bei Laffi erstmals auch eine Fülle nicht nur besonderer optischer, sondern auch akustischer, olfaktorischer und taktiler Sinnesreize auf. Namentlich in der Kathedrale fügen sie sich zu einem spezifischen atmosphärischen Raumerlebnis zusammen, zu einer gravitätischen Stimmung (er spricht mehrfach explizit von gravità). So finden sich in seinen Beschreibungen von Messen und Prozessionen nicht nur verschiedene Elemente katholischer Prachtentfaltung (kostbare Chorgewänder, reich verzierte Heili‐ genbilder, silberne Altargegenstände etc.), sondern auch etwa Musikspiel und liturgische Gesänge, das fortwährende Geläut der Glocken und der im Querhaus schwingende, Wind und duftende Weihrauchschwaden erzeugende botafumeiro sehr lebendig dokumentiert. Ausgezeichnet kontrastieren ließ sich dies mit der Beschreibung einer Prozession bei Hieronymus Münzer (1494), die im Gegenteil - listenartig, statisch und ganz auf das Optische beschränkt - nur die zur Schau getragenen Devotionalien und Kostbarkeiten aufzählt. Für die Autoren des 18. Jahrhunderts, insbesondere für Gian Lorenzo Buonafede Vanti und Nicola Albani, konnte auf ähnliche Beispiele verwiesen werden wie für Laffi. Bei einem Blick auf andere Teile seines Viaggio in Ponente fiel auf, dass Laffi solch komplexe sensescapes ausschließlich im Inneren von Kirchen und anderen Heiligtümern zur Darstellung bringt. In der Tat erscheinen sakrale Orte bei ihm stets mit einer spezifischen, sich im Wesentlichen gleichbleibenden 9 Vergleichende Zusammenschau 627 <?page no="628"?> Ästhetik ausgestattet, die sich nicht nur durch künstlerisch-architektonische Schönheit und stoffliche Opulenz, sondern auch durch musikalische Klänge, Wohlgeruch und andere als angenehm empfundene nicht-optische Sinnesreize auszeichnet. Damit heben sie sich vom unsinnlich wahrgenommenen profanen ‚Normalraum‘ deutlich ab. Die Opposition von Sakral und Profan, die die Stadt‐ wahrnehmung der frommen Reisenden bereits seit dem Mittelalter maßgeblich bestimmt, manifestiert sich bei Laffi somit nicht nur in der unterschiedlich intensiven Beschreibung beider Sphären, sondern auch in der An- oder Abwe‐ senheit besonderer sinnlicher Qualitäten. Gleiches ließ sich wiederum auch in späteren Zeugnissen nachweisen. Vor Laffi war ein Zusammenhang von Heiligkeit und Sinnlichkeit allenfalls in bestimmten Texten des Liber Sancti Jacobi zu erkennen: nicht so sehr im Pilgerführer als vielmehr in der berühmten Predigt „Veneranda dies“ (Buch I, Kapitel 17), die eindrücklich die feierliche Nachtwache der neu angekommenen Pilger am Hauptaltar der Kathedrale schildert: Eine keineswegs willkürliche Komposition aus optischen Elementen wie schimmerndem Gold, funkelnden Rubinen, nie erlöschendem Kerzenschein, weit offenstehenden Toren, unzählbaren Gläubigenscharen etc., die zum Teil an die finale Gottesstadtschau in der Apokalypse des Johannes gemahnen - die Jakobskirche als Präfiguration des kommenden Jerusalem ausweisen -, verbindet sich hier mit einer stark überladenen Klangkulisse aus babyloni‐ schem Stimmengewirr, Gesängen und laut gesprochenen Gebeten, tönenden Musikinstrumenten etc. zu einem in höchstem Maße sinnlichen Erlebnis. Der Zusammenhang von Heiligkeit und Sinnlichkeit reicht demnach weiter zurück; die untersuchte Berichtliteratur jedoch beginnt diesen Aspekt der Erfahrungs‐ wirklichkeit verstärkt erst in barocker Zeit - ab Laffi - einhergehend mit einer allgemeinen Verlebendigung oder Dynamisierung der Stadtdarstellung zu erfassen. Eher nebenbei gerieten in der vorliegenden Studie auch fiktionale Elemente in den Blick, die die empirische Stadtwahrnehmung transzendieren und ein im kollektiven Bewusstsein verankertes imaginaire der Jakobsstadt bilden. Die Kathedrale stellt sich in den untersuchten Zeugnissen als narrativ aufgeladener Raum dar, voller loca, die mit mündlich tradierten volksfrommen Bräuchen, Le‐ genden und Mirakelberichten assoziiert sind. Als stark fiktionalisierte Elemente erwiesen sich neben allerlei Kruzifixen, Kapellen und Heiligenbildnissen, der Cruz dos Farrapos und der Heiligen Pforte insbesondere die beiden zersprun‐ genen Riesenglocken der Torre do Rei de Francia bzw. do Relox. Erwähnt werden sie bereits von Antoine de Lalaing, doch ihre Einbindung in populäre Fiktionen spiegelt sich in der Berichtliteratur erst ab Bartolomeo Fontana wider. Der erkennt in einer von ihnen nämlich jene Glocke aus Santo Domingo 628 9 Vergleichende Zusammenschau <?page no="629"?> de la Calzada, die wundersamerweise von selbst geläutet haben soll, als der hl. Jakobus dort das berühmte Galgen- und Hühnerwunder wirkte. Plausibel erscheint, dass dieses neue Motiv und dessen Identifikation mit einer realen Glocke in der Jakobskirche seinerzeit propagiert wurde, um die Verbindung des in Santo Domingo de la Calzada situierten und in alternativen Fassungen auch dem Ortspatron Dominikus zugeordneten Mirakels zu Compostela und zum Apostel Jakobus zu festigen. Wie sich in den Zeugnissen des späten 16. und 17. Jahrhunderts zeigte, wurden die beiden Glocken aber vielfach auch mit anderen mirakulösen und pseudo-historischen Erzählungen sowie mit superstitiösen Heilbräuchen in Zusammenhang gebracht, wobei vor allem ihr - erstmals bei Fabrizio Ballarini/ Silverio Rettabeni belegter - defekter Zustand die kuriosesten Erklärungen inspirierte. Als sie im Zuge der barocken Umgestaltung des Uhrenturms zwischen 1676 und 1680 eingeschmolzen worden waren und somit all die mit ihnen verbunde‐ nen Erzählungen und Traditionen schlagartig ihre materielle Referenz in der Kathedrale verloren hatten, fand dies in den Aufzeichnungen der Jakobspilger deutlichen Niederschlag. Was anfänglich zu ratloser Verwirrung führte, moti‐ vierte schließlich wohl eine Art kompensatorische Übertragung: Gian Lorenzo Buonafede Vanti erkundigte sich im Heiligen Jahr 1717 noch beharrlich, aber vergeblich nach der alten Wunderglocke aus Santo Domingo de la Calzada; Giacomo Antonio Naia und Guillaume Manier erwähnen sie gar nicht mehr; bei Nicola Albani taucht sie schließlich unverhofft wieder auf - nun jedoch mit materieller Rückbindung an eine andere Glocke, die sich auf der Torre das Campás befand. Dies ließ schließen, dass die empirisch bezugslos gewordenen Fiktionen rund um jene beiden Mirakelglocken im kollektiven Bewusstsein der Pilger dennoch lebendig blieben - vermutlich auch dank weit verbreiteter Reiseführer wie Laffis Viaggio in Ponente, in denen sie schriftlich konserviert sind - und dann, irgendwann in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wohl auf ein passendes Substitut übertragen, d.-h. mit einer anderen Glocke identifiziert wurden. Es bleibt abschließend festzuhalten, dass bei aller Variation, so unterschied‐ lich und idiosynkratisch die Interessen und Schwerpunktsetzungen der Pil‐ ger-Autoren mitunter auch erscheinen, so sehr ihre Wertungen auch divergieren und die von ihnen aufgefangenen volkstümlichen Erzählungen und Traditionen einander zum Teil widersprechen, eines sich über die Jahrhunderte hinweg doch als unerschütterliche Konstante erwies: Vom Mittelalter bis zur ausgehen‐ den Frühneuzeit (und darüber hinaus) war (und ist) die Perzeption der Stadt maßgeblich durch die Präsenz des Apostels Jakobus des Älteren bestimmt, der sie - wie ich in Kapitel 1.1 nachgezeichnet habe - ihre Identität, ihre 9 Vergleichende Zusammenschau 629 <?page no="630"?> herausgehobene Stellung in der christlichen imago mundi und letztlich ihre Existenz verdankt. Die inventio, die legendarisch überlieferte ‚Entdeckung‘ des Jakobsgrabes, verhalf diesem denkbar entlegenen Ort im Frühmittelalter überhaupt erst zur Stadtwerdung und bildete im Hochmittelalter sodann die Grundlage für den Aufstieg zum Metropolitansitz, zum wichtigsten geistlichen Zentrum der Iberischen Halbinsel (neben Toledo) sowie zu einem der drei großen Pilgerziele der okzidentalen Christenheit (neben Rom und Jerusalem). Die Literatur spiegelt dies entsprechend wider, indem sie Compostela, wie vielfach deutlich geworden ist, eindimensional als religiösen Ort darstellt, bedeutsam einzig und allein wegen seiner mit Apostelreliquien gesegneten und mit reichlich Ablässen dotierten Kathedrale. Ihr widmen die frommen Autoren gewöhnlich die wortreichste Beschreibung, und den Verwahrort der limina apostolica bzw. den sich darüber erhebenden prächtigen Hauptaltar rücken sie durch verschiedene erläuterte Verfahren wie insbesondere die meist zentripetale oder zentrifugale Sukzession der Darstellung gezielt in den Mittelpunkt des sakralen Bauwerks wie auch des gesamten Stadtraumes: Nicht nur im übertra‐ genen Sinne scheint alles hier um den Apostel Jakobus zu kreisen. Die These liegt nahe, dass diese totale Ausrichtung auf den locus sanctus nicht für Compostela allein, sondern für einen spezifischen Stadttypus charakteris‐ tisch ist, den Compostela in exemplarischer Weise verkörpert: eine Bischofs- oder Kathedralstadt, eine Stadt des Klerus, die ihr Selbstverständnis und ihre Legitimation ganz wesentlich aus dem Besitz einer hochrangigen Reliquie bezieht. Anknüpfend an die hier geleistete Arbeit, würde daher perspektivisch der Vergleich mit Beschreibungen anderer Städte in der (Reise-)Literatur der Vormoderne lohnen, um den Typus Bischofs- oder Kathedralstadt in seinen spezifischen Eigenschaften noch schärfer zu profilieren und zugleich andere Stadttypen, ja womöglich eine umfassende Typologie der europäischen Stadt speziell unter dem Aspekt von Wahrnehmung und (textueller) Darstellung abzuleiten, in der adlige Residenzstädte (Madrid, Paris, Florenz etc.) sicher ebenso ihren Platz hätten wie beispielsweise Universitätsstädte (Salamanca, Montpellier, Bologna etc.) oder auch auf Handel ausgerichtete Bürgerstädte (Valencia, Nantes, Venedig etc.). Doch auch andere Vergleichsrichtungen er‐ öffnen interessante weiterführende Perspektiven: Einerseits wäre zweifellos aufschlussreich, was hier nur ganz sporadisch erfolgt ist, nämlich intermedial vergleichend die Darstellung von Compostela in Bilderzeugnissen der Vormo‐ derne näher zu untersuchen, beispielsweise auf den mappae mundi des Hohen Mittelalters (die Städte oftmals nicht etwa ihrer Größe bzw. Bevölkerungszahl, sondern der ihnen zugemessenen heilsgeschichtlichen Bedeutung entsprechend 630 9 Vergleichende Zusammenschau <?page no="631"?> 2509 Knappe Vorarbeiten dazu finden sich in H A S S A U E R , Santiago (wie Anm. 2), S. 117-122; P L Ö T Z , Compostela en la literatura odepórica (wie Anm. 94), S. 34f.; D Ü N N E , Pilgerkör‐ per - Pilgertexte (wie Anm. 2), S. 82-84. - Für Jerusalem dagegen liegen bereits einschlägige Studien vor, z. B. Ingrid B A U M G Ä R T N E R , Die Wahrnehmung Jerusalems auf mittelalterlichen Weltkarten, in: Jerusalem im Hoch- und Spätmittelalter. 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Andererseits könnte die hier untersuchte romanische Textsammlung systematischer noch mit entsprechenden Beispielen aus benach‐ barten Kulturräumen, dem germanischen und dem slawischen, kontrastiert werden - hier sind einzelne deutsche und englische Berichte lediglich zu punk‐ tuellen Vergleichen herangezogen worden -, um klarere Erkenntnis darüber zu erlangen, inwiefern die Stadtwahrnehmung auch durch den eigenkulturellen Horizont der Autoren jeweils sowie durch die je spezifische Semantik ihrer Sprachen bedingt ist. Ein solchermaßen weiter gestecktes Korpus würde es nicht zuletzt auch erlauben, den Jakobsweg deutlicher noch als gesamteuropäi‐ sches Phänomen zu erfassen - als erste europäische Kulturstraße, wie er seit den Revitalisierungsbemühungen der 1980er Jahre interpretiert wird 2510 - und Compostela als weit ausstrahlenden religiösen Sehnsuchtsort, der nicht nur Adlige aus Flandern und der Gascogne, Perugianer Notare, Ordensmönche aus dem Kirchenstaat, einen Prinzen der Toskana oder einen Schneider aus dem picardischen Carlepont anzog, sondern auch eine Mystikerin aus dem englischen Norfolk, Nürnberger und Augsburger Patrizier, einen böhmischen Freiherrn, einen Prälaten aus Wiener Neustadt oder einen Diplomaten des polnischen Königshofs 2511 . 9 Vergleichende Zusammenschau 631 <?page no="633"?> 10 Literaturverzeichnis 10.1 Primärliteratur Albani, Nicola, Viaje de Nápoles a Santiago de Galicia. 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Abb. 4: Museo Catedral de Santiago, https: / / www.museocatedraldesantiago.gal/ es/ 2020 / 04/ 06/ busto-relicario-de-santiago-alfeo/ (Zugriff am 30.01.2025). Abb. 5: Foto von Florian Weber. Abb. 6: T A Í N G U Z MÁN , Miguel, La ciudad de Santiago de Compostela según los hermanos Juan y Pedro Fernández de Boán (ca. 1633-1646), Santiago de Compostela 2019, S. 185. Abb. 7: One2, via Wikimedia Commons, Public domain, https: / / commons.wikime dia.org/ wiki/ File: Catedral_compostel%C3%A3_vista_da_Pra%C3%A7a_da_Quintana ,_Jos%C3%A9_de_Vega_y_Verdugo_(1657).jpg (Zugriff am 31.01.2025). Abb. 8: Foto von Florian Weber. Abb. 9: Torres, Ángel, via Wikimedia Commons, CC BY 2.0 (https: / / creativecommons.o rg/ licenses/ by/ 2.0), https: / / commons.wikimedia.org/ wiki/ File: Hostal_dos_Reis_Cat% C3%B3licos._Praza_do_obradoiro._Santiago_de_Compostela.jpg Abb. 10: Jl FilpoC, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 (https: / / creativecommons.or g/ licenses/ by-sa/ 4.0), https: / / commons.wikimedia.org/ wiki/ File: Puerta_Santa_de_la_ Catedral_de_Santiago_de_Compostela.jpg (Zugriff am 29.01.2025). Abb. 11: Foto von Florian Weber. Abb. 12: Lancastermerrin88, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 (https: / / creativec ommons.org/ licenses/ by-sa/ 3.0), https: / / commons.wikimedia.org/ wiki/ File: Capilla_d el_Esp%C3%ADritu_Santo_de_la_Catedral_de_Santiago_de_Compostela.jpg (Zugriff am 30.01.2025). Abb. 13: Enciclopedia1993, via Wikimedia Commons, CC BY 4.0 (https: / / creativecommo ns.org/ licenses/ by/ 4.0), https: / / commons.wikimedia.org/ wiki/ File: Nuestra_Se%C3%B 1ora_de_la_Pre%C3%B1ada.jpg (Zugriff am 30.01.2025). Abb. 14: One2, via Wikimedia Commons, Public domain, https: / / commons.wikimedia.org / wiki/ File: Catedral_compostel%C3%A3,_Jos%C3%A9_de_Vega_y_Verdugo_(1657).jpg (Zugriff am 31.01.2025). <?page no="684"?> Abb. 15: One2, via Wikimedia Commons, Public domain, https: / / commons.wikimedia. org/ wiki/ File: Debuxo_de_Compostela_por_Pier_Maria_Baldi_(1669).jpg (Zugriff am 30.01.2025). Abb. 16: Foto von Florian Weber. Abb. 17: Foto von Florian Weber. Abb. 18: V I G O T R A S A N C O S , Alfredo, La embajada a España del primer Conde de Sandwich y una vista panorámica de la ciudad de Santiago de 1666, in: Obradoiro de Historia Moderna 14 (2005), S.-271-293, hier S.-281. Abb. 19: Graphik von Florian Weber. Abb. 20: F E R NÁN D E Z G A S A L L A , Leopoldo, Las murallas de Santiago de Compostela (968-1875). De coraza protectora a monumento evocado, in: Actas del Congreso Internacional “Ciudades Amuralladas”. Pamplona, 24-26 de noviembre de 2005, Pam‐ plona 2007, S.-1-11, hier S.-6. Abb. 21: Fernando, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 (https: / / creativecommons. org/ licenses/ by-sa/ 4.0), https: / / commons.wikimedia.org/ wiki/ File: Santiago_cathedra l_2021.jpg (Zugriff am 30.01.2025). Abb. 22: Foto von Florian Weber. Abb. 23: Foto von Florian Weber. Abb. 24: Foto von Enrique Touriño, https: / / catedraldesantiago.online/ capilla-mayor (Zugriff am 30.01.2025). Abb. 25: Foto von Enrique Touriño, https: / / catedraldesantiago.online/ capilla-mayor (Zugriff am 30.01.2025). Abb. 26: Foto von Enrique Touriño, https: / / catedraldesantiago.online/ capilla-mayor (Zugriff am 30.01.2025). Abb. 27: Foto von Enrique Touriño, https: / / catedraldesantiago.online/ capilla-mayor (Zugriff am 30.01.2025). Abb. 28: Digitalisat der British Library, King George III’s Personal Coloured Views Collection, Maps K.Top.73.48.2, http: / / george3.splrarebooks.com/ collection/ view/ ve rdadera-inscripcion-y-modelo-del-tabernaculo-y-altar-del-gloriosissimo-ap (Zugriff am 31.01.2025). Abb. 29: T A Í N G U Z MÁN , Miguel, El altar mayor de la catedral de Santiago en tiempos del arzobispo Herrero Esgueva (1723-1727): el grabado del pintor Miguel Varela adquirido por un peregrino, in: Cuadernos de Estudios Gallegos 68/ 134 (2021), S.-267-306, hier S.-279. Abb. 30: Foto von Florian Weber. Abb. 31: Albani, Nicola, Viaje de Nápoles a Santiago de Galicia. Manuscrito italiano de mediados del siglo XVIII depositado en el archivo del Centro Italiano di Studi Compostellani de Perugia (Fondo Caucci ms. 1S), hg. von Isabel G O N ZÁL E Z F E R NÁN D E Z , Madrid 1993, Beilage, Abb. 10. 684 11 Abbildungsnachweise <?page no="685"?> Abb. 32: Albani, Nicola, Viaje de Nápoles a Santiago de Galicia. Manuscrito italiano de mediados del siglo XVIII depositado en el archivo del Centro Italiano di Studi Compostellani de Perugia (Fondo Caucci ms. 1S), hg. von Isabel G O N ZÁL E Z F E R NÁN D E Z , Madrid 1993, Beilage, Abb. 16. Abb. 33: Albani, Nicola, Viaje de Nápoles a Santiago de Galicia. Manuscrito italiano de mediados del siglo XVIII depositado en el archivo del Centro Italiano di Studi Compostellani de Perugia (Fondo Caucci ms. 1S), hg. von Isabel G O N ZÁL E Z F E R NÁN D E Z , Madrid 1993, Beilage, Abb. 19. Abb. 34: Albani, Nicola, Viaje de Nápoles a Santiago de Galicia. Manuscrito italiano de mediados del siglo XVIII depositado en el archivo del Centro Italiano di Studi Compostellani de Perugia (Fondo Caucci ms. 1S), hg. von Isabel G O N ZÁL E Z F E R NÁN D E Z , Madrid 1993, Beilage, Abb. 1. Abb. 35: Albani, Nicola, Viaje de Nápoles a Santiago de Galicia. Manuscrito italiano de mediados del siglo XVIII depositado en el archivo del Centro Italiano di Studi Compostellani de Perugia (Fondo Caucci ms. 1S), hg. von Isabel G O N ZÁL E Z F E R NÁN D E Z , Madrid 1993, Beilage, Abb. 4. Abb. 36: Albani, Nicola, Viaje de Nápoles a Santiago de Galicia. Manuscrito italiano de mediados del siglo XVIII depositado en el archivo del Centro Italiano di Studi Compostellani de Perugia (Fondo Caucci ms. 1S), hg. von Isabel G O N ZÁL E Z F E R NÁN D E Z , Madrid 1993, Beilage, Abb. 12. Abb. 37: Foto von Florian Weber. 11 Abbildungsnachweise 685 <?page no="686"?> Jakobus-Studien im Auftrag der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft herausgegeben von Klaus Herbers und Peter Rückert Bisher sind erschienen: Band 1 Klaus Herbers (Hrsg.) Deutsche Jakobspilger und ihre Berichte 1988, 175 Seiten, zahlr. Abb. €[D] 19,- ISBN 978-3-8233-4000-3 Band 2 Robert Plötz (Hrsg.) Europäische Wege der Santiago-Pilgerfahrt 2. durchges. Auflage 1993, VIII, 232 Seiten €[D] 23,- ISBN 978-3-8233-4001-0 Band 3 John Williams / Alison Stones (eds.) The Codex Calixtinus and the Shrine of St. James 1992, XIV, 262 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-8233-4004-1 Band 4 Ursula Ganz-Blättler Andacht und Abenteuer Berichte europäischer Jerusalem- und Santiago-Pilger (1320-1520) 3. Auflage 2000, VII, 425 Seiten €[D] 34,- ISBN 978-3-8233-4003-4 Band 5 Klaus Herbers / Robert Plötz (Hrsg.) Spiritualität des Pilgerns Kontinuität und Wandel 1993, 152 Seiten €[D] 19,- ISBN 978-3-8233-4005-8 Band 6 Thomas Igor C. Becker Eunate (Navarra): Zwischen Santiago und Jerusalem Eine spätromanische Marienkirche am Jakobsweg 1995, 135 Seiten, zahlr. Abb. €[D] 19,- ISBN 978-3-8233-4006-5 Band 7 Klaus Herbers / Dieter R. Bauer (Hrsg.) Der Jakobuskult in Süddeutschland Kultgeschichte in regionaler und europäischer Perspektive 1995, XIV, 401 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-8233-4007-2 Band 8 Klaus Herbers (Hrsg.) Libellus Sancti Jacobi Auszüge aus dem Jakobsbuch des 12. Jahrhunderts Ins Deutsche übertragen und kommentiert von Hans-Wilhelm Klein (†) und Klaus Herbers 1997, 150 Seiten, 2., durchges. Aufl. 2018 €[D] 24,90 ISBN 978-3-8233-8215-7 Band 9 Klaus Herbers / Robert Plötz (Hrsg.) Der Jakobuskult in »Kunst« und »Literatur« Zeugnisse in Bild, Monument, Schrift und Ton 1998, XII, 303 Seiten, zahlr. Abb. €[D] 39,- ISBN 978-3-8233-4009-6 <?page no="687"?> Band 10 Klaus Herbers (Hrsg.) Stadt und Pilger Soziale Gemeinschaften und Heiligenkult 1999, XIV, 248 Seiten, zahlr. Abb. €[D] 24,- ISBN 978-3-8233-4010-2 Band 11 Luís M. Calvo Salgado Die Wunder der Bettlerinnen Krankheits- und Heilungsgeschichten in Burgos und Santo Domingo de la Calzada (1554-1559) 2000, X, 500 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-8233-4011-9 Band 12 Klaus Herbers / Dieter R. Bauer (Hrsg.) Der Jakobuskult in Ostmitteleuropa Austausch - Einflüsse - Wirkungen 2003, X, 387 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-8233-4012-6 Band 13 Robert Plötz / Peter Rückert (Hrsg.) Jakobuskult im Rheinland 2004, VI, 279 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-8233-6038-4 Band 14 Klaus Herbers (Hrsg.) Jakobus und Karl der Große Von Einhards Karlsvita zum Pseudo-Turpin 2003, XVI, 246 Seiten €[D] 29,90 ISBN 978-3-8233-6018-6 Band 15 Hedwig Röckelein (Hrsg.) Der Kult des Apostels Jakobus d.Ä. in norddeutschen Hansestädten 2005, 261 Seiten €[D] 42,- ISBN 978-3-8233-6039-1 Band 16 Klaus Herbers (Hrsg.) Die oberdeutschen Reichsstädte und ihre Heiligenkulte Tradition und Ausprägung zwischen Stadt, Ritterorden und Reich 2005, XII, 232 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-8233-6192-3 Band 17 Klaus Herbers / Enno Bünz (Hrsg.) Der Jakobuskult in Sachsen 2007, VI, 340 Seiten, zahlr. Abb. €[D] 42,- ISBN 978-3-8233-6332-3 Band 18 Klaus Herbers / Peter Rückert (Hrsg.) Augsburger Netzwerke zwischen Mittelalter und Neuzeit Wirtschaft, Kultur und Pilgerfahrten 2009, VI, 256 Seiten, zahlr., teils farbige Abb. €[D] 42,- ISBN 978-3-8233-6447-4 Band 19 Klaus Herbers / Peter Rückert (Hrsg.) Pilgerheilige und ihre Memoria 2012, 277 Seiten, zahlr., teils farbige Abb. €[D] 42,- ISBN 978-3-8233-6684-3 Band 20 Klaus Herbers / Hartmut Kühne (Hrsg.) Pilgerzeichen - „Pilgerstraßen“ 2013, 212 Seiten, zahlr., teils farbige Abb. €[D] 34,- ISBN 978-3-8233-6779-6 Band 21 Volker Honemann / Hedwig Röckelein (Hrsg.) Jakobus und die Anderen Mirakel, Lieder und Reliquien 2015, 258 Seiten, zahlr., teils farbige Abb. €[D] 42,- ISBN 978-3-8233-6981-3 <?page no="688"?> Band 22 Robert Plötz / Peter Rückert (Hrsg.) Jakobus in Franken Kult, Kunst und Pilgerverkehr 2018, 244 Seiten, zahlr., teils farbige Abb. €[D] 48,- ISBN 978-3-8233-8159-4 Band 23 Hartmut Kühne / Gunhild Roth (Hrsg.) Andacht oder Abenteuer Von der Wilsnackfahrt im Spätmittelalter zu Reiselust und Reisefrust in der Frühen Neuzeit 2020, 376 Seiten, zahlr., teils farbige Abb. €[D] 58,- ISBN 978-3-8233-8388-8 Band 24 Hartmut Kühne / Christian Popp (Hrsg.) Pilgern zu Wasser und zu Lande 2022, 502 Seiten, zahlr., teils farbige Abb. €[D] 58,- ISBN 978-3-8233-8541-7 Band 25 Klaus Herbers / Peter Rückert (Hrsg.) Pilgern - Heil - Heilung 2023, 221 Seiten, zahlr., farbige Abb. €[D] 38,- ISBN 978-3-381-10131-3 Band 26 Javier Gómez-Montero / Florian Weber (Hrsg.) Gastfreundschaft - Pilgerherbergen - Hospitalwesen 2024, 213 Seiten, zahlr., farbige Abb. €[D] 38,- ISBN 978-3-381-12541-8 Band 27 Hartmut Kühne / Jan Hrdina (Hrsg.) Böhmen und Sachsen auf dem Weg nach Santiago und Jerusalem 2026, 524 Seiten, zahlr., farbige Abb. €[D] 58,- ISBN 978-3-381-14491-4 Band 28 Julia Burkhardt / Sandra Schieweck-Heringer (Hrsg.) Pilgern nah und fern Konjunkturen und Wechselverhältnisse von Regional- und Fernwallfahrten 2026, 248 Seiten, zahlr., farbige Abb. €[D] 48,- ISBN 978-3-381-14481-5 Band 29 Florian Weber In urbe Sancti Jacobi Wahrnehmung und Darstellung der Stadt Santiago de Compostela in der romanischen Reiseliteratur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit 2026, 685 Seiten, zahlr., farbige Abb. €[D] 128,- ISBN 978-3-381-16131-7 <?page no="689"?> ISBN 978-3-381-16131-7 www.narr.de Die Studie untersucht, wie die Stadt Santiago de Compostela von romanischen Reisenden der Vormoderne wahrgenommen und beschrieben wurde. Neuartig vor dem Hintergrund bisheriger Jakobsweg-Forschung ist ihr philologischer Ansatz, der sowohl das subjektive Stadterlebnis als auch literarische Verfahren und Techniken zu dessen Vermittlung beleuchtet. Die Quellengrundlage bilden gut zwanzig größtenteils handschriftlich überlieferte, lateinische wie volkssprachliche Reisedarstellungen - vom hochmittelalterlichen Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi bis zu den intimen Reisetagebüchern der Aufklärung. Florian Weber
